Herman Bang Zehn Jahre – Erinnerungen und Begebenheiten (Herman Bang: Ti Aar. Erindringer og Hændelser, I. H. Schubothes Boghandel. [København 1891]). © 2007. Übersetzt aus dem Dänischen von Dieter Faßnacht. Herrn Sten Rasmussen, Holbæk, Mitglied von »Det Danske Sprog- og Litteraturselskab« Kopenhagen, Herausgeber der im Februar 2007 erschienenen vierbändigen textkritischen Sammlung von 210 Feuilletons und Reportagen Herman Bangs »Vekslende Themaer«, sei an dieser Stelle für seine tatkräftige und sachkundige Unterstützung sowie manche wertvolle Diskussion und unentbehrlichen Hinweise herzlich gedankt. Weiterer Dank gebührt Oslo Byarkiv und København Byarkiv für wertvolle Auskünfte. Anmerkungen des Übersetzers: Kursivdruck bedeutet, daß der Text im Original auf deutsch zitiert wird. Für Erika Nissen Als ich heute morgen von meinem Zimmer herunterkam, entfernte der Wirt die letzten Blumen aus der kleinen Holzveranda. Deren Weinlaub war schon längst gelb geworden. Und heute reiste der letzte Sommergast ab. Nun werden wir, die standhaften Wintervögel, in die verlassenen Sommernester kriechen, und wir werden Scheiben und Fenster abdichten und die Türen vor Zug schützen – die Türen, die im Sommer so lose in ihren Angeln hingen. Nun kommt die Zeit der Dunkelheit, der Kälte und der Einsamkeit. Der Hain wird sein Laub verlieren, das braun und gelb werden und fallen wird, bis er nackt, traurig und grau sein wird. Auf den Feldern wird der Pflug, der langsam das Erdreich teilt, sogar die Stoppeln des Herbstes unterpflügen. Und der Herbst wird seinen langen Mantel aus Nebel schwer über farblose Erde wallen lassen. Nur längs der Hecke wird das niedrige Gestrüpp seine raschelnden Blätter, die der Reif eines Nachts mit seinen Spitzen überzogen haben wird, behalten. Nun werden die Tage ruhig und die Abende lang. Es werden keine Grüße mehr über die Hecken der verlassenen Sommerhäuser ausgetauscht werden, und man findet auf dem Wege keine hellen und zeitigen Morgen mit fröhlichen Willkommensrufen mehr. Nur die Dorfhandwerker kriechen nun aus ihren Türen hervor und reden über die Straße hinweg, trocken und langweilig, über Wind und Wetter. So sollen die eintönigen Tage der Arbeit gehören. Ihre Schwermut wird gut zu den Linien dieser Landschaft passen, die der Sommer ihrer Lieblichkeit beraubt hat: flaches Feld hinter flachem Feld und dort ein Sumpf, wo eine Weide einsam ihre Zweige hängen läßt. Aber an den Abenden, wenn die Arbeit vollendet sein wird, werde ich Gesellschaft suchen. Ich werde mich an meine vielen Erlebnisse halten. Das Leben hat mich ja weit herumgeführt, und ich habe etliches erlebt. Nun werde ich das eine oder andere niederschreiben – mit einem Lächeln. Und das Buch, das ich an diesen Winterabenden schreiben werde, bitte ich Sie, liebe Frau Nissen, Erika Nissen (1845-1903), geb. Lie: Als Tochter eines Rechtsanwalts in Kongsvinger (Norwegen) geboren, nach dem Tode des Vaters seit 1860 in Kristiania, erhielt früh Musikunterricht. Schwägerin des bekannten norwegischen Dichters Jonas Lie. 1861-1863 Ausbildung als Pianistin in Berlin. Auf Empfehlung des dänischen Komponisten Niels Wilhelm Gade erster – hoch bejubelter – Auftritt 1871 beim Gewandhausorchester in Leipzig mit dem Klavierkonzert f-moll von Chopin. Die Kritiker fühlten sich bei Erika Lie an Clara Schumann erinnert. 1874 heiratete sie den Arzt Oscar Nissen in Kristiania, der sie auch auf ihren Konzertreisen 1876-1877 in Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Dänemark und Schweden begleitete. Angebote für Konzertreisen nach Wien, Prag und Amerika schlug sie aus familiären Gründen aus. Ausnahmsweise spielte sie zusammen mit Grieg 1888 in Berlin sowie beim großen Eröffnungskonzert des Großen Nordischen Musikfestes 1888 in Kopenhagen. Bei beiden Konzerten war der Jubel überwältigend. Sonst beschränkten sich ihre Konzerte auf Norwegen, insbesondere auf die Hauptstadt Kristiania. Als sie starb, war sie weltberühmt. mit wohlwollender Erinnerung entgegenzunehmen. Wie oft werden nicht – wenn ich die Feder hinlege – meine Gedanken in Ihre Gemächer zurückkehren, wo »er« – wie die Kinder mich nannten – ihnen unter ihrem Gelächter im letzten Jahr so oft so viele dieser Geschichten eines »fröhlichen« Lebens erzählte, Ihnen und Ihrem Mann und der »Schar« in vielen glücklichen Stunden. Wie oft wird mein Gedanke nicht in Ihr Land zurückkehren, das mir wie kein anderes Gastfreundschaft gewährt hat, und wo ich Freunde wie sonst nirgends habe. Ihr schönes Land. Gut erinnere ich mich an das Jahr, als ich das »Westland« zum ersten Mal sah. Es war ein eigentümliches Jahr gewesen: während ich von Land zu Land reiste, war es, als flüchtete das Frühjahr dauernd vor mir und als erhaschte ich nur einen Zipfel seines grünen Mantels. Ich war in Finnland – hoch im Norden, man erzählte mir, glaube ich, es sei die nördlichste Eisenbahnstation Europas. Ich war eines Abends in Gesellschaft, als – da wir gehen wollten und Damen und Herren in dicken Pelzen in den Flur kamen – eine der jungen Frauen sagte: »Sie müssen zum Maifest kommen.« »Maifest?« sagte ich. »Ja, morgen. Es ist der erste Mai. Es wird im Wald gefeiert.« Ich lachte und sagte: »Mitten im Schnee.« Denn der Schnee lag ellenhoch. Wir verabschiedeten uns von den Gastgebern und wanderten unter einem winterhohen Himmel mit knisterndem Schnee unter den Füßen nach Hause. Und am nächsten Tag fuhren wir zum Maifest in Kane. Wie lustig es herging: Schlitten stürzten in allzu hohen Schneewehen um. Junge Leute hatten Tannenzweige an ihrem Hut befestigt. Im Waldsommerpavillon standen alle Fenster und Türen offen. Frauen und Fräulein saßen auf den Balkonen, in Pelze gehüllt. Unsere Gesellschaft speiste im Saale. Bläser bliesen die Tafelmusik: wie lustig sie alle die Frühlingsmelodien bliesen, während die Hörner fast an ihrem Mund festfroren. Alle Verandatüren standen offen. Dann fragte ich: »Aber wann kommt denn eigentlich der Frühling?« Und eine junge Dame sagte, während sie weit hinaus über die eisbedeckte Bucht sah (wie glücklich sie lächelte!): »Oh, in sechs Wochen«, sagte sie. »Und dann wird es hier so schön.« In Wasa wartete ich jedoch nicht auf das Frühjahr. Ich kehrte nach Petersburg zurück. Schnee lag noch in den Straßen. Wenn wir abends heimkehrten und durch den grauen Matsch wateten, sagte mein Freund Zerlikoff: »Und um diesen Schnee zu räumen, hat Petersburg in diesem Jahr 200 000 Rubel bezahlt. Die russischen Beamten haben wirklich die größten Taschen der Welt.« Eines Morgens brach doch die Sonne hervor. Es war der Tag vor meiner Abreise. Als ich mittags zu meinen finnischen Freunden in der »dreizehnten Linie« kam, schraubte im Vorzimmer der Diener die Lampen aus den Schirmen, und das ganze Haus war in vollem Aufbruch. »Ja«, sagte die Herrin des Hauses, »auch wir reisen ab. Der Sommer kommt nach Petersburg in einer Nacht. In acht Tagen werden die Inseln grün sein, und der Newski wird wie ein Ofen glühen. Wir retten uns in den Peterhof.« Wir fuhren zum Park hinaus. In allen Sommerwirtschaften hatten die Zimmerleute alle Hände voll zu tun. Sie entfernten mit raschen Schlägen die Verandaläden; sie schlugen die Hüllen von den Gipsgöttern, so daß sie in der Sonne auf den Rasen wiederauferstanden. Und ich reiste – weg von einem Frühling, der ohne laue Feuchtigkeit kam, nur trocken und klar und heiß. Der Zug führte mich durch Finnlands Ödnis. Sie ist wohl nie so trist wie gerade dann: Der Schnee war weggeschmolzen; nur in den Schluchten von Stenmarken lag noch Schnee, grau und schmutzig, während vom Untergrund der Felder Felsen emporragten – bald wie Grabsteine, bald wie Bautasteine. Bautastein: Altnordischer Gedenkstein, meist über einem Grab, ohne Inschrift, in der Bronze- oder Eisenzeit errichtet. Nach Finnland war der Frühling noch nicht gekommen. Nur in Skærgaarden, wo auf den äußersten Klippen ärmliche und sturmzerzauste Bäume sich durstig über das Wasser neigen, sieht man zartes Grün. Aber ich zog wieder durch Winter und Schnee, durch Schwedens Norden. So erreichte ich Trondheim, so erreichte ich Meraker. Und es war ein Lärmen im Tale, wo wir fuhren, von Hunderten herabstürzenden Wasserfällen, die von steilen Seiten fielen, hohen Felsenzinnen, wie eine Flut aus Schaum, siegreich, stürmisch, frei um uns herum. Der Winterschnee hatte seine Zeit erkannt, es war das Eis des Berges, das brach. Es brachte Kälte mit sich – aber Kälte und Leben, das die Flanken des Bergen hinab stürzende, tosende Wasser. Es besprühte den Zug, unser Gesicht fühlte seine Kühle – während wir fuhren. Das war der Frühling, wie ein Bad von Frühling – mit einem stolzen, ungehemmten Lärm unbändiger Ströme. Der Zug eilte weiter. Das Tal war eng, als wollten sich die Felsen schließen und müßte sein hastiger Troß wie ein Keil den Berg spalten. Endlich wurde das Tal breiter. Wie lächelnde Inseln lagen halbüberschwemmte Wiesen, und Flüsse und Bäche – die hundert Bäche – rieselten und plapperten, eilten und beeilten sich, all das kräftige, rinnende, lebende Wasser. Die Sonne beleuchtete weiße Baumstämme, die Vögel sangen mitten im Lärm des Wasserfalls. Hier war der Frühling gekommen, groß und erlösend und mächtig stieg er hervor – jubelnd. Donnernde Wasserfälle meldeten seinen Sieg. Ich sah, ich war nun dort angekommen, in den Landen des Frühlings. Ja, ein Land des Frühlings ist Ihr Vaterland. In einem alten Jahrhundert ist dies alleine jung, und in einer müden Zeit ist dies alleine kräftig – jung im Leben, jung in der Kunst. Sein größter Tag heißt noch die Zukunft, und deswegen heißen die kommenden Zeiten Hoffnungen. Erinnern Sie sich noch an einen der vielen Abende, wo im letzten Jahr alle möglichen Leute in Ihren Stuben versammelt waren, Maler, Musiker, Politiker in Scharen? Man sprach über Norwegen: über die elenden Lebensbedingungen, über den Mangel an Unternehmergeist, über die Ödnis des Landes, über fehlendes Kapital, über Ländereien, die unbebaut blieben, über die Wasserfälle, deren Wasserkraft, die Millionen brächte, ungenutzt blieb und kaum bekannt war. Dann sagte einer Ihrer Gäste, Bauer und Laienprediger, und sah lange vor sich hin: »Ich bin nur froh darüber, daß wir in Norwegen Brachland haben. – Die Zukunft ist lang.« Er hatte recht. Norwegen steht erst am Anfang seines Lebenswerkes, und es ist gut, Brachland zum Bebauen zu haben. Neues Land für junge Menschen. Denn in Ihrem Vaterland sind die Greise jung. Deswegen ergreifen hastig und uneins die großen und utopischen Gedanken – die in den jungen Köpfen stecken – die Herzen der führenden Dichter: so sehen sie in der Neujahrsnacht die Menschen des Nordens in Eintracht weite Kolonien gründen und mit der Rasse Skandinaviens bevölkern; sie wollen den Trieb knechten und die Welt ihres Panzers entkleiden zu ewigem Frieden. Und stolz auf ihre Kräfte nennen sich die Dichter Löwen, und sie prahlen über ihre eigene Tat, wie junge Korinther über ihre Wettkämpfe prahlten. Jung sind alle. Jung Ihre Maler, die grell das Unpassende versuchen, und in deren Köpfen das Äußerste fruchtbarst sproßt. Jung ist Ihre Schauspielkunst, eine Kunst ohne Form, aber mit einer unbefleckten Seele. In Ihrem Schauspielhaus gibt es viel Wildwuchs. Aber von Tag zu Tag meint man das Talent wachsen zu sehen. Und Künstler, die eben noch Zigeuner waren, haben noch nicht daran gedacht, Beamte zu werden. Die Leute sind der Kunst noch hitzig ergeben, sie leben nicht nur von ihr – – nun, letzteres können sie wohl auch kaum. Denn ein junger Mensch wie Norwegen hat einen schmalen Geldbeutel, wie wir wissen, und kann für Kunst nicht viel ausgeben. Aber Künstler, die genau so jung sind wie ihr Land, haben den Mut, in Armut zu leben. Ja, mein Gott, was für eigentümliche Kunstverhältnisse in der Stadt Kristiania mit diesem Hauptquartier im »Grand« Grand: Das »Grand Hôtel« in Oslo. Das Hotel liegt in Oslos Hauptstraße Karl Johans gate. 1874 eröffnet, ist es immer noch eines der führenden Osloer Hotels. Bekannte Restaurants und Gesellschaftsräume prägten seine Geschichte. Das »Grand Café« im 1. Stock war Jahrzehnte hindurch wichtiges Zentrum norwegischen Geisteslebens. und diesem genialen General, der von den gemeinen Soldaten gelöhnt wird. Hier erlebt man die Künstlerromane der Romantik neu, und dort gibt es noch Dichter, die in Dachkammern hungern – – und, wie in den Volkskomödien, Meisterwerke schreiben, während sie Hunger leiden. Wieviele eigentümliche Eindrücke verbirgt meine Erinnerung doch nicht von dieser merkwürdigen Welt, wo die Triebe so gewaltsam sind, die Gedanken so wild aus der gärenden Erde schießen, und die Verwirrungen dicht über dem Haupte der Begabten hängen, dicht wie dräuende Lawinen. Aber Kraft ist hier. Man sagt von einem Buch, das man schreiben will: »Ich muß es wegwerfen.« Man sagt von einem Gemälde, das man malen will: »Ich werde es verbrennen ...« Und man wirft es weg, und man schmiert es zusammen – und man erschafft Kunst unter der Gesetzlosigkeit des Lebens. Diese Kolonie hat ihre eigenen Gesetze. Hat einer Geld, haben alle. Hat einer Geld aus etwas gemacht, teilt er es mit allen. Sie schreiben, wenn der Geist über sie kommt. Dann fliegen sie fort und verstecken sich, auf einem Felsen, bei einer Förde, in einem Winkel – machen »ihr Buch« und werfen es kopfüber auf einen Verleger und kehren wieder nach Hause ins »Grand« zurück, wo sie die anderen treffen, die auf ihrem Sofa die Decke anstarren, rote Reden führen und die Gesellschaft schelten, weil sie sie nicht ernährt. Denn diese Menschen, die so liebenswürdig und so naiv sind, meinen heute immer noch, daß das Talent in einem Prytaneion Prytaneion: lat. Prytaneum. Das Versammlungshaus der regierenden Behörde in den altgriechischen Stadtstaaten (»Rathaus«). bewirtet werden müsse, und im Gefühl der Jugend, ein Genie zu sein, nennen sie Verleger Wucherer, die Verleger, die Rechenbücher verkaufen müssen, um die Verluste, die ihre jungen Werke verursachen, zu decken. Und wütend wollen sie »die Regenbogenpresse füllen« ... Dann versuchen sie es, und tagelang kauen sie an ihren Federhaltern, während sie sich über die merkwürdigen Dänen wundern – diejenigen, die beim Zeitungsspaltenfüttern sich selbst füttern. Sie begreifen nicht, daß sie es können. Und doch ist es ganz einfach. Wir können es kraft der Routine, der einzigen Fähigkeit, die wir vor ihnen voraus haben als Gegenleistung für all das, was uns mangelt und was sie besitzen: Ursprünglichkeit, Ungestüm – und dies gebiert doch die starke Kunst – der scharfe Blick, zusammen ein großes künstlerisches Erbe, das ihre Bücher schafft und sie in den Zeitungen unverkennbar macht. So leben sie aufs Geradewohl in den Tag hinein. Und viele sonderliche Geschehnisse füllen ihre Tage und ihre Nächte. Wildheit überkommt sie wie ein Rausch, die Verzweiflung ergreift sie wie eine Betäubung. Sie schlugen sich in der Nacht mit Messern, der eine trägt Wunden von Flaschen aus der »Centralhallen« Centralhallen: Bezeichnung des Café Central, das im Untergeschoß des Centralgården lag, der 1875 eröffnet wurde (Lille Grensen 7). Orchestermusik und Sängerinnen begleiteten den Kaffeegenuß. davon. Aber mitten in all diesem Leben kann man auch von einem einzelnen hören, der das Gelage verlassen hat und durch die Liebe einer Frau zu einem ruhigen Mann geworden ist, und sich ein Nest auf »Hougen« Hougen: Wahrscheinlich ist Sankt Hanshaugen gemeint, das der Name einer Parkanlage und des umgebenden Geländes ist. Ursprünglich Abfallplatz wurde um 1855 ein Park geschaffen, der seit den 1880er Jahren für Bevölkerung und Fremde zum beliebten Ausflugsziel wurde. gebaut hat, wo beide allein sind, er bei seiner Arbeit, sie als begleitende Wächterin ... Und die Erinnerung an beide mischt sich als zarter und leiser Ton unter den Lärm der Boheme-Erinnerungen.   Eigentümliches, starkes, verheißungsvolles Land. Jugendliches Land, Zukunftsland unserer Rasse. Wenn meine Gedanken dahin zurückkehren, birgt jeder Name ein Erinnerung. Trondheim mit seiner alten Kirche und dem königlichen Palast – einem Palast aus Brettern. Christianssund, nackt, mit steilen Klippen, Arendal mit seiner Kirche, auf einem Markt erbaut ... Was für eine schöne Stadt, ein Hauch von Genua an einem bläulichen Meer. Wenige Straßen gibt es, mehr Inseln. Dutzendweise fliegen Schiffe über den Golf. Was für eine Schiffeschar ist das, was für ein Fest – jetzt, am Abend, wenn die Sonne bereits untergegangen ist? Es ist Arendal, das ins Theater fährt, mit großer Freude. Laurvig mit seinem Buchenwald; Stavanger mit den verlassenen und öden Gärten der gefallenen Matadore; Frederikshald, wo der Heldenkönig fiel, allein, getroffen, von wem? Und Bergen – – Bergen, die schönste von allen. Wer malt die Schönheit der Umrisse der Felsen, wer die Töne über dem Meer, wer den stillen Glanz der Nacht? Bergen ist Norwegens ewiger Erneuerer. Hier sprießen die Gedanken des Landes in ewiger Jugend. Hier wird aus Schwere Lebenslust und aus Norden Süd. Auf Bergens Stirn schrieb eine geheimnisvolle Hand das stolze Wort: Talent.   Ja, viele, viele Erinnerungen habe ich an Ihr Vaterland. Aber unter den liebsten sind mir die an Ihre Gemächer, dort, wo Sie einen Fremden so freundlich empfingen, und im Laufe der Zeit ihm die Erlaubnis gaben, sich einen Freund Ihrer und der Ihrigen nennen zu dürfen. Nehmen Sie dieses Buch in dankbarer Erinnerung an ihn entgegen. H. B. Wie ich Schriftsteller wurde Daß es bereits dreizehn Jahre her ist – bald ein halbes Menschenalter. Und doch erinnere ich mich an jedes einzelne Gesicht aus jener Zeit, als ob es gerade jetzt mir über den Tisch zunickte, und ich höre jede Stimme, als spräche sie in diesem Augenblick zu mir. Ja, ich wurde regelrecht in die Literatur hineingezwungen, und ich darf wohl sagen, daß ich die Feder erst dann aufs Papier setzte, als der Augenblick gekommen war, in dem auch das älteste Weib zu spinnen lernt. Bang spielt hier auf das dänische Sprichwort »Die Not lehrt eine nackte Frau das Spinnen.« an. D.h. Not zwingt einen dazu, tätig zu werden oder Auswege zu finden. Vgl. das deutsche Sprichwort »Fehlt den Weibern Linnen, so lernen sie zu spinnen.« So hatte ich die Tage vertrödelt und hinter dem Rücken meines alten Großvaters Großvater väterlicherseits: Ole (Oluf) Lundt Bang (1788-1877). Geheimer Konferenzrat und könglicher Leibarzt. Bekannter Medizinprofessor (1822-1874) an der Universität Kopenhagen. Setzte die chirurgische Ausbildung innerhalb des Medizinstudiums durch. Herman Bang zog nach dem Tode seines Vaters und dem Abitur in Sorø 1875-1877 zu seinem Großvater nach Kopenhagen in die Amaliegade, um an der dortigen Universität auf Wunsch des Groß- vaters das Studium der Staatswissenschaften zu beginnen. gefaulenzt – er, der mir für Dummheiten und Kleidung und neue Dummheiten und neue Kleidung und für den staatswissenschaftlichen Repetitor bezahlte, während er mich schon treuherzig im diplomatischen Korps sah, ja sogar als Gesandten. Schauspieler wollte ich sein, aber auch die dazu notwendigen Übungen betrieb ich nicht besonders eifrig. Ich konnte ja nicht – lautete meine Entschuldigung mir selbst gegenüber – die Schauspielstudien allzu offen und besessen betreiben, um ihm, dem Alten, keine Sorge zu machen. So vergingen einige Jahre, während derer ich nichts tat und nur Geld verbrauchte. Hatte er aus seinem guten Herzen heraus – er war ja nie froh, wenn er nichts gab – mir am Morgen einige Zehner zugesteckt, so hatte er am Abend dies ganz vergessen und konnte von sich aus fragen, ob ich nicht »etwas auf dem Herzen hätte«. Ob ich nicht »etwas auf dem Herzen« hätte, bedeutete immer, ob ich nicht Geld brauchte. »Die Jugend hat so viele Ausgaben, mein Lieber«, sagte er immer zur Erklärung. Und fragte nicht er, konnte vielleicht ich, der Lump, anfangen, meine Not zu beklagen, so daß ich wieder welches bekam. Aber nach und nach begann sich das Unwetter zusammenzuziehen. Großvater wurde immer schwächer und auch niedergedrückter: er hatte, glaube ich, sein Vermögen sichten lassen und bemerkte wohl, daß nur noch Reste davon übrig waren, klägliche Reste. So sagte er eines Morgens, als ich bei ihm war: »Mein Lieber, ich habe mir übrigens überlegt, daß wir dir lieber einen festen Betrag geben – damit du es lernst, mit Geld umzugehen ...« Es war das erste Mal in meinem Leben, daß Großvater davon sprach, »mit Geld umzugehen«, und es war mir, als fühlte ich im ersten Augenblick den Boden unter meinen Füßen wanken. »Ja, Großvater«, sagte ich bloß. Ich hatte keine große Ahnung, was »ein fester Betrag« bedeuten sollte, aber mir schwante, daß es nichts Erfreuliches sein würde. »Denn da geht sicher einiges drauf«, sagte der Großvater und strich sich schwer und hilflos über die Augen, wie er in letzter Zeit zu tun pflegte. Es ging schnell mit ihm bergab. Dann kam der letzte Tag, und er, der alte Arzt, wußte, es ging zu Ende. Er lag im Bett, weiß und wächsern, als ich eintrat. Und flüsternd – er konnte kaum noch sprechen – ließ er mich die Brieftasche aus dem Sekretär holen, die alte Brieftasche, zerschlissen, seinen ausgebleichten Namenszug eingestickt, und er sagte mit seiner Stimme, die bei jedem Wort brach, während er mir mit seinen Augen, die nicht mehr sehen konnten, ins Gesicht starrte: »Hier sind fünfzehnhundert Kronen 1 500 dänische Kronen: Kaufkraft heute (2007) ungefähr € 12 000. ... daß du es niemanden so schnell merken läßt... Geh jetzt...« Und er fügte noch einmal, zum letzten Mal, die Worte hinzu, die er immer sagte, wenn er etwas schenkte: »Und sag es niemandem!« Am Mittag starb er. Und einer der großen Menschen unseres Landes – ein Mann, dessen Freude es war, zu schaffen und zu geben – war nicht mehr. Die Beerdigung nahte, und ich stand dort in der trauerflorverhüllten Kirche, wo der Thorvaldsen-Trauermarsch Thorvaldsens Trauermarsch: Der dänische Komponist I. P. E. Hartmann komponierte zum Tode des Bildhauers Thorvaldsen 1844 einen Trauermarsch. erklang, der alle begleitet, die große Namen trugen. Und ich drückte die Hände der Vertreter des Königshauses, der Prinzen, Prinzessinnen und der Universität, der Vertreter der Krankenhäuser, der Gesellschaften, der Vereinigungen, Boten all der hunderten Wirkfelder, die sein Leben umfaßt hatte, das nun vergangen war. Ich folgte dem Leichenwagen in dem langen Zug, und draußen schloß sich die Familiengruft über dem Alten, und ich ging heim – als das Nichts, das ich war. Getrennt von einer Generation – sozusagen ohne Verdienste und ohne Vermögen der Verwandtschaft beraubt – an einem Tag von gesellschaftlicher Stellung und Ansehen meiner Familie geschieden. Solche Stunden setzen Zeichen. Und doch – ich hatte ja fünfzehnhundert. Und ich gab sie aus. Ich hatte sie in Zehn-Kronen-Scheine umgetauscht. Vielleicht geschah dies in der Hoffnung, daß sie so länger reichten. Im übrigen hatte Großvater sein Geld immer so in seinem Sekretär unter zwei Briefbeschwerern liegen gehabt. In Zehn-Kronen-Scheine getauscht bildeten die Geldscheine ein Bündel, ein dickes Bündel, und ich steckte nur (ich erinnere mich gut an die angstvolle Hast) die Hand in die Schublade und nahm welche heraus. Bis ich eines Tages, ich werde den Tag nicht so schnell vergessen, denn es war, als erstarrte ich und alles wäre weg für mich – das Bündel anfühlte: wie dünn es geworden war; und dann begann ich zu zählen, fieberhaft zu zählen: waren es nur noch dreihundert...? Tatsächlich, es war nicht mehr. Und wenn sie verbraucht waren – ich zählte nochmals – dann war nichts, gar nichts mehr da. Wie das Leben dann weitergehen sollte, wußte ich nicht. Aber es dämmerte mir, daß dann gewiß etwas Neues begänne, etwas ganz anderes, etwas Unbarmherziges und etwas, über das ich mir nicht im klaren war... Ja, da stand ich, ein richtiger Verschwender – mit meinen dreihundert Kronen in »Blauen«. »Blaue«: Die von 1875 bis 1894 gültigen 10-Kronen-Scheine waren auf der Vorderseite blau-grau; die Rückseite war weiß. Und dann wurden auch die noch verbraucht. Die Tage, die folgten, habe ich für William Høegh in »Hoffnungslose Geschlechter« beschrieben. Tage, die mich aller bisher in meinem Leben gültigen Vorstellungen beraubten, und allen meines Besitzes, soweit er sich zu Geld machen ließ. Wie deutlich steht mir noch das Zimmer vor meinem inneren Auge, in dem ich jene Zeit zubrachte: kalt mit zerrissener Tapete und einem riesigen Regal, das leer zur Decke starrte. Und mitten in der Kälte und der Öde Großvaters Sofa, sein letztes Ehrengeschenk, mit einer Decke bedeckt, auf der der gekrönte Namenszug in Rot prangte. Da lag ich – unendlichem Grübeln hingegeben, was wohl zu tun sei. Grübeleien, die mich wie Opium betäubten; dösend, weil ich mich nicht wach zu sein traute. In dieser Zeit ging ich zu einem Theaterdirektor. Ich sprach zur Probe vor, und ich wurde abgewiesen. Mein Geschlecht hatte im übrigen das Versprechen abgenommen, daß ich abgewiesen werden müsse, wie auch die Probe verlief. Aber irgendetwas mußte unternommen werden: konnte ich nicht in der Hauptstadt spielen, könnte ich wohl in der Provinz spielen. Ich ging also zum Direktor eines Provinztheaters. Er prüfte mich in einem Zimmer draußen am »Dosseringen«. Dosseringen: Uferstraße, die auf der Westseite des Peblinge- und Sortedam-Sees verläuft. Ich sehe vor mir noch die Bilder an der Wand, die Schale für die Visitenkarten, die Alben auf dem Tisch und den Mann, der mich fragte, ob ich auch bedacht hätte, daß dieser Weg beschwerlich sei; daß es eben doch »die Provinz« war; daß ein junger Mensch meiner Bildung, mit meinen Voraussetzungen... nun, Gott helfe mit den »Voraussetzungen«. Er war sehr liebenswürdig. Der Direktor – ja, so liebenswürdig war er gewesen, daß er nie, auch nicht seinen besten Bekannten gegenüber, die ganze Geschichte jemals erwähnt hätte. Wie das Vorsprechen ausgefallen war, erinnere ich mich nicht mehr. Aber eines weiß ich, daß ich eines Abends im Spätjahr jenes Jahres mit gepacktem Koffer bereitstand, um am nächsten Morgen in die Provinz zu reisen und mich auf der Bühne abzurackern. Aber im letzten Augenblick verlor ich meinen Mut und verfluchte mich selbst: also nicht einmal das brachte ich fertig, nicht einmal in der Provinz Theater zu spielen. Und das alte Dasein begann wieder: mit den langen, unendlichen Tagen, voll von träger Grübelei und halber Selbstaufgabe. Nur einmal nahm ich mich zusammen. Eine alte Freundin hatte eindringlich mit mir gesprochen; hatte gesagt, mein Verhalten sei unmöglich; hatte mir vorgehalten, es ende in Schande, hatte mich vom Kopf auf den Fuß gestellt. Rasend ging ich nach Hause. Leider hatte ich nichts zu entgegnen. In den nächsten 24 Stunden schrieb ich – ohne zu essen und zu trinken, fast hätte ich gesagt: ohne nachzudenken – eine kleine Einakterkomödie ... Aber, du lieber Himmel, welchen Sinn hatte dies eigentlich? Wer würde wohl meine Einakterkomödien spielen? Ich glaubte ja nicht einmal selbst daran, daß ich die Begabung hätte, so daß es viel verlangt war, daß irgendjemand anderer dies glauben sollte. Trotzdem begann ich zu schreiben. Es war die einzige Möglichkeit, irgendetwas zu verdienen, und es gehörte gewiß keine Begabung dazu, in Provinzzeitungen zu schreiben. Ich versuchte es, ich wandte mich an eine Provinzzeitung und diese – nahm meine Schreiberei an. Sie nahm Brief auf Brief an: bereits der zweite Brief hatte das Glück, in einem Satireblatt parodiert zu werden. Nun hatte ich Blut geleckt. Ich schrieb »Causerier« »Causerier«: Unterhaltungen, Tischgespräche – sie schienen vollständig aus dem Französischen übersetzt – und ich begann, mit meinen Papieren die Redaktionstreppen in der Hauptstadt emporzuklimmen... Anfangs war dies für mich nicht allzu verlockend. Denn ich war in der vollen Überzeugung aufgewachsen, daß Zeitungsleute, nun, gerade an der Grenze zu dem standen, was menschlich noch einigermaßen vertretbar war, und in Zeitungen zu schreiben taten nur die Leute, die nichts anderes konnten. Aber ich war ja gerade in dieser Lage, und wie gesagt, ich erklomm die Redaktionstreppen zu allen Redaktionen. Es gab niemanden, der nicht beklagt hätte, leider keine Verwendung für meine »Causerier« zu haben. Aber ich blieb hartnäckig. Ich ging von den Tageszeitungen zu den Wochenblättern. Ich ging auch zu den Zeitschriften. Eines schönen Tages kam ich zu Vilhelm Møller, Vilhelm Møller (1846-1904): Verfasser und Redakteur, Herausgeber literarischer Zeitschriften (»Nyt Dansk Maanedsskrift 1870-1874). Übersetzer von Novellen und Romanen Turgenjews (1872 ff.). er empfing mich freundlich; wir waren auf derselben Schule Sorø Akademi 1875. gewesen, und wir teilten gemeinsame Erinnerungen. Er behielt mein Manuskript, um es durchzulesen – und ich ging. Wie erstaunt war ich, als ich am selben Abend (es dauerte sonst meist längere Zeit, bis eine Redaktion meine journalistischen Versuche zurücksandte) mein Manuskript zurück erhielt: es könne ganz sicher nicht veröffentlicht werden. Aber, schrieb V.M., ich solle nur weiter schreiben, so könne man vielleicht etwas vom nächsten verwenden. Ich freute mich so sehr über den Brief, daß ich direkt ins Tivoli Tivoli: Freizeit- und Unterhaltungspark in Kopenhagen, 1843 von Georg Carstensen begründet. Noch heute einer der beliebtesten Anziehungspunkte für Einheimische und Fremde. ging, aß und trank und am liebsten die ganze Welt umarmt hätte. So würde es mir vielleicht doch einmal gelingen, mir mein Brot zu verdienen. Denn das muß ich ja zugeben, daß es das tägliche Brot war, an das ich damals dachte. Seither habe ich meistens daran gedacht zuzusehen, all das abzuschütteln, was in mir brodelte. Dies war auf jeden Fall mein Gefühl, als die »Hoffnungslosen« »Hoffnungslose«: Gemeint ist sein Werk »Håbløse slægter« 1880. niedergeschrieben wurden (die letzten dreihundert Seiten leider in sechs Wochen)... Literarischen Ehrgeiz – den habe ich erst etwas später bekommen. ... Ich lieferte an Vilhelm Møller einigen Kleinkram. Er meinte, »es sei etwas dran«, (er war höflich; denn danach habe ich es selbst gelesen: es war grausig) und bat mich weiterzuschreiben. Ich schrieb also los; einige Schauspielkritiken, die unmöglich gedruckt werden konnten; eine Studie über einen jungen Mann, der ohne triftigen Grund Gift nimmt (der Kern von »Die Geschlechter«) sowie die Beschreibung von Bällen Kopenhagener Großhändler. Das wurde gedruckt. Und der Skandal brach umgehend los. Meine Studien waren nämlich lauter »Porträts« von Personen, die in der Kopenhagener Gesellschaft nur allzu bekannt waren. Die betreffenden Nummern der »Nutiden« waren im Nu vergriffen. Vilhelm Møller, der der Meinung war, daß ich als Theaterkritiker trotzdem besser sei als als Novellist, empfahl mich einer neu erschienenen Tageszeitung Bei der neuen Tageszeitung handelte es ich um »Morgen-Telegrafen«, herausgegeben von Valdemar Wille (»Hr. W.«). Die Redaktion lag in der Møntergade (»recht schummrige Gasse«), einer Seitenstraße der Gothersgade. als zweiten Theaterkritiker, einer großen Zeitung, die mit den Plänen von Ferslew Ferslew, Christian (1836-1910): Bedeutender Kopenhagener Zeitungsverleger. Begann mit der Lithographischen Anstalt seines Vaters, gliederte eine Buchbinderei sowie eine Druckerei und eine Papierfabrik an. konkurrieren sollte. Ich wurde angestellt. Und nun folgten drei, vier der merkwürdigsten Monate meines Lebens. Das neue Blatt entsprach vollständig meinen Vorstellungen von Presse. Es war Zigeunerleben, und dessen Zigeuner waren die merkwürdigsten Patrone. Die Redaktions- und Büroräume befanden sich in einer recht schummrigen Gasse, deren Aussehen durch unsere riesigen Schilder lebhaft verändert wurde; ich habe noch nie so ungeheure Schilder gesehen. Schade nur, daß die Gasse so abgelegen war. Das Büro lag zur Straße hin. Im vordersten Raum brüteten zwei magere und ausgezehrte Angestellte über der leeren Liste der Abonnenten. Sie verbrachten die Zeit damit, Linien zu ziehen und »Spalten einzurichten«. Noch in keinem Büro habe ich so viele Spalten gesehen. Sie waren alle leer. Im inneren Raum saß Hr. M. Bred, sehr füllig, mit einer Goldkette über seiner Weste, einer Seidenweste – vor der Kasse, die genauso leer war wie unsere Liste. Er saß da, in Betrachtungen versunken. Er saß zehn Stunden täglich da, fast ohne sich zu rühren. Er arbeitete sozusagen für das Blatt. Die Redaktionsräume waren zum Hof gelegen. Sie bestanden aus einer Kammer und einer Küche. In der Kammer residierte Hr. W., der Redakteur. Er war klein, bissig und vom Fiasko des Blattes gepeinigt wie ein krankes Tier; er verbrachte seinen Tag in ewig unruhigem Gang zwischen Schreibtisch und Fenster, ewig das Unglaubliche untersuchend: daß es nicht ging – daß es nicht gehen werde, das Blatt, sein Blatt, sein vorzügliches Blatt. Wir anderen Mitarbeiter hielten uns in der Küche auf. Es wurde hauptsächlich abends gearbeitet, bis in die Nacht hinein. Dann kam – die Zunge aus dem Halse hängend – eine Schar von Gentlemen, die völlig außer Atem waren – gentlemen of the press – mit Papieren und Berichten in allen Taschen, und sie begannen, in allen Ecken zu schreiben, in der alten Küche, im Büro, so daß der Schweiß aus ihren Gesichtern rann, obwohl sie die Mäntel ausgezogen hatten. Das war die Journalistik in Hemdsärmeln. Tagsüber wurde im Kamin – in der Küche befand sich noch ein so richtig altmodischer Schornstein wie eine Grube – ein kleiner, dreibeiniger schmächtiger Destillierapparat versteckt. Abends wurde er herausgeholt, und man stärkte sich mit verschieden verdünntem Alkohol. Ein Mitarbeiter war da, der sich auch abends sehr ruhig verhielt. Stundenlang saß er da und starrte in die aufgeschlagene Zeitung des Tages und wunderte sich. Er fand das Blatt ausgezeichnet – und es verkaufte sich nicht. Ich wanderte von der Küche ins Büro; ich war unruhig: Der Redakteur berichtigte das Dänisch in meinen stilistisch etwas verworrenen Auslassungen über die Kunst der Amaliegade14. Ab und zu hörte ich, daß der eine oder andere draußen in der Stadt meine Artikel gar nicht so ungeschickt fand. Was den Redakteur betraf, so machte er mir keine Komplimente. Unaufhörlich schnarrte seine Stimme durch die Tür, die dauernd zuschlug. Der Bürogehilfe ging zwischen Anzeigenaufnahme und Setzerei hin und her; er verteilte die dürftigen Anzeigen so über die Rückseite, daß die Buchstaben einander förmlich suchen mußten. Hr. M. leerte viele halbe Carlsberg, Carlsberg: Seit 1847 die bedeutendste Kopenhagener Brauerei (Gründer: J. C. Jacobsen). Seit 1970 vereinigt mit Tuborg. außer Atem vor der leeren Kasse. Mit der Zeit war ich auch zum Literaturkritiker aufgestiegen. Als solcher mußte ich »Nutidsbilleder« besprechen. So viel Papier wurde gewiß noch nie für eine Kritik verbraucht, wie ich zerriß, bis ich die beiden Spalten beisammen hatte. Was ich schrieb, weiß ich nicht mehr. Meine Ehrerbietung für das Buch und für diesen »Jason«, den ich halbwegs auswendig konnte, hat sicher meine Worte gefärbt, und verstanden hatte ich das Buch sicherlich auch. Sicher ist nur, daß am Tage, nachdem meine Besprechung gedruckt worden war – unterzeichnet mit einem »?« – bei der Redaktion ein Brief an »Hr.?« eintraf. Er war unterschrieben mit »Der Verfasser von Jason« – aber es war der Briefkopf des »Dagbladet«. Der Brief war von Topsøe Topsøe, Vilhelm (1840-1881): Verfasser und Journalist. Eines seiner Hauptwerke ist »Jason und das goldene Vlies« (1874), auf das Herman Bang in diesem Kapitel anspielt. an mich. Er dankte mir, dankte mir; und er schrieb mir, daß – wenn ich eines Tages die Zeitung wechseln wollte – an der einen oder anderen Stelle ein Platz für mich frei sei. Zwei, drei Tage später erhielt ich morgens keine Zeitung. Und als ich in unser Büro kam, war die Annahme geschlossen. Der füllige M. saß alleine unerschütterlich in seiner Kammer. Er sagte sehr ruhig, sie hätten nun das Blatt eingestellt – mit Wirkung von heute. Denn es verkaufte sich nicht. Dann überreichte er mir mein Honorar, wofür ich mit einer Verbeugung dankte. Mein erstes Blatt war still und leise zu Boden geschwebt. Seither habe ich verschiedene hinscheiden sehen. Ich glaube, es war am selben Mittag, daß ich zu Topsøe ging. Er saß in seinem Büro, von kleiner Gestalt, gepflegt und vornehm, und fragte leicht erstaunt, was ich wünschte. Er war mit einem Elfenbeinpapiermesser bewaffnet, das er zwischen zwei Fingern hin- und herbewegte. Ich stellte mich etwas stockend als Hr.? vor und sagte, daß, ja, daß mein Blatt eingegangen sei. Topsøe musterte mich lange; das Papiermesser hielt inne. Ich glich einem Gymnasiasten in der nächsten Klasse, und er hatte mich vielleicht nicht ganz so schnell erwartet. Er fand sich damit ab, und von dem Tag an war ich »Løsgænger« Løsgænger: 1. Herumtreiber, Vagabund; 2. Parteiloser. (meine Signatur lautete so) beim »Dagbladet«. Ich schrieb gelehrte Artikel über Literatur, die später in einem Buch nachgedruckt wurden. Ich schrieb mit Vorliebe wie ein Mann von 70. Ich war gerade 20, so daß es nicht so merkwürdig war. Aber die Tage der Bedrängnis waren vorbei: alleine Vilhelm Møller und Topsøe hatte ich dies zu verdanken.   Ich werde ihnen dies niemals vergessen. Eine Tournee Es war am 1. Juni. 1. Juni: Gemeint ist der 1. Juni 1884. Die Herman-Bang-Tournee fand im Jahre 1884 in Jütland statt und dauerte einige Monate. Die Herman-Bang-Tournee fand sich auf der Kvæsthusbro Kvæsthusbro: Nähe Amalienborg (Oslo-Fähre). Damalige Anlegestelle der Personendampfschiffe. ein. Das Ensemble bestand aus den besten Kräften der privaten Bühnen – nennen wir sie Herrn X. und Herrn Y., sowie Frau A. und Fräulein B. – und dem Unterzeichner. Das Repertoire bestand aus einem meiner Einakter, der auf zwei Kopenhagener Bühnen drei Aufführungen erlebt hatte; »Eine Verlobung«, die Dr. Edvard Brandes Edvard Brandes (1847 – 1931): Dänischer Politiker, Theaterkritiker und Verfasser, Bruder von Georg Brandes (1842 – 1927). Gründer der Tageszeitung »Politiken« im Jahre 1884, bis 1904 ihr leitender Redakteur. uns gegen Überlassung des Gewinns (des Gewinns! ) freundschaftlichst zur Verfügung gestellt hatte, sowie Peter Nansens Peter Nansen (1861 – 1918): Verfasser und Verleger. Leitete von 1896 – 1916 den Verlag Gyldendal in Kopenhagen, für den er bedeutende Autoren gewann, u.a. Martin Andersen-Nexø und Henrik Ibsen. Langjähriger Freund Herman Bangs. »Kameraden«, die im Notfall aufgeführt werden sollten, also wenn mein Einakter nicht ankam: sie wurden jeden Abend aufgeführt. Impresario Impresario (veraltet): Theater- und Konzertagent, der für einen Künstler die Verträge abschließt und die Geschäfte führt. der Theateragentur war Herr C. Die Stimmung auf der Kvæsthusbro war ausgezeichnet. Die Schauspielerinnen bekamen Blumen wie bei einer Benefizveranstaltung. Auch ich wurde reichlich von dankbaren Schauspielschülern- und schülerinnen mit Blumensträußen bedacht – damals unterrichtete ich noch in dieser Kunst. An Bord des Dampfschiffes steigerte sich die Stimmung der Truppe. Man überschlug umständlich die Einnahmen, die Herr X., der mitten auf dem Stapel unserer Koffer thronte, niedrig ansetzte – »laßt uns das ganz niedrig ansetzen«, sagte er dauernd – auf 2 000 Kronen 2 000 Kronen: Gemessen an der Kaufkraft etwa € 15 000. je Künstler. Im Rauchsalon wurden wir Herren eingeladen, mit zahlreichen Mitreisenden Getränke nach Wunsch zu trinken, und die Hurrarufe wurden so laut, daß der Damensalon sich Ruhe ausbat. Herr X. erzählte Seemannsgeschichten aus der Zeit, als er noch auf Englandfahrt war. Solche Geschichten haben die Eigentümlichkeit, daß sie, wenn sie am Abend begonnen werden, erst bei Sonnenaufgang zu Ende sind. Und ich, der in einer Ecke saß, unterhielt mich auf angenehmste Weise mit einem liebenswürdigen fülligen Mann, den ich – unklar aus welchen Gründen – für einen jütländischen Buttergroßhändler hielt. Er sprach scherzend über die Provinz und die Provinzpresse, und ich, der ich zu dem Zeitpunkt noch nicht die rechte Sicht auf die Macht der Provinzpresse hatte, ich, der vollgestopft war mit Kopenhagener Anweisungen bezüglich der Art, »die Leute zu nehmen« – weihte ihn mit großer Heiterkeit in diese Art und Weise ein, während er dasaß und mir auf die Schulter schlug und ich ihm auf den Bauch: »Ja«, sagte ich, »in Ålborg ist es Portwein – er soll nur Portwein kriegen – aber das sofort – so hat man ihn.« Der Großhändler lachte, als würde er dafür bezahlt: »Ja, das stimmt«, sagte er, »ich kenne ihn – gib ihm nur Portwein. Er ist ein gemütlicher Hund – fülle ihn tüchtig mit Portwein ab...« . Und wir lachten um die Wette wie zwei Verschwörer in einer Operette. Kurz danach sagte der gutmütige Mann: »Gute Nacht!« Es war – der Redakteur von Ålborg. Er nahm keinen Portwein, als ich ihn am Vormittag aufsuchte. Am nächsten Morgen war die Stimmung der Truppe gedämpfter. Grau und kalt war der Morgen. Und böse Vorzeichen im Hotel gab es auch. Fräulein B. fand an ihrem Türschloß ein Armband hängen, was unweigerlich Verlust von Geld bedeutete. Und ich bekam Zimmer Nr. 18, was unter allen Umständen seltsame Unglücksfälle ankündigt. Im übrigen gab es auch Warnzeichen beim Buchhändler: Die Vorverkaufsliste war ganz leer. »Ja, die pflegt ja zu dieser Zeit schon voll zu sein«, sagte der Buchhändler leicht verlegen. »Diese trefflichen Gentlemen sind bei einem schlechten Vorverkauf immer so niedergeschlagen, als ob es ihre ureigene Pflicht wäre, auf eigene Kosten von allen umherziehenden Theatertruppen alle Plätze aufzukaufen. Der Impresario begann, sich den Schweiß von der Stirn zu wischen und unruhig davon zu reden, daß Ålborg aber auch immer eine verfluchte Stadt sei (Es ist die Lieblingsstadt der Tourneen, die – ohne sich zu zieren – jeden Preis zahlt.). Der Impresario begann, »den Erfolg zu arrangieren«. Ich ging zu den Kritikern. Da ich meinen Freund vom Schiff wiedergesehen hatte, wußte ich, daß ich mir die Kritik schon gesichert hatte. Die übrigen Mitglieder vertraten sich die Füße und froren. Alle unglücklichen Tourneemitglieder frieren. Unsere Damen waren bereits in Schals eingehüllt wie Kirchgängerinnen vom Lande. Herr X., der durch allerlei Fügungen gewieft war, ging umher und sog die Luft mit nur mäßig vergnügter Miene so sonderbar ein, als ob er nicht gerade günstiges Wetter wittere. Um 5 Uhr gab er Weisung, eine größere Anzahl Karten für das Parkett auszuteilen. Ich hielt mich in der Kasse auf. Die Tür zum Tempel der Kunst war weit geöffnet. Die Herren der Tournee, die dauernd nach den Verkaufszahlen fragten, waren die einzigen Gesichter, die ich an der Luke sah. Herr X. sagte, man könne wohl mit einem Verkauf für mehrere hundert Kronen am Eingang rechnen. Der Kassierer hoffte darauf. Endlich mußte ich hinauf und mich umkleiden. Um halb acht war der Saal noch völlig leer. Die Mitglieder der Tournee gingen auf der Bühne wie Tiere im Käfig hin und her und fragten aufgeregt, ob nicht einmal Freikarten ausgegeben worden seien. Herr X. sagte ganz ruhig: »Sie wissen ja, sie kommen immer zu spät.« Nach und nach versammelte sich ein winziger Teil Ålborgs – saumselig wie Leute, die wissen: »Wir kommen früh genug.« Der Impresario, der in der Kasse gewesen war, kam erregt: »Ja«, sprach er, »nun habe ich den Saal wirklich ausgeschmückt, so gut ich konnte, lieber Freund, aber sie wollen nicht, sie wollen einfach nicht.« Es waren die Freikarten, die sich geweigert hatten. Und der Impresario, der sich ununterbrochen mit Erstaunen im Gesicht den Schweiß abtrocknete, sagte: »Ja, das ist wahrhaft merkwürdig.« Er blieb stehen, starrte lange vor sich hin, in Verwunderung versunken. Herr X. sagte nur, – und nie in meinem Leben werde ich den Tonfall vergessen – er wußte bereits, woran er war und woran die Herman-Bang-Tournee war. – »Jetzt öffnet sich der Vorhang.« Die Vorstellung begann. Es war mein kleiner Einakter. Er wurde ohne Zwischenfälle gespielt. Das Publikum saß da, als ob die Angelegenheit es überhaupt nichts anginge. Einige unterhielten sich im Parkett recht laut über ganz andere Dinge. Verschiedene verließen das Haus. Ganz ruhig wurde es erst, als der Vorhang fiel. Da war es ganz ruhig – wie in einer Runde nach einer Geschichte ohne Pointe. Die Mitglieder der Tournee kleideten sich für das nächste Stück um. Ich glaube, man spielte »Kameraden«, und Frau A. und Herr Y. spielten die Rollen. Das Publikum war begeistert. Das Publikum war jeden Abend von den »Kameraden« begeistert, weil ich nicht auf der Bühne stand. Es gab zwei Vorhänge. X., der in der Garderobe saß und sich zum Schwiegervater des Stückes »Eine Verlobung« zurecht schminkte, sagte: »Zum Teufel, sollte es noch gehen?« Und der Impresario, dessen kleine Beine in spannenden Augenblicken wie ein paar Trommelstöcke durcheinander wirbeln konnten, sauste in meinem Raum hin und her und sagte: »Was habe ich gesagt, was habe ich gesagt?« Geschwätz! Der Impresario hatte – er hatte niemals irgend etwas gesagt. Es hätte sicher noch recht gut gehen können, wenn wir entschlossen Herrn Y. meine Rollen gegeben hätten – mit Ausnahme meines Einakters, der sicherlich aus dem Repertoire verschwinden müßte – . Wenn nur, mit einem Wort gesagt, Herman Bang entschlossen die »Herman-Bang-Tournee« verlassen hätte. Aber jetzt blieb er – leider. »Eine Verlobung« begann. Noch jetzt begreife ich nicht, wie es ein solches Fiasko werden konnte, denn so ausgezeichnet, so ganz im Geiste des kleinen Meisterwerkes spielten die anderen. Aus ihren Repliken, aus dem Zusammenspiel, aus dem genauen Zusammenklang der Stimmen wehte die Luft dieses Kopenhagener Interieurs unwiderstehlich. Das Fiasko war nicht aufzuhalten. Ich hatte nicht gewußt, was es hieß, gegen all die lustigen Bilder von »Punch« »Punch«: Kopenhagener Satireblatt konservativer Prägung (erschien von 1873 – 1895). Vorbild war das in England erschienene Satireblatt »Punch«. zu kämpfen. Ich glaube übrigens, daß die Leute weder zischten noch lachten. Sie gingen – als der Vorhang fiel – einfach nach Hause. Aber keine Äußerung war jemals eindeutiger. Am nächsten Morgen weckte mich X. Er schwitzte und rauchte unter schwerem Stöhnen seine Pfeife, schwere Rauchwolken ausstoßend, so daß er an eine dampfbetriebene Dreschmaschine erinnerte. Er fragte, was wir nun tun sollten. Ich setzte mich im Bett meines Zimmers Nr. 18 auf: Ich wußte es nicht. Ich hege den Verdacht, daß Herr X. als Diplomat ausgesandt war, um zu sondieren, inwieweit die »Herman-Bang-Tournee« nicht sofort abgebrochen werden könnte. Aber Herr X. – und übrigens alle anderen auch, die sich während des ganzen Leidenswegs als Wunder von Nachsicht erwiesen – hatten Mitleid: wir sollten weitermachen. »Auf jeden Fall Randers«, sagte X., »Randers ist gut. Es ist doch eine Stadt ... Und dann werden wir sehen, was die Zeitungen schreiben«, sagte er. »Ja«, sagte ich. Ich war auf die Zeitungen vorbereitet. Wir zogen weiter nach Hjørring. Dort wurden Eintrittskarten immer am Buffet des Gasthofs verkauft, aus einer Zigarrenkiste. Der Wirt konnte »überhaupt nicht verstehen, daß noch nicht eine einzige Karte verkauft war.« »Draußen sind doch genügend Plakate«, sagte er. Die Plakate waren riesig und trugen meinen Namen oben und unten. Der Impresario meinte, dieser Name könnte vielleicht in den anderen Städten in etwas weniger auffälligen Buchstaben gesetzt werden. Der kleine Einakter wurde bei der Vorstellung abgesetzt. Nach der Vorstellung erhielten wir die Zeitungen; sie waren schlimmer, als ich gedacht hatte. Und ich hatte es mir schon schlimm genug vorgestellt. Erschöpft tranken die Damen nach der Lektüre auf ihren Zimmern Tee. Vor dem Zubettgehen deutete mir der Impresario an, daß ich vielleicht mit ihm das Zimmer teilen könnte – aus Gründen der Sparsamkeit. Am nächsten Tag kamen wir in Randers an. Herr X. und der Impresario wollten versuchen, die Scherben zu kitten, und die Hoffnung stieg, als wir erfuhren, daß das Parkett ausverkauft war – das Parkett in der Stadt Randers ist so groß wie ein kleines Boudoir. Der Impresario sandte die Damen, Y. und mich in heller Kleidung in die Stadt. Wir fuhren mit großem Spaß durch die Stadt und tätigten aufsichtserregende Käufe von Handschuhen. Der Impresario wollte die Presse aufsuchen. Er kam vom Kritiker zurück und sagte recht vergnügt: »Dies war endlich ein ernsthafter Mann. Ich war – er atmete schwer – zwei Stunden lang dort.« Am Abend war das Haus voll. Alle hatten wirklich etwas Hoffnung geschöpft. Mich nahm der Impresario vor der Vorstellung auf die Seite und sagte, daß ich vielleicht etwas weniger beherrschend spielen könnte. Ich antwortete, das könnte ich ganz sicher – ich hätte am liebsten eine Maus in ihrem Loch gespielt. Mit dem kleinen Einakter begannen wir und spielten ihn zum letzten Mal. In »Eine Verlobung« stellten Fräulein B. und Herr X. sich jeder in seiner Kulisse hin, um zu sehen, ob es wirklich so schlimm war (mit mir H. B.). Herr Y., der soufflierte, vergaß die Stichwörter, um das gleiche zu untersuchen. Sie wirkten, jeder auf seine Art, wie drei schreckliche Mitglieder eines Fehmegerichts, bereit, mich zu verurteilen. Mein Spiel wurde dadurch nicht besser. Ich war fast ganz gelähmt. Plötzlich warfen mir ein paar freundliche Damen zwei Blumensträuße zu. Die Wirkung war in dem totenstillen Haus unbeschreiblich. Es klatschte, als fielen die beiden Blumensträuße auf einen Sargdeckel. Ich spielte das ganze Stück – soweit möglich – im Sitzen. Konrad – der Held der »Verlobung« heißt Konrad – war während all der Schicksalsschläge wie am Stuhl angeklebt. Wenn ich endlich über die Bühne zu schreiten hatte, war ich so verwirrt, daß es sicherlich so aussah, als »schwömme« ich. Aber die anderen waren ausgezeichnet. Frau A. spielte in der letzten Szene des Stückes die arme Signe so, daß es zur Ergriffenheit führen mußte. Man war auch ergriffen und rief nach ihr. Herr X. beauftragte mich, die Dame wieder hereinzuführen. Ich stellte mich buchstäblich hinter sie. Am nächsten Tag schrieb eine der örtlichen Zeitungen, daß Herr Herman Bang doch über genügend Takt verfügen müsse, um zu verstehen, daß es gerade nicht er war, den das Publikum beim Vorhang zu sehen wünschte. Der Impresario las die Zeitung laut. »Sie sehen«, sagte er, »was habe ich gesagt? Was nützt es? Ich war dort zwei Stunden – und es war ein ernsthafter Mann ... Aber was nützt es?« Er hatte völlig recht. Es war ein ernsthafter Mann, der Kritiker, und er brachte seine Einwände im Namen der Kunst vor. Die Truppe erwog, ob es nicht nützlich wäre, den Namen der Tournee zu ändern. Ich glaube auch, daß er geändert wurde. Aber wo wir auch hinkamen – und wir waren sowohl in Skive und Thisted und anderswo – , prangten die ganzen alten Plakate mit meinem Namen oben und unten an allen Ecken. Und sie bedeuteten nichts Gutes. Die örtliche Presse tat außerdem das ihrige. Ihre Ausdrucksweise nahm an Heftigkeit zu: sie betrachtete mich als persönliche Beleidigung. Als ich Thy erreichte, wurden mir als dramatischem Künstler ganz unverblümt Prügel angedroht. Der Impresario war zu Geschäften in die Hauptstadt zurückgerufen worden. Herr X. hatte die Leitung übernommen. Bleistift und Notizbuch wichen nicht aus seinen Händen. Über Theaterfrauen und Theaterbesitzer und Theaterkontrolleure kam er wie ein Unwetter. Wir fuhren durch Thy mit dem Gewinn von Randers. Die Damen saßen zu Bündeln gepackt in der Eisenbahn. Sie waren erkältet von nassem Hotelbettzeug und Garderoben, wo es zog. In Thisted kleideten wir Herren uns in einer Küche an und im Musentempel in Viborg in einer Art Vorraum zu einer Kegelbahn, wo gerade ein Preiskegeln stattfand. Bei den Zugfahrten begann X., sich in Abteile der dritten Klasse zu setzen, um – wie er sagte – mit gewöhnlichen Menschen zusammenzusein. Hier traf er auch seinen Metzger aus S–købing. Der Schweineschlachter bereiste Jütland, um Schweine en gros einzukaufen und erwies sich im übrigen als Freund der Künste. Er wollte die Künstler bei sich zu Hause sehen: er garantierte eine Vorstellung in S–købing. An allen Bahnhöfen lief X. zu dem Wagen der Damen hin und zurück; er war außer sich. »Da ist ein Mann, der garantierte«, rief X., »der eine Vorstellung garantierte.« »Wo?« »In S–købing ...« X. lief vor und zurück. Die Sommerhitze war angebrochen, und äußerst sommerlich wehten die Kleider um X., der, glaube ich, einen Strohhut aufhatte. Er war ein merkwürdiger Gegensatz zu den Damen, die verhüllt waren als hätten sie Zahnweh. »Ja«, sagte er – wie er schwitzte – »es ist schon ein Stück weit von hier (es war ungefähr in Mitteljütland, und wir waren an der Küste), aber der Mann garantiert sie, liebe Kinder, wir haben eine Garantie!« Die Damen griffen zu, und der Metzger stand auf: »Nun, beim Teufel«, sagte er, »das ist ja kein Risiko. Man hat ja seine Angestellten, die man zu dem Vergnügen hinschicken kann.« Er meinte mit »Angestellten« vermutlich die Personen, die in der S–købingschen Metzgerei angestellt waren. X. begab sich wieder zu den Damen. Er war von der Hoffnung aller Impresarien erfüllt. »Liebe Kinder«, sagte er, »darum geht es – man sollte die Städte garantiert haben. Welches Ergebnis hätten wir nicht gehabt, wenn wir sie garantiert gehabt hätten? Und dann sollte man auch die kleinen Städte berücksichtigen«, fuhr er weiter, »dort sind doch intelligente Leute. Die Leute haben Zeit nachzudenken, sie haben Stunden, um ihr Urteil zu fällen ...« X. stimmte Lobeshymnen auf die kleinen Städte an. Die Route wurde geändert, um S–købing mitnehmen zu können. Die Route war leicht zu ändern: es kamen jeden Tag freundliche Briefe wohlgesinnter Buchhändler, die »auf Grund der Verhältnisse« inständig von ihrer Stadt abrieten. Wir kamen also nach S–købing. Das Theater war angemietet, aber sonst war die Stadt völlig unvorbereitet. Man wußte überhaupt nicht, was sie in Bezug auf Kunstgenuß erwartete. Und der Metzger war auf Geschäftsreise – sagte man, in einer anderen Ecke des Landes. Wir fuhren weiter – die Westküste hinab. Wir reisten meistens nachts. Wir zogen durch das Land wie eine Schar Fledermäuse. In Ribe wurden die Damen von bekümmerten Verwandten abgeholt. X. gönnte sich im Hotel einen letzten Bissen vor der Abreise. Froh und breit saß er da und übertraf ein Abschiedsdrama: »Nein Kinder«, sagte er, »ich habe schon viel erlebt. Aber das war das Schlimmste.« Und dann reiste er ab. Y. und ich hielten am Abend eine Lesung ab. Wir gingen ein Stück hinter dem Trommelschläger, während er unter vielen Trommelwirbeln die Unterhaltung auf den Straßen verkündete. Es war der letzte Trommelwirbel, der für die Herman-Bang-Tournee gerührt wurde. Aber wir hatten wirklich auch die Grenze erreicht. Der Impresario Das erste Mal, als ich ihn sah, fuhr er mit Signorina Tua zur Kirche. Es war in Malmö: Die Signorina mit Gefolge war auf dem Weg zu einem Kirchenkonzert. Der Weg führte durch alle Hauptstraßen der Stadt. Die großen Impresarien Impresario (veraltet): Theater- und Konzertagent, der Künstler vermittelt, für sie die Verträge abschließt und ihre Geschäfte führt. hatten zu der Zeit eine Leidenschaft für Kirchenkonzerte. Impresario Herr Theodor konnte ihre Vorzüge nicht hoch genug loben. »Verehrtester«, sagte er, »sie sprechen das religiöse Gefühl an, sie haben ihr Publikum, und die Räume sind billig.« »Die Herren Kirchenvorsteher«, sagte er, »sind so höflich. Sie weigern sich gelegentlich sogar, die Bezahlung der Kosten für das Gas entgegenzunehmen.« Ich folgte in Malmö dem Wagen der Signorina und nahm an dem religiösen Konzert teil. Die Kirche war voll. Die Signorina hatte zum Vortrag in der Kirche aus ihrem gewohnten Repertoire – dieses Repertoire war überschaubar – sämtliche Adagios herausgesucht, die sie – in matter Seide und Kapotthut im 19. Jahrhundert modischer, unter dem Kinn gebundener kleiner, hochsitzender Damenhut. gekleidet – spielte. Nach dem Konzert stattete mir Herr Theodor seinen Besuch ab. Er mußte in einigen Stunden der Signorina zum Dampfschiff folgen und versuchte nicht, den Trennungsschmerz zu unterdrücken: »Verehrtester«, sagte er, »sie ist ungewöhnlich. Sie versteht ihre Sache – sie hat sogar eigene Ideen.« Herr Theodor wog sozusagen diese vortrefflichen Ideen ab: dann sagte er unvermittelt: »Das Geld zahlt sie bei der Livorno-Bank ein.« Der Impresario verstummte. Mit Wehmut sah er auf den zu Ende gebrachten Feldzug zurück, der in Stockholm begonnen hatte, wo die fünfundzwanzigjährige Signorina in knöchelfreiem Kleid und mit kindlicher Geste eine Blumenlokomotive über das Podium gefahren hatte, und der jetzt im Gotteshaus Sankt Petri mit 1 700 Kronen Kaufkraft etwa 14 000 € Gewinn zu Ende war. »Es sind ja keine Ausgaben vorhanden, mein Herr, heute hatten sich die Herren Kirchendiener als Kontrolleure angeboten.« Herr Theodor schwieg wieder einige Augenblicke und bot mir dann ohne irgendeinen Übergang an, »mir ganz Schweden vor die Füße zu legen.« Ich war gerade auf dem Wege nach Göteborg, wo ich eine Reihe Lesungen zu halten hatte. Er wußte dies, und er meinte, der Anfang sei gut. Man müsse immer in Göteborg beginnen; das schmeichele Göteborg. Und später: um Stockholm kümmere er sich. Er hatte den ganzen Plan fertig. Mit neunzehn Lesungen in siebzehn Tagen. Schweden, sagte er, sei im großen und ganzen ein glückliches Feld, ein reines Eldorado – dank der Hauptbahn: man reise jede Nacht und vergeude keinen einzigen Tag. Herr Theodor redete sich nach und nach in Eifer. In bewegten Augenblicken neigte er dazu, die Stimme wie ein Feldherr, der Tagesbefehle an seiner Front erläßt, zu erheben. Nun fuhr er fort: Ich müsse unbedingt auf der Bühne beginnen. Die Bühne schmeichele meinem Äußeren. Er begann, dieses mein Äußeres zu studieren; er drehte mich wie ein Stativ in einem Laden. Die Untersuchung – ich war einigermaßen verblüfft, und mir war ungefähr zumute, als sollten die Falköping-Eintrittspreise nach der Länge meiner Nase bestimmt werden – war einigermaßen zufriedenstellend. Herr Theodor erklärte mein Aussehen in besonderem Maße für künstliches Licht geeignet. Indessen konnten wir uns trotzdem nicht einigen. Der große Impresario meinte, ich hätte zuviele »Bedenken«. Er übernahm das Arrangement nur gegen Prozente. Vorläufig reiste er nach Göteborg mit, um die Wirkung zu beurteilen. Nach der ersten Lesung erklärte er mich gerührt – Herr Theodor wurde beständig, wie er sagte, durch die echten künstlerischen Phänomene gerührt – zu »einer Besonderheit« und reiste weiter nach Stockholm. Ich hielt meine Lesungen in Göteborg und folgte ihm. Ich fand ihn sozusagen in seinem Hauptquartier wieder – Zimmer Nr. 21 bei Herrn Cadier. Herr Theodor hatte diesen Aufenthaltsort gewählt, weil, wie er sagte, Stockholm eine Stadt ohne Vorurteile sei. Den ganzen Vormittag brachte er mit Arbeit zu. Er saß am Schreibtisch, graue Filzschuhe, hellbraune Unter?Unaussprechliche und Schlafrock sowie Vormittagsperücke an. Im Zimmer herrschte Chaos. Ich habe noch nie so viele Blaupausen auf einer Stelle gesehen. Sein ganzes übriges Gepäck war in einem Handkoffer untergebracht. Ein geschlossener Schrein mit großen Hängeschlössern stand in einer Ecke. Herr Theodor behauptete, er enthalte seine Memoiren, und er benutzte dies täglich als Drohung gegen die Presse. Jeder neue Morgen fand ihn in erneuter Raserei gegen »diese Presse«, die sich an der einen oder anderen Stelle des Erdenrundes geweigert hatte, seine Phänomene ins Licht zu setzen. »Aber, ja, ja, mein Herr«, sagte er, »ja, ja, wenn ich einmal anfange zu reden ...«. Und er schlug mit der Hand auf die beiden Hängeschlösser: es mußten hinter den Schlössern tödliche Informationen über die Presse sein. Mit Fortschreiten des Tages wurde er gegenüber den Presseleuten immer milder. Herr Theodor betrachtete sie als nicht bestechlich. »Mein Herr, worauf sie Wert legen, sind die kleinen familiären Aufmerksamkeiten.« Die kleinen familiären Aufmerksamkeiten bestanden hauptsächlich darin, daß Herr Theodor sich selbst dazu einlud, bei einflußreichen Kritikern an der Familienmahlzeit teilzunehmen: »Mein Bester, das ist eine Angewohnheit, und am Schluß fühlt man sich in den Kreisen der Familien ganz wohl.« Herr Theodors augenblickliche Arbeit war auf der ganzen Welt bekannt; sie befand sich noch in Form von fünfhundert Blaupausen in einer Holzkiste, die mit der Aufschrift »Lübeck« versehen war. Es gab eine Sängerin, die »anfangen« sollte, und die insbesondere Länder mit »kleinen Höfen« wünschte. »Verehrteste«, sagte Herr Theodor, »es ist unglaublich, wieviel sie für eine Medaille singen.« Herr Theodor wußte, wie sehr man sie dazu bringen konnte, um für eine Medaille am Bande zu singen. Er antichambrierte unaufhörlich und unermüdlich bei den verschiedensten Hofmarschällen: »Es ist ja keine vergeudete Zeit, Verehrtester«, sagte er. Er hatte recht. Es war gewissermassen nicht der Ruhm seiner Bemühungen, die nicht sichtbare Beweise trugen, sich um »die Kunst und die Wissenschaften« verdient gemacht zu haben. Wenn die Arbeitszeit Herr Theodors vorbei war, schloß er sich mit dem Friseur ein, um sich fertig zu machen. Wenn dies getan war – auf der Krawatte prangte eine Diamantnadel, Geschenk der Majestät von Portugal – widmete er sich der Repräsentation und dem Genuß. Damen huschten – man muß es zugeben – den ganzen Tag lang aus Herr Cadiers Nr. 21 herein und heraus wie Schwalben unter einer Dachtraufe. Herr Theodor war ungefähr sechzig, aber so lebenslustig wie ein junger Spatz. Seine Künstler lernten mit der Zeit immer seine örtlichen Liaisons kennen; sie waren bei den Konzerten regelmäßig am Rande der Logen plaziert und warfen Blumenbukette. Herr Theodor versicherte, dies stärke das Vertrauen: Das Publikum sehe, sagte er, sie kämen von Privatleuten. Im Allgemeinen waren dieselben Privatleute leider recht gut in den Orten bekannt. Inzwischen suchte ich die Provinzen heim. Der Erfolg war unterschiedlich. Bei der Rückkehr nach Stockholm lieferte mein Privatsekretär – ich war auf diesen Reisen von Herrn Theodor mit einem Privatsekretär versehen worden – Herrn Theodors Prozente in einem Umschlag verschlossen ab. Der Impresario schüttete die kargen Münzen auf den Tisch, ohne sie zu zählen. Das Geld – wenn welches vorhanden war – floß nach Nr. 21, wo es willkommen war. Die Hauptsumme der Agentur befand sich in einer nicht abgeschlossenen Schublade. Während meiner Abwesenheit hatte Herr Theodor fleißig für mich gewirkt und Poesiealben gesammelt. Jeden Abend brachte er mir einen Stapel: ob ich vielleicht in jedes eine Widmung schreiben könne? Poesiealben sind der Schrecken aller reisenden Berühmtheiten. Die meisten haben ja die richtigen Mittel gefunden, damit umzugehen. Sie weihen ihre Privatsekretäre in die Geheimnisse ihrer Handschrift ein und lassen sie die Alben füllen. Ich kannte einen »Privatsekretär«, der nur zu diesem Zweck zwei Bände Heine mit sich führte. Aber mein Sekretär war noch nicht so weit gekommen: ich mußte den Poesialbendienst und die Widmungen selbst erledigen. Zeitweise war dies ein Dutzend Sentenzen an einem Abend, und ich war verzweifelt. »Wozu ist dies gut?« sagte ich eines Abends. Ich war gerade von einer Soiree nach Hause gekommen, und Herr Theodor brachte einen neuen Stapel. »Wozu dies gut ist?« sagte er peinlich berührt. »Mein Herr, würden Sie vielleicht diesen Dienst nur noch einmal machen?« Ich mußte einräumen, daß ich ihn nicht verstand. »Können Sie nicht verstehen, daß diese Leute sie nicht vergessen werden? Mein Bester«, und Herr Theodor drehte sich abschließend auf dem Absatz herum, »Sie haben überhaupt kein Verständnis.« Die Poesiealben sollten in aller Stille den Boden warm halten – bis zum nächsten Mal. Ich packte die Poesiealben an. Der Sekretär und ich gingen wieder auf Reisen. Das Ergebnis war mäßig. In der einen oder anderen Stadt wurde dem Vortragenden bei seinem Eintritt ein Bukett von einer behandschuhten Damenhand zugeworfen. Ich war der stillen Überzeugung, daß Herr Theodor ältere Beziehungen zu diesen Plätzen hatte. Herr Theodors Stimmung war inzwischen auf dem Nullpunkt. Der Winter war insgesamt gesehen schlecht gewesen, und die tote Zeit hatte begonnen. Herr Theodor mußte in letzter Stunde etwas finden; und es mußte etwas sein, das nichts kostete. Er kam auf den Gedanken, »dem kleinen Dengremont« zu schreiben. Das Wunderkind Dengremont war die Ruhmestat seines Lebens: »Mein Herr«, sagte er, »wir haben auf drei Erdteileneine Million zusammengespielt.« Angetan mit Schlafrock und den Hellbraunen verlor er sich in Lobesreden über »das Wunder«: »Mein Freund«, sagte er, »ein solcher Erfolg kann mit einem Faßreifen erreicht werden ... Aber im übrigen lege ich Wert auf Kinder. Sie machen keine Schwierigkeiten, man hat sie im Griff: sie spielen ohne Zicken ...« Herr Theodor hatte nun, wie gesagt, aufs neue Dengremont angeschrieben. Er war zweiter Geiger in einem Orchester in Paris. »Man hat ja nichts zu verlieren«, sagte der Impresario: »man kann es mit ihm immer versuchen.« Er versuchte es, und Herr Maurice Dengremont kam. Ich sah ihn am Tage seiner Ankunft. Er war so groß wie ein preußischer Leibgardenreichsverteidiger, dünn wie ein Stock, und hatte einen Diplomatenrock zu 50 Francs an. Herr Theodor stattete ihn mit zwei Diamantringen aus. Die Luft in Nr. 21 war schwül. Ich fragte den Impresario am Abend, was er sich erwartete: »Mein Herr«, sagte er und sprach, als müßte er während einer Konzertprobe sämtliche Instrumente des Orchesters übertönen: »Ich habe ihn für eine Matinee angestellt. Die Hälfte fällt den Armen zu.« Ich begriff, daß er sich nicht viel erwartete. Maurice Dengremont trat in Stockholm nur dieses eine Mal auf. Als ich wieder in die Hauptstadt zurückkam – ich war in Norrland gewesen, auf welchen Landesteil Herr Theodor hohen Wert setzte: »Sie sind nicht übersättigt, Verehrtester«, sagte er, »und man erfüllt eine Mission«, – war Herr Maurice verschwunden. »Wo hält Herr Dengremont sich auf?« fragte ich diskret. »In den Löchern«, rief Herr Theodor. »Die Löcher« waren unter Freunden sein Kosename für die kleinen Provinzstädtchen. In Bezug auf mich stellte der Impresario Überlegungen an, wieweit ich Finnland mitnehmen sollte: Finnland war riskant, man konnte Finnland nie berechnen. Er wußte nicht, was er mir in Bezug auf Finnland raten sollte. Ich, der an den Eisbrecher in der Bottnischen Bucht dachte und im übrigen von Helsingfors Helsingfors: schwedischer Name für Helsinki. nur höchst unklare Vorstellungen hatte, hatte überhaupt keine Sehnsucht nach Finnland, und die Frage war offen – als eines Morgens, an dem ich noch im Bett lag, Herr Theodor höchst persönlich meine Tür aufreißt, mit Schlafrock und den Hellbraunen bekleidet: »Verehrtester«, sagte er, »Finnland muß genommen werden.« Er war außer sich. Zwei Zeitungen flatterten aufgeschlagen in seiner Hand: »Lesen sie, mein Herr«, sagte er und warf sie auf die Bettdecke: »Der Erfolg ist gewiß! Sie werden durch alle Zeitungen des Landes gehen.« Herr Theodor war schon wieder weg. Er rannte hin und her. Die Hellbraunen schlugen ihm um das Wenige, das ihm als Bein diente. Er redete unaufhörlich, wechselte zwischen schwedisch und deutsch: »Mein Bester, Sie werden Gold verdienen. Ich kenne das Publikum. Es wird einen Sturm geben.« Ich lag inzwischen mit den aufgeschlagenen Zeitungen da. In der einen war ein Leserbrief von Herrn Georg Nordenswan an eine Zeitung in Helsinki, der mir nur allzu schmeichelhafte Anerkennung zollte. Die andere war eine Humoreske von Herrn Sigurd, Humorist von Vexiø. Er stellte mich als Affe in einem Käfig vor – und ist im übrigen Freunden in der Heimat durch wohlgelungene Übersetzungen in den besten Zeitungen bekannt. Dieser erzählte humorvoll, wie die Damen in Vexiø ihren Appetit verloren hatten, als sie sich bloß meine Bilder ansahen. Dies war vielleicht etwas übertrieben. Herrn Theodor brachte dies in Verzückung: »Mein Herr«, sagte er, »ich kenne das Publikum: aufgrund dieser beiden Artikel können Sie bis ans Ende der Welt reisen. Nun arrangieren wir Finnland .« Herr Theodor schickte mit der ersten Post »Sigurd« nach ganz Finnland. Ich selbst folgte einige Tage später. Der liebe Impresario war beim Abschied tief bewegt: »Mein Herr«, sagte er, »Sie könnten gemacht sein in dem großen Europa. Wenn man Sie nur – und er fuhr sich mit den Händen über die Augen – einige Jahre früher gekannt hätte.« Er sah mich lange an, als ob er noch ein Mal all die verlorenen Chancen dieses beredten Wunderkindes abwöge. Dann sagte er mit einem plötzlichen Ruck: »Aber – vielleicht noch – für Amerika.«   Ich kam nach Helsinki. Bei meiner Ankunft hatte ein Abonnent eine Karte zu 9 Franken erstanden. Der Buchhändler tröstete mich, daß die gute Gesellschaft sicher noch folgen würde, denn der eine war die Frau eines Staatsrates. Er behielt recht. Die gute Gesellschaft folgte. Ich verbrachte in Finnland Wochen, die mir für immer unvergeßlich sein werden und deren Erinnerungen an die finnische Erde, eine Erde mit Leben und Kampf, mit Streit und wachen Eigenschaften, mit der Vornehmheit eines alten Geschlechts und den Hoffnungen eines jungen Volkes mich in Dankbarkeit binden werden. Herrn Theodor sah ich nie wieder. Er war noch einige Jahre bei Herrn Cadier und dann – reiste er weiter. Aber als ich später in Norwegen war, hörte ich das eine oder andere über ihn. Der große Impresario selbst hatte nie gut über Norwegen gesprochen. Er schätze das Land nicht, gab er zu. »Gut«, sagte er, »das ist kein Arbeitsmarkt für mich. Ich lasse das durch Agenten erledigen.« Trotzdem war er – das hatte ich gehört – in Norwegen gewesen. Er hatte dort sogar begonnen. Er hatte zu seiner Zeit mit einer äußerst »legeren« Ballettgesellschaft in den Küstenstädten »gearbeitet«. Es soll ihm schlecht gegangen sein. Dann übernahm er ein Hotel. Niemand weiß, wie das zuging, aber die Bürger der Kleinstadt legten eine Summe zusammen, und Herr Theodor richtete das »Etablissement« ein. Es verfügte über ein Theater, einen Konzertsaal, Gesellschaftsräume und einen Billardsaal mit drei Billardtischen. Die Kleinstadt zählte 8 000 Seelen, wovon der Hauptteil sich als Arbeiter in einem Sägewerk ernährte. Für das Etablissement war auch eine Summe für einen Weinkeller zusammengekommen, für den Herr Theodor persönlich Einkäufe im Ausland getätigt hatte. Die Sage um diesen Weinkeller lebt in der Stadt fort. Als er geleert war, suchte der große Impresario eine andere Arbeitsstelle auf. Als ich mich im letzten Jahr in der betreffenden Stadt aufhielt und einen ihrer vornehmsten Bürger aufsuchte, holte dieser eine alte Blechtruhe mit einem großen Schloß hervor. Er öffnete sie. Auf der Innenseite des Schlosses befand sich ein kleines Blechschild. Darauf war zu lesen: »Herr Theodor. Erinnerung an das Schuldgefängnis in Wien. 1843.« Dies war die einzige Erinnerung der Stadt an den großen Impresario: Herrn Theodor. Er starb vorletztes Jahr in Sankt Petersburg, während er die Ankunft der Meininger Das Hoftheater der Residenzstadt des Herzogtums Sachsen-Meiningen war unter seinem Landesherrn Georg II. (1826–1914) beispielgebend für das europäische Theater des Realismus. Historische Genauigkeit und Anfänge der Lichtregie lockten viele Theaterregisseure – eben auch Herman Bang – als Besucher nach Meiningen. mit »Julius Caesar« vorbereitete. Er verschied – ohne krank zu sein – mitten in seinen Fotografien und Blaupausen. »Mein Herr«, hatte er so oft zu mir gesagt, »die echten Impresarien sterben aus – wer ist da noch – können Sie mir das sagen? Wer hat noch Begabung? Gibt es noch jemanden, der schöpferisch ist? – können Sie es mir sagen? Ich für meinen Teil kenne nur Herrn Strakosch – Herr Strakosch ist begabt – und mich ...« Der alte Mann gab sich mit den Händen auf den Knien langen Betrachtungen hin: »Mein Herr«, sagte er, »die Agenten zerstören den Markt. Wir werden von Berühmtheiten überschwemmt – in zehn Jahren gebe ich keine hundert Mark für eine Weltberühmtheit.« Es kann gut sein, daß der Mann recht hatte. Aber zumindest blieb er davon verschont, die Sintflut der Virtuosen zu erleben. Er starb noch in einer Zeit, in der eine Blaupause noch etwas wert war. Wie man Redner und »Vorleser« wird Ich saß bereits im Bahnhof Upsala im Abteil, und der Zug sollte gleich abfahren, als Herr v. J., der Vorsitzende der Studentenvereinigung, sagte: »Bang, Sie sollten wirklich Vorträge halten!« Bis zu diesem Augenblick wußte ich nicht, wie der Mann auf diesen Gedanken gekommen war. Ich lachte und sagte: »Ja, dann könnte ich hier ja anfangen.« Das war einfach so dahingesagt. Niemals hatte ich auch nur einen Gedanken an so etwas wie Vorträge verschwendet. »Ja, tun Sie das«, rief J. »Ja, tun Sie das – tun Sie das –«, riefen alle Lindberg-Damen, die mitgekommen waren, um mich zu verabschieden. Und von J. lief neben dem Zug her, der bereits angefahren war. »Im Ernst, Bang«, rief er, »ich leite es in die Wege!« Ich fuhr, sie winkten. Am übernächsten Morgen – es war ein Donnerstag – erhielt ich einen Brief von J., es sei nun in die Wege geleitet: am Samstagmorgen sollte Herr Herman Bang in Upsala einen Vortrag halten. So wurde ich Redner und »Vorleser«. Dann fuhr ich wieder nach Upsala. Dazu war ich ja gezwungen. Und am Samstag um 8 Uhr stand ich im Raum hinter dem »kleinen Gillessaal« – im Frack, Gänseblümchen im Knopfloch. Mir war zumute, als versänke ich im Boden. v. J. lief heraus und herein. Er war weiß wie ein Laken. »Voll wird es«, sagte er. Ich hörte es. Die Türen schlugen unter viel Lärm und Gerede dauernd zu. Mir schien, es war sehr lebhaft im Saal. v. J. kam wieder herein. »Es ist voll«, sagte er. »Ganz voll.« Er schwitzte und trat von einem Bein auf das andere. »Ist es voll?«, sagte ich, der ich nicht wußte, was ich sagte, sondern nur aus meinen Notizen hinplapperte – die ersten Wörter, immer die ersten Wörter von »Meine Herren« und »Dionysosfest« ... Der Vortrag handelte von dramatischer Kunst und begann mit dem Dionysosfest ... »Nun, dann gehen wir rein«, sagte v. J. Er war kleinlaut: ich kam ja nie weiter als bis zum Dionysosfest. Ich weiß nicht, wie ich hineinkam. Plötzlich war ich drin. Die Gesichter kannte ich alle. Man hat hundert Augen, wenn man einen Vortrag hält. Auch die Getreuen waren da: Björkegren und dort Frau Vinter-Hjelm, und dort saß Rustan (wie hübsch sie war) und dort Blomstedt, und dort war v. J., der nicht saß, sondern stand: in seiner Aufregung mußte er von einem Bein aufs andere treten. Und ich stand hier und mußte sprechen – eine Stunde lang. Ich dachte nur dies: eine Stunde lang mußt du sprechen. Die Stunde war meine Angst und mein Gespenst. Denn es gibt für Vorträge nur ein Gesetz, das dafür aber unverbrüchlich ist – das wußte ich: Vorträge können gelehrt sein, sie können ungelehrt sein; sie können langweilig sein, sie können von Bedeutung sein, und sie können ohne Bedeutung sein, sie können pathetisch sein – aber eine Stunde müssen sie dauern. Sonst kann ich grundsätzlich nicht glauben, es wären Vorträge. Das wußte ich. Und ich begann. Als ich schloß, hatte ich sieben Viertelstunden gesprochen. Du guter Gott, es braucht seine Zeit, mit der dramatischen Kunst fertig zu werden, wenn man mit dem Feste des Dionysos beginnt. Das Publikum hielt durch: Schnörkel waren genügend vorhanden (man nimmt seine Zuflucht zu Schnörkeln, wenn der Faden dünn wird), aber man verstand, daß die Absicht gut gewesen war. Und es war auf alle Fälle das, daß ich nicht auf irgendeinem Katheder stand. Viele Vortragende könnten Triumphe einheimsen, wenn sie bloß nicht – von ihrem Katheder herabstiegen. Am Montag vormittag wiederholte ich für einen geladenen Kreis den Vortrag in Stockholm. Das heißt zweihundert Menschen, die für den Eintrittspreis einer Krone eingeladen worden waren. Ich ließ einige der Schnörkel weg. Der Vortrag war nach fünf Viertelstunden beendet. Die Zeitungen schrieben, ich verfügte über eine »bemerkenswerte Redegewandtheit«. Eine freundliche Zeitung berichtete, Stockholm sei »erobert«. Ich kehrte mit den Lorbeeren in meine Herberge »Zum Roß« zurück. Wohlgesonnene in der Heimat meinten, der Sieg müsse fortgeführt werden. Ich sollte ihn im kleineren Saal des Kasinos Kasino (auch: Casino): 1847 eröffnete Georg Carstensen (der Gründer des Tivoli) ein Winter-Tivoli, eine Vergnügungsstätte in der Amaliegade (übrigens schräg gegenüber dem Haus des Großvaters Herman Bangs, wo H. B. von 1875 bis 1877 wohnte; siehe Kapitel »Wie ich Verfasser wurde«). 1848 entstand hier das erste Privattheater Kopenhagens. Das Kasino bestand aus einem großen Konzertsaal mit zugehöriger Kleinbühne, Restaurants, Pergola, Springbrunnen und moderner Gasbeleuchtung. 1939 fanden die letzten Vorstellungen statt, dann wurde es zum Packhaus umgebaut. Der Abriß erfolgte 1957. fortführen. Als Vorbereitung beraubte ich meinen Vortrag weiterer gewisser Schnörkel für den schlichteren dänischen Geschmack. Der Tag kam. Es war sicher der achtzehnte – das Datum aller Unglücksfälle. Ich war damals eine Art künstlerischer Leiter eines großen Unternehmens mit Buchdruckerei, Buch- und Zeitungsverlag. Das Unternehmen war ein Jahr alt. Am Morgen des Vortrages, bevor die Sonne aufging, kam eine Nachricht von der Kassiererin: ich solle sofort kommen, es gehe etwas schief, ich solle sofort kommen. Alle möglichen bösen Ahnungen stiegen in mir hoch. Die Angelegenheit war nicht solide. Dies war zweifelsohne das Schlimmste, was geschehen konnte und – es war wirklich geschehen. Ich eilte hin, in die Büros: alles befand sich in Auflösung. Alle Türen standen offen, als wäre man mitten auf dem Markt. Unsere Leute, denen Arbeitslosigkeit drohte, liefen umher, stumm, umeinander herum, mit bleichen Gesichtern. Die Eigentümer waren fort, die Betreiber waren abgereist. Niemand sagte etwas zu mir. Es sprach überhaupt kein Mensch. Es war auch nicht notwendig. Ich sah, es war der Zusammenbruch. Die Kachelöfen waren schwarz und leer, niemand kümmerte sich um sie, die Pulte waren verlassen, niemand arbeitete. Die Leute rannten nur in allen Räumen umher, ohne sich gegenseitig zu beachten – jeder mit seiner Lage beschäftigt, die für alle die gleiche war: der Ruin. Die Kassiererin saß auf einer Rolle Druckpapier und nickte gedankenabwesend mit dem Kopf. Die merkwürdigsten Leute kamen von der Straße durch die Türen, niemand gab acht. Und auch sie gingen still umher, sinnlos – die fremden Menschen. Niemand stellte ihnen Fragen, und niemand wies sie hinaus. Stille herrschte – trotz der Schritte der Anwesenden – denn alle schlichen nur dahin. Nur die Maschine unten arbeitete noch, stöhnend, als wollte sie nicht mehr. Wir warteten stundenlang. Es wurde zur Gewißheit, daß die Besitzer fort waren. Aber dennoch irrten wir weiter umher. Ein paar Angestellte begannen an einem Pult zu essen und Bier zu trinken. Da dachte ich zuerst: Du mußt ja einen Vortrag halten. Und ich begann, mitten im Durcheinander aufzusagen. Aber ich fühlte nichts und plapperte nur gedankenlos die Wörter vor mich hin und beschloß unvermittelt, den Abschnitt vom Fest des Dionysos zu streichen. Ich mußte nach Hause, um mich umzuziehen. Ich hatte nicht einen Gedanken in meinem Kopf. Ich ging zum Kasino. Es war noch zu früh, und im Künstlerzimmer war noch nicht geheizt. Ich ging wieder und wieder zum Fenster. Mitten in meiner Verwirrung maß ich die Straße, ob jemand käme. Es kam der eine oder andere, er ging die Treppen unten hinauf, auf jeder Stufe stehen bleibend und sich umsehend: ob noch mehr kämen. Drinnen im Saal begannen sie mit den Sitzen zu klappern. Ich schaute durch den Türspalt hinein. Die Eingangstür ging hin und wieder – merkwürdig leise, während einige einsame Wesen sich hereinschlichen, wie man es bei Vorhaben tut, welchen man mißtraut. Ein Freund kam herein. Ich paßte wieder am Fenster auf. »Aber es sind doch Leute da«, sagte er, »es kommen viele.« Er war unruhig, so daß er kaum sprechen konnte. »Es geht ja noch.« »Ja, es geht noch«, sagte ich. Ich sah nur die länglichen blauen Papiere vor meinen Augen tanzen. Ich war wieder an der Eingangstüre zum Saal. Ich kannte alle Gesichter: es sah so aus, milde gesagt, daß es ein Familienfest würde, mein Vortrag. Ein Freund trat ein: Ich könne jetzt sicher anfangen, sagte er. »Ja«, antwortete ich, »das ist gut.« Und ich trat ein. Wie ich sprach, weiß ich nicht. Ich hörte ab und zu einen Mann, der sich höchst pathetisch über schöne Aufgaben und szenische Kunst ausließ. Das muß wohl ich selbst gewesen sein. Doch kann ich das nicht beschwören, denn ich sah nur blaue Papiere und tanzende Zahlen. Endlich stand ich wieder im Künstlerzimmer. Drinnen klatschten sie – höflich. Die Presse war wohlwollend. Ein paar Herrschaften schrieben, es habe ihre Erwartungen übertroffen. Die Herren waren vermutlich mit besonders geringen Erwartungen gekommen. Auf alle Fälle – ich hatte in Kopenhagen gesprochen. Im nächsten Jahr führte die Tour nach Kristiania. Kristiania war von 1624-1925 der Name für Oslo. Ich sollte bei Hals sprechen und mit Ibsen beginnen. Bei der Gelegenheit fügte ich eine Einleitung über die Naturschönheiten Norwegens hinzu, die stark aufgesetzt war, aber ein Anfänger mußte meiner Meinung nach der nationalen Eitelkeit schmeicheln. Das Haus war ausverkauft, und ich begann pünktlich. Ich hob mit meiner »Einleitung« an. Ich sprach über den Kristianiafjord im Sommer, ich sprach über den Kristianiafjord im Winter. Das Publikum blieb genauso kalt. Ich setzte mit den Gebirgen fort, und ich verharrte bei dem Ödland, das ich von Beschreibungen her kannte. Das Publikum war genauso gerührt. Es war deutlich, die Gebirge kannten sie. Damit konnte man keinen Besenstiel gewinnen. Ich ging zu Ibsen über, ohne Beifall bekommen zu haben. Der ganze Vortrag erreichte einen bescheidenen Achtungserfolg. Ich kam so müde nach Hause, als wäre ich verprügelt worden: Ich war nie in einer gräßlicheren Lage. Das war an einem Samstag. Am Montag, jetzt am Montag, sollte ich über Lie Lie: Jonas Lie (1833-1908). Norwegischer Schriftsteller. Bis 1868 Rechtsanwalt. Lebte von 1882 bis 1906 in Paris. Bekannt für seine impressionistischen und psychologischen Werke. War gegen Ende des 20. Jahrhundert der meistgelesene skandinavische Schriftsteller. »Familie på Gilje« erschien 1883 und thematisiert die Unterdrückung der Frau. sprechen. Meinen Henrik-Ibsen-Vortrag hatte ich in Kopenhagen Satz für Satz und Wort für Wort einstudiert: damit hatte ich Schiffbruch erlitten. Und mein Jonas-Lie-Vortrag – jetzt am Montag, und wie gesagt, wir schrieben Samstag – war überhaupt ... noch nicht fertig. So kann man sich vorstellen, was ich gerne damit getan hätte. Die Bücher von Jonas Lie, die kannte ich auswendig. Aber meine Gedanken darüber waren noch in keine Form gegossen, und mein Vortrag war noch nicht gegliedert. Es war der Schloßbrand, Schloßbrand: 1884 brannte das Schloß Christiansborg in Kopenhagen aus. Herman Bang war damals Feuilletonist bei der »Nationaltidende«. Seine beiden Schilderungen des Schloßbrandes gehören zu den bedeutendsten Reportagen des 19. Jahrhunderts. Sie erschienen am 4. und 5. Oktober 1884 in der »Nationaltidende«. der die Zeit beansprucht hatte, die für Lie vorgesehen war. Ich aß nicht, und ich schlief nicht. Ich hatte zwei volle Tage und Nächte Lampenfieber in seiner schlimmsten Form. Ich las »Die Familie in Gilje«, so daß die Buchstaben vor meinen Augen tanzten. Ich schrieb Zitate nieder, so daß sie einen ganzen Band hätten füllen können. Und ich hatte nicht den geringsten Dunst einer Idee. Am Montag morgen teilte Hals mir mit, er erwarte nicht, daß es voll würde. Das tat ich auch nicht. Ich erwartete überhaupt nichts – außer das Schlimmste. Darauf war ich vorbereitet. Meinen Vortrag schrieb ich in einer Stunde nieder. Um ¾ 8 Uhr war ich bei Hals. Das »Dagbladet« war gerade erschienen. Es schrieb über meinen »Henrik-Ibsen«: »Letzten Samstag hielt Herr Herman Bang zum ersten Mal einen Vortrag. Das Thema war Henrik Ibsen. Herr Herman Bang hatte eine weiße Seidenweste an.« Das »Dagbladet« sollte meine Stütze in Kristiania sein. Ich ging hinein und begann meinen Vortrag über Jonas Lie. Ich hatte keine Zeit gehabt, unnötige Umschweife zu machen. Ich konnte nur einfach, aber aus vollem Herzen meine Meinung über den großen Meister sagen. Das verstand man. Dieser Abend wurde einer der liebsten Abende meines Lebens. An ihm gewann ich meine ersten Freunde in Kristiania. Das »Dagbladet« schrieb, ich hätte die Stadt im Sturm genommen. Ferien Nach dem Ende der Saison in London begab sich Madame Simonin auf ihr Schloß in Tirol. Sie wurde von zwei Münchener Näherinnen begleitet, die ihr wie Schatten folgten und unter dem Vorwand, Kleider von Worth Worth: Charles Frederick Worth (1825–1895). Französischer Modeschöpfer britischer Abstammung. Worth gründete 1858 in Paris ein eigenes Modehaus und wurde der Schöpfer der Haute Couture, indem er das Schneiderhandwerk der modernen Industriegesellschaft anpaßte. Die von ihm geschaffenen und von Models gezeigten Kleider waren weltweit bekannt und begehrt. umzunähen, drei Monate in beschaulichen Betrachtungen vor ihrem Bierkrug verbrachten. Sie begannen damit, Frau Simonins Koffer auszupacken. Sie packten sie – unklar aus welchem Grund – in der Schloßkapelle aus, die der Schloßherr, Herr Josef, wegen seiner Sünden im Jahre 1317 gestiftet hatte, und wo auf ewige Zeiten für seine unsterbliche Seele zweimal jährlich Messe gehalten werden sollte. Seidenstrümpfe und Pariser Kleider ergossen sich in Hülle und Fülle über Gestühl und Altar. Im übrigen hatte auch der Diener Georg eine Vorliebe für die Kapelle: er bewahrte dort die Körbe mit dem Champagner auf, weil es so schön kühl war. Frau Simonin besichtigte zunächst den höchst ausgefallenen Tierbestand des Schlosses. Er bestand aus zwei Gänsen, deren Namen Clärchen und Annetchen waren; einem Pony mit eingesunkenem Rücken und ohne Haare auf dem Körper, das trotz seines Alters Frau Simonin auf allen Ausritten regelmäßig abwarf, sowie einem Hirsch, der von den Bauern des Dorfes dazu abgerichtet war, so oft wie möglich wegzulaufen und sich dann wieder finden zu lassen; dieser Sport brachte selbigen Bauern einen nicht unbedeutenden Finderlohn ein. Wenn sie sich die Haustiere besehen hatte, begann Frau Simonin Geschenke auszuteilen. Für den Gemeindepfarrer hatte sie eine Reliquie mitgebracht. Sie stammte aus Santiago di Compostella. »Lieber Freund, was schenkt man so einem Pfarrer?«, sagte sie. Der heilige Gegenstand war ein winziges und obskures Überbleibsel eines Heiligen, in Silber eingefaßt. »Das war nicht gerade billig«, sagte sie. Die Reliquie wurde dem Pfarrer überbracht. Dieser Gottesmann hatte in den letzten fünfzehn Jahren seinen Pfarrhof nur an den drei hohen Festen verlassen. Es war ihm wegen seiner Fettsucht zu beschwerlich zu gehen. Den ganzen Sommer verbrachte er wegen der Kühle an einem geöffneten Fenster in seinem Stuhl. Von dort aus grüßte er seine Gemeindeglieder friedlich und segnete sie, wenn er nicht gerade schlief, was er meist tat. Der Dorfbarbier sagte: »A´ braver Mensch, der meint es gut.« Und es gab gewiß niemanden, der daran zweifelte. Die Reliquie bekam er. Aber niemand erfuhr, ob sie eigentlich irgendeinen Eindruck auf den Hirten gemacht hatte. Auch die Bauern und ihre Frauen erhielten Geschenke. Es waren etliche höchst ungeeignete Gegenstände aus London und Petersburg, die Frau Simonin verschenkte. Die Bauern hatten so gut wie keine Ahnung, was sie damit anfangen sollten. Machte man Frau Simonin schonend auf diesen Umstand aufmerksam, sagte sie voller Zuversicht: »Na, sie werden schon Gebrauch dafür finden.« Die Zweifler unter den Gästen des Schlosses behaupteten, die frohen Empfänger würden die Gegenstände an den Trödler in Klixbüchel verkaufen. Auf jeden Fall dankten sie der Schloßherrin, indem sie ihr Blumensträuße überreichten, die Amagerbuketten Amagerbukett: Bedeutung unklar. Vielleicht spielt Bang darauf an, daß die Bauern auf der Insel Amager, östlich Kopenhagens, als ungeschickt und etwas beschränkt galten. Dann wären es dürftige, besenartige, welkende Blumensträuße. glichen. Nach und nach versammelten sich die Gäste des Schlosses. Aus Petersburg trafen ein paar zukünftige Weltberühmtheiten ein, die Madame Simonins Schüler im Konservatorium waren, und deren Finger die längsten waren, die ich je in meinem Leben gesehen habe. Diese Finger versetzten Frau Simonin in Verzückung. »Es sind denn endlich Klavierfinger« , sagte sie und ließ die beiden Schüler die zehn Finger vor allen Gästen spreizen. »Es lassen sich doch damit endlich Wunder machen – ni´t?« Die beiden jungen Herren zogen nach ihrer Ankunft in den Schloßturm hinauf und bearbeiteten ein paar ältere Börsendorfer Bösendorfer: Ignaz Bösendorfer gründete im Jahre 1828 in Wien eine Klavierfabrik, die es europaweit zu großem Ruhm brachte und noch heute besteht. – zehn Stunden täglich. Es gab im großen und ganzen in jedem Raum einen Flügel. Sie waren höfliche Gaben von Flügelfabrikanten aus der halben Welt, die die Instrumente schenkten, um auf ein Reklameplakat schreiben zu können: Unsere Marke wird von Mm. Sofie Simonin benutzt. Frau Simonin sagte: »Warum sollen die Leute sie nicht hier hereinstellen dürfen? Es kommt sie teuer genug, sie heraufgeschleppt zu bekommen.« – und benutzte sie nie. Sie »arbeitete« ausschließlich mit »Bechstein«. Dies tat sie sechs Stunden täglich. Wegen der Sommerhitze waren alle Fenster geöffnet. Es geschah, daß vier Flügel gleichzeitig im Schloßhof ihre Töne mischten. Wenn die Schüler oben besonders heftig hämmerten – Herr Vasili bildete sich nach dem Vorbild Rubinsteins aus und hatte Forte-Stellen, wo der Baß wie ein Kanonenschuß donnerte – eilte Frau Simonin an ihr Fenster und verbesserte die Herren, die mit vor Anstrengung hochroten Köpfen an ihre Scheiben eilten. Frau Sofie Simonin gab mit laut erhobener Stimme eine musikalische Darlegung zum Besten, in den Schloßhof hinaus, und die Flügel hoben wieder etwas leiser an – anfangs. Frau Maria Bilt, kaiserliche Kammersängerin, die die ganze Zeit vom Frühstück bis zum Mittag in ein und demselben Stuhl auf der Terrasse zubrachte, mit Strickzeug beschäftigt, sagte: »Gott, was die Leute sich für eine Mühe geben« , worauf sie weiter strickte. Sie selbst gab sich hauptsächlich Betrachtungen über die Undankbarkeit des Publikums hin. »Sie wollen mich nicht mehr hören«, sagte sie und schaute einen mit runden und höchst verständnislosen Augen an. »Und doch ist meine Stimme so groß wie eh und je.« Frau Maria Bilt war etwas über fünfzig, und ihre Leibesfülle war nur in etlichen Kubikfuß zu messen. Ihr Gesicht sah aus, als wäre es kupferbeschlagen. Sie trug einen rötlichen Chignon, Chignon: im Nacken getragener Haarknoten. der so ausgebleicht aussah, als wäre er zwanzig Jahre alt. Im Laufe der Jahre war ihr Hinterteil so unverhältnismäßig entwickelt, daß verschiedene Stühle sich weigerten, es zu beherbergen. Sie schwitzte ununterbrochen, so daß sie den Schweiß in ihrem Gesicht geduldig mit ihrem Strumpf verteilte. Ihr Rollenfach war Margrethe in »Faust«. Sie konnte keine sechs Wochen am Stück auf die Theaterbühne verzichten, und sie brach das ganze Jahr lang jeden Monat von Wien auf, um in den merkwürdigsten Winkeln der Monarchie zu singen. Mitten im Hochsommer zog sie zu einem Gastspiel nach Innsbruck. Sie weinte sich bei Madam Simonin aus, die ihr riet, bei Kirchenkonzerten aufzutreten. »Mein Gott«, sagte sie: dort würde sie ja von der Orgel übertönt. Wenn Frau Bilt nicht strickte, sandte sie Bewerbungen an Agenten. Sie wurden durch Bilder, aufgenommen im Jahre 1860, ergänzt. Es kam nie eine Antwort. Die Kammersängerin verbrachte ihr Leben in Erstaunen über diese Tatsache. »Begreifst du, Sofi – und ich habe ihm doch geschrieben?« Sie begriff überhaupt nichts. Frau Maria Bilt hatte übrigens einen jungen, gepflegten Mann ins Schloß mitgebracht, der – wie sie andeutete – ihr Gesangslehrer war. Frau Simonin behauptete, er kenne keine Noten. »Kinder, was geht's aber uns an«, sagte sie und hob den Arm. Über die Erscheinung der Kammersängerin im Ganzen sagte die Frau: »Gott, sie ist ja a' Gans – ist doch eine Sängerin. Sie ist aber wenigstens gutmütig.« Die Flügel wurden bis zum Mittagessen gespielt. Das Mittagessen war Köchin Thereses große Prüfung. Jeder der Gäste des Schlosses erhielt sein eigenes Gericht. Alle liefen den ganzen Vormittag lang in die Küche hinein und wieder aus ihr heraus und gaben Bestellungen auf. Köchin Therese schwitzte über den Töpfen wie ein Springbrunnen. Der Speisesaal war in altdeutschem Stil, und man speiste von französischem Porzellan. Der ganze Tisch quoll von kleinen Gerichten über. Keine zwei Schloßgäste aßen dasselbe, und alle liefen hinein und heraus und holten sich die Gerichte selbst. Diener Georg vergrößerte nach Kräften die Verwirrung, indem er planmäßig sämtliche Schüsselchen falsch hinstellte, so daß niemand ruhig sitzen bleiben konnte, um nur die Schüsselchen zu holen. Frau Simonin saß vollkommen verwirrt am Tischende und sagte: »Ja, ich bin ja keine Hausfrau«, was niemand bezweifelte. Am ehesten glich die Mittagstafel einem Diner in einem Bahnhof, zwischen zwei Schnellzügen. Man trank Münchener Bier aus Gläsern, die genau solche Kostbarkeiten waren. Jedes Mal, wenn ein Gast den Tisch verließ, fragte Frau Simonin verängstigt: »Aber was wünschen Sie? Ja, fragen Sie die Therese.« Worauf sie regelmäßig in trübselige und entschuldigende Betrachtungen darüber verfiel, daß sie nicht »kochen« konnte. Nach und nach kam doch jeder zu dem seinigen – Frau Maria Bilt kostete langsam und sorgfältig von all den kleinen Gerichten – und die Stimmung wurde gelassener. Die beiden zukünftigen Berühmtheiten fraßen wie die Wölfe. Den Kaffee trank man im Persischen Saal. Während des Kaffees hörte man dauernd die Stimme des Professors Amanda in einer Ecke. Er erzählte dem einen oder anderen Opfer seine Leidensgeschichte. Er war zehn Monate lang verheiratet gewesen – vor fünfundzwanzig Jahren – dann war seine Ehefrau mit einem Kunstreiter durchgebrannt. Er erzählte diese Geschichte in allen äußerst betrüblichen Einzelheiten und einer Stimme, als läse er die Gebetstexte eines Gesangbuches vor. Er glich einer alten Jungfer, die einen Vollbart angelegt hatte und Manieren wie ein nachrangiger Ballettänzer auf Pension hatte. Er unterstützte den ganzen Sommer hindurch alle Armen in der Gemeinde. Frau Simonin bemitleidete ihn aus vollem Herzen: »Aber was soll man sagen?« sagte sie, »er hielt es doch immerhin zehn Monate lang aus.« Wenn sie das gesagt hatte, fragte sie regelmäßig mit tiefer Überzeugung: »Hätt' es vielleicht jede getan?« und lachte, als hätte man sie gepeitscht. Ein Teil des Nachmittags verging für die Schloßherrin damit, Kleider anzuprobieren. Es waren die Worthschen Wunder, die die beiden Näherinnen unermüdlich verschnitten. Das ganze Schloß wurde zur Prüfung hinzugerufen. Die Roben saßen schlechter und schlechter. Nach den Mühen von vierzehn Tagen hatten die beiden Fräulein endlich einen Schlafrock zusammengestoppelt, in welchem sich Frau Simonin von ihrem Schlafzimmer zum Bad begeben konnte. Im übrigen besichtigte Frau Simonin ihre Bauarbeiten. Das halbe Schloß wurde jedes Jahr umgebaut, und die Flure wimmelten von Münchener Maurern. Frau Simonin, die bereits bisher über dreißig Zimmer verfügte, ließ sich ein neues Schlafzimmer bauen, das so groß wie ein Tanzsaal war. »Was soll ich denn machen?« sagte sie, » man muß doch Luft haben.« Das Abendessen war besonders lustig. Das Bier kam in großen antiken Kannen herein, und der Wein wurde aus altdeutschen Gläsern getrunken. Frau Simonin gab Geschichten zum Besten, ihre beiden Arme auf dem Tisch. Einer ihrer Lieblinge war König Luis von Portugal. Diese verstorbene Majestät hatte ihre sämtlichen sechs Konzerte in Lissabon besucht. »Na«, sagte sie, »dort hat er gesessen, der Arme, und sich das ganze Repertoire angehört, so meint man, man müsse danken, und ich melde mich dort in der Loge, und ich werde empfangen, und ich murmle etwas – nun, was man so einer Majestät zumurmelt ...« . »Bedanke mich, daß die Majestät jeden Abend gekommen ist.« »So sagt er – nun, der gute Mensch: ›Ja, irgendwo muß man ja sein ... ‹« Frau Simonin lacht laut auf: »Was sagt man zu so etwas?« fragt sie so nebenbei. »Nun, ich gehe wieder hinunter – aus Dank, und der Mann fährt fort: ›Es ist überall gleich langweilig.‹« »Was meinen Sie dazu?«, sagt Frau Simonin. »Ich knie wieder nieder und erhalte die letzte Salve. ›Ich muß Ihnen sagen‹, sagt die Majestät, ›ich bin gänzlich unmusikalisch ...‹«. Frau Simonin lacht – gewiß zum tausendsten Male über ihren König von Portugal, bis sie endlich sagt: »Na, a' sehr netter Mensch übrigens ... Hat ja auch a' Bruder mitgehabt beim Concertieren.« Sie erzählt« unaufhörlich weiter. Ein Klavierstimmer aus Petersburg, der den ganzen Sommer über die verschiedenen Flügelfabrikate wartet, erzählt von der Harfe Königin Isabellas: »Diese hochgeborene Dame traktiert die Harfe.« Ihr Leibesumfang und ihre kurzen Arme erschweren ihr das Spielen dieses Instrumentes. Es ist der Schrecken aller Weltberühmtheiten, die Zusage zu bekommen, sie auf der Orgel zu begleiten. Die Mahlzeit zieht sich hin. Es ist schon fast Nacht. Einige der Herren gehen zum Rauchen auf die Terrasse hinaus. Tief unter dem Bergschloß rauscht der Fluß laut, und durch das Halbdunkel leuchtet der Schnee des Hochgebirges. Ein vornehmer junger Russe erzählt draußen in der Stille von seiner Heimat, während sie drinnen im Speisesaal weiter lachen und lärmen. Er spricht mit wehmütiger und gleichsam zärtlicher Stimme, und während er von all den Mißbräuchen, all den Schrecken, all der Unterdrückung erzählt, spricht er über die Bauern, die von Beamten ausgesogen werden und Zwischenhändlern, über Lieferungen an das Heer, die nur auf dem Papier existieren – wiederholt er wieder und wieder dieselben Worte, die wie ein Refrain wiederkehren: »Ja, es gäbe eine Möglichkeit: wenn nur der Kaiser davon wüßte.« Drinnen im Speisesaal überstürzt sich das Gelächter, und einige der Herren kehren zum Tisch zurück. Es ist der Diener Georg, der am Morgen von Herrn Vasili an einen der Flügel gesetzt worden war, und der nun zugegeben hat, er würde die gnädige Frau gerne bitten, ihm einen Walser beizubringen. Frau Simonin lacht, daß ihr die Tränen in die Augen kommen und fragt, ob Georg sich nicht mit Herrn Vasili behelfen könne. Aber Georg wollte unbedingt, daß die Frau – – »Nun, ja, ja«, sagt Frau Simonin, die Georg am nächsten Morgen gutmütig eine Stunde erteilt. Nach Tisch wurde musiziert. Alle versammeln sich im Musiksaal, wo der Flügel unter einer Marmorbüste von Liszt steht. Die Fenster hinter den langen Seidenvorhängen stehen offen. Der Fluß braust in der Ferne. Die Glocken des Viehs klingen von den Abhängen der Berge. Die Gäste warten, denn Frau Simonin will spielen. Sie spielt Chopins Barcarole, die sie sechs Wochen lang einstudiert hat. Tag und Nacht war sie ihr nicht aus dem Sinn gegangen. Sie beginnt, ihre Strophen mitten in einem Gespräch zu summen, oder, versonnen, mitten während wir zu Tische sitzen. Stunde um Stunde, Tag um Tag, Woche um Woche wiederholt sie sie am Flügel, während sie in ohnmächtigem Zorn die widerspenstigen Finger an den Tasten fast blutig schlägt und ruft: »Diese Finger, diese Finger, sie sind so dumm wie die Zehen einer Tänzerin.« Jetzt spielt sie zum ersten Mal die Barcarole. Es war, als hörte man das Wogen des Wassers. Es war, als vernähme man das Flirren der Hitze der Sommernacht. Der Flügel singt von Chopin und George Sand. Frau Maria Bilt, die sich nicht für Klaviermusik interessiert, schläft auf einem Sofa an der Seite ihres Gesangslehrers. Frau Simonin hat mit dem Spiel aufgehört und beginnt – mit den Händen gegen den Flügel gestemmt – in fast geistesabwesendem Ton über Liszt zu sprechen. Sie erzählt, wie sie ihn zum ersten Mal traf. Es war in Pest. Sie gab ein Konzert, und der Meister war dort. »Wie erschrocken ich war. Ich spielte eine Rhapsodie, ich wußte selbst nicht, ob ich richtig oder daneben griff. Dann kommt der Meister nach dem Konzert und sagt, es sei brillant gewesen und er wolle am nächsten Abend sein Duett mit mir spielen. Ich wußte nicht, was ich antworten sollte, so freute ich mich und so bange wurde mir ... Denn das Duett war neu, gerade erschienen, und ich – ich kannte es nicht. Aber spielen wollte ich mit ihm, und daß ich das Duett nicht kannte, wagte ich nicht zu sagen. Er fragte: ›Sie kennen das Duett?‹ ›Ja, natürlich‹, sagte ich und dachte: Du mußt es dir kommen lassen, wenn die Sonne aufgeht. Das tat ich, und das Heft kam. Ich spielte und spielte. Das Ankleiden vergaß ich. Ich spielte nur. Fieber und Todesangst saßen mir in den Fingern. Ich spielte – am Vormittag, am Nachmittag. Mama hielt es nicht mehr aus und entfernte sich. Irgend etwas gegessen hatte ich nicht: Ich spielte. Dann – in der Dunkelheit – klopft es laut an die Außentür. Wir wohnten in einem elenden Haus im dritten Stock – damals hatt' ich ja kein Geld – mit einer Hühnerleiter als Treppe. Ich lasse es klopfen – und immer weiter klopfen, aber es hört nicht auf. Dann muß ich doch hinaus und öffnen, da steht ein Mann im Dunkeln; und er fragt, ob Fräulein Simonin hier wohne. ›Ja, das tut sie‹, sagte ich. ›Ja‹, sagte der Mann, ›hier habe ich die Noten.‹ Es war Liszt mit seinem Duett. Wir spielten – na, mein Gott – und er blieb dabei ... Stundenlang spielten wir. Ich war von Hunger gepeinigt, jetzt, da die Anspannung vorüber war, so daß ich mich kaum auf dem Stuhl halten konnte. Und schließlich mußte ich sagen: › Meister, verzeihen Sie... aber seit heute morgen habe ich noch nichts gegessen.‹ Da lachte Liszt, und wir aßen in meinem Kämmerlein kalten Braten, und wir spielten wieder bis weit in die Nacht ...« Frau Simonin verfällt in langes Schweigen und sieht zu Liszts Büste auf, als ob sie in ihren Gedanken zu ihm spräche. Dann sagt sie plötzlich in einem ganz anderen, lustigen Ton: »Aber ich habe immer Unglück. Wie es mir in Berlin erging. Ich spielte dort – ich war ganz jung – und werde am Hofe angesagt. Ich kannte diese Kaiser und Könige ja nicht«, – sie lacht – »woher sollte ich sie auch kennen? Ich kannte Tausig Tausig: Carl Tausig (1841–1871), polnischer Pianist, Schüler Franz Liszts, einer der bekanntesten Klaviervirtuosen seiner Zeit. und Liszt und Clara Schumann – aber die Könige? Nun, ich spiele doch, und als ich fertig bin, kommt ein alter Herr zu mir, und ich denke, der, welcher zuerst kommt, ist sicher der Kaiser, und ich knie auf den Boden und sage: ›Majestät ...‹ Er jedoch beginnt zu lachen und geht zu anderen alten Herren, die auch lachen, bis einer von diesen zu mir kommt, und ich denke: Ja, das ist sicher der Kaiser – ich knie wieder auf den Boden – Majestät. Da fängt er an zu lachen und sagt: ›Nein, Fräulein, ich bin Prinz Albrecht‹, und geht. Endlich kommt ein uralter General, reicht mir seinen Arm und fragt, ob er mich hinüber zum Buffet geleiten dürfe, und während er mich hingeleitet, sagt er: ›Fräulein, Sie sind sicher die einzige hier, die den Kaiser nicht kennt.‹ Es war Seine Majestät.« Frau Simonin hebt die Arme und läßt sie wieder in ihren Schoß fallen, während alle anderen Gäste lachen. »Nun«, sagt sie weiter, »beim zweiten Mal erging es mir nicht besser, als ich zehn Jahre später am Hofe spielte. Ich sitze am Flügel – eine Hitze gab's – und an der Seite sitzt ein junger Mann – Offizier war er, das sind sie ja alle – und ich sage: ›Oh, erweisen Sie mir den Dienst, den Flügel zu öffnen.‹ Er erhebt sich, tut es und setzt sich wieder hin – a' sehr netter Mensch – und ich spiele, Gott weiß was – eine Hitze gab's – und als ich fertig war, sage ich zu dem Mann: ›Oh, holen Sie mir ein wenig Eis.‹ Er holt es, und ich esse. Dann sagt dieser junge Mensch: ›Gnädige Frau, ich darf mich vielleicht vorstellen: Ich bin Prinz Wilhelm.‹« »Nun«, sagt Frau Simonin, » da stand ich denn wieder, wissen Sie ...« Es ist bald Mitternacht, und die Gesellschaft drängt es zur Ruhe. Aber zuerst sollen die Nähmädchen noch erschreckt werden. Sie leben in dem alten Schloß in dauernder Angst vor Gespenstern, und die Nächte verbringen sie unter Zittern und Beben. Nun sollen sie erschreckt werden. Einer der Herren hängt sich ein Leintuch um und stellt sich auf den Gang, der zu ihrer Kammer führt. Ein paar andere verstecken sich – mit einem Gong bewaffnet – im Dunkel. Die beiden Mädchen kommen, und der Leintuchumhüllte schlägt mit den Armen um sich wie mit einem Paar großen Flügeln, während der Gong ertönt, als drohten seine Schläge das Jüngste Gericht an. Halbtot kommen die Nähmädchen in ihre Kammer. Im Schloß wird es ruhig. Nur ein halbersticktes Lachen dringt hie und da durch eine der Türen. Es sind einige der Herren, die sich im Speisesaal Flaschen von Rheinwein geschnappt haben, die sie drinnen an den geöffneten Fenstern trinken. Der Mond ist aufgegangen. Sein Licht liegt auf den Flanken der Berge. Das Tal ist dunkel, überschattet von den Bergen – dunkel wie ein riesiger Tunnel, wo der Fluß lärmt wie ein ewiger Troß. Ein sentimentaler Nachtschwärmer hat das Schloß verlassen. An die alte Burgmauer gelehnt steht er da und starrt hinaus in die Dunkelheit. Die Luft ist geschwängert vom Duft der Tannen, der von der Höhe weht, vom Duft der Obstbäume in dem alten Garten, vom Duft der Buchen, die am Abhang wachsen. Es war im Dreißigjährigen Krieg, daß diese Mauer zusammengeschossen wurde. Und es waren die Schweden, die sie erstürmten. Unten in Hopfgarten , dem Flecken im Tale, steht auf dem Markt noch ein Denkmal. Auf einem Stein ist eingehauen: »Bis hierher drang der Schwede vor.« Das Schloß hatte er eingenommen. Er war an der Felsseite hochgeklettert, hatte sich die Mauer hochgezogen und die Besatzung niedergemetzelt. Unzählige Landsknechte und Offiziere waren hier gewesen, die die Mädchen von Hopfgarten vergewaltigten, und blonde Soldaten, die um die Messegewänder der Kapelle würfelten. Aber noch schlimmere Zeiten hatte das Schloß kennengelernt. Denn die alten Schloßherren hatten das ganze Land mit ihren Raubzügen überzogen. Ganz Tirol wurde durch Plünderungen verheert und nannte mit Schrecken die Namen der Ritter; es gab kein schlimmeres Räuberpack als die Ritter auf der »Burg«. Ihr Name war sogar bis nach Italien hinein gefürchtet. Es gibt Gefangenenverliese – man kann sie noch sehen, und kürzlich grub sich Vasili hinunter. Da fanden sich noch Reste alter Ketten in den Steinwänden. Der Mond steht jetzt genau über dem Tal. Der Einsame an der Mauer sieht dort die Häuser und die dunklen Pappeln um ihre Gärten. Und der Fluß liegt im Schein wie ein bläuliches Lebewesen – wie eine ungeheure Echse, die sich sonderbar über das Land gelegt hat. Der Fremde wendet sich ab und geht. Die Terrasse ist voll mit Rosen und geschnittenen Buchsbaumhecken, die steif Namenszüge und Muster bilden. Der Fremde sieht zu den Scheiben des Schlosses hinauf. Etliche Fenster stehen offen. Durch die Zugluft hat sich einer der roten persischen Seidenvorhänge gelöst und über die weiße Wand gelegt. Im Schloß ist es ganz still geworden. Der Fremde geht die Treppe hinauf und durch die »Russischen Stuben«. In einer Nische erahnt man die Schloßherrin – in Marmor gemeißelt, lächelnd mit einem kleinen Kätzchen auf ihrer Schulter ...   Die Gäste des Schlosses wollten den »Berg« besteigen. Es war der Berg zu ihren Häupten. Unten von der Terrasse sieht es so aus, als könnte man in einer guten Stunde hinaufgelangen, und doch muß man am Nachmittag aufbrechen, wenn man um Mitternacht oben sein will. Die Maulesel und die Führer sind bereits auf der Terrasse eingetroffen. Die Gäste sind für die Fahrt ausgerüstet wie ein Operettenchor. Professor Amanda, in Stanleyhut mit Schleier, will im Damensattel sitzen, Vasili ist in russischer Nationaltracht mit Pelzmütze, und Frau Bilts Gesangslehrer hat sich mit langen Gamaschen und Alpenstock ausgestattet. Frau Simonin wollte nicht mit. Sie stand in ihrem roten Schlafrock da und winkte den Gästen, so lange sie sie sehen konnte. Der Weg führte durch lange Ebenen, sich dahin schlängelnd und dann langsam durch Gehölz und Raine ansteigend. Die Bauern, die ernteten, hielten in ihrem Tun inne und sahen dem eigentümlichen Zuge nach. Grüne Wiesen und immer noch Obstbäume umgaben die Häuser, die immer weiter auseinanderlagen. Die Führer schreiten hinten, sich miteinander unterhaltend; und die Maultiere, die den Weg kennen, gehen bedächtig voran, ganz bedächtig. Der Zug kommt durch einen Wald von Birken, feinen, weißen Stämmen mit Blättern, die an diesem stillen Tag flüstern. Vasili, der an der Seite seines Maultiers wandert, singt mit gedämpfter Stimme eine russische Weise. Wendet man den Blick zurück, ist es, als wäre das Land unter uns zurückgewichen, und als begänne es, sich vor uns wie eine Karte auszubreiten. Aber aus dem Tal erschallt noch das geschäftige Stöhnen der Züge – ruhelos. Tannenwälder erreichen wir und merkwürdige Kiefern, mit Nadeln in ungeheuren Büscheln, und Lärchen. Ein einsames Haus versteckt sich mitten im Wald. Der Tag begann sich zu neigen, und unter uns quoll die Dämmerung durch die Täler, den umflorten Fluß, die Wälder und Dörfer. Und es war, während die Dunkelheit langsam hervorkroch, als breiteten sich zu unseren Füßen stille und dunkle Seen aus. Die Führer gingen an der Seite ihrer Tiere, und der Weg wurde steiler. Man hörte nur das beständige Jammern von Professor Amanda und Frau Maria Bilt, die keinen Platz in ihrem Sitz hatte, und die dauernd wiederholte: »Was wollt' ich da? Was wollt' ich da?« Der Mond trat hervor, und die steilen Flanken des Berges wurden von seinem Schein übergossen – ein stilles leuchtendes Weiß, wo der Zug der Gäste lange Schatten warf. Vorsichtig kletterten die Maultiere hoch, hin und wieder die langen Hälse über den Abgrund streckend, um am Rand ein Kraut mit ihren durstigen Zungen abzureißen. Stetig steigt der Mond höher, und es ist, als schwömmen alle Berge im Licht. Die Kammersängerin Frau Bilt ist in ihrem Sitz eingeschlafen.   Es war Mitternacht, als wir den Gipfel des Berges erreichten. Die Führer weckten aus gebührendem Abstand die Leute der Herberge, und es entstand wie auf einen Schlag ein richtiger Tirolerlärm von Schlagzither und Jodeln. Es war ja plötzlich Publikum erschienen, und schlaftrunken führten die braven Leute »Die Herberge in Tirol« auf. Es war ein unglaubliches Schauspiel. Zwei Mädchen sangen, und »der Hausknecht« gebärdete sich heftig mit einer Schlagzither. Vasili und Frau Bilt und ihr Gesangslehrer genossen, ohne sich stören zu lassen, gekochtes Hammelfleisch aus einer irdenen Schüssel. Professor Amanda huschte geschäftig hin und her und ließ ängstlich seine Laken vor dem Kaminfeuer dampfen. Direkt gegenüber der Wirtschaft lag die Kirche. Der junge Russe ging mit seinem Freund hinein. Über dem Hochaltar erhob sich die Jungfrau Maria. Sie war im Seidenkleid und trug eine Sarah-Bernhardt-Perücke Sarah Bernhardt (1844–1923): Französische Schauspielerin, deren Debüt 1862 war. War weltberühmt in ihren Rollen in »Hamlet« und »Die Kameliendame«. Sie bevorzugte Männerrollen. über ihrem Wachsgesicht. Sie glich einer Provinzprimadonna auf der Rückreise. Auf dem Altar standen viele Kerzen. Sie waren in Champagnerflaschen gesteckt. Gewiß bringen die Touristen alle die Flaschen mit den silbernen Hälsen. Auf einer Tafel, an einem Pfeiler aufgehängt, war zu lesen, der Bischof von Innsbruck habe dieses Gotteshaus zu Ehren Gottes gebaut, hoch über den Wohnungen der Menschen. Der Lärm des Marktes drängte sich vom Wirtshaus in die Kirche. Die Mädchen erwischten lange, falsche Töne, und der Knecht schlug weiter seine Zither ... Der Russe kam mit seinem Freund zurück, und sie fanden noch Frau Bilt mit ihrer Leibwache traulich um ihr Hammelfleisch geschart... Auf einmal wurde es ruhig – wie auf Kommando. Die Gäste schliefen in ihren Zimmern. Nur ein einziger Fremder fand keine Ruhe. Lautlos ging er über den Gang und durch die Gaststube, wo die Wirtin auf der Ofenbank auf dem Rücken liegend schlief, tief wie ein Tier. Die beiden Mädchen schlummerten auf einem Paar Stühlen, mit offenem Mund, als wären sie mit den letzten Tönen im Hals in Schlaf gefallen. Der Knecht lag auf dem Boden, auf ausgebreitetem Stroh. Dort auf dem Tisch standen Reste des Hammelfleisches. Der Fremde öffnete die Türe zum Laubengang und trat hinaus. Der Himmel war hoch, und alles war unendlich ruhig. Kein Laut kam von der Erde, die das Dunkel vor seinem Blick versteckte. Über ihm war alles eine schwimmende Klarheit, durchsichtig wie rinnendes Wasser, als wäre der Äther ein Meer, auf dessen Grund er stünde. Still lagen die Gipfel aller Berge. Aber der Mond schwamm – voll und groß – lautlos durch die mächtige Stille. Und tausend Sterne, jeder eine Welt, funkelten ruhig im endlosen Blau. Hier war der Ameisenlärm der Menschen erstorben, und man ahnte einen Gedanken, der größer ist als der unsrige. Hier waren die Menschen Sandkörner, und unsere Rufe sind verstummt. Hier geht die Natur ihren ewigen, ihren rätselhaften Weg, und selbst unser »Warum« wird ziellos von ihrer Größe in die Knie gezwungen. Warum das Leben, warum der Tod? Warum die Liebe und die Fortpflanzung und der Trieb? Hier stellen wir keine Fragen. Wir sind gegenüber allzu großen Welten zu klein. Hier werden die Gedanken der Ewigkeit mit den Gipfeln der Berge als Zeugen vollbracht. Was gelten wir, wer weiß dies? Welchem Ziel wir auch dienen, wer kennt es? Was jener »große Wille« will, wir erraten es nicht. Wohin er uns durch den Gipfel der Leiden führen will – wer begreift es? Wir sind zu klein, selbst für das Klagen zu klein. Wenn du bei Einbruch des Winters eine Blume von deinem Garten in dein Zimmer umsetzen willst und du die beste Erde gefunden hast, setzt du die Hacke in die Erde und nimmst die Erde auf, ohne auf ein übersehenes Insekt zu achten, das deine Hacke tötet. Und du pflanzt die Blume um. Bedeuten wir gegenüber dem Werk, das von so vielen Welten vollendet wird, mehr als das nie gesehene Insekt, das dein Spaten unbekümmert getötet hat? Deshalb laß uns schweigen. Unsere Fragen beantwortet niemand, und unsere Klagen werden von niemandem gehört...   Morgens, als die Sonne aufging, wurden wir geweckt. Der ganze Himmel glich einem flammendroten Meer, halb Gold, halb Rosen. Die Gipfel der Berge leuchteten wie Inseln im Meer. Und in einem Augenblick werden auf zwanzig Felsen zwanzig Holzstapel angezündet, den Tag anzukünden. Langsam zog sich die Dunkelheit durch das Tal zurück – wie der weiße Mantel, der hastig um den Flüchtenden geworfen wird. Der morgendliche Nebel verhüllte noch den Fluß. Dann erlosch das Feuer der Berge...   Die Gäste des Schlosses brachen wieder auf. Wir erreichten wieder die Wälder und die Wiesen und die Dörfer und das Schloß. Frau Simonin winkte uns in ihrem russischen Schlafrock von der Terrasse aus zu. Und den Tag hindurch erklangen wieder die Flügel, und die Kammersängerin Frau Maria Bilt nickte im Halbschlaf über ihrem unendlichen Strumpf ein. Es dauerte bis spät in den Herbst, bis wir abreisten. Der Schnee rollte seine weiße Decke weit über die Berge hinab. Die Rosen froren auf der schönen Schloßterrasse, und die Abende wurden länger. Dann mußten wir abreisen. Die Gäste des Schlosses trennten sich, um wieder und wieder einen Winter lang rastlos nach der tristen Berühmtheit der Weltberühmtheiten zu jagen. Im Schloß ist es kalt und still geworden. Franz Liszt und die Schloßherrin – in weißem Marmor –lächelten im Musiksaal in stiller Schwermut einander an. Kunstreise auf Bornholm Wir suchten auf der Karte des Vaterlandes eine Reihe von Flecken, wo Herman Bang noch keine Lesungen gehalten hatte. Diese waren nicht einfach zu finden. Wir sahen, wir hatten die Wahl zwischen Thyland und Bornholm. Wir entschieden uns im Hinblick auf die Naturschönheiten für Bornholm. Die Truppe wurde als Konzerttruppe aufgestellt. Ihre Mitglieder waren ein Tenor, Vater von neun Kindern und Töpferwarenfabrikant, eine Pianistin, die vom Konservatorium die Bestätigung erhalten hatte, »sich vortrefflich als Lehrerin zu eignen« sowie der Unterzeichner. Impresario war ein Schauspieler, der davon lebte, Tanzunterricht zu erteilen. Er sollte die örtlichen Abreden treffen. Wir zogen mit den besten Hoffnungen los. Nach der Ankunft in Rönne erfuhren wir, daß wir im Kleinen Saal des Tanzlokals »Danebrog« auftreten sollten. Der Impresario hatte den »Kleinen Saal« für nützlich befunden. Es müßte ja in Rönne mit Rücksicht auf die anderen Orte ausverkauft sein, sagte er (die »anderen Orte« waren die Ortschaften Hasle, Allinge, Svaneke und Nexö – wir hatten auf den Ort Aakirkeby verzichtet): »Und, meine Herren, die Verhältnisse sind ja bescheiden ...« Wir fanden uns im Kleinen Saal ein: er faßte hundert Personen. Und wir ließen beim Buchhändler nachfragen, ob er meine, es herrsche »Gute Laune«. Er meinte es. Im übrigen seien aber noch »viele Karten übrig«. Die Wahrheit war, daß zwölf Stück verkauft waren. Im Laufe des Nachmittags schmeichelte sich der Tanzlehrer bei den Eltern seiner Schüler ein: er schickte ihnen auf Wunsch der Truppe klugerweise nach großzügigem Ermessen Freikarten. Abends sahen wir, daß er ja nicht gerade mit den Schönsten der Schönen tanzte. Der Tenor, der am Schlüsselloch des Künstlerzimmers verweilte, erklärte, wir müßten das Programm ändern. Er wünsche nicht, am Schluß des Konzertes aufzutreten. Im übrigen hegten wir leise Hoffnung: an der Kasse herrschte Gedränge. Wir wußten noch nicht, daß an den Kassen auf Bornholm immer Gedränge herrschte. Dies hängt mit der Langsamkeit der Leute zusammen, die Geldstücke aus der Tasche zu kramen. Sie kaufen an der Kasse wie beim Krämer, wo sie sich Baumwollsachen ansehen. Zuerst fragen sie nach dem Preis. Sie erhalten Auskunft. Dann denken sie grübelnd eine Weile nach, bis sie sich entfernen. Man meint, sie hätten den Gedanken an das Vergnügen aufgegeben, aber sie entfernen sich nur, um in einem Winkel sorgsam ihr Geld hervorzuholen. Während dies vor sich geht, ist der Platz vor der Kasse leer. Die anderen Unterhaltungssuchenden warten ruhig auf den, der zuerst gekommen war. Wenn dieser erste endlich bezahlt hat – die Bornholmer haben eine eigene liebevoll-zögernde Art, wie sie von jeder einzelnen Münze Abschied nehmen – fragt er den Kartenverkäufer nach dem Programm. Dies tut er ausführlich, als müßte er es auswendig lernen. Gedruckt hat er es, wie sich später erweist, in der Tasche. Endlich entfernt er sich. Der Nächste ist an der Reihe. Das Konzert war auf ½ 8 Uhr angesetzt. Wir begannen ¼ nach 8. Der Tenor begann mit »donna e mobile«. donna e mobile: Richtig: »La donna è mobile«: Gesang des Herzogs von Mantua in Giuseppe Verdis Oper »Rigoletto« (1851). Im geänderten Programm schloß die Pianistin mit einem Walzer von Chopin. Der Tenor war, in viele Tücher gehüllt, bereits nach Hause gegangen. Als die übrige Truppe im Hotel ankam, sollte das Hausmädchen uns freundlichst von unserem Kunstbruder grüßen: Er hatte seine Rechnung bezahlt und war mit dem Dampfschiff abgereist. Er hatte seinen Handkoffer gepackt und war nach Hause zu seinen Töpfen gefahren. Die übrige Truppe wollte weitermachen. Ihre nächste Station war Hasle. Bornholmer Nachschub an Kunst erfolgt mit dem Landauer. Landauer: Viersitzige Kutsche, deren Verdeck zurückgeschlagen werden kann. Gemütlich fährt man von Flecken zu Flecken. Die Truppe konnte nun ohne weiteres im Wagen untergebracht werden: Der Impresario war »im Hinblick auf die dürftigen Verhältnisse« in Rönne zurückgeblieben. In den Ortschaften konnte der Kartenverkauf sehr gut von unserem Kutscher namens Andreas bewältigt werden. Wir kamen am frühen Nachmittag in Hasle an. Ich fragte in dem sehr ländlichen Gasthof nach dem Buchhändler. Ich erfuhr nie, ob es einen gab. Aber unser Geschäftsführer war ein Schuhmacher. »Er hat den Saal«, der eine Art Betstube war. Wir suchten den Schuhmacher auf, der ein trefflicher Mann war. Wir fragten nach den Aussichten. Ja, er wisse ja nicht, Hasle sei ein schwieriger Ort. Aber nun habe er ja trommeln lassen – gestern. Wir meinten, dies sollte vielleicht auch heute geschehen. Daran hatte er auch gedacht: »Denn die Ausgaben waren ja hoch. Vier Kronen nur für den Saal – mit Beleuchtung.« Die Beleuchtung bestand aus vier trüben Lampen, die an einem eisernen Draht aufgehängt waren. Wir fragten, ob wir möglicherweise den Saal sehen könnten. Ja, das könnten wir ohne weiteres. Aber er, der Schuhmacher, sei nur der Disponent (es hieß Disponent) über den Saal, den Schlüssel jedoch habe der Kassierer. So machten wir uns auf, den Kassierer zu fragen. Die Wanderung ging durch die ganze Stadt. Als wir ihn getroffen hatten, bekamen wir den Schlüssel, und er sagte: »Ja, das Schlimmste wäre ja, daß wir wohl ein Klavier brauchten?« Ja, das brauchten wir wirklich, da das halbe Programm aus Klaviermusik bestand. – Ja-a, der Kassierer hätte sich das fast denken können, und das Schlimmste war, es war kein Klavier da. Langsam sahen wir ein, daß es mit gewissen Schwierigkeiten verbunden war, in Hasle ein Konzert zu geben. Aber, meinte der Kassierer – denn alle Leute seien sehr hilfsbereit – wir könnten vielleicht eines ausleihen; denn bei Kaufmann So und So stand ein Klavier. Die Truppe beschloß, sich zu Kaufmann So und So zu begeben. Und die Frau des Kaufmanns war sehr wohlwollend: das Klavier könnten wir herzlich gerne haben, aber das Schlimmste sei, daß es seit vielen Jahren nicht mehr gestimmt worden sei. Denn es sei doch schwierig, hier nach Hasle einen Klavierstimmer zu bekommen. Damit hatten wir fast gerechnet. Die Pianistin wollte es ungestimmt spielen. Wir gingen nach Hause. Unterwegs fielen wir einer Kunstliebhaberin in die Hände. Sie behauptete, sie »habe mich vor zehn Jahren bei einer Familie getroffen«, und sie war über meine Ankunft voll von Begeisterung. Acht Tage hatte sie von nichts anderem als unserem Konzert erzählt, an nichts anderes gedacht. – Und nun – denken Sie nur – konnte sie nicht kommen, konnte niemand kommen. Es war Dienstag, und dienstags hatten sie gerade – denken Sie nur – Nähvereinsabend. Ich beklagte diese Tatsache natürlich und fragte, ob der Verein viele Mitglieder habe. »Die ganze Stadt«, sagte die Kunstliebhaberin. Ich sah in aller Stille ein, daß Hasle zu den Plätzen gehörte, wo die Gesellschaft aus Gründen der Sparsamkeit sich sozusagen darauf beschränkt, zu künstlerischen Begebenheiten Vorposten auszusenden. Man sendet zwei, drei, vier Späher aus, um beim Fest dabei zu sein und in den Familien Bericht zu erstatten. Und vierzehn Tage lang erzählt man dann von der Festivität, als ob man sie persönlich mit seiner Anwesenheit beehrt hätte. Der Kunstliebhaberin, die die Frau eines Beamten war, stellte ich zwei Freikarten aus. Der Schuhmacher wartete im Hotel. Er fragte, wie es gehe. Wir antworteten, es gehe den Erwartungen entsprechend. Der Disponent hoffte dies und fragte, ob wir die Trommel gehört hätten. Sie sei geschlagen worden. Und im übrigen vertraute der Schuhmacher auf seine Gesinnungsgenossen. Sie fänden sich schon ein. Um 8 Uhr saß der Kutscher Andreas allein in der leeren Betstube vor einem Teller, in dem er die Münzen des Publikums von Hasle zu sammeln gedachte. Er saß lange ungestört. Nach und nach tröpfelten doch einige scheue Mannspersonen ein und setzten sich auf eine Bank an der Tür. Ich begriff, daß es die Gesinnungsgenossen des Schuhmachers waren. Er hatte nicht viele. Die »Gesellschaft« ließ sich von der Kunstliebhaberin und dem Stellvertreter des Schultheißen, der seine Freikarte aufgrund seines Amtes hatte, vertreten. Wir schüttelten den Staub von unseren Füßen und überließen Hasle das Gerede über uns. Unsere nächste Station war Allinge. Wir kamen an, als der Trommler gerade seine Schlegel rührte. Er gab das Herman-Bang-Konzert bekannt, worauf ein Trommelwirbel folgte. Dann begann der Mann von vorne, und wir ließen den Wagen anhalten, um zuzuhören. Es wurde bekanntgegeben, daß Anders Olsens Witwe heute abend frische Fleischwürste feilbiete. Die Witwe dachte sich möglicherweise, daß ihre Fleischwürste sich gut verkaufen ließen, wenn die Leute von Allinge nun schon einmal auf den Socken waren. Die Vorstellung fand im Hotel statt. Die Künstler warteten auf ihrem Zimmer. Kutscher Andreas, der wieder vor seinem Teller saß, wanderte unaufhörlich zum Fenster. Er lehnte sich hinaus, als wollte er sich auf das Kopfsteinpflaster hinabstürzen. Ich fragte, ob er nicht so freundlich sein könne, sich bei seinem Teller ruhig zu verhalten. Er antwortete, er winke seine Bekannten herauf. Er behauptete, er habe schon sieben hochgewunken. Und die Frau des Gastgebers, die so aufgeregt war, als wäre sie es selbst, die das aufgestellte Klavier betätigen müßte – auch dies war nicht gerade gestern neu gestimmt worden – ging hin und zurück und sagte: »Ja, lassen Sie Andreas – Andreas macht es gut genug – Andreas ist ja hier in Allinge aufgewachsen.« Andreas winkte weiter am Fenster. Ein bißchen half dies. Die Einnahmen in Allinge betrugen 27 Kronen. Nach dem Konzert stellte sich mir eine zierliche Dame vor. Sie war etwa fünfzig mit Korkenzieherlocken auf dem ganzen Kopf und war mit einer grauen Jerseyjacke und einem roten Gürtel bekleidet. Das schwarze Kleid war sehr kurz und ließ ein paar zierliche Füße in Ziegenleder gehüllt sehen. Sie stellte sich als Frau Nielsen vor und dankte mir unter vielen Tränen. Ich erfuhr, daß die Dame eine Konkurrentin unseres Impresarios war – sie gab Tanzunterricht. Ich hatte »Die Tänzerin Irene Holm« Irene Holm: Erzählung von Herman Bang, veröffentlicht in: Under åget – Noveller, Kopenhagen: Schubothe, 1890. gelesen. Wir reisten nach Svaneke weiter. Wir waren einer kunstliebenden Familie empfohlen worden, deren Oberhaupt im Konzert ein Violinsolo spielen sollte. Wir trafen die Familie stark mit den Vorbereitungen zu einem vaterländischen Fest Vaterländisches Fest: Unklare Anspielung. Vielleicht ein Fest, das Geldmittel für die Befestigung der Grenze Dänemarks gegen Deutschland in Schleswig einbringen soll. Die Dekorationen werden später verlost. [Mitteilung von Sten Rasmussen]. beschäftigt. Das Familienoberhaupt entwarf Dekorationen, die sechs Töchter jeden Alters mit Farbkästen ausführten. Es gab keine Stelle, die nicht von farbenreichen, vaterländischen Symbolen überquoll. Auf den Ehebetten – die Türen standen bei so viel Geschäftigkeit offen – weilte der Genius Dänemarks Genius Dänemarks: Es ist unklar, was Bang genau meinte. Nur das Symbol dänischen Geistes? Oder dachte Bang an die Königin Thyra Danebod (Frau des Königs Gorm den Gamle), die das Festungswerk Dannevirke in Schleswig im 10. Jahrhundert bauen ließ? [Mitteilung von Sten Rasmussen]. in Lebensgröße. Er war knallrot gekleidet und sah aus, als ob er blutete. Die Dame des Hauses bot uns mitten unter den Vorbereitungen eine Erfrischung an. Sie erklärte, die Dekorationen seien ja nicht nutzlos. Zuerst schmückten sie den Basar: »Und die Leute hier in Svaneke«, sagte sie, »möchten ja etwas für das Auge haben.« Und dann würden sie verlost: »Es bedeutet doch immer etwas, so was an der Wand zu haben«, sagte sie. Das Familienoberhaupt verließ das Dekorative und ging zur nächsten Kunstgattung über: er wollte sein Solo proben. Die Frau äußerte dem Besuch gegenüber ihre Befürchtung. Das Nationalfest, das komme nun gleich. Und die Leute hätten nicht Geld für alles Mögliche. Und es sei so viel los in Svaneke. Auf einem Straßenplakat hatte ich gerade gelesen, daß Professor Epstein junior mit seiner »rätselhaften Magie« an Neujahr aufgetreten sei – jetzt hatten wir Mai. Aber was die Töchter anbelangte, hegte ich sichere Hoffnung. Die Töchter – alle diese jungen Damen hatten nun Tarlatanshüte Tarlatan: durchsichtiger Baumwoll- oder Zellwollstoff, meist für Faschingskostüme aufgezogen – vertrauten gewiß auf ihre Freundinnen. Und sie hatten viele Freundinnen. Ich fragte, ob man einigen von ihnen mit Freikarten dienen könne. Man sagte nicht nein. Wir gingen zur Violinsolo-Probe. Der Festsaal des Hotels war mit Tannengirlanden und Dannebrogsflaggen sowie der Büste Seiner Majestät König Christian des IX. geschmückt. Die Besitzerin des Hotels bat mich, die Zahl der numerierten Plätze zu vermindern. Die Leute in Svaneke nahmen am liebsten die nichtnumerierten. Das Konzert begann mit dem Violinsolo. Die halbe Stadt war vor den Fenstern des Saales versammelt. Dies störte etwas, weil der Schultheiß dauernd einen lärmigen Polizisten hinausschickte, um die Scharen in Ordnung zu halten – was ziemlich störend war. Außerdem redeten diese draußen Stehenden mit, und sie waren unleidlich, wenn sie nichts verstehen konnten. Und »Gravesens Ball« ist ein langes Stück, wenn man darauf beschränkt ist, nur das Mimische verfolgen zu können. Im übrigen war das Konzert gut gelungen und das Defizit bedeutend. Nexö war unsere letzte Station. Unser Impresario, der sich wegen seiner Tanzübung in der Stadt aufhielt, erklärte, es würde voll. Er hatte sich bei den Eltern umgehört. Es wurde voll – mit Leuten in festlichen Gewändern und Damen mit Konzerthüten. Die Stadt liegt wohl zwei Meilen Meile: 1 dänische Meile entspricht 7 532 m. von Svaneke, und es war, als ob man in eine ganz andere Welt gekommen wäre. Die Leute saßen auf numerierten Plätzen und waren in Konzertlaune. Die Feuerwehr befand sich im Hof, und ich fragte, ob es hier Brauch sei, daß bei Festlichkeiten der ganze Zug ausrücke. Der Leiter sagte mir, dies diene dazu, die Jungen im Zaum zu halten. Sie waren so frech, kostenlos zusehen zu wollen. Deshalb hielten die Feuerwehrleute Wacht an den Treppen. Das Konzert begann mit einem Stück von Chopin, das plötzlich von einem Hund unterbrochen wurde. Das Publikum wurde ungehalten und jagte den Hund durch alle Reihen. Es hörte sich wie der Lärm einer ganzen Meute an. Oben in einer Öffnung in der Decke erschienen sechs Frauengesichter. Es war die weibliche Bedienung des Hotels, die dem Konzert auf dem Speicher beiwohnte. Nach und nach wurden jedoch diese Damen der Unterhaltung müde und begannen, sehr laut zu sprechen. Es waren einige Schwedinnen darunter, und ihre Unterhaltung war sehr schrill. Sie musterten das ganze versammelte Publikum kritisch. Es entstand große Unruhe, und ein Herr lief durch den Saal. Es war der Stellvertreter des Schultheißen, der auf Weisung die Deckenöffnung im Namen des Gesetzes frei machen sollte. Man hörte lautes Geheule (die Unterhaltung hatte inzwischen aufgehört) und allgemeine Flucht mit vielen Schleppen über der Decke. Dann kam der Stellvertreter wieder zurück. Wir fuhren fort ...   Im letzten Augenblick beschlossen wir, es noch einmal in Rönne zu versuchen. Wir wußten ja, daß man auch nach einem Konzert noch das Dampfschiff erreichen konnte. Wir nahmen den Großen Saal des »Dannebrog« und suchten Unterstützung bei einem Männerquartett, dessen Honorar zehn Kronen betrug – im voraus zu bezahlen. Nachdem das Männerquartett bis gegen 8 Uhr Bier getrunken hatte, fragte ihr Leiter, ob sie vielleicht anfangen könnten. »Denn wir müssen noch aufs Dampfschiff.« Ich meinte, es gäbe nichts, worauf man noch warten müßte. Im Saal saßen siebzehn Mann und Kutscher Andreas. Das Quartett begann mit Bellmann. Bellmann: Carl Michael Bellmann (1740-1795) schwedischer Dichter und Komponist. Seine Lieder (»Fredmans sånger« [1791]) waren seinerzeit in ganz Skandinavien Volksgut. Die junge Pianistin, die mit des Schicksals Launen nicht so vertraut war, weinte, hinter einem alten Vorhang versteckt. Ich unterhielt mich mit dem Platzanweiser. Er erzählte, wie voll es in Rönne war, wenn eine Dilettantenkomödie gespielt wurde: »Denn sie sind ja tüchtig«, sagte der Mann, »sie haben ja Übung. Sie spielen ja alle vierzehn Tage.« Ich stand und zählte die Kronen wie ein Küster seine Pfingstkollekte: sie war mager, sehr mager. »Über der Bühne steht: ›Nicht nur zur Freude‹«, erzählte der Platzanweiser. Ich hatte davon gehört. Es regneten noch ein paar Fünfzig-Öre-Stücke durch die Öffnung. Der Platzanweiser und ich rechneten und packten zusammen. »Ja, das ist ja ein Verlust«, sagte der Platzanweiser. »Das ist es«, sagte ich. Das Männerquartett war fertig. Die Pianistin begann mit Chopin ... So ging auch dieser Abend zu Ende. Wir gingen hungrig an Bord. Die Reisekasse gestattete keine Ausgaben, die zu vermeiden waren. Die ganze Schifflände war proppenvoll von Menschen. Sie wollten die Künstler sehen. Wir waren auf Kunstreise auf Bornholm gewesen. »Einakter« Ich erhebe eigentlich nicht die Forderung, dramatischer Verfasser genannt zu werden. Aber trotzdem habe ich eine Reihe von Schauspielen geschrieben. Sie bestehen alle aus einem Akt. Alle wurden wahrscheinlich zugleich von Theaterdirektoren aufgeführt, die Rücksicht auf die anderen literarischen Verdienste des Verfassers genommen haben. Mein erstes Schauspiel war »Du und Ich«. Frits Holst Frits Holst (1834-1909): Offizier und Schriftsteller. Schrieb seit 1863 hauptsächlich Lustspiele und Dramen für das »Folketeatret«, dessen bedeutendster Autor und auch Übersetzer er war. fand es nicht schlechter als andere kurzatmige Kleinkomödien, womit zwanzigjährige Personen debütieren, und Robert Watt Robert Watt (1837-1894): Schriftsteller und Theaterdirektor. Übersetzer E. A. Poes und Mark Twains. Auslandskorrespondent des »Dagbladet« in Paris. Seit 1876 Direktor des »Folketeatret«, das er 1884 verließ, um von 1886 bis zu seinem Tod Direktor des Tivoli zu werden. nahm es wohlwollendst an. Severin Abrahams Severin Abrahams (1843-1900): Theaterdirektor. Seit 1871 einer der populärsten Kopenhagener Schauspieler am »Folketeatret«, Schüler von F. L. Høedt.. Seit 1884 Direktor des »Folketeatret« bis 1900. nahm sich des Proverbe-Barons Proverbe-Baron: Ironische Selbstbezeichnung Herman Bangs. Ein Proverbe ist ein kurzes Lustspiel in einem Akt, dessen Grundgedanke sehr oft auf einem Sprichwort beruht. an, und Betty Borchsenius Betty Borchsenius (1850-1890): Seit 1869 Schauspielerin am »Folketeatret«, wo sie sich zu einer der beliebtesten und berühmtesten Schauspielerinnen Skandinavien entwickelte. Hauptrolle als »Kindfrau«. Erkrankte 1884 psychisch so schwer, daß sie ihren Beruf aufgeben mußte. war das junge Mädchen.   Nach der Generalprobe, bei der ich anwesend war, ließen mich die Schauspieler holen. Es wurde ein Kriegsrat einberufen, denn das Ergebnis der Probe war, daß das Stück umgearbeitet werden mußte. Es sollte am nächsten Abend aufgeführt werden, so daß nur die Rede davon sein konnte, den Schluß umzuarbeiten. Wir begannen, unter Betty Borchsenius' Leitung den Schluß umzuarbeiten. Wir fertigten sechzehn »Schlüsse« und klebten sie in Robert Watts Soufflierbuch ein – den einen über den anderen. Das Soufflierbuch wurde so dick wie bei einem Dreiakter. Wir fragten Frits Holst um Rat, der meinte, der eine Schluß sei sicherlich genau so gut wie der andere. Wir berieten zwei Stunden lang, bis keiner der Schauspieler mehr wußte, woran er war, und die Verwirrung vollständig war. Zuletzt sagte Betty Borchsenius: »Ich muß auf jeden Fall die letzte Replik so vortragen, daß sie die Leute mitreißt.« Aber was sie eigentlich sagen sollte, wußte niemand so richtig, weder sie noch ich. Am nächsten Morgen schlich ich mich bei Tagesgrauen auf die Straße hinaus. Ich wollte die Plakate lesen. Das erste, das ich erblickte, war an der Ecke Nygade. Ja, da war es. Was für große Buchstaben, aber schön war es anzusehen. Bis heute glaube ich nicht, daß ich etwas so fett gedruckt gesehen habe wie das »Du« und das »Ich«. Ich ging weiter zur nächsten Ecke und wieder weiter zur nächsten. Ich ging durch die ganze Stadt. In der Bredgade traf ich auf den Plakatekleber mit seinem Eimer. Ich folgte ihm bis hinaus zur »Grønningen« und starrte jedes Plakat an, das er anklebte, als wollte ich die Klebefähigkeit des Kleisters studieren. Als ich nach Hause zurückging, kam ein Junge die Bredgade herunter. Plötzlich ging er hin und riß eines der Plakate ab – meiner Plakate: ich hätte ihn am liebsten auf der Stelle zusammengeschlagen. Am Abend war ich in der Nørregade, als der Platzanweiser die Leiter anlegte, um die Eingangsleuchten anzuzünden. Damals gab es noch kein Glasdach und zwei Türen, wo man wegen der Brandgefahr und all der Herrlichkeit ganz durcheinander kommt – es gab nur den einen alten und niedrigen Eingang, der in Langes Hans Wilhelm Lange (1815-1873): Schauspieler und Theaterdirektor. 1845 Leiter des Theaters in Odense, gründete 1848 das erster Kopenhagener Privattheater im Kasino, 1857 das »Folketeatret« in der Nørregade 39, das er bis zu seinem Tode leitete. Theater und mein Debut führte. Ich schlich mich auf den obersten Rang hinauf. Die Platzanweiser standen noch nicht einmal an den Türen. Aber oben auf den letzten Bänken, wo ich mich zu verstecken gedachte, hausten einige Jungen, die wie Söhne von Garderobieren aussahen. Im Parkett war es dunkel. Endlich wurde es hell, und der Platzanweiser erschien in seiner Tür, um zu kontrollieren. Mir schien, als sähe er unaufhörlich auf mich, und ich rutschte weiter und weiter in die Ecke: ich hatte ja keine Karte. Aber der Mann war mißtrauisch geworden und kehrte dauernd zu seiner Tür zurück. Ich sah wohl auch so eingeschüchtert aus, als wäre ich ein blinder Passagier. Ich rückte weiter ganz hinauf zur Wand. Der Mann an der Tür ließ keinen Blick von mir. Zuletzt kam er zu mir her und fragte, was für eine Karte ich hätte. Ich sagte nur: »Ich habe keine Karte.« Daraufhin äußerte der Mann den Wunsch, ich solle doch vielleicht gehen. Ich war so eingeschüchtert, daß ich aussah, als wäre ich sittlich völlig verkommen. Ich schlich mich hinunter in eine Loge hinein, wo ich mich hinter einer Säule versteckte. Aber die Platzanweiser waren nun einmal auf der Jagd nach mir. Sie wußten nicht, wer die kleine Person war, und der Logenanweiser kam her und schlug mir auf die Schulter: »Ob der Herr vielleicht seine Karte zeigen könnte?« Ich gab keine Erklärung ab und mußte wieder hinaus. Es blieb nun nur noch der Vorraum übrig. Dort stand ich. Platz war genügend – es waren, schien es, nicht so viele, die zur Premiere wollten. Dann begann das Orchester zu spielen. Ich ging mit einem der Verwandten des Direktors ins Parkett. Dort saß ich im Dunkeln und sah voller Angst mein erstes Stück. Ein paar Tage später wanderte ich hinauf zu Professor Høedt. Er nahm mich freundlich auf und sagte, während er mir auf die Schulter schlug: »Nun, Ihr Stück habe ich gesehen. Ich hatte ja schon gelesen, daß es ein ziemlicher Schund war – – aber daß es so ein Schund war, hätte ich nie geglaubt.« Der Professor schüttelte sein Haupt und sah aus, als mäße er einen wahren Abgrund direktoraler Leichtfertigkeit: »Ja«, sagte er, »daß überhaupt irgendein Direktor so ein Stück aufführen wollte.« Dann versprach er, für mein nächstes Schauspiel die Regie zu führen. Es hieß »Alltagskämpfe«, war bereits an das Theater abgeliefert und dort angenommen worden. »Das ist ja um einiges besser«, sagte er. »Alltagskämpfe« sollte im Frühjahr gespielt werden. Høedt hielt sein Versprechen. »Aber lassen Sie ihn zuerst selbst«, sagte Høedt: »So ein Kritiker muß sich im Praktischen versuchen.« Der Professor bestand darauf, daß ich die ersten Proben leiten sollte. »Denn Sie haben doch Ihre Inszenierung ausgearbeitet?« fragte Høedt. »Ja«, sagte ich, der keinen Hauch von Inszenierung hatte und nicht die leiseste Ahnung, wie eine Inszenierung überhaupt zu machen sei. »Doch, ich habe es«, sagte ich, und das Herz schlug mir bis zum Halse. »Nun dann, fangen Sie an«, schloß Høedt, »und ich komme, wenn alles so weit ist.« Das wurde eine schöne Posse, mein »Anfang«. Da stand ich eines schönen Tages mit meinem Stück neben dem Souffleurkasten und kommandierte nach rechts und nach links und nach links und nach rechts und verwechselte Türen mit Fenstern und Fenster mit Türen und nach links für die Spieler und nach rechts für die Zuschauer – völlig durcheinander von meinem eigenen Stück, das zu leben beginnen sollte. Die Schauspieler gingen nach rechts, die Schauspieler gingen nach links. Sie beugten sich aus dem Fenster hinaus, wo ich im ersten Akt eine Tür angebracht hatte, und sie öffneten Türen, wo ich ein Fenster vorgesehen hatte. Sie gehorchten mir blind; sie waren halb tot vor Lachen. Mitten in der Probe erschien der Professor. Er sagte mild: er wolle sehen, wie es gehe. Und er fügte hinzu, ich solle mich nicht in meiner Arbeit (er sprach das Wort »Arbeit« mit einer ganz leicht ironischen Betonung aus) stören lassen. Er hatte seine altbekannten Überschuhe an und setzte sich auf die erste Bank. Dort blieb er sitzen, bis die Inszenierung fertig war. Dann war die Niederlage vollständig. Es gab keinen einzigen Menschen mehr, der gewußt hätte, wo irgend jemand gehen oder stehen sollte. Høedt blieb noch einen Augenblick sitzen. Dann räusperte er sich und streifte die Überschuhe ab: »Ja, so sollten wir noch einmal von vorne anfangen«, sagte er, »denn das war ja nicht so gut.« Der Ton war mild und freundlich, die Wirkung nichts desto weniger durchschlagend: Der Spielleiter war am Boden zerstört. Der Professor begann, dem Verfasser zu helfen. Warum aber half er nicht auch ihm? Wenn in allen diesen Jahren »Alltagskämpfe« mir das eine oder andere Mal in die Hände fielen, verglich ich immer mit dem gleichen Erstaunen dieses dürftige und recht geschraubte Stück Komödie, das im Buch abgedruckt ist, mit dem schönen Miniaturschauspiel, das Høedt aus einem solchen Libretto erschaffen hatte. Wie viele Gefühlsfeinheiten hatte er nicht aus den kargen Wörtern herausgelesen, wie viele Stimmungen hatte er nicht geschaffen, wie viele Wirkungen hatte er aus den dürftigen Auftritten hervorgezaubert! Aber welche Arbeit war das nicht auch. Für diesen Regisseur war alles wichtig: die Dekoration, jedes einzelne Möbelstück, die Tracht des Schauspielers, die Beleuchtung. Eine Stunde, mehr als eine Stunde, brauchte er bloß für die Probe des Beleuchters, um das Zwielicht zu finden, das er haben wollte. Und all dies, so vielfältig, so sorgfältig dies war, war für ihn nur die vorbereitende Arbeit; erst dann begann die des Regisseurs. Und indem er das Gedicht, das das Libretto in seinem Kopf erschaffen hatte, verfolgte – ein Gedicht, voll von Licht und Schatten, Innerlichkeit und Seele, Ausdruck von Freude und Leiden, einander überschattend oder überstrahlend –, ging er hin, um seine Dichtung mit Hilfe des Schauspielers, seines Werkzeugs, Wirklichkeit werden zu lassen. Er fügte so sicher, wie der Spieler sein Instrument stimmt, jeden ihrer Töne in den Chor der Menschenstimmen ein, als ob die Dialoge des Stückes in seinem Denken entstanden wären. Er folgte jeder ihrer Replik auf dem Fuß, um sie mit seinem Gefühlsreichtum zu bereichern, der den einfachsten Satz wie Lichter in den gegensätzlichsten Farben erscheinen ließ. Er kümmerte sich um das Große wie um das Kleine. Herr Abrahams sollte an einer Stelle hereinkommen und seinen Hut ablegen. Herr Abrahams tat dies mit einem etwas ellenbogenhaften Selbstgefühl ... . Høedt wird auf seinem Platz unruhig und sagt dann: »Darf ich fragen, was das für ein Hut ist, den Sie gerade abgelegt haben?« Herr Abrahams hatte sich einen Strohhut zugelegt, da es Sommerferien auf dem Land waren. »Ich auch«, antwortet Høedt und räuspert sich: »Ja, würden Sie vielleicht noch einmal hinausgehen und den Strohhut noch einmal ablegen?« Herr Abrahams geht wieder hinaus und plaziert wieder den Hut. »Noch einmal!«, sagt Høedt nur: »Sie legen ihn hin, als ob es ein schön gebürsteter Hut aus Seide wäre.« Und Herr Abrahams, dessen Kunst der Professor außerordentlich schätzte, muß erneut plazieren – und wieder, fast zwanzig Minuten lang. Die Proben zogen sich ins Unendliche. Jeden Tag kam Høedt und sagte, heute wolle er nur eine Stunde bleiben. Und nach der ersten Viertelstunde waren seine Überschuhe ausgezogen, und waren erst die Überschuhe weg, kam man nie mehr nach Hause. Eines Tages wurde es ½5 Uhr, und der Seelenzustand der Schauspieler – sie mußten ja abends spielen – war nicht gerade Geduld. Etwas zu sagen wagte jedoch keiner; und Høedt machte keinerlei Anstalten zum Aufbruch. Frau Luise Holst beginnt andeuten, sie sei nicht besonders in Form. Høedt tut lange so, als merkte er es nicht. Zum Schluß sagt er: »Fühlen Sie sich nicht wohl?« Frau Holst antwortet: »Ehrlich gesagt bin ich hungrig, Herr Professor.« Høedt sieht sie schräg an. »So?« »Ach, Herr G.«, wendet er sich an den Regisseur, »lassen Sie für Frau Holst etwas zum Essen holen.« »Wir anderen«, fügt er sehr trocken an, »essen, wenn wir nach Hause kommen.« Frau Holst ließ sich kein Essen holen, und die Probe dauerte noch ein paar Viertelstunden. Als wir durch die Nørregade nach Hause gingen, war Høedt immer besonders munter. Das Fluidum der Probe hatte alle seine Lebensgeister geweckt: »Hm, Hm«, sagte er und räusperte sich, »ob wir nicht doch noch ein Stück daraus herauskriegen?« Einen Streit hatte ich mit dem Professor. Ansonsten fügte ich mich, was selbstverständlich war. Der Streit ging um folgendes: In meinem Stück sollte vierhändig gespielt werden. Nebenbei sei gesagt, daß überhaupt in meinen Kleinstücken viel gespielt wurde. In »Du und Ich« war es Federball. In »Alltagskämpfe« war es Krocket (Rasen-Tennis kannte ich noch nicht) und vierhändiges Klavier. Diese schlauen, dramatischen Einfälle waren mein jugendlicher und heimlicher Stolz. Das Stück begann mit der Ouvertüre zu Don Juan, und ich wünschte zwanzig Takte. Høedt war verzweifelt. »Man lacht«, sagte er, »zwanzig Takte – man lacht – wissen Sie, wie lange dies dauert? Die Leute sollen doch nicht ins Konzert«. Er ließ für mich die zwanzig Takte spielen. Er hörte selbst zu, und an einer bestimmten Stelle sagte er: »So, hier muß es zu Ende sein.« Und er drehte sich zu mir – aber ich beharrte auf den zwanzig Takten. »Nun«, sagte Høedt leicht beleidigt, »laß ihn nur sehen.« Die Proben gingen ihren Gang. Der Himmel weiß, wieviele es waren. Sicher ist, Høedt schonte sich nicht ... . So formt der Bildhauer toten Lehm zu Leben, wie er das Stück in ein Schauspiel formte – es war das letzte Mal, daß er sein ganzes Genie zeigte. Der Abend nahte. Es war Louise Holsts Wohltätigkeitskonzert. Das Haus war ausverkauft und voll munteren Lärmens. Das Orchester hatte zu spielen begonnen. Høedt und ich standen beide hinter dem Vorhang. Dann kam der Professor zu mir und legte seine Hand auf meine Schulter: »Ja«, sagte er, »nun habe ich versucht, etwas von meiner Schuld zurückzubezahlen ... Sie müssen nämlich wissen, daß ich eigentlich Ihrem alten Großvater Großvater väterlicherseits von Herman Bang: Oluf Bang. Siehe »Wie ich Schriftsteller wurde« mein Leben verdanke. Die Hebamme und alle anderen glaubten, ich wäre tot, so wenig Leben war in mir, als ich geboren wurde ... Da sprach meine Mutter: ›Schickt nach Bang‹. Und Bang kam und sah mich an – mit seinem raschen Blick – und sagte: ›Steckt den Jungen in kaltes Wasser.‹ Und das taten sie, und daraufhin begann ich, Lebenszeichen von mir zu geben: Ich schrie, als verlöre ich jetzt richtig mein Leben ...« Høedt legte seine Hand etwas fester auf meine Schulter. »Das habe ich nie vergessen«, sagte er, »und ich werde froh sein, wenn ich für Sie ein bißchen was habe tun können.« Er blieb stehen und sah vor sich hin, dann sagte er, wobei er an den Großvater dachte: »Hm, ja. Er war ein ausgezeichneter Mann und ein schrecklicher – Poet.« Mitten in meiner Angst dachte ich: »Steck das ein, Kamerad ...« Und dann ergriff mich plötzlich ein Arm an der Seite und stieß mich heftig auf die Bühne. »Der Vorhang geht auf«, rief er. Er war aufgegangen. Als wir uns der Stelle mit den zwanzig Takten näherten, kam Høedt zu mir hinter die Bühne. Er wollte mich in der Nähe bei dem Vierhändigen haben. Drinnen auf der Szene fragt Frau Holst (etwas unmotiviert übrigens) Frau Borchsenius, ob sie nicht ein wenig vierhändig spielen sollten, und Høedt beginnt sich draußen in der Kulisse zu räuspern. Die beiden Damen nahmen Platz, und Herr X. und Herr Y. beginnen draußen auf der Bühne ein Klavier zu bearbeiten. Im Saal ist es ganz still. Es ist offensichtlich, daß das Publikum es sehr nett findet, zuzusehen, wie sich Louise Holsts und Betty Borchsenius' Finger vierhändig bewegen. Es vergehen vier Takte, es vergehen zwölf Takte. Die Ersten beginnen sich zu räuspern. »So«, sagte Høedt, »nun haben sie genug gesehen.« Er hatte genau mit dem zwölften Takt aufhören wollen. Aber sie spielten jetzt ja weiter – während sich der ganze Saal zu räuspern begann. Nein, der Professor hatte Recht gehabt – nun merkte ich erst, wie lange nur acht Takte währten. Høedt wurde selbst ganz unruhig – und sie spielten, spielten, spielten immer noch. Endlich war das Konzert zu Ende. »Nun«, sagte Høedt, »sie machten sich ja nicht lustig ...« Am nächsten Abend hielten wir uns an die zwölf Takte. Das Stück wurde ein richtiger Erfolg, und es war einer glücklichsten Abende meiner Jugend: Ich hatte ihn mir wirklich zu Recht verdient. »In den vier Wänden« war mein nächstes Drama. Es hat keine Handlung. Es wurde im Kasino Kasino (auch Casino): Siehe »Wie man Redner und ›Vorleser‹ wird«, Anm. 1. aufgeführt. Nach der Generalprobe sagte Theodor Andersen: Theodor Andersen (1835-1909): Schauspieler und Theaterdirektor. Debütierte 1862 im Kasino. Liebhaber- und Charakterrollen. Ab 1869 Direktor des Kasinotheaters. Ließ viele volkstümliche Theaterstücke aus Frankreich aufführen, die das Kasino außerordentlich populär machten. Übernahm 1884-1887 die Leitung des Dagmartheaters, das er zu großem finanziellem Erfolg brachte. »Hören Sie, wäre es nicht besser, wir ließen es bleiben, das Stück zu spielen?« Die meisten Rolleninhaber meinten sicherlich, es sei besser. Ich bat um etwas Bedenkzeit und ging zu den Ladengeschäften hinunter und dachte nach. Meine Überlegungen führten dazu, es sei doch das beste, den Einakter zu spielen. Dabei blieb es: Das Programm kam auf das Plakat vor Offenbachs »Räuber«. Das Schauspiel wurde wieder mit einem der Einfälle, die von allen in den Proben angegriffen wurden, eröffnet, die ich aber nie in Ewigkeit opfern würde: Die Vorhang öffnet sich, und die Bühne bleibt einige Augenblicke leer. Dann tritt Betty Borchsenius gravitätisch ein, einen Blumentopf tragend. Schweigend stellt sie ihn auf den Tisch, schüttelt still ihr Haupt, nimmt den Topf wieder und geht – schweigend. Woraufhin die Bühne erneut leer bleibt. Alle hatten sie mich beschworen, den Blumentopf zu opfern. Betty Borchsenius hatte mich inständig darum gebeten. Ich jedoch hielt am Blumentopf und am Schweigen fest. Die Wirkung blieb nicht aus: es war das hochverehrte Publikum, das munter die Stille brach. »In den vier Wänden« wurde zweimal aufgeführt. So ist es ja mit Stücken, die in den meisten Privattheatern aufgeführt werden: sie erleben keine volle Spielzeit. »Graue Tage« sollte es. Es war zum Königlichen Theater gelangt. Lange lag das kleine Ehedrama dort vor. Das Theater meinte vielleicht, es könnte wegen der schmeichelnden Annahme liegenbleiben. Aber meine Freunde beharrten auf der Aufführung, und eines Tages konnte das Theater nicht mehr anders. Ich glaube, so etwas geht nach einem gewissen Alter. Sicher ist, mit »Graue Tage« dauerte es seine Zeit. Es hatte einige Jahre im Archiv gelegen und wurde nun im Weihnachtsmonat aufgeführt. Die Inszenierung, die ausgezeichnet war, wurde von Herrn William Bloch William Bloch (1845-1926): Regisseur und Schriftsteller. Seine Lust- und Schauspiele wurden zunächst im »Folketeatret«, seit 1872 auch im Königlichen Theater gespielt. Seit 1881 Regisseur des Königlichen Theaters. Ibsen, Björnson und Drachmann sowie in späterer Zeit die Komödien Holbergs waren die Ziele seiner Inszenierungen. besorgt. Es war wiederum das dramatische Drumherum, das Schwierigkeiten verursachte. Im Schauspiel wurde unaufhörlich gegessen – es waren nur drei Personen, das Ehepaar, das speiste, und das Mädchen, das das Essen herein- und heraustrug – und es waren diese Speisen, die die Schwierigkeiten verursachten. Das Stück verlangte eine Melone, und Melonen waren zu dieser Jahreszeit nicht zu bekommen, so daß die königlichen Künstler, die ihre Mahlzeiten haben wollten, durch eine Melone aus Pappe bedroht wurden. Der Regisseur löste die Frage glücklicherweise. Ich wurde zur Probe eingeladen. Oben in einer Loge verborgen sollte ich meinen Einakter sehen. Ich hätte mir nie vorgestellt, daß ein Theater so bedrohlich wirken könnte wie dieser gähnend leere, tote und dunkle Saal. Der Vorhang ging hoch. Die Schauspieler begannen zu essen. Der Regisseur saß hinter mir und machte sich in seinem Notizbuch äußerst gewissenhaft Vermerke. Er fragte – die Schauspieler aßen weiter –, ob ich nicht irgendwelche Anmerkungen zu machen hätte. Ich hatte nicht. Ich sah, daß keinerlei »Bemerkungen« die lahmen Dialoge zum Leben hätten erwecken können. Es fügt sich doch gut, daß man berufsmäßiger Kritiker ist, um auf jeden Fall das kritisieren zu können, was man geschrieben hat. Ich gab mich keinen Illusionen über den Ausgang hin. Am Abend der Vorstellung saßen der Chef und ich in der Spiegelloge. Diese gleicht nichts anderem als einem Käfig. Unter ihm ertönt der Lärm des Publikums wie das Brausen des Meeres. Es ist der Käfig des blanken Schreckens. War das Publikum vor dem Öffnen des Vorhangs sehr laut, wurde es umso leiser danach. Man hörte keinen Laut, bis man zu husten begann. Aber auch hier bewahrte man im übrigen unerschütterlich den Ernst: mein Einakter jedoch hätte komisch wirken sollen. Der Chef saß da, ohne sich zu rühren. Er ist es gewöhnt, mit unbewegtem Gesicht alles auf sich einwirken zu lassen. Das Stück schritt fort, während sich die Erkältungen der ganzen Stadt ungehindert verbreiteten. Die 35 Minuten dauerten lang – unerträglich lange. Endlich fiel der Vorhang. Einige begannen zu klatschen – es gibt ja noch Barmherzigkeit –, so mit den Fingerspitzen. Der Chef drehte sich um und sagte aufmunternd: »Nun, sehen Sie, es geht doch.« Aber im gleichen Augenblick brach im ganzen Haus ein Gezische aus. »Ja«, sagte ich, »es geht doch.« Mein Ton stimmte mit dem des Chefs nicht ganz überein. Er fragte mich freundlich, ob ich die Schauspieler nicht begrüßen wolle. Dies war wohl so eine Sitte, und ich sagte: »Danke.« Dies war das einzige Mal, daß ich auf der Bühne des Königlichen Theaters gestanden bin. Ich weiß jedoch nicht, wie es dort aussieht. Man hat nämlich nur Dunkelheit um sich, wenn man gerade auf der nationalen Bühne ausgezischt wird. Ich sah nur auf einmal die zwei Schauspieler, die ich an die Hand nahm. Ich glaube nicht, daß es mir gelang, irgend etwas Verständliches zu sagen. Die beiden hatten etwas schlaffe Hände, und waren so verwirrt wie ich. Exii . Exii (lat.): Ich bin hinausgegangen. Ich hätte mir von ganzem Herzen gewünscht, daß das Königliche Theater nicht einen einzigen Abonnenten gehabt hätte.   So wurden meine Einakter auf drei Bühnen aufgeführt. Im Dagmartheater Dagmarteatret: Kopenhagener Privattheater, das 1883-1937 in der Nähe des Rathausplatzes stand. Zunächst reines Volkstheater, ab den 1890'ern ernsthafter Konkurrent des Königlichen Theaters. wurde ich nicht aufgeführt. Im Ausland hat man die Einakter selten aufgeführt. Doch wurde vor einigen Jahren in einem nordischen Theater ein kleines Schauspiel aufgeführt, das hier zu Lande in einer Zeitschrift sein stilles Ende fand – ein einziges Mal. Der Inhalt des Stückes beruht auf der Wirkung eines Kusses. Der Liebende soll mit der Kraft dieses Kusses die Geliebte überzeugen. Man wird verstehen, daß die szenische Durchführung schwierig sein kann. Zufälligerweise hielt ich mich während der Proben in der Stadt auf. Wir Teilnehmer waren alle untereinander befreundet, alle wollten nach Kräften am Gelingen des Stückes arbeiten. Wir begriffen alle, daß das psychologische Moment »der Kuß« war. Die Frage war, wie er am wirkungsvollsten gegeben werden sollte. Ich hatte darüber meine ganz bestimmte Vorstellung und übernahm im gegebenen Augenblick hitzig die Rolle. Ich war dieser Ansicht. Der Regisseur war mit mir nicht einer Meinung. Heftig brauste er auf: »Sie müssen doch verstehen«, erregt sprang er vom Parkett auf, »dies muß so sein.« Wir kämpften beide um unsere Auffassung. Die Künstlerin war ganz verwirrt. Wir wiederholten die Stelle. Wir zeigten es wieder. Der Liebhaber bestand darauf, jetzt wolle er – er bekomme ja nie die Erlaubnis, es zu proben. Der Regisseur rief, jetzt müsse eine Entscheidung fallen. Ich meinte, sie müsse »so« fallen. Die Künstlerin bat bloß darum, ihren Hut abnehmen zu dürfen. Wir könnten uns an den Nadeln stechen. Der Regisseur fluchte, daß sich die Kulissen bogen; ich war so außer mir, daß ich wie ein Rohrspatz schimpfte. Der Liebhaber fragte nur resigniert, wie er denn spielen solle, wenn er es nie proben könne. Die Künstlerin war ein Ausbund von Geduld. Zuletzt bat sie nur, sich einen Augenblick hinsetzen zu dürfen: sie war vollständig erschöpft. Wir probten erneut und kamen nie weiter als bis zur Stelle: »Der Kampf begann aufs neue ...«, bis wir alle in Gelächter ausbrachen, als ob wir nicht ganz bei Trost wären. Ich glaube, die Auffassung des Regisseurs siegte. Trotzdem blieb die »Wirkung« aus. Das Stück wurde einmal aufgeführt, wie gesagt. Und die Kritik erklärte, »seinen Sinn nicht verstanden zu haben.« In Stockholm hatte Ludvig Josephson Ludvig Josephson (1832-1899): Schwedischer Dramatiker und Theaterdirektor. 1864 Regisseur an der Dramatiska Scenen. 1873-1877 szenischer Leiter des Theaters in Kristiania (Oslo). 1879-1890 Direktor des Nya Teatern in Stockholm. die »Alltagskämpfe« gespielt. Der Übersetzer hatte das Stück symbolisch »Eine alte Geschichte« genannt. Ich war – als es sich gerade so ergab – bei einer Aufführung im »Nya Teatern« zugegen. Ich muß zugeben, daß ich noch nie ein so leeres Theater gesehen habe. Ludvig Josephson stand hinter dem Vorhang und blickte über seine Sitzreihen. »Ja, ja«, sagte er, »nun ist es ja auch zum neunten Mal, daß es gespielt wird. Wir spielen es immer, wenn wir nichts anderes haben. Das Stück gehörte sozusagen zur Reserve. Angestachelt von der Ausdauer des »Nya Teatern« erwarb »Dramatickan« eine andere meiner kleinen Arbeiten. Man zahlte mir das Honorar und führte das Stück niemals auf. Man hat offensichtlich andere Verfasser als Ersatz bei Erkrankungen gehabt. Mir war das nur angenehm. Die Einakter waren nun einmal für den Export nicht so geeignet. Osvald in Bergen Bergen war als letzte Station meiner langen Reise vorgesehen. Dies war auf den Rat des Impresarios hin geschehen. Er schätzte Bergen besonders. Er sagte: »Herr Strakosch hatte Recht. Bergen ist eine ausgezeichnete Gegend. Die Leute lassen sich begeistern. Sie lassen sich mitreißen. Herr Strakosch hatte wirklich Recht.« Herr Strakosch hatte wirklich bis zu seinem Tod eine große Vorliebe für »die Westlandsstadt«. Er vermittelte dorthin besonders gerne Berühmtheiten, die eines Beginns mit Hurrarufen und Gesängen aus dem Fenster bedurften. Er hatte in Bergen Miss Thursby mit ihrer religiösen Musik an Land gebracht. Im großen und ganzen ist Norwegen für Künstler noch ein fruchtbares Land. Der Telegraf ist willig, und die Sprache klingt kräftig. Das Publikum läßt sich außerdem noch vom Besuch von Weltberühmtheiten schmeicheln, was für Virtuosen das Wichtigste ist. Das Publikum, das sich durch ihren Besuch nicht mehr schmeicheln läßt, haben die Kunstreisenden bereits verloren. In Paris, Berlin und Wien zu konzertieren kostet die Berühmtheiten Zehntausende. Nur London ist unmusikalisch genug, um die selben sechs Stücke zehn Mal im Jahr von verschiedenen Fingern hören zu wollen: in London ziehen die sechs Stücke auf Grund des schlechten Musikgedächtnisses jedes Mal das Interesse an Neuem auf sich. Für mich sollte nun, wie gesagt, Bergen Endstation sein. »Mein Herr«, sagte der Impresario, »wir halten diesen Trumpf zurück: Sie sind der Mann für Bergen. Bergen ist für das Dramatische veranlagt.« Es zeigte sich, daß es dafür allzu sehr veranlagt war. In Norwegen begann ich in Trondheim. Dort erhielt ich ein Telegramm, ob ich in Bergen als Osvald Osvald: Osvald Alving ist in Ibsens »Gespenster« (1881) Sohn von Helene Alving; Kunstmaler, der gerade von Paris nach Hause in Westnorwegen gekommen ist, um dort – an Syphilis leidend – zu sterben. auftreten wolle. Ich weigerte mich. Ich hatte das Gefühl, ich dürfte meine finnischen Siege nicht aufs Spiel setzen. Ich hatte nämlich in Finnland den vollen Sieg errungen, was zu erwähnen ich mir hier gestatte, weil diese Berichte ja eigentlich mehr von vielen Mißgeschicken als von gütigen Fügungen handeln, obwohl ich doch auch das eine oder andere Mal mir so etwas Ähnliches wie einen Sieg errungen habe. In Helsinki kam nach der Vorstellung einer der bekanntestesten Ärzte Finnlands auf die Bühne. Er begrüßte mich und sagte: »Ich hätte nie gedacht, daß ich je ein solches Stück Pathologie in Kunstform auf der Bühne zu sehen bekäme. Es war bis in die kleinste Kleinigkeit überzeugend. Aber dies oft zu wiederholen, können Sie nicht aushalten.« Ich meinte selbst, der Mann hatte Recht, und ich blieb dabei, Nein zu Bergen zu sagen. Die Theaterleitung war hartnäckiger als ich; schließlich wurde beschlossen, daß ich spielen sollte. Ich reiste in Bergen an, und ich kam zur ersten Probe. Ich hatte nur darin eingewilligt, den letzten Akt zu spielen. Die Probe beginnt. Ich komme nach dem Brand des Asyls hinein, erschöpft und verstört lehnt sich Osvald gegen die Wand. Plötzlich sehe ich Frau Alving Alving: Helene Alving ist in Ibsens »Gespenster« (1881) eine der Hauptfiguren, Witwe des Kapitäns und Kammerherren Alving. Sie stiftet ein Asyl, um Osvald zu enterben. Das Asyl brennt ab. hinter die Kulissen stürzen und mit einem Glas Wasser zurückkommen, das sie mir reicht. Ich sehe etwas verdutzt auf die Dame und sage: »Ja, danke ... aber?« Worauf sie völlig verwirrt antwortet: »Ach Gott, ich glaubte, sie wären krank.« »Nein«, antworte ich, »ich habe zu spielen begonnen.« Und die Probe begann von vorne. Aber das mit dem Wasserglas hätte mir ein Fingerzeig sein müssen. Osvald begann seine Szenen. Die Schauspieler wurden nach und nach merkwürdig eingeschüchtert. Gunnar Heiberg Gunnar Heiberg (1857-1929): Bekannter norwegischer Theaterregisseur und Autor. Inszenierte 1887 in Bergen die Uraufführung von Ibsens »Rosmersholm«. Keine direkte Verwandtschaft mit der dänischen Familie Heiberg. – er war damals Direktor – zog unruhig von der ersten Reihe zum Geländer des Orchestergrabens um, auf das er sich rittlings setzte, mit einer Miene wie ein Mann, der eine Kolik hat, oder wie eine Person, die an etwas stark Saurem riecht. Er begann, heftig auf Frau Heiberg, Frau Heiberg: Didi Heiberg, Schauspielerin, 1885 mit Gunnar Heiberg verheiratet, später geschieden. Bekannt durch ihre Rolle als Rebekka West in Ibsens Rosmersholm, 1887 in Bergen uraufgeführt. die Regine darstellte und ganz ausgezeichnet spielte, zu schimpfen. Ich fuhr fort. Mitten in der letzten Szene mit Frau Alving, sagt Heiberg: »Ob das nicht doch etwas zu heftig ist – – für das norwegische Publikum?« Ich muß hier einfügen, daß niemand – außer den Tschechen – ein Spiel so gut erträgt wie gerade das norwegische Publikum. Dänen würden mitunter sagen, daß sich die Leute in den Haaren liegen, wenn norwegische Künstler mit all ihres Herzens Macht spielen. Ich gab zur Antwort, ich sähe das nicht als zu heftig an, ich hätte in Finnland auch so gespielt. Heiberg sah nicht gerade überzeugt aus. Aber die Lage des Mannes war schwierig. Er hatte ja einen geschätzten dramatischen Kritiker als Gastspieler in seinem Theater. Ich spielte zu Ende. Die Schauspieler hatten es nach der Probe eilig, in ihre Mäntel zu kommen. Ich hielt am Abend einen Vortrag und hatte kein Glück. Am nächsten Tag hatten wir noch eine weitere Probe. Ich weiß nicht, ob ich vielleicht meine finnische Spielweise etwas gedämpft hatte oder ob die Schauspieler sich vielleicht nur ein wenig an meine Art gewöhnt hatten. Aber nach der Probe sagte Heiberg: »Ich glaube doch, es geht so.« Ich war mir dessen nicht mehr ganz so sicher. Als wir gingen, machten wir vor dem Theaterplakat halt. Herman Bang war mit ganz großen Buchstaben gedruckt. Ganz unten stand: Ausverkauft. Innerhalb von zwei Tagen. Voll war es auf jeden Fall zur Hinrichtung. Seitdem habe ich ganz und gar verstanden, was für ein Leckerbissen ein solcher Osvald für Bergen sein mußte. Der Abend der Vorstellung kam. In den Garderoben gingen die Schauspieler mit Gesichtern herum wie Leichenbitter, die bei einer Beerdigung die Trauergemeinde zu Grabe bitten. Ich sollte mit einer Lesung beginnen. Das Publikum war offensichtlich vom Augenblick meines Auftretens an voreingenommen. Damen aus Dänemark warfen mir unter völligem Schweigen einige Blumensträuße zu. Solche Schweigesträuße sind immer recht unangenehm. Ich legte sie ruhig an einen Gips-Ibsen, der im Salon auf der Bühne auf einem Sockel angebracht war. Vielleicht hatte ich ein wenig eine mildere Stimmung als Gegenleistung für meinen guten Willen erwartet. Aber es war überdeutlich, daß dies dem Publikum völlig gleichgültig war, wo ich meine dannebrogsgeschmückten Dannebrog: Bezeichnung für die dänische Flagge (weißes Kreuz in rotem Feld). Blumensträuße hinzulegen gedachte. Die Lesung begann. Aber das Publikum zeigte deutlich, daß es nicht dazu hergekommen war, um sich Geschichtchen anzuhören. Man wünschte, zum Nächsten zu kommen. Ich verbeugte mich dankend bei genau dem Beifall, den die Höflichkeit erforderte. Und nebenbei gesagt, erfordert die Höflichkeit in Bergen nicht übertrieben viel. Es sind Leute, die aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen – schon gar nicht im Zorn, aber auch nicht in der Begeisterung. Letzteres habe ich beides erlebt. Ich ging, um mich umzukleiden. Der Regisseur brachte mir die beiden dannebrogsgeschmückten. Er meinte vielleicht, es sei am besten, dies ziemlich zeitig am Abend zu tun. Ich glaube, es war in einer Künstlergarderobe nie so ruhig wie zu den Stunden im Bergener Theater. Gunnar Heiberg, der unendlich liebenswürdig war, ging außerhalb des Theaters auf und ab. Er mußte draußen sein: er brauchte frische Luft. Eine junge Schauspielerin kam mir draußen auf dem Gang entgegen. »Das Publikum ist gereizt«, sagte sie. Ja, das spürte ich auch. Voller Schrecken begann ich, die Rolle zu lesen, die ich schon seit drei, vier Jahren kannte. Ein junger Schauspieler, der meine Bücher sehr mochte, sagte immer wieder: »Ich weiß nicht, was das ist. Das Publikum hat es sich in den Kopf gesetzt ...« Ich plapperte unaufhörlich meine Repliken, als wäre es das, worauf es ankäme. Und Frau Alving, die mir gegenüber sehr liebenswürdig war – was sie übrigens alle waren – sagte, meine Hände ergreifend: »Aber es geht ja noch, es geht ja noch – wenn Sie nur wie bei der Probe spielen ...« Ja, das mußte ich. Ich war mehr tot als lebendig. Und alle waren sie von derselben Angst ergriffen. Dann sollte der Vorhang aufgehen. Gunnar Heiberg saß in seiner Loge. Frau Didi Heiberg stand bei mir einen Augenblick hinter der Kulisse. Sie war vor Schreck unter ihrer Schminke so weiß wie ein Bettlaken. Sie hatten angefangen. Nun mußte ich hinein. Es folgte eine der unzumutbarsten und interessantesten halben Stunden meines Lebens. Was weiß ich, wie ich spielte. Ob die Rolle vollständig in meinem Kopf die Macht übernahm. Ob ich gefühllos unter dem Gewicht meines gewagten Stückes wurde. Ob ich aus Gequältheit gegenüber diesem Publikum, dessen stumme und verwunderte Unempfindlichkeit ich verspürte, rasend geworden bin. Was weiß ich. Ich glaubte nur, ich wäre Osvald – in tiefer Dunkelheit wäre der Osvald, den ich vom ersten Tag an als den besten Gedanken eines Genies bewundert hatte; glaubte, ich wäre er, wie er ging und stand und litt – glaubte, ich wäre ihm gleich, bis der Vorhang fiel. Und ein ungeheures Zischen ertönte ohne Widerspruch, ohne irgendeinen Widerspruch von achthundert Menschen gleichzeitig. Ich erhob meinen Kopf und fragte Frau Alving: »Zischen sie?« Ja, das konnte man nicht leugnen. Was mich betrifft, bin ich der Meinung, auf diese Art und Weise könne man nur in Bergen zischen. Sie zischten weiter – lange. Von den Schauspielern sagte keiner ein Wort. Ich ging hinaus in die Künstlergarderobe. Froh war ich eigentlich nicht. Ich sah ein, daß meine Reise größtenteils in den Sand gesetzt war ... Bald ein halbes Jahr lang war ich von Stadt zu Stadt gereist, um »Erfolg zu haben«. Ich zog das Osvald-Kostüm aus. Es ging etwas langsam. Der Wagen wartete, um mich nach Hause zu bringen. Leise öffnete der Regisseur die Tür und half mir hinein. Die beiden Dannebrogsgeschmückten legte er still auf den Wagensitz. Solche Regisseure sind geschickte Leute, die ihre Augen überall haben, und die niemals etwas vergessen. Nun, am nächsten Abend kam die Kritik. Es war nicht nur ein Fiasko. Es war ein Fiasko – in Bergen. Alle Zeitungen druckten sehr norwegische Worte. Das vornehmste Blatt schrieb: »Niemals hätte der Kritiker geglaubt, daß er auf der Bühne einen verrückten Mann zu sehen bekäme« ... Nun hatte er es gesehen. Was mich betraf, so wurde ich krank. Im übrigen hatte ich überhaupt nichts anderes zu tun. Übrigens war ich mit der Krankmeldung nicht allein. Frau Alving schickte auch ein Attest: Die Sage erzählt, sie sei an ihrem ganzen Körper grün und gelb und windelweich geschlagen gewesen, so sehr habe Osvald sie im Kampf um die Morphiumkapseln traktiert. Sicherlich ist dies jedoch übertrieben. Zu Hause erinnerte ich mich nur an eine Sache: Daß ein junger Schauspieler, gerade als mein Wagen vom Theater abfahren wollte, plötzlich hergerannt kam, die Scheibe herunterriß und seine Hand in den Wagen streckte und sagte: »Ja, ja, ich glaube trotzdem, daß Sie Schauspieler sind.« Wer kann wissen, ob er das auch meinte? Es war doch so nett von ihm, dies zu sagen.   Dann hatte ich meine Lesungen fortzusetzen. Sie kamen an. Die Einwohner von Bergen sind ja die Leute der jähen Gefühlsschwingungen, die Leute, die alle etwas von den unsteten Stimmungsschwankungen der Schauspieler in sich tragen. Jeder Bergener ist ein geborener Schauspieler. Hier gerät wie im Süden jedes Gespräch zwischen zweien oder dreien unwillkürlich zur Aktion. Nur hier im Norden wird jede Pose einer Frau unbewußt zur Plastik. Jede schnelle Gruppierung während des Spiels der Straßenjungen wird hier zum Gemälde. Derjenige, der schon in Bergen gewesen ist, versteht, daß sich alles für den großen Sohn dieser Stadt Der große Sohn dieser Stadt: Gemeint ist Ludvig Holberg (1684-1754), der in Bergen geboren wurde. Norwegen war bis 1814 dänisch, danach bis 1905 schwedisch. In Kopenhagen Professor für Metaphysik und Rhetorik (Latein), dann Geschichte. Bedeutender Aufklärer. Bekannt für seine etwa 30 Komödien, die er 1722-1731 für das Kopenhagener Theater in der Grønnegade schrieb. zu Auftritten, Szenen, Schauspielen formen mußte. Und derjenige, der schon lange hier lebt, glaubt, daß er noch nach dem Verlauf einiger Jahrhunderte alle Personen dieses Schauspiels quicklebendig antrifft. Jeppe Jeppe: Hauptfigur in der Komödie Ludvig Holbergs: »Jeppe paa Bierget eller den forvandlede bonde« (1722), dt. Jeppe vom Berge Leipzig 1941. Ein Baron findet einen seiner Bauern volltrunken und schlafend auf dem Misthaufen. Er nimmt ihn mit ins Schloß, legt ihn gebadet und in Seide gekleidet in sein Bett, so daß Jeppe glaubt, er wäre der Baron. Er entwickelt sich zum Tyrannen des Gesindes; dieses macht ihn wieder betrunken und bringt ihn auf den Misthaufen zurück. Die Moral der Komödie lautet: Wenn Gesindel emporkommt, bleibt es Gesindel. Anklänge an Molière. ist kaum der ausgemachte dänische Bauer, weit eher vielleicht der norwegische Fischer. Wenn der Fischer an der Fischbrücke gegen Abend träge und abgeschafft auf der Bank in seinem Boot kauerte, sah ich ein großes Holberg-Bild Phisters Phister: Phister, Ludvig (1807-1896), ein halbes Jahrhundert (1825-1889) führender Komiker und Charakterdarsteller des dänischen Theaters. Titularprofessor. vor mir aufleben. Und morgens, wenn alle Dienstmädchen der Stadt hitzig auf dem Markt feilschen und verschlagen schäkern, hört man im Chor rasch die hundert Pernilles. Pernille: Dänischer Mädchenname, bei Holberg häufig für Dienstmädchen gebraucht. Zusammen mit Diener Henrik spielt sie den Alten (Jeronimus und Magdelone) gerne Streiche, so daß die jungen Liebenden (Leander und Leonora) zueinander finden. Und die Unbefangenheit des Meisters lebt hier noch auf den redetrunkenen Lippen mancher Magdelone. Magdelone: Dänischer Mädchenname, hier Figur in Holbergs Komödien. Oft Ehefrau oder ältere Haushälterin des Jeronimus. Gelegentlich ist die leicht ältliche Magdelone mehr an anderen Männern als an ihrem mürrischen Ehemann Jeronimus interessiert. Der störrische Jeronimus Jernonimus: Dänischer Männername, hier Figur in Holbergs Komödien. Häufig die reaktionäre, mürrische Vaterfigur, die sich in den Intrigenkomödien Holbergs einen anderen Ehemann für die junge heiratsfähige Tochter Leonora wünscht als den Leander, in den sie verliebt ist. Jeronimus trägt Züge der Géronte bei Molière in der französischen Komödie. raucht in Gestalt der Väter Bergens außerhalb seines Hauses bis auf den heutigen Tag Pfeife. Wenn man Bergen kennt, sieht man, in welchem Grad Ludvig Holberg Sohn Bergens war; und man kommt zu der Überzeugung, daß noch kein Forscher ihn in ausreichendem Maße mit seiner Heimat verbunden hat. Hier ist nicht nur die Höhle Niels Klims. Niels Klim: Roman Ludvig Holbergs (Nicolai Klimii iter subterraneum, 1741; erste dänische Übersetzung von Hans Hagerup (Niels Klims underjordiske Rejse, 1742). Niels Klim ist der Held des utopischen Romanes, der im epischen Rahmen einer phantastischen Reise in das Innere der Erde verschiedene Gesellschaftsformen schildert. Hier ist der Mutterboden seines Schauspiels, und hier leben noch die Menschen Holbergs. Und gerade hier, wo doch Schauspieler aus der Erde schießen, wird der Meister schlechter als sonst irgendwo gespielt. Man kann die Ursache nur vermuten. Denn mit der in Kopenhagen erarbeiteten Tradition kommen die Schauspieler nicht zurecht. Sie widerspricht etwas in ihnen, und sie tritt ihnen möglicherweise als Unnatur entgegen. Und zu einer künstlerischen Revolution, wo man entschlossen Holberg in Bergener Gestalt wiedergegeben hätte, hat man nicht den Mut. Wie sollte man auch zu so etwas Ähnlichem wie einer Revolution unter solchen Verhältnissen wie denen, unter denen die Bühnenkunst hier lebt, den Mut haben? Wo die Kunst und die Künstler unter derselben Entbehrung leiden? Bergen hat seinem größten Sohn ein Denkmal aus toter Bronze errichtet. Dies hat man anstandshalber für den Toten gemacht. Aber den lebenden Holberg hat man vergessen. Ihn läßt man in dem Schuppen, den Bergen sein Theater nennt, dahinsiechen. Und der Fremde, der den Mann aus Bronze sieht und vernimmt, daß er Schauspieldichter war, wird, wenn er das Theater gesehen hat, sagen: »Dieser große Mann war also doch nicht so groß, daß man seine Schauspiele noch spielen könnte.« Denn sonst würde doch seine Geburtsstadt ein Theater bauen, das ihm würdige Heimstatt wäre. In Kopenhagen sitzt Holberg symbolisch vor dem Theater. In Bergen hat man ihn sogar in eine ganz andere Ecke der Stadt versetzen müssen. Man konnte es nicht ertragen, daß der Meister sein eigenes Haus sehen mußte ...   Nun, das war alles eine Abschweifung. In dem niedrigen Bergener Holzhaus begrub ich meine Gedanken um das Theater für immer ... Die achthundert hatten allzu laut gezischt. Und doch wäre es um ein Haar ganz anders gekommen. Es fand sich in einer nordischen Stadt ein Theaterleiter und hoch begabter Regisseur, der glaubte, daß ich im letzten Augenblick wirklich den Versuch wagen sollte, ans Theater zu gehen. Er wollte sich mit mir zwei Jahre lang abmühen ... und meine Debutrolle war bereits festgelegt, ganze drei Debutrollen. Aber jetzt bekam er die Absage. Nein, nein, die Leute in Bergen hatten allzu laut gezischt.   Einige Anmerkungen beruhen auf Mitteilungen von Sten Rasmussen. Ausgewiesen aus Deutschland Ich hatte – ohne eine Gefahr für die Gesellschaft zu sein – sechs Wochen in einem Hotel gewohnt, als ich am ersten Januar Es handelt sich um den 1. Januar des Jahres 1886. in ein Privathaus zog und das Unglück begann. Der Anmeldebogen der Wirtin gelangte in die Hände der Polizei der kaiserlichen Stadt Berlin. Eines schönen Morgens erschien bei mir eine jüngere und sehr gut angezogene Person, die mir etliche sehr intime Fragen über meine Tätigkeit und meine unterschiedlichen persönlichen Verhältnisse stellte, was mich ziemlich erstaunte. Als ich eingeschüchtert meiner Verwunderung Ausdruck gab, zog sie in aller Höflichkeit einen Ausweis hervor und sagte, es sei doch natürlich, daß sich die Polizei ein wenig für solche zugereisten Fremden interessiere. Der Herr bat mich zugleich äußerst liebenswürdig – »Es ist nur eine Formsache, nur eine Formsache« – bloß auf einem kleinen Stück Papier aufzuschreiben, wo ich überall schrieb. Wo ich schrieb? Nun, der Mann konnte ja nicht wissen, daß die Liste sehr lang werden würde. Ich notierte – dänische Blätter, schwedische Blätter, deutsche Blätter ... Der angenehme Mann fragte freundlich, ob ich nicht auch in norwegischen Zeitungen schriebe. Ich bejahte diese Frage und setzte noch eine Zeitung aus Kristiania Kristiania war von 1624-1925 der Name für Oslo. auf die Liste. Die freundliche Person fragte, ob dies die einzige norwegische Zeitung sei ... »Nein«, antwortete ich, »da gibt es noch eine andere ...« »Ach so ...« Man konnte nicht erkennen, daß den Mann, der Handschuhe trug, noch mehr interessierte. Er bat mich jedoch – der guten Ordnung halber – das Ganze war ja nur »eine Formsache« – auch den Namen dieses Blattes hinzuzufügen. Was ich tat und schrieb: »Bergens Tidende«. Der treffliche Mann dankte. Er brauchte nun keine weiteren Zeitungsnamen. Er sagte einige Worte über »eine so anstrengende Tätigkeit« und steckte das Papier ein: es genügte. Er war sehr angenehm, wie gesagt, gab mir jedoch nicht die Hand, als er ging. Als ich zwei Tage später vom Theater nach Hause kam, teilte mir meine Wirtin mit, daß ein seltsamer Mann bei mir gewesen sei, der unbedingt auf mich warten wollte und drei Stunden lang gewartet hatte. Ich war jedoch im »Deutschen Theater« gewesen, wo man Schiller ungern kürzt, und ich hatte »Don Carlos« gesehen, so daß es dem merkwürdigen Mann doch zu lange ging und er dann gegangen war. Am nächsten Morgen wurde ich aus meinem tiefsten Schlaf gerissen: Der eigenartige Herr war wieder da. Ich ließ ihn freundlich bitten, dann zu kommen, wenn normale Leute aufstehen. Jetzt sei ich am Schlafen. Aber die Wirtin sagte, das gehe sicher nicht. Denn er war, glaubte sie, von der Polizei. Ich setzte mich im Bett auf: »Von der Polizei? Was zum Teufel will er?« fragte ich. Ja, sagte die Wirtin, die ganz eingeschüchtert war: das erführe ich sicherlich, wenn ich herauskäme – denn der eigenartige Mann würde warten. Er wolle nicht gehen. Er wolle warten. Tatsächlich: Der Herr wartete. Er bat mich – ganz so höflich wie der Herr kürzlich war er nicht –, die Sache ruhig zu nehmen. Aber ich hätte mich auf der Polizeiwache einzufinden. Auf der Hauptwache. Ich entgegnete, ich käme im Laufe einer Stunde. Er bestand aber darauf, mit mir zusammen zu gehen – und zwar sofort. Ich kann nicht gerade behaupten, daß mir die Situation gefiel, während ich mich im Schlafzimmer ankleidete und er mit über Kreuz geschlagenen Beinen auf einem Stuhl in meinem Wohnzimmer saß. Als wir zum Hauseingang kamen, fragte er mich, ob ich vielleicht eine Droschke haben wolle. – Ja, danke. Ob ich gewöhnlich eine Droschke erster oder zweiter Klasse nähme? Wir nahmen eine Droschke erster Klasse, und der hartnäckige Herr setzte sich an meine Seite. Ich fragte, was ich eigentlich verbrochen hätte. Der Mann antwortete: »Sie dürfen keine Fragen stellen; das geht mich nichts an.« Ich kam also in der Hauptwache an, ziemlich im Unklaren über die Art meines Vergehens. Ich ging durch viele Gänge und durch viele Büros – mein Mann war an meiner Seite; viele Beamte saßen an vielen Pulten – der Mann war an meiner Seite. Zuletzt gelangte ich in einen Raum, wo ich zu warten hatte. Es war eine Arrestzelle für Landstreicher. Auf einer Holzbank saßen bereits zwei Kerle von nicht ganz tadellosem Äußeren. Der Herr von der Droschke übergab mich an den aufsichtshabenden Beamten und entfernte sich. Ich fragte wiederum, warum ich eigentlich hier sei. Aber auch der neue Herr antwortete wiederum: »Sie dürfen keine Fragen stellen; das geht mich nichts an.« Worauf ich den Boden eine Stunde lang maß, während mehr und mehr Landstreicher kamen, bis die Luft nicht mehr besonders angenehm war. Schließlich fragte ich, wie lange ich noch warten müsse. Der neue Herr antwortete: »Das kann niemand wissen.« Und ich wartete weiter – eine halbe Stunde. Da kam der Herr von der Droschke zurück und nahm mich mit: »Jetzt werden Sie es erfahren«, sagte er. Ich hatte bereits das Gefühl, als wäre ich ein Russe und müßte nach Sibirien. Ich wurde in ein neues Zimmer geführt und wartete wieder – vor einer Schranke. Hinter der Schranke arbeiteten wohl zwanzig Gentlemen, jeder an seiner Akte. Einer dieser Herren schob sich endlich in meine Richtung, ein großes Dokument in seiner Hand. Ich bemerkte einen Aufdruck. Der Herr fragte mich, ob ich Herman Bang sei, und als ich das bestätigte, las er mir meinen Ausweisungsbescheid vor. Ich war aus dem Königreich Preußen ausgewiesen. Ich erlaubte mir, kleinlaut nach dem Grund zu fragen. Der Herr las jedoch weiter. Ich hätte Berlin innerhalb von 24 Stunden zu verlassen, und wenn ich nach dieser Zeit innerhalb des Königreiches angetroffen würde, würde ich nach Verbüßung einer Gefängnisstrafe an die Grenze überstellt werden. Als die Bekanntgabe beendet war, fragte ich wieder nach dem Grund. Der Herr mit dem Bescheid entgegnete sehr ungehalten: »Wollen Sie unterschreiben? Hier werden keine Gründe angegeben.« Ich war der Meinung, ich solle die Kenntnisnahme bestätigen. Ich machte darauf aufmerksam, daß ich ja nicht irgendein Schreinergeselle sei, und daß eine Ausweisung einiges Aufsehen erregen würde. Den Herrn mit dem Papier schien das Erregen von Aufsehen recht kalt zu lassen. Er sagte, indem er mir die Feder reichte: »Ach, das wird schon nicht so schlimm werden.« Ich unterschrieb, nachdem die Frist auf 48 Stunden verlängert worden war. Während der ganzen Amtshandlung hatte keiner der Neunzehn an den Pulten auch nur die Augen erhoben. Preußische Beamte hören nicht zu, wenn es sie nichts angeht. Ich habe einmal in Petersburg ein Ministerium besucht. An jedem Gangende standen ein paar Beamte und schwatzten. Es waren hundert Leute, die uns beflissen Auskunft geben wollten, und keiner, der irgend etwas gewußt hätte. Der eine Beamte schien niemals den anderen finden zu können. Jedesmal, wenn wir in einen neuen Raum traten, schauten alle auf, und es sammelte sich eine ganze Schar, um uns Auskünfte zu erteilen. Ein alter Herr, der so was ähnliches wie der Büroleiter zu sein schien, verließ sein Büro und folgte mir durch das halbe Gebäude. Er fragte mich nach der Geographie Dänemarks und hielt mich in den kalten Gängen über eine Stunde auf. Er war Amateurgeograph. Er nahm eine Art Mütze vom Kopf und sagte, während er sie in der Luft herumschwang, ein ums andere Mal: »Die Leute müssen doch das Land kennen, das sie bewohnen.« Bei der Polizei in Berlin geht es anders zu als in Petersburg. Ein preußischer Beamter ist Schildwache seiner Akte, und eine brandenburgische Schildwache hütet seine Türe, und nur diese; zu reden ist ihm verboten. Nachdem ich meine Ausweisung erhalten hatte, fuhr ich zum Gesandten. Er wolle sein Möglichstes tun, und er könne auf jeden Fall den Grund erfahren. Wir erfuhren ihn: er war traurig. Graf Herbert Bismarck selbst legte ihn dem Gesandten in Form eines Zeitungsartikels aus Bergen In »Bergens Tidende« vom 1. Oktober 1885 wurde ein Artikel von Herman Bang veröffentlicht, den er als Gelegenheitsarbeit geschrieben hatte. Die Zeilen, die ihm zum Verhängnis wurden, lauten: »Der Kaiser – der Kaiser – Er ist ein zittriger Greis geworden: Wilhelm der Eroberer... Die Militärmaske ist ihm abgefallen. Alle kennen dieses Unteroffiziersgesicht, dessen ganzer Inhalt seine Schroffheit ist ... Wie wenig Geist doch in diesen Hohenzollerngesichtern ist. Seht den Kronprinzen! Er gleicht einem Kavallerieoffizier, der seinen Säbel zu schwingen weiß, der sonst keine Ansprüche stellt, weil er genau weiß, daß er sonst nichts anderes kann. Diesen Mann scheint das Schicksal dazu bestimmt zu haben, in einer Wohnstube das Kommando zu führen. Sein Sohn ist Prinz Wilhelm. Man sieht: es ist die dritte Generation. Allzu deutlich. Er vermag nicht, die traditionelle hohenzollerische Breite zu schaffen. Mit einem blasierten Lächeln nimmt er kriegerische Haltungen ein, und sein Gesicht, das vornehmer als das seines Großvaters und seines Vaters ist, drückt nichts anderes als kalte und entwaffnende Gleichgültigkeit aus ... Sein kleiner Sohn hat einen Mund, der bis zu beiden Ohren reicht. Über die Throne sagt man: ›Sie sind in unseren Tagen so merkwürdig wackelig geworden, und mitunter fallen sie denen auf den Kopf, die darauf warten, sie zu besteigen.‹« [Zitiert nach: Dorrit Willumsen: Bang. En roman om Herman Bang. Gyldendal Kopenhagen 3. Aufl. 1996, S. 170. Übersetzung von Dieter Faßnacht] auf den Tisch. Danach mußten alle Einwendungen verstummen: Der Artikel sprach für sich selbst. Ich glaubte selbst nicht, ich hätte irgendeinen Grund, mich zu beschweren. Im übrigen war der Artikel vom Konsul in Bergen eingesandt und hatte bereits lange – auf seinem Platz und mit Aktenzeichen versehen – zusammen mit Bergen anderer nordischer Akten im Außenministerium gewartet. Man sammelt nämlich äußerst gewissenhaft allerhand Gedrucktes dort in Berlin. Erstaunlich gewissenhaft, sagen diejenigen, die Bescheid wissen. Etwa ein Jahr nach meiner Ausweisung schrieb ich anläßlich einiger sehr freimütiger Äußerungen bei einigen politischen Treffen hier zu Lande, Äußerungen, die in Zeitungen wiedergegeben worden waren: daß man vielleicht zu Hause ein wenig vorsichtiger reden sollte. Denn es stand doch nur eine Wand zwischen Deutschland und uns, und »Wände haben Ohren«. Die Bemerkung wurde heftig verspottet. Hätte man gewußt, wer sie ausgesprochen hatte, hätte man vielleicht weniger laut »gelacht«. Meine einzige Hoffnung war, daß meine Ausweisung in aller Stille vor sich gehen könne. Ich fand den Anlaß nicht gerade gut gewählt, um Aufsehen zu erregen. Ich wußte ja, daß »Bergens Tidende« früher oder später Berlin erreichen würde – in deutscher Übersetzung. Ich wollte nur noch erfahren, ob ich mich möglicherweise im übrigen Deutschland unbehelligt aufhalten könne. Graf Herbert Bismarck ging davon aus. So beschloß ich, nach Meiningen zu reisen. Beim »Berliner Tageblatt« machte ich meinen Abschiedsbesuch. Ich ging ein letztes Mal die Treppen des Weltblattes hinauf. Es war Arthur Levysohn, der am meisten zu meiner Reise nach Berlin beigetragen hatte. Er hatte meine Arbeit zu Hause in Dänemark verfolgt und meinte, daß in Berlin Platz für mich sei. Ich solle der Theaterfeuilletonist des Blattes sein. Die ersten Artikel waren bereits gedruckt worden. Nun gab es nichts anderes mehr zu tun, als auf Wiedersehen zu sagen. »Ich nahm meinen Hut« – und ging. Am letzten Abend fuhr ich mit einem dänischen Freund die Straße »Unter den Linden« hinauf. Schön und mächtig lag sie da, lebendig ergossen sich die Menschenströme vorwärts – eine der großen Lebensadern der Welt. Mein dänischer Freund erhob sich im Wagen. Lange sah er hinab zum Brandenburger Tor mit seinem Siegesgespann; alles war in Licht getaucht, alles, Menschen und Paläste. »Schöne, herrliche Stadt«, sagte er. Wir saßen lange still: – Schöne, herrliche Stadt. Ja, hier war die große Welt, und nun fuhr Herr H. B. weiter in einen Winkel, einen neuen Winkel.   Am nächsten Morgen brach er auf. Es ist nicht so einfach, nach Meiningen Meiningen: Das Hoftheater der Residenzstadt des Herzogtums Sachsen-Meiningen war unter seinem Landesherrn Georg II. (1826-1914) beispielgebend für das europäische Theater des Realismus. Historische Genauigkeit und Anfänge der Lichtregie lockten viele Theaterregisseure – eben auch Herman Bang – als Besucher nach Meiningen. zu gelangen. Man muß mit dem Zug mehrere Male umsteigen, bis man endlich einen Schmalspurzug, der aus einem Personen- und einem Güterwagen besteht, erreicht. In diesem Zug zottelt man so dahin. Man hat das Gefühl, auf einen Seitenweg der Welt abgebogen zu sein. Aber friedlich und gut wurde es in Meiningen. Man wußte, was mir geschehen war, aber man tat so, als wüßte man es nicht. Die Tage nahmen ihren Lauf. Die Hofschauspieler gingen zur Probe, und von der Probe ins Hotel, ihr Bier zu trinken. Ihre Wege waren die Ereignisse des Tages. Die Leute folgten ihnen mit den Augen durch die ganze Stadt. Die Residenz hat nur eine Straße, wo die Türen aller Hoflieferanten leise in ihren Angeln vor sich hinrosten. Abends war die Stadt im Theater. Der Herzog war vorne in seiner Loge, und das Volk gehörte dazu. Es konnte das Repertoire auswendig und freute sich laut. Es konnte bis weit in die Nacht hinein dauern, bevor man nach Hause kam. Es wird sich ja so häufig umgekleidet in Meiningen. Die braven Thüringer wanderten unter munterem Lärm nach Hause. Sie genossen den Weltruf der Truppe, als wäre es ihr eigener. Ihr Lieblingsstück war Wilhelm Tell. In diesem Stück lärmt der Geheimrat, als rollten Lawinen durch die Kulissen. »Gott, Gott«, sagten die Bürger, »heute hat er denn brav gedonnert.« Sie waren im übrigen auch mit »Eine Bluthochzeit« zufrieden. Da wurde die Garnison herauskommandiert und umzingelte das Theater. Im Schloßpark feuerte sie auf ein Zeichen hin unter lauten Schreien. Oben in der Szene betrachtete Frau Olga Lorentz durch ein Fenster das verheerte Paris: Beim Spektakel im Schloßpark handelte es sich um die Morde der »Bartholomäusnacht«. Jeden Sonntag kam die Jugend des Herzogtums unter Fahnen. Sie zog ins Theater wie die Grundtvigianer Grundtvigianismus: Bewegung innerhalb der Dänischen Volkskirche, die auf den Theologen, Verfasser und Kirchenlieddichter Nikolai Frederik Severin Grundtvig (1783-1872) zurückgeht. Die Richtung betont die Bedeutung der Volksbildung und des Nationalismus (Gründung der Volkshochschule); theologisch werden Taufe und Abendmahl stark betont, die lutherische Bedeutung der Predigt tritt jedoch in den Hintergrund. Bang spielt hier wohl auf die jährlichen Volkstreffen zu den Nationalfeiertagen an. zum Schützenfest. Konzerte gab es auch: Hans v. Bülows Abschiedskonzert. Hans v. Bülow war bekanntlich Dirigent der Hofkapelle, aber in dieser Stellung nicht immer ganz einer Meinung mit Seiner Hoheit. Ganz im Gegenteil hatte er oft seine eigenen Meinungen, die er nach seiner Gewohnheit sehr laut kundtat. Nun hatte der ausgezeichnete Dirigent bei einem Konzert in Köln vom Podium aus Seine Hoheit offen gerügt und seine Rügen freimütig berichten lassen. Sein Gesuch um Entlassung war deshalb gnädigst bewilligt worden. Er sollte nun sein Abschiedskonzert geben. Die ganze Stadt zitterte vor dem Konzert. Hr. v. Bülow war der Meinung, zum Abschied sein Publikum nicht schonen zu sollen. Hr. v. Bülow erschien zehn Minuten vor sieben auf dem Dirigentenpult. Es war offensichtlich, daß er heute abend pünktlich zu beginnen wünschte: Seine Hoheit verspätete sich nämlich gelegentlich um eine Minute. Aber Herzog Georg hatte heute abend genauso exakt auf seine Taschenuhr gesehen wie Dr. v. Bülow und betrat seine Loge eine Minute vor sieben. Hr. v. Bülow tat, als sähe er ihn nicht. Die anderen Zuhörer musterten ihn mit dem Blick eines preußischen Unteroffiziers, der seine Mannschaft inspiziert. Die Haltung des Publikums war so, daß der »Abschied nehmende Dirigent« keinen Anlaß zu Bemerkungen fand. Die Hoheit applaudierte herzlich.   – Eines schönen Tages erhielt ich aus Hamburg eine Zeitung. Sie enthielt einen feuilletonistischen Briefwechsel aus Kopenhagen. Der Gegenstand des Briefwechsels war ich. Ich darf wohl sagen, daß nicht eine Unannehmlichkeit, die über diesen Gegenstand in irgendeinem dänischen Kaffeehaus berichtet wurde, in dieser Schilderung ausgelassen worden war. Man hatte gewissenhaft alles berichtet, sogar die Schicksalsschläge, die meine Verstorbenen getroffen hatten. Für denjenigen, der all dies glaubte, mußte ich als gefährliche Person erscheinen. Und warum sollte man dies in einem fremden Land nicht glauben, wenn es jemanden gab, der dies in meinem eigenen schrieb? Ich dachte sofort, als ich dies las: »Nun wirst du auch hier ausgewiesen.« Was ich auch wurde – und zwar ganz schnell. Ein paar Tage später kam die Vorladung. Ich hatte mich beim Oberbürgermeister zu melden. Er wünschte mich am nächsten Morgen um acht Uhr zu sehen. Deutsche Beamte pflegen alles zu früher Stunde zu erledigen. Als ich eintrat, sah ich sofort, daß der Bescheid vorlag. Er lag ausgefertigt neben dem Hr. Bürgermeister. Er enthielt die Ausweisung aus der Stadt Meiningen mit der bekannten 24-stündigen Frist. Ich erklärte, ich könne unmöglich so schnell abreisen. Der Oberbürgermeister meinte, es sei ja nicht so weit bis zur Grenze des Herzogtums, was es tatsächlich auch nicht war. Aber ich müsse ja doch, meinte ich, etwas weiter als bis Gotha reisen. Ich begab mich zum Staatsminister. Er war ein schlichter, liebenswürdiger Mann, der in der Dämmerung oft in der Gaststube des Hotels bei seinem Bier saß. Ich suchte ihn nun im Ministerium auf. Es ähnelte am ehesten einem größeren Handelskontor. Der Staatsminister saß in seinem Büro – die Stühle hatten Roßhaarbezüge – vor einem alten Sekretär. Ich legte ihm meine Sache dar und fragte nach dem Grund meiner Ausweisung. Man hatte doch in Berlin gesagt, ich könnte in Meiningen ruhig bleiben. Der Minister antwortete: »Ich kenne die Gründe nicht. Wir haben nur Befehl aus Berlin. « Und während er die Stimme ganz unmerklich senkte, sagte er: »Hier können wir nichts machen.« Der alte Herr erhob sich und wandte sich dem Fenster zu, als wäre er plötzlich gerührt. Und nach einer kurzen Stille sagte er: »Auch hier gibt es Eltern, deren Söhne bei Langensalza Langensalza: Im preußisch-österreichischen Krieg von 1866 fand am 27. Juni 1866 bei Langensalza die einzige Schlacht statt, in der der König von Hannover die preußischen Truppen besiegte. Am 3. Juli 1866 gewann jedoch Preußen gegen Österreich in der Schlacht von Königgrätz den Krieg. Seit 1859 hatte sich Herzogtum Sachsen–Meiningen zu Österreich hin orientiert. fielen.« Zwei Tage gewährte er mir jedoch – und wir trennten uns mit einem Händedruck. Bereits am nächsten Morgen jedoch traf ein Polizist ein – ich glaube, die Residenzstadt hat zwei – an meinem Bett, um mich im Auftrage des Oberbürgermeisters an die Abreise zu erinnern. Man fürchtete mich nun als ein Stückchen Revolution im Herzogtum. Als ich abreiste, stand der Polizist auf dem Bahnsteig – in Zivil. Ich fuhr nach München. Man hatte mir dazu geraten, ein Königreich als Aufenthaltsort zu wählen. Ich kam abends in München an. Ich bezog ein Hotel, in dem ich viele Jahre lang immer zu wohnen pflegte. Am nächsten Morgen wurde ich vom Portier geweckt, der höchst erregt war: Die Polizei war dagewesen, um nach meinem Aufenthaltsort zu fragen. Schon jetzt, dachte ich und begriff, daß München wohl kaum als Ort längerer Zuflucht geeignet war. Ich entschloß mich, am Nachmittag abzureisen. Ich war mir sicher, daß keine Zeit zu verlieren war. Zuerst fuhr ich zu Henrik Ibsen, der so eigentümlich heimatlos mitten einem Haufen gemieteter Möbel saß, auf welche aufgehängte Familienbilder mit erstaunten oder gar wirren Augen starrten. Der Meister schüttelte sein graues Haupt über meine Erzählung und sagte immer wieder: »Was muß man hören – was muß man doch hören.«   Um 2 Uhr reiste ich mit dem Schnellzug gen Osten. Ich fand es tunlich, den Hohenzollern auszuweichen und die Habsburgische Monarchie aufzusuchen. Ich ließ mich in Wien nieder. Vier, fünf Monate lang lebte ich dort ganz ungestört. Einer der ganz wenigen, die ich kannte, war der dänische Minister, an den ich – wie sicher alle Dänen – die teuerste und freundschaftlichste Erinnerung bewahre. Ich war nach Hernals hinausgezogen und wohnte dort ganz allein. Ich sah buchstäblich Wochen hindurch keinen einzigen Menschen und schrieb an »Am Wege«. Meine Wirtin war eine Witwe mit sechs Kindern, die dicht gedrängt eine Küche mit zugehöriger Speisekammer bewohnten. Es fiel mir auf, daß sich in der späteren Zeit beständig wechselnde Männer in dieser Speisekammer aufhielten. Die Wirtin erzählte mir, es seien Freier. Ihr Ehemann war kaum in seinem Grab erkaltet, als sie schon hektisch Heiratsanzeigen in allen Zeitungsniederlassungen aufgab. Sie sagte: »Was vermag eine Person, die alleine herumsitzt?« Lange Zeit behauptete sie, die Herren in der Speisekammer seien Freier, wie gesagt. Aber eines schönen Tages teilte sie mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit, es seien »Detektive«: sie würden sie täglich nach mir ausfragen. »Was wollen die von mir?«, fragte ich. Ja, das wisse sie nicht. Aber sie sichteten meine Papiere, wenn ich nicht zu Hause sei. Ob sie sie lesen könnten, fragte ich. Nein, das könnten sie nicht. Aber sie fragten immer, ob ich nachts nicht weg sei, und ob keine Russen kämen. Ich begriff, daß ich jetzt auf dem Wege war, reiner Nihilist zu werden. Ich unterrichtete den Gesandten, und dieser wurde beim Polizeipräsidenten vorstellig. Ganz richtig – man hielt mich für eine verdächtige Person. Es wurde nachgefragt, was ich getan hätte. Aber darüber gab man mir keine Auskünfte. Man meinte lediglich, meine Anwesenheit in Wien sei recht überflüssig. Im übrigen hüllte sich der Präsident in eine Wolke von Geheimnissen. Die österreichische Polizei schätzt es ganz und gar, ihre Geheimnisse zu haben. Sie arbeitet noch unter der Tradition des Fürsten von Metternich. Für diese Polizei mußte ich naturgemäß ein Leckerbissen sein. Man konnte hier schmuck über alles fabulieren, gerade weil nichts vorlag. Morgens und abends erstattete die Wirtin ihren Bericht in ihrer Speisekammer. Ich stolperte schon über die Detektive in meiner Haustür. Die Wirtin war sehr auf ihren Vorteil bedacht. Sie behauptete, sie habe ihre Miete in der Schublade einer Kommode in meinem Zimmer aufbewahrt. Dieses Geld war nun verschwunden. Sie wisse ja selbst, sagte sie zu mir äußerst sanft, daß niemand in mein Zimmer komme. Sie wolle nur ungern die Polizei in die Sache hineinziehen, der Herr habe sicherlich genug – mehr als genug im vorhinein ... Ihr Gesichtsausdruck spiegelte in verständnisvoller Anteilnahme alles wider, was ich sicher »hatte«: – Aber sie sei eine arme Frau, die ihre Miete brauche. Ich verstand, daß sie ihre Miete brauchte. Sie betrug 20 Gulden. Mein Geldbeutel wurde um diese Scheine leichter. Ein paar Tage später brach ich nach Prag auf. Man war der Meinung, ich würde in der Provinz weniger stören. Ich mietete mir eine Wohnung in einem Vorort, und Samstagabends zog ich ein. Am Sonntagmorgen läutete ein Polizeiwachtmeister: Ob ich Herr So und So sei: Ja (nun kannte ich die Leier) ich war Herr So und So. Da hätte ich eine Vorladung, sagte der Mann. Ich zweifelte nicht daran und nahm das Papier. Ich folgte der Vorladung. Endlich war ich in die Hände einiger Beamter gefallen, die ihre Pflicht kannten und sie ernst nahmen. Hier beabsichtigte man nicht, einen Verbrecher in seinem sündigen Zustand sterben zu lassen. Vorläufig ließ man mich auf der Bank der Angeklagten eine Stunde warten. Ich saß zwischen zwei Gentlemen, die wegen Bettelei verhaftet worden waren. Als ich endlich hineingerufen wurde, begriff ich, daß ich nun an die Richtigen geraten war: Diese beiden Herren waren keine Leute, die sich ein Geheimnis entgehen ließen. Dafür liebten sie Geheimnisse viel zu sehr. Und sie waren so verständnisvoll wie Obrigkeitspersonen in einer Operette. Sie behandelten mich, als wäre mir der Galgen sicher, und begannen mit der Behauptung, ich hätte meinen Paß gefälscht. Der oberste Beamte, der eine hochrote Nase hatte, erklärte bedeutungsschwanger, man kenne mich. Ich erwiderte kleinlaut, daß dies mehr zu sein schien, als ich selbst tat. Der Oberste bat mich inständig, mir meine Witze zu sparen: man habe seinen Bericht bekommen. Ich fragte, was denn in dem Bericht stehe. Der Oberste erwiderte lediglich, der Bericht sei aus Wien. Er sprach den Namen der Stadt aus, als ob ich mitten auf dem Kärntner-Ring einen bedeutenden Teil meiner unglücklichen Familie umgebracht hätte. Ich sagte, ich verstünde, er müsse aus Wien gekommen sein. Der Beamte lächelte und sagte mit starker Betonung: »So verstehen Sie es also?« Der jüngere Beamte protokollierte mein Geständnis. Ich begriff, daß ich nun ganz und gar verdächtig war. Ich versicherte ihnen jedoch meine Unschuld. »Mein Herr«, sagte der Beamte, »man schreibt über unschuldige Personen keinen Bericht. Wir kennen Sie.« Der jüngere Beamte deutete mit einem Nicken an, daß er mich zumindest ganz genau kannte. Es war jedoch offensichtlich, daß – auch wenn man mich kannte – man das Geheimnis nicht kannte. Und man wollte es erfahren. Man würde es noch kennenlernen. Man verhörte mich sieben Viertelstunden. Dann endlich hatten die beiden Herren sieben Folioseiten Folioseiten: Altes Buchformat. Höhe des Buchrückens 40 – 45 cm. Maße: 40/45 cm x 30 cm. Entspricht etwa DIN A 3. mit Geständnissen gefüllt, und man betrachtete mich als einen verstockten Verbrecher. Der ältere Herr sagte mir das in Worten, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließen. Beim Hinausgehen sagte er zu mir, ich würde schon noch von ihm hören. Das tat ich: acht Tage lang stand jeden Morgen ein Wachtmeister an meiner Tür. Jeden zweiten Tag erhielt ich Vorladungen. Die gelben Papiere waren schon im ganzen Haus bekannt. Die Mitbewohner, das muß ich zugeben, drängten sich nicht danach, meine Bekanntschaft zu machen. Es war mitten im Hochsommer. Die Sonne heizte die Kontore auf. Die beiden Beamten schwitzten Blut und Wasser vor heiligem und wütendem Eifer: Niemals hatten Beamte gröbere Gesichtszüge. Eines Tages erhielt ich eine Vorladung direkt ins Polizeipräsidium. Ich nahm nun alles hin, was kam und was eintraf, ohne Gemütsbewegungen. Ich hatte mich an die Abschrankung gewöhnt. Ich wurde zu einem sehr vornehm aussehenden Gentleman gebracht, der mich behandelte, als wäre ich ein polnischer Jude oder böte Fußmatten feil. Man teilte mir mit, es sei noch ein Bericht aus Wien gekommen. Ich erwiderte, ich verstünde nicht, was es zu berichten gebe. Er erwiderte barsch, daß »es keine Berichte gebe, wenn ich nichts getan hätte.« Ich fragte müde und verzweifelt – nun war es wohl zum tausendsten Mal – was ich denn verbrochen hätte. Und der Mann antwortete: »Wenn wir das wüßten, Herr Dings, würden wir Sie wohl nicht verhören.« Ich sagte dem Mann nicht, daß er sich im Kreise drehte. Ich sagte überhaupt nichts. Es wäre sinnlos gewesen. Aber an diesem Punkt, kann ich mir lebhaft vorstellen, erdichten Verhaftete Verbrechen, um wenigstens zu Ende zu kommen. Der Polizeipräsident entließ mich, nachdem er mir Vorsicht empfohlen hatte. Im übrigen garnierte man das Haus, wo ich wohnte, mit Detektiven. Insbesondere versuchte man herauszubekommen, ob ich nächtliche Besuche erhielt. Ich erhielt jedoch weder am Tage noch in der Nacht irgendwelchen Besuch. Wiener Bekannte rieten mir, nach Hause zu reisen: denn »die österreichische Polizei war nun einmal hartnäckig, wenn sie sich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte.« Es war eine Polizei, die an der Sache dran blieb. Das mußte ich einräumen. Aber nach Hause reisen wollte ich trotzdem nicht, bevor ich nicht »Stuck« in der Tasche hatte. Ich blieb also ein weiteres Jahr. Die Polizei erwies mir stetig ihre Aufmerksamkeit. Aber über das, was in den »Berichten« stand, unterrichtete sie mich nie. Dies hatte gewiß seine Gründe.   Nun – wie es auch immer sei – hartnäckig muß man eine solche Polizei nennen. In Kristiania Vor fünfzig Jahren beherbergten Kristianias Mauern wohl knapp vierzigtausend Menschen. Nun leben dort 140 000 Menschen zwischen Oslo Oslo: Um 1000 gegründet, lag an der Mündung des Loelva, einige Kilometer östlich des heutigen Stadtzentrums. Wurde 1624 durch einen Stadtbrand völlig zerstört. Christian IV. befahl, die Stadt bei der Festung Akershus neu aufzubauen; nach ihm erhielt es den Namen Christiania (1877-1925 Kristiania geschrieben). Ab 1925 erhielt die Stadt auf Beschluß des Stortings den Namen »Oslo«. und dem Schloßberg, und diese beiden Zahlen alleine erklären die Erscheinungsweise der ganzen Stadt. Was in Dänemark als einziges zählt, nämlich Kopenhagener zu sein, ist in Norwegen in gesellschaftlicher Hinsicht kurz gesagt das fatalste von allem, und es gibt niemanden aus Kristiania, der sich nicht beeilen würde mitzuteilen, daß er nicht aus Kristiania kommt. In Wirklichkeit stammt er auch nicht von dort. Der Mann ist aus Arendal oder Porsgrund oder Flækkefjord oder von Skien. Und wenn er dies eilends erzählt, tut er dies, weil in Arendal und Porsgrund und Flækkefjord oder in Skien noch alteingesessene Familien leben, sowohl von Dorfrichtern als auch von Pfarrern, die dazugehören. In Kristiania dagegen ist alles neu und ohne Vergangenheit, und man will nur ungern nach einem Emporkömmling schmecken. Deswegen ist Kristiania vielleicht die einzige Hauptstadt, wo niemand zu Hause sein will – und nur wenige zu Hause sind. Denn selbst wenn man in einer Nebenstraße zur Karl-Johan-Straße Karl-Johan-Straße: Bang schreibt in dieser Skizze nur von der »Karl Johan«. Die zentrale Hauptstraße Oslos vom Ostbahnhof (heute Hauptbahnhof = Sentralstasjon) zum Schloß. geboren sein sollte, sind doch zumindest die eigenen Eltern – auch das erzählt man flugs – von Haugesund oder von Tromsø; und es gibt keine Traditionen, die einen an das Pflaster, das man betritt, binden. Die Erinnerungen gehören irgendwo anders hin. Von Aalesund und Laurvig og Skien erfahren die Familien all das, was die guten Leute ergreift: daß Arnljot Oulie sich nun verlobt hat und Lina Munthe ausgelitten hat. In Christianssand lebt man mit dem Posthalter, der sein Jubiläum gefeiert hat, zusammen. Und nach Bergen sehnt man sich am siebzehnten Mai. Siebzehnter Mai: Norwegens Nationalfeiertag. Am 17. Mai 1814 wurde Norwegen als selbständiges Königreich konstituiert. Die Union mit Dänemark war beendet. Der dänische Statthalter in Oslo, Prinz Carl, wurde zum König gewählt, bis 1815 Norwegen in eine Union mit Schweden gezwungen wurde. Deswegen gibt es niemanden aus Kristiania – nicht einmal die, die in Kristiania geboren sind. Ich glaube, daß diese Hauptstadt, die mit Leuten aus der Provinz bevölkert ist, die am meisten und ungerechtesten verleumdete Stadt der ganzen Welt ist. Die zugezogene Bevölkerung hat das Mißtrauen der ganzen Provinz gegenüber der Stadt , in der sie nun selbst wohnt, bewahrt. Sie sieht ihre eigene Stadt mit den Augen der Bewohner von Kragerø; und gegen eines wehrt sie sich vor allem: sie will sich nicht beeindrucken lassen. So weit käme es noch: Nein danke – sich von Kristiania beeindrucken lassen. Deshalb hat sie an allem etwas zu mäkeln, und sie macht sich über alles lustig. Sie verleumdet ihre Stadt aus Furcht, jemand könnte glauben, sie sei von ihr »beeindruckt«. Deshalb ist in der ganzen Stadt das einzige, dem alle sich mit offensichtlicher Hingabe widmen: die »Karl-Johan-Straße«. Diesen zu lieben gestattet man sich – wie ein Kopenhagener seine ganzes Kopenhagen liebt. Das Pflaster der Karl-Johan-Straße muß der Kristianiabewohner betreten, mindestens einmal täglich. Er muß hin, um zu sehen, wie das Storting Storting: Norwegens Parlament. das Schloß und das Schloß das Storting mit feindlichen Augen mißt. Auf der Karl-Johan-Straße strömen alle zusammen; und eine Stunde jeden Tag schaffen die Leute von Kristiania aus ihrer Provinzstadt eine Großstadt. Es stünde leicht in ihrer Macht, dies öfter zu tun. Aber das geschieht nicht: wenn der letzte Walzertakt im Studenterlunden Studenterlunden: Kleiner Park im Zentrum der Stadt, bei der alten Universität und dem Nationaltheater. verklungen ist, und die Uhr der Universität drei Uhr zeigt, leert sich die Karl-Johan-Straße. Es scheint, als ob alle diese Menschen nach Hause in ihre Provinz eilten. In vielen Straßen Kristianias können sie in Wirklichkeit hervorragend glauben, sie wären noch Leute aus der Provinz – so ruhig liegen die Straßen dahin. Kaufleute unterhalten sich mit Kaufleuten von Tür zu Tür, und die Gesellen sonnen sich auf den steinernen Treppen. Niemand hat es eilig, und niemand stört die Ruhe. Wie in der Provinz meint man, die Türen würden in ihren Angeln rosten, und man dreht sich unwillkürlich um, wenn ein Fremder durch die Straße geht. Diese langen, endlosen Provinzstraßen in den Ausmaßen von Hauptstadtstraßen, menschenleer, bewegungslos, unveränderlich, können in einzelnen Augenblicken wie eine eindringliche, eine tötende Langeweile wirken, wie ich sie sonst noch nirgendwo angetroffen habe, und die den Haß der Literatur auf Kristiania erklärt. In diese Straßen kehren Kristianias Zugezogene von der Karl-Johan-Straße zurück. Und dann fällt die Mittagsruhe der Provinz über die Stadt. Mitten am Tage und zur besten Arbeitszeit. Denn der Einwohner Kristianias hat seine gute, einfache Essenszeit aus den Fördestädten beibehalten und ißt um 3 Uhr zu Mittag – spätestens; wonach er sein Mittagsschläfchen hält. Die Arbeitszeit übergeht er unbekümmert wie der Wiener. Die Boheme, die Studenten und andere lose Vögel speisen zur gleichen Zeit bei Gravesens oder im »Grand«. Eine gute Stunde lang ist alles besetzt. Kein Stuhl ist zu bekommen, kein Platz aufzutreiben. Junge Leute und junge Gesichter. Und doch ganz ruhig. Denn Norweger sprechen nicht viel, wenn sie essen. Und kommen sie zum Kaffee, spielen sie Domino. Vollgestopft ist es, und das Klirren vom Auf- und Abtragen, die Rufe nach dem Kellner – nach einem norwegischen Kellner muß man lange rufen –, herein- und herausströmende Menschen. Es dauert, wie gesagt, eine gute Stunde, und plötzlich ist es leer. Keiner Stadt der Welt geht es wie Kristiania: plötzlich ist sie weg. Bleibt fort und weg, als hätte sie sich selbst geschluckt, in weniger als einer Sekunde, im Handumdrehen. Eine gute Stunde liegt an Wintertagen die weiße Karl-Johan-Straße da, so schön wie der Newski selbst, schneeglitzernd und öde, bis der abendliche Menschenstrom sich unter den Straßenlaternen zu bewegen beginnt. Die Laternen, die meistens angezündet werden – nur nicht, wenn der Almanach Mondschein anzeigt. Nachts ruht die Hauptstadt Norwegens im Mondlicht oder im Dunkeln. Auch dies ist eine Erinnerung aus den Fördestädten.   Der Neubaucharakter Kristianias bewirkt, daß es dort eigentlich kein »Publikum«, zum Beispiel im Theater, gibt. Natürlich gibt es etliche kunstinteressierte Leute, die sich alle Vorstellungen ansehen. Aber es ist kein Publikum, das es als ihr eigenes Theater ansieht, wo sie hingehen, um einander zuzunicken und einander zu grüßen und auf ihren angestammten Plätzen zu sitzen, die ihnen lieb sind, die Kleidung anderer zu studieren, selbst schön gekleidet zu sein und es sich gut gehen zu lassen. Keine Erinnerungen binden sie an dieses Haus und machen es zu dem ihrigen. Es sind nicht ihre Schauspieler, die für sie spielen und die sie freudig beklatschen. Es sind nur Akteure am Kristiania-Theater. Dies wird dem Fremden sofort klar, wenn er sich an einem Abend auf den Platz des Zuschauers setzt, daß hier eine zufällige Menge Menschen sitzt, die einander nicht kennen. Sie sind nicht Glieder einer Gemeinschaft. Es sind nur Leute aus vielen Häusern, die heute abend zufällig eine Eintrittskarte für dieselbe Veranstaltung gekauft haben. Sie gehen Jahr für Jahr in dasselbe Theater, und sie fügen sich trotzdem niemals zu einem Publikum, weil jeder aus seiner Gegend, seiner Provinz kommt. Nicht einmal bei den Erstaufführungen verhält es sich anders. Kristiania hat kein Premierepublikum. In Kopenhagen müssen die Leute, die etwas auf sich halten, bei den großen Vorstellungen dabeisein. Sie müssen es, weil sie sonst »nicht zählen«. Leute aus dem »Parkweg« und der »Inkognitostraße« können ohne weiteres abwarten, ein Stück erst beim siebten Mal anzuschauen, es geht – wenn sie es sich überhaupt ansehen. Das kommt daher, daß niemand in dieser neuen Stadt – oder auf jeden Fall nur wenige – das Gefühl hat, es sei ihre Pflicht, die Stadt zu repräsentieren. Einem Kopenhagener sitzt die Repräsentationspflicht leider nur allzu tief im Blut. Die Gesellschaft Kristianias hat dieses Gefühl nicht. Warum wohl sollte er auch eine fremde Stadt repräsentieren? Er repräsentiert – und dies zur Vollkommenheit – in seinem Heim. Die gesellschaftlichen Anlässe der Stadt berühren ihn wenig. Deswegen gibt es in Kristiania so wenig »Ereignisse«. Die Spitzen der Damenwelt können auf Gemälden dargestellt sein, gemalt von den besten Malern, bei einer Vorstellung, unter der Protektion Ihrer Majestät, inmitten ihrer Familie in Szene gesetzt. Und es gibt ein dreiviertelvolles Haus, und niemand spricht von der Angelegenheit, und die Zeitungen schreiben darüber eine – Notiz. Der Grund liegt auch darin, daß es keine heilige Neugierde gibt, die die Leute anlockt wie in unserem alten Kopenhagen, wo Tausende von Menschen durch Tausende von Banden dreier, vierer Geschlechter miteinander verbunden sind. Die Neugierde schafft das gesellschaftliche Ereignis. Und in Kristiania gibt es keinen fruchtbaren Boden für die liebenswerte Neugier. Die Kristiania-Dame kleidet sich beim Ausgehen schicker als die Kopenhagenerin. Im Freien hat sie mehr Mut zu gefallen. Im Großen und Ganzen ist das Straßenleben der Jungen mutig und hinreißend. Damen und Herren treffen sich, unterhalten sich, gehen spazieren, trennen sich. Eine junge Kristiania-Dame wechselt mit einem Bekannten einen Händedruck, wo eine Kopenhagenerin mit einem Heben der Augenbrauen grüßen würde. Um auf der Straße miteinander zu reden bedarf es bei uns der Verwandtschaft, hier nicht einmal der Bekanntschaft: Man kann sich selbst präsentieren – und dies wird nicht ungnädig aufgenommen. Diese Freiheit im Umgang – dem Umgang auf der Straße wohlgemerkt – macht die Zeit von zwei bis drei auf der Karl-Johan-Straße zu etwas eigenem in der Welt. Süddeutschland hat seine Korso-Zeit, wo die ganze Stadt auf den Beinen ist: dies sieht südlich lebhaft aus. Man grüßt sich mit weitläufigen Handbewegungen und lauten Rufen über die Straße. Aber es wird nie zu einer großen Gruppe von Bekannten, die sich treffen. Und genau so verhält es sich zwischen dem Schloß und dem Storting. Storting: Norwegens Parlament. Eine frohe Schar Kameraden, zwischen denen – der goldene Eros spielt. Es könnte in der Stadt, wo man wirklich zu Hause ist, unmöglich so frei zugehen. Dies verböte sich von selbst. Aber man weiß, wieviel man sich auf Reisen erlaubt, welch ganz andere Freiheit man sich nimmt. Und die Menschen von Kristiania sind ja gerade solche in ihre Stadt Zugereisten. So frei sie deswegen auf Straßen und in Wäldern sind, so feierlich werden sie innerhalb ihrer vier Wände und auf Gesellschaften. Sie werden zugeknöpft und vorsichtig wie wir alle, wenn wir mit Leuten zusammenkommen, die wir nicht kennen. Die Unterhaltung ist darüber hinaus schwierig, weil es so wenig von den Kleinigkeiten zu bereden gibt, die in alten Gemeinschaften alle interessieren. Außerdem verlangen die Umgangsformen – ja, jedes Land hat seine eigenen –, daß Herren und Damen die Zeit getrennt verbringen, wie jütländische Gemeinden in den Kirchenbänken. Jütländische Gemeinden in den Kirchenbänken: Auf dem Lande war die Geschlechtertrennung im Gottesdienst lange stark ausgeprägt. Ein Gang folgt dem anderen: zuerst der Nachmittagstee mit reichlich Keksen, dann das Abendessen mit besonders vielen Schüsseln, dann der Nachtisch mit reichlich Naschwerk, während im Salon der Kaffeetisch gedeckt wird – mit viel Kognak. Aber viele Gänge bedeuten noch lange keine Geselligkeit, und das häufige Essen hindert manches Gespräch. Man hat dauernd den Eindruck, daß die Gesellschaft zu viele fremde Elemente in sich vereint hat. Sie kennen natürlich voneinander Vor- und Nachnamen und noch einiges mehr. Sie können selbstverständlich auch eine Bösartigkeit über ihren Nächsten in einer Ecke sagen. Aber der Kitt der Gewohnheit fehlt trotzdem, um sie zusammenzufügen. Und sie haben nicht alle unsere gesellschaftlichen Torheiten so oft zueinander gesagt, daß es in ihrer Macht stünde, sie mit einem Lächeln noch einmal zu sagen. Außerdem ist man in Norwegen in einem neuen Land, wo man gelegentlich, selbst in den besten Kreisen, eine Dummheit freimütig eine Dummheit nennt – und Euphemismen schaffen oft Vertrauen im gesellschaftlichen Leben. Der, der Kristianias Gesellschaftsleben von seiner besten Seite kennen lernen will, muß »das große Diner« sehen: Wenn ein reiches Haus seinen ganzen Apparat entfalten kann, wenn das Ganze den pompösen Charakter eines Banketts erhält, wo eine gewisse Festlichkeit paßt – dann feiern Kristianias »Gastgeber«, als wäre man in der Mitte Europas. Denn norwegisches Gesellschaftsleben kann das Festlich-Pompöse herbeiführen; das Gemütlich-Liebenswerte geht verloren. Man hat mehr als genug Stil, um die großen Effekte zu erreichen. Um aber die kleinen Wirkungen zu erreichen, ist man in der neuen Stadt nicht lange genug in seinen Häusern, nicht diskret-vertraut genug mit seinen Freunden.   So ist Kristiania, die Stadt, die nur auf eines wartet: Bürger von Kristiania. Sie hat Schönheit genug. Wo in der Welt ist sie schöner als auf dem Schloßberg an einem Wintertag unter hohem Himmel, wenn Kuppeln, Bäume und die Erde aus gleichem Weiß scheinen? Wo ist sie schöner als in der Karl-Johan-Straße, wenn die Luft vom Reden und Lachen der Jugend summt und die Bäume des Studenterlunden Studenterlunden: Kleiner Park im Zentrum der Stadt, bei der alten Universität und dem Nationaltheater. auszuschlagen beginnen? Wo ist sie schöner als auf der »Festung« , wenn die Sonne blank über dem stillen Fjord liegt und die Berge sich ins Blaue färben? Sie hat genügend Jugend. Sie hat Zukunft. Sie wächst. Sie ist auf dem Wege, reich zu werden. Es fehlen nur Menschen, die sie in Hingabe in Besitz nehmen wollen. Wie wir sie lieben, weil es ihre Welt ist – jeden Fleck von ihr, ihre Steine, ihre Häuser bei Tag und bei Nacht, ihr Theater, obwohl es häßlich ist, die steinharten Bänke der »Festung«, die »Loge«, alles , weil alles Teil der Welt ihres Lebens ist ...   Es war letztes Jahr, in einer Sommernacht – Sankt Hans-Abend. Sankt Hans-Abend: Abend des 23. Juni. Mittsommernacht, in der man traditionell Feuer anzündet. Wir waren auf einem Fest auf dem Lande bei Bergen. Nun ruderten wir zurück. Das große Boot war voll mit jungen Leuten, Damen und Herren, die sangen. Wie hell die Nacht war und wie stille! Stumm lagen die hohen Berge da, in die tiefen Farben der Sommernacht gefärbt, wie es niemand malt. Das schwere Boot bog zur Reede Bergens ein. Die alten Schiffsbrücken, die Häuser am Berge, die weißen Landsitze zwischen dem Grün der Birken, die Kirchtürme; und auf dem Wasser, dem blanken Wasser, die großen und ruhigen Rümpfe der Dampfschiffe und Segelschiffe mit ihrem Ablegen in der Nacht. Und auf einmal sprang einer der jungen Leute im Boot auf die Bank und den Hut schwingend rief er: »Schöne Stadt ...«   Auf solche Freunde wartet Kristiania – des holden Landes holde Hauptstadt. Heiligabend in der Fremde »Schnee!«, rief ich, der im Wohnzimmer die Vorhänge aufzog. »Nein, zum Teufel«, schrie der Maler, der im Schlafzimmer aus seinem Bett sauste und in ziemlich unzureichender Morgentoilette zum Fenster lief. »Doch, wirklich, es ist Schnee«, sagte er. Es lag viel Schnee: Schneewehen auf der Straße, Schneehaufen vor den Türen. Schnee in Massen. Schnee und nochmals Schnee. »Ja, dann bleiben die Züge stecken«, sagte der Maler. »Das stimmt«, sagte ich. »Sie kommen niemals über die Berge«, sagte er. »Nein«, erwiderte ich, der die Dächer betrachtete. Der Schnee lag wie Felsbrocken auf den Dächern. »Nun«, sagte der Maler, »es sind ja noch vier Tage bis Weihnachten.« – »Und die Post befördern sie wohl mit Schlitten.« Wir trösteten uns mit den Schlitten. Es war in Prag. Wir wohnten draußen in einem Vorort – vier Herren – ein Maler und ich im zweiten Stock, ein Pianist und ein Jurist im dritten. Für alle vier kochte »die Hausmeisterin« Suppe und servierte sie in Steingutschüsseln. Wir waren alle vier gleich wohlhabend. Im dritten Stock gab man seine Armut zu, im zweiten verbarg man sie, so gut es sich machen ließ. Deswegen hatte auch der zweite Stock schon im November – es ist gut, so etwas bei Zeiten zu tun – den dritten zu Heiligabend eingeladen. Wir hatten uns daraufhin auf das Fest vorbereitet. Im Ausland gewöhnt man sich allmählich an alles. Die Redaktionen nehmen nicht immer so schnell an, was man schreibt. Manches wird abgelegt, und manches kommt montags. Und haben es die Redaktionen endlich angenommen, eilt es ihnen nicht so damit, die Honorare zu überweisen. Die Postanweisungen kommen unregelmäßig und ziemlich spät im Monat. Mit den Verlegern verhält es sich nicht besser. Wenn man im Ausland ist, ist man – dies kann in dieser Beziehung auch zu Hause geschehen – einer, der außen steht, an den alle zuerst erinnert werden müssen, mit Nachdruck erinnert werden müssen. So muß man sich zeitig wappnen. Wir hatten das getan.   In fünf Ländern war ich Feuilletonist. Einen Monat lang hatte ich keines von ihnen verschont. Ich hatte schon im Weihnachtsschnee geschwelgt, während die Novembernebel dicht über dem Hradschin lagen, und ich hatte die Festtagsglocken für alle Familienblätter, die aufzutreiben waren, geläutet. Auch keine andere journalistische Tat hatte ich versäumt. Politik und Gesellschaftsfragen flossen reichlich aus meiner Feder. In Zeitschriften war ich ernst gewesen, und in den leichteren Blättern hatte ich versucht, spaßig zu sein. Journalisten gewöhnen sich ja mit den Jahren an Vielseitigkeit. Einer deutschen Familienzeitschrift, deren Redakteur sein Programm mit den Worten: »Verehrte Herren, unser Blatt wendet sich an die Herzen« beschrieben hatte, hatte ich Novellen geliefert. Eine von ihnen trug den Titel: »Die Ophelia des Dorfes«, einen Titel, der in einem Land, wo man so pietätsvoll das große Repertoire pflegt, Erfolg verdiente. Der Maler war auch nicht faul gewesen. Er hatte seinen Markt in Berlin, und seine Spezialität waren Zigeunerstudien. Ich habe noch nie so schwarzes Haar und so große Augen gesehen. Er malte eine Studie täglich. In ganz Berlin gab es keine Kunsthandlung, die nicht mit seinen Zigeunern geschmückt war. Je mehr wir uns Weihnachten näherten, desto kleiner wurde das Format der Schönheiten und desto größer die Rahmen. »Sie sollen es so haben«, sagte der Maler, »es eignet sich besser als Geschenk.« Er malte Tag und Nacht. Alle Schönheiten glichen einander: »Das macht aber nichts«, sagte er, »wenn man nur dafür sorgt, sie weit zu streuen – so daß es paßt.« Er verteilte sie, wie gesagt, über ganz Berlin. Aber das Metier des Malers ist ja immer unsicher. Das Sicherste sind die Ausgaben für die Rahmen. Diese muß man im voraus bezahlen. Erst dann kann man die Bilder ausstellen, was ja nicht immer bedeutet, sie auch zu verkaufen – umgehend. Wir wußten es. Und ich war deswegen zu meinen Zeitungen um so grausamer. Trotzdem waren wir fröhlich. Die meisten meiner Artikel waren angenommen, so daß wir in dem Stadium waren, wo wir den Postanweisungen entgegensahen. Tag um Tag verstrich, keine kam. Auch der Redaktionssekretär, der gemeinhin die Honorarbücher führt, hat es gegen das Fest eilig mit seiner eigenen Arbeit, so daß er kaum Zeit hat, über Postanweisungen zu grübeln. Es wurde der fünfzehnte: kein Honorar. Es wurde der achtzehnte: noch keine Anweisung. Was die Kunsthändler betraf, verhielten sie sich beunruhigend ruhig. Wir begannen, mit der Arbeit leicht nachzulassen, sowohl der Maler als auch ich. Tagsüber gingen wir durch die Straßen, sahen in die Fenster und überlegten, was wir unseren Gästen schenken sollten. Denn es sollte ein richtiges Weihnachten werden, mit Baum und Geschenken. Der neunzehnte ging zu Ende, die Post ging am zweiten Stock vorbei. Abends sagte der Maler: »Du, nun wäre es lustig, wenn es schneite und die Züge nicht mehr führen.« »Ja«, sagte ich langgezogen. Ich hatte auch schon an Schnee gedacht. Ich hatte mich daran gewöhnt, mir das Schlimmste auszumalen. Nun am Morgen des einundzwanzigsten schneite es in Massen. Es war ein kleiner Trost, daß ich es erwartet hatte. Wir trösteten uns damit – um einen Anfang zu machen – , daß der Schneefall nur örtlich war. Die Zeitungen schrieben inzwischen, daß seit dem Jahr dreißig keine ähnlichen Schneemassen auf das Land herabgestürzt seien. Der gesamte Verkehr in ganz Mitteleuropa sei zusammengebrochen. Die Tage, die nun kamen, waren nicht gerade vergnüglich. Wir redeten nicht viel. Ich verfluchte die Redaktionen, als ob sie am Schneefall schuld wären. Mit unseren Hoffnungen mußten wir uns nach und nach anpassen. »Von Geschenken kann ja keine Rede mehr sein«, sagte der Maler. Wochenlang hatten wir, frei herausgesagt – zehn Erwachsene werden zu Kindern, wenn man so einsam in der Fremde ist – uns wegen der Geschenke beraten. Es gab fast nichts mehr, was wir nicht hätten schenken wollen. »Nein«, sagte ich, »davon kann keine Rede sein.« »Aber du«, sagte der Maler, »vielleicht ist es, gerade herausgesagt, auch hübscher. Es wäre nur anspruchsvoll – wenn sie nichts zu geben hätten ... und sie haben bestimmt nichts zu schenken.« Ich hoffte es. Inzwischen schneite es weiter, und es brach der Tag vor Heiligabend an. Unsere Barschaft bestand aus einem Gulden Gulden: Münzeinheit in der österreichischen k.u.k. Monarchie; galt von 1857-1892. Der Gulden war in 100 Kreuzer unterteilt. Der Silbergehalt lag bei 11,11 g Silber. Die Kaufkraft entsprach etwa € 30-40. und einigen Kreuzern. Der Maler ging umher und sah in alten Westentaschen nach, was in besonders kritischen, geldlosen Augenblicken seine Angewohnheit war. Er fand nichts. Er hatte dort wohl schon gesucht. Der alte Veith, der Mann von » die Hausmeisterin «, der uns aufwartete, schlich auf seinen Filzschuhen unsicher umher und kam mit dem Sichverbergen nicht zurecht. Der alte Veith ging auf dem ganzen Fußballen und hob bei jedem Schritt die Knie, als gäbe er sich beständig vorbereitenden Übungen und Kniebeugen hin. Wenn er uns nicht aufwartete, knüpfte er Enden. Die Hausmeisterin arbeitete mit zwei Näherinnen für eine Hemdenfabrik. Die Maschinen liefen die langen Säume entlang. Der Hausmeister knüpfte das Ende. Die weibliche Beschäftigung hatte ihm gewisse Gesten mit den Händen verliehen, als ob er dauernd die Nadel aus einem Stück groben Stoffs zöge. Nun ging er verlegen umher und hob die Knie und witterte Kümmernisse und wollte etwas sagen und bekam es nicht heraus, bevor er an der Tür war, wo er stehen blieb und sich am Türrahmen rieb, als ob er schauderte. »Es geht um den Baum«, sagte er endlich und wurde kupferrot, der Ärmste: »Ich habe mir gedacht – meine Frau hat sich gedacht (es war meine Frau, die gedacht hat), ob ich nicht, ob wir nicht den Baum kaufen sollten – denn ich kenne mich ja aus, und solche Fremden, solche Fremden – – sie werden nur – – sie bezahlen doch nur das Doppelte ...« Der Alte konnte nicht mehr und war so rot wie Blutstropfen. Wir verstanden, daß er uns mit dem Baum helfen wollte. »Und so schwöre ich«, sagte er, »dann ist es erledigt.« Er war kecker geworden. Er merkte, wir nähmen sein Angebot an. Wir schwiegen lange, als er gegangen war. »Ja, morgen kann ja auch noch Post kommen«, sagte der Maler. »Ja – a«, sagte ich. Wohl keiner von uns erwartete noch Post. Draußen auf der Treppe lachten und sangen sie. Es waren die vom dritten Stock – unsere Gäste von morgen –: Sie waren bereits in Festtagsstimmung. Im zweiten Stock wurde in dieser Nacht nicht viel geschlafen. Um sieben Uhr morgens hörten wir den Briefträger. Wir hatten nichts anderes erwartet: nun ging er langsam an unserer Tür vorbei. Nichts, nichts. Wir sagten nichts zueinander. Und wir hörten den Briefträger wieder herunterpoltern – so mechanisches dummes Gepolter – und der Hausmeister schlich in seinen Filzpantoffeln zur Tür herein. So leise war er noch nie gegangen: Ja, so standen wir wohl am besten auf und feierten Weihnachten. Mit unserer Barschaft – einem Gulden. Als wir hoch kamen, rochen wir Tannenduft: im Flur stand der Baum. Er stammte gewiß vom Waldrand, denn ein sehr unsanfter Sturm schien ihn gezaust zu haben. »Dieser arme Schlucker«, sagte der Maler, der an Veith dachte. Wir standen da und besahen uns den krummen Sproß. Wir hatten keine Ahnung, wo wir etwas zum Schmücken finden sollten. Der alte Veith kam. Er hielt den Kopf schief und sagte: »Der Baum ist hübsch, er ist richtig hübsch. So ist es, wenn man sich auskennt«, sagte er. »Ja, er ist richtig hübsch«, sagten wir, mit leicht belegter Stimme. Er wurde ins Wohnzimmer auf den Tisch gestellt. Dort stand er in all seiner Nacktheit. Es läutete, und wir fuhren zusammen. Der Briefträger war gerade weg, und wir dachten: vielleicht ist es doch die Post. Es waren unsere Gäste vom zweiten Stock. Sie wünschten uns einen guten Morgen – sie strahlten über das ganze Gesicht – und fragten, wann sie kommen sollten. Ich sagte: »Ja, um acht Uhr.« Und der Maler bat sie herein. Aber das wollten sie nicht, um uns bei unseren Vorbereitungen nicht zu stören ... Das mit den Vorbereitungen war gelungen. Der Maler sagte: »Aber irgendwas muß gemacht werden.« »Ja«, antwortete ich, der nicht den geringsten Einfall hatte. Der Maler sagte: »Man kann ja Watte auf die Zweige legen.« »Ja«, antwortete ich, aber wir brauchen ja auch Kerzen.« »Man könnte doch«, sagte er grübelnd, »einen Wachsstock Wachsstock: Langer dünner Docht, in geschmolzenes Wachs getaucht, rollen- oder spiralförmig gewickelt. Diente Beleuchtungszwecken. nehmen.« »Ja«, sagte ich. Vom Essen sprach niemand. Wir wußten, daß das Essen am schwierigsten war. Denn wir hatten das Fest ja mit Gans und Naschwerk auf dänische Art feiern wollen – – und das hatten wir unseren Gästen erzählt. Bereits im November. Hausmeister ging weiter ein und aus. Die Augen wanderten vom einen zum andern. Wir waren dessen leicht überdrüssig. Die Situation war nicht gut mit Fremden zu teilen. »Sie haben heute viel Zeit, Veith«, sagte der Maler. Wir hatten auch viel Zeit. Wir saßen jeder in seinem Stuhl und starrten den schiefen Baum an. »Ja«, sagte Veith, der stammelte, »heute ... heute nähen wir nicht. Mutter macht das Festessen«, brachte er hervor. Und plötzlich brach er in einen langen Wortstrom aus, sie koche Karpfen – blaue Karpfen, das koche sie ... »Das essen hier alle zu Abend«, und er lachte vor Verlegenheit, »bis hinauf zu den Vornehmsten ... sauer, mit Zwetschgen ... ja ... das kocht sie. Und sie kocht im übrigen auf alle mögliche Art und Weise ... aus der Zeit, als wir noch Marketender waren ... Sie wissen, wir kochen ... aus der Zeit ... und es schmeckt köstlich in Gelee ...« Hausmeister war völlig durcheinander. »Ja«, sagte der Maler (wir vernahmen ja nicht einmal die Hälfte), »das soll in Gelee gut schmecken.« Hausmeister nahm einen weiteren Anlauf: »Ja – es war wirklich daran ... daran, woran meine Frau möglicherweise dachte, daß Sie Karpfen essen können ... und wissen ... daß Sie doch in Böhmen waren ... daran dachten wir ...« »Mutter«, sagte er ganz außer Atem, »hat uns sogar heute nacht geweckt.« Ich glaube, sowohl der Maler als auch ich bekamen Tränen in die Augen: Wir verstanden das ja alles: man nähte nicht, weil Hausmeisterin kochen mußte – für uns – die Fremden – kochen mußte. Ja, danke. Das konnte ja wirklich unterhaltsam werden ... sehr unterhaltsam, einmal Weihnachten auf böhmisch zu feiern ... Sagten wir. Und wir dachten: Die Gäste sind ja glücklicherweise aus Böhmen. Ich war mir nicht so sicher, daß Karpfen mit Zwetschgensoße Fremden genauso schmeckten. Veith strahlte und lief hinein und heraus. Er war wie ein Sieger auf dem Schlachtfeld. Die Türe zur Pförtnerloge ließ er offen. Essensgerüche und Backgerüche verbreiteten sich im ganzen Haus. Der Maler nahm unseren Gulden und kaufte Wachsstock ein. Veith rumorte und hob die Knie. Er begann zu erzählen, daß sein Schwiegersohn Schaffner sei ... Schaffner bei der Bahn. Bei der Nordbahn. Ja, das wußte ich ja. »Das sind übrigens gute Stellen dort bei der Nordbahn ... für Badegäste ... Solche Badegäste sehen nicht auf den Gulden, wenn sie alleine im Abteil sein wollen ...« »Nein«, sagte ich: das taten sie natürlich nicht. »Nein, das tun sie nicht«, sagte er. »Und sie haben einen Genossenschaftsladen«, sagte er plötzlich. »Einen Genossenschaftsladen?« fragte ich. Das interessierte mich ja nicht besonders. »Ja – und sie bekommen dort alles – den besten Wein ... aus Troppau, wissen Sie ... den besten Wein, reinen Wein ... sie bekommen ihn für dreißig Kreuzer.« Er wandte uns den Rücken zu: »Ja«, sagte er, »wir haben noch ein paar Flaschen ... wenn ...« So geschah es, daß wir auch Wein bekamen – – die Petroleumsflasche zu dreißig Kreuzern, aus dem Genossenschaftsladen der Eisenbahnschaffner. Der Maler kam zurück, und ich erzählte ihm dies. »Nun«, sagte er, »das wird eine zusammengestoppelte Mahlzeit.« »Ach ja«, antwortete ich nur, »wir haben eigentlich nur die Watte gestiftet – und den Wachsstock.« Etwas Goldfaden zupften wir aus einem alten Ritterumhang, der unter den Sachen des Malers vorhanden war; er wurde zu Glimmer auf dem Baum. Veith lief weiterhin hinauf und herunter, hinaus und herein. Er machte so großen Lärm und meinte es doch so gut. Er brachte Gläser, und er brachte Flaschen: wir mußten den Schaffnerwein probieren. »Ja«, sagte Hausmeister , »er ist unverfälscht.« Er stieß selbst mit an: »Meine Tochter erhält ihn ja bei jeder Geburt zur Stärkung«, sagte er. Wir lachten – zum ersten Mal – und leerten die Gläser. Der Maler verteilte die Watte über die Zweige und hängte den Glimmer darüber. Es sah etwas ärmlich aus: »Zum Teufel«, sagte der Maler, »man sieht nicht so genau beim Licht von Wachsstöcken.« Recht hatte er. Ich wußte nicht, warum; aber Hausmeister wollte uns unbedingt im Keller haben. Wir sollten die Karpfen anschauen, sagte er, und Mutter habe auch gebacken. Wir meinten, wir sollten wohl hinunter, und wir folgten dem Alten. Unten im Keller hatte Frau Hausmeister die Nähmaschinen in die Ecke gestellt und einen rein gescheuerten Tisch mitten auf die Straße. Sie kochte und briet, daß sie in einer Dampfsäule stand. Hausmeister schlich sich davon und schloß die Türe hinter sich. »Ja«, sagte die Frau und lachte mit ihrem guten runden Gesicht, »es ist eine Veränderung, aber man soll das Fest feiern.« Davon sprach sie noch eine Zeitlang, bis sie plötzlich in bösem Ton sagte: »Aber Veith ist ein alter Narr ...«, kam und steckte mir einen Zehn-Gulden-Schein in die Hand – und sagte zugleich: »Es muß noch beim Kaufmann eingekauft werden«, sagte sie in demselben bösen Ton: und hier haben wir keine Zeit. Nun müssen Sie sich beeilen.« Wir gingen beide zu ihr und ergriffen ihre Hand. »Ja«, sagte sie geschäftig: ich bereite jetzt zwei Arten Karpfen zu ... so können Sie wählen ... denn mit den blauen ...« Sie beschäftigte sich weiter mit ihren Fischen, von etwas anderem wollte sie nichts hören ... Wir gingen wieder die Treppe hinauf – mit dem Geldschein, den wir erhalten hatten. Es begann, dunkel zu werden. Der Baum mit der weißen Watte stand in der Stube. Der alte Veith deckte den Tisch. Wir mußten gehen, um für die zehn Gulden der Hausmeisterin einzukaufen. Wir beschlossen, anstelle der Wachsstöcke Kerzen zu nehmen und mehr Glimmer, um die viele Watte noch mehr zu schmücken. Wir kauften wie arme Leute, deren Geldbeutel fast leer ist, vorsichtig ein. Als wir den Laden verlassen hatten, sagte der Maler: »Zum Teufel, du, wir müssen wirklich etwas zurückbehalten ... es gibt noch Tage danach ... und wer weiß, wann wir Geld bekommen.« Es war sicher das einzige Mal in seinem Leben, daß der Maler an den morgigen Augenblick gedacht hatte. Aber diese Tage waren ja auch mühsam gewesen. Ich meinte, wir müßten das ganze Geld für Veith ausgeben. Sie freuten sich ja so, als wäre es ihr eigener Weihnachtsbaum. Als wir nach Hause kamen, war es dunkel geworden. Der Maler begann, von Weihnachten in seiner Heimat, der Mark Brandenburg, zu erzählen. Um vier Uhr am Weihnachtsmorgen wurden die Kinder geweckt, und dann wanderten sie durch die Straßen mit großen Kerzen in ihren Händen in die Kirche. »Wie wir auf die Kerzen aufpaßten, daß sie nicht ausgingen«, sagte er. »Und wie wir vorsichtig gingen und mit großen runden Augen auf die Flamme sahen ...« »Dann sangen wir Weihnachtslieder, wenn wir zur Kirche gekommen waren.« Er erzählte weiter von seinem Zuhause und aus seiner Kindheit. Ich hörte nur halb zu und dachte an meine Heimat. Der Maler erzählte von Weihnachten früher – früher, als er in Berlin wohnte, arm und einsam: Er sei auf die Straße gegangen, sagte er, und habe sich vor das Tor zu den großen Kasernen gestellt. Er habe auf den Zeitpunkt gewartet, zu dem die Soldaten, die Heimurlaub hatten, in Scharen herausströmten. Davon seien sie geschritten, ihre Bündel in der Hand, in langen Reihen, zur Eisenbahn – alle die jungen Kerle, die nach Hause wollten, jeder in ein Heim. Dann sei er auf den Straßen und Plätzen umhergegangen, wo es bald leer wurde. Und zuletzt sei er der einzige gewesen, der in einer langen und breiten Straße wie ein Schatten an der Häuserreihe vorbei geschlichen sei. Ich saß da und schwieg. Dann sagte ich plötzlich: »Du, ob man nicht ein paar Telegramme bekommen sollte?« »Kennst du jemanden, der dir telegrafieren könnte?« »Ach, ja«, sagte ich und dachte: Seinerzeit gab es ja viele. »Nun ja, ich habe niemanden«, sagte der Maler. Und wir schwiegen eine Weile. Veith weckte uns. Er kam mit zwei angezündeten Kerzen in einem Paar alten versilberten Leuchtern. Er sagte, es müsse doch Beleuchtung auf den Tisch. Es war wohl auch die Zeit, zu der unsere Gäste zu erwarten waren. Die beiden Kerzen erhellten die Gedecke. Der Eindruck war einigermaßen erträglich. Alle Veithschen Schüsseln waren aufgefahren. Sie waren, wie Veith sagte, bei »einer Gelegenheit« gekauft und sahen alle aus, als hätten sie ein bewegtes Dasein geführt. Zumindest das Tischtuch war reichlich, es reichte auf allen Seiten bis zum Boden und war so grob wie eines der ehelichen Bettlaken. Die Gäste läuteten. Sie waren festlich gekleidet und strahlten. Wir tauschten mit ihnen Weihnachtsgrüße aus – mir schlug das Herz bis zum Hals – und sagten, es sei doch ein böhmisches Weihnachten geworden – in Bezug auf Frau Veiths Kochkunst. Veith öffnete die Tür zum Eßzimmer mit einem » Gesegnete Mahlzeit« ; und wir gingen zu den Karpfen hinein. Am Anfang war es ziemlich ruhig, die aus Böhmen speisten, und wir Gastgeber saßen die meiste Zeit da und betrachteten etwas geistesabwesend die bunt gewürfelte Tellerschar. Der alte Veith war wie im Rausch. Er brachte Schüsseln herein, so gewaltig, als wäre er noch in der Marketenderei und müßte eine halbe Division verköstigen. Bei jeder neuen Schüssel, die er brachte, leuchtete sein Gesicht, als schlüge er die Tür zu einem Weihnachtsbaum für eine Kinderschar auf. Er bot die Karpfen rundum an – es gab Karpfen süß und Karpfen sauer – , und er plapperte: »Ja, ja, der Herr Pianist weiß sicher, daß es tschechisches Essen ist, so wie man es früher bekam ... ja, ja, Karpfen sind Festtagsessen ... von klein auf ...« Er nötigte uns unablässig, seine blauen Fische zu essen. Die Zwetschgensoße war sein Liebling. »Es könnte gut sein, sie hatten die Zwetschgensoße gemocht, die Truppen, im Jahre 66 1866: Gemeint ist der preußisch-österreichische Krieg gegen Dänemark, der 1864 begann. Der Streit ging um die Zuordnung der Herzogtümer Schleswig und Holstein. Dänemark verlor den Krieg und mußte 1866 im Prager Frieden der Eingliederung des Herzogtum Schleswigs in das Königreich Preußen zustimmen. ... Aber schwierig, ganz schwierig, wie die Preußen fraßen ...« 66 war Herr Veith bei der Marketenderei gewesen. Und er beginnt – die Fischplatte in der Hand – eine lange Erzählung von all dem, was die Preußen fressen konnten ... »Man bekam ja einen Gulden pro Tag für jeden Mann, aber aufpassen mußte man. Denn die Kerle fraßen, was sie sahen.« Aber Veith hatte seine Vorgehensweise: Wenn sie ins Quartier kamen, waren sie ja, versteht sich, hungrig wie gierige Wölfe: »Aber dann«, sagt Veith mit den Fingern an der Nase, während er die Augen zukneift, »ließ man sie sich nur vollstopfen, soviel sie in sich hineinstopfen konnten – so daß sie sich bereits am ersten Tag überaßen ... dann hatten sie in den nächsten Tagen erheblich geringeren Appetit ...« Veith lacht laut, diese List war sein Lebenssinn. Und wir anderen mußten mitlachen – wir haben die Geschichte schon an die zwanzig Mal gehört. »Ja, ja«, sagt Veith, »geduldig waren sie jetzt und artig wie Kinder ... sie gingen sogar Mutter zur Hand, als wären sie ihre eigenen Söhne ... und schälten sogar ihre Kartoffeln.« »Aber in Reih und Glied«, schließt er, »da standen sie stramm.« Veith sieht so fröhlich aus, als bekäme er noch einmal einen Gulden pro Kopf in den feindlichen preußischen Reihen. Dann ruft er mich in die Schlafkammer. »Es ist so ruhig«, sagt er, »schenken Sie sich lieber ein ... Der Wein ist gut. Er ist unverfälscht.« Die Literflaschen mit dem Eisenbahnerwein, der süßlich wie Bischofswein ist, gehen rund. Noch mehr Fisch wird aufgetragen, und die Stimmung beginnt lebhafter zu werden. Der Pianist erzählt von Weihnachten zuhause in Brüx, als sie noch wohlhabend waren und sein Vater lebte. Sein Vater war Gerber. Am Heiligabend wurden zwei große Bottiche voll mit Karpfen in den Flur gestellt, und seine Mutter verteilte jedem Armen, der sich meldete, etwas von den blauen Fischen. »Es ist ja so, wissen Sie, in den kleinen Orten«, sagt er, »daß man teilt.« Der Maler und ich sehen einander an – wir wollen mit dem alten Veith anstoßen. Er trocknet sich zuerst seinen Mund mit seinem Hemdsärmel – er ist in Festkleidung mit schwarzer Weste und weiß leuchtenden Hemdsärmeln –, bevor er mit uns beiden anstößt. Der Pianist erzählt weiter von zu Hause in Brüx: alle Knechte und alle Jungen wurden ja am Abend bewirtet. Der Kandidat, dessen Vater in einem kleinen Flecken Landrat ist, hört mit dem Essen auf und sieht mit einem langen Blick sozusagen auf sein Weihnachten zurück: »Ja«, sagt er, »wir waren sechzehn Kinder ...« Als ob damit alles gesagt wäre. Und er beugt seinen mageren Hals vor, der gleichsam noch Zeugnis von all dem Beamtenhunger in seiner Kindheit ablegt. Die Literflaschen gehen herum, und alle reden. Die Hausmeisterin ist aus ihrem Keller heraufgeschlichen und lauscht an einem Türspalt in der Schlafkammer. Der Maler holt sie herein, und alle stoßen mit ihr an. Sie stand auf ihren Strümpfen mit gefalteten Händen: »Ja«, sagte sie, »es ist doch schön mit der Jugend.« Und sie stand da und sah mit schimmernden Augen auf den Tisch mit den Karpfen und den beiden Kerzen. Wir brachen auf, und der Maler ging hinein, um den Baum anzuzünden. Er strahlte richtig mit seiner Watte und dem Glimmer vom Ritterumhang. Aber wir vier wurden wieder ruhiger, bis der Pianist vorschlug, wir sollten etwas singen. Er sang vor. Aber es ging nicht richtig. Wir versuchten Lied auf Lied, während der Baum still vor sich hin leuchtete. Aber wir konnten nicht dieselben Lieder. So entfiel der Gesang ... Unter dem Baum ging es mit dem Essen noch weiter. Veith brachte so viele Gerichte herein; bald war es Gebäck, bald war es Eingemachtes. Gut war es, daß wir so viel zu essen bekamen, denn die Unterhaltung zog sich hin, bis wir am Ende alle vier schweigend dasaßen. Drinnen im Eßzimmer hörte ich schleichende Schritte. Mutter Veith war wieder heraufgekommen. Sie stand still drinnen, nahe der Tür, und sah mit großen Augen auf den schiefen Baum ... Unsere Gäste waren gegangen. Der Maler und ich saßen zu Fuß der Tanne, deren Lichter erloschen waren. Veith ging in die Speisekammer und kramte. Wir hatten ihn nicht hereinkommen hören, aber dann polterte er mit einem Stuhl, und ich drehte mich um und sah, daß er etwas auf dem Herzen hatte. Dann sagte er schließlich und war ganz unsicher in seiner Stimme: »Ja, Sie müssen uns entschuldigen, wir haben es ja nicht besser machen können.« Der Maler und ich hatten Tränen in den Augen. Veith war gegangen, und wir saßen lange schweigend da. Dann erzählte der Maler von anderen Weihnachtstagen und anderen Weihnachtsfesten. Er erzählte von einem Weihnachtsfest in München – ein heidnisches Fest mit reichen und schönen Frauen und Wein und Witz und einem riesigen Rosenbaum anstelle einer Tanne. Und er erzählte – in einem Ton ohne Sentimentalität, aber vielleicht doch leicht wehmütig – von dem Freund, der damals die Seele der Feste war. Er war eine Art Dichter und war plötzlich in München aufgetaucht – zweiundzwanzig und tatendurstig. Er hatte etwas Talent und viel Energie. Er verfügte über eine weiche Stimme und hatte eine gefühlvolle Vortragsweise, die die Gedichte, die er überall las, schmückte. Es kam ein Jahr, wo er der Liebling einer ganzen Stadt war – vielleicht nur deswegen, weil im Augenblick kein anderer vorhanden war. Es war ein Jahr wie ein Märchen, so voll von Glück und Gunst ... Er nahm es, glaube ich, wie etwas, das so sein mußte. Und eigentlich war er ganz anspruchslos, und er teilte auch mit dem einen oder anderen. Aber die Verzückung des Publikums war kurz, und seine Mißgunst und Gleichgültigkeit wurden größer. Dies tritt immer ein, wenn ein Publikum sich hat überrumpeln lassen. »Es war nun aufgewacht, mein Bester, und sie haben dem Mann nie vergeben. Nun hat er weit begabtere Dinge als damals geschrieben – sogar ein Buch, das ich gut finde ... aber er bleibt außerhalb des Lebens stehen. – Und außerhalb aller Vorhaben. Es ist, als würden die, die das Wort führen, Angst vor ihm haben, sich an ihm oder nur an seinem Namen zu verbrennen. Er kommt nie wieder hinein. Es ist, als wäre ein Kreis um ihn geschlagen, und als stünde er außerhalb.« »Und nimmt er sich das zu Herzen?« fragte ich. »Sehr«, sagte der Maler – – sehr, sehr ...« »Es gab wohl eine Zeit ... Jetzt, glaube ich, hat er sich andere Ziele gesetzt – mehr innere, wenn ich so sagen darf ... Er, den die Satireblätter – sie beschäftigen sich mit ihm noch hin und wieder; hast du nicht bemerkt, daß sie ausdauernd auf einem »Gegenstand« noch zehn Jahre lang herumhacken, nachdem er schon alle Aktualität verloren hat, und erst, wenn auch sie schweigen, ist man ganz tot – jemanden noch einen Reklameheld nennen, der eine menschenscheue Seele geworden ist, glaube ich, der sich in den Ecken herumdrückt und sich nur Frieden wünscht – in Frieden ruhig leben zu können.« »Aber vielleicht«, sagte der Maler nachdenklich, »leidet er manchmal darunter, ... daß so viele seiner Kräfte brachliegen. Dies quält ihn vielleicht. Bayern, weißt du, ist ja ein kleines Land. Und er sagt sich vielleicht selbst, daß es in einem kleinen Land immer nur wenige Fähigkeiten gibt – so daß man ihn vielleicht brauchen könnte – auch für ihn eine Arbeit da ist, das Leben, das gelebt wird, in das tägliche Leben zu erheben, das sich doch zu den Ergebnissen der Jahrzehnte fügt. – Er sagt wohl hin und wieder wehmütig, dort hätte auch er gebraucht werden können. – Denn er hatte wirklich Tatendrang in sich, und ich glaube, auch einigen Uneigennutz – etwas von dem Drang, der einen dazu bringt, zum Vorteil aller zu handeln, dem Drang, der die Führer der Gesellschaft schafft, die großen wie die kleinen. Er hatte etwas davon. Und es ist gut möglich, daß er manches Mal, wenn er sich mit den anderen mißt – jenen anderen, die an seiner Statt die Stellen und den Einfluß erhielten, er bei sich denkt, sie hätten die Macht nur, um sie zu spüren und zu besitzen, jedoch er sie gerne besessen hätte ... um wirken zu können. – Aber dies nützt nun ja nichts Und außerdem können die anderen alles ganz genau so gut wie er – dort in München. Es gibt nichts so Dummes wie zu glauben, daß gerade ich wichtiger wäre. Was von einem anderen nicht ausgeführt werden kann, kann ja von zwei anderen ausgeführt werden ... und wird auch ausgeführt.« Der Maler schwieg einen Augenblick. Dann sagte er: »Wie gut erinnere ich mich an den letzten Weihnachtsabend, an dem wir zusammen waren. Wir saßen nach dem Essen vor dem Kamin in seiner Stube. Er hatte damals noch seine Stellen, aber es begann schon, um ihn herum dunkel zu werden ...« Wir saßen stumm da. Dann sagte er mit einem Mal: ›Du siehst aus, als ob du dasäßest und lauschtest.‹ ›Lauschen – ich – nein, wonach sollte ich lauschen?‹ ›Was weiß ich?,‹ sagte er. ›Du hast nur so ausgesehen.‹ Nach und nach wurden die Lichter des Baumes angezündet. Da läutete es an der Tür. Geschenk auf Geschenk, Blumen auf Blumen. Die ganze Stube wurde voll. Bis tief in die Nacht saßen wir vor dem Kamin. Ich musterte die geschmückte Stube. ›Du,‹ sagte ich, ›ich bin wirklich nur dagesessen und habe gelauscht.‹ ›Ja, das habe ich gesehen ... und wonach?‹ ›Nach der Türglocke,‹ sagte ich und wies in die Stube. ›Ich hätte es nur ungern gesehen, wenn jemand dich heute abend vergessen hätte.‹ Er lachte – und lächelte dann ein wenig wehmütig ...« »Herr Gott«, sagte der Maler, »dazu kann man ja nichts sagen ... Bei solchen Gelegenheiten merkt man, daß man einmal dumm genug war, sich verwöhnen zu lassen.« Der Maler schwieg, und wir saßen wieder stumm da. Er sagte: »Du sagst nicht viel.« »Nee.« »Du kannst es gerne versuchen.« »Ach«, sagte ich, »vielleicht sitze auch ich da und denke daran, daß es im Leben wunderlich auf und ab geht – und meistens ab, wie bei deinem Freund.« »Tja«, sagte der Maler. »Weißt du«, fuhr er fort, »woran ich dauernd denke? Ich hätte Lust, Mutter Veith zu malen, wie sie dort vor den kleinen Lichtern stand und ihr ›Ja, es ist doch schön mit der Jugend‹ sagte. Mein Gott, die armen Tröpfe, die armen Tröpfe.« Der Maler erhob sich und begab sich zur Ruhe. Ich blieb noch eine Weile vor dem Baum, dessen Lichter erloschen waren, sitzen. In der Stube war es ganz dunkel. Draußen im Gang ging jemand ganz leise. Es war der alte Veith, der sehen wollte, ob wir uns schon zur Ruhe begeben hatten. Ich zündete ein Streichholz an und machte Licht. Das Gold der Veithschen Kaffeetassen leuchtete. Es waren die Festtagstassen mit vielen Aufschriften. Drinnen im Eßzimmer waren schützende Teller über die reichlichen Karpfenreste gelegt. Ich sagte zu mir selbst: morgen gibt es wieder Karpfen. Ich wußte, Frau Veith wünschte, daß die Reste aufgegessen würden. Drüben im Backhaus wurde gebacken. Durch die Fenster sah ich die Gesellen, die vor den langen Trögen arbeiteten. Sie feierten wohl kein Weihnachten. Denn eine Stadt braucht ja Brot.   Am nächsten Morgen kamen die Postanweisungen an. Sie waren wirklich oben in den Gebirgspässen stecken geblieben. Und sogar der Maler erhielt Geld. Es kam von Kunstliebhabern, die sich seiner Zigeuner erbarmt hatten. »Das ist es«, sagte er, »man muß nur das richtige Format wählen.« Er steckte die Anweisungen zu einem Fächer zusammen und betrachtete sie. »Weißt du«, sagte er, »wenn man nur beharrlich an der Arbeit bleibt, bis es nicht mehr geht – dann kommt doch etwas zusammen.« »Manchmal ein wenig spät«, erwiderte ich. Und wir lachten beide. Aber wir speisten einige Tage auswärts und ließen Veiths mit den Karpfen und dem Schaffnerwein allein. So undankbar ist nun einmal die Welt. Goldene Stadt Herrliche Stadt, die der Hradschin schirmt, ein steinerner König mit hoch erhobener Hand – ist irgendeine Stadt so reich wie du, wo Wallensteins Wappen über dem Tor zu den alten Palästen verwittern und junge Leute sich erheben, um sich in freiem Leben ihre Geschichte zu erschaffen. Hierher sollten die Maler in Scharen ziehen. Und trotzdem – ob sie wohl diese Abendstimmungen malen könnten, wenn die Moldau still unter den duftenden Akazien hingleitet, und der Fluß lautlos unter dem Kuß der Dämmerung zu schlummern scheint, während die großen Pfeiler der südlichen Nepomukbrücke wie eine stille Nachtwache aus Stein gründen. Könnten sie doch die Höfe der »Kleinseite« mit ihren Laubengängen und Treppen und Gängen und elendem Menschengewimmel, das hier geboren wird und hier im Dunkeln stirbt, malen. Dort gibt es kein anderes Licht als den Schein der heiligen Lampen des Aberglaubens, über die die trägen Heiligen mit totem Blick auf das Elend starren. Tief wie Brunnen sind die Höfe. Selbst das Auge des Herrn erblickte wohl nie ihren Grund, und das ist gut so: denn erblickte es ihn, würde der Allgütige in seinem Himmel nur unruhig. Aber nun sieht auch er es nicht. Und Slowaken und polnische Juden, die in ihrem Gefolge aus Rußland kamen, und kroatisches Gesindel und Dalmatier finden hier in Frieden Unterschlupf ... Oder wer kann mit Pinsel und Farbe der Sommerluft diesen Ton geben – so hell, so anmutig blau, wo alles lächelt, Fluß und Berg und Himmel, so daß die ganze Natur, die doch besteht, den Menschen ein Traum dünkt? Nein – wohl niemand kann dies malen. Und das lebende Prag wird zu seinem eigenen Bilderbuch. In den alten Palästen des Marktes rosten noch die Schwerter des Dreißigjährigen Krieges. Im Dom liegen die alten Könige Böhmens begraben. Unbewegt warten sie mit ihren strengen steinernen Gesichtern auf Böhmens Auferstehung. In den Bogengängen des Rathausplatzes erwartet man, wenn der Mond aufgegangen ist, Faust und Mephisto vor Gretchens Gefängnis zu treffen. Aber all dies ist nur Schauspiel. In den Dekorationen des Dreißigjährigen Krieges spielt eine neue Zeit ein neues Schauspiel, und ein Volk wird zu Füßen des Hradschins wiedergeboren. Diese Wiedergeburt gibt Prag seine Prägung von Jugend und von Wachheit. Die beständige Reibung zweier Rassen spannt alle Fähigkeiten an. Der tägliche Kampf zweier Stämme öffnet aller Augen. Hier kann man nicht schlafen. Hier stoßen die Tschechen, der junge Vortrupp von Millionen Slawen, auf die vorderste Wacht des Ostens. Die Wacht ist ein Österreicher, der auf seinem Posten einen Walzer auf der Flöte spielt. Die leichtsinnigen Österreicher. Das Schicksal gab ihnen Frohsinn, und sie genießen ihren eigenen Untergang wie ein Schauspiel. Aber diese fröhlichen Leute sind ein zierliches Bollwerk. Und ist Wien das Tor zum Osten, so ist es, man muß es zugeben, eine Tür, die leicht zu sprengen ist. Aber das Volk, das so munter ist, sein Leben hingibt und den Tod nicht beweint, wird, wenn der Tag gekommen ist, sein Leichenbegängnis auf österreichische Art und Weise feiern. Welch eigentümlicher Leichenzug, wenn ein Österreicher zu Grabe geleitet wird. An der Spitze ein Vorreiter. Zu Pferde, in vollem Laufe, vor einem tempelähnlichen Wagen. Im Wagen sind Kränze gestapelt – viele breite Schleifen und sehr viele Farben. Die Bänder flattern, die Aufschriften entfalten sich: »Auf Wiedersehen« – »Lebe wohl« flattern wie fröhliche Festtagswimpel. Dann kommt das Orchester. Es spielt keine Choräle. Strauß folgt einem Österreicher zum Grab. An Allerseelen, wenn die ganze Militärmusik auf Prags Friedhof spielt und alle Kneipen voll mit Leuten sind, die vom Knien bei den Toten müde sind, ist es Fahrbach Fahrenbach: Wiener Musiker- und Komponistenfamilie des 19. Jahrhunderts. Zeitgenossen der Familie Strauß, mit der sie auf dem Gebiet der Unterhaltungsmusik (Walzer und Marschkompositionen) konkurrierten. der von den Instrumenten erklingt. Denn vernimmt ein braver Österreicher in seinem Sarg einen Walzer, lächelt er im Schlaf – sagt man. Dann kommt der Leichenwagen mit dem Sarg, weiß und fein. Die Pferde im Galopp, so daß das Gespann tanzt. Dann der Leichenzug – in fünfzig Wagen. Fröhliche Männer und plappernde Frauen mit hellen Sonnenschirmen und wehenden Federn. So geleiten die Österreicher zu Grabe wie die Pariser zur Hochzeit fahren. Und so wird einmal Österreich selbst sterben und ein »Kehraus« wird an seinem Grabe der Choral sein. Noch kämpfen ja die Deutschösterreicher, kämpfen als die Aristokraten, die sie sind, mit dem Florett. Der Rassenkampf an der Moldau erinnert an Helsinki. Es ist das gleiche Interesse und die gleiche geistige Beweglichkeit. Aber Prag ist wirklich Helsinki mitten in Europa. Die Ähnlichkeiten sind doch treffend. Wie die Finnen dort wachsen die Tschechen hier aus der Erde selbst. Es ist der Strom eines Volkes, der nicht aufgehalten werden kann, denn er entspringt dem Boden des Landes. Diese Phalanx drückt die Deutschen langsam über die Pässe bei Königsgrätz. Königgrätz: Ort in Böhmen (heute: Hradec Královè, Slowakei): 1866 schwere Niederlage der Österreicher gegen die Preußen. Letzte große Kavallerieschlacht der Geschichte. Fortan oblag den Preußen unter ihrem Ministerpräsidenten Bismarck die Führung des Deutschen Bundes. Wie die Finnen sind die Tschechen Demokraten. Sie kommen von ganz unten, und ihr Heer besteht aus kleinen Leuten, die politisch und sozial erzogen werden müssen. Das Werk der Befreiung ist ein Werk der Erziehung. Es geht schnell, weil die Tschechen vielleicht die intelligentesten aller Slawen sind. Sie sind helle Köpfe, die flink von den Gegnern lernen; sie verfügen über einen nervösen Ehrgeiz, der sie hastig nach vorne peitscht. Sie sind künstlerisch veranlagt, und sie haben bereits Dichter, Bildhauer, Maler – die ganze Kunst, die auf die Jungen wie ein vorausgetragenes Banner wirkt. Sie verfügen über ein Gefühl der Einheit, das sie stärkt. Jeder neu gefundene Freund wird wie ein Held begrüßt, der zur Befreiung verhelfen will. Jeder Abfall wird als Verrat beschimpft. Eine große böhmische Schauspielerin – eine stolze Begabung, die nun in der Burg Burg: Umgangssprachlich für das Burgtheater in Wien. übt, Charlotte Wolters Wolter, Charlotte (1834-1897): Bedeutende Schauspielerin (Mezzosopran). 1859-1861 Victoriatheater Berlin, dann kurze Zeit Hamburg, 1862 Burgtheater in Wien Erbe anzutreten – die drei, vier Jahre lang die Primadonna des tschechischen Theaters gewesen war, brach aus den engen Grenzen der Muttersprache aus und ging an das deutsche Theater. Am Abend ihres Debuts versammelte sich die tschechische Menge am Theater. Man wollte, wenn die Verräterin wegfuhr, ihren Wagen mit Steinen bewerfen. Sie konnte nur verkleidet entkommen. Aber seit diesem Tag wurde ihr Name nie mehr in irgendeiner tschechischen Zeitung erwähnt. Jedes tschechische Heim war ihr verschlossen. Wie auf eine geheime Parole hin wird sie nie mehr genannt. Sie ist Ausgestoßene und hat kein Vaterland mehr. Es betrifft aber auch das Theater, das in Prag umkämpft ist. Es liegt ja doch an den Österreichern, einen nationalen Kampf an die – Schauspielhäuser zu verlegen. Prags fünfunddreißigtausend Deutsche haben drei Theater. Das eine ist ein neu errichteter Prachtbau. Das Jahr hindurch wird jeden Abend in mindestens zwei Theatern gespielt. Es ist, als sagten die Österreicher jeden Tag: »Seht ihr – so viele sind wir. Aus drei Schauspielhäusern ertönt unsere Sprache. Und jeden Abend hören Tausende zu.« So ist es. Denn die deutsche Gemeinde in Prag hat – wie die Schweden in Finnland – eine unglaubliche Fähigkeit, sich zu vervielfältigen. Und Abend für Abend ist es in den germanischen Schauspielhäusern voll; wo man energisch die besten Kräfte aus ganz Deutschland sammelt, als könnten Goethe- und Schillervorstellungen den tschechischen Strom eindämmen. Die Tschechen haben versucht, dem Beispiel ihrer Gegner zu folgen. Sie haben ein Theater gebaut, das von Marmor und Gold nur so glänzt. Aber sie verfügen über nur wenige nationale Schauspiele, die sie in dem Prunkbau aufführen könnten. Und eine junge Schauspielkunst, die viel Feuer hat, aber nur wenig Schliff – wie die norwegische, an die die lebende erinnert – läßt sich schlecht mit den Aufgaben des gallischen Schauspiels vergleichen. Deutsches Drama wird natürlich kurz gespielt. Trotz des Mangels an originalem Repertoire hängt die tschechische Partei trotzdem fanatisch an ihrem Theater. Die Böhmen hören hier doch ihre eigene Sprache. Und sind die Gedanken oft auch fremd, so ist doch die Sprache ihre eigene. Deswegen halten sie ihr Theater auch hoch wie eine Siegesfahne. Aber das gleiche Theater steht nichts desto weniger oft leer. Die kleinen Leute sind ja nicht gerade Theatergänger. Die Tschechen haben im großen und ganzen gesehen genügend Prachtbauten. Sie wurden von den Demokraten als Demonstration erbaut. Man will der Gesellschaft aus Trotz zeigen, daß man sowohl Geld als auch Geschmack hat. Aber die stolzen Prachtbauten stehen genau wie das Theater – leer. Die Menschen, die sie füllen sollen, müssen erst noch geboren werden. Sie breiten sich unaufhaltsam hinter der deutschen Schale aus, die die Gesellschaft der Stadt der Böhmen noch aufdrückt. Die Macht dieser Gesellschaft ist groß. Denn wir sind in Österreich, das hundert Jahre nach der großen Revolution das einzige Vaterland der Aristokraten ist. Und in dem Land des blauen Blutes ist gerade Böhmen die Residenz der Aristokraten. Die Tschechen haben buckeln müssen, um voranzukommen. Indem man als fast allzu untertänige Vasallen lärmend einzelnen Adeligen huldigte, die Leitungsposten im böhmischen Heer übernahmen, hat man nach und nach auch andere Aristokraten in sein Lager gezogen. Es gibt nun Adelshäuser, wo die Eltern nur deutsch können, aber wo die Kinder auf tschechisch erzogen werden. Sie werden einmal Spitzen einer tschechischen »Gesellschaft« sein. Und der Tag, an dem eine solche geboren ist, wird für das deutsche Prag schicksalshafter sein, als der, den man bisher gesehen hat.   Es ist Krieg in Prag. Zwei Stämme streiten sich um die goldene Stadt. Aber sogar während des Krieges gibt man sich sorglos. Das liegt im Volkscharakter. Ob Slowaken oder Ungarn, ob Dalmatier oder Tschechen: man ist doch immer – in Österreich. Wir waren einmal im Dom. Wir gingen umher und besahen uns Bögen und Pfeiler und die Särge alter böhmischer Könige. Da lagen sie auf ihren eigenen Sargdeckeln, alle die toten Majestäten. Dem einen fehlte ein Zeh, dem anderen gebrach es an der Nase. Ein alter Pater mit einem Gesicht wie ein Düsseldorfer Mönch führte uns. Er zeigte brav auf die vielen Verstümmelungen und wiederholte ständig dasselbe: »Das haben die Schweden im Dreißigjährigen Krieg gemacht.« Schließlich sagte einer von uns: »Wir sind doch eigentlich eine Art Halbbrüder zu den Schweden.« » Warum denn ni't?« , sagte der Pater nur. Und er ging zu dem nächsten Daumen, der von unseren Vorvätern geschändet worden war. »Warum denn ni't?« ist eine österreichische Redewendung. Der Österreicher ist jemand, der die Schultern zuckt und zum nächsten übergeht. Aber wie leicht macht er sich nicht das Leben, und wie sorglos lächelt er nicht über sein eigenes Unglück. Er glaubt an keine Zukunft – im Gegenteil. Er will so lange lachen dürfen, bis die Sintflut kommt. Prag ist eine Stadt der Kinder und Galgenvögel. Die Galgenvögel sind deutsch, und die Tschechen sind Kinder. Aber das Leben ist frisch und lustig. Schau dir ihren Korso an. Um sechs Uhr geht es los. Die ganze Stadt strömt zum »Graben« . Es ist, als hörte ich noch das muntere Säbelklirren über dem Gehweg – der Kavallerieoffiziere des österreichischen Militärs, elegant wie die Vordergrundsfiguren in der fixen Opéra comique – und als sähe ich die Damen der Stadt vor mir, leicht üppig, leicht lässig in ihrem Gang, der etwas an Frauen erinnert, die sich nach dem Osten sehnen. Hinter den Scheiben der Cafés Gesicht an Gesicht – »Kavalier« an »Kavalier«. Auf der Straße »Fräulein« nach »Fräulein«. Zwischen ihnen Blick auf Blick. Ein Österreicher macht ... aus seinem Herzen keine Mördergrube. Seine Galanterie ist offensichtlich und halb spöttisch. Er weiß, es ist leicht zu siegen, und daß der Sieg keine Überanstrengung wert ist. Seine Galanterie ist deshalb so nachlässig wie er selbst. Aber seine Manieren sind immer gut. Man ist in Österreich immer in einem alten Haus. Dies sieht man überall und an allem. Schau dir die vornehmen Kutschen des Sommerkorsos an, wenn sie unter den Linden des »Baumgartens« dahin rollen. Die Wagen sind in dunklen Farben gehalten, zart die Livrées der Diener. Die Wappen auf dem Zaumzeug der Pferde sind aus Bronze. Die Kutscher lenken majestätisch die prachtvollen Vollblüter. Die österreichischen Kutscher – der »Fiaker« ist der Stolz des Landes. Österreich hat nicht allzu viele Berühmtheiten, und der Österreicher weiß dies. Aber seinen Fiaker hat er: den Droschkenkutscher mit den Gamaschen, den braunen Handschuhen, die Simili-Nadel Simili-Nadel: Mit künstlichen Edelsteinen besetzte Krawattennadel. in der Krawatte und den hohen Hut mit Schnur. So wie er fährt, fährt kein Kutscher der Welt. Das ist bewiesen. Denn die Fiaker Wiens und Prags sind nicht die Leute, die an ihrer Ecke verweilen oder auf ihrem Bock faulenzen. Sie gehen auf Tournée, und sie beweisen ihre Überlegenheit beim Wettlauf sowohl im Hyde-Park als auch im Bois de Boulogne. Ihre Siege erfreuen jedes echte Kavaliersherz im Vaterland. Auf ihren Ausflügen schreiben sie Reisebriefe. Sie werden als Feuilleton veröffentlicht – von einem Konkurrenten der »Neuen Freien« . Stolz aber sitzen sie auch auf ihrem hohen Sitz – mit gewaltsam zurückgebeugtem Rücken, die Fäuste um die Zügel geballt. Zwei Stunden lang rollen die Wagen über den groben Sand der Alleen Baumgartens. Militärmusik spielt, rund um die Tribüne genießen Kleinbürger ihr Bier. Der Tag neigt sich, und Kühle läßt die Akazien duften. In den schönen Gärten der »Blumenwiese«, wo Kletterrosen ihre Girlanden über den Strom der Spaziergänger spannen, beginnt das Moorweiblein zu brauen. Welche Fülle an Blumen: Myrten, Vanilleblumen, Rosen – Rosen und immer wieder Rosen. Der Schleier der Wiese wird von ihrem Duft durchwoben. Die Dämmerung naht. Wie fallende Schleier senkt es sich kühl von den Linden hernieder über die Rasen, wo hohe Palmen prangen. Der Korso ist zu Ende. Der kälteempfindliche Österreicher flüchtet. Er kehrt zurück in die Stadt. Sein Abend gehört den »Volkssängern«. Sie sind Österreichs Spezialität wie seine Kutscher. Österreichs Volkssänger sind die Väter der Komiker der ganzen Welt. Und trotzdem verstünde sie niemand, wenn sie auch nur über die Grenze kämen. Hier in Österreich selbst erlangen sie dagegen Berühmtheit, und »Die lustige Mirzel« »Die lustige Mirzel«: Mirzel ist die österreichische Koseform von Maria (die Mizzi, das Miezerl, das Mirzerl, die Mirzel). ist wie eine Schauspielerin am Burgtheater angesehen. Die Weisen der Volkssänger sind Österreichs Aristophanes-Komödien. In dem Land, in dem die Presse keineswegs alles sagen darf, sind »die Volkssänger« die Stimme der öffentlichen Meinung. Wie sie singen, so fühlt das Volk. Deswegen hören der Wiener und der Prager sie sechs lange Stunden am Stück, und sie werden nicht müde davon. Denn die Volkssänger sind Teil ihres eigenen Lebens ... Am wildesten jubeln sie, wenn ein »Fiaker« sich dem Künstlertrupp angeschlossen hat. Er kann nur einen Gesang: den Fiakergesang, aber das reicht auch: ein Österreicher kann ihn tausende Male hören. In seiner Musik muß wohl etwas von des Volkes Lebenslust stecken. Wohl deswegen ließ der Erzherzog – der große Österreicher – in Mayerling Mayerling: Schloß Mayerling liegt etwa 20 km südwestlich von Wien. Am 30.01.1889 nahm sich dort der österreichisch-ungarische Thronfolger Rudolf das Leben. Die Gründe sind ungeklärt. am Abend vor seinem Tod ihn singen – von seinem Kutscher. Wie viele Menschen haben dies nicht als Gotteslästerung angesehen! Wenn man Österreich kennt, ist das nicht einmal sentimental, man glaubt fast, es müßte so sein – und man vernimmt es mit Wehmut. Erst kurz vor zwölf hören die Volkssänger auf. Die Leute gehen nach Hause. Aus allen Sommergärten erschallt Musik. Militär und Zigeuner spielen. Wie eigentümlich die Zigeunermusik doch wirkt. Langgezogen klagen schwermütig die Geigen. Trotzdem werden die Bögen atemlos und hastig geführt. Eine einzige Geige erhebt laut ihren Gesang – wie ein über einem Gewässer schwebender Vogel. Ja – diese Musik ist Bote eines anderen Volkes und klingt in Österreich fremd. Die »Fahrbacher« sind hier zu Hause. Höre, wie sie von den österreichischen Bläsern geschmettert werden wie Siegesfanfaren der Sorglosigkeit, während Prag sich zur Ruhe begibt. Österreich schlummert beim Klang seiner Leibmusik. ... Es ist ruhig geworden auf allen Straßen. Die Kälte der Berge fällt schneidend über die Stadt. Die Akazien in meiner Straße haben ihre Blätter vorsichtig zusammengerollt, und zusammengekrochen scheinen sie in der Nacht wie verwelkt. Auf dem Berg der Kleinseite sieht man die kleinen Augen der Gaslaternen wie Sterne, die auf die Böschung des Berges herabgefallen sind. Ein letzter Reitersäbel klingt durch die Leere meiner Straße. Österreichs Waffengewalt ist immer spät auf ... Dann schläft die Stadt, schlafen Dorf und Berge. Aber hoch oben, über allem, erhebt sich der böhmische Hradschin: Das Haus der Böhmerkönige, der Tschechen, ein Symbol. Hradschin, der Herrscher aus Stein – der Herrscher, umgeben vom Land.   Ja, goldene Stadt an der Moldau, wieviele Erinnerungen birgst du nicht für mich, Erinnerungen an Leben und an Kunst. Wie viele Abende sind wir nicht unter der Eiche vor dem kleinen Bretterschuppen auf dem Berg gesessen, den die Tschechen ihr Sommertheater nennen. Ein Dach hatte das Theater nicht. Die Vögel, die aus ihrem Schlaf durch alle Flüche des »Fabrikanten« aufgeschreckt wurden, flogen mit verwirrten Schreien über den Zuschauerraum. Wir blieben meistens draußen sitzen. Tschechische Schauspieler kann man durch Wände hindurch genießen. Zu unseren Füßen lag die Stadt, ihre Straßen, ihre Plätze und der Fluß. Direkt unter uns sahen wir die hellen Bäume im Garten des deutschen Sommertheaters ... Dort sangen sie eine Operette. »Der lustige Krieg« war es. Gelegentlich wehte ein Refrain, eine Melodie herauf. Von drinnen hörten wir das schnelle Reden der Tschechen. Tschechisch klingt, als wären die Sprecher dauernd aus Trotz böse. »Nur für Natur schwärmt die Gräfin die Gräfin Mélanie –« sang unten Brackl, Brackl: Tenor. Näheres nicht bekannt. der Tenor, in seiner Operet' – der Österreicher spricht das Wort französisch aus – hier oben legten die Tschechen tragisch los. Wenn wir bei den Tschechen auf dem Berg unseren Imbiß zu uns genommen hatten, gingen wir in das »Landestheater« . Dort habe ich etliche der lehrreichsten Stunden meines Lebens verbracht. Die Österreicher verstehen Theaterkunst instinktiv. Man lernt und wird zum Verstehen erzogen, nur indem man Mitglied eines solchen Zuschauerkreises ist. Dieses Publikum kann sich wie jedes andere überrumpeln lassen. Es kann sich von einem glatten Gesicht betören lassen. Es kann von ein wenig süßlichem Zwitschern beeindruckt werden. Aber die Rangordnung vergißt es nie. Und es weiß immer, was Kunst ist und was nur Humbug ist. Und weil es nur zu gut weiß, wie selten Künstler sind, ehrt es die so wenigen »acteurs«, die Künstler sind, aufrichtig. In diesem Land hat man im Rathaus der Hauptstadt Charlotte Wolters Bild aufgehängt. Hier hat der Monarch in der offiziellen Verkündung einer Schauspielerin für ihre ausgezeichneten Dienste gedankt, die sie dem Vaterland und der Kunst erwiesen hat. Ja – jenes Charlotte-Wolter-Jubiläum. Das Burgtheater voll bis auf den letzten Platz. Alle Erblogen gedrängt voll, so daß man hätte denken können, daß die Herzöge, die einen ersten Platz erobert hatten, in ihrem vererbten Burg-Besitz übernachtet hätten. Im Parkett jeder Name – berühmt. In der kaiserlichen Loge Franz Josef und alle Habsburger. Dann hob sich der Vorhang: die Leute erwarteten Sappho. Wie die Meininger Meiningen: Das Hoftheater der Residenzstadt des Herzogtums Sachsen-Meiningen war u nter seinem Landesherrn Georg II. (1826-1914) beispielgebend für das europäische Theater des Realismus. Historische Genauigkeit der Aufführungen und die Anfänge der Lichtregie lockten viele Theaterregisseure – auch Herman Bang – als Besucher nach Meiningen. rief man: »Es lebe Sappho – Sappho hoch!« Jeder nicht am Burgtheater Beschäftigte war heute abend Statist. Dann stürmt Lewinsky als Herold herein und ein »Heil Sappho« schreit er durch den Saal, während die Dichterin selbst – Wolter – langsam im Triumphwagen hervorgezogen wird, eine goldene Leier im ausgestreckten Arm ... begrüßt von Veilchen und Rosen, die von den Decken der Bühne regneten. Im Saal erhob sich jedermann. Zu allererst Franz Joseph. Und wie ein Wolkenbruch huldigenden Lärms brach es über das Haus nieder. Charlotte antwortete mit den Worten der Rolle – und bei meiner Ehre – sie wurden mit der Bescheidenheit eines eigenen Genies gesprochen: »Ja, Sappho bin ich.« Und neue Jubelrufe ließen das Theater erzittern ... Dies war ein Land, das »sein gewaltiges Weib« huldigte. Der, der so viele Jahre lang so oft so manches Publikum künstliche Mignon-Format-Talente bis zur Begeisterung hat huldigen sehen, kehrt mit seinen Gedanken gerne zu dem Publikum zurück, das so dem Genie zu huldigen verstand. Im gleichen Jahr kam Charlotte Wolter nach Prag. Und ich erlebte die Reihe der bemerkenswertesten Vorstellungen, die ich je gesehen habe. Friederike Bognár Friederike Bognár (1840-1914): Deutsche Schauspielerin, die 1856 in Zürich ihre Bühnenlaufbahn begann, und über Frankfurt und Hamburg 1858 von Laube an das Wiener Burgtheater als "jugendliche Liebhaberin" verpflichtet wurde. 1870 beendete sie ihre Karriere in Wien, da ihr der Übergang ins ältere Fach nicht erlaubt wurde. Bis zu ihrem Tod nur noch Gastspiele. war die Primadonna des Prager Theaters. Sie war eine tragische Schauspielerin im großen Stil, ausmalend und breit. Und ihre Darbietungen konnten an jene Gestalten in übernatürlicher Größe erinnern, wie sie eine frühere Kunst meißelte. Mit ihrer tiefen und dunklen Stimme schleuderte Medea ihre Drohungen heraus, als wäre sie hinter der tragischen Maske der Antike. Ihr Leben hatte wechselndes Geschick und Glück gekannt. In jugendlichem Alter war sie die Hoffnung des Burgtheaters. Laube Heinrich Laube (1806-1884): Ab 1829 Studium der Literaturgeschichte in Breslau. Seit 1830 Hauslehrer, sympathisiert mit den Ideen der französischen Julirevolution. 1832 Redakteur in Leipzig ( »Zeitung für die elegante Welt« ) . Wegen seiner politischen Ansichten 1834-1835 im Gefängnis. 1837 verurteilt das Berliner Kammergericht Laube zu 7-jähriger Festungshaft, von denen er 18 Monate in Bad Muskau verbringt. Seit 1840 wieder in Leipzig beginnt Laube, Theaterstücke zu schreiben, u.a. "Struensee". 1849 wird Laube zum künstlerischen Direktor des Burgtheaters berufen; dieses Amt kündigt er 1867 wegen Differenzen mit dem Intendanten Friedrich Halm. erzog sie zu den milden und gurrenden Tauben: den Ehefrauen Philips und Jasons. Sie spielte sie lange, während Laube sie mehr und mehr zu der stillen leuchtenden Weiblichkeit ausbildete, die der tragische Dichter braucht, um seinen wahren Heldinnen Ausdruck zu verleihen. Aber Friederike Bognár wurde auch nur für diese milden Künste ausgebildet. Und eines schönen Tages beendeten ihre Jahre und ihre Entwicklung ihre Rollen. Auch sie streckte die Hand nach Medea, dem Bild der Verratenen und Stolzen, aus, nach Adelheid, die tötet um zu lieben, nach Lady Macbeth, die sich ermorden läßt um zu herrschen. Und da brauchte man sie nicht mehr am Burgtheater. So brach sie auf. Ihre Kunst, die an das stolze und schöne Burgtheater geknüpft war – ein Schauspielhaus anderer und größerer Dimensionen als die, die wir kennen, einer Stätte, wo man dem Lustspiel Gemüt verleiht und wo die Tragödie über den Adel verfügt, der Geschrei verschmäht – ihre Kunst verlor ihr Zuhause. Wenn die Künstler des Burgtheaters dessen Bühne verlassen mußten, mußten sie sich wie Landflüchtige fühlen. Deutschland ist groß; wohl hat es gute Theater – aber die vom Burgtheater finden doch kein Vaterland mehr. Heimatlos zog Fräulein Bognár auf den vielen Wegen der Gastspiele umher. Sie spielte in ganz Deutschland, in Norditalien, in Holland. Sie hielt sich in der ewigen Anspannung, die der Streit mit immer neuen Zuschauern schafft, kampftüchtig. Ihre Mitbewerberin blieb am Burgtheater. Nur selten pflegte Charlotte Wolter Wien zu verlassen. Tat sie es, geschah es, um in der einen oder anderen Stadt der Monarchie zu spielen. Oder sie ging nach München, um für einen König zu spielen, der ihr königlichen Ehrenbeweis zollte. Für Charlotte Wolter ließ König Ludwig seine Wache antreten, als wäre sie ein Wittelsbacher. Aber im übrigen blieb Frau Wolter zu Hause. Die Welt mußte zu ihr kommen. Sie wußte wohl nicht, warum die Künstler und nicht das Publikum mit der Eisenbahn reisen sollten. Dieses Jahr kam sie doch nach Prag. Und nach einem halben Menschenalter sollten sie und » die Bognár« sich auf der Bühne gegenüberstehen. Nein, nein, diese Schauspielabende kann man nicht vergessen. Die Unruhe im Haus, die Erwartung bei diesen Süddeutschen, die einen schnelleren Puls und verborgenen Instinkt haben, das Fieber, das sich aller bemächtigte. Die Aristokratie ganz Böhmens war zusammengeströmt; der geerbte Schmuck blitzte in den Logen. Und als das Spiel zwischen diesen beiden Frauen begann, hatte man das Gefühl, als befände man sich in einer Schlacht. Aber Frau Wolter war unvorsichtig gewesen. Sie war Messalina und kämpfte mit denselben Jahren, die die Arien ihrer Gegnerin unterstützte. Der Eindruck kann durch ein einziges kleines Geschehnis wiedergegeben werden. Im Theater saß ich neben einem jungen Leutnant. Er hatte ein Opernglas, ich nicht. Es gibt in der Tragödie eine Stelle – auch ich hatte davon gehört –, wo Frau Wolter in Raserei und Hingabe die Toga von ihrer Brust reißt und sie entblößt – ein wenig. Ich wußte, daß diese Stelle vorkommen sollte, aber ich wußte nicht, wann. Plötzlich reicht mir der junge Krieger sein Opernglas: »Hier«, sagt er, »ich hab's ja früher gesehen.« Ich nehme das Opernglas. »Aber es kam ja nicht«, sagte dann der Leutnant enttäuscht: Charlotte Walter entblößte ihre Brust nicht mehr. Für ihre Messalina war das charakteristisch. Aber trotzdem – welcher Kampf zwischen den beiden, wie sie sich ihr Genie ins Gesicht schleuderten, Charlotte Wolter wie mit einem fortwährenden Unterton von Spott. Und die ganze heimliche Geschichte dieser beiden Menschen, die Geschichte, die alle kannten, paßten zu diesem Schauspiel: die eine, die sich mit der Macht des Genies mit Hilfe der Zügellosigkeit den Weg zur Ehre bahnt; die andere, »bürgerlich« in ihrem Leben wie nur wenige, die nur für eines brennt: die Kunst, die sie auf halbem Wege verstoßen hatte. In diesen Mündern schienen alle Worte des Stückes hundert Geständnisse und Anklagen, Drohungen und Verhöhnungen zu bergen. Nach »Messalina« kam »Maria Stuart«. Der Kampf steigerte sich. Ich hatte mich in eine Probe geschlichen. Ich wollte die beiden Menschen zusammen sehen. Frau Wolter scheint außerhalb der Bühne so kalt wie Eis. Ihre Stimme schallt in unverhohlenem Spott. Sie probte mit gedämpfter Stimme wie Fräulein Bognár. Wenn die Mitspieler eine Frage an sie richteten, verbeugten sie sich mit einem »Frau Gräfin«. In Prags Theater war Friederike Bognárs Elisabeth gewohnt, so weit wie möglich »die Bühne zu beherrschen«. Wenn Maria das »Bastard«, das in Ristoris Ristori , Adelaide (1818 oder 1822-1906): Italienische Schauspielerin, die ab 1850 an den Bühnen von Paris, Berlin, London und Wien großen Erfolg hatte (Rolle der "Myrrha". Ab 1857 feierte sie in Spanien, 1860 in Holland, 1861 in Rußland große Erfolge ("Medea"). In den sechziger Jahren folgten Konstantinopel, USA, Mittel- und Südamerika., Anfang der siebziger Australien und England, dann Deutschland und Schweden. Mund so mächtig klang, herausschleuderte, flüchtete Elisabeth jäh mit einem Schrei, der Rache ankündigte. Als dieser Auftritt in der Probe kommt, spielt die Prager Primadonna wie gewöhnlich. Schnell bricht sie in der Kulisse auf. Charlotte Wolter bleibt ruhig stehen. Dann wendet sie sich an den Direktor: »Das ist keine Inszenierung des Burgtheaters.« »Wie wünscht denn die Gräfin das?« Kurz und kalt sagt Frau Wolter: So und so. Sie schreibt einen Szenengang vor, wo Marias »Schwester« Elisabeth gleichsam versucht, das Gewicht der Worte Marias abzuschütteln, aber vergeblich: wie vom Blick der Königin von Schottland gebunden nähert sich Elisabeth und fällt zusammen. Mit gebeugtem Nacken, geschlagen, geht die Königsschwester vorbei, während Maria mit erhobenem Finger dasteht – fort. Dann kommt wie ein Freudenschrei: »Endlich eine Stunde des Triumphes.« So war ... die Inszenierung des Burgtheaters. Fräulein Bognár wird zurückgerufen. Der Direktor, welcher – in solchen Augenblicken sinkt das Herz in der direktoralen Brust wahrscheinlich ein paar Zoll – mitten zwischen den beiden Damen steht, erklärt seiner Primadonna, wie man die Szene im Burgtheater spielt. Die Primadonna bemerkt kurz, sie kenne das Burgtheater. Der Direktor weiß das, aber muß trotzdem darauf aufmerksam machen – Die Primadonna erklärt, sie könne unter keinen Umständen ihre Spielweise ändern. Sie habe sie von Laube. Frau Wolter, die unbeweglich wartet, sagt: »Also proben wir.« Dies kommt in einem Ton, der keinen Widerspruch duldet. Der Direktor macht vorsichtig darauf aufmerksam, daß man sich nach dem Gast zu richten pflege. »Meinetwegen« , bricht es aus Bognár mit dumpfer Stimme heraus, die das Wort wie einen Schlag erschallen läßt. Die Szene wird geprobt, und Fräulein Bognár schleicht sich an der siegreichen Maria vorbei. Aber das war noch nicht das Ende. Die Vorstellung mit der Szene im Garten kam. Charlotte Wolter bejubelt die Freiheit und die Natur. Leicester kommt mit Elisabeth an. Friederike Bognár tat zunächst, als sähe sie ihre Schwester von Schottland nicht. Sie machte unnötigerweiser eine lange Pause, in der es ihr nicht glückte, Maria von Schottland zu erblicken. Endlich erblickt sie sie – und bleibt ziellos stehen. Von oben bis unten, von Kopf zu Fuß, von innen nach außen schaut sie sie an – mit einem Blick, als wollte sie sie vor den Augen des Publikums ausziehen. Dann kommt endlich die Frage mit höhnischem Mitleid: »Das also sind die Reizungen, Lord Lester, Die ungestraft kein Mann erblickt, daneben Kein anderes Weib sich wagen darf zu stellen?« Und Leicester antwortet. Aber kaum hat er geantwortet, schreit Elisabeth – und es gab keinen, der die Beleidigung nicht wie einen Schlag ins offene Gesicht vernommen hätte – wie eine Megäre, aus jahrelangem Groll und Empörung, zu dieser Charlotte Wolter, die erbleicht war, Schillers Worte: »Fürwahr! Der Ruhm war wohlfeil zu erlangen Es kostet nichts, die allgemeine Schönheit Zu sein, als die gemeine zu sein für alle.« Es war eine Auseinandersetzung auf Tod und Leben. Aber Charlotte Wolter blieb die Antwort nicht schuldig. Unter Elisabeths Worten war ein plötzlicher Ausdruck von Erstaunen über ihr Gesicht geglitten. Er wich Hohn. Sie wartet nur auf ihre Szene. Und als Elisabeth gebeugt unter Marias drohendem Arm hinausging, war es das herausragende und seltene Talent, das ich scheu vom Genie wegneigte. An jenen Abenden war unter den Zuschauern einer, der ganz besonders von diesem Kampf berührt wurde. Die Marquise von Strozzi, Strozzi. Vermutlich Nachkomme der berühmten Florentiner Adelsfamilie. Näheres nicht bekannt. die Kroatin. Sie ist der beste Künstler ihres armen Vaterlandes. Nun spielte sie als Gast im tschechischen Theater. Sie war eine große Schauspielerin – echt, mitfühlend, mit viel Kreativität – aber von einem kleinen Land. Von künstlerischem Format wie unsere Damen hinter dem Souffleurkasten. Es wachsen keine Riesenbäume in kleinen Kübeln. Jetzt hatte sich die Marquise von Strozzi in ihrem Kroatien zur Ruhe gesetzt. Aber das war nicht immer ihre Absicht gewesen. Es gab eine Zeit, wo sie auszubrechen gedachte – und wo sie es tat. Sie wollte sich losreißen, fort, hinaus in das große germanische Land. Sie reiste nach Wien und spielte im Burgtheater vor. Die drei Regisseure waren über ihre Begabung erstaunt. Man war bereit, sie anzunehmen. Aber am Abend saß sie auf dem Zuschauerplatz im Burgtheater. Sie sah Charlotte Wolter. Und am nächsten Morgen ließ sie dem Regisseur die Nachricht überbringen, sie sage ab. Sie reiste nach Hause in ihr Agram. Sie hatte ihr Können mit dem eines anderen gemessen ... Es war wohl das Format, das die kluge Frau verglichen hatte. Sie reiste nach Hause zu ihren Kroaten. Während der Wolter-Abende in Prag sah ich sie oft. Und ich dachte an sie zuhause und an den Fluch der Beschränktheit kleiner Länder.   Prag, du goldene Stadt, mit einem eilenden Fluß und der Berge immer reinem Himmel, Stadt mit der Nepomuksbrücke und den bröckelnden Grabsteinen der Böhmerkönige, mit zwei Völkern und einem ewigen Kampf – jeder, der dich kennt, liebt dich. Du gabst einem Menschen, der unbekannt und einsam war, Tage der Arbeit und der Hoffnung. Und du lehrtest einen Fremden, daß jeder Mensch, selbst der ärmste, eines besitzt: seine Liebe – dem Vaterland zu widmen. Eines besitzt, seine Arbeit, selbst die geringste, – dem Vaterland zu schenken. Von der Vaterlandsliebe erzählte der stolze Hradschin, der steinerne König über das ganze Land Böhmens.