Friedrich Lienhard Heinrich von Ofterdingen Dramatische Dichtung in fünf Aufzügen   Fünfte Auflage Stuttgart 1919 Verlag von Greiner und Pfeiffer   Wartburg. Dramatische Dichtung in drei Teilen Die dramatische Dichtung »Wartburg« besteht aus den drei Bühnenstücken: »Heinrich von Ofterdingen« »Die heilige Elisabeth« »Luther auf der Wartburg«. »Heinrich von Ofterdingen« ist die erste von drei selbständigen dramatischen Dichtungen, die unter dem Gesamt-Titel »Wartburg« vereinigt sind. Diese Wartburg-Trilogie enthält die drei Dramen: »Heinrich von Ofterdingen«, »Die heilige Elisabeth«, »Luther auf der Wartburg«   Aufführungsrecht durch die Vertriebsstelle des Verbandes deutscher Bühnenschriftsteller Berlin W. 30, Motzstr. 86. Erstaufführung des »Ofterdingen« am 26. Oktober 1903 am Hoftheater zu Weimar Personen Landgraf Hermann von Thüringen   Sophie, seine Gemahlin   Irmgard, ihr Töchterchen   Gräfin Mechthild von Frankenstein, junge Witwe   Heinrich von Ofterdingen Wolfram von Eschenbach Walther von der Vogelweide ritterliche Sänger Klingsor von Ungarland, gelehrter Meister   Gotelinde   Der Bischof von Passau   Diethelm Hellegreve Der »Dicke« Der »Lange«   fahrende Spielleute   Hanno Hellegreve, Gastwirt in Eisenach   Ein Krüppel   Ein Handwerksgesell   Erster Zweiter Bürger Ein Mohr (Diener)   Erster Zweiter aus des Landgrafen Gefolge Erster Zweiter Händler       Ritterlich Festvolk und Straßenvolk jedes Alters und Geschlechts, Edelknappen, der Henker (stumme Rolle), ein Knabe (Ludwig, Söhnchen des Landgrafenpaares: stumme Rolle) Zeit: 1207 und 1208 Ort: Zu Anfang und im vierten Aufzug: Klingsors Turm; im übrigen in und bei der Wartburg. »... Zugegeben nun, daß die Übertragung eines auf Geheiß des Bischofs Pilgrim durch seinen Schreiber Konrad lateinisch gedichteten Werkes in die deutsche Nibelungenstrophe mit dem Kürenberger zusammenhängen kann: so möge dem Schreiber dieser Blätter, der die Hoffnung nicht hegt, mit exakter Forschung alle Rätsel der Vergangenheit lösen zu können, gestattet sein, auch des Kürenbergers Nachbar, den von Ofterdingen, dessen dichterische Beteiligung an der deutschen Heldensage durch den König Luarin beglaubigt wird, sich in Beziehung zum Nibelungenlied zu denken und seine dichterische Persönlichkeit als einen kunstbegabten, in einheimischer Tanzreigenführung, Liederlust und epischen Weisen wohlgeschulten Sohn seiner traungauischen Heimat aufzufassen, der sich ... nach der Wartburg gewendet, dort mit den Verehrern formalen französischen Wesens und der unerquicklichen welschen Artusromane in tiefgehenden Zwiespalt geriet, – dann, zur Heimat zurückgedrängt, in großer läuternder Arbeit das Nibelungenlied der lateinischen Hülle des 10. Jahrhunderts entkleidete, um als letzten versöhnenden Abschluß des Sängerkrieges dem Thüringer Landgrafen das vaterländische Epos in vaterländischer Gestalt überreichen zu können.« J. V. Scheffel, »Frau Aventiure«; vgl. dazu des Verfassers »Thüringer Tagebuch«, 14. Aufl., S. 138: »Der Nibelungendichter«.) Erster Aufzug Erste Szene Klingors Turm Düstre Halle mit Gegenständen, die den Gelehrten bekunden: Sternrohr, ausgestopfte Tiere, Skelett, Totenschädel, Bücher, auch Waffen an den Wänden, getrocknete Kräuter auf dem Tisch. Am Feuer sitzt Heinrich von Ofterdingen , in sich versunken. Am Tische steht Klingsor (langbärtig, Gelehrtengewand), ein umfangreiches Manuskript durchblätternd. Bei ihm der Bischof von Passau, – Abendstimmung, später Nacht. Klingsor Ich hab's durchdacht. Und zwar in Winternächten, In diesen Turm gesperrt, an den der Eiswind Kristallnes Schneegewölk und Wölfe stäubte. Da hab' ich Euer Lied sorgsam durchdacht. Des Nordwinds Mäusepfiff, das Wolfsgeheul Schufen die mitternächtige Begleitung. Und tief und sicher ahnt' ich, daß ein Großes Allhier verschüttet und erfroren sei, Wie unterm Winterschnee der stumme Quell ... (Blättert) Ja, fleiß'ger Mann, das könnt' ein Lied sein, könnte ! Denn beide Kämpfer: Schicksal und Gestalten, Sind heldenhaft. Nur fehlt mir noch der dritte: Der Dichter ! Auch der Dichter muß ein Held sein. Bischof Der Dichter steht und zupft verschämt die Kutte. Fahrt fort, Klingsor! Klingsor Warum schreibt Ihr Latein? Bischof Die Majestät der Kirche spricht Latein. Es ist die Heldensprache Roms. Klingsor Das Versmaß – Bischof Vergils Hexameter. Klingsor Gern zugestanden. Ihr meistert Versmaß und Latein. Jedennoch – (Schüttelt den Kopf. Geht plötzlich zu Ofterdingen.) Den möcht' ich hören – Bischof Pah, der träumt vom Dorftanz! Laßt den! Der malt sich längst aus Flammenspiel Ein Bauernmädchen oder derlei Tand! Klingsor Hier hat mein Freund, der Bischof, alte Lieder Von der Burgunder Kampf an Etzels Hof, Von Siegfrieds Hornleib und von Hagens Trotz Sorgsam gesammelt, mit Verstand geordnet – Und hat sie ins Latein'sche übersetzt. Ecce , hier ist das opus . Liest sich gut. Ein fromm Latein – und kirchentreue Helden. Hagen bekehrt sich, Attila verzeiht, Kriemhild geht in ein Kloster, und für Siegfried Liest man am Hunnenhofe täglich Messe. Was dünkt dich, Ofterdingen? Ofterdingen (legt es gleichmütig wieder hin) Schön geschrieben. Bischof Ich kam zu Euch, Herr Klingsor! Wollt Ihr nicht Den Dichter loben, sollt Ihr wenigstens Den Sammler achten! Rheingold halt' ich hier! Ich hab's entdeckt, ich und mein Schreiber Konrad, Und wir sind beide stolz auf solchen Fund. Man nennt, wenn man von Deutschlands Dichtern spricht, Die Wartburg – Heil ihr, denn ich achte sie! Man kennt dort manchen seinen Strophenbau, Man nahm aus Welschland manch bretonisch Wort, Man übt sich sehr in höfisch-zarter Minne Und schätzt als höchste Tugend edles Maß. Sehr löblich! Doch vom Rheingold weiß man nichts ! Ich freilich bin kein Dichter. Euch bekenn' ich: Ich schäme, schäme, dreimal schäm' ich mich, Des Urlieds Wucht und Geist nicht so den Christen Spenden zu dürfen, wie mein Blut begehrt. Denn überschäumend muß man Fäuste ballen, Wenn man von Hagens Kampf am Hunnenhof Dies stoßweis trotz'ge Stabreimlied gelesen. Mir – lacht jetzt! – mein Gelübde tat mir weh! Die Kutte kratzte mir die Haut! Verdorrte, Vernarbte Wunden glühten wiedrum rot! Des Kreuzzugs dacht' ich, dachte, wie wir dort Türken geköpft, wie diese da die Hunnen, Hochbeinig stampfend durch das Unkrautvolk, Und Schwaden mähend – (reißt ein Schwert von der Wand, haut um sich) – so – und so – und so! Klingsor Jetzt dank' ich Euch! Bischof (das Schwert hinwerfend, die Stirne trocknend) Ach was, Ihr seid ein Heide! Klingsor Heide? Bischof Ihr dankt mir, daß ich sündhaft bin. Denn dies war sündhaft. Man soll lieben. Merkt's Euch! Ich bin voll Kraft des Hasses. Hol's der Satan! Jetzt war ich ehrlich, leider, mit dem Schwert da! Doch dies gefeilte Lied – Klingsor Ein Held nur sollte Von Helden singen. Bischof Doch ein Pfaffe, meint ihr –? Klingsor Hat andre Tugend. Bischof Geht! Auch Ekkehard War Pfaffe, und er schrieb sein kühngemut Waltharilied. Klingsor Niemand bekehrt sich dort. Bischof Und Wolframs »Parzival« – erringt er nicht Zuletzt den Gral und wird ein braver Christ? Klingsor Laßt ihm den Gral, doch Hagen laßt den Trotz! Der Held, wenn er das Rheingold wahrhaft weiß, Knirschend nimmt er sein Wissen mit ins Grab. Sänger sind keine Helden. Heute nicht. Belohnung heischend läuten sie ihr Lied Recht deutlich aus und hadern um den Lorbeer Und neiden sich die Bissen wie die Hunde. Ich steh' auf meinem Turm und – fast hätt' ich Geprahlt: »ich schaue vornehm zu« – ach, nein! Solch Zusehn ist gewinnlos. Lichtwärts schau' ich, Ins All der Sonnen, drin wir Stäubchen sind. Ja, selbst das kunstreich-feinste Menschenwort Scheint mir von Sängern ganz und gar entwertet. Von Großem schwatzen sie und sind nicht groß! Drum will ich schweigend Kraut sein, abseits wachsen, Ein Stündchen blühn – und wiederum verdorren. Wohl hätt' ich viel, sehr viel der Welt zu sagen, Doch Schwätzer zwischen Schwätzern sein? – Ich schweige. Solch Schweigen dünkt mich wahrhaft Heldenwerk. (Kleine Pause. Der Bischof nimmt plötzlich sein Manuskript und wirft es ins Feuer.) Klingsor (erschrocken) Was tut Ihr?! Bischof Siebenjährige Arbeit flammt In Klingsors Feuer. Ihr habt recht. Lebt wohl! (Geht ab. – Kleine Pause.) Klingsor (sehr verwundert) Nun? Sahst du das – und den? Ofterdingen Ich sah es. Seltsam! Klingsor (stößt in die Asche) Nur Asche ... nichts zu retten ... graue Asche! (Pause. Halb für sich) Denn morgen sind wir tot... Wir haben nichts Der Ewigkeit zu bringen, als ein Leben, Dies Leben, das wir als Geschenk von ihr Empfangen. Laßt uns stolz und dankbar sein! Wir werden's ihr mit Zinsen wiederbringen, Gefüllt mit Tat und Weisheit!... Dieses Werk War weder Tat noch Weisheit, war Geschwätz. Daß er's zur Asche machte, daß er stumm In seinen Sprengel an die Arbeit heimkehrt – Macht diesen Mann wahrhaft zu meinem Freund. (Bleibt vor Ofterdingen mit gekreuzten Armen stehen.) Und du? Ofterdingen (unbehaglich) Was soll's? Klingsor Ich frage bloß: Und du? Ofterdingen (düster) Ich halt' hier Abrechnung. Verfehlte Tage Tanzen in Eurem zaubertollen Feuer. (Geht durchs Zimmer.) Ihr seid sehr glücklich, Klingsor. Gott und Geister Sind Euch zu Dienst. Mir dienen nur die Teufel... (Bleibt vor dem Fernrohr stehen.) Durch dies geschliffene Kristall beschaut Ihr Die Sterne und der Menschen kleinen Tanz, Hochher vom Turme, teilnahmlos und freundlich. Wohl dem, der so die Welt beherrscht. Ich kann's nicht. Klingsor Was hindert dich? Ofterdingen Die Flamme da drin! Mein Blut, mein Sinn, mein Leib! Gott also hindert mich! Ich hab's von ihm. Lehrt Ihr nicht also, Meister? Klingsor Ja, mein Schüler. Nur füg' hinzu: Von Gott hast du den Willen , Als Held zu wandeln über niedre Lust! Ofterdingen Von Gott die Unkraft – Klingsor Und von Gott den Freund, Klingsor, den Urbeständ'gen! Folg' ihm nach! Ofterdingen Kommt, Urbeständ'ger, setzt mir an die Hand, Die so viel Becher oder Weiber packt, Ein Schröpfhorn an, verspritzt mein Sündenblut, Bis mir kein Tröpfchen mehr den Willen trübt – Dann bindet mich auf Eurem alten Turm Ans Schaurohr fest – und heißt mich fortan Klingsor! Klingsor (bedeutsam) Es kann wohl sein, daß du im Wind der Nacht Einmal am Turm pochst, heimgejagt vom Schicksal – Dann bind' ich dich in Wahrheit fest, mein Freund, Und lasse dich nicht los, es sei denn – – Ein Mohr [Diener] tritt ein, verneigt sich tief) Klingsor Nun? Mohr Am Tor ein Reiter. Klingsor Wes Standes? Mohr Ritter – Sänger – Klingsor Laß ein! (Mohr ab. – Dämmerung und bald Mondschein.) Klingsor (am Fenster) Die Nacht kommt... Sei willkommen, Klingsors Braut! Mir ist, als wäre dort ein Marmorsaal: Ein Volk in Festgewändern wandelt dort, Alles ist hell von Lichtern, sel'ge Stimmen Träufeln herab zur inselhaften Erde – (zu Ofterdingen) Sag' mir, was bringst du heim der Götterschar Von deiner Ausfahrt auf den Stern der Menschen? Nenn' eine Tat, nenn' mir ein einzig Lied! Ofterdingen (dumpf, am Kamin stehend) Soll ich von Gral und Tristan brauen den trüben Trank? Mich macht vom »Armen Heinrich« die Mitleids-Märe krank! Selbst Walthers höfisch Minnen dünkt meinen Ohren schal – Klingsor Ei, dumpfer Ofterdingen, so singe du der Minne Qual ! Sing, wie am letzten Ende aus Liebe Leid geschieht! Von Helden-Trutz und Treue sing uns ein Schmiedelied! Und kannst du oder magst nicht, so stell' dich an den Pflug, Oder zerhaue Schilde im Hohenstaufenzug! Nur säe, wo's auch sein mag, früchtetragende Saat – Auf aus dem Hörselberge! Auf, sei mir endlich Mann der Tat! Walther von der Vogelweide tritt ein. Walther (bleibt am Eingang stehen, schaut sich in der dunkelnden Halle um) Verargt mir nicht mein Zaudern. Mich hat draußen Der Märzenheide frischer Abendschein, Durch den mein Rößlein freudig Schatten warf, So schön umglüht, daß ich nur langsam mich Befreunde so erhabner Dämmerung ... Gewand und Bart verrät den Meister, herrlich In Kunst und Kraft, zu sprechen und zu schweigen. Ihr scheint sein Gast, Heinrich von Ofterdingen. Den Turmherrn grüß' ich, und ich grüß' den Gast. Klingsor Euch, Stimme, hört' ich irgendwann am Hofe Des Herrn von Österreich. Ofterdingen (halblaut) Wer ist's? Klingsor Geduld! – Beliebt's Euch, Platz zu nehmen, später Gast? (Setzt sich dazu.) Dämmrung ist schöpferisch. Verworrne Tiefen Tun ihre Tore auf, Gedanken steigen Ans Licht empor und bitten um Gewand. Noch ist die Seele voll vom Sonnentag, Doch immer näher kreist das hehre Weltall Und schiebt sich an, ein uferlos Gewässer. Bald überbraust uns Weltallmelodie, Und Mitternacht verschlingt jedweden Raum, Wie unsern Leib verschlingt der Schlaf, der Tod, der Traum. Walther Wohl, Klingsor. Doch die Mitternacht hat Sterne, Die Mitternacht hat einen lieben Mond. Und wenn der Mond und seine Schar verdeckt sind, So hat die Nacht noch Kerzen und Kamin, Entlehntes Feuer, ach, und hat die schönste Von allen Flammen: hat des Weibes Minne ! Und was den Traum betrifft – Heil solchem Tode! Ich sing' im Traume tausendfach so hell, Ich reit' im Traume tausendfach so schnell, Ich bin im Traume tausendfach so licht – Wär' Mitternacht ein Weib, ich wüßte nicht, Ob ich Frau Morgensonne auf der Heide, Ob ich Frau Mitternacht recht herzlich leide: Zwei Kränzlein teilt' ich aus, ich krönte alle beide! Ofterdingen (aufspringend) Das ist Herr Walther von der Vogelweide! Stimmt dieser Reim? Klingsor Herr Minnewart, Herr Maiensonnenschein, Herr Vogelweider, sollt willkommen sein! (Gibt ihm die Hände. Der Mohr bringt Licht, Kanne und Becher.) Walther Herzlich dank' ich des Grußes, edler Klingsor. Klingsor Ich brauch' Euch! Scheucht mir diesen da ans Licht! Walther Und just um den besuch' ich Euren Turm. Ofterdingen (lacht) Bedarf ich der Magister?! Walther Hört mir zu! (Sie setzen sich wieder.) Ich komme – zwar in buntem Zickzackweg – Aus Deutschlands Herzensgau, wo freundlich Volk, Dem Himmel nahe und dem Tal nicht fremd, Auf Hügeln wohnt. Ich komme von der Wartburg. Klingsor Den Willkommtrunk! Dann erst erzählt! Heil Euch! Walther Ein gut Gelingen meinem guten Werk! (Sie trinken. Danach:) Thüringens Landgraf grüßt euch, edle Herrn. Soll ich sein Lob erst singen? Wär' mein Landgraf Mächtig, wie man's von Karl dem Großen rühmt, Er führte, glaubt mir, als gezähmten Löwen, Die goldne Zeit am Halfter in das Land. Wir aber wissen: Dieser Zeit voll Haß Kann nicht der reinste Willen Freude spenden; Denn zwei, zwei Herren, beide sich gewachsen, Zerreißen Deutschland bis in Blut und Mark. Und wer Herrn Otto liebt, den Welfenkaiser, Muß untreu sein dem Staufenkaiser Philipp. Deutschland haßt Deutschland, Süd mag nicht den Norden – Und zwischen Süd und Norden thront mein Landgraf. Und nun ermeßt, ihr Herrn: Was soll ein Fürst, Liebreich beschauend das gesamte Land, Ein Fürst, der beide liebt; Nord wie den Süden, Was soll er tun in so gespaltnem Volk? Mit Herzweh sieht er zu, wie Haß auf Raub fährt, Wie Untreu' umgeht, Recht und Friede wund sind – – Gott helf' der Christenheit! So seufzt mein Landgraf. Klingsor Er ist nicht gut gebettet, Landgraf Hermann. Ofterdingen Ich wittre schon, Klingsor, nehmt Euch in acht! Philipp und Otto soll man gleicherweise Die Treue brechen – nicht wahr? Doch der Krone Ist einzig würdig Euer Mann der Mitte! Nicht wahr?! Walther (zornig, aber immer vornehm) Gastherr, vergebt, wenn ich im Zorn Dem dörperlichen Sänger Antwort schleudre – Klingsor Burgfriede, Sänger! Walther So ersucht den Mann da, Daß er den Freund Philipps von Schwaben, mich, Den Ritter Walther von der Vogelweide, (aufspringend) Des Staufenlied vom Po bis an den Rhein Im Winde rauscht, nicht doppelzüngig nenne! Klingsor (ihn beschwichtigend) »Wer schlägt den Leun, wer schlägt den Riesen, Wer überwindet den und diesen? Der tut es, der sich selbst bezwingt!« Ihr habt den Spruch gesungen, mein Herr Gast! Muß ich um Gleichmaß bitten? Walther (zu Ofterdingen) Welche Tat Und welches meiner Worte gibt Euch Anlaß Zu solcherlei Verdacht? Ich spür' und sehe Aus jeder Falte Eures Trotzgesichtes, Aus jeder Biegung Eures Herrenleibes, Daß Ihr mir übel wollt. Was tat ich Euch? Ofterdingen (auflodernd) Topp! Rasches Wort und rascher Schlag, Ich liebe beide, was auch kommen mag! Merkt Euch mein Sprüchlein, und erzählt's daheim: Ich liebe nicht die Wartburg, nicht den Fürsten, Nicht seiner Sänger Ziererei und Hochmut – Walther Hochmut? Und das sagt Ihr –? Ofterdingen Ich sagte: Hochmut! Hochmütig seid Ihr – und der Eschenbacher – Walther Nun – also Hochmut – gut! Von Schopf zu Schuhen Ertapp' ich täglich mich auf Eitelkeit. Doch Ihr, bescheidner Herr, seid Ihr mein Richter? Ich tummle mich in freudig-frischem Trab Und singe Lied und Spruch – wie andre pflügen, Wie andre Kriege führen, andre forschen. Doch, ob auch noch so klein mein Lied – ich weiß: Es fand des Volkes Seele , und es bleibt ! Dem Menschen Walther aber, der dahingeht, Sei Gott genädig, den ich tief verehre. Ihr aber, noch einmal: seid Ihr mein Richter? Ofterdingen Nicht Richter, aber Feind! Ihr greift mich an! Ihr haßt mein Bauernlied, ihr dort am Hofe, Haßt meine wilde Mär! Euch ist sehr unlieb Der harte Stabreim, den das Spielmannsvolk Am Feuer oder an der Linde singt! Ich aber liebe Dorf und fahrend Volk, Und liebe Trotz und Kraft und Leidenschaft. Hättet ihr Macht, ihr höfisch-feinen Sänger, Ihr hängtet uns, weil wir zu gradaus singen, Nur daß die Kunst gedeih', die Schmeichelkunst, Die wohlverzierte welsche Schnörkelkunst! Walther Habt Dank, Herr Feind! Nun füg' ich sogleich und wunderfein In Euer hitzig Wort die ruhige Antwort ein: Mein Landgraf Hermann lädt euch zum Turnier! Ihr Herrn, da habt ihr meine klare Sendung! Zum Sänger-Wettkampf, zum Gefecht mit Liedern, Ruft unser Herr die Besten in sein Land. Unfriede geht durch Deutschland – auf der Wartburg Soll Friede sein. Unfriede schleicht im Reich – Doch auf der Wartburg soll man lachen lernen. Wolfram und ich, Reinmar und Biterolf, Heinrich der Schreiber – schlugen dankbar ein. Nun fehlt uns noch von allen freien Sängern Der freieste: Heinrich von Ofterdingen. Ihr habt manch launig Lied Herrn Leopold Und anderen geformt, auch Euer Leben Wird viel beredet auf den Winterburgen Und ist so sagenschön wie Euer Lied. Nun steh' ich werbend vor Euch: Kommt zur Wartburg! Dort meßt Euch, nach bequemem Abseitssingen, Mit Deutschlands Besten ! Kommt, Herr Ofterdingen! Klingsor Er muß ! Ich schlage statt des Freundes ein! Ofterdingen (hat aufgehorcht und ist nachdenklich geworden) Bedachtsam! Preist ja sonst so gern das Maß! Sagt mir: Hat Euer Landgraf insbesondere Von mir gesprochen? Kennt man meinen Namen? Man wird mich schwerlich achten ... Bin Euch wohl Zu derb und gradaus ... Auch vergeßt mir nicht: Ich bin durchaus den Hohenstaufen Freund. Der Neid der Fürsten, die den Kaiser-Aar So oft herabgerissen an die Erde, Ist mir verhaßt. Ehrgeizig ist Herr Hermann. Und da ihm keine Kaiserkrone winkt, Will er den deutschen Dichtern Kaiser sein. Walther Beruhigt Euch und seid sein Untertan! Kein Hohenstaufe hindert Euch daran. Man ehrt Euch auf der Wartburg, denn man ruft Euch. Ofterdingen (besinnlich) Habt ihr dort – schöne Frauen? Walther (lachend) Das weiß jeder Im Deutschen Reiche! Vierzig Edeldamen Sind auf der Wartburg! Minne blüht wie Quendel! Thüringer Mägdlein lachen gern und viel, Die Luft ist voll von zwitschersüßen Lauten, Von Berg zu Berge jodelt man sich an, Läuft dann mit offnen Armen durch das Tal Und küßt sich in den Hecken! ... Doch, sehr ernstlich: Klug ist und stolz und schön Frau Landgräfin, Schön ist und süß und mild die Gräfin Mechthild, Perle der Wartburg – ach, wer liebt sie nicht, Wenn er von fern auf ihrem blauen Kleid Das goldne Haar sah und das Engelsantlitz! Doch kommt, seht selber zu! Recht herzlich bitt' ich. Ofterdingen Sie sind sehr tugendhaft, die Frauen dort ... Laßt mich ein Stündlein durch den Mondschein jagen! Ihr habt mir warm gemacht. Ich muß hinaus. (Ab.) Klingsor Da rennt er hin. Hochmütig bis ins Mark! Und doch voll Unruh' und voll gärender Ahnung Von einer Größe, die er noch nicht fand. All mein Erziehen war bis heute unnütz. Doch heut' – ich ahn' es – ist er uns gewonnen . Er muß zur Wartburg! Sagt's daheim: er kommt ! Und Dank, Herr Walther! Bleibt recht lang mein Gast! (Schütteln sich die Hände.) (Zwischenvorhang.) Zweite Szene Waldlichtung in der Gegend der »Hohen Sonne« In der Ferne die Wartburg. Kinder (Mädchen) tanzen Ringelreihen, unter ihnen des Landgrafen Töchterchen Irmgard . An einem Baumstamm sitzt malend Frau Landgräfin Sophie , bei ihr Mechthild von Frankenstein (junge Witwe). Kleider und Gegenstände liegen umher, die nachher von dem Gesinde mitgenommen werden. Im Hintergrunde, etwas erhöht, sieht man den Landgrafen Hermann mit Gästen (darunter Walther ) gelegentlich im Gespräch hin und her gehen. Der ganze Wald ist voll gedämpfter Waldhörner, Tanzmusik und dergleichen. Die Kinder (singend und tanzend, schon vor Aufgehen des Vorhangs) Lasset die Röckchen nun schwirren und schweben, Hätten wir Flügel, so flögen wir gleich! Goldene Strahlen, o könntet ihr heben Goldene Kinder ins himmlische Reich! Hei, wie am Bache die schönen Libellen, Hei, wie die Blumen, geworfen ins Licht, Wollen wir tanzen und leuchten und schnellen, Hascht uns, o hascht uns, ihr hascht uns ja nicht! Eia, der Sommer ist wohlgetan! Eia, hebet ein Tanzen an! Mechthild (kommt, herzlich) Für euch ist Sommertag das ganze Jahr, So mag ich's leiden, liebe, lust'ge Kleinen. Nun aber scheint mir, daß Frau Landgräfin Ein wenig ruhen will – mein herzlieb Völkchen, Nun lauft ihr in den Wald, gelt, rings herum Der ganze grüne Wald soll euer sein! Und wißt ihr, was ihr tun dürft? Irmgard Kränze pflücken? Mechthild Auch Kränze pflücken – doch besonders Erdbeer'n. Die pflückt ihr – tut sie in ein Halmenkörbchen – Und mit dem lieben, roten Körbchen voll Kommt ihr zurück und schenkt es unsrer Herrin, Frau Landgräfin, die dort so fleißig malt. Irmgard Was malt denn Mutter? Mechthild Buchstaben, Irmgard. Irmgard Was für'n Buchstaben? Mechthild Nun, ein großes A. (Legt lächelnd und weise den Finger an den Mund.) Die Kinder (tun desgleichen, lachen dann alle schallend heraus und zerstreuen sich in den Wald in Begleitung einer Dienerin) . Landgräfin. Mechthild . Mechthild (kniend) Kniend muß ich vor so viel Künsten sitzen Und dich bewundern, vielgelehrte Freundin. Manchmal ist's mir – auch heut' – als ging' ein Schein, Weißt du, so wie man Sankt Maria malt Im Strahlenkranz – als ging' ein klarer Schein Um deines Hauptes weichen Linienranft. Ganz fein – hier – rings herum! Ich will recht nah Mich an dich schmiegen, leuchtende Sophia! Landgräfin Schau' her: Ist mir dies übermalte A, Womit Herrn Walthers fein Vokalspiel anfängt, Nicht über alle Maßen wohl gelungen? Mechthild Wie du geduldig bist, fein stillzuhalten, So viele Kunst und gar Latein zu üben, Und doch der Hausfrau Schlüsselbund zu tragen Und Kanzler unsres lieben Herrn zu sein! Ich möchte sein wie du. Landgräfin Dein Amt ist anders, Frau Minnekön'gin, du verklärst den Hof, Indem du schön und sittsam Sängern zuhörst Und edlen Taten Lächeln schenkst und Tränen. Das macht sie glücklicher, als wenn Frau Sophie Gewählte Gründe gibt, warum es schön sei. Und klingt's auch gut: »Frau Sophie hat gelobt« – Sie hören lieber: »Mechthild hat geweint«. Mechthild Du sprichst so gut zu mir. Und ich bin oft So zag und kleinlaut. Sieh, mir fehlt ein Großes, Ein Heiliges ... Vergib mir, daß ich heute, Wo Sonnenschein auf allen Hügeln sitzt, Indes mit Hörnerklang und Fiedeltanz Der bunte Hof den Wald zum Festsaal macht – Dennoch bekennen muß: ich bin nicht glücklich. Ach, und mir ahnt – ich kann es nur nicht greifen – Mir ahnt, ich werde niemals glücklich sein. Landgräfin Kind, was bewegt dich? Meine scheue Schwester, Kristallnes Herz, komm, sag' mir, was bewegt dich? Mechthild (nach und nach immer leidenschaftlicher) Du hast gelebt! Irmgard, dein Töchterlein, Das dort im Walde zwischen Erdbeer'n spielt, Dein Knabe Ludwig, deine andren Kinder – Sie alle sind ein warmlebendig Preislied Auf deines Lebens vollerfülltes Glück. Dein Gatte liebt dich, er ist stark und edel, Aus Wartburg-Fenstern flutet Lebenslicht, Ein ganzes Volk wird warm am Wartburg-Herd! Das nenn' ich glücklich sein und glücklich machen! Ich aber, sieh, ich habe nie gelebt. Nur Schwester war ich meinem greisen Gatten. Kein heißer Mund hat meinen Mund geküßt, Kein starker, guter Arm hat mich umrankt! Ich weiß nicht, wie es ist, wenn man des Gatten Edelgeschenk, ein himmlisch Menschenleben, Zitternd empfängt und still zur Reife trägt Und an die Menschen weitergibt – ein Leben, Vielleicht ein Helden-Leben, das da Reichtum Vieltausend Herzen bringt! O Gnadenglück, Mutter zu sein! Goldlock'ge Gottesgabe Der Welt zu spenden, wie man Früchte spendet! Aus unsrem Blut und Geist Gewand zu geben Den nackten Seelchen, die herabgekommen Vom Gottesland in unser Menschenland – – O, Freundin, Mutter, Schwester, Vielgeliebte, Nicht wahr, du lächelst nicht der heißen Zähre, Die mir in meine Klage rollt! Ich möchte – Wie du es bist – ich möchte Mutter sein! (Verbirgt das Gesicht in ihrem Schoße.) Der Landgraf verläßt die Gruppe seiner Gäste und kommt heran. Landgraf Es ist zwar Labsal, klug zu plaudern. Doch – Gleich gerne küss' ich meines Weibes Stirn. (Tut es.) Tränen, Frau Mechthild? Habt ihr euch gezankt? Mechthild Ach nein, Herr Landgraf. Landgräfin Mechthild weint ja leicht. Landgraf Es ist bald Heimkehrzeit. Das muntre Jungvolk Vergißt zwar ganz der Stunde, läuft und lacht Und wirbelt durch den Wald im Ringelreihn. So lieb' ich meinen Hof! Saht ihr Herrn Wolfram? Landgräfin Wir nicht – Landgraf Fast schäm' ich mich: aus unsrem Plaudern, Die wir hier langsam und beschaulich wandeln, Hat er sich losgelöst. Warum? Wir dachten, Den treibt es zu Frau Mechthild. Doch nun merk' ich, Zu unbedeutend schien ihm unser Schwatzen. Kommt er, so scheltet ihn – jedoch mit Achtung! (Ab. Kleine Pause.) Landgräfin Mechthild, ich muß dich etwas fragen. Ist dir Entgangen, wie dich Ritter Wolfram ehrt? Mechthild Sprich nicht davon, o bitte! Landgräfin Ist es unrecht, Wenn ein so hoher Geist Frau Mechthild lieb hat? Mechthild Ich achte ja Herrn Wolfram – Landgräfin Wahre Liebe Bedarf der Achtung – Mechthild – Doch ich lieb' ihn nicht, Nicht so, wie ich dir hier gesagt – so stürmisch – Weh tut mir seine männlich-zarte Werbung. Wolfram von Eschenbach kommt allein. Landgräfin Er kommt Sieh, wie er ernst ist und so gütig! Mir ist's der liebste Freund. Würd' er dein Gatte, Ich hätt' euch wie Geschwister lieb. Zu Wolfram) Herr Flüchtling, »Auf einem Plan, zu dem er ging, Artus' Falk' in Lüften hing, Der schoß hinab und schlug die Krallen In eine Gans und flog empor – Drei Tröpflein Bluts die Gans verlor, Die sind in weißen Schnee gefallen. In weißem Schnee drei Tröpflein rot, Die brachten Parzival in Not. Drei Tränen kamen ihm in Sinn: Zu Pelrapêr der Königin Kondwiramur sind sie entronnen – Da ward er ganz und gar versonnen« – Habt wohl auch Ihr drei Tröpflein Blut gefunden, Obwohl kein Schnee liegt, Wolfram von Eschenbach? Wolfram Habt Dank des Grußes! Und vergebt mir, Frau! Unachtsam schein' ich. Aber seht: Erregt Von unsrem männlich sorgenden Gespräch, Und eigne Leiden kummervoll erwägend – Fing meine Seele sehr zu bangen an. Da ging ich schweigend tiefer in den Wald. Und nun hört an, was mir geschah. Ein Teich, Ein unscheinbarer, kleiner Wassertümpel, Hemmte mein Wandern. Sinnend blieb ich stehen. Der Abendhimmel war ein schmales Gold, Doch über mir der Himmel war noch blau. Und Blau und Gold – just wie Ihr's hier gemalt – Fiel in den blanken, runden Wasserspiegel. Auch braune Stämme standen tempelhaft, Und nicht ein Hauch bewegte Blatt und Blüte. Am Stamme lehnend hielt ich dieses Zwielicht In meiner Seele fest und schloß die Augen – Und sah, glaubt mir's, marienschön ein Bild. Blau stand ein Weib auf goldnem Himmelsgrunde, Die glich halb Euch, halb glich sie Euch, Frau Mechthild. Und alles, was ich jemals Holdes sah An beiden zart verehrten Edelfrauen: Weisheit und Minne, Kindersinn und Reife, Verwoben sich zur einzigen Gestalt. Sieghaft stand sie und hehr – tief unter ihr Rollten die Sorgen rauchend in den Abgrund. Die Erde spiegelte in ihrer Augen Tiefblauem Saphir fein und rein sich wieder: Ganz klein und tief die Burgen und die Städte, Nur wir zwei standen riesengroß darüber. Da wuchs in mir entsagungsmächt'ge Minne, Wunschlos tat ich die Augen auf – und sah Ein Reh am Waldrand nicken und verschwinden, Als wär's ein Gruß von jener Himmelsfrau ... Dies war mein Traum. Und nun, erlauchte Frauen, Nochmals vergebt mir, daß ich euch verließ. Landgräfin Wie schön! ... Doch sagt: Wie deutet Ihr den Traum? Wolfram Ungern bin ich mein Dolmetsch – – Landgräfin Seid es heute! Wolfram Zwei edle Erdenfrauen hab' ich beide Mannhaft und innig lieb und achte beide. Doch eine, schön wie satter Sommertag, Ist mir versagt. Die andre, lauschend aus der Haare Gold, Mit reinstem Herzen wert des reinsten Mannes – Verschmäht mein Werben. Wär' ich nur Mann – ich müßt' ob dieser zweiten Verzweifeln und vergehn, so lieb' ich sie. Doch bin ich Sänger ! Und ich forme mir, Verklärungsstark, aus beiden Edelfraun Die dritte, jene Himmelsfrau, die tröstlich Zu mir herabschwebt, mich an Händen führt Bis in den Tod! – Dies, Frauen, ist mein Traum. Der Landgraf , Walther von der Vogelweide und die anderen Gäste kommen. Landgräfin (auf ihn zu) Er ist entschuldigt, Hermann, lieber Gatte! (Küßt ihn bewegt) Ein Traumgesicht hat ihn entführt. Zu Wolfram Habt Dank! – Nun, und ihr andren hochberühmten Gäste, Gefällt euch unser Land? Landgraf Nur einer fehlt noch: Heinrich von Ofterdingen. Ob er kommt? Einer aus dem Gefolge (lachend) Falls ihn die Mägdlein Östreichs wandern lassen. Ein Zweiter Er bringt sie mit. Erster Ein Schock, gewiß, und mehr noch! (Lachen.) Landgraf Ein fahrend Weib, sagt man, Frau Venus selber Begleitet ihn. (Sie lachen.) Nun, werte Herr'n, nicht spotten: Er ist mein Gast. Mechthild (zu Walther ) Spricht man von Ofterdingen? Wozu ward der auf unsre Burg geladen? Walther (scherzend ablenkend) Euch zu erobern, Frau! Ihr weint zu viel Um Sünden andrer. Frau, Ihr seid zu fromm! Ihr betet zu viel an des Gatten Grab! Mechthild (lächelnd) Ach, darum singt Ihr jede Nacht von ferne? Walther Ich, Frau? – Fragt Meister Wolfram! Mechthild (peinlich berührt) Ihr seid's, Ritter – – Wolfram (sich zu Scherz zwingend, da alle der Neckerei zuhören) Euch zu erziehen, ja, sing' ich am Abend, Wenn ich am Steinkreuz Euch beim Beten weiß, Weltlust'ge Lieder. – Nehmt mich als Magister! Landgraf (lacht, wie die übrigen. Dann) Wildbret und Nachttrunk warten! Blast zum Aufbruch! Wie – oder gehn wir durch die Drachenschlucht? (Zustimmung. Hörner. Alles strömt zusammen.) Gut denn, zu Fuß! Doch lasse jeder Herr Von einer Dame sich beschützen! – Heimwärts! (Lachen. Vorüberziehen der Paare. Hörner bis zum Schluß. Die Kinder kommen zurück.) Landgräfin (zu den Kindern) Nun, habt ihr ausgetollt, ihr wildes Völkchen? (Die Dienerin setzt Irmgard einen Hut auf, nachdem sie ihr ein Kränzchen abgenommen und, recht sichtbar, an einen Ast gehängt hat. Der Landgraf gibt der Landgräfin den Arm; da Wolfram – der als Letzter steht – Mechthilds Verlegenheit sieht, holt er zwei Kinder, hängt sie ihr rechts und links an den Arm und tritt höflich zurück; sie nicht dankend und schließt sich den Gehenden an. Wolfram geht langsam zuletzt und allein.) Verhallender Kindergesang (in den sich Waldhörner mischen) . Nach Haus, ihr Kinderlein, nun kommt nach Haus! Der Wald ist still, die Wichtel gehn heraus. Irrlichter laufen durch den Mondschein-Grund, Die Sterne fangen sich am Himmelsrund. Nach Haus, ihr Kinderlein, nach Haus – nach Haus – – (Zwischenvorhang.) Dritte Szene Derselbe Ort Es ist fast Nacht. Fahler Schimmer um die Wartburg. Ofterdingen und Gotelinde sind gelagert. Ein Feuer glimmt in der Nähe, über dem ein kleiner Kessel hängt. Ofterdingen Noch diesen Kuß – und diesen – und noch den – Nein, her da, noch einmal! O Feuerlippen! ... Ein Urwaldrauschen bist du, Wellenstoß Ist deine Leidenschaft, du Donaunixe! ... Doch kehr' nun heim! Mein Knecht bringt dich zurück, Ihr bleibt im Dorf zu Nacht – ich muß zu Hofe! Gotelinde Ich darf ja nicht zurück, hab' ja kein Haus mehr, Hab' keinen Vater mehr, ich hab' nur dich! Ofterdingen Ich muß wohl, Lieb – Gotelinde Mußt? Freie müssen nicht! Ich bin schon Wochen bei dir: hindert's dich, Dein Lied zu harfen und ein Herr zu sein Im Tagesdorf, im Saal der Nacht – wenn nur Ein Bröckchen, ach, wenn nur die Länge eines Alleinz'gen Kusses für mich übrig bleibt? Du weißt, ich lief in meiner Qual und Liebe Dem starren Vater nächtlich aus der Halle – Weil ich dich lieb hab', dich, dich ganz allein! Ofterdingen Ich weiß es, Gotelind', Gewittersturmnacht, Walküre du, aus Schlünden der Natur Du Flamme der Erde, Ätnas Feueratem – Mit Weh scheid' ich von dir, wildsüße Braut! Gotelinde Bin ich das alles, was jagst du mich fort? Ich will ja abseits bleiben, sieh, ich will Im Volke stehn und zusehn, wenn du singst! Ofterdingen (düster) Laß sein! Das ist und bleibt, wie ich beschlossen. (Steht auf.) Gotelinde Warum denn, sag' doch nur ein Wort: Warum? (Ganz ferne Nachthörner hallen noch einmal leise her.) Ofterdingen Dort ist die Wartburg! Hörst du ihre Hörner? So nahe sind wir Eisenach! Soll ich, Dem Volk zur Lust, beweibt zur Stadt einziehn? Ich hab' vergessen, daß ich Ritter bin Und Herr und Sänger! ... Hier ist noch ein Duft Von Festgewändern ... die den weißen Leib Vornehmer Frauen seidensanft umrauschen ... Der Rasen ist zertreten – schwingt die Luft nicht Von Adelsworten und von spitzen Küssen? ... Und hier! – (nimmt Irmgards welkes Kränzchen vom Zweig) ein Kränzlein, das ein Kind vergaß! (Hält es hoch; deutlich) Du erstes Gastgeschenk, das mir die Wartburg Zum Willkomm beut – was wird mein letztes sein? (Wirft es weg. Mit finstrem Blick auf Gotelinde.) Und ich, der Spätling – so zieh' ich heran! ... (Kreuzt die Arme, düster.) Zum Unheil dir und mir sah ich die Donau Und euren Bauernhof. Gesittet wollt' ich Zur Wartburg ziehn, wie Klingsor mich entlassen – Doch nun, als Räuber fahr' ich durch das Land, Der einem Edeling sein Kind verschleppt. Ein übler Anfang! Unter hohe Frauen So einzuziehn – mit dir – Gotelinde (springt zornig auf) Ich bin die Tochter Des schöffenfreien Bauern – schmähst du mich?! Mein Vater geht zum Thing, der deine nicht! Mein Hof ist reich und alt, der deine nicht! Ein Dutzend Knechte dient dem Hof – dir nicht! Wie jene Burgfrau'n bin ich freilich gar nicht, Da sagst du recht: denn ich bin mehr als sie! Ofterdingen Wildstolz – heia, so lieb' ich dich! (Umarmt sie.) Gotelinde (wieder innig) Nicht zürnen! Du kennst ja meinen Vater nicht! Der schlüge Mich mit der Faust tot, käm' ich zu ihm heim! Ich hab' nur dich, ich habe jetzt nur dich! Ofterdingen Mein Weib! Gotelinde Dein Weib! – Gib mir den Tod, mein Gatte, So sterb' ich lachend, denn er kommt von dir! Ofterdingen O Liebe! Gotelinde Nenn' es Treue! Viele hast du Geliebt, du fahrender Gesell – doch treu War eine nur, und die heißt Gotelinde! Ofterdingen (sinnend) Treue –! Schwerwuchtig Wort! Nicht viele kennen Die Heldengabe, trotzig-treu zu sein. Auch ich nicht, bislang nicht ... Jetzt, langsam erst, In dich verwachsen wie der Baum in Felsen, Ahn' ich von ferne, daß zwar heiße Minne Ein Hohes sei, das Höchste aber Treue . Gotelinde Behältst du mich? Ofterdingen Ja, Weib! Willst du so stark, So treu und kühn, so wild-walkürenschön Mitfahren durch die Welt? Gotelinde Geliebter Mann! Ofterdingen (düster) Ich hab' nicht viel, die treu sind, hab' nur Klingsor, Und der ist ausgereift und mir voraus. Ich lebe ungestümer als die andren Und werde meteorhaft wieder hingehn. So lang bleib treu mir, ungetraut Gemahl! Und sterb' ich irgendwo im fremden Walde, So leg mein Haupt an deine weiche Brust Und laß die Trauerweide deines Haares Herfallen auf mein bleich Gesicht! Sing mir Ein leises Scheidelied – und dann begrab mich ... Ich hab' die Menschen nie geliebt. Um einen, Den Herzog, meinen Herrn von Österreich, Und um der Hohenstaufen Adlerflug – Wein' ich zwei Tränen, doch die andren – – laß sie! ... Gotelinde Mein Trautgesell, erst laß uns leben, leben! Und Ehren holen auf der Wartburg! Nicht wahr? Ofterdingen (hell und frisch) Ist wahr! (Ruft.) Knecht, die geht mit nach Eisenach! Doch daß mir keiner dieser Stallgebornen, Wenn ich zu Hofe zieh', mein Weib bedränge, Zieht sie den Kittel eines Knappen an Und ist mein treuer Knecht! Der Knecht heißt – – Gotelinde (lachend) Dankwart! So heißt zu Haus der beste Knecht! Ofterdingen (heiter) Hoi, Dankwart! Dankwart, fort mit dir, du Racker, Und zieh dich schicklich an! Was?! Läufst du da In Frauenkleidern durch den Wartburgwald?! (Scheucht die Lachende, in die Hände klatschend, nach hinten) Macht rasch, es gibt ein Wetter! Haltet Umschau In meinem Bündel! Morgen hilft ein Schneider! (Kleine Pause. Es wetterleuchtet.) Hätt' ich ein Lied! Ich möcht' als Alraunmann Den Wald durchtappen und an Bäume klopfen: »He, Bäume, tut euch auf! Gebt mir ein Lied!« ... Es wetterleuchtet. Breite Schwerter schmiedet Wieland der Schmied, der aus der Höhle flog. Die Heidengötter schaun herab auf Wartburg Und werfen Feuerwürfel, wer gewinne ... Ihr alten Götter, helft mir! In mein Wort Gießt solche Schmiedekraft, daß ich das Tändeln Der Minnesänger in den Boden schmettre Wie Siegfrieds Amboß! Flammen des Himmels, her! Im Hintergrunde kommt ein Pferd gegangen, besetzt von drei Kerlen . Das stille Wetterleuchten dauert fort. Erster (Diethelm) Halt, Trabefaul, du Schindmähre! Wer ruft da im finstren Wald nach Flammen des Himmels? Zweiter (der Dicke) Roßmähre, halt! Dritter (der Lange) Steh still, Bayard! Die Haimonskinder steigen ab! (Alle drei steigen ab; Diethelm führt den Gaul nach hinten links, wohin auch Gotelinde gegangen ist.) Der Lange (auf einen Spieß gestützt) Allein im Wald, Herr? Ofterdingen (springt hin und nimmt sein Schwert, ohne es zu ziehen) Nein, mein Schwert ist dabei! Der Dicke (beschreibt einen Bogen und kommt von der anderen Seite, einen Knüttel in der Hand) Du bist einer der hohen Herren, die zum Fest des Landgrafen reiten? Wir sind des Landgrafen Feinde. Der Lange Dummheit! Wir sind des Landgrafen Freunde ! Wir setzen uns jetzt mit diesem Ritter um ein Feuer, zechen und würfeln die Nacht durch – was, Wartburgfahrer? Gotelinde (kommt gelaufen, halb schon als Knappe gekleidet, mit langem Haar) Der Knecht will mir das Haar abschneiden – nicht wahr, er soll nicht – – (Geschrei des Knechts hinter der Szene: »Hilfe!«) Ofterdingen Dann nicht gefackelt! Galgenvogel! Schnapphahn! Ich hab' die Türken gemäht – ich schäme mich, für solch Gesindel meinen Stahl zu ziehen – (Jagt sie nach kurzem Kampf davon) Diethelm (heranspringend, ein Schwert in der Hand) Jetzt aber komm' ich! – Heran, sarazenischer Hund! Gotelinde (packt den Spieß, der dem Langen entfallen) Entweih dein Schwert nicht, Heinrich! Den renn' ich mit der Stange um! (Tut es.) Ofterdingen (schlägt dem Verblüfften das Schwert aus der Hand) Gastlich Land, das Ofterdingen so empfängt! Strauchritter im Angesicht der Wartburg?! – Nun, du, soll ich?! (Setzt dem Daliegenden das Schwert auf die Brust.) Diethelm Halt! Schlagt Feuer, laßt mich Euer Gesicht sehen! Wenn das nicht Ofterdingens Stimme ist – so stecht mich tot! Habt Ihr Diethelm Hellegreve vergessen? Ofterdingen (erstaunt absetzend) Diethelm – du? Mein Knappe von einst – Diethelm?! Diethelm (aufspringend) Werft Holz auf das Feuer da, Holz! Wirft Holz auf, es wird heller.) Ritter von Ofterdingen, Eure Hände her – hahaha! Ich bin Diethelm, der Schuft, der Säufer, das mißratene Einhorn (seine linke Schulter ist ganz hochgewachsen und bucklig, er ist einäugig, struppig und zerrissen, doch ist in allen seinen Bewegungen eine wilde Kraft) , der Loki, der Höllensohn – aber Euer Freund und Bruder auf Leben und Sterben! (In wilden Bewegungen, rasch hervorsprudelnd, aber deutlich.) Hahaha, Platz, ich klettre die Bäume in die Höhe vor Freude! Frau, Knappe, Maid, der Teufel weiß, was Ihr seid; den schaut an, das ist Herr Heinrich von Ofterdingen! Wißt Ihr das?! Nichts wißt Ihr! Denn dieser Held und Herr hat mich todwunden, entzweigeschlagenen Lümmel – schaut meine Achsel an – aus der Sarazenenschlacht getragen! Wißt Ihr das?! Nichts wißt Ihr! Wir zwei wateten mit wunden Sohlen durch Sand und Sonne, wir zwei verdursteten und verdorrten miteinander und soffen uns wieder lebendig! Kyrieleis, Amen Sela! Ritterlein, ich hab' dich gesucht durch 27 Kontinente oder Erdteile! Ich bin erzliederlich geworden, o Gott, wie liederlich bin ich geworden! Da ist ja gar kein Laster, das ich nicht auf dem Pelz habe, besonders aber sauf' ich! (Setzt sich und wischt heftig schluchzend das Auge.) Haltet 's Maul miteinander! Ich hab' nur ein Auge! (Weint) Ofterdingen Diethelm! Strauchritter bist du worden –? So schändest du des Kreuzzugs kraftvoll Andenken?! Diethelm Strauchritter?! Einem windigen Krüppel haben wir den Gaul abgenommen, und der hatt' ihn selber gestohlen! Wir waren da ein paar lustige Kumpane, Spielmannsvolk und Taugenichtse – versteht Ihr? »Ha!« sagten wir, »jetzt laßt uns Ritter spielen und Lindwürmer töten!« Und so reiten wir nun schon tagelang im Thüringer Wald herum. Denn ich singe Heldenlieder, von Hagen von Tronje und solchen Knorren! Haha, und Ihr solltet allhier der erste Lindwurm sein – o, Ihr habt uns aber schön nüchtern geprügelt! Saudumm, sagen die Schwaben. O, ich lache mir die Achsel wieder grad! (Lacht und schlägt sich unbändig auf den Schenkel) Ofterdingen (sich hinsetzend) Warum bist du nicht seßhaft bei deinem Bruder, dem Gastwirt in Eisenach? Diethelm Seßhaft? Ein rechtschaffen von der Klosterschule weggejagter Kreuzritter?! Ofterdingen (lacht) Haha, du borstiger Eber, immer noch der alte! – Wir haben noch einen Krug dahinten – schenk' ein, Dankwart! – Ich freu' mich dein, du Schlagetot! Reitest du mit nach Eisenach? Diethelm Laßt uns im Wald zu Nacht bleiben! Ich mag weder Hut noch Dach über dem Schädel leiden. – Würfeln wir um den Krug da? (Zieht einen kleinen Würfelbecher hervor) Ofterdingen Topp, wir bleiben im Wald! – Los! Sechs! – Jetzt ich! Drei! – Sauf zu! (Jener trinkt) Diethelm (absetzend) Ihr reitet zum Fest? Ofterdingen Unter die Minnesänger und Edelfrauen – Achtung, du Gnom! Diethelm Pah, verbuhlte Gesellschaft! Zeisige, Schönsänger! Die lagerten dahier im Lustwald, tanzten, tändelten – schwatzten lose auch über Euch , Herr Heinrich! Wir lauerten in den Hecken wie Füchse! Ofterdingen Über mich? – Laß sie schwatzen! Diethelm Lachten über Euch! Spotteten , daß ich die Faust ballte! Ihr habt Feinde auf der Wartburg! Ofterdingen (steht auf, geht hin und her, plötzlich verfinstert) Feinde! Laß sie auf dem Sängerkrieg lachen! Diethelm Sing' sie in Grund und Boden, Ritter! Ich sing' mit! Ofterdingen (lachend) Mit diesem Wams und diesen Schuhen? Diethelm (lachend ein Bein hochstreckend und auf die ganz zerrissenen Schuhspitzen zeigend) Kraft! Alles Kraft! Das will heraus, Herr, das sprengt Leder und Tuch! Ihr solltet mich zu Pferde sehen – holla, ist mein Gaul noch festgebunden? Wie heißt denn der Knappe da, das Weib da, der Bub' da? Gotelinde Dankwart. Dein Gaul knuspert am Buchbaum. Unser Knecht ist weggelaufen. Diethelm Laßt den Feigling laufen! Ich bin jetzt Ofterdingens Knecht! Frau Brunhild von Isenland, dem helf' ich nun singen, daß es kracht. Ofterdingen Was kannst denn du singen, du Nebelkrähe? Diethelm (plötzlich ernst) Untersteht Euch nicht, über mich zu lachen! – Gemeinhin sing' ich König Rothers Brautfahrt nach Konstantinopel, besonders aber vom Riesen Widolt, wie der loskam und durch Byzanz raste und Menschen totschlug wie Mücken! Das freut das dumme Volk. Für die feinere Sippschaft sing' ich von Siegfried von Niederlanden. Aber mein Held aller Helden – mein Held, versteht Ihr!? – ist Hagen von Tronje . Kennt Ihr die Mär von Hagens Blutrausch? Was, Ihr kennt nicht Hagens Blutrausch, da Siegfried erschlagen lag am Brunnen im Odenwald?! Ofterdingen Nein. Diethelm (wirft einen Mantel hin, ernst, gereckt in seiner ganzen Haltung) Wohlan, dieser Mantel ist der erschlagene Siegfried! Dort geht die Sonne unter! Ich aber, auf diese Speerstange gestützt (nimmt den Speer) , schreite langsam und wuchtig den Hügel hinan, daß die Schollen knirschen unter meinem schweren Fuß, mitten hinein in die schreckerstarrte Sonne! Und also heb' ich an: (mit nicht zu viel Bewegungen, muß wild wirken, nicht komisch) »Hinab mit Euch, Frau Sonne, in Hels Behausung! Hinab mit Euch, Hagen ist Herr! Drunten in Kressen und Kraut, Getötet im Tal, Antlitz im Rasen, mit klaffendem Rücken, Im rauchenden Rotblut liegt er: Euer Sohn ! Siegfried, der Sonnenheld! Heischt Ihr Rache, treulos betrogene Frau? Her Eure Recken! Eurer Recken harr' ich, hier auf dem Hügel, Unscheu schattend, gleich einer Buche am Berghang, Im Abendfeuer, das über die Au flammt, Ragend mit meines Helmes Rabenfittich, Als wallte Gewölk durch die Helle der Hügel – Her Eure Recken! Eurer Recken harr' ich! ... Die Nacht und ich, wir haben den herrischen Tag, Den frauenberückenden, frechen Tag Getötet – Heia, getötet! Ich nun bin Sohn der Sonnenkraft! In meine Adern einbrauste die brüllende, Lodernde Lohe, in meine Adern und Augen – Weicht meinen Flammen! Weh, wer es wagt! Werf' ich den sprühenden Speer, Den ich riß aus Siegfrieds rauchendem Rücken, So stürzen die Sterne, so schaudert Surtur, So schlingt sich zum Knäuel Wallhalls flüchtend Wolkengesindel! Hohoho! Hohohoho! (Lacht wild und schauerlich.) Her wider mich einen Gott! Her wider mich, du Gottesgeißel der Hunnen! Dich, Hund Etzel, dich will ich pirschen, An Pfoten dich packen und wirbeln und werfen Samt deiner Sippe hinüber, hinaus, Fern über Deutschlands Donau-Gemarkung! Laßt sehn, wer den krachenden Wurf tut, Mongolengeziefer, Türkengezücht, Her wider mich, laßt sehn, wer mein Haupt fällt! ... (Näher kommend. Kalt.) Was starrt das Jagdvolk? Hier stemm' ich die Stange zur Ruh'! (Stößt sie ein.) Nehmt den! Bringt ihn Frau Kriemhild! Sagt ihr, wer ihn gefällt am Brunnen im Felde! Ich war's: Hagen von Tronje!« Ofterdingen (aufspringend, ebenso wie die lebhaft Anteil nehmende Gotelinde; ihn stürmisch umarmend) Ich hab' mein Lied! – Wartburg, ich hab' mein Lied! – (Wetterleuchten über der Wartburg.) Wir zwei sind fortan Freunde! Diethelm Bis zum Tod! (Vorhang.) Zweiter Aufzug Erste Szene Eisenach Platz vor Hellegreves Gasthaus. Tische, Bänke usw. Überall Kränze, Wimpel usw. Munteres Treiben. Zwei Händler, Erster und Zweiter Bürger, ein Krüppel und Volk. Krüppel (ganz verbunden und verwickelt, an zwei Krücken elend daherhumpelnd, bettelt, den Hut in der Rechten und ruft mit durchdringendem Nasalton) Lobet Gott den Herrn! Ein armer Krüppel, seit Kindesbeinen lahm, taub auf beiden Ohren, blind auf einem Auge – Erster Bürger Hat mir dieser sogenannte Krüppel nicht mein Pferd gestohlen? (Steht auf.) Komm doch mal etliche Fuß breit näher, du! (Packt ihn jählings.) Du und kein andrer hast mir mein Pferd gestohlen! (Zu den andern, ihn aber nicht loslassend.) Stiehlt mir dies verwickelte Knochenbündel mein Pferd, derweil ich im Walde saß – Zweiter Bürger I, der kann ja kaum gehen! Erster Bürger Der? Reicht mir einmal den Stock her. Krüppel (wird unruhig) Herr, laßt los! Erster Bürger Reicht mir den Stock, sag' ich! (Geschieht.) Krüppel (hat sich losgerissen, steht kerngesund auf zwei Beinen und fuchtelt mit den Krücken) Was wollt Ihr mit mir?! Wer hat Euer Pferd gestohlen?! (Gelächter.) Zweiter Bürger Haha! Der gefällt mir! Her an unsern Tisch, du verzauberter Prinz! Erster Bürger Glaubt ihr jetzt, daß der ein Pferd stehlen kann? – Wo hast du mein Pferd? Krüppel Ihr lustigen Herren, auf Ehr' und Gewissen: Hätt' ich den Gaul noch, euch schenkt' ich ihn mit Vergnügen! Aber drei Buschklepper haben mir ihn abgenommen – jawohl, und mein Brot dazu – und haben mich elend verprügelt, als sie entdeckten, daß ich nicht ganz so gebrechlich sei, wie ich es zum Heile der mitleidigen Menschheit annehme – Erster Bürger Flausen! Krüppel Bei meiner Ehre! Alle Laster könnt Ihr mir nachreden, aber lügen? Nie! (Gelächter.) Hanno Hellegreve (der Wirt, kommt) Wollen die Herren Gäste zu Mittag essen? Bemühet euch herein, der Tisch ist gedeckt! Erster Bürger (den Krüppel mitführend) Setzt mir diesen Buckel so lang in den Gänsestall! Der kommt mir nicht aus den Klauen, der Pferdedieb, bis er gebeichtet – Krüppel (sich vergeblich wehrend) Drei fahrende Sänger haben mir ihn abgenommen – ein langer dabei – ein dicker – Zweiter Bürger (lachend) Ein runder! Ein viereckiger! (Ab mit ihm.) Erster Händler (mit Bändern, geht vorbei) . Erster Händler Kauft Bänder, schmucke Bänder! Zweiter Händler (mit Bildern an Stöcken, im Stil der Manessischen Handschrift gemalt, geht vorbei) . Zweiter Händler Kauft Sänger, schmucke Sänger! Die Sänger, so morgen auf der Wartburg singen: (deutet mit einem Stock) der Herr Wolfram von Eschenbach – der Herr Walther von der Vogelweide – der Herr Heinrich von Ofterdingen! Hat im Hörselberge gelebt sieben Jahre bei Frau Venussin, so man auch nennt Frau Holle, eine böse Hexe, vor der uns bewahre der heilige Christ! Kauft Sänger, schmucke Sänger! (Der Dicke und der Lange kommen niedergeschlagen daher, setzen sich an einen Tisch, jeder die Laute auf dem Rücken.) Der Dicke (grimmig und dumpf knurrend, den gleichmütigen Langen mit funkelnden Augen betrachtend) Du kannst in ganz Thüringen den Boden aufkratzen, wie der Feldhase den Schnee kratzt – du kannst Körner finden, Silber, Gold, Edelstein – aber nicht ein so erzfeiges Subjekt, wie du eins bist! Es ist mir zu viel der Anstrengung, sonst tät' ich jetzt ausspucken! Der Lange (gutmütig) Laß gut sein, Wolf. Der Dicke Ich fasse mich an die Stirn, ich lege mir den Finger an die Nasenwurzel (tut es) : warum wagt so ein Molch überhaupt zu atmen? Warum verkriechst du dich nicht in einen feuchten Brunnen zu Kressen und Kröten? Der Lange Schenk, bring' Wein! – Sonst geht's dir gut, kleiner Kläffer, was? (Klopft ihm auf die Schulter.) Der Dicke I, schau' mir an, du willst von starken Helden staben, du lächerlicher Lappen?! Der Lange (schlägt auf den Tisch) Punktum! Bist du nicht noch schneller gelaufen?! Hast du nicht kürzere Beine?! Der Dicke Ich kürzere Beine?! Primo: Schweig, denn da kommen Gäste! Sodann gib mir von dem Brot heraus, das uns der Krüppel geschenkt hat! Zweitens: Der einzige Schuft von uns zweien ist der Diethelm, denn der hat den Gaul, und der ist durchgebrannt! Burschen sind singend und lachend, mit Bändern und Sträußen geschmückt, herangezogen, Arm in Arm. Ein Handwerksgesell (herantretend, während sich die anderen abseits setzen) Holla, da seid ihr ja auch in Eisenach, ihr Spielleut'! Der Dicke (kauend, grimmig) Natürlich in Eisenach und nicht in Konstantinopel! Red' nicht so dumm! Zahl' uns eine Maß Wein, und wir essen dir dies Brot vor! Gesell (lacht) Lumpenvolk! – Heda, Wein her! Ihr sitzt ja allhie wie verunglückte Kleriker, was? Wo habt ihr euch denn herumgetrieben? Wollt ihr ins Kloster gehen? (Wein kommt.) Der Dicke Noch lange nicht, du Leimsieder! (Trinkt.) Und da ist deine leere Kanne wieder! Jetzt mach', daß du heimkommst! Gesell (entrüstet) I, nicht einen Tropfen mehr?! Das geht doch nicht! Der Dicke Nein, das läuft! Die Gurgel hinunter! Apage, Satana ! (Singt) Nunc est mir wieder wohlum, Denn vinum erat bonum – (Dann beide, zur Laute.) Ecce gratum Et optatum Ver reducit gaudia! Purpuratum Floret pratum Sol serenat omnia – Der Krüppel und die beiden Bürger kommen zurück. Der Krüppel (auf den jäh abbrechenden Dicken losfahrend) Der da! Die da – die da haben mein Pferd geraubt Euer Pferd – unser Pferd! Diese Schnapphähne da! (Gleichzeitig und durcheinander.) Der Dicke Wessen Pferd? Gesell Ich ein Pferd? Der Lange Dein Pferd? Der Krüppel Dieses Herrn Pferd! Erster Bürger Mein Pferd! Erster Händler Kauft Bänder, schmucke Bänder! Zweiter Händler Kauft Sänger, schmucke Sänger! Gesell Hahaha! Leute, herbei!! Ein Jahrmarktsspaß! (Heidenlärm und Lachen.) Der Lange (steigt auf einen Stuhl, eine Kanne in der Hand) Volk von Eisenach! Hört einen lustigen Reim! (Der Dicke klimpert dazu.) Daß wir den Gaul gestohlen, Gestehn wir unverhohlen, Seht diese Ledersohlen Und dieses Schuhwerk an! Wir saßen drauf zu dreien, Wir brüllten als die Freien Juchheisa in den Maien! Heut' – fehlt der dritte Mann! Der aber hat die Mähre! Der reitet kreuz und quere, O, daß ich bei ihm wäre! (Zum ersten Bürger.) Willst du ihn fangen: Lauf! (Trinkt) Noch einmal, Bruder: Sauf! (Reicht's dem Dicken.) Und nunmehr – hängt uns auf! (Springt herab. Sie packen ihn; Lachen, Lärmen.) Zweiter Händler Sänger, schmucke Sänger! Zweiter Bürger (lachend.) Armselige, ausgehungerte und alleweil lustige Schelme! Füttert sie heraus und laßt sie laufen! Das hat weder vor Galgen noch vor Kirche Respekt! (Singt, einen Krug erfassend) Ahî, nun kommet uns die Zeit, Der kleinen Vögelein Gesang – (Gesang am Nachbartisch) Vor dem Wald in einem Tal, Tandaradei, Sang so süß die Nachtigall – (Es geht einen Augenblick ein allgemeines, chorartig abgestimmtes Singen über die Bühne.) Im Hintergrunde kommen Diethelm (gut gekleidet) und Gotelinde (als Knappe), je ein Pferd führend, und zwar Diethelm den fraglichen Gaul. Diethelm (gutgelaunt, brüllend) Ein Heldenlied! Ein Stabreimlied aus den Zeiten der Drachen! Heisa, Schuster und Schneider von Eisenach! – Feister Wirt Hanno Hellegreve, heraus aus deiner Sparbüchse! Stallung für mein Pferd! Krüppel (herbeistürzend) Dein Pferd, du Strauchdieb, dein Pferd?! Dicker (desgleichen) Roßdieb! Willst du ehrliche Leute an den Galgen bringen? Erster Bürger (desgleichen) Ich hab' mein Rößlein wieder! Diethelm Bin ich in ein Volk von Narren geraten? Was liebkost ihr denn alle mein Pferd? Es ist Eigentum des Herrn Heinrich von Ofterdingen, denn ich bin dessen Knecht! Erster Bürger Mir ist's gestohlen worden! Diethelm Hättet Ihr aufgepaßt, junger Mann, so hätte man Euch nicht bestohlen! In den Stall damit, Dankwart! (Gotelinde ab mit den Pferden.) Krüppel (fuchtelnd) Holt den Büttel! Holt den Büttel! Diethelm (in gleichem Ton) Hängt den Krüppel! Hängt den Krüppel! – Eisenacher, tanzen bei euch die Affen ohne Seil auf den Gassen herum? – Mann, wegen Eurer Schindmähre verständigen wir uns. Jetzt lad' ich euch alle miteinander zum Freitrunk ein. Denn ich bin wieder zu Hause! Das Sängerfest muß begossen werden! Der Wirt muß geschröpft werden! Es soll kein Mensch nüchtern von diesem Platz weichen – nicht einmal ich! Mein Herr ist auf den Eisenacher Montsalwatsch geritten und macht der schönen Frau Mechthild den Hof. Und morgen singen wir da oben, daß meine neuen Schnabelschuhe platzen vor Begeisterung! Der Wirt kommt. Wirt Was für ein Berserker macht denn da Lärm? Ihr wollt Freitrunk für all die Gäste? Und wer bezahlt's denn? Diethelm Du! Freu dich, Mann: du! Wirt Knechte, werft mir den Spaßmacher hinaus! Diethelm Männer, bildet einen Zaun! Erst will ich diesem Gastwirt Hanno Hellegreve aus Eisenach seine sämtlichen Sünden aufzählen! Du Brudermörder, du Erbschleicher, du Weinpantscher – Wirt (in die Hände schlagend) Gottesmutter Maria! Halt ein! Ich erkenne dich! Du bist mein Bruder Diethelm! Diethelm Aha, Leute, aha?! (Stürzt ihm in die Arme) Sei mir geküßt, mein Bruder Hanno! Hab' dich lange nicht gesehen! Aber es geht dir gut, seh' ich! Mir auch! – Leute, nun bechert miteinander! Die Zech' ist in Ordnung! (Gesang, lärmendes Auf-den-Tisch-Schlagen usw.; der Wirt kratzt hinter den Ohren, Schenkburschen laufen, die Händler rufen.) Ofterdingen kommt, man sieht im Hintergrunde sein Pferd vorüberführen Ofterdingen (packt in mutwilliger Laune den Krüppel und setzt ihn auf den Tisch, mitten unter die umfallenden Becher und aufspringenden Zecher) Heilo! Andere Luft! Die Gäste Ihr werft ja den Wein um! – Fangt, schnappt, schlürft! Diethelm (lacht) Dies ist Herr Heinrich von Ofterdingen, so bei Frau Venussin siebzehn Jahre gehaust – Krüppel (auf dem Tisch, wütend zu Ofterdingen) Herr, wie könnt Ihr Euch unterstehen, mich auf den Tisch zu setzen?! Ofterdingen (trocken) Diethelm, setz' ihn unter den Tisch! Diethelm (spuckt in die Hände) Krüppel Wag's und rühr' mich an! Ich geh' von selber! (Klettert herunter.) Aber Ihr spendet mir eine Kanne Wein für den Spaß! (Setzt sich unter den Tisch; sie schöpfen Wasser in einen Napf, halten's ihm hin und foppen ihn.) Ofterdingen (vorn, zu Diethelm) Diethelm, ich war auf der Burg! – Diethelm, dein Lied von Hagen ist gut, dein Tronjer hat Mark! Aber – ich kann dein Lied nicht brauchen. Dein Lied ist ein Fels – und Felsen wirft man nicht in so schmucken Saal! – Ich habe Frau Mechthild gesehen – ich weiß von heut' ab, was Reinheit ist. So rührend hilflos, verstehst du, Diethelm, so wehrlos, so mit Kinderaugen bittend: »Tut mir nichts!« – wie ein Kind: »Ihr großen Menschen, tut mir nichts!« – – Kinder haben mich immer entwaffnet. Es ist ein Kind, diese Mechthild – genug! Gebt Wein! (Trinkt.) Diethelm (verdrossen) Ich geb' Euch guten Rat, Herr: Singt morgen im Sängerkrieg ein Gebet ! Frau Mechthild, das blonde Kind, mag Euch das Preisgebet beibringen; sie betet jeden Morgen in der Messe und jeden Abend am Steinkreuz! Ofterdingen Am Steinkreuz? Wo ist das? (Sie sprechen miteinander.) Zweiter Bürger (zu den anderen) Laßt uns kurzweg fragen! Erster Bürger Er wird wohl gleich! Ein so vornehmer Herr! Zweiter Bürger So kommt nur! (Sie nähern sich Ofterdingen.) Wie wär's, Herr: Wollt Ihr nicht einmal diesen Eisenachern zeigen, wie man an der Donau singt, spielt und tanzt? Ihr seid ja berühmt darin! Ofterdingen (zerstreut) Wie? – Gern, Freunde, wenn ich bei Laune bin. Heut' bin ich nicht bei Laune. Man will morgen auf der Wartburg feinere Klänge von Ofterdingen, ich muß mich des derben Tons entwöhnen. – Aber spielt und tanzt nur! – Ist dies unser ehrenwerter Gastwirt? Hanno Hellegreve ist herangetreten Diethelm Es war einmal ein Halunk, eine Truhe fauler Dünste, der hat seinem Bruder die Braut abspenstig gemacht, derweil sich der Bruder im Kreuzzug Achsel und Auge krummschlagen ließ. Der Halunk steht hier (schlägt den Wirt auf die Schulter) – die Braut geht dort – hat auch zugenommen – und den brautlosen, heimatlosen, glücklosen, krummgeschlagenen Bruder Diethelm kennt jeder Bauer und Kaplan, vor dessen Küche mein Lied um trocken Brot bettelt. Ofterdingen (ernst) Bitter wahr! Die Starken und Verwegnen, die Helden ziehen hinaus und tun ungedankt die Arbeit. Aber das da bleibt zu Haus und setzt Fett an... Volk, ich bin dein manchmal gründlich satt! (Spiel und Tanz beginnt. Zu Dankwart, der kommt) Ei, Goteli – Dankwart, schmuck siehst du aus! Halt zum Abend die Rosse bereit. Ich will die feindliche Burg umreiten... Freunde, Freunde, weiß nicht, wie das morgen werden soll! (Ab ins Haus) Krüppel (am Tor, zurückschimpfend) Ihr liederlich, lasterhaft Lumpenvolk! Wie könnt ihr einem Christenmenschen Wasser vorsetzen?! (Da sie aufspringen, schreit er mit Kraft:) Lobet Gott den Herrn! (Humpelt äußerst geschwind davon (Zwischenvorhang) Zweite Szene Waldlichtung unweit der Wartburg (Osten), deren stattliche Breite (Sängersaal) in die beginnende Mondnacht ragt. Ferne Musik aus dem erleuchteten Saal An einem Steinkreuz kniet Mechthild betend. Mechthild Mit leisen Worten komm' ich – leis genug, Durch Nachtigallenlaut und Abendhauch Dir meiner Brust geheimes Weh zu klagen. Nicht tief genug ist mir das tiefste Leid, Nicht heiß genug ist mir der Menschen Minne, Nicht zart genug sogar der Schwester Ohr – Ich bin hier fremd, o ruf mich heim zu dir! Soll ich denn heucheln, soll ihr Treiben loben Und Beifall lächeln, wenn vor wilder Not Die wogend volle Brust das Mieder sprengt Im Ungestüm nach einer großen Minne, Gewaltig wie die deine, reinste Jungfrau, Die du dem Heiligsten das Leben gabst?! Ach, nur zum Schein hat mich die strenge Sitte Gebändigt – doch mein Sündenherz stöhnt auf In irren Worten heimlichen Begehrens! O ruf mich heim ins Land der ew'gen Liebe, Ich bin hier fremd! O Jungfrau, ruf mich heim! (Sie weint) Ofterdingen tritt ruhig aus dem Gebüsch und steht schweigend. Sie springt auf. – Kleine Pause Ofterdingen (äußerlich sehr ruhig und tiefernst, spricht leise und zart) Vergebt ... Es kam ein Weinen durch den Wald, Als hätte sich ein müdes Kind verlaufen ... Mechthild (die erschrocken war, mit stolzer Haltung, die Tapfere spielend) Ihr seht jetzt, daß Ihr irrt. Was weilt Ihr noch? Ofterdingen (äußerlich sehr gemessen) Der rohe Lärm der Schenke scheuchte mich In Eure heil'ge Stille, sanfte Frau. Ich trete ein zu dem Marienbildnis, Das dort in Stein und hier lebendig steht, Und neige mich mit »Ave, seid gegrüßt!« Mechthild An dieser Stätte pfleg' ich stille Andacht. Ofterdingen Der Ort ist heilig – Mechthild Ja, der Ort ist heilig. Mein greiser Gatte starb hier, den sein Pferd Auf einer Jagd an diesen Stein geworfen. Ihr steht auf seinem Blutfleck. Hättet Ihr Die Augen, in die andre Welt zu schauen: Ihr schautet seinen Geist am Kreuze stehn. Wir sind zu dreien hier. Das, Herr, bedenkt! Ofterdingen Ich achte diesen Ort – ich achte Euch – Mechthild Und tretet ein, als wär' ich eine Magd, Zu der man scherzend an den Brunnen tritt? Ofterdingen Ich trete ein zur schönsten Edelfrau – Mechthild Wo ist der Page, der Euch angemeldet? Ofterdingen Ich könnte sagen, wenn ich tändeln wollte: Der Page war ein Blick, den ich entsandt, Als ich im Wartburgsaale vor Euch stand. Doch sag' ich nur: Ich sah Euch hieher wandeln, Als ich die Burg umritt – und bin nun hier, Denn Euer Weinen tat mir innig weh. Mechthild Ich muß Euch herzlich bitten: Geht! (Mit wieder durchbrechender Güte) Habt Ihr Besondre Sorge: Redet – doch dann geht! Ofterdingen Besondre Sorge? Ja, sei's denn bekannt! (Er sinnt einen Augenblick. Die ferne Festmusik schweigt, nur eine einzelne Harfe ist während des Folgenden noch vernehmbar) Ein Ungewisses Suchen treibt mich her, Mir selbst befremdlich ... Tast' ich nun nach Worten, Warum ich schamhaft just zu Euch geflüchtet, So fürcht' ich, daß Ihr's als ein Werben faßt – Doch ist's kein Werben, glaubt mir, hohe Frau! Ich möchte mehr noch, mehr von Eurem Wesen Recht rasch noch lernen vor dem Sängerkrieg. Denn ein Ton fehlt mir, und der Ton seid Ihr. Mechthild Verargt mir's nicht – ich – Ofterdingen Ihr versteht mich nicht. O, recken möcht' ich mich, vom Blütenbaum Des Sternenhimmels Bilder mir zu pflücken! Seht, als mich Walther rief, da sprach er viel, Wie hier ein heil'ger Hain sei, drin die Worte In Samt und Seide gingen, Sonntagsworte. Ich kannte bisher nur den derben Werktag. Bis ich die Wartburg sah, die frohen Menschen, Die Edelfrauen – und darunter Euch. (Mechthild will gehen) Geht nicht, ich bitt' Euch! Diese Worte sollen Kein plump vertraulich Werben sein – ich schwöre! Zerreißt nicht meine sehnlichen Gedanken, Die ihre Fäden um die Wartburg spinnen ... Ich werd' mich morgen meiner vielen Gegner Sehr mühsam wehren, denn ich habe mich Mit keinem Hauch bereitet, gut zu singen: Ich bin in meinem Ton verwirrt – durch Euch! Mechthild Durch mich? (Will gehen) Ofterdingen Ermeßt doch, Frau, daß vierzig Jahre Bettelnd vor Euren zwanzig Lenzen stehn! Ihr seid mir nur – versteht das! – ein Beweis nur, Daß Wartburg-Art mehr sei als Tändelei. Und dies verwirrt mich. Mechthild Sehr viel anders seid Ihr, Als man Euch malt – Ihr seid mir unbegreiflich – Ofterdingen Gern tauscht' ich meinen Namen. Denn bis jetzt Wuchs in mir nur die eine zähe Kraft Trotzigen Weltbegehrens. Die zerrinnt jetzt. Es will ein Neues werden. Wenn sie morgen Wildwasser von mir heischen: Seht, so rauscht Statt dessen, allen zur Verwunderung, Aus meiner Seele klarer, milder Wein, Wie aus dem Brunnen eines Königsfestes. Mechthild Und Euer Dorflied singt Ihr nicht? Was singt Ihr? Ofterdingen Ich singe, wie sich Schönheit mit höchster Tugend eint In einer, die wie Frührot aus trüben Wolken scheint, Die, wie der Mond, voranzieht der lichten Sternenschar – Euch, Königin der Wartburg, bring' ich mein Preislied morgen dar! Mechthild Der Ton mag schön sein – Ofterdingen (sofort beleidigt) Er gefällt Euch nicht? Mechthild Wie sollt' er nicht! Nur mein' ich – Ihr kommt weit her, Ihr lebt in einer rauhen, wilden Welt – Die Leute sagen's – zu bedenken wär's, Ob Ihr nicht leichter über andre siegt, Wenn Ihr aus eigner Welt den eignen Ton singt – Ofterdingen (düster) Mit kurzem Wort: Spiel' deinen Dorftanz weiter! Pack' dich aus unsrem höfischen Ton! Du kannst nichts! Mechthild O Ritter –! Da Ihr sorgend zu mir kam't, So mein' ich nur und rate gern das eine: Singt, was Ihr seid ! Singt Euren eignen Ton! Wie Wolfram seinen Ton singt – oder Walther – Ofterdingen (kann sich nicht mehr beherrschen) Wolfram liebt Euch! Ich sah's mit raschem Blick! Und Ihr liebt Wolfram! Und Herr Wolfram wird – Das weiß ich – morgen siegen ! Mechthild (in Angst) Frauen! Knappe! (Ab. Der ferne Harfenklang bricht ab.) Ofterdingen (allein, in großer Erregung) Verspielt! ... Frau Holles Gast, geh heim! ... Denn diese Liebt Wolfram von Eschenbach, den Tugendsinger, Den zieren Ritter, der mit welschen Wörtlein Sein Lied durchflickt! Doch mich verachtet sie! (Zum Marienbild) Jungfrau aus Stein, da jene mich nicht hört, Hör' du mich an! Ich will nicht mehr mein Dorflied! Ich will nicht in der wilden Schenke sitzen! Ich will hinauf zu jenen reinen Frauen! Ich will! Ich will! Und wär's der Turm von Akkon! Ich stürme dich, du Turm von Akkon – Wartburg! Gotelinde , als Knappe, kommt von links. Zugleich tritt Wolfram erregt, mit gezogenem Schwert, von rechts auf die Bühne Wolfram Ihr seid es, der die edle Frau verstört?! Ofterdingen (gleichfalls das Schwert ziehend) Ihr seid es, der so spät den Platz umstreicht?! Wolfram (nach kurzer Pause) Wir sind hier Gäste. Morgen steh' ich Euch Mit scharf geschliffnem Wort . – Auf Wiedersehn! (Ab) Ofterdingen (dumpf, steckt langsam das Schwert ein) Geh fort zu Diethelm, Dankwart! Gotelinde (hart) Dankwart ist Nicht hier – ich bin dein Weib – ich bin nicht Dankwart. Ofterdingen Du wolltest mir gehorsam sein, Gotelinde! Gotelinde Ich bin gehorsam. Denn ich sehe zu – Und weine gar nicht – sehe zu, wie sich Mein Gatte, der mit heißem Treueschwur Sich mir vermählt hat, einer Burgfrau naht, Sofort am ersten Tag – und mein mißachtet! Ofterdingen Nicht dein mißachtet – nein – Gotelinde Ich ginge gleichwohl, Doch Diethelm hat im Rausch geschwatzt: Ich mußte Des Stallknechts mich erwehren – Ofterdingen (in heftigem Ausbruch) Des Stallknechts! Trotzknechte, Säufer und Würfelspieler – die sind mein Umgang! Mit solcherlei Volk sitz' ich an Feuer und Schanktisch und verlerne die Sprache der Höhe und muß dem ritterlichen Wolfram weichen ! So verzerr' ich meine Kunst! So verderb' ich mein Bild! Und diese da oben wissen nur von mir und erzählen sich neugierdumm und verächtlich, daß ich im Tann gehaust bei Frau Holle! O, du hättest sehen sollen, wie sie ihre Schleppen an sich zogen, als ich eintrat! Und jetzt – hier – eben jetzt meines Lebens verworrenste Tat! O, wenn das ruchbar wird! Morgen will ich singen vor Fürsten und Herren – und hier überfall' ich am Abend zuvor die feinste der Edelfrauen! – Den Stallknecht werd' ich zu Brocken zermalmen! Gotelinde Den Fant hab' ich mir selber geduckt! Ich hab' ihn an eine Krippe gebunden. Da steht er noch! Ofterdingen (umarmt sie stürmisch) Ha, brav so, du Tapfre! An eine Krippe gebunden? Brav, meine Schildjungfrau, das traf mich gut! Meinst du denn, daß ich treulos dein vergessen, als ich hier nach Schönworten suchte? Nein, nein, nein, nicht Frau Mechthilds Minne galt meine suchende Pilgerfahrt an dies Steinkreuz! Ich habe sehnende Minne, wahrlich ja, aber meine unerreichbar holde Edelmagd und Königsfrau ist dort ! In Stein verzaubert! Ihr Name ist Wartburg ! – O Holdin, Erdweiblin, ist dir ein Stäubchen ins Auge geflogen? Ich küss' es weg! So! Was soll ich dir Gutes antun? Gotelinde (innig) Hab' lieb, die dich so liebt! Und ehre mich! Ofterdingen »Und ehre mich!« O rührend süße Stimme! Ich will dich ehren! Fügt es sich, so werd' ich Dich ehren mehr als jene Edelfrauen! Gotelinde O nein! Ich will nur, du sollst nicht vergessen, Daß ich zu Hause eine stolze Maid war, Vor der das Knechtsvolk auseinanderstob, Wenn ich frühmorgens aus der Haustür trat – Ofterdingen Mein tapfrer Treugesell! Komm, hilf mir sinnen! Denn mich hat dieser erste Tag verwirrt! (Setzen sich) Ich hab' verspielt, mein Dankwart! Besser wär's, Wir ritten augenblicklich wieder heim ... Mich hat das Summen jener vollen Säle Irre gemacht an meiner schlichten Strophe. Es gibt dort feinre Worte – wie Gewebe Aus Byzantiner Stoffen – Hermelin – Kostbarste Seide, alles eingetaucht In Wohlgerüche, die den Saal erfüllen. Wie Schmetterlinge – weißt du – fein geädert: Sie fliegen lautlos, und im Flug entfaltet Sich so viel Farbenschmelz, daß man vor Staunen Nur dieses eine fliegende Pünktchen schaut. Dies hat mich ganz verwirrt ... ich bin zu derb, Zu eckig, bin zu grad! ... Ich werde morgen Entweder zähneknirschend stille sein – Oder lawinenhaft dazwischen donnern! Gotelinde Sei du Lawine! Bleib' dir treu, mein Sänger! Du sagst oft selbst, so viel dort ihrer sind, Sie haben nicht , was deine Strophe stark macht! Ofterdingen Sie haben's nicht – doch schätzen sie's auch nicht. Gotelinde Zwinge sie, dich zu schätzen! Man hört weit in der Ferne singen, mit Harfenbegleitung, versteht aber nur die Worte: »... die mir ist lieb, der bin ich leid.« In der Wartburg sind schon längst alle Fenster hell; über ihr steht, von weißen, ziehenden Wölkchen manchmal verdeckt, der Vollmond. Kleine Pause) Gotelinde (angeschmiegt) Es singt im Walde ... Ofterdingen (zur Burg schauend) Wie sollte das ergehn, daß ich dich minne! ... Schau' hin! Die Burg ist so voll inn'ren Lichtes, Daß aus den Bogenfenstern überquillt Der Reichtum ihrer Tugenden und Kräfte – Ein überstarkes Licht, den Mond besiegend! ... (Der ferne Gesang: »So wohl ihr des, so weh mir, weh!«) Burg aller Tugenden, ich hasse dich! Ich hab' dich lieb und mühe mich um dich! Nicht will ich untreu werden meinen Gaben, Der schweren Waldung, diesem satten Tal, Doch will ich noch erringen höchste Sitte Und dann als Volksherr auf dem Bergfried stehn! ... (Die Harfe wird still. Er sinnt noch einen Augenblick, springt jäh auf) Auf, Gotelind', zu Pferd! Wir reiten beide Mit Funkenstieben durch die helle Nacht Bis an den Tag! Und dann vom heißen Sattel Stracks in den Saal! Mir ahnt, man hat mich nur Zur Kurzweil' auf die feine Burg gelockt, Zu hören einen unverblümten Sang! Nehmt euch in acht! Die Kurzweil kann euch werden! (Beide ab. Sowie der Vorhang gefallen, beginnt hinter der Szene überleitende Festmusik, die anhält, bis nach möglichst kurzer Pause der Vorhang zum dritten Aufzug in die Höhe geht. Dann wird die Musik leiser und verstummt; und sofort setzen Walthers Worte ein) Dritter Aufzug Sängersaal Festversammlung. Auf dem Thronsessel das Landgrafenpaar , daneben Mechthild . Zu Füßen Mechthilds Irmgard , einen Kranz im Haar. Zu Füßen des Landgrafen ein Knabe (Ludwig). Gefolge, Ritter, Geistliche, Frauen usw. füllen den Saal bis in die Türe. Auf ihren Stühlen sitzen, hinter jedem ein Singknabe mit der Harfe: Ofterdingen, Eschenbach (Reinmar, Biterolf, Heinrich der Schreiber). In der Sängerlaube steht, vortragend, Walther von der Vogelweide . – Die Harfenbegleitung kann so zurückhaltend wie möglich sein, unter Umständen auch ganz wegfallen. Walther ... »der Landgraf ist so hochgemut, Daß er mit stolzen Helden Hab und Gut vertut. Mir ist sein hoher Adel kund: Und gält' ein Fuder guten Weines tausend Pfund, So stünde dennoch keines Ritters Becher leer!« (Lebhafter Beifall) Landgraf Hab' Dank, Herr Walther! – Einen Umtrunk! Knappen, Laßt mir den Wein statt heller Worte blitzen! – Und dann, als Schlußgesang so reichen Tages, Will ich ein Minne-Preislied ! Hört den Preis ! (Er flüstert der Landgräfin ein Wort zu) Landgräfin (sich erhebend, laut und deutlich) Wer heut' am schönsten preist die deutsche Frau, Den ehrt mit Kuß und Krone Gräfin Mechthild. (Sie deutet mit leiser Handbewegung auf Mechthild .) Und wer am männlichsten der Minne Kraft In edle Strophen bannt, erhält den Kranz Von meines Kindes Irmgard blondem Haupt. (Freudige Bewegung. Heilrufe. Das Landgrafenpaar kommt zu zwanglosem Umherwandeln herab. Während dieses Umherwandelns heitere, leise Festmusik) Landgräfin (Irmgard an der Hand, zu Ofterdingen) Irmgard ist stolz auf ihr gewichtig Amt. (Zu Irmgard, die Ofterdingen anstarrt) Nun, Kind, was wundert dich am fremden Herrn? Irmgard (zu Ofterdingen Warst du im Hörselberg? (Peinliches Erschrecken und Lächeln der Umstehenden) Ofterdingen (gedankenvoll auf Irmgard schauend, gleichmütig in seiner herben Art) Ich habe Kinder gern, Frau Landgräfin – Landgräfin (rasch einfallend, um das Gespräch abzulenken) Denn sie sind einfach – nicht wahr – und vertrauend. Ofterdingen Kinder und unverbrauchtes Volk. (Neigt sich zu Irmgard und gibt ihr die Hand) Ja, Fräulein, Ich war im Hörselberg. Es ist dort finster, Ich möchte nimmer hinab – bleib' lieber bei Euch. Irmgard (treuherzig) Singe du gut, so geb' ich dir den Kranz. Landgräfin Seltsam! Sie ist sonst scheu. – Komm nun, mein Kind! (Die Gruppe geht nach hinten) Landgraf (vorn bei den Sängern, zu denen auch Ofterdingen gleich darauf tritt) Behagt's euch, Sänger? Freude sei der Krieg, Dem meine Wartburg heut' den Namen gibt! Gleich Schmetterling und Schwalbe soll die Laune Die Luft durchblitzen – deutschem Volk ein Vorbild Heitrer Geselligkeit, wie auf den Schlössern Der reizenden Provence! Auch hier ist Schönheit! (Freudige Zustimmung) Walther Ein Kaiserland! (Ofterdingen horcht auf) Landgraf Wie meint Ihr das? Walther Von hier aus Greift man mit rechter und mit linker Hand Im Geist das ganze Deutschland – – Landgraf (nickt lächelnd) Und viel Sorgen! Mich nennt man an der Donau »Sängerkaiser« – Und mancher Spötter greift mich neckisch an: – (mit plötzlicher Wendung zu Ofterdingen) Den ärgsten hab' ich heut' zum Untertan – Nicht wahr, Herr Ofterdingen? Seid bedankt: Ich nehm's als Ehrentitel willig an. (Lebhafter Beifall, befreites Lachen) Der Krüppel, der Dicke, der Lange, Diethelm usw. tauchen im Saal auf Krüppel (mit seinem durchdringenden Nasalton, heranhumpelnd) Lobet Gott den Herrn! Walther (lachend) Posaune des Gerichts! Landgraf Ein Mitbewerber! (Behaglich scherzend) Lobst du den Herrn, zerbrechliches Gestell, Und hast so wenig Ursach', Gott zu danken? (Klopft ihm auf die Schulter) Dein Glaube stärkt uns! Lob' du herzhaft weiter! (Zu einem Beamten, der sie hinausweisen will) Laß sie vorerst! Die Burg sei heute offen! Und ob mir selbst ein gutgelaunter Schütze Den Mantel streife – hat nichts auf sich! Glück zu! Nur laßt mir Anmut walten und das Maß ! Walther Mein Fürst, das hat sich jeder still gelobt. (Gehen nach hinten) Die Landgräfin und Wolfram von Eschenbach kommen mit Mechthild Landgräfin Schaust du noch immer Schatten, Träumerin, Kassandra Mechthild? Wolfram (zu Mechthild) Ei, goldhaar'ge Fee, Hat Euch ein schwarzer Traum verstört? Landgräfin (zu Wolfram) Ihr seid Erschlagen, Eschenbach, durch Ofterdingen! Jawohl – so träumte sie – mit eines Waldschmieds Geschwungnem Hammer! Wolfram (lächelnd) Fast ein Heldentraum! Wie kommt er in Frau Mechthilds Harfenseele? Mechthild (immerzu unruhig, reizbar) Vielleicht – ich weiß nicht – weil ich milder Wörtlein So recht aus Herzensgrunde satt bin! Wolfram (tritt erstaunt zurück und wird ernst) Landgräfin (gleichfalls erstaunt) Nun? (Zu Wolfram) Habt Ihr den Klang gehört? Scharf wie ein Schwertschlag! Mechthild Vergebt! Mir bangt vor heute ... Wolfram (sehr ernst) Galt der Schwertschlag mir? Nun wohl, den Ton vernimmt ein Mann Nur einmal aus so liebem Mund – nie wieder! Mein Werben war Euch lästig. Dank der Lehre! Ihr sollt Euch nie mehr über mich beklagen. Landgräfin Ei, wunderlicher »Sängerkrieg«! Mechthild Verzeiht mir! (Gibt Wolfram beide Hände, eilt tief aufseufzend mit Irmgard und andern Kindern nach hinten) Landgräfin (ihr kopfschüttelnd nachsehend) Was ist das, Wolfram? Wolfram Man sagt, sie ward beim Waldgebet geängstet – Landgräfin Durch wen? Wolfram (achselzuckend ausweichend) Vergebt – (Gehen nach hinten) Der Landgraf kommt in verbindlichem Gespräch mit dem finster schweigenden Ofterdingen Landgraf Zürnt Ihr, Herr Ofterdingen? Habt Ihr mir Den Scherz verargt? Wie, oder reizen Euch So wenig unsrer vielbegehrten Frauen Gereckte Neugierköpfchen? Warum schweigt Ihr? Es scheint von Klingsors magischer Umleuchtung Ein Schimmer abgefallen auf den Dichter, Und fast gefährlich naht Frau Holles Gast – Jedoch, er schweigt! Seid Ihr verzagt? Wovor? (Nach hinten) Dankwart (die als Knappe verkleidete Gotelinde) und Diethelm Diethelm Sie halten hier auf der Burg einen zahmen Löwen: dort führt ihn der Landgraf am Halfter. Dankwart Diethelm! Diethelm Nun, weiblicher Bub? Dankwart Er ist hier unter verkappte Feinde geraten. Sie lachen ihn aus. Diethelm Weiß ich, Jungfrau! Dankwart Wir sind die halbe Nacht nicht vom Pferd gekommen. Er hat geweint vor Wut, daß er sich in so ungleichen Kampf einließ! Und doch ist er zu stolz, zurückzutreten. Diethelm Wart' ab, Dankwart! (Gehen nach hinten) Ofterdingen und Mechthild kommen. Mechthild Nur hastig dies: Ich habe Grund, zu zürnen, Das wißt Ihr! Dennoch bitt' ich gern: Vergebt mir! Weit kommt Ihr her zum Kampf, Ihr seid sehr unfroh, Mein Wort hat Euch beschwert – mir tut Ihr leid – Ofterdingen (kalt) Mitleids bedarf ich nicht. Mechthild Euch fehlt ein Ton – Ofterdingen Ich hab' dafür den andern Ton. Wolfram tritt mit einigen Herren hinzu. Wolfram (kühl, zu Mechthild) Ich merke, Ihr tut ihm zur Besänftigung Euren Traum kund? Seid heiter, holde Frau! Seht, friedlich steht Der Mörder neben dem Ermordeten. Ofterdingen Nicht ganz so friedlich. Wolfram (kühl) Nun, Herr? – Wir sind Gäste. Wir sind als Ritterschaft der hohen Kunst Geachtet auf der Burg, gleichviel wie drunten Die Wege laufen mögen. Was vermißt Ihr? Ofterdingen Mir fehlt – das hab' ich dieser Frau bekannt Der Herrenton des Hofes. Gut, er fehle! Doch Euch fehlt andres! Wolfram (immer gemessen und kühl) Wem? Ofterdingen Euch allen hier! Wolfram Und welcher Ton fehlt uns? Ofterdingen Die Leidenschaft! Wolfram Mir schien bislang die Leidenschaft ein Mißton. Ofterdingen Der harte Ton des Todes fehlt Euch, Herr! Wolfram Ich lebe todbereit und im Gebet. Ofterdingen (mit wachsender Ungeduld) Der Ton des Untergangs – versteht mich wohl – In den man schweigend , gleich den Nibelungen, So schreitet wie zum Richtblock eherne Männer! Mechthild Gestattet, werte Kämpfer: Noch ist Frieden! Zwar ahn' ich, was Ihr meint. Doch achtet Ihr So klein das Wort? Das Wort ist Euer Werkzeug. Ofterdingen Ich achte hoch mein Werkzeug. Doch ich achte Nur solches Wort, das wahr und unvermischt Aufsprudelt aus des Herzens heißem Blut. So ist das Wort geladen mit der Kraft Des ganzen Mannes. (Zu Wolfram) Euer Wort entspringt Umsicht'gem Denken, Euer Wort sitzt hier! (Stirn.) Doch meine Worte haben hier den Sitz. (Herz.) Landgraf Nun, Wolfram, habt Ihr unserm Donaugast Das Blut erhitzt? Walther Rühmt man das edle Maß? Ofterdingen (in dem es gärt) Ja, Herr, das rühmt man hier! Das edle Maß! Tarnkappe edler Mittelmäßigkeit! Vergebt: der schönen Mittelmäßigkeit, Der tugendsamen Mittelmäßigkeit, Die hold verhüllt die mangelnde Begier – So recht das Wartburgwort! Das rühmt man hier! (Bewegung. Lachen. Man strömt zusammen) Walther (frisch) Herold, zum Kampf geblasen! Harfe vor Und Singeknab'! Landgraf (lachend) Walther, der Ritter neckt Euch! Wolfram Doch nicht gar neckisch klang sein Ton. Walther Weh jedem, Der nicht mit Anmut Wort und Antwort ziert! Landgraf (bedeutsam) Ich traue jedem höchste Sitte zu. (Ruft laut) Dem Sieger Kuß und Krone von Frau Mechthild! (Heilrufe, Alles im nunmehr dichtgefüllten Saale nimmt die Plätze ein. Die leise Tanzmusik schweigt) Landgraf (behaglich) Also ein neuer Feind! Der vielverfemte Heinrich von Ofterdingen! Nun, was tat Euch, Herr von der Donau, unser Wartburgwort: Das »edle Maß«? – Ich bin kein Strophenkünstler, Bin Landes- und Gerichtsherr; vielerlei Verschiedne Wünsche flattern aus den Tälern Herauf und heischen klaren Kopf und warmes Herz – Weh mir, wär' nicht das Maß mein Losungswort! Ofterdingen (den andern gegenüber, hinter ihm im Volk Diethelm) Fragt einen Kriegsmann im Gebrüll der Schlacht, Fragt einen Jüngling, den das Weib berauscht, Fragt einen Sturmwald, fragt das große Meer, Fragt, was Ihr wollt, wo erstgeborne Tat Jemals gezeugt ward durch ein schwächlich »Maß«! Landgraf (lächelnd zu den Umstehenden) Den Hohenstaufen-Adler hör' ich rauschen! Ofterdingen Vergebt – ich fürchte sehr, zur Unzeit ruft Ihr Den breiten Schatten Barbarossas an! Wenn der hier einrauscht, sprengt er Eure Mauern! Den Hohenstaufen-Adler hört Ihr rauschen, Der hoch und stolz zur nahen Sonne fliegt? Da habt Ihr fein Gehör, das muß ich sagen, Denn nicht in Eurer Nähe rauscht der Adler! Landgraf (lacht) Der Österreicher wird mir keck! – Nun, Wolfram? Wolfram (zu Ofterdingen) Saß Euer Hohenstaufen-Adler jemals fest? Im Sonnenrauschflug hat er weder Heim noch Nest! Er fliegt und fliegt, hängt an des Himmels letztem Rand, Bald über Rom, bald über Palästinas Strand. Phantast'schen Fernen bringt er irre Grüße Und läßt im Stich das feste deutsche Land! Kurz, Euer Vogel Greif hat – keine Füße! (Beifall) Ofterdingen (schärfer) Wer sagt mir das? Der Pilger nach dem Gral? Der Dichter eines wirren Parzival? Ihr, dessen Phantasie in Welschland läuft, Zu Pelraper, in der Bretonen Land, Bei Frau Kondwiramur, auf Montsalvatsch, Bei Trevrizent, Amfortas, Gamuret – O weh, ich kann nicht weiter sprechen: Im Kampf mit Wolframs welschem Namenschwall – Wird mir die Zunge brechen! (Diethelm und wenige lachen) Walther (scharf herüberrufend) Heil Euch, wenn Ihr ein Lied gleich »Parzival« Gedichtet hättet, statt derweil zu zechen ! (Gelächter) Landgraf (stimmt in das Lachen ein) Das traf! Das war ein scharfes Worteblitzen! Diethelm (zu Ofterdingen) Merkt Ihr, daß Ihr hier Tanzbär seid?! Ofterdingen (sieht sich um, merkt, daß er vereinzelt ist) Ein Worteblitzen? Nur ein Worteblitzen? Und alle wider mich? ... Mein Herr und Landgraf, Beschämt seh' ich, daß ich mich locken ließ Zum Tändelkampf, den meine Seele haßt. Vergebt, ich ziehe schweigend mich zurück. Landgraf Hoho, bequeme Flucht, Herr Hohenstaufe! Ist Euer Schwert nur an der Donau scharf? Ofterdingen In Eurem Saal steh' ich als fremde Welt ! Landgraf Heraus mit Eurer Welt! Wir sind hier Freunde, Einig in Liebe zu der hohen Kunst! Ofterdingen Ich bitte, schont mein Blut! Denn wir sind Feinde! Landgraf (beginnt unwillig zu werden) Ihr seid mein Gast! Wozu seid Ihr gekommen? Ofterdingen Nun – wie der Fuchs zur Falle! hergelockt – Landgraf (heftiger) Was, hergelockt? Wer hat Euch hergelockt?! Ihr habt in schnöden Liedern mich verspottet, Als sei ich doppelzüngig, heute Welf Und morgen wieder Staufe – spitzer Sänger, Ich bot Euch dennoch Frieden, rief Euch her, Als Mann zu Mann – und nun, was grollt Ihr noch?! (Schlägt auf den Schenkel) Was habt Ihr wider mich? Heraus damit! Sonst nenn' ich Euch vor allem Volke feig ! (Bewegung) Ofterdingen (sich jäh aufreckend, stark) Heraus denn. Schwert! Ihr wollt es, Landgraf Hermann! Das hab' ich wider Euch: Die Hohenstaufen Verbluten sich im kaiserlichen Kampfe, Die Welt zu bändigen dem deutschen Geist. Mit ganzer Seele bin ich Hohenstaufe, Mit ganzer Seele lieb' ich Deutschlands Pracht Und alles, was da frei und markig macht! Ihr aber tändelt an geziertem Orte In Gaukelspiel und Minnelächelsang – Ihr seid ein Feldherr über schöne Worte ! Ihr lauscht zwar, Landgraf, was der Staufe spricht, Klug aber brecht Ihr mit dem Welfen nicht, Klug zwischen beiden wählt Ihr schlauen Gang Und rühmt das laue Maß als feinste Sitte, Nicht heiß, nicht kalt – kurz: Kaiserlein der Mitte ! (Große Bewegung) Hei, Heinrich von Ofterdingen spielt Tanz und Ridewanz! Die Wirkung liebt mein Spruchlied mehr als den Kuß und Kranz! Ihr seid des Fürsten würdig, Sängerlein! Auch Ihr girrt sanft und süß von Maß und Sitte Und schleicht Euch dennoch – maßvoll, wortefein – Um jede Frau mit feig verhülltem Schritte Und schmeichelt Euch mit Worte-Wollust ein, Nicht heiß, nicht kalt – kurz: Sängerlein der Mitte ! (Große Unruhe. Es blitzt) Landgraf Bauer! Himmel und Hölle –! Jenen Blitz, Der da vom Hörselberg herüberflammt, Reiß' ich herab, wenn du nicht schweigst! Du selbst Bist feig, der im Vertrauen auf das Gastrecht Den Gastherrn schmäht ! Ging's hier um Tod und Leben, Du Tapfrer, wagtest du so dreiste Schmähung?! Ofterdingen Laßt's gehn um Tod und Leben! Landgraf Hütet Euch! Ofterdingen Wovor? Landgraf Ich greife zu! Ich mache Ernst! Ofterdingen Macht Ernst, Kaiser der Mitte! Landgraf (springt auf, laut) Ruft den Henker! (Aufschrei der Frauen, Bewegung. Dann lange Stille. Ein Beamter ist hinausgegangen) Landgraf Und jetzt! Was sagt Herr Heinrich von Ofterdingen? Ihr geht mir nicht aus diesem Saal! – Burgwart, Besetzt den Eingang! – Nunmehr fass' ich Euch! Ofterdingen (ist einen Schritt zurückgetreten, faßt sich sofort, kalt) Stellt einen Eurer Sänger mir entgegen, So kämpfen wir auf Leben oder Tod! Wolfram tritt vor Wolfram Mir, Herr, der ich des Streites Anfang war, Geziemt der Gegenkampf. Landgraf Es gilt den Kopf! Wolfram Ihr tragt dafür Verantwortung, Herr Landgraf: Gelt' es den Kopf! Landgraf Seid Ihr zum Schwur bereit? Wolfram Nochmals: Ihr, Herr, habt die Verantwortung. Ich bin bereit. Walther (zornig) Ist dies denn Tollheit?! Herr! Ist dies das edle »Maß«, das Ihr gerühmt? – Herbei, ihr Gaukler und Jongleure, Narren Vaganten und Goliarden, hier herein! Dies ist ja Narrenspiel! Der Landgraf neckt uns! (Er treibt buntscheckig Gauklervolk heran). Der »Dicke« und »Lange« stellen sich hin und singen krampfhaft zur Laute: Ecce gratum Et optatum Ver reducit gaudia! Purpuratum Floret pratum Sol serenat omnia ! (Die Festgäste besprechen sich in erregten Gruppen. Gaukler werfen Kugeln und fangen sie auf. Der Krüppel kommt mit seinem nasalen »Lobet Gott, den Herrn« und wirft die Krücken hin, springt darunter und fängt auf) Krüppel (zum finster sitzenden Landgrafen) Herr Landgraf, wenn's Euch Freude macht und tröstet: Bin gar kein Krüppel! Darum lob' ich Gott! (Der Henker tritt ein. Er bleibt in seinem roten Mantel an der Türe stehen. Alles wird stumm; die Gaukler schleichen hinaus. Der Beamte verbeugt sich vor dem Landgrafen und tritt zurück. Es ist im Saal Totenstille) Landgräfin (leise, aber in jedem Wort verständlich, den Arm um des Landgrafen Nacken legend) Geliebter Gatte, sag's nun deinem Festvolk, Daß dies nur Scherz war. Sieh, der Übermut Des Sängers ist gedämpft. Uns aber schaudert – Irmgard (kommt zur Landgräfin, ängstlich nach dem Henker schauend) Was will der Mann? Landgräfin (hastig zu Irmgard) Kind, lauf zu jenem Sänger, Bitt ihn, mein Kind, er solle deinem Vater Ein Wörtchen bloß: »Urfehde« sagen, bitt ihn! Er darf als Gast nicht seinen Wirt beleid'gen – O Gott, dein Vater kaut so bös am Bart, Es ist Gefahr für jenen Sänger – sag's ihm! Irmgard (kommt ängstlich durch den Saal getrippelt, den Finger im Mund, bald nach dem Henker, bald nach der Mutter, bald nach Ofterdingen schauend) Die Mutter sagt – Ofterdingen (sie ruhig umdrehend und zurückschiebend) Ich hört' es schon, mein Kind. – (Kalt und stolz) Ein Wort zuvor! Unsicher war ich bislang, Ob Landgraf Hermann, unsern Mut zu prüfen, Den Mann dort mit dem roten Mantel rief. Doch aus der Landgräfin erblichner Farbe Erseh' ich Euren Ernst. – Thüringer Löwe: Könnt Ihr vor Gott, des Warnwort unsichtbar An Eurem Thron steht, könnt Ihr vor dem Lande, Des Waldung ernst in Eure Fenster rauscht, Verantwortung erstatten solcher Zorntat – So sei's! Ich freilich könnte meine Harfe Barsch um die Achsel werfen und mich weigern Solch unerhörten Wettgesanges – meint Ihr? Meint Ihr, Ihr Herrn und Frauen? (Er nimmt die Harfe vom Rücken und gibt sie Diethelm; dieser zieht sich zurück und begleitet später unsichtbar Ofterdingens Lied. [Doch kann die melodramatische Harfenbegleitung auch fortfallen]) . Landgraf Singt, Wolfram! Wolfram von Eschenbach (tritt in die Mitte, verneigt sich; man sieht, wie schwer ihm sein Auftrag wird. Er stützt sich vorerst noch auf die Harfe) Mein edler Herr – sehr leicht scheint heut' mein Sieg – Denn Euer Zorn und hundert Flammen-Augen Verdammen jenen, eh' er noch begonnen. Wer in dem Saal hier weiß nicht oder glaubt nicht, Wie sehr ich meinen besten Fürsten liebe? – Stumm bleiben alle. Jeder kennt mein Herz. Drum sing' ich, wie mich mein Gewissen zwingt . (Gibt die Harfe an einen Knaben, der unsichtbar begleitet – was auch wegbleiben kann – schaut kurz und sinnend zu Boden und spricht dann in getragenem Ton) Wolframs Lied Dröhnt in der Ruhl die Runde noch Und singt der Schmied zur Stunde noch Sein Zornlied: »Landgraf, werde hart!«? Mich laßt mit Harfenschwingen Ein besser Wörtlein singen, Dein Herz dir zu bezwingen! Gott geb' ein gut Gelingen Jedwedem Schlag und Streich: Landgraf, werde weich! Ich bin ein Schmied wie der im Tal: Ein Strophenschmied im Sängersaal, An Kunst und Kraft dem Waldschmied gleich. Ich weiß, wie man zum Manne wird, Weiß, wie der Speer im Schilde schwirrt, Wie Eisen auf dem Panzer klirrt – Und dennoch ruf' ich unbeirrt, Und seist du gleich vom Grimme bleich: Landgraf, werde weich! (In erzählendem Ton [mit ruhig-gleichmäßigen Akkorden] zur ganzen Versammlung) Laßt euch ein Märlein melden Aus der Bretonen Land: Von Parzival, dem Helden, Wie der die Gralburg fand. In grüner Zauberschale Lag lichte Gotteskraft – Habt ihr gehört vom Grale Und seiner Wunder-Eigenschaft? Den könnt ihr nicht ergraben Wie Gold in Strom und Schacht: Die Tauben Gottes haben Ihn aus dem Himmel gebracht. Der Fremdling sah ihn scheinen Im feierlichen Saal, Er sah die Ritter weinen Ob ihres Königs Qual: Und er, der auf der Heide Den wilden Schwan gejagt, Er stand im Waffenkleide Und hat kein einzig Wort gefragt. Hätt' er gefragt, aus Mitleid, gütegroß »Amfortas, sprich, wie helf' ich deiner Pein?« Hätt' er gehaucht ein Schattenwörtchen bloß: Das Königtum des heil'gen Grals – war sein ! Weiter meldet die Sage Wie es Karfreitag war. Da kam aus heiligem Hage Ein Läuten wunderklar. Betaute Äste schwangen Einander Perlen zu, Die Eiskristalle sprangen Und hatten Kleid und Schuh. Es ging ein Sprechen und Singen Von herzensheimlichen Dingen Durch klingenden Märchenhain. Es stand am Glockenstrange Ein Klausner mit Gesange Und läutete Karfreitag ein. Nur Parzival mit starrem Waffenklange Ritt in den Melodienwald hinein. Bis ihm der Waldmönch mild und klar Des Tags Bedeutung legte dar. Da flossen des Helden Härten, Wie rings das Eis zerfloß, Aus halb verdorrten Gerten Holdselig Blühen schoß. Sein Wille, rein und leuchtend, Hob sich zu Gott empor, Zwei Tränen traten feuchtend Vor seiner Augen Tor. »Wohl mir, ich hab' erlesen, Was mir das Höchste ist: Bin nur ein Ritter gewesen, Heut' aber ward ich Mensch und Christ !« So ward von Finsternissen Ein edler Pilgrim frei. Wer aber – wollt Ihr wissen – Stand ihm in aller Drangsal bei? Vernehmt: solch Lichtvertrauen Gab ihm die Treue nur! Er liebte von allen Frauen Nur Frau Kondwiramur. Die war sein Weib, vergleichbar Den besten hier im Saal – O Frauen, unerreichbar Dem neuen Parzival! Ob mir der Kranz beschieden Und ob ich glücklos sei – Euch Frauen umatme der Frieden Und euch der ewige Mai! Ihr seid das leicht zerbrochne Glas, Darin des Grales Kleinod ruht – Euch schau' ich an (Schaut Frau Mechthild an) Und preise noch in Henkers Bann, Als dieser Erde höchstes Gut: Die reine Frau – (Den Landgrafen anschauend) – den milden Mann – Das edle Maß! (In ruhigem Gesprächston) Dies, Herr und Landgraf, ist mein Sang: Es ist mein Lied vom heil'gen Gral. Nun folge du Karfreitags Klang – Oder folge dem Schmied im Tal! (Verneigt sich, tritt zurück; Bewegung und gedämpfter Beifall.) Ofterdingen (tritt vor. Der Beifall bricht jäh ab. Er hebt düster und langsam an, aber immer wachsend) Ofterdingens Lied Mir summt ein dumpfes Läuten aus einem tiefen Strom. Dies Läuten frommt mir besser als Läuten aus dem Dom. Stromwasser sind die Glöckner, die schlagen grollend an: Und in des Rheines Grunde das Rheingold hebt zu klirren an! Da steigt von alten Sagen empor verschollner Sang. Den Wichteln und den Zwergen wird auf den Schätzen bang. Das Gold der Grüfte regt sich, Könige treten zutag – An deutschen Helden freut sich, wer sich in Deutschland freuen mag! (Hochaufgerichtet) Wolfram, verirrter Sänger, wo suchest du den Gral? In welschen Aventüren, im kranken Rittersaal! Du hängest Kuttenlappen deinem Knaben um! Das Gold der deutschen Tiefe ist deinen Ohren taub und stumm! Laß deine Tugend-Dame Kondwiramur daheim! Hast du von Kriemhild vernommen den deutschen Spielmannsreim? Die war voll »edlen Maßes« und hatte zücht'gen Sinn – Und dennoch ward Frau Kriemhild am Etzelhof zur Teufelin! Wie Hel stand dort Frau Kriemhild in der Burgunden Tod. Erschlagen ihre Sippe, Gunther und Gerenôt, Giselher, der junge – ganz Burgund entlaubt – Nur Hagen noch in Ketten, dem schlug sie selber ab das Haupt! Und stand im Blutgewande, Siegfrieds Schwert in der Hand, Schaute mit funkelnden Augen über das rauchende Land, Bis mit ergrimmter Waffe Hildebrand sprang hinzu – Ein Schlag! – nun erst hat Kriemhild samt ihrem heißen Herzen Ruh'! Das war ein Weib, Herr Wolfram! Lobt Ihr, so lobt mir das! Sprecht mir von Gudruns Trotzen, sprecht mir von Brunhilds Haß! Und fügt hinzu: Die waren echter Tugend voll! Die wußten, wie man treu sei, die wußten, wie man hassen soll! (Er schaut sich kurz um, sucht die ängstlich ihn anschauende Gotelinde und fährt im Feuer fort) Mir lief eine wilde Jungfrau durch wilde Wälder nach, Mit wunden Sohlen lief sie, trug herbes Angemach, Hat kein' andre Tugend, liebt mich ohn' alle Scheu – Der sing' ich dieses Preislied, der bin ich bis zum Tode treu! (Gotelinde fliegt an seinen Hals, ihre Haare flattern herunter. Große Bewegung im ganzen Saal) Ofterdingen Wein' nicht um mich, meine tapfre Gotelind', Dich hab' ich lieb, nicht jene schönen Frauen! (Laut in die Unruhe) Frau Mechthild irrt sich! Jede andre Frau In diesem Saale irrt sich, wenn ihr wähnt, Daß ich auf Euch, gleich diesem Parzival, Ein Preislied singe! Nein, dem Saal zum Trotz Besing' ich diesen Knappen, der von Liebe Und ihrer heldenschönen Leidenschaft Mehr weiß, als jede Kemenatenfrau! Den Schiedsspruch fäll' ich selbst: Ruft jenen Mann! Ich bin in Eurem Haß, ich hab' euch wissend Und eure Frauen willentlich beleidigt – Drum fort mit mir! Und lullt euch fürder ein In Wolframs und in Walthers Schmeichelsingsang – (Nimmt die Harfe von Diethelm) Mir ist der Saal zu enge, zu eng ist mir die Welt, Die Welt, der nur ein schlaffer Minnetand gefällt! Drum will ich lachend folgen jenem verhüllten Mann! Heil dir, du stärkster Fiedler, nun stimme du dein Schlußlied an! (Stürmische Erregung. Er lacht laut und trotzig, gibt die Harfe Gotelinde, die von einigen Leuten zurückgerissen und hinausgeführt wird) Stimmen (von allen Seiten) Macht End', Herr Landgraf! Den Henker! Heil Wolfram! Wolfram, gebt Antwort! Landgräfin (eine Stufe herabtretend) Ruhe, ihr Herren! Eine Frau gibt Antwort! (Es wird ruhiger. Sie schaut Ofterdingen an) Unsel'ger Mann! Von trunkner Sinnenkraft, Von unerfüllter und getäuschter Liebe Hör' ich ein schmerzvoll und verzerrtes Lied. Von Kriemhild, der man ihren Gatten nahm, Von Brunhilds Haß, von Gudruns Stolz und Gram Und von Burgunds hoffärtigem Geschlecht – Das wißt Ihr stark zu singen, der Ihr selber Friedlos die Welt durchirrt, Frau Holles Knecht ! Ich aber preise nun, was Ihr verschweigt: Die Liebe, die sich in Erfüllung zeigt! (Legt die Hand auf des Gatten Schulter, der am Thron steht; die Kinder schmiegen sich an beide an) Hier steht mein Gatte, hier sind unsre Kinder, Hier unsre Edelfrau'n, hier Volk und Herren: Ich frag' Euch, Sänger, kennt Ihr, was Ihr schmäht? Habt Ihr gezählt, wie oft ich mit dem Gatten In Sorgen reite durch dies Waldgebirge, Durch dieses Volk, das unser Tagwerk ist? Habt Ihr bedacht, wie oft wir betend stehn, Thüringen als ein Sonntagsland zu sehn, Voll offner Freude, voll geheimer Macht – Heilloser Schmäher, habt Ihr dies bedacht?! (Bewegung) Ich aber, Sänger, danke Gott dafür, Daß Kriemhilds Herzleid mir erspart geblieben. Weiß ich drum weniger, was Liebe sei? Die Flamme, die in ungezählter Lohe Sich dort verzehrte, leuchtet als ein Gral Mitten im Herzen mancher tapfren Frau, Und hilft uns kämpfen – denn wir alle kämpfen! Wir alle kämpfen! Und gestattet mir, Ritter von Ofterdingen, daß ich Kriemhild, Und was da sonst in Königstrotz geliebt, Zwar achte, wie sich's ziemt – doch ebenbürtig Mich ihnen dünke, Königin wie sie ! Das widerlegt mir, Heinrich von Ofterdingen! (Großer Beifall) Ofterdingen (hat mehrmals erstaunt aufgeschaut, fängt düster an, redet sich bald wieder in Trotz) Schlecht steht dem Gaste, wider Euch zu sprechen. Doch sag' ich, Fürstin: Hättet Ihr erlebt, Wie Menschen sich berauscht an Menschenblut, Wie Völker sanken, wie die Unschuld fiel, Wie Unrecht breit gedieh und Tugend umkam – Ihr wogtet nicht, an Glücksbestand zu glauben, Ihr trautet nicht dem bestgebauten Herde, Ihr ahntet in der hellen Knospenpracht Bereits den Wurm – und in der Wartburg-Lust Das Wartburg-Leid voraus! Drum acht' ich solche, Die todgemäß und stolz und trotzig leben, Und muß mißachten jeden, der mit Worten Verhüllen will des Lebens Haß und Not! Nichts ist das Leben, alles ist der Tod! Landgräfin (sofort einfallend) Nichts ist das Leben, alles ist der Tod! Heil uns! Warum so düster? Ist Euch bange Vor jenen Hallen, die der Tod uns aufschließt? Wer Wolframs Gral wahrhaft im Herzen trägt, Der weiß, bei Gott, bis in des Herzens Grund, Daß unser Leben nichts ist – weiß aber auch, Daß unser Leben ewig ist, wenn wir's Mit Weisheit und mit Liebe jubelnd füllen! Dies ist der Sinn des Grals, betörter Mann! Was neidet Ihr die welsche Aventüre? Gralkönig kann ein jeder werden, hier , Mitten in Deutschland, wenn sein Wille rein ist! Schmach über Euch, Herr Ritter, daß ein Weib Vom Thron herab den Gral Euch deuten muß! (Großer Beifall) Landgraf (drückt der Gräfin stumm die Hand; sie setzt sich) Zu Ende das Turnier! Die Fürstin selbst Sang aus der Fülle ihres reinen Wertes Ein Ehrenlied auf die geschmähte Frau. Ich breche nicht mein Wort. Bekennt Ihr Euch Rechtlich besiegt vor diesem ganzen Saal? (Ofterdingen schweigt) So sei das Fest Gerichtstag! Als Gerichtsherr Steh' ich allhier und muß erkennen: – Schuldig! (Der Henker beginnt sich ein wenig zu nähern) Habt Ihr noch Wunsch und Auftrag? Ofterdingen Edle Frau, Ich möchte wissen – sagen müßt Ihr noch, Was Euch das Leben so zum Sonntag macht – Landgraf Die Sach' ist abgetan! Ofterdingen (In Erregung) Nein! Sie ist nicht! (Schaut in die unruhig und feindlich werdende Versammlung; reißt das Schwert heraus und weicht zurück. Wild) Ich hoffe, das ist Spiel – auch ich hab' recht! Schmach über Euch, wenn Ihr das Gastrecht schändet! Und ich ersuch' Euch, Landgraf, laßt mir Zeit! Diethelm (sich schützend vor ihn stellend, wild) Gebt mir Euer Schwert, Herr! Ich schlag' Euch eine Gasse! (Wachsender Tumult; viele Frauen eilen hinaus; auch die Kinder sind hinausgebracht worden) Ofterdingen (mit dem Schwert stehend) Ruf deine Leute – es gibt Blut ! Mechthild (weinend vor Angst) Herr Landgraf! Walther (springt vor ihn hin, ruft zum Landgrafen) Ich steh' für ihn! Die Sänger bitten dich: Ist dies ein Spiel – so ende dieses Spiel! Landgräfin (hinuntereilend, gegen die Menge, vor Ofterdingen tretend) Zurück von ihm! Landgraf (zugleich) Die Schwerter in die Scheide! Ofterdingen (vor den die Landgräfin den Mantel hält, indes er zitternd vor Erregung und Zorn in die weichende, ruhiger werdende Menge starrt) Ich will nicht sterben, Frau! Auch ich hab' recht! Landgräfin (kommt und führt ihn, der nach rückwärts geht, immer in die Feinde starrend und das Schwert in der Hand, zum Landgrafen) Du hast das Recht zu richten, und in Demut Beugt sich die Gattin. Aber wenn ich denn Gesiegt, so laß mir auch das Recht der Gnade. Ich bitte – nicht um Aufhebung, jedoch Um Aufschub! Andre mögen Richter sein! (Sie kniet. Mechthild desgleichen. Ofterdingen steckt langsam das Schwert ein) Landgraf (nach kurzer Pause finster zu Ofterdingen) . Ich hätte Grund und Macht, Euch eigenhändig Dem dort in sein geschliffen Schwert zu führen. Denn in Euch träf' ich tausend, das beachtet, Die so wie Ihr mit losen Liedern umziehn Und mich verräterisch und untreu nennen! Doch für Euch bittet dieser Frauen Hoheit. Und Maß geziemt uns. Nicht vergebens sang Wolfram sein mahnend Lied vom heil'gen Gral. (Zu Walther hinüber) Doch war das auch kein Spiel, mein heitrer Walther! (Zu Ofterdingen) Der Landgraf gibt Euch Aufschub. Doch Ihr schwört mir, (Henker ab) Daß Ihr nach Jahresfrist, auf Tag und Stunde, An diese Stätte wiederkehrt. Herr Klingsor Soll Euch begleiten und soll Richter sein. (Deutlich) Gelingt's Euch, daß Ihr einen Sang mir bringt, Vergleichbar Wolframs Lied von Parzival, Und uns zu sagen zwingt: Auch Ihr habt recht – So sollt Ihr schadlos dann entlassen sein. Gebt Euer Ritterwort! Ihr kehrt zurück? Ofterdingen (legt die Handflächen aneinander, gibt sie in des Landgrafen Hände, verneigt sich und geht auf eine entlassende Bewegung des Landgrafen gebeugt und düster davon, gefolgt von Diethelm) Landgraf (kurz und kalt) Ihr Herr'n und Frau'n, habt Dank! Das Fest ist aus. (Vorhang) Vierter Aufzug Erste Szene Vor Klingsors Turm Am geschlossenen Tor ist ein eiserner Türklopfer. Weithin öde Steppe; fern und fahl ein schmales Abendrot. Leiser Windgesang, bedeckter Himmel, ziehendes Gewölk Diethelm (hinter der Szene) Steigt ab, Frau! Klingsors Turm! Die Stallung auf! Herberg' für matte Rosse! Böser Ritt! (Tritt auf! reckt sich, wischt das Haar aus der Stirn) Der Wind läuft über die Heide – mitgeweht Hat er drei Reiter wie drei dürre Blätter! (Er will klopfen) Gotelinde (hinter der Szene) Diethelm! (Tritt auf, noch immer als Knappe) Diethelm Was soll's? Gotelinde Ich kehre nicht mit ein. Diethelm Und unser Herr? Gotelinde (zurückschauend) Schau' hin, welch traurig Reiten! Diethelm (gleichfalls zurückschauend) Ja traurig Reiten! Auf der Mähne den Schopf, Durch den der Wind weht – wie durch Weidenwipfel. (Knirschend) So hätte Hagen von Tronje nie getan! Der hätte Irmingard am Kranz gepackt Oder den Knirps, den Ludwig, an den Ohren Und hätte sie zerschellt an einer Säule – Unter der Eltern Augen, die so schmachvoll Die Gastfreundschaft zerschellten! Gotelinde Nein, o nein! Herr Hagen war kein Sänger! Diethelm Nur ein Held? Wollt Ihr das sagen? Soll der Sänger kein Held sein? Gotelinde Mein Sänger war ein Held! Denn vor den Frauen Des Tugendhofs bekannte sich mein Freund Zu mir ! Und das hat ihn zu Fall gebracht. Diethelm (düster) Ja, das hat ihn gefällt. Das list'ge Weib dort, Die Landgräfin, focht seine Tugend an – Und niemand sprach mehr von des Liedes Wert. Und doch – die Strophe steht ! Dort steht sie noch, Aufrecht im Wartburgsaal! Durch Wolframs Plätschern Ward jene Felsenstrophe nicht gefällt. Gotelinde Durch mich ... Ich war's, die ihn zu Fall gebracht ... Und – jene Frauen sind in Wahrheit besser. Diethelm Auch Ihr?! Wankt nun auch Ihr?! Gotelinde (ausbrechend) Wie hab' ich gelitten! Dies stumpfe Reiten durch die schwarzen Massen Der Berge und durch allzu grelle Steppe An meines besiegten Gatten Seite – furchtbar! Wahrlich, auf diesem Ritt ist viel gebüßt, Was ich ihm zugefügt, im Sturm der Liebe! ... Mir sagten fahrende Leute, daß mein Vater Gestorben sei – ich reite nun nach Hause. Dort bleib' ich in der Stille. Dort will ich Die Wartburg-Ernte in die Scheuer schaffen Und sinnen, was mir fehlt, um so zu werden Wie dort Frau Mechthild und Frau Landgräfin. Diethelm O Hel und Satan! Buße tun auch Ihr? Gotelinde (düster-schroff) Nicht Buße tun! Doch siegen will ich, Diethelm! Diethelm Bleib', was du bist , du ungebändigt Weib! Ich bin wie jener Wald – so will ich bleiben Und so zerbrechen – wie der Tronjer starb Und wie der Fiedler Volker, der ein Held war! Gotelinde (langsam, fest und deutlich vor sich hin sprechend, ihren Entschluß prägend) Er hat ein Jahr, sein Wartburglied zu formen. Wohlan, ich streiche mich aus Heinrichs Leben, Bis er mit ganzer Kraft den Sang geformt. Derweil bleib' ich auf meines Vaters Hof Und schalte dort als Herrin. Zieht er dann Aufs neu' zur Wartburg, so erwart' ich still Auf meinem Hof des neuen Kampfes Ausgang. Siegt er und ruft er mich, so bin ich bei ihm – Siegt er und ruft mich nicht, so bleib' ich fern – Stirbt er, so folg' ich ihm zur selben Stunde, In der die Todesnachricht zu mir kommt. Diethelm (läßt sich begeistert auf ein Knie nieder) Frau Brunhild, Sigurds Gattin! Nehmt vorlieb Mit eines Gnomen schlechter Huldigung! (Er küßt ihr die Hand) Gotelinde (hinter die Szene schauend, erregt) Da steigt er ab – und horch, er spricht mit sich! Ofterdingen tritt auf, tief-düster, ganz in Gedanken, innerlich arbeitend. Ofterdingen (zu Diethelm) Durch wessen Schuld ward Siegfried erschlagen von Hagens Hand? Diethelm, das muß ich wissen! Diethelm Durch Brunhild von Isenland. Ofterdingen Wie kam die Nordlandstochter in der Burgunden Bann? Diethelm Durch König Gunthers Brautfahrt. Ofterdingen (in wachsender Erkenntnis und verhaltener Glut) Sie zankten um den stärksten Mann? Wohl! Siegfrieds Weib hieß Kriemhild – und wohnten beide am Rhein – Und von den Königinnen wollte jede größer sein – Wohl, wohl! Und stark war Hagen – doch stärker der Drachenheld – So ward aus Neid und Minne Siegfried im Odenwald gefällt! Diethelm (den Kopf wiegend) Aber Frau Kriemhild lebte – Ofterdingen (ebenfalls ganz in die Dichtung verloren) Sie ritt denselben Ritt Wie wir ins Land der Donau – Diethelm (nickend) Und nahm die Rache mit. Ofterdingen Und wurde Etzels Gattin – und lockte die Mörder her – Diethelm (wild einfallend) Da fielen alle Burgunden! Und also endet die wilde Mär! Ofterdingen (abschließend, mit entschlossenem Nicken) Das Lied ! (Schaut wie erwachend um sich.) Wohlan, so sind wir fast am Ziel! – Was gibt's, Got'linde? Gotelinde Herr, ich freue mich, Daß du zum ersten Male wieder sprichst. Ofterdingen War ich so stumm? Diethelm Ich zählte Eure Worte Von jener Burg bis jetzt – nicht zwanzig Worte! Ofterdingen (beißt in die Lippen) Ja, ja, die Burg dort! – Wohl, schon gut! – Mich dünkt, Ich hätt' so laut gebrüllt auf diesem Ritt – Kein Büffelhorn dröhnt lauter als mein Herz! Doch still nun! Schätze soll man schweigend graben. Ich starb auf jener Wartburg – nun laßt sehen, Ob ich bei Klingsor wieder auferstehe! (Er pocht an das Tor) Meister und Magier Klingsor, tu' uns auf! (Gotelinde kniet vor ihm, legt die Arme um seine Hüften und schmiegt den Kopf an) Was tust du, Gotelind'? Gotelinde Dir Abschied sag' ich. Du bist uns neu geboren, denn du sprichst. Es wogt in dir, es steigt herauf und atmet – Glückauf zum Wort ! Einmal ward mein Begleiten Auf jene Burg dein Unheil – heute nicht! Freiwillig scheid' ich heut'! Ofterdingen Wohin? Gotelinde Nach Hause. Mein Vater starb – als Herrin kehr' ich heim. Ofterdingen (düster und besinnlich) Und du tust recht daran, mich zu verlassen. Denn ich bin anders, bin sehr ernst – ich stehe In Todes Bann. Laß mich, du blühend Leben! Gotelinde (springt auf, bewegt) O nein! Erst recht den Todgebannten lieb' ich Als meinen Treugemahl! Doch einsam schaffe! Schaffe da drin mit Klingsor – siege , mein Held! Sei glücklich dann und streich' mich aus! Denn ich, Ich war es, die dich dort in Schande brachte, Und ich verdiene, daß ich einsam sei! Ofterdingen (legt den Arm um ihre Schulter, ernst) Vielmehr hast du mir großen Dienst getan: Denn ich, in dir Kriemhild und Brunhild schauend, Besiegte jene Tugendfrau im Saal – (Einen Augenblick aufknirschend) Besiegte , sag' ich! Denn auch ich hab' recht! (Wieder ruhig) Doch reite, Tapfre, reite du dahin! Mir ist nicht bang um dich – in dir ist Kraft! Bete für mich zu unsren alten Göttern! Und leb' ich übers Jahr, so kehre wieder! Gotelinde Nein, stirbst du übers Jahr, so kehr' ich wieder Und sterbe mit ! – O Diethelm, bleib' ihm treu! (Rasch ab) Diethelm (mit Behagen ihr nachschauend) Hussa, und fort wie Steppenwind! Ofterdingen (Ihr gleichfalls nachschauend) Mich reut nicht, Was ich um sie im Sängersaal gelitten. (Wendet sich zum Turmtor und pocht) Gralsucher pocht am Tor ... Klingsor, tu' auf! (Das Tor tut sich auf: sie treten ein) (Zwischenvorhang) Zweite Szene Zimmer auf der Wartburg Blauer Sommertag Mechthild sitzt im Fenster und läßt einen Schleier flattern. Die Landgräfin tritt ein Landgräfin Im Fenster sitzt Frau Sehnsucht! Wen begrüßt sie? Mechthild Ich seh' dem Schleier zu: er ringelt sich Und fliegt im Wind, der um die Wartburg fließt ... Schau', wie ein Täubchen ist er, will davon, Hat Flügel, aber wagt sich nicht hinunter – (Läßt ihn los) Fliege! O fliege! Mach' dich frei! – Da fliegt er! Landgräfin (ernst) Mechthild! Mechthild (ohne sie anzusehen) Weißt du, die Finger schmerzten mich Vom Sticken, schau', ich hab' mich arg zerstochen ... Landgräfin (sie an den Schultern fassend und ansehend, ruhig-ernst) Mechthild, du fliehst vor mir. Mein Schwesterchen: Hast du vergessen, wie du mir im Walde Den Schwesterkuß errötend wiedergabst, Den ich dir bot, du weltverlassen Kind? Wir saßen scherzend in den Heidelbeeren Und fütterten uns neckisch aus der Hand. Hast du vergessen, wie du jeden zarten, Leis-leisen Wunsch mir ehdem anvertraut? Was ist dir, Waldgefährtin? Was verbirgst du? Mechthild (mit gesenktem Kopf, leise) Mußt mich nicht fragen, traute Schwester Sophie ... Ich bin nicht gut ... Mich drückt ein schwer Geheimnis, Das darf ich keinem sagen – Landgräfin Auch nicht mir? Mechthild Frag' nicht, ich bitte herzlich, frag' mich nicht! Landgräfin (setzt sich, zieht sie zu sich, Mechthild sitzt auf dem Boden) Ein Heil'ges ist der Schlaf. Nur kurz und scheu, Von später Arbeit durch dein Zimmer schreitend, Hab' ich Frau Mechthilds heil'gen Schlaf belauscht. Die kleine Ampel warf nur schmalen Schein Auf ein verweint Gesichtchen, Tränen saßen Neugierig auf den Lippen – und die Lippen Bewegten sich und flüsterten im Traum – Mechthild (hastig) Nein, nein! Hab' ich geredet? Hörtest du –? Landgräfin Sag' mir dein Leid! Dich quält ein tiefes Leid. Willst du in harter Einsamkeit ertrotzen Die Kraft verschwiegnen Duldens, die nur Männern Von auserlesnem Geist zuteil ward? – Mechthild! Mechthild (umschlingt ihren Hals, weinend) Alles will ich dir sagen! Habe Dank, Daß du durch Liebe mich zum Sprechen zwingst! Es tut so weh! Doch darfst du's keinem sagen! Auch nicht dem guten Herrn! Es wär' mir Schande! Nicht wahr? Und nun hör' zu – und habe Langmut – Es wird dich sehr bekümmern – habe Langmut! (Ruhiger) Sieh, lang begriff ich's nicht. Seit jenem Festtag War mir so heimwehsüß, als wär' mein Liebstes Davongewandert, weit, weit übers Feld. Weiß nicht, wohin! Nur immer mußt' ich stehn Und nach den letzten blassen Höhen sehn. Und mußte denken, daß – weit irgendwo Jetzt einer weint vor Zorn und Scham und Weh Ob einer Schmach, fast unerträglich hart, Und mußte denken, daß die Schuld'ge ich sei. Nur ich! Denn jener Sänger warb um mich Am Waldkreuz, in der Nacht vor jenem Feste, Doch ich war herb zu ihm, ich reizte ihn, Ich trieb ihn zu so widerspenst'gem Trotzlied, Ich bin es, die den Henker rief – ich habe Das ganze Leid verschuldet, ich allein! (Weint) Landgräfin Du sprichst von Ofterdingen? Mechthild Ofterdingen! Nun weißt du's, ja! An ihn nur muß ich denken Und höre seine Stimme Tag und Nacht! O Schwesterherz, wenn so die Liebe tut, So hab' ich lieb, lieb, lieb den wilden Sänger! Landgräfin Unselig Kind! Mechthild (leidenschaftlich) Das wenigstens gebt zu: Er ist ein Mann ! Nein, mehr: Der ist ein Sturmwind! Ganz anders als dies Völklein um uns her, Herr Wolfram, Walther, Biterolf, der Kanzler, Die müssen stumm sein, wenn so starker Erzklang Aufsteigt aus Rheinstrom-Tiefen! Glaube mir: Er haßt nur, weil er ungewöhnlich liebt ! Landgräfin Was ist dir, Mechthild? Mechthild O vergib, vergib! Ich hab' ihn gar nicht lieb, ich hass' ihn ja! Ich hass' ihn, weil er tausend Mägdlein küßte, Derweil ich hier saß und von Liebe träumte! O meine Freundin, wie hab' ich gebetet, Daß Gott dies Kranksein von der Seele nehme! »Wisch' aus in mir der Mannesstimme Klang, Durch deren Trotz ein heimlich Herzweh bebt! Wisch' aus, o Gott, den Drang, der meine Träume Und Tagsgedanken nur zu ihm, zu ihm treibt – Wisch' das doch aus, o Gott! Ich hass' ihn ja! Er hat ja so viel Leid der Burg gebracht!« So bat ich Gott – – doch Gott hat nicht gehört! Landgräfin Du ganz verstörtes Kind! Ist das noch Mechthild? O du mein pochend Herzchen – werde ruhig! Hat er sich so gerächt, der schlimme Sänger? Von uns besiegt, warf er den letzten Pfeil In dich, du Süßeste der Süßen – und zog hin?! Mechthild (hastig) Weiß man von ihm? Ihr sagt, er sei verschollen? Landgräfin Niemand, soweit man auch die Gäste fragt, Die Einkehr halten – niemand weiß von ihm. Mechthild Er gab sein Wort – er muß ja wiederkommen! Landgräfin Und wird wohl wiederkommen, dünkt mich, Falls er am Leben ist. Der Tag ist nahe. Mechthild Falls er am Leben ist! O lieber Mann, Falls du da draußen Kampf und Sterben suchst, Betäubt vom Zorn, daß wir dich so mißhandelt: Kehr' um, bring' unserm Haus die Ehre wieder Und mir den Frieden! Hör's in deiner Ferne, Wie dich mein Herz ruft! Liebster, kehre wieder! Und singe, Held, und siege – und geh hin! Landgräfin Doch dir – was frommt dir seine Wiederkehr? Wir wollen, wie man's einst zur Heidenzeit Von Schildjungfrau'n gesagt, gewappnet sein Dem Leid, das dich betroffen. Wollen kämpfen! Denn Frauengüte, sei sie noch so tief, Ist wertlos, wenn nicht edler Frauenstolz Sie schützend an der Hand nimmt, wie ein Ritter, Der seine Schwester durch die Wildnis leitet. So lehrt' ich dich. Mach' deiner Meistrin Ehre! Mechthild »Sei stark und still und stolz« – dies ist dein Stabreim! So hast du mich gelehrt, ja, tapfre Schwester, Die du so königlich im Saal gestanden! »Sei stark und still und stolz« – so lebst du selber, Und ich versuche, so zu sein wie du! Mir ist nun leichter ... Schwester nahm mir ab Mein Qualgeheimnis – und kein dritter soll, Am wenigsten er selbst, davon erfahren! Denn trät' er hier herein als Sankt Georg, So blank geputzt, durch Reue ganz erneut, Und bäte sanft: »Frau Mechthild, seid mein Weib« – Niemals! Ich risse mein Gewand zurück Und lief' hinaus – und weinte nächtelang. Der Landgraf tritt ein Landgraf (ernst, Mechthilds Schleier in der Hand) Darf ich herein? Und stör' ich euer Plaudern? Vom Fenster lachten eure lichten Kleider Herunter in mein Dunkel. Landgräfin Komm nur, Hermann. Landgraf (zu Mechthild, ihr den Schleier zurückgebend) Den solltet Ihr, mit säuberlicher Sorgfalt, In einem Schrein bewahren – er ist heilig. Mechthild Ich ließ ihn spielend aus dem Fenster fliegen – Landgraf Ein »Zufall« also? Nun, in ernster Zeit Vernimmt man auch im Kleinen Gottes Sprache. Hört an und urteilt! Euer Landgraf ging Auf jener Lichtung, sah nach Eisenach, Sah einen Richtplatz in der Sonne liegen Und dachte eines gottverfluchten Festtags, Dem bald ein zweiter folgt. Seitdem ist Schatten Auf meiner Burg. Mein Wort darf ich nicht brechen, Und dennoch – – unumwunden sag' ich's euch: Die Seele sträubt sich mir, mein Wort zu halten! Landgräfin Schatten, wahrhaftig! Die zergeht in Tränen, Du senkst den Bart und wirst mir gar noch kleinlaut – Soll ich zum Schmied von Ruhla senden, Landgraf? Landgraf Pah, kleinlaut! Wer?! Dürft' ich ihn kurzweg packen, Es wär' mir keines halben Wortes wert! Besonders nicht vor Frauen! Oder wär's Ein ritterlich Turnier, säß' ich im Sattel, Den Helm geschlossen, Lanze fest im Arm, Umpanzert rings, die Zügel fest gestrafft, Und prallte nun mit breiter Leibeswucht Den andern an – der wär' mir rasch besorgt! Doch dies entwirrt sich schwerer ... Jeder Köhler Erzählt von meinem Henkerfest, die Kinder Drohen einander: »Wart', der Henker kommt!« Schmach ist mir's, daß der Mann im roten Mantel, Auswurf der Menschheit, die beschnittnen Ohren Und seine Galgenfratze in den Saal trug! Schmach ist mir das und tut mir bitter leid! Landgräfin Nicht schönrer Wohlklang rührt mich, als wenn du, Du sonst so Starker, männlich mir bekennst: Ich hab' gefehlt. (Küßt ihn.) Nimm uns als Beicht'ger an: Du hast's bekannt – damit sei's abgetan! Die beste Reue ist die beßre Tat! Landgraf Und wenn er nun nicht kommt?! Wenn er mit Hohn Sein Wort bricht, weil es ihm erzwungen sei? So bin ich ein Gespött dem ganzen Lande! Und wenn er kommt: Will er in einem Jahr Ein Lied ersinnen, Parzival vergleichbar? Will er mit Worten Wolfram widerstehen? ... Wenn ich mit Ehren aus dem Handel komme, Und wenn mir rein bleibt meine klare Burg: So will ich dort, wo jetzt der Richtplatz steht, Ein Kloster bauen! Dies gelobt' ich Gott. Und – hört und staunt! – indes ich also ging Und Gott um Zeichen bat, daß mein Gelübde Ihm angenehm sei, flog aus reinem Himmel Die Taube Gottes, schwebte weiß und langsam Und ließ sich leicht von meinen Händen fangen: In mein Gelübde flog – Frau Mechthilds Schleier. (Hält ihn dar, Mechthild nimmt ihn tief überrascht) Landgräfin Wahrhaftig seltsam! Wir verglichen ihn Hier oben schon mit einer weißen Taube Und ahnten nicht, was drunten du gelobt! Mechthild (mit leuchtenden Augen, den Schleier in der Hand) Ja, das ist Gottes Stimme! Euch und mir! Nun wird dies Herzeleid zum Segen werden! Mein ist dies Täubchen, das Euch Gott gesandt – Und drum gewährt mir eine rasche Bitte! Das Kloster, das Ihr bauen wollt, es soll Ein Frauenkloster sein! Um Frauen ward Im Saal gekämpft, an Frauen-Reinheit glaubt Der eine nicht, der diese Burg betrübt, Farbe der Reinheit hat der weiße Schleier, In Schleiern geht die Nonne – tausend Zeichen Deuten, daß Gott ein Frauenkloster will! Landgräfin Mechthild, ich ahne –! Kind, verlaß uns nicht! (Zum Landgrafen, rascher) Ich billige und ehre dein Gelübde, Doch will ich nicht, daß ihre Seele flüchte Aus unsrer Freudenburg ins dumpfe Kloster! Ei, Sankt Apollo – könnt' ich wie ein Mann Loswettern! Was für Sünderangesichter Entstellen diese schönheitshelle Höhe?! Ein Page mit einem Brief erscheint. Der Landgraf geht hin. Sie spricht weiter. Verzärtelt hab' ich dich, mein Schattenpflänzchen, Jawohl, ich schelte mich! Gebet ist freilich Ein edles Werk – doch Tapfersein ist besser! Landgraf (zurückkommend, mit dem geöffneten Brief, in einiger Erregung) Von Klingsor! (Liest langsam, deutlich) »Auf Tag und Stunde sind wir auf der Wartburg: Klingsor von Ungarland mit Ofterdingen!« Landgräfin Er kommt! Und wie und wo? Mechthild Er kommt! Landgraf (sehr ernst) Er kommt! ... Ob er besteht, weiß Gott allein. Sprecht nicht vom Kloster! Noch steht dort der Richtplatz. (Zwischenvorhang) Dritte Szene Klingsors Turm Ofterdingen geht langsam, diktierend, auf und ab. Diethelm sitzt schreibend, mit Rohrfeder. Viele Pergamente liegen umher. Ofterdingen (diktierend, ernst, langsam und deutlich) ... »Ich kann euch nicht bescheiden, was weiter da geschah. Viel Ritter und viel Frauen man da in Tränen sah. Dazu viel edle Knechte. All ihre Freunde tot! Hier hat die Mär' ein Ende. Das ist der Nibelungen Not.« (Lange Pause. Er steht am Kaminsims und hat das Gesicht auf die Arme gelegt) Diethelm (macht einen Schlußpunkt, atmet auf, zerbricht ruhig die Rohrfeder, wirft die Stücke fort und steht auf. Beide sind sehr ernst. Er starrt, die Hände auf die Tischkante gestemmt, das Manuskript an; endlich beginnt er dumpf und tiefbewegt) Ich lebe noch – – und diese sind dahin ... So tapfre, starke, gutgewachsne Männer! Die Erde zitterte, wenn solch ein Recke Mit Eberhelm und Schild und Goldgelock Wuchtig sich wiegend aus dem Burgtor trat! Und alle tot! (Weint.) Ein Krüppel steht am Grab Und wischt sein einzig Auge! ... Größre Ehre Ward keinem Sterblichen zuteil: ich durfte In ehernem Versmaß schreiben, wie sie starben! Und größre Schande hat kein Mensch erfahren: Ich Krüppel lebe – diese da – sind tot! (Geht weinend hinaus. Pause) Klingsor tritt ein Klingsor (an der Tür stehend) In das Kamin dort warf mein Freund, der Bischof, Sein ungeschickt lateinisch Heldenlied. Vom Bischof unerlöst, in diesen Räumen, Blieben des Lieds gespenstische Gestalten. Du hast sie nun entzaubert in das Wort. (Geht zu Ofterdingen, langsam und ernst, legt ihm die Hand auf die Schulter) Von Diethelm hör' ich, daß dein Werk zu Ende. Laß mich den ersten sein, der Glückwunsch bringt. Ich weiß nicht, wie dein Lied ist; doch ich weiß Und sah es an, wie du dies Jahr bestanden. Du hast es gut bestanden – und ich gebe Dir einen Ehrentitel: Klingsors Sohn . Dies ist – gleichviel, was uns die Wartburg bringe – Das Höchste, was dir Klingsor geben kann. Ofterdingen (legt die Arme um Klingsors Hals, stöhnt auf, legt den Kopf an seine Schulter) Hagen ist tot! Tot die Burgunder! alle! Die schöne Kriemhild tot, Siegfried gerächt – Und nun ist alle Welt mir stumm und kalt! ... Klingsor, wie ist mir weh, wie ist mir weh! Wer einmal solche Helden sterben sah, Der muß mißachten, was die Erde bietet: Ruhm, Ehre, Minne, schön Gewand und Goldkranz! O, daß ich je so gierig leben konnte! (Geht schwer und langsam an den Tisch) Diethelm hat weinen können – mich zermalmt es! Der Tod zog ein in deinen Geisterturm! Ich schaue mit der Norne düstren Augen Leben und Tod und Leben – wieder Tod Und wieder Leben – all das rollt um mich, Wie Sterne rollen – ich hab' mich verloren! Ruft mich zurück! Ich weiß nicht, wo ich bin! (Steht wieder und umschlingt Klingsors Hals) Klingsor Nimm dies als Dinge der Natur. Dies Jahr, Vom Angedenken jener Schmach durchpulst – War dir ein einz'ger straffer Arbeitstag. Den Felsblock eines irrtumschweren Lebens Hast du mit besten Kräften umgewälzt, Ein Schwert zu finden, das darunter lag. Du hast das Schwert! Nun fällst du matt ins Gras, An allen Muskeln zitternd. Doch du hast es! Ofterdingen (am Tische stehend, mit jäh und voll ausbrechender Lebenskraft) Ich hab ' es! Und nun sag' ich dir ein Wort: Ich kehre nicht zur Wartburg! Nein! Ich nicht ! Mit solchem Lied einziehn vor ihren Richtspruch? Noch einmal ihres Henkers Lederkappe, Noch einmal jene Hundemeute sehn, Die mich umstellt wie ein gehetztes Tier?! Und gar noch betteln: »Nehmt dies gnädig an!« Mit solchem Lied?! Und solchen Helden?! Betteln?! Nein! Nein, nein – zehnmal nein! Ich gehe nicht ! Klingsor (ruhig) Der Landgraf ist berichtet, daß wir kommen. Ofterdingen Käm' ich, so rief' ich noch viel dröhnender Mit Hagens Schildklang in die Geckensippe: »Dies Lied ist nicht vergleichbar Parzival! Denn es ist größer ! Die das Lied gesungen, Das Spielmannsvolk, die rauhen Rheingoldwächter, Mehr noch, die es gelebt – sind solcher Größe, Daß ihr euch beugen sollt, ihr Schöngewänder, Beugen, bis auf die Spitzen eures Schuhwerks! Das Schicksal selbst tritt ein, Frau Landgräfin! Und ruft Ihr noch so wackre Reden in den Saal: Schicksal zerschmettert Euch samt Eurem heil'gen Gral!«' (Geht erregt hin und her) Klingsor (kopfschüttelnd, sehr ruhig) Ich fürchte, Freund, du hast noch nicht bestanden. Ofterdingen Bestanden oder nicht! Ich habe recht! Mag mich die Landgräfin zu Boden reden, Und mögen ihre Dichter Engel sein: – Recht hab' ich doch! Recht hat die Leidenschaft, Der Trotz des Widerstands in letzter Not, Das stumme Zähneknirschen noch im eignen Tod – Was wissen sie davon in ihrer Tändelei?! Ich habe recht – und ob ein Henkerschwert das Ende sei! Klingsor Ich hab' zu früh gelobt. Noch ist's kein Sieg. Willst du mir abermals ein Unheld werden, Ehrgierig einst und ehrverachtend jetzt? Ofterdingen Sie können mich nicht ehren auf der Wartburg! Klingsor (stärker) Du aber sollst dich ehren! Bitterkeit War niemals Heldentum! Der Held ist dankbar, Ist hell und frei, weil seines Gottes froh! Er geht vorüber, wo kein Leben winkt, Zugreifend ist er, wo er edles Ringen Zu fördern weiß, kraftvoll die Sonne suchend Und tätig, daß auch andre lichtwärts wachsen! Ob Christ, ob Heide – so will ich dich sehn! Ofterdingen (ihn umarmend, hell und stark) Gut sprichst du, reifer Vater, teurer Klingsor! Ich hab' mein Heldenlied! Die Welt ist Licht! Mitten in all mein töricht Hassen stürmt Jählings ein Schwall so überwilder Freude, Daß ich zerschmettern möchte Bank und Tisch, Wie Hagen dieses Hunnenvolk zerbläute, Daß ich mit Sturmwindskräften brüllen möchte: »Hoioh, ihr Menschlein, kümmerlich Geschlecht, Dies Heldenlied beweist : auch ich hab' recht!« Klingsor Das klingt mir besser! Mußt du dich entlasten, So lach' dich frei mit hellem Götterlachen! Wer seinen Schmerz – den du dir selbst geschaffen, Durch eigene Verfehlung! – so verwandelt, Daß er ein glockenklares Lachen wird: Heil ihm! Der hat errungen, was du blind Im Sängersaal bekämpft: den heiligen Gral ! Gralsritter bist auch du ! Sei mir gegrüßt! (Schüttelt ihm die Hand) Ofterdingen (sehr betroffen, blitzartig erkennend) Dies wär' der Gral?! ... (Pause. Dann, sich aufrüttelnd) Mag sein. Es ist getan! Ich hab' mein Lied! Was geht mich Wolfram an? Klingsor So lieb' ich dich, so blank, so hartgemut! – (Geht nach der Tür, schaut hinaus, kehrt wieder zurück) Nun noch eins: von der Donau kam ein Bote Aus einem Bauernhof ... Dort harrt ein Weib. Got'linde – Ofterdingen (in frischer Bewegung hin und her wandernd) Bleib mit Frauen fort! Hier ist Der Turm der Arbeit! Weiter nichts! Klingsor (ruhig) Ich sage: Got'linde schaltet dort allein, als Herrin, Beherrscht ihr Ingesind' – und hält ihr Herz Und ihre Kammer offen nur für Einen. Was sagt der Eine? Ofterdingen (ist ernst geworden, träumerisch) Gotelinde! Traum Aus schwersten Sonnwendtagen an der Wartburg! Sie war es, deren unschmiegsame Kraft Mein ganz Erinnern strotzend füllte, als ich Von Brunhilds Panzerleib die Strophen schrieb. O Gotelinde! ... Und nun herrschest du Als Königin von Isenland! Ich höre Die Schlüssel klirren, seh', wie sie den Kopf wirft, Darum die Strähnen rundgebunden sind Wie eine Krone – und ihr leichter Schritt – Doch tritt sie fest auf, tritt die Schuhe krumm, Ich hab' sie oft geneckt. O Treugesell! ... (Sinnt) Drei Frauen traten in den Wartburgtagen Verwirrend in mein Leben – und ein Kind: Dies Kind, Klein-Irmgard, möcht' ich wiedersehn. Ich merke nun, Herrn Hermann mild zu stimmen, Ließ Mutter Landgräfin ihr Kind im Saal ... (Sehr zart) Ich stieß es fort ... das war nicht ritterlich ... Sie lief mit Tränen wieder zu der Mutter ... Daß ich der kleinen Irmgard weh getan, Dünkt mich die schlechteste von meinen Taten ... (Sinnt. Dann:) Als Gotelind' am Turmtor Abschied nahm, War ihr Gesicht sehr zart, sehr kindlich zart ... Sie kniete vor mir, und ich mußte mich Zu ihr herniederbeugen – wie zu Irmgard, Und wie man sich zu kleinen Blumen beugt. Und einmal, an der Wartburg, sagte sie: »Hab' lieb, die dich so liebt! Und ehre mich!« Verstehst du? – nicht zerrupfen, nicht zerbrechen Im Sturm der Lust – doch ehren – ehrend lieben! ... Vielleicht hat Wolfram recht: – 's ist eine zarte Irmgard in jeder Frau – – das muß man ehren ... Klingsor Sag's ihr! (Hat die Tür geöffnet: Gotelinde tritt ein in edlem Frauengewand, als Herrin, und bleibt an der Tür stehen) Zwei Tage hielt ich sie verborgen! Gotelinde und Ofterdingen sehen sich überrascht und schweigend an. Gotelinde (nach kleiner Pause, innig, aber gehalten) Wie bleich und edel stehst du, trauter Freund! Ofterdingen Und du, Freundin, wie luftgebräunt, wie schön! Gotelinde (einen Schritt nähertretend) Doch um so stolzer dieser stolze Zug Um diesen Mund, nach dem ich Sehnsucht trage – Darf ich, mein Herr und Gatte? Ofterdingen Fragt mein Weib, Mein sonst so ungestümes Donauweib? Gotelinde fliegt mit einem Ruck, in alter stürmischer Art, an seine Brust; sie küssen sich O Gotelinde! – Du berauschend Blut, Einbrausend wieder in den Mann, der fast In Pergament verdorrt – ich hab' mein Lied! Klingsor Zu einem Lied, gequadert wie ein Burgbau, Hast du dich hier gestrafft. Des Mannes Ernst Und reife Ruhe wurden dein Gewinn. Das halte fest! Und dieses treue Weib! Ofterdingen Kann ich denn seßhaft sein? Gotelinde (einen Schritt zurücktretend, ernst und innig) Nicht dich zu holen Bin ich gekommen, denn dir ist's vielleicht Natur, in einem fremden Wald zu sterben. Vielleicht auch nicht. Ich weiß nicht. Alle Zukunft Ist uns verdeckt vom Schatten jener Burg, Worauf dein Ritterwort gefangen sitzt. Das mußt du lösen! Dann – tu, wie du willst! Komm zu mir in die Enge – oder ziehe Ins Ungewisse – oder nimm mich mit – Tu, wie du willst! Mit Lachen oder Weinen Bin ich gehorsam, denn ich hab' dich lieb! (Umarmung) Ofterdingen Du hast mich lieb! O Treue! Tronjer-Treue! Klingsor Dein Ritterwort! Willst du's befreien? (Hält ihm die Hand hin) Ofterdingen (frisch einschlagend) Ja! Wir brechen morgen nach der Wartburg auf! (Vorhang) Fünfter Aufzug Wartburghof Die Bühne ist durch einen großen, in der Mitte zu öffnenden Vorhang vorerst noch in zwei Teile geteilt. Allerlei Volk ( Handwerksgesell , die zwei Bürger und Gesinde , mit Bechern usw. vorüberlaufend, auch Burgknechte, mit Spießen) treiben sich diesseits hin und her, oft lauschend und einander zur Stille mahnend. Von links kommt der Krüppel ; gleichzeitig tritt aus dem Vorhang, etwas erregt, Diethelm heraus. Hinter dem Vorhang hört man eine Stimme (Klingsor) gleichmäßig vortragen. Erster Bürger (mit vielen anderen auf Diethelm zu, aber alles gedämpft) Nun, ist's zu Ende?! Diethelm (ernst) Noch liest Meister Klingsor. (Faßt stumm und grimmig, mit gepreßten Lippen, den Krüppel ins Auge, tritt vor ihn, Hände in die Hüfte stemmend) Was will der Gaukler?! Krüppel (unbehaglich) Schlechte Zeit für Krüppel! Alles will Helden sehn – schwatzt nur von Helden – Diethelm (grimmig-dumpf) Wagt dieser Schänder der Natur zu spaßen. Mit einem Leiden, das mich elend macht Mein Leben lang?! (Zerbricht ihm die Krücken) Fort! Oder der echte Krüppel Schlägt nun den falschen Krüppel kurz und klein! Krüppel (unbehaglich, ohne komisch zu wirken) Ich sag's ja: Schlechte Zeit für unsereins! (Eilends ab) Der Bischof (tritt aus der Vorhang-Mitte heraus, Diethelm an den Schultern packend) Mann, welch ein Lied! Die Felsen gehn umher Und stampfen krachend durch die Urwald-Bäume! Denn dieser Rüdeger von Bechlarn, Volker, Der kühne Fiedler, die Burgunder-Kön'ge Und dieser Tronjer Hagen – das sind Felsen ! Und ich – Heil mir, mein Gott, ich hab's erlebt: Das ich ins Feuer warf, das fromme Lied, Aus seiner Asche steigt es funkelnd auf! (Zu den Andrängenden) Hagen ist tot, ihr Leute! Und von wem? Kriemhild erschlug den trotzigsten der Männer! Ewig weiß niemand, wo der alte Rhein Schlingkraut und Wogen übers Rheingold schiebt! Erster aus dem Gefolge (kommt heraus, gleichfalls in Bewegung) Wer weiß das nicht, der Klingsor lesen hört?! Hier, auf der Burg, hier, in dem Goldgesang Der Nibelungen, habt ihr Hagens Schatz! Zweiter aus dem Gefolge (kommt heraus) Ich will nicht weiter hören! Kriemhild tot ! Der alte Hildebrand, Herrn Dietrichs Recke, Ergrimmte, daß ein Weib den Tronjer schlug! Sprang zu – im Blut liegt Etzels rasend Weib! Grauenhaft Sterben! Ganz Burgund ist hin! Erster Bürger Ein Pfaff nur lebt, sagt man – Zweiter Bürger Der konnte schwimmen! Der Bischof (ihm auf die Schulter klopfend) Die Klerisei gedeiht, wenn Helden sterben! Ihr seht's an mir! (Geht wieder hinein) Handwerksgesell Und nun? Besteht er? Erster aus dem Gefolge Wer denn? Handwerksgesell Ofterdingen! Zweiter aus dem Gefolge Ach was, wer spricht von – Richtig! Dieses Lied Entscheidet ja, ob Ofterdingen lebe ! Erster aus dem Gefolge Leise! Schandbar ist das! Wem's jählings einfällt, Der schämt sich unsres Herrn, der solchen Dichter Mit Tod bedroht! Zweiter Bürger Und unser Herr: Was tut er? (Hinter dem Vorhang brausende Heilrufe) Walther (stürzt heraus, freudig) Der Landgraf hat den Sänger Ofterdingen Umarmt ! Noch vor dem Schiedsspruch! Alles Festvolk Jubelt und ruft – – (Vorhang geht auseinander: glänzende Versammlung) Alles Volk (über die ganze Bühne) Landgraf Hermann, Heil! Thüringer Blume, Landgraf Hermann, Heil! Landgraf (setzt sich eben wieder hin) Verzeiht mir, daß des Liedes Wucht und Größe Mich hinriß, vorzugreifen Klingsors Wort! Still sitz' ich wieder. Klingsor, sprecht das Urteil! Klingsor (ebenso wie bis fürstlichen Herrschaften auf einer erhöhten Fläche, hinter einem Pult stehend, auf dem ein Manuskript-Buch liegt) »Vergleichbar Wolframs Lied von Parzival,« So hieß die Forderung, »hat der Beklagte Ein Lied zu bringen, alsdann sei er frei!« Thüringer Volk, des Liedes Teile las ich Und hab' mit einem Kreis erwählter Männer Das ganze Werk geprüft. So sprech' ich Urteil: Alle erheben sich. Laut) Vergleichbar Wolframs Lied von Parzival Ist dieses Lied fürwahr! Den alten Mären Ist hier in klarem Wort und fester Strophe Ein Geist gegeben, dieser Wartburg würdig Und doch nicht untreu deutscher Heldensage. Vergleichbar Wolframs Lied von Parzival, Sag' ich zum drittenmal, ist dieses Lied. Und der's gefunden hat in schweren Stunden, Heinrich von Ofterdingen – ist nun frei ! (Großer, langanhaltender Beifall; freudige Bewegung) Landgräfin Dank, edler Klingsor! Landgraf Klingsor, Dank! Walther Dank, Klingsor! Wolfram (zu Mechthild ) So leg' ich meine Harfe hochbeglückt Der schönsten Frau zu Füßen: Segnet sie! Sie hat kein Totenlied gesungen! Ofterdingen (tritt vor, laut) Hört mich! (Es wird ruhiger. Er spricht herb und kühl) Des Meisters Urteil weiß ich unbestechlich. Die Sänger dieses Liedes sagen Dank. Doch – dieses Heldenlied ist nicht mein Werk. (Unruhe) Ist nicht mein Werk. Der Sang wuchs wild im Walde, Am Spielmannsfeuer, in Johannisnächten, Wie wilde Blumen, von Gewittergüssen Und roten Zauberblitzen übersegnet, Im Schirm der Eichen und am Fuß der Felsen – Dort hab' ich dieses herbe Kraut gepflückt. (Tritt zu Diethelm, legt ihm den Arm um den Nacken. Diethelm küßt ergriffen seine Hände) Spielleute, ein verachtet fahrend Volk, Bewachten dieses Edelgut der Sage. Nicht also mir dankt: Dank gebührt dem Volke ! Ich halte mich zum Volk, bleibt ihr dort oben! Und Dank den Nibelungen, die dies Lied Gelebt ! Ich hab's nur schlecht und recht geformt. (Unsicherheit und Unruhe) Landgraf Wie das? Verleugnet Ihr das Werk? Und soll Der Sängerkampf von vorn beginnen? Ofterdingen (in wachsender Vertrutzung) Landgraf, Ich sage anders, als Herr Klingsor sagt: Dies wildgewachsne Lied ist nicht vergleichbar Dem kunstvoll-feinen Parzival des Wolfram, Weil's ihn an Blut und Herbe übertrifft . Ich spreche nicht aus Trotz, doch sprech' ich stolz, Bewußt des Zwiespalts, der mich von Euch trennt. Landgraf Zwiespalt? Wenn Euch ein ganzes Volk umjauchzt? Ofterdingen Ich will, daß Ihr mir sagt: Auch ich hab' recht! Landgraf Bedarf es noch des Worts? Scholl nicht die Burg Vom tausendfachen: Ja, auch Ihr habt recht?! Ofterdingen (mit geballten Fäusten, mit ausbrechendem Schmerz und Zorn) Landgraf – wie furchtbar habt Ihr mich mißhandelt! Es würgt in mir – es will und muß heraus! Ich war ein sinnlos hitz'ger Tor, ich weiß, Ihr aber – war's denn ritterlich, war's christlich, Den leicht entflammten Sänger so zu strafen? Ich habe Gott gebeten, daß er mir Nur eine Träne sende, eine Träne, Und mir die Starrheit von der Seele löse! Qual ist mir Euer Lob! Spart Euren Beifall! Denn Eure Stimmen, die mir Tod gedroht, Sind nicht die würdigen, mein Werk zu loben! Ich möcht' ein schuldlos Kinderstimmchen hören, (Man sieht Irmgard aus den gestreuten Blumen einen Kranz flechten) Von ihm gelobt sein und von ihm geliebt – Und wie ein Kind mein Leben neu beginnen. Doch seit ich unterm Mantel jener Frau So würdelos gezittert, bin ich tot. Seht an mein früh ergrautes Haar, ich bin's nicht, Der dort im heißen Festsaal Feuer sprühte. Das Leben habt Ihr mir gelassen, Landgraf: Die Seele habt Ihr bis ins Mark getroffen! Landgraf (ernst und erschüttert) Mein Sänger, Eure Worte treffen schwer. Es fehlt nicht viel, so dreht das Spiel sich um, Und Landgraf Hermann bittet um Verzeihung. Doch, Freund, bedenkt: Auch Ihr habt scharf gestoßen (mit einem Blick nach Mechthild ) Und eine Frau gekränkt, mehr als Ihr ahnt! Es ist verschmerzt. Ihr seht heut', wie ich trachte, Gerecht zu sein. Das Herz ist schöne Mitte Des Menschentums: In meines Volkes Herzen Hoff' ich zu thronen als ein »Mann der Mitte «. Schwer ward auch uns dies Jahr. Ich hab' gelobt, Ein Kloster zu erbaun, falls dieser Tag Den reinen Thron mir nicht mit Blut befleckt. Drum laßt den Freispruch gelten! Bleibt mein Gast, Und scheidet spät mit unsrem Dank und Segen! (Er winkt. Ein Edelknappe bringt auf einem Kissen einen goldenen Kranz zu Mechthild ) Mechthild (nimmt den Kranz und tritt etwas vor) Euch bietet Kuß und Krone eine, die Tot ist der Welt wie Ihr. Mein Landgraf hat Gnädig erlaubt, daß ich des Frauenklosters Äbtissin sei. Ihr sanget schön von Liebe, An deren letztem Ende Leiden steht: Doch stärkste Liebe siegt auch über Leiden – In Lieb' und Leide lächelnd grüß' ich Euch. Ofterdingen (ist verstehend einen Schritt zurückgetreten und streckt abwehrend und erschüttert die Hand aus; schweigt bewegungslos) Mechthild (nach einigem Warten, wendet sich ruhig zu Wolfram) Zu Euch, Herr Wolfram! Kuß und Kranz sind Euer! (Küßt ihn auf die Stirn, krönt ihn) Weil Ihr den Eisenschmied im Lied bekämpft Zu guter Stunde, mit Karfreitagsklang, Freut sich ein Goldschmied und schickt diesen Kranz. Kunstreich ist dieser Kranz wie Euer Lied, Und wie dies Gold so lauter Euer Herz. Ihr ziert Euch nicht, wenn reine Freude dankt. Gott ist in Euch, Gott ehren wir in Euch, Und wie ein Altar steht Ihr auf der Höhe. (Zu Ofterdingen) Euch aber, der Ihr in Erstarrung steht, Euch weiß ich nichts mehr, was die Burg vermag. Uns fehlt ein zweiter Goldkranz, auch ist machtlos All unser Werben: – Kind, nun gehe du! Bring' du ihm Kuß und Krone, Kind, und bitt' ihn, Daß er von dir das Blumenkränzlein nehme! (Führt Irmgard einige Schritte zu Ofterdingen) Irmgard (zaghaft, einen Blumenkranz in der Hand, kommt gegangen) Es sind nur wilde Blumen, lieber Dichter – Ofterdingen (In tiefster Bewegung) O Irmgard, kommst du noch einmal zu mir?! (Läßt sich auf ein Knie nieder, sie krönt ihn und küßt seine Stirne. Er nimmt sie, laut aufjubelnd: »Irmgard!« auf den Arm. Stürmischer, anhaltender Beifall. Er trägt das Kind zum Thron, setzt es ab, fällt der Landgräfin zu Füßen und bricht in ein heftiges Schluchzen aus) Nehmt mich zum zweitenmal in Euren Mantel! Landgräfin Ein Kind hat Euch gekrönt! Die Engel Gottes Gehn um im Wartburghofe! Grollt nicht länger! Wolfram Ich will den Kranz nicht tragen, wenn Ihr grollt! Ofterdingen (aufspringend) Tragt ihn, Herr Wolfram! Mir laßt meinen Kranz! Mir laßt die wilden Blumen, mir den Kuß Von diesem reinen Kinde, mir die Tränen – – O Mechthild! Frau Äbtissin! Hab' ich denn Der frohen Burg solch schmerzlich Leid gefügt, Und trieb ich Euch ins Kloster, süße Frau?! (Zu allen) Ich hab' euch lieb , euch alle, darum haßt' ich! Ich wollte gern auf euren Höhen stehn Und dennoch treu sein diesem Volk der Tiefe – – (Zum Volk) O Volk, ich bin dir treu! Denn deine Kraft Hält heute Einzug auf der Herrenhöhe, Und seht, am Tor hat uns ein Kind begrüßt! ... (Küßt Mechthilds Kleid) Mechthild (legt ihm die Hand auf das Haupt) Ich danke Gott, daß ich Euch endlich schaue In diesem schwer errungnen Siegeskranz. Gebet hat Macht, glaubt mir, in alle Fernen: (Innig) Mein still Gebet wird ewig um dich sein. (Sie legt seine Hand in die Hand Wolframs und schließt die Hände der beiden Sänger segnend zusammen; dann geht sie rasch und bewegt davon. Alles ist während dieses symbolischen Vorgangs sehr ernst geworden) Klingsor (feierlich nähertretend) So stehn denn zwei Bekränzte, ehdem Feinde, Goldkranz und wilde Blumen, hold versöhnt! Kämpft nicht, ihr Meister! Beide habt ihr recht! Ob du dies Lied geschaffen oder nur Als Gold entdeckt – nicht dies ist hier die Frage, Nicht dies dein Sieg: Dein Sieg ist größer , Heinrich, Und hier ist mehr als nur ein Sängerfest ! (Zu allem Volk) Freunde, Deutschland hat Raum für alle beide, Und – wo bleibt Walther von der Vogelweide? (Winkt ihm) Walther (steht eine Stufe tiefer, reicht Wolfram und Ofterdingen die Hände hinauf) Laßt Walther eine Stufe tiefer stehen! Wolfram Herauf, mein Walther! Ofterdingen Walther, kommt herauf! Walther (zu Ofterdingen) Ich war verzagt, daß mir die Fahrt zu Klingsor So übel ausgeschlagen: Aber heute Bin ich das seligste der Menschenkinder! (Schalkhaft) Durch mich gelang das Fest – doch niemand krönt mich?! (Die Landgräfin erhebt sich und steckt ihm eine Rose an die Brust. Beifall. Er küßt ihr die Hand und stellt sich zwischen Wolfram und Ofterdingen auf gleiche Höhe) Landgraf (in die Mitte tretend, zu allen, auf die drei Sänger weisend: alle haben sich erhoben) Sagt an, ob Klingsor schlecht beraten sei: Hat Deutschland Raum für die bekränzten Drei? Für Weisheit – und für Heldenkraft, Für Zucht und Maß – für Leidenschaft, Für Parzival – für Nibelungenmord: Und auch für Walthers fröhlich-ernstes Wort? (Lebhafter Beifall) So sei der Sängerkampf ein Sänger frieden ! Gebt Zeichen, daß die Sonntagsglocken läuten! Ein Musizieren und Schalmeien sei Rund um die Burg, in ganz Thüringerland! Ihr alle bleibt mir Gäste, bis das letzte Wildbret verzehrt ist und kein Fuder Wein Im wohlgefüllten Keller übrig blieb! (Die Glocken beginnen zu läuten; Musik hebt leise an) Noch leben wir! Wir werden ewig leben Im Angedenken frommer, freier Menschen! Ja, durch Jahrzehnte, durch Jahrhunderte, Am Winterfeuer und im Sommerlied – Soll man mit Wonne singen, wie schwerer Groll und Gram An diesem Wartburg-Festtag ein wunderschönes Ende nahm! (Vorhang) Ende des »Heinrich von Ofterdingen« Urteile über Lienhards »Heinrich von Ofterdingen« (Zum ersten Male aufgeführt am Großherzoglichen Hoftheater in Weimar) (Buchausgabe: Stuttgart, Greiner \& Pfeiffer Weimarische Zeitung: » ... Der unbestrittene Erfolg , den man gestern abend Heinrich von Ofterdingen bereitet, wäre in jedem anderen Land, dessen Leuten ein vaterländischer Dichter von gleicher Kraft ein Spiel von so bodenständiger Stärke geschenkt hätte, zu einem nationalen Ereignis geworden ...« Weimarische Neueste Nachrichten: »... Das Ereignis der vorigen Woche aber war die Erstaufführung des fünfaktigen Dramas ›Heinrich von Ofterdingen‹ von Lienhard. Das Hoftheater hat sich mit der Darstellung dieses bedeutenden Werkes selbst geehrt, denn es hat damit wieder einmal einem echten lebenden Dichter das Wort auf Goethes Bühne gestattet ... Als poetische Schöpfung von echt deutscher Färbung ist das Werk eine epochemachende Erscheinung in unserer Literatur ...« Thüring. Rundschau: »... So wie Ofterdingen sein siegreiches Lied fand, hat auch Lienhard das seine gefunden. Es steht himmelhoch über den Liedern der meisten Sänger unsrer Tage . Es ist überaus reich an poetischen Feinheiten ...« Jenaische Zeitung: »... Das Publikum war sichtlich von Anfang an gepackt durch den anziehenden Stoff und die interessante und total andere Behandlung, als wir diese Legende aus dem Tannhäuser kennen. Der Applaus wurde nach jedem Akt wärmer, bis der Dichter auf der Bühne erschien ...« Deutsche Zeitung: »... Ich habe nur die Hauptlinie der Entwicklung gezeigt; das blühende Gewinde von köstlichen Volksszenen, starken Liedern und ernsten, weisen Worten, das sich um diesen Golddraht spinnt, habe ich nicht erwähnt. In ihnen zeigt sich Lienhard als köstlicher Gestalter unseres reichen deutschen Lebens . In seiner Dichtung aber gibt er mehr als die Entwicklung eines Menschen. Und zwar ist es keineswegs bloß ein Stück Literaturprogramm, sondern das Programm unserer deutschen Kultur , das hier in lebendig anschaulicher Weise vor uns ersteht ... Es war eine in jeder Hinsicht prächtige Aufführung . Und die Aufnahme? Geben wir einfach Statistik. Der Vorhang ist über zwanzigmal in die Höhe gegangen . Das Publikum war ergriffen und hingerissen ...« Die Hilfe: ... Dann kam der große Wurf des ›Heinrich von Ofterdingen‹ , und in diesem Schauspiel zeigte Lienhard, daß er Außerordentliches zu leisten vermochte. Die Erstaufführung am Weimarer Hoftheater löste Wirkungen aus, wie sie sonst nur bei Hebbel und Schiller empfunden wurden ... Es sind Klänge in diesem Drama, welche in unser Tiefstes greifen ...« Münchner Allgem. Zeitung: »... Im Drama ›Heinrich von Ofterdingen‹ befinden wir uns in der Höhezeit der ersten Blüte unsrer deutschen Dichtung. Der ungemein tiefe Zauber, der dieses Jugendalter des deutschen Volkstums umstrahlt, ist in den Gestalten dieses Dramas zu frischem und farbigem Leben erwacht. In diesem Sängerkrieg rollt sich prächtig und seelenbewegend der Kampf auf um das Recht der Kunst- und Volksdichtung. Aber dieser erleuchtet zugleich Abgründe und Höhen, die ihn zu einem Teil machen in dem ewig erneuten Streit um das Lebensproblem überhaupt und um das deutsche Lebensproblem insbesondere.« Neue Preußische Kreuzzeitung: »... Lienhards ›Heinrich von Ofterdingen‹ können wir als ein Werk hoher, reifer, ernster Kunst preisen ... Nur ein Dichter konnte dieses Werk so schreiben. Wo deutsches Dichten und deutsches Wesen noch einen Resonanzboden hat, da wird diese Dichtung wirken. Sie ist ein Gegenstück zu den Meistersingern Wagners. Und darum mußten wir ausführlicher von ihr reden.« Tägliche Rundschau: »... Welch reine Idealität des Ganzen , welcher Stimmungsgehalt , welch köstliche Volksszenen , welcher Waldduft ! Und Eisenach: unser Land, unsre Gaue, von klarem Künstlerauge gespiegelt! Aller Effekt, alles Theatralische ist vermieden ...« Kölnische Zeitung: »... Die Sprache, die sich zumeist in gebundener Form, an anderen Stellen, wo es die Situation gebietet, in charakteristischer Prosa bewegt, ist von natürlicher Frische und wirksamer Kraft. Die Charaktere sind in sich gegründet und konsequent durchgeführt, wenngleich die oder jene kühne Wendung zunächst verblüffen mag. Gelegentlich wetterleuchtet es auch wie ein Stück Romantik herein in die Handlung, in der auch die Philosophie der Geschichte zu Worte kommt. Vor allem aber atmet das Werk von echtem Dichterodem erfüllten deutschen Geist ...« Münchner Neueste Nachrichten: »Lienhards ›Heinrich von Ofterdingen‹ errang, wie schon telegraphisch gemeldet worden ist, im Weimarer Hoftheater einen starken Erfolg , der durch die hohen poetischen Schönheiten des Werkes wie seine dramatische Wucht durchaus gerechtfertigt ist ...« Die Post: »... Sicherer aber als der Beifall war ein tiefer Eindruck wahrzunehmen, den diese Dichtung ausübte. Lienhard hat mit diesem Werke ein reifes, dichterisch hochbedeutsames Drama auf die Bühne gebracht, das wert gewesen wäre, einem deutschen Publikum als eine besondere Festgabe geschenkt zu werden, denn es ist, ich möchte fast sagen, ein poetisches Ereignis ... Diese Dichtung muß einen Siegeszug über deutsche Bühnen machen. Das deutsche Volk kann ein Stück urdeutschen Dichtens hier kennen lernen ...«