Herman Bang Wechselnde Themen Reportagen– Eine Auswahl – 1881 [Herman Bang. Vekslende Themaer I–IV. Udgivet af Sten Rasmussen. Det Danske Sprog- og Litteraturselskab. C.A. Reitzels Forlag, København 2006. ISBN 978-87-7876-465-2.] © 2009. Aus dem Dänischen übersetzt von Dieter Faßnacht 30.1.1881 Von den Krankenhäusern I Ein Hauch von Absolutismus schwebt über dieser Straße. Die Häuser sind grau wie alte Eminenzen. Die Straße breit und formvollendet. Alles ist konservativ wie »die Monarchie«; die Klingelzüge, deren Glocke poltrig in einem Eingang, der leer ist, anschlägt, und deren Griff verrostet ist; die Fenster, deren Scheiben klein sind, die Torflügel, die an alten Angeln zerren, die wurmstichig und graubraun sind. Denn die alte Zeit wohnt in diesen Häusern, und die alte Zeit ist die Zeit vor 1789. Die Zeit vor 1789: 1789 leitete die Französische Revolution die bürgerliche Ära ein, indem sie den Absolutismus und die Herrschaft des Adels beendete. Deswegen sieht alles alt aus – aber genau darauf setzt man seine Ehre. Die Bürgerlichen kleben an ihren Palästen, und das Geld der Bankiers hat einzelne Häuser in dieser grauen Straße mit Gelb übertüncht. Sie haben große Fenster eingesetzt und prahlen mit italienischen Toren. Aber die Straße bleibt weiterhin grau, vornehm und ruhig. Sie wird eher noch vornehmer und noch stiller. Denn die Amaliegade Amaliegade: Bang kannte sich dort gut aus; in seinen beiden ersten Kopenhagener Jahren (1875-1877) wohnte er bei seinem Großvater, dem emeritierten königlichen Leibarzt Oluf Bang; der Großvater wohnte bis zu seinem Tode 1877 in der Amaliegade (schräg gegenüber dem Casino; das Haus steht nicht mehr). ist schon immer unsere ruhigste Straße. Die Masse meidet sie. In der Nähe des Hauptzollamts, des Hafens und der Langelinie konnte sie das verbindende Glied sein, wo Platz für die Spaziergänger, Platz für den Verkehr ist, sie ist breit genug! Und doch macht eine beständige Leere nur ihre Gehwege breiter, wie sie diese auch unter den Kolonnaden an Friedrich V. Friedrich V: Reiterstatue von J.F.J. Saly, 1771 auf dem Schloßplatz von Amalienborg aufgeführt. vorbei verlängert, in eine lange, langweilige Unendlichkeit. Die Häuser schweigen wie die Straße, schweigen voller Respekt, als wüßten sie, daß sie nur eine Einfahrt bildeten: durch diese Straße gelangt man zum königlichen Hof. Und dessen milde Stiftungen mehren ihre Würde: das königliche Frederiksspital Das königliche Frederikshospital: Det Kongelige Frederiks Hospital, befand sich zwischen Bredgade und Amaliegade, erbaut 1752-1757. 1759-1787 wurde einer seiner zwei Pavillons an der Amaliegade als Entbindungsanstalt genutzt. 1910 wurde der Spitalsbetrieb in den veralteten Gebäuden eingestellt und als Rigshospital im Blegdamsvej (Nähe Østerfælled) weitergeführt. Seit 1926 ist in den Gebäuden das Dänische Kunsthandwerksmuseum eingerichtet. mit seinen Gittern und Palasthöfen, die Steinwand des Allgemeinen Hospitals, Das Allgemeine Hospital: »Almindeligt Hospital« wurde 1768 ebenfalls in der Amaliegade in Betrieb genommen; nach Erweiterungen umfaßte es eine Krankenabteilung, eine Armenstiftung und eine Abteilung für Geschlechtskrankheiten (Abteilung für »Hautkrankheiten« genannt). Nachdem 1863 gegenüber dem heutigen botanischen Garten das Kommune-Hospital eröffnet wurde, nahm die Krankenabteilung nur noch Stiftsbewohner und chronisch Kranke sowie (bis 1886) geschlechtskranke Prostituierte auf. 1892 wurde der Betrieb ganz eingestellt, als das Allgemeine Hospital in die Nørre Allé zog. Heute befindet sich das Rigshospital (»Universitätsklinik«) dort. die königliche Armenentbindungsanstalt, Armenentbindungsanstalt: »Fødselsstiftelsen« wurde 1759 errichtet; die Stiftung diente ledigen Müttern zur anonymen Entbindung. Ein Säuglingspflegeheim, das 1770 zu einem Kleinkinderheim (Kinder bis zu 6 Jahren) erweitert wurde, war als eigene Stiftung räumlich mit der Fødselsstiftelsen verbunden. grau und schwer – all dies entspringt der Freigiebigkeit des Absolutismus. Nicht ohne Absicht baute der Absolutismus diese Stiftungen der Barmherzigkeit in seiner eigenen Straße. Vielleicht ist es die Lust am Gegensatz, die ihn geleitet hat: Die Leiden des Nächsten sind das schlechte Gewissen des Glücks, und sie beständig vor Augen zu haben, regt auf. Vielleicht ist es die Lust gewesen, seine eigene Barmherzigkeit zu genießen, sie jeden Tag vor Augen zu haben. Es dürfte schön gewesen sein, an den Stadthäusern, die die eigene Barmherzigkeit und die der Väter errichtet hatten, so oft vorbei- und wieder zurückzufahren. Deswegen liegt die vornehme Straße jetzt still da, Palais an Palais. Und alles ist still, alles ist grau, alles ist gedämpft, sowohl die Vornehmheit als auch die Barmherzigkeit, die eine Bleibe für die Leidenden geschaffen hatte. Selbst jetzt, wo es ganz gewöhnlich dem Armenwesen unterstellt ist, ist das Allgemeine Hospital von seinem Ursprung geprägt; das Königliche Frederiksspital ist geschlossen und diskret wie Schimmelmanns Palais oder die Thottsche Residenz. Die Entbindungsanstalt erinnert an ein Kloster. Die Gebäude starren einander richtiggehend an, das »Allgemeine« und »die Entbindungsanstalt«. Für viele war vielleicht das Leben nur ein Schritt auf die andere Straßenseite – geboren, wo Obdachlose geboren werden, gestorben, wo Obdachlose sterben. – Diese beiden Häuser könnten viel erzählen: Dramen, die Sentimentalität ausschmücken könnte, traurige Geschichten, worüber Empfindsame Tränen vergießen, auch Unglücksfälle, die auch den einen oder anderen Hartherzigen zum Schaudern bringen; Geschichten vielleicht von Sorgen, vielleicht von Kummer, von Leuten, die ohne Freude geboren wurden, und Leuten, für die das Sterben so schwierig war, obwohl schon ihr Leben eine einzige Beschwer war; Menschen, die mit einem Fluch geboren wurden, und Menschen, die mit der Frage starben, warum sie überhaupt auf die Welt gekommen waren … All dies erzählen sie dem, der es schätzt, das Unglück in kleinen Portionen zu genießen wie Zuckerpillen, die die Sentimentalität versüßt. Erzählen sie es auch denen, ernst und eindrücklich, für die das menschliche Elend eine harte und bittere Notwendigkeit ist, die nur barmherzige Taten mildern können. Für andere – die Ruhigsten – sind diese Häuser Anstalten, bürokratisch schöne Einrichtungen, wo man das Unglück verwaltet, wo man diskret das Elend behebt und wo man Grund dazu hat, sich über die schmucke Ordnung zu freuen. Vielleicht haben diese Ruhigen am meisten Recht. * Der Wachhabende erhob sich zerstreut von seiner Arbeit, bei der er gebückt über einem großen Protokollbuch saß. Er schob die Pfeife in den linken Mundwinkel und fragte in diesem eigentümlich grauen, etwas schnarrenden Ton, der Beamten in den Ministerien und bei der Post eigen ist: »Sie wünschen?« »Ich würde gerne das Krankenhaus sehen.« »Möchten Sie einen Patienten besuchen?« »Nein – ich will keinen Patienten besuchen.« Ich versuchte, ihm zu erklären, warum ich gekommen war und daß ich das Krankenhaus besichtigen möchte, um darüber zu schreiben. »Ich möchte auch einmal erzählen, was wirklich für die Armen getan wird«, fügte ich hinzu. Wir verstanden einander gleich. Das Krankenhaus war von 2-6 Uhr geöffnet, also gerade jetzt. Ob ich eine Begleitung wünschte? Ich wollte aber am liebsten alleine gehen. Die Inspektoren, Wachhabenden und Ärzte tun sich nun einmal weitaus schwerer damit, die Wahrheit zu erfahren und die Verhältnisse richtig einzuschätzen als ein Fremder. Wenn aber meine Besichtigung beendet sei, würde ich gerne Auskünfte einholen. »Also au revoir – und denken Sie daran, es handelt sich um eine Einrichtung der Armenfürsorge«, sagte der wachhabende Beamte. Ich ging durch das Büro nach draußen – sechs, acht Häupter beugten sich über ellendicke Protokollbücher, die Federn kratzten. Drüben am Ofen saß eine alte Frau, in einen Schal gehüllt. Ein paar Weißhaarige mit den Holzschuhen in der Hand standen in der Tür und warteten auf die Ausgeherlaubnis. Und die Federn kratzten, man wandte die Protokollblätter. Die Uhr tickte. Es war das Büro. Die Flure sind eng, ziemlich dunkel, die Luft ist weder von Apothekengeruch noch von Karbolwasser geschwängert. Man stellt sich unter Krankenhausgeruch etwas anderes vor: durchdringender, schärfer, reine, desinfizierte Luft, die an allem haftet, an der Kleidung und allem, und die man mit sich nach Hause schleppt und noch lange in der Nase hat. Oder sie kann schwül, stickig und schwer sein, wie von Ausdünstungen und Tod und allerlei Medizin gesättigt, eine solche Luft, wie sie die Pflegerinnen lieben, aber Hygiene verabscheuen. Hier aber ist es anders. Etwas kalt und feucht scheint die Luft auf dem dunklen Flur längs der Krankensäle zu sein, vielleicht ein bißchen, das an Armenluft erinnert und ihr gleicht, kann man spüren. Ein vereinzelter Besucher geht durch die niedrigen numerierten Türen ein und aus, eine Pflegerin huscht mit diesem schattenhaften Filzschuhgang vorbei, der den meisten Pflegerinnen eigen ist, die auch immer mit süßlich-gedämpfter Stimme sprechen, und deren Sprechen den Patienten in Baumwolle hüllt, während ihr ganzes Wesen Filzschuhen und deren Gang gleicht. Die meisten – denn es gibt noch eine andere Art, virile Damen, schwer, rotbackig, die vor Gesundheit strotzen, mit zufriedenem Lächeln, gut beieinander, die den Patienten hart behandeln, um ihn abzuhärten. Aber beide Arten von Pflegerinnen halten viel von Kaffee und verfügen über einen großen Appetit: Sonst könnten sie niemals so viele »Reste der Patienten« verspeisen. Die Krankensäle sind sauber, die Betten gut. Es ist das übliche Krankenhaus-Aussehen: Bett an Bett, zwischen den Betten ein Stuhl. Und läßt man sein Auge über die Reihe schweifen, sieht man von Kopfkissen zu Kopfkissen bleiche Gesichter. Die Krankheitsgeschichten sind hier fast überall dieselben: Man sieht hauptsächlich nur chronische Krankheiten; Altersschwäche nennt man hier meist die Krankheit, und man stirbt, wenn man nicht mehr länger leben kann. Dies macht das Ganze etwas einförmig. Hier wimmert man mehr als daß man schreit. Sieht man jedoch genauer hin, findet man in diesen Gesichtern Unterschiede. Dieses da ist häßlich: die Unterlippe hängt blutig und schlaff um ein paar Zähne, die das Alter im Mund lang gemacht hat, und das Zahnfleisch scheint um die Zahnwurzeln weggetrocknet zu sein. Die Augenhöhlen bargen einmal Augen: Jetzt ist diese Haut tot und ausgelöscht. Die Kranke bewegt sich, und während sie auf den Vorbeigehenden sieht, wimmert sie leise und verzerrt den Mund, der vorher schon so häßlich war. Dieses Gesicht ist so weiß wie das Haar, leuchtend weiß wie das Alter in kitschigen Gemälden, wo sterbende Väter ihre Kinder segnen – jenes Gesicht gefurcht wie mit einem Netz von Runzeln, haarfein oder maskenartig, wie ein Schleier über Gesichtszüge gelegt, die man unter dem Schleier errät – jenes Gesicht ist verwischt, als ob Schwäche oder das fliehende Leben nach und nach sowohl Gesichtszüge als auch Eigenart weggewischt hätten. – So sieht man in der Reihe der Betten Gesicht auf Gesicht, während man durch die vollen Säle geht. Denn in jedem Saal sind viele Betten. Die Pflegerinnen laufen geschäftig umher, an dem einen oder anderen Bett haben Besucher Platz genommen. Dort sitzt eine ganze Familie. Ihre vier Kinder sind ärmlich gekleidet und frieren selbst hier in der Wärme; sie umklammern das Bett. Die Kranke hat sich aufgerichtet: sie hat das kleinste Kind zu sich genommen, um es aufzuwärmen, die anderen streiten sich um ihre Arme, sie wollen alle ihren Anteil haben. Die älteste Tochter sitzt an der Seite auf dem Stuhl. Ein Bild stiller Verzagtheit. – Man trifft Gesichter, die das Leiden verschönt, man sieht Züge, die der Kummer verwittern ließ, fast überall trifft man jedoch auf das Alter. Am gemütlichsten ist es in den Sälen der Frauen, sie sind sauberer, hübscher. Männer sind so häßlich, wenn sie leiden. Zwischen den Sälen gibt es zwei Säle für Kinder. Sie sind am ungemütlichsten, es ist immer traurig, Kinder leiden zu sehen, und diese Kinder noch mehr als andere. Es dünkt einem, als ob die Kleinen die Opfer des Elends seien, schwache Pflänzchen, in Feuchtigkeit und Schatten groß geworden. Geistesschwache Kinder, Schwächliche, arme Tröpfe, die einem leid tun, weil sie als Stiefkinder der Schöpfung auf die Welt kamen. Und doch kümmert man sich um diese Kleinen: Sie lernen, was sie können, man wuchert mit ihrem Talent so weit wie möglich. – Man behauptet doch, daß sie zufrieden seien. Warum sollte man sich dann grämen, wenn man durch ihre Säle geht? Oder ist es nur der Schönheitssinn, der Anstoß nimmt, wenn wir uns von diesen Gesichtern mit den großen Mündern und den zusammengedrückten Stirnen abwenden? Von den verkrüppelten Gestalten, deren Arme verrenkt sind, deren Glieder traurig zerstört sind? Vielleicht am ehesten. Wir nennen jedoch unseren Abscheu Mitleid. Wir gehen von Saal zu Saal, und wir stoßen überall auf den gleichen Anblick. An einer Stelle ist eine graugelbe spanische Wand um das Bett gestellt. Als ich dies zum ersten Mal sehe, beuge ich mich vor, um hineinzuschauen. Die Pflegerin taucht auf: Sie »kleidet« einen Toten hinter der Wand. Wo diese spanischen Wände stehen, ist es immer ruhiger im Saal. Es ist nun einmal so, daß man gerne sein Vaterunser betet, wenn der Nachbar verstorben ist. Ich gehe durch den Flur. Der diensthabende Arzt bietet mir wohlwollende Begleitung an. »Alles ist kostenlos«, sagt er, »denken Sie daran.« Und man muß daran denken. Wenn einem bewußt wird, aus was für einem Leben viele dieser Kranken kommen! Aus einem Leben unter ewigem Druck, meist in Armut, manchmal in Not, vielleicht haben sie in der Nachbarschaft des Hungers gelebt, ganz sicher haben sie ihr Brot mit Schweiß verdient. Kinder des Schattens draußen im Dasein. Und nun läßt sie die Armenfürsorge so anständig leiden und sterben. Muß man sich dann darüber wundern, daß die Kranken finden, der Aufenthalt hier sei ein friedlicher Abend nach einem unruhigen Tag? Die späte Barmherzigkeit wird zur Versöhnung mit dem ganzen Leben. Es gibt zwei Abteilungen im Krankenhaus: die Abteilung der Insassen und die Krankenabteilung. Die letztere hat zwei Unterabteilungen: die erste für Patienten mit chronischen Krankheiten, die zweite für Patienten mit Hautkrankheiten. Die Verpflegung soll jetzt gut sein. Ich drehe mich noch einmal um, bevor ich den letzten Saal verlasse, und ich werfe einen letzten Blick durch den Raum. Die Köpfe auf den Kissen, die Hände gefaltet. Einer hustet, die Pflegerin kommt hinter der spanischen Wand ganz hinten hervor. »Es sind etwas zu viele Betten«, sagt der Arzt, der glaubt, ich zählte die Betten. Dann gehen wir hinüber in die Abteilung der Heimbewohner. Man kennt die Insassen des Hospitals. Alle diese zitternden Alten, Männer und Frauen, einige blind, andere taub, alle hinfällig, die sich an Stöcken und Krücken humpelnd donnerstags die vornehme Straße hinabwinden und sich über die Stadt verteilen, um zu betteln. Eine jammernde Schar, die die Freigiebigkeit unserer Westentasche beschwören und sich wie Heuschrecken ausbreiten. Sie gehen in die feinen Geschäfte und bleiben an der Tür stehen, geduckt, als bäten sie um Verzeihung, und sie tragen sowohl ihre Bitte als auch ihren Dank jammernd vor. Alles in allem sind sie weder besonders angenehm noch ansprechend, meist einfach nur störend. Aber das »Allgemeine Hospital« nur von diesem Gang in die Stadt zu beurteilen, ist ungerecht: Im Krankenhaus sieht es besser aus. Die Räume sind fast gemütlich. Mitten im größten Saal steht ein Kachelofen, unzählige Kaffeetassen hat man auf seinen Rand gestellt. Man trinkt hier viel Kaffee. »Zweimal täglich müssen sie ihren Kaffee haben«, sagt der Arzt, »sonst können sie nicht leben.« »Es ist eine Leidenschaft.« »Ja – und wie alle Leidenschaften, aus der Nähe betrachtet, eine Gewohnheit. Erinnern Sie sich daran, bevor sie hierher kamen, lebten sie hauptsächlich von Butterbrot und gekochten Kartoffeln: Der Kaffee war die Würze. Jetzt bekommen sie jedoch warmes Essen, zwei Gerichte zu Mittag – aber die Gewohnheit mit dem Kaffee hält sich. Früher aus Notwendigkeit, heute als Luxus.« Die Alten nähen oder stricken. Sie sind oft fleißig, ihre Arbeit wird ja von der Anstalt bezahlt, alle Bettlaken und Kopfkissen werden hier genäht und gesäumt. Samstags erhalten sie ihren Lohn ausbezahlt, zusätzlich zu ihrem Taschengeld. Dieses Taschengeld ist unterschiedlich hoch: Die Jüngeren bekommen 35, die Älteren 40 und die Ältesten 50 Öre Öre: Seit 1873 war die Krone in 100 Öre unterteilt; die (heutige) Kaufkraft einer Krone kann mit 7-8 € angesetzt werden. wöchentlich. Das ist ihr Taschengeld. Hier drinnen bei den Frauen wird dieses Geld meistens für Kaffee und Wäsche ausgegeben. Das Krankenhaus wäscht keine Kleider und Schürzen, und selbst wenn man alt ist, möchte man doch gerne hübsch sein. Der Schatz an Schmuck wird in den Kommoden versteckt. Diese stehen am Fußende eines jeden Bettes mit einem blütenweißen Tuch darüber. Sie gleichen Altären, diese Kommoden. Man sieht, sie sind unantastbar genauso wie ihre kleinen Sachen, Kaffeetassen mit einem »Willkommen« in unechter Vergoldung, Zuckerschälchen aus Glas, kleine Porzellanfiguren, Hirten oder Hirtinnen oder Thorvaldsens Christus , Thorvaldsens Christus: Nachbildung der Christusfigur Thorvaldsens im Kopenhagener Dom. den man kaum wiedererkennt; kleine Verse und diese durchbrochenen Schälchen für Stecknadeln und Nadelkissen aus Baumwollsamt, ausgespannt zwischen kleinen aufgeklebten Muscheln, Porträts in Papprahmen: entweder Kinder oder die Herrschaft, bei der man gedient hatte. Alle mit weichen Zügen und gelb. Hie und da sind auch getrocknete Blumen und eine blitzende Kaffeekanne aus Messing oder eine Teemaschine. Alles aber leuchtet, und alles ist zierlich. Die eine oder andere sitzt auch auf ihrem Holzstuhl und kramt in ihren heiligen Schubladen: sie bergen viel, Mäntel, alte Bänder, ein schwarzes Kleid, weiße Schürzen, Reste von Blumenfedern, einen alten Hut. Was für Hüte! Alte Hüte aus allen Zeiten – große aus der Revolutionszeit, diese Ungeheuer, breit wie Fallschirme, in denen man wegflog, wenn man sie aufhatte; kleine, schwarze Seidenhüte wie Hauben, die man sich in den Nacken setzt, mit Blumen überall und einer großen Feder, die bis zur Stirne hinab schwingt. Und die Farben sind so schreiend wie die Maskeradentrachten in einem Trödelladen, und man hat guten Willens grün mit hellem Lila kombiniert. Schachteln bergen diese Schubladen, alte Kissen, gestickte Krägen, Schnurrpfeifereien und Totenhemden, Jacken und Unterröcke, alles durcheinander. Und vor allem Erinnerungen! Aber hübsch ist dieser kunterbunte Inhalt, den man jeden Tag umräumen kann. Denn sie können ja nicht arbeiten. Sie sitzen herum, vielleicht etwas hilflos, aber sie haben es warm, sie haben ihr Bett mit Deckbett und die Kommode. Die Armenfürsorge ist eine sehr nützliche Einrichtung, und man sollte sich davor hüten, eine Gesellschaft, die ihre Armen einen sorglosen Abend in diesem freundlichen Raum genießen läßt, zu schonungslos zu tadeln. Ein älteres Fräulein war im »Allgemeinen Hospital« aufgenommen worden, und ich fragte sie, wie zufrieden sie war. »Doch«, antwortete sie, »nun muß ich mich ja um nichts mehr kümmern.« »Nein, das stimmt, aber ob sie wirklich so zufrieden sei?« »Ja, nun kann ich fröhlich zu Bett gehen – am nächsten Morgen ist ja für mich gesorgt.« Dann weinte das Fräulein etwas, alte Fräulein weinen ja schnell. »Wäre ich doch nur schon vor zwanzig Jahren hierher gekommen!« sagte sie. Aber das wäre unmöglich gewesen – da war der Abend noch nicht angebrochen. Drinnen bei den Männern sieht es dürftiger aus. Männer machen es sich nicht gemütlich, und sie machen sich auch nicht hübsch. Außerdem trifft man hier drinnen auch eine Schattenseite stärker. Die Insassen sind ja alt, die meisten – aber auch nur die meisten – sind würdevoll. Die alten Frauen können sich meistens selbst beschäftigen, auch wenn sie nicht mehr arbeiten können. Sie beschäftigen sich mit ihrer Kommode, mit ihrem Bett, wie sie sich früher in ihrem Haus beschäftigt haben; sie wühlen in den Schubladen der Kommoden, sie machen sich schön. So vergeht die Zeit. Für die Männer ist es schwieriger. Wohl verfügt das Krankenhaus über Werkstätten, und alle Arbeit, die im Gebäude anfällt, wird von den Insassen erledigt, sowohl Malerarbeiten als auch Schmiede-, Glaser- und Spenglerarbeiten. Es gibt jedoch viele, die nicht arbeiten können. Denken Sie daran, wie sie hier ankommen! Die meisten sind vom Alter abgestumpft; einige vom Leben, das zu ertragen und mit dem sich abzumühen schwer war; alle sind Geschlagene des Daseins, und die, die nicht schwach sind, sind zumindest müde. So sitzen sie herum, und die Trunksucht bietet sich als Zerstreuung im Nichtstun an. »Einige kommen schon als Trunkenbolde hierher«, sagte man mir, »andere werden während ihrer regelmäßigen Ausflüge zu Trinkern.« Und es ist leicht zu verstehen, denn einförmig muß das Leben zwischen diesen beiden Betten, die halb an diesen Stuhl gebunden sind, sein. Man hilft der Einförmigkeit ab, indem man sich die Tage verkürzt und früh zu Bett geht. Um 4, 5 Uhr begibt man sich zur Ruhe. Man döst dahin, wenn man noch nicht schlafen kann, und dieses Dösen, in dem man lebt, wird zu guter Letzt zu einem gewissen dolce far niente, das vielleicht verblödet, sicher jedoch zufrieden macht. In der übrigen Zeit liest man viel. Und Zeitung lesen kostet viel Zeit, wenn das Sehvermögen schwach ist und das Begreifen noch schwächer. – Das ist die Heimbewohnerabteilung des Krankenhauses. Drüben in der Zweigstelle in der Bredgade, dem Arbeitshaus Holmen, leben, so weit ich weiß, etwa 200 Menschen; im Armenhaus gibt es eine Abteilung für Trunksüchtige und streitsüchtige Insassen. Aber man sagt, am besten sei es im Krankenhaus. Das scheint wirklich so zu sein. Und nachdem ich so lange durch all dieses Elend, gegenüber dem man machtlos ist, gewandert bin, tut es einem gut zu sehen, daß man zumindest dafür sorgt, den Lebensabend angenehm zu gestalten und den Menschen Sorgenfreiheit zu schenken, für die Sorgenfreiheit Glück bedeutet. Hier herrscht für diese Menschen Ruhe nach dem Sturm. * Für viele – die Ruhigsten – sind diese Häuser Anstalten, bürokratisch, hübsche Einrichtungen, wo man das Unglück verwaltet, wo man diskret dem Elend Einhalt gebietet, und wo man Grund hat, sich über die wohlgelungene Ordnung zu freuen. Haben diese Nüchterndenkenden nicht Recht? 13.2.1881 Père Félix (Célestin Joseph Félix) Einführung: Célestin Joseph Félix (1810–1891) war ein französischer Jesuit und als Rhetoriker zu seiner Zeit berühmt. Geboren in Neuville-sur-l'Escaut (Nordfrankreich) studierte er in Cambrai. 1833 wurde er zum Professor für Rhetorik ernannt; zugleich erhielt er die niederen Weihen. 1837 trat er in den Jesuitenorden ein. In Brugelettes studierte er Philosophie und Naturwissenschaft. Seine theologischen Studien führte er in Löwen zu Ende. 1842 erfolgte die Priesterweihe, verbunden mit der Professur für Rhetorik und Philosophie in Brugelettes (Wallonien/Belgien).1850 wurde er nach Amiens berufen; seine Fasten- und Adventspredigten an der dortigen Kathedrale machten ihn berühmt, so daß er bereits 1851 nach Paris, zuerst an die Kirche Saint-Thomas-d'Aquin, dann aber 1852 an die Kirche Saint-Germain-des-Prés, berufen wurde. Von 1853–1870 war er berühmter Prediger an Notre-Dame in Paris. 1856 erschien sein berühmtetes Werk in fünfzehn Bänden: »Progrès par le Christianisme«, eine Sammlung von Fastenpredigten. Große dogmatische Genauigkeit und weiter Überblick kennzeichnen das Werk. 1867–1883 hielt er sich in Nancy auf, 1883–1891 in Lille. Der berühmte Jesuit predigte in fast allen Kathedralen Frankreichs und Belgiens. 1881 besuchte er Kopenhagen, um dort Adventsexerzitien einzuführen. Die Rhetorik von Père Félix glänzte mit Klarheit, kraftvoller Logik, und Pathos, aber auch Salbung. An jenem Tag waberte starker Weihrauchduft durch die Kirche. Auf den Altären brannten die Kerzen. Sonst war alles ganz einfach gewesen, die Kerzen waren nicht angezündet, die Weihrauchfässer leer, der Chorgesang dürftig. Aber heute war Sankt-Ansgars-Fest, Sankt-Ansgars-Fest: Gedenktag des heiligen Ansgar am 3. Februar. Ansgar lebte von 801–865. Er gilt als Missionar und Apostel des Nordens. Ursprünglich Benerdiktinermönch, wurde er 831 Erzbischof des Missionserzbistums Hamburg. Nach der Zerstörung der Stadt 845 Erzbischof von Hamburg-Bremen. Als Missionar Dänemarks und Schwedens ist er in die Kirchengeschichte eingegangen. das Fest des Schutzpatrons der Kirche, er, der auf dem rechten Seitenaltar mit der dänischen Kirche in seiner Hand dargestellt ist. Deswegen waren auch Banner im Mittelgang, und der Chorgesang war länger und reicher. Sowohl der Weihrauch als auch die Altäre und der Gesang erzählten uns, daß wir in einer katholischen Kirche waren. Und ob es nun ein Zufall oder ein Gedanke waren, alles paßte gut zu Pater Félix' letztem Auftreten. Der Zulauf war auch größer als vorher, man stand den ganzen Gang hinab, und auf den Stühlen rückte man zusammen, während die Gemeinde gegenüber der Neugierde Höflich-keit erwies. Denn nach und nach hatte Pater Félix viele Neugierige in der Sankt-Ansgar-Kapelle versammelt. »Am Anfang beachtete man mich nicht«, sagte er mir mit einem leisen Lächeln auf den Lippen während einem unserer Gespräche, »man glaubte wohl, ich sei gekommen, um Propaganda zu machen. Dies hätte ich als unsinnig angesehen.« … »Und unklug«, fügte ich hinzu. »Ganz sicher. Außerdem bin ich einfach gekommen, um die Neujahrswünsche der Kirche zu überbringen – das ist meine ganze Aufgabe. Aber es freut mich natürlich trotzdem, Zuhörer zu finden: in unserer Zeit gibt es nur zwei Parteien, die der Revolution und die der Ordnung; wir gehören zu der der Ordnung.« Und während er sich im Stuhl zurücklehnte und sich an seinem Gebetbuch zu schaffen machte, begann er, von dem Mangel an Ehrerbietung in unserer Zeit zu sprechen. Es war interessant, ihn beim Sprechen anzuschauen. Dieses Gummiballgesicht, das je nach Stimmung seinen Ausdruck änderte, dessen Falten sich bei einem Lächeln glätteten und dann wieder sich zusammenzogen wie Furchen um den Mund, um den Ernst tiefer zu machen, indem er ihn mit einem Glanz von Leiden umgab. Er verstand es gleichermaßen, zuzuhören und zu sprechen, und sein Ausdruck wechselte von höflicher Verbindlichkeit zu fast väterlicher Teilnahme. Es waren die Augen, die ihm diesen Ausdruck verliehen. Sie waren groß, blauschwarz. Sein Blick war immer wach. Sprach er über Frankreich oder die heilige Kirche, konnte sein Blick sich verschleiern, und hinter diesem Verschleierten erglomm ein Funke, der sofort wieder erlosch. Man konnte nur schwer herausfinden, ob es für Pater Félix anstrengend war, diesen Funken zu entzünden oder zu löschen. Sein Ton und sein Ausdruck änderten sich dauernd, nur eines vermied er: Er wurde nie ölig, nie salbungsvoll. Erhabenheit zeigte sich nur als kurzes Pathos, dessen Ton wieder in gedämpfte Konversation überging. Es war interessant, ihm zuzuhören. Er verfügte in hohem Grad über die Kunst der Rede, und alles streifend kreiste er immer um dasselbe: die Autorität. Im Gespräch wie auch in seiner Predigt spielte er mit dem Gespenst der Revolution, das für ihn das Gespenst des Unglaubens war, und er wies beständig auf die einzige Rettung hin: die Autorität. »Und hinter der Autorität versteckten Sie letzten Sonntag den Katholizismus«, sagte ich nach einer seiner letzten Predigten. Er sah mich von der Seite schnell an, einen kurzen Augenblick ein blitzschnelles, wachsames Erstaunen, womit er gleichsam meine Einstellung zu sich einschätzte. Dann sagte er mit einem fast unmerklichen Lächeln: »Ich habe ihn nicht erwähnt.« Danach aber ging sein Gespräch auf neutralere Gebiete. Er hatte den Artikel im »Dagblad« »Dagblad«: Bang erwähnt hier den Artikel »Drei Theaterneuigkeiten aus Paris I« im Dagblad vom 3.2.1881. Der Artikel handelt von Busnachs überaus realistischer Dramatisierung des Romans Nana (1880) von Zola; der Artikel kritisiert diese heftig, distanziert sich jedoch nicht ganz, was zweifellos den Ausbruch des Paters erklärt. gelesen, einer der Brüder hatte ihn übersetzt. Die Rede kam dann auf Zola. Zola: Émile Zola (1840–1902): französischer Schriftsteller, Hauptvertreter des literarischen französischen Naturalismus. »Voilà l'infamie dans la littérature« , »Voilà l'infamie dans la littérature«: (franz.) »Hier ist die Niedertracht in der Literatur«. brach es verbittert aus ihm heraus. Als wir uns das letzte Mal unterhielten, war er sehr aufgeräumt. Er sprach schneller, mehr und mit stärkeren Worten. Aber ich hatte das Gefühl, er führe mich über tausend Umwege zu einem bestimmten Ziel. Und seine Unterhaltung, die lustiger war als zuvor, sollte dies bemänteln. Er redete über die Freiheit und die Freiheit der Diskussion. Er nannte en passant En passant: (franz.) Im Vorbeigehen. den Protestantismus la religion de la liberté . La religion de la liberté: (franz.) Die Religion der Freiheit. Nach einem neuen verbindenden Gedanken hob er hervor, daß diese Freiheit mit den Grundsätzen der Religion unvereinbar sei, und er sah darin eine Entschuldigung für die geringe Lust meiner Landsleute, ihren Glauben zu diskutieren. Ich antwortete mit einem Lächeln, aber bei mir selbst dachte ich, daß wohl nicht viele Lust hatten, sich mit diesem Meister des Wortes anzulegen, der bald seine Sätze Pfeilspitzen sein läßt, bald enttäuschende Bilder ein Schilddach über einem Sophismus Sophismus: Fehlschluß, Trugschluß. bilden läßt. Er faßte mein Lächeln jedoch als Zugeständnis auf, und als ob er in diesem Augenblick nie vorher daran gedacht hätte, sagte er mit leichter Betonung, so wie ein Schauspieler eine Pointe legato singt, gerade wenn er sie fallen läßt: »Ich hoffe trotzdem, daß man mich nicht verärgert aufnimmt, wenn ich morgen zum Abschied die katholische Lehre darlege.« »Das wäre ja nur natürlich«, antwortete ich und dachte an die Mission mit den Neujahrsglückwünschen. Der Pater hielt die Augen einen Augenblick geschlossen. Nun öffnete er sie wieder, und während er sich ganz nach vorne beugte und die Stimme ein tiefes Timbre Timbre: Färbung, charakteristische Klangfarbe. annahm, sagte er: »Zuallererst bin ich Christ, dann Katholik.« Kurz danach ging ich. Aber in den nächsten vierundzwanzig Stunden war ich – ich gebe es zu – sehr neugierig. Und meine Erwartung wurde nicht enttäuscht. Der »Abschied« von Père Félix war ein echtes Meisterstück. In der letzten Zeit seines Aufenthaltes war Père Félix modern geworden. Es war nicht nur der wachsende Zuhörerkreis, der wuchs und dauernd bunter wurde, während er alle Zusätze entgegennahm; die Mode bringt alles, worauf sie ihren Blick wirft, und die hier nach und nach ganz das Charakteristische der Andächtigen in der Ansgarkapelle tilgte. Nun verschwanden die südländischen Gesichter, die man am meisten in der Kirche trifft, Emigranten, Fremde, Hotelgäste. Man begegnete nur noch gelegentlich diesen fremden Gesichtern. Nur einzelne bekreuzigten sich am Weihwasserbecken, und ginge man durch die Reihen, würde man mehr als einmal an eine Erstaufführung erinnert, denn es war dasselbe Publikum, dieselben Gesichter. Die wenigen Nonnen, die in ihrer andächtigen Unberührtheit mitten in all dieser Weltlichkeit zusammenzuschrumpfen schienen, verließen stellenweise die vollen Bänke, wo reichverzierte Hüte mit perlenbesetzten Mänteln und seidengefütterten Kapuzen wetteiferten. Es war, als ob die verstreuten Katholiken sich hinter ihrer Andacht wie einer Schutzmauer verbarrikadierten; einige schlossen sich in ihrem Katholizismus mit einem überlegenen Lächeln ein, andere mit etwas, das einer Scheu glich. Schauen Sie sich diesen blauschwarzen Petit Maître Petit Maître: (franz.) Stutzer, Stenz. an! Er kniete mit seiner Schwester andächtiger vor dem Altar nieder als irgendein anderer; er bekreuzigt sich, bevor er sich setzt. Dann verfällt er in Andacht. Aber während der Gebete wacht sein Blick, das einzige, was in diesem vornehmen kalten Gesicht zu leben scheint, über alles um sich; und es ist nicht allein Würde, sondern Fanatismus, der um diese Lippen spielt, die nervös unter einer eisernen Maske zittern. Solche jungen Leute trifft man überall im Ausland. Eine vornehme Jugend, versteinert in der Korrektheit der Jesuitenkollegien. Oder diese Armen! Sie sind sicher noch nicht lange im Land, mit brauner Gesichtsfarbe und schwarzen Haaren; in ihren Mänteln frierend verbergen sie sich in der Schar, die gekommen ist, um ihre Andacht zu stören und um Französisch zu lernen. Denn viele kamen, um Französisch zu lernen, und Sprachkundige, die weiterkommen wollten, bildeten einen Großteil der Zuhörer, die täglich mehr wurden. Aber wie schon gesagt, nicht nur der Kreis der Zuhörer wuchs um den Pater, auch die Zeitungen begannen, sich mit ihm zu beschäftigen. Dies war angemessen. Eine der Großmächte der modernen Kämpfe Eine der Großmächte der modernen Kämpfe: Vielleicht ein sarkastischer Hinweis auf das radikale Satireblatt »Ravnen«, das Herman Bang zu seinen Lieblingsopfern zählte. hatte einen Repräsentanten hierher geschickt, und der Repräsentant war der Sache würdig. Natürlich deswegen, weil die Blätter seinem Wirken folgten. Unangemessen dagegen, aus dem Pater eine große Nummer zu machen; ihn mit pathetisch vorgetragenen Äußerungen zu verfolgen, dürfte das Dümmste von allem sein. Denen, die aus seinem Auftreten eine Parteinummer machen wollten, muß man das Vergnügen wohl überlassen: Die Parteien ziehen ihren Standpunkt ein für alle Mal ins Lächerliche, und man errichtet Barrikaden, von denen aus man wie Don Quichote mit den Windmühlen kämpft. Man tut es nur um der Schlägerei willen. Die Bedächtigen könnten den Pater und seine Sache anders sehen, vielleicht auf diese Weise. Man kann ohne weiteres zugestehen, daß er kam, um Propaganda zu machen, und daß die Neujahrsglückwünsche nur ein Vorwand waren. Aber genauso gut muß man einräumen, daß diese Propaganda nicht besonders gefährlich war und daß man sie ganz ruhig ignorieren konnte. Der Grund dafür liegt nahe. Pater Félix ist ganz gewiß ein hervorragender Vertreter seiner Glaubensrichtung, und es bot sich genügend Gelegenheit, seine Tüchtigkeit zu bewundern, aber als Apostel für uns, als katholischer Missionar bei uns, war dieser philosophisch gebildete Jesuit nur wenig wert, und sein Kampf und sein Ringen wurden zu Kämpfen und Schlägen in die Luft. Tatsache ist, daß Pater Félix ein Streiter ist, der mit der Waffe einer sophistischen Wissenschaftlichkeit gegen den Unglauben kämpft, der beständig auf dem Hintergrund der Revolutionen und der Anarchie gegen das freie Denken anpredigt. Dies mußte einen Mann seiner Begabung in Frankreich und in Notre-Dame Notre-Dame: Kathedrale von Paris (»Unserer lieben Frauen«). sehr bedeutend machen. Hier wird man genau so leicht verstehen, daß die Wirkung, die er ausübte, geringer werden mußte. Denn weder, was er verteidigte, noch, was er angriff, war für uns aktuell. Solche Fragen wie die Legitimität Legitimität: hier wohl Legalität. Hier denkt der leicht revolutionäre Pater sicher an das verbriefte Recht der Könige und Fürsten, ihren Tron zu besteigen und innezuhaben. und die Lilien, Lilien: Seit dem 13. Jahrhundert im Wappen und Banner der Könige von Frankreich. Wurden 1792 und 1830 durch die Trikolore ersetzt. die für die gesamte Art und Weise der Betrachtungen des Paters den Hintergrund bilden, wo die Politik im Hintergrund die Alpen bildet, in deren blauen Nebeln vor unserem Blick Himmel und Erde verschmelzen, sind für uns uninteressant, und dort, wo der Pater in Frankreich mit den Realitäten Ball spielte, spielt er für uns höchstens mit fremden Problemen, die uns niemals mit der Macht der Nähe oder des Lebens ergreifen. Deswegen war der Pater kein gefährlicher Apostel, denn er sprach zu einer neuen Versammlung in alter Tonart, er malte die Revolution an eine Wand, die niemals von Blut troff. Er vergaß, daß er nicht in Notre-Dame war. Ein katholischer Apostel müßte zu uns anders sprechen, und er müßte, um Gefolgsleute zu gewinnen, sich eher an unsere Sinne als an unsere Vernunft wenden. Denn zu unserer Vernunft spricht täglich unsere eigene Kirche. »Es ist eine Dummheit«, sagte der Pater zu mir, »daß die Kapelle so dürftig ist: Wir sollten unseren Gottesdienst mehr ›attrayant‹ attrayant: (franz.) anziehend, verlockend, reizend gestalten.« Mit diesen Worten traf er den Nagel auf den Kopf, aber gerade deswegen war er nicht gefährlich, er, der mit sechszehn Bänden philosophischer Reden und alten Streitfragen, die wir nicht verstanden, als geistlichem Rüstzeug kam. Es gab deshalb keinen Grund, vor Pater Félix Angst zu haben, und die meisten haben ihn mit mir sicherlich so erlebt, wie er war, eine interessante Erscheinung. Es ist nicht meine Absicht, gegenüber den katholischen Zuhörern des Predigers blasphemisch zu sein, aber für uns Außenstehende, die gerade nicht gekommen sind, um Französisch zu lernen, war Pater Félix ein virtuoser Prediger, und mehr als einmal wurde man an die Alexandrinische Rednerschule Alexandrinische Rednerschule: Die berühmten alexandrinischen Schulen für Rhetorik, Philosophie, Theologie und Wissenschaften spielten im Zeitalter des Hellenismus eine führende Rolle in der Verwandlung der hellenistischen Kultur zur weltweiten Kultur. erinnert, während man ihm zuhörte. Als solcher, als Phänomen, als Vertreter eher einer Predigerschule, die soziale oder politische konservative Agitatoren verbirgt, als von Verkündigern des Wortes Gottes, woll en wir den fremden, nun wieder abgereisten Gast betrachten und nun etwas genauer auf seine Kunst sehen. Der Mittelpunkt, um den sich alles bei dem Abgesandten des Jesuitenkollegs drehte, war die Autorität. Mit dem Lobpreis dieser Macht, mit einer Rechtfertigung der Notwendigkeit der Autorität führte er uns durch alle seine Predigten, um endlich den Autoritätsglauben hervorzuheben, den Katholizismus mit seinem unverrückbaren Autoritätsprinzip als einzig Wahrem. Aus dem Vorstehenden geht sicher hervor, daß er – um der Notwendigkeit der Autorität willen – die Verwilderung der Anarchie in glühenden Farben schilderte. Für den Staat war das Autoritätsprinzip, hinter dem sich das weiße Banner zeigte, gleich mit Ordnung, Frieden, Glück. Für den Staat sind freie Gedanken dasselbe wie Gesetzlosigkeit, Ausschweifungen und Untergang für alle guten Bürger. Für den einzelnen ist die Autorität eine ebenso große Notwendigkeit. Man redet über Fortschritt, aber nur der moralische Fortschritt ist wirklich. Außerhalb des moralischen Bereichs sind die Fortschritte imaginär und unwirklich; deshalb ist Fortschritt nur innerhalb des Christentums, das die höchste Moral besitzt, möglich. Aber das Christentum fordert und will eine Autorität, und die Autorität ist das mächtige Licht, in welchem das Glück und der Fortschritt wohnen. Der Glaube – die Autorität – kämpfen mit dem freien Gedanken – der Gesetzlosigkeit. Zu diesem Ziel hin führte uns der Prediger, und bis zum letzten Tag beschäftigte er sich mit diesen Problemen, ohne den Begriff »Katholizismus« auch nur einmal zu nennen. Eine Auseinandersetzung ist dies. Denn sowohl in seinen Vorträgen, die er hier gehalten hat als auch in seinen gedruckten »Reden« kämpft Père Félix in etwa mit denselben Hilfstruppen, philosophischen Scheingefechten, mit den blitzenden, jedoch stumpfen Theaterwaffen. Es ist ein ewiges Spiel mit Definitionen ohne Ziel, mit zusammengeklaubten Gliederungen, mit untergeschobenen Halbwahrheiten. Ihn in »der neuen Kritik« in seinen »Gesprächen« zu sehen. Er beginnt damit, den Begriff »Wissenschaft« zu definieren und definiert es so, daß die neue Kritik nicht zur Wissenschaft zählt; er definiert den Begriff »Kritik« und sieht, daß die neue »Wissenschaft« keine Kritik ist. Und durch welche verwunschenen Winkel führt er uns nicht, welche Hängebrücken jesuitischer Rafinesse im Disput wirft er nicht über die Fallgruben seiner Beweisführung. Man kann sich kaum etwas Geschickteres vorstellen. Oder sein Gespräch über das Wesen des Christentums, seine Argumentation dafür, daß die Autorität seine unabdingbare Forderung ist. Es ist derselbe Theaterdonner derselben Worte, aber das Organisationstalent, das sie steuert, ist so groß, daß man nicht sieht, daß sie dauernd wiederkehren. Und diese Philosophie ist hier wie dort durch Deklamationen unterbrochen. Bald malen sie aus, wie dort, wo er in einer seiner Predigten das Marschieren eines Heeres ausmalte, das Spiel der Sonne auf den Bajonetten, ihr Schimmern auf den Griffen der Säbel, den Lärm der marschierenden Kohorten. Kohorte: Bei den Römern Unterabteilung der Legion, in der Regel 500–1 000 Mann. Dann der Übergang. »Aber auf der Höhe steht der Feldherr alleine.« Man sieht diesen Feldherrn, einsam, majestätisch. Um ihn zu malen, senkte der Prediger seine Stimme in tiefer Betonung, so daß der Jubel im nächsten Satz voller Farben war. »Und ihm allein gehorchen sie alle.« Dann folgen die Darbietungen wie schnelle, unfreiwillige Ausbrüche, die er nicht hatte zurückhalten können. Wie er in derselben Predigt plötzlich ausbricht: »Heiliges Familienleben«, und er, sein Thema und alles vergessend, vertieft sich in einen Lobgesang von der heiligen Unkränkbarkeit der Familienaltäre, »dieser Herdstatt liebevoller Autorität.« Seine Darbietungen waren nie salbungsvoll, und sein Redefluß war nie von dieser unbestimmten Baritonweichheit geprägt, welcher unsere Modepfarrer huldigen, und mit welcher sie gleichsam die Zuhörer mild an der Hand führen, für die in der Kunst wie auf der Kanzel das Weiche das Höchste ist. Er war beinahe stark rhetorisch, als ob er »die mächtige Vaterlandsliebe« bald heftig, fast fiebrig am Widerspruch oder an den Schwächen des Gedankengangs vorbeijagend, als ob er mit dem leicht zitternden Eifer des Greises seine Rede fast wie ein Keil durch das tägliche Leben trieb und die Notwendigkeit des Respekts aufzeigte. Alle Vorträge, die er in der St. Ansgar-Kapelle hielt, waren ein Spiel mit Worten, wobei er aus Philosophie, Vortrag und scherzhaften Einschüben einen Wall aufbaute, hinter dem er das Geschütz der Kirche auffuhr. Aber was hinter dem Schutzwall vor sich ging, sahen wir nicht: unsere Augen wurden durch diesen Schneewirbel von Tiraden geblendet, und er baute in seinen Reden den Turm zu Babel Turmbau zu Babel: vgl. 1. Mose 11. aus Karten. Als er in seinem letzten Vortrag den Kartenturm umblies, sahen wir unter den Karten den Kirchenkoloß versteckt. Wie eigentümlich war nicht dieser Vortrag, wie gab er nicht die Schule, die Bestrebungen, alles! Er begann mit einem Scherz. Es war am Ansgarsfest. Er war es, der von Frankreich aus gleich einem neuen Prometheus Prometheus: In der griechischen Mythologie stahl Prometheus den griechischen Göttern das Feuer und brachte es den Menschen. Zur Strafe wurde er an einen Felsen geschmiedet, wo er von einem Adler gequält wurde, der ihm die Leber aushackte, bis er sich wieder mit Zeus versöhnte und befreit wurde. das Feuer in das Eis des Nordens gebracht hatte. Die Katholiken glaubten, ihm dankbar sein zu müssen – deswegen mußten wir zugestehen, daß der Gesang heute länger dauerte und daß Weihrauch auf den Altären stand. Im übrigen stammte er selbst aus der Heimat Ansgars, Die Heimat Ansgars: die nordfranzösische Provinz Picardie. nahe seinem Geburtsort hatte er selbst das Licht der Welt erblickt, seine erste Predigt hatte Ansgar zum Thema. Er sah dies jetzt als Vorzeichen: er war ja nun selbst eine Art Apostel geworden, wie Ansgar vom Eis Dänemarks gefangen. Er sprach davon mit einem leichten Lächeln, er warf es wie einen Scherz hin, aber in dem Scherz war die freundliche Einladung versteckt, ihn zu besuchen, jetzt wo Witterung und Winter ihn daran hinderten, abzureisen. Dann faßte er den Inhalt seiner Vorträge zusammen: er habe die Notwendigkeit der Autorität aufzeigen wollen; er redete unterdessen schnell, nur darlegend, das ganze sozusagen in einem Atemzug zusammenfassend. Und seine Frage: »Wo finden wir denn diese Autorität?« erschreckte nicht. Nach einem kurzen Übergang kam er zu dem Wort Christi an Petrus, Wort Christi an Petrus: »Und ich sage dir auch: Du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeinde, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.« (vgl. Mt 16, 18). und als ob er selbst fühlte, daß er nun vor dem Entscheidenden stand, bekam seine Rede einige Augenblicke lang Fieber, und er schien sich seiner selbst unsicher, während sein Blick über die Menge flackerte. Man spürte auch die Unruhe an einigen Wiederholungen. So vertrat er die Sache des Katholizismus, wie das Jesuitentum es vertreten kann. Er argumentierte, er malte aus. Er entwarf die Bilder der glücklichen Zeit der Einheit, als Glaube und Autorität eins waren, als die heilige Schar der Missionare mit dem Feuer des Glaubens auszog, um die Erde zu besiegen. Er verweilte bei der Eintracht. Und unterstützt von der Eindringlichkeit der Stimme, von einer Begeisterung, deren schwelende Glut er dämpfen zu wollen schien, klang diese Erzählung wie eine Sage vom goldenen Zeitalter, Das goldene Zeitalter: Die sagenhafte Zeit unschuldvollen Friedens, in dem nach den Überlieferungen vieler Völker das älteste Menschengeschlecht lebte. wo Frieden die Losung war und Streit nur eine häßliche Sage. Aber eine Macht herrschte überall, eine Macht über die Menschen, eine Macht über die Sinne: die Kirche. Am Schluß dieser Hinweis, an jeden einzelnen, diese Beschwörung als Mann , dem das Leben Recht gegeben habe: ein Trost sei ihm gegen alles und für alles geblieben, nämlich sein müdes Haupt in den milden Mutterschoß der Autorität zu legen. Es war ein Kunstwerk und ein Kunststück, diese Rede. Trotzdem – ich wiederhole dies – war die Propaganda von Père Félix nicht gefährlich, denn ihre Hauptpunkte waren stumpfe Waffen, und die Betrachtung von ihm als reines Phänomen scheint mir deswegen voll berechtigt. Und als Phänomen war er interessant. Repräsentant des sonderbaren Ordens, dessen Stärke im Gehorsam und der Selbstaufgabe liegt, dessen treuloser Kampf für die Ordensidee alle Mittel nutzt, aber ohne Nutzen für den einzelnen, dieser Orden, der es versteht, seine Mitglieder ohne Murren sterben zu lassen, es versteht, sie mit Entbehrung leben zu lassen. Nach einem meiner Besuche bei Pater Félix geleitete er mich hinaus. Alles war geschlossen wie eine Festung, und ich machte darüber einen Spaß. »Dies nennen wir la clôture «, La clôture: (franz.) Der Klosterbezirk. sagte er und fügte lächelnd hinzu: »Sie wissen, Frauen haben bei uns keinen Zutritt.« Alles in allem eine eigentümliche Erscheinung, dieser Orden, dessen Seele die Anbetung der Autorität, dessen Stärke die Unterordnung ist. 27.2.1881 Aus dem Leichenhaus Es geschah einige Tage danach, nachdem ich über das »Allgemeine Krankenhaus« geschrieben hatte. »Allgemeines Krankenhaus« (dän. Almindeligt Hospital): 1765-1769 in der Amaliegade 24 von Conradi erbaut, umfaßte nach etlichen Erweiterungen eine Krankenabteilung (200 Patienten), eine Armenstiftung sowie eine Abteilung für Geschlechtskrankheiten. 1863 wurde das Kommunehospital eröffnet, weshalb im Almindeligt Hospital nur noch Kranke des Armenhauses, chronisch Kranke und (bis 1886) geschlechtskranke Prostituierte aufgenommen wurden. 1893 wurde das Krankenhaus abgerissen. Ein Neubau wurde in der Nørre Allé bezogen. Das Allgemeine Krankenhaus darf nicht mit dem ganz in der Nähe liegenden Frederikshospital (Bredgade) verwechselt werden. Jemand von dort machte mir einige Komplimente und meinte, ich hätte gut beobachtet – und ein sympathisches Bild gemalt. Das freut mich. Ich hatte gemalt, wie ich es vermochte. Ich meinte, das ganze sei sehr ordentlich dort draußen. »Aber haben Sie auch wirklich alles gesehen?«, fragte der Beamte. »Davon gehe ich aus. Ich habe mir angesehen, was man mir zeigte.« »Und zeigte man Ihnen auch – das Leichenhaus?« »Nein, das Leichenhaus sah ich nicht.« Der Fragesteller lächelte, und während er die Asche von seiner Zigarre klopfte, fügte er hinzu: »Ich dachte es mir – es liegt ja auch etwas abseits.« Er ging zum Fenster, wendete, maß die Fußbodenbretter hin zu Tür, wendete wieder. Und während er den Hut vom Ständer nahm, brach er die Frage ab und sagte nur kurz: »Ja, dann sehen wir es uns heute an.« Ich sah zu ihm hin, etwas unsicher. Seine Augen waren fest auf mich geheftet. »Ja«, sagte ich dann, aber das Ja kam etwas dünn und zaghaft. Wir gingen Gänge hinunter, Treppen hinab, über Höfe, durch Gassen. Das Leichenhaus lag wirklich außerhalb: die Toten dürfen die Lebenden nicht stören. * Es ist ganz natürlich, daß man es abseits legt: in den Krankenhäusern scheut man den Tod. Wo Angst und Aberglauben alle sterben lassen, hat der Anschein den Tod fortgeschafft. Ist man wohlhabend genug, um ein Einzelzimmer zu haben, kann man selbst sterben – der Nachbar von einem stirbt nie. Man hat ihn Tag und Nacht jammern hören, und sein Jammern hat den Schlaf verjagt, man hat sein Stöhnen gehört, wenn man schlummerte, sein Hin- und Herwerfen hat einen aus dem Fieberdösen aufgeweckt. Dann wird es still. Und in dem Maße, wie man die neue Stille vernimmt, wächst der neue Schreck. Man fürchtet die Stille, man gibt ihr einen ängstlichen Namen, man ahnt, was sie mit sich führt. Wenn man gleichgültig, um sein Erschrecken nicht zu verraten, nachfragt, erzählt die Nachtwache, während sie die Kissen aufschüttelt, daß »der Patient« Morphium bekommen habe. Und sie findet Ausreden für den Schritt der Krankenträger im Gang, für den Chlorgeruch und für das Entfernen des Bettes. Gelegentlich steht die Gangtüre offen: Man braucht frische Luft an warmen Tagen, und es bietet auch Zerstreuung, die Rekonvaleszenten zu beobachten, die sich im Gang ihre Bewegung verschaffen. Sie lärmen wie Kinder, lachen über nichts, und ihre Munterkeit, die so übermütig ist, als ob sie dem Tod, dem sie entgangen sind, eine lange Nase machten. Aber plötzlich wird es ruhig. Es ist, als ob etwas vor dem Schritt der Krankenträger herglitte und das Lachen im Korridor zum Verstummen brächte. Diese taktfesten, schweren Schritte, wie sie so nur unter einer Last klingen. Nun kommen sie an der Türe vorbei. Der Kranke im Bett erhebt sich, hebt den Kopf, streckt ihn nach vorne. Auf der Bahre liegt etwas Schweres in einem Laken. Der hinterste Träger schaut weder nach rechts noch nach links. Er sieht aus wie ein Mann, der die Zunge im Mund behalten will . In seinem Bett erbleicht der Kranke. Man sehnt sich nach dem Tag, wenn er, während die Finger mit dem Bettlaken spielen, als ob er aus Langeweile in der Wüsten-Leere des Krankenzimmers Interesse zeigte, sagt: »Wer war es, den sie … im Bettlaken trugen?« kann sich das Zimmermädchen nicht daran erinnern; und fügt er hinzu: »Doch er, den die Träger trugen«, erwidert sie: »Ach – er – er sollte ins Bad.« Und die Furcht, die Scheu binden die Einwände auf unserer Zunge. Den Tod gibt es in den Krankenhäusern nicht: Er könnte den Kranken erschrecken. Er weiß ja, er ist da, die Angst vor ihm läßt ihn in jedem Winkel dräuen, lauert hinter jedem Vorhang. Wie bei einer Choleraepidemie kann die Angst in diesen Räumen erstarren und zu Panik werden. Deswegen tilgt man den Tod, und die Vernichtung, die immer still ist, ist hier noch stiller als sie zu sein pflegt. Denn selbst dieser Schleier des Flüsterns, den man sonst darüber legt, fehlt hier. Wir kennen dies. Das Fieber ist gestiegen. Der Arzt spricht nichts, aber nachdem er den Kranken untersucht hat, sagt er, er wolle abends wiederkommen. Es könnte sein, daß es gegen Mitternacht wird. Beim Kranken sitzt nur die Nachtwache, sie hat auf der Bettkante Platz genommen, sie ist wach geblieben. Es findet sich etwas von der Gier des Kenners in ihrem Blick, wie sie dasitzt, auf den Sterbenden starrend. Die Verwandten sitzen draußen hinter dem schweren Vorhang, sie kriechen zusammen, als ob sie sich voreinander versteckten, und die Unruhe, die bald wie tausend hämmernde Pulsschläge jagt, bald sich wie in einem keuchenden Stechen sammelt, läßt die Herzen bald schnell schlagen, bald stillstehen. Und während sie lauschen, während die verschreckten Ohren das Schweigen im Fieber wie hämmernde Pulse sprechen lassen, ist es, als ob der Tod sich überall ausbreitete. Plötzlich fährt der Sterbende in Krämpfen hoch. Man schlägt die Türen, man ruft, aus Stille wird Weinen, man ruft nach Hilfe, Ratlosigkeit lärmt durch das Haus. Drinnen klagt der Sterbende. Oder der Tod kommt auf leisen Sohlen, während diejenigen, die am Bette sitzen, nach einer Bewegung spähen, auf den schwindenden Atem hören, ihn mit einem Spiegel auffangen wollen. Als ob ihre Unruhe den Tod hindern könnte. Und dann erlischt das Leben mit einem Seufzer. Als ob jeder Laut erstickt würde, so still wird es überall um den Tod. Reden wird zu Flüstern, die Schritte werden gedämpft, man fährt erschrocken zusammen, wenn eine Tür zufällt. Als hätte man Angst, diesen Schlafenden zu wecken, der nicht erwachen kann. Hier wird alles in der Nähe des Todes gedämpft, aber in den großen Anstalten, wo man nur heilt, wird er ausgemerzt, und das Wort, auf das alle warten, wird von niemandem ausgesprochen. Deswegen baut man die Leichenhäuser abseits, und wir – mein Führer und ich – gingen durch Gänge und Treppen hinunter, über Höfe und durch Gassen, bevor wir das Leichenhaus des »Allgemeinen Hospitals« erreichten.   »Sie wissen, das ist unser La morgue , La morgue: Leichenschauhaus in Paris. Es war das erste Europas und diente der Identifizierung und Obduktion unbekannter Leichen. sagte mein Führer. Ich wußte es. »Ja, sehen Sie, wir haben ja keine Glasschränke und Marmortische, wo die Leichen durch Berieselung frisch gehalten werden, aber der Tod ist gewiß derselbe.« Ja, das ist er wohl. Und im selben Augenblick sah ich ein furchtbares Bild vor mir, das ich einmal in einer englischen Zeitung gesehen habe: eine Frau, die vor einem der Glasschränke der La morgue umfällt; die Leiche halb verwest, das rieselnde Wasser, die Kleidungsstücke. Und vor der Leiche die Frau rücklings, weiß, wie blitzschnell vom Sonnenstich getroffen. Die ganze Widerlichkeit des Selbstmordes drückte sich in diesem Bild aus. Er blieb vor einem grauen Haus stehen, das halb eine Werkstatt, halb ein Schuppen war. Eine Tür stand offen, und man sah in einen Gang, wo alte Latten gestapelt waren, auch einige Bodenplanken, die Seite an Seite mit Haufen von Hobelspänen da lagen, sowie einige abgebrochene Stuhlbeine. »Aber hier ist ja eine Werkstatt«, sagte ich und betrachtete die Wände, die grau waren, und wo die Backsteine schmutzig hinter dem Kalk hervorgrinsten. »Ja, oben«, antwortete der Begleiter. Er öffnete eine Seitentür, und wir gingen hinein. Es war die Kapelle. Sie schien feucht zu sein, mit Flecken an den Wänden. An der mittleren Wand hing ein großes Kreuz, in der Ecke standen die Sandkiste und der Spaten. Das Ganze machte einen professionellen Eindruck. Und mitten auf dem Fußboden der Sarg, ohne Kränze, fast ohne Schmuck: diese flachen, schwarzen Särge, die ärmlich und nackt sind. Man begegnet ihnen draußen auf der Straße auf einem Leichenwagen, kahl wie der Sarg. Kein Kranz, keine Blumen, nichts als die große Fläche, zum Weinen leer. Man bekommt immer die brennende Lust, eine arme Blume auf einen solchen Sarg eines Unbekannten zu legen. Alles in allem gleicht die Kapelle einer verlassenen Wohnstube eines Bauernhofes. Die Wohnstuben werden nur selten aufgeschlossen, und vor der Hochzeit nimmt man das Grabkreuz ab, vor der Beerdigung die von Myrten gebildeten Namenszüge. Und dann ist die Luft schwer und feucht und stickig wie hier. Es ist noch nicht lange her, daß diese Stube eingerichtet wurde. Früher mußte man im Leichenhaus Erde aufwerfen, wo Sarg an Sarg stand, da, wo sie nun die Leichname »bekleiden«, das heißt diejenigen, die bekleidet werden: Denn es gibt ja Menschen ohne Freunde und ohne Verwandte, sie haben keine Angehörigen, die Menschen haben sie vergessen. So werden sie in die Laken des Krankenhauses gelegt, und man wirft Erde auf sie dort drinnen, wo die anderen »bekleidet werden«. Ein Vaterunser, ein Lebewohl für ein Leben, das vielleicht ein kümmerlicher Tag mit einem Abend in Einsamkeit war. Diejenigen, die Freunde haben , befinden sich hier in der Kapelle. Und ihre Verwandten dürfen mit ihrer Trauer und ihren Tränen für sich sein, während die drei Spaten mit Erde fallen, die das endgültige Todesurteil sind. Mein Führer geht durch die Kapelle, er öffnet die nächste Tür, und wir stehen in einem dunkleren Raum; er sieht wie der Vorraum einer Werkstatt aus. Der Boden wellt sich. Die Feuchtigkeit ruft Flecken an den Wänden hervor. Eine kümmerliche Zuflucht für das Leben, wo sogar der Tod frieren muß. Der Sarg, der hier steht, ist offen, und mit der scheuen Neugier, womit wir die Formen eines Toten unter dem Laken abschätzen, starre ich hin: die Falte vom Fuß hinab, das Knie, die Linie über der Brust, das Schweißtuch, das sich um die Nase legt. Aus den herausragenden Ärmeln schauen ein Paar Hände heraus, mager und blaugelb, die Haut in schwarzen Runzeln um einige gekrümmte Finger. Wie entsetzlich mager muß dieser Körper gewesen sein! Der Führer hebt das Schweißtuch hoch. Die Augen des Leichnams haben sich geöffnet, mit mattem Schaum bedeckt starren sie einem entgegen. Die Lippen sind um das Zahnfleisch herum eingefallen, die Wangen sind hohl, blau-gelb. Und das alte Bild ist zugleich ein Bild des Friedens und der Vernichtung. »Nun kommt der Leichenraum«, sagt mein Begleiter, das Schweißtuch wieder zurücklegend. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber ich gebe zu, ich hatte Angst, umkehren zu wollen. Ein anderes Bild machte mir Angst, eine Erinnerung an den Strand von Klitmøller. Strand von Klitmøller: siehe die vorstehenden Reportagen vom 26. und 28.11.1880. Man hatte mich gefragt, ob ich die Leichen sehen wolle. Sie lagen hier im Gebäude. Aber ich traute mich nicht. Sie sähen natürlich ziemlich häßlich aus, hatte der Strandvogt gesagt. Als wir abfahren wollten, fiel mein Auge auf eine eigentümliche Ausstellung auf einem Tisch im Hof: Stiefel mit aufgerissenen Schäften, Strümpfe, Wollkleidung. »Was ist das?«, fragte ich. »Das sind – die Kleider, die sie anhatten«, sagte der Strandvogt und zeigte hinüber zum Leichenhaus. »Ach so – –«, und ich sah wieder hinüber auf die aufgeschlitzten Stiefel, auf die gefrorene Kleidung. »Sie verstehen, wir mußten sie von ihnen abschneiden«, sagte der Strandvogt. Gefangen von diesem Eindruck blieb ich vor der Tür zum Leichenraum stehen, bis mich mein Begleiter sachte in einen Raum schob, wo es mehr als dämmrig war. Wenn man sich an das Dunkel gewöhnt hatte, sah man auf jeder Seite ein schmutziges, graues, feuchtes Laken, über einen Eisendraht gehängt. Hinter den Vorhängen lagen die Leichen. »Hier liegen heute sicher viele«, sagte mein Begleiter und zog das Laken zurück. Man sah drei Reihen Tragen, schwarz mit einer Aushöhlung in der Mitte: drei Reihen direkt übereinander wie in einer Bäckerei oder in einer Käserei. Auf die Tragen legt man die Leichen wie die Käselaibe in der Käsekammer. In der oberen Reihe lag keine Leiche, und mein Begleiter beugte sich vor um nachzusehen. »Hier liegen etliche«, sagte er. Ich beugte mich wie er vor. Die Leichen lagen nebeneinander auf den Tragen, in Laken eingewoben. Auf jede Leiche war ein Zettel geklebt. Das Ganze machte keinen übertrieben reinlichen Eindruck. Hinter dem zweiten Vorhang lagen einige Leichen von Neugeborenen. »Sie werden uns von der Vereinigung Fødselsstiftelsen Verein »Fødselsstiftelsen«: Krankenhausabteilung, die wie auch in anderen europäischen Ländern für unverheiratete Frauen (und auch für verheiratete Frauen, die eine schwere Geburt mit Komplikationen und etwaigem Kaiserschnitt) vorgesehen war. Sie gehörte zum Frederiks Hospital, das zwischen Bredgade und Amaliegade lag (heutiges Kunstindustrie- museum). Träger dieser Abteilung war eine Pflegestiftung für Neugeborene. übergeben. Hier sehen wir Anfang und Ende des Lebens.« Trage auf Trage. Nummern auf den Laken. Unter den weißen Tüchern liegen gekrümmte Körper, das Knie dieser Leiche konnte nicht gerichtet werden, und die Beine sind ganz zusammengekrümmt; ein anderer Leichnam liegt auf der Seite: Gicht und Altersverkrümmung konnten nicht einmal im Tod gerichtet werden. Und während man auf diese Körper, die einmal Namen hatten, starrt, bekommt man einen unbeschreiblichen Eindruck von dem auslöschenden Tod. Wer kennt diese Menschen? Für wen haben sie gelebt? Wozu? Nur wenige können dies erzählen, und von all diesen Lebensläufen, allen Stürmen, allen Wirren, allen Kämpfen, allem Genießen bleibt nur ein Körper übrig, dessen kalte Nacktheit man mit einem groben Laken bedeckt hat. Man denkt nicht an die Armseligkeit dieses Todes, man denkt nicht an Verwandte, die die Nummern der Laken entziffern müssen, um ihren Toten wieder zu erkennen, man denkt nicht an die Tränen, die dieser Raum verursacht hat. Man wird, Angesicht zu Angesicht mit diesen Tragen, besonders stumpf und gefühllos, und eigentlich sieht man nichts anderes als den Tod selbst. Wir werden nur durch die Seelenlosigkeit dieser Körper beeindruckt, die uns weder Schrecken noch Angst einjagen, sie sind zu tot dazu. Das Festliche ist verschwunden, das Ehrfurchteinflößende ist mit dem Erschreckenden vergangen. Wo ist die Feierlichkeit des Todes, wo seine Einsamkeit, hier, wo Körper neben Körper gepackt ist, Leib an Leib? Es scheint allzu lange her, daß die Seele diese Körper verlassen hat. Und doch: Welche Dramen haben diese Wände nicht beherbergt! Hier, wo alle unbekannten Verunglückten, die unbekannten Ertrunkenen, die unbekannten Selbstmörder abgelegt werden. Könnten sie sprechen, fänden wir wohl, daß wir auf der letzten Station stünden, wo diejenigen sich treffen, die viel gelitten haben. Aber sogar das Leiden ist an dieser Stelle tot, man gedenkt dessen nicht, der von einem gegangen ist. Hier ist es tot. Weder ungemütlich noch feierlich oder schrecklich, nur tot. Diese zusammengeschobenen Leichname sind nur tote Leiber. Wie fern der Totenbetten richten wir unsere Toten. Wir legen sie in ihrem eigenen Raum zu Ruhe, wir legen sie zur Ruhe, als ob sie schliefen. Wir sorgen uns um sie in ihren letzten Stunden, und der Leichnam bleibt der, den wir einmal liebten. Der arme Leichnam ist ein lebloser Körper. Hinter der Leichenhalle kommen wir in den Obduktionssaal. Dieser Saal ist für Laien unglaublich brutal, und das gerade, weil er überaus wenig nach Wissenschaft aussieht. Ein großer, dunkler Tisch, ein paar alte Eimer, ein paar gewöhnliche Gewichte und einige Gefäße – wüßte man es nicht besser, könnte man glauben, es wäre ein altes Schlachthaus. »Das ist nicht angenehm«, sagt mein Begleiter und schließt die Tür. Dann gehen wir wieder über Höfe und durch Gäßchen zum Krankenhaus zurück.   Mein Begleiter öffnet die Kirchentür. Es ist ein kleiner Saal mit weißen Säulen, auf dem Altar Thorvaldsens Christus. Thorvaldsens Christus: Kopie der berühmten Christusfigur im Kopenhagener Dom, 1821–1827 in Rom von Thorvaldsen modelliert, später in Marmor gehauen. Gewöhnlich ist es ruhig in Kirchen, hier ist es weniger still als im Leichenhaus. Er öffnet die Orgel und beginnt zu spielen. Man bedurfte dieser Musik, man war von der Leichenhalle wie versteinert. Nun schwellen die Töne an, die warm die erhaltenen Eindrücke überfluten, – ein Strom, der sie erquickt, so daß sie in unserem Sinne erwachen. Aber ein Eindruck bleibt: Man gibt dem Tod so viele Namen: bleich und angsterregend und kalt und fahl; der Böse und schwer; mild und der Schwere und schweigend; schwierig und der Sieger und stark. Und all das kann wahr sein. Aber doch malt kein Beiwort den Tod aus, wenn er so nackt ist wie hier: friedlich reicht nicht, still ergibt nichts, ruhig allzu wenig. Tot ist der Tod – und man gibt ihn nur mit seinem eigenen Namen wider. Davon sangen die Töne in der Kirche. Aber auf dem Altar stand der Zimmermannssohn, der Lazarus aus dem Grab erweckte. Erweckung des Lazarus: vgl. Johannes 11. 1.5.1881 Charlottenborg Charlottenborg liegt an Kongens Nytorv/Nyhavn. Der Gebäudekomplex wurde 1672-1683 von U.F. Gyldenløve, Statthalter von Norwegen, als Stadtpalais erbaut und beherbergt seit 1832 die Königliche Kunstakademie mit ihren großen Frühjahrs- und Herbstausstellungen. 1838 kehrte der Bildhauer Bertil Thorvaldsen von Rom nach Kopenhagen zurück und bezog als Direktor der Kunstakademie Charlottenborg. In den nach außen gelegenen Sälen geht es lebhaft zu, mit frischer Luft und Frühjahrskälte in den Kleidern. Aber in den nach innen gelegenen Räumen wird alles staubiger, wärmer und enger. Und in der staubigen Wärme bewegt sich die Menge dicht und schläfrig von Saal zu Saal wie Leute, die lustlos zur Arbeit gehen. An den Wänden Farben und Farbenspiel über den Rahmen. – Im Antikensaal schläft man reihenweise ein. Es liegt Mittagsstimmung über der Ausstellung. Das Publikum ist gemischt; die frühlingsmonatliche Invasion Frühlingsmonatliche Invasion: Damals eröffneten die Frühjahrsausstellungen in Charlottenburg am 1. Mai. aus der Provinz, die vierzehn Tage lang alle Vergnügungen Kopenhagens und des schwindenden Winters schluckt, um mit schwachen Gehirnen und in Unordnung gebrachter Verdauung in ihre Dörfer zurückzukehren; die Welt der Straße, die halb verschlafen an den Gemälden vorbeispaziert, um mit sich selbst und den Betrachtern zu kokettieren, und sich bald durch einen Kunstsinn interessant zu machen, der durch die geschlossene Hand sieht und sich schwer tut, »das beste Licht« zu finden, bald durch eine Blasiertheit, die gleichgültig mit nachlässigem Blick über die Bilder schweift und ihre Einschätzung durch ein Gähnen zu erkennen gibt: Leute des Mittelstandes, die jedes Jahr einmal hierher kommen, um von den »Begebenheiten« des Jahres reden zu können; sie halten sich hier lange auf, und die Damen erhoffen sich eine »Idee« für ihre Frühjahrskleidung, sie studieren den Katalog sorgfältiger als die Gemälde, und sie wollen sich vor allem an die Namen erinnern. Gelangt man aber in die inneren Säle, fallen die Älteren samt und sonders auf die Stühle – junge Künstler gehen umher, beugen sich über »die Fremden« und sprechen sehr laut vor den Gemälden, wo sie mit merkwürdigen Handbewegungen Bilder aufzeichnen und ihre Sätze mit technischen Fachausdrücken verzieren. Sie lieben es, vor den älteren Akademieprofessoren zu lachen; Es sind Studenten mit ihren Freundinnen und Schwestern, unverheiratete Damen, die die Schule Grundtvigs Grundtvig: Grundtvig, Nikolai Frederik Severin, dänischer Dichter, Geschichtschreiber und Theologe, geb. 8. Sept. 1783 zu Udby auf Seeland, seit 1839 Pastor in Kopenhagen, gest. das. 2. Sept. 1872. Begründer des Grundtvigianismus , der besonders eine freie nationale Volkskirche anstrebt. Als Dichter war G. Romantiker; er schrieb eine nord. Mythologie, ein Handbuch der Weltgeschichte, ein Kirchengesangbuch (neben Kingo ist Grundtvig der bedeutendste Dichter des heutigen dänischen Kirchengesangbuches), und andere Werke. besuchen und mit Tränen in den Augen auf den Trauerflor um Rumps Gotfred Rump (1816-1880): Landschaftsmaler. Die Ausstellung zeigte von ihm zwei (unvollendete) Bilder mit Trauerflor: »Regenschauer im Lenz« und »Ein Wintertag in klarem Sonnenschein und Neuschnee«. Der Trauerflor war wahrscheinlich wegen des Todes der Erbprinzessin Caroline (31.3.1881) angebracht. Bilder starren, alte Herren mit schwarzem Rand für die Erbprinzessin, junge Burschen –. Das Publikum ist gemischt. In allen Sälen hört man durch Staub und Hitze ein Rauschen wie das eines trägen Flusses. Dies ist die öffentliche Meinung. Im Antikensaal entsteht ein Gedränge. Mitten in der Menge hat Kandidat Bezeichnung für jemanden, der sein Studium nach 4-7 Jahren an der Universität oder einer anderen Hochschule abgeschlossen hat. Hellesen Hjort gefunden: »Sind Sie zu dieser Zeit hier?« »Um die Leute zu sehen. Und Sie?« »Ebenfalls. Haben Sie Frau Borch gesehen? Sie ist mit Kamilla hier.« »Sah sie vor ›Christus‹. »Christus«: »Die Verspottung Jesu« des Malers Carl Bloch (1834-1890). Dieser Blutstropfen ist brillant. Was? Und der Speichel!« … Hjort ergreift den Kandidaten am Arm, es ist kaum Platz. »Das Bild war ja für den König bestimmt«, er spricht dauernd noch von »Christus«, während er unverwandt auf das Porträt von Tuxen Tuxens Porträt: Der Maler Laurits Tuxen (1853-1927) stellte unter anderem «Porträt einer Dame. Ganze Figur« aus. starrt. »Aber der Hof fand den Soldaten zu realistisch.« … Hjort nahm seine Lorgnette in die Hand, und nachdem er das Fräulein schweigend betrachtet hatte, sagt er schleppend: »›Susanna im Bad‹ »Susanna im Bade«: Die Geschichte von Susanna und Daniel findet sich in einer apokryphen Schilderung, die an das biblische Buch »Daniel« angefügt und nicht kanonisch ist. Sie handelt von einigen Ältesten, die die schöne Susanna belauerten, während sie in ihrem Garten ein Bad nahm. Dieses Motiv wurde von vielen Künstlern im Lauf der Jahrhunderte verwendet. wäre mir lieber gewesen.« Hellesen macht »Pst!« und schiebt sich etwas vor Nik. Hansen. Nik. Hansen (1853-1923) war auf der Ausstellung mit einem einzigen Bild »Nach dem Frühstück« vertreten. Platz zu bekommen ist fast unmöglich. Die Diskussion ist lebhaft: Ein blonder Student, der seine Verlobte ängstlich im Gedränge verteidigt, findet das Bild »flott«; die Schwiegermutter, eine Dame mit Kapotthut und Katalog, sagt ziemlich laut, daß das doch wirklich zu brutal sei, und daß es doch unverständlich sei, so etwas zu malen. Ein paar Eingeweihte zeigen auf Porträts, sowohl dieses als auch jenes, aber ein junger Künstler mit schwarzem Haar versichert, daß die rotgewandete Dame nur aus Knochen und Watteeinlagen bestehe. Die Schwiegermutter will gehen, aber die kleine Verlobte ist vom gelben Kleid der Dame und seinem breiten Saum gefesselt. »Sie haben sicher gut gespeist«, sagt Hellesen und schlendert zusammen mit Hjort weiter, der noch hinzufügt: »und getrunken«, während er vor Baches Parforcejagd »Baches Parforcejagd«: »Parforcejagd aus dem letzten Jahrhundert. Nach dem Frühstück in der Eremitage soll die Jagd weitergehen« des Malers Otto Bache (1839-1927). in Staunen verfällt. »Da ist ja ein Rahmen um einen Rasen«, sagt er und zeigt auf den Hund, das Pferd und das Schloß. »Die Mittelpartie ist ein reines ›Auftragen à la jardinière‹« »Servering à la jardinière«: Mahl im Garten. , meint der kleine Künstler mit dem schwarzen Haar … »Gras«, sagt er. Er selbst ist mit einem »Sonnenuntergang« auf der Ausstellung vertreten – einem gelben Himmel in einem schwarzen Rahmen. »Hast Du seine Frau gesehen?«, fragt Hjort, »Frau Bache«. »Drüben, am Klavier.« Drüben am Klavier: Porträt der Frau eines Künstlers von Otto Bache. Hellesen sieht einen Augenblick lang auf den kleinen Fischerjungen mit dem großen Dorsch – »Ja-a.« Und Frau Ancher Frau Ancher (1859-1935): Die Malerin Anna Ancher stellte auf der Frühjahrsausstellung nicht aus. – schade, daß diese Frau sich nicht selbst gemalt hat. Und dann hat er sie noch mit Pantoffeln gemalt.« – »Symbolisch, natürlich. Im übrigen hat dieser Mann einen schlechten Geschmack.« Was meinst Du?« – »Seine Frau im Baumwollkleid zu malen!« – Sie bleiben vor Lochers »Nach dem Sturm« Lochers »Nach dem Sturm«: Das Bild des Marinemalers Carl Locher (1851-1915) zeigt ein Motiv von Skagen. stehen. »Das ist aus Hornbæk«, Hornbæk: Bedeutender Badeort, 12 km nordwestlich von Helsingör an der Öresundsküste gelegen. Etwa 3 500 Einwohner, 35 000 Feriengäste jährlich. Ehemaliges Fischerdorf; wurde seit 1870 von vielen Künstlern entdeckt, z.B. Holger Drachmann, Kristian Zahrtmann, P.S. Krøyer, Carl Locher und Viggo Johansen. sagt Hellesen, ohne es anzuschauen. »Nein – es ist aus Skagen.« Hjort hat einen Katalog und setzt Markierungen mit einem Bleistift. Er kommt viel herum, und die Nachsaison ist auf Grund des Stillstands aus Anlaß der Hoftrauer lebhaft. Er denkt ökonomisch und sammelt Konversationsstoff. »Nun, ist es aus Skagen? Ja, Sturm ist Sturm, er wohnt aber in Hornbæk.« Ein langer, dünner Künstler mit zerzaustem Bart und einem großen weichen Hut gerät vor Godfred Christensens »Himmelbjerget von der Bucht von Laven aus gesehen« »Himmelbjerget von der Bucht von Laven aus gesehen«: Gemälde des Landschaftsmalers Godfred Christensen (1845-1928). in Wallung. Er spricht laut, und die Leute drängen sich, um zuzuhören, während sie mit offenem Mund auf das Bild starren und die Hände als Operngläser benutzen. Die eifrigen Hände des Malers, die über dem Bild vor- und zurückfahren, scheinen das Ganze aufzumalen und besonders den Adler Adler: Auf dem Bild fliegt ein Fischadlerpaar über den Laven-See. mit einigen runden liebkosenden Bewegungen seiner rechten Hand zu streicheln. – »Das macht Geschichte«, sagt er, »das macht Geschichte.« Und er fährt unter einer Flut von Superlativen fort, den Adler, das Wasser und die grüne Spiegelung zu streicheln. »Er ist Mitglied der Akademie geworden«, sagt ein Herr, der die Augen zusammenkneift, um seinen Kunstverstand zu betonen. Er setzt in seinem Katalog ein Kreuz. »Mir ist die ›Camera obscura Camera obscura auf der Langelinie: Unter einer Camera obscura versteht man einen lichtdichten Kasten, in dem durch eine Linse einfallende Lichtstrahlen ein verkleinertes Bild gebildet wird; sozusagen ein Vorläufer des Fotoapparats. Ein Gemälde dieses Namens ist im Ausstellungskatalog nicht zu finden. auf der Langelinie‹ lieber«, meint Hellesen, der Landschaften nicht leiden kann. Und während sie sich weiter treiben lassen, um Henningsen Henningsen: Der Maler Erik Henningsen (1855-1930) oder sein Bruder Frants Henningsen (1850-1908) stellten beide 1881 in Charlottenborg aus. zu finden, führt er lang und breit aus, daß er überhaupt nicht verstehen kann, warum die guten Leute all das malen wollten, was alle genauso gut sehen könnten. »Ja – im Sommer«, erwidert Hjort. »Was heißt das?«, Hjort zupft den Kandidaten, »Gesperrt«. »Gesperrt«: Titel eines Bildes des Malers Christen Dalsgaard (1824-1907). »Das ist von Dalsgaard.« »Ja – aber was bedeutet das?« »Mein Lieber«, Hellesen zieht weiter, »niemand fragt jemals danach, was Dalsgaards Gemälde bedeuten – das ist eine Dame, die an einem Weg liegt –.« »Mein Lieber – sie steht.« »Tatsächlich? Vielleicht«. Sie haben das Bild »Im Hof des Anschriftenvermittlers« »Im Hofe des Adressenvermittlers«: »Morgen i Adressekontorets Gaard«, Gemälde von Erik Henningsen. gefunden. Mitten im Gedränge vor dem Bild treffen sie Hoff, Hoff, Kunstkritiker und Flaneur: Wahrscheinlich die aus dem Roman Bangs »Hoffnungslose Geschlechter« (1880; deutsch 1900) bekannte Romanfigur Bernhard Hoff, die Bang mit seinen eigenen Initialen in umgekehrter Reihenfolge versah und die er auf ironische und beunruhigende Art und Weise mit einer Reihe selbstbiografischer Züge ausstattete. Ein Teil Beiträge aus der Jugendzeit Bangs wurde außerdem halbwegs anonymisiert unter dem Pseudonym »Bernhard Hoff« herausgegeben. Kunstkritiker und Flaneur. »Ein Stück Sozialismus«, sagt er und greift zum Hut, »von einem Genremaler gemalt. Schade – das Elend ist kein Genrebild.« Der kleine Künstler mit seinem grellen Sonnenuntergang in schwarzem Rahmen findet den Arm des Bäckerjungen hölzern und zieht Tornøes Wirtshausbild »Tornøes Wirtshausbild«: »Fra et københavnsk værtshus« des Genremalers Wenzel Tornøe (1844-1907). vor. – »Na, das mit dem Kinderkopf auf dem Bündel«, sagt Hoff und lacht. »Ja, Tornøe macht sich bemerkbar. Die Leute sind mit Alexander Kjelland Alexander Kjelland (1849-1906): moderne Schreibweise Alexander Kielland. Gilt als einer der großen vier nordischen Schriftsteller des 19. Jhdt. (Lie, Ibsen, Björnson, Kielland), die die Begründer des »modernen Durchbruchs« waren. Bang warf ihm vor, sich in seinen »Noveletter« (1879) ästhetisch-oberflächlich gegenüber dem sozialen Elend seiner Zeit zu verhalten. verwandt, sie hängen das soziale Elend geschmackvoll an die Wand wie Kabinettstücke.« … »Tornøes Köpfe sind im Vergleich zu den Körpern zu intelligent«, sagt der Sonnenuntergang. »Und seine Damen ›Am Nachmittag‹ »Am Nachmittag«: »Efter Middagen«, Gemälde von Wenzel Tornøe (1844-1907). sind schlecht gekleidet«, so Hjort, »und im Jahre des Herrn 1880 eine Frau mit nacktem Hals zu malen … Das ist jetzt auch ein Einfall, wo man doch nur einen Ausschnitt trägt.« Hoff hat sich Sonnes »Angriff der Kavallerie« Sonnes »Angriff der Kavallerie«: »Kavaleri-Angreb i Stolk ved to Escadroner af 4de Dragon-regiment i Isted Slaget. General Schleppegrell falder«, Gemälde von J.V. Sonne. zugewandt. »Viele Uniformen«, sagt Hellesen. »Und viele Köpfe«, fügt Hoff lachend hinzu. »Es bedarf großen Patriotismus, um dieses Bild zu malen.« »Und viel davon, es zu kaufen« … »Mehr.« Hoff dreht sich um. »Übrigens ist das moderne »Porträt einer Dame« von Henningsen wie auch das von Frantz Frantz: Keine nähere Information verfügbar. brillant. Und sie fangen ja im Ganzen gesehen damit an, hier oben ›am Leben zu rütteln‹« Die Gebrüder Henningsen malten sozialrealistische Bilder, die Anlaß zur Diskussion sozialer Probleme gaben. . – Hellesen und Hjort werden dem Sonnenuntergang vorgestellt, und dann gehen alle vier weiter. Hjort bleibt etwas zurück, um sich ein Bild von Raadsig Peter Raadsig (1806-1882) hatte vier Bilder, die das Alltagsleben schilderten, auf der Ausstellung. anzusehen. »Was müssen Sie zu ›Die Ecke‹, Hjort?«, sagt Hoff. »Es gibt auch andernorts Akademiker.« Der Sonnenuntergang summt »Fern überm Meer erklingt Gesang von Meerjungfrauen«, »Fern überm Meer erklingt Gesang von Meerjungfrauen«: »Havets Morgenhilsen, Motto: Fjernt over Havet lyder Havfruesang« von dem Maler F.L. Storch (1805-1883). Das Zitat stammt aus J.L. Heibergs Schauspiel »Elverhøj« (1828), 3. Akt, 1. Szene, wo es jedoch lautet: »Fjernt over Bølgen lyder Havfruesang.« und Hoff lacht. Hellesen bleibt vor einem weißen Vogel, der auf irgendeinem blauenWasser schwimmt, stehen. »Das ist von Rasmussen«, Carl Rasmussen (1841-1893): Bedeutender Marinemaler, der mit das Gemälde »Paa Havet i Blæst og Slud« (»Auf dem Meer bei Sturm und Schneeregen«) ausstellte. Von einem »Schwan in blauem Wasser« findet sich keine Spur. sagt Hoff. »Was ist das für ein Vogel? Er hat einen unnatürlich langen Hals.« »Der bringt an Länge, was »Christus« im vorletzten Jahr fehlte«, lacht der Künstler, »das ist ein Schwan.« … »Sterbend und symbolisch«, sekundiert Hoff, »er steht unter Tierschutz. Haben Sie seine Zigarrenkiste gesehen? Sie ist ein reiner Seelenverkäufer.« Hellesen streift eine junge Dame, die vor Thomsens »Strickendes Mädchen« Carl Thomsen (1847-1912) war mit dem Bild »En ung Pige, som strikker« vertreten. in Gedanken verfallen ist. »Wenn dieser Mann nur malen könnte«, so Hoff, »er erzählt so vortrefflich.« … »Aber seine Dänisierung von Le printemps ist gräßlich«, sagt Hellesen. »Ja, du lieber Gott, das Frühjahr in ein himmelblaues Kleid zu stecken« … »Dem Himmel sei Dank«, erwidert der Sonnenuntergang, dessen bürgerlicher Name übrigens Knudsen ist, auf Bildern Eduard K., »daß sie angezogen ist – seine nackte Figur wäre sicher fürchterlich.« Hoff versteht nicht, was das für ein Nebelhorn ist, mit dem Schiøtts Ägypterin Schiøtts Ägypterin: Der Porträtmaler August Schiøtt (1823-1895) stellte das Bild »En ægyptisk Danserinde« aus. hantiert. Die Hitze ist fast unerträglich, mit jedem Atemzug schluckt man Staub, und Hoff redet davon, Zitronensaft und Sprudel im À Porta Café à Porta: Es gab zwei Cafés à Porta, das eine lag Ecke Nygade/Gammeltorv und war 1862 von dem schweizerischen Hotelier Peter à Porta begründet worden, das andere lag an Kongens Nytorv, von Stephan à Porta eingerichtet. zu trinken, während der Künstler noch etwas bleiben will, um Zahrtmanns »Julie mit der Amme« »Julie mit der Amme«: Der Maler Kr. Zahrtmann sellte »Blumenverkäuferin aus Florenz« (En Blomstersælgerske fra Florenz) und »Parti fra Dyrehaven« aus. zu sehen. Es hängt unbemerkt in einer Ecke. »Das ist ja ›Aspasia‹«, »Aspasia«: Griechische Hetäre des 5. vorchr. Jhdt., die durch ihren Geist und ihre Schönheit viele der damaligen Athener anzog, darunter Sokrates und Perikles. Sie ist die Hauptperson in dem Roman »Aspasia« (1879) des Deutschen Robert Hamerling. sagt Hjort und schaut auf den Fleischberg mit den schwarzen Perlen. »Ja, letztes Jahr. Aber jetzt ist sie Amme – was auch am besten zu ihr paßt.« »Und Obstverkäuferin«, sagt der Künstler, »haben Sie denn die ›Blumen aus Florenz‹ gesehen?« »Ja – diese Frau bevölkert alle Zeiten und alle Zonen.« »Das ist eine merkwürdige Leidenschaft für altes Fleisch«, sagt Hellesen. Das war aber gewiß eine dumme Bemerkung, denn Hoff und der Sonnenuntergang lachten. »Trotzdem – solche farbenreichen Kamelien und die weiße Blume im Korb« – sie betrachten die »Blumenverkäuferin« – »schade, daß sie so grotesk ist, Knudsen.« »Hören Sie, Hoff, wissen Sie, Middelboe Middelboe, Bernhard (1850-1931): Der Maler und spätere Klischeefabrikant Middelboe stellte drei Bilder aus. Er hatte während seines Parisaufenthalts 1877-1878 Léon Bonnats bekannte Malerschule besucht. hat bei Bonnat studiert. Dort hat er gelernt, Porträts zu malen.« »Nein, mein Lieber, leider, er ist nur Porträtmaler geworden.« Hjort blättert heftig im Katalog. Er will Frau Jerichau Jerichau-Baumann, Elisabeth (1819-1881) war auf der Ausstellung nicht vertreten. Sie starb am 11.7.1881. finden. »Ist es ihr ›Dolce far niente‹ Dolce farniente: Der süße Müßiggang. In Jerichaus Werken befand sich eine umfassende und bedeutende Reihe von Studien aus dem Süden. fragt Knudsen. »Kennen Sie die Geschichte?« »Welche Geschichte?« »Von dem kleinen Mädchen – auf Ausschau?« »Nein.« – »Doch, sage ich Ihnen – es war unmoralisch, solange es auf Ausschau war – und so wurde es zu Dolce far niente !« »Ja«, – Hoff hebt seinen Hut wegen der Hitze, »was tut man nicht um der Moral willen? Storch zieht sogar die Sirenen an.« »Storch zieht sogar die Sirenen an.«: Hinweis auf das oben genannte Gemälde »Morgengruß des Meeres« von F.L. Storch (1805-1883). Die Sirenen waren in der griechischen Mythologie verführerische Wesen mit Frauenhäuptern und Vogelkörpern, die die Seefahrer mit ihrem Gesang zu sich lockten, um sie dann zu töten. – »Nein – das tut er, um ihre Spärlichkeit zu verbergen.« »Hören Sie, Groth Vilhelm Groth (1842-1899): Landschaftsmaler, der sich besonders auf Wälder, Küsten oder Aussichten über größere Landstriche mit Mooren oder Flußläufen spezialisiert hatte. Nur eines seiner vier ausgestellten Bilder war ein Motiv von Hindsgavl. hat seinen festen Wohnsitz in Hindsgavl Hindsgavl: Landgut auf der Insel Fünen, westlich von Middelfart; das Hauptgebäude stammt aus dem Jahre 1784. Im Nordwesten Ruinenreste einer von 1295 bekannten königlichen Burg. genommen und sich auf den Kleinen Belt spezialisiert. Deswegen erahnt man auf seinen Bildern nun Fredericia – und außer Fredericia existiert nichts.« Hellesen hat einen Freund getroffen, der vom Sonnenlicht der Gemälde Raadsigs müde Augen bekommen hat – den Gemälden, von denen Hoff behauptet, die Luft sehe wie von einer Tranfunzel aufgehellter Zigarrenrauch aus – der Freund findet Monies »Tageszeitung« Monies »Tageszeitung«: David Monies (1812-1894): Porträt- und Genremaler, dessen Bild »Dagsavisen« auf der Ausstellung ausgestellt war. lustig. Hoff und Knudsen entfernen sich mit einem Nicken … »Daß man für solche Leute malen muß«, sagt der Sonnenuntergang und sieht dem Raadsig-Jünger nach. »Mal für uns , lieber Knudsen, und verkauf an sie .« »Es ist schwer, zwei Dinge zu tun.« »Aber dies ist eine Sache: sie teilen zuletzt immer unsere Meinung. Diese Studenten sind verteufelt tüchtig – es ist doch ein junger Mann?« »Sehr jung.« »Ein begabter Erzähler. Niemand von den Dichtern in der neuen Schule hat die Generation so aufs Korn genommen. Schau Dir den Russen an und »Der Vornehme« – seine Schuhe sind fast das Beste, und dann den in Schützenuniform. Schützenuniform: Nach dem Krieg 1864 bildeten sich viele Schützenvereine, unter anderem die »Akademisk skytteforening«, die sich zum Ziel gesetzt hatte, den vaterländischen Verteidigungswillen zu stärken, um frühere und zukünftige Soldaten im Gebrauch der Waffe zu üben. Ich persönlich mag am meisten die Studenten und dann ›Das Frühstück‹« »Das Frühstück«): Es handelt sich um oben genanntes leicht pikantes Bild von H.N. Hansen »Efter en frokost«, das eine anziehende junge Dame zwischen zwei rivalisierenden, reifen, in Reitertracht gekleideten Herren zeigt. … »Und in der Zeitung?« »In der Zeitung? Ja, Sie, das weiß ich noch nicht – vielleicht am meisten Krøyers »Arbeiter« Krøyers »Arbeiter«: Der Maler P.S. Krøyer (1851-1909) stellte das Gemälde »Italienische Feldarbeiter« (»Italienske Markarbejdere«) aus. – da findet sich viel Talent.« – »Ausgezeichnete Beine.« … »Ganz gewiß. Sollen wir den Sprudel mit Zitronensaft nehmen?« »Ach nein. Wann wird Ihr Blatt die Kritik abdrucken?« »Ach, mein Lieber, die Ausstellungen sind recht schwierig. Ich denke einmal, wenn die öffentliche Meinung sich gelegt hat.« »Das wäre ja bald.« »Bester Freund, die öffentliche Meinung ist immer mein kritisches Gewissen.«   Als Hjort nach Hause kam, hatte er seinen Katalog voller Kreuze. Dies war seine Ausbeute. 15.5.1881 Der Arbeitshort in Nörrebro Es war mehr als einmal mein Los, zur Wohltätigkeit aufrufen zu müssen und die Aufmerksamkeit der Leser bald auf diese, bald auf jene Aufgabe hinzuweisen, die zu diesem Zeitpunkt der Unterstützung bedurfte. Und die Wohltätigkeit, die vergessen kann – sie muß ja immer an so vieles denken –, ist geweckt worden und hat den Aufruf nicht ungehört gelassen – die größte Freude, die man dem machen konnte, der ihn erlassen hat. Deswegen muß ich auch keine Angst davor haben, zu demselben Thema zurückzukehren, obwohl es sich nicht vermeiden läßt, daß sich seine Schilderung in vielem wiederholen wird: Das Elend ist immer dasselbe, es geht aber nicht darum, es mit meinen Farben auszumalen, meinen Erfindungsreichtum zu variieren, sondern es gilt, auf das Heilmittel gegen das Elend hinzuweisen und zu erreichen, daß dies Unterstützung findet. Deshalb muß man sich einer einzelnen Wiederholung fügen, der man dort nicht entgehen kann, wo der Feind derselbe ist und nur die Hilfe unterschiedlich. Außerdem ist es gerade jetzt an der Zeit, den »Arbeitshort in Nörrebro«, Arbeitshort: Bang spricht von »Arbejdsstuer«. Einrichtungen für praktische Arbeit, wo arme Kinder Aufnahme und Aufenthalt in ihrer Freizeit erhielten. Dort konnten sie unter Anleitung nützliche Arbeit erlernen und verrichten, Arbeit, die ihrem Alter und ihrer Entwicklung entsprach. Das Ziel bestand darin, die Kinder von der Straße zu holen, Bettelei und Kleinkriminalität zu verhindern. Die Arbeitshorte wurden meist auf Privatinitiative von Wohltätigkeitsvereinen gegründet, wurden aber in der Regel im Betrieb von öffentlichen Mitteln unterstützt. In Kopenhagen wurde der erste im Jahre 1872 eingerichtet. Die hier von Bang beschriebene Einrichtung in der Nørrebrogade 215 wurde von Ida Didrichsen geleitet. der Hilfe braucht, zu unterstützen. Denn solange der Winter und die Kälte andauern, müssen die Eltern – leider – meist zu Hause bleiben, so daß die Kinder mindestens die Arbeitslosigkeit mit ihnen teilen und sie alle zusammen sind. Wenn aber das Frühjahr kommt und die meisten schließlich wieder Arbeit bekommen, bleiben die Kinder allein zu Hause. In den besten Haushalten hakt man morgens verantwortungsvoll die Fenster ein, holt etwas Essen, geht und schließt hinter sich die Tür zu. Vielleicht ist die Nachbarin zu Hause, dann bittet man sie, »nach den Kindern zu schauen«; vielleicht ist das älteste Kind auch schon zwölf, dreizehn Jahre alt, so daß es aufpassen kann. Auf jeden Fall kann dann nichts passieren, und abends sitzt jedes in seinem Winkel und schläft. Weiß der Himmel, was sie tagsüber getrieben haben. Es gibt aber auch schlechtere Haushalte, wo die Tür weder geschlossen noch gar abgeschlossen wird, wo man morgens die Kinder zum Spielen oder zum Betteln auf die Straße schickt, wo man sie zu Landstreichern werden läßt, die früh morgens hinausgejagt werden und die spät nach Hause kommen, in ein Haus ohne Liebe. Diese Kinder werden auf Gassen und Straßen erzogen, sie haben ihre Instinkte als Wegweiser, als Lehrmeister Bengel, die aus denselben Familien kommen und älter sind als sie, als Beispiel allzufrühe Verderbnis, als Tummelplatz die Gosse, als Beruf die Bettelei. – Kennen Sie diese grausigen kleinen Räuberstaaten? Studieren Sie sie auf den Straßen Nörrebros, in den Gassen Christianshavns. Fragen Sie die Armenschullehrer! Armenschullehrer: Die Armenschule unterwiesen Kinder, deren Eltern nicht für den kostenpflichtigen Schulunterricht aufkommen konnten. Nach 1875, der Gründung der Volksschule, war der Unterricht grundsätzlich kostenlos. Sie könnten Ihnen darüber berichten; denn meistens erzählen sie Ihnen nicht von Armut, sondern von Lüge, Bettelei, Verstellung, früher sittlicher Verwahrlosung, verwischten Begriffen, nicht von Übermut, sondern Grausamkeit, Lust zu Unterdrücken, Verstockung, Trotz, Stehlsucht … Wo sind denn die Gesetze für diese Kinder, wo die Schranken, wo die Grenzen? Schläge für die Schwächeren, Verstellung gegenüber den Stärkeren, kleine Räubereien, kleine Niederträchtigkeiten, kleine Grausamkeiten – ziehen sie die großen Grausamkeiten, die großen Niederträchtigkeiten, die großen Diebstähle nach sich? Steigen nicht bei jedem von uns Bilder von Scharen auf, die wie Pilze um einen umgestürzten Wagen, ein gestraucheltes Pferd aufschießen? Die sich wie Heuschreckenschwärme bei jedem Geschehnis auf unseren Plätzen niederlassen? Nicht Not, nicht Hunger prägen diese Kinder; es ist die Frechheit der Armut, die uns aus ihren Scharen entgegen grinst. Und wir wollen uns heute gar nicht bei den traurigsten Familien aufhalten, den Familien, wo die Trunksucht zwischen nackten Wänden torkelt, von denen diejenigen berichten, die sich ihr Leben lang aufopfern, um im Unglück zu helfen. Nur eine einzige Bemerkung sei erlaubt. Einer der Prüfer des Unterstützungsvereins Unterstützungsverein: »Københavns Understøttelsesforening« wurde 1874 als privat-philanthropischer Verein gegründet, dessen Ziel es war, durch Aufklärung und finanzielle Unterstützung Bettelei und Hochstapelei zu verhindern und Menschen, die ein besseres Leben wünschten, zu unterstützen. Der Verein hatte Kopenhagen in 20 Bezirke aufgeteilt, die von Bezirksleitern, die sogenannte »Untersucher« als Helfer hatten, geführt wurden. besuchte einen Haushalt ganz draußen in Nörrebro, so weit draußen, wo es an allem fehlt und überall Armut herrscht, der Reichtum an Pfandleihen und Kindern dagegen groß ist: dort traf er im selben Haus Tür an Tür zwei Mütter in verschiedenen Stadien der Trunksucht an. »Die eine«, berichtete er, »saß reglos und in ihr Schicksal ergeben in der Ecke, konnte nur noch lallend antworten, mit tränenden Augen, fast ein lebloser Klumpen«. – Zogen die Kinder an ihr, fiel der Kopf schwer in den Schoß, und sie lallte lauter, während sie kraftlos einen Blondschopf, der sich weinend an sie drückte, streichelte. Es war morgens um 9 Uhr, das Zimmer war leer, außer Stroh gab es nichts, der Winter hatte alles geraubt. »Und doch war es im Vergleich zur anderen Mutter gar nichts. Dort tobte die Betrunkene, sie schwankte halb erhoben in einem Bett, voll mit Lumpen und kommandierte schreiend drei, vier Kinder herum: »Nein« – »Tanzt, tanzt!« – »Nein!« – Diese blaugefrorenen Kinder zum Takt des spanischen Rohres tanzen sehen, das Gesicht der Mutter aufgeschwemmt, mit filzigem Haar – es war mir, als würde ich erstickt.« – Wir haben bereits erwähnt, daß solche Schilderungen Wiederholungen seien. Das ist unvermeidlich, aber das Elend hat wie Janus zwei Gesichter: das eine der Not, das andere des Lasters. Es sind die Laster, die in diesem Dasein wachsen und gedeihen, die den größten Schrecken einjagen, die Einwirkungen, Eindrücke dieses Elends, die am stärksten wirken. Kinder lernen so leicht. Aus tausend winzigen Eindrücken, kaum merkbaren Einflüssen, Stimmungen, die schnell kommen und wieder gehen, so schnell wie sie gekommen sind, wird das kindliche Gemüt gebildet. Es ist Haß und Liebe genau so leicht zugänglich wie Gutem und Schlechtem, sein Herz kann überströmen, und es kann versteinern. Die Übergänge sind schnell, kaum zu fassen, die Trauer ist verschwunden, bevor die Tränen getrocknet sind, die Freude kann kurzfristiger sein als das Lächeln. So ist das Kind, aber alle diese Eindrücke, all dieser Wechsel ist der Stoff, aus dem das Leben des Kindes geformt wird, und wenn das Kind zum Mann geworden ist, trägt die Saat ihre Frucht. Deshalb kann man nie genug Waisenhäuser oder Kinderheime haben, nie genug Zufluchtsstätten für arme Kinder, und deshalb darf man nicht müde werden, immer wieder die Wohltätigkeit darauf hinzuweisen, hier ihre Aufgabe zu erfüllen, jede auf ihrem Gebiet. Der »Arbeitshort in Nörrebro« erfüllt diese Voraussetzung. Arbeitshorte für Kinder sind ursprünglich wohl eine englische Idee. Die Absicht ist, in Armenvierteln Stätten zu schaffen, wo die Kinder außerhalb der Schulzeit beschäftigt sein sollen, lernen sollen, sich zu beschäftigen und überdies durch und während der Arbeit beeinflußt werden sollen. Denn die Arbeit übt an und für sich einen Einfluß aus, und das Kind, das arbeiten gelernt hat, ist bereits halb für die Gesellschaft gewonnen. Aber einem Kind arbeiten beizubringen, das im Müßiggang und Bettelei aufgewachsen ist, ist vielleicht das Schwierigste von allem: Betteln heißt ja im Freien leben, Zigeunerleben ohne Zwang, ohne Mühe, heute ein trockenes Stück Brot zu Hause, morgen Süßigkeiten für erbettelte Schillinge Schilling: Nach dem Staatsbankrott und der damit verbundenen Währungsreform im Jahre 1813 wurde der Reichsbanktaler zu 6 Reichsbankmark zu 16 Reichsbankschilling eingeführt. 1 Reichsbanktaler bestand also aus 96 Schilling. Die Kaufkraft des Reichsbanktalers entsprach zuletzt etwa 15 €; 1 Schilling wäre dann etwa 16 ¢. 1873 wurde die Silberdeckung zugunsten der Golddeckung aufgegeben und die Krone (1 Reichstaler gleich 2 Kronen) mit der Unterteilung in 100 Öre eingeführt. 1875 wurde festgelegt, daß 1 kg Gold 2 480 Kronen entsprechen. … Das ist »freies Leben« en miniature , Arbeit dagegen bedeutet Ordnung, Zwang, Aufsicht – Gefangenschaft. Die Arbeit an sich hält also die Kinder von ungesunden Einflüssen fern. Gespräche mit den Lehrern, Singen, zwischendurch munteres Spielen beeinflussen sie genauso stark. Und diesen doppelten Einfluß auszuüben, ist die Aufgabe der »Arbeitshorte.« Im Gegensatz zu den Kinderheimen, die sich der Kinder Tag und Nacht annehmen, und wo die Weiterdenkenden sogar behaupten, daß die Heime nur dann wirklich etwas ausrichten können, wenn die Kleinen ganz von ihren Eltern ferngehalten werden, wollen die Arbeitshorte die Kinder nur dann beschäftigen, wenn die Eltern abwesend sind, denn abends schickt man die Kleinen nach Hause. Es ist hier nicht der Ort zu entscheiden, was das Bessere ist; nur eines ist sicher: Kinderhorte sind weitaus billiger und können, gut geordnet und gut geführt, viel Segen bewirken. Der Arbeitshort in der Nörrebrogade ist wie so viele mildtätige Einrichtungen hauptsächlich das Werk einer einzigen Frau: Hier wie so oft ist die Geschichte der Mildtätigkeit die Geschichte einer einzigen Frau, die einsam in ihrem Leben ihr Werk aufgebaut hat, es still und liebevoll gepflegt hat. Vor sechs Jahren bemerkte die Leiterin auf der Straße zwei Kinder, die sie immer wieder traf, wo sie auch ging und stand, früh und spät. Schließlich sprach sie die Kleinen an, fragte sie aus, und das, was sie erzählten, war die traurige Geschichte von Trunksucht und Bettelei. Diese beiden Kinder waren die ersten im Arbeitshort in Nörrebro, wo es jetzt alles in allem 120 Kinder gibt – zu viele für die Räumlichkeiten, zu wenige für den Bedarf. Zu viele, denn es ist so viel Platz in den Herzen: diese einsamen oder kinderlosen Frauen haben in ihrer Liebe Platz für so viele, ihre Muttergefühle umfassen so viele.   Weit draußen im Rhabarberland Rhabarberland: »Rabarberlandet« bezeichnet den Teil von Nörrebro, der vom Peblingesøen, Ladegårdsåen und Nørrebrogade begrenzt wird. Nach 1852 (dem Fall der Befestigungen) baute man schnell und schlecht auf den Gebieten, die bis dahin (wegen militärischen Bauverbotes) von Gärtnern unter anderem zum Rhabarberanpflanzen genutzt wurden. liegen die Arbeitshorte mitten im Arbeiterviertel. Ein hübsches Haus mit einem großen Garten, wo sich die Kinder im Sommer aufhalten können. Ich besuchte den Hort morgens. Nur im Tagesraum und im Zimmer mit den Kinderwiegen ging es lebhaft zu, im Arbeitssaal selbst gab es nur wenige Kinder, sie gehen ja vormittags in die Schule. Eigentlich sind der Tagesraum und das Säuglingszimmer eine Ergänzung der Idee von den Arbeiterhorten. In der Schweiz sind diese drei Zweige getrennt. Das Zimmer mit den Säuglingen liegt für sich, das Asyl für sich, schließlich die Arbeitssäle für sich. Sie zu vereinigen war die Idee der Leiterin: »Die Familie bringt morgens ihre ganze Kinderschar her«, sagt sie zu mir. Draußen im Flur stehen einige kleine Wichte mit den Holzschuhen in der Hand und großen Tüchern um den Hals, die bis zu den Blondschöpfen reichen: arme Kinder sind immer in wollenen Tüchern vergraben. Sie grüßen uns mit einem »Guten Morgen«, als wir vorbeigehen. »Guten Morgen.« Wir gelangen zuerst in das Säuglingszimmer. Wiege an Wiege steht in dem allzu kleinen Raum. Die Kleinen schlafen. Ihre Köpfe liegen auf der Seite, ihre kleinen Finger greifen im Schlaf. »Wie bleich ist doch dieses Gesicht.« … »Ja – das Arme, es hat die englische Krankheit.« Englische Krankheit: Rachitis. – Alles in allem sehen jedoch die Schlafenden in ihren Wiegen gesund aus. Auf dem Boden kriechen einige Kinder herum, sie sind ziemlich schmutzig. Es fällt so schwer, sie sauber zu halten, wenn sie auf dem Boden herumkriechen. Ein kleines Mädchen hat seine Zuflucht in einer Ecke gesucht. Sie sitzt da, versteckt ihren Kopf mit den roten Posaunenbacken und schaut scheu auf die anderen – ein kleiner Dicksack ist sie, kommt man ihr jedoch zu nahe, beißt sie, das kann man sehen. »Sie ist vom Land«, sagt die Leiterin, »heute ist sie zum ersten Mal da«. »Ach so – deshalb sieht sie so scheu aus.« »Und so gesund«, fügt das Fräulein seufzend hinzu. Im Säuglingszimmer mit seinen zwanzig Kindern ist es bereits stickig, und es ist doch erst 9 Uhr. In einigen Stunden wird es hier drückend heiß sein. »Die Luft hier drinnen ist schlecht«, sage ich. »Leider – aber jetzt bekommen wir einen Anbau draußen im Garten, das wird helfen.« »Bauen Sie im Sommer?« – »Wenn wir das Geld bekommen.« – »Hoffentlich bekommen Sie es, denn hier braucht man frische Luft.« »Dabei sind heute noch nicht einmal alle da«, sagt die Leiterin, »manchmal haben die Eltern keine Arbeit, und manche bleiben zu Hause. Kämen sie alle, hätten wir hier keinen Platz.« Wir gehen in den Arbeitssaal. Dort sitzen einige Jungen und flechten Strohschuhe. Einer flicht Strohhüte: »Das ist noch im Werden«, sagt die Lehrerin, während sie die Schränke öffnet, um mir die Arbeiten zu zeigen, »aber dies soll noch richtig Geld einbringen.« Flechten ist eine der Hauptbeschäftigungen: die flinksten Kinder können nach ein paar Monaten Übung stündlich 2-3 Ellen Ellen: 1 dänische Elle entspricht 0,6277 m. Strohgeflecht flechten; sechs Paar Strohsohlen wöchentlich, wenn sie nur in ihrer Freizeit nachmittags arbeiten. Außerdem macht man Papiertüten, strickt, näht, häkelt. Ein Kind kann an einem Nachmittag 300 bis 400 Papiertüten fertigen. Es gibt aber bessere Arbeiten als diese. Das Fräulein zeigt mir einen wunderschönen Türvorhang aus Jute mit roten Perlen. Was ich meine, woraus er hergestellt ist? Aus roten Tuchstreifen, die man von einem Großhändler erhält, dann werden die Streifen zusammengenäht – einer nach dem anderen zu einer Borte, und das Ganze ist so sorgfältig, so geschmackvoll mit Stickerei besetzt. Oder schauen Sie sich diese Wunder von Kissen an, aus Garnresten gestickt oder gestrickt. Sie gleichen einem prachtvollen Mosaik. Oder betrachten Sie diesen Einsatz auf diesem Unterrock! Er ist aus lauter winzigen Proben zusammengenäht, kleinen Streifen aus Einsätzen und Spitzen. »Wir müssen uns ja selbst helfen, ohne Geld auszukommen«, sagt die Lehrerin, »ein einziger Großhändler schickt uns seine Proben. Dann muß ich erfinderisch sein und daraus machen, was ich kann.« Und das ist wirklich viel, was gemacht werden kann! Aber wie viel besser wäre es, man könnte die Stoffe einkaufen und das Ganze systematischer ausbauen. Dann könnte auch den Kindern für ihre Arbeit mehr gezahlt werden, jetzt bekommen sie nur eine halbe bis eine Krone wöchentlich. Früher brachten die Kinder samstags das Geld mit nach Hause, aber dann verschwand es, und niemand hatte Nutzen davon. Jetzt wird das Geld in der Sparkasse für die Konfirmation einbezahlt, und dann erhält jedes Kind, das den Hort verläßt, ein Stück Kleidung als Geschenk. Hätte man Geld, dann könnte man es hier auch etwas gemütlicher einrichten, angenehmer, hier ist es ziemlich kahl, karg. Die Kinder wären lieber im Hort, wenn er mehr einem Heim gliche. Aber man hat kein Geld dafür. Hinter dem Arbeitssaal, wo sich 80 Kinder in einem kleinen Raum (einem aufgeräumten ordentlichen Wohnzimmer) befinden, liegt das Zimmer der Elternlosen. Alle sind da. Sie kommen hierher, wenn sie drei Jahre alt sind, verlassen es mit sieben und kommen dann in den Arbeitssaal. Wie sie dicht auf den Bänken nebeneinander sitzen, diese kleinen Gesichter: Sie sind alle blond, fast weiß. Sie schnattern und schreien durcheinander, die Stunde hat noch nicht angefangen. Der Kleine da, der kaum gehen kann, krabbelt in seinem Eifer, die Fremden zu sehen, halb auf den niedrigen Tisch hinauf. Dort drüben sind vier, fünf »große« Mädchen. Sie stehen in einer Ecke am Fenster und flüstern miteinander. Dann beginnt die Andacht. Sie erheben sich und falten die Hände. Der Kleine dort mitten auf der Bank hebt seine Hände hoch, um zu zeigen, daß er sie gefaltet hat – einige andere tun dasselbe, und es gibt ein kleines Durcheinander, dann wird es ruhig. Das Lied klingt schön. Die Kleinen stehen mit gefalteten Händen da und starren alle auf die Lehrerin, während sie mit aller Kraft in den Gesang einfallen und vor Freude zwischen den Strophen lachen. Dann betet eines der »großen« Mädchen das Vaterunser. Es wird einem hier im Hort warm ums Herz, man sieht all die vielen Gesichter, in allen derselbe Blick. Längs der Tische die Händchen gefaltet. Das ergibt eine Stimmung, dies alles zusammen. Die Andacht ist vorbei. Wir haben den Hort gesehen, wissen, was man ausrichten will. Aber der Platz ist auch hier zu eng, die Anforderungen zu hoch. Aber vielleicht findet sich der eine oder andere, der eine Hand reichen kann , der jetzt, daran erinnert, sie reichen will. Geschähe dies doch bloß! 29.5.1881 Ein Besuch bei Karlsberg   Herr Karl Jacobsen junior hat Valby gerettet; denn wäre er nicht edelmütig genug gewesen, Ny-Karlsberg Valby zu nennen, hätte es die klassische Heimat der Gänse in einigen Jahren nicht mehr gegeben. Karlsberg Karlsberg: heutige Schreibweise Carlsberg. Die beiden Carlsbergbrauereien (Gammel- und Ny-Karlsberg) waren ursprünglich zwei selbständige Firmen. Die ältere – Gammel-Karlsberg – wurde 1847 auf Valby Bakke von J.C. Jacobsen (1811-1887) als erste dänische Bayerisch-Bier-Brauerei gegründet. Ursprünglich wurden nur Lager, Export, Pilsner und Porter gebraut; bald wurde die Firma jedoch durch die Firma Alliance 1868 ergänzt. Deren Gebäude schlossen sich räumlich direkt an Gammel-Karlsberg an. Die Aufgabe der Alliance bestand ursprünglich darin, Mineralwasser herzustellen und die Biere Gammel-Karlsbergs abzufüllen. Erst 1880 begann man in der Alliance, Lagerbier – später auch Pilsner und Porter – zu brauen. 1906 wurde der Braubetrieb eingestellt (jedoch weiterhin Mineralwasser hergestellt) und die Firma 1913 an den Carlsbergfonds verkauft. Im Geschäftsjahr 1881/82 betrug der Bierausstoß 124 000 hl. Ny-Karlsberg wurde ebenfalls neben Gammel-Karlsberg 1871 gebaut und an den Sohn Carl Jacobsen (1842-1914) verpachtet, der die Brauerei bis 1882 betrieb, aber 1880-1883 eine moderne Großbrauerei mit umfassenderer Produktion (Lager, Pilsner, Wiener, Münchner, Export und Porter) baute; der Markt war zunächst in Absprache mit dem Vater ganz Dänemark mit Ausnahme Kopenhagens. 1901 wurde die Brauerei dem Carlsberg-Fonds übertragen und 1906 mit Gammel-Karlsberg verschmolzen. 2006 wurde in Valby die Bierherstellung eingestellt und nach Fredericia (Mitteljütland) verlagert. hätte sie verschluckt wie London seine Vorstädte verschluckt. Wie heftig es doch draußen bei Karlsberg wächst! Jetzt ist es genau ein Menschenalter her, daß Kapitän Jacobsen Kapitän Jacobsen (»Kaptain«): J.C. Jacobsen war Absolvent der Polytechnischen Lehranstalt in Kopenhagen, wo er unter anderem beim Physiker H.C. Örsted Vorlegungen besuchte. Nach dem Todes seines Vaters Kresten Jacobsen (1835) hatte er dessen Malzbierbrauerei in der Brolæggerstræde übernommen, wo er auch seine ersten Versuche, untergäriges bayerisches Bier herzustellen, begonnen hatte. Als Leiter der in Valby neu erbauten Brauerei Karlsberg hielt er mit patriotischem Stolz an seinem Titel als Kapitän der Bürgerwehr bis zu seinem Tode fest. mit dem Bau der Karlsberg-Anlage begann. Damals braute man im ganzen Land nur Malzbier Malzbier: auch Weißbier (dän. hvidt øl, nicht zu verwechseln mit Hvidtøl). Es handelt sich um ein obergäriges Bier, das bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts in Dänemark das einzige Bier war und das Trinkwasser (wegen dessen schlechter Qualität) weitgehend ersetzte. Das Bier war malzbetont und hatte weniger als 2,25 % Alkohol. Obwohl es mit dem fast alkoholfreien Malzbier (Hvidtøl) nicht ganz identisch ist, habe ich mangels anderer Möglichkeiten die Übersetzung »Malzbier« gewählt. und das rote Doppelbier Rotes Doppelbier: Durch längeres Darren der Gerste erhielt das Bier eine rötliche Farbe. Durch längeres Gären wurde der Alkoholgehalt »verdoppelt«. Auch hier handelt es sich um ein obergäriges Bier. im alten königlichen Brauhaus; bei Karlsberg wollte man Bayerisches Bier herstellen und die Produktion auf wissenschaftliche Grundlagen gründen. Nicht umsonst war der junge Besitzer Absolvent des Polytechnikums und ein ausgesprochen tüchtiger Chemiker; von Anfang an war seine Überzeugung, die Wissenschaft könne und müsse sein Bier verbessern. Aber man begann klein: Nur zehn Arbeiter beschäftigte man, und man hatte mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Vor allem haperte es mit der Wasserversorgung, man hatte nicht genügend Wasser, und man suchte lange Zeit vergeblich, bis man schließlich eine wasserführende Schicht entdeckte, die die Gefahr abwandte; in den Kriegsjahren, Kriegsjahre: Gemeint ist der Krieg von 1848-1850. in die die erste Zeit der Fabrik fiel, war es fast unmöglich, Arbeiter zu bekommen, und man mußte sich behelfen, so gut man konnte – kurz, Karlsberg hatte seine Kinderkrankheiten wie alle anderen – und überwand sie besser als die meisten. Im Jahr 1867 brannte die Fabrik ab: Getreidelager, Mälzerei, Brauhaus und Gärkeller – alles fiel in Schutt und Asche mit Ausnahme des Lagerkellers, der glücklicherweise für die Sommermonate aufgefüllt war, so daß die Auslieferung nicht stockte, während man damit begann, das Karlsberg, das jetzt vorhanden ist, aufzubauen. Dann gab es einen Streik, und die Maurer legten die Arbeit nieder; in kurzer Zeit wären die Läger leer gewesen und Kopenhagen ohne Karlsberg-Bier. Aber Kapitän Jacobsen bezwang die Widrigkeiten, und Karlsberg wurde rechtzeitig fertig. Dies ist die Geschichte Karlsbergs, genau so trocken wie die Weltgeschichte in den Lehrbüchern der Schulen, wo einige Jahreszahlen, einige Namen, ein einzelnes Datum das Skelett eines Lebens oder eines ganzen Abschnitts bilden. Was aber so wenige Zahlen bedeuten können, was sie von Arbeit, Energie, Willenskraft und Ausdauer erzählen – ja, das kann man bei einem Besuch bei Karlsberg im Jahre 1881 lernen. Dort draußen kann man sich verirren. Schwierig ist, daß Gammel-Karlsberg und Ny-Karlsberg sowie die Allianz Allianz: siehe Anmerkung 1. für den ungeübten Blick ineinander übergehen, obwohl dies doch drei höchst verschiedene Firmen sind. Aber die Grenzen sind kaum zu erkennen, bald steht man auf dem Boden der Allianz, bald auf dem Ny-Karlsbergs, ohne daß man dies bemerkt. Denn es geht mit den Enklaven und Buchten durcheinander wie auf einer Deutschlandkarte mit all ihren kleinen Fürstentümern, von denen jedes seinen Fürsten hat – wie Karlsberg. In den Brauereien hat nicht nur jede Abteilung ihren eigenen unabhängigen Abteilungsleiter, sondern auch eine spezielle Aufgabe: Gammel-Karlsberg liefert Bier nur für Kopenhagen – Kopenhagen verbraucht jährlich wirklich die bei Gammel-Karlsberg gebrauten 75 000 Tønder 1 tønde: hier 1 tønde Bier. Entspricht 131,4 l; 75 000 tønder sind 9 855 000 l. Bier, und außerdem was von Tuborg Tuborg: 1873 gründete ein Konsortium verschiedener Kopenhagener Geschäftsleute die Brauerei Tuborg in Hellerup, die damals ausschließlich untergäriges Bayerisch-Bier braute. 1970 von Carlsberg aufgekauft. Danach schrittweise Aufgabe der Brauerei in Hellerup, Bau einer neuen Brauerei in Fredericia (Mitteljütland),wo von 2006 ab die dänische Bierproduktion zentralisiert wurde. und Aldersro Aldersro: Brauerei Ecke Jagtvej und Lyngbyvej, gegründet 1860, verkauft 1884. und wie die anderen Brauereien alle heißen, getrunken wird – Ny-Karlsberg versorgt das übrige Land. Als ob man ein Reich aufteilte! Alliance füllt ab und stellt außerdem die leichteren Biersorten wie Wiener und Pilsner Bier her. Herr Kogsbølle Kogsbølle: E. Kogsbølle war Inspektor bei Gammel-Karlsberg und enger Mitarbeiter von J.C. Jacobsen. hat Pilsner Bier modern gemacht, und die Herstellung bei Alliance, die ursprünglich als Musterbrauerei von Malzbier gedacht war, ist bereits sehr bedeutend – etwa 11 000 Tønder 1 tønde: hier 1 tønde Bier. Entspricht 131,4 l; 11 000 tønder sind 1 445 400 l. jährlich. Der größte Teil davon geht ins Ausland. Er geht in Flaschen mit silbernem Verschluß, so vorsichtig eingepackt wie eine Flasche Rheinwein, in Kisten und geschlossenen Körben in die ganze Welt hinaus. China sei, so sagt man, der beste Markt. Die Fässer dort, die der Arbeiter zusammenstellt, gehen nach Westindien. In Westindien will man alles in Fässern, und natürlich entspricht man dieser Forderung, wenn man gut bezahlt wird. Denn das Bier ist ziemlich teuer geworden, bis es seinen Bestimmungsort erreicht hat. Es gibt übrigens bei Alliance viel zu sehen: es gibt Säle, wo man das Bier abzapft – 400 Flaschen kann ein Mann täglich abfüllen – es gibt lange Schuppen, in denen man das Bier verpackt, es gibt Säle, wo man die Flaschen spült, Säle, wo Reihen von Frauen Etiketten auf die verschlossenen Flaschen kleben, allein dies ist ja ein Industriezweig, wo es darum geht, mit fünf Millionen Flaschen fertig zu werden. Denn fünf Millionen Flaschen befüllt die Alliance jährlich. Wie gesagt, die Grenzen wechseln dauernd, und ein Fremder verirrt sich leicht. Ny-Karlsberg dehnt sich nach der einen Seite aus, Alliance nach der anderen, aber Gammel-Karlsberg bildet doch die Mitte, und die wollen wir besuchen. Sie pflanzt sich durch Knospung fort, stirbt aber nicht während dieses Prozesses ab; in dem alten Karlsberg können wir am besten erkennen, wie gut der Eigentümer das doppelte Ziel, das er sich gesetzt hat, erreicht hat. Denn das Ziel muß ein doppeltes gewesen sein: einmal die Herstellung so gut wie möglich durchzuführen, zum anderen die Herstellungsart so wenig gefährlich wie möglich für all die Hunderte zu gestalten, deren Leben sich in diesen Hallen abspielt. Und zu beiden Zielen hat ihn die Wissenschaft geleitet. Es ist ein langer Prozeß, der in dem Augenblick beginnt, in dem die 102 Tønder 1 tønde Gerste (byg): 1 tønde Getreide entspricht 139,2 l; 102 tønder sind 14 198,4 l. Gerste, die man in 24 Stunden braucht, zu keimen beginnen; die Keimung soll die Zuckerbildung fördern, die zur Herstellung des Bieres notwendig ist, bis das fertige Bayerische Bier im Lagerkeller reift. Leider sehe ich mich außerstande, all diesem im Einzelnen zu folgen. Dies muß Sache des Fachmannes bleiben. Er soll Ihnen von all diesen Öfen mit ihren verschiedenen Temperaturen erzählen, bei denen das Malz getrocknet wird, und von den verschiedenen Maschinen, die die schädliche Luft abführen müssen, die Luken öffnen und Läden schließen müssen, die Kälte erzeugen und Wärme temperieren müssen. Es gibt Dampfmaschinen für alles, und der Fachmann wird ihren Nutzen erklären können, er wird Ihnen die Vorteile ausführen können, das Korn auf eben solchen Rosten dörren zu können, die die Temperatur von Ofen zu Ofen langsam ansteigen lassen; er wird diese mächtigen Bottiche aus Schiefer, in denen die Gärung vor sich geht, zu schätzen wissen, diese Aufzüge und Wassermaschinen. Wir anderen verirren uns hier, und wir können nur einen einzelnen Eindruck mitnehmen, der uns sozusagen das Ganze vergegenwärtigt. Es ist nicht nur der Eindruck von etwas Großartigem, sondern auch von vollendeter Virtuosität: Wenigstens verstehen wir, während wir uns diese Maschinen ansehen und die Erklärungen anhören, daß sich hier der höchste Erfindergeist Hand in Hand mit äußerster Energie vereint hat. Was beeindruckt, ist nämlich nicht so sehr die Größe der Räume – die hochentwickelte Kunst geht auch mit dem Raum sparsam um – sondern vielmehr die Art und Weise, wie man sie nutzt. Karlsbergs Getreideläger sind sogar ungewöhnlich klein; aber man braucht keine größeren, wenn man das Getreide so ausgetüftelt lagert! Genau dasselbe mit dem Malz! Die Art und Weise, wie man das Getreide reinigt, ist ganz einfach: Die Gerste verschwindet in Maschinen und verläßt sie wieder – überall Maschinen, allein um die schädliche Luft aus der Mälzerei zu entfernen; einer der Gärräume, glaube ich, braucht zwei Dampfmaschinen mit 16 Pferdestärken, und wenn die Gerste durch Luken, die sich im Boden öffnen, in den nächsten Raum fällt, ist kein halbes Korn darunter. Denn vor allen Dingen geht es darum, die schlechten Körner, die während des Keimens schimmeln, auszusondern. Für denjenigen, der nichts davon versteht und den Nutzen nicht einschätzen kann, sieht alles so einfach aus. Bei jeder Abteilung bleibt der Führer stehen, um am Ende seiner Erklärungen ganz kurz zu sagen: »Dies ist ein neues System – es wird sonst nirgendwo verwendet. Wir haben es erprobt.« Und meist fügt er den Namen des Wissenschaftlers hinzu, der dies hier eingeführt hat. Sehen Sie sich diese Öfen, in denen das Getreide getrocknet wird, an. Ofen über Ofen – in vierzehn Lagen übereinander. Ihre Zwischenräume können hoch gestellt werden, so daß das Getreide in den nächsten Ofen hinab gleitet, wo stärkere Wärme herrscht; zuletzt ist die Hitze größer als in den Tropen. Hier erledigt die Maschine den ganzen Vorgang, aber man hat bei Karlsberg noch ein Überbleibsel des alten Systems, wo die Leute selbst auf die Temperatur achten müssen und sich in Räumen bewegen, wo gedarrt wird: also werden sie dauernd den wechselnden Temperaturen, die für den Vorgang notwendig sind, ausgesetzt. Wir berühren den zentralen Punkt all dieser Bemühungen, denen ich leider nicht Schritt für Schritt folgen kann: das Bestreben, zugleich das Bier so gut wie möglich zu brauen und doch die Herstellung so ungefährlich für die Gesundheit wie nur möglich zu gestalten. Im Tageslauf denkt man so wenig darüber nach, aber gerade deswegen muß man dem Einzelnen, der daran denkt, dankbar sein. Jede Tätigkeit birgt ihre Gefahren, zerstörerische Einflüsse machen sich geltend und beeinträchtigen die Gesundheit. Man braucht nicht den Quecksilberarbeiter aufzusuchen, um auf Berufskrankheiten zu stoßen, nicht den Seidenarbeiter oder den Arbeiter in den großen englischen Fabriken, wo Rauch und Kohlenstaub das Leben verkürzen: jeder Beruf hat seine eigenen Krankheiten. Der Malergeselle wird nicht alt, seine Brust wird vom Farbenreiben angegriffen, und er stirbt oft an Auszehrung; Handschuhmachern ergeht es nicht besser, und die Eisengießer sind mehr als alle anderen Lungenkrankheiten ausgesetzt. Aber von dem Augenblick an, wo man die Gefahren des Berufs erkennt, besteht die unweigerliche Pflicht, sie so zu bekämpfen, wie man es bei Karlsberg tut. Wie vorsichtig man auch ist, wie groß die Rücksicht auch sei, die man auf deren Gesundheit nimmt, die in den Fabriken arbeiten müssen, werden leider doch immer genügend Gefahren zurückbleiben. Man sieht es hier, denn es kann kaum gesund sein, sich in Räumen mit solchen Temperatursprüngen aufzuhalten, wo man von 70°Celsius an den Öfen zu 5° in den Kellern hinabsteigt; außerdem kann die Luft im Gärkeller nicht ganz frei von Kohlensäure sein, und Kohlensäure einzuatmen, ist nicht gesund. Dies hat früher anderswo den Tod vieler Arbeiter verursacht, der Arbeiter, die sich in den Gärkeller gewagt haben, wo die Gärung bei unzureichender Frischluftzufuhr in vollem Gang war. Die Kohlensäure hat ihn erstickt. Bei Karlsberg hat man mit Hilfe der Wissenschaft diese Kohlensäure, die ein so lästiger Gast ist, bekämpft, und ein kompliziertes Belüftungssystem entfernt jetzt die schädliche Luft. Wenn die Luft in diesen Räumen schlecht ist, ist es die eigene Schuld der Belegschaft, denn die Maschinen haben das Ihrige getan. Überhaupt hat die Mannschaft, wo doch die Erfindungskraft und die Wissenschaft so viel ausgerichtet haben, groß nichts anderes zu tun, als die Maschinen, die die Arbeit tun, zu überwachen; und bedenkt man, was jährlich ausgestoßen wird, hört man mit Verwunderung, daß diese großen Säle, die die Mälzerei, den Gärkeller, die Brauerei und die Läger beherbergen, von 80 Mann gesteuert werden – alles in allem. Aber was alles wird nicht von Maschinen gemacht! Allein diese Bewässerungsanlage, die das Getreide feucht halten soll: Man drückt auf einen Hahn, und eine Reihe schnurrender Fontänen sprühen Wasser auf das Getreide; diese Belüftung, die die Luft ansaugt und die ungesunde entfernt. »Das könnte auch nicht verkauft werden«, sagt mein Führer, »man bekäme nie das Geld zurück, das es gekostet hat.« Wir waren durch Speicher gewatet, wo das Korn in Haufen lag, wir waren Wendeltreppen hoch gestiegen und Stiegen hinab, wir hatten uns Dampfkessel angeschaut, und wir hatten Öfen geöffnet, wir waren durch alle Bereiche gewandert wie einer, der den Montblanc besteigt, und wir hatten uns in sämtliche Geheimnisse der Produktion vertieft. Wir waren von den Getreidespeichern zur Mälzerei gefolgt, um dann beim Gärungsprozeß dabeizusein. Die großen Schieferbottiche enthielten jeweils ihr eigenes Gebräu; es wird viermal in 24 Stunden gebraut, jedes Mal 80 Tønder 1 tønde Gerste (byg): 1 tønde Getreide entspricht 139,2 l; 80 tønder sind 11 136 l. Gerste. Dort, wo die Gärung auf ihrem Höhepunkt war, lag der Schaum schmutzig und zollhoch auf der Oberfläche der Bottiche; in anderen Bottichen war es wie Entengrün, in wieder anderen wie dünner Schleim. Appetitlich sah es nirgends aus, aber das ist ja nur der Gärvorgang. Anschließend wird gebraut. Und dann kommen die Fässer ins Lager. »Nehmen Sie eine Lampe mit«, sagt mein Führer. Er gibt mir eine kleine Zinnlampe, uralt mit einem schwachen flackernden Schein. »Hier ist die Treppe.« »Danke – geht es weit hinunter?« Man tastet sich eine Steintreppe hinab. »Ach – halten Sie sich an die Mauer.« Bei jeder Biegung meint man, man stünde vor dem Schlund der Dunkelheit. Und langsam wird es sehr kalt. »Das ist wie in einem Bergwerksschacht«, sagt man ins Dunkel hinein, wo man bei der Biegung ein Licht flackern sieht. Man hält sich gut fest, denn es beginnt, auf der Treppe feucht zu werden. Von unten hört man Stimmen. »Sind Sie da?« fragt der Führer. Mit seiner Lampe in der Hand geht man die letzten Stufen ins Dunkel hinein, das von schwachem Schein wie von Irrwischen bevölkert ist. Die Luft ist kalt und feucht, und drüben bei den Irrwischen fällt das Wasser in großen Tropfen von den Wänden herab. »Sie reinigen den Keller«, sagt er und geht weiter. Während man weitergeht, erblickt man die Arbeiter. Sie haben die Lampen vor sich auf den Steinboden gestellt, und vorgebeugt, mit großen Schläuchen in ihren Händen, spritzen sie das Wasser an die Wände. So plätschert es herab und rinnt hinaus ins Dunkle. »Hier ist es kalt«, sage ich. »Ja, jetzt haben Sie es ja gesehen«, sagt der Führer. Er tappt in eine Pfütze und strauchelt mit der Lampe. »Hier ist es ungemütlich.« »Ach, was.« Wir kehren um, arbeiten uns die Wendeltreppe hoch. Unten hört man Gesang. Plötzlich erlöschen unsere Lampen, wohl durch den Luftzug. Wie etwas, das auf einem lastet und einen erstickt, legte sich die feuchte Dunkelheit um mich. »Gehen Sie nur weiter«, ertönt es von oben. Es ist, als müßte man förmlich bei jedem Schritt dieses Dunkel durchschneiden. Man atmet auf, wenn man wieder oben ist. »Jetzt sollten wir das Bier probieren«, sagt der Führer. »Vielen Dank – aber ich trinke kein Bier.« »Nicht einmal Karlsberger? – Es ist viel gesünder als Wein.« Wir stehen oben im Hof bei Tageslicht: dort das rote Gebäude, das in seiner Bauweise dem Zuchthaus in Horsens ähnelt, ist Ny-Karlberg; dort wird noch mehr gebraut als hier. Aber die »Systeme« sind bei Gammel-Karlsberg fruchtbarer angewandt worden; dort draußen die Häuser im Stile einer Villa, alles so schmuck und frisch: das ist Alliance. Man steht hier mitten im Königreich, und um einen herum schnauben die Maschinen, zischen die Dampfhähne, wimmeln eilig die Arbeiter. Drunten in den Schuppen spannen die Kutscher an, hier draußen sind Pferde eingestallt, ein ganzes Gestüt; leider hat man mit dem Abfüllen viel zu tun. »Dort liegt das Labor«, zeigt der Führer auf das erste Stockwerk. »Sie wissen, für wissenschaftliche Untersuchungen.« Ob man es weiß? Hier vergißt man es nicht so leicht. Man schaut auf das rote Gebäude zurück, das man eben verlassen hat, und man hört noch einmal in seinen Ohren den Lärm des großen Betriebs, die hämmernden Maschinen, das Kochen der Öfen, und während man die erlebten Eindrücke in sich sammelt, verneigt man sich tief vor der mächtigen Wissenschaft, welche das Werk ihres Eigners sozusagen geheiligt hat, indem man Karlsberg an Örsteds Namen geknüpft hat. Wir fahren zurück. Weit draußen sehen wir in der Frühjahrssonne das Wasser, hinter uns durcheinander gewürfelt rote Steinmassen und weiße Villen. Die hohen Schornsteine ragen auf wie Türme. Und auf dem mächtigen Glasbogen des Treibhauses spielt die Sonne wie auf Stahl. Im Park grünen die hohen Linden. Und die Wege entlang, wo man große Steinkolosse als neue Räume für Karlsberg baut, geht es zurück in die Stadt. 3.7.1881 Auf der »Thingvalla« I In der Nacht Die S/S (= steam ship, Dampfschiff) Thingvalla wurde 1874 von der Werft Burmeister \& Wain in Kopenhagen für die »Sejlog Dampskibsskelskabet af 1873« gebaut. Nach dem Stapellauf im Oktober 1874 diente sie der Ostasienfahrt. Sie hatte 2 500 Bruttoregistertonnen, war 100 m lang, gut 10 m breit, ihr Tiefgang betrug knapp 7 m. Ihre Höchstgeschwindigkeit betrug 10 Knoten. Die »Thingvalla« konnte bis zu 1 000 Passagiere befördern (50 in der ersten Klasse, 50 in der zweiten und 900 in der dritten. Die Thingvalla-Linie kaufte das Schiff im April 1880; sie wurde nun als Auswandererschiff genutzt. Ihre erste Fahrt ging von Kopenhagen über Newcastle nach New York. 1898 wurde sie an die Scandinavian-American-Line verkauft, 1903 wurde sie verschrottet. 1880 verließen 4 418 Auswanderer Dänemark, die meisten in die USA. Herman Bang reiste am 22.6.1881 auf dem Schiff von Kopenhagen nach Christiania (Oslo). * Es war ein starker Wind aufgekommen. Er hatte sich mit dem lodernden Sonnenuntergang hier draußen im Westen erhoben. Jetzt hingen die Wolken dunkel und tief. Die »Thingvalla« fuhr schwer, widerspenstig und rüttelte. Die Wellen lärmten nicht. Gemessen, in mächtigen Schichten, wogte das Meer träge. Schlag auf Schlag hoben sich die Wasser, senkten sich, glitten davon – Schicht auf Schicht. Auf Deck war es ganz ruhig geworden. Unten stampfte die Maschine. Aus dem Glasdach des Maschinenraums ergoß sich das Licht flackernd, fiel auf den gespenstischen Schornstein, dann unsicher auf das Deck, warf seinen Schein auf einige geduckte Gesichter, die sich flüsternd über dem Dach des Lastraums hinunter beugten. Die Schritte drüben auf der Kommandobrücke klangen eintönig. Wir gingen leise. Das Gespräch war ins Stocken geraten, in einen Schwatz und einsilbige Wörter hinübergeglitten und deshalb tot. Jeder von uns hing seinen eigenen Gedanken nach. »Aber ich gebe Ihnen Recht«, sagte dann der junge Kaufmann aus New York, »diese jungen Leute ohne Beruf müssen hart durchs Leben. Sie hauen Steine, fegen Straßen oder sterben vor Hunger.« – – – Er blieb an der Kabinentür stehen: »Aber die meisten verdienen es nicht besser, und Amerika ist ein abgelegener Friedhof, um sie zu beerdigen. Gute Nacht, bester Herr, und sehen Sie die Dinge so, wie sie sind. Selbst auf einem Auswandererschiff sind sie doch auch ganz einfach, und es gibt nur sehr wenige Romane – wenn man keine schreiben will. Gute Nacht!« »Gute Nacht!« Dort drüben hinter dem Tauwerk war ein schöner Platz, ganz windabgewandt. Dort saß man bequem und merkte nichts vom Sturm. Nur sehr wenige Romane, hatte er gesagt, und er hatte wohl Recht. Er kannte ja die Verhältnisse, er war fünfmal über den Atlantik gefahren, und ich hatte nur so wenig von der See gesehen … Und trotzdem. Während die See da draußen sich träge wälzte und der Rauch sich wie eine schlängelnde Natter längs des niederen Himmels vorzuschieben schien, sah ich gegen meinen Willen alle diese Gesichter wieder – eines nach dem anderen, Bild auf Bild … * Zuerst die Abreise. Es war sehr früh. Aufeinander gestapelt waren Körbe, Leinensäcke und Kisten. Überall auf den Kisten und Planken saß man und paßte auf seine Sachen auf. Diese Familie frühstückte bereits. Die Kinder scharten sich um die geöffnete Holzkiste, wo der Vater Brot abschnitt: die Mutter hatte ein Kind an der Brust. Ich ließ sie auf meinen Koffer aufpassen, man durfte noch nicht an Bord. Dann kam ich mit ihnen ins Gespräch. Der Mann ist Kutscher. – Und nun wollte er auswandern? – Ja, sie waren nun der Meinung, dies sei das Beste … So hatte er wohl nur wenig Geld zu Beginn? – – Nein, das spiele keine Rolle, aber sie hatte einen Bruder … Es war der Mann, der gesprochen hatte, bedächtig, etwas kleinlaut. Die Frau wiegte das Kind. Sie war gebeugt dagesessen, so daß ich ihr Gesicht nicht erkennen konnte, nun erhob sie es. Die Worte brachen aus ihr hervor. »Können wir mit ihnen für 12 Kronen Krone: 1 dänische Krone (1900) entspricht heute (2008) kaufkraftmäßig etwa € 7–8. in der Woche leben?« Sie sah auf die Kinder, sah mich an. In ihrem Ton lag etwas nervös Zurückgedrängtes, etwas unbeschreiblich Trockenes, das mich gefangen nahm. Ein Blick in die hellgrauen Augen, die hohl unter den roten Augenlidern saßen, etwas, das brannte wie Fieber. Sie zog das Kind näher zu sich, und ohne mich anzuschauen, sagte sie leise: »Wenn man Brot hat, verläßt man seine Heimat nicht.« … Ja, der Mann aus New York hat Recht. Das ist wirklich ganz einfach, und man muß Romanautor sein, um daraus einen Roman machen zu können, aus diesem breiten, bäuerlichen Mann, aus der Frau und den fünf Kindern. Ihr Leben hat mit Romanen jedoch nichts zu tun, dazu ist es zu alltäglich. Einmal doch war auch sie jung gewesen. Sie war vielleicht sogar schön gewesen, damals als die Backenknochen nicht so stark hervorstanden. Dann wurde sie mit dem Kutscher verheiratet, bekam ein Kind und ein Jahr später noch eines und das nächste Jahr wieder. Dies ist ganz einfach. Und mit der Zeit, als der Münder mehr wurden, wurde das Essen knapp und die Tagelöhnerstube nicht größer. Und es kam noch ein Kind und noch eines, und dann begann man, Hunger zu leiden. Dies ist genauso einfach. Und nun war sie des Hungers überdrüssig . Die meisten ertragen es, aber das Blitzen in ihrem Auge erzählte, daß sie es nicht konnte. Deswegen fuhren sie nun hinüber, um ihr Glück zu suchen. Sie war wohl willensstärker als die meisten. Woher sollten diese Menschen sonst ihren Willen nehmen? Sie kommen in niedrigen Stuben mit schwerer Luft zur Welt, sie bearbeiten das Land wie ihre Väter vor ihnen. Darüber hinaus lernen sie ein paar Kirchenlieder und biblische Geschichte. Als junge Menschen haben sie ein paar Träume, die weder zu weit noch zu hoch reichen. Liebe bedeutet für sie, eine Verlobte zu haben und dann zur Frau zu nehmen. Über Gott sprechen sie in der Kirche, und die Kinder sind es, denen man Nahrung verschaffen muß. Das ist ihr Leben. So ist es schwierig zu sagen, wozu sie Willen brauchten oder woher sie ihn holen sollten. Aber sie war müde geworden. Müde davon, an ihren Kinder herumzuflicken und den ganzen Tag um Gottes Lohn zu dienen, um nachts über den Sorgen des kommenden Alltags zu grübeln, dieses faulen Mannes müde, der seine Pferde anspannte, müde davon, das Elend sich zu vermehren sehen, sich ständig lautlos, aber sicher, auszubreiten. Sie war ja nicht in den Winterschlaf verfallen. Denn wie eine Schneeflocke fällt der graue Kummer des Alltags auf diese Menschen, stetig, leise, wie Schneeflocken im Winter herabrieseln. Tag für Tag wird die Nahrung knapper, wird das Zusammenleben bitterer, wird die Bürde schwerer – aber all dies geht so gleichmäßig, so einschläfernd gleichmäßig. Und so werden sie immer abgestumpfter, während sie sich abarbeiten. Aber jetzt hat sie sich in diesem Dasein einen Ruck gegeben und will fort … Nein – das ist kein Roman. * Wir waren an Bord gelangt. Der Beamte hielt an der Brücke Wache, man durfte nicht mehr an Land gehen. An Land war ein unruhiges Durcheinander, Hunderte Augen starrten. Auf dem Schiff wurde man längs der Reling zusammengedrängt. Man stand an die Reling gelehnt, Kopf an Kopf. Wie unbeweglich diese Gesichter waren! Nur hier und da ein kleines Zucken um den Mund. Und die Augen, die hinuntersahen, waren unendlich leer. Hinten auf dem Deck spielte die Kapelle. Ein paar angetrunkene Kerle fielen ein, und das Singen schmiegte sich sozusagen der Reihe entlang. Aber dann erstarb es wieder. Man wollte ruhig dastehen. Und erschrak man über einige Hurrarufe, ging es nur wie ein kurzer Stoß durch die Menschen an der Reling. Dann begann das Schiff auszulaufen. An Land strömte man dichter zusammen, man rief ein »Lebewohl«, und auf einmal flogen aller Hüte und Taschentücher in die Luft. Auf dem Schiff schreckte man gleichsam auf. Und aus allen Mündern klang auf einmal etwas, das man ein »Hurra« nannte. Es glich einem Schrei. In diesen Schrei, der sich mit den Rufen auf dem Land mischte, der unregelmäßig und eilig aufstieg, mischte sich ihr Schmerz, der auszog, mit ihrem »Auf Wiedersehen«, das blieb. Es war ein kurzes Rufen. Über die Menschen am Kai kam eine eigentümliche Ruhelosigkeit wie über Menschen, die bei einem Brand zusammenströmen. An Bord winkte man. Und dann zerstreute man sich, jeder suchte sich eine Ecke. Es waren nicht viele, die redeten, während die »Thingvalla« den Kai verließ. Dieser junge Mann stand die ganze Zeit am Tauwerk und starrte unbeweglich über alle Köpfe. Er bleibt noch stehen. Der Kapitän berichtet mir, es sei einer von denen, die fortgeschickt werden. Es seien noch weitere zwanzig an Bord. Was soll das heißen, fortgeschickt zu werden? Etwas Dummes gemacht zu haben und nach Meinung der Familie nicht gebessert werden zu können. Dies bedeutet »fortgeschickt zu werden«. Man hat alles versucht. Nun muß die Familie sich von ihm trennen, der ehrenvolle Name darf nicht befleckt werden. Man gibt ihm Geld für die Reise, Empfehlungsschreiben und seinen Segen. Seufzt daraufhin erleichtert … und zieht die nächste Generation genauso auf wie diese: » Man« trägt keine Schuld. Man ließ den Jungen zuerst von einer Amme stillen, einer Amme, die man nicht kannte, die aber drei Kinder hatte, obwohl sie unverheiratet war; dann ließ man ihn von einem Kindermädchen aufziehen. Der Vater ging seinen Geschäften nach, die Mutter hatte ihren »Umgang« und ihren Haushalt. In der Schule lernte der Junge sein Pensum und Unmoral, zu Hause überließ man alles den Lehrern, und die Lehrer überließen alles der Familie. Es war ein sehr ehrenhaftes Haus: man hatte seinen Seelsorger, sein Landhaus und sein gutes Auskommen, selbstverständlich nannte man dies eine Heimat. Wenn der Junge sechzehn Jahre alt ist, kommt er auf ein Büro. Was hat er gelernt? Viel, Französisch, Deutsch, Englisch und Physik. Außerdem ein großes Stück Lebensweisheit. Doch – man flüstert so viel auf der Schulbank, und es sind nicht immer die schönsten Geschichten. Wer merkt denn, wie die Phantasie der Jungen diese Nahrung aufsaugt? Dann kommt ihr Lernen hinzu. Wer kontrolliert dies? Der Lehrer vielleicht, der Musset Alfred de Musset (1810–1857), französischer Autor, dessen umfangreicher, autobiografischer Roman La confession d'un enfant du siècle (1836, dänisch Et Barn af Aarhund-redet, 1899, deutsch 1903) vom jungen Herman Bang gründlich studiert wurde; der Roman war mit seinen Schilderungen der Selbstaufgabe der Musset-Generation und den daraus folgenden Ausschweifungen im Frankreich der 1830er eine der Quellen für Bangs Haabløse slægter (1880). an fünfzehnjährige Burschen ausleiht? Paul de Kock Paul de Kock (1819–1892): französischer Autor von Unterhaltungsromanen, die das leichtlebige Parisermilieu schildern, damals als für junge Menschen ungeeignete Lektüre betrachtet. an noch jüngere? In diese Lektüre verbohrt sich ihre blutarme Phantasie, und das ist ein gefährliches Labyrinth. Vielleicht kommt noch die eine oder andere Erfahrung hinzu. In einer Familie kann so vieles geschehen. Und mit dieser Erziehung werden doch die meisten gute Bürger wie ihre Väter auch. Sicher, sie sind nie jung, bewerkstelligen tun sie eigentlich nichts. Zu Skeptikern werden sie, Moral haben sie nicht so viel – aber im großen und ganzen sind sie doch gute Sprosse für die spätere Gesellschaft. Andererseits muß man zugeben, daß durch diese Erziehung Hitzköpfe entstehen können. Nicht Menschen, die Verbrecher oder ähnliches werden, sondern Leute, die Dummheiten verüben. Vielleicht könnten gerade diese die Tüchtigsten werden. Aber man hat ihnen weder Ideen, für die es sich zu leben lohnt, gegeben noch einen festen Grund, auf den sie ihre Füße stellen könnten. So stürzen sie sich mit ihrer Energie und ihrer Leidenschaft draußen auf der Straße auf die erstbeste Verirrung, und jetzt, wo sie abreisen, tun sie das nicht, weil sie große Leidenschaften erfahren hätten, sondern nur, weil sie Gefühle gehabt haben. Und dann haben sie Geld aus der Kasse gestohlen. Aber ist das ein Roman? Eine so alltägliche Sache ist kein Roman. Daß man der Jugend nichts an Glauben gibt, daß man nicht über ihre Reinheit wacht, daß man dagegen schweigt statt zu reden, daß die Schule alles der Familie überläßt, daß Familie nur aus dem Haus besteht, in dem man wohnt; daß ein Sohn zügellos wird – ist das ein Roman? Der junge Mann steht immer noch dort – aber plötzlich läßt er das Tauwerk los, und während er den Hut schwingt, bricht er in ein lautes Gebrüll aus. Andere stimmen mit ein, und vom Land ertönen neue Hurras, der letzte Gruß. Die »Thingvalla« stampft schwer. Am Himmel sind die Flammen erloschen, die Wolken treiben dahin. In der Kajüte hatte ich kürzlich mit einem jungen Mädchen gesprochen. Jung, das heißt achtundzwanzig Jahre alt, und das nennt man hier schon alt. Sie war Lehrerin. Sie hatte auf einigen großen Höfen unterrichtet, nun hatte sie genug davon und reiste, ganz alleine, ohne Empfehlungsschreiben. Dahinter könnte sich vielleicht ein Roman verbergen. Nicht alle reisen nach Amerika, wenn man Lehrerin ist und bei Fräulein Zahle Fräulein Zahle: Natalie Zahle (1827–1913), Reformatorin der dänischen Mädchenschule, eröffnete unter anderem 1851 ein Lehrerinnenseminar und stiftete 1869 einen Kurs für Volksschullehrerinnen; beide Einrichtungen wurden 1894 zu einem staatlich anerkannten Lehrerinnenseminar mit zugehöriger Seminarschule vereinigt. Beide Institutionen bestehen noch heute, haben aber ihre Beschränkung auf Frauen und Mädchen aufgehoben. Die Gebäude befinden sich bis heute schräg gegenüber der S-Bahn- und Metrostation Nørreport, Richtung Ørstedpark, in der Nørrevoldgade. ausgebildet wurde. Da muß »etwas« sein. Es kann Kummer dahinterstehen, ein gebrochenes Herz, eine zerbrochene Hoffnung. Will man aber ehrlich sein, sah sie überhaupt nicht danach aus. Ihre Stirn war ruhig, der Mund mit den schmalen Lippen ein wenig gespannt. Aber nur ein Dichter könnte Stürme und Unglücke aus ihren Zügen lesen. Am ehesten sah sie ein wenig müde aus. Es bedarf keines Romanes, um eine solche Existenz außer Landes zu treiben. Sie ist arm, ohne Familie, sie ist nicht hübsch. Sie ist nicht verheiratet und weiß, daß sie es auch nie sein wird. Ist dieses graue, einförmige, immer verschleißende Leben, das in einer Armen- und Altenstiftung endet, diese traurige, einsame Wanderung einen staubigen Weg entlang, so verlockend? Was bietet man ihrem Herzen? Was ihrem Gefühlsleben? Was ihren Bedürfnissen? Eine alte Jungfer mit Stricknadel und Schoßhund und verblichenen Träumen als Inhalt? Vielleicht konnte sie nicht von Träumen leben, diesem engen Fastenhaus unserer Fähigkeiten, Fastenspeise für unser Leben. Vielleicht legte sich auf ihre Existenz eine Enttäuschung, die sie die Leere ihres Lebens hat erkennen lassen, vielleicht hat sie gelitten, und sie war stark genug, diese Enttäuschung nicht als Opium, das in den Schlaf wiegt, zu genießen. Jetzt reist sie ab. Aber trotzdem – es ist kein Roman. Es gibt so viele Gouvernanten von achtundzwanzig Jahren, und sie haben alle ihren eigenen Roman als Blütenmischung in einer Schale. Der Unterschied besteht nur darin, daß sie vernünftiger sind, sich in Geduld üben, daß sie jeden Tag die alten Träume aufwärmen und an das Leben keine zu großen Ansprüche stellen. Sie bleiben zu Hause: Nur die Hitzköpfe ziehen weg. Aber sonst sind die Fortziehenden die Aller vernünftigsten. Darüber hinaus ist unter den Skandinaviern ein großer Drang nach Frauen. Kommt ein unverheiratetes Mädchen in eine Gegend, reist man dreißig Meilen, Meile: 1 dänische Meile entspricht 7 532 m. 30 Meilen = 226 km. um sie zu sehen, und sehr häufig heiratet man sofort – – So ergeht es sicher auch der Lehrerin – und es kann sehr angenehm sein, sich gut zu verheiraten – aber richtig romantisch ist dies nicht … Ich erhebe mich von meinem Platz und gehe zum Raum über dem Mitteldeck. Die Luft dort unten ist stickig. Ich gehe leise die Treppe ein paar Stufen hinunter, bleibe stehen und sehe hinein. Es ist der oberste Raum. Männer schlafen, Frauen und Kinder liegen auf ihren Schlafstätten drinnen im Halbdunkel. Manchmal gerät ein Kopf über den Rand ins Licht. Drinnen fällt der Schein der Lampe hell auf eine Koje. Es ist die des Kutschers. Die Frau sitzt aufrecht, das Kind wiegend, ihr Mann schläft ausgestreckt mit zwei Jungen bei sich. Ausgezogen wie sie sind, halb versteckt in einem Meer von Decken, Kleidungsstücken und Lumpen, die überall herumliegen, gleichen sie zerlumpten Pennern … Weiter unten liegt der Treppengang wie ein dunkler Schlund. Ich gehe wieder hinauf. Ich will nichts mehr sehen. Der Tag wird mir seine leuchtenden Farben schenken, ich will bis zum Tagesanbruch warten. Und die Nacht ist bald zu Ende. Draußen im Osten färben sich die untersten Wolken rot, und wie eine Decke, die verschwindet, gleitet die Dämmerung ins Meer zurück. * Die »Thingvalla« fährt weiter mit ihrer Schar, die das Glück sucht, dem Tage entgegen. 10.7.1881 Auf der »Thingvalla« II Am Tage An Bord der »Thingvalla« rieb man sich die Augen. In den Zwischendeckskojen war man leicht verwirrt, weil man beim Aufwachen durcheinander lag und weil man unruhig geschlafen hatte. Man rieb sich die Augen und wollte seine Gedanken sammeln. Der gestrige Tag war so verwirrend. Der Abschied von zu Hause, der letzte Blick, draußen auf dem Sund die Reden, das Zuprosten und die Musikkapelle, die Vaterlandsgesänge und die ganze Ausgestaltung, die aussah, als wäre es eine Vergnügungsfahrt. Man hatte weder Zeit, alles zu begreifen noch sich zu sammeln. Man hatte bloß Radau gemacht, Hurra gerufen und gelärmt, denn es gab vielleicht etwas, was man übertönen wollte. Dann war die Stimmung so eigentümlich von außen angeheizt worden, und jeder wollte beweisen, daß er ein Teufelskerl sei und das als etwas ganz Gewöhnliches ansehe … Man versteckte sich voreinander und spielte Verstecken hinter dem Lustigsein. Die Nacht wurde etwas unruhig, wie gesagt; draußen schaukelte die lange Dünung, und an Bord wälzte man sich dauernd in den Kojen, bevor man in Schlummer fiel. Es wurde nicht viel geredet, lag doch der eine dort und lauschte auf das Seufzen des anderen, und erleichterte heimlich ab und zu sein Herz, indem er tief durchatmete. Der erste Tag und die erste Nacht waren nicht normal gewesen. Aber jetzt war es Morgen, und nun sollte die Reise richtig beginnen. Man machte es sich deshalb bequem, man richtete sich ein und man fügte sich. Gestern hatte man alles laufen lassen, wie es wollte, war man über das Ganze froh und hatte Hurra gerufen und alles wunderschön gefunden, bloß weil man etwas finden mußte, obwohl einem das Ganze so gleichgültig war und man an es eigentlich keinen Gedanken verschwenden wollte. Aber nun wurde es einem bewußt, daß man hier vierzehn Tage leben mußte, und vierzehn Tage sind eine lange Zeit. Zuerst begann man zu kritisieren, dann nach seinem Geschmack zu verbessern. Draußen auf dem Boden des Zwischendecks häuften sich offene Kisten und Kasten, man stellte Töpfe auf Deckeln nach vorne, hängte kleine Spiegel drinnen an die Kojenwände, kurz gesagt, man richtete sich ein. Einige bürsteten Kleider oder nahmen sie aus dem Koffer, um nachzusehen, zum hundertsten Male nachzusehen, ob man alles dabei hatte, ob man nichts vergessen hatte. Zwischendurch kleidete man sich an und ging umher und beschäftigte sich mit seinen Nachtjacken, gefärbten Unterkleidern und groben Hemden, an denen die Hosenträger lose und ungeknöpft herunterhingen. Mütter hängten Wäsche an dem Geländer auf oder wiegten ihre Kinder oder kauerten und stillten ihre Kinder auf der Kojenkante. Welches Gewimmel von Kindern! Sie krabbeln zwischen Decken und Kissen draußen auf den Aufbauten, sie kramen in Kisten und Kasten. Nicht ein einziges dunkles Köpfchen ist zu sehen, nur lauter blonde Haarschöpfe, diese knallgelbe bäuerliche Blondheit, die die Sonne gebleicht und die Witterung verblaßt hat. Und sie schreien alle auf schwedisch und auf dänisch um die Wette. So betrachtet sieht es auf dem Zwischendeck der »Thingvalla« lebhaft aus. In der Mitte das breite, viereckige Loch zur Treppe, hinauf zu Luft und Licht. Zwischen Holzverstrebungen und Kojen der breite Gang, der ganz herumführt, wo Kinder und Erwachsene um die Wette lärmen; längs der Wände die Kojen. Die Kojen liegen übereinander, und eigentlich gleichen sie den Käseplatten auf den großen Herrenhöfen, so breite Schlafstätten mit einem Rand ringsum, wie man sie draußen im Krankenhaus braucht, um Leichen darauf zu legen. Aber hier sind es Bettwäsche und Decken anstelle von Laken. Es gibt Auswandererschiffe, wo jede Koje ihren durch Leinen abgetrennten Platz hat; nicht so hier. Ursprünglich für die Frachtfahrt bestimmt mußte die »Thingvalla« etwas primitiv umgebaut werden, und die Familien leben in einer Art grenzenlosem Kommunismus, wo der eine Platz in den anderen übergleitet, und wo man es mit abgetrennten Räumen nicht so genau nimmt. Ich spreche mit meinem Großhändler aus Amerika darüber. Der Mann aus New York hat sicher Atlantikfahrer gesehen, wo jede Familie sogar einen sehr kleinen Verschlag hatte, ein kleines Loch, wo man für sich selbst war und alleine sein konnte. »Aber verstehen Sie«, sagt er, »es ging darum, mit der ›Thingvalla‹ einen Versuch zu machen. Deswegen gibt es vielleicht auch das eine oder andere, das fehlt – aber glauben Sie mir, mehr noch, was den Mängeln abhilft. Die Auswanderer, die mit einem dänischen Schiff fahren, haben die Garantie, ordentlich behandelt zu werden – denn würden sie es nicht, beschwerten sie sich umgehend in Kopenhagen, wo sie wissen, daß sie sowohl die Gesellschaft als auch das Publikum finden … Also müssen sie gleichsam ordentlich behandelt werden, wenn die Gesellschaft weiter existieren will. Aber fahren sie von Hamburg aus und haben sie etwas unterwegs zu beanstanden – kann man wohl ihre Klagen als Rufe in der Wüste bezeichnen.« »Aber sind die Hamburger Linien nicht sehr gut?« »Einwandfrei – einige sogar besonders gut – aber es kann ja Unregelmäßigkeiten geben, und dann ist es immer gut, wenn man sich an jemanden halten kann – denn, sehen Sie, Verhältnisse wie auf einem Sklavenschiff kann man mitunter auch an Bord eines Auswandererschiffes vorfinden.« – – Wir gehen zum nächsten Deck hinunter: dem Deck der jungen Mädchen. Einige, die mit nackten Beinen umherlaufen und nicht gerade üppig angekleidet sind, kreischen, während sie in den Kabinen verschwinden, andere machen sich ihre Haare zurecht oder schmücken sich vor den geöffneten Kisten, die zierlich sind und mit schwarzem Buchstaben auf gelbem Grund bemalt sind. Sie zeigen Name und Datum und Jahreszahl an, und das ganze ist so frisch gemalt, daß es leuchtet. Die Kiste dieses jungen Mädchens ist hellrot mit Kränzen von Rosen rund um den Namen, der weiß aufgemalt ist. Sie stand in der Koje schnell auf, als wir kamen, und ließ in der Eile die Kiste offen stehen. Ganz oben liegt ein echter Schal, ein Album mit viel Ausschmückung und drei falschen Zöpfen. Sie gehört vielleicht zu denen, die heiraten sollen. Ganz unten, immer dieselbe Treppe mit Licht und Luft von demselben viereckigen Loch hinunter, das oben vom Deck aus wie das Loch zu einer gewöhnlichen Ladung aussieht, finden wir die jungen Männer. Hier sieht es nicht so gemütlich aus, und hier sind die Kisten nicht bemalt. Die Bewohner sitzen umher und genießen ihre Morgenpfeife oder ziehen Heringe ab, große, fette Heringe, die von den Schiffsjungen in großen Gefäßen serviert werden. »Dies ist das beste Mittel gegen Seekrankheit«, sagt der junge Arzt, der mein Begleiter geworden war. Der Doktor hat gerade sein medizinisches Examen abgelegt und fährt nun über den Atlantik, um die Niagarafälle zu besuchen. Es ist sehr vernünftig und keineswegs ein Wunder, daß die Arztstelle auf der »Thingvalla« gefragt ist: man erhält 400 Kronen 1 dänische Krone entspricht kaufkraftmäßig 2008 etwa 7-8 €. und freien Aufenthalt für das Vergnügen. Daß auf dem Atlantik Zeiten kommen können, wo das Vergnügen nicht ganz ungetrübt ist, versteht sich von selbst. »Bekommen sie viele Heringe täglich?«, frage ich den Schiffsjungen. »Ja – so eine Tonne voll.« »Und sie dürfen alles aufessen – ohne Kontrolle?« »Ja, bis nichts mehr da ist.« Der Zahlmeister kommt mit einem großen Kessel die Treppe herunter. Er ist mit Tee gefüllt. Plötzlich entsteht Bewegung, und man kommt mit Zinngefäßen und Tassen hervor. Das Meer zehrt. Butter wird in einem großen Faß hereingetragen und neben das Brot mitten in den Raum gestellt. Auch Zucker wird ad libitum gereicht. So holt sich jeder das Seine, und es sind nicht gerade kleine Portionen, die hier in der Männerkajüte konsumiert werden. Aus den Kisten werden Würste geholt, die in fettigem Papier glänzen, und trockener Käse, den man sich in Scheiben schneidet. Man hält Mittag. »Und all das für 120 Kronen«, sagt der Arzt, während er wieder die Treppe hinaufsteigt. »Kost, Überfahrt, Aufenthalt und alles andere – man kann nicht behaupten, dies sei teuer.« Wir gehen in das »Hospital« hinein. Sie ist nicht sehr groß, die Krankenstation. Vier Kojen mit gediegenem Bettzeug in einem kleinen Raum mit einer Tür, die zum ersten Deck führt. Hinter dem Segeltuch sind vier weitere Kojen für Frauen. »Das geht ganz gut«, sagt der Doktor, »solange niemand krank wird.« »Bekäme man jedoch eine Epidemie an Bord, wäre es doch weniger behaglich …« »Sicherlich, dann käme ich kaum zu den Niagarafällen. Aber wer baut schon Auswandererschiffe für Epidemien! Die überwiegende Krankheit an Bord ist Verstopfung. Alle Welt bekommt auf den Auswandererschiffen Verstopfung, und dies sowohl in der ersten Klasse als auch auf dem Mitteldeck. Der Himmel weiß, woran das liegt? … « »Es sind doch sechshundert Passagiere?«, frage ich. »Gewiß. Das heißt, 200 bekommen wir heute in Norwegen. Dann sind wir vollständig …« »Und die Krankenabteilung hat acht Kojen? … « »So – hier ist der New Yorker, der uns entgegenkommt – nun haben wir ihn wieder. Hat jetzt sein Pessimismus die ganze »Thingvalla« mit Pockenpatienten und zugehörigem Tod und Begräbnis bevölkert? Er ist besonders unverbesserlich, Doktor, sozusagen unausstehlich. Sollte man vielleicht mit gewissen Möglichkeiten vor Augen das halbe Schiff zu einem Lazarett machen, das vor Anker lag und auf eine Epidemie wartete? Das wäre wirklich eine praktische Idee.« »Das nicht gerade, aber – es wäre ganz gut, vorbereitet zu sein …« »Sagen Sie mir, wie verhält es sich Ihrer Meinung nach mit den Booten?« »Den Booten?« »Ja, den Rettungsbooten, bester Freund.« »Dafür sorgt wohl das Gesetz.« »Ja-a, das Gesetz ist glücklicherweise vernünftig, und es weiß, daß, wenn wir genügend Boote an Bord hätten, wir überhaupt nichts anderes an Bord haben könnten. Nun, Doktor, sehen Sie sich ihn nur an, wie erschrocken er aussieht.« Drinnen in der Kombüse braten und schmoren sie zu Mittag. Auf dem Zwischendeck ist Suppentag. Eine große Schüssel Suppe für jeden der 400, die bereits an Bord sind, erfordert einen großen Topf und ein großes Stück Fleisch im Topf. »Hier ist die Rede von halben Ochsen«, sagt der Arzt. »Stellen Sie sich vor, aus einer einzigen Küche eine ganze Kleinstadt zu versorgen, die Küche auf dem Wasser, wo man nicht einfach das Mädchen auf den Markt schicken kann, dann haben Sie einen Begriff davon, woran der Verwalter zu denken hat.« »Was bekommen sie mehr als Suppe?« »Ein Stück Fleisch und Brot.« – Der Verwalter schneidet ein Stück ab, um es zu zeigen. Man hungert wahrhaftig nicht auf der »Thingvalla«. »Und an den anderen Tagen – was bekommen sie dann zu Mittag?« »Brei und Fisch; Erbsen, Kohl und wieder Suppe, so lange sich das frische Fleisch hält. Dann müssen wir uns natürlich behelfen.« »Mit dem Gepökelten?« »Hauptsächlich ja. Das heißt, in der ersten Klasse reicht hoffentlich das Fleisch. Dort haben wir ja Hühner und Schweine.« Ich hatte die Hühner und Schweine gesehen. Die armen Tiere waren seekrank gewesen, grunzten und jammerten und sahen nicht sehr appetitlich aus. Unten in der ersten Klasse aß man zu Mittag. Die Gesellschaft war in ungezwungene Morgenkleider, Schlafröcke, Hauskleider gekleidet, und die Frisuren der Damen waren etwas durcheinander. Man genierte sich offensichtlich nicht mehr voreinander und war dabei, zu einer Familie zu verschmelzen. Das Essen war reichlich, kaltes Büffet mit allen Delikatessen Kopenhagens. Der Appetit war gut. War irgend jemand seekrank gewesen? Kein einziger. Das Schiff fuhr ja so ruhig. Alle hatten gut geschlafen. Einige junge Mädchen schenkten Kaffee ein. Die Damen zogen ihre gehäkelten Taschen vor, die Herren Bücher. Einige von ihnen hatten keine Lektüre dabei: Sie begannen, sich über das große Konversationslexikon des Kapitäns herzumachen. Auf dem Deck oben versammelte man sich nach und nach. Jetzt am Morgen waren Bekanntschaften geschlossen worden, und man läßt sich in Kreisen nieder, Leute, die einander gefunden haben. Mädchen und Frauen sind fleißig. Man strickt, näht, hat Schachteln mit Nähzeug und Taschen vor sich. Männer und Burschen treiben sich umher, liegen bald auf dem Rücken, bald auf dem Bauch. Der Kreis dort besteht aus jungen Leuten: einige junge Mädchen in Regenzeug haben sich auf Tauen niedergelassen, zu ihren Füßen haben drei-vier, die »hinausgeschickt werden« Platz genommen. Sie lachen, so daß man es über das halbe Deck hört. Drüben im Schatten der Kajüte liegen die älteren Männer und lesen, so daß sie vor Anstrengung schwitzen. Sie studieren einen Sprachführer. Steht man oben auf der Kommandobrücke, kann man das ganze Deck übersehen. Die Sonne steigt ständig, und ihre Strahlen beginnen das Deck und seine Bewohner zu braten, man verkriecht sich hinter geöffneten Schirmen oder hinter dem Maschinenraum. Es sieht nach einer allgemeinen Siesta aus. Es liegt etwas Friedliches und Ruhiges über diesem sonnenbeschienenen Deck und seiner in Grüppchen zerstreuten Masse. »Nicht wahr«, sagt der Kapitän, »das Ganze ist ein reines Idyll?« »Vielleicht eher eine Art Waffenstillstand. Die Truppen ruhen sich in neutralem Gebiet aus.« »Ein Heer, das vor der Schlacht ruht – gar nicht so dumm«, sagt der Arzt, der oben war, um einen verstauchten Finger zu verbinden. »Was war mit der Frau los?« »Ach, sie war auf der Treppe gestürzt. Die Treppen könnten wirklich bequemer sein.« – – Der Vormittag vergeht, immer noch dieselben Gruppen auf dem Deck, dieselbe brütende Ruhe über den Leuten, die nichts nachzueilen haben, dieselbe Sonne. Die Männer bequem hingestreckt, schlafend, das Gesicht in den Händen vergraben, die Frauen, beständig arbeitend. Die meisten dieser 400 sind Bauern, grobe, muskulöse Burschen, blonde Frauen, mager und mit Sommersprossen. Die einzelnen, nach Städten Gekleideten, halten zusammen, die meisten sind merkwürdig angezogen: die jungen Menschen in hellen Übermänteln und Spazierhüten, kleine Schuhe mit hohen Absätzen; die jungen Mädchen in Regenmänteln und hellen Hüten, nicht ganz solide, bereits struppig. Sie sehen aus, als ginge es auf einen Pfingstausflug nach Mön. Mön (Møn): Ostseeinsel südlich von Seeland, 218 km² groß, etwa 11 000 Einwohner, Møns Kalk- und Kreidefelsen sind beliebtes Ausflugs- und Urlaubsziel. Brückenverbindung mit Seeland. Die einzige Stadt ist Stege mit 4 000 Einwohnern. Andere wiederum verstärken das »Atlantische«. Sie tragen Seemannszeug, große Strohhüte und lange Stiefel, die jungen Damen haben ihre Kleider gerafft und Tücher um den Kopf gebunden. Dies sind die jungen Menschen und diejenigen, die heiraten sollen. Sie »spielen« damit, nach Amerika zu reisen. Die Armen – denn sie sind es, die einem leid tun müssen. Die anderen, die Behäbigen, die Nachdenklichen, die gewerbetreibenden Handwerker, sie werden kämpfen und hart arbeiten – und nicht glücklicher als zuhause werden; jene, Luxuswaren oder Pfenniggegenstände auf dem Basar des Lebens – sie werden gewiß in Stücke zerschlagen … Vorläufig jedoch benehmen sich die jungen Leute wie alle leichtsinnigen Soldaten: Sie sind lustig, bis die Trommel erschallt.   Wir Gäste müssen bald von Bord, wir sind bereits weit zwischen den blauen Felsen und Schären des Kristianiafjordes, Kristianiafjord: ab 1924 Oslofjord. 1624-1924 war Christiania (Kristiania) der alte Name Oslos. und wir befinden uns nun zum letzten Male an Bord der »Thingvalla«. »Wie hat man denn diese Schar zusammengebracht?«, frage ich. »Die Agenten sammeln sie …« »Treiben sie zusammen«, werfe ich ein. »Überhaupt nicht«, antwortet einer aus der Gesellschaft. »In der heutigen Zeit ist das nicht nötig. Der Auswanderungsdrang ist jetzt wieder eine Epidemie.« »Und woher kommt er?« »Das ist schwierig zu sagen. Ein einziger Brief kann in einem Dorf, in einer ganzen Gemeinde, das Fieber aufflammen lassen. Dann werden sie ruhelos und brechen auf, Familie auf Familie. Sie können dies gerne als Wahnwitz bezeichnen – aber es ist ein Wahnsinn, der die Gesellschaft zur Ader läßt, und das ist ein Glück.« »Dann dürfen Sie auch nicht vergessen«, sagt der Kapitän, der sich seinen Rinderbraten in Scheiben schneidet, Scheiben, die selbst für den Appetit eines Riesen zu groß sind, »daß von den vierhundert, die wir hier an Bord haben, hundert von ihren Familien, die es drüben zu Glück gebracht haben, geholt wurden; sie bezahlen jetzt die Reise für ihre Verwandten. Dies ist der beste Teil der Besatzung.« Einer von uns lobt das Brot. »Es wurde von unserem eigenen Bäcker, einem unscheinbaren Jungen, gebacken.« »Will er auch auswandern?« »Ja – über fünfzig haben sich um den Platz beworben. Sie bekommen ja freie Überfahrt, und zur Zeit soll es für Bäcker ja schlecht gehen. – Lassen Sie uns auf die »Thingvalla« anstoßen, meine Herren, auch auf die neuen Schiffe und auf die Zukunft.« »Und auf ihre Zukunft«, sagte der Mann aus New York und zeigt auf das Deck, wo die Auswanderer ruhig unter der Junisonne und dem Waffenstillstand umhergehen. »Ja – auf ihre Zukunft!« Es entstand eine kleine Pause. Jeder dachte wohl bei diesem guten Glas Burgunder an sein Leben und seine Wünsche. Als wir den Tisch verließen, drückten wir viele Hände und erhielten viele Grüße. Mehr als ein Auge wurde bei diesen Grüßen feucht, und mehr als ein Händedruck war kräftiger und fester als der, den man sonst mit einem Fremden wechselt. – – Diese Grüße bringe ich euch – von Fremden an Fremde überbringe ich sie an alle Verwandten und alle Freunde, deren Gedanken der Fahrt der »Thingvalla« folgen … Oben auf dem Schiff versammelte man sich, winkte und rief. Wir fuhren langsam an den Kristiania-Kai. Die »Thingvalla« blieb bis abends in der Förde liegen. Vom Balkon des Viktoria-Hotels aus sahen wir, wie sie gegen Sonnenuntergang die Anker lichtete und in die Förde fuhr. Es war ganz ruhig, und der Rauch ihres Schornsteins blieb wie eine dunkle Wolke in der klaren Sommernachtsluft noch lange, nachdem sie hinter den Felsen verschwunden war, liegen. Dann verschwand auch der Rauch. Draußen auf den Inseln begann man bereits die Feuer in der hellen Nacht anzuzünden: Es war Sonnenwende. 17.7.1881 In einer Festung Der Verleger der »Nationaltidende«, Ferslew, schickte Bang im Frühjahr 1881 nach Bad Schandau. Bang war nervlich durch den Prozeß gegen sein Werk »Haabløse Slægter« am Ende und bedurfte dringend der Erholung. Ferslew wollte, daß er während des Prozesses nicht in Kopenhagen weilte. Als Bangs Werk am 24. Juli 1881 verurteilt wurde, wohnte Bang im Hotel »Villa Quisisana«, das im Stil eines italienischen Sommerhauses ein Jahr zuvor erbaut worden war, in Bad Schandau. Von hier aus besuchte er die Festung Königstein. Die wohl um 1200 angelegte böhmische Königsburg kam 1459 zur Mark Meißen. 1589 begann durch Kurfürst Christian I. der Ausbau der Festung, der sich bis um 1900 fortsetzte. Die Festung konnte nie erobert werden. Friedrich Böttger, der Erfinder des europäischen Porzellans war 1706–1707 dort gefangen, durfte jedoch wegen der Explosionsgefahr der Munitionslager nicht experimentieren. Der erwähnte Brunnen wurde 1563–1569 abgeteuft; er ist 152,5 m tief. Der Weinkeller kann noch besichtigt werden. Dort war bis 1818/9 eines der größten Weinfässer Europas zu bestaunen (Inhalt 238 000 l). Hauptsächlich diente der Königstein dem Dresdner Hof als Zuflucht in unsicheren Zeiten. Hier wurden dann auch die Kunstsammlungen und Schätze des Königshofes verwahrt. Zugleich war er Staatsgefängnis: Bakunin (1849–1850), August Bebel (1874), Frank Wedekind (1899) und Thomas Theodor Heine (1899) waren dort inhaftiert.   Auf beiden Seiten erblickte man die blauenden, wogenden Höhen, die man hier in Sachsen Berge nennt, zwischen denen sich die Elbe schlängelt. Die Sonne steht bereits tief, und während das grünliche Wasser von Dunst und Abenddämmerung bedeckt wird, entflammt die Spitze des Liliensteins Lilienstein: Der Lilienstein ist der markanteste Tafelberg der Sächsischen Schweiz mit einer großartigen Rundsicht. Seine Höhe beträgt 415 m.ü.d.M. Ein Berggasthof und ein Aussichtsturm befinden sich auf dem Berg. Von den Resten der einstigen kleinen böhmischen Königsburg ist kaum noch etwas zu sehen. in glühendem Gegenlicht. Längs der bauchigen Berge sieht man helle Birken zwischen Nadelbäumen. Wir wollten zum Königstein. Es war spät geworden. Die Madonna der Dresdner Galerie und ihre Schwester von Murillo Murillo: Bartolomé Estéban Murillo (1618–1682). Berühmter spanischer Maler, der hauptsächlich in Sevilla lebte und wirkte. Das Gemälde »Tod der heiligen Klara« in Dresden stammt genauso von ihm wie »Maria mit Kind« (um 1670, Gemäldegalerie Dresden). hatten uns festgehalten, bis das Museum geschlossen wurde, und jetzt war es fast Abend. Aber wir wollten den Königstein doch noch sehen, bevor wir nach Schandau Schandau: Schon zu Bangs Zeiten bedeutendster Kur- und Ferienort der Sächsischen Schweiz. Schon seit 1730 Badebetrieb, 1799 entstand das erste Badehaus. Seit 1920 offiziell Bad Schandau. zurückkehrten. Er trug ja zwei Sterne im Baedeker, und nun waren wir auf dem Weg. Die Stadt Königstein ist eine verworrene Ansammlung von Häusern, Höfen und Gäßchen. Der Weg zur Festung führt bald durch Gassen und bald durch Gärten. Svaneke Svaneke: Kleinstadt mit etwa 1 200 Einwohnern auf Bornholm. Fischerei, Herings-räuchereien. Gut erhaltene Altstadt mit Fachwerkhäusern. 1967 wurde die ganze Altstadt unter Denkmalsschutz gestellt. ist in ähnlichem Zickzack auf Klippen gebaut. Kommt man aber etwas höher, werden die Häuser seltener, ein einziges Landhaus mit Garten, eine eklig stinkende Wirtschaft – diese traurigen Flecken überall in dieser herrlichen Natur – und der Pfad führt weiter durch Felder und hinein in den Wald. Wie doch die Tannen duften! Und unter den duftenden Bäumen klettern Thujas, Fichten und Birken den Weg hinauf, winden sich um den Gipfel des Königsteins. Erreicht man im Wald eine Lichtung, sieht man den Lilienstein-Felsen wie eine an den Felsen geklebte Riesenburg, die den Fluß machtvoll beherrscht. Der Schein der Sonne erstirbt über der Höhe, flammt dort draußen auf, wo der Schneeberg die Grenze zu Böhmen bildet und erlischt drinnen im Lande, wo die Höhen, die zum Abend hin blauen, wie Wellen in einem Meer liegen, als hätte sie ein Zauberer mit seinem Kraftwort versteinert. Dann erreichen wir den Gipfel des Königsteins. Es geht steil hinauf zur Festung, deren Mauern mit dem Granit zusammenwachsen. Unterhalb der Höhe hat man Wälle zu Bastionen aufgetürmt. Eine Schildwache steht unter der Fahne, die träge gegen den Masten schlägt und sich wie im Schlaf zusammenrollt, Posten. Ja, wir könnten uns die Festung noch anschauen. Wir betreten den ersten Durchlaß, einen kühlen Raum, steil wie der Fahrweg im »Rundetårn«. »Rundetårn«: Turm in der Altstadt Kopenhagens, mit der Trinitatiskirche zusammengebaut. 1637–1642 von Christian IV. als Sternwarte gebaut. Der Turm hat im Innern keine Treppe, sondern einen spiralförmigen Fahrweg, den der König mit seinem Gespann befahren konnte. Die Höhe des Turmes beträgt 34,6 m. Innen liegt die Wachstube. Zwei, drei Soldaten schlafen unter einem Vordach, in der Wachstube hat man bereits die Lichter angezündet. Ein Soldat schreibt direkt am Fenster im Schein der Lampe Briefe, in der Stube liegen Burschen auf Bänken, drei spielen Karten im Schatten einiger aufgestellter Pickelhauben. Wir lösen Eintrittskarten, und wir nehmen einen Führer mit. Leider ist es fast ganz dunkel geworden, und wir würden den Turm auf dem Winterberg Winterberg: Der Große Winterberg im Elbsandsteingebirge, 551 m hoch. Etwa 5 km (Luftlinie) von Bad Schandau entfernt. nicht sehen können. »Aber es gibt wohl noch anderes zu sehen als den Turm auf dem Winterberg.« … – Gott bewahre! – Der Führer, ein Unteroffizier, verliert sich, während wir die Mauer entlanggehen, in historischen Betrachtungen. Die Festung ist sehr alt, sie beherrscht die ganze Elbe, sie ist die wichtigste in Sachsen, viel bedeutender als Pirna, Pirna: Kreisstadt mit heute 42 000 Einwohnern, an der Elbe gelegen. Wird als Tor zur Sächsischen Schweiz bezeichnet. 1880 ca. 15 000 Einwohner. Damals wichtige Sandsteinbrüche. viel bedeutender. – – – Der gute Mann spricht fast zu schön, und die Geschichte Sachsens ist so wenig interessant, wenn man – wie hier – vor seinen Augen Sachsens Karte hat. Dieser dunkle, glühende Fluß, der sich wie ein flimmerndes Band zwischen den verschiedenen Höhen dahin schlängelt, dieser nächtliche Duft der Bäume am Abhang, die durch ihren kühlen Wohlgeruch berauschen, diese Landschaft, die unter dem Schleier des Tales flirrt – Er weist auf die Höhen, er gibt den Bergen Namen. Aber alles läuft darauf hinaus: Wir sind zu spät gekommen. Es ist so dunkel, daß wir weder den Papstein Papstein: Bang meint vermutlich den Papststein. Erhebung im Elbsandsteingebirge (Sächsische Schweiz) mit herrlicher Rundumsicht (451 m hoch). Der Papststein gehört zur Gemeinde Gohrisch. Er befindet sich etwa 3 km südlich von Bad Schandau. noch den Schneeberg sehen können. Als ob man sich hier um Namen kümmerte! Höhen, Berge und Finsternis verschmelzen zu einer unbestimmten Linie, die den Horizont um uns schließt. Alles ist wogende Unbestimmtheit, Dämmerung und Dunst des Flusses ein unklar schwebendes Reich, dessen Weichheit man keinen Namen gibt. Unten gleitet der Fluß dahin; hebt man den Blick, sieht man den Koloß Lilienstein. Der Führer ist wieder bei der merkwürdigen Geschichte Sachsens. Dann bleibt er stehen und zeigt hinaus über die Brüstung. Unten am Abhang sieht man im Halbdunkel einen Garten. Es ist der Friedhof. Er ist nicht klein – es leben 1 000 Menschen in Königstein, und die Sterblichkeit ist groß, sagt man. Dieses weiße Haus ist die Grabstätte der Kommandanten. Jenes Monument ist das Grab der Franzosen. Das Grab der Franzosen: Gräber der verstorbenen kriegsgefangenen Franzosen (deutsch-französischer Krieg 1870–1871). »Der Franzosen?« – »Ja, der Gefangenen.« … »Im letzten Krieg.« – »Ja, es starben viele. Es lagen auch 700 hier in der Festung, und dann brach Typhus aus.« »Na, und dann brach Typhus aus.« »Sie verstehen? – Es war hier ziemlich überfüllt.« Der Mann lächelt. Ich starre auf den jungen Franzosen in unserer Gruppe. Sein Handschuh ist vom Reiben der Hand an dem Geländer durchgescheuert. »Zuerst standen schwarze Kreuze auf den Gräbern – dann errichtete Frankreich das Denkmal.« Wir gehen weiter der Mauer entlang. Eine Mauer wie die des Schlosses Kronborg Schloß Kronborg: Schloß und Festung bei Helsingör. War zur Bewachung und Kontrolle der Öresundsschiffahrt (bis 1857 Zollstätte) erbaut. Kronborg ist eines der größten und schönsten Renaissanceschlösser Skandinvaviens. Shakespeare läßt dort seinen »Hamlet« spielen. Seit 2000 Weltkulturerbe. und aller Festungen, vor Jahrhunderten mit gotischen Türmen und runder Brustwehr gebaut. Innerhalb der Festung liegt Haus an Haus, große Kasernen, wo sich die Soldaten halbnackt in den offenen Fenstern räkeln. Hier und da ein offener Platz mit Rasen, über einer Kasematte. Überall stehen Eichen in prachtvollen Gruppen. Hier ist die Wohnung des Kommandanten. Ein hohes, eigentümliches Kastell mit Zugbrücke, eine Festung in der Festung. Unter der Zugbrücke starrt man in eine bläuliche Schlucht. Hamlets Vater Hamlets Vater: In der Tragödie »Hamlet« (1600/01) von Shakespeare erscheint dessen Vater in einer nächtlichen Szene Hamlet und fordert den Prinzen auf, seinen Tod zu rächen. könnte auf dieser Brücke als Gespenst erscheinen. Über den Bergen geht der Mond auf. Wie eine glühende Lampe hängt er hinter dem Gipfel des Schneeberges. Es wird jetzt kühl auf Königstein. Der Führer hält an. »Hier war es, wo sich im letzten Jahr der junge Engländer Hierzu teilt die Verwaltung der Feste Königstein folgendes mit: »Wir kennen eine Zeitungsnotiz aus dem Jahr 1853, nach der am Morgen des 23. Septembers zwei Engländer den Königstein besuchten. Nachdem sie sich eine Weile umgesehen hatten, stürzte der 23jährige Londoner Staunton, angeblich vom Schwindel erfasst, aus welchen Gründen auch immer, an einer der gefährlichsten Stellen (wo unbekannt) von der Brustwehr in die Tiefe und verstarb. Der Begriff ›Königshaupt‹ für eine entsprechende Felsformation ist jedoch nicht belegt.« (E-Mail vom 26.05.08, Frau Gutsche – Festung Königstein). hinabstürzte.« Ob wir sehen wollten, wie tief … Sich hinabstürzte! Ja, hier, an der steilsten Stelle. Der Fels ist glatt wie eine Mauer. Die Kluft hier soll fast fünfzig Faden Klafter: altes Längenmaß, in Dänemark 1,88 m. 50 Klafter sind 94 m. betragen. Sein Kopf wurde hier auf dem Felsblock zerschmettert – hier, gerade unter uns – – – – Ob wir ihn sehen? Man nennt ihn unten »das Haupt des Königs«, weil er einem Gesicht gleicht. – Ja, wir beugen uns alle vor und sehen es. – – »Ja, das Gesicht kann man jetzt nicht sehen, es ist zu dunkel – aber den Felsen sieht man.« »Gewiß, und genau dort … wurde sein Kopf zerschmettert.« … »Ja, ich habe es selbst gesehen, ich hörte ihn. Er setzte in einem Sprung über das Geländer und prallte mit dem Kopf auf. Dann überführte man seinen Leichnam nach London.« Einen Augenblick lang wurde es still. Ich erhob meinen Blick, ich wollte »das Haupt des Königs« nicht mehr sehen, man wurde so leicht schwindlig davon. So fielen meine Blicke auf die Gesichter der anderen. Sie starrten merkwürdig steif vor sich in das Mondlicht – – »Weiß man, warum?« – –»Nein … aber er hatte in der Wirtschaft tüchtig getrunken.« Der Führer war schon ein Stück weiter unten. Dieses Gebäude war der Eingang zu den Kasematten, wo der Schatz aufbewahrt wird. »Der Schatz – welcher Schatz?« – »Die Schätze des Grünen Gewölbes in Kriegszeiten. In Kriegszeiten werden sie hierher gebracht.« »Ach so – zu Kriegszeiten.« – – Man ruft nach einigen, die sich noch beim »Haupt des Königs« aufhalten. Die Zeit ist knapp, es wird jede Minute dunkler. – – Einer von uns fängt damit an, Fragen bezüglich der Festung zu stellen. Ob sie noch von Bedeutung ist, ob sie nicht aufgegeben werden soll. Im Gegenteil, man baut fleißig. Diese Erdwälle sind neu – vom letzten Krieg … Der Franzose geht voraus. Aber nun dreht er sich um. »All diese Erde haben die Franzosen heraufgebracht – einige trugen und andere zogen … dies und jenes unten am Fluß.« … »Unten am Fluß und trugen es hinauf.« … »Sie mußten arbeiten« … Das Licht des Mondes fiel auf sein Gesicht. Es ist weder hart noch höhnisch – nur gleichgültig. Und dann lächelt er ein klein wenig, während er wiederholt: »Sie mußten tüchtig arbeiten.« … Der junge Franzose drehte sich um. Er maß schnell dieses dicke Soldatengesicht mit den wulstigen Lippen und den grauen Augen. Sein Begleiter ergriff ihn hart am Arm. »Taisez-vous«, »Taisez-vous«: franz. Schweigen Sie! flüsterte er. »Taisez-vous«. Dann blieben sie etwas zurück. Ein Funkeln huschte über das Gesicht des Führers: »Aber die Mauern hätten eine Elle Elle: 1 dänische Elle entspricht 62,77 cm. höher sein sollen«, sagt er. Wir, die folgten, starrten uns einen Augenblick an. Dann sagte einer – ein Norweger: »Vielleicht werden sie das nächste Mal höher sein.« Der Soldat lachte. Und ohne die Ironie oder den Zorn, der in den Worten hochkochte, zu spüren, sagte er unverdrossen ruhig: »Das werden sie auch.« Wie kalt es hier oben geworden war! Der Wind strich über die Höhen und ließ die Birken erzittern. Die Wolken sammelten sich um den Mond. Wir beeilten uns, uns zuzuknöpfen und die Mäntel anzuziehen. Der Führer ging in den »Lustgarten« vor, einem offenen Fleck mit Rosenbeeten und Blumenrabatten. Unter den Bäumen ist es schon vollständig Nacht. Man sieht nur einige weiße Statuen im Dunkeln. »Das sind Prinzen, die verunglückt sind …« Nein, wir haben keine Lust mehr, die Prinzen anzuschauen. Der Mond hat uns bereits einen gezeigt. Der Schein war durch die Bäume gefallen, genau auf ein weißes Antlitz. Wir gehen wieder der Mauer entlang. Der Führer erzählt von der 48er Revolution. 48er Revolution: Im Kielwasser der französischen Februarrevolution mit ihren Forderungen nach einer Verfassung mit allgemeinem Wahlrecht, Pressefreiheit u.a. entstanden auch in Deutschland schwere soziale Unruhen mit Straßenkämpfen in Berlin; aber diese demokratischen Bestrebungen erlitten in den folgenden Jahren einen herben Rückschlag. Der König von Sachsen war hierher nach Königstein geflohen und zwei Monate lang geblieben. Er hatte Angst vor seinem treuen Dresden. »Dieses Gebäude hier, das graue mit den kleinen Fenstern, ist das Staatsgefängnis …« »Sachsens Staatsgefängnis?« »Ja – hier sitzen vier Studenten ein, politische Verbrecher.« Es kommt etwas germanisch Schwungvolles in die Stimme des Führers, während er das mit den Verbrechern ausspricht. »Sozialisten«, fügt er erklärend hinzu. Hinter ihm beginnt der Franzose zu lachen. Wir reden über den Abstieg. Es ist jetzt wirklich zu dunkel. Der Mond steht hinter treibenden Wolken hoch über den Bergen, unten im Tale glitzert und flimmert der Fluß wie eine Natter aus Eisen, die sich unlustig und träge windet. Wir würden nicht vor Mitternacht zu Hause sein. Aber der Führer versichert uns, es sei noch viel zu sehen … Zuerst dieser Platz, der Platz des Kriegsgerichtes. Ein großer Rasen, leer und nackt mit einigen weißen Pfählen. Der Schein des Mondes leuchtet hell. Man kann die Inschrift auf den weißen Pfählen lesen. – »Baron Klettenberg, 1720.« Baron Klettenberg: Jean-Hector de Klettenberg (1684–1720). Deutscher Alchemist, der nach einer Verurteilung wegen Betrugs in Königstein geköpft wurde. Er hinterließ sein Werk Alchymia denudada (1713). – »Baron Klettenberg – was heißt das?« – »Er wurde hier geköpft … 1720. Er war Alchemist und konnte kein Gold herstellen, so daß er geköpft wurde.« – – »Die anderen Pfähle – sind auch für Geköpfte – – oder Erschossene, denn jetzt werden sie erschossen.« Die Namen sind sehr leicht zu lesen. Und einen nach dem anderen studieren wir die weißen Steine mit grausam prickelnder Neugier. Unter den Eichen ist es stockdunkel. »Dort drüben liegen sie begraben«, er zeigt in das Dunkel. Wir begnügen uns jedoch damit, die Steine zu studieren. Dann gelangen wir wieder an den Rand des Felsens. Man hört nur seine eigenen Schritte. Es ist ruhig – oben wie unten, wo sich das Tal wie ein tiefer Schlund öffnet. Dann und wann ergreift ein Windstoß die Birken am Abhang – so daß ein Brausen aufsteigt wie von einem Meer, das eingeschlafen ist und schnarcht. – »Von diesem Felsen stürzte sich ein französischer Sergeant Sergeant: entspricht etwa dem Rang eines Feldwebels. hinab. Es war ein Fluchtversuch.« Es war, als ob dies niemand hörte, als wären die Worte still in der Nacht verweht. Dann fragte der Norweger merkwürdig abwesend und tonlos: »Kam er zu Tode?« »Nein, er lag zuerst zweiundzwanzig Wochen lang schwerverletzt im Lazarett. Dann starb er lange nach Friedensschluß.« – – Niemand sprach. Uns alle hatte ein eigenes dumpfes, träges Schweigen erfaßt, das mit der Stätte und dem Dunkel übereinstimmte; wir gingen hintereinander her, hielten unbewußt Gleichtakt. »Es war Heimweh«, sagte der Führer. Heimweh! Und die Erde, die er auf die Festungen des Erbfeindes schleppen mußte, und Typhus, der die Baracken der Besiegten verheerte, und das Elend, das sie entwürdigte, und der Stolz, auf dem herumgetrampelt wurde – – Das war Heimweh! Hier hatte er sich hinabgestürzt. Daß nicht noch mehr dasselbe getan haben! Es wird ungemütlich auf dem Königstein, ungemütlich, ruhig und kalt. Es ist, als ob die Felsen dem Tale drohten und die Finsternis des Tales über angstbesetzten Geheimnissen brütete. – – Dann erblicken wir den Brunnen. Sechshundert Fuß Fuß: 1 dänischer Fuß entspricht 31,38 cm; 600 Fuß sind 188,3 m. ist er tief. Man leert eine Schüssel Wasser hinab, und man wartet siebzehn Sekunden, bevor es auf den Wasserspiegel platscht … Der Brunnen ist der Stolz Königsteins. Dieser und das große Weinfaß. Weinfaß: Hier scheint Herman Bang etwas durcheinander zu bringen: Es ist nur ein Weinfaß bekannt, über das die Verwaltung der Feste Königstein folgendes mitteilt: »Auf Initiative des sächsischen Kurfürsten Augusts des Starken baute der Oberlandbaumeister M. D. Pöppelmann von 1722 bis 1725 in den Kellern der Magdalenenburg ein sogenanntes Riesenweinfass mit 238 000 Litern Fassungsvermögen. Dieser Bau geht auf einen (nicht direkt zu belegenden) Wettstreit mit dem Kurfürsten von der Pfalz zurück, wer, aus Prestigegründen, das größte Weinfaß bauen könne. Insgesamt wurden sechs Weinfässer gebaut, drei in Heidelberg und drei auf dem Königstein. Das 1725 auf dem Königstein fertiggestellte war 4 000 Liter größer als das Heidelberger und damit das größte Faß dieses ›Wettstreits‹. Mit dem Umbau der Magdalenenburg zum Proviantmagazin Anfang des 19. Jh. wurde es abgerissen; Teile (Ziervasen, Figuren) waren noch bis zum Beginn des 20. Jh. zu sehen. Heute ist nur noch eine hölzerne Ziervase mit Weintrauben erhalten. Eine gute Vorstellung vom Aussehen des Weinfasses erhält der Besucher durch den Stich Pöppelmanns (als Vergrößerung) über dem Kellerzugang in der Magdalenenburg.« (Quelle: E-Mail vom 26.05.08/Frau Gutsche – Festung Königstein). Aber das Weinfaß ist zerstört. Man braucht keine Weinfässer mehr, die 4 000 Pot Pot: dänisches Raummaß, entspricht 0,97 l. 4 000 Pot sind knapp 4 000 l. Welches Faß hier gemeint ist, bleibt im Dunkeln. Das berühmte – nicht mehr vorhandene – Weinfaß auf Königstein hatte einen Inhalt von 238 000 l und wurde 1819 entfernt. umfassen. Keiner von uns sagte ein Wort, als wir den Berg hinabstiegen. Wir stiegen am »Haupt des Königs« vorbei, am Felsen des Sergeanten, am Friedhof vorbei. Der Schein des Mondes strahlte hell über Frankreichs Denkmal. Dann erreichten wir den Fluß. 4.9.1881 »Deutsches Theater« Es ist keine dankbare Angelegenheit, zu unserem Publikum über das deutsche Theater zu sprechen, denn Vorurteile zuerst und Unkenntnis danach haben schon längst das dramatische Deutschland zu einem fernen, künstlerisch betrachtet höchst barbarischen Land gemacht, und ein Abonnent von Kongens Nytorv Kongens Nytorv: Großer Platz in Kopenhagen, an dem sich das Königliche Theater befindet. erweist sicher – die Höflichkeit abgezogen – den Erzählungen von der Burg Burg: Das Burgtheater in Wien, als kaiserliches Schauspielhaus 1741 gegründet. Galt bis ins 20. Jhdt. hinein als führendes deutschsprachiges Theater. genau dasselbe Interesse, das ein Stammgast im Théâtre français Théâtre français: Das französische Nationaltheater in Paris. einer Konversation schenken würde – an der Komödie hier in Kopenhagen. Dennoch will der Verfasser heute noch, bevor unsere eigene Spielzeit anderen Stoff für das Feuilleton geliefert hat als unsere glücklichen Erwartungen, während das Königliche Theater durch seine »offiziellen« Vorstellungen den Gruß an die Tradition und unsere großen Namen besorgt, und die Privattheater noch das Kanonenfutter des Repertoires dem Moloch, der September heißt, opfern – am ersten Sonntag der Spielzeit etwas bei der Ausbeute der Sommerreisen verweilen und schnell ein wenig seiner verschiedenen Eindrücke von den Theatern in Leipzig und Dresden sammeln. Das heißt, von der Oper will er anfangs gar nicht sprechen: Derjenige, der nichts von Musik versteht, ist glücklich genug, nicht über Wagner Wagner: Richard Wagner (1813–1883), Komponist, Verfasser und Musikästhetiker, der in seinen Opern das romantische Ideal des »Gesamtkunstwerks« verwirklichte. Darin bilden Dichtung und Musik eine Einheit. Für seine Musikdramen verfaßte er als erster der Operngeschichte die Texte selbst. Er baute auf den sogenannten »Sprechgesang« und auf eine »Leitmotivtechnik«, die große durchkomponierte Auftritte mit ans Licht gebrachten tief verwurzelten psychologischen Strukturen der Auftretenden und der ewig dahinströmenden »unendlichen Melodie« verband. Das Musikdrama Wagners bedeutete den entscheidenden Bruch mit dem Pathos der »großen« historischen Oper und der italienischen Oper, die den Zusammenhang zwischen Text und Musik gleichgültig behandelte. streiten zu müssen, und was er an Opern antraf, war entweder Wagner oder wagnerianisch. Es waren der Maestro und seine Jünger in musterhafter Gestalt, und der, der zum Beispiel die »Meistersinger« Die »Meistersinger«: »Die Meistersinger von Nürnberg«, Oper in drei Aufzügen,1868 in München uraufgeführt. In Kopenhagen zum ersten Mal 1872. von hier kannte, würde den Unterschied schnell begreifen; es war in Dresden um einiges leichter als hier zu Hause diese – Psychologie in Tönen zu würdigen. Wagner und Zola Zola: Émile Zola (1840–1902). Französischer Schriftsteller des Naturalismus, der 1871–1893 die zwanzigbändige, bahnbrechende Romansuite Les Rougon-Macquarts. Histoire naturelle et sociale d´une famille sous le Second Empire schrieb. Das Werk verfolgt die Geschichte eines weit verzweigten Geschlechts durch mehrere Generationen und versteht sich – wie es aus dem Vorwort hervorgeht – als »psychologische Untersuchung« der moralischen und sozialen Zustände in der französischen Gesellschaft. sind eng miteinander verwandt: »Die ewige Melodie« ist die »psychologische Untersuchung« der Töne, die »Nibelungen« »Nibelungen«: Der Ring des Nibelungen. Ein Bühnenweihfestspiel in drei Tagen und einem Vorabend: Musikdrama in vier Teilen, im Verlauf dreier Jahrzehnte entstanden, Wagners umfangreichstes Werk. Uraufführung in Bayreuth 1876. Die Handlung spielt in grauer mythischer Vorzeit und zeigt – wie Zolas Werk – Machtstreben und Gier als das grundlegend Böse auf der Welt (»Weltübel«), das die Menschen mit der »Kraft der Liebe« überwinden müssen. sind lediglich Wagners großer »Rougon-Macquart«. Und beide Männer der Zukunft scheinen verstanden zu haben, der eine, daß die breit daherkommende anatomische Seelenerforschung seines Romans, der andere, daß der Strom seiner seelenmalenden Orchestertöne das Publikum ermüden könnten, das verderbt genug war, Noveletten und Romanzen auszuzeichnen, und da es für beide vor allem gilt, die Sache voranzutreiben (vorläufig sind sie selbst ja die Sache), haben sich beide aufgemacht, das Publikum, das sie gewinnen wollten, zu bestechen. Zola hat genauso wie Wagner seine Instrumentation über die Maßen reich und blendend gemacht: Der Stil seiner Bücher ist reich an Worten, er funkelt von Farben; er kann in der Glut der Provinz Glut der Provinz: Zola war in Paris geboren worden, wuchs aber in Aix-en-Provence auf, das seine Mutter mit Émile 1847 verläßt. Anspielung auf die Provence. brennen; und er kann sich zu dem gefährlichen Traum von Musik in Wort und Poesie im Gleichmaß der Prosa erheben. Wagners Orchester hat all seine Pracht … Wagner nimmt genauso wie Zola seine Zuflucht zu großen Ensembleauftritten, wo man Pracht verschwendet: der Venusberg Venusberg: Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg. Romantische Oper in drei Aufzügen, 1845 in Dresden uraufgeführt. Die Oper beginnt mit dem Venusberg, wo Tannhäuser zwischen lockenden Nymphen und Bacchantinnen weilt; aber seine Sehnsucht nach dem Duft der Wälder und der Weite der Welt erwacht. Die Göttin der Liebe, Venus, verstößt ihn deshalb aus ihrem Reich, worauf seine lange Wanderung mit der Suche nach Sühne und Erlösung beginnt. ist für »Tannhäuser« das, was der große Ball in den Tuilerien Der große Ball in den Tuilerien: Das Hoffest Napoleons III. im französischen Residenzschloß stellt einen der Höhepunkte (Kapitel 7) im Roman Son Excellence Eugène Rougon (1876) dar. für »Exzellenz Rougon« ist: ein Mittel zur Bestechung. Für die Anhänger das Gleichgültige, für die Gleichgültigen Oasen in der Wüste, für die Meister Lockmittel. Aber gegenüber dem großen Publikum kann Wagners psychologische Musik auf diese wirkungsvollen Bilder genau so wenig verzichten wie Zolas wissenschaftlicher Roman auf seine lebenden Bilder mit den bekannten Zügen; Zola genau so wenig auf seinen glänzenden Stil wie Wagner auf seine Instrumentation; deshalb erhalten Allgemeinsterbliche sicherlich ein gerechteres Bild des Maestros im Theater, wo man den malerischen Gruppierungen Farben im Stile eines der Gemälde Makarts Makart: Hans Makart (1840-1884). Bekannter österreichischer Maler, dessen große Gemälde sich durch Farben, Massenauftritte und strotzende Lebensfreude auszeichnen. verleiht und das Orchester aus glühenden Wagnerverehrern zusammenstellt. Und beides ist im Dresdener Hoftheater der Fall. Der Autor dieser Zeilen will jedoch nicht über Richard Wagner sprechen. Auch nicht über die deutsche Tragödie, die er Gelegenheit hatte zu sehen: die eine Nation versteht nun niemals, allen gegenüber gerecht zu sein oder die tragische Kunst des anderen zu schätzen. Dies kann bei oberflächlicher Betrachtung merkwürdig aussehen. Hat denn nicht gerade die tragische Kunst alle großen und ganzheitlichen Gefühle, die mächtigen Pfeiler unseres Gefühlslebens, sein ewiges Fundament, zu ihrem Gegenstand? Die große Reue, der überragende Schmerz, die tiefe Sehnsucht, die gebrochen wird, der mächtige Trotz, der zerstört wird, die himmelsstürmende Hoffnung, die verwittert – – Und all dies soll einzeln wiedergegeben werden, mächtig eingemeißelt werden, aber in reinen Linien, nicht zusammenhängend. Hier, gerade hier, wo die Nationalitäten verschwinden, weil nur vom ewig Menschlichen die Rede ist, gerade hier müßten alle Völkerschaften einander verstehen, die Sprache derselben Kunst sprechen und sich in gleicher Schönheit treffen. Und genau hier – trennt man sich … und dies ist leicht zu verstehen. Denn genauso wie das tragische Gewand den schönsten Menschen erfordert, erfordern die tragischen Konflikte die größte Persönlichkeit: Die Falten der griechischen Toga müssen um einen schönen Körper fallen, denn sie verbergen nichts, sie betonen alles; die tragischen Verse sind von einer bedeutenden Persönlichkeit zu gestalten, weil sie sich bei ihr so dicht um das Menschliche legen. Denn hier ist kein Platz für all das Kleine, das die Liebhaberin zur Person macht, indem man ihr Grübchen schenkt, für einen Liebhaber, indem man ihm einen Schnauzbart malt: All dies verschwindet hier, und sollte man ergriffen werden, träfen wir nur den Menschen, den Menschen in seiner Ursprünglichkeit, den Menschen in seiner Nacktheit. Aber ist selbst Lovelace Lovelace: Robert Lovelace stellt im Roman Clarissa (1747) von Samuel Richardson den gewissenlosen Zyniker dar; sein Name wurde seither oft als Bezeichnung des Verführers gebraucht. der Apollo von Belvedere, Apollo von Belvedere: die berühmte antike Statue des gleichnamigen griechischen Gottes (ungefähr 4. Jahrhundert v.Chr., Vatikanmuseuem). wenn er sich nackt zeigen soll? Wenn all das Zufällige, das sein geistiges Kostüm bildet, abgerissen und ausgeliehen von Pontius bis Pilatus, Von Pontius bis Pilatus: Scherzhafte Redewendung, die auf endlose Vorgänge anspielt, obwohl Pontius Pilatus nur eine Person war. wie Lumpen von ihm abfällt? Wenn er nur Mensch sein soll und sich nicht dahinter verstecken kann, daß er Gardeleutnant oder Kandidat der Rechte oder Page ist – was ist er dann? Aber jene großen Gestalten der Tragödie sind auch nur Menschen, und der Schauspieler kann seine Blöße nicht mit einem zufälligen Kostüm bedecken – – – Deshalb sehen wir ihn, wie er ist. Klein, sehr klein: wie im Leben, der Kandidat und der Bürger und der Leutnant; nähmen wir den Titel und die Uniform von ihm und ließen ihn stehen – wie er war, wie er als Mensch war. So klein wird er als Künstler, beraubt man ihn des Äußeren, und nur der ursprüngliche Mensch steht da, und er kann seine Gefühle nicht mehr verkleiden, wenn er nur ein einziges zu geben hat: den Menschen in sich. Große Persönlichkeiten sind in der Kunst genau so selten wie die wahren Menschen im Leben. Deshalb gibt es immer nur sehr wenige große Tragiker, und deshalb ist die Tragödie der einen Nation immer besonders lächerlich in den Augen der anderen. Denn die meisten tragischen Künstler wissen um ihre Mängel, und sie verstecken ihre Hohlheit unter Deklamation und Art und Weise des Auftretens. Eine Rolle geschaffen von einem wahren und großen Künstler, für dessen Persönlichkeit diese die natürliche Form war, nun aber von allen anderen nachgeäfft wird; sie alle wünschen sich hinter dieser zu verstecken, wodurch die Rolle unerträglich wird. Aber das heimatliche Publikum, dessen vornehmste Bestimmung darin besteht, sich blind von der Gewohnheit beherrschen zu lassen, gewöhnt sich daran, und nur noch der Fremde sieht genau, wie wenig der gemalte Umhang, den das Unvermögen über die Statue gelegt hat, kleidet, und wie entstellend und lächerlich er ist. Nachdem es uns inzwischen allen gleich geht, gibt es nichts, was wir von einander hören lassen könnten, und weil unser Kjartan Kjartan: Name des Helden in Adam Oehlenschlägers (1779-1850) Tragödie Kjartan og Gudrun (1848). einem Deutschen genau so wenig gefällt, wie sein Don Carlos Don Carlos: Der Held in Friedrich Schillers Trauerspiel Don Carlos (1787). uns gefällt, sehe ich keinen Grund dafür, an der Ausstattung mit Schwulst und Unnatur festzuhalten, mit denen die deutsche Tragödie ihre Gestalten bedeckt. Wir wollen uns an das Drama und das Lustspiel halten, dort , wo die Menschen zu Bürgern werden, an die Stütze der Gesellschaft, an die Reichen oder die Bettler, und wo deshalb der Schauspieler sowohl selbst seinen Figuren nähersteht – denn er ist weit mehr Stütze der Gesellschaft, Bürger, Reicher oder Bettler, als auch ganz Mensch ohne Accessoirs ist – und es leichter hat, Vorbilder zu finden: Reiche, Bürger, Bettler trifft man ja überall – Diogenes Diogenes: Diogenes von Sinope (4. Jahrhundert v.Chr.). Griechischer Philosoph, der als wichtigster Vertreter der kynischen Schule gilt. Um seine Gestalt ranken sich viele Anekdoten, z.B. sein Aufenthalt in einer Tonne und seine Suche mit einer Fackel nach einem Menschen. suchte vergeblich nach einem Menschen … fand ihn vielleicht – und das ist das größte Unglück – nicht einmal bei sich selbst. Es ist nicht so, daß wir im Lustspiel und Drama die Menschen nicht zu sehen bekämen – aber wir sehen sie verkleidet, zumindest angekleidet, und – Kleider machen Leute. »Kleider machen Leute«: altes Sprichwort, das vermutlich aus dem römischen Bereich stammt (»Vestis virum facit/reddit«[Quintillian]). Hier sind die Kleider alle die kleinen Eigentümlichkeiten, all die kleinen Lächerlichkeiten, all die kleinen Besonderheiten, die eine Periode, einen Stand, eine Entwicklung ausmachen, und die der Schauspieler sowohl bei sich selbst als auch bei anderen finden kann, ohne besonders tief zu gehen. – – – Die Figuren, die der Dichter ihm zu spielen aufgibt, sind mit all diesen Kleinigkeiten bekleidet, womit wir im Alltag alle bekleidet sind, und die dazu dienen, die offensichtliche Dürftigkeit sowohl vor uns als auch vor den anderen zu verbergen, und weil der Schauspieler mit diesen Figuren verwandt und auf dieselbe Weise geschmückt ist, vermag er sie zu verstehen, sie aufzuführen und alle ihre Gefühle wiederzugeben. Und wir würden sie überall wieder erkennen. Deshalb können wir auch das Lustspiel dort , wo wir von der Tragödie am besten schweigen, schätzen und hoch achten. Es gibt wohl einige Gründe anzunehmen, daß die gleichgültige Art, mit der wir uns zur ganzen deutschen Kunst stellen, ihre Wurzel teilweise in einem wohlbegründeten Mangel an Sympathie für das moderne deutsche Drama hat, das wir aus vereinzelten mehr oder minder plumpen Fleißarbeiten kennen, Arbeiten, die in unseren privaten Theatern aufgeführt wurden. Aber es ist die Frage, ob man die Güte der Aufführung nach oberflächlicher Kenntnis der dramatischen Literatur beurteilen darf, und ob es möglich sein könnte, daß unsere orginale Literatur nicht so hoch über der entsprechenden deutschen steht, daß nicht ein Deutscher mit derselben Betrachtungsweise zu einer ähnlichen, nicht sehr schmeichelhaften Auffassung von unserem Schauspiel kommen könnte. Aus der Kenntnis von L'Aronge L'Arronge: Adolf Arronge (1838-1908) war ein deutscher Dramatiker und Regisseur. Er war wegen seiner stark moralisierenden und nicht weiter erhellenden Komödien bekannt. Sonnenthal Sonnenthal: Adolf von Sonnenthal (1834-1909) war ein österreichischer Schauspieler am Wiener Burgtheater, Regisseur und Direktor. Er war einer der bedeutendsten deutschen Helden- und Liebhaberrollendarsteller und für seinen Einsatz für das Lustspiel bekannt. oder Frau Hartmann Frau Hartmann: Helene Hartmann, österreichische Schauspielerin am Burgtheater. zu beurteilen, ist kaum berechtigt, denn sowohl in Deutschland als auch hier sind es – was das moderne Repertoire betrifft, an beiden Stellen die französischen Stücke, die den Schauspielern Aufgaben stellen und sie Triumphe feiern lassen. Was nun die Aufführung des Lustspiels betrifft, scheinen die Figuren des deutschen Schauspielers diesem Repertoire der vornehmen Gesellschaft, die hier oft dazugehören muß, bedeutend näher zu stehen als den Figuren des dänischen. Der Grund hierzu ist vielleicht ganz einfach. Die deutsche vornehme Gesellschaft ist erheblich weiter und weitaus reicher als die unsrige, wohl auch europäischer in ihrem ganzen äußeren Auftreten – gleicht also mehr der französischen – so daß hier der Künstler leichter Studien betreiben kann, wenn er Personen des modernen Dramas, das meist auch sehr vornehm ist, spielen soll. Andererseits hat der deutsche Schauspieler aufgrund der Verhälnisse auch einen weitaus leichteren Zugang zu dieser Gesellschaft, als unser Künstler sie hier haben kann. Die meisten deutschen Schauspieler verdienen ihre ersten Sporen an einem kleinen Hoftheater, wo der winzige Hof seine Bühne selbst verwaltet und voller Huld dessen Künstler aufnimmt. Bei der haute volée der deutschen Residenzstädtchen hat man sicher Studien über die französischen Grafen und Fürsten durchgeführt – und ich kann nichts besseres feststellen, als daß dieses Feld für die Beobachtung in jedem Fall fruchtbarer als ein Kopenhagener Café ist – und daher haben wir unsere Kenntnis von der Beaumonde . Wie dem auch sei, von demselben Kreis, den er darstellen soll, sind immer sowohl Maske als auch Auftritt geholt, und man kann anfangs die ausgezeichnete Maskierungskunst des deutschen Schauspielers nicht zu hoch bewundern. Und das bedeutet, zumindest sein Äußeres zu dem zu verwandeln, den man spielen soll. Die Opfer, die man erbringen muß, um dies zu tun, sind außerdem von so persönlicher Art, daß sie gut für den Respekt und den Eifer des deutschen Künstlers sprechen. Man wird nur wenige Schauspieler finden, die zum Beispiel ihr schmuckes Haar für die Kunst opferten und in ihrem Leben mit der Tonsur gehen, um sich vollkommer maskieren zu können – wer dies tut, zeigt mindestens, daß er es mit seiner Kunst ehrlich meint. Aber der erste Schauspieler des Leipziger Theaters, Herr Stöckel, kam auch nur durch solche Opfer zu der ausgezeichneten Maskierung, die in so hohem Grad seine Kunst unterstützte, und die ihm gestattete, ohne Anstoß zu erregen, an drei Abenden drei Rollen zu spielen: als Toupin Toupin: Figur in Sardous Schauspiel »Dora« (1877). in »Dora«, als verschlagener Diener in »Valentine« Valentine: Gemeint ist entweder das Melodram von Pixérécourt, das 1821 in Paris uraufgeführt wurde, oder das Schauspiel von E. Scribe. und – Guy Guy: Guy de Haltes, Nebenrolle in L'Étrangère (1876, dänisch Den fremmede ) von A. Dumas fils. in »Der Fremde«. Und überall dieselbe Meisterschaft in der Darstellung des Typen, dieselbe große Sorgfalt für jedes Detail in Maske und Kostüm. Toupin: blond, sehr hell, dünnes Haar, die Stirne herabfallend. Dünne, gepflegte Koteletten, schwach und aristokratisch wie die ganze Erscheinung mit der spitzen Nase, die schlaffen Lippen und Hände, die lose an den Handgelenken hingen. Die Kleidung genauso typisch: die ganze Figur unbeschreiblich dünn und kraftlos, unter den Kleidern verschwindend, die an ihm in vollendeter Gleichgültigkeit hängen. Der Diener: schwarz, kurz gestutzes Haar, unsauberer Teint, kurzer Kinnbart, untersetzt, schwer gebaut. Guy: in ruhiger Eleganz, dichtes dunkelblondes Haar, füllige Wangen, eine etwas breite Nase, der ganze Ausdruck gleichzeitig gutmütig und vornehm. Darüber hinaus war Herr Stöckel kein großer Künstler, aber so wie Toupin, Guy und Scapin Scapin: Rolle des munteren Dieners in Molières Komödie Les fourberies de Scapin (1671). aussehen zu können, bedeutet bereits viel, besonders wenn man sah, daß sie in der Vorstellung über viel Geschmack und hohe Bildung verfügten. Diese sorgfältige Maskierung macht also zu Beginn den dargestellten Typ eigentümlich vor dem Auge lebendig. Und dieser Typus kommt besonders dem Deutschen im gewöhnlichen Gespräch dem Leben näher als wir. Vor allem hat der deutsche Künstler größere Herrschaft über seinen Geist und seine Zunge, um dieses Ziel zu erreichen. Er hat sich seine Rolle fest zugeeignet, die mechanische Gedächtnisarbeit ist immer gemacht, er kann seine Rolle. Aber wie groß dieser Vorzug ist, läßt sich nicht einschätzen, und nur in einem Land, wo man täglich bewundern kann, wie gut gespielt werden kann, ungeachtet dessen, daß man seine Rollen nicht beherrscht, wird man – aufgrund des Mangels – vollständig verstehen, die Beherrschung der Rolle zu schätzen, einer Beherrschung, die sich mit den Wörtern wie mit Bällen abmüht, sie zusammenfügt und auseinanderreißt, nie innehält, um ein Wort zu finden, sondern nur, um die Wirkung zu suchen. Denn wie kann man wohl ohne diese Festigkeit, wie kann man wohl, so man nicht über die Wörter wie über zur Schlacht angetretene Kolonnen gebietet, das wahre Licht und den wahren Schatten offenlegen, wie kann man Zeit bekommen, um in Wörtern zu leben, die man sucht. Die Wörter müssen ja zu Schneiden werden, zwischen denen man mit verbundenen Augen tanzt. Demnächst ist die Zunge des Künstlers bereit, die Worte anzunehmen, die sein Geist ihm übergibt, und er versteht es, ihre Laute zu prüfen. Selbst ganz junge Schauspieler sind über ihre reinen, geschulten Stimmen erstaunt. Das Unkraut ist aus diesen Stimmen gejätet, die Stimmführung ist fest, die Töne sind klar. Und nirgendwo bedarf es so geschulter Stimmen wie gerade in der modernen Konversation. Reden Sie nicht von den Versen der Tragödie: Der Wohlklang der Verse rundet sich um ein von Natur aus schönes Organ, läßt es wiegen wie einen Strom, gemessen und melodisch. Um Deklamieren zu können, genügt es, eine schmucke Stimme zu haben – um zu sprechen bedarf es mehr. Welche Beherrschung der Feinheiten, der halben Laute, der kleinen Verschiedenheiten im Tonfall. In der Konversation ist ja nur die Rede von halben Stimmungen, anklingenden Betonungen, angedeuteten Übergängen. Wie windet sich ein Gespräch durch tausend Glieder, alle Register durchlaufend, schwache Laute benützend, jede Stimmung streifend – aber sie beständig nur streifend. Hier sind Stimmen notwendig, die dazu geschult sind, alle Töne der Tonleiter zu durchlaufen, hier wo ein Viertelsunterschied Wachheit bedeutet, ein Viertelsunterschied Effekt. Wer der Rede des Lebens folgen will, muß auf seiner großen Klaviatur diskret spielen. Diese doppelte Herrschaft über seinen Geist und seine Zunge erwirbt der deutsche Schauspieler in seiner Ausbildung. Denn in Deutschland werden die Schauspieler ausgebildet. Dort geschieht es seltener, daß man an einem Tag die medizinischen Vorlesungen besucht, um am nächsten Komödie zu spielen: Man lernt den Schauspielerberuf. Man geht zur Schule. Vielleicht sind es ganz eigentümliche Dinge, die man in diesen Schulen lernt, aber unter anderem lernt man mindestens, einen starken Geist und eine Zunge zu erhalten, die dem Geist gehorcht. Es ist so nützlich für den jungen Menschen, über sich einen Lehrer zu haben. Lehrt er selbst, ist er versucht, Akkord zu arbeiten, und man bekommt nie einen starken Geist, wenn man sich zuläßt, ein »und« zu vergessen. Man erreicht nur dann alles , wenn man unerbittlich alles von sich selbst verlangt – aber dies ist so verführerisch leicht zu verlangen … nur ein bißchen weniger. Und auf die gleiche Weise mit der Stimme. Auf Grundlage dieser technischen Fortschritte scheint mir die deutsche Konversation lebendiger als zuvor. Unter lebendig ist nicht schnell zu verstehen. Es ist zur Mode und zur modischen Forderung geworden, in der Konversation schnell sprechen zu müssen. Dies ist einfach sinnlos: Man soll weder nur schnell oder nur langsam sprechen, man soll einfach so reden – wie das Leben spricht. Das ist ein ständig wechselnder Strom, ein ständiger Wechsel von Crescendo und Decrescendo, ein beständiges Schweben auf halber Tonhöhe und Zwischentönen. Eine Konversation ist ein ewig veränderliches Spiel mit Zwischentönen. Und nun verlangen wir , schnell zu sprechen. Aber wenn der Schauspieler weiß, daß das Ziel des Künstlers darin besteht, in den Formen der Kunst das Leben widerzuspiegeln, wird er wohl auch verstehen, daß er nicht alle Forderungen erfüllt, wenn er bloß atemlos davon stürzt, seinen eigenen Worten auf den Fersen. Im gewöhnlichen Gespräch steht der deutsche Künstler also über dem dänischen. Seine Dialoge sehen aus wie die des Lebens. Wie er dies erreicht, wie stark die Betonung er auf der Bühne ausdrückt, um dieses Ergebnis zu erreichen – weiß allein er. Der Dekorationsmaler muß die Farben auswählen, die uns bei dem künstlichen Licht umspielen, und der Porzellanmaler verwendet Farben, die erst nach dem Brennen ihren natürlichen Farbton erhalten. Das Feuer der Bühne brennt genauso wie das Feuer des Brennofens, in dem das Porzellan gebrannt wird – und wo der Maler allzeit seine Farben kennen muß. Aber nicht nur in der Kunst, gut zu sprechen, scheint uns der deutsche Künstler überlegen zu sein, denn so wie er seine Rolle ausgezeichnet maskiert , so individualisiert er auch seine Konversation sehr fein. Genau dies erhob mehr als alles andere den deutschen Favrolle Favrolle: Rolle in Sardous Schauspiel Dora (1877) . über den dänischen Favrolle, Herrn Abrahams. Abrahams: Severin Abrahams (1843-1900) trat nach einem mißglückten Versuch im Königlichen Theater (1868) von 1871-1880 in vielen Rollen im Folketheater auf, wo sich im französischen Konversationstück seine eigentliche Rolle als Raisonneur fand. Nach einem Zwischenspiel im Casino (1880-1883) – unter der Regie Herman Bangs – übernahm er von 1884 bis zu seinem Tod die Leitung des Folketheatret. Herr Pohls Hr. Pohl: Max Pohl (1855-1935), seit 1884 bedeutender deutscher Schauspieler am Deutschen Theater in Berlin.1893 trat er in einem Gastspiel mit großem Erfolg im Dagmar-Theater auf. Favrolle war mit jeder Antwort individualisiert; Herr Abrahams beschränkte sich darauf, einen geistvollen Mann ausgezeichnet sprechen zu lassen, angenehm, flüssig, mit der geschmackvollen Beredtheit guter Bildung; er versuchte nicht, seiner Konversation irgendeine besondere Prägung, eine bestimmte Farbe zu verleihen. Er hätte in gleicher Weise gesprochen, wenn er Dr. Rémonin Dr. Rémonin: Sprachrohr des Verfassers (Raisonneur) in L'étrangère von A. Dumas fils. gespielt hätte. In gleicher Weise, leicht, angenehm, elegant – und er hätte sich selbst gesagt: Es sind beide Raisonneure. Raisonneur: Im französischen Konversationsschauspiel bildet die Figur des Raison-neurs die Mitte des Stückes (A. Dumas fils u.a.). Er ist der denkende verständige Welt-mann, der als Sprachrohr des Verfassers auftritt, den Gerechten hilft und die Ungerechten bestraft. Als eine Art Kommentator vermittelt er die moralische Botschaft des Stückes. Gewiß – aber so behandelt wirkte der Raisonneur auf Dauer leicht ermüdend. Für Herrn Pohl war der Raisonneur in »Dora« Abgesandter, so und so alt, mit diesem und jenem Temperament; der Raisonneur in »Der Fremde« war Wissenschaftler, Professor, verliebt in seine Wissenschaft. Er verliebte sich selbstgefällig in seine Untersuchung, mit dünnem, fast kindlichem Lächeln zählte er seine Entwicklungen auf, solch ein richtig netter alter Amateur, der etwas von seinen Schätzen zeigt und – das Beste vor profanen Blicken versteckt. Wie er bei diesen ellenlangen Entwicklungen verweilte. Wie gut er verstand, daß man nur, wenn man diesen Dingen Farbe verlieh, ihnen Interesse verschaffen konnte, wie er wußte, daß man sich Zeit lassen mußte, wenn man Angst hat, Langeweile zu verbreiten. Das Publikum ist so mißtrauisch – und bemerkt es erst, daß man sich beeilt, ja – dann ist es auf der Hut. Der deutsche Schauspieler ist weitergekommen als nur zu wissen, wie man spricht, er weiß, wie der und der spricht. Den Herzog in »Der Fremde« Der Herzog: Es handelt sich um Maximine de Septmonts, eine Person in A. Dumas fils' L'étrangère (1876). zum Beispiel. Man hätte hören sollen, wie diese aristokratische Trägheit mitten in einer Ansicht, mitten im Satz anhielt, um die Wörter nach sich zu schleifen und sie mit einem Gähnen zusammenzuketten. Maske und Diktion vereinten sich zu einem meisterlichen Bild. – Diese allzu verstreuten Bemerkungen spiegeln etwas davon wider, was die deutsche Schauspielkunst den Verfasser dieser Zeilen gelehrt hat – leider nur eines: der Platz, die Zeit gebieten mir aufzuhören. Hat aber der Eine oder Andere eingesehen, daß man über das, was man nicht kennt, nicht allzu schnell urteilen soll, ist das Ziel des Geschriebenen erreicht. 25.12.1881 Fest der Erinnerungen Weihnachten ist das Fest der Erinnerungen. Erinnerungen aus unserer Kindheit knüpfen sich an den Namen. Erinnerungen an damals, als wir nach Weihnachten fragten, sobald die Abende länger zu werden begannen und Mutter sagte, es dauere noch lange, sehr lange. Aber das erste Zeichen, daß es nun bald so weit war, erhielten wir, wenn die großen Steingutkrüge aus der Speisekammer geholt wurden und Mutter Berge von Butter und Mehl abwog und sie in dem großen Trog zu »braunen Kuchen« knetete. Denn wenn der Teig geknetet war, kam er in die Krüge, die dann in der Speisekammer mit Deckel drauf standen, aber es war noch lange hin bis Weihnachten. Denn der Teig mußte zuerst gehen. Gelang es einem jedoch, in die Speisekammer, wo die Krüge standen, zu schlüpfen, lupfte man den Deckel ein bißchen um zu sehen, ob der Teig ging … dann wußte man: Nun war es bald so weit, daß gebacken wurde. Sonst würden die Kuchen weich, sagte die Köchin. Aber man merkte es auch sonst überall: Es gab immer etwas eilig im Nähkorb zu verstecken, und es kamen so viele Päckchen, daß Mutters Nähzimmer abgeschlossen wurde: Die Weihnachtssachen lagen dort auf dem Sofa. Zuletzt wurde sogar etwas in das Schlüsselloch gestopft, so daß man nicht hindurchschauen konnte, und dann wußte man, der Weihnachtsbaum war da. Man begann, abends früh zu Bett zu gehen, um die Zeit herumzubringen. Eine ganze Woche lang hatten sie die Herzen und die langen Streifen aus Seidenpapier ausgeschnitten, die mit der Papierschere ausgeschnitten werden müssen, und die Tüten aus Glanz-papier. Aber die Herzen zu flechten, ist das Schwierigste, das kann nur die Mutter. Minna sitzt mit der kleinen Stickschere und weint, weil sie sich in die Finger sticht. Fritz sagt, sie mache nur das Papier kaputt. Hatte man aber noch Geld im Sparschwein, mußte man los »um einzukaufen«. Es ist so voll beim Krämer und so hell, Licht ist in allen Ballons unter der Decke angezündet, und Weihnachtsbäumchen stehen auf den Tischen und Lampen hinter allen Puppentheatern. Es gibt beim Krämer so viel zu sehen. Wenn wir dran kommen, fragt der Geselle, wieviel wir haben und zählt das Geld. Wir hätten gerne die drei Mark und sieben Schillinge Drei Mark und sieben Schillinge: Nach dem Staatsbankrott und der damit verbundenen Währungsreform im Jahre 1813 wurde der Reichsbanktaler zu 6 Reichsbankmark zu 16 Reichsbankschilling eingeführt. 1 Reichsbanktaler bestand also aus 96 Schilling. Die Kaufkraft des Reichsbanktalers entsprach zuletzt etwa 15 €; 1 Schilling wäre dann etwa 16 ¢. 1873 wurde die Silberdeckung zugunsten der Golddeckung aufgegeben und die Krone (1 Reichstaler gleich 2 Kronen) mit der Unterteilung in 100 Öre eingeführt. 1875 wurde festgelegt, daß 1 kg Gold 2 480 Kronen entsprechen. Kaufkraft einer Krone zur Zeit Bangs etwa 7-8 €. aufgerundet. Dann fragen wir nach den teuersten Sachen, gehen aber schließlich mit einer Spule aus Horn für die Köchin Marie und einem kleinen Apfel, um Fäden für Hanne zu wachsen Faden wachsen: Fäden rieb man mit etwas Wachs ein, damit sie leichter durch den Stoff glitten. … Am nächsten Tag ist Backtag. Wir haben Mutter nie so früh aufstehen sehen. Es ist so dunkel, daß sie Licht angezündet hat, während sie Tee trinkt und vor dem Spiegel steht, um ihre weiße Schürze zu binden, eine große Schürze. Dann konnten wir das Klappern und Poltern aus der Küche hören, sowohl Mutter als auch Hanne und Marie sind draußen, sie lachen und singen und haben viel zu tun. Aber wir sollen den Tee im Bett trinken; denn dann hat man so lange vor uns Ruhe. Dann bekommen wir Teig in das Eßzimmer und formen »S« und Herzen und Frauen mit Rosinen als Augen und einer braunen Mandel als Nase. Minna heult, weil Fritz ihren »Mann« einen ekelhaften Juden nennt. Abends kommen alle Kuchen auf weiße Platten, und Mutter sondert die angebrannten aus und legt die anderen in die Blechdose. »Weihnachten ist lang«, sagt sie. Dann wiegt sie für die Armen Reis ab und Zucker in Tüten aus Zeitungspapier und legt zwölf braune Kuchen auf jedes Päckchen und ein Paar Strümpfe und einen Rock. Dies ist für die Alten, aber wenn die Pakete zum Heim weg sollen, bittet sie uns um Spielzeug und sagt, kein Ding sei zu gut. Jeder geht seine Spielsachen holen und wetteifert, das beste herzugeben, so daß Mutter schließlich sagt: »Jetzt ist es aber genug!« »Ach, nur noch das!«, sagen die Kinder. Und wenn wir dann zu Bett gehen, ist morgen Weihnachten. Den ganzen Tag hat sich Mutter in ihrem Nähzimmer eingeschlossen, und die Kinder sitzen jedes in seiner Ecke, verpacken die Geschenke in Konzeptpapier und sprechen nicht mit den anderen. Zehn Geheimnisse verstecken sich hinter jedem Mund. Nachdem man alles eingepackt hat, es wieder aus- und dann wieder eingepackt hat, springt man im Eßzimmer herum und spielt alles Mögliche, das man schnell wieder satt hat. Und man kann nicht verstehen, daß es nicht einmal eine kleine Ritze in der Tür zum Nähzimmer gibt, und dann alle diese Baumwolle im Schlüsselloch. Manchmal kommt Mutter heraus, aber sie ruft zuerst von drinnen, bevor sie die Tür öffnet: »Geht von der Tür, Jungen!« Und sie schließt sie sofort wieder: Was sie im Sekretär holt, verbirgt sie in der Schürze. Hanne kommt hereingestürzt, und Mutter hat es eilig, im Buch des Postboten zu un-terschreiben, um die Kiste aus Kopenhagen zu bekommen, die Kiste von den Großeltern, und man kann hören, wie Mutter im Nähzimmer mit Papier raschelt, während sie sie auspackt. Es ist immer das Allerbeste, was die Großeltern schicken. Wenn alles fertig ist, zieht Mutter sich an. Die Glocken drüben in der Kirche haben zu läuten begonnen. Wenn man das Gesicht gegen die Scheibe drückt, kann man die Leute draußen auf dem Marktplatz sehen; sie haben es eilig, der eine mit einem Baum, der andere mit einem Paket. Die meisten wollen zur Kirche – die großen Kirchenfenster leuchten über den ganzen Markt hinweg auf den Schnee. Dann gehen wir an Mutters Hand in die Kirche. Wir haben die Lieder schon im Dunkeln gesungen, so daß wir sie gut können. Aber hier drinnen braust der Gesang auf wie eine Woge, man bekommt fast Angst, obwohl es so schön ist. Und dann die Lichter und Tannenzweige auf allen Sitzen und Menschen, die alle singen! »Mutter«, sagt Minna, »Mutter – Mathiesen singt auch.« »Ja.« Aber Minna kann nicht verstehen, daß Mathiesen singen kann, der dicke Bierbrauer mit dem roten Gesicht, und sie schaut dauernd sein Mondgesicht und seinen riesigen Mund an, der den Gesang wie ein dumpfes Grollen hinausdonnert. Und sie fragt wieder: »Mutter – aber warum singt denn Mathiesen?« »Weil das Christkind geboren ist, Minna«, sagt Mutter. »Deswegen freut er sich.« Wenn aber das Singen zu Ende ist, trocknet sich Mathiesen mit einem roten Taschentuchwegen der Hitze. »Mutter«, fragt Minna ganz leise, »wird er jetzt predigen?« »Ja – da oben steht er ja schon …« Viele große, runde Augen richten sich auf den Pfarrer. Und sie sitzen still, die ganze Zeit unbeweglich, ohne sich zu rühren, denn gestern abend, als sie alle in der Ecke hinter dem Klavier saßen und Mutter ihnen vom Jesuskind erzählte, sagte sie: »Wenn man nicht still sitzt, wenn der Pfarrer predigt, wird Gott böse.« Still wie ein Mäuschen sitzt man da, bis man wieder zu singen beginnt, und noch lange danach. Schließlich aber schielt Minna zu Mathiesen hin, ein klein bißchen. »Mutter«, flüstert sie, »jetzt singt Mathiesen nicht.« Und kurz darauf flüstert sie wieder: »Mutter – Mutter …« »Minna, pst, sitz still! …« »Ja aber, Mutter, Mathiesen schläft.« Dann stimmt der Pfarrer ganz oben in der Kirche den Gesang an, die Orgel braust, und wie schmuck er aussieht, der Pfarrer, dort oben bei den vielen Lichtern. Minna aber drückt sich an Mutter: »Kommen jetzt die Engel?« fragt sie. Zuhause kann man nichts essen, weder von der Grütze noch von der Gans oder von sonst etwas. Aber Vater sagt, es gäbe kein Weihnachten, wenn man nicht aufäße. So versteckt man die Reste unter seiner Gabel … Mutter soll die Lichter anzünden. Vater erzählt drinnen in der dunklen Stube Geschichten, aber aller Augen richten sich auf die Tür des Nähzimmers, und man muß hin- und hergehen und auf den Beinen vor- und zurückhüpfen. Endlich kommen Hanne und Marie in ihren schwarzen Kleidern herein und bleiben bei der Tür zum Eßzimmer stehen – und dann sagt Mutter von der Tür her: »Jetzt, Kinder!« Wie sie zu ihren Tischen stürmen! Und der Baum – ach, wie behängt er ist! Ach, und der Wichtel auf der Spitze, der mit dem Kopf nicken kann. Der kommt von Großvater. »Mutter! Ich habe doch einen Säbel bekommen!« … »Mutter … Mutter … Die Puppe kann ›Mama‹ sagen!«   Am Weihnachtsmorgen werden wir wach und stürzen uns auf das Spielzeug und die Süßigkeiten; wir sind, lange bevor es hell geworden ist, wach. Hanne bringt die Sachen ans Bett, und wir bekommen Tee mit Weihnachtsgebäck, und wenn Leute kommen um »Frohe Weihnachten« zu wünschen, bekommen wir Schokolade. Vater hat Angst wegen Bauchweh, aber Mutter sagt, es sei nur einmal Weihnachten im Jahr … Und dann kommt Neujahr! Wie man doch auf dem Marktplatz schießt, und wir bekommen so viele Töpfe an die Tür Töpfe an der Tür: Es handelt sich um Tontöpfe (meist beschädigt), die Jugendliche am Neujahrsabend an die Haustüren warfen, um Lärm und Radau zu machen; das ist ein alter Neujahrs-brauch in Dänemark gewesen. und einen an die Küchentür, so daß Hanne fast ohnmächtig wird. Es ist Maries Verlobter, der ihn geworfen hat. Um 12 Uhr gibt es Punch, und dann sagt Vater, es sei jetzt eigentlich vorbei. Es dauert aber noch mindestens acht Tage, bis wir zur Schule müssen, und wir müssen auch noch zum Klubball … »Du verdirbst die Kinder«, sagt Vater. »Ach was! – an Weihnachten, Karl«, und Mutter küßt seine Sorge weg. »Denk daran, als wir selbst Kinder waren.«   So ranken sich um den Weihnachtstag glückliche Erinnerungen, die selbst den Sinn des Kranken erquicken; sie machen den Reichen wohltätig, den Armen dankbar. Deswegen vermehren sich die guten Taten zur Weihnachtszeit, und alle erhalten ihren Teil am Fest. Man stellt Weihnachtsbäume in den Sälen der Krankenhäuser auf, und die Kranken, die nicht gehen können, trägt man hinein, damit sie die strahlenden Lichter sehen können. Für viele von ihnen ist es der letzte Christbaum. Man holt arme Kinder, die überall in den Gassen und Straßen herumstreunen, und gibt ihnen Essen und Kleidung. Und draußen, wo man Tag für Tag hungert, richtig elendig hungert, ohne ein Stück Brot zu besitzen, da bekommt man heute etwas zu essen und muß nicht hungern – auf jeden Fall an diesem einzigen Tag. Dem Unglück, das man kennt, will man so gerne abhelfen. Und gibt es still Trauernde, deren Schmerz man nicht kennt, und denen man auch nicht helfen kann, selbst wenn man sie kennte – so schenkt man doch ihnen und ihrer Trauer einen milden, mitfühlenden Gedanken. Denn die Erinnerungen stimmen den Sinn milde.