W. St. Reymont Polnische Bauernnovellen 1919 Inhalt Tomek Baran Das Volksgericht Der Tod In der Herbstnacht Der Schneesturm Entwurzelt Gerechtigkeit Tomek Baran Tomek stiess die Schankstubentür auf, ein scharfer Brodem, wie aus einem Kuhstall, schlug ihm entgegen und eine vor Dichtigkeit fast klebrige Stickluft presste gegen ihn an; er achtete nicht darauf, trat ein und zwängte sich durch das eng verschlungene Menschengedränge hindurch, das wie Roggengarben auf der Tenne einen grossen wirren Haufen bildete, in der Richtung des Lattenverschlags mit der Schanktafel dahinter. »Ein Halbquart Schnaps, aber starken!« »Ins Blech einschenken?« »Nein, ins Glas.« Die Schankwirtin goss ein. Er zahlte, nahm Flasche und Glas, wandte sich einem Tisch an der entgegengesetzten Seite der Schankstube zu, liess sich schwer an der Wand nieder, füllte sein Glas mit Schnaps und leerte es in einem Zuge. Dann spie er zwischen den Zähnen hindurch aus, wischte sich den Mund mit dem Ärmel und versann sich. Irgend etwas in seinem Innern schien ihn zu bedrängen, denn er konnte nicht einen Augenblick ruhig dasitzen, er spie immer wieder aus, schlug mit der Faust auf den Tisch, versuchte plötzlich aufzustehen, als müsse er eilig irgendwo hin und liess sich schliesslich mit einem leisen schmerzlichen Aufstöhnen auf die Bank zurückfallen; ab und zu rieb er mit der Faust über seine Augen, denn immer wieder rollte ihm eine Träne über die dürren, bläulichen wie zerfressenen Wangen und brannte wie Feuer auf seinem Gesicht.. Er merkte fast gar nicht mehr, was um ihn her geschah. Ein schwerer Kummer lag wie ein Stein auf seinem Herzen, man sah es ihm an, dass er sich nicht mehr zu helfen wusste und in eine immer grössere Ratlosigkeit verfiel, es war schon so, dass er die Arme hängen liess, ein ums andere Mal vor sich hinseufzte und sich verzweiflungsvoll seinen Schädel kratzte. Die Schenke erdröhnte unter dem Schurren und Gestampf der Mazurkatänzer. Etwa zwanzig Paare kreisten eifrig, ganz dem Tanz hingegeben, unter frohen Juchzern und feurigen Hackenstossern in dem gedrängt vollen Raum. Hopp! Hopp! Hopp! – wurden eifrig antreibende Zurufe laut. Schnaps und Trunkenheit umnebelten bereits die Köpfe und immer wilder schwangen sich die Paare, denn ein solcher Tanztaumel hatte sie gepackt, dass sie wild auftrampelten und sich immer rascher im Kreise drehten. Die roten Beiderwandröcke der Frauen blitzten neben den weissen Haartuchkitteln der Männer auf wie Mohnblumen in einem reifen Roggenfeld. Der zur Rüste gehende Tag warf Streifen rötlichen Lichts durch die kleinen, zugefrorenen Fensterscheiben, und ein ärmliches Lämpchen über dem Rauchfang des Herdes flackerte und zuckte wie im Takt des Tanzgetrampels vieler schwerer Füsse. Ein dumpfes Stimmengewirr erfüllte den Raum, einem verworrenen, unbestimmten Rauschen gleich, aus dem jäh wie Blitze das derbe: Hopp! Hopp! Hopp! herausschnellte, um alsbald im allgemeinen Lärm wieder unterzugehen, der auf eine Weile alles verschlang; denn an allen Tischen, in allen Ecken der Schankstube, am Schanktisch selber und wo nur irgend ein Platz übrig geblieben war, standen Menschen und redeten miteinander über die Kartoffeln vom vorigen Jahr, über den Herrn Pfarrer, das Kinderzeug, das liebe Vieh und alles, was sie sonst noch auf der Leber hatten und worüber man sich viel besser in Gemeinschaft aussprechen kann und auch leichter unter Leuten Trost findet; denn selbst das Vieh zum Beispiel, wie gesagt, trinkt nicht einmal aus einer Quelle, wenn es allein draus trinken soll, aber in Gesellschaft, da trinkt es selbst aus dem Spülwassereimer, versteht sich, – so kann auch der Mensch nicht allein leben, sich für sich allein in der Schenke belustigen, oder in den Wald fahren, sondern muss, wie es der liebe Gott befohlen hat, immer gemeinsam mit den anderen solches tun – mit den Bruderseelen, richtig wie es sich gehört. Alles redet durcheinander, trinkt einander zu, umarmt sich voll Herzlichkeit und die Behaglichkeit lässt jedes Auge heller aufleuchten, während die Hopphopp-hopp-Rufe immer deutlicher werden und schon gar kein Ende mehr nehmen wollen. Die Fussbodenbretter knarren immer bedenklicher unter dem Stampfen der eisenbeschlagenen Absätze und die Bassgeigen, die mit ihren Musikanten hoch auf einem Sauerkrautfass untergebracht sind, singen schon mit ganz tiefer Stimme: – Bom, tzick, tzick! bom, tzick, tzick! – Worauf ihnen die Lindenholzgeigen mit feinen Stimmchen Bescheid geben: – Tuli, tuli, tuli, tuli – tulity, tulity! – Die Lust brennt lichterloh und unaufhaltsam. Gesichter neigen sich Gesichtern zu, Brust schiebt sich an Brust, Rücken streift den Rücken – und alles ist dermassen vom Tanztakt der lustigen Musik durchdrungen, dass der Oberek sich wild und frei entfalten kann, wie es sich für einen echten, rechten Bauerntanz geziemt. Die Fensterscheiben klirren wehmütig, aus dem Fussboden springen hier und da die dichten Astknorren heraus und die schweren, dickbäuchigen Schnapsgläser auf dem Schanktisch hüpfen immerzu so lustig, dass es einen wahrlich wundernimmt. Ab und zu langt der Schankwirt nach der Trommel mit den Schellen, rüttelt sie derb, wie der Bauer den Juden, wenn er ihn am Schopf hält, und schlägt mit der Faust auf ihren strammen Bauch ein, im Takt der Geigenmusik. – Dys, dys, dys! – klang es ein jedes Mal lärmig, verworren und mit betäubendem Geklirr – und gleich stampften die Stiefelabsätze draufgängerischer los, stiegen die heiseren Juchzer noch kecker auf, und das qualmende Lämpchen schien hüpfen zu wollen und paffte Russ auf die im Tanze wie Mäntel sich blähenden weissen Haartuchkittel der Männer. Der Dunst des auf den Stiefeln und an der Eingangstür tauenden Schnees, der Zigarettenqualm und das Halbdunkel, das in der grossen Schankstube herrschte, hüllte die Tanzenden wie in Schleier ein, so dass nur hin und wieder ihre roten Gesichter, undeutlichen Körperumrisse und die grellen Flecke ihrer Trachten aus dem selbstvergessen sich wiegenden, bunten Menschenknäuel hervorglühten. – Und wer will mir die-nen, die-nen, cha ... cha ... cha ... hi ... hi ... hi ... – kicherten lustig die Geigen. – Ich will's tun, gerne tun ... u ... u ... uh ... – brummelten die hopsenden Bassgeigen ihnen Antwort zu, und alsogleich hüben sie gemeinsam an zu lachen, zu schäkern und mit ihren lustigen Stimmen alle Ecken zu füllen, dass die Schenke unter der Flut einer trunkenen Lustigkeit zu erzittern schien. Ein Weibstück ist ganz toll geworden Und verrückt die zweite. Die dritte hat der Teufel holen: Reit zur Hölle, reite! sang plötzlich einer laut los, wie zum Anreiz, und als Antwort stiegen von allüberall immer neue Liedlein und sprühten immer ausgelassenere Lustigkeit um sich. Tomek sass noch immerzu in Gedanken versunken da; er hatte sich gerade ein zweites Glas eingeschenkt, als es ihm einer der vorüberwirbelnden Tänzer umstiess. Wütend holte er aus und versetzte der Tänzerin des Burschen einen Fusstritt, dann stand er auf, denn vom Fenster begann allmählich die Kälte auf ihn einzudringen. Allein sitzen mochte er nicht mehr, so begab er sich denn in die hinter dem Schanktisch gelegene Giebelkammer. Auch dort war es gedrängt voll, die Leute hielten ihre Schnapsflaschen umkrallt, klammerten sich aneinander, umarmten sich, nahmen den Mund voll und tranken einander zu, dass es eine Art hatte. Die Weiber verdeckten schamhaft ihre Gesichter mit den Beiderwandschürzen und schlürften den Branntwein mit Begehrlichkeit. Eine ehrliche Bewirtung machte sich allenthalben breit – echt und recht wie es sein muss, katholisch! Hatte einer Geld, sich Arrak zu leisten – dann eben Arrak, reichte es zum Sprit mit »Essenz« – dann solchen, und kam er nur bis zum Fusel – .. dann Fusel auf den Tisch, oder auch Bier, wenn er Geld hatte sich so was zu leisten. Jeder bewirtete von Herzen mit heller Festfreude. Alle waren schon angetrunken, aber schaden tat das nichts: einmal muss ja doch die Ziege sterben! Ein Schnäpslein in Ehren hat noch keinen sündig gemacht, und die arme Menschenseele braucht ab und zu etwas zum Trost, wenn auch nur ein Tröpfchen gegen die Sorgen. »Oh, du verfluchter Hund!« lallte ein betrunkener Bauer wütend gegen den Kamin an, »so ein Gevatter bist du! Hä ... hä ... warte einmal! ... Und ich ihn so, und er mich so ... Warte, du Aas! ... Und ich ihn an die Rockklappe, und er mir eins aufs Maul! ... Aufs Maul, sagst du! warte, du pestige Sau! ... So ein Gevatter bist du, du Hundesohn, so ein Christ! ... und er mir eins, und ich ihm in die Schnauze! ... Ich, der Bartek ... ich ... versteht sich, dass ich der bin! habe schon manchen rumgekriegt, auch du sollst dran glauben müssen ... Hundevieh, verfluchtes! ... dich krieg' ich schon noch ... warte einmal! ... Hähä ... Und ich ihn so, und er mich so – und ich sage zu ihm höflich: Bruderherz! ... und er mir eins aufs Maul, – und ich sage ihm: Gevatter! ... und er noch eins aufs Maul! ... und ich sage ihm: so ein Gevatter bist du, so'n Christ? ... dich werd' ich ...« er murmelte immer undeutlicher vor sich hin und hämmerte mit der Faust gegen den Kamin an, dass es dumpf dröhnte, dann horchte er noch eine Weile, stellte sich breit auf und nickte alsbald, schlaftrunken torkelnd, vor sich hin. Hinterm Weiher steh' ich, Hinterm Weiher geh' ich. Möcht' dich gerne küssen, Kann dich, Lieb, nicht missen ... Will den Kuss dem Blättlein geben, Trägt ihn wohl zu dir, mein Leben! sang jetzt laut die Karline, dieselbe, die während der Kartoffelernte ihren Mann begraben hatte und jetzt als Witwe auf ihren fünfzehn Morgen Weizenboden mit einem Pferd und etlichen Kühen sass, ausserdem war da auch noch das guterhaltene Zeug des Seligen, für den etwaigen Nachfolger. Sie wandte sich stürmisch einem jungen Burschen zu, der etwas abseits an der Wand stand, und sang ihm abermals ein solches: Wojtek, Wojtek, sei nicht bang, Sitz nicht auf der Ofenbank! Komm zur Wittib, wirst schon sehen, Hast bei ihr nichts auszustehen. »Wojtek, in deine Hände, mein Junge! Dumm bist du, was sollst du denn vor den Eltern bange sein. Wie ich gesagt habe: wenn ich dir den Grund und Boden verschreibe, dann werd' ich ihn auch verschreiben, ist doch mein Eigentum, etwa nicht?« Wirst sein wie im Himmel, mein Schatz, ohne Sorgen: Kriegst Käse zu Abend – ein Huhn jeden Morgen! »Verneig' dich schön vor dem geistlichen Vater, bezahl' das Aufgebot, ein Schweinchen wollen wir schlachten, Napfkuchen wollen wir backen, Arrak kaufen, wollen lustig sein und saufen und eine Hochzeit herrichten, dass ... ha!« »Sieh einer das Frauenzimmer, alt und immer noch dumm! Zähne hat sie keine und möchte beissen!« liess sich einer von der Seite vernehmen. »Hale! Steck' deine Glotzen anderswohin, als einem zwischen die Zähne. Seht mal diesen Hundesohn! ...« wehrte Karline hitzig ab. »Immer ruhig! ruhig, Gevatterin, ich will Euch etwas sagen.« »Sagt es einem Hund! Mit einem Paletot hat sich das Gestell aufgeputzt und glaubt, dass er ein grosser Herr ist – und wenn du auch im Dorf herumkläffst wie'n Hund, von mir aus hast du keinen Schnaps zu erwarten. Ich werd' dir keinen in deinen Rachen giessen.« Sie wandte sich wiederum dem Wojtek zu, zog ihn in eine Ecke und redete weiter auf ihn ein. Neben ihnen, an einem kleinen Tisch, sassen zwei Bauern, sie tranken ab und zu einen Schluck aus einer bauchigen Flasche. Der eine kratzte sich den Schädel und schwieg, der andere machte breite Armbewegungen und redete in einem fort. »Merkt Euch das, ich, der Czerwinski, hab' es Euch gesagt: allerhand böses Zeug hat sich an mich gehängt, wie die Weiber an die Judenstute, ich aber ... nichts! Die Frau ist mir im Kindbett draufgegangen – ich nichts! Die Pferde haben mir die Diebe gestohlen – ich nichts! Ich warte bloss zu ... Der Jendrek hat die Pocken bekommen – oh, hundsverdammt! Da hab' ich aber Schnaps mit Fettigkeit getrunken, Hochwürden habe ich Geld für eine Messe hingetragen – und weg war es, – wie weggezaubert! Mach' es ebenso, Gschela, und du wirst sehen, dass es hilft. Czerwinski sagt dir das, dem Czerwinski kannst du es schon glauben, dass es so ist.« »So'n Schwarm Kinder, wie auf dem Hof das liebe Federvieh, und die Frau dazu bettlägerig, die Steuern müssen bezahlt werden, die Kartoffeln sind mir erfroren, die Not pfeift bei einem nur so ein und aus – und gegen all das, was hat man: einen zerbrochenen Stecken! Ih, mein Gott, mein Gott! Trinkt mir zu, mein Guter. Es scheint mir, dass ich es nicht schaffen werde, ich überleg' mir alles von dieser Seite und von der anderen Seite, rein gar nichts, nichts lässt sich herauskalkulieren.« »Dumm bist du, in deine Hände, Gschela; lass du dir lieber was von dem Aufseher aufs Maul geben, aber überleg' nichts mit deinem eigenen Verstand, denn damit wirst du nichts zustande bringen. Ab und zu kannst du schon was mit der Faust abkriegen, aber Arbeit wirst du am Bahndamm haben und immer frisches Geld. Merk' dir das – ich, der Czerwinski, sag' es dir! und dem Czerwinski kannst du glauben, denn wie Hochwürden gesagt haben, im ganzen Kirchspiel ist er, Hochwürden, ein Kopf und der zweite – das ist Czerwinski! Gott erhalt' ihn bei Gesundheit, das ist ein kluger Schlachtziz, unser Hochwürden, und ein gelernter Herr. In deine Hände, Gschela!« ... »Frau Jatzkowa, liebe Frau Jatzkowa: geben Sie uns ein Fläschchen Essenz und ein Quart Sprit, zwei Reihen Semmeln und 'n Pfund von der fetten Wurst!« rief man vom Tisch am Fenster, an dem vier Menschen sassen, der Schankwirtin zu; zwei von diesen Leuten trugen städtische Kleidung, die zwei anderen – bäurische. »Frau Jatzkowa, liebe Frau Jatzkowa! hör' Sie, auch etwas Essig zur Wurst und einen Teller für den Herrn Jäger! ... Sehen Sie mal, Herr Jäger, ich will es gleich sagen, wie es gewesen ist ...« »Sei mal still, Alter, ich werde es ganz genau erzählen, du erinnerst dich nicht mehr, wie es war,« unterbrach ihn die Frau ... »Ich geh' also durch die Waldschneise, sozusagen, ich geh' also ...« »Halt's Maul! Die wird hier mit ihrer Zunge unnützes Zeug dreschen. Ich erzähl' es. Auf die Gesundheit, der Herr Jäger!« »Wohl bekomm' er Euch, mit Gottes Hilfe!« »Noch ein Glas, der Herr Jäger?« »Eure Gesundheit, Andreas!« »Frau Jatzkowa, nochmal denselben!« »Gott bezahl's Euch, Andreas, ich kann nicht mehr.« »Noch ein Gläschen, lieber Herr Jägermeister! nur ein Bisschen, nur einen einzigen Schluck, oh ... Gleich will ich es erzählen, wie das gewesen ist. Meine Frau sagt zu mir: ich geh' mich so durch die Waldschneise, durch das Revier, das dem Herrn Jäger gehört, hat sie gesagt, und da liegt mit einemmal etwas, wie ein Hase, und doch ist es kein Hase – nein, es hat keinen Schwanz, hat sie gesagt, kein Kalb ist es und auch kein Schwein, denn es quiekt nicht ein bisschen. Das Frauenzimmer ist stehen geblieben, ganz steif ist sie vor Schreck geworden und betet nur in einem fort: ›Wer sich in den Schutz des Herrn begibt‹, und dieses Tier liegt noch immerzu da, sperrt sein Maul auf, hat sie gesagt, und hatte solche Hauer, jeder wie ein Finger so gross – und da das Weibsvolk doch gleich so wütig und hitzig ist, im Schlechten wie im Guten – so nimmt sie in einem Nu den Klumpen vom Fuss, und mit ganzer Macht ihn diesem Tierzeug an den Schädel! ... und dann, heidi ... und mit Gewein nach Hause gerannt – hat sie gesagt. Sie ist ins Haus gelaufen gekommen und gleich auf mich zu: Alter, hörst du! – Was denn? frag' ich sie. – Ich hab' ein wildes Tier totgeschlagen, in der Waldschneise, sagt sie. – Ich antworte nicht darauf, denn ich habe mir gedacht, dass es sie wohl vom Gehen so benebelt hat und sie darum unsinniges Zeug daherredet, wie das so bei einer Frau einmal ist. Und die immer ein und dasselbe: Ein wildes Tier oder so was Ähnliches hab' ich totgeschlagen, in der Waldschneise ... Ich lange ihr eins mit der Faust über den Buckel, was soll sie unsinniges Zeug daherreden, und die immer wieder nur ein und dasselbe: Ich hab' ein wildes Tier im Wald ... totgeschlagen! Du lieber Gott, du lieber Gott! ... Mit dem Frauenzimmer wirst du nicht fertig, denk' ich jetzt, vielleicht hat sie auch einen Menschen totgeschlagen oder sonst was. Ich spanne also die Schimmelstute an und so bin ich denn hingefahren, weil ich nachsehen wollte, damals als mich der Herr Jäger im Wald trafen.« »Das sind Zigeunergeschichten, mein Andreas! Ich habe Euch doch dabei abgefasst, wie Ihr die Rehkuh auf den Wagen ludet!« »Noch ein Tröpfchen Schnaps, Herr Jäger – zum Abgewöhnen! Ich habe die Wahrheit gesagt, wie bei der Beichte, vor Hochwürden. Der Herr Jäger sind mir mehr als der Vater oder Bruder, der Herr Jägermeister sind mein lieber Wohltäter. Ich weiss, dass ich, wenn der Herr Jägermeister es wollen würden, meine Sache beim Gericht verliere, denn das ist schon so auf der Welt eingerichtet, dass der feine Herr obenauf ist und du, Bauer, musst leiden, arbeiten und zahlen! Ich weiss, dass der Herr Jägermeister ein ehrlicher, friedlicher und gerechter Mensch sind, so wird er mir auch kein Unrecht antun, und weil ich den Herrn Jägermeister von Herzen lieb habe, wie meinen eigenen Vater, so bringt meine Frau morgen freundschaftlich das Schweinchen hin, und alles ist zwischen uns wieder in Ordnung. Was sollen wir die Gerichte an uns verdienen lassen! Frau Jatzkowa, noch etwas von demselben Schnaps!« »Ich lege auch noch ein paar Entlein und eine kleine Scheibe Honig hinzu, denn ich weiss schon, dass die Frau Jägerin eine edeldenkende und feine Dame sind und in den Schulen Bildung gelernt haben, wie der Herr Jäger selbst, – nicht wie wir Bauernpack, zum Beispiel,« fügte die Bäuerin schlau hinzu und beugte sich der Jägerin ergeben zu Füssen, diese aber schloss sie in die Arme, und sie begannen sich vor Rührung zu küssen. »Ich hab' schon ein so weiches Herz, dass ich Euch, Andreas, nicht nur diese Rehkuh schenken werde, sondern auch, wenn Ihr mal eine Fichte oder einen jungen Eichbaum nötig hättet, werde ich Euch Eure Bitte nicht abschlagen können.« »Auf Eure Gesundheit, der Herr Jäger, mitleidige und christliche Seele!« Sie tranken immer wieder einander zu, küssten sich und tuschelten miteinander, vom Nebentisch aber hörte man jetzt wieder die Stimmen der Bauern: »Oh, hundsverdammt! Der Mensch ist gänzlich zuschanden gekommen. Ihr habt ja dort mit ihm zusammengewohnt?« »Nur durch einen Grenzrain waren wir getrennt. Ich habe das alles mitangesehen. Es wird einem dabei ganz schlecht zumute, das versteht sich, als wäre man selbst schon krank.« »Ich, Czerwinski, sage Euch dieses: er hätte noch leben können, Gott sei seiner Seele gnädig, das hätte er können.« »Hale! Wegen zu viel ›grossem Bedürfnis‹ ging das nicht mehr bei ihm, es kam nur mehr wie Wasser aus ihm gefegt; er stöhnte herum und stöhnte herum und schliesslich ist er eingegangen, der Ärmste.« »Der Doktor soll bei ihm gewesen sein?« »Ih... die Doktoren. Wenn einer sterben soll, dann kannst du ihm eine Hufe Land geben und Hab und Gut bis hoch an den Hals, lebendig wird er doch nicht mehr.« »Wahr ist es schon! in deine Hände, Gschela!« »Wohl bekomm's. Und wer war daran schuld? Der Wahrheit und Gerechtigkeit nach einzig und allein seine Mastsau und sein Weib. Er hatte eine fette Sau, dick wie ein Holzklotz, so brachte er sie denn zum Verkauf, weil Geld im Haus nötig war. Mit diesem seinem Schwein ist er nun losgezogen. Es hatte geschneit, versteht Ihr, der Schnee lag bis an den Gurt hoch und herumgelaufen ist er, hat sich die Kräfte abgejagt wie gewöhnlich beim Handel. Dann hat er Wurst gegessen, die ist ihm im Magen geronnen und so ist er daran zugrunde gegangen. Hätte er sie gut mit Schnaps begossen, dann wäre ihm nichts geschehen, so wahr Gott im Himmel ist, aber er trank auch nicht ein halbes Quart.« »Der Ärmste hatte Angst vor der Hölle zu Hause.« »Ho! ho! ein übles Weib hatte der auch, mit festen Fäusten, das will ich meinen! Die prügelte ihn schon manches Mal, und was die ihn geprügelt hat!« »Auf Euer Wohl, Gevatter!« »Wohl bekomm's. Lasst Euch das von Czerwinski gesagt sein: hätt' er dieses Hundeschönchen geprügelt, dass ihr das Dunkel über die Augen gekrochen wäre, dann hätte er auch ein artiges Frauchen gehabt, wie sich's gehört!« »Wahr ist es, was Ihr sagt, Herr Schultheiss, die reine Wahrheit. Der war in der Faust zu weich, hatte auch nicht die richtige Überlegung, wie sich das für einen Mann gehört, jetzt hat er ins Gras beissen müssen – ewige Ruhe seiner sündigen Seele.« »In Ewigkeit, Amen. In deine Hände, Gschela.« »So ein Ehegatte seid Ihr? die Frau ist fast am Sterben und ihr sauft hier wie die wahren Heiden!« schrie eine Frau, sich zu ihnen hindurchschiebend. »Was schert mich das!... Man hat Kinder in Menge, wie Kehricht, und immer noch soll es kein Ende nehmen... pah...« »Lästere nicht, Gschela, sonst nimmt dir der liebe Gott noch alles fort...« »Trinkt ein Tröpfchen mit, Gevatterin, dann wollen wir gleich zusammen fortgehen ...« »Mich hat das Jesuskindlein nicht auf meine alten Tage mit einem Kind erfreut,« begann die Frau auseinanderzusetzen, »und wie hab' ich gebeten, nach Czenstochau bin ich gepilgert, von den gelehrten Doktoren habe ich mich kurieren lassen und alles vergebens, ganz allein bin ich auf dieser Welt geblieben, wie so'n einziger sündiger Finger ... ganz allein ...« »Hale, krieg' einer einmal ein Kind, wenn hundert Jahr vorüber sind.« »Ihr solltet nicht solches Zeug daherreden, Czerwinski, bin ich vielleicht nicht auch einmal jung gewesen, wie?« »Unser Herrgott ist in den Himmel, der Teufel ins Weib und die Säure ins Bier gefahren – nur weiss keiner, wann das gewesen ist! – merk' dir das, Frau, denn so hat es dir Czerwinski gesagt.« In der Ecke auf einer Lade sass ein junger Bursche, der Sohn des Dorforganisten, und vor ihm stand ein steinaltes Weiblein und murmelte mit gedämpfter, noch seltsam wohlklingender Stimme: »Sechsundsiebenzig Jahre lebe ich schon, junger Herr, – da habe ich weisse und schwarze und verschiedene andere Jahre gesehen. Ich habe bei Herrschaften gedient, die mit Hengsten fuhren, von silbernen Schüsselchen assen und auf Ausländisch miteinander redeten – und wo sind die jetzt! wo? Und im Gebetbuch kann ich lesen, und die erste Hofbäuerin war ich im ganzen Dorf, habe eigene Kinder gehabt und Hab und Gut bis an die Gurgel ... oh ... und alles ist vorübergegangen, verblichen wie die Sommersonne, die der Herr Jesus uns Sündigen zum Trost schenkt. Ich weiss alles, junger Herr, ich weiss, dass, ob Herrenleben oder Bauernleben, alles doch nichts anderes ist als schlimme Quälerei. Ich bin eine ganz einfache Bauersfrau, sechsundsiebenzig Jahre hab' ich auf dem Buckel – da hab' ich mir denn schon alles gut zurechtgelegt. Die Welt steht doch schon sechstausend Jahre, junger Herr?« »Fast sechstausend Jahre.« »Sehen der junge Herr, dass ich alles weiss, und darum denke ich so: wenn die Welt so viele tausend Jährchen ohne mich bestanden hat, und alles ist gut gegangen, warum musste ich da so viele Jahre leiden? Was hatte sie davon, die Welt?« »Na ja, was soll man tun, der liebe Gott hat einem das Leben gegeben, so ...« »Junger Herr,« unterbrach ihn die Alte rasch: »ich bin nur eine einfache Bauersfrau und der junge Herr ist ein Studierter, er kann auch auf der Orgel aufspielen, lateinisch mit dem geistlichen Vater singen und weiss richtig, wie er einen feinen und einen tiefen Ton singen soll, aber ich will's doch sagen: vielleicht sind meine Gedanken sündig, – aber ich sag' es doch: dass es gewiss der Teufel ist, der die Seelen in die Welt setzt, damit sie leiden sollen, damit sie im ärgsten Menschenelend sich auf der Welt so viele Jahre herumtreiben wie ich. Das ist nicht der liebe Gott, der das macht, wenn das auch in den Büchern steht und die Priester es sagen, nein. Was hätte der liebe Herr Jesus davon, dass sich so viel Volk abquälen, abmoracken muss und einfach zugrunde gehen soll? ... Der liebe Gott ist ein guter Herr und ein gerechter ... Nicht süss ist das Leben und nicht aus weichem Samt – es kratzt über einen wie mit dem Pferdestriegel, bis der Mensch sein eigen Herzblut von sich geben muss.« »Was Ihr bloss redet, Jagustynka, das ist doch Sünde ...« »Nur dem anderen Menschen Unrecht zu tun, ist Sünde, ich würde nicht einmal den Hund mit einem Stecken anrühren, denn es ist ein lebendiges Geschöpf und leidet dadurch. Junger Herr, eine einfache Bauersfrau bin ich nur, aber mein Herz ist wie eine Kohle ausgebrannt, durch all die Bitterkeit, die ich mein leblang für mich und für die anderen habe trinken müssen, und das weiss ich, dass der Teufel uns das Leben gegeben hat, aus Bosheit gegen den lieben Gott, damit sich die armen Leute in alle Ewigkeit in der Welt zugrunde richten, aber unser geliebter Jesusherr hat sich unser erbarmt: er hat den Bösen herumgekriegt und sucht sich so bei und bei die Menschen für seine Seligkeit aus – und einmal wird er sie alle herausgeholt haben. Ich wart nur bloss, bis die Knochenfrau kommt und mir sagen tut: komm her, Jagustynka! ... ich wart' bloss und bitte Gott, dass ich doch schnellstens die Augen schliessen könnte und keine Qual und kein Elend mehr sehen brauch', dass ich ausruhen darf, gründlich einmal ausruhen, junger Herr!« ... Sie reckte sich über den jungen Organistensohn, der eingenickt war, und neigte ihr dürres, von Alter und Sorge zerfurchtes Gesicht, und in den verblassten, vom vielen Weinen wie ausgelaugten Augen blitzten Tränen auf ... sie wischte sie rasch mit der Beiderwandschürze ab, seufzte leise auf und wandte sich Tomek zu, der für sich allein auf einer Lade sass mit seiner Schnapsflasche in der Hand. »Tomek! Dir sieht was Schlimmes aus den Augen,« murmelte sie und berührte sanft seine Schulter. »Was anderes als die Not? Wissen Mutter es nicht? ...« »Ich hab' so etwas gehört, aber die Leute reden allerhand durcheinander, man weiss nicht, was wahr und was ausgedacht ist.« »Sie haben mich verabschiedet,« murmelte er traurig. »Weswegen denn?« Aus ihrer Stimme klang besorgtes Mitgefühl. »Weswegen? ... weil man dem Aufseher hat immer was schenken müssen: im Herbst Gänse, zu Fastnacht Butter, ein Ferkel und Eier zu Ostern, dann wieder junge Hühnchen zu Pfingsten, – ich hab' ihm aber nichts hingetragen, wie das die anderen taten; wo sollte ich es denn hernehmen? Den Kindern konnte man kein Essen mehr geben – die Frau ist mir bei dem Elend zugrunde gegangen, die Kuh ist mir verreckt, und das auch nicht vor lauter gutem Leben; wie die Kartoffeln im vergangenen Jahr waren, wisst Ihr ja ... ich habe weniger herausgeholt als hineingesteckt. In Stücke gerissen hab' ich mich, aber helfen konnte man darum doch niemandem, weder der Frau noch sonst wem. Ich habe Tag und Nacht gearbeitet, im Dienst und zu Hause, das Elend hab' ich doch nicht rumkriegen können. Der Aufseher schimpfte nur immerzu auf mich ein – was sollt' ich ihm denn geben? mit der Faust eins zwischen die Rippen? Denn ich und die Kinder hatten doch selbst nichts zu beissen. Er trieb mich immerzu an und bewachte mich ganz niederträchtig aus lauter Bosheit, versteht Ihr. An den Streckenvorsteher hat er nur immerzu ›Laporten‹ geschrieben, dass ich frech bin und ein faules Wesen habe, dass ich im Dienst schlafe und den Eisenbahndamm nicht bewache, wie es sich gehört – und dann hat er auch gesagt, dass ich das Eisen aus dem Magazin gestohlen haben soll, und dass ...« »Hast du es genommen, Tomek? Sag' mir die reine Wahrheit, jetzt ist es ja doch ganz gleich, wie?« »Ich hab' es nicht genommen, Mutter, nein, das hab' ich nicht – dass ich hier auf der Stelle verreck' wie ein toller Hund! Ich sag' Euch die reine Wahrheit wie bei der heiligen Beichte; ich habe nie und nimmer gestohlen, die anderen Kameraden haben manches Mal sich etwas weggenommen, aber mein Vater haben nicht gestohlen, so wird auch der Sohn kein Dieb sein. Arm bin ich, aber ein Dieb bin ich darum doch nicht.« »Und darum haben sie dich davongejagt? Die Leute erzählen doch, dass sie bei dir das Eisen gefunden haben ...« »Versteht sich. Das ist so richtig wahr, nur dass ich es nicht dort hingebracht habe, wo sie es gefunden haben. Rafael sein Michal hat dem Aufseher fünfzig Rubel versprochen, wenn er ihn zum Bahnwärter macht, und da keine Stelle frei war, so hat er mir das Eisen untergeschoben und mich dann angezeigt. Sie haben revidiert bei mir, das Eisen gefunden und mich davongejagt. Alles ist umsonst gewesen, denn wenn ich auch wusste, wer das gemacht hat – einen Zeugen habe ich dafür doch nicht gehabt. Sechs Menschen sind ohne Brot geblieben. Zum Verdienen hat man keine Gelegenheit, zu essen gibt es nichts, zu leben hat man nichts, und wenn der barmherzige Herr Jesus nicht Hilfe schafft, dann ertrag' ich es nicht mehr, nein, dann ertrag' ich es nicht mehr!« »Oh, Menschenlos: das Weinen wird einem die Wangen zerfressen, die Seele sich vor Schmerz zusammenkrampfen wie ein Vöglein im argen Frost, aber Hilfe wird von nirgendwo kommen. Dummes Volk kann nur reden, dass es Gutes in der Welt gibt; jawohl, es gibt so viel Gutes, dass es einem zur Gurgel hinausfährt!« murmelte die Alte bitter. »Lass dich aber nicht unterkriegen, Tomek; auch den Bösen hat unser Herr Jesus besiegt, warum sollte nicht ein natürlicher Mensch unter Beihilfe der allerheiligsten Jungfrau mit der Not fertig werden?« versuchte sie ihn zu trösten; sie wandte sich darauf dem Schanktisch zu, kaufte zwei Reihen Semmeln und ein Quart Hirsegrütze und kehrte damit wieder zu ihm zurück. »Hier, Tomek, nimm die Grütze und die Semmeln, das ist für die Kinder, ich bin nur eine arme Waise, geben würd' ich dir schon gern was, wenn ich es bloss hätte. Hat einer etwas, dann kann er kaufen, was er will, ich aber bin nur eine arme Kätnerin. Doch ich will dir einen Rat geben, Tomek ...« »Gebt mir einen Rat, Mutter, dann werden Euch der Herr Jesus und die Allerheiligste für mich Armen belohnen.« »Geh du morgen zum Aufseher, Tomek, und verneig' dich schön tief vor ihm, vielleicht erbarmt er sich deiner; er hat doch selber Kinder, denn dass du Hungers sterben solltest, macht nichts – aber solche armen Würmer, die sich nicht recht was überlegen können, die halten es nicht aus und das wäre doch die reine Sünde, wenn die Kinder vor Hunger jammern müssten.« »Nein, Mutter, ich geh' da nicht wieder hin,« murmelte Tomek mit düsterer Verbissenheit. »Lass mich verrecken, wenn man Hungers sterben soll, dann sterb' ich, aber den bitten, das tu' ich nicht. Habe ich doch schon diesem Höllenvieh zu Füssen gelegen und habe wie ein Hund um Arbeit gewinselt und wie ein Hund gebettelt, dass er sich der Kinder erbarmen sollte, – da hat er mich zur Antwort mit dem Fuss von sich gestossen und mich zur Tür hinausschmeissen lassen! ... Nein, ich geh' nicht zu ihm hin, denn ich hab' Angst vor der Sünde, Angst hab' ich – wenn ich den bloss zu sehen bekomme, dann packt mich so ein Zittern, dass ich ihm an die Gurgel springen könnte und den Kerl wie ein böses Tier zu Tode schlagen!« Er murmelte dieses mit einer scheuen und von Hass erstickten Stimme und ballte immer wütender die Fäuste, darauf griff er sich an die Brust und sprach weiter: »Es tut mir schon ordentlich in der Brust weh davon, aber ich hab' schon so viel ausgestanden, dass ich nicht weiss, ob ich noch mehr aushalten kann.« »Halt ihn in dir, diesen Wolf, Baran, halt ihn fest, ein Unglück ist leicht geschehen.« »Ich will morgen in den Wald gehen, Holz hacken.« »Muss der Magen entbehren, kann das Hemd nicht lehren.« »Für ein Viertel Klafter zahlt diese Hundeseele von Judenmensch nur einen Silberling und zehn Groschen, und dafür muss man zwei gute Tage die Rippen ordentlich um und um racken.« »Geh du jetzt gleich zum Pfarrer, Tomek, und bitte ihn – er ist doch mit den Herren Beamten gut bekannt, da könnt' er für dich ein Wort einlegen, damit sie dir eine Arbeit am Bahndamm geben.« »Hale, der Pfarrer kennt doch den Vorsteher, er fährt immer zu ihm hin ...« »Dummer, der Priester hält noch am meisten auf Gerechtigkeit und auf das arme Volk. Der kann dir was raten, und helfen kann er dir auch.« »Ich habe nichts in die Hand zu nehmen und so ganz bloss, ohne etwas, da wag' ich mich nicht hin.« »Dumm bist du, die Kinder kannst du ihm, versteht sich, nicht zum Geschenk bringen, und was anderes hast du nicht!« »Das ist schon wahr, aber ... immer doch ... Hochwürden nichts hinzutragen ...« »Dumm bist du; geh gleich hin, falle Hochwürden zu Füssen und sag' ihm alles – schlag dich immerzu auf die Brust, weine und rede nur von den Kindern – du wirst schon sehen, dass der Pfarrer gleich weich wird.« »Te! dann will ich auch hingehen,« murmelte er schnell, schon ganz überzeugt, und stand von der Lade auf, zupfte seinen Schafspelz zurecht, setzte seine Schafspelzmütze auf und versuchte sich durch die Giebelstube und dann durch das Gedränge der Tanzenden hindurchzuzwängen. Die Alte folgte ihm nach, und als sie vor der Schenke waren, sagte sie ihm: »Sei nicht bockig, Tomek, bei Hochwürden, bitt ihn hübsch artig um seinen Beistand; ein Bauer ohne Land ist wie ein Vögelchen im Wasser, das seine Flügel flach ausgebreitet hat und laut um Hilfe schreien muss, sonst müsst' es ertrinken.« Er entgegnete nichts mehr, denn eine solche Kälte wehte ihn draussen an, dass er ausser Atem kam, die Schafspelzmütze noch tiefer über die Augen drückte und von der Schenke geradeswegs über die Felder auf den ausgetretenen Fusspfad zu davoneilte. ... Wollen trinken! dideldei – wollen essen! dideldei – wollen immer fröhlich sein! ... sangen die Geigen hinter ihm drein. »So Gott will, so Gott will, so Gott will! ...« knurrten die Bassgeigen gedämpft und hüpften lustig hinterdrein, aber Tomek hörte nicht auf all diese Stimmen, die unter dem Strohdach der Schenke hervordrängten und in der Frostluft wie ein kristallener Regenschauer zerstoben, sondern schritt rüstig aus. Auf den Feldern war es hell vor lauter Schnee und Mondenschein, wie am lichten Tage. Gewaltige weisse Wolken ruhten im Raume, der sich über der Erde in der Majestät der Stille und der Unendlichkeit wie silberfahle Vorhänge dehnte. Die leicht gewellte Ebene, auf der sich die nackten Baumgerippe und Steinhaufen schwarz abzeichneten, flutete wie ein Meer und blendete die Augen durch die glitzernde Weisse. Ein solches Schweigen lag über den Feldern, dass Tomek noch lange die Stimmen, die aus der Schenke kamen, hören konnte. Zuweilen blickte er sich um, auf das für sich stehende, erleuchtete Haus, und liess zugleich seine Blicke über die goldenen Lichtpunkte des Dorfes schweifen, aber sofort beschleunigte er wieder seine Schritte und eilte weiter, ohne auf den Frost zu achten, der ihn wie mit Nadeln in die Backen stach und ihm den Atem benahm. Die bereiften Kreuze am Wege warfen lange bläuliche Schatten auf den Schnee; er nahm vor ihnen die Mütze ab, bekreuzigte sich fromm und seufzte tief auf – manchmal schlug er mit seinen frosterstarrten Händen gegen die Arme, blieb stehen, zog den Gurt fester an und ging dann wieder weiter. Ab und zu flog eine Schar Rebhühner auf mit einem leisen, aber dennoch scharf klingenden Warnruf, kreiste eine Weile und versank in den weissen, silbrigen Glast, der über der Schneeweite hing – dann wieder rannte ein Hase über die Felder, hielt jäh an, horchte auf, machte Männchen und floh entsetzt davon; eine unförmige graue Wolke glitt über den Himmelsraum dahin und warf einen blauen Schatten auf die weisse Schneefläche, dann wieder flog die trockene Stimme des Frostes über die Erde hin und zu flimmernden Myriaden von Zuckungen zersplitternd, funkelte sie in glitzernden Sternkristallen auf und trübte die göttliche Ruhe der Mitternacht, oder ein dumpfes Murren, das einem Ächzen ähnlich klang, kam von der fernen Waldwand herübergegeistert, und wieder gewannen die grosse Stille, die Totenstarrheit und eine süsse Schlaftrunkenheit neue Gewalt über die frostgebundene Erde. Tomek achtete auf nichts mehr, denn er war damit beschäftigt, sich in Gedanken zurechtzulegen, wie er zum Pfarrer kommen, ihm zu Füssen fallen und sagen würde: Hochwürden! ... Und dann würde er losheulen und diesem lieben geistlichen Vater alle seine Sorgen und all sein Elend beichten. Eine so grosse Rührung überkam ihn bei dem blossen Gedanken daran, dass Tränen in seinen Augen aufblitzten, über seine Wangen zu kollern begannen und in seinem Schnurrbart wie kleine Eisperlchen hängen blieben. Daraufwandten sich seine Gedanken wieder dem eigenen Heim und seinen Kindern zu. »Die Maryscha geb' ich in Dienst, die Josefa auch – die Mädel werden es besser haben und mir wird es auch leichter sein,« aber es gab ihm plötzlich einen Stich mitten ins Herz bei dem Gedanken an die Trennung von den Kindern. »Sie schlafen, die armen Würmer, sie schlafen,« dachte er und tastete vorsichtig nach seinen Semmeln und dem Säcklein Grütze, die er unter dem Rock geborgen hatte. »Der Herr Jesus hilft uns schon bis zum Lenz auszuhalten, dann gibt es leichter Arbeit und die Mädchen können auch noch was dazuverdienen,« sann er weiter ... »Was der liebe Jesusherr einem mit Höllenfrost zusetzt,« murmelte er und begann sich das Gesicht mit Schnee abzureiben. »Er lässt sich was aus, der Herr Jesus, er lässt sich ...« und er blieb wieder stehen und horchte in die Nacht hinein. Von den Scheunen des Herrenhofes, deren graue Wände sich in der Ferne undeutlich abzeichneten, kam starkes Hundegegeifer. Er verlangsamte abermals seine Schritte und spähte immer angespannter und besorgter umher, denn diese Hundestimmen, ihr Gekläff und Gewinsel wurden immer deutlicher vernehmbar und schienen ihm immer drohender zu klingen. Zuletzt gewahrte er einen Haufen Hunde, die ganz wütend etwas untereinander zerrissen. In dem Vorwerk verreckten um jene Zeit die Schafe haufenweise an der Drehkrankheit, die Knechte schleppten sie, nachdem sie den Kadavern die Haut abgezogen hatten, aufs Feld und vergruben sie im Schnee. Von allen Seiten kamen die Hunde jetzt zu diesem Festschmaus herangeschlichen und taten sich bei Tag und bei Nacht an dem Überflusse gütlich, sie bissen sich dabei wütend um die Beute. Tomek umging die Stätte im weiten Bogen und wandte sich querfeldein dem Dorfe zu, das an den Abhängen einer Anhöhe zerstreut lag, deren Scheitel von einer Holzkirche und einer Schar mächtiger Linden gekrönt wurde, welche sich wie ein Haufen ehrwürdiger Greise rings um sie herumgesetzt hatten und mit ihren gewaltig ausladenden Leibern das Kirchlein vor Winden und allem Ungemach beschützten, leise miteinander in stillen Mondnächten plaudernd. Der Pfarrhof lag etwas tiefer, inmitten eines Gartens, der den Abhang eines an die Dorfanhöhe stossenden Hügels bedeckte. Tomek blieb vor der Hauslaube stehen, die so gross war wie manch ein ganzes Bauernhäuschen, nahm die Schafspelzmütze ab und trat von einem Fuss auf den anderen, denn der Mut hatte ihn ganz verlassen; er sah in die erleuchteten, mit grünen Rollvorhängen verhangenen Fenster, kratzte sich über den Schädel, spie aus und bekreuzigte sich des öfteren, um sich Mut zu machen, aber einzutreten wagte er nicht. Die Kirche stand so nahe, sah so geheimnisvoll schwarz aus und ihre Fenster gleissten so seltsam im Mondlicht, die Linden hatten heute ein so drohendes Aussehen und die Kreuze der uralten Gräber auf dem Kirchhof waren so riesig gross und zeichneten sich so scharf vom Hintergrund der Schneelandschaft ab, dass Tomek eine abergläubische Furcht gepackt hatte. Er fing an zu beben, stand aber immer noch wie festgewachsen an derselben Stelle. Manchmal schob sich eine düstere Wolke zwischen Mond und Erde und warf einen durchsichtigen Fächerschatten auf den Schnee, dann wieder knackte etwas seltsam geheimnisvoll in den Büschen des Gartens; ab und zu barsten die Dachschindeln mit lautem Knall oder die Latten im Zaun, in die sich der Frost einbiss; Krähen flatterten auf und liessen ihr schrilles Krächzen von der Landstrasse her vernehmen, wo sie sich schweren Fluges auf hier und da aufgeworfene Dreckhaufen niederzulassen versuchten. Von irgendwo, aus einem Stall, wieherte ein Pferd auf, Schafblöken liess sich vernehmen und von den Schweineställen des Pfarrhofs drang das Aufquieken der am Trog sich drängenden Schweine herüber, bis die Stille sich wieder über alles ausbreitete und alles begrub. Tomek stand noch immer da und starrte geistesabwesend auf die weissen Dünste, die sich von den Mooren erhoben, und auf die vereinzelt blitzenden Lichter des Dorfes. Es kamen ihm seine Kinder in den Sinn ... »Die armen Lieben ...« murmelte er, überwand seine Schüchternheit und trat, ohne länger zu zögern, in die Pfarrkanzlei ein. Der Pfarrer erhob sich bei dem Geräusch der geöffneten Tür und versuchte schnell seine Brille aufzusetzen. Tomek warf seine Pelzmütze von sich und schlug, so lang er war, zu Füssen des Priesters hin. »Vater! Geliebter Vater! Hochwürden!« murmelte er durch Tränen und umfasste seine Knie. »Was ist das? Wer ist das? Was bist du für einer? Was willst du?« warf der Pfarrer erschrocken hin, durch die Leidenschaftlichkeit Tomeks beängstigt. »Um Erbarmen zu flehen bin ich zu Hochwürden gekommen.« Der Priester hatte endlich seine Brille aufgesetzt, sah sich den Knienden an und sagte schon mit ruhigerer Stimme: »Ah! Tomek Baran! Steh auf, mein Kind, steh auf!« Er setzte sich, wischte mit dem buntbewürfelten Taschentuch seine Brille ab und warf es sodann wie unabsichtlich über einige Häuflein Kupfermünzen, die in regelmässigen Abständen auf dem Tisch lagen. Tomek erhob sich und trocknete mit dem Ärmel seine tränennassen Augen. »Was hast du mir zu sagen? hast du eine Angelegenheit, ist dir vielleicht jemand Nahes gestorben?« »Schlimmer noch, geliebter Vater, denn alle sterben wir so bei kleinem Hungers,« entgegnete er und begann ziemlich ruhig von seiner Entlassung, von dem Mangel an Verdienst und der Not, die ihn und seine Kinder frass, zu erzählen; er hatte Tränen in den Augen und eine stille, grenzenlose Verzweiflung sprach aus seiner Stimme, während er voll Vertrauen mit dem Priester redete, so dass dieser ihm wenigstens zum Teil wohl Glauben schenken musste, denn über sein wie in Güte erstarrtes, blasses Gesicht, das einer Maske aus gebleichtem Wachs glich, huschte ein Schatten von Traurigkeit und Mitleid. Tomek verstummte, der Priester schnupfte aus seiner silbernen Tabakdose und schwieg eine lange Weile. Er hatte ein sehr mitleidiges Herz, war aber schon so viele Male durch lügnerische Tränenergüsse und geheuchelte Offenherzigkeit getäuscht worden, dass er jetzt fürchtete, seinem Gefühl nachzugeben, darum legte er sein Gesicht in strenge Falten, warf seine Lippen drohend auf und suchte, so gut es ging, die Rührung, die von ihm Besitz ergriffen hatte, zu verbergen. »Das sechste Gebot lautet: du sollst nicht stehlen!« sagte er mit einer harten Stimme. »Muss man euch das in einem fort von der Kanzel predigen, ihr Lumpen, he! Der liebe Gott straft euch, weil ihr nicht auf seine heiligen Gebote achtet!« »Ich habe nicht gestohlen, geistlicher Vater, wie auf der heiligen Beichte sag' ich es: ich habe nichts genommen, nur aus Bosheit, dass ich keine Festgaben und keine Geschenke hab' geben können, haben sie sich zusammen verabredet und mich dann davongejagt.« »Denk' an das achte Gebot: du sollst nicht falsches Zeugnis gegen deinen Nächsten ablegen! Betest du keine Gebete, Baran? Weisst du das nicht, he?« »Ich habe die Wahrheit gesagt, geistlicher Vater, die reinste Wahrheit, der Aufseher hat immerzu auf mich eingeschimpft, ob er einen Grund dazu hatte oder ob er keinen hatte, weil ich ihm nichts habe schenken können; für diese neun Papierrubel, die sie mir den Monat zahlten, könnt' ich doch uns selber kaum durchbringen.« »Die Zehnten und die Pflichten richtig abgeben, heisst es! Soll ich dich in einem fort daran erinnern, was der Herr Jesus und die heilige katholische Kirche lehrt, he!« »Liebster Vater! Ein Christ bin ich, zur Beichte gehe ich, Messen lasse ich lesen, aber ich bin gekommen, mir Erbarmen zu erflehen, denn die Kinder sterben mir Hungers und mir selbst wird es schon im Kopf ganz verkehrt davon; schlafen kann ich nicht vor lauter Sorge und weiss mir keinen Rat mehr. Ich hab' mich bei den Juden und bei den Leuten ganz verschuldet, habe die letzten Lumpen verkauft, habe das Schwein verkauft, das ich noch als Letztes hatte, und jetzt bin ich ganz blank geworden, nur die Knochenfrau hat noch bei mir was zu holen! Mein Gott! Mein Gott!«, stöhnte er schwer auf, »länger halt' ich es nicht mehr aus; wenn mir der gute Vater nicht zu helfen wissen, dann wird es wohl schon nur noch ans Sterben gehen müssen.« Tomek fiel dem Priester wieder zu Füssen und heulte unaufhaltsam, er bebte am ganzen Leibe und schluchzte so kläglich, dass der Pfarrer sich etwas wegwenden musste, um sich heimlich einige Tränen wegzuwischen, und sehr leise, mit bebenden Lippen zu reden begann: »Mein Kind ... Unser Herr Jesus Christus hat für uns unwürdige Menschen gelitten, für uns, seine undankbaren Kinder, hat er sich kreuzigen und von dem niedrigen Pöbel verhöhnen lassen und hat kein Wort gesagt, obgleich sie ihm mit scharfen Nägeln die Hände und die Füsse durchbohrt haben, obgleich ihm das Blut über die Augen herunterfloss und ihn seine Wunden schmerzten; er klagte nicht, sondern sagte nur: Herr! Dein Wille geschehe! Mein Bruder ... Tomek Baran ...« er unterbrach seine Rede, denn Tränen der Rührung verschleierten ihm die Augen, er wischte sie eilig ab und murmelte nur noch: »Arm bist du, Baran, arm bist du ... arme Waise ... Armer ...« Ein schweres Schweigen breitete sich aus, erfüllt von krampfhaften Zuckungen, unterdrückten Schluchzern und den Klagen Tomeks. »Übermorgen werde ich für dich eine Messe lesen und Gott um eine gute Wendung bitten, vielleicht fügt er alles noch zu deinem Besten! Denn Gott ist grenzenlos in seiner Güte, vertraue nur auf ihn, bete und glaube,« redete der Pfarrer mit eindringlichem Ernst. »Im Haus ist nicht ein Krümchen Brot mehr, die Kinder jammern in einem fort,« murmelte Tomek. »Dagegen kann ich nichts tun. Komme zur Messe, beichte deine Sünden, dann wird es dir leichter fallen, das Kreuz weiter zu tragen, das dem Herrn gefiel, dir aufzuerlegen.« Tomek blickte auf den Priester mit verblüfften Augen, ganz ratlos war er, was er darauf erwidern sollte, er bemerkte jetzt die Häuflein Kupfermünzen auf dem Tisch und fühlte einen Augenblick einen dunklen Drang, nach diesem Geld zu greifen und damit zu entfliehen, aber dieses ging sehr schnell vorüber, er rieb sich nur die Augen mit der Faust, seufzte tief und sagte: »Vielleicht könnten der geistliche Vater für mich ein Wort bei den Herren Beamten oder auch auf dem Gutshof einlegen, es ist mir einerlei, was sie auch zahlen würden, wenn ich nur Arbeit hätte, aber sie haben sich alle gegen mich verabredet und werden mir nirgends Arbeit geben. Ich möchte doch so gern arbeiten, ... so gern ...« »Du bist trotzig gewesen. Wer Wind sät, erntet Sturm, ein demütiges Kalb wird von zweien Müttern gesäugt. Vergiss das nicht. Ich werde wegen dir reden, weil du arm bist; was mich anbetrifft, würde ich dir gleich helfen, aber du weisst ja, dass es bei mir immer knapp ist ... Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst! ... Ich habe nichts ... Du weisst, den Rappen hat mir dieser Nichtsnutz Antek, möge er nicht in seiner Sterbestunde Gott schauen, so rehe gemacht, dass mir das arme Tier eingegangen ist. Ich habe mir etwas abgespart, um ein Pferdchen zu kaufen, aber der Laurenz ist dazwischen gekommen, du weisst, er ist abgebrannt, und dem Klemb ist die Kuh verreckt – und, Gott sei mir gnädig, nun hab' ich wieder keinen Heller mehr ... Was sollt' ich dir nur geben können, mein Kind ... hast du Hunger?« »Versteht sich, aber das macht nichts, nur dass die Kinder schon den zweiten Tag nichts zu essen gehabt haben.« »Mein Gott ...« murmelte er und wandte sich nach dem Wandschrank, holte einen kaum angebrochenen Brotlaib heraus und wollte ihn schon ganz Tomek hergeben, als er jedoch seine gierig auf das Geld gerichteten Augen bemerkte, hielt er noch zur rechten Zeit inne, schnitt nur ein beträchtliches Stück ab und reichte es Tomek. Tomek dankte ihm herzlich und schickte sich zum Gehen an. »Warte noch, ich will dir auch etwas Geld geben, viel kann ich nicht, denn es ist nicht meines.« Er nahm eine Handvoll Kupfermünzen vom Tisch. »Das ist nämlich, siehst du, das Geld für den Heiligen Vater!« »Für den Heiligen Vater!« murmelte der Bauer mit frommer Ehrfurcht, und bekreuzte sich rasch. »So ist es! Gute, barmherzige Christenmenschen opfern das Geld, damit der Heilige Vater was zu leben hat ... Man hat ihm alles genommen, was er besass, und so ist er ganz bettelarm geblieben. Ja! Der Nachfolger des heiligen Petrus! So ist es. Er, der die Macht hat, auf Erden zu lösen und zu binden, er ist auch arm, muss auch Mangel leiden, mein Kind,« er tat fast unbewusst die Hälfte der aufgenommenen Kupfermünzen in die andere Hand, »aber die treue Herde lässt ihren Hirten nicht umkommen,« er tat noch einige Münzen beiseite, »jeder bringt seinen Notgroschen mit Kindesliebe, denn was du dem Bedürftigen gibst, das ist so, als ob du es Gott selbst gegeben hättest!« Abermals schaffte er von dem in seiner Hand übriggebliebenen Geld einige Kupfermünzen beiseite. »Hier hast du, mein Kind, mehr habe ich nicht, gehe mit Gott! Ich werd' schon für dich ein Wort einlegen, wo es nötig sein wird. Arm bist du, mein Tomek, aber Gottes Erbarmen und Macht können alles bewirken ...« Er küsste ihn aufs Haupt und machte das Zeichen des Kreuzes über ihm, wobei er halblaut ein Gebet murmelte. Tomek verliess das Pfarrhaus in innerster Seele gestärkt und aufs tiefste gerührt. »Dass dich Gott gesund erhält, du bist ein guter Herr!« redete er vor sich hin und wandte sich sogleich vom Pfarrhof, ohne auf Weg und Steg zu achten, in der Richtung seiner Hütte. »Mein Gott! auch der Heilige Vater sind arm. Alles haben sie ihm weggenommen! O diese Deutschen, Das gewöhnliche Volk in Polen belegt mit dem Namen Deutsche alle Fremden, welche es zugleich auch als Ketzer betrachtet. diese Hundeäser, diese Ketzer!« sann er bitter und ballte drohend die Fäuste beim Gedanken an das traurige Los des Statthalters Christi. Es war ihm nun viel leichter zumute, als hätte er nach all der Sorge und Qual neue Zuversicht geschöpft. Die frommen und mitfühlenden Worte des Priesters erfüllten sein einfältiges, gutes Herz mit Rührung – ein warmer Hoffnungsstrahl war in sein Inneres gedrungen. »Arm bist du, Baran, eine arme Waise bist du, Tomek! ...« wiederholte er sich die Worte des Priesters, und war durch die blosse Erinnerung an den Klang der sanften Stimme des Pfarrers so bewegt, dass ihm Tränen der Rührung über die Backen flossen. Ohne es selbst zu wissen, verbeugte er sich im Gehen, als wollte er jemandes Knie umfassen. Der immer fester zupackende Frost brachte ihn wieder ganz zur Besinnung, so dass er fast den Priester und das erhaltene Essen vergessen hatte und mit immer sehnsüchtigeren Augen nach seiner Hütte ausschaute, die wie ein blasser, grauer Schatten am Walde sichtbar wurde. Sein Herz klopfte unruhevoll, in der Sorge um die Kinder. Die Hütte, die man einst für einen Ziegelmacher und -brenner erbaut hatte, war jetzt schon ganz baufällig geworden. Das flache Lattendach war eingebrochen und hing schief über der Balkendecke, die Wände waren altersgekrümmt und wurden nur noch durch die Stützen gehalten, die man in den Boden gerammt und von einer Seite mit Erde und Kiefernnadeln beworfen hatte. Ringsum war eine solche Einöde, dass einem die Angst wie ein eisiger Hauch durch die Glieder fuhr; der düstere Tannenwald reckte sich unmittelbar hinter dem Hause als eine drohende, dumpfe Wand auf, aus deren Schattenbereich es rauschte, flüsterte und mit tausend wunderlichen Stimmen oft so unheimlich heulte, dass die Leute diesen Ort, wenn irgend möglich, schon von weitem scheu mieden. Während besonders strenger Frostnächte und zur Zeit der Schneeschmelze im März sah man die Wölfe haufenweise aus diesem Tannenforst herauskommen und sich, Atzung suchend, nach den Dörfern wenden. Es war eine wilde und menschenleere Gegend, Tomek hatte die Hütte vom Gutshof gemietet, weil sie dicht am Bahndamm lag, wenig Miete kostete und weil die Kinder im Sommer hier die Kühe hüten konnten. Er hatte sich an diese Einöde gewöhnt und den Verkehr mit den Menschen und dem Dorf ganz aufgegeben, wodurch er etwas verwildert war, aber er fühlte sich hier wohl, im Kreise seiner Lieben. Als er endlich laufend das Haus erreicht hatte, versuchte er sofort durch das vereiste Fenster in die Stube hineinzusehen, sie war ganz dunkel. Leise trat er ein und zündete ein Lämpchen an. Die Kinder schliefen, aneinandergeschmiegt, tief im Stroh vergraben und mit allerhand Lumpen sorgfältig zugedeckt, in dem einzigen vorhandenen Bett. Im Haus war es kälter noch als unter freiem Himmel; die dumpfe, von einem faulen Geruch durchdrungene Feuchte benahm ihnen den Atem. Die Wände, von denen der Kalk abblätterte, waren mit einer dichten Frostschicht bedeckt, so dass sie wie versilbert gleissten. Der festgestampfte Lehmboden, der den Holzfussboden ersetzte, hatte durch die Kälte eine solche Härte angenommen, dass er unter seinen Füssen dumpf dröhnte. Tomek beugte sich besorgt über das Bett, um nach den Atemzügen der Schlafenden zu lauschen, denn es hatte ihn eine plötzliche Angst befallen, sie könnten inzwischen erfroren sein. »Es schläft sich, das liebe Zeug schläft sich ruhig,« murmelte er freudig. Von der Diele holte er emsig Holzspäne herbei und fachte im eisernen Kanonenofen ein Feuer an, dann schlug er mit der Axt etwas Eis in einem Eimer klein und legte die Stücke in einen Topf, den er sogleich ans Feuer stellte. Die Hälfte des mitgebrachten Brotes schnitt er in eine Schüssel hinein, bestreute es mit Salz und wartete, dass das Wasser ins Kochen käme. Er bewegte sich fast geräuschlos in der Stube und trat immer wieder ans Bett heran, um einen Blick auf die Kinder zu werfen ... Aus seinen blauen, wie verblassten Augen leuchtete dabei eine so tiefe Kinderliebe auf, wie sie nur im bäuerlichen Leben und nirgendwo sonst in der Welt gedeihen mag. »Arme Würmer, gleich sollt ihr was zu essen haben, gleich,« murmelte er erfreut und legte immer neues Holz aufs Feuer, und als das Wasser zu brodeln anfing, ging er gleich wieder ans Bett heran. »Marysch! Juswa! Wacht auf, Kinder!« rief er und schüttelte sie. »Aufstehen, Abendbrot ist da!« Die Kinder wurden gleich wach. Es waren fünf an der Zahl, vier Mädchen und ein Junge; dieser mochte wohl der jüngste und im Alter von sechs Jahren sein. Diesen nahm Tomek auf den Arm, hüllte ihn in den Schoss seines Schafspelzes ein und setzte sich ans Feuer, – der verschlafene Junge weinte und liess sich nicht beruhigen. »Still, Söhnchen, still! Hier ist ein gutes Brötchen, das der geistliche Vater für euch gegeben hat, da, mein Söhnchen, iss!« Der Junge rieb Nase und Augen und kaute gierig am Brot. »Na, kommt doch her, Mädchen, es gibt gleich Wassersuppe.« Er goss das kochende Wasser über die Brotbrocken. Sie krochen vom Bett herunter, hockten rund um die Schüssel und machten sich mit wahrem Heisshunger daran, die Suppe zu essen. Die bläulichen, ausgehungerten Kindergesichter hatten im Ton der Hautfarbe etwas von den kahlen, reifüberzogenen Stubenwänden, sie ergänzten sie gewissermassen. Ein langes Elend, so ein richtiges Bauernelend, das ganz allmählich bis an die Gurgel hochkriecht und langsam abwürgt, hatte diesen Gesichtern einen besonderen Ausdruck verliehen, ihnen jede kindliche Rundung genommen, bis nur Haut und Knochen blieben, stechende, stumpfe Blicke und herabhängende, zuckende Münder voll willenloser Müdigkeit. Tomek umfasste die Kinder mit einem väterlich sorgenden Blick und langte selbst nur selten nach dem Essen in der Schüssel, um ihnen möglichst viel zukommen zu lassen, nur dem Jungen schob er ab und zu einen Extrabissen in den Mund. »Iss, Söhnchen, iss. – Habt ihr sehr viel Hunger gehabt?« »Versteht sich,« entgegnete Maryscha. »Um Mittag bin ich ins Dorf gegangen, die Muhme Adamowa hat mir Kartoffeln gegeben, die habe ich gekocht, dann haben wir sie gegessen – und jetzt bei Dunkelwerden haben der Jusek und die Anka geweint und gesagt, dass es sie in der Bauchgrube schmerzt – sie hatten wohl Hunger, ich habe sie schlafen gelegt, mehr ist nichts gewesen.« »Esst, Kinder, – dieses Brot hat euch Mutter Jagustynka gegeben und dieses der geistliche Vater. »Marysch, nimm mal dies – das ist Hirse, die kannst du ihnen morgen kochen. Der liebe Gott ist barmherzig, er wird uns helfen, und findet sich eine Arbeit, dann wird man sich vielleicht einen Sack Kartoffeln oder ein Mass Grütze kaufen können, um erst einmal bis zum Lenz durchzuhalten.« »Dann kaufen wir uns eine Kuh, nicht wahr, Vaterle?« fragte Jusek. Das Feuer brannte hell und von dem rotglühenden Ofen her breitete sich eine ganz angenehme Wärme in der Stube aus, so dass selbst irgendwo an der Ofenbank ein Heimchen laut zu zirpen begann; die Mädchen duckten sich in einem Häuflein zusammen zu Füssen des Vaters und starrten auf ihn wie auf ein Heiligenbild. Nur Maryscha sass etwas abseits auf der Bank und stocherte ab und zu mit einem Stöckchen in der Glut. »Kauft Ihr eine Kuh zum Frühjahr, was Vaterle?« »Jawohl, ich kauf eine, mein Söhnchen. Du sollst sie mit Jaguscha gemeinsam hüten.« »Sie hat mich doch aber heute verprügelt, Vaterle!« »Hab' keine Angst, wenn' ich sie verprügele, dann wird sie es gleich aufgeben, dich zu schlagen.« »Eine bunte werdet Ihr kaufen, Vaterle?« »Eine bunte oder auch eine graue, mein Söhnchen.« »Und wird uns die Maryscha denn die Milch zu trinken geben, Vaterle?« »Ja, das wird sie, mein kleiner Wurm!« »Wann denn, Vaterle?« »Zum Frühjahr, wenn erst der Herr Jesus Wärme macht.« »Und warum ist es jetzt kalt und kein Frühjahr, Vaterle?« »Dem Herrn Jesus zur Freude und den sündigen Menschen zur Besinnung.« »Sind wir denn sündig, Vaterle? Die Juswa und die Marysch, die Jaguscha, die Anka und ich, Vaterle?« »Alle sind sündig, mein Söhnchen.« »Und warum sind wir sündig, Vaterle?« »Mein Gott, so ein kleiner Wurm und überlegt sich schon was.« »Da sind dann alle Bauern sündig, Vaterle?« »Die Bauern und die Herren, mein Söhnchen, alle sind sündig.« »Und kauft Ihr auch ein Schäflein, Vaterle?« fragte das Kind abermals nach einem längeren Schweigen, indem es mit Mühe versuchte, die zufallenden Augenlider zu heben. »Ich kauf es dir, mein Söhnchen, ich kauf es. Marysch wird die Wolle spinnen und macht dir ein Paar Höschen daraus.« »Und eine Jacke! mit Knöpfen? wie dem Wawschon sein Franek eine hat, nicht, Vaterle? Und der Juswa einen Rock und der Anka auch einen Rock, nicht, Vaterle?« »Dir eine Jacke und der Juswa einen Rock und allen Kleider, – wenn uns nur die allerheiligste Mutter Gottes hilft, dann werdet ihr alles haben, meine lieben Würmer.« Er trug den Jusek ins Bett und deckte ihn sorgsam zu. »Geht, Kinder, geht schlafen, dann ist die Nacht schneller zu Ende.« Die Mädchen fingen an, laut zu beten, er brachte ein Bund Stroh aus dem Flur herein, breitete es zwischen dem Bett und dem Ofen aus, löschte das Lämpchen, wickelte sich in seinen Schafspelz und legte sich ebenfalls zum Schlafen nieder. Es wurde still in der Stube, die gleichmässigen Atemzüge der schlafenden Kinder und ein leises Aufschluchzen unterbrachen nur in gleichmässigen Abständen die Stille. »Marysch!« fragte der Vater nach einer Weile, als er plötzlich das Weinen vernahm, »was fehlt dir denn, mein Kind?« »Nichts, Vaterle, es ist mich nur so angekommen, dass wir so arm sind, und wir haben doch keinem etwas Schlechtes getan!« »Sei still, Kind, weine nicht. Der geistliche Vater hat uns versprochen zu helfen und hat so schön geredet, dass es wohl kommen wird, wie er sagt, und der Herr Jesus uns eine Besserung schickt; irgend eine Arbeit kriege ich vielleicht, dann wird auch die Not ein Ende haben. Fürcht' dich nicht, der liebe Gott hat keine Eile, aber gerecht ist er.« Es wurde wieder still, das Weinen riss ab, nur das Heimchen zirpte ganz laut, durch die Wärme angeregt, und ab und zu knallten ein paar Kohlen im Ofen und zerstäubten zu einem in der Dunkelheit verglimmenden Purpurstaub – ein immer tieferes Dunkel und eine wachsende Schlaftrunkenheit begannen die Stube zu füllen. »Schläfst du, Marysch?« »Kann ich denn das! Das Schlafen ist ganz von mir weggeflogen und wenn ich nur die Augen zumache, dann scheint mir, dass Mutterle vor mir stehen, und dann wieder kommt immer eine feine Dame, die ganz wie eine Gutsfrau angezogen ist, sie winkt mir, und manchmal ist mir so, als wenn dieses Schweinchen, welches Ihr verkauft habt, hinter der Wand quiekt.« »Bete ein Gebet, Tochter; das ist nur vom Hunger, wenn einem solche Träume kommen. Wir wollen morgen in den Wald gehen, vielleicht wird man morgen das Holz hauen können.« »Hale! Die Muhme Adamowa hat gesagt, dass man nicht auf den Wegen und nicht auf der Waldschneise durchkommen kann, denn der Schnee liegt mannshoch. Und der Klemb haben erzählt, dass der Waldschreiber einen Zehner mehr zahlen will, wenn ihm die Leute das Holz nur hauen wollten.« »Gehen denn welche aus dem Dorf?« »Wie sollen da welche gehen, wenn so viel Schnee ist, dass ich kaum wieder herausgekrochen bin, als ich hin war, um Holz zu holen.« Sie schwiegen abermals. Ein Eisenbahnzug kam vorübergerattert, dass die ganze Hütte erbebte und es in den Wänden bedrohlich zu knarren und zu rasseln anfing, worauf der schwache Widerhall der Bahnwärterhörner hörbar wurde. Es trat wieder Stille ein, nur das dumpfe Rauschen des Waldes und das trockene Pfeifen des Windes drangen jetzt durch die kleinen Scheiben in die Stube. Tomek konnte nicht einschlafen, er warf sich von einer Seite auf die andere und grübelte schwer. »Würdest du in den Dienst gehen, Kind?« fragte er leise und ängstlich. »Wenn Vater befehlen, dann werd' ich hingehen – nur dass ich allein es besser haben werde, euch wird es nicht helfen.« Tomek antwortete nicht mehr darauf, und bald hatte auch sie beide der Schlaf übermannt. Am nächsten Tag schlug das Leben wieder denselben Gang des Elends ein, auf dass es sie mit immer festerem Kreis umspannte. Gegen Mittag assen sie den Rest des Brotes vom vergangenen Tag und die Grütze dazu. Tomek sah nur immerfort den Kindern in die Augen, streichelte ihre Köpfe und sagte nichts, denn die Verzweiflung wühlte in ihm. Er ging ums Haus herum wie ein Schlafwandelnder, hackte Holz, behaute irgendwelche Pflöcke, bereitete sich vor, irgendwohin aufzubrechen, und sah stumpf den unmittelbar an seinem Haus vorüberjagenden Zügen nach; zu den Stunden, in denen er sonst in den Dienst gemusst hatte, schickte er sich auch jetzt an, fortzugehen, wandte sich eilig dem Eisenbahndamm zu und kehrte noch schneller um, denn das bittere Bewusstsein kam über ihn, dass er nunmehr nirgends hinzugehen brauchte! Die vielen Jahre im Joch des maschinenmässig ausgeführten Dienstes hatten in ihm eine tiefe Spur hinterlassen – eine verhängnisvolle Ratlosigkeit. Er verlor einfach die Geistesgegenwart und wusste nicht, wie er jetzt weiter leben sollte ohne seinen Dienst und ohne seinen Grundbesitz. Er hatte es niemals nötig gehabt, über irgend etwas auch nur nachzudenken, denn sechzehn Jahre hindurch hatte für ihn seine selige Frau gedacht und vorher die Menschen, bei denen er diente. Er war einer von dieser Art, denen man durchaus sagen muss: gehe dorthin, tue das, denke dieses; dann wäre er hingegangen und hätte es getan, aber jetzt fiel auf ihn die Mühe des Denkens zugleich mit der Not, und obgleich er in sich tobte, mit sich rang und in seiner Hilflosigkeit am liebsten aufgeheult hätte, konnte er ganz und gar nichts ausdenken. Die Not bleckte ihm die Zähne entgegen und biss seine Kinder, er aber sass, ganze Tage lang gedankenlos vor sich hinbrütend da, und wusste nicht, wie er all dieses abwenden sollte. Ins Dorf zu den Leuten ging er nicht, um sich Hilfe zu erbitten, denn es kam ihm einfach gar nicht in den Sinn, etwas Derartiges zu unternehmen. Sein ganzes Leben lang musste er um jede Krume Brot schwer arbeiten, musste sie sich mit eigenem Blut und Schweiss erringen, niemals war ihm etwas von selbst in den Schoss gefallen – so war es auch jetzt, und wenn er an irgend etwas dachte, dann war es immer nur das eine: zum nötigen Verdienst zu kommen. Es gab aber jetzt nirgends eine Möglichkeit, Geld zu verdienen – er sank müde von all dem Denken nieder. Erst gestern war ihm in der Schenke der Gedanke aufgeblitzt, Holz im Walde zu zerkleinern, und die alte Jagustynka hatte ihm den Rat gegeben, sich um Hilfe an den Priester zu wenden. Nach Mittag, als der Frost etwas nachgelassen hatte, nahm er die Maryscha mit und wandte sich dem Hau zu, wo ganze Mengen im Herbst gefällter Baumstämme lagen, die aber so hoch mit Schnee bedeckt waren, dass der ganze Hau wie eine einzige blendend weisse Ebene aussah. »Marysch, kriegen wir es?« murmelte Baran und kratzte sich dabei besorgt den Schädel. »Das ist ein Hund von Winter!« knurrte das Mädchen düster und stiess den Spaten in den Schnee. Ohne mehr zu reden gingen sie daran, die Tannenstämme freizumachen. Sie machten sich mit Fiebereifer an die Arbeit. Tomek schaffte für vier, und Maryscha grub unermüdlich mit einer verzweifelten Wut, ohne auf den Schweiss zu achten, der ihr über die Augen herabfloss, noch auf die Erschöpfung, die sie nur allzubald verspürte. Sie gingen auf die Schneemassen los wie auf einen verhassten Todfeind, wie auf die Verkörperung all ihrer bitteren Not, und hieben auf sie ein mit ihren Spaten in einem wilden, steinernen Bauerntrotz. Der Schnee war hart gefroren und fast so fest wie Eis, sodass man ihn nur mit grosser Mühe mit dem Eisenspaten durchstechen konnte, die Arbeit ging deshalb sehr langsam vorwärts, und dieser Widerstand versetzte sie in verzweifelte Wut. Tomek warf seinen Schafspelz ab, so dass er nur in Hemd und Hose dastand und, ohne um sich zu sehen, in einem wahnsinnigen Eifer schaffte – sein dickes Leinwandhemd färbte sich auf dem Rücken dunkel von all dem Schweiss, auch die Schafspelzmütze hatte er abgetan, so dass sein Haar bei jeder Bewegung hin und her flog wie ein zerzauster Strohwisch. »Schwein, Hundeaas!« knurrte er ab und zu hasserfüllt dazwischen; sein ermüdetes und drohende Verbissenheit atmendes Gesicht leuchtete über dem Schnee auf wie ein dunkelroter, blutiger Fleck. Maryscha musste sich hin und wieder niedersetzen, um Atem zu schöpfen und etwas auszuruhen, sie sprang dann aber gleich wieder auf und hieb mit ihrem Spaten voll neu erwachenden Trotzes auf die weisse Schneedecke ein. Der durch die auf allen Zweigen lastenden Schneemassen wie weissverhüllte Wald stand wie eine ragende Mauer rings um sie herum da, in tiefen Winterschlaf versunken, still und friedlich. Manchmal nur zuckte ein Zweig unter der Schneelast, und eine Kaskade weissen Staubes rieselte zur Erde herab, Krähen zogen krächzend über den Waldeswipfeln vorüber, dann liess sich eine Schar Elstern auf die hochragenden Samenbäume nieder; sie schaukelten sich in den Zweigen, schlugen mit den Flügeln und kreischten, als wollten sie sich über Tomek lustig machen: »Dummer, Baran, dummer, hä!« und sie schrien dermassen, dass es Tomek schien, die Vögel hielten ihn zum besten. – Er warf mit Schneeklumpen nach ihnen und jagte sie schliesslich fort. Wieder umhüllte sie eine die Augen blendende Stille voll Schnee und Sonnenglast, die nur durch das Knirschen ihrer Spaten, durch das schneidende Pfeifen der durch die Luft sausenden Schneeschollen und durch das schwere Keuchen der Grabenden unterbrochen wurde. Die Stunden flossen langsam dahin, der Wald begann unmerklich trüber zu werden, sich in veilchenfarbene Purpurnebel des Sonnenunterganges zu hüllen; dann wurde er grau und sog allmählich die Dämmerung ein, die sich aus den kupferfarbenen Gluten der Abendröte am Himmel zu ergiessen begonnen hatte, bis dass er zuletzt langsam in die Untiefen der nahenden Nacht zu versinken anfing, mit dem Schnee und dem Raum in eine Masse ohne Ende verschmolz und in schlaftrunkene Starrheit sich hüllte. Es war schon richtig dunkel geworden, als sie die Arbeit beendigt hatten. Drei gewaltige Tannen lagen vom Astwerk gesäubert da. Totnek reckte sich auf, streckte seine Glieder und, mit dem Spaten gegen den Schnee stossend, sagte er rauh: »Rumgekriegt haben wir die Äser!« Er zog sich schnell an. »Geh nach Hause, Marysch. Ich will gleich zum Juden, mein Geld für die Arbeit abholen, denn morgen werde ich wie nichts mit einem Viertelklafter Holz fertig. Gleich hole ich euch auch was zu essen. Geh, Tochter, und pack dich gut ein, denn du hast mächtig geschafft, und der Nachtfrost kommt. Er streichelte ihr liebkosend über die Backen und wandte sich der Waldtiefe zu. Maryscha wickelte das Tuch fester um den Kopf, nahm die Spaten und ging langsam durch die Waldesdämmerung heimwärts. Sie fühlte sich weniger müde, als hungrig und schläfrig. Zuerst ging sie gedankenlos vor sich hin, dann aber fing der Wald an, ihr so drohend und düster zu scheinen, nahm ein so finsteres Aussehen an und liess aus seiner Tiefe solch ein ächzendes Stöhnen vernehmen, dass sie eine unerklärliche Angst packte. Es war ihr, als ob zahllose Baumstämme auf sie zukämen, um ihr von allen Seiten den Weg zu versperren, als ob rötliche Augen von überall her sie böse anfunkelten und dreieckige Wolfsschnauzen um sie herum im Dunkel vorbeihuschten; sie schloss fortwährend ihre Augenlider, aber die Angst wuchs nur immer stärker in ihrer Brust. Sie fing an immer schneller zu rennen, und um sich Mut zu machen sang sie schon halb bewusstlos vor Angst laut vor sich hin: Mazuren, Mazuren! Kerle wie die Eichen. Hühner könnt ihr hüten und nicht unseresgleichen! Hu –ha! und darauf: Ich fürchte keine Wölfe und wären es selbst zwölfe. Ich fürchte keinen Bock, und wären's selbst ein Schock! Hu –ha! Aber sie hatte doch eine grosse Angst, das arme Ding. Tomek erhielt auf die Arbeit hin vom Waldschreiber für ganze acht Gulden Nahrungsmittel und einen Rubel in bar. Der Jude gab ihm alles gern, denn er kannte seine Ehrlichkeit, ausserdem hatte er auch das Holz dringend nötig der Bahnlieferungen wegen. Am nächsten Tag liess Tomek die Maryscha sich am frühen Morgen festlich ankleiden, wickelte seinen Rubel in ein Tuch, und beide begaben sich nach der Kirche, aber der Pfarrer wollte von ihm nichts für die Messe annehmen und wurde so gerührt durch seine Bereitwilligkeit, dass er ihm noch einen Scheffel Kartoffeln und ein paar Mass Grütze hinzuschenkte. Tomek hatte gebeichtet und lag während der ganzen Messe kreuz; er betete und flehte so inbrünstig, schluchzte so herzerweichend, bat so heiss um Gottes Erbarmen, ächzte so schwer in seinem Kummer und gab seinen Klagen und Bitten so innigen Ausdruck, dass die Leute voll Achtung auf den wie ein Gekreuzigter vor dem Altar mit ausgebreiteten Armen daliegenden Mann hinschauten. »Jesus! Czenstochauer heilige Jungfrau ... erbarme dich des Sündigen ... Nach Czenstochau will ich zu Fuss pilgern ... den Rosenkranz jeden Tag beten ... eine Kirchenfahne werd' ich kaufen ... Kerzen für den Altar werd' ich kaufen ... erbarme dich nur des Sündigen ... Oh, süsse Jungfrau, ... oh, Königin ... dir weih' ich mich, dir Mutter mit all meinen Kindern ... lass es uns besser gehen ... Allerheiligste ... Für ganz wenig Lohn will ich arbeiten, wenn ich nur nicht betteln muss, wenn mir die Kinder nicht Hungers zu sterben brauchen ... Oh, Heiliger, ... oh, Heiliger! ...« stöhnte er und weinte unaufhaltsam in blutiger Pein und flehte demutsvoll um Erbarmen. Die Orgel klang in einem gedämpften, feierlichen Lobgesang, der wie eine purpurne Welle von Klängen ihm zu Häupten zerstäubte und sein Herz in Ehrfurchtsschauern erbeben liess; die Stimme des Priesters hatte etwas wie ein regenbogenfarbenes Leuchten und durchdrang ihn mit einer solchen süssen Besänftigung, erfüllte ihn dermassen mit Rührung, dass seine Tränen immer reichlicher und immer leichter flossen. Die altersschwarzen Vergoldungen der Altäre, das Summen der Glocken, die tiefen Seufzer der Andächtigen ringsum, das Gemurmel der Gebete, die gütigen Blicke der Heiligen aus den Altarbildern, die regenbogenbunte Dämmerung, die durch die gemalten Fenster drang, die goldenen Zungen der Kerzen und immer wieder die balsamischen Klänge der Musik, die unaufhörlich vom Chor herab auf ihn zugeflutet kamen – alles dieses, zu einem geheimnisvollen Einklang verschmolzen, der namenlos beseligend war, bewirkte, dass Tomek sich noch ehrfürchtiger zu Füssen der göttlichen Allmacht niederwarf, war er doch erfüllt von einer tiefen Zuversicht und ganz durchdrungen von Trost und Glauben; so dass er gegen das Ende der Messe nicht mehr seiner Gedanken Herr zu werden vermochte und immerzu nur seufzte, den Fussboden küsste und Tränen auf Tränen vergoss. Er verliess die Kirche, neu gestärkt in seinem zuversichtlichen Glauben und voll frischer Arbeitslust. »Marysch!« sagte er mitten auf der Landstrasse, als sie schon heimkehrten, er blieb etwas stehen, denn das Mädchen ging hinter ihm. »Marysch! es scheint mir, dass uns der Herr Jesus eine Wendung zum Guten zuteil werden lässt, denn, wie der geistliche Vater gesagt haben: er sorgt für die Lilien und Vögelein und selbst für den kleinsten Wurm und das sollte der liebe Herr Jesus nicht auch für die Menschen ... was?« »Es muss so sein, dass der Herr Jesus ein gleiches Stück auf alle hält,« entgegnete sie ernst. Das Leben kam jetzt Tomek freundlicher vor, denn für einige Tage war Essen im Haus und der Frost hatte beträchtlich nachgelassen, zu Mittag kam selbst ein leichtes Tauwetter auf. Nach und nach bemächtigte sich aber wieder eine Unruhe seiner Seele, denn die Sonne fing an sich zu verstecken und ein Haufen grauer Schleierwolken begann sich am Himmelsrand zusammenzuziehen. »Der Schnee wächst, aber das macht nichts, denn der Herr Jesus braucht nur darauf zu blasen, dann weht alles auseinander,« sagte er zu den Kindern und begab sich in den Wald, Holz zu hacken. Bis zum Abend war es ihm gelungen, ein Viertelklafter zurechtzuschlagen und fertig aufzuschichten, obgleich er sich dabei tödlich abgemüht hatte. Er ging froh zu Bett, denn die Kinder waren satt und er selbst fühlte sich wieder im alten Lebensgeleise – er arbeitete. Am nächsten Morgen wachte er auf, sah hinaus nach dem Wetter und wurde sehr besorgt. Es schneite in so dichten Flocken, dass man die Welt schon gar nicht mehr sehen konnte, dazu war ein pfeifender Wind aufgesprungen. Es schien ein Schneesturm im Anzug zu sein, man konnte nicht daran denken, im Wald Holz zu hauen. Und als die Schneemassen endlos zu rieseln begannen, die Winde ihre wilden Tänze über den Feldern ausführten, Schneewirbel die ganze Welt verdunkelten, wurde es ihm selbst nicht mehr möglich, auch nur aus seinem Hause ins Freie zu gelangen. Man konnte jetzt Tag und Nacht nicht auseinanderscheiden, eine eisige, düstere, graue, sturmentfesselte Raserei wälzte sich über die Felder durch den Raum dahin, brandete unermüdlich in gewaltigen Flutanstürmen gegen Barans armselige Hütte und gegen den Forst an, der sich tief niederbeugte in diesem Ringen mit dem Unwetter, immer wieder aber sich unbesiegt und drohend aufrichtete. Der Kampf machte ihn furchtbar, ein Rauschen, Beben und Krachen ging durch seine Äste, er heulte so wild und so durchdringend und tobte so drohend, dass die Kinder in den Nächten nicht schlafen konnten und die Waldvögel aus ihren Verstecken hinaus in die Felder flohen. Tomek bewachte besorgt das Haus, das einzustürzen drohte, bis es der Sturm zuletzt ganz in Schnee vergraben hatte – so dass es wie ein Schneehügel aussah. Die Lebensmittel gingen nun abermals zur Neige, es war kein Geld da, neue zu kaufen, und dann war es auch ganz unmöglich, zum Dorf hindurchzugelangen, dermassen hatte der Schnee die Wege und die Felder verschüttet. Am zweiten Tag, an dem der Schneesturm nur noch stärker raste, blieben die Züge im Schnee stecken und jeglicher Verkehr stockte, die Menschen machten den Elementen Platz und verkrochen sich ängstlich. Erst morgens am dritten Tag hörte das Schneegestöber etwas auf, aber die gewaltigen Schneewehen ringsum liessen ganze Wolken zerstäubten Schnees unaufhörlich aufsteigen und hatten das Aussehen feuerspeiender Berge. Tomek zog seinen Schafspelz an, holte den Spaten hervor und wandte sich dem Eisenbahndamm zu. Der Aufseher, dem die Strecke unterstand, seine Gehilfen, der Distanzingenieur, und ganze Haufen Bauern, die man aus den Dörfern zusammengetrieben hatte, alles machte sich an dem in einer Schlucht eingeschneiten Eisenbahnzug zu schaffen. Man verteilte Schnaps und Wurst unter die Leute, damit sie so schnell wie möglich den Fahrdamm von den Schneemassen säuberten. In den weissen Wolken des fliegenden Schneestaues sah Tomek hunderte von Menschengestalten, die frisch drauflos arbeiteten, hörte das Stimmengemurmel ihrer Unterhaltungen, ihr Gelächter und das Knirschen ihrer fleissigen Spaten – gierig horchte er auf diese Stimmen, sein Gesicht jedoch verfinsterte sich dabei immer mehr, denn für ihn war da weder Platz noch Arbeit vorhanden. Niemand rief ihn. Er stand einige Stunden lang, durchfroren, hungrig und verzweifelt am Bahndamm, bis schliesslich ein Gendarmeriewachtmeister erschien; Tomek neigte sich ihm zu Füssen und bat ganz demütig um Arbeit. »Baran weiss doch, dass man in einem Zirkular auf der ganzen Strecke unter Verwahrung angekündigt hat, ihn zu keiner Arbeit an der Bahn anzunehmen, weil er wegen Diebstahl entlassen worden ist. Was kann ich Euch helfen, mein Lieber ...?« Tomek antwortete nichts, liess nur den Kopf traurig hängen und schleppte sich nach Hause. »Ah, diese Äser! diese Äser! Aasvolk!« fing er mit einemmal an zu schreien und eine solche Wut hatte ihn gepackt, dass er seinen Spaten in Stücke schlug, die Maryscha verprügelte, dem Jungen einen Fusstritt versetzte und schliesslich wie besessen in der Stube tobte und sich die Haare raufte, es half ihm aber nichts, er erschöpfte sich bald, wurde ruhiger und verlegte sich wieder aufs Warten. Vom Pfarrer war immer noch keine Nachricht da, die Tage schlichen langsam dahin und waren voll Entsetzen und endloser Hungerqual. Eines Abends, nach einem den ganzen Tag dauernden Fasten, blitzte ihm plötzlich ein Gedanke auf. Die Kinder weinten und Jusek klagte leise vor sich hin, über Drücken unter der Brust und Pfeifen in den Eingeweiden, er war ganz in Fiebergluten, sprang immer wieder aus dem Schlaf auf, weinte und bettelte um Brot. »Weine nicht, mein Sohn, ich bring' euch etwas zu essen,« sagte Tomek kurz. Er nahm den Sack, griff nach der Axt und ging in der Richtung des Herrenhofs davon. Er watete bis fast an den Gurt im Schnee, erreichte aber schliesslich sein Ziel, jene Scheunen, wo er vor kurzem die Hunde ihr Festmahl halten gesehen hatte. Er suchte umher nach dem Aas – tastete im Schnee mit den Füssen, dann wieder mit dem Axtgriff, aber er fand nichts. Schon wollte er unverrichteter Dinge gehen, als ein leises Knurren von der Firstseite des Gebäudes sein Ohr traf – dorthin wandte er sieh jetzt eilig. Einige Hunde zerrissen untereinander ein totes Schaf und knurrten sich dabei an. Er jagte sie mit der Axt auseinander. Die Hunde machten nur widerwillig Platz und fletschten die Zähne gegen den unerwarteten Nebenbuhler. Tomek schnitt sich die am wenigsten verdorbenen Teile des Schafkadavers heraus, steckte sie in den Sack und wandte sich, nachdem er ihn auf den Buckel geladen hatte, heimwärts. Die Hunde verfolgten ihn, wild aufwinselnd, sie sprangen gegen seinen Sack an, rissen an seinem Schafpelz und gingen ihm gierig zu Leibe. Er versuchte sie mit der Axt von sich abzuhalten und lief, so schnell er laufen konnte, nach Hause; da aber ein verschneiter Graben seinen Weg kreuzte, geriet er ins Stolpern und fiel der Länge nach hin. Die Hunde stürzten über ihn her. Es entspann sich ein kurzer Kampf, aus dem er als Sieger hervorging – aber mit einem im Rücken ganz zerfetzten Schafspelz, einer durchbissenen Hand und blutendem Gesicht. Zwei Hunde wälzten sich, vor Schmerz heulend, in ihrem Blut im Schnee, der Rest war entflohen. Er stand mühsam auf und schleppte sich langsamen Schritts, mit seiner Beute beladen, heimwärts. »Hier habt ihr was zu essen,« sagte er scheu zu der Maryscha und schleuderte den Sack in die Stube. Sie hatten jetzt wirklich zu essen, aber der Jusek, sein Lieblingskind, wurde am zweiten Tag nach diesem Essen schlimm krank. Er lag rot, geschwollen und schweissgebadet da und war so kraftlos, dass er nicht einmal den Kopf erheben konnte. Tomek rannte schon mit dem Schädel gegen die Wand vor tödlicher Verzweiflung, war es doch sein einziger Sohn, und schliesslich machte er sich sogar auf den Weg, eine Medizin aufzutreiben. Der Milchpächter vom Herrenhof, der heimlich verschiedene Arzneimittel verkaufte, gab ihm ein paar Pulverchen auf Borg, desgleichen etwas Lebensmittel. Die Pulver hatten gar nicht geholfen, denn schon am dritten Tag nach deren Einnahme lag sein Jusek bewusstlos da und redete unverständliche Dinge im Fieber vor sich hin. In seinen höchsten Nöten rannte Tomek ins Dorf zur alten Jagustynka, die sich auf Krankheiten auskannte und sehen konnte, ob einer einen Weichselzopf bekam, oder Schmerzen im Inneren hatte, oder ob nicht gar Zauber vorlag, den man bannen musste. Kinder nachmessen verstand sie auch und es gelang ihr alles mit gleichem Glück durch Besprechungen, Beschwörungen oder Kräuter zu kurieren. Sie kam gleich mit und griff sich an den Kopf, als sie den kranken Jungen erblickte. »Du mein Gott! dem kann nur noch der Herr Jesus helfen,« murmelte sie entsetzt. »Versucht es, Mutter, heilt mir doch meinen lieben Burschen!« »Man müsste ihn abmessen Abmessen, Beräuchern und Besprechen, alte abergläubische Bräuche bei den polnischen Bauern. oder auch beräuchern und besprechen ... Weiss ich denn, was man tun soll! ...« »Macht alles, damit mir das arme Ding nicht wegstirbt. Mein Gott! solch ein lieber Bursche. Zum Frühjahr hätte er schon hüten können – und so artig immer, und solch ein Observant, so ein gutes Kind, mein Gott!« wehklagte Tomek, die Augen voller Tränen. »Ist der Herr Jesus einem gnädig, dann knausert er mit nichts ... Aber was ich da sagen wollte, Tomek, der geistliche Vater haben gesagt, dass Ihr gleich nach dem Bahnhof gehen sollt; es kommt da der Vorsteher hin, der die Schneewehen besichtigen soll. Geht gleich hin und seid nur nicht halsstarrig, umfasst schön seine Knie und bittet ihn demütig. Der Pfarrer kommt später auch hin und wird mit ihm reden, das hat er mir gesagt.« »Und den Jungen soll ich allein lassen!« »Geh, Tomek, den Jungen werde ich hier beaufsichtigen, was er braucht, werde ich schon tun.« »Gut seid Ihr, Mutter, auch die eigene könnte nicht besser sein.« »Sieh mal an! warum sollt' ich denn schlecht sein! ...« »Die anderen Frauen haben aber nicht ein solches Verstehen.« »Weil die anderen nichts sehen ausser ihren Männern, ihrem Kinderzeug und ihren Sorgen ... Na geh doch schon.« Tomek begab sich, wenn auch etwas widerstrebend, nach dem Bahnhofsgebäude. Die Alte hatte Kräuter mitgebracht, dazu einen silbergrauen irdenen Topf mit einem Deckel und begann alsbald darin etwas zu kochen. Sie entkleidete den Jungen und legte ihn mitten in der Stube auf einem ausgebreiteten Bund Stroh zurecht; er lag ganz still da, war nicht mehr bei Besinnung und schien kaum zu atmen. Darauf tat sie etwas Wachs von einer Totenkerze in den Topf, und als es in dem heissen Absud zerschmolzen war, begann sie damit das Kind einzureiben, wobei sie etwas Unverständliches vor sich hinmurmelte. Die Mädchen hatten sich ängstlich am Ofen zu einem Häufchen zusammengedrängt und sahen der Alten zu. Sie goss das vom Einreiben des Jungen übrig gebliebene Wasser in einem Dreieck aus, in dessen Mitte der Jusek lag, und in die nächste Stubenecke tretend, sagte sie laut und salbungsvoll: »Dem Schwarzen ein Tröpflein ... dem Weissen ein Mass!« Sie besprengte mit einigen Tropfen die Ecke vor ihr und goss einen ganzen Stoss Flüssigkeit nach der Stube zu aus. Dieses wiederholte sie dreimal. Dann nahm sie den irdenen Deckel, legte glühende Kohlen darauf, bestreute sie mit getrockneten Schaflorbeeren, tat getrocknete Wiesenraute hinzu und einen halben Kranz Sonnentau, der in der Fronleichnamswoche geweiht worden war. Neunmal blies sie darauf, bis alles in Glut geriet und ein dünner Streifen Rauch emporstieg – da erst begann sie den Daliegenden zu beräuchern und eine Beschwörungsformel vor sich hinzuflüstern. Zum Schluss beräucherte sie noch die Wände und trat vors Haus hinaus. Ungeachtet der Schneewehen umkreiste sie die Hütte dreimal ohne anzuhalten, dabei immerwährend weiterräuchernd. Jusek lag immer noch steif und unbeweglich da. Sein mit bläulichen Flecken bedeckter Körper war aufgedunsen, seine Haut trocken und glänzend. Jagustynka wickelte das Kind, nachdem sie es nochmals mit Wasser abgerieben hatte, in ein Leinentuch und legte es aufs Bett, dann erst nahm sie sich der übrigen Kinder an. Tomek hatte inzwischen den Vorsteher auf dem Bahnhof ausfindig gemacht, dieser wandelte gerade mit dem Streckenaufseher in dem prachtvoll grossen, schmutzigen Wartesaal dritter Klasse auf und ab. Darum blieb er dicht an der Tür stramm wie eine gespannte Sehne stehen und wartete, denn weiter wagte er sich nicht vor. Die beiden anderen durchmassen indessen den Wartesaal und waren so stark durch ihre Unterhaltung in Anspruch genommen, dass sie nicht einmal seinen Eintritt bemerkt hatten. Jedesmal, wenn sie näher kamen, reckte sich Tomek noch strammer und war schon im Begriff seinen Mund zu öffnen, aber die Herren wandten sich immer so schnell ab, dass es zu spät dazu war, etwas zu sagen. Schliesslich, nach einem längeren Schweigen und Warten auf eine passende Gelegenheit, fasste er sich den Mut und sagte mit gedämpfter, bebender Stimme: »Ich möchte den wohlgeborenen Herrn Streckenvorsteher um die Gnade gebeten haben ...« Der Vorsteher hörte ihn aber nicht, denn der Aufseher redete jetzt gerade halblaut auf ihn ein... »Ich möchte mir erlauben, die Aufmerksamkeit des Herrn Vorstehers darauf zu lenken, dass auch uns die Politik des Vatikans nicht passt, dieses Schöntun der römischen Kurie mit diesem Frankreich von heute ...« »Immerhin ein prachtvolles Land, mein Lieber, ganz prachtvoll,« murmelte der Streckenvorsteher und steckte sich mit einer nachlässigen Bewegung das Einglas ins Auge. »Dieses Land der Revolutionäre, Freimaurer und Gottesleugner; es ist doch wahrlich das Land der ewigen Anarchie ...« »Gewisslich, aber auch das Land des zweiten Kaiserreichs.« »Der Herr Vorsteher neigen zu dem, was man so Bonapartismus nennt?« »Vor allem neige ich zum ›Parismus‹, das heisst zur Herrschaft von Paris über die Welt,« er lächelte beseligt den eigenen Erinnerungen an diese einzigartige grosse kosmopolitische Luststätte zu und zupfte dabei an seinem leicht ergrauten, wahrhaft senatorenhaften Bart. »Ich möchte den wohlgeborenen Herrn Streckenvorsteher um die Gnade gebeten haben ...« liess sich abermals Tomek vernehmen, jedoch schon etwas lauter, denn er wurde allmählich ungeduldig und die Sorge um seinen Jusek bedrängte ihn immer mehr. »Der Herr Vorsteher haben lange in Paris gelebt?« »Fünfzehn Jahre. Kurz wie ein Augenblick, sag' ich Euch, wie ein einziger Augenblick der Lust! ...« Er schwieg; der Aufseher zwirbelte seinen üppigen Schnauzbart, während sich der andere seine Nägel beschaute und mit dem Monokel spielte. »Ich möchte den wohl geborenen Herrn Streckenvorsteher um die Gnade gebeten haben!« schrie ihn plötzlich Tomek schon fast an, denn der Gedanke, dass dort zu Hause vielleicht sein Jusek inzwischen im Sterben liegen könnte, erfüllte ihn mit einer solchen Angst, dass er nicht mehr wusste, was er tat. Der Vorsteher, der ihn jetzt bemerkt hatte, blieb stehen, warf sich mit Präzision sein Monokel ins Auge und sagte: »Ha! Was hast du denn zu sagen, mein Freund?« Tomek fiel ihm zu Füssen und redete schnell und wirr durcheinander: »Ich habe den Abschied bekommen, wohlgeborener Herr Vorsteher, sie haben mich fortgejagt. Fünfzehn Jahre habe ich gedient und bin jetzt ohne Beschäftigung ... zur Arbeit wollen sie mich nicht mehr nehmen ... fünf arme Waisen sind bei mir zu Hause und haben kein Brot ... Hergekommen bin ich, um die Gnade des wohlgeborenen Herrn Vorstehers anzuflehen ... die Not hat mich schon so drangekriegt, dass ich nicht mehr zu Atem kommen kann ... An dem Eisenbahndamm kenne ich alle Arbeiten ... ehrlich habe ich gedient ...« »Das ist dieser Tomek Baran, Herr Vorsteher, ein Bahnwärter, der aus dem Dienst entlassen worden ist wegen Diebstahl. Er hat der Eisenbahn gehörendes Eisen entwendet.« »Ich habe nicht gestohlen ... Wohlgeboren ... Herr Vorsteher ... und sie haben mich davongejagt. Ich hab' nichts genommen, wie auf der heiligen Beichte sag' ich das ... Man hat mich arme Waise fortgejagt ... die › Lemeritur ‹ haben sie mir weggenommen, den Abzug von dem Gehalt auch, wohlgeborener Herr Vorsteher ... die Kaution auch ... Ich bin ganz ohne was geblieben, wie dieser blosse Finger hier.« »Man hätte ihn zur gerichtlichen Verantwortung ziehen können,« murmelte der Streckenaufseher, gleichgültig zum Fenster hinaussehend. »Siehst du, Freund, der Gefängnisstrafe hast du dich schuldig gemacht, ha!« sagte der Vorsteher würdevoll. »Wofür sollte ich ins Gefängnis gehen? habe ich vielleicht einen erschlagen? habe ich was gestohlen?« schrie Tomek heftig und erbebte vor plötzlicher Wut. »Aus Mitleid hat man die Sache beigelegt, weil er so viele Kinder hat.« »Man hat dich nicht eingesteckt, weil man Mitleid mit deinen Kindern gehabt hat, verstehst du, ha? Dankbar solltest du sein, ha!« wiederholte der Vorsteher langsam und feierlich. »Ich bin hergekommen, mir Gerechtigkeit zu erbitten. Der Herr Aufseher wissen doch, was sie mir getan haben. Der Herr Aufseher haben selbst ...« »Eine Denunziation! Gleich werden der Herr Vorsteher unser liebes Volk kennen lernen.« »Denunzianten sind wir seit Grossvater und Urahn nicht gewesen und werden auch keine sein. Ich trete dem Herrn hier vor die Augen und werde es sagen, wie es gewesen ist ... und die fünfzehn Jahre Abzug, wenn es auch ohne Prozente sein sollte, die werde ich Euch nicht schenken, und Kaution auch nicht ...« »Er bekommt keine Pensionsbeiträge zurückerstattet, das Recht ist ganz klar.« »Das Recht ist das, was Gerechtigkeit ist, und das soll eine gerechte Sache sein, einen fortjagen, der keine Schuld hat! ... und eine gerechte Sache, das Geld nicht wieder herausgeben, das einem für so viele Jahre blutigen Schweisses abgezogen worden ist! das soll Gerechtigkeit sein! ... An die Gerichte gehe ich, um mein Recht, weil mir Unrecht geschehen ist!« schrie Tomek, immer mehr ausser sich geratend. »Rede mal einer mit einem Bauernlümmel! Kennst du nicht die Instruktion?« »Die kenn' ich schon, und dass die Herren die Instruktion für sich geschrieben haben und dem Volk die Wahrheit teuer auf Borg geben, weiss ich jetzt auch. Betrügen kann auch ein Krätzjud oder sonst welcher Hund ...« »Maul halten, Bauernlümmel! Was fällt dir, Hundesohn, ein! Wirst du hier das Maul aufreissen und schnauzen?« schrie ihn der Aufseher herrisch an. »Benachteiligt bin ich, dann werd' ich schon das Maul aufreissen müssen.« »Ein Dieb bist du, du dummes Vieh.« »Ich Dieb! – du pestiger Stadtlump, ich Dieb! – du englisches Fieber! ... ich! ...« schrie Tomek seine Fäuste ballend und trat, ohne es selbst zu wissen, vor. »Portier! Schmeiss diesen Bauernlümmel raus und wenn er sich beruhigt hat, nach der Polizei mit ihm! Gehen wir, Herr Vorsteher. So ein Pack! Was man bei denen nicht mit dem Stock herauskriegt, das kriegt man überhaupt nicht.« Die beiden Beamten traten auf den Bahnsteig. »Ich werd' dir schon die Rippen abzählen, du Stadtlump ... ich werd' dich schon zurichten, du verdammter Hund, dass du krumm und schief wirst wie vom englischen Fieber,« murmelte Tomek, und ein solcher Erguss von Zorn und Hass überflutete sein Herz und sein Gehirn, dass dicke Schweissperlen auf seine Stirn traten und er wie in einem Krampf am ganzen Körper bebte. Eine wilde Lust packte ihn, dem Aufseher nachzulaufen, ihm an die Gurgel zu springen und ... schlagen ... schlagen ... immerzu nur schlagen ... Bald schüttelte er jedoch dieses Gefühl ab, verliess das Bahnhofsgebäude und rannte, was er rennen konnte, seiner Hütte zu. Er fand dort viele Menschen und den Jusek schon im Sterben. Der Junge lag mit der Totenkerze in der Hand auf dem Rücken, steif wie ein Stück Holz, und röchelte, mühsam ab und zu nur noch mit dem fieberheissen Mund nach Luft schnappend. Es waren allerhand Menschen aus dem Dorf zusammengekommen, sie knieten um das Bett herum und beteten dem alten Kirchendiener Andreas die Worte der Litanei nach. Ihre Gesichter hatten einen strengen Ausdruck und aus ihren Augen blickte eine wie zu Stein gewordene Ergebenheit. Die kleinen Schwestern des Sterbenden schluchzten kläglich, eine schicksalsschwere düstere Stimmung lag über der vom Widerschein des gelben Totenkerzenlichts durchzuckten Stube. »Jesus, Maria! Jesus, Maria!« heulte Tomek auf und bohrte die wie geistesabwesenden Augen in das Gesichtchen seines einzigen Sohnes. In seiner hilflosen Verzweiflung begann er sich zuletzt das Haar zu raufen. »Still, Tomek, still! Dem Herrn Jesus hat es gefallen, dieses Seelchen zu seiner Herrlichkeit aufzunehmen, was kannst du, armes Wurm, dagegen tun?« beruhigte ihn die Jagustynka halblaut. »Mein Söhnchen, mein liebes Kindlein, mein Silber und Gold!« jammerte Tomek unaufhaltsam. »Beräuchert habe ich ihn, abgemessen – alles umsonst ... Dein Wille geschehe ...« »Von aller schlimmen Verzweiflung!« – murmelte mit zitternder Stimme der Kirchendiener. »Erlöse uns, Gott, Heiliger Geist!« antworteten schnell die Frauen, und inbrünstiges Stimmengeflüster, Seufzer, Weinen und Wehklagen ergossen sich durch die Stube wie ein gelber Strom und kehrten zu dem Sterbenden zurück, der in dem Glorienschein der Totenkerze dalag, sich immer tiefer reckte, den Mund immer weiter öffnete und mit der linken Hand an dem Bauernkittel zerrte, der ihm die Brust bedeckte. »Oh, wehe! mein goldenes Söhnchen! mein liebes Kindlein!« heulte Tomek abermals auf. »Du gehst jetzt von uns weg, du liebes, armes Wurm ... Oh! ... auf das Weinen des Vaters achtest du nicht mehr, erbarmst dich nicht unseres Herzenskummers, lässt uns arme Waisen allein! ... du gehst, mein Kind, zum lieben Herrn Jesus ein ... oh! ... oh! ... oh! ...« »Herzensbrüderlein, lass uns nicht allein zurück, – Liebes, Gutes, geh nicht von uns fort!« jammerte Maryscha, die Totenkerze in den Händen des Sterbenden stützend. »Von der ewigen Verdammnis Errette uns, Gott, Heiliger Geist ...« schwollen wieder die Stimmen des Gebetes an. »Und die lieben Kühchen wirst du nicht mehr auf die Weide treiben können, lieber Bursche. Die Schwestern nicht mehr an den Haaren reissen, mein Einziger, wirst nicht mehr ins Dorf laufen können und zur Lenzzeit die Vöglein ausnehmen ... niemals mehr, ... niemals mehr ... oh! ... oh! ... oh!« »Tomek, weine nicht, Tomek, sonst ...« »Vom plötzlichen und unerwarteten Tode Errette uns, Gott, Heiliger Geist.« »Und am Morgen schon hat er geklagt: Vaterle, sagt er, ich sterb' doch nicht weg. Vaterle, gebt mich nicht der Knochenfrau heraus, Vaterle, ich geh' nicht von euch weg! ... hat er gesagt ... und so gejammert hat er wie ein Hündchen, das die Vernichtung und den sicheren Tod sieht. Oh, wir armen Waisen, wir armen! Womit soll ich dir helfen, mein Sohn, womit? – Und den Armen hat nur immerzu etwas in den Eingeweiden gedrückt: hat sich das liebe Bäuchlein gehalten und gestöhnt vor Schmerzen ... Das Gebet hat er mit der Maryscha gesprochen, dabei sind ihm die lieben Tränen über die Backen gelaufen und geschüttelt hat es ihn wie eine Espe!« Plötzlich hörte Jusek auf zu röcheln, öffnete den Mund zu einem langen, ächzenden Atemzug, zuckte über den ganzen Leib, hob den Kopf etwas, überflog mit einem abwesenden Blick die Anwesenden und sank auf die Kissen zurück; so blieb er einen Augenblick liegen, mit glasigen Augen auf die Balkendecke starrend, dann reckte er sich lang aus und verschied, während ein angstvolles, grausiges Aufwimmern auf seinen Lippen erstarrte. Die Totenkerze fiel ihm aus den Händen, die Finger streckten sich, das Gesicht aber ward jäh heiter, und so blieb er denn von nun an gegen alles Gute und jegliches Elend fühllos. Es erhob sich ein Geschrei und herzzerreissendes Weinen. »Still, Leute!« rief Jagustynka, die Tür sperrangelweit aufreissend, »still, nur ein Vaterunser lang. Lasst das Seelchen in Stille davonfliegen, dass es euer Herzleid nicht vom lieben Herrn Jesus zurückhält.« Es wurde wirklich still, und bald darauf gingen alle auseinander, nur noch die Alte blieb. Bis zum Begräbnis fühlte sich Tomek dermassen durch sein Elend und die Verzweiflung über den Verlust des einzigen Sohnes niedergebeugt, dass er die ganzen Tage unbeweglich am Ofen sitzen blieb, gleichgültig gegen alles um ihn herum; er wickelte sich in seinen eigenen Schmerz ein und hatte das Gefühl, als hätte eine eiserne Hand seine Seele gepackt und presste sie ihm so furchtbar zusammen, dass er sich weder bewegen, noch aus Übermass an Schmerzen schreien konnte. Er ging im Trauerzug und hatte gerade noch so viel Besinnung, dass er den Sarg auf dem Wagen stützte, aber er sah die Leute um sich herum nicht, sah nicht, was um ihn geschah, und hörte die Totengesänge kaum, hörte weder die Worte des Trostes, die ihm der Priester reichlich spendete, noch die Tröstungen der Menschen. »Das ist der Tod, der sich so in mir breit macht,« sann er und fühlte eine einsame Stille und Ruhe von seiner Seele Besitz ergreifen. »Es scheint mir, dass ich sterben muss!« murmelte er, vom Friedhof ganz allein heimkehrend, denn die anderen Leute hatte der Pfarrer zurückgehalten und redete lebhaft auf sie ein, aber Tomek achtete nicht auf das, was der Priester sprach, obgleich er seinen Namen nennen hörte. Er ging für sich und starrte in die riesige Weite der Felder, die mit Schneedaunen ganz zugedeckt waren und nur ab und zu durch Birnbäume gekennzeichnet wurden; dann blickte er den hellen Himmel an oder das goldene Sonnenschild, und es war ihm, als schaukelte dieses alles langsam wie eine Glocke und als schlüge der Sonnenklöppel gegen die schwarzen Wände der Wälder wie gegen Kerben aus Erz, und süsse Klänge, ähnlich dem Rauschen der reifenden Getreidefelder, dem Raunen des Waldes an heissen Sommertagen, dem Vogelgezwitscher in den Strohdächern, umgaben ihn, erfüllten sein Gehirn und seine Seele mit einer grossen Seligkeit und wiegten ihn, wiegten ihn immer traumhafter, immer traumhafter... »Es scheint mir, dass ich sterben muss,« sann er, ohne sich darüber Rechenschaft geben zu können, was mit ihm geschah. Er kam nach Hause, setzte sich hin, wo er vorher gesessen hatte, und wusste nicht mehr, was um ihn geschah. Er hatte mit dem Lehen gekämpft, so gut er konnte, aber er fühlte, dass dieser letzte Schicksalsschlag ihn ganz erschöpft hatte; er wusste jetzt, dass er gegen das alles nicht angehen konnte, dass er zugrunde gehen müsste, darum wurde ihm alles gleichgültig, und mit einer steinernen Ergebenheit beugte er seinen Kopf und unterwarf sich seinem Schicksal. Er dachte weder an sich, noch an die zurückbleibenden Kinder, er dachte an nichts mehr – und wartete nur noch auf irgend ein Ende, das bald kommen musste. Er hörte, dass eine Anzahl Menschen in die Stube gekommen war, dass sie um ihn herumgingen, etwas redeten, aber er verstand nichts. Er streckte sich auf der Bank aus, wandte den Leuten den Rücken zu, zog den Schafspelz über den Kopf und blieb so wie tot liegen. »Gevatter!« redete ihn der mit den anderen hereingekommene Czerwinski an, nachdem er sich überzeugt hatte, dass Tomek von ihrer Anwesenheit so gut wie gar nichts wusste. »Gevatter! dass es Euch zu Herzen gegangen ist, das versteht sich.« Tomek drehte sich etwas nach ihm um und sagte mit einer stumpfen, erloschenen Stimme: »Gewisslich sterbe ich bald, das ist der Tod, der sich so in mir breit macht.« »Gevatter, das sind sündige Gedanken, die Ihr da habt. Hört einmal, was Euch Czerwinski sagen wird. Wir sind hierher aus freiem Willen gekommen, um Euch zu trösten und Hilfe zu bringen, wie ein jedes kann. Arm bist du, Tomek, und ehrlich, aber halsstarrig bist du. Bei den Herren bist du gewesen, um Hilfe zu bitten, und wir sind dir doch näher. Versteht sich, dass keiner zuerst zu dir mit der Hilfe gerannt ist, denn jeder hat ja seine liebe Not, die an ihm nagt, und sein Weib, das ihm in den Ohren liegt, und seine Sorgen hat er auch – aber es gibt doch kein Fleisch ohne Knochen und auch keinen Menschen ohne Mitleid ... Merk' dir das, und dass Czerwinski dir solches sagt ... Wir haben gewartet, bis du kommst und wie zu Brüdern sagst: »Gebt, helft! In Armut bin ich, gebt, auf Abarbeit, oder leihweise, oder für ein: Gott bezahlt; wir hätten es dir gegeben, denn wir wissen, dass dir Unrecht geschehen ist und dass du arm bist. Wir sind doch deine Leute und Christenseelen – und nur der Aff' tut den Affen in den Hinteren zwacken, der Mensch aber soll zum Menschen halten. Wir haben uns verabredet, und was ein jeder gekonnt hat, das haben wir mitgebracht. Nimm es, Tomek, und dass es euch allesamt gut bekommt.« »In secula seculorum, ament!« schloss der Kirchendiener andächtig. Die Weiber begannen die Knoten ihrer Tücher zu lösen, die Beiderwandschürzen auseinanderzubreiten, die Körbchen zu öffnen und legten eine jede neben Tomek hin, was sie gebracht hatten; die eine einen mächtigen Brotlaib, die andere Kartoffeln, dann Grütze, ein paar Mass Mehl, einen Klumpen grünen Salzes, einen Kranz getrockneter Pilze, eine Speckschwarte, einen Quarkkäse, und zu guter Letzt legte Jagustynka eine an den Beinen gefesselte Glucke neben ihm hin. »Sie legt dir schon was, Tomek; Eier wirst du haben und zum Lenz auch Kücken, wie es sich gehört.« Tomek aber erhob sich von der Bank, sah alles der Reihe nach an, hörte zu und wunderte sich; allmählich fing etwas in seinem Herzen an zu zucken und eine süsse Wärme durchdrang ihn ganz und es begann ihn immer stärker im Halse zu würgen, so dass er nicht mehr länger an sich halten konnte und in ein mächtiges Weinen ausbrach. »Liebe Brüder, Christenseelen, womit soll ich das bei euch gutmachen!« murmelte er unter Tränen, aber sie liessen ihn nicht weiter reden, sondern nahmen ihn der Reihe nach in die Arme und küssten ihn, er aber gab die Umarmungen zurück, neigte sich den Älteren zu Füssen und dankte; alles bebte in ihm vor grosser Rührung. »Mit Güte bezahlst du es uns wieder oder mit einem Gebet,« sagte Czerwinski ernst. »Dominus vobiscum, ament!« fügte der Kirchendiener hinzu. »Wir haben ausserdem auf den Rat von Hochwürden beschlossen, damit es dir leichter wird, durch den Winter zu kommen, dass ich die Juswa, der Klemb die Maryscha, der Gulbas die Jaguscha und Boryna die Anka nimmt; den Mädchen soll bei uns kein Unrecht geschehen, und du wirst dir allein schneller helfen können. Die Jagustynka haben gesagt, dass sie zu dir übersiedeln werden, damit du immer was Warmes in den Leib bekommst und Frauenfürsorge hast.« »Ich bleibe bei dir, Tomek, eine Waise bin ich so wie du, arm werde ich dich nicht essen, selbst verdiene ich was dazu und es wird mir doch auch unter Männerschutz besser sein.« »Mein Gott! liebe Leute, von eurer Güte ist mir doch so, als hätte ich den Frühling im Herzen.« »Mit der Not hast du dich zu sehr verbrüdert, Tomek, so dass man dich mit Gewalt von ihr losreissen muss.« »Vom fremden Wagen muss einer herunter, selbst mitten ins Wasser.« »Ora pro nobis, Domine, ament!« schloss der Kirchendiener, holte aus der Tasche eine Schnapsflasche, räusperte sich, goss das Glas voll und begann also: »Hofbauern, so zum Beispiel redet die Heilige Schrift: Ave marysteli Deo gratias, ament ...« und er trank das Glas leer. »Da es gut ist, ein Gläschen Schnaps zu trinken, um die bösen Säfte aus der Leber zu vertreiben, so trinkt auch Ihr, Tomek Baran, und dann wollen wir gemeinsam ein Gebet zu des heiligen Josephs Ehren beten und zum Schluss: Mea culpa, mea maxima culpa, ament.« Sie setzten sich, wo ein jeder Platz fand, tranken etwas Schnaps vor lauter Rührung, assen Brot dazu, sangen fromme Lieder für den Verstorbenen und gingen schliesslich auseinander. Gleich am nächsten Tag kamen die Frauen, um die Mädchen zu holen. Es wurde Tomek schwer, sich von den Kindern zu trennen, denn sie weinten, fielen ihm zu Füssen, baten, dass er sie nicht zu den Leuten fortgeben sollte, aber der Tomek hatte sich ganz in sich verbissen und herrschte sie zuletzt rauh an: »Macht, dass ihr fortkommt, sonst werd' ich euch verprügeln wie gottverdammtes Vieh!« Und kaum dass sie fort waren, machte er sich selbst auf und davon, um den ganzen Tag im Wald umherzustreifen. Der Winter begann milder zu werden, es kam ein grosses Tauwetter und so viel Schnee schmolz dabei weg, dass man im Walde unaufhörlich das Aufschlagen der Äxte hören konnte und die Holzstösse sich unübersehbar schichteten. Tomek ging alltäglich auf Arbeit. Er sehnte sich nach den Mädchen, besonders an den Abenden, wenn er von der Arbeit heimgekehrt war, und obgleich immer das Abendessen fertig war, fehlten ihm doch die lieben Kinderköpfe um die Schüssel herum sehr, dann auch das frohe Gezwitscher seines Jusek. Manchmal kam eins der Mädchen aus dem Dorf angerannt, blieb eine Weile sitzen, erzählte allerlei über ihre Wohltäter, über das Essen und ihre neuen Kleider und eilte sich wieder davonzukommen, denn schon hatte sie Sehnsucht nach dem Dorf und nach den Menschen; die elende, verwahrloste Hütte stiess sie alle ein wenig ab. Tomek verstand das recht gut, denn einmal nach dem Fortgang von Maryscha sagte er zu Jagustynka, welche die ganze Zeit, die ihr von der Besorgung des armseligen Haushalts übrig blieb, dazu benutzte, Flachs zu spinnen, Wolle zu krempeln oder Garn zu haspeln: »Mein lieber Toter wäre nicht so von mir gegangen. Gut sind die Mädchen schon, so wie die Meinen auch, aber es sind doch bloss Mädchen,« und er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Wahr ist es schon, ich selbst bin doch eine Frau, aber das sage ich: ein Junge, das ist – ein Junge. Zur Zügellosigkeit ist so einer bereit, versteht sich, und schneller bei der Hand, aber auch bei der Arbeit ist es so. Wenn er so alt gewesen wäre wie die Maryscha, dann hätte er doch an der Bahn Geld verdienen können, nicht wahr?« »Versteht sich, dass er was verdient hätte, denn wenn sie mir auch keine Arbeit geben wollen, ihm würden sie sie gegeben haben.« Und im Anschluss daran begann Tomek sich seines Elends und des ihm geschehenen Unrechts zu erinnern, bis er endlich die Alte fragte: »Warum ist denn das so, Mutter, dass, obgleich wir mit den Herren des gleichen Glaubens und der gleichen Sprache sind, diese gegen uns immerzu was zu bellen haben, wie die bissigen Hunde, nicht ein gutes Wort sagt so einer dem Menschen, und wenn er einen benachteiligen kann, dann tut er es auch sicher – und alles gehört ihnen oder den Juden?« »Warum? Eine Teufelseinrichtung ist das und nichts anderes. Wodurch hält denn der Teufel die Seelen im Pech, wie unsereiner Hanf unter Wasser?« fragte sie und liess ihre Spindel auf dem Lehmboden aufsurren. »Es scheint mir dadurch, dass die Seelen der Menschen sündig sind.« »Und das dumme Volk ist vielleicht nicht sündig?« »Warum ist es denn dumm?« »Hale? Wenn jeder wüsste, wie? was? und wofür? – dann würde ihn niemand am Kopf festhalten wie einen hilflosen Beissker und würde ihm nicht den Atem abdrücken, wie einem Schwein, das geschlachtet werden soll; das versteht sich.« »Schlecht geht es zu in dieser Welt.« »Es muss wohl so sein müssen, wenn es so ist.« »Gewiss. Ein Bauernkopf findet dagegen keinen Rat.« »Auch ein anderer nicht, wenn er selbst so gelehrt wäre wie dem Pfarrer seiner und so klug wie ein zweiter Papst.« »Sondern? ...« »Sondern es wird von selbst geschehen, wenn die Zeit danach sein wird. Merk' dir dies bloss: warum sät einer nicht Hafer in der Zeit der Kartoffelernte?« »Na, es ist doch nicht die Zeit, Hafer zu säen im Winter.« »Warum geht keiner im Februar, zu Maria Lichtmess, mit dem Pflug oder mit der Egge ins Feld? Warum schert man nicht die Schafe zur Fastenzeit? – Weil es die Zeit nicht ist, weil der Herr Jesus für alles seine Zeit und seine Stunde festgesetzt hat. Merke es dir, dass dieses alles Gottes Einrichtung ist.« »Es ist schon wahr, Mutter, ich merk' es wohl, aber es tut einem leid, dass der Mensch, wenn er im voraus was Gutes haben möchte, doch nichts bekommen kann.« »Aber wollen muss jeder und seine Zeit abfassen. Kommt die Zeit, im Lenz die Kartoffeln zu pflanzen, Hafer zu säen – und du würdest weder säen noch pflanzen wollen – wie würdest du dann zur Zeit der Kartoffelernte etwas einnehmen können, wo doch die Zeit da ist?« »Recht habt Ihr, Mutter, das ist wahr, Ihr habt aber auch einen klugen Verstand – mein Gott.« »Jedes sollte für sich und für die anderen denken, denn es werden doch die Schweine nicht für die Menschen nachdenken.« »Ihr habt Recht, Mutter, Recht habt Ihr!« So redeten sie miteinander in der Zeit der langen Märzabende, Tomek Baran und die alte Jagustynka. – Das Volksgericht Die Tür wurde plötzlich mit einem lauten Krach aufgestossen, der Wind fegte hinein, und aus dem dunklen Flur drängte sich unter drohendem Schweigen eine Schar Bauern in die Stube, ohne auch nur ein: Gelobt sei Jesus Christus zu sagen, so dass der Müller seinen Löffel auf den Tisch fallen liess und, nach der Hängelampe greifend, die vom Luftstrom zu schaukeln begonnen hatte, mit erstaunten Augen einen nach dem anderen musterte. » Etwas viele auf einmal!« murmelte er. »Und noch mehr warten draussen,« gab ihm der Andreasbauer zurück und trat vor. »Kommt ihr in einer Angelegenheit?« »Versteht sich, dass wir nicht zur Unterhaltung hierhergekommen sind,« sagte einer aus der Menge, die Tür hinter sich schliessend. »Dann setzt euch, ich werd' gleich mit dem Abendessen fertig sein.« »Dass es Euch gut bekomme. Wir warten ein wenig ...« Der Müller begann hastig seine Abendsuppe zu schlürfen, während die Bauern auf den Bänken in der Stube Platz nahmen, sich die Rücken am Ofen wärmten und häufig nach dem Andreasbauer herüberlugten, der sich an den Tisch herangesetzt hatte und, die Ellenbogen aufstützend, vor sich hinmeditierte. »Hundewetter, wie?« fragte der Müller. »Versteht sich, der März gibt, was er uns schuldig ist.« »Das muss man in Kauf nehmen ... Vorlenzzeit!...« Damit brach die Unterhaltung ab, so dass man in der Stille nur den Löffel des Müllers über die Kerben der Schüssel kratzen hörte; draussen klopfte einer den Schmutz von seinen Stiefeln an der Hausbank ab, und ab und zu warf sich der Wind unter wildem Brausen gegen die Hauswand, so dass sie zu ächzen begann, während der Regen auf die beschlagenen Scheiben eintrommelte. »Jadwisch!« rief der Müller und wischte sich mit der Faust über den buschigen Schnauzbart. Aus der Nebenstube tauchte ein gewaltiges Frauenzimmer auf, von ansehnlichem Äusseren und in städtischer Kleidung, sie überflog mit einem scharfen Blick die Bauernschar, und nachdem sie die Schüsseln aufgesetzt hatte, ging sie, sich in den breiten Hüften wiegend, hinaus. »Um was für eine Angelegenheit handelt es sich also?« begann der Müller und hielt ihnen seine Schnupftabakdose hin. Nicht eine einzige Hand langte nach einer Prise, die Gesichter verdunkelten sich mit einem Male, hier und da räusperte sich einer und kratzte besorgt seinen Schädel; alle blickten sie auf den Andreasbauer, der sich stramm aufgerichtet hatte und, seine hellen, unnachgiebig dreinblickenden Augen auf den Müller richtend, langsam sprach: »Wir sind zu Euch gekommen, auf dass Ihr uns die Diebe aufgebt ...« Der Müller prallte zurück, sperrte die Augen weit auf, breitete die Arme auseinander und stotterte hervor: »Im Namen des Vaters und des Sohnes! ... Woher soll ich sie denn kennen? ...« »Wir denken es uns so, dass nur Ihr allein davon etwas abwissen müsst,« sagte der Andreasbauer etwas gedämpfter und stand jetzt auf; die Bauern hatten sich ebenfalls schwerfällig von den Bänken erhoben und bildeten um den Müller einen Kreis, wie eine festgefügte Mauer, worauf sie ihre gierigen und scharfen Blicke wie Habichtkrallen in ihn einbohrten, so dass diesem die Röte ins Gesicht schoss. »Wir sind zu Euch um Wahrheit gekommen!« murmelte Andreas nachdrücklich. »Und sagen müsst Ihres uns jetzt, das müsst Ihr!« bekräftigten die anderen drohend und dumpf. »Was für eine Wahrheit denn? Ihr seid wohl nicht recht bei Verstand! Wie soll ich dazu kommen? Als wenn ich Kompanie mit den Dieben hielte oder was sonst?« redete er schnell und schraubte mit zitternden Händen die Lampe herunter. »Das weiss man schon, dass Ihr ehrlich seid, aber die Diebe, die kennt Ihr. Versteht sich. Die haben Euch im Herbst die Pferde gestohlen, und Ihr? nichts habt Ihr getan! ... Euer Geld haben sie Euch jetzt erst wieder gestohlen, Ihr sollt selbst den Dieb in der Kammer abgefangen haben, aber getan habt Ihr nichts; habt beim Gericht keine Klage eingereicht und nicht einmal dem Gendarmen etwas davon gesagt.« »Wozu hätt' ich das denn tun sollen? Damit ich noch zuzähle? Was hilft mir das Gericht oder die Gendarmen? Den Wind werden sie mir vielleicht einfangen, der auf dem Feld bläst, und ihn mir am Tau herbringen. Lass sie am Tag des jüngsten Gerichts für das, was sie mir angetan haben, büssen!« »Daraus sieht man nur, dass Ihr Angst habt, die Diebe anzugeben!« »Wenn ich es wüsste, meint ihr, würde ich ihnen den Schaden vergeben und sie nicht anzeigen? Meint ihr vielleicht, dass ich ...« »Ihr redet immer ein und dasselbe im Kreise herum,« unterbrach ihn der Andreasbauer streng. »Nicht um mit Euch zu streiten, sind wir hierher gekommen, sondern um die Wahrheit zu erfahren und weil es uns dringlich damit ist, denn das ganze Volk wartet darauf vor Eurer Tür und im Dorf, darum bitten wir Euch in aller Freundschaft, nennt uns die Diebe, die Euch das Geld gestohlen haben ...« »Wenn ich es wüsste, dann würden es auch die Gerichte wissen und das ganze Dorf obendrein,« setzte der Müller eifrig auseinander und beobachtete dabei ängstlich die verbissenen, misstrauischen Gesichter der Bauern; aber Andreas machte eine ungeduldige Bewegung, blitzte ihn drohend mit seinen Augen an und sagte, dabei unwillkürlich nach des Müllers Rockklappe greifend, kurz und hart: »Was Ihr gesagt habt, ist nicht wahr! Wenn Ihr es aber in der Kirche beschwört, wollen wir es glauben und werden Euch in Ruhe lassen.« Der Müller duckte sich wie zum Niedersitzen, worauf er hastig wieder zu reden begann und sich den Anschein gab, als könnte er sein Lachen nicht bezwingen. »He! He! Ihr macht wohl Fastnachtspass ... versteht sich, wenn ihr zu einem im Haufen kommt und ihn mit Stöcken bedroht, dann wird er bereit sein, euch zu beschwören, was ihr nur wollt ... Ich sage die Wahrheit, ich weiss nichts und kenne keine Diebe. Wollt ihr, dann könnt ihr es glauben, und wenn nicht, dann werdet ihr mich zum Schwören nicht nötigen, denn ihr seid kein Gericht! ...« er reckte sich und liess seine Augen trotzig von einem zum anderen gehen. »Das ist es eben, wir sind hierher als Gericht gekommen, das gerechte Strafe austeilen wird!« sagte der Andreasbauer mit solchem Nachdruck, dass der Müller sich verfuhr und dastand, ohne ein Wort hervorstottern zu können. Die Bauern warteten im düsteren Schweigen um ihn herum, starrten ihn mit glühenden Augen an und scharrten ungeduldig mit den Füssen; sie sahen dabei so drohend und voll eines seltsam strengen Ernstes aus, dass er nicht wusste, was er anfangen sollte, er wischte nur den Schweiss von seinem kahlen Schädel und liess seine entsetzten Augen unstet über ihre verbissenen, unnachgiebigen Gesichter gehen, denn er begriff, dass die Sache ernst war und sich etwas Furchtbares vorbereitete. Endlich setzte er sich auf die Bank nieder und suchte sich, ab und zu eine Prise Tabak schnupfend, zu sammeln, um irgend einen Entschluss zu fassen; jetzt trat der Andreasbauer auf ihn zu und sagte feierlich: »Die Wahrheit wollt Ihr nicht gestehen und vor dem Schwören bangt Euch. Daraus ergibt sich ganz einfach, dass Ihr mit den Dieben ein und dasselbe seid!« Als hätte der Blitz neben ihm eingeschlagen, sprang der Müller jäh auf; die Bank fiel krachend zu Boden. »Jesus Maria! Ich in Kompanie mit den Dieben! Mir wollt Ihr das sagen!« »Ich habe es gesagt und werde es Euch nochmals sagen!« »Und wir werden auch dasselbe sagen!« riefen die anderen wie aus einem Munde, und alle Hände stiessen nach ihm; die zornigen Gesichter neigten sich und wurden wie scharfe Geierschnäbel, jederzeit bereit, die Beute in Stücke zu reissen. Auf den Lärm hin kam Jadwisch in die Stube gelaufen und blieb wie angewurzelt stehen. »Was stellt ihr hier auf?« fragte sie verängstigt. Die Fäuste sanken nieder, die Bauern begannen sich zu räuspern, und einer sagte ärgerlich: »Weibervolk hat hier nichts zu suchen, horcht bloss an den Türen und rennt mit der Zunge los!« »Mag sie gehen, woher sie gekommen ist!« »Gänse abtasten und nicht die Nase in Männersachen stecken! ...« begehrten sie immer lauter auf, bis Jadwisch ganz wütend hinausrannte und die Tür hinter sich zuknallte. Der Andreasbauer aber liess sich wieder vernehmen, indem er drohend mit der Hand in der Luft herumfuchtelte. »Das will ich Euch sagen, Müller, die Zeit ist schon gekommen, zu richten und zu strafen!« »Und Ordnung in der Welt zu machen!« »Das Böse auszurotten und Gerechtigkeit einzuführen« – fielen drohende und gewichtige Worte, und die zusammengeballten Fäuste hoben sich bis dicht unter sein blau angelaufenes Gesicht. »Um Gottes willen, Leute! Was wollt ihr denn von mir? Was für eine Schuld soll ich begangen haben?« stotterte er entsetzt und sah sich rings um, aber der Andreasbauer sagte, ohne auf seine Worte zu achten, leise, schnell und so hart, dass es einem dabei bis ins Mark zu frieren begann: »Wenn er nicht gestehen will, dann ist er schuldig. Schleppt ihn zum Gericht vor die Kirche! – packt ihn, Leute!–denn Gericht kommt über alle, die das Volk benachteiligt haben, gerechtes Gericht und schwere Strafe. Packt ihn, Leute!« »Jesus Maria! Was wollt ihr! ...« lallte der Müller in Todesängsten und sah sich wie geistesabwesend um, denn die Bauern drangen wie eine Mauer auf ihn ein. – »Hört doch ... was fang´ ich bloss an? ... Ich hab's ihnen zugeschworen. Sie werden mir Haus und Hof niederbrennen, sie bringen mich um, wenn ich sie verrate ... Barmherziger Jesus! Lasst mich los! Ich werde schon alles sagen! Ich sag's!« röchelte er, denn schon hatte eine Menge Hände nach ihm gegriffen und schleppte ihn zur Tür. Lange konnte er kein Wort herausbringen, er hatte sich über den Tisch geworfen und keuchte schwer; sie umringten ihn allesamt, einer gab ihm Wasser zu trinken und andere redeten ihm freundlich zu. »Habt keine Angst, wer es mit dem Volk hält, dem wird kein Härchen gekrümmt werden.« »Nur immer die ganze Wahrheit sagen.« »Wir haben gewusst, dass Ihr ein ehrlicher Mann seid und die Räuber bei Namen nennen werdet.« Der Müller wand sich wie ein Beissker unter dem Stiefelabsatz, es wurde ihm abwechselnd heiss und kalt, man sah es, wie er immer wieder die Farbe wechselte; plötzlich reckte er sich, zu allem bereit, doch ehe er zu reden anhub, sah er in die Nachbarstube ein; die Gestalt der Jadwisch ward blitzartig in der Türöffnung sichtbar, als wäre das Mädchen beim Horchen überrascht worden, darauf schaute er zum Fenster hinaus und erst, als er damit fertig war, blieb er vor dem Haufen stehen, bekreuzigte sich und murmelte: »Wie auf der heiligen Beichte will ich die reine Wahrheit sagen: die beiden Gajdas und der Gendarm sind es.« Völlige Stille entstand darauf, sie standen da wie erstarrt und sahen einander staunend an, man hörte nur Schnaufen und keuchende Atemzüge, bis sich der Andreasbauer als erster vernehmen liess. »Das haben wir uns gedacht, nur keine Sicherheit hatten wir. Aber jetzt wissen wir das Nötige. Wir wissen es ... Hundsgeschmeiss! ... Diese höllischen Räuber ...« er liess seine Faust auf den Tisch niedersausen. »Man muss dieses Unkraut mit der Wurzel herausreissen, damit es nicht wuchert. Die beiden Gajdas! ... Der Vater und das Söhnchen ... und der Gendarm als dritter dazu! – Nun denn, im Namen Gottes, gehen wir zu ihnen, und Ihr, Herr Müller, geht mit uns, damit Ihr ihnen mit der Wahrheit entgegentreten könnt ...« »Das tue ich und werde es ihnen sagen! Einen Mühlstein hab' ich mir vom Herzen abgewälzt. Du lieber Gott, ich sah ja, was die trieben, aber ich hatte Angst, auch nur ein Wort zu sagen ... Rädern sollte man euch, ihr Diebsvolk, für die Sünde, die ihr auf mich geladen habt! Ich schämte mich sogar, den Menschen offen in die Augen zu schauen, haben sie doch überall über die Diebereien geklagt ... Diese Spitzbuben, meine Pferde haben sie mir entführt, Geld hab' ich dem Gendarmen bezahlt ... aber wiederbekommen habe ich sie nicht ... Und dann habe ich sie in der Kammer überrascht ... bis auf den letzten Groschen haben sie mich ausgeraubt ... Mit dem Messer bedroht... und schwören habe ich obendrauf müssen, dass ich sie nicht angeben werde! Diese Schandbuben!« »Die ganze Umgegend hat durch sie zu leiden gehabt.« »Waren es vielleicht wenig Pferde, die sie den Leuten weggenommen haben? und dann die vielen Kühe, und all das Hab und Gut! Alles konnten sie tun, der Gendarm sah ihnen durch die Finger und steckte sein Teil davon in die Tasche ...« »Auf unsere Kosten haben sie gefeiert ...« »Auf dass sie es jetzt heimzahlen! ...« »Wenn alle etwas sagen, will auch ich noch mein Teil hinzutun,« drängte sich einer vor: »Ich weiss es ganz sicher, dass die Gajdas es gewesen sind, die unseren Pfarrer beim Natschalnik angezeigt haben, weil er auch die Podlaschaken Podlaschaken – Ruthenen unitischen Glaubensbekenntnisses, die durch die russische Regierung gewaltsam zu Orthodoxen gemacht worden waren. getraut hat.« »Sieh mal an ... selbst den Herrn Pfarrer haben sie verraten ...« »Und die Postfräulein, bei denen die Kinder Polnisch gelernt haben ...« »Sie haben es getan! Sie sind es gewesen! Das weiss man doch!« bekräftigte der Müller verbissen. »Dann hat auch kein anderer die Juden damals im Wald so zugerichtet.« »Versteht sich, das sind die Gajdas gewesen! Das waren sie! ... Diese Aasbande! Judassöhne! ... Räuber! ...« begannen die Bauern zu fluchen und zu schimpfen; sie stampften mit den Füssen und schlugen mit den Knüppeln gegen den Fussboden. Die Wut tobte in ihren Herzen und riss sie mit sich fort, die Augen loderten und die geballten Fäuste drohten über ihren Köpfen. »Ein Ende machen mit ihnen! Strafen! Diese Hundesöhne! Gericht halten! Volksgericht! ...« »Dann kommt rasch, dass sie uns nicht davonlaufen!« rief der Andreasbauer. »In Stücke sollte man solche reissen.« »Mit dem Rad brechen, wie tolle Hunde zu Tode schlagen! ...« redeten sie durcheinander, sich hastig zur Tür hinausdrängend. Der Müller löschte die Lampe und folgte den anderen. Und als sie allesamt vors Haus getreten waren, rannte die Jadwisch ebenfalls hinaus, und an der Hauswand lauernd, spähte sie ihnen erschrocken nach, wohin sie sich wohl in einer solchen Nacht aufgemacht hatten und zu welchem Zweck. Es war eine echte Märznacht, kalt, windig und nass. Zu Wolkenzotteln zusammengeballtes Dunkel überflog die Welt, Regen mit Schnee durchmischt peitschte ins Gesicht, so dass es einem den Atem benahm, der Wind blies durch die Obstgärten und wehte von überall her, und von den durchweichten Feldern, wo nur hier und da aus der schwarzen Nacht sich die weissen Rücken der schneebedeckten Ackerbeete abhoben, kam ein nasser Frosthauch, der bis ins Mark drang, aber die Bauern schritten, ohne auf das ›faulige‹ Wetter zu achten, scharf und kräftig aus, so dass der Landstrassenkot unter ihren Tritten tief aufklaffte. Sie schlichen im Gänseschritt vorsichtig an den niedrigen Dorfhäusern vorbei, die wie ermüdete Gevatterinnen sich am Wege niedergehockt hatten, umgeben von ihren Obstgärten, so dass man nur die beschneiten Dächer wie weisse Frauenhauben zwischen den bewegten Bäumen sehen konnte. Der Andreasbauer ging an der Spitze und erteilte mit leiser Stimme seine Befehle, so dass immer wieder einer aus der Reihe hinaustrat, nach einem der Fenster rannte und, mit der Faust gegen das Fensterkreuz schlagend, rief: »Herauskommen! Es ist Zeit!« Sofort erlosch innen das Licht, man hörte die Tür knarren und schwarze Schatten tauchten aus dem Umkreis der Hütten auf; sie suchten tastend mit den Stöcken nach dem Weg und schlossen sich in aller Stille dem Volkshaufen an. Plötzlich sah sich der Andreasbauer ängstlich um, denn er hatte ganz deutlich watende, eilige Schritte vernommen, als rannte jemand durch den Schmutz hinter ihnen drein; ein Schatten huschte gebückt an den Zäunen entlang; als sie stehen geblieben waren, wurde es jedoch mit einemmal still, und der Schatten zeigte sich nicht mehr, nur der Wind rauschte und etliche Hunde liessen ihr wütendes Bellen hier und da an den Häuserecken vernehmen. Sie setzten sich, wenn auch langsam, in Bewegung, aber manch einer bekreuzigte sich schon ängstlich, manch einer seufzte vor sich hin und es gab auch welche, denen ein Angstschauer über den Rücken schoss, trotzdem sprach keiner ein Wort, niemand kehrte um, sie drängten gleichmässig vorwärts, wie eine unaufhaltsame, drohende Wolke, die, langsam näherziehend, ganz lautlos wächst, bevor sie plötzlich einen Blitz niederfahren lässt oder sich mit einem Hagelschauer, alles verwüstend, über der Erde entlädt. Als sie aber an der Schenke vorüberkamen, die hell erleuchtet am Wege stand, witterte manch einer in der Luft nach angenehmen Düften und verhehlte nicht die Absicht einzutreten, um sich etwas zu wärmen, der Andreasbauer liess jedoch keinen abschweifen, er rief alle zu einem Haufen um sich und führte sie auf die Mitte der Landstrasse, denn dicht neben der Schenke stand das Haus des Gendarmen. Schon von weitem sah man die weissen Wände schimmern, und durch die hellen Fenster drangen die tanzfrohen Klänge einer Ziehharmonika. Sie blieben mit angehaltenem Atem gegenüber dem Hause stehen, und der Andreasbauer flüsterte einigen Dorfburschen zu: »Passt gut auf, und sobald die Glocken zu läuten beginnen – gleich im Haufen in die Stube, auf der Stelle am Schopf packen und binden. Dass er euch nicht entwischt, er könnte sonst Böses anrichten ... Verhaltet euch ja still, damit ihr ihn nicht verscheucht.« Eine Anzahl Dorfburschen zerstreute sich schweigend im Dunkel. Der Volkshaufe aber wandte sich jetzt schon schnelleren Schritts, immer dieselbe Richtung innehaltend, einem freien Platz zu, der sich am Ende des Dorfes befand, wo nur noch einige Lichter blinkten und aus einer schluchtartigen Senkung zwischen ihnen, auf dem Hintergrund der verschneiten Felder, die Mauern der Kirche auftauchten, von einem Bäumegewirr umgeben, das einem dunklen und vom Winde leicht geschaukelten Berge glich. Das Haus der Gajdas stand etwas abseits vom Wege, in der Nachbarschaft der Kirche, und war von einem ziemlich grossen Obstgarten verdeckt, so dass die Lichter der Fensterscheiben sich wie Wolfsaugen durch das Dickicht der Büsche und Äste bohrten; die Bauern wandten sich geradeswegs auf das Gehöft zu, da der Schmutz aber stellenweise bis an die Knie reichte, die Pfützen sich wie wahre Gewässer ausbreiteten, zwischen denen Inseln vereisten Schnees sich gebildet hatten, drangen sie nur Schritt für Schritt vorwärts, den Hindernissen ausweichend und Umwege machend, so dass es fast anmutete, als ob sie absichtlich ihren Weg verlängerten; sie waren trotzdem in etwa einem Ave bis an die Hofumzäunung vorgedrungen. Der Andreasbauer befahl ihnen jetzt Schweigen an, er selbst aber schlich um die Behausung herum bis an die Fenster und blickte hinein. In der grossen, weissen Stube, die ganz mit Heiligenbildern behängt war, brannte eine von der Balkendecke herabhängende Lampe und in ihrem Schein sassen ein paar Menschen heim Abendbrot und redeten mit gedämpfter Stimme. Auf dem Herd brannte ein mächtiges Feuer, so dass die halbe Stube in einen blutigen Schein getaucht war; ein Mädchen ging auf und ab und wiegte ein schreiendes Kind auf dem Arm. »Sie sind zu Hause ...« flüsterte der Andreasbauer, nachdem er zu dem Haufen zurückgekehrt war, er bebte am ganzen Leibe und schnappte nach Luft, nur mit Mühe gelang es ihm hervorzubringen, dass die Hälfte der Männer sich aufmachen sollte, das Haus an der Feld- und Hofseite zu überwachen. Nach einer kurzen Weile jedoch betrat er schon ganz gefasst und mutig den Heckenweg; sie waren schon in der Nähe der Hauslaube, als irgendwo vom Hof her die Hunde so klagend aufheulten, dass sie einer nach dem anderen stehen blieben. »Das sind unsere Jungen, die sich mit den Hunden zu schaffen machen. Kommen wir! Und sollten sie sich verteidigen, dann gleich mit den Knütteln auf diese Halunken dreinschlagen, ohne Erbarmen!« murmelte der Andreasbauer, zog den Müller mit sich fort, bekreuzigte sich und trat rasch in den Flur ein; die Bauern zwängten sich im dichten Haufen ihm nach zur Tür hinein. Sie betraten zuhauf festen Schritts und mit mürrischen Gesichtern die Stube. Es entstand ein Gepolter. Die Gajdas sprangen mit offenen Mäulern vom Tisch, an dem sie sassen, auf, der Ältere von ihnen hatte sich jedoch als erster sofort wieder gefasst, liess sich auf den Stuhl fallen, stiess seinen Sohn an, sich zu setzen, und rief mit einem Auflachen, das freundschaftlich klingen sollte: »Seid gegrüsst! Ho, ho! Was für Gäste sehe ich da! Der Müller! Der Andreasbauer! Die ganze Kumpanei!« »Setzt euch, Hofbauern!« fügte der junge Gajda hinzu, indem er mit erschrockenen Augen die Bauern überflog und unbewusst mit dem Löffel nach dem Essen langte. Niemand nahm Platz, noch dass er ihnen die Hand zum Gruss darbot, sie blieben stehen wie Pflöcke, völlig bewegungslos, nur der Andreasbauer trat vor und sagte streng: »Lasst das Essen jetzt, wir haben wichtigere Angelegenheiten zu Ende zu führen.« »Wichtigere? Für uns ist jetzt das Abendbrot an der Zeit!« knurrte der alte Gajda trotzig. »Ich sage dir, höre auf damit!« donnerte der Andreasbauer ihn an. »Sieh mal an ... so ein Natschalnik ... will hier im fremden Haus den Befehlshaber spielen ...« »Ja, so ist es, ich befehle und du hast zu gehorchen, du Spitzbube, Halunke!« Die Gajdas sprangen auf, die Angst hatte sie gepackt, sie erblassten, ihre Köpfe begannen zu zittern, aber sie bleckten die scharfen Zähne wie Wölfe, wenn sie zum Äussersten bereit sind. »Was wollt ihr hier?« fragte der Jüngere mit einer gepressten, zischenden Stimme. »Gericht über euch, Räuber, halten und bestrafen!« schrie der Andreasbauer mit furchtbarer Stimme. Diese Worte brachen über sie herein, wie eine einstürzende Balkendecke, so dass sie sich etwas duckten. Eine grausige Stille wehte wie ein Todeshauch durch den Raum, so dass auf einen Augenblick aller Atem stockte; nur das Kind weinte immer lauter. Mit einemmal stürzten die beiden Gajdas ganz unerwartet auf die Tür zu, der Jüngere liess ein Messer aufblitzen, der Alte griff nach einer Axt, doch ehe sie die Hand heben konnten, hatten sich die Bauern wie ein Gewittersturm über sie geworfen, dumpf krachend sausten die Knüttel nieder und eine Menge Hände ergriff sie an den Schöpfen, Rockklappen, Hosenböden und am Genick und riss sie vom Boden hoch wie nichtsnutziges Gestrüpp. Ein Wirbelsturm fegte durch die Stube, es erhob sich Geschrei und Gepolter, Stühle, Bänke und Gerät flogen umher, die Weiber stimmten ein Jammergeschrei an, ein Menschenknäuel stürzte unter Fluchen, Zerren und Brüllen zu Boden, begehrte auf, überschlug sich ein-, zweimal, stiess gegen die Wände und barst. Die beiden Gajdas lagen jetzt mit Stricken gefesselt wie Schafe am Boden und brüllten aus ganzer Kraft, indem sie sich wütend hin und her warfen und furchtbare Flüche ausstiessen. Man schleppte sie aus dem Haus und schleifte sie über den freien Platz, häufig mit Knütteln nachhelfend, denn sie widersetzten sich und schrien aus voller Kehle, die Weiber aber rannten nebenher, weheklagend und um Erbarmen winselnd, so dass man sie wie Hündinnen mit den Füssen von sich stossen musste. »Läutet die Glocke, lasst das ganze Dorf zusammenkommen!« schrie der Müller. Es fing an stark zu schneien, so dass die Nacht heller wurde. Die Kirchturmglocke erdröhnte dumpf wie bei einer Feuersbrunst und läutete unaufhaltsam, düster und grauenerregend, dass selbst die Dohlen vom alten Glockenturm erschrocken aufflogen und krächzend um die Kirche zu kreisen begannen; vom Dorf her kamen indessen im dichten Haufen die Frauen und die Kinder angelaufen. »Leute! Erbarmen! Hilfe! Grosser Gott!« heulten die Gajdas und suchten verzweifelt, sich von ihren Fesseln zu befreien, aber kein Mensch antwortete ihnen, der ganze Haufe bewegte sich im tiefen Schweigen weiter. Stumm betraten sie den Kirchhof und warfen die Gebundenen an der Kirchenschwelle nieder. »Was haben wir getan? Wofür? Hilfe!« brüllten die beiden von neuem und mühten sich hochzukommen, aber Füsse stiessen auf sie ein, so dass sie wie Klötze umfielen, worauf sie unter Flüchen dem gesamten Dorf eine furchtbare Rache zuschworen. Der Andreasbauer stellte sich an der Kirchenschwelle auf, lehnte den Rücken gegen die Tür, nahm die Mütze ab und rief mit lauter Stimme: »Leibliche Brüder und Polen!« Das Weibergeschrei verstummte; das Volk drängte sich im Kreis zusammen. Es stand da und lauschte mit zur Seite geneigten Köpfen, während ein nasser dichter Schnee auf sie einpeitschte. »Das sage ich euch, Brüder: wie der Bauer zur Lenzzeit mit scharfer Egge auf den Herbstbrachacker hinauszieht, um ihn erst einmal von dem Unkraut zu säubern, ehe er das gediegene Korn für die künftige Ernte auswirft, so kommt jetzt die Zeit, da man das Böse in der Welt ausrotten muss ... Man hält sich in den anderen Gemeinden und Kirchspielen schon daran, dieses zu tun; schon haben sie in Olsza den Schreiber auf und davon gejagt, in Wola die Diebe totgeschlagen und in Grabica diejenigen, die sie dort hatten, vertrieben. Und selbst verschaffen sie sich diese Gerechtigkeit, selbst, denn es ist eben so eine schlechte Einrichtung auf dieser Welt, dass du Bauernvolk arbeiten sollst, deine Glieder ausrenken, deine Steuern zahlen, die Rekruten hergeben, geschieht dir aber Unrecht, dann bleibt dir nur einzig und allein dein vergebliches Jammern.« »Wahr ist es! die reine Wahrheit!« bestätigten die anderen seufzend. »So will ich euch denn dieses sagen: Die Zeit ist da, wo unser Volk sich auf niemand anders als auf sich selbst verlassen soll! Selbst muss es sich helfen, selbst sich vor Benachteiligung schützen und sich die Gerechtigkeit selber verschaffen! Lange Jahre haben wir gewartet und alles Böse erduldet, aber niemand hat uns geholfen, niemand Rettung gebracht! Das ist doch so: die Gerichte sind nicht für die Gerechten, die Beamten nicht für die Bauern, der Schutz nicht für die Benachteiligten. Das weiss jedermann, der Verstand zum Denken hat. Wenn es denn schon keinen anderen Rat gibt, so muss man es so machen, wie die anderen Dörfer.« »Totschlagen das Aaszeug! Zu Tode schlagen! Mit Pferden zerreissen!« fingen einzelne an wütend zu rufen und wollten sich mit ihren Knütteln auf die Gajdas stürzen. »Still da! Nicht anrühren! Ihr Hundeblut!« schrie sie der Andreasbauer an und stellte sich schützend vor die Liegenden. »Wartet eure Zeit ab! Wir wissen alle, dass sie Räuber, Diebe und Verräter sind, die man strafen muss, wenn einer aber etwas gegen sie vorzubringen hat, dann trete er hervor und sage es ihnen ins Gesicht. Denn wir üben hier Gericht aus, nicht Totschlag. Nicht um Rache an ihnen zu nehmen, haben wir sie festgenommen, sondern um eine gerechte Strafe über sie zu bringen!« Das Volk knäulte sich dicht zusammen, denn es wurde einem jeden unbehaglich zumute bei dem Gedanken, als erster vortreten zu müssen. Das Stimmengewirr schwoll an: alle hatten auf einmal zu sprechen und den ihnen zugefügten Schaden darzulegen begonnen, sie drangen dabei drohend auf die Gefesselten ein; schliesslich trat der Müller vor, erhob die Hand und sagte feierlich: »Ich zeuge vor Gott und vor den Menschen, dass sie mir meine Pferde und vierhundert Rubel gestohlen haben. Ich habe sie ertappt ... Mit dem Messer haben sie mich zu schwören gezwungen, auf dass ich sie nicht angebe! Mit Rache haben sie mir gedroht! Sie sind die allerschlimmsten Räuber, die es gibt.« »Und ich bezeuge, dass mir die Gajdas eine Kuh gestohlen haben,« sagte ein anderer. »Mir haben sie ein Mutterschwein genommen.« »Und mir eine Stute mit ihrem Fohlen,« bekundeten weitere Stimmen. Das Volk hörte in drohendem Schweigen zu. Es hatte plötzlich aufgehört zu schneien, dafür raste der Wind um so mächtiger gegen die Kirche an und stemmte sich gegen die Bäume, die sich ächzend neigten; über den Himmel flogen grosse, graubraune Wolken, und die anklagenden Worte fielen unaufhörlich, hart und schwer, so dass ihnen schon immer häufiger aus dem Haufen ein unheilverkündendes Murren und das zornige Aufstossen der Knüttel folgte, oder man hörte die Gajdas schreien: »Das ist nicht wahr! Aus Feindschaft zeugt er wider uns! Das haben ihm die Diebe aus Wola genommen! Glaubt ihm nicht!« Aber es stellten sich ihnen immer neue Zeugen entgegen und brachten nur noch bösere Dinge zur Sprache. Schliesslich warf man ihnen die erschlagenen Juden, die Fräulein, die sie den Russen angegeben hatten, den verratenen Pfarrer, Brandstiftungen, Saufgelage mit dem Gendarmen und auch noch dieses vor, dass sie den Kirchenbesuch vernachlässigten. Welche ihre Schuld einer auch wissen mochte, er griff sie eifrig auf, um die Anklage auf ihre winselnden Köpfe niedersausen zu lassen, so dass zuletzt ein furchtbares Geschrei entstand, denn einer versuchte den anderen zu überbieten, jeder fluchte, jeder schwor, und keiner war unter ihnen, den nicht die Lust ankam, dreinzuschlagen, bis der Andreasbauer, ausserstande sie im Zaum zu halten, wütend brüllte: »Macht doch eure Mäuler zu, dass ich ausreden kann!« Es wurde jetzt etwas stiller, nur die Weiber keiften wütend auf ihre Art weiter. »Gesteht ihr es ein?« fragte er, sich über sie beugend. »Nein, wir sind nicht schuldig! Sie sagen die Unwahrheit aus Feindschaft! Wir werden schwören!« schrien die beiden verzweiflungsvoll auf. »Gesteht es ein, dann wird eure Strafe kleiner sein,« redete er sanft auf sie ein. »Tod den Hundesöhnen! Prügelt sie mit den Knütteln tot! Räuber sind es, Diebe und Verräter! Tod den Halunken!« kreischte mit einemmal das ganze Volk; Stöcke und Fäuste erhoben sich drohend, so dass die Gajdas vor Angst aufheulten, sich bäumten, hin und her warfen, mit den Zähnen nach den Stiefeln der Männer schnappend, ihre Füsse küssten und unter wahnsinnigem, winselndem Lallen um Barmherzigkeit flehten. Sie wurden nur noch durch den Müller, den Andreasbauer und einige besonnene Leute geschützt, die sich mühten, die Wütenden zurückzuhalten, die mit lautem Geschrei und mit losgerissenen Latten den Gajdas immer näher zu kommen suchten; am wütendsten aber drangen schon die Weiber mit ihren Krallen auf die Daliegenden ein. Es wurde beängstigend unheimlich, ein wildes Durcheinander herrschte vor der Kirche, zorniges Geschrei tobte und drohte düster wie die Glocke, welche unaufhörlich Sturm läutete. »Den Priester müsste man herbeiholen vor dem Tode! Den Priester!« schrie mit einemmal der Müller. Sie hielten ein. Einer rannte nach dem Pfarrer. »Oder wir wollen lieber bis morgen warten und sie dann bestrafen! ...« schlug der Müller vor. Sie überschrien ihn, mit den Knütteln laut aufstampfend. »Gleich ein Ende machen! Was brauchen Räuber einen Priester! Lass sie verrecken, wie die Hunde! Nicht warten! sonst entwischen sie uns und bringen die Kosaken her! Zu Tode soll man sie schlagen!« Die Gajdas, die jedoch gewittert hatten, woher ihnen die Rettung kommen könnte, begannen verzweifelt zu flehen: »Erbarmt euch, Leute! Lasst uns beichten! Lasst den Priester kommen ... Den Priester! ...« Zu ihrem Unglück befand sich der Pfarrer nicht zu Hause; er war zur Vesperzeit fortgefahren. »Lass sie vor dem ganzen Volk die Beichte ablegen!« warf einer hin. »Gut! Recht so! Lass sie ihre Sünden bekennen. Mögen sie die Wahrheit sagen!« bestätigten die anderen. Einer schnitt ihnen die Taue an den Händen los und liess sie an der Kirchenschwelle niederknien. »Die Kirche aufmachen! Sie sollen beichten! Tür aufmachen!« liessen sich zahlreiche Stimmen vernehmen, aber der Andreasbauer sagte mit lauter Stimme: »Nicht nötig! Das wäre eine Sünde, solche Räuber ins Gotteshaus zu führen, sie haben genug daran, dass wir ihnen erlauben, an geweihter Stelle zu sein. Ruhe dort!« herrschte er die murrenden Weiber an, und sich zu den Gajdas hinneigend, liess er sich vernehmen: »Macht also euer Geständnis, aber die reine Wahrheit sagen! Das Volk hat die Macht, euch eure Sünden zu vergeben!« Er kniete daneben und ihm nach taten dasselbe alle anderen unter Seufzern und Bekreuzigungen. Die Gajdas begannen etwas Unverständliches zu stammeln und sahen sich dabei spähend nach allen Seiten um. »Sprecht deutlich! Laut reden! Den lieben Gott wollen sie noch betrügen!« brausten die anderen auf. Der alte Gajda, als wäre ihm vor Angst die Seele geschmolzen, begann zu beben, brach in ein Weinen aus und fing unter schwerem Schluchzen an, seine Sünden zu bekennen. Ein Grabesschweigen hatte sich ausgebreitet, man hielt selbst den Atem zurück. Auch das Husten war verstummt, nur einzig die weinerliche Stimme des Alten klang aus dem Dunkel und zerfloss wie in einem Blutrinnsal, und darüberher dröhnte die Glocke und rauschten die windbewegten Bäume. Ein Grauen war über die Seelen gekommen, die Haare sträubten sich den Menschen zu Berge, sie schlugen sich vor Entsetzen auf die Brust, hier und da liess sich ein klagender Seufzer vernehmen, eine furchtbare Angst hatte die Herzen mit eisiger Kälte gepackt, denn der alte Gajda, der immer wieder die Schuld auf den Sohn und den Gendarmen abzuwälzen versuchte, gestand nicht nur alles ein, dessen sie ihn beschuldigt hatten, sondern noch viel schlimmere Dinge mehr. Und als er seine Beichte beendigt hatte, fiel er mit ausgebreiteten Armen zu Boden, schlug mit dem Kopf gegen die Kirchenschwelle und jammerte so um Erbarmen, dass viele mit in sein Weinen einstimmten. »Lass den Kasper jetzt seine Sünden bekennen! Kasper! Vorwärts, du Mörder! Wird's bald! ...« und sie begannen mit den Knütteln und mit den Füssen nach ihm zu stossen, dass er sich wütend emporriss. »Selbst seid ihr Räuber! Die Unschuldigen wollt ihr morden! Selbst seid ihr Diebe und Verräter ... Lausevolk! Äser! Knechte!« fluchte und drohte er immer furchtbarer, bis der Alte ihn zu bitten begann: »Demütige dich, mein Sohn! Gestehe deine Sünden ein, dann werden sie dir vielleicht deine Schuld vergeben. Demütige dich!« »Ich will nicht! Um Gnade werde ich diese Mörder nicht bitten! Tolle Hunde! ... Knechte! Ich brauche keine Beichte! Lass sie mich totschlagen! Lass sie sich erdreisten, diese Hundesöhne! ... Das Militär wird ihnen morgen für mich heimzahlen! Lass sie mich bloss antasten!« brüllte er wie ein wildes Tier und sprang mit einem Satz auf, schlug mit den Fäusten auf die Nächststehenden ein und stürzte sich wie ein Toller gegen alle. Der Alte warf sich ihm nach und versuchte heimlich, wie ein Wolf, durchzukommen. Es entstand ein furchtbares Geschrei, man überwältigte sie jedoch im Handumdrehen und warf sie, wie einen Haufen Lumpen, auf den alten Platz zurück, der Andreasbauer aber rief zornig: »Fliehen wollten sie! ... Sie drohen mit Rache! ... Sie sind die ärgsten Mörder und Diebe! Bestraft sie, Leute! Schlagt sie tot, wie tolle Hunde! Ein jeder schlage auf sie ein! Alle! ... Schlage sie jeder, der an Gott glaubt!« schrie er ganz ausser sich. Es ging ein Wogen durch das Volk, wie durch die Kronen des Hochwaldes. Es warf sich auf die Räuber. Hundert Knüttel hoben sich und fielen mit dumpfem Krachen nieder. Ein bis in alle Himmelsfernen vernehmbares Aufbrüllen brach hervor, als wäre die ganze Welt zusammengestürzt, wie ein furchtbarer Wirbelsturm begehrte es auf und wurde mit einemmal stiller, so dass man im Dunkeln nur das Dreinschlagen der Knüttel, ein dumpfes Getrampel, Weibergewinsel, Röcheln, Fluchen und ab und zu die wilden, furchtbaren, markerschütternden Schreie der Geschlagenen hörte. Nach einer Weile sah man vor der Kirchenschwelle nur noch eine formlose Masse im Schnee und Schmutz schwarz daliegen und roch den süsslich eklen Geruch des Blutes... Das Geläut verstummte, aber die Leute hatten noch nicht Zeit gehabt, zu sich zu kommen, als vom Dorf Rufe laut wurden, der Gendarm wäre geflohen. Die Dorfburschen kamen nacheinander angerannt und berichteten, laut durcheinanderschreiend: »Der Gendarm ist geflohen! Als die Glocke zu läuten anfing, sind wir in die Stube eingedrungen, aber er war nicht mehr da ...« »Durch die Schlafkammer ist er geflohen! Die Müllerstochter hat ihn gewarnt!« »Das ist wahrhaftig wahr, wir haben gesehen, wie sie da hineingegangen ist. Sie hat ihn gewarnt! Sie!« »Das ist eine Lüge!« brüllte der Müller auf und sprang mit den Fäusten auf sie zu. »Alle haben es gewusst, dass sie dem Gendarm seine Geliebte war, alle!« schrien die Weiber und jede berichtete, was sie darüber wusste, als sich der Andreasbauer wieder vernehmen liess: »Leute, hört zu! Brüder! Wir haben den einen die Strafe zuerteilt, aber der Schlimmste ist uns fortgelaufen! Man muss ihn einholen ... Wir wollen jeden so bestrafen, der das Volk benachteiligt, der stehlen und Verrat am Volke begehen wird! – Sofort auf die Gäule und hinterdrein! Auf die Gäule, Jungen! Nach der Stadt zu ist er geflohen! Jagt ihm nach, man muss ihn tot oder lebendig fassen! Rasch, Leute! Dass er uns keinen Streich spielt! Nur rasch! ...« Sie ergossen sich über den Kirchplatz und rannten was das Zeug hielt aufs Dorf zu, und in einem Vaterunser jagten schon mehrere Dutzend Bauern auf verschiedenen Wegen in der Richtung der Stadt davon, dass den Pferden die Leber kollerte und der Strassendreck unter den Hufen aufklaffte. Das Dorf lag jetzt wie gänzlich verödet da. Nur auf dem Kirchhof hörte man klagendes Weibergewimmer. Inmitten der Landstrasse, ohne auf Schnee und Regen zu achten, die ihm ins Gesicht peitschten, schleppte sich der Müller heimwärts, er blieb häufig stehen, schnappte mühsam nach Luft, seufzte tief, taumelte ab und zu und blieb dann wieder wie erstarrt stehen, hier und da nur murmelte er leise, schmerzlich und aus der Tiefe seines gequälten Herzens: »So eine Tochter bist du! Eine solche! ... Dem Gendarmen seine Geliebte! ...« wiederholte er wie geistesabwesend und umspannte seinen Knüttel immer fester. Nur dass er jetzt wie im Fieber bebte und ihm die Tränen, gross wie Erbsen, über das Gesicht tropften. – Der Tod Vater! hä, Vater! dass Ihr mir aufsteht, hört Ihr's? – Na, hebt Euch was, wird's bald!« »O Gott! Maria! – äh!« stöhnte der rücksichtslos hin und her Geschüttelte. Aus dem Schafspelz tauchte sein Gesicht, ein eingefallenes, zerknülltes und tiefzerfurchtes Gesicht auf, das so grau war wie die Erde, die er so lange Jahre bearbeitet hatte, ein Kopf mit weissem Haar bewachsen, grau wie die Brachäcker des Spätherbstes. Seine Augen waren geschlossen, nur aus dem halboffenen bläulichen Munde mit den zerplatzten Lippen liess er keuchend die Zunge heraushängen. »Aufstehen! Na!« schrie die Tochter. »Grossväterchen!« wimmerte ein kleines Mädchen im Hemd, nur mit einer Beiderwandschürze bekleidet, die sie auf der Brust zusammengebunden hatte, und reckte sich auf den Zehenspitzen, um dem Alten ins Gesicht zu schauen. »Grossväterchen!« sie hatte Tränen in den blauen Augen und Kummer in dem schmutzigen Gesichtchen. »Grossväterchen!« liess sie sich nochmals vernehmen und zupfte am Bettkissen. »Wirst du hier fortkommen!« schrie die Mutter, griff ihr ins Genick und stiess sie gegen den Ofen. »Verdammtes Hundevieh, raus!« brüllte sie, nachdem sie gegen die alte, halb erblindete Hündin gestolpert war, die das Bett beroch. »Raus mit dir! willst du mal schnell machen, du Aas!« und sie stiess das Tier mit solcher Gewalt mit ihrer Holzpantine, dass es umfiel und winselnd nach der geschlossenen Tür hinkroch. Die Kleine schluchzte am Ofen und rieb sich dabei in einem fort Nase und Augen mit den zusammengeballten Fäustchen. »Vater, steht auf, solange ich es im guten sage!« Der Kranke schwieg, sein Kopf war zur Seite gesunken, er röchelte immer mühsamer. Nicht viel Zeit blieb ihm zum Leben übrig. »Steht auf, was denkt Ihr Euch, bei mir wollt Ihr hier verrecken? Dass Ihr das nicht erlebt. Geh zu Julina, du alter Hund, du! Ihr habt Julina den Boden gegeben, dann lasst sie Euch aushalten ... Na, wird's bald ... solange ich noch bitte ...« »Oh, liebes Jesuskind! O Maria! ...« Das von Schweiss und Qual nasse Gesicht verzog ein plötzlicher Krampf. Die Tochter riss mit jähem Ruck das Federbett von ihm herunter und warf ihn, nachdem sie den Alten um den Leib gefasst hatte, wütend halb aus dem Bett heraus, so dass er nur mit dem Kopf und mit dem Rücken auf dem Bett liegen blieb, bewegungslos wie ein Stück Holz und wie ein Stück Holz steif und dürr. »Priester! ... Hochwürden! ...« murmelte er mitten aus dem Geröchel heraus. »Ich geb' Euch was ... Euren Priester! Im Schweinestall sollst du verrecken, du Unrechttuer, wie ein Hund!« sie griff ihm stark unter die Arme, aber im selben Augenblick liess sie ihn wieder fallen und bedeckte ihn ganz mit dem Federbett, denn ein Schatten war am Fenster vorübergehuscht. Irgend einer kam auf das Haus zu. Sie hatte kaum Zeit, die Füsse des Alten ins Bett zurückzustossen. Blau vor Wut begann sie grimmig das Federbett zurechtzuklopfen und das Bett zu ordnen. Die Dyziakbäuerin betrat die Stube. »Gelobt sei Jesus Christus!« »In Ewigkeit! ...« knurrte die andere zurück und schielte misstrauisch nach der Besucherin. »Grüss' Gott, wie geht es Euch? Seid Ihr gesund? ...« »Gott bezahl's ... es geht ...« »Was macht der Alte? ist er gesund?« Sie stampfte mit den Füssen an der Schwelle, um den Schnee von den Pantinen abzuklopfen. »Eh! wie soll er gesund sein, der kann schon kaum den Atem von sich geben.« »Gevatter! Na, er wird doch ... Gevatter!« sie beugte sich dicht über den Alten. »Priester!« stöhnte der Kranke. »Seht mal an, du liebe Not! Der hat mich nicht erkannt. Den Priester will der Arme. Der stirbt wohl schon, der Alte, ganz gewiss, das ist sicher, der macht es zu Ende ... Ihr lieben Leute ... du liebe Zeit! ... Na, wie denn, habt Ihr nach dem geistlichen Vater geschickt?« »Hab' ich denn wen hinschicken?« »Ihr werdet doch nicht die Christenseele ohne heilige Hilfe abscheiden lassen?« »Allein kann ich ihn nicht dalassen und losrennen, und vielleicht wird er auch noch besser.« »Hat sich was – hoho – hört doch, wie es dem Armen in der Brust klemmt? Das ist weiter nichts, als dass ihm die Eingeweide pfeifen – oder vielleicht die Gebärmutter sich zusammenzieht. Im vergangenen Jahr ist es gewesen, wie mein Walek so krank war ...« »Meine Liebe ... lauft mal lieber nach dem Pfarrer, aber rasch, seht bloss ...« »Ist schon recht, ist schon recht, der Arme sieht aus wie in seinem Letzten, man muss laufen, ich lauf schon, –« und sie zog die Schürze fester um den Kopf zusammen. »Gott befohlen, Antkowa!« »Geht mit Gott!« Die Dyziakbäuerin ging hinaus, während die andere sich daran machte, die Stube in Ordnung zu bringen, sie kratzte den Schmutz von den Dielen, fegte ihn zusammen, streute die Stube mit Asche aus und begann die Töpfe zu waschen und in Reih' und Glied aufzustellen. Immer wieder umfasste sie mit einem gehässigen Blick das Bett, spuckte dabei aus, ballte die Fäuste und griff sich in verzweifelter Hilflosigkeit an den Kopf. »Fünfzehn Morgen Land, die Schweine, drei Kühe, Hausgerät, Kleidung – die Hälfte davon – ganz gewiss – an die sechstausend wären es sicher! Herr du mein Gott!« Und als hätte sie die Erinnerung an eine so grosse Summe Geldes aufgestachelt, scheuerte sie mit solcher Wut ihr Kochgeschirr, dass es in der ganzen Stube davon widerhallte; sie stellte darauf die Schüsseln mit lautem Gepolter nebeneinander auf ein Bord. »Dass dich! ... dass dich! ...« und sie zählte laut weiter auf: »Die Hühner, die Gänse, die Kälber, so viel Hab und Gut! Und alles hat er dieser Metze verschrieben! Dass dich das letzte Elend, dass dich die Aaswürmer fressen hinterm Zaun für das an mir begangene Unrecht, für mein Waisentum!« Sie sprang an das Bett heran, in höchster Wut und mit lautem Geschrei. »Aufstehen!« und als sie sah, dass der Alte sich nicht rührte, fing sie an über ihm mit den Fäusten zu drohen und auf ihn einzukreischen. »Zum Verrecken, da seid Ihr hier zu mir hergekommen, soll ich Euch noch vielleicht ein Begräbnis richten? einen neuen Kapottrock kaufen? So was denkt er. Kannst lange lauern! Das werdet Ihr nicht erleben. Wenn die Julina so eine Gute ist, dann mach' er, dass er zu ihr hinkommt. War ich das vielleicht, die Euch das Gnadenbrot geben sollte? Sie ist die Bessere – wenn Ihr schon einmal so ...« Sie kam nicht zu Ende, denn die Schelle erklang und der Priester trat mit den heiligen Sakramenten in die Stube. Die Antkowa neigte sich ihm zu Füssen, indem sie sich die Tränen der Wut aus den Augen wischte, und nachdem sie in einem abgestossenen Teller das Weihwasser zurechtgesetzt und den Weihwedel zurechtgelegt hatte, ging sie auf den Flur hinaus, wo schon einige Leute dastanden, die mit dem Priester gekommen waren. »Gelobt sei Jesus Christus!« »In Ewigkeit ...« »Was ist denn?« »Ach nichts, verrecken ist er gekommen zu der Benachteiligten und will nicht verrecken! Oh, ich Arme, ich Arme!« sie fing an zu weinen. »Das ist schon wahr, mit ihm geht's ans Faulen und Ihr habt noch zu leben,« entgegneten sie einstimmig und nickten mit den Köpfen. »Macht das ein eigener Vater? ...« fing sie wieder an. »Haben wir, der Antek und ich, für ihn vielleicht weniger gesorgt, gearbeitet und geschuftet? Nicht ein einziges Ei habe ich verkauft, nicht ein Halbquart Butter, nur ihm in einem fort alles zugesteckt, das bisschen Milch noch habe ich der Kleinen vom Mund weggerissen und sie ihm gegeben, ist doch ein alter Mann und der Vater – und er hat dem Tomek alles verschrieben! Fünfzehn Morgen Land, das Haus, die Kühe, die Schweine, das Kalb und die Leiterwagen, und den ganzen Hausrat, ist das nichts! Oh, ich Unglückselige! Es gibt schon gar keine Gerechtigkeit mehr in der Welt, gar keine – Oh! Oh! ...« Sie lehnte gegen die Wand und weinte laut vor sich hin. »Weint nicht, Gevatterin, weint nicht. Der liebe Gott ist voll Erbarmen, aber nicht immer mit den Armen; er wird Euch noch einmal dafür belohnen,« sagte eins der Weiber. »So eine Dumme, was hast du da unnütz herumzubellen. Was Unrecht ist, bleibt Unrecht. Der Alte wird sterben und das Elend wird bleiben,« wendete der Mann ein. »Es ist schwer den Ochsen zu führen, wenn er nicht will die Beine rühren!« warf ein anderer nachdenklich hin. »Ih ... wenn sich einer dran gewöhnt, dann hat er es selbst in der Hölle nicht so schlecht!« murmelte noch einer und spie bedächtig durch die Zähne aus. Es wurde still in dem Menschenhäuflein. Der Wind rüttelte an der Tür und blies durch die Ritzen Schnee auf den Flur. Die Bauern standen nachdenklich da mit entblössten Köpfen und stampften vor Kälte mit den Füssen. Die Weiber, zu einer kleinen Gruppe zusammengedrängt, mit den Händen unter den Beiderwandschürzen, blickten geduldig-ergeben nach der Stubentür, hinter der man ab und zu die Stimme des Priesters und das leise keuchende Gemurmel des Kranken hörte. Schliesslich gab der Priester das Klingelzeichen – sie traten, einer den anderen beiseite drängend, ein. Der Kranke lag auf dem Rücken mit dem Kopf tief in den Kissen; unter dem aufklaffenden Hemd sah man die gelbe mit weissem Haar bewachsene Brust. Der Priester neigte sich über ihn und legte die Oblate auf die herausgestreckte Zunge. Sie knieten alle nieder, sich kräftig auf die Brust schlagend, die Augen zur Decke emporgerichtet, dabei laut aufseufzend und schnaufend. Die Weiber neigten sich tief zu Boden und leierten vor sich hin: »Lamm Gottes, das die Sünden der Menschen ...« Der Hund, durch das ständige Schellengeläut beunruhigt, knurrte drohend aus der Stubenecke. Endlich war der Priester mit der Zeremonie der letzten Ölung fertig geworden und winkte die Tochter heran. »Wo ist der Eurige, Antoniowa?« »Wo sollte er sein, geistlicher Vater, wenn nicht auf Taglohn.« Der Priester blieb eine Weile schweigend stehen, überlegte unschlüssig, sah die Versammelten an, hüllte sich fester in seinen eleganten Pelz, aber es wollte ihm nichts Passendes in den Sinn kommen, so nickte er denn nur mit dem Kopf einen Gruss und ging hinaus, indem er seine weisse, zarte Herrenhand den sich seinen Knien zuneigenden Bauern zum Kuss darreichte. Sie gingen auch gleich allzusammen auseinander. Der kurze Dezembertag neigte sich schon seinem Ende zu. Es hatte aufgehört zu stürmen, aber dafür sank der Schnee in dichten, grossen Flocken nieder. Ein abendliches Dämmergrau legte, sich über die Stube. Antkowa sass vor dem Herd, brach achtlos immer neue Zweige Reisig und warf sie nacheinander ins Feuer ... Sie schien etwas zu überlegen, denn immer wieder blickte sie nach dem Fenster und aufs Bett. Der Kranke lag schon eine Weile ganz still da. Sie war sehr ungeduldig, sprang von ihrem Sitz auf und blieb, gespannt horchend und spähend, aufrecht stehen ... worauf sie sich wieder setzte. Die Nacht senkte sich rasch über das Land. In der Stube war es fast dunkel. Die Kleine schlummerte zusammengekauert am Ofen. Das Feuer flackerte schwach, mit seinem blassroten Schein die Knie der Dasitzenden und ein Stück des Fussbodens beleuchtend. Der Hund begann aufzuwinseln und an der Haustür zu kratzen. Die Hühner auf der Leiter gackerten leise und langgezogen. Es herrschte lautlose Stille in der Stube, eine feuchte Kälte stieg vom nassen Fussboden auf. Die Antkowa erhob sich jäh von ihrem Platz, um durch das Fenster die Dorfstrasse abzuspähen; sie war menschenleer. Der Schnee fiel dicht, man konnte kaum ein paar Schritte etwas sehen. Sie blieb wie unschlüssig vor dem Bett stehen – dieses dauerte aber nur einen Augenblick, denn mit einemmal zog sie rauh und energisch das Federbett des Kranken fort und warf es aufs andere Bettgestell, ihm selbst griff sie aber unter die Arme und hob ihn hoch. »Magda! Mach' die Tür auf.« Magda sprang erschrocken auf, die Tür zu öffnen. »Komm hierher – fass' bei den Füssen an.« Magda umklammerte Grossvaters Füsse mit ihren kleinen Händchen und stand erwartungsvoll da. »Na, vorwärts! hilf tragen! Glotz' nicht herum, hier wird getragen!« befahl sie noch einmal streng. Der Alte war schwer, völlig bewegungslos und wie bewusstlos, er schien nicht zu begreifen, was mit ihm geschah. Sie hielt ihn fest und trug, oder besser gesagt, schleifte ihn mit sich, denn die Kleine war über die Türschwelle gestolpert und hätte dabei die Füsse des Alten fallen lassen, die nun im Schnee zwei tiefe Furchen nach sich zogen. Die durchdringende Kälte musste den Kranken zur Besinnung gebracht haben, denn er begann schon auf dem Hof zu wimmern und abgerissene Worte vor sich hinzulallen: »Ju-li-scha – oh – Gott – Iih ...« »Schrei du noch, schrei – und wenn du dir dein Maul zerreissen solltest, es kommt doch niemand hierher.« Sie hatte ihn durch den Hof geschleift, und nachdem sie mit dem Fuss den Schweinestall geöffnet hatte, schleppte sie ihn hinein und liess ihn neben der Türschwelle an der Wand fallen. Die im Stall eingesperrte Sau mit ihren Ferkeln erhob sich und kam grunzend auf die Eintretende zu. »Maluscha! Malu, malu, malu!« Die Schweine kamen aus dem Stall heraus. Sie warf die Tür zu, kehrte aber gleich wieder in den Schweinestall zurück, schob dem Alten das Hemd auf der Brust auseinander, riss das Skapulier herunter und nahm es an sich. »Verrecke, Pestiger!« Sie stiess mit dem Holzschuh nach dem quer über ihrem Weg liegenden nackten Bein und trat hinaus. Vom Flur aus sah sie sich nach den Schweinen um, die sich auf dem Hof tummelten. »Maluscha, malu, malu, malu!« Die Schweine rannten quiekend auf sie zu – sie brachte ihnen ein Mass Kartoffeln und schüttete sie ihnen hin. Die Muttersau machte sich gierig ans Fressen und die Ferkel reckten sich und begannen eifrig mit ihren blassrosa Rüsselchen nach der Mutterbrust zu suchen, indem sie mit den Köpfen auf die Sau einstiessen und an ihren Zitzen zerrten, bis zuletzt nur ihr schmatzendes Saugen hörbar wurde. Die Antkowa zündete ein kleines Lämpchen über dem Herd an und riss, den Rücken gegen das Fenster gekehrt, das Skapulier auf. In ihre Augen kam ein jähes Leuchten, als eine Anzahl Banknoten und zwei Silbermünzen aus dem Säcklein zum Vorschein kamen. »Er hat nicht umsonst geredet, dass er für das Begräbnis Geld hätte,« das Geld in einen Lappen wickelnd, steckte sie es in die Lade. »Dieser Judas! Dass dich die ewige Blindheit trifft!« Sie ging ans Aufstellen der Kochtöpfe und versuchte das Feuer anzufachen, das nur noch eben glimmte. »Dass dich! nicht einen Tropfen Wasser hat der Lumpenbengel geholt,« sie trat vors Haus und begann zu rufen: »Ignatz! He, Ignatz!« In einer guten halben Stunde hörte man den Schnee draussen knirschen, eine geduckte Gestalt huschte am Fenster vorbei. Die Antkowa griff nach einem Holzstück und stellte sich an die Tür, die mit lautem Gepolter aufgerissen wurde; es kam ein kleiner, vielleicht neunjähriger Junge zum Vorschein. »Du verpesteter Tagedieb, du! wirst hier im Dorf herumrennen und im Hause ist kein Tropfen Wasser!« sie griff ihn mit einer Hand und mit der anderen schlug sie auf das laut schreiende Kind ein. »Mütterchen, ich werd' nicht mehr! Mütterchen, lasst los ... Muttärr ...« Sie prügelte ihn lange und liess die ganze Wut an ihm aus, die sich im Laufe dieses Tages in ihr angesammelt hatte. »Mutter! O jej! Du Heiliger! Hilfe! Sie schlägt mich tot!« »Du Hund, du wirst mir hier herumlaufen und Wässer bringst du nicht, und Holz sammelst du auch keines, soll ich dich umsonst ernähren und mich mit dir herumsekkieren!« Sie prügelte immer heftiger. Schliesslich riss er sich los, entkam durchs Fenster und schrie ihr mit tränenverquollener Stimme wütend zu: »Dass dir deine Pfoten bis an die Ellbogen abfallen, du Hundemutter! Dass du verreckst, du Sau! ... Da soll erst der Kot ein Vogel werden, bis ich Euch Wasser holen werde,« und er rannte ins Dorf zurück. In der Stube war es seltsam leer. Das Lämpchen über dem Kamin flackerte schwach. Die Kleine weinte vor sich hin. »Warum heulst du?« »Mütterchen ... oh ... oh ... der Grossvater ...« schluchzend schmiegte sie sich an die Knie der Mutter. »Heule nicht, Dummes!« Sie nahm sie auf den Schoss, und das Kind an sich drückend, begann sie es zu lausen. Die Kleine jammerte unverständliche Laute vor sich hin, ihr Gesichtchen glühte fieberhaft, sie rieb die Augen mit den kleinen Fäusten und schlief zuletzt, ab und zu noch aufschluchzend, ein. Bald darauf kam der Bauer heim. Er war ein gewaltiger Kerl, in einen Schafspelz angetan und mit einem den Kopf dicht umschliessenden Baschlik, sein Gesicht war von der Kälte blau angelaufen, der reifbedeckte Schnurrbart gesträubt wie ein Besen. Er klopfte sich den Schnee von den Stiefeln, nahm den Baschlik zugleich mit der Mütze ab, stäubte den Schnee vom Pelz, schlug mit verfrorenen Händen gegen die Arme und liess sich, nachdem er die Bank ans Feuer gerückt hatte, schwer darauf nieder. Die Antkowa nahm einen Tiegel mit Kohl von der Herdplatte und stellte ihn vor dem Mann auf den Tisch, und nachdem sie eine Schnitte Brot abgeschnitten hatte, reichte sie ihm diese mit dem Löffel zugleich. Der Bauer ass schweigend, als er aber seinen Kohl aufgegessen hatte, knöpfte er den Schafspelz auf, streckte die Beine von sich und sagte: »Hast noch was zu essen?« Sie reichte ihm den Rest der Grütze vom Mittagessen; er löffelte sie aus, nachdem er sich noch ein zweites Stück Brot hinzugeschnitten hatte, dann holte er aus der Tasche Tabak, drehte sich eine Zigarette, zündete sie an, warf Reisig aufs Herdfeuer und rückte näher heran; nach einer Weile erst sah er sich in der Stube um. »Wo ist der Alte?« »Wo soll er sein? Im Schweinestall ist er ...« Er sah fragend nach ihr hin. »Versteht sich, wird mir hier noch das Bett verliegen und das Bettzeug beschmutzen. Wenn er schon verrecken soll, dann lass ihn da um so schneller verrecken ... Hat er mir denn was gegeben, was brauchte er dann hierherzukommen! Soll ich noch sein Begräbnis bezahlen und ihm zu fressen geben. Wenn er jetzt nicht verreckt, und hart ist er wie 'n Hund, dann wird er fressen, dass Gott erbarm´! Nun, wenn er der Julina alles gegeben hat, dann lass sie an ihn denken, – das geht mich gar nichts an!« »Ist nicht mein Vater und betrogen hat er uns, da lass ihn ... sieh mal so 'n Spekulant ...« Er zog den Zigarettenrauch ein, spuckte in die Mitte der Stube und verstummte. »Wenn er uns nicht betrogen hätte, dann hätten wir ... wart' einmal ... fünf haben wir, und siebenundeinhalb ... macht ... fünf ... sieben ...« »Zwölfundeinhalb. Das habe ich schon längst ausgerechnet, wir hätten ein Pferd halten können und drei Kühe ... Ah, Hundeschweiss ... so 'n Aas!« Er spuckte wütend aus. Die Frau stand auf, legte die Kleine aufs Bett, nahm aus der Lade das Lappenbündelchen und steckte es dem Mann zu. »Was ist das?« »Sieh nach.« Er entfaltete den Leinenlappen. Über sein Gesicht huschte ein Ausdruck von Gier, er beugte sich zum Feuerherd, verdeckte das Geld mit seiner ganzen Gestalt und zählte es einmal und noch einmal durch. »Wieviel ist es?« Sie kannte das Geld nicht. »Vierundfünfzig Rubel.« »Herrgott! so viel ...« ihre Augen leuchteten freudig auf, sie streckte die Hand aus und betastete liebkosend die Geldstücke. »Woher hast du es?« »Ha, na – woher? denkst du nicht daran, wie mir der Alte schon voriges Jahr davon geredet hat, dass er genug fürs Begräbnis hatte.« »Das ist schon recht – darüber hat er geredet.« »Im Skapulier hatte er es eingenäht, ich hab' es ihm abgenommen, was sollen sich heilige Sachen im Schweinestall herumtreiben, eine Sünde wär' das, und durch den Stoff habe ich gleich das Silbergeld herausgefühlt, da hab' ich denn das losgerissen und mitgenommen. Das gehört uns doch, hat er uns vielleicht nicht benachteiligt?« »Das ist die richtige Wahrheit. Das gehört uns, wenigstens dieses Bisschen ist uns zurückgekommen. Leg' es zu dem anderen Geld, das kommt uns gerade zupass. Der Smoletz hat mir erst gestern darüber geredet, dass er sich tausend Gulden borgen möchte, er wollte uns dafür als Prozent seine vier Morgen Ackerland am Wald zur Bewirtschaftung hergeben.« »Reicht es denn jetzt?« »Es wird gewiss reichen.« »Wenn der Winter vorüber ist, würdest du dann säen? ...« »Würd' ich – und sollte es nicht reichen, dann wird man das Mutterschwein verkaufen, vielleicht auch mit den Ferkeln zusammen, aber borgen muss man ihm das Geld. Und dann,« fügte er hinzu, »zurückgeben wird er es nicht können, das weiss man doch. Einen Kontrakt beim Notar muss man machen, dass, wenn er in fünf Jahren nicht bezahlt, der Grund und Boden mein ist.« »Kann das so sein?« »Versteht sich. Hat der Dumin vielleicht auf andere Weise dem Dyziak seinen Acker abgekauft? ... Steck' es weg und das Silbergeld kannst du dir nehmen, kaufst dir was dafür. Wo ist denn der Ignatz?« »Der ist wieder irgendwo hingelaufen. Ha, no, kein Wasser ist nicht da, alles sackt weg ...« Der Bauer stand schweigend auf, machte sich beim Vieh zu schaffen, ging aus und ein, trug Holz in die Stube. Unterdessen kochte auf dem Herd das Abendessen, Ignatz schlich behutsam in die Stube, niemand sprach mit ihm. Sie schwiegen alle und fühlten sich seltsam beunruhigt. Von dem Alten wurde nicht geredet, als hätte er niemals gelebt. Antek dachte an seine fünf Morgen, die er schon ganz sicher als sein Eigentum betrachtete, dabei kam ihm auf Augenblicke der Alte in Erinnerung, dann wieder die Sau, die er die Absicht gehabt hatte abzuschlachten, wenn sie die Ferkel grossgesäugt hätte – und immer wieder spie er aus, wenn seine Augen das leere Bett streiften, als müsste er ein unfreundliches Bild verscheuchen. Es quälte ihn etwas, das Abendbrot konnte er kaum zu Ende essen und gleich darauf legte er sich schlafen. Er warf sich unruhig im Bett hin und her, die Kartoffeln mit dem Kohl, die Grütze, das Brot lagen ihm schwer im Magen, aber er überwand alles und schlief ein. Die Antkowa öffnete, nachdem schon alle eingeschlafen waren, leise die Tür zur Kammer und holte unter den dort liegenden Flachsbündeln ein in einen Leinenlappen eingewickeltes Bündel Papiergeld heraus, um das neue hinzuzutun. Lange legte sie die Scheine zurecht, faltete sie auseinander, glättete und besah sie, bis sie sich an dem Anblick ihres Geldes gesättigt hatte, das Licht auspustete und zu ihrem Manne ins Bett kroch. Der Alte war indessen gestorben. Der Schweinestall, ein elender, mit Reisig gedeckter Schuppen, der aus Latten und Holzknütteln nachlässig zusammengezimmert war, liess durch alle Ritzen Wind und Wetter eindringen. Niemand hörte es, wie der Alte mit einer von tiefster Verzweiflung durchzitterten Stimme in seiner Hilflosigkeit um Rettung flehte. Niemand sah es, wie er bis an die verschlossene Tür gekrochen war und unter furchtbarster Anstrengung sich aufzurichten versuchte, um sie zu öffnen. Er fühlte in sich den Tod, spürte, wie er an ihm von den Fersen aus hochkroch und die Brust wie in einen eisernen Reif presste, um sie mit furchtbaren Krämpfen zusammenzuschnüren, seine Kiefer verbissen sich immer fester ineinander, bis er nicht mehr imstande war, sie aufzutun, um einen Schrei hervorzustossen. Seine Adern wurden hart und starr wie Eisendrähte. Er bäumte sich nur noch schwach auf, bis er zuletzt mit Schaum auf den Lippen und mit dem Ausdruck von Entsetzen in den verglasten Augen und einem wie zu einem Schrei durch die Qual des Erfrierens verzerrten Gesicht an der Türschwelle zusammenbrach. So blieb er liegen. Am nächsten Morgen, ehe es noch Tag zu werden begonnen hatte, standen Antek und seine Frau auf. Sein erster Gedanke war – nachzusehen, was mit dem Alten geschehen war. Er ging hin, doch die Tür zum Schweinestall wollte sich nicht öffnen. Der Leichnam lag quer davor und versperrte sie von innen wie ein vorgelegter Holzklotz; mit Mühe schob Antek schliesslich die Tür so weit zurück, dass er ins Innere schlüpfen konnte, aber sofort kehrte er angsterfüllt wieder um. Er wusste nicht, wie rasch er den kleinen Hof durchquert hatte, um ganz verwirrt und vor Entsetzen fast besinnungslos ins Haus zu flüchten. Er begriff nicht, was mit ihm geschehen war: sein ganzer Körper bebte wie im starken Fieber und schwer atmend blieb er an der Türe stehen, ohne auch nur ein Wort hervorpressen zu können. Die Frau betete gerade mit der kleinen Magda. Sie wandte ihren Kopf dem Manne zu mit einer Frage in den Augen. »Dein Wille geschehe ...« betete sie gedankenlos vor sich hin. »Dein Wille ...« »... geschehe ...« »... geschehe ...« wiederholte das kniende Kind wie ein Echo. »Na, ist er tot?« warf sie darauf dem schweigenden Mann hin. »... wie im Himmel ...« fuhr sie fort. »... wie im Himmel ...« »Versteht sich, er liegt quer vor der Tür,« gab er leise zurück. »... so auf Erden.« »... so auf Erden.« »Er kann doch aber nicht da liegen bleiben, die Leute könnten sagen, dass wir ihn mit Absicht haben erfrieren lassen, das wäre noch ...« »Was willst du mit ihm machen?« » Was soll ich wissen! irgendwas müsste man schon ... wenigstens vielleicht herüberbringen? ...« »Sieh einer, hierher diesen ... Lass ihn verfaulen, wenn ...« »Dumm bist du, man muss ihn doch beerdigen.« »Und noch für ein Begräbnis zahlen? ...« »Und erlöse uns vom Bösen ... was hast du denn da mit deinen Glotzen zu blinzeln! ... bete weiter ...« »... erlöse ... uns ... vom Bösen ...« »An das Zahlen denk' ich nicht, denn der Gerechtigkeit nach muss Tomek alles bezahlen.« »... Amin! ...« »... Amin ...« Sie bekreuzigte die Kleine, wischte ihr die Nase mit der Hand und trat auf den Mann zu. »Man muss ihn hinüberbringen,« flüsterte er. »Ins Haus! Hierher?« »Wo denn sonst?« »Auf die andere Seite, man führt das Kalb hinaus und legt ihn auf die Bank, lass ihn dort Parade liegen – wenn er so einer gewesen ist.« »Monika!« »He?« »Man müsste ihn halt hinüberbringen ...« »Dann hol' ihn.« »Versteht sich ... aber ...« »Hast wohl Angst?« »Dumme! ... hundsverdammt ...« »Was denn sonst?« »Drin ist es dunkel und dann ...« »Wenn es Tag wird, könnte es noch einer merken.« »Gehen wir beide.« »Geh, wenn du Lust hast.« »Gehst du, du Hundeaas, oder nicht?« schrie er auf sie ein. »Dein Vater ist es doch,« fügte er hinzu und ging hinaus. Die Frau folgte ihm schweigend. Als sie in den Schweinestall getreten waren, hauchte sie ein Entsetzen wie der Odem des Leichnams an. Der Alte lag kalt wie Eis und ganz steif da; die eine Körperhälfte war an den Boden festgefroren, sie mussten ihn mit Gewalt losreissen, ehe sie ihn über die Schwelle auf den Hof hinausschleppen konnten. Die Antkowa begann am ganzen Leibe vor Grauen zu beben, so furchtbar sah der Alte im Dämmer des grauen Frühlichts auf der weissen Schneedecke aus mit seinem qualverzerrten Gesicht, seinen weit aufgerissenen Augen, der heraushängenden Zunge und den fest zusammengebissenen Zähnen. Er war ganz blau angelaufen und über und über mit Mist beschmutzt, der an ihm festgefroren war. Das Hemd reichte ihm nur bis an die Knie und entblösste seine langen, dürren, schwarz angelaufenen Beine. Er machte einen grauenhaft widerwärtigen Eindruck. »Fass' an,« murmelte der Mann und beugte sich über den Toten. »Ist das kalt.« Ein eisiger Wind, wie er nur vor Sonnenaufgang zu wehen pflegt, blies ihnen ins Gesicht und fegte den Schnee von den Baumästen, die mit trockenem Knistern ihre Zweige schaukelten. Hier und da funkelten noch die Sterne auf dem bleiernen Himmelsgrund. Vom Dorf her klang das Knarren der Ziehbrunnen zu ihnen herüber und die Hähne krähten, als sollte es Witterungswechsel geben. Antkowa schloss die Augen und griff durch die Schürze nach den Füssen des Alten – sie konnten ihn kaum hinübertragen, so schwer war er. Kaum dass sie ihn auf der Bank zurechtgelegt hatten, flüchtete sie in die Wohnstube und warf einen Leinenlappen zum Bedecken des Leichnams zur Türe hinaus. Die Kinder waren mit dem Schaben der Kartoffeln beschäftigt. Sie wartete ungeduldig an der Tür auf ihren Mann. »Komm doch endlich – Herrgott, so lange ...« »Man muss einen besorgen, der ihn abwäscht,« meinte sie, das Frühstück zurechtmachend, nachdem er wieder zurückgekehrt war. »Ich werde den Taubstummen rufen.« »Geh heute nicht zur Arbeit.« »Gehen? ... nee, versteht sich ...« Sie redeten nicht mehr miteinander. Sie frühstückten ohne besondere Esslust, obgleich sie gewöhnlich einen vier Liter grossen Eisentopf leer assen. Über den Flur schlichen sie nur mit eiligen Schritten, ohne nach der anderen Hausseite hinüberzublicken. Etwas bedrängte sie, aber was es war, das wussten sie nicht; es war keine Reue, eher vielleicht die Angst vor dem Leichnam, vor dem Tode, die sie schüttelte und ihnen den Mund verschloss. Als es richtig Tag geworden war, holte Antek den Dorftaubstummen herbei, welcher den Toten abwusch, ankleidete und ihm zu Häupten eine Totenkerze ansteckte. Antek machte sich darauf auf den Weg, den Pfarrer und den Schulzen zu benachrichtigen, dass der Vater gestorben sei und er selbst, da er kein Geld hätte, das Begräbnis nicht auf sich nehmen könnte. »Lass den Tomek ihn auch beerdigen, wenn er alles genommen hat.« Im Dorf verbreitete sich in einem Nu die Nachricht von dem Tode des Alten. Die Leute fanden sich alsbald in kleinen Häufchen ein, die Leiche zu sehen, ein Totengebet zu murmeln, die Köpfe zu schütteln und schliesslich fortzugehen, um den anderen die Neuigkeit zu berichten. Gegen Abend erst erklärte sich Tomek, der andere Schwiegersohn des Verstorbenen, unter dem Druck der öffentlichen Meinung bereit, das Begräbnis auf sich zu nehmen. Am dritten Tage, kurz vor der Beerdigung, erschien Tomeks Frau bei den Anteks. Im Flur stiess sie Nase auf Nase auf die Schwester, die gerade dabei war, in einem kleinen Zuber Drank für die Kühe hinauszutragen. »Gelobt sei Jesus Christus!« murmelte sie als erste, und fasste eilig nach dem Türgriff. »Sieh mal einer die an! Judasseele!« die Antkowa setzte rasch den Zuber hin: »ist hier zum Spionieren hergekommen. Hast du den Alten so laufen lassen dürfen, was? Hat er euch nicht alles verschrieben? Du Metze, du! wagst noch hierherzukommen? willst vielleicht noch den Rest der Lumpen wegtragen, die er zurückgelassen hat, was?« »Einen neuen Kapottrock hab' ich ihm zu Pfingsten gekauft, den kann er, versteht sich, anbehalten – aber wegen dem Schafspelz, den nehme ich wieder an mich, weil er mir für meinen blutigen Arbeitsschweiss zukommt,« entgegnete die Tomkowa ganz ruhig. »Du wirst ihn nehmen? du räudiges Aas! nehmen!« schrie die Antkowa. »Ich geb' dir gleich was, gleich sollst du was haben ...« und sie sah sich um, als suchte sie nach einem Gegenstand, mit dem sie auf die andere einschlagen könnte. »Nehmen willst du? Sieh mal an ... Geschmeichelt habt ihr ihm, um den Bart gestrichen habt ihr ihm, dass er völlig dumm geworden ist, zu meinem Schaden hat er euch alles verschrieben und dann ...« »Alle wissen doch, dass wir das Land gekauft haben, es ist bei Zeugen aufgeschrieben worden ...« »Gekauft habt ihr! Sieh mal an, gekauft! Und du bist nicht bange, Gott in die lebendigen Augen hinein zu lügen? Gekauft habt ihr! Betrüger seid ihr, Diebe, Hundevolk! Habt ihm das Geld gestohlen, und dann was? hat er nicht aus dem Trog fressen müssen? hat es Adam vielleicht nicht mitangesehen, wie der Alte die Kartoffeln aus dem Trog fressen musste, ha? Im Kuhstall habt ihr ihn nächtigen lassen, weil er euch stank, weil er euch das Fressen verleidete! Für fünfzehn Morgen Land habt ihr ihm ein solches Altenteil gegeben! Für so viel Hab und Gut, ha? Und hast du ihn nicht noch dazu geschlagen, du Schwein, du Affe!« »Halt das Maul, sonst geb' ich dir eins darauf, dass du was merken sollst, du Sau, du Metze!« »Schlag zu, schlag zu, du Bettelweib!« »Ich, Bettelweib?...« »Ja, du! du! Am Zaun hättest du verrecken können wie eine Hündin, die Läuse hätten dich aufgefressen, wenn der Tomek dich nicht geheiratet hätte.« »Ich, Bettelweib! Oh, du verfluchtes Aas!« Sie sprangen aufeinander zu, griffen sich nach den Haaren und zerrten einander hin und her auf dem engen Flur, wobei sie mit vor Wut ganz heiseren Stimmen aufeinander einkreischten. »Du Soldatendirne! Du Herumtreiber! Da hast du eins! Da hast du's! Das ist für meine fünfzehn Morgen, für all das Unrecht, das du mir angetan hast, du Schmutzlappen!« »Um Gottes willen, Frauen! lasst nach, das ist die reine Sünde und Schande,« riefen die anderen Frauen. »Lass mich los, du Pestige, lässt du mich los!« »Ich werd' dich zu Tode schlagen, ich reiss' dich in Stücke, du Dreckaas!« Sie stürzten zu Boden, schlugen wild kreischend und aufheulend aufeinander ein, wohin sie trafen, und wälzten sich in dem Spülwasser, das aus dem umgestossenen Zuber floss. Die Wut benahm ihnen die Rede, sie röchelten schliesslich nur und schlugen aufeinander ein.« Kaum dass die Männer sie voneinander abbringen konnten. Sie sahen rot, zerkratzt, mit Schmutz besudelt und zerzaust wie Hexen aus, ihre Wut kannte keine Grenzen mehr. Sie fluchten, sprangen aufeinander zu, bespien sich und schrien zusammenhanglose Worte. Man trennte sie abermals, denn sie wollten einander noch einmal zu Kopfe steigen. Die Antkowa begann vor lauter Zorn und Erschöpfung krampfhaft zu schluchzen, raufte sich das Haar und klagte laut. »Oh, Jesus! Du mein liebes Jesulein! Oh, Maria! Dass dich Pestige ... Oh, mein Gott! Diese Heiden, diese Gottverfluchten! ... Oh! Oh! ...« sie brüllte dieses laut, an der Wand kauernd. Die Tomkowa schimpfte und fluchte indessen vor dem Haus und stiess dabei mit den Stiefelabsätzen gegen die Haustür. Die Leute hatten sich in Häufchen geteilt und berieten sich unterdessen, im Schnee herumstehend und vor Kälte von einem Fuss auf den anderen tretend. Die Frauen drückten sich wie rote Flecke gegen die Hauswand und pressten die Knie fest zusammen, denn ein durchdringender, kalter Wind blies auf sie ein. Sie unterhielten sich halblaut und sahen ab und zu auf die Dorfstrasse, die zur Kirche führte, deren Türme sich klar durch die nackten Äste abzeichneten. Immer wieder trat einer zum Verstorbenen ein, oder es kam irgendwer heraus. Durch die angelehnte Haustür blitzten die Flämmlein der gelben Kerzen, die der Luftzug sich länger recken liess, und ab und zu wurde blitzartig das scharfe Profil des im Sarge Ruhenden sichtbar. Der Duft von Wacholder, mit den Worten der Totengebete und dem Grunzen des Taubstummen vermengt, drang bis auf den Hof hinaus. Endlich erschien der Priester mit dem Organisten. Man trug den weissen Kiefernsarg hinaus und hob ihn auf den Wagen. Die Weiber stimmten ihre übliche Totenklage an und der ganze Zug setzte sich unter Singen durch die langgereckte Dorfstrasse auf den Friedhof zu in Bewegung. Der Priester hatte die ersten Worte des Totenliedes zu singen begonnen und schritt an der Spitze eilig aus mit seinem schwarzen Barett auf dem Kopf; über das weisse Chorhemd, dessen Seidenbänder im Winde knisterten, hatte er einen dicken Pelz geworfen ... Ab und zu nur streute er die gedämpften, wie eingefrorenen Worte des lateinischen Liedes aus und liess seine gelangweilten, ungeduldigen Blicke in die Ferne schweifen. Der Wind riss an der schwarzen Fahne, und die darauf gemalten Himmel und Hölle schwankten hin und her, nach allen Seiten flatternd, als blickten sie nach den Bauernhäusern zuseiten des Weges, vor denen ein Haufen Weiber in roten Tüchern auf dem Kopf und Bauern barhäuptig standen. Alle verneigten sich andachtsvoll und schlugen sich auf die Brust, nachdem sie sich bekreuzigt hatten. Die Hunde kläfften wütend hinterdrein aus den Heckenwegen und einzelne sprangen auf die Steinmauern und heulten langgezogen. Durch die Fensterscheiben guckten neugierig kleine, schmutzige Kinder und zahnlose, verrunzelte, wie Brachfelder im Herbst verbrauchte Greisengesichter. Ein Häuflein Jungen in Leinwandhosen und dunkelblauen Jacken mit Messingknöpfen, die blossen Füsse in Holzklumpen, ging, das Bild der Hölle auf der Fahne anstarrend, neben dem Priester her und wiederholte mit leisen, fröstelnden Stimmchen den Grundakkord des Gesanges: a! o! ... und sie hielten ihn, solange der Organist nicht in eine andere Tonart überging. Ignatz schritt ganz an der Spitze des Zuges stolz aus, hielt mit einer Hand die Fahnenstange und sang am lautesten von allen. Er war ganz rot vor Anstrengung und Kälte geworden, liess aber nicht nach, als müsste er zeigen, dass er allein das Recht dazu hatte, denn er brachte doch den Grossvater zu Grabe. Sie kamen aus dem Dorf hinaus. Der Wind warf sich Antek entgegen, dessen Riesengestalt alle überragte, sein Haar flatterte auf, er merkte es aber nicht, so sehr war er mit den Pferden und dem Halten des Sarges beschäftigt, der bei jedem ausgefahrenen Loch der Landstrasse bedrohlich zu wackeln begann. Dicht hinter dem Wagen gingen die beiden Schwestern, Gebete vor sich hinmurmelnd und einander mit funkelnden Blicken messend. »Tsutsu! Willst du machen, dass du nach Hause kommst! Marsch nach Hause, du Hundeaas!« einer aus dem Trauergefolge bückte sich, als wollte er nach einem Stein greifen. Der Hund, der vom Totenhaus her dem Wagen folgte, winselte auf, klemmte den Schwanz zwischen die Beine und flüchtete eiligst hinter einen Steinhaufen am Wege, und als der Zug schon etwas weiter war, holte er ihn, einen Halbbogen beschreibend, ein und schlängelte sich an die Pferde heran, um sich ängstlich den Dahinziehenden wieder anzuschliessen. Die lateinischen Gesänge waren verstummt. Die Weiber stimmten mit schrillen Stimmen die Worte des alten Kirchenliedes an: »... Wer treu sich in den Schutz des Herrn begibt!...« Das Singen breitete sich nur zaghaft aus: der Wind und der Schnee, der wild durcheinanderzuwirbeln begonnen hatte, wollten ihn nicht aufkommen lassen. Es dunkelte rasch. Von den weissen, wie eine Steppe unübersehbaren Feldern her, die ab und zu durch kahle Baumgerippe gekennzeichnet waren, fegte der Wind ganze Schneewolken heran und peitschte mit ihnen auf das Häuflein Menschen ein. »... Und ihn mit ganzem Herzen ehrt und liebt ...« zwängten sich durch den Schneesturm hindurch die Worte des Liedes, übertönt vom Pfeifen der Windsbraut und einem öfteren, kräftigen Zuruf Anteks, dem die Kälte stark zusetzte: »Wjoh! wjoh! Vorwärts, Kleine!« Auf der Landstrasse begannen sich schon stellenweise von den Steinhaufen und Baumstämmen aus lange Querwehen in der Art riesiger Keile zu bilden. Das Lied riss immer wieder ab, denn die Leute schauten sich ängstlich um und versuchten mit prüfenden Blicken den endlosen, weissen Raum zu durchdringen, der mit einem dumpfen Knistern, und immer wieder unter den Streichen des Sturmes aufheulend, hin und her wogte, sich zu gewaltigen Wällen türmte, wie eine anprallende Woge zerstob, oder wie eine Brandung herangerollt kam, sich überstürzte und auf die Gesichter des Trauergefolges mit tausenden und abertausenden spitzen Nadeln wütend einstach. Der grösste Teil der hinter dem Sarge Gehenden kehrte in der Befürchtung eines noch stärkeren Schneesturms auf halbem Wege um, der Rest aber erreichte in höchster Eile, fast schon laufend, den Friedhof. Sie erledigten ihre Sache rasch, die Grube wartete schon, sie sangen noch etwas, der Priester besprengte den Sarg mit Weihwasser, hartgefrorene Erdklumpen mit Schnee polterten über den Sargdeckel und die Leute eilten hinweg. Tomek lud die Teilnehmer zu sich ein: »denn der geistliche Vater hat gesagt, dass die Sache ganz gewiss sonst nicht ohne Gotteslästerung in der Schenke ihr Ende finden würde.« Antek liess als Antwort auf diese Aufforderung einen Fluch durch die Zähne fahren, dann wandten sie sich zu vieren, denn sie hatten den Smoletzbauer und ihren Ignatz mitgenommen, der Schenke zu. Sie tranken fünf Quart Schnaps mit Fettigkeit, assen drei Pfund Wurst dazu und beredeten sich über die Anleihe. Die Wärme und der Schnaps hatten Antek schon ganz umnebelt, als er die Schenke verliess; er torkelte recht bedrohlich. Die Frau griff ihm fest unter den Arm: so gingen sie heimwärts. Der Smoletzbauer war zurückgeblieben, um auf die in Aussicht stehende Anleihe hin noch einen zu trinken. Der Ignatz aber rannte eiligst voraus, weil es ihn grimmig fror. »Siehst du, Mutter, – die fünf Morgen sind mein! aha! mein sind sie, siehst du! und im nächsten Herbst werde ich darauf Weizen und Gerste säen und zum Frühjahr Kartoffeln pflanzen ... sie sind mein.« »Und sagst zu deinem Gott, du bist mein Trutz!« begann er plötzlich drauflos zu singen. Der Schneesturm war ein einziges Heulen und wütendes Rasen. »Still, sei doch still! Du fällst noch um, das wird das Ganze sein! ...« »... Von seinem Engel lässt er dich betreuen ...« er verstummte plötzlich mitten im Singen. Die Wurst machte ihn aufstossen. Es wurde stockfinster, der Schneesturm hatte einen solchen Grad von Raserei erreicht, dass auf zwei Schritt nichts mehr zu sehen war. Ein ins Riesenhafte angewachsenes Sausen und Pfeifen gellte um sie herum und ganze Berge Schnee rasten auf sie ein. Aus der Behausung der Tomeks schlugen Totenfeiergesänge und lautes Stimmengewirr an ihr Ohr, als sie vorüberkamen. »Diese Heiden! diese Diebe! wartet nur! ich werd' euch meine fünf Morgen eintränken; und dann werd' ich zehn haben, nichts könnt ihr mir tun! Hundegesindel! aha, seht ihr? Arbeiten werde ich, schuften werde ich, aber kriegen tue ich sie, ich werde sie haben; wir schaffen es, Mutter, nicht wahr?« er hämmerte mit der Faust gegen seine Brust und liess die schnapstrüben Augen rollen. So redete er noch eine Weile weiter, kaum aber hatten sie das Haus betreten, als ihn die Frau nach dem Bett schleppte, wo er wie tot niederfiel, aber er schlief noch immer nicht, denn mit einemmal begann er zu gröhlen: »Ignatz!« Der Junge trat heran, jedoch mit Vorsicht, damit ihn nicht zufällig der väterliche Fuss erreichen konnte. »Ignatz! du Hundeaas, Ignatz! Ein Hofbauer wirst du sein, kein Lump, kein Professiant!« schrie er und schlug mit der Faust gegen das Bett. »Die fünf Morgen sind mein, mein! aha! Deutsche Schlauköpfe! »Deutsche Schlauköpfe«, der polnische Bauer gebraucht das Wort »Deutscher« – »Niemiec« (»Niemiec«) als Bezeichnung für Ausländer und Ketzer überhaupt, zugleich aber auch als Verkörperung der Schlauheit und Gerissenheit. Hunde ... hundsver ...« Er war eingeschlafen. In der Herbstnacht Auf der aufgeweichten Landstrasse, die eher einem sumpfigen, morastigen Gewässer glich, das durch die öden, schwarzen Felder floss, ging ein betrunkener Bauer. Es dunkelte schon; ein kalter, regnerischer, schmutziger Novemberabend hatte sich über die Erde gesenkt. Die mit Blindheit geschlagene Welt weinte unaufhörliche, alles durchdringende Regentränen, die kahlen von Feuchtigkeit wie aufgequollenen Felder gleisten glasig, die Gräben und Ackerfurchen standen voll Wasser und die entlaubten Bäume beugten sich in ihrer Starrheit über die Landstrasse und zitterten vor Kälte und Nässe. Tote Stille lag über den aufgeweichten Ackerbeeten. Der Bauer ging rasch, torkelte stark, stolperte, fluchte, schritt aber trotzdem unentwegt aus; plötzlich blieb er stehen und fing mit seiner heiseren Trinkerstimme an zu singen: Oj! dyna, dyna, dyna, da! Menschenbrüder sind wir ja! Und packt dich mal der Tod, Dann kommt die letzte Not! Oj!!! Aber der Gesang wollte nicht aufsteigen, und die Worte des Liedes blieben wie aufgeweichte Brocken in der Luft hängen, um in die Dunkelheit ohne Widerhall hinwegzusacken; es hatte sie aber eine sich schattenhaft fortbewegende Menschengestalt vernommen, die sich in einer gewissen Entfernung hinter dem Gehenden langsam vorwärts mühte, denn sie blieb auf einen Augenblick horchend stehen und schob sich darauf ängstlich zur Seile, in den noch tieferen Schatten der Bäume am Weg. Der Bauer beschleunigte seine Schritte, aber er stolperte plötzlich über einen Stein oder eine Baumwurzel und fiel wie ein Holzklotz in den Schmutz der Landstrasse. Darauf hörte man lange nichts mehr als das eintönige Klatschen des Regens und das bänglich-zitternde, erregte Geraun der Bäume. Bis jener Menschenschatten sich näher herangeschoben hatte und sich über den Betrunkenen beugte. »Hofbauer! Hofbauer!« murmelte eine leise Stimme. Der Bauer kam zur Besinnung und versuchte aufzustehen, aber die schlaffen Hände und Füsse glitschten über den Schmutz ohne einen Halt zu finden und da die Trunkenheit seine Sinne ganz umnebelt hatte, dachte er nach einer Weile gar nicht mehr daran aufzustehen, sondern legte sich so bequem wie möglich zurecht und grunzte schlaftrunken vor sich hin: »Weich hast du es hier, warm hast du es hier, dann kannst du auch liegen bleiben, Hofbauer, ... liegen bleiben, versteht sich ...« »Steht doch auf, Ihr werdet noch ersaufen ...« »Hundsverdammt, wenn ich dir mit dem Stocke eins überlange, dann wirst du erst sehen! ...« schrie er drohend. »Hofbauer!« »Weck mich nicht, Frau, – ich sag' es dir im guten!« » Hofbauer, hört doch, Ihr habt Euch besoffen und liegt hier im Dreck!« »Besoffen! Hab' ich dir nicht, Jude, gesagt: Schnaps sollst du mir geben und nicht Sprit? hab' ich dir das nicht gesagt? Ich werde dir deine Pejses abdrehen, du Aas ... Still da, Frau ... Wenn der Hofbauer liegt, dann ist das so nötig und Schluss damit, verstanden! und dich geht das nichts an, weil du nur ein Frauenzimmer bist ... halt den Mund, Frau ... Bleib ruhig liegen, Hofbauer, ... hä ... hä ... die Knechte werden für dich arbeiten, das liebe Vieh wird für dich arbeiten ... bleib ruhig liegen, Hofbauer ... ruh dich aus ...« Aber die Frau liess ihn nicht im Dreck liegen, sie rüttelte ihn so lange, bis er etwas zu sich kam und sich mit ihrer Hilfe aufrichtete. »Martzicha!« murmelte er, nachdem er ihr ins Gesicht geschaut hatte – »Martzicha! ...« wiederholte er schon wieder vor sich hinlallend, schob die Pelzmütze tiefer in die Stirn und setzte sich mächtig torkelnd, allmählich jedoch immer schneller ausschreitend, als wollte er vor irgend jemand fliehen, in Bewegung. Eine Weile noch war der Klang seiner Schritte zu vernehmen, dann verwehte bald auch der leiseste Widerhall im Regengeplätscher. Martzicha blieb weit hinter ihm zurück; sie kam nur langsam vorwärts, denn die Holzklumpen rutschten auf dem Strassenkot unter ihr weg und liefen fortwährend voll Wasser, so dass sie sie jede paar Schritte abnehmen und umstülpen musste; sie ging schweren Schritts, denn die durchnässte Kleidung hinderte ihre Bewegungen. Gegen die Brust gepresst trug sie ein in Tücher eingewickeltes Kindchen, das leise wimmerte. So schleppte sie sich immer müder und vor Nässe halb erstarrt durch die nun schon ganz finster gewordene Nacht. »Jesus, barmherziger Jesus!« entrang es sich ihrer Brust und ein beissender, furchtbarer Gram presste aus ihren Augen einen Strom bitterer Tränen. Wie viele von denen hatte sie schon vergossen, wie viele! Sie weinte über die Menschen, über die Welt, über ihr unglückseliges Los. Eine richtige obdachlose Waise war sie doch; so hatte sie sich denn aufgemacht, in die ferne Welt zu wandern, wie eine von jenen braun-grauen Wolken, die schwer am Himmel dahinzogen, wie der nasse Wind, der sich von den Feldern erhob und spurlos vorüberwehte, wie diese furchtbare Novembernacht selbst ... Kein Erbarmen von irgendwo, keine Hilfe, kein Mitleid ... Ihr Los war über sie gekommen und hatte sie von dannen gejagt und dem Verderben ausgeliefert, bis sie nun hier ging und als einzigen Schutz nur noch ihre Tränen, den Schmerz und die Klage hatte, wie ein armes neugeborenes Hündchen, das man von der Mutterbrust losreisst und in eine Grube wirft, wo es sich gegen den Tod mit seinem kläglichen Gewinsel verteidigen muss. » Oh, Jesus! Jesus!« stöhnte sie ab und zu schwer auf. Die Nacht ringsum begann sie mit Angst zu erfüllen, vergeblich suchte sie nach dem Licht einer Behausung – nichts nirgendwo, überall nur immer unergründlichere Dunkelheiten, die Dörfer wie ausgestorben, dunkel und still, dass selbst die Hunde nicht mehr bellen mögen, kein Wagengerassel zu vernehmen weit und breit, keine Menschenstimme irgendwo – nichts als Grabesstille voll eintönigen Regengeriesels. Das Kind fing an kläglich zu schreien. »Still, armer Wurm ... still ...« sie hockte unter einem Baum nieder, steckte dem Kind eine ihrer mageren Brüste in den Mund und versank in ein dumpfes Lauschen auf ein fernes, kaum vernehmbares Rauschen, das wie von herabstürzenden Wassermengen kam. »Die Mühle! versteht sich – die Mühle!« murmelte sie und horchte wieder hin. Ein Hoffnungsschimmer hatte sie aufgescheucht, sie erhob sich rasch und ging nun, vor Erwartung und Unsicherheit am ganzen Leibe bebend, rascheren Schritts weiter. »Pietrusch! Pietrusch!« ihre Lippen hauchten kaum hörbar diesen Namen. – Er wird mich doch nicht fortjagen; nein, wie sollte er denn! überlegt sie, und unter einer plötzlichen Zärtlichkeitsaufwallung presste sie das Kind noch fester an ihre Brust. – » Pietruchna !« Ganz leise begann sich in ihrer durch die Leiden verwilderten Seele eine tiefe Rührung auszubreiten; Frühlingserinnerungen erwachten in ihrem Bewusstsein, helle Bilder der Vergangenheit stiegen aus den Tränenschleiern des Leids empor und in einem jeden von ihnen war doch allemal er, der Pietruchna, die Hauptperson! ... Das frosterstarrte und hungrige Kind begann abermals zu weinen. »Still! Du! ...« knurrte sie und hob die Hand, um nach ihm zu schlagen. »Wie sollte er das? Es ist doch seins,« dachte sie voll Unruhe und begann darauf leidenschaftlich das nasse Gesichtchen des Kindes zu küssen. Das Wasserrauschen wurde schon deutlicher und allmählich liess sich auch schon das dumpfe Rollen des Mühlenrades hören. Der Regen hatte etwas nachgelassen, der Wind begann hoch oben die Wipfel der Pappeln zu bewegen, die wie Gerippe an beiden Seiten des Weges standen, ein paarmal kurz aufrauschten, um dann in ein drohendes Raunen überzugehen, und vom Wald her, der als dunkle, düstere Wand gleich jenseits der Landstrasse aufragte, erscholl ein trauriges, leises Ächzen, als stöhnten die Bäume in der Dunkelheit, als rieselte ein unterdrücktes, seltsames Weinen durch Nacht- und Regengeflüster. Gewaltige Wolken, zu wild zerzausten Knäulen zusammengeballt, begannen rasch über den tief herabhängenden Himmel zu fliehen. Ein Angstschauer überrieselte die Welt, wie unter dem Dräuen einer bösen, gewaltigen Macht, so dass die Seele Martzichas vor jähem Entsetzen erbebte. Sie warf einen schüchternen Blick ringsum, schob sich das Kopftuch tiefer in die Stirn und lief jetzt, was sie laufen konnte, auf das immer näher hörbare Rädergeroll der Mühle zu. Der Wind aber wuchs immer mehr an und jagte hinter ihr drein, stiess gegen ihren Rücken, dass sie sich tief zu Boden neigen musste, blies ihr ins Gesicht, spritzte das Wasser aus den Strassenpfützen in ihre Augen, bewarf sie mit dürren Zweigen und pfiff so schneidend um ihre Ohren, dass sie anhalten musste, um etwas Atem zu schöpfen. Dann lief sie weiter, denn eine furchtbare Angst hatte sich ihrer bemächtigt – die Reihen der Pappelbäume schaukelten so heftig ihr zu Häupten und flüsterten so seltsam geheimnisvoll, dass ihr ganz bange zu Mute wurde; sie fühlte ihre gewaltigen Stämme sich bedrohlich über sie emporrecken, die kahlen Zweige wie auseinandergespreizte Tatzen nach ihr krallen, sie an den Schultern packen, ihr das Tuch vom Kopf zerren, das Gesicht zerkratzen – so dass sie entsetzt und wie besinnungslos weiterfloh. Sie kam erst wieder zu sich, als sie auf dem Deich stand, über den der Weg zur Mühle führte. Die Mühle stand etwas tiefer, so dass ihre Dächer in gleicher Höhe mit der Deichkappe und den düster aus der Dunkelheit aufgleissenden Mühlenteichen lagen; ein dichtes Erlengebüsch umgab sie, in dessen schwarzen Schatten das Wasser tosend und gurgelnd auf die Mühlenräder niederschoss. Das grosse dunkle Gebäude bebte bis in seine Grundmauern und das Geroll der Räder hallte dumpf aus ihm hervor. Die Frau kletterte behutsam den abschüssigen Weg vom Deich zur Mühle und betrat das Mühlhaus. Dicht hinter der Tür liess sie sich schwer auf einen Sack Mehl fallen, um sich etwas von der Erschöpfung zu erholen. Das gewaltige Mühlhaus war ganz von einem weisslichen Wolkenstaub erfüllt, – wie mit grauer Blindheit umflort ... Das an der Balkendecke hängende Lämpchen warf einen matten, roten Lichtkreis um sich, in dem undeutlich Reihen von Gängen und die Umrisse des Mühlenwerks sichtbar wurden. Alles bebte in diesen Mauern, zitterte, bewegte sich, mahlte und arbeitete, in einen dichten Mehlstaub eingehüllt; selbst der glitschige Fussboden unter ihren Füssen regte sich stossweise, die weissen Wände bebten, die Balkendecke, von der die mehlstaubüberpuderten Spinnwebfäden niederhingen, zuckte, die langen weissen Mehlkisten wurden hin und her gerüttelt – und hinter ihnen bewegten sich immerwährend im grauen Grunde die gewaltigen, schwarzen Räder, über die mit lautem Lärm die dicke grünliche Wasserflut geflossen kam, um sich mit ihren weissen Schaumköpfen mit solcher Gewalt auf die spitzen Pfähle tief unten zu stürzen, dass die Grundmauern ächzten und die Erde aufstöhnte. Zuletzt hörte man nichts mehr, als das lärmende Malmen der Mühlsteine. Ab und zu liess sich von dem ersten Stock ein durchdringendes, schrilles Klingelläuten vernehmen, auf dessen Klang hin irgend einer aus dem kleinen Stübchen des Müllerknechtes herausgelaufen kam, das sich in einer Ecke des Mühlhauses befand. Martzicha schlich sich näher an die Stubentür heran, versteckte sich hinter eine Getreidemühle und wartete geduldig. Sie fürchtete sich hineinzugehen, obgleich sie die Stimme von Pietrusch, der sich mit einigen anderen unterhielt, deutlich hören konnte. Der Mut hatte sie verlassen, sie presste sich an die dünne Wand und horchte; immer wieder lief einer aus der Stube heraus und hinter ihm quoll eine Flut von Licht, Wärme und Gelächter und suchte sich durch das Mühlhaus zu zwängen. In dem kleinen niedrigen Müllerstübchen war es heiss wie in einem Backofen; auf einem grossen Herd glimmte Torf und liess ab und zu bläuliche Flammen emporzüngeln. Eine Anzahl Bauern sass rings um das Feuer. Der Geruch von derbem Rauchtabak, Torfqualm und geröstetem Fisch erfüllte die Stube. Pietrusch selber lag auf seinem Bett, das mit einer Anzahl Schafspelze belegt war, und machte sich über einen betrunkenen Bauer lustig, der mitten in der Stube stand und sich schlaftrunken wiegte. »Geht nach Haus, Matthias, sonst verprügelt Euch die Alte, wie es sich gehört ...« »Sie soll mich prügeln? Ha ... Ein Hofbauer bin ich! ... bin ich! ... Unters Federbett lässt sie mich, hörst du, Schnaps mit Fettigkeiten gibt sie mir, äh ... oder noch was Besseres. Dass du es weisst! ...« »In den Schweinestall steckt sie Euch, weil Ihr Euch so besoffen habt!« »Besoffen, ich! ... Und hab´ ich nicht dem Juden gesagt: gib Schnaps, und das Aas hat mir Sprit gegeben ... ich pack' ihn bei den Haaren, dass Gott erbarm´ ... das tue ich ... So ein Aas! ... Der Hofbauer hat befohlen: Schnaps her ... zu gehorchen hast du, und wenn nicht, dann pack' ich dich bei deinen gelben Pejses und schmeisse dich ins Wasser ... du Judassohn!« »Michael! die Säcke! ...« rief der Müllergeselle, als sich das Klingelzeichen vernehmen liess. Ein junger Bursche erhob sich vom Herdfeuer und rannte hinaus, die Tür hinter sich offen lassend. Martzicha schob sich scheu herein und blieb an der Türschwelle stehen. »Gelobt sei Jesus Christus ...« murmelte sie mit leiser Stimme. Der Müllergeselle sprang vom Bett auf und schrie sie wütend an: »Was willst du hier! Raus mit dir, ... du ... Hündin!« Das Mädchen wankte, blickte mit seinem geistesabwesenden Blick auf die dasitzenden Bauern, warf das Kindchen aufs Bett des Müllergesellen und rannte davon ... »Ein Geschenk für Euch, Peter,« bemerkte einer bissig. »Eine schöne Geige,« warf ein zweiter ein, denn das Kind hatte angefangen zu weinen. » Zur Lenzzeit mit heisser Glut, zur Winterzeit ohne Mut ...« »Nimm doch einer das arme Wurm, sonst erstickt es dadrin noch ...« »Ist schon recht, wollt Ihr ihn auch gleich stillen, oder was?« Einer nahm das Kind dennoch auf und legte es in der Nähe des Feuers nieder; sie begannen es darauf alle zu betrachten. »Seine zwei Monate wird das arme Wurm haben, mehr nicht ...« »Es ist Euch ähnlich, gerade dieselbe Kartoffelnase hat es ...« »Sieh mal an ... einen Gehilfen werdet Ihr Euch aus ihm heranziehen können, dann wird's schon gehen damit ...« »Oder Ihr lasst das Ding mal in Dienst gehen, etwas Geld kommt dabei schliesslich doch heraus ...« »Aus jedem Sack nehmt Ihr Euch eben ein Mass Mehl mehr heraus und der Junge wird sich schon damit grosspäppeln lassen, selbst ein Kalb könnte es nicht besser haben.« »Was der aber heulen kann, Ihr könnt ihn Organist werden lassen mit solch einer Stimme, Peter, das ist wie bares Geld und eine feine Ehre obendrein, bedenkt mal, und dann das Geld bei all den Hochzeiten und Begräbnissen.« »Ihr habt, mein Lieber, nun einmal Honig geschlürft, da versucht auch, wie die Waben schmecken ...« »Und die Mutter ist auch 'ne Feine, ganz, wie es sich gehört ... die Klumpen hat sie fast neu, sind ihre sechs Böhmische wert, einen Rock, dass du ihn auch nicht für anderthalb Groschen kaufen kannst und ein Maul ... das nicht einmal in den Schweinezuber hineingeht... ein pikfeines Frauenzimmer ...« »Die brauchte man nur zu waschen und zurechtzukämmen, dann könnte sie schon dazu passen, bei den Juden in den Öfen anzuheizen.« Sie spotteten unbarmherzig über ihn weiter, er aber sass indessen auf seinem Bett und wusste nicht, was er anfangen sollte, die Wut würgte ihn und die Scham dazu, dennoch konnte er sich nicht von der Stelle rühren, denn seine Augen hafteten wie gebannt an dem weissen Gesichtchen des Kindes, das die Bauern ausgewickelt und auf die Herdplatte gelegt hatten, um es zu wärmen, so dass der Dampf schon von den durchnässten Lappen aufzusteigen begann. Plötzlich sprang er auf und rannte nach dem Mühlhaus. Alsbald vernahm man von dort wildes Geschrei und rasch aufeinander folgende Schläge. »Sie reden vom Lieben miteinander,« bemerkte einer der Bauern. »Welche ist denn das?« »Dem Antek seine Martzicha aus Wola. Sie haben sie aus dem Dienst gejagt, die Eltern haben sie vor die Tür gesetzt... wo sollte sie sich da hintun? ...« » Ho! ho! Der Pietrek, der ist der reine Henker für die Mädchen ...« »Ih... Henker ... versteht sich ... aber ein Schuft und Schinder ist er auch.« »Seid doch still,« rief einer der Anwesenden. »Pietrusch! Pietrusch! Schlag mich doch nicht!« flehte Martzicha, sich ihm zu Füssen wälzend. »Es ist doch deins ... sie haben mich aus dem Dienst gejagt ... sie haben mich von zu Haus fortgejagt ... wo soll ich mich hintun, ich Arme ... wo? Pietruchna! Barmherziger Jesus, o Jesus! Leute, zu Hilfe, Leute ... Jesus Maria!« heulte sie mit furchtbarer Stimme auf, denn er hatte ihr einen solchen Fusstritt in die Brust versetzt, dass sie schwer auf den Fussboden aufschlug, als hätte einer einen Sack Mehl hingeworfen. Mit einemmal liess der Lärm nach, man hörte nur das Öffnen der Eingangstür zum Mühlhaus, ein stummes Ringen und darauf nur noch das Poltern der Mühlenräder. »Er wird sie noch totschlagen ...« »Der wird nichts geschehen, den Bengel ist sie losgeworden und damit ist die Sache erledigt!« »So eine Hundemutter, hat ihr Kind liegen lassen und selbst – auf und davon ...« Und da der Säugling immer stärker zu weinen anhub, nahm einer der Bauern ein Stückchen Zucker vom Tisch des Müllergesellen, wickelte es in einen Lappen, zermalmte es mit dem Stiefelabsatz, tauchte den Lutscher ins Wasser und steckte ihn dem Kind in den Mund; es fing an, gierig daran zu saugen. Matthias, der auf dem Bett sitzend inzwischen eingenickt war, erwachte plötzlich und liess sich feierlich vernehmen: »Das Kind werde ich nehmen. Eine arme Waise ist es, das ist schon so.« »Nehmt es nur, Ihr habt doch keine eigenen Kinder; dass Euch die Frau aber dafür verprügeln wird, das ist so sicher, wie Gott im Himmel ...« »Verprügeln? ... Sie wird nicht prügeln. Sie schimpft sich was und zankt sich was ... aber `ne gute Frau ist sie ... Komm, armes Wurm ...« und mit dem plötzlichen eigensinnigen Entschluss eines Betrunkenen erhob er sich, zupfte seinen dreckstrotzenden Schafspelz zurecht, setzte die nasse Schafspelzmütze über und beugte sich zu dem Kind nieder. »Komm, Kleiner, komm ... keine Mutter hast du, keinen Vater hast du, dann werd' ich dir schon eine hofbäuerliche Vormundschaft angedeihen lassen. Ist es ein Junge, hä?« »Versteht sich, ein Junge ...« »Zum Viehhüten wird man ihn brauchen können ... einen neuen Knecht wirst du haben, Hofbauer ...« »Besorg' ihm aber erst eine Amme, oder stelle die Kuh vom Kalb ab, damit sie ihn grosssäugt.« Er hörte nicht auf das Gespött, wickelte das Kind in die ausgetrockneten Lappen, umhüllte es mit dem Schoss seines Schafspelzes und wandte sich festen und ziemlich gleichmässigen Schritts zum Gehen, nur den Ausgang musste er zuerst etwas suchen, aber draussen in der frischen Luft fand er sich sofort wieder zurecht und stieg schwerfällig den Deich hinan, denn der Wind, der sich zu einem Sturm verstärkt hatte, peitschte ihm den Regen ins Gesicht und stiess ihn auf den glitschigen Weg zurück. Er gelangte dennoch, mühselig vorwärtswatend, bis an die Teiche, bog dann nach links ab und wandte sich dem Dorfe zu. Er stapfte jetzt mitten durchs Wasser, denn der Sturm trieb die Wellen über den Rand der Mühlenteiche, so dass schon der Deich unter Wasser stand, das dem Gehenden in dicken Wellen gegen die Beine klatschte. »Schrei nicht, armes Wurm, schrei nicht ... hörst du ... Milch kriegst du, eine Wiege flecht' ich dir ... du sollst es bei mir gut haben, kleine Waise ... ja ... gut haben ... und Lohn kriegst du ... und Bekleidung kriegst du auch ... Ein Taschenmesser kauf ich dir auf dem Jahrmarkt ... das Vieh wirst du mir hüten ... oder auch die Gänslein ... Schrei nicht, armes Wurm ...« so knurrte er noch eine Weile vor sich hin und hielt behutsam, so gut dieses nur gehen wollte, mit den vor Kälte erstarrenden Händen die Schösse seines Schafspelzes zusammen ... Er verstummte jedoch bald, denn ständige Rülpser begannen ihm den Atem zu benehmen und der scharfe kalte Sturmwind stiess ihm die Worte in die Kehle zurück. Hinter dem Deich führte der Weg über Torfboden und riesige Pfützen; alte, zerzauste Birken neigten sich über den Weg und wimmerten kläglich unter den Hieben des Sturmes. Der Schmutz ging hier fast bis an die Knie. Der Regen hatte fast ganz aufgehört, aber um so schärfer pfiff jetzt der eiskalte Wind über das Moor. Matthias ging immer langsamer und zog nur mühsam die Füsse aus dem Schmutz; die Schlaftrunkenheit hatte ihn so gepackt, dass er schon fast im Gehen schlief, er war nicht mehr bei klaren Sinnen ... nur die Kälte und der scharfe Wind ernüchterten ihn ab und zu ... Das Dorf lag schon dicht vor ihm. Er torkelte nicht mehr so stark, da ihn aber die Müdigkeit immer wieder übermannte, gab er sich keine Rechenschaft mehr über seinen Weg und stapfte stumpf vor sich hin; hin und wieder betastete er halb bewusstlos seinen Schafspelz ... aha ... das Kind ... seine Füsse stolperten, die Kälte drang ihm bis ins Mark, denn der auf der Brust aufklaffende, durchnässte Schafspelz bot nur einen geringen Schutz gegen den eisigen Wind ... er liess den Schosszipfel seines Schafspelzes aus den Händen gleiten, schlug sich mit den Armen warm und fing mit schlaftrunkener, heiserer Stimme an zu singen: Oj! dyna, dyna, dyna, da! Menschenbrüder sind wir ja! Und packt dich mal der Tod, Dann kommt die letzte Not! Oj!!! Aus dem Schmutz der Landstrasse antwortete ihm ein leises, stockendes, erstickendes Kindergreinen – ein Schatten huschte näher ... und lief davon ... Er aber hörte nichts mehr und stapfte schlaftrunken weiter. Der Schneesturm Eine Winternacht vor Strenge trächtig, von Schneemassen blass erhellt, die die Felder mit einer flockigen Schicht bedeckten, sank hernieder, nahte auf allen Wegen und schien von überall her graue Formlosigkeit heranzuwälzen. Der Wind steigerte sich immerfort und ging allmählich in einen Schneesturm über. Er pfiff über die weiten Felder dahin, stürzte sich auf die totenstarren Baumskelette, wühlte sich in die Schneewehen ein, riss Massen trockenen Schnees los und schleuderte sie in den dunklen Raum hinaus; – wütend aufheulend und mit einem langgezogenen, drohenden Knurren haderte er mit sich selber. Die Welt war wie eine bläulich-fahle Flut, die den Schaum der Nacht auf ihren Wogenrücken trug. Alle Wege – schneeverschüttet und menschenleer; das stille Dorf duckte sich an den Flanken einer Anhöhe, die gleich einem Friedhofhügel ihren Scheitel mit Kreuzen geschmückt hatte und schwarz vor Wacholdersträuchern war. Ringsum herrschte vollkommene Öde und Wüstenei – nur der Schneesturm heulte darüber hin, mit tausend seltsamen Stimmen wehklagend, wälzte sich daher wie eine Riesenwoge und schlug wie eine Sturmflut aus Schneestaub auf eine baufällige ächzende, alte Schenke ein, die zwischen der nebligen Wand des Waldes und dem Dorf stand. Das alte Haus mit seinen zur Hälfte durch Bretter vernagelten Fenstern erzitterte bei jedem Windstoss, so dass die kleinen Scheibchen klagend aufklirrten und das Lämplein in der grossen düsteren Schankstube, das über dem Kamin hing, unruhig hin und her zu flackern begann und fast auszulöschen drohte. Ein zweites ähnliches Lämplein glimmte hinter der Vergitterung des Schanktisches und übergoss mit seinem gelblichen Licht Reihen von Flaschen und gewaltige Fässer. Der Wind stiess auf die verbogenen Wände der Schenke ein, rüttelte an dem verfallenen Gebäude und suchte sich pfeifend durch die Ritzen ins Innere hindurchzuzwängen. In der Schankstube war es still und eisig kalt, die Feuchtigkeit stieg von dem nassen, mit Schnee befleckten Fussboden auf, greiser, glitzernder Reif klebte an der Balkendecke und am Kamin. Ein betrunkener Bauer nickte über einem langen Tisch; ab und zu hämmerte er mit der Faust auf die Platte, dass die vor ihm stehende Schnapsflasche wackelte, knurrte halblaut einige Worte in seinen Bart, drohte dem Fenster mit der Faust und versuchte ein Lied anzustimmen. Je mehr jedoch der Schneesturm wütete und die Schenke erzittern machte, um so stiller wurde der Bauer, um so haltloser nickte sein Kopf und um so häufiger goss er sich Schnaps ein. Er zupfte immer wieder an seiner Schafspelzmütze, die er anbehalten hatte, und murmelte halblaut vor sich hin: »Wahr ist es ... die Wahrheit, die ist mein und die ist dein, und gehört einem jeden, der sie hat ... Die Wahrheit, das ist kein Hund, den sich einer bloss für sich allein an die Kette legen kann ... Zweitens habe ich Geld, das habe ich ... Gevatter! ... um so zum Beispiel zu sagen, hatte der Adam ein schlimmes Weib, aber kräftig war sie ... und geprügelt hat sie ihn ... und wie sie ihn geprügelt hat ... Ein weicher Kerl war er, von ausländischer Statur. Was hast du zu mir, Bauernlümmel, gesagt? Meine Ehre hab' ich, aufs Maul schlag' ich dich, denn jedes Vieh hat seine Ehre, und ich bin ein Hofbauer, der leibliche Vater meiner Kinder, ein Christ, ein Katholischer ...« Und wieder trank er, trommelte mit der Faust auf das Tischbrett und schwankte hin und her. Die Tür wurde vom Flur aus aufgestossen und zugleich mit dem Sturm und Schnee drangen zwei in Tücher eingemummte Kinder in die Stube. Das Mädchen war etwa zwölf Jahre alt und der Junge sieben. Sie schüttelten den Schnee von ihren Kleidern, stellten sich am Schanktisch auf und blickten schweigend im Zimmer umher. Der Bauer betrachtete sie mit seinen glasigen Augen und tat dann so, als wollte er auf sie zugehen: »Fürchte dich, Dirn', ich will dich fressen ... ein wildes Tier sitzt in mir ... ich fresse dich ...« »Versteht sich! bin ich vielleicht eine Wurst und Ihr der Hund, dass Ihr mich fressen sollt? ...« »Bist 'ne weiche Schwarte ... ich fresse dich! ...« Er stolperte über die unebenen Dielenbretter und fiel schwer gegen den Tisch. Der Junge lachte belustigt auf und das Mädchen murmelte höhnisch: »Diese Männer, ist das ein Volk, besaufen tun sie sich wie die wilden Tiere und haben noch ihren Spass daran ...« Die Schankwirtin erschien; darum beeilte sich das Mädchen, ein Bündel behutsam unter der Beiderwandschürze hervorzuholen, und sagte, es auf den Schanktisch legend: »Eine Mandel Eier und fünf Stück habe ich gebracht, dafür bekomme ich: vier Heringe, ein Quart Petroleum und eine Reihe Semmeln ...« Die Schankwirtin prüfte aufmerksam die Eier, indem sie sie gegen das Licht hielt. »Halt! Was ich noch vergessen habe! Das Mutterle haben gesagt, noch eine kleine Flasche Essenz, von der roten, sie wollen die Muhme bewirten, die morgen kommt, mich zu holen.« »Gehst du in Dienst?« »Versteht sich. So viele Mäuler sind zu Haus.« »Wessen seid ihr?« »Dem Jäger seine.« »So weit her und bei solchem Schneetreiben seid ihr gekommen? Das ist doch fast eine Meile weit und noch durch den Wald ...« »Ist schon so, ein mächtig weiter Weg und durch den Wald, aber wir kennen ihn gut. Und der Juseck hat keine Angst,« sie strich über die väterliche Pelzmütze, die dem Jungen bis auf die Nase heruntergerutscht war. Juseck wurde rot, und indem er seine Mütze wieder hochzuziehen strebte, liess er sich sehr gewichtig vernehmen: »Ich gehe immerzu mit Vater in den Wald und mit Antka nehmen wir die Vogelnester aus, da habe ich keine Angst.« »Der Schnee kann euch verschütten.« »Eh! ... wir gehen durch die Waldschneise, das ist näher.« »Dass euch die Mutter bei einem solchen Wetter fortlässt ...« »Es hat noch nicht geweht, als wir von zu Hause weggingen; wir hatten kein Licht mehr und Heringe braucht man und Essenz für die Muhme. Vaterle sind auf dem Rundgang.« So berichteten sie, während der betrunkene Bauer wieder sein Zwiegespräch angefangen hatte. »Ein Hofbauer bin ich, Herr bin ich ... Herr am Morgen, Herr am Mittag und am Abend ... Und Kartoffeln frisst du! ... Weil mir das so zu meiner Ehre passt ... Und zu Fuss gehst du! ... Weil ich so 'n grosser Herr bin, dass Pferde und Kutscher nicht für mich sind ... Und Stinkschnaps, gewöhnlichen säufst du! ... Weil mir schon die Arraks über geworden sind ... Ein Säufer bist du! – Still, sonst hau' ich dir eine runter. – Ein Säufer bist du! – Ich lang' dir mit der Runge eins über den Schädel, so wahr Gott im Himmel. – Ein Säufer bist du! – Du Hundedunst! willst du dich mit mir zanken und dich mir widersetzen!« schrie er drohend. – »Ein Säufer bist du! – Ei, du Pestiger! Tot schlag' ich dich, tot, Hundsverdammter du!« und er begann sich das Haar zu raufen, schlug sich auf den Kopf, ins Gesicht, riss an seiner Bekleidung und schrie: »Dass du dich nicht unterstehst, ein Hofbauer bin ich, ein Herr bin ich!« Dann hörte er mit einemmal auf und sank schwer auf die Bank zurück. Die Kinder betrachteten ihn gleichgültig. Er hob sich etwas hoch und lockte sie mit leiser, demütiger Stimme, ihnen dabei die Schnapsflasche entgegenstreckend. »Trinkt, arme Würmer, es ist schlimmer Frost draussen ... Trinkt mal ein bisschen, Kinder ...« Die Kinder schoben sich näher an die Schankwirtin heran und hörten nicht auf ihn, ganz in Betrachtung der Heringe versunken. »Frau Wirtin, gebt diesen armen Seelchen ein paar Semmeln. Wenn ich mal solche Kindlein treffe, dann muss ich ›akurat‹ an meine eigenen lieben Würmer denken, für die ich jeden Abend beten tue. So eine Waise bin ich schon, wie so ein Hofhund ... hundsverflucht ...« Er brach ab, dann fuhr er wieder fort: »Ein Weib hab' ich gehabt und 'ne Kuh und Kinder hab' ich gehabt, – und jetzt, wie dieser Stecken hier, bin ich ganz allein ... Dem einen habe ich ein Begräbnis bezahlt – reinen Schnaps habe ich getrunken, gegen den Kummer; das zweite hab' ich begraben, an Pocken ist es mir gestorben – Roten habe ich getrunken; das dritte habe ich begraben – Arrak habe ich getrunken, weil es mir das Herz abklemmte; die Frau ist mir eingegangen – reinen Sprit habe ich getrunken; die Kuh ist mir zum Frühjahr verreckt – alles durcheinander habe ich getrunken, und nichts hilft – den Schmerz darüber, den bin ich nicht losgeworden, der würgt mich immer noch ab. Fünfe sind mir eingegangen, fünfen habe ich ein hofbäuerliches Begräbnis gehalten, und nun trink' ich, weil mich der Alp zur nächtlichen Zeit abwürgen will und die Seelchen im Schlaf zu mir kommen, um sich zu beklagen – ich trink' immerzu ... Ein Säufer bist du! – Halt's Maul, sonst lang' ich dir eine ...« Und wieder fing er an sich mit sich selber zu zanken. »Hier habt ihr alles, Kinder, und macht, dass ihr fortkommt, man sieht die Welt nicht mehr vor den Augen, so weht es draussen.« Antka wickelte die Einkäufe in ein Tüchel und zog dem Bruder die Pelzmütze tiefer über die Ohren. »Gott mich euch!« sagte sie, und die beiden gingen. »Geht mit Gott. Na? Stepan, ich schliess' nun die Schenke.« »Stepan bin ich, ein › Pan ‹ bin ich,« knurrte der Bauer schlaftrunken vor Müdigkeit und Schnaps. »Geht schon, ich schliesse jetzt, bei diesem Wetter kommt kein Hund mehr in die Schenke.« »Trinkt, arme Würmer, trinkt ... Nicht, dann nicht ... Schmeckt dem Kalb die Rübe nicht, mag es Meerrettich fressen ...« Er trank den Rest des Schnapses aus, zupfte seinen Rock zurecht und fing an zu singen: Hast die Ehe mir versprochen, Wenn der Roggen eingefahren, Und jetzt fährst du ein den Hafer Und belügst mich wie ein Hund! Oj dana, da dana! »Jetzt kannst du einen schlafen, Herr Hofbauer,« sagte er und streckte sich ohne Umstände auf der Bank aus. »Stepan bin ich, ein ›Pan‹ bin ich ...« murmelte er nur noch. Die Kinder traten aus dem Flur ins Freie und blieben eine Weile besorgt stehen. Die Welt sah grau aus und wurde von den verstäubten fliegenden Schneemassen derartig getrübt, dass man weder Wege, Bäume, noch Häuser zu erkennen vermochte – alle Umrisse verschwammen im Wirbel des wilden Schneetreibens, aus dem ein Pfeifen, Rauschen und drohendes Knistern vernehmbar ward. Der Wind drehte sich im Kreise und griff immer wieder ganze Wolken von Schnee auf, die er über der Erde zu Staub zerstäubte, wie der Müller, wenn er aus den Beutelsieben das Mehl ausklopft. Das durchdringende Aufwinseln des Sturmes, das laute wehmütige Knarren der Bäume am Wege und ein dumpfes Knurren aus dem Raum waren jetzt die einzigen Laute dieser Sturmnacht. Die Kinder gingen schnell auf den Forst zu, kaum erkennbaren Spuren nach, die den schneeverwehten Weg kennzeichneten. Die Antka sah sich immer wieder um, und etwas Unruhe begann aus ihren Augen aufzuleuchten, der Junge ass indessen mit grösster Seelenruhe seine Semmel auf und schob ab und zu seine Mütze höher, um besser sehen zu können. »Antka! werden mir die Mutter einen Hering geben?« »Das wird sie.« »Das Köpfchen?« »Ja, das Köpfchen.« »Auf Kohlen werd' ich es mir braten und aufessen – so schmeckt es schön!« »Es schmeckt schön.« Sie schwiegen und stapften in den weissen, rasenden Abgrund hinein. Sie gingen im gleichen Schritt, obgleich der Schnee immer tiefer wurde. Antka blieb jede fünfzig Schritt etwas zögernd stehen und suchte nach den Spuren des Weges. Ihre Unruhe wuchs, je mehr sie sich dem Walde näherten. »Komm rasch, Juseck, im Forst wollen wir rasten, dann gebe ich dir auch noch Semmeln zu essen.« »Die Füsse schmerzen mich.« »Hab' keine Angst, komm. Mutterle wartet. Die Muhme bringt dir morgen ein Bildchen mit.« »Und eine Fibel auch?« »Versteht sich, auch eine Fibel.« »Dann gehen wir mit dem Wawschon in die Schule.« »Ja, das werdet ihr.« »Dem Roch sein Gschela hat gesagt, dass ich die Buchstaben schon kenn' und auch nicht schlecht zusammensetze.« »Ist auch so, das kannst du schon; ich bin drei Winter lang in die Schule gegangen, aber nur ein Bisschen habe ich gelernt.« »Ich kann's wirklich, Antoscha. Der erste Buchstabe, der gerade so aussieht wie zwei Dachsparren quer übereinander, das ist das ›A‹.« »Das ist wahr, dass er wie zwei Dachsparren aussieht, aber das Geschriebene, das kriegst du nicht zurecht.« »Doch, das krieg' ich zurecht, Antka! So ein ganz rundes Rädchen mit einem Stecken dabei, der von der Erde absteht wie eine Peitsche.« »Wie das heute weht, wie das weht! ... Menschenkinder! ... die Augen kann man nicht auftun.« »Warum ist das so?« »Das tut der Herr Jesus so herumpusten zu seinem Spass.« »Der Herr Jesus macht eine solche Kälte?« »Versteht sich, dass es kein anderer ist.« »Der geistliche Vater haben aber doch gesagt, dass der Herr Jesus den Lenz macht.« »Den macht er auch, – den Lenz und den Winter, weil es der liebe Herr Jesus so wollen ...« »Antoscha! werden mir Vaterle eine Jacke kaufen?« »Wenn er dir versprochen hat, dann wird er sie dir auch kaufen.« »Er hat gesagt, dass er mir für das Hüten eine kaufen wird – grad so eine wie der Michael von den Jendreks eine hat, mit blanken Knöpfen.« Sie schwiegen, denn der Wind peitschte auf ihre Gesichter ein und schüttete ihnen Schnee in die Augen. Der Sturm nahm immer wieder einen neuen Anlauf, er schien Riesenflügel auszubreiten und in wahnsinniger Wut mit ihnen auf den Raum einzuschlagen; kurzes, heulendes Aufzischen durchschnitt die Luft, ein Grollen und Donnergetöse wälzte sich aus einem Ende der Welt zum anderen. Der Wirbelsturm mengte Himmel und Erde durcheinander, heulte mit hundert verschiedenen Stimmen wie ein Rudel Wölfe, winselte in jäh abreissenden Anläufen auf oder pfiff langgezogen. Er legte sich auf Augenblicke, um sich nur noch wütender auf die Welt zu stürzen, richtete sich auf und brandete mit dem Rauschen eines sturmgepeitschten Meeres in wilden Wogen gegen das Land an, stiess, durch den Widerstand zur plötzlichen Raserei angestachelt, gegen die aufgetürmten Schneemassen, zerriss sie zu langen, sprühenden Kegeln, bildete weiss stäubende Wirbel und wälzte sich mit ihnen, die Schneeschleier zerfetzend, über die Felder dahin. Bald jedoch kehrte er wieder zurück, um seine wilde, gewaltige Arbeit abermals aufzunehmen. Der nahe Forst fügte diesem allgemeinen Tosen seine gewichtigen Stimmen hinzu. Er tauchte ganz schwarz immer näher vor ihnen auf, schien sich zu heben und immer riesenhafter emporzuwachsen, während er allmählich auf sie zukam. Die Kinder waren kaum noch imstande, sich durch die Schneehaufen einen Weg zu bahnen. Am Waldrand selbst war es stiller, aber sie gerieten mitten in den riesigen Trichter einer Windhose; gewaltige Schneewehen, die übereinandergestürzten Felsen glichen, umgaben sie rings und spien wie lebendig gewordene Vulkane einen feinen, schneidenden Staub aus, der die Augen blendete. Auf zwei Zoll war nichts mehr zu sehen, als ein grenzenloses, rasendes Gewoge. Sie gingen wie in eine Wolke eingehüllt, in der beständig ein dräuendes, spitzes Knistern raschelte. Zuletzt hockten sie sich ein wenig nieder, um neue Kräfte zu sammeln. »Es muss hier irgendwo einer hängen, dass es so weht.« »Der Böse?« fragte Juseck leise, und die Angst überrieselte ihn mit einem kalten Schauer. »Der Böse nicht, aber einer, der vom Bösen besessen ist.« »Und wo ist er?« fragte der Junge noch leiser. »Wo? er schaukelt irgendwo an einem Ast.« »Der Gehängte?« »Versteht sich, kein anderer. Er baumelt an einer Esche im Walde. Jesus! Maria!« schrie sie plötzlich auf und fiel in den Schnee, den Jungen im Fall mit sich fortreissend, denn ein riesiger Ast, den der Sturm mit sich trug, war dicht über ihren Köpfen wie eine grosse Wolke vorübergeflogen. »Der Erhängte! Antka! Der Erhängte!« schrie Juseck laut auf. »Ave Maria! Unter deinen Schutz begeben wir uns ...« murmelte das Mädchen, ihre Zähne klapperten, sie war vor Entsetzen und Angst wie erstarrt und wagte sich nicht zu erheben. Es verfloss ein gutes Vaterunser, ehe sie aufgestanden waren und weiterzugehen versuchten, aber dieses plötzliche Erlebnis war ihnen wie ein schwarzer Fleck auf der Netzhaut haften geblieben und quälte ihr Denken mit wilden Entsetzensbildern. Sie hielten immer häufiger an, um das heimliche Beben zu bezwingen, das sie schüttelte, und um sich ängstlich umzusehen, denn es schien ihnen immer wieder, als sähen sie in jedem dunkleren Umriss den an seinem Tau schaukelnden Leichnam des Erhängten. Sie betraten den Wald und drehten nach der sogenannten Waldschneise ab, die den Forst in schräger Richtung durchschnitt, denn der Waldweg war vom Schnee ganz verweht und nicht zu begehen. Unter den Ästen der Waldriesen war es fast still, der Schnee deckte mit einer dicken Schicht die Erde zu und häufte sich zu solchen Lasten auf den Zweigen, dass sie schwer herabhingen. Der perlgraue Hintergrund des Waldes wirkte seltsam ergreifend. In endlosen Reihen standen die Baumstämme wie Säulen aus Basalt und hoben sich von der Waldtiefe wie gespenstige Umrisse ab, sie schienen überall den Weg versperren zu wollen und reckten sich in einem so düsteren Schweigen vor ihnen auf, dass die Kinder die gewaltige Macht ihrer Erscheinung leibhaftig fühlten und ihre traumhafte Versonnenheit sie mit einer heiligen, geheimnisvollen Scheu durchschauerte. Sie fühlten sich mit einemmal wie mitten in einer Kirche im Abenddämmer, wenn alle Lichter erloschen sind, die Vergoldungen der Altäre aufzuschimmern beginnen und der letzte Nachhall der frommen Gesänge und des Orgelspiels in Stille und Nacht verweht. Sie redeten kein Wort mehr miteinander und setzten, von einer abergläubischen Angst und dem Verlangen getrieben, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen, ihren Weg fort. Die Bäume über ihnen neigten sich hier und da mit dumpfem Rauschen und schlugen mit ihren Ästen gegeneinander, oder sie flüsterten so leise wie zerfliessende Wellen und schüttelten ihren Schnee ab, so dass er in Schleiern niederfloss und in seinem Rieseln sich in eine weisse, knisternde Wolke wandelte, dann reckten sie sich wieder starr auf, ganz in Stille und Schlaftrunkenheit versunken. Der Sturm schien nur darauf gelauert zu haben, denn er kam johlend heran und schlug auf den Forst von oben ein, zauste ihn, wirbelte alles durcheinander, knickte, was er erreichen konnte; und peitschte mit so gewaltiger Kraft drein, dass er ganze Äste brach und Bäume zersplitterte wie nichts. Der Wald erbebte bis in seine Wurzeltiefen, begann unter diesen wütenden Schlägen seltsam schmerzlich zu heulen, neigte sich mit durchdringendem Ächzen, hob sich steil wieder auf, reckte seine hohen Stämme gerade und fing voll wilden Zornes an trutzig und machtvoll zu rauschen; er schien seine Kräfte zu sammeln, sich fester in den Erdboden zu stemmen und in einer dichtgedrängten Masse den Kampf aufnehmen zu wollen; mit seinen Baumkronen peitschte er auf die Windsbraut ein und warf ihr seine plötzlich erwachte riesenhafte Kraft entgegen. Der Sturm aber, der mit den brandenden Wogen seiner Windstösse wie mit Mauerbrechern immer wieder den Wald berannte, stiess jetzt mit solcher Wucht auf die Wipfel nieder, dass der Wald vor Zorn ein einziges Heulen und Brausen wurde; seine stolze Kraft vertausendfachte sich unter den wütenden Schlägen, und unter zornigem Schaukeln, ganz seiner Raserei hingegeben, stimmte er seinen mächtigen Hassgesang an, der allen Stürmen hohnzulachen schien. Bis zuletzt nichts mehr zu hören war, als ein Pfeifen, Sausen, Splittern und nicht enden wollendes Geheul. Das Krachen wegbrechender Stämme mengte sich ab und zu in dieses Chaos wie eine Gewehrsalve und ertrank in dem Aufruhr, nachdem es knatternd die Luft zerrissen hatte. Hinweggebrochene Baumkronen kamen ächzend durch die Luft geflogen, abgeknickte Baumhäupter, noch mit ihren letzten Rindenfasern sich an ihre gewaltigen Mutterstämme klammernd, rangen verzweifelt mit der Gewalt des Sturmes und schlugen wild auf die Nachbarbäume ein; hin und wieder kam darauf aus dem tiefsten Waldinneren die Flut eines solchen Schweigens geflossen und gewann so unumschränkte Macht, dass die Kinder das Klopfen ihrer erregten Herzen zu vernehmen glaubten, in welches sich das siegreiche Geraun des Waldes mischte; mit weit aufgerissenen Augen starrten sie auf jeden dunklen Baumstamm und jeden schwarzen Ast, von dem der Sturm den Schnee weggefegt hatte. Die Angst vor dem Gehängten, der hier irgendwo an seinem Ast schaukeln musste, machte ihre Herzen, die ohnedies schon durch den Sturm und durch diese furchtbare Nacht entsetzt genug waren, wild schlagen. Jeden Augenblick griff Juseck die Schwester am Arm und flüsterte verstört: »der Gehängte! da, der Gehängte!« Und es war doch schliesslich nur ein gebrochener Ast, der zwischen den Baumstämmen hin und her schaukelte, oder ein Lärchenbaum in seinem runzeligen, schwarzen Rindenharnisch, der wie ein Gespenst vor ihnen aufwuchs, oder auch nur ein Schatten, der sich plötzlich von irgendwoher gelöst hatte und über die Schneedecke huschte. Die Antka schritt rasch aus und obgleich sie die Augen vor Angst schloss, musste sie sie immer wieder auftun und um sich schauen. Noch nie hatte sie einen Gehängten gesehen, aber die durch die Ängste der Dunkelheit und das Grauen der Sturmnacht erhitzte Einbildung schuf ihr eine grausige Fratze, ein unsagbar scheussliches Gespenst, das sie für Augenblicke ganz dicht vor sich auftauchen sah: einmal schaukelte es sich an einem Aststumpf in dunkler Waldestiefe, einmal flog es über den Wald dahin im Wirbelsturm und breitete die Arme aus, ein andermal wälzte es sich zwischen den Baumstämmen der Waldbäume wie ein formloser Klumpen auf sie zu und prallte im Rollen gegen die Bäume an; dann wieder sah sie es durch den Forst als eine Schneestaubwolke ziehen, oder es kam unsichtbar daher, verdunkelte nur die ganze Welt durch seinen Schatten und lachte – sie hörte es ganz deutlich, dieses böse, krähende Kichern, sein schadenfrohes Hundegewinsel und sein scheussliches Schmatzen. Das Blut erstarrte in ihren Adern, etwas krampfte sich in ihr zusammen vor namenloser Angst, denn es war ihr, als fühlte sie, wie dieser Gehängte sie fangen und erwürgen wollte. Vergeblich betete sie vor sich hin, vergeblich bekreuzigte sie sich, eine innere Angst stieg immer heftiger in ihr auf; dabei konnten sie jetzt nur Schritt für Schritt vorwärtsdringen, denn es versperrte ihnen häufig ein solches Jungwalddickicht den Weg und so gewaltige Riesenstämme hatten sich quer über den schmalen Waldpfad gelegt, dass sie sich nur mit Mühe fortbewegen konnten. Halbtot vor Ermattung und Angst erreichten sie eine kleine Waldwiese, von der die Waldschneise mehr nach links abbog und gerade auf ihre Hütte zuführte. Sie sanken unter einer gewaltigen Tanne nieder, welche mitten auf der Waldwiese stand, um etwas auszuruhen. Sie froren, darum schmiegten sie sich dichter aneinander und starrten voll tiefer unbewusster Angst in das Walddunkel. Eine unerklärliche Furcht durchschauerte sie, und die Stille um sie herum bedrückte sie noch mehr, als selbst das Rasen des Sturmes. »Ich fürcht' mich, Antoscha,« murmelte der Knabe. »Fürcht' dich nicht, Juseck. Der liebe Herr Jesus lässt uns nicht umkommen.« »Der Herr Jesus können alles? ...« »Alles.« »Dann könnte er, wenn er wollte, unser Haus mit dem Sturm fortnehmen?« »Das könnte er.« »Antka! dann könnte er auch unsere Scheckige wieder lebendig machen?« »Versteht sich, er würde nur den Atem in sie hineinblasen und sie würde wieder aufstehen.« »Wenn aber Vaterle das Fleisch verkauft haben und wo wir doch auch schon davon gegessen haben ...« »Dumm bist du, brauchst nicht zu grübeln ... Der Herr Jesus hat die Macht alles zu tun.« »Es friert mich so, Antoscha!« Sie wickelte den Kleinen in ihre Beiderwandschürze und zog ihn noch näher an sich heran; so sassen sie, stumm auf das dumpfe Grollen des wieder heranrasenden Sturmes horchend. Der Wirbelsturm nahte, die ersten, leichteren Sturmwellen eilten heran wie Vorposten, dann setzte mit einemmal der Wind mit grausigem Pfeifen ein und packte den Wald mit aller Kraft, begann das Geäst wegzubrechen, frass sich in die Dämmertiefen ein mit einem Rauschen, das dem Branden sturmgepeitschten Wassers glich, riss alles, was ihm Widerstand bot, zu Boden, wirbelte den Schnee auf und verdunkelte die Luft mit einer undurchdringlichen Trübe. Der Wald klagte auf, wie in äusserster Verzweiflung, beugte seine knarrenden Stämme, und ganze Striche sanken mit einem donnerähnlichen Krachen wie niedergemäht zu Boden; er heulte dumpf, röchelte wie ein gewürgtes, verreckendes Tier, spannte von neuem seine Kräfte an und verfiel schwankend und brausend, von der Wut des Kampfes wie in blinde Raserei versetzt, wieder in ein langes, keuchendes, so schwer und grausig klingendes Ächzen, dass die Kinder vor Grauen schier erstarben. Und der Sturm steigerte sich immer noch und säte furchtbare Vernichtung; alte Riesenstämme riss er wie dürre Stecken aus dem Boden, oder er knickte sie, dass sie zersplitternd auf die Waldwiese niedersanken und auf der weissen Schneedecke liegen blieben wie geschändete Leichen. Ringsum war nichts mehr zu erkennen ausser den rasenden, durcheinanderwirbelnden Schneemassen, in den Ohren aber gellte das wilde, zornige Brüllen der entfesselten Gewalten. »Ich fürcht' mich, Antoscha, ich fürcht' mich!« »Fürchte dich nicht. Wenn der Wind nachlässt, dann gehen wir heim.« Sie schwiegen abermals, denn es begann ihnen plötzlich wärmer zu werden und eine eigentümliche Stille fing allmählich an sie einzuhüllen. »Juseck, lass uns beten ... dann wird vielleicht der liebe Herr Jesus uns helfen,« und sie begann: »... Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Wille geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden,« ... leise erklang das Gebet, und es war, als entströmte ein Streifen Licht und Wärme diesem Geflüster ihrer Herzen, die der Angst erlagen, und flösse in die Nacht, in die dahinjagenden Schneewirbel, in den Sturm hinaus, der ringsum heulte und alles vernichtete; und es war, als verrieselte er in jene entfesselten Elementarmächte, die ihre Gewalt über die Welt ausübten und mit rohem Frohlocken sich durch den Raum dahinwälzten. Der Schnee hatte die Kinder allmählich fast ganz zugedeckt, sie wussten es nicht einmal, es war ihnen seltsam wohl zumute, eine süsse Schlaftrunkenheit hatte sie schon in ihrer Gewalt: um so zutraulicher beteten sie die Worte des Gebets, um so vertrauensvoller legten sie ihre Seelen dem Herrn zu Füssen und flehten um Gnade ... »Unser täglich Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben« ... und ihre Herzen waren so von Liebe durchzittert und so von Liebe erfüllt, dass sie immer leiser und langsamer die Worte des Gebets vor sich hinflüsterten. Diese zwei kleinen, einfachen Menschenseelen legten sich freiwillig in einer dunklen Todesahnung wie zwei erlöschende Fünkchen zu Füssen der Allmacht und flehten mit ihrem Herzblut um Erbarmen. Sie fühlten ein seliges Wiegen in sich, und eine Heiligkeit voll süssester Laute strich über ihre Herzen. »Gegrüsst seist du, Maria, du bist voller Gnaden,« betete Antoscha mit kaum hörbarem Stimmchen und spann das Gebet in wirren Gedanken voll schlaftrunkener Ohnmacht traumhaft weiter. Sie versanken bald ganz in ein unsagbar seltsames Schweigen; es war ihnen, als hüllte sie ein Engel in weisse warme Tücher ein und bewegte seine Flügel dazu in einem leisen Rauschen, denn sie fühlten sich immer wohler und wohler, bis dass zuletzt eine solche Helle, eine solche Wonne, eine solche Musik und solch ein Singen ihr Inneres erfüllten, und eine solche Glückseligkeit, solches selbstvergessenes Entzücken in ihnen weckten, wie sie es nie gekannt. Ihr Bewusstsein zerriss, während ihr Inneres sich zu dehnen begann; eine grenzenlose Seligkeit schien sie aufzurichten, sie fühlten immer weniger und undeutlicher, was mit ihnen geschah, aber ein Gemeinsames durchdrang sie jetzt, – durch ihr Gehirn zogen traumhaft die Bilder der noch nicht fernen Vergangenheit, sie durchlebten sie zum zweitenmal. Das Elternhaus ... der Kirschhain ... die Trift in der Nähe des Baches ... die Scheckige ... die ist nun tot ... dann gehen sie im blassgrünen Birkenhain Morcheln und Weiberohren sammeln ... oder sie verstecken sich im rauschenden, goldigen Getreidefeld ... Die niedrige Dorfkirche mit ihren altersgeschwärzten Wänden ragt vor ihnen auf ... sie hören das Singen des Priesters und beten; der Weihrauch der Räucherschiffchen umhüllt sie mit seligem Duft und die tiefen Orgelklänge erfüllen sie mit heiliger Ehrfurcht. Die Monstranz erstrahlt über ihnen im goldenen Leuchten, so dass sie, vor seliger Furcht und grenzenlosem Entzücken trunken, ihre Gesichter tief zur Erde neigen. Und dann sehen sie den Priester kommen ... die Menge der Andächtigen hinterdrein ... und alle gehen ... Die Fahnen rauschen, und tief aus den Herzen des Volkes erhebt sich ein Singen und steigt in die Himmelsbläue ... »Du Heiliger, Unsterblicher!« ... klingt es im breitflutenden Gesang, und dieses Fluten der Stimmen ergreift ihre Seelen und trägt sie mit sich fort ... Die Glocken klingen so ernst, erdröhnen zu einem solchen Lobgesang der Freude, dass Tränen unsäglicher Rührung ihre Wangen, ihre Herzen überfluten ... Dann ein anderes. Dicht neben ihnen flutendes Wasser, grünende Getreidefelder ... ein grosser, festlicher Menschenhaufe ... Magdas, ihrer ältesten Schwester, Hochzeit. Ein Gedränge, ein Lärm, ein Singen, tanzlustige Weisen, die Gesichter strahlen vor Wonne, lachen vor Lust, die reiche Fülle des ungebundenen Dorflebens umschliesst sie ... Und wieder andere Bilder; die Erscheinungen kommen und gehen mit einer solchen rasenden Geschwindigkeit, dass sie schon nicht recht mehr wissen, was sie sehen; es verdunkelt sich, die Seelen umhüllt ein Schatten ... nach der Schenke gehen sie doch und der Wind pfeift um sie her, der Schnee wirbelt auf, die Nacht streut veilchenblaue Schatten aus ... Sie fangen an zu zittern, unruhig aufzuzucken ... es bedrückt sie ein Dunkles, das vor ihnen aufsteigt, dort ... am fernen Himmelsrand, sie sehen, wie es schaukelt und wächst ... Sie fliehen durch den Wald, aber das Gespenst ist ihnen schon voraus, es springt und kichert, dass ihnen das Blut zu Eis erstarrt ... klammert sich an die niederhängenden abgebrochenen Äste und wiegt sich vorgebeugt, riesenhaft und in seiner bläulichen Fahlheit furchtbar, im Takt des Sturmes, indem es seine Augen blutrot aufglühen lässt; sie ersterben vor Grauen, denn es ist schon ganz nahe, denn es reckt seine Schattenkrallen, um sie zu packen. – »Der Erhängte! ... Ah ... ah!...« Sie schreien in ihrer Todesangst auf und wollen fliehen, aber sie haben keine Kraft, sich von der Stelle zu bewegen; schwer lastet etwas auf ihnen, sie fühlen sich wie aneinander und an den Boden geschmiedet – sie ringen in unmenschlicher Anstrengung, reissen sich los, spannen den Rest ihrer ganzen Kraft an – und ermattet, in Todesschweiss der Qual gebadet, sinken sie aufröchelnd in einen endlosen Abgrund, um bald zu sehen, dass der Erhängte mit auseinandergespreizten Beinen jetzt dicht über ihnen schaukelt, sie hören das eintönige Knarren seiner Hanfschnur am Ast und das dumpfe Aufschlagen seines Körpers gegen den Baumstamm – und wieder sinken sie tiefer und sie fallen ... fallen ... atemlos, ohne Besinnung in die Unendlichkeit. Der Schneesturm war vorübergerast. Der Wald stand ruhig da, schien schwer zu atmen und sich in die grenzenlose Stille einzuhüllen, die über der Erde lagerte. Durch die perlgrauen Nebel funkelten hier und da die Sterne und der Mond hatte sich des Restes seiner Wolkenschleier entledigt und rollte wie ein leuchtender Ball durch den Himmelsraum; er tränkte das dunkle Grün der Tannen mit Silberschimmer, streute über die Schneemassen bläuliche Schatten aus und krönte wie mit einem Lichtkranz zwei aneinandergeschmiegte Kinderköpfe, die sich durch ihre Leichenfahlheit kaum von dem Schnee ringsum unterschieden, er zündete in ihren weit geöffneten, gebrochenen Augen grünliche Funken an und strich liebkosend über die im Ausdruck namenloser Angst erstarrten Gesichtchen. Die im Nachtschweigen und Mondschimmer ertrunkenen Waldmassen schienen aus dem Pulsen ihrer kreisenden Säfte heimlich ein inniges Dankgeraun aufsteigen zu lassen – wie liebreiches Lobsingen, wie ein letztes Totenlied jenen reinen Seelen zu Ehren, die sich in die Unendlichkeit aufgelöst hatten. Die stille Winternacht voll Sterngefunkel, voll von Geheimnissen des Schweigens und des Schlafes rann währenddessen unaufhaltsam ihrer Erfüllung entgegen. – Entwurzelt »Wawschon! steh doch auf, hast dich vollgesoffen und wirst hier wie ein Gnädiger herumschlafen, und ich weiss mir schon gar keinen Rat mehr vor lauter Arbeit. Raphael soll doch gleich vorfahren, jeden Augenblick kann er hier sein, na!« Sie begann den Mann, der in der Stubenecke auf einem Haufen Stroh lag, das man aus den Bettstellen herausgezerrt hatte, derb zu schütteln. »Geh weg, Frau, das sag' ich dir,« knurrte Wawschon zornig und drehte sein Gesicht der Wand zu. »Man muss doch noch alles vors Haus tragen, dann wird es später leichter sein, die Sachen auf den Wagen zu laden. Das Korn ist noch nicht in den Sack geschaufelt, die Kartoffeln muss man aus dem Schuppen rausholen, soviel Arbeit, dass Gott erbarm', mir fallen schon fast die Füsse ab, und der Kerl schläft hier herum, anstatt einem zu helfen. Wawschon! ...« schrie sie, wütend auf den Liegenden zuspringend, »stehst du nicht gleich auf, so hau' ich dir eine runter, dass du's gewahr wirst!« »Frau, ich sag' es dir im guten, geh da weg,« entgegnete er weich, legte sich auf den Bauch, streckte den Kopf ins Stroh und blieb so unbeweglich liegen, ohne auf die Klagen und das Geschrei der Frau zu achten. »O du mein Gott, ich arme Waise, ich Arme! Soviel Gutes habe ich mit dem Mann erlebt, dass ich jetzt aufs Kätnerleben angewiesen bin, wie gewöhnliches Bettelvolk, bei diesem Wetter, wo es einem selbst leid tut, einen Hund aus der Stube zu jagen! Eine Hofbauerntochter soll zu den Leuten auf Taglohn gehen, wie Lumpenpack oder Herumstreicher! Du lieber Gott!« klagte die Wawschonowa weiter und nahm dabei die Heiligenbilder von den Wänden, bedeckte ein jedes mit einer Beiderwandschürze und trug sie so vors Haus hinaus unter den Dachvorsprung. Sie blieb auf der Schwelle stehen und blickte auf die vor Regenpfützen gleissende, aufgeweichte Fahrstrasse, die quer durch den neuen Waldhau führte, welcher sich im weiten Umkreis um die Hütte dehnte, um die Reisighaufen und mächtige Holzstösse aufgestapelt lagen. Sie sah hinaus, ob Raphael nicht käme, der ihre Habseligkeiten ins Dorf hinüberschaffen sollte; aber auf dem Weg war nichts zu sehen ausser den bläulichen, tief herabhängenden Nebelschwaden und den grossen Regenpfützen. Ein feiner, kalter, durchdringender Regen rieselte ununterbrochen vom Himmel herab. Sie seufzte schwer auf, schneuzte sich laut, liess einen wehmutsvollen Blick durch die Behausung gehen, aus der sie gezwungen waren alsbald auszuziehen, und ging auf die andere Hausseite, um nach der Kuh zu sehen, die mitten im Stall stand, denn man hatte schon die Krippe und die Raufe vors Haus getragen, wo auch eine alte gelbe, mit feuerroten Blumen bemalte Schatulle stand mit blau angestrichenen, hinter Scheiben sichtbaren Borten, neben ihr bildeten Bänke, Holzstühle, ein kleines Tischchen mit einem schwarzen, von einem Rosenkranz ganz umwundenen Kruzifix ein wirres Durcheinander; Holzeimer, gefüllte Kartoffelsäcke, mit einem Strick verschnürte Heubündel lagen umher; zwei Bettstellen, ein Bort und eine Menge anderen Gerümpels türmten sich zu einem bunt zusammengewürfelten Haufen auf. Eine grosse, borstige, gefleckte Muttersau lag auf dem Boden, mit einem Hinterbein an einen jungen Eichbaum gebunden, der dem Fenster gerade gegenüberstand; sie grunzte schwer, denn die rosigen Ferkel sogen an ihren Zitzen und stiessen dabei auf sie ein. »Grauchen! Meine Siwula!« murmelte die Frau, indem sie der Kuh liebkosend über den haarigen Hals strich. Die Siwula streckte den Kopf vor und begann ihr mit der scharfen Zunge über die bis an die Schultern nackten Arme zu lecken. Tränen umflorten die Augen der Wawschonowa, sie riss sich von der Kuh los und trat auf den Hausflur. »Kutzusch! Ku–tzu, Ku–tzu!« begann sie die Hühner zu locken, die in einer Reihe auf dem Zaun sassen, warf ihnen eine Handvoll Korn als Lockfutter zu, griff sie dann nacheinander, band ihnen die Flügel zusammen und setzte sie in einen Kober nebeneinander. Sie sah wieder hinaus. Auf einem Fusspfad, von dem in der Ferne liegenden Dorf, das man durch den Nebeldunst und Regenflor kaum sehen konnte, kam eine Frauengestalt auf den Hau zu. »Maryscha! beeil' dich!« schrie sie dem Mädchen entgegen und drohte der sich eilig Nähernden mit der Hand. Maryscha kam barfuss, ganz in ihre Beiderwandschürze eingemummt, dass man nur ein Stückchen des vor Kälte blauen Gesichts sehen konnte, hereingerannt und holte unter dem Rock eine Flasche Schnaps, drei Reihen Semmeln und ein ansehnliches Stück einer roten Wurst hervor. »Wo hast du so lange gesteckt! In den Häusern hast du herumgetrödelt, du ...« »Hat sich was, lange gesteckt ... lange gesteckt ... So ein Stück Wegs, dass ich mich wie ein Hund abgejagt habe, und die Mutter sagen, dass es ihr zu lange gewesen. Hätte sie selber gehen sollen, oder der Vater vielleicht,« – verteidigte sich das Mädchen mit kläglicher Stimme, rieb dabei einen Fuss gegen den anderen und hauchte auf die vor Kälte blauen Hände. »Hale! wirst mir hier noch deine Weisheiten bellen, du Weichselzopf!« sie versetzte dem Mädchen einen Faustschlag in den Rücken. Maryscha hockte sich vor dem Herd nieder, auf welchem die Reste des Feuers glimmten, und fing an zu weinen, während sie sich ununterbrochen die Hände über den Kohlen wärmte. Die Mutter trug indessen den Rest des Geräts vors Haus, sah immer wieder auf die menschenleere Fahrstrasse hinaus, knallte mit den Türen oder versetzte ganz verärgert dem alten, grauen, wolfähnlichen Hund einen Fusstritt, welcher in einem fort alle Winkel beschnüffelte und sich mit herabhängendem Schwanz missmutig überall in der Stube zu schaffen machte, ohne einen richtigen Platz finden zu können. Eine völlige Stille nahm von der Stube Besitz, nur der Regen trommelte gegen die kleinen Fensterscheiben und vom Hau her drangen die schwachen, halb verwehten Axtschläge der Holzfäller herüber. Eine trübe, graugelbe Dämmerung überflutete den von allem Hausrat entblössten Raum und floss mit dem schmutzigen Grau der russgeschwärzten Decke ineinander. Die Wände, von denen ein schwärzlicher Kalk abblätterte, erschienen noch grauer dabei. Auf dem von ausgegossenem Spülwasser durchweichten Lehmfussboden, der eher einem glitschigen Morast glich, wateten zwei Enten, eifrig mit den Schnäbeln nach Nahrung schnappernd, herum. Durch die zerschlagenen Scheiben an der Firstseite des Hauses wehte ein regenfeuchter Wind in die Stube, wirbelte das herumliegende Stroh auf und liess die ausgebuchteten und gezackten roten Streifen Glanzpapiers, die in langen Fransen von den Deckenbalken herabhingen, hin und her flattern. Die Frau wandte sich schwerfälligen Schritts dem kleinen, leeren Wirtschaftshof zu, welcher über und über mit den faulenden Blättern der am Zaun entlang wachsenden Kirschbäume bedeckt war; sie kamen wie ein blutiger Flockenfall auf einen grossen Misthaufen und das alte, windschiefe Lattendach des baufälligen Schweinestalls geflogen. Hinter einem kleinen Scheunenschuppen, welcher etwas abseits inmitten eines aufgewühlten Kartoffelackers stand, auf dem noch das dürre Kraut und faulende Kartoffeln lagen, blieb sie zögernd stehen, wischte sich die unaufhaltsam rinnenden Tränen vom Gesicht und sah lange umher, dann ging sie still zurück, nachdem sie hier und da ein paar noch grüner Unkrautstauden für die Kuh ausgerissen hatte. Vor der Hausschwelle angelangt, liess sie ein kurzes, schmerzliches Weinen hören, griff nach ihrem Kopf und versenkte ihren stumpfen, trüben Blick in die graue Ferne. »Gott! Mein Gott!« stöhnte sie, leise klagend, vor sich hin und machte sich mit fieberhaftem Eifer an das Hinaustragen und Zurechtstellen des elenden Wirtschaftsgeräts. Ihr Herz klopfte vor Unruhe und Qual bei dem Gedanken an die Trennung von dieser Waldhütte, in der sie so viele Jahre gehaust hatten, und der Schmerz packte sie für Augenblicke wie ein Krampf, dass sie sich auf der Schwelle niedersetzen und den Tränen freien Lauf lassen musste, leise aus tiefstem Herzen vor sich hinstöhnend. Der Wawschon lag noch immer auf dem Bettstroh, wälzte sich hin und wieder von einer Seite auf die andere, rieb sich die geröteten Augen und seufzte so heftig, dass sich der Hund, Burek, näher an ihn heranschlich, leise winselte, mit der Pfote an seinem Schafspelz scharrte und mit dem Schwanz wedelte, als er aber merkte, dass der Hausherr auf ihn nicht achtete, begab er sich nach dem Herdplatz, setzte sich neben Maryscha und begann vor sich hinzuträumen, dabei wie sie mit schlaftrunkenen Augen in die verlöschende Glut starrend. Endlich, ganz tief am Abend schon, kam der Raphael mit einem Gespann magerer Mähren vorgefahren, die einen Leiterwagen zogen. »Gelobt sei Jesus Christus!« sagte er, mit der Peitsche in der Hand die Stube betretend. »In Ewigkeit, Amen!« antwortete Wawschon, sich von seinem Strohlager plötzlich erhebend. »Schönen Gruss, Gevatter, und Gott bezahlt Euch, dass Ihr uns nicht vergessen habt.« »Ih ... das wär' noch nicht das Schlimmste, aber der Regen klatscht so runter, dass er einem die Augen ganz mit Wasser füllt, auch von wegen dem Schmutz, der reicht einem auf der Landstrasse schon bis an die Wagenachsen, und nasskalt ist es, dass es dem Menschen schlimmer zusetzt, als bei Frostwetter.« »Na, dann wollen wir aufladen, damit wir noch vor Nacht ins Dorf kommen.« »Versteht sich,« entgegnete Raphael, stellte den Peitschenstock in die Ecke, wärmte sich etwas die Hände über der Herdplatte, und nachdem er mit seinen dicken Pranken ein noch glühendes Kohlenstückchen herausgenommen und es in seine ausgegangene Pfeife gesteckt hatte, setzte er sich auf eine noch nicht herausgeschaffte Lade am Fenster und paffte seinen Rauch in die Stube. Die Wawschonowa setzte jetzt den Schnaps, die Wurst und die Semmeln aufs Fensterbrett. »Wawschon! trink dem Raphael zu.« »Oh! ... wozu wollt ihr euch Schaden machen!« versuchte sich der Bauer zu zieren, schnupperte aber gierig nach dem Knoblauchduft, den die Wurst ausströmte, welche die Frau soeben mit dem Taschenmesser des Mannes zu zerschneiden begonnen hatte. »In Eure Hände, Raphael!« »Wohl bekomm's.« Er trank aus, spie nach der Seite, wischte sich den Mund mit dem Ärmel und goss abermals ein. »Jagna, hier hast du auch was. Ach was, trink mal ein bisschen. Wird dir gut tun.« Die Wawschonowa drehte sich etwas beiseite und schlürfte langsam den Schnaps, die Männer brachen indessen die harten Semmeln und assen davon, ab und zu in die Wurst hineinbeissend. »Na, noch einen, damit wir glücklich fahren.« »Trinkt mit Gott.« »Der Gutsherr hat den Wald für Schimpanjerwein verkauft, dann wollen wir doch bei diesem Spass wenigstens Schnaps trinken! – Dass man dir, pestiges Aasluder, in der Hölle mit dem Pech nicht spart!« murmelte er hasserfüllt und warf dabei einen furchtbaren Blick durchs Fenster auf die bläulichen, kaum sichtbaren Umrisse des Herrenhofes. »Das ist schon wahr, jetzt wird man selbst seinen Peitschenstiel oder seine Pflugscharre in der Stadt kaufen müssen,« seufzte der andere mürrisch vor sich hin. »Wie noch der Wald dagewesen ist, hat sich der Mensch, wenn einen auch etwas die Angst dabei ankam, weil ihr ihn nicht schlecht gehütet habt, immerhin etwas Dürrholz, eine junge Buche oder eine Kiefer zum Ausbessern herlangen können, auch mal einen Zaunpfahl, etwas Pilze konnte der Mensch essen, die Kinder durften Beeren für eine Barschtschsuppe sammeln, und ab und zu drehte man so nebenher einem Häslein das Genick um oder auch einem anderen artigen Vöglein, und jetzt was! ... Schlecht ist das, scheint mir, ganz schlecht!« »Na, noch ein Glas Gevatter, jetzt aber noch eins, das letzte! Hier hast du, Burek, fällt auch ein Stück Wurst für dich ab, kannst dich auch was freuen, wenn dein Herr nach zwanzig Jahren Arbeit in die Welt ziehen muss aufs Kätnerleben. Hier hast du was, armes Luder!« Der Hund winselte dumpf auf, als hätte er die Worte seines Herrn verstanden, und Jagna brach in ein wildes Weinen aus; sie lehnte ihren Kopf gegen den Rauchfang des Herdes und schluchzte krampfhaft. »Ih ... einmal muss die Ziege doch sterben. Vom fremden Wagen musst du herunter, und wär's mitten ins Wasser,« sagte Raphael langsam, klopfte die Asche bedächtig aus, steckte die Pfeife hinter den Gurt und ging hinaus. Sie fingen gleich darauf eiligst an, die Sachen aufzuladen, so kam nach und nach ihr ganzes Hab und Gut zusammen, doch nicht ohne dass sie jedesmal ein Gefühl bitteren Grams von neuem packte, wenn sie die Hausschwelle überschritten. Sie schauten dabei nicht rechts noch links und redeten kein Wort mehr miteinander. Als schon alles fertig geworden war und Raphael nur noch seine Strohseile quer über den Leiterwagen spannte, damit nichts von den Sachen herunterfiele, führte Wawschon die Kuh hinaus und legte ihr ein neues Tau um die Hörner. »Hier, Marysch, führe sie!« Das Mädchen hüllte sich in ihre Beiderwandschürze und wandte sich zum Gehen, sie musste aber stark am Tau zerren, denn die Kuh widersetzte sich und drehte immer wieder ihren grossen Kopf brüllend nach dem Hause um, als ahnte sie, dass man sie von der Heimatstätte wegführen wollte. »Na, so, dann fahren wir also!« rief Raphael. »Gleich, gleich!« sagte Wawschon und betrat zum letztenmal die Stube, hinter ihm schob sich die Frau hinein; sie sahen sich traurig um, gingen von einer Ecke in die andere, stocherten im Stroh, betrachteten die Wände, aber zum Hinausgehen schienen sie nicht viel Lust zu haben; unbewusst verlängerten sie die letzten Augenblicke des Abschiednehmens mit diesen Wänden. »Wir fahren los, Wawschon, es wird schon dunkel,« rief Raphael durchs Fenster. »Komm, Jagna, komm schon. Ach was, der Herr Jesus wird uns nicht verlassen.« Er führte die Frau hinaus und schmiss die Tür hinter sich ins Schloss. »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes! ... gehen wir! ...« sagte er düster, zog den Gurt über dem Schafspelz enger an, biss die Zähne aufeinander und setzte sich in Bewegung. Jagna führte das Mutterschwein am Seil und heulte laut vor sich hin. Wawschon ging am Ende des Zuges und sah düster auf die Haufen der ihrer Rinde entblössten Baumstämme, die wie nackte Leichname auf einem Schlachtfelde sich zu Haufen türmten, auf Stösse vergilbter Äste, auf tausende von Baumstümpfen, die wie Sockel gestürzter Säulen zu tausenden im Abendgrauen weisslich beiderseits des Weges schimmerten, auf die tiefen Erdlöcher voll Wasser und Kiefernnadeln und die jetzt allüberall sichtbaren Waldstege, die sich nach jeder Richtung hinschlängelten und auf denen mächtige umgestürzte Bäume lagen. Er kannte das alles nur allzugut, kannte jeden Graben, jeden Samenbaum, wusste, wo die grössten Waldriesen gestanden hatten, wie die Waldschneisen liefen, die den Wald in verschiedenen Richtungen wie Gassen durchschnitten. Zwanzig Jahre war er Waldheger in diesem Wald gewesen. Hier hatte er als Junge das Vieh gehütet, hier immer gelebt, er war mit diesen Bäumen eng verwachsen und rechnete sie zu seiner eigenen Sippe. Und jetzt lagen sie tot da, ohne Wipfel, ohne Äste und ohne Leben wie traurige Rümpfe, auf denen man mit Füssen treten durfte. Die Stürme hatten den Wald nicht überwunden, auch die Blitze nicht, die manches Mal auf ihn niedergezuckt waren, und auch die Fröste nicht, die ihm manchen Baumstamm gespalten hatten. Da kam die Axt, und der Wald sank tot nieder. Was sollte er hier noch tun? Bei den Juden als Knecht dienen, zum Bewachen ihrer Holzstösse. Nein, zu so was sollten sie ihn nicht bereit finden, dann schon lieber hinaus in die Welt, Arbeit suchen, anstatt dieses alles mit eigenen Augen täglich sehen zu müssen. Mit heissen Blicken umfasste er das ganze Haugelände, auf dem sich hier und da Menschenhäuflein mit Sägen und Äxten hin und her bewegten; mit Klötzen vollgeladene Wagen daherrollten und von dem ein undeutliches, von der Ferne und dem Nebel des Regentages schon halb verschlungenes Stimmengewirr, Wagengerassel, Aufschlagen von Äxten und Pferdegewieher kam. Er stapfte langsam durch den Strassendreck, stützte zuweilen den Wagen, wenn ein ausgefahrenes Loch in der Landstrasse sich störend bemerkbar machte, oder schob hin und wieder den Hund, der sich an ihn zu schmiegen versuchte, mit dem Fuss beiseite. Seine finsteren Blicke wanderten unstet umher. In der Brust brannte es ihn, als hätte er sich an einem Glas Sprit verschluckt. Das Krachen der auseinandergetriebenen Holzklötze ging ihm nach, die dumpf niederpolternden Äxte, die sein Ohr vernahm, schlugen wie auf ihn selbst ein und hackten ihm Stück für Stück von der eigenen Seele herunter. Er verbiss seine Zähne immer fester, denn am liebsten hätte er sich zu Boden geworfen und vor lauter grenzenlosem Leid, das ihn durchdrang, geschrien, aber er ging dennoch weiter. Immer dichter fiel der Regen und es ward immer kälter; die paar elenden Birken am Graben, die von der Axt verschont geblieben waren, warfen ihre letzten gelben Blätter ab, welche der Wind auffing und niederrinnen liess wie Tränen, – auf den kotigen Weg, auf die Baumstümpfe, Äste, niedrigen Wacholdersträuche, elenden Haseln und krüppeligen Kiefern, die vor Kälte bebten und traurig flüsterten. Um einige nackte, vertrocknete Tannen sah man einen Schwarm Krähen flattern und ihr trübes Krächzen klang wie eine traurige Litanei von verlorenen Heimstätten, von vergeblich gesuchten Nestern und davon, dass es hier nun keinen Schutz mehr gäbe. Rostrote, zertretene Gräser und Farren versanken im Schmutz, in Lachen gelber Sägespäne, so dass sich grosse Flecke bildeten, wie aus geronnenem Blut, das man dem ehrwürdigen Wald abgepresst hatte. Eine Kuhherde weidete auf einer mit kärglichem Gras bewachsenen Wiese und liess ab und zu ein dumpfes Brüllen hören, und einige Kinder sah man am offenen Feldfeuer kauern, das der Regen immer wieder zu verlöschen drohte; ein schmutziger schwarzer Rauch qualmte empor und zog in zerrissenen Schwaden über den Waldhau, als wäre er einem jener Weihrauchschiffchen entstiegen, mit denen man die Toten beräuchert. Wehmut und eine grenzenlose Trauer, voll vom Stöhnen sterbender Bäume, erfüllte die nebelverhangene Welt und durchdrang Wawschons Seele mit einem immer tieferen Herzeleid und einem solchen Zorn, dass er die Steine, gegen die seine Füsse stolperten, hätte zerbeissen können; er ballte die Fäuste, kniff die Augen zu, um nichts sehen zu müssen, und ging immer rascher vorwärts »Einmal muss die Ziege sterben!« wiederholte er hart und stiess wütend mit den Füssen nach den Baumstümpfen, nach den herumliegenden Ästen und vertrockneten Fliegenpilzen, die wie schief aufgesetzte Hüte am Grabenrand des ehemaligen Waldweges wuchsen. Unter einer grossen, breitästigen Eiche, die am Waldrand emporragte und als einziger Baum verschont geblieben war, weil sie das Bild der Muttergottes unter einem Musselinvorhang auf ihrem Stamm trug, setzte sich Wawschon nieder, um etwas auszuruhen. Die Eiche mochte einige hundert Jahre alt sein, war voller knorriger Aste, von Blitzen mehrfach gezeichnet und inwendig schon hohl, aber sie reckte immer noch ihre seltsam verschnörkelten, mit Astknoten und -beulen reichlich bedeckten Aste wie mächtige Fäuste zum Himmel empor und liess aus ihrem dürren Blätterwerk ein Raunen aufsteigen. Hier war die Stelle, über die Wawschon, während seiner Dienstzeit als Waldheger, niemals hinausging, denn hier begann das Ackerland; bei dieser Eiche pflegte er seine Schritte heimwärts zu lenken, und jetzt ... jetzt sollte er diese heilige Schwelle des Waldes überschreiten, um niemals zurückzukehren – um als Heimatloser sein Leben zu beschliessen ... »Dass euch! ... Dass euch! ...« In furchtbarem Schmerz krampften sich seine Eingeweide zusammen, so dass er nach seinem Bauch griff und aufstöhnte. » Wawschon! mach' doch rascher, Raphael werden hier nicht warten und Nacht wird's auch schon.« »Gehst du weg, Metze, sonst schlag' ich dich tot!« knurrte er wütend. »Hale! Hat sich das Schwein mit Schnaps besoffen und wird hier auf der Landstrasse Spektakel machen.« »Ich sag' dir, Frau, geh weg, sonst wirst du es bereuen.« »Versteht sich, ich soll dich hier sitzen lassen und zu Hause allein das Gerümpel in die Stube schaffen.« »Na, komm doch, Wawschon,« fügte sie etwas weicher hinzu, und ihr rotes, verweintes Gesicht über ihn beugend, begann sie ihn am Ärmel zu zupfen. »Ich sag' dir, Hundeaas, dass du weggehen sollst, sonst werd' ich dich wie ein Vieh verprügeln.« Jagna riss ihn etwas stärker am Ärmel, da sprang er vom Boden auf und schlug sie mit einem Ast, den er aufgegriffen hatte, über den Kopf, warf sie zu Boden, versetzte ihr einige Fusstritte, griff nach dem Tau, das die Sau während des Gebalges der Eheleute der Jagna aus der Hand gerissen hatte, und wandte sich, weit ausschreitend, davon. Die Wawschonowa kroch langsam mit lautem Wehklagen wieder hoch und folgte ihm nach. Bald verschwanden sie im Nebel, in der Dämmerung des sinkenden Abends. Nur die Krähen umflogen in einem grossen Schwarm die Eiche und kreischten kläglich; auf dem Wege, der zum Hau führte, tauchten unter Glockengeklirr Kühe auf, und eine schrille Stimme begann mit einemmal zu singen. Die Herde zog vorüber und versank in Nebel und Nacht; aus der Ferne klang das klagende Singen immer versunkener. Die letzten Töne zerflossen im Raum und versanken im Regengeplätscher. Es wurde mit einemmal dunkel, die Welt überflutete der graue, feuchte Ton einer Novembernacht, so dass alles zu einer einzigen, schmutzigen, stumpfen und dunklen Masse zusammenschmolz. Nur die alte Eiche murmelte schlaftrunken, liess ihre Blätter aufs Ackerland regnen und vom Hau, von den verdorrten Tannen, von den Birken und von den Haufen dürrer Äste kam es wie ein tiefes Ächzen, wie ein verzweifeltes, keuchendes, düsteres, gepresstes Wispern gezogen: Der Wald ist tot! ist tot! ist tot! – Gerechtigkeit I Eine Vorfrühlingsnacht im März war es, eine Nacht voll Regen, Kälte und Sturm. Die Wälder standen wie gekrümmt da, starr und bis ins Mark durchnässt; ab und zu liess sie ein eisiger Regenguss erschauern, dann bebten sie wie im Fiebertraum und im Angstkrampf breiteten sie ihre Äste aus, von denen das Wasser troff. Sie rauschten düster, peitschten die Dunkelheit und waren wie rasend geworden unter dem Schmerz des Erfrierens; also heulten sie nun ihr wildes Klagelied der erbarmungslos gequälten Kreatur. Hin und wieder kamen nasse Schneeflocken dahergegaukelt, dämpften jeden Laut und liessen nach und nach alles Leben erstarren, der Wald verstummte, liess bewegungslos seine Äste hängen und schwieg allmählich ganz – durch die Dunkelheit und Öde, zwischen den gewaltigen, plötzlich starr dastehenden Baumstämmen schlich sich nur noch in langen Zwischenräumen ein leises, klägliches Wimmern und manchmal durchschnitt der scharfe Entsetzensschrei eines erfrierenden Vogels die Luft und Brechen von Zweigen liess sich vernehmen unter der Last eines aufschlagenden Körpers. Dann wieder regte sich der Wind, kam heimlich durch die Dunkelheit geglitten und warf sich mit wilder Wut auf die Wälder, biss sich mit triefenden Hauern in die schwarzen Tiefen fest, blies, dass der Schnee zerrann, knackte Zweige ab, brach das Dickicht weg und wälzte sich mit frohlockendem Aufheulen über die Waldwiesen; der Wald wurde wie eine Insel biegsamen Röhrichts. Währenddessen waren aus den Nachtgründen, aus den grauenvollen Öden des Raumes riesige, schmutzig-fahle Wolken herangekrochen, windzerzausten, faulenden Heuschobern ähnlich und senkten sich auf das Waldgebiet herab, blieben an den Waldhügeln hängen, umwanden zerrissenen Fetzen gleich die Bäume, würgten sie in ihrer scheusslichen Umarmung und versprühten einen unaufhörlichen kalten Regen, der sich bis ins Innere der Steine frass. Die Nacht war grauenvoll: die Wege zogen sich dahin, leer und mit einer kotigen Nässe überflutet, in der die Reste des schmelzenden Schnees schwammen; die Dörfer lagen still da, wie ausgestorben, die Felder tot, die Obstgärten entlaubt, voll krampfverzerrter Äste und die Gewässer noch in den Ketten des Eises – nirgends ein Mensch, nirgends ein Lebenslaut – nichts als die grenzenlose Herrschaft der Nacht ringsum. Allein in der Schenke von Przylenka blinkte ein schwaches Licht. Sie stand inmitten des Waldgebiets, an einem Kreuzweg; hinter ihr zeichneten sich neblig über einer Hügelsenkung einige Häuserumrisse ab, und alles umschloss der mächtige, schwarze Forst. Jaschek Winciorek schlich vorsichtig aus dem Buschdickicht auf die Landstrasse und ging geduckt, als er den schwachen Lichtschein gewahrte, auf das Fenster der Schenke zu. Lange stand er dann ratlos dort, spähte das Innere der Schankstube ab, horchte, warf ängstliche Blicke um sich und wusste nicht, was er beginnen sollte; – seine grosse Ängstlichkeit gewann überhand, so dass er sich schon vom Fenster wegwandte und wieder im Begriff war, seine Schritte ins Waldinnere zu lenken, als der Wind so heftig ansetzte und ihn mit solch schneidender Kälte durchdrang, dass er, von einem plötzlichen Schüttelfrost erfasst, umkehrte, sich bekreuzigte und in die Schenke trat. Die Stube war gross, die schwarze Balkendecke hing schwer über dem Lehmfussboden und drückte auf die krummen, vom Kalkverputz entblätterten Wände, in denen zwei halberblindete, hier und da mit Stroh verstopfte Fenster sichtbar wurden. Hinter einem grob zusammengezimmerten Lattenverschlag ihnen gegenüber befand sich der grosse Schanktisch, welcher sich mit einer Seite gegen ein paar mächtige Fässer stemmte, auf denen eine russende Petroleumlampe ihr schwaches, rötliches Licht glimmen liess. Träge Dämmerung überflutete die Stube, nur hin und wieder von einem Feuerschein zerrissen, der von einem altertümlichen Feuerherd aufzuckte und ein Bettlerpaar beleuchtete, welches sich vor dem erlöschenden Feuer ausgebreitet hatte. In der entgegengesetzten Stubenecke, fast im völligen Dunkel geisterten die Umrisse einer Anzahl zu einem geheimnisvoll flüsternden Haufen zusammengedrängter Menschen. Vor dem Schanktisch standen zwei Bauern; einer hielt eine Flasche fest in seiner Faust, der andere liess sich von ihm ins Glas einschenken, sie tranken einander immer wieder zu und wiegten sich schlaftrunken hin und her. Eine dicke, rote Magd schnarchte gegen eine Tonne gelehnt hinter dem Lattenverschlag. Schnapsgeruch, untermischt mit dem Dunst aufgeweichten Lehms und durchnässter Kleider, zog durch die Schankstube. Zuweilen senkte sich eine solche Stille über den halbdunklen Raum, dass man nichts als das Rauschen des Waldes, das Prasseln des Regengeriesels gegen die Scheiben und das Knistern der Tannenzweige auf dem Feuerherd hörte, dann tat sich jedesmal mit lautem Knarren eine niedrige, hinter dem Lattenverschlag befindliche Tür auf und der Kopf eines weisshaarigen Juden im Gebethemd wurde im Rahmen der Öffnung sichtbar, hinter ihm erstrahlte ein von vielen Kerzen erhelltes Stübchen, aus dem mit den strengen Schabbesdüften die gedämpften Klänge eines eintönigen, traurigen Gesanges eindrangen. Jaschek trank einige Schnapsgläser nacheinander aus und kaute gierig eine trockene, schimmlige Semmel, deren Brocken, zäh wie Leder, an den Zähnen hängen blieben; ab und zu biss er ein Stück Hering ab und beobachtete eifrig einmal die Tür, dann wieder das Fenster, eifriger aber noch lauschte er auf das Gemurmel der Stimmen in der Stube. »Heiraten, nein, hundsverdammt, heiraten tu' ich nicht!« schrie mit einemmal der Bauer vor dem Schanktisch, knallte mit der Flasche gegen den Lattenverschlag und spie im weiten Bogen auf den Rücken des vor dem Herd sitzenden Bettlers. »Heiraten wirst du schon müssen, oder das Geld zurückgeben!« knurrte der andere. »Herrgott, so viel Geld! Ewka, noch ein Quart Sprit, ich zahl'!« »Geld ist schon was – aber ein Weib das ist noch was mehr ...« »Nein, hundsverdammt, heiraten tu' ich nicht, ich verkauf das Letzte, werde mich verschulden und das Geld zahl' ich schon zurück, aber heiraten, diese Pestige, nein, das tue ich nicht!« »Trink mir mal zu, Antek, dann sag' ich dir was ...« »Ich lass' mich nicht von dir beschwatzen. Hab' ich gesagt: nein, dann ist es nein, und wenn es sein muss, dann werde ich mit denen da nach Bresilien weglaufen, bis ans Ende der Welt ...« »Dumm bist du! trink mir zu, Antek, ich will dir was sagen ...« Sie tranken mehrere Gläser und begannen einander zu küssen und zu umarmen, aber sie verstummten plötzlich, als in der anderen Stubenecke ein Kind zu weinen anfing und in dem ängstlich zusammengedrängten Menschenhaufen eine Bewegung entstand. Ein hoher, hagerer Bauer tauchte aus dem Nachtdunkel der Stubenecke auf und verliess die Schankstube. Jaschek schob sich näher ans Fenster heran, denn die Kälte durchdrang ihn bis ins tiefste Mark, spiesste seinen Hering auf einen Stecken und versuchte ihn auf den glühenden Kohlen zu rösten. »Schiebt Euch ein bisschen beiseite,« bat er den Bettler, der seine blossen Füsse auf die Bettelsäcke gelegt hatte und trotz seiner vollständigen Blindheit seine durchnässten Fusslappen am Feuer trocknete, dabei redete er immerzu mit gedämpfter Stimme auf sein altes Weib ein, das mit der Zubereitung des Essens und dem Zulegen von Reisig unter einen Dreifuss beschäftigt war, auf welchem der Kochtopf stand. Jaschek wurde es allmählich wärmer und der Dampf begann aus seinem Bauernkittel aufzusteigen wie aus einem Eimer mit heissem Wasser. »Ihr seid nicht schlecht durchweicht!« knurrte der Bettler, mit der Nase in der Luft schnuppernd. »Versteht sich,« murmelte der Bursche und zuckte heftig zusammen, denn die Tür tat sich knarrend auf; doch es war nur der lange, hagere Bauer, der halblaut zu dem Menschenhaufen redete, welcher sich um ihn geschart hatte. »Wisst Ihr nicht, wer die sind?« flüsterte Jaschek, die Hand des Bettlers berührend. »Diese? Wer soll's sein? Dumme, die nach Bresilien gehen,« antwortete jener und spie aus. Jaschek sprach nicht mehr, er trocknete sich nur am Feuer und liess immer wieder seine Augen durch die Schankstube gehen, von einem Menschen zum anderen, die alle, wie von heimlicher Unruhe gehetzt, entweder immer lauter vor sich hinredeten, oder plötzlich nur noch ganz stumm dasassen; immer wieder erhob sich einer von ihnen und ging hinaus, um gleich darauf zurückzukehren. Aus dem Alkovenstübchen der Judenwohnung liessen sich, immer eintöniger werdend, die singenden Stimmen vernehmen; zu guter Letzt kam aus irgend einer Ecke ein ausgehungerter Hund ans Feuer herangeschlichen und begann das Bettlerpaar anzuknurren. Er bekam eins mit dem Stock, winselte auf und legte sich mitten in die Stube nieder, mit wehmütigen, hungrigen Blicken auf die Dämpfe starrend, die aus dem Kochtopf aufstiegen. Jaschek wurde es immer wärmer, er ass seinen Hering und den Rest der Semmeln auf, merkte aber zugleich, dass sein Hunger immer heftiger wurde. Er tastete umständlich alle seine Taschen ab, und nachdem er nicht einmal eine Kupfermünze gefunden hatte, kauerte er sich zusammen und starrte gedankenlos auf den Kochtopf und die roten Flämmchen des Herdfeuers. »Hast wohl Hunger, wie?« redete ihn nach einer Weile die Bettlerin an. »Ih ... ein bisschen knurrt der Magen schon ...« »Wer ist dieser?« fragte der Bettler leise, sich an seine Frau wendend. »Hab' keine Angst, einen Silberling wird er dir nicht schenken, oder auch nur einen Heller ...« knurrte sie bissig zurück. »Ein Hofbauer?« ... »So einer wie du, ...aus der weiten Welt!« fügte sie leise hinzu und nahm indessen den Topf vom Dreifuss. »Nur gute Menschen kommen aus der weiten Welt ... Das Viehzeug oder ein Schwein kommen aus dem Schweinestall ... Häh? ... « er stiess Jaschek mit seinem Stock an. »Is wahr, is wahr ...« bejahte der Bursche gedankenlos. »Ihr habt was auf der Leber, das merk' ich schon ...« brummte der Bettler nach einer Weile. »Versteht sich, dass ich was hab' ...« »Der Herr Jesus hat gesagt: bist du hungrig – dann esse; bist du durstig – dann trink, und wenn dir was fehlt – dann rede nicht!« Jaschek hob seine gequälten, tränenschweren Augen zu dem Bettler auf. »Esst ein Bisschen, es ist zwar Bettleressen, aber es wird Euch schon wohl bekommen, esst! ...« nötigte ihn die Bettlerin und goss ihm in einen Scherben eine ziemlich grosse Portion ein. Aus den Bettelsäcken holte sie ein Stück Schwarzbrot heraus und schob es ihm unauffällig zu, und als er näher an sein Essen herangerückt war und sie sein furchtbar elendes Gesicht gewahrte, das ganz grau und wie von allem Fleisch entblösst schien, erfasste sie ein solches Mitleid, dass sie noch ein Stück Wurst hervorholte und es ihm aufs Brot legte. Jaschek konnte dem Hunger und den Aufforderungen nicht widerstehen, so machte er sich denn gierig ans Essen und warf ab und zu dem Hund, der an ihn herangekrochen war und ihn mit bettelnden Blicken betrachtete, einen Knochen hin. Der alte Bettler lauschte lange, und als ihm schliesslich die Frau den Topf in die Hände gedrückt hatte, hob er den Löffel hoch und verkündete feierlich: »Iss, Menschenseele! Der Herr Jesus hat gesagt: gibst du dem Bedürftigen einen Groschen, dann wird's dir ein anderer durch einen Zehner vergelten ... Iss mit Gott, Menschenseele ...« Sie langten schweigend zu. Nach einer kurzen Ruhepause wischte sich der Bettler den Mund mit dem Ärmel und liess sich also vernehmen: »Drei Dinge sind nötig, dass einem das Essen bekommt: Schnaps, Salz und Brot. Gib uns Schnaps zu trinken, Frau!« Sie tranken alle drei und assen weiter. Jaschek hatte fast jegliche Besorgnis vergessen, er warf schon keine ängstlichen Blicke mehr in die Schankstube, auf die Fenster und Tür zurück. Er ass bloss noch, sättigte sich mit Wärme, stillte langsam seinen viertägigen Hunger, der ihm in den Eingeweiden wühlte, und beruhigte sich zusehends in der Stille, die von der Stube Besitz ergriffen hatte. Die Bauern, die am Schanktisch gestanden hatten, waren fortgegangen und das Häuflein der Auswanderer schlief mit den Köpfen gegen die Reisebündel gelehnt auf Bänken und auf dem nassen Lehmboden der Schankstube ausgestreckt. Aus der Nebenstube drang ein immer schläfrigeres Psalmodieren zu ihnen herein. Und der Regen rieselte ununterbrochen und drang durch die Bedachung ins Innere, denn an mehreren Stellen tropfte es schon von der Balkendecke und auf dem Lehmfussboden bildeten sich runde, aufgeweichte und feucht schimmernde Schmutzflecke. Zuweilen liess ein Windanprall die Schenke erbeben, heulte im Schornstein auf, brachte das Herdfeuer in Unordnung und stiess den Rauch in die Stube zurück. »Hier hast auch du was, Herumlungerer,« murmelte die Bettlerin, die Essenreste dem Hund zuwerfend, der sich um sie zu schaffen machte und mit seinen Augen eifrig bettelte. »Füllt der Mensch sich gut den Magen, Kann er es selbst in der Hölle ertragen!« meinte der Bettler, den leeren Topf zurückstellend. »Gott bezahl' Euch dieses Essen.« Er drückte dem Bettler die Hand, doch dieser liess sie nicht wieder los und betastete sie leicht. »Ein paar Jahre habt Ihr nicht von der Hände Arbeit gelebt,« knurrte er. Jaschek sprang erschrocken auf. »Setz' dich, brauchst keine Angst zu haben. Der Herr Jesus hat gesagt: alle sind Gerechte, die Gott fürchten und armen Waisen helfen. Brauchst also keine Angst zu haben, Menschenkind. Ich bin kein Judas und kein Jud', sondern ein rechtschaffener Christ und eine arme Waise ...« Er versann sich für eine Weile und dann redete er mit gedämpfter Stimme weiter: »Auf drei Dinge sollst du achtgeben: den Herrn lieben, nicht hungrig sein und dem Ärmeren geben ... und der Rest, das ist alles nichts wert, eine hässliche menschliche Erfindung. Ein Kluger muss das wissen, damit er sich nicht umsonst sorgt ... Unsereiner weiss dies und jenes und manches noch ... Häh? Was habt Ihr gesagt?« ... Er spitzte die Ohren und wartete, aber Jaschek gab keine Antwort, er schwieg verbissen, in der Angst sich zu verraten, so holte denn der Bettelmann seine Tabakdose aus Lindenborke hervor, klopfte mit dem Finger darauf, schnupfte, nieste, reichte sie dem Burschen hin, und sein grosses Blindengesicht dem Feuer zuneigend, begann er mit leiser eintöniger Stimme also zu unterweisen: »Es geht nicht gerecht in der Weit zu, nein. Überall wird auf pharisäische Art gewirtschaftet und auf beutelschneiderische; wer den anderen herumkriegt, wer den anderen schneller beschummelt und wer den anderen schneller zu Tode beisst ... Nicht das hat der Herr Jesus in der Welt gewollt, nein. Haie! kommst du nach einem Herrenhof, nimmst die Mütze ab und singst, dass dir fast die Gurgel platzt: von Jesus und Maria und allen Heiligen; du wartest geduldig – kannst schön warten! ... gibst noch ein paar Gebete zu, auf dass der Herrgott alles zum Guten wenden soll, – kannst schön warten – nur die Hundeviecher bellen deine Bettelsäcke an und die Mägde kichern hinterm Zaun ... Du gibst noch eine Litanei hinzu – dann tragen sie dir endlich zwei Pfennige oder eine verschimmelte Brotkruste hinaus! – Dass euch, Äser, die Blindheit ankäme, dass ihr selbst noch beim Bettelvolk um Almosen betteln müsstet! Nach solchem Beten kostet mich allein der Schnaps zum Durchspülen der Gurgel mehr! ...« Er spuckte giftig aus. »Und den anderen, geht es denen vielleicht besser?« redete er weiter, nachdem er eine Prise genommen hatte. – »Der Antek Kulik, na, der Kulik aus Demby ... hat ein herrschaftliches Ferkel genommen ... Glaubst du, dass er was davon gehabt hat? – hat sich was! – mager war das Aas wie 'n Hofhund ... das ganze Fett hätte man zu einem Quart Schnaps schmelzen können ... Dafür haben sie ihn genommen und für ein halbes Jahr sitzen lassen... Und weshalb denn? ... Für ein winziges Ferkel! Als ob so 'n Schwein nicht Gottes Geschöpf wäre ... und die einen nicht Hungers sterben müssten, wenn die anderen alles bis über die Gurgel haben ... Und der Herr Jesus hat doch gesagt: was ein Armer nimmt, das ist, als ob du's mir selbst gegeben hättest. Amen! Trinkst noch einen, wie? ...« »Gott bezahl's, es ist mir aber 'n bisschen in die Glieder gefahren.« »Dummkopf! Auch der Herr Jesus hat beim Fest getrunken. Trinke, das ist keine Sünde: – Sünde ist nur, sich zu besaufen wie ein Schwein, Gottes Gabe nicht bis auf den letzten Rest auszutrinken und dazusitzen wie ein Stummer, wenn gute Leute reden ...« »Trinkt mir zu! ...« murmelte der Bursche mit einem plötzlichen Entschluss. Der Bettler trank Jaschek aus der Flasche einen solchen Schluck zu, dass ihm darauf noch eine Weile der Schnaps in der Gurgel gluckste, und die Flasche dem Burschen reichend, sagte er schon ganz lustig: »Trinke, arme Waise! Und achte auf drei Dinge: dass du die ganze Woche arbeitest, Sonntags betest und dem Armen was gibst – und dein Seelenheil wird dir zuteil. Menschenkind, ich sag' es dir, kannst du nicht aus einem Glas trinken, dann trink aus einem Quartmass ...« Darauf schwiegen sie allzusammen. Das Bettlerweib schlief mit tief herabhängendem Kopf am verlöschenden Feuer, der Bettler glotzte mit seinen wie von einer weissen Haut überzogenen Augen auf die rote Kohlenglut und nickte ab und zu eifrig; die Stimmen und das Geflüster in der anderen Stubenecke waren verstummt, und nur der Wind stiess immer heftiger gegen die Scheiben und rüttelte an der Tür, während aus der Nebenkammer die Stimmen des wie von Klagen und Verzweiflung durchtränkten Gesanges allmählich vernehmbarer aufbegehrten ... Jaschek war schon gänzlich von der Wärme und dem Schnaps übermannt und fühlte eine solche Schläfrigkeit in allen Gliedern, dass er die Beine nahe beim Feuer von sich streckte und kaum der Lust sich hinzulegen widerstehen konnte ... Er wehrte sich noch mit der letzten Regung des Bewusstseins und der Angst, aber im selben Augenblick verfiel er in einen Zustand völliger Bewusstlosigkeit und wusste nicht mehr, wo er sich befand. Ein seliger Nebel, voll Wärme, Herdfeuerglanz, guter, lieber Worte, Ruhe und Stille hüllte ihn ein und durchdrang ihn mit einem tiefen Gefühl der Zufriedenheit und Sicherheit. Ab und zu wurde er plötzlich wach, ganz ohne Grund, liess seine prüfenden Blicke durch die Schankstube gehen und hörte eine Weile dem Bettler zu, der im Halbschlaf vor sich hinmurmelte: »Für alle armen Seelchen, die im Fegefeuer verweilen müssen – Gegrüsst seist du, Maria, voller Gnaden... »Menschenkind, das sag' ich dir, ein guter Bettelmann muss einen Igelstock, einen tiefen Bettelsack und ein langes Gebet haben...« Er wurde wach und da er die Augen von Jaschek auf seinem Gesicht fühlte, redete er weiter, schon wieder bei vollem Bewusstsein. »Du hörst zu, was der Alte zu sagen hat – und ich sag' dir: trink mir einen zu und sperr' deine Ohren auf. Ich sage dir, Mensch: sei klug, aber halt es den anderen nicht unter die Nase. Merke dir alles, aber tue, als seist du gegen alles blind ... Lebst du mit einem Dummen – dann sei noch dümmer, als er ... lebst du mit einem Lahmen – dann darfst du gar keine Beine haben; mit einem Kranken – dann stirb mal gleich für ihn weg. Geben sie dir ein Kupferstück ... bedank' dich, als hätten sie dir einen Silberling geschenkt ... Hetzen sie dich mit Hunden zum Hof hinaus ... dann überlass das unserem Herrn Jesus ... Und langen sie dir mit dem Stock was über, dann sag' dein Gebet her...« »Mensch, ich sage dir: tu, was ich dir rate und du wirst volle Bettelsäcke haben, den Bauch wie einen Klotz und wirst die ganze Welt am Schnürchen führen können, wie ein dummes Stück Vieh ... He! he! he! kein Mensch nur so von heute ist unsereins; man weiss dies und jenes und manches andere Ding! ... Wer Verstand hat und weiss, wie die Welt ist, dem wird es nicht schlecht gehen. Bist du im Herrenhof, dann schimpf auf die Bauern – ein Geldstück und ein Knochen von der Herrschaftstafel ist dir schon sicher; heim Pfarrer schimpf auf die Bauern und die Herrenhöfe – zwei Groschen und eine Absolution sind dir sicher; in den Bauernhäusern schimpfe auf alle – und du kriegst Grütze mit Speck zu essen und wirst Schnaps mit Fettigkeit trinken ... Mensch, sag' ich dir ... Für die Seele von Julina! Gegrüsst seist du, Maria!« fing er wieder mit schläfriger Stimme an, auf seiner Bank vor sich hinnickend. » ... Voller Gnaden ... Eine kleine Gabe für einen armen Blinden ...« begann plötzlich das Bettelweib zu plappern und richtete im Schlaf ihren gegen den Kamin lehnenden Kopf auf. »Sei still, Dumme!« herrschte er sie an und erwachte mit einemmal, denn die Eingangstür öffnete sich gerade mit lautem Knarren und ein hochgewachsener, rothaariger Jude schob sich in die Schankstube herein. »Aufbrechen, es ist an der Zeit!« rief er mit dumpfer Stimme, und sofort sprang das Häufchen schlaftrunkener Menschen auf; sie begannen sich mit ihren Bündeln zu beladen, sich anzuziehen und zu sammeln, einmal nach der Stubenmitte hinstrebend, dann wieder in Unordnung zurückweichend. Ein gedämpftes Stimmengemurmel voll ängstlicher Akzente, Klagen oder Seufzer entrang sich ihrer Brust. Fieberhafte Worte kreuzten einander; ein Rufen, Flüstern, Fluchen, Stiefelgetrampel, dann wieder halblaut begonnene Gebete, das Schieben der Gegenstände, Kinderweinen – alles gedämpft und wie mit Macht zurückgehalten, erfüllte die düstere, schwarze Schankstube mit Angst und einem seltsamen Grauen. Jaschek ernüchterte sich und sah, mit dem Rücken gegen die Seite des erkalteten Kamins gelehnt, neugierig dem Menschenhäuflein zu, soweit er im Halbdunkel die Umrisse der Gestalten verfolgen konnte. »Wohin gehen sie?« fragte er den Bettler. »Nach Bresilien.« »Ist das weit?« » Ho! ho! ... bis ans Ende der Welt, hinter den zehn Meeren.« »Warum bloss? wozu?« fragte er leise. »Erstens, weil sie dumm sind, und zweitens, weil sie arm sind ...« »Kennen sie denn den Weg?« erkundigte er sich abermals, ganz erstaunt. Aber der Bettler gab ihm keine Antwort, stiess die Frau mit seinem Stecken an, trat in die Mitte der Stube und begann mit weinerlicher, singender Stimme: »Übers Meer geht ihr, hinter Berge und Wälder ... ans Ende der Welt, so möge euch der Herr Jesus segnen, arme Waisen! Lass euch die heilige Czenstochauer Muttergottes beistehen, lass euch alle Heiligen hilfreich sein für die Gabe, die ihr dem armen Blinden gebt. Dass euch der Herr alles zum Guten wende: ein Ave Maria ...« » ... Du bist voller Gnaden, der Herr ist mit dir ...« plapperte das Bettlerweib und liess sich neben dem Blinden auf die Knie fallen. » ... Du bist gebenedeit unter den Weibern,« antwortete der Haufe und schob sich nach der Stubenmitte zu. Alles kniete nieder, leises Weinen wurde hörbar, die Häupter neigten sich und die Herzen gaben sich mit voller Gläubigkeit und Demut dem Gebet hin. Ein warmer Hauch der Zuversicht liess die trüben Augen aufleuchten und die elenden, grauen Gesichter sich beleben, machte, dass sich ihre gebeugten Schultern geradereckten, und gab ihnen eine solche Kraft, dass sie nach diesem Gebet sich stark und wie unüberwindlich erhoben ... »Herschlik! Herschlik!« riefen sie dem Juden nach, der ins Nebenstübchen verschwunden war. Sie hatten es eilig, in die unbekannte Welt zu ziehen, die eben darum so grauenvoll und so anziehend war. Sie hatten es eilig, sich mit dem neuen Los zu messen und vor dem alten zu fliehen. Herschlik trat mit einer Blendlaterne bewaffnet heraus, zählte die Menschen, liess sie sich paarweise aufstellen, öffnete die Tür, und der Menschenhaufe setzte sich in Bewegung – wie ein gespenstiger Zug des Elends, wie eine Reihe lumpenbedeckter Schatten, die sich unter der Last jenes morgigen Tages beugten, dem sie mit der ganzen Macht ihrer Hoffnung entgegenstrebten ... Sie verschwanden alsogleich in Regennässe und Dunkel. Aus der Finsternis der Nacht unter den vom Wind gewiegten Bäumen blitzte nur noch für einen kurzen Augenblick das Licht des Führers auf und mit dem Waldesrauschen und Pfeifen des Windes kamen aus dem dunklen Schoss dieser grauenvollen Nacht die klagenden, wie von bangen Tränen genetzten Worte des Gesanges: »Wer sich in den Schutz des Herrn begibt ...« auf die Zurückgebliebenen zugeflossen. Im Sturm zerrissen sie und klangen wie das Aufstöhnen eines Sterbenden. »Armes Volk! Waisen!« murmelte Jaschek, ihnen nachblickend, und ein wilder Schmerz presste ihm das Herz zusammen. Er kehrte wieder in die Schankstube zurück, die nun vollends dunkel und stumm dalag, denn die Magd hatte das Lämpchen ausgelöscht und sich zur Ruhe begeben, in der Nebenkammer waren die frommen Gesänge verstummt und nur der Bettler schlief noch nicht, er war dabei, mit seinem Weibe die Almosengelder nachzuzählen. »Magere Pracht! Zwei Silberlinge und fünfundzwanzig Groschen! Die ganze Herrlichkeit ... Na, mag ihnen der Herr Jesus dieses nicht nachtragen und ihnen beistehen ...« Er redete immer noch, doch Jaschek hörte nichts mehr. Er hatte sich am dunklen Herd niedergekauert, sich so gut er konnte in seinen ausgetrockneten Bauernrock gewickelt und war gleich in einen steinernen Schlaf verfallen ... Gut nach Mitternacht erweckte ihn ein starkes Rütteln und ein Lichtstrahl, der gerade in seine Augen fiel. »Heh! Bruder! Steh auf! Was bist du für einer? ... Zeig' mal deine Papiere! ...« Er wurde sofort wach; zwei Gendarmen standen vor ihm ... »Pass zeigen!« forderte ihn zum zweitenmal der eine Gendarm auf und schüttelte ihn wie ein Strohbündel. Anstatt einer Antwort sprang Jaschek auf und versetzte ihm einen Schlag zwischen die Augen, so dass dieser seine Blendlaterne fallen liess und zurücktaumelte, Jaschek aber stürzte auf die Tür zu und rannte davon ... Der zweite Gendarm jagte hinter ihm drein und da er seiner nicht mehr habhaft werden konnte, schoss er auf den Fliehenden. Jaschek taumelte etwas ... stiess einen kurzen Schrei aus und sank in den Schmutz, er sprang aber sofort wieder auf und verschwand im Walddunkel. II Jaschek rannte wie ein Besessener, stiess gegen die Baumstämme, blieb an den Büschen hängen, fiel nieder, sprang wieder auf und floh, von der Angst unaufhörlich vorwärtsgepeitscht, denn es war ihm so, als wären die Verfolger dicht hinter ihm drein, als fühlte er sich schon bei der Schulter gepackt, als hörte er die keuchenden Atemzüge der beiden dicht hinter sich ... er verdoppelte seine Anstrengungen und jagte mit Windeseile weiter, bis er tödlich erschöpft in einem Busch zusammenbrach und lange Zeit fast ohne Besinnung liegen blieb ... Ein furchtbarer jäher Schmerz in der Hüfte brachte ihn wieder zu sich, er richtete sich etwas auf und sah sich mit angstvollen Augen eines gehetzten Wildes in der Dunkelheit um. Kein Mensch war zu sehen, er konnte sich gar nicht mehr zurechtfinden; ringsum schwankte und rauschte der düstere, mit dichtem Buschwerk unterwachsene Wald. Er kroch an einen Baum heran und sank wimmernd zu Boden – in seiner Hüfte fühlte er furchtbare Schmerzen. Ganz geduckt blieb er sitzen und liess durch die zusammengebissenen Zähne ein klagendes Stöhnen vernehmen. Die Schmerzen quälten ihn, sie gingen strahlenförmig von der Wunde in der Hüfte aus und bohrten sich in jeden Nerv, sandten in jeden Gefühlsmittelpunkt seines Leibes ihre spitz hervorzuckenden, endlos langen und teuflisch brennenden Nadeln ... Er raufte eine Handvoll Moos aus und verstopfte die Wunde, um das Blut zu stillen, das wie ein warmer Strom seine ganze Hüfte überspülte, er fühlte es selbst feucht in seine Stiefel sickern. Jeden Augenblick wurde ihm so schwach, so seltsam zumute, dass er halb ohnmächtig dasass, ohne zu wissen, was mit ihm geschah, wenn er aber aus diesem tödlichen Halbschlummer wieder zu sich kam, blickten seine wie erlöschenden Augen in die Nacht hinaus und durch einen Tränenflor murmelte er, verzweifelt: »Jesus! Oh, Jesus, Maria! ... Ob, Jesus! ...« Dann wieder fühlte er keine Schmerzen mehr, sein Körper wurde langsam steif, die durchdringende Kälte und der unaufhörlich niederrieselnde Regen liessen ihn bis ins Mark erstarren. Der Wald murmelte immerzu sein strenges, grauenerregendes Finsternisgeflüster. Und die Nacht schleppte sich langsam ... langsam ... furchtbar langsam vorwärts ... Jaschek, der im Wald aufgewachsen war, kannte ihn gut und hatte sich vor ihm früher niemals gefürchtet, jetzt aber in seiner tödlichen Schwäche, sah er voll Grauen auf die riesenhaften Baumgespenster. Seine Seele füllte sich mit Entsetzen, war voll einer unaussprechlichen Haltlosigkeit und furchtbaren Schweigens. Ein verzweifeltes Angstgefühl presste ihm das Herz so schmerzvoll zusammen, dass er glaubte, sterben zu müssen, er kauerte unbeweglich da und wagte nicht seine Augenlider zu bewegen, nicht einmal die Richtung seines Blickes zu ändern, nicht einmal das rettende Wort: Jesus! zu flüstern. Denn rings um sich fühlte er Grauen und Geheimnisse sich regen, fühlte, dass diese furchtbare Finsternis ihn durchdrang, seine Seele überflutete, sie vernichtete ... Und der Wald redete immerzu mit sich selbst ... stöhnte ... schrie manchmal kläglich auf ... beugte sich über ihn ... schien ihn anzuschauen ... reckte sich drohend ... neigte sich dann wieder tief ... tiefer ... so tief ... dass Jaschek einen eisigen Atem über seinem Gesicht spürte ... Er fühlte, dass sich die spitzen Äste der Eichen im Dunkeln wie krampfhaft gekrümmte Krallen ausstreckten ... dass sie nach ihm suchten ... dass sie ihn gleich in Stücke reissen würden. Mit einem erstickten Entsetzensschrei fiel er in Ohnmacht. Das fieberheisse Gehirn spann verworrene, zusammenhanglos vorübergleitende Bilder der kürzlich verlebten Gefängniszeit ... Er schleppte sich durch einen Gefängnisgang ... Ja, das war wieder das Zuchthaus. Er blickte um sich, seine Augen sahen kurzgeschorene Köpfe, die sich über unaufhörlich klappernden Webstühlen beugten. Jaschek! Jaschek! – Er zuckte zusammen, einer rief ihn leise, aber er konnte nicht erkennen, wer es war, denn alle hatten sie aus Angst vor den an der Tür stehenden Wächtern die Köpfe gebeugt. Nein, er musste sich doch wohl verhört haben. Seine Blicke starrten durch das breite Gefängnisfenster auf die Baumwipfel ... auf die grenzenlose Weite des Himmels ... auf ferne, ganz ferne Hügelumrisse! ... Wieder zuckte er zusammen ... Das war ja die Mittagsglocke! ... Die Abendglocke, das Glockenzeichen zum Schlafengehen! ... Kettenklirren ... Da, die scharfen Gesichter der Aufseher mit den aufgepflanzten, blitzenden Seitengewehren ... Ein Zittern durchrieselte ihn bei ihrem Anblick ... Das war ein Kommando ... er konnte es nicht verstehen ... Ach! Und diese Nächte, diese furchtbaren Nächte im riesigen Saal des ehemaligen Remters ... diese Nächte, in denen die Sehnsucht kam und sein Blut, alle seine Kraft und seine Tränen aussog ... Die Winternächte voll Frost und weissen Mondlichts, während deren er, wenn der Schlaf seine Lider floh, leise zu den Heiligengesichtern betete, die noch so deutlich von den Wölbungen der Decke auf ihn niederblickten ... Mit einemmal war die Kette seiner Träume zerrissen ... Er fühlte, dass er jetzt auf der Flucht aus dem Gefängnis war ... vier Tage des Herumirrens in den Wäldern bei Nacht ... die Schenke von Przylenka ... der Bettler ... die Leute, die nach Brasilien zogen ... die Gendarmen ... ein Schuss ... Er kam wieder zu sich. Den Schmerz fühlte er nicht mehr, nur eine furchtbare Kälte durchdrang ihn bis auf die Knochen, er knäulte sich ganz zusammen, schob sich noch näher an einen Baumstamm heran und wartete auf das Morgengrauen; die Sehnsucht hatte ihren stachlichten Kopf in seine Eingeweide gestossen und biss ihn ohne Erbarmen. Nach Hause floh er ... nach seinem Heimatdorf ... in die Freiheit ... Das alles war dort ... dort ... hinter diesem Wald, der wie ein böser Geist ihn irregeführt und von seinem Ziel wie mit einer Mauer getrennt hatte – dort ist die Hütte, sein Elternhaus, die Mutter, der Acker, ruhiges und friedliches Leben – dort die unermessliche Seligkeit, die er erst hinter den Gefängnismauern begriffen hatte. Dorthin! dorthin! ... schrie die Sehnsucht in ihm so laut, so übermächtig, dass er sich erheben wollte, um zu gehen ... Er liess sich aber gleich wieder fallen, denn er wusste ja nicht, wo er sich befand, er hatte sich in dieser tollen Flucht gänzlich verirrt, musste warten bis es Tag würde. Nicht einen Augenblick kam ihm in den Sinn, dass sie ihn auch vom Elternhaus, von der Mutter wieder wegholen könnten, um ihn abermals ins Gefängnis zu stossen. Er wusste nur eins, dass in diesem seinem Heimatdorf sein Glück war, und kehrte dorthin zurück, allen Widerständen zum Trotz. Er glaubte, wenn er nur dorthin käme, würden alles Elend und alle Pein für immer ein Ende haben, war er sich doch keiner Schuld bewusst. Im Gefängnis sah er nicht das strafende Recht, sondern die persönliche, mächtige Rache des Gutsverwalters, den er nur ein wenig mit der Heugabel gestochen hatte! »Warte einmal, ... mit dir werd' ich noch ein Ende machen, du englisches Fieber, ich richt' dich noch zu! ...« sann er gehässig, sich plötzlich seines Peinigers erinnernd. Und tausendfach spannen sich Rachegedanken durch seinen Kopf und zerrannen immer wieder, denn immer häufiger übermannte ihn eine schlaftrunkene Bewusstlosigkeit, er wehrte sich solange er konnte, aber schliesslich, kurz vor Tagesanbruch verfiel er in festen Schlaf, der einer Todesstarre glich. Er schlief trotz dem Regen, der ihn bis auf die Haut durchnässte, und trotz der bitteren Kälte der Märznacht; er hatte sich zwischen die hervorstehenden Wurzeln der Eiche gezwängt, seinen Kopf an den gewaltigen Stamm gelehnt und schlief. Der Wald verstummte ganz, wie meistens vor Tagesanbruch, neigte sich über den Schlafenden und schien über ihn zu wachen, wie ein wachsamer, gütiger Wächter, ihn zugleich vor Regen schützend. Die Dunkelheit löste sich langsam auf, erblasste ... begann sich aufzuhellen. Über die Dämmerschatten ergoss sich das Grau des kommenden Tages. Im entschlummernden Wald erwachten mit einemmal die Vögel und das Waldgetier. Ein Krähenschwarm flog mit leisem Flügelschlag aus dem Gipfelgeäst riesiger Kiefern auf, kreiste eine Weile hoch oben und zog davon auf Futtersuche, den Dörfern zu. Im Waldesinnern war es noch dunkel; gegen Osten zeigte sich eine bleiche Blässe, das Frühlicht begann an dem noch trüben, gespenstigen Himmelsgrund aufzuschimmern, die Formen der Baumwipfel tauchten hervor wie schattenumsponnene Bergumrisse, unter den Bäumen aber lag noch dichte Nacht. Der Wind war ganz eingeschlafen, die Bäume standen jetzt als eine stille ineinandergewirrte Masse da; sie liessen ihre kältedurchschauerten, regennassen Zweige hängen, neigten ihre unbeweglichen Äste wie in einer grenzenlosen Erschöpfung und sanken in einen tiefen Schlaf ... die grausige Majestät einer einschläfernden Macht ergoss sich ringsum ... Manchmal nur zuckte ein Zweig traumhaft, schüttelte die Regennässe von sich, hob sich dem Morgendämmer entgegen und versank wieder in eine stille Regungslosigkeit ... Manchmal nur schien einer der riesigen Stämme sich vor Kälte zu krümmen, unmerklich zu erheben, seine Äste zu recken und sein schlafbefangenes Haupt der noch fernen Sonne zuzuwenden – um abermals in süsse Ruhe zu versinken. Nur das kleine hagere und schmächtige Volk der Espen-, Birken-, Hasel- und Buchenbüsche, das sich um die Stämme der Waldriesen scharte, zitterte noch kaum merkbar, wie in Angst, schmiegte sich Busch an Busch und flüsterte ängstlich und leise miteinander. Einzig die Wacholder standen unbeweglich und trotzig da, mit einem Panzer harter, grüner Nadeln bewehrt, von denen der Regen abfloss, sie litten nicht so schwer. Aber die dichten, langen Triebe wilder Himbeeren hatten sich wirr ineinanderverkrampft, krallten sich mit ihren Dornen an die Bäume fest, rankten über Steine dahin und überspannten grosse Ameisenhaufen, sie sahen aus, als wollten sie verzweifelt nach allen Richtungen fliehen, denn der Regen durchdrang ihre zarten Hüllen, floss an ihren dünnen Leibern in grossen Tropfen herunter und drang bis in ihre Wurzeln und Eingeweide ... Die Fichten erschauerten krampfhaft, die Tannen standen neben ihnen wie gefühllos unter dem Schutz der grossen Fächer ihrer Zweige. Die grauen Blicke der Morgendämmerung suchten sich immer tiefer ins Dickicht zu versenken und durchbohrten mit ihrem wie blassgeweinten, grünlichen Licht das Waldinnere. Der Wald zuckte bei dieser Berührung zusammen, aber er schlief noch immerzu. Gewaltige Säulenreihen begannen aus der Dunkelheit aufzutauchen, wie in einem ehrwürdigen gotischen Dom, zeichneten sich immer schärfer ab und wie durch spinnwebumsponnene Spitzbogenfenster drang durch das Geäst der Baumriesen das Frühlicht immer heller und rosiger hinein; es glitt über die grauen Baumpfeiler, glitzerte in den Regentropfen auf und sank allmählich zu Boden, auf die rostfahlen Moose, auf vorjähriges Laub und zitternde Stauden. Eine kaum merkliche Helle langte nach dem Gesicht Jascheks, der an die Wurzeln einer Eiche geschmiegt schlummerte, und schälte es aus dem Dunkel heraus. Ein plötzliches Brechen von Zweigen liess sich in der allgemeinen Stille vernehmen, und nach einer Weile tauchten aus dem Dickicht die Gestalten grosser Hirsche hervor; die Tiere näherten sich vorsichtig mit vorgestreckten Köpfen, blieben immer wieder stehen und schnupperten nach allen Himmelsrichtungen. Sie witterten mit einemmal Jaschek, drängten sich zu einem Haufen zusammen, ein kurzer Schreckruf durchschnitt die Luft, sie blieben unbeweglich stehen und berochen den Schlafenden ... Plötzlich sprangen sie zurück, denn Jaschek hatte im Schlaf etwas zu reden begonnen, sie legten ihr Geweih zurück und flohen waldeinwärts. Langsam fing das Leben an in den Waldestiefen zu erwachen; die Elstern zankten wütend auf den Lärchenbäumen, sie hatten sich an die biegsamen Zweige gehängt, schaukelten an ihnen hin und her und kreischten immerzu, so dass der Wald widerhallte und ein Hase aus dem Buschwerk hervorkroch, Männchen machte, über die Augen mit den Pfoten wischte und davonsauste, so schnell ihn die Läufe tragen konnten. Einmal kam auch ein Fuchs heimlich dahergeschlichen, seine Rute schleifte er hinterdrein, die Schnauze hielt er vorgereckt, nach allen Seiten eifrig schnüffelnd; wie ein drohender Schatten glitt er vorüber, Angst und Furcht um sich verbreitend, und die Vögel flohen mit lautem Geschrei auf die Bäume bei seinem Näherkommen. Dann tanzte ein Eichkätzchen über die Baumwipfel, Aste und Knorren dahin, war überall und nirgendwo und nur sein graurostiges Körperchen blitzte jäh zwischen den Zweigen auf. Und hoch über dem Walde kam ein Zug Dohlen durch die Lüfte gerudert, man hörte ihren Flügelschlag und ihr kurzes abgebrochenes Schreien. Und Rehe kamen in einem ganzen Rudel zum nahen Quell, der zwischen Steinen hervorrieselte; sie glitten lautlos zwischen den Bäumen hindurch und traten so leise auf, dass nicht das geringste Geräusch die Stille des schlafenden Waldes störte, es bewegten sich nur leicht die Zweige der Haselnusssträucher, an denen sie vorbeikamen. Denn der Wald schlief noch immer. Die Sonne stand schon über dem Himmelsrand, ihre roten, kalten Strahlen glitten über die Baumwipfel, zersprangen an den grauen Stämmen und weckten unausdenkbar feine, kaum wahrnehmbare Töne im Bereich der Waldgewölbe. Der Tag war schon vollends da und die Sonne schien bereits etwas von oben ins Waldesdickicht hinein, als Jaschek erwachte. Er sprang auf die Beine, taumelte aber sofort wieder zurück und sank zu Boden. Jaschek konnte kaum Atem fangen, so furchtbar war das Stechen in seiner Brust, er vermochte sich nur mit Mühe zu bewegen, so schmerzten ihn alle Glieder, so krank, zerschlagen und kraftlos fühlte er sich. Auf allen Vieren versuchte er weiterzukommen, aber es war ihm nicht möglich, seine Kräfte versagten vollends. »O Jesus, mein Jesus!« murmelte er ganz verzweifelt. Tränen überfluteten seine Seele, Tränen strömten aus seinen Augen und rollten gross wie Erbsen über seine grauen, elenden Wangen. Er bebte unter der Ohnmacht seiner hilflosen Verlassenheit. »Ich werd' hier sterben müssen! sterben werd' ich hier! ...« kam es wie ein Ächzen über seine Lippen und eine solche Angst vor dem Tode erfasste ihn, eine solch furchtbare Sehnsucht nach Menschen, nach seinen Angehörigen, nach dem Leben packte ihn plötzlich, dass er die letzten Kräfte anspannte und sich schliesslich doch in Bewegung setzte. Bald hatte er heraus, wo er sich befand und nach welcher Richtung er gehen musste, und obgleich er gezwungen war, sich immer wieder niedersetzen und an den Baumstämmen festzuhalten, obgleich er vor Entkräftung taumelte und sich seinen schmerzenden Körper zerstiess, erhob er sich stets von neuem und schleppte sich weiter. »Nur nicht hier sterben; nicht sterben, Jesus Maria!« murmelte er. Und nach einer Weile, da der stechende Schmerz sich vermindert hatte und die Hüfte ihm fast gar nicht mehr wehe tat, so starr war sie von der Kälte geworden, beschleunigte er seine Schritte; er nahm die Mütze ab und begann laut mit fieberheissen Lippen, das Herz voll Tränen und Leid und voll einer grenzenlosen Inbrunst, zu beten und Gott um Gnade und Erbarmen anzuflehen ... Noch vor Mittag gelangte er an den äussersten Rand des Waldgebiets, der die Felder beherrschte, welche sich als eine kreisförmige Niederung zwischen den waldbewachsenen Hügeln ausbreiteten. »Przylenka! Jesus Maria! Przylenka! 0 Jesus!« rief er ein ums andere Mal, von seiner inbrünstigen Liebe hingerissen. Er hockte unter einem Baum nieder und umspannte es mit heissen Blicken, dieses sein Przylenka. »Herr Gott! Mein Dorf! Przylenka, wirklich Przylenka!« wiederholte er wohl an die hundert Mal, berauschte sich an diesem Wort, an diesem Anblick, bebte, schrie unverständliche Worte hinaus, breitete seine Arme den in einer langen Reihe mitten im Tal stehenden Bauernhäusern entgegen, verschlang mit den Augen die wohlbekannten Pappelreihen, aus deren Mitte die Firste der Strohdächer aufragten und das vertraute Rauchgeschlängel, das sich über den Behausungen dahinzog, die morastigen Feldwege und das weite Wiesenland, das sich jenseits des Dorfes auftat. Mit blutumflorten, ermatteten Blicken, die dennoch froh wie der Morgenhimmel waren und in denen sich Sonne und Glück spiegelten, überflog er immer wieder die öden, schwärzlichen und aufgeweichten Felder; Schnee lag in den Ackerfurchen, Wasser leuchtete aus den Feldgräben und Triften, die wie polierte Stahlbänder sich dahinzogen; alte breitgeduckte Birnbäume hockten auf den Feldrainen wie flugmüde Vögel. Und höher hinaus, auf dem Hügel, gleich hinter dem Dorf glitzerten im Sonnenschein die goldenen Kirchenkreuze, stieg traumhaft das altersgeborstene Klostergemäuer auf und daneben tiefer am Bach, der auch neben seiner Hütte vorbeifloss, breitete sich der herrschaftliche Lustgarten aus und die Fenster des Herrenhofes leuchteten wie glatte Schilde, Teiche blitzten auf im Park und die Gewässer des Baches gleissten und funkelten im scharfen, lustigen Licht der Sonne, die am blassen Himmel dicht über dem Dorf schwebte ... »O Jesus, Maria! O Jesus! Eine Messe lass' ich lesen, nach Czenstochau geh' ich im Pilgerzug. O Maria, geliebteste Muttergottes!« Er murmelte diese Worte von einem unsagbaren Glück und einer Wehmut erfüllt, für die er keine Worte fand. Alles war vergessen: das Zuchthaus, die Strafe, die Nöte der Flucht, die Wunde, das ganze erlittene Leid, denn er hatte sein Heimatdorf vor sich und in der Seele nur eine unbändige Freude, ein solches Gefühl der Güte, so viele Tränen der Rührung und so viel selige Trunkenheit, dass er immer wieder mit heissen Lippen und glühendem Herzen Gott danken konnte und beten. Dennoch hatte er Angst, den Weg durch das Dorf bei Tag zu machen, oder es vielleicht von der Seite des Klosters zu umgehen, um zur Mutter zu gelangen. Es musste bis zum Abend gewartet werden, er zog sich also noch einmal in den Wald zurück, auf die Waldwiesen, wo die grossen Heuschober standen, wühlte sich tief in das Heu hinein und harrte dort auf die Stunde der Erfüllung. Es klärte sich vollends auf nach Sonnenuntergang, ein leichter Abendfrost machte sich bemerkbar, kalte, feine, graue Nebel legten sich auf die Felder und der Westhimmel bedeckte sich wie mit purpurroten Schuppen und Lachen voll Blut; der aufgeweichte Boden verhärtete sich leicht, gab aber unter den Tritten nach wie gespannte Ledergurte. Scharfer Frostgeruch mischte sich mit dem beissenden Duft faulenden Eichenlaubs und des Rauches, der mit dem Nebel gezogen kam. Jaschek strebte querfeldein dem Dorfe zu. Er blieb jeden Augenblick stehen, liess sich hin und wieder auf den Feldrainen nieder, duckte sich unter Feldbäumen und ging immer langsamer weiter, jedes Ackerbeet genau beschauend. »Dem Wojtek seins!« flüsterte er und beugte sich, um die Erde mit den Fingern zu berühren. Er sah schon gar nichts mehr ausser jenen Feldern, jenen langen, schwarzgrünen Ackerbeeten der Wintersaat, die ab und zu von dem in den Furchen liegenden Schnee gefleckt waren. Die blutige Abendröte erlosch, aber noch glühte ihr umflorter Widerschein in den Wasserpfützen. Die Stoppelfelder lagen stumm und vor Nässe triefend da wie abgeschabte Bettlerlumpen; auf dem Herbstbrachacker ragten die silbern bereiften Schollen in die Dämmerung, Kleefelder breiteten sich hier und da aus und sahen modrig grünen Weibertüchern ähnlich. Aber Jaschek begrüsste diese Welt in hellster Begeisterung mit einem Freudegewinsel. Er war so wie sie erschöpft, so arm und elend wie diese trostlosen Felder, so wie sie von Regengüssen gepeitscht und fühlte sich selbst tausendmal schutzloser als diese hier, darum beugte er sich in einer wilden Liebe zu dieser Ackerkrume nieder, berührte sie mit den Fingern, als wollte er aus ihr Kräfte, Macht und Ausdauer schöpfen, sich ihr ganz in die Gewalt geben ... Und da es immer dunkler zu werden begann, bückte er sich immer tiefer über jedes Ackerbeet. »Dem Michael seins! Sieh mal an, Weizen!« knurrte er erstaunt, nachdem er die jungen Hälmchen erkannt hatte. Die Dunkelheit sank rasch hernieder, die Abendröte erblasste ganz und lief bläulich an, der Himmel begann sich schon mit dem Tau der Sterne zu bedecken, die Luft war rein, die Nebel zerstoben, denn der Frost hatte ziemlich stark zugepackt, und nur die Wälder schienen in dieser reinen Abendluft näher gerückt zu sein und das Tal mit einem hohen schwarzen Rahmen einzuschliessen. Das Dorf war nur noch einige Steinwürfe weit entfernt. Jaschek stapfte jetzt über die Kohlbeete, die von tiefen, mit Schnee angefüllten Abzugsgräben durchzogen waren, über morastige Wiesen voll zahlloser Wassertümpel, unter deren Oberfläche noch hartes Eis sich barg. Die Stimmen des Dorfes tönten schon zu ihm herüber, die Schafe blökten, ... dann liess sich das Brüllen der Kälber vernehmen und von irgendwoher trug ihm die hellhörige Luft Pferdegewieher und das deutliche Knarren von Scheunentüren zu. Er spürte in den Nüstern den kribbelnden Geruch von Rauch. Hier und da blitzte schon aus den Obstgärten zwischen Wirtschaftsgebäuden und Heckenwegen ein Lichtschein auf ... ein Liedlein erklang plötzlich in den Lüften ... das Geratter eines im vollen Galopp durchs Dorf fahrenden Wagens erstickte es wieder ... Auf einem der Höfe liess sich eifriges Gänsegeschnatter vernehmen. Irgend einen hörte man aus voller Kehle: »Pietrek, kommst her, Pietrek!« rufen. Der Klang dieser Stimme traf ihn wie ein Keulenschlag, er taumelte ... Jetzt war er auf einen Fusspfad geraten, der am Dorf entlang hinter den Scheunen lief. Die Mutter wohnte am anderen Dorfende, hinter dem Bach am Hügel, auf dem das alte Kloster stand. »Eine neue Bedachung hat er angeschafft! ...« stellte er leise fest, ein Bauernhaus in Augenschein nehmend. »Der Wawschon ist abgebrannt!« einen Augenblick stand er und schaute voll Mitleid auf einen schwarzen Schornstein, der inmitten eines verkohlten Obstgartens ragte. »Sieh mal an! Der Schultheiss hat sich ein neues Haus gebaut ... Für anderen Leuten zugefügtes Unrecht! ...« fügte er nach einer Weile schon im Weitergehen hinzu. Je näher er dem mütterlichen Hause kam, um so langsamer und schwerfälliger wurden seine Schritte, denn auch die Hüfte begann ihn wieder furchtbar zu schmerzen, das Stimmengewirr des Dorfes erregte ihn und die Freude erschütterte sein Inneres dermassen, dass jedes Glied in ihm bebte. Am liebsten hätte er sich zu Boden geworfen und die Erde in einer heissen Begeisterung geküsst, wäre vor jeder Dorfhütte, vor jedem Obstgarten und jeder Scheune niedergekniet, hätte zu jedem Stein gebetet, zu jeder dieser Pappeln, die über den Häusern aufragten, zu den Lichtern in den Fenstern, zu all den Lebensstimmen des teuren, heissgeliebten Heimatdorfes ... Aber seine Kräfte waren zu Ende, dieses Glück hatte ihn gänzlich erschöpft, er konnte sich nur noch wie ein Sterbender, fast schon bewusstlos weiterschleppen, um mit dem letzten Rest der Lebenskraft, mit der letzten Anspannung seines Willens mindestens das Haus zu erreichen ... bis vor die Schwelle zu kriechen und dort, wenn es sein musste, tot niederzufallen. »Oh, Jesus! Oh, Maria!« flüsterte er nur noch ab und zu vor sich hin und wusste nicht, wie und wann er bis an das Haus der Mutter gelangt war; die Tür konnte er nicht mehr öffnen; er sank an der Schwelle nieder und brach in ein furchtbares Weinen aus ... III Die Sonne die ist auferstanden, Preist Dich Himmel, Meer und Land. Sei gelobt! singt jedes Wesen, Grosser Gott, ich bin genesen! Jaschek hob den Kopf aus den Kissen und hörte aufmerksam zu, die Stimme kam aus nächster Nähe, als sänge jemand hinter der Tür. Er sah sich um, konnte jedoch nichts unterscheiden, nur das Frühlicht sickerte durch ein kleines Fensterchen, das in die Wand eingelassen war und von dem sich ein schwacher Schimmer allmählich in der Kammer ausbreitete. Er sank auf sein Lager zurück; wo er sich befand, wusste er nicht, er entsann sich auch keiner Einzelheiten. Sei gelobt! singt jedes Wesen, Grosser Gott, ich bin genesen! »Mutter!« murmelte er ganz in das Anhören des Kehrreims vertieft, und so lag er nun still, ganz atemlos, mit Augen, die sich ins Dunkel bohrten, und folgte gänzlich hingenommen, nicht mit der eigenen Stimme, aber mit der Bewegung seiner Lippen diesem Gesang, während ihm die Tränen einer seltsamen Seligkeit langsam über das Gesicht rannen ... Er merkte nicht einmal, wann das Singen aufhörte und eine Tür geknarrt hatte. »Fühlst du dich besser, mein Söhnchen?« raunte eine Stimme über seinem Haupt. »Mutter! ...« konnte er nur hervorpressen, »Mutter! ...« und griff nach der Hand, die ihm liebkosend über das Gesicht gestrichen hatte, so verharrte er lange in einem Zustand hilfloser Seligkeit. Die Alte streichelte immer wieder voll zärtlicher Liebe sein schweissiges Haar und seine Wangen. »Still, mein Söhnchen ... still, Armer ... still ...« Sie konnte nicht weiter sprechen vor Rührung und deckte ihn nur, als er in Schlaf gesunken war, aufs sorgfältigste zu, worauf sie in die Stube zurückkehrte. Sie sah durchs Fenster hinaus, trat vors Haus, um über die noch im Dunkel daliegende Dorfstrasse ihre Blicke schweifen zu lassen, und kehrte wieder zurück, setzte sich auf einen Schemel vor der Herdstelle und warf trockenes Reisig aufs Feuer. Auf dem Herd selbst, der mit Töpfen vollgestellt war, flammte ein heller Flackerschein und warf ein goldiges Licht in die Stube, über die sauber geweissten Wände, an denen sich Reihen von Heiligenbildern dunkel abzeichneten, und über das schwarze Gerippe des Webstuhls, der am Ostfenster stand und mit Garn wie mit Spinnweben umsponnen war. Tekla, die Beisassin der alten Winciorek, hockte auf dem Boden vor dem Feuerherd und schabte Kartoffeln, das Morgengebet vor sich hermurmelnd, und ein grosser gefleckter Hund hatte sich mitten in der Stube ausgestreckt und knurrte aus dem Schlaf heraus ein dickes, rundes Ferkel an, das sich in allen Ecken zu schaffen machte, immer wieder seinen stumpfen Rüssel in einen der auf dem Boden vor dem Feuerherd stehenden Töpfe steckte, der Tekla Kartoffeln aus dem Korb stahl, ausgelassen aufquiekte und den Hund zu necken versuchte. »Still da, Kroppzeug, oh! ...« rief Tekla ein ums andere Mal. Im übrigen herrschte Ruhe im ganzen Haus. Das Feuer prasselte lustig, und laut hörte man das im Topf kochende Wasser brodeln. »Die Hähne krähen, sicher gibt es Witterungswechsel!« bemerkte Tekla knurrig. Tatsächlich Hessen sich im ganzen Dorf die Hähne einer nach dem anderen vernehmen. Die alte Winciorek antwortete nicht, sie war im Begriff in die Schlafkammer zu gehen; da aber plötzlich auf dem hartgefrorenen Weg draussen das Stapfen von Holzklumpen hörbar wurde, kehrte sie wieder auf ihren alten Platz zurück. Mit einem lauten Türenknallen in einer Wolke von Dampf kam ein schlankes Mädchen mit einer Beiderwandschürze über dem Kopf in die Stube gerannt, sie bot Gott zum Gruss und versuchte ihre Hände am Feuerherd zu wärmen. »Bäuerin, könnt Ihr uns ein Laib Brot borgen. Wenn Mutter morgen backen wird, dann bringe ich Euch eins wieder. Die Burschen fahren mit dem Holz nach der Sägemühle und zu Hause ist keine Rinde mehr übrig,« redete sie schnell. »Welche fahren denn?« fragte die Tekla. »Der Walek und der Michael! Wer sonst!« »Bleiben der Vater zu Hause?« »Versteht sich, der hätte gerade Lust dazu! ... Er sagt, dass er nach dem Amt muss ... aber das sagen sie bloss so, weil sie unter dem Federbett liegen bleiben wollen ...« Sie setzte sich auf den Herdvorsprung, liess die Beiderwandschürze auf den Rücken herabgleiten und plapperte weiter: »Wisst ihr's schon? ...« »Was sollt' es sein? ...« »Die Martine hat sich mit der Gschelowa geprügelt ...« »Du lieber Jesus! geprügelt? ... Martine und die Gschelowa!« rief Tekla ein übers andere Mal. »Das ist so, gleich nach der Vesper. Die Martine hat gesagt, dass die Gschelowa ihren Kühen Milch abgemolken hat. Und die Gschelowa hat gesagt: selbst bist du ein Dieb und eine Sau! Und die Martine hat ihr eins mit dem Wockenstock über den Kopf gelangt, die Gschelowa ist darauf mit einem Waschholz auf sie losgestürzt und die Martine hat sie bei den Zotteln zu fassen bekommen ... Sie haben sich wie die wilden Tiere zugerichtet, dass sie zuletzt die Männer auseinanderreissen mussten ... Sie gehen ans Gericht und haben gesagt, dass sie mich als Zeugen angeben wollen ...« »Du musst die reine Wahrheit vor dem Gericht zeugen,« bemerkte die alte Winciorek. »Versteht sich, was Unrecht ist, das ist schon Unrecht. Na, die Martine hat ja eine Beule am Kopf, so gross wie eine Semmel und die Gschelowa hat ein ganz zerschlagenes Maul und ein blau angelaufenes Auge. Ich werd' schon die reine Wahrheit zeugen.« »... Mit dem Wockenstock hat sie sie geschlagen und die Gschelowa sie mit dem Waschholz! Du mein Jesus! Sag' doch bloss, Dirn, wie ist das zugegangen? ...« »Euer Kind schreit!« bemerkte das Mädchen. »Das soll ihm bekommen, lass es ein bisschen herumzirpen! ...« Es trat wieder Stille ein nach dem Fortgang des Mädchens und das Weinen eines Kindes liess sich jetzt deutlicher hören, es drang von der anderen Hausseite herüber, aber die Tekla beachtete es nicht, sie spülte die Kartoffeln mit einer energischen Gebärde und redete zwischendurch leidenschaftlich weiter, wobei sie immer wieder ihre lange, hagere Gestalt gerade reckte: »Brot brauchen sie, die Pestigen! Sieh einer das arme Volk! Ohne Borgen können sie nicht leben ... Krätzige Hofbauern ... Aaszeug ... Und wenn ein Armer was brauchen sollte, dann könnte er ruhig unterm Zaun verrecken – keiner gibt ihm auch nur einen Tropfen Wasser! Dass ihr alle verreckt, wie die Hunde! ... Das Brot bläht sie auf, da müssen sie sich mit Wockenstöcken und Waschhölzern prügeln. Euch kommt der Herr Jesus schon bei, Aaszeug, das ist gewiss ...« »Ihr redet dummes Zeug, das ist alles!« knurrte die Winciorek. »Versteht sich! Ich rede dummes Zeug! Hätte meiner nicht auch jetzt unter dem Federbett sich rekeln können oder Holz fahren und ein paar Silberlinge verdienen, könnte er das nicht? Alle sitzen in ihren Häusern, und meiner? wo muss der nun abbleiben?« »Er hätte auch zu Hause sitzen können, warum hat er die herrschaftlichen Pferde den Dieben herausgegeben ...« »Herausgegeben! versteht sich, dass er sie herausgegeben hat! Hab' ich vielleicht nicht genug auf ihn eingewettert! Aber was sollte der Arme tun? ... Ein Hofbauernsohn war er, hätte auf eigenem Grund und Boden sitzen können, auf fünfzehn Morgen wenigstens ... und dienen hat er müssen. Sie hat ihn benachteiligt, die Teufelsbande von Familie! Wer hat ihn zum Schlechten überredet? Die pestigen Brüderlein wollten ihn los sein, damit er den Prozess nicht gewinnt ... Und jetzt bellen alle Hunde auf ihn: der Tomek ist ein Dieb ... Der Tomek ist ein Dieb! Aasvolk! Verdammtes Hundepack!« schrie sie schon ganz leidenschaftlich und brach aus lauter Herzenskummer in lautes Geheul aus. Sie redeten nicht mehr, das Kind weinte nun auch immer leiser. Hinter den Fenstern hörten sie einige Wagen über die Erdschollen der hartgefrorenen Dorfstrasse einherpoltern und Menschenstimmen klangen deutlich durch die hellhörige Frostluft. »Man redet im Dorf, dass hinter dem Fluss zwei Diebinnen sitzen! Dass ihnen der Herr Jesus dieses nicht einmal vergelten muss!« murmelte die Winciorek mit tränenerstickter Stimme. Tekla, die sich auf einen Augenblick entfernt hatte, kehrte bald mit ihrem Kindlein wieder, setzte sich vor dem Herd zurecht, steckte ihm die magere Hängebrust in den Mund und sagte: »Das ist nur zur Hälfte wahr ... denn Euer Jaschek hat doch nicht gestohlen ...« »Aber für drei Jahre haben sie ihn ins Zuchthaus gesteckt ...« entgegnete die Winciorek mit gedämpfter Stimme. »Weil es keine Gerechtigkeit in der Welt gibt, nicht gegeben hat und nicht geben wird!« »Es wird schon einmal der Herr Jesus kommen, der wird dann einem jeden Gerechtigkeit verschaffen ...« »Hale, wart' einer so lang, bis die Wölfe die Stute auffressen werden ...« »Redet nicht so was ... das ist Sünde ... dem Herrn Jesus seine Gerechtigkeit, das ist keine menschliche ...« Sie setzten sich schweigend zum Essen nieder und das Feuer, das nicht weiter gespeist wurde, begann allmählich zu erlöschen; das Morgenlicht liess nun die Scheiben bläulich erschimmem und quoll als rosige Helle in die Stube. Nach dem Morgenessen setzte sich die Winciorek an ihre Arbeit und begann langsam und gewohnheitsmässig auf dem Webstuhl ein buntes Stück Beiderwand zu weben. Die Sonne hob ihr rotes Haupt aus dem Schoss der Wälder und überschüttete die rauhreifweisse Erde und die Bäume mit einem solchen Glanzgefunkel, dass einem schon die Augen beim blossen Anschauen weh taten. Die alte Winciorek hielt das Haupt gebeugt, blinzelte mit den Augen gegen das Licht, hörte jedoch nicht auf zu arbeiten. Der rosenrote Glanz der Morgenröte übergoss ihr mageres, mit zahlreichen Leidensspuren gezeichnetes Gesicht; weisse Haarsträhnen stahlen sich unter dem roten Kopftuch hervor, das sie über ihrer gelblichen, faltigen Stirn gebunden trug. Der eingefallene, bläuliche Mund zitterte im Gleichtakt mit den Bewegungen ihrer Hände, die den Webekamm führten. Das immer wieder ausgewechselte Weberschiffchen, denn sie webte mit verschiedenfarbenem Garn, zwängte sich surrend durch das Gewirr des grauen Leinengarns, das den Grund abgab. Sie nickte dabei gleichmässig, wie ein Automat, während der Webstuhl hart und trocken klapperte; sie war ganz in ihre Arbeit vertieft und hielt nur ab und zu inne, um den Kopf gegen den Webstuhl zu stützen, auf die Geräusche in der Schlafkammer zu lauschen und bitter vor sich hinzubrüten. – Lieber Jesus! Allerheiligste, süsse Jungfrau! Vor dreissig Jahren war es gerade so! ganz dasselbe! – sann sie mit unaussprechlicher Bitterkeit, und obgleich ihre Hände mit Arbeit beschäftigt waren, umfassten die Augen eine lange verflossene Vergangenheit, die so schmerzlich war, dass sich ihre Seele bei dem blossen Gedanken daran zusammenkrampfte und die Augen sich mit Tränen verschleierten. – ... Dreissig Jahre waren es her, da ist Ihrer mit dem jüngeren Gutsherrn in die Wälder gezogen ... Hingegangen war er dahin, um mit dem Herrn gemeinsam Krieg zu führen, war er doch ein guter Schütze, grad wie der Jaschek ... Ein Zittern überkam sie bei der Erinnerung an diesen Ausgang und all die Gedanken an die bange Sorge, an das vergebliche Suchen nach dem Vermissten im Walde ... und die unaussprechlichen Qualen der Angst erwachten so lebhaft in ihrer Seele, dass sie den Kopf auf den Webekamm stützte und ganz verloren durchs Fenster zu starren begann; ihre Augen irrten über die waldbewachsenen Hügel, über das Ackerland, über das die jungen Halme der Wintersaat einen silbernen Rauhreif gesponnen hatten, über die ganze von Sonnenlicht rosige Welt, die so hell und so still war ... Wie gut entsann sie sich jener Vergangenheit, wie gut ... Plötzlich zuckte sie zusammen, ein fernes Gewehrknattern war in ihrer Seele erwacht! Ganz so war es damals zur Frühlingszeit gewesen, gerade dasselbe Tauwetter tagsüber und dann immer wieder die Nachtfröste. An einem Morgen, gerade wie heute, hatten sie den Ihrigen heimgebracht ... Sie entsinnt sich noch der blutigen, zerfetzten Kleidung! ... In derselben Schlafkammer hielt sie auch ihn versteckt und verteidigte ihn gegen den Tod ... Sie hatte ihn wirklich gerettet... Und wozu! O Jesus, süsser Jesus! Tränen furchten sich den Weg über ihr tief niedergebeugtes Gesicht ... Weit in die Fremde hat man ihn dann fortgeschleppt, und niemals sah sie ihn wieder! ... Gewiss ist er dort, im Feindesland gestorben und begraben. – sicherlich nicht einmal in geweihter Erde! ... Ein solcher Schmerz packte sie in tiefster Seele, dass sie die Hände ineinanderflocht und, die verweinten Augen auf die Heiligenbilder gerichtet, heiss und flehentlich zu beten begann, aber ihre Gefühle und ihr Bewusstsein hatten sich derartig verwirrt, dass sie, für ihren Mann betend, um die Genesung ihres Sohnes flehte ... Sie ging dann in die Schlafkammer, um zu ihm einzusehen. Auf einer mit Kissen und einem Federbett bedeckten Pritsche lag Jaschek. Durch das kleine Scheibchen in der Wand fiel etwas Licht ins Innere und legte sich wie ein umflorter Schein auf das Gesicht des Kranken. Jaschek war todkrank. Die Flucht, die Wunde, die Erkältung, die ausgestandenen Ängste – alles hatte ihn dermassen entkräftet, dass er kaum atmen konnte. Die Mutter verlor dennoch die Hoffnung nicht. Sie wollte ihn pflegen, so gut sie es konnte und verstand, verteidigen wollte sie ihn gegen den Tod mit ihrer ganzen Liebe und Verzweiflung, da sie aber wusste, dass sie diese Pflege, sowie seinen Aufenthalt vor den Augen der Menschen versteckt halten musste, so verbiss sie sich in sich selber, raffte ihre ganzen Kräfte zusammen und schickte sich an, ihn zu verteidigen, gegen seine Krankheit anzugehen, gegen die Neugierde des Dorfes, gegen die Angst, die unaufhörlich über ihnen schweben würde ... Sie hatten ihr schon ihren Mann und soviel Glück geraubt, hatten ihr genug Tränen entrissen, dass sie von diesem geliebten Einzigen nimmer lassen wollte ... und sollte sie es mit ihrem eigenen Leben bezahlen müssen ... abgeben würde sie ihn nicht wieder ... »Jaschek! mein Kind!« murmelte sie und beugte sich behutsam über ihn. Jaschek schlug die geistesabwesenden Augen auf, etwas wie der Widerschein eines zärtlichen Lächelns huschte über seine fiebertrockenen Lippen und abermals versank er in seine Schlaftrunkenheit. Sie steckte das Federbett um seinen Körper fester, legte ihm den bewusstlosen Kopf bequem zurecht, und nachdem sie das Scheibchen verhangen hatte, damit ihn das Licht nicht störe, kehrte sie an ihre Arbeit zurück. Aber sie konnte nicht schaffen, ihre Hände zitterten, alles verdarb ihr unter den Fingern, es fehlte zuletzt auch noch an bunter Wolle in den Weberschiffchen, so ging sie denn lieber an die Besorgung der Wirtschaft. Viel Gut hatte sie nicht. Sechs Morgen Ackerland, eine kleine Scheune, ein Kuhstall, ein leichter Bretterschuppen, der als Schweinestall diente, zwei Kühe, das Mutterschwein mit dem Frühwurf, ein paar Gänse, welche schon zu legen begonnen hatten, an die zwanzig Hühner und Enten – das war die ganze Herrlichkeit. Überall jedoch herrschte mustergültige Ordnung, war ständige Mühewaltung und Pflege zu sehen. Die Winciorek fütterte gerade ihre Gänse an der Stubenschwelle, als auf dem Brückensteg der dumpfe Klang von Schritten hörbar wurde, sie hob die Augen und gewahrte durch die Äste der kahlen vor dem Hause wachsenden Bäume eine Frau, die rasch auf sie zukam. »Winciorkowa!« rief diese schon von weitem, jenseits der Steinmauer der Umfriedung stehen bleibend: »He, Winciorkowa, lauft schnell nach dem Sulkabauer, die Magda wird jeden Augenblick niederkommen.... Schon seit Morgengrauen schreit sie in einem fort, sie werden ohne Euch nicht zurechtkommen können....« Sie wandte sich um und verschwand bald in den Heckenwegen des Dorfes. Die Alte aber, die sich ein bisschen auf Krankheiten auskannte, auch als Hebamme und in allerhand anderen Dingen ihren Teil abwusste, kehrte rasch in die Stube zurück, sah bei Jaschek ein, stellte ihm auf der Bank neben der Pritsche einen Trank zurecht, zog schnell etwas über und rannte ins Dorf. Es war ihr nicht ganz recht, dieses tun zu müssen, denn der Kranke blieb ohne Aufsicht zurück, aber rennen musste sie schon. Wer sollte der Frau helfen? Die Ärzte vielleicht? Versteht sich; kannst gleich die Kuh verkaufen und das wird zuletzt nicht einmal reichen ... Und dann ... sie hört vielleicht etwas unter den Leuten im Dorf ... ob man nicht etwa schon von Jaschek redet ... behutsam ausfragen wird sie hier und da ... Sie beschleunigte ihre Schritte und eilte an den Steinumfriedungen entlang, auf denen Hartriegelbüsche wuchsen. Ihre langen Zweige hingen wie Peitschenschnüre tief zur Erde und legten sich stellenweise über den Fusssteg, wo sie hier und da von Vorübergehenden in den Strassenkot hineingetreten waren. Das Dorf lag zu beiden Seiten der Strasse unter dem Schutz mächtiger Pappeln, die in einer langen, etwas nach Westen vorgebeugten Doppelreihe dastanden. Die niedrigen, strohgedeckten und grünbemoosten Hütten hockten im Hintergrund schmaler Obstgärten, voneinander durch die Heckenwege der Einfahrten getrennt. Fast jede hatte ein auf den Wirtschaftshof zuführendes Tor von althergebrachter Bauart, das mit einem Dächlein versehen war, unter dem auf Goldgrund die Heiligenbilder schimmerten. Die Steinumfriedungen zogen sich an den tiefen Gräben entlang und bildeten um die Häuser und Gärten graue Einfassungen. Die breite Dorfstrasse war ein einziger frosterstarrter Morast voll eisbedeckter Pfützen; an den Steinmauern, in den Obstgärten und auch in den Gräben lagen noch ganze Haufen schwärzlichen Schnees, in dem sich die Dorfhühner zu schaffen machten. Der frohe Stimmenlärm eines sonnigen, trockenen Tages hallte von einem Ende des Dorfes zum anderen herüber. Scharen barfüssiger, mit Holzklumpen bekleideter Dorfkinder glitschten auf dem Eis der Gräben und Pfützen um die Wette und hier und da, vor den Behausungen und in den Heckenwegen standen die Bäuerinnen und unterhielten sich laut miteinander. Von den Hinterhöfen und Gärten klangen die Axtschläge der Holzarbeiter herüber. Zwischen den kahlen Ästen der Obstgärten hindurch sah man hier und da die Brettschneider sich beim Sägen hin und her wiegen. Hin und wieder wurde Wagengeroll laut und von den Wirtschaftsgebäuden des Herrenhofes kam ganz von weitem das Rattern der Dreschmaschine herüber; die Kühe brüllten in ihren Ställen wie im Vorgefühl des nahenden Frühlings und die Gänse rannten in Scharen aus den Umfriedungen und versuchten unter lautem Geschnatter auf die Felder zu entkommen. Der Tag war herrlich, die Sonne schien hell und warm, also kamen auch die Menschen aus ihren Häusern heraus, um sich hier und da an den Wänden im Licht zu wärmen. Die alte Winciorek beschleunigte ihre Schritte, man begrüsste sie überall freundlich aber auch mit einer gewissen Zurückhaltung, denn sie wurde etwas gefürchtet, da sie doch eine war, die sich in allerhand heimlichen Dingen auskannte: wenn eine Frau ins Wochenbett kam, wenn sich einem der Weichselzopf zusammenklettete, ging es um ein krankes Vieh oder um ein Kind, das sich inwendig verschoben hatte, Bäurischer Aberglaube von einer inneren Krankheit, gegen die nur ein Abmessen des Kranken oder Besprechungen seitens Heilkräftiger helfen könnten. oder hatte irgendwen ein toller Hund gebissen – für so etwas war sie eine Heilkundige, wie es sich gehört. Ganz im geheimen aber sprach man untereinander, dass ihr ein böser Blick zu eigen war, weil sie doch den Jungen von dem Jendrek für die Birnen, die er ihr gestohlen, so angeschaut hatte, dass er den ganzen Winter über in einem fort Reissen in den Knochen gefühlt hat; auch dass sie die Milch besprechen konnte und was noch alles ... man wusste da schon manches und vielerlei, das war sicher. Da sie sich aber mit dem Pfarrer gut stand, die Kirchenwäsche wusch, zur frommen Brüderschaft gehörte, und wenn es mit einem zum Sterben kam, keiner wie sie besser die Totengebete und -gesänge oder auch die Totenklage beim Totenmahl verrichten konnte, – so gab es niemanden, der ihr auch nur ein böses Wort nachgeredet hätte. Sie war dabei eine ruhige, stille Frau, arbeitsam und fromm. Des Morgens, schon vor Tagesanbruch und abends nach der Abendmahlzeit hörte man aus ihrem Hause fromme Gesänge schallen und was schon den Acker anbetraf, so bearbeitete den selbst der tüchtigste Hofbauer nicht besser. »Eine kluge Frau,« redeten die Alten, wenn sie von ihr sprachen. »Aber rein wie ein Brummkater und schaut dazu die Leute an, dass auch die Gutsherrin es nicht besser könnte.« »Weil sie doch in einem fort auf dem Pfarrhof sitzt, darum ist sie so eine Herrische.« »So eine Kluge, so eine Herrische, und der Junge sitzt im Zuchthaus.« »Wenn du dem Guts Verwalter so mit der Heugabel über die Rippen gefahren wärest, würdest du noch fester zu sitzen kommen.« So redeten die Leute über sie untereinander: sie wusste es wohl und lächelte von oben her darüber. »Dazu hat doch jeder seinen Verstand, dass er auf seine Weise sich was ausdenkt,« entgegnete sie einmal ihrer Beisassin, der Tekla, als ihr diese erzählt hatte, was von ihr geredet wurde. Das ging sie ganz und gar nichts an, aber jetzt, als sie bei ihrem Gang durch das Dorf merkte, dass die Leute miteinander hinter ihr dreinflüsterten, oder aber ihr von den Behausungen oder von der Dorfstrasse her Menschenstimmen zuflogen, verlangsamte sie ihre Schritte und fing gierig die Worte auf, denn es schien ihr immer wieder, als ob sie alle über ihren Jaschek sprächen. – Sie konnte jedoch nichts heraushören und musste schliesslich, ohne dass es ihr gelang etwas auszukundschaften, den Hof des Sulkabauers betreten. Die Stube war voll älterer Weiber, am Fenster aber sass der Mann – ein stämmiger junger Kerl – und schnitzelte an einem Dreschflegel, die Arbeit glitt ihm aber immer wieder aus den Händen, denn aus der anliegenden Schlafkammer drang das unmenschliche Schreien einer Gebärenden in die Stube; er konnte keinen Augenblick auf seinem Platz sitzen bleiben, versuchte immer wieder an die Schlafkammertür heranzutreten, um dort hineinzugehen, da ihm die Winciorek dieses jedoch nicht erlaubt hatte, trieb er sich ratlos in der Stube herum, und weil er ein Mann war, der sein Herz auf dem richtigen Fleck hatte, so wischte er daher immer wieder mit dem Schoss seines Kapottrocks über die feuchte Stirn und. die nassen Augen. Die Weiber aber, die sich am Herd breit gemacht hatten, wo schon der Krupnik stand, machten sich ab und zu über seine Qual und Unruhe lustig. »Brauchst keine Angst zu haben, Walek, der Magda wird schon nichts geschehen. Das ist nur so bei dem Ersten, wie bei dem ersten Topf, den einer in Scherben schlägt, das wird man sachte gewohnt.« »Ich habe meine zehn gehabt, und es ist gegangen, wie wenn einer Nüsse knackt.« »Du hättest ihr das abnehmen sollen, Walek, wenn du so 'n weiches Herz hast. Hättest du nicht erst den Anfang gemacht, dann gäb' es jetzt kein Geschrei!« »Hale! Glaubt ihm das nicht. Mitleid von einem Mannsbild ist grad so viel wert wie Hundeweinen!« »Seid mal ruhig, Frauen. Die Arme schreit aus dem letzten und ihr bleckt hier die Zähne.« »Das tun wir dir zu Gefallen, eine Frau hast du jetzt so gut wie gar nicht, dann kann dich irgend eine andere zu sich unters Federbett nehmen.« »Der hat genug unter den Federbetten der Mädchen geschlafen, das ist einmal sicher!« Mit einemmal schwiegen sie alle, denn in der Schlafkammer wurde es plötzlich ganz still. Tomek rannte hinein und nach einer Weile tauchte die Winciorek in der sperrangelweit geöffneten Tür auf und hielt ein in Leinentücher gewickeltes Bündel im Arm. »Sag' dem Herrn Jesus deinen Dank, Walek, du hast einen Jungen jetzt.« Der Walek aber war wie geistesabwesend vor Freude; er nahm das Kind auf seinen Arm und beschaute es staunend am Fenster. »So 'n Fratz, Herrgott, das ist ja das reine Katzenjunge!« rief er ein ums andere Mal und konnte sich nicht an dem Menschenkindlein satt sehen, das kaum einen Laut von sich geben konnte, wie ein soeben aus dem Ei geschlüpftes Vögelein. »Darauf müssen wir gleich einen trinken,« rief er mit einemmal und reichte der Winciorek das Neugeborene zurück. »Wartet ein bisschen, das Kind ist die Hauptperson, man muss ihm die nötige Ehre angedeihen lassen!« Sie griff nach dem Schnapsglas, sprengte ein paar Tropfen des Getränks an drei Stellen der Stube aus und liess sich feierlich vernehmen: »Dieses für Herrn Jesus, dieses für dich, dieses für deine Eltern!« Sie schob das Glas an die zusammengekrampften Sauglippen des Kindchens, da es sich aber sofort verschluckte und zu schreien anfing, trug sie es zu der Mutter mit dem Rest des Schnapses hinein. Walek rannte indessen immer wieder in die Schlafkammer, küsste die Frau, besah sich den Jungen und kehrte zu den Gevatterinnen zurück, um ihnen freudig zuzutrinken. Alsbald wurde auch Met aufgetischt, da es aber in der grossen Fastenzeit war, assen sie nur Brot, Käse und alten Quark dazu. Nur für die Kranke wurde ein Huhn gekocht, da der Pfarrer einen »Dispens« erteilt hatte. Immer wieder trat irgend ein neuer Besucher ein, so dass die Stube bald voll von Menschen und Stimmenlärm wurde und die Winciorek die Leute beschwichtigen musste, denn die Wöchnerin wollte schlafen. Es war ihnen schon allen wohl und herzlich brüderlich zumute, als der Schultheiss erschien. »Kindstaufe will das Aas hier feiern, ohne die Beamten, ha?« rief er gleich von der Schwelle. »Trinkt mir gleich Bescheid, dann holt Ihr uns noch ein!« »Ho! ho! Herr Schultheiss, der hat in allem guten Schick, der wird uns auch beim Trinken überholen.« »Die Matzkowa, sieh mal an! Die Leute reden, der Mann hätt' ihr alle Zähne ausgeschlagen, und sie hat doch noch einen übrig behalten.« »Lass du mich in Ruh'! Sieh einer bloss diesen Klugschnacker an!« schrie sie ihn beleidigt an. »Wer sollt' Euch anrühren, höchstens denn mit einem Stecken und dann noch mit einem ordentlichen.« Da aber die Matzkowa schon einen gehörigen sitzen hatte, ging sie auf ihn mit den Fäusten los: »Wahr' du dich! Einer Hofbäuerin willst du zu nahe treten, du Landstreicher, du Judenknecht; kaum hat man mit den Gläsern geklimpert, da ist das Aas auch schon da ...« »Ein Beamter bin ich! Merk' dir das, Frau,« liess er sich laut mit feierlichem Ernst vernehmen und reckte sich dabei. Das machte auf die Matzkowa nicht den geringsten Eindruck, sie sagte ihm ein recht hässliches Wort darüber, was sie sich aus solchen Beamten machte, trank noch einmal der alten Winciorek zu, nahm ein Stückchen Käse für die Enkelkinder mit und trollte sich alsogleich. Der Schultheiss spuckte hinter Ihr drein und machte sich mit besonderem Eifer an den Schnaps heran. »Einen Jungen hast du, Walek, das ist was Feines. Ein Beamter bin ich, darum muss ich das wissen.... Ohne mich wäre er gar nicht da.« »Er ist nun aber schon da!« wendete eine der Frauen ein. »Alt seid Ihr, Marcinowa, aber der Herr Jesus hat Euch immer noch nicht zu Verstand kommen lassen Er ist da, sagt Ihr – wo ist er denn? In der Wiege, das ist so, als ob er gar nicht da wäre, so ein kleiner Wurm, denn es heisst doch bloss so, dass er da ist Ein Beamter sagt Euch das, versteht Ihr ... gleich will ich Euch das klarmachen: wem gehört so 'n Bäumlein im Wald? Wer hat ihn zur Welt gebracht, auf welcher Tabelle steht er, unter welcher Nummer, in welchem Buch, wieviel Grund und Boden stehen ihm zu, ist er gestellungspflichtig und wann, welcher Religion, ist er aus dem Bauernstand, wie?« »Wie soll denn das zugehen? es hat sich Euch wohl der Kopf verwirrt, Schultheiss, was hat das mit dem Kind zu tun.« »Das hat es schon, denn dem Walek sein Junge ist jetzt so gut wie jenes Bäumlein im Walde, an das der Mensch denken tut, das aber gar nicht da ist; wenn ihn aber der Beamte ins Buch eingetragen hat, wenn er in der Tabelle drin steht, wenn man ihn beschreibt und seinen Geburtsschein ausfertigt, wenn man ihn in das Standesamtsregister einträgt und dieses nach dem Amtsbezirk schickt, dann ist es erst richtig ein Junge. Ein Beamter sagt es Euch, versteht Ihr?« Er redete noch eine ganze Weile, sie hörten aber nicht weiter zu, denn irgend einer hatte von den Leuten zu erzählen begonnen, die vor einer Woche nach Brasilien ausgewandert waren. »Man spricht, dass, wenn es richtig Frühling wird, ganze Dörfer fortziehen sollen ...« »Gestern ist den Adams ihr Jaschek auch fortgezogen.« »Und in Wola haben drei Hofbauern ihren Besitz verkauft und ziehen fort.« »Ins Verderben gehen sie bloss, in ihr eigenes Verderben, das Volk geht dabei zugrunde, das ist alles.« »Das ist nicht wahr, Boden kriegen sie dort zugeteilt und auch Geld für die erste Bewirtschaftung.« »Hale, von der Kanzel haben Hochwürden anders geredet.« »Der Priester redet, wie es ihm passt, und wenn dir der Beamte was gesagt hat, sollst du glauben!« rief der Schultheiss, liess sich recht umständlich auf die Lade nieder, knöpfte seinen Schafspelz auf, denn es war ihm nach dem starken Krupnik heiss geworden, und fing mit einemmal an das Blaue vom Himmel über dieses Brasilien zu erzählen und es so auszumalen, dass den Leuten die Augen vor Verlangen aus dem Kopf traten und die Spucke beim Gedanken an all den Besitz zusammenlief. »Wen will er hier beschwindeln, der Judassohn,« knurrte die Winciorek, da ihr aber kein Mensch Gehör schenkte und sie es auch nach Jaschek sehr eilig hatte, schlich sie sich unbemerkt zur Stube hinaus. Es herrschte schon ganz tiefe Dämmerung draussen. »Gelobt sei Jesus Christus,« liess sich mit einemmal eine Stimme aus der Dunkelheit vernehmen. »Ah, Nastka! Nastuscha. In Ewigkeit, Amen,« entgegnete sie mit einer gewissen Bestürzung. Sie gingen schweigend nebeneinander her, ohne zu wissen, was sie reden sollten. »Was gibt es denn Neues?« fragte die Winciorek. »Was soll es denn geben, nichts Besonderes.« Wieder schwiegen sie. »Der Lenz muss bald kommen. Es sollen auf den Wiesen hinter dem Kloster schon Störche gewesen sein.« »Das ist wirklich wahr, ich habe sie selbst gesehen und ich wundere mich, dass sie schon so früh gekommen sind ...« Die Alte hegte keinen Hass gegen Nastka, aber sie war es doch immerhin gewesen, um deretwegen der Jaschek den Verwalter mit der Heugabel gestochen hatte.... Keinen Hass hegte sie gegen das Mädchen, nur einen heimlichen Groll konnte sie nicht verwinden, die Nastka fühlte das schon, darum traute sie sich auch nicht zu reden, sie liess den Kopf hängen und versuchte im Gehen sich an die Winciorek näher heranzuschieben, um ihr in die Augen zu sehen. Sie war absichtlich vom Herrenhof herübergerannt und wartete auf sie vor dem Sulkahof, denn böse Träume quälten sie seit Tagen und sie hätte auch gar zu gern etwas über den Jaschek gewusst, traute sich aber jetzt nicht den Mund aufzutun, weil ihr etwas die Gurgel zusammenschnürte. »Ist die Herrschaft zurückgekehrt?« fragte die Alte. »Gestern, sie wollen aber bald ins Ausland reisen.« »Die haben bloss das Reisen und Vergnügen im Kopf...« »Sie können sich das leisten.« »Ist schon wahr, ... schon wahr ...« Nastka nahm sich ein Herz und fragte mit leiser, tränenerstickter Stimme: »Wisst Ihr nichts?« »Was ist denn?« fragte die Alte barsch, denn eine plötzliche Angst hatte sie gepackt. »Ich habe, das ist wirklich wahr, schon drei Nächte nicht geschlafen, ohne dass er mir nicht in einem fort im Traum erschienen wäre ...« »Brauchst dir um ihn keine Sorge zu machen. Durch dich geht er dort zugrunde, nur durch dich! Na, sei mal still ... ich sag' es nicht, weil ich dir böse bin. Versteht sich, du hast es nicht gewollt, du brauchst nicht zu weinen,« beruhigte sie das Mädchen, nachdem sie ihr Weinen im Dunkeln vernommen hatte. »Kannst einmal zu mir einsehen,«, fügte sie noch hinzu, ehe sie voneinander schieden. Nastka blieb eine Weile stehen, um auf das Haus der Winciorek zurückzuschauen, und verschwand darauf, leise vor sich hin weinend, auf dem Weg, der nach dem Herrenhof führte. Ein Gefühl der Rührung hatte sich der alten Winciorek bemächtigt. Tekla war nicht in der Stube zugegen, von der anderen Seite des Hauses klang ihr eintöniges Singen herüber, mit dem sie das Kind einschläferte. Jaschek schlummerte noch immer, er wurde nicht einmal wach, als ihn die Mutter mit dem Schafspelz zudeckte, da es in der Schlafkammer kühl geworden war. »Winciorkowa!« liess sich mit einemmal eine Stimme aus der Wohnstube vernehmen. Angsterfüllt stürzte sie aus der Kammer heraus. »Ich habe vergessen Euch zu sagen, dass die Gnädige befohlen hat, Ihr solltet morgen hinkommen, denn sie wollen Ordnung in den Zimmern machen.« sagte Nastka. »Gut, ich werde kommen!« murmelte die Alte ängstlich und sah dabei das Mädchen so strenge an, dass diese, obgleich sie wohl schon Lust hatte, eine Weile sitzen zu bleiben, Gott zum Gruss bot und davonging. Aber Jaschek war wach geworden. »Wer ist hier eben dagewesen, Mutter?« »Ih ... die Dirn von der Marcinowa ...« » Hat sich was, Mutter, das ist doch die Nastka gewesen, sie war es, ganz gewiss!« sagte er mit fester Stimme. »Dummes Zeug, was sollte die Nastka hier machen ...« »Es ist nicht wahr, ich hab' sie schon nach der Stimme erkannt.« »Trink was von der Medizin, das wird dir gut tun.« Er trank aus und fühlte sich etwas erleichtert. Die Alte verband ihm die Wunde mit einem frischen Lappen und rieb ihm den Rücken mit einer Salbe ein. Er versuchte nun wieder zu sprechen. »Sei still, mein Söhnchen, sonst wird dich noch einer hören.« »Sie wohnt doch mit ihm auf Treu und Glauben?« »Wer denn? Was spukt dir bloss alles im Kopf herum!« »Die Nastka mit dem Verwalter ... Mir hat es einer am Zuchthaus erzählt,« sagte er. »Die Menschen zigeunern einem immer was vor ...« »Ich will ihn nicht stören ... mag er, auch dieser Metze werde ich kein Sterbenswörtchen sagen, nein,« flüsterte er mühsam hervor, in seinen Augen blitzte aber ganz anderes auf, Hass und furchtbare Verbissenheit. »Bleib ruhig liegen, Kind ... werd´ erst richtig gesund, ... und wenn du wieder wohl bist, wird sich schon guter Rat finden, jetzt sollst du dir aber keine Sorgen in den Kopf setzen ... Bet' lieber, dass der Herr alles zum Guten wendet.« Von der Dorfstrassenseite her begann plötzlich einer laut ans Fenster zu klopfen. »Heiliges Wort Gottes!« rief sie, in die Stube stürzend. »Winciorkowa! Ihr sollt morgen in die Kanzlei. Ein Papier ist wegen Eurem Jaschek gekommen!« schrie der Gemeindediener durch die Scheiben in die Stube hinein. Obgleich die Tür nach der Schlafkammer angelehnt war, hatte es Jaschek gehört – und als die Alte wieder zurückkehrte, fand sie ihn im Hemd aufrecht stehn. Er war im Begriff, sich mit fieberhafter Eile und halb bewusstlos anzukleiden. »Ich geh' nicht ins Zuchthaus, schlagt mich eher tot, Mutter, ich will nicht,« rief er aus seinem Fieberanfall heraus. »Jaschek, grosser Gott! Jaschek!« heulte sie verzweifelt auf und warf sich über ihn wie eine Wölfin; er verteidigte sich noch, aber bald hatte sie ihn überwältigt, sie legte ihn auf der Pritsche zurecht und musste lange bei ihm sitzen bleiben, denn er versuchte immer wieder aufzuspringen, schrie etwas und wollte fliehen ... er bildete sich ein, dass er auf der Flucht wäre und die Verfolger hinter ihm dreinjagten. »Gebt mich nicht heraus, Mutter! steht mir bei ...« er presste sich eng an die Alte und umhalste sie, während heisse Tränen sein Gesicht netzten; er zitterte am ganzen Leibe und redete im Fieber vor sich hin, bis sie ihm schliesslich ein Getränk bereitete, nach dessen Genuss er endlich in einen tiefen Schlaf verfiel. – IV Wie ihr diese endlos lange Nacht vergangen war? Sie wusste es nicht, sie wusste nichts ausser dem einen, dass sie unaussprechliche Qualen hatte erdulden müssen. Das Frühlicht breitete schon seinen weissen Schimmer über die Stube, sie aber sass noch immer zusammengeduckt vor dem längst erloschenen Feuerherd da. Ab und zu erhob sie sich wie geistesabwesend, sah durchs Fenster, ging zu dem Schlafenden hinüber und kehrte wieder auf ihren Platz zurück. In ihren grauen, blutig rot angelaufenen Augen blitzten Tränen, sie hatten aber keine Kraft mehr, reichlich zu fliessen; auf ihren Wimpern erstarrten sie und überzogen die Augäpfel wie mit matt schimmerndem Glast. »Jesus! mein Jesus!« murmelte sie ab und zu vor sich hin. Es war nicht auszudenken, was sie in dieser langen Nacht durchlitten hatte, wie viele Stürme durch ihre Seele getobt, welche Schmerzanfälle ihr Herz zusammengekrampft hatten, welcher Aufruhr und Verzweiflungssturm sie immer noch aufwühlte und welche Ohnmachtsklage ihr Innerstes zerriss! – es war nicht zu sagen und nicht auszudenken! Sie fühlte, dass sie rettungslos verloren war. Man hatte sie aufs Amt bestellt! Sie hatten ein Schriftstück über ihren Jaschek erhalten! »Jesus! Jesus!« stöhnte sie auf. »Sie wissen es also schon, dass er entsprungen ist ... sie fahnden auf ihn ... und werden ihn greifen! ... Nein, nimmermehr ...« bäumte sich ihr Muttergefühl auf ... » Ich lass' ihn nicht ... das ist mein Kind, mein Einziger ... mein eigen Fleisch und Blut ... meine leibhaftigen Tränen ... ich geb' ihn nicht heraus ...« Und dann versank sie wieder in die Abgründe der Schwachheit, der Ängste und Verzweiflung, in die bodenlose Tiefe völliger Ohnmacht, und wieder glasten Tränen in ihren blutigen Augen ... Nehmen sie ihn, dann wird sie ihn niemals mehr wiedersehen, nimmermehr ... »O mein Jesus, mein Jesus, ist denn das Gerechtigkeit, ist das Gerechtigkeit?« stöhnte sie ratlos, immer weniger fähig, den wachsenden Groll zu beherrschen »Und wofür hatten sie ihn denn so bestrafen müssen? Dafür, dass er den Verwalter mit der Heugabel gestochen! Und warum war dieses geschehen? Im Recht war er ... weil ihm der Verwalter seine Nastka mit Gewalt nach der Scheune schleppen wollte. Er hat nur sein Eigenes damit verteidigt ... Und dafür ganze drei Jahre! Was schlägt sich das Mannsvolk ohne Ende die Köpfe ein, was prügeln sich die Menschen lahm und krumm, und keiner kümmert sich darum, keiner denkt deswegen an Zuchthaus ... Den Jaschek aber haben sie eingesteckt. Wo ist da die Gerechtigkeit! Und dem anderen ist nichts geschehen! ... Wie ein Herr kann er weiter leben, treibt weiter Unrecht, wie er es vordem getrieben, denn muss mal ein Mädchen auf Arbeit auf den Herrenhof gehen, wird's über kurz oder lang ein Kleines in der Beiderwandschürze mit nach Hause tragen ... Die reine Gottesschande und keine Strafe für solchen Unrechttuer ... Und wer hat die Macht, ihm beizukommen? ... Wen sollte so einer fürchten? ... Er hat es gewollt, und da haben sie den Jaschek eingesteckt ... das hat er getan ... Dass euch allesamt, ... dass euch! ...« und ein solch furchtbarer, wilder und unerbittlicher Hass packte ihre Seele, dass sie ihre mageren Finger spreizte und wütend an dem dicken Beiderwandschurz zerrte und riss. Die Tekla liess sie erst aus diesem Verzweiflungskrampf zur Besinnung kommen. Jaschek lag noch immer bewusstlos da. Sie wusste nicht mehr, was sie mit ihm anfangen sollte. Nach dem Arzt war es weit, und dann, er würde es gewiss weitersagen, wenn er ihn sehen sollte ... die Leute kämen dahinter, und alsbald finge das Klatschen und Fragen an ... Nein, das ging so nicht ... Und wenn er sterben müsste? – lange erwog sie in ihrem armen, verzweifelten Herzen diese Frage, die wie ein schwerer Stein darauf gefallen war. Lass ihn sterben, dann hat es auch mit mir gleich ein Ende, aber ihn ausliefern, dazu lege ich nicht meine Hand an, niemals .... Lass ihn sterben! ... sann sie finster. Es war schon heller Tag, als sie sich etwas besser ankleidete, eine Mandel Eier in ein Tuch einwickelte und sich nach der Gemeindekanzlei begab. Die Sonne funkelte lustig und rollte ihr freudig über die nassen Acker und die Pfützen der Landstrasse entgegen, auf der sie der Gemeindekanzlei zustrebte. An den Gräben entlang sperrten schon zwischen Steinen wachsende Tausendschönchen ihre rosigen Wimpern auf, um der Sonne ins Angesicht zu schauen; irgendwo war von den noch von Kühle umwehten Feldern eine Lerche aufgestiegen und liess in reiner Himmelsbläue ihre Stimme wie ein klares Glöcklein erschallen. Scharfe würzige Luft kühlte die fieberheissen Wangen der achtlos Dahinschreitenden. Die Kanzlei war nicht sehr weit entfernt ganz in der Nähe der Kirche in einem mächtigen, verfallenen, ehemaligen Klostergebäude untergebracht, das auf einem Hügel stand, zu dessen Füssen sich das Dorf als eine langgestreckte Reihe bis zu den Wäldern dahinzog, welche rings um das Tal aufragten. In den Amtsräumen war der Gemeindeschreiber nicht zugegen; er schlief noch. Nur der Gemeindediener machte sich in der Stube zu schaffen, fegte den Fussboden und ging schliesslich davon, um die Schweine zu versorgen, deren lustiges Gequiek aus dem Hintergrund der alten Klostergänge herüberdrang, die durch eingebaute Holzwände in verschiedene kleinere Räumlichkeiten geteilt worden waren. Die Alte setzte sich vor dem Kanzleigebäude auf eins der gewaltigen Kapitale, die vom Portal des Hauptgebäudes abgebrochen waren und jetzt als Sitzgelegenheiten dienten. Sie beschloss geduldig zu warten. Bald erschien der Schulze, sie begrüsste ihn und fing sofort an, ihm ihre Angelegenheiten vorzutragen. »Wegen dem Papier, in dem etwas über meinen Jaschek drin steht, bin ich hergekommen.« »Es gibt da allerhand und allerlei, wartet nur ein bisschen, bis der Herr Schreiber aufgestanden sind.« »Wisst Ihr nicht, was darin steht?« fragte sie. »Ich werd´ doch nicht hier draussen mit Euch reden, dazu ist ja auch der Schreiber da, dass er die Papiere liest, ich werd' es ihm gleich anbefehlen; er wird Euch alles sagen, was nötig ist.« Er suchte seine Amtswürde zu wahren, denn eigentlich wusste er nicht das geringste von irgend einem Schriftstück. »Fasst doch mit mir den Eimer an, Schulze, die Schweine schreien nach dem Drank, und allein kann ich ihn nicht fortschleppen,« wandte sich der Gemeindediener an ihn. »Sieh mal einer diesen! ... kannst dich selbst abschleppen!« entrüstete sich der Schulze, aber nach einem Blick auf die verhangenen Fenster der Schreiberwohnung spie er ärgerlich aus und half dennoch mit. »Man soll einander nachbarlich gefällig sein,« liess er sich nach seiner Rückkehr vernehmen, setzte sich auf einen der herumliegenden Steinblöcke und begann voll Würde aus seiner Schnupftabakdose die Bauern zu bewirten, die in geschäftlichen Angelegenheiten aufs Gemeindeamt gekommen waren. »Schulze! Der Herr Schreiber haben gesagt, dass Ihr den Wagen schmieren und das Pferd striegeln sollt,« meldete der Gemeindediener. Der Schulze versuchte sich zu widersetzen, denn er merkte, dass sich die Gesichter der Bauern zu einem Grinsen verzogen. Aber es dauerte nicht lange, dass ein struppiger Kopf aus einem der Fenster der Schreiberwohnung auftauchte und die Stimme des Gemeindeschreibers sich vernehmen liess: »Schulze! Kommt gleich her! Wagen zurechtmachen, wir fahren in der Untersuchungssache nach Gorki!« »Wird sofort gemacht! Alles was recht ist ... das Fuhrwerk ist eine amtliche Angelegenheit, die Untersuchung auch! Das ist schon wahr ...« »Habt Ihr heute auch schon die Hühner der Frau Schreiberin abgetastet, Schulze?« höhnte einer der Bauern. »Halt dein Maul! so 'n Klugschnacker!« »Das Wickelkind von den Schreibers müsste man auch trocken legen ...« »Oder den Putzellantopf wegtragen ...« »Die Stiefel wichsen! ...« »Den Fräulein die Nasen putzen ...«, machten sich die Bauern weiter über ihn lustig, aber der Schulze hörte nicht auf sie, er hatte den Wagen zurechtgemacht, rollte ihn vor das Kanzleigebäude und entfernte sich, um sein Pferd zu holen, das er mit demjenigen des Schreibers zusammenspannen wollte. »Ein Zuchthengst ist es ja nicht, aber doch ein feiner Gaul!« fingen sie abermals zu höhnen an, als sie den Schulzen sein Pferd an der Mähne heranzerren sahen. »Ein gutes Pferd, herzensguter Gaul! Gibst du ihm von deinem alten Strohdach zu fressen, dann frisst er es; gibst ihm eine Latte, dann putzt er sie auch weg, wenn sie nicht zu trocken ist, dass es nur so kracht; die Kleider vom Zaun holt er dir herunter, eh' du dich versiehst, und frisst sie auf wie Klee. Selbst das Schwein lässt er nicht ruhig allein aus seinem Trog fressen; so liebt er die Gemeinschaft. Ein pikfeiner Gaul!« »Seht, wie er die Beine stellt, da ist eine trächtige Kuh nichts dagegen. Und einen Schweif hat das Aas, wie aus Hanfwerg, und wie er ihn trägt ... man sieht gleich, dass es ein Hofbauerngaul ist.« »Ein Kopf dazu, ganz dem Pächterjuden vom Herrenhof ähnlich.« »Und das feine Geschirr, wie bei einem Gutsherrn! Hier ein Schnürchen und da ein Spagat! Ihr solltet ihm bloss noch ein paar Hosen anziehen, Schulze, und ihn dann nach Warschau zur Ausstellung bringen.« » Und laufen muss er können wie eine Kuh!« So machten sie sich über den Schulzen und seinen Gaul lustig. Die alte Winciorek wartete indessen. Mit geschlossenen Augenlidern, den Kopf gegen die Hausmauer gelehnt, sass sie unbeweglich da, wie aus Stein! Sie hörte nichts von den Gesprächen um sie herum, denn immer wieder klangen die gestrigen Worte des Gemeindedieners in ihren Ohren: es ist ein Papier über Euren Jaschek gekommen! Was kann dort in diesem Schriftstück stehen? Was wird ihr der Schreiber sagen? Wissen sie schon etwas? Diese Fragen durchzuckten wie Blitze der Qual und Angst ihr schmerzendes Gehirn. Sie sah nicht, dass die Sonne immer höher stieg und das ganze Tal, das Dorf und die Wälder in der Runde mit goldigen Feuerbränden überschüttete. Das Eis schmolz in den Ackerfurchen und Gräben, aus den Pfützen blitzte Wasser auf, der Rauch stieg kerzengerade aus den Schornsteinen empor und stand in weisslich-blauen Säulen über den Strohdächern, und vom Dorf her, das man vom Hügel ganz klar überblicken konnte, trieben die Menschen das Vieh nach der Tränke am Fluss. Sie sah nichts davon, hörte nichts, als jene Stimmen der Angst, die ihr Herz zerrissen ... »Winciorkowa, nach der Kanzlei!« weckte sie mit einemmal die Stimme des Gemeindedieners, der aber, als er ihr Bündel merkte, etwas leiser hinzufügte: »Geht durch die Küche.« Sie begab sich, ohne sich davon Rechenschaft zu geben, in den langen, baufälligen Klostergang, in dem Hühner und Ferkel im Dreck wühlten. Mitten in der riesigen, gewölbten und von gotischen Fenstern erhellten Küche stand die Frau Schreiberin, zwischen den Zähnen eine Zigarette, die sie immer wieder anzünden musste. Die Winciorek verneigte sich tief zur Begrüssung. »Was bringt Ihr?« »Das ist ... wegen diesem Schreiben ... nur eine Mandel Eier, weil die Hühner erst zu legen angefangen haben ...« murmelte sie, das Tuch aufknotend und es zu Füssen der Schreiberin ausbreitend. »Sind sie frisch?« »Ein paar Tage alt.« »Habt Ihr eine Bittschrift?« fragte die Schreiberin und begann die Eier gegen das Licht zu prüfen. »Versteht sich, jawohl ... Ein Schreiben ist gekommen, von wegen meinem Sohn, demselben, der... sitzt ... die Frau Schreiberin wissen schon ... dass er ...« »Geht in die Kanzlei ... ich werd´ es schon meinem Mann sagen.« »Gott bezahl's der Frau Schreiberin!...« murmelte sie und ging. »Adam! meinem Mann Bescheid sagen, dass die Winciorkowa eine Bitte hat!« schrie sie zur Tür hinaus auf den Flur, kehrte um, zündete sich ihre Zigarette an und begann wieder ihre Eier zu prüfen. Die Winciorek betrat die Amtsstube und bot Gott zum Gruss, da sie aber niemand einer Antwort würdigte, blieb sie bescheiden an der Türe stehen und wartete. Der Schreiber war mit dem Ankleiden beschäftigt, immer wieder machte er sich in der Nebenstube zu schaffen und kehrte mit einem neuen Kleidungsstück in der Hand in die Amtsstube zurück, das er dann bedächtig anzog, sich gleichzeitig mit den Bauern unterhaltend. Sie wartete eine gute Stunde, denn der Gemeindeschreiber hatte sich, nachdem er endlich mit dem Ankleiden fertig geworden war, zum Frühstück begeben. In der Amtsstube blieb nur ein junger, sommersprossiger, rothaariger Bursche, der sich am Ofen niedergehockt hatte und recht vorsichtig den Rauch seiner Zigarette ins Ofenloch blies. »Herr!« ermannte sie sich zuletzt ihn anzureden. »Was wollt Ihr?« »Es soll ein Papier über meinen Sohn, Jaschek Winciorek, angekommen sein.« »Ach, über diesen Dieb, der aus dem Gefängnis entsprungen ist!« »Mein Sohn ist kein Dieb! Hüt' du dich, dir mit meinem Sohn das Maul abzuwischen!« schrie sie laut auf, denn diese Äusserung hatte sie wie ein Messerstich getroffen. »Mund halten, Frauenzimmer, sonst wird man dich einsperren!« bemerkte der junge Mann gelassen und fuhr fort, ganze Rauchwolken ins Ofenloch zu blasen. Sie sagte kein Wort mehr und blieb bewegungslos am Fensterplatz sitzen, nicht tot und nicht lebendig vor nagender Ungeduld und quälender Erwartung. »Seid Ihr die Anna Winciorek?« »Ich bin es, gnädiger Herr ...« sie erhob sich rasch, denn es war der Gemeindeschreiber, der diese Frage an sie gerichtet hatte. »Euer Sohn, Jan Winciorek, war zu drei Jahren Zuchthaus wegen Gewalttätigkeit und versuchten Totschlags verurteilt worden, nicht wahr?« »Jawohl, so ist es, Jaschek ist sein Taufname, man hat ihn für drei Jahre ins Gefängnis gesteckt, aber das haben die nur aus lauter Bosheit getan.« »Man hat mir den Bericht zukommen lassen, dass Jan Winciorek vor einer Woche aus dem Gefängnis entsprungen ist.« »O Jesus!« stöhnte sie auf und taumelte gegen die Wand. »Er wird gesucht. Und sollte er sich bei Euch zeigen, habt Ihr ihn anzuhalten, den Schultheiss zu benachrichtigen und nach der Kanzlei abzuliefern.« »Mein eigenes Kind!« »Davon steht hier nichts drin. Es heisst bloss, dass er entsprungen ist, und wer entsprungen ist, der muss eingefangen werden, und wird er eingefangen, dann kommt er vor Gericht und ins Gefängnis. Wer ihn aber verstecken oder ihm zur Flucht verhelfen sollte, wird ebenfalls bestraft werden.« Er machte ein Zeichen, dass die Angelegenheit erledigt sei, und wandte sich seiner Amtsarbeit zu. Die Winciorek aber stand noch lange da, wie vom Blitz getroffen, und konnte sich nicht ermannen hinauszugehen. – Er kommt vor Gericht und ins Gefängnis! Kommt vor Gericht ... ... und ins Gefängnis ... V Nur Weinen und Leid und Seelenqual gehen in der bösen Welt um, und du, armes Menschenkind, hast zu dulden, musst mit ihnen ringen, du Unglückswurm, und dich gegen sie zur Wehr setzen, und wenn du selbst hinter Wälder und Meere fliehen solltest, nimmt dich das Unglück an der Gurgel, wo du dich auch verstecken magst. O Menschenlos! Menschenlos! Und die Menschen sind wie das Wasser: sie wissen nicht woher und wissen nicht wozu und wissen nicht wohin! Und sie sind wie die Wolken, die der Wind dahin und dorthin über die weite Welt vor sich hertreibt ... wie die armen Blättelein, die der böse Sturm den Bäumen geraubt hat und über die Felder und Wälder. wirbelt, um sie ins Verderben zu schleudern; sie sind wie der Tag, der gestern war und schon weder heute, noch irgendwann sein wird. Und Erbarmen gibt es nicht, und Rettung gibt es nicht und kein Entkommen ... Und wohin solltest du vor deinem Los entfliehen können, arme Menschenwaise, wohin bloss? Wirst wohl, armes Ding, dich an die Sterne klammern müssen und dein gläubiges Herz dem Mitleid unseres Herrn Jesus anvertrauen! O Menschenlos! Menschenlos! So klagte voll wilden Grolls die Seele der alten Winciorek, die einsame, todtraurige, leiderfüllte Seele der Mutter. Und draussen heulte der Wind, riss an der Strohbedachung des Hauses, machte die Bäume aufbrausen, peitschte mit ihren Zweigen auf die Hauswände ein, pfiff im Schornstein, kicherte wie ein Kobold, der sich über menschliches Unglück freut, und tanzte über die dunkle Landstrasse dahin, in die regentriefende, traurige, grausige Nacht hinaus. »O Jesus!« schluchzte die Winciorek, die Spindel war ihren steifen Fingern entglitten und aus den müdegeweinten Augen rollten bittere Tränen über das eingefallene, schmerzverzerrte Gesicht. Die welke Brust erbebte unter einem haltlosen Schluchzen und eine Ohnmacht ohne Grenzen drückte ihre mageren Schultern nieder, zu Boden, in willenlose Ergebenheit ... Heute hatte Tekla selbst die Wirtschaft besorgt, und nachdem sie das Abendbrot gargekocht, holte sie das Kind aus dem an der Decke hängenden Laken heraus, das ihm tagsüber als Wiege diente, und begab sich zur Ruhe. Die Alte hatte es gar nicht gemerkt, so sehr war sie mit ihren Gedanken und mit ihrer eigenen Seelenqual beschäftigt. Ab und zu sah sie immer wieder bei Jaschek ein, der im Fieberschlaf dalag, und horchte dann angestrengt auf das Rauschen und Raunen all der erregten Stimmen der Nacht ... denn ihr sorgenerfülltes Herz meinte jeden Augenblick, das Säbelgerassel zu hören und die Tritte jener, die ihn holen kommen sollten ... Sie sprang dann jedesmal auf, stellte sich vor die Tür der Schlafkammer und starrte mit einem so grauenvollen Verzweiflungsblick ins Leere, wie ihn nur eine Mutter, die das Leben ihres Kindes verteidigt, haben kann. Aber es kam niemand, nur die Sturmnacht zog über dem Hause vorüber und überrannte die Welt mit ihren brausenden Wogen. Schon recht gegen Mitternacht klopfte jemand ganz leise an die Tür und die durchnässte und vor Kälte bebende Nastka schlich zur Stube herein. »Nein, setzen kann ich mich nicht, muss gleich heimkehren. Ich bin nur hergerannt, um es Euch zu sagen ... Jesus, was bin ich ausser Atem, ... dass sie heute bei der Herrschaft geredet haben, der Jaschek wäre aus dem Gefängnis entsprungen ...« »Und du willst ihn ausliefern, du Judas!« zischte die Alte auf. »Barmherziger Jesus! Was Ihr da redet! Ihr habt, wahrhaftigen Gott, kein bisschen Erbarmen! Ich sollte den Jaschek ausliefern, ich, wo ich doch jeden Tropfen Blut für ihn hingeben würde! ...« Ein plötzliches Aufschluchzen unterbrach ihre Rede, sie zog das Tuch tiefer über die Augen und rannte hinaus, nur aus der Dunkelheit konnte man die immer schwächer werdenden Tritte ihrer Holzklumpen hören ... »Kannst auch fühlen, was Leiden heisst, friss deinen Schmerz und Kummer in dich hinein, wie ich den meinen!« rief ihr die Alte nach und begann erregt in der Stube auf und ab zu wandeln, in Gedanken nach einer Rettung suchend. Aber keine Rettung wollte sich zeigen. Sie werden kommen, werden ihn finden, greifen, er kommt vor Gericht und ins Gefängnis! Und nie mehr wird sie ihn wiedersehen ... niemals mehr! ... Dermassen packte sie die Angst bei diesem Gedanken, dass ihr Kopf zu zittern anfing, sie schneuzte sich in die Schürze, wischte über die Augen und wandelte weiter in der Stube herum, ganz in Überlegungen und Gedanken versunken. Wenn er doch wenigstens gesund werden wollte, dann würde sie ihm zur Flucht verhelfen, würde zum Beispiel das Mutterschwein verkaufen ... oder selbst eine Kuh, auch beide Kühe ... und ihm beistehen, sie würde mit ihm ans Ende der Welt gehen, wo ihn niemand kennen, niemand einsperren und niemand bestrafen kann. Aber wohin? Ihre Seele ward ganz verzagt vor Angst über diese Frage. Das ist schon wahr, wohin sollten sie fliehen? Auf der ganzen Welt sind doch Gerichte, Gendarmen und Gefängnisse! Sie griff sich an den Kopf und musste sich setzen, so sehr hatte sie diese Entdeckung entsetzt. Das ist wahr, sie sind überall ... überall ... wie die Wolfseisen ... überall. Sie war doch auch bei der wundertätigen Muttergottes in Czenstochau gewesen, auch dort musste sie ihre Papiere vorzeigen; sie war mit dem Pilgerzug in Kalwarya hinter Krakau gewesen, da hatten sie es ebenso gehalten. Ratlos blickte sie in die Runde. Und es war ihr, als sehe sie überall unübersteigbare Mauern, Reihen von Gendarmen, Kanzleien, Schreiber und ausgestreckte Hände, die bereit waren, den Fliehenden zu packen! Mein Gott! nirgends, gar nirgendwo hin kann der Mensch vor dieser furchtbaren Gewalt flüchten, die sich ihr erst jetzt in ganzer Grausigkeit offenbarte, verkörpert in Gendarmen und Gefängnissen. Die arme Seele verstand nicht den Sinn des Wortes: Recht, und glaubte, es sei dasselbe wie – Gerechtigkeit! Sie erwartete nicht eine Antwort auf diese Frage, aber aus dem Inneren ihres gemarterten Gehirns krochen indessen die Erinnerungen an ehemalige Zeiten hervor, Erinnerungen an ihren Mann, an die alte Not und das alte Unrecht, die ihr mit qualverzerrten bläulichen Mündern aus den Abgründen der Zeit ein furchtbares: nirgendwo! ... zuriefen. Sie wimmerte auf vor Schmerz wie ein getretener Hund, duckte sich, wand sich in namenloser Qual und sass doch reglos und vor Grauen versteinert auf ihrem Fensterplatz da, während ihre Augen in die qualvolle Finsternis der eigenen Seele starrten ... Und erst aus diesem bitteren Gefühl der Hilflosigkeit und Verlassenheit, aus diesem Gefühl des Zertretenseins durch das Schicksal begann in ihr allmählich die Empörung gegen die menschlichen Ungerechtigkeiten, die wütende Auflehnung der verzweifelten und noch immer ungebrochenen Seele sich emporzurecken. War das Gerechtigkeit, dass ihr Jaschek gefangen, verurteilt und wieder ins Gefängnis gesperrt werden sollte, obgleich er schon zwei Jahre ungerecht gesessen hatte, wo er doch nicht schuldig war?! ... Und so viele Totschläger laufen doch frei in der Welt umher! Dieser Adam Brzostek zum Beispiel, von dem alle wussten, dass er in Kompanie mit den Dieben ist, oder dieser Michalak, von dem das ganze Dorf längst weiss, dass er einen Menschen umgebracht hat. Die laufen frei herum!' Warum ist denn das so? Das ist nicht gerecht, nein. Warum ist es denn so? Sie spann noch lange die endlose Kette jener Warums, bis sie zuletzt der Schlaf übermannte; erst bei Morgengrauen wachte sie wieder auf. Der neue Tag brachte jedoch keine Klärung, im Gegenteil, ihre Qual wuchs und die Empörung verwandelte sich langsam in Hass gegen die ganze Welt und alle Menschen, die frei waren. Jaschek fühlte sich nicht im geringsten besser, obgleich sie ihm immer wieder Schröpfköpfe auf dem Rücken und an den Hüften setzte und, um das verdorbene Blut etwas abzuzapfen, die auf diese Weise entstandenen Blasen mit einem gut gewetzten Taschenmesser durchschnitt. Als Tekla, die Beisassin, zu Mittag von der Arbeit im Herrenhof heimgekommen war, flüsterte sie der Alten zu: »Sie wissen es schon auf dem Herrenhof...und im Dorf reden sie auch schon davon...« »Was denn? Was reden sie?« » Ha, ja! was sollen sie denn reden. Der Verwalter hat zu den Knechten gesagt, dass wer von ihnen den Jaschek fängt und aufs Gemeindeamt bringt, der soll von ihm zehn Rubel und ein Mass Schnaps bekommen...« »Und die Knechte?...« murmelte die Alte. »Die sind, wie Männer so sind! Du lieber Gott, zehn Rubel, das ist doch ein mächtiges Stück Geld! Man könnte dafür schon ein schönes Schweinchen kaufen...« fügte sie wie im Selbstgespräch hinzu. Die Winciorek schaute sie lange mit prüfendem Blick an und da sie sah, mit welch gieriger Versunkenheit die andere ihre Ferkel betrachtete, entschloss sie sich nach einem raschen, wenn auch schmerzlichen Kampf zu einem Opfer. » Tekla, ich will Euch das Ferkel hier mit dem schwarzen Fleck auf der Seite geben...« »Ich bin doch kein Judas!« empörte sich diese ganz aufrichtig, aber aus ihren Augen blitzte zugleich die Gier auf. »Das hab' ich auch gar nicht so gemeint, schon lange habe ich mir überlegt, dass ich es Euch geben wollte...« »So ganz für umsonst, ohne Geld?...« »Versteht sich, Ihr habt mir doch schon so viel beim Garnwickeln und Spinnen geholfen, dass Euch dieses mit Recht zukommt.« »Das ist wahr, und wollt Ihr es mir redlich schenken?...« »Das ist so. Es ist eine Sau, Ihr werdet von ihr auch Nachwuchs haben können ...« »Das soll also wirklich mein Schweinchen sein, ist es wirklich wahr?« fragte Tekla wie verzaubert. »Sie ist Euer ...« »Jesus Maria! Die eigene Mutter könnte nicht besser sein,« rief sie freudig und begann die Knie der Alten zu umfassen und ihre Hände zu küssen und dann rannte sie in den Schweinestall und trieb das Ferkel in ihre Stube und war um ihr Schweinchen so besorgt und so eifrig damit beschäftigt, es zu füttern, dass sie nicht einmal hörte, wie das Kind in seinem von der Decke herabhängenden Laken schrie, so sehr war sie von dem Glück berauscht, eine eigene Sau zu besitzen. »Jesus! ist das schön! Du lieber Herr, und wie geschickt und wie es fressen kann!« rief sie ein ums andere Mal. Die Winciorek hörte mit etwas wehmütigem Lächeln diesen begeisterten Ergüssen zu; für Jaschek hätte sie selbstverständlich auch ihr eigen Leben gegeben, aber immerhin ... ein solches Ferkel war schon seine fünfundeinhalb Rubel wenigstens wert, denn zur Frühjahrszeit stehen die Schweine gut im Preis ... Aber, was war da zu machen! Von einem fremden Wagen musst du hinunter und wär' es selbst mitten ins Wasser! überlegte sie sich auf dem Weg nach der Wöchnerin. Sie blieb absichtlich hier und da stehen, redete die Leute an, liess sich selbst mit diesem und jenem in ein Gespräch ein, um auszukundschaften, ob man im Dorf schon wusste, dass der Jaschek bei ihr im Haus war, aber die Bauern liessen sich nicht fangen, keiner verriet sich auch nur mit einem einzigen Wort oder Blick, dass ihm etwas über Jaschek bekannt sei. Und als sie ihnen endlich selbst von seiner Flucht aus dem Gefängnis berichtete, machten sie so aufrichtig erstaunte Gesichter, als wäre ihnen die Nachricht, von der schon das ganze Dorf sprach, tatsächlich eine völlige Neuigkeit. »Diese Grammatiker, Aasvolk! Keiner will auch nur ein Sterbenswörtchen sagen!« murmelte sie enttäuscht. »Lumpee! ... Lumpee! ... Lumpee! ...« jammerte eine Stimme von der Landstrasse her. »Was zu verkaufen? Was zu kaufen, die Frauen Hofbäuerinnen?« ein Lumpensammler rief es, ein kleiner magerer Jude, der mitten durch die Dorfstrasse neben seiner alten Britschka stapfte, die von einem wahren Pferdeskelett gezogen wurde. »Haltet vor meinem Haus, ich komme gleich ...« Sie sah bei der Wöchnerin ein, der Jude schleppte sich indessen langsam weiter durchs Dorf, stützte den mit Lumpen vollgeladenen Wagen, peitschte auf seinen Gaul ein und jammerte vor jedem Haus sein Lumpee! Lumpee! Lumpee! Ab und zu hielt er an, tauschte für eine Handvoll Lumpen Stecknadeln, Zwirn, Nähnadeln, Bänder und Tonpfeifen ein, die wie kleine gelbe Hähnchen aussahen, oder versuchte auch ein grösseres Geschäft abzuwickeln und eine Mandel Eier, ein Quartmass Kartoffeln oder ein altes gerupftes Suppenhuhn zu erstehen. Ein Haufen halbnackter Kinder jagte hinter ihm drein mit lautem Geschrei. »Lumpenmann, Wattemann! Gib ein Huhn, das pfeifen kann! kriegst dafür 'nen Groschen!« Aber der Jude achtete nicht auf das Geschrei und hielt sich nur recht entschlossen die Hunde mit der Peitsche vom Leibe, die ganz versessen auf seinen langen Kaftan waren und das ganze Dorf mit ihrem Kläffen erfüllten. Er liess unentwegt seinen Ruf weiter erschallen und schlug dazwischen auf sein Pferd ein, das immer wieder stehen blieb, häufiger aber schob er an seinem Wagen hinten nach, so dass ihm die geröteten Augen fast aus dem Kopf herausquollen, und liess seine Peitsche durch die Luft pfeifen, wobei er fortwährend sein Pferdchen zu ermuntern suchte: »Wjo! Wjo! Brauner!« Die Enden seines Kaftans schleppten, wenn er sich beim Schieben bückte, über den Strassendreck und hinterliessen eine lange Spur. Ab und zu blieb er erschöpft stehen, lehnte sich gegen den Wagen, schob seine Mütze nach hinten und wischte sich über die Stirn, wobei sein Atem schwer ging, so dass ihm sein rostroter Bart zitterte und die Augen sich mit Tränen füllten. Es war schon gut gegen Abend, als er endlich bis vor das Haus der Winciorek gelangt war; er gab dem Pferd ein Bündel Heu und trat mit der Peitsche in der Hand in die Stube, war aber so ermattet, dass er lange vor dem Herd sitzen blieb, ohne ein Wort sagen zu können. »Ihr seid tüchtig müde geworden!« »Von früh morgens fahr' ich schon so herum ... und weil man nichts gegessen hat, da wird es einem etwas flau ...« »Wenn Ihr Milch trinken wollt, dann geb' ich Euch was!« »Gott bezahl's, Frau Bäuerin, dann bring' ich Euch mein Töpfchen und Ihr melkt mir da etwas hinein ...« Sie melkte ihm die Milch in seinen Topf, den er ans Herdfeuer setzte, bis die Milch aufkochte, und nachdem er eine Semmel hineingebrockt hatte, setzte er sein Mützchen auf und begann so gierig seine Suppe zu schlürfen, dass die Alte sich entschloss, ihm aus der Schlafkammer noch drei Eier hinauszutragen und vor ihm hinzulegen. »Esst auch die paar Eier, mögen sie Euch wohl bekommen ...« »Gott bezahl's!« murmelte er mit aufrichtiger Dankbarkeit. Er kochte sie sich, ass nur eins und liess den Rest unversehens in die Tasche des Kaftans gleiten ... für die Kinder ... Darauf sagte er wie zum Dank für ihr gutes Herz ganz leise: »Mir haben die Gendarmen von Eurem Jungen erzählt, sie suchen ihn schon! ...« Die Winciorek liess ihre Arbeit aus den Händen gleiten und blickte unbewusst auf die Tür zur Schlafkammer. »Se suchen ihn! Se haben es gesagt, dass er vor einer Woche nachts is in der Schenke von Przylenka gewesen, dass er dort einem Gendarmen die Nase mit der Faust eingeschlagen hat und dann is fortgelaufen! ...« »Jesus Maria!« schrie sie auf; diese Einzelheiten waren ihr unbekannt. »Haltet ihn nicht zu Hause, wenn er kommt, sonst fangen sie ihn und es ist aus! ... Ich weiss es, als mein jüngerer Bruder aus dem Militär is fahnenflüchtig geworden, da haben wir ihn zwei Wochen bei uns versteckt gehalten, und dann hat man ihn uns nachts fortgeholt, wir haben ihn nicht mehr gesehen. Aj! aj! was war das für eine böse Nacht! ... Er verschluckte sich vor Erregung. »Wenn er nach Amerika gefahren wär', dann hätten sie ihn nicht gefangen ...« »Wo ist das denn?« fragte sie rasch. »Nach Amerika, das ist weit, das ist hinter dem Meer, hinter zwei Meeren ... Da gibt es viele schon auch Jidden und Polen – und Deitsche ... Da ist es gut, da gibt es gar keine Gendarmen ... Ich weiss es, aus unserer Stadt ist da der Sohn des Feldschers hingegangen, der schickt dem Vater jedes Jahr Geld ...« »Und warum haben der Moschek seinen Bruder nicht dort hingeschickt?« fragte sie misstrauisch. »Warum? Es war kein Geld da. Wenn ich so viel Geld hätte, was der Weg für mich, für meine Frau und meine Kinder nach Amerika kostet, dann würde es mir auch hier gut gehen.« »Braucht man denn viel Geld dazu?« fragte sie wie nebenher, die Gleichgültige spielend. »Ich weiss es nicht sicher, ... aber a Jid hat mir davon erzählt, dass der Weg allein ganze hundert Rubel soll gekostet haben! Das is Geld ... das is e ganzes Vermögen! ... Sie schwiegen. Der Jude band sich ein rotes Tuch um den Leib, befestigte die Enden seines Kaftans daran, raffte seine Hausiererschachteln zusammen, setzte die Mütze auf und schon im Weggehen flüsterte er ihr zu: »Ich will Euch einen freundschaftlichen Rat geben ... mag er gleich nach Amerika fliehen ... na, bleibt mit Gott.« »Fahrt mit Gott, Moschek.« »Dieser Herschlik, wisst Ihr, der kann die Leute ein bisschen über die Grenze schmuggeln ... redet mit ihm, er ist jetzt zu Hause ...« – Nach Amerika, übers Meer! Grosser Gott! sann sie, als sie allein geblieben war. – Das ist gewiss dorthin, wo das Volk jetzt ausgezogen ist! ... Mehrere Tage trug sie diesen Gedanken mit sich herum, wendete und drehte ihn nach allen Seiten, käute ihn immer wieder und konnte sich nicht entschliessen, ihren Jungen so weit weg in die Welt ziehen zu lassen. – Ich fahre mit ihm! Was sollt' ich da zurückbleiben! Das ist auch wahr! – Dieser Gedanke hatte sie geblendet und alsogleich erwachte in ihr auch die unüberwindliche bäurische Wissbegierde. Aber im selben Augenblick sah sie zum Fenster hinaus und ihr Eifer kühlte sich rasch ab, die Angst erfasste sie. – Das Haus verlassen, den eigenen Acker, die eigene Pfarrkirche? ... Alles das verlassen auf Nimmerwiedersehen ... Jesus, sie würde da wohl vor Sehnsucht wegsterben! »Führe mich nicht in Versuchung, du Teufel!« murmelte sie, aber es wurde ihr dennoch immer froher zumute. Die Sicherheit, dadurch ihren Jaschek retten zu können, hatte sie ganz zuversichtlich gestimmt. – Nach diesem Jammerika, also! ... Das ist wahr, im vergangenen Jahr sind doch viele Leute nach dort gegangen und in diesem Jahr gehen auch welche hin ... Versteht sich, versteht sich, der Pfarrer hat sogar von der Kanzel aus gewarnt und gesagt, dass sie nicht gehen sollten, denn sie liefen dadurch in ihr eigenes Verderben. – Eh ... priesterliches Gerede und Diebesschwüre ... das ist eins ... o ja. Bald aber dachte sie nicht mehr an all diese Dinge, denn mit Jaschek ging es immer schlechter. Die Wunde wollte nicht heilen und das Röcheln in der Lunge hörte nicht auf. Sie tat alles, was sie konnte und was sie wusste, aber nichts half. Sie hatte ihn beräuchert, besprochen – alles vergebens. Eine immer dumpfere Verzweiflung bemächtigte sich ihrer, denn Jaschek klagte in den seltenen Augenblicken, wenn er bei Bewusstsein war, immerzu. »Ich sterb', Mutter, ich werde ganz gewiss sterben!« »Gesund wirst du, Kind, wirst gesund, hab' keine Angst. Der Herr Jesus und die Czenstochauer Muttergottes werden dir beistehen, dann wirst du es schon wieder.« »Ich werde sterben, Mutter, ich fühl' das schon, Mutter ... ich geb' schon die letzte Kraft dran, Mutter ... Die Knochenfrau kommt schon bald ...« klagte er mit einer schwachen Stimme und die Tränen flossen über seine hohlen Wangen. »Holt mir den Priester, Mutter ... Der Mensch ist sündig, lass den Priester sich für mich bei unserem Herrn Jesus verwenden ...« Die Mutter beruhigte ihn mit eindringlichen Versicherungen, dass er bald besser würde, obgleich ihr Herz vor Schmerz wütend hämmerte und vor lauter Angst und Qual zu springen drohte. Er glaubte ihr nicht mehr und wollte es nicht einmal glauben, denn schon spürte er die Todesmattigkeit in allen Gliedern. »Was soll ich hier noch leben ... wenn sie mich greifen würden, brächten sie mich doch gleich wieder ins Zuchthaus ... Ich kann es nicht mehr, Mutter, ich halt' es dort nicht aus, nie und nimmer! ... Und wenn sie mich doch wieder einsperren, dann häng' ich mich auf oder tu' mir sonst was Böses an ...« »Mein Einziger, meine arme Waise, mein lieber Bursche! Wirst doch deine alte Mutter nicht allein lassen, wirst mich arme Waise nicht zurücklassen ...« jammerte sie, schlang ihre Arme um ihn und benetzte ihn mit den bitteren Tränen ihrer Verzweiflung ... »Ich fühl' mich schlecht, Mutter ... ah, so schlecht ...« klagte er leise und verfiel wieder in einen Halbschlaf, der voll jäher Ängste und Fiebergesichte war ... Sie verbrachte die ganze Nacht unter grössten Ängsten an seinem Bett, denn es war ihr jeden Augenblick, als ob er schon wegstürbe, sie schloss ihn in ihrer Verzweiflung in ihre Arme, presste ihn an ihre Brust, wärmte seine erstarrenden Glieder mit der Wärme des eigenen Leibes, verlor fast die Besinnung in ihrer Verzweiflung, und als es zu grauen anfing, warf sie sich zu Boden, breitete die Arme aus und mit einer Stimme, die voll Klagen, Bitten, inbrünstigen Betens und tiefsten Herzeleids war, flehte sie zu der heiligen Jungfrau um Erbarmen. Vor dem Fenster stand noch die finstere Nacht und der Regen klirrte unaufhörlich gegen die Scheiben, während ein grünliches Dämmerlicht die Stube mit einer hoffnungslosen Trauer und Verlassenheit erfüllte, als Jaschek von seinem Lager aufschnellte und mit lauter Stimme zu rufen anfing: »Den Priester! den Priester! ...« Starr sank er darauf in die Kissen zurück ... Die Winciorek hatte kaum den vollen Tag erwarten können, sie liess die Tekla beim Kranken zurück, griff ein Huhn von der Hühnerleiter und begab sich eiligst nach dem Pfarrhof. VI Die Kirche, eine ehemalige Klosterkirche, war sehr gross und prunkvoll, innen schmückten sie zahlreiche Wandgemälde, doch mutete sie seltsam still und leer an. Es roch nach Moder im Bereich ihrer Mauern. Der Pfarrer las eine stille Messe vor einem Seitenaltar, der Sakristan erfüllte das Amt des Ministranten. Die grosse Kirchentür stand weit auf und liess die Sonne in den Raum hineinfluten; ab und zu kamen Spatzen durch die Öffnung mit lautem Geschirp hereingeflogen und hängten sich an die Gesimse oder Altäre. Die Winciorek kniete vor dem Altar ganz in ihre Andacht vertieft. Es war vollkommen still, nur hin und wieder liess sich das Rasseln einer Schelle oder die zittrige Stimme des Ministranten vernehmen, und ab und zu erklang die mächtige Bassstimme des Pfarrers wie ein jäher Ruf, und wieder spann die Stille durch den Raum, begleitet von kaum hörbarem Geflüster der Gebete, von dem leisen Rascheln der gewendeten Seiten des Messbuches und dem gedämpften Widerhall der fernen Stimmen des Dorfes unter den Kirchengewölben. Gegen das Ende der Messe zerrissen immer häufiger die schweren Seufzer der Winciorek die tiefe Stille und klangen wie ein klagendes Stöhnen durch den Kirchenraum. Sie betete mit heisser Hingabe und legte alles hinein in dieses inbrünstige Gebet: ihren ganzen Glauben, ihre Kraft, ihre Hoffnungen und ihr ganzes Wollen; ihre unaufhaltbar fliessenden Tränen benetzten die kalten Fliesen des Fussbodens, während sie, auf den Knien rutschend, sich dem Kreuz zu nähern versuchte, um Gott um Erbarmen und Gnade anzuflehen. Während des letzten Schellenzeichens zum Agnus Dei machte das bisher still neben ihr liegende Huhn den Versuch, aufzuflattern und begann trotz den zusammengebundenen Füssen zu flüchten, immer wieder mit dem ganzen Körper gegen die Steinfliesen anschlagend. Die alte Winciorek griff es alsbald und begab sich nach beendigter Messe in die Sakristei. »Warten! bin sogleich fertig ...« knurrte sie der Pfarrer mit strenger Stimme an. Sie stand da und schaute demutsvoll dem Geistlichen zu, der sich bedächtig seiner Messkleidung entledigte. »Kommt mit mir!« Durch die leeren, kahlen und verfallenen Gänge wandten sie sich seiner Wohnung zu, der dumpfe Schall ihrer Tritte auf den grünbemoosten alten Steinplatten folgte ihnen nach wie ein ferner Widerhall. Scharen von Tauben flohen vor ihnen durch die scheibenlosen Fenster, vor denen grüne Tannenzweige nickten. Der Pfarrer liess ab und zu ein lockendes Pfeifen ertönen, während die Winciorek mit andächtiger Rührung zu den schimmelzerfressenen, undeutlichen Gesichtern der frommen Mönche aufblickte, die überall an den Wänden sichtbar waren, die Reste der Wandmalerei zwischen den Rippen der Gewölbe anstarrte und darüber nachsann, was sie dem Pfarrer sagen wollte. – Mau kann es doch sagen ... weil es der Priester ist ... ich sag's ihm, wie auf der Beichte, dann gibt er den Jaschek nicht an ... Und es drängte sie dermassen, ihre Sorgen sogleich vor ihm auszubreiten, dass sie sich schon vorbeugte, um ihn am Ärmel zu fassen und seinen Ellbogen zu küssen, aber der Pfarrer hatte ihre Bewegung nicht bemerkt, schritt rasch aus und lockte immer wieder seine Tauben, die allmählich hinter ihm herzuflattern anfingen und sich auf sein Haupt und seine Schultern niederliessen. – Mein Gott! Und zu Hause liegt der Jaschek im Sterben! – jammerte ihre Seele auf. »Was fehlt Euch? nun rasch damit,« rief er, die Tür zu seiner Wohnung aufreissend, es war die ehemalige Priorzelle. Die ganz mit Malereien bedeckten Wände gaben ihr das Aussehen einer Kapelle. Der Pfarrer setzte sich zum Frühstück nieder und hörte zu. Die Alte erzählte verworren, unterbrach sich oft, um seine Füsse zu umfassen, seinen Ellbogen zu küssen, frischen Atem zu schöpfen und den Faden der Erzählung nicht zu verlieren. »...Wie auf der heiligen Beichte red' ich ... die reine Wahrheit... er hat sie nach der Scheune schleppen wollen ... Zur Unzucht wollte er sie zwingen ... und sie war doch schon nach der Verlobung mit dem Jaschek ... der Junge hat ihm gesagt: lass los ... und der – ihm noch mit dem Stock eins über den Kopf... So bekam der Junge die Heugabel zu fassen ... von selbst ist sie dem anderen zwischen die Rippen gefahren ... was sollte er tun ...« Das Weinen liess ihren ganzen Körper erbeben, so dass sie sich gegen die Tür anlehnen musste, dann begann sie aber fest und hart zu reden: »Eine Frau bin ich, aber dasselbe hätte ich auch getan ...' Drei Jahre Zuchthaus! ... das haben sie nur aus lauter Bosheit getan, ... denn schuldig war er nicht! ... Und Zeugen hat er beigebracht, dass der Junge ihn totmachen wollte ... seine Wahrheit war obenauf... so 'n Lump ... so `n Schreiber ... so `n Räuber und Mädchenschänder ... die reine Gottesschande! ... Und der Junge sitzt dafür im Zuchthaus!... Jesus! . Jesus! ... diese Schande ... diese Schande ... und sein Vater ist doch nicht der erste beste gewesen ... man hat ihn gekannt, dass er ein ehrlicher Mensch war, und der Grossvater ist sogar in Frankreich gewesen ... und jetzt wird der Junge wie ein Räuber und Dieb angesehen ...« »Was wollt Ihr denn?« fragte er mit weicher Stimme. »Er ist bei mir im Haus, und so furchtbar krank ... liegt schon fast im Sterben ... Niemand weiss es, dass er bei mir ist, ich bewahre ihn so gut ich kann vor allem ... Wie bei der heiligen Beichte red' ich das ... geistlicher Vater ...« »Schon gut, schon gut. Habt keine Angst ...« er sann einen Augenblick nach. »Gleich werde ich zu Euch hinkommen, geht voraus, niemand erfährt etwas davon ... Na, vorwärts, und das Huhn gleich wieder mitnehmen ... so eine Dumme! ...« Die Winciorek rannte eiligst nach Hause und ehe sie einigermassen die Stube in Ordnung gebracht hatte. war auch der Priester schon erschienen. Sie liess ihn in die Schlafkammer hinein und blieb selbst eine Stunde vor den Heiligenbildern in der ersten Stube knien, bis er vom Kranken wieder herauskam. Er war sehr gerührt. »Habt keine Angst, der Junge wird gesund werden ... Er muss nur jetzt Arznei haben ...« »Woher aber und was für welche? Vielleicht könnten der geistliche Vater an die Apotheke schreiben?« »Naja, schön, ich will gleich in die Stadt fahren; kommt mittags zu mir, dann ist schon alles da.« Die Winciorek zitterte vor dankbarer Erregung und wollte seine Füsse küssen, doch er schob sie beiseite. » Mache Sie keine Dummheiten! Dem Herrn Jesus seine heiligen Füsse kann Sie küssen und ihm dankbar sein! ...« » Als ob ich den Lenz im Herzen hätte!...« flüsterte sie der Tekla zu, nachdem der Pfarrer gegangen war. Nach so vielen Tagen qualvoller Trübe begann endlich im Hause der Winciorek neues Hoffen zu tagen. VII Der Lenz war gekommen. Den ganzen April hindurch hatte es unaufhörlich geregnet, warme, reichliche Regengüsse waren niedergegangen, aber an einem schönen Maiensonntag kam die Sonne schon am frühen Morgen heraus und die ganze Welt erwachte im jungen Grün und bunter Pracht zu hellem Vogelsingen und lenzlicher Freude. Noch gleissten die schwarzen Ackerbeete feucht, noch schimmerten in den Ackerfurchen, zwischen jungen Getreidefeldern und frischem Saatengrün, silberne Streifen Wassers, noch waren die Strassen voll Schmutz, noch wehte es ab und zu kühl von den Wäldern herüber und der Rest der braungrauen Wolken ballte sich am Himmelsrand – aber schon sang über den Feldern und Wäldern, in den Herzen der Menschen und Tiere, im Rauschen der Winde, im Raunen der Quellen und im Flüstern des jungen Laubs der Frühling sein frohes, siegreiches Preislied! Przylenka ähnelte jetzt einem riesigen Blumenbusch. Die mit dem Duft der Obstbaumblüten geschwängerte Luft erregte und berauschte durch ihre linden Lüfte. Die Schwalben jagten kreuz und quer durch das helle, blasse Frühlingsblau, schossen wie Kugeln zwischen den blütenüberschütteten Bäumen hervor, sausten durch leere Scheunenräume, guckten in die Fenster der Wohnstätten und sahen sich nach guten Plätzen für ihre Nester um. Die Gräser prangten wie ein Teppich aus Samt, die Getreidefelder kräuselten sich schon im Winde wie flutende Wasserwogen, liessen die Halme hervorschiessen und wuchsen empor, der Sonne entgegen. Die Störche klapperten froh auf ihren noch leeren Nestern und stelzten eifrig auf den niedriger gelegenen Wiesen umher, zwischen aufgeblühten Butterblumen, die wie Edelsteine in grellen Farben aus dem Gräsermeer aufleuchteten. An den Gräben entlang, an den Feldwegen, auf Feldrainen und Brachackern wimmelte es von Gänseblumen und frühen Malven, und die Welt ringsum war voll Vogelgeflatter. Die Freude der Wiedergeburt, der neu erwachenden Glückseligkeit, des neuen Blühens entströmte dem Boden, den Bäumen, dem Sonnenlicht, der Brust der Menschen. In Przylenka hatten die Kirschbäume schon ausgeblüht, es prangten dafür aber alle Gärten in der vollen Pracht einer frühen Apfelblüte. Die niedrigen Dorfhäuser verschwanden fast wie unter rosigen Blütenangebinden und Blütenwolken, über denen die Bienenschwärme unaufhörlich summten. Das Dorf war von einer festtäglichen Ruhe erfüllt. Vor den Häusern, zwischen den Heckenwegen, in den Höfen und an den Brunnentrögen wusch sich das Bauernvolk mit würdigem Ernst und eingehender Sorgfalt, der warme Lenzwind trocknete sie ab, die tief herabhängenden blütenüberstreuten rosigen Reiser streiften sie leise, wie mit weichen Schleiertüchern. Aus den Behausungen, aus Kammern und Ställen klang das frohe Summen der Menschenstimmen. Manchmal flog ein Lied zum Fensterlein hinaus, wie ein flüchtiger Vogel, und ertrank in den Apfelblütenfluten; manchmal jauchzte auch ein Ruf auf und schwirrte zu den Weideplätzen hinüber, die voll Kinderlärm und sommerlichem Viehgebrüll waren. Überall herrschte eitel Freude und Lust. Und als durch die stille Morgenluft die silberne Stimme der Betglocke von dem Kirchenhügel her ihr an- und abschwellendes Rufen vernehmen liess, sah man sie truppweise aus den Häusern heraustreten und in langen Zügen zur Sonntagsmesse ziehen; hier gingen ältere Hofbauern in dunkelblauen, rotumgürteten, langschössigen Kapottröcken, dort Bäuerinnen ganz im grellen Rot ihrer Beiderwandröcke und -schürzen leuchtend, dann wiederum Burschen in gestreiften Jacken, Mädchen in weissen Kopftüchern mit dem Gebetbuch in der einen und den Stiefeln in der anderen Hand und viele, viele Kinder ... Auf dem Weg von den Wäldern her betraten zwei Menschen, der Landstrasse folgend, an jenem Morgen das Dorf. In seinen Krücken hängend, humpelte ein alter, feister, mit einer Schnur an ein vorausschreitendes ältliches Weib gebundener Bettler einher. »Beeil´ dich, sonst kommen wir noch zu spät,« knurrte die Alte und zupfte leicht an der Schnur. »Hat noch Zeit, Dumme, die Zäune werde ich doch nicht ansingen und vor dem Hochamt gibt einem doch keiner einen Pfennig.« Er schnüffelte nach allen Seiten in der Luft herum und murmelte: »Es müssen schon die Apfelbäume blühen!« »Versteht sich, das ganze Dorf ist wie übermalt.« »Auf rosenrot?« »Hale! Apfelblüte, versteht sich, ist doch nicht blau.« »Gehen die Kartoffeln schon auf, Frau, hä?« »Dumm bist du, wann sollten sie aufgehen bei diesem ewigen Regenwetter?« »Menschen müssen auf der Landstrasse gehen, ich merk' etwas davon.« »Sie ziehen in grossen Haufen nach der Kirche.« Als sie an den ersten Dorfhütten vorüberkamen, duckte sich der Bettler noch mehr zusammen, liess seinen kahlen Kopf tief auf die Brust hängen und stimmte mit klagender Jammerstimme eine Litanei an. Die Alte fiel mit heiserer Stimme ein, und so strebten die beiden, nirgends anhaltend, der Kirche zu. »Lauter, Frau, lauter! die frommen Leute mögen es, dass man aus voller Kehle den lieben Gott lobt, und nicht in den Bart hinein.« »Wollen wir unterwegs einkehren?« »Nee ... wozu denn? Dass sie dir eine Brotrinde geben? Das Schwein hat noch zu Hause genug zu fressen!« Die Vorbeikommenden begrüssten sie ohne Ausnahme, denn das Paar war im ganzen Dorf wohlbekannt. Der Alte benutzte jede Gelegenheit, um stehen zu bleiben, den Leuten seine Schnupftabakdose anzubieten, sie auszufragen und über dieses und jenes ein Gespräch anzuknüpfen, dann humpelte er weiter. »Bei der Winciorek müssen wir einsehen.« »Aha, das ist das Haus jenseits des Baches, vielleicht könnte man nach dem Gottesdienst?« »Führen!« herrschte er sie an und stiess sie mit seinem Krückstock in die Seite. Die Winciorek machte sich gerade zum Kirchgang fertig, als sie aber das Bettlerpaar bei sich einkehren sah, sperrte sie die Haustür weit auf. Der Bettler Iiess sich gleich nieder, um auszuruhen, denn er war inzwischen recht müde geworden. »Die Beine fühl' ich nicht mehr!« »Kommt ihr von weit her?« »Ih ... bloss etwas über ein Meilchen war der Weg lang, aus Gorka ... für einen Jungen ist es gar nichts, für einen Alten wie ich einer bin aber mehr als genug. Kommt mal näher heran, Winciorkowa ...« Die alte Winciorek trat auf ihn zu und sah ihn unruhig an. »Man hat schon ein Auge auf Euer Haus –« flüsterte er ihr zu. »Ich hab' den Sergeanten getroffen, der hat mir gesagt: wir wissen, dass der Jaschek bei seiner Mutter sitzt und sich dort auskuriert, lass ihn erst wieder heil werden, dann finden wir ihn schon! – Das habe ich gehört und habe absichtlich den Umweg über Przylenka gemacht, um Euch auf christliche Art zu warnen. Ich hab' ihm gleich gesagt, dass es nicht wahr ist, sogar dreimal Schnaps habe ich deswegen mit ihm trinken müssen ...« »Gott bezahl's Euch,« murmelte sie sehr verängstigt und begann gleich dankbar die Bettelsäcke des Alten mit Eiern, Speck und Hirse zu füllen; zuletzt knotete sie aus dem Tuch sogar eine Silbermünze heraus und steckte sie ihm in die Faust. Er versuchte zuerst abzuwehren. »Ich bin kein Rechtsanwalt. Verteidige die guten Leute nicht für Lohn, sondern für ein gutes Wort. Ihr seid arme Waisen, wenn Ihr es aber durchaus wollt, dann werd' ich ein ehrliches Gebet für Euch beten, dass Euch der Herr Besserung beschert ... »Hale! ein Gebet wird schon was helfen, aber man muss auch dem Gebet nachhelfen!« »Sagt mir Eure Meinung, ich würd' Euch dafür gern Gott weiss was nicht alles geben!« »Es gibt keinen anderen Rat, sondern Ihr müsst ihn, sobald er etwas besser ist, in die Welt schicken, warum soll er nicht nach diesem Bresilien fahren, hä?« »Mein Gott! so weit das Kind von sich ziehen lassen.« »Was schadet's denn, er braucht ja nicht gesäugt zu werden. Ihr könntet ja auch mit ihm fahren.« »Versteht sich, und das Haus mit dem Acker soll ich Gottes Vorsehung überlassen?« »Gott, nein, dieses Frauenvolk! Unsereiner schüttet seine guten Ratschläge aus wie Geld in einen Bettelsack und bei denen ihrem Verstand fällt alles durch, wie wenn du in ein Sieb was hineingetan hättest!« er machte eine ungeduldige Bewegung. »Und verkaufen könnt Ihr das Gewese nicht, wie?« »Haie! Verkaufen! verkaufen! Daran hab' ich auch schon gedacht, aber ich habe mich gefürchtet.« »Fürchtet Euch bloss, dass Ihr den Jungen nicht dadurch ins Unglück bringt ... Ich will es dem Herschlik sagen, dann kommt er mal zu Euch, er schmuggelt sie ja alle hinüber, ein schlaues rotes Aas ... soll ich es ihm sagen?« »Ja, ... sagt es ihm,« entgegnete sie rasch. »So viel Volk zieht da hinaus! Warum soll es da den Menschen schlecht gehen. Adam sein Antek aus Gorka ist da auch hingegangen, es sind jetzt zwei Jahre her, und vergangenen Sonntag hat er vierhundert Rubel geschickt, um die Schwester auszuzahlen ... Ho, ho! hätt' ich fünfzig Jahr weniger auf dem Buckel, und meine Augen, und gesunde Beine dazu, dann würde ich hier nicht bei Euch sitzen bleiben, sondern einfach mit fortziehen. Ich schick' Euch schon den Herschlik her. Gott befohlen. Kannst mich führen, Alte, ich hör', dass sie gerade zur Messe läuten ...« Nach dem Fortgang des Bettlers führte die Winciorek ihren Jaschek, der jetzt rasch wieder zu Kräften kam, in den Garten hinter das Haus unter die Apfelbäume. Sie legte ihm das Federbett auf dem Grasplatz zurecht und bedeckte ihn mit dem Schafspelz. »Was ist Euch?« fragte er mit leiser Stimme, da er ihr sorgenvolles Gesicht sah. »Versteht sich, nichts Gutes, das ist schon so!« »Wissen sie es?« Er versuchte hochzukommen. »Bleib ruhig liegen, Kind ... Ich will in die Kirche gehen ... dann will ich herumfragen ... herumhorchen, was die Leute reden.« »Ihr sollt nur nicht zu lange fortbleiben, die Zeit wird mir allein so lang,« bat er leise. »Ich lauf gleich wieder heim ... brauchst keine Angst zu haben ...« Die Kirche war schon voller Menschen, sie sangen den Rosenkranz in Erwartung des Hochamts und auf dem Kirchhof draussen standen die Bauern in Haufen und unterhielten sich miteinander. Der Bettler betete mit laut vernehmbarer Stimme seine Gebete an der grossen Kirchentür. Feiertäglicher Friede lag über dem Kirchenhügel und kam vom Dorf her und von den sonnenübergossenen Feldern im breiten Strom auf die Andächtigen zugeflossen. Das Hochamt begann bald. Die alte Winciorek liess sich im Gedränge unter dem Chor auf die Fliesen nieder und sann darüber nach, was ihr der Bettler gesagt und geraten hatte. Sie war so in ihre Gedanken vertieft, dass sie auf die frommen Gesänge, auf das Orgelspiel und das Schellengeläut kaum achtete, sie fluteten an ihr vorbei, wie ein undeutliches, fernes Raunen jener fremden Länder, über die sie jetzt denken musste. Sie kam erst zu Bewusstsein, als es ganz still wurde und der Pfarrer nach Beendigung der Messe von den Stufen des Altars herab eine Ansprache an das Volk zu halten begonnen hatte. Er redete über die Auswanderung nach Brasilien, stellte ihnen das ganze Auswandererelend dar, warnte, bat, flehte sie an und schien sogar jene verfluchen zu wollen, die es dennoch tun würden. Die Bauern hörten sehr nachdenklich zu, stiessen sich mit den Ellbogen an, blinzelten einander zu, lächelten unmerklich, glaubten ihm aber kein Wort. »Red' du nur zu, red' ...!« dachten sie. Der Pfarrer wetterte indessen mit seiner mächtigen Stimme und beschrieb ihnen mit, solchem Eifer das Verderben der Seelen, die in eine böse Fremde zogen, dass diejenigen, die empfindlichere Herzen hatten, laut aufzuseufzen und sich umständlich zu schneuzen begannen, und die Frauen schon hier und da ein Aufschluchzen nicht mehr unterdrücken konnten; die Masse des Volkes stand aber unbewegt und teilnahmslos da ... Sie drängten, nachdem die Ansprache beendet war, in hellen Haufen zur Kirche hinaus; die Männer blieben in einem dichten Haufen fast vollzählig draussen stehen, um ein bisschen miteinander zu plaudern. »Versteht sich! Der Priester steckt mit den Herren unter einer Decke, darum redet er so! ...« »Sie werden dann doch kein Arbeitsvolk haben.« »... Haben wohl schon Heidenangst, dass sie allein die Pferde hüten müssen oder die Feldarbeit tun ...« »Sollte denn der Pfarrer lügen, wie?« liess sich eine Stimme vernehmen. »Irgend etwas ist dabei, dass er so redet,« bekräftigte ein anderer. »Irgend etwas? ... na ja, nichts anderes, als dass ihr dumme Schöpse seid! Nach Brasilien wollt ihr rennen? schön .... lasst die Äcker, die Häuser und alles fahren! Ihr kriegt da doch jeder eine Farm mit einem Stück Wald, mit Inventar und einem Schloss ... Rennt los ... es werden genug Juden und Deutsche zurückbleiben, die werden es dann gut auf eurem Grund und Boden haben! Oha! Und dann, wenn ihr wieder zurückkehren müsst, da werdet ihr noch grad zurechtkommen, um bei ihnen die Dienstknechte zu spielen .... Das wird euch dann gut schmecken ... Ein dummes Volk ist noch schlimmer als Vieh, denn ein Vieh kann man mit dem Wort und mit der Peitsche lenken ... die aber sind rein wie die Kälber ... Schwanz hoch und losgerannt bis ans Ende der Welt ...« »Na Gregor, es steht doch aber in den Büchern und die Menschen sagen es ...« »Die Menschen sagen es! ja sie sagen, dass du dumm bist, aber nicht jeder wird daran glauben und muss es denn durchaus so sein? In den Büchern steht es! sagst du. Hast du es gelesen?« »Ich? versteht sich, dass ich es nicht hab', aber der Ziegelbrenner aus Wola hat es doch gelesen, ... der Deutsche ...« »Er hat so schön gelesen, dass er zuletzt von dem Banach Grund und Boden gekauft hat, darum hat er bloss so gelesen! ...« »Und die, die früher hingegangen sind, schicken doch auch Geld nach Hause ...« »Einer schickt was und die vielen anderen gehen zugrunde!« »Gregor ist nur böse, dass er zu alt ist mitzugehen!« »Dumme Schöpse, grad wie das liebe Vieh!« rief Gregor ärgerlich, drückte sich die Mütze über die Augen, spie aus und ging. Manch einer versank in Nachdenken, mancher legte sich die Worte des Alten in seinem Kopf zurecht, die Mehrzahl aber spann ihre trügerischen Berichte über Brasilien weiter. Vornehmlich war es aber der Schultheiss, der die Gemüter verwirrte. »Auf den Priester wollt ihr hören, so? Und wenn der Beamte kommt, die Steuer zu erheben, dann bezahlt sie euch vielleicht der Priester? Und wenn du, der eine und der andere nichts zu beissen hast, dann wird dir der Priester was schenken? Und hast du zu wenig Acker, dann gibt dir der Priester vielleicht das Fehlende hinzu, wie?« redete er drauflos. »Geben wird er schon nichts, auch nicht für andere bezahlen, weil er selbst arm ist, aber ein Priester hat doch immer einen anderen Verstand, liest in den Zeitungen und in den Büchern, da wird er schon wissen, was in der Welt geschieht, und wird das Volk nicht ms Verderben rennen lassen,« wendete der Sulkabauer ein, derselbe, dem erst vor kurzem ein Sohn geboren wurde. »Das sag' du nur, aber er hält doch zu den Herren und nicht zu uns.« »Versteht sich, verabredet haben sie sich, dass sie das Volk nicht abziehen lassen werden!« »Das ist ganz gewiss so. Was käme denn da bloss danach, wenn so viel Volk fortzöge, es gäbe niemanden zum Arbeiten und niemanden zum Steuerzahlen oder für den Militärdienst.« »Sie haben Angst, dass sie allein bleiben werden, darum reden sie es einem bloss aus.« »Dass es aber in Brasilien keine Steuern gibt und keine Rekruten ausgehoben werden, dass dort jeder sein eigener Herr ist, könnt ihr glauben, denn ein Beamter sagt es euch!« »Und Ackerland gibt es da, so weit ein Mensch bloss sehen kann.'« »Auch für die Bewirtschaftung kriegt man noch Geld hinzu.« »Und eine Siffkarte für den Weg, ganz umsonst!« »Dem Adam sein Antek hat geschrieben, dass es dort furchtbar grosse Wälder gibt und alles steht dort: unserem Volk frei.« »Und warum wollen sie denn die Unsrigen dahin. haben?« »Wisst ihr das nicht? Dann will ich es euch als Beamter ganz genau sagen, auf dem Kreisamt haben es die Herren untereinander erzählt. Der Kaiser von Brasilien, der ist nämlich auf sein Volk böse geworden; dass sie schlechte Katholiken sind und schwarze Mäuler haben, so schwarz wie die eisernen Kochtöpfe, da hat er denn den höchsten Beamten zu sich gerufen und hat zu ihm gesagt: es wird mir schon ganz zuwider, dieses Schmutzvolk zu sehen, sie bearbeiten nicht einmal den Boden gut, und nichts machen sie, man muss sie fortjagen in die Berge: hol' mir aber dafür das polnische Volk her, denn es sollen die besten Bauern sein, und wie ich höre, haben sie wenig Land bei sich zu Hause, und gute Christen sind sie auch, wie ich höre ... Daraus ist das alles so gekommen, das ist die Wahrheit!« schloss er mit Nachdruck und seine kleinen, fuchsschlauen Äuglein überflogen blitzschnell die Gesichter der Anwesenden. Da sie aber schon alle Hunger spürten und die Weiber ein Stück Wegs vorausgezogen waren, begannen die Zuhörer rasch auseinanderzugehen. Die Winciorek ging mitten im Menschenhaufen und horchte eifrig auf alles, was die Leute redeten, ab und zu seufzte sie tief auf und liess immer wieder ihre Blicke über das Dorf und über die nahe Wälderwand schweifen, die es wie mit einem dunklen Rahmen einfassten; sie sah auf die grünenden Felder, auf die Obstgärten in Blüte, hob ihre Augen zum Himmel empor, der so rein und blau wie jener auf dem Bilde in der Kirche war, zu den blauen Rauchsäulen, die sich hier und da über den Häusern hochreckten und geradeswegs in den Himmel stiegen, und liess sie zu guter Letzt über das viele Volk wandern, das lustig plaudernd in seiner buntscheckigen Sonntagskleidung vor ihr auf der Dorfstrasse einherzog; eine eigentümliche Trauer und ein noch seltsameres Angstgefühl nahmen Besitz von ihrem Herzen und erfüllten es mit Beben. Aber dann ergriffen sie wieder die Reden der Männer und jene verlockenden, verheissungsvollen Versprechen auf Land, Wald und Freiheit mit solcher Macht und breiteten so viel helle Freude über ihre Seele, fachten dermassen ihre Begeisterung an, dass sie schon ganz bereit war dorthin fortzuziehen, und sollte es selbst sofort geschehen müssen. Vor der Schenke, die gerade gegenüber ihrem Hause nur mehr nach dem Dorf zu im Hintergrund an der Kreuzung der Dorfstrasse mit einem Seitenweg lag, der nach dem Herrenhof führte, stand der Gendarm im Gespräch mit mehreren Bauern. Die Winciorek bemerkte ihn sogleich und wandte sich eilig ihrer Behausung zu. Fast schon an der Schwelle ihres Hauses holte sie der Schultheiss ein. »Wisst Ihr es schon ... der Verwalter hat gestern auf dem Amt gesagt, dass er Euren Jaschek fangen muss, und sollte er es selber tun, und Ihr seid hier ...« murmelte er leise. »Wissen es denn die Gendarmen, dass er .. dass ich ...?« »Im ganzen Dorf weiss man es, dass er bei Euch ist!« Sie traten ins Innere. »Habt Ihr gehört, was die Leute über dieses Brasilien reden?« fragte er nach einer Weile. »Ich hab' es wohl gehört! Aber was weiss ich, wie es damit sein soll! Wer soll es wissen, was da Lüge und was Wahrheit ist.« »Hale! Hale! Eins nur mein' ich, dass es Euer Jaschek dort sicherer hat.« »Das muss wohl so sein, dass nichts anderes dabei zu machen ist, das muss schon so sein.« »Und was geschieht mit Eurem Acker?« fragte er rasch und seine Augen leuchteten gierig auf. »Den werd' ich wohl schon verkaufen müssen! antwortete sie mit einem plötzlichen Entschluss. »Wer soll ihn kaufen, so viele wollen jetzt immerzu verkaufen, dass es schon keine Käufer mehr gibt!« meinte er schlau. »Und wenn es halb umsonst wäre, geb´ ich's ab. Mein Land ist doch gut, alles in einem Stück und eine Wiese ist dabei, auch das Haus ist nicht das schlechteste und die Scheune fast noch neu. Der Boden ist gut bestellt, wie es sich gehört ...« »Ho! ho! man weiss es doch, dass Ihr die tüchtigste Bäuerin im Dorf seid, alles was recht ist.« Sie entgegnete nichts, trat nur in die Kammer und holte von dort eine Handvoll Geldscheine heraus. »Mein Lieber! Nehmt das ... damit nur die Gendarmen nichts erfahren ...« bat sie mit leiser Stimme. »Ich werd' schon alles gut zurechtrichten ...« Er erhob sich, zupfte seinen Kapottrock zurecht und beim Weggehen sagte er noch: »Wenn er wieder besser wird, müsst ihr gleich fahren! Gott befohlen ... »Und mit dem Ackerland braucht Ihr Euch nicht zu beeilen und sagt auch keinem was davon.« »Die Leute würden sich gleich dabei allerlei denken, das weiss man doch.« »Die Bauern drohen schon sowieso in einem fort, weil doch der Verwalter gesagt hat, dass er das ganze Dorf verklagen wird, weil sie allesamt den Jaschek verstecken sollen.« »Dass er den lieben Gott nicht in seiner Sterbestunde zu sehen bekommt, für unser Unrecht!« rief sie leidenschaftlich. »Solltet Ihr es dringend brauchen, dann würde ich der Käufer sein ... nicht für mich selbst, denn man hat doch keinen Pfennig über, aber der Adam aus Zacharki hat mir gesagt, ich sollte mich mal nach einem Stück Land für seinen Sohn umsehen, den er jetzt verheiraten will ...« »Kommt mal an irgend einem Tag her, dann können wir miteinander reden ...« »Sind es nicht sechs Morgen mit der Wiese?« »Sechs Morgen Acker und ein Morgen Wiesenland.« »Ackergerät habt Ihr auch?« »Alles ist da und fast alles wie neu, darüber müssten wir uns aber besonders verständigen.« »Und der Grund und Boden ist nicht in die Bauerntabelle eingetragen?« fragte er schon auf der Schwelle. »Nein, weil ihn doch Meiner selig noch vor der Bauernbefreiung geschenkt bekommen bat ...« »Bleibt mit Gott!« Sie reichten sich die Hände und der Schultheiss verliess sehr erfreut das Haus in der Überzeugung, dass es ihm gelingen würde, für ein Weniges den ganzen Hof zu kaufen, er hatte schon lange Lust darauf gehabt. Die Alte sah in den Garten, zu dem unter den Apfelbäumen liegenden Jaschek ein und machte sich an die Zubereitung des Mittagessens, denn die Tekla sass in ihrer Stube, aus der sie nur ab und zu laut klagend herausgerannt kam: »Seht bloss her, es atmet schon kaum!« Das Kind konnte tatsächlich kaum mehr Luft bekommen, dermassen presste die Bräune ihm die Kehle zu. Die Winciorek achtete nicht viel darauf; hatte sie vielleicht selbst nicht genug eigene Sorgen, und was hätte sie ihm schliesslich helfen können, wenn es schon sowieso den letzten Atem von sich gab! ... Sie kochte das Mittagessen gar und brachte es ihrem Jungen in den Garten. Jaschek kam jetzt rasch zu Kräften; die Arznei, die ihm der Pfarrer verschafft hatte, der Frühling und nicht zum wenigsten auch seine Jugend trugen den Sieg über die Krankheit davon; gehen konnte er zwar noch nicht und manchmal fühlte er noch furchtbare Schmerzen in der Brust, aber seine Wangen begannen sich schon rot unter der blassen Gesichtshaut zu färben und die kornblumenblauen Augen blickten immer froher vor sich hin. Er lag auf dem Federbett unter den blühenden Apfelbäumen, die ihn wie ein duftender Traghimmel aus leuchtenden Blüten gegen die Sonne schützten. »Hast du etwas geschlafen?« fragte sie und setzte sich zu ihm hin. »Was sollt' ich schlafen! Die Glocken haben geläutet, da hab' ich denn gebetet und dann, weil die Bienen so um die Blumen summten und es so schön duftete, hab' ich bloss gelegen und auf Euch gewartet. Mutter ...« Er machte sich ans Essen. »Fühlst du dich wohl, wie?« »Ja, Mutter, so wohl ...« »Hast keine Schmerzen in der Hüfte gehabt?« »Keine, Mutter. Oh, man läutet schon wieder zur Vesper!« Sie schwiegen beide, denn nach dem hellen Zwitscherklang der Betglocke ertönten nun die grossen Glocken und dröhnten so mächtig, dass die Erde zu beben schien und Apfelblüten wie rosafarbene Schmetterlinge auf Jascheks Kopf und den grünen Rasen niederregneten ...« »Jaschek!« Er wandte seine andachtverlorenen Augen ihr zu. »Man weiss schon, dass du hier bist!« Mit jähem Ruck versuchte er sich hochzurichten. »Leg' dich hin, Kind, brauchst keine Angst zu haben, ich geb' dich nicht heraus.« Ihre abgemagerte, dunkel gebräunte Hand strich ihm über Gesicht und Augen, während sie erzählte, was sie in der Kirche gehört und was ihr der Schultheiss gesagt hatte. »Aasbande! Ich würd' es ihnen schon heimzahlen! Lass sie mich nur verraten!« murmelte er und drohte dem Dorf mit seinen zusammengeballten Fäusten. »Still, Kind, still, wir wollen fortgehen.« Und sie berichtete ihm, wie ihr schon seit langem, kaum dass er zurückgekehrt war, der Gedanke gekommen wäre, den Grund und Boden, das Haus und das ganze Hab und Gut zu verkaufen und nach Brasilien zu gehen. »Gut, Mutter, verkauft alles, das Gewese steht auf Euren Namen geschrieben, verkauft alles und wir wollen fortziehen. Dass sie allesamt verrecken, wenn ein ehrlicher Mensch hier nicht mit ihnen zusammen leben kann! Selbst sind sie Totschläger, Betrüger, Schwindler und Judasse! Gehen wir fort von hier, so schnell wie möglich, Mutter, weit fort!« rief er entschlossen und sein Gesicht leuchtete auf im Vorgefühl eines anderen, besseren und freieren Lebens. »Schön, mein Junge! Ich gehe jetzt ins Dorf und werde unter den Leuten herumfragen oder in der Schenke ein Wort über den Verkauf fallen lassen, da können wir sehen, was die Leute dazu sagen werden ...« »Und dem Schultheiss verkauft das Gewese nicht, das ist der schlimmste Judas im ganzen Dorf. Er wird Euch betrügen und mich noch dazu angeben, dieser pestige Rotjude! Dem seine Augen sind schon die richtigen Wolfsaugen!« » Bleib hier schön ruhig liegen und bet' zum lieben Gott, ich gehe indessen fort.« VIII Jaschek blieb allein im Garten zurück. Er konnte nicht mehr ruhig liegen, die mannigfaltigsten Gedanken und Vermutungen hatten dermassen von seiner Seele Besitz ergriffen, dass er sich auf seinem Lager hin und her drehte. Der Plan seiner Mutter hatte ihn so geblendet und war ihm so verlockend erschienen, dass er am liebsten zur selben Stunde noch hätte alles liegen lassen mögen und in die grosse Welt hinausziehen. Wenn er nur von diesem furchtbaren Gedanken loskam, der ihn unaufhörlich verfolgte, dass er ins Gefängnis wird zurück müssen, um seine Zeit abzusitzen ... Oh, er wusste es nur gar zu gut, dass sie ihn früher oder später auffinden und fortschleppen würden. Es war ihm manchmal ganz seltsam vorgekommen, dass er schon sechs Wochen hier bei seiner Mutter lag und niemand nach ihm fragte. Dann blieb er wieder eine Weile ganz still auf seinem Lager liegen, sah in den Himmel hinein, der zwischen den Blütenzweigen des Apfelbaums blaute, und horchte auf die Stimmen, die vom Dorf herüberschallten... Wie sehnte sich seine Seele nach der breiten von Häusern umsäumten Dorfstrasse, nach den Feldern, die er nur ganz undeutlich durch das dichte Geflecht der Weidenumzäunung, welche den Obstgarten umschloss, sehen könnte, nach den alten Bekannten, nach der Dorfkirche und den Weideplätzen am Bach, auf denen er so viele glückliche Sommer als Viehhütejunge verlebt hatte, nach der Tanzmusik in der Schenke und nach seiner Nastka ... diesen Namen suchte er gewaltsam aus seinem Gedächtnis zu entfernen, sein Gesicht verdüsterte sich und seine Augen richteten sich mit einemmal starr auf das üppige Grün der Brennesseln, die wie eine dichte Hecke den Zaun verdeckten – und nachdem er seiner inneren Erregung wieder Herr geworden war, horchte er vor sich hin und stellte sich vor, dass er mitten durch die Dorfstrasse ginge, dass die Leute stehen blieben, um ihn zu begrüssen, dass man die Fenster aufsperrte und Frauenköpfe sich hier und da hinauslehnten, während um die Häuserecken die roten Mädchengesichter lugten ... und alle luden sie ihn ein, einzutreten ... schoben die Bänke vors Haus zum Niedersitzen, bewirteten ihn ... fragten nach allem aus ... und waren froh, dass er zurückgekehrt und dass er wieder gesund sei ... und alle fluchten sie auf den Verwalter, um dessentwillen er hatte sitzen müssen ... Nein, er geht nirgends hinein ... wird sich nur die Leute ansehen ... ein bisschen mit jedem von ihnen reden, ... nach diesem und jenem fragen ... und ladet dann die Burschen oder vielleicht auch die Hofbauern in die Schenke zur Bewirtung ein ... Um die Wiederkehr zu feiern ... Die Musikanten hole ich her ... Die Mädchen kommen herbeigerannt ... nun kann das Tanzen losgehen ... wird das eine Freude und ein Vergnügen sein! ... sie sitzen alle versammelt wie während einer Kirchweih ... Er lächelte diesen frohen Bildern zu, durchlebte sie alle nacheinander, trank die Lust in vollen Zügen ... doch es kam ihm mit einemmal in Erinnerung, was ihm die Mutter über die Warnung des Schultheissen wiederholt hatte. »Sie würden mich ausliefern!« stöhnte er leise auf und wurde bei diesem Gedanken totenbleich: – Würden sie es tun? – stellte er sich die ängstliche Frage, – versteht sich, dass sie es tun würden ... versteht sich ... »Ich werd' es euch schon heimzahlen, dass selbst noch eure Kinder daran denken sollen ...« flüsterte er drohend. Da er jedoch müde geworden war durch dieses Nachdenken, griff er nach dem Gebetbuch, schlug es auf an der Seite, die durch einen Rosenkranz bezeichnet war, und begann, mit dem Finger von einem Buchstaben zum anderen deutend, um besser sehen zu können, halblaut die Vespergebete zu lesen. Die Sonne wärmte ehrlich und recht; durch den rosigen Blütenflor strömte goldiges, seltsam beseligendes, zerstäubendes Licht und zuckte in gelben Sonnenflecken über das junge Gras, und dann ganz sacht über Jascheks Gesicht und seine hellen Augen. Eine grenzenlose Stille breitete sich über den Apfelbäumen in den Lüften aus, wo auf hellblauem Himmelsgrund die Schwalben einander jagten und Züge ziehender Wildenten ab und zu zu sehen waren. Unter dem Strohdach des Hauses schirpten die Spatzen und kleine, mit grauem Flaum bewachsene Gösseln wanderten einher unter der Führung zweier Gänse und eines Gänserichs, der hin und wieder ein drohendes Zischen ausstiess, die Hühner vor sich herjagte und kampflustig selbst auf ein Mutterschwein losging, das mit seinen Ferkeln unter einem Apfelbaum stand und sich so kräftig gegen den Baumstamm scheuerte, dass Blütenblätter wie ein rosiger Schneewirbel ins Gras niedersanken. Der Bach floss dicht hinter dem Zaun vorüber und trennte, eintönig glucksend, ihr Haus vom übrigen Dorf. Es war so still und warm und so wohlig in diesem Garten zu liegen ... Jaschek hörte auf zu beten und lag in die süsse Seligkeit dieses Maitages versunken da. Er liess durch die leicht hin und her bewegten Zweige seine Blicke weit hinaus in die blauen Himmelsweiten schweifen, liess seine Augen wandern und hatte dabei die ganze Welt vergessen. Ein weiches, liebkosendes, schmeichelndes Lüftchen strich ihm über die Wangen, wiegte die blütendurchwirkten Zweige, liess die grünen Unkrautstauden sich über ihn neigen, ihm aber weitete sich die Brust in tiefer Freude, in reiner, heller Lebensseligkeit, und die berauschten, wie von einer süssen Träumerei halb verschleierten Augen, von einem Blau gleich jenem dort oben, waren voll eines stillen Dankes und unaussprechlicher Wonne. Er fühlte unbewusst, dass durch seinen Körper eine wundersüsse Flut jener Lichter und Farben, jener Himmelsbläue, jenes Sonnensegens, Felderraunens und stummen Seligkeit floss, die der Lebensodem der Erde waren. »Es benimmt mich was! im Kopf ist es mir schwindlig! ...« versuchte er ab und zu sich zu vergegenwärtigen und merkte nicht und sah nicht, dass die Nastka über den Zaun von der Bachseite herübergeklettert war und nur einige Schritte von ihm entfernt stand und auf ihn schaute – sie war blass wie Linnen, wie die Apfelblüten, unter deren Fülle sie ihr Haupt tief gebeugt hielt. »Jaschek!« murmelte sie kaum hörbar und schaute ihn an mit Augen voll Angst, Erwartung und Liebe. Er hörte nicht und sah sie nicht. »Jaschek!« – Ach wie bange hatte ihr Herz zu klopfen begonnen, so bange! ... Er zuckte zusammen, liess seine Blicke über den Rasenplatz, über die Baumstämme, über ihre gegen einen Apfelbaum gelehnte und von überhängenden Blütenzweigen halb verdeckte Gestalt schweifen und gewahrte sie nicht; die Stimme schien ihm eine Täuschung zu sein. Nein, länger konnte sie nicht an sich halten, nein – sie kniete neben ihm nieder und seine Hände mit den Fingern berührend, murmelte sie unter Tränen: »Jaschu! Jaschu!« mehr konnte sie vor Rührung nicht herausbringen. Er richtete sich auf seinem Lager auf, Staunen stand in seinen weitgeöffneten Augen, er fasste nach ihrer Hand, berührte ihre Wangen, ihr Haar und sank in die Kissen zurück. »Fort ... scher dich von hier ... du ...« Er wusste nicht einmal, wie ihm diese Beleidigung über die Lippen gekommen war. »Mein Jaschek – ich bin es doch! ... bin doch zu dir gekommen ... Jaschek ... Gott!...« Tränen perlten aus ihren Augen, sie war nur noch ein einziges Beben, wie jene Apfelblüten, die der Wind auf sie niederwehte, es war ihr, als müsste sie sterben ... »Mein Armes, mein Kleines, mein Liebes ... mein Jaschenku!« stotterte sie unter Tränen, ein Schmerz würgte sie an der Kehle, und da sie sich nicht länger beherrschen konnte, stürzte sie sich über ihn, umschlang seine Füsse mit ihren Händen und brach in ein furchtbares Schluchzen aus ... In seinem Herzen schmolz die Verstocktheit, ihre Tränen hatten sie auftauen lassen und nur noch der krampfhafte Ernst und ein Ausdruck der Furcht lag über seinen Zügen, er liess seine Hand auf ihr Haupt sinken und flüsterte finster: »Nastka!« Das Mädchen erhob sich und begann die Augen zu trocknen ... »Du hast dich mit dem Verwalter verabredet, um mich zu verraten, wie?« Sie taumelte zurück, als hätte ihr einer einen Faustschlag gegen die Brust versetzt. »Bei der Gnädigen dien' ich ... bei der Gnädigen ... dien' ich ...« »Und du wohnst nicht mit ihm zusammen! ...« »Jesus Maria! Auf die allerheiligste Mutter Gottes! ... auf das liebe Jesuskind schwör' ich dir ...« rief sie, nach dem Rosenkranz auf seinem Gebetbuch fassend. »Jaschek, was redest du nur, Jaschek!« Ein solcher, Schmerz hatte ihr Herz gepackt, dass sie totenbleich wurde, sie konnte nicht sprechen, nur die Tränen quollen unaufhörlich aus ihren entsetzten Augen. Mit einemmal hatte er ihr Glauben geschenkt, ihr Schrei durchzuckte sein Herz mit einer solchen plötzlichen Freude, dass er sich zu ihr beugte und leise murmelte: »Nastusch! Meine Nastusch!« Das Mädchen warf sich an seine Brust, schlang die Arme um ihn und beide versanken, die Augen voll Tränen des Glücks, in eine leidenschaftliche Umarmung ... Der Wind hatte plötzlich wieder die Bäume bewegt und überschüttete sie mit zahllosen Apfelblüten – und es entstand um sie herum ein Schweigen und füllte ihre Seelen mit solchem Glück, dass sie auf dem Rasenplatz beieinander, sich an den Händen festhaltend, unbeweglich sitzen blieben, und ihre Blicke tauchten bis auf den Grund ihrer überquellenden Herzen ... »... Um deinetwillen bin ich da weggelaufen ...... um deinetwillen ...« begann er mit abgerissener Stimme zu erzählen. »O Jesus!« »Ich hatte solche Sehnsucht ... solche Sehnsucht ...« »Was hab' ich mir um dich die Augen ausgeweint... was hab' ich geweint! ...« »Nastusch! Nastusch!« »Mein Jaschenku!« »So lange Jahre ...« »Du gehst aber nicht mehr fort, ich lass' dich nicht mehr weg von mir ...« Und wieder sassen sie ins abgrundtiefe Schweigen ihrer Herzen versunken, wie in eine selige Bewusstlosigkeit. Die Spatzen schirpten schläfrig unter den Strohdächern und im Klostergarten auf dem Hügel liessen sich hier und da abwechselnd Nachtigallen und Amseln vernehmen. Die Hitze war gewichen, ein mit Feuchtigkeit, jungem Duft grüner Getreidefelder und dem Wohlgeruch blühender Gärten geschwängertes Abendlüftchen durchstrich den Obstgarten. Die Bäume standen ringsum unbeweglich und versonnen da in dem grossen Schweigen des Abends, die Gräser und die Getreidefelder beugten sich tiefer zu Boden – und alles war wie in das Anhören des fernen Störchegeklappers, des jähen Jauchzens der Schwalben und der mächtigen, hellen Glockenstimmen des Avegeläuts versunken, das sich vom Kirchenhügel über das Dorf ergoss. Nastka kniete fromm nieder, nahm Jascheks Buch auf und begann mit tränenerstickter, bebender Stimme zu lesen: »Und der Engel des Herrn verkündete der Jungfrau Maria ...« Jaschek hatte sich auf seinem Lager aufgerichtet, faltete die Hände zusammen und betete aus der Tiefe seines glaubensstarken Herzens ihr nach: »Gegrüsst seist du, Maria, du bist voller Gnaden ...« Und die Abendglocke rief noch lange mit ihrer erzenen Stimme und liess ihr Abendpreislied, ihr betendes Singen, ihren Feierabendsegen über das still gewordene Dorf, über die Wälder, die wie mächtige Kriegerhaufen vorgebeugt das Tal rings einschlossen, über die jungen, unbeweglichen Saatenfelder, über die Bäche und Gewässer fluten, die wie silberne Schnüre und Spiegel aus dem Grün auffunkelten. Sie hatten das Ave beendigt und schwiegen, ihre Herzen sprachen, ihre leuchtenden Augen und ihre verzückten Seelen; manchmal bewegten sich die Lippen wie in einem Traum. »Sie nehmen dich nicht wieder fort, nein.« »Hab' keine Angst, Nastuscha, nein.« »Ich würd' dich in Gold und Silber ... mein armes Lieb!« »Du kennst mich noch nicht, Nastuscha. Wenn wir uns verheiraten, dann wirst du es schon sehen – ich rühr' dich nicht an, niemals sag' ich dir ein böses Wort und dich abarbeiten, das wirst du bei mir nicht brauchen, ganz gewiss nicht... Eine Dienstmagd wollen wir uns halten, dass du es leichter hast ...« »Nein, Jaschek, nein, ich werd' schon selbst arbeiten, ich kann alles in der Wirtschaft ... Du wirst es sehen, wie ich mich an die Arbeit halten kann, und Ordnung wird im Hause sein, dass auch deine Mutter es nicht besser machen kann. Auch die Schweine und die Kühe weiss ich zu versorgen.« »Meine liebe Hofbäuerin, du!« er streichelte ihr verliebt die Wangen. »Es ist schon wahr ... nur dass ich eine arme Waise bin und du bist der Hofbauer, ja ...« begann sie verlegen. »Ach was, Dumme, willst du mich denn auch nehmen, wie?« »Ich sollte dich nicht nehmen wollen, Jaschek, ich?« Sie warf sich ihm an die Brust. Und dann begann sie mit einer tiefen, vor Erregung immer wieder stockenden Stimme zu reden: »Die Gnädige haben gesagt, dass sie mir dafür, dass ich ihr treu diene, wenn ich mal heiraten soll, eine Kuh mit einem Kalb schenken werden und eine Sau und sechs Gänse und etwas Hausgerät und ein Kleid für die Trauung ...« »Hat dir das die Gutsherrin gesagt, Nastuscha?« »Versteht sich, und nicht einmal nur; noch vor zwei Wochen hat sie davon gesprochen, wie die Schaffnerin dabei gewesen ist.« »Das ist für deine Ehrlichkeit, Nastusch! siehst du, Nastusch, für deine Ehrlichkeit! ... Du wirst schon eine bessere Hofbäuerin sein, als diese Schlampen im Dorf ... das wirst du sicher, du wirst es sehen, Nastusch ... Und vor meiner Mutter brauchst du auch schon keine Angst mehr zu haben!« »Hale! Auch die eigene Mutter würd' ich nicht mehr lieben! aber sie ist so, dass selbst die Gnädige gesagt hat, dass die Winciorek eine Herrin sein könnte, weil sie so klug ist wie keine andere Frau im Dorf ...« »Hat sie das gesagt, Nastusch, so? ... Der Herr Jesus soll ihr alles beste geben!« »Sie hat es gesagt, Jaschu, selbst zu dem Verwalter ... wie er ...« sie brach plötzlich ab, denn dieses unachtsame Wort hatte eine tiefe Falte auf der Stirn des jungen Burschen hervorgelockt, sein Gesicht nahm einen finsteren Ausdruck an und er fragte schüchtern, sie dabei scharf beobachtend: »Hat er dir keine Ruhe gelassen ... wie?« seine Augen funkelten voll Hass auf. » Versteht sich ... ich hab' mich bei der Gnädigen beklagen müssen ... Die Gnädige hat ihn auf die Zimmer rufen lassen ... Da ist er dann so böse fortgegangen wie ein bissiger Hund ... und was er dann geflucht hat ... auf mich ...« redete sie leise, als müsste sie sich über alles Erlittene bei ihm beklagen. »Ich werd' ihn schon zurechtkriegen ... warte bloss ... der soll es noch heimgezahlt bekommen für mich und für dich – er wird noch an mich zurückdenken ...« zischte er zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor und ein solcher Fieberkampf von Hass schüttelte ihn, dass er dabei ganz blau im Gesicht wurde. »Nimm dich in acht, Jaschek ... er ist mit den Behörden bekannt ... und wenn sie dich noch einmal nehmen sollten, dann würde ich Arme in den Brunnen springen ...« »Und wenn ich im Zuchthaus verfaulen sollte, mein Unrecht schenk' ich dem nicht ...« »Halt dein Mass, Jaschek! sei still,« bat sie flehentlich, vor Angst bebend. Er gab keine Antwort, so schwiegen sie denn. Die Dämmerung begann sie schon zu umhüllen, sie sassen noch nebeneinander, aber ihre Seelen waren weit voneinander fort, wie aufgescheuchte Vögel hatten sie der Hass und die Angst auseinandergetrieben. Die wundersame Wolke des Glücks war verweht und zerronnen im Grau der Nacht, die sich über die Erde zu senken begann. Das Leben hatte wieder seine gierige Hand auf ihr Schicksal gelegt ... Sie blieben noch lange so, ohne sich beruhigen zu können. Plötzlich kam die Winciorek hereingelaufen und eilte sofort zwischen den Bäumen auf sie zu. Sie fuhren erschrocken auf. »Die Bauern haben dich schon verraten! sie haben dich schon verraten!« murmelte sie; »ich bin im Dorf gewesen ... dann bin ich in der Schenke gewesen ... ganz voll Menschen, wie gewöhnlich am Sonntag ... sie tranken miteinander ... auch die Gendarmen sassen dabei ... Der Banach hat mich gleich gemerkt, und weil er schon betrunken war ... hat er gleich seine Zunge losgelassen und dann hat er gesagt: ›Na, Winciorkowa, ist der Jaschek schon gesund, es wird bald Zeit, dass er nach seinem Stadthaus ... in die feinen Stuben zurückkehrt.‹ Die Gendarmen haben aufmerksam zugehört ... das hab' ich gemerkt ... und dieser Saufjan redet in einem fort, dass jetzt alle Räuber, Totschläger ruhig in der Welt herumlaufen können, wenn sie nur dem Schultheissen Geld bezahlen ... da haben die Gendarmen im stillen die Leute ausgefragt ... und den anderen Bauern war das gerade recht ... sie haben über dich alles gesagt ... Ich bin ganz starr gewesen vor lauter Entsetzen ... aber der Schultheiss hat mich, da es schon dunkel war, beiseite gezogen und gesagt, dass eine Revision kommen kann! ... dass ...« sie schwieg erschöpft. »Welche Bauern waren es?« fragte er mit leiser Stimme. »Na, der Banach, der Kubik vom Ende des Dorfes, der Sikora aus der Mitte, der einäugige Wojcik auch und alle, alle ...« »Banach, Kubik, Sikora und Wojcik! ...« wiederholte er langsam, ganz besonders langsam, indem er diese Namen seinem Gedächtnis einprägte, aber mit einemmal überkam ihn eine solche wilde Wut, dass er aufsprang, nach einem Stecken griff und zu schreien anfing: »Lass sie allesamt hierher kommen, lass sie versuchen, mich zu greifen, her mit ihnen!...« er wurde plötzlich schwach, so dass seine Füsse zu zittern begannen und er sich, um nicht zu fallen, gegen den Apfelbaum stützen musste. »Still, mein Junge ... still ... man muss einen Rat finden.« »Man muss ihn von hier wegführen!« murmelte Nastuscha, vom ersten Entsetzen wieder zu sich kommend. »Das ist wahr, so wird es am besten sein, wenn sie ihn nicht finden, dann nehmen sie ihn auch nicht, aber wohin nur? ...« »Wohin? dann schon gleich in die Gruben hinter dem Kloster auf dem Berg ... die sind jetzt leer.« »Gut, versteht sich, aber man müsste bloss noch ein paar Vaterunser abwarten, bis es ganz dunkel wird ... es könnte sonst noch einer sehen.« Sie machten sich um Jaschek zu schaffen, denn er war ganz ausser Kräften gekommen, solch ein heftiger Husten hatte ihn gepackt. »Nastuscha, geh mal vors Haus nachsehen, ob nicht einer kommt ...« Es kamen jetzt die endlos langen Minuten des Wartens auf das Kommen der Nacht. Die Alte bewachte aus einem Versteck hinterm Zaun die Brücke, aber sie konnte nichts Verdächtiges entdecken und kehrte immer wieder zu Jaschek zurück, der zusammengeduckt und wie erstarrt auf seinem Federbett sitzen geblieben war. Die Nacht senkte sich rasch über die Erde, eine tiefe Stille breitete sich ringsum aus, nur von der Schenke kamen noch der Widerhall eines trunkenen Singens, das Summen der Geigen und Bauernstimmen her; von den Wiesen schrillten ab und zu Kiebitzrufe nach den Feldern hinüber und Schwaden kriechender, weisser Nebel hoben sich über den Weideplätzen. »Hab' keine Angst, Jaschek! ich geh' dich nicht heraus, du mein Einziger, sei unbesorgt,« beruhigte ihn die Mutter. Sie zog ihm mit Nastuschas Hilfe den Schafspelz über, dann nahmen die Frauen das Federbett und ein Plantuch mit, und nachdem sie dem Burschen fest unter die Arme gegriffen hatten, denn er ging nur mit Mühe und torkelte hin und her, kamen sie aus dem Garten in den Hof und von dort auf einen Fusspfad, der am Hügel entlang lief, auf welchem das Kloster lag. Sie bewegten sich sehr leise und langsam vorwärts, denn Jaschek wurde schnell matt und musste immer wieder ausruhen, ab und zu legte sich auch die alte Winciorek auf den Boden nieder, um mit dem Ohr dicht über den Stoppeln zu horchen. »Vor dem Haus ist noch keiner zu hören!« »Das macht nichts, wir müssen schneller gehen,« flüsterte Nastuscha ungeduldig. »Ich kann nicht mehr ...ich kann nicht ... o Jesus!« murmelte Jaschek und sank immer schwerer gegen Nastuscha, die ihn schon fast tragen musste. »Still, Jaschek, still! Wir sind gleich da,« antwortete das Mädchen. Sie schleppten ihn auf diese Weise bis nach den grossen Kartoffelgruben, die sich an einem Hügelabhang von der Waldseite befanden. Die Alte suchte eine besonders gut erhaltene aus, und nachdem sie ein Bündel halbfaulen Strohs aufgestöbert hatte, liess sie sich ins Innere der Grube gleiten, wo sie ein Lager bereitete und es mit dem Federbett bedeckte. Sie fassten Jaschek an den Schultern und Hessen ihn langsam mit den Füssen nach unten in die Grube hinab. »Brauchst dich nicht zu fürchten, Jaschek! ... hier werden sie dich nicht, finden ... und wenn es dir bange sein sollte, dass du im Dunkeln sitzen musst, dann bete ein bisschen. Morgen früh komme ich, und bringe dir was zu essen. Nun gehe ich schon, lieber Junge, denn ich muss zu Hause sein, wenn diese Hunde kommen, damit sie nichts merken ... Nastka muss auch laufen, dass die Leute auf dem Herrenhof nicht über sie unnützes Zeug schwatzen.« »Gebt mich nicht heraus, Mutter ... o Mutter! ...« rief er mit tränenerstickter Stimme und schlang seine Arme um ihren Hals wie ein Kind; diese dunkle Grube und die Nacht ringsum erfüllten ihn mit Grauen. Er beruhigte sich dennoch recht bald, denn die Müdigkeit hatte ihn völlig übermannt. »Nastuscha! gehst du auch schon?« »Ich geh', Jaschu ... aber wenn die Herrschaft schlafen gegangen ist, komme ich wieder und bleib' bei dir.« Er sagte nichts mehr, aber die Mutter merkte, als sie ihm zum Abschied über das Gesicht streicheln wollte, dass ihm Tränen über die Wangen rollten. Sie gingen eiligen Schritts heimwärts und als sie schon unweit des Hauses waren, am Scheideweg der beiden Fusspfade, von denen einer nach dem Gehöft der Winciorek führte, während der andere den Hügel hinanstieg und dann zu den Wirtschaftsgebäuden des Herrenhofs abfiel, sagte die Alte: »Und wenn du ihn verrätst, Nastka, dann soll dir das der Herr Jesus selbst heimzahlen ...« »Ich sollte Jaschek verraten, ich? Ich würd' doch ins Feuer für ihn gehen, ins Wasser würde ich mich von dem grössten Berg hinabstürzen ...« sie weinte laut auf. »Na, sei ruhig, ... sei ruhig ... ich glaub' dir schon ... Und sieh bald zu ihm ein.« Als einzige Antwort umfasste das Mädchen ihre Füsse. »Ich gehör' Euch doch so zu, wie ein Hund.« Die Alte umschlang ihren Kopf, und so verbanden sie sich einander auf Tod und Leben, indem sie ihre Tränen, ihr Fühlen und ihr Lieben vermengten. »Lass' er sie denn heiraten, das Mädchen taugt was,« sann die Alte, während sie auf ihr Haus zueilte. IX Es war noch keiner da. Die Alte machte Licht und räumte sorgfältig alle Spuren des Aufenthalts von Jaschek in der Schlafkammer weg. Sie fühlte sich jetzt schon so weit beruhigt, dass sie selbst bei ihrer Arbeit nach alter Gewohnheit die Gebete vor sich hinzumurmeln begann. Die Beisassin Tekla war auf ihrer Seite, sie rief nach ihr über den Hausflur, die Tekla kam aber nicht. »Sie wird wohl eingeschlafen sein,« dachte die Winciorek und ging nachsehen. Tekla sass da, unbeweglich ins Feuer starrend, mir ihrem Kindlein im Arm. »Was fehlt Euch?« »Es atmet schon kaum ... es wird wohl sterben müssen ...« murmelte sie. »Jesus von Nazareth!« Das Kind lag tatsächlich im Sterben; blau, und starr ruhte es jetzt ganz nackt auf den Knien der Frau, röchelte mühsam und schlug mit den Händchen durch die Luft, wie ein ertrinkender Vogel; das hellodernde Herdfeuer warf blutroten Schein auf seinen aufgedunsenen Bauch und die mageren Beinchen, die schlaff herabbingen. »Dem kommt nur noch ein Gebet zu!« flüsterte die Winciorek voll Mitleid. »Oh, mein liebes Kindchen, mein Kleines!« schluchzte die Tekla schwer auf und umfasste das Kind mit ihren Armen, als wollte sie es gegen den Tod schützen. Die Winciorek durchlief es eisig kalt bei diesem Anblick, denn sie musste an ihren Jaschek denken, der dort in seiner Grube sich vielleicht jetzt ähnlich fühlte. Sie durfte nicht zu ihm hinlaufen, denn jeden Augenblick konnten die anderen da sein, darum wartete sie mit einer inneren Ungeduld, die sie von Augenblick zu Augenblick tiefer erregte. Immer wieder rannte sie vors Haus und sah auf die Strasse. Die Nacht war eigentümlich düster und schwül und ganz sternenlos, ein feuchter Windhauch kam von den Wiesen und fächelte ihr vor fieberhafter Erwartung glühendes Gesicht ... Die nagende Sorge trieb sie unaufhaltsam von einer Stubenecke zur anderen Schliesslich setzte sie sich auf die Schwelle vor der Haustür und verfiel in einen Halbschlaf voll schreckhafter Wachsamkeit, in eine Totenruhe voll äusserster Erschöpfung. Das Dorf lag still da, nur das Heulen der Tekla klang ununterbrochen durch die Nacht und ab und zu verdichtete sich die weinerliche, eintönige Stimme zu einer Klage. »Willst mich hier allein lassen, willst zum lieben Jesulein, in die himmlischen Stuben, zu lauter Lust und Freude von mir gehen ... O Jesus! O Jesus! O Jesus!« Von der Schenke irrten hin und wieder die gedämpften Klänge der Tanzmusik und der verworrene Lärm des Getrampels und Juchzens Tanzender zu ihr herüber und ab und zu, irgendwo von den fernen Weideplätzen, wo man für die Nacht die Pferde weiden liess, blitzten die Lagerfeuer auf und liess sich ein trauriges, klangloses Singen vernehmen. Die Winciorek blieb bis zum Tagesanbruch auf der Türschwelle sitzen unter dem unaufhörlichen, beängstigenden Gefühl, dass die anderen gleich kommen würden. Aber sie kamen nicht. Die Tanzmusik in der Schenke verstummte, das Singen schwieg, die Nacht lag wie im dumpfen Schlaf befangen da, ganz allmählich hatten die Hähne begonnen immer zahlreicher zu krähen und die Mitternacht anzuzeigen, zugleich aber auch einen Witterungswechsel, denn vor Morgengrauen legte sich der Wind und ein warmer, feiner Regen setzte ein. Sie blieb immer noch auf der Türschwelle wie auf der Lauer sitzen; vor Nachtkühle und Angst starr, sass sie da und vermochte nicht einmal die Tränen zu trocknen, die ihr immer wieder wie feine Perlenschnüre aus den Augen quollen und auf dem vor Kälte blauen Gesicht erstarrten. Bei Morgengrauen hatte sie nur noch so viel Kraft, dass sie vor dem Hause hinknien konnte, und während sie in das blasse Frührot starrte, das sich mühsam seinen Weg durch die dichten, schmutzigen Wolken zu bahnen versuchte, begann sie inbrünstig zu beten. Tekla kam schreiend aus ihrer Stube gelaufen. »Tot ist es! Tot! Helft, Leute! Um Gottes willen, Leute, helft!« In ihrem Schmerz und Entsetzen hatte sie das nackte Kind an sich gerissen und wollte es ins Dorf tragen, um ihm vielleicht noch Hilfe zu bringen. Kaum gelang es der Winciorek, sie zurückzuhalten, dann machte sie sich daran, das tote Kind herzurichten, während Tekla, vor dem Herd kauernd, laut und krampfhaft schluchzte. Die Winciorek war dermassen in ihre Arbeit vertieft, dass sie es gar nicht merkte, wie bei hellem Morgen die Bauern ihr Haus umstellt hatten und Gendarmen mit dem Schulzen und Schultheissen an der Spitze in die Stube drangen. »Hält sich bei Euch nicht der Jaschek Winciorek verborgen?« »Ihr könnt ihn suchen,« entgegnete sie kalt. »Führt uns! Wo ist er?« »Unter die Schürze hab' ich ihn versteckt, weil er ein gar so kleines Kindlein ist!« schrie sie ihnen zurück mit feindseligem Spott und begann mit aller Seelenruhe die Kindesleiche in einem Waschtrog zu waschen. Aber mit einemmal sprang Tekla auf und stürzte sich mit einem Holzscheit in der Hand den Bauern entgegen. »Was wollt ihr hier! tolle Hunde! Gebt mir meinen Mann zurück, mein Kind sollt ihr mir zurückgeben! Dass ihr unter dem Zaun verreckt! Dass ihr euch an dem ersten Essen vergiftet, für all mein Unglück und meine Qual.« Sie überwältigten sie rasch, denn sie machte Anstalten, um sich zu schlagen, und gingen daran, Jaschek im Hause und im ganzen Gehöft zu suchen. »Ihr könnt den Wind auf dem Feld suchen! sucht zu!« rief die Alte ihnen nach. Sie fanden selbstverständlich gar nichts, und schon im Weggehen schärften sie der Alten eindringlich ein, den Schultheissen unverzüglich zu benachrichtigen, sobald sich Jaschek bei ihr zeigen sollte. »Jawohl! Jawohl! Ich renn' gleich zum Schultheissen los und geb' ihn euch gleich heraus!« rief sie ihnen noch nach und begleitete sie mit ihren Blicken bis zur Schenke, wohin sie sich allzusammen verzogen hatten. Aber trotzdem wagte sie sich nicht nach den Kartoffelgruben hinaus, denn sie hatte Angst, dass ihr vielleicht einer nachspionieren könnte; den ganzen Tag hielt sie sich zurück, obgleich sich der Himmel stark bewölkt und ein trübes Grau die Welt überflutet hatte. Erst nachdem es ganz dunkel geworden war, nahm sie einen Topf voll Essen mit und rannte geduckt weg. Sie beugte sich über die Öffnung der Grube und rief unruhig: »Jaschek! du, Jaschek!« Er gab keine Antwort, sie liess sich ins Innere der Grube gleiten, fand ihn mit ihren tastenden Händen und begann ihn voll banger Angst zu rütteln. »Bist du es, Mutter?« Er war aus tiefem Schlaf erwacht. »Heb dich ein bisschen hoch.« »Sind sie dagewesen? ...« »Sie sind dagewesen, aber erst heute früh. Ich kam nicht, weil ich Angst gehabt habe, dass bei Tag einer leichter etwas merken könnte ...« »Zu Mittag ist hier schon die Nastka dagewesen.« »Der Herr Jesus soll ihr Gesundheit geben!« Sie schob ihm den Topf mit dem Essen zu, steckte ihm den Löffel in die Hand und liess ihn essen. In der Grube war es dunkel wie in einem Grab und die faulichte, muffige Luft legte sich schwer auf die Brust. Der Regen rieselte eintönig nieder, drang ab und zu durch die ungeschützte Öffnung ins Innere und Wasser troff unaufhörlich an den Wänden herab. »Wie fühlst du dich?« »Besser. Ich hab' so sehr auf Euch gewartet, dass ich schon gedacht hab': du gehst hin oder tust sonst was!« »Dass du dich nicht einen Schritt hinauswagst!« rief sie entsetzt. »Versteht sich, dass ich doch hier nicht immerzu liegen werde.« »Werd' erst einmal gesund ...« »Dann fahren wir!« murmelte er leise wie im Selbstgespräch. »Wir fahren ganz gewiss. Ich habe mir schon alles überlegt.« Sie suchte tastend nach seinem Kopf, drückte ihn an ihre Brust, und über sein Gesicht wischend und streichelnd, flüsterte sie ihm zu: »Du brauchst keine Angst zu haben, es wird uns dort gut gehen ...« »Das ist doch auf der anderen Seite des Meeres irgendwo, wie?« »Ja, auf der anderen Seite des Meeres soll es sein, mein Sohn, auf der anderen Seite des Meeres,« wiederholte sie langsam. »Ackerland geben sie dort umsonst ...« »Umsonst sollen sie's tun und geben auch noch Wald und Inventar dazu ...« »Und wenn sie selbst nichts geben sollten, dann kaufen wir es uns ...« »Versteht sich, aber ist doch immer eine bessere Sache, wenn man das bekommt, was sie geben, und dafür, was wir haben, mein' ich, könnte man sich noch mehr hinzukaufen ...« Die Alte hatte plötzlich der Schlaf übermannt, sie verstummte für eine Weile. Der Wald rauschte irgendwo aus der Nähe, irgend ein Vogelschrei liess sich vernehmen und der Regen rieselte eintönig und ununterbrochen nieder, als müsste die graue, trübe Nacht den gewesenen Tag beweinen. »Schade nur, dass wir von dem, was die Gutsherrin der Nastka versprochen hat, wenn sie sich verheiraten würde, nichts mitnehmen können, denn trauen können wir uns hier doch nicht lassen und dann das Vieh mit übers Meer nehmen.« Er sprach langsam, aber die Alte hörte nichts davon, die Müdigkeit hatte sie vollständig überwältigt und die Stille eingelullt; sie schlief mit dem Rücken gegen die Wand der Kartoffelgrube gelehnt. Jaschek bedeckte sie mit seinem Schafspelz und schien eine Weile über ihren Schlaf wachen zu wollen, aber auch ihn hatte der Schlummer bald wieder in seiner Gewalt. Die Nacht floss unaufhaltsam vorüber, der Regen liess nach, anstatt seiner war aber windiges Wetter aufgekommen, es tobte nur so über die Felder und pfiff in die Grubenöffnung hinein. Dann war aus der Finsternis die Morgendämmerung emporgetaucht, erhellte mit ihren verweinten, vom Morgenrot rostroten Augen das Dunkel und schaute in die Grube hinein, zu den beiden nebeneinander schlafenden Menschen. Als erster erwachte Jaschek und weckte sofort die Mutter. »Geht schon, sonst sieht Euch noch einer. Aber die Nastka hat mir erzählt, dass einmal der Gutsherr gesagt habe, er würde' unsere Wiese kaufen, weil sie in seine Felder hineinschneidet. Vielleicht geht Ihr nach dem Herrenhof, wie? Der bezahlt es Euch besser, als die Bauern.« »Das ist wahr, und mir ist das nicht einmal in den Kopf gekommen. Vor zwei Jahren hat der Herr zu mir selbst den Verwalter hergeschickt ...« »Man muss alles rasch machen,« entschied er mit Nachdruck. »Wenn nur erst der Herschlik kommt, er bringt doch die Leute über die Grenze ...« »Das ist so, ich »habe es selbst gesehen. Wenn er jetzt aber keinen zum Hinüberschaffen hat? ...« »In der Schenke haben die Leute davon gesprochen, dass die aus Wola in zwei Wochen auswandern sollen ...« »In zwei Wochen! Da werd' ich schon wieder ganz gesund sein!« rief er zuversichtlich. »Ich komme abends zu dir herüber.« »Geht gleich zum Gutsherrn und auch zum Pfarrer wegen der Arznei und bringt ja viel mit, damit ich schneller gesund werde,« redete er entschlossen und fast befehlend weiter, so dass die Alte ein inneres Beben ankam vor Freude, dass ihr lieber Bursche schon so viel Kraft in sich spürte. X Gleich nach Mittag desselben Tages zog die Winciorek ihren Feststaat an und begab sich nach dem Herrenhof, um dort den Vorschlag des Verkaufs ihrer Wiese zu machen. Es war ihr etwas bange, zu den Herrschaften mit einem geschäftlichen Anliegen zu gehen, sie seufzte besorgt vor sich hin und legte sich unterwegs alles, was sie sagen sollte, im Kopf zurecht, dazwischen berechnete sie, was wohl die Herrschaft für die Wiese zahlen würde und was sie für den Acker und für ihr übriges Hab und Gut bekommen könnte. ... Sechs Morgen Ackerland, zu hundert Rubeln wenigstens ... die Schweine ... und das Kalb ... das Gerät ... das Haus für sich ... die Scheune ebenso ... die Scheune wird der Sulkabauer kaufen, die wollte er schon zum Frühjahr haben ... Der Herrenhof lag abseits vom Dorf zwischen dem Hügel, auf dem das alte Kloster stand, und dem Bach, der an dem Gewese der Winciorek vorbeifloss, um dann in seinem Lauf den herrschaftlichen Park zu durchschneiden, der einen Hügelabhang bedeckte und an den Klostergarten grenzte. Die Winciorek begab sich nach der Küche; sie erhielt dort Bescheid, dass die Herrschaft im Gartenzimmer sei. Das Herrenhaus war ein einstöckiger Bau, auf hoher Untermauerung, jedoch mächtig in seiner Wirkung infolge des spitzen hohen Daches, unter dem die Räucherkammern lagen; von der Gartenseite hatte es eine Terrasse, die in breiten Treppenstufen zu den Rasenplätzen hinabführte, welche von einer leuchtend grünen Hecke eingefasst waren. Zu beiden Seiten der Terrasse, an den Rasenplätzen entlang führten Gänge aus blühenden Rotdornsträuchen und veilchenfarbenen Fliederbüschen bis zum Bach hinab – und von den Fenstern bot sich den Blicken der breite Gürtel der von Wäldern umschlossenen Wiesen und das ganze Dorf dar, das schräg unten im Tale lag. Die Winciorek blieb vor der Glastüre der Gartenterrasse stehen und sah schüchtern hinein. »Was hat Sie hier zu suchen? ...« »Zum gnädigen Herrn will ich,« entgegnete sie finster und trat etwas zurück, denn es war der Verwalter, der mit schwerem Tritt die Treppenstufen heraufgestolpert kam. Er war gross, von roter Gesichtsfarbe und gewöhnlichen Bewegungen, trug einen buschigen Schnurrbart und hatte porzellanblaue Augen im Kopf. »Ah! Die Winciorkowa! Ergebenster Diener!« rief er ihr höhnisch zu. »Nun, habt Ihr diesen Totschläger gut versteckt? Man wird ihn schon finden, dafür sorge ich und lasse ihn dann dorthin bringen, von woher er zum zweitenmal nicht entwischen wird ...« »Wenn der Herr Jesus es zugibt, alles ist in seiner Macht, nicht in der des Herrn Verwalters ...« »Bringt Euch ein Geschäft zum Gutsherrn, was ist denn das für eines?« »Das geht den Herrn Verwalter ganz und gar nichts an,« entgegnete sie verächtlich. Er schlug die Tür hinter sich zu und ging. Sie aber lehnte sich mit dem Rücken gegen das Geländer der mit Blumenvasen geschmückten Terrasse und wartete, in den Anblick der nebelumsponnenen Welt und des wölken verhangenen Himmels versunken; es sah nach Regen aus. In einem guten Vaterunser kam die Nastka angerannt. »Der gnädige Herr haben befohlen, dass Ihr hineinkommen sollt!« murmelte sie und küsste die Hand der Alten. »Seid Ihr dagewesen?« fragte sie leise schon beim Öffnen der Tür nach der Vorhalle. »Die ganze Nacht habe ich bei ihm zugebracht. Gott bezahl's dir, dass du ihn nicht vergessen hast...« »Ich würd´ ihm doch ... alles ... alles ...« bekräftigte das Mädchen mit Wärme und sperrte die grosse Glastür nach einem Zimmer voll grüner Gewächse auf. Die Herrschaft sass an einem runden Tisch auf Schaukelstühlen. Die Winciorek verbeugte sich an der Türschwelle, indem sie mit der Hand einen tiefen Gruss den beiden Herrschaften darbot, und begann den Grund ihres Kommens darzulegen. »Gut, ich kaufe Euch die Wiese ab. Im Herbst kommt der Landmesser, dann kann er sie abmessen.« »Ich muss sie gleich verkaufen, gnädiger Herr, sogleich.« »Warum? habt Ihr es denn so eilig? Wollt Ihr auswandern, wie? ...« »Ich brauche das Geld gleich ...« »Na, Ihr sterbt doch noch nicht ...« »Wer kann es wissen, wann der Tag und wann die Stunde kommt ... das kann keiner wissen ...« Und mit einemmal war ihr Stolz wie weggeschmolzen, so schmerzlich hatte sich ihr Herz zusammengekrampft, und Tränen begannen reichlich über ihr Gesicht zu fliessen. Die Gnädige, die eine gefühlvolle Dame war, sprang auf von ihrem Sitz und sagte: »Was fehlt Euch, warum weint Ihr?« »Nur so ... es ist mich so plötzlich angekommen...« Die Worte blieben ihr in der Kehle stecken, bei dem jähen Weinkrampf, der ihren Körper erschütterte. Die Herrschaft war bestürzt. Sie aber lehnte sich gegen die Wand zurück und liess ihren Tränen freien Lauf; das Tuch war ihr von dem weisshaarigen Kopf auf den Nacken hinabgeglitten und das edle Gesicht trat scharf hervor, es war so qualzerfurcht, so grau, so von Schmerz und Leid gezeichnet, dass es fast den Ausdruck einer tragischen Maske hatte. Diese Tränen, die sie nicht meistern konnte, rissen ihre ganze Sorge, ihre ganze Leidensgeschichte aus ihrer Seele ans Tageslicht. Weinend und die Knie der Herrschaft umfassend, erzählte sie mit leiser, leiddurchbebter Stimme all ihre Nöte. Das arme gehetzte Mutterherz klagte seinen tiefen Gram. Sie hatte keinen, vor dem sie ihren Gefühlen freien Lauf hätte lassen können, der Herrschaft sagte sie nun alles, denn wie sollten sie eine arme Waise verraten. Die Gnädige, als gefühlvolle Dame, die sie war, nahm einen solchen Anteil an ihrem Gram, dass ihr die Tränen in die saphirblauen Augen stiegen und die zarten Wangen netzten. »Niobe! Eine wirkliche Bauernniobe!« flüsterte sie ihrem Mann auf französisch zu. »Welch steinerner Schmerz in diesem Gesicht! Was für ein Ausdruck! Wie fein ist der Ton dieser weissen Haare, dieses wie aus altem Erz gemeisselten Gesichtes, wie ist sie herrlich in dieser Schmerzensgebärde! Wundervoll! wundervoll!« »Lasst Euch nicht stören ... Weint Euch ruhig aus,« rief sie begeistert und holte einen grossen photographischen Apparat herbei, denn sie befasste sich leidenschaftlich mit Photographie und Malerei, wobei sie die Photographie für den wichtigeren Teil hielt. Die Winciorek verstand nichts davon, gegen die Wand zurückgelehnt weinte sie still vor sich hin und die Gnädige wischte die Tränen aus den saphirblauen Augen und nahm indessen mehrmals ihr Gesicht auf. Der Herr liess sich, nachdem die Alte wieder zu sich gekommen war, sehr gnädig vernehmen: »Ich habe es vergessen, dass ich kein Bauernland kaufen darf. Das ist wirklich schade, ich hätte sonst Euer ganzes Gewese gekauft, weil es auf der ganzen Länge an meine Felder grenzt.« »Das kann der gnädige Herr doch tun, denn unser Grund und Boden ist uns nicht durch den Ukas zugeteilt worden, er steht auch nicht in der Tabelle ...« »Warum denn?« »Weil der Vater des gnädigen Herrn das Ackerland und die Wiese meinem Verstorbenen aus gutem Willen geschenkt haben. Dafür sind Papiere da ...« »Ich wusste nichts davon.« »Meiner hat doch den älteren gnädigen Herrn, damals nach dem Aufstand, ins Ausland gebracht und ihn dort gepflegt, weil er doch krank gewesen ist ... Oh, der gnädige Herr waren damals noch an der Brust ... noch ganz klein ... »Ich hin mit meinem Jaschek eine arme Waise geblieben ...« Sie begann wieder zu weinen. Der Herr, durch ihren Bericht sichtlich gerührt, durchmass erregt das Zimmer. »Weint nicht, Mutter! Ich tue alles, was Ihr wollt ... Ich werde Euch sofort die Wiese und die ganze Wirtschaft abkaufen ... Ich wusste gar nicht, dass wir Euch so viel Dank schuldig sind... Jetzt erst entsinne ich mich schleierhaft, dass meine selige Mutter mir vor ihrem Tode von Euch gesprochen hat ... Ich war damals ein kleiner Junge ... kaum acht Jahre alt, als sie starb.« Der Gutsherr hatte Tränen in den Augen vor Rührung zum Erstaunen der Alten. »Wir kannten Euch kaum!« rief er schliesslich ganz verwundert. »Versteht sich, wie sollten die gnädigen Herrschaften uns kennen! Sind doch in einem fort auf Reisen und in ihren Geschäften weg ... wie das so sein muss ...« Sie hatten sich so gut miteinander verständigt, dass die Gnädige der Alten beim Abschied eine Flasche Wein und Kuchen für Jaschek mitgab und der Gutsherr sagte, er würde in drei Tagen einen Verkaufsvertrag ausfertigen lassen und die Kosten bezahlen. Sie begleiteten sie beide bis in den Garten hinaus. »Dass euch der Herr Jesus an euren Kindern, an eurem Vermögen und eurer Ehre heimzahlt! Gute Leute seid ihr, sehr gute Leute! ...« murmelte sie vor sich hin, durch diese Gnade berauscht und beseligt. Sie fühlte sich glücklich, als trüge sie den Frühling selbst im Herzen, darum ging sie auch nicht mehr nach Hause, sondern schlich sich durch die Büsche zu Jaschek hin, nachdem sie den Klosterhügel von der entgegengesetzten Seite umgangen hatte. Sie hatte es gar zu eilig, ihm alles zu sagen und ihm den herrschaftlichen Wein zu bringen. Jaschek lauschte mit leuchtenden Augen ihrem Bericht und sagte zuletzt: »Eine Messe muss man für sie lesen lassen.« »Versteht sich! Sobald wir den Kaufvertrag gemacht haben und das Geld ausbezahlt ist, lasse ich eine Messe lesen.« »Dann gehe ich auch hin.« »Hale! damit dich noch einer sieht,« rief sie erschrocken. »Ih ... wenn ich einmal gesund bin, dann werde ich vor keinem Angst haben.« Sie antwortete nicht, denn sie wollte ihm nicht widersprechen, im Weggehen aber sagte sie nur: »Beten sollst du, Jaschek, der Trotz bläht dich auf.« Aber auch sie unterlag unbewusst diesem Trotz, auch sie hatte die Angst verlassen, so dass sie mutig, mit stolz aufgerichtetem Haupt heimkehrte. Die Sicherheit, Jaschek retten zu können, erfüllte ihre Seele mit Sonnenschein. Sie machte sich eifrig an die Besorgung der häuslichen Arbeit und nur ab und zu überfielen sie sorgenvolle Gedanken, die neue Schatten auf ihre Seele legten und sie immer wieder ängstigten; mit einem dumpfen Schmerz betrachtete sie die Felder, die Wälder, das heimatliche Dorf... und konnte immer noch nicht begreifen, dass es notwendig sei, von all diesen Dingen auf ewig Abschied zu nehmen. Ihre Augen leuchteten im Tränenglast einer seltsamen Wehmut, sie stützte sich gegen die Zaunplanke und starrte über Felder und Wiesen ins Weite – schaute und schaute und fühlte einen Schmerz in tiefster Seele, wie ihn nur Bäume fühlen können, die man mit der Wurzel aus dem Mutterboden reisst. »Einmal muss die Ziege sterben!« murmelte sie schicksalsergeben. »Was kommt, das kommt,« fügte sie dann etwas leiser hinzu und versuchte durch Arbeit solche Gedanken zu betäuben. Um sich mehr Mut zu machen, begann sie die Tekla zu überreden, mit ihnen auszuwandern. »Und wenn Meiner aus dem Gefängnis zurückkehrt, was soll dann werden?« entgegnete die andere und machte sich an ihrem toten Kindchen zu schaffen, dessen Beerdigung bevorstand. »Der kommt dann nach.« »Was hab' ich davon! Ich weiss schon alles, wie es kommen wird: einen Mann hab' ich nicht, Grund und Boden hab' ich nicht, weder Kind noch Kegel, die Jungsau, die Ihr mir geschenkt habt, hab' ich verkaufen müssen, um dem Meinen Geld zu schicken – was soll ich noch viel für mich selbst sorgen. Ich arme Waise, eine ganze Waise bin ich, ganz allein in dieser Welt!« Sie redeten nicht weiter, denn der Kirchendiener war gekommen, hatte den kleinen Sarg zugenagelt, unter den Arm genommen und nach der Kirchenvorhalle fortgetragen. Nach der Messe trat der Pfarrer in die Halle, sprach ein Gebet, besprengte den Sarg mit Weihwasser, der Kirchendiener hob ihn an einem Strick auf die Schulter, griff mit der zweiten Hand nach dem Kreuz und der Leichenzug setzte sich in Bewegung. Der Regen sprühte ununterbrochen auf sie hernieder. Einige Frauen schlossen sich ihnen an und bildeten das Leichengefolge, an den Seiten der aufgeweichten, von alten Weiden umstandenen Landstrasse vorwärts stapfend, auf der die Regenpfützen trüb glasten. Sie sangen das Lied: »Wer sich in den Schutz des Herrn begibt«, jedoch mit leisen Stimmen, ganz ohne jegliche Kraft, so dass der Sang sich kaum über den Boden zu heben schien, um sogleich wieder wie ein Trauerflor auf die schwärzlichen Saatenfelder und Schlehdornsträucher am Wege niederzusinken, die voll regennasser Blüten starrten. Auf dem Dorffriedhof schien die Welt noch trüber. Die Bäume standen mit herabhängenden Zweigen unbeweglich da, triefend vor Regen, und schauerten vor Kälte, und die gelben Grabhügel, über die hier und da Hauswurz dahinkroch, kauerten still, wie geduckt unter der Last der schlichten schwarzen Kreuze, die man in ihren Boden gepflanzt hatte. Einige durch das nahende Trauergefolge aufgescheuchte Krähen flogen von den Baumwipfeln auf und flatterten lautlos in der Richtung des Waldes davon. Die Grube war schon geschaufelt, der Kirchendiener liess den kleinen Sarg so derb hinabgleiten, dass der Boden erdröhnte und das Wasser, das sich unten angesammelt hatte, hoch aufspritzte, dann begann er sie eiligst zuzuschaufeln. Die Tekla aber, die eine ganze Zeitlang wie erstarrt dabei gestanden hatte, erwachte mit einemmal aus ihrer Betäubung und warf sich mit lautem Weheklagen auf den nassen Sand. »Ich Waise, o ich arme Waise! Keinen Mann hab' ich und keinen Acker, und nicht das kleinste bisschen Trost ... Oh, mein lieber Jesus, alles hast du mir genommen! ... Verlassen hat es mich, mein liebes Kindchen, um deinetwillen verlassen. Oh ... oh ... verlassen ... Hast mich arme Waise allein gelassen mit meinem Weinen und mit meinem Waisentum, mit all meinem Kummer! 0 Jesus, Jesus, Jesus! oh! oh! oh!« und sie wehklagte, zerraufte sich das Haar und schluchzte herzzerbrechend. Die Gebete, das Gemurmel und die Seufzer der rund um die Grube knienden Weiber waren die einzige Antwort darauf; ... und das Raunen der grünen Birken, die ringsum in ihren weissen Trauerhemden dastanden ... das dumpfe Ächzen des kleinen Sarges unter den herabfallenden Erdschollen ... das Geriesel des Regens, der mit langen Schnüren durch die grünlich verhangene Luft auf sie einpeitschte ... Da es noch immer stärker zu regnen anhub, entledigten sie sich recht schnell ihrer Pflicht und gingen von dannen. Unterwegs, etwa auf dem halben Nachhausewege kam der alten Winciorek der Schultheiss entgegen, schloss sich ihr an und schien sie nach Hause begleiten zu wollen. »Ich bin bei Euch gewesen, die Leute haben mir gesagt, dass Ihr zum Begräbnis gegangen seid.« »Daher kommen wir eben, wir haben das Kleine der Tekla beerdigt, Ihr wisst es wohl schon.« »Verderben soll es, das Diebsgezücht!« »Hale! hale!« Sie traute sich nicht, ihm zu widersprechen. »Ich bin bei Euch wegen dem Grund und Boden dagewesen,« nahm er wieder langsam mit gedämpfter Stimme das Gespräch auf. »Welchen Grund und Boden?« sie war beruhigt. »Den Euren, versteht sich. Ich würde ihn kaufen ... Als guter Christ würde ich Euch auch nicht dabei benachteiligen. Und sollt' ihn ein Fremder erwerben, dann kann ihn auch einer aus demselben Dorf kaufen ... Wir sind doch miteinander auch ein bisschen verschwägert, denn Eure Mutter war meines Vaters richtige Tante, wisst Ihr das nicht? ...« »Versteht sich, dass ich es weiss ...« entgegnete sie mit gedämpfter Stimme, über seinen Vorschlag erschrocken. »Verkaufen müsst Ihr doch. Allein könnt Ihr auf dem Acker nicht zurückbleiben und der Jaschek muss ja auch so schnell wie möglich von hier fortkommen, denn wenn ich auch ein Beamter bin und mein Bestes für Euch tue, so regiere ich ja nicht allein ... Wollt Ihr mir den Grund und Boden verkaufen, wie?« Sie antwortete nicht und beschleunigte nur ihre Schritte. »Ich würde Euch sofort Bargeld bezahlen, dann hättet Ihr was für die Reise ... na, Winciorkowa, wollen wir uns miteinander einigen?« »Ja, das ist so, als wenn ich meinen Grund und Boden so gut wie verkauft hätte,« sagte sie rasch. »Wem denn?« »Dem Gutsherrn.« »Verkauft habt Ihr ihm? Dem Gutsherrn? So!« schrie er ganz ausser sich über diese Enttäuschung, denn er war schon ganz sicher, dass er den Besitz halb geschenkt bekommen würde. »So! Ihr sollt mich kennen lernen! Hab' ich nicht die ganze Nacht in der Schenke den Gendarmen spendiert, damit sie bei Euch erst am Morgen Haussuchung hielten! Hab' ich ihn nicht wie meinen eigenen Sohn beschützt, und Ihr habt so an mir gehandelt! Mit dem Herrenhof hast da dich beschnüffelt, dann lass den Herrenhof dir helfen, du herrschaftlicher Affe, du Rumtreiber du!« brüllte er immer wütender auf sie ein. »Halt dein Maul, du Unrechttuer,« kreischte sie mit einemmal auf. »Du Diebsfratze!« »Ich bin ein Dieb! Ich?« »Jawohl, du, du alter Fetzen ...« »Du Betrüger, du Dieb! Du Mörder! Und wer hat im Wald den Gendarmen totgeschlagen?« »Hast du es gesehen, tolles Weib, hast du es gesehen?« er sprang auf sie zu mit geballten Fäusten. »Und wer ist beim Schmied der Brandstifter gewesen, vielleicht ein anderer als du!« »Du Höllenhexe, dein Maul schlag' ich dir schon zu, wart' einmal!« »Schlag es zu, versuch' es bloss! Es gibt noch Gerichte ... und Gerechtigkeit ... ich find' schon meinen Weg zu ihnen ...« Sie warfen einander solche Worte an die Köpfe und gingen dabei so erbittert mit den Krallen aufeinander los, dass die Weiber, die vom Begräbnis heimkehrten, sie erst mit Gewalt auseinanderzerren mussten; der Schultheiss hatte ein ganz zerkratztes Gesicht und das ganze Kopftuch der Alten war mit Strassenschmutz besudelt. Sie nahmen die Winciorek in ihre Mitte und begleiteten sie bis zu ihrem Hause, der Schultheiss lief hinterdrein, laut schreiend: »Du sollst deinen Lebtag an mich denken. Ich werd' das gleich euch beiden heimzahlen! Wie ein Hund sollst du noch winseln, wenn sie dir deinen Jaschek in Ketten nach Sibirien fortschleppen werden. Ich zahl' es schon euch beiden heim!« Er keuchte wie ein Hund, den die Tollwut würgt. XI In Przylenka lief alles seine gewohnten Bahnen. Nach einigen Tagen Frühlingsregen leuchtete die Sonne wieder auf, trank die Wasserlachen von den Feldern und trocknete die Wege; das Wetter wurde beständig und trieb die Leute zur Feldarbeit hinaus. Der eine zog mit seinem Pflug ins Feld, der andere ging den Rest seiner Kartoffeln pflanzen, säte Gemüse oder liess von den niedriger gelegenen Feldern das Wasser ab, tiefe Querfurchen grabend; das ganze Dorf steckte bis zum Halse in schwerer Ackerfron. Dennoch ging die Arbeit nur sehr langsam und unfroh vonstatten; auf den Feldern war kein froher Stimmenlärm, kein Lachen und kein Singen zu hören. Die Menschen bewegten sich schwerfällig und nachlässig, als hätten ihnen traurige Gedanken die Arbeitslust benommen. Sie liessen häufig die Hände sinken, hielten die Pferde vor den Pflügen an, blieben auf dem Acker stehen, um sich über Ackerbeete, grüne Saatenfelder und Feldraine hinweg miteinander zu besprechen. »Wisst Ihr schon? gestern sind sechs Mann aus Biezywody nach Brasilien fortgezogen.« »Das ist wahr! Und die Leute erzählten, dass aus Malowana Wola das halbe Dorf ausziehen will.« »Das sind nur die Kätner! In Gorka aber haben drei Hofbauern ihr Ackerland verkauft, das Vieh verkauft und alles Hab und Gut dazu und sind mit fortgezogen!« »Gott bewahre, was soll daraus werden!« »Was denn soll werden?« »Der liebe Gott muss wohl das Volk strafen wollen, dass er ihm den Verstand genommen hat.« »Zugrunde werden sie gehen, das ist alles!« jammerte ein altes Mütterchen. »Alt seid Ihr und habt noch immer keinen Verstand! Warum sollten sie zugrunde gehen?« »So weit in die Welt hinausziehen, ins Unbekannte. Die Leute erzählen, dass dort keiner unsere Sprache versteht, ein anderer Glaube herrscht dort und eine solche Hitze, dass man einen Topf mit Kartoffeln nur in den Sand zu stecken braucht, dann kochen sie von selbst gar! ... Und auf dem Meer, sagen sie ...« »Es gehen doch nicht alle übers Meer!« »Zu den Deutschen auf Arbeit gehen sie.« »Gibt es hier vielleicht keine Arbeit, wie! Sie gehen bloss, weil sie Trinker und Rumtreiber sind – auf Zügellosigkeit gehen sie und zu ihrem eigenen Verderben.« »Wenn Ihr, Anton, so kräftig mit dem Dreschflegel zu gange wäret, wie mit Eurer Zunge, dann würd' ich Euch gleich zum Dreschen mieten und gut bezahlen.« »Wenn du erst etwas zum Dreschen hättest! Wioh, Braune, wioh!« rief der Alte zurück, liess die Peitsche durch die Luft pfeifen, griff nach dem Pflugsterz, beugte sich vor und pflügte weiter. »Hale, die haben was zu arbeiten, nur wo wissen sie selber nicht. Vielleicht beim Bauer? Jeder Bauer könnte zweimal so viel tun, wie er Arbeit hat, wenn er nur was zu tun hätte, wozu sollte er einen Tagelöhner brauchen. Vielleicht auf dem Herrenhof? – Auch da arbeiten sie, denn was sollte das arme Volk sonst tun! es arbeitet, und wenn es hoch kommt, gibt man ihm sein Geld, das es beim Kartoffelausnehmen verdient hat, zu Weihnachten oder zum Frühjahr. Vielleicht sollen sie in die Fabriken auf Arbeit und ins eigene Verderben gehen! Unsereiner braucht Land, gibt man ihm Land in Brasilien, dann zieht er dahin.... Es leben doch auch andere Menschen dort, warum sollte nicht unser Volk da auch leben können! Und wenn man schon auf Arbeit gehen muss, dann doch besser zu den Deutschen, als zu unserem Volk! Sie zahlen gut, ehren einen und du bekommst noch obendrein ein Stück Welt zu sehen.« »Das ist schon wahr!« bestätigten die anderen fast einstimmig. »Jeder kehrt doch mit Geld aus Preussen nach Hause.« »Und kommt sich aufgeputzt wie ein feiner Herr selber.« »Das alles ist nichts, als Gottes Strafe!« knurrte die Alte missmutig. Solche und ähnliche Unterhaltungen spannen sich täglich auf den Feldern, in den Häusern und auf der Dorfstrasse, überall wo Menschen zusammenkamen; und fast alltäglich tauchte in einem der Dörfer Herschlik auf und beredete heimlich, im Schutz des Walddunkels die Menschen zum Fortziehen auf Arbeit nach Preussen oder selbst zum Wegzug nach Brasilien. Als Ergebnis seiner eifrigen Arbeit zogen jede paar Wochen neue Haufen Auswanderer hinaus. Es gingen junge und alte Frauen und Halbwüchsige mit Bündeln auf dem Buckel und schleppenden Schritts, vom Weinen der Angehörigen und hundertfältigen Abschiedswünschen begleitet. Weder die Predigten der Priester, noch der Einfluss der Herrenhöfe und das Aufpassen der Polizei halfen etwas dagegen, das Volk erhob sich, und von den Versprechungen eines besseren Loses geblendet, von der Neugierde nach neuen Ländern aufgepeitscht, liess es alles liegen und zog von dannen. Diese Stimmung im Volk dauerte schon einige Wochen, so dass ganz Przylenka im unaufhörlichen Fieber der Auswandererberichte und in einer geheimnisvoll düsteren Geistesverfassung lebte, die die leisen Erzählungen über die Ausgewanderten selbst, über die neuen Länder und voraussichtlichen Schicksale erzeugten. Alles war dermassen mit diesen Fragen beschäftigt, dass man schon wenig auf den Jaschek Winciorek achtete, welcher nach erfolgter Genesung sich nicht mehr verborgen hielt und verschiedentlich hier und da auftauchte. Einmal waren es die Holzfäller, die ihm im Wald begegneten, dann wieder die Hirten, die ihn auf den Wiesen, oder die Knechte vom Herrenhof, die ihn im herrschaftlichen Park gesehen zu haben meinten; er zeigte sich auch bald in der Schenke und ging am hellichten Tage mitten durchs Dorf, sah den Leuten trotzig in die Augen, warf diesem oder jenem ein Begrüssungswort zu und schien vor keinem mehr Furcht zu haben. Dieses machte einen mächtigen Eindruck auf die Leute. »Lass ihn in Gottesnamen herumlaufen, solange er kann! Was hat er denn Böses getan? Hat er vielleicht gestohlen oder Brandstiftung begangen? Dass er mit der Forke dem Verwalter zwischen die Rippen gefahren ist, macht doch nichts aus! Er hätte ihm sein Mädel nicht in die Scheune schleppen brauchen.« »Er sollte jetzt dem Verwalter für sich und für die arideren heimzahlen! Mich hat er einmal im Wald getroffen, wie ich mein Beil bei mir hatte, gleich hat er mich vors Gericht gebracht. Fünfzehn Rubel habe ich zahlen müssen, und was hab' ich getan? eine kleine Tanne nicht grösser wie mein Arm gefällt! ... Dass du, verfluchtes Aas, den Herrgott in deiner letzten Stunde nicht schaust! ...« »Ich bin kein Judas, dass ich ihn anzeigen sollte.« »Das ist eins, aber wenn du glaubst, dass er dir das dann vergeben würde ...« »Versteht sich nicht, ein ganz verbissenes Aas ist er schon.« »Zwei Jahre hat er im Kriminal gesessen, wird schon ein Praktikant sein.« »Wird er. Mit einem solchen muss man wie mit einem rohen Ei umgehen ...« So redeten die Leute in Przylenka über Jaschek, er aber, als wüsste er, dass es niemand wagen würde, ihn anzuzeigen, liess sich immer häufiger im Dorf blicken, bis er eines Tages mitten auf der Dorfstrasse dem Schultheissen begegnete. Das Wolfsgesicht des Schultheissen verzerrte sich wie zum Beissen, er sprang auf Jaschek zu. »Rühr' mich nicht an, du Hund, sonst renk' ich dir die Pfoten aus!« knurrte ihn Jaschek drohend an. »Ein Dieb! Greift ihn! Jungen, Taue her! fangt ihn!« schrie der Schultheiss wütend, doch niemand eilte ihm zu Hilfe, alle hatten sich hinter ihren Häuserecken versteckt. »Gebt den Weg frei, Schultheiss, lasst mich in Ruh',« bat der Bursche. »Aufs Amt mit dir, ins Zuchthaus mit dir, du Dieb!« er fiel über ihn her. Jaschek riss plötzlich die Geduld, er liess ein-, zweimal seine Faust auf seinen Schädel niedersausen, warf ihn zu Boden, trampelte auf ihm herum und liess ihn liegen. Die Menschen trugen den Schultheissen in sein Haus, wo er mehrere Tage krank zu Bett liegen musste. »Hat Euch, Herr Schultheiss, der Gänserich gebissen, oder was fehlt Euch?« machten sich die Bauern über ihn lustig. »Aasvolk! Kein Verstehen haben sie für eine Amtsperson!« »Hale, hale! Dass es einer fertiggebracht hat, den Schultheissen wie einen tönernen Topf zusammenzuhauen!« »Ein Frauenzimmer würde es nicht besser mit ihrem Waschholz getan haben....« Der Schultheiss entgegnete nichts, raste von Wut und Scham gehetzt ins Gemeindeamt und beriet sich darauf lange mit dem Verwalter. Die Folge war, dass am folgenden Sonntag bei Trommelwirbel auf dem Kirchplatz folgendes verkündet wurde: – »Wer den Jaschek Winciorek fängt und ihn nach dem Gemeindeamt bringt, erhält fünfzig Rubel Belohnung.« – »Ein schönes Stück Geld, ob sie es denn auch wirklich geben werden?« redeten die Leute vor der Kirche. »Für so einen Totschläger! Sie werden es bis auf die Kopeke auszahlen!« beteuerte der Schultheiss. Ein paar Tage summte es davon in allen Häusern des Dorfes, niemand dachte jedoch daran Jaschek zu verraten, aber fünfzig Rubel immerhin ... es, war doch ein schönes Stück Geld. Dieser und jener von den Habsüchtigeren berechnete schon im stillen, was er sich für dieses Geld kaufen könnte ... und liess finstere Blicke gierig schweifen ... Der Schultheiss faulenzte indessen nicht; eine Verbissenheit hatte sich seiner bemächtigt, dass er tagelang trank und während der Nächte wie ein Wolf dem Jaschek auflauerte. Die Bauern aber hetzte er mit solchem Erfolg auf, dass man schon nach einigen Tagen im Dorf zu reden begann: »Wenn sie so viel Geld für ihn geben, dann muss es schon wahr sein, dass er ein Totschläger ist.« »Er soll dem Gutsherrn aus Wola vier Pferde gestohlen haben.« »Wenn es bloss dieses wäre ... In Kozielki haben sie ihm, wie die Leute sagen, Nachtquartier nicht geben wollen, da hat er aus lauter Bosheit eine Scheune angezündet ... und das halbe Dorf ist dabei in Rauch und Flammen aufgegangen ...« »Das ist auch wahr! Wahrhaftiger Gott! Die Abgebrannten sind doch hier in der Gemeindekanzlei gewesen und haben erzählt, dass da einer Feuer bei ihnen angelegt hat.« »Jesus! So ein Mörder und Brandstifter ist er!« Selbstverständlich lag in all dem Gerede kein Körnchen Wahrheit, alles war nur von dem Schultheissen in seiner Bosheit ausgestreut worden. Da aber gerade zu derselben Zeit mehrere Auswanderertrupps, die heimlich über die Grenze wollten, ertappt und nach Hause zurückgebracht wurden, wobei einzelne zum Sitzen kamen, erzählte der Schultheiss laut herum, dass dieses der Jaschek auf dem Kerbholz hätte. Damit gelang es ihm schliesslich, das Dorf gegen ihn aufzubringen. Endlich merkte es auch die alte Winciorek, denn die Leute wichen ihr aus, als ob sie verpestet wäre, und wenn sie über die Dorfstrasse ging, hörte sie hinter ihrem Rücken ihre Stimmen: »Seht, die Diebsmutter!« – Die Menschen sind wie die Schweine: was du ihnen auch hinwirfst, alles werden sie fressen – sann sie bitter, denn die unverdienten Beschimpfungen hatten sich ihr in die Seele gefressen. Sie vergass es dann wieder, weil die Vorbereitungen für die bevorstehende Reise sie in Anspruch nahmen. Sie hatte ihr Gewese dem Gutsherrn verkauft, hatte allmählich das ganze Hausgerät veräussert und nun warteten sie nur noch auf das Kommen des Juden Herschlik, der sie nach Preussen durchschmuggeln sollte. – Wenn es nur bald so weit wäre, sann sie voller Angst und Ungeduld, denn sie wusste doch, was der Schultheiss im Dorf erzählte, wie er drohte, aufwiegelte und zuletzt, wenn auch ihr Herz freudiger schlug bei dem Anblick ihres gesunden und wie ein Jungpferd starken Sohnes, so machte sie sich doch wegen seinem Draufgängertum und seinem unnachgiebigen Trotz mancherlei Sorge. »Wenn der den Gendarmen begegnet, dann wird er nicht davonlaufen, sondern auf sie losschlagen. Das ist schon so die Art! Sein Vater war grad so einer,« erzählte sie der Tekla mit Stolz und voll Besorgnis. »Ein feiner Bursche. Die Leute sagen, dass er nur einmal dem Schultheiss etwas gelangt hat, da lag dieser schon gleich im Dreck. Und der Schultheiss ist doch ein baumlanger Kerl. Mein Gott, so 'n Starker!« »Zu meinem Seelentrost hat ihn mir der Herr Jesus geschenkt!« »Und wie biegsam er ist, kaum eine Dirn ist so gelenkig,« beteuerte Tekla voll Begeisterung. »Das ist wahr, biegsam ist er schon, das liebe Kind,... und wie!« »Und sieht er eine an, dann schmeisst sie gleich die Beine, wie eine Jungstute....« »Ist auch wahr! Warum sollt' sie auch nicht ... der Junge ist wie gemalt....« »Und streift er einen mal, dann fühlt sich der Mensch ganz anders, und die Haut schauert einem....« »Es gibt keinen solchen zum zweitenmal, das ist schon wahr!« rief die Alte stolz. »Gewiss, gibt es keinen zweiten wie er!...« murmelte die Tekla und verstummte. Sie senkte den Kopf, um ihre brennend heissen Wangen und ihre funkelnden Augen zu verstecken. Sie wusste wahrhaftig nicht, was mit ihr vorging, seitdem sie Jaschek nach dessen Gesundung wieder zu sehen bekommen hatte. Sie sassen schweigend da, in ihre Gedanken über ihn vertieft, als er plötzlich in die Stube trat. »Junge, was machst du bloss! am hellichten Tag kommst du hierher!« »Seid ruhig, Mutter, es wird mir nichts geschehen.« »Und der Schultheiss lauert doch bloss Tag und Nacht wie ein Habicht.« »Lass ihn kommen und mich angreifen!« »Allein kommt er nicht, das ganze Dorf holt er sich hinzu.« »Das ganze Dorf mag kommen!« rief er trotzig. »Lass sie mich fangen ... lass sie mich angeben ... nicht ein Stein würde von dem ganzen Dorf übrig bleiben!« Er wurde über und über rot vor Erregung. »Jaschek! Gott bewahre, Jaschek!« beruhigte ihn die Mutter. »Das ganze Dorf, versteht sich, das sind die reinen tollen Hunde, sie möchten den Menschen am liebsten zu Tode beissen!« murmelte Tekla. »Redet kein dummes Zeug!« herrschte er sie an und setzte sich an die Essschüssel, die ihm die Mutter hingestellt hatte. Tekla sagte kein Wort mehr, betrachtete nur lange den jungen Kopf vor ihr, mit dem dichten, üppigen Schopf, der tief auf die Stirn niederhing und immer wieder durch eine kecke Bewegung zur Seite geworfen wurde, das rotwangige Gesicht voll Jugendkraft, die schlanke Nase, wie aus feinstem Flachs gesponnen, die blauen blitzenden Augen, die roten geschwellten Lippen, hinter denen weisse, kleine und wie bei einem Hund spitz zulaufende Zähne aufschimmerten, die schwärzlichen, wie mit Kohlenruss nachgeschwärzten Brauen, die mächtig ausladenden Schultern – sie starrte ihn an, starrte ihn immer wieder an ... und ihre Seele füllte sich mit einer wundersamen Süsse und Qual, alles Blut strömte ihr zum Herzen und alle Tränen schossen ihr in die Augen, bis sie es zuletzt nicht mehr aushalten konnte, jäh aufsprang und zur Stube hinausrannte. »Hat sie eine Bremse gestochen?« meinte Jaschek, weiteressend und ab und zu einen Blick nach den Fenstern werfend. »Es treibt sie so umher, nach dem toten Kinde. Wann fahren wir denn?« fragte sie mit leiser Stimme. »Sonntag. Ich werd´ nicht länger auf den Herschlik warten. Ein anderer wird uns über die Grenze bringen.« »Mein Gott, am Sonntag schon, das sind doch bloss zwei Tage noch!« »Ist schon so. Übermorgen.« »Barmherziger Jesus. Schon am Sonntag!« Sie begann zu weinen. »Habt keine Angst, Mutter, wir wollen doch zusammen fortziehen und die Nastka kommt auch mit. Geld haben wir, was soll es uns da schlecht gehen. Macht Euch keine Sorgen ... Ihr werdet jetzt Hufnerin sein, anstatt auf ein paar Morgen Hofbäuerin zu spielen!« »Sonntag müssen wir schon gehen?« Sie stellte diese Frage ohne glauben zu können, dass es möglich sei. »Sonntag abend kommt der Schmuggler und bringt uns weg ...« Die Alte versuchte so gut es ging ihr Weinen zu unterdrücken, ganze Perlenreihen von Tränen rieselten jedoch unaufhörlich über ihr Gesicht und eine quälende Angst durchzuckte ihr Herz. Auch Jaschek konnte nicht länger ruhig sitzen bleiben und auf die weinende Mutter schauen, er ass die Schüssel leer, steckte ein Stück Brot zu sich und ging. Wie ein herrenloser Hund trieb er sich auf den Feldern und im Walde umher, blieb stehen, starrte vor sich hin, liess seine Blicke ringsum schweifen und eilte ruhelos weiter. »O Jesus! O Jesus!« stöhnte er in furchtbarer Qual. »Ach was ... einmal muss die Ziege sterben; es komme wie es kommen mag!« sprach er sich dann frischen Mut zu. Aber seine Seele wurde immer weicher vor lauter Gram, er wollte nicht mehr an die Fortreise denken, legte sich in die Ackerfurchen nieder und blieb so stundenlang liegen. In den Himmel starrend, hing er versunken dem Rauschen der Getreidehalme nach, die sich über ihm wiegten, lauschte dem Jubeln der Lerchen, den hellen Rufen, die ihm vom Dorf her über die Kornfelder zuflogen, dem Summen der Insekten, drückte sich fester in den schwarzen, lockeren, grünübersponnenen Ackerboden, in diese seine geliebte Heimaterde! ... »Jesus! Jesus!« schrie er im Schmerz auf und weinte wie ein Kind. Am nächsten Morgen jedoch, ein Sonnabendmorgen war es, schlich er sich wieder leise ins Mutterhaus und sah mit trockenen Augen zu, wie die Mutter der Beisassin Tekla all das Hausgerät übergab, das sie weder mitnehmen noch verkaufen konnte. Die Alte ging von Ecke zu Ecke mit vor Weinen verquollenen Augen. »Nehmt auch diese Bänke, Tekla, nehmt alles, was noch im Hause ist,« rief sie aufgeregt und schleppte den Hausrat in die Mitte der Stube auf einen Haufen zusammen. Tekla nahm das Geschenkte an sich, aber ohne grosse Freudenergüsse, gleichgültig starrte sie auf das viele Hab und Gut, selbst das Geschenk eines Federbetts rief keine Spur von Rührung in ihrem versteinerten, abgehärmten Gesicht hervor. Sie bewegte sich wie eine Schlafwandlerin, lief Wasser holen, das sie scheinbar vergessen hatte, fing an das Geschirr zu scheuern und hielt plötzlich mitten in der Arbeit inne, um gedankenlos vor sich hinzustarren. Sie machte ganz den Eindruck einer, die schon halb den Verstand verloren hatte. Ein schweres, trübes, wie mit vielen ungeweinten Tränen und tiefem Gram erfülltes Schweigen herrschte in der Stube. »Ist es denn wirklich schon morgen?« warf die Alte leise hin. »Morgen, Mutter, morgen ...« antwortete er ihr ebenso leise. Alles war schon zurechtgelegt, sie mussten bei Tagesgrauen aufbrechen, sich in den Kartoffelgruben am Wald verborgen halten und dort auf den Führer warten, der noch am Vormittag, vielleicht aber erst abends kommen sollte. Und dann ging es in die weite Welt! in die ferne, fremde, weite Welt! Inzwischen irrten ihre Blicke immer wieder über die teuren Winkel, über die Heiligenbilder, die noch an der Wand hingen, flogen zum Fenster hinaus, die Wirtschaftsgebäude des Hofes streifend, suchten das Dorf, den Acker, den Turm der Kirche zu umfassen – begegneten sich, um in bittere Trauer des Abschiednehmens zu tauchen, und ihre Augen bedeckten sich rasch mit den Lidern, als wollten sie um jeden Preis die beissenden, bleischweren Tränen zurückhalten ... »Ich geh' zur Nastka, ich muss sie daran erinnern, dass sie die Zeit nicht verschläft ...« Er griff nach seiner Mütze und flüchtete aus der Stube. Nachdem er einen Bogen um das Kloster gemacht hatte und über die Mauer geklettert war, glitt er in den herrschaftlichen Park und versteckte sich in einem der Giebelseite des Herrenhauses gegenüberliegenden Tannengebüsch, welches bis an den Erdboden so dicht mit Zweigen umsponnen war, dass ihn kein Menschenauge dort hätte entdecken können. Lange wartete er, bis er zuletzt die Nastka auf der Gartenterrasse gewahrte. Er liess einen leisen Pfiff erschallen, dieses war das verabredete Zeichen, so dass das Mädchen bald darauf zu ihm kam. »Morgen, wenn der Tag graut, Nastusch! verschlafe nur nicht die Zeit,« murmelte er. »Ich wart' doch schon so, dass ich es gar nicht mehr aushalten kann ...« »Hast du denn keine Angst, wie?« »Was sollt´ ich Angst haben! Bin doch mit dir und mit der Mutter zusammen.« »Gut, Nastusch! Dieser, der uns über die Grenze bringen soll, hat mir gesagt, dass wir gleich im Ausland uns trauen lassen können. Du brauchst gar keine Angst zu haben, dir soll bei mir kein Unrecht geschehen.« »Das weiss ich doch ... Du bist doch so gut, Jaschek ... dass ... dass ...« »Hast du der Gutsherrin gesagt, dass es erst Montag so weit ist ...« »Das hab' ich ... Sie hat mir zehn Rubel und dieses goldene Kreuzchen geschenkt, sieh her!« Sie wandte sich ab und holte unter der Jacke ein Kreuzchen am samtenen Band hervor. »Der Herr Jesus soll ihr dafür Gutes schenken.« »Und dann hat mir noch die Gnädige dieses Büchlein gegeben, hier soll alles aufgeschrieben stehen: wie und durch welche Orte man fahren muss und was zu zahlen ist und an wen man sich in diesem Amerika wenden soll ... alles steht darin geschrieben ... und hier ist noch so was Gemaltes, auf dem jedes Wasser und jeder Berg und alle Wege abgebildet sind ... Die Gnädige hat mir alles gezeigt und mir alles gewiesen.« Sie reichte ihm eine Landkarte und ein kleines Büchlein hin, das er in die Tasche steckte, darauf sagte er: »Ich will es mir später ansehen.« »Kennst du dich denn darin aus?« »Und ob, der Pfarrer hat mir doch oft seinen Krückstock schmecken lassen, als er mich unterrichtete! Und dann haben sie mich doch dort ... auch etwas gelehrt,« er konnte das verhasste Wort: Gefängnis nicht herauswürgen. Vom Herrenhaus liess sich eine Stimme vernehmen, die Nastuschas Namen rief. »Ich muss gleich fort, ich bin bloss hinausgerannt, um Stachelbeeren für den Koch zu holen ...« »Denk' also daran! Sobald der Tag graut, beim zweiten Hähnekrähen. Lass alles zurück, zieh nur dein bestes Zeug an, brauchst nichts zu sparen, ich werd' dir besseres kaufen ... Und dann kommst du zur Mutter.« »Gleich beim ersten Morgengrauen! Nur die Hemden will ich mitnehmen und den Rock, den mir die Gnädige geschenkt hat, und das grosse Tuch, das ich auch geschenkt bekommen habe, und den Beiderwandrock, wenn es mal kalt werden sollte ...« »Gut, Nastusch, musst aber ja nicht die Zeit verschlafen!« »Ich sollte die Zeit verschlafen! ... ich ... du, Liebster!« Sie schlang ihre Arme um seinen Hals, leidenschaftlich pressten sie sich aneinander, liessen sich aber gleich wieder los, denn man hatte das Mädchen abermals gerufen. Jaschek kroch aus dem Dickicht hervor, schlich sich bis zur alten Buchenallee hin, die den herrschaftlichen Park umschloss, und eilte rasch seiner heimlichen Durchschlupfstelle zu, als er plötzlich an einer Alleebiegung Nase an Nase auf den Verwalter stiess. »Da bist du ja, Brüderchen!« Jaschek erbebte vor Entsetzen und blieb wie erstarrt stehen. Sein Durchschlupf war nur zwei Schritte von ihm entfernt, ein Sprung hätte genügt, dann wäre er schon auf der Umfassungsmauer gewesen, aber er konnte keinen Schritt tun, die funkelnden Augen des Verwalters hatten ihn festgebannt und ihm jeden Willen geraubt, erst ein wuchtiger Schlag mit dem Stock über den Schädel ernüchterte ihn – nun wollte er nicht mehr fliehen, sein Blut kochte auf, die Erinnerung an all das ihm geschehene Unrecht wurde in ihm wach und der Wille, sich zu rächen, hatte sich seiner bemächtigt. Er duckte sich wie ein Wolf und sprang auf den Verwalter zu. Es entspann sich ein kurzer, furchtbarer Kampf. Der Verwalter schrie nach den Knechten um Hilfe, verstummte jedoch bald, als ihn Jaschek an der Gurgel packte, sie wälzten sich am Boden wie zwei Hunde, die einander totbeissen wollen. Röcheln, heiseres Gröhlen, Flüche, niedersausende Faustschläge und Fusstritte – eins mischte sich zum anderen in Blitzgeschwindigkeit und knäulte sich zu einer wüsten Prügelei auf dem kiesbestreuten Alleeweg zusammen. Jaschek begannen die Kräfte zu verlassen, er fühlte, dass er dem anderen nicht gewachsen war, in tödlicher Verzweiflung gelang es ihm jedoch einen Augenblick obenauf zu kommen. Er stiess mit einer solchen Wucht mit seinem Knie gegen den Bauch des unter ihm Liegenden, dass dieser Blut von sich gab und bewusstlos liegen blieb. Es kamen bald Leute herbeigerannt, aber Jaschek war schon längst verschwunden, er jagte wie ein Hirsch den Wäldern zu. XII Die Nacht war warm und still – eine wahre Frühlingsnacht. Die Sterne blitzten blass über den Himmelsabgründen und von der nebelumsponnenen Erde stieg Vogelsingen in nächtliche Fernen, zuweilen liessen sich auch Froschchöre von den benachbarten Wiesen vernehmen. Das Dorf lag schlaf befangen und still da, fast ohne Lebensodem. Nur Jaschek wachte. Kaum war die tiefe Nacht lautlos über das Land gesunken, als er aus seinem Schlupfwinkel hervorkroch, in dem er sich seit gestern, nach seiner Flucht aus dem herrschaftlichen Garten verborgen gehalten hatte. Nichts verriet Leben in der Runde, weder ein Licht, noch eine Stimme. Bis zum Morgengrauen war es noch geraume Zeit. – Morgen also, in einigen Stunden schon, soll es in die Welt gehen, in die weite, fremde Welt ... – sann er. Ganz wie im Bann dieses Gedankens, trat er auf die Landstrasse, die am Klosterhügel vorüberführte, und wandte sich dem Dorf zu. Er wusste nicht, was er wollte, hatte jegliche Gefahr vergessen, alles vergessen, was geschehen, und schritt langsam mitten auf der Landstrasse einher. Das Dorf schlief so tief und friedlich, dass durch die offen stehenden Fenster das Schnarchen der Menschen zu hören war; hier und da schimmerten auf den Hausbänken, im nächtlichen Dämmer der Obstgärten die weissen Gestalten der im Freien Nächtigenden. Er betrachtete eingehend jedes einzelne Haus, ein jedes Gehöft mit der seltsamen Starrheit eines Menschen, der sich nicht zu sammeln vermag. Oft blieb er an einer der Steinmauern gelehnt stehen, um dann mit verlangsamtem, schleppendem Schritt seinen Weg weiter zu gehen. Manchmal knurrte beim Laut seiner Tritte ein Hofhund aus dem Schlaf auf, ein Pferd wieherte im Stall, vereinzelte Schreie des Hausgeflügels liessen sich von den Höfen her vernehmen – und wieder wurde es so still in der Runde, dass sich Jaschek ganz entsetzt nach allen Seiten umblicken musste. Er konnte gar nichts denken, auch nicht das Allergeringste – sein Herz bebte und eine seltsame Schwäche hatte sich seiner bemächtigt. Hinter dem letzten Hause des Dorfes setzte er sich am Weg nieder, unter ein altes, armloses Kreuz und starrte gedankenlos auf die nebelverhüllten Felder. Es war ihm so elend zumute, als müsste er jetzt gleich sterben ... Eine gute Weile, nachdem die Hähne zum erstenmal gekräht hatten, erblassten die Sterne und bald darauf erhellte sich im Osten das tiefe Dunkelblau des Himmels. Von dorther sollte die Sonne kommen, aber sie war noch weit ... sehr weit ... Jaschek sass da wie in einer Todesstarre, er schlief nicht, war aber auch nicht richtig wach und nicht bei vollem Bewusstsein. Ganz in sich selbst versunken, als müsste er etwas beschauen, sass er da und liess sich immer tiefer in den leeren Abgrund fallen, welcher sich plötzlich in seiner Seele aufgetan hatte. Die Nacht lichtete sich langsam; schon waren die Nebel durchsichtiger geworden und fingen allmählich an etwas zu sinken, das Dorf trat schwärzer aus dem Dämmer hervor und auf den Feldern am Weg zeichneten sich die Umrisse der Bäume immer klarer ab, dann tauchten die Reihen der schnurgeraden Ackerbeete auf und die Strasse begann ihm immer deutlicher ihr Bild zu zeigen. Jaschek hatte sich, ohne es selbst zu wissen, erhoben und kehrte langsam durch das Dorf zur Mutter zurück ... Es war schon so viel Morgenhelle in der Luft, dass er genau die leeren Wirtschaftshöfe, die aufgesperrten Scheunentüren und die draussen schlafenden Menschen erkennen konnte. Alles hielt aber noch der Schlaf so stark in seinem Bann, dass Jaschek den Tropfenfall des Taus von Blatt zu Blatt hören konnte. Die Mutter sass auf der Hausschwelle mit einem Rosenkranz in der Hand und Nastuscha war auf der Bank eingeschlafen. »Es ist schon Zeit,« flüsterte er kaum hörbar. »Zeit ... Zeit ... Zeit ...« Die Alte weckte Nastuscha, sie nahmen ihre Bündel auf den Rücken und schickten sich zum Gehen an. Tekla schluchzte laut und der von der Kette für diese Nacht nicht losgemachte Hofhund begann so kläglich zu winseln, dass Jaschek zurückkehrte, um ihn loszubinden, aber der Hund folgte ihnen nicht nach, er flüchtete auf die Dorfstrasse zurück, wo er ein entsetzliches Heulen anstimmte. Sie durchquerten den Wirtschaftshof, betraten den Feldrain, der durch die Getreidefelder lief, und schritten alsbald auf den Wald zu. Keines liess ein Wort fallen, keines sah sich weder nach dem Dorf, noch nach dem ehemaligen Heim um, keines vergoss eine Träne, sie gingen rasch, als wären sie auf einer Flucht begriffen, nur ab und zu streckte sich eine Hand aus, um über die schaukelnden Halme zu streichen ... ab und zu verschleierte sich ein Augenpaar mit feuchtem Tränenflor ... und eine Brust begann in herzzerreissender Qual zu zucken ... Die Morgenlüfte, die vor Sonnenaufgang wehen, hatten auf den Feldern die Halme ins Wogen gebracht, so dass sie sich bis auf den Feldrain vor ihnen verbeugten, als wollten sie sich den Gehenden tief zu Füssen legen ... »Bleibt bei uns, ... bleibt, Hofbauern, ... bleibt ...« schienen sie zu flüstern, mit dem Tränenfall des Morgentaus. Die Feldbäume, die Schlehen und alten Birnen am Wege, den sie gingen, streckten nach ihnen ihre Äste aus und raunten ihnen ein dumpfes: Oh! ... Oh! ... nach. Die Strahlen des Morgenrots zuckten über die Äcker dahin, blitzten blutigrot aus dem Tau auf, wie aus verzweifelten, tränenumflorten Augen, begannen sich in den Gewässern zu spiegeln, die noch starr und aus wesenlosen Tiefen lugend vor sich hin glasten, und säten Angst und Unruhe über die Welt ... Die Auswanderer aber schritten schon immer schneller aus, ganz voll von Leid, Qual und Tränen. Am Waldesrand auf einem Kreuzweg, an dem ein Christusbild am Holz seinen geopferten Leib emporstreckte und den qualenreichen Kopf auf die Brust neigte, brach ihre Selbstbeherrschung zusammen. Sie fielen am Fuss des Kreuzes auf die Knie nieder und liessen ihrem herzzerreissenden Weinen freien Lauf. »Oh, mein Jesus, mein Jesus, mein Jesus! Deinem Schutz empfehlen wir uns ... wir arme Waisen. Und du Czenstochauer Muttergottes nimm uns in deine heilige Obhut ...« klagten ihre Herzen voll tiefen Leids ... Sie setzten sich hin, um etwas auszuruhen, denn sie waren ganz ausser Kräften vor Ermüdung und Weinen. »Ich seh´ dich nicht mehr wieder, du liebes Land, ich seh´ dich nicht wieder, du meine ganze Welt, niemals seh´ ich dich wieder ...« murmelte die alte Winciorek und ihre letzten Blicke umfassten die Felder, das Dorf, diesen ganzen vom Morgenrot erhellten Umkreis; sie nahm ihn in sich auf, wie das letzte Sakrament, wie eine allerletzte Ölung auf den weiten, weiten Weg ... Und dann, schon zum letzten Abschied, denn sie mussten nun gehen, warfen sie sich auf diese heimatlichen Ackerbeete nieder, pressten sich an die Mutter Erde und küssten mit fiebertrockenen Lippen ihren heiligen Schoss ... Zum letztenmal ... »Kommt schon, Mutter, komm, Nastuscha! ... Ist schon hellichter Tag, es könnte uns noch einer sehen!« drängte Jaschek, denn die Frauen konnten sich kaum beruhigen noch von der heimatlichen Scholle losreissen. Alsbald gelangten sie unter dem Schutz des Waldes zu den Kartoffelgruben, in denen Jaschek eine Zeitlang gelebt hatte; dort sollten sie gemäss der Verabredung auf den Schmuggler warten. Da sie sehr ermüdet waren, verfielen sie bald in einen todähnlichen Schlaf. Sie erwachten ziemlich spät, denn gerade begann man im Dorf die Vesper einzuläuten. Die Alte band ihr Bündel auf und sofort gingen sie nun daran, sich zu stärken, denn sie hatten alle drei Hunger. »Man läutet zur Vesper.« »Der Schmuggler lässt lange auf sich warten.« »Ist er denn ein sicherer Mann, mein Sohn?« »Versteht sich, zur Sicherheit, dass er kommen wird, hat er mir doch zehn Rubel gegeben.« Sie assen schweigend weiter und schauten dabei zum blauen Himmel auf, von dem ein schmaler Streifen aus der Grube sichtbar war. Mit einemmal sprang Jaschek vom Boden auf. Verworrene Stimmen liessen sich unweit über ihren Häuptern vernehmen. Er griff nach seinem Stock, schob sich an die Öffnung der Grube heran und horchte lange ... »Es sind viele Menschen ... sie kommen hierher ... still ...« flüsterte er zurück, reckte sich auf die Zehenspitzen, um hinauszuspähen, doch sofort liess er sich wieder auf den Grund der Grube fallen ... »Unsere Bauern mit den Gendarmen ... Treibjagd ... das gilt mir ... Jesus!« stammelte er schnell und erregt ... »Bleibt hier ruhig sitzen ...rührt euch nicht, bis es Nacht wird ... ich ... ich will heraus ... Bis zum Wald sind nur ein paar Schritte ... und wenn Gott weiss was, ich komme durch ... bin ich einmal drin, dann kriegt mich keiner ... niemals ... Wenn es Nacht wird, ... werd' ich auf euch an der Waldschenke von Przylenka warten ... Sie kommen schon ... sie suchen in den Gruben ... oh ... oh ...« murmelte er leise und immer leiser vor sich hin, er duckte sich etwas, denn sein ganzer Körper bebte vor Angst und Aufregung, die vor Entsetzen erstarrten Frauen sassen stumm da ... alle horchten sie auf das dumpfe Stimmengewirr, das immer näher kam ... immer näher ... Jesus! Jesus. Schon waren die schweren Tritte und das Aufstossen der Stöcke gegen die Steine hörbar. Jaschek knöpfte seinen langen Bauernrock zu, fasste seinen Knüttel fester und sprang aus der Grube ins helle Licht ... Einen Augenblick stand er da, denn die Sonne hatte ihn geblendet. »Haltet ihn, fangt ihn! Haltet fest!« erhob sich ringsum ein jähes Geschrei. Er war jetzt ganz umzingelt, von allen Seiten schob sich eine Kette Männer mit mächtigen Knütteln in den Fäusten auf ihn zu. Sie waren kaum noch einige fünfzig Schritt von ihm entfernt, stiegen schon den Hügel hinan, an dessen Abhang sich die Kartoffelgruben befanden ... In den Wald! – kam ihm ein plötzlicher Entschluss, und er warf sich in dieser Richtung mit einem vollen ungestüm gegen eine Menschenmauer, die von aufgereckten Knütteln und ausgestreckten Händen starrte. Die Wand gab nach, zerriss in der Mitte und stürzte mit Jaschek zu Boden. Es entspann sich ein kurzer, verzweifelter Kampf. Ein Haufen Menschenleiber knäulte sich zu einem wilden Wirbel zusammen und rollte den Hügelabhang hinab. Jaschek liess sich nicht überwältigen, er verteidigte sich mit einer solchen Wut und Raserei, schlug so grimmig mit seinem Knüttel um sich, stiess mit den Füssen, biss und zerrte – dass er sich schliesslich ihren Fäusten entriss und in der Richtung des Dorfes davonjagte, denn den Weg zum Wald hatten ihm andere Bauern abgeschnitten, die den ersten zu Hilfe gerannt waren ... Er floh wie ein Wolf, den eine ganze Hundemeute verfolgt. In einer langen Kette, zu der sich der Haufen der Verfolger entrollt hatte, jagten ihm die Bauern mit lautem Geschrei nach. Er floh wie auf Sturmesflügeln ... um zunächst einmal auf die andere Dorfseite zu gelangen ... und dann über die Felder jenseits des Baches in den Wald ... Alle seine Kräfte spannte er an, floh mit der ganzen Macht der Verzweiflung und Wahnsinnsangst, aber er begann zu fühlen, dass er nicht mehr entkommen würde, dass seine Kräfte nicht ausreichten, denn der Wald war noch fern ... die Verfolger immer näher ... ihm ging aber schon der Atem aus ... Nacht legte sich auf seine Augen ... seine Füsse stolperten ... und verwickelten sich immer häufiger in das üppige Gewirr der Getreidehalme ... »Haltet ihn! ... fangt ihn! ...« hörte er immer näher hinter sich keuchen. Er spannte seinen Körper noch einmal zu einer letzten Anstrengung, zu neuem Lauf an ... noch einige hundert Schritt ... noch etwas ... Oh, wenn er bloss die Gärten erreichen ... zwischen den Bäumen sich verstecken könnte ... Jesus! ... Oh, Maria! ... Oh, Heilige! ... Seine Brust barst fast vor äusserster Anspannung, er hatte keine Kräfte mehr, – das Blut schoss ihm in die Augen ... er sah nicht mehr. Das waren die Gärten – er floh noch eine Weile unter dem Schutz der Bäume weiter und brach an einer Scheunenwand zusammen. – Ich halt's nicht aus ... schoss ihm ein Gedanke durch den, Kopf, als er die Gesichter der Verfolger zwischen den Baumstämmen auftauchen sah. Er war so ermattet und zerschlagen, fühlte sich so erschöpft, dass er sich nicht einmal rühren konnte. »Lass sie kommen! lass sie!« spann sich der Bewusstseinsfaden träge durch sein Hirn, es hatte ihn eine solche furchtbare Entmutigung, ein solcher Jammer gepackt, dass ihm nun alles gleichgültig war ... Er keuchte nur, wischte sich über das im Kampf zerschundene Gesicht und starrte mit einer Ruhe, die fast Wahnsinn und Bewusstlosigkeit war, auf die rennenden Menschen, die immer näher kamen. Eine solche tödliche Müdigkeit war über ihn gekommen, eine solche Müdigkeit, dass er weder die Kraft noch den Willen spürte, etwas zu beginnen; er hatte keine Gedanken mehr ... Leise stöhnte er vor sich hin, wie ein sterbendes Kind, und die Tränen der Erregung flössen über seine Wangen und wuschen ihm sein blutbesudeltes Gesicht rein; sein Herz aber durchdrang ein furchtbarer, namenloser Groll ... Plötzlich hob er sich etwas hoch, seine Verfolger waren kaum einige dreissig Schritt von ihm entfernt, die Woge der Zurufe hallte durch die Dorfgärten: »Ich zahl' es euch heim! ich zahl' es euch heim!« murmelte er; mit einemmal schoss es wie neues Leben durch seine Adern, der Gedanke, sich zu rächen, erfasste ihn wie ein Sturmwind, entfachte Blitze in seinen Augen, verlieh ihm neue Kraft. Er war aufgesprungen, riss ein Bündel Stroh aus der Bedachung heraus, zündete es mit einem Streichholz an, und nachdem die Flamme emporgezüngelt war, hielt er es an das Stroh und warf das brennende Büschel aufs Scheunendach. Das Dach stand in einem Nu in Flammen! »Ich werd' es euch heimzahlen! ich werd' es euch heimzahlen!« flüsterte er wild und war so erfüllt von seinem Hass, hatte seine Seele dermassen an der Freude, sich rächen zu können, berauscht, sein Herz in diesem einen einzigen Gefühl so zu Stein verhärtet, dass er langsam und gleichgültig an den Wirtschaftsgebäuden der Gehöfte vorbeischritt, um im nächsten Roggenfeld zu verschwinden, in dem schon die Ähren an den Halmen standen. Hier angelangt, strebte er, am Boden kriechend, dem Walde zu. Die Verfolgung war ins Stocken geraten. Nach einigen Minuten wandte er sich um und blickte auf das Dorf zurück. Die schon in Flammen stehende Scheune brannte lichterloh wie ein einziges Strohbündel und auch die benachbarten Wirtschaftsgebäude und Häuser hatten bereits Feuer gefangen. »Sie werden an mich denken, diese Äser! Das sollen sie!« frohlockte er in seinem Hassgefühl, und da er nicht mehr auf allen Vieren weiter konnte, fing er an, geduckt zu rennen, immer noch mehr seine Schritte beschleunigend ... Ein lautes Hilferufen erhob sich über dem Dorf und folgte ihm nach, über die Felder hinter ihm dreinjagend. »Feuer! Feuer! Feuer!« Der Wald war schon in nächster Nähe, darum reckte er sich jetzt ganz gerade und rannte, ohne sich weiter den Blicken zu verbergen. Er sah schon die roten Stämme der Kiefern und das Grün des Blätterwerks dicht vor sich, die Kühle des Waldes, wie geschwängert mit der Feierlichkeit einer Kirche und vom tiefen Rauschen widerhallend, begann ihn schon zu umfangen. Noch einen Augenblick, und er wird ganz frei sein, frei – und sein Rachedurst ist gesättigt ... Plötzlich ging ein Beben durch seinen Körper; er blieb stehen. Die Glocken hatten dumpf und düster Sturm zu läuten begonnen ... Er wandte, sich um und stiess ganz unwillkürlich einen Schrei aus. Das halbe Dorf stand in Flammen. »Ihr sollt an mich denken! Ihr sollt ...« die Worte blieben ihm in der Kehle stecken, ein furchtbares Grauen durchzuckte sein Herz, aus den weit aufgerissenen Augen starrte die Angst, das Entsetzen ... und ein furchtbares Erstaunen. »Das Dorf brennt! Das ganze Dorf brennt!« winselte er auf, seine Lippen, die diese Worte herausgestossen hatten, waren blau. »Jesus, Maria! Jesus!« Er fing wieder an zu rennen, doch plötzlich wandte er sich abermals um, das Gesicht dem Brand zugekehrt. Die Glocken läuteten immerzu und zusammen mit ihren mächtigen, erzenen Stimmen der Verzweiflung trug ihm der Wind ein furchtbares Geschrei und zerrissenes Wehklagen nach, es ergoss sich über die grünen, rauschenden Getreidefelder und stieg in den Raum bis hoch zur hellen Sonne empor ... Jaschek kehrte auf demselben Weg, auf dem er geflohen war, ins Dorf zurück, er war sich nicht mehr bewusst, was mit ihm geschehen war; in den rasenden Wall aus Flammen und Rauch starrend, der sich über dem Dorf aufgerichtet hatte, ging er starr vor Grauen und Entsetzen immer näher heran ... Die ganze Mitte des Dorfes beiderseits der Dorfstrasse war schon ein Raub der Flammen geworden. Und die Flammenmähnen schossen immer höher empor, fegten über das Gemäuer, überschlugen sich, schäumten auf, zu dichtem, schwarzem Rauch geballt, und spien ihre furchtbare rote Flammenflut von Gebäude zu Gebäude, von Hof zu Hof, über die Dorfstrasse, über die Obstgärten hinweg, die ebenfalls schon zu brennen begonnen hatten. Wieder ertönte das Sturmgeläut der Glocken; Verzweiflungsgeschrei, Wehklagen und Jammern ergossen sich über das ganze Dorf. Die Leute rannen wie besessen hin und her, keiner versuchte dem Feuer Einhalt zu gebieten, und der Brand breitete sich siegreich aus, umfasste immer weitere Strecken, frass immer wütender, drang vorwärts wie ein böser Geist in einer Wolke von Rauch, wälzte sich über die Behausungen fort und wo er hingelangte, wo sein Feuerschein niederfiel, ergossen sich neue Flammenfluten, entstand neues Unheil und stiegen neue Schreie menschlicher Verzweiflung empor. Niemand rettete, es gab nichts, womit man es hätte tun sollen, weder Geräte zum Löschen, noch Wasser, niemand hatte auch die Geistesgegenwart dazu, und obendrein war die Hälfte der männlichen Bevölkerung ausserhalb des Dorfes, auf der Hetzjagd hinter Jaschek und die Frauen in der Kirche zur Vesperandacht. Als die Menschen endlich zusammengelaufen kamen, konnte von einer Rettung nicht mehr die Rede sein. Das halbe Dorf war schon die sichere Beute der Flammen. Die Glocken dröhnten immer klagender, der Pfarrer trat in einer Prozession mit dem Allerheiligsten in den Händen unter einem Traghimmel und von flackernden Kerzen, wimmernden Handschellen und verzweifeltem Volk umgeben aus der Kirche heraus, mitten durch die Dorfstrasse dem Brand entgegenschreitend. »Heiliger Herr im Himmel ...« entlud sich das Lied der Not, wie ein Vulkan aus der Brust der vom Unglück Geschlagenen. »Heiliger, Unsterblicher! Erbarme dich unser! ...« flehten ihre Seelen. Sie gingen in einem eng zusammengedrängten Haufen durch die Feuergasse, unter dem Krachen der zusammenstürzenden Wände, im Regen der Feuerbrände und Funken, im Chaos elementaren Sausens, Pfeifens und Gezisches, das sich über das Dorf daherwälzte, seine zahllosen, zerzausten Flammenköpfe zum Himmel erhob, ins Innere der Dorfhäuser einbrach und mit unersättlicher, wilder Gier alles verschlang und zu Boden riss ... »Von Pest, Hunger, Feuer und Kriegsgetümmel Erlös' uns, allmächtiger Herr im Himmel!« stimmte, der Pfarrer mit feierlicher Stimme den Gesang an und die Tränen rannen ihm dabei über die bleichen Wangen. Die Glocken dröhnten ohne Ende dumpf und mächtig. Das ganze Dorfvolk sang in wilder Angst aufheulend aus hundert Kehlen den Kehrreim jenes Liedes der Not mit. »Erlös' uns, allmachtiger Herr im Himmel!« Die Prozession bog jetzt vom engeren Umkreis der Dorfhäuser ab, sie bewegte sich durch die Dorfgärten. Der Schulze und der Gemeindeschreiber hatten inzwischen begonnen, ein Rettungswerk zuwege zu bringen. »Wer hat den Brand angelegt?« »Der Winciorek hat es getan! Der Winciorek doch! ...« »Hat man es vielleicht nicht gesehen, wie zuerst die Scheune Feuer fing, hinter der er sich versteckt hielt?« »Winciorek! Der Winciorek – Brandstifter! Heran mit ihm!« erscholl ein Schreien, das für einige Augenblicke selbst den Gesang der Betenden übertönte. Ein furchtbarer Rachedurst liess ihre Seelen aufbegehren. »Sucht ihn, fangt ihn! Schlagt ihn tot, den Räuber!« erklangen die Rufe. Aber niemand wusste, wo er war. Im dichten Haufen stürzten sich die wutentbrannten, rasenden Menschen auf das ehemalige Haus der Winciorek jenseits des Baches, dem noch keine Feuersgefahr drohte. Vor der Haustür sass Tekla; sie erhob sich wie ein Gespenst beim Anblick der herankeuchenden Menschenschar, ergriff eine Latte und begann mit der Stimme einer Wahnsinnigen zu schreien: »Ich geb' ihn euch nicht heraus! ... nicht heraus! ... nicht heraus! ...« Hinter ihr aus dem Inneren des Hausflurs tauchte alsbald die hohe Gestalt von Jaschek selber auf. »Er ist da! Er ist da! Fasst ihn!« brüllte die Menge. Sie stürzten auf das Haus zu, in einem Augenblick hatten sie die Tekla, die ihnen wie eine tollgewordene Hündin den Eintritt wehrte, überrannt, indessen war Jaschek wie unter einer plötzlichen Eingebung auf den Heuboden gesprungen und hatte die Bodenleiter eingezogen. »Verbrennen! Verbrennen!« heulten sie auf. Man verriegelte die Türen, stemmte die Fenster mit Brettern zu, versperrte alle Zugänge mit Zäunen und womit sonst ein jeder konnte, worauf man das Haus an allen vier Ecken anzündete. Sie umzingelten es und warteten ... Das Strohdach fing rasch Feuer und in ein paar Augenblicken stand schon das ganze Haus in Rauch und Flammen. Jaschek war erst aus seiner Betäubung erwacht, als die Flammen durch das Dach zu dringen begannen und ganze Feuerströme sich über seinen Kopf ergossen, er sprang nach dem Dachfirst, schlug ein Brett der Giebelverschalung ein und stürzte sich hinunter, fast in die Arme der lauernden Bauern. Er erhob sich nicht mehr, denn etwa fünfzig Fäuste, Füsse, Stöcke schlugen, stiessen auf ihn ein. »Ins Feuer mit ihm! Für unseren Schaden! Ins Feuer!« schrien wütende Stimmen. Eine Anzahl Hände griff nach seinem Kopf und nach seinen Füssen zugleich, sie hoben ihn, schwenkten ihn und schleuderten den willenlosen Körper wie einen Sack aufs Dach. Das Dach stürzte ein und spie eine Wolke von Feuerfunken zum Himmel empor. Ein einziger unmenschlicher Aufschrei aus dem Innern des Hauses durchschnitt die Luft. Ein zweiter antwortete ihm von der Dorfstrasse her ... Die Mutter hatte ihn ausgestossen, die gerade in dem Augenblick in das brennende Dorf zurückgekehrt war, als man ihren Sohn ins Feuer warf. Sie starrte mit toten Blicken auf das flammenumlohte Haus und stand unbeweglich mit ausgestreckten Händen und vorgebeugtem Körper da, als wollte sie dem Tod entgegenrennen. »Gerecht! Gerecht! Das ist gerecht! ...« wiederholte sie langsam und mit immer leiser werdender Stimme. Sie breitete die Arme aus, wurde plötzlich blau im Gesicht und sank vom Schlag getroffen tot zu Boden. –