Julius Wolff Der Sülfmeister I. Band Erstes Kapitel Als man zählte und schrieb nach Gottes Geburt vierzehnhundert und danach im vierundfünfzigsten Jahr am Mittwochen nach Quasimodogeniti, da wanderten zwei junge Handwerksburschen munter fürbaß durch die Lüneburger Heide. Der eine war von gedrungener Gestalt mit dunklem Krauskopf und braunen Augen, die einen scharfen, fast stechenden Blick hatten. Der andere war hochaufgewachsen mit kräftigem Gliederbau, hatte blondes Haar und unter einer freien Stirn helle, freundliche Augen. Jeder trug seine fahrende Habe mit sich; der größere ein schwerbepacktes Felleisen auf dem Rücken und darunter an der Hüfte noch einen prallgefüllten Beutel aus bräunlichem Ziegenfell, der kleinere nur einen Ranzen über der Schulter, der ihn nicht sonderlich zu drücken schien. Jedem stak ein langes Dolchmesser im Gürtel, aber dem Blonden hing auch ein Schwert an der Seite, fast zu kostbar für einen Handwerksburschen, und seinen niedrigen Filz zierte ein grüner Wacholderzweig, den er sich gestern schon, da sie auf dem Wege von Celle nach Uelzen die große Heide betraten, als ersten Gruß der Heimat gepflückt hatte. Sein Gesell hatte, auf den Wanderstab gestützt, ihm dabei lächelnd zugeschaut und dann gesagt: »Jeder nach seiner Gunst und Gaben! Schusterpech ist schwarz, für mich hat ein Rabe hier einen Kopfputz hingelegt.« Damit hatte er sich die Feder an den Hut gesteckt und weitergesprochen: »Hoffentlich hat es nichts Übles zu bedeuten, Bruder Böttcher, wenn ich mit diesem Zeichen aus der Schwinge des Galgenvogels in deine Vaterstadt einziehe.« »Gott verhüt' es!« hatte der Böttcher geantwortet, und dann waren sie weitergewandert. Sie hatten sich frühmorgens in Celle getroffen, als sie beide zu gleicher Zeit aus demselben Tore hinausschritten, und sich gegenseitig nach ihrem Wohin und Woher gefragt. Der Schuster wollte nach dem hochberühmten mächtigen Lübeck, den Böttcher aber zog es nach vierjähriger Wanderschaft in die Heimat zurück nach Lüneburg. Sie hatten also den gleichen Weg, kamen beide aus dem Rheinland und waren froh, sich einander anschließen und Freuden und Fährnisse der Wanderung teilen zu können. In Uelzen waren sie nach starkem Marsche gestern spät abends angelangt, jeder hatte für sich allein in der Herberge seines Handwerks übernachtet und heute morgen pünktlich mit dem verabredeten Glockenschlage sich am Tore wieder eingefunden, um die große Fahrstraße nach Norden selbander weiterzuziehen. Unterwegs hatte der Blonde viel Gutes und Schönes von Lüneburg erzählt und seinem Begleiter wacker zugeredet, vorerst einmal hier sein Glück zu versuchen; er könnte ja nach vierzehn Tagen wieder weitergehen, wenn es ihm nicht gefiele, aber es würde ihm schon gefallen, denn in Lüneburg gingen die Leute auch nicht barfuß; es käme durch die gesegnete Sülznahrung und den großen Frachtverkehr viel Geld in die Stadt, da wären dreißig Bürgerfamilien, die Grafengut besäßen, und es ließe sich da so gut und lustig leben wie in jeder anderen reichen Hansestadt, selbst Lübeck nicht ausgenommen. Der Schusterknecht hatte den Ruhmredigen groß angesehen und bloß gefragt: »Aber so lustig wie am Rheine doch wohl nicht, Bruder Lüneburger?« Darauf ließ sich wenig entgegnen; aber der Schuster war schon entschlossen und sagte: »Will's versuchen, Gilbrecht Henneberg! Will das Handwerk grüßen und sehen, ob ein wohlgewanderter Korduaner in Lüneburg ehrliche Arbeit und gutes Auskommen findet.« »Warum solltest du denn unter ehrlichen Leuten nicht ehrliche Arbeit finden, Timotheus Schneck?« fragte der Böttcher. »Nenne mich Timmo«, sagte der Schuster, »das hör' ich lieber.« »Ist mir auch recht«, sagte Gilbrecht, und sie nahmen den Weg zwischen die Füße. Es war ein lauer Apriltag. Zerrissene Wolken jagten, vom Südwind getrieben, am Himmel dahin, sandten bald hier auf die beiden Gesellen, bald fern am Horizont in breitem Streifen einen Regenschauer hernieder und gönnten zuweilen auch der Sonne wieder einen flüchtigen Blick auf das feuchte Land. Meist aber blieb das Wetter trübe, und so weit die Augen der Wanderer reichten, dehnte sich endlos die rotbraune Heide. Erst hatte der Weg durch Waldungen von Kiefern, Birken und Eichen geführt, an deren Stelle bald offene Heidestrecken in freundlichem Wechsel mit Wiesengründen und bewaldeten Hügeln getreten waren; dann hatten sich in der leicht und lang gewellten Ebene zerstreut wie Inseln im Meere nur kleine Trupps noch laubloser, von bläulichem Duft umschleierter Wipfel gezeigt; nun aber lag die Heide weithin baumlos vor den Schreitenden da, ernst, schwermütig, farbensatt in einem tiefen Violett und Braunrot, das zu dem dunklen Grau des Himmels so großartig ruhevoll stimmte. Das dürre Heidekraut, von Moos und Flechten durchwachsen, bedeckte alles umher, und dazwischen nestelten sich niedrige Wacholdersträucher mit ihren stachligen Nadeln, das einzige Grün jetzt in der einförmigen Landschaft. Der junge Wandergesell, der die Heide seine Heimat nannte, schaute mit Entzücken um sich, und das Herz schlug ihm in Freuden. Denn was er hier sah, war ihm von Kindesbeinen an vertraut und lieb. Er kannte die Heide, wenn sie über und über in roter Blüte stand, von Bienen durchsummt, von Lerchen durchschmettert, er kannte sie in nebelgrauen Novembertagen, wenn sie wie ein großes Brachfeld düster und dunstig in trauriger Öde lag, oder wenn der Regen sie peitschte, der Sturm sie durchbrauste, und kannte sie auch in ihrem blendend weißen Schneegewande, wenn durch die klare Winterluft meilenweit der letzte Baum am Rande sich scharf und deutlich zeichnete. Dieses Flachland, in dem nichts zu sehen war als Himmel und Heide, in silbergrauer, unermeßlicher Ferne eins in das andere verschwimmend, und von dessen eigentümlichen Reizen und stillem Zauber der kaltblütige Genosse neben ihm nichts zu empfinden schien, hatte sich dem hier Geborenen mit der stillen Größe des Bildes tief in die Seele geprägt, so daß er es nie und nirgends vergessen konnte. Selbst als er in der breiten Flut des Rheinstromes den Widerschein der herrlichen Ufer erblickte, mußte er an die kleinen Wassertümpel in dem schwarzen Moorboden der Lüneburger Heide denken, kaum groß genug, daß sich ein Stückchen Wolke oder ein paar goldene Sterne darin spiegeln konnten. Und nun sah er sie wieder, die braune Heide, und sein Fuß schritt über den holprigen Grund, über die zahllosen kleinen Hügelchen mit den struppigen Krautbüscheln zu den lieben Seinen zurück, die ihn nicht erwarteten, und die endlich wieder in die Arme zu schließen jetzt sein sehnlichster Wunsch war. Kein Wunder, daß er tüchtig ausgriff und mit Wonne den würzigen Erdgeruch einsog, der nach den Frühlingsregenschauern von seiner Heimat Boden aufstieg. Tausend Erinnerungen wurzelten ihm hier zwischen dem Heidekraut, dicht gesät von seiner Kindheit frohen Tagen, wie er mit seinesgleichen die Gegend durchschweift, die Fuhrleute geleitet, die Imker besucht hatte, die mit ihren Bienenkörben die Heide durchzogen und ihre fleißigen Schwärme bald hier, bald dort auf der Blütenfülle weiden ließen. Und dann, wie ein Traumbild in der Luft, baute sich die alte, vieltürmige Stadt vor seinen Sinnen auf und in ihr das hochgiebelige Vaterhaus mit jedem Raum von unten bis oben, in dem er sich selber als Kind mit Kindern gehen und stehen und springen sah oder zusammengehockt unter der Treppe im dämmerigen Winkel, Heimlichkeiten brütend, flüsternd und kichernd – ein goldschimmernd Märchengespinst. Und da – weit vor ihm, da regte sich etwas Lebendiges; schnell war es heran, nun sah er es deutlich; geliebte Gestalten kamen ihm entgegengeschritten. Er kannte sie wohl, den hohen, ernsten Vater und die Mutter, die liebe Mutter, die Brüder und das blonde Schwesterlein – oh, er hätte mit offenen Armen auf sie losstürzen, hätte aufjauchzen mögen, wenn er allein gewesen wäre, allein auf der endlosen Heide. Es waren die Geister der Heimat, die den Wanderer umfingen, die Wunderkraft der Heimkehr aus der Fremde, die ihn so mächtig ergriff, daß ihm das Herz davon voll war hier auf der Heide. – Nach einer kurzen Mittagsrast unter freiem Himmel, bei der sie sich mit einem einfachen Imbiß aus der Tasche und einem mäßigen Trunk gestärkt hatten, begegnete den Fußgängern ein Zug von vier Frachtwagen, jeder mit vier starkknochigen Gäulen bespannt, denen an Kumt und Geschirr allerlei bunter und blanker Flitter hing. Neben jedem Gespann schritten zwei bewaffnete Knechte, und vier Männer, augenscheinlich die Fuhrherren, ritten im Harnisch, je ein Paar vor und eins hinter dem Wagen zu besserer Umsicht und zum Schutz gegen Straßenräuber. Gilbrecht kannte einen der vordersten, redete ihn an und fragte, was sie geladen hätten und wohin sie reisten. »Viskulen-Gut nach Pest«, war die Antwort. »Lebt der alte Herr noch?« »Ei wohl! Gesund wie ein Fisch, und der Junker ist auch wieder da.« »Junker Balduin?« Der Fuhrmann nickte. »Und –« Gilbrecht hatte noch eine Frage, aber der Fuhrmann ritt schon weiter. Auch Timmo wechselte mit den Knechten Gruß und Scherzwort; dann klingelte und klapperte der Frachtzug an den zur Seite Stehenden langsam vorüber. »Mein Spielgesell Balduin ist auch wieder da«, sagte Gilbrecht, »wie er wohl aussehen mag?« »Nun, in vier Jahren wird aus einem Stadtjunker noch kein Bischof«, sprach Timmo. »Wenn man so ein paar Jahr in der Fremde gewesen ist und dort viel Neues gesehen hat und kommt dann wieder heim, so meint man, es müsse auch zu Hause alles neu und verändert sein. Und wenn man's bei Lichte besieht, ist alles beim alten geblieben, dieselben Häuser, die gleichen Gesichter, derselbe Tritt und Trott, und nicht lange dauert's, so ist man auch wieder derselbe, als wäre man gar nicht fortgewesen. Wenn das Herumlaufen in der Welt nicht so lustig wäre, hätt ich's schon lange satt, aber ich muß Abwechslung haben, und dann die Mädchen, die sind auch in jeder Stadt anders, das kannst du glauben, ich weiß Bescheid.« »Was du sagst!« lächelte Gilbrecht. »Wo hast du denn deine Allerschönste sitzen? Natürlich am Rheine. Oder hast du schon vor vier Jahren mit einer kleinen Lüneburgerin Handtreu getauscht? Das wäre dumm genug gewesen.« »Vor vier Jahren war ich achtzehn.« »Und sie?« »Ach was! Ich weiß von keiner ›sie‹«, sagte Gilbrecht und schwieg still und besann sich, ob er denn wirklich keine wüßte, und dann mußte er sich unwillkürlich nach den Frachtwagen umsehen. Nun schritten sie wieder eine lange Strecke schweigsam nebeneinanderher, als Timmo plötzlich stehenblieb und, sich verpustend, sprach: »Höre, Bruder Böttcher, wenn ich's nicht deinen Worten schon glaubte, so müßt' ich's an deinen Siebenmeilenschritten merken, daß du in Lüneburg zu Hause bist. Hast du es denn gar so eilig, in Mütterleins warmes Nest zu kommen?« »Es geht dir zu rasch?« lachte Gilbrecht. »Ja, Bruder Korduaner, sieh mal den Kirchturm da hinten, den kenn' ich, der winkt und winkt in einem fort, ich soll mich sputen und kommen. Das ist Sankt Johannes in Modestorp.« »In Modestorp?« »Es ist Lüneburg, mein liebes Lüneburg!« rief Gilbrecht und schwenkte den Hut. »Wir nennen die Kirche nach einem alten Dorfe, das längst in der Stadt aufgegangen ist, und an dessen Stelle sie steht. Es ist der höchste von den beinah hundert Türmen der Stadt und geradesoviel Fuß hoch wie Tage im Jahre sind.« »Hundert Türme!« staunte der Schuster. »Du möchtest dein Lüneburg wohl zu einem neuen Wunder der Welt herausstreichen?« »Wirst es ja sehen!« erwiderte kurz der Böttcher. »O nun, nichts für ungut! Ich verdenke dir's nicht, daß dich die Heimkehr freut, seit dir der Lüneburger Ratsherr in Celle gute Mär von Eltern und Geschwistern gesagt hat.« »Als ich Herrn Albrecht von der Mölen vorgestern zufällig auf der Gasse traf, kannte er mich natürlich nicht, aber ich kannte ihn gleich und mußte doch fragen.« »Versteht sich! Landsleute sind sich immer die Nächsten in der Fremde.« »Der Ratsherr war freilich schon über zwei Monate weg von Lüneburg«, sprach Gilbrecht nachdenklich, »war in Wien gewesen beim Kaiser, und jetzt hielten ihn in Celle noch Geschäfte beim Herzog Friedrich, den sie den Frommen nennen.« »Beim Kaiser? Seid ihr denn Freie Reichsstadt?« »Nein, Herzog Friedrich ist unser Landesherr, und der Streit um die Erbfolge hat Gut und Blut genug gekostet«, sagte Gilbrecht. »Aber«, fuhr er fort, »der Ratsherr schien seiner Geschäfte wenig froh zu sein. Er bestellte mich in seine Herberge und gab mir dort einen Brief, den er mittlerweile geschrieben hatte, an den Herrn Bürgermeister in Lüneburg. Hüte ihn wohl! sagte er mir dabei, er ist wichtig.« »Einem Ratsherrn dünkt manches wichtig, wofür ein Schuster keinen Pfifferling gibt«, sagte Timmo. Gilbrecht krauste die Stirn und schwieg. Als sie spät nachmittags die Landwehr überstiegen, die sich mit ihrem Damm in drei Viertelstunden Entfernung um Lüneburg zog, wies Timmo nach der Stadt hin und sagte: »Du, ich glaube, in Lüneburg brennt es; sieh nur den dicken Qualm da links.« »Das ist ja die Sülze«, beruhigte Gilbrecht, »wo die große Salzquelle ununterbrochen aus der Erde zutage kommt und aus einem trichterförmigen Schachte, dem Sode, geschöpft wird. Da stehen vierundfünfzig Siedehütten, in denen die flüssige Sole Tag und Nacht zu Salz eingedampft wird.« »Und die Solquelle ist Eigentum eurer Stadt?« fragte Timmo. »In alten Zeiten gehörte sie den Landesherren, aber die brauchten Geld, viel Geld und immer wieder Geld; da verkauften sie nach und nach die Solquelle an Klöster und Stifte und reiche Prälaten diesseits und jenseits der Elbe bis nach Walkenried hin. Den geistlichen Herren wurde aber der Betrieb des Salzwerkes zu unbequem, darum verpachteten sie die Einkünfte daraus in ganzen Pfannen oder in Pfannenteilen an Bürger unserer Stadt auf lange Jahre, zumeist in Erbpacht. Die Pächter heißen Sülfmeister und bilden eine eigene, hochangesehene Gilde. Im Reiche nennt man sie spottweise auch Salzjunker.« »Salz ist ein gemein und billig Gewürz«, sagte Timmo, »ist denn der Ertrag so groß?« »Als ich auf Wanderschaft ging«, sprach Gilbrecht, »gab es jährlich über fünfundzwanzigtausend Wispel Salz, und zum Eindampfen brauchten sie nahe an dreißigtausend Klafter Holz. Solche Zahlen vergißt kein Lüneburger.« »Dreißigtausend Klafter Holz! Da ließe sich mancher Braten dran braun machen.« »Die Heide weiß auch davon zu erzählen«, sagte Gilbrecht, »sie hat ihre Wälder dazu hergeben müssen, und jetzt lassen sie das Holz aus Mecklenburg kommen und haben einen eigenen Kanal, die Schalfahrt, dazu angelegt, auf der sie einen Zoll erheben.« »Du machst mich neugierig auf dein Lüneburg«, sagte Timmo, »und ich fange an, dir zu glauben, denn mit den hundert Türmen scheint es seine Richtigkeit zu haben; ich kann sie nicht zählen, die alle so stolz über die Giebel hinausragen, und die Giebel sehen selber wie lauter Türme aus; es macht sich gar herrlich und hochgewaltig.« »Nicht wahr? Siehst du die sechs da dicht nebeneinander? Das ist das Rathaus; ein schöneres und besonders ein größeres findest du in der ganzen Welt nicht.« »Oho!« »Nichts oho! Ich sage dir, du hast noch nirgend anderswo ein solches Rathaus gesehen. In seinem höchsten Turm ist ein schönes Glockenspiel, das alle Stunden eine feierliche Weise klingen läßt, den alten Wahlspruch der Stadt Lüneburg.« »So? Wie heißt denn der?« »Er ist lateinisch und lautet: Da pacem Domine in diebus nostris! das heißt auf deutsch: Gib Frieden, Herr, in unsern Tagen.« »Ein guter Spruch!« sagte Timmo. »Mag er euch frommen!« »Der Berg da hinten unmittelbar an der Stadt, mit dem Turme drauf, ist der Kalkberg. Da oben stand früher eine herzogliche Burg; aber die haben die Lüneburger dreizehnhundertzweiundsiebzig in einer Fehde mit Herzog Magnus erstürmt und gebrochen und nur den Turm stehen lassen.« »Der Berg mit dem Turme nimmt sich gut aus als Hintergrund für die unter ihm liegende Stadt«, sprach Timmo; »und Lüneburg vom Berge aus gesehen muß ein krausbuntes, stattliches Bild geben.« »Oh, prächtig!« rief Gilbrecht. »Von dort oben kannst du weit, weit in die Heide sehen. Ach, und wenn sie blüht, der Anblick! Ja, Lüneburg! Mein liebes Lüneburg!« Es fing an zu dämmern, und die Wanderer eilten, um die Stadt noch vor Toresschluß zu erreichen; aber die Dämmerung war schneller als sie. Gilbrecht wußte den Weg zum Sülztore; dort kannte er den Torwart Kaspar Rulle, der würde, wenn der Meisterssohn seinen Namen nannte, nicht viel Umstände machen und die beiden Ankömmlinge mit ihren Bündeln willig einlassen, ohne daß sie erst das Handwerkszeichen aus einer Werkstatt zu holen brauchten. Ungefähr hundert Schritte vor dem Tore machten sie halt, um sich gehörig instand zu setzen, daß jeder nach seines Handwerks Gebrauch und Gewohnheit in die Stadt einzöge. Sie reinigten ihre Kleider von den Spuren des Weges, dann nahm Gilbrecht das Felleisen vom Rücken, schnürte es auf, langte sein Schurzfell heraus und schnallte es so über das Felleisen, daß der Kreuzriemen nachher gerade über seinem Kopf zu sehen war. Timmo schlang den Tragriemen über die linke Schulter, so daß ihm sein Ranzen am linken Ellbogen hing. Den Stock führte jeder in der Rechten. So und nicht anders mußten sie in jede Stadt einziehen; das war ihnen eingeprägt worden, als sie vom Stande eines Jungen feierlich losgesprochen und zum Knecht und Gesellen gemacht waren, und kein ehrbarer Handwerksknecht im ganzen Reich wich jemals von diesen peinlich genauen Vorschriften im geringsten ab. Als sie nun an den mächtigen Turm herankamen, hörten sie, wie die beiden großen Torflügel eben knarrend zugeschoben wurden und Riegel und Ketten dahinter rasselten und klirrten. Aber in dem einen Torflügel war noch ein besonderes kleines Pförtchen für Fußgänger; das erreichten sie gerade noch im letzten Augenblick vor seinem Schluß, und wie Gilbrecht als der erste hineinsprang und jubelnd rief: »Hurra! Ich bin drin in Lüneburg!« stand er dicht vor dem graubärtigen Torwart, der fast erschrocken zurückprallte wie vor einem räuberischen Überfall und zornig ausrief: »Holla! Sachte, Gesindel! Was soll das bedeuten? Was wollt Ihr? Wer seid Ihr?« Schnell griff er mit der einen Hand nach seiner Hornlaterne, die am Boden stand, und mit der anderen nach seinem kurzen Spieß, der daneben griffbereit an der Wand lehnte. Gilbrecht lachte vergnügt, Timmo aber machte dem Alten seine Reverenz und sprach laut und lustig: »Timotheus Schneck, Schusterknecht aus Darmstadt, bringt Gruß und Glück der guten Stadt Lüneburg aus allen vier Winden!« »Und ich«, sprach Gilbrecht, »bin Böttcherknecht und ein Lüneburger Kind.« »Daß du ein Böttcher bist, seh' ich«, sagte der Torwart, ihm ins Gesicht leuchtend, »aber ein Lüneburger Kind? – Das kann jeder sagen.« »Aber nicht beweisen, Kaspar Rulle! Ich bin Gilbrecht, der zweite Sohn des ehrsamen Böttchermeisters Gotthard Henneberg in der Roten-Hahn-Straße.« »Was? Dem Sülfmeister sein Junge, der Gilbrecht bist du? Zeig mal her! – Ja, die Nasen ist's, und weil du mich kennst, will ich's glauben.« »Ihr laßt uns doch ohne Handwerkszeichen ein, nicht wahr? Für den da sag' ich gut«, bat Gilbrecht. »Gutsagen!« brummte der Alte. »Ich sage für keinen Menschen gut, geschweige denn für einen Schusterknecht.« »Na, na«, machte Timmo. »Schusterknechte –« »Haben das Maul zu halten! Sonst heißt es: Marsch, wieder 'raus!« schnauzte der Bärbeißige. Dann beleuchtete er auch Timmo mit der Laterne und musterte ihn mit strenger Amtsmiene, während er überlegte, ob er es wohl auf sich nehmen könne, einen fremden Wanderburschen ohne Handwerkszeichen in die Stadt einzulassen, denn er fühlte als Torwächter eine schwere Verantwortlichkeit, der er auch äußerlich eine möglichst achtunggebietende Würde schuldig zu sein glaubte. »Aus Darmstadt?« fragte er noch einmal und pflanzte sich breitbeinig vor Timmo hin, den Spieß mit der ausgestreckten Rechten fest auf den Boden stoßend. »Immer noch aus Darmstadt«, sagte Timmo. »Und du willst hier in Lüneburg Arbeit nehmen?« »Wenn Ihr nichts dagegen habt und ich erst einmal darin bin«, antwortete Timmo. »Geduld, Schusterknecht aus Darmstadt! Wenn ich nicht will, kommst du nicht 'rein«, fuhr der Alte wieder auf ihn los und wandte sich dann zu Gilbrecht: »Ich will mal ein Auge zudrücken wegen des Handwerkszeichens, weil du ein Henneberg bist; ich wollte nur, du brächtest uns den Frieden binnen. Geht in Gottes Namen hinein mit Eurem Sack und Pack und tut Eure Pflicht und Schuldigkeit, sonst soll's Euch nicht gut gehen. – Vorwärts!« Nun leuchtete er den beiden durch das dicke Torgewölbe bis zur Wachtstube an der Stadtseite, wünschte ihnen gute Herberge und ging hinein. »Das fängt gut an«, sagte Timmo, »sind sie hier alle so höflich?« »Kaspar Rulle ist der gutmütigste Mensch in ganz Lüneburg«, entgegnete Gilbrecht. »Na, dann freu' ich mich auf die anderen«, lachte Timmo. Im letzten Dämmerschein des Tages schritten die beiden Gesellen durch die nächste Gasse, und Timmo fragte: »Sage mal, ist denn dein Vater auch ein Sülfmeister?« »Bewahre!« sagte Gilbrecht. »Der Alte hat sich versprochen, er wollte sagen Böttchermeister.« »Er sagte aber Sülfmeister«, wiederholte Timmo. »Dummes Zeug! Ich möchte nur wissen, was er mit dem Frieden meinte, den ich binnen bringen sollte.« »Vielleicht in dem Briefe von dem Ratsherrn in Celle.« »Meiner Treu! Daran hatt' ich nicht gedacht; aber wie Ruh und Frieden sah Herrn Albrechts von der Mölen Gesicht nicht aus, als er mir das Schreiben übergab.« Sie gingen weiter durch die Schlägertwiete, aber an der nächsten Ecke sprach Gilbrecht: »So, dies ist die Grapengießerstraße, und die nächste ist die Altstadt, die gehst du hinab an zwei, drei Querstraßen vorbei, dann kommst du zur Herberge der Schusterknechte; das Herbergsschild hängt groß genug in die Straße hinein, kannst gar nicht fehlen, wenn du die Augen aufsperrst.« »Ein Hesse bin ich zwar, aber kein blinder«, sagte Timmo, »will's also schon finden.« »Nun denn viel Glück ins Feld!« sprach Gilbrecht, »und wenn du Arbeit gefunden hast und eingeehrt wirst, so komm' ich und trinke mit, und zu meiner Einfahrt kommst du auch.« »Soll ein Wort sein!« sagte der Schuster und schritt in die Gasse hinein. Gilbrecht wandte sich rechts und eilte dem Vaterhause zu. – ›Ob der Alte nicht doch am Ende ein Sülfmeister ist, wie der Torwart herausplatzte‹, überlegte Timmo beim Weitergehen, ›der Junge hat auch schon so was Salzjunkermäßiges an sich. Wie er mir hier die Wege wies! Es klang ungefähr so, wie such, Pudel, such! Konnte doch mitgehen und mich hinbringen, aber Meistersöhnchen Muttersöhnchen. – Patsch dich! Hier hat's geregnet; hundert Türme haben sie, aber kein Dreckmeisteramt, das seine Schuldigkeit tut; aber es hat alles sein Gutes, desto mehr Schuhzeug brauchen sie hier. Timmo Schneck, halt die Ohren steif, Lüneburg ist ein sauberes Städtchen, hundert Türme und dreißigtausend Klafter Holz jährlich. Und wie hier die Luft schmeckt! Ich glaube salzig, ja wahrhaftig, ganz salzig, darum auch der Durst. Herbergsschild, wo hängst du?‹ Plötzlich blieb er an einer Straßenecke stehen: ›Da! Nun hab' ich die Querstraßen nicht gezählt und weiß nicht, ob dies die zweite oder die dritte ist; dunkel ist's auch und kein Hund auf der Gasse, den man fragen könnte.‹ Da öffnete sich eine Haustür, und ein heller Lichtschein fiel auf die Straße; in der Tür erschien ein Mann, auf den Timmo nun zuschritt mit der Frage, ob er hier nach der Altstadt käme. »Schon wieder ein Schuster mehr in Lüneburg!« war die Antwort. »Ein Korduaner, mit Verlaub!« »Natürlich, das sagt ihr alle und bleibt das Buntleder so lange schuldig wie das Schwarzleder. Und was so ein Drahtklemmer für eine Nase haben muß, daß er sich immer, wo es nichts kostet, an einen Lohgerber wendet.« »Ach so!« lachte Timmo. »Darum! Nun ein Wunder ist's just nicht, wenn der Schuhmacher den Lohgerber riecht. Aber diesmal war's Zufall oder Himmelsfügung, die ich mir zum guten Zeichen nehmen will.« »Das tu nur, Korduaner! Hast wohl auch schon manchen Meister reich gemacht?« neckte der Lohgerber. »Das will ich meinen!« rief Timmo. »Übrigens, Meister, Ihr wißt ja: Wenn der Schuster stirbt, kriegt der Gerber das Fell.« »Da hat er was rechts!« lachte der Meister. »Aber nun sagt mir doch, wo die Herberge ist«, mahnte Timmo etwas ungeduldig. »Ja so! Richtig! Die Gasse hier ist die Altstadt und rechter Hand die Schusterschenke«, sagte der Gerber, »und wenn du kein Eimbecker bezahlen kannst, so trink Blaffertbier, ist gerade gut jetzt.« »Vielen Dank, Meister! Wo Schuster und Fuhrleut' trinken, ist's Bier am besten.« Damit ging Timmo ab und dachte ›Lustige Leute, diese Lüneburger!‹ Bald klopfte er in der Herberge an die Stubentür, trat ein und sagte: »Schönen guten Abend, Frau Mutter! Ist der Herr Vater nicht da!« Die er so begrüßte, war eine ältere, aber noch rührige Frau mit rundem rotem Kopf und gluhen Augen darin; ihr vorderes Kinn – sie hatte deren nämlich zwei – war etwas stoppelig. Von ihrem Haar war nichts zu sehen, denn sie hatte ein gelbes Tuch um den Kopf geschlungen, daß der Knoten gerade auf dem Scheitel saß und die zwei langen Zipfel wie ein paar Hörner steif zu beiden Seiten standen. »Der Herr Vater ist nicht zu sprechen«, sagte sie, »er hat sich zuschanden gemacht, hat einen Hexenschuß im Kreuz und liegt zu Bette; aber die Herbergsmutter hat auch noch keinem ehrlichen Schusterknecht ein Bein ausgerissen. Kannst fragen wen du willst in der Stadt, ob die alte Hombroksche nicht überall einen Stein im Brette hat.« »So wollt' ich Euch ganz freundlich angesprochen haben, Frau Mutter«, sagte Timmo, indem er sich mit geschlossenen Hacken vor sie hinstellte, den Hut in der Hand und den Ranzen unter dem linken Arm, »von wegen des Handwerks, ob Ihr mich und mein Bündel heute wollet beherbergen, mich auf der Bank und mein Bündel unter der Bank; ich will mich halten nach Handwerks Gebrauch und Gewohnheit, wie es einem ehrlichen Schusterknecht zukommt, mit keuschem Mund und reiner Hand.« »Sei willkommen wegen des Handwerks!« sagte die Alte. »Lege dein Bündel unter die Bank und deinen Filz auf dem Herrn Vater seinen Tisch; ich will den Altschaffer rufen lassen, daß er dich umschaut.« Timmo tat, wie ihm geheißen war, und ruhte sich. Als aber der Altgesell kam, erhob er sich wieder, setzte den Hut auf, ging dem Eintretenden entgegen und legte seine linke Hand auf dessen rechte Schulter. Der Altgesell machte es ebenso und fing an: »Hilf Gott, Fremder! – Schuster?« »Stück davon«, antwortete Timmo. »Wo streichst du her bei dem staubigen Wetter?« »Immer aus dem Land, das nicht mein ist.« »Kommst du geschritten oder geritten?« »Ich komme geritten auf zwei Rappen aus eines guten Meisters Stall. Die Meisterin hat sie mir gesattelt, die Jungfer hat sie mir gezäumt, und beschlagen hab' ich sie mir selber.« »Worauf bist du ausgesandt?« »Auf ehrbare Beförderung, Zucht und Ehrbarkeit.« »Was ist Zucht und Ehrbarkeit?« »Handwerks Gebrauch und Gewohnheit.« »Wann fängt selbige an?« »Sobald ich meine Lehrjahre ehrlich und treu ausgestanden.« »Wann endigt sich selbige?« »Wenn mir der Tod das Herz abbricht.« »Was trägst du unter deinem Hut?« »Eine hochlöbliche Weisheit.« »Was trägst du unter deiner Zunge?« »Eine hochlöbliche Wahrheit.« »Was frommt unserem Handwerk?« »Alles, was Gott weiß und ein Schustergeselle.« Nun nahmen sie beide den Hut ab, der Altschaffer reichte dem Fremden die Hand und sprach: »Sei willkommen wegen des Handwerks! Wie heißt du? Und was ist dein Begehr?« »Ich heiße Timotheus Schneck, bin aus Darmstadt gebürtig und wollte dich gebeten haben, du wolltest mir Handwerksgewohnheit widerfahren lassen und mich umschauen, es steht heute oder morgen wieder zu verschulden, ist es nicht hier, so ist es anderswo.« »Ich hab's mein Tag noch keinem ehrlichen Gesellen abgeschlagen«, sprach der Altschaffer, »will auch an dir nicht anfangen noch aufhören. Wie steht's mit der Kundschaft?« »Geburtsbrief und Dankelbrief, alles in Ordnung.« »Wo hast du deinen Lehrbraten verschenkt?« »In der guten Stadt Darmstadt. Da habe ich gesehen eine Stube mit vier Winkeln, einen Tisch mit vier Ecken und darauf eine offene Lade. Ich habe auch gesehen hochlöblichen Willkomm und Schenkkännel mit Bier, daraus habe ich getrunken einmal oder vier, hätte ich mehr getrunken, so würde es mein Schade nicht gewesen sein.« »Du hast vielleicht mehr vergessen, als ich gelernt habe; aber wir wollen die Meistertafel ansehen, welcher Meister darauf geschrieben steht.« »Von mir wird er nicht viel lernen; das Land auf und nieder laufen, Kleider und Schuhe zerreißen, dem Herrn Vater Bier oder Wein austrinken, einmal viel, ein andermal wenig, je nachdem es der Beutel vermag.« Timmo sprach die althergebrachten bescheidenen Worte durchaus nicht in bescheidenem Ton und mit demütigem Gesicht, sondern sein Auftreten und seine Haltung ließen deutlich genug durchblicken, wie fest er von seiner eigenen Vortrefflichkeit überzeugt war. Der Altgeselle beachtete das aber nicht; er schloß einen Schrein auf und brachte die Meistertafel. »Es hat sich nur einer darauf einschreiben lassen, daß er einen Knecht braucht«, sagte er, »Daniel Spörken, ein ehrbarer Meister, aber es hält keiner lange bei ihm aus.« »Warum nicht?« fragte Timmo. »Mit der Meisterin ist schwer auszukommen, sie ist manchmal wie vom Satan besessen.« »Wenn's weiter nichts ist«, lachte Timmo, »den treib' ich ihr aus.« »Sieh dich vor, Bruder Darmstädter!« warnte der Altschaffer, »ich habe dir's gesagt; aber wenn du mit wohlbedachtem Mute, freiem Willen und guter Vernunft darauf bestehst, so will ich hingehen und dich bei ihm umschauen. Laß dir unterdes die Zeit nicht lang werden bei einer Kanne Bier, und wenn ich wiederkomme, so sei bedeckt mit dem Hut und nicht mit dem Tischblatt.« »Ich bedanke mich freundlichst«, sagte Timmo. Nun öffnete der Altschaffer die Tür und rief ins Nebengemach: »Frau Mutter, der Fremde hat das Handwerk bewiesen, nun wollen wir ihm auch Handwerksgerechtigkeit erweisen. Gebt ihm die Vorschenke, ich gehe ihn umschauen und komme bald wieder.« Er nahm aus Timmos Hand die Kundschaft, warf einen Blick in die Briefe und sprach dann: »Also mit Verlaub, der Filz ist mein, verzieh einen Streich.« Damit setzte er den Hut auf und ging. Die Herbergsmutter stellte eine Kanne Bier und einen zinnernen Becher auf den Tisch, und Timmo fragte: »Eimbecker oder Blaffertbier?« Die Alte sah ihn verwundert an und sagte: »Blaffertbier.« »Aha!« machte Timmo, schenkte sich ein und trank. »Nicht übel, Mutter Hombroksche!« Die Herbergsmutter sah ihn wieder mit einem Blicke an, der besagen mochte: ich wollte dir's auch nicht geraten haben, es anders zu finden; aber sie sagte bloß: »Wohl bekomm's!« Timmo bedankte sich, und nun begannen sie einen kleinen Schnack, wobei sich Timmo nach allerlei Lüneburger Verhältnissen erkundigte. Er dachte: mußt doch mal auf den Busch klopfen von wegen des Böttchers, und sagte. »Hab' auch einen mitgebracht aus der Fremde, einen Lüneburger.« »Einen Lüneburger? So? Wen denn?« »Einen Böttcherknecht, Gilbrecht Henneberg mit Namen,« »Den Sohn des Sülfmeisters?« fragte schnell die Alte. Hast du nicht gesehen! kicherte Timmo in sich hinein, da ist er schon wieder, der Sülfmeister. »Jawohl, ganz recht!« sagte er laut. »Sind wohl haushäbige Leute?« »Ei ja«, meinte Mutter Hombrok, »es rührt von der Frau her, die hat von ihrem Vater selig eine halbe Pfanne geerbt. Da mußte sich ihr Mann in der Sülfmeistergilde einschreiben lassen, aber sein Böttcherhandwerk treibt er nach wie vor mit redlichem Fleiße, obwohl sie's gar nicht nötig hätten. Weil er aber der einzige ist in der Gilde, der das tut und das in Lüneburg noch niemals vorgekommen ist, so heißt er in der ganzen Stadt kurzweg der Sülfmeister. Amtsmeister bei den Böttchern ist er auch.« »Amtsmeister ist er auch?« »Versteht sich, und was für einer! Der hält Zucht und Ordnung am Hause und im Amte, in der Werkstatt und bei der Morgensprache.« »Hat er noch mehr Kinder?« »Viere, drei Jungen und ein Mädchen, und die Ilsabe, seine Tochter, das ist ein Prachtmädel, mit der wird mal keiner betrogen«, sagte die Alte mit einem Nachdruck, als wäre sie dieses Prachtmädels leibliche Mutter, und schlug dabei mit ihrer Hand auf den Tisch, daß der Zinnbecher wackelte. Timmo faßte rasch nach dem Becher, um den Trunk zu retten, und fragte: »Hat sie denn schon einen?« »Weiß nicht«, sagte die Alte, »aber schön ist sie, und Geld hat sie auch, denn ich glaube, der Sülfmeister hat sein Mehl gemahlen und hat gewiß schon einen hübschen Batzen vergraben. Die Mutter, die Meisterin, ist eine vom Stande, und sie haben sie dem Meister erst nicht geben wollen, aber«, fuhr sie mit blinzelnden Augen fort und fuchtelte dabei mit der gespreizten Hand in der Luft herum, »wenn eine erst einmal so bis über die Ohren rechtschaffen in einen verliebt ist, da hilft dann nichts, das kenn' ich!« »Ja, ja, Mutter Hombroksche!« lächelte pfiffig der Schuster, »traut's Euch zu! Auch mal jung gewesen! He?« Sie lachten beide, und die Alte schmunzelte: »Na ja, freilich, Schusterchen! Warum denn nicht? Die Hombroksche konnte sich sehen lassen, sag' ich dir vor – ja, 's ist schon eine Weile her.« So plauderten sie, bis der Altgeselle wiederkam und sprach: Ich bin gegangen Nach deinem Verlangen, Nach meinem Vermögen, Soweit das Handwerk redlich gewesen. Meister Spörken läßt dir auf vierzehn Tage Arbeit zusagen. Nimm mit einem armen Meister vorlieb, weil ein reicher nicht da ist. Ich wünsche viel Glück in die Werkstatt! Laß dir den Tisch nicht zu schmal, die Stube nicht zu eng und der Fenster nicht zu wenige sein.« »Schönen Dank, Bruder Altschaffer! Was hast du denn dem Meister gesagt?« »Ich habe gesagt: Meister, ich habe einen fremden Gesellen, er schläft gern lange, ißt gern früh Suppe, macht gern klein Tagewerk, nimmt gern groß Wochenlohn; ich wünsche viel Glück zum fleißigen Gesellen.« »Das hast du gut gemacht«, lachte Timmo. »Übrigens ist es hier Handwerksgebrauch«, fuhr der Altgeselle fort, »wenn ein Fremder umschauen läßt und erhält Arbeit, so bezahlt er zwei Kannen Bier; erhält er keine Arbeit, so bekommt er ebensoviel zum Tore hinaus.« »Frau Mutter!« rief Timmo schnell, »zwei Kannen Eimbecker!« Da saßen nun die beiden Schuhmachergesellen und tranken in Frieden das gute Bier. Der Altschaffer nannte nun auch seinen Namen, der Asmus Troffehn lautete, und sagte, daß er aus Hamburg gebürtig sei. ›Also nicht weit her‹, dachte Timmo, sagte es aber nicht. Sie erzählten sich mancherlei und beredeten miteinander, wie sie es mit der Einfahrt halten wollten, und der Altschaffer belehrte den Zugewanderten, wieviel Schilling er als Auflage, wieviel Harnischgeld und wieviel Wachs er zu den Kerzen auf dem Altar der Brüderschaft in der Sankt-Cyriaks-Kirche geben müßte. Auch ihre Erfahrungen von der Wanderschaft tauschten sie aus, und Timotheus Schneck wußte die lustigsten Geschichten und die abenteuerlichsten Dinge zu erzählen, daß der Altschaffer manchmal ungläubig den Kopf schüttelte. Aber Timmo kam nicht in Verlegenheit, sein Mundwerk ging wie ein Mühlrad, und die braunen Augen funkelten vor Vergnügen, wenn er wieder eine neue Schnurre vorbrachte, immer noch toller als die vorige. Denn er hatte schon an vielen Orten und für die vornehmsten Leute Stiefel und Schuhe genagelt und genäht, hatte schon einen Aufstand mitgemacht und mehr als eine Bönhasenjagd, er war sogar schon einmal mit auf grüne Heide gegangen und wußte wohl Bescheid mit solchen widerspenstigen Heimlichkeiten. Und zur Fastnacht war er überall der größte Lustigmacher und der keckste Spaßvogel und vollends bei den Mädchen, ach! Bei den Mädchen, da war er immer und überall Hahn im Korbe gewesen. »Wieviel gute Montage habt ihr denn hier?« fragte er mit einer herausfordernden Gönnermiene. »In jedem Quartal einen«, sagte Asmus Troffehn. »Mehr nicht?« rief Timmo und warf den Kopf hoch, »und das laßt ihr euch gefallen?« »Es ist so von alters her«, erwiderte Asmus; »habt ihr denn mehr gehabt in Darmstadt oder in Frankfurt?« »In Frankfurt machten wir jeden vierten Montag blau und waren damit noch nicht zufrieden, wollten jeden zweiten haben, kamen aber nicht durch damit, das heißt«, fügte er selbstbewußt hinzu, »wir wollten's nicht auf die Spitze treiben, weil wir im übrigen ein gutes Leben hatten, besonders das Getränk, das schmeckte.« »So? Gutes Bier in Frankfurt?« »Wein, Wein!« rief Timmo und schnalzte mit der Zunge, »ich sage dir, Bruder Hamburger, in Frankfurt ist mehr Wein in den Kellern, als in Lüneburg Wasser in den Brunnen. Habt ihr denn auch eine Weinglocke hier?« »Wirst sie gleich hören«, sagte Asmus, »wenn wir sie auch hier nicht Weinglocke nennen. Um neun Uhr müssen die Trinkstuben leer werden, sommers um zehn.« »I, das wäre ja noch schöner! Fällt mir nicht ein!« prahlte Timmo. »Höre, Bruder Hamburger, das muß anders werden, wenn ich in Lüneburg bleiben soll, und wenn ihr mir folgt, so will ich's euch schon zeigen, wie man sich Freiheit schafft.« »Nur fein gemach, Bruder Darmstädter! Meister Spörken ist zwar ein Sanftmütiger, aber Bürgermeister und Rat halten strenges Regiment und fackeln nicht.« »Ich merke schon, ihr scheint hier gut unter der Fuchtel zu stehen«, höhnte Timmo, »da tut es not, daß mal einer kommt, der ein wenig aufmuckt, und sollst mal sehen, Bruder, ich bin der Mann dazu!« »Kannst ja mal mit deiner Frau Meisterin den Anfang machen«, lächelte der Altgesell, »aber nimm dich in acht, daß du nicht den kürzeren ziehst.« »Ich den kürzeren ziehen?« rief Timmo. »Das wäre das erstemal in meinem Leben.« »Weißt du«, sagte Asmus, »wie sie den Meister Daniel spottweis in der Stadt nennen: Daniel in der Löwengrube, und seine Frau ist die Löwin darin, eine rechte wilde Katze.« Timmo lachte laut auf. »Horch!« machte Asmus, »die Bürgerglocke! Nun muß ich fort.« »Das ist doch nicht dein Ernst«, sagte Timmo, »wir trinken noch eine Kanne, ich bezahle sie.« »Nein, nein«, sprach der Altschaffer fest, »du hältst mich nicht. Komm, stoß an mit dem Rest! Hilf Gott von Hamburg! Und noch einmal viel Glück in die Werkstatt!« Sie stießen an, und Timmo bedankte sich. »So!« sprach Asmus und erhob sich, »nun lege dich aufs Ohr, wirst wohl ungewiegt schlafen nach dem Marsch von Uelzen her. Morgen, Glocke sechs, komm' ich und bringe dich ein in – in die Löwengrube. Gute Nacht, Bruder Darmstädter!« »Gute Nacht, Bruder Altschaffer!« brummte Timmo, ging dann auch hinaus und sagte zur Herbergsmutter:. »Frau Mutter, ich wollte Euch gebeten haben, daß Ihr mir hinaufleuchtet, wo dem Herrn Vater seine Betten stehen.« »Komm, mein Söhnchen!« sagte die Alte und ging ihm die Treppen vorauf. »Hier!« sprach sie oben und öffnete die Kammertür, »schlupf unter, mein Häschen, und laß dir was Liebliches träumen von Bier oder von Wein oder von schönen Jungfräulein.« »Vielen Dank, Frau Mutter! Aber das Eimbecker war doch besser als das Blaffertbier.« »Hast 'ne feine Zunge«, lächelt die Alte. »Morgen früh wecke ich dich, denn Zeit und Stunde warten nicht auf uns«, sagte sie mit einem freundlichen Ernste. »Grüßt den Herrn Vater von mir mit seinem Hexenschuß«, sprach Timmo. »Will's ausrichten, mein Junggesell!« sagte die Mutter Hombroksche und stieg langsam die Treppe hinab, die in der nächtlichen Stille des Hauses leise stöhnte unter ihren Tritten und ächzte. Zweite Kapitel Ziemlich am nordöstlichen Ende der Stadt, in der Roten-Hahn-Straße, wohnte der Amtsmeister der Böttchergilde, Meister Gotthard Henneberg, in einem aus braunen Backsteinen erbauten Hause, dessen nach Osten schauender, in vier rechtwinkligen Abstufungen aufgeführter Giebel vorn an der Straße stand, wie dies bei allen Häusern Lüneburgs der Fall war. Jede dieser vier Abstufungen hatte die Höhe eines Geschosses, das von dem darüber- und darunterliegenden durch ein doppeltes Gesims getrennt war, und in dem sich auf Säulen ruhende Stichbogen für die Fenster und Luken befanden. Hinter dem davorgesetzten Giebel, auf dessen Spitze eine Wetterfahne stand, war das glatte, steile Dach, und nur so weit dieses reichte, waren noch Kammern und Bodenräume; die übrigen, kleineren und paarweis gekoppelten Fensterwölbungen der Giebelfront, also die höchsten und die äußersten zu beiden Seiten, waren verblendet, und dahinter war nichts als die freie Luft. Die Gesimse, die Bogengurte und die Säulen waren alle rund gemauert und in hervortretenden Wülsten so gedreht und gewunden, daß sie ganz dicken Schiffstauen glichen. Die Haustür, zu der ein paar Stufen emporführten und vor der sich ein Beischlag, das heißt ein zu beiden Seiten mit hochlehnigen Steinbänken umhegter Vorplatz befand, war spitz gewölbt und mit fünf solcher gedrehten steinernen Wülste eingefaßt, so daß sie einem kleinen Kirchenportal ähnelte. Diese Bauart war in der ganzen Stadt gleich; nur daß die Häuser der vornehmen Geschlechter mit allerlei Zierat, mit menschlichen Figuren, Köpfen und Bildnissen, von gemauerten Schiffstaukränzen umrahmt, mit Tiergestalten, Blumen und Laubwerk, in Stein gehauen, reicher geschmückt waren und kunstvoll gemeißelte und bemalte Familienwappen zeigten. Dadurch, daß sie den Giebel mit seinen vier bis sechs treppenartigen Abstufungen alle vorn und alle den gleichen bräunlichen Farbton hatten, erhielt die Stadt ein ganz eigentümliches und doch keineswegs einförmiges Gepräge, weil die Giebel bald höher und spitzer, bald breiter und niedriger und auch in ihrer Ausschmückung voneinander verschieden waren. Die Häuser hatten auch alle ihren besonderen Namen, den manche nur einem launigen Einfall ihrer Besitzer verdankten. In der Heiligen-Geist-Straße zum Beispiel hatten sich vier Nachbarn darüber geeinigt, die ihrigen Sonne, Mond und Stern zu nennen. Meister Gotthard Hennebergs Haus in der Roten-Hahn-Straße, in dem seit Menschengedenken das Böttcherhandwerk betrieben wurde, hieß das Goldene Ei, nach einem großen, steinernen, über der Haustür eingemauerten Ei, das früher einmal vergoldet gewesen war. Neben dem Ei über der Tür befand sich die Hausmarke, ein Kreuz, dessen Spitze in einem breiten Beil endigte, und dessen Querbalken an jedem Ende ein lateinisches H trug; vielleicht hatte der Erbauer Heinrich Henneberg geheißen. Diese Hausmarke wurde jedem Gefäß eingebrannt, das aus der Werkstatt im Goldenen Ei hervorging, und solcher Beilkreuze fuhren jährlich eine ganze Menge in die Welt. In dem Hause herrschte Friede, Fleiß und Frömmigkeit, und der Segen blieb nicht aus. Wenn es nicht ein Verstoß gegen die strenge Handwerksordnung gewesen wäre, so hätte Meister Henneberg wohl mehr als zwei Knechte und einen Lehrjungen halten können, so viel hatte er zu tun, alle die Salztonnen, die Fässer und Bottiche fertig zu schaffen, die von ihm verlangt wurden. Der eine der beiden Gesellen war sein ältester Sohn, Arnold, der andere ein fremder, zugewanderter aus Soest, namens Jakob, und der Lehrjunge wieder sein jüngster Sohn, Lutke. Wer beim Meister Henneberg arbeitete, der lernte das Handwerk gründlich, aber viel freie Zeit gab es nicht, und die täglichen Arbeitsstunden, die genau vorgeschrieben waren, wurden streng eingehalten. In alledem Lärm, den die Böttcherei mit Hämmern und Klopfen, mit Stoßen und Schneiden hervorbrachte, waltete der stille Ordnungssinn und die liebevolle Fürsorge der Hausfrau, der die blühende Tochter fleißig zur Hand ging, so wohltuend und ersprießlich, daß es in der Wirtschaft an nichts fehlte, was gerechte und bescheidene Ansprüche der Hausgenossen fordern durften. Als in der Dämmerung des Tages von Gilbrechts Heimkehr, die ja niemand voraussehen konnte, die Vesperglocke läutete, band der Meister sein Schurzfell ab und machte Feierabend. Seine Gehilfen folgten dem Beispiel. Jakob und Lutke brachten das Handwerkszeug an den gehörigen Ort und schufen in der Diele zwischen den angefangenen und fertigen Tonnen, den Schneidebänken, den Vorräten an Stab- und Bodenholz, den Reifen und Spänen, welche die Werkstatt in buntem Durcheinander füllten, einen freien Durchgang von der Haustür zu den drei Stufen, die rechter Hand in die Wohnstube führten, und weiter bis zu der schweren Wendeltreppe im Hintergrunde. Die sehr geräumige Diele ging in ihrem größeren Teile durch zwei Stockwerke, und alles Holz, aus dem sie gezimmert war, die Wände mit ihren Pfosten und Riegeln, die Decke mit ihren dicken Trägern und Balken, und die Türen und Treppen hatten eine natürliche dunkelbraune Färbung. An der linken Seite lief in zwei Drittel Höhe über dem Fußboden eine mit der Treppe verbundene breite Galerie mit durchbrochenem Geländer; sie führte in ein paar abgeschlagene Kämmerchen, die in den oberen Raum der Diele hineingebaut waren und aus dieser ihr spärliches Licht durch kleine Fenster empfingen. Auf dem Balken unter dem Geländer stand der Böttcherspruch eingeschnitten: Noch keine größere Kunst erfunden, Als Holz mit Holz zusammengebunden. Meister Gotthard schloß die Haustür, begab sich langsam, bedächtigen Schrittes in die Wohnstube, setzte sich dort in seinen großen hölzernen Lehnstuhl mit dem strohgeflochtenen Sitz und pfiff leise vor sich hin. Frau und Tochter, die nähend bei der Lampe am Tische saßen, hörten dieses Pfeifen gern, denn sie wußten, daß es ein besonderes, stilles Vergnügtsein des Meisters bedeutete, und störten ihn darin auch nicht mit Fragen, denn sie wußten ferner, daß er dann selten Antwort gab. Als Ilsabe, sein drittes Kind, bei solcher Gelegenheit einmal gefragt hatte, warum er so lustig pfiffe, hatte er noch vergnügter, ja, halb verschmitzt gelächelt, hatte sie mit seinen ungeheuren Böttcherfäusten bei den kleinen roten Ohren gefaßt und auf das wenige Stirnhaar seines Lieblings einen Kuß gedrückt. Meister Gotthard war überhaupt, wenn auch kein schweigsamer, so doch auch kein sehr gesprächiger Mann, und sein oberster Grundsatz beim Reden war: das Wort soll Kraft und Macht haben oder nicht gesprochen werden. Auch Arnold trat bald in das Zimmer, warf einen befremdlichen Blick auf den noch leeren Tisch und dann auf seine Schwester, die nun heiter sprach: »Mutter, Arnold meint, es wäre Essenszeit.« »Ich?« sagte Arnold. »Ich habe gar nichts gesagt.« »Solchen Hungerblick verstand man auch ohne Worte«, lachte Ilsabe, erhob sich, nahm der Mutter in zarter Weise das Nähzeug aus den Händen und legte es samt dem ihrigen wohlgeordnet beiseite. Dann begann sie den Tisch zu decken. Sechs Teller aus Birkenholz ohne Rand, neben jedem ein Messer und vor jedem ein schlichter, zinnerner Becher, das war das Tischgerät zum Abendessen. Nur vor des Vaters Platz am oberen Ende des Tisches stellte sie statt eines Bechers einen hohen Zinnkrug, auf dessen Deckel das wohlgeformte Bild eines Schützen stand und auf dessen Rundung des Meisters Name mit Tag und Jahr eingeritzt war. Den Krug hatte Meister Gotthard einmal beim Papagoyen-Schießen mit der Armbrust als Preis gewonnen. Auch ein anderes Messer bekam der Vater, ein größeres als die übrigen, mit einem kräftigen Griff daran aus Hirschhorn. Dann trug sie die einfache Kost auf und brachte zuletzt eine Schenkkanne voll Eimbecker Bier, füllte daraus des Vaters Krug und die Becher, und nun war alles zum Zulangen bereit. Sie rief Jakob und Lutke herein, die auf den ersten Ruf so schnell erschienen, als hätten sie schon dicht hinter der Stubentür gelauert. Der Meister rückte sich seinen Lehnstuhl an den Tisch heran und saß in seiner Kraft und Würde gleichsam thronend als König seiner Familie. Ein ruhiges, verständiges Gespräch, auch heitere Scherze, freundlich gemeint und gut aufgenommen, hatte der Meister gern bei Tisch, hörte aber lieber zu, als daß er selber an der Unterhaltung einen hervorragenden Anteil nahm. Den Seinigen allgemeine Lebensregeln und weise Ermahnungen mit aufs Butterbrot zu geben, war ebensowenig seine Sache, wie er Klatschereien und Hecheleien über den liebsten Nächsten duldete, mochte dieser auch noch so weit von seinem Hause und von seinem Herzen wohnen. Nur schweigsam sollte es bei Tische nicht hergehen, als wenn Friede und Eintracht gestört wären. Ein fröhlich Gespräch nannte der Meister die beste Würze beim Mahle; das liebe Gut in grübelnden Gedanken oder in verhaltenem Groll zu sich zu nehmen, das, meinte er, bekäme nicht und schlüge nicht an. So floß auch am heutigen Abendtisch die Unterhaltung in ruhigem Gleise munter dahin, ohne daß etwas Wichtiges zur Sprache kam. Als aber das einfache Mahl beinah beendet war, erschallten drei harte, langsame Schläge gegen die Haustür. Alles schwieg und horchte. »Da klopft ein Böttcher«, sprach der Meister; »Lutke, sieh nach!« Lutke ging hinaus, konnte aber aus der Tür auf die dunkle Straße hinaus nichts erkennen als eine männliche Gestalt, die auf der Schwelle stand und flüsternd fragte: »Arnold, bist du es?« »Ich heiße Lutke«, sagte der Junge nicht allzu freundlich. »Lutke! Du? Junge, bist du gewachsen!« sprach der Fremde und trat ein. »Kennst du mich denn nicht? Auch nicht an der Stimme? Bin ja dein Bruder Gilbrecht.« »Gil –!« Gilbrecht wollte Lutke rufen, kam aber nicht dazu, denn – »Pscht!« machte der Bruder und hielt ihm die Hand vor den Mund. »Schrei doch nicht! Wo sind sie?« »Gerade bei Tisch«, flüsterte Lutke, »komm!« Ahnte denn niemand da drinnen etwas von dem, was hier draußen vorging? Mutterherz, klopfst du nicht rascher? Schwester Ilsabe, fährt dir's nicht wie ein Blitz durch den Blondkopf: Das könnte am Ende...? Sie lauschen wie im Bann eines Ereignisses, das etwas Seltsames bringt und die Luft mit einer zitternden Spannung füllt, aber eine bestimmte Erwartung stieg keinem auf. Sie hörten nahende Schritte die Stufen empor, eine Hand tastete nach der Klinke, und jetzt – jetzt stand da in der Tür ein Wandergesell mit Sack und Pack, den Hut in der Hand, und sprach mit volltönender, leise bebender Stimme: »Glück herein! Gott ehr' ein ehrbar Handwerk! Guten Abend, Vater und Mutter!« Starr, mit weit aufgerissenen Augen, mit stockendem Herzschlag saßen sie da, aber nur einen Augenblick, dann überströmte es sie alle auf einmal, dann umfaßte sie alle zugleich das plötzliche Bewußtsein eines kaum denkbaren Glückes, und – »Gilbrecht! Gilbrecht!« riefen und jauchzten sie, flogen von den Sitzen und stürzten auf ihn los, und Ilsabe hing zuerst an ihres lieben Bruders Halse. Dann ging er reihum. Die Mutter ließ ihn lange nicht von sich, und als er zum Vater kam, drückten sich zwei wackere starke Hände, und zwei treue Augenpaare schauten eines in das andere. Der Meister sprach: »Frau, wenn ein Böttcherknecht gewandert kommt und bittet um Herberge, so soll es ihm nicht versaget, sondern nach Gewohnheit ein Lager, Essen und Trinken gegeben werden. Lege ab, Gilbrecht, und sei willkommen am Tisch!« Sie rissen ihm fast das Gepäck vom Rücken, der eine das Felleisen, der andere den Ziegenfellbeutel. Ilsabe nahm den Hut und von dem Hute das Wacholdersträußchen und steckte es sich vorn an das Mieder. Das Schwert aber schnallte sich Gilbrecht selber ab und stellte es schnell in den Winkel, als sollte es der Vater nicht sehen. Der hatte es aber schon gesehen, doch er sagte nichts. Nun wurde zusammengerückt; Gilbrecht mußte sich zwischen Vater und Mutter setzen, und Ilsabe, die verschwunden war, kam wieder mit einem prächtigen Schinken, den sie vor Gilbrecht auf den Tisch stellte. Arnold blickte in die Schenkkanne hinein und dann auf den Vater. Dieser nickte ihm zu und hielt die flache Hand zwei Fuß über den Tisch, was Arnold richtig deutete: so hoch einen Humpen! Lutke mußte wieder springen, und bald stand auf dem Tische ein voller Steinkrug, der sehr hochnäsig auf die Schenkkanne neben sich herabsah. Gilbrecht hieb tapfer ein und hatte auf alle Fragen, mit denen er bestürmt wurde, nur ein Nicken oder Schütteln, ein gemütliches Brummen als Antwort, bis der Meister dazwischen fuhr: »So laßt ihn doch ruhig essen, und stört ihn nicht!« Sie folgten dem Befehle wie immer, wenn der Meister sprach, und machten nun über das erfreuliche, kraftstrotzende Aussehen des zum Manne gewordenen Bruders halblaute Bemerkungen, die er natürlich alle hörte und belächelte. Seelenvergnügt saß er da mit rastlos arbeitenden Kinnladen, die rechte Faust mit dem Messer auf dem Tische haltend, die linke Hand am Kruge, schaute sich die Seinigen der Reihe nach an, und die lachenden blauen Augen glänzten in herzinniger Freude und unsäglichem Behagen. Er war ja wieder zu Hause, mitten im Kreise seiner Liebsten auf Erden, streckte die Füße unter seines Vaters Tisch, fühlte die Hand der Mutter hin und wieder auf seiner Schulter und wandte der Glücklichen dann sein strahlendes Antlitz zu mit einem Blick voll unendlicher Liebe und Dankbarkeit. Wie gut es ihm auch in der Fremde ergangen war, so war er doch nirgends gehegt und gehätschelt worden, hatte nirgends so sicher und breit im Schoße des Glücks gesessen wie hier auf diesem Stuhle zwischen Vater und Mutter. Die Familie Henneberg war ein stämmiger Schlag Menschen, alle hochgewachsen, markig und von gesunder Farbe. Eine unverkennbare Ähnlichkeit war auf den Gesichtern aller ausgeprägt in der breiten Stirn, der etwas stark hervortretenden Nase und dem kräftigen Kinn; dazu hatten sie alle blondes Haar, in das sich beim Meister schon reichliches Grau mischte. Sein bartloses Gesicht war leicht gefurcht, aber die großen, klaren Augen unter den dichten Brauen fügten seinem etwas herben und derben, fest und rund in sich abgeschlossenen Wesen den Ausdruck von Geradheit und Herzensgüte hinzu, so daß die machtvolle Erscheinung des ernsten Mannes nichts Einschüchterndes, vielmehr etwas Vertrauenerweckendes hatte. Wie die Söhne dem Vater glichen, so war die Tochter das holde Ebenbild der Mutter, der man ihrem Aussehen nach die Mutterschaft über diese Enakskinder kaum glauben mochte. Lutke war ja noch jung und etwas schmächtig vom schnellen Wachsen, aber Ilsabe mit ihrer vollen und doch schlanken Gestalt in herrlich blühender Jugendkraft war solcher Brüder würdig. Gilbrechts Blicke ruhten auf ihr, als könne er sich nicht satt sehen an der Anmut und Schönheit, zu der sich die Schwester entwickelt hatte, seit er vor vier Jahren von der damals Sechzehnjährigen geschieden war. Ilsabe bemerkte die stumme Huldigung des Heimgekehrten wohl und freute sich im stillen, daß ihr das Bruderherz treu geblieben war, denn Gilbrecht, nur zwei Jahre älter als sie, war immer ihr Lieblingsbruder gewesen schon seit den Kinderspielen; sie hatte sein und er ihr vollstes Vertrauen besessen in allen großen und kleinen Angelegenheiten, von denen die jungen Gemüter berührt wurden. Hätten sich jetzt die beiden Geschwister in die Seele blicken können, so würde jedes dort des anderen Hoffnung und Vorsatz gelesen haben, das solle alles wieder so sein und nun erst redet und noch mehr, noch viel mehr als früher. Aber auch der hungrigste Mensch wird endlich einmal satt, wenn er nur lange genug ißt, und Gilbrecht hatte dem, was auf seines Vaters Tische stand, alle Ehre angetan. Jetzt mußte er erzählen. Und er fing mit dem Anfang an. Wohin er zuerst gewandert und daß er – jetzt durfte er's ja wohl eingestehen, ob auch der Vater dabei lächelnd Frau Johanna drohte – mit den Mutterpfennigen, die ihm diese heimlich eingebunden hatte, doch noch weitergekommen war, als mit des Vaters wohlbemessenem Reisegeld. Dann, wo er zuerst Arbeit gefunden hatte, wie sie gewesen war, und so weiter und so weiter, die ganzen vier Jahre durch. Wie er als Meisterssohn nur drei Jahre zu lernen gebraucht hatte, so hätte er auch nur drei Jahre zu wandern gebraucht, aber als er an den Rhein gekommen war, da hatte es ihm dort so gut gefallen, daß er ein ganzes Jahr zugegeben hatte. Achtzehn Monate war er dort geblieben, erst in Elfeld, dann in den berühmten Delsanschen Kellereien zu Hochheim und zuletzt in der großen Weinhandlung des Herrn Christoffer Hoherath in Mainz. Diese großen rheinischen Geschäfte hielten sich ihre eigenen Faßbindereien unter besonderen, selbständigen Böttchermeistern, und da war Gilbrecht auch ein Dichtbinder geworden für Weinfässer mit eisernen Bändern und hatte dabei die Küferei gelernt mit allen Hantierungen und manchen Geheimnissen bei Behandlung der verschiedenen Weine. Endlich hatte es ihn aber doch heimwärts gezogen nach seinem lieben Lüneburg und zu Eltern und Geschwistern, und nun, schloß er, wolle er hierbleiben und das Handwerk treiben mit eisernen oder hölzernen Bändern, wie es gerade vorkomme und von ihm verlangt werde. Das hörten sie alle gern; nur einer machte dabei ein trauriges Gesicht. Das war Jakob, denn er sagte sich: Nun wirst du wohl fort müssen aus dem guten Brot, denn mehr als zwei Gesellen darf ja der Meister nicht halten. Meister Gotthard sah seines Knechtes Betrübnis und sagte zu ihm: »Habe keine Sorge, Jakob! Außer der Zeit schicke ich dich nicht fort, und sollst auch gute Förderung von mir haben. Der Gilbrecht mag eine Weile ausruhen, wenn er nicht bei einem anderen Meister eintreten will.« »Das tue ich nicht«, sprach Gilbrecht, »will mir die Zeit schon vertreiben, und wenn ich auch nicht dein dritter Knecht sein darf, so werde ich doch manchmal ein wenig mit zugreifen oder Arnold ablösen dürfen, wenn er sich mal einen guten Montag mehr machen will.« Dieses Wortes freuten sich wieder alle, namentlich auch Ilsabe und zuallermeist Arnold, aus freilich ganz besonderen Gründen, die mit blauen Montagen nichts zu schaffen hatten. Nun stand Gilbrecht auf, holte das Schwert aus der Ecke, bot es seinem Vater und sprach: »Hier, Vater! Das bringe ich dir mit, es soll eine gute Klinge sein, du verstehst dich ja besser darauf als ich.« »Hm! Hm!« machte der Vater und beschaute die Waffe mit sichtlichem Wohlgefallen, zog blank, versuchte, wie ihm der Griff in der Hand lag, wog es und bog es und sagte dann: »Hast recht, eine gute Klinge! Ich danke dir, Gilbrecht!« Etwas Willkommeneres hätte ihm der Sohn nicht mitbringen können, denn des Meisters einzige Liebhaberei waren Waffen jeglicher Art, in deren Gebrauch er für einen Handwerksmeister außerordentlich geübt war. Er besaß davon eine kleine Sammlung, die er nun mit Freuden um ein so schönes und wertvolles Stück bereichert sah. Gilbrecht kramte in seinem Gepäck herum und brachte daraus allerlei hübsche Sachen zum Vorschein, wie sie in Lüneburg nicht oder wenigstens nicht so zu haben waren. Die verteilte er als Geschenke an die Seinigen und erregte damit bei allen herzliche Freude. Der Mutter überreichte er einen schönen Buchbeutel für den Kirchgang. Die gelbseidene Tasche, in die man das Gebetbuch steckte, war an einem Brettchen aus Eichenholz befestigt, das auf der einen Seite mit Pergament beklebt war. Auf dem Pergament war ein Gebet geschrieben und das Bild der Heiligen Jungfrau mit dem Kinde in bunte Seide gestickt, das Ganze bedeckt von einer dünnen, durchsichtigen Hornplatte. Ilsabe erhielt eine lederne Gürteltasche mit einer feinen Silberkette, und in der Tasche steckte etwas ganz Wunderbares, noch nie Gesehenes – ein Blatt Papier, das mit einigen Bibelsprüchen aus den Psalmen – nicht beschrieben, sondern bedruckt – ja, ja! – bedruckt war. Sie wollten's nicht glauben, mußten sich aber doch überzeugen, daß diese Buchstaben von keiner Menschenhand geschrieben waren. Das war das Neueste, was es in der Welt gab, und Gilbrecht erzählte nun von der höchst merkwürdigen Erfindung, die ein Mainzer Bürger namens Johann Gutenberg gemacht hatte. Schon vor Jahr und Tag war eine verworrene Kunde davon nach Lüneburg gedrungen, aber man hatte das für einen Schwank gehalten, von einem müßigen Mönch oder verlogenen Landfahrer ausgeheckt, darüber gelacht und es bald vergessen. Aber hier war nun der Beweis, und Ilsabe war nicht wenig stolz darauf, daß ihr Bruder Gilbrecht dieses Wunder mit nach Lüneburg brachte und sie die erste war, die ein greifbares Stück davon besaß und zeigen konnte. Dem Bruder Arnold stülpte Gilbrecht eine Pelzkappe aus Otterfell auf und sagte dabei lachend: »Ein rechter Dickkopf bist du dein Lebtag gewesen, sieh zu, ob sie paßt.« Sie saß wie für ihn gemacht. Als er zum Jüngsten kam, hielt er mit der linken Hand etwas hinter sich auf dem Rücken und kratzte sich mit der rechten am Ohr, indem er sprach: »Jung Lutke, mein Ziegenschurz, mit dir ist es mir absonderlich ergangen. Ich dachte nicht, daß du in den vier Jahren ein so stattlicher Reifenmörder werden würdest, sah dich immer noch als den zwölfjährigen Tintenklexer der Klosterschule vom Heiligen Tal und habe dir nun ein Ding mitgebracht, womit sich eigentlich ein Mann wie du nicht mehr abgibt; Tand nennen sie es im Reiche, bloß um die Nürnberger zu ärgern, die dergleichen machen. Da, nimm hin das Spielzeug!« Damit gab er ihm einen Hering, aus Holz geschnitzt und angemalt; den konnte man in zwei Teile auseinanderziehen, inwendig war er hohl und bildete eine Büchse für Federn. Lutke nahm den Holzfisch, hielt ihn am Schwanz hoch und rief: »Seht doch! Seht doch! So natürlich, als wäre er am Heringsstegel bei der Abtsmühle gekauft; danke, Bruder Gilbrecht! Ich nehme ihn doch!« Bald saßen sie wieder alle um den Tisch herum, denn während der Unruhe des Schenkens und Beschenktwerdens war der fast geleerte, hohe Steinkrug plötzlich wieder voll geworden, aber wie, das wußte kein Mensch in der Welt außer einem einzigen, rosigen, blondzöpfigen Mädchen. »Balduin Viskule ist auch wieder hier, hab' ich unterwegs erfahren«, begann Gilbrecht, zu seiner Schwester gewandt, »wie sieht er denn aus?« Aber Ilsabe bückte sich unter den Tisch und hatte dort etwas zu suchen, so daß die Mutter für sie antwortete: »Schlank und rank ist er geworden, hübsch und ansehnlich; er bleibt nun auch hier in seines Herrn Vaters großem Handelswesen.« Als Ilsabe wieder auftauchte, hielt sie das Wacholdersträußchen in der Hand, das ihr wohl von der Brust entfallen sein mußte, obwohl das niemand bemerkt hatte. Das Blut war ihr vom Bücken in den Kopf gestiegen, sie sah ganz rot aus. »Und ist die Hilke auch so schön geworden wie du, lieb Schwesterlein?« fragte Gilbrecht. »Hübsch ist sie«, sprach Ilsabe, »sehr hübsch, aber Hilke hört sie sich nicht gern mehr nennen, sage nur Hildegund, wenn du sie siehst.« »Ich denke morgen«, sagte Gilbrecht. »Ja so! Vater, ich habe noch etwas mitgebracht, einen Brief an den Herrn Bürgermeister Springintgut.« »Wo denn her?« fragte Meister Gotthard. »In Celle traf ich zufällig den Ratsherrn Herrn Albrecht von der Mölen –« »Bürgermeister, zweiten Bürgermeister«, unterbrach ihn der Vater. »Also den zweiten Herrn Bürgermeister«, fuhr Gilbrecht fort, »und der gab mir den Brief und machte dabei kein heiteres Gesicht.« Der Meister nickte gedankenvoll und schwieg. »Vater, was gibt es denn hier?« fragte der Sohn. »Der alte Torwart Kaspar Rulle sagte zu mir: ›Ich wollte, du brächtest uns den Frieden binnen.‹ Ist denn kein Friede mehr in Lüneburg?« »So recht nicht«, sagte der Meister; »die Schulden der Stadt sind ins Unerschwingliche gewachsen schon von alters her durch die vielen Fehden und großen Bauten; jetzt betragen sie vier Tonnen Goldes. Da hat der Rat von den Sülzbegüterten die volle Hälfte ihrer Einkünfte als Ungeld gefordert, und das wollen sie nicht geben. Der Streit zieht sich schon ein paar Jahre hin, und der Bischof von Verden hat schon mehr als einmal einen Vergleich zustande zu bringen gesucht, aber vergeblich; der Rat gibt nicht nach und die Prälaten auch nicht. Die haben nun den Rat beim Kaiser verklagt, und seine Sache scheint nicht gut zu stehen. Herr Albrecht von der Mölen ist nach Wien zu Hofe gefahren und an das Reichsgericht.« »Das hat er mir erzählt«, warf Gilbrecht ein. »Morgen früh will ich dem Herrn Bürgermeister den Brief übergeben.« »Es sollte mich wenig freuen«, meinte der Vater, »wenn du bei deiner Heimkehr unserer Stadt eine schlimme Botschaft brächtest. Ich fürchte, wir gehen einem heißen Kampf entgegen«, schloß er nach einer kurzen Pause, während alle schwiegen, und blickte nach dem Schwert hin, das Gilbrecht ihm geschenkt hatte, und das an einem Schrank lehnte. Gilbrecht folgte dem Blick seines Vaters und gewahrte jetzt erst den Schrank aus Nußbaumholz mit krauser Arbeit und reichem Schnitzwerk. »Das ist ja Großvaters Schrank!«, rief er überrascht aus. »War es, Gilbrecht, war es«, sprach ernst Frau Johanna, »Großvaters Name steht im Buch der Toten, seit zwei Jahren schon, und der Schrank ist ein Erbstück von meinem lieben Vater, Gott hab' ihn selig!« »Das hab' ich nicht gewußt«, sagte Gilbrecht; »der liebe Großvater! Er war immer so gut gegen mich. Woran ist er denn gestorben?« »An einem Herzschlag«, sprach die Mutter traurig, »er hat einen raschen, sanften Tod gehabt.« Ilsabe winkte dem Bruder mit den Augen zu, aber dieser fuhr fort: »Mit Verlaub, Vater, nun bist du Sülfmeister geworden, nicht wahr?« »Wer hat dir das gesagt?« fragte der Vater. »Kaspar Rulle am Sülztore. Als ich meinen Namen und mich deinen Sohn nannte, rief er: Aha! Vom Sülfmeister. Ich glaubte, er hätte sich nur versprochen, aber nun kann ich mir's erklären.« »Es ging nicht anders«, sagte Meister Gotthard, »die Mutter erbte vom Großvater eine halbe Pfanne, und da ließen sie nicht nach, ich mußte in die Gilde.« »Nun, das ist ja kein Unglück«, lächelte Gilbrecht, »aber ich freue mich, daß du das Handwerk darum nicht aufgegeben hast.« »Arbeit ist das letzte, was ich entbehren möchte«, erwiderte der Meister. Ilsabe wandte das Gespräch und sagte: »Also am Rhein, Gilbrecht, am Rhein hat dir's am besten gefallen?« »Ja, Schwesterlein«, sprach Gilbrecht begeistert, »am Rhein! Da gilt das Wort: die Luft macht frei, das heißt die Luft am Rhein. Ich wollte, du könntest den herrlichen Strom einmal sehen mit seinen Bergen und Burgen und seinen lustigen Städten und Dörfern, da geht einem das Herz auf.« »Ja«, sagte Meister Gotthard, »ich hab' ihn auch gesehen auf meiner Wanderschaft in jungen Jahren; er ist es wert, daß man ein paar Sohlen daran abläuft.« »Ich habe auch auf seinen beiden Ufern zwischen Bingen und Mainz und zwischen Rüdesheim und Hochheim manchen Fußstapfen stehen«, sprach Gilbrecht und fing wieder an, von dem fröhlichen Leben am Rhein zu erzählen, daß sie ihm gern zuhörten. »Ich wollte, ich wäre ein Mannsbild!« rief Ilsabe hingerissen von Gilbrechts lebendiger Schilderung, »dann ging' ich auch in die Fremde und wanderte singend bergauf und bergab. Es muß herrlich sein, sich die Welt besehen zu können.« »Gewiß, liebe Schwester! Aber sage, was du willst, daheim ist es doch am schönsten«, lächelte Gilbrecht und erfaßte die Hand der Mutter, die ihm den zärtlichen Druck innig erwiderte. Bald erinnerte Frau Johanna, daß es Schlafenszeit sei, sie wollte dem Wegemüden das Lager rüsten. Aber Arnold sagte. »Laß nur, Mutter! Dazu ist morgen Zeit. Gilbrecht schläft diese Nacht in meinem Bett, ich lege mir einen Strohsack auf den Fußboden.« Des waren sie zufrieden. Man wünschte sich gute Nacht, und die vier jungen Leute gingen hinauf in ihre Kammern. Auch Ilsabe, die neben dem Gemach der Eltern schlief, begab sich zur Ruhe. Als sie allein waren, legte Frau Johanna die Hände auf ihres Mannes Schultern, sah ihm in die Augen und sagte: »Er ist uns wiedergekommen so rein, wie er gegangen war; Gotthard, ich bin so glücklich!« »Ich auch, Johanna, aber man muß das den Jungen nicht merken lassen«, sprach Gotthard. Dann gingen sie, und der Meister nahm das neue Schwert mit in die Kammer und stellte es für die Nacht neben sich. Gilbrecht lag schnell in des Bruders Bett und streckte sich. Arnold sagte, während er sich sein Lager zurechtpackte: »Gilbrecht, keiner ist froher als ich, daß du wieder da bist. Nun werde ich ja wohl auch endlich zu meinem eigenen Feuer und Rauch kommen. Was meinst du dazu?« »Ja!« brummelte Gilbrecht wie im Traume, und in der nächsten Minute schlief er den Schlaf des Gerechten. Drittes Kapitel »Vor drei Tagen hat dir Herr Albrecht von der Mölen den Brief gegeben?« fragte der worthabende erste Bürgermeister Herr Johann Springintgut den vor ihm stehenden jungen Böttcherknecht. »Ja, hochedler Herr! Am Montag war es«, antwortete Gilbrecht. Der Bürgermeister öffnete das Schreiben und begann zu lesen. Es war in seinem Hause am Markte. Gilbrecht, dem kein Sitz angeboten wurde, ließ seine Augen in dem reich ausgestatteten Zimmer umherschweifen und dann auf der schlanken Gestalt des Bewohners ruhen, dessen strenge Züge sich beim Lesen zusehends verfinsterten. Er sprang, nachdem er zu Ende gelesen, vom Stuhle auf und maß das Zimmer mit hastigen Schritten unruhig und erregt, daß das Papier in seiner Hand bebte. »Ich danke dir!« sagte er dann kurz. »Nein! Ich danke dir nicht für diesen Brief!« verbesserte er sich zornig. Gilbrecht blickte ihn fest und ruhig an, und der Bürgermeister sagte etwas gelassener: »Was red' ich? Du kannst ja nichts dafür. Weiß dein Vater von diesem Schreiben?« »Ja«, sprach Gilbrecht, »ich hab' es ihm gestern abend erzählt!« »So! Hast's ihm schon erzählt. Weiß sonst noch jemand davon in Lüneburg?« »Auch ein fremder Schusterknecht, mit dem ich von Celle hierher gewandert bin«, sagte Gilbrecht. »Ein fremder Schusterknecht! Hm!« grollte der Bürgermeister. »Daß so junges Volk nicht den Mund halten kann und alles gleich ausplappern muß! Hat dir Herr Albrecht nicht Schweigen geboten?« fragte er herrisch. »Nein, Herr Bürgermeister! Mit keinem Worte.« Wahrscheinlich von den überlauten Reden angelockt, betrat jetzt die Frau Bürgermeisterin das Zimmer, warf einen erstaunten Blick auf den ihr Unbekannten und dann einen fragenden auf ihren Gatten. »Ein Henneberg ist es«, sagte dieser, »ein Sohn des Sülfmeisters.« »Ah, des Böttchermeisters«, betonte sie scharf, kehrte Gilbrecht den Rücken und ließ sich in einen Sessel nieder. »Er bringt mir einen Brief von Mölen, den er in Celle getroffen hat«, fuhr Herr Springintgut fort und wandte sich dann wieder zu Gilbrecht: »Der Brief ist an mich gerichtet, geht nur mich an, es steht nichts darin, was irgendein Mensch in Lüneburg zu wissen brauchte. Sage das deinem Vater, und es wäre mir lieb, wenn du auch dem fremden Schusterknecht die Zunge binden könntest, daß er sich keine Ungelegenheiten macht.« »Ich will's versuchen, Herr Bürgermeister«, sagte Gilbrecht, verbeugte sich und ging, wenig erbaut von diesem Botenlohn. Der Bürgermeister nahm seinen Sturmschritt im Zimmer wieder auf und setzte ihn auch fort, als seine Gattin fragte: »Nun, wie steht's?« »So schlecht wie möglich«, war die verdrießliche Antwort. »Hat Albrecht von der Mölen nichts erreicht?« »Nicht das geringste!« sprach der Bürgermeister. »Wir sollen zu Kreuze kriechen, sollen die eingezogenen Gelder den Prälaten herausgeben, sollen auf die verlangte Hälfte der Einkünfte verzichten und uns mit einem Viertel begnügen, oder –« »Nun? Oder –« »Acht und Bann!« »Herr Gott im Himmel!« rief entsetzt die Frau und fuhr empor, »Johann, das ist schrecklich!« »Wär' ich doch selbst nach Wien geritten!« sagte Springintgut, »hätte nicht geknickert und geknausert. Mölen hatte ja Vollmacht und genügende Wechsel; und Kaiser Friedrich, das schwache, schwankende Rohr im Winde, wie der zu fassen ist, weiß jedes Schreiberlein im Reiche. Aber die Pfaffen sind rascher gewesen als wir und klüger. O diese Glatzen! Und Rom! Was schiert uns Rom?« »Wir werden's empfinden«, seufzte die Bürgermeisterin; »das Regiment der Stadt ist ihnen verhaßt.« »Niemand hat sich in unser Regiment zu mischen!« rief er heftig. »Die Stadt bin ich und der Rat, und ein anderer hat in Lüneburg kein Wort zu reden, kein Wort!« Damit warf er den Brief in eine Schublade, stieß sie zu, daß es krachte, und machte sich mürrisch bereit, aufs Rathaus zu gehen. – Gilbrecht hatte sich von des Bürgermeisters Wohnung nicht nach Hause begeben, sondern der Alten Brücke zugewandt und ging nun das Ufer der Ilmenau entlang an der Abtsmühle vorbei, um seinen Freund Balduin Viskule zu besuchen. Am Stintmarkte blieb er stehen, als er am jenseitigen Ufer, dem Kaufhause gegenüber, den alten, mächtigen Kran erblickte, der sich freilich wunderlich genug ausnahm. Fast auf der Spitze des Daches von einem umfänglichen runden Unterbau stand ein vierseitiges Bretterhaus, an dessen einem Giebel ein langer, langer Arm wie ein Windmühlenflügel schräg in die Luft emporragte, der mit Kupfer gedeckt war und an seinem oberen Ende einen aufrechtstehenden Stab mit einem Knopfe trug. Dieser Oberbau mit dem steifen Arm ähnelte, von der Seite gesehen, einem Schneckenhause, aus dem die Schnecke mit aufgeregtem Horn eben herauskroch und sich emporbäumte. Das Ganze war das Gehäuse für das Triebwerk im Innern, das Gilbrecht wohl kannte. Er hatte nicht allein oft zugeschaut, wenn mit dem Krane schwere Stückgüter aus den Schiffen herausgehoben wurden, sondern er war auch einmal mit Balduin nach erbettelter Erlaubnis der Kranzieher hineingestiegen, und die beiden Jungen waren in dem großen Tretrade gegangen, das die Winden in Bewegung setzte, und hatten eine leichte Last damit emporgewunden. Es hatte ihnen großes Vergnügen bereitet. Diese Erinnerungen hatten Gilbrechts Schritte eine Weile gehemmt, nun aber lenkte er sie dem Viskulenhof zu und spähte nach den Fenstern des Wohnhauses hinauf, ob sich dort nicht ein bekanntes Gesicht erblicken ließ. Der Viskulenhof war ein umfangreicher, vielgliedriger Bau mit Vorder-, Seiten- und Hintergebäuden, mit langgestreckten Speichern und Salzräumen, mit Beamten- und Arbeiterwohnungen, Stallungen für Frachtgäule und Reitpferde und mehreren Höfen. Dieses in sich abgeschlossene Ganze machte den Eindruck des gediegensten Wohlstandes und glich einer wahren Handelsfeste, der das damit verbundene hochgiebelige Wohnhaus an der Ecke als Herrensitz würdig voranstand. In den Häusern und auf den Höfen regte sich ein lautes, lebhaftes Treiben von vielen eifrig beschäftigten Menschen. Stückgüter von den verschiedensten Formen und dem mannigfaltigsten Inhalt wurden hinein und heraus gefahren, getragen, gewälzt und gerollt, die Winden ächzten und knarrten, und an Seilen schwebten Fässer und Ballen zu den Bodenräumen empor. Auf der Ilmenau vor der einen Langseite der Warenhäuser lagen Schiffe, die befrachtet oder deren Ladungen gelöscht wurden. Es war das buntbewegte Bild eines ausgedehnten Großhandels, der die Erzeugnisse des Nordens mit denen des Südens austauschte, denn hier begegneten sich die Kostbarkeiten des Orients und der Levante, über Venedig kommend, und die Reichtümer aus den Küstenländern des deutschen und baltischen Meeres, durch die Häfen der Hansestädte dem Binnenlande zugeführt. Daß dieser blühende Handel seine guten Zinsen trug, bezeugte die innere Pracht des großen Wohnhauses. Da war viel reicher Schmuck und feines Gerät, Teppiche, Bildwerk und schöne Gefäße an den Wänden, auf Schränken und Tischen, lauschige Winkel und bequeme Sitzplätze, und über alle Fülle des Köstlichen und Seltenen war doch eine höchst anmutende Wohnlichkeit und Behaglichkeit ausgebreitet. Während draußen Hast und Bewegung, Arbeit und Geschäft geräuschvoll durcheinander fluteten, war hier innen alles zum glücklichen Genießen geschaffen, daß die Bewohner und ihre Gäste schon von diesen üppigen Räumen eingeladen wurden, sich einer fröhlichen Geselligkeit hinzugeben oder einer beschaulichen Ruhe zu pflegen. Gilbrecht trat von der Straße nicht in das Wohnhaus, sondern ging durch die offene Durchfahrt eines Seitenflügels, in der an jeder Wand vier mannshohe, unbehauene Prellsteine Wache hielten. Rechts im Winkel dieses Hofes war eine breite Treppe von Felsplatten und gewaltigen Quadern, die in das Wohnhaus führte. Diese beschritt Gilbrecht, weil er so am nächsten zu den Schreibstuben im unteren Geschosse kam, wo er die Viskules, Vater und Sohn, zu finden hoffte. Er fand sie auch, und nach einer Begrüßung, wie sie freudiger und herzlicher nicht sein konnte, gingen sie hinauf in Herrn Viskules Wohngemach. Hier wurde Gilbrecht nun nach den Erlebnissen seiner vierjährigen Wanderschaft ausgefragt, und es wäre schwer zu entscheiden gewesen, wer ihm dabei eine lebhaftere und innigere Teilnahme entgegenbrachte, der Sohn oder der Vater. Herr Heinrich Viskule war ein ältlicher Herr unter Mittelgröße mit fast weißem Haar und klugen, lebhaften Augen. Er hatte in seinem ganzen Wesen und Gebaren etwas Vornehmes, das sich bis auf die wohlgepflegten weißen Hände und die gewählte Kleidung erstreckte. Wenn er sprach, so bewegten sich schon vor dem ersten Worte die schmalen Lippen mit einem fast lächelnden Ausdruck, als wenn er den Gedanken erst mit der Zunge kostete wie einen guten Bissen oder einen edlen Tropfen. Sein Sohn Balduin war von geschmeidigem Wuchs, aber nicht so stark gebaut wie Gilbrecht, obwohl ein Jahr älter als dieser. Er hatte braunes Haar und sprühende Augen; sein feingeschnittenes Gesicht und seine raschen Bewegungen machten den Eindruck des Leichtlebigen, ja Leidenschaftlichen. Als die drei mitten im Plaudern waren, öffnete sich eine Seitentür, und herein lugte ein braunlockiger Mädchenkopf mit den Worten: »Ich höre eine Stimme, die ich kennen sollte, und doch – Gilbrecht! Gilbrecht Henneberg, bist du es wirklich?« Rot vor Freude sprang er ihr entgegen, reichte ihr die Hand, in die sie herzlich einschlug, und sprach: »Hil – Hildegund! Ja, ich bin es, o wie freu' ich mich! Wie freu' ich mich!« Er stockte, und auch sie geriet ein wenig in Verlegenheit, überrascht von der kraftvollen Männlichkeit des Jugendfreundes, der sie weder mit der Hand noch mit den Augen losließ. Aber die Viskulentochter war auch des Ansehens wert, und Ilsabe hatte recht: das kleine Mädchen, das Gilbrecht manchmal gegen den eigenen Bruder beschützen mußte, war sehr hübsch geworden mit seinen neunzehn Jahren. Hildegund war ebenso groß wie Ilsabe und ihrem Bruder Balduin sehr ähnlich; auch in ihren Adern rollte das rasche Viskulenblut. Gilbrecht nahm den durch Hildegunds Eintritt unterbrochenen Bericht von seiner Wanderschaft wieder auf und hatte an der Hinzugekommenen eine aufmerksame und dankbare Hörerin. Als er aber von seinem Aufenthalt am Rhein und von seiner Küferarbeit in den großen Weingeschäften erzählte, sagte Herr Viskule freundlich: »Ei, Gilbrecht, da könntest du uns ja mal ein Probestückchen deiner Küferkunst ablegen. Ich habe mir ein Fäßchen Malvasier vom Stahlhof aus London kommen lassen, wohin man ihn von Venedig zu Schiffe bringt; willst du mir das abziehen? Und wollt ihr ihm dabei helfen?« fügte er, sich an seine Kinder wendend, hinzu. »Ja, ja! Versteht sich!« riefen freudig alle drei, »und Ilsabe hilft auch mit.« »Gut«, sagte der Ratsherr, »aber es muß noch ein oder zwei Wochen liegen, um sich vollends zu klären. Du magst dann selber bestimmen, wenn es Zeit ist. Nun schwatzt euch nur aus, ich habe noch Briefe zu besorgen. Gilbrecht, auf Wiedersehen! Auf recht häufiges Wiedersehen!« Damit ging er. Die Jugendgespielen riefen sich nun eine Menge kleiner Erlebnisse und Auftritte früherer Zeiten ins Gedächtnis zurück. Wie ihre Väter schon von klein auf innig befreundet waren, so wurden es auch die vier Kinder, die sich in den Jahren am nächsten standen. Sie empfingen von denselben Lehrern in der Klosterschule der Prämonstratenser denselben Unterricht, und Gilbrecht und Ilsabe brachten ihre freie Zeit mehr auf dem nahen Viskulenhof als im Elternhause zu. Dort tummelten sie sich auf den Höfen und in den großen Warenhäusern umher und machten dem alten Lagermeister viel zu schaffen, wenn sie aus Fässern, Ballen und Säcken sich Stuben oder Festungen bauten, die jener dann wieder einzureißen und beiseite zu schaffen hatte. Der gutmütige Alte drohte und schalt dann wohl und tat wunder wie grimmig, hatte aber doch seine stille Freude an den vier hübschen Kobolden, die in seinem Gehege herumspukten und das Unterste zuoberst kehrten. Die Mutter hatten die Viskulenkinder leider schon früh verloren; auf Base Barbara, die nun an ihrer Statt im Hause des Witwers schaltete, hörten sie nicht, und der Vater hatte zu wenig Zeit, sich um sie zu kümmern, gönnte ihnen auch ihre Lust. Als sie heranwuchsen, die beiden Jungen in die väterliche Lehre kamen und die Mädchen jungfräulich sittsam und gesetzter wurden, hörten zwar die übermütigen Streiche und das arglos tolle Kopfüber-Kopfunter allmählich auf, aber in der Freundschaft blieb sich das vierblättrige Kleeblatt treu und hielt nach wie vor zusammen, bis nach überstandener Lehrzeit erst Gilbrecht und bald darauf auch Balduin in die Welt hinauszogen. Balduin war erst zwei Jahre am Stahlhof in London und dann fast ebensolange in einer großen Faktorei zu Brügge gewesen, von wo er als ein in kaufmännischen Dingen Wohlbewanderter zurückgekommen war. Da hatte er Hildegund und Ilsabe zu voller Jugendblüte entfaltet vorgefunden und hatte sich ihnen als ihr Ritter und Freund gleich wieder angeschlossen, als wenn sich das ganz von selbst verstünde. Auch die beiden schönen Mädchen faßten es so auf, und seitdem verkehrten sie nun wieder zu dreien vertraut und unbefangen wie Geschwister. Daß sie aber alle vier auf den großen Standesunterschied zwischen einem Ratsherrn, der zugleich der bedeutendste Kauf- und Handelsherr der Stadt war, und einem Böttchermeister, wenn er auch seiner Gilde als Amtsmeister vorstand, keine Rücksicht nahmen, ihn bis zu ihrer Trennung vielleicht noch nicht einmal begriffen hatten, bewirkte das Beispiel ihrer Väter, denn diese verkehrten als alte Jugendfreunde durchaus auf gleichem Fuße miteinander. Kein Handwerksmeister genoß ein so allgemeines Vertrauen in der ganzen Bürgerschaft wie Meister Gotthard Henneberg, und wenn er sich einmal, was selten geschah, in der Trinkstube der Sülfmeister blicken ließ, so deuchte er sich keineswegs geringer als der reichste unter ihnen; im Gegenteil, er blickte mit einem Anflug von Mißachtung auf diejenigen, die früher auch Handwerksmeister gewesen und, weil sie Sülfmeister geworden waren, ihr Handwerk aufgegeben hatten. Das hatte er nicht getan; seinem Fleiß und seiner Tüchtigkeit verdankte er seine Stellung, darum wollte er auch sein Böttcherschurzfell nicht ablegen, denn er liebte sein Handwerk. Der Ratsherr ließ dem Handwerkerstolz seines Freundes Gerechtigkeit widerfahren, hielt große Stücke auf ihn und hatte vor seiner unantastbaren Rechtschaffenheit und seinem klaren Verstande eine so hohe Achtung, daß er den Meister in manchen wichtigen Dingen um seine Meinung fragte, sich bei ihm nach der Stimmung und den Wünschen der Bürgerschaft erkundigte und seine Winke oft im Rate benutzte, von dem Herr Viskule eines der angesehensten Mitglieder war. Zudem war er auch Morgensprachsherr bei der Böttchergilde, und so hatten diese beiden erfahrenen und ehrenwerten Männer Berührungspunkte genug, um sich gegenseitig ihre Freundschaft dauernd zu bewahren. Als Gilbrecht den Viskulenhof betrat und hier das großartige Geschäftstreiben erblickte, konnte er sich doch der Frage nicht erwehren, ob er wohl noch hierher gehöre; denn er sah dieses reiche Kaufmannswesen heute mit ganz anderen Augen an als damals, da ihm diese Räume nur Spielplätze, diese aufgestapelten Güter nur Hindernisse oder willkommene Anstalten und Gelegenheiten zu Kletterübungen, Verstecken und fröhlichen Kämpfen gewesen waren. In ebensolchen Handelshäusern, wenn auch anderer Art, hatte er am Rhein als Knecht gedient, und was war er denn jetzt mehr als ein Böttcherknecht, der zwar sein Handwerk verstand, sich aber sein Brot mühsam mit seiner Hände Arbeit verdienen mußte. So schlug ihm denn das Herz etwas zweifelnd und bänglich, als er die mächtige Steintreppe zu den Schreibstuben aufstieg. Es kam ihm in Erinnerung, wie herrisch und hochfahrend sein Freund Balduin gegen Untergebene und auch gegen Gleichstehende manchmal sein konnte. Wie würde ihn der stolze, weitgereiste Junker nun wohl empfangen, nachdem ein Zeitraum von vier Jahren die alte Vertraulichkeit vielleicht in Vergessenheit gebracht und das inzwischen erwachte Standesbewußtsein das Freundschaftsband vielleicht stark gelockert hatte? Um so größer war nun seine Freude über die Herzlichkeit des Empfanges, der ihm von den Viskules, Vater und Sohn, zuteil wurde. Da war kein Junker und kein Böttcherknecht, da war nur wieder Balduin und Gilbrecht, Gilbrecht und Balduin; der ganze Unterschied lag in den Händen, von denen die eine das Böttcherbeil, die andere die Kaufmannsfeder geführt hatte. Aber Hildegund! Was war denn nach der ersten freudigen Begrüßung zwischen sie und Gilbrecht getreten, daß sie jetzt fast scheu und schüchtern gegeneinander waren und den harmlos heiteren Ton, mit dem sie sich früher begegneten, nicht recht wiederfinden konnten? Es war nicht die Sprödigkeit eines sorgsam erzogenen Geschlechterfräuleins, nicht die bescheidene Zurückhaltung eines sich unterordnenden Handwerksgesellen, und noch weniger war es die Erkaltung freundschaftlicher Gefühle, die an der Ausdehnung von Zeit und Raum zugrunde gegangen waren. Denn das Herz klopfte beiden, und wenn sie sich ansahen und zueinander sprachen, ward es ihnen heiß in den Wangen. Sie hatten sich immer liebgehabt; Gilbrecht hatte stets Hildegunds leiseste Wünsche zu erraten und dann mit einem Eifer und einer Aufopferung zu erfüllen gesucht, die von ihr nicht unbemerkt bleiben konnte, und die sie ihm mit stummen Blicken dankte, mit fügsamer, unwandelbarer Anhänglichkeit schmeichelnd erwiderte. Wenn er gegen sie kämpfen mußte, wie vorsichtig und schonend gebrauchte er dann die weit überlegene Kraft, um ihr nicht weh zu tun. Aber wie gern auch ließ sie sich von ihm besiegen und entwaffnen, während sie gegen Balduin und Ilsabe sich bis aufs äußerste verteidigte. War es nur ein Streit mit Worten, so hatte für Gilbrecht stets Hildegund recht, und Gilbrechts Meinung war stets auch ihre Meinung. Nun sahen sie sich wieder, gedachten jener seligen Zeit und bedauerten vielleicht heimlich, nicht mehr Brust an Brust miteinander ringen zu können; dabei weh tun würden sie sich auch jetzt nicht. Sie saßen sich gegenüber, die Spitze seines Fußes berührte nicht den Saum ihres Gewandes; aber mit all seinen Gedanken hielt er sie umschlungen. Paßten denn diese zwei zu einem Paar zusammen? Vor der Welt waren sie sehr ungleich, aber vor dem ersten Sonnenblick der Liebe sank die Scheidewand zwischen ihnen wie ein Nebel, der am warmen Frühlingsmorgen zerrinnt und in Millionen blinkender, funkelnder Tropfen an Blumen und Gräsern zu des Wanderers Füßen liegt. Gilbrecht war in diesem Sonnenglanze wie ein junger Ritter anzuschauen, der mit überschwellenden Gefühlen zu jeder höchsten Siegestat bereit ist, und Hildegund war von einer stillen Seligkeit erfüllt und der ungestandenen Sehnsucht nach einem Glück, von dem sie noch nicht ahnte, daß sie davon ebensoviel zu geben als zu empfangen hatte. So erglühten sie beide in Freuden, die sie kaum verbergen konnten, und wenn sie nicht in hellen Jubel ausbrachen, so war es, weil den schwingenden, klingenden Saiten noch jener wohltuende Dämpfer aufgesetzt war, der junge Liebe in Schüchternheit und Bangigkeit niederhält, daß sie im Verborgenen wachse und sich erst Kraft und Sicherheit aus sich selber hole. Da bleibt denn vorläufig nichts übrig, als hoffen und schweigen. Und das taten Gilbrecht und Hildegund, denn keiner wußte und keiner glaubte, daß der andere ihn wiederliebte, daß der erste Blick des Wiedersehens in beiden Herzen zugleich gezündet hatte. Balduin merkte nichts von dem, was eine unsichtbare Macht hier rechts und links neben ihm spann und wob. Er plauderte so lebhaft und unaufhörlich, daß die anderen beiden gar nicht zu Worte kommen und höchstens auf sein oft wiederholtes: Wißt ihr noch, wie wir einmal und so weiter ein kurzes Ja in die einseitig geführte Unterhaltung einstreuen konnten. Dann schlug er den Freund auf die Schulter und sagte in seiner raschen Art: »Aber nun bleibst du doch hier, Gilbrecht, nicht wahr? Nun kann es wieder losgehen, hast uns schon lange gefehlt. Bist zwar noch größer und stärker geworden, und nun nimmt es keiner mehr mit dir auf, höchstens Hildegund, wenn sie sich noch an dich heranwagt und du dich wieder von ihr bezwingen läßt wie ehemals.« Hildegund errötete, aber durch des Bruders lustiges Wesen mehr und mehr aus ihren träumenden Gedanken und dem Verlorensein in Gilbrechts Anblick zur Munterkeit erweckt und zur Teilnahme am Gespräch aufgefordert, sagte sie heiter: »Die Kräfte zu messen, wollen wir nun euch beiden allein überlassen, aber auch dir rate ich nicht, mit Gilbrecht anzubinden.« »Werde mich hüten!« lachte Balduin. »Du hast nun wohl hier ein fleißig Schaffen und Wirken für dich gefunden?« wandte sich Gilbrecht zu dem Freunde. »Ich muß noch eine Weile den Lediggänger spielen, um meines Vaters zweiten Knecht nicht zu verdrängen. Da hab' ich nun sehr viel freie Zeit und –« Er blickte auf Hildegund, und die fragte: »Würdest du Arbeit nehmen, die ich dir gebe?« »Jede, wenn sie nur rechte Mühe macht, und am liebsten, wenn ich sie unter deinen Augen verrichten könnte.« »O wir helfen dabei, Ilsabe und ich«, erwiderte sie. »Aber ich muß es dir allein sagen, Balduin darf es nicht wissen, der kann nicht schweigen.« »Was?« rief Balduin. »Ein Geheimnis vor mir? Sieh dich vor, Gilbrecht! Sie führen nichts Gutes im Schilde.« »Balduin, da in die Ecke! Gesicht gegen die Wand! So! Und nun die Ohren zugehalten!« befahl Hildegund. »Was wohl der Mummenscherz bedeuten soll!« brummte Balduin, gehorchte aber, hielt auch beide Hände an die Ohren, jedoch nicht platt schließend darauf, sondern hohl davor wie große, nach hinten offene Muscheln, damit er desto besser nach rückwärts lauschen konnte. Aber es half ihm nichts, er verstand nichts von dem, was Hildegund mit Gilbrecht in der anderen Ecke des Zimmers flüsterte. »Der Sturm hat in unserem Garten vor dem Bardowicker Tor die Laube umgerissen, in der der Vater immer so gern saß«, sprach Hildegund leise. »Nun laß' ich heimlich eine neue zimmern, und bis sie grün berankt ist, will ich sie wie ein Zelt mit Leinen überspannen, damit sie Schatten gibt. Ilsabe hilft mir, aber wir Mädchen können nicht allein in den Garten gehen und das Zeug abmessen und anpassen. Willst du uns beistehen? Du kletterst ja gut.« »Jawohl!« sagte Gilbrecht. »Alles, was du willst.« »Seid ihr noch nicht fertig?« rief Balduin ungeduldig und sah sich um. »Nein!« sagte Hildegund laut. »Dreh dich um!« und dann leise: »Ich will den Vater damit überraschen, der in dieser Zeit nicht in den Garten kommt.« »Aber Balduin?« fragte Gilbrecht. »Der kann nicht hinein«, kicherte sie, »ich habe den Schlüssel an mich genommen.« »Recht! Das war klug.« »Ilsabe wird dir Bescheid sagen, wann wir einmal hingehen.« »Je eher, je lieber!« Sie hatte beim Sprechen die Hand auf seinen Arm gelegt, wie um sich zu stützen, indem sie sich emporreckte, während er den Kopf ein wenig niederbeugte. Er fühlte ihren Atem, ihr Haar streifte das seine; sie spürten es beide; es war nur eine ganz leise Berührung, aber es durchbebte sie wie knisternde Funken vom Scheitel bis zur Sohle, und keiner zog den Kopf zurück aus der willkommenen Nähe. Wenn sie sich bewegten, so stieß Locke sanft an Locke, Braun an Blond, zur stillen Lust des Blonden und der Braunen. »Jetzt hab' ich's satt!« rief Balduin und sprang herum. »Wir sind auch fertig«, lachte Hildegund. Nun hatten sie schon ein Geheimnis miteinander, ein ganz unschuldiges, aber doch ein Geheimnis. Gilbrecht brach auf, weil er vor Tisch noch zum Altschaffer der Böttcherknechte wollte, um sich bei diesem zum Eintritt in die Brüderschaft zu melden. Die Geschwister geleiteten ihn hinaus, und als sie mit ihm auf den Vorraum kamen, trat dort aus einem anderen Zimmer Base Barbara mit einem geistlichen Herrn, dem Propst vom Kloster Lüne, Herrn Dietrich Schupper. Barbara von Erpensen, ein schon betagtes Fräulein und eine Verwandte des Herrn Viskule, begrüßte Gilbrecht ziemlich kühl und herablassend, und als Hildegund wie zu seiner Entschädigung nun erst recht freundlich und vertraulich gegen ihn war, beobachtete sie diese beiden mit altjüngferlichem Spürsinn und suchte mit gespreizter Vornehmtuerei dem jungen Manne recht absichtlich seinen großen Abstand von ihr fühlbar zu machen. »Du trittst nun wohl bei deinem Vater als Knecht in Arbeit«, sagte sie hochmütig, »nun, das ist ja recht schön, da werden wir dich wohl selten sehen; halte dich nur recht fleißig und ehrlich.« Balduin lachte hell auf und sagte: »Bedanke dich doch, Gilbrecht, für die vortreffliche Lehre! Base Barbara ist reich an Weisheit und Erfahrung.« Hildegund aber fuhr zornrot heraus: »Unser lieber Freund Gilbrecht bedarf solcher Mahnung nicht, Base! Und der Vater hat ihn eingeladen, sich recht, recht oft bei uns sehen zu lassen.« »So!« sagte das Fräulein spitz. »Und das scheint deinen Wünschen ganz besonders zu entsprechen.« »Allerdings!« sprach Hildegund. »Meinen Wünschen ganz besonders.« »Meinen auch, Base!« rief Balduin. »Meinen auch, wenn du gütig erlaubst.« »Meinetwegen!« sagte Barbara und sah über die Schulter. »Was kümmern mich die Hennebergs!« Der geistliche Herr dagegen zog ganz andere Saiten auf und sagte, als er den Namen hörte: »Henneberg? Gilbrecht Henneberg? Der Sohn des Sülfmeisters? Ei, das freut mich ja ungemein, den Sohn eines so braven und ausgezeichneten Mannes, der in der ganzen Stadt ein so hohes Ansehen genießt, hier kennenzulernen.« Und er reichte Gilbrecht eine kalte, feuchte Hand. »Das klingt schon besser«, spottete Balduin, auf die wütenden Blicke der Base nicht achtend. Der Propst fuhr fort: »Bestelle deinem wackeren Vater – Gott stärke ihn selig und gesund auf lange Zeiten! – meinen dienstwilligen, ganz freundlichen Gruß und sage ihm, daß er sehr hoch in meinem Herzen angeschrieben stünde.« »Als ob der Sülfmeister danach was früge!« knurrte Balduin leise zu seiner Schwester, die ein Lachen verbiß. Gilbrecht dankte kurz und ernst, denn die tiefliegenden, lauernden Augen in des Propstes gelbem Gesicht mit dem süßlichen Grinsen waren ihm unheimlich. Als er sich zum Gehen wandte, trat Herr Viskule ein, grüßte den Propst kalt und höflich und sagte zu Gilbrecht: »Willst du denn fort, Gilbrecht? Willst du nicht mit uns essen?« »Nein, Herr Ratsherr, ich danke!« sprach dieser. »Die Mutter erwartet mich.« »Er ist ja erst gestern abend angekommen!« sprach Hildegund. »Freilich, da gehen die Eltern vor«, sagte Herr Viskule, »aber daß du mir bald wiederkommst, lieber Junge!« fuhr er fort und klopfte Gilbrecht freundlich auf die Wange, »mir geht das Herz auf, wenn ich dir in deine blauen Augen sehe; ganz der Alte, ganz der Alte, wie er so jung war wie du. Grüß ihn, Gilbrecht, und dann – der Malvasier! Denk an den Malvasier!« »Ja, Herr Ratsherr!« lachte Gilbrecht. »Den vergessen wir nicht; es muß aber gut Wetter sein, wenn wir ihn abziehen.« Barbara knirschte vor Ärger. Hildegund aber sprang zu ihrem Vater, hing sich an seinen Arm und zog den Ratsherrn mit sich in das Zimmer. »Ich bringe dich ein Stück Weges«, sagte Balduin zu Gilbrecht und ging mit ihm die Treppe hinab. Auf der Straße fing er an: »Den Pfaffen und die alte Jungfer hat der Teufel zusammengekuppelt; sie beten zusammen und klatschen zusammen und brauen allerhand Unheil. Dabei quälen sie die arme Hildegund mit Andachtsübungen, und ich weiß wohl, was dahinter steckt. Der Barbara ist's nicht recht geheuer mehr im Hause, wir kehren uns nicht an sie und ärgern sie zuviel, und nun will sie ins Kloster Lüne in der Hoffnung, dort einmal Äbtissin zu werden. Da aber jetzt keine Stelle frei ist, so wartet sie in christlicher Liebe und Geduld auf den Tod einer der alten Klosterkatzen. Ein sauberes Paar, sie und ihr Beichtiger! Trau nur dem Fuchsschwanz von Pfaffen nicht über den Weg! Seine Freundlichkeit gegen dich und seine Wohlmeinenheit über deinen Vater ist die niederträchtigste Heuchelei; er will gewiß etwas von ihm, hofft wahrscheinlich, in dem Streite mit dem Rat ihn auf seine Seite zu locken.« »Da schneidet er sich höllisch ins Fleisch«, lachte Gilbrecht. »Das hoff' ich auch«, sprach Balduin und trennte sich von dem Freunde mit warmem Händedruck. – Pünktlich zur Essenszeit, wie der Vater es liebte, war Gilbrecht wieder zu Hause, und Frau Johanna empfing den Sohn so herzlich nach seinem ersten Gange in die Stadt, freute sich so sehr, ihn nach den paar Stunden Abwesenheit wiederzuhaben, als wäre er ihr zum zweiten Male aus weiter Fremde heimgekehrt. Bei Tisch erzählte er von seinen Besuchen beim Bürgermeister und auf dem Viskulenhof, und als er dem Vater den Gruß des Propstes bestellte, sagte der Meister: »Schade! Hättest ihm antworten können, in meinem Herzen stünde er gar nicht angeschrieben, weder hoch noch niedrig,« Viertes Kapitel Vier Tage schon besaß der erste Bürgermeister, Herr Johann Springintgut, den ihm von Gilbrecht überbrachten Brief als ein drückendes, aber, wie er meinte, wohlbewahrtes Geheimnis, und noch immer war der Briefschreiber selber nicht nach Lüneburg zurückgekehrt. Wenn aber der Bürgermeister wähnte, die Ankunft des Briefes wäre den Bewohnern der Stadt völlig unbekannt geblieben, so irrte er sich. Die Familie Henneberg hatte zwar darüber geschwiegen und tat es auch ferner, aber nicht der eingewanderte Schuhmachergesell Timotheus Schneck. Dieser glaubte, als er die Arbeit in der Werkstatt Daniel Spörkens angefangen hatte, sich bei Meister und Meisterin nicht besser und bedeutender einführen zu können, als mit der großen Nachricht, er und sein Wanderbursch, der Böttcherknecht Gilbrecht Henneberg – Sohn des Sülfmeisters, fügte er nachdrücklich hinzu – hätten einen sehr, sehr wichtigen, versiegelten Brief des Ratsherrn von der Mölen an den ersten Bürgermeister mit nach Lüneburg gebracht. Der Meister legte den Hammer beiseite, der Meisterin fiel die Schere aus der Hand, und beide starrten dem Gesellen voll Verwunderung und fieberhafter Neugier ins Gesicht. Sobald der schlaue Timmo diesen überwältigenden Eindruck seiner Mitteilung merkte, nahm er erst recht den Mund voll und log lustig darauf los, der Ratsherr hätte ihnen beiden zugleich – ihm, Timmo, sowohl wie Gilbrecht – das Schreiben feierlich übergeben und als ein höchst gefährliches Botenstück mit schweren Eiden auf die Seele gebunden. Dabei hätte er sorgenvoll, bleich und düster ausgesehen und dunkle Worte von Krieg und Frieden gesprochen. Sie hätten den Brief aber auch wie einen verzauberten Schatz gehütet, und in Uelzen, wo sie die nächste Nacht zusammen geschlafen, hätten sie sich stündlich abgelöst, während der eine schlief, hätte der andere beim Felleisen Wache gehalten, damit nur der Brief nicht verlorenginge. Der Böttcherknecht, als geborener Lüneburger, hätte es dann auf sich genommen, das ihm anvertraute Schreiben heute morgen dem Herrn Bürgermeister einzuhändigen. Das kam Meister Daniel Spörken wie gepfiffen, und mit der Schusterei war es nun für heute mal wieder vorbei; alles Pech der Welt hätte ihn jetzt nicht auf dem Dreibein festgehalten. Er nahm ein Paar Schuhe und ging ab. Ganz Lüneburg kannte ihn so, wie er mit einem Paar Schuhe unter dem Arm, die ihm niemand bestellt, und die er auch nirgendwo abzuliefern hatte, durch die Gassen lief, bald hüben, bald drüben in ein Haus trat, und die allerneuesten, oft ungeheuerlichsten Geschichten zum besten gab. Weil aber seine Erzählungen später oft als unwahr und fast immer als übertrieben befunden wurden, so glaubte ihm so leicht niemand mehr. Diesmal aber fand er geneigteres Gehör als sonst, weil die Angelegenheit, um die es sich hier zweifellos handelte, alle Gemüter in der Stadt bewegte, weil ferner die Tatsache bei dem unerwartet langen Ausbleiben des zweiten Bürgermeisters viel Wahrscheinliches für sich hatte, und endlich, weil es dabei über den Rat herging, der die Stadt in so böse Händel verwickelte. Die Ratsherren selber fragte man gar nicht, ob das Gerücht von dem Briefe Grund und Boden hätte oder nicht, denn sie durften ja von städtischen Geschäften nicht das geringste verlauten lassen. Trotzdem begegnete die Kunde auch starken Zweifeln in der Bürgerschaft, zumal in diesen Tagen keine Sitzung auf dem Rathause gehalten wurde, was nach dem Eintreffen eines so bedeutungsvollen Briefes doch selbstverständlich hätte geschehen müssen. So verlief sich das Gerücht bald wieder wie so manches andere, das der biedere Meister Daniel in der Löwengrube aufgebracht und umgetragen hatte, und niemand glaubte mehr daran. War das Gerede aber auch nicht bis zu dem ersten Bürgermeister gedrungen, so fühlte sich dieser von dem ihm allein bekannten Inhalte des Schreibens doch von Tag zu Tag mehr beunruhigt, so daß er die schwere Verantwortlichkeit dem Rate gegenüber nicht länger tragen mochte. Er beschloß daher, einige ihm näher befreundete und besonders einflußreiche Ratsherren ins Vertrauen zu ziehen, um ihre Meinung zu hören und dann in der demnächst anzuberaumenden Sitzung an ihnen eine Hilfe und Stütze zu haben. Er wählte dazu die Ratsherren Ludolf Töbing, Marquard Mildehövet, Heinrich Viskule und den zeitigen Sodmeister Herrn Matthias Garlop. Letzterer war ebenfalls Ratsherr, mußte es sein, durfte aber nicht im Eide sitzen, solange er das Sodmeisteramt verwaltete. Der Sodmeister war der erste Beamte oder vielmehr der leitende Oberherr des ganzen Sülzwerkes und hatte eine mühevolle, aber auch sehr hervorragende Stellung. Er wurde jährlich kurz vor Fastnacht neu gewählt, und Herrn Matthias Garlops Amtsdauer war längst abgelaufen; allein unter den gegenwärtigen Verhältnissen hatte sich keiner der Ratsherren zur Übernahme des schwierigen Amtes verstehen wollen, so daß Herr Garlop sich wohl oder übel zur Weiterführung desselben bequemen mußte. Endlich hatte sich der Ratsherr Wigand Kruse dazu bereit finden lassen, war erst vor kurzem gewählt, aber noch nicht vereidigt und eingeführt worden, welche Feierlichkeiten man bis zur Rückkehr des zweiten Bürgermeisters verschoben hatte. Um jedes Aufsehen zu vermeiden, das durch eine Zusammenkunft auf dem Rathause oder bei einem der Berufenen leidet hätte entstehen können, wurden die genannten Herren zu einer vertraulichen Besprechung nach der Küntje eingeladen, dem Verwaltungs- und Beamtenhause der Sülze, draußen am Sülztor. Pünktlich trafen die Herren im Gemache des Sodmeisters ein, und nach gegenseitiger Begrüßung teilte der Bürgermeister Springintgut ihnen mit einem Gesicht, das für Lachen zu ernsthaft und für Verzweifeln zu lustig aussah, die Neuigkeit mit, daß er ein Schreiben von Herrn Albrecht von der Mölen erhalten habe. Er hatte die wenigen Worte mit seiner gewöhnlichen Stimme und gar nicht sehr laut gesprochen, hätte er aber hier im Zimmer ein in des Rates Glocken- und Büchsenhause gegossenes Stück abgefeuert, so hätte es kaum eine größere Überraschung verursacht. Statt jeder Antwort auf die ihn bestürmenden Fragen zog er das Schreiben aus der Tasche seiner kostbaren Pelzhaube, entfaltete es den Hochgespannten viel zu langsam und las es ihnen vor. Es lautete also:   Celle , Montag nach Quasimodogeniti Ao 1454. Edler, ehrenfester, hochachtbarer Herr! Großgünstiger, lieber Freund und Collega! Maßen sich mir heute eine unverhofft verfallende Gelegenheit bietet, wollte ich doch Eurer hochehrbaren Weisheit hiermit eine Botschaft senden, die – Gott sei's geklagt! – Euch mit E. E. E. Rat zu geringem Troste gereichen wird. Wir sind vom Kaiserlichen Hofkammergericht mit allem Ernste verwiesen und angehalten worden, daß es bei der mit dem hochwürdigsten Bischof von Verden geschlossenen Concordie sein unabänderliches Bewenden haben soll, wie und welchergestalt wir also schuldig und verbunden sein sollen, an einem Vierteil der Salzeinkünfte unser bescheidenes Genügen zu finden und das andere Viertel, so wir in den letztvergangenen Jahren den Sülzbegüterten nach E. E. E. Rates Vollbord und Beschluß eingezogen haben, denselbigen ohne alle Ausflucht und Verweigerung ungesäumt und willig aus gemeiner Stadt Säckel wieder herauszugeben. Widrigenfalls soll ohne einige Gnade des Reiches Acht über unsere gute Stadt verhängt werden. Aber lieber, großgünstigster Freund und Collega, das ist noch nicht alles. Unsere Feinde haben eine Gesandtschaft nach Rom an den Papst abgerichtet und haben von dem heiligen Vater eine Bulle erwirkt – ich hätte fast ein anderes Wort gebraucht, aber das bleibe in der Feder – wonach wir sogar mit dem Anerbieten der Prälaten de anno 1450 notgedrungen uns beholfen sein lassen oder aber als Räuber an Kirchengut angesehen, aller Ehren und Würden verlustig, des Geleites unwürdig erklärt und in den großen Bann getan werden sollen. So stehet denn unsere Sache gar übel, wofern uns nicht Gott der Allmächtige aus unserer großen Bedrängnis gnädiglich hilft und errettet. Ich warte hier in Celle auf die Rückkunft des Herzogs, die jeden Tag zu erwarten steht. Alsobald ich mit Herrn Friedrich mich beredet, kehre ich ungesäumt nach Lüneburg zurück und verhoffe, Eure hochachtbare Weisheit und die anderen edlen und ehrenfesten Herren bei guter Gesundheit anzutreffen. Wollte Gott, ich könnte Euch mit einer besseren Botschaft unter die Augen treten, der ich bin, großgünstiger, lieber Freund und Collega, Euer allezeit dienstwilliger und getreuer Albrecht von der Mölen. Die vier zuhörenden Herren hatten das Verlesen des Briefes mit manchem Kopfschütteln und manchem zornigen Ausruf begleitet. Der Bürgermeister und Töbing erhoben sich, schritten in raschem Gange über Kreuz von einer Ecke des Zimmers zur anderen und machten dabei ihrem Unwillen in den heftigsten Ausdrücken Luft. Schalt der eine auf das Reichskammergericht, so schonte der andere ebensowenig den Abgesandten des Rates, aber Kaiser und Papst kamen bei beiden am schlechtesten weg. Dann setzte sich Töbing wieder zu den schweigenden drei anderen Herren, schlug mit der flachen Hand kräftig auf den Tisch, als ob er damit alle Furcht und Sorge niederschlage und rief: »Blut und Blau! Kopf hoch und Faust am Griff! Was schiert uns Kaiser und Papst! Wir haben das Regiment, und wer's uns nehmen will, der soll selber kommen!« Der Bürgermeister blieb vor ihm stehen und sagte: »Töbing, du hast mir aus der Seele gesprochen, so soll es sein und wenn's an Kopf und Kragen geht!« »Wäre auch gar nicht unmöglich«, rief Marquard Mildehövet halblaut dazwischen. »Aber«, fuhr der Bürgermeister fort, »ein kurzweilig Spiel ist's nicht. Bedenke, daß wir's mit Pfaffen zu tun haben und mit Pfaffen, denen wir an Herz und Nieren, das heißt an den Beutel gehen. Es sind nahezu an sechzig Prälaten, Klöster und Domkapitel über ganz Niedersachsen zerstreut, die sich gegen uns verschworen haben.« »Hinhalten ist mein Rat«, sagte der Sodmeister Matthias Garlop, »scheinbar nachgeben, in Wirklichkeit fest darauf sitzenbleiben, die Verhandlungen in die Länge ziehen.« »Nun ich sollte fast meinen, lang genug wäre die Sache schon hingezogen«, sprach Mildehövet. »Und unsere Schulden?« fragte der Bürgermeister. »Da bleiben wir auch darauf sitzen. Und unsere Gläubiger?« »Hinhalten!« lachte Töbing und reckte seine mächtigen Glieder, daß der Stuhl knackte. »Wie hoch beläuft sich's denn?« fragte Garlop, weil er schon über ein Jahr aus dem sitzenden Rate und daher nicht so eingeweiht war. »Auf eine halbe Million lübische Mark ungefähr«, sprach der Bürgermeister. »Fünfhundertneunundzwanzigtausenddreihundertsechs Mark, zehn Schilling, zwei Pfennig«, ergänzte ruhig und sicher Viskule. »Und die Kleinigkeit an Zinsen für diese Schuld«, fügte Mildehövet hinzu, »acht vom Hundert, aber nur von drei Jahren.« Auf diese erschreckenden Zahlen schwiegen sie wieder eine Weile, bis der Bürgermeister anhub: »Vor der Reichsacht fürchte ich mich nicht sonderlich, solange uns die Hansa nicht im Stiche läßt.« »Das verhüte Gott!« fuhr Viskule heraus, der in Lübeck und Hamburg starke Anteile an Seeschiffen besaß. »Das zu verhüten ist Eure Sorge, Herr Viskule«, sprach der Bürgermeister, »Ihr habt ja Freunde in Lübeck und kennt die gebietenden Herren der Hansa besser als ich. Über die Acht läßt Kaiser Friedrich wohl noch mit sich reden, aber schlimmer, viel schlimmer ist –« »Der Bann!« fielen Garlop und Mildehövet gleichzeitig ein. »Ja, der Bann!« sagte der Bürgermeister sehr ernst und bestimmt. »Etwa für dich?« spottete Töbing. »Nein, nicht für mich, so wenig wie für dich und uns alle hier«, sprach Springintgut, »aber für den gemeinen Bürger der Stadt, für die Handwerker, denen die Weiber dann keine Ruhe lassen, bis sie den Bann wieder abgeschüttelt haben, und das können sie nur, wenn –« »Nun, wenn?« »Wenn sie uns abschütteln!« »Ihr habt recht, Herr Bürgermeister«, sagte Garlop, »hier ist die größte Gefahr. Wir müssen uns der Ämter und Gilden versichern; haben wir die, so sind wir geborgen.« »Ämter und Gilden! Also die Schurzfelle, die Schneiderscheren und Schustermesser, vor denen fürchtet ihr euch!« höhnte Töbing. »Wenn wir sie auch nicht fürchten«, sprach der Bürgermeister, »so können wir sie doch diesmal nicht entbehren; es fragt sich nur, ob wir sie einschüchtern oder fangen, ihnen schmeicheln oder drohen.« »Drohen mit Galgen und Rad, wenn sie sich mucksen!« rief Töbing. »Für meine Schneider steh' ich ein.« Er war nämlich Morgensprachsherr beim Schneideramt. »Versprecht nicht zuviel, Herr Töbing!« warnte Mildehövet, während seine rundliche Gestalt sich bequem in den Sessel zurücklehnte. »Neun Schneider machen auch einen Mann. So gut wie Ihr für Eure tapferen Schneider glaubt einstehen zu können, so gut kann ich es auch für meine unruhigen Schuhmacher, ein so vermessentliches Haupt der ganzen Schustergilde mein querköpfiger Amtsmeister Jochen Hesterwegen auch ist. Viskule, was meinst du?« »Freunde der Prälaten sind die Handwerksmeister nicht«, nahm Viskule das Wort. »Etwa des Rates?« fragte Töbing. »Aber«, fuhr er fort, ohne diesen Einwurf zu beachten, »wenn sie unsere Gegner würden, so stünde es nicht gut mit unserem Regiment, denn nicht wir, die Kaufleute und Geschlechter, sondern die Handwerker sind der gesunde Kern, der feste Grund und Boden des gemeinen Wesens. In den Handwerksgilden ruht die Kraft und die Freiheit unserer Stadt.« Die anderen hörten ihm erstaunt und betroffen zu, und Mildehövet sagte: »Wenn du sie zählst, Viskule, so magst du recht haben; mit der Kraft ihrer Arme sind sie uns über, aber die Gewalt haben doch wir.« »Wunderbar genug, daß wir sie haben«, sprach Viskule unbeirrt weiter, »und daß sie sich's gefallen lassen! Sie tun es aus Gewohnheit und aus ehrfürchtiger Achtung vor dem alten Herkommen, an dem in allen Dingen festzuhalten ihr Recht, ihr Glück und ganzes Leben ausmacht.« »Das kommt ihnen auch zu«, sagte Mildehövet. »Und doch«, sprach Viskule, »haben es in anderen Städten die Ämter schon öfter versucht, sich in den Rat zu drängen und Anteil am Regiment zu fordern. Und Hand aufs Herz, ihr Herren! Könnt ihr's ihnen denn so ganz und gar verdenken? Wenn sie es jetzt auch in Lüneburg versuchen wollten, die Gelegenheit wäre nicht schlecht dazu.« »Hören wir denn hier einen hochedlen, wohlweisen Ratsherrn aus altem lüneburgischen Geschlecht oder einen Böttchermeister aus der Roten-Hahn-Straße sprechen?« fragte hochfahrend Matthias Garlop. »Einen Ratsherrn, Herr Sodmeister«, entgegnete Viskule scharf, »der die Handwerksmeister kennt und darum glaubt, daß wir am besten tun, wenn wir ihnen unsere Lage mit füglichen Worten klarmachen und ihnen in freundlicher und gütlicher Meinung ernstlich zu Wege sagen, daß sie sich wohl vorsehen und nichts beschließen, was gegen Notdurft, Nutz und Wohlfahrt dieser Stadt wäre. Auf meinen Freund, den Meister Gotthard Henneberg in der Roten-Hahn-Straße, kann ich mich verlassen, wenn ich nach rechter Maße mit ihm rede, so wird er ein gebührliches Einsehen haben und unbilliger Gewalt mit Vernunft begegnen. Den einen Mann sehen die meisten Handwerker hier, auch die von anderen Gilden, als ihren Führer an, ihm folgen sie alle –« »Wie eine Herde Schafe dem Leithammel«, lachte Töbing, »jawohl! Gegen den Rat, aber nicht für uns. Oh, diese Wetterhähne! Diese Stubenhelden!« »An den Sülfmeister habe ich auch schon gedacht«, sprach der Bürgermeister. »Sehet zu, Herr Viskule, was Ihr bei ihm ausrichtet. Eure Meinung ist gut; die Morgensprachsherren müssen in ihren Gilden ein fleißiges Aufsehen haben und bei gelegener Zeit aller Unordnung und allem Mißdünken klug und vorsichtig begegnen.« »Wir müssen sie gewinnen«, sprach Mildehövet; »es sind noch manche Punkte in ihren Rollen, nach deren Änderung sie schon lange trachten; da ließe sich aus besonderer günstiger Gnade vielleicht noch dieses und jenes versprechen –« »Was natürlich nachher nicht gehalten würde«, unterbrach Töbing. »Was wir ihnen dann auch halten würden, Herr Töbing!« entgegnete in zurechtweisendem Ton Mildehövet, und sein freundliches, vollblütiges Gesicht verdüsterte sich und wurde noch röter. »Bei den großen Ämtern ist das freilich schwierig, die Brauer, die Bäcker, die Knochenhauer sind trotzige Gesellen.« »Und Herr Dietrich Dassel steht mit seinen Brauern keineswegs auf gutem Fuße«, meinte Viskule. »Ist seine Schuld«, murrte Töbing, »weiß nicht gehörig mit ihnen umzuspringen.« »Ist wohl nicht so geduldig, nicht so sanft wie du?« lachte Springintgut. »Ihr Herren«, sprach Matthias Garlop, »ich weiß ein Mittel, das seine Wirkung nicht verfehlen wird. Bestechen lassen sich die Handwerksmeister nicht und mit Gewalt einschüchtern auch nicht, aber sie lassen sich ködern und kirren, wenn wir ihnen zu verdienen geben von Rats wegen. Laßt von den Maurern und Zimmerleuten noch ein paar Türme oder Wieghäuser bauen, laßt wenigstens die Pläne und Risse dazu machen; bestellt bei den Goldschmieden ein paar Trinkgeschirre für des Rates Silberzeug; die Bänke in der Gerichtslaube und in der großen Audienz könnten vielleicht neue Lederkissen brauchen; für die Schmiede, Schnitzer, Maler und Glaser findet sich auch wohl Beschäftigung im Rathause, und wegen der Harnischmacher werdet ihr auch nicht in Verlegenheit sein mit Werk und Arbeit für allerhand kriegerische Notdurft. Auch im eigenen Hause muß jeder von uns nachsehen, was er sich wohl machen lassen könnte der guten Sache wegen.« »Nicht übel, gar nicht übel!« meinte Töbing. »Jeder Morgensprachsherr«, fuhr Garlop fort, »muß außer dem Amtsmeister nicht etwa die geschicktesten Meister, sondern die gefährlichsten, die größten Schreihälse in seiner Gilde, die heftigsten Gegner des Rates auskundschaften, und denen müssen wir die Arbeit geben.« »Und bezahlen!« sagte Viskule. »Und das Geld dazu?« »Findet sich«, sprach der Bürgermeister. »Eilt auch nicht«, sagte Töbing. »Nur vergeßt ihr dabei«, sprach Mildehövet, »daß ihr damit in jeder Gilde ein paar Meister kirrt und die anderen dafür desto grimmiger auf den Rat macht.« »Und ihr vergeßt dabei noch etwas ganz anderes«, erwiderte Garlop, »etwas, das zehnmal stärker wurmt und bohrt als das bißchen Groll auf den Rat. Ihr vergeßt den hündischen, bissigen, giftigen Brotneid, der lügt und verleumdet, der Ehre und Schamgefühl im Menschen erstickt und überwuchert wie Unkraut die Blumen im Garten. Ich kenne kaum etwas Elenderes, Erbärmlicheres und Nichtsnutzigeres, aber das Messer sitzt uns an der Kehle; im Guten kommen wir nicht weit mit den Kumpanen, versuchen wir einmal, ob sie so viel Ehre im Leib haben, sich vor dem Neid zu retten. Ich glaub's nicht.« »Aber wo soll denn das hinaus?« fragte Mildehövet. »Ich merk's, ich merk's!« rief Töbing. »Sehr«, sprach Garlop mit einem listigen Blick und einem häßlichen Lächeln, »wenn wir vorerst einmal drei oder vier Meistern in jeder Gilde Arbeit, reiche, lohnende Arbeit geben, so werden die anderen einen solchen Brotneid auf sie werfen, werden sie so lange anfeinden und schimpfieren, bis der helle, lichterlohe Streit ausbricht und sie sich darüber in den Haaren liegen. Ist aber in den Ämtern nicht mehr Eintracht und Friede, sind sie erst uneins unter sich, so haben wir leichtes Spiel mit ihnen. Hab' ich recht oder hab' ich unrecht?« »Recht, recht habt Ihr, Matthias Garlop!« riefen Springintgut und Töbing. Mildehövet sagte: »Mir will das nicht gefallen; es ist kein ehrliches Mittel.« Viskule schüttelte bekümmert sein graues Haupt. »Und den tollsten Schreiern, den schofelsten Neidern sagt man dann im Vertrauen, jedem einzelnen heimlich: ›Schweig fein still, stelle dich gut zum Rat, gib deine Stimme für den Rat, so bekommst du auch noch zu tun, wir haben noch Arbeit für unsere Freunde – hörst du? Für unsere Freunde!‹ Das werden sie wohl verstehen, werden sich ducken, und dann, dann haben wir sie im Sack.« »Dazu biete ich meine Hand nicht«, sprach Viskule, »und ich warne euch, liebe Herren! Ihr geht da einen gefährlichen Weg. Wenn die Ämter dahinterkommen, wie wir mit ihnen gespielt haben, so stellen sie sich Augenblicks auf die Seite unserer Gegner.« Aber die anderen schlugen seine Warnung in den Wind, und der Bürgermeister sprach: »Herr Matthias Garlop, Euer Vorschlag ist gut und wohlbedacht, und also soll's geschehen. Ich will mich des Tages freuen, an dem Euch zum ersten Male die Glocke wieder zu Rate ruft, großgünstiger Freund! Und ich hoffe, er ist nicht fern, wir wollen bald Kopefahrt halten, dann seid Ihr Eures Sodmeisteramtes quitt und wieder der Unsrige. Im übrigen bleiben wir bei dem, was wir gefordert und genommen haben, die Hälfte der Sülzeinkünfte trotz Kaiser und Papst. Ich hab's gesagt, und solange ich zu Rathause auf meinem Stuhle sitze, halt' ich's fest, mag's mich gereuen oder nicht!« Die Herren besprachen sich nun, wie man die Sache wohl am besten in der nächsten Sitzung durchbrächte und der Bürgerschaft die Wahrheit verheimlichte. Jeder einzelne von ihnen fühlte den vollen Ernst der Lage mehr, als er eingestehen mochte, und jeder ließ sich gern vom anderen durch mutige Reden und kluge Vorschläge trösten und über die Größe und Nähe der Gefahr hinwegtäuschen. Freilich, ein kaiserliches Reichsheer vor den Toren Lüneburgs erscheinen zu sehen, brauchten sie nicht zu fürchten, und ihr Landesherr, Herzog Friedrich der Fromme, konnte ihnen auch nicht viel anhaben. Auch der angedrohte Bann drückte die eigenen Gewissen der Ratsherren nicht schwer, aber wenn als die nächste Folge die Geistlichkeit ihre Verrichtungen in der Stadt gänzlich einstellte, so würde den Bürgern der Hausfriede von Stund an gründlich gestört werden, und es gab dann kein anderes Mittel, die bedrängten und erregten Gemüter zu beruhigen, als Wiederlossprechung vom Banne, der ihnen nach dem Schreiben des zweiten Bürgermeisters so gut wie sicher war. Darin lag aber eben das Verzweifelte der nächsten Zukunft, daß entweder jetzt die Abwendung des Bannes oder nachher seine Aufhebung nur für den einen Preis zu haben war: Unterwerfung des Rates und Zurücknahme seiner Forderung an die Sülzbegüterten. Wie sollten sie sich da herauswinden? Und nun die Hansa. Diese würde zwar niemals zur Unterstützung der Prälaten Maßregeln gegen die Bundesstadt ergreifen, vielmehr ließ sich im Fall einer Fehde mit äußeren Feinden auf ihren Beistand hoffen. Wenn aber Acht und Bann über die Stadt verhängt wurde, so war auch die Verhansung Lüneburgs sehr wahrscheinlich. Eine Verhansung aber, besonders wenn sie längere Zeit aufrechterhalten wurde, ging der betroffenen Stadt geradezu an Mark und Leben. Wie der Kirchenbann die Wohltaten und Segnungen des Glaubens und die Hoffnung auf die himmlische Seligkeit vernichtete oder wenigstens in Frage stellte, so traf eine Verhansung die irdischen Güter, die Sicherheit des Verkehrs und Besitzes, kurz die zeitliche Wohlfahrt der ganzen Bürgerschaft mit schwerem Schlage. Sie hatten alle ohne Ausnahme mehr oder minder, selbst in kleinen, beschränkten Lebensverhältnissen, darunter zu leiden, am meisten aber der Großhandel Lüneburgs in seinen Verbindungen mit dem Auslande, also zunächst die Kauf- und Handelsherren, auf deren Aventiure wertvolle Güterladungen über See und Land beständig ein und aus gingen. Die meisten Ratsherren und ihre Freunde und Verwandten waren Kaufleute oder Sülfmeister oder beides zugleich. Was sollte nun aus ihrem Handel werden, in dem der größte Teil ihres Vermögens steckte? Wo sollten sie mit den fünfundzwanzigtausend Wispel Salz hin, wenn die anderen Hansestädte, in deren Häfen und Märkten es seinen Absatz fand, nicht mehr mit ihnen handeln und wandeln durften? Litten aber die Großen Lüneburgs Not, wie sollte es den Kleinen ergehen? Wovon das Handwerk seine Nahrung haben? Die gesamte Einwohnerschaft der Stadt war ja durch vielfach verschlungene Fäden miteinander verbunden, jeder Bürger gehörte zu irgendeiner Genossenschaft, sei es zu einer Handwerksgilde oder zu einer weltlichen oder geistlichen Brüderschaft, in der sich vornehm und gering zusammenfand. Das ganze Gemeinwesen war ein einziger lebendiger Leib mit vielen tausend Köpfen und Gliedern, die unter sich fast niemals einig waren, die aber doch geschworen hatten, Liebe und Leid miteinander zu leiden, und kein Glück oder Unglück konnte in ihre Ringmauern einziehen, ohne daß jeder einzelne auch sein Teilchen davon abkriegte. Das wußten die fünf edlen Herren hier im Sodmeistergemach auf der Küntje recht gut. Sie dachten freilich zunächst an sich und ihr eigenes Schicksal, an die Ehre und die Zukunft des Rates und der ratsverbündeten vornehmen Geschlechter, und wenn sie angesichts der drohenden Gefahren noch scherzen konnten, so erhielt sie teils die noch ungebrochene Macht, der noch nie gedemütigte Stolz und der angeborene und anerzogene Hochmut, mit dem sie auf den gemeinen Bürger und Handwerker herabsahen, noch bei so guter Laune, teils ein bequemer Leichtsinn, der oft dem Zaghaften gestattet, seine Angst hinter einer erzwungenen Lustigkeit zu verstecken, und den Mutigen verführt, ernste Sorgen mit einer herausfordernden Keckheit zu bekämpfen. Die Herren trennten sich, und der Bürgermeister ging in lebhaftem Gespräch mit seinem trutzigen Freunde Ludolf Töbing zur Stadt. Viskule und Marquard Mildhövet folgten ihnen langsam, denn der letztere ging an einem Stocke, und als er auch noch Viskules Arm zu seiner Stütze nahm, fragte ihn dieser: »Was ist denn? Zwickt es dich wieder einmal?« »Ach ja!« seufzt der andere mit einem Stirnfalten, das doch ein verschämtes Lächeln und ein lustiges Blitzen seiner klugen Augen nicht verhinderte. »Da, da!« Und er zeigte mit dem Stock nach seinem linken Fuß. »Ja, ja, lieber Alter!« sagte Viskule. »Nun, du weißt doch wenigstens, wovon du es hast.« »Das ist das Schändliche bei diesem vermaledeiten Gebresten, daß man zum Schaden auch noch den Spott selbst seiner besten Freunde hat!« sagte Mildehövet, und sie setzten ihren Weg, der eine führend, der andere hinkend, in ernsterem Gespräche langsam fort. Der Sodmeister begab sich nach dem Sode. Da lag nun in tiefem Frieden und segensreicher Werktätigkeit der eigentliche Herd des großen Streites, das edle Kleinod der Sülze, wie es die Lüneburger mit gerechtem Stolz nannten. Dort aus der Erde strömte die Quelle, die Hunderten von Arbeitern mit ihren Familien im eigentlichen wie im bildlichen Sinne des Wortes das Salz zum Brot gab, ihren Eigentümern und Pächtern Wohlstand und Reichtum und der Stadt Lüneburg Macht und Ruhm verlieh. Da standen die vierundfünfzig Siedehütten, einem regelmäßig gebauten Dorf mit rechtwinklig sich kreuzenden Gassen ähnlich, das in einer mäßigen Vertiefung wie in einem offenen Schacht lag, so daß von fern gesehen nur die Strohdächer über dem das Häuserviereck umgebenden Erdboden hervorragten. In diesen Häusern und Gassen, in den abseits gelegenen Werkstätten und auf den Ladeplätzen war ein lautes, geschäftiges Treiben. Unter der Aufsicht von Beamten, des Barmeisters und des Fahrtmeisters, der Ober- und Untersegger, der Stiege- und Flodschreiber, hantierten dort die Sülzknechte, die Gestängewärter und Brunnenmacher, die Pfannengießer und Büttenträger, die Sieder und Hüter, die Holzträgerinnen und die Salzführer, weit über dreihundert fleißige Menschen. In jedem Hause brodelten vier Pfannen mit der flüssigen Sole über dem Feuer, und das Innere der Hütten schimmerte und glänzte wie Silber von den feinen, blitzenden Kristallen, die sich mit dem Wasserdampf noch verflüchtigt und an Wänden und Gebälk niedergeschlagen hatten. Aber das war geringfügig gegen den vollen Segen, der in den Pfannen als trockenes Salz zurückblieb und von hier auszog, um in den Küstenländern der Ostsee den Fisch und das Fleisch des Reichen und des Armen schmackhaft zu würzen. Die Lüneburger Sülze war eine Welt für sich und ohne ihresgleichen. Wer sie in ihrem wohlgeregelten, Tag und Nacht unausgesetzten Betriebe sah und den weißen Dampfwolken, die aus den Strohdächern zum blauen Himmel aufwallten, träumerisch nachschaute, der kam schwerlich unbelehrt auf den Gedanken, daß die allen Menschen unentbehrliche Gottesgabe hier der Gegenstand eines erbitterten Streites werden konnte, der eine mächtige, blühende Stadt mit Acht und Bann bedrohte. Fünftes Kapitel In Meister Daniel Spörkens Schuhmacherwerkstatt, genannt die Löwengrube, wurde von allen Insassen fleißig gearbeitet, nur nicht vom Meister selber, der sich an diesem Vormittag wie gewöhnlich nicht zu Hause befand, sondern wieder einmal auf Kundschaft ausgegangen war. Wohl zu verstehen, nicht etwa in seine Kundschaft, um bei seinen Kunden Aufträge in Empfang zu nehmen oder fertige Arbeit abzuliefern, sondern auf Kundschaft desjenigen, was sich gestern in der Stadt begeben hatte oder doch hätte begeben können. Die Meisterin aber, Frau Gesche – der Kosename für Gertrud – saß auf ihrem Platz am Fenster und nähte an dem Tuchbezug für ein Paar Frauenschuhe. Timotheus Schneck, der Gesell, saß auf einem dreibeinigen Schemel vor dem niedrigen Werktisch, auf dem das Gerät wirr durcheinander lag, zog den Draht und stach und hämmerte rüstig darauf los, und der Lehrjunge Hans versuchte seine unmündige Kunst an einem Rüster, den er auf einen derben Arbeiterschuh setzen sollte. Abgesehen von dem unvermeidlichen Geräusch der Arbeit herrschte in dem von einem kräftigen Leder- und Pechgeruch erfüllten Zimmer tiefes Schweigen, das aber nichts Anheimelndes, sondern seine guten oder vielmehr bösen Gründe hatte. Die Meisterin stand mit ihrem Knechte bereits auf sehr gespanntem Fuß und hatte dabei ihren Mann ausnahmsweise diesmal auf ihrer Seite. An Timmos Arbeit hatten sie nichts auszusetzen, im Gegenteil, er war fleißig, flink und sehr geschickt, aber er log, wie sie meinten, gar zu fürchterlich, und sie glaubten bemerkt zu haben, daß er sie mit seinen Aufschneidereien nur zum besten haben wollte. Der Meister konnte es seinem Gesellen nicht verzeihen, daß dieser ihm eine so handgreifliche Lüge aufgebunden hatte wie die Geschichte mit dem aus Celle mitgebrachten Briefe des zweiten Bürgermeisters. Timmo hatte das wichtige Ereignis mit den genauesten Einzelheiten erzählt und sich für die Richtigkeit seiner Erzählung hoch und teuer vermessen und verbürgt, und nun war an der ganzen Geschichte kein wahres Wort, und Daniel Spörken wurde wieder einmal verspottet und ausgelacht. Diese gleich nach seinem Antritt verübte Niederträchtigkeit des neuen Gesellen gegen seinen Meister brachte das sich so freundlich anlassende Verhältnis sofort wieder aus dem Geleise, um einem erbitterten Mißtrauen Platz zu machen. Hätte der Knecht nicht so fleißig und der Meister nicht so ungern gearbeitet, so hätte der letzte dem ersteren am liebsten gleich wieder Glück auf den Weg gewünscht, aber er wußte wohl, daß es für ihn nicht leicht war, einen tüchtigen Gesellen zu finden wegen seiner Löwin. So behielt er Timmo, sprach wenig mit ihm und glaubte ihm nichts mehr. Die Meisterin machte es ebenso. Heute war sie mal wieder in ihrer unnahbarsten Stimmung; die sonst so Gesprächige schwieg sich in eine wahre Wut hinein und ließ sie an ihrem Nähwerk aus. Die Nadel flog förmlich in ihrer Hand, und sie zog und schnellte den Faden so heftig, daß er öfter zerriß. So oft dies aber mit einem leisen Krach geschah, schlug Timmo, der die Meisterin trotz seiner Arbeit heimlich beobachtete, mit dem Hammer so unnötig laut auf den Klopfstein, daß Frau Gesche diesen herausfordernden Hohn endlich bemerken mußte. Da riß ihr denn außer dem Faden zuletzt auch die Geduld. Sie sprang auf, und den halb fertigen Schuh in der ausholenden Rechten, wetterte sie: »Wenn du dich noch einmal unterstehst, hier so hämisch und dämisch aufzuklopfen, sobald mir der Faden reißt, so fliegt dir dieser und alle anderen Schuhe in deines ehrbaren Meisters Werkstatt an den Kopf, so wahr ich Gesche Spörken, geborene Mushund bin!« Wie die lange, häßliche und knochige Gestalt mit den wütigen grauen Katzenaugen so dastand, sah sie wahrhaftig aus, als könnte sie wenigstens einen Teil ihrer geschwinden Drohung zur fühlbaren Wahrheit machen. Timmo lachte laut auf, und mit einem Blick durch die Werkstatt, als ob er schnell die ringsherum liegenden Schuhe zählte, die ihm alle an den Kopf fliegen sollten, sagte er: »Alle Hagel, Meisterin! Das müßte ein hübsches Maikäferburren um mich herum werden.« Bautz! – hatte er den Schuh aus der Meisterin Hand gut getroffen am Kopf, und ihr breiter Mund unter der spitzen Nase zuckte, vergeblich nach Worten der äußersten Entrüstung suchend; sie bebte am ganzen Leibe vor Wut über des Knechtes Lachen. Das Stück war aber auch dem lustigen Timmo zu stark. Er schnellte vom Schemel empor, und den Hammer in der Rechten, trat er der Meisterin ein paar Schritte entgegen, Hans, der Lehrjunge, wollte schon dazwischenspringen, um einen Mord zu verhüten, aber Timmo sprach ziemlich ruhig: »Meisterin, es ist nicht mehr weit bis Mittag, und mit leerem Magen ist der Mensch am gefährlichsten. Ich muß Euch etwas sagen, was ich Euch ohne diesen Auftritt billig verschwiegen haben würde, aber jetzt muß es heraus, oder es gibt ein Unglück. Habt Ihr schon einmal einen Menschen gekannt, der einen Blutwurm hat?« Der Meisterin Zorn begann einem starren Schrecken und einem maßlosen Staunen zu weichen. Halb mißtrauisch, halb neugierig fragte sie: »Einen Blutwurm? Wo denn?« »Hier! Hier drin!« rief Timmo und klopfte sich mit der Faust heftig und rasch hintereinander auf die Brust, als ob es in höchster Erregung geschähe, während er sich kaum das Lachen verbeißen konnte. »Setzt Euch hin«, fuhr er fort, und ich will's Euch erklären, aber – Meisterin! Bei Eurer Seele Seligkeit! Schweigt darüber, oder –! Und du!« wandte er sich drohend zu dem Lehrjungen, »wenn du nur ein einzig Wort darüber verlauten läßt, so frißt dich der Blutwurm zuerst mit Haut und Haaren!« Hans guckte den Gesellen mit dem pfiffigsten und zugleich unverschämtesten Schusterjungengesicht an, das er fertigbringen konnte; und das wollte etwas sagen. Hans besaß Ehrgeiz; er wollte vor allen Schusterjungen des ganzen Amtes etwas voraus haben. Wenn die anderen nach Feierabend oder auf ihren Botengängen in der Stadt sich im Pfeifen übten, so legte Hans sich außerdem noch auf das Gesichterschneiden und hatte es darin mit geringen Mitteln schon zu einer staunenswerten Fertigkeit und Mannigfaltigkeit gebracht. Der Ausdruck seines Gesichtes war manchmal unübersetzbar tiefsinnig oder drollig, und zuweilen lag eine lange, schweigende Rede oder eine ungesprochene, aber schlagende Antwort darin. Der Hauptinhalt der letzteren, die er mit seinen beweglichen Zügen auf Timmos Drohung jetzt herausschnitt, mochte ungefähr heißen: Hm! Fürchten tu' ich mich gerade nicht vor deinem Blutwurm, aber schieße nur los, ich kenne dich schon! Die Meisterin saß wieder steif und steil auf ihrem Stuhl, und in ihrem Blick auf den Gesellen lag halb noch der Ärger und halb der angstvolle Gedanke: Alle vierzehn Nothelfer, steht mir bei! Der Mensch ist verrückt. Aber Timmo begann ernsthaft und geheimnisvoll: »Wie ich eigentlich dazu gekommen bin, weiß ich selber nicht recht, ich glaube, es schreibt sich schon von meinem Großvater her. Hier, Meisterin, hier im Herzen sitzt mir der schreckliche Wurm. Gesehen hat ihn noch keiner, aber ich fühl' ihn. Für gewöhnlich hält er sich ganz ruhig und nährt sich fromm und friedlich von meinem warmen Herzblut; nur manchmal spüre ich einen leisen Kitzel, wenn er sich bewegt, und dann muß ich mich in acht nehmen, ihn nicht zu stören und zu reizen. Gerate ich aber in Ärger, so daß mir das Herz anfängt zu klopfen, so ärgert er sich auch und wird wild. Ich fühle es, wie er mit dem Schwanze um sich schlägt, und wenn mein Herz dann nicht sehr bald wieder ganz ruhig wird, so geht's los. Dann rast er mir wie besessen durch alle Adern und bringt mein Blut ins Wallen und Kochen, und dann, dann kenn' ich mich selber nicht mehr, dann hat der Blutwurm Gewalt über mich, und dann hilft nichts mehr im Himmel und auf Erden, dann muß Blut fließen, oder der Wurm stößt mir das Herz ab, und ich bin verloren.« »Lügen! Lügen! Nichts als Lügen, verdammte Lügen!« eiferte die Meisterin. »So? Meint Ihr?« sprach Timmo. »Nun, ich will Euch und mir wünschen, daß wir's nicht beide mal erleben. Für diesmal ist mir's noch gelungen, ihn zu beschwichtigen, weil ich mich zusammennahm und mein Herz am allzu lauten Klopfen hinderte, aber er fing schon an, sich zu krümmen und zu winden. Ich könnte Euch eine Geschichte von meinem Großvater erzählen – aber davon will ich lieber schweigen.« Frau Gesche schlug die Hände zusammen und rief: »Und solche Teufelsbrut muß ich in meinem Hause haben!« »Teufelsbrut?« sprach Timmo. »O nein, so gefährlich das Tierlein sein kann, so wohltätig ist es auch für mich und diejenigen, für die ich arbeite. Denn der Wurm nährt sich meist von den bösen Säften, die im Blute sind, befreit mich davon und macht mir dadurch einen klaren Kopf, der leicht begreift, und eine ruhige Hand, die geschickt ist in allem, was sie anfaßt. Mancher Meister hat den Segen meines Blutwurms schon an meiner Arbeit empfunden, ohne daß er wußte, wie und woher das kam, denn ich spreche nicht gern davon. Das eine nur will ich Euch noch sagen: man kann etwas dazu tun, daß der Wurm ruhig bleibt und mich durch das Reinhalten meiner Lebenssäfte immer klüger und geschickter macht.« »So?« fragte die Meisterin neugierig. »Und was wäre denn das?« »Er ist fast schleckerhaftig«, erwiderte Timmo, »und hat es gerne, wenn ich recht viel gutes Fleisch esse und möglichst viel starkes Getränk zu mir nehme, das gibt Blut, und davon lebt er ja.« »Aber wird er davon nicht zu stark«, versetzte Gesche, »so daß du ihn gar nicht mehr bändigen kannst?« »Hat nichts zu sagen, Meisterin«, sprach Timmo; »aber damit er ja nicht einmal wieder gegen Euch, meine ehrbare Frau Meisterin, in Wut gerät, will ich Euch jedesmal ein heimliches Zeichen geben, wenn ich merke, daß er unbändig wird oder es ihm an etwas fehlt. Seht! Wenn ich hier an der Stelle meines Herzens mit dem Finger einen Ring beschreibe, so tut's not.« »Ich will mir's merken«, sprach die Meisterin, »wenn ich dir nur alles glauben dürfte.« »Das könnt Ihr, Meisterin!« sagte Timmo. »So was kann sich der Mensch nicht ausdenken, und ich lüge gewiß und wahrhaftig nicht. Aber eins bitt' ich noch: sagt's keinem Menschen, auch dem Meister nicht, denn Ihr wißt wohl, der schwatzt es aus, und dann werde ich nicht mehr lange bei Euch bleiben, dann wollen alle Schuster in Lüneburg den klugen Gesellen mit dem Blutwurm haben, der aus seinem Sitz im Herzen heraus so feine Arbeit spinnt. Ihr könnt mir's glauben!« Da tat sich die Tür auf, und herein platzte Meister Daniel Spörken und rief jubelnd: »Er hat recht, Gesche! Er hat recht! Timmo hat nicht gelogen, es ist alles wahr, was er gesagt hat.« »Hast du gehorcht?« fragte die Meisterin bissig. »Gehorcht! Gehorcht!« rief der Meister und sprang im Zimmer herum. »Was ist da groß zu horchen? Die ganze Stadt spricht ja davon und von ihm und von mir.« »Was? Von dem –« Blutwurm, wollte sie sagen, aber Timmo fiel ihr rechtzeitig ins Wort: »Von dem Briefe, Meister, nicht wahr?« »Freilich, von dem Briefe, wovon denn sonst?« rief Daniel. »Herr Albrecht von der Mölen ist gestern abend heimgekehrt, aber vorher schon, gestern vormittags ist Sitzung gewesen auf dem Rathause, und da ist der Brief zur Sprache gekommen, der Bürgermeister hat ihn selber vorgelesen, sie machen gar kein Hehl daraus. Es steht alles vorzüglich für die Stadt, der Rat gewinnt und ist obenauf, und in seiner Siegesfreude will er uns Handwerkern nun auch brav was zu verdienen geben. Er will bauen lassen und noch mehr Silberzeug bestellen und neue Schränke und Bänke im Rathause machen lassen und was weiß ich! Und ich hab's gleich gesagt, ich hab's zu erst gewußt und überall erzählt von dem Briefe, sie haben's mir bloß nicht glauben wollen. Aber Timmo hat recht gehabt und hat nicht gelogen, und von jetzt an glaube ich alles, was Timmo sagt. Gesche, gib dem Timmo einen Krug Bier zu Mittag!« Wie groß stand nun Timmo da, Timmo und sein Blutwurm! Die Meisterin blickte beinahe mit Stolz auf den Gesellen und hatte sogar ein gütiges Lächeln für ihn, das sich aber in ihrem eckigen Gesicht nicht recht zu Hause fühlte und sich darum schleunigst wieder aus dem Staube machte. Sie ging in den Keller und holte Bier. Hans schaute Timmo mit einem unnachahmlichen Gesicht an, und dieser sagte gönnerhaft: »Hans, du kriegst einen Schluck von!« Meister Daniel Spörken hatte sich gesetzt und trocknete sich die Stirn. Er war von kleinem, ziemlich schmächtigem Körper mit hastigen, zappligen Bewegungen. Die Ohren standen ihm weit ab von seinem dicken, geröteten Kopfe, der auf diese hohen Schultern nicht recht zu passen schien und den er wie ein Vogel beständig hin und her wandte, als wenn er immer beobachten, immer horchen und etwas fragen wollte. Sein Haus auf der Techt, einer schmalen, krummen Gasse in der Nähe des Michaelis-Klosters, war nur klein, bot aber für das kinderlose Ehepaar und die beiden Gehilfen hinreichend Raum und hatte, wie die meisten Häuser in Lüneburg, im Erdgeschoß einen viereckigen, erkerartigen Ausbau, der im Innern das Zimmer um einen Sitzplatz am Fenster vergrößerte und die Utlucht hieß. Übrigens litten sie in dem kleinen Hause keinen Mangel, denn sie wirtschafteten sparsam, und Meister Daniel war von Natur ein mäßiger Mann, und wenn er es nicht schon gewesen wäre, so hätte ihn Frau Gesche, geborene Mushund, wohl dazu gemacht. Sie hielt den Daumen auf dem Beutel und gab ihrem Manne, der acht Jahre jünger war als sie, nur wenig Biergeld und das wenige auch nur darum, weil er aus der Trinkstube und auch sonst von seinen vielen Gelegenheitsgängen stets eine Menge Neuigkeiten mit nach Hause brachte, die sie sehr liebte, und auf deren Einsammlung er sich besser verstand als auf seine Schusterei. Nur schade, daß seine Neuigkeiten oft mehr Löcher hatten als das ausbesserungsbedürftigste Schuhwerk, das er zum Flicken bekam. Während des einfachen Mittagsmahles, bei dem die Meisterin ihrem plötzlich wieder in Gunst gekommenen Gesellen ein ungewöhnlich großes Stück Hammelfleisch vorlegte, war Meister Daniel sehr aufgeräumt und erzählte unter anderem, der Ratsherr Marquard Mildehövet habe ihn, als er zufällig vorbeigekommen, zu sich herein rufen lassen und ihm seine Not geklagt über das leidige Podagel, das ihm im linken großen Zeh arge Schmerzen verursache; er habe es nun schon fast bei allen Schuhmachern in Lüneburg versucht – und es gibt doch vierzig Schuster in Lüneburg, Gott sei gelobt! –, aber keiner hätte ihm das Schuhzeug recht zu Danke machen können; ob er, Daniel, ihm nicht Hilfe schaffen könne. »Freilich können wir ihm Hilfe schaffen«, sagte Timmo, »habt Ihr ihm denn Maß genommen, Meister?« »Maß hab' ich ihm genommen«, sagte Daniel, »aber auf das Podagel verstehe ich mich auch nicht.« »Wir müssen ihm ein Paar Pelzstiefel machen aus weichem Kalbleder und inwendig mit Rauchwerk gefüttert, sprach Timmo. »Rauchwerk!« wiederholte der Meister, »wir können doch den Pelzern nicht ins Handwerk pfuschen, das würde eine schöne Buße kosten.« »I was werden wir denn da die Pelzer groß drum fragen!« sprach Timmo. »Das machen wir alles selbst, hab' ich schon öfter getan, und ein paar Karnickelfelle werden sich ja wohl noch auftreiben lassen.« »Bönhase!« drohte der Meister. »Wenn es herauskommt, machen sie Jagd auf uns, und was der Gesell gesündigt hat, muß der Meister ausbaden.« »Hat sich was auszubaden!« lachte Timmo, »der Ratsherr wird froh sein, wenn er sein Podagel aus dem großen Zeh los wird, und Euch nicht ans Pelzeramt verraten. Schneidet nur die Stiefel recht weit und bequem zu und laßt mich machen, und die Karnickelfelle – Hans, für die sorgst du!« »Kleinigkeit!« sagte Hans mit einem Gesicht, wie ein Fuchs, der auf der Lauer liegt und eben zuspringen will. Er war doch wirklich ein vortrefflicher Mensch, der Timmo! Einen so geschickten und erfahrenen Gesellen hatte Daniel Spörken noch nicht gehabt! der wußte für alles Rat, war in allen Sätteln gerecht oder auch, wie man's nun nehmen will, mit allen Hunden gehetzt. Wenn der Meister dem Ratsherrn die Pelzstiefel brachte, so gab es gewiß ein gut Stück Geld dafür, aber ein Bönhase war er dann doch, und das war gefährlich. »Ist das Paar Stiefel für Mildehövets Podagel alles, was du von den vielen Aufträgen abkriegst, die der Rat den Ämtern geben will?« fragte Gesche. »Vorläufig ja«, sagte Daniel etwas kleinlaut, »wird aber schon noch mehr kommen.« »Die Goldschmiede werden wohl wieder das Fett abschöpfen, die können ja nie den Hals voll kriegen mit Arbeit für den Schatz des Rates. Sie wissen schon gar nicht mehr, wo sie mit allem Gelde hin sollen, und ihre Weiber können sich vor Hochmut nicht lassen und spreizen sich wie die Pfauen mit ihren Ketten und Klunkern, womit sie sich behängen.« »Dafür sind sie auch Goldschmiedsfrauen«, bemerkte der Meister. »Mehr wie ich sind sie darum auch noch nicht«, muckte Gesche. »Den Tischlern und Schnitzlern fliegt die Arbeit auch immer wie gebratene Tauben ins Maul. Wozu braucht denn der Rat neue Schränke und Bänke auf dem Rathause? So oft sitzt er doch nicht zu Rate, daß er die alten schon durchgesessen hätte.« »Er läßt sich auch neue Kissen darauf machen«, sagte Daniel. »Natürlich! Damit nur die armen Beutler nicht verhungern«, sagte Gesche, »und mit den Plattenschlägern und Harnischmachern ist es ebenso, die können auch bald von Silber essen, so viel gibt ihnen der Rat Jahr bei Jahr zu verdienen. Da geht denn das schöne Geld alles hin, und unsereins kann zusehen, wie er satt wird, wenn andere sich mästen und im eigenen Fett ersticken.« »Meisterin, seid froh, daß Ihr mit diesem Schaden nicht behaftet seid«, sagte Timmo zu der Dürren, »allzu fett taugt nicht, das gibt kurzen Atem und einen schweren Gang.« »Brauchst ja nicht mit mir zu tanzen«, schnob ihn die Meisterin an. Timmo schüttelte sich unwillkürlich bei dem bloßen Gedanken. Die Meisterin sah es nicht und fing noch einmal von dem berühmten Briefe an. Es wäre doch eine Sünde und eine Schande, daß die Hennebergs die Botschaft abgestritten hätten. Was sie sich eigentlich dabei dächten. »Das will ich Euch sagen, Meisterin«, sprach Timmo. »Ein paar Tage nachher erzählte mir Gilbrecht, der Bürgermeister hätte ihm Schweigen geboten; aber da war's zu spät, da wußtet Ihr's schon.« »So! Du bist bei Hennebergs gewesen! Nun? Wie haben dir denn die vornehmen Leute gefallen?« »Gut, Meisterin, recht gut, besonders –« »Die Jungfer Tochter, natürlich!« sagte die Meisterin mit dünner, spöttischer Miene. »Guck ihr nur nicht zu tief in die blauen Vergißmeinnichtaugen.« »Warum denn nicht, Meisterin? Ist schon der Mühe wert!« schmunzelte Timmo. »Warum nicht? Weil sie dich ablaufen läßt, wenn du ihr zu nahe kommst, die hochnäsige Kreatur. Mit einem Schusterknecht nimmt die nicht fürlieb.« »Ist doch eine Handwerkertochter«, entgegnete Timmo. »Oho! Da kommst du schön an! Eine Sülfmeistertochter ist sie, wenn du's wissen willst; die schaut höher hinaus«, sagte Gesche. »Haben sie dich denn eingeladen wiederzukommen?« »Ja, die beiden ältesten Söhne haben es getan«, sagte Timmo nicht ohne ein gewisses Selbstbewußtsein. »Der älteste, Arnold, will gewiß bald das Amt eschen, denn er fragte mich kreuz und quer aus, wie es anderwärts mit den Meistersöhnen gehalten würde.« »Der Arnold will seiner selbst werden?« forschte die Meisterin, »ach ja, er zieht sich ja schon lange mit der Ursula Dippold herum, der Tochter des Freiböttchers, aber die wird wohl der Frau Sülfmeisterin nicht als Schwiegertochter anstehen. Übrigens sind sich auch die beiden Alten spinnefeind und sehen sich beim Wege nicht an. Der Sülfmeister hat Dippold aus dem Amte gestoßen, und das vergißt ihm der sein Lebtag nicht.« »Der Sülfmeister war in seinem Rechte«, bemerkte Daniel, »Dippold hatte sich schwer vergangen gegen das Amt, hatte zu kleine Tonnen gemacht und verkauft, also mit unrichtig Maß gehandelt. Da haben ihn die Brüder an Gewerk und Nahrung gestraft und ihn auf drei Jahre ausgeschlossen, bis er den Frevel abgesöhnt hat; Henneberg konnte ihn nicht retten und halten.« »Wenn er nur gewollt hätte!« sagte Gesche. »Seitdem ist Dippold Freiböttcher und hat so wenig Arbeit, daß er sich keinen Knecht in seinem Brote halten kann. Sie sind sehr zurückgekommen, und es geht ihnen schlecht. Die Frau sitzt als Hökerin auf dem Mittwochsmarkt, aber der Pfennigkram wirft ja leider wenig ab.« »Ja, ja«, seufzte Meister Daniel, »man hat seine liebe Not, sich ehrlich durchzuschlagen, es ist 'ne Tränenwelt.« Bald darauf erhob er sich satt und befriedigt vom Tisch, sagte: »Gottlob! Wieder einmal gegessen und nicht gezankt!« und setzte sich in eine Ecke, um ein wenig zu nicken. Timmo hatte nun wieder Oberwasser bei seinen Meistersleuten, und als er die Arbeit jetzt wieder aufnahm, war er sehr zufrieden mit sich. Er hing seinen Gedanken nach, wie er auf dem Schemel saß und Stich bei Stich in den Schuh machte, den er unter dem Knieriemen hatte. Er wußte nicht, wem der Fuß gehörte, für den er sich hier mühte, aber ebenso wie den Schuh wollte er sich selber Stich für Stich, Schritt für Schritt weiter bringen in bezug auf sein Wünschen und Streben. An seiner selbst werden und heiraten dachte er nicht und hatte sparen nicht gelernt. Wenn er etwas hatte, so ließ er auch was draufgehen, weniger zu seinem Vergnügen, als um sich groß zu tun und sich Anhang zu schaffen. Bei Meister und Meisterin war er ja auf dem besten Wege, für etwas Besonderes zu gelten, hatte das eigentlich schon erreicht. Er hatte eine höchst wichtige Nachricht mit nach Lüneburg gebracht und seinen Meister in den Stand gesetzt, sie zuerst zu verbreiten und damit schließlich recht zu behalten. Ein helles Streiflicht dieses Ruhmes fiel auf ihn, denn wenn Daniel gefragt wurde: woher weißt du das? so mußte ja die Antwort lauten: Von meinem ehrbaren, biderben Knecht Timotheus Schneck aus Darmstadt. Sein Name ging durch die Stadt von Mund zu Mund; bald würde ihn jedermann sehen wollen. Bei seiner Meisterin hatte er noch mehr erlangt, hatte die böse Sieben im rechten Augenblick mit einem übermütigen, abenteuerlichen Einfall gezähmt und sich in ein so geheimnisvolles, überlegenes Ansehen bei ihr gesetzt, daß er sich vor ihrer Angst wie vor ihrer Habgier in Hinsicht auf die Gefährlichkeit wie auf die Wunderkraft seines Blutwurmes fortan gute Tage bei Frau Gesche versprach. Von seinen Kumpanen, den Schusterknechten, kannte er noch wenige, aber das sollte nicht mehr lange dauern, dann wollte er ihnen zeigen, was für ein Mordskerl er war; er hatte schon seine Pläne, wie er sich ihnen gegenüber aufspielen, wie er bessere Arbeitsbedingungen in Kost und Lohn bei den Meistern, mehr freie Zeit, mehr lustige Montage durchsetzen wollte und so weiter. Und die Mädchen, oh, das war das wenigste! Er hatte ein Paar Augen im Kopf, in die noch keine ganz ungestraft geblickt hatte. Hauptsache war: mehr Freiheit, mit den Gesellen trinken und mit den Mädchen karessieren zu können; mehr brauchte es nicht für ihn. Als nächstes dünkte ihn gut, bei den Hennebergs festen Fuß zu fassen, denn die waren die angesehensten unter allen Handwerksleuten hier. Es galt also, erst die Söhne zu Freunden zu gewinnen, dann den Alten zu gefallen und zuletzt – Ilsabe, das Prachtmädel, wie die Mutter Hombroksche sagte, und so fort, immer Stich für Stich, bis die Schuhe fertig waren, in denen er in Lüneburg einherzustolzieren gedachte. Und er stach und nähte wohlgemut weiter, in Leder und in Gedanken. Sechstes Kapitel Nun war es gut Wetter zum Abziehen des Malvasiers. Die Sonne stand am heiteren Himmel und legte es den Menschen recht warm ans Herz, doch endlich an den Frühling zu glauben. Sie blickte ihnen durch die Fenster in die Stuben und in die Werkstätten. Auch in die Gassen schien die Sonne und auf die Dächer und Giebel, daß die Wetterhähne da oben ihr vergoldetes Gefieder funkeln ließen und vor Hoffart und Gefallsucht nicht wußten, wie sie sich drehen und wenden sollten; krähen konnten sie ja nicht, sonst hätten sie es vielleicht noch lauter getan als die lebendigen Haushähne unten auf den Höfen, die mit den Flügeln schlugen und mit geschwollenem Kamm ihr Kikeriki aus Leibeskräften in den Tag hinein schrien. Und wo die liebe Sonne unter anderem auch noch hineinschien, das war Herrn Heinrich Viskule sein Weinkeller. Nur einen einzigen Strahl konnte sie hineinschicken, der durch das Kellerfenster wie ein breiter Schrägbalken auf die Steinfliesen fiel, und in dem Millionen von winzigen Sonnenstäubchen tanzten und flirrten. Hell war das dicke, steil hinabhängende Gemäuer der tiefen Kellerluke beleuchtet und auch die Stelle, wohin der Sonnenstrahl traf, aber das eingeengte Licht stufte sich schon in der nächsten Umgebung zu einer schnell wachsenden Dämmerung ab, die sich in dem ferner liegenden Raume des Kellers zur völligen Dunkelheit verdichtet haben würde, wenn dort nicht drei brennende Kerzen wieder so viel Licht verbreitet hätten, wie zu dem heiteren Geschäft des Weinabziehens erforderlich war. Vor dem Faß am Hahn saß Gilbrecht als Kellermeister des Viskulenhofes und zapfte den goldbraunen Wein aus Griechenland in grünliche Flaschen, die ihm Hildegund zu seiner Rechten zureichte und Ilsabe zu seiner Linken gefüllt wieder abnahm, um sie zu pfropfen und dann an Balduin weiterzugehen, der mit einem hölzernen Schlägel die Pfropfen tiefer hineintrieb. Und wie fröhlich und guter Dinge waren die vier dabei! Den Mädchen glühten die Wangen, Balduin sprudelte vor Mutwillen, und auch Gilbrecht hatte einen roten Kopf, weil er am Zapfen den Duft des starken Weines aus erster Hand bekam. Sie saßen freilich nicht bei trockenem Munde, sondern auf dem Lager neben dem Faß standen zwei Gläser, und Gilbrecht sorgte dafür, daß sie nie leer, die anderen, daß sie nie voll waren, und auch hierbei half er den Freunden. Ein ausgelernter und geübter Weinzapfer war er übrigens noch nicht, denn er zeigte sich beim Empfangen der leeren Flaschen noch recht ungeschickt. Statt nämlich die Flasche, wenn Hildegund, sie am Halse haltend, ihm zureichte, nun etwas tiefer an der stärkeren Rundung zu fassen, ergriff er sie stets an derselben Stelle wie Hildegund, so daß diese ihre Hand erst unter den seinigen hervorziehen mußte, was sehr behutsam geschehen mußte, damit die Flasche nicht hinfiel. Hildegund war nachsichtig genug, ihm diese Ungeschicklichkeit nicht vorzuwerfen, und so lernte er's nicht und beging fort und fort denselben Fehler, den ihm ein alter Küfermeister gewiß nicht so leicht verziehen hätte wie die junge, liebenswürdige Freundin. Mit den zwei Gläsern war das auch so eine Sache. Warum tranken denn die beiden Mädchen nicht aus einem und die Junggesellen aus dem anderen? Freilich, das eine Glas stand rechts, das andere links vom Fasse, und da Ilsabe zwischen Gilbrecht und Balduin und ebenso Gilbrecht zwischen Hildegund und Ilsabe saß, mußten die Mädchen, bloß der größeren Bequemlichkeit und Zeitersparnis wegen, sich der zwingenden Notwendigkeit fügen, mit ihrem nächsten Nachbarn zur Linken, das heißt nicht mit dem Bruder, sondern mit dem Freunde aus demselben Glase zu trinken. Und das soll sehr gefährlich sein, soll sehr leicht berauschen, daher auch die glühenden Wangen. Daß aber Gilbrecht etwa, wie er die Flaschen an derselben Stelle wie Hildegund mit der Hand faßte, auch das Glas an derselben Stelle wie Hildegund mit dem Mund berührt hätte beim Trinken, das hat keiner gesehen, denn sonst wäre es gewiß streng gerügt worden. »Ich kann nicht mehr«, sprach Ilsabe, als Gilbrecht das linke Glas wieder gefüllt hatte. »Gut!« sagte Balduin. »Machen wir eine Weile Schicht und trinken einmal ordentlich dazwischen.« »Ach, ich meine ja, ich kann nicht mehr trinken; pfropfen kann ich noch.« »Ruhe dich ein wenig«, sprach Balduin, »so ein Schemel hat keinen Rückhalt; komm, hier ist dein Platz!« Er legte den Arm um sie, und sie lehnte sich an seine Schulter. »Ach, Ilsabe! So möcht' ich dich ewig halten!« Sie machte eine Bewegung, als wollte sie aufstehen, aber er drückte sie fester an sich, und sie ließ es sich wohlich gefallen. »Bist du auch müde?« wandte sich Gilbrecht zu Hildegund und hob schon den Arm. »Nein«, sprach sie, »und trinken kann ich auch noch.« Nahm das rechte Glas, hielt es zwischen ihre und Gilbrechts Augen und sagte bloß: »Dir!« und trank die Hälfte. Gilbrecht nahm es ihr ab: »Und dir!« Und trank die andere Hälfte. Was leuchtete heller, was glänzte feuriger? Der funkelnde Wein vor dem flackernden Wachslicht oder die vier Sterne in den Angesichtern der beiden sich also Grüßenden? »Seht den Sonnenstrahl!« sprach Ilsabe. »Wie der so hell dort in den Keller fällt.« Sie sprang auf und stellte sich mitten hinein, und wie das Sonnenlicht ihr blondes Haar umspielte, gab es einen goldigen Schein, als wäre ihr Haupt von einer Glorie umstrahlt. »Welch ein Bild!« rief Hildegund. »Wie eine Madonna sieht sie aus, von einem Mönch gemalt!« So war es wirklich. Rings um Ilsabe war tiefer Schatten, sie allein stand mit ihrer seinen Gestalt in hellem Licht und hob sich in ihrem farbigen Gewande von dem dunklen Hintergrund wunderbar herrlich ab. Über dem blühenden Angesicht, dem von Sonnenglanz umwobenen Haupte spannte sich dämmernd im Boden das schmucklose Gewölbe und diente mit seinem steingrauen Ernst der anmutvollen Erscheinung zum gewaltigen Rahmen, ihre Schönheit noch erhöhend. »Bleib stehen, bleib stehen!« rief Balduin. »So schön hab' ich dich noch nie gesehen!« Bald kam Ilsabe zu den andern zurück. Der Sonnenstrahl flimmerte nach wie vor an derselben Stelle, aber es war nicht mehr so hell und goldig dort, seit der holde Zauber daraus verschwunden war. »Weiter!« rief Gilbrecht. »Hildegund, gib Flaschen her! Ilsabe, paß auf!« Und das Zapfen nahm seinen lustigen Fortgang. Flasche nach Flasche wanderte an dem Faß unter dem Hahn vorüber von Hand zu Hand, leer ankommend, gefüllt beiseitegestellt, und die den Umschwung besorgten, plauderten und scherzten und lachten und vergaßen auch das Trinken nicht ganz. Die umgekehrt im Korbe stehenden Flaschen klirrten oft laut gegeneinander, wenn Hildegund eine herausnahm, und Balduins Klopfen mit dem Schlägel klang durch den gewölbten Raum, so daß die Geschäftigen nicht hörten, wie Herr Heinrich Viskule die Treppe herabstieg. Auf den mittleren Stufen blieb er stehen und dachte: ›Da sitzen sie, glückselige Kinder, beim Herzenströster Wein und wissen nichts, worüber er sie trösten könnte.‹ Er kam vollends herab, und nun bemerkten sie ihn. »Nun? Ist er gut, Gilbrecht?« fragte er. »Ist er klar?« »Klar und süß, Vater!« rief Hildegund schwärmerisch. »Ein Göttertrank!« Der Ratsherr blickte seiner stolzen Tochter etwas verwundert in das schön erregte Antlitz und bemerkte lächelnd: »Ist wohl stark und feurig, der braune Grieche?« »Oh, das geht«, meinte Balduin. Gilbrecht hatte inzwischen eins der Gläser gefüllt, hielt es am Rande des Fußes gefaßt dem Ratsherrn artig entgegen und sagte den Küferspruch: »Ich hab' ihn gepflegt in Dauben und Band, Bis daß er bekommen sein Kraft und Verstand, Ich hab' ihn gelassen, wie Gott ihn gemacht, Nicht sauer noch süß in sein Spündlein gebracht, Er ist wie ein' Jungfrau so rein und so fein, Gott segne den Trunk! 's ist Wein, 's ist Wein!« Herr Viskule nahm dankend das Glas und trank, neigte den Kopf vor und kostete vorn auf der Zungenspitze, bog den Kopf zurück und kostete hinten am Gaumen. Dann bewegte er die Lippen bedächtig, trank noch einmal und nickte freundlich: »Ein sauberes Weinchen, Gilbrecht! Ein edles Blut! Aber nichts für euch, junges Volk, zu stark, zu heiß für euch, den dürfen ungemischt nur wir Alten trinken.« Und er leerte das Glas. »Oh, Herr Ratsherr, wir Jungen können's auch«, sprach Ilsabe und klopfte ans Faß. »Es ist bald leer, und wenn Ihr die Flaschen zählt, werdet Ihr finden, wieviel daran fehlt.« »Ich gönn' es euch, Kinder«, lächelte Herr Viskule, »aber nehmt euch in acht! Er steigt in den Kopf.« »Dem einen in den Kopf, dem anderen ins Herz, Herr Ratsherr!« rief Ilsabe. »Was wäre das für ein Wein, der uns kalt und nüchtern ließe!« »Sie hat recht, Vater«, sprach Hildegund; »ich liebe den Geist, der im Weine wohnt, lasse mich von ihm erfreuen und erwärmen und doch nicht bezwingen. Gilbrecht, was meinst du?« »Mir ist er bald ein Freund und lieber Geselle, bald ein vornehmer Herr, dem ich nur mit Ehrfurcht nahe«, sprach Gilbrecht. »Laß sie streiten, Vater!« lachte Balduin. »Uns soll der Malvasier gut schmecken, und ich bitte dich, schließe du ihn weg, laß es nicht Base Barbara tun.« »Warum, mein Sohn?« »Ich gönn' ihn dem Propste nicht!« Mit einem schlauen Lächeln klopfte der alte Herr dem Sohn auf die Schulter: »Balduin – ich auch nicht! Sag's nur dem Martin, er soll ihn zu meinen firnen Rheinischen legen, den Schlüssel führ' ich selbst.« »Soll geschehen, Vater! Verlaß dich darauf!« frohlockte Balduin. Der Ratsherr strich Ilsabe über das Stirnhaar und sagte liebevoll: »Grüß mir deinen braven Alten, du blonde Maid! Und auch Frau Johanna meinen dienstwilligen Gruß; ich besuche euch bald einmal.« »Wird uns viel Ehre und Freude sein, Herr Ratsherr!« sagte Ilsabe lebhaft, sich auf den Fußspitzen wiegend, und drückte seine Hand an die Brust. Endlich war das Faß leer, die beiden Geschwisterpaare trennten sich mit Lachen und herzlichen Grüßen, und die Hennebergs gingen nach Hause. – »Ihr seht gut aus!« sagte die Meisterin Frau Johanna, als sie Sohn und Tochter erblickte. »Habt ihr den Malvasier in Flaschen gefüllt oder –?« »Einiges auch in Flaschen, Mutter«, lachte Gilbrecht, »aber das meiste davon hat Ilsabe getrunken.« »Aber, Mädchen, du!« sagte die Mutter. »Ach, Mutter, es ist nicht so schlimm«, sprach Ilsabe, »ich habe kaum genippt; aber schön war es, war er, und süß und rot wie – nein, braun, nicht wahr, Gilbrecht? Braun sah er aus.« »Jawohl, braun, braun, so braun wie – wie Malvasier.« »Nun setzt euch mal hierher und erzählt«, sagte die Mutter. Das taten sie denn unter beständigem Lachen, und wenn sie auch nicht alles beichteten, so erriet doch die Mutter auch manches Ungesagte und dachte sich noch mehr. Sie merkte wohl, daß die überlustige Stimmung ihrer Kinder nicht bloß vom Wein kam, sondern daß es noch etwas anderes, ein tieferes Glück sein mußte, was sie so erregte und ihnen aus Herzensgrund so fröhlich und selig durch die Augen blickte. Was für eine Art von Glück das war, wußte sie bald so gut und sicher, als wäre sie selber dabei gewesen. Gilbrecht hatte keine Ruhe auf dem Stuhl im Zimmer; er lief treppauf in die Kammer, legte dort ein kurzes Wams an, band sich sein Schurzfell um und kam so in die Werkstatt, wo der Meister sowie Arnold, Jakob und Lutke fleißig bei der Arbeit waren, sie aber jetzt unterbrachen und verwundert auf Gilbrecht schauten. Dieser stellte sich vor seinen Vater hin und sprach mit lauter Stimme: »Mit Gunst und Erlaubnis, ehrbarer, günstiger Meister! Ich wollte Euch um Arbeit und Beförderung angesprochen haben, nach Eurer und meiner Beliebung, nach Handwerks Gebrauch und Gewohnheit, solange es Euch und mir gefällt.« Der Meister sah ihn groß an. »Ich habe das Faulenzen satt, Vater! Muß was um die Hand nehmen.« »Schon«, lächelte der Vater. »Meinetwegen, nur zu!« Und wies auf ein paar Tonnen hin, an denen noch sämtliche oberen Bände fehlten. Gilbrecht nahm sich Werkzeug, wählte Reifen aus, paßte sie um, schnitt sie zurecht und fing an zu arbeiten. »Wenn du schaffst, so kann ich feiern«, sagte Meister Gotthard und ging in die Stube zu seiner Frau. Als er eintrat, sprang Ilsabe auf und eilte hinaus. »Was ist denn das?« fragte der Meister. »Der Junge schnallt sich das Schurzfell um, spricht mich um Arbeit an und fängt an zu binden, und das Mädchen läuft fort, sowie ich komme. Was haben denn die beiden?« Frau Johanna klärte ihn auf, und er begriff sehr schnell. »Was?« sagte er lachend. »Und der will geraden Weges vom Rhein kommen, will ein halber Küfer geworden sein und läßt sich ein Fäßchen Malvasier in den Kopf steigen? Und die Ilsabe! Das hätte ich dem Mädchen gar nicht zugetraut, daß sie sich zu ihren zwei blonden Zöpfen noch einen braunen dazu trinkt. Was sagst du dazu?« »Oh, es ist nicht so schlimm«, begütigte die Meisterin, »der kleine Weinrausch vergeht bald wieder; aber – der andere –« »Welcher andere?« Nun suchte die Meisterin ihrem Mann die Beobachtungen, die sie über die ungewöhnliche Heiterkeit der Kinder gemacht hatte, und die Vermutungen, die sie daran knüpfte, behutsam beizubringen. Ganz verhehlen konnte und wollte sie ihm die wichtige Entdeckung nicht, aber sie als unumstößliche Gewißheit hinzustellen wagte sie auch nicht, sowenig sie auch an der Richtigkeit ihrer Schlüsse zweifelte. Ihre Entdeckung stand mit ihren geheimsten Wünschen im Einklang, und eben darum, weil sie eine Verbindung ihrer Kinder mit dem reichen und hochangesehenen Hause der Viskule für ein großes Glück der ersteren ansah, so hütete sie sich, durch eine bestimmte Meinung die schnelle Entscheidung ihres Gatten und seine immerhin mögliche Einsprache dagegen herauszufordern. Was bei ihr nicht mehr bloß Wunsch und Hoffnung, sondern schon Überzeugung war, daß nämlich ihre Kinder liebten und geliebt würden, das stellte sie ihrem Gotthard als eine Möglichkeit, als etwas sich Vorbereitendes und noch Werdendes hin, das kaum den Grad der Wahrscheinlichkeit erreichte. Meister Gotthard hatte in seinem hölzernen Lehnstuhl sitzend seine Frau ruhig ausreden lassen. Als sie mit ihrem leise anklopfenden Bericht fertig war, und gespannt auf eine Äußerung von ihm wartete, sagte er: »Du meinst also, es könnte sich da etwas anspinnen? Hm, hm!« Und er schüttelte das mächtige Haupt. »Daß es ernsthaft wird, glaube ich nicht und kann es kaum wünschen. Sie haben mal wieder wie Kinder gespielt, und der Malvasier hat mitgespielt. Sie sind wie Geschwister zusammen aufgewachsen und halten daran fest, was wir ihnen nicht verübeln wollen. Freilich sind ihnen mit den Jahren auch die Augen aufgegangen, und da haben sich die Jungen in die beiden hübschen Mädchen ein wenig verliebt. Aber du hast ganz recht, das ist auch nur ein anderer Rausch, der sich schon wieder geben wird, wenn sie sich besinnen, daß daraus doch nichts werden kann.« »Du sagst, du möchtest es kaum wünschen?« fragte Frau Johanna. »Kannst du es denn wünschen?« fragte er zurück. »Traust du dem flinken Junker schon Stetigkeit genug zu, sich ehelich einzulassen fürs ganze Leben, fest und unverbrüchlich?« »Er ist ein Viskule«, sprach die Frau, »wenn er Handtreu gelobt, so wird er sie auch halten, das Vertrauen hab' ich zu ihm.« »Ich will's ihm nicht absprechen«, sagte der Meister, »wenn er erst älter und das Mädchen ehrlich von Herzen liebt, aber er soll ihr nichts in den Kopf setzen, was sie vielleicht schwerer vergißt als er.« »Und die anderen beiden?« »Gilbrecht? Oh, ich möcht' ihm die Hildegund wohl gönnen, kann mir aber nicht denken, daß die Viskulentochter große Lust hat, eine Böttcherfrau zu werden, und dann – er ist ja noch lange nicht Meister.« »Hier sitzt dir eine gegenüber«, sprach Johanna lächelnd, »die recht gerne eine Böttcherfrau geworden ist und –« »Und die auch unter ihrem Stand gefreit hat, willst du sagen.« »Nein, Gotthard! – Und die es keinen Augenblick ihres Lebens bereut hat, wollte ich sagen.« »Bist ein braves Weib!« sprach er. »Hattest immer den Fuß an der Wiege und die Hand am Wocken. Aber hat es uns in unseren jungen Jahren nicht trübe Stunden genug gemacht? Du hast wohl vergessen, welchen Kampf du mit den Deinen um mich gekämpft hast und wie deine ganze Sippe den jungen Böttchermeister und seine Frau nicht mehr kennen wollte, mit Ausnahme deines guten Vaters, Gott hab' ihn selig! Welche Kränkungen haben wir hinnehmen, welche Behandlung haben wir ertragen müssen!« »Und wir haben sie ertragen, haben uns liebgehabt und sind glücklich gewesen; vergißt du das? Und, Gotthard, du bist Sülfmeister, und Gilbrecht wird es auch einmal; ich habe dir wenig zugebracht außer der halben Pfanne erst vor zwei Jahren, aber Hildegund Viskule –« »Macht ihren Mann einmal reich; das ist es ja, was mir gegen den Strich geht«, sprach der Meister, »der Mann soll die Frau ernähren, soll sie durch seine Kraft und Arbeit auf Rosen betten, wenn er kann, aber sein Wohlleben nicht ihr verdanken. Willst du es in unseren Kindern noch einmal und doppelt erleben, was wir durchgemacht haben, daß sie über die Schulter angesehen werden?« »Des Sülfmeisters Kinder werden nie über die Schulter angesehen werden«, sprach Johanna mit einem stolzen Blick auf ihren Mann, »und seine Enkel dereinst sind auch Viskulenenkel.« »Du möchtest deine Tochter gern als Herrin auf dem Viskulenhof sehen, als Frau eines Ratsherrn, wohl gar eines Bürgermeisters, wenn du es erlebst; nun, ja, sie ist nicht niedrig geboren, ist groß und schön genug, um dem Kaiser den Ehrentrunk der Stadt mit aller Würde zu kredenzen. Das mag noch gehen, wenn Balduin sie liebt und zum Weibe begehrt, aber das andere Paar –« »Leg ihnen nichts in den Weg, Gotthard!« sprach Johanna mit flammenden Augen bei der Vorstellung von dem möglichen, künftigen Glück ihrer Tochter und froh, auf keinen entschiedeneren Widerspruch bei ihrem Mann gestoßen zu sein. »Stell es Gott anheim, der wird's wohl machen.« »Gut, Johanna! Anders, als Gott will, kommt es doch nicht.« Er erhob sich und sagte: »Höre nur, welchen Höllenlärm sie draußen machen; ich glaube, der Gilbrecht will sich seinen Rausch wegböttchern, den einen mein' ich, den Weinrausch, aber am liebsten wäre mir's, er schlüge auch bei dem anderen das Faß zu.« Und er wandte sich zur Tür, die auf die Diele führte. Als Gilbrecht in der Werkstatt den ersten Band um seine Tonne gelegt hatte, nahm er Treibhammer und Beil und trieb den Reifen an, indem er in hüpfendem Gang um die Tonne schritt und in singendem Tone dazu sprach: »Zum Riegel, Zum Spriegel, Zum Prunk und Prank, Wohl auf dem Tische, Wohl unter der Bank.« Aber es wollte mit dem Binden nicht redet gehen, er kam öfter aus dem Takt, und die anderen drei lachten ihn aus. Arnold sagte: »Ja, ja, Bruder Dichtbinder! Eisenband und Holzreif sind zweierlei Dinge. Das Setzeisen macht eine zu schwere Hand für den hölzernen Treiber.« »Nur Geduld! Werd's schon wieder lernen«, sagte Gilbrecht und trommelte weiter. Er kam auch wirklich bald hinein, und beim zweiten Bande ging es schon besser. Dann hielt er inne und sagte: »Wenn das ein Weinfaß wäre –« »Und voll Malvasier!« lachte Arnold. »Wenn das ein Weinfaß wäre, so wollte ich euch mit dem Setzeisen die schönsten Schläge zeigen und kurzweilige Verslein dazu, die ich in Hochheim und Mainz gelernt habe.« »Mach's uns doch mal vor«, sagte Jakob. »Ich will's versuchen«, sagte Gilbrecht, »sie gehen viel langsamer. Also paßt auf! Dies ist der rote Mönchs- oder Klosterkellerschlag; es gibt nämlich auch einen weißen; aber der rote geht so: Im Kloster die Brüder Schnipp schnapp, schnipp schnapp! Die steigen in den Keller Tripp trapp, tripp trapp! Und bohren am Fasse Ripp rapp, ripp rapp! Und wie sie nun lecken Schlipp schlapp, schlipp schlapp! Da kommt der Herr Abt, Der Herr Abt, der Herr Abt!« »Ach, was! Das hat keine Art«, unterbrach er sich, »auf Holz klingt's nicht.« »Kannst du denn unseren kleinen Wachtelschlag noch?« fragte Arnold. »Ja, den kann ich noch«, sagte Gilbrecht. »Auch den kurzen Hundeschwanz? Und rückwärts den hinkenden Krebs?« »Ich denke doch. Erlaubt denn der Herr Vater das Klappern hier in der Werkstatt?« »Eigentlich nicht«, meinte Arnold, »aber heute wird er wohl nichts darüber sagen; sonst schieben wir's auf dich.« »Na, denn mal losgeklappert alle viere! Aber ordentlich«, sprach Gilbrecht. »Welchen?« fragte Jakob. »Den Kunterbunten, den kann ich am besten.« »Gut! Also los!« Nun ging's los, und wie! Alle vier sprangen sie in einem besonderen Tanzschritt jeder um ein Faß herum und hieben mit dem Treibhammer in der Linken und dem Beil in der Rechten darauf los, daß die Diele dröhnte, während sie zu dem schnellen Takt halb sprachen, halb sangen: »Klipperklapper klipperklapper eins, zwei drei! Kunterbuntes Mädel, du kommst auch bald an die Reih', Klipperklapper klipperklapper vier, fünf, sechs! Hast zwei schwarze Augen wie ein' Wetter-Wetterhex', Klipperklapper klipperklapper sieben, acht, neun! Laß uns mal im Dunkelmunkel lustig sein. Klipperklapper klipperklapper eins, zwei, drei!...« Jetzt erschien der Meister auf den Stufen, setzte die Arme in die Seiten und besah sich den Spaß. Da er gutmütig lächelte, so klapperten die vier munter weiter, bis er herabkam und ihnen zuwinkte. Nun ließen sie von dem Lärm ab, und jeder nahm seine vorige Arbeit wieder auf, aber Gilbrecht fuhr mit dem Binden fort und hielt nun auch den rechten Takt dabei. Der Meister setzte sich rittlings auf die Schneidebank und bearbeitete mit dem Krummeisen sein Stabholz. Dabei ging ihm das Gespräch mit seiner Frau noch einmal durch den Sinn, und er fragte sich, ob Johanna nicht vielleicht mehr aus ihren Wünschen, als aus ihren Beobachtungen die Schlüsse gezogen hätte, die eine Verbindung der Familien Henneberg und Viskule in Aussicht stellten. Wenn er im Geiste die beiden jungen Paare betrachtete, die so vertraut miteinander umgingen und so gut zueinander paßten, so wurde er den Gedanken an den großen Standesunterschied nicht los, der sich wie ein scharfer Keil in diese Hoffnung hineinschob. Warf er aber einen Blick seitwärts auf Gilbrecht, der eben mit dem Bandhaken einen Reifen auf die Tonne zwängte, so war das gerade in diesem Augenblick ein rechtes Sinnbild der vorliegenden Verhältnisse. Was sich schwer zusammenfügen wollte, die sich sperrenden Faßdauben, das zwang Gilbrecht mit starker Hand zueinander, und die Stellung, die er mit vorgesetztem linken und etwas eingebogenem rechten Fuß eben einnahm, während er den linken Arm ausgestreckt gegen die Tonne stemmte und mit dem rechten den Bandhaken fest und sicher niederbog, brachte seine jugendschöne Gestalt und Kraft vor des Vaters Augen in das vorteilhafteste Licht. Sich selber sah der Meister in seinem Sohne wieder. Geradeso wie Gilbrecht jetzt hatte Meister Gotthard vor siebenundzwanzig Jahren eine Tochter aus vornehmerem Hause geliebt, hatte um sie geworben und nicht von ihr gelassen, allen Weigerungen und Abweisungen ihrer Familie zum Trotz, hatte sie endlich auch errungen und war mit seiner Johanna glücklich geworden. Sein Vater lebte damals schon nicht mehr, und er, der einzige Sohn, führte als Meisterknecht die Werkstatt der Mutter, die ihm zu seinem eigenen Feuer und Rauch ihren Segen gab. Sollte er der Kraft seines Sohnes weniger vertrauen als seiner eigenen? Sollte er den Sohn sein Glück nicht versuchen lassen, wie er seines versucht hatte? Immer tiefer dachte er sich da hinein, und die Erinnerung an jene Zeit des eigenen Kampfes und Sieges stieg immer lebendiger in ihm auf. Wie er mit dem Eisen und den Dauben auf der Bank schnitzelte und schabte, und Span auf Span abfiel, so fiel auch ein Bedenken, ein Hinderungsgrund nach dem anderen in seinen Erwägungen, und wie sich das Holz unter seinen Händen immer mehr rundete und glättete, so glättete sich auch mehr und mehr in seinen Gedanken die Zukunft seiner Kinder. Dem Meister wurde frei und froh ums Herz, und er fing an leise zu pfeifen. Siebentes Kapitel Die Nachmittagsstunden zogen leise wie die Wolken am Himmel durch die Böttcherwerkstatt und ließen sich von der geräuschvollen Tätigkeit weder aufhalten noch zur Eile treiben. Es hatte jede ihre sechzig Minuten, und in jeder Minute kamen soundso viele Schläge vom Beil auf die Tonne, fielen soundsoviel Späne von der Bank auf den Boden. Meister Gotthard und seine beiden Gesellen, Arnold und Jakob, sowie Lutke, der Lehrling, und der freiwillig mitschaffende Gilbrecht wechselten während der Arbeit nur dann und wann ein paar Worte, bei denen aber keine Hand feiern durfte. Immerhin ging es bei der Böttcherei laut genug her, daß sie alle fünf nicht gleich bemerkten, wie sich die Haustür öffnete und zwei Männer eintraten. Über das scharf gezeichnete, verbissene Gesicht des einen von ihnen, eines langen hageren Mannes in den fünfziger Jahren, flog ein häßliches Frohlocken, und fast auf der Schwelle noch wandte er sich halb zu seinem Begleiter um und sagte leise: »Das ist gut! Er arbeitet mit drei Gesellen und einem Lehrjungen.« Dann gingen sie auf den Meister zu, der sie jetzt erblickte, sich von der Schneidebank erhob und ihnen entgegentrat. Auch die Gesellen stellten die Arbeit ein, und der erste der Eingetretenen sprach: »Gott grüße Euch, Gott weise Euch, Gott lohne Euch, ehrbarer, günstiger Meister, und euch, hübsche Gesellen! Wir kommen, Eure Gelegenheit zu besehen nach Handwerks Gebrauch und Gewohnheit.« »Seid willkommen wegen des Handwerks!« sagte der Meister. »Wir wissen wohl«, nahm jetzt der zweite das Wort, »daß es bei dir nicht vonnöten ist, Henneberg, aber du weißt auch, daß wir es tun müssen mit eines hochedlen Rates Vollbord und Befehlich und nach des ehrbaren Amtes Ordnung.« »Ich weiß«, sagte der Meister, tut eure Pflicht, ihr Herren! Ich hoffe, ihr sollt nichts Wandelbares finden. Zählt und meßt die Großheit und die Kleinigkeit und die Unwissenheit, wo ich gefehlt habe.« »Ei, lieber Meister, was redet Ihr!« sagte der Lange wieder. »Ihr, der Amtsmeister der ehrbaren Böttchergilde und aller Handwerker leuchtend Vorbild, solltet Wandelbares haben; das ist ja zum Lachen.« Aber das Lachen kam nicht von Herzen, und der Meister gab auch keine Antwort darauf, sondern schüttelte dem zweiten, einem kräftigen, untersetzten Mann, freundlich die Hand und sagte, als er dessen besorgten Blick erst auf Gilbrecht und dann auf ihn selber sah, ruhig lächelnd: »Ist Gilbrecht, mein zweiter, ist eben aus der Fremde gekommen und wirkt aus Langeweile und zu seinem Vergnügen heute hier ein wenig mit, ist aber nicht mein Knecht.« Das Gesicht des anderen heiterte sich auf, und die beiden Männer fingen nun an, mit Visierrute und Kettenmaß ein paar Tonnen auszumessen und das Boden- und Stabholz sowie die Reifenbunde flüchtig zu überzählen. Aber sie taten es nur zum Schein, um der Vorschrift äußerlich zu genügen, denn sie wußten wohl, daß hier alles echt und gerecht und unsträflich war. Es waren die Wardierer, welche die Pflicht hatten, in bestimmten Zeitabschnitten, und zwar unangemeldet und überraschend in den Werkstätten die Gelegenheiten zu besehen und alle Handwerksarbeit genau zu prüfen, zu wägen und zu messen, ob sie genau nach der strengen Handwerksordnung von tadellosem Rohstoff, nach rechtem Maß und Gewicht und in der vorgeschriebenen Art und Weise hergestellt und mit des Meisters Hausmarke gezeichnet war. Sie mußten das Holz, das zu Wasser oder zu Wagen gekommen war, untersuchen, ob es trocken und nicht rissig, von der richtigen Art und von den geschworenen Holzwrackern auf dem Platz hinter dem Kaufhause ausgewählt war. Und wie hier das Holz und die Tonnen, so wurde anderwärts das Gold und Silber, das Kupfer, Leder, Tuch, Korn und so weiter und alle daraus gefertigte Arbeit geprüft in allen Werkstätten jeglichen Gewerbes und bei jedem Meister ohne Ausnahme. Wurde irgendwo ein nicht ganz tadelloser Rohstoff oder eine wandelbare, fehlerhafte Arbeit entdeckt, so wurde der eine wie die andere sofort zerschlagen oder verbrannt. Man ging dabei sehr streng zu Werke, und die Wardierer hatten kein angenehmes Geschäft. In der Regel besorgten es ein oder zwei von den vier geschworenen Älterleuten der betreffenden Handwerksgilde, die unter dem Amtsmeister standen, und daneben ein Abgeordneter des Rates, der ein Buch mit den darin enthaltenen Vorschriften mit sich führte, während die Älterleute die Maße und Gewichte hatten. Hier war es der Altermann der Böttchergilde Meister Ditmar Evers und als Abgeordneter des Rates ein gewisser Heinrich Sengstake, eben jener Lange, Hagere mit dem blassen Gesicht, ein Mensch von bedeutenden Fähigkeiten und Kenntnissen, aber etwas zweifelhafter Vergangenheit. Er war früher Stadtschreiber gewesen, hatte sich aber ein Vergehen oder vielleicht gar ein Verbrechen zuschulden kommen lassen, über das man zwar den Schleier des Geheimnisses und der Vergessenheit zu decken suchte, das aber doch schlimm genug gewesen sein mußte, um den sehr geschickten Mann seines Amtes zu entsetzen. Daß der Rat ihm trotzdem wieder eine Anstellung gegeben hatte, legte man in der Bürgerschaft dahin aus, daß Heinrich Sengstake ein zu kluger und, in des Wortes dehnbarstem Sinne, sehr brauchbarer Geselle war, den der Rat schon darum nicht ganz fallen lassen durfte, weil er zu viel Dinge wußte, die dieser nicht gern an die große Glocke gehängt haben mochte. Beliebt war er nirgends und galt allgemein für einen gefährlichen Menschen voll Ehrgeiz und Habgier. Das Geschäft der Wardierer war schnell beendet, und die beiden wollten wieder abgehen, als Meister Gotthard sagte. »Wollt ihr nicht eintreten, liebe Herren, und euch mit einer kleinen Verehrung zu Hilfe kommen lassen?« Es war Brauch, sich gegen die Älterleute mit einer kleinen Verehrung, einem Trunk oder leichtem Imbiß gutwillig zu zeigen; sie lehnten es aber beide dankend ab, und Altermann Evers nahm die Tür in die Hand. Sengstake dagegen sagte zu Meister Gotthards großer Verwunderung. »Wenns Euch nicht ungelegen ist, lieber Meister Gotthard, so trete ich einen Augenblick bei Euch ein, um noch ein vertraulich Wörtlein mit Euch zu reden.« Der Altermann ging weg, und Meister Gotthard führte Sengstake in die Wohnstube, wo sich Frau und Tochter befanden und den hier noch nie gesehenen Gast höflich, aber etwas erstaunt begrüßten. »Ei, sieh da!« sagte Sengstake. »Die ehr- und tugendsam Hausfrau und ihr schönes Töchterlein! Meinen dienstwilligen, ganz freundlichen Gruß, großgünstige Frau Meisterin und holde Jungfrau Ilsabe! Ist das ein Bild: die Tochter, der Mutter wie aus den Augen geschnitten, und die Mutter nur die ältere Schwester ihrer eigenen Tochter scheinend. Daß mir die Heiligen helfen mögen! So etwas hab' ich noch nie gesehen. Das Geschlecht Henneberg blüht wie kein zweites in der Stadt, Männer wie die Eichen und Frauen wie die Rosen!« Er hatte die Wahrheit gesprochen, und die beiden Frauen fühlten sich durchaus nicht gekränkt dadurch, aber Meister Gotthard wußte, was er davon zu halten hatte, und lud den Gast zum Sitzen ein, Frau und Tochter einen Wink gebend, daß sie sich aus dem Zimmer entfernten. »Verschmäht Ihr wirklich einen Trunk, Herr Sengstake?« fragte er noch einmal, ehe sich die Tür hinter Ilsabe geschlossen hatte. »Ich danke Euch vielmals, Meister Gotthard!« sagte Sengstake, »ich bin nur hiergeblieben, um das Urteil des Mannes zu hören, dessen Wort in der Bürgerschaft mehr gilt als das jedes anderen.« »Laßt solche Reden«, sagte der Meister, »ich bin ein Handwerksmeister wie die anderen auch.« »Nein, nicht wie die anderen«, sprach Sengstake, »und eben darum tut es mir leid, daß gerade Euer lieber Sohn Gilbrecht unserer guten Stadt eine so schlimme Botschaft heimbringen mußte.« »Nennt Ihr das Obsiegen des Rates in dem alten Streite eine schlimme Botschaft?« fragte der Meister streng. »Meister Gotthard!« lächelte Sengstake, »laßt uns doch offen gegeneinander sein und habt Vertrauen zu mir; ich weiß so viel wie Ihr, vielleicht auch noch ein wenig mehr.« »Dann weiß ich überhaupt nichts.« »Meister, aus Eurem Munde kommt keine Unwahrheit, und doch sprecht Ihr vom Obsiegen des Rates. Hat Euch Euer guter Freund Herr Heinrich Viskule wirklich nicht in den wahren Stand der Dinge eingeweiht?« »Ich habe Viskule seit meines Sohnes Heimkehr noch nicht gesprochen, und hätt' ich's auch, des Rates Heimlichkeit darf niemand austragen. Ich wiederhole Euch: ich weiß nichts, als was die ganze Stadt weiß.« »So will ich's Euch sagen, Meister, daß die ganze Stadt belogen ist, belogen von Bürgermeister und Rat.« Der Meister wollte auffahren, aber Sengstake stand schon vor ihm, hielt ihm am Arm und drückte ihn auf seinem Stuhl nieder, indem er fortfuhr: »Der Rat ist vom Reichskammergericht sonder Gnade verurteilt, sich an einem Viertel der Sülzeinkünfte genügen zu lassen und das andere schon mit eingezogene Viertel den Prälaten ohne Weigerung und Verzug herauszuzahlen. Ist das in kurzer Frist nicht geschehen, so trifft unsere Stadt des Kaisers Acht und das Papstes Bann.« Jetzt sprang der Meister doch auf und rief zornrot: »Ihr sollt mir Rede stehen für diese freventlich vermessenen Worte, Herr Heinrich Sengstake!« »Das will ich!« sagte der ruhig und bestimmt. »Ich glaube, es wäre gefährlich, dem Meister Gotthard Henneberg mit solchen Lügen zu kommen.« »Das wär' es!« sagte der Meister mit drohendem Blick. »Und doch«, fuhr er fort, »Ihr irrt Euch, Ihr seid selber belogen, es ist ja nicht möglich.« »So geht hin zum Ratsherrn Heinrich Viskule, der weiß es und lügt auch nicht; fragt ihn aufs Gewissen, und wenn ich Euch ein einzig Wort zu viel gesagt habe, so kennt mich nicht mehr.« Der Meister ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab und wiederholte: »Das ist ja nicht möglich, es ist ja nicht möglich!« Dann blieb er am Tisch stehen und sagte: »Und das verschweigt der Rat und läßt aussprengen, er habe gesiegt und läßt vor Freuden Arbeit und Aufträge an die Ämter verteilen?« »Ja, das tut der hochedle Rat«, sprach Sengstake kurz und spöttisch. »Gebt mir Beweise, sonst glaub' ich's nicht!« »Fragt Viskule, wenn er's Euch sagen will. Außer dem Rate wissen es noch fünf Menschen in der Stadt, und von der ganzen Bürgerschaft seid Ihr der erste, der es erfährt.« »Wozu das Geheimnis?« »Es ist nicht meins und nicht der Fünfe, die es nun wissen. Auch Ihr müßt verschweigen, wie Ihr's erfahren habt; aber jetzt, Meister, was gedenkt Ihr zu tun?« fragte Sengstake lauernd. »Ich? Was ich zu tun gedenke? Nun, dem Rate meine Meinung sagen, wenn er sie hören will, über das verdammte Lügen, im übrigen aber mit Leib und Leben, mit Ehr und Gut zu ihm stehen in Gedeihen und Verderben«, sprach Meister Gotthard mit fester Stimme. »So, so!« machte Sengstake, »das hätt' ich nicht gedacht.« »Dann habt Ihr Euch in mir geirrt«, sagte der Meister. »Acht und Bann über die Stadt!« betonte Sengstake. »Ich werde mit dem Rat und den Bürgern tragen, was Gott der Allmächtige über uns verhängt, und halte meine geschworenen Eide.« »Und wenn der Rat die Stadt ins Unglück bringt? Die Stadt verrät?« »Wenn das geschehen, so kommt zu mir und sagt es mir und beweist es mir, dann will ich der erste sein, der die Sturmglocke zieht.« »Seid Ihr denn mit dem Rate so sehr zufrieden, Meister Gotthard Henneberg?« »Nein, er tut manches, was mir nicht gefällt, aber solange er die Freiheit und Gerechtsame der Stadt aufrecht hält, solange steh' ich zu ihm mit Gut und Blut.« »Welcher Lüneburger wollte nicht die Freiheit seiner Stadt gewahrt wissen? Aber das kann geschehen, auch ohne daß die Stadt in so große Schulden gestürzt wird.« »Die Schulden sind, Gott sei's geklagt, einmal da und müssen getilgt werden.« »Aber nicht mit unrecht Gut und Kirchenraub. Ja, Kirchenräuber wird der Rat in des Papstes Bulle genannt, die uns mit dem Banne bedroht.« »Ihr wißt ja sehr genau Bescheid, Herr Sengstake!« Der Kluge war in diesem Augenblick nicht klug gewesen, hatte sich in der eifrigen Verfolgung seiner heimlichen Pläne hinreißen lassen, mehr zu sagen, als er sagen wollte, und konnte das Wort nun nicht zurücknehmen. »Nun ja«, sprach er, ohne auf diese Bemerkung des Meisters näher einzugehen, »der Rat vergreift sich an dem wohlerworbenen Eigentum von Klöstern und geistlichen Stiften, die unter dem Schutze der Kirche stehen.« »Ihr seid wohl ein großer Freund der Prälaten, Herr Sengstake?« »Ich bin ein Freund der Stadt, wie Ihr es seid«, antwortete ausweichend Sengstake, dem diese schnurgerade Frage sehr ungelegen kam, und um von einer näheren Erörterung abzulenken, fuhr er schnell fort: »Meint Ihr, ich wollte die Stadt ohne Regiment des Rates wissen? Beileibe nicht! Aber muß es denn gerade dieser Rat sein? Seit hundert Jahren und länger sind die Stühle in denselben Geschlechtern erblich, seit hundert Jahren haben Eure Väter danach getrachtet, den Ämtern, den Handwerksmeistern Sitz und Stimme im Rate zu verschaffen, an dem Regimente teilzuhaben, über das Geld mit verfügen zu können, das sie selber mit ihrer Hände Arbeit aufbringen müssen, und auch für Recht, Förderung und Gedeihen des gemeinen Bürgers sorgen zu können, woran der Rat nicht denkt. Denn allen billigen Forderungen, allen vielfältigen, fleißigen Bitten stellt sich der Stolz und Hochmut der reichen Geschlechter wie ein Damm entgegen! Das hängt und hakt zusammen wie ein Sack alter, verrosteter Nägel.« »Was wollt Ihr; das ist ein altes Herkommen, an dem wir zu Nutzen und Wohlfahrt gemeiner Stadt nicht rütteln dürfen. Die Ämter könnten die Freiheit der Stadt nicht besser bewahren, als es die Geschlechter getan haben.« »Dann begrabt Eure Freiheit, wenn Ihr sie nicht einmal selber bewachen wollt! Sind denn Freiheit und Gerechtsame nur auf die Namen Springintgut, Töbing, Dassel, Brömbse und so weiter eingeschrieben? Würden sich im Ratsdenkelbuche und unter den Briefen der Stadt die Namen Rokswale, Dörgerloh, Schnewerding und allen voran Gotthard Henneberg nicht ebensogut ausnehmen?« »Ihr habt noch einen Namen vergessen«, lächelte der Meister, »auf den es Euch doch wohl am meisten ankommt – Heinrich Sengstake.« »Wenn ihr mich ruft, so werde ich jeden Platz im Rat ausfüllen, den ihr mir anweiset.« »Auch den obersten?« »Auch den obersten; warum nicht? Ihr sollt mit mir zufrieden sein, Meister Gotthard!« sagte Sengstake mit einem beredten Blick und einer eigentümlichen Betonung. »Davor mag uns der Himmel in Gnaden bewahren!« fuhr der Meister heraus. »Wie meint Ihr das, Meister Henneberg?« fragte Sengstake grimmig und sprang vom Stuhl auf. »Wie ich's gesagt habe, Herr Sengstake!« sprach der Meister, erhob sich ebenfalls mit der ganzen Wucht und Größe seiner hünenhaften Gestalt und blickte dem anderen fest in die Augen. »Ihr an der Spitze der Stadt, und unsere Freiheiten und Gerechtsame flögen nach Wien und Celle um dreißig Silberlinge.« Das war eine bittere Pille, an der Sengstake zu schlucken und zu würgen hatte. »Meister, seht nach Euren Worten!« rief er in erstickter Wut. »Seht Ihr nach Euren Taten! Eure Pläne kenn' ich jetzt«, sprach der Meister. »Unlust und Zwietracht säet Ihr in unseren Mauern und wollt den guten, treuen Sinn gemeiner Bürgerschaft aufwühlen, um dann im trüben zu fischen, worauf Ihr Euch so gut versteht. Kommt es aber zum Aufruhr, den Ihr schürt und hetzt, dann hütet Euch davor, daß wir uns Mann gegen Mann begegnen!« Sengstake biß die Zähne zusammen und zischte mit giftigem Blick: »Wir sehen uns wieder – Herr Sülfmeister!« Dann ging er zur Tür. »Verlange nicht danach!« sprach der Meister und folgte ihm. Auf der Diele sagte Sengstake: »Amtsmeister seid Ihr am längsten gewesen, denn Ihr arbeitet hier mit drei Knechten, wie ich sehe, und –« »Mein Sohn Gilbrecht ist nicht mein Knecht«, sprach der Meister. »Und wenn ein Amtsmeister ein so übles Beispiel gegen die Ordnung gibt, so ist er –« fuhr Sengstake mit erhöhter Stimme fort. »Hier sind keine drei Knechte«, unterbrach ihn der Meister noch lauter. »So ist er nicht wert –« schrie Sengstake. »Jungens, schlagt drauf!« rief der Meister. Mit einem Satz war Gilbrecht an seines Vaters Seite und hob die Faust zum Schlage. Der Meister wehrte ihm aber und lachte: »Nein, so meine ich's nicht, klappern sollt ihr!« »Ihr habt mich in Pflicht und Amt mit schmählichen Worten –« Aber jetzt fingen die vier jungen Böttcher in der Werkstatt an, mit Treiber und Beil aus Leibeskräften auf die Tonnen loszuschlagen, daß Sengstakes Worte in dem betäubenden Lärm völlig verhallten. Sie sahen nur, wie er die Lippen bewegte, die Augen rollte und mit den Händen focht und drohte, aber zu hören war nichts von ihm. Er eilte wütend aus dem Hause, gefolgt von höhnischem Gelächter. Meister Gotthard legte sein Schurzfell ab und verließ das Haus, ohne einem der Seinen ein Wort zu sagen. Er ging aus dem Bardowicker Tor hinaus in die Heide, um in ihrer tiefen Ruhe seine eigene wiederzugewinnen. Die Sonne neigte sich herab und sandte hinter einem vielgestaltigen, von Feuersglut durchbrochenen, goldumsäumten Gewölk hohe Strahlenbäume hervor, die den abendlichen Himmel fächerartig überspannten. Die Luft war rein und klar; ein eigentümlicher Glanz lag über der Heide, und schon war sie anders gefärbt, als wie Gilbrecht sie zuerst wiedersah. An dem alles bedeckenden Heidekraut war ein frisches Grün erwacht und verlieh dem bräunlichen Grundton etwas Belebendes, Verjüngendes, fügte dem schweigsamen Ernst etwas Erfreuliches, Frühlingsberedtes hinzu, als sollte die Heide für den Mangel aller den Blick fesselnden Formen durch ein desto reicheres Spiel kräftiger Farben entschädigt werden, die mit ihrer tiefen Sättigung mehr zum Gemüt als zu den Sinnen des Wanderers sprachen. Auch auf den starkherzigen Mann, der mit weiten Schritten in ihre Einsamkeit hinausströmte, übte sie ihre wohltuende Wirkung, besänftigte seinen Groll, klärte seine Gedanken. Der Zank mit Sengstake hatte ihn nicht so erregt wie die überraschende Mitteilung, die ihm dieser gemacht hatte, und an deren Wahrheit er leider nicht zweifeln konnte, denn Sengstake schien sehr genau unterrichtet zu sein. Daß der Rat über den Stand seines großen Geldstreites ein falsches Gerücht in der Stadt verbreiten ließ, konnte Meister Gotthard keineswegs gutheißen, aber er sah diese Maßregel jetzt schon mit anderen Augen an. Er sagte sich, daß der Rat seine Gründe dafür haben müßte und die drohende Gefahr vielleicht in der Hoffnung verschwiegen hätte, das Unheil von der Stadt noch abwenden zu können, ohne die Bürgerschaft vorzeitig zu beunruhigen und um nicht durch eine Erhitzung der Gemüter und einen entbrennenden Streit der Meinungen sein Handeln beeinflussen zu lassen. Im Rate saßen stolze, hochmütige Männer, aber ungeschickt und dumm waren sie nicht, und nicht einer unter ihnen war, den man für bestechlich und verräterisch halten durfte. Darum bewahrte Meister Gotthard ihnen ein festes Vertrauen in der Handhabung der Angelegenheit, und zwar um so mehr, als er einsah, daß die Ratsherren, sämtlich an liegender und fahrender Habe reich, ihre eigene Haut so gut zu Markte trugen wie die übrigen Bürger der Stadt und dabei mehr wagten, weil sie mehr zu verlieren hatten. Er hätte die Verurteilung des Rates am liebsten ebenso geheimgehalten, wenn sein Schweigen bei der Mitwisserschaft Sengstakes und seiner Genossen von Nutzen und Erfolg gewesen wäre. Die fünf Eingeweihten aber, von denen Sengstake sprach, konnte er sich an den Fingern seiner Hand herzählen und wußte, wessen er sich von denen zu versehen hatte. Aufwiegelung und Verhetzung der Bürgerschaft zugunsten der Prälaten würde – daran zweifelte er keinen Augenblick – ihr erst im geheimen und demnächst offen betriebenes Geschäft sein mit keinem geringeren Ziel, als den Rat zu stürzen und sich selber auf seine Stühle zu setzen. Da er aber die Feinde des Rates in ihrem gefährlichen Treiben nicht hindern konnte, so beschloß er, abzuwarten, was von seiten des Rates und von dessen Gegnern in nächster Zeit unternommen werden würde. Einigermaßen beruhigt kehrte er in die Stadt zurück, und als er durch das Tor schritt, gelobte er sich noch einmal, beim Rate treu auszuhalten; denn in ihm erblickte er die Verkörperung und Vertretung der Freiheit und Unabhängigkeit seiner Stadt. Darum fragte er nicht einmal danach, ob der Rat im Recht oder im Unrecht war. Als der Meister nach Hause kam, hatten die Seinigen mit dem Abendessen schon auf ihn gewartet, denn er war in seinen Grübeleien unbewußt so weit in die Heide hinausgegangen, daß er nicht zur rechten Zeit wieder zurück sein konnte. Dies war ihm peinlich, besonders weil er zu Hause einen Gast vorfand, der nun Zeuge seiner Unpünktlichkeit war, nämlich Timotheus Schneck. Dieser Besuch war dem Meister überhaupt nicht angenehm, denn der Schuster hatte von vornherein keinen guten Eindruck auf ihn gemacht, er hatte in seinem Wesen etwas Freches, was einem Knechte, zumal einem fremd eingewanderten nicht zustand, und wovon der Meister einen ungünstigen Einfluß auf seine Söhne fürchtete. Gleichwohl wurde Timmo, der sein Abendbrot bereits zu Hause genossen hatte, gastfreundlich aufgefordert, am Tisch mit Platz zu nehmen und einen Krug Bier zu trinken, was er sich nicht zweimal sagen ließ. Der Meister hing noch immer seinen Gedanken nach, war wortkarg und wenig froh gestimmt. Gilbrecht und Ilsabe waren stillvergnügt in seliger Erinnerung des heute Erlebten beim Abziehen des Malvasiers; unwillkürlich trafen sich öfter ihre Blicke, dann glitt über Gilbrechts Gesicht ein glückliches Lächeln, und in Ilsabes Wangen stieg ein höheres Rot. Nur Arnold versuchte mit Timmo ein Gespräch zu führen, und die Unterhaltung am Tisch schleppte sich dahin, bis endlich Frau Johanna die Bemerkung nicht länger unterdrücken konnte: »Ich habe von deinem Streit mit Sengstake wenig verstanden, Gotthard, aber ich fürchte, du hast dir heut einen bösen Feind gemacht.« »Soll ich mir den etwa zum Freunde machen?« entgegnete der Meister etwas unwirsch. »Der ist mir als Feind doch noch lieber.« »Was hat's denn zwischen euch gegeben? Wenn man's wissen darf«, fragte die Meisterin. »Morgen werden es die Spatzen von den Dächern pfeifen«, antwortete der Meister, »also könnt ihr's auch heute schon erfahren. Das Gerücht vom Obsiegen des Rates war ein Irrtum; er ist verurteilt worden, die Hälfte des eingezogenen Geldes den Prälaten zurückzuzahlen.« Timmo spitzte die Ohren. »Aber das wird er doch nicht tun?« sprach die Meisterin. »Ich glaub' es auch nicht, aber dann haben wir Schlimmes zu gewärtigen. Ihr beiden, Gilbrecht und Timmo, habt die trübe Botschaft zuerst nach Lüneburg gebracht, kein feiner Ruhm für euch!« »Daß es keine gute war, ließ mich der Herr Bürgermeister schon bei der Übergabe merken«, sagte Gilbrecht. »Der scheint dich schlecht genug behandelt zu haben«, meinte Timmo, »wie kannst du dir das gefallen lassen!« »Er ist unser erster worthabender Bürgermeister«, sagte Gilbrecht bescheiden. »Bürgermeister hin, Bürgermeister her! Ist auch nicht aus anderem Teig geknetet als unsereins. Ich lasse mir von keinem Menschen etwas bieten, was ich nicht nötig habe«, sprach Timmo. »Da hast du ganz recht, Timmo; das sag' ich auch«, stimmte ihm Arnold zu. »Mit einem Schusterknecht wie du würde er sehr wenig Umstände machen, wenn er deine losen Reden hörte«, versetzte der Meister sehr ernst und mit einem mißbilligenden Blick auf Arnold. »Er steht auch unter Recht und Ordnung so gut wie jeder andere Mensch.« In Meister Gotthard kochte es, aber er hielt an sich und sagte bloß: »Was du wohl davon verstehst!« »So viel doch, Meister«, erwiderte Timmo, »daß ich mich von keinem Menschen schlecht behandeln lasse, und wenn er sonst was wäre!« »Das wollte ich dir auch sehr verdenken«, sprach Arnold dazwischen, »ich tu's auch nicht.« »Nicht wahr? Jeder ist sich selbst der Nächste, und wo ich in meinem Rechte war, hab' ich auch immer noch Mittel gewußt, meinen Willen durchzusetzen.« »Der Rat wird auch wohl ohne dich nicht in Verlegenheit kommen, seinen Willen durchzusetzen«, bemerkte der Meister mit festem Ton. »Zunächst hat er die Stadt bis über den höchsten Kirchturm in Schulden gestürzt, und so gut wie die Stadt den Rat eingesetzt hat, kann sie ihn auch wieder –« »Schweig still!« brauste jetzt der Meister auf. »An meinem Tisch duld' ich solche Reden nicht!« Timmo wollte immer noch etwas erwidern, doch Meister Gotthards drohende Haltung ließ es ihm geratener scheinen zu schweigen. Nach Tisch versuchte er sich Ilsabe zu nähern und ihr einige, wie er glaubte, sehr witzige Schmeicheleien zu sagen; aber er wurde kurz von ihr abgefertigt, so daß er sich bald entfernte. Arnold ging mit ihm. Als er fort war, sagte der Meister zu Gilbrecht: »Bringe mir den frechen Gesellen nicht wieder ins Haus! Ich mag seine vermessenen Reden nicht anhören. Das mag sich auch Arnold hinters Ohr schreiben!« »Der Schuster ist nicht so böse, Vater«, besänftigte Gilbrecht, »er liebt es nur, etwas zu prahlen, und das wollen wir ihm schon noch abgewöhnen. Übrigens kommt er auch wohl nicht gerade meinetwegen zu uns.« Und dabei sah er neckisch seine schöne Schwester an. Ilsabe lachte hell auf: »Doch nicht etwa meinetwegen, Gilbrecht? Wenn du das glaubst, so will ich ihm auch das Wiederkommen in einer Weise abgewöhnen, daß er den Rücken kehren und weite Sprünge machen soll. Traust du mir das zu?« »O ja!« sagte Gilbrecht, und die Geschwister warfen sich einen fröhlichen Blick zu, den sie beide verstanden. Achtes Kapitel Wieder war Sonntag, in der Stadt und auf dem Lande. Da durfte sich in Meister Hennebergs Werkstatt kein Beil und kein Messer rühren, und die Diele mußte schon Samstagabend zur größten Ordnung aufgeräumt sein. Die Vorräte an Holz und Reifen waren regelrecht aufgestapelt, die Tonnen, wie alle in Arbeit befindlichen Werkstücke und die Schneide- und Fügebänke waren in Reih und Glied beiseitegestellt, und alles Handwerkszeug lag oder hing so sorgfältig an seinem bestimmten Platz, als wenn es lange Zeit nicht gebraucht werden sollte. Die Wohnstube konnte nicht sauberer sein als sie es immer war. Die runden, bleigefaßten Fensterscheiben waren spiegelblank; die derben Holzschemel mit den geschweift ausgeschnittenen Rücklehnen standen wohlgeordnet auf dem reinlichen Estrich, und den großen Eßtisch in der Mitte bedeckte ein weiß und rot gewürfeltes Laken. An dem schönen Nußbaumschrein wie an einem anderen, auch kunstvoll gefügten aus Eichenholz war kein Stäubchen zu sehen. Die krausen Eisenbeschläge an den braunen Türen der Wandschränke glänzten wie Silber; die schweren Messingleuchter auf dem Gesimse des mächtigen Ofens und die Krüge, die Schüsseln und Teller von Zinn auf den Kandelbrettern blinkten und blitzten heute wie immer. Auf dem kleinen, mit einem buntgestickten Tuch belegten Tisch zwischen den beiden Lehnstühlen an der Fensterwand harrte ein blauer Steinkrug seines Blumenschmuckes, und über die längliche Truhe, die zugleich als Sitzbank neben dem Ofen diente, war eine weiche, dunkelfarbige Decke gebreitet. Zum Morgenimbiß gab es sonntags im Goldenen Ei feineres Brot, Wecksemmel und Schönroggen, und man blieb länger und ruhiger dabei sitzen. Jeder mußte dazu im Feiertagskleide erscheinen, und lauten Scherz und weltliche Kurzweil litt des Meisters frommer Sinn dabei nicht; dazu war nach der Kirche den ganzen übrigen Tag noch Zeit genug. Die Hausgenossen bewegten sich langsamer und gemessener, traten sachter auf, rückten die Stühle leiser und benahmen sich gegeneinander rücksichtsvoller als sonst, wo man sich in der kurzen Ruhe zwischen der Arbeit nicht mit Förmlichkeiten abgab. Bloße Förmlichkeiten waren es aber auch heute nicht; es lag in diesem maßvollen Wesen nichts Gemachtes, sondern es war echte Sonntagsstimmung, die sich unwillkürlich den Gemütern aufprägte als eine würdige Vorbereitung für den Gottesdienst. Die Häuser selbst hatten ein ungewöhnliches Aussehen in dieser Sonntagsruhe; denn wenn sie auch nicht wie ihre Bewohner andere Kleider anziehen konnten, so standen sie doch, Giebel neben Giebel, still und ernst in den engen gebogenen Gassen, und kein Arbeitsgeräusch drang aus ihren feiernden Dielen. Die Schlagfenster der Kramladen und Werkstätten waren geschlossen, ebenso die Fleischschranken, die Brotbänke und die Kisten der Wandschneider, denn sonntags durfte nichts verkauft werden, es sei denn, daß man das erste oder das letzte Gewand für ein armes Menschenkind zu seinem Eingange ins Leben oder zu seinem Ausgange daraus nötig hatte, eine Windel oder ein Totenhemd. Das sechstürmige Rathaus lag in einer unnahbaren Würde breit und mächtig da; es brauchte ja heute nicht zu regieren, die Treppen ruhten sich aus von den gewichtigen Schritten der Gestrengen und Hochgewaltigen, und die Stuben waren gelüftet von all den weisen Gedanken und dumpfen Sorgen, die sonst darin brüteten und schwelten. Der Brunnen auf dem Markte mit dem Bilde der sagenhaften Göttin Luna sprudelte auch heute sein klares Wasser mit werktäglicher Eile und Geschwätzigkeit, und die hüllenlose Schöne mit Pfeil und Bogen in den Händen und dem Halbmond auf der lockigen Stirn hatte auch heut ihr gefälliges Lächeln für jung und alt. Der granitne Pranger daneben mit dem Halseisen und den Schandsteinen an der Kette, um den ein jeder scheu herumging, sah finster und mürrisch aus wie immer. Er dachte wahrscheinlich an seinen vornehmen Vetter draußen in der Heide vor dem Lüner Tor auf dem Prensberge, der mit seinem gemauerten Unterbau und den vier runden, durch Balken verbundenen Säulen hoch in der Luft meilenweit sichtbar war. Man nannte ihn nicht gern, denn wer spricht denn gern von der Hängerei? Auch der hölzerne Esel neben dem Brunnen auf dem Markte streckte seine langen Ohren träumerisch in den Sonntagsmorgen hinein, wahrscheinlich verwundert, daß seit längerer Zeit kein Verspotteter auf seinem schmachvollen Rücken gesessen hatte. Die Glocken läuteten zur Kirche, und die Gläubigen folgten dem feierlichen Rufe. Ernste Männer, Ratsherren, Sülfmeister und Handwerker, in pelzverbrämten Schauben oder in geschonten Leibröcken aus dunklem Tuch schritten langsam, bedächtig dahin. Geschmückte Frauen mit gold- und silbergestickten Schapeln und schönen Gürtelketten, an denen die faltigen, samtbesetzten Kleider geschürzt waren, und sittsame Jungfrauen mit niedergeschlagenen Augen, das Gebetbuch in den gefalteten Händen, wandelten an der Seite der würdigen Eheherren, während Knechte und Mägde sich ihnen bescheiden anschlossen. Auch im Böttcherhause durfte niemand zurückbleiben. Ilsabe ging mit der Mutter voran, und Meister Gotthard folgte ihnen mit seinen Söhnen und Jakob zur benachbarten Nikolaikirche, die zu Anfang des Jahrhunderts mit Hilfe von Stiftungen der in ihrer Nähe wohnenden Schiffer und Salztonnenböttcher erbaut war. Hoch oben im Mittelschiff lief an der Wand unter dem schließenden Gewölbe ein schmaler, schwindelerregender Gang rundum, der nur von einem dünnen Eisenstab umzäunt war und der Mönchsgang hieß. Auf den seitlichen Emporen waren die Priechen mit den Wappenschildern der vornehmen Geschlechter in der Gemeinde und unten im Schiff die Sitzreihen für die Bürger und Handwerker, gleichfalls mit den geschnitzten und gemalten Wappen der Gilden bezeichnet, die hier ihre bestimmten Bänke für die Meister und deren Angehörige hatten. Wenn die Viskules die Hennebergs oder die Hennebergs die Viskules sehen wollten, so bedurfte es dazu nur einer geringen Wendung der Köpfe. Sie sahen sich auch heute, nickten sich nach ihrem Eintritt freundlich zu; und während des Gottesdienstes stahl sich mancher heimliche Blick von dort herab, von hier hinauf. Einer fehlte da oben in der Prieche, an deren Brüstung der Schild hing mit den drei silbernen Fischschwänzen in rotem Felde, die einen gemeinschaftlichen Kopf in der Mitte hatten und sich von ihm aus wie Radspeichen nach außen hin krümmten. Balduin fehlte, weil er, wie Ilsabe später erfuhr, behauptete, sein Lieblingsprediger stünde auf der Kanzel der Michaeliskirche, die zu dem großen Kloster unter der Hut des Abtes Ludolf von Hitzacker gehörte. Es war der erste Sonntag, also auch der erste mit Predigt verbundene Gottesdienst nach dem Bekanntwerden des wahren Sachverhalts in dem Streit mit den Prälaten. Allerdings genossen diejenigen, die zuerst für dieses Bekanntwerden unter der Hand gesorgt hatten, wenig Vertrauen in der Bürgerschaft, und viele aus der letzteren neigten sich immer noch lieber zu dem Glauben an einen günstigen Stand der Angelegenheit, als einen so bedrohlichen, wie der war, mit dem man sie schrecken wollte. Allein mit dem allmählichen Umsichgreifen des erst scheu und schleichend und dann immer sicherer auftretenden, sich immer böswilliger gebärdenden Gerüchts wuchsen auch die Zweifel an den von seiten des Rates kundgegebenen Nachrichten, und wenn etwas dazu angetan war, diese Zweifel noch bedeutend zu verstärken, so waren es Inhalt und Ton der heutigen Predigten in sämtlichen Kirchen der Stadt. Wie sich nachher beim Austausch der Meinungen herausstellte, herrschte darin eine so auffällige Übereinstimmung des Gedankenganges, ja beinahe des Wortlautes, daß die Vermutung nahelag, dieses Predigt hätten zwar sieben Geistliche gehalten, aber nur einer hätte sie verfaßt, und zwar einer, der die Macht hatte, den anderen vorzuschreiben, was und wie sie reden sollten. Ein unmittelbarer Hinweis auf den schwebenden Streit oder die darüber hin- und herflutenden Gerüchte wurde zwar von der Kanzel herab vermieden, aber der Anspielungen waren so viele und sie ließen an Deutlichkeit so wenig zu wünschen übrig, daß sie auch die Einfältigsten verstanden. Die Übereinstimmung des Wortlautes lag zum Teil auch in den angeführten Bibelstellen. Die Heilige Schrift befand sich nicht in den Händen der Laien, die sie in den fremden alten Sprachen doch nicht hätten lesen können. Um so mehr aber erfüllte es christgläubige Gemüter mit frommen Schauern der Andacht und der Ehrfurcht, wenn von dem geheimnisvollen Gotteswort gesprochen wurde, das nur in Klöstern in dicken Büchern aufbewahrt und abgeschrieben wurde. Wenn es dann von den Lippen des gelehrten Mönches klang: Es steht geschrieben: »Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist«, oder »Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen«, so wirkten die göttlichen Lehren wie Offenbarungen des Heiligen Geistes. Aber wenn es nun an die Auslegung und Nutzanwendung ging, so kamen sie den Hörern wieder wie rein menschliche Mahnungen vor, recht ausgesucht und zugestutzt zu Wahlspruch und Kriegsruf ihrer bei dem brennenden Streit stark beteiligten Geistlichkeit. Auch von der Obrigkeit, die von Gott eingesetzt ist, war die Rede, aber nicht der Rat, sondern der Kaiser und noch mehr der Papst in Rom wurden als höchste Obrigkeit auf Erden gepriesen, deren Willen und Ausspruch sich männiglich in allen Dingen unbedingt zu fügen hätte. Des Rates ward allerdings auch gedacht, aber in Ausdeutung des Spruches: »Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen.« An die Drohung mit grausamen Höllenstrafen für den Ungehorsam gegen jene allerhöchste Obrigkeit knüpfte sich eine handgreifliche Ausmalung der fürchterlichen Folgen des großen Bannes. Der Schluß war: Wenn die Menschen Frieden auf Erden und die ewige Seligkeit im Himmel haben wollten, so sollten sie sich nur auf guten Fuß mit der heiligen Kirche stellen und um Gottes willen alles tun, was deren fromme Diener von ihnen verlangten. Die andächtig versammelte Gemeinde lauschte der Predigt mit sehr geteilten Gefühlen. Viele Zuhörer gönnten dem Rate die halb versteckte, halb offene Zurechtweisung, andere ärgerten sich über die geistliche Anmaßung, die ihnen einen Abfall vom Rat und ein Aufgeben städtischer Vollmacht zumutete. Die anwesenden Ratsherren selber hatten alles vollkommen begriffen, ärgerten sich aber nicht mehr und nicht weniger darüber, als wie man sich über einen gut überlegten und geschickt ausgeführten Schachzug seines Gegners ärgert, gegen den man sich in dem Augenblick nicht schützen und verteidigen kann. Hier in der Kirche freilich mußten sie es einstecken und schweigen, aber – so dachten sie – wenn der geistliche Herr da sich gefälligst einmal auf das Rathaus bemühen und ihnen dort dasselbe noch einmal sagen wollte, so würden sie auch nicht auf den Mund gefallen sein, sondern ihm ganz gehörig heimleuchten. Nach Beendigung des Gottesdienstes war eine große Erregung unter den Gemeindegliedern; die Männer besonders fühlten das Bedürfnis einer gegenseitigen Aussprache über das Gehörte, wesentlich unterstützt durch die Gewohnheit, nach der Kirche einen Morgentrunk zu sich zu nehmen. In des Rates Bierkeller am Sande – des Rates Weinkeller befand sich unter dem Rathause am Markt –, über dessen Eingang ein eisengeschmiedeter Drudenfuß als Wahrzeichen hing, gab es eine Amtsmeisterstube, so genannt, weil hier die Amtsmeister und zuweilen auch einige Älterleute der Gilden ihr Bier zu trinken pflegten, namentlich sonntags, wo man dann eine Stunde später zu Mittag aß. Da war schon manche vertrauliche Beratung gepflogen, schon mancher hartnäckige Streit ausgebrochen, mancher aber auch mit einem tiefen Trunk und einem kräftigen Handschlag beigelegt und ausgeglichen. Auf dem Heimwege von der Kirche trennten sich die Männer von ihren Familien und suchten die Trinkstuben auf. Die Amtsmeister gingen in des Rates Bierkeller, wo die Amtsmeisterstube heute ungewöhnlich zahlreichen Besuch hatte. Sie schüttelten sich die Hände, erkundigten sich gegenseitig nach ihrem und ihrer Frau Eheliebsten Wohlergehen und ließen sich an den Tischen nieder zu einem Kruge Salzwedeler oder Hildesheimer Bier. »Heute hat es der Rat aber mal gut gekriegt!« fing der eine an. »So? Bei euch auch?« fragte ein anderer. »In Sankt Johannis ist es auch nicht schlecht über ihn hergegangen«, sagte ein dritter. »Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen, hieß es bei uns«, sprach wieder ein anderer, »das war doch deutlich?« »Was? So ungefähr klang es ja bei uns auch« – »Bei uns ganz genauso«, riefen zwei schnell nacheinander. Nun kam es allmählich heraus, daß sie fast alle dieselbe Predigt gehört hatten. »Ich hab's dem Rate gegönnt«, sprach Dörgerloh. »Ich auch! Ich auch!« riefen ein halbes Dutzend andere. »Und gesessen hat's!« sagte Komrath, der Sattler und Riemenschneider. »Ich habe Ludolf Töbing dabei in Obacht genommen, der wurde braun und blau vor Ärger und schoß ganz wütende Blicke nach dem Predigtstuhle.« »Das glaub' ich«, lachte Ryssupp, der Reepschläger, »der hätte gewiß am liebsten dazwischengeschlagen.« »Wollt ihr's ihnen etwa verdenken«, sprach der Schiffer Kerkrink, »daß sie kein freundlich Gesicht dazu machen, wenn sie vor der ganzen Gemeinde mit schmählichen und freventlichen Worten überfahren werden?« »Das hat noch niemand getan«, rief Meister Dörgerloh wieder, »der Rat ist nur mit ziemlichen und christlichen Worten zu ehrbarer Billigkeit gegen die weltliche und geistliche Obrigkeit und zu Nutz und Notdurft gemeiner Stadt ermahnt worden sonder Arglist und Gefährde.« »Die christlichen Worte hatten bisweilen einen recht scharfen Klang, lieber Meister Dörgerloh«, sprach Hans Laffert, der reiche Goldschmiedemeister mit dem weißen Haar und dem freundlichen, klugen Gesicht. »Jeder sollte sich des Friedens und guter Einigkeit befleißigen und sich an Gleichheit und Recht genügen lassen.« »Ja, tut das denn der Rat?« fragte Hesterwegen, der Schuster, auf. »Was er dem einen gibt, nimmt er dem anderen und stiftet selber Zwietracht und schädliche Irrungen. Was meint Ihr, Meister Burchard?« Doch ehe Burchard Rokswale, Amtsmeister der Brauer und ein stattlicher, stark gebauter Mann mit ausdrucksvollen Zügen, der bis jetzt ruhig zugehört hatte, antworten konnte, riefen mehrere Stimmen zugleich: »Da kommt der Sülfmeister! Der wird's euch schon sagen!« Als Meister Gotthard Henneberg langsamen Schrittes eintrat, erhoben sich viele, ihn freundschaftlich zu begrüßen. Sie machten ihm bereitwillig in der Mitte des größten Tisches Platz, er kam zwischen Dörgerloh und Laffert, Rokswale gegenüber zu sitzen. »Seid wohl schon mit allem Fleiß dabei, euch des Rates günstig anzunehmen?« fragte er lächelnd, sich im Kreise umschauend. Da lachten sie alle, und Rokswale sagte: »Jawohl, Henneberg! Kommst gerade recht; hier wird immer noch weiter gepredigt.« »Kann's mir denken«, lachte Meister Gotthard. »Könnt Ihr Euch auch denken, Henneberg, daß wir heut alle dieselbe Predigt gehört haben?« fragte Dörgerloh. Meister Gotthards Gesicht wurde sehr ernst, und es war in diesem Augenblick tiefe Stille; alle lauschten auf des Sülfmeisters Meinung über diesen seltsamen Umstand. Er sagte ruhig und bedächtig: »Dann, liebe Brüder, müssen wir auch alle dieselbe Antwort darauf geben.« »Aber war für eine Antwort?« fragte Dörgerloh. »Ja, ja, was für eine? Welche Antwort?« wiederholten mehrere zugleich. Gotthard Henneberg hob das Haupt und hob die Stimme, als er mit einem entschiedenen Blick auf die Frager an den Nebentischen sprach: »Ich weiß nur eine: fest und treu zur Stadt und zum Rate stehen, daß uns keiner an unsere Freiheit rührt!« »Das seh' ich nicht ein!« rief Hesterwegen. »Ne, ich auch nicht, ich auch nicht!« klang ein vielfaches Echo. Da kam es von der Tür her, an der mehrere Neueingetretene stehengeblieben waren: »Unsere Freiheit wollen wir uns nicht nehmen lassen, aber auch vom Rate nicht, und wer das Feuer aufgeblasen hat, der sehe zu, wie er es wieder lösche!« Aller Augen wandten sich zu dem Sprecher, der jetzt hervortrat. Es war Schuttenhelm, der Schmied, ein breitschultriger, baumstarker Mann, der sich einer großen Beliebtheit erfreute. »Recht so, Schuttenhelm! Meister Schuttenhelm hat recht! Meister Schuttenhelm trifft das Eisen immer auf den richtigen Fleck!« rief es laut durcheinander. »Komm her, Schmied! Schlag eine Hitze mit!« rief Schnewerding, der Harnischmacher und Plattenschläger. »Wer das Feuer aufgeblasen hat, Schuttenhelm, das will ich dir sagen«, sprach Gotthard Henneberg. »Das haben die Prediger getan heut in der Kirche.« »Was? Wo? In der Kirche?« fragte der Schmied. »Ich war nicht in der Kirche.« Nun wurde ihm von den Umsitzenden kurz und schnell berichtet, was sich begeben hatte. »Steht es so?« rief er da. »Das ist ein ander Ding; Sülfmeister, dann bin ich dein Mann! Wenn ich die Pfaffen mal unter meinen Hammer kriegen könnte –« »Dann kämen sie freilich vor die rechte Schmiede«, lachte Schellepeper, der Wandschneider, und alle lachten aus vollem Halse mit, blickten auf des Schmiedes furchtbare Faust und tranken ihm zu. Denn wenn auch der Rat hier manchen Gegner hatte, so hatten doch die Prälaten hier keinen Freund. Jetzt erhob sich Rokswale, der Brauer, und sprach: »Nicht so rasch, liebe Brüder! Wir können hier das Urteil nicht finden, wer im Recht und wer im Unrecht ist, aber da wir hier freundlich versammelt und beieinander sind, so vermein' ich, wir könnten bei dieser umständlichen Gelegenheit uns wohl danach umtun, wie sich jeder von uns zu des Rates Sache zu stellen gedenkt. Wenn das zur Wahrheit käme, was Sengstake oder Dalenborg euch gewiß ebensogut zugetragen hat wie mir –«, – »jawohl, jawohl, die kennen wir ja!« riefen die anderen dazwischen – »wenn das wahr ist, sag' ich, daß unsere gute Stadt Acht und Bann zu gewärtigen hat, so dürfen das die Ämter nicht ruhig mit ansehen, sondern dann ist es Zeit, daß wir unser Recht stärken und nicht verkränken lassen. Können wir das Übel abwenden mit dem Rate, so ist es desto besser; wäre es aber, was Gott verhüten wolle, daß die Sache Grund und Meinung hätte, und der Rat es aufs Äußerste ankommen lassen wollte, so müssen wir mit ganzem Ernst und Fleiß im gemeinen Nutzen des Handwerks uns beraten, was wir nach Gelegenheit der Zeit tun oder lassen wollen.« »So laßt uns die Gelegenheit der Zeit benutzen, unser Recht zu stärken«, sprach Dörgerloh. »Was uns der Rat, dieser Vetterleinsrat und Säckelfeger, so lange er in seinem Hochmut obenauf ist, nicht einmal auf unser vielfältiges, dienstliches Bitten nachgeben und verstatten würde, das ließe sich jetzt leicht durchdrücken sonder Gefährde.« »Jawohl!« sagte Regenstörp, der Knochenhauer. »Wie ist es denn den Pantoffelmachern ergangen, als sie einen ehrbaren Rat mit inständiger Bitte anfielen, er möchte sie aus besonderer Bewegung mit einer Rolle günstiglich versehen und begnaden? Da hieß der Bescheid: Geht nur nach Hause, die Herren haben andere Dinge zu denken und zu schaffen, und wenn sie etwas beschließen wollen, so werden sie euch nicht fragen. Da standen nun die Pantoffelmacher und gingen nach Hause und blieben fromme Leute.« »Und sie haben heute noch keine Rolle«, rief Peter Flachs, der Lohgerber, »wir aber, die wir eine haben, wir wollen doch mal ernstlich nachsehen, ob wir nicht manchen Punkt darin finden, den wir mit Willen, Wissen und Wort des Rates anders haben möchten.« »Freilich! Genug!« rief Hesterwegen und sprang auf. »Ich weiß gleich einen: daß wir Morgensprache halten können, so oft uns das gelüstet und beliebt, auch ohne eines ehrbaren Rates Vorbewußt und Vollbord, auch ohne Gegenwart und Beisein der Morgensprachsherren.« Dieser Vorschlag fand von allen Seiten jubelnden Anklang. Ja, hieß es, wenn wir das durchsetzen könnten, wenn der Rat uns das nachgeben wollte, so sollte er auch in seinen Angelegenheiten auf uns zählen können. Noch andere Anträge wurden gestellt. »Der Rat soll sich nicht hineinmischen, wie und wo wir unser Holz, Korn, Leder, Tuch und so weiter einkaufen, sondern das den Ämtern allein überlassen, die schon dafür sorgen werden, daß sich der Arme mit dem Reichen bergen kann«, sprach Eekholt, der Schreiner und Kuntormacher. »Gut, gut! Das war eine wackere Hobelpredigt, Meister Eekholt!« rief Sachtleben, der Hutmacher. »Und wenn die Wardierer umgehen, so sollen das die Älterleute allein tun, ohne einen Abgesandten des Rates, denn was der vom Handwerk versteht, dafür gebe ich keinen Fünftageshut!« »Alles, was Äste hat!« rief Eekholt. »Sachtleben, ich trinke dir eins zu!« »Und der Rat soll die Bannmeile erweitern, binnen der keiner Arbeit machen und verkaufen darf, der nicht zur Gilde gehört«, sprach der Schneider Vogelsang. So wurden noch mancherlei Vorschläge laut, aber jetzt erhob sich Hans Laffert, der Goldschmied, mit dem schneeigen Haupt und dem geistvollen Antlitz. »Liebe Freunde«, sprach er, »eure Wünsche mögen wohl nicht unbillige sein, aber weil ich hier der älteste unter uns Werkmeistern bin, so nehmt ein friedsames Wort günstig von mir auf. Das Handwerk in unserer Stadt ist bei den Gewohnheiten, wie wir sie von unseren lieben Vorfahren seligen Andenkens von alters her überkommen haben, in gutem, gedeihlichem Wohlstande. Darum bitt' ich euch, tretet jetzt nicht mit neuen Forderungen vor den Rat, der Frieden und Einigkeit mit der gemeinen Bürgerschaft sehr vonnöten hat. Alles, was ihr begehrt, könntet ihr leichtlich jetzt von ihm erlangen, aber er würde es uns später wieder nehmen und sprechen: Es ist uns damals in der Not abgedrungen und abgezwungen, darum hat es keine Kraft und Beständigkeit und soll nicht mehr gelten. Wartet ab, liebe Freunde, ob er nicht aus freien Stücken uns dies und jenes nachläßt und manchen Wünschen zuvorkommt, daß der gemeine Mann gestillet werde und dafür desto treuer zum Rate stehe in dieser schweren Zeit.« »Ihr habt schon recht, hochachtbarer Meister«, sprach Dörgerloh, »aber soll denn alles nur auf des Rates Behagen stehen, wieviel er uns aus sonderlicher Gunst und Gnade verwilligen will? Muß denn alles, was er sich vornimmt, recht oder krumm, nach seinem Willen gehen? Von der Zeit, daß Menschen in Lüneburg denken mögen, haben sie auch vom Rate stets etwas zu fordern gehabt, weil er nie soviel gibt und gewährt, wie er nach Billigkeit und Ehrbarkeit geben und gewähren sollte. Jetzt braucht uns der Rat und kommt ohne unseren Beistand aus der Patsche nicht heraus, in der er bis über die Ohren drin sitzt, aber wenn er von uns verlangt, daß wir Willen machen, so können wir auch von ihm verlangen, daß er Willen macht, wie wir's begehren.« Allseitige Zustimmung folgte diesen Worten. Aber Schuttenhelm sagte: »Wohl wahr, Dörgerloh, aber der ehrwürdige Meister Hans Laffert hat doch recht: jetzt dürfen wir den Rat nicht drängen, sondern müssen ihn in Ruhe lassen, daß er sich erst seiner Feinde erwehre, denn seine Feinde sind unsere Feinde, sind gemeiner Stadt Feinde, und gegen die müssen wir ihn schützen mit Leib und Leben um unserer Freiheit willen.« Und der lebhafte Mann faßte sich beim Sprechen mit der Hand an den Oberarm, wie um die stählerne Kraft zu prüfen, die er dem Rate bereitwillig zur Verfügung stellte. »Mit Kleinigkeiten wollen wir ihn auch jetzt nicht stören«, nahm Rokswale das Wort, »aber wir Amtsmeister mit unseren Werkbrüdern und Kumpanen, wir haben die Gewalt in der Stadt, und ich wüßte wohl einen schönen, hohen Preis, für den es sich allenfalls der Mühe verlohnte, darüber nachzudenken, ob wir sie für oder wider den Rat gebrauchen wollen.« Er machte eine kurze Pause, um die Erwartung noch mehr zu spannen, und sprach dann weiter: »In allen Städten des Reiches trachten die Handwerker danach, Sitz und Stimme im Rate zu gewinnen, um das Handwerk zu ehren und zu fördern und zur Wohlfahrt des gemeinen Besten. Könnten wir, was anderwärts mit Glück geschehen ist, hier nicht ebensogut erreichen?« – »Ja, ja, ja! Gewiß können wir das! Warum denn nicht? Versteht sich!« riefen sie rings um ihn her. »Nicht wahr?« fuhr er fort. »Ja, wenn ihr aber der Meinung seid, wie ich es auch bin, dann Brüder, dann heißt es handeln, und rasch handeln, denn wenn wir es jetzt nicht fordern, so können wir's nie, wenn wir's jetzt nicht erlangen, so erlangen wir's nie.« Wie Funken von Stahl und Stein in den Zunder, so sprangen diese Worte in die ehrbaren Meister. Sie standen auf, liefen einer zum anderen, sprachen laut und lebhaft aufeinander los und führten sich gegenseitig eine Menge der triftigsten Gründe vor, warum das Handwerk durchaus im Rate vertreten sein müßte und daß es gar nicht mehr anders ginge. Keiner von ihnen dünkte sich zu gering, um nicht hochedel und wohlweise auf einem Ratsstuhle sitzen zu können und sich Herr Ratsherr nennen zu hören, und die ihnen nur in der Ferne gezeigte lockende Aussicht brachte sie in große Erregung. Meister Gotthard hatte still und ernst dagesessen mit einem wachsamen Blick auf Rokswale, den einflußreichen Amtsmeister der großen Mültergilde, der ersten und mächtigsten in Lüneburg. Jetzt aber erhob er sich und klopfte mit seinem Kruge so fest auf den Tisch, als wenn er seines Amtes in einer hohen Morgensprache waltete und den handfesten Böttcher-Regimentsstab befehlend in der Rechten führte. Da ward es still umher, alle blickten auf ihn, und Gotthard Henneberg sprach: »Günstige, liebe und getreue Brüder und Freunde! Ich habe bis jetzt geschwiegen, um erst eure Meinung über unterschiedliche, hier in Betracht kommende Dinge zu vernehmen. Nun gönnt mir das Wort und schenkt mir ein freundlich Gehör. Wir ehrbaren Handwerksmeister sind, wie Rokswale ganz richtig gesagt hat, mit unseren Gildebrüdern und unseren Knechten eine starke, streitbare Macht in den festen Mauern unserer guten Stadt Lüneburg, und wenn wir unter uns eines Herzens und eines Sinnes sind, so können wir hier schalten und walten, wie es uns beliebt. Unsere Gilden und Brüderschaften sind aber auf Gottesfurcht und christliche Liebe, auf Einigkeit und Ehrbarkeit gegründet; unsere Ordnung nach altem Herkommen, Recht und Gewohnheit macht uns stark, und auf unsere Tüchtigkeit im Handwerk ist das ganze Leben gestellt. Was Menschen handhaben, gebrauchen und begehren zu Nutz und Notdurft, in Lust und Traurigkeit vom ersten Schrei bis zum letzten Abschied, das schaffen alles wir mit unserer Hände Arbeit. Darauf können wir stolz sein und sind es auch. Unser Stand ist ein Ehrenstand so gut wie die von Ritterschaft und Geistlichkeit, aber wir müssen auch auf Ehre halten, müssen dafür sorgen, daß in unseren Gilden Frömmigkeit und Zucht und Tugend walten. Das Handwerk muß rein sein, und das Werkzeichen des Handwerkers soll gleich sein dem Schild und Helm der Geschlechter. Dann dürfen wir aber auch nicht mit hochstrebendem Gebaren die Hand nach Dingen ausstrecken, die mit dem ehrbaren Handwerk nichts gemein haben, die uns entzweien und verwirren und uns den Boden unter den Füßen wegnehmen, so daß wir nicht mehr sind, was wir sein sollen. Wir sollen das Leben schützen und stützen, es bequem und fröhlich machen, aber es nicht lenken und leiten wollen. Ihr, liebe Freunde, strebt nach solchen Dingen, strebt nach dem Regiment dieser Stadt. Nun wohl, wenn wir Handwerksmeister nun im Rate säßen, so würden wir nach Weisheit unserer fünf Sinne und mit unserer höchsten Redlichkeit die Stadt geradesogut zu regieren suchen wie jeder andere ehrbare Rat. Was würden wir aber dabei wohl am ersten wünschen, worauf würden wir uns zu allermeist verlassen müssen, um überhaupt regieren zu können? Doch wohl darauf, daß die Bürger uns treu blieben mit ihren geschworenen Eiden! Wie? Was wir als Ratsmänner von unserer Bürgerschaft verlangen würden, das sollen wir jetzt unserem Rate verweigern? Sollen ihm unsere Eide brechen?« »Wer sagt das? Das hat noch keiner gewollt«, riefen ihm Dörgerloh und Hesterwegen nebst einigen anderen Meistern zu. »Ihr wollt das nicht, ihr habt euch das nicht gerade vorgenommen«, fuhr der Sülfmeister fort, »das will ich euch glauben, aber ihr seid trotzdem auf dem Wege dazu und treibt in den Eidbruch hinein, ihr wißt selber nicht wie. Gutwillig gibt euch das der Rat nicht nach, daß er Handwerksmeister zum Regiment zuläßt; aber wenn ihr's erst einmal gefordert habt, so könnt ihr nicht mehr zurück, wollt auch nicht, setzt es endlich mit Gewalt durch. Und dann? Dann seid ihr eidbrüchige Leute!« Ein deutliches Murren ließ sich von den Nebentischen hören. Der Redner schaute sich um und sprach weiter: »Ja, wißt ihr ein ander Wort dafür? Ich nicht. Du sagst, Rokswale, es wäre doch in anderen Städten mit Glück geschehen. Mit Glück? Mit Blut, sag' ich, mit Bürgerblut und unsäglichem Elend. Sie haben den Ratsherren die Köpfe zwischen die Füße gelegt, aber den Handwerkern nachher auch und noch mehr; andere sind geturnt, gefoltert und auf ewige Zeiten verfestet. Wollt ihr solch namenloses Unheil auch über unsere gute Stadt Lüneburg bringen? Sitzen eure Köpfe fester, Dörgerloh und Hesterwegen, als die der Herren Springintgut und Töbing?« Wieder murrten sie rings um ihn her. »Hilft nichts, liebe Brüder«, fuhr er fort, »ich muß euch das sagen, ob ihr's nun gern hört oder nicht. Ich habe als Bürger und Amtsmeister geschworen: daß ich dem Rat und dieser Stadt treu und hold sein, ihr Bestes fördern, ihr Ärgstes abkehren will nach meinem Sinnen und Wissen, so ich am allerbesten kann, daß ich keine Morgensprache halten will ohne den Rat, daß ich auch nicht will richten, es gebühre mir denn zu richten, daß ich nicht handeln oder vollborden will, das wider den Rat und diese Stadt sei, und wenn ich etwas deswegen erführe, daß ich dem Rate das wissentlich tun und vermeiden will, so mir Gott helfe! Das habe ich geschworen und jeder einzelne von euch ebenso. Ist nun einer unter euch, der diesen Eid brechen will, der stehe auf und bekenne sich dazu. – Seht ihr, liebe Brüder! Keiner von uns will das. Und wie sollten wir auch so schwere Sünde auf uns laden um einer Handvoll Prälaten willen, die sich Diener der Kirche nennen und statt Gottes heiliges Wort zu lehren uns Zwietracht und Aufruhr predigen! Als der Rat damals die Hälfte des Sülzeinkommens von den Begüterten forderte, da schwiegt ihr und fandet es recht und billig, daß er die harte Steuer den Reichen auflegte und nicht der nothaften Armut. Habt ihr damals geschwiegen, so schweiget auch jetzt; habt ihr damals gebilligt, so müßt ihr's auch jetzt und müßt dem Rate treulich beistehen, es durchzuführen. Wenn ihr ihn jetzt im Stiche laßt und erlaubt, daß andere, und sei es Kaiser und Papst oder gar die Prälaten fremder Klöster, in unser Regiment hineinreden, so schädigt ihr das Ansehen und die Vollmacht des Rates und verratet die Freiheit unserer Stadt. Und, Freunde, das weiß ich, das wollt ihr nicht!« »Nein! Nein! Das wollen wir nicht! Bei Gott! Das wollen wir nicht!« riefen alle laut und begeistert. »Nun, so laßt euch auch nicht verlocken und verführen von den Winkelläufern, von den Land- und Leutebetrügern, deren Namen ich euch nicht zu nennen brauche, die von Haus zu Haus, von Werkstatt zu Werkstatt schleichen, euch schmeicheln und belügen, euch aufwiegeln und hetzen zu Empörung und Eidbruch. Den Klöstern und Prälaten ist es um das Geld, ihren scheinbaren Freunden aber hier in der Stadt ist es um ganz andere Dinge zu tun. Das sind die Verräter, die uns umgarnen und dabei auf ihren eigenen Kuchen scharren wollen; und hinter diesen stehen noch andere, Mächtigere, die nur darauf warten, daß wir in Unfrieden und Zwietracht geraten, um unsere städtischen Privilegien, auf die sie schon lange ein Auge haben, mit List und Gewalt, mit Trug und Bestechung an sich zu bringen, Dazu reichen sie sich die unehrlichen Hände, die uns in die Häuser kommen und die heut auf den Predigtstühlen standen. Klug genug haben sie es angefangen, aber ich meine, sie sollen sich verrechnen und ihre List soll an dem treuen, festen Sinn gemeiner Bürgerschaft elendiglich zuschanden werden. Wir dürfen unserer Freiheit, Recht und Gewohnheit, wie wir sie von unseren Vorfahren seligen Andenkens übernommen haben, nicht verlustig gehen, den vorigen Alten zum Schimpf und den Jungen zum Nachteil und Verderben, sondern wir müssen sie voll und rein unseren Kindern und Kindeskindern überliefern, daß sie unsere Namen segnen und uns nicht über das Grab nachrufen: Ihr habt uns unser Erbe verschleudert.« Einer nach dem anderen von den Meistern war aufgestanden und hatte sich so gestellt, daß er dem Redner ins Gesicht sehen konnte. Allmählich bildete sich ein dichter Kreis um ihn. Sie nickten sich beifällig zu, stießen sich mit den Armen an, ihre Augen glänzten, und manchem klopfte das Herz. Wie Gotthard Henneberg hochaufgerichtet vor den Handwerksmeistern stand, die alle seinesgleichen und jeder in seiner Art auch tüchtige, ganze Männer waren, da riß sie seine Rede, die mit dem vollen Klange seiner Stimme ihm aus bewegter Seele kam, wie im Strome fort; er hätte sie zu dieser Stunde führen können, wohin und so weit, wie er gewollt hätte. Etwas ruhiger sprach er weiter: »Wir wollen an unserem alten, einfachen Glauben festhalten und uns nicht von römischem Eifer und pfäffischen Spitzfindigkeiten verblenden lassen. Wenn wir nur die Heilige Schrift hätten und sie lesen könnten! Brüder, ich glaube, da steht vieles ganz anders drin oder ist anders gemeint, als sie uns weismachen wollen, ein besseres Christentum, ein reineres Evangelium, als wir's heutzutage zu hören bekommen. Davon wollen wir uns aber nicht abdrängen lassen, wollen Gott und sein heiliges Wort vor Augen und im Herzen haben und brüderliche Liebe und Einigkeit pflegen. Denn wenn wir, wir ehrbaren, biderben Handwerker und Bürgersleute mit unserem Volk im Hause nicht an dem alten, reinen Glauben festhalten, wer soll es dann?« »Wir, wir, nur wir!« murmelten sie. »So sei denn jeder seines Amtes klug und stehe in der Gilde seinen Mann. Wir haben Krieg und Frieden in unseren Händen, denn wie die Gilden denken, was die Gilden beschließen, das entscheidet über das Schicksal unserer Stadt. Liebe Freunde allesamt und sonders! Gebt mir euer Wort, daß ihr dem Rate treu und gehorsam bleiben und die Werkbrüder stillen und beschwichtigen wollt. Kommt das Unglück über uns, fallen wir in Acht und Bann, so wollen wir Morgensprache halten und beraten und beschließen. Bis dahin aber gedenket eures Eides und ermahnet die anderen dazu, daß eines jeden Amtsverwandten Name rühmlich erhalten werde. Nicht wahr, Brüder? Ich hab' euer Wort, daß ihr Ruh und Frieden halten wollt Gott zu Ehren und zu Wohlfahrt und gemeinem Besten dieser guten Stadt!« Er streckte ihnen mit einer lebhaft entschiedenen Bewegung beide Hände weit entgegen, und sie schlugen ein, Mann für Mann. An jeder Hand, rechts und links, ballte sich ein Knäuel anderer ehrlicher, schwieliger Hände zusammen, und die keine Hand von ihm erfassen konnten, die klopften ihn auf die Schulter und schüttelten ihn, winkten und nickten ihm zu, machten aber nicht viele Worte. Schuttenhelm, der Schmied, sagte: »Brüder, das war mal wieder unser Sülfmeister, der Turm von Lüneburg!« Rokswale sprach: »Henneberg, du hast dem ehrbaren Rate heut eine Schlacht gewonnen, du ganz allein!« Der Meister drückte ihm stumm die Hand. Es war weit über die Essenszeit; aber dieser Morgentrunk hier in des Rates Bierkeller war wichtiger gewesen, als alle lauten oder stillen Vorwürfe der wartenden Hausfrauen, zu denen sich die Männer nun auf den Weg machten. Die meisten von ihnen, wenn nicht alle, waren anderen Sinnes geworden. Der Grimm und Groll, von dem sie selber nicht recht wußten, ob sie ihn mehr auf den Rat oder mehr auf den Klerus wälzen sollten, und die verbitterte Stimmung, die sie aus dem Gotteshause mit in die Trinkstube genommen hatten, waren nach des Sülfmeisters Rede verschwunden und hatten besseren Gefühlen Platz gemacht. Freieren, freudigeren Herzens kehrten sie heim mit dem festen Vorsatz, ihrem geschworenen Eide gemäß zu handeln, treueinig zusammenzuhalten, von der Freiheit und Unabhängigkeit ihrer Stadt kein Tüpfelchen zu vergeben und um dieser Ehrenpflicht willen selbst den Rat, den sie nicht liebten, zu stützen mit ihrer besten Kraft, deren sie sich in der Geschlossenheit ihrer Gilden wohl bewußt waren. Es erwachte in ihrer Brust etwas wie Vaterlandsgefühl und Bürgerstolz. Der Goldschmied Hans Laffert hatte mit Meister Henneberg denselben Weg; aber sie gingen schweigend nebeneinander, weil sie beide noch ergriffen waren, der eine vom Sprechen, der andere vom Hören. Als sich ihre Wege schieden, blieb der Goldschmied stehen und sagte: »Gotthard Henneberg, Ihr habt mir heute die Seele bewegt, wie es mir lange nicht widerfahren ist, und nun habe ich eine herzliche Bitte an Euch.« »Alles, was Ihr wollt, lieber, großgünstiger Freund!« sprach Meister Gotthard. »Ihr könnt nichts bitten, was ich nicht gern täte.« »Ich möchte Euch zum bleibenden Gedächtnis dieser Stunde gern ein kleines Andenken geben«, sagte Hans Laffert; »es ist gar nicht für Euch selbst«, fügte er schnell hinzu, als der andere die Hand wie zur Abwehr erhob. »Seht!« fuhr er fort und holte aus der breiten, silberbeschlagenen Ledertasche an seinem Gürtel ein kleines Kästchen hervor, »seht, ich habe hier ein Ringlein, das wollte ich nach der Kirche der Frau Katharina Mandelsloh bringen, aber nun ist es zu spät geworden, und sie kann morgen ein ähnliches bekommen. Ich wollte Euch bitten, es Eurem holdseligen Töchterlein Jungfer Ilsabe mitzunehmen, daß sie es mir zu Ehren so lange trägt, bis sie es einmal demjenigen gibt, der ihrem Herzen einst am nächsten stehen wird.« »Meister Hans Laffert! Wie kann ich –« »Ich bitt Euch, Gotthard, sagt kein Wort weiter!« bat der alte Herr und blickte den Meister mit so freundlich blitzenden Augen an, daß dieser das von seiner Hülle befreite Kleinod nahm und es staunend betrachtete. Es war ein Meisterstück der Goldschmiedekunst, ein breiter, goldener Fingerring mit zierlichen Fenstern und Schwibbogen, mit Wurmhäuptern und feinem, farbigem Geschmelze. »Köstlich, herrlich!« sagte Meister Gotthard, »und den soll meine Tochter tragen?« »Zum freundlichen Gedächtnis an den alten Hans Laffert!« sagte der Goldschmied, der schon mehr als ein kunstreiches Gefäß und Trinkgeschirr für des Rates Silberzeug gefertigt hatte. »Nicht wahr, Gotthard, Ihr macht mir die Freude? Grüßt mir die Vielschöne und Eure tugendsam Hausfrau dazu! Lebt wohl!« Damit war er fort, ehe sich Meister Gotthard einmal bedanken konnte. Der hielt den goldenen Ring noch in der Hand und trug ihn gerührt und erfreut nach Hause. Dörgerloh und Hesterwegen gingen auch zusammen, und letzterer sagte: »Er hat uns wieder einmal herumgekriegt, der Herr Sülfmeister, wie immer, wenn er will.« »Ja«, erwiderte Dörgerloh, »es ist etwas Merkwürdiges mit dem Manne. Wenn er spricht, wenn er einen nur ansieht, so hält er einen gleich wie gebunden und gefangen, und man muß ihm recht geben, man mag wollen oder nicht.« »Gerade so geht es mir mit ihm«, sprach Hesterwegen, »wenn sich der Kopf auch noch so sehr dagegen sträubt, das Herz muß ihm folgen auf allen Wegen, wohin er will, man muß, man kann nicht anders.« Sie trennten sich, und als Hesterwegen seinen Weg allein fortsetzte, sah er in einer Seitenstraße Daniel Spörken in Begleitung seines Knechtes Timmo kommen. Der Schuster winkte seinem Amtsmeister schon von weitem zu, daß er ihm etwas höchst Wichtiges mitzuteilen habe, und als er herankam, sprach er: »Wißt Ihr's schon, Meister? Der ganze Rat ist beisammen, beide Bürgermeister und alle Ratsherren. Gleich nach der Kirche sind sie zusammengekommen.« »Was? Heute? Sitzung im Rathause?« »Nicht im Rathause, sie haben sich alle beim Bürgermeister Springintgut versammelt. Die meisten sind von selbst gekommen und haben dann schnell nach den übrigen geschickt, bis sie alle beisammen waren.« »Was Ihr nicht alles wißt, Daniel!« sprach der Amtsmeister. »Ja, und sie sind noch da. Das wird was Gutes geben. Wer da mal horchen könnte!« »Daniel«, sagte Hesterwegen, »nehmt einen guten Rat von mir an: laßt Euch nichts in die Ohren blasen und macht Euch keine Ungelegenheiten mit gefährlichen Reden. Ihr versteht mich wohl!« Damit bog er rechts ab. Daniel Spörken stand mit verblüfftem Gesicht da, blickte Timmo an und sagte: »Was meint er denn damit?« »Wahrscheinlich, daß Ihr wieder ein falsches Gerücht ausgesprengt habt vom Sieg des Rates über die Prälaten.« »So hieß es ja doch neulich in der ganzen Stadt«, erwiderte Daniel. »Ja, aber es war nicht richtig, und Ihr habt es überall herumgetragen, auf Euch bleibt nun der ganze Lärm sitzen, der daraus entstanden ist. In der Versammlung der Ratsherren wird es schön über Euch hergegangen sein, Meister! Sie werden Euch dafür zur Verantwortung ziehen, darauf macht Euch nur gefaßt!« »Ach du lieber Gott!« seufzte Daniel. »Was kann denn ich dafür? Man weiß ja wahrhaftig nicht mehr, was man denken und glauben soll; ich bin nachgerade ganz dumm und verdreht im Kopfe. Es ist 'ne Tränenwelt!« Sie schritten eilig weiter, und Meister Daniel begann wieder: »Höre, Timmo, ich glaube, wir haben uns arg verspätet; es wird zu Hause einen fürchterlichen Zank geben, mir ahnt nichts Gutes.« »Nur nicht ängstlich, Meister!« beschwichtigte Timmo. »Wenn's gar zu schlimm wird, so steh' ich Euch bei, und ich weiß schon, wie ich die Meisterin ruhig kriege.« »Du? Womit denn?« »Daß laßt nur meine Sorge sein«, sagte Timmo und beschrieb mit dem Zeigefinger einen Ring an der Stelle seines Herzens. Daniel Spörken sah die Bewegung und blickte seinen Knecht so verdutzt und ängstlich an, daß Timmo lachen mußte und sagte: »Na, na, Meister, ruhig Blut! Eifersüchtig braucht Ihr nicht zu sein.« Neuntes Kapitel Gilbrecht und Ilsabe warteten nach Beendigung des Gottesdienstes auf Hildegund, um verabredetermaßen mit ihr in den Viskuleschen Garten zu gehen und dort die Laube zu besichtigen, die in den nächsten Tagen ihr inzwischen fertig gewordenes Leinwanddach erhalten sollte. Fräulein Barbara von Erpensen hatte nicht übel Lust, sie zu begleiten, oder vielmehr sie versuchte, die beiden Hennebergs von der Begleitung Hildegunds abzuschrecken und setzte zu diesem Zweck ein wahres Vogelscheuchengesicht auf, das zwischen eisig kaltem Hochmut und andachtsvoller Frömmigkeit die Waage hielt. Die Jugendgenossen beabsichtigten nun keineswegs, das edle Fräulein in seiner nachhaltigen Erbauung zu stören, wollten sich aber auch ebensowenig von den Launen der Mißgünstigen stören lassen. Hildegund erwähnte beiläufig, Balduin hätte versprochen, sich nach der Kirche gleichfalls in dem Garten einzufinden, denn sie wußte wohl, daß die Gegenwart des Bruders, dessen rücksichtslosen Spöttereien die Base gern, soweit sie konnte, auswich, ein sicheres Mittel war, der letzteren den Gang nach dem Garten zu verleiden. Das half auch; Fräulein Barbara verabschiedete sich mit einem kühlen Gruß von Gilbrecht und den beiden Mädchen, und die drei setzten nun ihren Weg allein fort, zwar froh, die Base glücklich losgeworden zu sein, aber doch in einer mehr oder weniger sorgenschweren Stimmung, denn sie konnten sich von dem Druck noch nicht befreien, den die in ihrer Wirkung so klug berechnete Predigt auf alle Herzen gelegt hatte. Und auch in eigener Sache stiegen ihnen Wolken auf. Ilsabe befremdete es sehr, daß Balduin in der Kirche fehlte und sein Ausbleiben mit der etwas verdächtigen Erklärung begründen wollte, einen Lieblingsprediger in Sankt Michaelis zu haben. Junker Balduin, ein nicht eben frommgläubiger Kirchengänger, sollte von einem bestimmten Kanzelredner so angezogen werden, daß er den Platz in seiner eigenen Gemeinde darum aufgab und anderswo seine Erbauung suchte? Sie vermochte beim besten Willen an diese plötzlich zum Durchbruch kommende geistliche Neigung des geliebten Freundes nicht recht zu glauben. Mit dem feinfühligen Ahnungsvermögen des weiblichen Herzens witterte sie andere Gründe für diese auffallende Erscheinung, suchte danach, ohne sie finden zu können und machte sich darüber quälende Gedanken. Dies waren Ilsabes Sorgen; die Gilbrechts waren nicht leichter, wuchsen aber auf ganz anderem Boden. Als hätte er an jenem Nachmittag, da er in seines Vaters Werkstatt böttchern half, durch all den Lärm des Klopfens und Klapperns das Gespräch seiner Eltern in der Stube gehört, so kamen ihm anderen Tages dieselben Bedenken, die sein Vater seiner Mutter entgegengehalten hatte bei Erwägung einer möglichen Verbindung ihrer Kinder mit den Viskules. Wohl führte auch er seine eigene Mutter sich zum Trost als Beispiel an, daß ein Fräulein einen schlichten Handwerksmeister heiraten und mit ihm glücklich, vollkommen glücklich werden konnte; aber seine Mutter, die er über alles liebte und verehrte, war auch noch lange keine Viskulentochter gewesen, der Vornehmsten eine und die reichste von allen in der Stadt, wie es Hildegund war. Gilbrecht war überzeugt, daß es der Freundin nicht an ebenbürtigen Bewerbern fehlen würde, und wußte, daß die alten Stadtgeschlechter, abgesehen von höchst seltenen Ausnahmefällen, nur mit Familien ihresgleichen eheliche Verbindungen eingingen. Er war zwar ein Sülfmeisterssohn, aber mehr als ein Böttchermeister konnte doch nicht aus ihm werden, und wenn er auch in hoher Gunst bei Herrn Heinrich Viskule stand, so wagte sich sein Mut doch nicht, daß er hoffen konnte, der Ratsherr würde ihm die einzige Tochter zur Gattin geben. Er selber konnte sich auch Hildegund als ehrsame, zufriedene Hausfrau in einer Böttcherwerkstatt nicht redet vorstellen, und wie sollte er aus seinem Handwerkerstande zu Rang und Reichtum gelangen, um ein willkommener Freier für Hildegund Viskule zu sein? Wenn sich der Himmel nicht seiner erbarmte mit einer ganz unvorherzusehenden Schicksalswendung, wenn ihm nicht ein unnennbares Glück aus den Sternen herniederfiel, was sollte dann aus seiner Liebe werden? Er hoffte auf ein solches Glück, dessen Beschaffenheit er sich nicht denken und ausmalen, das er also auch nicht zu sich heranziehen konnte, dem er aber, wenn es kam, die Hand so weit wie möglich entgegenstrecken wollte. Nur das stand fest: als Böttcherknecht durfte er nicht um Hildegunds Liebe werben. So schwebte Gilbrecht zwischen Hoffnung und Entsagung, und das Herz war ihm schwer. Hildegund dagegen dachte überhaupt nicht an die Zukunft, denn sie war glücklich in der Gegenwart und ahnte nichts von den Sorgen der beiden anderen neben ihr. Die frühere geschwisterliche Unbefangenheit zwischen ihr und Gilbrecht war dahin und hatte ungestandener Liebe Platz gemacht, die auf alles merkt und sich alles deutet. Dabei kamen ihnen Zweifel über Zweifel, wie Wort und Blick gemeint waren, ob in gewohnter Jugendvertraulichkeit oder in aufblühender Herzensneigung. Hildegund glaubte, wenn auch nicht unbedingt, so doch schon zuversichtlicher an die letztere auch bei Gilbrecht und war darum froh bewegt und glücklich. Wenn nun bei besonders freundlichen Worten Hildegunds auch in Gilbrecht diese Hoffnung wuchs, so wurde ihm die Zurückhaltung, die er sich selbst auferlegte, nur um so schwerer, und der Gedanke an eine völlige Entsagung entwich ihm ferner und ferner, sowenig ihm auch die Möglichkeit oder gar Wahrscheinlichkeit der Erfüllung seiner höchsten Wünsche darum etwa näher rückte. Aber – wie nun die Jugend ist; in allen Hindernissen und Kümmernissen hofft und glaubt sie: so schlimm wird es ja nicht werden! Verschließt ihre wonnigen Träume ins tiefste Herzenskämmerlein und hegt und pflegt sie dort allem Unwetter draußen zum Trotz. Wie drohende Gefahren auch vor den Mauern der Stadt lagerten, wie schwere Riegel sich auch vor das Glück der Liebenden schoben, der Augenblick übte seine mächtige Herrschergewalt über sie unbeschränkt. Hildegund ließ sich neben Gilbrecht in ihrer von Freude getragenen Stimmung unbewacht und ungezwungen gehen, und Gilbrecht gab sich willenlos den seligen Gefühlen hin, die ihm der Anblick der Geliebten entfachte. Im Garten wob der Frühling seine zarten, grünen Schleier um Busch und Strauch und schwellte die Knospen der Bäume, in deren Zweigen muntere Vögel sangen und sprangen. Rasenplätze und Blumenbeete bildeten mit Gebüschen von Haselnuß, Schwarzdorn, Schneeball und Jelängerjelieber den Schmuckteil des Gartens, von Birken, Eichen und Kiefern umgeben, hinter denen etwas versteckt der Obstgarten mit Gemüsefeldern war. Über das Staket hinüber sah man in benachbarte Gärten nach beiden Seiten hin bis an die Ilmenau und bis zu den von den Türmen und Giebeln der Stadt überragten Wällen. Weiterhin, jenseits des Flusses, lag still und einsam Kloster Lüne, und ihm gegenüber der vom Rat erbaute feste Turm, der Stürlüne. Die Laube, an einer wohlgewählten Stelle des Gartens errichtet und mit hübsch geschnitztem Gitterwerk versehen, an dem umspinnende, schattende Ranken emporklimmen sollten, war besichtigt und gut befunden, und die drei Freunde wandelten nun in den Gartenwegen auf und nieder und machten sich auf das fröhliche Sprießen und Grünen ringsum aufmerksam. Ilsabe war unruhig und mehr in sich gekehrt als an der Unterhaltung teilnehmend und spähte zuweilen nach dem Eingang oder über den Zaun auf den Weg zur Stadt. Hildegunds Blicke schweiften suchend am Boden, oder sie sah Gilbrecht mit lachenden Augen an, der mehr Sinn für das schöne, blühende Mädchen an seiner Seite hatte, als für die jungen Blätter an den Stachelbeersträuchern. Plötzlich bückte sie sich und rief freudig: »Endlich, da bist du, Blauauge des Frühlings! Schnell komm! Ich weiß einen Platz für dich.« Damit pflückte sie ein dunkelblaues Veilchen und überreichte es Gilbrecht, der es dankend mit leisem Druck ihr aus der Hand nahm und sich an sein Sonntagswams steckte. »Gilbrecht«, fragte sie dann neckisch, »wem hast im vorigen Lenz dein erstes Veilchen geschenkt?« »Damals war ich in Elfeld«, erwiderte er, »und habe dort kein Veilchen gesucht. Und hätt' ich zufällig eins gefunden, so hatt' ich doch niemand, dem ich es schenken konnte.« »Die Mädchen am Rhein, sagt man, sollen freier und lustiger sein als die an der Elbe«, sprach Hildegund; »ist das wahr?« »Oh, lustig sind sie schon, aber –« »Nun? Aber? Du stockst.« »Aber am liebsten«, lächelte er, »sind mir die an der Ilmenau.« »Schmeichler!« drohte sie. »Hast du den Mainzerinnen dasselbe gesagt?« »Die Mainzerinnen haben deinen Namen von mir gehört«, sagte er, »aber sie glaubten, der Böttcherknecht wollte nur prahlen, wenn er sich berühmte, daß er mit einem stolzen Fräulein gescherzt und gespielt hätte.« »Stolz, Gilbrecht? Bin ich gegen dich schon einmal stolz gewesen?« »Nein, Hildegund! So war's auch nicht gemeint.« Ilsabe, die vor ihnen ging, wandte sich um, aber das Wort, das sie sprechen wollte, kam nicht von den schon geöffneten Lippen; sie schaute mit gerötetem, freudebewegtem Antlitz an den beiden vorbei in die Weite des Gartens, so daß auch Hildegund und Gilbrecht sich umsahen nach dem, was Ilsabes leuchtenden Blick anziehen mochte. Im Garten kamen eilenden Schrittes Balduin und zwei Freunde von ihm den Gang daher, alle drei in prächtigen Kleidern. Die anderen waren die Junker Giso Stöterogge und Leonhard Düsterhop, die mit einer etwas gezierten Ritterlichkeit die beiden jungen Mädchen und auch Gilbrecht aufs höflichste begrüßten. »Nun«, fragte Hildegund ihren Bruder sofort, »hat dich denn dein Lieblingsprediger recht erbaut, Balduin?« »Lieblingsprediger?« wiederholte Leonhard, sich sehr erstaunt zu Balduin wendend, »ist Pater Cornelius, den du heute zum ersten Male hörtest, etwa dein Lieblingsprediger?« Ilsabe horchte mit äußerster Spannung auf Balduins Antwort. Er sagte etwas verlegen: »Man hört doch gern auch einmal einen anderen und nimmt sich aus allem das Beste.« »Ich möchte wissen, was von dem heute Gutes zu hören gewesen wäre!« spottete Giso Stöterogge. »Wieso denn? Warum denn nicht?« fragte Balduin noch verlegener. »In der Predigt? Bei dem Schüren und Wühlen gegen den Rat?« »Gegen den Rat?« ›Er hat also gar nicht zugehört‹, dachte Ilsabe; ›weshalb, in aller Welt, ist er denn hingegangen?‹ »Du bist mir ein wackerer Christ!« neckte Hildegund. »Und wir glaubten, deine Blicke würden in tiefster Andacht an des Redners Lippen hängen.« »Balduins Blicke hingen mit aller Andacht an etwas viel Schönerem, Fräulein Hildegund«, sprach Junker Leonhard. »Wollt Ihr wissen, woran?« »Gewiß! Ich bin neugierig«, sagte Hildegund. Ilsabe hörte ihr Herz klopfen. »Was du einmal wieder gesehen haben willst!« sprach Balduin ungeduldig. »Deine unverwandten Blicke in die dunklen, feurigen Augen der Frau Walpurg Grönhagen, die hab' ich gesehen, Freund!« lachte Leonhard. »Du hattest deinen Platz gut gewählt, ihr gerade gegenüber.« »Balduin! Also darum?« sprach Hildegund. Aber Junker Leonhard unterbrach sie: »Und die schöne junge Witwe ist ihm auch keinen schuldig geblieben, hat sie ihm alle vollzählig und vollwichtig zurückgegeben.« »So ein dummes Geschwätz! Glaubt ihm nichts!« rief Balduin verwirrt. »Giso«, sprach Leonhard, »was sagst du dazu?« »Balduin!« lachte Giso. »Hier hilft kein Leugnen. Als wir nach der Kirche mit Frau Walpurg sprachen, oder vielmehr als du mit ihr sprachst und wir daneben standen als Zeugen deiner, wie es schien, sehr willkommenen Huldigungen mit so viel schmeichelhaften Worten –« »Ich bitte, hört auf damit!« sprach Balduin scharf und finster. »Wie du befiehlst, gestrenger Freund! Vielleicht haben wir uns geirrt.« Nun wußte Ilsabe, warum Balduin in die Michaeliskirche gegangen war. Aufs peinlichste berührt und verletzt, suchte sie nach einem schicklichen Vorwande, sich entfernen zu können, wollte ihn nicht sehen, nicht hören den Leichtsinnigen, Wankelmütigen. Ihres Tuns sich nicht bewußt, knickte sie ein Reis mit den Blütenkätzchen der Haselnuß vom Strauche und zerriß und zerrieb es mit hastigen, zitternden Händen. Giso Stöterogge sah das Veilchen an Gilbrechts Wams und sprach: »Das Veilchen, Henneberg, habt Ihr Euch wohl nicht selber gepflückt, sonst hättet Ihr es doch gewiß dem Fräulein oder der holden Schwester gegeben.« »Nein«, lächelte Gilbrecht, »Böttcherfäuste taugen nicht zum Blumenpflücken; eine schönere Hand brach mir das Blümlein.« »Wer solcher Gunst sich rühmen darf –!« sagte der Junker mit einem zärtlichen Blick auf Hildegund, den Gilbrecht wohl bemerkte. »Das nächste Veilchen soll Euch gehören, Jungfrau Ilsabe«, sagte Leonhard Düsterhop laut zu der im Gartenwege allein Vorausgeschrittenen. »Auch wenn ich es finde«, ergänzte Balduin, indem er ihr nachging. »Wenn du es findest«, sprach Ilsabe hell auflachend, »so wirst du wohl wissen, wo du dir anderwärts den Dank dafür zu holen hast.« »Verbietest du mir, dir Veilchen zu bringen?« fragte er, von Ilsabes scharfer Zurückweisung betroffen. »Ich verbiete es nicht, weil ich es nicht erwarte.« »Dann wirst du sie hoffentlich auch unerwartet von mir nehmen«, sprach er eindringlich. »Bemühe dich meinetwegen nicht!« erwiderte sie und wandte sich ab, ihrem Bruder zurufend: »Ich gehe nach Hause, Gilbrecht. Kommst du mit?« »Wir haben wohl noch Zeit«, sagte Gilbrecht, der ebensowenig wie die anderen das Gespräch zwischen Balduin und Ilsabe gehört hatte. »Wenn du bleiben willst, so bleib; ich gehe, ich muß nach Hause«, sagte Ilsabe, reichte Hildegund die Hand und ging, die beiden Junker flüchtig grüßend und ohne Balduin einen Blick zu schenken, mit raschen Schritten davon. Balduin schaute ihr, ärgerlich über die Schwatzhaftigkeit seiner Freunde, unschlüssig nach, versuchte aber nicht, sie zu halten. »Wollen wir Ilsabe nicht begleiten und uns alle auf den Heimweg machen?« fragte Hildegund. »Oh, bleibet noch!« bat Giso Stöterogge. »Ich habe Euch so lange nicht gesehen, Fräulein Hildegund!« »Ich meine, vor drei Tagen erst sprachen wir uns.« »Vor fünf Tagen war es, und das ist eine lange Zeit für jemand, der sich nach Eurem Anblick sehnt.« »Ihr seid sehr höflich, Junker Giso!« sprach Hildegund. »Ich hatte nicht gedacht, Euch hier zu treffen.« »Sicher nicht!« mischte sich in aufsteigender Eifersucht Gilbrecht ein. »Denn wir kamen nur der neuen Laube wegen her.« »Ich bedaure, wenn ich störe«, bemerkte Giso etwas spöttisch und fügte, von demselben Gefühl ergriffen, hochfahrend hinzu: »Übrigens, Böttcher Henneberg, sind wir hier beide Gäste, Ihr sowohl wie ich, nur weiß ich nicht, ob beide gleich willkommene.« »Ich weiß es auch nicht, Junker Stöterogge!« entgegnete Gilbrecht mit herausforderndem Lachen. Ehe Giso etwas darauf erwidern konnte, sagte Hildegund: »Ihr seid beide willkommen, Gilbrecht ist hier wie zu Hause, und jetzt folgt mir, Junker Giso, und seht Euch das luftige Bauwerk an.« Sie gingen etwas verstimmt zur Laube und plauderten nun von allerhand nichtigen Dingen. Gilbrecht, dem der Grund von Ilsabes Weggehen nachträglich klar geworden war, verhielt sich ziemlich schweigsam, und auch Balduin tat wenig, seine üble Laune zu verbergen. Der Lustigste war noch Leonhard; er pflegte zu sagen: Gerade weil ich Düsterhop heiße, muß ich frohgemut sein! Und lebte danach flott, leicht und locker. Bald erhob man sich zur Heimkehr in die Stadt, und als sich die kleine Gesellschaft trennte, sagte Leonhard Düsterhop, doch so, daß es Hildegund und Gilbrecht nicht hörten: »Balduin, heut abend erwarten wir dich in Schütting; hinten im Junkerstübchen liegt ein Fäßchen Romenye, und dann – –« Er machte mit der Hand eine Bewegung, als hielte er einen Becher darin, den er schüttelte. Balduin nickte: »Ich komme!« Und Leonhard sang halblaut: »Weiber, Wein und Würfelspiel, Wer wenig wagt, gewinnt nicht viel.« Zehntes Kapitel Der oberste Raum unter dem Dache des Goldenen Ei, der nur eine Luke im Giebel hatte, war immer ein Lieblingsaufenthalt der Böttcherkinder gewesen. Hier, fünf Treppen hoch, vor Störung sicher, hatten sie mit den Viskulenkindern ihre heimlichsten Spiele getrieben, die Tauben und Sperlinge, die Schwalben und Krähen beobachtet und zwischen den anderen Giebeln hindurch einen freien Ausblick in die weite, weite Heide gehabt. Mit den Kinderspielen aber hörte auch der Besuch des obersten Dachbodens auf, nur nicht seitens Ilsabes, die den Raum so liebgewonnen hatte, daß sie auch in den folgenden Jahren immer wieder hinaufstieg und dort so lange wie möglich verweilte. Frau Johanna ließ die Tochter unter der stillen Obhut sorgsamer Mutteraugen ruhig gewähren, denn sie wollte die Entfaltung der holden Jungfräulichkeit in ihrem Träumen und Ahnen, das Wachsen der Seele, das Reifen der Gedanken und Gefühle in höchster Reinheit, aber auch in voller Freiheit einzig der Zeit und der gesunden Natur des lieben Mädchens überlassen. Darum sah sie es nicht ungern, wenn Ilsabe, mit einer Handarbeit beschäftigt, manche Stunde dort oben saß und in frei gewählter, sinnender Einsamkeit ihren geheimnisvollen Lebensfaden aus dem sich freudig erschließenden Herzen heraus weiterspann. Meister Gotthard, der in der Erziehung der Kinder stets einen Strang mit seiner Frau zog, gönnte der Tochter die kleine Liebhaberei ebensogern, und eines Tages überraschte er sie damit, daß er ihr in jenem obersten Bodenraum mit starken Brettern ein gesondertes Zimmer abschlagen und in der Giebelluke ein Fenster mit kleinen runden Glasscheiben anbringen ließ. Ilsabes Freude darüber war unbeschreiblich; ein Tisch, ein paar Schemel und eine Truhe wurden als Hausrat hinaufgeschafft, das Stübchen auch sonst noch ein wenig eingerichtet und ausgeschmückt, und nun hauste sie erst recht dort in der wärmeren Jahreszeit, denn heizbar war es nicht. Weil aber die Schwalben immer so lustig um den Giebel kreisten, so nannte Ilsabe das Stübchen ihr Schwalbennest. Auch an diesem Dienstag, einem herrlichen Frühlingstage, saß Ilsabe in ihrer luftigen Höhe am geöffneten Fenster, und wer da hinaufblickte, der sah ein höchst anmutiges Bild. Der schöne blonde Mädchenkopf auf dem dunklen Hintergrunde der offenen Luke glich einem köstlichen Gemälde, und der hohe Giebel erhielt dadurch einen lebendigen Schmuck von unsagbarer Frische und Lieblichkeit. Die Sonne schien, und die Schwalben jagten in weiten Bogen über die Dächer dahin. Ilsabe ließ die Hände mit dem Nähzeug manchmal im Schoß ruhen und blickte träumerisch in die Heide hinaus. Ein leiser Windhauch umkoste ihre rosigen Wangen und spielte mit ihrem welligen Haar. Sie stützte den Arm auf die Fensterbrüstung, legte den Kopf in die Hand, und ein tiefer Seufzer entrang sich ihrem Busen. Sie wartete, wartete schon den zweiten Tag auf die Veilchen, die ihr Balduin versprochen hatte. Sie hatte sie zwar in ihrer Erregung am Sonntag mit bitteren Worten verschmäht, aber das tat ihr jetzt leid; freiwillig wollte sie nicht darauf verzichten, ihm kein Recht geben, sie der anderen zu bringen; und doch – was konnte sie ihm erwidern, wenn er sagte: Du hast sie ja nicht gewollt, nun habe ich mir bei einer anderen den Dank dafür geholt. Oh, diese andere! Walpurg Grönhagen, die vornehme junge Witwe! Die war der Schatten, der vor der Sonne ihres Lebens stand. Der verführerischen Frau wegen war der Freund vorgestern in eine andere Kirche gegangen, ihr gewiß hatte er gestern Veilchen gebracht. Wird er nun heut endlich zu der Harrenden hier oben im Giebelstübchen kommen? Trüben, zweifelnden Gedanken gab sich Ilsabe hin und redete sich ein, daß sie neben der eigenartigen, verlockenden Schönheit und besonders neben dem lebhaft gewandten Wesen Walpurgs mit ihrer bürgerlichen Einfachheit nicht aufkommen könnte. Allerdings, wenn sie sich die Witwe so im einzelnen betrachtete – jung, ja, jung war sie noch und von schlanken, geschmeidigen Gliedern, aber sie, Ilsabe, war größer und stattlicher von Wuchs und Haltung, und Rosen auf den Wangen wie Ilsabe hatte Walpurg nicht, hatte eine bleiche, etwas gelbliche Gesichtsfarbe, und das schwarze Haar dazu, freilich recht üppiges Haar, und die schwarzen Augenbrauen gaben ihr etwas Fremdländisches. Aber, aber! Wenn sie lächelte mit den vollen, roten Lippen und den dunklen Augen, oh, dann war sie schön. So konnte sie, Ilsabe, doch nicht lächeln, hatte auch nicht den schwebenden Gang, nicht die schwellenden Bewegungen des Körpers, nicht so heiße, so ins Herz sich bohrende Blicke. Dagegen hatte Walpurg mit all ihren bestrickenden Reizen und der reifen Sinnlichkeit ihrer äußeren Erscheinung keinen leichten Stand gegenüber der heiter blühenden, jugendfrischen Kraft der blonden Ilsabe. Wie wohl Balduin dachte, wenn er sie beide miteinander verglich. Welcher von beiden gab er den Vorzug? Welche – welche liebte er? So grübelte die Einsame, in Bangen, in Hoffen und Harren. Die Schwalben flogen an der Luke vorüber, segelten hin und her und wiegten den schlanken Vogelleib in der himmlischen Luft. Wieder blickte Ilsabe hinab – und sieh, da kam er! Wahr und wahrhaftig, da kam er die Straße daher und hielt etwas in der Hand, das schwer zu erkennen war, was aber nur ein Veilchensträußchen sein konnte, sein mußte. Sie beugte sich weit über und sah, wie er ins Haus trat, ohne zu ihrer Höhe aufzublicken. Schnell war sie vom Stuhl und wollte hinab. Doch halt! Dann hätte sie sich ja verraten, daß sie ihn gesehen, daß sie auf ihn und seine Blumen gewartet. Man würde sie schon rufen. Aber man rief sie nicht. Voll Ungeduld lauschte sie, aber vergebens; niemand kam. Sie schlich auf den Zehen zur Tür, schmiegte das Ohr daran und horchte, horchte gespannt. Nichts regte sich. Sie hatte es doch deutlich gesehen, daß er ins Haus getreten war. Sollte er nur im Vorbeigehen eine Bestellung an Gilbrecht oder den Vater gehabt haben und dann gleich wieder fortgegangen sein? Ohne sie zu begrüßen? Ah, nein! Das war nicht denkbar, und sie hatte ja ganz deutlich die Veilchen in seiner Hand gesehen. Jetzt war schon eine lange, lange Zeit verstrichen, meinte sie, jetzt könnte sie doch wohl hinuntergehen, ganz langsam, vielleicht singend, und langsam wie zufällig in das Wohnzimmer treten mit höchst erstauntem Gesicht, dort einen Gast zu finden. Sie strich sich das Haar zurecht, glättete ihr Kleid und legte die Hand auf die Klinke – da, horcht – es kommt! – tapp, tapp, tapp! Es kommt die Treppe herauf, immer lauter, immer näher – fort! Schnell auf den Stuhl. Das Nähzeug zur Hand und darübergebeugt, in die Arbeit versunken, nichts um sich hörend und sehend. Aber wie ihr das Blut ins Gesicht stieg! Wer mag es sein, der da heraufkommt? Doch nicht gar –? Da ging die Tür, und Lutke steckte den Kopf herein: »Ilsabe, unten ist einer und will dich sprechen.« »Mich? Ei, was Tausend! Wer denn?« »Das sag' ich nicht; komm nur!« »So sag's doch! Sonst komm' ich nicht.« »Wie du willst; dann bleib oben; bestellt hab' ich's.« Fort war er, der durchtriebene Schlingel! Aber das kommt vom Heucheln und Verstellen; nun konnte sie nicht hinabgehen. Was nun? Schnell hinterher! »Lutke! Lutke! Noch ein Wort!« »Ja!« »Wer ist's denn – ist es Ba – Base Immecke?« »Nein!« klang es schon von der zweiten Treppe. »Nun, ich will nun doch lieber kommen; sage nur, ich käme gleich«, rief sie mit zitternder Stimme nach. Dieser Lutke! Warte, du! – Sie ging hinab und kam unten mit so klopfendem Herzen an, als wäre sie die fünf Treppen nicht langsam, wie ihr däuchte, hinabgestiegen, sondern eilend hinaufgesprungen. Vor der Stubentür rastete sie einen Augenblick: sollte sie hineingehen oder nicht? Sollte sie dem Flatterhaften nicht lieber sagen lassen, sie verlangte nicht nach seinen Veilchen, er möchte sie nur zu Leuten tragen, die in der Michaeliskirche für ihn beteten? Das verdiente er doch eigentlich. Aber damit hätte sie ihm auch ihre Eifersucht verraten; und eifersüchtig sind nur Verliebte. Sollte sie ihn ihre Liebe merken lassen? Nimmermehr! Aber recht kühl wollte sie sein, nur zögernd die Veilchen nehmen, sie ruhig beiseitelegen und sehr bald wieder hinaufgehen. Ja, so wollte sie es machen. Das Herz klopfte ihr gewaltig, doch sie trat ein. »Ach, du bist es Balduin!« Das kam noch glücklich heraus, aber nicht mehr. Er schritt ihr entgegen und bot ihr sein Sträußchen: »Die ganze Ausbeute von gestern und heute; mit einem wollt' ich nicht kommen, es sollten erst mehrere erblühen.« Hätte sie ihn nur dabei nicht angesehen! Denn vor seinem tiefen Blick, der ihr so innig in die Augen strahlte, sie so reumütig um Verzeihung zu bitten schien, verschwand im Nu alle Kälte und Strenge, die ihm zu zeigen sie sich soeben noch fest gelobt hatte. Ohne Zaudern, fast unbewußt nahm sie die Veilchen und hielt sie ans Gesicht, wie um daran zu riechen; aber der Strauß war zu klein, das erglühende Antlitz zu verdecken. »Sie duften köstlich«, sagte sie ganz verwirrt, »ich danke dir schön!« Warum sprachen denn nun die anderen nicht, Gilbrecht und die Mutter, die doch zugegen waren? Warum mußte sie denn die ganze Unterhaltung allein führen? Die ganze Unterhaltung! Und dabei sprach niemand ein Wort, und sie wußte auch nicht, wie sie anfangen und was sie sagen sollte. Endlich sprach die Mutter: »Behaltet Platz, Junker!« Und der Schalk, der Gilbrecht, lachte noch obendrein dazu. Das Gespräch, wenn die zerstreuten Bemerkungen, die ohne rechten Zusammenhang ausgetauscht wurden, ein Gespräch zu nennen waren, hatte etwas Erzwungenes. Ilsabe war befangen und mußte sich aufs äußerste zusammennehmen. Dabei suchte sie doch Balduin zu ergründen, um womöglich einen Blick in sein Herz zu tun. Noch angelegener ließ sich dies Frau Johanna sein. Nicht daß sie die Neugier und das aufmunternde, gelegenheitmachende Entgegenkommen einer hoffenden künftigen Schwiegermutter zeigte, aber sie beobachtete den Junker scharf, ohne daß dieser etwas davon merken konnte. Balduin war zwar guter Dinge und noch am gewandtesten in der Unterhaltung, aber auch nicht ganz so wie sonst. Entweder hatte er Ilsabe gegenüber kein ganz reines Gewissen oder die Gegenwart der Mutter beengte ihn. So dachte wenigstens Gilbrecht und nahm sich vor, dem Freund und der Schwester dadurch zu Hilfe zu kommen, daß er die Mutter aus dem Zimmer zu entfernen suchte, damit die beiden ungestört die kleine Verstimmung vom Sonntag mit ein paar guten Worten ausgleichen könnten. Er sagte: »Ilsabe, das Sträußchen mußt du in Wasser stellen, in ein recht feines Krüglein; am schönsten ausnehmen würden sich die Dunkelblauen in dem goldgelben Gläschen aus Böhmen, dem Geschenk des Herrn Ratsherrn; du hast es oben in deinem Schrein, liebe Mutter!« ›Hol es doch gütigst herunter und fülle es mit Wasser, aber nimm dir Zeit dabei‹ – setzte er, jedoch nicht hörbar, sondern nur in Gedanken hinzu. »Du hast recht, Gilbrecht«, sagte die Mutter, die auch den ungesprochenen Nachsatz deutlich verstanden hatte, »ihr könnt es euch herunterholen, hier sind die Schlüssel.« »Nachher, Mutter!« erwiderte Gilbrecht mit einem verschämten Lächeln, daß die List nicht gelungen war und die Mutter sie vielleicht gar durchschaut hatte. Frau Johanna wäre aber selber gern mit Balduin allein gewesen; vielleicht hatte er ihr irgendeine Andeutung oder gar eine vertrauliche Eröffnung unter vier Augen zu machen. Aber da kam sie schön an; Gilbrecht wich und wankte nicht, oder sie mußte mit hinaus. Er ließ die anderen sprechen und besann sich auf einen besseren Einfall. Bevor ihm jedoch ein solcher kommen wollte, sah er den Ratsherrn Herrn Heinrich Viskule die Straße daher und auf das Böttcherhaus zuschreiten. Nun war es ihm sehr fraglich, ob es dem Ratsherrn angenehm wäre, seinen Sohn hier zu finden, und ob es Balduin angenehm wäre, sich von seinem Vater jetzt hier finden zu lassen. Sicherer schien ihm, die Begegnung, wenn es möglich wäre, zu verhüten – aber wie? Was doch ein armer, arbeitsloser Böttcherknecht manchmal für schwere Sorgen auf seine breiten Schultern nehmen muß!« dachte er. Ein Besuch des Ratsherrn beim Böttchermeister war nichts so Außerordentliches, und die beiden alten Freunde waren schon manchmal draußen auf der Diele geblieben, wenn gerade der Arbeitslärm in der Werkstatt nicht groß gewesen war. Dann hatte sich der Ratsherr dem Meister gegenüber auf den Bock oder eine Schneidebank gesetzt und sich da stundenlang mit ihm unterredet. Einen triftigen Grund, warum er verhindern wollte, daß die Viskules, Vater und Sohn, sich begegneten, hatte Gilbrecht nicht so schnell bei der Hand, denn Balduin hatte Wahl und Erlaubnis, ob er einen Nachmittag der Arbeit oder dem Vergnügen widmen wollte. Trotzdem ging er hinaus und pflanzte sich mitten in den freien Gang, der von der Haustür durch all das Werkgerät zur Wohnstube führte, so breit und unverrückbar fest auf, daß Herr Viskule gar nicht auf den Gedanken kommen sollte, sich etwa an ihm vorbeidrücken zu können, sondern daß ihn die nächste beste Schneidebank zum Niedersetzen locken sollte. Diese List gelang ihm; wenigstens tat er sich darauf etwas zugute, daß es infolge seiner großen Schlauheit so kam, wie er gewollt hatte. Meister Gotthard empfing den Ratsherrn mit der achtungsvollen und ehrerbietigen Vertraulichkeit, die ein bescheidener und doch selbstbewußter Mann einem an Rang höherstehenden oder an Geistesgaben überlegenen Freunde von Herzen gern entgegenbringt. Der Ratsherr nahm diese Aufmerksamkeit keineswegs als etwas Selbstverständliches, ihm Gebührendes hin, sondern tat, als bemerkte er davon gar nichts, und begrüßte den Meister mit innigster Freundschaft. Wie er seine zarte, weiße Hand in des Böttchers dargebotene Rechte legte, die sie mit warmem, aber vorsichtigem Druck ganz und gar verschlang, und wie er zu seinem körpergewaltigen Freunde emporblickte, da konnte man's den beiden ansehen, wie wert und gut sie sich waren, wie jeder am anderen seine Freude hatte. Auch den Söhnen nickte der Ratsherr zu, die den Gruß höflich erwiderten, Gilbrecht ohne sich von der Stelle zu rühren; und wirklich setzte sich Herr Viskule auf eine Schneidebank, die ihm Gilbrecht noch eben schnell und unbemerkt so recht bequem hingerückt hatte, und begann mit einem angenommenen Ernst: »Was meinst du wohl, Gotthard, weshalb ich komme?« »Nun, ich denke, weshalb du schon öfter gekommen bist«, sagte Meister Gotthard, »zu freundlicher Zwiesprach.« »Nichts da von freundlicher Zwiesprach!« entgegnete Herr Viskule. »Als dein gestrenger Morgenherr komm' ich, um den Herrn Amtsmeister, der den Werkbrüdern mit besseren Beispiel vorleuchten sollte, in Bruch und Buße zu nehmen. Tu mir nicht so unschuldig!« fuhr er fort, als der Meister ihn verwundert anstarrte, »bist verklagt bei mir vom Wardierer Sengstake, weil du mit drei Knechten arbeitest gegen Handwerksordnung und Gerechtigkeit. Da steht er ja, der Sünder!« Er wies auf Gilbrecht, der womöglich ein noch verblüffteres Gesicht machte als die anderen. Aber länger hielt der Ernst bei Herrn Viskule nicht vor, und der Ratsherr brach nun in ein herzliches Gelächter aus, in das der Meister mit volltönender Kraft und dann auch, als sie den Scherz begriffen hatten, die vier jungen Leute laut und lustig einstimmten. Es war, als wenn die ganze Werkstatt lachte, die leeren Fässer mit ihrem hohlen Widerhall, die Dauben und die Reifen, die Werkzeuge und die Späne. Des Lachens war kein Ende, und am vergnügtesten dabei war Herr Heinrich Viskule, daß es ihm gelungen war, seinen ehrbaren Amtsmeister einen Augenblick irre zu machen und ihn als sein Morgensprachsherr mit einer Strafdrohung zu erschrecken. Und was alle List und Schlauheit Gilbrechts nicht fertiggebracht hatte, das bewirkte dies schallende Gelächter. Frau Johanna, die es in der Stube gehört hatte, kam heraus und ließ Balduin und Ilsabe nun doch allein; aber nun sah sie auch den Ratsherrn, und den wachehaltenden Gilbrecht nicht ohne einige Mühe aus dem Wege schiebend, eilte sie auf ihn zu und lud ihn nach freundlicher Begrüßung zum Eintritt in die Wohnstube ein, hinzufügend: »Junker Balduin ist auch da.« »Balduin auch da? Ei, wie sich das trifft!« sagte der Ratsherr und ging mit Meister und Meisterin, denen Gilbrecht folgte, in das Wohnzimmer. Arnold sandte ihnen einen langen, forschenden Blick nach und blieb dann, einen Reifen in der linken, den Bandhaken in der rechten Hand, eine geraume Weile regungslos vor seiner Tonne stehen, ganz versunken in tiefe Gedanken. Lutke fiel das endlich auf, er schlich sich hinzu und schrie den Bruder plötzlich an: »Arnold! Aufstehen! Die Glocke ist vier!« Da erwachte Arnold aus seinen Träumen, warf Lutke, der sich bereits auf mehr als Armeslänge zurückgezogen hatte, einen ärgerlichen Blick zu und nahm seine Arbeit schweigend wieder auf. – »Guten Tag, du Blondkopf!« sagte Herr Viskule im Zimmer und reichte Ilsabe die Hand. »Und Balduin auch hier? Ei, ei! Ich dachte, du wärst drüben im Kaufhause.« »Da will ich erst noch hin, Vater«, sprach Balduin ein wenig verlegen, »hatte nur hier noch etwas abzuliefern.« »Ist es denn angenommen, was du zu liefern hattest?« lächelte Herr Viskule. »Mit allem Dank, Herr Ratsherr!« knickste Ilsabe und zeigte mit dem Finger auf das Sträußchen, das sie nun doch nicht beiseitegelegt, sondern sich vorläufig an die Brust gesteckt hatte. »Seht, dies hier!« »Was denn?« fragte der alte Herr schelmisch. »Den schönen Ring an deinem Finger?« Ilsabe wurde dunkelrot und wagte nicht, Balduin anzusehen, dem der – wer weiß, ob nicht gar absichtliche! – Irrtum seines scherzliebenden Vaters nicht gerade erwünscht kam. Frau Johanna dagegen sah in dem Mißverständnis eine gute Vorbedeutung, klärte es jedoch mit den Worten auf: »Nein, die Veilchen, Herr Ratsherr! Den kostbaren Ring hat ihr Hans Laffert gesandt.« »Er gab ihn mir, er zwang ihn mir auf für Ilsabe«, sprach Meister Gotthard, »weil ich – nun ja, weil ich einen edlen, ehrenfesten Rat mal wieder aus dem Gedränge herausgehauen hatte.« »Ich weiß, ich weiß«, sagte der Ratsherr, »weiß alles, und darum komm' ich just her, um mich bei dir zu bedanken. Wie sagt Ihr doch gleich? Es steht heute oder morgen wieder zu verschulden, ist es nicht hier, so ist es anderswo.« »Es wird das letztemal nicht gewesen sein, Heinrich!« sagte der Meister. »Und solange es noch im Bierkeller bleibt, ist es nicht gefährlich; aber ich möchte nicht, daß es einmal auf dem Markt nötig wäre.« »Kann auch noch kommen, Gotthard!« sprach der Ratsherr. Balduin erhob sich jetzt und verabschiedete sich. »Nun muß ich ins Kaufhaus«, sagte er. »Da werden sie jetzt nicht mehr auf dich warten«, meinte der Ratsherr. »So pflück' ich noch ein Veilchensträußchen für unsere liebe Base Barbara.« Er sagte das schon in der offenen Tür. Die in der Werkstatt konnten die Worte nicht verstehen, aber sie hörten das fröhliche Lachen derer in der Stube, das den übermütigen Scherz belohnte, und Arnold sagte zu sich; »Aha! Sie sind lustig.« Gilbrecht ging mit Balduin weg, und Ilsabe stieg wieder in ihr trauliches Schwalbennest hinauf, um sehr wenig klüger, als sie herabgekommen war. Balduin hatte doch ihr die Veilchen gebracht, die ganze Ausbeute von gestern und heute, wie er sagte. Aber es waren nicht viel, und gestern war doch so warmes Wetter gewesen. Hatte er sie wirklich alle ihr, nur ihr gebracht? Das möchte sie wissen, ganz sicher wissen! Lieber wollte sie gar keins haben, als die Hälfte von allen. Sich mit jener Frau in Balduins Veilchen teilen zu müssen, kam ihr vor, als wenn sie sich mit ihr in sein Herz teilen sollte, und das war ihr ein schrecklicher Gedanke. Sie betrachtete sich Hans Lafferts schönes Geschenk, den Ring an ihrem Finger, den der Ratsherr beinahe für eine Gabe Balduins gehalten hätte. Wie hatte Hans Laffert ihr durch den Vater sagen lassen? Sie sollte den Ring so lange zu seinem Gedächtnis tragen, bis sie ihn einst demjenigen geben könnte, der ihrem Herzen am nächsten stünde. Ja, wenn ihn derjenige nur auch nehmen wollte! Ach! Sie würde ihn wohl noch lange selber tragen müssen, nur zum Andenken an den guten, alten Hans Laffert. Elftes Kapitel Als Heinrich Viskule mit dem Hennebergschen Ehepaar allein im Zimmer war und in des Meisters großem Lehnstuhl am Fenster Frau Johanna gegenüber Platz genommen hatte, während Gotthard am Tische saß, bequem den Arm darauf gestützt, merkte Johanna wohl, daß er noch etwas Besonderes auf dem Herzen hatte, erhob sich und sagte: »Nicht wahr, Herr Ratsherr? Ihr habt mit Gotthard insgeheim zu reden, da will ich nicht hinderlich sein.« »Nein, Johanna, bleibt hier!« erwiderte der Ratsherr, sie mit sanftem Druck der Hand zum Sitzen nötigend. »Wenn Ihr nicht schon im Zimmer wäret, so würde ich Euch bitten, hereinzukommen, damit Ihr hört, was ich unserem lieben Sülfmeister hier zu sagen habe.« Dann wandte er sich zu diesem und bewegte wieder in seiner eigentümlichen Weise die Lippen, nach Worten suchend, ehe er sprach: »Es ist nichts Neues, Gotthard, andere haben es dir schon früher gesagt, was heut auch ich als dein ältester Freund dir mit allem Nachdruck ans Herz legen will wie einen großen Wunsch, den ich keineswegs allein hege. Du kannst dir's gewiß schon denken, worauf ich hinauswill, also kurz und gut: Gotthard, komm in den Rat!« »Das alte Lied!« erwiderte der Meister mit Stirnrunzeln. »Nun fängst du auch damit an und kennst doch meine Gründe, warum ich nicht will.« »Ich habe deine Gründe verstanden und geachtet wie keiner«, sagte Viskule, »aber heute liegt die Sache anders. Die Pflicht gegen die gemeine Wohlfahrt dieser guten Stadt geht allen besonderen Wünschen und Bedenken vor. Die Bürger und Handwerker haben keinem von uns Ratsherrn irgendeine Unrechtsamkeit vorzuwerfen, dennoch trauen sie uns nicht recht und begehren Anteil am Regiment in dieser schweren Zeit.« »Und wenn sie euch nicht trauen, wer ist denn schuld daran?« unterbrach ihn der Meister. »Wenn ihr euch mit Unwahrheiten abgebt und das Gerücht verbreiten laßt, ihr hättet in eurem Streit mit den Prälaten gesiegt, und nachher kommt es heraus, daß an der ganzen Geschichte auch nicht ein wahres Wort, sondern das gerade Gegenteil der Fall ist, dann verlangt ihr noch, daß euch die Bürger vertrauen sollen?« »Ich habe dagegen gestimmt, daß man eine falsche Nachricht unter die Bürger brächte, wollte euch unsere Lage klärlich aufdecken, drang aber nicht durch damit«, sprach der Ratsherr. »Gut, daß du mir das sagst, und ich habe mir das auch schon selber gedacht«, erwiderte der Meister; »darum will ich dich auch mit den Vorwürfen verschonen, die die Handwerker nicht mit Unrecht gegen euch erheben. Viele gehen zu weit in ihren Forderungen, und vorgestern im Bierkeller hab' ich euch mit füglichen Worten verteidigt. Wenn ich aber einmal so vor dem hochedlen, wohlweisen Rat frisch von der Leber weg reden könnte, so solltet ihr Dinge zu hören bekommen, auf die ihr um eine schickliche Antwort verlegen sein würdet.« »Sprich dich aus, Gotthard, wie du's schon manchmal gegen mich getan hast«, sagte Viskule, »ich weiß ja, wie du's meinst, und was an mir liegt, zu helfen und zu bessern, das soll gern geschehen.« »Du allein kannst auch mit deinem besten Willen nichts ändern. Deine geldstolzen, hochfahrenden Genossen da oben haben es nun einmal mit ihrem Trotz und ihrer schrankenlosen Willkür bei den Bürgern verdorben, daß sie sich in ihrer Ehre und ihren Rechten gekränkt fühlen.« »Leider, leider muß ich es zugeben, was du sagst; aber eben darum, wenn du mit bei uns säßest, so wüßten sie einen auf dem Rathause, der ihre Rechte verträte und sich ihrer Bitten und Klagen günstig annähme. Sie würden treuer am Rate hängen, würden freudig gutheißen, williger tun, als wir beschließen, bloß weil du es mit beschlossen hättest.« »Wenn ihr mich als ehrbaren Böttchermeister, der ich bin und bleiben will, in den Rat küren wollt, so mag's geschehen, aber anders nicht«, sprach Meister Gotthard und wischte mit der Hand über die Tischfläche. »Das geht nicht, wie du weißt«, entgegnete der Ratsherr, »und dann würden viele, würden sie alle nach unseren Stühlen trachten. Nicht um einen oder mehrere Handwerksmeister ist es uns zu tun, sondern um dich, Gotthard Henneberg, um dich ganz allein. Du hast das Vertrauen, du hast die Herzen und die Hände von Tausenden hinter dir, sie folgen dir, wohin du sie führst, wenn des Rates Wort und Stimme achtlos verhallt. Dir würden sie glauben, daß zweimal zwei fünf ist, dir zuliebe würden sie im Harnisch schlafen und auf den Wällen aushalten, solange du es von ihnen verlangtest. Denke an den Kampf, der uns bevorsteht. Gotthard, komm in den Rat!« »Du übertreibst, viellieber Freund, aus günstiger Meinung für mich«, sagte der Meister. »Ich habe so gut meine Feinde in der Stadt wie der Rat – vielleicht nicht ganz so viel«, setzte er lächelnd hinzu; »aber wenn du mir wirklich so viel Gewalt zutraust, wie du sagst, so laß mich wo ich bin. Habe ich die Bürgerschaft und die Ämter hinter mir, so weißt du wohl, daß ich sie niemals gegen den Rat führen werde. Jetzt bin ich ihresgleichen, könnte ihr Hauptmann sein, dem sie folgen, wenn ich sie zu den Waffen rufe; als Ratsherr hätte ich nicht mehr Macht über sie, als einer von euch. Hochmütig und abtrünnig würden sie mich schelten, wenn ich mein Böttcherbeil niederlegte, nur um in den Rat zu treten als einziger gewesener Handwerksmeister, und meine Gewalt über sie, ob groß oder klein, wäre dahin. Glaube mir, Heinrich, ich kann dem Rat und der Stadt am besten auf dem Platze dienen, auf dem ich stehe.« »Du kommst ja nicht aus Schenk oder Gunst in den Rat, sollst dich auch nicht verschreiben, zu allem ja und amen zu sagen, was beraten wird. Deine Gewissenhaftigkeit und Einsicht ist es, um derentwillen wir dich zu Rate rufen, und zu der Stadt Behuf, zu der Stadt Wohlfahrt und gemeinem Besten deine Kräfte herzugeben, bist du keine andere Entschuldigung, als echte Not, vorzuwenden befugt. Dein Sohn Arnold ist alt genug, seiner selbst zu werden. Gib ihm die Werkstatt; über kurz oder lang tust du's ja doch, warum nicht jetzt? Jetzt ist es Zeit, jetzt geht es Not an Mann. Noch einmal, Gotthard – komm in den Rat!« Ein paar Sekunden lang saß Gotthard Henneberg schweigend am Tisch, dann tat er mit der geballten Faust einen Schlag auf die Platte: »Nein!!« und erhob sich. Frau Johanna hatte sich mit keinem Worte eingemischt, war auch um ihre Meinung noch nicht gefragt worden, aber mit stolzer Freude hatte sie aus dem beredten Munde des Ratsherrn das Lob ihres Mannes und die hohe Wertschätzung seines Einflusses auf die Bürgerschaft vernommen. Heinrich Viskule hatte nicht mit der ihm gewohnten, kaltblütig bemessenen Ruhe, sondern mit einem Eifer gesprochen, der von der Tiefe seiner Überzeugung und der Dringlichkeit seines Wunsches Kunde gab. Auf des Meisters hartes, mit einem Faustschlag auf den Tisch besiegeltes Nein schwieg er und warf einen bekümmerten Blick auf Johanna. Diese sagte nun: »Ihr kennt ihn ja, Herr Ratsherr! Überreden kann man ihn zu nichts in der Welt. Was nicht als sein eigener freier Wille und Entschluß aus ihm selber heraus kommt, das ist ihm auch nicht abzudrücken. Darum laßt ihn nur; er muß erst mit sich selber darüber fertig werden.« »Er ist es schon«, sagte Meister Gotthard zu den beiden herantretend und seine breite Hand auf des Freundes Schulter legend. »Du wirst es mir noch einmal Dank wissen, Heinrich, daß ich heute festgeblieben bin. Mir schwant sowas, als warte hier in der Stadt noch ein Stück Arbeit auf mich, das ich vielleicht als Böttchermeister, aber schwerlich als Ratsherr fertigbringen könnte. Wenn es Not an Mann geht, wie du sagst, so soll es an Gotthard Henneberg nicht fehlen; hier meine Hand darauf!« »Das weiß ich, Alter! Auch ohne Wort und Handschlag«, sprach der Ratsherr, die dargebotene Hand doch fassend. »Möge es dich nie gereuen, was du mir heute abgeschlagen hast.« »Ich glaub' es nicht«, sagte der Meister und geleitete den Gast nach dessen freundlichem Abschied von Frau Johanna hinaus. Auf ihrem Wege durch die Diele sprachen die beiden Männer kein Wort, aber an der Haustür schüttelten sie sich so herzlich die Hände, als wollten sie den alten Freundschaftsbund aufs neue bestätigen und befestigen. Arnold sah es und dachte: ›Da ist ein Pakt geschlossen, und sie sind einig. Jetzt ist es Zeit, heut oder nie!‹ Meister Gotthard ging wieder in die Stube zu seiner Frau. Sie trat ihm entgegen und sagte vor ihm stehend: »Gotthard, du weißt, daß ich deinen Willen ehre und mein Leben lang immer geehrt habe, wenn ich ihn auch nicht recht begriff und anderer Meinung war. Ich will auch heute nicht weiter in dich dringen, aber ich möchte doch, daß du dir Viskules Vorschlag noch einmal reichlich überlegtest, ehe du ihn so ganz von der Hand weisest. Es schien doch nicht sein Wunsch allein zu sein, die Herren müssen auf dem Rathause davon gesprochen haben, sie erkennen deine Gewalt in der Stadt, sie wollen dir eine Ehre antun und dich zu ihresgleichen machen; das ist doch zu bedenken, und wäre es nicht für unsere Kinder von Wichtigkeit, wenn du in den Rat trätest?« Meister Gotthard blickte seiner Johanna in die Augen, drohte ihr lächelnd mit dem Zeigefinger und sagte: »Frau Ratsherrin! Frau Ratsherrin!« Das leichte Erröten stand der fünfundvierzigjährigen Frau fast lieblich. Sie wandte sich schmollend ab und mußte doch nun selber lächeln, als sie hinter ihrem Rücken Gotthards tiefes, herzliches Lachen hörte. Arnold kam herein. Er hatte das Schurzfell draußen abgelegt, warf einen unsicheren, prüfenden Blick auf Vater und Mutter und begann mit einer Stimme, in der eine gewisse Erregung schwirrte: »Vater, ist es dir genehm, ein freundlich Wort mit dir reden zu lassen?« Nur zu! nickte der Meister stumm und verwundert. »Vater!« sprach Arnold, »wenn mich nicht alles täuscht, so habt Ihr heute mit Herrn Viskule etwas abgemacht, was auch mich einigermaßen angeht.« »Ich wüßte nicht was und wieso«, erwiderte der Meister, dem diese Ansprache wie der Anfang eines Verhörs vorkam, in dem er von seinem eigenen Sohn über sein Tun und Lassen zur Rechenschaft gezogen werden sollte. »Nun, wie du willst, Vater«, sprach Arnold, der sich durch den vermeintlichen Mangel an Vertrauen zu ihm gekränkt fühlte; »wenn ich es noch nicht wissen soll, so brauchen wir ja nicht davon zu reden. Aber was mich allein angeht, darüber darf ich wohl mit dir sprechen, denk' ich.« In Arnolds Ton lag etwas, was dem Vater mißfiel und ihm wie eine Herausforderung klang, obwohl Arnold in dem Augenblick nichts weniger als dieses beabsichtigte. Aber Meister Gotthard stand ohnehin mit seinem ältesten Sohne nicht auf so gutem Fuße wie mit seinen anderen Kindern, weil sich Arnold nicht immer so willig seinen Wünschen fügte und ihn öfter durch Widerspruch reizte. Er schwieg aber, und Arnold fuhr fort: »Vater, ich bin bald fünfundzwanzig Jahr alt, verstehe mein Handwerk, wie ich es von dir und anderen ehrbaren Meistern in der Fremde gelernt habe, und nun – nun wäre es wohl an der Zeit, mein' ich, daß ich – mit einem Wort, Vater, ich möchte gern das Amt eschen und meiner selbst werden.« »Du willst das Amt eschen«, wiederholte der Meister, »und dann?« »Und dann? Nun, und dann möchte ich mir mein eigen Feuer und Rauch schaffen und mich befreien.« »Etwa mit der Ursula Dippold?« »Ja, Vater, mit Ursula Dippold.« »Kommst du mir wieder damit?« rief der Meister heftig. »Niemals! Nun und nimmermehr geb' ich das zu!« »Gotthard«, sagte Frau Johanna. »Schweig! Sprich mir nicht hinein!« schnob er die Frau an. »Vater, was hast du gegen die Ursula?« fragte Arnold. »Das weißt du! Sie ist eines bescholtenen Mannes Kind!« »Aber sie selber ist eine ehr- und tugendsam Jungfrau, die in Schapel und Band zur Kirche ziehen kann.« »Der Frohn geht beim Freiböttcher ein und aus.« »Sie sind arm, und du weißt am besten, Vater, wodurch sie's geworden sind. Aber ein Kesselflicker oder Schäfer ist Meister Dippold nicht und treibt auch sonst kein verachtet Handwerk, er ist Böttcher wie wir.« »Mit falschem Tonnenmaß.« »Das büßt er schwer genug, und die Ursula hat dir noch keinen Wein verschüttet.« »Soll sie auch nicht, soll mir auch keinen einschenken, ich mag sie nicht haben als Tochter. Befreie dich nur mit einer ehrlichen Person aus dem Amt, wie es Handwerks Gebrauch und Gewohnheit ist nach altem Herkommen.« »Aber ich liebe die Ursula und lasse nicht von ihr«, entgegnete fest und entschieden Arnold, dem des Vaters kalt abweisende Strenge das Herz zusammenpreßte. »Trotz meinem Verbot, das du schon mehr als einmal nachdrücklich genug von mir gehört hast«, fuhr ihn der Vater an. »Denkst wohl, ich weiß es nicht, daß du dich immer noch mit der Dirne herumziehst, nach Feierabend hinschleichst und ihnen hilfst bei ihrem Kram? Ich habe getan, als merkte ich's nicht, habe gedacht, es wird sich schon geben, wollte Geduld mit dir haben, aber ich sehe wohl, ich muß mit Gewalt dem Dinge ein Ende machen, wenn du nicht von selber zur Vernunft kommst.« »Vater«, sprach Arnold mit schwankender Stimme, »laß dich erbitten, verschlage mir mein Glück nicht! Du kennst die Ursula nicht, sie ist ein braves Mädchen, hat arbeiten und sparen gelernt und wird dir als Tochter keine Unehre machen.« »Sie sollen wohl in Lüneburg mit Fingern auf dich weisen: das ist der Eidam des Freiböttchers, den der Alte aus dem Amte gestoßen hat, weil er falsches Maß lieferte, und nun freit der Sohn des Ausgestoßenen Tochter; es soll wohl heißen: aha! Dem Alten tut's leid, es war gewiß unrecht, und nun sieht er's ein und will's wieder gutmachen? Niemals leid' ich das, niemals!« »Niemals, sagst du? Vater, weißt du, was ich dann tue?« fragte Arnold, der sich in seiner tiefen Erregung zu einer immer unbotmäßigeren Haltung in Stimme und Gebärde hinreißen ließ. »Dann geh' ich in die Fremde und nehme die Ursula mit, auch ohne deinen Segen, und ihr seht mich nicht wieder.« »Tu, was du Lust hast!« rief der Meister nun noch lauter und heftiger. »Aber wenn du meinst, du wärest mir über die Hand gewachsen, so irrst du dich sehr. Ich habe zu gebieten, und du hast zu gehorchen.« »Alte Hunde sind schwer zu bändigen, Vater!« »Dich weiß ich noch zu bändigen, und wie! Haha! Du willst Selbstherr werden? Doch nicht ohne mich. Kannst mich wohl nicht früh genug loswerden aus der Werkstatt? Möchtest dein Erbe vorweg haben? Denkst, der Gilbrecht ist da, und nun sind hier Hände genug? Du bist mein Knecht, der in meinem Brote steht; kannst mir ja aufsagen, wenn du willst, und gehen, so weit dich deine Beine tragen. Aber das Amt eschen kannst du nicht ohne mich, deinen Meister, und mit meinem Willen sollst du's auch nicht. Hast du zehn Mark aufzuweisen, unverborgt und ungeliehen, wie du es mußt, wenn du dein eigen Handwerk bauen willst? Kannst du die Auflage zahlen beim Selbstherrwerden und die vier Pfund Wachs zur Lichterkrone und das Geld für die gemalten Glasfenster und für Harnisch und Leichentuch? Hast du dir etwas erspart in deinen Mutjahren? Nichts, gar nichts! Meinst wohl, ich soll's bezahlen? Nicht die Meisterkost richt' ich dir aus, wenn du mir mit der Dippoldschen kommst.« »Ich sage dir, Vater, von der Ursula laß' ich nicht, allen Ämtern und allen Amtsmeistern der Welt zum Trotz!« »Und ich sage dir, die Ursula freist du nicht, und das Werk eschest du nicht, nicht eher, als bis ich es dir sage. Damit hast du für diesmal und für allemal deinen Bescheid!« »Vater, ist das dein letztes Wort?« fragte Arnold zitternd und bebend. »Mein letztes!« sprach der Meister und kehrte dem Sohne den Rücken. »Nun, so muß ich mir selber helfen! Die Gelegenheit kommt einmal, Vater! Und sollte sie mit Blut und Schrecken kommen – ungenutzt laß' ich sie nicht!« Damit stürmte er hinaus. Als er hinaus war, hielt sich Johanna nicht länger. Sie sprang auf, rang die Hände und rief: »Gotthard! Gotthard, was hast du getan? Du treibst ihn ins Elend hinein; du sollst sehen, wir verlieren ihn, und er ist doch unser Sohn! Ich kenne seinen Sinn, er ist so hart wie deiner; er gibt nicht nach. Was soll nun werden?« »Soll sich der Vater dem Sohne beugen oder der Sohn dem Vater?« sprach grollend der Meister. »Ich leide es nicht, ich dulde in meiner Sippe kein anrüchig Volk; die Ursula bekommt er nicht, und das Werk auch nicht, jetzt gerade nicht!« Die Meisterin verhüllte ihr Gesicht und weinte. »Vor Jahr und Tag hab' ich's dem Jungen verboten, sich mit der Dippoldschen noch länger einzulassen«, sprach zornrot der Meister, »er hat nicht gehorcht, er will mir trotzen, er wagt es, mir zu drohen. Das Handwerk will ich ihm legen!« Er setzte sich in seinen Stuhl und trommelte mit den Fingern auf die Armlehne. Als bald darauf Ilsabe aus ihrem Schwalbennest heruntergestiegen kam, traf sie auf der Treppe mit Arnold zusammen, der zum Ausgehen gekleidet war. »Wohin jetzt schon?« fragte die nichts Ahnende. »Ist denn schon Feierabend?« »Wo ich hin will?« entgegnete Arnold finster und rauh. » –ins Elend, Schwester!« Damit ließ er die tief Erschrockene stehen und ging seiner Wege. Zwölftes Kapitel In der Löwengrube auf der Techt ging alles seinen gewohnten Gang. Meister Daniel war nicht viel zu Hause, sondern strich mehr in der Stadt auf Neuigkeiten umher und brachte fast nur noch zu den Mahlzeiten die gemachte Beute heim, die dann von geschwätzigen Zungen zerlegt und von gierigen Ohren verschlungen wurde. Frau Gesche, geborene Mushund, thronte nähend auf ihrem erhöhten Fenstersitz in der Utlucht und ließ so leicht kein Lüneburger Menschenkind auf der Straße vorübergehen, ohne ihm eine mehr oder minder liebevolle Bemerkung anzuhängen, zu welcher der allezeit schlagfertige Timmo dann auch noch seinen Senf gab und Hans die geeigneten Gesichter schnitt. Auf diese Weise wurde Timmo in alle Familienverhältnisse der Stadt eingeweiht, und da er gelehrig und spaßhaft, wie er war, auf alles einging, so wurde seine Stellung zu seiner Brotherrin immer vertrauter und freundschaftlicher. Selbst an die abschreckende Häßlichkeit der Meisterin gewöhnte er sich allmählich, weit rascher aber an die guten Bissen, die sie ihm dann und wann zuschob, und sein Blutwurm schien sich dabei außerordentlich wohl zu befinden, denn er rührte und regte sich nicht. Dennoch fehlte dem Gesellen etwas. Schon mehrere Wochen war er in Lüneburg und hatte noch keine Gelegenheit zu einem recht ausgesucht lustigen Streiche gefunden, der die halbe Stadt in Bewegung gesetzt und die ganze von ihm reden gemacht hätte. Er tröstete sich indessen mit der Hoffnung, daß sich eine solche Gelegenheit vielleicht bei seiner feierlichen Einfahrt in die Gesellen-Brüderschaft am nächsten blauen Montag finden möchte, und es war ihm durchaus nicht zuwider, wenn er dabei zugleich den Hennebergs, besonders dem Alten, der ihn so schroff behandelt, und der hochmütigen Tochter, die ihn so kurz abgewiesen hatte, einen kleinen oder auch einen großen Possen spielen könnte. Dieser Gedanke beschäftigte ihn auch an dem Spätnachmittag, an dem im Goldenen Ei zwischen Vater und Sohn so harte Worte fielen, ohne daß er ahnte, wie nahe ihm die Erfüllung dieses Wunsches war; denn Arnold erschien in der Schusterwerkstatt, die er bis jetzt noch mit keinem Fuß betreten hatte, und erschien mit einem Gesicht, auf dem mit großen Lettern geschrieben stand, daß etwas Außerordentliches vorgefallen sein mußte. »Ei, ei, dem Herrn Sülfmeister sein Ältester! Eine ganz ungewohnte Ehre für uns arme Schustersleute!« sagte sich erhebend Frau Gesche mit einem glücklich zuwege gebrachten Lächeln, das in seiner Ausdehnung so ziemlich von einem Ohre bis zum anderen reichte. »Nichts für ungut, Frau Meisterin, wenn ich ungelegen komme!« sprach Arnold. »Wo ist dir denn die Petersilie verregnet?« lachte Timmo. »Oder ich könnte auch sagen: du siehst aus wie ein Lohgerber, dem die Felle weggeschwommen sind.« »Kannst du mitkommen?« fragte Arnold. »Gewiß, auf der Stelle!« »Es ist aber noch sehr früh«, bemerkte Frau Gesche in übler Laune darüber, daß sie den des Ausfragens so würdigen und gewiß sehr ergiebigen Besuch so schnell wieder verlieren sollte. Aber Timmo drückte mit einem bedeutsamen Blick die linke Hand auf sein Herz und die Meisterin schwieg. Er legte die Arbeit beiseite und machte sich zum Ausgehen bereit, während Frau Gesche sich angelegentlich nach Arnolds lieben Seinigen erkundigte und von diesem kurze, ihr viel zu kurze Auskunft erhielt. Dann gingen die beiden Gesellen und ließen Frau Gesche, geborene Mushund, allein mit ihrer schlechten Laune und mit Hans, der seiner Meisterin ein ganz gottserbärmliches Gesicht zuschnitt, »Du machst mal wieder ein Gesicht, Junge, wie drei Tage Regenwetter«, schalt Gesche. »Habt Ihr denn nicht gesehen, Meisterin, wie Timmo nach dem Herzen griff ?« erwiderte Hans. » Der Blutwurm zwickte ihn gewiß wieder.« »Nun gehen sie zur Hombrokschen und tragen der das schöne Geld hin«, brummte Gesche, ohne sich auf den Blutwurm näher einzulassen. – Arnold lenkt mit Timmo von der Techt aus nicht rechts nach dem Innern der Stadt, sondern links herum nach dem Kalkberge zu. »Wo denn hinaus?« fragte Timmo. »Sollen wir nicht einen Krug Eimbecker trinken?« »Nein«, entgegnete Arnold, »ich muß an die Luft, hinaus ins Freie!« Sie gingen auf dem hochgelegenen Wall entlang; Arnold unterrichtete den Freund von dem, was zu Hause vorgefallen war, und schloß seinen Bericht mit den Worten: »Nun rate, nun hilf mir!« »Das ist zu toll«, sprach Timmo, der sich beim Hören seinen Plan schon halb fertig geschmiedet hatte. »Du, ein Meisterssohn, sollst das Amt nicht eschen dürfen, wann du willst? Und sollst nicht heiraten dürfen, wen und wann du willst? Das wäre ja noch schöner! Höre, Bruder, das ist eine Sache, die nicht bloß dich betrifft, das geht uns alle an, alle ehrlichen Handwerksknechte in der ganzen Stadt; das müssen wir zusammen ausfechten, alle für einen und einer für alle.« »Hast wohl recht, Bruder«, sagte Arnold; »aber wie sollen wir das anfangen? Ja, wenn wir alle einig wären unter uns!« »Oh, darin sind wir einig«, rief Timmo. »Hast du schon einmal einen Handwerksknecht gefunden, der ganz zufrieden gewesen wäre? Hier haben wir schon zwei Punkte, die uns die Meister nachgeben müssen, erstens das Selbstherrwerden und zweitens das Heiraten; aber es wird sich schon noch mehr finden, und solange sie nachgeben, solange fordern wir, bis wir genug haben.« »Aber wenn sie nun nicht nachgeben?« »Dann machen wir einen Aufbruch, ziehen auf Freiung, schelten die Meister und verrufen die Stadt.« »Glaubst du, daß du alle Handwerksknechte in der Stadt dazu herumkriegst?« »Sie müssen, sie mögen wollen oder nicht. Wer nicht mittut, kommt selbst in Verruf. Bruder Arnold, in längstens zehn Tagen von heute gehen wir auf grüne Heide!« »Timmo! Auf grüne Heide!« sprach Arnold erschrocken und blieb stehen. »Nun, was erschrickst du? Ich werde nicht der einzige sein in Lüneburg, der diesen Weg schon einmal gegangen ist und wär ich's auch, laß mich nur machen, ich weiß Bescheid damit. Zunächst müssen wir es unter allen Brüdern in sämtlichen Handwerken heimlich herumbringen und Ort und Stelle bestimmen. Du sollst sehen, sie kommen, sie kommen alle; laß mich nur machen!« »Dein Plan ist kühn, und wenn er gelingt, will ich dich loben.« »Es muß gelingen, es kann gar nicht fehlschlagen, und eine günstigere Zeit konnten wir dazu gar nicht treffen. Jetzt ist ein großer Streit in der Stadt, und es frägt sich, wie sich Bürgerschaft und Handwerksämter dabei stellen werden, ob auf seiten des Rates oder auf seiten der Prälaten. Wir Handwerksknechte bilden die große Mehrzahl, man braucht uns, man kann uns gar nicht entbehren. Tun die Meister uns den Willen, so gehen wir mit ihnen, sei es nun gegen den Rat oder gegen die Prälaten. Tun sie uns den Willen nicht, so gehen wir zu ihren Feinden über, sei es zum Rat oder zu den Prälaten. Kurz, wer uns beisteht, dem stehen wir wieder bei, und auf jeden Fall haben wir einen mächtigen Bundesgenossen. Siehst du das ein?« »Freilich, freilich«, sagte Arnold nachdenklich, »aber wie fangen wir das an?« »Da müssen wir eben zu Leuten gehen, die solcher Dinge Verstand haben«, sprach Timmo mit überlegenem Lächeln. »Ich habe hier in der Stadt einen guten Freund, klug, geschickt, unternehmend wie kein zweiter; der hilft uns, wo er weiß und kann, und er ist mir gewissermaßen verpflichtet. Du kennst ihn gewiß; es ist Herr Heinrich Sengstake.« »Sengstake?!« fuhr Arnold auf. »Der ist dein Freund? Der ist dir verpflichtet?« »Pst! Nicht so laut!« machte Timmo und sah sich scheu um. »Siehst du, eine Hand wäscht die andere. Mein Meister Daniel Spörken, der kommt viel herum in der Stadt, erfährt alles, weiß alles und erzählt uns alles zu Hause, und ich, ich erzähle es wieder meinem Freunde Sengstake, der immer gern wissen will, wie Bürger und Handwerker denken über den Rat und nach wessen Seite sich dieser oder jener neigt, was wohl von diesem oder jenem zu erwarten ist; na, du verstehst mich wohl, Bruder.« »Vollkommen«, sagte Arnold. »Siehst du, Bruder, das ist unser Mann! Der kennt die alten Satzungen noch und die Rollen der Gilden in anderen Städten und gibt uns klugen Rat, was wir von den Meistern verlangen sollen. Weißt du was, Bruder? Komm! Wir gehen hin zu ihm, er wird dir gefallen, und wenn dir einer in deiner Sache helfen kann, ist er es. Komm, Bruder, komm!« Arnold zögerte doch, auf diesen Vorschlag einzugehen, eingedenk des Auftrittes, den er in seines Vaters Werkstatt mit Sengstake erlebt hatte. »Sengstake wird mich übel empfangen«, sagte er. »Als er zuletzt unsere Gelegenheit besah, ist er in Unfrieden von uns geschieden.« »So machst du jetzt deinen Frieden mit ihm«, entgegnete Timmo. »Wenn ich dich zu ihm bringe, wird er dich schon gut aufnehmen, und du kommst ja nicht als Abgesandter deines Vaters.« Das leuchtete Arnold ein, und sie gingen, während inzwischen schon tiefe Dämmerung eingetreten war, zu dem gefährlichen Manne, der ein Haus am Sande besaß, unterwegs beredend, wie sie ihm ihre Angelegenheit am schicklichsten vorstellen sollten. Heinrich Sengstake saß schreibend allein in einem bescheiden ausgestatteten Gemach und glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen, als Timmo mit dem Sohne des Sülfmeisters, seines meistgefürchteten und gehaßten Gegners bei ihm eintrat. Aber blitzschnell machte er sich auch klar, daß der, den sein vertrauter Zuträger, der Schusterknecht Timmo bei ihm einführte, nicht als sein Feind kommen konnte, sondern wahrscheinlich als ein Rat und Hilfe Suchender. Darum bezwang er sein Erstaunen und empfing beide Gesellen mit gleich zuvorkommender Freundlichkeit, als wäre die Erinnerung an jenen peinlichen Auftritt im Böttcherhause aus seinem Gedächtnis völlig entschwunden. Nicht so schnell wurde Arnold seiner Verlegenheit Herr, und er wollte eben eine Entschuldigung vorbringen, als ihm Timmo das Wort abschnitt und dem ehemaligen Stadtschreiber mit großer Zungenfertigkeit und ohne lange Umschweife den Zweck ihres Besuches auseinandersetzte. Sengstake hörte aufmerksam zu. Regungslos wie ein lauernder Geier saß er da, die schmalen Lippen fest zusammengekniffen, die stechenden grauen Augen in dem fahlen Gesicht mit der leicht gekrümmten Nase und dem spitzen Kinn unverwandt auf den Sprecher gerichtet, dem er mit keiner zustimmenden Meinungsäußerung, mit keiner Bewegung des Kopfes oder der Hand zu Hilfe kam. Kaltblütig abwartend ließ er Timmo ausreden, während in seinem Innern die Entschlüsse schon keimten und reiften. Arnold Hennebergs Wohl oder Wehe war ihm sehr gleichgültig, aber dem Sülfmeister gönnte er, wie alles Böse, auch das Zerwürfnis mit seinem Sohn, und hochwillkommen war ihm Timmos Absicht, daraus einen Kriegsfall für das gesamte Handwerk zu machen und einen allgemeinen Aufstand der Knechte gegen die Meister hervorzurufen, wenn diese, was so gut wie außerhalb der Möglichkeit lag, nicht auf die Forderungen jener gutwillig eingingen. Schon mehr als einmal war der kühne Gedanke durch Sengstakes Kopf geflogen, Meister und Gesellen in Lüneburg zu entzweien, um beide beherrschend sich bald der einen, bald der anderen zu seinen Zwecken bedienen zu können. Es hatte ihm bisher nur an einer rechten Handhabe gefehlt, diese Entzweiung geschickt einzufädeln und in gehörige Spannung zu bringen. Und nun – er hätte vor Vergnügen auflachen mögen – nun kam ihm die Gelegenheit auf zweimal zwei Füßen entgegen. Nun hieß es zugreifen und die sich entfachende Glut schüren, ohne sich selber die Hand zu verbrennen, die er bald genug mitten im Spiele – nein, führend und lenkend am Steuer haben wollte. »Meine lieben jungen Freunde!« begann Heinrich Sengstake mit der größten äußerlichen Ruhe und Freundlichkeit, »ich danke euch für das Vertrauen, das ihr mir entgegenbringt und das an mir wahrlich nicht zuschanden werden soll, soweit ich euch mit meinen Kräften und Kenntnissen dienlich sein kann. Ich sehe ein, daß eure Wünsche nicht ungerecht und unbillig sind, und soviel ich mich aus den Urkunden erinnere, hatten die Handwerksknechte in alten Zeiten schon die Rechte, die ihr jetzt gern wieder haben möchtet, und die nur auf Antrieb der Handwerksmeister oder aber des Rates – das kann ich in diesem Augenblick nicht bestimmt entscheiden – erst später zu euren Ungunsten geändert worden sind. Nun würde ich euch des lieben Friedens willen raten, die Sache ganz offen und ehrlich vor eurer ehrbaren Meister Augen ins Werk zu richten, wenn euch nicht alle öffentlichen Zusammenkünfte streng verboten wären. Es bleibt euch also leider nichts anderes übrig, als euch im geheimen darüber schlüssig zu machen. Jugend hat nun aber mal keine Tugend, wie es im Sprichwort heißt, und damit dabei alles in Ruhe und Ordnung zugeht und ihr euch nicht etwa durch jugendliche Ungestümlichkeit zu ungerechten und unbilligen Forderungen gegen eure ehrbaren Meister hinreißen laßt und euch dadurch nur selber in Ungelegenheiten bringt, so ist es nötig, daß ein älterer, besonnener und erfahrener Mann an euren Beratungen teilnimmt, und da ihr mich nun einmal in euer günstiges Vertrauen gezogen habt, so bin ich gern bereit, mit euch auf grüne Heide zu gehen. Aber«, setzte er hinzu, als er das Aufleuchten in den Augen seiner beiden andächtigen Zuhörer bemerkte, »nur unter der Bedingung, daß meine Teilnahme an eurer Versammlung vorher wie nachher streng verschwiegen bleibt und daß ihr euch meinen wohlmeinenden Winken und Anordnungen bis zum völligen Austrag eures Zwiespaltes mit den Meistern bereitwillig fügt und nichts tut oder unterlaßt, als was ich euch zu tun oder zu lassen rate und heiße. Sagt diese Bedingung allen euren Brüdern, und wenn ihr mir am Abend eurer Zusammenkunft die unverbrüchliche Folgsamkeit aller Handwerksknechte versprechen und verbürgen könnt, so sollt ihr einen guten Freund und Führer an mir haben.« »Mit Freuden!« rief Arnold und reichte dem Arglistigen die Hand zum Bunde. »Nichts leichter als dies!« sagte Timmo. »Und was nun die einzelnen Punkte unserer Forderungen betrifft –« »Halt!« unterbrach ihn Sengstake. »So etwas bespricht sich am besten bei einem guten Trunk. Ich lade euch hiermit freundlich zu einem Becher Wein im Ratskeller. Da sind wir zu dieser Stunde ganz ungestört und können dort in aller Ruhe miteinander beraten. Nicht wahr? Ihr kommt mit.« Sie nahmen die Einladung, ganz entzückt von des gewandten Mannes gefälligem und verbindlichem Wesen, mit allem Dank an, und Sengstake fügte darauf hinzu: »Und wenn es euch recht ist, so ziehen wir dabei noch einen vertrauten und erfahrenen Freund von mir zu Rate, der noch dazu ein trefflicher Kumpan beim vollen Becher ist, Herrn Hans Dalenborg.« Auch damit waren die beiden Gesellen gern zufrieden und brachen nun mit ihrem gütigen, heimlich frohlockenden Wirt auf, um Herrn Hans Dalenborg abzuholen und in dessen Gesellschaft zur mehreren Besprechung und Besiegelung des Bündnisses in den Ratsweinkeller hinabzusteigen. – Als Balduin Viskule bald nach seines Vaters Ankunft im Böttcherhause von dort wegging, begleitete ihn Gilbrecht und blieb bis gegen Abend mit dem Freunde zusammen. Dann erinnerte er sich seines schon längst beabsichtigten Vorhabens, den alten Ratskellermeister in des Rates großem Weinkeller zu besuchen und bei ihm das Handwerk zu grüßen, denn er hielt sich ja selber wenigstens für einen halben Küfer. So begab er sich denn nach dem Rathause und die Treppe hinab zu den weiten, hochgewölbten Kellerräumen mit den dicken Mauern und Pfeilern, wo die reichen Weinvorräte lagerten, lange Gänge kreuz und quer führten, verschiedene Trinkstuben, abgesondert oder verbunden, zum Zechen einluden und die grauen Steinwände, nur spärlich beleuchtet, in feuchtem Glanz schimmerten. Ganz hinten war die behaglich eingerichtete und mit einem Kamin versehene Trinkstube für die Ratsherren, die hier manche trauliche und wichtige Besprechung ganz geheim beim Wein zu halten pflegten. Dies war ursprünglich ein einziger großer, mit einem Kreuzgewölbe überspannter Raum gewesen, der aber nun schon seit langer Zeit durch nicht ganz bis zur Decke reichende Zwischenwände in mehrere Gemächer geteilt war; man konnte jedoch in keinem derselben hören oder gar verstehen, was in einem anderen gesprochen wurde. Die zwei sich an den äußersten Enden schräg gegenüberstehenden und durch andere, dazwischenliegende, getrennten Gemächer waren das eine die Herrenstube für den Rat und das andere das Stübchen für den Ratskellermeister, wo er mit seinen Büchern, Kerbhölzern und Proben hantierte, das er fast nie von einem anderen Menschen betreten ließ, und aus dem er jeden Gast, der ihn dort aufsuchte, sofort in einen anderen Raum führte. Den Grund davon sagte er niemand. Der vieljährige, getreue Ratskellermeister Ambrosius von dem Rhyne war ein alter Freund Meister Gotthard Hennebergs, und Gilbrecht hatte schon als Junge seinen Vater manchmal zu jenem begleiten dürfen. So wußte er denn Bescheid im Keller und ging nicht fehl, als er seinen alten Gönner hier unten aufsuchte. Er fand ihn in seiner Küferstube, wie er eben in jeder Hand ein halb gefülltes Glas hielt, um die Farbe der beiden Sorten Wein vor einem brennenden Wachslicht zu prüfen. »Glück herein, Meister Ambrosius! Gott ehr' ein ehrbar Handwerk!« rief Gilbrecht fröhlich. Der Alte stellte die beiden Gläser behutsam auf den Tisch und sagte, als er den Gast erkannt hatte: »Gilbrecht! Jung! Kommst du endlich zu dem alten Kellerwurm? Das freut mich! Sei willkommen wegen des Handwerks! Habe schon von dir gehört, bist am Rhein, an meinem lieben, schönen Rhein gewesen, bist ein Küfer geworden, das freut mich! Warte, Jung! das müssen wir feiern, kommen ja doch so jung nicht wieder zusammen.« Er führte Gilbrecht in das Nebengemach, das nach dem an die Ecke gemalten Reichsadler die Adlerkammer hieß, verschwand dann und kam mit einer Flasche und zwei Holzbechern zurück, die an Rand und Fuß mit Silber beschlagen waren. »Hier«, sagte er, »Ratsherrenwein! Der beste, der den Herren für ihren Ehrenstand gegeben wird. Koste, Jung, koste! – Hm! Nicht wahr? Gott sei gepriesen und gedankt für diese Rebe!« »Amen, Meister Ambrosius!« sagte Gilbrecht und trank zum anderen Male. »Euch zum Wohle, großgünstiger Freund!« »Danke, danke! Aber, du lieber Gott! Es wird nicht viel helfen, ich werde bald den letzten Becher geleert haben. Das einzige, was bei mir noch einigermaßen Stich hält, ist die Zunge und allenfalls die Nase; mit dem übrigen sieht es klapperig genug aus.« »Davon merkt man Euch nichts an, Meister Ambrosius«, sprach Gilbrecht freundlich und trank wieder. »Ein köstlicher, herrlicher Tropfen!« »Das soll wohl sein!« lächelte der Alte. »Jung, weißt du was? Du wirst mein Nachfolger. Stille, stille! Du wirst mein Nachfolger, sag' ich; du wirst einmal Ratskellermeister von Lüneburg; denk' an den alten Ambrosius, der hat's gesagt. Ich will dich auch einweihen in alle Kellergeheimnisse, sollst alles wissen, was ich weiß, wo die Alten lagern und die Jungen, und alles, was ich weiß, sollst du auch wissen. Nur eins, nur ein Geheimnis, das sag' ich dir erst auf meinem Sterbebette, denn es ist ein großes, ein merkwürdiges Geheimnis und du mußt mir schwören, es zu hüten und zu bewahren, wie ich es getan habe, bis du es wieder deinem Nachfolger in die Ohren raunst, wie ich es von meinem Vorgänger erhalten habe; es ist ein großes, ein merkwürdiges Geheimnis, und kein Mensch weiß es außer mir; nur der Ratskellermeister darf es wissen, kein Ratsherr und kein Bürgermeister.« So plauderte der Alte, und der Junge hörte lächelnd und trinkend zu. Fast eine Stunde saßen sie beisammen. Meister Ambrosius fragte nach diesem und jenem, wie es am Rhein stehe, und fühlte seinem Liebling auf den Zahn nach allerlei Küferarbeit, und Gilbrecht bestand die Prüfung gut zur Freude des Alten. Endlich brach er auf und gelobte gern, zuweilen wieder vorzusprechen. Als er die Treppe heraufkam, war es fast dunkel geworden, aber er sah doch noch, wie vier Männer gerade auf den Eingang zum Keller herzuschritten. Gilbrecht barg sich hinter einem der dicken Pfeiler in dem überdeckten Bogengange des Rathauses, weil er nicht gern als ein aus dem Weinkeller Kommender gesehen werden wollte. Die Männer kamen heran, und Gilbrecht erkannte sie, ihre Gestalten, ihre Gesichter, ihre Stimmen. Es war Arnold, sein Bruder Arnold mit Sengstake, Dalenborg und dem Schusterknecht Timmo. Wie war es nur möglich? Was sollte das bedeuten? »Gewiß, Herr Sengstake!« sagte Arnold im Vorübergehen. »Auf uns könnt Ihr Euch verlassen.« Gilbrecht hatte diese Worte seines Bruders deutlich verstanden, nicht aber Sengstakes Erwiderung darauf. Ihn grauste fast. Die vier stiegen in den Keller hinab, ohne Gilbrecht zu sehen, und er ging wie betäubt nach Hause, aber mit dem Vorsatz, vorläufig zu schweigen. Dreizehntes Kapitel Auf der Rübekuhle, einer engen, krummen Gasse unweit der Lambertikirche, wohnte in einem kleinen, ziemlich baufälligen Hause, das über und über verschuldet war, der Freiböttcher Meister Alhard Dippold, und außer Weib und Kind waren Armut und Sorge seine Hausgenossen. Böttcher war er fast nur noch dem Namen nach, denn zur Gilde gehörte er nicht mehr, er hatte kein Geld, sich das nötige Holz zu kaufen, und auch keine Kundschaft mehr, die ihm Arbeit bestellt oder abgekauft hätte. Nur dann und wann brachten ihm mitleidige Nachbarn einen schadhaften Bottich, ein Waschfaß oder ein paar Eimer zum Verholen, aber dann mußten sie ihm auch gleich das Geld zum Erwerb der wenigen Dauben und Bände vorstrecken, und für die geringe Arbeit erhielt er nachher bei der Abrechnung nur noch blutwenig ausbezahlt. Die dreiköpfige Familie hätte noch mehr darben müssen, als sie ohnehin schon zu tun gezwungen war, wenn nicht Mann, Frau und Tochter kleine Nebenverdienste gefunden hätten, die sie wenigstens vor dem Hunger schützten. Der Fahrtmeister auf der Sülze war ein weitläufiger Verwandter der Frau, und dieser beschäftigte, so viel er konnte, den Meister Dippold in der Fahrt, dem unterirdischen Stollen, durch den man zu den Solquellen gelangte und dessen hölzerne Stützen, Träger und Bretterwände einer aufmerksamen Instandhaltung und jeweiligen Ausbesserung bedurften. Eigentlich war dies Sache der Zimmerleute, aber es drängte sich niemand zu der beschwerlichen und nicht gefahrlosen Arbeit, und niemand erhob dagegen Einspruch, daß man sie dem Freiböttcher überließ, der ja auch mit Beil und Säge umzugehen wußte. Nur war die Beschäftigung in der Fahrt nicht beständig, und manchen Tag, ja, manche Woche mußte der nicht fest Angestellte ledig gehen. Die Meisterin, Frau Druda, trieb als Hökerin auf dem Mittwochsmarkt eine kleinen Handel, und weil sie ebenso ehrlich wie bedürftig war, so schenkten ihr die Krämer, bei denen sie einkaufte, Treu und Glauben auf kurze Frist. Ursula, die Tochter, stickte zu Hause Hüte für den Hutfilter im Stücklohn. Für einen flandrischen Lammwollhut bekam sie einen Schilling. Dippolds Ausstoßung aus dem Böttcheramte war ein harter Schlag für die Familie gewesen, und schuldlos war er ja nicht, aber niemand außer ihm selber und einem einzigen anderen wußte, wie gering die Schuld war, um derentwillen er so schwer büßte. Dieser eine war ein armer Schiffer und Eichenführer, der den Böttcher dazu verleitet hatte, die Salztonnen etwas kleiner zu machen, als vorgeschrieben war, nur damit er einige mehr auf seinen Kahn laden konnte und also mehr Fracht erhielt, als ihm von Rechts wegen zukam. Niemand wurde um die fehlende Menge Salz betrogen, denn dieses wurde in Hamburg neu vermessen oder gewogen, und der Kaufmann bezahlte nur, was er wirklich empfing. Die Fracht aber wurde tonnenweise berechnet; der Schiffer steckte den ungerechten Vorteil ein; und der Böttcher, dem die untermäßigen Tonnen wie vollmäßige bezahlt wurden, sparte etwas Holz daran. Die Wardierer hatten im Vertrauen auf seine Rechtlichkeit nicht sorgfältig bei ihm nachgemessen, aber im Ohmhof auf dem Ochsenmarkte, wo die Tonnen von Zeit zu Zeit geeicht wurden, entdeckte man eines Tages den Betrug, der es ja doch immerhin war, und vor der unerbittlichen Strenge der Handwerksordnung galt keine Nachsicht und Vergebung. Das erste Gebot war: Das Handwerk muß so rein sein, wie von den Tauben zusammengetragen, und dem Amtsmeister Gotthard Henneberg war es eine Greuel, eine Unehrlichkeit an einem Werkbruder zu erleben; es wäre für ihn selber ein Schandfleck gewesen und geblieben, wenn er das ungerügt und ungestraft hätte hingehen lassen. Dem betrogenen Böttcher aber hätte es wenig geholfen, wenn er den Schiffer als seinen Verführer und Hauptschuldigen angegeben hätte. Dann wäre auch dieser aus dem Schifferamte gestoßen, und was hätte er dann anfangen sollen, der weiter nichts gelernt hatte, als seinen Kahn zu führen, und der nicht ein Kind, wie Dippold, sondern deren sechs hatte; die hätten ja dann hungern müssen. So schwieg der Böttcher und trug seine Schande, sein Leid und seine Not, und niemand ahnte, am wenigsten sein Amtsmeister Henneberg, daß der unehrlich gewordene Mann besser und braver war als mancher andere, dem kein Wardierer etwas am Zeuge flicken konnte. Auf drei Jahre war er aus dem Amte gestoßen. Wenn diese Zeit um war, dann konnte er sich wieder redlich machen lassen und wieder in die Gilde eintreten. Aber mittlerweile hatte sich seine Kundschaft zu anderen, unbescholtenen Meistern gewandt. Würde sie je wieder zu ihm zurückkehren? Würde er je aus seinen Schulden heraus und wieder zu Beschäftigung und nur einigermaßen gedeihlichen Wohlstand gelangen? Was ihn am meisten dabei kümmerte, war der Gedanke an Weib und Kind, besonders an seine Tochter Ursula. Er hatte sie durch seinen Frevel um ihr Glück gebracht. Ein Sohn des Sülfmeisters warb um sie, als Arnold Hennebergs Gattin hätte sie ein sorgenloses behagliches Leben gehabt. Diese Aussicht war nun für immer dahin. Ursula saß mit ihrer hoffnungslosen Liebe im sehnenden Herzen und stickte sich an den Hüten die Finger wund, und keiner würde sie zum Weibe begehren, wenn Arnold Henneberg sie sitzen ließ. Ihre Eltern sparten sich den Bissen vom Munde, um sie bei gutem Aussehen zu erhalten, daß ihre Wangen nicht bleichen, ihre Gestalt nicht abfallen sollte und das hübsche Mädchen auch in Kleidung stets anständig und sauber einherginge. Nur zu diesem Zweck ließ sich auch Frau Druda bewegen, und zwar heimlich, ohne Wissen ihres Mannes und ihrer Tochter, von Arnold den größten Teil seines sehr mäßigen Wochenlohnes anzunehmen, den er erst nach langer Überredung der Abwehrenden zustecken durfte, ihr fast jedesmal aufs neue förmlich aufdringen mußte. Heute, am Mittwochvormittag, war Ursula allein im Hause, der Vater war auf der Sülze, die Mutter saß auf dem Markt. Da tat sich die Tür auf, und Arnold trat in die ärmliche Stube. Schnell hing sie am Halse des Geliebten, und als sie bemerkte, wie ernst, wie beinah verstört er aussah, fragte sie besorgt: »Arnold, was ist dir? Was hat es wieder gegeben?« »Nichts Neues, Kind!« erwiderte er im bitteren Ton. »Ich habe mal wieder einen Tanz mit dem Alten gehabt, und einen schlimmeren denn je.« Sie seufzte tief und barg das Haupt an seiner Brust. »Es gibt noch eine letzte Hoffnung«, sagte er; »schlägt auch die fehl, so bleibt uns nichts übrig als ein mutiger Schritt, der dem Dinge mit Gewalt ein Ende macht.« »Ein Ende, Arnold? Ein Ende?« fragte sie traurig. »Nicht unserer Liebe, mein Herzensmädchen!« beruhigte er. »Die soll uns keiner nehmen, er sei, wer er sei, nicht Vater oder Meister und nicht der Herrgott im Himmel.« »Lästere nicht, Arnold!« sprach sie erschrocken. »Ach! Der tut es ja schon von selber nicht«, lächelte er, »der trennt uns nicht, solange wir uns Treue halten.« »Meine hast du bis in alle Ewigkeit, Arnold!« rief sie mit blinkenden Augen. »Wie du die meine!« sprach er und drückte sie fester an sich. »Komm her, setze dich und erzähle«, bat sie; »was hat es gegeben?« Er setzte sich auf ihren Stuhl und nahm die Geliebte auf seinen Schoß. »Laß nur«, sagte er dann, »du kannst dir's wohl denken. Ich soll dich nicht freien.« Aber sie ließ nicht nach; er mußte ihr den heftigen Wortwechsel mit seinem Vater berichten und ihr erklären, warum er gerade gestern wieder davon angefangen hatte. Er hätte nämlich zu bemerken geglaubt, vertraute er ihr nun, daß eine Verbindung Balduin Viskules mit seiner Schwester Ilsabe im Werke und gestern zur Freude aller Beteiligten auch wirklich geschlossen worden wäre. Und das glaubte er auch heute noch, obwohl man es ihm verheimlichen wollte. Da hätte er denn gemeint, den günstigen Augenblick und die frohe Stimmung seines Vaters benutzen zu sollen, um diesem den höchsten Wunsch seines Lebens noch einmal recht dringend ans Herz zu legen, in der festen Hoffnung auf Gewährung. Aber darin hätte er sich bitter getäuscht; der Vater hätte ihn gleich von vornherein schroff abgewiesen, so daß auch ihm bald der Ton der frommen Bitte abhanden gekommen und der helle Streit zwischen ihnen ausgebrochen wäre. »Und das alles meinetwegen!« seufzte sie. »Ich trage den Unfrieden in euer Haus. Wie werden mich die Deinigen alle hassen und verwünschen!« »Niemand haßt und verwünscht dich, du Liebe!« sprach er, »und das übrige nehme ich auf mich, dich darf es nicht kümmern.« »Deine Schwester soll eine Viskule werden, und du verlangst eine Dippold zum Weibe!« sprach sie demütig. »Wie verträgt sich das?« »Ich gönne jedem sein Glück«, erwiderte er, »aber das meine bist du, und den Kampf um dich nehme ich auf mit jedem, der sich mir dabei in den Weg stellt.« »Steht dir denn keiner bei?« fragte sie. »Auch deine Mutter nicht?« »Oh, die Mutter täte es von Herzen gern, aber sie richtet gegen den harten Willen meines Vaters nichts aus.« »Und die Hoffnung, von der du vorhin sprachst?« »Sicher ist sie nicht.« »Was ist es denn, worauf du baust?« fragte sie. »Frage mich nicht«, erwiderte er, »ich darf dir's nicht sagen.« »Mir nicht sagen, woran unser Schicksal hängt?« »Nein«, sprach er, »es ist ein gefährlich Ding, und ich habe Schweigen gelobt, denn unserer viele sind daran beteiligt.« »Eurer viele? Arnold, was soll ich davon denken? Willst du meinetwegen dich und andere in Gefahren stürzen?« fragte sie besorgt. »Es ist nicht bloß deinet- und meinetwegen«, erwiderte er, »es steht mehr dabei auf dem Spiele.« Sie bat und schmeichelte, ihm das Geheimnis zu entlocken, aber er blieb fest und verriet ihr nichts. »Es ist ja nur eine Hoffnung«, sagte er. »Und wenn sie fehlschlägt? Arnold, was dann?« »Dann? Ursula, hättest du wohl den Mut, Vater und Mutter zu verlassen und mit mir heimlich in die weite, weite Welt zu gehen?« Sie hatte den einen Arm um seinen Nacken geschlungen, umfing ihn nun auch noch mit dem anderen und schmiegte den Kopf an seine Schulter; aber sie antwortete nicht. Er fühlte, wie sie zitterte. Endlich kam es leise von ihren Lippen: »Wohin, Arnold? Wohin?« »In die Fremde, Kind«, sagte er, »ganz gleich, wohin, und wenn es nicht anders ist, meinetwegen unter die fahrenden Leute.« »Arnold!« fuhr sie auf und sah ihn bestürzt an. »Unehrlich sind wir dann sowieso«, sagte er, »haben nicht den Segen von Vater und Mutter und nicht den Segen der Kirche, haben nichts als unsere Liebe und vier gesunde Arme. Unter den Elenden und Fahrenden gibt es auch noch gute Menschen, und der uns zu den Geächteten getrieben hat, der mag es vor Gott und sich selber verantworten.« »Laß uns noch warten, Arnold! Laß uns noch hoffen«, sagte sie, »wir sind ja noch jung.« »Warten, worauf?« fragte er düster. »Auf Gottes Hilfe«, sprach sie. »Du sagst ja selber: der trennt uns nicht, wenn wir uns treu bleiben.« »Nur dem Mutigen hilft Gott«, sprach Arnold, »keinem, der die Hände faul in den Schoß legt. Ich will dich besitzen als mein ehelich Weib, und du ersehnst dasselbe, Ursula! Oder nicht?« Wieder barg sie bebend das Haupt an seiner Brust. »Also frage ich dich: bist du zum Äußersten bereit? Willst du mir folgen, wohin ich dich führe? Willst du kommen, wenn ich dich rufe?« »Wenn deine letzte Hoffnung fehlschlägt – ja!« Und heiß fühlte er ihren Mund auf seinem Munde. »Steh auf«, sprach er dann, »und laß mich gehen; es ist Zeit für uns beide. Ich habe dein Wort. Schweige still und warte der Dinge, die da kommen werden und dann – auf Wiedersehen! Lebewohl!« Aber er ging noch nicht. Sie hielten sich fest umschlungen, ohne Worte, aber mit glühenden Wangen, bis sie ihn mit sanfter Gewalt ängstlich hinausschob. Da ging er hinweg. Ursula verriegelte schnell die Tür und preßte die Hand auf den wildwogenden Busen: »Alles, alles, was du willst, ohn' Ende, ohn' Ende!« Vierzehntes Kapitel Herr Detlef und Frau Katharina Mandelsloh wollten in ihrer reichen Häuslichkeit den Himmelfahrtstag mit einem Mittagsmahle feiern und hatten dazu ihre nächsten Freunde geladen. Unter den Gästen in der doppelten Zahl der Musen befanden sich der Abt vom Kloster St. Michaelis, Herr Ludolf von Hitzacker; jener liebenswürdige alte Junggeselle, der Ratsherr Marquard Mildehövet, der den neuesten Anfall seines Podagels, vielleicht dank der ihm von Daniel Spörken gelieferten Pelzstiefel, diesmal schneller als sonst überstanden hatte; die Geschwister Balduin und Hildegund Viskule; die schöne Witwe Frau Walpurg Grönhagen und die beiden Junker Giso Stöterogge und Leonhard Düsterhop. Das Gastgebot hatte gelautet: Wenn die Glocke zwölf schlägt, so laßt euch bei uns finden und seid unsere Gäste. Alle waren pünktlich erschienen und sahen sich in ihrer Erwartung eines ausgesucht glänzenden Mahles durchaus nicht getäuscht, denn das Ehepaar Mandelsloh verstand sich darauf, es seinen Gästen freudig und bequem zu machen. Die Plätze waren an der festlich geschmückten Tafel auf sorgsamste erwogen, so daß jeder seinen Liebling in der Gesellschaft oder seinen Geistesverwandten zum Nachbarn hatte und die Unterhaltung von Anfang an heiter belebt war. Der Abt erfreute sich des Ehrensitzes obenan quervor am Tisch zwischen dem Ratsherrn und Frau Walpurg, die Balduin zu ihrer Linken hatte, während am anderen Ende zwischen zwei jungen Fräulein Leonhard Düsterhop und neben Hildegund Giso Stöterogge saß. Man war eben beim dritten Gang, der aus folgenden, zur Auswahl gleichzeitig aufgetragenen Gerichten bestand: Hirschbraten mit Limonien, gelbes Lammfleisch mit Kapern, Hecht in Gallert, Karpfen mit Rosenessig, Kapaunpastete, Ochsenzunge mit Oliven, gefüllte Eier und Marzipan. Dazu gab es Rüdesheimer, Hippocras und Muskateller. »Herr Ratsherr!« sprach der genußfrohe Abt, »die Kapaunpastete ist köstlich, aber nehmet Euch doch vor den Trüffeln darin in acht; sie sind sehr nahrhaft und begünstigen das Podagel. Gebt mir sie lieber, mir bekommen sie vorzüglich.« »Mir auch, hochwürdiger Herr!« lächelte Herr Mildehövet. »Indessen, wenn Ihr mir die Hechtsleber abtreten wollt, die Ihr zu finden so glücklich waret –« »Mit Vergnügen wäre ich dazu bereit«, erwiderte der Abt, »hätte ich sie nicht aus schöner Hand bekommen, aber ich fürchte, meine Frau Nachbarin, die sie mir auf den Teller geschoben, würde das übel vermerken.« Dabei hatte er die Hechtsleber schnell zerschnitten, und auch der Ratsherr rettete sich seine Trüffeln. Frau Walpurg hatte des Abtes Antwort nicht gehört, denn Balduin, einen silbernen Becher mit Hippocras in der Linken, bog sich über ihre Schulter, die rund und voll aus dem tief ausgeschnittenen Kleide schaute, und flüsterte ihr ins Ohr: »Auf das Wohl der Schönsten am Tische!« »Und welche wäre das?« fragte sie mit einem lockenden Blick. »Leiht mir das Spieglein an Eurem Gürtel, holdseligste Frau, daß ich sie Euch zeigen kann«, antwortete er, ihr den Blick erwidernd. »Laßt das nicht die blonde Philippine dort hören, Junker! Oder – oder eine andere Blonde.« »Keine Blonde kann mich aus den Fesseln einer Dunkeln befreien«, sprach er lebhaft. »Mögen sie Euch nicht zu schwer drücken!« sagte sie geschmeichelt und lächelte still vor sich hin. Die Fesseln der schönen Witwe drückten Balduin in der Tat nicht so schwer, so gefangen er auch in ihnen lag. Sie konnte bezaubern, wenn sie wollte, hatte in ihren großen, dunklen Augen mit den langen Wimpern den Ausdruck einer schwärmerischen Hingebung oder tiefsinnigen Schwermut so gut und so schnell bereit wie den einer feurigen Lustigkeit. Ihre Lippen konnten lächeln wie die einer winkenden Nixe und konnten blühen und schwellen, als warteten sie sehnsüchtig auf die leise Berührung oder den flammenden Druck eines anderen Lippenpaares. Ihr Wuchs und ihre Bewegungen waren voll Anmut und sinnberückendem Liebreiz, Gedanken und Wünsche herausfordernd. Sie verlangte Bewunderung, und nicht bloß stumme, nicht bloß aus der Ferne. Sie gab sich den Anschein eines schwer gezügelten Begehrens, um selber ein Gegenstand heißen Begehrens zu sein. Der Macht ihrer Reize und Künste war sie sich so sicher bewußt, daß sie unumschränkt über dieselben gebot und sie kämpfen oder spielen ließ, wann und wo es ihr beliebte. Und es hatte ihr seit langer Zeit nicht so beliebt wie heute zum Angriff auf Balduins schwach bewahrtes und schlecht verteidigtes Herz, um in ihm eine Leidenschaft zu wecken und zu schüren, die nach dem Besitz der verführerischen Frau trachten mußte. Ihr Ziel war seine Hand, und der Name ›Frau Walpurg Viskule‹ klang ihr so wohltönend, wenn sie ihn auf ihrem einsamen Lager den eigenen Ohren vernehmlich vorsprach. Walpurg war die Tochter eines angesehenen Handelsherrn in Triest, ihre Mutter stammte aus Florenz, und sie selber konnte das italienische Blut in ihren Adern nicht verleugnen. Ihr vor anderthalb Jahren verstorbener Gatte aus altem lüneburgischen Geschlecht, Herr Bernhard Grönhagen, ein Geschäftsfreund ihres Vaters, hatte sie in Triest kennengelernt und, angezogen von ihrer südlichen Schönheit, als seine Gemahlin nach Norden entführt. Er war viel älter gewesen als sie und hatte sie nach einer kurzen Ehe zu einer einundzwanzigjährigen, nicht trostlosen Witwe und zur unbeschränkten Herrin eines nicht unbeträchtlichen Vermögens gemacht, so daß sie sehr angenehm und genußreich von ihren Renten, zu denen auch Sülzeinkünfte gehörten, leben konnte. An eine Rückkehr in ihre Heimat dachte sie nicht, denn es gefiel ihr in der reichen Hansestadt, aus deren Boden ihre Einnnahmen quollen und unter deren Bewohnern sie viele freundschaftliche Beziehungen angeknüpft hatte, gar zu gut. Auch mit den überlebenden Verwandten ihres verstorbenen Gatten stand sie auf bestem Fuß und war überhaupt beliebt, bei den Männern noch mehr als bei den Frauen. Die ersteren entzückte sie durch ihre Liebenswürdigkeit, Gewandtheit und Schönheit, und das sahen die letzteren nicht gerade gern, denn sie fürchteten davon nicht ohne Grund Gefahren für die leicht entzündbaren Herzen der Männer, warfen ihr eine unerlaubte Gefallsucht vor und gönnten ihr ihre Siege nicht. Aber auch die Zuneigung der Frauen wußte sie durch ihr lebhaftes, einschmeichelndes Wesen zu gewinnen, trotzdem daß manche behaupteten, sie angle nach Herzen und sehne sich nach einem zweiten Manne. Weit fehlgeschossen war das nun freilich nicht, und wären die übrigen Gäste der Frau Katharina Mandelsloh nicht mit sich selber und ihren nächsten Tischnachbarn zu beschäftigt gewesen, so hätten sie heut das belustigende Schauspiel genießen können, mit welchem Reiz und Zauber, mit welcher List und Kunst sich Walpurg in Balduins Herz hineinstahl, hineinplauderte, blickte, lächelte, seufzte. Er war ganz berauscht von ihr, wenn er ihre Worte von den scherzenden, schmeichelnden Lippen fing, ihr in die Glutaugen blickte oder auf den schimmernden Hals und Nacken, wenn sie sich wie zufällig mit den Armen berührten und ihnen das Herz, von feurigem Weine gehoben, immer mehr auf die Zunge kam. Aber die anderen hatten eben nicht Zeit, diese zwei zu beobachten, und Hildegund, die es gern getan hätte, saß am anderen Ende auf derselben Seite des Tisches und konnte daher ihren Bruder nicht sehen. Auch nahm Giso Stöterogge sie ganz in Anspruch mit huldigenden Worten und Aufmerksamkeiten, die sie immerhin anhören und freundlich erwidern mußte, da er sich mit seinem Werben in züchtigen und bescheidenen Grenzen hielt. Fast tat es ihr leid um ihn, daß sie seine Liebe nicht mit gleichen Gefühlen beglücken und ihm kein Zeichen von Hoffnung geben konnte. Giso jedoch, der Begegnung im Viskuleschen Garten am Sonntag gedenkend, schloß aus Hildegunds mild ablehnendem Benehmen, daß Gilbrecht Henneberg schon ihr Herz besäße, und schwer verletzte es den Stolz des verwöhnten Junkers, daß er in der Gunst des edelgeborenen Fräuleins einem Böttcherknecht nachstehen sollte. Die Eifersucht auf den, wie er glaubte, glücklichen Nebenbuhler stachelte ihn, und er nahm sich vor, diesem bei nächster Gelegenheit seinen Grimm fühlen zu lassen und ihn in die gebührenden Schranken seiner untergeordneten Stellung zurückzuweisen. Aber auch Hildegund wünschte er es vorzuhalten, daß sie ihre Neigung unter ihrem Stande verschenkte. Er rief seinem Freund Leonhard Düsterhop übermütig zu: »Hast du denn auch von der großen Rede gehört, Leo, die der Sülfmeister neulich im Bierkeller zum besten gegeben hat? Diese Schuster und Schneider bilden sich wahrhaftig ein, sie wären die Haupthähne hier in der Stadt und könnten einen hochedlen Rat lenken und meistern.« »Gönn ihnen doch die müßige Kurzweil, die Faust in der Tasche zu ballen«, lachte Leonhard; »sie wollen doch auch ihren Spaß haben beim Sonntagsbier. Der hochedle Rat fragt nach dem ganzen Pack nicht so viel, und wenn sie es zu arg treiben, so läßt er sie beistecken.« In Hildegund wallte es heiß auf; sie warf einen zornigen Blick erst auf den einen, dann auf den anderen der Sprecher, und Giso hatte es nun mit ihr verdorben. Die ihnen am Tisch Zunächstsitzenden hatten natürlich die ausfallenden Bemerkungen der vorlauten Junker vernommen, und es war ihnen peinlich, in solcher Weise über einen Mann wie den Sülfmeister sprechen zu hören, der auch den Besten und Vornehmsten in der Stadt allezeit Achtung, zuweilen sogar einige Furcht einflößte. Herr Degenhard Schomaker konnte sich nicht enthalten, darauf zu erwidern, daß sich die so leichtfertig berührte Angelegenheit doch noch von einem ernsteren Gesichtspunkt aus betrachten ließe, als die jungen Herren hier beim Wein zu tun beliebten, und wenn sie es noch nicht wüßten, so wollte er sie darauf aufmerksam machen, daß gerade von der Haltung des einflußreichen und unbestechlichen Sülfmeisters Wohl und Wehe der Stadt für die nächste Zeit abhinge. Diese entschiedene Zurechtweisung gab allen das Stichwort zu einem Austausch der Meinungen über die Macht des Sülfmeisters und sodann über die Stellung, die er und die anderen Handwerksmeister in dem Streit des Rates mit den Prälaten mutmaßlich einnehmen würden. Es dauerte gar nicht lange, so fuhr man hier am Tische mit vollen Segeln in diesen großen Streit selber hinein, und die gegenseitigem Behauptungen drohten bei der in diesem Punkt sehr verschieden denkenden, im übrigen aber durchaus befreundeten Gesellschaft immer gereizter zu werden. Der Sülfmeister hatte hier Feinde und Freunde, unter letzteren vor allem die Viskules, die Prälaten waren durch den Abt würdig vertreten, und die Verteidigung des Rates führte Herr Marquard Mildehövet. Keiner gab dem Gegner etwas nach, jeder verfocht seine Ansicht auf das hartnäckigste, selbst die Frauen mischten sich ein, und wie sich kreuzende Klingen blitzten Worte und Widerworte hinüber und herüber. So war der Funke Eifersucht in Gisos Brust zu hellen Flammen eines Kampfes emporgelodert, den abzubrechen es hohe Zeit war, wenn nicht die bis jetzt so fröhliche Stimmung hier eine empfindliche Störung erleiden sollte. Zur großen Überraschung aller Anwesenden war es Frau Walpurg Grönhagen, die das Amt eines Friedensengels übernahm und es in einer wunderlichen, aber wirkungsvollen Weise ausübte. Sie erhob sich von ihrem Platz und rief mit einer wie Gesang klingenden Stimme: »Hört mich, ihr edlen Herren und lieben Frauen! Um was streitet ihr eigentlich? Um das Unscheinbarste und doch Unentbehrlichste auf diesem Tisch, seht! Um dies hier!« Dabei griff sie ein silbernes Salzfaß und hielt es hoch: »Vieles können wir Menschen entbehren, aber nimmer des Salzes. Von Brot und Fleisch, von Wein und Früchten können wir das Beste und Schönste uns aussuchen, aber vom Salz muß reich und arm, Freund und Feind aus demselben großen Vorrat nehmen ohne Unterschied. Was aber allen gleich und gemein ist, sollte auch alle gleich und gemein machen in Frieden und Freundschaft, und wenn ihr erlaubt, so werde ich euch zeigen, wie man das macht. Jetzt gehe ich hier am Tisch herum und streue jedem eine Fingerspitze voll Salz auf die Zunge, und wenn ihr die beißende Schärfe schmeckt und empfindet, so gedenkt der beißenden Schärfe eurer Worte, mit denen ihr euch hier befehdet habt, und dann schließt Eintracht untereinander. Es soll ein Zauber sein, liebe Freunde, mit dem ich eure Zungen binde, daß keine Bitternis mehr aus dem Herzen darüber hinweggehe, und wenn ich herum bin am Tisch, so muß Friede sein unter euch. Jetzt fange ich an. Herr Abt, erlaubt mir Eure hochwürdigste Zunge!« Und wahrhaftig! Sie tat es, und der lustige Einfall rief eine so allgemeine Heiterkeit hervor, daß sich jeder dem drolligen Spiel unterwarf, zumal sie es mit einer schalkhaften Anmut vollzog, die alle entzückte. Der freundliche Abt gab ein aufmunterndes Beispiel und streckte seine dicke, rote Zunge gutmütig heraus, auf die sie mit zierlicher Handbewegung eine kleine Menge Salz aus dem Silbergefäß streute. Der Abt leckte und schmeckte, und seine klaren Äuglein blitzten und blinzelten so vergnügt die holde Spenderin an, daß die ganze Tafelrunde ihre Lust daran hatte. Dann kam der Ratsherr daran und so weiter die ganze Reihe herum, wobei es viel Scherz und Gelächter gab. Sie schwebte von einem zum anderen, und ihre unmittelbare Nähe hatte etwas Berauschendes, wenn nur ihr Gewand den streifte, den sie gerade fütterte, oder in sanfter Anlehnung mit ihrem Körper berührte, falls er sich zum Schein etwas sträubte. Sie ließen sich's gern gefallen, besonders die Männer, von denen es ihr der folgende immer noch schwerer machte als der vorhergegangene, und es doch kaum erwarten konnte, bis die Zauberin auch ihn umstrickte. Wer aber nicht geduldig stillhielt oder mit Neckerei die Zunge vor der Bestreuung schnell wieder zurückzog, dem half das doch nichts, denn er mußte zur Strafe eine doppelte Menge schlucken, was den Jubel noch erhöhte. So erging es auch den beiden Junkern Leonhard und Giso. »Ihr habt angefangen und müßt dafür büßen«, sagte Walpurg und lud ihnen tüchtig auf. Überhaupt bedachte sie die Männer stärker als die Frauen, mit den jungen Mädchen aber machte sie es am gnädigsten. Als zuletzt auch Balduin sein Teil bekam, schnappte er zu, faßte ihren Zeigefinger mit den Zähnen und wollte den Gefangenen nicht wieder loslassen, so daß Walpurg hilflos dastand, vom jauchzenden Lachen der anderen überschüttet. Sie bat und flehte um Freigebung. »Löst Euch aus!« murmelte er durch die haltenden Zähne. »Womit?« fragte sie. »Mit Euren roten Lippen.« »Soll geschehen, aber nicht hier.« »Euer Wort?« »Ja!« Da ließ er los. Sie setzte sich, und alle nickten ihr lachend und dankbar zu für den gelungenen Streich. Sie hatte erreicht, was sie wollte, hatte durch ihren siegreichen Umgang um den Tisch die Gemüter der Streitenden von dem gefährlichen Gegenstand ab- und aller Augen auf sich, die Retterin, gelenkt und damit zugleich ihren Witz und ihre Macht in ein glänzendes Licht gesetzt. Nun war wieder Frieden am Tisch und die fröhliche Stimmung nicht nur wiederhergestellt, sondern bedeutend gesteigert. »Aber nun habt Ihr nach Eurem wundertätigen Salzzauber auch unseren vermehrten Durst auf dem Gewissen, schöne Frau!« rief der Wirt und gab den Dienern einen Wink. Die brachten nun die großen Schauer, wahre Prachtbecher, gefüllt mit Claret, dem honigsüßen, köstlich duftenden Würzwein, der in sich hatte, was Herz und Sinne zwang. Bis zum Abend blieben Gäste und Wirte beisammen und ließen allen guten Launen die Zügel schießen, ohne ängstlich die Worte zu wägen, mit denen sie ihren glücklichen Gefühlen so aufrichtig Ausdruck gaben, wie es die Sitte nur irgend erlaubte. Balduin war mit dem löblichen Vorsatz gekommen, sich Walpurg gegenüber mit einiger Vorsicht zu benehmen, hatte das aber an der Seite der schönen Südländerin schnell vergessen und ließ sich von ihrer Lebhaftigkeit zu einem immer verliebteren Tun mit ihr hinreißen. Endlich erhob man sich vom Tische und bewegte sich nach dem üppigen Mahle in kleinen Gruppen durcheinander, ohne sich jedoch zu weit von den silbernen Schenkkannen zu entfernen. »Hochwürdigster Abt, wohl bekomm's Euch!« sprach Frau Katharina und kredenzte ihm lächelnd den eigenhändig gefüllten Pokal. »Ihr stoßt mit leichter Hand die besten Vorsätze um«, lächelte der Abt, den Becher nehmend, »schon dachte ich den letzten Trunk heute getan zu haben, aber wer kann unserer holden Wirtin widerstehen, wenn sie gebeut!« »Aus Frauenhand muß man alles nehmen, hochwürdigster Herr!« sprach Frau Susanna Semmelbecker. »Alles, alles, sogar Salz auf die Zunge!« fiel Herr Mildehövet ein. »Alles? Und das sagt Ihr, Herr Ratsherr?« lachte Walpurg. »Und habt noch nicht einmal ein goldenes Ringlein aus Frauenhand genommen?« »Ja, wenn Ihr mir eins anstecken wolltet, liebliche Salzfee!« erwiderte er verbindlich und hielt ihr mit gespreizten Fingern die kleine, dicke Patschhand hin. »Das wäre zu überlegen«, meinte sie. »Eure Weisheit und meine Torheit würden sich trefflich ineinanderfügen.« »Und wie!« sagte Hartwig Semmelbecker. »Und dann der Nachwuchs aus einem so verjüngten Stamm! Feenkinder –« »Genug, genug!« rief Walpurg, dem Spötter mit ihrem duftenden Tüchlein den Mund verschließend. Die Frauen wandten sich lachend ab, auch Walpurg schwebte davon. Leonhard saß mit Adelheid Schomaker abseits auf einer Polsterbank und redete leise zu der jungen Frau, die ihm achtsam und sinnend Gehör schenkte und manchmal die Augen mit einem Blick zu ihm aufschlug, als möchte sie seinen Worten gern glauben und dürfte es doch eigentlich nicht. Balduin und Giso scherzten mit den jungen Mädchen, und Margarete Brömbsen sprach zu Giso, mit dem sie verwandt war: »Wenn du mich diesmal wieder sitzenläßt, Giso, so ist es aus mit uns beiden.« »Ich will mich bessern«, sagte Giso. »Nun komme ich doch endlich auch einmal in Lüneburg zum Tanzen«, sprach Balduin. »Ich bin neugierig, wie Ihr's bei den flandrischen Mädchen gelernt habt«, bemerkte Philippine von Sankenstede. »Nächstens bei der Kopefahrt hoffe ich's Euch zeigen zu können, Fräulein Philippine«, entgegnete Balduin. »Ist die Kopefahrt schon so bald?« fragte Hildegund. »Am Dienstag nach Pfingsten soll der neue Sodmeister vereidigt werden, und den Tag darauf ist die Kopefahrt«, sprach Balduin. »Das Fest soll diesmal besonders glänzend werden, weil es so lange verschoben ist.« Der Abt und der Ratsherr gaben das Zeichen zum Aufbruch, der nun allgemein wurde. Als sich Walpurg verabschiedete, nannten sie sie alle »liebliche Salzfee«, denn Frau Susanna, vielleicht ein wenig neidisch auf Walpurgs Zaubergewalt, hatte den Namen in der Gesellschaft herumgebracht, den ihr der Ratsherr gegeben, und sie ließ ihn sich lachend gefallen. Balduin fand noch Gelegenheit, ihr zuzuflüstern: »Und Eure Auslösung, die Ihr mir schuldig seid?« »Bekommt Ihr!« gab sie zurück. »Wann?« »Wenn Ihr gar nicht daran denkt.« »Dann bekomm' ich sie nie.« »Doch, ich zahle ehrlich.« »Aber ich berechne Zinsen, und hohe!« »Wucherer!« drohte sie mit einem verheißungsvollen Lächeln. »Soll ich sie mir holen?« »Nein, nein! Lebt wohl!« »Auf Wiedersehen, liebliche Salzfee!« Fünfzehntes Kapitel Bürgermeister und Rat in Lüneburg wiegten sich nicht in sorgloser Sicherheit vor der gewaltsamen Vollstreckung des Spruches, den das Kaiserliche Hofkammergericht in Wien gegen sie gefällt hatte, aber sie machten auch nicht die geringste Anstalt, seinen Beschluß zur Ausführung zu bringen. Kaiser Friedrich III. war ein bequemer und schwacher Herr, der selber lieber Geld nahm als ausgab, und Wien war weit von Lüneburg. Der einzige Gegner, der nicht mit sich spaßen ließ, war Rom; aber da der hochedle Rat von dieser Seite so wenig etwas erfuhr, was ihn hätte beunruhigen können, wie von seiten der weltlichen Macht, so beschränkte er seine Tätigkeit in dieser Sache auf eine verschärfte Wachsamkeit und ließ im übrigen alles seinen gewohnten Gang gehen. Von Acht und Bann war keine Rede mehr. Um so rühriger waren die Feinde des Rates, namentlich die ehrgeizigen und habgierigen Vorkämpfer der Prälaten, Sengstake, Dalenborg und die Gebrüder Schupper. Heimlich und mit verdoppelter Vorsicht wühlten und hetzten sie bei den Bürgern und Handwerkern, machten sich bald in dieser, bald in jener Werkstatt zu schaffen, ließen sich bald in dieser, bald in jener Trinkstube sehen und säten hier wie dort Hader und Zwietracht. Noch verhielten die Gilden sich ruhig. Das Schimpfen auf den Rat war Gewohnheitssache bei ihnen und hatte eben darum, weil sie es zu allen Zeiten taten, auch jetzt nichts Auffälliges und Bedrohendes. Aber bei manchen Handwerksmeistern fiel der listig ausgestreute Same des Aufruhrs auf empfänglichen Boden, der Mißvergnügten wurden immer mehr, und es fing an in der Stadt leise zu gären, ehe der Rat etwas davon merkte. Von den Verlegenheiten und Gefahren aber, die ihnen aus dem verschwiegenen Treiben der Handwerksknechte unter Sengstakes und Dalenborgs versteckter Leitung auftauchten, ahnten die Meister nichts. Wie nun der Böswillige und der keck Wagende oft mehr Glück im Leben haben, als der Gewissenhafte und Pflichttreue, so spielten Schicksalslaune und Zufall auch dem Ränkeschmied Sengstake manches willkommene Mittel für seine Zwecke in die Hände, das er sich gar nicht besser hätte wünschen können. Schon die Tatsache, daß Arnold Henneberg und der Schusterknecht Timmo ihn ins Vertrauen gezogen und zum Geheimen Oberhaupt ihrer Verschwörung gegen die Meister gemacht hatten, war so ein unverhoffter Glückszufall für ihn gewesen. Jetzt sollte ein an sich unbedeutender Gegenstand ihm wieder zu einem ziemlich unschuldigen, aber durchaus nicht unbrauchbaren Werkzeug für seine Wühlarbeit verhelfen. Der Gegenstand waren Herrn Marquard Mildehövets Pelzstiefel, und das Werkzeug der unglückselige Schustermeister Daniel Spörken. Timmo selber, der Anstifter und Mitschuldige bei dem Verbrechen gegen Handwerks Ordnung und Gerechtigkeit, hatte Sengstake die Geschichte mit den Pelzstiefeln unbedacht erzählt, als zwischen ihnen beiden zufällig einmal die Rede auf den Ratsherrn Marquard Mildehövet gekommen war. Sengstake erkannte sofort, daß die kluge Benutzung dieses Vorfalls ihm neue Verbündete werben könnte, wenn er es nur richtig anfinge, und erklärte dem erschrockenen, seine Schwatzhaftigkeit flugs bereuenden Timmo, daß er als Wardierer die Pfuscherei nicht verschweigen dürfe, sondern zur Erkenntnis des Handwerks bringen müsse. Er riet Timmo, bei der Untersuchung alles einzugestehen und versprach ihm, aus Freundschaft für ihn dafür zu sorgen, daß die Sache möglichst still abgemacht würde; eine kleine Geldstrafe allerdings wäre unvermeidlich; falls ihn aber sein Meister etwa dafür ansehen wollte, weil er diesen zu der Pfuscharbeit verleitet hatte, so wäre er gern bereit, ihm, Timmo, den Schaden aus seiner Tasche heimlich zu ersetzen. Damit war Timmo nicht nur zufrieden, sondern er freute sich schon auf den Spuk, den das in der Löwengrube geben würde, auf Meister Daniels Angst und auf Gesches Toben. Sengstake ging nun zunächst zum Amtsmeister der Pelzer und sagte dem Meister Mockeling, er hielte es für seine Pflicht als Wardierer, ihm die Anzeige zu machen, daß der Schuhmachermeister Daniel Spörken durch Anfertigung von einem Paar Pelzstiefel für den Ratsherrn Meldehövet den Pelzern ins Handwerk gepfuscht habe. Meister Mockeling lachte laut auf: »Na, den wollen wir kriegen! Und für den Ratsherrn Mildehövet, sagt Ihr? Aber Mildehövet ist ja Morgensprachsherr beim Schusteramt.« »Desto schlimmer, Meister! Desto schlimmer!« sprach Sengstake. »Seht Ihr, so macht es der Rat! Kennt nicht mal die Handwerksordnung und gibt selber ein so schlechtes Beispiel, daß er die Pfuscherei begünstigt und die Handwerker dazu verleitet.« »Du lieber Gott!« entgegnete Mockeling. »Podagel ist auch kein Vergnügen, hab' ich sagen hören. Aber Strafe muß sein; ich werde mich beim Morgensprachsherrn des Schusteramtes, also bei dem Besitzer der Pelzstiefel, beklagen.« »Der ist der Hauptschuldige, den laßt nur gehörig büßen«, rief Sengstake. »So zieht ihm die Pelzstiefel aus, dann kriegt er das Podagel wieder. Aber ich tue das dem alten, lieben Herrn nicht an.« »Wegnehmen müßt Ihr sie ihm, das versteht sich!« eiferte Sengstake, »Denn es ist wandelbare, sträfliche Arbeit. Aber damit ist's nicht abgetan; er muß Buße zahlen, und es muß ruchbar werden, wie der Rat mit dem Recht und dem alten Herkommen der Handwerker umspringt. Laßt lieber den Meister Spörken mit einem blauen Auge davonkommen und packt dem Ratsherrn die Pön auf.« »Wollen sehen, was er angibt«, erwiderte Mockeling. »Vielleicht weiß er gar nichts von der Pfuscherei und denkt, Daniel hat die Stiefel mit einem Pelzer zusammen gemacht, wogegen sich ja dann nichts sagen ließe.« »Er wird's schon wissen, daß sie der Schuster allein gemacht hat, denn er hat sie ihm ganz insgeheim bestellt«, versicherte Sengstake. »Der Schuster muß dran glauben, da hilft nichts«, sprach der Pelzermeister. Sengstake gab sich viel Mühe, und es gelang ihm auch, den Amtsmeister für den Schuster milder zu stimmen, gegen den Ratsherrn und den gesamten Rat aber aufsässig zu machen, der sich zu seinem Vorteil Dinge herausnähme, die dem gemeinen Bürger verboten und mit Strafen bedroht wären. Dann kamen sie auf den Prälatenstreit zu sprechen. Hier war Sengstake nun in seinem Fahrwasser, und als er von dem Pelzmeister schied, freute er sich, ihn schon halbwegs auf seine Seite gelockt zu haben. Timmo fühlte doch Gewissensbisse wegen seiner Unbesonnenheit, als er sich später ihre möglichen Folgen ausmalte, die er unter dem starken Einfluß Sengstakes und seiner für den Augenblick beruhigenden Worte sich nicht so rasch klargemacht hatte. Er hatte seinen Meister, der sich in seiner Schwarzschusterunschuld von Pelzstiefeln nichts träumen ließ, erst auf den Gedanken gebracht, hatte ihm seine Furcht vor der Sträflichkeit solcher Pfuscherei ausgeredet und ihn überzeugt, daß der Ratsherr schon aus Dankbarkeit reinen Mund halten würde; und nun war er selber zum Verräter geworden. Wenn nur Sengstake diesen Umstand wenigstens verschwiege! Wenn er aber seinen Gewährsmann angäbe, was dann? Dann konnte Timmo keine Stunde länger in Meister Daniels Hause bleiben, und seine Mitgesellen, die Schusterknechte, würden ihn vielleicht gar aus der Stadt ausleuchten. Dann konnte er nicht mit auf grüne Heide gehen, bekam auch keinen Dankelbrief von seinem Meister, sondern Scheltebriefe würden ihm in die Fremde nachfolgen, wo sie ihn nur finden könnten. Auch sein Meister, den kränken oder schaden zu wollen er durchaus keine Ursache hatte, tat ihm leid dabei; aber er hoffte doch, daß die Buße nur gering ausfallen würde. Zunächst kam es für ihn darauf an, den Kopf geschickt aus der Schlinge zu ziehen und seine unbeabsichtigte Verräterei nicht ans Licht kommen zu lassen. Mit ängstlicher Spannung sah er am zweiten Tage nach seiner letzten Zusammenkunft mit Sengstake dem Augenblick entgegen, wo der Amtsmeister in die Werkstatt treten würde, um für den hier verübten Frevel Rechenschaft zu fordern. Dieser Augenblick kam sehr früh, denn der Amtsmeister der Schuhmachergilde, Jochen Hesterwegen, wußte sehr wohl, daß er sich beizeiten aufmachen mußte, wenn er Daniel Spörken noch zu Hause treffen wollte. Sie saßen alle vier, Daniel, Gesche, Timmo und Hans, auf ihren gewohnten Plätzen, als es klopfte und Meister Hesterwegen eintrat. Der Amtsmeister sagte bloß: »Guten Morgen, Gesellschaft!« fügte aber nicht hinzu: Gott ehr' ein ehrbar Handwerk! Das Ausbleiben dieses Grußes machte die Gesellschaft schon stutzig, aber sie sollten über die Ursache nicht lange in Zweifel bleiben, denn Jochen Hesterwegen brach sofort los: »Was habt Ihr denn da wieder für Dummheiten gemacht, Daniel? Habt ja den Pelzern ins Handwerk gepfuscht! Habt Ihr oder habt Ihr nicht?« »Ach, du lieber Gott!« machte Daniel. »Ihr meint wohl die Pelzstiefel?« »Natürlich mein' ich die Pelzstiefel. Wie könnt Ihr Euch denn mit Rauchwerk befassen gegen alle Handwerks Ordnung und Gerechtigkeit?« Daniel sagte gar nichts. »Ihr gesteht es also ein?« fuhr Hesterwegen fort. »Es ist 'ne Tränenwelt!« seufzte Daniel. »Wie kommt Ihr denn nur auf die Dummheit?« fragte der Amtsmeister. Daniel zeigte auf Timmo und sagte beklommen: »Der da!« »Ach was, der da! Wer ist hier Meister in der Werkstatt? Ihr oder der da?« »Ich, Meister, ich«, sagte Daniel beinahe wimmernd. »Wo habt Ihr denn das Rauchwerk her?« fragte Hesterwegen weiter. Jetzt zeigte Daniel auf Hans: »Der da, der Junge.« Hans hatte sich tief auf seine Arbeit gebeugt; jetzt fuhr er hoch, als hätte ihn was gebissen. »Junge, du?!« sprach Hesterwegen. »Was war's für Fell?« »Kar –«, Hans spitzte das Maul, schnupperte mit den Nasenflügeln und wackelte mit den Ohren – » Karnickel«. »Karnickel? Wo hast du denn die hergekriegt?« »Von Hennecke.« »Von Hennecke? Von meinem Sohn Hennecke? Also von unseren, von meinen Karnickeln?« »Ja«, sagte Hans und hielt den Kopf schief, behutsam hervorschielend. »Da hört doch alles auf!« rief Hesterwegen. »Eine Handwerkspfuscherei, begangen mit den Karnickeln des Amtsmeister der eigenen Gilde! Junge, was fang' ich mit dir an?« Hans sah sich nach einem Mauseloch um. »Daniel, Ihr wißt, was darauf steht«, wandte sich Hesterwegen jetzt wieder zu dem bejammernswerten Haupt der Familie. »Macht's gnädig, Meister!« bat dieser demütig. »Es soll nicht wieder vorkommen.« »Das wollt' ich Euch auch geraten haben!« sprach Hesterwegen. »Aber bessern müßt Ihr's dem Handwerk, uns sowohl wie den Pelzern und auch etwas zu der Stadt Behuf.« »Ach du lieber Gott!« stöhnte Daniel. »Es ist 'ne Tränenwelt!« »Na, nur ruhig! So schlimm wird's nicht werden. Wir rechnen – mit Verlaub! – Eurer Dummheit was zugute, und der Wardierer Sengstake, mit dem Ihr ja recht gut Freund zu sein scheint –« »Ich?« fragte Daniel erstaunt. »Nicht daß ich wüßte.« »So? Er hat sich aber Euretwegen höchlich bemüht und viel gute Worte bei mir und Mockeling für Euch eingelegt, bis wir uns mit der kleinsten Buße zufrieden erklärten.« »Da bin ich ihm ja vielen Dank schuldig«, sprach Daniel. »Aber wie habt Ihr's denn nur erfahren, das mit den Pelzstiefeln?« Da war nun die verhängnisvolle Frage. Timmo wagte nicht aufzublicken; er saß wie auf Kohlen. »Das will Sengstake nicht sagen«, erwiderte Hesterwegen unbefangen. »Wir vermuten, er hat es von Mildehövets alter Hausmagd.« Ein Stein fiel von Timmos Seele. Er atmete auf und war frech genug, zu sagen: »I, so ein verdammtes, altes Plappermaul!« »Nun sagt nur mir meine Strafe, Meister«, sprach Daniel kleinlaut, »ich will's bezahlen.« »Ei, wo denkt Ihr hin, Ihr Bönhase?« lachte der Amtsmeister. »So leicht kommt Ihr nicht los. Erst stellt Euch mal heute vormittag mit dem Glockenschlag elf bei unserem günstigen Morgensprachsherrn, dem Ratsherrn Marquard Mildehövet, ein, der Eure gepfuschten Pelzstiefel an seinen Podagelbeinen sitzen hat; da wird sich das weitere finden. Ich und Mockeling kommen auch hin.« Diese Aufforderung hatte nichts Beunruhigendes für Daniel Spörken; im Gegenteil, Herr Marquard Mildehövet war immer gütig gegen ihn gewesen und würde seinen armen, unglücklichen Podagelschuster gewiß in Schutz nehmen, so viel er konnte. Daniel versprach also, pünktlich zu erscheinen, und Jochen Hesterwegen verließ die Löwengrube. Frau Gesche, geborene Mushund, hatte während der ganzen Verhandlung mit dem Amtsmeister steif und stumm dagesessen, nur ein krampfhaftes Zucken in ihrem eckigen Antlitz hatte die Empörung ihrer Gedanken und Gefühle verraten. Jetzt aber prasselte der Hagelschauer ihrer Entrüstung auf die Häupter ihrer drei männlichen Hausgenossen sturmgewaltig herunter. Sie sahen es kommen und warfen sich einen Blick zu, der bei jedem einen anderen Ausdruck hatte. Daniel hätte am liebsten den Vorschlag gemacht, ob sie sich nicht zur größeren Sicherheit alle drei mit dem Rücken gegeneinander stellen sollten. Timmo schien zu denken: ›Jetzt mal eine Weile stillhalten, 's ist ein Übergang.‹ Hans aber war darauf gefaßt, daß ihm nun das Fell über die Ohren gezogen werden würde; er hielt die Hände gefaltet und blickte mit einem verzweifelten Armesündergesicht nach dem breiten Messer auf dem Werktisch, womit der Meister das Sohlleder zu schneiden pflegte. »Ihr seid mir eine schöne Gesellschaft!« fing Gesche an. »Einer immer noch dümmer, immer noch nichtsnutziger und verwahrlosten als der andere! Bringt Schimpf und Schande über unseren ehrlichen Namen und macht euch selber zu Narren und Popanzen vor allen vernünftigen Leuten, von denen es freilich in Lüneburg nicht allzu viele gibt. Wie kannst du alter Esel von Pechfiester dich von so einem hergelaufenen Darmstädter Großmaul aufs Glatteis locken lassen, daß du auf deine alten Tage noch unehrliche Pfuscharbeit anfängst, der ganzen Stadt zum Gespött und den lieben Nachbarn zur Schadenfreude! Du Darmstädter, du mußt nette Meister gehabt haben, daß du so 'ne nichtswürdige Schockschwerenotspfuscharbeit gelernt hast, womit du einen ehrbaren Meister ins Unglück bringst; schäme dich in deine verlogene und verlodderte, verrostete Drahtklemmerseele hinein, daß kein Hund ein Stück Brot mehr von dir nimmt! Und du, Kröte von Jungen, du Galgenstrick, du Strolch, du Ruppiegel von Schusterjungen, wo habt ihr Spitzbuben, ihr Räuber und Mörder, wo habt ihr die armen, unschuldigen Karnickel gelassen, denen ihr das Fell abgezogen habt? He?« »Vergraben«, hauchte Hans. »Vergraben? Vergraben! O du Mißgeburt von einem Affen, warum hast du sie denn nicht mit hergebracht? Das hätte doch – hui, hui! ein paar schöne – hui! Braten gegeben, du Hun – hui, hui! du Hunde – hui, hui hui!« Ein fürchterlicher Husten überfiel sie, und vorläufig waren die drei Opfer gerettet. Hans schüttelte sich wie ein Pudel; Daniel faßte sich nach dem Halse, um den fest zugezogenen Strick, den er dort deutlich fühlte, etwas zu lockern; Timmo dagegen sagte: »Meisterin, soll ich Euch ein bißchen klopfen, damit Ihr weiterreden könnt? Oder waret Ihr gerade fertig?« Immer noch hustend und unfähig zu sprechen, schüttelte sie in einer fast erstickenden Wut heftig mit dem Kopfe und griff nach dem ersten besten Gegenstand, der ihr zur Hand lag. Drei Nacken duckten sich nieder, und über Timmos Krauskopf sauste ein schwerer Männerschuh hinweg und traf – Sengstake, der in diesem Augenblick eintrat, mitten auf den Bauch. »Gottes Lohn, Frau Meisterin, für den kräftigen Willkommen!« sagte Sengstake lachend. »Ihr wolltet gewiß Eurem wackeren Knecht Timmo den Schuh zur Weiterarbeit zuwerfen, und der sonst so Geschickte hat ihn nicht aufgefangen.« »Ich dachte, der Meister sollte ihn haben«, sprach Timmo boshaft. »Alle drei sollten sie ihn haben – hui, hui! Aber an den Kopf«, rief Gesche, »und daß Ihr ihn gekriegt habt, ist – hui, hui, auch nicht vorbeigeschmissen. Schade nur, daß er Euch nicht – hui! ein paar Fuß höher getroffen hat mit dem Absatz, benagelt – hui! ist er schon.« »Aber, liebe Frau Meisterin«, erwiderte Sengstake sanft und katzenfreundlich, »habe ich das wohl um Euch verdient? Hat Euch denn Meister Hesterwegen nicht gesagt, wie ich unserem ehrbaren Meister Daniel den Rücken gehalten und gebeten habe, seine Buße zu mildern?« Die Meisterin konnte sich von ihrem Husten noch nicht erholen, aber Daniel sprach: »Doch, Herr Sengstake, der Amtsmeister hat es mir gesagt, und ich danke Euch vielmals dafür. Wenn ich Euch auch einmal einen Gefallen tun kann –« »Oh, mein lieber, ehrenfester Meister! Darum habe ich's ja nicht getan, an so etwas denke ich gar nicht. Ich weiß aber auch, daß ich auf einen Mann wie Ihr, der in der ganzen Stadt bei Vornehm und Gering ausnehmend beliebt ist, wohl zählen könnte, wenn ich einmal eine bescheidene Bitte an ihn hätte.« »Gewiß, Herr Sengstake! Immer und allezeit will ich tun, was Ihr von mir verlangt. Sagt nur, womit ich Euch dienen kann.« »Nein, nein, ich weiß nichts, wüßte in der Tat nichts, ganz im Gegenteil, ich komme nur her, um Euch noch einen guten Rat mit auf den Weg zu geben, wenn Ihr heute zu Eurem Morgensprachsherrn geht. Seht, lieber Meister Daniel«, fuhr er fort, als ihn Daniel mit offenem Mund angaffte, »das beste für Euch ist, offen einzugestehen, wie sich die Sache verhält und daß Euch der Ratsherr die Pelzstiefel bestellt hat, nicht wahr? Nun ja, also!« »Das heißt, er hat mir –« »Er hat sie Euch in Auftrag gegeben, wollt Ihr sagen; das ist dasselbe.« »Ja, aber er hat mir nur gesagt –« »Daß er gewöhnliche Stiefel, wie sie die Schuhmacher hier machen, bei seinem Podagel nicht brauchen könnte und er andere, weichere, wärmere haben wollte.« »Ja, Herr Sengstake.« »Das sag' ich ja doch, und das müßt Ihr nachher den Amtsmeistern auch sagen, daß Euch der Ratsherr die Pelzstiefel bestellt hat, weiter nichts. Ihr konntet ja doch einem Ratsherrn nicht widersprechen, durftet einem Ratsherrn nichts abschlagen; was Euch ein Ratsherr zu tun heißt, muß doch recht und gerecht sein, dafür habt Ihr keine Verantwortung zu tragen, nicht wahr?« »Nein!« sagte Daniel gedehnt und dumm in den Tag hinein. »Nicht im mindesten! Wenn Ihr nur fest dabei bleibt, daß Euch der Ratsherr die Pelzstiefel selber bestellt hat, wie Ihr mir eben gesagt habt, so können Euch die Amtsmeister nichts anhaben, und ich wüßte nicht, wofür man Euch da noch in Bruch und Buße nehmen wollte.« »Ach, Herr Sengstake«, sprach Gesche, der dieser Ausweg sehr gefiel, jetzt mit ihrem breitesten Mund, »ich danke Euch, daß Ihr das auch meinem Mann sagt. Ich war eben dabei, ihm dasselbe mit ziemlichen und freundlichen Worten auseinanderzusetzen, aber mir glaubt er ja nicht.« »Aha!« machte Sengstake. »Ja, lieber Meister, auf der Frauen Wort soll man fleißig hören, denn sie meinen es gut mit uns. Ich könnte Euch Beispiele dafür anführen, könnte Euch Geschichten erzählen – Ihr glaubt nicht, was ich alles zu erfahren kriege. So zum Beispiel in einer Sache, über die so viel falsche Ansichten in der Stadt verbreitet sind, in dem Streit unseres hochedlen Rates mit den Prälaten. Ich bin durch meine frühere Stellung, die ich nur darum niedergelegt habe, sehr tief eingeweiht in diese Verhältnisse, und falls es Euch darum zu tun ist, hinter die Wahrheit zu kommen, wie sich das alles eigentlich verhält, so fragt nur mich. Ich will Euch reinen Wein einschenken, natürlich ganz unter uns, das bitt' ich mir aus. Was Ihr davon etwa diesem oder jenem guten Bekannten anvertrauen dürft, das will ich Euch dann schon sagen und gehörig klarmachen.« »Ach, wenn Ihr das tun wolltet, Herr Sengstake!« sprach Daniel freudestrahlend. »Das wäre gerade was für mich, wenn ich den Leuten mal ordentlich zeigen könnte, daß ich doch am besten weiß, wie die Dinge stehen.« »Herzlich gern!« erwiderte Sengstake. »Ihr sollt gut bedient werden von mir. Wißt Ihr was? Ich möchte doch gern wissen, wie Eure Verhandlung bei dem Morgensprachsherrn abgelaufen ist, und bitte Euch, kommt Glocke fünf zu mir und bringt mir Bescheid darüber. Dann plaudern wir ein wenig, und ich erzähle Euch dies und das und setze Euch instand, den Leuten Eure Meinung gründlich sagen zu können; aber« – er legte den Finger auf den Mund mit hochwichtiger Miene – »Ihr dürft beileibe nicht sagen, daß Ihr's von mir habt.« »Nein, nein! Aber ich komme, ich komme, Herr Sengstake!« rief Daniel, als sich Sengstake von den beglückten Schustersleuten für heute verabschiedete. Timmo war der einzige in der Löwengrube, der Sengstakes Absichten mit Daniel Spörken durchschaute, aber er hütete sich wohl, den Meister zu warnen; denn Sengstake war ja auch sein Beschützer und Berater in Angelegenheit des Gesellenaufstandes, zu dem unter den Handwerksknechten schon eifrig in aller Stille geworben wurde. Als Sengstake die Techt hinabschritt, sagte er sehr zufrieden zu sich: morgen um diese Zeit weiß die ganze Stadt, was Heinrich Sengstake will, das sie wissen soll. Sechzehntes Kapitel Blauer Montag, und in jedem Quartal nur einer! Der mußte ausgenutzt werden; so dachten wenigstens die Schustergesellen in Lüneburg, und die vielgeplagten Schusterjungen waren derselben Meinung. In alten Zeiten hielten alle Handwerksknechte die blauen Montage gemeinschaftlich; das hatte so oft zu Reibereien und Schlägereien geführt, daß ein wohlweiser Rat sich gemüßigt sah, dagegen mit allem Ernst einzuschreiten und an Stelle des alten Herkommens eine bestimmte Ordnung in dieses Feiern zu bringen. Sämtliche Montage des Jahres wurden daher unter die verschiedenen Gilden verteilt, so daß immer nur einige wenige ihre blauen zusammen hatten. Heute waren es die Handwerke, die in Leder arbeiteten, die Schuhmacher, die Lohgerber, die Beutler und die Sattler und Riemenschneider. Am blauesten aber schien dieser Montag in der Löwengrube werden zu wollen, denn heute sollte ja Timmo in die Brüderschaft der Schusterknechte feierlich eingeehrt werden; er war also der Held des Tages, und das war so recht nach seinem Geschmack. Sie hatten wieder Frieden geschlossen in dem kleinen Hause auf der Techt, wozu der glückliche Verlauf der Bußverhandlung beim Morgensprachsherrn nicht wenig beigetragen hatte. Die beiden Amtsmeister, Hesterwegen von den Schuhmachern und Mockeling von den Pelzern, hatten nämlich Daniel Spörken dort mehr ausgelacht als ausgezankt, hatten ihm nur eine sehr niedrige Pön auferlegt, und der mitleidige Ratsherr hatte es sich nicht nehmen lassen, die Strafe für Daniel an beide Ämter zu bezahlen, obwohl er dessen sehr unsicher vorgebrachte Behauptung, daß er ihm die Pelzstiefel selber bestellt hätte, mit ungläubigem Kopfschütteln und der allerdings sehr beweiskräftigen Bemerkung zurückwies, daß er seither von Pelzstiefeln ebensowenig etwas gewußt habe wie Daniel Spörken, sonst hätte er sich schon längst welche machen lassen. Dann war Meister Mockeling zögernd damit herausgerückt: »Ja, aber, Herr Ratsherr, die Pelzstiefel – die – die müssen wir mitnehmen.« Da hatte ihn Herr Marquard Mildehövet mit seinen guten, freundlichen Augen erst so sanft traurig und dann so schelmisch bittend angesehen und gesagt: »Aber, lieber Meister, wollt Ihr denn, daß mich armen, alten Mann das Podagel wieder zwickt und zwackt?« – daß sie es nicht übers Herz bringen konnten, ihm die heilkräftigen Pelzstiefel wegzunehmen. Dafür gab er in seiner Freude jedem der beiden Amtsmeister noch ein paar Mark in die Büchse zur Ausbesserung ihrer Gildehäuser, und nun war die Sache zur Zufriedenheit aller erledigt. Als Daniel Spörken nachher Sengstake besuchte, hatte dieser keine leichte Mühe, den glücklichen Schuster von der Gemeinschädlichkeit und Gefährlichkeit des gegenwärtigen Rates zu überzeugen, aber schließlich war Daniel doch wie weiches Wachs in den geschickten und derb zufassenden Händen des Schlangenklugen gewesen, und bis zum Platzen vollgepfropft mit einer unglaublichen Menge von schlimmen Geschichten und Anklagen gegen den Rat war er endlich zu seiner ungeduldig wartenden Hausehre zurückgekehrt. Der Zank vom Morgen war am Abend vergessen, denn so leicht ließen sich die vier Bewohner der Löwengrube die gute Laune nicht verderben, zumal wenn es etwas Neues gab, worin sie sich wie in eine gemeinschaftliche Beute einmütig teilen konnten. Auffallend war es Frau Gesche gewesen, daß Timmo in letzter Zeit öfter Besuch von anderen Handwerksknechten erhielt, mit denen er flüsterte und tuschelte. Er beruhigte die Neugierige, daß es sich dabei um seine feierliche Einfahrt in die Brüderschaft handele, in Wirklichkeit aber waren es heimliche Verabredungen und Umtriebe für den geplanten Gesellenaufstand. Am Sonnabend war der Ladeschlüssel der Schusterknechte umgegangen, von einer Werkstatt in die andere getragen mit dem jubelnd aufgenommenen Gebot des Altschaffers, daß am nächsten Montag Krugtag sein sollte. Nun war der lustige Tag da, und während die Gesellen in größeren oder kleineren Trupps Arm in Arm durch die Straßen, auf den Wällen oder vor den Toren der Stadt müßig und vergnügt, singend und schäkernd umherschlenderten, wurden in der Herberge auf der Altstadt die Vorbereitungen für die Bruderzeche getroffen, die nachmittags fünf Uhr ihren Anfang nehmen sollte. Der Herbergsvater schob mit seiner Frau und ihrer rotwangigen Magd Hempa die Tische zusammen, so daß sie zwei lange Tafeln, das Gelage, bildeten, um das sie ringsherum Stühle rückten. Dann wurden die Krüge bereitgestellt, im Nebengemach zwei Tonnen vom besten Lüneburger Vierpfennigbier aufgelegt, und nun konnten die lieben Brüder kommen. Sie kamen auch, nahe an sechzig Schusterknechte und die zwei von Timmo gewünschten und geladenen Gäste Arnold und Gilbrecht Henneberg. Timmo, mit einem Blumenstrauß geschmückt, wurde vom Altschaffer und Jungschaffer aus seiner Wohnung feierlich abgeholt und zur Herberge geleitet, wo ihn die Versammelten mit einem Hurra empfingen. Sie umringten ihn zu Begrüßung und endlosem Händeschütteln; für einen Vertrauten des rasch beliebt gewordenen Kumpans zu gelten, wurde schon als ein Vorzug angesehen, nach dem viele strebten. Auch den Herbergsvater und die Herbergsmutter begrüßten die Gesellen alle einzeln, und die letztere hatte für jeden ein freundliches Wort, manchmal auch ein witziges und derbes. Sie ließen sich von der munteren Alten, die zur Feier des Tages statt eines gelben ein rotes Tuch um den wie ein Backofen glühenden Kopf geschlungen und die langen Zipfel gestärkt und gesteift hatte, daß sie wie die Stangen eines Hirschgeweihes emporstanden, auch alles gern gefallen, weil sie es immer gut meinte und manchen auf ihrem geduldigen Kerbholz hatte. Zu Timmo sagte sie. »Kleiner Darmstädter, mein Schenkgesell, wie gefällt dir's denn bei Frau Geschen in der Löwengrube?« »Über die Maßen, Mutter Hombroksche!« erwiderte Timmo. »Meine schöne Meisterin hat einen wahren Narren an mir gefressen; Ihr glaubt gar nicht, was sie mir manchmal für Schmeicheleien an den Kopf wirft.« »Kann's mir denken, mein Murmeltier!« lachte die Mutter Hombroksche. »Bist ein rechtes Teufelskerlchen! So gut wie du ist noch keiner mit ihr fertig geworden.« »Ich wußt' es im voraus«, sagte Timmo und ging Arnold entgegen, der eben eintrat. Die Gesellen drängten und schoben sich noch durcheinander, tauschten Witze aus, erzählten sich haarsträubende Dinge von ihren Meistern und Meisterinnen, prahlten mit kecken Antworten, die sie beiden gegeben haben wollten, und berühmten sich im stolzen Gefühl ihrer Unentbehrlichkeit ihrer wichtigen und einflußreichen Stellung im Hause. Nach und nach gelang es den Schaffern, sie alle glücklich zum Sitzen zu bringen. Oben, quervor am Gelage, nahm der Altschaffer Platz und rechts und links neben ihm die beiden Bierschaffer, welche Aufsicht zu führen hatten, daß alles in rechter Ordnung herging und bei Verstößen die Strafgelder einziehen mußten. Neben dem Bierschaffer rechts saß Timmo als einzuehrender Schenkgesell und ihm gegenüber Arnold. Den beiden befreundeten Schusterknaben Hans und Hennecke ward die Ehre zuteil, als Schenkjungen aufwerten und den Gesellen das Bier zutragen zu dürfen, unterstützt vom Jungschaffer, dem jüngsten Gesellen der Brüderschaft. Hans fragte Hennecke: »Du, was hat's denn zu Hause gegeben von wegen der Karnickel?« »Was es gegeben hat?« erwiderte Hennecke. »Was Warmes, aber nichts Gekochtes. Davon sei nur still!« Jetzt klopfte der Altschaffer mit dem hölzernen Hammer auf, den er als Zeichen seiner Würde führte, und alle erhoben sich. Der Altschaffer sprach ein kurzes Gebet und öffnete dann die vor ihm stehende Lade, in der sich die Siegel und Briefe der Brüderschaft befanden. Darauf setzten sich die anderen nieder; er aber blieb stehen, stellte den Daumen seiner geschlossenen rechten Hand steif auf den Tisch und sprach: »Seid willkommen, liebe Brüder und Tolaggesellen! Ist einer oder anderer unter euch, der auf den Altschaffer oder die Bierschaffer oder den Jungschaffer etwas zu sagen hat, der spreche jetzt und schweige nachmals, auf daß wir unser Bruderbier in Frieden trinken. Was deucht euch, Gesellen, ist Frieden nicht das beste?« Die Gesellen antworteten: »Ja!« »So sollt ihr wissen, liebe Gesellen: Wer bei diesem Bruderbier, bei dem wir hier allweg rühmlich versammelt sind, Hader oder Parlament anfängt, der soll geben, was zwischen Staff und Band verfaßt ist, an Bier und kein Wasser, Wein kann auch nicht schaden, zehn fette Ochsen, halb gesotten, halb gebraten, zehn fette Hammel, halb gesotten, halb gebraten, zehn Ofen voll Grobbrot, zehn Ofen voll Kleinbrot, und wer da nicht mit zufrieden ist, der soll haben Haarzug unterm Gelag und oberm Gelag, und so lange, bis man ihn für gut befindet, will ich ihm in die Haare greifen, ich in die seinen und er nicht in die meinen. So ich aber wüßte, daß mein Wort nicht sollte erhört werden, so wollte ich, daß ich das Wort nimmermehr gesprochen hätte.« Die Gesellen antworteten: »Dank für dein Wort!« »So sollt ihr auch wissen, liebe Gesellen: Ein jeder soll den anderen bei seinem rechten Namen nennen, kein Beiwort gebrauchen, keine Hand am Gelage haben, kein Messer ziehen, nicht weinen, nicht lachen, nicht schlafen oder was sonst ungebührliche Dinge mehr sind, so lieb ihm ein Pfund Pfennige ist. Und nun, liebe Brüder, steigt in eure Taschen und zieht die Beutel, aber laßt die Riemen nicht brechen.« Die Gesellen antworteten: »Steig' ich tief hinein, Steig' ich tief heraus, Hab' ich viel darein, Bring' ich viel heraus.« Damit griff jeder in seine Tasche und legte sein Auflagegeld vor sich auf den Tisch, das von den Bierschaffern eingesammelt wurde. Darauf sprach der Altschaffer: »Schaffer, seid so gut und stecht die Tonne an.« Die Bierschaffer gingen mit dem Jungschaffer hinaus und stachen die erste Tonne an. Dann brachten die beiden Schenkjungen jedem Gesellen einen Krug Bier, und die Hombroks und Hempa halfen ihnen dabei. Der gemeinschaftlichen Unterhaltung, die in demselben harmlosen und auch in demselben großartigen und übermütigen Tone weitergeführt wurde, mit dem sie bei der Ankunft begonnen hatte, wurde freier Spielraum gelassen und unschuldiger Scherz niemandem gewehrt; mochte es aber unter den Gesellen so verabredet sein oder ihnen die Vorsicht von selber gebieten, keiner berührte mit einem Worte die Forderungen und Klagen gegen die Meister und den sich vorbereitenden Aufstand. Nachdem etwa eine halbe Stunde unter nachbarlichen Gesprächen vergangen war, begann das umständliche, feierliche Trinken mit den Ehrenbechern der Brüderschaft, die aus Zinn und von verschiedener Form und Größe waren und ihre besonderen Namen hatten. Nicht jeder konnte aus jedem Becher trinken, sondern es ging alles nach Brauch und Ordnung, und jeder dabei gemachte Fehler wurde gerügt und bestraft. Auf einen Wink des Altschaffers brachte ihm der Jungschaffer gefüllt den ersten Becher, der das große Glück genannt wurde. Stehend nahm ihn der Altschaffer mit der rechten Hand in Empfang, stehend trank er ihn zur Hälfte leer und sagte dann. »Hilf Gott, Gesellen! Das große Glück hat mich getroffen; ich bin verhofft, ein oder anderer Gutgesell wird mir Bescheid tun; hilf Gott, wen's Glück trifft.« Die Gesellen antworteten: »Hilf Gott, daß es mich trifft!« Dann schüttelte der Altgesell drei Würfel in der Hand und warf sie auf den Tisch. So viel Augen sie zeigten, so viel Gesellen wurden nach rechts hin abgezählt, um denjenigen zu bezeichnen, der den nächsten Trunk aus dem stattlichen Geschirr tun durfte. Der Altschaffer nannte diesen beim Namen: »Dich hat das Glück getroffen; nimm es hin! Es gilt dir und deiner Mutter Sohn, daß Gott dir Glück verleihe!« Der Gesell antwortete: »Glück ist besser als Erbgut.« Dann grüßte er den Becher mit denselben Worten an und ab wie der Altschaffer, trank ihn aus und würfelte dann auch, während der Becher wieder beschenkt, das heißt, am Faß neu gefüllt wurde. In dieser Weise von jedem Trinker zur Hälfte geleert, ging das große Glück eine Viertelstunde lang nach der an der Wand befindlichen Sanduhr am Gelage herum. Länger nicht; dann kam ein anderer Becher an die Reihe, aber nicht sogleich, sondern man ließ zwischen zwei verschiedenen Bechern immer einige Zeit verstreichen, damit die schnell wachsende Heiterkeit zum Ausbruch gelangen konnte, und wer aus dem umgehenden Becher nichts abbekommen hatte, der trank mittlerweile aus seinem eigenen Krug und für sein eigenes Geld, während das Bier in den Ehrenbechern von der Auflage bezahlt wurde. Der zweite Becher hieß die Jungfernkanne. Ihrer vier hatten sich in den Inhalt zu teilen, dabei des Feinsliebchens oder sonst einer ehrbaren Jungfrau laut oder leise gedenkend; aber einem ungewanderten Gesellen war der Trunk daraus und einer gewanderten Jungfrau das Gedenken dabei versagt. Wer sich hiergegen verdreistete, hieß es, der sollte seine Strafe nicht wissen. Nannte der Trinker den Namen seiner Holden, so tranken die anderen aus ihren Krügen mit und riefen: »Heil der tugendsamen Jungfrau ...!« Nannte er aber keinen Namen, so hieß es: »Bruder, geh ins Spittel, wo die alten Weiber am Zapfen sitzen und die jungen Mädchen am schönsten sind.« Sechsmal wurde die Jungfernkanne beschenkt; der älteste Bierschaffer setzte sie zuerst an den Mund, grüßte sie dann nach seinem Belieben einem anderen zu, wobei das zarte Verhältnis manches liebenden Schusterherzens zutage kam. Das letzte Viertel aus dem zierlich schlanken Gefäß erhielt der Jungschaffer, weil man annahm, daß er als der Jüngste noch kein Liebchen hätte, und ihm wünschte, daß er sich bald eins anschaffen möchte. Als er den Rest trank, lachten sie alle und riefen ihm zu: »Viel Glück, Bruder Jungschaffer, bei Tag und bei Nacht!« Bis jetzt hatte die Brüderschaft auf ihren Schenkgesellen noch keine besondere Rücksicht genommen, mit dem nächsten Becher aber sollte Timmo nun wirklich eingeehrt werden. Der Jungschaffer stellte den gefüllten großen Willkomm, einen hohen, rundbauchigen Humpen, der mit einem Deckel versehen war, vor den Altschaffer hin, und dieser klopfte mit dem Hammer auf, worauf sich die Gesellen wieder erhoben. Asmus Troffehn sprach: »Hilf Gott, liebe Brüder und Tolaggesellen! Es ist ein fremder, zugewanderter Schusterknecht gekommen, der Handwerks Gerechtigkeit und Aufnahme in unsere ehrbare Brüderschaft begehrt. Er hat das Handwerk bewiesen, ist echt, recht und deutsch geboren, niemandes eigen und hat uns von ehrbaren Meistern und Gesellen und vom ganzen Handwerk viel freundliche Grüße bestellt. Ist einer oder anderer unter euch, der etwas auf ihn zu sagen hat, der spreche jetzt und schweige nachmals. Schweigt einer aus Liebe, so habe ich ihm zu danken, doch soll mein Dank nicht zu groß sein, es mag ein jeder reden, was er verantworten kann. – Sie schweigen«, fuhr der Altschaffer nach einer kurzen Weile fort und wandte sich dann zu dem Schenkgesellen: »Grüß dich Gott, Schuster!« »Dank dir Gott, Schuster!« erwiderte Timmo. »Sage mir, Schuster, wie tust du dich nennen, wenn du hier und anderswo auf der Gesellen Herberge kommst, die Gesellenlade offensteht, Büchse, Briefe, Siegel, Geld und Gut drinnen und draußen herumliegen und ehrliche Schusterknechte um den Tisch herumsitzen und halten eine feine, stille Umfrage, gleichwie jetzt und allhier geschieht?« »Ich tue mich nennen Timotheus Schneck, das ehrliche Blut, dem Essen und Trinken wohltut.« »Timotheus Schneck ist ein feiner Name. Schuster, wo hast du ihn errungen? Hast du ihn ersungen oder hast du ihn ersprungen oder hast du ihn bei schönen Jungfern bekommen?« »Ich mußte rennen und laufen und meinen ehrlichen Namen um ein frei Wochenlohn kaufen; das Wochenlohn wollte nicht recken, ich mußte meine Mutterpfennige auch daran stecken.« »In welcher Stadt hast du ihn bekommen?« »In der guten Stadt Darmstadt habe ich ihn bekommen.« »Kannst du mir nicht zwei oder drei nennen, die dabeigewesen sind?« »Ich kann sie dir wohl nennen. Es sind dabeigewesen Peter Pechsieder, David Drahtklemmer und Lude Leistenzwicker; mit diesen dreien kann ich's bezeugen und beweisen, und sind es dir nicht genug, so bin ich, Timotheus Schneck, der vierte und andere Gutgesellen mehr, die ich nicht alle herzählen kann.« »Timotheus Schneck aus Darmstadt, wir wollen dich und deinen ehrlichen Namen hier behalten. Ich werde dich einschreiben, und es soll dir widerfahren, was mir und anderen Gutgesellen auch widerfahren ist; lege deine rechte Hand in meine rechte Hand und antworte mir, wie ich dich frage. Zum ersten: versprichst und gelobst du, dich treu und ehrlich zu halten nach der Herren Wort, nach der Meister Eid und nach der Brüder Willen, wie es einem ehrlichen Schusterknecht zukommt?« Timmo antwortete: »Zum ersten, ja!« »Zum zweiten: versprichst und gelobst du, Handwerks Gebrauch und Gewohnheit zu halten, zu hegen und zu handhaben nach Weisheit deiner fünf Sinne, als du am allerbesten kannst?« Timmo antwortete: »Zum zweiten, ja!« »Zum dritten: versprichst und gelobst du, alles zu tun oder zu lassen, was dir und anderen ehrlichen Gesellen zu tun oder zu lassen in den Siegeln und Briefen dieser ehrwürdigen Lade hier geboten oder verboten ist, Gott zu Ehren, dem gemeinen Handwerk zum Nutzen und dieser ehrbaren Brüderschaft zur Förderung und Gedeihen?« Timmo antwortete: »Zum dritten, ja!« »So nehme ich dich auf, Bruder Timotheus Schneck, in unsere ehrbare Brüderschaft. Sei willkommen wegen des Handwerks zum ersten, zum zweiten und zum dritten!« Die Gesellen sprachen einstimmig: »Sei willkommen wegen des Handwerks zum ersten, zum zweiten und zum dritten!« Timmo antwortete: »Ich bedanke mich, Bruder Altschaffer und liebe Gesellen!« Dann setzten sich alle außer Timmo und dem Altschaffer, und dieser sprach weiter: »Bruder, du hast ein Paar Augen in deinem Kopf und eine Nase in deinem Gesicht, die vielleicht schon mehr gesehen und gerochen haben als einer von uns. Darunter aber steht ein roter Mund, darein schickt sich ein guter Bissen oder ein guter Trunk. Willkomms Gnade sollst du haben, Willkomms Gerechtigkeit kann dir auch widerfahren. Was willst du? Willkomms Gnade oder Willkomms Gerechtigkeit?« Timmo antwortete: »Willkomms Gerechtigkeit.« »Gut! Ich will ihn dir bringen mit sechs Ehren, drei vor und drei nach dem Trunk. Mit Verlaub, liebe Brüder und Taloggesellen, daß ich diesen ehrlichen Willkomm entblößen mag!« Die Gesellen antworteten: »Allen Verlaub!« Da hob er den Deckel von dem Becher, tat einen kurzen Trunk, bedeckte ihn wieder und reichte ihn Timmo dar mit den Worten: »Diesen ehrlichen Willkomm bring' ich dir zum Vollen zu kraft der ganzen, hier versammelten Brüderschaft. Du sollst ihn in drei schmalen Zügen austrinken mit bedeckter Schulter, mit unbedecktem Haupt, mit stillstehendem Fuß, ohne Rucken, ohne Zucken, ohne Bartwischen.« »Wohl bekomm's!« Die Gesellen sprachen: »Wohl bekomm's!« Timmo nahm den Humpen und trank ihn in drei Absätzen leer. Dann wurde er wieder gefüllt und wanderte nun im ganzen Kreise herum, bis jeder daraus getrunken hatte, so viel er wollte. Aber es durfte sich keiner lange dabei aufhalten, und jeder mußte ihn mit der rechten Hand nehmen und geben und ihn dem Nachbar mit aufgesetztem Deckel und mit den Worten »Wohl bekomm's!« zugrüßen. Dabei wurde folgendes Lied gesungen: Es macht ein Krug von Hand zu Hand Am Tisch herum die Reise, Du Bruder aus dem fremden Land, Dir gilt die frohe Weise. Ein Schlücklein dir, ein Schlücklein mir, Das soll uns beiden frommen, Nun bist du hier und bleibst du hier, Herr Bruder, Gott willkommen! Wer in der Herberg eingekehrt, Laß auf der Bank sich nieder, Und wer das Handwerk grüßt und ehrt, Den ehrt und grüßt es wieder. Du kommst von Heim, von Hag und Heg Fürbaß daher geritten, Bist überall auf Weg und Steg Gar wohl bei uns gelitten. Glück in die Werkstatt Tag für Tag, Wo du dein Brot gefunden! Für jeden harten Hammerschlag Drei lustig lose Stunden! Mag dir der Meister günstig sein, Die Meisterin gewogen, Es kommen schöne Jungfräulein Dir allwegs zugeflogen. Zum Wohle dir, mein Schenkgesell, Daß dir's hierorts behage! Es geht das große Trinkgestell Für dich um das Gelage Bald ist es voll, bald ist es leer, Und wer's zur Hand genommen, Wünsche dir viel Glück, viel Gunst, viel Ehr Herr Bruder, Gott willkommen! Nach dem Willkomm ward eine längere Pause gemacht und dann kam wieder ein kleinerer Becher an die Reihe, genannt die kleine Hoffnung oder der gute Wille. Auch diesen grüßte der Altschaffer zuerst dem Schenkgesellen zu, aber er trank das meiste davon selbst und ließ Timmo nur einen kleinen Rest darin, indem er sprach: »Bruder, du mußt mit dem guten Willen vorliebnehmen, das Kloster ist arm, der Brüder sind viel, und der Abt trinkt selber gern.« Dieser einen Schweinskopf darstellende Becher, dem Rüssel und Hauer als Fuß dienten, wurde nur dreieinhalbmal beschenkt und nach Belieben herumgegrüßt; die letzte halbe Füllung war für die beiden Schenkjungen, daß sie sich ehrlich darin teilen sollten. Hennecke trank zuerst, und zur Vergeltung für die wegen der gemordeten Karnickel erhaltenen Prügel leerte er den Becher bis auf wenige Tropfen und reichte ihn Hans, dem Altschaffer nachäffend, mit den Worten: »Bruder, du mußt mit dem guten Willen vorliebnehmen, das Kloster ist arm, der Brüder sind viel, und der Abt trinkt selber gern.« Hennecke bekam von Hans ein Gesicht, aus dem er nicht die heißesten Freundschaftsversicherungen herauslesen konnte. Hans aber hielt sich an der Tonne schadlos, wenn er mit einem Gesellenkruge zum Zapfen ging. Der nächste Trunk geschah aus dem Hemsbecher. Dieser war mit einem eingeritzten Vergißmeinnichtkranze geschmückt und ging nur bei den fremd zugewanderten Gesellen herum, daß jeder dabei seiner Heimat und der lieben Seinigen gedenke. Und wenn einer sich nach dem Trunke daraus nicht bloß die Lippen, sondern auch die Augen wischte, so schalt ihn niemand, denn die meisten in der Brüderschaft waren Zugewanderte, und auch viele von den anwesenden Lüneburgern hatten schon das Brot der Fremde gegessen und wußten, wie einem zumute ist, wenn man heim denkt und nicht weiß, ob die zu Hause noch leben, oder ob sie gestorben und verdorben sind. Der Jungschaffer ließ Timmo den ersten Trunk tun und sprach dabei: »Hilf Gott von Darmstadt! Trink, Bruder, und laß dir das Heimweh nicht einfallen, denn dies ist der Hemsbecher. Timotheus Schneck, hast du daheim ein lieb Mütterlein sitzen, das um den Sohn in der unbekannten Fremde sorgt und bangt? Lebt dein Vater noch, der dich rechtschaffen und ehrlich arbeiten gelehrt hat? Hast du Brüder und Schwestern, die denselben Namen tragen wie du? Die sich alle nach dir sehnen, daß du wiederkommst in Ehren, ihrem Alter zur Stütze, ihrem Herzen zur Freude?« Als Timmo trank, waren aller Blicke auf ihn gerichtet, als suchten sie in seinem Angesicht eine Antwort auf diese Fragen. Seinem Geburtsbrief nach war er echt und recht und deutsch geboren, aber er hatte noch nie von seinen Eltern gesprochen und war Fragen danach so viel wie möglich ausgewichen. Als er getrunken hatte und absetzte, lagen auf seinem Antlitz nicht die Schatten einer milden Wehmut, sondern um Stirn und Mund zog sich etwas wie Trotz und Bitterkeit. Aber das war nur einen Augenblick, dann reichte er den Becher mit einer hastigen Bewegung dem Altschaffer und rief laut und verwegen: »Trink, Bruder Asmus! Und wenn dir das Heimweh einfällt, so spül es mit schwarzbraun Bier aus dem Herzen heraus, denn es taugt nichts. Trink, Bruder! Hilf Gott von Hamburg!« Sie hörten es ihm alle an, daß er selber etwas aus dem Herzen herausspülen wollte, was nichts taugte, und das machte keinen guten Eindruck. So lebensfroh und lustig auch die Handwerksknechte waren, sie sahen auf Frömmigkeit und gute Sitten in der Brüderschaft, und keiner durfte verspotten, was einem anderen heilig war. Heimat und Vaterhaus waren ihnen lieb und ehrwürdig, und sie hätten bei Timmos herausfordernden Worten beinahe gemurrt, aber sie kannten seine Jugend nicht und hielten ihrem beisitzenden Schenkgesellen, der heute mehr als die anderen trinken mußte, bei seiner Einfahrt etwas zugute. Die kleine Verstimmung ging also schnell vorüber und war gänzlich vergessen, als der folgende Becher kreiste, das Bier auf der anderen Hand. Mit der anderen Hand war die linke gemeint, denn nur mit der Linken durfte man diesen mit Buckeln und Wülsten versehenen Becher berühren, und die durch Führung ihres Handwerkszeuges durchaus rechts Gewöhnten vergaßen sich oft, griffen mit der Rechten zu oder waren mit der Linken ungeschickt. Wer aber die Rechte an den Becher brachte oder mehr Bier verschüttete, als er mit einer Hand oder mit einem Fuß bedecken konnte, der mußte Strafe zahlen. »Kommt Klage, kommt Strafe«, hieß es, »doch es ist keine Strafe, sondern Handwerks Gewohnheit.« Dabei gab es viel Gelächter und neckischen Streit, denn keiner zog gutwillig den Beutel, um eine Pön zu erlegen. Dann ward ihm bedeutet: wer sich von den verordneten Schaffern nicht strafen, stillen oder zum besten raten lassen wollte, der sollte von der ganzen Brüderschaft so lange angetastet und gebunden verwahrt werden, bis er sich eines Besseren bedächte. Diese scherzhaft vorgebrachte, doch ganz ernsthaft gemeinte Drohung hatte stets den gewünschten Erfolg, daß der auf einem Fehler Ertappte die kleine Buße halb lachend, halb murrend herausrückte, und es wurde scharf aufgepaßt, daß niemand eine verwirkte Strafe unterschlug. Längst war die zweite Tonne angestochen; die Ungebundenheit stieg von Minute zu Minute und erreichte zwar noch nicht ihren Höhepunkt, aber doch schon einiges Übermaß, als der siebente und letzte Becher auf das Gelage kam. Dieser hieß die Gerechtigkeit, denn an ihm konnte sich jeder zu seinem Rechte verhelfen, der bei den vorangegangenen zu kurz gekommen zu sein glaubte. Die Brüder schienen dies samt und sonders zu glauben, denn keiner ließ sich von der Gerechtigkeit überspringen, und der große, zweihenkelige Krug wurde so oft bis auf den Grund geleert, daß die beiden Schenkjungen mit Schleifkannen hinter ihm hergehen mußten, um ihn gleich an Ort und Stelle wieder zu füllen ohne den zeitraubenden Weg zur Tonne hin und zurück. Während die Gerechtigkeit ihren Umgang hielt, rief der Altgesell: »Brüder, jetzt singen wir das Blau-Montags-Lied!« Und sie sangen: Gestern ist Sonntag gewesen, und heut Hat es Blau Montag geschlagen, Vesperglocke, du liebes Geläut, Weckst mich schon frühe beim Tagen, Eile mit Weile Heißt es im Haus, Hammer und Feile, Ruhet euch aus, Nichts ist zu schaffen, zu sorgen, Feierabend ist es am Morgen. Sind wir doch heute die Herren einmal, Legen nicht Hand ans Geräte, Heut ist zum Sitzen der Schemel zu schmal, Platzen und reißen die Nähte, Wo sich's auf Gassen Dränget und schiebt, Tun wir und lassen, Was uns beliebt, Trutzig in Schalten und Walten, Lustigen Montag zu halten. Werkstatt ist leer und Herberge voll, Wenn nur der Wochenlohn reichet! Ach! Und am Kerbholz zehn Strich auf den Zoll, Wenn's der Herr Vater nicht streichet. Durst in der Kehle Immer gewetzt, Und von der Seele Alles versetzt, Was mir am Leibe gehangen, Ist in die Schenke gegangen. Her mit dem Faß und hin mit dem Krug! Morgen kommt wieder die Plage, Es ist doch alles nur Lug und Betrug, Das mit dem siebenten Tage. Einen Tag schaffen, Sechse dann ruhn, Vieles erraffen, Mehr noch vertun, Und wenn die Blauen drin fehlen, Könnt ihr die Wochen mir stehlen. Immer lauter und lustiger ward es in der Herberge auf der Altstadt, so laut und lustig, wie ein Schock Schustergesellen nur werden können, die in guter Eintracht bei gutem Bier beisammen sind und dabei keine anderen Sorgen haben, als daß jeder sucht, von dem Getränk so viel abzukriegen, wie er dessen nur irgend habhaft werden kann. Arnold und Gilbrecht waren auch vergnügt, aber sie hatten sich mit dem Trinken möglichst geschont und hatten auch als Gäste aus einem anderen Handwerk weder so viel Gelegenheit noch so viel Verpflichtung dazu gehabt. Die anderen waren in ihrer freudig erregten Stimmung kaum noch auf den Sitzen festzuhalten, und manchem wurden die Sinne allmählich stark umnebelt. Die rotwangige Magd Hempa hatte sich auf den Rat oder den Befehl der Mutter Hombrok bereits zurückgezogen, um nicht allzu zärtlichen Liebkosungen ausgesetzt zu sein. Hatte sich doch die rührige Herbergsmutter selber eines täppischen Gesellen zu erwehren, der ihr nach den gesteiften Tuchzipfeln fassen wollte. Aber er bekam derb etwas auf die Finger, und sie schnurrte ihn an: »Willst du Gelbschnabel mir mit deinen Schusterpechpfoten wohl von meinem Kopftuch wegbleiben! Trolle dich, oder du wirst hier auf die leere Tonne gelegt und zur Herberge hinaus auf die Straße gerollt!« »Nur nicht gleich so borstig, Frau Mutter!« lachte der Gesell. »Ich freue mich ja bloß darüber.« »Freue dich über den Affen, den du hast, und laß die Frau Mutter in Frieden!« erwiderte sie, und er mischte sich wieder unter seinesgleichen. Zu Gilbrecht aber sagte sie schmunzelnd: »Jung Gilbrecht, mein Goldsohn, du bist das beste, was uns der Darmstädter mit nach Lüneburg gebracht hat. Was macht denn's kleine Schwesterchen?« »Es wächst einem an die Augen heran, Frau Mutter«, lächelte Gilbrecht. »Das glaub' ich; mir ist es ans Herz gewachsen, das Prachtmädel«, sagte die Alte. »Grüß sie schön von der alten Hombrokschen.« Noch hörten die Gesellen auf den Altschaffer, der ziemlich klar im Kopfe war und es an der Zeit fand, die Bruderzeche auszubieten. Er klopfte wiederholt mit dem Hammer auf, bis Ruhe ward, und sprach dann: »Liebe Brüder und Tolaggesellen! Weil nunmehr die Zeit verflossen und unser Bruderbier genossen und nicht vergossen ist, so wollen wir für diesmal einen frischen, fröhlichen Feierabend machen, und sind wir fromm gewesen, so wollen wir auch fromm bleiben. Bedenkt, ihr könnt nicht zum Tor hinauswandern, ihr müßt zuvörderst aus eures Meisters Tür hinaus, und wer über dem Herren Vater seinen Stein will, der mache kein Loch in die Mauer, daß ihm kein Ziegel auf den Kopf fällt. Bruder Timmo, deine Weise hat mir wohl gefallen, laß dir meine auch gefallen und mache dich fein lustig. Es ist mir nur leid, daß die Stube oben nicht so voll war wie unten, wir hätten uns sonst zum Fenster hinaus und zum Schornstein wieder hinein getrunken, aber dein Kopf hätte immer der erste sein müssen. Ich danke euch, liebe Gesellen, daß ihr fromme und bescheidene Brüder gewesen seid, und ich hoffe, daß ihr es in den nächsten drei Wochen auch bleiben werdet. Wenn das schwarze Buch verlesen werden soll und ist einer von euch darin begriffen, der stecke den Kopf so lange zum Fenster hinaus, bis das Schwarze vorüber ist. Soll es verlesen werden?« »Nein, nein!« riefen die Gesellen. »So schließe ich unsere Gesellenlade, und wie ich das Schloß schließe, so soll auch jeder seinen Mund schließen; mit Kraft und Macht schließe ich es zu.« Er schlug den Ladendeckel klappend zu und schloß ab. »Wer genug hat, der gehe nach Hause und vergesse seinen ehrlichen Namen nicht. Wer will weiter trinken, der lasse weiter klingen, mein Pfennig ist sein Gesell.« Die anderen antworteten alle: »Meiner auch.« Sie tranken also weiter, bis auch die zweite Tonne leer war, und bewegten sich außer Rand und Band bunt durcheinander. Timmo war in einem völlig unzurechnungsfähigen Zustande; er konnte die beiden Brüder Henneberg nicht mehr voneinander unterscheiden und verwechselte Gilbrecht mit Arnold. Beim Aufbruch schlang er den Arm um Gilbrechts Nacken und lallte: »Siehst du wohl, Bruder Arnold, hab' ich's nicht gesagt? Hab' ich's nicht gesagt? Hab' ich's nicht gesagt? Am Donnerstag gehen wir auf grüne Heide, ha, ha, grüne Heide! Daß du kommst, Bruder Arnold! Glocke achte, hinterm Mönchsgarten. Sie kommen, alle; alle kommen sie auf grüne Heide, Bruder Arnold!« Keiner sonst hatte das gehört; Gilbrecht aber war von dem frevelhaften Plane, den ihm Timmos trunkener Mund unbewußt verraten hatte, in tiefster Seele erschrocken. Siebzehntes Kapitel Aus Meister Gotthard Hennebergs Hause in der Roten-Hahn-Straße schien Friede und Freude geflohen zu sein. Eine dumpfe, trübe Stimmung herrschte in der Werkstatt, in der Wohnstube und in den Kammern, bis hinauf in Ilsabes Schwalbennest, und lag schwer wie Gewitterluft auf den Gemütern der Insassen, die sonst zufrieden und heiter ihrem fleißigen Tagewerk nachgingen und in Eintracht und Vertrauen die Pflichten der Liebe erfüllten. Die Arbeit wurde nach wie vor getan und äußerlich jeder Pflicht im Hause genügt, aber keiner wurde seines Schaffens froh, weil jeder Kummer und Sorgen im Herzen trug und dem anderen Kummer und Sorgen vom Angesicht las. Und keiner vertraute dem anderen sein Leid, wenn er auch das des anderen erriet und verstand. Vieles kam zusammen, diese gesunden und frohen Menschen zu schwermütigen Grüblern zu machen, die nur mit halben Gedanken bei ihrer Hände Tun und Treiben waren. Meister Gotthard trug seinen steifen Nacken zwar noch ungebeugt aufrecht, denn sein starker Wille und seine bewußte Kraft gaben einem äußeren Drucke so leicht nicht nach. Kaum jemals verließ ihn seine klare Besonnenheit, die ihn befähigte, mit Ausdauer und Geduld ein als recht und gut erkanntes Ziel zu verfolgen und Widerwilliges in seine Wege zu lenken oder aus seinen Wegen zu räumen. Hatte er mit einem schweren Entschluß zu kämpfen, oder an einem heftigen Verdrusse zu würgen, so gebrauchte er zwei Hausmittel, von denen ihm entweder das eine oder das andere zu Sicherheit und Ruhe verhalf. Entweder ging er ganz allein in die weite Einsamkeit der Heide hinaus, um dort seine stürmischen Gedanken austoben zu lassen, bis sie sich in gezügeltem Gleichmaß bewegten, oder er wählte sich auf der Diele das gröbste Stück Arbeit aus und scharwerkte mit aller Leibeskraft grimmig darauf los, daß ihm der Schweiß von der Stirn troff. Mit dem härtesten Holz, mit dem schändlichsten Ärger ward er dann fertig, und wenn er müde war, war er auch frei. Diesmal aber nützten dem Meister seine Hausmittel nichts, Was jetzt an seiner Seele hing, das saß zu tief und zu fest. Den Bescheid, den er seinem Sohn Arnold gegeben hatte, bereute er nicht, aber er war gerecht genug, die schuldlose Tochter des Freiböttchers aufrichtig zu beklagen, die durch das Vergehen ihres Vaters um eine Lebenshoffnung betrogen war. Selbst Arnold bedauerte er bis zu einem gewissen Grade, und würde dies noch mehr getan haben, wenn dieser sich nicht zu trotzig und drohend ihm gegenüber benommen hätte. Nun gähnte das Zerwürfnis wie ein klaffender Spalt zwischen Vater und Sohn, über den eine Brücke zu schlagen keiner von beiden eine Hand regte. Sie sprachen nichts miteinander, als was zur Arbeit unumgänglich nötig war, und dieses traurige Verhältnis lastete empfindlich auf allen Hausgenossen; Frau Johanna namentlich litt unsäglich darunter. Sie versuchte; auf jeden der beiden Entzweiten mit Vorstellungen und Bitten versöhnlich zu wirken, jedoch vergeblich, jeder blieb auf seinem harten Kopfe bestehen. Auch die Gedanken an die Zukunft der Stadt erfüllten den Meister mit ernsten Sorgen. Gewisse Zeichen, die sich besser fühlen als erklären ließen, sagten ihm, daß in Lüneburg nicht alles sei, wie es sein sollte, und daß die äußere Ruhe nur die Stille vor einem Sturm sei, der über kurz oder lang mit unberechenbarer Gewalt und aus noch unbekannter Richtung über die Stadt losbrechen würde. Je mehr sich ihm diese Mahnungen aufdrängten, desto düsterer ward er, eingedenk des großen Gewichtes, das er mit Wort und Tat in die Waagschale zu werfen hatte. Denn er wußte, daß beim ersten Schritt zu einem Kampfe aller Augen auf ihn blicken, viele seinem Beispiel folgen würden, und ihm bangte schon vor dem Tage, an dem er sich mit der ganzen Verantwortlichkeit seines Gewissens vor der Notwendigkeit einer entscheidungsschweren Wahl befinden würde. Von diesen Sorgen ahnten die Seinigen nichts und schoben daher seinen schweigenden Mißmut lediglich auf seinen Unwillen über Arnold. Der Meister wieder hielt die Befangenheit der anderen nur für den Schatten seiner eigenen Schwermut, aus der sich der tatkräftige Mann diesmal nicht herausreißen konnte. Daß jene auch noch andere Gründe dazu hatten, dachte er nicht und sah nicht die Gespenster, die in seinem Hause umgingen und in jeder Kammer und aus den Wänden traten. Der blonden Ilsabe war das Gerücht zu Ohren gekommen, natürlich wieder durch den Allerwelts-Geschichtenträger Daniel Spörken herumgebracht, Balduin Viskule bewürbe sich um die Hand der Frau Walpurg Grönhagen; auf einem Gastmahl bei Frau Katharina Mandelsloh hätten sich alle Gäste von dem heimlichen Einverständnis der beiden überzeugen können, dessen öffentliche Kundgebung jeden Tag zu erwarten stünde. Ilsabe konnte es nicht fassen, geschweige denn glauben. Jede Fiber ihres Wesens sträubte sich gegen die Annahme nur der Möglichkeit, daß Balduins Liebe, obwohl er sie ihr noch mit keinem Wort gestanden hatte, einer anderen als ihr gehören könnte, und doch zitterte sie in einer unbeschreiblichen Angst, ihm entsagen zu müssen. Seit vollen acht Tagen hatte sie ihn nicht mit Augen gesehen, hatte daher keine Beobachtung seines Benehmens gegen sie anstellen, sich kein Urteil über seine Gesinnung bilden können. Den ganzen Tag saß sie oben in ihrem Schwalbennest, unfähig, etwas anderes zu tun, als zu sinnen und zu sorgen, und blickte träumerisch sehnsüchtig über Dächer und Giebel hinaus in die Ferne, in die sie mit ihm, mit ihm entfliehen möchte, weit weg aus diesen Mauern, wo ihr eine andere den Heißgeliebten streitig machte. Wenn sie dann draußen in der Heide sich etwas bewegen sah, ohne zu erkennen, ob es Mann oder Weib, ob es zwei oder mehrere waren, so dachte sie, dort gingen Walpurg und Balduin, tauschten Schwüre der Treue, bauten Pläne der Zukunft und zögen selbander in ein Paradies des Glückes und der Liebe. Bei Tisch horchte sie, ob nicht einem der Ihrigen eine Andeutung von jenem ihr qualvollen Gerücht über die Lippen käme, und suchte mit Gilbrecht öfter allein zu sein, um ihm Gelegenheit zu einer Äußerung darüber zu geben. Aber nichts dergleichen erfolgte. Sie hätte Hildegund, ja sie hätte Balduin selber fragen können, aber sie konnte sich nicht so verstellen, daß sie nicht ihr ganzes Herz mit allem, was darin bangte und bebte, dabei verraten hätte, wie immer die Antwort auch ausfallen möchte. Schrecklich war ihr die Ungewißheit, mit der sie ruhelos sich trug, schrecklicher aber war die Vorstellung, mit einem Worte die Wahrheit hören zu sollen und damit vielleicht alle Hoffnung schwinden zu sehen, die sie noch an einem dünnen Faden hielt. Gilbrecht nun, in seinem ihm aufgedrungenen und längst überdrüssigen Müßiggange, hatte Zeit genug, seinen Gedanken nachzuhängen, und wußte mehr als alle anderen im Hause. Er allein vermutete für Ilsabes stille Seufzer noch einen tieferen Grund als ihre von allen geteilte Betrübnis über den Vater und Arnold, und es ward ihm nicht schwer, den wahren, stärkeren Grund dafür zu finden. Es fiel ihm ein, daß sich Balduin in letzter Zeit etwas von ihnen zurückgezogen hatte. Geschäftliche Arbeit konnte den Freund von einem Besuch im Böttcherhause nicht abhalten, denn dazu ließ Herr Viskule seinem Sohn zuviel freien Willen. Die Ursache seines Fernbleibens konnte nur eine Wendung seines Herzens sein, und das schmerzte Gilbrecht um seiner lieben Schwester willen, für die er einen aufrichtigen Trost nicht hatte. Aber er wußte noch etwas anderes, wovon seine Eltern und Ilsabe nichts ahnten, und wovon sein Mitwissen auch Arnold verborgen war. Das war das schwere Geheimnis von dem schon zum Ausbruch reifen Gesellenaufstande. Ihm hatte man den Plan geflissentlich verschwiegen, vielleicht weil er bei keinem Meister als Knecht in Lohn und Brot stand, wahrscheinlich aber weil man ihm nicht traute, und in letzterem Falle konnte die strenge Geheimhaltung gegen ihn nur auf den Rat und das ausdrückliche Verlangen Arnolds erfolgt sein. Hätte nicht zufällig Timmos trunkener Mund ihm die Verschwörung verraten, so wüßte er heute noch nichts davon. Er würde sich der aufrührerischen Bewegung schwerlich angeschlossen, doch nicht aus Zaghaftigkeit die Aufforderung dazu abgelehnt haben, sondern aus Pflichtgefühl, aus Gehorsam gegen die Handwerksordnung und aus liebevoller Rücksicht gegen seinen Vater, welche guten Regungen und Gefühle Arnold unbegreiflicher- und bedauerlicherweise trotzig zurückgewiesen hatte. Leichtsinn war aber Arnolds Fehler nicht. Sollte der Groll über das Fehlschlagen seiner Hoffnungen ihn bis zur Rachsucht gegen den eigenen Vater treiben, daß er die Brandfackel der Empörung in eine schon anderseitig von mächtigen Gegnern bedrängte und in ihrem Frieden bedrohte Stadt schleuderte, um die althergebrachte Ordnung umzustoßen und seinen Willen mit Gewalt durchzusetzen? Ein solcher Entschluß hatte schwerlich in Arnolds ernstem und gemessenem Sinn und Wesen seinen Ursprung gehabt, der mußte von fremder Hand hineingepflanzt und Arnold zu dem waghalsigen Unternehmen verführt sein. Gilbrecht kannte nicht die Forderungen und Klagen der Gesellen gegen ihre Meister, kannte überhaupt nicht Zweck und Ziel des Aufstandes, aber nach den Anstiftern brauchte er nicht weit zu suchen. Hatte er an jenem Abend nach dem Streit mit dem Vater seinen Bruder nicht mit Sengstake, Dalenborg und Timotheus Schneck in den Ratsweinkeller schlüpfen sehen? Diese drei, der unruhige, vorwitzige Krauskopf aus Darmstadt, sein Wandergesell durch die Heide, und die beiden Vorfechter der Prälaten und Angreifer des Rates, von denen der eine, Sengstake, noch dazu Meister Gotthards erbittertster Feind war, die waren die Hetzer und Verführer, und dort im Ratsweinkeller bei dem guten, alten Ambrosius von dem Rhyne hatten sie die verbrecherischen Pläne geschmiedet, mit denen sie erst Arnold und dann alle anderen Handwerksknechte der Stadt umgarnten. Was nun beginnen? Arnold fragen? Unnütz! Denn da war kein Zweifel; ihn warnen? Umsonst! Wen Sengstake umstrickt hielt, der konnte sich nur selber, den konnte kein anderer befreien. Auch fühlte sich Gilbrecht wenig geneigt, sich in des älteren Bruders Vertrauen zu drängen, das ihm dieser seit kurzem absichtlich zu verweigern schien. Arnold wähnte ihn von den Eltern bevorzugt, weil sie, wie er sich steif und fest einbildete, Gilbrecht in das vermeintlich abgeschlossene Verlöbnis Ilsabes mit Balduin eingeweiht hatten, und ihn nicht. Außerdem witterte er auch noch etwas von des Bruders Liebe zu Hildegund und sah hier eine zweite Verbindung entstehen, welche die Eltern begünstigten. Gilbrecht hatte ihm weder über die eine noch die andere ein Wort des Vertrauens gegönnt, und da senkte sich in des mit seinen Herzenswünschen Abgewiesenen Brust mit dem kränkenden Gefühl der Zurücksetzung auch das der Mißgunst, ja des Neides, das ihn verbitterte und eine Entfremdung zwischen ihm und seinen Geschwistern herbeiführen mußte. So kam es, daß Gilbrecht nicht den Mut oder nicht die Lust hatte, den sich kalt und schroff von ihm abwendenden Bruder zu bekehren. Auch Jakob mochte er nicht nach dem Aufstande fragen, um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen oder nicht in Dinge zu verwickeln, die man vielleicht seinet-, Gilbrechts, wegen auch jenem verschwiegen hatte. Aber was tun? Als Sohn eines Handwerksmeisters, zumal eines Amtsmeisters, und als Sohn dieser Stadt, deren Ruhe und Sicherheit auf dem Spiele stand, hatte Gilbrecht die unabweisliche Pflicht, von der Gesellenverschwörung wenigstens seinem Vater Mitteilung zu machen, dem er dann alles weitere überlassen konnte. Er hatte ihr Vorhandensein nicht wie ein heimlicher Kundschafter erlauscht und erschlichen, aber mit der Meldung wurde er doch der Ankläger und Verräter seines Bruders, und das ging ihm gegen seinen ehrlichen, geraden Sinn. Wie schrecklich auch würde die Nachricht auf seinen Vater wirken, wenn der pflichttreue, gestrenge Amtsmeister, der an altem Herkommen so unverbrüchlich festhaltende Mann, einen Aufrührer und Empörer in seinem eigenen Sohn entdeckte! Was sollte dann erst aus der Zwietracht zwischen den beiden werden, wenn eine solche Erfahrung noch dazu kam! Gilbrecht führte einen heißen Kampf mit sich, ob er sprechen oder schweigen sollte. Endlich entschied er sich dafür, mit der Anzeige wenigstens noch zu warten. Erst am Donnerstag, also von heute in zwei Tagen, wollten die Gesellen auf grüne Heide gehen; bis dahin konnte ja irgendein unerwarteter Zwischenfall das Vorhaben entweder ganz vereiteln oder zur Kenntnis eines anderen Handwerksmeisters bringen, und dann war doch er nicht der Angeber gewesen. Es war freilich nur ein schwacher Trost, und Ruhe fand er darin nicht. Das einzige, was ihn für kurze Stunden über seinen Kummer hinweghob, war seine Liebe zu Hildegund. Der bloße Gedanke, von ihr wiedergeliebt zu werden, versetzte ihn in einen Zustand von Glückseligkeit, in dem er das Aussichtslose einer Verbindung mit ihr völlig vergaß. Wenn er sie sah, mit ihr sprach und seine Augen sich an ihr satt tranken, so füllte sich auch sein ganzes Herz mit neuer Hoffnung. Könnte er die Geliebte sich erkämpfen – welchen Namen hatte die Tat, die er nicht für sie vollbringen würde? Grübelnd saß er heute nachmittag oben in seiner Kammer, als er Ilsabe die noch höheren Treppen herabstürmen hörte; es folgte ein Schlag gegen seine Tür und der Ruf: »Hildegund kommt!« Dann sauste die Schwester die noch übrigen Treppen hinab. Er natürlich eilig hintendrein. Ilsabe hatte aus ihrem Schwalbennest die Freundin um die Straßenecke biegen sehen, worauf sie ihr entgegeneilte, und in demselben Augenblick, als Hildegund in die Wohnstube trat, sprangen Ilsabe und Gilbrecht zugleich zu der anderen Tür herein, die nun keiner von beiden schloß. Hildegund hatte einen hochroten Kopf und verweinte Augen und warf sich ohne zu sprechen an Ilsabes Brust. »Was ist dir, Hildegund? Was ist geschehen?« fragte Ilsabe besorgt. »Ich soll ins Kloster!« kam es endlich mit ersticktem Weinen von ihren bebenden Lippen. »Was sollst du?« stieß Gilbrecht heftig heraus und ballte unwillkürlich beide Fäuste, wie um den auf der Stelle zu erwürgen, der Hildegund in das Kloster bringen wollte. Frau Johanna und Ilsabe bemühten sich, die am ganzen Körper Zitternde zu beruhigen und zur geordneten Mitteilung des Vorgefallenen zu bewegen. Da erzählte sie, daß es mit der Base Barbara nicht mehr auszuhalten wäre. Das alte Fräulein quälte sie Tag für Tag mit endlosen Andachtsübungen und mit Lesen von überspannt frommen, dunkelsinnigen Schriften, daß ihr davon ganz wirr und wüst im Kopf wäre. Daran knüpfte Barbara dann die verschrobensten Betrachtungen, die abgeschmacktesten, unverständlichsten Fragen und geriete in eine Art Verzückung, daß ihr manchmal himmelangst dabei würde. Daß die Base nach einer Zelle im Kloster Lüne strebe, wüßte sie längst, seit einiger Zeit aber hätte jene erst mit leisen und dann mit immer stärkeren Andeutungen es ihr nahegelegt, doch mitzukommen und mit Barbara zugleich ihr Leben Gott und den lieben Heiligen zu weihen. Mit wachsender Begeisterung hätte sie immer dringendere Gründe für einen so gottgefälligen Schritt angeführt, immer neue Überredungskünste angewandt, so schrecklich aber wie heute ihr noch nie damit zugesetzt, daß sie davor gar nicht mehr aus noch ein gewußt hätte. Nur um loszukommen, wäre sie scheinbar darauf eingegangen, hätte es nicht ganz von der Hand gewiesen, es sich zu überlegen versprochen und so weiter. Da wäre plötzlich wie auf Verabredung der Propst von Lüne ins Zimmer getreten, und ihm hätte die Base nun voller Freude berichtet, daß Hildegund so gut wie entschlossen wäre, mit ihr in Lüne den Schleier zu nehmen. Sie wäre ganz starr geworden, das zu hören, wäre aber gar nicht zu Worte gekommen vor den salbungsvollen Reden und frommen Lobeserhebungen der beiden anderen, und der Propst hätte so getan, als hätte er schon ihr feierliches Gelübde und sie mit einem wahren Übersturz von Segenssprüchen als Tochter der heiligen Kirche und Braut Christi willkommen geheißen. Da wären ihr fast die Sinne geschwunden, sie hätte, alles über sich ergehen lassend, wie gelähmt dagesessen und in heißen Tränen Erlösung gesucht. Als der Propst endlich gegangen, wäre sie hierhergeeilt, und da wäre sie nun, trostlos, unglücklich, verraten und verkauft. Mit Erstaunen und inniger Teilnahme hatten die Geschwister und ihre Mutter der schier Verzweifelten zugehört. Ilsabe stampfte mit dem Fuß auf und sprach trotzig: »Hildegund, ich weiß nicht, was ich an deiner Stelle täte; aber ich will euch helfen, die Barbara zu ärgern, daß sie schwarz wird und macht, daß sie aus dem Hause kommt. Wir wollen sie auf den Schub bringen nach Kloster Lüne, und wenn der Katzenbuckel von Propst kommt, so schlagen wir ihm die Tür vor der Nase zu. Sieh, so!« Und sie warf die Tür, die sie bei ihrem eiligen Eintritt mit Gilbrecht offengelassen hatte, mit solcher Gewalt zu, daß die Fensterscheiben klirrten und die Mutter samt Hildegund erschreckt zusammenfuhr. »Weiß dein Vater von diesem Getreibe, liebe Hildegund?« fragte Frau Johanna nach einem leise vorwurfsvollen Blick auf ihre zornglühende Tochter. »Nein, der hat ja nicht Zeit, sich viel um uns zu kümmern.« »Und Balduin?« fragte Gilbrecht. »Ach, Balduin! Der hat anderes im Kopfe.« »Mein liebes Kind«, sprach Frau Johanna, »sei guten Mutes! So schnell geht das nicht. Ohne die Zustimmung deines lieben Vaters können sie dich nicht ins Kloster schleppen. Das nächste, was du zu tun hast, ist, daß du es ihm sagst, in welcher Weise du gequält wirst und was die beiden mit dir vorhaben. Du sollst mal sehen, wie er dazwischenfahren und die Bahn reinfegen wird.« »Nein, nein«, erwiderte Hildegund, »dem Vater mag ich damit nicht kommen, er hat ohnehin schon Sorgen genug.« Sie redeten ihr herzlich zu, und es gelang ihnen, sie zu trösten und aufzuheitern, obgleich sie noch oft die Augen mit dem Tuche trocknen mußte. »Hildegund, wenn du ins Kloster gehst –«, sagte Gilbrecht. »So gehst du wohl auch ins Kloster?« lachte sie noch unter Tränen. »Nein! Dann hole ich dich wieder heraus, und wenn ich einen Mord darum begehen müßte!« »Gilbrecht!« sprach die Mutter. »Ja, Mutter! Das tu' ich, so wahr ich dein und meines Vaters Sohn bin!« »Und ich helfe Gilbrecht dabei!« rief Ilsabe mutvoll entschlossen. Der liebesselige Blick, der Gilbrecht aus Hildegunds Augen traf, der glaubte ihm seinen Schwur. Jetzt kam Meister Gotthard von der Werkstatt in die Wohnstube, um die Tochter seines alten Freundes zu begrüßen, an der er wie an seiner eigenen stets die innigste Freude hatte. Seine finsteren Züge hellten sich bei ihrem Anblick auf, und Frau und Kinder freuten sich, ihn einmal wieder lächeln zu sehen. Er hatte beim Eintreten Gilbrechts letzte Worte gehört und fragte: »Was willst du tun, Gilbrecht, so wahr du mein Sohn bist?« »Hildegund aus dem Kloster befreien, wenn sie erst einmal darin ist«, erwiderte Gilbrecht. »Hast du denn so große Eile, in ein Kloster zu kommen, Hildegund?« lächelte der Meister. »Ach nein! Ich nicht; aber Base Barbara kann die Zeit nicht abwarten, bis wir beide Nonnen sind.« Hildegund sagte das schon getroster und in einem mehr scherzenden Tone. Und schon, um ihr auch den letzten Rest von Angst zu nehmen, erzählten sie dem Meister nun mehr lachend als besorgt von der wunderlichen Zumutung des bekehrungswütigen Fräuleins. Aufgeräumt sagte der Meister: »Ja, wenn du auch mit Gewalt ins Kloster gebracht wirst, so kannst du dich auch mit Gewalt wieder daraus befreien lassen. Da hat Gilbrecht ganz recht.« »Seht ihr wohl?« rief Gilbrecht. »Hildegund, verlaß dich auf mich! Und wenn mir der Propst einmal in die Hände gerät, so könnte er leicht blaue Flecke davontragen.« »Soll ich ihm das vielleicht bestellen?« fragte sie schelmisch. »Meinetwegen!« lachte der Freund. Hildegund ging, von den Geschwistern bis an die Haustür, von Gilbrechts Blicken noch über die Straße geleitet. »Ein herziges Mädchen!« sagte Meister Gotthard zu seiner Frau. »Die, und ins Kloster!« Wahrhaftig, er lachte wieder! Mit einem schweren Herzen voll Angst und Sorgen und mit weinenden Augen war Hildegund in ein Haus voll Sorgen gekommen, und mit lachendem Mund und erleichtertem Herzen ging sie wieder daraus hinweg, liebe, treue Menschen, ihre besten Freunde, ließ sie darin zurück. Achtzehntes Kapitel Auf der teichartig ausgedehnten Wasserfläche zwischen der Abtsmühle und der Kaufhausbrücke spiegelte sich das erste Viertel des zunehmenden Mondes. Der helle Widerschein glänzte und glitzerte in einem breiten Stege von einem Ufer zum anderen, wie die kleinen, sanft bewegten Wellen der Ilmenau hineinfluteten, sich behend aufblitzten, wieder untertauchend im Dunkel verschwanden und dicht daneben wieder andere blinkend aufsprangen, ein unruhig dauerndes, lebendig bewegtes Spiel, ein an die Stelle gebanntes Geringel und Geriesel wie von tausend und abertausend goldfunkelnden Flossen und Schuppen. Darüber in ewigem Schweigen der hohe Himmel, mit Sternen besät, zwischen denen in des Raumes Unendlichkeit der Mond wie eine große Leuchte hing. Auch auf den Häusern und Dächern ruhte sein milder Schein, beleuchtete diesen Giebel hell von oben bis unten, hüllte jenen in tiefe Nacht und hob seine zackige Form von dem lichten Hintergrund der schimmernden Luft scharfkantig ab. Die große Abtsmühle mit dem alten, massigen Turm stieg schwer und düster aus dem Wasser wie eine finstere Burg, schauerlich unheimlich. Weiter zurück ragte in einem matten Dämmerungsschleier die schlanke Spitze des Johanniskirchturms hoch über alles hinaus, und hier vorn gaben die breitgiebeligen Häuser mit ihren unregelmäßigen, über dem Wasser hängenden Ausbauten ein schattenreiches, spukhaftes Bild. Das Kaufhaus drüben und die Brücke, hüben der Stintmarkt, das hohe Giebelhaus des Viskulenhofes und seine langen Warenhäuser stromabwärts waren leer und öde. Da kam am Ufer entlang, gerade auf den Viskulenhof zu, ein einzelner Wanderer kurzen, langsamen Schrittes, wie es einem Mönche geziemt. Es war ein Franziskaner, den schlanken Leib in die braune Kutte gehüllt, die Kapuze über das Haupt gezogen. Zwei große, dunkle Augen schauten einmal schwärmerisch mit einem eigentümlichen Glanz zum Mond empor; dann schien der Einsame wieder seinen eigenen vor ihm herwandelnden Schatten zu betrachten. Dieser mußte ihm besondere Gedanken erwecken, denn er blieb zuweilen stehen, drehte den Kopf, hob die Arme, schwebte zur Seite und schien sich seines dunklen Abbildes dort auf dem Boden zu freuen wie einer, der sich mit einem neuen Gewand selbstgefällig im Spiegel beschaut. Darauf schritt er links in die Gasse, stellte sich an der Ecke des ersten Hauses dem Viskulenhof gegenüber in das Dunkel und verweilte dort lange Zeit regungslos. Endlich öffnete sich drüben die Tür, und Balduin kam heraus, um nach dem Markt zum Schütting zu gehen, wo er um diese Stunde seine Freunde traf. Der Mönch trat ihm in den Weg und blieb schweigend vor ihm stehen, doch so, daß ihm der Mond nicht ins Gesicht schien. »Was willst du, Bruder Mönch?« fragte Balduin. »Eine Gabe?« Der Mönch schüttelte langsam das Haupt. »Was dann? – Sprich doch!« Der Mönch schwieg und regte sich nicht. Balduin ging dicht an ihn heran und sah ihm unter die Kapuze ins Gesicht. Da schlangen sich rasch zwei runde Arme um seinen Nacken, er fühlte volle, weiche Körperformen an seiner Brust und einen heißen Kuß auf seinem Mund. Dann wollte der Franziskaner entfliehen, aber Balduin ließ ihn nicht fort und sagte lachend: »Halt, Bruder! Das war zu schön! Wer bist du?« Vergeblich suchte der Mönch sich freizumachen; Balduin hielt jetzt ihn umschlungen, zog den sich Sträubenden in das helle Mondlicht und streifte ihm mit einem Ruck die Kapuze vom Haupt. »Walpurg!!« entfuhr es freudig überrascht seinen Lippen, und die Erkannte barg ihr Angesicht an seiner Schulter. »Walpurg«, wiederholte er, wie kommt Ihr in diese Vermummung?« »Habt Ihr in dem Augenblick, als ich vor Euch stand, an mich gedacht?« gab sie zurück. »Nein, wahrlich nicht!« »Seht, sagt' ich Euch nicht, ich würde mich lösen, wenn Ihr gar nicht daran dächtet?« »Oh, darum! Habt tausendmal Dank, liebliche Salzfee! Aber die Zinsen, Walpurg, die Zinsen!« Sie wehrte ihm nicht, als er seine Lippen wieder auf die ihren preßte. »Kommt!« sagte er dann. »Hier am Wasser ist's einsam. laßt uns den Mondschein genießen.« »Wird uns auch niemand sehen?« fragte sie. »Gewiß nicht!« versicherte er. »Dort wohnt niemand, nur Speicher stehen dort, und naht sich ein Mensch, so zieht Ihr die Kapuze über das Haupt und bleibt unerkannt. Mich aber wird niemand schelten, wenn ich mich mit einem frommen Bruder Franziskaner erbaulich unterhalte.« »Wenn's Euch nur einer glaubt!« lächelte sie. Balduin nahm Walpurgs Arm unter den seinen, und so schritten sie den einsamen Uferdamm entlang, der an seinem Ende keinen Ausgang hatte. Neben der Tür des letzten Speichers war eine Steinbank. Darauf setzten sie sich; er schlang den Arm um sie, sie schmiegte sich an ihn und blickte träumerisch zu ihm auf. Im hellen Mondlicht sah er deutlich ihre Züge; ihre Augen glänzten in einem feuchten Schimmer, und die sanft geöffneten Lippen lächelten und lockten. Mit ungezählten Küssen mußte sie das Wagnis büßen, aber sie waren ihr keine Buße, sondern ein süßer Lohn, den sie mit allen Wonnen erfüllter Wünsche nahm. Sie liebte Balduin. Oder war es nur ein Ausbruch der Leidenschaft, die so lange schon liebeverlangend in ihrem heißen Blut gärte? Waren es nur die so lange schon mühsam unterdrückten, plötzlich hochaufschlagenden Flammen üppig träumender, heftig begehrender Sinne? Der viel ältere, kühl bedächtige Kaufherr, dessen Gattin sie auf Wunsch ihres Vaters geworden war, hatte niemals ihr Herz zu einem lauteren Klopfen gebracht. Jetzt zum erstenmal in ihrem Leben genoß sie das Glück des Weibes, sich den berauschenden Liebkosungen eines geliebten Mannes hingeben und sie ihm mit der Lust und Glut einer nie gestillten Sehnsucht erwidern zu können. Selbstvergessen, überwältigt von Entzücken lag sie in seinen Armen, mit fliegendem Atem, mit stürmender Brust, nichts sehend, nichts hörend noch denkend, versunken in einem Meer seligster Gefühle. Balduin sog den vollen Duft der sich ihm erschließenden Rose unersättlich schwelgend ein. Überschäumende Jugendkraft, Schönheit und Liebe bereiteten ihm eine verschwenderische Opferfeier, vom Mondscheinzauber einer warmen Frühlingsnacht geheimnisvoll umsponnen. »Walpurg«, sagte er nach einem langen, nur von süßem Kosen erfüllten Schweigen, »waret Ihr in Eurem Leben schon einmal recht glücklich?« »Nein, Balduin«, erwiderte sie, »noch niemals so wie heute.« »Und wißt Ihr, warum Ihr es heute seid?« fragte er weiter. »Ich glaube, ja!« hauchte sie und umschlang ihn inniger. »Das Mönchsgewand, das Euch, fürcht' ich, nur zu leicht umschließt, müßt Ihr gut verwahren; es kann uns öfter nützen.« »Meint Ihr?« sagte sie nachdenklich. »Die Heimlichkeit ist gefährlich.« »Ihr wolltet ja nicht, daß ich zu Euch käme.« »Nein, nein! Das sollt Ihr nicht!« »Warum nicht, Walpurg? Warum nicht?« Sie hielt ihm die Hand vor das Gesicht, weil er sie so forschend anblickte und sie sich errötend fühlte. Er drückte ihren wonnigen Körper fest an sich und spürte, wie sie an allen Gliedern bebte. »Balduin«, fragte sie dann, »seid Ihr frei, ganz frei?« »Frei wovon?« »Von Fesseln, mein' ich, die Euer nicht würdig sind.« »Ich verstehe Euch nicht, Walpurg.« »So wollt Ihr mich nicht verstehen. Es heißt, Ihr tändeltet mit einem Mädchen, das doch niemals Eure Frau werden kann. Sie wohnt nicht weit von hier.« »Walpurg, die Hennebergs sind meine Jugendfreunde.« »Und weiter nichts?« »Weiter nichts, aber das ist viel. Sie sind mir lieb und wert, und ich lasse sie nicht.« »Ihr laßt sie nicht? Balduin, Ihr müßt wählen zwischen ihr und mir. Sind ihre Lippen süßer als meine? Preßt sie Euch heißer an den Busen als ich?« »Ich habe seit unserer Kindheit die Lippen der Jugendfreundin nicht berührt.« »Wirklich nicht? Ich habe sie nicht für so spröde gehalten und dachte, sie wäre –« »Ich hoffe, Ihr dachtet nichts Übles, Walpurg!« »Stille Wasser sind tief.« »Da habt Ihr recht. Sie ist auch tief, aber auch klar und rein wie ein Bronnen.« »Ihr verteidigt sie warm.« »Gegen alle Welt, wenn man sie angriffe!« »Und wenn man mich angriffe?« »Wie könnt Ihr so fragen, Walpurg! Wer greift Euch an?« »Ihr weicht mir aus. Balduin, Ihr seid nicht frei!« »Wie kann der frei sein«, lächelte er, »der sich von so lieblichen Banden umstrickt fühlt!« Dabei drückte er sie fest an seine Brust und küßte sie, daß sie erschauerte. »Euer Kuß ist heiß«, sprach sie erregt, »aber Euer Herz ist kalt; es gehört der anderen, sag' ich Euch, falls Ihr's selbst noch nicht wißt.« »Walpurg! – Oh, wohin treibt Euch –« »Die Eifersucht, ja! Nennt es so! Und bei dem Mond dort oben schwör' ich: gutwillig lass' ich Euch der Blonden da nicht!« Sie preßte ihn mit einer Gewalt an ihre Brust und ihre Lippen auf seine, daß ihm der Atem stockte. Dann sprang sie auf. »Ich muß fort. Lebt wohl!« Er wollte sie halten, wollte ihr folgen. »Halt!« rief sie. »Keinen Schritt! Wir sehen uns wieder!« Damit schwebte sie. Als ihr leiser Schritt verhallt, ihre dunkle Gestalt verschwunden war, faßte sich Balduin an die Stirn: »Hab ich's erlebt oder hab' ich auf dieser Bank geträumt?« Dann ging er nach dem Schütting zu den lustigen Freunden. Neunzehntes Kapitel Die Zwei Tage, seitdem Gilbrecht um die Verschwörung der Gesellen wußte, waren vergangen; nun war es Donnerstag, und wenn heute Tag und Nacht sich schied, sollte der Aufstand auf grüner Heide beredet und beschlossen werden. Bis jetzt war das Geheimnis gut bewahrt; niemand außer den Beteiligten ahnte etwas davon, und wenn sich zwei Handwerksknechte auf der Gasse begegneten, so blieben sie nicht flüsternd stehen, sondern nur ein pfiffiges Lächeln und Nicken oder das blinzelnde Zukneifen eines Auges war das Zeichen hoffnungsvollen Einverständnisses. Um so schwerer trug Gilbrecht daran, und je näher die verhängnisvolle Stunde rückte, je unruhiger ward er. Kein gut- oder böswilliger Zufall, kein schuldiger oder unschuldiger Mensch befreite ihn von der traurigen Gewissenspflicht, den Angeber seiner Mitgesellen zu machen und noch im letzten Augenblick den Ausbruch der Verschwörung womöglich zu verhindern. Mehr als einmal in diesen Tagen war er drauf und dran gewesen, Arnold beiseite zu nehmen, um ihn mit allen Mitteln der Überredung zu bewegen, daß er um seiner selbst und um des Vaters willen der heimlichen Versammlung fernbliebe. Arnold hatte jedoch jedes Alleinsein mit ihm vermieden, hatte ihm auf jede versuchte Anknüpfung eines Gespräches entweder gar keine oder eine so kurze abweisende Antwort gegeben, daß dem jüngeren Bruder das Wort des Vertrauens in der Kehle steckengeblieben war. Der Abend dämmerte, und Gilbrechts Unruhe wuchs dermaßen, daß er sich schon dadurch Arnold beinahe als Wissender verraten hätte. Gleich nach dem Abendbrot ging Arnold fort – Gilbrecht wußte wohin. Jakob blieb, und Gilbrecht warf dem treuen Burschen einen Blick voll Dankbarkeit und Freundschaft zu, den jener nicht bemerkte oder nicht verstand. Er verweilte gegen seine Gewohnheit noch längere Zeit in der Stube, vielleicht mit der Absicht, dachte Gilbrecht, um über seine Enthaltung von der Gesellenversammlung später keinen Zweifel aufkommen zu lassen. Endlich aber begab er sich, wie er stets nach dem Abendbrot zu tun pflegte, mit Lutke hinaus auf die Diele, und Gilbrecht war nun mit den Eltern und Ilsabe allein. Er leerte auf einen Zug seinen noch halb gefüllten Becher und stieß ihn heftig auf den Tisch. Dann stemmte er beide Ellenbogen auf, stützte den Kopf in die Hände und starrte trübselig vor sich hin. Dieses ungewöhnliche Benehmen war den Seinigen höchst auffällig; sie sagten aber nichts und saßen still um ihn herum. Endlich kam aus seiner Brust ein tiefer Seufzer, der wie ein Stöhnen klang. Er nahm die Hände vom Kopf und sagte: »Vater, komm mit! Ich muß dir etwas sagen.« Meister Gotthard erstaunte, rührte sich aber nicht vom Stuhl. Frau Johanna warf ihrem Mann einen halb lächelnden, halb flehenden Blick zu und gab Ilsabe einen Wink, worauf sich die beiden Frauen aus dem Zimmer entfernten. Arme Mutter! Du wähnst, dein lieber Sohn wolle dem Vater das verschämte Geständnis seiner Liebe machen, auf die du Glück und Hoffnung baust, und ahnst nicht, daß er seinen Bruder, auch dein lieber Sohn, des Verrats an Kindespflicht und der Empörung gegen Ordnung und Gesetz beschuldigen will. Als Gilbrecht, den Kopf wieder in seine Hand gestützt, dem Vater allein gegenübersaß und immer noch schwieg, fragte dieser etwas ungeduldig: »Junge, was hast du? Was willst du von mir?« »Ich bring' es nicht heraus, Vater.« »Sei vernünftig, und wenn ich's wissen muß, so sag's, was du auf dem Herzen hast. Kennst mich doch! Wir beide werden in Frieden fertig miteinander.« So redete der Meister dem tief Erregten gutmütig zu und umfaßte warm seine Hand, die zur Faust geballt auf dem Tische ruhte. Er vermutete ganz dasselbe wie Johanna und wollte seinem wackeren Sohne bei dessen Liebesbekenntnis auf halbem Wege entgegenkommen. »Gib deinem Herzen einen Stoß! Wird ja wohl nicht gleich davon zerbrechen«, lächelte er aufmunternd, als der Bedrängte noch immer keine Worte fand. Gilbrecht sah ihn verzweifelt an. »Vater, heut abend«, würgte er qualvoll heraus, »heut abend – gehen sie auf grüne Heide.« Des Meisters Hand schnellte von der des Sohnes zurück, als hätte sie rotglühendes Eisen berührt. »Gilbrecht! Was soll das heißen? Wer geht auf grüne Heide?« »Die Handwerksknechte, alle, sie machen einen Aufstand.« »Hier in Lüneburg?« Gilbrecht nickte. »Arnold auch?« Gilbrecht nickte. »Mit dem Schuster?« Gilbrecht nickte. »Wo?« »Hinter dem Mönchsgarten.« »Was wollen Sie denn?« »Das weiß ich nicht. Mir haben sie's verheimlicht, nur ganz zufällig erfuhr ich's.« Nun erzählte er dem Vater, wie ihm Timmo in der Trunkenheit den Plan wider Willen und Wissen verraten hätte, und verschwieg auch nicht, daß er vorgestern vor acht Tagen Arnold mit Sengstake, Dalenborg und Timmo hätte in den Ratsweinkeller gehen sehen. »Sengstake?!« rief der Meister. »Hole mir mein langes Schwert, Gilbrecht!« »Du willst hin?« »Ja, mein Sohn, ich will hin!« »Soll ich mitgehen, Vater?« »Nein! Niemand darf wissen, daß du es mir gesagt hast; nur schnell das Schwert! Das alte, lange, nicht das von dir.« Gilbrecht eilte, und als er damit zurückkam, war der Meister in Mantel und Hut. »Was sag' ich der Mutter und Ilsabe, wenn sie fragen?« »Die Wahrheit – nein! Noch nicht. Weise sie an mich; es wäre nicht dein Geheimnis. Geh nicht zu Bett, bis ich zurück bin. Kommt Arnold, so läßt du ihn ein und schweigst.« Dann drückte er dem Sohn die Hand und ging. Der Mönchsgarten im Nordwesten der Stadt war ein Sommersitz des Abtes vom Michaeliskloster. Dahinter befand sich noch Wald, die Lutmunde genannt, der sich beinah bis an die Landwehr erstreckte, aber stellenweise auch schon gelichtet war. Eine solche Lichtung, ein mäßig großer, von Eichen und Kiefern mit Unterholz und Gebüsch umgebener Platz, war zum Versammlungsort der Handwerksknechte ausgewählt worden und eignete sich auch gut dazu, denn er lag nahe der Stadt und doch geschützt, einsam und versteckt. Die Gesellen waren, um keinen Verdacht zu erregen, zu verschiedenen Toren hinausgegangen und hatten den Torwärtern gesagt, sie wollten sich draußen im Freien ihre Mummenscherze und Narrentänze für die Kopefahrt einüben, man möchte sie also später ungehindert wieder einlassen. Die von Hause aus wirklich Unzufriedenen bildeten in der mehrere Hunderte zählenden Versammlung vielleicht die Minderheit, denn im allgemeinen waren die Handwerksknechte in Lüneburg nicht schlechter gestellt als anderswo. Allein betört von des wortgewandten Darmstädters aufreizenden Sticheleien und Vorspiegelungen, womit er sie sowohl auf eigene Faust wie auf Dalenborgs und Sengstakes Antrieb unablässig bearbeitete, wurden auch die Bescheideneren unter ihnen allmählich zu dem Glauben bekehrt, daß sie in ihrer Freiheit allzusehr beschränkt wären und ein besseres Los verdienten. Einer wurde vom anderen angesteckt und verleitet, und so ließen sie sich bald vereinigt zu Forderungen hinreißen, die ihnen nur billig und gerecht deuchten, deren Durchführung sie aber zu schwer verantwortlichen Beschlüssen und gefährlichen Schritten führen mußte. Timmo, der die Verschwörung angezettelt und den anderen erst die Raupen in den Kopf gesetzt hatte, sah dem Ausgang der Sache mit Gleichmut entgegen, denn der sehr geschickte Gesell fand überall im Reiche sein Fortkommen und hatte bei seinem Meister und seiner ihn teils liebenden, teils wegen seines fabelhaften Blutwurms fürchtenden Meisterin ein so gutes Leben und so viel freie Zeit, daß er am wenigsten zu irgendwelchen Klagen berechtigt war. Ihm machte das Ding aber Spaß aus Freude an Händel und Verwirrung und als willkommene Abwechslung im alltäglichen Einerlei. Dazu kamen die Eitelkeit und der Ehrgeiz, eine Rolle zu spielen, der Anführer in einem recht gewagten Streiche und der einflußreichste aller Handwerksknechte zu sein, mit dem die Stadt verhandeln mußte, wenn sie Frieden haben wollte. Daß er mit einem, ihm selbst kaum wahrscheinlichen Siege nebenbei seinem Freunde Arnold Henneberg vielleicht zu einem früheren Meisterwerden und zur Heirat mit Ursula Dippold verhelfen konnte, zog er nicht weiter in Betracht, als daß er wünschte, sich beim Austrag auch dieser besonderen Angelegenheit den Ruf eines Wohltäters und Retters zu erwerben. Arnold dagegen, von Leidenschaft verblendet, hoffte wirklich von dem Gelingen des Aufstandes eine entschiedene, ihm günstige Wendung seiner Herzensangelegenheiten. Dalenborg und Sengstake wieder hatten mit der Verschwörung ganz andere Absichten. Ihnen lag gar nichts daran, daß der Aufstand durch Sieg oder Niederlage der Handwerksknechte ein schnelles Ende erreichte. Ihnen kam es vielmehr darauf an, die Sache hinzuziehen, um dem Rate, den Meistern und der ganzen Bürgerschaft mit der bald näher, bald ferner zu rückenden Gefahr einer gewaltsamen Empörung drohen und dadurch den einen oder die anderen zu Entschlüssen und Maßnahmen nach ihren Wünschen treiben zu können. Es war ein dunkler Abend, der Himmel mit schweren Wolken umzogen, die nur selten einen matten Schimmer des Mondes durchließen. Als Meister Gotthard den Wald hinter dem Mönchsgarten betreten hatte, verriet ihm in geringer Entfernung ein zwischen den Baumkronen zuweilen aufflackernder Feuerschein die Stelle, wo er die Aufrührer zu suchen hatte. Darauf zugehend, vernahm er auch bald das Getöse von vielen Stimmen und konnte deutlich die Stille, während der wahrscheinlich ein einzelner sprach, von dem dumpfen Brausen unterscheiden wenn die Menge der Hörer den Redner unterbrach oder ihm antwortete. Die Unvorsichtigen hatten keine Wachen ausgestellt, und da sie eben in heftigen Auseinandersetzungen begriffen waren, so ward es Meister Gotthard nicht schwer, ungesehen und ungestört im Gebüsch so nahe an die Versammlung heranzukommen, daß er jedes gesprochene Wort deutlich verstehen und beim Scheine mehrerer Feuer, die auf dem Platze brannten, die Gesichter der Redenden erkennen konnte. Die von harzigen Kiefernzweigen genährten Feuer beleuchteten funkensprühend die verschiedenartigsten Gestalten. Da stand mancher breitschultrige, protzige Saufaus und Habenichts, der sich schon wer weiß wo den Wind hatte um die Nase gehen lassen, die Faust keck in die Hüfte gestemmt oder die nervigen Arme über der Brust gekreuzt, Hut oder Kappe schief auf dem Ohr, eine Narbe im wettergebräunten Gesicht, mancher schlanke, blühende Gesell, dem der erste blonde Flaum um Kinn und Wangen sproßte, und auch mancher blutjunge Bursche mit glattem Mädchengesicht, der die Lehrlingsschuhe kaum ausgezogen hatte und doch schon den Mißvergnügten spielte und sich wunder was dünkte, daß er mitschreien durfte, wenn die anderen schrien. Viele hatten sich einen grünen Zweig oder eine Feder an den Hut gesteckt, um bei dem wichtigen Anlaß geschmückt zu erscheinen, viele trugen Stöcke, und einige waren sogar bewaffnet. Der Feuerschein zuckte über lachende und erregte, über frohe und finstere Gesichter und tanzte flackernd um die rotbraunen Kiefernstämme, während der Rauch zum dunklen Himmel aufwirbelte und sich in die schwärzlichen Wipfel der Bäume schmiegte. Die Angehörigen eines und desselben Handwerks hielten sich möglichst zusammen, aber mischten sich zuweilen auch unter die anderen, und das erste Feuer, das sich dem Versteck des Meister Gotthard am nächsten befand, umstanden einige Wortführer fast aller vertretenen Handwerke. Dort stand auch Timmo und hinter ihm Dalenborg und Sengstake, um stets bereit zu sein, dem vorgeschobenen Leiter des Ganzen im rechten Augenblick das Stichwort zuzuflüstern. Es hatte anfangs einigen Widerspruch seitens der älteren Gesellen gegeben, als der eben erst zugewanderte Schusterknecht sich ohne weiteres des Vorsitzes in der Versammlung bemächtigen wollte, allein auf einige klug angebrachte Worte Sengstakes hatte man ihn in diesem Amte bestätigt, und er führte es sehr geschickt, war dabei ganz Leben und Bewegung. Er hatte seinen Stock vor sich in die Erde gesteckt und hielt als Regiment einen kurzen Stab in der Hand, mit dem er auf den Stock aufklopfte, wenn er Ruhe gebieten wollte. Über die einzelnen Bedingungen, die man den Meistern stellen wollte, hatte sich die Versammlung bereits vor der verspäteten Ankunft Meister Gotthards verständigt, doch gewann er, hinter einer mannshohen Kiefer verborgen, davon Kenntnis, als Heinrich Sengstake das Wort nahm und sprach: »Also, liebe Freunde, eure hauptsächlichsten Wünsche sind zunächst die folgenden: Eine zweijährige Mutzeit, die kein Meister ohne Vollbord des ganzen Handwerks unterbrechen darf und nach welcher jeder Knecht berechtigt sein soll, das Amt zu eschen sonder Gefährde.« »Sonder Gefährde!« tönte es als lauter, vielstimmiger Widerhall von den Gesellen zurück. »Ferner, der Zwang, ins Amt zu heiraten, das heißt, daß ein Knecht, der nicht Meistersohn ist, nur dann Meister werden kann, wenn er sich mit der Tochter oder Witwe eines Meisters aus derselben Gilde befreit, ist inkünftig und für alle Zeiten aufgehoben.« »Jawohl! Null und nichtig für alle Zeiten! Weg damit! Wollen keine Witwe!« Schallendes Gelächter folgte dem letzten, etwas nachklingenden Rufe. »Drittens wollt ihr alle drei Wochen einen guten Montag sowie –« »Alle vier Wochen!« unterbrach ihn ein einzelner. »Alle drei Wochen!« schrien sie nun mit einer wahren Wut. »Alle zwei Wochen! Alle drei Wochen!« »Also alle drei Wochen einen guten Montag«, fuhr Sengstake fort, als er sich wieder Gehör verschaffen konnte, »sowie abends an den Werktagen eine, am Sonntag zwei Stunden länger Urlaub, und wenn ein fremder Gesell zugewandert kommt oder einer aus Lüneburg auswandert, so soll das Handwerk, zu dem er gehört, an dem Tage von Glocke fünf der Arbeit ledig –« »Nein, nein!« unterbrachen sie ihn wieder stürmisch von allen Seiten. »Nicht erst um fünf; den ganzen Nachmittag, den ganzen Nachmittag wollen wir frei haben!« »Gut!« sprach Sengstake. »Wie ihr wollt. Also den ganzen Nachmittag, sobald ihr mit euren Meistern zu Mittag gegessen habt.« »Jawohl! Jawohl! So ist's recht!« riefen sie. »Seid ihr euch nun über die vorbedachten Punkte einig? Und ist das alles, was ihr verlangt?« »Ja, ja! Das ist alles. Vorläufig. Fangen wir mal damit an, das Weitere findet sich!« antworteten sie keck. »Nun müßt ihr aber auch unverbrüchlich zusammenhalten«, fuhr er fort, »ohne Wanken, ohne Bangen und Zagen, dürft nicht ruhen und rasten, bis ihr alles erreicht habt, und dürft vor keinem Mittel zurückschrecken.« »Das tun wir auch nicht! Je toller je besser!« »Gut! Sehr gut. Aber wie gedenkt ihr es denn anzufangen?« fragte Sengstake wieder. Jetzt schwiegen sie und schienen über die Art und Weise des Vorgehens gegen ihre Meister unschlüssig und verlegen. Ein Fleischerknecht machte den Vorschlag: »Bei der Kopefahrt am Abend, sowie die Kope verbrannt ist, tut sich jedes Handwerk zusammen und zieht vor sein Gildehaus, wo die Meister dann beisammen sind. Zwei, auch drei von uns gehen hinein und sagen den Meistern Bescheid, und wenn sie uns nicht alles nachgeben, so dringen die anderen nach, zeigen ihnen, daß es Ernst ist, und lassen keinen heraus, bis sie Willen machen.« »Ja, ja! Zur Kopefahrt, zur Kopefahrt! Hurra, die Kopefahrt!« schrien sie. Da trat Arnold vor und sprach: »Nein, Brüder, zur Kopefahrt nicht! Unser altes Lüneburger Sülzfest dürfen wir nicht stören. Da ist auch zu viel Volks auf den Beinen, und am Abend ist keiner mehr recht klar im Kopfe.« »Der Bruder Böttcher hat recht«, sprach jetzt Timmo, »das wollte ich auch eben sagen. Die Kopefahrt wollen wir uns nicht verderben. Wir müssen es anders anfangen.« »Ja wie denn? Wie denn? Wenn du es besser weißt, Darmstädter!« riefen ihm die Brauer zu, und eine Menge andere schrien mit. »Nur Ruhe!« rief Timmo und klopfte mit dem Stab auf den Stock. »Ich will's euch gleich sagen.« »Ruhe! Laßt den Schuster reden! Die Bäcker schnattern wie die Gänse. Ruhe da drüben, ihr Schneiderseelen! Ruhe!« So tobten sie wild durcheinander. »Wenn ihr mein Wort nicht hören wollt, Brüder«, fing Timmo wieder an, als es endlich still geworden war, »so will ich diesen Platz räumen und ein anderer –« »Nein, nein, nein! Bleib da, Schuster! Wir wollen ruhig sein. Ruhe!« »Wir müssen unter uns Eintracht halten, liebe Brüder«, sprach Timmo, »sonst sind wir gleich verloren, in der Eintracht liegt unsere ganze Stärke.« (Sengstake nickte den Gesellen rechts und links bedeutungsvoll zu.) »Also mit der Kopefahrt, das ist nichts. Ich schlage vor: einen oder ein paar Tage nach der Kopefahrt rotten wir uns auf dem Markte alle zusammen und machen so viel Lärm wie nur irgend möglich. Dann werden sie schon kommen und uns fragen, was wir wollen; dann tragen wir den Meistern unsere Forderungen mit füglichen Worten vor und stellen ihnen eine Frist von drei oder fünf Tagen zur Entscheidung. Wollen sie in der Zwischenzeit mit uns freundlich verhandeln, so mögen sie's tun; aber nachgeben, nicht wahr, Brüder? Nachgeben tun wir nicht!« »Nein, nein! Kein Haar breit!« riefen die Gesellen, einander an Trotz überbietend. »Und arbeiten tun wir auch nicht, bis wir Bescheid haben.« »Nein, arbeiten tun wir auch nicht!« jubelten sie. »Und wenn dann«, fuhr Timmo fort, »die Meister nach der ihnen gesetzten Frist uns nicht alles bewilligen, so machen wir einen Aufbruch und werden fremd. Mit Sang und Klang ziehen wir alle miteinander zur selben Stunde aus den Toren hinaus, kehren der Stadt den Rücken und grasen ein paar Tage lang lustig und wohlgemut die nächsten Dörfer ab. Dann mögen sich's die ehrbaren Meister einmal versuchen, wie sie ohne uns fertig werden. Aber ihr sollt einmal sehen, Brüder, wie bald sie uns nachgelaufen kommen und uns gute Worte geben, daß wir baß bei ihnen bleiben. Und dann, dann sind wir obenauf, können verlangen, was wir wollen, und haben doch unseren Spaß dabei gehabt. Was meint ihr dazu, liebe Brüder?« »Jawohl! Jawohl, Bruder Darmstädter! Einverstanden! Angenommen! Laßt uns abstimmen!« schrien sie von allen Seiten. »Wer ist dagegen?« »Ich!« rief Sengstake die Hand erhebend und einen Schritt vortretend. »Hört mich an!« Sofort trat Ruhe ein, und er sprach: »Wenn ihr den Vorschlag unseres wackeren Darmstädters hier annehmt, so würdet ihr allerdings vier, fünf Tage lang euer Vergnügen daran haben. Aber das bleibt euch immer noch unbenommen, das könnt ihr euch für zuletzt aufsparen, denn, liebe Freunde, ich weiß ein Mittel, daß ihr nicht fünf Tage, sondern fünf Wochen lang euren Spaß an der Sache haben könnt, wenn ihr diese fünf Wochen lang genau meinen Winken und Wünschen folgen wollt.« Kein Laut kam aus dem großen Kreise. Alle horchten gespannt auf Sengstakes Rat und Meinung. Dieser sprach nun weiter: »Seht, liebe Freunde, es wäre gar nicht klug von euch, wenn ihr eure Forderungen alle auf einmal nennen wolltet. Ihr müßt vielmehr eine nach der anderen vorbringen, und wenn die eine von den Meistern bewilligt ist, dann wartet ihr ein paar Tage und kommt dann erst mit der folgenden heraus, und so immer langsam weiter, bis ihr sie alle durchgesetzt habt. Werden nun, was nicht unmöglich wäre, eure ehrbaren Meister darüber ungeduldig und wollen zuletzt nicht mehr nachgeben, so tut ihr dann, was euch unser Freund Timmo geraten hat, macht einen Aufbruch und lebt ein paar Tage lustig bei den Bauern, bis die Meister kommen und euch mit fleißigen und vielfältigen Bitten wieder holen. Dann stellt ihr ihnen erst recht Bedingungen nach eurem Belieben, zieht endlich großmütig in die verwaisten Werkstätten wieder ein, werdet mit offenen Armen und mit manchem guten Trunk empfangen und seid die Herren in der Stadt. Aber«, schloß er, die Hand erhebend, mit Nachdruck, »ihr müßt in der Zwischenzeit bei den Verhandlungen mit euren Meistern genau tun, was ich und mein großgünstiger Freund, Herr Hans Dalenborg hier, euch raten werden.« Er blickte sich nach Dalenborg um. Dieser verstand den Wink, und ehe sich die Versammlung über das eben Gehörte äußern konnte, war er an Sengstakes Seite. Hans Dalenborg war fürstlicher Zöllner in Lüneburg, hatte aber als solcher wenig zu tun, weil Herzog Friedrich nicht viel Zölle mehr in der Stadt zu erheben hatte. Er war von kräftiger Gestalt mit einem Stiernacken und mit kleinen, listigen Augen in einem plumpen, breiten Gesicht, das den Ausdruck rücksichtsloser Entschlossenheit trug. Unmittelbar an Sengstakes Rede anknüpfend, begann der Zöllner: »Mein Freund Sengstake hat mir aus der Seele gesprochen. So und nicht anders müßt ihr es anfangen, Gesellen, wenn ihr etwas erreichen wollt. Aber ich mache euch noch auf etwas anderes aufmerksam. Ihr müßt auf einen zähen Widerstand gefaßt sein und dürft nicht mattherzig und schwach werden, sondern müßt tapfer ausharren, bis euch in allem ein Genüge geschehen. So schwarz wie die Wolken dort am Himmel werden sie euch euer Vorgehen anstreichen, werden euch mit harten Worten überfahren und mit schweren Strafen bedrohen. Die Meister werden euch beim Rate verklagen, und ihr müßt dann abwarten, was der Rat tut. Vielleicht nimmt er sich eurer und eurer Forderungen günstig an. Es könnte aber auch anders kommen. Es könnte sich ereignen, daß die Meister eure Wünsche erfüllten, um sich eure Macht und Hilfe gegen den Rat zu sichern, falls sie von diesem etwas Wichtiges zu verlangen und durchzusetzen hätten. Das kann man heute noch nicht wissen. Gelegenheit und Umstände werden schon von selber ergeben, auf wessen Seite ihr euch zu stellen habt, ob auf die des Rates oder auf die der Meister. Fragt nur uns, Herrn Sengstake und mich, hört auf uns, wir werden euch schon die rechten Wege weisen. Aber, Freunde, wenn wir uns euch zu Hilfe und Beistand verpflichten sollen, so müssen wir uns auch auf euch verlassen können.« »Das könnt ihr!« riefen die Gesellen. »Wohl! so laßt uns sehen, auf wie viele von euch wir zählen können. Wer von euch gesonnen ist, mit allem, was er hat und kann, folgsam und ergeben an dem hier geschlossenen Bunde festzuhalten, was auch daraus entstehen möge, der trete von dem Feuer hier zurück und stelle sich auf die Seite zu meiner rechten Hand.« Alle gingen hinüber auf die andere Seite, so daß der Raum zwischen dem Feuer und dem Rande des Gebüsches, wo Meister Gotthard stand, völlig frei wurde. Nur Sengstake, Dalenborg und Timmo blieben bei dem Feuer stehen. »Gut!« sprach Dalenborg weiter. »Ich sehe zu meiner Freude, daß ihr alle eines Sinnes seid. Wenn aber doch einer hier wäre, der diese Reden gehört und anders dächte –« Das Wort erstarb ihm auf der Lippe, denn wie herbeschworen aus dem Dunkel des Waldes nahte wirklich einer, der diese Reden gehört hatte und anders dachte. Über den freien Raum kam langsam mit großen, sicheren Schritten wie das unentrinnbare Schicksal der Sülfmeister daher. Er stellte sich Dalenborg und den anderen beiden gerade gegenüber, so daß zwischen ihm und jenen nur das lodernde Feuer war, das jetzt seine hohe Gestalt und seine markigen Züge grell beleuchtete. Wie versteinert, wie gebannt von der Erscheinung standen die drei. Aus dem Haufen der Gesellen rief eine Stimme: »Verrat! der Sülfmeister!« Dann war lautlose Stille. »Ja – Verrat«; begann Meister Gotthard in grollender Erregung, »den seh' ich hier, den hab' ich gehört. Meineidige Schurken seid ihr, Dalenborg und Sengstake! Denn der Laffe da neben euch ist nichts als eure Drahtpuppe, die ihr zappeln laßt, und das Gesindel dort sind die Gimpel, die blind in eure plumpen Netze fallen, dumm genug, sich fangen und rupfen zu lassen!« »Hoho! Hoho!« riefen die Gesellen. Dalenborg und Sengstake fanden vor Bestürzung noch keine Worte. Timmo verschwand in dem entstehenden Tumult. »Wollt ihr noch mucksen?« schalt der Meister. »Prügel verdient ihr! Mit Schimpf und Schanden aus der Stadt hinausleuchten sollte man euch, die ihr nicht wert seid, unter ehrlicher Leute Dach zu wohnen!« »Hoho! Hoho! Das lassen wir uns nicht bieten! Wir sind ehrbare Handwerksknechte; fort mit dem Sülfmeister! Stoßt ihn nieder! Schlagt zu!« so klang es drohend aus dem erregten Haufen. Einige Verwegene gingen mit gezückten Messern vor, die anderen drängten nach, und ein wüstes Grölen und Pfeifen gellte von hinten her, wo Timmo stachelte und hetzte. »Zurück!« wetterte der Meister, und sein blankes Schwert funkelte im Widerschein der Flammen. Da wichen sie murrend zurück, denn es sah furchtbar aus, wie er hoch emporgereckt dastand, zum Schlage bereit. Dalenborg stöhnte vor Wut, Sengstake zischte wie eine Natter. Der Meister stellte das Schwert mit der Spitze auf den Boden und sprach grimmig: »Wer mir zu nahe kommt, der beißt ins Gras; das merkt euch!« Dann fuhr er ruhiger fort: »Es ist meiner Ehre zuwider, mit euch zu verhandeln. Ich will euch nur sagen, daß ihr schmählich betrogen seid von diesen elenden Verrätern, die euch nur brauchen wollen zu ihren unehrlichen, verfluchten Zwecken. Denkt ihr denn, die wollen euch helfen? Ihr sollt ihnen helfen, aber – ihr habt es ja gehört – gegen wen, ob gegen den Rat oder gegen die Meister, das haben sie euch nicht gesagt, das wissen sie selber noch nicht, die Schandbuben!« »Henneberg«, krächzte Dalenborg, »ich reiße Euch die Zunge aus dem Halse!« »Schweigt!« brauste der Meister. Jetzt trat ein älterer Brauknecht waffenlos vor und sprach: »Meister, ist das wahr, was Ihr da sagt?« »So wahr wie du hier vor mir stehst, Matthies! – Schäme dich, daß du hier stehst! Geht hin zu euren Amtsmeistern, wenn ihr noch Lust dazu habt; da werdet ihr Dinge zu hören bekommen, daß euch die Ohren davon sausen. Und nun fort! Nach Hause! Und wehe dem, der anders eine Hand hebt, als zu seiner ehrlichen Arbeit!« »Wir bedanken uns, Meister!« sagte der Brauer und einige murmelten ihm das nach. Andere aber riefen: »Oho! Nichts zu danken! Wir sind beschimpft; er muß abbitten; haltet ihn fest!« Mit einem Sprunge war Meister Gotthard unter ihnen. »Wer spricht hier von abbitten?« rief er mit schrecklicher Stimme und sah sich zornbebend um. »Vor mit dem Buben, der ein solches Wort gegen einen Meister wagt!« Da traten sie scheu zurück, so daß er sich ganz allein in einem leeren Kreise befand, von den empörten Gesellen ringsum eingeschlossen. Die vordersten standen und blickten ihn trotzig an, aber keiner wagte ihm zu nahen, wie unverschämt auch ihre Hintermänner im Gedränge noch lärmten und johlten. Ein paar Vernünftige suchten die Frechsten zu beruhigen und mit sich fortzuziehen; unter Grollen und Murren ward der Kreis allmählich weiter und lichter; einer nach dem anderen wandte sich ab, und endlich waren sie alle zerstreut und auf dem Wege zur Stadt, unter sich streitend, schwatzend und scheltend, manche auch still und nachdenklich. Vereinzelte Rufe und Pfiffe tönten noch aus dem Dunkel des Waldes, aber immer schwächer und ferner. Sengstake, Dalenborg und Timmo waren verschwunden. Auch Meister Gotthard begab sich auf den Heimweg; seinen Sohn Arnold hatte er nicht mehr gesehen. Die ersten Regentropfen fielen, und einsam verglommen die Feuer auf grüner Heide. Der Meister kehrte nicht gleich in sein Haus zurück, sondern klopfte Rokswale heraus und ließ auch Hesterwegen, Schuttenhelm und Dörgerloh zu wichtiger Besprechung in nachtsschlafender Zeit bitten. Sie kamen auch, und die fünf Amtsmeister hielten einen langen, ernsten Rat. Spät, aber einmütigen Sinnes gingen sie heim. Gilbrecht öffnete seinem Vater. »Ist Arnold hier?« fragte der Meister. »Schon lange«, erwiderte Gilbrecht. »Wie ist's abgelaufen, Vater?« »Ich denke, mit dem Aufstand ist's vorbei. Gute Nacht!« »Gott sei gelobt! Gute Nacht, Vater!« Der Regen rauschte und spendete Frucht und Segen den lechzenden Fluren. Die Stadt Lüneburg lag in friedlichem Schlummer. Zwanzigstes Kapitel In seiner prächtigen, von einem schwül feierlichen Ernst durchwitterten Amtsstube saß am anderen Morgen der Bürgermeister Johann Springintgut und ihm gegenüber Gotthard Henneberg, der dem Lenker der Stadt soeben ausführliche Meldung von der gestrigen Gesellenversammlung in der Heide gemacht hatte. Die beiden Männer waren so recht die natürlichen Vertreter der gesamten Einwohnerschaft Lüneburgs und jeder einzelne von ihnen das ausgeprägte Bild seines Standes. Der Bürgermeister, von Geburt ein Angehöriger und durch seine Stellung das Haupt des alten Stadtadels mit den anerkennenswerten Vorzügen und den nicht zu bemäntelnden Schwächen seines Standes, war stolz, herrschsüchtig und voll Ehrgeiz bemüht, nicht nur die Vorrechte, sondern auch die Machtbefugnisse seines Amtes geltend zu machen und über die Gebühr auszudehnen. Der Böttchermeister aber, ein kernfester und bei aller Bescheidenheit doch selbstbewußter Handwerker, war mit seinem angeborenen und stark ausgebildeten Unabhängigkeitssinn wachsam und entschlossen, keins der althergebrachten bürgerlichen Rechte durch den Rat und die Geschlechter verkümmern zu lassen. Dem Bürgermeister, der sich als Regierender der reichen Hansestadt fast einem Reichsfürsten gleich dünkte, erwies er alle schuldige Ehrerbietung, versagte ihm aber jede schmeichelnde, eines freien Mannes nicht würdige Huldigung. Sie verkehrten auf Grund gegenseitiger Achtung in einer gemessenen und doch gefälligen Höflichkeit miteinander, bei der keiner seiner Stellung etwas vergab. Herr Springintgut hatte in lässig vornehmer Haltung in seinem hohen Lehnstuhl sitzend der Erzählung des Meisters Gotthard mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört. Die harten, strengen Züge seines durchgeistigten Gesichts mit der hohen Stirn und den durchdringenden Augen hatten nicht gezuckt, die schmalen, blaugeäderten Hände, die aus der feinen dunklen Kleidung sahen, hatten sich nicht geregt, während der Meister in seiner einfachen Art den Vorgang schilderte und gar nichts daraus machte, daß er ganz allein den Aufrührern entgegengetreten war. Der Bürgermeister kannte ja den Böttcher seit langen Jahren, aber die Kraft, die Ruhe und Sicherheit, die aus des Meisters Worten und Wesen sprachen, flößten ihm in dieser Stunde soviel Vertrauen und Neigung zu dem Mann ein, wie nie zuvor. Er schickte an Dalenborg und Sengstake den Befehl, sogleich auf dem Rathause vor ihm zu erscheinen, und sprach dann: »Ihr haltet also den Aufstand damit für abgetan, Meister Henneberg?« »Ja, Herr Bürgermeister!« entgegnete Meister Gotthard. »Sie haben entweder sehr schnell ein gebührliches Einsehen getan, daß sie nur verführt und gebraucht werden sollten, oder sie hätten sich erbärmlich feige benommen, und Feigheit kann man unseren Handwerksknechten gemeiniglich nicht nachsagen.« »Nein, da habt Ihr recht. Und Eure Amtsbrüder von den anderen Gilden sind derselben Meinung wie Ihr?« »Ganz derselben Meinung, und sie hoffen auch ebenso wie ich, daß Ihr den Knechten gegenüber diesmal noch Gnade vor Recht ergehen laßt.« »Den Knechten gegenüber, meinetwegen, wenn Ihr selber für sie bittet; aber gegen den Schusterknecht auch?« »Dem könnte ein kleiner Denkzettel nicht schaden, indessen ich rate auch ihm gegenüber zur Nachsicht. Hesterwegen könnte ihm einen scharfen Verweis in Gegenwart seines Meisters erteilen und ihm für das nächste Mal eine desto härtere Strafe ankündigen.« »Sehr milde, sehr milde, lieber Meister! Aber es mag geschehen, wie Ihr wünscht.« »Es ist klug, Herr Bürgermeister, glaubt mir!« sprach Meister Gotthard. »Wir tun besser, wenn wir den Aufstand als einen dummen Streich behandeln, den wir den Gesellen nicht hoch anrechnen, um ihnen zu zeigen, daß sie sich damit nur lächerlich gemacht haben.« »Nehmt Ihr die Sache wirklich so leicht, Meister Gotthard?« fragte Springintgut. »Nein, durchaus nicht, Herr Bürgermeister!« erwiderte der Meister. »Und ich habe meines eigenen Sohnes wegen am meisten Grund, sie sehr ernst zu nehmen. Aber die Gesellen müssen glauben, der Rat und die Ämter fühlten sich viel zu stark, als daß wir uns vor ihnen zu fürchten und schon gegen den mißlungenen Versuch eines Aufstandes mit Strenge einzuschreiten hätten. Dagegen würde ich – doch das soll auf der Herren Behagen stehen.« »Sprecht es nur aus, Meister!« lächelte Springintgut. »Dagegen würdet Ihr die beiden Schufte Dalenborg und Sengstake desto fester anfassen. Ja, das versteht sich! Seht, Meister Henneberg, da sind wir schon wieder einmal einerlei Meinung, nicht wahr?« »Ganz und gar!« erwiderte der Meister. Da wurde die Tür aufgestoßen, und der Ratsherr Ludolf Töbing sauste unangemeldet herein, wie das so seine formlose Art war. »Guten M – Blut und Blau, der Sülfmeister bei unserer hochedlen Wohlweisheit!« rief er, starr vor Staunen, ehe er die Tür krachend zuwarf. »In aller Sumpfsiedehöllenteufel Namen! Kinder, was gibt's? Soll's losgehen in Lüneburg?« »Beinahe wär's losgegangen, Töbing«, lachte der Bürgermeister, »wenn Meister Gotthard Henneberg nicht dazwischengefahren wäre.« »Erzählt, Meister, erzählt! Wo seid Ihr zwischengefahren?« fragte Töbing neugierig und warf sich rittlings auf einen Stuhl, die gekreuzten Arme vor sich auf die Lehne stützend. Nun ward ihm von der gestrigen Gesellenversammlung auf grüner Heide und von Dalenborgs und Sengstakes Teilnahme daran erzählt. »Her mit den Halunken!« rief er da. »Laß sie einstecken, Springintgut! Ins steinerne Weinfaß mit ihnen! Da sitzen sie sicher und ohne Rauch und Trauf, wie es die Geturnten verlangen können.« »Ich habe sie schon entbieten lassen«, sprach der Bürgermeister und zog an einer Glockenschnur. Ein Ratsdiener trat ein. »Sind Dalenborg und Senkstake noch nicht da?« »O doch, Herr Bürgermeister! Sie warten draußen«, sagte der Diener. »Laß sie eintreten, und der Schließer soll sich bereithalten.« »Sehr wohl, Herr Bürgermeister!« Der Diener entfernte sich wieder. »Da bin ich ja zur guten Stunde gekommen«, lachte Töbing. »Springintgut, soll ich dich nicht erst noch ein wenig warm machen?« »Danke, Freund! Ist nicht nötig«, lächelte der Bürgermeister. Dalenborg und Sengstake traten ein und verbeugten sich, was ihnen niemand erwiderte. »Ihr seid gestern mit den Handwerksknechten auf grüner Heide gewesen, habt sie zum Aufstand verleitet und gegen den Rat und ihre Meister aufgewiegelt«, begann der Bürgermeister in strengem Ton. »Wir haben niemand verleitet oder aufgewiegelt«, entgegnete Dalenborg. »Ganz das Gegenteil haben wir getan, hochedler Herr Bürgermeister«, sprach Sengstake. »Wir haben die Handwerksknechte zu stillen und in ihren Forderungen zu mäßigen gesucht, damit keine Weitläufigkeit verursacht werde.« »Ihr seid bei einem aufrührerischen Vornehmen betreten und betroffen worden, dem ihr euren Beistand zugesagt habt. Wie kommt ihr dazu?« fragte der Bürgermeister. »Auf inständige Bitten vom ältesten Sohne des Meisters Henneberg hier haben wir uns nach langem Weigern dazu bereitfinden lassen, sonder allen bösen Wahn«, erwiderte Sengstake. »Und um schädliche Irrungen zu vermeiden, daraus Unlust, Unkosten und Schaden entstehen, und um allerhand Behinderung und Benachteiligung von gemeiner Bürgerschaft abzuwenden«, setzte Dalenborg hinzu. »Warum habt ihr, wie es eure beschworene Pflicht war, dem Rate von den Verabredungen zu der Rottierung nicht vorher Anzeige gemacht?« fragte der Bürgermeister. »Weil wir vorher nichts davon gewußt haben.« »Das ist eine verdammte Lüge!« sagte Meister Gotthard. »Ich habe glaubliche Kundschaft, daß ihr die Rotterei schon am Dienstag vor acht Tagen mit meinem Sohn und dem Schusterknecht hier im Weinkeller beraten habt.« »Ihr werdet gut bedient von Euren Kundschaftern«, bemerkte Dalenborg bissig. Der Meister gab darauf keine Antwort. Aber Töbing sprach: »Auf Halunken wie ihr muß man ein fleißiges Aufsehen haben.« »Herr Ratsherr –!« brauste Dalenborg auf. »Herr Halunke! Was beliebt?« fuhr ihn Töbing an. »Ich lasse mich nicht mit Scheltworten betasten und verunglimpfen«, versetzte Dalenborg zornrot. Töbing packte mit beiden Händen die Stuhllehne, als wollte er aufspringen. Der Bürgermeister machte jedoch eine beschwichtigende Bewegung mit der Hand, und Töbing blieb sitzen und schwieg. »Genug!« sagte Springintgut und klingelte; der Ratsdiener trat ein. »Der Schließer!« Als auch dieser kam, befahl er: »Diese beiden hochachtbaren Herren sperrst du sofort ins steinerne Weinfaß und läßt sie erst einen Tag nach der Kopefahrt wieder los. Verstanden?« »Jawohl, Herr Bürgermeister!« »Gut! Vorwärts!« »Einen Tag nach der Kopefahrt, gestrenger Herr Bürgermeister?« grinste Dalenborg höhnisch. »Das ist ja fein ausgerechnet. Also, ihr Herren, auf Wiedersehen einen Tag nach der Kopefahrt!« Dann gingen die beiden mit dem Schließer ab. Was war das? Was wollte Dalenborg mit dieser höhnischen Bemerkung sagen? – so fragten sich die drei Zurückbleibenden. »Sie haben zur Kopefahrt etwas vor«, sagte Töbing, »vielleicht wollen die Handwerksknechte doch noch losbrechen.« »Ich glaub' es nicht, Herr Ratsherr«, sprach Meister Gotthard. »Es könnte jetzt auch nicht mehr geschehen, ohne daß wir Meister vorher Wind davon kriegten.« »Gefaßt müssen wir auf alles sein«, meinte der Bürgermeister. »Schlagfertig und gerüstet!« sagte Töbing. »Auf die Gilden könnt Ihr zählen«, sprach Meister Gotthard. »Aber was Dalenborg meinte, kann ich nicht erraten.« »Es ist kein Zweifel«, sagte der Bürgermeister, »er weiß etwas, was wir nicht wissen.« »Blut und Blau!« rief Töbing. »So laß ihn doch peinlich befragen; vielleicht drückt er los. Wozu haben wir denn die hübschen Dinger da hinten in der schwarzen Kammer?« »Meinst du?« fragte der Bürgermeister. »Freilich! Und den anderen zur Gesellschaft gleich mit!« Und wieder packte er den Stuhl, daß der in allen Fugen knackte. »Laß mir nur den Stuhl ganz«, lächelte Springintgut, »der sagt dir nichts. Warten wir ab, was geschieht; gewarnt sind wir ja.« »Auch meine Meinung!« sprach Meister Gotthard und erhob sich, um zu gehen; Töbing mit ihm. »Was ich eigentlich bei dir wollte, Springintgut«, sagte er, »hab' ich nun vergessen; also auf ein andermal! Kommt, Sülfmeister! Ich bring' Euch ein Stück, daß Euch keiner was tut«, lachte er, und die beiden großen und starken Männer ließen den Bürgermeister allein in seinem Gemach. Von denen, die den Ratsherrn Ludolf Töbing mit dem Meister Gotthard Henneberg gehen sahen, dachten die einen: ›Hm! Der Ratsherr wirbt um Freundschaft bei den Ämtern, das ist ja etwas ganz Neues.‹ Und die anderen: ›Wie sich der Sülfmeister an die Großen drängt. Das war doch sonst seine Art nicht.‹ Als sich ihre Wege schieden, sprach Töbing: »Sülfmeister, wenn's losgeht – ich sag' Euch: wo ich dann hinschlage, da wächst kein Gras wieder.« »Glaub' ich, Herr Ratsherr!« lächelte der Meister. »Jeder Hieb muß eine Schmarre geben, daß ein Gaul daraus saufen kann.« Der Ratsherr lachte, daß es über die Straße schallte und sich neugierige Köpfe an den Fenstern zeigten. Sie schüttelten sich die Hände und trennten sich. Der Weg des Schließers mit den beiden Gefangenen führte von des Bürgermeisters Amtsstube in die große, überaus prächtige Gerichtslaube mit ihren herrlich gemalten Fenstern, Wänden und Deckengewölbe und ihrem bunten Fußboden, wo in rautenförmigen Fliesen der blaue Lüneburgische Löwe mit einem grünen gotischen Blattkreuz abwechselte. In dem Fußboden befand sich eine Falltür zu einer schmalen Wendeltreppe. Diese führte hinab zum Ratsweinkeller und zu der alten Luftheizungsanlage, backofenähnlichen Gewölben, durch die vermittels Röhren die große Halle der Gerichtslaube von unten her geheizt wurde. Drei Gewölbe lagen hier übereinander; das oberste war die Laube, das unterste die Herrentrinkstube des Ratskellers, der sich noch unter der Kapelle des kleinen Heiligen Geistes bis zum Ochsenmarkt hinzog. In der Mitte war das Heizungsgewölbe und dicht an der Treppe ein enger, stockfinsterer Kerker, der wegen seiner Lage über dem Weinkeller das steinerne Weinfaß genannt wurde. Dahinein wurden Dalenborg und Sengstake gesperrt, und es ward ihnen übel zu Sinne, als sie sich in der Finsternis der dicken Mauern zurechttappten, was mit wenig Schritten getan war. »Vergnügte Pfingsten!« brummte der Schließer und schob auch den letzten Riegel vor die eisenfeste Tür. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich das Gerücht durch die Stadt: der Sülfmeister hätte einen großen Gesellenaufstand unterdrückt, ehe noch irgendein anderer Bürger in Lüneburg von dem Vorhandensein eines solchen oder den Vorbereitungen dazu etwas gemerkt hatte. Wieder war er es gewesen, der die Stadt zum zweitenmal innerhalb kurzer Zeit vor Hader und Streit bewahrt hatte. Wie er nach der ratsfeindlichen Predigt am Sonntag Rogate die aufgeregten Meister mit seiner Rede im Bierkeller beschwichtigt, so hatte er jetzt draußen in der Heide ganz allein, mit dem Schwert in der Hand, die aufrührerischen Gesellen zu Paaren getrieben. Mit Stolz und Staunen, mit Dankbarkeit und Hochachtung blickten die meisten Bewohner der Stadt auf diesen ihren Mitbürger. Viele sahen auch mit Besorgnis und nicht wenige mit Neid die immer noch wachsende Gewalt des einen Mannes, der nichts weiter war und nichts anderes werden wollte als ein ehrbarer Handwerker und Amtsmeister seiner Gilde. In den Werkstätten ging es die nächsten Tage still her. Es wurde fleißig gearbeitet, aber kein lustiges Lied erklang dabei, kein munteres Scherzwort wurde laut; die Knechte ärgerten und schämten sich, und die Meister hegten Unwillen und Mißtrauen gegen sie, ersparten ihnen auch hier und da nicht bittere Vorwürfe. Die Meisterfrauen ergriffen zwei verschiedene Maßregeln gegen ihre Knechte im Hause. Die Mutigen verdroß es, daß für alle freundliche Behandlung und gute Pflege nur Unzufriedenheit und Aufsässigkeit der Lohn sein sollte, und sie beschlossen, den Undankbaren den Brotkorb fortan etwas höher zu hängen und ihnen ein ernsteres Gesicht zu zeigen. Die Ängstlichen aber, die vielleicht auch in bezug auf die Verpflegung ihrer Leute kein so gutes Gewissen hatten, suchten die Mißvergnügten durch kleine Aufmerksamkeiten versöhnlich zu stimmen, strichen ihnen die Butter dicker aufs Brot, kargten weniger mit dem Fleisch und hatten öfter ein gnädiges Wort für sie. Die so Geschmeichelten waren die einzigen, denen der Aufstand noch etwas anderes einbrachte als Rügen und Mißtrauen; sie nahmen das bessere Leben gern und gelassen hin. Dagegen hatten die Gesellen samt und sonders einen schweren Stand mit ihren Schätzen, wer von ihnen ein Schätzchen besaß. Wie auf Verabredung machten die Mädchen ihren Herzallerliebsten die Hölle heiß, und bis Pfingsten – übermorgen war Pfingstsonntag – gab es in Lüneburg keinen heimlichen Kuß. Auch Timmo hatte es die nächsten Abende nicht so gut wie sonst bei seiner Florentine, der hübschen Zofe von Frau Walpurg Grönhagen. Sie war nichts weniger als spröde, aber diesmal machte sie es wie die anderen und stellte sich auf die Seite der Meister, die von einem derartigen geheimen, aber nachdrücklichen Beistande keine Ahnung hatten. Eine Mädchenverschwörung schien die nächste Folge der Gesellenverschwörung, und die jungen Helden mußten wieder einmal alle ein und dieselbe Predigt hören mit nachdrücklichster Vorhaltung ihres Leichtsinns, sich in Dinge eingelassen zu haben, die zur Auswanderung aus der Stadt hätten zwingen können. Was dann aus ihnen armen Mädchen hätte werden sollen, von wem sie sich hätten lieben und drücken lassen sollen, mitgenommen hätten die weitherzigen Gesponse sie doch nicht. Die Gesellen mußten ihren schmollenden Liebchen alles mögliche versprechen, ehe wieder Rück und Schick in die zärtlichen Verhältnisse kam. Den traurigsten Eindruck aber machte die Kunde auf Ursula Dippold. Ihr war es kein Zweifel, daß der eigentliche Anstifter des Aufstandes Arnold war, und zwar aus Liebe zu ihr, um dadurch seinen Vater zum Nachgeben zu zwingen und sich von der Pflicht, ins Amt zu heiraten, zu befreien. Sie selber also war die freilich schuldlose Urheberin des Unternehmens gewesen, das um ein Haar die schwersten Folgen für das gesamte Handwerk in der Stadt gehabt hätte. Und wieder war es gerade Arnolds Vater gewesen, der die hochfliegenden Pläne kurzerhand niedergeworfen hatte. Der würde wohl wissen, wo er den Keim zu der Verschwörung zu suchen hatte, und sein Groll auf sie würde nun erst recht ohne Maß und Grenzen sein. Das also war Arnolds letzte Hoffnung gewesen, auf die er sie vertröstet hatte und nach deren Fehlschlägen ihnen nun nichts mehr übrigblieb, als Entsagung oder Flucht. Am Abend kam Arnold. Weder von Ursula noch von ihren Eltern hörte er ein Wort der Klage, aber in den Augen der Geliebten las er den grausamen Jammer eines verzweifelnden Herzens. Weil sie nicht fragten, so erzählte er beklommenen Mutes alles von selbst und fügte hinzu, sein Vater wäre heute drauf und dran gewesen, ihn zu verstoßen, und nur durch die heißen Bitten von Mutter, Schwester und Bruder hätte sich der Meister bewegen lassen, ihn im Brote zu behalten, aber er spräche nun kein Wort mehr mit ihm, weder bei Tisch noch bei der Arbeit, schiene ihn gar nicht mehr zu sehen im Hause. Von einem Fluchtplan sagte Arnold in Gegenwart von Ursulas Eltern natürlich nichts, und um seinen Fragen auszuweichen, geleitete sie ihn bei seinem Weggehen nicht hinaus. Auf seinen tiefen, forschenden Blick neigte sie traurig das Haupt und schwieg. Timotheus Schneck wartete am Freitagmorgen nicht ab, daß Meister Daniel sein Reisegepäck, das bekannte Paar Schuhe, unter den Arm nahm und sich auf seine Wanderschaft durch die Stadt begab, um zu Mittag mit einem ganzen Sack voll Neuigkeiten zurückzukehren, bei deren Ausschüttung er, Timmo, zweifellos weit schlechter fahren würde, als wenn er selber seinen Meistersleuten die erste Mitteilung von dem Geschehenen machte. Langsam und vorsichtig brachte er es ihnen bei und suchte es so harmlos wie möglich darzustellen. Er fing von dem schönen Regen an, wie rein und erquickend die Luft danach geworden wäre; er wäre gerade mit einigen guten Bekannten auf einem Spaziergange nach dem Mönchsgarten gewesen, und da hätte sie der Regen in der Heide überrascht. Es hätte sich eine ganze Menge Handwerksknechte dort zusammengefunden, um sich über ein paar unbedeutende Brüderschaftsangelegenheiten zu verständigen, die sie ihren ehrbaren Meistern vorlegen wollten, deren erfahrenen und günstigen Rat sie doch nicht ganz dabei entbehren möchten. Es hätte sich freilich meist um Dinge gehandelt, die ihn eigentlich gar nichts angingen, zum Beispiel um das Heiraten ins Amt, was ihm sehr gleichgültig sein könnte, denn er dächte überhaupt nicht an Heiraten. Dann wären auch noch andere Vorschläge gemacht worden, er glaubte zum Beispiel über die Mutzeit vor dem Meisterwerden; er hätte gar nicht mal recht hingehört, denn das läge ihm ja ebenso fern wie das Heiraten. Dalenborg und Sengstake wären dann auch erschienen und hätten, von einigen Gesellen befragt, ihre Meinung auch beiläufig abgegeben, aber viel Gescheites wäre dabei nicht herausgekommen. Mit einem Male wäre wie aus dem Boden tauchend der Sülfmeister dazwischen getreten und hätte auf sie losgescholten, als wenn sie mitten in einem Aufstande begriffen gewesen wären, woran noch kein Mensch gedacht hätte. Sie hätten das im Bewußtsein ihrer Unschuld ruhig über sich ergehen lassen und sich darauf still und friedlich nach Hause begeben. Die ganze Beschreibung kam nicht in einem Fluß aus Timmos Munde, sondern in einzelnen Bruchstücken, die er sich geschickt mehr abfragen ließ, als daß er sie im Zusammenhange aneinandereihte. Er wollte ja damit nur vorbereiten, um, je nachdem der Mittagsbericht Meister Daniels lauten würde, dann noch manches zu ergänzen, einzuräumen, zu drehen und zu wenden, vor allem aber sich weiß zu waschen und alle Schuld demjenigen in die Schuhe zu schieben, den man in der Stadt für den Schuldigsten außer ihm selber halten würde, mochte dies nun Arnold oder Sengstake sein. Meister und Meisterin hatten ihrem Gesellen mit aufmerksamer Neugier zugehört und in der Hauptsache Glauben geschenkt. Als er aber Sengstakes Namen in die Erzählung einflocht, war Frau Gesche mißtrauisch geworden, und als er gar das Auftreten des Sülfmeisters erwähnte, stiegen selbst Daniel bedenkliche Zweifel an der Unschuld der in der Heide versammelt gewesenen Handwerksknechte und ihrer Absichten auf, und er traf den Nagel auf den Kopf, als er am Schlusse von Timmos Mitteilungen sagte: »Kurz und gut, ihr seid gestern auf grüne Heide gegangen.« »Ah ein, Meister! Nein! So dürft Ihr's nicht gleich nennen, so böse war's nicht gemeint«, erwiderte Timmo. »Nun, wir werden ja mehr darüber hören«, sprach Gesche mit einem lauernden Seitenblick. »Daniel, da liegen deine Schuhe; mache, daß du fortkommst!« Dieser Aufforderung bedurfte es kaum, um dem Meister Daniel Beine zu machen. Im Umsehen war er wanderfertig und zum Hause hinaus. Timmo hatte nun bei der Arbeit manche ihm höchst unbequeme Frage seiner Meisterin über die näheren Umstände der gestrigen »harmlosen Besprechung von unbedeutenden Brüderschaftsangelegenheiten« während des langen Vormittags auszuhalten, wand sich aber glatt wie ein Aal aus allen ihm listig gelegten Schlingen heraus. Trotzdem war es ihm auf seinem Schusterschemel nicht recht geheuer, und daß auch der pfiffige Junge, der Hans, aus den Fragen der Meisterin allerlei Unrat witterte, bewiesen ihm dessen ängstliche, wechselvolle Gesichter. Timmo selber war übrigens darauf gefaßt, daß die Haupthandlung noch ein kleines Nachspiel haben würde, und zwar eines unter seiner mehr oder minder lebhaften Beteiligung. Er überlegte sich daher im stillen alle Möglichkeiten von rächenden Schritten, mit denen man ihm allenfalls zu Leibe gehen könnte, und der Schlaufuchs besann sich im voraus auf eine Unzahl von Winkelzügen und Seitensprüngen, um sich nicht fassen zu lassen. Endlich kam der gefürchtete Mittag heran und mit ihm Meister Daniel zurück. »Na! fing er an. »Schöne Geschichten! Dalenborg und Sengstake sitzen im steinernen Weinfaß.« »Das hab' ich mir gedacht!« rief Timmo schnell. »Ja, und nachher kommst du dran!« sagte Daniel. »Ich, Meister? Ich? Wieso denn ich?« »Du bist ja der schlimmste von allen gewesen, hast ja das Regiment geführt!« Gesche schlug die Hände zusammen; Hans sperrte Maul, Nase, Ohren und Augen auf. Timmo sagte: »Meister, dankt Eurem Schöpfer, daß ich das Regiment geführt habe. Ich allein habe noch Zucht und Ordnung gehalten; sonst wäre alles drüber und drunter gegangen, und sie hätten euch diese Nacht die Häuser über den Köpfen angesteckt.« »Ach du mein Himmel!« jammerte Daniel. »Was muß man alles erleben! Gesche, es ist 'ne Tränenwelt! Können wir essen?« »Wenn ich nicht gewesen wäre, Meister«, sprach Timmo weiter, »so wäre heute kein Handwerksknecht mehr in Lüneburg. Denn das war Sengstakes Wille; wir sollten alle fremd werden.« »Sengstake?« fragte Daniel. »Ja, und Dalenborg. Denen geschieht ganz recht, daß sie eingesperrt sind. Wie lange müssen sie denn sitzen?« »Weiß ich nicht, aber nur Geduld! Du kommst auch noch dran.« Sie setzten sich zu Tisch, und wenn Blicke aus weiblichen Augen töten könnten, so hätte Timmo diesen Mittag an vergiftetem Lammfleisch sterben müssen. Am Nachmittag blieb der Meister zu Hause, denn er besorgte, Timmo würde in seiner Abwesenheit davonlaufen, ehe der Fron käme und ihn abholte, was Daniel bestimmt erwartete. Timmo dachte nicht an Fortlaufen, sondern wurde mit jeder schwindenden Viertelstunde vergnügter in der Hoffnung, daß man ihn ungeschoren lassen würde. Hans war gegen Abend einen Weg ausgeschickt. Plötzlich kam er zur Werkstatt hereingesprungen und rief: »Meister Hesterwegen kommt!« »Ach du lieber Gott!« barmte Daniel. »Viel Glück auf den Weg!« nickte Gesche ihrem Gesellen hämisch zu. »Der Amtsmeister ist nicht der Büttel«, sagte Timmo ruhig und zog sich in Gedanken sein dickstes Fell wie einen Harnisch an. »Gott ehr' ein ehrbar Handwerk!« sagte der Amtsmeister beim Eintreten. Diesmal fehlte der Gruß nicht, und Daniel antwortete: »Willkommen wegen des Handwerks!« Dann wies er auf Timmo: »Da sitzt er; ich weiß von nichts, ich bin unschuldig.« »Schon recht, Daniel«, sprach Hesterwegen, »aber ein gutes Licht wirft es auch auf Euch nicht, daß Euer Knecht die Rotterei ins Werk gesetzt und das Regiment dabei geführt hat. In der ganzen Stadt heißt es: Daniel Spörken sein Knecht war's; da muß schlechte Zucht im Hause sein. Das macht Euch und unserem Schusteramt wenig Ehre.« »Nun krieg' ich's wieder!« seufzte Daniel. Liebesblicke waren es nicht, die Gesche an Hesterwegen und Timmo gleichmäßig austeilte. »Ich soll im Auftrag eines hochedlen Rates Eurem Knechte hier ernstlich zu Wege sagen und ihm gebührendermaßen einen scharfen Verweis geben«, sprach der Amtsmeister. »Steh mal auf, Darmstädter! Und gib fein Achtung, was ich dir sage.« »Jetzt kommt's!« dachte Timmo. »Aber es ist ein Übergang.« Er erhob sich und stellte sich vor den Amtsmeister hin. »Du bist ein Friedensstörer«, begann Hesterwegen, »ich weiß nicht, ob aus Unverstand oder aus mutwilliger Bosheit. Wer aber einen Aufstand macht, die Meister lästert und drängt und zu Kummer, Kosten und Schaden bringt, und welcher Knecht seines Meisters Brot schändet, dem soll auch der Meister den Tisch zu decken nicht schuldig sein, den soll der Meister nicht setzen, nicht hausen und hofen, nicht halten und herbergen, der soll aus der Stadt verfestet und friedlos gelegt werden auf ewige Zeiten. Das merke dir, Darmstädter! Und wenn dir's in Lüneburg nicht bequem ist, so kannst du ja von deinem ehrbaren Meister fein säuberlich Urlaub nehmen und zum Tore hinauswandern, es soll dir die Hacken nicht abschlagen, so gern wir es auch hinter dir zumachen werden. Läßt du dich aber noch einmal auf krummen Wegen betreten, so wollen wir dich vor die Wette bringen, und du sollst deine Strafe nicht wissen.« »Amtsmeister, ich bin unschuldig!« sprach Timmo. »Ein Hans Narr bist du!« fuhr ihn der Amtsmeister an. »Schweig, um Gottes willen, still und schreib dir's hinters Ohr, was ich dir eben noch viel zu glimpflich gesagt habe. Und Ihr, Daniel, habt ihn in guter Versorgung zu halten und bei rechter Zeit mit Tür und Angel zu verschließen; das ist Eure schuldige Pflicht bei Verlust des Amtes und der Freiheit.« »Ach, du lieber Gott! Ich Unglücksmensch!« sagte Daniel. Hesterwegen ging. Als er fort war, sprach Timmo zu seiner Gebieterin: »Meisterin! Nun tut mir mal den Gefallen und sagt kein Wort, wenn Ihr das fertigbringen könnt. Ich pflanze Euch zu Pfingsten einen Maibusch vor die Tür, der sich gewaschen haben soll.« Gesche schluckte eine lange Rede wirklich herunter; Daniel war froh, daß alles noch so gut abgelaufen war, und noch froher war Timmo, daß er nicht auch hinter Schloß und Riegel gesetzt wurde, denn in diesem traurigen Falle hätte er ja das Kopefahren versäumen müssen, was ihn sehr hart angekommen wäre. Als aber in der Sonntagsfrühe die große Apostelglocke auf dem Johannisturm mit tiefem Klange das Pfingstfest einläutete und alle anderen Glocken der Stadt feierlich einstimmten, stand vor jeder Haustür in Lüneburg der hellgrüne Schmuck des Frühlings, und der vor Daniel Spörkens Löwengrube konnte sich neben den anderen sehen lassen. Auch vor dem kleinen, baufälligen Hause auf der Rübekuhle zitterte eine junge Birke mit ihren zarten Blättern in der sanft bewegten Morgenluft, und Ursula wußte wohl, wer sie aus der Heide geholt und ihr als stillen Liebesgruß heimlich an die Tür gestellt hatte. Einundzwanzigstes Kapitel Das Pfingstfest fand die Bürgerschaft Lüneburgs in ziemlicher Eintracht und einigermaßen wiederhergestelltem Frieden zwischen Meistern und Gesellen, und doch ward es in diesem Jahre nicht mit so ungetrübter Maienluft gefeiert wie sonst. Verschiedene Umstände gaben ihm ein ernsteres und stilleres Gepräge. Ein kleiner Stachel des Unmutes über den Aufstandsversuch der Handwerksknechte war doch in den Gemütern der Meister und Meisterinnen steckengeblieben, und auch die Einkerkerung Dalenborgs und Sengstakes fand nicht überall den gleichen Beifall. Zwar die Handwerksmeister, die in jenen die Verführer der Gesellen erblickten, gönnten ihnen die Strafe als wohlverdient und noch viel zu gelinde. Die beiden Aufwiegler hatten sich indessen, namentlich unter den grundsätzlichen Gegnern des Rates, schon eine erkleckliche Zahl von Anhängern zu verschaffen gewußt, die den eigentlichen Zweck des Gesellenaufstandes als mit seiner Spitze gegen den Rat gekehrt erkannten oder wenigstens vermuteten, und diese bedauerten die ihrer Freiheit Beraubten. Die Freudigkeit aber, die eine warme, lachende Pfingstsonne in die Menschenherzen hineinstrahlt, ließ diese mißvergnügten Stimmungen nicht zum offen störenden Ausdruck kommen, und man hätte sich vielleicht den althergebrachten Belustigungen gern hingegeben, wenn nicht noch ein dritter Grund gewesen wäre, weshalb man sie unterließ oder doch sehr einschränkte. Dieser dritte Grund war die Aussicht auf ein unmittelbar nach den Pfingsttagen anberaumtes Fest, das für die Stadt Lüneburg von großer, volkstümlicher Bedeutung war – das geräuschvolle Fest des Kopefahrens. Das merkwürdige Fest verdankte seinen Ursprung dem Herzog von Braunschweig-Lüneburg Johann dem Friedfertigen, der wegen seiner Leutseligkeit und Freigebigkeit so beliebt war, daß, als er im Dezember 1277 zu Dalenburg starb, die trauernden Ritter seinen Leichnam auf ihren Schultern nach dem drei Stunden entfernten Lüneburg zu Grabe trugen. Dieser edelmütige Fürst stiftete, um Lust und Liebe zur Förderung des Salzwerkes zu erregen, im Jahre 1273 ein seltsames Ritterspiel, welches darin bestand, daß der neugewählte Sodmeister, gefolgt von berittenen Sülfmeistern, Ratsherren und wohlhabenden Bürgern, ein großes, mit Steinen gefülltes Weinfaß, durch das eine Achse gelegt war, mit zwei davor gespannten Hengsten im Trabe durch die Stadt schleifen mußte. Dieses Faß, das man die Kope oder Kufe nannte und das dem Feste den Namen gab, wurde dann auf dem Platz an der Sülze unter Trompetenschall verbrannt, und das Fest endete mit Gelagen in den Trinkstuben und mit Schmaus und Tanz auf dem Rathause. Der eigentliche Tag des Festes war der Donnerstag nach Septuagesimä, aber während der Rechtsstreit des Rates mit den Prälaten am Kaiserlichen Hofgericht zu Wien schwebte, hatte man es verschoben, und nun sollte es endlich am Mittwoch nach Pfingsten begangen werden. Im Hinblick darauf versagten sich die Lüneburger diesmal alle Lustbarkeiten in den Pfingsttagen, ließen nur die Arbeit ruhen, gingen fleißig in die Kirche und machten Spaziergänge in den Gärten und in die nächste Umgebung der Stadt. Auch jenem Platz in der Heide hinter dem Mönchsgarten statteten viele Bürgersleute einen neugierigen Besuch ab, besahen sich mit leisem Schaudern die Stätte, an der so aufrührerische Worte gefallen waren, betrachteten die Aschenhaufen der erloschenen Feuer und suchten den Kiefernbusch, hinter welchem der Sülfmeister als unbemerkter Zeuge der schandbaren Verhandlungen sich verborgen gehalten haben mochte. Dabei machten sie ihren Gefühlen in mehr oder minder mißbilligenden Bemerkungen Luft, kehrten dann wieder um mit dem tröstlichen Bewußtsein, doch wenigstens die Stelle gesehen zu haben, von der leichtlich Mord und Totschlag hätte ausgehen können, und lobten den lieben Gott und den braven Sülfmeister, die beide, der eine in seiner Weisheit und Gnade, der andere mit seinem Mut und seiner Tatkraft, das Unglück von ihrer guten Stadt Lüneburg noch einmal abgewendet hatten. So vergingen die zwei Pfingsttage still und ruhig. Am dritten Tage, dem Dienstag, wurde der neue Sodmeister, Herr Wigand Kruse, in dem großen Sodmeisterkörgemach des Rathauses vor versammeltem Rat und in Gegenwart vieler Sülfmeister und der obersten Sülzbeamten vom Bürgermeister Springintgut vereidigt. Erst war feierlicher Kirchgang und Gottesdienst in Sankt Michaelis gewesen, dann hatte der Bürgermeister im Körgemach dem Sodmeister den Eid gestabt und ihm aus dem großen silbernen Sodmeisterpokal die Schlüssel zugetrunken. Die Handwerksarbeit ruhte auch an diesem Tage, denn eine andere, fröhlichere Beschäftigung füllte die Stunden. Die Knechte und Knaben holten aus der Heide und den Gärten große Mengen von grünen Zweigen und Blumen, die Frauen und Mädchen flochten daraus Kränze und wanden Laubgehänge, und die Männer reichten ihnen die zurechtgeschnittenen Reiser, die Blätter und Blumen zu, wobei es heiteres Geplauder, viel Scherz und Kurzweil gab. Gegen Abend fing man mit dem Ausschmücken der Häuser an, und als die Sonne am anderen Morgen die steilen Dächer, die zahllosen zackigen Giebelspitzen und hochaufstrebenden Türme der alten, lustigen Hansestadt bestrahlte, spielten in ihrem Schein an allen Ecken und Enden blinkende Farben. Fahnen, bunte Decken und Teppiche hingen überall aus Fenstern und Luken; Türen und Außenwände bis hoch hinauf waren mit Laubgewinden behangen, von denen viele quer über die Gasse von einem Hause zum anderen gespannt waren, mit Sinnsprüchen und flatternden Bändern geziert. Die reichen Geschlechter hatten ihre schön gemalten Wappenschilder, die Handwerker ihre Handwerkszeichen außen an den Häusern befestigt, und die Wahrzeichen der Gildehäuser und Trinkstuben, die an eisernen Armen in die Straße hineinreichten, waren lieblich mit Blumen bekränzt. Der frische, lebendige Schmuck vereinigte sich mit dem Starren und Eckigen der ragenden Giebel zu einem herrlichen Bilde, das der ganzen Stadt ein heiteres und hochfestliches Gepräge verlieh. Überaus stolz und prächtig machte sich das Rathaus. Die dicken Pfeiler der unteren Bogen waren grün umwunden; über die Brüstung des offenen Laubenganges darüber hingen in seiner ganzen Breite Purpurdecken mit Goldfransen; aus dem mittelsten Fenster des oberen Geschosses schwebte ein mächtiges Banner hernieder mit dem großen Lüneburger Wappen, ein dreitürmiges Stadttor, in dem auf schräg gestelltem Schilde der springende blaue Löwe im goldenen Felde war. Von jedem der sechs Rathaustürme wehte ein Kranz von Fahnen, und sämtliche Fenster waren blumenumrankt. Auch auf den Zinnen aller anderen Türme der Stadt waren Wimpel aufgehißt und Stangen mit Kränzen und lang herabwallenden Tüchern ausgesteckt; die Straßen waren mit weißlichem Sand, mit Zweigen und Blättern und Blumen bestreut. Nur zwei Häuser standen, jeglichen Schmuckes bar, trotzig und traurig inmitten ihrer bekränzten Nachbarn. Sie hatten freilich wenig Anlaß, sich schmücken zu lassen, denn es waren Dalenborgs Haus in der Großen Bäckerstraße und Sengstakes am Sande. Auch die Menschen in Lüneburg legten schon früh ihre besten Gewänder an, und ein hochedler Rat drückte gnädig ein Auge zu, wenn die Frauen die strengen Gebote der Kleiderordnung mit köstlicherem Pelzbesatz, mit breiteren Borten und Spitzen, mit schweren Goldketten und Geschmeide, als den verschiedenen Ständen zu tragen erlaubt war, zu erhöhtem Glanze des Festes heut überschritten. Bald war es lebendig auf den Straßen. Handwerker und Sülzarbeiter begaben sich zu ihren Sammelplätzen, Werkzeuge oder Sinnbilder, mit Bändern und Blumen geschmückt, in den Händen. Prächtig geschirrte Rosse wurden vorgeführt, reitende Diener des Rates, Trompeter, auch schon einzelne Sülfmeister ritten dahin, und mit jeder Minute stieg die freudige Stimmung. In allen Fenstern und Luken zeigten sich lachende Gesichter, auf aller Treppen und in allen Türen drängten sich Schaulustige, und in den Straßen wogte es von Neugierigen aus Gassen, welche der Zug nicht berührte. Wo sie nur konnten, nestelten sie sich bei begünstigteren Hausbesitzern an, auch bisher Unbeachteten mit einschmeichelnder Gunst begegnend, um die Gastfreundschaft eines guten Platzes zu genießen. Die Jugend, Schüler und Lehrjungen, lärmte und tobte umher, und die Ratsdiener hatten Mühe, Ordnung zu halten und freien Raum für den Zug zu schaffen. Was heute nicht bettlägerig, krank oder nicht riegelfest eingesperrt war, das war auch auf den Beinen oder an den Fenstern. In der Rothen-Hahn-Straße schallte Hufschlag. Ilsabe sprang mit Lutke aus der Haustür und klopfte dem kräftigen Braunen den glatten Hals und strich ihm die lange, mit roten Bändern durchflochtene Mähne, den Herr Heinrich Viskule seinem Freunde Gotthard Henneberg gesattelt und gezäumt sandte. Der Meister saß auf, schwertumgürtet, mit federgeschmücktem Barett, und wie der stattlichste Ratsherr sah er aus, als er grüßend von dannen ritt. Seine Frau und Tochter begaben sich zu Hans Laffert, um auf dessen freundliche Einladung den Zug von seinem Hause aus mit anzusehen. Seine Söhne und Jakob waren bei ihren Handwerksgenossen. Endlich erklangen die Glocken, und das Kopefahren nahm seinen Anfang. Auf dem freien Platz an der Sülze hielten die berittenen Herren und ihr Gefolge. Als der Sodmeister einen der vor die Kope gespannten Hengste bestiegen hatte, trat eine hübsche, junge Sülzarbeiterin mit einem weingefüllten Becher an ihn heran und sagte den Spruch:     »Aus Erdenschoße quillt im Sod Für reich und arm das Salz zum Brot, Ist ein Gewürze, rein und gut, Macht frohes Herz, gibt Bein und Blut. Wollt Ihr des Sodes Meister sein, So nehmet, Herr, und trinkt den Wein Und sprechet: Lüneburger Salz, Gott hat's gegeben, Gott erhalt's!« Herr Wigand Kruse nahm den ihm von der Sprecherin kredenzten Pokal, und sich in den Bügeln hebend, schwang er ihn den Versammelten zu mit dem Rufe: »Heil allweg Lüneburger Salz! Gott hat's gegeben, Gott erhalt's!« Nachdem er getrunken, gab er den Becher an den Barmeister weiter und verehrte der jungen Schönen ein silbernes Halskettlein mit einer Schaumünze daran, zum freundlichen Gedächtnis. Dann sprengte der Reiterzug mit lautem Getöse in die Stadt hinein. Zwei Vorreiter eröffneten ihn; Trompeter folgten; dann kam der Sodmeister mit der Kope dahergerasselt, und ein großes Vergnügen schien die Erfüllung der sonderbaren Amtspflicht Herrn Wigand Kruse nicht zu machen; er trieb die Hengste, um so schnell wie möglich das abenteuerliche Fuhrwerk zu Ende zu bringen. Ihm folgten zwei Nachreiter; sodann die beiden Bürgermeister und sämtliche Ratsherren, alle prächtig gekleidet und vortrefflich beritten; darauf im stolzesten Aufzuge die den Glanz und die Ehre des Festes ganz besonders in Anspruch nehmenden Sülfmeister, unter denen alle reichen Geschlechter der Stadt vertreten waren, aber auch einfache, wohlhabende Bürger nicht fehlten; hinter ihnen der Barmeister mit den Beamten der Sülze, und an diese schlossen sich andere Bürger, wer nur ein Roß zu besteigen hatte oder auftreiben konnte; endlich die Söhne der vornehmen Geschlechter, die allzeit übermütigen Stadtjunker. Reitende Ratsdiener machten den Schluß. Von weitem schon verkündete das Jauchzen der Menge, das fürchterliche Gepolter der schweren, mit Steinen gefüllten Kope und Pferdegetrappel das Nahen der Kopefahrer, wie sie durch die Hauptstraßen der Stadt und längs der dort aufgestellten Gewerke angebraust kamen. Da trabte schlank und leicht manch edles Pferd, trottete plump und schwer manch derber Gaul, der in seinem gewohnten Siedelzeug vor dem Lastwagen nicht auf den Gedanken gekommen war, heut als bunt aufgeputztes Reitpferd in einem so festlichen Zuge glänzen und gleißen zu sollen. Da schwankte auch mancher behäbige Bürger im Sattel, dem man es ansah, daß er sich in den Bügeln nicht mehr recht zu Hause fühlte und lieber zu Fuß ginge, wenn er nicht heute den Sülfmeister zeigen müßte. Der Sodmeister und ebenso Bürgermeister und Rat wurden überall mit freudigen Zurufen begrüßt, was sich die Herren mit großer Befriedigung als ein Zeichen treuer Anhänglichkeit an ihr Stadtregiment deuteten. Wo aber mit den zahlreichen Sülfmeistern auch Gotthard Henneberg gar herrlich zu Roß auf dem stattlichen Braunen erschien, da ward er mit endlosem Jubel empfangen und mehr gefeiert als der Rat. Und als auf den feurigsten Hengsten und in den prunkendsten Gewändern die Junker angeritten kamen, da wehten und winkten ihnen Tüchlein und Schleier aus den Fenstern zu, Blumensträußchen regneten auf sie herab. Nun zogen in geschlossenen Reihen mit Bläsern an der Spitze die Handwerker, Meister und Gesellen, mit ihren Fahnen, Zeichen und Geräten durch die Stadt, nickten den Frauen und Schätzen an den Haustüren zu und freuten sich schon auf Trunk und Tanz am Abend. Zuletzt kam die große Schar der Sülzarbeiter, Männer, Frauen und Mädchen, alles was auf oder von der Sülze Nahrung hatte. Sie wurden heut auf Kosten der Sülfmeistergilde festlich bewirtet. Während des Zuges klangen die Glocken von allen Kirchtürmen, und in ganz Lüneburg war Friede, Freude und Einigkeit, und von Groll und Zwietracht keine Spur. Das fröhliche Kopefahren brachte alle Herzen zusammen, legte alle Hände ineinander, und der reiche Segen, der draußen am Sülztor aus der Erde quoll, schuf der Stadt eine freudvolle Gegenwart und verhieß ihr eine glückliche Zukunft. Der Nachmittag war wieder anderen Vergnügungen gewidmet. Die Junker und einige ältere Geschlechterherren hielten ein glänzendes Reiterspiel und fröhliches Lanzenstechen ab, von Zuschauern umlagert. Zu einer späteren Stunde ward auf dem freien Platz an der Sülze die Kope verbrannt. Sie ward ihrer Steine entledigt, auf einen Scheiterhaufen gestellt, mit Holz und Teer gefüllt und dann angezündet. Sülzarbeiter, Handwerksknechte und Jungen, viele in närrischen Vermummungen, umtanzten und umsprangen sie singend und lärmend, während ein dicker Qualm sich über die Sülze hinwegwälzte und weit in die Heide hinauszog. Dazu ließ der Stückmeister auf dem Walle wiederholt einige Donnerbüchsen lösen. Gegen Abend begab sich alles Volk in die Trinkstuben, wo keine Bank und kein Stuhl unbesetzt blieb, und wer es nicht selber getan hatte, der ahnte wohl nicht, daß mancher entschlossene Bürger heimlich Schwert, Spieß und Harnisch sich zu Hause griffbereit hingestellt hatte, um für den Fall eines ausbrechenden Kampfes schnell gerüstet zu sein. Die Waffen blieben jedoch unberührt, nur friedliche Tänze verlangten Raum, und so viel auch heute getrunken wurde, nach Blut dürstete niemand. Am Abend strahlte das Rathaus in hellem Lichterglanz. Die Familien der Ratsherren, der Sülfmeister und des gesamten Stadtadels waren in dem großen, reichgeschmückten Saale und seinen Nebenräumen zu rauschender Lustbarkeit versammelt. Was sich an Macht und Ansehen, an Schönheit und Kostbarkeit in Lüneburg aufbringen ließ, das war heute, an diesem höchsten Festtage der Stadt, hier beisammen, selbstbewußte, stolze Männer, schöne Frauen und schöne Gewänder, blitzende Augen und blitzende Geschmeide, erfahrenes Alter und mutwillige Jugend. Auf Prunkschreinen und Kredenztischen stand das Silberzeug des Rates, weit über hundert Schüsseln und Schalen von kunstvoller Arbeit und in den oft seltsamsten Formen. Meister Ambrosius von dem Rhyne machte den Obermundschenk und ließ von den festlich gekleideten Ratsdienern die besten Weine seines Kellers herumreichen. Und die Weine taten ihre Schuldigkeit, sie hoben die Stimmung, öffneten die Herzen, lösten die Zungen der fleißigen Trinker, und des Rates Spielleute bliesen dazu manch tapferes, anmutiges Stücklein. Die Gäste saßen an größeren oder kleineren Tischen zusammen oder bewegten sich frei durcheinander, tauschten höfliche Grüße und ergötzten sich mit Plaudern und Lachen, mit schmiegsamen Geflüster und beredtem Augenspiel, lebenslustig, genußfroh, sorglos. Meister Gotthard Henneberg war der einzige Handwerker in der Gesellschaft, und viele machten sich gerade heute den Spaß und nannten ihn, den einen unter so vielen, kurzweg Sülfmeister oder auch Herr Sülfmeister, und er ließ es sich lächelnd gefallen, denn er wußte, daß sie es nur gut meinten und ihn damit auszeichnen und ehren wollten. Arnold fehlte, und Lutke, obschon ein Sülfmeistersohn, war als Lehrjunge noch nicht hoffähig zu Rathause; aber Frau Johanna, Ilsabe und Gilbrecht waren natürlich zugegen und wurden von allen Seiten mit großer Freundlichkeit behandelt, was Meister Gotthard wohlgefällig bemerkte. Der zweite Bürgermeister, Herr Albrecht von der Mölen, schüttelte Gilbrecht die Hand und erinnerte ihn an ihre Begegnung in Celle; er nannte ihn hier nicht du, obwohl Gilbrecht als Handwerksknecht eine höflichere Anrede nicht beanspruchen konnte und dies in seiner Bescheidenheit auch nicht tat. »Ihr habt mit meinem Briefe unserer guten Stadt vor sechs Wochen eine üble Nachricht heimgebracht, Gilbrecht«, sprach Herr von der Mölen. »Aber es war glücklicherweise nur ein blinder Schreck; es ist alles gut abgelaufen, und sie getrauen sich nicht, uns an den Kragen zu kommen«, fügte er lachend hinzu. »Es ist mir ein doppelter Trost, Herr Bürgermeister«, antwortete Gilbrecht, »daß alle Sorge vorüber ist und ich nicht zum Unglücksraben an meiner lieben Vaterstadt geworden bin.« »Euch hätte man es gewiß weniger entgelten lassen als mich«, sagte der zweite Bürgermeister und schritt weiter im Saale. Gilbrecht und Hildegund Viskule hatten schon viel freundliche Worte miteinander gewechselt, aber er konnte sich ihr heute nicht oft nähern, so bequem sie ihm das auch zu machen suchte. Sie war stets von anderen, ihr befreundeten Geschlechterfräulein und von vornehmen Junkern umgeben. Ähnlich erging es Ilsabe mit Balduin, nur daß dieser nicht von vielen, sondern nur von einer gefesselt ward, und diese eine war Frau Walpurg Grönhagen. Die junge Witwe hatte, wie immer, so auch heute wieder verstanden, ihre eigentümliche Schönheit durch ein Gewand, das ihre reizenden Formen in schicklicher Weise zur vollen Geltung brachte, noch zu heben. Schwellende Rosen gereichten ihrem dunklen, zierlich und üppig geordneten Haar zum bestgewählten Schmuck. Eine prächtige Kette von funkelnden Edelsteinen zog die Blicke auf sich und damit auch auf den schimmernden Hals, den das Kleinod umschloß. Ein knappes Mieder, an Brust und Rücken tief ausgeschnitten, umfing die tadellos geformte Büste, und die lang herabfallenden Ärmel waren vorn bis hoch hinauf offen, um blendende Arme zu zeigen. Ein kostbarer Gürtel glitzerte auf dem tiefroten Samtkleide, das vorn keilförmig geteilt, schweren, reichgemusterten Silberstoff sehen ließ. So verschwenderisch war Ilsabe nicht gekleidet. In ihrem blonden Haar, das aufgelöst in langen, mächtigen Wellen über den Rücken herabfloß, trug sie einen Efeukranz, und ein lichtblaues, mit Goldstickereien umsäumtes Gewand umhüllte ihre schlanke, volle Gestalt. Um die Hüften hatte sie die silberne Kette geschlungen mit der schönen Ledertasche daran, die Gilbrecht ihr aus Mainz mitgebracht hatte. Statt Perlen und Smaragden waren blühende Jugend und entzückende Anmut die Juwelen ihrer holden Erscheinung. »Blond und blau, ein großes Vergißmeinnicht!« hatte Walpurg sie spöttelnd genannt, als sie von Frau Alheid Schomaker auf die Böttchertochter aufmerksam gemacht wurde. »Aber hübsch ist sie doch, sehr hübsch!« hatte Leonhard Düsterhop dazu bemerkt. »Ich glaube, die hat Kraft in den Armen, und wen sie festhalten will, der kommt gewiß so leicht nicht los.« »Ei, Junker, versucht es doch einmal!« hatte Walpurg erwidert. Aber Leonhard hatte den Kopf geschüttelt und lächelnd Alheid angeblickt. Balduin hatte zu Anfang des Festes Ilsabe mit der alten Herzlichkeit begrüßt und sich so vertraulich mit ihr unterhalten, daß auch nicht der leiseste Schatten auf die fröhliche Begegnung gefallen war. Auch Ilsabe war dabei unbefangen heiter gewesen und hatte mit strahlenden Augen die prächtige Gestalt des Jugendfreundes betrachtet. Er trug einen anschließenden Lendner von gepreßtem, rötlichviolettem Samt, mit dunklem Pelz besetzt und an Brust und Nacken dreieckig ausgeschnitten, daß ein Untergewand von Goldbrokat sichtbar wurde, aus diesem Stoff waren auch die kurzen Oberärmel. Die Unterärmel und enganliegenden Beinkleider waren von Seide in derselben Farbe wie der Lendner. Auf dem Hinterhaupt saß in dem dunkellockigen Haar ein purpurrotes Samtkäppchen. Eine lange goldene Halskette mit einem Kreuz von Rubinen, ein kunstvoll silberbeschlagener Gürtel mit Ledertasche und Dolch in silbergetriebener Scheide und spitze Samtschuhe vollendeten den kleidsamen Anzug. Unter den großen, vergoldeten Leuchterkronen stehend, deren jede in den vielästigen Eisenarmen das hölzerne bunt angemalte Bild eines Heiligen trug, hatten die Viskules mit den Hennebergs die farbenreichen Prachtgewänder der übrigen Gäste, als sie den Saal betraten, gemustert und bewundert und sich dann unter die stets zahlreicher werdende Gesellschaft gemischt. Seitdem aber Frau Walpurg Grönhagen erschienen war, hatte Balduin nur noch für sie Augen und Ohren gehabt und war nicht mehr von ihrer Seite gewichen. Die beiden hatten sich so viel zu erzählen, zu flüstern und zu lächeln, ihre Blicke trafen sich mit solcher Glut, daß jeder, der es sah, auf ein inniges Verhältnis zwischen ihnen schließen mußte. Walpurg beabsichtigte offenbar, ihre Vertrautheit mit Balduin Viskule allen Anwesenden, besonders der von ihr gehaßten Ilsabe recht vor Augen zu führen, um dieser jede Hoffnung auf den zu nehmen, den sie schon als ihr gehörig betrachtet zu sehen wünschte. Balduin aber, statt mit Selbstbeherrschung sich und die leidenschaftliche junge Frau in geziemenden Schranken zu halten, fühlte sich durch die unverhohlen kundgegebene Neigung der verführerischen Witwe geschmeichelt und gab ihren gefallsüchtigen Lockungen in einer Weise nach, als wollte auch er sich mit seinem Sieg über die Vielumschwärmte brüsten. So glich ihr übermütiges Spiel einem Wettlauf, in dem sich jeder von beiden für den Überwinder des anderen hielt. Ilsabe bemerkte dieses auffällige Treiben mit blutendem Herzen. In raschem Wechsel überkam sie erst eine niederschmetternde Verzweiflung und dann ein sich hoch aufbäumender Stolz. Sie wollte jenen beiden nicht zeigen, daß sie nicht wie eine Verschmähte trauerte, sondern daß sie auch mit anderen sich ihres Lebens freuen und mit den Frohen fröhlich sein konnte. So nahm sie denn alle Kraft zusammen und ergab sich, jede Schüchternheit überwindend, einer ausgelassenen Lustigkeit, so daß alle an dem herrlichen Mädchen mit dem langen, prächtigen Blondhaar ihre Verwunderung und Freude hatten, ihre Eltern nicht am wenigsten. Wie von allen die Schönste, schien sie auch von allen die Glücklichste zu sein, und sobald der Tanz begann, kam sie nicht zum Sitzen, denn einer nach dem anderen von den Junkern forderte sie zu Reigen und Rundtanz. Als aber auch Balduin kam und sie zum Tanz werben wollte, versagte sie sich ihm. »Wie?« fragte er höchst erstaunt. »Du willst nicht mit mir tanzen, Ilsabe?« »Nein!« erwiderte sie kurz und bestimmt. »Warum denn nicht?« »Weil ich nicht will!« sprach sie trotzig, ließ ihn stehen und warf sich mit einer schier wilden Hast Rudolf von Sankenstede in die Arme, der eben auf sie zugeschritten kam. Balduin war wie vor den Kopf geschlagen, nachdenklich schlich er beiseite und tanzte an dem ganzen Abend keinen Schritt mehr, auch nicht mit Walpurg, was Ilsabe keineswegs entging. Mit dem Beginn des Tanzes setzten sich die älteren Herren an die Tische zu einem fröhlichen Trinken. Gotthard Henneberg saß mit Heinrich Viskule und Marquard Mildehövet zusammen. Sie waren guter Dinge, und Meister Ambrosius sorgte dafür, daß ihre Becher stets gefüllt wurden, denn er kannte aus langer Erfahrung den Lieblingswein jedes einzelnen. »Sülfmeister und du, Viskule«, begann Marquard Mildehövet, »das muß ich sagen, eure zwei Mädels – das Herz lacht einem im Leibe, wenn man sie ansieht. Jetzt tut mir's doch leid, daß ich um eine Frau zu kurz gekommen bin; was gäb' ich nicht darum, wenn ich so ein Mädel hätte!« »Ja, ja, Alterchen!« sagte Heinrich Viskule. »Nun siehst du's ein, wie es mit einem einläufigen Mann in seinen alten Tagen bestellt ist. Vor dreißig Jahren hab' ich dich genugsam ermahnt, dich daranzuhalten, aber da hat er mit allen getanzt und um keine gefreit, und nun ist es doch wohl zu spät dazu.« »Ach ja, schon lange«, seufzte Mildehövet. »Wer weiß, Herr Ratsherr!« lächelte Meister Gotthard, »wenn Ihr's doch noch versuchtet. Ich glaube nicht, daß Ihr überall vergebens anklopfet. Sie haben Euch alle lieb, die schönsten Frauen und die jüngsten Mädchen.« »Nähmet ihr mich zum Schwiegersohn, Gotthard?« fragte der Ratsherr schmunzelnd. »Oh, das – das käme auf meine Tochter an; fragt sie doch mal.« »Werde mich wohl hüten«, lachte Mildehövet; »wäre auch schade um das Mädchen.« »Marquard, was krieg' ich, wenn ich dir noch eine Frau verschaffe?« fragte Viskule. »Du? Du mir eine Frau verschaffen?« sprach Mildehövet und blickte den Freund etwas mißtrauisch von der Seite an. »Du wärst wohl imstande, dich mir zuliebe von deinem ehr- und tugendsamen Fräulein Barbara von Erpensen zu trennen? Höre, Bruder – brauchst es ihr nicht wieder zu sagen –, aber, nimm's nicht übel! –« »Na, schon gut!« lachte Viskule. »Aber an die Barbara hab' ich nicht gedacht, die ist auch viel zu fromm für dich alten Heiden; ich weiß Jüngere.« »Ich weiß eine!« rief Meister Gotthard rasch. »Die nimmt Euch. Seht mal, da hinten sitzt sie; die mit dem ganz hohen Kopfputz.« Der Ratsherr drehte sich bequem und gemächlich auf dem Stuhl herum und sagte: »Henriette Dukel meint Ihr?« »Jawohl! Ist eben in den Dreißigen. Was habt Ihr an ihr auszusetzen?« »Ist mir zu schlank«, schüttelte Mildehövet und zog die Augenbrauen zusammen und den Mund in tiefe Falten; »ich kann die Dünnen nicht leiden.« »Nun, was meint Ihr denn zu Bertha Bischoping da drüben?« fragte Meister Gotthard wieder. »Ist hübsch rundlich und noch jünger als die Dukel.« »Ist auch nichts«, sagte Mildehövet, sich lässig nach der anderen Seite wendend; »aber da kommt die rechte; die nähm' ich, wenn sie mich nähme.« Und sein ganzes Gesicht strahlte in einer rosigen Heiterkeit. »Was? Bist du toll, Alter?« lachte Viskule. »Was finge die wohl mit dir an?« »Still! Sie kommt«, sprach Meister Gotthard. »Soll ich sie mal fragen?« flüsterte Mildehövet und gab seinem kurzen, breiten Körper mit einer fast jugendlichen Bewegung eine möglichst straffe Haltung. »Nur zu!« kicherte Viskule. »Frage sie mal.« »Schönste, holdeste Frau!« redete Mildehövet Frau Walpurg Grönhagen unternehmungslustig an, als sie eben dicht an ihm vorbeigehen wollte. »Ich bitt' Euch! helft mir aus der Verlegenheit. Denkt Euch! Meine beiden würdigen Freunde hier wollen mich durchaus verheiraten.« »Da würden sie ein gutes Werk stiften«, lächelte Walpurg. »Und was ich dabei helfen kann –« »Wirklich? Seid Ihr auch der Meinung? Glaubt Ihr, daß es noch Zeit wäre?« fragte Mildehövet, und die kleinen Augen funkelten so schlau und vergnügt, als wär' es ihm ernst mit solcher Hoffnung. »Ei gewiß, Herr Ratsherr! Nur schnell! Nur dreist!« »So? Wirklich? Ei, ei! Aber der Viskule sagte, er wüßte nur eine Frau für mich, und das wäre –« »Nun, wer denn?« »Das wäret Ihr!« sprach Mildehövet schalkhaft. »Sagt Herr Viskule?« fragte Walpurg, nicht eben angenehm überrascht; aber sich schnell fassend, sagte sie lebhaft: »Ja, da hat er ganz recht; das hab' ich Euch ja neulich auch schon gesagt. Wißt Ihr's nicht mehr?« Und sie machte mit den Fingern die Bewegung des Salzstreuens. »Glaubt ihm nicht, Frau Walpurg!« rief Viskule. »Er hat es selber gesagt, er ist bis über die Ohren verliebt in Euch.« »Das sind wir alle«, erwiderte Mildehövet; »nicht wahr, Gotthard?« »Natürlich, ich auch«, lächelte der Meister. »Herr Sülfmeister! Ein so ernster Mann wie Ihr!« drohte sie mit blitzenden Augen. »Heut ist Kopefahrt, edle Frau! Da ist alles erlaubt«, sprach Meister Gotthard freundlich. »Ihr meintet neulich, wir paßten ganz gut zusammen«, sagte Mildehövet, »Eure Weisheit und meine Torheit –« »Umgekehrt, umgekehrt, Herr Ratsherr!« unterbrach sie ihn. »Diesmal wäre wirklich Mildehövet der Weise«, sprach Viskule. »Und ich eine Törin?« lächelte sie. »Frau Walpurg, wir werden ein Paar!« rief Mildehövet. »Herr Ratsherr, ich erwarte Eure Werbung!« sprach Walpurg mit einem schelmisch zärtlichen Blick. »Aber hört die herrliche Musica! Eh' ich ja sage, muß ich wissen, wie Ihr tanzt; kommt!« Und sie hob die runden, weißen Arme zum Umfassen bereit, ihm lockend entgegen. »Alle Wetter!« machte Mildehövet erschrocken und fuhr sich schnell mit der Hand nach dem Knie. »Dann wird es nichts mit uns beiden.« In diesem Augenblick verneigte sich Leonhard Düsterhop vor Walpurg; sie lehnte sich freudig an seine Schulter, und mit einem silberhellen Lachen zurückschauend, schwebte sie im Arme des flotten Junkers dahin. »Das hat man davon!« sagte Mildehövet etwas verblüfft von der raschen Entführung und dem neckischen Lachen der jungen Frau. »Ausgelacht wird man. Ich bleibe ledig; sagt, was ihr wollt! Ambrosius, schenkt mir ein! Alle alten Junggesellen sollen leben!« »Wohl bekomm's!« sprach eine tiefe Stimme hinter ihm. Ludolf Töbing war es mit dem Bürgermeister Springintgut und dem nun wieder in den Rat getretenen Matthias Garlop. Die Herren ließen sich an demselben Tisch nieder, und Garlop sagte: »Das nenn' ich eine fröhliche Kopefahrt heute! Wir sollten sie für immer in den Mai verlegen, statt sie im Winter abzuhalten.« »Mir soll's recht sein«, sprach der Bürgermeister. »Nach altem Herkommen von zweihundert Jahren feiern wir sie um Septuagesimä«, sagte Meister Gotthard, »darum würd' ich es bei der Gewohnheit lassen.« »Wenn wir sie immer so lustig feiern können wie heute, so mag's meinetwegen um Johanni sein«, sprach Töbing und tat einen tiefen Zug aus seinem silbernen Schauer. »Wißt Ihr noch«, sagte Garlop, »wie wir vor sechs Wochen zusammen auf der Küntje saßen? Und was wir alle für Vorschläge ausheckten gegen eingebildete Gefahren?« »Jawohl!« erwiderte der Bürgermeister. »Da sahen wir unsere gute Stadt Lüneburg schon unter Acht und Bann am Boden liegen.« »Und verhanset«, fügte Mildehövet hinzu. »Malt den Teufel nicht an die Wand!« mahnte Viskule. »Ach, Viskule, ihr seht den Teufel immer noch schwärzer als er ist«, sprach Töbing. Frisch auf, ihr Herren! Laßt uns trinken und lachen, daß wir die Sorgen los sind! Die Schulden drücken uns nicht, und der Heilige Vater muß ein verständiger Mann sein, daß er uns hübsch ungeschoren läßt.« »Nun, lieber Collega«, wandte sich der Bürgermeister zu Mildehövet, wie steht es mit dem Podagel? Habt Ihr es, oder hat es Euch?« »Danke der gütigen Nachfrage«, sprach Mildehövet, »ich habe ihm eine Weile Urlaub gegeben.« »Ja, so ein Paar feine Pelzstiefel von Daniel Spörken müssen Wunder tun«, neckte Garlop. »Und doch hat er vorhin nicht tanzen wollen, als ihn die schönste Frau sich kürte«, bemerkte Viskule. »Sie flog mir nur zu schnell davon«, erwiderte Mildehövet. »Aha! Sie war leichtfüßiger als Ihr? Das glaub' ich«, meinte Springintgut. »Laßt's Euch nicht kümmern, Herr Ratsherr«, sprach auch Meister Gotthard in heiterster Laune. »Wer weiß, ob Euch die schöne Frau so treu wäre wie –« »Wie das Podagel«, fiel Töbing lachend ein, »schwerlich; Sülfmeister, da habt Ihr recht, das hält Treue an Händen und Füßen.« »Habt ihr euch denn alle gegen mich verschworen?« rief Mildehövet in drolliger Entrüstung. »Hab' ich das Podagel, so hab' ich die Pein davon, und hab' ich es nicht, so hab' ich den Spott darüber, aber eins von beiden werd' ich nie los.« Darüber lachten sie alle, und Viskule sagte: »Ja, siehst du, Alterchen, wenn du eine Frau hättest, so hättest du vielleicht kein Podagel.« »Heinrich, du schaffst dem Ratsherrn eine, du hast es übernommen«, sprach Meister Gotthard. »Das versteht sich«, sagte Viskule. »Recht so!« sprach der Bürgermeister. »Zur Hochzeit kommen wir alle und bringen den Brauthahn.« »Und tanzen auch«, sagte Garlop. »Aber er muß als Bräutigam voran, mit oder ohne Podagel!« rief Töbing. »Soll ein Wort sein, ihr Herren!« sprach Mildehövet und hob den Becher. Sie stießen alle mit ihm an und lachten aus vollem, fröhlichem Herzen, konnten vor Lachen kaum trinken. Da – mitten in Saus und Braus, in Lust und Jubel des glänzenden Festes schlug ein Blitz in das Rathaus. Niemand fühlte den Schlag als die sechs Herren an diesem Tische; die aber traf er mit betäubender Gewalt. Bleich wie der Tod und ebenso schleichend, daß man im Saale nichts merkte, trat der Stadtschreiber Magister Nikolaus Stoketo heran und sprach leise: »Herr Bürgermeister, ein reitender Knecht von der Hasenburg hat am Tor einen Brief abgegeben vom –« »Vom –?« fragte der Bürgermeister. »Es wird wohl darin stehen«, sagte der Stadtschreiber und übergab dem Bürgermeister ein versiegeltes Schreiben. Der Bürgermeister öffnete es vorsichtig und las. Eine tiefe Bewegung erschütterte den festen Mann, er starrte vor sich hin und schwieg. Endlich sagte er zum Stadtschreiber: »Geht langsam wie zufällig im Saal herum und bestellt augenblicklich alle Ratsherren in die Bürgermeisterkörkammer, aber heimlich, ohne einiges Aufsehen, und kein Mensch erfährt ein Wort!« »Springintgut, was ist geschehen?« fragte Töbing, als jener wieder starr und stumm dasaß. »Welcher Feind steht vor unseren Toren?« Der Bürgermeister blickte mit schwerem Ernst ihn und die anderen Herren an, als überlegte er, ob er's sagen sollte oder nicht. Dann hob sich seine Brust, und er sprach langsam, jedes Wort betonend: »Rom! – und bringt den Bann!« Da fühlten sie den Schlag in allen Gliedern bis ins Herz hinein. Der Bürgermeister sprach weiter: »Morgen reitet ein Legat des Papstes ein, den Spruch des Hofkammergerichts an uns zu vollstrecken.« »Einen Tag nach der Kopefahrt! Herr Bürgermeister«, sprach Meister Gotthard, »das war es, was Dalenborg gewußt hat.« »Das war's! Sülfmeister, jetzt geht's los!« rief Töbing. Im Saale tanzten und scherzten die Gäste, blickten den schönen Frauen in die Augen oder den Bechern auf den Grund und merkten nichts von dem finsteren Geist, der unsichtbar durch ihre Reihen schritt. Die Ratsherren, denen der Stadtschreiber den Befehl des Bürgermeisters zuflüsterte, stutzten über den seltsamen Einfall, erhielten aber auf alle Fragen keine weitere Auskunft. Behutsam, wie ihnen geheißen war, stahlen sie sich einzeln hinaus zur geheimen Versammlung in die Körkammer. Als auch Heinrich Viskule sich auf diesen Weg machte, drückte er seinem besten Freunde die Hand und sprach ahnungsvoll: »Gotthard, Gotthard, gib acht! Das war heut für lange Zeit der letzte frohe Tag in Lüneburg.« II. Band Erstes Kapitel Am Donnerstag nach Pfingsten, also am Tage nach der Kopefahrt, morgens bald nach zehn Uhr, ritt der päpstliche Legat Herr Dietrich Dompnitz, Domdechant von Halberstadt, in Lüneburg ein. Zwei reitende Diener des Rates in Wappenröcken mit den Farben der Stadt eröffneten den Zug. Der Legat ritt zwischen den Ratsherren Heinrich Viskule und Volkmar Stöterogge, gefolgt von Ritter Ernst von Boltessen von der Hasenburg, zwischen dem Abt von St. Michaelis, Ludolf von Hitzacker, und dem Propst von Lüne, Dietrich Schupper. Dann kamen der Prior von St. Michaelis, Hieronymus von Harling, der Propst von St. Johannes, Leonhard Lange, und der von St. Nikolai, Ludwig Hanevot, sämtlich in reichem Ornat. Ihnen folgten zwei Kapläne und zwei Diener des Legaten, hinter denen sechs geharnischte Knechte von der Hasenburg ritten. An diese schlossen sich zu Fuß mit Kreuzen und Kirchenfahnen die übrigen Geistlichen der Kirchen und die Brüder der drei Lüneburger Mönchskloster, die Benediktiner von St. Michaelis, die Prämonstratenser von Heiligenthal und die Franziskaner von St. Marien. Die bevorstehende Ankunft des mit weitgehenden päpstlichen Vollmachten ausgerüsteten Legaten, der das Pfingstfest beim Bischof in Verden verlebt und diese Nacht auf der Hasenburg verbracht hatte, war, wie dem Rate so auch der Geistlichkeit angezeigt, von dieser aber ebenso geheimgehalten worden. Erst am Morgen, als die Klosterbrüder zur Stadt hinauswollten, erfuhr die Einwohnerschaft, was bevorstand, und eine Menge Neugieriger stellte sich am Sülztor auf, um den Legaten einreiten zu sehen. Allein diese wurden um das erwartete Schauspiel betrogen, denn Heinrich Viskule führte ihn, um ihn nicht an der Sülze, dem Ursprung des Haders, vorübergeleiten zu müssen, durch das Rote Tor in die Stadt, von wo man auch den Verdener Hof am schnellsten erreichte. Der Verdener Hof bei der Johanniskirche neben dem Kaland war ein Haus des Bischofs von Verden mit Hintergebäuden, Gehöft und Stallungen, in dem der Bischof wohnte, wenn er nach Lüneburg kam, und das jetzt auch den vornehmen Gast und sein Gefolge aufnehmen sollte. Der Domdechant war ein Mann von bedeutender Erscheinung, mit einem geistvollen Gesicht, aus dessen scharfblickenden Augen ein fester Wille sprach. Er hatte sich dem Rat »um Spruch und Forderung, so wir von kaiserlicher Kammergerechtigkeit wegen zu Euch haben«, angemeldet und ihn um Schirm und Sicherheit von der kaum eine Stunde entfernten Hasenburg zur Stadt ersucht. Damit hatte er nichts anderes gemeint, als seine ehrenvolle Einholung durch den gesamten Rat und eine erhebliche Anzahl hervorragender Bürger, und war nun sehr enttäuscht, als man ihm nicht mehr als zwei Ratsherren entgegensandte. Seine weltmännisch feinen Formen ließen seinen Verdruß über dieses sein Amt und Würden verletzend kleine Geleit nicht zum vollen Ausdruck kommen, aber einen kleinen Stich wollte er den beiden wohlweisen Herren dafür doch nicht ersparen. Er fragte unterwegs ganz beiläufig: »Aus wieviel Ratsherren besteht der hochedle Rat in Lüneburg?« »Wir haben zwei Bürgermeister und zwölf Ratmannen«, gab Volkmar Stöterogge zur Antwort. »Macht vierzehn«, sprach der Legat; »aber die anderen zwölf können wohl nicht reiten?« »O ja, hochwürdiger Herr!« erwiderte Heinrich Viskule schnell. »Wir sind alle sattelfest, wenn es darauf ankommt.« ›Wenn es darauf ankommt!‹ wiederholte sich der Domdechant im stillen. ›Es scheint ihnen also heute nicht darauf anzukommen.‹ Wieviel mehr würde er sich gewundert haben, wenn er gewußt hätte, was gestern abend in der Bürgermeisterkörkammer über sein Geleit verhandelt worden war. Nach dem ersten gewaltigen Schrecken über die Nachricht hatte der Trotz bei den Ratsherren wieder die Oberhand gewonnen; sie hatten jeden Gedanken an Nachgiebigkeit von sich gewiesen, und die Mehrzahl war auch gegen alles Geleit gewesen; Töbing wollte dem Legaten sogar die Tore verschließen und ihn nicht in die Stadt einlassen. Mit Müh und Not hatten es Viskule, Mildehövet und einige andere, zu denen sich zuletzt auch der Bürgermeister Springintgut gesellte, noch durchgesetzt, daß wenigstens zwei Ratsherren dem Gesandten des Papstes entgegenreiten sollten. Belustigt haben würde den Legaten dagegen noch ein anderer Vorschlag Töbings, wenn er ihn erfahren hätte, ein Vorschlag, dessen Ausführung sich allerdings schon öfter und nicht bloß in Lüneburg bewährt hatte. Kamen Abgesandte eines Fürsten oder einer anderen Stadt, die man zu überlisten oder unverrichteter Sache wieder heimzuschicken wünschte, so war es ein vorzügliches Mittel, daß man die Herren in den Ratsweinkeller oder von einer Gasterei zur anderen lud und sie einfach unter den Tisch trank. Die dauerhaftesten Zecher machten sich dann mit aller Kraft ihrer Kehlen an sie und ließen die Fremden nie nüchtern werden, so daß sie leicht zu täuschen oder überhaupt zu allem Verhandeln unfähig waren. Dazu hatte sich auch Töbing gestern erboten, nachdem der Empfang des Legaten beschlossen war. »Gebt ihn mir!« hatte er gerufen. »Ich bring' ihn um, ich trinke ihn unter den Tisch! Dassel und Brömbsen, ihr löst mich ab, wenn ich nicht mehr kann, nicht wahr?« – »Mit Vergnügen!« hatten die geantwortet. Aber sie hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn den Domdechanten von Halberstadt trank niemand unter den Tisch, weil sich der kluge Mann niemals zu einem Trinkgelage herbeiließ. Mit dem Ritter Ernst von Boltessen auf der Hasenburg standen Rat und Bürgerschaft in Lüneburg nicht auf dem besten Fuß. In jedem Streit, bei jeder Fehde hatten schon seine Vorfahren den Feinden der Stadt Vorschub geleistet oder sich ihnen kämpfend angeschlossen. Der nahen Nachbarschaft wegen war dann immer wieder ein magerer Vergleich zustande gekommen, aber der Ritter hatte keinen Freund in der Stadt und sah hochmütig auf die Salzjunker herab. So wußte er denn nicht und hatte es daher auch seinem Gaste, dem Legaten, nicht mitteilen können, daß gestern Kopefahren in Lüneburg gewesen war. Als man sich der Stadt näherte, hatte der Legat an dem vieltürmigen, giebelstolzen Bild seine Freude, und als er in die Stadt einzog und auf dem großen, langgestreckten Platz am Sande alle die hohen, prächtigen Häuser hier noch bekränzt erblickte, fragte er erstaunt: »Wann habt Ihr meine Ankunft erfahren, Herr Ratsherr?« »Gestern abend spät, hochwürdiger Herr!« antwortete Stöterogge. »Und heute morgen schon alle Häuser so reich geschmückt?« sagte der Prälat freundlich und mit einer leisen Bewegung geschmeichelten Dankes. »Verzeiht, hochwürdiger Herr!« lächelte Viskule. »Die Kränze sind heute verwelkt; schon vorgestern schmückten wir unsere Häuser damit, weil wir gestern unser größtes Fest, die Kopefahrt, begingen.« »Ach so!« Der Legat biß sich die Lippen und sprach kein Wort mehr, bis er vor dem Verdener Hof vom Pferd stieg. Zu beiden Seiten am Sande und vor dem Bischofshause hatten sich viele Menschen eingefunden, die den Legaten und sein Gefolge in tiefem Schweigen an sich vorüberziehen ließen. Unter die vordersten hatten sich die heute morgen aus der Haft entlassenen Dalenborg und Sengstake gedrängt, nebst Ulrich Schupper, dem Bruder des Propstes, weil sie hofften, der Propst würde vom Legaten zum Eintritt aufgefordert werden, und sie dann mit sich nehmen und der Gunst des hochwürdigen Herrn empfehlen. Dies geschah jedoch nicht. Der Legat dankte den geistlichen Herren für ihre Geleit und entließ sie. Zu Viskule sagte er: »In einer halben Stunde, Herr Ratsherr, bin ich bereit, Bürgermeister und Rat zu empfangen.« Viskule antwortete höflich und bestimmt: »Herr Domdechant, der Rat läßt sich auf dem Rathaus finden. Glock elf hält er heute Sitzung; wenn Ihr dann kommen wollt, sollt Ihr mit aller gebührenden Ehre empfangen werden.« »Ich komme, Herr Ratsherr!« sprach der Legat, und trat grüßend in das Haus. Die Ratsherren ritten ab, die Mönche begaben sich in ihre Klöster, aber die Menge der Zuschauer verlief sich noch nicht, und ein Murmeln und Summen erhob sich, wie wenn der Wind durch belaubte Zweige geht. So war es denn geschehen, was niemand mehr geglaubt hatte als die wenigen, die durch ihre geheimen Verbindungen darum wußten. In die Mauern Lüneburgs war ein Gast eingezogen, der die Macht hatte, der Stadt mit einem Worte den Frieden zu nehmen. Würde er es aussprechen, dieses schreckliche Wort? Die einen fürchteten, die anderen hofften es; das war schon kein Frieden mehr. Der Bürgerschaft bemächtigte sich eine Erregung; Grimm und Groll auf den Rat, der es dahin hatte kommen lassen, Grimm und Groll auf die Prälaten, deren Anmaßung das Unheil heraufbeschworen hatte, standen sich gegenüber und teilten die Bürgerschaft in zwei feindliche Lager. Die Gegner des Rates frohlockten, denn sie waren überzeugt, daß nun bald sein letztes Stündlein schlagen würde. Aber die große Mehrzahl der Bürger und Handwerker hatte er doch auf seiner Seite, denn dessen waren sie sich wohl bewußt: wenn jetzt der Rat unterlag, so unterlag er nicht dem Willen der eigenen Bürger, sondern dem einer fremden Gewalt, von der sie sich keine Einrede in ihre Angelegenheiten gefallen lassen wollten. Mußte der Rat gestürzt werden, so sollte es durch sie geschehen, nicht durch den Papst in Rom oder seinen Gesandten. Dazu war es aber nun zu spät; wenn sie auch selber den Rat jetzt absetzten und einen anderen wählten, so taten sie es nicht mehr aus freier Entschließung, sondern unter einem äußeren Druck, und mit dem Rat fiel auch ein Stück von der Selbstbestimmung und Unabhängigkeit ihrer Stadt. Dieser kräftige Freiheitssinn erhielt dem Rat mehr Anhänger, als die sehr geringe Liebe zu den regierenden Geschlechterherren und selbst als die Sorge, wer dann die Schulden der Stadt bezahlen sollte, wenn sie nicht aus dem Einkommen der Sülzbegüterten und Prälaten gedeckt werden konnten. Viele Bürger von Lüneburg waren Gläubiger des Rates, dem sie bedeutende Summen als Darlehn vorgestreckt hatten; sie drängten schon längst um Rückzahlung, weil sie seit Jahr und Tag keine Zinsen erhielten, und waren also am Austrag des Streites doppelt stark beteiligt. Aber auch der Domdechant war kein unbefangener Richter in der Sache, denn das Domkapitel zu Halberstadt besaß einen Anteil am Lüneburger Salzwerk, gehörte mithin selber zu den Sülzbegüterten. Als die Stunde gekommen war, begaben sich die Herren Viskule und Stöterogge nach dem Verdener Hof, um dem Legaten unter Vortritt von zwei Ratsdienern die Ehre des Geleites zum Rathause zu erweisen. Die beiden Kapläne folgten, aber eine Bedeckung durch die gewappneten Knechte, die ihm der Ritter von Boltessen anbot, wies der Legat dankend zurück. Bürgermeister Springintgut empfing den Domdechanten mit ernster Höflichkeit auf der Schwelle der großen Audienz und führte ihn auf einen für ihn bereiteten Sitz der Ratsversammlung gegenüber, die sich bei seinem Eintritt von den Stühlen erhoben hatte. Die Verhandlung währte nicht lange. Der Legat erklärte, daß er auf Befehl und mit Vollmacht des Heiligen Vaters, Papst Nikolaus V., erschienen sei, um vom Rat die Erfüllung des vom Reichskammergericht gefällten Spruches zu fordern und damit den in ihrem Vermögen gekränkten Prälaten und geistlichen Stiftern zu ihrem Recht zu verhelfen. Der Bürgermeister erklärte, daß der Rat entschlossen sei, sich jenem Urteilsspruch nicht zu unterwerfen, vielmehr nach wie vor die Hälfte der Sülzeinkünfte von den Prälaten beanspruche und sich übrigens jede Einmischung in das Regiment der Stadt verbitte, wobei er sich auf den Satebrief der Herzöge Bernhard und Heinrich von Braunschweig-Lüneburg aus dem Jahre 1392 berief, der der Stadt volle Freiheit gewährleiste, sich selbst zu regieren. Darauf erklärte wieder der Legat, daß er dann eine Aufforderung an die gemeine Bürgerschaft zur Absetzung des Rates bei Strafe des großen Kirchenbannes ergehen lassen würde, und knüpfte daran beredte, würdevolle Ermahnungen, daß der Rat doch nicht ein so entsetzliches Unglück über die Stadt kommen lassen möchte, er gäbe ihm zu einer letzten Entschließung vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit. Damit war die Sitzung zu Ende, und der Legat wurde in derselben Weise wieder in seine Wohnung zurückgeleitet, wie er aus ihr abgeholt worden war. Von der Reichsacht war kein Wort gefallen. Kaiser Friedrich tat nichts, dem Spruch seines Hofkammergerichts Achtung und Geltung zu verschaffen. Deshalb ging Rom zum Schutz seiner geliebten Söhne, der Prälaten, Priester und Mönche, auf eigene Hand vor und hatte auch weit größere Macht dazu als der Kaiser in Wien. An diesem Abend waren alle Trinkstuben in Lüneburg bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Kürze der heutigen Verhandlung auf dem Rathaus war wohl bemerkt worden, aber niemand wußte das geringste von ihrem Inhalt und Verlauf. Desto abenteuerlicher waren die Vermutungen, die darüber laut wurden und die Gemüter erhitzten. Von denjenigen, die man außer den verschwiegenen Ratsherren für mehr oder weniger eingeweiht hielt, also Sengstake und Genossen, ließ sich keiner blicken, und über der Stadt lag eine drückende Schwüle. Sie dauerte noch am nächsten Morgen. Niemand hatte recht Lust und Ruhe zur Arbeit, man stand müßig vor den Haustüren, ging zu den Nachbarn oder noch weiter über die Gasse. Kam ein Bürger aus einer anderen Straße, bog einer zufällig vielleicht in etwas schnellerem Schritt um die Ecke, so fielen gleich ihrer mehrere ihn an, um ihn nach Neuigkeiten auszuplündern, die er selber nicht hatte, sondern suchte. Daniel Spörken war überall, um zu kundschaften, zu horchen, zu vermuten, zu berichten. Immer mehr füllten sich die Straßen. In den Vormittagsstunden bewegte sich eine dichte Menschenmasse auf dem Wege vom Verdener Hof nach dem Rathause, aber auf diesen vielen Hunderten lastete eine schwere Beklemmung; man sah nur ernste, ängstliche Mienen und hörte nur ein gedämpftes Flüstern und Surren, jede laute Äußerung wurde von Erwartung und Sorge niedergehalten. Welcher Gegensatz zu vorgestern! Welcher fröhliche Lärm und Jubel hatte da dieselben Straßen und Plätze gefüllt, als der glänzende Kopefahrtzug dahergestoben kam, vom jauchzenden Zuruf der Tausende mächtig umbraust. Noch hingen die Zeugen des Festes, die nun welken Kränze, an den Häusern, aber an Stelle der rauschenden Freude herrschte nun eine peinliche Stille. Als die Glocken elf schlugen, kamen wieder, wie gestern, die beiden Ratsherren und holten den Legaten mit seinen Kaplänen zu Rathause. Durch ein tiefes Schweigen schritten sie dahin zurück, das um so unheimlicher war, je größer die Menge war, durch deren Mitte sie wandelten. Es machte den Eindruck, als würde der hochwürdige Herr nicht ehrenvoll zu Rathause geführt, sondern – einen ganz anderen, sehr schweren Weg. Hinter ihnen schlugen die Wogen zusammen, und alles drängte dem kleinen Zuge nach zum Markte. Etwas lauter ging es dabei wohl her, aber nicht so wie sonst bei sehenswerten Ereignissen, nur ein dumpf verworrenes Geräusch zahlloser, unterdrückter Stimmen brach sich an den hohen Giebelwänden der Häuser. Der Rat hatte sich schon etwas früher versammelt, und Bürgermeister Springintgut hielt es für seine Pflicht, den Ratsherren mit kurzen eindringlichen Worten die Gefahr noch einmal vor Augen zu führen, die sie alle liefen, wenn sie bei ihrem Entschlusse, nicht nachzugeben, beharrten. Aber keiner schwankte noch, denn als er sie nun einzeln bei Namen aufrief und um ihre letzte Entscheidung ersuchte, antwortete einer nach dem anderen vom jüngsten bis zum ältesten mit fester Stimme: »Nicht nachgeben!« »Wohl!« sagte der Bürgermeister. »Ich danke euch, liebe, ehrenfeste, günstige Herren und Freunde! Denn das ist auch meine Meinung, mag's mich gereuen oder nicht! Vielleicht wagen wir Gut und Blut, aber die Ehre haben wir gerettet. Herr Viskule und Herr Stöterogge, seid so gut und geleitet den –« »Pfaffen«, brummte Töbing vernehmlich. »– hochwürdigsten Legaten zu Rathause.« Die beiden gingen, und bis sie wiederkamen, saßen die Ratsherren schweigend oder flüsterten nur leise mit dem Nachbar, denn jeder fühlte den schweren Ernst der Stunde. Als der Legat seinen Platz eingenommen hatte, erhob sich der Bürgermeister und sprach: »Hochwürdiger Herr! Auf einstimmigen Beschluß des Rates vermeld' ich Euch hiermit kraft meines Amtes als erster worthabender Bürgermeister dieser Stadt, daß wir bei unserem Willen beharren und uns dem Spruche des Reichskammergerichts in keinem Punkte fügen wollen.« »Herr Bürgermeister«, fragte der Legat, »ist das Euer wohlbedachter, letzter Bescheid?« »Im Namen des hier versammelten vollmächtigen Rates, ja, Herr Domdechant!« »Bedenkt es dreimal, hochedle Herren«, sprach der Legat, »ehe es zu spät ist. Ihr wißt, was ich dann tue.« »Wir haben's bedacht, hochwürdiger Herr!« erwiderte der Bürgermeister. »Tut oder laßt, was Euch gefällt; jedes weitere Wort wäre verloren.« »So geschehe in Gottes Namen, was Ihr zu hindern nicht willens seid!« sprach der Legat. »Herr Bürgermeister, seid so gut und laßt das Zeichen zur Versammlung gemeiner Bürgerschaft geben.« Der Bürgermeister winkte dem Stadtschreiber: »Laßt läuten!« Nikolaus Stoketo ging hinaus. Im Saale herrschte Grabesstille. Auch draußen auf dem Markte war tiefe Ruhe. Tausende standen dort und blickten zu den Fenstern des Rathauses empor, als wollten und könnten sie erlauschen, was dort oben gesprochen wurde. Jetzt erklang laut und langsam die große Glocke, die nur geläutet wurde, wenn die Bürgerschaft zur Anhörung der Eddagsartikel aus der offenen Laube und zum feierlichen Eidschwur auf freiem Markte entboten wurde. Da ging es wie ein einziger Ruf durch die gesamte Menge: »Die Glocke! Die Glocke!« dann war wieder einen Augenblick die tiefste Stille, und gleich darauf erhob sich ein dumpfes Brausen, aus dem kein einzelner Ton zu erkennen war, das aber in gleichmäßiger Stärke die Luft von einem Ende des Marktes bis zum anderen erfüllte und die begleitende Grundstimme zu dem ehernen Schall der Glocke bildete, die fort und fort vom hohen Turm erklang. Irgendeine Entscheidung mußte da oben auf dem Rathause gefallen sein, die man der Bürgerschaft von der Laube herab verkündigen wollte; aber welche? Hatte der Rat gesiegt, oder wollte er abdanken und von den Bürgern Abschied nehmen? Eine zitternde Spannung, wie mit Augen zu sehen, wie mit Händen zu greifen, schwirrte über der aufs höchste erregten Menge. Von allen Seiten strömten die Bürger herzu, die nicht schon auf dem Platze waren, und wieder öffneten sich alle Fenster und Luken der Häuser am Markte und wurden von den Bewohnern besetzt, aber frohe Gesichter waren es nicht, die sich heute dort zeigten. Alles ging in guter Ordnung; die verschiedenen Gesellschaften und Gilden hatten nach altem Herkommen ihre bestimmten Plätze auf dem Markte. Die Angehörigen der Geschlechter standen vorn, dem Rathause zunächst, dann die Amtsmeister und Älterleute, dann die übrigen Bürger und Handwerker, die rechts, jene links, andere in der Mitte. Jeder wußte, wohin, er gehörte, und wie er sich nach seinem Standorte durchzuarbeiten suchte, gab es ein Gedränge und Geschiebe, ein Wogen und Wühlen, das von oben gesehen, ein fesselndes Schauspiel bot. Allmählich staute sich die Bewegung und stockte endlich ganz. Die Bürger waren versammelt, die Glocke schwieg, und lautlose Stille trat ein. Jetzt erschien auf der offenen Laube über dem unteren Bodengange der Legat und mit ihm der gesamte Rat. Legat und Bürgermeister standen in der Mitte der Reihe. Der Legat nahm aus den Händen eines seiner Kapläne ein Pergament und begann es mit möglichst lauter Stimme vorzulesen. Aber seine Stimme war nicht laut; kaum die Vordersten verstanden ihn. Infolgedessen blieb es nicht ruhig. Wie eine Welle, die sich von einem Gestade zum anderen schwingt und denselben Weg wieder zurücknimmt, so kam es vom hintersten Ende des Marktes herangerollt: »Was sagt er? Was will er? Was sollen wir?« Immer weiter rückte die Frage vor, immer lauter pflanzte sich das Geräusch fort, aber dort nicht verstummend, wo die Frage vorübergeflutet war, nicht Ruhe hinter sich lassend und nur nach vorn das Getöse schiebend, sondern auch an seinem Ursprung dauernd und stärker werdend, so daß man bald gar nichts mehr von den Worten des Legaten hörte. Aber die Vordersten hatten doch wenigstens soviel verstanden, daß sie ihren Hintermännern Antwort geben konnten, als die Lesung beendet war: »Wir sollen den Rat absetzen binnen zwölf Tagen bei Strafe des großen Bannes.« So klang die Antwort, und nun rollte die Woge denselben Weg zurück über die ganze Breite des Marktes, aber jetzt mit ganz anderer Wucht, immer höher schwellend und brausend, in wilder Brandung an jedes einzelnen Brust schlagend und ihn in einen Wirbel heftigster Bewegung reißend. »Was? Bann? Bann um den Rat! Nieder mit dem Rat! Fort mit dem Rat! Absetzen! Absetzen!« »Hoho! Bann? Bann um die Prälaten? Die Pfaffen? Fort mit den Pfaffen! Aus der Stadt mit den Pfaffen! Jagt sie fort! Hängt sie! Der Rat bleibt!« »Fort mit dem Rat!« »Fort mit den Pfaffen!« So tobte es in furchtbarem Aufruhr durcheinander; Augen blitzten, Adern schwollen, Fäuste drohten. Da tönte eine schmetternde Fanfare vom Rathause her, daß alles dorthin blickte und sah, wie der Bürgermeister, einen Trompeter neben sich, mit einem weißen Tuche winkte. Nun glätteten sich die Wogen; gedämpfter, ferner klang das Getöse, zog sich immer mehr nach hinten zurück und verhallte dort in leisem Gemurmel, bis auch dieses endlich verstummte. Da fing der Bürgermeister Springintgut an zu reden, und diese Stimme kannten sie. Darum verstanden auch drei Viertel der Menge jedes Wort, andere das meiste und auch die letzten wenigstens noch etwas von dem, was er am stärksten betonte. Der Bürgermeister sprach: »Bürger von Lüneburg! Edle, Ehrenfeste, Liebe, Getreue! Ihr habt vernommen, was euch der hochwürdigste Legat verkündigt hat. Ihr sollt den Rat absetzen oder in den Bann getan werden und habt zwölf Tage Bedenkzeit, wofür ihr euch entscheiden wollt. Wir haben nach unserer höchsten Redlichkeit getan, was wir zu Nutz und Wohlfahrt gemeiner Stadt für recht und gut fanden. An euch ist es nun, zu wählen, ob ihr euren Rat schmählich im Stiche lassen oder ob ihr mit Leib und Leben, mit Ehre und Gut zu ihm stehen wollt in Gedeihen und Verderben. Gehet hin, besinnt euch, beratet euch und haltet euch ruhig bis zur Stunde der Entscheidung. Laßt euch aber von keinem bösen Feind in eurem Wollen und Meinen hindern noch irren. Denket eurer geschworenen Eide und handelt wie Männer, die sich nicht fürchten. Bürger, vertrauet uns! Was wir euch gelobt haben, das wollen wir fest und stete halten, Gott zu Ehren und dem gemeinen Volke zum Nutzen in allen Zeiten.« Sie hatten ihn schweigend angehört und schwiegen auch, als er geendet hatte. Nur eine Stimme rief ziemlich weit vorn aus der Menge: »Nichts da! Nieder mit –«, das übrige erstickte in einem gurgelnden Ton, denn eine eiserne Faust hatte den Schreier an der Kehle gepackt, und eine andere, ebenso furchtbare, hob sich vor seinen vortretenden Augen: »Hund! Noch einen Muck und ich schlage dich auf der Stelle zu Boden!« Der Schreier war Dalenborg gewesen, und die beiden Fäuste gehörten dem Schmiedemeister Schuttenhelm. Es war Mittag geworden, und die Gewohnheit, streng und pünktlich nach der allgemeinen Hausordnung zu leben, war so mächtig unter den Bürgern, daß sich die Menge bald zerstreute. Der Eindruck des eben Erlebten war zu gewaltig, und es war zu rasch über sie gekommen, als daß sie sich schon eine klare Meinung hätten bilden, einen Entschluß hätten fassen können, zumal nach der kurzen, kernigen Ansprache des Bürgermeisters, die durchaus nicht wirkungslos verhallt war. Jeder einzelne fühlte eine Verantwortung, die ihm teils unbehaglich und lästig war, ihm teils aber auch eine gewisse Genugtuung gewährte und ein hohes Selbstgefühl verlieh. Sie hatten es ja lange gewünscht, beim Regiment ihrer Stadt ein Wort mitreden zu können; jetzt ward ihnen dieser Wunsch erfüllt, aber freilich in einer ganz unerwarteten Weise. Wie eine Wetterwolke hing das Verderben über der Stadt Lüneburg, und es war kein Zweifel: ihr Schicksal ruhte jetzt in den Händen der Handwerker; was die Gilden beschlossen, das entschied. Zweites Kapitel Ein edler ehrenfester Rat zu Lüneburg verlebte schwere Tage, und es wurden Stimmen in ihm laut, die von Abdankung sprachen. Die Herren sahen ein, daß sie, wenn sie ihre Stühle nicht freiwillig räumten, mit Gewalt davon vertrieben werden würden, denn anderenfalls war der Bann unvermeidlich, und den würde die Bürgerschaft nicht lange tragen, sondern dann doch zu dem einzigen Mittel, sich davon zu lösen, das heißt zur Absetzung des Rates schreiten. Auf der anderen Seite sagten sich die Herren, daß auch ihre Nachfolger, wer immer sie sein mochten, aus der tiefen Klemme, in der sie selber saßen, nicht heraus konnten. Die Schulden der Stadt waren zu groß und ließen sich nur durch eine so hohe Steuer, wie der Rat auf das reiche Einkommen der Sülzbegüterten gelegt hatte, allmählich tilgen; wo sollte man sonst das Geld dazu hernehmen, wenn man nicht etwa die teuer erkauften Freiheiten und Gerechtsame der Stadt preisgeben wollte. Zu einem solchen Schritt würde sich aber der jetzt im Eide sitzende Rat immer entschließen. Der Bürgermeister Springintgut, der als Haupt des Rates und der Stadt die verantwortlichste und somit gefahrvollste Stellung hatte, war fest entschlossen, unter allen Umständen bis zum letzten Ende auf seinem Posten auszuharren und flößte damit auch denjenigen Ratsherren, die angefangen hatten, bedenklich zu werden, Standhaftigkeit und Mut ein. Heinrich Viskule, von rechtem Bürgersinn und Liebe zu seiner Stadt beseelt, erbot sich, zur Tilgung der Schulden eine sehr beträchtliche Summe aus seinen Mitteln zu geben, wenn sich auch die anderen Geschlechterfamilien je nach ihrem Vermögen zu einer gleichen Selbstschätzung bereit erklärten. Allein sein edelmütiges Anerbieten fand sehr geringen Anklang; man war durchaus nicht geneigt, den eigenen Geldbeutel zu öffnen, nur um den der Prälaten zu schonen. Aus dem Boden Lüneburgs, hieß es, quelle der Reichtum der geistlichen Herren, also könnten sie billig zur Rettung der Stadt aus Schuldennot einen Teil davon zurückerstatten und behielten dann immer noch genug für sich. So dachten übrigens nicht nur die Geschlechter, sondern auch die Mehrzahl der Bürger und Handwerker, die von dem hochherzigen Vorhaben Viskules Kunde erhielten und ihm seine große Opferwilligkeit nicht vergaßen. Unter der hohen Geistlichkeit der Stadt waren einige wohldenkende, friedlich gesinnte Männer, die mit den Geschlechtern in freundlichem Verkehr standen; so der Abt Ludolf von Hitzacker und der Propst Leonhard Lange. Diese suchten zwischen dem Bürgermeister und dem päpstlichen Legaten zu vermitteln und erbaten von letzterem wenigstens Aufschub des angedrohten Bannes. Da sie aber bestimmte Vorschläge, die beide Teile befriedigt hätten, nicht machen konnten, so richteten sie beim Bürgermeister so wenig etwas aus wie beim Legaten, der sich mit dem Befehl seines höchsten Herrn, des Papstes, deckte. Dabei kam es aber zutage, daß die heftigsten Kläger, die unerbittlichsten Verfolger des Rates, die Domherren zu Lübeck waren, die allerdings einen sehr bedeutenden Anteil an der Lüneburger Sülze besaßen. Daß man gerade in Lübeck, der Hauptstadt der Hansa, mit der Lüneburg im lebhaftesten Handelsverkehr stand, so grimmige Feinde hatte, war man sich nicht vermutet, und dieser Umstand ließ bei der Macht und dem Einfluß des Lübecker Domkapitels das Schlimmste in bezug auf eine Verhansung Lüneburgs befürchten. Neben dem Lübecker waren die schärfsten Gegner des Rates die Domkapitel zu Hamburg, Verden und Braunschweig und die Klöster Riddagshausen, Eutin, Reinfelde, Ramelsloh, Hiddensee, Harsefeld, Dobberan, Michaelstein und Walkenried, die noch eine große Zahl anderer Klöster und Stifter hinter sich hatten. Auch der herzogliche Vogt in Lüneburg, Herr Johann Niebuhr, übrigens nichts weniger als ein Freund des Rates, machte dem Bürgermeister, angeblich im Auftrage des Herzogs, Vorschläge und Andeutungen, wie die Unterstützung des Landesherrn zu gewinnen sei. Allein gerade diese Unterstützung und Vermittlung war dem Bürgermeister am ungelegensten und verdächtigsten, und da sie nur auf die Veräußerung von Freiheiten und Besitztümern der Stadt hinausliefen, so wies er sie schroff zurück. Die nächst große Verantwortlichkeit nach der des Bürgermeisters lag auf den breiten Schultern Gotthard Hennebergs. Sein Haus wurde fast nicht leer von Besuchern, die alle kamen, seine Meinung zu hören, und die er mit der bestimmten Erklärung abfertigte: »Ich stehe in allen Stücken zum Rat, mag kommen, was will, und wer kein eidbrüchiger Verräter sein will, der macht es ebenso.« Mit den Amtsmeistern der anderen Gilden hatte er lange Beratungen, und wer von ihnen nicht zu ihm kam, zu dem ging er. Etliche standen ihm redlich bei zugunsten des Rates, mit anderen gab es harten Kampf, ohne daß eine Einigung erfolgte. Mit Hesterwegen, Vogelsang, Regenstörp und Dörgerloh, den Amtsmeistern der großen Gilden der Schuster, Schneider, Knochenhauer und Bäcker, war wenig anzufangen, sie waren mehr gegen den Rat als für ihn, und wollten abwarten, was ihre Werkbrüder beschließen würden; einer steckte sich gern hinter den anderen. Der Brauer Rokswale wollte nicht recht mit der Sprache heraus; eigentlich stand er auf seiten des Rates, aber – er mochte gar zu gern selber Ratsherr werden. Die meisten Handwerker schwankten hin und her, und immer schien ihnen derjenige recht zu haben, der ihnen gerade seine Meinung auseinandersetzte und sie zum Anschluß aufforderte. Alle brannten auf Abhaltung von Morgensprachen, die Meister Gotthard aber sämtlich bis kurz vor Ablauf der Entscheidungsfrist verschoben haben wollte. Er hoffte im stillen, daß bis dahin der gute, treue Sinn sich in der Bürgerschaft noch befestigen würde, und wenn die Morgensprachen alle zu gleicher Stunde stattfanden, so konnte das böse Beispiel einer oder einiger abtrünniger Gilden nicht ansteckend wirken. Damit drang er auch endlich durch. Nur einer ließ sich zu dem Aufschub nicht bewegen, und dieser eine war Gotthards alter, lieber Freund Hans Laffert, der Amtsmeister der Goldschmiede. Er war der Meinung, daß die Morgensprachen der unzuverlässigen Gilden allerdings so weit wie möglich hinausgeschoben werden müßten, um ihre Meister noch zugunsten des Rates bearbeiten und bekehren zu können, aber die sicheren und ratstreuen, wie die Goldschmiedegilde eine war, müßten durch ihre sofortige Abstimmung den anderen mit gutem Beispiel vorangehen und dem Rate sowohl wie dem Legaten so schnell wie möglich beweisen, daß ersterer keineswegs einsam und von der Bürgerschaft verlassen dastünde. So hielt er denn schon wenige Tage nach der Aufforderung des Legaten an die Bürgerschaft Morgensprache ab und lud auch seinen Wetteherrn im Rate pflichtschuldigst dazu ein. Dieser erschien begreiflicherweise nicht, aber Hans Laffert hatte die Freude, daß sämtliche Kumpane seiner Gilde sich für den Rat entschieden. »Die Goldschmiede! Natürlich!« höhnten ihre Gegner. »Wie sollten die wohl anders stimmen, die fortwährend Aufträge für des Rates Silberzeug haben und kaum soviel Gold und Geschmeide liefern können, wie ihnen die reichen Geschlechter abkaufen und bestellen, die haben gut ratstreu sein!« Rühriger aber als die Freunde des Rates waren seine Feinde. Abschriften der päpstlichen Bulle, die der Legat von der Laube herab verlesen hatte, waren an allen Kirchentüren angeschlagen, und immer war ein Geistlicher oder ein Mönch bei der Hand, sie den des Lesens Unkundigen zu vermitteln. Zum Schluß knüpften sie dann stets Bemerkungen daran, wie: »Nun wißt ihr doch wohl, was ihr zu tun habt – Die Wahl wird euch wohl nicht schwer werden. – Ihr werdet doch des Rates wegen nicht den Bann auf euch nehmen, euch nicht aus der Christenheit ausstoßen und der ewigen Seligkeit berauben lassen wollen« und so weiter. Das verfehlte seine Wirkung nie. Kam zufällig einmal ein Anhänger des Rates dazu, so verbot er dem Hetzer wohl den Mund, aber dann gab es einen mehr oder minder heftigen Wortwechsel, der hier und da selbst in Tätlichkeiten ausartete. Ein gruseliges Ding ward die Bulle genannt und ein Bann, so schwer, wie er selbst über Heiden und Juden niemals verhängt wäre. Dalenborg und Sengstake waren von früh bis spät auf den Beinen, tagsüber in den Werkstätten herum, abends in den Trinkstuben. Schritt vor Schritt suchten sie das Feld zu erobern; mit den ihnen ganz sicheren Handwerksmeistern fingen sie an, gingen dann zu den noch Schwankenden über und so immer weiter, immer weiter, sich endlich auch an die gern Ratstreuen heranwagend mit allen Künsten und Listen schmeichelnder Überredung und unablässig bohrender Maulwurfsarbeit. »Wir hatten die Sache schon so hübsch im Zuge«, sagten sie zu den Meistern, »hatten die Gesellen schon auf unserer Seite, ihr hättet euch nur zum Schein auf Verhandlungen mit ihnen einzulassen brauchen, so hätten wir sie alle am Schnürchen gehabt, und zu welchem Zweck, das brauchen wir euch doch wohl nicht erst auseinanderzusetzen. Wäre nur der großmäulige Böttcher nicht dazwischen gekommen, so hättet ihr jetzt tausend und aber tausend gesunde Fäuste hinter euch, alle bereit, mit euch gegen den Rat zu ziehen. Wir beide haben es nun allein büßen müssen, was wir für euch, und nur für euch im Werke hatten.« Zu den Gesellen aber sagten sie: »Seht ihr's denn nun ein, daß wir's gut mit euch meinten! Jetzt könntet ihr bei den Meistern alles durchdrücken, was ihr wolltet, weil sie euch brauchen, euch gar nicht entbehren können. Nun seid gescheit und helft ihnen jetzt gegen den Rat, und daß sie es euch nachher danken werden, danken und lohnen, dafür laßt nur uns sorgen. Also nicht wahr? Es bleibt bei der Absprache, ihr geht mit uns, und wenn's zum Klappen kommt, so zählen wir auf euch, es soll euch nicht gereuen!« Wie sie unter den Meistern immer mehr Gefolgschaft gewannen, so sagten ihnen auch viele Handwerksknechte ihren Beistand wieder zu, und außerdem hatten sie jetzt noch einen sehr wertvollen Helfershelfer in Ulrich Schupper, dem Bruder des Propstes von Lüne. Dieser besaß weder die rücksichtslose Tatkraft Dalenborgs noch die abgefeimte Schlauheit Sengstakes, aber dafür hatte er etwas Gewandteres und Gewinnenderes in seinem Wesen und ein ebenso bodenloses Gewissen. Als des Propstes Bruder war er stets von den Plänen und Maßnahmen der Prälaten gegen den Rat aufs beste unterrichtet, und da er früher schon einmal, weil aus einer einst angesehenen Familie stammend, im Rate gesessen, sich aber mit den übrigen Ratsmitgliedern nicht vertragen hatte, so glaubte er nicht mit Unrecht, die größte Anwartschaft auf einen der bald erledigten Ratsstühle zu haben. Er hatte sich bisher mehr im Hintergrunde gehalten, trat aber jetzt mit seiner Ratsfeindschaft offen hervor, um sich den Bürgern zu zeigen und als ein in den Rat zu Berufender zu empfehlen. Darum hetzte und handelte er nun so keck und verwegen wie die beiden anderen und fand dabei mehr Vertrauen unter den Bürgern als jene. Dem Amtsmeister der Mültergilde, Rokswale, schmeichelte er als dem Haupte des ersten und größten Amtes in Lüneburg mit der unfehlbar sicheren Aussicht auf einen Sitz im neuen Rate und stachelte ihn auf, sich doch nicht von Henneberg ins Schlepptau nehmen zu lassen, sondern selbständig zu handeln. Mit ähnlichen Vorstellungen machte er sich auch an die anderen Amtsmeister und pries überall seinen Freund Dalenborg als den einzig möglichen Retter der Stadt, von dem alles Heil der Zukunft zu erwarten wäre, wenn er an die Spitze der Verwaltung käme. Dalenborg lohnte ihm das mit demselben Dienst. Es war zwischen beiden abgekartetes Spiel; einer hob und schob den anderen, damit sie beide emporkämen. Meister Gotthard rang trotz seines entschlossenen Mutes im stillen mit schweren Sorgen, was ihm die Seinigen wohl anmerkten. Sie taten alles, um ihn aufzuheitern und vermieden alles, was ihm im Hause irgendwie Kummer oder Verdruß bereiten konnte, selbst Arnold benahm sich rücksichtsvoller denn je. An eine Flucht mit Ursula dachte dieser jetzt nicht, sondern wollte die Entwicklung der Dinge abwarten, ob sie nicht vielleicht eine seinen Wünschen günstige Wendung nähmen. Auch Meister Gotthard sah das Bestreben der Seinigen, ihm die Sorgen möglichst zu verscheuchen und dankte es ihnen ohne Worte, war mild und freundlich gegen sie. Einmal in Abwesenheit von Frau und Tochter ging er heimlich in seine Rüstkammer hinauf, wie er den Raum nannte, in dem er seine kleine Waffensammlung bewahrte. Dort hielt er Musterung, prüfte, ob die Klingen nicht in den Scheiden festgerostet und ob Riemen und Schnallen an Harnisch und Wehrgehenken in gutem Stande wären; es könnte ja sein, daß er nächstens sich und seine Söhne wappnen und vielleicht noch diesem oder jenem Freunde mit redlichem Gewehr aushelfen müßte. Es war alles in bester Ordnung; befriedigt von der Waffenschau ging er wieder an seine friedliche Arbeit, stellte sich an die Fügebank und hobelte Dauben. Eine ähnliche, teils kriegerische, teils sorgenvolle Stimmung herrschte jetzt in allen Häusern Lüneburgs. In Kopf und Brust manches Einwohners regte sich der Ehrgeiz, träumte die Hoffnung, nagte die Begierde nach Vorteil und Förderung, und in einigen wenigen saßen Gift und Galle, Rachsucht, Haß und Bosheit und brüteten über Untaten und Verrat. In einem Hause aber ging es wunderlich zu – in Daniel Spörkens Löwengrube. Frau Gesche, geborene Mushund, war eine große Feindin des Rates, dieses Rates wie jedes folgenden, und wenn einer aus lauter Engeln bestehend vom Himmel heruntergekommen wäre; aber ebenso unzufrieden würde sie gewesen sein, wenn es gar keinen Rat in Lüneburg gegeben hätte. An allen Menschen und an allen Dingen hatte sie etwas zu tadeln und zu mäkeln, und Schmälen und Zanken war ihr zur zweiten Natur geworden. Bösartig und schlecht war sie eigentlich nicht zu nennen und besaß auch nicht mehr Neid, als eine kinderlose Schustersfrau von ihrem Schlage allmählich in sich hineinschluckt. Aber sie steckte voller Launen und Schrullen, war bissig und kratzbürstig. Woher sollte ihr Haus auch sonst den Namen Löwengrube erhalten haben? Daniel war kein Löwe. Während der verhängnisvollen Tage befand sie sich in einer fast krankhaften Erregung und konnte die Zeit nicht abwarten, bis irgend etwas Gewaltsames, Unerhörtes in Lüneburg geschehe, worauf sie wieder weidlich schimpfen konnte. Sie gönnte es sämtlichen Ratsherren, daß sie gestürzt, ihretwegen auch eingesperrt würden, aber sie gönnte keinem Menschen, an Stelle eines der Abgesetzten zu treten. Sie war wütend, daß die Prälaten das Geld zurückverlangten und die Hälfte ihres Einkommens oder auch das Ganze nicht für die Stadt hergeben wollten; aber noch wütender wäre sie geworden, wenn man zur Deckung der Schulden einen Pfennig von ihr gefordert hätte. Sie freute sich darauf, wenn der Sülfmeister und seine Anhänger in dem Kampf schmählich unterliegen würden, aber sie ergrimmte auch bei dem Gedanken, daß dann Dalenborg und Sengstake oder Hesterwegen und Dörgerloh ans Regiment kommen könnten. Sie war die Feindin von allem Bestehenden und Werdenden. Timmo dagegen war kreuzfidel. Ihm war es ganz gleichgültig, wer oben in der großen Audienz des Rathauses oder unten im steinernen Weinfaß und in den festen Türmen saß, wenn er es nur nicht war; und ebenso gleichgültig war ihm, wer die Schulden der Stadt bezahlte. Er freute sich unsäglich auf den Austrag der Sache und auf Tumult und Kampf, wenn auch ein oder der andere Hieb ihn selber dabei treffen sollte. Sein bißchen Leben würde man ihm ja hoffentlich lassen, und außerdem hatte er nichts zu verlieren. Also nur los! Mit Daniel Spörken war in den letzten Tagen eine auffallende Veränderung vorgegangen, zu der seinen Angehörigen im Hause jeder Schlüssel fehlte. Er war stets unterwegs und gab sich die größte Mühe, gegen jedermann nicht nur höflich, sondern auch den klugen und bedeutenden Bürger zu spielen. Er warf mit ganz neuen, hochtönenden Redensarten um sich, sprach bald von Brauch und altem Herkommen und Schuldentilgungsplänen, bald von Konkordien und Ordinantien, Handwerksrollen, Willküren und Beliebungen, bald von Eddagsartikeln und von der Stadt Freiheit, Obrigkeit, Ehre, Recht, Gewalt und Herrlichkeit, daß die erstaunten Lüneburger ihren gutmütigen Allerweltsschuster gar nicht wiedererkannten. Wenn er aber zufällig mit niemand sprach, sondern allein ging, so bewegten sich seine Lippen im Selbstgespräch, oder er blieb plötzlich in tiefen Gedanken auf der Straße stehen und nahm danach eine stolze Haltung und einen würdevollen Schritt an, aus dem er freilich immer sehr bald wieder in seinen gewöhnlichen Schustertrott verfiel. Zu Hause bei der wenigen Arbeit, die er überhaupt noch verrichtete, war er oft ganz geistesabwesend, machte vieles dabei falsch und dumm, saß minutenlang auf seinem Schemel, ohne eine Hand zu rühren, stierte auf sein Schuhwerk unter dem Knieriemen, ohne etwas zu sehen, warf es dann heftig und verächtlich zu Boden, sprang auf, machte ein paar lange Schritte hin und her und lief plötzlich wieder fort in die Stadt. Frau Gesche ward es dabei ganz unheimlich. Als sie ihn einmal anknurrte: »Mann, was ist mit dir? Bist du verrückt geworden?« antwortete er: »Stille, stille, Gesche! Nur Geduld! Nur Geduld! Wirst's schon sehen! Es ist – 'ne große Sache; laß nur, kommt schon! Kommt schon!« Fort war er wieder, und die anderen drei in der Werkstatt schauten sich verblüfft an. »Wirst du klug aus dem Menschen?« fragte Gesche. »So redet nicht, Meisterin«, erwiderte Timmo. »Der Meister muß sich was zu Herzen genommen haben, oder er will in der Morgensprache eine große Rede halten.« »Na, da werden sie ihm schön heimleuchten«, lachte Gesche. Timmo wußte wirklich nicht, wo seinen Meister der Schuh drückte und beschloß, ihm das Geheimnis seines seltsamen Wesens zu entlocken. Als sie einmal beide allein waren – Gesche war auf den Wochenmarkt gegangen, und Hans war ausgeschickt worden –, wollte Timmo die Gelegenheit wahrnehmen und sann darüber nach, an welchem Ende er das Ding anfassen könnte. »Es ist eine große Sache«, hatte der Meister gesagt; was für eine große Sache konnte das denn sein? Etwa eine Verschwörung der Meister? Mal sehen! Und er fing an: »Meister, das lange Hin- und Herreden, das Wanken und Schwanken gefällt mir nicht, damit erreicht ihr nichts. Ihr Meister solltet euch alle heimlich zusammentun, einen raschen Entschluß fassen und den eines schönen Morgens zur Ausführung bringen, ehe der Rat mal recht ausgeschlafen hat.« »Dummes Zeug!« sagte Daniel. »Wozu denn Hinterlist und Heimlichkeit, wenn man alles frei und offen betreiben kann? Sollen wir Meister etwa bei nachtschlafender Zeit auf grüne Heide gehen wie ihr junges Gesellenvolk? Wir denken nicht daran.« So! Also mit der Meisterverschwörung war es nichts; aber vielleicht mit der großen Rede in der Morgensprache. Und Timmo fing nach einer Weile wieder an: »Meister, wenn Ihr nun nächstens Morgensprache haltet, so solltet Ihr es Euren ehrbaren Werkbrüdern mal ganz gehörig sagen, was ihr euch von diesem Rat habt alles gefallen lassen müssen, und daß das künftig doch anders werden muß. Meint Ihr nicht?« »Wozu denn da noch viel reden?« sagte Daniel. »Darüber sind wir ja schon lange einig, daß das nun alles ganz anders kommen muß. Und das wird es auch«, fügte er mit einem Feuerblick auf seinen Gesellen hinzu, »wenn nur da oben erst die rechten Männer im Rate sitzen!« Die rechten Männer? Die rechten Männer! – »Ja, ja«, sprach Timmo, »Sengstake ist ein gestickter und gescheiter Mann und vieler Dinge kundig, und Dalenborg hat Haare auf den Zähnen und weiß, was er will.« »Ach was, Sengstake, Dalenborg!« sagte Daniel ärgerlich. »Nun, meinetwegen ja, die werden schon dafür sorgen, daß sie da oben einen Platz finden. Aber ich meine noch andere Leute, Männer, die etwas vom Handwerk verstehen, die Handwerks Gebrauch und Gewohnheit kennen und die in der Bürgerschaft angesehen und beliebt sind.« Dabei warf er den Hammer so heftig auf den Werktisch, daß alles darauf klang und klirrte, und stemmte beide Arme in die Hüften, wieder mit dem Blick eines Helden und Siegers. In Timmo dämmerte jetzt ein Verdacht auf, der ihm im ersten Augenblick des Bewußtwerdens einfach verrückt vorkam, im nächsten aber wie eine Offenbarung vor ihm stand. ›Herr du meines Lebens!‹ dachte er. ›Ist es denn menschenmöglich? Der Meister will in den Rat! Daniel Spörken will Ratsherr werden!‹ – Das mußte er genauer wissen. »Da habt Ihr ganz recht, Meister!« sprach er. »Handwerker müssen in den Rat; alle Gilden müssen durch ihre Amtsmeister vertreten sein; das ist ein großer Gedanke!« »Alle Gilden ist nicht nötig«, erwiderte Daniel, »nur einige von den größten, die Brauer, Böttcher, Bäcker, Schneider und – und die Schuhmacher.« »Haha! – Haha! – Jawohl! – Natürlich!« Timmo wandte kein Auge mehr von seinem Meister; ihm war, als ob sich vor Lachen jedes Haar an ihm krümmte; aber er blieb ernsthaft. »Und dann«, sagte Daniel etwas zögernd, »warum denn gerade die Amtsmeister? Müssen es denn durchaus die Amtsmeister sein?« »Nein! – Nein! – Bewahre!« Es war richtig. Timmo legte das Arbeitszeug beiseite und stand auf, langsam, feierlich. Er schritt auf den Meister zu, wischte sich die Hand an der Schürze ab, erhob sie dann wie segnend, legte sie fest auf Daniels Schulter und sagte: »Meister, wollt Ihr ein ruhiges, vernünftiges Wort von Eurem treuen Knecht hören, der Euch kennt und ehrt wie kein anderer? – Meister, Ihr müßt Ratsherr werden!« Er hielt die linke Hand hinter sich und drückte sich die Nägel ins Fleisch, sonst wäre er jetzt losgeplatzt. Daniel ging es sanft und glatt wie Öl hinunter, und ein süßer Kitzel rieselte ihm über den Rücken hinab. Auch er erhob sich, reichte seinem Gesellen die Rechte und sprach gerührt: »Timmo! – Siehst du, Timmo, brave Seele! Freund und Bruder! Das freut mich von dir, daß du das auch sagst, daß du mich verstehst, und – und –« »Schweigt stille, Meister!« sprach Timmo. »Ihr macht mir das Herz weich. Ich fühle ganz, fühle alles mit Euch. Wir zwei, wir verstehen uns, Meister!« »Ja, ja, Timmo! – Timmo! Wir verstehen uns«, sagte Daniel. »Wie schön, wie schön, wenn sich zwei Menschen wie ich – wie wir –« Er konnte nicht weitersprechen und schüttelte Timmo immerfort die Hand. »Meister!« rief Timmo. »Zählt auf mich! Was ich vermag, das geschieht! Und wenn Ihr Ratsherr seid, dann denkt an mich!« Und immer noch wedelten sie beide mit den fest ineinandergeschlungenen Händen. Leider kam in diesem großen Augenblick der dumme Junge, der Hans, zurück und machte dem erhabenen Auftritt ein Ende. Meister und Gesell setzten sich wieder an ihre Arbeit. Daniel legte mit bedeutsamem Blick den Finger auf den Mund und sagte: »Aber –« »Na!« machte Timmo. »Besonders Gesche!« »Oh!!« Jetzt war Timmo in seines Meisters grübelndes Geheimnis eingeweiht, und dieser Spaß ging ihm über alle Späße. So etwas hatte ihm nur noch gefehlt, um seine Lust an den kommenden Ereignissen unübersteiglich groß zu machen. Mit welcher diebischen Freude dachte er an alle die Dummheiten, die Daniel machen würde, um Ratsherr zu werden! »Meister – ich hätte bald gesagt, Herr Ratsherr!« sprach er leise. »Ich bin zu ergriffen, um jetzt arbeiten zu können, und lade Euch ganz freundlich ein, mit mir bei der Mutter Hombrokschen einen Krug Eimbecker zu trinken auf gute Verrichtung.« »Bist ein guter Mensch«, sagte Daniel. »Komm!« Und sie gingen. Als Gesche nach Hause kam, weder Meister noch Gesellen vorfand und von Hans erfuhr, wohin sie gegangen waren, sagte sie kopfschüttelnd: »Jetzt sind sie alle beide verrückt geworden; aber wovon, und wehe dem, der mir etwas vorflunkert!« Drittes Kapitel Der Bürgermeister Johann Springintgut befand sich auf- und abschreitend, wie es in Augenblicken einer Gemütsbewegung seine Gewohnheit war, in dem sehr behaglichen Wohngemach seiner Familie, und seine Gattin saß mit der vierzehnjährigen Tochter Christine auf einem erhöhten Fenstersitz. Die Ungewißheit der nächsten Zukunft mit allen Hoffnungen im günstigsten und allen Befürchtungen im schlimmsten Falle bildete den Inhalt ihres Gespräches. Er hatte seiner Frau den Vorschlag gemacht, mit den Kindern nach Hamburg zu ihren Verwandten zu gehen und dort so lange zu bleiben, bis das Unwetter in Lüneburg vorüber sei. Sie hatte ihm dagegen auf das bestimmteste erklärt, jetzt unter keinen Umständen von seiner Seite weichen zu wollen. »Aber unser Silbergerät, Johann, alle Kleinodien und was du an Geld und Geldeswert entbehren kannst, solltest du dorthin schicken«, sprach sie, »es wäre dort sicherer als hier.« »Darum ist mir nicht bange«, entgegnete er, »aber um dich sorge ich mich. In den stürmischen Tagen, die wohl kommen werden, können leichtlich Dinge gestehen, die ein Frauenherz schwerer überwindet als unsereins, und damit möchte ich euch verschonen.« »Was du zu tragen hast, Johann, das tragen wir mit«, sagte die Frau. »Nicht wahr, Christine?« »Alles, Mutter!« sprach Christine. »Bitte, bitte, lieber Vater, laß uns bei dir bleiben!« »Wenn ihr es durchaus so wollt«, erwiderte Springintgut; »aber ich sehe es ungern. Ich würde mich freier und stärker fühlen, wenn ich euch wohlgeborgen wüßte.« »Fürchtest du wirklich so Schlimmes? Fürchtest du einen Aufstand?« »Mathilde«, sprach er, »wer kann das wissen! Die Gemüter sind erregt; unsere Feinde mehren sich und hetzen und wühlen ohne Unterlaß. Ich wollte, die Stunde der Entscheidung wäre da; diese Ungewißheit ist mir gräßlich. Entweder – oder! Meinetwegen Kampf auf Leben und Tod! Nur Entscheidung!« »Johann!« rief die Frau, sprang auf und umschlang den Gatten, als wollte sie ihn halten und schützen; auch Christine schmiegte sich angstvoll an den Vater. »Auf Leben und Tod? Steht es so?« Eine Träne glänzte ihr im Auge. »Nun, nun!« beruhigte er sie. »So ein Wort ist noch kein Schwertschlag; ich meinte ja nur – ich meinte nur einen Kampf mit Meinungen und Worten.« »Johann, du verbirgst mir etwas!« rief sie und umfing ihn noch fester. »Laß uns fliehen, Johann! Wohin du willst, nur daß wir beieinander bleiben.« »Mathilde!« »Mit dir will ich alles tragen, alles, auch den Bann! Aber ohne dich kann ich nicht leben, es ist mir undenkbar!« Er drückte sie heftig an sich und suchte ihr seine eigene tiefe Bewegung zu verbergen. Dann küßte er sie heiß und innig und machte sich schnell aus ihren Armen los; er hatte seine Selbstbeherrschung wieder. »Ein Bürgermeister von Lüneburg fliehen?!« rief er lachend. »Und eine Bürgermeisterin, eine Witzendorf sich fürchten? Christine, lache doch mit! Lache Mutterchen aus!« Mutter und Tochter lächelten unter Tränen und blickten ihn mit unsäglicher Liebe an. »Siehst du's nun ein, daß wir bei dir bleiben müssen?« fragte Frau Mathilde. »Fern von dir würden wir in Angst um dich vergehen.« »Ja! Ihr bleibt hier!« rief er ganz fröhlich. »Wir halten zusammen aus und nehmen hin, was kommt!« »Alles!« Er hatte mit dem einen Arm die Frau, mit dem anderen die Tochter umfaßt und drückte sie beide an sich. Da kamen ihre zwei Söhne von zwölf und zehn Jahren aus der Klosterschule von Heiligenthal. »Wo kommt ihr denn so spät her?« fragte der Bürgermeister. »Wir waren eine Stunde eingesperrt«, antwortete Barthold der ältere. »So? Warum denn?« »Wir haben uns geprügelt.« »Was? Geprügelt habt ihr euch?« fragte die Mutter. »Ja Vater«, rief Kurt, der jüngere, »wir haben uns tüchtig gehauen, und morgen hauen wir uns wieder.« »Oho!« »Ja, aber nicht in der Schule; draußen vor dem Lüner Tor, da spielen wir Ratmannen und Gilden.« »Ach, das ist ja wunderhübsch!« lachte der Vater. »Ihr seid doch natürlich Ratmannen?« »Versteht sich! Barthold ist Bürgermeister.« »So, der hat wohl die meisten gekriegt?« »Ich glaube ja!« erwiderte Barthold. »Aber morgen wird's anders.« »Wer hat denn das schöne Spiel angefangen? Die Ratmannen oder die Gilden?« »Die Gilden, Vater! Die Gilden!« riefen beide Jungen zugleich. »Aha! Aber warum denn?« »Sie haben uns geärgert«, sprach Barthold. »Ja, sie haben uns geärgert«, wiederholte Kurt, »vor ein paar Tagen schon.« »Womit haben sie euch denn geärgert?« Darauf schwiegen die beiden gesunden, rotwangigen Blondköpfe, die sich wie ein Paar Zwillinge ähnlich sahen, nur daß Barthold einige Zoll größer war als Kurt. »Nun? Heraus damit!« mahnte der Vater. »Thomas Dörgerloh sagte, sie wollten dich absetzen«, sprach Barthold mit niedergeschlagenen Augen. »Ja, und sie wollten uns alle zur Stadt hinausjagen, sagte Martin Regenstörp, »und dann kriegten wir noch mehr Haue«, vervollständigte Kurt, der von den beiden Jungen der munterste und drolligste war. »Und das habt ihr euch nicht gefallen lassen.« »Nein, da haben wir sie gehauen, ich und Hermann Dassel.« »Und ich und Moritz Brömbsen auch.« »Und Fricko Vogelsang schimpfte uns Salzjunker.« »Und da hat ihn Stephan Garlop gehauen; das war neulich schon, und nun geht's alle Tage so, aber heute war's am tollsten, da kamen noch andere dazu, immer mehr, und da haben wir so lange gekämpft, bis der Pater regens dazukam.« »Aber morgen nachmittag vor dem Lüner Tor, Huida! Die Jungens, die sollen mal Haue kriegen, die Gilden!« rief Kurt augenfunkelnd. »Untersteht euch!« sprach Frau Mathilde. »Ihr geht mir nicht aus dem Hause!« »O Mutter, da müssen wir hin!« rief Barthold. »Ich will euch mal was sagen, Jungens«, sprach der Bürgermeister. »Die Sache hat ihren Haken. Wenn sich Ratmannen und Gilden hauen wollen, so überlaßt das euren Vätern, die werden das besser besorgen als ihr, wenn es nötig ist. Ich werde morgen nachmittag den Fron mit dem Büttel vor das Lüner Tor schicken, damit der eine die Herren Ratmannen und der andere die Herren Gilden bei den Ohren nimmt, wenn ihr das schöne Spiel wieder anfangt, verstanden?« Die Jungen seufzten und sahen sich traurig an. »Wozu sagst du's auch!« warf der ältere dem jüngeren vor. »Ob ihr mich verstanden habt, frag' ich!« wiederholte der Bürgermeister, faßte jeden seiner beiden hoffnungsvollen Sprößlinge an einem Ohr und sprach langsam, bei jeder Silbe ihre Köpfe sanft gegeneinander stoßend: »Ihr – sollt – Frie – den halten! – Habt ihr mich nun verstanden?« »Ja, ja!« riefen die Jungen und sprangen lachend davon. »Was man mit den Rangen für Not hat! Nicht wahr, Stine?« lächelte er und band die beiden langen Zöpfe seiner Tochter ihr unter dem Halse fest zusammen; sie griff nach seinen Händen, und er küßte sie auf die frischen, roten Lippen, wahre Rosenknospen in dem noch kindlichen Mädchengesicht. »Siehst du, Johann«, sagte die Bürgermeisterin, »das ist das Vorspiel; Gilden und Ratmannen!« Er lächelte: »Ich sprach gestern den Sülfmeister, Mathilde, und fragte ihn: Was sagt Eure Frau? Nichts, erwiderte er, sie kennt ihren Mann, und solange sie mich ruhig sieht, ist sie es auch. Ich weiß, du liebst ihn nicht, Mathilde; aber wenn du dem Mann in die Augen sähest, so würdest du getrost sein; er ist die lebendige Kraft und Treue.« »Nur eine ist dir treu, Johann, und das bin ich!« sprach sie und drückte ihm die Hand. »Ängstige dich nicht, Liebe!« erwiderte er. »Ich hoffe, wir genießen noch glücklichere Tage zusammen, als diese sind.« In Sankt Marien fing es an zu läuten, und Augenblicks lagen finstere Schatten auf des Bürgermeisters Antlitz. Das Glockenläuten in Sankt Marien bedeutete den Beginn eines außerordentlichen Gottesdienstes, wie er auf Anordnung des Domdechanten jetzt täglich abwechselnd in allen Kirchen stattfand. Es ward dabei eine Messe gelesen, eine kurze Predigt gehalten und um Erhaltung von Frieden und Eintracht in der Stadt und um Erleuchtung des Rates und der Bürgerschaft gebetet, daß sie den Willen Gottes – soll heißen des Papstes und der sülzbegüterten Prälaten – erkennen und sich ihm beugen möchten, auf daß sie nicht ihr Seelenheil verscherzten und der ewigen Verdammnis verfielen. Diese Gottesdienste wurden, namentlich von dem weiblichen Teil der Einwohnerschaft, fleißig besucht, zumal es sich leicht ereignen konnte, daß sie für längere Zeit die letzten waren, denn während eines über die Stadt verhängten Bannes sollten alle gottesdienstlichen Verrichtungen eingestellt werden. Die gewandtesten Redner wurden auf die Predigtstühle geschickt, und ihre flehentlichen Ermahnungen, ihre lebendigen Schilderungen der zeitlichen und ewigen Strafen wirkten ergreifend und erschütternd auf die Gemüter der gläubigen Hörer. Eine Seelenangst, in der sie um ihr und ihrer Lieben höchstes Gut im Himmel und auf Erden sorgten, erfaßte sie und wuchs und wuchs, ihnen das Herz beklemmend, wie steigendes Wasser dem Ertrinkenden Luft und Leben nimmt. Heimlich frohlockend bemerkten die schlauen Diener der Kirche den Erfolg ihrer Anstrengungen und halfen ihm kräftig und klüglich nach, indem sie mehr als je die Bürger in ihren Häusern besuchten, um ihnen in Tagen schwerer Gewissenskämpfe mit geistlichem Zuspruch beizustehen. Den Männern waren sie wenig willkommen, und sie suchten es daher so einzurichten, daß sie möglichst in deren, durch die vielen Beratungen jetzt häufig vorkommender Abwesenheit erschienen und die Frauen allein trafen. Manches, was sie von der Kanzel herab der Gemeinheit nicht sagen konnten, ließ sich unter vier Augen desto besser anbringen; jedes besondere Verhältnis, jede eigentümliche Stimmung und Gemütsart wurde benutzt, und kein Mittel zum Zweck gescheut; furchtbarste Drohung und freundlichste Bitte, salbungsvolle Würde und vertraulichste Annäherung, je nach den Umständen angewendet, führten, wie der oft fallende Tropfen den Stein höhlt, zum erwünschten Ziel. Die Frauen wurden gewonnen, und in den eben Bekehrten wurden neue Bekehrerinnen geworben, die teils aus eigenem Antrieb, teils auf Rat und Geheiß ihrer geistlichen Tröster wieder zu anderen Frauen gingen, bis mit geringen Ausnahmen alle in Herzensnöten bangten. Nun aber trat das jetzt schon ein, was der Bürgermeister Springintgut damals auf der Küntje vorhergesagt hatte, daß nämlich die Frauen ihren Männern keine Ruhe lassen würden, bis sie sich durch Absetzung des Rates vom Bann gelöst hätten. Noch war der Bann nicht ausgesprochen, und nun galt es, ihn um jeden Preis zu vermeiden. Die Männer von Lüneburg hatten keine Ruhe mehr, nicht bei Tag, nicht bei Nacht, nicht beim Essen, nicht beim Arbeiten. »Setzt den Rat ab!« So klang es ihnen immer und immer in den Ohren mit den tausend verschiedenen Tönen, deren die weibliche Stimme vom zornigsten Drohen bis zum süßesten Schmeicheln fähig ist. Der Mann bat um dies oder das. »Nein!!« hieß es steinhart und eiskalt. »Erst versprich mir, daß du den Rat stürzen willst.« Der Mann verschloß sich mürrisch in sich selbst, aber: »Männchen, liebes Männchen! Nicht wahr, du jagst auch den Rat fort?« lispelte es an seinem Hals. »Ich will dich auch küssen und herzen und dir alles zu Gefallen tun, was du nur ersinnen und erdenken kannst.« Die Frauen der ratsverwandten Geschlechter dachten natürlich anders, aber auch unter ihnen gab es einige, die sich in ihrem Gewissen beschwert fühlten und vor dem Bann zitterten. Barbara von Erpensen lag auf den Knien und gelobte ihre keusche, jungfräuliche Seele jedem Heiligen, der ihr helfen wollte, den Bann abzuwehren. Sie hatte fast täglich Unterredungen mit dem Propst von Lüne und spann heimliche Pläne mit ihm. Frau Johanna Henneberg litt in dem Kampf, der mit den vorrückenden Tagen an Heftigkeit und Bitterkeit zunahm, mehr als alle anderen Frauen. Sie sah den ganzen Haß, den die Gegner des Rates auf ihren Mann geworfen hatten, weil sich um ihn die ratstreuen Bürger wie um einen Führer scharten, aus dessen Entschlossenheit sie den Mut und die Kraft zum beharrlichen Widerstand gegen die Forderungen des Legaten schöpften; ohne ihn wäre vielleicht das Schicksal des Rates schon entschieden und die Gefahr des Gebanntwerdens beseitigt. Das wurde Johanna nun von den Frauen auch noch vorgehalten, die zu ihr kamen und von ihr die Geltendmachung ihres Einflusses auf den Meister mit mehr oder minder dringlichen Vorstellungen und stürmischen Bitten verlangten. Sie wies solches Ansinnen entschieden zurück, weinte ihre Tränen ungesehen und zeigte ihrem Mann kein heiteres – das war nicht möglich –, aber doch ein zufriedenes und ruhiges Gesicht. Sie war gottesfürchtig und fromm erzogen und besaß eine wahrhafte Demut vor allem, was ihr als göttlich und heilig galt; aber heilig war ihr auch ihre Liebe und Treue zu ihrem Gatten, zu dem sie mit einer gewissen Ehrfurcht aufblickte und dessen Los bis in das Jenseits hinein zu teilen sie sich mit einer durch nichts zu erschütternden Festigkeit gelobt hatte. Ihr stand der Bann und seine Folgen als etwas Schreckliches vor Augen, aber sie schwieg und schritt an der Seite ihres Gotthard dem Unabänderlichen gefaßt entgegen. Unter den Männern mit den arbeitsharten Händen war kein aufgeklärter, seine Zeit überflügelnder Geist, der die Überlieferungen und Satzungen des Glaubens und die Ordnung der christlichen Kirche mißachtet hätte, vielmehr steckte in diesen biederen, hausbackenen Handwerkern ein sehr gesunder Kern von Christentum, das innerhalb ihres häuslichen Lebens sowohl wie ihrer Gilden und Brüderschaften in aufrichtiger Frömmigkeit, einfältigen, strengen Sitten und werktätiger Liebe ohne Empfindsamkeit und Schwärmerei wurzelte und blühte, so daß gerade aus diesen Wurzeln, aus diesem Boden heraus dem deutschen Volke der mächtige Baum erwuchs, in dessen Schatten eine spätere Zeit ihre teuersten Güter sammelte und rettete. Schon hatte jedoch ein großer Teil des Klerus durch sein zuchtloses Leben es mit den Städtern verdorben und sich um Glauben und Vertrauen bei der Bevölkerung gebracht. Zweifel an den Offenbarungen, den Heilsmitteln, den Strafgewalten der Kirche begannen sich in den Herzen der Menschen zu regen, weil ihnen Wunder und Zeichen von Lippen verkündet wurden, die ihnen verdächtig geworden waren. Darum war wenigstens den Männern der Bann nichts mehr so Furchtbares, das sie allein zum Abfall vom Rat hätte bewegen können. Noch etwas anderes kam dazu, die Handwerker für ratsfeindliche Absichten besonders empfänglich zu machen, ein merkwürdiger Zug, der nur ihrem und keinem anderen Stand eigentümlich war. So zäh und unlösbar sie nämlich am alten Herkommen hingen und für die Erhaltung des Bestehenden eintraten, wenn es sich um Handwerks Gebrauch und Gewohnheit handelte, ebenso umsturzgelüstig waren sie gegen Einrichtung und Verwaltung des städtischen Gemeinwesens. Bald lag diese, bald jene Gilde einer besonderen Forderung wegen im Hader mit dem Rat, oder sie griffen ihn, immer unzufrieden, samt und sonders an, um eine allgemeine Vergünstigung durchzusetzen und vor allem die Schranke zu durchbrechen, die sie von der Teilnahme am Regiment ausschloß. Diese beim geringsten Anlaß schnell aufflackernde Neigung zu Aufruhr und Umwälzung, diesmal noch unterstützt durch die Aufforderung des Oberhauptes aller Christenheit, trug kräftig dazu bei, dem Rat Gegner zu machen. Auch der Ehrgeiz wirkte mit. Nicht bloß in Daniel Spörkens verschrobenem Kopf nistete der eitle Gedanke, Ratsherr werden zu wollen, auch manchem anderen braven Handwerksmeister in Lüneburg saß er im Nacken. Und nun erst die Frauen! ›Frau Ratsherrin! Das wäre der Mühe wert!‹ dachte jede und wollte den Nachbarinnen und Gevatterinnen dann zeigen, daß sie auch schwere Borten und breiten Biber tragen konnte. So gingen die Tage dahin, die der Bürgerschaft als Frist zur Überlegung gesetzt waren. Von jedem der beiden sich immer schroffer gegenüberstehenden Teile wurden die äußersten Anstrengungen zu seiner Verstärkung gemacht, und wer seine Augen nicht dagegen verschließen wollte, der konnte und mußte sehen, daß die Zahl der Ratsfreunde immer mehr ab- und die der Gegner zunahm. Endlich kam man beiderseitig dahin überein, daß am letzten Tage vor Ablauf der Frist sämtliche Gilden, mit Ausnahme der Goldschmiede, die bereits abgestimmt hatten, Morgensprache halten und darauf sich alle Amtsmeister mit ihren Älterleuten in dem großen Saale des Kalands versammeln sollten, um hier durch Zählung der Stimmen für und wider den Rat die Entscheidung herbeizuführen. Viertes Kapitel So harte Kämpfe, wie die ratsfreundlichen Bürger mit ihren Frauen zu bestehen hatten, blieben Daniel Spörken als einem Gegner des Rates natürlich erspart; desto mehr hatte er unter der brennenden Neugier seiner Frau zu leiden, die auf jede Weise hinter das Geheimnis seines so auffällig veränderten Wesens zu kommen suchte. Es war aber nichts aus ihm herauszukriegen. Ihren dringenden Fragen, wobei sie auf dies und jenes riet, wich er aus mit der Bemerkung, daß es noch Geheimnis bleiben müßte, was da Großes im Werke sei; an ihr Schelten und Drohen war er zu sehr gewöhnt, als daß es noch Eindruck auf ihn gemacht hätte, und auf den Gedanken, es ihm mit schmeichelnden Liebkosungen abzulocken, kam sie gar nicht, ihre Zärtlichkeiten würden ihn auch schwerlich zu dem Bekenntnis verführt haben, daß er Ratsherr werden wollte. Gesche, die ihren Daniel in- und auswendig zu kennen und unumschränkt zu beherrschen glaubte, war wütend, daß sie in diesem Falle nichts bei ihm ausrichtete, und zog daraus den Schluß, daß sein Geheimnis höchst gefährlich sein, vielleicht sie selber nahe angehen müsse. Timmo gab vor, nichts zu wissen, was ihm Gesche keineswegs glaubte. Sie rächte sich an den beiden verstockten Sündern zunächst durch ein versuchtes Aushungern derselben, gab ihnen wohl kümmerlich satt zu essen, aber es war auch danach. Timmo wurde dessen bald überdrüssig, und um wieder besseres Futter zu haben, beschloß er, die Meisterin durch ein erlogenes Geständnis zu versöhnen und sich damit gleichzeitig für die mehrtägige schlechte Behandlung nun wiederum an ihr zu rächen. Als sie in Daniels Abwesenheit wieder einmal einen Angriff auf seine Verschwiegenheit machte, heuchelte Timmo die schmerzlichste Verlegenheit. Er zog die Stirn in düstere Falten und stieß erschütternde Seufzer aus, dann rieb er sich, den Oberkörper auf dem Schemel auf und ab bewegend, mit den Händen beide Knie, kratzte sich erst am Ellenbogen und dann am Kopf, warf einen verzweifelten Blick auf die Meisterin und einen ängstlichen auf Hans. Gesche, die alle diese Anstalten als die ringenden Vorbereitungen eines schwer belasteten Gewissens zu einer befreienden Beichte erkannte und auch den Blick auf den Lehrjungen verstanden hatte, sagte: »Hans, geh mal zur Frau Lise Langepape in der Wandfärberstraße (das war genau am entgegengesetzten Ende der Stadt), ich ließe ihr einen schönen guten Morgen wünschen, und wie sie und ihr Kleines sich heute befänden.« Hans sah seine Meisterin mit einem Gesicht an, das ungefähr besagen mochte: O Gott! Was wird er dir aufhängen! Und ging seines Weges. »So!« sprach Gesche dann und rückte mit dem Stuhl an die äußerste Kante ihrer Fensterstufe. »Jetzt ist die Luft rein, nun heraus mit der Sprache!« »Meisterin!« begann Timmo und kratzte sich wieder auf dem Kopf. »Das ist ein sehr kitzliches Ding; ich weiß bei meiner armen Seele nicht, ob ich's Euch sagen soll und wie ich's Euch sagen soll.« »Dummheiten! Nur zu!« ermunterte Gesche. »Ja, Meisterin, wollt Ihr mir auch hoch und heilig schwören –« »Ja, ja, ja!« rief Gesche ungeduldig. »Alles! Nur weiter!« »Na, denn also, es ist dieses – das heißt, ich glaube nicht, daß sie damit durchkommen, ich glaube wahrhaftig nicht, daß sie damit durchkommen, ich meine gegen euch, gegen ihre Frauen; aber der Legat hat es ihnen versprochen.« Timmo seufzte und sah die Meisterin bedauernd an. »Herrgott im Himmel! Wer? Womit? Wo durchkommen? Was hat er versprochen?« polterte Gesche. »Ja, Meisterin, leicht ist es nicht, Euch sowas ins Gesicht zu sagen«, sprach Timmo. »Also die Meister, ob alle, weiß ich nicht, etliche Meister haben dem Legaten ihr Wort gegeben, gegen den Rat zu stimmen, wenn er ihnen vom Papst die Erlaubnis erwirkt, sich noch – Meisterin, tragt mir's nicht nach; ich kann nichts dafür.« Gesche stampfte mit beiden Füßen. »Sich noch –?« »Sich noch eine zweite Frau zu nehmen, eine junge – ach Gott! Ruhig, Meisterin! Ruhig!« Die Meisterin war vorläufig noch ruhig. Sie gebrauchte Zeit, um das zu begreifen. Dann fing sie an zu zittern, in ihrem Gesicht zuckte es heftig hin und her, und sie kratzte und trommelte mit allen zehn Fingern auf ihrem Schoß, ehe sie ein Wort sprach. Plötzlich schlug sie eine kreischende Lache auf; dann kam es heiser, stoßweise heraus, als ob es ihr an Atem zum Sprechen fehlte: »Also darum – wollte er's nicht sagen – das geht mich freilich nahe genug an – noch eine Frau – eine andere Frau – eine junge – will er sich nehmen; na – laß sie man kommen!!« und sie hob die geballten Fäuste vor ihre Augen. »Ah, Meisterin, nur ruhig!« sagte Timmo. »So rasch geht das nicht.« In Timmos Worten mußte wohl ein leiser Ton unterdrückten Lachens geschwirrt haben, denn plötzlich schoß Gesche einen giftigen Blick auf ihn; den breiten Mund verzerrend und die Zähne aufeinanderbeißend zischte sie ihn an: »Höre, Mensch! Gut bekommt dir's nicht, wenn das etwa –« »Meisterin«, sprach Timmo mit beleidigtem Stolz, »ich kann nur sagen, was ich gehört habe, und wenn sich Meister Daniel wirklich schon eine ausgesucht hätte, eine hübsche, junge, was ich nicht weiß –« »Will's ihm nicht raten!« sagte Gesche, und die Worte knarrten wie ein Rad auf harten Kieseln. Da wird die Tür aufgetan, und draußen klang Daniels Stimme: »Tretet nur ein, liebe Jungfer Florentine! Tretet nur ein, meine Frau ist wahrscheinlich nicht zu Hause.« »O ja«, rief es aus der Fensternische zurück, »deine Frau sitzt hier; laß nur die liebe Jungfer mal hereinkommen!« »So, ich dachte du wärest ausgegangen, liebes Frauchen«, sagte Daniel, etwas unsicher mit Florentine eintretend. »Nein, liebes Männchen, ich bin ganz und gar hier!« Es klang, wie wenn man ein Messer wetzte. Gesche saß mit funkelnden Augen wie zum Sprunge bereit. Als Timmo den Namen seines Liebchens hörte und das hübsche Mädchen erblickte, geriet er doch etwas in Verlegenheit, denn er konnte sich Florentines Besuch nicht erklären. Was wollte sie hier? Und mit Daniel zusammen gerade jetzt, in diesem Augenblick! Sie kam wie der Punkt hinter dem Satze, wie der ungerufene lebendige Beweis dessen, was er seiner Meisterin soeben aufgebunden hatte. Er erhob sich von seinem Schemel und wußte nicht, was er sagen sollte. Florentine bot der Meisterin guten Tag und erhielt von ihr einen Gegengruß, hinter dem mindestens ein halbes Dutzend der schärfsten Fragezeichen tanzten. »Die liebe Jungfer will sich von mir ein Paar Schuhe anmessen lassen«, sagte Daniel, ein eingewickeltes Päckchen, das er mitbrachte, beiseitelegend. »Die liebe Jungfer will sich von dir ein Paar Schuhe anmessen lassen«, wiederholte Gesche beiläufig und mit einer Freundlichkeit, die wie mit Glatteis überfroren war, »so! Vielleicht schon die Brautschuhe?« »Brautschuhe? Ach nein!« lächelte Florentine. »So eilig hab' ich's damit nicht.« »Nicht! So! – Na, das denk ich auch, wenn Euch Euer hübsches, glattes Gesichtchen lieb ist!« erwiderte Gesche und rieb die gekrümmten Finger gegeneinander. »Das würde doch darunter hoffentlich nicht zu leiden haben«, bemerkte Florentine. Timmo machte eine Wendung zur Meisterin hin, sah sie steif an und beschrieb einen Ring auf der Seite seines Herzens. »Nehmt Platz, Jungfer Florentine!« sagte Daniel und griff zum Maß. Florentine setzte sich auf einen Stuhl, lüpfte das Gewand und hob dem vor ihr knienden Meister einen schlanken, zierlichen Fuß hin. Er zog ihr den Schuh aus und hielt ihren Fuß nun in seiner Hand, ihn schmunzelnd betrachtend, um sich seine Form recht einzuprägen; dann strich er ihr mit der anderen Hand über den Spann und die Zehen und drückte den Fuß sanft, indem er sagte: »Ihr habt ja einen ganz allerliebsten kleinen Fuß, Jungfer Florentine!« »Warum sollt' ich nicht, Meister?« erwiderte sie. »Leichten Fuß und leichten Sinn, das lob' ich mir.« »Leichte Fliege!« knurrte Gesche. »Schöner Fuß ist wert 'n Kuß!« sprach Timmo. Gesche sowohl wie Timmo hatten Daniels liebkosende Handbewegungen wohl gemerkt und gerieten beide in Eifersucht darüber, Gesche auf Florentine, und Timmo auf Daniel, dem er das Geschäft des Messens am liebsten abgenommen hätte. »Dreizehn Stich!« sagte Daniel von der Maßlade ablesend, in die er Florentines Fuß gestellt hatte. »Nein, so ein Füßchen! Gesche, hast du schon solches Füßchen gesehen?« Gesche klapperte mit den Zähnen, Florentine lächelte geschmeichelt und streckte den Fuß in einem himmelblauen Strumpf recht lang und schlank hervor, daß ihn Timmo sehen sollte, den sie schelmisch dabei anblinzelte. Timmo warf einen verliebten Blick darauf und sah dann wieder auf die Meisterin, die sich bereits in kochendem Zustande befand. »Und hier über dem Knöchel, wie zart und rund und wie fein gebaut!« fuhr Daniel immer noch kniend fort. »Erlaubt noch einmal, ich habe mich wohl versehen.« Und er maß noch einmal Spann und Hacken mit einem Papierstreifen und hielt Florentines Fuß an den Zehen mit der Hand umschlossen. Gesches Geduld ging zu Ende. »Soll ich dir vielleicht helfen, Daniel?« fragte sie wutbebend. »Danke!« sagte Daniel. »Ich mach' es lieber allein. Solches Füßchen kriegt man nicht alle Tage zu sehen.« Gesche wollte ihm auf den Rücken springen, aber Timmo stand wie ein Tierbändiger vor ihr und malte mit dem Zeigefinger immerfort Ringe auf seiner Brust. »Der Blutwurm!« flüsterte er. Endlich war Daniel fertig und stand auf. Florentine legte den gemessenen linken Fuß auf ihr rechtes Knie und zog sich mit einer liebenswürdigen Unbefangenheit den Schuh wieder an. Timmo hatte Gelegenheit, nun auch den anderen himmelblauen Strumpf zu bewundern, aber nur flüchtig, denn er durfte die Meisterin nicht lange aus den Augen lassen. Dann erhob sich auch Florentine, bedankte sich und sprach: »Wenn sie gut ausfallen, Meister, so bestellt Euch meine Herrin, Frau Walpurg Grönhagen, auch ein Paar.« »Aha!« dachte Gesche. »Sie sorgt schon für Kundschaft.« »Soll mir angenehm sein, Jungfer Florentine!« sagte Daniel. »Ihr sollt gut bedient werden.« »Von mir auch!« dachte Gesche. »Wir werden Eurer gedenken, wenn wir an den Schuhen arbeiten«, sprach Timmo mit zärtlichem Blick, »und anpassen will ich sie Euch.« »Oder ich!« sagte Gesche. »Das findet sich«, bemerkte Daniel. »Aber nicht so rasch!« meinte Gesche. »Je eher je lieber!« lachte Florentine. Die schmucke Zofe verabschiedete sich mit freundlichen Grüßen und Daniel geleitete sie hinaus. Jetzt hielt sich Gesche nicht länger; sie sprang auf und schnob wütend: »Also das war sie, seine zukünftige Zweite, die er mir hier ins Haus bringen will; na warte!« »Meisterin! Um Gotteswillen, stille!« bat Timmo. »Ach was!« rief sie. »Das muß mir von der Seele herunter, sonst ersticke ich daran!« Als Daniel wieder hereinkam, stellte sie sich vor ihm hin und fing in einem vielversprechenden Ton an: »Ich weiß alles! Alles weiß ich, dein ganzes Geheimnis!« »So? Du weißt es?« fragte Daniel mit verblüfftem Gesicht. »Von Timmo?« »Ja, von Timmo.« »Meisterin!« sprach Timmo. »Schweig!!« »Na? Was sagst du denn dazu?« fragte Daniel ganz vergnügt. »Was ich dazu sage?« »Ja! Freust du dich denn nicht?« Gesche war sprachlos. »Nur Mut, Gesche! Sollst mal sehen, ich setz' es durch.« »So? Meinst du? Ich glaub' es nicht.« »Doch, doch, Gesche! Paß auf! Aber nun mache doch mal ein freundliches Gesicht! Ist doch auch für dich eine Ehre!« »Eine Ehre für mich! Hört ihr's, ihr Heiligen da oben?!« schrie sie. »Mir ist es gar nicht recht, daß dir's Timmo gesagt hat.« »Wirklich nicht?« »Ich wollte dir eine Überraschung damit bereiten.« »Daniel!« machte sie jetzt und holte mit der Hand aus. »Wenn du Lust hast, ein paar Stunden den hölzernen Esel auf dem Markte zu reiten, so sag's nur! Die dazu nötigen Prügel kannst du gleich hier auf der Stelle kriegen.« »Aber Gesche!« entgegnete Daniel. »Mir das! Einem künftigen Ratsherrn!« »Einem künftigen – was?« »Ratsherrn! – Ja ja! Künftigen Ratsherrn!« »Alle vierzehn Nothelfer, steht mir bei! Er wird immer verrückter!« rief sie händeringend. »Ich denke, Timmo hat dir's gesagt, daß ich Ratsherr werden will? Das ist ja mein ganzes Geheimnis.« »Jetzt stürzt das Haus ein«, dachte Timmo und war wie der Wind zur Tür hinaus. Gesche achtete nicht darauf; sie trat ein paar Schritte von Daniel zurück und – was sie noch nie in ihrem Leben getan hatte, sie fing an sich vor ihm zu fürchten. Aber wie sie ihn ansah und er so dumm und verlegen dastand, schoß ihr der Gedanke durch den Kopf: was der eine kann, kann der andere auch; sie lügen beide. »Denkst du, ich soll dir den Unsinn glauben?« fuhr sie wieder auf ihn los. »Ihr beiden nichtsnutzigen, niederträchtigen Galgenstricke, du und dein sauberer Busenfreund, der Darmstädter, ihr habt irgendeine Schandtat zusammen begangen oder wollt sie erst noch begehen, und nun bildet ihr beiden Schafsköpfe euch ein, ihr könntet mir etwas weismachen? Ha ha ha! Ist in deinem Ratsherrwerden etwa für dich einen halben Pfennig mehr Verstand als in dem Quark, den mir der andere vorgemacht hat, daß du dir noch eine zweite Frau nehmen wolltest?« »Was hat er gesagt?« schrie Daniel. »Eine zweite Frau nehmen? Gerechter Gott! Ich habe schon an einer genug!« »An einer genug? Schon an einer genug? Wohl auch an einer zu viel? Oder gar an einer zu wenig? Du elender, treuloser Wicht!« schrie sie auf ihn los. »Aber Gesche! Ich dir treulos! Ich bin ja so zufrieden mit dir, ich habe dich ja so lieb; wie kannst du mir nur sowas zutrauen!?« sprach er begütigend. »Zuzutrauen ist euch beiden alles«, keifte sie, »aber Ratsherr werden zu wollen, das geht denn doch über alle menschliche Vernunft und Möglichkeit und ist auch weiter nichts als eine verfluchte Lüge. Aber warte! Ich will dir den Ratsherrn schon anstreichen!« »Du glaubst mir's nicht?« »Nein! Nein! Dreimal nein! In alle Ewigkeit nicht!« »So! Na was meinst du denn, wozu ich mir diesen Samtkragen hier gekauft hätte? Den sollst du mir an mein Sonntagswams nähen, worin ich zu Rathause gehen will in die Sitzung.« Dabei hatte er aus dem mitgebrachten Paket ein Stück grasgrünen Samt ausgewickelt und hielt es ihr nun vor die Augen. Sie riß es ihm aus der Hand und schrie: »Sonstwohin werd' ich dir's nähen, du Grasaffe du! So das Geld wegzuwerfen für eine reine Narretei.« In diesem Augenblick steckte Hans seinen struppigen Kopf vorsichtig zur Stubentür herein, aber Gesche schmetterte sie augenblicklich wieder zu, und hätte Hans nicht blitzschnell den Kopf zurückgezogen, so wäre es bei dem derben Stoß, den er doch noch dagegen bekam, nicht geblieben. Timmo war ihm auf der Straße begegnet und hatte ihn auf Spähung geschickt, während er an der nächsten Ecke auf ihn wartete. Hans lief spornstreichs zu Timmo zurück und sagte: »Bleib nur ja noch fort! Ich glaube, sie hauen sich eben; ich gehe jetzt auch nicht nach Hause.« Der Samt, den Gesche in der Hand hielt, gab ihr trotz aller Wut, in der sie schäumte, zu denken, und dem künftigen Ratsherrn damit dicht unter die Nase fahrend, kollerte sie wie ein Truthahn auf ihn los: »Mensch, gesteh! Oder wir sind geschiedene Leute! Was soll der Plunder? Ist er für deine zukünftige Zweite, der du hier eben ganz verliebt die himmelblaue Entenpfote gestreichelt hast, oder willst du dich selber als ein wahrer Popanz Gott weiß wo damit hinsetzen?« Daniel hielt den Kopf schief und sagte in einem traurigen, vorwurfsvollen Ton bloß: »Gesche! Gesche! Gesche!« »Antworten!!« schrie sie und stampfte mit dem Fuß auf. »Aber Gesche! Die Florentine ist ja Timmos Liebste. Weißt du denn das nicht?« »Schon wieder mal gelogen!« schnarrte sie erbost. »Dann frag ihn selber. Ich werde Ratsherr!« »Daniel, ich glaube, du hast getrunken«, sagte sie nun von ihm zurückweichend. »Glaub was du willst; ich werde Ratsherr!« Sie trat ihm mit vorgebeugtem Oberkörper ganz nahe, tupfte sich mit dem Zeigefinger auf die Stirn und sprach nachdrücklich: »Denkst denn du, daß dir ein Mensch seine Stimme geben wird? So Dumme gibt's hier nicht.« »O ja, genug!« sagte Daniel treuherzig. »Viele wollen mich wählen.« »Zum Spott! Zum Spott! Damit die anderen dich auslachen! Dein ganzes Leben lang wirst du sie über dich lachen hören!« »Das wollen wir mal abwarten. Wer zuletzt lacht, lacht am besten.« »Daniel, wenn du morgen Ratsherr wirst, so kannst du dir so viel Frauen nehmen wie ein Türke. Bist du nun zufrieden?« Das machte ihn doch stutzig, und er sagte: »Meinst du wirklich, Gesche, daß es besser ist, wenn ich nicht Ratsherr werde?« »Ich meine: Schuster, bleib bei deinem Leisten!« erwiderte sie und ging hinaus. Daniel stand wie ein begossener Pudel und zupfte sich an der Nase. Dann wickelte er seinen grasgrünen Samtkragen wieder ein, schlug mit der Hand darauf und sagte trotzig: »Und ich werde doch Ratsherr!« Timmo kam diesen Mittag nicht nach Hause. Erst gegen Abend stellte er sich ein, als Daniel ausgegangen war. »Guten Abend, Meisterin!« sagte er ganz unbefangen, als wenn gar nichts vorgefallen wäre. Sie erwiderte seinen Gruß nicht, tat, als sähe sie ihn gar nicht. »Meisterin, wißt Ihr, wo ich herkomme?« fing er nach einer Weile an. »Ist mir ganz egal«, erwiderte sie ingrimmig, »meinetwegen kannst du wieder hingehen, wo du hergekommen bist.« »Ich habe Euch gerächt, Meisterin! Ich habe die schön verhauen, die mir das gesagt hatten mit dem Meister von wegen der zweiten Frau; ist ja schändlich, einem so etwas vorzulügen, pfui Teufel! Nicht wahr, – Meisterin?« »Pfui Teufel! Ja!« sagte Gesche und weiter kein Wort. An diesem Abend war es recht still in der Löwengrube, und die Nacht sank herab, die letzte Nacht vor der Wahl über das Schicksal der Stadt und eines hochedlen Rates. Fünftes Kapitel Der Tag der Entscheidung war gekommen, die Ämter hielten Morgensprache, ganz Lüneburg war auf den Beinen. Vor den Gildehäusern standen viele Frauen, die mit gespannter Neugier auf das Ergebnis der Beratung warteten, um sich zu überzeugen, ob ihre Männer auch so gestimmt hätten, wie sie es ihnen in ihrer Gewissensnot auf die Seele gebunden hatten. Jede trat für den ihrigen ein und rühmte sich vor den Gefährtinnen mit großer Zungenfertigkeit, wie sie ihrem Manne zugesetzt, was sie ihm alles vorgehalten, womit sie ihm geschmeichelt oder gedroht, und was er ihr alles versprochen hätte. Das gab ein Geschnatter und Geplapper und Gekreisch, das bei dem Eifer und der Beweglichkeit seiner sich immer mehr ins Zeug werfenden Urheberinnen etwas Sinnverwirrendes hatte. Unterdessen herrschte keineswegs in allen Gilden volle Einmütigkeit, aber Zucht und Ordnung nach altem Herkommen waren diesen ebenso trotzköpfigen wie wetterwendischen Kumpanen so straff und unverletzbar, daß sich die Minderheit stets der Mehrheit fügte und kein einzelner sich nach gefaßtem Beschlusse von der Gesamtheit trennte. Die Amtsmeister hielten eine kurze Ansprache an die Werkbrüder, ließen auch den Gegnern das Wort, duldeten aber keinen langen Redekampf mehr, und welche Gilde mit der Abstimmung fertig war, deren Amtsmeister begab sich mit seinen vier Älterleuten und gefolgt von sämtlichen Werkbrüdern, alle mit dem Schwerte bewaffnet, sofort nach dem Kalandshause. Die Frauen zogen mit und gaben ihrer Genugtuung oder ihrer Unzufriedenheit über den gefaßten Beschluß, je nach seinem Ausfall, den lebhaftesten Ausdruck. Der Kaland, eine geistliche Brüderschaft, die ihren Namen von ihren Zusammenkünften an jedem ersten Monatstage (calendae) herleitete und die Geistliche und Laien, Männer und Frauen aller Stände in sich vereinigte, besaß in Lüneburg ein eigenes Haus mit einem großen Saale, das in der Nähe des Altenbrücker Tores zwischen dem Verdener Hof und der Propstei von St. Johannis belegen war. Vor dem Hause sammelten sich allmählich die Meister aller Gilden, erwarteten die neu Herzukommenden und fragten nach dem Ergebnis ihrer Abstimmung, das schon vorher bei den wenigsten zweifelhaft war. »Seid ihr durchgedrungen? Habt ihr gesiegt?« Diese und ähnliche Fragen riefen ihnen ihre Gesinnungsgenossen zu und begrüßten die zustimmende Antwort mit lautem Hallo. Anfangs bekamen diejenigen, die den Rat fallen ließen, von denen, die ihn halten wollten, manchen derben Spott zu hören über ihre Unterwürfigkeit gegen die Weiber, die in festem Zusammenhang untereinander mit den bissigsten Antworten darauf nicht zurückhielten, so daß sich ein lautes Streiten entspann. Je mehr Gilden sich jedoch einfanden und ihre Beschlüsse den Harrenden verkündeten, desto mehr verstummten die Spötter und wurden immer kleinlauter; ihre Gegner aber samt den Frauen jubelten, denn sie erkannten ihr Übergewicht. Als aber Gotthard Henneberg an der Spitze seiner achtzig Böttchermeister angerückt kam, empfing ihn tiefes Schweigen, denn alle kannten seine Stellung und seinen Willen und wußten, daß keiner seiner Kumpane sich dem widersetzte. Nur ein zweistimmiges Lachen ertönte. Es kam von Dalenborg und Sengstake, die mit Schupper unter den Vordersten an der Tür des Kalands standen. Meister Gotthard hemmte seinen Schritt vor ihnen, sah sie mit einem Blick tiefster Verachtung an und sagte: »Mit euch beiden rechne ich noch ein andermal ab!« »Vergeßt es nur nicht, Herr Sülfmeister!« war die freche Antwort Dalenborgs. Die Menschenmasse vor dem Kaland und in der nächsten Umgebung schwoll gewaltig an; Tausende harrten hier der letzten Entscheidung, und je sicherer sich ihr Ausfall berechnen ließ, je lauter und erregter ward die Menge. Die Absetzung eines hochmächtigen Rates hatte noch keiner der Gegenwärtigen erlebt; das war etwas Neues, ein merkwürdiges, großartiges Ereignis; in welcher Weise würde es sich vollziehen? Wie würden sich die gestürzten Ratsherren benehmen? Und was würden die Sieger tun? Diese Fragen drängten sich allen Versammelten auf und wurden aufs lebhafteste von ihnen erörtert. Man stritt sich über die Namen der neuen Ratsherren wie über die Maßnahmen, die man von ihnen erwartete, und glaubte, daß nun eine ganz neue Ordnung aller Dinge und Verhältnisse in Lüneburg eintreten und mit den Vorrechten der Geschlechter und anderen bei den Handwerkern unbeliebten Einrichtungen gründlich aufräumen würde. Dabei gingen die Meinungen und Wünsche oft weit auseinander, und um sie geltend zu machen, wurde mehr Lungenkraft als Verstand verbraucht. Die Bewegung steigerte sich zu einer kaum zu bezähmenden Ungeduld; es fehlte nicht viel, so hätten die Gegner des Rates seine der Zahl nach weit schwächeren Anhänger über den Haufen gerannt und wären aufs Rathaus gestürmt, um eigenmächtig, ohne die Amtsmeister, den Rat zu stürzen. Im Saale des Kalands ging es viel ruhiger her als draußen auf dem Platze. Auch hier mußte man warten, bis die Amtsmeister und Älterleute sämtlicher Gilden eingetroffen waren, hatte sich aber schon darüber geeinigt, daß der Amtsmeister der Brauer die Leitung der Versammlung übernehmen sollte. Burchard Rokswale war mehr als die anderen erregt; er hatte den Sieg in der Tasche, und wenn alles mit redeten Dingen zuging, so mußte er heute noch Ratsherr werden, ja, sein Trachten und Hoffen ging noch höher hinauf. Die Mültergilde war dem Range nach die erste in Lüneburg, und auch in anderen Städten, wo überhaupt die Geschlechter sich zu einem Zugeständnis bequemen mußten, waren die Brauer, wenn nicht die einzigen, so doch immer die ersten Handwerker gewesen, die ratsfähig geworden waren. Wer wollte nun Rokswale den obersten Platz in einem Regimente, das unzweifelhaft zumeist, vielleicht ausschließlich aus Handwerkern bestehen würde, streitig machen, wenn es Gotthard Henneberg nicht tat. Er stand im besten Einvernehmen mit dem Böttcher, neidete ihm aber den weit höheren Grad von Volksgunst, den dieser vor ihm voraus hatte, und war froh, ihn auf der unterliegenden Seite zu wissen, so daß er nicht wohl ein Mitbewerber um das höchste Amt in der Stadt werden konnte. Um so rücksichtsvoller benahm sich der Brauer gegen den ihm nicht mehr gefährlichen Gegner, wie er sich überhaupt um sämtliche Amtsmeister mit besonderer Freundlichkeit bemühte, ohne ihnen seine Absicht zu verraten. Nur eine Gilde fehlte zuletzt noch, die Gerber. Es mußte einen heißen Kampf in ihrer Morgensprache geben; aber die hier im Kaland ihrer Harrenden meinten, die Gerber würden sich wohl auf seiten des Rates halten, schon weil ihre Erbfeinde, die Schuster, seine Gegner waren. Als endlich Meister Peter Flachs mit seinen vier Älterleuten eintraf, war es auch so; die Gerber hatten sich für den Rat entschieden. Nun begab sich Rokswale auf den Rednerstuhl des Dekans oder Kerzenmeisters der Kalandsbrüderschaft, und es ward ihm schwer, seine Erregung zu bemeistern, an der außer seinen ehrgeizigen Hoffnungen auch wohl die folgenschwere Wichtigkeit der Verhandlung ihren Anteil hatte. Der kluge, redekundige Mann war befangen und suchte sich seiner Aufgabe möglichst schnell zu entledigen; er sprach nicht so fließend und geschickt wie sonst, als er die versammelten Meister folgendermaßen anredete: »Hochachtbare Meister, liebe Brüder und Freunde! Laßt mich nicht lange Worte machen; jeder von uns weiß, warum er hergekommen ist. Wir sollen abstimmen, ob wir gesonnen sind, dem Befehl des Heiligen Vaters zu trotzen und den Bann über uns und unsere gute Stadt Lüneburg verhängen zu lassen oder ob wir der Aufforderung des hochwürdigen Legaten gehorchen und den Rat absetzen wollen. Jeder von uns hat sich mit seinen Werkbrüdern darüber schlüssig gemacht, und wir haben jetzt nur die Stimmen zu zählen, um das Schicksal der Stadt noch in dieser Stunde zu entscheiden. Also, liebe Brüder, bitt' ich euch: wer für den Rat ist, der gehe hier rechts herüber; wer gegen den Rat ist, der stelle sich hier zu meiner Linken auf.« Die Teilung vollzog sich ruhig und schnell, und – wie es vorauszusehen war, der bei weitem größere Haufen stand zur Linken Rokswales, gegen den Rat, während der kleinere zur Rechten sich um Gotthard Henneberg wie ein versprengtes Fähnlein um seinen Hauptmann sammelte. Die Amtsmeister und Älterleute, die das Vertrauen der Werkbrüder zur Handhabung ihrer Gildeangelegenheiten berufen hatte, waren ehrenhafte Männer, in Handwerks Ordnung und Gerechtigkeit von Jugend auf geschult. Sie hatten kein zarteres Gewissen, keine feineren Sitten, als ihre oft etwas rohen und ungestümen Kumpane, und ihre handfeste, gerade zugreifende Art und Weise befreite sie nicht von einer scharfen Eifersucht aufeinander; aber sie zeichneten sich vor den meisten übrigen Handwerkern durch eine größere Besonnenheit aus; was sie namens ihrer Gilden taten, das vollbrachten sie mit einer gewissen Würde, und sie ließen sich bei aller mannhaften Tatkraft nicht leicht zu Ausschreitungen hinreißen. Auch jetzt, wo sie sich in hartem Zwiespalt gesondert, schier feindlich gegenüberstanden, fiel kein herausforderndes, höhnendes Wort; mit ernsten Gesichtern blickten sie schweigend hinüber zu den Gegnern und spähten, wer rechts und wer links stand. Die Zählung ergab, daß von den sechsunddreißig Gilden Lüneburgs nur zehn für den Rat, die anderen alle gegen ihn waren. »Liebe Brüder!« wandte sich Rokswale nun zu dem schwächeren Teil. »Ihr seht, wie die Sachen stehen. Wir Gegner des Rates sind euch weit überlegen. Wenn ihr auch die ratsverwandten Geschlechter mit ihrem Gesinde auf eurer Seite habt und auch vielleicht auf die Sülzarbeiter rechnen könnt, so könnt ihr es doch in einem Kampf mit uns nicht aufnehmen. Ich frage euch, ob ihr unter so bewandten Umständen nicht gemeine Sache mit uns machen und zu uns herüberkommen wollt um der Eintracht und des Friedens willen.« Er wußte recht gut, daß das nicht möglich war, wollte sich aber, namentlich Gotthard Henneberg gegenüber, den Anschein geben, als hätte er diesen mit seinem Anhang gern auf seiner Seite, während er im Herzensgrunde ganz anders dachte. Der Böttcher antwortete ihm auch sofort und sagte mit einem wegwerfenden Ausdruck in Blick und Ton: »Wir zu euch hinüberkommen? Wir mit euch gemeine Sache machen? Ha, ein sauberer Vorschlag, Rokswale! Jetzt seht zu, wie ihr fertig werdet! Euren Abfall vom Rate, und was nun weiter geschieht, das habt ihr vor Gott und eurem Gewissen zu verantworten, wenn ihr das könnt. Wir gehen in unsere Häuser, und wenn ihr uns dort angreift, so werden wir uns trotz eurer Übermacht, vor der wir uns nicht fürchten, mit Kraft zu wehren wissen.« »Das werdet ihr nicht nötig haben, Henneberg!« entgegnete Rokswale mit verbissenem Ärger. »Was meint ihr, Freunde? Wir wollen unseren Brüdern von der Gegenseite versprechen, nichts mit Gewalt gegen sie zu unternehmen. Seid ihr damit einverstanden?« »Nun, ja!« erwiderten die anderen verdrossen. »Wenn sie Frieden halten wollen, wollen wir's auch tun.« »Sei's drum!« sagte Meister Gotthard. »Wir wollen uns auf eure Zusage verlassen und geloben euch Frieden. Kommt, Brüder!« sagte er zu den Seinigen. »Wir haben mit denen hier nichts mehr zu schaffen.« »Halt, Henneberg!« rief ihm Dörgerloh zu. »Noch ein Wort! Wir wählen nun einen neuen Rat; darin gebühret euch ein Sitz, den auch wir, eure Gegner, euch billig zugestehen. Nehmt ihr's an?« Meister Gotthard zögerte mit der Antwort, und in seinem Gesicht stieg es dunkel auf. Dann sprach er mit erzwungener Ruhe: »Ich will annehmen, Dörgerloh, daß Ihr es mit Eurer Frage ehrlich meint und mich nicht etwa damit höhnen wollt. Dann will ich Euch auch die gebührende Antwort darauf geben. Ich hab' es ausgeschlagen, in den zu Recht im Eid sitzenden Rat zu treten; einem mit Unrecht und Gewalt uns aufgedrängten will ich noch viel weniger angehören; zwischen Verrätern ist kein Platz für mich!« Da murrten sie laut und sandten dem Böttcher finstere Blicke zu. Rokswale aber sagte: »Henneberg, fängt so der Frieden an, den du uns eben gelobt hast? Wir sind keine Verräter. Nimm das Wort zurück, und zieh in Frieden!« »Ich nehme nichts zurück«, erwiderte Meister Gotthard. »Ich scheide mich von euch, wie Tag und Nacht sich scheidet. Aber eins sag' ich euch: Hütet euch, Ehre, Recht, Besitz und Freiheit dieser Stadt mit einer Fingerspitze anzutasten, denn sie zu verteidigen, würde mir mein Leben nicht zu lieb sein, aber eures wahrlich auch nicht.« »Was soll das heißen? Wem traut Ihr das zu?« riefen sie zornig von drüben. »Keinem von euch, das wißt ihr wohl. Aber draußen stehen welche, die auf die Handhabung der Gewalt lauern wie das Raubtier auf Beute. Sie sind ebenso klug wie nichtswürdig, wie ihr unverständig und ehrlich seid. Rokswale, Dörgerloh und ihr alle da drüben, bedenket wohl, was ihr tut; wir verlangen einmal Rechenschaft von euch!« »Behaltet Eure Vorsage für Euch! Wir sind keine Lehrjungen mehr. Geht Eures Weges und wartet, bis wir Euch fragen.« So riefen die beleidigten Gegner laut und heftig und wiesen nach der Tür. »Wir wissen unseren Weg selber zu finden, ihr braucht ihn uns nicht zu zeigen«, erwiderte ihnen ebenso laut Schuttenhelm. Immer schärfere Worte, immer lautere Drohungen fielen, und die Streitenden erhitzten sich immer stärker. Hans Laffert bemühte sich, die Erzürnten auf beiden Seiten zu beschwichtigen und sprach mit erhobenen Händen: »Ruhig, ruhig, liebe Freunde! Laßt uns in Frieden auseinander gehen.« Aber seine Stimme verhallte in dem Gewirr und Getöse, bis Meister Gotthard rief: »Kommt, Brüder! Sie haben es eilig mit dem Verderben.« Da ging die Schar der fünfzig ratstreuen Männer hinaus, Gotthard Henneberg allen voran, und ihre Gegner in fast dreifach so starker Zahl blickten ihnen nach, die einen schweigend, die anderen mit grollenden Bemerkungen, bis sich die Tür hinter dem letzten der Abziehenden geschlossen hatte. Draußen auf dem Platz trat plötzlich Stille ein, als Meister Gotthards hohe Gestalt auf der Schwelle des Kalands erschien. Bald aber entstand ein Brummen und Brausen, und wuchs, von Dalenborg und seinen Helfern geschürt, zu einem gewaltigen Lärm an, der halb Hohn über die Unterlegenen, halb Jubel über das gewünschte Ergebnis bedeutete. Die Stimmen der Andersdenkenden, die ihre widersprechende Meinung ebenso laut vertraten, mischten sich hinein, waren aber nicht zu unterscheiden und halfen nur dazu, das Tosen und Toben zu verstärken. Die Entscheidung war gefallen, der Rat geschlagen. Wo aber blieben die Sieger? Sie wählten gewiß schon den neuen Rat. Es ward wieder still umher. Die Neugierigen, Ungeduldigen hoben sich auf die Fußspitzen, reckten die Hälse und blickten unverwandt nach der Tür des Kalands, um die neugewählten Ratsherren dort heraustreten zu sehen. Einige Meister aus den ratstreuen Gilden näherten sich Gotthard Henneberg und fragten: »Was sollen wir tun? Sollen wir die Glocken läuten?« – »Nein«, erwiderte er, »ich habe versprochen, daß wir Frieden halten; geht nach Hause, und laßt sie machen; unser Tag kommt auch einmal.« Festen Schrittes ging er hinweg, doch nur wenige folgten ihm, die meisten warteten der Dinge, die nun kommen würden. Nebenan im Verdener Hof beobachteten von einem Fenster aus nicht minder erwartungsvolle Prälaten das Verhalten der Menge, und freuten sich, als ihnen der Abzug ihrer überstimmten Gegner den Sieg verbürgte. Die Pröpste von Lüne und von St. Nikolai, Dietrich Schupper und Ludwig Hanevot sowie der Prior von St. Michaelis, Hieronymus von Harling, waren beim Domdechanten von Halberstadt und machten ihm begreiflich, wie dieses Obsiegen der gerechten Sache nur von ihnen, durch das eifrige Bearbeiten der Bürgerschaft, besonders der Frauen, mühsam erreicht worden sei. Als Lohn dafür suchten sie von dem Bevollmächtigten des Papstes nun auch ihrerseits für ihre Kirchen und Klöster neue Vollmachten und Gnaden zu erlangen, namentlich der Propst von Lüne sicherte sich wichtige Befugnisse, mit deren Verwertung er seine bestimmten, klug verschwiegenen Zwecke hatte. Auch der Rat erhielt Kunde vom Stand der Angelegenheit. Von Zeit zu Zeit schlüpften zuverlässige Boten durch ein Hinterpförtchen in das Rathaus und erstatteten den dort versammelten Ratsherren ihre bedrohlich lautenden Berichte. Als nach dem Abgange der ratstreuen Amtsmeister und ihrer Älterleute die Vertreter der sechsundzwanzig gegnerischen Gilden, also noch einhundertunddreißig Handwerksmeister, im Saal des Kalands zurückblieben, glaubte Rokswale schon den Fuß im Bügel zu haben. Er schlug daher vor, gleich auf der Stelle den neuen Rat zu wählen und ihn sodann zur sofortigen Übernahme des Regimentes auf das Rathaus zu geleiten. Diesem Vorschlag stimmten alle zu, jedoch ebenso lebhaft einem anderen, den Hesterwegen machte. Er wünschte, daß man an der Wahl diejenigen Männer teilnehmen ließe, deren Umsicht und Tätigkeit man vor allen anderen den Sieg verdankte und denen man daher vor allen anderen einen Sitz im neuen Rathause einräumen müßte, die Herren Hans Dalenborg, Ulrich Schupper und Heinrich Sengstake. So ungelegen dieser Beschluß Rokswale kam, so wenig konnte er doch die Ausführung verhindern. Er versuchte es zwar mit der Bemerkung, ob sie nicht besser täten, wenn die Handwerksmeister das unter sich allein abmachten. Aber sie mochten wohl etwas von seinem Streben nach der höchsten Gewalt wittern, die kein Handwerksmeister dem anderen gönnte, und nachdem einer das Wort ausgesprochen, ging es schnell von Mund zu Mund: »Dalenborg soll Bürgermeister werden! – Ja, Dalenborg und Schupper!« Auch Sengstakes Name wurde genannt, aber nicht mit dem vielstimmigen Nachdruck wie die der beiden anderen. Sie wurden alle drei in den Saal gerufen und hier mit lautem Jubel empfangen. Darauf hatten sie nur gewartet; einmal im Saale, einmal an der Spitze der Gilden, die mit einer erdrückenden Übermacht die Stadt beherrschten – und sie konnten ernten, was sie gesät hatten. Rokswales Hoffnung war in nichts zerronnen. Gekränkt und mit einem Herzen voll Grimm auf die beiden Erwählten, machte er jedoch möglichst gute Miene zum bösen Spiel und forderte den allseitig zum ersten Bürgermeister ausgerufenen Dalenborg mit sauersüßer Höflichkeit auf, seine Stelle einzunehmen und die Wahl des neuen Rates zu leiten. Dalenborg kam dieser Aufforderung mit großer Freude nach. Er sowohl wie Schupper, den man als einen schon im Rat Gesessenen schnell zum zweiten Bürgermeister erhob, dankten mit wohlgesetzten Worten für das ehrende Vertrauen und versprachen für die Handhabung ihres Regimentes das Blaue vom Himmel herunter. Dann schlug Dalenborg die Herren Sengstake und Johann Niebuhr als zwei sehr geschäftskundige Männer, deren man in diesen schweren Zeiten doch wahrlich bedürfte, zu Ratsherren vor und drang im Umsehen damit durch. Darauf wählte die Versammlung die Amtsmeister der bedeutendsten hier vertretenen Gilden, Rokswale von den Brauern, Dörgerloh von den Bäckern, Hesterwegen von den Schuhmachern, Vogelsang von den Schneidern und Regenstörp von den Knochenhauern. Aus der Mitte heraus rief einer: »Daniel Spörken!« – »Jawohl! Daniel in der Löwengrube!« riefen ihm ein Dutzend andere Meister nach, aber nur ein schallendes Gelächter auf Kosten des glänzend Durchfallenden war der Erfolg dieses spaßhaften Wahlversuchs. Den schlauen Führern schienen nun genug Handwerker im Rate zu sein; um herrschen zu können, brauchten sie Parteien, damit sie die eine mit der anderen im Schach halten könnten, und Dalenborg äußerte den Wunsch, der schon wie eine Verordnung klang, man möchte die übrigen fünf Ratsstühle mit erprobten Männern aus den Reihen der Sülfmeister besetzen, da ja doch die Verhältnisse des Sülzwesens die nächste Sorge des neuen Rates erheischten. Die Amtsmeister hätten lieber lauter Handwerker gewählt, aber Neid hinderte sie, noch mehr Genossen von sich ihre Stimme zu geben; daher wählten sie ohne Prüfung und Besinnen die fünf Sülfmeister, die ihnen Dalenborg nannte; es waren unbescholtene und unbedeutende Männer, von deren Lenksamkeit die Handwerksmeister ebenso überzeugt waren wie die neuen Bürgermeister; es kam nur darauf an, von wem sich diese fünf am leichtesten lenken lassen würden. Man sandte sofort nach dem Sülfmeister-Gildehaus und ersuchte die auf ihre Wahl schon heimlich Vorbereiteten, im Kaland zu erscheinen. So war denn der neue Rat gewählt, ehe der alte beseitigt war; aber im neuen war nicht halb soviel Einigkeit und gegenseitiges Vertrauen wie im alten. Dem deutlichen Gefühl dieses Mangels entsprang auch der Vorschlag eines Amtsmeisters, der bei allen Nichtgewählten ebensoviel Anklang fand wie Mißfallen bei den Gewählten. Es sollte danach zur Unterstützung des Rates in besonders schwierigen Fällen – zur Überwachung in allen Fällen, war gemeint – ein Ausschuß von sechzig Bürgern eingesetzt werden. Die neuen Ratsherren konnten dem nicht widersprechen, ohne den Verdacht zu erregen, daß ihre Amtsführung lichtscheu sein würde, und für die nicht im Rate sitzenden Bürger gab das eine neugeschaffene Würde, die ihnen Einfluß auf das Regiment der Stadt versprach, und mit der sich die dazu Gekorenen über ihre fehlgeschlagene Hoffnung auf einen Ratsstuhl trösten konnten. Man beschloß also, in den nächsten Tagen sechzig Bürger zu diesem Behufe zu wählen und gab diesem Ausschuß den Namen: die Sechziger. Als die fünf zu Ratsherren erwählten Sülfmeister eingetroffen waren, nahm Dalenborg das Wort und sprach: »Hochachtbare Herren und liebe Freunde! Nun sind wir soweit, daß wir der versammelten Bürgerschaft den neugewählten Rat zeigen können, den der einmütige Wille der Besten und Mächtigsten in der Stadt zu dieser Ehre berufen hat. Dann werden wir uns auf das Rathaus begeben und den alten Rat auffordern, uns Platz zu machen. Ich erwarte von euch, daß ihr mir als eurem ersten Bürgermeister in allen den Maßregeln treulich beisteht, die ich je nach Umständen zur Ruhe und Sicherheit der Stadt zu treffen für gut finden werde. Ihr habt unseren Gegnern gelobt, sie nicht mit Gewalt anzutasten, wenn sie sich selber ruhig halten. Wenn ihr aber Frieden haben wollt, so müssen wir unseres Amtes vorerst mit Strenge walten. Kann ich mich dabei auf euch verlassen?« »Jawohl! Jawohl!« riefen sie ihm entgegen. »Wohlan, so folgt mir!« Er machte sich mit Schupper und Sengstake auf, die neuen Ratsherren schlossen sich an, und die übrigen folgten. Auf dem Platze vor dem Kaland wurden sie mit einem Freudengeschrei empfangen, das die mißbilligenden Kundgebungen ihrer Gegner unterdrückte, und Dalenborg redete zu dem harrenden Volk: »Bürger und Freunde! Hier seht ihr euren neuen Rat, wie er aus Willen und Wahl der ehrbaren Gilden, also des größten und besten Teils gemeiner Bürgerschaft, kürzlich hervorgegangen ist. Wir geloben, unsere gute Stadt vor Unheil und Verderben zu schützen und zu wahren und wollen jegliche Mängel und Gebrechen, die wider Gelübde, Gebote und Verbote des Reiches und wider redliche alte Gesetze unserer Stadt heimlich oder öffentlich getan und geschehen sind, aller Gebühr halten und sie ohne Behinderung und Benachteiligung von Handwerk oder Dienst mit Besserung und Befreiung löblich zuwege stellen, wie es jedermann förderlich und bequem ist zum gemeinen Besten, zu Wohlfahrt und Gedeihen und zur Abwehr und Linderung schwerer anfallender Notdurft und Armut. Bürger, Brüder und Freunde! Leiht uns euren Beistand, schenkt uns euer Vertrauen, denn solches zu verdienen werden wir allezeit gefleißigt sein. Brüder! Die Stunde ist gekommen, die der Freiheit schlägt; laßt sie uns nützen! Wir haben das Recht dazu und die Macht. Vorwärts; Brüder! Vorwärts, aufs Rathaus!« »Aufs Rathaus! Aufs Rathaus!« brüllten die Tausende und jubelten und jauchzten, die Hände erhebend und die Hüte schwenkend, dem neuen Rate zu, wie sie vor zwei Wochen noch dem alten zugejubelt hatten. Dann schob und wälzte sich brausend und johlend die unzählige Menge über den Platz am Sande nach dem Markt, so daß dieser bald von Menschen dicht besetzt war, die den Zug der Ratsherren, Amtsmeister und Älterleute durch ihre Mitte schreiten ließen. Unter den Amtsmeistern waren viel Enttäuschte, aber im Gedränge befand sich einer, der sich tiefer gekränkt fühlte als alle; das war Daniel Spörken. Der neue Rat war zustande gekommen ohne ihn! Ohne ihn, der doch als ein Freund Sengstakes mit allem, was ein Ratsherr zu wissen nötig hatte, so gut Bescheid wußte wie keiner. Nun wollte er mit der ganzen Sache nichts mehr zu tun haben. Ärgerlich drückte er sich beiseite und ging betrübt nach Hause. Auf dem Markt drängte sich in auffallender Weise eine Anzahl Meister und Gesellen, alle bewaffnet, wie auf Verabredung an die Bürgermeister heran, umgab sie gleich einer Leibwache und zwängte sich mit ihnen in das Ratshaus. So viele sich nur irgend Raum schaffen konnten, strömten nach, füllten die Treppen, Gänge und Hallen, und mehr als hundert drangen in die große Audienz zu dem dort versammelten Rat. Ein tiefes, verlegenes Schweigen trat ein, als jetzt die aufsässigen Bürger Auge in Auge vor denselben Männern standen, denen Ehrerbietung und Gehorsam zu erweisen sie seit langen Jahren gewohnt waren, und die sie nun mit hartem Trotz und verwegener Tat verstoßen und vertreiben wollten. Manchem ehrlichen Handwerker klopfte das Herz, und er schlug die Augen nieder, weil er den strengen Blick des Bürgermeisters, den treuherzig ernsten Viskules oder den sanft vorwurfsvollen Mildehövets nicht vertragen konnte. Der Bürgermeister lehnte sich mit verschränkten Armen in seinem Stuhl zurück und musterte mit einem verächtlich spöttischen Zug um den Mund die Heerschar seiner Feinde. Töbing hatte sein Schwert vor sich zwischen die Knie gestellt und hielt den Griff mit beiden Händen umklammert. Alle saßen an der einen Langseite des Sitzungstisches, dem gegenüber die Eingedrungenen Aufstellung genommen hatten. Aber nicht lange währte die peinliche Stille. Dalenborg trat einen Schritt vor, und seinen haßgetränkten Blick auf den Bürgermeister Springintgut heftend, begann er: »Nach dem Willen gemeiner Bürgerschaft seid ihr, die ihr die Stadt in Not und Verderben gebracht habt, eures Amtes entsetzt. Hier stehen jetzt Bürgermeister und Rat von Lüneburg und fordern euch auf, uns Platz zu machen auf euren Stühlen, die nun unsere Stühle sind.« »Laßt euch einmal näher besehen, ihr, die ihr euch Bürgermeister und Rat von Lüneburg nennt!« erwiderte Springintgut. »Euch hat man zum Bürgermeister gemacht, Dalenborg? Und Ulrich Schupper? Und auch der edle Herr Sengstake fehlt nicht. Nun, Glück zu, gemeine Bürgerschaft, zu dieser weisen Wahl! Schämt ihr euch nicht, ihr Bürger von Lüneburg?« rief er zornglühend und sich vom Stuhl erhebend. »Habt ihr nicht mehr Ehre und Gewissen im Leibe, oder seid ihr alle miteinander wahnsinnig geworden, daß ihr eure Stadt elenden Verrätern preisgebt?« »Hütet Euch wohl mit Euren großen Worten, Ihr redet Euch sonst leicht um Euren Hals«, sprach Dalenborg drohend. »Wir haben die Gewalt und können mit Euch tun, was uns beliebt.« »Gestohlen habt ihr die Gewalt und rühmt euch noch damit!« erwiderte Springintgut. »Wie arme Sünder stehen sie da vor mir, die ehrbaren Meister mit ihrem Eidbruch auf der Seele. Seht mir ins Gesicht, wenn ihr den Mut habt, ihr Schürzenhelden!« Lautes Murren, mit Schimpfreden gemischt, war die Antwort der also Geschmähten. Zornig blickten sie Springintgut an, und einige wollten auf ihn los, wurden aber von anderen daran gehindert. »Was der heilige Vater befiehlt, kann kein Eidbruch sein«, sagte Schupper. »Ihr wollt den Bann auf uns wälzen –« Dalenborg unterbrach ihn und fuhr auf die sitzenden Ratsherren ein: »Fort von euren Stühlen, oder wir werfen euch herunter! Jetzt haben wir das Regiment, und ihr habt uns zu gehorchen.« »Gehorchen? Euch gehorchen?« rief Springintgut. »Das glaubt ihr wohl selber nicht; aber hier! Da habt ihr das Regiment! Nun versucht es einmal mit dem Löwen von Lüneburg!« Damit packte er das große Stadtsiegel, das vor ihm stand, und stieß es Dalenborg gegenüber fest auf den Tisch, als ob er so die Niederlegung seines Regiments und das Unglück der Stadt besiegelte. »Nun die Schlüssel!« sagte Dalenborg. »Sucht sie euch, wenn ihr sie haben wollt!« entgegnete Springintgut. »Wo ist der Sülfmeister?« fragte Heinrich Viskule. »Der Sülfmeister rührt keine Hand für euch«, sprach Dalenborg. »So ist er tot.« »Nein, er sitzt ungekränkt und frei in seinem Hause.« »In seinem Hause? So laßt uns auch nach Hause gehen, liebe Herren, und dort unserer Stunde warten«, sagte Springintgut zu seinen Gefährten im alten Rat und wollte sich mit ihnen entfernen. »Halt! – Ihr geht nicht nach Hause! Ins steinerne Weinfaß wandert Ihr, Johann Springintgut!« rief Dalenborg und fügte mit schneidendem Hohn hinzu: »Ihr kennt es ja; grüßt das dunkle Kämmerlein von mir!« Springintgut erbleichte. Dalenborg aber fuhr mit erhobener Stimme fort: »In die Türme mit euch allen, wie ihr da sitzt! Da wartet auf euren Spruch oder so lange, bis wir, der Rat, anders über euch zu Rate werden! – Freunde«, wandte er sich zu den Umstehenden, »ihr wißt schon, wo ich jedem sein Losament bestimmt habe; führt sie ab!« »Blut und Blau!« rief Töbing und zog aufspringend das Schwert. »Noch habt ihr mich nicht, und lebendig kriegt ihr mich nicht!« Augenblicks waren alle Klingen im Saale bloß, und Dalenborg sprach: »Verlangt Euch nach Blut, Herr Töbing, so soll Eures zuerst den Boden färben, damit wir sehen, wie rot es ist. Greift ihn, oder schlagt ihn nieder!« Aber schnell trat Rokswale vor und gleich nach ihm auch Dörgerloh und Regenstörp. Sie breiteten die Arme aus und stemmten sich gegen die Vordringenden, und Rokswale sprach mit lauter Stimme. »Ruhig, Brüder! Hier wird kein Blut vergossen.« Und dann sich zu dem Ratsherrn wendend: »Ihr seht wohl, Herr Töbing, daß Widerstand hier ganz unmöglich ist. Fügt euch, ihr Herren, und es soll keinem von euch ein Leid geschehen. Damit in der Stadt Frieden bleibt, müssen wir euch eine Weile in Haft nehmen, denn wir wollen keinen Kampf.« »Feiglinge seid ihr, erbärmliche Schufte!« rief Töbing. Wieder hatten die besonneneren Amtsmeister große Mühe, ihre beleidigten Kumpane von Gewalttätigkeiten zurückzuhalten. Sie schalten und schrien durcheinander, wollten Hand an die Abgesetzten legen und konnten es nicht erwarten, sie als Gefangene behandelt zu sehen. Die Ratsherren scharten sich mit blanker Waffe um Töbing, um sein und ihr Leben zu verteidigen. Das reizte die Gegner noch mehr zum Angriff, dem nur ein sehr ungleicher und kurzer Kampf folgen konnte. Springintgut schritt den Wütenden mit gesenktem Schwert entgegen und sprach: »Spart euer Geschrei, hier bin ich! Macht ein Ende und verfahret mit uns, wie ihr Macht habt; aber Recht verlang' ich, Gnade will ich nicht von euch!« Und dann zu den Ratsherren: »Wir haben unsere Schuldigkeit getan, hochedle Herren, und weichen nur der schändlichen Gewalt von Empörern und Verrätern. Ich schließe die letzte Sitzung des echten und gerechten Rates von Lüneburg. Und so«, fuhr er fort, indem er sein Schwert zu Boden warf, »so werfe ich die Macht von mir, die ich getragen und geübt habe nach meinem besten Wissen und Können. Gott schütze die Stadt und gebe uns Frieden in unseren Tagen!« Man nahm den sich in ihr Schicksal ergebenden Ratsherren die Waffen, und jeder wurde von einem halben Dutzend Handwerker, denen sich draußen eine größere Schar anschloß, in den für ihn bestimmten Kerker abgeführt, Springintgut in das steinerne Weinfaß unter der Gerichtslaube, Töbing in den Sodmeisterzwinger in der Nähe der Sülze, Viskule in den blauen Turm am Sülztorwall vor der Rackerstraße, die anderen in andere Türme, in den Bär, die Pagenmütze, den Goldschmiede-, Salzmesser- und Mühlenzwinger. Mancher von ihnen auf seinem schweren, schmachvollen Gange fragte sich leise, wie Viskule vorher laut gefragt hatte: Wo ist der Sülfmeister? Die Erwählten setzten sich nun auf die leergewordenen Ratsstühle, und Bürgermeister Dalenborg sprach: »Ich eröffne die Sitzung!« Darauf entfernten sich alle übrigen aus dem Saal, und die Sieger saßen zum erstenmal zu Rate. Sechstes Kapitel Als Gotthard Henneberg auf seinem Heimweg vom Kaland in die Rote-Hahn-Straße kam, sah er seine Frau und Tochter vor der Haustür stehen, wie sie die Gasse entlang spähten und in Angst um ihn auf seine Rückkehr warteten. Als er eintrat, umschlangen sie ihn voll Freude, daß er aus Kampf und Gefahr, worin sie ihn verwickelt glaubten, errettet und ihnen heil und gesund wiedergegeben war. Er mußte ihnen den Hergang der Versammlung erzählen und ihnen die Gilden nennen, die mit ihm dem Rat treu geblieben waren. Es waren außer den Böttchern die Goldschmiede, Schmiede, Schiffer, Gerber, Wandschneider, Grapengießer, Harnischmacher, Maurer und Barbiere. Alles weitere war ihm noch unbekannt, aber er riet den Frauen, sich auf das Widersinnigste und Verwerflichste gefaßt zu machen, was Torheit und Eitelkeit der einen im Bunde mit Haß und Habgier der anderen bei einer auf das höchste erregten Menge nur fertigbringen könnten. »Ich fürchte«, schloß er, »es übermannt mich, und ich schlage in der Wut mit Faust und Ferse dazwischen, sonst ginge ich hin und sähe mir alle die Dummheiten, die Schmach und Schande mit an, die sie dort begehen werden.« »Geh nicht hin, Gotthard! Bleib bei uns!« bat Johanna. »Wenn Gilbrecht wiederkommt und die anderen, so wirst du alles erfahren.« »Nein, nein, ich will auch nicht fort«, erwiderte er und ging eine geraume Weile in der Stube auf und ab, ohne zu sprechen. Dabei sah er immer nach seinem Schwert, das er dort neben die Tür gestellt hatte; ihm war, als zöge es seine Blicke mit unwiderstehlicher Macht an, als winkte es ihm, als bewegte es sich und käme ihm entgegen. »Johanna!« sprach er endlich. »Laß mich hinaus! Mich faßt eine Unruhe sondergleichen, mir ist, als hört' ich vom Markte her meinen Namen rufen, und dann klingt es mir wieder wie Glockenläuten in den Ohren; die Verräter stürmen das Rathaus, und ich nicht dabei! Ich glaube, wir können's aufnehmen mit ihnen, sie sind nicht einig unter sich –«, und er griff nach dem Schwert. Aber Johanna fiel ihm in den Arm. »Gotthard, nur heute nicht! Nur jetzt nicht!« flehte sie. »Sie sind in Wut, du selber hast deine ruhige Überlegung nicht und würdest tun, was dich später gereut.« »Vater, ich will hingehen«, sprach Ilsabe, »will hören und sehen, wie es steht, und dir Bescheid bringen, aber du bleib hier bei der Mutter, geh nicht im Zorn hin!« »Denkt an die Ratsherren«, erwiderte der Meister, »ich kann sie nicht im Stich lassen; ihr Leben ist vielleicht in Gefahr; das wenigstens will ich schützen.« Damit nahm er das Schwert. »Gotthard!« sprach Johanna und legte ihre Hand auf seine Schulter, »ich habe geschwiegen in meiner namenlosen Angst, als es hieß, wir sollten gebannt werden; du hast keinen Laut der Klage, nicht die leiseste Bitte von mir gehört, ich habe im stillen geweint und im stillen gebetet um unserer Seelen Seligkeit, aber ich habe dich in deinem Tun und Lassen mit keinem Wort hindern und irren wollen, obwohl ich in meinem Gewissen schier verzweifelte. Nun ist es vorüber, der Bann ist – Gott sei gepriesen und gelobt! – von uns abgewandt; aber jetzt höre meine Bitte: laß es nicht zum Kampfe kommen! Wenn du jetzt hingehst und das Schwert ziehst, so fließt Blut auf beiden Seiten, und es ist kein Ende abzusehen von Schrecken und Tod.« »Johanna«, antwortete Gotthard, »wenn ich jetzt im Rate säße, im alten Rate, wie es Viskule wollte, und wie du es auch wünschtest, und ich wäre nun mit den anderen in Not, und meine Freunde ließen mich im Stich –« »Du hast den Feinden Frieden gelobt, Vater!« sprach Ilsabe laut und entschieden. »Verdammt! Das hab' ich getan!« rief der Meister und stieß das Schwert in die Ecke, das er noch immer in der Hand gehalten hatte. »Das ist es, was mich am ersten reut!« Er warf sich in seinen Lehnstuhl und starrte finster brütend vor sich hin. Johanna setzte sich ihm gegenüber und faßte seine Hand, während sich Ilsabe neben ihn stellte und ihm sanft über das graublonde Haar strich, das an der Stirn in gerader Linie kurz abgeschnitten war, aber an den Seiten und am Nacken lang herabhing. »Laß dich's nicht gereuen, Gotthard, daß du Frieden gelobt hast«, sprach Johanna, als sie sah, wie es in der Brust ihres Mannes wogte und wühlte, »es war vorsichtig und weise. Viele von deinen Gegnern sind nur von der Neuheit des Geschehenen verwirrt und von falschen Hoffnungen betört; aber sie werden sich besinnen, werden wie nach einem verschlafenen Rausch eines Tages nüchtern erwachen, und wenn sie dann die Stadt in Gefahr sehen, von Bösewichtern verraten und verkauft zu werden, so werden sie sich alle um dich wie um ihren Retter scharen, und dann, Gotthard, dann will ich dich nicht halten, wenn du für Recht und Freiheit in den Kampf gehst, aber heute wäre es nur ein Raufen und Würgen in blinder Wut, um Haß und Rache zu stillen, weiter nichts.« Gotthard blickte seine Frau groß an und sagte: »Willst du für Recht und Freiheit unserer Stadt dann auch den Bann ertragen?« »Dann fürcht' ich ihn nicht«, erwiderte sie. »Wenn die Gilden alle einig sind und sich gegen Mißbrauch der Gewalt auflehnen, so werden sie mit den Weisesten und Würdigsten der Geschlechter einen Rat bilden, der nach Wunsch und Willen des Heiligen Vaters ein gütliches Abkommen mit den Prälaten trifft ohne Verfängnis von der Stadt Ehre, Recht und Freiheit. Sie werden dich rufen, Gotthard, und dann wirst du es sein, der uns wieder Ruh und Frieden schafft.« »Woher kommt dir solche Eingebung, Johanna?« fragte erstaunt der Meister. »Seit deinem Gespräch mit Viskule hier an dieser Stelle, als er dich aufforderte, in den Rat zu kommen, und du von einer Arbeit sprachst, die deiner noch hier wartete, seitdem habe ich oft darüber nachgedacht und es mir in schlaflosen Nächten der letzten Wochen so ausgesponnen. Hab' ich denn nicht recht, Gotthard?« »Hast recht, hast recht, liebes Weib!« sprach der Meister und drückte ihr die Hand. Er schien ruhiger geworden zu sein und nickte mit dem mächtigen Haupte still in Gedanken vor sich hin. Plötzlich schrie Ilsabe, am Fenster stehend, laut auf: »Gilbrecht! Er blutet!« und eilte dem Bruder entgegen. Gilbrecht trat ein mit blutigem Gesicht. »Es ist nichts«, sagte er, »gebt mir Tuch und Wasser.« Der Meister war aufgesprungen. »Blut!?« rief er. »Gilbrecht, geht es los? Den Harnisch her!« Das Schwert hatte er schon wieder gefaßt. »Es ist nichts, Vater«, sagte Gilbrecht, »es ist alles vorüber.« »Was ist vorüber?« fragte der Meister. »Wir wollten den Ratsherren befreien, Herrn Viskule.« »Befreien? Ist er gefangen?« »Ja, sie sitzen alle in den Türmen.« »Die Ratsherren?« »Ja, alle.« »Den Harnisch! Mord und Tod! Den Harnisch, Ilsabe! Das ist Friedensbruch! Ich lasse läuten. Das kann gemeine Bürgerschaft nicht wollen« rief der Meister wütend und gürtete sich mit bebenden Händen das Schwert um. »Bleib hier, Vater!« sagte Gilbrecht, »sie haben es geschehen lassen, alle, alle ohne Widerspruch. Du richtest nichts aus, es ist ganz unmöglich, verlaß dich darauf! Sonst wäre ich nicht hier. Die kleine Schramme ist nicht der Rede wert.« Jetzt kamen auch Arnold und Jakob mit Lutke und bestätigten, daß die Ratsherren unter Beifall und Hohn des gesamten Volkes auf Markt und Gassen eingesperrt, aber alles ruhig in der Stadt wäre und die Menge sich allmählich zerstreute. »O die Verräter! Die Feiglinge!« brauste der Meister. »Und ich muß hier stehen wie mit gebundenen Händen, das Herz voll Scham und Grimm über die Bosheit und Niedertracht! Wenn ich nur Schuttenhelm hätte und Schnewerding und noch ein Dutzend andere mit ihren Gesellen. Laßt mich hinaus! Ich bringe sie zusammen, und wir sprengen die Türme.« Aber Johanna hing sich an seinen Hals und rief: »Wir lassen dich nicht fort, du rennst in dein Verderben, und wir sehen dich nicht wieder.« Ilsabe umwand seinen Arm, und selbst Gilbrecht stemmte sich gegen den Vater und drängte ihn zurück, Arnold stellte sich breit vor die Tür, und Jakob und Lutke suchten dem Meister das Schwert zu entwinden. So rangen die Seinigen alle in treuer Liebe mit dem hochherzigen Manne und konnten ihn nur mit äußerster Mühe zurückhalten; er war in einer furchtbaren Verfassung. Gilbrecht hatte eine leichte Hiebwunde auf der linken Wange. Während die Mutter ihn wusch, erzählten er und die anderen, was sie gesehen und gehört hatten. Als man Herrn Heinrich Viskule in das Gefängnis führte, hätte Gilbrecht den nächststehenden Böttcher- und Schifferknechten schnell einen Wink gegeben, und sie wären dem Zuge, der den Ratsherren wegbrachte, gefolgt, um einen Befreiungsversuch zu machen. Auch Balduin hatte von Brömbsens Eckhause am Markt und an der Münze seinen Vater gehen sehen und wäre ihnen nachgekommen. Auf dem Platze vor dem blauen Turm wären sie handgemein mit den anderen geworden, und es wären Blutschläge gefallen. Herr Viskule hätte alles aufgeboten, die Kämpfenden auseinanderzuhalten, aber es wäre doch eine Weile heiß hergegangen, und Herr Viskule hätte vielleicht entschlüpfen können, wenn er gewollt hätte. Da hätten seine Wächter Beistand erhalten, und nun hätten sie, die Befreier, sich zurückziehen müssen, während der Ratsherr in den Turm gesperrt wäre. Blutige Köpfe hätte es hüben und drüben gegeben, und Balduin –; Gilbrecht stockte, denn er sah Ilsabes angsterfülltes Gesicht. »Balduin?« fragte sie, mit brennenden Augen. »Er ist schlimmer daran als ich«, sagte Gilbrecht, »er hat einen Stich in den Arm, aber Gefahr hat es wohl nicht.« Einen Stich in den Arm! Das hörte Ilsabe noch, dann lief sie hinaus ohne Schwanken und Bedenken. »Ilsabe!« rief die Mutter ihr nach, aber sie war schon fort, die Haustür fiel donnernd ins Schloß. »Laß sie nur, Mutter«, sprach Gilbrecht, »sie kann dort von Nutzen sein zu Hildegunds Beistand; auf Barbara ist kein Verlaß.« Auf Barbara war kein Verlaß; nein, wahrlich nicht. Sie hatte sich in ihrem Zimmer eingeschlossen und ließ sich nicht sehen; man hörte sie kramen und packen, als wollte sie auf und davon. Sie hatten fast alle den Kopf verloren auf dem Viskulenhof. Der Ratsherr gefangen, der Junker verwundet; was sollte nun werden? Balduin war viel später nach Hause gekommen als Gilbrecht, denn er hatte einen Umweg an den Wällen entlang machen müssen, um nicht durch die belebten Straßen zu gehen, wo man den verwundeten Junker leicht als einen Friedensbrecher aufgegriffen hätte. Ilsabe flog im Viskulenhof die Treppe hinauf und stürmte in das Wohnzimmer. Dort fand sie Hildegund mit Martin, dem alten Diener des Ratsherrn, dem die Tränen über die gefurchten Wangen liefen, eben beschäftigt, Balduin den Ärmel aufzutrennen. Er war etwas bleich; aber bei Ilsabes Eintritt glänzte sein Antlitz in Freude, und mit einem leuchtenden Blick sprach er: »O Ilsabe! Du kommst! Nun schmerzt es schon nicht mehr.« Als Ilsabe den wiedersah, der ihr bei ihrem letzten Zusammensein auf dem Kopefahrtfeste so viel Herzeleid bereitet hatte, stutzte sie einen Augenblick, als wollte sie in der Tür wieder umkehren; aber schnell siegte die Liebe über diese Wallung des Zornes; sie blieb und näherte sich dem Verwundeten, um nach seinem Schaden zu sehen. Auch Hildegund war es ein Trost, die Freundin zur Seite zu haben. »Nur Wasser! Wasser, Martin!« gebot Ilsabe. »Einen Schwamm und Leinenzeug! Das andere besorgen wir.« Martin eilte, soviel er konnte, und die beiden Mädchen befreiten nun behutsam und ohne Scheu Balduins Arm von allem Gewand. Am rechten Oberarm, nicht weit von der Schulter, hatte er einen Stich von einer Partisane, der aber nicht tief, sondern seitlich gegangen war und das volle Fleisch aufgerissen hatte. Ilsabe hielt Balduins Arm in ihrer linken Hand und wusch und kühlte die Wunde mit dem Schwamm in der rechten, während Hildegund das Leinenzeug in schmale Streifen schnitt. »Habt ihr kein Wundpflaster im Hause?« fragte Ilsabe. »Doch, doch, Ich habe noch welches«, erwiderte Martin und ging es zu holen. Balduin war es unendlich wohl unter Ilsabes sanfter Berührung. Zurückgelehnt in einem bequemen Sessel, wandte er kein Auge von ihr, und seine Wunde war ihm willkommen um ihrer Pflegerin willen. Mit Umsicht und Sicherheit leitete und vollbrachte sie alles Nötige zur Heilung des geliebten Freundes, man sah es ihr an, wie glücklich sie war, helfen zu können. »Ihr holden Bönhasen«, lächelte Balduin, »pfuscht dem Barbierer ins Handwerk, aber macht es tausendmal besser. Ilsabe, ich glaube, unter deinen Händen würden alle Wunden heilen; von keiner anderen ließ ich mich lieber pflegen.« Sie blickte ihn innig an; seine Worte und der Ton, mit dem er sprach, waren Balsam auch für ihre Wunde, die er selber ihr geschlagen hatte. »Willst du mein Arzt sein, Ilsabe?« fuhr er fort. »Ich will mich in alles fügen, was du mir verordnest. Aber du mußt recht oft wiederkommen und nach deinem Kranken sehen, deine Gegenwart macht alles wieder gesund an mir, alles Ilsabe! – auch –« Auch das Herz, wollte er sagen, sprach das Wort aber nicht aus. Ilsabe verstand ihn und neigte sich tief herab, daß er ihr Erröten und das Schimmern ihrer Augen nicht sehen sollte. Sie suchte sich zu fassen, konnte aber weiter nichts sagen als: »Ja, Balduin, ich will dein Arzt sein.« Nun war er verbunden, und abgesehen von einem mäßigen Brennen der Wunde, war ihm ganz behaglich zumute. »Wie steht es mit Gilbrecht?« fragte er. »Gilbrecht? Ist Gilbrecht auch verwundet?« fragte Hildegund erschrocken. »Es ist nicht schlimm«, beruhigte sie Ilsabe, »er hat einen leichten Hieb im Gesicht, der nicht viel zu bedeuten hat; die Mutter legt ihm ein Pflaster auf.« Jetzt wäre am liebsten Hildegund davongelaufen, um Gilbrecht zu pflegen. Sie stand schon auf dem Sprunge, bedachte sich aber noch, daß ja im Böttcherhause eine Mutter war, der sie ihre überflüssige Hilfe nicht aufdringen konnte, ohne ihre Gefühle für den Sohn zu verraten. »Hat es wirklich nichts zu sagen?« fragte sie noch einmal. »Gewiß nicht«, versicherte Ilsabe, »ich denke mir, Gilbrecht wird bald herkommen.« Das beruhigte Hildegund, aber mit um so stärkerer Gewalt erwachten nun Schmerz und Sorge um den eingekerkerten Vater. »Wenn ich nur zu ihm könnte«, sprach sie, »um für ihn zu sorgen, daß er nicht Mangel leidet am Nötigsten.« »Im blauen Turm wird man ihn nicht auf Rosen betten und auch niemand zu ihm lassen«, erwiderte Balduin bekümmert. »Aber zu ängstigen brauchst du dich nicht, sie werden ihm nichts Böses zufügen, denn der Vater ist beliebt bei der Bürgerschaft wie kein zweiter im Rat außer etwa Marquard Mildehövet. Die beiden werden sicher am ersten wieder frei kommen, vielleicht morgen schon, aber wir können nichts dazu tun.« Ilsabe erzählte, in welche Wut ihr Vater bei der Nachricht geraten wäre. Da kam Gilbrecht mit bepflasterter Wange. Balduin lachte, als er des Freundes schiefes Gesicht sah. »Lache nicht!« sprach Gilbrecht. »Sonst muß ich mitlachen, und das kann ich nicht.« »Tut es weh?« fragte ihn Hildegund teilnehmend. »Nein«, erwiderte er, »es strammt nur ein wenig.« »Es soll mich nur wundern«, sagte Balduin, »ob sie uns nicht zuleibe gehen werden, Gilbrecht, wegen unseres Befreiungsversuches.« Die beiden Mädchen erschraken, und Ilsabe blickte mit der gleichen zärtlichen Angst auf Balduin wie Hildegund auf Gilbrecht. »Ich glaub' es nicht«, sagte Gilbrecht, »sie haben größere Sorgen.« »Wenn ihr uns Mädchen noch zu etwas anderem brauchen könnt, als eure Blutrünste zu verbinden, so sagt es nur, wir sind zu allem bereit«, sprach Ilsabe; »ich kann mit der Armbrust schießen.« »Ich kann schnell reiten«, fiel Hildegund ein, »wenn es gilt, eine rasche Botschaft zu tragen.« »Und wenn es sein muß, schnall' ich mir einen Harnisch um«, rief Ilsabe; »mit ein paar Schneidern nehm' ich's allenfalls auf.« Sie breitete die Arme aus und ballte die Fäuste, ihre Augen strahlten voll Mut in dem erglühenden Antlitz. Wie eine Heldin stand das schöne Mädchen da, daß ihre Freunde ihre Lust daran hatten. Gilbrecht sprang auf und umschlang die Schwester, die den Bruder küßte. Sie spürten beide in aufwallenden Gefühlen den unwillkürlichen Drang, etwas Liebes in die Arme zu schließen. Hildegund und Balduin sahen die Herzeinigkeit der Geschwister, und jeder von ihnen wünschte sich heimlich an die Stelle eines der beiden anderen, die vielleicht ähnliches dachten. Wieder vergaß die leichtgesinnte Jugend über Liebesglück und Liebeshoffen selbst die nächsten Sorgen, die doch nun unmittelbar an sie herangetreten waren. Die beiden Hennebergs wollten nach Hause gehen, und Ilsabe sagte zu Balduin: »Nun verhältst du dich ganz ruhig, Balduin! Hast Geduld und bewegst den wunden Arm so wenig wie möglich. Versprichst du, das zu befolgen?« »Ja! Aber komm morgen wieder!« bat er. »Komm recht oft, Ilsabe!« Gilbrecht sagte: »Hildegund, sollte hier etwas Ungewöhnliches vorfallen, so läßt du mich rufen.« »Versteht sich!« erwiderte sie. »Brauchst aber auf das Gerufenwerden nicht zu warten, kannst auch ungerufen kommen. Auf Wiedersehen morgen, Gilbrecht!« »Wünschest du es, Hildegund?« »Ob ich es wünsche, Gilbrecht!« »Gilbrecht, wenn du nun nicht kommst«, lachte Balduin – »Dann sitz' ich im Turm«, erwiderte er glücklich. Die Hennebergs gingen. Balduin blickte Hildegund, als er mit ihr allein war, bedeutungsvoll lächelnd an; sie errötete darüber. »Komm mal her!« sagte er. Sie beugte sich zu ihm nieder und drückte einen Kuß auf des Bruders Lippen. »Der ist von Ilsabe«, sprach sie schelmisch, denn die hatte sie beim Abschied geküßt. »Schön Dank!« lachte Balduin. »Ach! Wäre der Vater nur bei uns!« seufzte sie und verließ das Zimmer. Gilbrecht und Ilsabe fanden zu Hause ihren Vater immer noch in übler Stimmung. Mürrisch verschloß er sich gegen allen Zuspruch und sann nur auf Mittel und Wege, das Geschehene ungeschehen zu machen und noch Schlimmeres abzuwenden, das er von den nächstkommenden Tagen sorgenvoll erwartete. Da ließen ihn die Seinigen in Ruhe, denn sie wußten, daß er mit sich allein am besten fertig wurde, und es war sehr still im Böttcherhause. Gegen Abend kam ein Ratsdiener zu Meister Gotthard und brachte ihm den schriftlichen, vom Bürgermeister Dalenborg unterzeichneten Ratsbefehl zum Einlager; das hieß mit anderen Worten Gefängnis im eigenen Hause, welches der damit Bestrafte bis zur ausdrücklichen Aufhebung dieser Sperre mit keinem Schritt verlassen durfte. Meister Gotthard besah sich das Ding und den Mann, der es gebracht hatte. »Was Ihr Euch wohl denkt!« lachte er. »Einlager! Das sollte mir fehlen! Ich werde gehen, wann und wohin es mir beliebt, und wer mir in den Weg tritt, der tut es auf seine Gefahr.« Damit zerriß er den Befehl und gab die Stücke dem Boten zurück, »Da! Das bringt Herrn Dalenborg wieder und bestellt ihm Wort zu Wort, was ich Euch gesagt habe.« »Tragt's mir nicht nach, Herr Amtsmeister! » sagte der Ratsdiener. Ich kann nichts dafür, ich muß gehorchen.« »Müßt Ihr?« sprach der Meister. »Nun, ich muß nicht.« So endete dieser merkwürdige Tag in Lüneburg. Wie vieles hatte er den Bewohnern der stolzen Hansestadt gebracht! Er hatte ihnen die Macht des Papstes gezeigt, der aus weiter Ferne in ihre Geschicke lenkend eingriff, hatte den Prälaten schwere Genugtuung verschafft und einigen böswilligen Menschen zu einem schmählichen Siege über althergebrachte Ordnung und Gerechtigkeit und zur teilweisen Verwirklichung ihrer arglistigen Pläne verholfen. Siebentes Kapitel Am anderen Morgen sah Lüneburg noch genauso aus wie es vor drei Tagen oder vor drei Monden ausgesehen hatte. Die Türme ragten nach wie vor in die Luft, unbekümmert um die hochedlen Insassen, die sie in ihrem festen Gemäuer bargen; das Rathaus stand noch auf demselben Fleck und ließ sich nichts davon merken, daß es wieder einmal den Herrn gewechselt, wie es in den anderthalb Jahrhunderten, die es auf dem Dache hatte, schon so manchen hatte ein- und ausgehen sehen, und daß es für seinen letzten strengen Gebieter jetzt keinen anderen Platz hatte als ein kleines, finsteres Loch mitten in seinem ungeheuren steinernen Leibe. Das Glockenspiel auf seinem höchsten Turme sang immer noch allstündlich den alten Spruch, wie es gestern hoch über dem Lärm und Tumult gesungen hatte, und die Göttin Luna am Brunnen auf dem Markte lächelte in ihrer unverhüllten bronzenen Schönheit noch ebenso, wie sie gestern gelächelt hatte. Auch die stolzen Giebel mit ihren schwingenden Wetterfahnen verrieten den über sie hinziehenden Wolken nichts davon, ob tief unter ihnen befriedigter Ehrgeiz sich frohlockend die Hände rieb oder Kummer und Leid in allen Winkeln saß. Im Goldenen Ei ward es immer früh Tag, und Meister und Gesellen gingen wieder an die gestern versäumte Arbeit. Gotthard Henneberg war ziemlich schweigsam; er war über Nacht schlüssig geworden, die Dinge und die Menschen an sich herankommen zu lassen und sein Handeln nach Gestaltung der Verhältnisse zu richten. Über der allgemeinen Sorge um die Stadt vergaß er die ihm nächstliegende im eigenen Hause, den Verdruß, den ihm sein ältester Sohn durch die Teilnahme an dem versuchten Gesellenaufstande bereitet hatte. Arnold hatte seitdem redlich und gewissenhaft seine Pflicht getan und sich auch in seinem Betragen gegen den Vater nicht das geringste zu schulden kommen lassen. Der Meister erblickte darin das Bestreben des Sohnes, seinen Fehltritt gutmachen zu wollen, bahnte ihm daher gern den Weg zu seinem Herzen und gönnte ihm dann und wann wieder ein freundliches Wort zur größten Freude von Johanna, die in ausgleichender Liebe alles tat, ein gutes Einvernehmen zwischen Vater und Sohn zu fördern. Gilbrecht, obwohl er nicht mit binden durfte, stand doch mit den anderen auf und hatte sich daran gewöhnt, in der Werkstatt allerhand kleine Gelegenheitsdienste zu leisten, die keine eigentliche Gesellenarbeit waren, aber als willkommene Hilfe dankbar angenommen wurden. Er schliff ihnen die Beile, Messer und Schnitzer und die Spundbohrer, hielt Krösen und Nietzeug im Stand und half dem Vater mit dem großen Zirkel beim Rissemachen. Als er heute morgen nach dem Frühmahl, das regelmäßig erst nach einigen Arbeitsstunden eingenommen wurde, mit Ilsabe allein noch am Tisch saß, stieß er die Schwester an und fragte: »Wann gehen wir hin?« »Aber Gilbrecht! Was denkst du denn?« lachte Ilsabe, »die sind ja kaum aus den Federn.« »Die Langschläfer!« brummte er. »Aber du mußt doch nach deinem Kranken sehen.« »Und du nach der Gesunden, nicht wahr? Nur Geduld! Eine Stunde vor Mittag gehen wir hin.« »Früher nicht?« »Nein, früher nicht.« »Der arme Kranke! Er hat vielleicht Wundfieber.« »Nein, er hat kein Wundfieber.« Gilbrecht seufzte und schwieg. Nach einer Weile fing er wieder an: »Weißt du was? Komm mit hinauf in des Vaters Rüstkammer; ich möchte dich mal im Harnisch sehen, und wenn dir keiner paßt, so trage ich einen hin zu Meister Schnewerding, daß er ihn dir ausbiegt und zurecht hämmert nach deinem Maß.« »Meinetwegen!« lächelte sie verschämt und ging mit ihm hinauf. »Potztausend!« sagte Gilbrecht, als sie in die Kammer traten. »Will sich der Vater eine Burg kaufen, daß er sich so viel Gewaffen hält? Das ist viel mehr geworden in den vier Jahren.« »Alles Rüstzeug macht ihm Freude«, sprach Ilsabe; »es ist seine einzige Liebhaberei.« »Ich gönn' es ihm von Herzen«, erwiderte Gilbrecht, »mir macht es auch Freude. Sieh mal, fünf Harnische! Das stimmt gerade, für den Vater und seine vier Kinder, also für dich ist auch schon gesorgt. Komm her! Ich denke, dieser wird beinahe passen.« Er schnallte der Schwester einen Harnisch an, und sie ließ es sich fröhlich gefallen. »Nicht so fest!« rief sie. »Ich kann ja kaum atmen.« »Glaub' ich wohl!« lachte er. »Werden ihn etwas ausbuchten müssen, stolze Schildmaid! Aber siehst gut aus, Donner und Hagel! Mit den blonden Flechten darüber. Na, brauchst nicht rot zu werden, bin ja dein Bruder.« Sie besah sich, bog sich und reckte die Schultern und Arme. »Ist doch etwas unbequem, so ein eisernes Mieder«, sprach sie. »Das wird man gewohnt«, meinte er; »jetzt paß einmal auf, jetzt werde ich dir einen Stoß versetzen, ob du den aushältst.« »Aber, bitte, gemach, mit deiner Bärenkraft!« »Ja, ja, nur nicht ängstlich!« Er nahm eine Hellebarde und stieß ihr damit etwas unsanft auf den Panzer. »Au!« schrie sie. »Das dröhnt.« »Wenn du kämpfen willst, mußt du auch einen Puff vertragen können. Paß auf«, sprach er, »noch einen!« Den hielt sie schon besser aus, weil sie sich spannte im Harnisch. »So!« sagte er. »Nun setze mal diese Eisenhaube auf und nimm dieses leichte Schwert; jetzt werden wir zusammen fechten. Kannst dreist zuschlagen, triffst mich doch nicht.« Nun war die Schlachtenjungfrau fertig. »Mädchen, wie schön bist du so!« rief Gilbrecht begeistert aus. »Hast du kein Spieglein? Halt! Hier! Blick in den Harnisch! Der Vater hält sie wunderbar blank, ich werde mich als Waffenmeister bei ihm melden, das gibt wieder Arbeit für mich.« Sie traten dicht ans Fenster, und er hielt ihr einen glänzenden Harnisch vor, in dem sie ihr anmutig kriegerisches Bild lächelnd betrachtete. »Was treibt ihr denn für Mummenschanz?« rief plötzlich die Stimme der Mutter. Die Rüstkammer lag gerade über der Küche; dort hatte Frau Johanna die Schritte ihr zu Häupten gehört und geglaubt, Gotthard wollte sich zum Streite rüsten. Darum war sie hinaufgekommen, um ihn zurückzuhalten und sah nun statt seiner die Tochter in Wehr und Waffen. »Mutter«, sprach Ilsabe, »Gilbrecht lehrt mich fechten, damit ich ihm beistehen kann, wenn es zum Schlagen kommt.« »Ihr seid nicht recht gescheit alle beide«, erwiderte lachend die Mutter. »Sieh sie nur an, Mutter!« sagte Gilbrecht. »Sieht sie nicht herrlich aus?« »O ja«, erwiderte Johanna, »aber nun kommt nur; Balduin hat nach euch geschickt.« »Balduin?« fragten sie beide wie aus einem Munde. »Ja; ich wußte gar nicht, wo ihr stecktet und dachte, ihr wäret schon drüben. Denkt euch! Gestern abend spät ist Fräulein Barbara ins Kloster Lüne gegangen und hat Hildegund mitgenommen.« »Das ist doch gar nicht möglich!« rief Gilbrecht bestürzt. »Hildegund ins Kloster!« und er eilte die Treppe hinunter. Ilsabe wollte schnurstracks hinter ihm her, aber die Mutter rief: »Ilsabe! Wohin? Im Harnisch!« »Ja so!« sagte sie ärgerlich. »Mutter, schnell! Hilf mir aus dem Dinge heraus!« Die Mutter hatte ihre liebe Not, der Ungeduldigen schnell genug alle die Schnallen zu lösen, deren nicht sehr geschmeidige Riemen wohl Gilbrechts kräftige Finger leicht bewältigten, die sich aber Frauenhänden nicht so willig zeigten. Rasch ging es damit nicht; Ilsabe kam eine geraume Weile später auf dem Viskulenhof an als Gilbrecht, und Balduin mußte die Geschichte, die jener schon zur Hälfte von ihm gehört hatte, wieder von vorn anfangen. Gestern abend war der Propst von Lüne mit einem Wagen gekommen und hatte Barbara und Hildegund gebeten und um ihrer Sicherheit willen beschworen, vorläufig eine Zuflucht in seinem Kloster anzunehmen. Die Familien der abgesetzten Ratsherren wären keineswegs sicher in ihren Häusern vor Angriffen und tätlichen Beleidigungen der aufgeregten Volksmassen. Davor wollte der Propst seine Freundin Barbara und ihre Nichte gern bewahren, und in dem geheiligten Frieden des Klosters wären sie vor allen Unbilden geschützt; sie brauchten ja nur so lange dort zu bleiben, bis sich die Aufregung in der Stadt gelegt hätte. Barbara war sofort bereit gewesen, dem Propst zu folgen, aber Hildegund hatte sich mißtrauisch dagegen gesträubt, jedoch endlich, von den Schilderungen des Propstes geängstigt und von den Bitten der Base erweicht, widerwillig nachgegeben, und so hätten sie Abschied genommen. »Und das hast du gelitten?« fragte Gilbrecht vorwurfsvoll. »Was sollte ich machen?« entgegnete Balduin. »Ich lag im Bett und war sehr matt, und gut aufgehoben sind sie ja dort für alle Fälle.« »Gut aufgehoben!« wiederholte Gilbrecht verzweifelnd. »Aber Balduin«, sprach Ilsabe, »willst du denn, daß Hildegund Nonne wird?« »Hildegund – eine Nonne!« lachte er. »Wer denkt daran! Die Barbara, ja, die mag meinetwegen eine Heilige werden, wenn sie das Zeug dazu hat, aber Hildegund wird sich hüten, den Schleier zu nehmen; das weiß ich besser, und ich denke, ihr wißt es ebensogut.« »Ja, weißt du denn nicht, daß Barbara und der Propst ihr schon seit Wochen damit in den Ohren liegen und sie aufs äußerste gequält haben, den Schleier zu nehmen mit der Base zusammen?« »Davon weiß ich kein Wort«, erwiderte Balduin. »Aber es ist so«, bestätigte Ilsabe; »sie hat es uns selber unter bitteren Tränen erzählt.« »Balduin, hättest du uns doch gestern rufen lassen!« sagte Gilbrecht. »Das hilft nun nichts«, erwiderte Balduin. »Laßt nur meinen Vater erst wieder frei sein, dann wollen wir sie schon wiederkriegen, ihm dürfen sie die Tochter nicht verweigern.« »Eine Entführung, eine geplante, nichtswürdige Entführung!« murmelte Gilbrecht. .Wie geht's mit deinem Arm?« fragte Ilsabe. »Vortrefflich«, erwiderte Balduin, »in ein paar Tagen ist es überstanden.« »Wer wird nun für dich sorgen, daß du deine Wartung und Pflege hast und es dir an nichts fehlt?« »Du, Ilsabe, du!« lächelte Balduin. »Ich?« erwiderte sie verlegen und war doch glücklich, daß er ihre Hilfe verlangte. »Warum denn nicht? Versuch es doch einmal, wie es sich auf dem Viskulenhof wirtschaftet; ich übergebe dir die Schlüssel, du sorgst für Küche und Keller als Herrin über das Gesinde, wir tafeln zusammen fröhlich und wohlgemut und laden uns Gilbrecht zu Gast. Was sagst du dazu?« »Ich glaube, die Mutter würde es nicht leiden«, sagte sie schüchtern mit niedergeschlagenen Augen. »Sonst tät' ich's, Balduin.« »So laß mir wenigstens den Gilbrecht hier«, sprach er, »daß er mir Einsamen Gesellschaft leistet und hier ein wenig nach dem Rechten sieht, solange ich siech bin, und mir hilft, bis der Vater wieder hier ist, und du, du kommst redet oft und besuchst deinen Bruder hier, ja?« Sie schlug in seine dargebotene Hand. Gilbrecht hatte nichts von alledem gehört. Er saß, den Kopf in die Hand gestützt, und brütete dumpf vor sich hin. Wie hatte er sich voll Sehnsucht darauf gefreut, Hildegund heute wiederzusehen! Und nun war sie entführt, war unnahbar für ihn im Kloster, wo sie schlimmeren Gefahren ausgesetzt war als hier in der Stadt, denn die Nonnenklöster waren nichts weniger als Heimstätten der Tugend und Unschuld. Ihn überkam eine unsägliche Angst, daß man sie dort durch irgendwelche lügenhafte Vorspiegelungen zum Schleier überreden oder durch Gott weiß was für schändliche Mittel zwingen würde. Er glaubte jetzt an ihre Liebe und konnte sich von der Hoffnung nicht trennen, sie einst zu besitzen; nun aber im Kloster war sie vielleicht für ewig für ihn verloren. Ilsabe weckte ihn aus seinen düsteren Träumen. »Gehst du mit, Gilbrecht, oder bleibst du hier?« fragte sie. »Ich gehe mit«, antwortete er. »Aber du kommst wieder, Gilbrecht, und hilfst mir hier, solange der Vater mir fehlt«, sprach Balduin. »Willst du?« »Natürlich komm' ich wieder«, gab er zerstreut zur Antwort. »Ilsabe, du auch?« fragte Balduin. Sie nickte freundlich und ging mit dem Bruder nach Hause. – Tag auf Tag entschwand, ohne daß Herr Heinrich Viskule aus dem Gefängnis wiederkam; aber Gilbrecht erfüllte ganz, was er halb versprochen hatte. Von früh bis spät war er bei Balduin auf dem Viskulenhof, ließ sich von ihm in die wichtigsten Dinge des Geschäftsbetriebes einweihen und war mit seiner Rührigkeit und Anstelligkeit dem Freunde bald ein sehr brauchbarer Gehilfe. In den Familien der abgesetzten Ratsherren herrschte tiefe Trauer und Besorgnis, weil die rachsüchtigen Häupter des neuen Rates die Eingekerkerten noch immer nicht der Freiheit zurückgaben und ihren Angehörigen nicht die geringste Verbindung mit ihnen gestatteten; ob sie überhaupt noch am Leben waren, wußte niemand außer ihren verschwiegenen Kerkermeistern. Unterdessen fanden zwischen den drei Machthabern im Rat und den päpstlichen Legaten geheime Verhandlungen statt, die sich um eine bedeutende Ermäßigung der den sülzbegüterten Prälaten auferlegten Abgaben, Befreiung der Kirchen, Klöster und Geistlichen von jeglichem Schoß und um die Tilgung der Stadtschulden drehten. Dabei wusch immer eine Hand die andere, und als beide Teile durch gegenseitige Forderungen und Zugeständnisse soviel voneinander erreicht hatten, wie sie für möglich hielten, suchte man die Verhandlungen zu einem schnellen Abschluß zu bringen, denn die Bürgermeister wünschten den Legaten nun redet bald wieder aus der Stadt loszuwerden, um von seiner lästigen Aufsicht befreit zu sein und dann nach Belieben schalten und walten zu können. Zudem lag der Legat im Verdener Hof »auf der Stadt bescheidentliche Kost« und ließ es sich dabei sehr wohl sein. Auf dem breiten Kochherd der großen Ratsküche unter der Sodmeisterkörkammer im Rathaus dampften täglich die leckersten Gerichte für die Tafel des Feinschmeckers aus Halberstadt, und an den Spießen des mächtigen Kamins schmorten die saftigsten Braten. Der alte Kellermeister Ambrosius von dem Rhyne brummte immer lauter, wenn er ein Fäßchen Wein nach dem anderen in den Verdener Hof schicken mußte, denn dem Domdechanten und seinen Kaplänen half bei Schüssel und Becher nicht bloß der Ritter Ernst von Boltessen, ein sehr trinkfester Mann, sondern auch Abt und Prior, Guardian und Pröpste der Klöster und Kirchen in Lüneburg, die des Legaten häufige Gäste waren; und die sechs reisigen Knechte des Ritters, die auf der Hasenburg nicht verwöhnt wurden, fraßen wie ausgehungerte Wölfe und gossen unglaubliche Mengen Bier in die ewig durstigen, unersättlichen Kehlen. Ihren Gäulen schütteten sie den Hafer aus des Rates Marstall bis über die Naslöcher in die Krippen und gaben ihnen Tag und Nacht frische Garben, daß sie bis an den Bauch im Stroh standen. So war man denn heilfroh, als der Legat zum Abzug rüstete. Er bekam, wie das bei Fürsten und fürstlichen Gesandten, welche die Stadt besuchten, üblich war, einen großen silbernen Becher, mit Rosenobeln gefüllt, als Geschenk zum freundlichen Gedächtnis, der Ritter erhielt ein Faß Wein, und die Kapläne sowohl wie die Knechte gingen auch nicht leer aus. Geleitet von dem Rat und der Geistlichkeit ritten sie eines Morgens zum Tor hinaus, und Sengstake machte drei Kreuze hinter ihnen her. Der neue Rat hatte in der ersten Zeit seiner Amtsführung nur sehr wenig vollzählige Sitzungen abgehalten; die drei Gewaltigen, Dalenborg, Schupper und Sengstake, beschlossen und verfügten selbständig und allein. Die übrigen Mitglieder waren Schatten und Strohmänner, unkundig der Geschäfte, unkundig auch der Ränke ihrer Führer, und der neu eingesetzte Ausschuß der Sechziger kam gar nicht in Betracht. Aber schon fing man in einigen Gilden an, ungeduldig zu werden. Die Ämter allein hatten den Rat gewählt, jetzt verlangten sie auch, daß er etwas für sie tue. Die fünf Amtsmeister, die Ratsherren geworden waren, wurden angegangen, ob nicht bald etwas zum Vorteil der Gilden geschehe, wobei man sie an ihre mutigen Reden am Sonntag Rogate im Ratsbierkeller erinnerte. Die also Bedrängten gerieten in Verlegenheit, was sie ihren Werkbrüdern antworten sollten, denn daß sie in dem neuen Regiment bis jetzt herzlich wenig zu sagen gehabt hatten, mochten sie doch nicht gern eingestehen. Sie suchten sich mit der Amtspflicht zu decken, daß niemand von des Rates Heimlichkeit etwas verlautbaren dürfe, und gaben vor, noch mit dringenderen Angelegenheiten vollauf beschäftigt zu sein. Die Handwerker schüttelten die eigensinnigen Köpfe und waren unzufrieden mit ihren Ratsherren, die sie ohnehin um ihre Stellung beneideten, und die Ratsherren waren unwillig über ihre Bürgermeister, von denen sie einfach beiseitegeschoben und nicht um Willen und Meinung befragt wurden. Dessenungeachtet ließen sie sich die Zurücksetzung gefallen und glaubten den Versicherungen der geschäftskundigen Leiter, daß diese sie nur mit den schwierigen, mühevollen und zeitraubenden Vorverhandlungen und Ausarbeitungen verschonen und seinerzeit alles Fertige und Reife dem gesamten Rat zur Beschlußfassung vorlegen wollten. Wenn aber die Mißvergnügten in den Trinkstuben schimpften, so freuten sich die von ihnen Überstimmten der schon so schnell eintretenden Zwietracht und hofften davon Verwicklungen, die nur eine ihren Wünschen entsprechende Lösung finden konnten. »Das habt ihr davon«, hieß es, »daß ihr fremde Einmischung in das Regiment unserer Stadt duldet. Jetzt seid ihr aus dem Regen in die Traufe gekommen; nun sehet zu, wie ihr eure Sache mit dem Rat austragt.« Als Daniel Spörken einst mit Timmo und Hans allein in der Werkstatt war, fing er an: »Nun, was sagst du denn zu dem neuen Rat? Schöne Gesellschaft! Um alles in der Welt möchte ich nicht dazwischen sitzen.« »Ich wollt's Euch sehr verdenken, Meister!« erwiderte Timmo. »Da seid Ihr mal wieder der Klügste gewesen, daß Ihr alles aufgeboten habt, Eure Wahl zu verhindern; sonst hätten sie Euch doch hineingedrängt.« Daniel blickte Timmo zweifelhaft an, ob das wohl sein Ernst wäre oder ob er ihn nur damit aufziehen wollte. Timmo hielt den Blick seines Meisters ruhig aus, wie sehr ihn auch hinter dessen Rücken Hans mit fratzenhaften Gesichtern zum Lachen reizte. Er bog sich auf die Brandsohle nieder, die er eben in Arbeit hatte, und sprach weiter: »Sagt nicht, Meister, Ihr hättet es abgelehnt! Einmal gewählt, hättet Ihr auch Eure Zeit und Kraft dem gemeinen Besten geopfert, da kenn' ich Euch.« Daniel war weit entfernt, das sagen zu wollen. Er erwiderte: »Das meinte Gesche auch, daß es mich zuviel Zeit von der Arbeit kosten und zu sehr anstrengen würde, und wünschte schon darum nicht, daß ich Ratsherr würde. Ist ein braves Weib, die Gesche, und klug, hat immer recht.« »Ha! Das will ich meinen! Immer!« sprach Timmo mit Nachdruck. »Immer!« klang ein schüchternes Echo hinter dem Meister. Daniel sah sich um, als wollte er sagen: »Ist da auch noch einer?« Hans lächelte ihm freudig zu. »Meister«, fing Timmo wieder an, »was wollt Ihr denn nun mit dem grünen Samtkragen machen? Es wäre doch schade, wenn das kostbare Zeug nicht benutzt werden sollte; eine so schöne grüne Farbe habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen.« »Ja«, sagte Daniel und kratzte sich am Kopf, »ich wollte ihn mir ja auf mein gelbes Sonntagswams setzen lassen, aber –« »Herrjeh, freilich! Auf das gelbe!« rief Timmo. »Da muß er sich prächtig darauf ausnehmen, und wenn Ihr nun damit nicht zum Rathaus gehen könnt, so geht Ihr damit in die Predigt; sollt mal sehen, das muntert die ganze Kirche auf.« »Ja, ja, aber Gesche meinte –« »Ach! – Wird ihr schon gefallen; wenn sie's nur erst einmal sähe! Wißt Ihr was, Meister? Gebt mir das Wams und den Kragen, ich lasse ihn Euch von Florentine aufnähen, heimlich, und dann überrascht Ihr Eure Frau damit; was meint Ihr? Die wird sich mal wundern!« »Oh ja, das wird sie«, sprach Daniel nachdenklich; »können's ja mal versuchen, was sie dazu sagt. Ich will dir die beiden Dinger mitgeben, und wenn Jungfer Florentine so freundlich sein will –« »Aber ich bitt' Euch, Meister, keine Umstände! Wir haben ihr erst so 'n Paar feine Schuhe gemacht.« »Ist sie denn zufrieden damit?« »Sehr! Sie sitzen wie angegossen; ich habe sie ihr selber angezogen.« »So! Sieh mal an!« sagte Daniel. »Hm, Meister, was denkt Ihr denn? Das Mädel versteht Spaß, sag' ich Euch, viel Spaß!« »So? Ihre Herrin wohl auch?« »Frau Grönhagen, meint Ihr? Das weiß ich nicht. Aber vielleicht weiß es der Ritter von Boltessen; der hat ihr den Hof gemacht und sie besucht, sagte Florentine.« »Na na!« »Er ist ja noch ledig, und Geld kann er auch brauchen.« »Wer kann Geld brauchen?« fragte Gesche, die in diesem Augenblick eintrat. »Timmo und ich und du, liebes Frauchen«, antwortete Daniel, »alle können wir Geld brauchen.« »Als ob das was Neues wäre!« höhnte Gesche. »Aber ich weiß was Neues.« »Was denn?« fragten die anderen zugleich, selbst Hans stimmte mit ein, riß die Augen auf und spitzte Maul und Ohren. »Hä! Was denn?« machte Gesche. »Der Freiböttcher Dippold ist Schlupfwächter geworden und Schließer im blauen Turm.« »Weiter nichts?« fragte Timmo. »Da hat sein ehemaliger Morgensprachsherr Heinrich Viskule keinen guten Freund zum Wächter«, sagte Daniel, »denn der hat mit Henneberg zusammen den Böttcher damals aus dem Amt gestoßen.« »Das ist es ja eben«, rief Gesche, »da liegt der Hase im Pfeffer. Aber ich weiß noch mehr. Der Rat hat bei Springintguts und Töbings alles Silberzeug und Schmuck und Geschmeide und alles Geld wegnehmen lassen. Was sagt ihr dazu?« »Pfui! Das wäre nicht geschehen, wenn ich Ratsherr geworden wäre«, sprach Daniel groß und würdevoll. »Gewiß nicht, Meister;« sagte Timmo. »Mir tut es beinahe leid, daß ich Euch davon abgeredet habe.« Achtes Kapitel Dalenborg, Schupper und Sengstake hatten alles erreicht, was sie erstrebt hatten, und bildeten ein selbstgeschaffenes, eigenmächtiges Triumvirat in der Stadt, die sie mit dem Aufgebot ihrer ganzen Schlauheit beherrschten. Ihre Anhänger unter den Handwerkern fesselten sie mit der Verheißung neuer Rollen an sich und gingen auch zum Schein auf Unterredungen darüber ein, die aber niemals einen tatsächlichen Erfolg hatten. Nur die fünf Gilden, deren Amtsmeister Ratsherren geworden waren, erhielten einige Vergünstigungen, und andere, wichtigere wurden ihnen versprochen. Ihre Gegner hielten sie mit den in ihrer Gewalt befindlichen Geiseln im Zaum und ließen unter der Hand das Gerücht verbreiten, die Schließer in den Türmen hätten Befehl, bei einem Aufstandsversuch sofort die gefangenen Ratsherren zu töten. Gegen jedermann in der Stadt waren sie von einer geschmeidigen Höflichkeit und flossen über von Versicherungen der Freundschaft und des Friedens. Trotzdem wagten sie nicht, die Bürgerschaft zur Eidesleistung aufzufordern und erklärten den sehr verdächtigen Aufschub dieser nächstliegenden Maßregel mit der Bemerkung, daß sie an den alten Eddagsartikeln mancherlei zu ändern hätten, ehe sie diese von der Laube herab verkündigen lassen wollten. Alle wichtigen städtischen Ämter und mehrere untergeordnete hatten sie mit ihnen blind ergebenen Leuten besetzt, und wieviel bei den Verhandlungen mit dem Legaten, bei der Beschlagnahme der Springintgutschen und Töbingschen Vermögen und bei der Brandschatzung der übrigen ehemaligen Ratsherren in ihre eigene Tasche geflossen war oder bei den ferneren Abmachungen und Geschäften mit den Prälaten und dem Landesherrn noch hineinfließen würde, das wußte natürlich kein Mensch außer ihnen selber. Wie sicher in ihrer Machtvollkommenheit sie sich aber auch fühlten, ein Mann, der frei umherging und ihnen den Befehl zum Einlager verächtlich vor die Füße geworfen hatte, war ihnen ein Dorn im Auge wie kein anderer – Gotthard Henneberg. Sie fürchteten ihn noch mehr, als sie ihn haßten, und ihn unschädlich zu machen, war ihre dringendste Sorge. Meister Gotthard bemerkte zu seiner stillen Freude, daß ihn auch die Handwerksmeister der vom alten Rat abgefallenen Gilden jetzt wieder freundlicher grüßten, als dies in den Tagen des schärfsten Zwiespalts geschehen war. Die wenigen Wochen, die seitdem verstrichen waren, hatten viele dem Bewußtsein eines begangenen Unrechts, einer verübten Torheit schon nähergebracht; den Fehler mit klaren Worten einzugestehen und den besonnenen Mann, der ihnen das vorausgesagt hatte, wohl gar um Verzeihung zu bitten, lag jedoch nicht in ihrer dickköpfigen Weise; so glaubten sie sich nicht wegwerfen zu dürfen, scheuten sich auch vor Meister Hennebergs barsch abweisender oder bitter vorwurfsvoller Antwort. Darum gingen sie schweigend an ihm vorüber, wenn sie ihm auf der Gasse begegneten, grüßten ihn höflich und sahen ihn dabei an, als wollten sie ihm seine Gedanken vom Gesicht lesen und fragen und sagen: Nun? Wann erhebst du dich? Wann führst du uns an? Rufe uns nur, diesmal folgen wir dir und keinem anderen. Er verstand sie auch ohne Worte, hielt aber die Stunde der Erhebung noch nicht für gekommen; er wollte den Groll der Bürger auf das neue Regiment sich erst noch weiterfressen, tieferbohren, die Machthaber selber sich erst durch einen recht beleidigenden Mißbrauch der Gewalt, durch einen recht schamlosen Frevel noch verhaßter machen lassen, um dann einen Schlag gegen sie zu führen. Diese Absicht sprach er auch gegen seine Vertrautesten unter den Handwerksmeistern aus, die ihm vollkommen zustimmten und sich ganz auf seine Führung verließen. Den größten Wert legte er dabei auf die Meinung seines greisen, aber dennoch rüstigen Freundes Hans Laffert. Dieser besuchte ihn zuweilen, um sich eines herzbefreienden Gesprächs mit ihm zu getrösten, Sorgen und Hoffnungen mit ihm zu teilen und ersprießliche Schritte mit ihm zu wägen. Der Goldschmied besaß die Milde und das Wohlwollen eines glücklichen Alters und verstand sich in seinem erfahrenen, geduldigen Sinne auf den Nutzen des Abwartens, das er auch seinem Freund immer wieder als das Klügste unter den gegenwärtigen Verhältnissen empfahl. Hans Laffert hatte in seinem Geist und Gemüt etwas Künstlerisches, und seltsam paarte sich mit der weisen Mäßigung seiner Jahre ein fast kindlich sorgloser Frohmut, der in dem bescheidenen Auftreten des in ganz Lüneburg hochgeachteten Mannes zur liebenswürdigsten Erscheinung kam. Er war so ganz anders als die übrigen Handwerker, daß man ihn kaum noch zu ihnen zählen konnte, und glich vielmehr einem Gotthard Henneberg noch näherstehenden Freunde, dem Ratsherrn Heinrich Viskule, nur daß dieser einesteils kaltblütig berechnender im Denken, anderenteils unternehmender im Handeln war. Solche Freunde brauchte der etwas schwerfällige, jedoch immer willensstarke Böttcher zur Ergänzung seines Wirkens wie zu seinem Lebensglück. Der eine von ihnen saß jetzt einsam und verlassen im Gefängnis, der andere aber übte nach wie vor einen günstigen Einfluß auf den Sülfmeister, dessen zähe Kraft er mit so behutsamem Winken zu lenken suchte. War nun Hans Laffert der allezeit Beruhigende und Besänftigende für Gotthard Henneberg, so war das vollendete Gegenteil davon sein dritter Freund, den ruhig zu halten wiederum Meister Gotthard große Mühe hatte und dem er nicht einmal alle seine Gedanken anvertrauen durfte, weil jener einen mutigen Entschluß, ein kühn geplantes Wagnis so wenig in seinem ehrlichen Herzen verhehlen konnte wie den aufsteigenden Rauch seiner Feueresse. Das war der Schmiedemeister Karl Schuttenhelm. Glühend und sprühend wie das Eisen, wenn es heiß unter seinem Hammer auf dem Amboß lag, und hart und fest, wie es kalt und fertig geschmiedet aus seiner Werkstatt ging, war der ganze Mann. Furchtlose Standhaftigkeit in allen Dingen war seine größte Tugend, aber zurückhaltende Überlegung kannte er nur bei der Arbeit, sonst nirgends. Wie der Blasebalg in sein Schmiedefeuer, so hauchten Liebe und Haß ihren flammennährenden Atem in seine leidenschaftliche Seele und trieben ihn zu einem raschen Losgehen auf jedem Wege, wenn er nur gerade und offen war. Daß er Amtsmeister seiner Gilde war, verdankte er neben anderen guten Eigenschaften hauptsächlich seiner anerkannten Kunst und Gediegenheit im Handwerk, denn er war bei all seinem ungeschlachten Wesen ein klarer Kopf. Wenn in diesen Tagen Meister Gotthard zu Schuttenhelm in die Schmiede kam, die unweit des Rathauses in der Reitenden-Diener-Straße war, so glaubte der Schmied jedesmal, der Böttcher wollte ihm die Losung zum Kampf bringen und war dann sehr enttäuscht, wenn Henneberg ihn immer noch zur Geduld ermahnte. »Wie lange willst du zaudern?« rief Schuttenhelm. »Ich schmiede das Eisen, wenn es heiß ist.« »Mir ist es noch nicht heiß genug«, lächelte Gotthard und teilte dann dem Schmied die Beobachtungen mit, auf die er seine Hoffnung stützte. Die zur Schau getragene Ruhe und Gleichgültigkeit des Sülfmeisters ward seinen Feinden immer verdächtiger, und sie sannen ernsthafter denn je darüber nach, wie sie sich wohl am besten des gefährlichen Mannes entledigen könnten. Eines Tages kam Dietrich Schupper, der Propst von Lüne, auf das Rathaus und ersuchte seine gleichgesinnten Freunde Dalenborg und Sengstake nebst seinem Bruder Ulrich um eine Unterredung. »So laßt uns in den Herrenkeller hinabsteigen«, sprach Dalenborg, »dort sind wir am ungestörtesten.« Der Vorschlag fand Beifall, und die vier gingen nun den Weg durch die Gerichtslaube und die verborgene Wendeltreppe hinab, die zur Tiefe der Gewölbe führte. Als sie an dem steinernen Weinfaß vorüberkamen, rief Sengstake höhnisch durch das viereckige, kaum spannenweite Loch in der Tür des Kerkers, die einzige Öffnung, durch die der Gefangene Luft erhielt: »He! Herr Springintgut! Wie geht es Euch? Seid Ihr auch munter? Wir werden unten ein Krüglein auf Eure Gesundheit trinken!« Dumpfe, unverständliche Laute kamen als Antwort zurück, und mit einem rohen Gelächter gingen die Schändlichen in den Keller hinab. Dort begaben sie sich in die Trinkstube für die Ratsherren, setzten sich an einen Tisch, der ganz in der hintersten Ecke stand, und bestellten beim Kellermeister Wein. Als Ambrosius ihn brachte, sagte Dalenborg zu ihm: »Geht hinauf ans steinerne Weinfaß und bringt dem, der darin sitzt, einen Becher Wein vom sauersten, den Ihr im Keller habt. Sagt dem vornehmen Herrn, es wäre ein Abschiedstrunk, den ich ihm sendete.« Ambrosius von dem Rhyne gehorchte diesem Befehl gern, aber er nahm nicht vom sauersten, sondern vom firnsten, kräftigsten Weine, den er im Keller hatte. Als Johann Springintgut in seinem finsteren Keller die Stimme des alten, treuen Dieners erkannte, kam er dicht an die Tür und fragte: »Ambrosius, was bringst du mir?« »Einen guten Trunk, Herr Bürgermeister!« erwiderte der Alte. »Dalenborg und die anderen da unten senden ihn Euch.« Von einem Abschiedstrunk sagte er nichts. »Ambrosius, haben sie etwas hineingetan?« klang es traurig hinter der Tür. »Herr Bürgermeister!« sprach Ambrosius mit Tränen in den Augen. »Würd' ich es Euch dann bringen? Ich habe ihn selber gezapft vom besten Faß; soll ich vorwegtrinken?« »Nein, gib her, du alte, treue Seele!« Und Springintgut leerte den Becher mit schmerzlichem Behagen. »Ach, ist das ein Labsal!« sprach er. »Mich fiebert, Ambrosius! Sie lassen mich ja hier elend umkommen.« Dann fragte er den Kellermeister mit matter Stimme aus, wie es in der Stadt einherginge, ob die anderen Ratsherren auch noch gefangen säßen, ob der Rat ihnen nicht gerechtes Gericht gewähren wolle und ob der Sülfmeister noch frei wäre. Ambrosius gab über alles Auskunft, so gut er konnte, ging dann wieder hinab, brachte Dalenborg den Schlüssel zurück, der unten die Tür zur Wendeltreppe nach oben verschloß und verkroch sich in sein Kellermeisterstübchen am entgegengesetzten Ende des großen, gewölbten Raumes. »Was wolltet Ihr mit dem Abschiedstrunk sagen, den Ihr Springintgut gesandt habt?« fragte der Propst von Lüne. »Es war zu Springintguts Abschied vom Rathaus«, erwiderte Dalenborg. »Wir lassen ihn diese Nacht in den neuen Turm bringen, den er selber noch erbaut hat.« »Der Turm ist ja kaum fertig«, sagte der Propst, »da wird der hochedle Herr eine feuchte Wohnung haben.« »Darum sandte ich ihm den Trunk zur Stärkung«, lachte Dalenborg. »Wenn nur dort seinem Leibe kein Schaden geschieht!« sprach der Propst mit einem lauernden Blick. »Das wollen wir nicht wünschen«, erwiderte Sengstake, »aber –« »Aber ihr würdet es mit Fassung tragen, wenn ihm etwas Menschliches begegnete«, meinte Ulrich Schupper, und sie lachten wieder. Der Propst fragte: »Sagt einmal, ihr Herren, könntet ihr mit Viskule nicht eine ähnliche – Veränderung vornehmen?« »Mit Viskule? Der sitzt im blauen Turm gut genug«, entgegnete Dalenborg. »Das glaub' ich schon«, sagte der Propst, »aber es ließe sich da vielleicht ein gutes Geschäft machen.« »Wieso?« fragte Sengstake schnell. »Seht, wir haben seine Tochter nun glücklich bei uns im Kloster, leider mit ihrer tugendhaften Base, der Barbara von Erpensen. Das Mädchen, ich meine die Hildegund, weigert sich aber noch, den Schleier zu nehmen. Wenn nun ihr Vater –« »Tot wäre?« fiel Ulrich Schupper ein. »O nein, das ist kaum nötig, wenigstens könnte man es erst einmal auf eine andere Weise versuchen. Ich wollte sagen: wenn ihr Vater durch irgendwelche Umstände veranlaßt würde, die Einkleidung seiner Tochter als Nonne sehr zu wünschen, so würde sie sich gewiß fügen.« »Ein Jahr ist eine lange Zeit, da wird schon Rat werden«, sprach Dalenborg. »In einem Jahr kann sich vieles ändern«, entgegnete der Propst, »ich würde es lieber sehen, wenn es gleich geschehen könnte.« »Sie muß doch ihr Probejahr halten als Novize«, sagte Ulrich Schupper. »Ist nicht nötig«, lächelte der Propst, »ich habe vom hochwürdigsten Legaten für mein Kloster die Vollmacht erhalten, eine Jungfrau auch ohne Probejahr feierlich Profeß tun zu lassen, wenn ein besonderer Vorteil für die Kirche oder für unser Kloster damit verbunden ist.« »Und dieser Vorteil?« forschte Sengstake. »Wie hoch schätzt Ihr Hildegund Viskules Erbe, Herr Sengstake?« »Ja so!« machte Sengstake. »Ist auch ohne Erbe ein fetter Bissen für ein Kloster«, bemerkte Dalenborg mit häßlichem Lachen. »Nun, sage dem Mädchen doch«, sprach Schupper zu seinem Bruder, »das Leben ihres Vaters wäre in großer Gefahr! wenn sie aber sogleich den Schleier nähme und ihr Erbteil deinem Kloster vermachte, so wolltest du dich verbürgen, ihren Vater zu retten.« »Daran habe ich bereits gedacht«, erwiderte der Propst, »aber damit sie mir das glaubt, möchte ich von euch, vom Rat, gern eine Bestätigung dieser Mitteilung haben. Ihr müßt also irgend etwas beschließen oder vielmehr tun, was Viskules Lebensgefahr glaubhaft und wahrscheinlich macht, damit die liebevolle Tochter sich ihm zu Opfer bringt in der Meinung, ihren Vater damit zu retten. Bei Auszahlung ihres Erbteils hoffe ich es verantworten zu können, wenn –« »Wenn dein Kloster die Hälfte bekäme und wir vier die andere Hälfte – nur heraus mit der Sprache, lieber Bruder! Wir sind hier unter uns.« Dennoch erhob sich Schupper und untersuchte die Nebengemächer. Sie waren leer, kein Horcher im Keller, Ambrosius saß ganz hinten in seinem einsamen Stübchen. »Wir wollen uns die Sache überlegen, Herr Propst«, sprach Dalenborg. »Vorläufig befolgt den Rat Eures Bruders und droht dem Mädchen mit der Verurteilung ihres Vaters, um sie zur Annahme des Schleiers zu bewegen. Das Weitere wird sich dann schon finden.« Sengstake hatte still und nachdenklich gesessen. Jetzt sprach er, und zwar anfangs mehr zu sich selbst als zu den anderen: »Ich glaube, da kommt mir ein guter Gedanke. Wenn es glückt, so gibt uns das eine Handhabe gegen Viskule und zugleich eine Falle für den Sülfmeister, den wir uns ja so gern vom Halse schaffen möchten. Ja, ja, so geht's! So geht's!« »Nur weiter, weiter!« drängte Dalenborg. »Wie geht's?« »Henneberg ist Viskules bester Freund«, fuhr Sengstake langsam und bedächtig fort, wie sich der Plan allgemach deutlicher in seinem Kopf gestaltete; »ein geheimes Einverständnis, eine Verschwörung unter den beiden wäre durchaus nichts Unglaubliches. Wir lassen Henneberg auf eine geschickte Weise zu seinem Freund Viskule in den blauen Turm locken, als hätte ihm dieser einen höchst dringenden Wunsch, meinetwegen seinen letzten Willen, zu vertrauen. Henneberg wird sich seinem Freund nicht versagen, und wenn er sich bei Nacht und Nebel zu ihm in den Turm schleicht, natürlich zu einer uns bekannten, von uns festgesetzten Stunde, so fassen wir ihn dort ab. Sein Besuch des Gefangenen ist uns Beweis genug für die Anzettelung eines Aufruhrs, und wir haben Anlaß oder Vorwand, mit den beiden Verschwörern nach unserer Macht und Möge zu verfahren.« Sie hatten atemlos lauschend den verschlagenen Ränkeschmied ohne Unterbrechung ausreden lassen; aber ihre Gesichter hatten sich immer mehr zu einem boshaft grinsenden Frohlocken erheitert. Jetzt blickten sie sich unternehmungslustig an und nickten sich voll Schadenfreude zu. »Das ist wirklich ein guter Gedanke, mein lieber Freund Heinrich Sengstake!« sprach Dalenborg, während ihm die anderen begeistert zustimmten. »Den führen wir aus! Ich werde Dippold die nötige Weisung erteilen und alle Maßregeln für ein unfehlbares Gelingen anordnen.« »Auf welche Weise aber wollt Ihr den Böttcher in den Turm locken, ohne daß der sehr Vorsichtige, Mißtrauische Verdacht schöpft?« fragte Schupper. »Das weiß ich in diesem Augenblick noch nicht«, erwiderte Sengstake, »aber auch dieses Garn wird sich noch spinnen lassen.« »Seid vorsichtig!« warnte der Propst. »Bedenkt jeden möglichen Zufall dabei!« »Ach was!« rief Dalenborg laut und siegesgewiß. »Laßt mich nur machen. Kommt Henneberg in den blauen Turm, so bleibt er auch darin, entweder lebendig oder tot!« Damit war die Beratung der Bösewichter zu Ende, und sie erhoben sich, um den Keller zu verlassen. Neuntes Kapitel Die für ihn ganz neue Tätigkeit, der sich Gilbrecht unter Balduins Anleitung auf dem Viskulenhofe mit redlichem Fleiß hingab, gewährte ihm viel Freude. Lernbegierig und leicht auffassend, wie er war, machte er auch in der pünktlichen Erfüllung aller ihm von Balduin nach und nach übertragenen Obliegenheiten schnelle Fortschritte und hielt sich schon für ein wirklich eingreifendes, treibendes Rad in dem großen Viskuleschen Handelswerke. Wenn ihm das einer gesagt hätte, als er nach seiner Heimkehr aus der Fremde zum ersten Male wieder dieses Haus betrat und sich bänglich fragte, ob er wohl noch hierhergehöre, hierher, wo er nun die rechte Hand des jungen, jetzt einzigen Gebieters war! Soviel es seine Zeit erlaubte, bemühte er sich, seine Handschrift zu verbessern und sich im Rechnen zu üben, was bisher seine starke Seite nicht gewesen war. Wenn er die Menge der ein- und ausgehenden Güter betrachtete und einen Einblick gewann in den oft bedeutenden Unterschied des Preises, für den sie eingekauft und zu dem sie wieder verkauft wurden, sich also berechnen konnte, wieviel daran verdient wurde, so erfüllte ihn mehr und mehr die Lust am Gewinn, und bald regte sich in ihm ein starker Trieb zum Wetten und Wagen. Er begriff es nicht, ja er konnte fast unwillig darüber werden, wenn Balduin seine klugen Vorschläge zu einem, seiner Meinung nach vielversprechenden Geschäft etwas von oben herab belächelte, statt mit Eifer an die Ausführung zu gehen, und konnte sein Erstaunen nicht unterdrücken, wenn ein bedeutender Gewinn oder ein auch vorkommender Verlust, was beides ihn teilnahmsvoll erregte, den Freund völlig ungerührt ließen. Seine Freude jedoch an den mannigfachen kaufmännischen Arbeiten, die er selber leistete und von Gehilfen und Untergebenen leisten sah, trübten solche Erfahrungen keineswegs; er gewöhnte sich allmählich daran, und hätte er den alten Herrn nicht aufrichtig liebgehabt und ihm die baldige Erlösung aus dem Kerker von Herzen gewünscht, so hätte seinetwegen Herr Heinrich Viskule immer noch eine Weile wegbleiben können, denn wie Balduin jetzt seinen Vater vertrat, so betrachtete Gilbrecht sich als den Stellvertreter Balduins, und dieses Verhältnis mußte aufhören, sobald Herr Viskule zu Haus und Hof zurückkehrte und selber wieder die Zügel in die Hand nahm. Der Tag rückte auch immer näher, an dem Jakob abziehen und er selber als Böttcherknecht in seines Vaters Werkstatt treten wollte; aber ob ihm sein ehrbares Handwerk noch behagen würde, nachdem er einen ganz anderen Lebenslauf kennen und schätzen gelernt hatte, war ihm selber sehr fraglich. Wieviel freudenreicher aber wäre sein Wirken hier auf dem Viskulenhofe gewesen, wenn er es unter Hildegunds Augen hätte vollbringen können. Der Mangel ihrer Gesellschaft war eine harte Entbehrung für Gilbrecht, und aus ihrer längeren Abwesenheit schloß er, daß sie mit Gewalt im Kloster zurückgehalten würde und dort ebensogut eine Gefangene wäre wie ihr Vater im blauen Turm. Nicht einmal eine Nachricht hatte man von ihr, wie sie dort lebte im Kloster, und zu wann ihre Heimkehr in Aussicht stünde. Zwei liebe, grausam Entführte fehlten in den wohnlichen Räumen des Viskulenhofes, und es verging kaum ein Tag, ohne daß die drei Freunde berieten, wie die Verstrickten aus ihren Banden zu lösen wären. Ilsabe hatte sich schon öfter erboten, nach Kloster Lüne zu gehen, um Hildegund wenigstens zu sehen und zu sprechen; aber dem widersetzte sich Balduin mit großer Entschiedenheit, weil er besonders fürchtete, daß man dann auch noch Ilsabe dort zurückbehalten könnte. Als sie wieder einmal eines Nachmittags im Viskuleschen Wohngemach saßen und sich über diese Angelegenheit unterhielten, kam Martin herein und meldete: »Junker, eine Dame wünscht Euch zu sprechen, sie wollte Euch Nachricht von Fräulein Hildegund bringen.« »Von Hildegund?« rief Balduin. »Willkommen, wer es auch sei!« Eine leicht begreifliche Erwartung bemächtigte sich der Freunde. Nahende Schritte draußen auf dem Gang ließen sich durch die offengebliebene Tür vernehmen, und gleich darauf erschien in deren Rahmen – Frau Walpurg Grönhagen. Die Überraschung war auf beiden Seiten sehr groß, aber Walpurg faßte sich schnell, und nach einer kaum merklichen Neigung des Kopfes zur Seite gegen die Hennebergs, wobei sie Ilsabe mit zwinkernden Augen von unten nach oben maß, was heißen sollte: Ihr beiden werdet hoffentlich sofort verschwinden! beachtete sie die Geschwister nicht weiter, sondern wandte sich mit ihrem liebenswürdigsten Lächeln zu Balduin und sagte: »Verzeiht, Junker, daß ich Euch heimsuche und in so gefälliger Gesellschaft störe! Aber ich erfuhr kürzlich, Ihr wäret verwundet, und wollte selber nach Eurer Genesung fragen.« »Ich danke Euch, Frau Walpurg«, erwiderte Balduin beklommen, »die kleine Wunde ist längst geheilt, und es geht mir nach Wunsch.« »Das freut mich von Herzen«, sprach sie mit leise schwingender Stimme, »aber dann wundert mich, daß ich Euch so lange nicht gesehen habe. Seit dem köstlichen Abend im Rathause habt Ihr Euch nirgends blicken lassen.« »Ihr wißt wohl, daß mein lieber Vater gefangenliegt«, entgegnete er, »da hab' ich hier viel zu schaffen und zu sorgen.« »Aber man darf doch seine besten Freunde nicht vergessen. Ich kenne Leute, Junker Balduin, die Euch gesucht haben«, lächelte sie mit einem heißen Blick, indem sie sich lebhaft zu ihm hinüber bog. »Wer wird mich in dieser trostlosen Zeit suchen, wo ich mir selber kaum zu helfen weiß!« erwiderte er trocken und ohne verstehen zu wollen. »Wer Euch gesucht hat, fragt Ihr? Oh, wer den recht innigen Wunsch hat, Euch zu sehen, und – und wer ein Recht darauf hat, Junker Balduin!« sprach sie mit warmer Betonung und schielte nach Ilsabe hin, die regungslos und mit gepreßtem Herzen Balduins Antwort darauf in seinem Gesicht zu lesen suchte, ehe er sie aussprach. Balduin war der Besuch der jungen Witwe über alle Maßen peinlich. So unangenehm ihn jedoch ihre auffallende, ja zudringliche Annäherung berührte, er konnte gegen eine Frau nicht unhöflich sein, die er schon mit Armen umschlungen und an seine Brust gedrückt hatte. Daß er sowohl die leidenschaftliche Begegnung im Mondschein als auch sein Verhalten gegen Walpurg bei Mandelsloh und im Rathaussaale jetzt bereute, befreite ihn nicht von einem gewissen Schuldgefühl ihr gegenüber. Aber es gereichte ihm andererseits zum Troste, daß er sich ihr mit keinem Wort verbunden hatte, und mit dem Überschreiten seiner Schwelle vergab sie sich seiner Meinung nach etwas, denn es war ihm nicht zweifelhaft, daß die Überbringung einer bis jetzt noch nicht einmal erwähnten Nachricht von der ihr wenig befreundeten Hildegund ihr nur zum Vorwand für diesen unternehmenden Besuch dienen sollte. Walpurg hatte allerdings gehofft, mit Balduin allein zu sein. Sie konnte es nicht ertragen, daß er sich von ihr abwendete, wollte ihre frühere Macht über ihn noch einmal gegen sein Herz Sturm laufen lassen und mußte nun die hier finden, um derentwillen er sie, wie sie überzeugt war, in den letzten Wochen vernachlässigt hatte. Oh, wüßte sie nur, wie sie sich an ihr rächen könnte! Ilsabe war über das Erscheinen Walpurgs heftig erschrocken. Schon bei deren übermütiger Erwähnung des für sie so schmerzvollen Abends im Rathause ergriff sie eine tiefe Unruhe, daß sich das dort Vorgegangene hier in ähnlicher Weise wiederholen könnte, und sie verfolgte das Liebesgeplänkel, die halb verhüllten Schmeichelworte und das noch mehr sagende Augenspiel, womit die sehr entgegenkommende Frau den Freund zu umstricken suchte, mit angsterfüllter Spannung, wie sich das weiter entwickeln und welchen Erfolg es haben würde. Es war ihr daher eine große Erleichterung, als Balduin das Gespräch mit den Worten abbrach: »Frau Walpurg, der Diener sagte, Ihr wolltet mir eine Nachricht von meiner Schwester bringen. Wißt Ihr etwa, wie es Hildegund geht?« »Es geht ihr nicht so gut, wie es Euch hier zu gehen scheint, Junker«, gab Walpurg zur Antwort und fügte mit einem spöttischen Blick auf Ilsabe hinzu: »Ihr habt ja leicht Ersatz gefunden, mit dem Ihr Euch über die Abwesenheit der Schwester tröstet.« »Soweit eine Schwester dem Bruder ersetzt werden kann, geschieht es allerdings durch unsere liebe Jugendfreundin Jungfrau Ilsabe«, sprach Balduin mit ernstem Gesicht. »Hildegund ist gesund und wohl und sehnt sich nach Hause zurück«, bemerkte Walpurg. »Aber damit sage ich Euch wohl nichts Neues. Jungfer Ilsabe hat ihre Gespielin gewiß schon öfter im Kloster besucht.« Sie wußte, daß dies nicht geschehen war, und wollte Ilsabe damit einen Stich versetzen, der auch traf. Ilsabe fühlte sich beschämt, daß jene den Gang zum Kloster unternommen hatte und sie nicht. »Ich habe mich mehrmals dazu erboten –«, sprach sie. »Aber auf meinen nachdrücklichen Wunsch«, fiel ihr Balduin in die Rede, »hat Jungfer Ilsabe meine Schwester bis jetzt noch nicht besucht.« »Warum denn nicht? Welche große Gefahr fürchtet Ihr denn dabei für Eure liebe Jugendfreundin?« »Verzeiht, wenn ich Euch die Antwort darauf schuldig bleibe«, erwiderte Balduin. »Ich bitte Euch, sagt mir: wann wird Hildegund zu uns zurückkehren?« »Das weiß ich nicht. Mir scheint, sie ist über die Zustände hier in der Stadt falsch unterrichtet, glaubt, hier tobte der Kampf, und ist besorgt um das Leben ihrer Freunde. Ich habe sie beruhigt«, sprach Walpurg lachend weiter, »nur konnte ich ihr leider nicht sagen, wie wohl sich's ihre Freunde hier auf dem Viskulenhof sein lassen.« »Ich wollte, Ihr hättet ihr sagen können, wie besorgt ihre Freunde hier auf dem Viskulenhof um sie sind, Frau Grönhagen!« bemerkte Ilsabe mit mühsam bewältigtem Zorn. »Wirklich, Jungfer Henneberg? Und habt Euch trotzdem hier nicht losreißen können? Der Wunsch Eures Freundes, Euch nicht von sich zu lassen, war also doch wohl noch mächtiger als Eure und seine Sorge um Hildegund?« »Wenn's Euch bequem ist, so nehmt an, es wäre so«, erwiderte Ilsabe erregt. In Walpurgs Augen blitzt ein glühender Haß auf; aber ehe sie Antwort gab, fragte Gilbrecht: »Hat Euch Hildegund kein Mittel gesagt, wie sie von dort erlöst werden könnte?« »Wollt Ihr sie vielleicht befreien?« »Wenn ich könnte, ja!« »Ein solches Mittel hat sie mir nicht angegeben«, sprach Walpurg, »aber sie deutete mir an, daß man zur Rettung ihres Vaters ein sehr schweres Opfer von ihr verlangte.« »Zur Rettung des Vaters?« sagte Balduin sehr beunruhigt. »So wird sie belogen und betrogen.« »Die Ärmste!« rief Ilsabe. »Und der liebsten Freundin nicht helfen zu können!« »Ei, Jungfer Ilsabe«, sprach Walpurg, »wenn Ihr Hildegund wirklich so liebt, wie Ihr vorgebt, so wüßte ich vielleicht ein Mittel, wie Ihr sie befreien könntet.« »Nun?« fragte Ilsabe. »Man sucht, glaub' ich, in Kloster Lüne eine schöne, junge Nonne; opfert Ihr Euch doch, Jungfer! Nehmt Ihr doch an Hildegunds Stelle den Schleier!« Das war in dem entehrenden Sinne, wie Walpurg es meinte und mit einem leichtfertigen, höhnischen Lachen deutlich genug zu verstehen gab, eine unauslöschliche Beleidigung. Entsetzt sprangen die anderen drei auf. Balduin faßte mit raschem Griff Ilsabes Hand, hielt sie fest und sprach am ganzen Körper bebend: »Frau Walpurg Grönhagen! Wer diese hier nur mit einem Blick beleidigt, der ist mein Todfeind! Eine weitere Antwort auf Eure schamlose Rede verdient Ihr nicht!« Darauf führte er die mit Tränen kämpfende Ilsabe sofort in das Nebengemach, wohin ihnen Gilbrecht folgte. Bleich, zitternd und keuchend vor Wut eilte Walpurg hinaus. Die Freunde schwiegen; keiner von ihnen fand gleich ein beruhigendes Wort. Ilsabe hatte sich gesetzt, denn sie fühlte sich wanken von dem Stoße, den die Neidvolle gegen sie geführt hatte; Gilbrecht, empört über Walpurg wie über Balduin wegen seines Verkehrs mit ihr, lief stumm grollend hin und her, und Balduin stand am Fenster und schaute finster hinaus, ohne etwas zu sehen. Es war eine drückende, peinliche Stille im Gemach. Endlich kehrte sich Balduin hastig um, wandte sich zu Ilsabe und sagte mit einer Stimme, in der noch die heftigste Bewegung schütterte: »Ilsabe – daß die Frau es wagen durfte, hierherzukommen, ist meine Schuld! Ich habe mich in Unbedacht und Übermut hinreißen lassen, mit ihr zu tändeln und zu spielen. Ich bitte dich, Ilsabe, verzeihe mir!« Er hatte die letzten Worte weich und rührend gesprochen. Ilsabe hob das Haupt mit einem innigen, feuchtschimmernden Blick zu ihm empor und legte ihre Hand in die dargebotene seine. Balduins Bitte versöhnte Gilbrecht, und er wollte dem Freunde das Bekenntnis einer Torheit nicht durch seine Gegenwart erschweren; darum entfernte er sich still und ging hinab in die Schreibstuben. »Wie du mir auf dem Rathause den Tanz versagtest«, sprach Balduin, als er mit Ilsabe allein war, »das war mir eine bittere Lehre, und mit meiner Lust am Feste war's vorbei; aber ich sah mit einem Male klar und deutlich, was ich getan, was ich dir getan hatte, Ilsabe. Ich nahm mir vor, am nächsten Tage zu dir zu gehen und dir alles reumütig abzubitten; aber da brach die böse Zeit über uns herein, die Erregung, der Aufruhr, die Gefangenschaft meines Vaters, und es unterblieb; ich hatte nicht die Stimmung, nicht den Mut, dir zu nahen. O wie glücklich war ich dann, als du gleich nach meiner Verwundung von selber zu mir kamst und mich pflegtest! Ich schloß daraus, du hättest mir verziehen, oder hoffte, du würdest es tun, und nun kommt die Arge hierher und kränkt dich aufs neue mit frechen Worten. Kannst du auch das verzeihen, Ilsabe? – Noch einmal bitte ich dich: vergib mir meinen sträflichen Leichtsinn!« Er hatte sich beim Sprechen, halb hinter ihr stehend, auf die Lehne des Stuhles gestützt, auf dem Ilsabe saß. Sie hatte ihn ruhig angehört; jetzt erhob sie sich, nahm wieder seine Hand und sprach sanft mit niedergeschlagenen Augen: »Laß das ruhen, Balduin! Es soll vergessen sein, wir wollen nicht mehr davon sprechen.« »Wirklich? Willst du es vergessen?« fragte er schnell und freudig. »O Dank! Tausend Dank! Und glaube mir, Ilsabe – mein Herz wußte nichts davon, denn das gehört dir, Ilsabe – hat dir immer gehört und wird immer und ewig dir gehören.« Bestürzt blickte sie rasch zu ihm auf; ihr stockte der Atem, wie sie mit halbgeöffneten Lippen dem Freunde sprachlos in die Augen starrte. »Du siehst mich so verwundert an; ja weißt du es denn nicht, daß ich dich liebe?!« sprach er mit einem Ton, der laut und stark aus freiem, frohem Herzen drang. Ein Zittern überkam sie; heiß und rot überlief es ihr Antlitz; die Brust wollte ihr springen, und ihre Augen strahlten in einem wunderbaren Glanze. »Ilsabe, das hast du nicht gewußt?« rief er noch einmal und faßte ihre beiden Hände. »Ich liebe dich, ich liebe dich, Ilsabe! nicht wie seit den Kinderjahren, nein, ganz anders, ganz anders, Ilsabe! Oh, wenn du mich so wiederlieben könntest! Nur halb so –« »Ach!!« – ein Schluchzen nur, ein auffliegendes Jauchzen war es, womit sie sich stürmisch in seine Arme warf, und wie er sie umfing, so drückte sie ihn mit liebender Gewalt an die hochklopfende Brust und lachte und weinte, und Augen und Lippen blühten und glühten ihm wonnig entgegen. »Oh, welches Herzeleid hab' ich dir zugefügt!« sprach er, sie in seinen Armen haltend. »Aber wie manchmal auch hat mir das Geständnis auf der Zunge geschwebt und die Frage, ob du mein sein wolltest! Ich wollte warten, bis mein Vater wieder frei und bis Hildegund wieder bei uns ist, doch nun haben mir die Worte des Hasses jener Unseligen das Wort der Liebe von den Lippen gelöst.« »Das ist die beste Antwort, Balduin, die wir ihr geben können, daß wir uns auf Leben und Tod miteinander verbunden haben. Aber schweige von ihr! Wir wollen sie aus unserem Gedächtnis verlöschen.« »Ja, das wollen wir«, sprach er; »aber auch von unserer Liebe müssen wir noch schweigen, Ilsabe.« »Nur der Mutter laß es mich sagen«, bat sie. »Nein, Ilsabe! Solange mein Vater im Turm liegt, müssen wir schweigen. Wenn wir ihn wiederhaben, will ich mit dir vor die Deinen treten, daß er uns seinen Segen gibt.« »Wie du willst, Geliebter!« sagte sie, »deine Wünsche sollen meine Wünsche sein. Aber nun laß mich! Laß mich fort, daß ich meine wirbelnden Gedanken sammele!« »Die meinigen nimmst du alle mit!« sprach er. Sie entwand sich seinen umschließenden Armen und eilte davon. Zu Hause flüchtete sich Ilsabe hinauf in ihr Schwalbennest. Dort stand sie mitten im Stübchen, bog den Kopf zurück und schlug die Hände vor das Gesicht, jubelnd: »Er liebt mich! Er ist mein!« Mit einem langen, tiefen Atemzuge hob sie die wogende Brust, als befreite sie den Busen von einer Bergeslast und holte mit dem Atem alle Not und Angst aus dem Herzensgrund herauf, sie von sich stoßend auf immerdar. Dann trat sie ans Fenster und sandte den lächelnden Blick in die sonnenbeglänzte, unabsehbare Heide hinaus, als tauchte sie ihn mit seligem Vertrauen in die unergründliche Zukunft. Zehntes Kapitel »Wo denn schon hin?« fragte Frau Johanna am anderen Morgen ihren Mann, als sich dieser zu einem Ausgang fertig machte. »Ins Rathaus, Johanna«, erwiderte er. »Gotthard! Ins Rathaus?« Der Meister lächelte und wies mit dem Zeigefinger in tippender Bewegung nach dem Fußboden hin. »Was soll das denn heißen?« fragte sie wieder. »Und du lachst dabei?« »Unten, unten! In den Ratsweinkeller!« »In den Weinkeller? Am frühen Morgen schon? Aber Mann!« »Ambrosius hat gestern zweimal nach mir geschickt, ich soll kommen und rasch, sonst könnte es leicht zu spät werden. Er wird wohl wieder einen guten Rheinischen umgefüllt haben, den ich kosten soll; da will ich nun doch schnell hin, ehe er das Faß wieder zuschlägt. Ich weiß, ich mache dem Alten eine Freude damit.« »Grund genug für einen Trunk Wein!« lachte Johanna. »Ich habe auch noch einen anderen Weg«, sagte Meister Gotthard nun ernsthaft. »Mir geht die Geschichte mit der Hildegund im Kopfe herum; ich will zu Hans Laffert und mit ihm darüber sprechen. Es wird ja immer ärger mit dem Buben- und Pfaffenregiment; wohin soll das noch führen, wenn sie's so weiter treiben? Ich glaube, Johanna, es wird bald Zeit, daß wir Gewalt brauchen.« »Wenn es sein muß, Gotthard, dann in Gottes Namen! Ich halte dich nicht mehr zurück.« Er drückte ihr die Hand und sagte: »Ich wußte es wohl. Am Ende schnallst du auch noch den Harnisch an wie unser tapferes Mädchen, die Ilsabe.« »Das wohl nicht«, lächelte sie, »aber dir helfe ich dabei und raune heimlich meinen alten Wundsegen dazu. Nun geh nur und grüße mir den braven Ambrosius!« Er nickte und ging seines Weges. Als er durch die Straße An den Brodbänken kam, stand Dörgerloh in der Tür seines Bäckerladens und streckte ihm treuherzig die Hand entgegen. Meister Gotthard ergriff sie auch und schüttelte sie. »Henneberg, wohin?« fragte Dörgerloh. »Das sollt Ihr nicht raten, Herr Ratsherr!« erwiderte Meister Gotthard scherzend. »Und darf's auch nicht wissen?« »O ja! In den Weinkeller eines hochedlen Rates, Gott bessere ihn!« »Den Keller oder den Rat?« »Nein, den Rat, Dörgerloh, den Rat!« Dörgerloh drohte mit der Faust, und Meister Gotthard ging lachend davon. Dörgerloh war ein ehrlicher Mann, der an dem nichtsnutzigen Tun und Treiben auf dem Rathause keinen Anteil hatte, wenn er auch mit im Rate saß. Das wußte Meister Gotthard und versagte ihm daher seine Achtung nicht, obschon er sein Gegner war. »Hm! Je größer die Nase, je größer auch der Sonnenschein darauf«, sprach er zu sich selber und rieb sich die Nase; »oder soll ich heute noch was Neues erfahren? Gutes gewiß nicht, das kommt in Lüneburg jetzt nicht auf.« Dann schritt er die Stufen zum Keller langsam hinab. Der Ratskellermeister saß in einem alten Lehnstuhl im hintersten Winkel seines Stübchens. Als Meister Gotthard mit freundlichem Gruß eintrat, erhob sich Ambrosius und sagte: »Endlich! Wie lange habt Ihr mich warten lassen!« »Mein Gott!« sprach der Gescholtene, »habt Ihr's denn gar so eilig!« Ein guter Trunk und ein guter Rat Kommt nimmer zu früh und selten zu spat.« »Diesmal hätte der gute Rat doch leicht zu spät kommen können, Gotthard!« erwiderte Ambrosius. »Und was den guten Trunk anbetrifft – nun, Ihr werdet daran zu schlucken haben, bis Ihr ihn herunterkriegt.« »So sauer ist er?« »So sauer und bitter wie Galle!« »Wenn er nur halb so sauer ist wie das Gesicht, daß Ihr dabei macht, Ambrosius, so verlangt mich nicht sehr danach. Ihr seht ja aus, als wäre Euch über Nacht aller Wein im Keller umgeschlagen.« »Laßt Eure Späße, Gotthard!« erwiderte der Alte. »Setzt Euch da in die Ecke in meinen alten Tröster und hört mich ruhig an.« Gotthard gehorchte, höchlich verwundert über des Alten seltsame Laune. Ambrosius begann: »Als mich vor einiger Zeit Euer Gilbrecht besuchte und mir erzählte, daß er am Rhein die Küferei gelernt hätte, sagte ich ihm, daß er einmal mein Nachfolger hier im Keller werden würde, und versprach ihm, ihn in alles treulich einzuweihen, was einem Ratskellermeister zu wissen nutz und nötig ist. Hat er Euch das nicht gesagt?« »Jawohl, hat er«, nickte Gotthard. »Gut. Ein Geheimnis aber, ein großes merkwürdiges Geheimnis, das seit langen, langen Jahren immer nur von einem Kellermeister auf den anderen erbt und das sonst kein Mensch in der Welt weiß und wissen darf, das wollte ich Eurem Sohne erst in meiner Sterbestunde sagen, wenn ich sicher wäre, daß er mein Nachfolger würde. Hat er Euch das auch gesagt?« »Nein!« »Nicht! Braver Junge, der Gilbrecht! – Gotthard, die Stunde ist früher gekommen, als ich dachte – nein, nein, nicht meine Sterbestunde, mein' ich«, fügte er schnell hinzu, als sein Gast ihn betroffen anblickte; »ich meine die Stunde, wo ich nicht Eurem Sohne, sondern Euch selber dieses merkwürdige Geheimnis offenbaren muß, denn es handelt sich dabei um ein Menschenleben, um Euer Leben, Gotthard!« Der Böttcher sah den Kellermeister wieder an und dachte sich dazu: ›Der Alte wird schwach im Kopfe.‹ Der mochte wohl dem anderen den Gedanken vom Gesicht lesen, denn er sagte: »Ich bin so nüchtern wir Ihr, Gotthard, und so klar im Kopfe wie mein klarster Wein im besten Fasse. Wartet's nur ab! Gotthard, Eure Hand darauf, daß Ihr mein Geheimnis mit ins Grab nehmen wollt!« Sie reichten sich die Hände, und Ambrosius fuhr fort: »Bleibt mal still in dem alten Tröster da sitzen und verhaltet Euch ganz ruhig.« Dann ging er, die Tür hinter sich schließend, hinaus und ließ seinen Gast in dem noch immer nicht besiegten Zweifel allein, ob er hier wirklich hinter ein sonderbares Geheimnis kommen sollte, oder ob sich Ambrosius, vielleicht doch nicht richtig im Kopfe, einen etwas weitgehenden Spaß mit ihm erlauben wollte. Aber dazu tat der Alte zu wichtig, sah zu ernsthaft dabei aus, und sich mit Gotthard Henneberg einen schlechten Spaß zu machen, war niemand zu raten. Während Meister Gotthard in Ambrosius' Lehnstuhl noch darüber nachsann und tiefes Schweigen ihn umgab, vernahm er plötzlich neben sich, hinter sich, über sich – er wußte selber nicht wo – von einer schauerlich tönenden, geisterhaft gedämpften Stimme die deutlichen Worte: »Kommt Henneberg in den blauen Turm, so bleibt er auch darin, entweder lebendig oder tot.« Gotthard fuhr in die Höhe wie von einer Feder emporgeschnellt. Was war das? Wer hatte hier gesprochen? Woher die Stimme, die rätselhaften Worte? Er blickte sich ringsum; aber er war allein. Da klang es wieder in demselben Tone: »Antwortet, wenn Ihr mich verstanden habt!« Dem starken Manne ward unheimlich zumute, doch er; antwortete: »Ich habe verstanden.« Gespenstisch rief es zurück: »Gut, schweigt! Ich komme!« Dann blieb alles still. Gotthard befand sich in einer tiefen Erregung; der Inhalt der zuerst gehörten Worte hatte ihn ganz verwirrt gemacht. Da trat der Kellermeister wieder ein. »Ambrosius, was treibt Ihr für Teufelsspuk mit mir?« fuhr ihn der Böttcher an. »Was sollen die drohenden Worte vom blauen Turm bedeuten? Habt Ihr sie gesprochen?« »Ja, ich habe sie hinten in der Ratsherrentrinkstube gesprochen, dem nachgesprochen, von dem ich sie vorgestern hier gehört habe.« Meister Gotthard blickte den Alten steif an. »Wer hat sie gesagt?« fragte er dann. »Das weiß ich nicht genau«, erwiderte Ambrosius, »die Stimmen sind schwer zu unterscheiden; es klang wie Dalenborgs Stimme.« »Dalenborg?« »Ja, er und Schupper und Sengstake waren mit dem Propst von Lüne vorgestern in der Ratsherrentrinkstube.« »Und hier kann man hören, was dort gesprochen wird?« »Ihr habt es ja eben gehört. Seht!« fuhr der Alte zu dem immer mehr Erstaunenden fort. »Das Kreuzgewölbe geht über vier Stuben weg; die Zwischenwände sind nicht ganz bis an die Decke geführt, ein kleiner Raum ist offen geblieben, um der Luft einen Übergang zu schaffen. Nun seht Ihr dort an den Gurtbogen eine durchgehende, hohl ausgekehlte Steinrippe; die trägt den Schall von einem Ende zum anderen. In der Mitte, in den Zwischenräumen hört man nichts, in den entgegengesetzten, äußersten Ecken aber versteht man jedes laut gesprochene Wort, und der Ratskellermeister von Lüneburg muß immer ein verschwiegener Mann sein, denn er erfährt auf diesem Wege manches, was von den hochvermögenden Herren dahinten in der Trinkstube beim Wein verhandelt wird. Nun wißt Ihr mein Geheimnis; bewahrt es treu, Gotthard! Ihr habt mir die Hand darauf gegeben!« »Seid ohne Sorge!« erwiderte Meister Gotthard. »Habt Ihr noch mehr gehört?« »Nicht viel und nichts so Wichtiges wie das, was ich Euch gesagt habe. Sie sprachen anfangs zu leise, aber daß man Euch in den blauen Turm locken will, habe ich ganz deutlich, Wort für Wort gehört.« »Sagt es noch einmal«, bat Gotthard. »Kommt Henneberg in den blauen Turm, so bleibt er auch darin, entweder lebendig oder tot.« »Lebendig oder tot!« wiederholte Meister Gotthard. »O ihr verfluchten Schurken! Im blauen Turm sitzt Viskule, und sein Schließer ist Dippold, mein bester Freund und mein bester Feind! Hahaha! Gut ausgedacht! Das wäre Sengstakes würdig. Ambrosius, jetzt bitt' ich selber um einen Trunk.« »Sollt Ihr haben, Freund! Sollt Ihr haben!« sprach Ambrosius und holte Wein. Dann setzten sie sich beide zum Trinken an den kleinen Tisch; aber Meister Gotthard war wortkarg und sann und grübelte. »Sie wollen Euch ans Leben, Gotthard«, sagte Ambrosius, »die Schufte sind zu allem fähig.« Der Böttcher antwortete nicht, und Ambrosius fing nach einem längeren Schweigen wieder an: »Was gedenkt Ihr nun zu tun?« »Ambrosius«, erwiderte Gotthard, »Ihr habt mein Wort, daß ich schweigen werde; ich verlange auch das Eure. Vertraut keinem Menschen, was Ihr mir gesagt habt, es sei denn –« »Es sei denn?« »Ambrosius, ich gehe in die Falle, die sie mir stellen wollen, und ich hoffe, ich komme auch wieder heraus, aber dann wehe ihnen!« »Ihr wollt in den Turm gehen, Gotthard?« fragte Ambrosius erschrocken. »So hab' ich Euch umsonst gewarnt?« »O nein! Ich werde Vorsicht brauchen, daß ich nicht darin bleibe, weder lebendig noch tot. Sollte ich aber doch eines Tages verschwunden sein, so wißt Ihr, wo man mich zu suchen hat.« »Der Allmächtige verhüte es!« »Ambrosius, mit solchen Schurkenstreichen hat sich der alte Rat nie befleckt. Wenn der das wüßte, der hier über uns sitzt!« »Wen meint Ihr?« »Nun, Springintgut im steinernen Weinfaß.« »Lieber Gott! Das hätt' ich bald vergessen. Der ist nicht mehr hier.« »Was? Ambrosius! Wo ist er?« »Sie haben ihn heimlich in der vorigen Nacht wegbringen lassen in den neuen Turm.« »In den neuen Turm? O schändlich! Schändlich! Woher wißt Ihr's?« »Als die vier neulich hier im Keller waren, mußte ich dem Gefangenen einen Becher Wein hinauftragen, zum Abschiedstrunk, sagte Dalenborg. Ich verstand nicht, was er damit meinte; nachher ist es mir klargeworden. Und Springintgut ist krank, sie ließen ihn elend verkommen, klagte er mir. Gut, gut, daß Ihr mich daran erinnert habt! In der Sorge um Euch hätt' ich es bald vergessen; er hat auch noch ein Wort für Euch gehabt.« »Für mich? Was ist's? Schnell!« »Ich bin mit einem der Knechte bekannt, die ihn in der Nacht wegbringen mußten, und der hat mir's erzählt. Als sie Springintgut aus dem steinernen Weinfaß heraufholten und ihm ankündigten, wohin sie ihn bringen sollten, ist er aufs tiefste erschrocken, hat in seiner Schwäche den Blick nach oben gerichtet und mit zitternder Stimme den Ausruf getan: ›Sülfmeister, räche mich!‹« Gotthard sprang auf: »Ambrosius! Das hat er gesagt? Sülfmeister, räche mich!? Das Wort soll wahr werden, Ambrosius, oder ich will mir den Tod aus diesem Becher getrunken haben!« Einen Augenblick stand er und stierte, in Sinnen verloren, vor sich hin. Dann, wie nach gefaßtem Entschlusse, brach er schnell auf und rief in Hast: »Lebt wohl, Ambrosius! Habt Dank und schweigt, bis der Tag zum Reden gekommen ist!« In Gotthard Hennebergs Seele war Sturm; Gedanken wie Blitze und Zornglut wie rollender Donner durchtobten seine Brust. Er ging nicht zu Hans Laffert und auch nicht nach Hause, sondern begab sich zu Schnewerding, dem Amtsmeister der Harnischmacher und Plattenschläger, der etwas versteckt in der Straße Auf dem Meere wohnte. Nicht rechts, nicht links sah er auf diesem Wege, grüßte niemand, kannte niemand; den Blick starr auf den Boden geheftet wandelte er dahin wie eine finstere Wetterwolke, der zu nahen, Tod und Verderben bringt. Er wußte kaum, wie er zu seinem Ziel kam, und als er vor Schnewerdings Hause stand, hatte er Mühe, wenigstens äußerlich die Ruhe zu wahren. In der Werkstatt nahm er den Waffenschmied beiseite und sagte: »Schnewerding, die Saat ist reif, wir müssen sie mähen.« »Gott sei gelobt!« rief Schnewerding. »Wann?« »Still! Höre mich an!« sprach Gotthard. »Kannst du heute nach der Vesperglocke vier oder fünf unserer sichersten Männer hier bei dir versammeln, daß wir's bereden?« »Gewiß! Wen willst du haben?« »Vor allem Schuttenhelm. Kerkrink, Stephan, Bartels –« »Hans Laffert?« »Nein, er ist der Beste und Treueste und folgt uns nachher doch; aber er ist zu milde und auch schon zu alt.« »Aber Peter Flachs, der Gerber.« »Peter Flachs, ja!« »Und einen noch – Eekholt.« »Eekholt? Den Ratsfeind?« »War er, jetzt hält er zu uns; ich stehe für ihn!« »Gut denn! Aber ohne Aufsehen! Laß sie still und heimlich kommen; noch darf keiner etwas ahnen.« »Verlaß dich auf mich, Henneberg! Herr Gott im Himmel, wie werden sie jubeln!« »Auf Wiedersehn!« »Jawohl!« – Der erste Schritt zum Aufstand war getan. Gotthard Henneberg war entschlossen, Freiheit und Ehre seiner Stadt zu retten um jeden Preis, auch mit fließendem Blut. Auf dem Wege nach Hause glaubte er noch einmal den geisterhaften Ton und die drohenden Worte vom Gewölbe in der Stube des Kellermeisters zu hören; aber weit erschütternder packte ihn ein anderes Wort. Das kam nicht von den halb verschmachteten Lippen eines einzelnen mißhandelten Menschen – die ganze Stadt Lüneburg rief es ihm zu. Jeder Luftzug hauchte es ihm ins Ohr, jeder Sonnenstrahl brannte es ihm ins Herz; die klingenden Glocken, die die Stunde schlugen, liehen ihm ihre eherne Stimme, die sprudelnden Brunnen murmelten es mit ihren fallenden Tropfen, die Steine auf den Straßen, die Ziegel auf den Dächern hallten es wider; aus jeder Haustür und aus jeder Giebelluke rief es: »Sülfmeister, räche mich!« Elftes Kapitel Lange vor Mittag war Meister Gotthard wieder zu Hause. »Nun?« fragte Frau Johanna. »Wie schmeckte Ambrosius sein Wein, und wie lautete Hans Laffert sein Rat?« »Ambrosius sein Wein war gut, bei Hans Laffert bin ich nicht gewesen, gehe vielleicht heute abend hin«, erwiderte der Meister, band sich sein langes, braunes Schurzfell um und machte sich in der Diele an die Arbeit. Aber es wollte nicht recht damit flecken; statt fleißig zu hobeln, stand er oft mit aufgestütztem Arm an die Fügebank gelehnt, in Gedanken verloren. Jakob stieß Arnold leise an und deutete mit dem Kopf nach dem Meister. Träumerisch und lässig bei der Arbeit, so kannten sie ihn gar nicht; es mußte ihm sehr Schweres im Sinne liegen, oder er war krank. »Ist dir nicht recht, Vater?« fragte Arnold. »Soll ich die Dauben zurichten? Das Binden hier eilt nicht.« »Laß nur«, erwiderte der Meister; »mir fehlt nichts, ich hatte mir nur etwas zu überlegen.« Arnolds Teilnahme, an die er nicht mehr gewöhnt war, freute ihn aber, und nun ging das Stabholz in seinen Händen wieder flink und kreischend über das Eisen hinweg, daß die Späne flogen. Die Zeit des Wartens und Bedenkens war für Gotthard Henneberg zu Ende. Schon war er durch Zufall oder durch heimliche Mitteilung verzagt mißbilligender, vor dem Äußersten zurückschreckender Eingeweihter hinter manches andere von dem schändlichen Vorhaben der Verräter gekommen, was seine Geduld auf eine harte Probe stellte. Was er aber heute von Ambrosius von dem Rhyne erfahren hatte, die Hinterlist, mit der man ihn fangen wollte, die unmenschliche Behandlung Springintguts und dessen beschwörendes Wort um Rache, das ihn an der Seele gepackt hielt wie die grausige Mahnung eines abgeschiedenen, ruhelosen Geistes, das rüttelte den gelassenen, bedächtigen Mann mit Gewalt aus seiner Untätigkeit auf und spornte ihn zu einem entschlossenen Handeln. Jetzt schien auch ihm das Eisen heiß genug zum Schmieden, und um zur rechten Stunde schlagfertig zu sein, mußte man anfangen zu rüsten. Als die Vesperglocke ausgeläutet hatte, verließ er das Haus, um sich zu Schnewerding zu begeben, ging langsam und nicht den nächsten Weg. In der Schrangenstraße traf er mit dem Amtsmeister der Gerber zusammen, begrüßte ihn und sprach: »Wir haben wohl einen Weg, Peter?« »So?« sagte Peter Flachs. »Weißt du denn, wo ich hin will?« »Du willst nach dem Meere zu Schnewerding«, erwiderte Meister Gotthard. Der Gerber sah ihn erstaunt an, sein Gesicht verklärte sich zusehends, als ginge ihm plötzlich ein Licht auf, und er fragte: »Gotthard! – Kommen noch mehr?« »Noch vier außer uns.« »So hast du uns bestellt!« rief Peter Flachs. »Willst vom Leder zieh; brav, brav, Gotthard! Es wird auch wahrlich Zeit, daß wir uns regen.« »Still!« sagte der Böttcher. »Mach kein Aufhebens hier auf der Gasse, wir müssen Vorsicht brauchen.« »Hast recht«, erwiderte der Gerber, »aber ich kann meine Freude kaum hehlen.« Sie gingen in ruhigem Gespräch weiter und fanden bei Schnewerding schon den Maurermeister Stephan Bartels, sowie Kerkrink und Schuttenhelm vor. Die waren bereits von Schnewerding verständigt, wozu er sie geladen hatte, und drückten den Ankommenden die Hände wie die Wissenden eines Bundes, die zu hochwichtigem Raten und Taten zusammentreten und sich stumm ihre Treue versichern. Der Harnischmacher war stolz darauf, daß die kleine Versammlung in seinem Hause tagte; er hatte Knechte und Jungen zu entfernen gewußt und in der Wohnstube neben der Diele einen Tisch mit sieben Stühlen darum gestellt, damit die Verschwörer ordentlich Sitzung halten konnten. Schiffer Kerkrink, der in seinen jüngeren Jahren noch nach Hamburg fuhr, sagte kein Wort, aber dem ernsten wetterbraunen Gesicht des abgehärteten Mannes sprach eine eiserne Willenskraft. Stephan Bartels knüpfte mit Gotthard Henneberg eine leise Unterhaltung an; Schuttenhelm aber, der lebhafte Schmied, war voll Unruhe, und seine Erregtheit suchte sich in Worten und Späßen Luft zu machen, denn er freute sich auf den endlich bevorstehenden Kampf. Wiederholt sah er aus dem Fenster, ob Eekholt noch nicht käme, der Kuntor- und Paneelenmacher. Schnewerdings Frau trat herein mit einer Schenkkanne voll Bier und sieben zinnernen Bechern, die sie auf den Tisch stellte. »Guten Abend hochachtbare Amtsmeister!« sagte sie und gab jedem die Hand. Sie war eine gesunde, frisch aussehende Frau und zwei hübsche Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, hatten sich an die Mutter geschmiegt, mit hereingedrängt. Die Meister erwiderten ihren Gruß aufs freundlichste; Schuttenhelm nahm sofort den Knaben auf den Arm, und Peter Flachs das Mädchen. »Sind das die Jüngsten, Frau Immecke?« fragte Schuttenhelm. »O nein, Meister Schuttenhelm«, antwortete sie, »es sind noch zwei Kleinere da; das Jüngste kann noch nicht laufen.« »Wieviel sind es denn im ganzen?« fragte er weiter. »Sechse bis –, sechse sind's im ganzen«, erwiderte sie lächelnd. »Und wie alt ist das Älteste?« »Nun natürlich sechse«, lachte Meister Gotthard. »O Herr Gevatter! Ihr solltet es doch besser wissen«, sprach die Frau; »bald neun Jahre ist der Älteste, und eins haben wir schon verloren.« »Richtig, richtig!« sagte Gotthard, »Nehmt's nicht übel, Frau Gevatterin!« »Nicht im geringsten, Herr Gevatter!« »Die ganze Mutter«, sagte Peter Flachs und streichelte das Kind auf seinem Arm. »Wie alt bist du denn Miezeken?« »Fünf Jahr«, sprach das kleine Mädchen. »Und wie alt bist du?« fragte Schuttenhelm den Jungen. »Auch fünf Jahre«, antwortete der. »Es sind nämlich Zwillinge«, erklärte Frau Immecke mit fröhlichem Mutterstolz. »Aller Ehren wert!« sprach Schuttenhelm. »Hätt' ich gar nicht gedacht.« »Habt ja selber fünf!« sagte die Meisterin. »Aber sie sind nicht paarweise gekommen«, lachte der Schmied. »Immecke«, sprach Schnewerding, »wenn Eekholt da ist, so riegle zu und laß niemand herein.« »Nein, ihr sollt ungestört bleiben«, erwiderte sie. »Darfst auch nicht horchen, Immecke!« sagte Peter Flachs. »Hast du mich schon einmal mit dem Ohr an der Tür angefunden, Peter?« entgegnete sie. »Ach, ihr Frauen habt es alle hinter den Ohren.« »Nur zu eurem Besten, wenn's euch Männern manchmal hier oben fehlt. Ich will gar nicht fragen, was ihr zu schaffen habt, kann mir's schon denken; meinen Segen habt ihr! Kommt, Kinder!« »Wir können ihn brauchen, Frau Gevatterin!« sprach Meister Gotthard. Sie ging mit den Kindern hinaus, und nun kam auch Eekholt. »Endlich!« rief Schuttenhelm. »Wo steckst du denn, alter Totengräber und Kistenmacher aus sechs Brettern?« Gotthard Henneberg aber ging ihm entgegen, bot ihm die Hand und sagte: »Sei willkommen, Eekholt! Schnewerding hat sich für dich verbürgt, daß du fortan treulich zu uns halten wolltest wider die Gartenritter und ihren Anhang.« »Habt Dank, Brüder, daß ihr mir nicht vorbeigegangen seid!« erwiderte der Schreiner. »Euer Vertrauen soll an uns Schnitzlern nicht zuschanden werden, alle meine Werkbrüder in der Gilde denken wie ich.« »Das hab' ich ihnen schon gesagt, Eekholt«, sprach Schnewerding. »Nehmt Platz, Brüder! Und wer Durst bekommt, der lange zu! Dazu steht's da.« Die sieben Amtsmeister setzten sich, und Gotthard Henneberg begann: »Ich bin es gewesen, Brüder, der euch durch unseren Freund Schnewerding hierher entboten hat, denn ich meine, es ist Zeit, daß wir der schandbaren Wirtschaft, die wie eine Zuchtrute des Himmels über unsere gute Stadt verhängt ist, mit handhabender Gewalt ein Ende machen. Ich brauch' es euch gewiß nicht auf das Tischblatt zu schreiben, was die gewissenlosen Menschen alles gebrochen und gefrevelt haben, und warum sie reif sind, von den Stühlen gestoßen zu werden, die sie sich mit Trug und Tücke angemaßt haben. Nur das Neueste will ich euch sagen, was ihr vielleicht noch nicht wißt: sie haben Johann Springintgut heimlich bei nachtschlafender Zeit aus dem steinernen Weinfaß in den neuen Turm gebracht und lassen ihn elendiglich verkümmern, wenn wir ihn nicht lösen und retten.« Ausrufe des Unwillens antworteten ihm. »In den neuen Turm?« sprach der Mauermeister Bartels entrüstet. »Der ist ja kaum fertig und noch so naß, daß das Wasser an den Wänden herunterläuft; da kann doch kein Mensch drin aushalten.« »Halunken, verfluchte!« rief Schuttenhelm und donnerte mit der Faust auf den Tisch. »Wir wollen sie selber hineinwerfen!« rief Schnewerding. »Bei Wasser und Brot!« rief Peter Flachs. »Ach was! » sprach Schuttenhelm und machte mit der Hand eine waagrechte Bewegung. »Kurzweg! Kopf ab!« »Laßt uns hier nicht in Eifer und Zorn geraten, Brüder«, sagte Meister Gotthard, »wenn uns das Herz auch bis an den Rand voll Galle ist, sondern laßt uns mit Ruhe und Vorbedacht erwägen, was wir zu tun haben, das Unheil zu wenden, denn sie haben noch Schlimmes vor, dem wir steuern müssen, solange es Zeit ist. Brüder, sie wollen der Stadt von ihrer Freiheit helfen! Ich habe glaubliche Kundschaft, daß sie mit dem Herzog in Celle über Abtretung des Blutbannes verhandeln und mit den fremden Prälaten und Domkapiteln um anderes schachern und feilschen; sie wollen unsere Handfesten, Siegel und Briefe hingeben und Freiheit, Ehre, Macht und Herrlichkeit unserer Stadt verraten und verkaufen. Um die Schulden zu bezahlen, heißt es, aber ihr könnt euch denken, wieviel dabei an ihren Diebesfingern kleben bleibt.« »Höre auf, Henneberg!« sprach Schnewerding. »Es ist mehr als genug; sage uns nur, wann wir losschlagen sollen.« Die anderen äußerten sich in dem gleichen Sinne wie der Harnischmacher, und Gotthard Henneberg sagte: »Daß ihr des Willens seid, weiß ich wohl, aber es fragt sich, ob wir stark genug sind und auf wen wir dabei zählen können. Zehn Gilden waren es, die in der Versammlung im Kaland dem Rat treu blieben –« »Heute kannst du die Zahl mindestens verdoppeln«, unterbrach ihn Eekholt. »Die meisten von denen, die damals gegen euch stimmten, sind längst bekehrt und werden mit Freuden eure Hand ergreifen, wenn ihr sie ihnen nur halb entgegenstreckt. Ich weiß ja, wie es drüben steht; wir haben uns nur noch nicht wieder an euch herangetraut, weil ihr unsere Gegner waret, aber ebensogut wie ich hier sitze, könnten die Amtsmeister von einem Dutzend anderer Gilden, die ich euch nennen kann und die sich alle gern mit euch verbünden möchten, auch hier sitzen.« »Gut, desto besser, desto viel besser!« sprach Meister Gotthard. »So wollen wir fragen: Wer sind heute noch unsere Gegner?« »Erstlich oder zum ersten die fünf Gilden, deren Amtsmeister jetzt im Rate sitzen«, sagte Peter Flachs. »Und das sind die stärksten«, fügte Stephan Bartels hinzu. »Aber die sind nicht mehr einig«, sprach Eekholt; »viele von ihren Meistern wollen von dem neuen Rat nichts wissen, und wenn sie auch nicht gegen ihre eigenen Werkbrüder streiten werden, so werden sie doch auch gegen uns die Hand nicht erheben.« »Kurz und gut, wir sind stark genug«, rief Schuttenhelm. »Was gilt die Wette? Wir haben nicht so viel Gilden gegen uns, wie wir hier Meister sind.« »Der Rat hat mehr reitende Knechte und Söldner geworben«, wandte der Maurermeister ein, »hat ihnen ein reichlich Wortgeld gegeben und dazu Futter und Mehl, Eisen und Nägel, Sattelgeld, Haube, Hengst und Harnisch.« »Und was nicht noch alles?« lachte Schuttenhelm. »Stephan, den Hengsten der tapferen Stallbrüder wollen wir Schmiede schon die Hufe vernageln.« »Und wir wollen ihnen das Sattelleder gerben«, sagte Peter Flachs. »Alle Geschlechter haben wir für uns mit ihrem ganzen Anhang und Gesinde«, sprach Schnewerding, »und auch viele von den Sülfmeistern.« »Brauchen wir gar nicht«, meinte der Schmied, »hier haben wir einen Sülfmeister, unseren! Der wiegt hundert andere auf.« Da sprach der Schiffer: »Zählt die Feinde nicht, Brüder! Lugt nicht aus nach Luv und Lee; wenn wir flott sind, werden wir schon merken, wie der Wind geht und wer gleichen Strich mit uns hält.« »Kerkrink, so denk' ich auch«, sagte Gotthard Henneberg. »Wir wollen alle, wie wir hier sind, die Werkbrüder von den anderen Gilden fleißig ausforschen, und die wir bereitfinden, mit Leib und Leben, mit Gut und Blut zu uns zu stehen, denen wollen wir alles klärlich mitteilen, daß sie mit uns und wir mit ihnen gehen. Und dann in Gottes Namen vorwärts! Laßt es uns wagen, Brüder! Es muß sein! Es ist eine heilige Pflicht, eine unweigerliche Tat, zu der uns der Allmächtige seinen Beistand nicht versagen wird. Damit aber alles klippt und klappt, muß jeder wissen, was er zu tun hat und ohne einigen Verzug im rechten Augenblick auf seinem angewiesenen Posten sein. Schnewerding, gib mir ein Stück Kreide.« Der Harnischmacher holte ein Stück Kreide, und damit malte Gotthard nun in groben Umrissen Figuren auf den Tisch, obenan eine Glocke, darunter ein Tor, dann einen Turm, dann ein Haus mit sechs senkrechten Strichen auf dem Dach und endlich ein Kreuz, das auch ein Schwert sein konnte. »So!« sagte er dann, »seht her! Zuerst die Glocken. Wer übernimmt es, Sturm zu läuten?« »Ich!« sprach Schuttenhelm. »Du?« erwiderte Gotthard. »Dich und deine handfesten Schmiede können wir besser gebrauchen. Die Glockenstränge ziehen ist leichte Arbeit; ich meine, das überlassen wir den Goldschmieden; ich werde es Hans Laffert sagen. Einverstanden?« »Jawohl!« sprachen die anderen. »Die Goldschmiede.« Gotthard malte einen Ring neben die Glocke und fuhr dann fort: »Dann müssen schleunigst die Tore geschlossen und besetzt werden. Wer soll das besorgen?« »Ich!« sagte Schuttenhelm wieder. »Nein, ich!« sagte Schnewerding. »An den Toren wird es mit den Söldnern am ehesten zum Kampf kommen, und wir Harnischmacher sind alle stark gerüstet.« »Gut«, sprach Meister Henneberg; »aber ihr könnt nicht alle sechs Tore besetzen; übernimm das Neue, das Sülztor und das Rote Tor.« »Jawohl!« erwiderte Schnewerding. »Das Altenbrücker, Lüner und Bardowieker –« »Übernehmen wir«, sprach Eekholt. »Ist mir recht«, erwiderte Meister Gotthard, »die Schnitzler und Kistenmacher.« Dann zeichnete er neben das Tor einen Harnisch und ein Winkelmaß. »Wann komm' ich denn an die Reihe?« fragte Schuttenhelm ungeduldig. »Jetzt kommst du dran«, sagte Gotthard; »du erbrichst die Kerker in den Türmen an der Mittagsseite der Stadt, befreist die gefangenen Ratsherren und kommst dann mit deinen Leuten auf den Markt; aber es muß sehr schnell gehen.« »So schnell wie der Hammer aufs Eisen fällt!« rief Schuttenhelm und schlug wieder mit der Faust auf den Tisch. »Die Türme an der Mittagsseite überlaßt uns Maurern, Meister Gotthard«, sprach nun Stephan Bartels. »So dachte ich auch, Meister Stephan«, erwiderte Gotthard und malte neben den Turm einen großen und einen kleinen Hammer. »Aber zertrümmert nicht alles«, fügte er hinzu, »laßt ein paar Käfige ganz; wir werden sie nötig haben.« »Haha! Ja, ja! Versteht sich!« lachten die anderen. »Nun hier das Rathaus«, fuhr Meister Gotthard fort. »Kerkrink, das übergebe ich euch; besetzt es mit euren Teerjacken, und nehmt euch noch eine oder zwei Gilden dazu, wenn ihr wollt und könnt. Man wird es verteidigen, und könnt ihr's nicht zwingen, so kommen wir anderen allzumal euch zu Hilfe, denn wir sammeln uns auf dem Markt und in den nächsten Straßen.« Dann malte er einen Anker auf den Tisch neben das Rathaus. »Was tue denn ich?« fragte Peter Flachs. »Peter, du?« sprach Gotthard. »Ich dachte, ihr ginget am liebsten den Schustern zuleibe.« ».Ja, natürlich!« lachte der Gerber. »Henneberg, was bedeutet das Schwert hier unten?« fragte Schuttenhelm. »Das Kreuz hier bin ich«, erwiderte Gotthard, »ich greife Dalenborg, Schupper und Sengstake und sorge dafür, daß sie uns nicht entwischen.« »Übertragt das ein paar sicheren Männern, Henneberg«, sprach Kerkrink; »Ihr habt anderes zu tun. Wie auf jedem Schiff nur einer ist, dem alle an Bord gehorchen, so muß auch hier in der Stadt einer sein, der alles lenkt und leitet und überall die Augen und die Stimme hat, und dieser eine müßt Ihr sein, Henneberg!« Die Meister stimmten ihm freudig zu. »Und wenn wir, will's Gott, gesiegt haben«, fuhr er fort, »so müßt Ihr, Ihr allein im ganzen Weichbild von Lüneburg und so weit unser Frone geht, Gebot und Befehlich haben als oberster Stadtvogt, bis der Ratsstuhl wieder vollzählig besetzt ist.« »Jawohl! Jawohl! Unweigerlich! Sülfmeister, du nimmst das Regiment!« riefen die anderen. Schnewerding stand auf, hielt dem Meister Gotthard die Hand hin und sprach fest und warm: »Henneberg, mit handgebender Treue geloben wir dir Gehorsam in allem, was du befiehlst, und alle, die wir küren und werben, wollen wir darauf verpflichten, daß sie dir gehorchen; wer dagegen fehlt, der tut es auf seinen Schaden und Gefahr.« Da erhoben sich auch die anderen Amtsmeister und reichten Gotthard Henneberg die Hand, die er jedem einzelnen herzlich drückte und schüttelte. »Ich danke euch, Brüder!« sprach er. Es geschehe nach eurem Willen. Ich hoffe zu Gott, daß wir nicht nötig haben, Bürgerblut zu vergießen. Wo wir aber ernsten Widerstand finden, da hilft es nichts, liebe Brüder, da dürfen wir nicht schwach und weichmütig werden, und wenn gute Worte nicht fruchten, so müssen wir fest aufdrücken sonder Gnade. Sind wir erst Herren dieser Stadt, so soll jedem eine milde Hand geliehen werden, der dessen wert und würdig ist; bis dahin aber – laßt es eure gute Freundschaft wissen, Brüder! –, bis dahin wird keiner geschont, der der Gewalt mit Gewalt begegnen will!« »Sülfmeister!« rief Schuttenhelm. »Jetzt bist du der wahre Schmied, der am Amboß steht und das Eisen schmiedet, weil es heiß ist! Aber nun sage uns: Wann? Wann geht es los?« Gotthard Henneberg dachte einen Augenblick nach. Sollte er die Gefahr versuchen, die im blauen Turm auf ihn lauerte, oder sollte er sie vermeiden, indem er seine Feinde niederwarf, ehe sie den Anschlag auf sein Leben ausführen konnten? Nein! Das Abenteuer reizte ihn, er wollte es bestehen, wenn es nicht zu lange auf sich warten ließ. »Wir gebrauchen Zeit«, sagte er; »es muß alles ganz heimlich mit großer Vorsicht geschehen und wird sich in weniger als drei, vier Tagen kaum bewerkstelligen lassen. Ihr habt zu dem, was jeder von euch übernommen hat, Hilfe nötig, die ihr euch sorgfältig auswählen und genau unterrichten müßt, damit alle, die mit uns gemeine Sache machen wollen, Bescheid wissen und gehörig eingreifen können. Ich will euch, wenn mir der rechte Augenblick gekommen scheint, ein Zeichen geben, noch ehe die Glocken stürmen. Jeder muß Rüstzeug stets bereithalten, und wer sich auf seine Knechte verlassen kann, der gebe ihnen Wehr und Waffen und bringe sie mit.« »Was für ein Zeichen willst du uns geben?« fragte Schnewerding. »Das laßt uns überlegen«, erwiderte Meister Gotthard. »Die Besetzung der Tore und die Befreiung der Gefangenen muß das allererste sein, was geschieht. Ich werde also euch vieren, Schnewerding und Eekholt, die ihr die Tore, und Schuttenhelm und Bartels, die ihr die Türme auf euch genommen habt, zugleich mit Hans Laffert, der die Glocken ziehen lassen soll, das Zeichen senden. Es soll ein Stück eichen Stabholz sein, auf dem meine Hausmarke eingebrannt ist; sobald ihr das erhaltet, macht ihr euch mit höchster Eile an euer Werk, denn ehe ihr es vollendet habt, werdet ihr schon die Glocken hören, und ihr seid mir verantwortlich, daß Tore und Türme in unserer Gewalt sind, bevor die Gilden gewappnet auf dem Platze sein können. Habt ihr mich verstanden, Brüder? Ist euch alles klar und deutlich?« »Jawohl!« erwiderten sie. »Es soll an nichts fehlen, in drei Tagen werden wir fertig und bereit sein.« »Gut!« sagte der Böttcher. »Ich verlasse mich darauf und nehme an, daß ihr in drei Tagen fertig seid; aber es kann auch vier Tage, es kann fünf Tage dauern, bis ich euch das Zeichen sende, dann werdet nicht ungeduldig, sondern vertrauet mir, daß ich den rechten Augenblick erfasse.« »Das wollen wir«, sprach Schuttenhelm, »aber wenn du zu lange zauderst, Henneberg, so komme ich und hetze dich.« »Komm nur«, erwiderte Gotthard lächelnd; »aber du Hitzkopf von Schmied, bei dem das Feuer so leicht zur Esse hinauslodert, halte deine Zunge im Zaume, und schlage nicht schon vorher mit wilden Worten um dich, damit du dich und uns nicht verrätst.« »Habe keine Bange!« lachte Schuttenhelm. »Ich werde so lange kalt schmieden, aber nachher läßt du mich auch mein Feuer aufblasen und mich frei gewähren, wenn ich ein paar rote Hitzen schlage!« »Wenn's nötig ist, sonst nicht!« sprach Gotthard Henneberg. Die Meister erhoben sich. Sie waren in der Seele bewegt, weil sie vor einer verhängnisvollen Tat standen, bei der sie selbst ihr alles wagten und in deren Gefahren sie tausend andere mit hineinrissen; und doch war ihnen freier und leichter ums Herz als seit langer Zeit. Keiner empfand das tiefer als Gotthard Henneberg, »So wären wir denn einig, liebe Brüder!« sprach er zum Abschied. »Mit fast fröhlichem Mut haben wir den Aufstand geplant und fühlen doch alle den schweren Ernst des Unternehmens, zu dem wir uns entschlossen haben. Nicht leichtsinnig gehen wir in den Kampf, sondern mit wohlerwogenem Willen und vertrauender Kraft. Wenn es uns mit Gottes Hilfe gelingt, Ehre, Recht und Freiheit unserer guten Stadt zu retten, so können wir auch das Blut, das vielleicht dabei vergossen wird, vor Gott und unserem Gewissen ruhig verantworten. Unterliegen wir aber, so müssen wir mit dem einzigen Trost, daß unsere Absicht lauter und rein war, willig auf uns nehmen, was dann mit uns geschieht. Lebt wohl, Brüder! Wenn wir uns zusammen wiedersehen, so ist es auf dem Markt mit dem Schwert in der Hand.« Sie trennten sich mit einem stillen Händedruck; jeder ging einzeln seines Weges und ließ den vor ihm Gegangenen erst eine Strecke voraus, ehe er ihm folgte. Gotthard Henneberg begab sich zum Goldschmiedemeister Hans Laffert. Zwölftes Kapitel Daß die sechs Amtsmeister sich einzeln und in Zwischenräumen aus Schnewerdings Haus entfernten, half ihnen wenig; ihre Zusammenkunft blieb nicht unbemerkt. Auf dem Meer, an der Ecke der Unteren Ohlingerstraße, wohnte der Sattler- und Riemenschneider-Amtsmeister Komrath, und vor der Tür im Beischlag, von wo man Schnewerdings Haus sehen konnte, saßen nach Feierabend Meister und Meisterin mit Daniel Spörken auf den Steinbänken und unterhielten sich über die schlechten Zeiten. Da der Sattler sowohl wie der Schuster in Leder arbeiteten, so hatten sie beide zu klagen, wie teuer jetzt das Rind- und Kalbsleder geworden wäre, weil die Zufuhren aus Holland sehr nachgelassen hätten. Den anderen Gewerken ginge es freilich nicht besser, auch Korn, Holz, Metalle und andere Waren wären knapp zu haben und nur gegen bare Zahlung in gutem, lötigem Silber. Das käme von den traurigen Verhältnissen in Lüneburg, die im ganzen Land bekanntgeworden waren und durch übertriebene Gerüchte noch schlimmer dargestellt würden, als sie in Wirklichkeit wären, und sie wären doch wahrhaftig schon schlimm genug. Der Streit mit den Prälaten, die Verstoßung und Einkerkerung des alten Rates und die himmelhohen Schulden der Stadt machten die Kaufleute und die Händler draußen im Reich mißtrauisch, so daß sie keinem Lüneburger mehr Kredit geben wollten und die Gäste mit ihren Warenladungen ausblieben, weil sie ihr Hab und Gut bei so unsicheren Zuständen hier nicht wagen wollten. »Da kommt einer, der es bessern könnte, wenn er wollte«, sprach die Meisterin Frau Therese, als sie Gotthard Henneberg die Straße daherkommen sah. »Der Sülfmeister?« sagte Meister Komrath aufblickend. »Der kann es auch nicht ändern, und früher warst du auch nicht der Meinung, hast mir Tag und Nacht keine Ruhe gelassen, daß ich mich gegen ihn stellen sollte. Ich hab's auch getan; jetzt ärgert's mich.« »Mich auch, wenn dich das tröstet«, erwiderte die Frau. Als Meister Gotthard an ihnen vorüberschritt, dankten sie ihm höflich auf seinen Gruß, redeten ihn aber nicht an. »Was mag er denn hier auf dem Meer zu suchen haben?« sagte Daniel Spörken. »Er kam von Schnewerding«, bemerkte Frau Theres. »So, von Schnewerding? Was mag er denn mit Schnewerding haben?« »Wird sich wohl um ein Gewaffen handeln«, erwiderte Komrath, »er soll ja eine ganze Rüstkammer voll in seinem Hause haben. Da kriegt einer denn schon mit dem Schwertfeger und Harnischmacher zu tun.« »Da kommt ja noch einer aus Schnewerdings Haus«, sprach die Meisterin. »Schiffer Kerkrink. Was tut denn der hier?« »Warum soll denn ein Schiffer nicht nach dem Meer kommen?« lachte Komrath. Auch der Schiffer ging mit stummem Gruß an den dreien vorüber, und ihre Verwunderung stieg, als sie bald darauf und kurz hintereinander den Maurermeister Bartels und dann den Schnitzlermeister Eekholt aus Schnewerdings Haus treten sahen; diese beiden schlugen jedoch die entgegengesetzte Richtung der Straße ein. Daniel Spörken wollte Eekholt nacheilen, um ihn auszuforschen, was sie alle bei dem Harnischmacher zu tun gehabt hätten, aber Frau Therese hielt ihn zurück und sagte: »Wartet noch, Meister Daniel, am Ende kommen noch mehr.« Und richtig, jetzt kam auch Schuttenhelm, der Schmied. »Lauter Amtsmeister«, bemerkte der Sattler. »Da muß was los sein!« sagte Daniel Spörken. »Wenn Eekholt nicht dabei wäre, könnte man denken, es ginge gegen den Rat«, sprach die Meisterin. »Darum!« sagte Komrath. »Da tät' ich auch mit.« Schuttenhelm mußte an ihnen vorüber, und die Neugier stachelte sie sehr, ihn anzusprechen; aber das war nicht unbedenklich, denn der tapfere Schmied konnte gelegentlich ungeheuer grob werden, wenn es auch nicht böse gemeint war. Daniel Spörken vermochte indessen nicht an sich zu halten, und als Schuttenhelm heran war, versuchte er eine Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen, indem er begann: »Schöner Abend dieser Abend heute abend! Nicht wahr, Meister Schuttenhelm?« Der Angeredete, der die Absicht merkte und schnell fortkommen wollte, antwortete mit seiner lauten Stimme, die er sich bei seiner Schmiedearbeit am Amboß angewöhnt hatte: »Schöner Abend, jawohl! Aber macht, daß Ihr nach Hause kommt, oder Ihr kriegt vom Teufel seiner Großmutter ein Donnerwetter über den Kopf; es stinkt nach Schwefel und Pech.« Damit schritt er weiter. »Das ging noch gnädig ab«, lachte Komrath, als der Schmied außer Hörweite war, »der Bär muß gutgelaunt sein, sonst hättet Ihr das Donnerwetter noch ganz anders an den Kopf gekriegt.« »Ich hab' ihm doch mein Lebtag nichts zuleide getan«, erwiderte Daniel. »Das weiß ich, sonst säßet Ihr nicht hier«, sagte Komrath. »Daß wir über Nacht ein Gewitter haben werden, brauchte uns der kluge Schmied nicht erst zu sagen«, sprach Frau Therese; »da überm Kalkberge steht es ja schon.« »Ich glaube, er hat es ganz anders gemeint«, bemerkte Daniel kleinlaut. Als endlich auch noch Peter Flachs erschien und sich ihnen näherte, hofften die Neugierigen, den Grund der auffälligen Amtsmeisterversammlung bei dem Harnischmacher zu erfahren, denn der Gerber war den beiden Lederarbeitern handwerksverwandt; er lebte ja von dem, was ihm Sattler und Schuster zu verdienen gaben, er mußte ihnen also auch Rede stehen, und sie ließen ihn nicht unangefochten vorbei. Nach ausgetauschtem Gruß und Gegengruß sagte Komrath: »Komm her, Peter! Es sitzt sich gut hier.« Peter Flachs konnte die Einladung seines guten Kunden nicht wohl ausschlagen, obgleich er sich schon vor den unausbleiblichen Fragen fürchtete, denn wenn die drei schon länger hier saßen, mußten sie auch die übrigen Amtsmeister gesehen haben. Was sollte er ihnen nun antworten, um die Wahrheit zu verbergen? Wenn nur das Klatschmaul von Schuster nicht dabei wäre, dachte er; Komrath ließe sich wohl für den Aufstand gewinnen, aber in Daniels Gegenwart war Vorsicht geboten. Kaum hatte der Gerber Platz genommen, als Daniel Spörken in seiner Ungeduld das Verhör begann. »Wart bei Schnewerding, Meister Flachs?« sprach er. »Jawohl«, sagte Peter, »war bei Schnewerding. Ihr wohnt ja auch hier in der Nähe, Meister Daniel.« »Ganz nahe«, erwiderte Daniel, »da hinten auf der Techt.« »Ihr wart ja eurer eine ganze Hetze Amtsmeister bei Schnewerding«, sagte Komrath. »Ja, zufällig. Sage mal, Komrath, hast du das Rauchhuhn noch auf deinem Hause? Oder hast du es schon abgelöst?« »Nein, ich habe es noch zu liefern«, erwiderte Komrath, »Schnewerding auch.« »Ach, Ihr wart wohl wegen des Rauchhuhns bei Schnewerding?« fragte die Meisterin. »Nein, nein, bewahre!« sagte Peter Flachs. »Frau Meisterin, schickt Ihr Eure Kinder in die Klosterschule von Sankt Michaelis oder zu den Benediktinern von Heiligental?« »In die Michaelisschule«, erwiderte Frau Therese, »da haben sie es von hier am nächsten. Schnewerdings schicken ihren Ältesten auch dahin.« Der Gerber hoffte die anderen mit Ausfragen seinerseits mundtot zu machen oder wenigstens abzulenken; aber das gelang ihm nicht; bei jeder Antwort kamen sie wie die Katze auf ihre vier Beine immer wieder auf Schnewerding zurück. »Der Sülfmeister war ja auch bei Schnewerding«, sagte Daniel. »Ja, der war auch da«, erwiderte der Gerber. »Habt ihr ihn gesprochen?« »Nein, er ging still und steif vorüber«, sprach die Meisterin. »Habt ihr euch denn bei Meister Schnewerding gezankt, Meister Flachs, daß ihr alle einzeln fortgingt, oder hattet ihr eure besondere Absicht dabei?« »Durchaus nicht, Frau Meisterin; das kam so nach Gelegenheit«, entgegnete Peter Flachs, dem es in diesem Kreuzfeuer von Fragen immer schwüler ward; »aber ich muß nun auch fort, meine Frau wartet auf mich.« Er wollte aufbrechen, aber Komrath ließ ihn noch nicht los und fragte nun geradezu: »Peter, was habt ihr sechs Amtsmeister denn eigentlich bei Schnewerding gemacht?« »Wir? Bei Schnewerding? Was wir da gemacht haben?« wiederholte Peter Flachs in größter Verlegenheit. »Oh, das will ich dir sagen, Komrath; dem Schnewerding sein Jüngstes ist heut ein Jahr alt geworden, und da haben wir, die Paten, ihm Glück gewünscht.« »Aber der Sülfmeister ist doch meines Wissens nicht Pate zu dem jüngsten Kinde«, wandte der Sattler ein. »Und Kerkrink ebensowenig«, fügte der Schuster hinzu, »der ist ja mit Schnewerding gar nicht verwandt und bekannt; von den anderen weiß ich es nicht genau.« »Nein, da habt ihr recht, die beiden kamen nur zufällig dazu«, erwiderte Peter Flachs in seiner Angst. »Schnewerdings Jüngstes soll sich erst heute gejahret haben? Das ist doch nicht möglich!« bemerkte Frau Therese. »Doch, Frau Meisterin, doch!« »Nein, nein! Ich war ja mit in der Kirche, als es getauft wurde, und das war im Frühjahr, es lag noch Schnee, ich weiß es wie heute«, behauptete die Meisterin hartnäckig. »Gott! Wie heißt es doch gleich?« »Wie es heißt? Wartet mal! Ich glaube, Bernt heißt der Junge.« »Der Junge? Der Junge? Aber Meister Flachs, es ist ja gar kein Junge, es ist ja ein Mädchen!« lachte die Meisterin. »Ah, Frau Meisterin! Ein Mädchen? Sollte ich mich wirklich so irren?« »Ja, Meister Flachs, da irrt Ihr Euch sehr! Das weiß ich nun ganz genau. Darum wundere ich mich ja so, daß ihr Männer zum Glückwünschen hingegangen seid, was doch bei einem Mädchen Sache der Frauen ist.« »Peter, da sitzt du in einer schönen Klemme und die anderen ›Paten‹ samt und sonders alldazu«, lachte Komrath mit doppelsinnigem Spott. »Ja«, sagte Daniel, »mit dem Patenkinde habt Ihr Euch ein Paar Sohlen schief gelaufen, Meister Flachs.« »I, das ist ja doch um die Schwerenot zu kriegen!« rief Peter Flachs, der nun nicht mehr aus und ein wußte, und sprang auf. »Da muß ich doch gleich noch einmal hin und mich überzeugen.« »Wartet doch, ich gehe mit!« rief ihm Daniel nach. »Wollte Schnewerding schon vor einer guten Stunde besuchen.« »Du hättest uns gerade gefehlt!« versetzte der Gerber schon in einiger Entfernung, so daß es die anderen nicht hörten und lief spornstreichs zu dem Harnischmacher zurück, um Schnewerding von seinen Ausreden auf alle die Fragen der neugierigen Nachbarsleute zu unterrichten und ihnen einzuschärfen, daß das Mädchen ein Junge und heute ein Jahr alt geworden sein müßte. Auch den anderen Meistern wollte er das hier Vorgefallene schnell mitteilen, damit sie auf Erkundigung ebenso aussagten und keinen Verdacht über den wahren Zweck ihrer Versammlung aufkommen ließen, die bei Daniel Spörkens Wissenschaft davon in großer Gefahr einer vorzeitigen Entdeckung schwebte. Dabei mußte er sich eingestehen, daß er sich nicht gerade sehr geschickt aus der Schlinge gezogen hatte, die ihm von drei Seiten zugleich über den Kopf geworfen war. Aber wie hätte er sich auch aus der heiklen Lage retten sollen! Warum hatte sie der Sülfmeister nicht draußen in die Heide bestellt statt hier in der Stadt nach dem Meere, wo doch noch mehr Leute wohnten, als bloß der Harnischmacher, und wo die Häuser auch Fenster hatten. Das war sehr unvorsichtig und konnte die übelsten Folgen haben; aber nun war es zu spät, darüber noch nachzugrübeln, jetzt galt es, jedem Argwohn mit Kaltblütigkeit und Klugheit zu begegnen. Meister Komrath mochte wohl etwas von dem ahnen, was die sechs Amtsmeister bei dem siebenten zusammengeführt hatte, denn die Vermutung, daß es sich um ein Unternehmen gegen den Rat handle, lag bei der steigenden Unzufriedenheit nicht weit ab. Es verdroß ihn zwar, daß man ihm weniger Vertrauen schenkte, wie dem Schnitzlermeister Eekholt, der ebensogut wie er den alten Rat mit gestürzt und den neuen mit gewählt hatte; da er jedoch den Verschwörern, für die er jene sieben schon hielt, im Herzensgrunde zustimmte, so beschloß er, den seltsamen Vorfall geheim zu halten, und suchte auch Daniel Spörken von der rechten Fährte abzubringen und ihm jede Spur eines Verdachtes auszureden. Bereitete man wirklich einen Aufstand vor, so war er sicher, daß man ihn, den Amtsmeister der Sattler und Riemenschneider, dabei nicht umgehen würde, denn seine Meinung über den gegenwärtigen Zustand der Dinge war den übrigen Handwerkern nicht unbekannt. Er gab seiner Frau einen heimlichen Wink, den sie gleich verstand und auch befolgte, und es gelang den beiden, den geschwätzigen Schuster zu beruhigen und auf andere Gedanken zu bringen. Einen besonderen Eindruck machte dabei die dringende Warnung, sich nur ja vor Klatschereien über den harmlosen Zufall zu hüten, denn wenn Schuttenhelm dergleichen erführe, so schlüge ihm der alle Knochen im Leibe entzwei. Das wirkte mehr als alles andere bei Daniel, und er ging nicht mehr zu Schnewerding, sondern trollte sich bald nach Hause, ohne dem Gerber, der seinen Heimweg anders herum genommen hatte, noch einmal zu begegnen. Ein solches Vorlegeschloß aber, das Daniel Spörken auch bei sich zu Hause den Mund hätte verschließen können, hatte kein Kleinschmied zustande gebracht, vor seinem ›lieben Frauchen‹, seiner Gesche, mußte ihm alles von der Seele herunter, was er wußte und was er nicht wußte. Er fand sie nahe der offenen Haustür in der Diele sitzen, setzte sich zu ihr und berichtete ihr alles ganz ausführlich. Sie lachte ihn natürlich aus, daß er überhaupt noch zweifeln konnte, was die sieben da bei Schnewerding zusammen ausgeheckt hatten, und daß er sich von Komrath, der an so manchem kostbaren Sattel und Geschirr sein schönes Geld von den reichen Geschlechtern verdiente, so nasführen ließ. »Ja, wenn du auch der Meinung bist, liebes Frauchen, daß sie einen Aufstand machen wollen«, sagte er, »so muß ich es doch wohl dem Herrn Ratsherrn Sengstake, meinem großgünstigen Freunde, pflichtschuldigst anzeigen, was ich gesehen habe.« »Du bist nicht recht gescheit!« erwiderte sie ›in der Bescheidenheit ihres guten Herzens‹, wie es Daniel nannte, »Was hast du denn gesehen? Den Sülfmeister und noch fünf andere aus Schnewerdings Hause kommen, das ist recht was? Was geht es dich denn an, wenn sie sich blutrünstig und braun und blau schlagen wollen? Du wirst dein Teil schon davon abkriegen, falls ich dich nicht vorher in den Keller sperre. Dir kann es doch einerlei sein, wer da oben auf den gepolsterten Bänken sitzt, ob der neue oder der alte Rat; ist etwa unter dem neuen Rate irgend etwas besser geworden als unter dem alten? Nichts, gar nichts, nicht das geringste nicht. Weißt du was Neues? Sie wollen die Goldene Tafel verkaufen, um sich Geld zu machen.« »Was, Gesche, die Goldene Tafel? Das wäre ja schändlich!« »Das sag' ich auch. Sie stehen mit dem Kloster Walkenried heimlich in Unterhandlung darüber, denn die Walkenrieder sind die einzigen im Reich, die das Kleinod allenfalls bezahlen können, der Kaiser kann's nicht.« »Gesche, wenn sie das vorhaben, dann sage ich Sengstake nichts«, sprach Daniel, »dann mache ich den Aufstand mit und stehe meinen Mann.« »Du deinen Mann! Den möcht' ich mal sehen!« höhnte sie. Daniel schwieg, schüttelte den großohrigen Kopf und stieß seinen tiefsten Tränenweltseufzer aus. Die Goldene Tafel war ein über sieben Fuß breiter und über drei Fuß hoher Altarschrein von unermeßlichem Wert in der Michaeliskirche. Er war Eigentum der Stadt, aber niemand kannte seine wahre Herkunft, ob er vom Sachsenherzog Hermann Billung oder von Kaiser Otto II. oder von Heinrich dem Löwen herrührte. Er bestand aus einzelnen Geschossen und Fächern, in denen sich zahllose, sehr kunstvoll gearbeitete und gestaltenreiche Bildwerke, Darstellungen aus dem Leben Christi und der Heiligen, Reliquienkästchen, Kreuze, Kelche, Schalen und andere Gefäße mit Elfenbein- und Bernsteinschnitzereien befanden. Und alles, Inhalt wie Umfassung des Schreins war aus purem Golde und mit Tausenden der allerkostbarsten Edelsteine, Diamanten, Smaragden, Rubinen und den wundervollsten Perlen geschmückt, ein Schatz, auf den Lüneburg stolz war und stolz zu sein ein Recht hatte. Und dieses Prachtstück ohnegleichen wollte nach einem eben auftretenden, die größte Aufregung herrufenden Gerüchte der Rat, das heißt die beiden Bürgermeister und Sengstake, verkaufen, um aus dem Erlös die Schulden der Stadt auf einem Brett zu bezahlen und den noch verbleibenden Überschuß spitzbübisch zum eigenen Nutzen um ein Erkleckliches zu schmälern. Denn an eine Rechnungslegung der Bürgerschaft gegenüber hatte weder ein früherer Rat in Lüneburg jemals gedacht, noch ging der gegenwärtige mit der Absicht um, eine so unbequeme Neuerung einzuführen. Als auf diese betäubende Nachricht Daniel Spörken sprachlos geworden war und auch Gesche nichts mehr sagte, kam Timmo aus dem Winkel, wo er im Halbdunkel still und unbemerkt gesessen hatte, hervor und sagte: »Meisterin, das ist doch gar nicht so dumm. Was tut ihr denn mit dem alten Kasten voll Gold und Steinen da in toter Hand? Gebt's doch hin, und ihr seid die Schulden mit einem Male los, habt weniger Ungeld und Beden zu bezahlen und lebt mit der Pfaffheit in Frieden.« »Wenn du ein Lüneburger wärst, würdest du nicht so sprechen«, gab sie zur Antwort. »Einen Aufstand würde ich darum nicht machen, wenn ich auch ein Lüneburger wäre«, erwiderte er. Daniel erschrak und sagte schnell: »Wie kannst du von Aufstand sprechen? Davon ist ja gar nicht die Rede.« »Kümmere dich doch nicht um umgelegte Eier!« fügte Gesche etwas nachdrücklicher hinzu. »Dieses Ei scheint mir doch schon gelegt zu sein, Meisterin«, widersprach Timmo, »und zwar von einer Sülfmeisterhenne in ein eisernes Nest Auf dem Meere, und die Hähne, die dazu gekräht haben, sind auch nicht zu verachten.« Er hatte also alles gehört, was Daniel erzählt hatte, und das war dem Ehepaar durchaus nicht recht. Wenn Timmo schwatzte und es ruchbar ward, daß das Gerede von der Löwengrube ausging, so war Daniel wieder den größten Ungelegenheiten bei den Handwerkern ausgesetzt, und er dachte an Schuttenhelms fürchterliche Fäuste. »Du hast wohl geträumt da hinten in deiner dunklen Ecke«, sagte er zu Timmo. »Wohl möglich, Meister« erwiderte der Gesell, »ich habe manchmal ganz wundersame Träume.« »Die beichte nur deinem Feinsliebchen, die den Leuten grüne Kragen an gelbe Wämser näht«, schnarrte Gesche. »Habt Ihr noch einen, Meisterin? Dann gebt ihn her! Sie tut es gerne.« »Du Tutaffe!« schalt Gesche. »Du hast mir schon manchen Tort angetan, aber diesen vergeß' ich dir in meinem ganzen Leben nicht.« »Nun, Meisterin, darum braucht Ihr doch nicht grün und gelb vor Ärger zu werden«, sprach Timmo. »Wir haben's ja gut gemeint.« »Gut gemeint?« wiederholte sie erbost. »Zum Schabernack habt ihr's mir getan, du und dein leichtfüßiges Ding von Kammerjungfer, weil ihr wußtet, daß es mich ärgern würde.« »Der Meister hatte es mich geheißen«, erwiderte Timmo. »Timmo«, sagte Daniel, »du hast mich erst darauf gebracht. ›Die wird sich mal wundern!‹ sagtest du.« »Da hörst du's, du nichtsnutziger Bengel!« rief Gesche. »Meister«, sagte Timmo, »wenn Ihr mich gegen Eure Frau im Stiche laßt, so mache ich es ebenso, wenn Ihr mal in der Patsche sitzt, und bei Euch kommt's öfter vor.« »Du brauchst mich nicht herauszureißen«, erwiderte Daniel, »deine Hilfe verlange ich nicht.« »Wollen wir uns sehr verbeten haben«, bestätigte Gesche. »Ist doch schon manchmal sehr vonnöten gewesen«, sprach Timmo. »Was Mann und Frau unter sich abzumachen haben, geht dich gar nichts an!« sprach Gesche immer heftiger werdend. »Und wir leben so glücklich miteinander, nicht wahr, Gesche? Hm!« »Ja, wie Hund und Katze«, lachte Timmo. »Was? Wen meinst du mit der Katze?« fauchte Gesche. »Wen meinst du mit dem Hund?« fiel ihn Daniel an, dem unter dem Schutz und Beistand seiner Frau der Kamm schwoll. »Wenn hier ein Hund im Hause ist, so bist du es«, sprach Gesche giftig. »Bliebe immer noch die Katze übrig in der Löwengrube, Frau Meisterin!« »Was, du Lump?« rief Daniel. »Willst du deines ehrbaren Meisters Werkstatt, wo du besser gehalten wirst als du verdienst, eine Löwengrube nennen?« »Ich habe den Namen nicht aufgebracht, Meister. Sie mögen Euch wohl in der Stadt für einen Löwen halten, und manchmal seht Ihr dem blauen Löwen im Lüneburger Wappen sehr ähnlich, brüllen könnt Ihr auch, wie es scheint.« »Halt dein großes Maul, du unverschämter Geselle!« schnob Gesche wütend. »Macht es mir mit Eurem kleinen Mündchen erst mal vor, Meisterin!« »Gleich kriegst du eins drauf !« brauste Daniel tollkühn. »Von Euch doch nicht, Herr Ratsherr auf dem Schusterschemel!« »Du nichtswürdiger, verlogener Landläufer und Aufhetzer !« »Du elender, gefräßiger Blutwurm!« »Du Galgenstrick! Du Friedensbrecher!« »Du Teufel! Du – du« »Kiß kiß kiß kiß!« machte Timmo. »Ich will dem Buben das Fell gerben!« schrie Gesche jetzt außer sich. »Und ich will ihn über den Leisten zwicken!« rief Daniel höchst verwegen. »Kommt mir nicht zu nah, rat' ich euch!« drohte Timmo. Die Streitenden hatten sich erhoben und schrien nun alle drei gleichzeitig in wüstem Gezänk aufeinander los. Gesche warf die Haustür zu, und Daniel verschloß sie. In der Diele war es nun stockfinster. Immer noch keifend und scheltend tappte sich das Ehepaar nach der Wohnstube und Timmo nach der Treppe im Hintergrunde, um sich in seine Kammer hinauf zu begeben. Auf der untersten Stufe stehend, sprach er: »Meister, wenn ich Euch nicht mehr bequem bin, kann ich ja mein Bündel schnüren und fremd werden!« »Kannst du!« erwiderte Daniel. »Mache, daß du fortkommst!« »Jawohl! Immer lauf, lauf, lauf!« schrie Gesche, während Timmo die Treppe langsam hinanstieg. Schon ziemlich oben rief er noch einmal höhnisch: »Wohlschlafende Nacht, ehrbarer Meister! Angenehme Ruh, liebe, holde, schöne Frau Meisterin!« Bautz! krachte etwas auf der Treppe und polterte dann geräuschvoll die Stufen herunter; Timmo lachte oben wie ein Kobold. Gesche, in ihrer Wut nach irgendeinem Wurfgeschoß tastend, hatte an der Stubentür einen Klotz gefunden, aus dem ein Paar Leisten geschnitten werden sollten, und ihn Timmo aufs Geratewohl ins Dunkel hinein nachgeschleudert. – In der Löwengrube war das Gewitter mit Donner und Hagel niedergegangen, aber das über dem Kalkberge hatte sich wieder verzogen, obwohl es seit Wochen nicht geregnet hatte. Timmo schlief mit rachsüchtigen Gedanken ein und brachte sie am anderen Morgen zur Ausführung. Ohne um Erlaubnis zu fragen, ging er aus und begab sich zu Sengstake, dem er alles hinterbrachte, was er aus Daniels Munde erlauscht hatte, es so darstellend, als wenn Daniel Spörken selber an der Verschwörung der Amtsmeister in Schnewerdings Hause teilgenommen hätte. Sengstake ward über diese Mitteilung sehr nachdenklich. Dann sprach er: »Gib acht, lieber Freund, was ich dir sage! Vertraue keinem Menschen, hörst du? Keinem Menschen, was du mir verraten hast. Wenn es zum Aufstand kommt, so ist meines Bleibens nicht in Lüneburg, aber deines auch nicht, so ich dir raten soll. Dann wollen wir uns beide zusammen aus dem Staube machen; an Gold soll es dir und mir nicht fehlen. Hier hast du vorläufig eine Handvoll; damit verschaffst du dir einen Zweimannskahn, und beim ersten Zeichen zum Aufstand eilst du augenblickst ans Ufer der Ilmenau am Bardowieker Wall und erwartest mich, zum Abfahren bereit, mit dem Kahn auf dem Wasser. Schweig fein still und besorge alles gut; es soll dein Schade nicht sein!« Timmo versprach alles und ging vergnügt von dannen. »Daß es kommen würde«, sagte sich Sengstake, als er allein war, »dachte ich wohl, aber es kommt mir zu früh, habe noch nicht genug in Sicherheit. Dalenborg und Schupper dürfen nichts wissen, nichts ahnen; sonst heimsen sie ein, laufen davon und nehmen mit, was ich selber gebrauchen kann. Was zögert nur Dalenborg noch, den Sülfmeister zu fangen? Säße der fest, so gäbe es wenigstens einen Aufschub, und ich muß Zeit haben. Ich will ihn treiben, daß das vor sich geht, aber sie dürfen nichts merken, denn ich traue ihnen nicht, wie sie mir nicht trauen.« Dreizehntes Kapitel Kloster Lüne lag kaum eine halbe Stunde weit nördlich von der Stadt an der Ilmenau, und seine Mauern umschlossen, abgeschieden von der wirklichen, eine kleine, freundliche Welt für sich. Da war die große Kirche mit dem schönen, auf Goldgrund gemalten Altarvorhang, der schon zweihundert Jahre dort hing, da waren weitläufige Klostergebäude für die zahlreiche Schar der weiblichen Insassen, ein stattliches Herrenhaus für höhere Geistliche, die hier einige Tage wohnen wollten, die Propsteigebäude für den Propst und mehrere Priester, die den Gottesdienst versahen und der Nonnen Beichte hörten, auch Wirtschafts- und Gesindehäuser und endlich ein großer Garten mit alten, hohen Bäumen, in deren breiten Schatten sich's gar beschaulich wandeln ließ. Trat man von dem stillen, grasbewachsenen Klosterhof in das Hauptgebäude, dessen Portal von Efeu und feuerfarbigen Wildrosen umrankt war, so empfing den Gast eine weite, gewölbte Halle, wo ein immerfließender Brunnen sein klares Wasser aus acht eisernen Röhren in ein ebenfalls eisernes, muschelartiges Becken von altertümlicher Gestalt goß. Aus der Halle gelangte man in den herrlichen Kreuzgang, der in einem weiten Viereck den Kirchhof umgab. Unter den großen Bogen trugen mannigfaltig gearbeitete Säulchen mit den schmuckreichsten Kapitellen wieder kleinere Bogen, von denen viele mit köstlichen Glasmalereien verschlossen waren, Bilder aus der Geschichte der Heiligen oder die bunten Wappenschilder adliger Geschlechter darstellend, deren Angehörige hier gelebt oder sich um das Kloster verdient gemacht hatten. Überall herrschte die tiefste Ruhe, und wer draußen in der Welt alles verloren oder nichts mehr zu suchen hatte, der hätte in diesem geweihten Frieden die ersehnte Zufluchtsstätte finden können für ein wundes, müdes Herz und einen stillen, gottergebenen Sinn. Nicht alle, die herkamen, suchten das hier, und nicht alle, die es suchten, fanden es. Hildegund wurde von allen Seiten mit Rücksicht und Freundlichkeit behandelt. Die hochbetagte Äbtissin, die leider schwerhörig und fast ganz erblindet war, waltete schon seit einer Reihe von Jahren ihres Amtes mit großer Milde und sah und hörte nichts mehr von den groben Mißbräuchen, die sich auch in diesen Mauern eingenistet hatten, und denen zu steuern sie freilich kaum die Macht gehabt hätte. Sie war von aufrichtiger Frömmigkeit beseelt und sprach Hildegund nur in einer sanften liebevollen Weise zu, ihr Leben den Heiligen zu widmen. Anders machten es der Propst und die jungen Geistlichen, die alle Kunst der Überredung aufboten und die Ratsherrntochter mit falschen Gerüchten zu beeinflussen suchten, aufs kräftigste unterstützt von Fräulein Barbara von Erpensen, die auch ihr Wappen gern so bald wie möglich im Kreuzgang blinken und prunken gesehen hätte. Aber erst mit Hildegund zugleich sollte sie den Schleier erhalten, was sie zur Bekehrung ihrer jungen Verwandten noch mehr anspornte. Die Nonnen benahmen sich schwesterlich liebevoll oder sittsam zurückhaltend gegen Hildegund, denn es war das allgemeine Verlangen oder der vom Propste erteilte Befehl, ihr den Aufenthalt im Kloster in jeder Weise angenehm und zum Bleiben auf immer einladend zu machen. Sie aber strebte aus dieser Friedhofsstille nach ihrem geräuschvollen Vaterhause zurück. Ach! Wenn nur einer als Befreier käme, kein Ritter, nur ein blonder Böttcherknecht, und sie herausholte aus diesem rosendurchglühten, mauerumgürteten Kerker! Noch war sie nicht Nonne und wollte es auch nicht werden, und doch schwellte auch ihre Brust schon die alte Nonnenklage und Nonnensehnsucht: Hinaus, hinaus in die Welt, in die Freiheit, in die Arme der Liebe! Als hätte er ihre Seufzer gehört, so lebte in Gilbrechts Seele nur noch ein Gedanke, der ihn Tag und Nacht nicht verließ, der als ein all sein Tun und Trachten durchdringender Wunsch Gewalt über ihn bekommen hatte und ihm wie eine vom Schicksal für ihn auserlesene Sendung heilig war. Das war die Befreiung Hildegunds. Seine Sehnsucht nach der Geliebten überstieg alle die Schranken, die sich ihm in Wirklichkeit als unüberwindliche Hindernisse entgegenstellten, und vor nichts wäre er zurückgeschreckt, was ihm nur einen Dämmerschein des Gelingens gezeigt hätte. Die Leidenschaftlichkeit seines jungen heißen Blutes trieb ihn mit seinen kühnen Plänen von Stufe zu Stufe, und bald verlor er den Boden unter den Füßen, den Sitte, Herkommen und Gesetz als sichere und unverrückbare Grundlage für die Ordnung des Lebens geschaffen haben. Als Hildegund damals in das Goldene Ei gekommen war und den Freunden ihre Not geklagt hatte über die Bekehrungswut des Propstes und der Base, hatte er gesagt: »Hildegund, wenn du ins Kloster gehst, so hole ich dich wieder heraus, und wenn ich einen Mord darum begehen müßte.« Das war ein Wort, das er einlösen mußte. Und hatte sein eigener Vater, der gewissenhafte, makellos rechtschaffene Mann, nicht in seiner Gegenwart zu Hildegund gesagt: »Wenn du mit Gewalt ins Kloster gebracht wirst, so kannst du dich auch mit Gewalt daraus befreien lassen?« Damit beschwichtigte er jedes Bedenken, das seine Liebe und Sehnsucht überhaupt noch aufkommen ließ, und endlich glaubte er einen Weg gefunden zu haben, der ihm das Erreichen seines Zweckes verhieß, wenn auch das Mittel dazu nichts anderes war als eine ruchlose Tat. Schon mehrmals hatte er, um eine Gelegenheit auszukundschaften, das Kloster umschlichen und bemerkt, daß nahe dabei auf der dort vorüberfließenden Ilmenau viele Schiffe lagen, die jetzt selten genügende Ladung erhielten und von Schifferknechten bewacht und bewohnt wurden. Darauf baute Gilbrecht seinen Plan, dessen Grundgedanke war, das Kloster in Brand zu stecken. Nicht die eigentlichen Klostergebäude wollte er beschädigen und das Leben ihrer Insassen gefährden, sondern nur Schreck und Bestürzung hervorrufen, um in der Verwirrung und bei den Löschungsversuchen mit vom Feuerlärm geweckten und zu Hilfe eilenden Schiffern unerkannt eindringen und Hildegund entführen zu können. Hart an der Mauer, aber innerhalb derselben und von dem Hauptgebäude getrennt, standen zwei kleine Wirtschaftsgebäude mit Strohdächern; diese wollte er anzünden und hatte sich die heutige, mondscheinlose Nacht dazu ausersehen. In aller Heimlichkeit hatte er seine Vorbereitungen getroffen. Er hatte sich ein paar kleine Tonnenreifen mit auf sein Kämmerlein genommen, sie mit Werg und Stroh umwickelt und dieses fleißig mit Pech getränkt, wie es in seines Vaters Werkstatt zum Verdichten der Fässer gebraucht wurde. Diese Brandkränze nahm er, in seinen langen Mantel gewickelt, mit auf den Viskulenhof und barg sie dort in einem stillen Winkel. Auch Stahl und Feuerstein steckte er zu sich und sein langes Messer. Den Seinigen sagte er, er würde die nächste Nacht bei Balduin schlafen, weil sie noch bis spätabends zu schaffen hätten, aber auch Balduin machte er nicht die leiseste Andeutung von dem, was er vorhatte, sondern schied wie allabendlich von dem Freunde, als wäre es nur zur nächtlichen Ruhe im Elternhause. Dann nahm er seinen Mantel mit den Pechkränzen und ging zum Tor hinaus. Es war noch ziemlich hell, als er den einsamen Weg mit der bangen Frage im pochenden Herzen dahinschritt, ob er ihn mit oder ohne Hildegund zurückwandern würde. Gar sehr bekümmerte es ihn, daß er ihr keine Nachricht hatte zukommen lassen können, damit auch sie das Ihrige zum Gelingen der Flucht beitragen konnte. So ahnte sie seine Nähe ebensowenig, wie er die Lage der von ihr bewohnten Zelle im Kloster kannte. Wenn sie sich aber seinen spähenden Blicken zeigte, so hoffte er sie schon durch ihre weltliche Kleidung von den in klösterliche Tracht gehüllten Nonnen zu unterscheiden. Die Nähe der Ilmenau vermied er auf seinem Gange, damit ihn die Schiffer nicht sähen und wandte sich seitlich, an Gartenzäunen entlang. Aus einer Lücke derselben trat plötzlich Mutter Hombrok und kam nun Gilbrecht entgegen. Sie trug eine Harke in der Hand, deren langer Stiel ihr als Stab und Stütze diente, und wandelte schwerfällig und gebeugt wie einer, der sich müde gearbeitet hat. Noch hatte sie ihn nicht gesehen, aber Gilbrecht wollte nicht umkehren, Erst dicht vor ihm, durch das Geräusch seiner Schritte aufmerksam gemacht, blickte sie auf und erkannte den jungen Böttcherknecht. »Gilbrecht! Wohin noch so spät?« fragte sie verwundert stehenbleibend, die Linke auf die breite Hüfte stemmend und den rechten Arm mit dem aufgestützten Rechen steif von sich streckend. »Wo ich hinwill, Mutter Hombrok?« antwortete Gilbrecht sehr verlegen. »Das kann ich Euch nicht sagen.« »Mir nicht sagen? Ei ei, dann bist du auch nicht auf guten Wegen«, sagte Mutter Hombrok, »und dann will ich's auch gar nicht wissen. Oder wartest du auf ein Liebchen hier draußen?« »Könnte wohl sein, Mutter Hombrok«, erwiderte Gilbrecht. »Richtig! Dacht' ich's doch! Bist ja jung, will dir's nicht übelnehmen, wenn's ein rechtschaffen Mädel ist«, sprach die Alte gutmütig. »Wir haben hier das bißchen Grabeland mit einem Grasfleck dabei; da habe ich unser Heu zusammen auf einen Haufen gebracht, weil ich dachte, es wollte regnen, und mein Alter hat es wieder im Kreuze und kann sich nicht gut bewegen. Wo wartet sie denn auf dich, deine Liebste? Oder vielleicht ist sie noch nicht da; dann will ich sie dir nachschicken, wenn ich ihr begegne.« Dabei schaute sie ringsum und sagte plötzlich sehr ernst mit ihren großen graublauen Augen: »Höre, jung Gilbrecht, du willst doch nicht etwa nach Kloster Lüne?« »Wieso, Mutter Hombrok?« fragte Gilbrecht betroffen. »Weil's da liegt! Hast doch wohl nicht gar ein Techtelmechtel mit einer Nonne, Gilbrecht?« »Aber Mutter Hombrok!« »Na na na na! Laß dir was sagen, Herzensjunge! Klosterfrieden ist Gottesfrieden; wer den stört, begeht eine große Sünde. Das bedenke wohl, mein Gilbrecht! Die Mauern da umfrieden geweihten Boden, da hat die Liebe kein Recht daran. Gilbrecht, störe den heiligen Frieden nicht! So! ich hab's dir gesagt, nun tu, was du willst, die alte Hombroksche meint es gut mit dir. Gehab dich wohl, mein Goldsohn!« Sie ging weiter und ließ Gilbrecht, ohne sich noch einmal nach ihm umzublicken, in tiefen Gedanken stehen. »Klosterfrieden ist Gottesfrieden«, murmelte er, »und die Liebe hat kein Recht daran.« Noch war es Zeit, noch hatte er den Feuerbrand nicht auf das Dach geschleudert; sollte er umkehren, der guten Alten nachgehen, ihr alles gestehen und seine Liebe Gott anheimstellen? Und Hildegund in jenen Mauern lassen? Schutzlos? Sie zur Nonne machen lassen? Nein! Nimmermehr! und wenn er der ganzen Welt, wenn er dem Himmel und allen seinen Engeln den Frieden nehmen sollte – Hildegund wollte er retten, ihr Frieden ging ihm über alle Frieden. Entschlossen schritt er weiter, und als er beim Kloster angekommen war, versteckte er sich in einem Gebüsch, um hier die Dunkelheit der Nacht zu erwarten. Da lag er nun auf seinem Mantel ausgestreckt, die verschränkten Hände unter dem Haupt, und spann und klügelte sich mit erregter Einbildungskraft jede Einzelheit, jeden möglichen Zufall und sein Handeln und Verhalten auf Schritt und Tritt seines Vorgehens sorgfältig aus. Die Dämmerung sank immer tiefer, die Türme der Stadt waren Gilbrechts Blicken schon entschwunden, nur die Klostergebäude und die Wipfel hoher Bäume, von keinem Windhauch bewegt, waren noch sichtbar. Der Himmel war wolkenlos, die Sterne schauten freundlich herab, und es war sehr kühl. Das Gewitter, das über dem Kalkberg gedroht und sich von der Stadt wieder verzogen hatte, mußte draußen in der Heide niedergegangen sein. Tiefe Stille war rings umher, nur daß einmal ein Vogel im Nest aufschrie oder am Boden sich ein kleines Waldgetier raschelnd bewegte. Die trägen Stunden zogen über dem ungeduldig Harrenden mit einer folternden Langsamkeit hin. Er wollte warten, bis im Kloster alles zur Ruhe sei, und als ihm ungefähr die Mitte der Nacht herangekommen zu sein deuchte, machte sich Gilbrecht zum Werke fertig. Erst bat er Gott und die lieben Heiligen aus voller Seele, ihm gnädiglich beizustehen, wohl der erste Brandstifter, der so inbrünstig und aufrichtig um das Gelingen seiner Tat betete. Dann schlich er sich an das Kloster heran, wo die Strohdächer über die Mauer ragten, schlug mit Stahl und Stein Feuer auf einen der Pechkränze und warf ihn auf das Dach. Mit fieberhafter Spannung beobachtete er den Erfolg. Aber der Kranz glimmte und glimmte nur und wollte nicht zünden. Sollte das ein Fingerzeig von oben sein? Eine Warnung, die Tat nicht zu tun? Aber Hildegund war ja im Kloster, Hildegund wurde dort getrennt von ihm, zurückgehalten, Hildegund sehnte sich hinaus, Hildegund mußte er befreien! Gilbrecht zögerte nicht, dem ersten Kranz einen zweiten nachzusenden. Der traf brennend mitten auf das Dach; im Augenblick fingen die sonnengedörrten Halme Feuer, und in wenigen Sekunden züngelten die Flammen daraus empor. Da, als die helle Lohe den Umkreis erleuchtend hoch aufschlug und dicker Rauch zum Himmel qualmte, packte ihn doch ein Grauen vor dem, was er getan hatte; zitternd, mit starrem Blick und stockendem Atem stand er davor, ein kalter Schauer lief ihm durch den Körper, und ihm war, als ob sich die Haare ihm sträubten. Jetzt hätte er doch den Brand wieder gelöscht, wenn er gekonnt hätte. Im rötlichen Widerschein des Feuers traten die Klostergebäude und die sie übersteigende Kirche hell aus dem Dunkel der Nacht hervor; da dachte er wieder an Hildegund, ob sie wohl dieses Flammenzeichen ihrer Freiheit schon sähe, und im Nu war alles Zagen von ihm gewichen. Er lief an das linke Ufer der Ilmenau und ahmte mit lauter Stimme den Ruf der Schiffer nach: »Ahoi! Hiahoi!« Schnell erhielt er Antwort, und als der zuerst Geweckte, der wohl gar nicht geschlafen hatte, das lodernde Feuer erblickte, half er Gilbrecht, ihn ebenfalls für einen Schifferknecht haltend, kräftig rufend, so daß in kurzer Zeit immer mehr Knechte hervorkamen und mit allerlei Schöpfgefäßen, mit Stangen und Beilen zum Klostertor eilten und unter lauten Feuerrufen krachende, donnernde Stöße gegen die Planken desselben führten. Von dem gewaltigen Lärm erwachte man endlich im Kloster, und ein durchdringendes Zetergeschrei innerhalb der Mauern antwortete den noch ausgeschlossenen Rettern. Schon machten sie Anstalt, die Mauern zu ersteigen, da nahten sich innen eilige Schritte, das Tor ward aufgetan, und die Schiffer stürmten hinein; mit ihnen Gilbrecht. Er versuchte durch fortgesetztes lautes Rufen, durch hastiges, hetzendes Hin- und Herrennen die Verwirrung noch zu steigern, und seine gemachte Kopflosigkeit wirkte so ansteckend, daß der Tumult immer größer ward. Klosterknechte und Mägde brachten Gefäße und Leitern herbei, einige Schiffer kletterten auf die Mauer, ließen sich die gefüllten Wassereimer zureichen und suchten das brennende Dach damit zu begießen. Aber sie konnten wenig ausrichten, und schon fing auch das zweite Dach Feuer. Der Propst eilte höchst bestürzt mit den Kaplänen herbei; auch Nonnen kamen vom Hauptgebäude und halfen aus dem Brunnen in der Halle Wasser schöpfen. Jetzt schien Gilbrecht der rechte Augenblick gekommen. Immerfort laut irgendwelche Anordnungen und Vorschläge rufend, damit Hildegund seine Stimme hören und erkennen sollte, lief er selber in das Wohngebäude hinein und in den Kreuzgang, der von einigen Leuchten notdürftig erhellt war. Da begegneten ihm weibliche Gestalten, aber nicht alle waren sie in dunkler Nonnentracht, sondern manche huschten im leichten Nachtgewand an ihm vorüber, in der drohenden Gefahr alle Scheu vor einem eingedrungenen Mannsbilde vergessend. Gilbrecht sagte im geschäftigtuenden, rettungsbeflissenen Vorbeigehen jeder ein paar laute, beruhigende Worte, aber alle eilten an ihm vorüber. Wenn er nur dem edlen Fräulein Barbara von Erpensen nicht in die Arme liefe, dachte er, die ja auch ihn und seine Stimme kannte; aber die lag bei solchen Gelegenheiten, wo tätige Hilfe erforderlich war, gewöhnlich betend und jammernd auf den Knien, statt Hand anzulegen. In der einen Ecke des Kreuzganges, lauschig versteckt, war eine kleine Wendeltreppe, die wie ein verbotener Weg in das obere Geschoß führte. Da kamen leichte, eilende Schritte die Stufen hinab; Gilbrecht bog den Kopf in das Treppengewinde und sprach laut hinauf: »Es ist keine Gefahr, Jungfrau! Retter sind nahe!« Ein kurzer, unterdrückter Aufschrei antwortete ihm, dann rastete die Kommende einen Augenblick auf den Stufen, um gleich darauf desto eiliger herabzuspringen. »Retter sind nahe? Wo? Wo?« rief es – das war Hildegunds Stimme. »Hildegund, hier! Ich bin es, Gilbrecht!« gab er halblaut zurück, aber schon lag sie aufgefangen in seinen Armen. Drei Herzschläge lang drückte er sie an sich, dann flüsterte er: »Komm, komm, schnell! Das Tor ist offen, ich bringe dich hinaus.« Sie zitterte und wankte, und mußte sich auf ihn stützen. Die Hand auf die Brust gepreßt, ihrer Sinne kaum mächtig, folgte sie dem Freund durch den Kreuzgang und die Vorhalle ins Freie. »Geh voraus, schleiche dich durch das Gedränge und zum Tor hinaus, da stehen Frauen und Mädchen genug, du wirst nicht auffallen, und ich folge dir auf dem Fuße«, sprach Gilbrecht. Hildegund eilte mit bebenden Knien dem Ausgang zu. Auf dem halben Wege kam ihr eine verhüllte Frauengestalt entgegen, der sie, ohne Verdacht zu erregen, nicht ausweichen konnte, und – o Schrecken! – es war Barbara, die, in der Meinung, das Klostergebäude brenne, sich mit den anderen daraus geflüchtet und nun voll Neugier sich auch bis zur Brandstätte vorgewagt hatte. Hildegund konnte vor Angst und Verlegenheit nicht sprechen, war wie gelähmt, wie an den Boden gewurzelt. Die Base hatte sie erkannt und sagte: »Kommst du auch, Kind? Oh, welch ein Unglück hätte das werden können! Das haben die Bösewichter, die Empörer getan, die in Lüneburg sengen und morden, ach du barmherziger Himmel, wie mag es da hergehen Aber Gott sei gepriesen und gedankt! Die Gefahr ist vorüber, die braven Schiffer haben das Feuer gesehen und uns gerettet. Komm, komm in das Haus, geh zu Bett, daß dir die Nachtluft nicht schadet.« »Oh, Base«, sprach Hildegund zitternd, »ich möchte mir's auch einmal ansehen.« »Nein, nein, Kind! Komm, komm schnell! Es ist ja beinahe vorüber«, drängte die Base und ergriff Hildegund bei der Hand, um sie mit sich in das Klostergebäude zu ziehen. »Nur einen Augenblick, Base, laß es mich sehen!« bat Hildegund. »Ich komme gleich wieder zurück.« »Dann will ich mit dir gehen, daß du nicht in Gefahr kommst«, sagte Barbara. »Ach nein, Base! Geh hinein! Ich fürchte mich nicht«, erwiderte Hildegund in steigender Angst, »ich komme gleich nach.« »So nimm meinen Mantel, daß du dich nicht verkühlst; ich brauche ihn nicht mehr, ich gehe hinein.« Sie nahm ihren Mantel ab und hängte ihn Hildegund um, die sich das gern gefallen ließ. Die Base eilte in das Haus, und Hildegund war von ihr erlöst. Gilbrecht hatte, im Dunkel hinter einem Baum verborgen, den Auftritt mit angesehen und alles gehört. Ihm war dabei schrecklich zumute. Um ein Haar wäre alles vergeblich gewesen, was er getan hatte, das Feuer umsonst, das Wagnis gescheitert. Schon wollte er vorspringen, um Barbara an der Kehle zu packen; da sah er die Geliebte frei, und er atmete auf. Hildegund, nun auch noch durch Barbaras Mantel verhüllt und gegen die Kühle der Nacht geschützt, erreichte unangefochten den Ausgang; niemand merkte auf sie, als sie das Tor durchschritt. Gilbrecht behielt sie scharf im Auge und folgte ihr in kurzer Entfernung. Dabei konnte er sich noch überzeugen, daß von den schon ziemlich niedergebrannten Strohdächern keine weitere Gefahr für die übrigen Gebäude zu befürchten war, und sah den Propst in der Nähe einer Leiter stehen, über die man das Wasser zur Mauer hinaufreichte. Jetzt war auch Gilbrecht wieder draußen, hatte schnell die Geliebte gefunden und sich mit ihr vereinigt. Sie gingen zu dem Gebüsch, wo Gilbrechts Mantel lag, und als sie einem Schifferknecht begegneten, der einen gefüllten Wassereimer vom Fluß herzutrug, griff Gilbrecht in die Tasche und sprach zu dem Burschen: »Kennst du den Propst hier im Kloster?« »Jawohl!« war die Antwort. »Hier sind ein paar lübische Schillinge; tu mir den Gefallen und gieße dem Propst diesen Eimer voll Wasser über den Kopf, er steht dicht neben der Leiter.« »Soll gut besorgt werden, Junker!« erwiderte lachend und das Geld nehmend der Knecht, der den Böttcher für einen Stadtjunker hielt. Hildegund war frei, frei nach langen bangen Wochen schmerzlicher Trennung von ihren Lieben. Das Herz klopfte ihr, und sie war noch sprachlos vor Staunen und Freude, daß gerade im rechten Augenblick der Freund zur Stelle gewesen und ihr Retter geworden war. Er führte sie näher der Stadt zu und tiefer in das Gebüsch hinein, wohin das Getöse vom Klosterhof nicht mehr drang. »So!« sagte er dann auf einem von Baum und Busch umgebenen Hügel, von wo sie einen freien Blick in die Heide hatten. »Hier sind wir geborgen, hier wollen wir warten, bis der Morgen kommt und sie in der Stadt die Tore öffnen; jetzt können wir nicht hinein.« Noch immer schweigend hatte sie sich auf dem Gange durch das dunkle Gebüsch vertrauensvoll an ihn geschlossen; länger aber bezwang sie nicht den Sturm der Gefühle. Sie warf sich an die Brust des Geliebten, umschlang ihn und küßte ihn und weinte an seinem Halse vor Glück und Seligkeit. Ihm war das alles wie ein Traum. Vor seinen Augen tanzten rote Flammen, aber auf seinen Lippen fühlte er den Wunderrausch des ersten Kusses, und in seinen Armen hielt er die blühende Lust seines Lebens. Lange standen sie so und überließen sich ganz und gar der namenlosen Wonne, sich wiederzuhaben und Liebe für Liebe zu tauschen. Sehen konnten sie sich nicht, jeder fühlte nur an seinem Körper innig den Körper des anderen geschmiegt. Gilbrecht legte die Hand auf Hildegunds Haupt, das an seiner Schulter ruhte, und sandte mit einem vollen Atemzuge aus der Tiefe seines Herzens einen Blick zu den Sternen empor. Das war des Brandstifters Dankgebet. Noch einmal drückte sie ihn mit überschwellender Kraft an ihre Brust und sagte, seine Augen mit den ihren suchend, leise und langsam: »Gilbrecht!!« – Weiter nichts; aber in das eine Wort drängte sie allen ringenden, springenden Jubel ihrer Seele, für den sie andere Worte, als den Namen des Geliebten, nicht hatte. Dann löste sie sich aus seinen Armen, und ihre erste Frage war: »Was macht mein Vater?« »Wir haben ihn noch nicht wieder, Hildegund«, antwortete er zögernd. »Habt ihr Nachricht von ihm?« fragte sie weiter. »Nein; sie lassen niemand zu ihm.« Sie seufzte schwer. »Und Balduin?« sagte sie dann. »Und Ilsabe?« »Die sind wohlauf«, erwiderte Gilbrecht. »Komm, setze dich hierher, ich will dir alles erzählen.« Auf dem sanft geböschten Rain breitete er seinen Mantel über das betaute Gras, und darauf ließen sie sich nieder. Er gab ihr nun von allem Kunde, was sich inzwischen in Lüneburg und in ihren Elternhäusern ereignet hatte. Es war wenig Bemerkenswertes, aber über dem Fragen und Antworten und der Erwähnung vieler sie nahe berührender Einzelheiten verstrich ihnen im fröhlichen Plaudern die Zeit mit geflügelter Schnelle. Als die Dämmerung so weit vorgeschritten war, daß sie sich deutlich erkennen konnten, blickten sie sich mit lachenden Augen und so glückselig an, als hätten sie sich seit Jahren voll zehrender Sehnsucht nicht gesehen. Bald malte sich fern im Osten dicht über der Heide ein rötlicher Streifen am Himmel und wuchs und dehnte sich. Purpurumsäumtes Gewölk zog und schob sich in wandelnder Gestaltung langsam her und hin; immer neue, immer prächtigere Farben, hier sich begrenzend, dort ineinander verfließend, tauchten daraus hervor vom tiefsten Violett bis zum schimmernden Gold sich steigernd, das die Heide durchflutete und die Wipfel der Bäume mit einem leuchtenden Anhauch beglänzte. In schweigendem Entzücken betrachteten Gilbrecht und Hildegund das prunkvolle Schauspiel. »Das habe ich lange nicht gesehen«, sagte Hildegund endlich, »und wärst du nicht gekommen, Gilbrecht, so sähe ich es auch heute nicht. Sage mir nur, wie war es möglich, daß du mitten in der Nacht von dem Brand erfuhrst und so pfeilgeschwind zur Stelle warst?« »Wie ich von dem Brand erfuhr?« lächelte er verwundert. »So ahnst du nicht, wie er entstanden ist?« »Nein«, erwiderte sie unbefangen, »ich schlief und träumte von dir, bis der Feuerlärm mich weckte. Weißt du es denn?« »Hildegund!« rief er da selbstvergessen. »Wenn sie dich nacheinander in hundert Klöster sperrten, so stecke ich auch hundert Klöster in Brand, um dich zu befreien!« »Du? Du?« rief sie erschrocken. »Du hast ihn entzündet? Das hast du für mich getan? Für mich gewagt und auf dich genommen – Gilbrecht, liebst du mich denn wirklich?« »Ach, Hildegund! Über alles in der Welt im Himmel und auf Erden!« Da sanken sie sich wieder an die Brust und hielten sich umschlungen. In diesem Augenblick hob sich die Sonne über den Rand der Heide empor, und ihr erster Strahl traf diese zwei glücklichen Menschenkinder, Arm in Arm, umwob mit einem Kranz die blonden und die braunen Locken, umspielte mit rosigem Schein ihre Wangen und funkelte ihnen in die fast geblendeten Augen. »Die Sonne! Die Sonne!« rief Gilbrecht. »Da ist sie, Hildegund! Und du bist frei, ich habe dich wieder, du Sonne meiner Tage!« Sie konnte nichts antworten; sie hielt seine Hand umfaßt und schaute ihm in das freudige Antlitz, das unter diesem Blick unsäglicher Liebe noch mehr erglühte als vom Flimmer und Glanz der steigenden Sonne. Ein leiser Wind bewegte die Zweige, Waldvöglein sangen, Kräuter und Blumen dufteten und blühten, und an den Gräsern hingen die farbenblitzenden, strahlenschießenden Diamanten des Morgens. »Wie einsam es hier ist«, sprach Hildegund jetzt, »man sieht nichts als Himmel und Heide, als wären wir zwei ganz allein in der Welt.« »Ich wär' es zufrieden, Hildegund!« erwiderte Gilbrecht. »Dann dürft' ich dich schützen, könnte für dich sorgen, wir zögen umher, ich zeigte dir den Rhein und die Berge –« »Und wir führen über das Meer und schauten die Wunder des Morgenlandes –« »Bis uns die Sehnsucht wieder heimwärts triebe.« »Sehnsucht wonach?« fragte sie. »Wenn ich bei dir bin und du bei mir?« Er zeigte mit der Hand in die Ebene hinein und sagte: »Danach, Hildegund! Du weißt es nicht, wie man sich in der Fremde, und wäre sie noch so schön, doch nach der Heimat sehnt. Wir würden nicht ruhen und rasten, bis wir unsere Heide wiedersähen.« »Gilbrecht, mit dir fände ich überall eine Heimat.« Er schüttelte den Kopf. »Glaube mir, der das Brot der Fremde gegessen hat!« sprach er. »Lustig ist es, die Welt zu durchwandern, aber wohnen möcht' ich nur da, wo ich aufgewachsen bin, wo ich jeden Stein, jeden Baum und jeden Vogel kenne.« »Nun, wie du willst«, lächelte sie, »dann bleiben wir hier.« Er schwieg und blickte gedankenvoll in die Heide hinaus. Hildegund hatte ein kleines, zierliches Sträußchen für Gilbrecht gebunden, das er sich an das Wams steckte, und bald darauf konnten sie an den Aufbruch denken. Langsam machten sie sich auf den Weg und besprachen sich in ihrem Frohsinn und in dem Bewußtsein ihrer reinen, unschuldigen Liebe, wie sie Balduin überraschen und aus den Federn trommeln wollten, und wie sich Ilsabe und Gilbrechts Eltern freuen würden, und was der Propst – ach, der Propst, patschenaß von oben bis unten durch des Schifferknechts hoffentlich gut getroffenen Wassersturzes! –, und Base Barbara, die mit ihrem Mantel noch zur Flucht geholfen hatte, für lange Gesichter im Kloster machen würden, wenn sie den Käfig leer und das Vöglein ausgeflogen fänden. Zum Glück war heute Markttag; viele Landleute kamen von den Dörfern und brachten ihre Feldfrüchte zur Stadt; da wurde nicht jeder einzelne beachtet, der durch das Tor schritt. So mischten sich denn Gilbrecht und Hildegund in einen Zug bepackter Bäuerlein, als ob sie mit dazu gehörten, und kamen ungefragt zum Lüner Tor in die Stadt hinein. Schnell waren sie auf dem Viskulenhof, vom Gesinde fröhlich begrüßt, und vor Balduins Schlafzimmer. Gilbrecht pochte an die Tür und rief: »Balduin! Auf! Schnell!« »Was gibt's? Wer ist da?« kam es von innen zurück. »Steh nur schnell auf! Wir haben Besuch.« Balduin brummte etwas von »nachtschlafender Zeit«, aber sie hörten ihn sich erheben. Kurz darauf steckte er ziemlich verdrießlich den Kopf durch die nur wenig geöffnete Tür. Hildegund lachte ihm schmetternd entgegen und jauchzte: »Balduin, da bin ich wieder!« Er nickte der Schwester freundlich zu: »Hildegund! Du? Willkommen! Willkommen! Gleich bin ich da!« Dann zog er den Kopf zurück, und sie hörten ihn beim Ankleiden in sonderbaren Tönen singen und jubeln. Martin sorgte für einen Imbiß, und als Balduin erschien und die Schwester umhalst hatte, setzten sie sich vergnügt an den gut bestellten Tisch und labten sich, und die zwei mußten dem dritten, der sorglos in seinem Bett geschlafen hatte, ihr Abenteuer genau berichten. Dann verschwand Hildegund, um sich umzukleiden; die beiden Freunde blieben aber noch beisammen, und der Malvasier samt Fleisch und Brot mundete Gilbrecht nach der bewegten Nacht selbst zu so früher Stunde schon, zumal er gestern um sein Abendessen gekommen war. Endlich erhob er sich und sagte: »Jetzt werden sie zu Hause beim Frühmahl sitzen; da will ich hin und es ihnen erzählen.« Und er ging. Richtig! Da saßen sie alle in der Wohnstube um den Tisch herum, als er mit fröhlichem Morgengruß eintrat. Sie wunderten sich über sein Kommen zu dieser Zeit; er aber schritt auf Ilsabe zu, neigte den Mund an ihr Ohr, als wollte er ihr etwas zuflüstern, und rief dann plötzlich laut: »Hildegund ist wieder da!« Ausrufe der Freude antworteten ihm, und sie blickten ihn alle an, daß er mehr sagen sollte. »Ich habe sie diese Nacht aus dem Kloster geholt«, fuhr er dann fort. »Du? Wie hast du das angefangen?« fragte Meister Gotthard aufmerksam. »Ich habe das Pfaffennest in Brand gesteckt, Vater!« »Gilbrecht!« riefen die Seinen erschrocken. »Nun, nun, ein paar Strohdächer abgesengt, weiter nichts; das Kloster steht noch.« »Aber, Gilbrecht! Was hast du getan?« sprach Frau Johanna. »Was der Vater mir erlaubt hat, Mutter!« erwiderte Gilbrecht. »Ich?« sprach der Meister. »Dir erlaubt?« »Du hast gesagt, Vater: was mit Gewalt hineinkommt, kann auch wieder mit Gewalt herauskommen.« »Und so hast du Hildegund mit Gewalt befreit?« »Jawohl! Hab' ich. Hurra! Da ist sie!« Die Tür war aufgegangen; Hildegund stand auf der Schwelle. Alle erhoben sich, sie herzlich zu begrüßen; Ilsabe warf ihren Stuhl um, als sie aufsprang, und ließ ihn auch umgestürzt liegen, bis ihn Lutke aufhob. Gilbrecht und Hildegund erzählten nun gemeinschaftlich mit aller Ausführlichkeit, in welcher Weise die Befreiung vor sich gegangen war, aber womit sie die Stunden von dem Gelingen der Flucht bis zur Heimkehr in die Stadt ausgefüllt hatten, das behielten sie für sich. Als die jüngeren Böttcher aufstanden, um an die Arbeit zu gehen, sprach der Meister: »Wir wollen es alle verschweigen, von wem und in welcher Weise Hildegund aus dem Kloster erlöst ist, denn der Propst von Lüne, Herr Dietrich Schupper, ist nicht unser Freund und würde dem Retter eine düstere Messe lesen. Auch unsere liebe Obrigkeit würde gewiß gern die Gelegenheit wahrnehmen, ihn an seinem besten Halse vor Schultheiß und Schöppen zu führen.« Meister Gotthard sagte das absichtlich in einem halb scherzenden Ton, um Gilbrecht nach seiner kühnen Tat das Herz nicht schwer zu machen, aber innerlich war er tief erschrocken und besorgt über den Gewaltstreich, mit dem sein Sohn zum Brandstifter geworden war. Der Gedanke brannte ihm auf der Seele und ließ sich nicht auslöschen wie das Feuer auf dem Dache. Er hoffte, daß bei dem nahen Ausbruch des Aufstandes der Sache nicht weiter nachgespürt werden würde, aber er nahm sich vor, es Gilbrecht früher oder später büßen zu lassen, damit der Makel durch eine gerechte Sühne von ihm genommen und wieder redlich gemacht würde. Vierzehntes Kapitel Frau Johanna merkte an ihrem Gotthard eine gewisse Unruhe, die sie nur auf seinen Kummer über die Tat Gilbrechts zurückzuführen zu müssen glaubte, und suchte ihn darüber zu trösten, indem sie sprach: »Gotthard, gräme dich nicht um Gilbrecht; ich kenne meinen Jungen, er hat sich kaum klargemacht, was er begangen, und wer will es ihm denn beweisen, daß er es gewesen ist?« »Nun, beweisen ließe sich's schon«, erwiderte Gotthard, »wer anders soll denn die Viskulentochter aus dem Kloster befreit haben als er oder Balduin? Und wenn wir denen auf dem Rathause Zeit dazu lassen, so werden sie schon die Hand nach dem Täter ausstrecken, aber daß es heute oder morgen geschieht, glaube ich selber nicht; wir müssen es eben abwarten.« »Kannst du dem Sohne einen Vorwurf daraus machen?« fragte sie. »Hättest du vor siebenundzwanzig Jahren nicht ganz dasselbe für mich getan?« »Welche Frage! Für dich!« entgegnete er. »Nun, dann ist's gut«, lächelte sie, »weiter brauche ich nichts zu wissen.« »Sag's ihm doch womöglich!« »Nein! Ist nicht nötig; er sagt es sich schon selber.« Des Sohnes mutige Tat erfüllte Frau Johanna beinahe mit Stolz, und die Ereignisse der letzten Woche, so trüb und traurig sie auch im allgemeinen waren, brachten ihre stillen Hoffnungen für die Zukunft ihrer Kinder immer mehr in Blüte. Dem Mutterauge war es nicht entgangen, daß der Verkehr zwischen Balduin und Ilsabe jetzt so herzinnig war wie noch nie zuvor, und daß Ilsabes ganzes Wesen seit einiger Zeit sehr verändert war; die gedrückte Stimmung in ihrem Gehabe, der schwermütige Ausdruck in ihrem Gesicht waren verschwunden, und dafür lachte nun immerfort die helle Freude aus ihren Augen. Seit gestern war auch Gilbrecht wie umgewandelt; sein Vorhaben mußte ihm wohl sehr schwer auf der Seele gelegen haben. Nun er es ausgeführt, war er wieder lustig und guter Dinge wie in den ersten Wochen nach seiner Heimkehr aus der Fremde. Frau Johanna hätte etwas darum gegeben, wenn sie gewußt hätte, ob das nur eine Folge der gelungenen Befreiung war, oder ob dabei zwischen ihm und Hildegund auch schon eine Herzensverständigung stattgefunden hatte. ›Wenn nur der Ratsherr wieder da wäre!‹ dachte sie. Meister Gotthards Unruhe hatte aber ganz andere Gründe als die Sorge um Gilbrecht, obwohl er auch diese bei der Feindschaft des Rates gegen ihn nicht ganz verscheuchen konnte. Am Montag hatte er in Schnewerdings Hause den Plan zum Aufstand mit den Genossen verabredet, heute war Donnerstag, und noch immer harrte er der Bestellung zu Viskule in den blauen Turm. Hatte man es aufgegeben, ihn fangen zu wollen? Oder sollte er es aufgeben, noch länger darauf zu warten? Ungern ließe er sich diesen Beweis gegen den Rat von dem schreienden Mißbrauch der Gewalt entgehen. Aber auch der Aufschub der Erhebung konnte verhängnisvoll werden, der Plan konnte verraten und dann vielleicht durch besondere Vorkehrungen vom Rate vereitelt, die dafür gewonnenen Bürger konnten des Wartens müde, konnten wieder lau und abtrünnig werden; es war Gefahr im Verzuge. Dabei wußte er, daß alles bereit war; seine Vertrauten hatten ihm den guten Fortgang der Werbungen und die für den Aufstand günstige Stimmung der Handwerker gemeldet; aller Augen warteten nur auf ihn. Möglich, daß sein Wissen und Wollen seine Beobachtungen beeinflußte, aber er glaubte den Druck und die Gärung in der Stadt so deutlich zu sehen, daß er meinte, die Vorbereitungen könnten auch den Uneingeweihten nicht länger verborgen bleiben. Die Bürger zeigten sehr ernste Gesichter und gingen auf der Straße rasch aneinander vorüber, denn jeder vermied, länger vom Hause abwesend zu sein, als dringend notwendig war, um beim ersten Klang der Glocken sich schnell zu rüsten. Auch in den schwachbesetzten Trinkstuben ging es abends still her, denn die zum Sturze des Rates Entschlossenen wußten selber nicht genau, wer ihre Freunde und wer ihre Gegner waren und mußten sich deshalb vor jeder unbedachten Äußerung hüten. Höchstens fiel einmal hier und da in einem sicheren Kreise von Vertrauten die geflüsterte Frage: »Wißt ihr noch nicht, wann es losgehen soll?« Seine eigene große Ungeduld suchte der Meister soviel wie möglich zu verbergen, konnte sie aber doch nicht ganz bezähmen. Sonst bekümmerte er sich kaum darum, wer bei ihm im Hause ein und ausging, falls man ihn nicht selber zu sprechen wünschte; jetzt blickte er jedesmal erwartungsvoll von der Arbeit auf, wenn jemand in die Diele hereintrat, ob es nicht endlich der Bote wäre, der ihn hinterlistig zu seinem Freunde Viskule bestellen wollte. Wer würde dieser Bote sein? Wer war in Lüneburg außer den vieren, die das Bubenstück ersonnen, so gottverlassen und verrucht, sich zu dem heimtückischen Dienste herzugeben? Oh, er wollte dem in die Augen sehen, der ihm mit einer erlogenen Bestellung von seinem Freunde Viskule käme. Oft trieb es ihn hinauf in seine Rüstkammer, wo er sich mit den Waffen zu tun machte, und ganz gegen seine Gewohnheit war er jetzt bei der Arbeit in der Werkstatt gesprächig und suchte auch Arnold und Jakob zum Sprechen und Erzählen zu veranlassen. »Arnold«, sagte er, mit einem Risse beschäftigt, diesen Nachmittag zu seinem ältesten Sohne, »der Zirkel hat auch schon mehr erlebt als ich und du, er dient nächstens volle hundert Jahr, sieh her! Jahr und Tag sind darauf eingeschnitten.« »Da wird er uns wohl an seinem hundertjährigen Geburtstag einen guten Trunk spenden müssen«, erwiderte Arnold. »Der Zirkel?« fragte der Meister. »Oder der, der ihn am meisten gebraucht«, lächelte Arnold. »Als du sechs Jahre alt warst«, sprach der Meister, »und noch nicht so hoch wie dieser Zirkel, habe ich dich einmal dabei erwischt, daß du ihn als Steckenpferd benutztest. Weißt du's noch?« »Ja, ich weiß es noch«, entgegnete Arnold; »ich wollte ihn gar nicht wieder hergeben, da nahmst du ihn mir weg, beschriebst auf dem Fußboden einen großen Kreis damit und zogst ihn mit Kreide nach. In diesem Kreise mußte ich zur Strafe eine ganze Stunde lang wie gebannt sitzenbleiben. Das war mir sehr langweilig, und ich habe nie wieder auf einem Zirkel geritten.« Der Meister lachte: »Wenn man euch doch noch mit einem Kreidestrich von allen Streichen absperren könnte!« »Heute machen wir keine mehr, Vater!« erwiderte Arnold. »Na, na!« war des Vaters Antwort. Arnold lachte, und Jakob lachte mit. »Übrigens, alles was recht ist«, fuhr der Meister freundlich fort, »ich bin mit dir zufrieden! Und mit Jakob auch; habt eure Sache gelernt, macht's besser als mancher Meister und versteht euch auf Handwerks Gebrauch und Gewohnheit, wie ich es liebe.« »Vom wem haben wir es denn gelernt, Meister«, sprach Jakob. »Aha! Also du meinst auch, Jakob, daß wir den Zirkel, wenn seine hundert Jahre voll sind, mit einer Kanne Bier begießen müssen?« sagte der Meister gut gelaunt. »Wird sich wohl nicht anders mit ihm schicken, Meister«, lächelte Jakob; »hundertjähriges Holz wird sonst allzu trocken und kriegt Sprünge.« Arnold gab Jakob einen Wink, daß er ihn mit seinem Vater allein lassen möchte, und Jakob ging auch gutmütig hinaus. Lutke drehte ganz hinten in der Diele den Schleifstein, um ein Beil zu schleifen, und konnte nicht hören, was vorn gesprochen wurde. Da trat Arnold an seinen Vater heran und sprach etwas verlegen: »Vater, ich habe dir eine heimliche Bestellung auszurichten vom Herrn Ratsherrn Viskule; du möchtest ihn diese Nacht im blauen Turm besuchen, er hätte dir eine wichtige Eröffnung zu machen; Meister Dippold, sein Schließer, würde dich zu ihm führen.« Gotthard Henneberg stand wie vom Donner gerührt; er hätte aufschreien mögen: Mein Sohn! Mein leiblicher Sohn! Er nahm alle Kraft zusammen, sich zu bezwingen, aber es dauerte eine Weile, bis er sprechen konnte und unter mächtigem Arbeiten seiner Brust mühsam hervorbrachte: »Wer hat dir's gesagt?« Arnold schlug die Augen nieder und antwortete: »Dippolds Tochter, die Ursula; ihr Vater hat es ihr selbst aufgetragen.« »So, so! Dippold der Ursula, die Ursula dir und du mir, deinem Vater!« sagte der Meister mit bebender Stimme. »Ganz recht, alles richtig! – Und wann soll es sein?« »Heute nacht zwischen zehn und elf.« »Gut«, sprach der Meister mit einem Blick auf seinem Sohn, der diesem alles Blut zum Herzen jagte, »ich werde kommen.« Arnold ging wieder an seine Arbeit. Da hatte nun Meister Gotthard die ersehnte Botschaft, aber wie! Von wem! Sein Sohn stand mit seinen Todfeinden im Bunde und bot ihnen die Hand, den Vater ins Verderben zu locken. Von dieser Seite, von seinem eigenen Fleisch und Blut hatte er sich des Verrats nicht versehen; und doch – es lag so nahe, klang so glaubhaft, so unschuldig und natürlich! Viskule hatte seinen Wächter beredet oder mit Versprechungen bestochen, ihm seinen Freund Henneberg zuzuführen; Dippold ließ es durch seine Tochter ihrem Liebsten bestellen, daß dieser, der Sohn, es dem Vater ausrichtete. Wer sollte da an Verrat denken? Er selber, Meister Gotthard, hätte ohne des Kellermeisters Warnung keinen Verdacht geschöpft. Es war fein ausgesponnen, Zufall und Verhältnisse waren wie gemacht dazu, auch den Vorsichtigsten zu täuschen. Oh, über die Falschheit, die heiligsten Bande des Blutes und der Liebe zu einer mörderischen Schlinge zu drehen! Vielleicht wußte es Arnold schon seit mehreren Tagen und war nur darum so gefügig, so freundlich und zutunlich gewesen, um den Vater irrezuführen. Oder – sollte Arnold und vielleicht auch Ursula selber getäuscht und betrogen sein und in gutem Glauben handeln? Unmöglich war es nicht, und den Schurken, die das eingefädelt hatten, war alles zuzutrauen. An diese Möglichkeit klammerte sich das Herz des Vaters, um sich vor dem Versinken in den grausamsten Verdacht gegen den Sohn zu retten. Aber noch ein anderes Oder erhob sich aus der wirbelnden Flut von Gedanken, die den Meister immer höher und wilder umschwoll. Gerade dem Glück dieser beiden, Arnolds und Ursulas, stand er ja, Gotthard, im Wege; war er über Seite gebracht, so konnten sie heiraten, Arnold, als ältester Sohn, übernahm die Werkstatt im Goldenen Ei und Dippolds Tochter war gut versorgt. Hatte Arnold – das fiel ihm jetzt ein – bei seinem letzten Versuch, des Vaters Einwilligung zu seiner Heirat zu ertrotzen, nicht gedroht, jede Gelegenheit benutzen zu wollen, auch eine, die mit Blut und Schrecken käme? Hier war nun die Gelegenheit. Sollte Arnold wirklich fähig sein, sie zu benutzen? Es wäre eine herzbrechende Erfahrung, wenn der Sohn seine Hoffnung auf den mit seiner Hilfe bereiteten Untergang des Vaters gebaut hätte. Und um das zu erleben, um diese Erfahrung zu machen, hatte der Meister gegen den Wunsch und Willen seiner Genossen mit dem Zeichen zum Aufstand gezögert und gewartet! Er hatte wie auf den Knauf eines hohen Schwertes beide Hände auf den Kopf des Zirkels gelegt, dessen Spitze auf dem Bodenholz zu seinen Füßen stand, und das Kinn auf die Hände gestützt, in finsteres Brüten verloren. Nun warf er einen langen Blick zu seinem Sohn hinüber, der dort ruhig eine Tonne band. Arnold sollte von seines Vaters argen Gedanken, mochten sie nun auf richtiger oder auf falscher Fährte sein, nichts ahnen; darum schwieg der Meister und blieb bei seinem Entschluß, dahin zu gehen, wohin man ihn rief. Der Abend kam und auch die zehnte Stunde. Meister Gotthard machte sich in seiner Ungeduld früher bereit, als verabredet war. Er schickte seine Kinder zu Bett, bat aber seine Frau, noch aufzubleiben, er habe noch mit ihr zu reden. Arnold schlich sich in die Diele und setzte sich dort auf eine Schneidebank. Der Meister aber ging hinauf in seine Rüstkammer, schnallte sich einen Harnisch um, umgürtete sich mit Schwert und Dolch und bedeckte den Kopf mit einer Eisenhaube. Als er so gerüstet herabkam, erschrak Johanna und rief: »Gotthard! Wohin? Was hast du vor?« »Johanna«, erwiderte er sehr ernst, »ich soll zu Viskule kommen, in den blauen Turm; er wünscht mich heimlich zu sprechen.« »In Wehr und Waffen?« fragte sie, wenig beruhigt. »Es ist nur für alle Fälle«, sagte Gotthard; »in einen festen Turm, der vom Feind bewacht wird, geht man nicht wie zu einer Lustbarkeit. Gib mir den Holken.« Johanna holte ihm seinen langen Mantel und hing ihn ihm über die Schultern. Da übergab er ihr die Stabhölzer, die er sich gleich nach der Beratung in Schnewerdings Hause hergerichtet hatte, und sprach: »Johanna, nimm diese fünf Täfelchen mit unserer Hausmarke und verwahre sie wohl, ich fordere sie von dir wieder. Wenn ich aber bis morgen früh zu der Stunde, da ihr aufsteht, nicht zurück bin, so schicke je eines dieser Hölzer an Hans Laffert, Schnewerding, Eekholt, Schuttenhelm und Stephan Bartels. Sorge dafür, daß diese Zeichen schnell und sicher in ihre Hände gelangen, und laß jedem der Meister sagen, wohin ich gegangen bin. Ich weiß, ich kann mich auf dich verlassen, liebes Weib, daß dies alles genau und pünktlich geschieht; nicht wahr, Johanna?« »Unbedingt, mein Gotthard!« erwiderte sie. »Aber sage mir doch –« »Frage nicht, du treues Herz!« sagte der Meister. »Sondern vertraue mir, wie du es von je getan hast, und erschrick nicht, wenn morgen die Glocken läuten. Lebe wohl, Johanna!« Er umschlang sie und küßte sie herzlich. Dann zog er die Kapuze des Mantels über die Stahlhaube und ging. In der Diele erhob sich Arnold, um seinem Vater die Tür zu öffnen und hinter ihm wieder zu verschließen. »Ich werde aufbleiben, Vater, bis du wiederkommst.« Ohne Antwort schritt Gotthard Henneberg in die Nacht hinaus. – Am blauen Turm angekommen, pochte er an die Pforte, und es ward ihm so schnell geöffnet wie einem, den man erwartet hat. Als Dippold, der Schließer, in der matt erleuchteten Halle die hohe, vom Mantel umhüllte Gestalt Gotthard Hennebergs erkannte, wich er einen Schritt zurück und raunte erschrocken: »Henneberg, du kommst?« »Hast du mich nicht bestellen lassen?« erwiderte ihm der Meister. »Verrat! Sie wollen dich fangen!« flüsterte Dippold. Gotthard Henneberg traute seinen Ohren nicht. »Dippold, du warnst mich?« sprach er. »Geh! Geh!« drängte Dippold. »Ich will nicht sagen, daß du hier warst. Wenn du eintrittst, bist du verloren.« »Laß mich ein!« sagte der Meister. »Ich weiß alles.« »Du willst es wagen, Henneberg? Traust du mir nicht? Sieh, ich schließe die Tür nicht zu und lasse die Lampe hier brennen, damit du fliehen kannst.« »Ich fliehe nicht, ich will den Buben ins Gesicht sehen.« »Dann, in Gottes Namen, komm!« sprach der Schließer. Sie gingen ein paar Stufen hinauf und traten in ein erhelltes, leeres Gemach. Es war eine Art Wachstube, gewölbt, ziemlich geräumig, und hatte noch eine zweite Tür. Dippold winkte mit den Augen ängstlich nach dieser zweiten Tür, als ob ein Lauscher dahinter stünde, und sprach dann laut: »Du willst Viskule sprechen, sagst du; gut, warte hier, ich will ihn rufen.« »Kann ich nicht mitgehen?« fragte Meister Gotthard darauf ebenso laut. »Nein, ich hole ihn her«, erwiderte Dippold und verschwand durch jene Tür. Meister Gotthard, dieselbe fest im Auge behaltend, blieb mit dem Rücken nahe der Wand ihr gegenüber und in seinem langen Mantel gewickelt stehen. Bald öffnete sie sich auch wieder und herein kam Bürgermeister Dalenborg. Er trat dem Meister mit einem höhnisch siegbewußten Ausdruck im Gesicht langsam ein paar Schritte entgegen, verschränkte die Arme auf der breiten Brust und sagte in hochmütigem Tone: »Herr Sülfmeister, wen sucht Ihr hier?« »Einen unschuldig Eingesperrten, Herr Bürgermeister!« antwortete Meister Gotthard, ohne sich zu rühren und denselben Ton anschlagend wie sein Gegenüber. »Wißt Ihr nicht«, fragte Dalenborg, »daß der Rat jeden Verkehr mit den Gefangenen bei höchster Wette verboten hat?« »O ja«, erwiderte der Meister, »und wenn ihr euch selber als Kettenhunde vor die Kerker legt, so haltet ihr eure Gefangenen wohl in sicherer Hut?« »Ich sehe, daß es not tut, sie scharf zu bewachen vor Aufrührern und Empörern«, sprach Dalenborg. »Wer ist hier der Aufrührer?« fragte Meister Gotthard heftig. »Wer hat sich gegen den rechtsmäßigen, vollmächtigen Rat der Stadt empört, Ihr oder ich?« »Wer die Macht hat, hat auch das Recht«, gab Dalenborg zur Antwort. »Wenn er kein Gewissen hat wie Ihr!« sprach der Meister. »Was tut Ihr zur Nachtzeit im blauen Turm?« »Ich habe einigen Grund zu dem Verdacht, daß Ihr Viskule diese Nacht befreien wolltet«, erwiderte Dalenborg, »und das zu verhüten bin ich hier.« »Das lügt Ihr in Euren Hals hinein!« rief der Meister. »Ich weiß die Wahrheit. Nicht Viskule – Ihr, Ihr habt mich herbestellt, herbestellt durch meinen eigenen Sohn!« »Wer hat Euch das gesagt?« fragte Dalenborg betroffen. Aber Meister Gotthard fuhr grimmig fort: »Daß ich Euch unbequem bin in der Stadt, das glaub' ich wohl; und daß Ihr mich gern unschädlich machtet, wenn Ihr könntet, will ich Euch auch nicht groß verübeln; aber daß Ihr mir meinen Sohn verführt und ihn zum Schelmen an seinem Vater gemacht habt, das – das sollt Ihr mir entgelten, Dalenborg!« »Was schiert mich Euer Sohn! Mit dem hab' ich nichts zu schaffen; ich halte mich an Euch, und Euch hab' ich hier auf verbrecherischen Wegen ertappt wider des Rates Verbot.« »Ertappt? Oder in den Hinterhalt gelockt und mir aufgelauert?« »Wir wissen, wessen wir uns von Euch zu versehen haben«, erwiderte Dalenborg, »und daß Ihr hier seid, ist Beweis genug. Ihr bleibt auch hier; Ihr seid mein Gefangener, Henneberg! Es ist noch Platz im Turm.« »Haha! Das wollt' ich bloß hören!« lachte der Meister bitter. »Blickt her! So geht man zu Euch!« Rasch schlug er den Mantel zurück; Harnisch und Haube, Schwert und Dolch blinkten dem anderen entgegen. Dalenborg schoß einen wütenden Blick, sagte aber dann schnell gefaßt: »Das nützt Euch nichts. Ich frage: gebt Ihr Euch gutwillig in Haft?« »So fragt ein Narr einen bewehrten Mann!« entgegnete Meister Gotthard schroff. »Henneberg, vergebens bin ich nicht hergekommen!« »Auch wohl nicht allein?« spottete der Meister. »Ruft Eure Knechte! Oder habt Ihr gleich Mörder gedungen? Aber seht Euch vor! Ich bin nicht gut gelaunt.« Er warf den Mantel ab und zog das Schwert. Dalenborg stampfte mit dem Fuß auf den Boden. Da ging die Tür auf, und drei Söldner erschienen. »Greift ihn! Werft ihn nieder!« befahl Dalenborg, Die Knechte zauderten, als die den reckenhaften, zornglühenden Mann da vor sich sahen, der sicher mit dem Todesmut der Verzweiflung sein Leben verteidigen würde. Gotthard Henneberg nahm feste Stellung und sprach, die Arme spannend, laut und drohend: »Kennt ihr mich, Leute?« »Hundert Mark, wer ihn zwingt!« rief Dalenborg. »Hundert Mark! So billig!« höhnte der Meister. »Nun, wer verdient sich das Blutgeld? Hundert Mark zum ersten!« Er machte eine Bewegung zum Angriff gegen sie, und nun drangen sie auf ihn ein. Schnell deckte er sich wieder den Rücken mit der Wand und wie stählerne Schlangen blitzten seine Hiebe und Stöße im Halbkreis herum gegen die umgewandten Fechter, die glücklicherweise auch nur mit dem Schwert bewaffnet waren und ohne Lust und Vertrauen kämpften. Dalenborg sah mit gezogenem Schwert untätig zu; als aber einer der Knechte durch einen Stich in den Arm kampfunfähig wurde, griff auch er Gotthard Henneberg an, der nun, von einem nach seinem Blute dürstenden und dabei waffentüchtigen Feinde mehr bedrängt, in eine sehr schwierige Lage geriet. Es bedurfte der Riesenkraft, der stählernen Ausdauer und der ganzen Fechtkunst des um sein Leben kämpfenden Sülfmeisters, sich der Übermacht zu erwehren. Aber wie lange noch konnte er, einer gegen drei oder vier, sich halten? »Gebt Euch!« rief Dalenborg in das Stampfen und Eisenklirren hinein. »Niemals! Verfluchter Mörder!« schrie Gotthard mit Löwenstimme und suchte Deckung mit sausenden Hieben. Da, in höchster Not, erhob sich draußen in der Vorhalle ein Getöse und Gepolter von eilenden Schritten; laute Rufe erschallten, die Tür flog auf, und herein stürmten Arnold, Gilbrecht, Jakob und zuletzt auch Lutke, nur notdürftig angekleidet, mit bloßen Schwertern und Spießen, Lutke mit einem Beil in der Hand. Dippold folgte ihnen. Mit unwiderstehlicher Wucht stürzten sie sich auf die Söldner; Arnold warf sich auf Dalenborg, auch Dippold stand den Hennebergs bei und fiel mit über die Knechte her. Nach einem kurzen, wütenden Ringen waren die Gegner entwaffnet und in eine Ecke gedrängt. Arnold hielt Dalenborg an der Gurgel gepackt und schüttelte ihn mit nerviger Faust, daß er braun und blau im Gesicht ward. »Du Hund! Du Schuft! Du hast uns betrogen! Der ist schuld, Vater!« schrie Arnold ganz außer sich und hätte seinen Feind erdrosselt, wenn nicht Meister Gotthard den schon Widerstandslosen aus den umklammernden Händen des wild Erbosten befreit hätte. Erhitzt und keuchend standen sich die Kämpfer gegenüber, aber Dalenborg und die Knechte besiegt und wehrlos. »So!« sagte Meister Gotthard, nachdem sich alle etwas verschnauft hatten. »Jetzt wollen wir das Ding zu Ende bringen. Ihr meintet, Dalenborg, es wäre noch Platz hier im Turm; das ist mir sehr lieb. Dippold, sperre diese Burschen ein, damit sie nichts ausplaudern können. Arnold und Gilbrecht, geht mit!« Die drei Knechte wurden abgeführt und hinter Schloß und Riegel gebracht. Dalenborg saß auf einer Bank an der Wand, stumm, zitternd und bebend in ohnmächtiger Wut. Als Dippold mit Arnold und Gilbrecht zurückkam, fragte Meister Gotthard: »Sitzen sie fest?« »Ganz fest, Vater!« erwiderte Gilbrecht. »Nun Ihr, Dalenborg!« sprach der Meister. »Ihr tauscht mit Viskule. Den nehmen wir mit, und Euch lassen wir hier; auf!« Dalenborg sträubte sich. »Sollen wir die Kraft gebrauchen?« fragte Arnold. »Gilbrecht, faß an!« Nicht mit sanften Händen schleppten die ihrer Stärke nie froher gewesenen Brüder den Gefangenen zu Viskules Kerker, während Dippold leuchtend vorausging und aufschloß. »Komm heraus, Heinrich! Du bist frei!« rief Gotthard Henneberg freudebewegt, ging aber selber hinein und zog den alten lieben Freund an seine Brust. »Gotthard! Gotthard! Du kommst! Du holst mich?« sprach der Ratsherr. »Ja, Heinrich, die Hennebergs kommen und holen dich«, erwiderte Gotthard und führte ihn in seinen Armen hinaus. Heinrich Viskule verließ den Kerker, und Dalenborg wurde hineingestoßen. »So!« sagte der Meister. »Einen hätten wir nun schon!« Auch Arnold und Gilbrecht umarmten den befreiten Ratsherrn, und Gilbrecht küßte ihm dabei sein weißes Haar. Er war bleich und abgehärmt, aber sein Gefängnis war nicht ganz übel gewesen, denn sein Wächter hatte ihn mit Milde und Sorgfalt behandelt. Sie geleiteten ihn in das Gemach, wo der Kampf stattgefunden hatte, und Gotthard Henneberg sagte zu Dippold: »Dippold, du hast mich hier fälschlich hergelockt zu meinem Schaden und Verderben – ich weiß, es geschah auf Dalenborgs Befehl; dann hast du mich gewarnt, als ich kam, hast uns beigestanden im Streite. Gelobst du mir jetzt Hand in Hand, Dalenborg unter keinen Umständen ohne meinen Willen loszulassen, so bin ich dein Freund.« »Mit beiden Händen schwör' ich's dir, Henneberg!« rief Dippold und ergriff des Sülfmeisters Hand. Der drückte und schüttelte ihm die seine und sagte: »Über anderes reden wir später.« Jetzt stellte sich Arnold vor seinen Vater hin und sprach. »Vater, was hast du von mir gedacht?« Der Meister legte die Hände auf seines Sohnes Schultern, blickte ihm tief in die Augen und sagte: »Arnold, das Schlimmste, was ein Vater von seinem Sohne denken kann. Ich dachte, du wärest mit meinen Feinden im Bunde.« »Vater!« »Sage mir: warum warst du so verlegen und ängstlich, als du mir die Botschaft ausrichtetest, aus der du doch selber kein Arg haben konntest?« »Um derentwillen, Vater, die, als sie die Wahrheit erfuhr, in Todesangst gelaufen kam, um mich zu deiner Rettung herauszuklopfen – wegen der Ursula, Vater, die ich meiden soll und –« »Sollst sie haben, Junge!« rief freudig der Meister. »Hast sie dir wacker erkämpft.« Da warf sich der Sohn an des Vaters Brust. »Habt Ihr's gehört, Meister?« sprach er zu Dippold. »Gilbrecht, ich habe eine Braut!« rief er dem Bruder zu, der im Gespräch neben Viskule saß. »Ich bringe dich wieder ins Amt, Dippold!« sagte der Meister. »Aber nun kommt, daß wir Viskule zu den Seinen führen. Dippold, halte mir Dalenborg fest!« »Keine Sorge. Henneberg!« erwiderte Dippold. »Ich bürge dir für ihn.« Nun verließen sie den Turm. Heinrich Viskule schritt zwischen Gotthard und Gilbrecht, auf ihre Arme gestützt, und sog in der lauen Sommernacht die Luft der Freiheit mit vollen Zügen ein. Sie mußten langsam mit ihm gehen und hatten Zeit genug, ihn von allen Vorkommnissen während seiner Gefangenschaft zu unterrichten. Von Hildegunds Aufenthalt im Kloster sagten sie ihm vorläufig nichts. Er dachte nicht anders, als daß ein siegreicher Aufstand der Bürger den neuen Rat gestürzt hätte, um den alten in seine Ehren und Würden wieder einzusetzen, und war nicht wenig erstaunt, als er erfuhr, daß er der erste und einzige der eingekerkerten Ratsherren war, den die Hennebergs befreit hatten, wovon er böse Folgen für seine Befreier fürchtete. Meister Gotthard beruhigte ihn jedoch und flüsterte ihm etwas ins Ohr, was den Ratsherrn sehr zu erfreuen schien. Dann fragte er, ob Lüneburg verhanset wäre, und atmete erleichtert auf, als ihm diese Frage verneint und ihm mitgeteilt wurde, daß die große Kaufmannsgilde der Zirkeler in Lübeck erklärt hätte, des Lüneburger Salzes für ihren Großhandel nicht entbehren zu können. Als man am Viskulenhof angekommen war und Martin geweckt hatte, ward der Alte schier unsinnig vor Freuden, seinen geliebten Herrn wiederzuhaben. Er küßte ihm die Hände und hätte ihn am liebsten in seinen Armen die Treppe hinaufgetragen, aber Meister Gotthard und Gilbrecht ließen es sich nicht nehmen, ihren erlösten Freund selber seinen Kindern zu übergeben, und begleiteten ihn hinauf, während Arnold, Jakob und Lutke nach Hause eilten, um Frau Johanna und Ilsabe den glücklichen Ausgang zu melden. Gilbrecht klopfte ebenso wie gestern früh an Balduins Kammertür und erhielt ein ebenso verdrießliches: »Was denn nun schon wieder?« zur Antwort. Aber die nächtliche Störung wurde Balduin reich vergolten, als er seinen Vater wiedersah. Von Martin benachrichtigt, erschien auch Hildegund, in der Eile und der Freude ihres Herzens nur von einem leichten Morgengewand umhüllt, wie sie Gilbrecht noch nie gesehen hatte. Er wurde beinahe ebenso verwirrt darüber wie sie, als es ihr erst einfiel, in welcher Kleidung sie sich ihm zeigte. Sie errötete, aber was galten kleinliche Bedenken zu dieser Stunde! Nun hatte er sie einmal gesehen, also blieb sie wie sie war, und schön war sie auch so, erst recht. »Sage mal, Gilbrecht«, fragte Balduin, »wer kommt denn nun morgen an die Reihe, von dir befreit zu werden? Du bist mal im Zuge, und ich lege für Herrn Marquard Mildehövet ein gutes Wort ein.« Gilbrecht lachte und winkte dem Freund, zu schweigen. Herr Heinrich Viskule sollte aber nun der Ruhe wieder in seinem eigenen Bett genießen, und die Hennebergs entfernten sich. Im Goldenen Ei trafen sie die anderen noch alle beisammen, denn Johanna und Ilsabe, die von dem Lärm der fortstürmenden Hausgenossen aus dem Schlaf gestört waren, hatten ihre Rückkehr in peinvoller Ungeduld erwartet und wollten nun hören, was sich im blauen Turm zugetragen hatte. Es ward ihnen auch alles erzählt, aber Meister Gotthard verschwieg des Kellermeisters Geheimnis und seine Warnung. Bei Erwähnung des heißen Kampfes, den Gotthard zu bestehen gehabt hatte, umfing ihn Johanna tiefbewegt, teils in nachträglichem Schrecken über die große Gefahr, in der er geschwebt hatte, teils in unsäglicher Freude, daß er glücklich daraus entkommen war. »Gotthard! Gotthard!« sagte sie sanft vorwurfsvoll. »Wie kannst du uns das antun und dich wissentlich und ganz allein in ein so verzweifeltes Wagnis stürzen?« »Dafür hatte ich ja den Panzer umgeschnallt, Johanna«, lächelte er ruhig, »und ich wollte doch sehen, wie weit die Schufte ihre teuflische Frechheit treiben würden.« Arnold gab nun Aufklärung über den Sachverhalt des Geschehenen, soviel er selber davon wußte und aus Ursulas hastigen Worten entnommen hatte; das noch Fehlende im Zusammenhang des Ganzen ließ sich danach leicht hinzufügen. Dalenborg, von den Beziehungen Arnolds zu der Tochter des Schließers im blauen Turm unterrichtet, hatte diesem den Befehl erteilt, den Meister Henneberg durch Vermittlung der beiden heimlich Versprochenen in den blauen Turm zu bestellen, unter dem Vorwand, daß ihn sein Freund Viskule zu sprechen wünsche. Dippold war Henneberg feindlich gesinnt, und hier bot sich ihm eine Gelegenheit zur Rache, die er gern ergriff und für die er nicht einmal die Verantwortung zu tragen brauchte. Er leistete also dem Befehl Folge, ohne Ursula von dessen wahrer Bedeutung etwas merken zu lassen, Als aber die Stunde kam, in der er einen so schnöden Verrat begehen oder begehen helfen sollte, regte sich in ihm das Gewissen wie vor einem geplanten Mord, und er eilte zu seiner Tochter, die nach wie vor mit der Mutter in dem kleinen Hause auf der Rübekuhle wohnte, entdeckte ihr den Trug und gebot ihr, Henneberg augenblicks vor der ihm drohenden Gefahr zu warnen. Ursula lief, was sie konnte, kam aber doch mit ihrer Warnung zu spät. Von Arnold, der auf ihr Klopfen öffnete, erfuhr sie zu ihrer Bestürzung, daß der Meister schon fortgegangen war. Schnell weihte sie Arnold in die Hinterlist ein, und dieser flog die Treppe hinauf und weckte die Brüder und Jakob. Ihn marterte das schreckliche Bewußtsein: du selber hast deinen Vater in den Turm bestellt; was muß er von dir denken, wenn er sich dort überfallen und verraten sieht! Diese Angst, zu der sich blitzschnell noch die Gedanken an Dippold und Ursula gesellten, wollte ihn schier rasend machen, und mit herzerschütternden Rufen trieb er die anderen zur höchsten Eile, als sie durch die dunklen Gassen dahinsausten, wo der Vater in Not war. Im Augenblick der größten Gefahr trafen sie ein; um ein Ave später, und ihr Vater wäre verloren gewesen. Wie glücklich waren nun die Hennebergs, als sie hier zu nächtlicher Stunde im Kreise um den Geretteten saßen! Sie hatten ihn wieder, und er hatte dabei noch seinen besten Freund erlöst; sein ältester Sohn war nicht als ein Schelm und Verräter entlarvt; sondern hatte sich dem Vater in treuer Liebe mannhaft bewährt. Fünfzehntes Kapitel Gilbrecht ging am anderen Morgen nicht wie sonst auf den Viskulenhof, sondern wollte nach der Rückkehr des Hausherrn abwarten, bis man ihn rufen würde. Statt dessen kamen zu ungewöhnlich früher Stunde die Viskules, der Ratsherr mit Sohn und Tochter, selber in das Böttcherhaus. Es war ein herzergreifendes, überaus beglückendes Wiedersehen. Heinrich Viskule konnte seiner Bewegung kaum Herr werden, und mehr als einmal versagte ihm die Stimme, wie er den Hennebergs seinen Dank aussprechen wollte; er hielt die Hand seines Freundes Gotthard lange in der seinigen und sah ihn dabei mit blinkenden Augen an. Frau Johanna umschlang er und küßte sie auf die Wange. Dann wandte er sich zu Gilbrecht und sprach: »Und was sage ich dir?! Ich weiß alles, alles weiß ich, Gilbrecht! Wie du Hildegund aus dem Kloster geholt und wie du Balduin zur Seite gestanden hast. Als sie mich fortschleppten, konntet ihr mich nicht frei machen, und nun bist du doch gekommen mit deinem lieben Alten und hast mich errettet. Wenn ich dir das je vergesse – euch allen, euch allen!« Und er schüttelte jedem die Hand, auch Lutke und dem guten Gesellen, dem Jakob, der sich bescheiden hinter den anderen zurückgehalten hatte. Hildegund stand neben Gilbrecht, leise an ihn gelehnt, und hatte heimlich seine Hand erfaßt, die sie ihm mit aller Kraft drückte. Meister Gotthard erzählte seinem Freund nun, auf welche Weise er in den blauen Turm gelockt und wie dadurch die Befreiung möglich geworden wäre, und der Ratsherr sprach zu Arnold: »Bringe mir deine Ursula, Arnold! Ich muß sie sehen, muß ihr danken, und dem Dippold will ich aufhelfen, wie ich kann; er hat es um mich verdient.« »Da tut Ihr ein gutes Werk, Herr Ratsherr!« sprach Johanna. »Der Mann hat mich schon lange gedauert, und ich glaube, manchen anderen auch, der es nur nicht eingestehen will.« Dabei blickte sie ihren Gotthard an; der aber war zerstreut und unruhig, und das frohe Wiedersehen mit den Viskules schien ihm nicht die reine Freude zu bereiten wie allen übrigen. Er ging in der Stube hin und her, sprach wenig, war gedankenvoll, beinahe finster, und es hatte den Anschein, als dauerte ihm der Besuch der Freunde schon zu lange. Arnold hätte am liebsten seine Ursula gleich hergeholt, um sie als seine Braut der Mutter ans Herz zu legen und ihr den lange verweigerten Segen seines Vaters geben zu lassen. Sie wußte ja noch gar nichts davon, daß sie nun mit ihm glücklich werden durfte. Balduin wandte keinen Blick von Ilsabe. Er rang mit dem Entschluß, ob er diese glückliche Stunde nicht benutzen und im Kreise der versammelten Familien um Ilsabe werben sollte. Ilsabe erriet seine Gedanken und war in jedem Augenblick darauf gefaßt, ihn seine Rede beginnen zu hören; ihr wogte die Brust und brannten die Wangen. Allein auch Balduin bemerkte Meister Gotthards unruhiges und düsteres Wesen, für das er keinen Grund finden konnte, weil er nicht ahnte, was in dem sonst so gastfreundlichen Mann vorging. Darum schwieg er. Herr Heinrich Viskule ward mehr und mehr guter Dinge; er war so lange in der Einsamkeit des Kerkers zum Schweigen verdammt gewesen, und da floß nun sein dankerfülltes Herz über in heiteren und freundlichen Worten gegen alle die lieben Seinigen um ihn her, zu denen er die Hennebergs zählte, als wären sie seines Blutes. Er vergaß darüber ganz die Gefahr, in der er, der gewaltsam Befreite, und seine Befreier schwebten, solange des eingesperrten Dalenborgs Genossen die Macht hatten, den Streich zu rächen. »Johanna«, sprach er lächelnd zu der Frau, während Hildegund mit Gilbrecht flüsterte und Balduin und Ilsabe sich mit stumm redenden Blicken gegenübersaßen, »Johanna, unser Gotthard ist doch der klügste von uns gewesen, daß er damals meinem Wunsche nicht gefolgt und nicht in den Rat getreten ist; denn sonst wäre er auch mitgeturnt, und wer hätte dann uns, wer hätte ihn befreien sollen?« Gotthard hob die Hand mit mahnendem Zeigefinger und nickte dem Ratsherrn ernst und bedeutungsvoll zu. Johanna aber sagte: »Oh, Herr Ratsherr, wie oft hab' ich daran schon gedacht und ihm im stillen gedankt, daß er damals fest geblieben ist! Was sollten wir anfangen, ohne ihn?« Da ward die Tür hastig aufgetan, und keuchend, mit wankenden Schritten und schreckentstellten Zügen kam der Ratskellermeister Ambrosius von dem Rhyne herein. »Gotthard!« stammelt er. »Ach! Und Ihr, Herr Ratsherr, seid Ihr da? Seid Ihr frei? So danket Gott und hört es gleich zusammen, das Schreckliche, das Grausige! Er ist tot! Er ist tot!« »Wer? Wer ist tot?« fragten schnell die anderen. »Der Bürgermeister Springintgut. Sie haben ihn – im Turm – o Gott, o Gott! – sie haben ihn ver – verhungern lassen!« Ein Ausruf des Entsetzens antwortete ihm aus dem Munde der einen, starr blickten die anderen. Der Kellermeister war auf einen Stuhl gesunken; sie waren aufgesprungen und umstanden ihn alle. Meister Gotthard faßte den ganz in sich zusammengebrochenen Alten mit beiden Händen an den Schultern, und seine Stimme klang heiser und stoßweise, wie wenn die Luft ihm ausginge, als er fragte: »Ambrosius! Sprecht! Wie ist's gekommen? Wann ist er gestorben?« »Diese Nacht«, hauchte Ambrosius, »der Schließer hat ihn heute früh tot im Kerker gefunden und hat es in seiner Seelenangst dem Knecht gestanden, der bei ihm ist und mit dem ich gut bekannt bin, daß er dem Gefangenen auf Dalenborgs und der anderen Befehl schon lange keine Nahrung mehr gereicht hat. Gestern noch hat er, wie er sein Ende spürte, mit matter Stimme gebeten und gefleht um einen Priester und die himmlische Wegzehrung. Umsonst! Sie haben es ihm verweigert.« Schaudernd, in Mark und Bein erschüttert, hörten sie den grausigen Bericht. Gotthard Henneberg schlug sich die gefalteten Hände vor die Stirn, und mit gewaltigen Schritten auf- und niederrennend, daß sie alle vor dem furchtbar Ergrimmten zur Seite wichen, rief er aus: »Und ich habe gezögert und gezaudert und gewartet. Einen Tag früher, und ich hätte ihn gerettet! Sülfmeister, räche mich! Aber jetzt –«, er reckte seine Hünengestalt und hob die geballten Fäuste hoch empor, »Herr Gott im Himmel! In dieser Stunde soll es sein! Johanna, wo hast du die Stabhölzer?« Johanna griff schnell in den Wandschrank und gab ihm die fünf Täfelchen. Er öffnete die Tür und rief hinaus, daß die Diele hallte: »Arnold! Jakob! Lutke! Schnell herein!« Und als die drei gesprungen kamen, sprach er: »Hier, diese Stückchen Holz bringt ihr, so schnell ihr könnt, wohin ich euch sage. Arnold, du zu Schnewerding, Gilbrecht zu Schuttenhelm, Jakob zu Stephan Bartels, Lutke zu Eekholt, und dies –« Er sah sich im Kreise um. »Ich, Vater, ich« rief Ilsabe. »Ja, mein Mädchen, du! Du bringst es Hans Laffert. Lauft, lauft! Und gebt es jedem der Meister selber in die Hand; zu sagen braucht ihr nichts, als einen Gruß von mir. Kinder, ich verlasse mich auf euch, richtet eure Sache gut aus! Schnell! Fort!« »Ja, ja!« riefen sie in Hast und Eile. Gilbrecht faßte des Meisters Arm und sagte: »Vater, eine Bitte! – Überlaß mir Sengstake!« »Gut, Gilbrecht!« sprach der Meister. »Und wenn es sein kann, bring ihn mir ganz und lebendig, sonst aber in Stücken, Glied für Glied!« »Ich bring' ihn dir, Vater!« rief Gilbrecht und eilte den anderen nach. »Jetzt geh, Alter!« sprach der Meister zu Heinrich Viskule. »Und du, Balduin, wappne dich und alle eure Leute auf dem Hofe. – Ambrosius, auf Wiedersehen! – Johanna, komm, hilf mir in den Harnisch!« So kamen die befehlenden Worte Schlag auf Schlag aus dem Munde des Meisters. Die Stube war leer. Gotthard ging mit seiner Johanna hinauf in die Rüstkammer. Des Sülfmeisters Kinder aber eilten durch die Gassen. Sie wußten nicht, welche Botschaft sie trugen, aber sie ahnten es; ihre jungen Herzen klopften bei den beflügelten Schritten, als hätten sie mit dem Stückchen Holz das Geschick der Welt in ihren Händen, und sie hielten es umklammert wie ein unschätzbares Kleinod. Als Gilbrecht zu Schuttenhelms Werkstatt kam, hielt er dem dort rüstig Schaffenden das Stabholz hoch entgegen. Da tat der Schmied mit seinem schweren Hammer einen Schlag auf den Amboß, daß das glühende Eisen darauf mitten durchbrach und die Funken nach allen Seiten stoben. »Endlich! Endlich! Sülfmeisterssohn, gib her!« Er drückte dem jungen Böttcherknecht die Hand, wie sie diesem noch von keiner anderen Menschenhand gedrückt worden war, dann setzte er sich schnell die Sturmhaube auf, die schon seit drei Tagen in der Diele hing, und lief mit seinem Hammer fort, so wie er am Amboß gestanden hatte; seine zwei Gesellen hinter ihm her. Das Zeichen zum Stürmen der Glocken, womit die ganze Bürgerschaft aus ihrer Ruhe geschreckt und zum Kampf in den Ringmauern der Stadt gerufen werden sollte, lag in Ilsabes Hand. Schnellfüßig schritt sie dahin mit fliegendem Atem und hochroten Wangen und traf Hans Laffert zwischen seinen Gesellen in der Werkstatt bei emsiger Arbeit, die wenig Geräusch machte. Einer der Gesellen klopfte mit einem kleinen Hammer an einer gebogenen Platte herum; das gab einen silberhellen Klang. Als der Meister das schöne Mädchen bei sich eintreten sah, rückte er an dem Samtkäppchen auf seinem schlohweißen Haar und bot ihr die Hand zum fröhlichen Willkomm. Ilsabe trat dicht an ihn heran und drückte ihm geheimnisvoll das Stabholz in die Hand. »Einen Gruß vom Vater!« flüsterte sie. Wie erschrak Hans Laffert, als er das Zeichen erkannte! »Des Sülfmeisters Marke!« rief er aus und faltete die Hände wie zu einem Stoßgebet. »Macht euch langsam fertig«, sprach er zu seinen Gesellen, »die Stunde ist da; ihr wißt, was ihr zu tun habt. Holt eure Brüder ab, und läutet Sturm aus Leibeskräften!« Die Gesellen legten die Arbeit hin und eilten in ihre Kammern, sich bereitzumachen. »Geh, mein Liebling«, sprach der Meister zu Ilsabe, »und sage deinem Vater, Hans Laffert täte seine Schuldigkeit.« Ilsabe eilte davon, aber nicht nach Hause, sondern mit einem raschen, hochherzigen Entschluß lief sie zur Nikolaikirche, wo in einem Vorraum die Glockenstränge von der Decke niederschwebten. Einen derselben erfaßte sie, hing sich mit dem Gewicht ihres jugendlich blühenden Körpers daran und zog mit starken Armen, was sie nur konnte. Es dauerte eine Weile, bis sie die Glocke in Schwung brachte. Bald aber schlug der erste Ton aus der Höhe an ihr Ohr, und nun läutete sie regelrecht, daß es weithin über alle Stadt klang. Da nahten die Goldschmiedegesellen, nicht die von Hans Laffert, sondern von einem anderen Meister, nicht wenig überrascht, als sie sahen, wer ihnen zuvorgekommen war und ihr Geschäft übernommen hatte. Sie lösten die holde, die glühende Mesnerin des Aufruhrs ab und zogen nun auch die übrigen Seile. Als Ilsabe aus der Kirche heraustrat und sich auf den Heimweg begab, hörte sie die Glocken schon von allen Seiten; von allen Türmen klang es und rief es und heulte es: Sturm! Sturm! Sturm! Zu Hause in der Diele traf sie ihren Vater zum Aufbruch bereit. Sie warf sich an seine bepanzerte Brust und jubelte: »Vater, die erste Glocke, die du gehört hast, habe ich gezogen!« »Darum also klang die eine so früh und so lange allein«, erwiderte der Meister. »Mädchen, Mädchen! Das war gegen die Abrede. Die Glocken durften nicht früher klingen, als unsere Freunde gerüstet waren. Aber daran erkenne ich mein Hennebergisch Blut; sei bedankt, mein Kind! Du hast es wacker gemeint in deinem mutigen Herzen!« Und er küßte sie. Jetzt kamen auch Arnold, Gilbrecht und Jakob nacheinander von der Rüstkammer herab, alle bewaffnet, die Brüder auch im Harnisch; die Mutter, die ihnen mit Lutke geholfen, folgte ihnen. Wie heldenhaft sahen die starken, hochgewachsenen Männer in Stahl und Eisen aus, als sie eine kurze Musterung unter sich hielten und dann alle vier, der Meister voran, guten Mutes hinausschritten. »Geht mit Gott, und kommt mir heil und gesund wieder!« rief ihnen Frau Johanna nach und wischte sich eine zudringliche Träne vom Auge. Die Vorbereitungen zum Aufstand waren allen Uneingeweihten verborgen geblieben, und als sie nun die von Ilsabe gezogene Glocke auf Sankt Nikolai zu so ungewöhnlicher Stunde läuten hörten, erstaunten sie und konnten es sich nicht erklären. Als aber eine Glocke nach der anderen einstimmte, bald das volle Geläut der Stadt von allen Türmen klang und nur die Glocken des Rathauses schwiegen, als sicherstes Zeichen, daß der Rat nicht darum wußte, da blieb kein Zweifel mehr, das war nicht Feuerlärm, das war Aufruhr, die Glocken riefen zum Kampf. Den davon Überraschten blieb nicht Zeit zum Erkunden und Fragen, denn jeder hatte seiner Gilde einen bewehrten Mann zu stellen. Diejenigen aber, die schon Tag um Tag und Stunde für Stunde auf die Klänge gewartet hatten, die sprangen freudigen Mutes auf, von ruheloser Ungeduld endlich erlöst. In allen Werkstätten ward die Arbeit mitsamt dem Gerät hingeworfen, wohin sie fiel, Meister und Gesellen griffen zu Schwert und Spieß und stürmten hinaus, und durch das Glockengeläut, durch das Hetzen und Hasten, das Rennen und Treiben erscholl in allen Gassen der alte Not- und Kampfschrei: Jodute! Jodute! Aus allen Häusern kamen die Männer hervor, alte wie junge, und schwangen die Waffen und lärmten und stoben hierhin und dorthin. Freund und Feind aus den verschiedenen Gewerken eilte mit kämpflichen Grüßen aneinander vorüber. Hier und da wurden bei der raschen Begegnung ein paar Hiebe gewechselt, aber mehr aus vorschneller Streitlust als in ernster Feindschaft, und es gab keine Wunden dabei. Jeder suchte so schnell wie möglich zu seinem Sammelplatz zu kommen, wo die Kumpane bald im Haufen standen, der noch fehlenden Genossen oder der Amtsmeister harrend. Wer von den Gegnern des Weges kam, um sich durch dieselbe Gasse zu den Seinigen zu schlagen, den ließ man nicht durch, er mußte umkehren, von Hohngelächter begleitet, vielleicht auch eine Strecke verfolgt und mit ein paar Püffen bedacht. An den Toren tobte schon der Kampf, denn die Harnischmacher und die Schnitzler waren schnell bei der Hand gewesen und rangen nun mit den Knechten und Söldnern, hier heftigeren, dort schwächeren Widerstand findend. »Alles, was Äste hat! Drückt fest auf, ihr Brüder von der blauen Schürze!« rief Meister Eekholt am Altenbrücker Tor. »Wir haben was abzuhobeln, was uneben war an unserem Kistenholz; nur immer scharfe Kanten!« Und am Roten Tor war Schnewerding allen voran und rief den Seinigen zu: »Schlagt zu, Plattenschläger! Sie haben ein dickes Fell, und unsere Harnische sind auch nicht von Spinneweb.« Da gab es Beulen und Blutschläge; aber die Handwerker blieben überall Sieger, warfen die Knechte hinaus, schlossen die Tore und bewachten sie mit blanker Waffe, jedes Angriffs gewärtig, Als Meister Gotthard mit seinen Söhnen vor dem, nahe seiner Wohnung, in der Lüner Straße, belegenen Böttchergildehaus erschien, ward er von der großen Schar seiner Werkbrüder jubelnd empfangen, und gleich darauf trafen schon Meldungen von den nächsten Toren bei ihm ein, daß sie glücklich genommen und in sicherer Hut der Bundesgenossen wären. Gilbrecht wählte sich sofort drei ihm befreundete Böttcherknechte zur Jagd auf Sengstake und machte sich still mit ihnen davon. Die Böttcher aber zogen zum Markt. Dorthin drängte alles, denn dort mußte die Entscheidung fallen. Aber es ward nicht allen Gilden leicht, dahinzugelangen; sie trafen unterwegs mit Gegnern zusammen, und dann kam es zum Reiben und Raufen. Die Verständigeren und Besonneneren mahnten zur Eintracht und zum Abwarten und meinten, auf dem Markte würde man sich mit Worten besser verständigen als mit Schwerthieben und Lanzenstößen. Aber mittlerweile war doch mancher alte Span ausgefochten, denn mancher Meister oder Gesell hatte für den anderen etwas Besonderes auf dem Kerbholz, und diese Zeche sollte nun bei der Gelegenheit bar bezahlt werden. Die Schuster und die Gerber gerieten sich in die Haare, die Apengießer banden mit den Grapengießern an, und Sattler und Riemenschneider gedachten ihres alten Haders mit den Gürtlern und Zaumschlägern. Aber es blieb mehr bei einer handfesten Prügelei, als daß es zu blutigen Gefechten kam, und die Gesellen kühlten dabei ihren jugendlichen Mut und Übermut mehr als die Meister, die wenig Lust hatten, für den jetzt machthabenden, ihnen mißliebigen Rat das Leben zu wagen. Anders war es mit den fünf großen Gilden, deren Amtsmeister selber im Rat saßen und die von diesem nicht nur bereits wesentliche Verbesserungen ihrer Rechte und Befugnisse erreicht hatten, sondern deren auch noch mehr erhofften. Für diese war es Ehrensache, ihre Amtsmeister nicht im Stiche zu lassen, sondern mit ihnen in hartem Trotz gegen die Widersacher auszuhalten. Darum eilten die von den nächstgelegenen Gildenhäusern zum Ratshaus, und als Meister Kerkrink mit seinen Schiffern ankam, fand er es schon von den Bäckern und Knochenhauern besetzt. Da kam es zu scharfen Worten und noch schärferen Streichen, denn die Schifferknechte zogen die Messer und stachen darauf los, und die Bäcker und Knochenhauer ließen sich das nicht gefallen, sondern stießen und schlugen derb zu, so daß es Fleischwunden gab. Auf dem Markt boten die Tausende in ihren verschiedenartigen Erscheinungen ein gar krauses Bild, das von den Frauen und Mädchen aus den Fenstern und Luken der Häuser mit Spannung und Angst beobachtet wurde. Die sonderbarsten Waffen kamen zum Vorschein, Hellebarden, Partisanen, Piken und Armbrüste, Kolben und Schwerter jeglicher Form und Größe, auch schwere Hämmer, Eisenstangen und lange Messer. Wer von den Handwerksknechten keinen Harnisch hatte, der trug statt dessen ein ledernes Schurzfell; der eine hatte eine Stahlhaube oder einen altertümlichen Helm, der andere nur eine Kappe, und zu all dieser gemischten Ausrüstung stimmte die buntfarbige Kleidung in der oft seltsamsten Weise. Die Genossen waren oft getrennt, indem sich die einzelnen Gilden wechselnd durcheinander schoben und manch eine mitten zwischen ihr feindlichen zu stehen kam. Alle fanden sie auch nicht den Raum auf dem Markt, oder die an den Einmündungen der Straßen wehrten herankommenden Gegnern den Zutritt. Diese suchten ihn nun auf anderem Wege, von anderer Seite, und so gab das ein fortwährendes Hin- und Herziehen durch die Gassen, eine stetige, lärmende Bewegung, die alles in Atem hielt. Sie maßen gegenseitig ihre Kräfte vorläufig mehr mit den Augen als mit den Waffen und wußten nicht recht, was sie tun sollten, ob sie den lieben Nachbarn aus derselben Straße, aber aus einer anderen Gilde, mit Hieb und Stoß anfallen sollten oder nicht. Man schien auf ein Zeichen zum Angriff zu warten, um dann auch mit allem Fleiß aufeinander loszuschlagen. Als nun die beiden größten Gilden, die Brauer und die Böttcher, von entgegengesetzten Seiten und noch ohne sich zu sehen, heranrückten, suchte man ihnen an den Häusern entlang Platz zu machen, so daß sie bis nahe an das Rathaus vordringen konnten, denn man glaubte, daß zwischen diesen beiden unter Anführung ihrer Amtsmeister Rokswale und Henneberg der heftigste Kampf entbrennen und dann allgemein werden würde. Inzwischen waren die Rademacher, Reepschläger und endlich die Schar der Sülzarbeiter den Schiffern zu Hilfe gekommen, hatten Knochenhauer und Bäcker zurückgedrängt und das Rathaus im Sturm genommen. Bald erschien oben auf einem der Rathaustürme ein Schifferknecht und steckte als Siegeszeichen eine Fahne heraus. In diesem Augenblick traten die Böttcher und die Brauer sich frei gegenüber, als hätten sie sich gesucht, um gegeneinander in der vordersten Reihe zu kämpfen. Die Meister und ihre Knechte waren auf beiden Seiten kräftige Gestalten und die Führer ihrer Schar würdig. Die zwei waren die Häupter des Aufruhrs, der die Stadt erfüllte; mit einem jeden der beiden stand und fiel auch die Sache, die er vertrat. Denn hier hatten sich nicht schwer bedrückte, unterjochte Handwerksleute in geschlossener Eintracht gegen einen gemeinsamen Feind empört, um ihnen zukommende Rechte mit Gewalt zu erringen oder eingebildete sich trotzig anzumaßen und eine unerträgliche Zwingherrschaft übermütiger, üppiger Stadtgeschlechter zu stürzen, sondern das Beil stritt wider den Hammer, der Pfriemen wider den Meißel, der Böttcher wider den Brauer. Eines Standes und eines Glaubens waren die Gegner, und keiner wollte dem anderen weichen, dem anderen sich fügen. Rokswale nahm sich in Helm und Harnisch gar stattlich und kriegerisch aus und schien zu einem bitteren Ernst entschlossen. »Henneberg«, rief er dem Böttcher zu, »wer hat nun den Frieden gebrochen? Du hast es zu verantworten, daß hier Bürger gegen Bürger steht!« »Was für eine Antwort willst du haben?« erwiderte der Sülfmeister. »Eine mit Worten oder eine mit dem Eisen? Du kämpfst mit einem gebrochenen Schwert.« »Versuche mein Schwert erst, ehe du es gebrochen nennst!« rief Rokswale zurück. Meister Gotthard wollte noch etwas erwidern, aber laute Rufe übertönten seine Worte; schon fällten die Vordersten ihre Spieße und warfen den Gegnern Schmähworte und Drohungen zu. »Kommt heran, ihr Kimmer und Holzverderber!« riefen die Brauer; und »Fangt mal an, ihr Müller mit euren Hopfenstangen!« riefen die Böttcher, und es erhob sich ein wilder Lärm. Da sprang zornglühend und mit machtvoller Gebärde Gotthard Henneberg dazwischen, hob seine Hellebarde hoch empor und rief mit seiner lautesten Stimme: »Frieden und Ruhe gebiet' ich! Hört mich an!« Alle, die ihn sehen konnten, blickten auf den Böttchermeister, der in seiner Rüstung noch gewaltiger aussah als sonst, und in seiner nächsten Umgebung ward wirklich Stille, die sich allmählich in immer weiterem Kreise verbreitete, denn die vorderen riefen den hinter ihnen Stehenden zu, daß sie schweigen sollten, der Sülfmeister wäre da und wollte Frieden machen. Da drängten sich von beiden Seiten die Amtsmeister der anderen Gilden herzu, so daß bald Dörgerloh, Hesterwegen, Regenstörp und andere mehr bei Rokswale, und Schnewerding, Kerkring, Peter Flachs und Eekholt bei Gotthard Henneberg standen; es war, als hätten sich die Heerführer vor der Schlacht versammelt und wollten Kriegsrat halten oder Waffenstillstand schließen. Aber kaum war Ruhe geworden, so daß Gotthard Henneberg zu sprechen anfangen wollte, als sich seitlich vom Ochsenmarkt her aufs neue ein Getöse erhob. Es war ein eigentümliches Murren, aus dem einzelne Rufe, Verwünschungen und Drohungen laut wurden. Eine Bewegung entstand in der dichtgedrängten Masse, und alles wandte sich der unbekannten Ursache der Unterbrechung zu. Da teilte sich die Menge; alle blickten dem Kommenden entgegen, und man sah, wie die Nächsten daran ernst und ergriffen das Haupt entblößtem. In der freigewordenen Gasse kam langsam der Amtsmeister der Maurergilde, Stephan Bartels, geschritten, und hinter ihm trugen vier Werkmeister eine Bahre, darauf lag der Leichnam des Bürgermeisters Johann Springintgut. Dicht dahinter ging eine Anzahl Geschlechterherren, die gerüstet und gewappnet beim Ausbruch des Aufstandes zu den Türmen geeilt waren, um ihre eingekerkerten Standesgenossen zu retten, und einige der befreiten Ratsherren hatten sie auch in ihrer Mitte, die Herren Albrecht von der Mölen, Marquard Mildehövet, Garlop, Dassel und Brömbsen. Dann folgten die Maurer und führten den Kerkermeister Springintguts gebunden mit sich. Die vier Meister setzten die Bahre auf dem Markt nieder, mitten zwischen die feindlichen Gilden, und ein Grausen erfaßte die starken Männer, wie sich der Tote hier zwischen die Lebendigen drängte und mitten im Streit und Lärm das ewige Schweigen brachte. War es nicht, als wenn der tapfere Bürgermeister, was er im Leben nicht mehr gekonnt hatte, selbst im Tode noch versuchte? Daß er gerade jetzt hier auf den Markt kam, um seine Bürger im Augenblick der höchsten Gefahr vor einem blutigen Kampf zu retten und die schon auf sich Eindringenden mit seinem entseelten, todesstarren Leibe zu trennen? Dieser Gedanke, dieses Gefühl mochte wohl die Umstehenden alle beschleichen, denn sie senkten die schon erhobenen Waffen, und es ward lautlose Stille. Gotthard Henneberg blickte auf das marmorbleiche, tief eingefallene Antlitz des einst so mutigen, tatkräftigen Mannes, der die Freiheit und Ehre seiner Stadt bis zum letzten Augenblick seines Regiments verteidigt hatte und nun in der Blüte seiner Jahre auf die grauenhafteste Weise elend zugrunde gegangen war. Dann sah er scharf und forschend die fünf Amtsmeister-Ratsherren der Reihe nach an und sprach mit strenger, tiefer Stimme: »Hier, euer Opfer, ihr Ratmannen von Lüneburg: Wißt ihr's oder wißt ihr's nicht, wie Bürgermeister Springintgut gestorben ist? Der Rat hat ihn im neuen Turm verhungern lassen!« Die letzten Worte rief er so laut, daß sie weithin schallten, und in weitem Umkreise ertönte ein Schrei der Entrüstung. Die Handwerker nahmen eine sehr drohende Haltung an und schossen finstere Blicke auf jene fünf Amtsmeister aus dem Rat. Sie stießen mit den Hellebarden und Piken auf die Steine, und aus dem dumpfen Grollen ringsum drangen heftige Rufe, wie: »Schlagt sie nieder! Reißt sie in Stücke! Wo ist Dalenborg? Tod den Mördern!« Gotthard Henneberg schaute sich um, und auf seinen Wink ward Ruhe. »Rokswale«, sprach er, »hier, den Toten, den vom Rate gemordeten Toten, den frage, wer den Frieden gebrochen hat. Und wenn er dir jetzt nicht Antwort gibt, so tut er es vielleicht, wenn ihr mit ihm da oben vor dem Thron des ewigen, allwissenden Richters steht.« Da trat Rokswale einen Schritt zurück, reckte die Hand zum Schwur empor und sprach: »Henneberg und ihr Brüder alle! So wahr die Sonne scheint, mit diesem Mord haben wir, die wir hier stehen, nichts gemein; das hat nicht der Rat, das haben Buben und Schelme getan, die Gott verdammen mag in Ewigkeit!« »Wir wollen's euch glauben«, sprach Meister Gotthard, »denn von euch ist mir's undenkbar; aber ihr werdet euch zu verantworten haben vor gemeiner Bürgerschaft.« »Das wollen wir«, erwiderte Rokswale, und die anderen stimmten ihm bei. »Wir kämpfen nicht mehr mit euch, wir geben uns in eure Hand.« »Gelobt ihr, Einlager zu halten in euren Häusern, bis die Ämter ausgehen, das Recht zu finden über euch?« fragte Meister Gotthard. »Ja, wir geloben's«, antworteten die fünf. »Aber wo sind die Bürgermeister? Wo sind die Schurken, die Mörder?« fragten viele aus dem dichten Haufen. »Dalenborg sitzt hinter Schloß und Riegel im blauen Turm«, sprach Meister Gotthard vernehmlich, »ich habe ihn selber diese Nacht hineingesperrt.« »Was? Im blauen Turm? Ihr, Henneberg? Ihr, Sülfmeister, habt ihn eingesperrt? Ihr allein?« so riefen sie ihm zu. »Mit meinen Söhnen«, erwiderte Meister Gotthard, »und für Sengstake ist auch gesorgt, er wird uns schwerlich entwischen. Aber wo ist Schupper?« »Im steinernen Weinfaß«, gab Kerkrink ruhig zu Antwort, »und zwei Schifferknechte stehen als Wache davor.« Frohlocken und Jauchzen erschallte auf diese Nachrichten. Da entstand ein Gedränge und Geschiebe in den Reihen der Schuster, die neben den Brauern standen, und eine wohlbekannte Stimme rief: »Seht, Brüder! Daniel in der Löwengrube ist auch da und hat eine Pike in der Hand!« Meister Schuttenhelm brach sich mit seinen Schmieden Bahn, gefolgt von Ludolf Töbing und anderen befreiten Ratsherren. »Da sind wir!« rief Schuttenhelm. »Komm' ich zu spät? Schon alles abgemacht? Henneberg, den Dalenborg hast du gut verwahrt! Er hat ihn eingesperrt, Brüder! Der Schuft sitzt im blauen Turm, ich habe ihn gesehen.« Der Schmied war behelmt, doch mit nackten Armen, ohne Panzer, nur sein dickes Schurzfell trug er und über der Schulter als einzige Waffe seinen schwersten Schmiedehammer. Töbing schritt auf Gotthard Henneberg zu, schüttelte ihm die Hand, und sprach fröhlich: »Danke Euch, Sülfmeister! Aber Blut und Blau! Konntet Ihr das nicht vier Wochen früher bewerkstelligen? Es lag sich nicht gut –« Da stockte ihm die Stimme, denn er erblickte jetzt den Toten auf der Bahre. »Was ist das? Wer ist das?« fragte er. »Springintgut? Ist er gefallen? Ist er tot?« Verlegenes Schweigen ringsum. »Er ist im Kerker gestorben«, sagte Gotthard Henneberg. »Verhungert!« rief es hier und dort. »Barmherziger Gott! Wie ist das möglich!« sprach Töbing tief erschüttert und blickte wütend auf Rokswale und Dörgerloh. Auch Schuttenhelm war still geworden und stützte mit finsterem Gesicht beide Hände auf seinen zur Erde gestellten Hammer. Töbing sah nun die übrigen Ratsherren und suchte mit den Augen. »Einer fehlt noch; wo ist Viskule?« fragte er. »Den hab' ich schon diese Nacht aus dem blauen Turm geholt; er ist wohl und gesund in seinem Hause«, erwiderte Meister Gotthard. »Er hat auch Viskule befreit«, murmelten sie neben ihm. Meister Gotthard wandte sich zu den Ratsherren, besonders zu Albrecht von der Mölen und sprach: »Herr Bürgermeister, nehmt Ihr das Regiment? Euch gebührt es.« »Ich nicht«, erwiderte Herr Albrecht von der Mölen. »Nein, so nicht! So nicht!« rief Töbing. »Die uns gestürzt haben, müssen uns wieder einsetzen mit allen Ehren; ich tu' es nicht anders.« »Nein, nein!« riefen da die Handwerker von allen Seiten. »Gotthard Henneberg hat jetzt das Regiment; der Sülfmeister soll Stadtvogt sein, bis wir einen neuen Rat haben. Aufs Rathaus, Sülfmeister! aufs Rathaus!« Und über den ganzen Markt hin pflanzte sich der Ruf fort: »Aufs Rathaus! Der Sülfmeister, der Sülfmeister soll Stadtvogt sein! Henneberg soll unser neuer Bürgermeister sein!« Da stieg Gotthard Henneberg auf die Stufen, die zum Brunnen hinaufführten, so daß seine hohe Gestalt weithin sichtbar war, und sprach mit lauter Stimme: »Bis wir wieder einen Rat haben, will ich zur Wohlfahrt und gemeinem Besten dieser Stadt und mit Vollbord der ganzen hier versammelten Mannheit euer Vogt sein, wenn ihr mir gehorchen wollt.« Ein tausendstimmiger Zuruf brauste ihm entgegen; Hüte und Hauben, Schwerter und Spieße winkten ihm zu über den Häuptern der Menge und aus den Fenstern und Luken schwenkten die Frauen und Mädchen Tücher in den Händen. »So gebiete ich von diesem Augenblick an Frieden binnen den Mauern dieser Stadt!« rief Meister Gotthard. »Die Tore bleiben geschlossen; niemand darf hinaus und niemand herein. Geht nach Hause, lieben Brüder und Freunde, und wachet über Frieden und Freiheit unserer guten Stadt Lüneburg!« »Frieden und Freiheit in Lüneburg! Unser Sülfmeister hoch!« klang es mächtig über den Markt hin. Dann wogten die Massen durcheinander; jeder suchte sich einen Ausweg; Freunde und Feinde schüttelten sich die Hände und machten Frieden miteinander. Rokswale aber und seine vier Genossen gingen still nach Hause und traten ihr Einlager an, das auch den fünf Sülfmeistern im Rate auferlegt wurde, während Johann Niebuhr ins Gefängnis wandern mußte. »Ihr Brüder Amtsmeister und je ein Altermann von den ratsverwandten Gilden, folgt mir aufs Rathaus!« sprach Meister Gotthard noch zu den Umstehenden und schritt dann auf Marquard Mildehövet zu, diesen aufs herzlichste begrüßend. Einige der Geschlechterherren aber hoben die Bahre auf und trugen den Toten in sein Haus zu seiner verzweifelten Witwe. Gotthards Augen spähten über die Menge, und als er seinen Sohn Arnold bemerkte, winkte er ihn zu sich heran und fragte: »Hast du Gilbrecht gesehen?« »Nein, Vater!« war die Antwort. »Sonderbar!« sagte der Meister. »Er wollte Sengstake fangen und kommt nicht wieder.« Dann übergab er Arnold seine Hellebarde und wandte sich zu den versammelten Amtsmeistern. »Kommt, Brüder! Wir wollen Rat halten.« Da machte ihm alles freudig und ehrerbietig Platz, und der Sülfmeister schritt wie ein Fürst mit seinem Gefolge würdig und gelassen zum Rathause. Sechzehntes Kapitel In der Löwengrube auf der Techt saßen an diesem Freitagmorgen die vier Schustersleute schweigsam bei der Arbeit. Der heftige Zank vom vorigen Montag war noch nicht vergessen; es waren zu böse Worte dabei gefallen, und Gesche war noch unversöhnt mit Timmo. Seine besten Späße, unterstützt von Hans' drolligsten Gesichtern, wollten bei ihr nicht verfangen; sie spielte noch immer die tief Gekränkte, und darum durfte auch Daniel noch immer nicht gut Freund mit seinem Knechte sein, so gern er ihm auch alles verziehen hätte, wie er es in seinem weichen Herzen eigentlich schon getan hatte. Sobald Meister und Meisterin ein Gespräch anfingen, mischte sich auch Timmo hinein, weil ihm verdrossenes Schweigen unerträglich war; lieber wollte er sich, mit wem es auch sei, ein wenig hänseln und zanken, als dasitzen, mit den Händen schaffen und dabei den Mund nicht auftun. Wenn aber Daniel Spörken auf Timmos Bemerkungen einging und ihm antwortete, so erhielt er von Gesche, die er mit fragender Ängstlichkeit dabei ansah, einen stechenden Blick, und die Unterhaltung stockte wieder. Als Timmo dies merkte, wollte er aus Ärger darüber auch dem Meinungsaustausch von Meister und Meisterin einen Stein in den Weg werfen, und sowie namentlich Gesche zu sprechen begann, fing er an so laut zu klopfen, daß Daniel die Worte seiner Frau nicht verstehen konnte. Das war nun nicht gerade das geeignetste Mittel, sich Gesches Gunst zu erwerben und das alte Freundschaftsverhältnis wieder herzustellen. Dagegen stand jetzt Hans auf dem besten Fuße mit dem Gesellen, weil sie unter Gesches schlechter Laune beide gemeinschaftlich zu leiden hatten, und einen aufmunternden Blick, den Timmo dem Jungen verstohlen zuwarf, verstand dieser ganz richtig dahin, daß er tapfer mitklopfen sollte, wenn die Meisterin reden wollte; er befolgte ihn auch nachdrücklichst. Heute konnte Gesche mal wieder schwer zu Worte kommen vor dem eifrigen Klopfen von Knecht und Jungen. Plötzlich rief sie aber laut genug, um sich verständlich zu machen: »Seid mal still! Ich glaube, es läutet.« Da horchten sie alle, und richtig, es läutete mit allen Glocken. »Sie stürmen!« rief Gesche. »Siehst du, Daniel! Wer hat nun recht gehabt, daß sie bei Schnewerding neulich den Aufstand beschlossen haben?« »Ich habe recht gehabt«, sprach Timmo, »Ihr wolltet es ja nicht Wort haben.« Dann warf er die Arbeit hin und sprang hinauf in seine Kammer. Hans lief sofort aus dem Hause. »Ach du mein Gott!« jammerte Daniel. »Gesche, was tu' ich?« »Dumme Frage!« erwiderte Gesche. »Nimmst deinen Spieß und gehst hin, wo du hingehörst.« »Meinst du? Meinst du wirklich, liebes Frauchen?« fragte Daniel zaghaft. »Aber denke mal, wenn ich –« »Willst du etwa dem Amte vier Pfund Wachs büßen, wenn du ausbleibst mit deinem Gewehr?« schnarrte sie ihn an. »Nein, nein, ich gehe ja schon«, sagte Daniel kleinlaut. »Höre nur, wie sie stürmen! Ach Gott! Ach Gott! Ist das eine Tränenwelt!« Er zog sich langsam sein dickstes Wams an und tat dann, als ob er seinen Spieß nicht finden könnte, indem er beim Suchen die Ecke hinter dem Schrank, wo die nicht sehr gefährliche Waffe seit Jahren lehnte, sorglich vermied, bis ihm Gesche den Spieß hervorlangte und ihn mit einem kräftigen »Da!« ihrem Manne dicht vor die Füße auf den Boden stieß. Dann wollte sich Daniel auch noch die Hände waschen, in der Hoffnung, daß Gesche inzwischen ein Einsehen hätte. »Ach was!« rief sie aber. »Wasche dich, wenn du wiederkommst und blutige Hände hast!« Dann stülpte sie ihm seinen Filz schief auf den Kopf und schob den Zitternden, der seiner Herzlosen noch einen jammervollen Blick zuwarf, zur Tür hinaus. Timmo hatte oben seine Siebensachen schnell in ein Bündel gepackt, sein Dolchmesser in den Gürtel gesteckt und war davongeeilt. Er lief unterhalb des Walles an der Bardowieker Mauer entlang zur Ilmenau, wo er in den schon seit mehreren Tagen für diesen Fall bereitgehaltenen Kahn sprang, ihn losband und hier auf seinen Freund und Gönner Sengstake wartete, um mit diesem das Weite zu suchen. Sengstake gellten die Glocken wie die Posaunen des Jüngsten Gerichtes in den Ohren. Er hatte sich längst ein handliches Bündel geschnürt; dieses nahm er, steckte noch mehrere kleine Päckchen zu sich, zog die Kapuze seines Mantels tief über das Gesicht und suchte sich unerkannt durch entlegene Gassen zum Flusse zu schleichen. Mehr als einmal mußte er umkehren, weil ihm bewaffnete Bürger entgegenkamen, deren Begegnung er um jeden Preis vermeiden mußte. Als er in solcher Verlegenheit um eine Straßenecke bog, erblickten Gilbrecht und seine drei Gesellen die lange, halb vermummte Gestalt, errieten ihren rechten Mann darunter und suchten, sich in zwei verfolgende Paare teilend, ihm den Weg abzuschneiden. So kam Gilbrecht mit seinen Genossen in dem Augenblick an den Fluß, als Sengstake zu Timmo in den Kahn stieg und beide rasch zu den Riemen greifend davon ruderten. Mit einem Siegesschrei sprangen die beiden Verfolger in einen anderen Kahn, lösten ihn von dem Ringe und setzten den Fliehenden auf dem Wasser nach. Es ging um Leben und Tod. Sengstake und Timmo ruderten aus Leibeskräften, und ihr Boot schoß wie ein Vogel stromab. Aber auch die beiden Böttcherknechte setzten ihre volle Kraft ein und ruderten, daß sich die Riemen bogen. Schon kamen sie auf dieser Hetzjagd dem fliehenden Boote nah und näher; da brach Gilbrechts Riemen derart, daß er hintenüber in das Boot fiel und dieses nun einseitig getrieben, sich zu drehen begann. Den Krach, den das brechende Holz gab, und den Wutschrei, den die beiden Böttcher dabei ausstießen, hörten die Fliehenden und glaubten sich gerettet. Sengstake erhob sich und winkte in dem Kahne stehend seinen ohnmächtigen Verfolgern mit dem Hute einen höhnischen Abschiedsgruß zu. Aber im selben Augenblick war auch Gilbrechts Genosse aufgesprungen, hatte seine Partisane ergriffen und schleuderte sie wie einen Wurfspeer gegen Sengstake. Die Waffe traf den zu früh Frohlockenden mit solcher Gewalt gerade auf die Brust, daß Sengstake taumelte, über Bord stürzte und in der Flut versank. Timmo, für sein eigenes Leben fürchtend, ergriff Sengstakes ledigen Riemen und ruderte mit der Kraft der Verzweiflung den Fluß allein hinab. Die beiden Böttcher dachten in ihrer Bestürzung gar nicht daran, den Schuster zu verfolgen; ihr Boot hatte sich vollends gedreht und war ganz aus der Richtung gekommen. Sie sahen noch, wie ein Arm und eine zuckende, in die Luft greifende Hand Sengstakes aus dem Wasser zum Vorschein kam; dann verschwand dieser in der Tiefe. Die beiden anderen Böttcherknechte, die etwas später und weiter oberhalb an die Ilmenau gekommen waren, bemerkten die beiden um die Wette rudernden Boote mit ihren Insassen, sprangen gleichfalls in einen Kahn und folgten ihnen. So hatten sie aus geringer Entfernung den Untergang Sengstakes gesehen und langten nun neben Gilbrecht und seinem Gesellen an. Die vier beschlossen nach kurzer Beratung, den Ertrunkenen vorläufig in seinem nassen Grabe zu lassen, gemeinschaftlich die Ilmenau weiter hinabzufahren und in das Kloster Lüne einzudringen, um dort womöglich den Propst Dietrich Schupper gefangenzunehmen. Leider kamen sie hier zu spät. Der Propst, mit seinem schlechten Gewissen, war beim ersten Glockenzeichen in der nahen Stadt auf einem eilig bespannten Wagen in die Heide entflohen, und die vier jungen Böttcher brachten nichts anderes heim, als die Nachricht von dem sicheren Tode Sengstakes und der Flucht des Lüner Propstes. Meister Gotthard nahm den Bericht seines Sohnes mit Befriedigung auf. Zwei Bösewichter hatten sich zwar der strafenden Gerechtigkeit entzogen, aber der eine von ihnen – ob der nichtswürdigste und gefährlichste, war nicht leicht zu sagen – hatte doch seinen Lohn dahin; ihn brauchte man nun nicht mehr zu richten. Der Meister und seine Freunde erkannten aber jetzt den Fehler, den sie bei ihrem Plane gemacht hatten und der sie leicht um die Rache an ihren Feinden hätte bringen können. Sie hatten nicht an eine Flucht zu Wasser gedacht, hatten wohl für den eiligen Schluß der Tore gesorgt, aber die Sperrung der Ilmenau am Baume vergessen. Ohne den geschickten Speerwurf des Böttcherknechtes, für den er überall in der Stadt gelobt und gepriesen wurde, wäre Sengstake seinen Verfolgern entschlüpft, und sicher nicht mit leeren Taschen. Um den glücklich entwischten Schusterknecht kümmerte sich niemand außer Meister Daniel und Frau Gesche Spörken, und auch diese weinten ihm keine zu heißen Tränen nach; selbst die hübsche Florentine grämte sich nicht lange um ihn. Am Nachmittag zogen Fischer den Leichnam Sengstakes aus dem Wasser, durchsuchten seine Kleidung und fanden mehrere Päckchen voll Goldstücke bei ihm, die sie als zweifellos dem Stadtsäckel gestohlen auf dem Rathause ablieferten. Der Tote ward an der Stelle für die Gerichteten ohne Sang und Klang begraben, und dann war er so gut wie vergessen. Die Stadt Lüneburg war nun ohne Bürgermeister und Rat, und ein schlichter Handwerksmeister regierte sie. Aber in der Lösung der Aufgabe, die ihm das Schicksal in die Hände gelegt hatte, bewährte sich der ganze Mann, und jetzt zeigte es sich, wie wahr des Volkes Stimme gesprochen hatte, die schon lange den Böttchermeister in der Roten-Hahn-Straße als denjenigen Bürger der Stadt bezeichnete, auf dem für die Zeiten der Not ihr Vertrauen und ihre Hoffnung stand. Der treuherzige, biedere Mann mit seinen einfachen Sitten und seinem geraden, ungeschminkten Wesen, der seit den Wanderjahren seiner Jugend aus seiner Vaterstadt nicht herausgekommen war, der in dem beschränkten Kreise seines Hauses und seiner Werkstatt gelebt und hier Ehre, Zucht und Frömmigkeit in seiner Familie, und Fleiß und Redlichkeit bei seiner Arbeit gepflegt und geübt, der nichts gelernt hatte als sein Böttcherhandwerk, dem Lesen und Schreiben zwar nicht fremd, aber auch nicht sehr geläufig waren, der endlich als Amtsmeister seiner Gilde mit Gerechtigkeit und Strenge auf Handwerks Gebrauch und Gewohnheit hielt und mit unbeugsamer Zähigkeit am alten Herkommen hing, der entfaltete jetzt auf dem Platze, auf den ihn der heutige Tag gestellt hatte, eine Umsicht, Kraft und Tüchtigkeit, die über alle Erwartung seiner vertrauenden Mitbürger ging, so daß nicht nur seine nächsten Angehörigen, sondern alle seine Werkbrüder in der Gilde, ja alle Handwerker in der Stadt mit Stolz auf ihn blickten, als auf einen der Ihrigen, dessen Ehre ihre Ehre war, dessen festem Willen sie sich fügten. Ob das Gotthard Henneberg wußte oder nicht – er handelte so, als wenn er es gewußt hätte und als wenn es gar nicht anders sein könnte. Er schwankte nicht, und fragte nicht einmal, was er tun und was er lassen sollte. Als er auf offenem, waffenstarrendem Markte, mitten unter den kampfbereiten Gilden von der versammelten Bürgerschaft zum alleinigen Lenker der Stadt ausgerufen war und er die Amtsmeister ihm aufs Rathaus zu folgen hieß, tat er dies keineswegs, um mit ihnen zu ratschlagen, sondern er ließ sich von ihnen in ihrem eigenen und im Namen ihrer sämtlichen Werkbrüder in den Gilden noch einmal feierlich mit Wort und Handschlag unbedingten Gehorsam geloben, bis wieder ein vollmächtiger Rat eingesetzt sei. Mit aufrichtigem Herzen versicherten ihm alle Meister ihre unverbrüchliche Treue, und darauf gab er kurz und bestimmt seine Weisungen zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit in der Stadt. Der Wachdienst an den Toren wurde unter den Gilden verteilt und geregelt; im Rathause sollte statt der Söldner vorläufig stets ein Handwerksmeister mit einem Dutzend zuverlässiger Gesellen in Wehr und Waffen anwesend sein; ebenso sollten während der Nacht in sechs Gildehäusern mit abwechselnder Reihenfolge eine Handwerkerwache bleiben und endlich sollten die Gefangenen in den Türmen je einem Meister mit drei Knechten bei täglicher Ablösung anvertraut werden. Nachdem dies alles geordnet und festgesetzt war, bestellte Meister Gotthard für den nächsten Morgen den Stadtschreiber des alten Rates, Magister Nikolaus Stoketo, der mit den Briefen, Siegeln und Handfesten der Stadt genau Bescheid wußte, zu einer bestimmten Stunde zu sich auf das Rathaus und entließ die Amtsmeister mit Dank und freundlichem Gruß, um sich nach Hause zu begeben, denn auch er, der kraftvolle, arbeitsgewohnte Mann, bedurfte nach den Anstrengungen und Aufregungen der letzten Tage der Ruhe und der Sammlung. Die Amtsmeister aber ließen es sich nicht nehmen, ihren Genossen, den sie willig und neidlos als den Ersten unter sich, sie alle an Einsicht, Entschlossenheit und Tatkraft weit überragend, anerkannten, samt und sonders nach seiner Wohnung zu geleiten. Gotthard Henneberg suchte diese Ehre abzulehnen, mußte sie aber doch annehmen und tat es in dem bescheidenen Sinne, daß sie nicht ihm, sondern der Stellung gelte, die er übernommen hatte und der er vielleicht noch mehr Pflichten schuldete, als sie ihm Rechte verlieh. So brachten ihn denn die fünfunddreißig Meister über den immer noch belebten Markt und durch die von den Menschen durchwogten Straßen bis vor sein Haus. Überall ward er höflich gegrüßt und mit manchem freudigen Zuruf empfangen. Als sie auf dem Markt am Brunnen mit der ewig lächelnden Luna vorüberkamen, ließ das Glockenspiel auf dem Rathausturm seine Melodie ertönen: Da pacem Domine in diebus nostris! Meister Gotthard wandte sich zu seinen Begleitern um, wies zum Turm hinauf und sprach mit einem milden Ernst: »Brüder, das walte Gott! Laßt es uns zum guten Zeichen nehmen, und jeder tue das Seinige, auf daß wir unser Handwerk in Frieden treiben können.« Vor seinem Hause angekommen, dankte er den Brüdern mit herzlichen Worten; aber Hans Laffert, Schnewerding und Schuttenhelm traten mit ihm ein und übergaben ihn seiner Johanna, die von den Söhnen schon alles erfahren hatte und ihren zu hoher Ehre gelangten Sülfmeister mit überquellender Freude in die Arme schloß. Siebzehntes Kapitel Zu Hause war Gotthard Henneberg völlig unverändert, als wäre nichts geschehen, was sein und der Seinigen tägliches Leben irgendwie aus dem altgewohnten Geleise bringen könnte. Wenn die Ereignisse der letzten Tage besprochen und einzelne Vorfälle daraus erzählt wurden, so hörte der Meister ruhig zu, flocht ein paar gleichmütige Bemerkungen ein, sagte aber nichts von seinen nächsten Absichten und Plänen und verriet überhaupt mit keinem Wort, daß der rasche Umschwung der Dinge ihn näher anging als jeden anderen Bürger der Stadt. Ilsabe schaute ihren Vater an, als müßte ihr die Krone auf seinem Haupte endlich sichtbar werden, die ihm, dem Retter und Lenker der Stadt, ihrer Meinung nach mit Fug und Recht gebührte, und unwillkürlich zog sich eine leise Schranke zwischen dem Meister und seiner Familie. Nicht die Herzlichkeit der Gefühle erlitt durch seine gebietende Stellung eine Einbuße, aber die im Goldenen Ei sonst waltende frohe Vertraulichkeit wagte sich nicht mehr so unbefangen gegen ihn hervor. Seinen lieben Hausgenossen war es, als säße da in der Kleidung eines Böttchermeisters ein Reichsgraf oder mindestens ein worthabender Bürgermeister mit ihnen zu Tisch, mit dem man anders umgehen, anders sprechen, dem man anders aufwarten und dienen müßte als dem Gatten und Vater, der ihnen bisher so nahegestanden hatte wie kein anderer Mensch in der Welt, und der nun mit einem Male ein Herr über Leben und Tod geworden war. Meister Gotthard bemerkte davon nichts oder wollte nichts davon bemerken und behandelte die Seinigen mit der alten Liebe, soviel seine Zeit und seine Stimmung jetzt zuließen, sich mit ihnen zu beschäftigen, denn er hatte den Kopf voll ernster Gedanken. Gegen Abend desselben Tages, an dem der Aufstand begonnen und beendet war, trieb es ihn zu seinem Freunde Heinrich Viskule, und er sagte zu seinem ältesten Sohne: »Arnold, ich werde in den nächsten Tagen öfter außer dem Hause sein müssen und werde bei der Arbeit nicht viel schaffen können; derweilen kannst du hier den Meisterknecht machen, und Gilbrecht sei dein zweiter Geselle. Ich werde das dem Amte gegenüber zu verantworten wissen, und kein Wardierer soll mich darum schelten.« »Werd's besorgen, Vater!« sprach Arnold vergnügt. »Es soll an nichts fehlen hier, und Gilbrecht wird froh sein, daß er helfen darf.« Heinrich Viskule empfing seinen Freund aufs herzlichste und mit einer gewissen Feierlichkeit. »Gotthard«, sprach er, des Böttchers Hand in seinen beiden haltend, »im Namen von ganz Lüneburg möcht' ich dir danken, daß du uns von der Schmach und Schande erlöst und das Bubenregiment mit einem Schlage weggefegt hast. Du hast unserer Stadt ihre Ehre gerettet und hast auch uns Eingesperrte befreit, alles du und immer du!« »Ich wollte nur, wir hätten es ein paar Wochen früher getan«, versetzte der Meister. »Wer weiß, ob es dann so gut geglückt wäre«, sagte der Ratsherr. »Wie nenn' ich dich denn nun in deiner Macht und Würde?« fragte er lächelnd. »Wie du mich dein Leben lang genannt hast«, erwiderte der Meister, »die Würde soll mich hoffentlich nicht lange drücken. Ich denke euch sobald wie möglich in alle eure Ehren und Würden wieder einzusetzen auf dem Rathause.« »Das kannst du allein nicht ins Werk richten«, sprach Viskule, »das muß die gesamte Mannheit gemeiner Bürgerschaft tun, mußt uns bitten und gute Worte geben. Oder der Herzog muß kommen und uns die Stühle wieder zurechtrücken.« »Der Herzog!« lachte Gotthard. »Warum nicht gar der Kaiser?« »Wäre auch nicht zuviel«, sagte Viskule. »Ich werde es mit den anderen bereden, glaube aber nicht, daß sie alle im Eide bleiben wollen. Erst mit Undank, Unrecht und Gewalt vom Stuhle gestoßen und eingesperrt und dann wieder zu Gnaden angenommen, um das gescheiterte und geplünderte Schiff wieder flott zu machen – wer soll dazu Lust haben?« »So ist's nicht gemeint«, sprach Meister Gotthard. »Ihr sollt das Schiff genau wieder so haben mit seiner vollen Ladung von Gütern und Schulden, wie ihr es verlassen habt. So lange bleib' ich hier, bis ich euch das Regiment der Stadt übergeben kann, ungeschwächt und ungekränkt an Ehre und Rechten, an Briefen und Besitz wie ehedem.« Da sprang der Ratsherr in freudiger Bewegung auf. »Gotthard, das willst du? Das glaubst du zu schaffen?« rief er. »Oh, daran erkenne ich unseren Sülfmeister, daß er nichts halb tut von dem, was er auf sich nimmt! Und wenn wir Geschlechter dir helfen können, so sag es nur; es soll dir keiner seine Tür verschließen, wenn du anklopfst!« »Wollen sehen, wie die Wirtschaft da oben steht«, entgegnete der Meister, »ich fürchte, ich finde starken Mausefraß an den Pergamenten, und der Säckel wird auch wohl einige Löcher gekriegt haben, die wir zustopfen müssen. Gehab dich wohl! Ich komme einmal wieder und sage dir Bescheid.« Am anderen Morgen war Meister Gotthard wieder früh in der Werkstatt und übte sein Handwerk nach wie vor. Vor der festgesetzten Stunde aber, zu der er den Stadtschreiber auf das Rathaus bestellt hatte, wollte er Rokswale besuchen und machte sich bald auf den Weg. Schon in der Haustür kehrte er noch einmal um und sagte: »Arnold, heute zum Abendbrot bringe uns deine Ursula her.« Arnold nickte ein freudiges Ja. Der Meister ging zu Rokswales stattlichem Hause an der Münze, das sich durch über der Tür und zwischen den Simsen angebrachte tönerne Hopfenranken mit den regelmäßig und zierlich gelappten und gezackten Blättern und den rundlichen Fruchtkapseln schon äußerlich als Brauhaus kennzeichnete. In der sehr geräumigen Diele, wo unter der in halber Höhe laufenden durchbrochenen und geschnitzten Galerie Braupfannen und große Maischbottiche standen, deren neuester aus der Werkstatt Gotthard Hennebergs stammte, traf er den Brauer. »Nun? Du kommst wohl, um zu sehen, ob dein Gefangener auch fein zu Hause ist, Herr Stadtvogt?« fragte Rokswale nicht eben freundlich, als der Böttcher eintrat. »Darum komme ich nicht, Rokswale!« erwiderte Meister Gotthard ernst. »Ich komme, um meinen Frieden mit dir zu machen, wenn du willst. Siehst doch wohl ein, daß ich nicht anders konnte; ihr seid nicht so glimpflich mit den Ratsherren verfahren, habt sie in die Türme geworfen, und –« Und verhungern lassen, wollte er sagen, verschluckte das Wort aber. »Meine Schuld ist es nicht, Henneberg! Das weißt du wohl«, entgegnete der Brauer, indem er den unverhofften Besuch in die Wohnstube führte. »Sei mir willkommen zum guten Frieden, hier ist meine Hand! Laß vergessen sein, was zwischen uns lag!« »So soll es sein!« sagte Gotthard und schlug ein. »Dein Einlager wird nicht lange dauern, und die Schöffen werden über euch Amtsmeister den Stab nicht brechen, denn es ist bekannt genug, daß ihr an dem Schandregiment wenig mehr Anteil gehabt habt, als der leere Krug da auf deinem Tisch.« »Soll ich ihn füllen, Henneberg? Von meinem besten Bräu?« fragte Rokswale schnell statt einer Antwort auf die beschämende Bemerkung seines Gastes, daß er und seine Genossen nur Nullen im Rate gewesen waren. »Nein, nein! Danke!« lachte Meister Gotthard. »Eine Anspielung sollte das nicht sein.« So kamen die beiden ehemaligen Gegner über die Peinlichkeit ihres ersten Zusammentreffens hinweg und waren bald in ein ernsthaftes Gespräch vertieft. Rokswale forschte nach den Maßregeln, mit denen Henneberg sein eigenmächtiges, unbeschränktes Regiment zu führen gedächte, und erhielt darauf zur Antwort, daß er von seinen Mitbürgern zum höchsten Vertrauen Berufene es als seine erste Pflicht erachte, durch alles einen dicken Strich zu machen, was der Rat unter Dalenborg getan und beschlossen, verfügt, verhandelt, bewilligt und genehmigt hatte, gleichwie, als wenn es gar nicht geschehen wäre und jener unrechtmäßige Rat niemals auch nur eine Stunde lang in Lüneburg bestanden hätte. »Willst du etwa auch die neuen Rollen den Ämtern wieder nehmen, die solche kürzlich vom Rate erhalten haben?« fragte Rokswale unwillig und besorgt. »Von Wort zu Wort, das versteht sich!« sprach Gotthard Henneberg. »Das wird böses Blut geben«, sagte Rokswale, »und du wirst dir Feinde machen.« »Daran hat es mir selten gefehlt«, erwiderte Gotthard, »und ich habe nie danach gefragt, tue es auch heute nicht. Ich habe mir gelobt, dem künftigen Rat alles wieder in dem Zustande zu übergeben, in dem ihr es gefunden habt, als ihr euch mit Dalenborg und Sengstake auf die Stühle der Vertriebenen niedersetztet.« Vergeblich bemühte sich Rokswale, Gotthard Henneberg zur klugen Wahrnehmung der glücklichen, so nie wiederkehrenden Gelegenheit, dem Handwerk Förderung und Vorteile zu verschaffen, zu bereden. Er fand an der Festigkeit des Sülfmeisters einen unbezwinglichen Widerstand und machte ihm nun andere Vorschläge zugunsten gemeiner Bürgerschaft und gegen den Stadtadel. Er verlangte, Gotthard Henneberg solle nicht zugeben, daß der neue Rat wieder aus lauter Geschlechterherren bestünde und sich selber ergänzte, sondern er solle aus der freien Wahl der gesamten Bürgerschaft hervorgehen, damit endlich auch Handwerksmeister mit im Eide säßen. Auch dies lehnte Meister Gotthard ab und entschied kurz und bündig: »Es bleibt alles bei dem Gewohnheiten, die wir von alters her haben.« Und so geschah es. Als der Stadtschreiber Nikolaus Stoketo auf das Rathaus kam, mußte er nach den Angaben Gotthard Hennebergs ein Schriftstück aufsetzen, in welchem alle Verordnungen und Verhandlungen jenes Zwischenregiments unter Dalenborg, welcher Art und welchen Inhalts sie auch seien, für gänzlich null und nichtig und jeglicher Folgen und Verbindlichkeiten quitt, los und ledig erklärt wurden. Meister Gotthard ließ ein paar Mönche aus dem Marienkloster holen, die diesen seinen ersten Erlaß, mit des Sülfmeisters schwerfälligen Namenszug unterzeichnet, mehrmals abschreiben mußten. Dann ward er an das solchem Zweck dienende Brett am Rathaus und an alle Kirchtüren auf derselben Stelle angeschlagen, auf der in noch unvergessenen Tagen die Bulle des Papstes gesessen hatte. Auch die Ämter erhielten gleichlautende Schreiben, in denen alle Zugeständnisse Dalenborgs oder Schuppers ausdrücklich zurückgenommen wurden. Ein gleiches geschah den Kirchen und Klöstern der Stadt wegen ihrer erschlichenen Befreiungen von Schoß, Gülten und Beden. Der Ausschuß der Sechziger ward aufgelöst. Endlich mußte der Magister einen Brief an den Herzog Friedrich in Celle schreiben, worin dieser von dem Wandel der Dinge in Lüneburg gebührendermaßen in Kenntnis gesetzt und bedeutet wurde, daß von einer Abtretung des Blutbannes an den Herzog nun und nimmer die Rede sein könne, unter keiner Bedingung, und daß die darüber gepflogenen Verhandlungen völlig wertlos wären und seitens der Stadt als niemals angeknüpft betrachtet würden; die letztere wäre durchaus nicht gewillt, sich eines einzigen ihrer verbrieften Rechte und Privilegien zu begeben, bestünde vielmehr mit allem Ernst auf ihren althergebrachten Freiheiten, Ehren und Gerechtsamen, ohne Verfängnis von des gnädigsten Landesfürsten Amt und Lehen und des Reiches Gesetz, Gewalt und Herrlichkeit. Auch diesen Brief mit angehängtem Stadtsekret unterschrieb der entschlossene Mann stolz und fest:   In Vollmacht gemeiner Bürgerschaft der Stadt Lüneburg Gotthard Henneberg, Böttchermeister.         Ein reitender Diener trabte mit dem Schreiben zum Tor hinaus, um es dem Herzog zu überbringen. Um den immer noch nicht beendigten Zwist der Stadt mit den sülzbegüterten Prälaten kümmerte sich Meister Gotthard nicht, sondern wollte dessen Austrag dem künftigen Rat überlassen. Dieser würde, so rechnete er, in seiner neuen Zusammensetzung zum Teil aus Männern bestehen, die durch keinen früheren Beschluß gebunden und in den Streit nicht so hartnäckig verbissen wären wie der gesamte alte Rat, so daß sich nun schon eher ein friedlicher Ausgleich mit den Gegnern anbahnen ließe. Das Abkommen Dalenborgs und Schuppers mit dem Legaten war durch deren Beseitigung natürlich hinfällig geworden. Der Meister hatte auch anderes, Dringenderes zu tun, was seine Zeit noch für eine Reihe von Tagen in Anspruch nahm. Zunächst dachte er daran, den Familien Springintgut und Töbing für das ihnen an Geld und Kostbarkeiten Geraubte gebührlichen Abtrag zu tun und wollte ihnen alles zurückerstatten, was ihm Ludolf Töbing und ein Bruder des Bürgermeisters, der Bardowieker Domherr Sander Springintgut, nach den Angaben der Witwe als weggenommen bezeichneten. Er ließ die Wohnungen Dalenborgs, Schuppers und Sengstakes durchsuchen und alle dort vorhandenen Gelder und Wertsachen einziehen; aber die kostbarsten Stücke des reichen Springintgutschen Silbergerätes waren weder auf dem Rathause noch sonstwo zu finden. Überhaupt machte die Ermittlung, um wieviel jene drei gewissenlosen Menschen die Stadt betrogen und bestohlen hatten, große Schwierigkeiten, und der Magister Stoketo hatte viel Mühe mit der nur ungefähren Feststellung der Verluste. Inzwischen hatte sich Marquard Mildehövet erboten, der sterblichen Hülle des Bürgermeisters Springintgut eine würdige Bestattung zu bereiten. Das Begräbnis war überaus großartig und feierlich. Unter Teilnahme eines endlos langen Trauergefolges der Stadtgeschlechter und sämtlicher Gilden und Brüderschaften mit brennenden Lichtern, unter Glockengeläut und Mönchsgesang wurde der Leichnam in einer Kapelle der die Siegeszeichen der Ursulanacht bewahrenden Sankt-Johannes-Kirche beigesetzt, und Marquard Mildehövet übernahm es, zu ihren vierzig Nebenaltären mit einhundertundsechzig Stiftungen noch einen, mit dem Bildnis des Verewigten geschmückten über dessen Grab erbauen zu lassen und ihm ein Seelgerät zu erwirken, wonach Gott zu Lobe, den nachgelassenen Freunden zu Ehren und dem gemeinen Volk zum ewigen Gedächtnis täglich eine Messe für die Ruhe der ohne Sakramente dahingegangenen tristen Seele gelesen werden sollte. Der Turm aber, in dem der Bürgermeister gestorben war, erhielt im Volke den Namen »der Springintgut«. Nach den Exequien begab sich Meister Gotthard wieder auf das Rathaus, und hier sollte ihm nun eine ihn hocherfreuende Genugtuung zuteil werden. Zwölf Bürger der Stadt – die drei Ratsherren Viskule, Töbing und Mildehövet, drei andere Geschlechterherren aus der Sankt-Theodori-Gilde der Sülfmeister und sechs Amtsmeister, die außer Hans Laffert und Schnewerding den vormals aufständischen Gilden zugehörten – kamen zu Gotthard Henneberg, um ihm namens der Stadt ihre Befriedigung und ihren Dank für die weise, gerechte und tatkräftige Führung seines Regimentes auszusprechen, ihn noch einmal des allseitigen Vertrauens der ganzen Bürgerschaft zu versichern und ihn zu bitten, noch eine Weile darin auszuharren. Heinrich Viskule teilte dem Freunde mit, daß unter den früheren Ratsherren bereits Verhandlungen über eine Neubesetzung des Ratsstuhles stattfänden und die Stadt in geringer Frist wieder Bürgermeister und Rat haben könnte. Gotthard Henneberg fand sowohl Maß und Richtschnur wie Beruhigung und Lohn für sein Handeln in seinem eigenen Gewissen. Dennoch machte ihm die ehrenvolle Anerkennung seitens seiner Mitbürger die innigste Freude. Rokswale hatte also nicht recht behalten; Gotthards Verordnungen hatten nicht böses Blut erzeugt, und die Ämter, denen er die von Dalenborg bewilligten Vorrechte genommen hatte, erkannten seine Gerechtigkeit, die nicht zuließ, daß eine Gilde gegen die andere bevorzugt würde. Eine fast größere Überraschung bereitete dem Meister der folgende Tag. Er saß einsam und allein im Sitzungssaal des Rathauses und dachte über die Obliegenheiten seiner Verwaltung nach, als jemand durch die nur wenig geöffnete Tür den Kopf hereinsteckte und eine den Meister bekannt dünkende Stimme schüchtern fragte: »Ist es erlaubt, Herr Bürgermeister?« »Hier ist kein Bürgermeister«, antwortete Gotthard, »aber nur näher, wenn's beliebt!« Der Fremde kam herein, ging mit zögernden Schritten auf den Meister zu und legte mit einer tiefen, etwas linkischen Verbeugung ein ziemlich umfangreiches Bündel vor jenen auf den Tisch. Dann trat er ein wenig zurück und schaute den Meister mit einem prüfenden Blick schweigend an. Gotthard Henneberg mußte sich besinnen, wo er dieses kecke und schlaue Gesicht schon gesehen hatte. Plötzlich dämmerte es ihm auf, und er rief lachend aus: »Sieh da! Der Herr Schusterknecht aus Darmstadt!« »Zu Gunst und Gnaden, ja!« sprach Timmo, indem er sich mit schon größerer Sicherheit noch einmal verneigte. »Dir muß es gut gefallen in Lüneburg, daß du wieder herkommst, wo deiner doch kein erfreulicher Habedank wartet«, sagte der Meister. »Gut gefallen hat mir's freilich hier«, erwiderte Timmo; »aber wer weiß, ob ich wiedergekommen wäre – wenn – wenn das da nicht gewesen wäre.« Und er wies nach dem Bündel auf dem Tisch. »Was hast du denn da?« fragte Gotthard. »Gestohlen Gut, Herr Sülfmeister«, gab Timmo zur Antwort. »Gestohlen Gut? Mensch! Und das bringst du mir?« fuhr der Meister heraus. »Ja, ich hab' es nicht gestohlen, Meister«, sagte Timmo ganz vergnügt, »es ist das Bündel vom seligen Sengstake, das er mitgenommen hatte, als ich mit ihm – als ich ihn ein Stückchen begleiten wollte; Euer Sohn Gilbrecht hat es Euch vielleicht erzählt.« Schnell öffnete Meister Gotthard das Bündel. Da blitzten ihm Gold- und Silbergefäße entgegen; es waren die schönsten Stücke aus dem Springintgutschen Familienschatz. Gotthard Henneberg blickte den Schuster freundlich verwundert an. »Zum Dieb wollt' ich nicht werden, Meister«, sprach Timmo; »drum bring' ich's Euch wieder. Es blieb im Boot liegen, als Herr Sengstake über Bord fiel und versoff. Es gehört gewiß zu eines hochedlen Rates Silberzeug.« »Schusterknecht, bist ein ehrlicher Kerl!« sagte der Meister Gotthard. »Geh zu deinem Meister Daniel Spörken, und frag ihn, ob er dich wieder herbergen und hausen will; mußt ihm aber sehr gute Worte darum geben.« »Das will ich tun, Herr Sülfmeister!« sprach Timmo und drehte seinen Filz in den Händen, ohne sich vom Fleck zu rühren. »Nun?« fragte Gotthard. »Warum gehst du nicht?« »Herr Sülfmeister – ich bringe noch was«, erwiderte Timmo. »So? Noch was? Dann nur her damit!« »Herr Sülfmeister, es ist eine wichtige, eine sehr wichtige Nachricht für die Stadt, aber ich sage sie Euch nur, wenn Ihr mir volle Straffreiheit gelobt«, sprach Timmo unverfroren. »Straffreiheit? Wofür?« fragte der Meister. »Für – weil ich – weil ich Herrn Sengstake rudern geholfen habe.« »Ja so!« lachte Meister Gotthard. »Höre Schuster – wie nennst du dich doch gleich?« »Timmo, Timmo Schneck aus Darmstadt!« antwortete der Schalk mit einem Kratzfuß. »Höre, Timmo Schneck aus Darmstadt«, sagt der Meister, »verhandeln lasse ich nicht mit mir, und versprechen tue ich auch nichts; aber ich habe dich schon einmal durchschlupfen lassen, als du die Handwerksknechte auf grüne Heide gelockt hattest –« »Daran war Sengstake schuld«, unterbrach ihn Timmo schnell. »Schon gute!« lächelte der Meister. »Ich will dir etwas sagen, Timmo Schneck: Wenn deine Nachricht soviel wert ist, wie du meinst, so will ich sehen, was ich mit meiner Fürsprache für dich tun kann. Also?« »Der Herzog kommt nach Lüneburg!« spielte nun Timmo seinen Trumpf großartig aus, indem er sich in die Brust warf und den Meister siegesstolz anblickte. »Der Herzog kommt nach Lüneburg«, wiederholte der Meister ruhig und bedächtig. »Woher weißt du das?« »Ich habe es gestern auf der Hasenburg gehört; es ist ganz sicher.« »Die Ilmenau hinabgefahren und nach der Hasenburg gekommen?« fragte Meister Gotthard ungläubig. »Meister«, sprach Timmo, »ich bin die ganze Woche um die Stadt herumgeschlichen wie die Katze um den heißen Brei, um auszukundschaften ob ich mich hereinwagen dürfte. Da habe ich in dieser letzten Nacht auf der Hasenburg geschlafen und dort erfahren, daß der Herzog sich beim Ritter hat ansagen lassen auf seinem Zuge gegen Lüneburg.« »Natürlich! Wer als Feind gegen uns heranzieht, den herbergt der Ritter von Boltessen auf der Hasenburg. Mit wieviel reisig Volk kommt der Herzog?« »Das weiß ich nicht«, erwiderte Timmo; »morgen abend will er auf der Burg eintreffen.« »Timmo Schneck, deine Nachricht ist gut«, sprach der Meister, »ich danke dir! Jetzt geh, und laß mich allein.« Timmo ging, ging nach der Löwengrube auf der Techt. »Gott ehr' ein ehrbar Handwerk! Guten Tag, Meister und Frau Meisterin! Da bin ich wieder!« rief er fröhlich und verwegen, als er in die Stube trat. Wie eine Erscheinung glotzten ihn die drei dort an. Gesche fand zuerst die Sprache wieder. »Herr meines Lebens! Wo kommst denn du her?« fragte sie. »Wo ich herkomme?« sprach Timmo. »Ja, seht mich nur an, Meisterin! Wie ich hier vor Euch stehe, so habe ich die Stadt Lüneburg vor einem grausamen, feindlichen Überfall, einem fürchterlichen Blutbad gerettet! Der Herr Sülfmeister läßt Euch einen freundlichen Gruß sagen, Meister! Und Ihr solltet mich fortan ganz besonders gut halten und hegen; ich hätte es wacker verdient um die Stadt. Er wollte mich durchaus selbst herbringen, aber das habe ich nicht gelitten. Er wird aber jedenfalls heute oder morgen herkommen und mich besuchen und fragen, wie es mir hier geht.« »Daniel!« sagte Gesche. »Gesche!« sagte Daniel. »Hans!« sagte Timmo. »Einen Schluck Wasser! Ich habe einen elenden Durst!« »Warte, Hans!« rief die Meisterin. »Hier! Eimbecker von der Hombrokschen!« Und drückte dem Jungen Geld in die Hand. Hans schnitt ein Gesicht, wie es auch seine besten Freunde unter den Lüneburger Schusterjungen noch nicht von ihm gesehen hatten, und sprang mit der Zinnkanne davon. »Wo hast du denn die Zeit über gesteckt?« fragte Gesche. »– Wollt ihr's auch keinem Menschen weitersagen? – Ich war in geheimer Sendung des Herren Sülfmeisters auf Kundschaft gegen den Herzog«, sprach Timmo in einem Befehlshaberton. »Und hast die Stadt gerettet?« fragte Daniel höchst erstaunt. »Hab' ich! Könnt ruhig schlafen! Auf meine Verantwortung!« »Gott im Himmel!« rief Daniel. »Was bist du für ein Mensch! Timmo, was bist du für ein Mensch! – Gib ihm die Hand, Gesche! Gib unserem Timmo die Hand, sag' ich!« Daniel schüttelte ihm die rechte und Gesche die linke Hand, und Timmo schüttelte wieder, stand mitten zwischen beiden und sah bald die eine, bald den anderen mit einem Adlerblick an. Die drei waren wieder ein Herz und eine Seele. Achtzehntes Kapitel Des Sülfmeisters Brief hatte gewirkt, der Herzog war im Anzuge. Daß Herr Friedrich indessen in der kurzen Zeit genügende Streitkräfte sollte aufgeboten haben können, um die volkreiche, wehrhafte, mit Türmen, Wällen und Gräben wohlgeschirmte Stadt zu bezwingen und zu demütigen, lag fast außerhalb des Bereiches der Möglichkeit. Er kam also wohl nur zu friedlicher Verhandlung, wenn er auch seinen Forderungen gewiß soviel Strenge und Nachdruck geben würde, wie seine geringe Macht ihm irgend erlaubte, und seine hauptsächlichste Forderung würde ohne Zweifel die sein, daß er von der Stadt die Abtretung des Rechtes über Hals und Hand an ihn verlangte. So sagte sich Gotthard Henneberg, wollte jedoch für alle Fälle gesichert und vorbereitet sein und sich von nichts überraschen lassen. Danach traf er seine Anstalten. Er berief sämtliche Amtsmeister und die Vorsteher der Sülfmeistergilde auf das Rathaus, machte ihnen von dem zu erwartenden Besuch des Herzogs Mitteilung und wies sie an, sich mit ihren Kumpanen zu seinem würdigen Empfang oder aber zu seiner kräftigen Abwehr und Verteidigung der Stadt bereitzuhalten; jedenfalls wünschte er bei der Verhandlung mit ihm die Gegenwart der Amtsmeister; die fünf eingelagerten sollte je ein Altermann vertreten. Die Wache am Sülztor wurde verstärkt und ihr sowohl wie allen übrigen eine doppelte Aufmerksamkeit eingeschärft. Der Türmer auf Sankt Johannis erhielt Befehl, vom Nahen des Herzogs sofort Meldung zu erstatten. Dann ging Meister Gotthard zu Heinrich Viskule, teilte auch ihm die Neuigkeit mit und fragte ihn, ob sich der Rat nicht bis übermorgen vollzählig machen könnte, um seiner Einsetzung durch die Gegenwart und Mitwirkung des Herzogs eine größere Feierlichkeit zu geben. »Gewiß!« erwiderte Heinrich Viskule. »Wir sind fertig und bereit. Wenn der Herzog naht, laß nur die Ratsglocke läuten; dann wollen wir uns zu seinem Empfang in der großen Audienz versammeln. Die Verhandlung mit ihm führst im Namen der Stadt du, und das Ende davon muß sein, daß er selber den Rat in Würden und Ehren wieder einsetzt.« Damit war Meister Gotthard einverstanden; aber auf seiner Stirn lagerten Wolken, sein Gemüt war von Sorgen bedrückt. Gegen Abend begab er sich zum Stadtschultheißen, Herrn Georgius von Elebek, um ihn zur baldigen Abhaltung des Gerichts zu veranlassen, und wählte mit ihm neun schöffenbar freie Männer, die das Urteil finden sollten. Mit der sofortigen Erhebung der peinlichen Klage wider die Gefangenen hatte Gotthard Henneberg seine besondere Absicht. Er wollte es dem Herzog gegenüber nicht bloß mit Worten behaupten, sondern ihm auch gleich durch die Tat beweisen, daß die Stadt Lüneburg das Richten über das Blut als ihr unveräußerliches Recht festhalte und nach wie vor ausübe, selbst unter seinen sehenden Augen, wenn er es nicht vorzöge, die Stadt sehr bald wieder zu verlassen, was Meister Gotthard damit gleichfalls zu erreichen hoffte. Von des Schultheißen Wohnung ging er nicht nach Hause, sondern zum Altenbrücker Tor und machte einen einsamen Gang in die Heide. Als ihn Meister und Gesellen, die die Wache am Tor hatten, kommen sahen und ihm öffneten, erwiesen sie ihm besondere Ehre, wie solche ihrer guten Meinung nach dem Gebieter der Stadt zukam, und als sie ihm nachschauten, wie seine hohe Gestalt mit gesenktem Haupt langsam über die Brücke wandelte, sprach ein Färberknecht: »Der Besuch des Herzogs scheint dem Sülfmeister schwer wie Heidenebel auf der Brust zu liegen.« »Wundert dich das noch?« fragte ein zweiter. »Auf seinen Schultern ruht jetzt das ganze Regiment.« »Ich wollte, er behielte es auch«, sprach der Färbermeister, »dann brauchten wir keinen Rat, denn der Sülfmeister regiert selber wie ein Herzog.« »Streng und gerecht, das laß ich mir gefallen!« sagte wieder ein Geselle, und die anderen stimmten ihm zu. An den Herzog dachte Meister Gotthard nicht; ihm lag anderes im Sinn. Der Gang zum Schultheißen hatte es ihm angetan, und ihn kümmerte, nicht was er diesem gesagt, sondern was er ihm noch verschwiegen hatte. Der nächste Tag verging ohne Zwischenfall. Der Meister teilte Arnold mit, daß er nächstens eine hohe Morgensprache in der Böttchergilde halten wolle, um sowohl für Arnold das Amt zu eschen, als auch Dippold wieder in die Gilde aufzunehmen. Arnold sollte sich also darauf gefaßt machen, bald sein Meisterstück in Angriff nehmen zu können und seiner Ursula den Brautschleier zu bestellen. Auch seinem Morgensprachsherrn Heinrich Viskule kündigte er diese Absicht an. Der aber lächelte geheimnisvoll und sagte: »Die Böttcher werden wohl bald einen anderen Morgensprachsherrn bekommen; ich trete von dieser Ehre zurück.« Meister Gotthard bedauerte das, ohne den verborgenen Sinn der Worte zu verstehen. Gilbrecht hatte die Äußerung des Vaters zu Arnold mit angehört und gönnte dem Bruder sein nahes Glück ebenso aufrichtig, wie er sich über die herzliche Aufnahme Ursulas in die Familie gefreut hatte. Ihm selber gestaltete sich die Zukunft dadurch deutlicher. Wenn Arnold Meister wurde, so konnte Gilbrecht bei seinem Vater als Knecht in Lohn und Brot treten, konnte seine Mutzeit abdienen, dann auch das Amt eschen, und dann, dann endlich Hildegund die große Frage seines Lebens vorlegen, ob sie sein Weib, ob sie die Frau eines ehrbaren Böttchermeisters werden wolle. Ach, wie bangte ihm heute schon vor dem Augenblick, wo er der reichen Viskulentochter mit dieser Frage kommen wollte. Das Herzenseinverständnis der beiden blühte im geheimen fort, ohne daß es jemals zu einer Aussprache oder zu einer Erwähnung jener köstlichen Morgenstunden in der Heide unter ihnen kam. Sie waren glücklich, wenn sie sich sahen, aber Hildegund wartete vergeblich auf ein entscheidendes Wort aus dem Munde des Geliebten. Selbst als sie einmal in überströmendem Gefühl unter vier Augen die Arme um ihn schlang und ihn küßte, drückte er sie an seine Brust, küßte sie heiß und innig wieder, sprach aber kein Wort als: »O Hildegund! O liebe, liebe Hildegund!« Und ehe sie etwas sagen konnte, kam Balduin dazu und scheuchte, ohne es zu wollen, die Liebenden auseinander. Frau Johanna hatte in dieser ganzen Zeit nur Augen für ihren Mann. Wenn er vom Rathaus heimkam, so suchte sie in seinem Angesicht zu lesen, wie er mit seinem Tagewerk zufrieden war. Sie hätte ihm so gern mit ihren fleißigen Händen die Wege geebnet, denn sie war jetzt seine treue Beraterin, gegen die er sich, das Herz erleichternd und befreiend, über alles aussprach, was ihn erfüllte und bedrückte, wobei er stets einen klugen Rat, einen liebevollen Trost und unverhohlene Billigung seiner Schritte bei ihr fand. Sie war ihm wie ein zweites Gewissen, und vor ihrem feinfühligen Urteil gerechtfertigt, schritt er erhobenen Hauptes fest und gerade die sich selbst vorgezeichnete Bahn seiner unerläßlichen Pflichten. Am Tage der erwarteten Ankunft des Herzogs begab er sich früher als sonst und im Feiertagskleide aufs Rathaus. Bald kam auch der Türmer und meldete ihm das Nahen des fürstliches Zuges. »Wieviel sind es ihrer?« fragte der Meister. »Bei dreißig Pferde stark«, lautete die Antwort. »Dreißig Pferde!« wiederholte Meister Gotthard. »Etwas viel! Und wir müssen Reiter und Roß füttern und tränken. Sind sie schon nahe?« »Jetzt mögen sie wohl noch drei Armbrustschüsse von der Stadt entfernt sein«, meinte der Türmer, »aber sie reiten Schritt.« Sofort ließ Meister Gotthard die Ratsglocke läuten, das verabredete Zeichen, daß der Herzog nicht mit einem Heerhaufen anrückte. Zwölf Stadtherren und die Meister von drei Gilden, die Brauer, die Goldschmiede und die Knochenhauer, hatten sich am Sülztor bereits aufgestellt, empfingen den Herzog dort und geleiteten ihn in sein fürstliches Losament, das Herzogenhaus auf dem Ochsenmarkt, während die Meister der übrigen Gilden in den Straßen, durch die er mit seinem Gefolge unter dem Geläute der Glocken einritt, Spalier bildeten. Vor dem Herzogenhause warteten die Amtsmeister sämtlicher Gilden, um den hohen Herren zum Rathause zu führen, an dessen Pforte ihn Gotthard Henneberg empfangen wollte. Er hatte sich der Stadt nicht ansagen lassen, und doch mußte man, dem Empfange nach zu schließen, von seinem Kommen vorher unterrichtet gewesen sein; man paßte ihm also auf, man belauerte seine Schritte. Diese Wahrnehmung beruhte zwar auf einen Irrtum; da der Herzog jedoch nicht fragte, woher man seine bevorstehende Ankunft erfahren hätte, so blieb er in diesem Glauben, und statt sich des ehrenden Empfanges zu freuen, stimmte ihn der Verdacht, an seinem Hoflager in Celle von Spähern beobachtet zu werden, noch feindlicher gegen seine gute Stadt Lüneburg, als er ihr ohnedies schon gesinnt war. Mürrisch ritt er durch die Menge dahin, ihre Grüße kaum bemerkend, und äußerte, noch im Sattel, sehr ungnädig, daß er sich sofort mit den Machthabern der Stadt zu bereden wünsche, worauf man ihm erwiderte, es sei alles dazu bereit. Oben im Saal war der Rat, der sich in den letzten Tagen ergänzt hatte und nun seiner Wiedereinsetzung entgegensah, bereits versammelt. Außer dem verstorbenen Bürgermeister Springintgut waren auch der Zweite Bürgermeister Albrecht von der Mölen und die Ratsherren Garlop, Stöterogge und Düsterhop ausgeschieden, und an ihrer Stelle waren. Herren aus den Geschlechtern von Sankenstede, Tzarstede, von Odeme und Vintlo gewählt. In der Mitte des Saales stand ein großer Tisch, auf dem Urkunden und Pergamente mit großen, anhängenden Siegeln lagen. Innerhalb des neuen Rates hatte man gestern geschwankt, ob eine Einführung desselben durch den Herzog gerechtfertigt und klug sei, und ob man dem letzteren damit nicht das stillschweigende Zugeständnis mache, daß nur ein von ihm bestätigter Rat Kraft und Gültigkeit hätte. Diese Bedenken wurden indessen durch die Erwägung beschwichtigt, daß das feierliche Gelöbnis des Herzogs, die alten städtischen Privilegien zu achten, schirmen und schützen zu wollen, das man auf irgendeine Weise von ihm erlangen müßte, eine solche Annahme vollständig ausschlösse. Unter dieser Voraussetzung aber wäre die Einführung des Rates durch den Landesherrn das beste Mittel, die Machtvollkommenheit des ersteren öffentlich zu bekunden und besonders dem letzteren selber gegenüber ausdrücklich zu erhärten. Unter den Ratsherren waren auch heute noch einige der Meinung, daß, bei aller Anerkennung seiner Verdienste, nicht der Sülfmeister, sondern der noch zu wählende Erste Bürgermeister oder der älteste Ratsherr die Verhandlung mit dem Herzog führen müsse. Dem widersetzte sich aber Heinrich Viskule sehr entschieden, indem er hervorhob, daß bis zur Einsetzung des neuen Rates der Sülfmeister allein das Regiment habe und daher auch ihm allein die Vertretung der Stadt und gemeiner Bürgerschaft zukomme. Ludolf Töbing stimmte ihm lebhaft zu und sagte: »Der Böttcher wird das besser machen als der vornehmste Stadtherr, und was dem Herzog gesagt werden muß, das sagt ihm keiner von uns so klar und bestimmt, so fest und derb wie der Sülfmeister, höchstens ich könnte es noch, aber nicht so geschickt.« Da ließen es die Herren bei dem, wie es verabredet war, sahen aber dem Kampf zwischen dem Handwerker und dem Herzog, von dessen übler Laune sie bereits benachrichtigt waren, nicht ohne Besorgnis über Verlauf und Ausgang entgegen. Sie standen aber schon wieder auf dem alten ratsüblichen Grundsatz: Nicht nachgeben! Der Herzog kam. Am Eingang des Rathauses wartete ihm der Ratskellermeister mit einem hohen, weingefüllten Silberpokal auf, den Gotthard Henneberg mit einem kurzen, ehrerbietigen Willkommensgruß dem Landesherrn bei seinem Eintritt zu einem Ehrentrunk darreichte. Dann schritt der Herzog an der Seite Gotthards, gefolgt von Rittern und Höflingen sowie den zwölf Geschlechterherren und sämtlichen Amtsmeistern die Treppen hinan, ging im Saale an den sich verbeugenden Ratsherren knapp grüßend vorüber und nahm auf dem für ihn errichteten thronartigen Sitz Platz, während sich Gotthard Henneberg mit den Amtsmeistern neben die Ratsherren auf die andere Seite des Saales ihm gegenüber stellte. Weiter zurück, an der Tür, stand der Stadtschreiber mit dem Ratskellermeister nebst Beamten und Dienern des Rates. Herzog Friedrich, ein ritterlicher Herr mit ernsten Zügen und grauen Haaren, warf einen strengen Blick über die Versammlung und fragte dann in gebieterischem Ton: »Wer von euch ist es, der mir im Namen der Stadt hier Rede und Antwort stehen wird?« Gotthard Henneberg trat langsam zwei Schritte vor und sagte ruhig: »Das bin ich, durchlauchtigster Herzog! Der Böttchermeister Gotthard Henneberg.« »Ah, Ihr seid Gotthard Henneberg! Ich kannte Euch noch nicht, Herr Sülfmeister!« sprach der Herzog spöttisch. »Ihr seid ja jetzt der regierende Herr in Lüneburg; mit Eurer Wohlweisheit also habe ich es zu tun.« »Ganz recht, gnädiger Herr, mit mir!« entgegnete Gotthard kurz und scharf. »Ihr habt mir einen Brief geschrieben«, fuhr der Herzog geringschätzig fort, »worin Ihr mir die Abtretung des Blutbannes verweigert. Wie könnt Ihr Euch das unterstehen? Glaubt Ihr, daß ich mich daran kehren werde?« »Allerdings glauben wir das, gnädiger Herr!« gab Meister Gotthard zur Antwort. »Die Verhandlungen darüber sind null und nichtig, denn, die sie mit Euch gepflogen haben, hatten kein Recht dazu und werden ihren Verrat zu büßen haben.« »Kein Recht dazu? Weil es in Euer Böttcherhirn nicht hinein wollte? Es waren der Stadt erwählte Bürgermeister.« »Nein«, widersprach Meister Gotthard, ärgerlich über die wegwerfende Behandlung, die ihm von seiten des Herzogs zuteil wurde. »Empörer waren es, die den rechtsmäßigen Rat mit Gewalt vertrieben und die Stadt betrogen und bestohlen haben.« »Ihr waret gezwungen, wohl oder übel den Rat abzusetzen und einen neuen zu wählen, sonst hätte euch der Domdechant im Namen des Heiligen Vaters in den Bann getan. Habt Ihr das schon vergessen?« »Gezwungen, durchlauchtiger Herzog?« fragte Meister Gotthard zurück. »Wir können mit Fug und Recht zu nichts gezwungen werden, was gegen unsere Freiheit geht. Kein Papst, kein Domdechant und kein Reichsfürst hat sich in das Regiment unserer Stadt zu mischen.« »Und das sagt Ihr mir, Eurem Landesherrn, keck ins Gesicht?« »Ja, hochgeborener Fürst! Und wenn an Eurer Stelle dort der Kaiser säße, so würde ich dasselbe sagen. Mit Unrecht und Gewalt sind wir damals von unseren Gegnern unterdrückt, denn sie hatten Rückhalt an wohlbekannten Fürsten und Rittern, von denen unsere Stadt allezeit mit so viel Drangsal verfolgt wird wie das Rebhuhn von dem Habicht.« Ein scharfer Blick des Meisters und eine sehr vernehmliche Zustimmung aus den Reihen der Ratsherren und Amtsmeister begleiteten diese Worte, während sich unter den Rittern und Höflingen, die den Herzog umstanden, Unwille und Entrüstung über die Dreistigkeit des Böttchers kundgab. »Ihr wollt die zwischen mir und Eurem Bürgermeister geschlossenen Verträge nicht gelten lassen?« fragte der Herzog erbittert und ohne auf die deutliche und ihm sehr ungelegene Anspielung des Sülfmeisters zu erwidern. »Nein!« rief Meister Gotthard. »Sie sind das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben sind.« »Euer unverschämter Brief an mich ist mir noch weniger wert!« »Mir desto mehr!« erwiderte Gotthard, immer gereizter durch den beleidigenden Ton des Herzogs. »Hört«, sprach drohend der Fürst, »glaubt nicht, daß Ihr mit mir spielen könnt! Ich verlange von der Stadt Lüneburg das Recht über Hals und Hand, das ist ein abgemachter Handel, von dem ihr nicht zurückkönnt.« »Wir treiben keinen Handel mit unseren Rechten.« »Ihr habt es nur mit Dank anzunehmen, wenn ich euch alles übrige lasse.« »Was man schon besitzt, durchlauchtiger Herr, braucht man nicht erst geschenkt zu nehmen.« Der Herzog knirschte in verhaltener Wut. Gotthard Henneberg aber trat an den Tisch heran und sagte: »Wir haben es alles schwarz auf weiß, was uns verliehen, vergünstiget und geteidinget ist, damit nicht durch Mißverstand und Gebrechlichkeit menschlichen Gedächtnisses oder durch Absterben der Alten und Unachtsamkeit etlicher Jungen gute Gewohnheiten Gebrauch und Gerechtigkeit in Vergessenheit gestellt, verloren und gar zu nichte werden. Hier, gnädiger Herr«, fuhr er, seine Hand schwer auf die vor ihm ruhenden Pergamente legend und den Herzog steif in die Augen blickend, mit lauter Stimme fort: »Hier liegen unsere verbrieften und besiegelten Freiheiten und Privilegien, hier der Satebrief unserer Landesherren, der Herzöge Bernhard und Heinrich seligen Andenkens vom Jahre dreizehnhundertzweiundneunzig, aus dem Ordnung und Satzungen unseres vollmächtigen Regimentes klärlich hervorgehen. Keinen Finger breit wollen wir darüber hinaus, aber auch keinen Finger breit davon zurück, und den Blutbann, Herr Herzog, bekommt Ihr nicht!« »Was euch der Landesherr in Gunst und Gnaden verliehen hat, kann er euch auch wieder nehmen«, erwiderte der Herzog, sich kaum noch bezähmend. »Wenn's ihm auf einen Eidbruch nicht ankommt, und wir's uns nehmen lassen!« entgegnete Meister Gotthard trotzig. Der Herzog sprang vom Stuhl auf und stieß mit dem Schwert klirrend auf den Boden. Seine Ritter und Höflinge gerieten in heftige Bewegung. Aber der Meister fuhr unerschrocken fort: »Hier vor Euch, hochgeborener Fürst, stehen die Häupter gemeiner Bürgerschaft unserer Stadt, und sie denken alle so wie ich, wir sind alle einig. Sind wir's oder sind wir' nicht?« wandte er sich umblickend zu den Seinigen. »Alle, alle!« riefen sie begeistert. »Nichts lassen wir uns nehmen! Wir regieren uns selbst!« Und Töbings tiefe Stimme schallte noch nach: »Recht so, Sülfmeister!« Der Herzog brauste zornfunkelnd auf: »Wer spricht hier ungefragt in des Herzogs Gegenwart?« Ein widersetzliches Murmeln antwortete ihm. Er machte erregt einige Schritte auf und ab, blieb, den Tisch zwischen sich und Meister Gotthard lassend, diesem gegenüber mit über der Brust verschränkten Armen stehen und sprach: »Und wenn ich euch um eure Weigerung bei Kaiser und Reich verklage?« Über Meister Gotthards Gesicht flog ein Lächeln, und mit leise spöttelnder Höflichkeit erwiderte er: »Durchlauchtiger Herzog! Kaiserliche Majestät in Wien ist unserer guten Stadt weit freundlicher gesinnt als Ihr. Sie hat uns sogar mit der angedrohten Reichsacht verschont, als uns alles im Stich ließ. Wollt Ihr wissen, gnädiger Herr, warum?« Der Herzog warf den Kopf hoch und hörte sehr aufmerksam. Meister Gotthard fuhr, die Worte langsam betonend, fort: »Weil Kaiser Friedrich wünscht und hofft, daß Lüneburg freie Reichsstadt wird.« Da zuckte der Herzog zusammen, riß die verschränkten Arme auseinander und blickte erst den Sprecher und dann die Ratsherren drohend an. Aber er sah keine ängstlichen, sondern überall frohlockende, schadenfrohe Gesichter, und ein beifälliges Flüstern und Raunen klang aus den Reihen der Lüneburger. »Und ihr?« fragte der Herzog nach einer Weile finsteren Nachsinnens. »Wir, gnädiger Herr?« sprach Meister Gotthard. »O wir sind zufrieden mit dem, was wir sind und was wir haben, und bleiben gern die getreue Stadt unserer durchlauchtigen Landesherren, der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg, wenn unsere Wünsche ein gnädiges Gehör fänden.« »Was verlangt ihr?« »Die feierliche Bestätigung unserer alten Privilegien, weiter nichts; und wollt Ihr noch ein übriges tun, so ist es die Einsetzung des neuen Rates in seine Würden und Rechte, weil Ihr gerade hier seid.« Der Herzog winkte seinem Kanzler, den er mitgebracht hatte, und ging zu leiser Unterredung mit ihm ans Fenster. Man sah, wie der Rechtskundige dringend einsprach auf seinen Gebieter, dessen anfangs heftige Entgegnungen immer seltener wurden, bis er mit verrissenem Ärger dem Kanzler schweigend zuhörte. Dann wandte er sich wieder zu den Versammelten und sagte: »Wenn ich euch das gnädig gewähre, worum ihr mich bittet, wollt ihr mir dann auch fürderhin Treue geloben?« Meister Gotthard blickte sich nach seinen Mitbürgern um. »Ja, das wollen wir!« antworteten sie einstimmig. »So kommt her, Bürgermeister und Rat von Lüneburg, und schwört mir den Treueid!« Da trat Heinrich Viskule vor und sprach: »Erlaubt, durchlauchtiger Fürst und Herr! Der Rat ist noch nicht vollzählig. Vierzehn Ratsherren müssen wir sein, von denen wir zwei zu Bürgermeistern wählen; wir sind aber hier erst dreizehn, ein Ratmann fehlt noch.« »Wo ist er denn?« fragte der Herzog. Heinrich Viskule schritt auf Gotthard Henneberg zu, legte seine Hand auf dessen Schultern und sagte: »Hier steht er!« Der Herzog war sehr überrascht: »Ha! Der! Salzjunkerpack!« brummte er zwischen den Zähnen. Heinrich Viskule aber sprach zu dem hoch erstaunten Sülfmeister: »Gotthard, wir haben dich einstimmig zu bleibender Ehre lebenslang zum Ratsherrn gekoren, denn keiner hat es um die Stadt so verdient wie du! Ich weiß, du hast keinen Grund mehr, dich zu weigern, und hier in Gegenwart und Beisein unseres gnädigen Herzogs und der Vollmächtigen gemeiner Bürgerschaft sage ich noch einmal zu dir: Gotthard, komm in den Rat!« Gotthard Henneberg schaute auf die Ratsherren und auf die Amtsmeister im Kreise herum. Die einen winkten, die anderen nickten ihm freudig aufmunternd zu, und er antwortete entschlossen: »In Gottes Namen, weil ihr's denn wollt – ja! Mag's mich gereuen oder nicht! Wie der zu sagen pflegte, der vor uns die Stadt regierte.« Da erhob sich eine lebhafte, laute Bewegung unter den Bürgern. Ratsherren und Amtsmeister, ohne Rücksicht auf die Anwesenheit des Fürsten, umringten Gotthard Henneberg, lobten seinen Entschluß, dankten ihm und begrüßten ihn als Ratsherren mit manchem kräftigen Händedruck. Kaum konnte er sich ihrer herzlichen und stürmischen Freudenbezeugungen erwehren. Der Herzog hatte sich wieder auf seinen Stuhl gesetzt, schaute den Glückwünschen verdrossen zu und rief dann ungeduldig: »Seid ihr bald fertig? Euer vierzehnter scheint mir ein Mann mit einem Kopf, so hart wie Eichenholz, und einer Zunge, so scharf wie Lüneburger Salz; nehmt euch in acht vor ihm!« »Der Lüneburger Löwe, der unsere Freiheit schützt, durchlauchtiger Herzog!« rief Töbing lachend zurück. »Eichenholz macht den Böttcher stolz, Herr Herzog! So lautet ein alter Spruch meines ehrbaren Handwerks«, sagte der neue Ratsherr. Heinrich Viskule sprach: »Verstattet uns, gnädiger Herr, daß wir eine kleine Weile abtreten, um nach altem Brauch und Herkommen die Bürgermeister zu küren.« Der Herzog nickte, und die vierzehn Ratsherren gingen hinaus. Sie gingen in die Bürgermeisterkürkammer, wohl das merkwürdigste Gemach in dem alten, großmächtigen Rathausbau, das so recht im Herzen desselben tief versteckt lag; nur eine schmale, dunkle Treppe führte zu ihm hinan. Es war ein ziemlich beschränkter Raum, von unten bis oben prächtig getäfelt, mit reich gemalter Decke und einem breiten Backsteinkamin. An der Wand der anderen Langseite war eine mit schön gestickten Lederkissen belegte Bank, und vor ihr stand ein schwerer Eichentisch mit einigen Lehnstühlen darum. Die schmale Seite, der Tür gegenüber, füllte ein einziges großes Bogenfenster mit steinernem Laub- und Stabwerk, zwischen dem sich herrliche Glasmalereien befanden, so daß der ganze Raum von einem farbigen Dämmerlicht nur mäßig erhellt war. In diesem lauschig verborgenen Gemach hielt der Rat still und heimlich seine Bürgermeisterwahl. Nikolaus Stoketo holte unterdessen das Bürgereidkristall herbei, ein kostbares, von Hans Laffert sehr kunstreich gefertigtes silbernes und stark vergoldetes Reliquienkästchen, das in einer von zwei knienden Engeln gehaltenen Kristallkapsel wertvolle Reliquien barg; auf diese wurde mit aufgelegten Fingern die Bürgertreue geschworen. Ambrosius von dem Rhyne aber nahm mit einigen Ratsdienern vier hohe Silberhumpen aus den Wandschränken der Gerichtslaube und stieg damit in den Keller hinab, um sie mit dem edelsten Weine zu füllen. Die Amtsmeister zogen sich, während sich der Herzog mit seinem Gefolge unterhielt, in den Hintergrund des Saales zurück, steckten in einzelnen Gruppen die Köpfe zusammen und besprachen eifrig den guten Ausgang der Verhandlung. Dabei rühmten sie alle Gotthard Hennebergs Klugheit und Festigkeit und lachten ihren gnädigen Landesherrn aus, daß er gar nichts erreicht hatte, ihre Privilegien aufs neue bestätigen und den Rat wieder einführen mußte, bei dessen Absetzung oder Wiedereinsetzung er von Rechts wegen auch nicht ein Wörtlein mitzureden hatte. Und das Richten über das Blut hatte er ihnen auch lassen müssen aus Furcht, daß Lüneburg sonst freie Reichsstadt würde, obwohl seine Lehnshoheit über die Stadt auch jetzt schon nur noch wenig zu bedeuten hatte. Über alles dies frohlockten sie auf Kosten des Herzogs, und Schnewerding sagte: Und was das beste ist, Brüder, jetzt haben wir einen Handwerksmeister im Rate!« »Ja!« sagte Schuttenhelm. »Ich möchte auf den Turm steigen und in die Stadt hinunterschreien: der Sülfmeister ist Ratsherr geworden« »Wenn ich nur hier fort dürfte«, meinte Peter Flachs, »ich liefe zu seiner Frau und sagte es ihr.« »Nein«, versetzte Hans Laffert, »die Botschaft muß er ihr selber bringen, aber ich möchte wohl dabei sein.« »Es sollte mich gar nicht wundern«, bemerkte Ryssupp, der Reepschläger, »wenn sie ihn zum Bürgermeister machten.« »Das geht nicht«, entgegnete Komrath der Riemenschneider und Edenrop der Zaumschläger, diesmal einer Meinung, »dazu muß er erst drei Jahre im Eide gesessen haben.« »Jedes Wort, das er dem Herzog antwortete, saß wie ein guter Hieb«, sagte Hartnacke, der Grapengießer. »Und wenn mir statt Eurer der Kaiser gegenübersäße! Wie stolz das herauskam!« sprach Mockeling, der Pelzer. »Und wie der Herzog zusammenfuhr, als Henneberg mit der Reichsstadt drohte! Habt ihr's gesehen?« fragte Siedentopf, der Wandfärber. »Freilich haben wir's gesehen«, lachte Sachtleben, der Hutfilter. »Still!« machte Timpe, der Kerzengießer. »Sie kommen!« Der Rat mit Heinrich Viskule als Erstem und Dietrich Dalles als Zweitem erwählten Bürgermeister an der Spitze trat wieder ein, und Heinrich Viskule verkündete dem Herzog und allen Versammelten den Ausfall der Wahl. Der neue Bürgermeister Viskule schritt nun an den Tisch heran, legte die Schwurfinger auf das Kristall des Reliquienschreines und gelobte dem Herzog namens der Stadt Huld und Treue. Alle Anwesenden sprachen den Schwur mit aufgereckten Fingern nach. Darauf bestätigte Herzog Friedrich mit feierlichem Eidschwur in derselben Weise, die Stadt Lüneburg gegenwärtig und zukünftig für sich und seine Nachkommen samt und sonders bei allen ihren Ehren, Privilegien, Briefen, Gerechtsamen, Freiheiten, Gnaden und Gewohnheiten, bei allem ihrem Gut, Lehen, Erbe und Eigen, beweglich oder unbeweglich, welcherlei und wie es auch benamset sei, gänzlich und treulich zu lassen, zu verteidigen und zu schirmen mit aller seiner Macht nach Ausweis aller ihrer Briefe und Wißlichkeit. Dann reichte er dem Bürgermeister die Hand und sprach: »Und somit setze ich euch, Bürgermeister und Rat von Lüneburg, wieder ein in alle eure Würden, Ehren, Rechte und Gnaden, zu Wohlfahrt und gemeinem Besten dieser guten Stadt!« »Und Gott der Allmächtige gebe uns Frieden in unseren Tagen!« fügte Heinrich Viskule mit lauter Stimme hinzu. Nun bot Ambrosius von dem Rhyne dem Herzog den ersten vollen Becher dar, und der Herzog reichte ihn, nachdem er getrunken, dem Bürgermeister, der ihn unter den Ratsherren wandern ließ. Die anderen Humpen kreisten unter des Herzogs Gefolge, den Stadtherren und den Amtsmeistern. Alle tranken zur Befestigung des neuen Bandes in Frieden und Freundschaft, und die Stadt Lüneburg hatte wieder ein vollmächtiges Regiment von Bürgermeister und Rat. In der großen Ratsküche unter der Sodmeisterkürkammer bereiteten die Garbrater auf Kosten der Stadt das Mittagsmahl für die herzogliche Tafel, denn in dem Herzogshause war keine Küche. Man hatte nämlich einem Vorfahren des Herzogs wohl gestattet, sich ein fürstliches Wohnhaus in der Stadt zu erbauen, aber er durfte keine Küche darin anlegen, sondern wurde von der Stadt mit täglich acht Schüsseln und vier Stübchen Bier bewirtet. Man wollte dem geliebten Landesherrn den Aufenthalt in Lüneburg nicht zu angenehm machen, damit er ihn nicht zu lange ausdehnte. Herzog Friedrich versuchte noch, die Begnadigung Dalenborgs und Schuppers beim Rate zu erwirken; sie wurde ihm jedoch in aller Höflichkeit rundweg abgeschlagen mit der Anzeige, daß das Gericht schon in den allernächsten Tagen stattfinden würde. Darauf erklärte er, wie Gotthard Henneberg richtig vermutet hatte, daß er nicht Zeuge ihrer Verurteilung sein wollte, sondern die Stadt morgen wieder verlassen würde. Unerschrockener, tapferer Bürgersinn hatte sich durch keine Drohung und Gefahr einschüchtern, sich keinen Eingriff in wohlbegründete Rechte gefallen lassen, sondern hatte der Stadt ihre Freiheit und Unabhängigkeit kräftig gewahrt und für die Zukunft aufs neue befestigt. – Wenn es auch Meister Schuttenhelm nicht vom Rathausturm heruntergeschrien hatte, ward es doch in der ganzen Stadt fast ebenso schnell bekannt: der Sülfmeister ist Ratsherr geworden. Die Freude darüber war so allgemein, daß die wenigen Neider, die ihm diese Ehre nicht gönnten, verstummen mußten, denn sie wurden für ihre hämischen Bemerkungen sofort gründlich geduckt. In den vornehmen Familien sah man dieses Ereignis nicht überall mit gleich günstigen Augen an, und es fehlte nicht an Unzufriedenen, die meinten, das wäre nur der Anfang vom Ende des alten Geschlechterruhmes, und es würde nicht lange dauern, so säßen mehr Schneider und Schuster denn Geschlechterherren auf den Ratsstühlen. Die meisten aber erkannten den vollen Wert des Mannes, dessen Gattin ja auch aus einem, wenn auch nicht reichen, Stadtgeschlechte stammte, und glaubten, daß sein Einfluß auf die Ämter und Gilden dem Rat sehr zustatten kommen und ihm viele Anhänger werben würde. Die Handwerker bauten auf die Wahl eines der Ihrigen übertriebene Hoffnungen und waren überzeugt, daß nun eine neue Zeit anbrechen und durch seine Fürsorge eine ungeahnte Blüte des Handwerks sich entfalten würde. Nach der erfolgreichen Verhandlung mit dem Herzog gingen der neue Bürgermeister und der neue Ratsherr zusammen ihres Weges, und Heinrich Viskule brachte den Freund in seine Behausung. In der Wohnstube fanden sie Frau Johanna und Ilsabe, und zufällig war auch Balduin da. Die in der Diele arbeitenden Söhne wurden herbeigerufen, und Heinrich Viskule sprach: »Gebt mal acht, Kinder, was ich euch zu sagen habe. Ich bin jetzt euer Erster worthabender Bürgermeister, und euer Mann und Vater hier ist Ratsherr in Lüneburg! Habt ihr's verstanden?« Da jubelten sie alle hell auf und überschütteten die beiden Erhöhten mit so viel Liebkosungen und Glückwünschen, daß sie eine gewisse besondere Aufregung an Johanna, Ilsabe und Balduin nicht bemerkten. Heinrich Viskule sagte: »Heut abend kommt ihr alle miteinander zu mir, deine Ursula auch, Arnold! Da wollen wir den Tag und was er uns gebracht hat, zusammen feiern.« Johanna schaute Balduin mit einem ganz eigen lächelnden Blick an und sprach: »Jetzt, Balduin, ist es Zeit! Soll ich es sagen, oder willst du es selber tun?« Die anderen stutzten; sie nannte Balduin du, was sie seit seiner Heimkehr nicht mehr getan hatte. Ilsabe wollte, rot bis ans Stirnhaar, hinauslaufen, aber die Mutter rief: »Halt! Du bleibst hier! Ohne dich geht es diesmal nicht ab!« Da schritt Balduin auf Ilsabe zu, trat Hand in Hand mit ihr vor Meister Gotthard hin und sprach: »Herr Ratsherr, gebt uns Euren Segen! Wir haben uns lieb, ich bitte Euch, gebt mir Ilsabe zur Frau!« »Hm!« brummte Gotthard vergnügt. »Steht es so mit euch?« Dann schlang er seine mächtigen Arme um die beiden, drückte sie an sich und dann gegeneinander und sagte: »Da! Habt ihr euch! Und Gott gebe euch seinen Segen, wie ich es tue!« »Vater!« sprach Balduin dann zum Bürgermeister. »Ist dir Ilsabe recht als Tochter?« »Junge! Mensch!« erwiderte Heinrich Viskule halb gerührt, halb lachend. »Das ist die dümmste Frage, die ich seit langer Zeit aus deinem Munde gehört habe; ich hätte dich enterbt, wenn du mir mit einer anderen gekommen wärst.« Und er zog Ilsabe an seine Brust und wollte sie gar nicht wieder loslassen, In der Böttcherstube hauste ein überschwengliches Glück, es klopfte in allen Herzen, es leuchtete aus allen Augen. »Aber«, sagte Gotthard, »seit wann ist es denn Brauch und Herkommen, daß man bei der Mutter eher um die Tochter wirbt als beim Vater?« »So ist's nicht gewesen«, antwortete Johanna; »wie ich vorher in die Stube komme, finde ich die beiden allein hier, und das Mädchen hängt an seinem Halse. Erschrocken will sie sich losreißen, er aber hält sie fest und ruft mir zu: ›Mutter, ich habe der Ilsabe Treue gelobt, und sie ist's zufrieden, meine Frau zu werden; ich bitt' Euch, seid Ihr's auch!‹ Was sollte ich denn da machen?« »Nein sagen!« rief lachend der Meister. »Eine ganze Stadt habe ich allein nach meinem Wissen und Willen regiert, und hier im eigenen Hause machen sie hinter meinem Rücken, was sie Lust haben?« Gilbrecht dachte an Hildegund und wünschte der Zeit zehnmal schnellere Flügel. An Balduins Finger aber glänzte nun der schöne Ring des guten alten Hans Laffert. Neunzehntes Kapitel Twei suert let got in ertrike to beschermende de christenheit. Dem pauese is gesat dat geistlike. deme keysere dat wertlike. Zwei Schwerter ließ Gott auf Erden, zu beschirmen die Christenheit. Dem Papst ist gesetzt das geistliche, dem Kaiser des weltliche. So beginnt der Sachsenspiegel, das älteste deutsche Rechtsbuch, das von dem anhaltischen Ritter Eike von Repkow im ersten Drittel des dreizehnten Jahrhunderts auf der Burg Falkenstein im Harzwald niedergeschrieben, bald in Deutschland und über dessen Grenzen hinaus bis in die Niederlande und bis nach Polen und Livland Geltung erlangte und in den thüringischen, anhaltischen, holsteinischen und einigen anderen deutschen Gauen, wie auch in Lüneburg, sechshundertundfünfzig Jahre lang Geltung behalten sollte. Die Stadt Lüneburg besaß von diesem Buche eine sehr kostbare Pergamenthandschrift. Es war ein mächtiger Foliant mit reichen, schweren Silberbeschlägen auf Vorder- und Rückseite des starken Einbandes. Die großgeformte Schrift zeigte in ihrer Gleichmäßigkeit von der ersten bis zur letzten Zeile die Vollendung der mittelalterlichen Schreibkunst. Der köstliche Schmuck des Buches waren aber die wunderprächtigen Malereien, die mit dem edelsten Geschmack, dem feinfühligsten Farbensinn und einer unerschöpflichen Erfindungsgabe auf allen seinen Blättern, von denen keines dem anderen gleich war, in höchster Sorgfalt, Sauberkeit und Schönheit ausgeführt waren als liebliche Randverzierungen, als ranken- und blumenreiche, mit Tiergestalten belebte Erweiterungen und Umkränzungen der golddurchwobenen Anfangsbuchstaben, die mit ihrem bunten Zierat bei den Kapitelanfängen die halbe Seite bedeckten, und endlich als große, den ganzen Raum einnehmende Bilder mit Darstellungen aus Geschichte und Legende. Dieses Buch lag heute aufgeschlagen in der Gerichtslaube des Rathauses zu Lüneburg auf einem Tisch, hinter dem auf hohem Stuhl der Schultheiß, Herr Georgius von Elebek, saß, um mit dem weltlichen Schwert des Kaisers Gericht zu halten nach altem Sachsenrecht. Er war aufgeschlagen beim vierzehnten Kapitel des zweiten Buches, wo geschrieben steht: Alle mordere unde alle de den ploch · molen · kerken oder kerkhof rouet · uoredere · mordbrennere · oder de ere bodescap weruet to ereme uromen. de scal men alle radebraken. Alle Mörder und alle, die den Pflug, Mühlen, Kirchen oder Kirchhöfe berauben, Verräter, Mordbrenner oder die zu ihrem Frommen deren Auftrag vollziehen, die soll man alle radebrechen. Auf einer Bank zur Rechten des Schultheißen, doch etwas entfernt von ihm, saßen die Schöffen und auf der anderen Seite die Ratsherren, soweit sie nicht als Zeugen aufzutreten berufen waren. Der letzteren waren eine ziemliche Anzahl; unter ihnen Heinrich Viskule, Nikolaus Stoketo, Gotthard Henneberg mit seinen Söhnen und Jakob, Dippold, Stephan Bartels und andere Werkmeister. Außerdem waren viele Geschlechterherren und sämtliche Amtsmeister zugegen, im ganzen weit über hundert Männer, die mit tiefernsten Gesichtern dem Anfang des Gerichts entgegensahen. In die große Halle schien durch hohe, herrlich gemalte Bogenfenster mit Wappenschildern und lebensgroßen Figuren von Rittern, Helden und Heiligen die helle Morgensonne hinein und warf bunte Lichter auf die gemusterten Fliesen des Fußbodens. Auch die Wände ringsum und die gewölbte Decke waren über und über in glühenden Farben und Darstellungen geschichtlicher Vorgänge, mit Laub- und Blumengewinden, mit Bildnissen und allerlei Schmuckwerk gar kunstreich und sinnvoll bemalt, daß das Auge des Beschauers nicht müde wurde, die Fülle der Gestalten und den Wechsel der Formen staunend zu betrachten. Es war ein Glanz und eine anmutige und zugleich würdevolle Pracht in dem weiten Raum, die ihn dem prunkenden Festsaal eines stolzen Königsschlosses ebenbürtig zur Seite stellte oder ihn noch darüber erhob, so daß er nirgends seinesgleichen hatte. Diese wunderbare schöne Laube war die Stätte für das Richten über Haut und Haar und über Hals und Hand. Die Stunde war gekommen, die rechte Zeit, gerechtes Ding zu hegen. Es war hoch am Tage, die allsehende Sonne schien, der Stuhl war besetzt, die Bank gespannt. Der Richter bedeckte das Haupt, zog mit der behandschuhten Rechten sein Schwert aus der Scheide und legte es quer über den offenen Sachsenspiegel. Dann gebot er Frieden bei dem Halse und verbot Dingflucht und Unlust. Auf seinen Wink führte der Fronbote die von reisigen Knechten bewachten Gefangenen und die übrigen Angeklagten herein. Dalenborg, Schupper, Niebuhr und der Schließer des neuen Turmes kamen bleich und schlotternden Ganges daher; sie fühlten, wie aller Augen auf sie gerichtet waren und wagten kaum die ihrigen zu erheben, um einen scheuen Blick auf Schultheiß und Schöffen zu werfen. Nach ihnen erschienen die fünf Sülfmeister und die fünf Amtsmeister, die unter Dalenborg im Rate gesessen hatten, Rokswale, Dörgerloh, Regenstörp, Hesterwegen und Vogelsang. Diese zehn schienen furchtlos und ruhig, denn sie waren sich keiner Schuld bewußt, als daß sie sich von Dalenborg und seinen Spießgesellen hatten beiseiteschieben lassen, statt ihren tätigen Anteil am Regiment zu verlangen und durch Wachsamkeit und Rechtschaffenheit Verrat, Betrug und Mord zu verhüten. Dennoch schämten sie sich, hier vor den Ratsherren, die sie abgesetzt hatten, und vor ihren Amtsbrüdern vom Handwerk, von denen sie abgesetzt waren, als peinlich Angeklagte erscheinen zu müssen. Den Schluß der Armensünderreihe machte Timmo, der sich wegen der Unterstützung von Sengstakes Flucht zu verantworten hatte und geringe Sorge darum zu haben schien, denn er schaute unbefangen und neugierig um sich. Der Schultheiß stabte den Zeugen den Eid, und sie schwuren mit aufgeregten Fingern zu Gott und den Heiligen, auf den Gerichtsspruch Zeugnis und die rechte Wahrheit zu sagen, soviel einem jeden wissentlich wäre, niemandem zuliebe oder zuleide, noch um Gift, Gabe, Gunst, Haß, Neid oder einige andere Sachen, die Zeugnis der Wahrheit hindern mögen; auch daß sie weder mit Pflicht noch täglichem Beiwesen und Gemeinschaft den Angeklagten verwandt wären. Dann trat der Fronbote in die Schranke und erhob die Klage, die gegen die verschieden davon Betroffenen auf Mord, Verrat an der Stadt, Vernachlässigung des Amtes und Vorschubleistung eines Vorflüchtigen lautete. Die Hauptschuldigen suchten vieles auf Sengstake zu schieben, der dingflüchtig geworden war und schon vor einem höheren Richter stand. Aber sie wurden übersiebenet und konnten ihren Hals nicht auslösen; ihre Taten waren handhaft, Zeugen und Beweise vollkräftig und unwiderlegbar. Der Hungertod Springintguts war auf Befehl Dalenborgs, Schuppers und Sengstakes über den Unglücklichen verhängt, und der Schließer hatte den grauenvollen Auftrag ausgeführt und war dadurch selber zum Mörder geworden. Stephan Bartels und die anderen Maurermeister bezeugten, wie sie den Toten im Kerker gefunden und was ihnen der Schließer darüber gestanden hatte. Gotthard Henneberg erzählte nun, unterstützt vom Bürgermeister Viskule, seinen eigenen Söhnen, sowie Jakob und Dippold, wie er hinterhältig in den blauen Turm gelockt, dort verräterisch überfallen worden wäre und wie sie dann Dalenborg überfallen und eingesperrt hätten. Die schriftlichen Belege für die Verhandlungen, mit denen Dalenborg und Schupper hohe Rechte und Freiheiten der Stadt verschleudern und verschachern wollten, und wie sie sich aus dem Vermögen der Stadt diebisch bereichert hatten, lag klar und offen dort auf dem Tisch. Niebuhrs Teilnahme daran war nur gering, aber ganz zu reinigen vermochte er sich nicht. Die zehn Sülfmeister und Amtsmeister wußten von all den Schandtaten nichts, trugen aber doch als ehemalige Ratsmannen die Verantwortung für den der Stadt zugefügten Schaden und hatten außerdem die Beschämung, sich als willenlose Werkzeuge ihrer Gewalthaber tadeln und schelten lassen zu müssen. Die Klage gegen Timmo hob der Richter auf, weil Sengstakes Flucht nicht geglückt war und weil Timmo so ehrlich gewesen war, das von jenem geraubte Silberzeug zurückzubringen, und auch das Kommen des Herzogs gemeldet hatte. Damit schloß die Verhandlung, und der Schultheiß hatte nun die Bank um das Urteil zu fragen. Er wandte sich zu den Schöffen und sprach: »Stehend schilt man Urteil, sitzend findet man Urteil unterm Königsbann, jeder auf seinem Stuhle. Schöffen, findet das Urteil nach euren Sinnen, so ihr es am besten wißt; ihr leidet darum keine Not, sei es gleich Unrecht. Schöffen auf der Bank, ich frage euch um euer Urteil!« Nach kurzer, flüsternder Beratung sprachen die Schöffen auf sämtliche Klagen ein einstimmiges Schuldig. Da erhob sich der Schultheiß von seinem Sitz, entblößte das Haupt und tat seinen Spruch. Er verdammte Dalenborg, Schupper und den Schließer zum Tode durch das Rad. Niebuhr wurde an Leib und Gut friedlos gelegt und auf ewige Zeiten aus der Stadt und dem Herzogtum Lüneburg verbannt. Die übrigen zehn wurden zu einer bürgerlichen Buße von mäßigem Betrage verurteilt, mit jeder anderen Strafe jedoch verschont und von ihrem Einlager erlöst. Sie waren von Stund an frei, während die drei dem Tode Verfallenen gebrochenen Mutes in ihre Kerker zurückgeführt wurden. Bei Aufdeckung der gegen die Stadt verübten und geplanten Verbrechen war Gotthard Henneberg der Hauptzeuge gewesen und hatte dabei die mitangeklagten fünf Amtsmeister so eifrig und warm verteidigt, sie so aller Schuld zu entbürden gesucht, daß sie ihm nach ergangenem Spruch aus vollem Herzen aufrichtig dankten. Er aber befand sich in einer seltsamen Erregung, erwiderte ihren Händedruck stumm, hörte kaum auf ihre Worte und schien mit seinen Gedanken weitab zu sein. Jetzt tat Herr Georgius von Elebek, ehe er das Gericht aufhob, die übliche Umfrage. Er sprach: »Gerechtes Gericht ist gehegt und gehalten, Klage geführet, Urteil gefunden, Spruch gefällt. Ich frage: Hat noch einer vor Stuhl und Bank, vor Schrann' und Schrank' etwas zu sagen, zu fragen, zu klagen? Ich frage zum anderen Male. – Ich frage zum dritten Male. – –« Alle schwiegen. Der Schultheiß griff nach seinem Schwert, um es von dem aufgeschlagenen Sachsenspiegel zu nehmen und in die Scheide zu stecken. Gotthard Henneberg hatte die Frage wohl gehört, aber er rührte sich nicht. Mit starrem Blick auf das geöffnete Buch dort stand er und kämpfte in seinem Herzen einen verzweifelten Kampf. Als er aber des Richters Eisenhand nach dem Schwert greifen sah, fuhr er zusammen und war mit drei mächtigen Schritten vorn an der Schranke. »Richter auf dem Stuhle, ich klage, klage, klage!« rief er mit rauher, hohler Stimme, und sein Gesicht hatte einen erstreckenden Ausdruck. Der Schultheiß sowohl wie alle übrigen dachten verwundert: ›Was mag er noch wollen?‹ Der Schultheiß antwortete: »Kläger, der Richter höret dein Gerüffte; schreie deine Klage!« Gotthard Henneberg sprach, sich mühsam fassend: »Ich klage wider meinen leiblichen Sohn, den Böttcherknecht Gilbrecht Henneberg, wegen einer Tat, die an Hand und Hals geht.« Da ward es still umher. Mit stockendem Atem blickten alle auf den Sülfmeister. Unbeweglich stand auch der Richter; er hatte die Lippen zum Sprechen geöffnet, aber es kam kein Ton aus seinem Munde. Gotthards Brust hob und senkte sich, als er sich zum Reden zwang und endlich, wie zu allen gewendet, fortfuhr: »Ich sehe wohl euer Entsetzen über meine Worte, und mir selber ist das Herz schwer genug dabei; aber ich habe die Wahrheit gesprochen und weiß, was ich tue. Herr Schultheiß und ihr, hochedle Herren, Bürger und Freunde! In den bitteren Tagen, die ich am liebsten aus der Chronik unserer Stadt ausstriche, ist viel gesündigt worden, und hier haben wir mit unseren Ohren den Spruch gehört, der den üblen Taten ihren Lohn gibt. Da will ich nicht, daß einer, und wenn es mein eigener Sohn, und wenn ich es selber wäre, mit ungebüßter, heimlicher Schuld dahingehe, sondern ich will, daß alles, was in jener Zeit gebrochen und gefrevelt ist, auch vor Gott und Menschen gesühnt werde.« Er wandte sich um und suchte Gilbrecht. Der stand schon hinter ihm, bleich, wie betäubt von der peinlichen Klage, mit niedergeschlagenen Augen. Der Meister warf einen schmerzlichen Blick voll inniger Liebe auf den Sohn, faßte ihn bei der Hand, zog ihn neben sich und sagte: »Komm her, Gilbrecht, und bejahe meine Rede.« Dann sprach er zum Richter: »Mein Sohn hat, um Fräulein Hildegund Viskule zu befreien, mit vorbedachtem Mut und eigener heilloser Hand das Kloster Lüne in Brand gesteckt.« In der Laube entstand ein Geflüster und Geraune, das stärker und stärker ward; aber man merkte wohl, daß es nicht Unwille gegen Gilbrecht war, sondern Beifall für seine Tat, und hier und da wurden einzelne Stimmen laut: »Wenn's weiter nichts ist! – Da hat er recht getan! – Das Pfaffennest! – das soll er nicht büßen!« Der Richter klopfte mit dem Stabe auf, bis wieder tiefe Stille ward, und sprach dann: »Gilbrecht Henneberg, die Klage geht dir ans Blut. Aber du bist nicht binnen Tag und Nacht in der handfesten Tat überwunden, und auf sächsischer Erde mag jedermann seinen Schaden verschweigen, solange er will. Dennoch frage ich dich, und du magst mir antworten nach deinem Eigenwillen: Willst du deines Vaters Rede bewähren?« Gilbrecht antwortete: »Ja!« »Hast du einen Mundwalt?« fragte der Richter weiter. »Ich will sein Mundwalt sein!« rief Heinrich Viskule und stellte sich neben die beiden Hennebergs an die Schranke. »Meine Tochter Hildegund ist von dem Propst zu Lüne halb mit Gewalt, halb mit lügenhaften Vorspiegelungen ins Kloster entführt worden und dort gegen ihren Willen festgehalten. Ich lag gefangen, und man redete ihr ein, sie könnte anders nicht mein Leben retten, als wenn sie den Schleier nähme und ihr Erbe dem Kloster vermachte. Da beschloß Gilbrecht Henneberg, ihr Freund und Jugendgespiele, meine Tochter zu retten, und um in das Kloster eindringen zu können, steckte er ein kleines Strohdach in Brand, das weitab vom Klostergebäude hart an der Mauer stand. In dem Lärm und Gewirr beim Löschen des Feuers hat er die Jungfrau herausgeführt. Weiter ist kein Schaden gestehen; ich will ihn dreifach, will ihn zehnfach vergüten, aber ich will auf die Heiligen schwören, daß Gilbrecht Henneberg des Mordbrennens unschuldig ist; ihr dürft nicht Ungericht über ihn halten.« Da ward es noch lauter im Saal, und sie riefen: »Nein, nein! Er ist kein Mordbrenner! Das darf er nicht büßen!« Der Schultheiß aber schüttelte ernst und traurig das Haupt und sagte: »Ich kann ihn nicht lösen, ich kann ihm nicht Frieden erwirken. Ihr möget das Urteil schelten, wenn es euch unrecht dünkt, und euch Boten erbitten, es dahinzuziehen, wohin ihr es nach Recht ziehen sollt; aber ich stehe hier unter Königsbann, gerechtes Gericht zu halten nach Sachsenrecht. Schöffen auf der Bank, findet das Urteil!« Die Schöffen berieten sich, und dann sprach ihr Obmann: »Richter auf dem Stuhle, wir können das Urteil nicht finden. Er ist nicht unschuldig, und er ist nicht schuldig.« Mit klopfendem Herzen, regungslos wie ein Bild von Stein stand der Sülfmeister und hing mit brennenden Augen an den Lippen des Richters, dessen Spruch alle, alle mit höchster Spannung erlauschten. Der Richter sprach nach einer kurzen Überlegung: »Kläger, Ihr meintet es, es dürfe keine Schuld ungebüßt bleiben, jeder Frevel müßte gesühnt werden. Ich verstehe Euch; Ihr möchtet Euern Sohn vor Gott und Menschen wieder redlich machen.« Gotthard Henneberg nickte, und der Schultheiß fuhr fort: »So höret meinen Spruch! – Gilbrecht Henneberg, des Mordbrennens spreche ich dich frei. Weil du aber ohne Recht und Erlaubnis mit selbsteigener Gewalt in den geweihten Frieden drangest, so heiße ich dich einen Friedensbrecher und verfeste dich für deine jähe Tat aus der Stadt Lüneburg auf ein Jahr und einen Tag. Weil du aber nicht zu eigenem Nutzen gefrevelt hast, sondern nur in rascher Jugend Art helfen wolltest, wo du keine andere Hilfe sahest, so sollst du nicht ehrlos, nicht rechtlos, nicht friedlos sein, und wenn du wiederkommst zu deiner beschiedenen Zeit, so sollst du aller Schuld und Sühne quitt und ledig sein. Soll ich dir Tag geben, so sag es!« Gilbrecht schwieg; aber Heinrich Viskule sagte: »Ich bitte für ihn um fünf Tage.« »Gut!« sprach der Schultheiß. »Von heute in fünf Tagen magst du aus dem Tore gehen.« – Das Gericht war zu Ende. Gotthard Henneberg atmete auf wie von einer schweren Last befreit und reichte dem Schultheißen die Hand zum Dank für seinen gelinden Spruch. Viele der Anwesenden kamen zu Gotthard und seinem Sohne mit freundlichem Trost und Zuspruch und priesen den weisen milden Richter. Gilbrecht aber war niedergeschmettert von dem trübseligen Gedanken, sich von Hildegund trennen zu sollen, und wenn er nach Jahr und Tag wiederkäme, dachte er, wer weiß, wo dann Hildegund war! – – Zwei Tage später klang in der Morgenfrühe das Armesünderglöcklein. Der »ungenannte Mann« übte an den drei Verurteilten auf offenem Markte sein blutiges Handwerk und brachte Dalenborg, Schupper und den Schließer vom Leben zum Tode. Johann Springintgut war gerächt. Zwanzigstes Kapitel Zum ersten Male seit langer Zeit, vielleicht zum erstenmal im Leben, war Frau Johanna mit ihrem Gotthard unzufrieden, weil er den eigenen Sohn angeklagt hatte um einer Sache willen, die ihrer Meinung nach Gilbrecht mehr zur Ehre als zur Schande gereichte. Es gelang auch dem neuen Ratsherrn nicht, seine Frau zu der Einsicht zu bringen, daß Gerechtigkeit den Gefühlen des Herzens vorgehen und Gilbrechts Tat gesühnt werden mußte, um sein Gewissen zu befreien und seine Ehre herzustellen, denn sie bestritt, daß das eine beschwert und die andere beschädigt sein könnte. Die Verbannung Gilbrechts warf einen düsteren Schatten auf ihr häusliches Glück, das durch Gotthards Wahl in den Rat, durch Ilsabes Verlöbnis mit Balduin und durch die nahe Aussicht auch auf Arnolds eigenen Herd schon so hoch gestiegen war, daß ihr zu seinem Gipfel nichts anderes mehr fehlte, als Gilbrechts Forderung zum Selbstherrn im Bunde mit Hildegund. Sie hatte so fröhlich gehofft, so sicher darauf gerechnet, daß Gilbrecht bei seinem zum Meister gewordenen Bruder Arnold, der des Vaters Werkstatt übernahm, sein Mutjahr dienen, das Amt eschen und die Viskulentochter freien sollte, und nun war dieser schöne Traum ins Nichts oder doch in eine sehr ungewisse Zukunft verscheucht durch ihres Mannes steifnackige Ansicht von Gerechtigkeit und Sühne und seine unbegreifliche Anklage. Gilbrecht dachte ebenso, denn er fühlte sich in seinem Gewissen durchaus nicht belästigt durch seine Tat. Jede andere Buße hätte er für das Bewußtsein, Hildegund gerettet zu haben, mit Freuden auf sich genommen, nur nicht die Verbannung; denn es war ihm ein sehr widerwärtiges und trauriges Geschick, noch einmal das Brot der Fremde essen, fern von der Geliebten wieder anderer Leute Knecht sein und sein ersehntes Glück günstigsten Falles noch ein ganzes Jahr länger hinausschieben zu sollen. Dennoch stellte er sich der Mutter gegenüber auf die Seite des Vaters und suchte ihr Trost zuzusprechen, indem er meinte, das eine Jahr würde im Umsehen dahingehen, er wäre ja noch jung, und sie sollte sich nicht um ihn grämen. Aber Frau Johanna merkte nur zu gut, daß solche Worte dem Sohn nicht von Herzen kamen, und daß es damit ganz anders bei ihm bestellt war. Niemand konnte ihr die Schwermut nehmen, die sich ihrer in einem Maße bemächtigte, daß sie die ganze Familie damit ansteckte und eine sehr trübe Stimmung im Böttcherhause herrschte. Der Meister aber ließ sich nicht beirren in seinem Bewußtsein, zur Ehre seines Hauses und zum Besten seines Sohnes das einzig Rechte getan zu haben. Darin sollte er bald noch mehr bestärkt und auch seiner Frau gegenüber unterstützt werden, obwohl bei Gotthards Ruhe und Besonnenheit und Johannas Liebe zu ihm keineswegs ein Streit zwischen den Eheleuten ausgebrochen war. Mit wenigen bewegten Worten nur hatte sie ihm Vorwürfe gemacht; das übrige taten ihre traurigen Blicke und halb unterdrückten Seufzer, um ihn ihren Schmerz über das Schicksal des Sohnes erkennen zu lassen. Da kamen eines Tages Hans Laffert, Schnewerding und Schuttenhelm und bald nach ihnen, als hätten sie sich verabredet, auch Dörgerloh und Hesterwegen zu Gotthard Henneberg. Sie waren ja nicht alle seine vertrauten Freunde, aber sie kamen doch als Freunde, um ihn noch einmal in seinen vier Pfählen aufrichtig zu beglückwünschen und ihn, noch mehr aber seine Frau über Gilbrechts zeitweilige Verbannung zu trösten. Das freute den Ratsherrn, namentlich von seinen dermaligen Gegnern, Dörgerloh und Hesterwegen. Er sowohl wie Johanna empfingen die Amtsmeister sehr herzlich, und es war ihnen beiden ein sehr wohltuendes Gefühl, von jenen zu hören, daß so wie sie die ganze Bürgerschaft dächte und die Befriedigung über sein vorübergehendes Regiment, besonders über sein mannhaftes Auftreten dem Herzog gegenüber und die Freude über seinen Eintritt in den Rat eine ungeteilte wäre. »Und Henneberg«, sagte Dörgerloh, »ich will's Euch nur gestehen, es lief mir eiskalt über den Rücken, als ich Euch an der Schranke stehen sah und den eigenen Sohn wegen einer Tat, die ans Blut ginge, anklagen hörte; aber, lieber Amtsbruder und Ratsherr, was wahr ist, muß wahr bleiben, Ihr habt recht getan, es gereicht Euch zur Ehre!« »Ja!« fiel Hesterwegen ein. »In dem Augenblick wuchset Ihr mir gleich einen Kopf höher, und ich kam mir sehr klein vor, denn ich glaube nicht, daß ich das gekonnt hätte.« Gotthard Henneberg lächelte still vor sich hin und sagte dann zu dem Goldschmied: »Alter Freund Hans Laffert, meint Ihr auch, daß ich recht getan habe?« Hans Laffert reichte ihm stumm die Hand herüber, und die klugen, freundlichen Augen blickten ihn unter dem weißen Haar so warm und treuherzig an, daß es keiner Antwort weiter bedurfte. Schnewerding sagte: »Mir ist es erst zu Hause klargeworden, Henneberg, daß du recht getan hast, als ich es Immecke erzählte und die zu meiner Verwunderung ausrief: »Das ist brav, das ist schön! Das gefällt mir vom Sülfmeister!« »Nun, Johanna«, wandte sich Gotthard zu seiner Frau, »was sagst du zu diesen ehrenwerten Zeugen?« »Ich achte die ehrbaren Meister und ihre Meinung«, erwiderte Johanna, »aber sie sind auch alle nicht die Mutter des Jungen.« »Ich bin auch nicht seine Mutter«, sprach Schuttenhelm und schlug sich mit der Hand derb aufs Knie, »aber ich sage auch: ich hätte es nicht getan! Um so ein verdammtes Pfaffennest sollt' ich meinen Jungen seinen besten Hals verwetten lassen? Nun und nimmermehr! Gotthard, sowas tust du mir in deinem Leben nicht wieder!« »Das verhüte Gott!« lachte der Ratsherr, und die anderen mußten mitlachen über des grimmen Schmiedes sprühenden Zorneifer. »Ja, lacht nur!« sagte der und wurde ganz rot im Gesicht. »Wir können Gott danken, daß da ein vernünftiger, milddenkender Richter stand! Sonst hätte was Schönes daraus werden können. Kopf ab! Aufs Rad! Heißt es nach altem Sachsenrecht; wißt ihr das nicht?« Frau Johanna schauderte und erbleichte. »Aber Schuttenhelm!« rief Dörgerloh. »Bist du etwa dazu hergekommen, Grobschmied«, fragte Hesterwegen, »daß du dem Sülfmeister noch nachträglich die Hölle heiß machen willst?« »Na, hab' ich denn nicht recht?« trotzte der Schmied. »Nun, Schuttenhelm, du hast nicht recht«, erwiderte Gotthard Henneberg ruhig. »Gewagt war es, Henneberg!« sagte Schnewerding. »Das war es, ja!« meinte auch Hans Laffert. »Und um so höher ist es anzuschlagen; das fühlen wir alle mit, Gotthard! Und keiner in der Stadt wird Euch das vergessen, daß Ihr ebenso streng wie gegen andere auch gegen Euch selber gewesen seid.« »Laßt's gut sein, Brüder!« sprach Dörgerloh. »Frau Ratsherrin, wo will sich denn Euer Sohn hinwenden? Können wir ihm förderlich sein, so sagt es nur; mancher von uns hat noch Freundschaft im Reiche.« »Ich danke euch, liebe Meister!« erwiderte Johanna. »Wo er hingehen wird, weiß ich nicht; ins Blaue hinein, in die weite, weite Welt, wo er unlängst hergekommen ist.« »Nun, nun«, sagte Schuttenhelm, »er hat gesunde Arme, wird sich schon durchschlagen; denn darauf kommt's an, wie man zugreift und wo man hinschlägt.« »Und daß man das Eisen schmiedet, wenn es heiß ist; nicht wahr, Schuttenhelm?« lächelte Gotthard. »Gewiß! Hast ganz recht, Herr Ratsherr!« erwiderte Schuttenhelm. »Wenn ich deinem Gilbrecht das Feuer aufblasen könnte zu seinem Glück, ich tät's, tät's gerne, verlangt von mir, was ihr wollt!« »Alte, treue Seele!« sprach Gotthard und klopfte den biderben Freund auf die breite Schulter. Die Amtsmeister erhoben sich, und nachdem sie noch ein paar freundliche Worte mit Arnold und Gilbrecht in der Diele gewechselt hatten, gingen sie fort. Ihre Anhänglichkeit und herzliche Teilnahme war ein linder Balsam auf Johannas Wunde. Ilsabe saß oben in ihrem Schwalbennest, dachte an den Liebsten im Viskulenhofe und nähte an einem feinen Brauthemd, aber nicht für sich, sondern für Ursula. Auch auf dem Viskulenhofe war große Kümmernis über Gilbrechts Geschick. Balduin konnte sich kaum darein finden, den Freund, der ihm unentbehrlich geworden war, so lange missen zu sollen, zumal er sich sagen mußte, daß Gilbrecht für eine Tat büßte, die zu vollbringen ihm, dem Bruder Hildegunds, eigentlich nähergelegen hätte als dem Freunde. Hildegund hatte verweinte Augen. Der Schmerz über die bevorstehende Trennung von dem Geliebten nagte an ihrem innersten Leben, und sie, sie war schuld daran, ihretwegen litt er die Strafe, die sie ungerecht und grausam fand, und um derentwillen sie seinem Vater grollte. Dazu kam der bange Zweifel, nicht an Gilbrechts Liebe, aber an seinem Willen, sich auf ewig mit ihr zu verbinden. Sein Schweigen war ihr unerklärlich; sie hatte ihm doch die unzweideutigsten Beweise ihrer Liebe gegeben; warum sprach er nicht das entscheidende Wort? Warum forderte er nicht Gelübde und Treuschwur, mit dem sie ihm ihre ganze Seele gegeben hätte? Warum machte er es nicht wie Balduin und kam zu ihrem Vater, ihre Hand von ihm zu erbitten, die ihm der Vater nimmermehr verweigern würde, nicht verweigern könnte? Warum? Warum? Sie konnte keinen Grund seiner Zögerung finden, als daß sie annehmen mußte, er hätte sie als seine Jugendfreundin zwar herzlich lieb, hegte aber nicht den Wunsch, sie zu besitzen. Dieser Gedanke quälte sie fürchterlich, denn ihm zu entsagen, war ihr unmöglich, ohne ihn mochte sie nicht leben. Seit jenem Morgen in der Heide waren Wochen vergangen, und er hatte sie nicht gefragt, ob sie sein eigen werden wolle. Heute sank die Sonne schon zum dritten Male seit dem Gericht in der Laube, und er hatte sich auf dem Viskulenhofe nicht einmal blicken lassen. Nur einen einzigen Tag noch durfte er in der Stadt verweilen, übermorgen mußte er von dannen. Wenn er bis dahin nicht käme, um sie als seine Braut in die Arme zu schließen – und sie glaubte nicht mehr daran – was sollte dann aus ihr werden? Ohne Abschied, so hoffte sie, würde er ja wohl nicht von ihr gehen, aber sie war überzeugt, daß sie den nicht überleben, sondern daß sie an dem letzten Wort, dem letzten Blick des Geliebten sterben würde, und das war ihr gerade recht. Der Bürgermeister Heinrich Viskule sah das Leid seiner Tochter, wußte auch die Quelle, aus der es strömte, und – schwieg und lächelte. ›Der Tröster wird schon kommen‹, dachte er; aber der kam nicht, und als nun der Bürgermeister darüber nachsann, warum der wohl nicht kam, fand er auch hier die richtige Spur. Er hatte aber seinen Plan schon fertig. Als er heute gegen Abend aus der Schreibstube in sein Wohngemach hinaufging, traf er dort Hildegund, die sich bei seinem Eintritt schnell die Augen trocknete und mit einem tieftraurigen Blick an ihm vorüber aus dem Zimmer wollte. Da jammerte sie ihn doch, und er hielt sie zurück und sagte: »Hildegund, komm mal her! Was ist denn?« »O nichts, Vater!« erwiderte sie, in ihr Schicksal ergeben. »Nichts? Doch Kind! Etwas muß sein; soll ich mal raten?« Wieder perlten ihr die Augen. »Dir tut es leid, daß mein guter Freund Gilbrecht wieder fort soll, nicht wahr?« Sie biß die Lippen zusammen und nickte. »Und du bist gewiß recht böse auf seinen Vater, daß er ihn angeklagt hat«, fuhr der Bürgermeister fort. »Ja!« kam es leise, aber doch etwas trotzig von ihren Lippen. »So! Ja, möchtest du denn, daß dein Freund Gilbrecht zeit seines Lebens mit einem schlechten Gewissen herumginge, eine ungerochene, ungesühnte Schuld auf der Seele? Daß er, wenn er einmal einen Brandstifter richten sähe, sich sagen müßte: du bist auch nicht besser als der arme Sünder da? Oder möchtest du lieber, daß er leichten und freien Herzens jedem braven Christenmenschen in die Augen sehen kann, weil er seine Schuld nach Fug und Recht gebüßt hat und wieder so rein und ehrlich geworden ist wie du und ich?« Hildegund blickte ihren Vater groß an, und eine einzelne Träne lief über ihre sich sanft rötende Wange. »Du möchtest doch gewiß lieber das letztere, nicht wahr?« fuhr der Vater fort. »Ja!« hauchte Hildegund und ein heller Schimmer glänzte aus ihren Augen. »Nun, siehst du wohl! Also braucht du ihn gar nicht so sehr zu bedauern, brauchst dich gar nicht um ihn zu grämen; er tut es gewiß auch nicht. Oder – oder meinst du doch?« Hildegund hielt einen Zipfel ihres Taschentuches zwischen den Zähnen, starrte ins Leere und seufzte aus tiefer Brust. Der Bürgermeister saß in einem Lehnstuhl, zog die vor ihm Stehende auf seine Knie und sah ihr mit einem innigen Blick nahe in die Augen. Diesen Blick konnte sie nicht ertragen; sie warf sich an seinen Hals und weinte bitterlich. »Sage mal, mein Mädchen«, sprach Heinrich Viskule freundlich und ruhig, »hast du denn den Gilbrecht lieb?« Statt aller Antwort drückte sie den Vater in ihren Armen und schmiegte das Haupt noch fester an seine Schulter. »Hast du ihn denn wohl ebenso lieb wie Ilsabe deinen Bruder Balduin?« »Ach! – Noch viel – viel – viel lieber!« schluchzte sie. »Und der Schlingel hat dich nicht wieder lieb?« »O doch!« fuhr sie fort. »O doch? Woher weißt du denn das?« »Er hat es mir selber gesagt », erwiderte sie hold verschämt. »Dir selber gesagt? So so! Sieh mal an! Wann denn?« »Als er mich aus dem Kloster holte.« »Aha! – Und seitdem hat er nichts weiter gesagt?« »Nein! Kein Wort!« sprach sie beinahe heftig. »So! – Weißt du was? Steh mal auf! Ich werde mal ein verständiges Wort unter vier Augen mit dem Gilbrecht reden.« »Vater –!« »Na, na! Laß mich nur machen! Sollst zufrieden mit mir sein.« Und er rief seinen alten Diener Martin. »Martin, springe mal hin zu Hennebergs, ich ließe Gilbrecht bitten, gleich einmal zu mir zu kommen.« Mit dem Springen hatte das bei Martin gute Wege, aber er ging so schnell, wie ihn seine alten Beine tragen wollten. »Du bleibst hier im Nebengemach, Hildegund«, sagte der Bürgermeister zu seiner Tochter, »bis ich dich rufe; dann kommst du aber Augenblicks herein! Verstanden?« Hildegund umschlang den Vater noch einmal und lief dann hinaus, das Herz voll Hoffnung. Gilbrecht erschien etwas betreten vor dem Bürgermeister, der ihn mit den Worten empfing: »Wo steckst du denn, Gilbrecht? Läßt dich ja gar nicht sehen!« Gilbrecht schwieg verlegen. »Nun?« sprach Herr Viskule weiter. »Übermorgen geht's fort, nicht wahr?« »Ja, Herr Bürgermeister! Leider!« »Leider! Warum denn leider? Ein junges Blut wie du kann gar nicht genug von der Welt zu sehen kriegen. Wo willst du denn nun hin?« »Ich weiß es nicht«, erwiderte Gilbrecht kleinmütig. »Wirst doch wohl wissen, wo dein Handwerk blüht. Willst doch einmal Böttchermeister werden?« »Ja«, sagte Gilbrecht etwas zögernd, »ich habe ja doch nichts anderes gelernt.« »Oh, Balduin sagt, du könntest gut rechnen, hättest dich überhaupt hier sehr anstellig und gelehrig gezeigt, an dir wäre eigentlich ein Kaufmann verlorengegangen, und deine Handschrift ist auch nicht übel, ich habe sie gesehen.« Gilbrechts Augen blitzten; er sah den Bürgermeister forschend an. »Höre mal, Gilbrecht«, fuhr der alte Herr fort, »eine Frage wird ja erlaubt sein: hättest du wohl einige Lust, statt eines Böttchers ein Kaufmann zu werden?« »Herr Bürgermeister –! Herr Bürgermeister! Ja! Mit tausend Freuden!« »So! I das freut mich von dir, bin selber mit Leib und Seele Kaufmann. Was meinst du, wenn ich dich dieses Jahr lang zu einem alten Freunde, einem Handelsherrn in Lübeck, auf sein Kontor schicke, daß du da die Handlung lerntest?« Gilbrecht stand mit weiten Augen und offenem Munde da, faßte nach des Bürgermeisters Hand und sagte verwirrt: »Allen Dank! Allen Dank!« »Sieh mal«, sprach Herr Viskule, »ich habe als Bürgermeister nicht viel Zeit, mich um mein Handelswesen hier zu kümmern; es wird ohne meinen Willen von Jahr zu Jahr größer, und für Balduin allein wird es bald zuviel sein; da dachte ich mir, es wäre hübsch, wenn du ihm helfen könntest und mit deinem künftigen Schwager das Geschäft hier zusammen besorgtest. Was meinst du dazu?« »Herr Bürgermeister, so viel Glück habe ich nicht verdient«, erwiderte Gilbrecht, halb berauscht von der lockenden Aussicht. »Nun, wirst es ja noch. Aber – was wollte ich doch gleich sagen? Ja so! Wenn nun Balduin deine Schwester, die Ilsabe heiratet, dann – dann kannst du auch nicht mehr lange ledig bleiben; ein einläufiger Mann taugt nicht recht fürs Geschäft. Du mußt dir eine brave Frau anschaffen, Gilbrecht; vielleicht – vielleicht findest du in Lübeck eine, die dir gefällt!« »Werde wohl nicht danach suchen, Herr Bürgermeister«, erwiderte Gilbrecht strahlend vor Freude. »Nicht? Ei warum denn nicht? Hast dich doch nicht etwa schon heimlich mit einer versprochen?« »Nein, das nicht, aber –« »Das nicht? Was dann? Weißt du vielleicht eine, die du liebhast und gern zu eigen haben möchtest?« »Ach! – Lieb hab' ich eine über alle Maßen, aber –« »Aber sie will dich nicht?« »Weiß nicht – ein Böttcherknecht –« »Weißt es nicht? Warte mal!« – Er erhob sich und öffnete die Tür zum Nebengemach. Glutüberströmt trat Hildegund herein. »Hildegund«, sprach Herr Viskule, »der Gilbrecht sagt, er hätte eine sehr lieb, wüßte aber nicht, ob sie ihn wollte. Was sagst du dazu?« Hildegund schwieg und wagte nicht, die Augen aufzuschlagen. »Hildegund, möchtest du eine Böttcherfrau werden?« fragte Herr Viskule wieder. Nur ein liebestrahlender Blick auf Gilbrecht und ein freudiges Nicken war ihre Antwort. »Hildegund!« jauchzte Gilbrecht, und da lag sie in seinen Armen. Bald umschlangen sie sich, bald umhalsten sie den alten Herrn und waren überüberglückselig. Der Bürgermeister wischte sich die Stirn und sagte lächelnd: »Kinder, das war ein Stück Arbeit, euch zusammenzubringen! Das hat uns Balduin bequemer gemacht. Ist denn nun alles in Ordnung? Hildegund, zufrieden?« »Ach! Vater!« jubelte sie. »Ich habe keine Worte!« »Was machen wir denn nun?« fragte Heinrich Viskule, selber voll Glück und voll Freude. »Zur Mutter« sprach Gilbrecht. »Hast recht! Und zum Alten! Kommt! Balduin ist unten, den nehmen wir mit«, sagte der Bürgermeister. »Wenn er nicht schon dort ist«, lachte Gilbrecht. Da gingen die drei. Hildegund hing sich an Gilbrecht und drückte ihn an ihre wogende Brust und sah zu dem Bräutigam auf mit Blicken unsäglicher Liebe. Einundzwanzigstes Kapitel Nun ward aus dem letzten Tage, den Gilbrecht noch in der Stadt verbringen durfte, statt eines Trauertages ein Fest- und Freudentag für ihn und die Seinigen; denn in das Goldene Ei war das Glück eingekehrt, noch über Johannas kühnstes Hoffen hinaus, und das lichte Morgenrot umwob mit seinem Glanze den hohen Giebel des Böttcherhauses als verheißungsvolles Zeichen für das Emporkommen und blühende Gedeihen eines tüchtigen Geschlechts. Es war nicht Sonntag, und doch gebot Meister Gotthard, daß die Arbeit in der Werkstatt heute ruhen sollte; er wollte seine letzte Morgensprache im Böttcheramte halten und am Abend die Familie und deren Zuwachs, die Viskules und die Dippolds, zu einer fröhlichen Gastlichkeit um sich versammeln. Bis dahin sollte jung und alt den Tag nach Gefallen verleben, aber es sollte nicht der eine hierhin, der andere dorthin laufen, sondern sie sollten sich alle hübsch zusammenhalten in Eintracht und Geselligkeit. Das geschah denn; aber müßig konnte Hennebergs Volk nicht sein. Sie fingen an, sich und das Haus zu putzen. Diele und die Wohnstube sollten es merken, daß sie heute liebe Gäste zu empfangen hätten. Geschäftige Hände machten sich über alles her, was fest und was lose war, rückten zehnmal Tisch und Stühle, glätteten immer wieder das faltenlose Tischtuch, rieben an den Krügen auf den Schränken und Wandbrettern, und einer wischte immer noch einmal hinter dem anderen Staub, wo gar keiner war. Alles sang und sprang im Hause, und jeder wollte dem anderen ein noch fröhlicheres Gesicht zeigen, als das war, in das er selber hineinblickte. Muntere Scherzworte fielen, und allerlei Schimpf und Kurzweil ward getrieben. Der Ratsherr schaute in heiterer Würde und mit einem ruhigen Lächeln auf das Treiben der Seinigen und sah mit stillem Behagen, daß auch die Vorbereitungen in der Küche dabei nicht zu kurz kamen, für die Lutke manchen Gang zu tun hatte. Schon früh kam der Grapengießer Hartnacke und brachte einen ziemlich umfangreichen, in ein Tuch gehüllten Gegenstand mit sich. »Habt Ihr's wirklich geschafft?« fragte Gotthard Henneberg erfreut. »Ja, er ist fertig«, erwiderte der Amtsmeister, »wir haben Tag und Nacht daran gesessen, weil ich ihn dir gern zur rechten Stunde liefern wollte.« »Laß sehen!« sagte der Ratsherr. Hartnacke wickelte aus dem Tuch einen blitzenden, funkelnagelneuen Zinnbecher, den er mit liebäugelndem Wohlgefallen auf den Tisch stellte. Ein allseitiges Ah! begrüßte das schimmernde Werk. Es war ein großmächtiger Ehrenhumpen, den Gotthard seiner Gilde zum Andenken stiften wollte. Der mehrfach gewölbte und geschweifte Fuß ruhte auf vier sitzenden Löwen. Den Oberteil, das eigentliche Trinkgefäß, trugen drei kräftige Böttchergestalten mit Schurzfell und Handwerkszeug. Auf der breitesten Rundung war das Böttchergildewappen in erhabener Arbeit mit Tonne, Beil und drei Nelken. Auf der entgegengesetzten Seite war die Inschrift mit der Widmung und dem Namen des Gebers, und den in drei schön verzierten Abstufungen sich verengenden Deckel krönte die Figur eines bewehrten Böttchermeisters in Haube und Harnisch, der eine Fahne in der Hand hielt. Alle hatten ihre Freude an dem Prachtstück und lobten Erfindung und Ausführung daran. »So einen haben sie doch noch nicht«, sagte Gotthard bewundernd. » So einen kriegen sie auch nicht wieder!« sprach der Meister und zeigte mit der Hand auf den Ratsherrn. »Es ist mir lieb«, sagte Gotthard, »daß du Fleiß und Arbeit nicht daran gespart hast.« »Ich wußte wohl, daß du so dachtest, Henneberg, und wollte, daß du Ehre damit einlegtest«, erwiderte Hartnacke. »Die Gabe soll des Gebers würdig sein.« Glock acht machte sich der Sülfmeister mit dem Schwerte umgürtet zu seiner letzten Morgensprache auf den Weg. Hartnacke begleitete ihn bis zum Gildehause, und Arnold trug den wieder eingehüllten Pokal. Kaum waren sie aus dem Hause, als Ilsabe fortsprang, um Hildegund herbeizuholen. Die beiden Mädchen brachten zwei schon bereitgehaltene Körbe voll Laub und Blumen mit, um den großen Zirkel zu bekränzen, der heute seinen Hundertjahrtag hatte. Der Ratsherr hatte das über allen den wichtigen Vorgängen wieder vergessen, aber Arnold hatte es gestern abend seiner Schwester verraten, und diese hatte mit Hildegund flüsternd beschlossen, das ehrwürdige Gerät heimlich zu bekränzen. Gar lieblich nahm sich der altersbraune Zirkel im Schmuck der Blätter und Blumen aus, als sie ihn auseinandergespreizt an des Vaters Sessel banden, so daß er die Rücklehne in spitzem Winkel turmartig erhöhte. Bald stand Gotthard Henneberg vor den versammelten Werkbrüdern an der Morgensprachtafel und hielt das Regiment der Böttcher in der Hand, einen starken, über zwei Schuh langen, eichenen Stab, an dessen oberem Ende wie auch über dem Handgriff eine Tonne gebildet war. Damit aufklopfend gebot er Stillschweigen und sprach: »Brüder, ich frage euch, ist es wohl so fern am Tage, daß ich mag hegen und halten eine hohe Morgensprache?« Altermann Ditmar Elvers antwortete ihm: »Dieweil die Sonne scheint über Bäume, Berg und Tal, Blumen und Gras, so ist es wohl so fern am Tage, daß du magst hegen und halten eine hohe Morgensprache.« Der Amtsmeister fragte: »Was soll ich denn verbieten in dieser hohen Morgensprache?« Der Altermann antwortete: »Hader und Zank, Scheltwort und Unlust.« Der Amtsmeister sprach: »So verbiete ich denn Hader und Zank, Scheltwort und Unlust zum ersten, zum anderen und zum dritten Male. Wer zu reden hat, der rede mit Bescheidenheit und halte Frieden mit Hand und Mund, damit er schone seines Geldes.« Er öffnete die vor ihm stehende Lade, eine sauber gearbeitete Eichentruhe mit krausen Eisenbeschlägen, welche die Urkunden enthielt, entgürtete sich seines Schwertes und legte es, die Klinge eine Spanne lang aus der Scheide gezogen, vor sich auf den Tisch. Dann hub er an: »Hochachtbare, fürsichtige Meister! Günstige und liebe Werkbrüder! Ich stehe als Amtsmeister unserer ehrbaren Sankt Goderdesgilde heute zum letzten Male hier, wo ich so manches Mal gestanden habe, wenn Rat, Recht, Amt und Gilde gehalten wurde, und ich will wünschen und hoffen, daß ich euch mit aller Billigkeit und Ehrbarkeit zu Dank gedient habe und zu guter Nachrede. Ich übergebe euch Rollen und Briefe, Regiment und Büchse, Kerzen, Gezierde und Kleinodien mit reinen Händen, und unsere Rechnung stimmt. Da ich nun von euch scheide, werdet ihr mir wohl ein paar inständlische Bitten nicht verübeln und versagen. Erstlich ist es meine Bitte und Meinung, daß wir aus sonderlicher Gunst und Gnade unseren ehemaligen Werkbruder Alhard Dippold, obwohl er von drei Jahren, die er des Amtes quitt und verfallen sein sollte, erst zwei verbüßt hat, weil er sich aber brav gehalten, mir auch aus meiner Not im blauen Turme geholfen hat, und aus anderen beweglichen Ursachen wieder in Amt und Ehren unter uns aufnehmen. Seid ihr damit einverstanden, Brüder?« »Jawohl!« riefen sie. »Wir vergönnen's!« »Dann, Bruder Amtsbote«, wandte sich Gotthard an den jüngsten Meister, »sei so gut und rufe Dippold herein; er wartet draußen.« »Alhard Dippold«, redete er dann den etwas befangen Eintretenden an, »kraft des ganzen Handwerks verkündige ich dir, daß wir in den Rest der Buße, die wir über dich verhängen mußten, auf daß ein anderer sich daran stoße, erlassen und uns wieder mit dir vergleichen und vertragen wollen. Es ist dir kümmerlich ergangen, und wen der allmächtige Gott mit Kreuz und Beschwerung heimgesucht hat, dem soll eine milde Hand geliehen werden, und weil du den Schaden willig gelitten hast, bist du uns nun wieder ein so guter Amtsbruder nachher wie vorher, sollst dein eigen Werk bauen und dein Salz in Frieden essen. Sollst auch keine Auflage zahlen und nicht die geziemende Kollation ausrichten, sondern nur Gott zu Lobe in die Kerzen ein Pfund Wachs geben, daß man die Seelen damit begehen möge. Nimm deinen Platz ein in der Reihe, wo er dir zukommt.« »Ich tue mich ganz freundlich bedanken, Amtsmeister und liebe Werkbrüder!« sagte Dippold, und die nächsten schüttelten ihm die Hand. »Nun, Brüder, die andere Bitte!« sprach Meister Gotthard. »Draußen steht ein Böttcherknecht, der das Amt eschen und seiner selbst werden will. Er ist echt, recht und deutsch und als eines Meisters Sohn zum Handwerk geboren, denn es ist mein eigener, eheleiblicher Sohn Arnold Henneberg.« »Er ist uns willkommen!« riefen ihm die Brüder zu. »Er befreit sich mit einer aus dem Amte«, fuhr der Meister fort, »Dippolds Tochter ist seine Braut. Er will nachtun, was jeder andere fromme und ehrliche Amtsbruder vor ihm getan hat, wenn ihr ihm vergönnen wollt, daß er sein Meisterstück macht.« »Wir vergönnen's!« antworteten die Meister. Einer bat um das Wort und sagte: »Brüder, wer bei Gotthard Henneberg das Handwerk gelernt hat, der versteht seine Sache; darum, wenn es euch recht ist, vermeine ich, daß wir unserem Amtsmeister zu Dank und Ehre seinen Sohn des Meisterstücks entledigen.« »Ja, das wollen wir!« erwiderten viele, aber nicht alle. »Halt, Brüder!« sprach Meister Gotthard. »Das leide ich nicht. Wer ein Handwerk treiben will, muß es mit der Hand wirken können und muß es dem Amt beweisen, daß er es kann. Das soll auch mein Sohn Arnold und soll sein Werkstück nicht zierlich und künstlich herausstreichen, sondern gute, aufrichtige Arbeit machen nach Handwerks Gebrauch und Gewohnheit, sonder Arglist und Gefährde. Ist es euch recht, so laß ich ihn rufen.« »Wir vergönnen's!« antworteten die Meister wieder. »Ich habe dir zu melden, mein Sohn«, sprach der Amtsmeister zu Arnold, als dieser erschienen war, »daß die ehrbaren Meister dir auf deine fleißige Bitte das Amt auflassen wollen, wenn du mit deinem Meisterstück unsträfliche Arbeit lieferst, deine Auflage gebührendermaßen in die Meisterbüchse zahlen und ihnen eine redliche Kost ausrichten willst nach deiner Vermögenheit.« »Ich tue mich ganz freundlich bedanken«, erwiderte Arnold, »und will alles tun nach der ehrbaren Meister Begehr und nach Handwerks Gebrauch und Gewohnheit.« »Gut, mein Sohn!« sagte der Amtsmeister. »So kannst du wieder deinen Austritt nehmen.« Und nachdem Arnold hinausgegangen war, fuhr er fort: »Jetzt, Brüder, ist es an der Zeit, daß ihr euch einen anderen Amtsmeister kürt an meiner Stelle. Ihr habt es wohl schon getan, also nennet mir seinen Namen.« »Altermann Ditmar Elvers!« riefen die Meister. »Ditmar Elvers! Da habt ihr eine gute Wahl getroffen, Brüder!« sprach Gotthard Henneberg. »Ist einer oder anderer, der etwas auf ihn zu sagen hat, der rede jetzt und schweige nachmals.« Die Meister schwiegen, und Gotthard Henneberg fuhr fort: »Sie schweigen; keiner hat etwas auf dich zu sagen, Ditmar Elvers; sie wissen nichts als Liebes und Gutes von dir. Gelobst du mir handgebender Treue, des Amtes Gerechtigkeit zu richten, zu verkünden und zu handhaben nach deiner höchsten Redlichkeit?« Ditmar Elvers reichte Gotthard Henneberg seine rechte Hand, umfaßte mit der linken dessen Schwert da, wo es aus der Scheide heraussah, und sprach: »Ja, ich gelobe es im Namen Gottes und der heiligen Dreifaltigkeit!« »So stehe von der nächsten Morgensprache an du hier, Ditmar Elvers«, sagte Gotthard, »und walte deines Amtes nach Pflicht und Gewissen, nach der Herren Wort und der Meister Eid, auf daß die Brüder mit dir zufrieden sind und dermaleinst deinen Namen segnen!« »Es soll geschehen, Bruder Amtsmeister!« erwiderte der Gekorene. »Und nun, liebe Brüder, komme ich endlich zu meiner letzten Bitte«, sprach Gotthard, nahm den hinter ihm auf einem Stuhl liegenden hohen Zinnbecher aus seiner Hülle heraus und stellte ihn vor sich auf den Tisch. »Ich bitte euch, dieses handliche Trinkgeschirr mit Dank anzunehmen zum freundlichen Gedächtnis an euren langjährigen Amtsmeister.« Da äußerten sie laut ihre Freude über die blinkende Gabe. Ditmar Elvers trat vor und hielt eine Ansprache, worin er namens des versammelten Handwerks dem Sülfmeister Dank sagte nicht nur für das schöne Geschenk, sondern mehr noch für die treue Führung seines Amtes, aus dem sie ihn ungern scheiden sähen. Gotthard Henneberg erwiderte: »Als Amtsmeister muß ich meinen Urlaub von euch nehmen, aber es soll kein Abschied sein, denn wir bleiben zusammen; ich bin aus Gunst und gutem Willen eines hochedlen Rates euer Morgensprachsherr geworden an Stelle des Herrn Heinrich Viskule, der ja nun unser Erster Bürgermeister ist.« Darüber jubelten die Werkbrüder und wünschten ihrem neuen Morgenherrn und sich selber Glück dazu. Hierauf schloß Gotthard Henneberg nach den üblichen Fragen und Antworten die Lade und so auch seine letzte Morgensprache. Als Amtsmeister legte er den Regimentsstab nieder, Böttchermeister war er gewesen, Ratsherr war er geworden, aber nach wie vor bis an sein selig Ende hieß er in der ganzen Stadt nur »der Sülfmeister«. Zwei Stunden nach Schluß der Morgensprache kam er sehr vergnügt zu Mittag nach Hause und sagte zu seiner Frau: »Johanna, ich war bei Viskule auf dem Rathause und habe mit ihm unten im Keller den Wein geprobt, den uns Ambrosius schicken soll. Marquard Mildehövets feine Zunge hat uns dabei geholfen; der kommt heut abend auch, ich hab' ihn eingeladen.« »Er ist mir willkommen«, erwiderte Johanna. »Was soll denn das?« fragte er nun, als er seinen grüngegiebelten Lehnstuhl erblickte. »Ach, der Zirkel! Ja, ja, hundert Jahre! Halt ihn in Ehren, Arnold! Und sorge, daß ihn heut über hundert Jahre wieder einmal ein Böttchermeister Henneberg bekränzen kann.« »Wollen's hoffen, Vater!« erwiderte Arnold. Und was ich dazu tun –« »Arnold«, sagte die Mutter schnell, »zunächst brauchst du ihn zu deinem Meisterstück.« »Was du dazu tun kannst, meinst du«, lachte der Ratsherr, »das soll geschehen –« »Habt wohl fleißig geprobt?« unterbrach ihn Johanna mit einem bedeutsamen Blick. »– daß der Zirkel nicht einmal unversehens zerbricht«, vollendete Gotthard schelmisch: »Laß einen doch ausreden! – Ja, haben fleißig geprobt! Warum? Wieso? Kommt auch alle hundert Jahr nur einmal vor.« »Ich freue mich ja darüber«, lächelte Johanna; »hoffentlich habt ihr etwas Gutes ausgesucht.« »Will's meinen!« sagte der Sülfmeister. – Der Abend vereinigte eine sehr heitere Gesellschaft im Böttcherhause. Die Viskules und die Dippolds kamen und Marquard Mildehövet, und allen war es in der einfachen Wohnstube, in der kein Überfluß, aber doch eine gewisse Behäbigkeit herrschte, gar traulich und heimlich. Aus der Diele nebenan drang ein kräftiger Holzgeruch deutlich herein und mahnte an die Werkstatt, an die rüstige Arbeit, der dieses Haus seinen bescheidenen Wohlstand verdankte. Der reichste Kaufherr der Stadt und der ärmste Handwerker trafen unter Gotthard Hennebergs Dach wie in alter Freundschaft zusammen, und es war, als ob seine vermittelnde Hand, sein liebevoller, froh waltender Sinn alle, jung und alt, wie die Dauben eines Fasses in einen Reifen, in den fest geschlossenen Ring einer glücklichen Familie vereinte. Gotthard saß obenan, zwischen Mildehövet und Viskule, in seinem von dem bekränzten Zirkel überragten Lehnstuhl, und statt der üblichen Zinnbecher standen heute grünliche Gläser auf dem Tisch und wurden ebenso fleißig gefüllt wie geleert. »Ah, der labt Zunge und Herz!« sagte Heinrich Viskule, den Wein bedächtig kostend. »Ja«, wandte sich Gotthard zu Marquard Mildehövet, das ist der Hochheimer, für den Ihr heute morgen stimmtet, Herr Ratsherr!« »Also nun gebt Ihr mir recht?« lächelte Herr Marquard. »Nun, so laßt mich gleich beim ersten Glas einen freundlichen Vorschlag machen. Gotthard, wir haben schon genug Lüneburger Salz miteinander verzehrt, daß wir uns nachgerade kennen müssen. Herr Ratsherr hier und Herr Ratsherr da! Wollen wir es noch auf unsere alten Tage mal mit du und du versuchen, Gotthard?« »Ja, das wollen wir, Marquard Mildehövet!« erwiderte Gotthard und schlug herzlich in seines Gastes dargebotene Hand. Den Schüsseln der Frau Johanna ward alle Ehre angetan, was sie ebenso fröhlich machte wie ihren Gotthard, wenn er über den Tisch hinüberrief: »Jakob, du schenkst ja nicht ein!« Wirte wie Gäste wußten bald selbst nicht recht, ob die Gasterei ein Abschiedsmahl für Gilbrecht oder ein Hochzeitsschmaus für die Brautpaare oder ein Ehrengelage für den neuen Bürgermeister und den neuen Ratsherrn war. »Das ist nun das lustigste Ende vom traurigen Lied«, sagte Heinrich Viskule, »daß wir hier so freundlich versammelt und beieinandersitzen. Wer weiß, ob das so oder wenigstens so schnell gekommen wäre, wenn ich nicht in den blauen Turm und Hildegund nicht ins Kloster Lüne gesperrt wäre. Denn dann hättet ihr Hennebergs mich nicht mit Meister Dippolds Hilfe aus dem Turm und Gilbrecht hätte Hildegund nicht aus dem Kloster befreien können. Dabei hat jeder, soweit das noch nötig war, einen Blick in des anderen Herz getan und Liebe und Treue gefunden, wo er sie vielleicht kaum vermutete. So hat uns das Schicksal in bösen Tagen zusammengeführt und alles zum Guten gewendet.« »So ist es geschehen«, sprach Gotthard Henneberg, »und wir sind wohl gar den Herren Prälaten noch Dank schuldig, daß sie alle die Angst und Not über uns gebracht haben, die uns zum Segen ausgeschlagen ist.« »Ihr Wille war es nicht«, sagte Meister Dippold, »und unser Streit mit ihnen bleibt stehen ohne Ende.« »Ich hoffe, auch mit den Prälaten werden wir bald unseren Frieden machen«, bemerkte der Bürgermeister. »Herzog Adolf von Holstein, der unserer Stadt von jeher wohlgesinnt war, hat sich uns auf Befehl des Kaisers zum Vermittler angeboten, und bei nur einiger Nachgiebigkeit auf beiden Seiten wird der alte Zwist in Güte beigelegt werden.« »Das kann noch Jahre dauern«, meinte Mildehövet. »Vielleicht werden eure Söhne, wenn sie einst Ratsherren sind, erst das letzte Wort in diesem Streite sprechen.« »Redet heute nicht von so fernen Zeiten«, sagte Johanna. »Meine Mutter hat mich ein weises Sprüchlein gelehrt, das lautet: Wer mit allem Tun und Sinnen Immer in die Zukunft starrt, Wird die Zukunft nicht gewinnen Und verliert die Gegenwart.« Wir wollen uns der Gegenwart freuen –« »Und auf die Zukunft trinken!« fiel Balduin ein und leerte das Glas, welchem Beispiel die anderen folgten. »Eins bedaure ich«, sprach Gilbrecht, »daß ich nicht bei eurem Brautlauf sein kann, Arnold und Balduin!« »Wir wollen auf dem deinigen um so lustiger sein«, sagte Ilsabe. »Nicht wahr, Ursula? Wir mit unseren Männern!« »Und wenn ich dann noch mit Frau Walpurg Grönhagen Brautlauf halte«, lächelte Marquard Mildehövet. »Da kommt Ihr zu spät, Herr Ratsherr!« rief Ursula. »Frau Grönhagen zieht auf die Hasenburg; der Ritter von Boltessen hat um sie geworben.« »Dem gönn' ich sie!« lachte Gilbrecht. »Die beiden passen zusammen.« »Träufelt Wein auf die Wunde, Herr Ratsherr!« lachte Ilsabe. »Ihr trinkt heut abend so wenig.« »Ich, wenig trinken?« sprach Marquard Mildehövet. »Ich habe schon mehr getrunken, als einer hier am Tische; das kann ich mit meinen beiden Nachbarn beweisen; nicht, Frau Druda?« »Die ersten zehn Gläser hab' ich gezählt, Herr Ratsherr«, erwiderte Frau Dippold, »aber nach dem zehnten hab' ich's aufgegeben.« »Und das ist gewiß schon lange her«, lachte Heinrich Viskule. »Alterchen, denk an dein Podagel!« »Die magere Kost im Turme hat es mir für lange Zeit vertrieben, hoff' ich«, sprach Mildehövet. »Und nun hältst du dich schadlos, Marquard, für die schlechte Behandlung. Das tät ich an deiner Stelle auch«, sagte Gotthard. »Jawohl!« erwiderte der Ratsherr. »Und dieses Glas trink' ich auf das Wohlergehen deines Sohnes. Daß Gott dir Glück verleihe, Gilbrecht! Ein Jahr und einen Tag sollst du fern sein von uns und dem, was dir auf Erden das liebste ist. Ziehe hin in Frieden und Hoffnung, lerne fleißig, und lebe fröhlich, kehre wieder klug und gesund. Die Sehnsucht der Liebe und das Gedenken der Freunde wird dich umschweben, und wenn die Zeit vergangen ist, so brauchst du kein Kloster in Brand zu stecken, um die Braut zu gewinnen, sondern holst dir deine Hildegund am hohen Tag mit Sang und Klang aus dem Viskulenhof, den Gott segnen möge zu Wasser und zu Lande!« Dem stimmten sie alle freudig zu und tranken gründlich mit. Bis zu später Abendstunde blieb der fröhliche Kreis zusammen und ward immer munterer und lauter. Der Wein löste selbst dem schweigsamen Dippold und sogar dem schüchternen Jakob die Zunge. Die Liebenden blickten sich immer feuriger in die Augen. Heinrich Viskule und Marquard Mildehövet sprachen von ihrer Jugend und schienen dabei voll Lust und Leben selber wieder jung zu werden. Der Sülfmeister thronte leuchtenden Angesichts mit einer schier göttlichen Ruhe und Heiterkeit unter seinem hundertjährigen Zirkel, und sein treues, festes Herz schlug ihm in Freuden über sein und der Seinigen selbstgeschaffenes Glück. Endlich erhob man sich von der seßhaften Runde. Marquard Mildehövet und die drei Dippolds nahmen Abschied von Gilbrecht und wünschten ihm noch einmal viel Glück ins Feld. Auch die Viskules gingen, und in dem ernsten, von einträchtiger Liebe und emsiger Arbeit erfüllten Böttcherhause war nie ein froheres Fest gefeiert worden als heute. Auf dem Tische stand noch ein Rest Wein; den verteilte Gilbrecht in sein und seines Vaters Glas, hob seines empor und sagte: »Vater, tu mir Bescheid, ob du mir auch nicht zürnst, daß ich unserem ehrbaren Handwerk untreu werde.« »Nein, mein Sohn!« erwiderte der Sülfmeister und stieß mit ihm an. »Der rechte Mann füllt überall seinen Platz aus in der Welt, wenn er nur seine Pflicht tut und etwas schafft, was ihm selber zur Ehre und seinem Mitmenschen zum Segen gereicht.« Zweiundzwanzigstes Kapitel Zum letzten Male saßen sie im Goldenen Ei alle zusammen beim Morgenbrot und waren guter Dinge. Wenn Gilbrecht auch, von seiner Wanderschaft kaum zurückgekehrt, das Vaterhaus noch einmal verlassen mußte, so war es doch nur auf die kurze Spanne eines Jahres, und mit jedem Schritte, den er jetzt, sein Liebstes hinter sich lassend, vorwärts tat, eilte er ja seinem künftigen Glück entgegen, wie er es sich niemals hatte träumen lassen. Herr Heinrich Viskule kam, ihm Lebewohl zu sagen. »Wo sind Hildegund und Balduin?« fragte Gilbrecht erstaunt. »Draußen in der Heide wirst du sie treffen«, erwiderte der Bürgermeister; »Hildegund will ohne Zeugen von dir Abschied nehmen.« Dann drückte er ihm ein leidlich schweres Päckchen in die Hand, das Gilbrecht verschämt zurückweisen wollte, aber dankend einsteckte, als Herr Viskule sagte: »Nun? Mein künftiger Eidam wird mir doch einen Badegroschen verstatten? Und hier ist auch der Brief an Herrn Bartholomäus Overdyk in Lübeck. Du kommst zu ihm in treue Hut, und merke wohl, Gilbrecht! Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit sind des Kaufmanns Tugenden, und die höchste Redlichkeit ist seine Ehre; er soll mit Fleiß auf seinen Nutzen sehen, aber keinen Pfennig unsauberen Gewinnes darf seine Hand berühren! Gelobst du mir, das zu halten dein Leben lang?« »Ja, Herr Vater, mein Leben lang!« sprach Gilbrecht. »Gut, mein Sohn! So fahre wohl, und Gott sei mit dir! Übers Jahr, wenn du wiederkommst, holst du dir die Braut heim; ich werde unterweilen das Nest für euch bauen. Auf Wiedersehen, Gilbrecht, übers Jahr!« Der Bürgermeister ging, um Gilbrecht seinen Eltern und Geschwistern allein zu überlassen. »Ist es nicht seltsam?« sprach Gilbrecht. »Mit einem Briefe bin ich in die Stadt hereingekommen, und mit einem Briefe gehe ich wieder hinaus.« »Nur daß du den einen als Böttcherknecht brachtest und der andere dich zum künftigen Kaufherrn macht«, bemerkte Arnold. »Der Tausch ist nicht übel, vermein' ich. Einen besseren Wanderbrief konnte dir kein Meister schreiben.« »Und ist auch sonst noch ein Unterschied dabei«, sagte Gilbrecht. »Streit trug ich mit dem Brief in die Stadt hinein, und Frieden laß ich nun darin zurück.« »Das walte Gott!« sprach der Ratsherr. Die Scheidestunde schlug. Gilbrecht war wanderfertig, sein Felleisen gerüstet und mit allem Nötigen reichlich versorgt. Der Ratsherr wünschte den Abschied kurz zu machen und drängte zum Aufbruch, zumal draußen auf der Straße schon die Brüderschaft der Böttcherknechte in großer Anzahl versammelt war, um ihrem wandernden Gesellen das Geleit zum Tore hinaus zu geben. Aber Frau Johannas Mutterherz war schwer, und sie zögerte den letzten Augenblick so lange wie möglich hin. »Ich sehe dich noch mit Sack und Pack da in der Tür stehen, Gilbrecht«, sagte sie, »an dem Abend, als du uns ganz unerwartet aus der Fremde wiederkamst. Nie vergess' ich den Anblick!« »Über Jahr und Tag kannst du ihn noch einmal genießen«, sprach Gotthard, »aber wenn Gilbrecht wiederkommen soll, muß er doch erst einmal fortgegangen sein.« Ilsabe brach aus dem Laubgewinde des Zirkels einen rötlichen Eichenzweig und steckte ihn Gilbrecht an den Hut, gleichsam als Ersatz für das Wacholdersträußchen, das sie ihm bei seiner Ankunft vom Hute genommen hatte. »Lebe wohl, Jungfer Henneberg!« lächelte Gilbrecht. »Das nächstemal sage ich guten Tag Frau Viskule!« »Fahre wohl, altes treues Bruderherz!« erwiderte Ilsabe und umschlang ihn. Die Mutter faßte sich herzhaft, klopfte den Liebling und sprach: »Glück auf den Weg, Gilbrecht! Und Gott schenk' uns ein frohes Wiedersehen!« Dann brachten sie ihn bis vor die Haustür, blieben aber im Beischlag stehen. »Lebe wohl, Vater!« sagte Gilbrecht und fügte scherzend hinzu: »Halte auch auf gut Regiment im Rat von Lüneburg!« »Lebe wohl, mein Junge!« sprach der Sülfmeister. »Wir wollen beide nicht vergessen, daß wir ehrbare Böttcher waren.« Ein letzter Händedruck an Mutter und Schwester, und Gilbrecht trat zu den Gesellen der Brüderschaft, unter die sich auch Arnold, Jakob und Lutke mischten. Gilbrecht hatte ihnen gesagt, daß er nach Lübeck ginge, aber verschwiegen, daß er nun Kaufmann werden wolle. Den Gottespfennig, der ihm als Geschenk von der Brüderschaft zukam, hatte er dankend ausgeschlagen und den Brüdern das Geld für die wandernde Tonne gegeben mit der Bitte, das Bier auch ohne ihn auf sein Wohl zu trinken, womit sie zufrieden waren. Sie setzten sich grüßend in Bewegung. Der Böttcherknecht, der mit Gilbrecht zusammen Sengstake auf dem Flusse verfolgt hatte, trug ihm jetzt nach altem Brauch sein Felleisen, so weit wie die Brüderschaft mitging. Singend zog die Schar durch die hochgiebligen Straßen zum Bardowicker Tor hinaus, und so klang ihr Lied: Frisch auf, du treuer Knabe, Was hält dich noch zu Haus? Du mußt am Wanderstabe Geschwind zum Tor hinaus. Ach laßt mich noch mal blicken Trautliebchen ins Gesicht, Noch einmal nur mich nicken: Lieb Kind, vergiß mich nicht! Nein, nein, du mußt sie meiden, Gabst ihr den letzten Kuß, O Scheiden und o Leiden, Wenn eins vom andern muß! So laßt mich noch mal drücken Des alten Meisters Hand, Am Flusse von der Brücken Mich schauen Stadt und Land. Der Meister hat vergessen, Wer sein Geselle war, Der Fluß trieb unterdessen Viel Wasser schon zu Tal. So kehret vor dem Gehen Noch einmal mit mir ein Und trinkt aufs Wiedersehen Noch ein, zwei Krügelein. Zieh hin, Gesell, und grüße Das Handwerk weit und breit, Und brauche deine Füße Und nutze deine Zeit. Freu dich in Lust und Leben Und tröste dich in Not: Von Dornen stets umgeben Blühn Rosen weiß und rot. Bis an die Landwehr brachten sie ihn; dann gebot der Altschaffer halt. Gilbrecht nahm sein Felleisen auf den eigenen Rücken, und die Gesellen schlossen einen Kreis, in den sich Gilbrecht und der Altschaffer zur Leitsage ihm gegenüberstellte. Hier unter freiem Himmel sprach des Altgesell: »Glück herein! Gott ehr' ein ehrbar Handwerk! Bis hierher, Bruder Gilbrecht, haben wir dir ein freundliches Geleit zum Tor hinaus gegeben; darum kannst du nicht traurig, sondern mußt desto froher sein. Frisch auf, mein Junggesell! Und habe guten Mut zur Wanderschaft; so wird es sich ja wohl mit dir schicken. Du hast deine Feder gen Mitternacht geblasen; so lauf denn, lauf ein Loch in die Welt hinein, daß man es mit zehn Fuder Heu nicht zustopfen kann! Es gibt überall milde Herzen, die dir eine leidliche Liegerstatt gönnen, und bekommst du kein Gericht, das fausthoch über die Schüssel steht, so findest du wohl ein Stück weißes Brot und einen guten Trunk an einem kühlen Brunnen, wo die zarten Jungfräulein wohnen. Wenn du an ein Wasser kommst, so siehst du wohl eine große Perle darin liegen, auf deutsch nennt man's einen Mühlenstein, und um den Teich sitzt ein Haufen grüner Männer, die rufen Arg! Arg! Laß dich nicht hindern und irren, mein Junggesell! Und wenn die schwarzen Raben dich anschreien oder die alten Weiber dich anbetteln, so wandere fürbaß und halte dich nicht auf bei Leuten, die das Handwerk im Winkel auf den Dörfern erlernt haben, wo die Hunde über die Zäune springen, denn die Bauern sind grob, sie schlagen gemeiniglich zwei- oder dreimal auf denselben Fleck. Grüße mir Meister und Gesellen, soweit das Handwerk redlich ist; ist es nicht redlich, so nimm Geld und Geldeswert und hilf redlich machen; ist es nicht redlich zu machen, so laß Diebe und Schelme sein und meide Pfuscher und Bönhasen, soweit man ein weißes Pferd im flachen Felde sehen kann. Wo die Böttcher Reiftag halten, da gehe herzu und nenne deinen ehrlichen Schleifnamen; dann trinkt dir jedermann eher einen Krug Bier oder Wein zu, dessen du sonst darben müßtest. Wenn du aber Durst hast, so schlage mit der Kanne auf den Tisch und laß die Zeche mit weißer Kreide an einen schwarzen Balken schreiben. Alles, was Schatten wirft, laß dich nicht schrecken, alles, was unter der Sonne Gutes ist, laß dir dienen und das Beste behalte in der Heimlichkeit deines Herzens, damit desto mehr Glück dazu schlage. Wo man meiner im argen gedenkt, da gedenke meiner im Guten; ich will dir Fuß darum halten und desgleichen tun wie alle ehrlichen Gesellen, die vor uns gewesen sind und die nach uns kommen. Fahre wohl, mein Junggesell! Und kehre gesund und fröhlich wieder! Wenn dir aber der Rückweg verleidet wird, und du die liebe Heimat nicht wiedersehen sollst, so findest du wohl auch in der Fremde ein freies Grab, und der barmherzige Gott mache dir die Erde leicht! Lebe wohl! – So scheid' ich von dir und du von mir. Viel Glück ins Feld, Bruder Gilbrecht!« Die Böttcherknechte reichten ihm nach der Leitsage alle die Hand zum Abschied, zuletzt Arnold und Lutke. Dann kehrten die Gesellen um, und Gilbrecht schritt einsam und allein mit seinen Gedanken in die Heide hinaus. Er war noch nicht weit gegangen, als er an eines der kleinen Gebüsche kam, die hier und da zerstreut wuchsen. Da trat ihm mit höflichem Gruß ein einzelner Mensch daraus entgegen: Timotheus Schneck! »Ich wußte deinen Weg«, sprach der Schuster, »und habe hier auf dich gewartet, um –« er stockte und fuhr dann mit einem verlegenen Lächeln fort: »– um nachzusehen, ob auch dein Schuhwerk für die Wanderschaft in gutem Stande ist.« »Willst du mich hier in der Heide neu besohlen?« lachte Gilbrecht. »Du hast etwas auf dem Herzen, Timmo!« »Laß mich eine kleine Strecke mit dir wandern«, sprach Timmo. »Weißt du noch, als wir von Uelzen her selbander durch die Heide zogen und du mir zuredetest, ich sollte statt in Lübeck erst einmal in Lüneburg mein Glück versuchen? Dafür wollte ich dir danken; denn ich habe mein Glück gefunden. Daniel Spörken hat mir versprochen, wenn ich noch ein paar Jahre bei ihm bliebe, wollte er mir die Werkstatt übergeben und sich zur Ruhe setzen, und dann könnte ich auch mein Holz und Salz haben und die Florentine freien. Was sagst du dazu?« »Tu's Timmo, tu's! So gut wird dir's nicht wieder geboten.« »Schon recht!« lachte der Schuster. »Wenn ich's nur so lange aushalte; aber das Sitzfleisch, Bruder, das Sitzfleisch! Daran fehlt mir's.« »Sei gescheit, Timmo, und bleib da!« sprach Gilbrecht. »Oder sehnst du dich heim?« »Heim?« wiederholte Timmo und lachte bitter dabei. »Ich habe kein Heim.« »Timmo, jeder Mensch hat eine Heimat und soll das Fleckchen Erde, wo er geboren ist, in Lieb' und Ehren halten.« »Wohl dir, daß du's kannst! Ich tät's auch gern.« »Als du bei deiner Einfahrt aus dem Hemsbecher trankst, machtest du ein finsteres Gesicht, und es kamen unfrohe Worte aus deinem Munde. Sage, was ist's mit dir?« »Sollst es wissen«, erwiderte Timmo, »wirst es ja nicht weiterplaudern. – Ich hatte auch Vater und Mutter, aber ich kann nur mit Schaudern an sie denken. Der Vater war Söldner und geleitete Fuhrleute und reisende Kaufleute, aber was er damit verdiente, das vertrank er und gewöhnte sich an das Leben auf des Reiches Straßen, so daß er zu Hause keine Ruhe mehr hatte. Wenn er heimkam, so hatte er leere Taschen, aber große Worte und erzählte Geschichten, die niemand glauben wollte. Wenn ihm die Mutter Vorwürfe machte, so schlug er sie und uns Kinder auch, weil wir darüber heulten; halbtot hat er uns manchmal geschlagen. Da verfluchte ihn die Mutter, und er ging davon, ließ uns im schrecklichsten Elend und kehrte nicht wieder. Die Mutter nahm einen anderen Mann, mit dem sie schon lange vertraut war. Der wollte von den Kindern des Landläufers nichts wissen und verstieß uns, und die Mutter litt es, weil wir die Züge des Vaters trugen. Wir waren drei Brüder, und ich der jüngste. Ich habe die anderen beiden nie wiedergesehen, nie wieder von ihnen gehört. Ein Kerzengießer brauchte einen Jungen, und ich kam ihm gelegen, als ich bei ihm bettelte. Aber ich hielt nicht aus, lief aus der Lehre und log mich von einem Dorf zum anderen, bis ich halb verhungert nach Darmstadt kam. Ein mitleidiger Schuster nahm mich auf, und ich tat gut und lernte sein Handwerk. Ihm hab' ich es zu danken, daß ich ein ehrlicher Mensch geworden bin. Meine Mutter habe ich nicht wiedergesehen, wollte es auch nicht. So habe ich mir allein durch die Welt geholfen, aber das unruhige Blut meines Vaters steckt in mir, und ein wenig Flunkern ist mein größtes Vergnügen; aber ich bin doch ein Schuster geworden, der sein Handwerk versteht. Und nun weißt du alles.« »Timmo«, begann Gilbrecht – »Sage mir kein Wort«, fiel der Schuster ein, »sondern vergiß es so schnell wie möglich, was ich dir erzählt habe; ich habe es auch beinah vergessen. Siehst du die Reiter dort in der Heide. Die lauern dir auf, und du wirst ihnen den Wegzoll nicht weigern, den sie dir abverlangen. Dabei will ich nicht stören. Lebe wohl! Lauf dir die Sohlen nicht schief, nimm kein falsches Geld, und wenn du einmal nicht weißt, ob du lachen oder weinen sollst, so lache, lache aus vollem Halse, das ist tausendmal gescheiter. – Viel Glück ins Feld!« »Auf Wiedersehen, Timmo!« »Fahr wohl, Sülfmeistersohn!« Sie reichten sich die Hände und der Schuster wandte sich stadtwärts. Gilbrecht schritt wacker aus in der offenen, nun baumlosen Heide, aber die Reiter kamen ihm schon entgegengetrabt. Es waren Balduin und Hildegund. »Kommst du, mein Fahrender?« rief ihm Hildegund zu, sprang geschickt vom Pferde, dessen Zügel sie Balduin übergab, und ging mit Gilbrecht Hand in Hand zu Fuß, während Balduin langsam nebenherritt, ohne an der halb geflüsterten Unterhaltung der Liebenden teilzunehmen. Aber endlich mahnte er Hildegund zur Rückkehr. Nun gab es einen langen, heißen Abschied, bis Hildegund sagte: »Jetzt sei mein Ritter und hilf mir in den Bügel.« Da beugte Gilbrecht das Knie, und darauf fußend, schwang sich die geübte Reiterin leicht in den Sattel. Auch Balduin drückte dem Freunde die Hand; dann noch ein Winken herüber und hinüber, und Gilbrecht zog seine Straße fürbaß. Die Geschwister aber hielten noch lange auf demselben Fleck und blickten dem sich mehr und mehr Entfernenden schweigend nach. Schon war er über Rufweite hinaus, da plötzlich gab Hildegund ihrem Pferd einen Druck und sprengte in sausendem Galopp hinter dem Wandernden her. Als sie ihn eingeholt hatte, sagte sie: »Der letzte Kuß sollte keinen Zeugen haben!« bog sich vom Pferde zu Gilbrecht herab, umschlang ihn und küßte ihn. »Behüt dich Gott, meine Hildegund!« sprach er. »Übers Jahr, Gilbrecht! Übers Jahr!« jubelte sie. Schnell warf sie das Roß herum und jagte zu ihrem harrenden Bruder zurück. Die Heide stand in voller Blüte. Bis in grenzenlose Ferne lag sie rundum in einer schimmernden Pracht, und die Farben spielten und wechselten in wundervollem Glanze. Das zarte Rosa der einzelnen Blüten wob sich, weil meilenweit dicht gedrängt Busch an Busch und Blüte neben Blüte stand, zu einer einzigen, gleichmäßigen Decke von einem freudigen Hellrot, das je ferner vom Auge, je satter und reicher wurde und allmählich in echten Purpur überging. Dann legte sich unmerklich ein bläulicher Hauch über das leuchtende Meer, durchdrang es stärker und leitete es sanft in ein herrliches, vollgetränktes Violett, das sich immer tiefer, immer dunkler hinauszog, bis es in letzter Ferne sich in ein vollkommenes Schwarz zu verlieren schien. Noch immer konnten sie sich sehen, über die nun Scheiden und Meiden verhängt war. Manchesmal stützte Hildegund die Hand auf das Kreuz ihres Pferdes und schaute rückwärts dem geliebten Wanderer nach, der in immer kleiner, immer schwächer werdender Gestalt durch die prangende Flur dahinschritt. Je größer aber der Raum der Trennung wurde und auf je farbendunklerem Grunde sich Gilbrecht bewegte, desto schwieriger ward es, sein mattes, immer weiter entrückendes Bild zu erkennen. Mehr als einmal schon hatte sie ihn verloren; dann hielt sie ihr Pferd an und suchte die Ferne zu durchdringen. Er kam auch immer wieder zum Vorschein, noch nicht losgelassen von ihr, mit Blicken der Sehnsucht zurückgezogen in Sichtbarkeit des Daseins. Aber war das langsam, kaum unterscheidbar sich regende Wesen, der unsichere, irrende Punkt dort wirklich ihr jugendlich schöner Bräutigam, der blonde Gilbrecht? O ja! Sie sah ihn mit rüstigen Schritten dahinziehen, den Ranzen breit auf dem Rücken, den Wanderstab fest in der Hand und mit dem bekränzten Hut auf dem lockigen Haupt – mit dem Herzen sah sie ihn so, mit den Augen nicht mehr. Er war spurlos verschwunden in der sonnigen Pracht der endlos blühenden Heide.