Adolf Pichler Ein Brautpaar Auf dem Fahrweg, den Baumeister Mayr zum Steinbruch nördlich von Innsbruck angelegt, kommt man oberhalb eines Föhrenwäldchens zu einer Ecke, wo sich dem Blick ein Labyrinth von Tälchen, Schluchten und Hügeln öffnet, welche mit steilen Schutthalden abbrechen oder einen spärlichen Bestand von Birken und Erlen tragen – mehr Gestrüpp als Wald, denn überall klettern Ziegen, diese Verwüster freien Baumwuchses, herum. Zwei Bäche münden ineinander, sie schließen eine schmale Landzunge ein: – ist es eine Schäferhütte oder ein Ziegenstall, was sich aus der Mitte des saftigen Grases zwischen einem Kirsch- und Apfelbaum erhebt? Hinten ist die Landspitze durch einen Zaun von Dorngestrüpp abgeschlossen, nur ein hölzernes Gitter gewährt den Zutritt. Die Mauern der Hütte, durchrissen von einem Sprung, ragen rauh und ohne Spur eines Kalkbewurfes nur wenig über den Boden empor. Das Dach besteht nicht aus Schindeln, sondern aus alten Brettern, deren Ränder sich bereits durch Regen und Sonnenschein aufwulsteten. An der Ecke fließt ein klarer Brunnen in ein steinernes Becken. Die Türe ist gesperrt, darüber hängt in einer Nische Christus am Kreuz, die Farben des kunstlosen Schnitzwerkes hat bereits das Wetter abgebleicht. Ein ziemlich großes Fenster, aus allerlei, zum Teil trüben und blinden Gläsern zusammengeflickt, ist in der südlichen Mauer angebracht und gestattet einen Blick in die Stube. Die Wände sind reinlich geweißt, der Boden gefegt, zwei Betten mit sauberen Decken stehen nebeneinander, darüber ein Bild in schwarzem Rahmen: »Maria Hilf«, wie man es in Bauernhäusern nicht selten antrifft. Ein Tisch, dessen Bretter nur der Hobel glättete, trägt einen irdenen Krug; an der Türe, welche in den Flur oder in die Küche führt, ist ein Holzschnitt mit den bunten Figuren des Kalenders angenagelt. Ein Ofen, aus gewaltigen grünen Kacheln aufgetürmt, füllt die Ecke. Rückwärts lehnt sich ein kleiner Stall an die Hütte, er ist aus morschen Brettern, deren Astlöcher und Fugen sorglich mit Moos verstopft sind, gezimmert und mag wohl jenen zwei Ziegen, der braunen und der weißen, welche an einem Stein lecken, zur Wohnung dienen. Doch mag es im Sommer nicht unangenehm sein, hier zu hausen. Die Borde des Baches sind eingesäumt von wilden Rosen, am Hag blüht die Hainbutte, Glockenblume und Spierkraut prangen hoch über Perlgras und Quendel – – ja, wer nur Blumenkränze zu winden hätte! Im Herbste blaut die Schlehe, prahlen die roten Dolden der Eberesche, schlingen sich die Silberflocken der Waldrebe durch den ruppigen Zaun, das Rotkehlchen pickt am schwarzen Holunder, und die Ziege nascht die Träubchen des korallenroten Sauerdorns – – wenn sich nur auch der Mensch davon nähren könnte! Die Amsel flötet, die Drossel singt ihr Brautlied, und verliebt girrt die graue Holztaube; – hört es, wer die Last des Elends durch das Leben wälzt, bis er mit derselben ins Grab stürzt? Wer mag hier wohnen in dieser Öde? Kein Glücklicher, denkst du vielleicht, nun wir wollen sehen; es war ungefähr auch meine Voraussetzung, als ich diese Hütte zum erstenmal entdeckte. Oft genug war ich als Student auf dieser Erdzunge gelegen, behaglich zum blauen Himmel starrend, sorglos, weil noch jung, oder im Homer blätternd. Ach, daß es doch immer so bliebe! Es blieb aber nicht so. Ich ging, um Medizin zu studieren, nach Wien, wohl schaute ich nach Süden, wo die Alpen über dem dunklen Mittelgebirg die weißen Kanten erhoben, erst nach mehreren Jahren jedoch kehrte ich nach Innsbruck zurück. Ich besuchte all die Plätzchen, welche ich seit langem nicht mehr gesehen und ebenso lange als freundliches Bild mit mir herumgetragen. Auch zu dieser Erdzunge stieg ich empor. Es überraschte mich nicht wenig, hier die Hütte zu treffen. Nachdem ich mehrere Mal um sie herumgegangen, wollte ich auch wissen, wer sie bewohne. Ich hatte mir bei einem Sprung über den Abhang einen Knopf ausgerissen; da ich nun nicht mit der Hose in der Hand zu Innsbruck einziehen mochte, sollte mir jener Knopf Gelegenheit geben, die Leute in der Hütte anzureden und Nadel und Faden zu erbitten. Ich klopfte. Ein altes Weib trat unter die Türe. Zu jener Zeit betrachtete ich die jungen zwar lieber, diese fiel mir aber dennoch auf. Schneeweiße Haare, zu Zöpfen geflochten, waren nach alter Mode um eine lange Nadel von Messing geschlungen, die einige Glasperlen schmückten, durch das braune Gesicht zuckten tausend kleine Fältchen, die Lippen, energisch geschwungen, waren noch nicht abgewelkt, mißtrauisch heftete sie das scharfe Auge auf mich und murmelte, daß ich es noch verstehen konnte: »Was will denn dieser Teufel wieder von uns?« Ich lachte bei diesem seltsamen Gruß laut auf und antwortete: »Liebe Alte, wär' ich der Teufel, so wollt' ich dich holen, daß meine Großmutter eine Kameradin hätt'; so ist's aber nichts damit und ich möcht' dich nur bitten, mir den Knopf festzunähen.« Ihre Züge wurden freundlicher. »Nehmt's nicht übel,« sagte sie, »die Leute haben uns so lang' geplagt und geschunden, daß ich manchmal den Teufel lieber säh' als einen Menschen. Geht nur herein, aber bückt Euch, sonst stoßt Ihr an.« Ich folgte ihr. Im Zimmer saß ein Greis auf der Bank, neben ihm die Dose. Er blickte mich gleichgültig an. Die Alte suchte in einem Körbchen das nötige Nähzeug, setzte die Brille auf und wischte die Hände an der blauen Schürze ab. Während sie den Knopf festnähte, wendete ich mich an ihren Mann: »Da habt Ihr's ja im Sommer recht fein, aber im Winter! Wann seid ihr aufgezogen?« Er nahm die Dose, sie war leer; nachdem er hineingerochen und sie wieder zugeklappt, sagte die Alte mit einem mitleidigen Blick: »Hast auch nichts, ich keinen Kaffee, du keinen Tabak! Früher durfte man doch ein Stäudlein bauen, – so viel als die Nase braucht, jetzt ist's verboten. Nehmt's nicht übel: als Ihr klopftet, glaubte ich, Ihr wärt ein Finanzler, wie sie in allen Gärten herumschnüffeln, um das verbotene Kraut auszuspüren.« »Wann wir aufgezogen?« begann nun der Alte, ohne die Unterbrechung zu beachten. »Wann? Nun, ich habe im Sommer seitdem fünfmal Erdäpfel gesteckt.« »Ja, und das ganze Haus kostet neun Gulden,« rief die Alte, »nicht mehr als neun Gulden. Wir haben es selbst gebaut, wir selbst!! – Wenn es nicht regnete, schliefen wir unter den Stauden, er dort und ich hier; regnete es, so legte er sich unter jenes Brücklein, ich nahm meine Zuflucht in jener Kapelle bei unserem Herrn im Elend. Unter Tags bauten wir miteinander, und als die Hütte fertig stand, haben wir geheiratet. »Geheiratet?« rief ich lächelnd. »Ja,« schwätzte sie fort, »früher ließ uns die Gemeinde nicht, die Bauern!« »Laß das unserm Herrn zur Abrechnung!« unterbrach sie der Alte ernst. Der Knopf war eingenäht. Ich griff in den Sack und legte ein paar Sechserln auf den Tisch. »Ist viel zu viel!« sagte die Alte. »Ein Gelt'sgott war' auch genug.« »Behalt es,« erwiderte ich, »behalt es, der Alte mag sich für die leere Dose ein Lot Scaglia und du ein Lot Kaffee kaufen, es ist ja morgen Pfingstsonntag.« »Nun, wenn Ihr's Gott zu Ehren gebt,« sprach er, »so dürfen wir es nicht abweisen, und vergelten mög' es Euch Gott, der ja alles auf- und abrechnet.« Er war aufgestanden. Ein großknochiger hoher Mann, der wohl die Decke der Stube berührt hätte, wenn ihn das Alter nicht gebeugt. Er ging ans Fenster. Ein Sonnenstrahl spielte über sein mildes, ehrwürdiges Gesicht und verklärte es sanft – einer jener Köpfe, die man unter den Bauern bisweilen trifft: ausgemeißelt bis zum feinsten Zug, fest und treu; lange Arbeit und der Schmerz des Lebens gaben ihnen den Ausdruck der Weihe. Ich verabschiedete mich. Als ich an der Ecke des Fußsteiges zurückschaute, sah ich den Alten mit einem breiten Hut, die weiße Schürze wie eine Wulst um den Leib gedreht, langsam herabsteigen, er wollte sich wohl zur Pfingstfeier eine Prise Tabak holen. Ein Landregen machte mehrere Wochen das Gebirge ungangbar, wohl schaute ich hier und da durch den Nebel hinauf, selten war das Sprengerkreuz zu erkennen. Ich hatte die beiden nicht vergessen; durch ihre ganze Erscheinung, ihre Rede und Lebensweise war meine Neugierde im höchsten Maße erregt. Als die Wege wieder trocken geworden, suchte ich das Tälchen und die Hütte auf. Aus dem Schlot stieg noch Rauch, die Türe war geschlossen und auch durch das Fenster niemand zu sehen. Vermutend, sie möchten in der Küche sein, stieg ich hinter die Landzunge hinauf und begann mit Steinen auf das Dach zu werfen, daß es laut polterte: es grunzten nur ein paar Schweine in einem Zubau unter einem Eschenbusch, den ich bisher nicht bemerkt. Da rief ein Hirtenbube hinter mir aus den Stauden: »Wollt Ihr Stanzl?« »Sie scheint nicht zu Hause zu sein,« erwiderte ich und stieg auf den Weg empor; »weißt du, wo sie ist?« »Dem Geruch nach haben sie eben die Brennsuppe g'essen, werden wohl ihren Geschäften nach sein!« »Geschäften?« »Nun ja, sie holt in der Stadt Knochen und Küchenabwurf. Jene stoßt sie zwischen zwei Steinen und siedet für sich die Suppe aus; diesen kriegen ihre Facken dort im Ställchen, die Euch just geantwortet haben.« »Und was tut denn der Mann?« »Der geht auch in die Stadt, tragt Holz, oder sucht sonst ein Paar Gröscheln zu verdienen. Viel kriegt er nicht, weißt wohl, es ist überall Noterei.« »Die Leute haben ja erst in alten Tagen geheiratet.« »Ist Zeit gewesen nach dreißig oder vierzig Brautjahren.« »Warum haben sie denn so lang' gewartet?« »Weil sie nichts besaßen, und nachher ist der Alte erst noch drei oder vier Wochen eingesperrt worden.« »Was hat er denn angestellt?« »Weißt wohl, der Gemeindevorsteher hat ihnen nachgesagt, sie seien vor der Messe zum Opfer gegangen, und da hat der Alte in der Kirche ihn einen Verleumder geheißen und Gott im Tabernakel zum Zeugen angerufen. Weißt wohl, so was leidet man nicht.« »Vor der Messe zum Opfer gegangen? eingesperrt?« Der Bube lachte verschmitzt: »Das kann ich Euch nicht erklären, laßt Euch's von der Stanzl oder ihrem Sever selbst vermelden.« Er klatschte mit der Peitsche und trieb seine Paar Kühe weiter. Vor der Messe zum Opfer gegangen! eingesperrt! Vergebens zerbrach ich mir den Kopf über die Bedeutung jenes Ausdrucks. Es wollte mir auch nie gelingen, die Alten wieder zu treffen; stets waren sie ausgeflogen, wenn ich die Hütte besuchte. Ich mußte daher die Lösung des Rätsels dem Zufall überlassen. Erst im Hochsommer begegnete ich der Alten wieder im Wald. Ich beschäftigte mich damals mit dem Studium der Schwämme, ein Studium, zu welchem mich mehrere Ursachen führten. Das wissenschaftliche Interesse an diesen sonderbaren Gebilden der Natur war eine derselben, die andere jedoch mehr kulinarischer Art. Ich esse nämlich die Schwämme sehr gern, auf den Markt wurden nicht viel gebracht, meist nur eine Art, und doch wußte ich, daß es noch viele vorzügliche gäbe, welche man ungenossen verfaulen ließ. Ich wollte auch meine Schüler darüber belehren und hoffte so, wenn sie als Ärzte, Priester oder Beamte durch das Land verstreut würden, etwas Nützliches zu leisten. Oberhalb der Mühlauer-Klamm breitet sich, dem Städter unbekannt, ein dichter Buchenwald aus, einer der wenigen Plätze, wo die duftende Asperula ihren seinen Blattquirl entfaltet. Der Abfall von Laub wird nicht geholt, weil es zu weit ist, und so erhöhte sich nach und nach eine Moderdecke, wo sich die Pilze im feuchten Schatten prächtig entwickeln konnten. Ich hielt mich an diesem Platze auch sonst nicht ungern auf. Hier entspringt der große Mühlauerbach mit zahlreichen Quellen, die frisch und klar aus dem moosigen Felsen sprudeln und über die Steinblöcke, von denen lange Wasserfäden spielen, abwärts eilen. In der Rinne seitwärts bricht vor der Schneeschmelze immer eine ungeheure Lawine los, die manchmal Petrefakten in das Tal liefert und mir so die Fracht erspart. Diesmal hatten mich nur die Schwämme angelockt. Es war aber auch der Mühe wert! Dort der weißviolette Zimtpilz, dessen Aroma die Gewürze Indiens ersehen könnte, wenn er nur auch so feurig wirkte. Hier wölbten sich aus dem Rasen die rötlichen Hüte des Reizgers, dessen blutroter Saft manchen vom Genuß abschreckt, obwohl er mit Recht den Beinamen des Delikaten trägt und gar wohl der Trüffel an die Seite gesetzt zu werden verdiente. Zackig wie ein Korallenstäudchen erhebt sich die Bärentatze aus dem Moos, sie weicht an Farbe nur dem Gold des Pfifferlings, den auch unsere Bauern auf den Markt bringen. In breiten Lappen ergießt sich das Schafeuter und der Semmelpilz über den Boden; auf dem Moder wurzelt der Stoppel- und Habichtschwamm, letzterer an einen Mandelkuchen gemahnend und so würzig, daß man ihn fast nur mit andern verspeisen kann. Auch der edle Steinpilz, süß wie Nußkerne und deshalb von Eichhorn und Maus angenascht, erhebt den braunen Hut. Nebenbei siedeln freilich andere Gesellen: der prahlerische Fliegenschwamm, der Hexenpilz – brich ihn auseinander und das gelblichweiße Fleisch läuft alsogleich dunkelblau an – und einer, den der Aasgeruch schon von weitem verrät, der sich aber in einer Geschichte, die vielleicht auch Damen lesen, nicht wohl schildern läßt, seine Form entspricht genau dem Namen, welchen wir nur lateinisch beizusetzen wagen: phallus impudicus – Diese und andere Schätze – die giftigen in einem eigenen Fach – waren bereits in meiner Botanisierbüchse eingeheimst, ich warf mich müde auf das Moos, dem soeben das einblütige Wintergrün entstieg, da hörte ich unweit von mir Äste knicken. Ich glaubte zuerst, es sei eine Haselmaus oder ein Eichkätzchen, unvermutet trat jedoch Stanzl aus dem Gebüsch, ein Körbchen am Arm und sich emsig bückend, um Pfifferlinge aufzuklauben. »Ihr geht ja,« rief ich ihr zu, »an den besten Schwämmen vorbei, warum laßt Ihr den Steinpilz und den Reizger beiseite?« Sie blickte erstaunt auf, doch erkannte sie mich alsogleich. »Den Steinpilz,« meinte sie, »kenn' ich wohl, aber die Herren in der Stadt kaufen ihn nicht gern. Den Reizger? Hab' nie davon gehört.« Ich zeigte ihr diese und andere Schwämme, sie schüttelte jedoch den Kopf und erwiderte: »Kann allerdings in den Büchern stehen, die Bücher haben jedoch keinen Magen, dem so etwas übel täte.« Erst als ich vor ihren Augen einige Stücke roh genoß, traute sie meiner Gelehrsamkeit; auch auf das zackige Renntiermoos verwies ich sie als ein treffliches Schweinfutter, wenn ihm vorher durch heißes Wasser der Bitterstoff entzogen sei. Ich hielt Schule im Wald und gab ihr Anweisung, die Schwämme zu kochen und zu dörren. Sie nahm auf mein Zureden von jeder Art mit, ein paar Sechserln drückte ich ihr in die Hand, um Schmalz und Pfeffer zu kaufen, sie solle es versuchen, der Winter sei lang, und ein Vorrat von Schwämmen nicht zu verachten. »Ja, ja,« sagte sie schließlich, »Ihr meint es gut mit mir, und der Herrgott wird schon mit Euch abrechnen. Das wär' freilich zu brauchen, wenn der Hunger und die Armut Koch sind, wir werden wohl auch da anbeißen müssen. Seht, wir sind so arm, daß wir bei der Gemeinde um Unterstützung einkamen, was sagte aber der Vorstand? Nun, Ihr kennt ihn gewiß. Der Teufel hat ihm längst die Haare ausgerauft, und aus dem weiten Maul steht ein langer brauner Fackenzahn und krumm ist er auch. Was sagte der? Ich sähe gar armselig aus und könnt' gar wohl in der Stadt betteln. Betteln, ja! Die Herrenleut' sind milder als die Bauern, die haben Kiesel statt der Herzen, und der Gemeindevorstand gar! Nun ja, unser Herrgott wird mit ihm abrechnen, aber eins freut mich halt doch: daß ich ihm stets das hintere Türl offen gelassen.« »Wollte er Euch?« fragte ich in einem Anfluge von Ironie. »Ob er mich wollte?« Jetzt bin ich freilich ein altes Weiblein, aber die alten Weiber waren auch einmal jung. Ob er mich wollte? Doch wen kümmert das?« murmelte sie und schwieg. Mir fiel das Opfer vor der Messe ein; da ich jedoch wußte, daß derlei Volkssprüche oft einen zweideutigen Sinn bergen, unterdrückte ich die Frage, die mir schon auf der Zunge lag. Sie deckte ein weißes Tuch über die Schwämme und entfernte sich, mir für das Geld zu Schmalz und Pfeffer dankend. Ich mochte sie nicht geleiten. Ihre Bemerkungen jedoch bezüglich des Gemeindevorstehers reizten meine Neugier noch mehr, und ich beschloß, dieser verwickelten Geschichte nachzuforschen. Mit einem bißchen Unverschämtheit hätte man die Leute selbst verhört; wer weiß jedoch, sagte ich mir selbst, ob du die Wahrheit erfährst, denn in ihrer Vergangenheit scheint nicht alles licht zu sein. Die Ferien begannen, so hatte ich zwei Monate hindurch anderes zu tun, und die Hütte in der Öde kam mir völlig außer Sicht. Erst im Spätherbst, da ich einmal zufällig von jenen Höhen Rauch aufsteigen sah, erinnerte ich mich an das Ehepaar und wählte bald darauf einen warmen, sonnigen Tag, es zu besuchen. Auch diesmal vergebens. Ich stieg rückwärts empor und warf mich auf das Moos unter den Föhren; bald nahm Eumäos meinen Sinn gefangen, nur von Zeit zu Zeit störte mich das Rasseln einer Eidechse und lockte den Blick über die verschwimmenden Zeilen in die Ferne, wo die Gletscher mit frischem Glanze strahlten und der junge Schnee, vom Braun des Heidekrautes, das den Berg in tieferen Lagen umsäumte, scharf abgegrenzt, das Auge fesselte. Die Sonne nahte bereits dem Hocheder, ihr Licht zuckte spielend durch die Tangeln der Föhren, ich stand auf und suchte den Pfad, den arme Holzsammler, wenn sie das magere Reisig nachschleifen, tief eingefurcht haben. Weiter unten traf ich Stanzl, sie saß auf einem Bündel dürrer Äste, die sie mit Spagat verknüpft hatte, und schien zu rasten. »Wie geht's, Alte?« rief ich, »wie habt Ihr den Sommer verbracht?« »Dank Gott, recht gut, den Sommer hat ja der Herrgott ohnehin für die Armen gemacht, den Reichen schlaunt auch der Winter! Lieber Herr! Ihr seid mit mir schon öfter recht fein gewesen, möchtet Ihr mir jetzt nicht auch ein bißchen helfen?« Ich zog die Börse, um ihr etwas zu geben. Sie wehrte lächelnd ab: »Ihr meint auch, daß Euch jeder Arme, der Euch anredet, um Geld anbettle. Ist freilich gut zu brauchen! Ich möcht' Euch aber ersuchen, mir die Reiser aufzulegen. Mein Rücken ist alt und krümmt sich nicht mehr so leicht. Helft mir, lieber Herr! Ist ja auch ein gutes Werk.« Ich griff an und schob ihr die Last auf den Rücken. Nachdem sie dieselbe bequem aufgeladen, wollte sie mit einem »Vergelt's Gott!« fort, ich gab ihr aber das Kleingeld, das ich ihr ohnehin bestimmt, und so schied sie doppelt zufrieden. Ein Holzhacker, der zugeschaut, gesellte sich nun zu mir. »Herr!« sprach er, »das ist recht, daß Ihr der gebt, der kann man es vergönnen, auch wenn man es selbst nötig hätte. Das sind arme Leute und brave Leute. Freilich stehen sie schwarz im Buche; Protokoll heißt man's ja, wo die Sünden von jedem aufgeschrieben werden, aber trotz dem Protokoll sind sie rechtschaffen, rechtschaffner als die Bauern oft mit hundert Jauch. Tät's nicht sagen, allein Ihr schenktet ihnen was, und da wär's übel, wenn sie jemand bei Euch verschwärzen würde.« »Ich weiß,« entgegnete ich, »weder im Guten noch im Bösen etwas von ihnen. Schon lang' hätt' ich gern etwas erfragt, und wenn Ihr mir etwas mitteilen wollt, soll's mir auf eine Halbe Bier nicht ankommen. Gehen wir dort in den Garten von Büchsenhausen, das Schloß schützt uns vor dem Wind.« »Ein Halbele!« schmunzelte er, »das tragt's mir an Werktagen nicht, aber ich will mir's verdienen. Kommt den nächsten Weg!« Auf einem Felsensteig und quer durch den Anger erreichten wir die Planken, sprangen darüber und setzten uns an den nächsten freien Tisch. Während die Kellnerin zwei Krüge füllte, stopfte er sich das Pfeifchen und begann wie Äneas sein Epos, indem er mich mitten in die Sache führte und eigentlich von hinten anfing. Die Geschichte ist im Grunde genommen ziemlich einfach, sie schildert die Liebe und Treue zweier ehrlichen Leute, die nie den Boden der Sittlichkeit verließen und, auf ein reines Leben voll Leiden zurückblickend, sich mit der Hoffnung eines schönern Jenseits trösten, jedoch auch abgesehen davon den herrlichsten Lohn in ihrem Bewußtsein tragen. Nachdem ich einmal einen Faden gefunden, war es mir leicht, auch noch andere zur Ergänzung des Gewebes zu entdecken und dieses in der Art zu vervollständigen, wie ich es jetzt vor dem Leser ausbreite. Zunächst will ich ihm den Ausdruck erklären, der auch mich, obwohl ich gar vielfältig mit dem Volk verkehre, als ungewohnt befremdete: »Vor der Messe zum Opfer gehen!« Es bedeutet: Ein Paar lebt schon vor der Trauung im ehelichen Verhältnis. Nun zur Sache. Das uralte Dorf Hülzen zählt wenig vermögliche Leute, dafür stellt es aber eine tüchtige Anzahl Rauharbeiter, die nebenbei ein Häuschen und ein Stücklein Feld zum Anbau von Mais besitzen und daher, um sich durchzubringen, viel schwitzen müssen, ohne viel zu erwerben. Sever war der Sohn eines solchen Zimmermannes, der jedenfalls mehr Kinder in der Stube als Kühe im Stalle hatte und daher gezwungen war, ihre noch jungen Kräfte zum Unterhalt anzustrengen. Kaum war unser Sever der Schule entlaufen, so ging er schon vor sechs Uhr früh in die Stadt, wo er bei Mayrs Bauten vorläufig Mörtel zutrug. War sein Stammbaum nicht groß und berühmt, so war er doch makellos. Anders bei Stanzl. Ihre Mutter, ein armes Dienstmädchen, hatte das Unglück, einem Bürger zu gefallen, dessen Sarah längst zum alten Eisen gehörte, ihm jedoch schwerlich eine Hagar zugeführt hätte. Er lernte das Mädchen zufällig bei dem Metzger Norz kennen, wie sie gerade am Brunnen Kalbsfüße putzte, und wußte durch allerlei Umwege einzuleiten, daß sie für höheren Lohn in seinen Dienst trat. Er war ein Wachszieher, versah zahlreiche Kirchen mit Licht und verstand die Schlauheit gründlich, mit dem Rosenkranz in der Hand und einem Spruch des Thomas von Kempis im Mund weltliche, sehr weltliche Zwecke zu erreichen. Böse Zungen nannten ihn den Patriarchen. Nicht weil er ein so ehrwürdiges Alter erreicht hatte, sondern weil er wie jene Erzväter auch viele Weiber liebte und gar manches Büblein und Mägdlein auf der Straße im Gewissen sein nennen durfte. Das schadete aber nichts. Er galt dennoch als frommer und rechtschaffener Mann, vor dem man die Kappe lüftete: besuchte er doch fleißig die Kirche, ließ Messen lesen und war in allen Bruderschaften eingeschrieben. Stanzls Mutter war eine feste, dralle Dirne mit Holz an der Wand, eine Gestalt, wie sie der Satan in die Phantasie frommer alter Wachszieher malt, um sie zu verführen. Sie erlag denn auch richtig in den Armen unseres Heiligen ihrem Schicksale, bald empfand sie die Folgen ihrer Hingebung und vertraute ihm das Geheimnis. Er hatte in diesen Dingen Geschäftskenntnis und trug ihr an, sie nach Trient zu schicken, dort möge sie ihre Stunde abwarten, das Kind werde man bei einer welschen Frau ausstatten, und kein Mensch solle davon hören. »Tust du das,« fügte er bei, »und beichtest zu Trient alles, dann kannst du bei der Fronleichnamsprozession wieder das Kränzchen tragen und gar leicht findet sich einer, der mit dir hochzeitet.« Sie war über die bodenlose Niederträchtigkeit des Heuchlers anfangs aus der Fassung geraten und glotzte ihn staunend an, endlich fand sie Worte und überschüttete ihn mit einer Flut von Schimpf, daß ihm Sehen und Hören verging. Sie erklärte ihm rundweg, daß sie ihr Kind in Welschland nicht aussetzen und lieber alle Schande tragen wolle. Tag und Nacht werde sie dafür arbeiten, und wenn er nicht seinen Teil als Vater dareinzahle, so – – sie schwieg zornig und wendete sich gegen die Türe, hinter der des Wachslers Sarah einen Teppich für den Paramentenverein stickte. Wie Borsten des Igels bäumten sich seine Haare, er keuchte vor Angst und schwor hoch und teuer, alles zu tun, was sie verlange, nur solle sie ihm mit solchen Drohungen nicht mehr heiß machen. Sie sorgte dafür, daß er Wort hielt, und verriet ihn, weil er es hielt, nicht. Nach wenigen Jahren ergriff ihn jedoch die Herzwassersucht, er starb und machte im Testament eine große Anzahl frommer Stiftungen; an die Sprossen seiner sinnlichen Lust dachte er jedoch nicht, er überließ sie ganz einfach Gott Vater. Stanzls Mutter schrie und lärmte, aber was half es? Sie hatte den Prozeß verspielt, ohne ihn angefangen zu haben und mußte zufrieden sein, daß sie von den Erben des frommen Mannes nicht als Verleumderin mißhandelt wurde. Gott hab' ihn selig! Stanzl wuchs auf in Not und Elend: ihre Mutter brachte sie bei einem Bauern auf dem Pütrichhof unter, der sie für die blutigen Kreuzer des Lohnes, den jene als Magd verdiente, in Kost und Pflege nahm und ihr endlich beides, wie er sagte, aus christlicher Nächstenliebe umsonst gab, jedoch bald eine Dirne ersparte, weil sie sich rasch an die Arbeit gewöhnte. Sie war freilich, wie man in Tirol derb, aber wahr sagt, der Fußfetzen, an dem jeder die kotigen Stiefel rieb, lernte dafür aber auch sich wehren und die Welt ohne Vorurteil und ohne Liebe betrachten. Liebe! Der Bauer drückt sich in natürlichen Dingen sehr unumwunden oder vielmehr roh aus: so erfuhr sie denn schnell über ihre Abstammung und Lage mehr als nötig und mußte als Vorwurf dulden, woran sie nicht schuld war. Liebe! nur an einen dachte sie mit Wärme, es war Sever. Dieser hatte in der Schule das arme Ding mit wuchtigen Faustschlägen verteidigt, wenn es einer zu höhnen wagte, und als der Bube des Bauern, bei dem sie wohnte, ihr die Tränen ins Auge trieb, weil er sie einen ledigen Balg gescholten, schüttelte er ihn bei den Ohren, daß er blökte wie ein Schöps. Aber Sever war schon lange fort in die Fremde, um sich dort im Handwerk zu vervollkommnen. So wurde sie sechzehn Jahr alt und schöner als die ehelichen Töchterlein der Gemeinde, – auch braver. Die Sünde der Eltern war nicht ihr Blut, kein unlauterer Tropfen hatte sich demselben beigemischt, und so war ihre Sittlichkeit nicht angelernt, sondern eine Gabe des Himmels, eine Anlage der Natur. Aber auch der Sohn des Bauern, Thomas Pütrich, war herangewachsen und in das achtzehnte Jahr getreten. Er begann ganz allmählich ihr nachzuschleichen; sie wich ihm nicht aus, weil sie nichts von seinen schlechten Absichten ahnte, suchte ihn aber noch weniger. Endlich stieg er zu ihrem Fenster empor. Sie wollte sich gerade auskleiden. Als sie sein dummes Gesicht durch die Stäbe lächeln sah, löschte sie rasch das Licht, ergriff einen Topf und rief ihm zu, er solle augenblicklich verschwinden, sonst werde er ein zweites Mal getauft. Er gehorchte nicht, sondern rüttelte an den Stäben, um sich durchzuzwängen. Nun trat sie hinzu; draußen war Mondlicht, sie konnte daher alles genau bemerken, aber er nichts im dunklen Raum des Zimmers; erst wollte sie den Topf an seiner Stirne zerschmettern, besann sich jedoch rasch, stürzte ihn über seinen Kopf und setzte ihm denselben wie einen Hut auf. Das Gefäß sank ihm bis zu den Schultern, er taumelte schreiend zurück, ein Kamerad, den er zur Unterstützung mitgebracht, mußte ihn befreien. Die Geschichte wurde bekannt, Thomas hieß von jetzt ab der »Gekrönte« und hatte viel auszustehen. Er schwur sich, daß Stanzl zur Rache für den Frevel ihm gehören müsse, dann wolle er davon auf der Straße und im Wirtshaus erzählen; wer zuletzt lache, lache am besten! Er vermied es, ihr zu begegnen, um sie desto sicherer überraschen zu können. Lange lauerte er vergeblich, endlich traf er sie allein im Tennen, wo sie Strohbündel zum Häckselschneiden drehte. »Eh!« grinste er, »du hast es mir letzthin schön gemacht, »jetzt könnten wir abrechnen.« Stanzl schaute sich schnell um, ob ihr niemand zur Hilfe sei, denn sie erwartete von dem rohen Burschen das Niederträchtigste; – sie war ganz auf die eigene Kraft gestellt. Entschlossen blickte sie ihn an. Er wollte sich nähern. »Wenn du Häcksel schneiden willst,« sagte sie, »so hast du hier Vorrat, ich gehe dann auf das Feld.« »Häcksel! da müßt' ich Stroh im Kopfe haben,« lachte er, »abrechnen will ich mit dir!« »Wir haben nichts auf der Kreide, du hast von mir nach Verdienst abgekriegt.« »Spotten willst du noch? Du bist ja doch nur ein lediger Fratz und gehörst drum der ledigen Lieb'!« rief er höhnisch, schlang den Arm um ihre Hüfte und wollte sie auf das Heu werfen; ihre Kraft, der Segen fleißiger Arbeit, war ihm jedoch weit überlegen, sie packte zornig mit der Linken seine beiden Hände, hielt sie wie in einem Schraubstock umspannt und bearbeitete ihn mit der Rechten beide Wangen so derb, daß es weithin klatschte und er, wie ein Schulbube trippelnd und in die Höhe hüpfend, durch das ganze Haus brüllte. Der Alte kam gelaufen. Stanzl ließ Thomas los, dieser stürzte heulend zu seinem Vater und schrie: »Geschlagen hat sie mich, geschlagen!« Um die Lippen des Mädchens kräuselte sich trotzig ein verächtliches Lächeln. »Geschlagen,« rief sie, »ja geschlagen! Hättest du den Buben gezüchtigt, brauchten es andere Leute nicht zu tun. Ich kann dir nicht erzählen, warum? – dunkles Rot flog über ihre Wangen – mag er es selber tun, der Schandkerl, du gibst mir noch heute meinen Lohn, den wir ausgemacht, und ich zieh' zur Stunde ab.« Sie kehrte beiden den Rücken. Ein Nachbar, der ihre Leistungen zu schätzen wußte, und dessen Anträge sie nur abgelehnt, weil sie, obwohl eigentlich jeder Grund fehlte, einige Rücksicht auf ihren bisherigen Brotherrn nehmen wollte, dingte sie sogleich für guten Lohn. Pütrich verweigerte in der Voraussicht, daß die gewöhnliche Bauernlogik nicht anschlagen werde, den Lohn, – ja, nicht einmal ihre Sachen wollte er ausfolgen, es seien ohnehin nur Geschenke von ihm. Sie wendete sich an den Pfarrer. Dieser bedeutete dem Bauern, er solle alsogleich den Liedlohn zahlen und die Habseligkeiten Stanzls abliefern, sonst könne Thomas noch im Zuchthaus studieren, was ihm mit einem ordentlichen Fünfundzwanziger als Trinkgeld nicht schaden täte für seine Lumpereien. So trat Stanzl in neue Verhältnisse, und Thomas hatte das Nachschauen, mochte es ihm lieb oder leid sein. Er war jedoch eine jener klotzigen Dorfnaturen, in denen der Haß mit jedem Tag des Lebens mehr einrostet und verhärtet, oder, sollen wir vielleicht sagen, die Liebe! Bisher hatte er Stanzl so ziemlich als eine Leibeigene seines Hauses betrachtet, er glaubte auf sie ungefähr das Recht zu haben wie auf eine Kuh im Stalle – doch jetzt! – Jetzt stand sie ihm frei und gleichberechtigt gegenüber. Er mußte sie, mochte er sich auch gegen dieses Gefühl sträuben, achten, mehr als die andern Bauernmädchen, die mit ihm, dem künftigen Erben des prächtigen Pütrichhofes, eben nicht spröde taten. Er mußte sie achten – – wäre sie nur kein lediges Kind gewesen, ja dann vielleicht – – aber so! – Er konnte trotzdem den Gedanken an sie nicht los werden, und ging so oft an dem Hause des Nachbars vorbei, als daß es nicht aufgefallen wäre. Einmal hörte er über den Zaun vom Knecht das Schnadahüpfel: »Das Ochsl muß gean, Wo man's hinführt am Soal, Und der Thomas, der wär' ja Der Stanzl leicht foal!« Er ballte die Faust; seit ihn jedoch das Mädchen so gezüchtigt, war er etwas kleinlaut geworden und schlich, ohne etwas zu entgegnen, heim. Fronleichnam nahte. Auf dem Land ist dieser Tag ein wahres Fest, das alle Lebensalter und Stände vereinigt, es ist aber vorzüglich ein Fest der Jugend, die es im schönen Schmuck der Frühlingskränze feiert. Da klimmt der lustige Schütz vorher auf das Joch; er pflückt Steinprimeln und Eisglöckchen, um sie seinem Diendl zu bringen; sie lugt schon etliche Wochen früher durch alle Gartentüren, die schönsten Nelken, den üppigsten Rosmarin zu erspähen, zu einem Sträußchen, das der Bub' an der Brust trägt. Da fängt manche Liebe an, die mit einer Ehe schließt, und so freuen sich beim Fronleichnamstag die Alten ebensosehr der Gegenwart, die schöne und starke Kinder vertreten, als der Erinnerung an jene Tage, wo sie auch jung waren und sich putzten. Darum gibt es für ein gefallenes Mädchen kein größeres Leid, als ausgeschlossen zu sein vom Festzuge, der durch die Gassen und Felder wallt, und könnten Tränen ein verwelktes Kränzlein auffrischen, so wäre dies Wunder gewiß wie an Aarons Stabe schon geschehen. Am Vorabend von Fronleichnam ging Thomas zwischen den Beeten seines Gartens hin und her, musterte die Blumen und dachte wohl manchmal: »Wär' sie noch da, müßt' sie mir den Strauß binden und dürfte selbst das Schönste für sich zum Kranze wählen. Aber recht geschieht ihr, ganz recht und noch einmal recht.« Sein Gesicht verfinsterte sich zusehends wie die Wolken ober der Frauhitt, und der Donner, der droben zu rollen begann, fand lebhaften Widerhall in seinem Unmute. Und Stanzl? Die dachte nicht an ihn. Sie war in ihrer Stube, sorgsam plättete sie jedes Fältchen des weißen Gewandes, hier und da schweifte ihr Blick zu den Rosenknospen, die in einer Schale mit Wasser lagen und morgen in ihrem Kranze prangen sollten. Der Herr Pfarrer hatte ihr eine hohe Ehre zugedacht, sie sollte mit drei braven Mädchen die Madonna tragen, welche, die Augen demütig gesenkt, die Hände gefaltet, die Mondsichel zu Füßen, gegen die vergebens eine Schlange zischelt, in der Kirche stand. Das Krachen der Böller kündigte den hohen Tag an. Im Dorf waren Altäre aufgerichtet, Kinder streuten grüne Zweige und allerlei Blumen, wo das Sanktissimum einkehren sollte. Die Glocken begannen zu läuten, erst eine, dann alle im Chor, weit auf flogen die Kirchtore, und der Priester, die funkelnde Monstranz in der Hand, schritt würdevoll heraus. Vier Greise trugen den purpurnen Thronhimmel, von dem schwere Quasten niederhingen, dann folgten paarweise die Honoratioren, darauf die Schützen mit den Klängen des berühmten Marsches, die so schrecklich sind, daß 1809 ein Bataillon Franzosen davor durchgebrannt sein soll; dann die Männer mit den langen Röcken, Rosenkränze zwischen den Fingern, endlich die Mädchen, – wie schön war Stanzl! »Ah!« murmelte Thomas, der mit einigen Strolchen über die Kirchhofmauer spähte, als er sie erblickte. »Ah!« wiederholte er noch einmal und spürte die Fäuste eines Kameraden zwischen den Rippen, der ihn so zu schweigen zwang. »Ah!« spöttelte dieser, »deine Magd trägt mit den besten Bauernmädchen die Mutter Gottes, das ist eine Ehre auf all die Unehre, die du ihr angetan. Schau nur, dir gönnt sie keinen Blick mehr!« Dennoch hatte ihn ihr Auge gestreift, ein leichter Schatten flog über ihre Stirne, flüchtiges Rot färbte die Wangen. Er biß in die Lippe. Es war wirklich so, der Pfarrer hatte das ledige Mädchen den besten gleichgestellt und sie dadurch so erhoben, daß es fast einer Legitimation gleich galt. Es war wirklich so! Er halte geglaubt auf Stanzl ein Recht zu haben, wie auf eine Sache, und sie danach angefaßt; sie lehrte ihn handgreiflich, daß nur sie selbst über sich zu verfügen habe; die Haltung des Pfarrers und der Gemeinde bewiesen ihm, daß auch andere sie als vollberechtigt und ebenbürtig ansahen. Er würde also dem Bauernhochmut nichts vergeben, wenn er ihr die Hand böte. Fast verwünschte er seine Frechheit, eine Art Reue beschlich sein rohes Gemüt, – bei einer Wendung des Zuges stand sie ihm gegenüber, und er mußte hören, wie ein Bursch nebenan flüsterte: »Die Stanzl ist halt die Schönste in ganz Hülzen.« Doch empfand er dumpf, daß hier kein Ausgleich mehr möglich sei, der Stolz des Erben vom Pütrichhofe und der Trotz des Mannes, der sich von ihr gebändigt sah, wie er es nie verzeihen durfte, erwachte in ihm. Finster drückte er den Hut in die Stirn und verließ den Platz. Etliche Gläser Likör, denn gemeinen Schnaps trank er nicht, um auch dadurch zu zeigen, wer er sei, stellten seine gute Laune wieder her, um so mehr, da sich auch Schmeichler, die nicht zahlen wollten, einfanden und ihn priesen über das grüne Kraut. »Ja,« meinte einer, »für dich sind halt die Bauernmädeln eben gut genug zum Abschmutzen, du holst eine Frau aus der Stadt, vielleicht gar ein adeliges Fräulein aus dem Eisburgschlößl nebenan, verdienst's auch!« Eine neue Flasche wurde entkorkt. Werfen wir auch noch in Stanzls Seele einen Blick. Solange sie auf dem Pütrichhofe war, hatte sie in Thomas nie etwas anderes gesehen als den Sohn ihres Dienstherrn, vielleicht daß sie einmal, wenn sie sich mit der Zukunft beschäftigte, auch daran dachte, er könne nach dem Tode des Alten ihr Gebieter werden. Seine Untugenden und losen Streiche kümmerten sie nicht, es war Sache des Vaters, ihn zu erziehen, ihr Verhältnis zum Hause faßte sie allmählich nur mehr vom Gesichtspunkte eines Vertrages, das bezeichnet die Erlebnisse eines so jungen Gemütes mehr als hinlänglich. Hätte er der Verlassenen, die nach dem Tode der Mutter niemand besaß, auch nur ihre Klagen anzuhören, wenn seine Roheit sie tiefinnerst verwundete, einige Teilnahme gezeigt, vielleicht wäre aus der Dankbarkeit die Liebe entsprungen; so jedoch lernte sie ihn, sobald er sich mit ihr zu beschäftigen begann, als einen gemeinen Feind kennen, niedrig genug, ihr auch noch das zu rauben, was ihr allein Halt und Selbstbewußtsein verlieh. Als sie den Pütrichhof verlassen, entging es ihr nicht, daß er ihre Nähe suche. Ohne danach zu fragen, ob ihn jetzt vielleicht edlere Absichten leiteten, fühlte sie sich fast verletzt. Gleichgültigkeit, ja sogar Haß kann am Gluthauch der Liebe schmelzen – aber Verachtung – darüber hinaus gibt es nichts mehr. Vielleicht hält es manche Leserin für ein lächerliches Paradoxon, wenn wir behaupten, sie hätte sich eher mit ihm ausgesöhnt und seine Hand genommen, war' es seiner Überkraft gelungen, sie zu bewältigen, als jetzt, wo sie ihn wie einen Knaben, der verbotene Trauben naschen will, gezüchtigt hatte. Diese Szene schied sie unter jeder Voraussetzung von ihm, würde sie von ihm geschieden haben, selbst wenn sich bereits in ihrer Brust Liebe für ihn geregt hätte. So verging der Sommer. Im Spätherbst kehrte Sever, der beim Bau der Festung in Ingolstadt gearbeitet, wieder zurück. Sie sah ihn ebenso zufällig in der Kirche als er sie, beide waren sich fast fremd geworden und kümmerten sich nicht weiter umeinander. Wahrscheinlich sagte sich jedes im stillen, er oder sie hat mich gar nicht mehr erkannt, ist doch zu viel Zeit seit dem letzten Beisammensein verstrichen. Da ließ Stanzls Dienstherr eine Stallmauer, die einzufallen drohte, abbrechen und neu aufführen. Die Arbeit wurde Sever, der sich eines guten Rufes erfreute, übertragen, und so führte ihn denn der Zufall mit Stanzl zusammen. Sie plauderten, sie blickten sich an, er mochte an der sauberen Dirne, sie an dem wackeren Burschen, der stets voll guter Laune mit Mörtel und Kelle hantierte, Gefallen finden, alte kindliche Erinnerungen erwachten und wurden wohl auch im Gespräch berührt. So wurden sie vertraut, ohne daß ein ausgesprochenes Verhältnis sich gebildet hätte. Zu Martini feierten Maurer und Zimmerleute, deren Arbeit der Winter einstellte, ein kleines Fest. Weib oder Geliebte – jeder brachte mit, was er hatte, und wer auch kein Band geknüpft, durfte ein Mädchen einladen, damit es nicht an Tänzerinnen fehlte. Sever, der sein Herz weder in der Fremde zurückgelassen, noch in Tirol verloren hatte, dachte an Stanzl fast mit dem Gefühle des Mitleids, denn er wußte, daß sie bisher zwar sehr viel gearbeitet, aber wenig Vergnügen genossen habe. Sie nahm seine Einladung mit aufrichtiger Freude an, wollte sie doch auch einmal hören, ob die Hülzinger außer der Kirchenmusik und dem berühmten Marsche zum Tanz aufspielen könnten. Ihr Dienstherr, bei dem sie Sever bescheiden ausbat, hatte nichts einzuwenden; »wird was draus,« meinte er, »so ist es ja ganz recht, beide sind gesund und arbeitsam und zum übrigen mag Gott helfen.« So gingen sie denn Sonntags mit Einbruch der Dämmerung zum Wirt. Allmählich wurde auch hier die uralte Geschichte neu, über das »wie« habe ich nichts erfahren, was die Neugierde reizen könnte, und so nehmen wir für diese Nacht von beiden Abschied, wo er an der Haustür dem verschämten Mädchen ein Bussel raubte. Tags darauf paßte er hinter dem Zaun, bis sie in den Stadel gehe, Heu für das Vieh zu holen. Durch ein Astloch erblickte er sie und rief nach ihr. Sie näherte sich errötend, und so machten sie es wie Pyramus und Thisbe, aber glücklicher als diese, mit der Hochzeit richtig. Sie sollte nach drei Jahren – bei unseren Arbeitern geht das nicht so Knall und Fall – gefeiert werden, bis dahin hoffte er sich zu dem wenigen, was er besaß, etwas zu ersparen, und sie, an Feierabenden eine kleine Ausstattung fertig zu kriegen. Sever, der in jeder Beziehung ehrenhaft dachte, wollte das Mädchen nicht ins Gerede bringen und ging, anstatt die Liebschaft durch das Astloch fortzusetzen, alsogleich zum Bauer, dem er seine Angelegenheit kurz und bündig vortrug. »Gedacht hab' ich mir's,« antwortete dieser, »aber nicht davon geredt. Das Mädchen hat keine Eltern, und so kommt es mir zu, sie als christlicher Hausvater in acht zu nehmen. Ich widerspreche nicht, obwohl ich meine beste Magd verliere, denn ihr paßt ja ganz gut zu rechtschaffenen Eheleuten. Auch mit den drei Jahren bin ich einverstanden, ich werd' es bei der Gemeinde befürworten, und dann mag der Böller krachen. Du bist übrigens gescheit genug, um zu begreifen, daß ich weder eine Lallerei, noch eine Lapperei gern sehe. Magst also am Feierabend auf meinen Hof kommen und bei Stanzl sein; dann aber gehst zur rechten Zeit heim, und sie arbeitet und du arbeitest die Woche durch, wie es sich für fromme Leute schickt. So, steht in einer Legende, haben es der heilige Joseph und die Mutter Gottes in ihrer Brautschaft auch gemacht und hat sie keine schlechte Nachrede troffen, und sind doch die Juden weit ärger gewesen als die Hülzinger.« Sever war es zufrieden, aber Thomas nicht. Dieser ergrimmte heftig, daß nun der Rauharbeiter Stanzl haben solle, die den Erben des Pütrichhofes zurückgestoßen; Neid mischte sich zur Eifersucht oder überwog diese, er hatte so ungefähr die Empfindung, als wäre er auf dem Viehmarkt, feilschte um ein prächtiges Rind, ein anderer käme ihm zuvor und führte es mit einem kleinen Zuschlag vor seiner Nase weg. Auf ihre Entscheidung kam es nicht an, sie war in seinen Augen wieder Sache, und Sever sollte es büßen, daß er den Vorlauf gewagt. Für jetzt ließ er alles auf sich beruhen, nahte doch der Frühling, wo jener wieder nach Ingolstadt als Maurer wandern sollte. Im Herbst versuchte er es dem Dienstherrn Stanzls gegenüber mit spitzen Reden, wurde jedoch so derb abgefertigt, daß er sich ferne hielt. Die Brautleute benahmen sich überall so anständig, daß sie eher für Geschwister gelten mochten, und vermieden auf diese Art jede üble Nachrede, ja, man sprach kaum von beiden. So wurde die Aufmerksamkeit des Pütrichsohnes, der sich einem wüsten, ausschweifenden Leben ergab, ziemlich abgelenkt, er schien Stanzl, die ohnehin sehr selten und nur im Vorüberstreifen mit ihm zusammentraf, fast vergessen zu haben. Da nahte der letzte Herbst. Sever gab sein Gesuch um die Heiratsbewilligung ein, und nun erst wurden die Jungen entfesselt. Man erinnerte sich des »Gekrönten« wieder, Thomas wurde von allen Seiten geneckt, er mußte sich sogar, als er Zoten riß, von einem Bauern im Wirtshause sagen lassen: »Wie wohl tät's dir, du Lump, wenn dich die Stanzl gemögt hätt'. Was du seitdem Geld verputzt hast, ist mehr als das Heiratsgut der reichsten Bauerndirne, und das hätt' sie dir durch ihre Sparsamkeit erhalten. Zieh du überhaupt kein braves Mädel wie Stanzl in deinem unflätigen Maul herum, oder wir schlagen dir drauf.« Thomas mußte schweigen, aber sein Herz schwoll von Gift. Er ging beiseite, bezahlte die Zeche und humpelte schwerfällig fort. In der engen Gasse, die zur Kirche emporführt, erblickte er eine kleine Strecke Weges vor sich Sever, wie er schleunig vorwärts schritt. Da er nicht wagen durfte, ihn anzugreifen, wollte er ihn wenigstens verhöhnen, das könne der arme Rauharbeiter dem großmächtigen Dorfmagnaten nicht verbieten. Jener hatte bereits das Gitter erreicht, das den Friedhof abschloß und ein kleines Plätzchen begrenzt, wo sich vor und nach dem Gottesdienste die Burschen gruppieren, teils plaudernd, teils die Mädchen erwartend. Dieser Platz schien Thomas der geeignetste. Er sang: »Schaut Sever nur und Stanzl an, ++++++++++Juchhe! Die Bettler woll'n Hochzeit han, ++++++++++Juchhe! Sie laden ein den Floh, die Laus, ++++++++++Juchhe! Und kaufen sich ein Schneckenhaus, ++++++++++Juchhe!« Sever hatte ihn beim ersten Laut erkannt, änderte jedoch seinen Schritt nicht, sah sich auch nicht um, weil er es nicht der Mühe wert hielt, mit dem Burschen anzubandeln. Das ermutigte Thomas noch mehr und er kreischte sein Schandliedl so laut, daß einer der Burschen rief: »Sever, leid'st das?« Dieser kehrte sich um und maß Thomas mit einem finstern Blick. »Ob ich es leide?« wandte er sich an die Burschen, »wär' es nicht eine Schmach, wenn ich den Saububen bei den Wascheln kriegen wollt', den schon mein Mädel geschüttelt hat?« Lautes Gelächter erschallte. Thomas hatte verspielt und drückte sich verblüfft davon. In einer Winkelkneipe erwarteten ihn seine Saufbrüder, dort erzählte er, was ihm widerfahren, und forderte sie auf, ihm zur Rache behilflich zu sein, da er ihnen bereits mit mancher Halbe die Gurgel gewaschen. »Wahr ist's!« schrie einer aus dem Chor, »schämen müssen wir uns insgesamt, aber wart', heut' passen wir dem Sever auf, wenn er von der Stanzl geht, und prügeln ihn, daß er drei Wochen ins Spital muß. Dann aber gehen wir ins Wirtshaus und Thomas wichst uns dafür Punsch auf.« »Soviel ihr mögt!« schrie dieser im Vorgenuß der Rache, der langersehnten Rache. Sie wußten genau die Stunde, wo Sever gewöhnlich von Stanzl Abschied nahm. Etwa hundert Schritt vom Haus des Bauern legten sie sich an einem Zaun auf die Lauer, das Dunkel der mondlosen Nacht verhüllte sie völlig. Nichts Arges vermutend, schritt Sever vorüber. Da sprang Thomas auf und sang: »Schaut Sever nur und Stanzl an, ++++++++++Juchhe!« Sever ergrimmte. »Wart', du Hundsfott,« schrie er, »dieses Mal will ich dich züchtigen!« Lautes Hohngelächter antwortete, überall stürzten die Buben hervor und fielen ihn an. Er riß einen Zaunstecken los und schlug, sich verteidigend, blindlings zu. Ein gellender Schrei ertönte, Sever sprang rasch über den Zaun und enteilte. Am nächsten Morgen erfuhr er, man habe Thomas mit zerschmettertem Schienbein heimgetragen, der alte Pütrich sei bereits zu Gericht. Sever sah die Sache sehr ruhig an, er wußte, daß Selbstverteidigung erlaubt sei und getraute sich einen Eid abzulegen, er habe nicht beabsichtigt, Thomas so schwer zu schädigen. Bald wurde ihm die Vorladung gebracht. Wie staunte er, als die Klage dahin lautete, er habe seinem Gegner aufgelauert, ihn angefallen und zu Boden geschlagen. Nur dadurch sei dieser noch ärgerer Mißhandlung entrissen worden, daß jene Burschen herbeieilten und ihn über den Zaun versprengten. Sever mochte erwidern, was er wollte, alle Zeugen waren gegen ihn. Das ganze Dorf sprach zu seinen Gunsten, der üble Leumund der Ankläger verringerte den Wert ihrer Angaben, das rettete ihn nur vor dem Zuchthause, aber nicht vor einer Strafe, die damals nicht selten über Raufbolde verhängt wurde. Er ward auf vierzehn Jahre zum Militär abgestellt! O goldene Träume der Zukunft, wohin entschwandet ihr! Hätte Sever beim Militär eintreten wollen, er würde, da Ersatzmänner sehr gesucht waren, eine Summe von mehr als tausend Gulden erhalten und nur acht Dienstjahre gehabt haben. So verlor er durch einen Bubenstreich die beste Zeit seines Lebens, konnte während derselben nichts ersparen und sah das schönste Ziel in unberechenbare Ferne gerückt. Wenn dem harten, vielgeplagten Mann bei diesem Urteil die Tränen in die Augen schossen, so war es ebensosehr das eigne Schicksal, das ihm dieselben auspreßte, als die Erinnerung an Stanzls Los, für das er sich gewissermaßen verantwortlich fühlte. Er fand sich im Gewissen verpflichtet, sie ihres Wortes zu entbinden, und ging, um dies zu tun, am letzten Abend, der ihm noch vergönnt war – tags darauf mußte er mit einem Transport nach Italien – schweren Herzens zu ihr. Sie hatte ausgeweint. »Lieber Herrgott!« – war, als sie das Unglück erfahren, ihr Nachtgebet, auf das sie jedoch nicht wie gewöhnlich sanft einschlief – »lieber Herrgott, warum hast du mir das getan? Hab' ich. nicht genug gelitten mein Leben lang? Aber ich will nicht klagen; was du mir bisher auferlegt, schlug mir ja zum Guten aus; nur gib mir Kraft, es zu leiden, gib mir vor allem Kraft zum letzten Abschied von Sever!« Sie erwartete ihn vor der Kammertür und winkte ihm mit der Hand, zu folgen. Beklommen trat er ein. Auf dem Tische lag der Kranz aus künstlichen weißen Rosen, der sie bei der Hochzeit schmücken sollte, sie ergriff Severs Hand, beide blickten sich stumm und schmerzlich in die Augen, er wollte reden, vermochte aber kein Wort zu stammeln. Sie schien seine Gedanken zu erraten. »Komm,« sagte sie, »wir wollen unser letztes Wort nicht hier sprechen,« und ergriff den Kranz. Rasch, ohne umzuschauen, eilte sie zur Kirche, Sever schritt eilig nach. Der geweihte Raum war bereits dunkel, am Hochaltar glomm die ewige Lampe und warf ihren zitternden Schimmer durch die Halle, auf dem Seitenaltar stand das Bild der Himmelsjungfrau mit dem Sternendiadem, das Stanzl beim Fronleichnamsfeste im feierlichen Zuge getragen hatte. An der Mauer ringsum hingen Votivtäfelchen, Wachsfiguren und Inschriften zum Danke für so manche Gnade, die das Volk hier zu erwerben glaubt. Sie traten auf die Stufen des Altars. Stanzl hängte den Kranz auf und wendete sich dann zu Sever: »Die Mutter Gottes mag ihn aufbehalten, bis du zurückkehrst und ihn mir ins Haar schlingst.« Sever preßte sie schluchzend an die Brust, drückte einen Kuß auf ihren Mund und eilte stumm fort. Sie kniete vor dem Gnadenbilde nieder, die Hände gefaltet, tief gebeugt betete sie inbrünstig, bis der Küster die Kirche schloß und sie sich entfernen mußte. Thomas hatte übrigens durch seine Niederträchtigkeit nichts gewonnen, jeder ehrliche Mensch mied seinen Umgang; als er sich Sonntags zu anderen Bauernburschen an den Wirtstisch setzen wollte, jagten ihn diese schimpflich davon. Er wurde wilder und ausgelassener von Tag zu Tag. Da starb sein Vater; nicht der Tod desselben, wohl aber das Erbe, das er jetzt als eigen antrat, bewirkte eine Veränderung seines Benehmens. So wie er früher verschwenderisch gewesen, wurde er jetzt karg und geizig, kein Dienstbote wollte mehr bleiben, weil er die Laus um den Balg prelle. So herrschte auf dem Pütrichhofe weder Zufriedenheit, noch Freude. Ans Heiraten dachte Thomas kaum; erst nehme man ein Weib ins Haus, dann komme ein Haufen Kinder nach, daß jeder Tisch dafür zu klein sei; Gott Vater möge diesen Segen behalten, ihm sei er zu kostbar. Er konnte sich übrigens auch nicht beklagen, daß ihm die Mädchen nachsetzten, ihren Zumutungen entrann er leicht mit seinem krummen Fuße – der blieb ihm als Andenken an Severs Schlag –, nicht einmal die ärmste Dirne trug Sehnsucht nach ihm. Nur von einer alten Pfarrhäuserin erzählte man, sie habe ihn heiraten wollen. Weil ihr der Hochwürdige ein hübsches Säckchen Taler hinterlassen, war Thomas nicht abgeneigt, sie zu nehmen. Sie konnten sich aber nicht verständigen, wer die Hochzeit ausrichten solle, und so zerschlug sich das Geschäft. Stanzl sprach von ihrem Unglück mit keinem Menschen, still und gefaßt arbeitete sie wie früher; hätte sie sich um andere Leute gekümmert, wäre ihr vielleicht die allgemeine Achtung ein Trost gewesen. Zu jeder heiligen Zeit brachte der Briefbote ein Schreiben ihres Sever; er redete wenig von Lieb' und Treue, erkundigte sich aber genau, ob es ihr wohl gut gehe, und erzählte dann, wohin ihn der Marsch überall geführt, von Städten, Ländern und Flüssen. Nur einmal kam ein Brief, nachdem der andere kaum vierzehn Tage alt geworden. Er verkündete ihr kurz, der Major habe ihn zum Unterjäger ernannt. So verfloß Stunde um Stunde, Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat, endlich waren die vierzehn Jahre voll. Es drohte Krieg, die Ausgedienten wurden nicht entlassen, und so mußte auch Sever noch ein Jahr aushalten, es kam ihm länger vor als die vierzehn, die er bereits ertragen. – Die Stunde der Befreiung schlug auch ihm. Als er Gewehr und Bajonett ablegte, dachte er nur an die Maurerkelle und den Hammer, die er jetzt führen werde, um nicht mehr zwangsweise kaiserliches Brot, sondern das eigene zu essen. Sorgfältig wickelte er den Abschied in Papier und steckte ihn in die Brusttasche. In eine abgetragene Montur gekleidet, den Zwilchsack auf dem Rücken, machte er sich auf den Weg. Zu Bozen schrieb er an Stanzl und bezeichnete ihr Tag und Stunde seiner Ankunft. Als er hinter Steinach den wohlbekannten Grat des Joches, der ober Hülzing hinzieht, erblickte, jauchzte er seit fünfzehn Jahren zum erstenmal wieder auf und erschrak dabei fast über sich selbst. Hätte er nicht an Stanzl geschrieben, so wäre er trotz der Ermüdung die ganze Nacht marschiert, um sie zu überraschen. So blieb er in Steinach. Der nächste Tag war das Pfingstfest. Andächtig wohnte er in der Pfarre dem Hochamt und der Predigt bei und machte sich, nachdem er ein mäßiges Frühstück genommen, auf den Weg. Überall blühten die Kirschbäume, die Lerchen sangen, als wäre es ihm zu Ehren, er steckte frohen Mutes ein grünes Zweiglein auf den Hut. Zu Schönberg hielt er Rast und aß Mittag. Erst um vier Uhr brach er auf, um nicht bei Tag anzukommen und so zudringlicher Neugier auszuweichen. An der Ecke, wo die Straße abwärts zieht, stand ein Kreuz zwischen zwei Zirbeln, die jetzt längst niedergeschlagen, zerhackt und auf dem Herde verbrannt sind. Von dort erblickt man durch einen Ausschnitt des Waldes zuerst das Mittelgebirge und Hülzen mit seiner alten Kirche. Sever hemmte den Schritt, sein Herz pochte heftig an die Rippen, ihm unbewußt schlich eine Träne über die braune Wange. Er zog den Hut, faltete die Hände und, den Blick zum Kreuz erhoben, dankte er inbrünstig, daß ihn der Herrgott aus so vielen Gefahren glücklich heimgeführt, und empfahl ihm seine Zukunft. Dann schritt er vorwärts. In der Schupfen, einem Wirtshause etwa eine Stunde von Innsbruck, wollte er noch einkehren; etwa hundert Schritte, ehe er sie erreichte, kam ein Weibsbild bäuerlich gekleidet des Weges, er sah sie verwundert an – sie ihn – Sever! Stanzl! Nachdem sie sich von der ersten Überraschung erholt, betrachteten sie einander, in die Freude des Wiedersehens mischte sich Wehmut, denn jedes trug vom andern ein schönes Bild in der Seele, das schöne, glänzende Bild der Jugend. »Gelt, Stanzl,« begann Sever, mit der Hand über das dünne Haar an den Schläfen streichend, »ich bin älter geworden!« »Ich auch nicht jünger,« erwiderte sie treuherzig, »und wärst du hundert Jahr', wollt' ich dich immer an den Augen kennen!« Er hatte freilich das vierzigste Jahr schon beträchtlich überschritten, sie war in dasselbe soeben eingetreten; ihr Gesicht hatte den Reiz der Jugend verloren, um Wangen und Lippen lagen Fältchen, fast so viel als an der reinlichen weißen Halskrause. Sie vergaßen alles; die heilige Treue, die sie für einander trugen, sollte der Boden sein, wo die alte Liebe neue Blüten trieb – fort und fort bis ins graue Alter. Überlassen wir sie den Gefühlen der Erinnerung und einer freudigen Gegenwart; auch ihre Gespräche in der Schupfen, wo Sever eine Halbe vom Bessern aufstellen ließ, und beim Heimweg haben wir überhört, nur des Planes für die Zukunft sei kurz gedacht. Sever wollte sich zu Hülzen bloß kurze Zeit aufhalten und dann schnell nach Schwaben, um dort als Maurer zu verdienen; nach seiner Rückkehr im Spätherbst war die Hochzeit angesetzt. Er hatte einiges Geld von früherer Zeit erspart, auch ihr Kasten barg einen alten Strumpf – dieser pflegt nämlich das Portefeuille armer Knechte und Mägde in Tirol zu sein – einen alten Strumpf bis zur Ferse voll Zwanziger – etwa hundert Gulden, das konnte für den Anfang ausreichen. Vor seiner Abreise reichte Sever dem Gemeindeausschuß das Gesuch um Heiratsbewilligung ein, bis zu seiner Rückkehr konnte es erledigt sein, die Ausstattung lag ja schon von früherer Zeit fertig in Stanzls Kasten. So war alles in schönster Ordnung, nur die Bewilligung des Gemeindeausschusses blieb aus. Hier waren, seitdem Sever beim Militär diente, die alten Mitglieder, die ihn gekannt und geachtet, ausgeschieden, und neue, zumeist reiche und wohlhabende gewählt worden. Sogar Thomas hatte, trotzdem daß er überall als schofler Kerl galt, Zutritt erlangt, er wolle jetzt, sagte er, die Gemeinde wirtschaften lehren. Der neue Ausschuß machte es zur Hauptsorge, nach Kräften die Vermöglichen vor jeder Last zu schützen und ihre scheinbaren Vorrechte mit einem wahren Dorngehege zu umzäunen. Da wurde gemurrt, daß man so viel zur Unterstützung armer Witwen und Waisen zahlen müsse; alsogleich beschloß man, keinem Arbeiter mehr die Heirat zu gestatten, wenn er nicht Grund und Boden besitze, und auch letztere Ausnahme wurde nur gemacht, weil die Regierung in diesem Fall stets gegen die Gemeinde entschieden hätte. Stanzl hatte, um nicht üble Nachrede aufzurühren, im Lauf des Sommers sich nie um das Los des Gesuches beim Gemeindeausschuß gekümmert; hätte sie das höhnische Gesicht des Thomas bemerkt, wenn er ihr zufällig begegnete, sie würde es leicht erraten haben. Nach Kirchweih kam Sever aus Schwaben, er zeigte ihr die ersparten Taler, die in der Zeit des Papiergeldes doppelten Wert hatten, voll Freude, und verabredete mit ihr noch einiges. Am nächsten Morgen begab er sich zum Gemeindevorsteher, – sollen wir den Schmerz des Armen schildern, als er den abschlägigen Bescheid erhielt, einen Bescheid, der ihm auch für die Zukunft, wenn er nicht auf die Hilfe eines außerordentlichen Zufalls rechnete, die Ehe unmöglich machte. Was half es ihm, daß er auf seine gesunden Arme, auf die Erwerbsfähigkeit Stanzls, auf das ersparte kleine Kapital verwies! Das überzeugte die Engherzigkeit der Geldprotzen im Ausschuß, wo Thomas schürte, nicht im mindesten. Freilich half sich mancher dadurch, daß er mit der Erkorenen in wilder Ehe lebte, wo sodann die kurzsichtige Gemeinde unversehens die Sprößlinge erhalten mußte, bis endlich mit Ingrimm die langersehnte Heiratsbewilligung erteilt ward; diesen Ausweg hätte Sever nie betreten, nicht einmal die leiseste Versuchung empfand er dazu. Stanzl hörte weinend die Unglücksbotschaft; hatte sie ihn einst in der Kirche aufgerichtet, als er vor dem Abmarsch zum Militär verzagen wollte, so war es jetzt seine ruhige männliche Fassung, die ihr zur Stütze diente. »Aushalten! liebe Stanzl,« sagte er schmerzlich bewegt, »aushalten muß unsere Parole sein, der Herr weiß Grund und Ursache zu allen Dingen; hat er uns so weit geführt, wird er uns auch jetzt nicht verlassen.« Aushalten! sie blieben bei ihrer Parole, die Treue, die sie sich gegenseitig bewahrten, lieh ihrem Bewußtsein die heilige Weihe eines Sakramentes und erfüllte sie in trüben Tagen mit einer Art Beruhigung. Eine alte Freundin riet Stanzl, in die Lotterie zu setzen, diese trügerische Zuflucht der Verzweifelnden, denen durch ein Hazardspiel manchmal der letzte Bissen vom Mund, das letzte Kleid vom Leibe geschwindelt wird. Sie wies es zurück, nicht weil sie an der möglichen Wirksamkeit dieses Volksmittels zweifelte, sondern weil sie Gott nicht versuchen wollte, der es ihr und Sever auferlegt, sich durch die redliche Kraft der Hände den Herd zu gründen. Wollte Gott zu solchen Mitteln greifen, werde er's selbst tun, ohne daß sie es ihm nahe gelegt. Weder Sever noch Stanzl dachten mehr an Thomas; er war ihnen fremd geworden, lagen doch viele Jahre zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart. Allein um so öfter dachte er an sie, sein Groll besänftigte sich mit dem Alter nicht, ein Zeugnis für seine ursprünglich schlechte Natur. Es war ihm nicht genug, nach Möglichkeit beizutragen, daß sie ihrem Ziele fern blieben, sie sollten nicht einmal im Winter die Freude des Umganges und gegenseitigen Trostes haben. Bei einer Sitzung des Gemeindeausschusses, wo der Pfarrer zugegen war, erhob er sich; nachdem er lange über die schlechten Zeiten geschimpft, wo jeder Proletarier ein Herr sein wolle, gab er als Grund alles Elendes die wachsende Sittenlosigkeit an, und bezeichnete als die wesentliche Pflicht der Gemeinde, diese in der Wurzel zu zerstören, dann werde auch der Segen des Himmels wiederkehren. Er blickte seufzend nach oben, einige seiner Zuhörer stießen sich schmunzelnd mit den Ellenbogen. »Ich getrau' mir's kaum zu sagen,« fuhr er fort, »es sind arme Leute, aber arme Leute sind nicht immer gute Leute. Da ist dieses Bettelvolk Sever und Stanzl. Sie diente zuerst als Bauerndirne, jetzt ist sie zur strengen Arbeit zu faul, läuft in die Stadt und hilft bei Herrschaften aus, angeblich, weil sie mehr verdiene. Die hat ein Verhältnis zum Sever, ihr kennt ja den Maurer, das Verhältnis dauert zu lange.« – Das Gesicht des Pfarrers verfinsterte sich; Thomas sprach heuchlerisch die Augen gesenkt und bemerkte es daher nicht. Er machte eine Pause; als niemand das Wort ergriff, begann er von neuem: »Um's anzudeuten – gerade heraus darf man es mit bäurischem Maul nicht sagen, weil uns der Hochwürdige beehrt, also ich meine – – die zwei gehen vor der Messe zum Opfer, und da sollt' die Gemeinde die Sünde hindern, und sich dreinlegen, und da sollt' sie eines von beiden abschaffen.« – Er schwieg. Alles blickte auf den Pfarrer, der sich unruhig auf dem Sessel bewegte und dann rasch aufstand. Über sein Gesicht flog die Röte des Zornes; er zerrte, wie er es im Unwillen zu tun pflegte, am blauen Perlkollar und sprach heftig: »Solche unchristliche Anklagen wagt Ihr ohne Beweis vorzubringen? Ihr, Herr Thomas« – sein Blick bohrte sich wie funkelnder Stahl in das Auge des erschreckenden Bauern, – »Ihr hebt den Stein gegen Stanzl auf? Ihr schneidet Sever die Ehre ab, das einzige, was er, ohne Euch erst um Erlaubnis zu fragen, besitzt? Das tut Ihr! Ich aber sage Euch, daß Sever und Stanzl seit Jahren meine Beichtkinder sind, und ich mein', das Himmelreich wär' uns näher, wenn es viel so fromme Leut' gäbe. Das sag' ich als Seelsorger, und klagt Euch das Paar wegen Verleumdung, so steh' ich als Zeuge vor der weltlichen Obrigkeit, als Zeuge gegen Euch! Wie der Herrgott die Heuchler richtet, habt Ihr vielleicht aus dem Katechismus nicht vergessen?« Thomas war vernichtet und verstummte. Seine Absicht war vereitelt, bald wurde die Geschichte offenkundig; alle dankten dem Pfarrer, daß er dem elenden Menschen, den noch niemand zu stillen vermocht, das Maul gestopft; auch Stanzl und Sever erfuhren den ganzen Hergang. Es erfragte ihn jedoch noch jemand: ein Advokat, bei dem sie hier und da arbeitete, und der wegen ihrer Rechtlichkeit gar viel auf sie hielt. Dieser beschloß, gegen Advokatensitte, hier etwas umsonst zu tun und dem Paar nicht bloß Genugtuung zu verschaffen, sondern auch gründlich zu helfen. Was hätten Sever und Stanzl, selbst wenn es ihr Wille gewesen, gegen den reichen Thomas ausgerichtet? So setzte ihnen der Advokat die Klagschrift auf, reichte sie beim Landgerichte ein und vertrat beide als Kläger. Das gab freilich einen großen Aufruhr, als Herr Thomas, der reiche Pütrichbauer, sich verantworten mußte, daß er eine arme Magd und einen Maurer beleidigt. Wurde er nicht verurteilt und eingesperrt, so hatte er es nur der Gnade des armen Paares zu verdanken, das sich zufrieden erklärte, wenn er vor dem Gemeindeausschuß dem Pfarrer gegenüber seine Äußerung zurücknehme und Sever abbitte. Es wurde eine Sitzung anberaumt. Das Gericht sandte einen Kommissär in voller Uniform; daß sich Thomas für diesen Auftritt besonders geputzt, wird nicht erzählt. Vor dem Gemeindehause versammelten sich trotz des Werktages viele Arbeiter, Kopf an Kopf guckten sie durch das Fenster, denn es galt einem der Ihrigen. Wie Thomas blaß und zitternd seine Abbitte, die zu Protokoll genommen ward, gestammelt und unterzeichnet hatte, erhob sich lautes Jubelgeschrei. Unsicher trat Thomas aus der Türe, um sich zu entfernen. Beim Anblick der versammelten Menge wollte er scheu zurückweichen; ein Zimmermann packte ihn hohnlachend beim Arm und hob ihn empor: »Da, schaut ihn an, diesen ecce homo , der brave Menschen verleumdet hat, pfui Teufel!« Rasch bildete sich eine Gasse; unter Geschrei, Johlen und Klatschen flog Thomas wie ein Ball von Hand zu Hand und hinkte, nachdem er so fast Spießruten gelaufen, eiligst davon. Der Kommissär wurde mit Jubel begrüßt, die Männer nahmen die Hüte ab und brachten der Gerechtigkeit ein lautes Vivat! Ein Arbeiter schüttelte ihm die Hand und lud ihn ins Wirtshaus, sie möchten ihm gern eine Halbe zahlen, weil er die Sache so gut gemacht. Lachend machte sich der Beamte los und eilte ins Bureau, dort Bericht zu erstatten. Die Protzen waren freilich untröstlich über das, was einem der Ihrigen widerfahren, und glaubten sich absichtlich beleidigt. Sie versuchten ihn zu entschädigen und schlugen ihn bei der nächsten Wahl zum Vorstand vor, drangen jedoch diesmal noch nicht durch, und erst später gelang es, ihn zu diesem hohen Posten emporzuschieben, wo er sodann einige Jahre auf seinen schmutzigen Geldsäcken thronte. Der Advokat hatte sich, wie gesagt, unseres alten Brautpaares Los zu Herzen genommen und wollte ihm, den Bauern zum Trotz, helfen. Er besaß zu Hülzen ein sehr schönes Gut; ein Stück guten Grundes, der in dieser Lage sehr teuer ist, konnten sie ihm nicht abkaufen, er bot ihnen daher für sehr bescheidenes Geld jene Erdzunge in der Öde, die zu seinem Wald gehörte. Dankbar nahmen sie den gütigen Antrag an und begannen schnell mit Ausrodung der Stauden und dem Bau der Hütte, die wir geschildert. Nun mußte der Gemeindeausschuß das Gesuch bewilligen, um so mehr, da der Advokat die Drohung einer höheren Instanz angehängt hatte. »Dem Teufel und dem Bettelvolk gelingt alles, wenn es ernstlich will!« brummte Herr Thomas, als ihm einige Bauern spöttisch zu dem Nachbar auf dem neuen Gut Glück wünschten. Stanzl und Sever waren voll Freude ganz verklärt, Arm in Arm gingen sie herum, als ob es die Leute erst jetzt erfahren sollten, daß sie Brautleute seien. Sogar ins Wirtshaus wagten sie sich; der Wirt fragte zweimal, ob es Ernst sei, als der sparsame Sever eine Halbe Roten bestellte. Und er hat ihnen geschmeckt. Sie stießen mit den Gläsern an; Aug' in Auge ließen sie den wackeren Advokaten leben, der ihnen geholfen, ihnen, dem »alten Brautpaar«, wie sie fast sprichwörtlich hießen, denn auf Severs Scheitel hatte es bereits angeschneit und die fünfzig klopften an, während Stanz! gar wohl die Patriarchin Sarah zum Vorbild wählen durfte. Freilich sah sie infolge angestrengter Arbeit älter aus, als sie war; zu vierundvierzig Jahren bekennt sich aber auch eine Dame in der Stadt selten gern. Sonntags gingen sie miteinander zur Kirche. So mag der armen Seele im Fegfeuer das Engelswort klingen, wie ihnen jetzt die Stimme des Pfarrers klang, als er sie zum erstenmal verkündete. Sie durften einander vor Rührung nicht ansehen, Sever schämte sich vor der ganzen Gemeinde seiner Tränen und blickte starr zu Boden. Vor der Kirchtüre warteten ihrer ein Polier des edlen Maurerhandwerks und ein Zimmermann, beides wackere Arbeiter. »Gott grüß' euch,« begann jener, »wir sind da, um euch im Namen unserer Handwerke zu sagen, daß wir alle zur Hochzeit kommen und euch nach Kräften eine gute Ehrung tun wollen. Und die Böller sollen auch krachen, wie bei der reichsten Bauernhochzeit, damit die Leute sehen, daß wir zusammenhalten und einen braven Kameraden zu ehren wissen.« Sever dankte gerührt. »Und daß ihr euch nicht lang' um einen Brautführer umschaut,« begann der Zimmermann, »so haben uns die Handwerke aufgetragen, euch hierin zu dienen, wenn ihr's halt annehmen wollt!« »O mein Gott!« rief Stanzl, »muß ich denn in meinen alten Tagen noch so viel Ehre erleben!« »Männer!« fuhr Sever fort, »Gott vergelt's euch, ich kann es nicht, und so nehme ich denn eure Liebe dankbar an auf den St. Kathreintag. Die Stanzl wird schon, wie's der Brauch ist, für jeden ein Nagerl mit Rosmarin herrichten. Am Kathreintag hochzeiten wir, unser Herr wird nichts mehr dawider haben!« Er hatte nichts mehr dawider. Als es am Vorabend von St. Kathrein finster geworden, trafen Sever und Stanzl, die sich zusammenbestellt, auf dem Friedhof zusammen. Sie gingen in die dunkle Kirche zum Seitenaltar, wo das Bild der Mutter Gottes stand. Dort hing der Kranz, den sie vor fast zwanzig Jahren hinterlegt, die Farben abgeblaßt, die Glanzflitterchen trüb, – Severs Hand zitterte, als er danach griff. Er hielt ihn eine Weile vor sich in der Hand, vor seiner Seele glitten jene Jahre des Schmerzes und der Entsagung noch einmal vorüber, dann seufzte er tief und drückte ihn auf die Stirn seiner Stanzl. Beide knieten nieder, Hand in Hand opferten sie, was sie bisher gelitten, dem heiligen Herzen Mariens, das ja auch einst von sieben Schwertern durchbohrt worden. Nach einem langen, stillen Gebet erhoben sie sich und schieden am Tore des Friedhofes. Um sechs Uhr früh krachten die Böller vor der Kirche; der Marsch, aufgespielt von etlichen Arbeitern, schreckte die Kinder vom Schlafe auf, um sieben Uhr öffnete sich die Türe des Bauernhauses, wo Stanzl zuletzt gedient und noch wohnte; einige Kranzeljungfrauen erschienen, kleine Mädchen mit dem Rosmarinkranz und einer weißen, gefransten Schürze, ihnen folgte zwischen Zeugen und Brautführern das alte Paar, hocherfreut von all der Ehre, die ihnen jetzt widerfuhr, einer Ehre, die sie als Krone eines edlen, reinen, arbeitsamen Lebens betrachten durften. Auch Stanzl trug die Weiße Schürze und den vergilbten Kranz; auf dem Brustlatz von Severs langem, braunem Rock prangte ein üppiger Strauß, den ihm ein alter Kamerad, der Gärtner Zeppart, zugesandt, um den Hut war eine neue Tresse geschlungen. Hintennach die Gäste, Zimmerleute und Maurer, wie sie einst auf Josephs Hochzeit in Nazareth erschienen sein mögen, und ihre Weiber, die mit Stanzl auf der Schulbank gesessen, und nun die Töchter, die noch nicht geheiratet, als Kranzeljungfern vorausschickten. Sie hatten die Kirche bald erreicht. Dort erwartete sie der Geistliche im Chorrock; das Brautpaar trat vor und wurde eingesegnet. Der Priester sprach einige Worte, pries ihre Geduld und Ausdauer, forderte sie auf, den Feinden zu vergeben und schloß damit, daß er sie der versammelten Gemeinde als Muster der Tugend und der Rechtschaffenheit vorstellte. Stanzl schluchzte laut, Sever warf einen wehmütigen Blick auf die Mutter Gottes, da fiel mit einem furchtbaren Tschin, tschin, tschin der Hülzner Marsch ein, und der Zug ordnete sich neu. Im Schiff der Kirche stand Thomas. Er hatte sich an der Ecke einer Bank aufgestellt, so daß man sich an ihm vorbeidrängen mußte. Höhnisch lächelnd schaute er Sever und Stanzl an und sagte dann, daß es nicht bloß sie, sondern die Nächsten daran noch deutlich hörten: »So haben die Bettler Hochzeit gemacht!« Sever trat einen Schritt zurück, sein Auge flammte, er hob die Faust und ließ sie wieder sinken, denn er dachte jenes Wortes, man solle dem Feind vergeben, das er soeben am Altar gehört, doch schweigen konnte er nicht. Hoch aufgerichtet maß er Thomas mit einem Blicke der Verachtung und rief: »So ist dir die Kirche nicht heilig genug, um deine niederträchtige Zunge zu bändigen? Schon einmal hast du mich und Stanzl verleumdet, – die Gebenedeite dort auf dem Throne weiß, daß jeder Hauch eine Lüge war; du hast das Glück meiner Jugend zerstört, uns die schönsten Tage abgestohlen. Dafür mag jener mit dir abrechnen, der in der Hostie auf dem Altar gegenwärtig ist; wenn du auf dem Todbette liegst, mag er abrechnen mit dir, ich überlasse ihm die Rache!« Laut hallten vom Gewölb die Worte wieder, Getümmel erhob sich, das Brautgeleit Severs wollte sich auf Thomas stürzen, um diesen scharte sich seine Sippe; da sprang der Geistliche, der noch den Chorrock nicht abgelegt, dazwischen und hinderte die Entweihung des Gotteshauses. Die Geschichte wurde, verschieden ausgeschmückt, erzählt, das Gericht leitete eine Untersuchung ein, Thomas ward zu einer ansehnlichen Geldstrafe, und Sever, der Arme, zu drei Wochen Arrest verurteilt – wegen Religionsstörung! Der passende Paragraph des Strafgesetzes klappte allerdings, aber wer von uns hätte anders gehandelt als Sever? Thomas nahm wenige Jahre darauf ein trauriges Ende. Es befiel ihn das Asthma, daß er oft mehrere Nächte nacheinander, vor Angst keuchend, auf dem Lehnstuhl zubringen mußte, er sank zusammen und magerte ab. In einer kalten Dezembernacht, wo er, um Holz zu sparen, nicht einheizen ließ, packte ihn das Übel mit vollem Grimme; morgens lag er tot im Bette. Das Fenster nebenan war eingeschlagen, er hatte sich mit beiden Armen an den Stäben festgeklammert, weit offen starrte das vorquellende Auge hinaus. Die Bauern behaupten steif und fest, der Teufel habe seine Seele geholt und sei mit dieser, weil die Türe mit den Namen der Dreikönige bezeichnet war, durch das Fenster gefahren. Da gerade in jener Nacht eine Sternschnuppe mit feurigem Schweif über das Dorf gegen das Gebirg, wo viele verbannte Geister sich aufhalten, hinschoß, so war die Sache um so wahrscheinlicher. Ein altes Mütterchen, das eben zum Fenster hinaussah, wollte sogar Thomas, auf dem der Teufel ritt, erkannt und ein fürchterliches Schmerzgeheul gehört haben. So ist das Volk; wo das Gericht den Sünder nicht trifft, verfällt er der poetischen Gerechtigkeit der Sage. Vor einigen Wochen besuchte ich Sever. Er saß vor der Türe im Sonnenschein, gebückt und matt. Ich fragte: »Wie geht's?« »Wie's geht?« erwiderte er, »da schauen Sie!« Er streifte den wollenen Strumpf herab, das Bein war dick geschwollen, ich drückte mit dem Finger darauf, in der teigigen Haut blieb eine Grube, die nur langsam schwand. Wassersucht! dachte ich und zuckte die Achseln, als mich Stanzl ängstlich besorgt anblickte. Vor einigen Tagen stieg ich auf den Höhen bei Hülzen herum. Ich sah von meinem Platz auf den Friedhof, ein frisches Grab gähnte mich an. Die Glocken begannen zu läuten, auf dem Weg nahte ein langer Zug, voran ein Sarg mit einer schlichten Decke. Da bringen sie den Sever! dachte ich und stieg hinab, so nahe, daß ich alles genau erkennen konnte. Ja, der Sever! Hinter der Bahre wankte, gebeugt von der Last des Grames, Stanzl; ihr einziges Trauergewand war eine schwarze Schürze, in der Hand hielt sie einen alten Kranz. So oft sie ein Gebet beginnen wollte, erstarb ihre Stimme in Tränen. Mitleidig blickte ich über die Friedhofsmauer. Die Träger stellten die Bahre nieder, die Totengebete wurden gesprochen. Dann ließ man den Sarg an Seilen in die Tiefe, aus der noch keiner wiedergekehrt ist. Stanzl trat hinzu und warf den Kranz hinab, – es war der alte Brautkranz. Gestern betrat ich wieder den Friedhof. Auf dem Grab stand ein ärmliches Kreuz, umflochten von einem Kranz schlichter Feldblumen und Almrosen. Ich suchte Stanzl auf. Sie war ruhig und gefaßt. »Ich konnte es ja voraus wissen,« sagte sie, »und dennoch traf mich Gottes Ratschluß sehr schwer. Wie er so dalag in seiner Krankheit und kein leises Murren der Ungeduld über seine Lippen schlich, da hab' ich ihn weitaus am liebsten gehabt, lieber als in den schönsten Tagen seiner Jugend. – – Jetzt bin ich allein! – – Wenn Sie beten, so schenken Sie auch ihm ein Vaterunser, er wird an Gottes Thron auch für Sie vorbitten; ist es doch mein einziger Trost, fest zu glauben, daß er nach so viel Leiden ohne Fegfeuer vom Mund auf in den Himmel fahren durfte!« Stanzl ist, seitdem dieses Buch in erster Auflage erschien, ihrem Sever auch in die Ewigkeit nachgefolgt. Die Arbeiter mit Frauen und Kindern weither begleiteten ihre Leiche, ja sie legten sogar ihre dürftigen Kreuzerlein zusammen und schmückten das Grab mit einem weißen Marbelstein. Will man recht alte brave Eheleute bezeichnen, so sagt man: »Sie sind wie Sever und Stanzl!« Seien beide dem frommen Andenken empfohlen! Ende.