Pierre Louys Aphrodite   Selbst die Ruinen der Griechenwelt lehren uns, wie in unserer modernen Welt das Leben uns erträglich gemacht werden könnte. Richard Wagner.   Der gelehrte Prodicos von Kéos , welcher um das Ende des V . Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung blühte, ist der Autor der berühmten Lehrfabel »Herkules auf dem Scheidewege zwischen der Tugend und der Wollust«, welche der heilige Basilius den christlichen Betrachtungen empfahl. Wir wissen, daß Herkules die Tugend wählte, was ihm gestattete, eine gewisse Anzahl großer Verbrechen gegen die Hirschkühe, die Amazonen, die goldenen Äpfel und die Riesen zu begehen. Hätte Prodicos sich damit begnügt, dann hätte er wohl nur eine Fabel von einem ziemlich leichten Symbolismus geschrieben; allein er war ein gutmüthiger Philosoph und seine Sammlung von Erzählungen »Die Horen«, in drei Abschnitte eingetheilt, stellte die moralischen Wahrheiten unter den verschiedenen Formen dar, welche sie je nach den drei Lebensaltern annehmen. Den kleinen Kindern stellte er die sittenstrenge Wahl des Herkules als Beispiel hin; den jungen Leuten erzählte er die wollüstige Wahl des Paris; den reifen Männern sagte er – wie ich mir vorstellen kann – ungefähr Folgendes: – Als Ulysses eines Tages am Fuße des delphischen Gebirges jagte, traf er auf seinem Wege zwei Jungfrauen, die sich an der Hand hielten. Die Eine hatte Veilchenhaare, durchsichtige Augen und Lippen von einem ernsten Ausdruck; sie sagte ihm: »Ich bin Arètê «. Die Andere hatte schwache Augenlider, schmale Hände und zarte Brüstchen. Sie sagte: »Ich bin Triphê «. Und Beide fügten hinzu: »Wähle zwischen uns«. Doch der schlaue Ulysses antwortete klug und weise: »Wie könnte ich wählen? Ihr seid unzertrennlich. Die Augen, welche die Eine ohne die Andere von Euch gesehen, haben nur einen hohlen Schatten gesehen. Gleichwie die wahre Tugend sich der ewigen Freuden nicht beraubt, welche die Wollust ihr bietet, würde auch die Weichlichkeit ohne eine gewisse Seelengröße wenig taugen. Ich werde Euch beiden folgen. Zeiget mir den Weg«. Kaum hatte er geendet, als die beiden Erscheinungen ineinanderflossen. Ulysses erkannte, daß er mit der großen Göttin Aphrodite gesprochen. Die Frau, welche den ersten Platz in dem vorliegenden Roman einnimmt, ist eine Courtisane des Alterthums. Zur Beruhigung des Lesers will ich sogleich hinzufügen: sie wird sich nicht bekehren. Sie wird weder von einem Mönch, nach von einem Propheten, noch von einem Gott geliebt werden. In der Litteratur unserer Tage ist sie eine Originalität. Sie wird sich als Buhlerin zeigen mit dem Freimuth, dem Eifer und auch mit dem Stolze jedes menschlichen Wesens, welches einen Beruf hat und in der Gesellschaft einen frei gewählten Platz einnimmt. Sie wird den Ehrgeiz haben, sich bis zum höchsten Punkte erheben zu wollen. Sie wird gar nicht auf den Gedanken kommen, daß ihr Leben einer Entschuldigung oder einer Verheimlichung bedürfe. Dies soll erklärt werden. Die modernen Schriftsteller, die sich an ein Publikum gewendet haben, welches weniger voreingenommen ist als die jungen Mädchen und die jungen Normalschüler, haben sich bis zum heutigen Tage einer mühseligen List bedient, deren Heuchelei mir mißfällt. Sie sagen: »Ich habe die Wollust so geschildert wie sie ist, um die Tugend umso höher zu stellen.« Ich verschmähe es rundweg, an der Spitze eines Romans, dessen Handlung sich in Alexandrien abspielt, mich eines solchen Anachronismus zu bedienen. Die Liebe mit allen ihren Folgen war für die Griechen das tugendhafteste Gefühl, am fruchtbarsten an großen Thaten. Sie verbanden mit ihr niemals jene Ideen von Unzüchtigkeit und Unbescheidenheit, welche die jüdische Überlieferung mit der christlichen Lehre unter uns gebracht hat. Herodot (I, 10) sagt uns ganz einfach: »Bei einigen barbarischen Völkern ist es eine Schande nackt zu erscheinen.« Wenn die Griechen oder die Lateiner einen Mann beschimpfen wollten, welcher mit Freudendirnen Umgang hatte, nannten sie ihn »Maechus«, was Ehebrecher heißt. Wenn ein Mann und eine Frau, die durch kein anderes Band mit einander verknüpft waren, sich vereinigten, – und selbst wenn es öffentlich geschah und ohne Rücksicht auf ihre Jugend – so ließ man sie ungestört, als Leute, die ja Niemandem schadeten. Wie man sieht, darf das Leben der Alten nicht nach jenen moralischen Ideen beurtheilt werden, die uns heutzutage aus Genf übermittelt werden. Ich habe dieses Buch mit jener Einfachheit geschrieben, mit welcher ein Athener ähnliche Begebenheiten erzählt haben würde. Ich wünsche, daß man es in dem nämlichen Geiste lese. Wollte man die alten Griechen nach den heute angenommenen Ideen beurtheilen, dann dürfte man keine einzige genaue Übersetzung ihrer größten Schriftsteller einem Schüler in die Hände geben. Wenn Herr Mounet-Sully seine Oedipus-Rolle ohne Streichungen spielen sollte, würde die Polizei die Aufführung untersagen. Hätte Herr Leconte de Lisle seine Theokrit-Übersetzung nicht vorsichtigerweise gesäubert, sie wäre am Tage des Erscheinens mit Beschlag belegt worden. Man hält Aristophanes für eine Ausnahme, allein wir besitzen bedeutende Bruchstücke von 1440 Komödien, geschrieben von 132 anderen griechischen Dichtern, deren einige, wie z. B. Alexis, Philetairos, Strattis, Euboulos, Cratinos uns wunderbare Verse hinterlassen haben, und noch hat Niemand es gewagt, diese ebenso herrliche wie unzüchtige Sammlung zu übersetzen. Um die griechischen Sitten zu vertheidigen, zitirt man immer einige Philosophen, welche die geschlechtlichen Freuden tadelten. Allein, das heißt die Dinge verwirren. Diese wenigen Philosophen verpönten alle sinnlichen Ausschreitungen im Allgemeinen und machten keinen Unterschied zwischen den Ausschweifungen des Bettes und jenen der Tafel. Einer, der heute in einem Pariser Restaurant straflos ein Diner zu sechs Louis für sich allein bestellt, würde von ihnen ebenso strafbar befunden worden sein, wie ein Anderer, der auf offener Straße ein allzu intimes Rendezvous geben und für diese Handlung durch die in Geltung stehenden Gesetze zu einem Jahr Gefängniß verurtheilt werden würde. Übrigens wurden diese sittenstrengen Philosophen in der alten Welt als kranke und gefährliche Narren betrachtet, auf allen Schaubühnen verhöhnt, in den Straßen geprügelt; die Tyrannen zogen sie als Spaßmacher an ihren Hof, die Bürger verbannten sie, wenn sie sie nicht der Todesstrafe werth erachteten. Es ist demnach eine bewußte und willkürliche Täuschung, wenn die modernen Erzieher, von der Renaissance angefangen bis auf den heutigen Tag, vorgeben, aus der antiken Moral die Eingebungen für ihre engbrüstigen Tugenden zu schöpfen. Wenn diese Moral groß war und in der That verdient, als Vorbild genommen und befolgt zu werden, so ist es deshalb, weil keine andere es besser verstanden hat, Recht und Unrecht nach dem Kriterium der Schönheit zu unterscheiden und das Recht zu verkünden, welches der Mensch besitzt, sein Glück innerhalb jener Schranken zu suchen, welche das gleiche Recht seiner Nebenmenschen ihm setzt und zu erklären, daß es unter dem Himmel nichts Heiligeres gibt als die physische Liebe und nichts Schöneres, als der menschliche Körper. Das war die Moral jenes Volkes, welches die Akropolis erbaut hat; und wenn ich hinzufüge, daß diese Moral diejenige aller großen Geister geblieben, so wird dies nur ein Gemeinplatz sein, so sehr ist es erwiesen, daß die überlegenen Geister von Künstlern, Schriftstellern, Heerführern und Staatsmännern die erhabene Duldsamkeit dieser Moral niemals unerlaubt gefunden haben. Aristoteles beginnt sein Leben damit, daß er sein väterliches Erbtheil mit Buhlerinen vergeudet; Sapho gibt einem eigenen Laster den Namen; Caesar ist der »kahle Ehebrecher«; – Racine ist den Theaterdamen nicht abhold und Napoleon übt nichts weniger als die Enthaltsamkeit. Die Romane Mirabeau's, die griechischen Verse Chénier's, die Korrespondenz Diderot's und die Schriften Montesquieu's kommen an Kühnheit dem Werke eines Catullus gleich. Und Buffon, dieser sittenstrengste und frömmste aller französischen Autoren – durch welche Maxime hat er die Liebes-Intriguen angerathen? »Liebe! Warum bist du das Glück aller Wesen und das Unglück des Menschen? – Weil von dieser Leidenschaft die physische Seite allein gut ist, die moralische aber nichts taugt.« — — — — — Woher kommt das? und wie ist es zu erklären, daß trotz dem Umsturz der Ideen des Alterthums die große Sinnlichkeit der Griechen gleichsam ein Strahl auf den erleuchtetesten Stirnen geblieben ist? Weil die Sinnlichkeit die mysteriöse aber nothwendige und schöpferische Bedingung der geistigen Entwicklung ist. Jene, welche die Forderungen des Fleisches nicht bis an ihre Grenze empfunden haben, sei es um sie zu lieben, sei es um ihnen zu fluchen, sind schon dadurch unfähig, die Forderungen des Geistes in ihrer vollen Ausdehnung zu begreifen. Gleichwie die Schönheit der Seele das ganze Antlitz erhellt, so vermag die Männlichkeit des Körpers allein das Gehirn zu befruchten; der schmählichste Schimpf, welchen Delacroix Männern zufügen konnte und welchen er thatsächlich den Verhöhnern eines Rubens und den Verleumdern eines Ingres zurief, war das furchtbare Wort: »Eunuchen!« Ja noch mehr: es scheint, daß das Genie der Völker, wie dasjenige der Individuen, vor Allem sinnlich ist. Alle Städte, welche die Welt beherrscht haben, Babylon, Alexandrien, Athen, Rom, Venedig, Paris waren vermöge eines allgemeinen Gesetzes je ausschweifender desto mächtiger, gleichsam als wäre ihre Zügellosigkeit zu ihrem Glanze nothwendig gewesen. Jene Städte, wo der Gesetzgeber eine künstliche, engbrüstige und unfruchtbare Tugend einzuführen sich bemühte, sahen sich vom ersten Tage angefangen zu vollständigem Tode verurteilt. So war es mit Sparta, welches inmitten des wunderbarsten Aufschwunges des menschlichen Geistes, zwischen Corinth und Alexandrien, zwischen Syrakus und Milet uns keinen Dichter, keinen Maler, keinen Philosophen, keinen Geschichtsschreiber, keinen Gelehrten zurückgelassen, kaum den volksthümlichen Ruhm eines sonderbaren Helden, der sich mit dreihundert Männern in einem Gebirgspaß tödten ließ, ohne auch nur den Erfolg des Sieges für sich zu haben. Und darum können wir noch nach zweitausend Jahren die Nichtigkeit der spartanischen Tugend ermessend, nach der Ermahnung Renan's »den Boden verfluchen, wo diese Beherrscherin düsterer Irrthümer gestanden, und sie beschimpfen, weil sie nicht mehr ist.« — — — — — Werden wir jemals die Tage von Ephesus und Kyrene wiederkehren sehen? Ach, die moderne Welt geht in einer Überschwemmung des Häßlichen unter. Die Zivilisationen ziehen sich nach dem Norden zurück, in Nebel, Frost und Koth. Welche Nacht! Ein schwarz gekleidetes Volk treibt sich in den schmutzigen Straßen herum. Woran denkt es? Man weiß es nicht mehr. Aber unsere fünfundzwanzig Jahre frösteln in der Verbannung unter Greisen. So möge denn wenigstens Jenen, die stets bedauern werden jene entzückte Jugend der Erde, die wir das antike Leben nennen, nicht gekannt zu haben, so möge ihnen wenigstens gestattet werden, kraft einer fruchtbaren Illusion jene Zeit von Neuem zu durchleben, wo die menschliche Nacktheit – die vollkommenste Form, die uns zu kennen und zu fassen gegönnt ist, da wir sie nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen glauben – sich unter den Zügen einer geheiligten Buhlerin enthüllen durfte, in Gegenwart von zwanzigtausend Pilgern, welche die Gestade von Eleusis bedeckten; jene Zeit, wo die sinnlichste Liebe, die göttliche Liebe, aus der wir geboren werden, ohne Schmutz, ohne Schande, ohne Sünde war; es möge ihnen gestattet sein, achtzehn barbarische, heuchlerische und häßliche Jahrhunderte zu vergessen, vom Sumpfe zur Quelle, zur ursprünglichen Schönheit zurückzukehren, den großen Tempel beim Klange der bezauberten Flöten wieder zu erbauen und den Heiligthümern des wahren Glaubens mit Begeisterung ihre Herzen zu weihen, die für immer der unsterblichen Aphrodite gehören. Pierre Louÿs. Erstes Buch I. Chrysis Der Länge nach auf der Brust dahingestreckt, mit vorgebeugten Ellenbogen und gespreizten Beinen, die Wange auf die Hand stützend, lag sie da und stach mit einer langen goldenen Nadel kleine, regelmäßig gestellte Löcher in ein Kopfkissen aus grüner Leinwand. Seitdem sie – zwei Stunden nach des Tages Mitte – erwacht war, ganz erschöpft von dem allzu langen Schlafen, war sie allein auf dem zerwühlten Bette liegen geblieben, nur auf einer Seite durch die reiche Fülle ihrer Haare bedeckt. Dieses Haar war glänzend und tief, weich wie das Fell eines Raubthiers, länger als Vogelschwingen, geschmeidig, unzählbar, belebt, voll Wärme. Es bedeckte den halben Rücken, breitete sich unter dem nackten Bauche aus und glänzte wieder bei den Knieen in schweren, rundlichen Locken. Das junge Weib war eingehüllt in dieses kostbare Vließ, dessen goldener Glanz fast metallisch war, weßhalb sie von den Hetären Alexandriens den Namen Chrysis (die Goldige) erhalten hatte. Es waren nicht die glatten Haare der Syrierinen des Hofes, noch die gefärbten Haare der Asiatinen, noch auch die braunen und schwarzen Haare der Töchter Aegyptens. Es waren diejenigen einer arischen Rasse, der Galiläerinen, die jenseits der Sandwüste wohnten. Chrysis. Sie liebte diesen Namen. Junge Leute, welche sie besuchten, nannten sie Chryse, wie Aphrodite, in den Versen, welche sie, früh morgens, mit Rosen umkränzt, an ihre Thür schrieben. Sie glaubte nicht an Aphrodite, aber sie sah sich gern mit der Göttin verglichen, und ging manchmal in den Tempel, um ihr, wie einer Freundin, Wohlgerüche und blaue Schleier zu schenken. Sie war an den Ufern des Sees Genezareth geboren, im Lande der Sonne und des Schattens, wo der Oleander duftete. Ihre Mutter ging des Abends auf die Straße von Jeruschalaim und wartete auf die Reisenden und Kaufleute und gab sich ihnen auf dem Grase hin, inmitten der nächtlich-stillen Landschaft. Sie war eine in Galilaea wohlgelittene Frau. Die Priester wandten sich nicht ab von ihrer Pforte, denn sie war mildthätig und fromm; sie bezahlte stets die Opferlämmer und die Gnade des Herrn ruhte auf ihrem Hause. Als sie aber schwanger ward und ihre Schwangerschaft Aergerniß erregte (weil sie keinen Gatten hatte), sagte ein Mann, der im Rufe eines Wahrsagers stand, daß sie eine Tochter gebären würde, welche dereinst »den Reichthum und den Glauben eines Volkes« um ihren Hals tragen werde. Sie verstand nicht recht wie dies geschehen könnte, aber sie nannte ihr Kind Sarah, was hebräisch Fürstin heißt. Und dies brachte die Lästerzungen zum Schweigen. Chrysis war dies stets verborgen geblieben, da der Wahrsager ihre Mutter gewarnt hatte, wie gefährlich es sei den Leuten die Prophezeiungen zu enthüllen, welche sich auf sie bezogen. Sie wußte nichts von ihrer Zukunft, weßhalb sie oft daran dachte. An ihre Kindheit erinnerte sie sich wenig und sie sprach auch nicht gern davon. Die einzige klare Empfindung, die sie davon behalten hatte, war die Furcht und die Langeweile, welche ihr Tag für Tag die ängstliche Beaufsichtigung ihrer Mutter verursachte. Es war ihr keine Freiheit gegönnt, und wenn die Stunde gekommen war, auf die Straße hinaus zu gehen, sperrte ihre Mutter sie für lange Stunden allein in ihre Kammer. Sie erinnerte sich auch des runden Fensters, von wo aus sie die Gewässer des Sees, die blauenden Felder, den durchsichtigen Himmel mit der klaren Luft des Landes Galilaea sah. Das Haus war von rosigem Flachs und von Tamarisken umgeben. Da und dort reckten Kapernstauden ihre grünen Köpfchen aus dem verschwimmenden Nebel der Wiesen empor. Die kleinen Mädchen badeten in einem klaren Bache und suchten rothe Muscheln unter blühenden Lorbeersträuchern; und Blumen blühten auf dem Wasser, Blumen auf den Wiesen und große Lilien auf den Bergen. Sie war zwölf Jahre alt, als sie ihrer Mutter davonlief, um einer Schaar junger Reiter zu folgen, welche nach Tyrus zogen, um dort Elfenbein zu verkaufen. Bei einer Zisterne war sie ihnen begegnet. Sie schmückten langgeschwänzte Pferde mit farbigen Troddeln. Chrysis erinnerte sich wohl, wie sie, bleich vor Freude, von den Reitern auf ihren Rossen entführt wurde, wie sie sich dann ein zweites Mal in der Nacht aufhielten, eine Nacht, die so hell war, daß man keinen einzigen Stern sehen konnte. Auch der Einzug in Tyrus war ihr im Gedächtniß geblieben: sie ritt voran auf dem Korbe eines Lastpferdes, sich mit den Fäusten an der Mähne festhaltend. Stolz ließ sie ihre nackten Beine hängen, um den Frauen der Stadt zu zeigen, daß ihre Waden mit Blut befleckt waren. Doch am selben Abend ging es weiter nach Aegypten und Chrysis folgte den Elfenbeinhändlern bis zum Markte Alexandriens. Und dort hatten sie das Mädchen, zwei Monate später, in einem weißen Säulenhäuschen zurückgelassen, mit ihrem ehernen Spiegel, Teppichen und neuen Kissen, bedient von einer schönen indischen Sklavin, welche es verstand Hetären zu kämmen. Andere Männer waren am Tage ihres Abzuges gekommen und wieder andere am nächsten Tage. Da sie im äußersten Osten der Stadt wohnte, wo die jungen Griechen des Brouchion-Stadttheiles zu erscheinen verschmähten, kannte sie lange, ebenso wie ihre Mutter, nur Reisende und Kaufleute. Ihre vorübergehenden Liebhaber sah sie niemals wieder. Sie verstand es, ihnen zu gefallen und sie schnell wieder zu verlassen, bevor sie anfing sie zu lieben. Und doch hatte sie unendliche Leidenschaften entflammt. Man hatte Führer von Karavanen gesehen, welche zu Spottpreisen ihre Waaren verschleuderten, um sich dort aufzuhalten wo sie weilte und in wenigen Nächten ihr Hab und Gut zu vergeuden. Mit dem Vermögen dieser Männer hatte sie sich Schmuck, Bettkissen, seltene Wohlgerüche, blumengestickte Gewänder und vier Sklavinen gekauft. Sie hatte allmälig viele fremde Sprachen erlernt und sie kannte Märchen aus allen Ländern. Assyrer hatten ihr von der Liebe zwischen Duzi und Ischtar erzählt. Phoenizier von derjenigen zwischen Aschthoreth und Adoni. Griechische Mädchen aus den Inseln hatten ihr die Legende von Iphis erzählt und sie in sonderbaren Liebkosungen unterwiesen, Liebkosungen, welche sie zuerst verwundert und dann in solchem Maße bezaubert hatten, daß sie dieselben nicht mehr einen ganzen Tag hindurch entbehren konnte. Sie kannte auch die Liebesweise Atalantés und wie, nach ihrem Beispiele noch jungfräuliche Flötenspielerinen die stärksten Männer schwächen konnten. Endlich hatte ihre indische Sklavin ihr geduldig, während sieben Jahre, die verwickelte und wollüstige Kunst der Courtisanen von Palibothra, bis in die letzten Einzelheiten gelehrt. Denn die Liebe ist eine Kunst wie die Musik. Sie verursacht Gemüthsbewegungen gleicher Art, ebenso zart und vibrirend, manchmal vielleicht sogar intensiver; und Chrysis, die alle Rhythmen und alle Feinheiten derselben kannte, hielt sich mit Recht für eine größere Künstlerin als Plango selbst, welche doch Tonkünstlerin des Tempels war. Sieben Jahre hindurch lebte sie so, ohne ein glücklicheres oder vergnügteres Dasein zu träumen, als das ihrige. Kurze Zeit jedoch vor ihrem zwanzigsten Jahre, als aus dem jungen Mädchen ein Weib wurde und sie unter ihren Brüsten die erste dünne Falte der nahen Reife sah, bekam sie mit einem Male ehrgeizige Pläne. Und eines Morgens, als sie, zwei Stunden nach des Tages Mitte erwachte, ganz erschöpft von dem allzu langen Schlafe, legte sie sich auf die Brust, quer über das Bett, spreizte die Beine, stützte die Wange auf die Hand und stach, mit einer goldenen Nadel, kleine, regelmäßig gestellte Löcher in ein Kopfkissen aus grüner Leinwand. Sie war tief in ihre Gedanken versunken. Zuerst stach sie vier kleine Punkte, welche ein Viereck bildeten, und einen Punkt in der Mitte. Dann vier weitere Punkte, um ein größeres Viereck zu zeichnen. Dann versuchte sie einen Kreis auszuführen. Aber es war ein bischen schwierig. Nun stach sie die Punkte aufs Geradewohl und begann zu rufen: »Djala! Djala!« Djala war ihre indische Sklavin, welche Djalantaschtschandratschapala hieß, was »Beweglich-wie-das-Bild-des-Mondes-auf-dem-Wasser« bedeutet. Chrysis war zu träge, um den Namen ganz auszusprechen. Die Sklavin trat ein und blieb bei der Thür stehen, ohne sie ganz zu schließen. – Djala, wer ist gestern gekommen? – Weißt Du es denn nicht? – Nein, ich habe ihn nicht angeschaut. War er schön? Ich glaube, ich habe die ganze Zeit geschlafen; ich war so müde. Ich erinnere mich an gar nichts mehr. Um wie viel Uhr ist er weggegangen? Früh am Morgen? – Bei Sonnenaufgang, er hat gesagt... – Was hat er zurückgelassen? Ist es viel? Nein, sage es mir nicht. Es ist mir gleichgültig. Was hat er gesagt? Und seitdem er fort, ist Niemand gekommen? Wird er wiederkehren? Gib mir meine Armspangen! Die Sklavin brachte ein Kästchen, aber Chrysis warf keinen Blick darauf. Die Arme so hoch als nur möglich emporhebend sagte sie: – Ach Djala! Ach, Djala! ... Ich verlange nach außerordentlichen Abenteuern. – Alles ist außerordentlich oder Nichts, sagte Djala. Die Tage gleichen einander. – Ach nein. Früher war es nicht so. In allen Ländern der Welt sind die Götter zur Erde herabgestiegen und haben sterbliche Weiber geliebt. Ach, auf welchen Betten muß man sie erwarten, in welchen Wäldern muß man sie suchen. Jene, die etwas mehr als Männer sind? Welche Gebete muß man hersagen, damit sie nahen, Diejenigen, die mich etwas lehren oder Alles vergessen lassen würden? Und wenn die Götter nicht mehr herniedersteigen wollen, wenn sie todt oder zu alt sind, Djala, werde ich auch sterben, ohne einen Mann gesehen zu haben, der tragische Erlebnisse in mein Dasein bringen würde? Sie drehte sich um und legte sich auf den Rücken, wobei sie verzweifelt die Hände rang. – Wenn Jemand mich anbetete, würde es mir eine so große Freude machen, ihn leiden zu lassen, bis er stürbe. Diejenigen, welche zu mir kommen, sind es nicht werth beweint zu werden. Und dann ist es ja auch meine Schuld: ich selbst rufe sie, wie könnten sie mich lieben? – Welches Armband legst Du heute an? – Alle. Aber laß mich. Ich brauche Niemanden. Bleibe auf der Schwelle des Hauses, und wenn Jemand kommt, sage ihm, ich sei mit meinem Geliebten, einem schwarzen Sklaven, den ich bezahle ... Geh! – Willst Du nicht ausgehen? – Doch. Ich werde allein ausgehen. Ich werde mich allein ankleiden. Ich werde nicht nach Hause kommen. Geh! geh! Sie ließ ein Bein auf den Teppich gleiten und streckte sich, bis sie aufgerichtet war. Djala war leise hinausgegangen. Sie ging sehr langsam durch das Zimmer, die Hände auf dem Nacken gefaltet, ganz von der Wollust durchdrungen ihre nackten Füße auf die kalten Steinplatten zu setzen, wo der Schweiß erstarrte. Dann stieg sie in ihr Bad. Für sie war es ein Genuß, ihren Körper durch das Wasser hindurch zu betrachten. Wie eine große Muschelschale, die offen auf einem Felsen klebt, kam sie sich vor. Ihre Haut wurde glatt und vollkommen; die Linien ihrer Beine dehnten sich in einem blauen Lichte aus; ihre ganze Gestalt war biegsamer; sie erkannte ihre Hände nicht wieder. Die Leichtigkeit ihres Körpers war so groß, daß sie sich auf zwei Fingern in die Höhe heben konnte. So hielt sie sich eine Weile auf dem Wasser, um dann leicht auf den Marmor zurückzufallen, wobei das Wasser ihr Kinn berührte. Mit dem neckischen Kitzel eines Kusses drang das Wasser in ihre Ohren. Zur Badezeit begann bei Chrysis die Selbstanbetung. Alle Theile ihres Körpers wurden, einer nach dem anderen, der Gegenstand einer zarten Bewunderung oder einer Liebkosung. Mit ihren Haaren und ihren Brüsten gab sie sich tausend reizenden Spielen hin. Manchmal gewährte sie sogar ihren beständigen Begierden eine wirksamere Dienstfertigkeit und keine Ruhestätte schien ihr für die berechnete Langsamkeit dieser delicaten Befriedigung besser geeignet. Der Tag neigte sich zu Ende; Chrysis richtete sich in ihrem Becken empor, stieg aus dem Wasser und schritt der Thüre zu. Die Spuren ihrer Schritte glänzten auf den Fliesen. Schwankend, gleichsam erschöpft, öffnete sie die Thür, und blieb da stehen, den Arm nach der Klinke ausgestreckt; dann, als Djala sie gesehen, trat sie bis zu ihrem Bette zurück und sagte zu ihrer Sklavin: – Trockne mich ab! Die Malabareserin nahm einen großen Schwamm zur Hand und führte ihn durch Chrysis feines Goldhaar, das ganz vom Wasser getränkt war, welches nach hinten abtropfte. Sie trocknete die Haare, streute sie auseinander, bewegte sie langsam und weich; dann tauchte sie den Schwamm in einen Oelkrug, bestrich damit ihre Herrin bis zum Halse und rieb sie endlich mit einem groben Stoffe, der ihre geschmeidige Haut röthete. Chrysis versenkte sich fröstelnd in die Kühle eines Marmorsitzes und murmelte: – Kämme mich. Im horizontal einfallenden Abendlichte glänzte das noch feuchte und schwere Haar wie ein von der Sonne beleuchteter Regenguß. Die Sklavin ergriff es mit vollen Händen und rang es aus. Sie drehte es um sich selbst, als sei es eine dicke Metallschlange, die von Goldnadeln wie von Pfeilen durchstochen war. Dann wand sie grüne Bändchen dreimal gekreuzt um das Haar, um dessen Glanz durch die Seide noch zu erhöhen. Chrysis hielt einen blanken Metallspiegel in einiger Entfernung vor sich hin. Zerstreut betrachtete sie die dunkeln Hände der Sklavin, wie sie sich in der Ueppigkeit der Haare bewegten, hie und da die Büsche abrundend, die ungeberdigen Locken verbergend, das Haar in Formen modellierend, wie man eine Thonmasse bearbeitet. Als Alles vollendet war, kniete Djala vor ihrer Herrin hin und rasierte ihren schwellenden Schamberg glatt, damit das Mädchen in den Augen ihrer Geliebten die volle Reinheit und Glätte einer Statue habe. Chrysis wurde ernster und sagte mit leiser Stimme: – Schminke mich. Eine kleine Büchse aus rosarothem Holze, welche von der Insel Discorides kam, enthielt Schminken in allen Farben. Mit einem Pinsel aus Kameelhaar nahm die Sklavin ein wenig von einer schwarzen Masse und bestrich damit die schönen, lang gebogenen Augenwimpern, um die blaue Farbe der Augen hervorzuheben. Durch zwei feste Striche bekamen diese Augen eine längere und weichere Gestalt; ein bläuliches Pulver verdunkelte die Augenlider; zwei zinoberrothe Flecken verschärften die Winkel, wo sich die Thränen zuerst zeigen. Um die Schminke festzuhalten, mußten Gesicht und Brust mit einer frischen Wachssalbe bestrichen werden; mit dem weichen Flaum einer Feder, welchen sie in Bleiweiß tauchte, malte Djala weiße Striche die Arme entlang und auf dem Halse; mit einem in Carmin getauchten Pinsel wurden der Mund und die Spitzen der Brüste roth gefärbt; ihre Finger, welche auf den Wangen eine leichte Wolke rothen Pulvers verbreitet hatten, markierten auf den Seiten die drei tiefen Falten der Taille und am Hintertheile zwei bewegliche Grübchen; endlich färbte sie mit einem geschminktem Lederballen die Ellbogen und die zehn Fingernägel. Die Toilette war beendet. Dann lächelte Chrysis und sagte zur Indierin: – Singe mir etwas. Zurückgebeugt saß sie in ihrem Marmorsessel. Ihre Nadeln standen wie Goldstrahlen hinter ihrem Kopfe. Ihre Hände waren an die Brust gedrückt und breiteten zwischen den Schultern das rothe Halsband ihrer bemalten Nägel aus; ihre weißen Füße standen eng nebeneinander auf der Steinplatte. Djala, die an der Wand zusammengekauert saß, erinnerte sich an die Liebesgesänge Indiens: – Chrysis ... Sie sang mit eintöniger Stimme. – Chrysis, Deine Haare sind wie ein Bienenschwarm, der an einem Baume hängt. Der Südwind durchdringt sie mit dem Thau der Liebeskämpfe und mit dem feuchten Wohlgeruch der Nachtblumen. Das Mädchen antwortete mit noch milderer und langsamerer Stimme: – Meine Haare sind wie ein unendlicher Fluß in der Ebene, wo die flammende Abendsonne dahinfließt. Sie sangen abwechselnd, die Eine nach der Andern. * – Deine Augen sind wie die blauen Wasserlilien ohne Stengel, unbeweglich auf den Teichen. – Meine Augen sind im Schatten meiner Augenwimpern, wie tiefe Seen unter dunklen Zweigen. * – Deine Lippen sind zwei zarte Blumen, auf welche das Blut einer Hirschkuh gefallen ist. – Meine Lippen sind die Ränder einer brennenden Wunde. * – Deine Zunge ist der blutige Dolch, der deinen Mund gespaltet hat. – Meine Zunge ist mit Edelsteinen besetzt. Vom Widerscheine meiner Lippen ist sie roth. * – Deine Arme sind gerundet wie zwei Elfenbeinzähne und deine Achselhöhlen wie zwei Mündchen. – Meine Arme sind langgestreckt, wie zwei Lilienstengel, woran meine Finger schimmern, gleich fünf Blumenblättern. * – Deine Schenkel sind die Rüssel zweier weißen Elephanten und sie tragen Füße gleich zwei rothen Blumen. – Meine Füße sind zwei Seerosenblätter auf dem Wasser, meine Schenkel sind zwei geschwellte Seerosenknospen. * – Deine Brüste sind zwei silberne Schilder, deren Spitzen in Blut getaucht wurden. – Meine Brüste sind der Mond und der Widerschein des Mondes im Wasser. * – Dein Nabel ist ein tiefer Brunnen in einer Wüste voll rosigen Sandes, und dein Unterleib ein junges Zicklein im Schoße der Mutter. – Mein Nabel ist eine runde Perle auf einer umgestürzten Schale und mein Schoß ist die helle Sichel Phöbes, die durch den Wald schimmert. * Es entstand eine Stille. – Die Sklavin hob die Hände empor und verbeugte sich. Die Hetäre fuhr fort: »SIE ist wie eine Purpurblume, voll Honig und Wohlgerüche. »Sie ist wie die Hydra des Meeres, lebendig und weich, offen des Nachts. »Sie ist die feuchte Grotte, die stets warme Lagerstätte, das Obdach, wo der Mann ausruht auf seinem Gang zum Tode.« Die niedergebeugte Sklavin murmelte ganz leise: »Sie ist furchtbar. Es ist das Gesicht der Medusa.« — — — — — Chrysis setzte ihren Fuß auf den Nacken der Sklavin und sagte zitternd: »Djala...« — — — — — Nach und nach war die Nacht herangebrochen; aber der Mond war so hell, daß sich das Gemach mit blauem Lichte füllte. Chrysis saß nackt da und betrachtete ihren Leib, wo die Lichtreflexe unbeweglich standen und die Schatten tiefschwarz herabfielen. Plötzlich stand sie auf: »Djala, an was denken wir? Es ist Nacht und ich bin noch nicht ausgegangen. Ich werde auf dem Heptastadion Auf dem sieben Stadien langen Kai. nur noch schlafende Matrosen finden. Sage mir, Djala, bin ich schön? »Sage mir Djala, bin ich diese Nacht schöner als je? Ich bin die schönste aller Frauen Alexandriens, Du weißt es? Nicht wahr, er wird mir folgen wie ein Hund, derjenige, der jetzt vor dem schiefen Blick meiner Augen vorbei gehen wird? Nicht wahr, ich werde aus ihm machen können, was mir gefällt, einen Sklaven, wenn dies meine Laune ist? und ich kann von dem ersten Besten den ergebensten Gehorsam erwarten? Kleide mich an, Djala.« Um ihre Arme wanden sich zwei Silberschlangen. An ihre Füße wurden Sandalen geheftet, welche um ihre braunen Beine mit gekreuzten Lederriemen gebunden waren. Sie schnallte um ihren Bauch einen Jungferngürtel, welcher von der Höhe der Hüfte, der hohlen Linie der Leisten entlang, herunterfiel; in ihre Ohren heftete sie runde Reife, an ihre Finger steckte sie Ringe und Siegel; um ihren Hals legte sie drei Halsketten von goldenen Phallos Männliches Zeugungsglied , welche in Paphos durch Hierodulen ziselirt worden waren. Sie betrachtete sich einige Zeit, wie sie so nackt da stand, inmitten ihres Schmuckes; dann zog sie aus einem Koffer – wo es zusammengefaltet lag – ein großes Stück durchsichtiger gelber Leinwand, sie drehte es herum und wickelte sich hinein, daß es bis zum Boden reichte. Diagonale Falten durchfurchten den kleinen Theil ihres Körpers, den man durch das leichte Gewebe hindurch sah; einer ihrer Ellenbogen trat unter der eng anhaftenden Tunika hervor, und der andere Arm, den sie nackt gelassen hatte, hielt die lange Schleppe in die Höhe, damit sie nicht im Staub geschleift werde. Sie nahm ihren Federfächer zur Hand und trat nachläßig hinaus. Auf der Thürschwelle stehend, die Hand an die weiße Wand gelehnt, sah Djala allein der sich entfernenden Hetäre nach. Langsam schritt diese vorwärts, den Häusern entlang, in der öden Straße, die das Mondlicht beleuchtete. Ein kleiner, beweglicher Schatten zitterte hinter ihren Schritten. — — — — — II. Am Strande Alexandriens. Am Strande Alexandriens stand ein Mädchen und sang. Neben ihr saßen zwei Flötenspielerinen auf der weißen Brüstung. I. Die Satyren haben in den Wäldern Die leichte Spur der Orcaden verfolgt. Sie haben den Bergnymphen nachgejagt Ihre dunkeln Augen erschreckt, Ihre lang flatternden Haare ergriffen, Ihre Jungfrauenbrüste im Laufe gefaßt, Ihre warmen Körper zurückgelehnt, Auf den feuchten Rasen hingestreckt, Und die schönen Körper, die schönen halbgöttlichen Körper Streckten und reckten sich im Schmerze. Eure Lippen, ihr Frauen, preisen Eros In leidvoll süßem Verlangen. * Die Flötenspielerinen wiederholten: »Eros!« – Eros!« und ihre Klagen schluchzten im doppelten Schilfrohr. II. Kybele hat durch die Ebene Attys, schön wie Apoll verfolgt. Eros hatte sie in's Herz getroffen, und für ihn, O weh! aber nicht für sie. Um geliebt zu werden, grausamer Gott, böser Eros, Ist nur der Haß, was Du anräthst... Durch die Wiesen und die weiten, fernen Felder Hat Kybele dem Attys nachgejagt, Und weil sie den liebte, der sie verschmäht', Hat sie in seine Adern den mächt'gen Hauch, Den kalten, den Hauch des Todes geblasen. Oh schmerzhaft-süßes Verlangen! * »Eros! – Eros!« Den Flöten entstiegen schrille Töne. III. Der Satyr hat bis zum Flusse Syrinx, die Tochter der Quelle verfolgt. Der bleiche Eros, der den Geschmack der Thränen liebt, Küßt sie im Fluge, Wange gegen Wange: Und der flücht'ge Schatten der ertrunkenen Jungfrau Hat erbebt, wie ein Schilf auf dem Wasser; Doch Eros besitzt die Welt und die Götter, Er besitzt sogar den Tod; Auf dem Wassergrabe pflückt er für uns Alles Schilfrohr und macht daraus die Flöte... Eine todte Seele beweint hier, ihr Frauen, Das schmerzhaft-süße Verlangen! * Während die Flöten den langsamen Gesang des letzten Verses fortsetzten, hielt die Sängerin den Zuhörern, welche sich im Kreise um sie versammelt hatten, die Hand hin. Sie sammelte vier Obolen und ließ sie in ihre Schuhe gleiten. Nach und nach zerstreute sich die Menge, zahllos, neugierig auf sich selbst und auf die Vorbeigehenden. Das Geräusch der Schritte und der Stimmen deckte sogar das Rauschen des Meeres. Matrosen zogen mit vorgebeugtem Leibe Fahrzeuge ans Ufer. Mit vollen Körben auf den Armen gingen Früchteverkäuferinen vorbei. Bettler verlangten mit zitternden Händen ein Almosen. Mit vollen Schläuchen beladene Esel trabten vor den Stöcken der Eseltreiber daher. Aber nun war die Stunde gekommen, wo die Sonne untergeht; und zahlreicher noch als die geschäftige Menge, bedeckte die müßige Menge den Hafendamm. Gruppen bildeten sich hie und da, zwischen welchen die Frauen hin und her gingen. Man hörte bekannte Persönlichkeiten nennen. Die jungen Leute schauten sich die Philosophen an; diese hingegen betrachteten die Hetären. Und es waren Hetären jeder Gattung und jeden Ranges da, von den berühmtesten angefangen, welche mit lichter Seide bekleidet waren und Schuhe von Goldleder trugen, bis zu den elendesten, die mit bloßen Füßen daher gingen. Die Ärmsten waren nicht minder schön als die anderen, aber weniger glücklich, und die Aufmerksamkeit der Weisen war am liebsten auf diejenigen gerichtet, deren Anmuth nicht durch die Kunstgriffe der Gürtel und die Fülle des Schmuckes entstellt war. Da man am Vorabend der aphrodisischen Feste war, hatten diese Frauen die Freiheit die Kleidung zu wählen, die ihnen am besten saß, und einige der jüngsten waren so weit gegangen, überhaupt keine Kleider zu tragen. Aber ihre Nacktheit erregte bei Niemandem Anstoß, denn sie hätten nicht in dieser Weise jede Einzelheit derselben der Sonne ausgesetzt, wenn sie sich des kleinsten körperlichen Fehlers, der den Spott der verheiratheten Frauen herausgefordert hätte, bewußt gewesen wären. »Tryphaera! Tryphaera!« Und mit diesem Ausrufe stieß eine junge Hetäre von fröhlichem Aussehen einige Vorübergehende bei Seite, um eine Freundin, die sie bemerkt hatte, einzuholen. »Tryphaera? bist Du geladen? – Wo das, Seso? – Bei Bacchis. – Noch nicht. Giebt sie ein Mittagsmahl? – Ein Mittagsmahl? einen Festschmaus, meine Liebe. Sie will ihrer schönsten Sklavin, Aphrodisia, am zweiten Tage des Festes die Freiheit schenken. – Endlich hat sie bemerkt, daß man nur noch wegen ihrer Sklavin zu ihr kam. – Ich glaube, sie hat gar nichts bemerkt. Es ist eine Laune des alten Rheders Cheres. Er wollte das Mädchen für zehn Minen kaufen; Bacchis hat abgelehnt. Er bot zwanzig Minen und sie hat nochmals abgelehnt. – Sie ist verrückt. – Sie setzte eben ihren Ehrgeiz daran, eine befreite Sklavin zu haben. Übrigens hat sie recht gethan zu feilschen. Cheres wird gewiß fünf und dreißig Minen geben und für diesen Preis kann sich das Mädchen freimachen. – Fünf und dreißig Minen? Drei tausend fünf hundert Drachmen? Drei tausend fünf hundert Drachmen für eine Negerin! – Sie ist die Tochter eines Weißen. – Aber ihre Mutter ist schwarz. – Bacchis hat erklärt, daß sie sie nicht billiger hergeben würde, und der alte Cheres ist so verliebt, daß er eingewilligt hat. – Ist er wenigstens geladen? – Nein! Aphrodisia wird beim Festmahl als letzter Gang nach den Früchten aufgetragen werden. Jeder wird nach seinem Geschmacke davon kosten und am zweiten Tage erst soll man sie an Cheres abliefern; aber ich fürchte, daß sie dann recht müde sein wird ... – Bemitleide sie nicht! Bei ihm wird sie Zeit haben auszuruhen. Ich kenne ihn, Seso. Ich habe ihn schlafen sehen. Sie lachten zusammen über Cheres. Dann lobten sie sich gegenseitig. »Du hast ein hübsches Kleid, sagte Seso. Hast Du es bei dir zu Hause sticken lassen?« Tryphaeras Kleid war aus dünnem, meergrünem Stoffe, der ganz mit breitblumigen Iris durchwirkt war. Ein in Gold gefaßter Karfunkel heftete dasselbe an der linken Schulter in spindelförmigen Falten fest; das Kleid fiel wie eine Schärpe zwischen den Brüsten hernieder, die ganze rechte Seite des Körpers bis zum Metallgürtel nackt lassend; nur ein enger Spalt, welcher sich bei jedem Schritte öffnete und wieder schloß, enthüllte das weiße Bein. Seso! sagte eine andere Stimme, Seso und Tryphaera, kommt, wenn ihr nichts Besseres zu thun habt. Ich gehe zur Mauer des Kerameikos, um zu sehen, ob mein Name dort angeschrieben steht. – Mousarion! woher kommst Du, Kleine? – Vom Leuchtturm, es ist Niemand dort. – Was sagst Du da? Man braucht ja nur zu fischen, so voll ist es dort. – Kein Fang für mich. Deßhalb geh' ich zur Mauer. Kommt doch! Unterwegs erzählte Seso wieder vom beabsichtigten Gastmahle bei Bacchis. »Ach! bei Bacchis! rief Mousarion aus. Erinnerst Du dich des letzten Essens, Tryphaera: und alldessen, was man über Chrysis erzählt hat? – Sage es nicht wieder, Seso ist ihre Freundin.« Mousarion biß sich in die Lippen; doch schon fragte Seso ängstlich: »Wie? was hat man gesagt? – Oh! nur Bosheiten. – Sprechen ist leicht, erklärte Seso. Alle drei zusammengenommen wiegen wir Chrysis nicht auf. Am Tage wo es ihr gefallen wird ihr Viertel zu verlassen, um sich im Brouchion zu zeigen, wird so mancher unserer Geliebten uns nicht mehr wiedersehen wollen. – Oho! – Gewiß. Ich würde für dieses Weib Tollheiten begehen. Es giebt hier keine schönere, glaub es mir. Die drei Mädchen waren vor der Mauer des Kerameikos angekommen. Von einem Ende der weißen Wand bis zum andern folgte Inschrift auf Inschrift. Wenn ein Liebhaber sich einer Hetäre vorzustellen wünschte, genügte es ihre beiden Namen mit dem Preise, den er bot, da aufzuschreiben; hatte sie den Mann und das Geld als würdig erachtet, so blieb das Weib unter der Aufschrift stehen und wartete, bis der Verehrer wiederkam. »Schau mal, Seso! sagte Tryphaera lachend. Wer ist der boßhafte Spaßvogel, der das geschrieben hat?« Und sie lasen folgende, in plumper Schrift geschriebene Worte: Bacchis Thersites 2 Obolen »Es sollte nicht erlaubt sein Weiber so zum Besten zu haben. Wenn ich der Rhymarch wäre, so hätte ich schon längst eine Untersuchung eröffnet.« Aber ein Stück weiter blieb Seso vor einer ernster zu nehmenden Inschrift stehen. Seso von Cnidos Timon, Lysias Sohn 1 Mine »Ich bleibe,« sagte Seso erblassend. Und sie lehnte sich an die Wand, dem neidischen Blicke der vorbeigehenden Hetären ausgesetzt. Einige Schritte weiter fand Mousarion eine, wenn auch nicht so freigebige, so doch annehmbare Anfrage. Tryphaera kam allein auf den Hafendamm zurück. Der Abend war vorgeschritten, die Menge weniger dicht. Die drei Musikantinen jedoch fuhren fort zu singen und die Flöte zu blasen. Auf einen Unbekannten zutretend, dessen Schmeerbauch und dessen Kleidung ziemlich lächerlich aussahen, schlug ihm Tryphaera auf die Schulter: – Väterchen, ich wette, Du bist nicht von Alexandrien, wie? – In der That, mein Kind, antwortete der Biedermann. Du hast recht gerathen. Ich bin über Stadt und Leute noch ganz verblüfft. – Bist Du von Bubaste? – Nein, von Cabasa. Ich bin hierher gekommen, um Korn zu verkaufen und kehre morgen um zweiundfünfzig Minen reicher heim. Den Göttern sei gedankt, es war ein gutes Jahr. Tryphaera fühlte plötzlich ihr Interesse für diesen Kaufmann wachsen. Mein Kind, begann er schüchtern von Neuem, Du kannst mir eine große Freude bereiten. Ich möchte nicht morgen nach Cabasa zurückkehren, ohne meiner Frau und meinen drei Töchtern sagen zu können, ich habe berühmte Männer gesehen. Du mußt sicher berühmte Männer kennen? – Ich kenne einige, sagte sie lachend. – Nun wohl! Nenne mir sie, wenn sie hier vorbeigehen. Ich bin sicher, daß ich seit zwei Tagen auf den Straßen die berühmtesten Philosophen und die einflußreichsten Würdenträger getroffen habe. Ich bin trostlos sie nicht zu kennen. – Du sollst befriedigt werden. Hier ist Naukrates. – Wer ist Naukrates? – Ein Philosoph. – Und was lehrt er? – Daß man schweigen muß. – Bei Zeus, das ist eine Lehre, welche nicht viel Genie verlangt und dieser Philosoph gefällt mir nicht. – Hier kommt Phrasilas. – Wer ist Phrasilas? – Ein Thor. – Warum läßt Du ihn da nicht vorüberziehen? – Weil Andere ihn für einen ausgezeichneten Mann halten. – Und was sagt er? – Er sagt Alles mit einem Lächeln, was ihm gestattet, seine Irrthümer als absichtlich und seine Albernheiten als pfiffig gelten zu lassen. Alle Vortheile sind auf seiner Seite. Die Welt hat sich dadurch irreführen lassen. – Das ist mir zu hoch und ich verstehe Dich nicht recht. Übrigens hat dieser Phrasilas ein Heuchlergesicht. – Hier kommt Philodem. – Der Stratege? – Nein. Ein lateinischer Dichter, der griechisch schreibt. – Kleine, es ist ein Feind. Ich will ihn nicht gesehen haben. Jetzt entstand in der Menge eine Bewegung und ein Gemurmel von Stimmen sprach einen und denselben Namen aus. »Demetrios ... Demetrios ...« Tryphaera stieg auf einen Eckstein und sagte dem Kaufmann: »Demetrios ... Hier ist Demetrios. Du wolltest ja einen berühmten Mann sehen. – Demetrios? der Geliebte der Königin? Ist es möglich? – Ja, Du kannst von Glück reden. Er geht nie aus. Seitdem ich in Alexandrien bin, ist es das erstemal, daß ich ihn auf dem Strande sehe. – Wo ist er? – Es ist der, welcher sich vorbeugt, um den Hafen zu sehen. – Es sind zwei da, die sich vorbeugen. – Der, welcher blau gekleidet ist. – Ich sehe ihn nicht recht. Er wendet uns den Rücken zu. – Weißt Du, daß es der Bildhauer ist, dem die Königin Modell gestanden hat, als er die Statue der Aphrodite für den Tempel gemacht hat? – Man sagt, er sei der königliche Geliebte. Man sagt, er sei der Herr Ägyptens. – Er ist schön wie Apoll! – Ah! Jetzt dreht er sich um. Ich bin recht froh, gekommen zu sein. Ich werde sagen, daß ich ihn gesehen habe. Man hat mir so Vieles über ihn erzählt. Man sagt, daß ihm niemals eine Frau widerstanden hat. Er hat viele Abenteuer erlebt, nicht wahr? Wie kommt es, daß die Königin sich nicht darüber erkundigt hat? – Die Königin kennt sie so gut wie wir. Sie liebt ihn zu sehr, um ihm deshalb etwas zu sagen. Sie fürchtet, daß er nach Rhodos, zu seinem Meister Pherecrates zurückkehrt. Er ist so mächtig wie sie und sie ist es, die nach ihm verlangte. – Er sieht nicht glücklich aus. Warum hat er eine so traurige Miene? Es scheint mir, ich würde glücklich sein, wenn ich an seiner Stelle wäre. Ich möchte gern an seinem Platze sein, sei es auch nur einen Abend... Die Sonne war untergegangen. Die Frauen schauten diesen Mann an, der ihr gemeinsamer Traum war. Scheinbar ohne das Bewußtsein von der Neugierde zu haben, welche er hervorrief, stand er den Flötenspielerinen zuhörend an der Brüstung angelehnt. Die kleinen Spielmädchen machten nochmals die Runde, um zu sammeln; dann warfen sie ihre leichten Flöten auf den Rücken; die Sängerin faßte sie um den Hals und alle drei wandten sich der Stadt zu. Als es finstere Nacht war, kehrten die anderen Frauen in kleinen Gruppen nach dem ungeheueren Alexandrien zurück und die Heerde der Männer folgte ihnen nach; doch unterwegs drehten sich alle nach Demetrios zurück. Die letzte, die vorbei kam, warf ihm mit leichter Grazie ihre gelbe Blume zu und lachte dabei. Der Strand lag jetzt in völliger Stille da. III. Demetrios An der Stelle, wo die Spielmädchen gestanden, war Demetrios allein angelehnt geblieben. Er hörte dem Brausen des Meeres zu, dem knarrenden Geräusch der langsam fahrenden Schiffe und dem Winde, der unter den Sternen dahinstrich. Die ganze Stadt war von einer kleinen blendenden Wolke, welche vor dem Monde Halt gemacht, beleuchtet und der Himmel wölbte sich in milder Klarheit. Der Jüngling schaute neben sich hin. Die Tuniken der Flötenspielerinen hatte zwei Eindrücke in dem Staube zurückgelassen. Er erinnerte sich ihrer Gesichter. Es waren zwei Epheserinen. Die Ältere hatte ihm hübsch geschienen, die Jüngere hingegen war reizlos, und da ihm Häßlichkeit weh that, vermied er es daran zu denken. Zu seinen Füßen glänzte ein Elfenbeingegenstand. Er hob ihn auf. Es war eine Schreibtafel, woran ein silberner Griffel hing. Das Wachs war fast abgenützt, aber man hatte darauf wohl dasselbe Wort mehrere Male überschrieben und zuletzt sogar in's Elfenbein eingegraben. Es standen darauf nur drei Worte geschrieben: Rhodis liebt Myrtocleia Und er fragte sich, welcher der beiden Frauen dies gehören mochte und ob die Andere die Geliebte wäre, oder irgend eine junge Unbekannte, welche sie in Ephesus zurückgelassen hatte. Dann dachte er einen Augenblick daran, den beiden Spielerinen nachzueilen, um ihnen den Gegenstand zurückzugeben, der vielleicht ein Andenken an eine geliebte Todte war; aber es wäre für ihn schwierig gewesen sie wiederzufinden, und, da er schon aufhörte sich für sie zu interessiren, drehte er sich nachlässig um und warf das kleine Ding in's Meer. Es fiel schnell, wie ein weißer Vogel niedergleitend und er hörte das Plätschern des fernen und schwarzen Wassers. Dieses schwache Geräusch brachte ihm die gewaltige Stille des Hafens deutlicher zum Bewußtsein. An die kalte Brüstung gelehnt versuchte er jeden Gedanken zu bannen und sich in die Betrachtung der Gegenstände zu vertiefen. Das Leben war ihm ein Ekel. Er verließ sein Haus nur zur Stunde, wo das Leben aufhörte und er kehrte erst heim, wenn der Anbruch des Tages die Fischer und Gemüsehändler nach der Stadt zog. Das Vergnügen, in der Welt nur den Schatten der Stadt und seine eigene Gestalt zu sehen, wurde bei ihm zu einer solchen Wollust, daß er sich nicht erinnerte seit Monaten die Mittagssonne gesehen zu haben. Er langweilte sich. Die Königin war ihm überdrüssig. In dieser Nacht konnte er kaum mehr die Freude und den Stolz begreifen, welche ihn erfüllt hatten, als drei Jahre vorher die Königin, vielleicht mehr durch den Ruf seiner Schönheit als durch den Ruhm seines Genie's verlockt, ihn nach dem Palaste hatte rufen und am westlichen Thore durch Trompetensignale hatte ankündigen lassen. Dieser Eintritt in den Palast erleuchtete manchmal sein Gedächtniß mit einer jener Erinnerungen, welche aus lauter Süßigkeit in der Seele nach und nach so bitter werden, daß sie schier unerträglich sind ... Die Königin hatte ihn allein in ihren Privatgemächern empfangen, welche aus drei kleinen, wollüstig-verschwiegenen Zimmern bestanden. Sie lag auf der linken Seite dahingestreckt, in grüner Seide wie vergraben, deren Widerschein ihre schwarzen Haarlocken in purpurnem Lichte badete. Ihr junger Körper war mit einem schamlos durchbrochenem Kostüm bekleidet, welches sie unter ihrer Aufsicht durch eine Hetäre aus Phrygien hatte anfertigen lassen. Es ließ jene zweiundzwanzig Stellen des Körpers entblößt, wo die Liebkosungen unwiderstehlich sind, so daß man eine ganze Nacht hindurch die scharfsinnigsten Lüste der Liebe auskosten konnte, ohne dieses Kleid ablegen zu müssen. Demetrios hatte, respektvoll niederknieend, den kleinen nackten Fuß der Königin Berenike, wie einen kostbaren zarten Gegenstand, in die Hand genommen und geküßt. Dann hatte sie sich erhoben. Ganz einfach, wie eine schöne Sklavin, welche als Modell dient, hatte sie Mieder, Bänder und ihre geschlitzten Höschen gelöst, hatte sie sogar die Spangen ihrer Arme und die Ringe ihrer Fußzehen abgelegt, und so war sie aufrecht vor ihm erschienen, die Hände vor den Schultern geöffnet, den Kopf hoch unter einer Korallenhaube, welche die Wangen entlang zitterte. Sie war die Tochter eines Ptolemäers und einer syrischen Prinzessin, die durch Astarte, welche die Griechen Aphrodite nennen, von allen Göttern abstammte. Demetrios wußte das und auch, daß sie auf ihr olympisches Geschlecht stolz war. Er kam denn auch nicht in Verwirrung, als die Königin, ohne sich zu rühren, ihm sagte: »Ich bin Astarte. Nimm ein Stück Marmor und deinen Meißel und zeige mich den Männern Ägyptens. Ich will, daß man mein Bild anbete.« Demetrios blickte sie an und, die einfache und neue Sinnlichkeit errathend, welche diesen Jungfrauenkörper belebte, sagte er: »Ich bete es als Erster an,« und damit schloß er sie in seine Arme. Die Königin zürnte nicht ob dieses ungestümen Wesens, aber sie fragte zurücktretend: »Glaubst Du Adonis zu sein, daß Du die Göttin berührst?« Er antwortete »Ja.« Sie schaute ihn an, lächelte ein wenig und schloß mit den Worten: »Du hast Recht.« Dies war der Grund, weshalb er unerträglich geworden, daß seine besten Freunde sich von ihm lossagten, während er alle Frauenherzen bethörte. Wenn er einen Saal des Palastes durchschritt, blieben die Sklavinen stehen, die Frauen des Hofes schwiegen still, auch die Fremden hörten ihm zu, denn der Klang seiner Stimme war zum Entzücken. Zog er sich zur Königin zurück, so wurde er, unter immer neuen Vorwänden, selbst da noch belästigt. Wanderte er durch die Straßen, so füllten sich die Falten seines Kleides mit kleinen Papyrusstreifen, wo die vorbeigehenden Frauen ihre Namen mit schmerzhaften Worten niedergeschrieben hatten, die er aber gelangweilt zerknitterte, ohne sie zu lesen. Als im Tempel der Göttin Aphrodite sein Werk aufgestellt worden, wurde der Raum zu jeder Stunde der Nacht von der Menge der Anbeterinen belagert. Sie kamen um seinen Namen auf dem Steine zu lesen und ihrem lebendigen Gotte alle Tauben und alle Rosen darzubieten. Bald wurde sein Haus von Geschenken überfüllt. Zuerst nahm er dieselben aus Nachlässigkeit an, später wies er sie zurück, als er begriff, was man von ihm erwartete und daß man ihn wie eine Prostituirte behandelte. Selbst seine Sklavinen boten sich dar. Er ließ sie peitschen und verkaufte sie an das Freudenhaus von Rhacotis. Dann aber öffneten seine Sklaven, durch Geschenke bestochen, unbekannten Frauen die Thüre, und er fand sie, wenn er nach Hause kam, vor seinem Bette, in einer Haltung, welche keinen Zweifel über ihre verliebten Absichten übrig ließ. Die kleinen Gegenstände seiner Toilette und sein Tischgeräthe verschwanden nach einander. Mehr als eine Frau der Stadt hatte eine Sandale oder einen Riemen, welche ihm gehört hatten, einen Becher, woraus er getrunken hatte, und selbst die Kerne der Früchte, die er gegessen hatte. Ließ er im Gehen eine Blume fallen, so fand er sie hinter sich nicht wieder. Sie wären im Stande gewesen, selbst den Staub aufzulesen, den er mit seinen Schuhen zertreten hatte. Diese Verfolgung wurde nachgerade gefährlich und drohte in ihm seine ganze Empfindsamkeit zu tödten. Er war überdies bei jenem Abschnitt seiner Jugend angekommen, wo der denkende Mann es für nöthig hält, sein Leben in zwei Theile zu sondern, und die Sachen des Geistes nicht länger mit den Bedürfnissen der Sinne zu vermengen. Die Statue der Aphrodite-Astarte war für ihn der erhabene Vorwand dieser moralischen Bekehrung. Alles was die Königin an Schönheit besaß, alles Ideale, das man um die weichen Linien ihres Körpers erfinden konnte, hatte Demetrios aus dem Marmor geholt und von diesem Tage an bildete er sich ein, daß kein anderes Weib auf Erden je wieder die Höhe seines Traumes erreichen würde. Seine Statue wurde der Gegenstand seines Verlangens. Sie allein betete er noch an und wahnwitzig trennte er von dem Fleische die erhabene Idee der Göttin, welche nur um so unkörperlicher gewesen wäre, wenn er sie an das Leben gebunden hätte. Wenn er die Königin selbst wiedersah, fand er sie alldessen bar, was ihren Reiz ausgemacht hatte. Sie genügte ihm noch eine Zeit lang, um sein zielloses Verlangen zu täuschen, aber sie war von der Anderen zu verschieden und zugleich ihr zu sehr ähnlich. Wenn sie nach seinen Umarmungen erschöpft hinsank und an derselben Stelle einschlafend, betrachtete er sie als ob eine Fremde als Eindringling die Gestalt der Geliebten annehmend, sein Bett erschlichen hätte. Ihre Arme waren schlanker, ihre Brust spitziger, ihre Hüfte enger als diejenigen der Wirklichen. Sie hatte in den Weichen nicht jene drei Falten, so fein wie Linien, die er in den Marmor gegraben hatte. Er ward ihrer endlich müde. Seine Anbeterinen erfuhren es, und obwohl er seine täglichen Besuche fortsetzte, wußte man, daß er aufgehört habe, in Berenike verliebt zu sein. Und man drängte sich mit verdoppelter Zudringlichkeit an ihn heran. Er legte keinen Werth darauf. In der That hatte die Abwechselung, deren er bedurfte, eine ganz andere Bedeutung. Es ist selten, daß ein Mann zwischen zwei Verhältnissen nicht einen Zwischenraum in seinem Leben habe, wo ihn die grobe Wollust anzieht und befriedigt. Demetrios gab sich derselben hin. Wenn ihm der Zwang in den Palast zu gehen mehr als gewöhnlich lästig war, ging er Nachts zum Garten der heiligen Hetären, welcher von allen Seiten den Tempel umgab. Die Weiber, welche dort hausten, kannten ihn nicht. Uebrigens waren sie durch so viele überflüssige Liebe derart ermüdet, daß sie nicht schrieen, noch weinten, und so war die Befriedigung, welche er suchte, dort wenigstens nicht durch das Gejammer eines verliebten Kätzchens gestört, das ihn bei der Königin nervös machte. Das Gespräch, welches er mit diesen ruhigen Weibern führte, war lässig und alltäglich. Die Besuche von heute, das Wetter des nächsten Tages, die Weichheit des Grases und die Milde der Nacht: das waren reizende Unterhaltungsgegenstände. Sie baten ihn nicht seine Theorien über die Bildhauerkunst vorzutragen und gaben über den Achilleus des Scopas keine Meinung ab. Wenn es geschah, daß sie dem Liebhaber, der sie wählte, dankten, oder daß sie ihn wohl gewachsen fanden und es ihm sagten, so hatte er das Recht, nicht an ihre Uneigennützigkeit zu glauben. Wenn er aus ihren heiligen Armen kam, stieg er die Stufen des Tempels empor und überließ sich vor der Statue seinem Entzücken. Zwischen den schlanken, von ionischen Voluten gekrönten Säulen erschien die Göttin wie lebendig auf ihrem Postamente von rosarothem Steine, mit Kleinodien beladen. Sie war nackt und geschlechtlich dargestellt, leicht nach den Farben des Weibes gefärbt; in einer Hand hielt sie einen Spiegel, dessen Griff einen Priapus vorstellte; die andere Hand schmückte ihre Schönheit mit einem Halsbande aus sieben Perlenreihen. Eine silberne und längliche Perle, welche größer war als die anderen, glänzte zwischen ihren beiden Brüsten, wie eine Mondsichel zwischen zwei runden Wolken. Zärtlich betrachtete sie Demetrios und, wie das Volk, wollte er glauben, es seien die wahren heiligen Perlen, aus den Wassertropfen geboren, welche in der Muschelschale Anadyomene's gerollt. »Oh göttliche Schwester, sagte er, oh Blühende, Verklärte! Du bist nicht mehr die kleine Asiatin, die ich für Dich als unwürdiges Modell benützte. Du bist ihr unsterbliches Sinnbild, die irdische Seele der Astarte, welche die Erzeugerin ihrer Rasse wurde. Du glänztest in ihren feurigen Augen. Du branntest auf ihren dunkeln Lippen, Du erstarbst in ihren weichen Händen, Du keuchtest in ihren großen Brüsten, Du strecktest Dich in ihren umschlingenden Beinen, ehemals, vor Deiner Geburt; und was die Tochter eines Fischers befriedigte, streckte auch Dich, Göttin, hin, die Du die Mutter der Götter und der Menschen bist, Lust und Leid der Welt. Aber ich habe Dich gesehen, hervorgezaubert, ergriffen, oh wunderbare Cythereia! Ich habe Dich der Erde geoffenbaret. Dein Bild ist es nicht, Du selbst bist es, der ich den Spiegel gegeben habe, die ich mit Perlen bedeckt habe, ganz wie an dem Tage, wo Du aus dem blutigen Himmel und dem schäumenden Lächeln der Wasser geboren wurdest, thauige Morgenröthe, bis zu den Ufern Cyperns von einer Schaar blauer Tritonen bejubelt.« — — — — — Er hatte sie eben in dieser Weise angebetet, als er auf den Strand kam, zur Stunde wo sich die Menge verlief, und er hörte den schluchzenden Gesang der Flötenspielerinen. Aber an diesem Abende hatte er die Hetären des Tempels zurückgewiesen; ein umschlungenes Paar, das er flüchtig zwischen den Zweigen gesehen, hatte ihn mit Ekel erfüllt und in der Seele empört. Nach und nach bemächtigte sich seiner der milde Einfluß der Nacht. Er drehte sein Gesicht dem Winde zu, welcher über das Meer herüber wehte und den Duft der Rosen von Amathont nach Aegypten zu bringen schien. Schöne weibliche Formen erstanden in seinem Geiste. Man hatte bei ihm für den Garten der Göttin eine Gruppe der drei umschlungenen Charitinen bestellt; aber es widerstrebte seiner Jugend, althergebrachte Formen zu copieren und er träumte davon die drei anmuthigen Bewegungen des Weibes auf einem und demselben Marmorblock zu vereinen: zwei der Charitinen wären bekleidet, die eine einen Fächer haltend und die Augenlider im Hauche der bewegten Federn halb schließend; die andere im faltigen Rocke tanzend. Die dritte würde nackt hinter ihren Schwestern stehen, und mit emporgehobenen Armen die Fülle ihrer Haare zu einem Knoten winden. Seine Gedanken gingen noch manchen anderen Entwürfen nach; so wollte er auf die Felsen des Leuchtthurms eine Andromeda aus schwarzem Marmor vor dem wogenden Ungeheuer des Meeres festbinden, die Agora das Brouchion zwischen den vier Rossen der aufgehenden Sonne, wie zwischen zornigen Pegasen einschließen; und welcher Rausch frohlockte nicht in ihm, wenn er an einen, bei dem Herannahen der Titanen von Furcht ergriffenen Zagreus dachte! Ha! wie war er von all' dieser Schönheit neu ergriffen! wie er sich der Liebe entriß! wie er »von dem Fleische die höchste Idee der Göttin trennte!« wie er sich endlich frei fühlte! Doch er wandte den Kopf dem Ufer zu, und in der Ferne sah er den gelben Schleier einer dahin schreitenden Frau schimmern. IV. Die Vorbeigehende. Sie kam langsam, den Kopf etwas nach der Schulter geneigt, auf dem öden Strande daher, welchen das Mondlicht erhellte. Ein kleiner, beweglicher Schatten zitterte vor ihren Schritten dahin. Demetrios sah sie näher kommen. Diagonale Falten durchfurchten den kleinen Theil ihres Körpers, den man durch den leichten Stoff hindurch sah; einer ihrer Ellenbogen trat unter der fest anliegenden Tunika hervor; der andere Arm, den sie nackt gelassen hatte, hob die lange Schleppe in die Höhe, damit sie nicht den Staub fege. Er erkannte an ihrem Schmucke, daß sie eine Hetäre sei; um einen Gruß von ihr zu vermeiden, ging er schnell über die Straße. Er wollte sie nicht anschauen. Absichtlich beschäftigte er seine Gedanken mit dem großen Entwurfe des Zagreus. Und dennoch wandten sich seine Augen nach der Vorbeigehenden. Da sah er, daß sie nicht stehen blieb, daß sie sich nicht um ihn bekümmerte, daß sie sich nicht einmal den Anschein gab das Meer zu betrachten, noch ihren Schleier nach vorn aufzuheben, noch in ihre Gedanken versunken zu sein; sondern, daß sie ganz einfach allein spazieren ging, hier nichts Anderes suchend als die Kühle des Windes, die Einsamkeit, die Stille. Ohne sich zu rühren ließ Demetrios sie nicht aus den Augen und versenkte sich in ein sonderbares Verwundern. Sie schritt immer weiter wie ein ferner gelber Schatten, nachlässig und von dem kleinen schwarzen Schatten, der vor ihr her ging, gleichsam geführt. Er hörte bei jedem Schritte das leise Knirschen ihrer Schuhe im Staube des Weges. Sie ging bis zur Insel des Leuchtturmes und stieg die Felsen hinan. Plötzlich, als hätte er seit langer Zeit die Unbekannte geliebt, lief Demetrios ihren Spuren nach, dann hielt er inne, ging wieder zurück, zitterte, erzürnte sich, versuchte den Strand zu verlassen; aber er hatte stets seinen Willen nur seinem eigenen Vergnügen dienstbar gemacht, und wenn es sich darum handelte ihn zum Heile seines Charakters und zur Ordnung seines Lebens in Thätigkeit zu setzen, fühlte er sich von Unvermögen ergriffen und an die Stelle genagelt, wo die Last seiner Füße ruhte. Da er nicht mehr aufhören konnte an diese Frau zu denken, suchte er sich selbst wegen des Gedankens, welcher seinen Geist so sehr im Banne hielt, zu entschuldigen. Er glaubte den Reiz ihrer Erscheinung durch ein rein ästhetisches Gefühl zu erklären und dachte, daß sie das geträumte Modell für die Charitin mit dem Fächer wäre, welche er den nächsten Tag entwerfen wollte. Dann geriethen plötzlich alle seine Gedanken in Unordnung und eine Menge von ängstigenden Fragen strömte wegen dieses gelb gekleideten Weibes in seinem Geiste zusammen. Was machte sie zu dieser nächtlichen Stunde auf der Insel? Warum, um wessen Willen ging sie so spät aus? Warum hatte sie ihn nicht angeredet? Sie hatte ihn gesehen, sicher hatte sie ihn, während er über den Weg schritt, gesehen. Warum hatte sie ihren Gang fortgesetzt, ohne ein Wort der Begrüßung an ihn zu richten? Es ging das Gerücht, daß manche Weiber die kühlen Stunden vor Tagesanbruch wählten, um im Meere zu baden. Aber man badete nicht bei dem Leuchtthurme. Dort war das Meer zu tief. Uebrigens war es unwahrscheinlich, daß ein Weib sich so mit Schmuck bedeckt hätte um zum Bade zu gehen? ... Was war es dann, was sie so weit von Rhacotis anzog? Vielleicht ein Stelldichein? Irgend ein junger Lebemann, der die Abwechselung liebte, und der für einen Augenblick die großen, von den Wogen geglätteten Felsen zum Lager wählte. Demetrios wollte sich darüber Gewißheit verschaffen. Doch schon kam das junge Weib zurück, mit demselben ruhigen, weichen Schritte, von der milden Klarheit des Mondes voll beleuchtet, mit dem Ende ihres Fächers den Staub der Brüstung fegend. V. Der Spiegel, der Kamm und das Halsband. Sie besaß eine eigenartige Schönheit. Ihre Haare schienen zwei Goldmassen zu sein, aber sie waren zu reichlich und überragten ihre niedere Stirne wie zwei tiefe, schattige Wogen, unter welchen die Ohren verschwanden und welche in Windungen auf dem Nacken lagen. Die Nase war fein und die ausdrucksvollen Nasenlöcher zuckten manchmal über einem vollen, bemalten Munde mit abgerundeten, beweglichen Ecken. Die weiche Linie des Körpers wiegte sich bei jedem Schritte, durch die Schwingungen der freien Brüste oder das Schaukeln der schönen Hüften unter der biegsamen Taille belebt. Als sie nur mehr zehn Schritte von dem Jüngling entfernt war, wandte sie ihren Blick nach ihm. Demetrios erbebte. Es waren wunderbare Augen; blau aber dunkel und glänzend zugleich, feucht, müde, schluchzend und lodernd, unter der Last der langen Augenlider und Wimpern fast geschlossen. Diese Augen schauten wie die Sirenen singen. Wer durch ihren Lichtkreis ging, war unwiderstehlich gefangen. Sie wußte es wohl und nützte geschickt den Eindruck, den sie hervorriefen; aber sie rechnete mehr noch auf die geheuchelte Gleichgültigkeit gegen den, welchen so viel wahre Liebe nicht hatte wahrhaft rühren können. Die Seefahrer, welche die purpurnen Meere weit über den Ganges hinaus durchschifft haben, erzählen, daß sie unter den Wassern Felsen gesehen haben, welche Magnetsteine sind. Wenn ein Schiff bei ihnen vorbeifährt, fallen Nägel und Eisenbeschläge davon ab, von der unterirdischen Klippe auf immer angezogen. Und was ein schnelles Fahrzeug gewesen, ein Wohnort, ein lebendes Wesen, ist dann nur mehr eine lose Brettermenge, die vom Winde zerstreut auf den Fluthen treibt. So verlor sich Demetrios in sich selbst vor zwei großen anziehenden Augen, und seine ganze Kraft verließ ihn. Sie senkte die Augenlider und ging an ihm vorbei. Er hätte vor Ungeduld aufschreien mögen. Seine Fäuste ballten sich zusammen: er fürchtete sich keine ruhige Haltung mehr annehmen zu können, denn er mußte mit ihr reden. Dach sprach er sie mit den üblichen Worten an: – Sei mir gegrüßt, sagte er. – Sei auch Du gegrüßt, antwortete die Vorbeigehende. Demetrios fuhr fort: – Wohin gehst Du, mit so wenig Eile? – Ich gehe nach Hause. – Ganz allein? – Ganz allein. Und sie machte eine Bewegung, um ihren Spaziergang fortzusetzen. Da dachte Demetrios, er habe sich vielleicht getäuscht, als er sie für eine Dirne hielt. Seit einiger Zeit kleideten und schminkten sich die Gattinen der Richter und Beamten wie Freudenmädchen. Diese war wohl eine in sehr gutem Rufe stehende Frau, und ohne Ironie fuhr er in seiner Frage also fort: – Zu Deinem Gatten? Sie lehnte sich mit beiden Händen zurück und sagte lachend: – Heute Abend hab' ich keinen Gatten. Demetrios biß sich in die Lippen und sagte fast schüchtern: – Suche ihn nicht. Du hast Dich zu spät daran gemacht. Es ist Niemand mehr da. – Wer hat Dir gesagt, daß ich auf der Suche bin? Ich gehe allein spazieren und suche nichts. – Woher bist Du denn gekommen? All' den Schmuck hast Du doch nicht für Dich allein angelegt, und Du hast hier einen seidenen Schleier ... – Muthest Du mir zu nackt auszugehen, oder mit Wolle bekleidet wie eine Sklavin? Ich schmücke mich nur zu meinem Vergnügen; es ist mir lieb zu wissen, daß ich schön bin und im Gehen betrachte ich meine Finger, um alle meine Ringe kennen zu lernen. – Du solltest einen Spiegel in der Hand haben und nur Deine Augen anschauen. Diese Augen sind nicht in Alexandrien geboren worden. Du bist Jüdin, ich höre es an Deiner Stimme, welche milder ist als die unsrigen. – Nein, ich bin nicht Jüdin, ich bin Galiläerin. – Wie heißest Du, Miriam oder Noemi? – Mein Name ist syrisch und Du wirst ihn nicht erfahren. Es ist ein königlicher Name, den man hier nicht trägt. Meine Freunde nennen mich Chrysis, und es ist ein Compliment, das Du mir hättest machen können. Er legte ihr die Hand auf den Arm. »Ach! nein, nein, sagte sie mit höhnischer Stimme. Es ist viel zu spät für derlei Scherze. Laß' mich schnell nach Hause gehen. Ich bin schon seit fast drei Stunden aufgestanden, ich sterbe vor Müdigkeit.« Und, sich niederbeugend, nahm sie einen Fuß in die Hand und fuhr fort: »Schau, wie meine Schuhbänder mir weh thun! Sie sind viel zu straff gebunden worden. Wenn ich sie nicht löse, werde ich die Spur davon am Fuße behalten und Das wäre schön, wenn man mich umarmen wird! Laß' mich schnell! Ach, welche Mühe! Wenn ich das gewußt hätte, wäre ich nicht stehen geblieben. Mein gelber Schleier ist an der Taille ganz zerknüllt, schau nur!« Demetrios strich mit der Hand über die Stirne; dann murmelte er mit dem leichten Tone eines Mannes, der sich zu entschließen geruht: »Zeige mir den Weg!« – Aber ich will nicht! sagte Chrysis mit erstaunter Miene. Du fragst mich nicht einmal, ob es mir Vergnügen macht. »Zeige mir den Weg!« Wie er das sagt! Hältst Du mich für eine Metze des Dirnenviertels, die sich für drei Obolen auf den Rücken legt, ohne auch nur zu schauen, wer sie in den Armen hält? Weißt Du auch nur, ob ich frei bin? Kennst Du die Bedingungen meiner Zusammenkünfte? Bist Du meinen Spaziergängen gefolgt? Hast Du die Thüren, welche sich für mich öffnen, bezeichnet? Hast Du die Männer gezählt, welche sich von Chrysis geliebt wähnen? »Zeige mir den Weg!« Ich werde ihn Dir nicht zeigen, wenn es Dir beliebt. Bleibe hier oder geh fort, aber anderswo hin, nicht zu mir! – Du weißt nicht, wer ich bin ... – Du? Ach was! Du bist Demetrios von Saïs; Du hast das Standbild meiner Göttin gemacht, Du bist der Geliebte meiner Königin und der Gebieter meiner Stadt. Aber für mich bist Du nur ein schöner Sklave, weil Du mich gesehen hast und weil Du mich liebst.« Sie näherte sich ihm und fuhr mit schmeichlerischer Stimme fort: »Ja, Du liebst mich. Oh sage nichts! – ich weiß, was Du mir sagen willst: Du liebst Niemanden, Du wirst geliebt. Du bist der Liebling, der Heißgeliebte, der Abgott. Du hast Glycera zurückgewiesen, die selbst dem Antiochos sich geweigert hat. Demonassa, die Lesbierin, welche geschworen hatte als Jungfrau zu sterben, hat sich während Deines Schlafes in Dein Bett gelegt und sie hätte Dich mit Gewalt genommen, wenn Deine beiden lybischen Sklaven sie nicht nackt vor die Thür gesetzt hätten. Callistion, die Wohlgenannte, hat, nachdem sie alle Hoffnung verloren hatte Dir zu nahen, das Haus, das dem Deinigen gegenüber liegt, angekauft und jeden Morgen zeigt sie sich in der Fensteröffnung, so wenig bekleidet wie Artemis im Bade. Glaubst Du denn, daß ich Alldas nicht weiß? Man erzählt sich ja Alles unter Hetären. In der Nacht Deiner Ankunft in Alexandrien hat man mir von Dir gesprochen; und seitdem ist kein Tag verflossen, ohne daß man Deinen Namen vor mir ausgesprochen hätte. Ich weiß sogar Dinge, die Du vergessen hast. Ich weiß sogar Dinge, die Du noch nicht kennst. Die arme kleine Phyllis hat sich vorgestern am Riegel Deiner Thür erhängt, nicht wahr? Nun, es ist eine Mode, die anfängt sich zu verbreiten. Lydé hat es ebenso wie Phyllis gemacht: ich habe sie heute Abend im Vorbeigehen gesehen; sie war ganz blau, aber die Thränen ihrer Augen waren noch nicht trocken. Du weißt nicht, wer das ist, Lydé? Ein Kind, eine kleine Buhlerin von fünfzehn Jahren, von ihrer Mutter im vergangenen Monat an einem Rheder von Samos verkauft, der eine Nacht in Alexandrien verbrachte, bevor er den Fluß bis nach Theben hinauffuhr. Sie hatte die Gewohnheit zu mir zu kommen. Ich gab ihr gute Rathschläge; sie wußte absolut nichts, nicht einmal Würfel spielen kannte sie. Ich lud sie oft in mein Bett ein, weil sie, wenn sie keinen Geliebten hatte, nicht wußte wo sie schlafen sollte. Und sie liebte Dich! Wenn Du gesehen hättest, wie sie mich an sich zog, indem sie Deinen Namen nannte! ... Sie wollte Dir schreiben. Versteht Du? Ich habe ihr gesagt, daß es nicht der Mühe werth sei ...« Demetrios blickte sie an, ohne zu hören. »Ja, das Alles ist Dir ganz gleichgültig, nicht wahr? fuhr Chrysis fort. Denn Du liebtest sie nicht. Mich liebst Du. Du hast nicht einmal angehört, was ich Dir soeben sagte. Ich bin sicher, daß Du nicht ein einziges Wort wiederholen könntest. Du bist sehr beschäftigt zu erfahren, wie meine Augenlider beschaffen sind, wie mein Mund köstlich, und mein Haar lieblich zu berühren sein muß. Ach! wie viele Andere giebt es, die das wissen! Alle, Alle die, welche Verlangen nach mir hatten, haben es auf mir gestillt: Männer, Jünglinge, Greise, Kinder, Frauen, Mädchen. Ich habe Niemanden zurückgewiesen, hörst Du wohl? Seit sieben Jahren, Demetrios, habe ich nur drei Nächte allein geschlafen. Rechne aus, wie viel Liebhaber das macht? Zweitausend fünfhundert, und mehr, denn ich spreche nicht von denjenigen, die ich des Tages hatte. Im vorigen Jahr habe ich nackt vor zwanzigtausend Personen getanzt, und ich weiß, daß Du nicht dabei warst. Glaubst Du, daß ich mich verberge? Ach, weßhalb denn? Alle Frauen haben mich im Bade gesehen. Alle Männer haben mich im Bett gesehen. Du allein wirst mich nie sehen. Ich weise Dich zurück, ich weise Dich zurück! Von dem was ich bin, von dem was ich fühle, von meiner Schönheit, von meiner Liebe wirst Du niemals, niemals Etwas wissen! Du bist ein abscheulicher Mensch, Du bist dünkelhaft, grausam, gefühllos und feig! Ich weiß nicht, warum nicht Eine von uns genügenden Hasses fähig war, um Euch beide zu tödten, den Einen auf der Anderen: Dich zuerst und dann Deine Königin.« Demetrios nahm ihr ruhig die beiden Arme, und ohne ein Wort zu erwidern, beugte er sie mit Gewalt zurück. Einen Augenblick wurde es ihr bange; aber plötzlich drückte sie die Kniee zusammen und preßte die Ellenbogen an einander und mit dem Oberkörper zurückweichend sagte sie: »Ha! das fürchte ich nicht, Demetrios! Du wirst mich nie mit Gewalt bekommen, wäre ich auch schwach wie eine verliebte Jungfrau und Du stark wie ein Atlas. Du suchst nicht nur Deinen eigenen Genuß, Du willst besonders den meinen. Du willst mich auch sehen, mich ganz sehen, weil Du mich für schön hältst und ich bin es thatsächlich. Und der Mond erleuchtet weniger als meine zwölf Wachskerzen. Hier ist es fast dunkle Nacht. Es ist auch nicht üblich, sich am Strande zu entkleiden. Ich könnte mich nicht wieder ankleiden, wenn ich meine Sklavin nicht da hätte. Laß mich los, Du thust mir am Arme weh.« Sie schwiegen einige Augenblicke, dann begann Demetrios von Neuem: »Wir müssen ein Ende machen, Chrysis. Du weißt es wohl, ich werde Dich nicht zwingen. Aber laß mich Dir folgen. So hochmüthig Du auch seist, es ist ein Ruhm, den Du theuer bezahlen wirst, Demetrios zurückzuweisen.« Chrysis schwieg immer noch. Sanfter begann er von Neuem: »Was fürchtest Du? – Du bist an die Liebe der Anderen gewöhnt. Weißt Du, was man einer Hetäre geben soll, die nicht liebt? Er wurde ungeduldig. »Ich verlange nicht, daß Du mich liebst. Ich bin es müde geliebt zu werden. Ich will nicht geliebt werden. Ich verlange nur, daß Du dich hingibst. Dafür werde ich Dir alles Gold der Welt geben. Ich habe es in Aegypten. – Ich habe es in meinem Haar. Ich bin des Goldes überdrüssig. Ich will kein Gold. Ich will nur drei Dinge. Wirst Du mir sie geben?« Demetrios fühlte, daß sie das Unmögliche verlangen würde. Er schaute sie beklommen an. Doch sie begann zu lächeln und sagte langsam: »Ich will einen Silberspiegel, um meine Augen in meinen Augen zu betrachten. – Du wirst ihn haben. Was willst Du mehr? Sage schnell. – Ich will einen Kamm aus geschnitztem Elfenbein, um ihn in mein Haar zu tauchen, wie ein Netz in das Wasser bei Sonnenschein. – Dann? – Du wirst mir den Kamm geben? – Natürlich ja. Sprich zu Ende. – Ich will ein Halsband aus Perlen, um es auf meiner Brust auszubreiten, wenn ich für Dich, in meinem Gemache die Hochzeitstänze meines Landes tanzen werde. Er hob die Augenbrauen: – Ist das Alles? – Wirst Du mir das Halsband geben? – Dasjenige, welches Dir gefallen wird. Sie nahm eine sehr zärtliche Stimme an. – Welches mir gefallen wird? Ha! das ist es gerade, was ich von Dir verlangen wollte. Wirst Du mich meine Geschenke wählen lassen? – Versteht sich. – Schwörst Du es? – Ich schwöre. – Welchen Schwur leistest Du? – Schreibe mir ihn vor. – Bei der Aphrodite, die Du gemeißelt hast. – Ich schwöre bei der Aphrodite. Aber weßhalb diese Vorsicht? – Nun... Ich war nicht ruhig... Jetzt bin ich es. Sie hob den Kopf und sagte: – Ich habe meine Geschenke gewählt. Demetrios wurde wieder unruhig und fragte: – Schon? – Ja... Glaubst Du, ich würde irgend welchen Silberspiegel annehmen, den Du von einem Händler aus Smyrna oder von einer unbekannten Hetäre kaufen würdest? Ich will denjenigen meiner Freundin Bacchis, welche mir vergangene Woche meinen Geliebten genommen hat und in einem kleinen Gelage, das sie mit Tryphaera, Mousarion und einigen jungen Gecken hielt, die mir Alles wieder erzählt haben, mich boshaft ausgelacht hat. Es ist ein Spiegel, der ihr sehr theuer ist, weil er Rhodopis gehört hat, Rhodopis, die mit Aesop Sklavin war und durch den Bruder der Sappho freigekauft wurde. Du weißt, daß sie eine berühmte Hetäre ist. Ihr Spiegel ist herrlich. Man sagt, daß Sappho sich darin beschaut hat, und darum ist er Bacchis so theuer. Sie hat nichts Kostbareres in der Welt, aber ich weiß, wo Du ihn finden wirst. Sie hat es mir in einer Nacht gesagt, als sie trunken war. Er liegt unter dem dritten Stein des Haus-Altars. Dort verbirgt sie ihn jeden Abend, wenn sie bei Sonnenuntergang ausgeht. Gehe morgen zu dieser Stunde hin und sei unbesorgt: sie führt ihre Sklavinen mit. – Das ist ja Wahnsinn! rief Demetrios aus. Soll ich denn stehlen? – Liebst Du mich nicht? Ich glaubte, daß Du mich liebest. Und dann, hast Du nicht geschworen? Ich glaubte, Du hättest geschworen. Wenn ich mich geirrt habe, sprechen wir nicht weiter davon.« Er begriff, daß sie ihn ins Verderben trieb, aber er ließ sich kampflos, fast willig fortreißen. »Was Du willst, werde ich thun«, antwortete er. – Oh! ich weiß wohl, daß Du es thun wirst. Aber Du zögerst noch. Ich begreife, daß Du zögerst. Es ist kein gewöhnliches Geschenk; von einem Philosophen würde ich es nicht verlangen. Aber von Dir verlange ich es. Ich weiß wohl, daß Du es mir geben wirst. Sie spielte einen Augenblick mit den Pfauenfedern ihres runden Fächers und sagte dann plötzlich: »Ha! ... ich will auch keinen gewöhnlichen Elfenbeinkamm, der bei einem Verkäufer der Stadt zu kaufen ist. Du hast mir gesagt, ich könne wählen, nicht wahr? Nun, ich will ... ich will den Kamm aus geschnitztem Elfenbein, der in den Haaren der Gattin des Hohenpriesters steckt. Der ist noch viel kostbarer, als der Spiegel der Rhodopis. Er kommt von einer Königin Aegyptens, welche vor langer, langer Zeit gelebt hat und deren Name so schwer ist, daß ich ihn nicht aussprechen kann. Das Elfenbein ist denn auch sehr alt, und so gelb als wäre es vergoldet. Es ist ein junges Mädchen hineinziseliert worden, das einen Tümpel mit Lotosblumen durchwatet. Die Lotosblumen sind größer als das Mädchen und es geht auf den Zehen, um nicht naß zu werden ... Es ist wirklich ein schöner Kamm ... ich bin froh, daß Du mir ihn giebst. Ich habe mich auch ein wenig gegen die Besitzerin des Kammes zu beschweren. Vorigen Monat habe ich der Aphrodite einen blauen Schleier dargebracht; und am nächsten Tage habe ich ihn auf dem Kopfe dieser Frau gesehen. Das ist etwas schnell gegangen und ich grollte ihr deshalb. Ihr Kamm wird mich für meinen Schleier rächen. – Und wie werde ich ihn bekommen? fragte Demetrios. – Ach! Das wird ein wenig schwieriger sein. Du weißt, daß sie eine Aegypterin ist; sie sticht ihre zweihundert Zöpfchen nur ein Mal im Jahr, wie die anderen Frauen ihrer Rasse. Aber ich will meinen Kamm morgen haben, und Du wirst sie tödten, um ihn zu erhalten. Du hast einen Schwur geleistet. Sie machte Demetrios ein Mäulchen, weil dieser zur Erde schaute. Dann schloß sie sehr schnell: »Ich habe auch mein Halsband gewählt. Ich will das Halsband mit sieben Perlenreihen, das den Hals der Aphrodite schmückt.« Demetrios fuhr auf. »Ha! das ist zu viel! Du wirst mich nicht bis zu Ende zum Besten haben! Nichts, hörst Du, nichts! weder Spiegel, noch Kamm, noch Halsband sollst Du haben ...« Doch sie schloß ihm den Mund mit der Hand und fuhr mit ihrer einschmeichelnden Stimme fort: »Sage das nicht. Du weißt wohl, daß Du mir auch das Halsband geben wirst. Ich bin dessen ganz sicher. Ich werde die drei Geschenke erhalten ... Du wirst morgen Abend zu mir kommen, und übermorgen, wenn Du willst, und jeden Abend. Zu Deiner Stunde werde ich da sein, in dem Kostüm, das Du liebst, nach Deinem Geschmacke geschminkt, nach Deinem Belieben gekämmt, zu allen Deinen Launen bereit. Wenn Du nur Zärtlichkeit willst, werde ich Dich wie ein Kind lieben. Wenn Du seltene Sinneslüste suchst, werde ich Dir selbst die schmerzhaftesten nicht verweigern. Wenn Du Schweigen verlangst, werde ich still sein ... Wenn Du mich singen hören willst, ha! Du wirst sehen, Geliebter! ich kenne Lieder aus allen Ländern. Ich weiß solche, die lieblich sind wie das Plätschern der Quelle, andere, die furchtbar sind, wie das Herannahen des Donners. Ich weiß so naive und frische, daß ein junges Mädchen sie ihrer Mutter singen würde und ich weiß solche, die man nicht in Lampsach singen würde; ich weiß solche, welche Elephantis zum Erröthen gebracht hätten und welche ich nur ganz leise zu singen wagen würde. In den Nächten, wo Du wünschen wirst, daß ich tanze, werde ich bis zum Morgen tanzen. Ich werde angekleidet tanzen, mit meiner schleppenden Tunika, oder unter durchsichtigen Schleiern, oder mit durchbrochenen Beinkleidern und einem Leibchen mit zwei Öffnungen, um die Brüste durchzulassen. Doch ich habe Dir versprochen nackt zu tanzen? Ich werde nackt tanzen, wenn Du es lieber siehst. Nackt und mit Blumen in den Haaren, oder nackt, mit wallendem Haar, und bemalt wie ein heiliges Bild. Ich verstehe es die Hände zu wiegen, die Arme abzurunden, die Brust zu schütteln, den Bauch zu bewegen. Ich tanze auf den Fußspitzen, oder auf dem Teppich liegend. Ich kenne alle Tänze der Aphrodite, solche, die man vor der Urania tanzt, und solche, die man vor der Astarte tanzt. Ich kenne sogar solche, die man sich nicht zu tanzen getraut ... Ich werde Dir alle Liebestänze vorführen ... Wenn ich damit zu Ende bin, wird Alles von Neuem beginnen. Du wirst sehen. Die Königin ist reicher als ich, aber im ganzen Palaste ist kein Gemach, welches so von Liebe erfüllt ist, wie das meine. Ich sage Dir nicht, was Du dort finden wirst. Es giebt dort Dinge, welche zu schön sind, als daß ich Dir eine Vorstellung davon geben könnte, und andere, die so schmählich sind, daß ich keine Worte finde, um sie zu sagen. Und dann, weißt Du, was Du noch sehen wirst, und was alles Andere übertrifft? Du wirst Chrysis sehen, Chrysis, die Du liebst, und die Du noch nicht kennst. Ja, Du hast nur mein Gesicht gesehen. Du weißt nicht, wie schön ich bin. Ha! Ha! ... Ha! Ha! Du wirst Überraschungen erleben! ... Ha! wie Du mit den Spitzen meiner Brüste spielen wirst, wie sich meine Taille in Deinem Arme biegen wird, wie Du in der Pressung meiner Kniee zittern wirst, wie Du auf meinem bewegten Körper hinsterben wirst. Und wie süß wird mein Mund Dir sein! Ach! meine Küsse ...« Demetrios warf ihr einen trostlosen Blick zu. Zärtlich begann sie von Neuem: »Wie, Du willst mir nicht einmal einen armseligen alten Silberspiegel geben. Du, der all mein Haar, wie einen Wald von Gold, in den Händen haben wird?« Demetrios wollte sie berühren ... Sie trat zurück und sagte: »Morgen!« – Du wirst ihn erhalten, murmelte er. – Und Du willst nicht einen kleinen Elfenbeinkamm für mich stehlen, der mir gefällt? Du, der meine beiden Arme wie zwei Elfenbeinzweige um Deinen Hals haben wird?« Er versuchte sie zu liebkosen ... sie zog sie zurück, und wiederholte: »Morgen! – Ich werde Dir ihn bringen, sagte er sehr leise. – Ha! ich wußte es wohl, rief die Hetäre, und Du wirst mir auch das Halsband mit sieben Reihen Perlen geben, das am Halse der Aphrodite hängt, und dafür werde ich Dir meinen ganzen Körper verkaufen, der wie eine halbgeöffnete Perlenmuschel ist, und mehr Küsse in Deinen Mund, als es Perlen im Meere giebt!« Demetrios neigte flehend sein Haupt zu ihr ... Sie beherrschte seinen Blick und bot ihm ihre wollüstigen Lippen ... Als er die Augen wieder öffnete, war sie schon weit fort. Ein kleiner, fahler Schatten eilte hinter ihrem wallenden Schleier einher. Schwankend schlug er den Weg zur Stadt ein, die Stirne unter einer unaussprechlichen Schmach beugend. VI Die Jungfrauen Der Morgen dämmerte über dem Meere herauf. Alle Dinge nahmen eine Lilafarbe an. Die flammende Gluth des Leuchtthurmes erlosch gleichzeitig mit dem Monde. Flüchtige gelbe Lichter tauchten auf den violetten Wogen auf wie Sirenengesichter unter einer Haarfülle von malvenfarbenem Algen. Plötzlich war es Tag. Der Strand war vereinsamt. Die Stadt war todt. Es war das trübe Licht vor der ersten Morgenröthe, das den Schlaf der Welt beleuchtet und die müden Träume des Morgens bringt. Alles war verschwunden; nur die Stille herrschte. Wie schlafende Vögel die Schwingen, ließen die an den Ufern nebeneinander gereihten Schiffe ihre parallelen Ruder in's Wasser hängen. Die Perspective der Straßen zeichnete sich in architectonisch regelmäßigen Linien ab, welche kein Karren, kein Pferd, kein Sklave unterbrach. Alexandrien war nur eine ungeheure Einöde und bot das Bild einer alten, seit Jahrhunderten verlassenen Stadt. Doch ein leichtes Geräusch von Schritten hallte auf der Erde und zwei junge Mädchen, das eine gelb, das andere blau gekleidet, wurden sichtbar. Sie trugen beide den Jungfrauengürtel, der sich um die Hüften wand und sehr tief, unterhalb des jugendlichen Bauches befestigt war. Es war die Sängerin der Nacht und eine der Flötenspielerinen. Die Musikspielerin war jünger und hübscher als ihre Freundin. Ihre Augen, so blau wie ihr Kleid, lächelten schwach, halb unter ihren Augenlidern verschwindend. Die beiden dünnen Flöten hingen auf ihren Schultern an einem farbigen Achselbande. Ein doppelter Iriskranz war um ihre runden Beine gewunden und unter dem leichten Stoffe des Kleides an den Knöcheln mit zwei silbernen Ringen befestigt. »Myrtocleia, sei nicht betrübt, weil Du unsere Täfelchen verloren hast. Hättest Du je vergessen, daß Rhodis Liebe Dir gehört, oder konntest Du, Böse! denken, daß Du diese von meiner Hand geschriebene Zeile je hättest allein gelesen? Bin ich eine jener schlechten Freundinen, welche den Namen ihrer Bettgenossin auf ihren Fingernagel eingraben, und sich mit einer anderen verbinden, wenn der Nagel bis zu Ende nachgewachsen ist? Bedarfst Du eines Andenkens an mich, wenn Du mich selbst ganz und lebendig hast? Ich habe kaum das Alter erreicht, wo die Jungfrauen heirathen, und doch war ich, am Tage wo ich Dich zuerst sah, erst halb so alt. Du erinnerst Dich wohl. Es war im Bade. Unsere Mütter hielten uns unter den Armen und schaukelten uns einander entgegen. Wir haben lange auf den Marmorplatten gespielt, bevor wir unsere Kleider wieder anlegten. Seit jenem Tage haben wir uns nicht wieder verlassen, und fünf Jahre später haben wir uns geliebt.« Myrtocleia erwiederte: »Es gibt noch einen anderen ersten Tag, Rhodis, Du weißt es wohl. An jenem Tage hattest Du, unsere Namen vereinend, die drei Worte auf die Täfelchen geschrieben. Es war der erste. Er kommt uns nimmer wieder. Aber was liegt daran? Jeder Tag ist neu für mich und wenn Du gegen Abend erwachst, scheint es mir, ich hätte Dich nie gesehen. Ich glaube fast, daß Du kein Mädchen bist: Du bist eine kleine Nymphe Arcadiens, welche die Wälder verlassen hat, weil Phoïbos ihre Quelle versiegen ließ. Dein Leib ist biegsam wie ein Olivenzweig, Deine Haut ist weich wie das Wasser im Sommer, Irisblumen winden sich um Deine Beine und Du trägst die Lotos-Blume wie Astarte die offene Feige. In welchem Haine, von Unsterblichen bewohnt, ist Deine Mutter vor Deiner glückseligen Geburt eingeschlafen? Und welcher kecke Ägipan oder welcher Gott eines geheiligten Flusses hat sich im Grase mit ihr vereint? Wenn wir einst diese häßliche afrikanische Erde verlassen, wirst Du mich zu Deiner Quelle führen, weit hinter Psophis und Phenaea, in die großen, schattigen Wälder, wo man auf der weichen Erde die doppelten Spuren der Satyren, von den leichten Schritten der Nymphen durchkreuzt, sieht. Dort suchst Du dann einen glatten Felsen, und gräbst in den Stein, was Du auf das Wachs geschrieben hattest: die drei Worte, welche unsere ganze Freude ausmachen. Höre, höre zu, Rhodis! Beim Gürtel der Aphrodite, worauf alle Begierden eingestickt sind, alles Verlangen ist mir fremd, weil Du mehr als mein Traum bist. Beim Füllhorn Amaltheia's, woraus alle Güter der Welt fließen, die Welt ist mir gleichgültig, weil Du das einzige Gut bist, das ich darin gefunden habe. Wenn ich Dich betrachte und dann mich selbst ansehe, so weiß ich nicht mehr, warum Du Gegenliebe für mich fühlst. Deine Haare sind blond wie Kornähren und die meinigen schwarz wie das Fell eines Bockes. Deine Haut ist weiß wie die Käse der Hirten und die meinige gebräunt wie der Sand am Ufer. Deine Brust ist zart und blühend, wie der Apfelsinenbaum im Herbste, und die meinige mager und unfruchtbar wie die Fichte auf den Felsen. Wenn mein Gesicht schöner geworden ist, so ist es, weil ich Dich so viel geliebt habe. Oh Rhodis, Du weißt es, meine seltsame Jungferschaft gleicht den Lippen des Gottes Pan, wenn er einen Myrthenzweig ißt; die Deine ist rosig und schön wie der Mund eines kleinen Kindes. Ich weiß nicht, warum Du mich liebst, aber wenn Du eines Tages aufhörtest mich zu lieben, wenn Du, wie Deine Schwester Theano, welche neben Dir die Flöte spielt, jemals in dem Hause schlafen bliebest, wo man uns beschäftigt, so hätte ich nicht einmal den Gedanken allein in unserem Bette zu schlafen und Du würdest mich, wenn Du heim kämest, mit meinem Gürtel erwürgt finden.« Die schmalen Augen Rhodis' füllten sich mit Thränen und Lächeln, so sehr war dieser Einfall grausam und toll. Sie setzte ihren Fuß auf einen Eckstein. – Meine Blumen belästigen mich zwischen den Beinen. Mache sie los, angebetete Myrto. Für diese Nacht habe ich genug getanzt. Die Sängerin fühlte in sich wie einen Aufstoß des Ekels. – Ach! ja, es ist wahr. Ich hätte sie schier vergessen, diese Männer und diese Dirnen. Sie haben Euch beide tanzen lassen, Dich in diesem Kleide von Cos, das durchsichtig ist wie das Wasser, und Deine Schwester nackt mit Dir. Wenn ich Dich nicht vertheidigt hätte, sie hätten sich an Dir vergriffen wie an einer Dirne, wie sie sich an Deiner Schwester vergriffen haben, in unserer Gegenwart und im selben Räume ... Oh! diese Abscheulichkeit! Hörtest Du ihr Schreien und Klagen! Wie schmerzhaft ist doch die Liebe der Männer! Sie kniete vor Rhodis nieder und löste die beiden Kränze los, dann die drei Blumen, die höher befestigt waren, an die Stelle jeder Blume einen Kuß drückend. Als sie sich erhob, nahm das Kind sie am Halse und glaubte auf ihrem Munde zu vergehen. »Myrto, Du bist wohl nicht auf alle diese Wüstlinge eifersüchtig? Was liegt Dir daran, daß sie mich gesehen haben. Theano genügt ihnen, ich habe sie ihnen gelassen, sie kriegen mich nicht, heißgeliebte Myrto. Sei auf sie nicht eifersüchtig. – Eifersüchtig! ... Ich bin eifersüchtig auf Alles, was Dir naht. Damit Deine Gewänder Dich nicht allein haben, ziehe ich sie an, wenn Du sie getragen hast. Damit die Blumen Deiner Haare nicht in Dich verliebt bleiben, übergebe ich sie den armen Hetären, die sie in ihren Gelagen verunreinigen. Ich habe Dir nie etwas gegeben, damit nichts Dich besitze. Ich fürchte Alles, was Du berührst, und hasse Alles, was Du anschaust. Ich möchte mein ganzes Leben hindurch zwischen den Mauern eines Kerkers bleiben, wo wir allein wären, Du und ich, und Dich so tief mit mir vereinen, Dich so gut in meinen Armen verbergen, daß kein Auge Dich dort vermuthen könnte. Ich möchte die Frucht sein, die Du genießest, der Wohlgeruch, der Dir gefällt, der Schlaf, der unter Deine Augenlider dringt, die Liebe, die Deine Glieder zusammenzieht. Ich bin eifersüchtig auf das Glück, das ich Dir gebe, und doch möchte ich Dir sogar dasjenige geben, das ich durch Dich habe. Darauf bin ich eifersüchtig; aber Deine Geliebten einer Nacht, welche mir helfen Deine kindischen Gelüste zu befriedigen, fürchte ich nicht; und was die Liebhaber betrifft, so weiß ich, daß Du ihnen niemals angehören wirst; ich weiß wohl, daß Du den Mann nicht lieben kannst, den unbeständigen, rauhen Mann. Treuherzig rief Rhodis aus: – Lieber würde ich, wie Nausithoë, meine Jungferschaft dem Gotte Priapos opfern, den man in Thasos anbetet. Aber heute Morgen nicht, Geliebte. Ich habe lange getanzt, ich bin sehr müde. Ich möchte zu Hause sein, um auf Deinem Arme zu schlafen. Sie lächelte und fuhr fort: – Wir werden Theano sagen müssen, daß unser Bett nicht mehr für sie ist. Wir werden ihr ein anderes, rechts von der Thüre, zurichten. Nach dem was ich diese Nacht gesehen habe, werde ich sie nicht mehr umarmen können. Myrto, es ist wahrhaft furchtbar. Ist es möglich, so zu lieben! Das ist es, was sie Liebe nennen? – Das ist es. – Sie irren sich, Myrto. Sie wissen nicht.« Myrtocleia nahm sie in ihre Arme und sie schwiegen stille. Der Wind vermengte ihre Haare. VII Chrysis' Haare »Schau, schau! sagte Rhodis. Da kommt Jemand.« Die Sängerin schaute: fern von ihnen ging ein Weib mit schnellen Schritten das Ufer entlang. »Ich erkenne sie, sagte das Kind von Neuem. Es ist Chrysis. Sie trägt ein gelbes Kleid.« – Wie? wäre sie schon angekleidet? – Ich verstehe nichts daran. Gewöhnlich geht sie nie vor Mittag aus; jetzt aber ist kaum die Sonne aufgegangen. Es ist ihr Etwas zutheil geworden, wahrscheinlich eine große Freude; sie hat so viel Glück! Sie gingen ihr entgegen und sagten ihr: »Sei gegrüßt, Chrysis!« – Seiet gegrüßt. Wie lange seid Ihr schon hier? – Ich weiß nicht, es war schon Tag, als wir ankamen. – War Niemand auf dem Strande? – Niemand. – Nicht ein Mann? seid Ihr dessen sicher? – Oh! ganz sicher. Warum fragst Du Das? Chrysis antwortete nicht. Rhodis sagte wieder: – Wolltest Du Jemanden sehen? – Ja ... Vielleicht ... ich glaube, es ist besser, daß ich ihn nicht gesehen habe. Alles ist gut. Ich hatte Unrecht wieder zu kommen; ich konnte mich nicht davon abhalten. – Aber was geht denn vor, Chrysis, wirst Du es uns sagen? – Oh! nein. – Selbst uns nicht? selbst uns nicht, Deinen Freundinen? – Ihr werdet es später erfahren, mit der ganzen Stadt. – Das ist freundlich. – Ein wenig früher, wenn Ihr wollt, aber diesen Morgen ist es unmöglich. Es gehen außerordentliche Dinge zu, meine Kinder. Ich sterbe vor Verlangen sie Euch zu sagen; aber ich muß schweigen. Ihr wolltet schon nach Hause gehen. Kommt zu mir schlafen. Ich bin ganz allein. – Oh! Chryse, Chrysidion, wir sind so müde! In der That, wir wollten eben nach Hause gehen, aber es war um zu schlafen. – Nun, Ihr werdet nachher schlafen. Heute ist der Tag vor den aphrodisischen Festen. Ist das ein Tag, wo man ausruht? Wenn die Göttin Euch beschützen und im nächsten Jahre glücklich machen soll, müßt Ihr in den Tempel kommen mit Augenlidern, so dunkel wie Veilchen, und Wangen so weiß wie Lilien. Wir werden das Nöthige thun; kommt mit mir. Sie nahm Beide um den Leib, höher als der Gürtel, schloß ihre liebkosenden Hände auf den fast nackten Brüstchen, und zog sie schnellen Schrittes mit sich. Rhodis aber war noch immer nachdenklich. – Und wenn wir in Deinem Bette sein werden, begann sie von Neuem, wirst Du uns dann noch nicht sagen, was Dir geschieht, was Du erwartest? – Ich werde Euch vielerlei sagen und Alles was Euch gefällt; aber Das werde ich verschweigen. – Selbst dann, wenn wir in Deinen Armen sein werden, nackt, ohne Licht? – Laß ab, Rhode. Du wirst es erst morgen erfahren. Warte bis morgen. – Wirst Du sehr glücklich sein, oder sehr mächtig? – Sehr mächtig. Rhodis machte große Augen und rief aus: – Du schläfst mit der Königin? – Nein, sagte Chrysis lachend, aber ich werde so mächtig sein wie sie. Bedarfst Du meiner? Wünschest Du etwas? – Oh! ja! Und das Kind ward wieder nachdenklich. – Nun, und was ist es? fragte Chrysis. – Es ist ein Ding der Unmöglichkeit. Warum sollte ich es verlangen? Myrtocleia redete für sie: – Wenn in Ephesus, in unserem Vaterlande, zwei Mädchen, die mannbar und noch jungfräulich sind, wie Rhodis und ich, einander lieben, so erlaubt das Gesetz, daß sie einander heirathen. Sie gehen zum Tempel der Athene, um ihren doppelten Gürtel zu weihen; dann zum Heiligthum der Iphinoë, um eine vermengte Locke ihrer Haare darzubieten und endlich unter den Säulengang des Dionysos, wo man der männlicheren von beiden ein dünnes Goldmesserchen und ein weißes Tuch, um das Blut abzuwischen, übergiebt. Am Abend wird diejenige, welche die »Braut« ist, auf einem Blumenwagen zwischen ihrem Manne und der Paranymphe, von Fackeln und Flötenspielerinen umgeben, nach ihrer neuen Wohnung gebracht. Und von nun an haben sie alle Rechte der Eheleute; sie können kleine Mädchen an Kindesstatt annehmen und sie ihrem intimen Leben zugesellen. Sie stehen in Ehren. Sie haben eine Familie. Das ist Rhodis Traum. Aber hier ist es nicht Sitte ... – Man wird das Gesetz abändern, sagte Chrysis; Ihr werdet einander heirathen, ich nehme mich der Sache an. – Oh! ist es wahr? rief die Kleine roth vor Freude aus. – Ja; und ich frage nicht, welche von Euch beiden der Mann sein wird. Ich weiß, daß Myrto All das hat, was nöthig ist, um diese Täuschung hervorzubringen. Du bist glücklich, Rhodis, solch eine Freundin zu besitzen. Was man auch sagen mag, sie sind selten. Sie waren bis zur Thür gekommen, wo Djala, auf der Schwelle sitzend, ein leinenes Tuch wirkte. Die Sklavin stand auf und ließ sie vorüber gehen; dann folgte sie ihnen auf dem Fuße. In einem Augenblicke waren die Flötenspielerinen ihrer einfachen Kleider entledigt. Sie leisteten einander, in einem grünen Marmor-Gefäße, das sich in das Badebecken entleerte, peinlich genaue Waschungen. Dann wälzten sie sich auf das Bett. Ohne sie zu sehen schaute ihnen Chrysis zu. Bis in's Unendliche wiederholten sich in ihrer Erinnerung selbst die geringfügigsten Worte des Demetrios. Sie fühlte nicht, wie Djala stillschweigend ihren langen gelben Schleier löste und entfaltete, wie sie ihr den Gürtel abnahm, die Halsbänder öffnete, die Ringe, die Siegel, die Spangen, die Silberschlangen und die goldenen Nadeln abnahm; aber das Kitzeln des herunterfallenden Haares weckte sie aus dem Traume. Sie verlangte nach ihrem Spiegel. War sie von Angst gequält, nicht schön genug zu sein, um ihren neuen Geliebten zurückzuhalten – denn sie mußte ihn festhalten – nach den tollen Unternehmungen, die sie von ihm verlangt hatte? Oder wollte sie durch die Prüfung jeder ihrer Schönheiten irgend eine Besorgniß zerstreuen und ihr Zutrauen begründen? Sie näherte den Spiegel allen ihren Körpertheilen, den einen nach dem anderen berührend. Sie beurtheilte ihre weiße Hautfarbe, schätzte durch lange Liebkosungen ihre Weichheit, ihre Wärme durch Berührungen. Sie prüfte die Fülle ihrer Brüste, die Festigkeit ihres Bauches, die Enge ihres Leibes. Sie maß ihr Haar und beurtheilte seinen Glanz. Sie versuchte die Stärke ihres Blickes, den Ausdruck ihres Mundes, das Feuer ihres Athems und von dem Rande der Achselhöhle bis zur Falte des Ellenbogens zog sie langsam einen Kuß, längs des nackten Armes. Eine außerordentliche Erregung, zusammengesetzt aus Überraschung und Stolz, aus Sicherheit und Ungeduld, bemächtigte sich ihrer bei der Berührung ihrer eigenen Lippen. Sie drehte sich um sich selbst, als ob sie Etwas suchte, doch als sie auf dem Bette die beiden Ephesierinen erblickte, deren sie vergessen hatte, sprang sie mitten zwischen dieselben, trennte und umarmte sie mit einer Art verliebter Wuth, und ihr langes, goldenes Haar umwallte die drei jungen Köpfe. Zweites Buch I. Die Gärten der Göttin. Der Tempel der Aphrodite-Astarte erhob sich außerhalb der Thore der Stadt, in einem ungeheuern Parke voll Blumen und Schatten, wo das Wasser des Nils, durch sieben Kanäle hergeleitet, zu jeder Jahreszeit ein wunderbares Wachsthum unterhielt. Dieser blühende Wald am Ufer des Meeres, diese tiefen Bäche, diese Seeen und dunkle Wiesen waren in der Wüste mehr als zwei Jahrhunderte vorher durch den ersten Ptolemäer geschaffen worden. Seit jener Zeit waren die auf seinen Befehl gepflanzten Sycomoren riesengroß geworden; unter dem Einflusse der befruchtenden Gewässer waren aus den Rasenplätzen Wiesen geworden, die Wasserbecken hatten sich zu Teichen erweitert; die Natur hatte aus einem Park eine ganze Landschaft gemacht. Die Gärten waren mehr als ein Thal, mehr als ein Land, mehr als eine Heimath. Sie waren eine vollständige Welt, durch steinerne Schranken abgeschlossen und von einer Göttin beherrscht, welche die Seele und der Mittelpunkt dieses Universums war. Rings herum erhob sich eine ringförmige Terrasse, die achtzig Stadien lang und zweiunddreißig Fuß hoch war. Es war keine Mauer, es war eine ungeheuere, aus vierzehnhundert Häusern bestehende Stadt. Eine gleiche Anzahl von Prostituirten bewohnte diese geheiligte Stadt und vereinigte an diesem einzigen Orte siebzig verschiedene Völker. Der Plan dieser geheiligten Häuser war gleichförmig und folgendermaßen beschaffen: die Thür aus rothem Kupfer (das der Göttin geweihte Metall) trug als Klopfhammer einen Phallus, der auf einen Fallkloben, in Relief das Bild des weiblichen Geschlechtstheiles darstellend, schlug; darunter war der Name der Hetäre eingegraben, mit den Anfangsbuchstaben des üblichen Satzes: Ω.Ξ.Ε. ΚΟΧΛΙΣ Π.Π.Π. Zu beiden Seiten der Thür öffneten sich zwei Zimmer in Form eines Ladens, d. h. dem Garten zu ohne Wand. Das rechtsgelegene Zimmer, welches das »ausgesetzte« hieß, war der Ort, wo die geschmückte Hetäre zur Stunde, wo die Männer kamen, auf einem hohen Katheder saß. Das linksgelegene stand den Liebhabern, welche die Nacht unter freien Himmel, ohne jedoch im Grase zu liegen, zubringen wollten, zur Verfügung. Wenn man die Thür öffnete, so führte ein Flur in einen großen, mit Marmor gepflasterten Hof, dessen Mitte ein ovales Wasserbecken einnahm. Ein Säulengang umschattete diesen großen Lichtfleck und schützte durch eine Zone frischer Luft den Zugang zu den sieben Gemächern des Hauses. Im Hintergrunde erhob sich der Altar, aus rosarothem Granit. Alle Frauen hatten aus ihrem Heimathslande ein kleines Bild der Göttin mitgebracht, und nachdem sie dasselbe auf dem häuslichen Altar aufgestellt hatten, beteten sie es, jede in ihrer Sprache an, ohne sich je gegenseitig zu verstehen. Lakmi, Aschtoreth, Venus, Ischtar, Freia, Mylitta, Kypris waren die religiösen Namen ihrer vergöttlichten Wollust. Einige beteten sie unter einer symbolischen Form an: ein rother Uferkiesel, ein kegelförmiger Stein, eine große stachelige Muschel. Die meisten errichteten auf einem Sockel von zartgefärbtem Holze eine plumpe Statuette mit mageren Armen, schweren Brüsten und übertrieben breiten Hüften, welche mit ihrer Hand auf ihren dreieckig gekräuselten Bauch deutete. Zu ihren Füßen legten sie Myrthenzweige nieder; sie bestreuten den Altar mit Rosenblättern, für jeden erhörten Wunsch verbrannten sie einige Körner Weihrauch. Sie war die Vertraute aller ihrer Leiden, die Zeugin aller ihrer Arbeiten, die vermuthete Ursache aller ihrer Freuden. Und wenn die Hetäre starb, legte man das Götzenbild in ihren kleinen, gebrechlichen Sarg, als Hüterin ihres Grabes. Die schönsten dieser Mädchen kamen aus den asiatischen Königreichen. Jedes Jahr setzten die Schiffe, welche nach Alexandrien Geschenke der tributpflichtigen und der verbündeten Völker brachten, mit den Ballen und Schläuchen hundert, von den Priestern für den Dienst der heiligen Gärten ausgewählte Jungfrauen an's Land. Es waren Mysierinen und Jüdinen, Mädchen aus Phrygien und Creta, Ecbatana und Babylon, von den Ufern des Perlengolfes und des heiligen Ganges. Die Einen hatten eine weiße Hautfarbe, mit Medaillengesichtern und unbiegsamen Brüsten, die Anderen waren braun wie die regenbenetzte Erde, trugen Goldringe in den Nasen und schüttelten auf ihren Schultern kurze und dunkle Haare. Andere kamen noch von weiter her: kleine, schwächliche und langsame Geschöpfe, deren Sprache Niemand kannte, und die gelben Affen ähnlich sahen. Ihre Augen zogen sich zu den Schläfen hin; ihre schwarzen und glatten Haare waren seltsam gekämmt. Diese Mädchen blieben ihr ganzes Leben hindurch schüchtern wie verirrte Thiere. Sie kannten die Bewegungen der Liebe, verweigerten aber den Kuß auf den Mund. Zwischen zwei vorübergehenden Verbindungen sah man sie untereinander spielen, auf ihren kleinen Füßen hockend sich kindischen Zerstreuungen hingeben. Auf einer einsamen Wiese lebten die blonden und rosigen Töchter der Völker des Nordens in Heerden auf dem Grase liegend. Es waren Sarmatinen mit dreifachen Zöpfen, kräftigen Beinen, und eckigen Schultern, welche sich aus Baumzweigen Kränze flochten und sich durch Zweikämpfe zerstreuten; stumpfnäsige, großbrüstige und behaarte Skythinen, welche sich nur in der Stellung der Thiere paaren wollten; riesengroße Teutoninen, welche die Ägypter durch ihr bleiches Greisenhaar und ihr weiches Kinderfleisch in Schrecken setzten; Gallierinen, rothhaarig wie Kühe, und ohne Grund lachend; junge Keltinen mit meergrünen Augen, welche niemals nackt ausgingen. An einer anderen Stelle vereinigten sich die braunbrüstigen Iberierinen während des Tages. Sie hatten schwere Haare, welche sie mit Sorgfalt kämmten, und nervige Leiber, die sie nicht enthaarten. Ihre feste Haut und ihre starken Hintertheile waren sehr nach dem Geschmacke der Alexandriner. Man verwundete sie als Tänzerinen eben so oft wie als Beischläferinen. Unter dem breiten Schatten der Palmbäume wohnten die Töchter Afrikas. Die weißverschleierten Numidierinen; die mit schwarzer Gaze bekleideten Karthagerinen, die in buntfarbige Gewänder gehüllten Negerinen. Es waren ihrer vierzehnhundert. Wenn eine Frau dort eingetreten war, so kam sie vor dem ersten Tage ihres Alters nie wieder heraus. Sie gab dem Tempel die Hälfte ihres Gewinnes, das Übrige mußte ihr für Nahrung und Wohlgerüche genügen. Sie waren keine Sklavinen und jede besaß wirklich eines der Häuser der Terrasse; aber nicht alle waren gleichmäßig beliebt und die Glücklicheren kauften oft die Nachbarhäuser, welche ihre Besitzerinen verkaufen mußten, um nicht Hungers zu sterben. Diese brachten dann ihre unzüchtigen Götzen in den Park und machten in irgend einem Winkel, den sie nicht mehr verließen, aus einem flachen Steine ihren Hausaltar. Die ärmeren Kaufleute wußten das und zogen es vor sich an diejenigen zu wenden, welche so im Moose, bei ihrem Heiligthum unter freiem Himmel lagen; aber manchmal blieben auch diese aus und dann vereinigten die armen Mädchen, zwei zu zwei ihr Elend, in leidenschaftlichen Freundschaften, welche fast zur ehelichen Liebe wurden; es war ein Zusammenleben, wo man Alles theilte, bis zum letzten Lappen von Wollstoff, und wo abwechselnde Gefälligkeiten für die langen geschlechtlichen Entbehrungen trösteten. Diejenigen, welche keine Freundin hatten, boten sich als freiwillige Sklavinen ihren begehrteren Gefährtinen an. Es war diesen verboten, mehr als zwölf dieser unglücklichen Mädchen in ihrem Dienste zu haben: zweiundzwanzig Hetären hat es gegeben, welche die höchste Zahl erreichten und sich aus allen Rassen eine bunte Dienerschaft ausgewählt hatten. Wenn es der Zufall wollte, daß eine Hetäre von einem ihrer Geliebten schwanger wurde und einen Sohn zur Welt brachte, wurde dieser innerhalb der Mauern des Tempels in der Betrachtung der vollkommenen Formen und im Dienste der Göttin erzogen. Brachte sie eine Tochter zur Welt, so war diese für die Göttin geboren. An ihrem ersten Lebenstage wurde ihre symbolische Hochzeit mit dem Sohne des Dionysos gefeiert und der Hierophant entjungferte sie mit einem goldenen Messerchen, denn die Jungferschaft mißfällt der Aphrodite. Später trat sie in das Didaskalion ein, ein großes Schulgebäude, das hinter dem Tempel lag. Die kleinen Mädchen lernten dort in sieben Klassen die Theorie und die Methode aller erotischen Künste: den Blick, die Umarmung, die Bewegungen des Körpers, die Verwicklungen der Liebkosung, die Geheimnisse des Bisses, des Zungenspiels und des Kusses. Die Schülerin wählte frei den Tag ihres ersten Versuches, weil das Verlangen ein Gebot der Göttin ist, dem man sich nicht widersetzen soll. An diesem Tage gab man ihr ein Haus auf der Terrasse; und manche dieser Kinder, welche noch nicht einmal mannbar waren, zählten zu den unermüdlichsten und den meistbegehrten. Das Innere des Didaskalion, die sieben Klassen, das kleine Theater und der Säulengang des Hofes waren mit zweiundneunzig Fresken geschmückt, welche die Unterweisung in der Liebe umfaßten. Sie waren das Werk eines ganzen Menschenlebens: Cleochares von Alexandrien, ein natürlicher Sohn und Schüler des Apelles, hatte sterbend die letzte Hand daran gelegt. – In neuester Zeit hatte die Königin Berenike, welche der berühmten Schule viel Interesse zeigte und ihre jüngeren Schwestern dorthin schickte, bei Demetrios eine Reihe von Marmorgruppen bestellt, um die Ausschmückung zu vervollständigen; aber nur eine einzige war bis jetzt in der Kinderklasse aufgestellt worden. Am Ende eines jeden Jahres fand in Gegenwart aller vereinigten Hetären eine große Preisbewerbung statt, welche in dieser Frauenmenge einen außerordentlichen Wetteifer hervorrief; denn die zwölf ausgesetzten Preise berechtigten zum höchsten Ruhme, den sie erträumen konnten: zum Eintritt in das Cotytteion. Dies Gebäude war mit so viel Geheimniß umgeben, daß es heute nicht mehr möglich ist eine genaue Beschreibung davon zu liefern. Wir wissen nur so viel, daß es sich in dem Tempelhofe befand und die Gestalt eines Dreieckes hatte, dessen Basis ein Tempel der Göttin Cotytto war, in deren Namen furchtbare und unbekannte Ausschweifungen vollbracht wurden. Die beiden anderen Seiten des Gebäudes bestanden aus achtzehn Häusern; sechsunddreißig Hetären wohnten da. Sie waren von den reichen Liebhabern so sehr gesucht, daß sie sich nicht für weniger als zwei Minen hingaben. Es waren die Bapten Alexandriens. Einmal im Monat, zur Vollmondszeit, vereinigten sie sich im geschlossenen Tempelshofe, durch aphrodisische Getränke betäubt und angethan mit dem vorgeschriebenen Phallosgürtel. Die älteste der sechsunddreißig mußte eine tödtliche Dosis des furchtbaren Liebestrankes nehmen. Die Gewißheit ihres raschen Todes trieb sie dazu, ohne Schrecken alle gefährlichen Sinnesgenüsse, vor welchen die Lebendigen zurückschrecken, zu wagen. Ihr schäumender Körper wurde der Mittelpunkt und das Vorbild der sie umkreisenden Orgie; unter Heulen und Schreien, Thränen und Tänzen umschlangen sie nackt die anderen Frauen, ihre Haare an ihrem Schweiße nässend, sich an ihre brennende Haut reibend und neue Begierden aus dem ununterbrochenen Kampfe dieses wüthenden Todesringens schöpfend. So lebten drei Jahre hindurch diese Frauen und am Schlusse des sechsunddreißigsten Monats war dies der Wonnerausch ihres Endes. Andere, weniger verehrte Heiligthümer waren durch die Frauen zu Ehren der anderen Namen der vielförmigen Aphrodite errichtet worden. Es gab sogar einen Altar, welcher der Venus Urania geweiht war, wo die sentimentalen Hetären ihre Gelübde darbrachten; ein anderer der Apostrophia, welche die unglückliche Liebe vergessen ließ; ein anderer der Chryseïa, welche die reichen Liebhaber anzog; ein anderer der Genetyllis, welche die schwangeren Mädchen beschützte; ein anderer der Coliade, welche die groben Leidenschaften begünstigte, denn Alles was die Liebe berührte, war für die Göttin ein Gegenstand der Frömmigkeit. Aber die besonderen Altäre hatten Kraft und Wirksamkeit nur in Bezug auf kleinere Wünsche. Man bediente sie von der Hand in den Mund, ihre Gunst war alltäglich und man verkehrte traulich mit ihnen. Die Flehenden, welche erhört worden waren, legten einfache Blumen darauf nieder; diejenigen, welche nicht zufrieden waren, verunreinigten ihn mit ihren Exkrementen. Sie waren durch die Priester weder geheiligt, noch unterhalten, deßhalb war ihre Schändung nicht strafbar. Ganz anders war die Zucht im Tempel. Der Tempel, der große Tempel der großen Göttin, der heiligste Ort in ganz Aegypten, das unverletzliche Astarteïon, war ein ungeheueres Gebäude von dreihundertsechsunddreißig Fuß Länge, das auf siebzehn Stufen am höchsten Punkte der Gärten errichtet war. Seine goldenen Thore waren von zwölf hermaphroditischen Hierodulen bewacht, welche die beiden Gegenstände der Liebe und die zwölf Stunden der Nacht symbolisirten. Der Eingang war nicht gegen Sonnenaufgang gewendet, sondern in die Richtung von Paphos, gegen Nordwesten; niemals drangen die Sonnenstrahlen unmittelbar in das Heiligthum der großen nächtlichen Unsterblichen. Sechsundachtzig Säulen stützten das Architrav; sie waren bis zur halben Höhe purpurn gefärbt und der ganze obere Theil hob sich in einem blendenden Weiß von dieser rothen Bekleidung ab, den Leibern aufrecht stehender Frauen gleichend. Zwischen dem Giebel und dem Gesims entrollte gürtelförmig ein langes Thierbild seine thierisch-erotischen und fabelhaften Ausschmückungen. Man sah darauf von Hengsten besprungene Centaurinen, von mageren Satyren gedeckte Ziegen, von ungeheuren Stieren begattete Jungfrauen, von Hirschen belegte Naiaden, von Tigern geliebte Bacchantinen, von Greifen umarmte Löwinen. So stürzte die große Menge der Geschöpfe auf einander los, von einer unwiderstehlichen göttlichen Gier getrieben. Das Männchen streckte sich vor, das Weibchen öffnete sich, und in der Mischung der schöpferischen Quellen erwachte der erste Schauder des Lebens. Die Menge der unbekannten Paare rückte manchmal vor einer unsterblichen Scene zurück: Europa vorgebeugt das schöne olympische Thier ertragend; Leda den kräftigen Schwan zwischen ihren gebogenen Schenkeln lenkend. Weiter erschöpfte die unersättliche Sirene den ersterbenden Glaucos; der Gott Pan begattete stehend eine Hamadryade mit fliegenden Haaren; die Sphinx erhob ihren Hinterkörper zur Höhe des Rosses Pegasus, und, am äußersten Ende des Frieses hatte der Bildhauer sich selbst vor der Göttin Aphrodite nachgebildet, nach ihr in weiches Wachs die Falten eines vollkommenen Kteïs modellirend, als ob sein ganzes Ideal von Schönheit, Freude und Tugend seit Langem in dieser kostbaren und gebrechlichen Blume Zuflucht gesucht hätte. II. Melitta. »Reinige Dich, Fremdling.« – Ich werde rein eintreten, sagte Demetrios. Die junge Thürhüterin tauchte das Ende ihres Haares in das Wasser, benetzte ihm zuerst die Augenlider, dann die Lippen und die Finger, damit sein Blick geheiliget sei, so wie der Kuß seines Mundes und die Liebkosungen seiner Hände. Und er schritt im Haine der Aphrodite weiter. Durch die schwarz gewordenen Zweige bemerkte er die untergehende dunkel-purpurne Sonne, welche die Augen nicht mehr blendete. Es war am Abend des Tages, wo die Begegnung Chrysis sein Leben aus seiner Richtung gebracht hatte. Die weibliche Seele ist von einer Einfachheit, an welche die Männer nicht glauben können. Wo nur eine gerade Linie ist, suchen sie hartnäckig ein verwickeltes Gewebe: sie finden die Leere, und verlieren sich darin. So schien Chrysis' Seele, klar wie diejenige eines kleinen Kindes, Demetrios geheimnißvoller als ein metaphysisches Problem. Als er dieses Weib auf dem Strande verlassen hatte, ging er, wie in einem Traume nach Hause, unfähig alle die Fragen, die auf ihn einstürmten, zu beantworten. Was wollte sie mit diesen drei Geschenken anfangen? Es war ihr unmöglich einen berühmten gestohlenen Spiegel, den Kamm einer ermordeten Frau, das Perlenhalsband der Göttin zu tragen, noch auch sie zu verkaufen. Wenn sie diese Gegenstände bei sich zu Hause behielte, würde sie sich jeden Tag einer verhängnißvollen Entdeckung aussetzen. Warum verlangte sie dann darnach? um sie zu zerstören? Er wußte zu gut, daß die Frauen an geheimnen Dingen keine Freude haben und daß glückliche Ereignisse erst am Tage wo sie bekannt werden, anfangen sie zu erfreuen. Und dann, wie hatte sie errathen und durch welche tiefe Scharfsichtigkeit beurtheilen können, daß er im Stande wäre für sie drei so außerordentliche Thaten zu vollbringen? Gewiß, wenn er es gewollt hatte, wäre Chrysis, aus ihrem Hause entführt, seiner Laune preisgegeben, seine Geliebte, seine Gattin, oder seine Sklavin geworden, ganz nach seiner Wahl. Er hätte sogar die Freiheit gehabt sie einfach aus dem Wege zu schaffen. Frühere Revolutionen hatten die Bürger an den Anblick der gewaltsamen Tödtungen gewöhnt und Niemand hätte sich um eine verschwundene Hetäre gekümmert. Chrysis mußte es wissen, und doch hatte sie gewagt ... Je mehr er an sie dachte, desto mehr war er ihr dankbar, in die Besprechung der Vorschläge so hübsche Mannigfaltigkeit gebracht zu haben. Wie viele Weiber, die ihr gleichkamen, hatten sich ungeschickt dargeboten! Was verlangte diese! Weder Liebe, noch Geld, noch Kleinodien, aber drei unwahrscheinliche Verbrechen. Sie interessirte ihn lebhaft. Er hatte ihr alle Schätze Aegyptens angeboten; jetzt fühlte er wohl, daß, wenn sie dieselben angenommen hätte, sie keine zwei Obolen erhalten hätte und daß er ihrer überdrüssig geworden, wäre, noch bevor er sie gekannt hätte. Drei Verbrechen waren sicherlich eine ungewohnte Entlohnung; aber sie war werth eine solche zu empfangen, da sie das Weib war sie zu fordern; und er war entschlossen das Abenteuer fortzusetzen. Um sich keine Zeit zu lassen, von seinen festen Entschlüssen abzukommen, ging er noch an demselben Tage zu Bacchis, fand das Haus leer, nahm den Silberspiegel und wandte seine Schritte nach dem Garten. Sollte er sich sogleich in das Haus des zweiten Opfers begeben? Er dachte anders. Die Priesterin Touni, welche im Besitze des berühmten Elfenbeinkammes war, war so reizend und so schwach, daß er Angst hatte sich erweichen zu lassen, wenn er sich so, ohne jede Vorsicht zu ihr begab. Er kehrte um und ging die große Terrasse entlang. Wie Blumen in den Schaufenstern, so saßen die Hetären in ihren »ausgesetzten Zimmern« zur Schau. Haltung und Kleidung waren bei ihnen nicht weniger verschieden als Alter, Typus und Rasse. Die Schönsten ließen, nach der Tradition der Phryne, nur das Oval ihrer Gesichter unbedeckt und saßen, von den Haaren bis zu den Zehen, in ein langes Kleid aus seiner Wolle eingehüllt da. Andere hatten die Mode der durchsichtigen Kleider angenommen, unter welchen man undeutlich ihre Schönheiten erblickte, wie man unter einem klaren Wasser die grünen Moose als schattige Flecke auf dem Grunde unterscheidet. Diejenigen, welche als einzigen Reiz nur ihre Jugend besaßen, blieben bis zum Gürtel nackt und streckten ihren Körper vor, damit man die Festigkeit ihrer Brüste beurtheilen könne. Die Reiferen, im Bewußtsein, daß des Weibes Gesichtszüge schneller altern als die Haut des Körpers, saßen nackt da, ihre Brüste mit den Händen stützend, und sie spreizten ihre schwerfällig gewordenen Schenkel aus, als ob sie beweisen wollten, daß sie noch Weiber wären. Demetrios ging sehr langsam an ihnen vorüber und ward nicht müde zu bewundern. Niemals hatte er die Nacktheit eines Weibes ohne heftige Gemüthsbewegung sehen können. Er begriff weder den Ekel vor der verschwundenen Jugend, nach die Unempfindlichkeit vor den all zu jungen Mädchen. An diesem Abend hätte ihn jede Frau reizen können. Wenn sie nur schweigsam blieb und nicht mehr Feuer bezeugte als das Minimum, das die Höflichkeit des Bettes verlangte, erließ er ihr schön zu sein. Im Gegentheil: bei ihnen war ihm ein plumper Körper lieber; denn je mehr sein Gedanke bei vollkommenen Formen verweilte, desto mehr entfernte sich sein Verlangen von ihnen. Die Unruhe, welche der Eindruck der lebenden Schönheit ihm verursachte, war von einer so ausschließlich geistigen Sinnlichkeit, daß sie die geschlechtliche Erregung vernichtete. Er erinnerte sich voll Angst eine ganze Stunde lang bei dem herrlichsten Weibe, das er jemals in seinen Armen gehalten, unvermögend wie ein Greis geblieben zu sein. Und seit jener Nacht hatte er gelernt weniger wählerisch zu sein. »Freund, sagte eine Stimme, erkennst Du mich nicht wieder?« Er wandte sich um, verneinte mit einem Winke und ging seines Weges, denn er entkleidete niemals dasselbe Mädchen zweimal. Es war der einzige Grundsatz, dem er, während seiner Besuche in den Gärten, folgte. Ein Weib, das man noch nicht besessen, hat etwas Jungfräuliches; aber welchen guten Erfolg, welche Ueberraschung konnte man von einer zweiten Begegnung erwarten? Das hieße schon fast heirathen. Demetrios setzte sich nie den Enttäuschungen der zweiten Nacht aus. Die Königin Berenike genügte seinen seltenen ehelichen Anwandlungen und, außer ihr, trug er Sorge jeden Abend die Theilnehmerinen seines unvermeidlichen Ehebruchs zu erneuern. »Klonarion!« – Gnathene! – Plango! – Mnaïs! – Krôbyle! – Joessa! Während er vorbeiging, riefen sie ihre Namen, und einige setzten die Versicherung ihres feurigen Temperamentes oder das Angebot eines abnormen Verfahrens hinzu. Demetrios folgte dem Wege; er schickte sich eben an, nach seiner Gewohnheit aufs Gerathewohl im Haufen zu wählen, als ein blau gekleidetes Mädchen, den Kopf auf die Schulter neigend, ihm leise, ohne sich zu erheben, sagte: »Wäre es nicht möglich?« Diese unerwartete Wendung entriß ihm ein Lächeln. Er blieb stehen. »Oeffne mir die Thür, sagte er. Ich wähle Dich.« Die Kleine sprang mit einer freudigen Bewegung auf ihre Füße und klopfte zweimal mit dem Phallos-Hammer. Eine alte Sklavin öffnete. »Gorgo, sagte die Kleine, ich habe Jemanden; schnell Kretenser-Wein, Kuchen, und richte das Bett her.« Dann wandte sie sich an Demetrios. »Brauchst Du kein Satyrion?« – Nein, sagte der junge Mann lachend. Hast Du denn welches? – Ich muß wohl, antwortete das Kind, man begehrt es öfter als Du glaubst. Komm hier herüber; gieb auf die Stufen Acht, eine derselben ist abgenützt. Tritt in mein Gemach, ich komme sogleich zurück. Das Gemach war ganz einfach, wie dasjenige der neuen Hetären. Ein großes Bett, ein zweites Ruhelager, einige Teppiche und einige Sitze bildeten die spärliche Einrichtung; aber durch eine weite Fensteröffnung sah man die Gärten, das Meer, die doppelte Rhede Alexandriens. Demetrios blieb stehen und betrachtete die ferne Stadt. Oh, Sonnenuntergang hinter den Häfen! unvergleichlicher Ruhm der Seestädte, Ruhe des Himmels, Purpurfarbe der Gewässer: auf welche Seele – mag Schmerz oder Freude sie schwellen – würdet ihr nicht Ruhe ausgießen! Welche Schritte haben nicht vor euch stille gestanden, welche Wollust wurde nicht unterbrochen, welche Stimme nicht stumm gemacht ... Demetrios blickte hinaus: eine strömende Flammenwelle schien aus der halb in die See getauchten Sonne zu kommen und unmittelbar bis an den abgerundeten Rand des Haines der Aphrodite zu fließen. Von einem Horizonte zum anderen war das Mittelmeer von einer herrlichen Stufenleiter der Purpurfarbe überzogen. Es waren Farbenzonen ohne Übergang, von einem goldigen Roth bis zu einem kalten Violett. Zwischen diesem beweglichen Glanze und dem torfhaltigen See von Mareotis war die weiße Masse der Stadt ganz von violett-rothen Farbenreflexen übergossen. Die zwanzigtausend flachen, nach allen Richtungen orientirten Häuser sprenkelten sie wunderbar mit zwanzigtausend Farbenflecken, welche je nach den Phasen des Sonnenuntergangs beständig wechselten. Einige Augenblicke stand der Himmel in Flammen, dann verschwand die Sonne fast plötzlich und die erste Fluth der Nacht wehte über die ganze Erde einen Schauder, in einem leichten, einförmigen und durchsichtigem Luftzuge. »Hier sind Feigen, Kuchen, Honigwaben, Wein und ein Weib. Man muß die Feigen genießen, so lange es Tag ist und das Weib, wenn man nicht mehr hell sieht.« Es war die Kleine, welche lachend eintrat. Sie hieß den jungen Mann Platz nehmen, setzte sich rittlings auf seine Kniee und mit den beiden Händen nach ihrem Kopfe greifend, befestigte sie in ihrem kastanienbraunen Haare eine Rose, die nicht halten wollte. Demetrios konnte einen Ausruf der Überraschung nicht unterdrücken: sie war vollständig nackt; des bauschigen Kleides entledigt, zeigte sich ihr kleiner Körper so jung, mit einer so kindlichen Brust und so schmalen Hüften, so sichtlich unreif, daß Demetrios von Mitleiden ergriffen wurde, wie ein Reiter, der im Begriffe steht, sein ganzes Mannesgewicht einem allzuschwachen Füllen aufzubürden. »Aber Du bist noch kein Weib!« rief er. – Ich bin noch kein Weib! Bei den beiden Göttinen, was bin ich dann? ein Thrazier, ein Packträger oder ein alter Philosoph? – Wie alt bist Du? – Zehn ein halb. Elf Jahre. Man kann elf Jahre sagen. Ich bin im Garten geboren worden. Meine Mutter ist aus Milet. Es ist Pythias, welche man »die Ziege« nennt. Willst Du, daß ich sie holen lasse, wenn Du mich zu jung findest? Sie hat eine zarte Haut, meine Mutter, sie ist schön. – Warst Du im Didaskalion? – Ich bin noch darin, in der sechsten Klasse. Nächstes Jahr werde ich fertig. Es wird nicht zu früh sein. – Langweilst Du Dich dort? – Ach! Wenn Du wüßtest, wie die Lehrerinen streng sind: Sie lassen fünfundzwanzig Mal die selbe Lektion von Neuem beginnen! ganz unnöthige Sachen, welche die Männer nie verlangen. Und dann ermüdet man sich auch umsonst; das liebe ich nicht. Da, nimm eine Feige. Nicht diese, sie ist nicht reif. Ich werde Dich eine neue Art sie zu essen lehren. Schau mir zu. – Ich kenne sie. Das dauert länger und ist nicht besser. Ich sehe, daß Du eine gute Schülerin bist. – Oh! was ich weiß, habe ich, allein gelernt. Die Lehrerinen möchten glauben machen, daß sie mehr wissen als wir. Es ist möglich, daß sie mehr Fertigkeit haben, aber sie haben nichts erfunden. – Hast Du viele Liebhaber gehabt? – Sie sind alle zu alt; das ist unvermeidlich. Die jungen Leute sind so dumm. Sie lieben nur die Frauen, die vierzig Jahre alt sind. Ich sehe manchmal solche vorbeigehen, die so schön sind wie Eros, und wenn Du nur sehen könntest, was sie wählen! wahre Nilpferde. Es ist zum Erbleichen. Ich hoffe wohl nicht so lange zu leben, bis ich das Alter dieser Frauen erreicht habe. Ich würde mich zu sehr schämen mich zu entkleiden. Ich bin so froh, so froh, noch ganz jung zu sein! Die Brüste wachsen immer früh genug. Es scheint mir, daß ich im ersten Monat, wo ich mein Blut fließen sehe, mich schon fast dem Tode nahe glauben werde. Laß mich Dir einen Kuß geben. Ich habe Dich sehr lieb. Hier nahm das Gespräch eine Wendung, welche weniger ernst, wenn auch nicht stiller war und Demetrios bemerkte bald, daß seine Bedenken bei einem schon so gut unterrichteten Geschöpfchen nicht am Platze waren. Sie schien sich klar zu sein, daß sie für die Begierden eines jungen Mannes nur eine sehr magere Kost sei und sie brachte den Geliebten durch eine wunderbare Behendigkeit in den Berührungen, die er weder voraussehen, noch gestatten, noch lenken konnte, in Verwirrung, ohne ihm die Ruhe einer liebenden Umarmung zu gönnen. Der kleine, flinke und feste Körper vervielfältigte sich um ihn herum, sich abwechselnd gebend und verweigernd, gleitend, drehend und kämpfend. Endlich ergriffen sie sich. Aber diese halbe Stunde war nur ein langes Spiel. Sie sprang zuerst von dem Lager, tauchte ihren Finger in eine Honigschale und bestrich sich damit die Lippen. Dann beugte sie sich, alle Anstrengung machend um nicht zu lachen, zu Demetrios hernieder und rieb ihren Mund an den seinen. Ihre runden Locken tanzten zu beiden Seiten ihrer Wangen. Der Jüngling lächelte und stützte sich auf seinen Arm. »Wie heißest Du?« sagte er. – Melitta. Hast Du meinen Namen nicht auf der Thür gesehen? – Ich achtete nicht darauf. – Du konntest ihn in meinem Gemache sehen. Sie haben ihn alle auf meine Wände geschrieben. Ich werde bald gezwungen sein sie neu tünchen zu lassen. Demetrios hob den Kopf in die Höhe: die vier Seiten des Raumes waren mit Inschriften bedeckt. »Schau, schau, das ist seltsam, sagte er, darf man lesen?« – Oh! wenn Du willst. Ich habe kein Geheimniß. Er begann zu lesen. Melitta's Name stand da, mehrere Male wiederholt, neben Männernamen und barbarischen Zeichnungen. Zärtliche, unzüchtige oder komische Sätze durchkreuzten sich auf seltsame Weise. Liebhaber rühmten sich ihrer Stärke oder zählten einzeln die Reize der kleinen Hetäre auf, oder machten sich über ihre guten Freundinen lustig. Dies alles war nur als geschriebenes Zeugniß einer allgemeinen Verworfenheit interessant. Doch am Ende der rechten Wand angelangt fuhr Demetrios in die Höhe. »Wer ist das? Was ist das? Sage es mir!« – Aber wer? was? wo? sagte das Kind. Was hast Du? – Hier. Dieser Name. Wer hat das geschrieben? Und sein Finger hielt unter dieser doppelten Zeile inne: ΜΕΛΙΤΤΑ Λ. ΧΡΥΣΙΛΑ ΧΡΥΣΙΣ .Λ. ΜΕΛΙΤΤΗΝ »Ach! antwortete das Mädchen, das bin ich. Das habe ich geschrieben.« – Aber wer ist diese Chrysis? – Es ist meine liebe Freundin. – Ich vermuthe es wohl. Das frage ich Dich nicht. Welche Chrysis? Es giebt deren viele. – Die meinige, es ist die schönste. Chrysis aus Galilaea. – Du kennst sie Du kennst sie! Aber erzähle mir doch! Woher kommt sie? wo wohnt sie? wer ist ihr Geliebter? sage mir Alles! Er setzte sich auf das Ruhelager und nahm die Kleine auf seine Kniee. »Bist Du denn verliebt?« sagte sie. – Was liegt daran? Erzähle mir was Du weißt, ich muß Alles erfahren. – Oh! ich weiß gar nichts. Es ist sehr wenig. Sie ist zwei Mal zu mir gekommen und Du denkst wohl, daß ich sie nicht nach ihrer Familie gefragt habe. Ich war zu glücklich sie zu besitzen und ich habe keine Zeit mit Reden verloren. – Wie ist sie gebaut? – Sie ist wie alle schönen Mädchen gebaut, was soll ich Dir mehr sagen? Soll ich Dir jeden ihrer Körpertheile nennen und hinzufügen, daß alles schön sei? Und dann: sie ist ein Weib, ein rechtes Weib ... Wenn ich an sie denke, habe ich gleich nach Jemandem Verlangen. Und sie faßte Demetrios am Halse. »Du weißt nichts, begann er von Neuem, nichts, nichts über sie?« – Ich weiß ... ich weiß, daß sie aus Galilaea kommt, daß sie fast zwanzig Jahre alt ist, und daß sie im Judenviertel, im Osten der Stadt, bei den Gärten wohnt. Aber das ist Alles. – Und was ihr Leben, ihre Neigungen betrifft? kannst Du mir nichts sagen? Sie liebt die Weiber, sonst käme sie nicht zu Dir. Aber ist sie denn ganz Lesbierin? – Gewiß nicht. In der ersten Nacht, die sie hier zubrachte, hatte sie einen Geliebten mit und ich schwöre Dir, daß sie sich nicht verstellte. Wenn ein Weib aufrichtig ist, sehe ich es an seinen Augen. Das hat sie nicht verhindert, ein anderes Mal allein zu kommen ... und sie hat mir eine dritte Nacht versprochen. – Hat sie Deines Wissens keine andere Freundin in den Gärten? Niemanden? – Doch, ein Weib aus ihrer Heimath, Chimairis, eine Arme. – Wo wohnt sie? Ich muß sie sehen! – Sie liegt seit einem Jahre im Gehölz. Sie hat ihr Haus verkauft, aber ich weiß wo ihr Nest ist. Ich kann Dich dort hinführen, wenn Du es wünschest. Gib mir meine Sandalen, willst Du? Demetrios knüpfte mit schneller Hand die Lederriemen, welche die zarten Knöchel Melittas umgaben. Dann reichte er ihr ihr kurzes Kleid, das sie einfach unter den Arm nahm und sie gingen schnell hinaus. Sie machten einen langen Weg. Der Park war unendlich groß. Dann und wann sagte ein Mädchen, das unter einem Baume lag, seinen Namen, wobei es das Kleid öffnete; dann legte sie sich wieder nieder, die Hände vor den Augen. Melitta kannte einige der Mädchen; sie küßten sie, ohne sie aufzuhalten. Als sie vor einem verwitterten Altar vorbeikamen, pflückte sie drei große Blumen im Grase und legte sie auf den Stein. Die Nacht war noch nicht ganz dunkel. Das intensive Licht der Sommertage hat etwas Dauerhaftes, das gleichsam in der langsamen Abenddämmerung verharrt. Die schwachen und feuchten Sterne, kaum heller als der Grund des Himmels, blinzelten in sanften Zuckungen, und die Schatten der Zweige blieben undeutlich. »Schau,« sagte Melitta, »da kommt meine Mutter!« Eine mit dreifachem, blau gestreiftem Musselinestoffe bekleidete Frau kam allein, langsamen Schrittes auf sie zu. Als sie das Kind bemerkte, lief sie ihm entgegen, hob es von der Erde, nahm es in seine Arme und küßte es lebhaft auf die Wangen. »Mein Mädchen! mein kleiner Schatz, wo gehst Du hin?« – Ich führe Jemanden, der Chimairis sehen will. Und Du? Gehst Du spazieren? – Corinna ist Mutter geworden. Ich bin zu ihr gegangen; ich habe an ihrem Bette zu Mittag gegessen. – Und was hat sie zur Welt gebracht? einen Knaben? – Zwei Mädchen, mein Liebchen, sie sind rosig wie Wachspuppen. Du kannst diese Nacht hingehen. Sie wird sie Dir zeigen. – Oh! wie hübsch das ist! Zwei kleine Hetären. Wie hat man sie genannt? – Alle beide Pannychis, weil sie am Tage vor den aphrodisischen Festen geboren wurden. Es ist ein gutes Vorzeichen. Sie werden einmal hübsch sein. Sie stellte das Kind wieder auf die Erde und fragte, zu Demetrios gewendet: »Wie findest Du meine Tochter? Hab' ich das Recht auf sie stolz zu sein?« – Ihr könnt mit einander zufrieden sein, sagte er ruhig. – Küsse die Mutter, sagte Melitta. Stillschweigend küßte er sie zwischen die Brüste. Pythias erwiderte den Kuß auf den Mund und sie trennten sich. Demetrios und das Kind machten noch einige Schritte unter den Bäumen, während die Hetäre zurückblickend sich entfernte. Endlich kamen sie an und Melitta sagte: »Hier ist es.« Chimairis saß auf der linken Ferse zusammengekauert, in einem kleinen, mit Rasen bedeckten Raume zwischen einem Baum und einem Busch. Unter ihr hatte sie einen rothen Lappen ausgebreitet. Es war während des Tages ihr letztes Kleidungsstück und nackt lag sie darauf zur Stunde, wo die Männer vorbeigehen. Demetrios betrachtete sie mit wachsendem Interesse. Sie hatte jenes fieberhafte Aussehen mancher abgemagerten braunen Frauen, deren fahler Körper von einer unaufhörlichen Gluth verzehrt zu sein scheint. Ihre muskulösen Lippen, ihr ausdrucksvoller Blick, ihre bleichen, breiten Augenlider bildeten einen doppelten Ausdruck von sinnlichem Begehren und Erschöpfung. Die Biegung ihres hohlen Bauches und ihrer nervigen Schenkel höhlten sich von selbst wie zum Empfangen; und da Chimairis alles verkauft hatte, selbst ihre Kämme und ihre Nadeln, und sogar ihre Enthaarungszangen, hatte sich ihr Haar zu einem Wirrsal vermengt, wahrend ihre schwarzen Schamhaare ihrer Nacktheit etwas Wildes, Unzüchtiges und Zottiges gaben. Neben ihr stand ein großer Bock auf seinen steifen Beinen, mittelst einer goldenen Kette, die früher in vier Reihen auf der Brust seiner Herrin geglänzt hatte, an einen Baum gebunden. »Chimairis, sagte Melitta, stehe auf. Da ist Jemand, der mit Dir sprechen will.« Die Jüdin schaute auf, rührte sich aber nicht. Demetrios trat vor. »Du kennst Chrysis?« sagte er. – Ja. – Du siehst sie oft? – Ja. – Kannst Du mir von ihr erzählen? – Nein. – Wieso, nein? Warum kannst Du nicht? – Nein. Melitta war ganz erstaunt. »Sprich mit ihm, sagte sie. Habe Zutrauen. Er liebt sie: er will nur ihr Wohl. – Ich sehe deutlich, daß er sie liebt, antwortete Chimairis. Wenn er sie liebt, will er ihr Böses anthun. Wenn er sie liebt, werde ich nicht sprechen. Demetrios bebte vor Wuth, doch er schwieg. »Gieb mir Deine Hand, sagte die Jüdin zu ihm. Da werde ich sehen, ob ich mich getäuscht habe.« Sie nahm die linke Hand des jungen Mannes und drehte sie dem Mondscheine zu. Melitta bückte sich um zu sehen, obwohl sie in den geheimnißvollen Linien nicht lesen konnte; aber das Verhängnißvolle derselben zog sie an. – Was siehst Du? fragte Demetrios. – Ich sehe ... kann ich sagen was ich sehe? wirst Du mir dafür danken? Wirst Du mir auch nur glauben? Ich sehe zuerst alles Glück; aber es ist in der Vergangenheit. Ich sehe auch alle Liebe, aber sie verliert sich im Blute ... – Das meinige? – Das Blut eines Weibes. Und dann das Blut eines anderen Weibes. Und dann das Deine etwas später. Demetrios zuckte mit den Achseln. Als er sich umdrehte, sah er Melitta in der Allee auf und davon laufen. »Sie hat Angst bekommen,« sagte Chimairis. »Es handelt sich doch weder um sie, noch um mich. Laß die Dinge gehen, da man doch nichts dagegen thun kann. Lange vor Deiner Geburt war Dein Schicksal bestimmt. Gehe! Ich werde nicht mehr sprechen.« Und sie ließ die Hand sinken. III. Bedenken. »Das Blut eines Weibes. Dann das Blut eines andern Weibes. Dann das Deine; aber etwas später.« Während er weiter ging, wiederholte sich Demetrios diese Worte, und unwillkürlich fühlte er sich von dem Glauben daran verfolgt. Er hatte zu Orakeln, welche man aus den Körpern von Opferthieren oder der Bewegung der Planeten schöpfte, niemals Zutrauen gehabt. Solche Verwandtschaften schienen ihm zu problematisch. Aber die verwickelten Linien der Hand haben schon an und für sich das Aussehen eines ausschließlich persönlichen Horoskops, das er nicht ohne Unruhe betrachtete. Darum blieb auch die Weissagung der Chiromantin in seinem Gedächtnisse. Nun prüfte er selbst seine linke Handfläche, wo sein Leben in geheimen und unauslöschlichen Zeichen zusammengefaßt war. Er sah zuerst oben eine Art regelmäßig gezeichneter Sichel, deren Spitzen nach der Wurzel der Finger gerichtet waren, darunter war eine vierfache, knotige und rosige Linie gegraben, welche an zwei Stellen durch sehr rothe Punkte bezeichnet war. Eine andere dünnere Linie senkte sich zuerst parallel und lenkte dann plötzlich dem Handgelenke zu ab. Endlich zog sich eine dritte, kurz und rein, um die Basis des Daumens, welche ganz mit feinen Linien bedeckt war. – Er sah dies Alles, aber da er den darin verborgenen Sinn nicht deuten konnte, strich er mit der Hand über die Augen und änderte den Gegenstand seiner Gedanken. Chrysis, Chrysis, Chrysis. Dieser Name brannte in ihm wie ein Fieber. Sie befriedigen, sie erobern, sie in seine Arme schließen, mit ihr fliehen, irgendwohin, nach Syrien, nach Griechenland, nach Rom, wohin immer, nur an einen Ort wo er keine Geliebte, und sie keinen Geliebten haben würde: das mußte geschehen, und sofort, sofort! Von den drei Geschenken, die sie von ihm verlangt hatte, war eines schon genommen. Es blieben noch die beiden anderen übrig: der Kamm und das Halsband. »Den Kamm zuerst.« dachte er. Und eiligen Schrittes ging er weiter. Jeden Abend, nach Sonnenuntergang, setzte sich die Gattin des Hohenpriesters auf eine an den Waldrand gelehnte Marmorbank, von wo man das ganze Meer sehen konnte. Demetrios wußte das, denn, wie so viele andere, war auch dieses Weib in ihn verliebt gewesen und sie hatte ihm einmal gesagt, daß er an dem Tage, wo er sie haben wollte, sie hier nehmen könnte. Er begab sich denn dorthin. Sie war in der That an diesem Platze, aber sie sah ihn nicht herannahen; sie saß mit geschlossenen Augen da, den Körper auf die Lehne zurückgebogen, mit lässig herabhängenden Armen. Es war eine Aegypterin und hieß Touni. Sie trug ein leichtes Kleid aus feinem Purpurstoffe ohne Spangen und ohne Gürtel und ohne andere Stickereien, als zwei schwarze Sterne, um ihre Brustwarzen zu bezeichnen. Der dünne, in Falten gelegte Stoff reichte bis zu den zarten Kugeln ihrer Kniee und blaue Lederschuhe bekleideten ihre runden Füßchen. Ihre Haut war stark gebräunt, ihre Lippen sehr voll, ihre Schultern sehr zart, ihre dünne und geschmeidige Taille schien durch das Gewicht ihres vollen Busens ermüdet. Sie schlief mit offenen Augen und träumte leicht. Demetrios beugte sich geräuschlos auf sie nieder. Er athmete einige Zeit den exotischen Geruch ihrer Haare ein; dann zog er eine der beiden langen Goldnadeln, welche oberhalb ihrer Ohren glänzten und tauchte sie, mit einem raschen Ruck, unterhalb der linken Brust in ihren Körper. Und doch hätte ihm diese Frau ihren Kamm, und selbst noch ihre Haare aus Liebe hingegeben. Wenn er ihn nicht von ihr verlangte, so war es rein aus Bedenken. Chrysis hatte deutlich ein Verbrechen verlangt und nicht diesen oder jenen alten Schmuck, der im Haar irgend einer jungen Frau stack. Deßhalb hielt er es für seine Pflicht, einiges Blut zu vergießen. Er hätte auch noch in Betracht ziehen können, daß die Schwüre, welche man den Frauen bei Liebesanfällen leistet, in der Zwischenzeit ohne großen moralischen Schaden für den Liebhaber wieder vergessen werden können, und daß, wenn sich je eine unwillkürliche Vergeßlichkeit verzeihen ließ, es sicherlich bei einer Gelegenheit war, wo das Leben einer anderen, sicher unschuldigen Frau in der Wagschale lag. Aber Demetrios hielt sich bei diesen Einwendungen nicht auf. Das Abenteuer, das er verfolgte, erschien ihm wahrhaftig zu sonderbar, um die aufregenden Zwischenfälle desselben bei Seite zu schaffen. Er fürchtete, später zu bereuen aus dem Ränkespiel eine kurze, aber für die Schönheit des Ganzen nöthige Szene gestrichen zu haben. Oft bedarf es nur einer tugendhaften Anwandlung, um eine Tragödie zur Gewöhnlichkeit des Alltagslebens herabzudrücken. Kassandra's Tod, dachte er bei sich selbst, ist zur Entwickelung des Agamemnon nicht unentbehrlich, aber wenn er nicht stattfände, wäre die ganze Orestes-Legende verdorben. Deßhalb verbarg er in seinem Kleide, nachdem er Touni's Haar abgeschnitten hatte, den verzierten Elfenbeinkamm, und ohne weiteres Bedenken unternahm er die dritte, von Chrysis befohlene Arbeit: die Aneignung von Aphroditen's Halsband. Es war nicht daran zu denken, durch das große Thor in den Tempel einzutreten. Die zwölf Hermaphroditen, welche den Eingang bewachten, hätten wahrscheinlich trotz des Verbotes, das alle Laien in Abwesenheit der Priester fernhielt, Demetrios eingelassen; es war aber ganz unnöthig, so naiv seine zukünftige Schuld zu beweisen, denn es gab einen geheimen Eingang, welcher zum Heiligthum führte. Demetrios begab sich in einen öden Theil des Waldes, wo sich die Grabstätte der Hohenpriester der Göttin befand. Er zählte die ersten Gräber, ließ die Thür des siebenten in ihren Angeln sich drehen und schloß sie hinter sich. Mit großer Schwierigkeit hob er die Grabplatte, denn der Stein war schwer; darunter führte eine Marmortreppe in die Tiefe; Stufe für Stufe stieg er hinab. Er wußte, daß man sechzig Schritte in gerader Linie machen konnte, und daß man dann tastend der Wand folgen mußte, um nicht an die unterirdische Treppe des Tempels zu stoßen. Die große Kühle der tiefen Erde beruhigte ihn nach und nach. In wenigen Augenblicken kam er an das Ziel. Er stieg hinauf und öffnete. IV. Mondschein. Draußen war die Nacht klar und in den heiligen Räumen war es ganz dunkel. Als er behutsam und leise die allzu geräuschvolle Thür geschlossen hatte, fühlte er sich von einem Schauder erfüllt und gleichsam von der Kälte des Steines umgeben. Er wagte es nicht die Augen in die Höhe zu heben. Dieses finstere Schweigen erschreckte ihn; das Dunkel war wie mit etwas Unbekanntem bevölkert. Er legte die Hand an die Stirne, wie ein Mann, der nicht erwachen will, aus Angst sich lebendig wiederzufinden. Endlich schaute er auf. Im vollen Lichte des Mondes erschien die Göttin auf einem rosarothen Steinpostamente mit umhängenden Kleinodien beladen. Sie war nackt und geschlechtlich, den Farben der Frau gemäß leicht gefärbt; sie hielt in der einen Hand ihren Spiegel, dessen Griff ein Priapusglied war; die andere Hand schmückte ihre Schönheit mit einem Halsband aus sieben Reihen Perlen. Eine Perle, größer als die anderen, silberschimmernd und von länglicher Form, glänzte zwischen den beiden Brüsten, wie eine nächtliche Mondsichel zwischen zwei runden Wolken. Und es waren echte, heilige Perlen, geboren aus einem Wassertropfen, der in der Muschelschale der Anadyomene gerollt hatte. Demetrios verlor sich in eine unaussprechliche Anbetung. Er glaubte wahrhaftig, daß Aphrodite selbst vor ihm stehe. Er erkannte sein Werk nicht wieder, so tief war der Abgrund zwischen dem, was es früher war und dem was es seither geworden. Er streckte die Arme vorwärts und murmelte die geheimnißvollen Worte, durch welche man in phrygischen Feierlichkeiten die Göttin anbetet. Übernatürlich, leuchtend, unantastbar, nackt und rein schwankte die Erscheinung leicht zuckend auf dem Steine. Er heftete die Augen auf sie und fürchtete schon, daß bei der Liebkosung seines Blickes diese schwache Hallucination sich in der Luft verflüchtigen könnte. Sehr leise rückte er vor, berührte mit dem Finger die rosigen Zehen, als wollte er sich des Vorhandenseins der Statue versichern, und da er nicht im Stande war einzuhalten, so sehr zog sie ihn an, stieg er aufrecht stehend neben sie und legte, ihr in die Augen schauend, die Hände auf die weißen Schultern. Er zitterte, er wurde schwach, er begann vor Freude zu lachen. Seine Hände irrten auf den nackten Armen herum, preßten die kalte und harte Taille, tasteten die Beine entlang, liebkoseten die Wölbung des Bauches. Mit seiner ganzen Kraft streckte er sich an dieser Unsterblichkeit empor. Er beschaute sein Bild im Spiegel, hob das Perlenhalsband, nahm es herunter, ließ es im Mondscheine blitzen, und hängte es ihr ängstlich wieder um. Er küßte die zurückgebeugte Hand, den runden Hals, den wogenden Busen, den halbgeöffneten Mund des Marmors. Dann trat er bis zum Rande des Postaments zurück und sich an den göttlichen Armen festhaltend, betrachtete er zärtlich den anbetungswürdigen, vorgebeugten Kopf. Die Haare waren auf orientalische Art angeordnet und verdeckten leicht die Stirne. Die halbgeschlossenen Augen verlängerten sich in einem Lächeln. Die Lippen blieben geöffnet, wie in einem Kusse vergehend. Stillschweigend ordnete er die sieben Perlenreihen auf der blendenden Brust und stieg zu Boden, um das Idol aus größerer Entfernung zu sehen. Dann kam es ihm vor, als erwache er. Er erinnerte sich, weßhalb er hierher gekommen war, was er gewollt und beinahe vollbracht hatte: eine gräßliche That. Er fühlte, daß er bis zu den Schläfen erröthete. Die Erinnerung an Chrysis zog an seinem Gedächtniß vorüber wie eine plumpe Erscheinung. Er zählte Alles, was in der Schönheit der Hetäre zweifelhaft blieb, auf: die dicken Lippen, die schwellenden Haare, den weichen Gang. Wie die Hände waren, hatte er vergessen; aber er stellte sich dieselben breit vor, um dem Bilde, das er von sich wies, einen widerwärtigen Zug hinzuzufügen. Sein Gemüthszustand wurde demjenigen eines Mannes ähnlich, der bei Tagesanbruch von seiner einzigen Maitresse im Bette einer niedrigen Dirne ertappt wird, und der sich selbst nicht erklären kann, wie er sich am Tage zuvor habe verführen lassen. Er konnte weder eine Entschuldigung, noch einen ernsten Grund finden. Es war klar, daß er während eines Tages eine Art vorübergehender Tollheit erduldet hatte, eine physische Störung, eine Krankheit. Er fühlte sich geheilt, aber von seiner Verblendung noch ganz trunken. Um vollständig zu sich zu kommen, lehnte er sich an die Wand des Tempels, und blieb lange vor der Statue stehen. Das Mondlicht schien immer noch durch die viereckige Öffnung des Daches hernieder; Aphrodite strahlte, und, da die Augen im Schatten waren, suchte er ihre Blicke ... So ging die ganze Nacht vorüber. Dann kam der Tag und die Statue nahm nach einander die vorige Blässe der Morgendämmerung und den goldenen Schein der Sonne an. Demetrios hatte keine Gedanken mehr. Der Elfenbeinkamm und der Silberspiegel, die er in seinem Kleide trug, waren seiner Erinnerung entschwunden. Er gab sich sanft der heiteren Betrachtung hin. Draußen im Garten gab es einen Lärm von Vogelgezwitscher, von Rauschen, Pfeifen und Singen. Man hörte Stimmen von Frauen, die am Fuße der Mauer redeten und lachten. Die Bewegung des Morgens stieg aus der erwachten Erde herauf. Demetrios empfand nur glückselige Gefühle. Die Sonne stand schon hoch am Himmel und der Schatten des Daches war weitergerückt, als er ein undeutliches Geräusch von leichten Schritten von den äußeren Stufen her vernahm. Wahrscheinlich wollte man der Göttin ein Opfer darbringen; ein Zug junger Frauen, welche kamen, um Gelübde zu erfüllen oder solche für den ersten Tag der aphrodisischen Feste vor der Statue der Göttin abzulegen. Demetrios wollte fliehen. Das heilige Postament war rückwärts auf eine Art zu öffnen, welche die Priester allein und der Bildhauer kannten. Hier verbarg sich der Hierophant, um einem jungen Mädchen, dessen Stimme hell und laut war, die wunderbaren Reden, welche am dritten Festtage aus der Statue kamen, zu dictiren. Von da aus konnte man die Gärten erreichen. Demetrios drang hinein und blieb vor den mit Bronze beschlagenen Oeffnungen stehen, welche durch den tiefen Stein gingen. Schwer öffneten sich die beiden goldenen Thüren. Dann trat der Festzug ein. V. Die Einladung. Gegen die Mitte der Nacht wurde Chrysis durch ein dreimaliges Klopfen an die Thür geweckt. Sie hatte den ganzen Tag zwischen den beiden Epheserinen geschlafen, und ohne die Unordnung ihres Bettes hätte man sie für drei nebeneinander liegende Schwestern halten können. Rhodis lag an die Galilaeerin gepreßt, deren schweißbedeckter Schenkel auf ihr lastete. Myrtocleia schlief auf dem Bauche liegend, die Augen auf dem Arm, mit nacktem Rücken. Behutsam machte sich Chrysis los, sie that drei Schritte auf dem Bette, stieg herunter und öffnete halb die Thür. Man hörte Stimmen im Hausflur. »Wer ist da, Djala? wer ist da?« fragte sie. – Es ist Naukrates, der mit Dir sprechen will. Ich sage ihm, daß Du nicht frei bist. – Doch, doch! welche Dummheit! gewiß bin ich frei! Tritt ein, Naukrates. Ich bin in meinem Gemache. Und sie legte sich wieder auf das Bett. Naukrates blieb eine Weile auf der Schwelle stehen, als ob er fürchtete zudringlich zu sein. Die beiden Musikspielerinen öffneten ihre schlaftrunkenen Augen und konnten sich ihren Träumen nicht entreißen. »Setze Dich,« sagte Chrysis. »Zwischen uns ist jede Ziererei unnöthig. Ich weiß, daß Du nicht meinethalben kommst. Was willst Du von mir?« Naukrates war ein bekannter Philosoph, der seit mehr als zwanzig Jahren Bacchis' Geliebter war und der sie nicht betrog, mehr aus Gleichgültigkeit, denn aus Treue. Sein graues Haar war kurz geschnitten, sein Bart spitz nach der Art des Demosthenes und sein Schnurbart erreichte nur den Saum der Lippen. Er trug ein großes, weißes Kleid aus einfach gestreifter Wolle. »Ich komme um Dich einzuladen, sagte er. Bacchis giebt morgen ein Mahl, welchem ein Fest folgen soll. Mit Dir werden wir unser sieben sein. Komme sicher. – Ein Fest? Aus welchem Anlasse? – Sie befreit ihre schönste Sklavin Aphrodisia. Es werden Tänzerinen und Flötenspielerinen kommen. Ich glaube, Deine beiden Freundinen sind bestellt, und bin erstaunt, sie jetzt hier zu sehen. Es ist augenblicklich Probe bei Bacchis. – Oh! es ist wahr, rief Rhodis aus, wir dachten nicht mehr daran. Auf, Myrto, wir haben uns sehr verspätet! Doch Chrysis that Einsprache. »Nein! noch nicht! wie böse Du bist, mir meine Frauen wegzunehmen. Wenn ich das vermuthet hätte, so hätte ich Dich nicht empfangen. Siehe, sie sind schon bereit.« – Unsere Kleidung ist sehr einfach, sagte das Kind. Und wir sind nicht schön genug, um uns lange bei dem Ankleiden aufzuhalten. – Werde ich Euch wenigstens im Tempel sehen? – Ja. Morgen früh tragen wir Tauben dahin. Ich nehme eine Drachme aus Deiner Börse, Chrysis. Wir wären sonst nicht im Stande sie zu kaufen. Also auf morgen. Und sie eilten von dannen. Naukrates schaute einige Zeit auf die Thür, die sie hinter sich geschlossen hatten; dann kreuzte er die Arme und sagte mit leiser Stimme, indem er sich zu Chrysis wandte: »Recht so. Du führst Dich gut auf!« – Wieso? – Eine genügt Dir nicht mehr. Jetzt mußt Du deren zwei haben. Du suchst sie schon auf der Straße. Das ist ein schönes Beispiel. Aber, wenn es so zugeht, was wird dann uns Männern übrig bleiben? Ihr alle habt Freundinen und wenn ihr aus ihren ermüdenden Armen kommt, gebt ihr uns von eurer Leidenschaft nur noch so viel als Jene übrig ließen. Glaubst Du, daß das lange so dauern kann? Wenn das so fort geht, werden wir gezwungen sein Knaben aufzusuchen... – Ah! das nicht, rief Chrysis aus. Das werde ich nie zugeben! Ich weiß es wohl, man macht diesen Vergleich. Es hat aber keinen Sinn; und ich bin erstaunt, daß Du, der Du den Beruf eines Denkers hast, nicht begreifst, daß dieser Vergleich unsinnig ist. – Und welchen Unterschied findest Du da? – Es handelt sich nicht um einen Unterschied. Es besteht zwischen den beiden Sachen gar keine Beziehung; das ist klar. – Ich sage nicht, daß Du irrst. Ich will Deine Gründe kennen. – Oh! Das ist in zwei Worten gesagt; höre gut zu. Das Weib ist für die Liebe ein vollkommenes Instrument. Vom Kopfe bis zu den Füßen ist sie einzig und wunderbar für die Liebe geschaffen. Sie allein versteht es zu lieben. Sie allein versteht es geliebt zu werden. Folglich: wenn ein verliebtes Paar aus zwei Frauen besteht, so ist es vollkommen; wenn nur eine dabei ist, so ist es um die Hälfte weniger gut; wenn gar keine dabei ist, so ist es ganz einfach blöd. Ich habe gesprochen. – Du bist hart für Plato, meine Tochter. – Ebenso wenig wie die Götter sind die großen Männer unter allen Umständen groß. Pallas versteht nichts vom Handel, Sophokles konnte nicht malen, Plato verstand nicht zu lieben. Jene Philosophen, Dichter, Redner, welche sich auf ihn berufen, taugen nicht mehr als er, und so bewunderungswürdig sie auch in ihrer Kunst sein mögen, in der Liebe sind sie Ignoranten. Glaube es mir, Naukrates, ich fühle, daß ich Recht habe. Der Philosoph machte eine Bewegung. »Du bist ein wenig unehrerbietig, sagte er; aber ich glaube keineswegs, daß Du Unrecht habest. Meine Entrüstung ist keine wirkliche. Es liegt etwas Reizendes in der Verbindung zweier jungen Frauen, unter der Bedingung, daß sie beide weiblich bleiben, ihre langen Haare behalten und ihre Brüste entblößen wollen und sich nicht mit nachgeahmten Werkzeugen ausrüsten, wie wenn sie, in ihrer Inkonsequenz das plumpe Geschlecht, das sie so hübsch verachten, beneiden würden. Ja, ihr Verhältniß ist merkwürdig, weil ihre Liebkosungen rein oberflächlich sind, und ihre Sinnenlust um so raffinirter. Sie umschlingen sich nicht, sie berühren sich nur leicht, um die höchste Freude zu genießen. Ihre Brautnacht ist nicht blutig. Es sind Jungfrauen, Chrysis. Sie kennen die brutale That nicht; darin sind sie der Knabenliebe überlegen. Die menschliche Liebe unterscheidet sich von der blöden Brunst der Thiere nur durch zwei göttliche Funktionen: durch die Liebkosung und den Kuß. Und es sind die einzigen, welche die Weiber, von denen wir hier sprechen, kennen. Sie haben sie sogar vervollkommnet.« – Auf das Höchste, sagte Chrysis. Aber was wirfst Du mir dann vor? – Ich werfe Dir vor, daß ihr schon hunderttausend seid in eurer Art. Es gibt schon eine große Zahl von Frauen, welche ein vollkommenes Vergnügen nur mit ihrem eigenen Geschlechte haben. Bald werdet ihr uns nicht empfangen wollen, selbst nicht als Nothbehelf. Aus Eifersucht schelte ich Dich. Hier fand Naukrates, daß das Gespräch lange genug gedauert hatte und stand einfach auf. »Ich kann Bacchis sagen, daß sie auf Dich zählen darf?« sagte er. – Ich werde kommen, antwortete Chrysis. Der Philosoph küßte ihre Kniee und ging langsam hinaus. — — — — — Chrysis faltete die Hände und begann laut zu sprechen, obwohl sie allein war. »Bacchis ... Bacchis ... er kommt aus ihrem Hause und weiß nichts! ... Ist der Spiegel denn immer noch dort? ... Demetrios hat mich vergessen ... Wenn er am ersten Tage geschwankt hat, bin ich verloren, dann wird er Nichts thun... Aber es ist möglich, daß doch Alles geschehen ist! Bacchis hat andere Spiegel, deren sie sich öfter bedient. Wahrscheinlich weiß sie noch nicht ... Götter! Ihr Götter! Gibt es kein Mittel Nachrichten zu erhalten? und vielleicht ... Ah! Djala! Djala!« Die Sklavin trat ein. »Gieb mir mein Knöchelspiel«, sagte Chrysis. »Ich will würfeln.« Und sie warf die vier Knöchel in die Höhe ... »Oh! ... Oh! Djala, schau her! Der Wurf der Aphrodite!« Man nannte so einen ziemlich seltenen Wurf, durch welchen jedes Knöchel eine andere Seite zeigte. Es gab genau fünfunddreißig Fälle gegen einen, daß diese Zusammenstellung sich nicht bilde. Es war der beste Wurf des Spieles. Djala bemerkte kalt: »Was hattest Du gewünscht?« – Es ist wahr, sagte Chrysis enttäuscht. Ich hatte vergessen einen Wunsch zu fassen. Ich habe wohl an Etwas gedacht, aber ich habe Nichts gesagt. Zählt es dennoch? – Ich glaube nicht; Du mußt von Neuem beginnen. Ein zweites Mal warf Chrysis die Knöchel. »Jetzt ist es der Wurf des Midas. Was denkst Du davon? – Man weiß nicht, es kann gut sein und kann schlecht sein. Es ist ein Wurf, der sich durch den folgenden erklärt. Beginne mit einem einzigen Würfel von Neuem. Zum dritten Mal befragte Chrysis das Spiel; aber als das Knöchel zurückgefallen war, sagte sie bestürzt: »Da ... der Wurf von Chios!« Und sie begann zu schluchzen. Djala sagte nichts, sie selbst war unruhig. Chrysis weinte auf dem Bette, die Haare um den Kopf verstreut. Endlich drehte sie sich in einem Zornanfalle zurück. »Warum hast Du mich von Neuem beginnen heißen? Ich bin sicher, daß der erste Wurf gegolten hat. – Wenn Du einen Wunsch hattest, ja. Wenn nicht, nicht. Du allein weißt es, sagte Djala. – Übrigens beweisen die Knöchel nichts. Es ist ein griechisches Spiel. Ich glaube nicht daran. Ich will etwas Anderes versuchen. Sie trocknete ihre Thränen und ging durch das Gemach. Sie nahm von einem Tischchen eine Schachtel mit weißen Spielmarken, zählte deren zweiundzwanzig ab und grub mit einer Perlenspange nach einander die zweiundzwanzig Buchstaben des hebräischen Alphabets hinein. Es waren die Arkana (Geheimmittel) der Kabbala, welche sie in Galilaea gelernt hatte. »Dazu habe ich Vertrauen. Das täuscht nicht, sagte sie. Hebe den Zipfel Deines Kleides auf, er wird mir als Sack dienen.« Sie warf die zweiundzwanzig Spielmarken in die Tunika der Sklavin und wiederholte in Gedanken: »Werde ich das Halsband der Aphrodite tragen? Werde ich das Halsband der Aphrodite tragen? Werde ich das Halsband der Aphrodite tragen?« Sie zog das zehnte Arkanum, welches genau besagen wollte: »Ja.« VI. Die Rose der Chrysis. Es war ein Festzug in allen Farben: weiß, blau, gelb, rosig und grün. Dreißig Hetären kamen heran, Blumenkörbe, schneeweiße Tauben mit rothen Füßen, leichte hellblaue Schleier und kostbaren Schmuck tragend. Ein alter, weißbärtiger Priester, bis über den Kopf in einen steifen, rauhen Stoff gehüllt, schritt an der Spitze des Zuges und führte die Reihe der andächtig Gebeugten zum steinernen Altar. Sie sangen und ihr Gesang zog sich wie das Meer in die Länge, seufzte wie der Südwind, keuchte wie ein verliebter Mund. Die zwei Ersten trugen Harfen, welche sie mit ihrer flachen linken Hand stützten, daß sie wie dünne Holzsicheln sich vorwärts neigten. * Eine der beiden trat vor und sprach: »Tryphaera, oh geliebte Kypris, bietet Dir diesen blauen Schleier an, den sie selbst gesponnen hat, auf daß Du fortfahren mögest, ihr hold zu sein.« * Eine Andere: »Mousarion legt zu Deinen Füßen, oh Göttin mit dem schönen Kranze, diesen Levkojenkranz und diesen Strauß von Narzissen nieder. Sie hat sie im Gelage getragen und Deinen Namen in der Trunkenheit ihres Duftes angerufen. Oh Siegreiche, nimm diese Liebesbeute an.« * Wieder eine Andere: »Dir, oh goldene Kytherea, weiht Timo dieses Spiralen-Armband. Mögest Du die Rache um die Brust deren, die Du kennst, winden, wie sich diese Silberschlangen um ihre nackten Arme gewunden haben.« * Myrtocleia und Rhodis traten, sich bei der Hand haltend, vor. »Hier sind zwei Tauben aus Smyrna. Ihre Flügel sind weiß wie Liebkosungen, ihre Füße roth wie Küsse. Oh, zweifache Göttin aus Anathont, nimm sie aus unseren vereinten Händen an, wenn es wahr ist, daß der weichliche Adonis Dir nicht immer genügt und daß eine noch süßere Umschlingung manchmal Deinen Schlaf verzögert.« * Dann kam eine ganz junge Hetäre: »Aphrodite Peribasia, empfange meine Jungferschaft mit diesem mit Blut befleckten Kleide. Ich bin Pannychis von Pharos; seit der letzten Nacht habe ich mich Dir geweiht.« * Eine Andere: »Dorothea beschwört Dich, oh mildthätige Epistrophia, aus ihrem Geiste das Verlangen, das Eros hineingelegt hat, zu entfernen, oder endlich für sie die Augen dessen zu entflammen, der sich noch immer weigert. Sie bietet Dir diesen Myrthenzweig an, weil es Dein Lieblingsbaum ist.« * Eine Andere: »Auf Deinen Altar, oh Paphia, legt Callistion, sechzig Drachmen Silber nieder; es ist der Rest von vier Minen, die sie von Cleomenes erhalten hat. Gieb ihr einen noch freigebigeren Geliebten, wenn Dir die Spende willkommen.« — — — — — Vor dem Götterbilde stand nur noch ein erröthendes Kind, das sich zuletzt aufgestellt hatte. Sie hielt nur einen kleinen Krokuskranz in der Hand und wegen dieser geringen Gabe verachtete sie der Priester. Sie sprach: »Ich bin nicht reich genug, um Dir Silberstücke zu geben, oh herrliche Olympierin. Übrigens, was könnte ich Dir geben, das Du nicht schon hattest? Hier sind gelbe und grüne Blumen, die ich für Deine Füße in einen Kranz geflochten habe. Und nun ...« Sie löste die zwei Schnallen ihres Kleides und als der Stoff zur Erde gefallen war, blieb sie nackt da stehen. »... Hier bin ich ganz Dein, geliebte Göttin. Ich möchte in Deine Gärten eintreten und als Hetäre des Tempels sterben. Ich schwöre nur die Liebe zu verlangen, ich schwöre nur die Liebe zu lieben und ich entsage der Welt und gebe mich Dir hin.« — — — — — Nun bedeckte der Priester sie mit Wohlgerüchen und hüllte ihre Nacktheit in den von Tryphaera gewirkten Schleier. Durch die Gartenthür verliehen sie zusammen den Tempel. Der Festzug schien beendet zu sein, und die anderen Hetären waren im Begriffe umzukehren, als man eine letzte Frau verspätet auf der Schwelle erscheinen sah. Diese hatte nichts in der Hand und man konnte glauben, daß auch sie nur ihre Schönheit anbieten wollte. Ihre Haare schienen zwei Goldmassen zu sein, zwei tiefe, schattige Wogen, unter welchen die Ohren verschwanden und die in Windungen auf dem Nacken lagen. Die Nase war fein und die ausdrucksvollen Nasenlöcher zuckten manchmal über einem vollen, bemalten Munde mit abgerundeten und beweglichen Ecken. Die weiche Linie ihres Körpers wiegte sich bei jedem Schritte und wurde durch das Schaukeln der Hüften und die Schwingungen der freien Brüste unter der biegsamen Taille belebt. Ihre Augen waren außerordentlich, blau aber dunkel und glänzend zugleich, schillernd wie Mondsteine, halbgeschlossen unter den liegenden Augenwimpern. Diese Augen blickten wie die Sirenen singen ... Der Priester wandte sich zu ihr und harrte ihrer Worte. Sie sagte: * »Chrysis, oh Chryseia, fleht Dich an. Nimm die geringen Gaben an, die sie Dir zu Füßen legt. Höre, erhöre, liebe und tröste die, welche nach Deinem Beispiele lebt, und zur Heiligung Deines Namens.« * Sie hielt ihre mit Ringen geschmückten Hände vor und beugte sich mit festgeschlossenen Beinen. Der Gesang begann von Neuem. Das Gemurmel der Harfen stieg mit dem Dampfe des Weihrauchs empor, den der Priester in einer zitternden Räucherpfanne angezündet hatte. Langsam richtete sie sich auf und überreichte einen Bronze-Spiegel, der an ihrem Gürtel hing. * »Dir, sagte sie, Astarte der Nacht, die Du Hände und Lippen mengst, und deren Sinnbild der Spur des Rehes in der bleichen Erde Syriens gleicht, Dir weiht Chrysis ihren Spiegel. Er hat die Ringe der Augenlider gesehen, den Glanz der Augen nach der Liebe, die durch den Schweiß des Kampfes an die Schläfen geklebten Haare, oh Kämpferin mit den gierigen Händen, welche Körper und Lippen menget.« * Der Priester legte den Spiegel zu Füßen der Statue nieder. Chrysis zog aus ihrem goldenen Haarknoten einen langen Kamm aus rothem Kupfer, dem geweihten Metall der Göttin. * »Dir, Anadyomene, sagte sie, die Du aus der blutigen Morgenröthe und aus dem schäumigen Lächeln des Meeres geboren wurdest. Dir, perlentriefende Nacktheit, die ihr nasses Haar mit grünen Algen zusammen band. Dir weiht Chrysis ihren Kamm. Er hat in ihrem, durch Deine Bewegungen zerstreuten Haare gesteckt, oh wüthende, keuchende Adonierin, die Du die Krümmung der Lenden höhlst und die steifen Kniee zusammenziehst.« * Sie gab dem Greise den Kamm und neigte den Kopf nach rechts, um ihr Smaragd-Halsband loszumachen. * »Dir, sagte sie. Dir oh Hetäre, die Du die Röthe der schamhaften Jungfrauen zerstreust und das unkeusche Lachen räthst. Dir, der zu Liebe wir die strömende Liebe unseres Schoßes feilbieten, Dir weiht Chrysis ihr Halsband. Es wurde ihr von einem Manne, dessen Namen sie nicht kennt, als Entlohnung gegeben und jeder Smaragdstein ist ein Kuß, in dem Du einen Augenblick gelebt hast.« — — — — — Sie beugte sich zum letzten Male und noch länger, legte das Halsband in die Hand des Priesters und machte einen Schritt, um sich zu entfernen. Der Priester hielt sie zurück. »Was verlangst Du von der Göttin für Dein kostbares Geschenk?« »Ich verlange nichts.« Dann ging sie den Zug entlang, stahl eine Rose aus einem Korbe und nahm sie, während sie hinausging, in den Mund. Alle Frauen folgten, eine nach der anderen. Die Thüre des nunmehr leeren Tempels wurde geschlossen. — — — — — Demetrios blieb allein im Bronzesockel der Statue verborgen. Er hatte keine Bewegung, kein Wort dieser ganzen Szene verloren und, als Alles zu Ende war, verharrte er lange, ohne sich zu rühren, von Neuem gequält, leidenschaftlich erregt, unschlüssig. Er glaubte sich von seiner gestrigen Tollheit völlig geheilt und er hatte nicht gedacht, daß ihn fortan Etwas zum zweiten Male in den glühenden Schatten dieser Unbekannten schleudern könnte. Aber er hatte ohne sie gerechnet. Frauen! oh ihr Frauen! wenn ihr geliebt werden wollt, zeigt euch, kommt zurück, seiet da! Die Erregung, die er beim Eintritt der Hetäre gefühlt hatte, war so vollständig und so gewaltig, daß nicht mehr daran zu denken war, sie durch eine Willens-Anstrengung zu bekämpfen. Demetrios war gebunden, wie ein Barbarer-Sklave an einen Triumphwagen. Es wäre ein Wahn gewesen entrinnen zu wollen. Ohne es zu wissen und in ganz natürlicher Weise hatte sie ihn in Besitz genommen. Er hatte sie schon aus einer großen Entfernung kommen sehen, denn sie trug denselben gelben Stoff, den sie am Strande getragen hatte. Sie ging langsamen Schrittes, sich weich in den Hüften wiegend. Sie war gerade auf ihn zugekommen, als ob sie seine Gegenwart hinter dem Steine errathen hätte. Vom ersten Augenblicke an begriff er, daß er ihr wieder zu Füßen fiel. Als sie den Bronzespiegel aus ihrem Gürtel zog, betrachtete sie sich, bevor sie ihn dem Priester gab, einige Augenblicke darin, und der Glanz ihrer Augen wurde verblüffend. Als sie, um ihren kupfernen Kamm zu nehmen, die Hand auf den Kopf legte und dabei nach der Bewegung der Charitinen, ihren gebogenen Arm emporhob, entwickelte sich unter dem Stoffe die ganze schöne Linie ihres Körpers, und die Sonne beleuchtete in der Achselhöhle einen Thau glänzenden und kleintröpfigen Schweißes. Und als sie endlich, um ihr Halsband aus schweren Smaragdsteinen loszumachen, die gefältelte Seide, welche ihre Brust verhüllte, bis zu dem süßen, schattigen Zwischenraume, wo man nur einen Blumenstrauß verbergen kann, entfernte, fühlte sich Demetrios von einem solchen Wahnsinn ergriffen, die Lippen an jene Stelle zu pressen und das ganze Kleid herunter zu reißen ... Doch schon begann Chrysis zu sprechen. Sie sprach und jedes ihrer Worte war für ihn ein Leid. Mit Vergnügen schien sie bei der Prostitution dieses Gefäßes der Schönheit, das sie war, zu verweilen, weiß wie die Statue selbst und voll des Goldes, das von ihrem Haare rieselte. Sie sprach von ihrer dem Zeitvertreib der Vorbeigehenden geöffneten Thür, von der Betrachtung ihres den Unwürdigen preisgegebenen Körpers, von der feilen Müdigkeit ihrer Augen, von ihren für eine Nacht vermietheten Lippen, von ihrem Haar, das sie brutalen Händen anvertraute, von ihrer der rohen Plackerei ausgesetzten göttlichen Schönheit. Die außerordentliche Leichtigkeit, mit welcher man ihr nahen konnte, neigte Demetrios noch mehr zu ihr, entschlossen wie er war, sie für sich allein zu gewinnen, und die Thür hinter sich zu schließen. So sehr ist es wahr, daß eine Frau nur dann voll und ganz bezaubernd ist, wenn man Ursache hat ihrethalben eifersüchtig zu sein. Als Chrysis nun zur Stadt zurückkehrte, nachdem sie der Göttin ihr grünes Halsband im Tausch für das erhoffte gegeben hatte, – nahm sie einen menschlichen Willen in ihrem Munde mit, wie die kleine gestohlene Rose, an deren Stengel sie nagte. Demetrios wartete, bis er im Raume allein war, dann trat er aus seinem Versteck hervor. Zögernd blickte er auf die Statue, eines inneren Kampfes gewärtig. Aber da es ihm nicht möglich war, nach so kurzer Zwischenzeit eine sehr starke Gemüthsbewegung zu erneuern, ward er merkwürdig ruhig, frei von vorzeitigen Gewissensbissen. Sorglos stieg er die Stufen zu dem Standbilds hinan, nahm von dem gebeugten Nacken das Halsband aus den wahren Perlen Anadyomenes und ließ es in sein Gewand gleiten. VII. Das Märchen von der verzauberten Leier. Er ging sehr schnell, in der Hoffnung, Chrysis noch auf dem Wege zur Stadt einzuholen, denn er fürchtete, wenn er länger wartete, wieder in Entmuthigung und Willenlosigkeit zu verfallen. Der Weg war von der Hitze so blendend weiß, daß Demetrios, wie bei der Mittagssonne, die Augen schloß. So ging er ohne vor sich hinzuschauen, weiter und er war im Begriff vier schwarze Sklavinen anzurennen, welche an der Spitze eines neuen Zuges daherschritten, als eine leise, singende Stimme sich vernehmen ließ: »Vielgeliebter! wie bin ich froh!« Er hob den Kopf: es war die Königin Berenike, die auf ihre Ellenbogen gestützt in ihrer Sanfte lag. Sie befahl: »Haltet an, Träger!« und streckte dem Geliebten die Arme entgegen. Demetrios war sehr verdrossen, aber er konnte nicht nein sagen und so stieg er mürrisch in die Sänfte. Da schleppte sich die Königin Berenike, toll vor Freude, auf den Händen bis in den Hintergrund und wälzte sich mitten in den Kissen herum, wie eine Katze, die spielen will. Denn diese Sänfte war ein Gemach und vierundzwanzig Sklaven trugen dieselbe. Zwölf Weiber hätten sich auf dem dicken, blauen Teppich, der mit Kissen und Stoffen bedeckt war, darin bergen können; und die Sänfte war so hoch, daß man die Decke selbst mit einem Fächer nicht hätte erreichen können. Sie war länger als breit, nach vorn und auf drei Seiten von drei gelben, sehr leichten Vorhängen, welche in hellem Lichte strahlten, geschlossen. Der Hintergrund war aus Zedernholz, mit einem langen Schleier aus orangegelber Seide überzogen. Ganz oben, auf dieser glänzenden Wand, dehnte der goldene Sperber Aegyptens seine steifen Flügel aus; weiter unten, aus Elfenbein und Silber geschnitzt, öffnete sich das antike Symbol der Astarte über einer brennenden Lampe, die in unfaßbaren Lichtreflexen mit dem Tageslichte kämpfte. Unterhalb der Lampe lag die Königin Berenike zwischen zwei persischen Sklavinen, welche mit zwei weißen Büscheln von Pfauenfedern ihr Kühle zufächelten. Sie zog mit den Augen den jungen Bildhauer an ihre Seite und wiederholte: »Vielgeliebter, ich bin froh.« Sie legte ihm die Hand an die Wange: »Ich suchte Dich, Vielgeliebter. Wo warst Du? Seit vorgestern habe ich Dich nicht gesehen. Wenn ich Dich nicht getroffen hätte, wäre ich jetzt vor Kummer gestorben. Allein in dieser großen Sänfte langweilte ich mich so sehr. Als ich über die Hermesbrücke kam, warf ich all meinen Schmuck in's Wasser, um Wellenkreise zu sehen. Du siehst, ich habe nichts mehr, weder Ringe noch Halsbänder. Ich sehe aus wie ein kleines armes Mädchen, das Dir zu Füßen liegt.« Sie wandte sich ihm zu und küßte ihn auf den Mund. Die beiden Fächerträgerinen kauerten etwas weiterhin nieder und als die Königin Berenike anfing leise zu sprechen, drückten sie die Finger an die Ohren, um so zu thun, als ob sie nichts hörten. Aber Demetnos antwortete nicht, hörte kaum zu und blieb in seine Gedanken versunken. Er sah von der jungen Königin nur das rothe Lächeln des Mundes und das schwarze Kissen ihrer Haare, die sie immer sehr lose kämmte, um ihren müden Kopf darauf zu betten. Sie sagte: »Vielgeliebter, ich habe in der Nacht geweint. Mein Bett war kalt. Wenn ich erwachte, streckte ich meine nackten Arme nach den beiden Seiten meines Körpers aus und nirgends fühlte ich Dich, und meine Hand konnte Deine Hand, die ich heute küsse, nicht finden. Ich wartete des Morgens auf Dich und seit dem Vollmonde bist Du nicht gekommen. Ich habe Sklaven in alle Viertel der Stadt geschickt und habe sie eigenhändig getödtet, als sie ohne Dich zurückkamen. Wo warst Du? Warst Du im Tempel? Du warst nicht im Garten mit diesen fremden Frauen? Nein, ich sehe es an Deinen Augen, daß Du nicht geliebt hast. Und was thatest Du dann, immer ferne von mir? Warst Du vor der Statue? Ja, ich bin dessen sicher. Du warst dort. Du liebst sie jetzt mehr, denn mich. Sie sieht mir ganz ähnlich, sie hat meine Augen, meinen Mund, meinen Busen; Sie ist es, die Du aufsuchst. Ich bin eine arme Verlassene. Du langweilst Dich mit mir, ich merke es wohl. Du denkst an Deine Werke von Marmor und an Deine häßlichen Statuen, als ob ich nicht schöner wäre als sie alle, und wenigstens lebendig, verliebt und gut, bereit zu Allem, was Du annehmen willst, auf Alles verzichtend, was Du verweigerst. Aber Du willst nichts. Du wolltest nicht König, Du wolltest nicht Gott sein, in Deinem eigenen Tempel angebetet. Du willst mich fast nicht mehr lieben.« Sie zog die Füße unter ihren Körper ein und stützte sich auf die Hand. »Ich würde Alles thun, um Dich im Palaste zu sehen, Vielgeliebter! Wenn Du mich dort nicht mehr suchst, sage mir, wer Dich anzieht: sie wird meine Freundin sein. Die ... die Frauen meines Hofes ... sind schön. Ich habe deren zwölf, die seit ihrer Geburt in den Frauengemächern behütet werden, und die noch nicht wissen, daß es Männer giebt ... Sie alle sollen Deine Geliebten sein, wenn Du mich, nach ihnen, besuchen willst ... Ich habe andere bei mir, die mehr Liebhaber gehabt haben, als die geweihten Hetären, und welche in der Liebe vielerfahren sind. Sage nur ein Wort, ich habe auch tausend fremde Sklavinen: Diejenigen, welche Du haben willst, sollen befreit werden. Ich werde sie in gelbe Seide, in Gold und Silber kleiden.« »Aber nein, Du bist der schönste und der kälteste der Männer. Du liebst Niemanden, Du läßt Dich lieben. Du leihst Dich aus Barmherzigkeit Denen, welche Deine Augen in Liebe entflammen. Du erlaubst, daß ich meine Freude an Dir finde, so wie eine Kuh sich melken läßt, indem sie in eine andere Richtung schaut. Du bist voll Herablassung. Ach! Ihr Götter! ach! ihr Götter! Ich werde Dich endlich entbehren können, junger Geck, den die ganze Stadt anbetet und den Keine zum Weinen bringt. Ich habe nicht blos Frauen in meinem Palaste, ich habe kräftige Aethiopier, die Brüste von Erz haben und von Muskeln schwellende Arme. In ihren Umschlingungen werde ich schnell Deine Mädchenbeine und Deinen hübschen Bart vergessen. Der Anblick ihrer Leidenschaft wird für mich den Reiz der Neuheit haben und ich werde mich in ihren Armen von der Liebe erholen. Aber an dem Tage, wo ich sicher sein werde, daß Dein abwesender Blick mich nicht mehr betrübt, und daß ich Deinen Mund ersetzen kann, lasse ich Dich von der Hohe der Hermesbrücke hinunter stoßen, um meinen Halsbändern und Ringen Gesellschaft zu leisten, wie einen zu lange getragenen Schmuck. Ach! Königin sein!« Sie richtete sich auf und schien zu warten. Allein Demetrios blieb kaltblütig und rührte sich nicht mehr, als wenn er Nichts gehört hätte. Wüthend begann sie von Neuem: »Du hast nicht verstanden?« Er lehnte sich nachlässig hin und sagte mit sehr ruhiger Stimme: »Mir ist ein Märchen eingefallen:« — — — — — »Einst, bevor Thrazien von den Vorfahren Deines Vaters erobert worden, war es von wilden Thieren und einigen scheuen Menschen bewohnt. Die Thiere waren sehr schön; es waren Löwen, so roth wie die Sonne, Tiger, gestreift wie der Abend, und Bären so schwarz wie die Nacht. Die Menschen jenes Landes waren klein und plattnasig, mit alten, enthaarten Fellen bekleidet, mit plumpen Lanzen und unschönen Pfeilbogen bewaffnet. Sie schlossen sich in Berghöhlen ein, hinter ungeheueren Felsblöcken, die sie mit vieler Mühe hinwegrollten. Ihr Leben verbrachten sie mit der Jagd. In den Wäldern gab es viel Blut. Das Land war so traurig, daß die Götter es mieden. Wenn bei Morgengrauen Artemis den Olymp verließ, führte ihr Weg sie niemals nach Norden. Die Schlachten, welche dort geschlagen wurden, kümmerten Ares nicht. Die Abwesenheit der Flöten und Zithern hielt Apoll fern. Die dreifache Hekate allein glänzte dort wie ein Medusengesicht über einer versteinerten Landschaft. Doch einst kam ein Mann dorthin wohnen, der von einer glücklicheren Rasse war und der nicht, wie die Wilden der Berge, mit Fellen bekleidet einherging. Er trug ein langes, weißes Gewand, das er ein wenig hinter sich nachschleppte. Er liebte es Nachts in den Lichtungen, im Mondscheine umherzuirren, ein kleines Schildkrötenschild mit zwei Auerochsenhörnern, zwischen welchen drei silberne Saiten befestigt waren, in der Hand haltend. Wenn seine Finger die Saiten berührten, ging eine süße Musik davon aus, viel milder als das Rieseln der Quelle, oder die Stimme des Windes in den Bäumen, oder die Bewegung der Haferähren. Als er zum ersten Male spielte, erwachten drei schlafende Tiger, so wunderbar bezaubert, daß sie ihm kein Leid anthaten, im Gegentheil so nahe als möglich an ihn herantraten und sich, als er zu spielen aufhörte, zurückzogen. Den nächsten Tag waren es noch viel mehr Tiger und Wölfe und Hyänen und Schlangen, welche sich auf ihren Schwänzen in die Höhe reckten. So daß nach kurzer Zeit die Thiere von selbst kamen, um sein Spiel zu erbitten. Es geschah ihm oft, daß ein Bär allein zu ihm kam und mit drei wunderbaren Akkorden zufrieden wieder weiter ging. Für seine Gefälligkeiten brachten ihm die wilden Thiere seine Nahrung und beschützten ihn gegen die Menschen. Aber er wurde dieses herrlichen Lebens überdrüssig. Er wurde seines Genies und der Freude, die er den Thieren verursachte, so sicher, daß er sich nicht mehr Mühe gab gut zu spielen. Wenn nur er es war, waren die Thiere immer zufrieden. Bald weigerte er sich ihnen selbst diese Befriedigung zu bieten und aus Lässigkeit hörte er überhaupt auf zu spielen. Der ganze Wald trauerte, aber die Fleischstücke und die saftigen Früchte fehlten deßhalb nicht an der Schwelle des Musikers. Man fuhr fort ihn zu nähren und liebte ihn um so mehr. Das Herz der Thiere ist nun einmal so geschaffen. Doch eines Tages stand er an seine offene Thüre gelehnt und betrachtete die Sonne, die hinter den unbeweglichen Bäumen unterging. Da kam eine Löwin in der Nähe vorüber. Er machte eine Bewegung um sich zurückzuziehen, als ob er unliebsame Bitten fürchtete. Die Löwin schritt einfach vorbei und kümmerte sich nicht um ihn. Da fragte er verwundert: »Warum bittest Du mich nicht zu spielen?« Sie antwortete, daß ihr nichts daran liege. Er sagte ihr »Kennst Du mich denn nicht?« und sie antwortete: »Du bist Orpheus.« Da begann er von Neuem: »Und Du willst mich nicht hören?« Sie wiederholte: »Ich will nicht.« – »Oh!« rief er aus, »oh! wie beklagenswerth bin ich! Gerade für Dich hätte ich spielen wollen. Du bist viel schöner als die Anderen und sicher verstehst Du viel mehr davon. Wenn Du mir nur eine Stunde lang zuhörst, werde ich Dir Alles bieten was Du wünschest!« Sie antwortete: »Ich verlange von Dir, daß Du den Menschen der Ebene ihr frisches Fleisch stiehlst. Ich verlange von Dir, daß Du den Ersten, den Du antriffst, tödtest. Ich verlange von Dir, daß Du die Thiere, die sie Deinen Göttern geopfert haben, nimmst, und sie mir zu Füßen legst.« Er dankte ihr, daß sie nicht mehr verlangte und that, was sie von ihm gefordert. Eine Stunde lang spielte er vor ihr, dann zerbrach er seine Leier und lebte als ob er todt wäre.« — — — — — Die Königin seufzte: »Ich verstehe die Allegorien nie. Erkläre mir. Vielgeliebter, was es heißen soll?« Er erhob sich. »Ich erzähle Dir das nicht, damit Du verstehest. Ich habe Dir ein Märchen erzählt, um Dich ein wenig zu beruhigen. Jetzt ist es spät. Lebe wohl, Berenike.« Sie begann zu weinen. »Ich war dessen sicher! ich war dessen sicher!« Er legte sie wie ein Kind auf ihr Bett von weichen Stoffen, drückte einen lächelnden Kuß auf ihre unglücklichen Augen und stieg ruhig von der großen Sänfte herab. Drittes Buch. I. Die Ankunft. Bacchis war seit mehr als fünfundzwanzig Jahren Hetäre. Was besagen will, daß sie dem vierziger Jahre nahe war und daß ihre Schönheit mehrmals den Charakter geändert hatte. Ihre Mutter, welche lange Jahre hindurch die Leiterin ihres Hauses und die Rathgeberin ihres Lebens gewesen, hatte ihr Grundsätze der Lebensführung und der Sparsamkeit beigebracht, die sie in ihrer Jugend sorgfältig beobachtet hatte und die ihr nach und nach ein beträchtliches Vermögen eingebracht hatten; und im Alter, wo die Pracht des Bettes die Frische des Körpers ersetzt, konnte sie dieses Vermögen verbrauchen ohne zu rechnen. So hatte sie, statt auf dem Markte erwachsene Sklaven für schweres Geld zu erkaufen, eine Ausgabe, welche Andere für nöthig hielten und welche die jungen Hetären um Hab und Gut brachte – zehn Jahre hindurch mit einer einzigen Negerin das Auslangen gefunden und für die Zukunft gesorgt, indem sie dieselbe jedes Jahr schwängern ließ, um sich unentgeltlich eine zahlreiche Dienerschaft, die später einen Reichthum bilden würde, zu verschaffen. Da sie den Vater mit Sorgfalt gewählt hatte, waren sieben sehr schöne Mulattinen von ihrer Sklavin geboren worden und auch drei Knaben, die sie hatte tödten lassen, weil eine männliche Dienerschaft den eifersüchtigen Liebhabern unnöthigen Verdacht einflößt. Sie hatte die sieben Töchter nach den sieben Planeten benannt und ihnen ihre verschiedenen Beschäftigungen, so viel wie möglich, nach dem Namen, den sie trugen, gewählt. Heliope war die Sklavin des Tages, Selene die Sklavin der Nacht, Aretias hütete die Thür, Aphrodisia beschäftigte sich mit dem Bette, Hermione besorgte die Einkäufe und Kronomagire die Küche. Endlich führte Diomede, die Verwalterin, die Rechnungen und hatte auch die Verantwortung. Aphrodisia war die Lieblingssklavin, die hübscheste und die am meisten geliebte. Auf das Verlangen der Männer, die sich in sie verliebten, theilte sie oft das Bett ihrer Herrin. Auch wurde sie aller groben Arbeiten enthoben, um zarte Arme und feine Hände zu behalten. Dank einer ausnahmsweisen Gunst war ihr Haar nicht bedeckt, so daß man sie oft für ein freies Weib hielt und an jenem Abend sollte sie um den ungeheuren Preis von fünfunddreißig Minen frei werden. Die sieben Sklavinen der Bacchis, sämmtlich von hoher Gestalt und wunderbar abgerichtet, waren für sie ein solcher Gegenstand des Stolzes, daß sie niemals ausging, ohne dieselben in ihrem Gefolge zu haben, auf die Gefahr hin das Haus leer zu lassen. Dieser Unvorsichtigkeit hatte es Demetrios verdankt, so leicht in ihr Haus eindringen zu können; aber sie kannte ihr Unglück noch nicht, als sie das Fest gab, zu welchem Chrysis eingeladen war. — — — — — An jenem Abende kam Chrysis als die Erste an. Sie trug ein grünes Kleid, das mit großen Rosenbüscheln, die auf den Brüsten voll erblühten, durchwirkt war. Aretias öffnete ihr die Thür, ohne daß sie zu klopfen brauchte und nach dem griechischen Brauche führte sie sie in ein kleines, abgelegenes Gemach, löste ihr die rothen Schuhe und wusch ihr sanft die nackten Füße. Dann hob sie ihr das Kleid in die Höhe oder entfernte es, je nach dem Orte, und begoß sie mit Wohlgerüchen, wo es nothwendig war; denn man ersparte den Gästen alle Mühen, selbst diejenige vor dem Essen Toilette zu machen. Dann bot sie ihr einen Kamm und Nadeln, um ihre Haartracht in Ordnung zu bringen, so wie fette und trockene Schminken für ihre Lippen und Wangen. Als Chrysis bereit war, fragte sie die Sklavin: »Welches sind die Schatten ?« So nannte man die Gäste, außer einem, welcher der Geladene war. Derjenige, zu dessen Ehren das Fest gegeben wurde, konnte, wen er wollte, mit sich bringen und die »Schatten« hatten für weiter nichts zu sorgen, als ihr Bettkissen mitzubringen und sich gut zu betragen. Auf Chrysis Frage antwortete Aretias: »Naukrates hat Philodemus mit seiner Geliebten Faustina, die er aus Italien mitgebracht hat, gebeten. Er hat auch Phrasilas und Timon und Deine Freundin Seso von Knidos gebeten.« In demselben Augenblick trat Seso ein. »Chrysis!« – Meine Liebste! Die beiden Frauen umarmten sich und bezeugten laut ihre Freude über den glücklichen Zufall, der sie zusammenführte. »Ich fürchtete mich verspätet zu haben, sagte Seso. Dieser arme Archytas hat mich aufgehalten ...« – Wie so, immer noch er? – Es ist immer dieselbe Geschichte. Wenn ich außer dem Hause esse, bildet er sich ein, daß die ganze Welt mir über den Leib kommen will. Da will er sich im Voraus rächen und das dauert eine Ewigkeit! Ach! meine Liebe! Wenn er mich besser kennen würde! Ich habe keine Lust meine Geliebten zu betrügen. Ich habe vollauf genug an ihnen. – Und das Kind? man merkt noch nichts? – Hoffentlich! ich bin erst im dritten Monat. Er wächst, der elende Kleine! Aber er stört mich noch nicht. In sechs Wochen mache ich mich ans Tanzen; hoffentlich wird es ihm sehr unbehaglich werden, so daß er schnell von dannen geht. – Du hast Recht, sagte Chrysis. Laß Dir die Taille nicht entstellen. Ich habe gestern Philimation, unsere frühere kleine Freundin gesehen, die seit drei Jahren mit einem Kornhändler in Boubastes lebt. Weißt Du, was sie mir zuerst gesagt hat? »Ach, wenn Du meine Brüste sehen würdest!« und sie hatte Thränen in den Augen. Ich sagte ihr, daß sie noch immer hübsch sei, aber sie wiederholte: »Wenn Du meine Brüste sehen würdest! Ach! Ach! wenn Du meine Brüste sehen würdest«, und sie weinte wie eine Byblis. Da habe ich nun gesehen, daß sie fast Lust hatte mir sie zu zeigen und ich habe sie darum gebeten. Ach, meine Liebe! zwei leere Säcke. Und Du weißt, wie schön sie sie hatte. Man sah die Spitzen nicht, so weiß waren sie. Richte die Deinigen nicht zu Grunde, meine Seso. Lasse sie jugendlich und straff wie sie sind. Die beiden Brüste einer Hetäre sind kostbarer, als ihr Halsband. Während sie so sprachen, kleideten sich die beiden Frauen an. Sie traten zusammen in die Festhalle ein, wo Bacchis stehend wartete, die Taille durch Apodesmen festgehalten und den Hals mit Goldbändern beladen, die sich bis zum Kinn aufstaffelten. »Ach! ihr lieben Schönen, welch' guten Einfall hat Naukrates gehabt euch heute Abend hier zu vereinigen!« – Wir preisen uns glücklich, daß es bei Dir geschieht, antwortete Chrysis, als habe sie die Anspielung nicht verstanden. Und um gleich eine Bosheit zu sagen, fügte sie hinzu. »Wie geht es dem Doryklos?« Es war ein junger, sehr reicher Liebhaber, welcher Bacchis kürzlich verlassen hatte, um eine Sizilianerin zu heirathen. »Ich ... ich habe ihn weggeschickt,« antwortete Bacchis frech. – Ist es möglich? – Ja; man sagt, daß er aus Ärger darüber heirathen will. Aber ich erwarte ihn am Tage nach der Hochzeit. Er ist wahnsinnig in mich verliebt. Als sie »Wie geht es dem Doryklos?« gefragt, hatte Chrysis gedacht: »Wo ist Dein Spiegel?« Aber Bacchis' Augen schauten ihr nicht in's Gesicht und man konnte darin nur eine unbestimmte und sinnlose Verwirrung lesen. Übrigens hatte Chrysis noch Zeit, diese Frage aufzuhellen und trotz ihrer Ungeduld vermochte sie es über sich, eine passendere Gelegenheit abzuwarten. Sie war im Begriffe die Unterhaltung fortzusetzen, als sie durch die Ankunft van Philodemus, Faustina und Naukrates, welche Bacchis zu neuen Höflichkeiten zwang, davon abgehalten wurde. Man bewunderte die gestickten Kleider des Dichters und das durchsichtige Gewand seiner römischen Geliebten. Dieses junge Mädchen, das die alexandrinischen Sitten wenig kannte, glaubte sich so zu hellenisiren, und wußte nicht, daß ein solches Kostüm bei einem Feste, wo bezahlte Tänzerinen ähnlich entkleidet erscheinen sollten, nicht passend war. Bacchis zeigte nicht, daß sie diesen Irrthum bemerkte und sie fand höfliche Worte, um Faustina für ihr schweres blaues Haar, das mit glänzenden Wohlgerüchen überschüttet war, Komplimente zu machen. Sie trug dasselbe mit einer Goldnadel befestigt auf dem Nacken hoch, um Myrrhenflecke auf ihren leichten Seidenstoffen zu verhüten. Man war im Begriffe sich zu Tische zu setzen, als der siebente Gast eintrat: es war Timon, ein junger Mann, bei dem die Abwesenheit von Grundsätzen eine natürliche Gabe war, der aber in den Lehren der Philosophen seiner Zeit einige höhere Gründe gefunden hatte, die seinen Charakter gut hießen. »Ich habe Jemanden mitgebracht,« sagte er lachend. – Wen? fragte Bacchis. – Eine gewisse Demo, die aus Mendes ist. – Demo! Aber wo denkst Du hin, mein Freund? Es ist eine Straßendirne. Man kann sie für eine Dattel haben. – Nun gut! Ich bestehe nicht darauf, sagte der junge Mann. Ich habe soeben auf der Kanopischen Straße ihre Bekanntschaft gemacht. Sie hat mich gebeten sie zum Essen mitzunehmen. Da hab' ich sie zu Dir geführt. Wenn Du nicht willst ... – Dieser Timon ist unglaublich! erklärte Bacchis. Und sie rief eine Sklavin: »Heliope, sage Deiner Schwester, daß sie ein Weib vor der Thür finden wird. Sie soll es mit Stockschlägen davonjagen. Geh!« Sie drehte sich um, mit dem Blick Jemanden suchend. – Ist Phrasilas nicht angekommmen? II. Das Mahl. Bei diesen Worten trat ein kleiner, schmächtiger Mann, mit grauer Stirne, grauen Augen und grauem Bärtchen mit kleinen Schritten vor und sagte lächelnd: »Ich war da.« Phrasilas war ein angesehener Polygraph, von dem man nicht genau hätte sagen können, ob er Philosoph, Grammatiker, Historiker oder Mytholog war, denn er ging an die ernstesten Studien mit einem schüchternen Eifer und einer flatterhaften Neugierde. Er wagte es nicht eine Abhandlung zu schreiben und war nicht im Stande ein Drama aufzubauen. Sein Styl hatte etwas Heuchlerisches, Zaghaftes und Eitles. Für die Denker war er ein Dichter, für die Dichter ein Weiser, für die Gesellschaft ein großer Mann. »Nun! gehen wir zu Tische!« sagte Bacchis und sie streckte sich mit ihrem Geliebten auf dem Bette aus, welches zu Häupten der Festtafel stand. Zu ihrer Rechten lagen Philodemus und Faustina mit Phrasilas. Zur Linken des Naukrates: Seso, dann Chrysis und der junge Timon. Jeder der Gäste legte sich quer gegen den Tisch, auf ein Seidenkissen gestützt und den Kopf mit Blumen umwunden. Eine Sklavin brachte die Kränze von rothen Rosen und blauen Lotusblumen. Dann begann das Festmahl. Timon fühlte, daß sein toller Streich unter den Frauen einige Kälte hervorgerufen hatte. Deßhalb begann er auch nicht sogleich mit ihnen zu sprechen, sondern sagte, sich an Philodemus wendend, mit dem größten Ernste: »Man behauptet, daß Du ein sehr ergebener Freund des Cicero seiest. Was hältst Du von ihm, Philodemus? Ist es ein erleuchteter Philosoph oder ein einfacher Kompilator, ohne Unterscheidungsgabe und ohne Geschmack? Denn ich habe beide Meinungen vertheidigen hören.« – Gerade weil ich sein Freund bin, kann ich Dir nicht antworten, sagte Philodemus. Ich kenne ihn zu gut: also kenne ich ihn schlecht. Befrage Phrasilas. Da er ihn wenig gelesen hat, wird er ihn ohne Irrthum beurtheilen. – Nun, was denkt Phrasilas von ihm? – Es ist ein bewunderungswürdiger Schriftsteller, sagte der kleine Mann. – Was willst Du damit sagen? – Ich meine es in dem Sinne, Timan, daß alle Schriftsteller etwas Bewunderungswürdiges haben, wie alle Landschaften und alle Seelen. Ich könnte selbst der ödesten Ebene den Anblick des Meeres nicht vorziehen. So könnte ich eine Abhandlung des Cicero eine Ode Pindar's und einen Brief von Chrysis, selbst wenn ich den Styl unserer vortrefflichen Freundin kennen würde, nicht nach der Reihenfolge meiner Sympathien ordnen. Wenn ich ein Buch wieder zuschlage, bin ich zufrieden, die Erinnerung an eine Zeile, die mich zum Denken angeregt hat, mitzunehmen. Bis jetzt enthielten alle, die ich aufgeschlagen habe, diese Zeile. Aber kein einziges hat mir eine zweite gebracht. Vielleicht hat Jeder von uns nur eine einzige Sache in seinem Leben zu sagen, und diejenigen, welche versucht haben länger zu sprechen, waren große Ehrgeizige. Wie viel mehr bedaure ich das Schweigen jener Millionen Seelen, welche nicht geredet haben. – Ich bin nicht Deiner Meinung, sagte Naukrates, ohne die Augen zu erheben. Die Welt ist erschaffen worden, damit drei Wahrheiten gesagt werden und zu unserem Unglück ist ihre Gewißheit schon fünf Jahrhunderte vor diesem Abend bewiesen worden. Heraklit hat die Welt begriffen, Parmenides hat die Seele enthüllt, Pythagoras hat Gott ermessen: wir haben nichts zu thun als zu schweigen. Ich finde die Kichererbse sehr gewagt. Mit dem Griffe ihres Fächers schlug Seso leise auf den Tisch. »Timon,« sagte sie, »mein Freund.« – Was giebt's? – Warum stellst Du Fragen, die keinerlei Interesse haben, weder für mich, die ich nicht lateinisch kann, noch für Dich, der Du es vergessen willst? Glaubst Du Faustina mit Deiner fremdländischen Gelehrsamkeit zu blenden? Armer Freund, mich wirst Du mit Deinen Worten nicht täuschen. Ich habe Deine große Seele gestern unter meiner Decke entkleidet und ich weiß, Timon, welcher Art die Kichererbse ist, um die sie sich kümmert. – Glaubst Du? sagte einfach der Jüngling. Doch Phrasilas begann mit ironischer und süßlicher Stimme ein zweites Kapitel. »Seso, wenn wir wieder das Vergnügen haben werden Dich Timon beurtheilen zu hören, sei es um ihm, wie er es verdient, Beifall zu spenden, sei es um ihn zu tadeln, was wir nicht könnten, erinnere Dich, daß es ein Unsichtbarer ist, dessen Seele eine eigentümliche ist. An sich hat sie kein Dasein, oder man kann sie wenigstens nicht kennen, aber sie spiegelt diejenigen wieder, die sich darin betrachten, und verändert ihr Aussehen, wenn sie die Stelle wechselt. Diese Nacht sah sie Dir ganz ähnlich und ich wundere mich nicht, daß sie Dir gefallen hat. Im Augenblick hat sie das Bild des Pilodemus angenommen: deßhalb hast Du soeben gesagt, daß sie sich Lügen straft. Nun braucht sie sich nicht zu verneinen, weil sie sich nicht bejahte. Du siehst, meine Liebe, daß man sich vor unbedachten Urtheilen hüten soll.« Timon warf auf Phrasilas einen zornigen Blick, doch er verschob seine Antwort. »Wie dem auch sei, begann Seso von Neuem, wir sind hier vier Hetären vereint, und wir bestehen darauf das Gespräch zu leiten, damit wir nicht rothwangigen Kindern gleichen, die den Mund nur aufthun, um Milch zu trinken. Faustina, beginne, da Du die neu Angekommene bist.« – Sehr richtig, sagte Naukrates. Wähle für uns, Faustina. Wovon sollen wir sprechen? Die junge Römerin drehte den Kopf, hob die Augen empor, erröthete und mit einer Wellenbewegung ihres ganzen Körpers seufzte sie: »Von der Liebe.« – Sehr hübscher Gegenstand! sagte Seso, eine Anwandlung zu Lachen unterdrückend. Aber Niemand nahm das Wort. — — — — — Der Tisch war mit Kränzen, Gräsern, Bechern und Kannen bedeckt. Sklavinen brachten in geflochtenen Körben Brode herbei, die so leicht waren, wie Schnee. Auf bemalten irdernen Platten sah man fette Aale mit Gewürzen bestreut, wachsfarbige Alphesten und geweihte Kallichtys. Es wurden auch Stutzköpfe aufgetragen, ein purpurner Fisch, von dem es hieß, er sei aus demselben Schaume wie Aphrodite geboren, Ochsenfische, Bebradonen, mit Dintenfischen belegte Meerbarben, bunte Drachenköpfe. Um sie brennend heiß essen zu können, bot man in ihren kleinen Pfannen Spitzmäuler, Wespen und warme Seepolypen, deren Arme zart waren; endlich den Bauch eines weißen Zitterfisches, so rund wie der Bauch eines schönen Weibes. Das war der erste Gang, wo die Gäste bissenweise die guten Stücke eines jeden Fisches wählten, den Rest den Sklaven überlassend. »Die Liebe,« begann Phrasilas, »ist ein Wort, das keinen Sinn hat, oder auch jeden Sinn, denn es bezeichnet abwechselnd zwei unvereinbare Gefühle, die Sinneslust und die Leidenschaft. Ich weiß nicht, in welchem Sinne Faustina davon sprechen will.« – Ich will, unterbrach Chrysis, die Wollust für meinen Theil und die Leidenschaft bei meinen Liebhabern. Du mußt von beiden sprechen, oder Du wirst nur halb mein Interesse zu erregen wissen. – Die Liebe, murmelte Philodemus, ist weder die Wollust, noch die Leidenschaft. Die Liebe ist etwas ganz Anderes. – Oh! Gnade! rief Timon, halten wir heute Abend ausnahmsweise ein Gastmahl ohne Philosophie. Wir wissen, Phrasilas, daß Du, mit einer sanften Beredsamkeit und einer honigsüßen Überzeugungskraft, die Überlegenheit des vielfachen Vergnügens über die ausschließliche Leidenschaft, verteidigen kannst. Wir wissen auch, daß, nachdem Du während einer Stunde über einen so kühnen Gegenstand gesprochen haben wirst, Du bereit sein würdest, während der darauffolgenden Stunde mit derselben sanften Beredsamkeit und derselben honigsüßen Überzeugungskraft die Gegengründe Deines Widersprechers zu verfechten. Ich leugne nicht ... – Erlaube ... sagte Phrasilas. – Ich leugne nicht den Reiz dieses kleinen Spieles, fuhr Timon fort, noch den Geist, den Du daran wendest. Ich zweifle nur an seiner Schwierigkeit und deßhalb an seinem Interesse. Das » Gastmahl «, das Du ehemals im Laufe einer weniger ernsten Erzählung veröffentlicht hast und auch die Gedanken, die Du neulich einer mythischen Person, die Deinem Ideale gleicht, geliehen hast, haben unter der Regierung von Ptolemäus Auletes neu und selten geschienen; aber wir leben seit drei Jahren unter der jungen Königin Berenike, und ich weiß nicht, durch welche Wendung die Denkmethode, welche Du dem berühmten, harmonisch lächelnden Exegeten entlehnt hast, plötzlich um hundert Jahre unter Deiner Feder gealtert hat, wie die Mode der geschlossenen Aermel und der gelbgefärbten Haare. Trefflicher Meister, es thut mir leid; denn wenn es Deinen Erzählungen ein wenig an Feuer gebricht, wenn Deine Erfahrung in Bezug auf das Frauenherz nicht so groß ist, daß man darüber unruhig werden könnte, so bist Du zum Ersatze dafür mit einem komischen Geiste begabt und ich bin Dir dankbar, daß Du mich zum Lächeln gebracht hast. – Timon! rief Bacchis entrüstet. Phrasilas unterbrach sie mit einer Handbewegung: »Laß gut sein, meine Liebe. Im Gegensatze zu den meisten anderen Menschen behalte ich von den Urtheilen, die mir zu Theil werden, nur die Lobworte, die man mir spendet. Timon hat mir dieselben gegeben; Andere werden mich wegen anderer Eigenschaften loben. Es ist nicht möglich unter einer allgemeinen Zustimmung zu leben, und die Verschiedenheit der Gefühle, welche ich erwecke, ist für mich ein reizendes Blumenbeet, wo ich die Rosen riechen will, ohne die Wolfsmilch auszureißen.« Chrysis machte eine Lippenbewegung, welche klar zeigte, wie wenig sie von diesem Manne hielt, der so geschickt den Diskussionen ein Ende machte. Sie wandte sich zu Timon, der ihr Bettnachbar war, und fragte, ihm die Hand auf den Hals legend: »Was ist der Zweck des Lebens?« Das war die Frage, die sie stellte, wenn sie nicht wußte, was sie einem Philosophen sagen sollte; aber diesmal legte sie eine solche Zärtlichkeit in ihre Stimme, daß Timon eine Liebeserklärung zu hören wähnte. Er antwortete jedoch mit einer gewissen Ruhe: »Jedem das seine, meine Chrysis. Es giebt für das Dasein der Wesen keinen universalen Zweck. Was mich betrifft, so bin ich der Sohn eines Bankiers, dessen Kundschaft alle großen Hetären Aegyptens umfaßt, und da mein Vater durch scharfsinnige Mittel ein großes Vermögen gesammelt hat, gebe ich dasselbe edelmüthig den Opfern seiner Geschäfte zurück, indem ich, so oft es mir die Kräfte, die mir die Götter verliehen haben, gestatten, mit ihnen schlafe. Meine Lebenskraft, sagte ich mir, ist nur eine einzige Aufgabe im Leben zu erfüllen fähig. Das ist diejenige, die ich wähle, da sie die Anforderungen der seltensten Tugend mit den entgegengesetzten Befriedigungen vereinbart, die ein anderes Ideal weniger gut ertragen würde.« Während er so sprach, hatte er sein rechtes Bein unter Chrysis' Beine, die auf der Seite lag, geschoben und er versuchte die geschlossenen Kniee der Hetäre zu trennen, als ob er an diesem Abend seinem Leben ein bestimmtes Ziel hätte geben wollen. Aber Chrysis ließ ihn nicht gewähren. Es gab einige Augenblicke des Schweigens, dann nahm Seso wieder das Wort. »Timon, es ist sehr schlecht von Dir, daß Du das einzige ernste Gespräch, dessen Gegenstand uns berühren kann, gleich bei Beginn unterbrichst. Laß wenigstens Naukrates sprechen, wenn Du so schlimm geartet bist.« – Was soll ich von der Liebe sagen? antwortete der Geladene . Es ist ein Name, den man dem Schmerze giebt, um die Leidenden zu trösten. Es giebt nur zwei Arten unglücklich zu sein: entweder das wünschen, was man nicht hat, oder das besitzen, was man gewünscht hat. Die Liebe beginnt mit der ersten Art und mit der zweiten geht sie im schlimmsten Falle ihrem Ende zu, das heißt: sobald sie ihren Zweck erreicht. Die Götter mögen uns davor behüten zu lieben! – Aber durch Überrumpelung besitzen, sagte Philodemus lächelnd, ist das nicht die wahre Liebe? – Welche Seltenheit! – Ach nein, – nicht wenn man darauf achtet. Höre dies, Naukrates; nicht begehren, und sich so einrichten, daß sich die Gelegenheit dazu biete; nicht lieben, aber aus der Ferne einige sorgfältig ausgewählte Personen gern haben, bei denen man vorausfühlt, daß man nach und nach Neigung für sie fassen könnte, wenn der Zufall und die Umstände sie Einem zuführen würden, niemals ein Weib mit den Vorzügen schmücken, welche man ihr wünscht, noch mit den Schönheiten, die sie verbirgt, aber das Abgeschmackte vermuthen, um sich ob des Vorzüglichen zu verwundern: ist das nicht der beste Rath, den ein Weiser den Liebenden geben könnte? Jene allein haben glücklich gelebt, die in ihrem so kostbaren Leben sich manchmal die unschätzbare Reinheit einiger unvorhergesehener Genüsse aufgespart haben. — — — — — Der zweite Gang neigte seinem Ende zu. Man hatte Fasanen aufgetischt, Attages, eine herrliche blaue und rothe Porphyris, einen Schwan, mit seinem ganzen Gefieder, den man vierundzwanzig Stunden gekocht hatte, um ihm die Flügel nicht zu verbrennen. Man sah auf gebogenen Platten Phlexiden und Pelikane, einen weißen Pfau, welcher achtzehn gespickte und gebratene Spermologen auszubrüten schien, kurzum: genug Speisen, um hundert Leute mit den Überbleibseln, nachdem die besten Stücke ausgewählt worden, zu sättigen. Aber das Alles war nichts im Vergleich zu dem letzten Gange. Dieses Meisterwerk (seit langer Zeit hatte man in Alexandrien nichts Ähnliches gesehen) war ein junges Schwein, dessen eine Hälfte gebraten und dessen andere Hälfte in Brühe gekocht worden war. Es war unmöglich zu erkennen, wie es getödtet worden war und wie man ihm die Bauchhöhle mit Allem was sie enthielt, gefüllt hatte. Das Thier war in der That mit fetten Wachteln, mit Hühnerbäuchen, mit Lerchen, mit gehacktem Fleisch und schmackhaften Saucen gefüllt worden, ohne daß man sich hätte erklären können, wie dies Alles in das unversehrte Thier hineingekommen war. Es gab nur einen Schrei der Bewunderung, und Faustina war entschlossen das Recept zu verlangen. Phrasilas gab lächelnd metaphorische Sentenzen zum Besten, Philodemus improvisirte ein Distichon, wo das Wort »choiros« in seinen zwei Bedeutungen angewendet wurde, worüber Seso, die schon betrunken war, dermaßen lachte, daß ihr die Thränen rannen; doch als Bacchis den Befehl gegeben hatte, jedem Gaste in sieben Becher sieben seltene Weine gleichzeitig einzugießen, entartete das Gespräch vollends. Timon wandte sich zu Bacchis: »Warum warst Du so hart gegen das arme Mädchen, das ich mitbringen wollte? Es war doch eine Kollegin. An Deiner Stelle hielte ich eine arme Hetäre mehr in Ehren, als eine reiche Matrone.« – Du bist von Sinnen, sagte Bacchis, ohne darauf einzugehen. – Ja, ich habe oft bemerkt, daß man diejenigen, die ausnahmsweise schlagende Wahrheiten auszusprechen wagen, für verrückt hält. In Paradoxen ist alle Welt einig. – Nun, mein Freund, frage Deine Nachbaren. Welcher Mann von guter Herkunft würde ein Mädchen ohne Schmuck zur Geliebten nehmen? – Ich habe es gethan, sagte Philodemus einfach. Und die Frauen mißachteten ihn. »Im vorigen Jahre, fuhr er fort, am Ende des Frühlings, als mir das Exil Cicero's Ursache schien, für meine eigene Sicherheit zu fürchten, machte ich eine kleine Reise. Ich zog mich nach den Alpen zurück, in einen reizenden Ort, Orobia genannt, am Ufer des kleinen Sees Clisius. Es war ein einfaches Dorf, wo es keine zweihundert Frauen gab, und eine derselben war Hetäre geworden, um die Tugend der Anderen zu schützen. Man erkannte ihr Haus an einem Blumenstrauß, der an der Thür hing, sie selbst aber unterschied sich nicht von ihren Schwestern und Basen. Sie wußte nicht, daß es Schminken, Wohlgerüche und Schönheitsmittel gebe, durchsichtige Schleier und Haarbrenneisen. Sie wußte ihre Schönheit nicht zu pflegen und enthaarte sich mit Pechharz, wie man in einem Hofe aus weißem Marmor das Unkraut ausrauft. Man erbebte, wenn man bedachte, daß sie ohne Schuhe ging, so daß man ihre nackten Füße nicht küssen konnte, wie Faustinas Füße, die weicher sind als Hände. Und doch fand ich an ihr so viel Reize, daß ich neben ihrem braunen Körper einen ganzen Monat hindurch Rom, Tyrus und das glückliche Alexandrien vergaß.« Naukrates machte eine zustimmende Bewegung, und sagte, nachdem er getrunken hatte: »Das große Ereigniß der Liebe ist der Augenblick, wo sich die Nacktheit enthüllt. Die Hetären sollten es wissen und uns Überraschungen bereiten. Doch es scheint, daß sie sich im Gegentheil die größte Mühe geben, uns zu enttäuschen. Giebt es etwas Unangenehmeres als ein wallendes Haar, wo man die Spuren des heißen Eisens sieht? Nichts ist peinlicher, als bemalte Wangen, deren Schminke beim Kusse abfärbt; nichts ist jämmerlicher, als ein geschwärztes Auge, wo sich die Kohle nach der Quere verwischt. Ich könnte allenfalls noch begreifen, daß sich ehrliche Frauen dieser Täuschungsmittel bedienen; jede Frau liebt es sich mit einem Kreise verliebter Männer zu umgeben, und diese Frauen setzen sich wenigstens den Zudringlichkeiten nicht aus, die ihre natürliche Gestalt enthüllen würden. Aber daß Hetären, die das Bett als Zweck und Erwerbsmittel haben, nicht fürchten, sich dort weniger schön zu zeigen, als auf der Straße, das begreife ich nicht.« – Du verstehst nichts davon, Naukrates, sagte Chrysis lächelnd. Ich weiß, daß man nicht einen Geliebten von zwanzig festhalten kann; aber man verführt nicht einen Mann von fünfhundert, und bevor man im Bette gefällt, muß man auf der Straße gefallen. Niemand würde uns vorbeigehen sehen, wenn wir weder Roth noch Schwarz auflegten. Die kleine Bäuerin, von der Philodemus sprach, hatte keine Mühe ihn anzuziehen, da sie allein in ihrem Dorfe war; es giebt hier fünfzehntausend Hetären; das ist eine ganz andere Concurrenz. – Weißt Du nicht, daß die reine Schönheit keiner Ausschmückung bedarf und sich selbst genügt? – Ja. Nun laß eine reine Schönheit, wie Du sagst, und Gnathene, die alt und häßlich ist, sich gemeinschaftlich bewerben. Setze die Erste mit durchlöchertem Kleide auf die letzten Stufen des Theaters und die Zweite in gestirntem Gewande, auf die von ihren Sklavinen ihr vorbehaltenen Plätze und schreibe beim Herausgehen ihre Preise auf: man wird der reinen Schönheit acht Obolen geben, und Gnathene zwei Minen. – Die Männer sind dumm, schloß Seso. – Nein, bloß träge. Sie geben sich nicht die Mühe ihre Geliebte zu wählen. Die geliebtesten sind die verlogensten. – Doch wenn ich, begann Phrasilas, wenn ich einerseits gern leben würde ... Und er verfocht mit großer Annehmlichkeit zwei ganz interesselose Thesen. — — — — — Eine hinter der anderen erschienen zwölf Tänzerinen, die zwei ersten spielten die Flöte, die letzte das Tamburin, die anderen schlugen die Klapper. Sie befestigten ihre Schuhbänder, berieben mit weißem Harze ihre kleinen Sandalen und warteten mit ausgestreckten Armen auf den Beginn der Musik ... Eine Note, zwei Noten ... eine lydische Tonleiter ... und nach einem leichten Rhythmus setzten die zwölf Mädchen sich in Schwung. Ihr Tanz war lüstern, weich und anscheinend ohne Ordnung, obgleich alle Figuren im Voraus geregelt worden waren. Sie bewegten sich in einem kleinen Räume und mengten sich untereinander wie die Fluthen. Bald gesellten sie sich paarweise und ohne ihren Tanz zu unterbrechen, lösten sie ihre Gürtel und ließen ihre rosarothen Gewänder fallen. Ein Geruch von nackten Frauen verbreitete sich um die Männer, den Duft der Blumen und den Geruch der zerlegten Braten deckend. Sie warfen sich mit hastigen Bewegungen zurück, der Bauch war gespannt, die Arme vorgestreckt. Dann reckten sie sich wieder, mit hohlem Kreuze und mit den Warzen ihrer geschüttelten Brüste berührten sich ihre Körper im Vorbeigehen. Timons Hand wurde von einem vorbeihuschenden warmen Schenkel angenehm gestreift. »Was denkt unser Freund davon?« sagte Phrasilas, mit seiner dünnen Stimme. – Ich fühle mich vollkommen glücklich, antwortete Timon. Ich habe nie so klar wie heute Abend die höchste Aufgabe des Weibes verstanden. – Und welche ist es? – Sich zu prostituiren, mit oder ohne Kunst. – Das ist eine Meinung. – Phrasilas, noch ein Mal, wir wissen, daß man nichts beweisen kann; ja noch mehr, wir wissen, daß nichts existirt und daß selbst dies nicht sicher ist. Nur so nebenbei gesagt und um Deine ehrwürdige Manie zu befriedigen, erlaube ich mir eine zugleich strittige und abgedroschene These, wie es alle sind, aufzustellen, aber interessant für mich, der sie behauptet, und auch für die Mehrzahl der Männer, die sie leugnen. In Bezug auf das Denken ist die Originalität noch mehr chimärisches Ideal als die Gewißheit. Du weißt das. – Gieb mir Wein von Lesbos, sagte Seso zur Sklavin, er ist stärker als der andere. – Ich behaupte, begann Timon von Neuem, daß die verheirathete Frau, indem sie sich einem Manne widmet, der sie betrügt, indem sie sich Anderen entzieht (oder sich nur selten Ehebrüche gestattet, was dasselbe ist), Kinder zur Welt bringt, welche sie vor der Geburt verunstalten und nachher ganz in Beschlag nehmen, – ich behaupte, daß eine ehrbare Frau, indem sie so lebt, ihr Leben nutzlos hinbringt, und daß die Jungfrau am Tage ihrer Heirath einen schlimmen Handel eingeht. – Sie glaubt einer Pflicht zu gehorchen, sagte Naukrates ohne Überzeugung. – Einer Pflicht? und gegen wen? Hat sie nicht die Freiheit selbst eine Sache zu regeln, die sie allein angeht? Sie ist ein Weib, und als Weib ist sie gewöhnlich geistigen Freuden gegenüber sehr wenig empfänglich: und nicht genug, daß sie der Hälfte der menschlichen Freuden fremd bleibt, versagt sie sich durch die Ehe die andere Seite der Wollust! So kann sich denn ein junges Mädchen im Alter, wo es ganz Leidenschaft ist, sagen: »Ich werde meinen Mann kennen, und zehn Geliebte, höchstens zwölf«, und glauben, daß sie sterben werde, ohne etwas vermißt zu haben? Für mich werden dreitausend Weiber an dem Tage, wo ich die Erde verlassen werde, nicht genug sein. – Du bist ehrgeizig, sagte Chrysis. – Aber mit welchem Weihrauch, mit welchen goldenen Versen, rief der sanfte Philodemus aus, müssen mir nicht auf alle Zeiten die mildthätigen Hetären preisen! Ihnen haben wir es zu danken, wenn wir den verwickelten Vorsichtsmaßnahmen, den Eifersüchteleien, den Listen, dem Herzklopfen des Ehebruches entgehen. Sie sind es; die uns das Warten im Regen, die schwankenden Leitern, die geheimen Thüren, die unterbrochenen Randez-vous, die unterschlagenen Briefe und die falsch verstandenen Zeichen ersparen. Oh angebetete Häupter, wie liebe ich euch! Bei euch hat man keine Belagerung zu unternehmen; um einige Geldstücke gebt ihr uns zum Überflüsse, was Andere uns nach drei Wochen harter Weigerung nur unvollkommen und wie eine Gnade gewähren. Für eure erleuchteten Seelen ist die Liebe kein Opfer, es ist eine gleichmäßige Gunst, welche zwei Liebende austauschen; auch dienen die Summen, welche man euch anvertraut, nicht dazu, eure unschätzbaren Zärtlichkeiten zu vergüten, sondern sie bezahlen knapp den mannigfachen und reizenden Luxus, für welchen ihr in eurer äußersten Gefälligkeit Sorge traget und mit welchem ihr jeden Abend unsere anspruchsvolle Wollust einschläfert. Da ihr zahllos seid, finden wir immer unter euch den Traum unseres Lebens und die Laune unseres Abends, Tag für Tag andere Weiber, mit Haaren und Augen in allen Farben, mit Lippen nach jedem Geschmack. Es giebt in der Welt keine Liebe, so rein sie auch sei, die ihr nicht erheucheln könntet, keine so widerwärtige, daß ihr sie nicht zu gewähren wagtet. Für die von der Natur vernachlässigten Männer seid ihr milde, für die betrübten trostreich, allen gastfreundlich und schön! Deßhalb sage ich es euch, Chrysis, Bacchis, Seso, Faustina, es ist ein gerechtes Gesetz der Götter, das den Hetären das ewige Verlangen der Liebhaber zuurtheilt.« Die Tänzerinen tanzten nicht mehr. Eine junge Luftspringerin, welche mit Dolchen spielte und zwischen gezückten Schwertern auf den Händen ging, war soeben eingetreten. Da die Aufmerksamkeit der Gäste ganz auf das gefährliche Spiel des Kindes gerichtet war, betrachtete Timon Chrysis und legte sich, allmälig der Länge nach hinter ihr hin, bis er sie mit den Füßen und dem Munde berühren konnte. »Nein, sagte Chrysis mit leiser Stimme; nein, mein Freund.« Aber er hatte den Arm durch den weiten Schlitz, ihres Rockes gesteckt und streichelte zärtlich die schöne, feine und heiße Haut der Hetäre. »Halt' ein,« flehte sie. »Sie werden uns entdecken. Bacchis wird grollen.« Ein Blick genügte dem jungen Manne, um sich zu überzeugen, daß man ihm nicht zusah. Er erdreistete sich bis zu einer Liebkosung, nach welcher die Weiber selten widerstehen, wenn sie erst erlaubt haben so weit zu gehen. Und um durch ein entscheidendes Argument die letzten Bedenken der Scham zu beschwichtigen, legte er dann seine Börse in die Hand, die zufällig offen war. Chrysis wehrte sich nicht mehr. Die junge Luftspringerin führte indeß ihre feinen und gefährlichen Kunststücke weiter. Sie ging auf den Händen, mit umgestülptem Rocke, die Füße vor dem Kopf hängend, zwischen scharf geschliffenen und spitzigen Schwertern. Die Anstrengung ihrer gefährlichen Stellung und vielleicht auch die Angst vor den Wunden trieben unter ihre Wangen ein warmes, dunkles Blut, das den Glanz ihrer offenen Augen nach erhöhte. Ihre Taille biegte und reckte sich, ihre Beine zitterten zuweilen. Ein angstvolles Athmen belebte ihre nackte Brust. »Genug,« sagte Chrysis mit strenger Stimme; »Du hast mich entnervt, weiter nichts. Laß mich, laß mich.« Und im Augenblick, wo die beiden Epheserinen aufstanden, um der Gewohnheit gemäß die Fabel der Hermaphroditen zu spielen, ließ sie sich vom Bette gleiten und ging aufgeregt hinaus. III. Rhacotis. Kaum hatte Chrysis die Thür geschlossen, als sie ihre Hand auf das entflammte Centrum ihrer Gier drückte, wie man einen schmerzhaften Punkt preßt, um stehende Empfindungen zu lindern. Dann lehnte sie sich mit der Schulter an eine Säule und rang leise schreiend die Hände. Wird sie denn nie Etwas erfahren? Je mehr die Stunden vergingen, desto deutlicher sah sie die Unwahrscheinlichkeit ihres Erfolges. Plötzlich nach dem Spiegel verlangen: das war ein sehr gewagtes Mittel die Wahrheit zu erfahren. Im Falle derselbe gestohlen worden, würde sie allen Verdacht auf sich lenken und sich ins Verderben stürzen. Andererseits war es ihr nicht mehr möglich da zu bleiben, ohne zu sprechen; aus Ungeduld hatte sie den Saal verlassen. Timon's Ungeschicklichkeiten hatten ihre stumme Wuth zu einer bebenden Überreiztheit gesteigert, die sie zwang ihren Körper an die kühle, glatte Säule zu lehnen. Sie sah einen Nervenanfall voraus und bekam Angst. Sie rief die Sklavin Aretias herbei. »Bewahre mir meinen Schmuck auf; ich gehe hinaus.« Und sie stieg die sieben Treppenstufen hinunter. Die Nacht war warm. Kein Luftzug trocknete auf ihrer Stirne die schweren Schweißtropfen. Die Enttäuschung, die sie deßhalb fühlte, vergrößerte ihr Unbehagen und machte sie wanken. Sie ging die Straße entlang. Bacchis Haus war am äußersten Ende von Brouchion gelegen, an der Grenze der Altstadt Rhacotis, einer ungeheueren Spelunke voll mit Matrosen und Aegypterinen. Die Fischer, welche wahrend der glühenden Hitze des Tages in den vor Anker liegenden Fahrzeugen schliefen, kamen dahin, um bis zum Morgen ihre Nacht da zuzubringen, den Dirnen und den Weinverkäufern ihren Erwerb des vorigen Tages zurücklassend. Chrysis lenkte in die Gäßchen dieser alexandrinischen Suburra ein, die voll Stimmen, Bewegung und barbarischer Musik war. Sie schaute verstohlen durch die offenen Thüren, in die vom Dampfe der Lampen stinkenden Säle, wo sich nackte Paare begatteten. An Straßenecken, auf niederen, vor den Häusern nebeneinander gereihten Gerüsten, gab es Strohmatten, die unter ihrer doppelten Menschenlast knarrten und sich bewegten. Chrysis ging unruhig weiter. Ein Weib, das ohne Liebhaber war, forderte sie auf. Ein Greis griff ihr an den Busen. Eine Mutter bot ihr ihre Tochter an. Ein Bauer, der sie angaffte, küßte sie auf den Nacken. Sie floh in einer Art erröthender Furcht. Diese fremde Stadt, mitten in der griechischen, war für Chrysis voll Nacht und Gefahr. Sie kannte schlecht dies sonderbare Labyrinth, den Wirrwarr von Straßen, das Geheimniß gewisser Häuser. Wenn sie sich von Zeit zu Zeit hieher wagte, folgte sie immer demselben directen Wege, nach einer kleinen rothen Thüre und dort vergaß sie ihre alltäglichen Geliebten in der unermüdlichen Umarmung eines jungen Eseltreibers mit sehnigen Muskeln, den sie das Vergnügen hatte ihrerseits zu bezahlen. Aber an jenem Abend merkte sie, ohne nur den Kopf zu wenden, daß doppelte Schritte ihr folgen. Sie beschleunigte ihren Gang. Der doppelte Schritt wurde gleichfalls beschleunigt. Sie begann zu laufen, man lief hinter ihr her; dann lenkte sie wie toll in ein anderes Gäßchen, dann in ein anderes in entgegengesetzter Richtung, dann in eine lange Straße, die in eine unbekannte Gegend führte. So floh sie mit trockenem Gaumen und geschwollenen Schläfen, nur von Bacchis' Wein aufrecht gehalten, ganz bleich und verwirrt. Endlich verschloß ihr eine Mauer den Weg: sie befand sich in einer Sackgasse. Schnell wollte sie umkehren; allein, zwei Matrosen mit braunen Händen versperrten ihr den engen Durchgang. »Wohin gehst Du, Goldpfeilchen?« sagte der Eine lachend. – Laßt mich hindurch. – Was? Du bist verirrt, mein Kind, Du kennst Rhacotis nicht, wie? Wir wollen Dir die Stadt zeigen. Und damit faßten sie beide beim Gürtel. Sie schrie, sträubte sich, theilte Faustschläge aus, aber der zweite Matrose nahm ihre beiden Hände gleichzeitig in seine Linke und sagte einfach: »Verhalte Dich ruhig. Du weißt, daß man hier die Griechen nicht liebt; Niemand wird Dir zu Hilfe kommen.« – Ich bin keine Griechin! – Du lügst, Deine Haut ist weiß und Deine Nase gerade. Laß uns gewähren, wenn Du den Stock fürchtest. Chrysis schaute den Sprecher an und warf sich ihm plötzlich an den Hals. » Dich liebe ich, Dir werde ich folgen,« sagte sie. – Du wirst uns beiden folgen. Mein Freund wird seinen Theil daran haben. Geh mit uns; Du wirst Dich nicht langweilen. Wohin wollten sie Chrysis führen? Sie wußte nichts davon, aber der zweite Matrose gefiel ihr wegen seiner Rauheit, wegen seines brutalen Kopfes. Sie betrachtete ihn mit dem unablässigen Blicke, den junge Hündinen vor dem Fleische haben. Sie beugte ihren Körper nach seiner Seite, um ihn im Gehen zu berühren. Schnellen Schrittes durchzogen sie seltsame Viertel ohne Leben und ohne Licht. Chrysis begriff nicht, wie sie in diesem nächtlichen Labyrinth, wo sie nicht allein hätte hinauskommen können, den Weg fanden, so seltsam verworren waren die Gäßchen. Die geschlossenen Thüren, die leeren Fenster, die unbeweglichen Schatten erschreckten sie. Ueber ihr, zwischen den eng beisammen stehenden Häusern, zog sich ein schmaler Streifen des bleichen, vom Mondscheine überflutheten Himmels hin. Endlich kehrten sie in das Leben zurück. An einer Straßenecke erschienen plötzlich acht, zehn, zwölf Lichter. Es waren beleuchtete Thüren, wo junge nabatenische Frauen zwischen zwei rothen Lampen kauerten, die von unten ihre goldbehaubten Köpfe beleuchteten. Aus der Ferne hörten sie zuerst das Gemurmel wachsen, dann ein Getöse von Karren und von hingeworfenen Ballen, von Eselstritten und von menschlichen Stimmen. Es war der Platz von Rhacotis, wo, während Alexandrien schlief, sich der eintägige Vorrath für die Nahrung von neunmalhunderttausend Menschen anhäufte. Sie gingen die Häuser des Platzes entlang, zwischen grünen Haufen von Gemüse, Lotoswurzeln, glänzenden Bohnen, Olivenkörben. Von einem violetten Haufen nahm Chrysis eine Hand voll Brombeeren und aß sie, ohne sich aufzuhalten. Endlich blieben sie vor einer niederen Thür stehen und die Matrosen stiegen mit Derjenigen, für welche man die wahren Perlen der Anadyomene gestohlen hatte, hinunter. Da war ein ungeheurer Saal. Fünfhundert Männer aus dem Volke tranken da, den Tag erwartend, Tassen gelben Bieres, aßen Feigen, Linsen, Sesamkuchen und Olyrabrod. Mitten unter ihnen wimmelte ein Wirrwarr kreischender Weiber, ein ganzes Feld schwarzer Haare und bunter Blumen in einer glühenden Atmosphäre. Es waren arme Mädchen ohne Obdach, welche Allen gehörten. Sie kamen dorthin, um nach den Überresten zu betteln, mit nackten Füßen, nackten Brüsten, nothdürftig mit rothen oder blauen Lappen auf dem Bauche bedeckt; die meisten trugen auf dem linken Arme ein in Lumpen gehülltes Kind. Auch da gab es Tänzerinen, sechs Aegypterinen auf einem Gerüste, mit einem Orchester von drei Musikanten, von denen die beiden Ersten mit Stäben auf Felltrommeln schlugen, während der Dritte ein großes Sistrum aus tönendem Erze schüttelte. »Oh! Myxarkuchen!« sagte Chrysis vergnügt. Und sie kaufte von einer kleinen Händlerin für zwei Kupfermünzen. Aber plötzlich wurde ihr übel, so sehr war der Geruch dieser Spelunke unerträglich; die Matrosen trugen sie in ihren Armen weg. In der frischen Luft erholte sie sich. »Wo gehen wir hin?« flehte sie. »Machen wir rasch, ich kann nicht weiter. Ich widersetze mich nicht, ihr seht es, ich bin gut. Aber findet so rasch als möglich ein Lager, sonst falle ich auf die Straße hin.« IV. Baccanal bei Bacchis. Als sie sich wieder bei Bacchis' Thür befand, war sie von dem angenehmen Gefühl durchdrungen, welches die Rast im Begehren und die Ruhe des Fleisches verschaffen. Ihre Stirne war erleichtert. Ihr Mund war milder geworden. Ein von Zeit zu Zeit wiederkehrender Schmerz irrte noch um die Höhlung ihrer Lenden. Sie stieg die Treppe hinauf und schritt über die Schwelle. Seitdem Chrysis den Saal verlassen, hatte sich das Gelage wie eine Flamme entwickelt. Andere Freunde waren gekommen, für welche die zwölf nackten Tänzerinen ein leichter Raub geworden. Vierzig zerpflückte Kränze bedeckten den Boden mit Blumen. Ein Schlauch mit Wein aus Syrakus war in einer Ecke ausgegossen, ein goldener Fluß, der bald den Tisch erreichte. Philodemus neben Faustina, deren Kleid er zerriß, sagte ihr singend Verse her, die er über sie gedichtet hatte. »Oh Füße, sagte er, oh weiche Schenkel, tiefe Lenden, runde Kruppe, gespaltene Feige, Hüften, Schultern, Brüste, beweglicher Nacken, oh ihr, die ihr mich wahnsinnig macht, warme Hände, geschickte Bewegungen, flinke Zunge! Du bist eine Römerin, Du bist braun und Du singst die Verse der Sappho nicht; aber auch Perseus war der Geliebte der Indierin Andromeda. Philodemus A. P. V. 132 « Doch Seso, auf dem Tische, inmitten der durcheinander geworfenen Früchte auf dem Bauche liegend, war von den Dünsten des aegyptischen Weines vollkommen benebelt und tauchte die Warze ihrer rechten Brust in ein Sorbet mit Schnee, wobei sie fortwährend mit einer komischen Rührung wiederholte: »Trink', mein Kleiner. Du bist durstig. Trink', mein Kleiner. Trinke. Trinke. Trinke!« Aphrodisia, die nach Sklavin war, triumphirte in einem Männerkreise und feierte ihre letzte Nacht der Knechtschaft durch unmäßige Ausschweifungen. Um der Tradition aller alexandrinischen Orgien zu gehorchen, hatte sie sich zuerst drei Männern zugleich hingegeben; aber ihre Aufgabe war damit nicht zu Ende und bis Tagesanbruch sollte sie, nach dem Gesetze der Sklavinen, die Hetären werden, durch einen unausgesetzten Eifer beweisen, daß sie ihrer neuen Würde gewachsen war. Hinter einer Säule stehend stritten Naukrates und Phrasilas höflich über den respektiven Werth von Arkesilas und Karneades. Am anderen Ende des Saales schützte Myrtocleia Rhodis gegen einen allzu zudringlichen Gast. Als sie Chrysis eintreten sahen, liefen die beiden Ephesierinen ihr entgegen. »Gehen wir weg, meine Chryse. Theano bleibt; aber wir gehen.« – Ich bleibe auch, sagte die Hetäre. Und sie legte sich mit dem Rücken auf ein großes, mit Rosen bestreutes Bett. Ein Geräusch von Stimmen und von geworfenen Geldstücken zog die Aufmerksamkeit an: es war Theano, die um ihre Schwester zu parodiren, inmitten des Lachens und Schreiens, auf den Gedanken gekommen war, aus Spott die Fabel der Danaë zu spielen, indem sie, jedes Mal wenn ein Goldstück sie durchdrang, eine milde Wollust heuchelte. Die herausfordernde Gottlosigkeit des liegenden Kindes ergötzte die Gäste, denn die Zeit war vorüber, wo der Blitz die Spötter des Unsterblichen ausrottete. Aber das Spiel entartete, wie es zu fürchten war. Ein Ungeschickter verletzte die arme Kleine, die laut zu weinen anfing. Um sie zu trösten, mußte man eine neue Belustigung erfinden. Zwei Tänzerinen schoben in die Mitte des Saales ein großes Gefäß aus vergoldetem Silber, das bis zum Rande mit Wein gefüllt war. Jemand ergriff Theano an den Beinen und ließ sie den Kopf zu unterst, davon trinken, während sie von unwiderstehlichen Lachkrämpfen geschüttelt wurde. Dieser Einfall hatte solchen Erfolg, daß Alle näher traten und, als die Flötenspielerin wieder auf ihre Beine kam, und man ihr durch Kongestion entflammtes Gesichtchen, das von Wein rieselte, sah, kam eine so allgemeine Freude zum Ausbruch, daß Bacchis zu Selene sagte: »Einen Spiegel! einen Spiegel! damit sie sich selbst so besehen kann!« Die Sklavin brachte einen Spiegel aus Bronze. »Nein, nicht diesen. Den Spiegel von Rhodopis! Der Spaß ist ihn werth.« Mit einem Ruck war Chrysis aufgestanden. Das Blut stieg ihr in die Wangen, um dieselben gleich wieder zu verlassen und sie verharrte ganz bleich, mit stürmisch pochendem Herzen, die Augen auf die Thür geheftet, durch welche die Sklavin hinausgegangen war. Dieser Augenblick sollte ihr ganzes Leben entscheiden. Die letzte Hoffnung, die ihr geblieben, war im Begriffe vereitelt zu werden oder sich zu verwirklichen. Um sie her tobte das Fest weiter. Ein, man wußte nicht woher geworfener Iriskranz fiel ihr auf den Mund und ließ auf ihren Lippen den herben Geschmack des Blüthenstaubes zurück. Ein Mann goß ihr ein Fläschchen Wohlgerüche auf die Haare, es entleerte sich zu schnell und benetzte ihre Schultern. Ein voller Becher, in welchen ein Granatapfel geworfen worden, bespritzte ihr seidenes Gewand und die Nässe drang ihr bis auf die Haut. Sie trug stolz allen Schmutz des Gelages. Die Sklavin, die hinausgegangen war, kam nicht wieder zurück. Chrysis blieb bleich wie ein Stein und regte sich nicht mehr, als eine Bildsäule. Die rhythmische und einförmige Klage einer in der Nähe im Liebeskrampfe liegenden Frau maß ihr einzig die Zeit. Es schien ihr, als ob dieses Weib schon seit dem vorigen Tage wimmerte. Sie hätte Etwas zerknittern, sich die Finger zerbrechen, schreien mögen. Endlich kam Selene mit leeren Händen zurück. »Und der Spiegel?« fragte Bacchis. – Er ist ... er ist nicht mehr da ... er ist ... er ist ... gestohlen, stotterte die Magd. Bacchis stieß einen so gellenden Schrei aus, daß Alle schwiegen, eine schauerliche Stille unterbrach plötzlich den Tumult. Aus allen Winkeln des großen Saales näherten sich Männer und Frauen: es blieb nur noch ein kleiner, leerer Raum, wo Bacchis verstört vor der am Boden liegenden Sklavin stand. »Du sagst! ... Du sagst! ...« heulte sie. Und da Selene nicht antwortete, ergriff sie sie heftig am Halse: »Du hast ihn gestohlen, nicht wahr? Du bist es? So antworte doch! Ich werde Dich mit Peitschenhieben zum Reden bringen, elende Hündin!« Da geschah etwas Schreckliches. Das von der Todesangst gepeinigte Kind, erschreckt durch die unmittelbarste Gefahr, die es je gekannt, stieß die Worte hervor: »Es ist Aphrodisia! Nicht ich! Ich habe ihn nicht gestohlen.« – Deine Schwester! – Ja, ja! sagten die Mulattinen, Aphrodisia hat ihn genommen! Und sie schleppten ihre Schwester, die soeben in Ohnmacht gefallen war, zu Bacchis hin. V. Die Gekreuzigte. Alle zusammen wiederholten: »Aphrodisia hat ihn genommen! Hündin! Sau! Aas! Diebin!« Ihr Haß gegen die bevorzugte Schwester vergrößerte sich durch ihre persönliche Angst. Aretias stieß sie mit dem Fuße an die Brust. – Wo ist er? rief Bacchis. Wo hast Du ihn hingethan? – Sie hat ihn ihrem Geliebten gegeben. – Wer ist das? – Ein opischer Matrose. – Wo ist sein Schiff? – Es ist heute Abend nach Rom zurückgesegelt. Du wirst den Spiegel nicht mehr sehen. Sie muß gekreuzigt werden, die Sau, das Ungeheuer! – Ach! ihr Götter! ihr Götter! weinte Bacchis. Dann verwandelte sich ihr Schmerz in einen milden Zorn. Aphrodisia war wieder zum Bewußtsein gekommen, aber durch den Schreck gelähmt und nicht begreifend was vorging, verharrte sie ohne Stimme und ohne Thränen. Bacchis faßte sie bei den Haaren, schleppte sie auf dem beschmutzten Boden herum, inmitten der Blumen und Weinpfützen und schrie: »An's Kreuz! an's Kreuz! Holt die Nägel! Holt den Hammer!« – Oh! sagte Seso zu ihrer Nachbarin, das habe ich nie gesehen. Folgen wir ihnen. Alle folgten sich aneinander drängend. Und auch Chrysis folgte, Chrysis, die allein den Schuldigen kannte und die allein an Allem die Schuld trug. Bacchis ging gerade auf das Sklavenzimmer zu, ein viereckiger Saal, der mit drei Matratzen ausgestattet war, wo sie zu zwei und zwei schliefen. Im Hintergrunde erhob sich als stets gegenwärtige Drohung ein T-förmiges Kreuz, das bis jetzt noch nicht verwendet worden. Inmitten des verworrenen Gemurmels der jungen Frauen und Männer hoben vier Sklavinen die Märtyrerin zur Höhe der Arme des Kreuzes empor. Noch kein Laut war aus ihrem Munde gekommen, als sie aber an ihrem nackten Rücken den kalten, rauhen Stamm fühlte, öffnete sie weit ihre langen Augen und begann ein kurz abgestoßenes Wimmern, das bis zu ihrem Ende nicht mehr aufhörte. Sie setzten sie rittlings auf einen Holzpfahl, der in der Mitte des Pflockes eingesetzt war, um den Körper zu stützen und das Reißen der Hände zu vermeiden. Dann that man ihr die Arme auseinander. Chrysis schaute zu und schwieg. Was konnte sie sagen? Sie hätte die Sklavin nur entlasten können, indem sie Demetrios angeklagt hätte; er war geschützt vor jeder Verfolgung und hätte sich grausam gerächt, dachte sie. Übrigens war eine Sklavin ein Reichthum, und es gefiel Chrysis, daß ihre Feindin im Begriffe war mit eigenen Händen einen Werth von dreitausend Drachmen so vollkommen zu zerstören, als ob sie die Geldstücke in den Eunostus geworfen hätte. Und übrigens, war denn das Leben eines dienenden Wesens werth, daß man sich darum bekümmerte? Heliope reichte Bacchis den ersten Nagel mit dem Hammer und die Marter begann. Die Trunkenheit, der Ärger, der Zorn, alle Leidenschaften zusammen, selbst jener Grausamkeitsinstinkt, der im Herzen der Weiber schlummert, bewegten Bacchis' Seele in dem Augenblicke, wo sie den ersten Schlag führte und sie stieß einen ebenso durchdringenden Schrei aus, als derjenige Aphrodisia's war, als sich der Nagel in der offenen Handfläche krümmte. Sie nagelte die zweite Hand an. Sie nagelte die Füße aufeinander. Dann rief sie, durch die Blutquellen, die den drei Wunden entströmten, aufgestachelt: »Es ist noch nicht genug! Da hast Du! Diebin! Sau! Matrosendirne!« Sie zog, eine nach der anderen, die langen Nadeln ihrer Haare heraus und stieß sie heftig in das Fleisch des Busens, des Bauches und der Schenkel. Als sie keine Waffe mehr in den Händen hatte, ohrfeigte sie die Unglückliche und spie ihr auf die Haut. Sie betrachtete einige Zeit ihr vollendetes Rachewerk, dann kehrte sie mit allen ihren Gästen in den großen Saal zurück. Phrasilas und Timon allein folgten ihr nicht. — — — — — Nach einigen Augenblicken des Sammelns hustete Phrasilas ein wenig, legte seine rechte Hand in die Linke, hob den Kopf in die Höhe, runzelte die Stirne und näherte sich der Gekreuzigten, die unaufhörlich von einem schrecklichen Schauer geschüttelt wurde. »Obwohl ich bei manchen Gelegenheiten, sagte er ihr, den Theorien, die sich gern absolut nennen, entgegengesetzt bin, kann ich nicht verkennen, daß Du in dem Zustande, in welchem Du Dich befindest, nur gewinnen könntest, wenn Du in ernsthafterer Weise mit den stoischen Maximen vertraut gemacht würdest. Zeno, der nicht in allen Dingen einen von Irrthümern freien Geist besessen zu haben scheint, hat uns einige Sophismen ohne große, allgemeine Tragweite hinterlassen, aus welchen Du aber, in der Absicht Deine letzten Augenblicke zu lindern, Nutzen ziehen könntest. Der Schmerz, sagte er, ist ein sinnloses Wort, weil unser Wille die Unvollkommenheiten unseres vergänglichen Körpers überwindet. Es ist übrigens wahr, daß Zeno im Alter von achtundachtzig Jahren starb, ohne die geringste Krankheit gehabt zu haben, sagen seine Biographen; aber das ist kein Grund, den man gegen ihn einwenden kann, denn aus der Thatsache, daß er eine unverwüstliche Gesundheit zu bewahren wußte, können wir logisch nicht schließen, daß, wenn er krank geworden wäre, es ihm an Charakterstärke gefehlt hätte. Auch wäre es ein Mißbrauch die Philosophen zu zwingen, persönlich die Lebensregeln, welche sie vorschlagen, in Anwendung zu bringen und ohne Unterlaß die Tugenden zu pflegen, welche sie als die höchsten betrachten. Kurzum, und damit ich nicht über die Maßen meine Rede verlängere, so daß sie Gefahr laufen würde länger zu dauern als Du: bemühe Dich Deine Seele, so viel es ihr möglich ist, über Deine körperlichen Leiden zu erheben. So traurig, so grausam sie Dir auch scheinen mögen, ich bitte Dich überzeugt zu sein, daß ich wahrhaft daran Theil nehme. Sie gehen ihrem Ende zu; habe Geduld, vergiß! Die Stunde ist gekommen, wo Du unter den verschiedenen Lehren, die uns die Unsterblichkeit zuerkennen, diejenige wählen kannst, die am besten Dein Bedauern, daß Du verschwindest, einzuschläfern geeignet ist. Wenn diese Lehren die Wahrheit sagen, wirst Du sogar die Schauer des Übergangs erleuchtet haben. Wenn sie lügen, was liegt Dir daran? Du wirst nie wissen, daß Du geirrt hast.« Als er so gesprochen, ordnete Phrasilas die Falten seines Gewandes auf der Schulter, und zog sich schwankenden Schrittes zurück. Timon blieb mit der Gekreuzigten, die mit dem Tode rang, allein zurück. Die Erinnerung einer Nacht, die er auf dem Busen dieser Unglücklichen zugebracht hatte, verließ sein Gedächtniß nicht mehr, mit dem Gedanken vermengt, daß baldige Fäulniß diesen schönen Körper, der in seinen Armen entbrannt war, verunstalten würde. Er drückte die Hand auf die Augen, um die Gefolterte nicht zu sehen, aber er hörte fortwährend das Zittern des Leibes am Kreuze. Endlich blickte er auf. Blutige Streifen liefen kreuzweise über ihre Haut, von den Nadeln der Brust bis zu den eingekrümmten Zehen. Fortwährend drehte sich der Kopf. Das ganze Haar hing auf der linken Seite herab, von Blut, Schweiß und Wohlgerüchen benetzt. »Aphrodisia! hörst Du mich! erkennst Du mich! Ich bin es, Timon, Timon.« Ein schon fast blinder Blick traf ihn für einen Moment. Aber der Kopf drehte sich immer noch. Der Leib hörte nicht auf zu zittern. Leise, als ob er gefürchtet hätte, daß das Geräusch seiner Schritte ihr weh thun könnte, trat der Jüngling bis zum Fuße des Kreuzes vor. Er streckte die Arme vorwärts, nahm sorgfältig den kraftlosen und schwankenden Kopf in seine beiden mitleidigen Hände, entfernte andächtig die Haare, welche durch die Thränen an den Wangen klebten und drückte auf die heißen Lippen einen unendlich zärtlichen Kuß. Aphrodisia schloß die Augen. Erkannte sie Den, der ihr schreckliches Ende durch eine Regung liebevollen Mitleides versüßte? Ein unsagbares Lächeln zog ihre blauen Augenlider in die Länge und in einem Seufzer gab sie den Geist auf. VI. Begeisterung. Die Sache war also gethan. Chrysis hatte den Beweis. Wenn Demetrios sich entschlossen hatte das erste Verbrechen zu begehen, mußten die anderen kurz darauf gefolgt haben. Ein Mann seines Ranges mußte Mord und Tempelschändung für weniger entehrend halten als Diebstahl. Er hatte gehorcht, also war er gefangen. Dieser freie, ruhige, kalte Mann duldete ebenfalls den Sklavendienst, und seine Herrin, seine Gebieterin, war sie, Chrysis, Sarah aus dem Lande Genezareth. Ah! daran denken, es wiederholen, es laut sagen, allein sein! Chrysis eilte aus dem geräuschvollen Hause hinaus und lief schnell, gerade vor sich hin, das Angesicht durch den endlich frisch gewordenen Morgenwind abgekühlt. Sie folgte bis zur Agora der Straße, die zum Meere führte und an deren Ende, ungeheuren Ähren gleich, die Masten von achthundert Schiffen eng beisammen standen. Dann wandte sie sich nach rechts, angesichts der ungeheuern Dromos-Straße, wo sich Demetrias Wohnung befand. Sie wurde von einem Schauer des Stolzes umweht, als sie vor den Fenstern ihres zukünftigen Geliebten vorbeiging; aber sie war nicht so ungeschickt, auch nur zu versuchen ihn zuerst zu sehen. Sie durchschritt die lange Straße bis zum Thor von Canope, und warf sich zwischen zwei Aloës auf den Boden. Er hatte Das gethan! Er hatte Alles für sie gethan, mehr als je ein Liebender wahrscheinlich für ein Weib gethan hatte. Sie wurde nicht müde ihren Triumph zu wiederholen und zu bekräftigen. Demetrios der Vielgeliebte, der unmögliche Traum so vieler Frauenherzen, hatte sich ihretwegen willig allen Gefahren, allen Schanden, allen Gewissensbissen ausgesetzt. Er hatte sogar das Ideal seines Denkens verleugnet, er hatte sein Werk des wunderbaren Halsbandes beraubt und dieser aufgebende Tag wird den Geliebten der Göttin zu Füßen seines neuen Götzenbildes sehen! »Nimm mich! nimm mich!« rief sie aus. Jetzt betete sie ihn an. Sie rief ihn, sie wünschte ihn. Die drei Verbrechen verwandelten sich in ihrem Geiste in Heldenthaten, zu deren Belohnung sie nie genug Zärtlichkeit, nie genug Leidenschaft zu geben haben wird. In welcher unvergleichlichen Flamme wird diese einzige Liebe zweier gleich jungen, gleich schönen Wesen brennen, die von einander gleich geliebt waren und für immer, nach so viel überwundenen Hindernissen, vereint waren! Sie würden beide wegziehen, die Stadt der Königin verlassen, sie würden nach geheimnißvollen Landen segeln, nach Amathont, nach Epidaurus oder nach der unbekannten Stadt Rom, welche die zweite der Welt nach dem ungeheuern Alexandrien war, und welche im Begriffe war die Welt zu erobern. Was würden sie nicht thun, wo immer sie auch seien! Welche Freude würde ihnen fremd sein, welches menschliche Glück würde das ihre nicht beneiden, und nicht vor ihrer zauberischen Erscheinung erbleichen! Chrysis erhob sich wie geblendet. Sie streckte die Arme aus, drückte die Schultern zusammen, reckte ihren Oberkörper vor. Ein Gefühl von Mattigkeit und Lust wuchs in ihrer gehärteten Brust. Sie machte sich wieder auf den Weg, um heimzukehren. Als sie die Thür ihres Zimmers öffnete, verwunderte sie sich, daß seit dem gestrigen Tage sich nichts unter ihrem Dache verändert hatte. Die kleinen Gegenstände ihrer Toilette, ihres Tisches, ihrer Gestelle schienen ihr ungenügend, um ihr neues Leben zu umgeben. Sie zerbrach einige, die ihr zu aufdringlich frühere, fortan unnöthige Liebhaber in Erinnerung brachten und die sie plötzlich zu hassen begann. Wenn sie die anderen verschonte, so war es nicht etwa, weil ihr diese kostbarer schienen; aber sie fürchtete das Gemach auszuleeren, im Falle, daß Demetrios die Absicht hätte die Nacht darin zuzubringen. Sie entkleidete sich langsam. Überbleibsel von dem Gelage fielen von ihrem Gewande, Kuchenbrosamen, Haare, Rosenblätter. Sie glättete mit der Hand ihre des Gürtels entledigte Taille und griff mit den Fingern in die Haare, um deren Dichtigkeit zu verringern. Doch bevor sie zu Bett ging, bekam sie Lust einige Augenblicke auf dem Teppich der Terrasse, wo die Frische der Luft so köstlich war, auszuruhen. Sie stieg hinauf. Die Sonne war kaum seit einigen Augenblicken aufgegangen. Sie lag am Horizonte wie eine ungeheuer vergrößerte Apfelsine. Ein großer Palmbaum mit gekrümmtem Stamme ließ sein dichtes, grünes Laub über den Dachsaum überhängen. Chrysis barg darunter ihre kitzlige Nacktheit, und mit den Brüsten in den Händen begann sie zu frösteln. Ihre Augen irrten über die Stadt, die nach und nach hell wurde. Die violetten Dünste des Tagesanbruchs stiegen in den schweigsamen Straßen empor um in der klaren Luft zu verschwinden. Plötzlich durchzuckte ein Gedanke ihren Geist, ein stets wachsender, aufdringlicher Gedanke, der sie wahnsinnig machte: Demetrios hatte schon so viel für sie gethan, warum würde er die Königin nicht tödten, er, der König sein könnte? Und dann … — — — — — Dann würde dieser ungeheure Ozean von Häusern, Palästen, Tempeln, Thoren, Säulengängen, welche sich vor ihren Augen ausbreiteten, von der westlichen Begräbnißstätte bis zu den Gärten der Göttin: Brouchion, die glänzende und regelmäßig gebaute Griechenstadt, Rhacotis, die aegyptische Stadt, vor welcher sich wie ein akropolisartiger Berg das hell erleuchtete Paneion erhob; der große Tempel der Serapis, dessen Façade von zwei langen Obelisken, wie von Hörnern überragt war; der große Tempel der Aphrodite, von dem Rauschen von dreihunderttausend Palmbäumen und von den zahllosen Fluthen umgeben; der Tempel der Persephone und der Tempel der Arsinoë, die beiden Grabstätten Poseidon's, die drei Thürme der Isis Pharis, die sieben Säulen der Isis Lochias und das Theater und die Rennbahn und das Stadium, wo Psittakos mit Nikosthenes um die Wette gelaufen war und das Grab der Stratonike und das Grab des Gottes Alexander; – Alexandrien, Alexandrien! das Meer, die Menschen, der ungeheure Leuchtturm aus Marmor, dessen Spiegel die Menschen vom Meere errettete; Alexandrien! die Stadt der Berenike und der elf Ptolemäischen Könige, Physkan, Philometor, Epiphanes, Philadelphos; Alexandrien, das Ziel aller Träume, die Krone allen seit dreitausend Jahren in Memphis, Theben, Athen, Corinth, durch den Meißel, durch den Griffel, durch den Kompaß, durch das Schwert errungenen Ruhmes; – weiter noch das durch die sieben Zungen des Nils gespaltete Delta, Saïs, Bubastes, Heliopolis; dann gegen Süden, den Fluß hinauf, der Streif fruchtbaren Landes, das Heptanom, wo sich längs des Flusses zwölfhundert, allen Göttern geweihte Tempel staffelförmig aneinander reihten; und weiter, die Thebaïde, Diospalis, die Elephantinische Insel, die undurchschiffbaren Wasserfälle, die Insel Argo ... Meroë ... das Unbekannte; und selbst, wenn man an die Überlieferungen der Aegypter glauben kann, die fabelhaften Seeen, woraus der alte Nil entspringt und welche so groß sind, daß man den Horizont aus dem Gesichte verliert, wenn man ihre purpurnen Fluthen durchschifft, und so hoch auf den Bergen liegend, daß die nahen Sterne sich wie Goldfrüchte darin spiegeln, – dies Alles, Alles, würde das Königreich, das Gebiet, das Besitzthum der Hetäre Chrysis sein. Erstickend hob sie die Arme in die Höhe, als ob sie den Himmel berühren zu können wähnte. Und bei dieser Bewegung sah sie, langsam, zu ihrer Linken, einen großen Vogel mit schwarzen Fittigen vorbeiziehen und nach dem hohen Meere zu verschwinden. Viertes Buch. I. Demetrios' Traum. Als Demetrios mit dem Spiegel, dem Kamm und dem Halsbande heimgekehrt war, wurde er in der Nacht von einem Traume heimgesucht und sein Traum war folgender: Während einer sonderbaren Nacht, ohne Mond und ohne Sterne, während einer wolkenlosen Nacht, die von selbst glänzt, geht er dem Strande zu, mitten unter der Menge. Ohne zu wissen warum, ohne zu wissen was ihn anzieht, hat er Eile dahin zu kommen, sobald als möglich dort zu sein; aber nur mit Mühe dringt es vorwärts und die Luft leistet seinen Füßen einen unbegreiflichen Widerstand, gleich einem tiefen Gewässer, das jeden Schritt hemmt. Er zittert, er glaubt, daß er niemals ankommen, daß er niemals erfahren wird, wem er so, keuchend und unruhig, in dieser klaren Dunkelheit entgegengeht. Von Zeit zu Zeit verschwindet die Menge ganz, sei es, daß sie wirklich vergeht, sei es, daß er aufhört ihre Gegenwart zu fühlen. Dann drängt sie sich wieder, lästiger werdend, und Alle gehen, gehen und gehen geräuschvollen Schrittes vorwärts, schneller als er ... Dann drängt sich die Menschenmasse zusammen: Demetrios erbleicht; ein Mann stößt ihn an der Schulter; die Spange eines Weibes zerreißt ihm das Kleid; ein von der Menge gedrücktes Mädchen wird so eng an ihn gepreßt, daß er fühlt, wie ihre Brustwarzen sich an seiner Brust platt drücken, sodaß sie erschrocken sein Gesicht mit beiden Händen von sich stößt ... Plötzlich findet er sich allein, als der Erste auf dem Strande. Und da er sich zurückgewendet, sieht er in der Ferne ein weißes Gewimmel: die ganze Volksmenge, die plötzlich bis zur Agora zurückgewichen ist. Und er begreift, daß sie nicht mehr vorrücken wird. Der Strand dehnt sich weiß und gerade vor ihm aus, wie der Anfang einer unvollendeten Straße, die es unternommen hatte das Meer zu durchziehen. Er will bis zum Leuchtthurm gehen und schreitet vorwärts. Seine Beine sind plötzlich leicht geworden. Der Wind, der von den sandigen Wüsten her bläst, zieht ihn hastig mit sich fort, nach den welligen Einöden, wo der Strand sich hinauswagt. Aber je mehr er vorwärts kommt, desto mehr zieht sich der Leuchtthurm zurück; der Strand wird unendlich lang. Bald berührt der hohe Marmorthurm, wo ein purpurner Scheiterhaufen lodert, den bleichen Horizont; er fängt an zu zucken, wird immer kleiner und geringer und geht schließlich wie ein zweiter Mond unter. Demetrias schreitet immer noch weiter. Tage und Nächte scheinen vergangen zu sein, seitdem er das große Gestade Alexandriens in der Ferne zurückgelassen hat und er getraut sich nicht den Kopf umzuwenden, aus Furcht nichts mehr zu sehen als den zurückgelegten Weg: eine weiße Linie, bis in die Unendlichkeit, bis ans Meer reichend. Und doch wendet er sich um. Hinter ihm liegt eine mit großen, breitblumigen Bäumen bedeckte Insel. Hat er sie blind durchschritten, oder ist sie eben erst hervorgetaucht, auf geheimnißvolle Weise sichtbar geworden? Er denkt nicht daran sich danach zu fragen, er nimmt das Unmögliche wie ein natürliches Ereigniß hin ... Ein Weib ist auf der Insel. Sie steht vor der Thür des einzigen Hauses mit halb geschlossenen Augen und das Gesicht über die Blüthe eines ungeheuren Isis gebeugt, der in der Höhe ihrer Lippen wächst. Ihr Haar ist tief, von der Farbe des matten Goldes und von einer Länge, die wunderbar erscheint, wenn man sie nach der Masse des Haarwulstes beurtheilt, der ihren schmachtenden Nacken drückt. Ein schwarzes Gewand bedeckt dieses Weib, und ein noch schwärzeres Kleid umwallt das Gewand; und die Irisblume, die sie mit gesenkten Augenlidern beriecht, hat gleichfalls die Farbe der Nacht. Auf dieser trauernden Gestalt sieht Demetrios nur das Haar, wie eine Goldvase auf einer Ebenholz-Säule. Er erkennt Chrysis. Die Erinnerung an Spiegel, Kamm und Halsband dringt nur undeutlich in seinen Geist; aber er glaubt nicht daran und in diesem sonderbaren Traum erscheint ihm blos die Wirklichkeit als Träumerei. »Komm,« sagt Chrysis. »Folge meinen Schritten.« Er tritt ein. Sie steigt langsam eine mit weißen Fellen bedeckte Treppe hinauf. Ihr Arm hängt sich an die Lehne. Ihre nackten Fersen tauchen unter ihrem Kleide auf. Das Haus hat nur ein Stockwerk. Chrysis bleibt auf der letzten Stufe stehen. »Es sind vier Gemächer da,« sagt sie. »Wenn Du sie gesehen hast, wirst Du sie nicht mehr verlassen wollen. Willst Du mir folgen? Hast Du Vertrauen?« Aber er folgt ihr überall hin. Sie öffnet die erste Thür und schließt sie hinter ihm zu. Dieser Raum ist eng und lang. Ein einziges Fenster beleuchtet ihn, wo der Blick das ganze Meer umfaßt. Rechts und links enthalten zwei kleine Gestelle ein Dutzend gerollter Bände. »Hier sind die Bücher, die Du liebst,« sagt Chrysis, »andere sind nicht vorhanden.« Demetrios öffnet sie: es ist der Oineus von Chérémon , die Rückkehr von Alexis, Laïs Spiegel von Aristipp, die Zauberin , der Cyklop und das Bukolyskon des Theokrit, Oedipus auf Kolonos , die Oden der Sappho und einige andere kleine Werke. Inmitten dieser idealen Bibliothek ist ein nacktes junges Mädchen schweigend auf Kissen gelagert. »Nun,« murmelt Chrysis, aus einer langen goldenen Hülle ein Blatt Manuskript hervorziehend, »hier ist das Blatt antiker Verse, die Du niemals ohne zu weinen allein lesen kannst.« Der junge Mann liest aufs Geradewohl: Οἱ μὲν ἂῤ ἐθρήνεον, ἐπὶ δὲ στενάχοντο γυανῖϰες. Ρῇσιν δ᾽ Ανδγομάχη λευϰώλενος ἦρχε γόοιο, Ἓϰτορος ἀνροϕόνοιο ϰάρη μετὰ χερσὶν ἔχονσα᾿ Ἇνερ, ἀπʹ αἰϖνρς νέος ὤλεο, ϰαδδέ με χήρην Λείπεις ἐν μεγάροισι πάἵς δ῾ ἔτι νήπιος αὕτως, Ὂν τέϰομεν σύ τ᾽έγώ τε δυσάμμορι ... Er hält inne, um einen zärtlichen und verwunderten Blick auf Chrysis zu werfen. »Du!« sagte er ihr. »Du zeigst mir das?« – Ach! Du hast nicht Alles gesehen. Folge mir! Folge mir schnell! Sie öffnete eine zweite Thür. Das zweite Gemach ist viereckig. Ein einziges Fenster beleuchtet es, wo der Blick die ganze Natur umfaßt. In der Mitte steht ein Holzgestell, das einen Klumpen rothen Thones trägt, und in einer Ecke, auf einem gebogenen Stuhle sitzt schweigend ein nacktes junges Mädchen. »Hier wirst Du Andromache, Zagreus und die Sonnenpferde modelliren. Da Du sie für Dich allein schaffen wirst, wirst Du sie vor Deinem Tode zerstören.« – Es ist das Heim des Glückes, sagte leise Demetrios. Und er läßt seine Stirne in seine Hand sinken. Doch Chrysis öffnet eine dritte Thüre. Das dritte Gemach ist weit und rund. Ein einziges Fenster beleuchtet es, wo der Blick den ganzen blauen Himmel umfaßt. Die Wände sind aus einem Bronzegitter gemacht, das rautenförmig geflochten ist. Dahinter spielen unsichtbare Musikantinen auf Flöten und Zithern eine melancholische Weise. An der hinteren Wand steht ein grüner Marmorthron, darauf sitzt schweigend ein nacktes Mädchen. »Komm, komm,« wiederholt Chrysis. Sie öffnete eine vierte Thüre. Das vierte Gemach ist niedrig, dunkel, luftdicht geschlossen und dreieckig. Dicke Teppiche und Felle bekleiden dasselbe so weich, vom Boden bis zur Decke, daß die Nacktheit darin nicht in Erstaunen setzt, denn die Liebenden können sich einbilden, ihre Kleider nach allen Richtungen an die Wände geworfen zu haben. Wenn die Thür wieder geschlossen ist, weiß man nicht mehr wo sie ist. Fenster sind nicht vorhanden. Es ist eine enge Welt, außerhalb der Welt. Einige von oben herabhängende Büschel schwarzer Haare lassen wohlriechende Tropfen in die Luft gleiten. Und dieses Gemach ist durch sieben Myrrhe-Scheiben beleuchtet, welche das unbegreifliche Licht von sieben unterirdischen Lampen siebenfach verschieden färben. »Siehe, erklärte die junge Frau mit liebevoller und ruhiger Stimme, es stehen drei verschiedene Betten in den drei Ecken unseres Gemaches ...« Demetrios antwortet nicht; er fragt sich im Stillen: »Ist dies hier auch das letzte Ziel? Ist das wirklich der Zweck des menschlichen Lebens? Bin ich denn nur deshalb durch die drei anderen Gemächer geschritten, um in diesem inne zu halten? Und könnte ich wieder hinaus, wenn ich mich eine ganze Nacht hindurch in der Stellung der Liebe, welche dem Hinstrecken im Grabe gleicht, hinlege?« Doch Chrysis spricht: »Vielgeliebter, Du hast nach mir verlangt, ich bin gekommen, blicke mich recht an ...« Sie hebt gleichzeitig die beiden Arme, läßt die Hände auf den Haaren ruhen, und lächelt, die Ellenbogen vorgestreckt. »Vielgeliebter, ich bin Dein ... Oh! nicht sogleich. Ich habe Dir versprochen zu singen, ich werde zuerst singen.« Und er denkt nur noch an sie und er legt sich ihr zu Füßen. Sie trägt schwarze Sandalen. Vier bläuliche Perlenschnüre ziehen sich zwischen den kleinen Zehen, deren jede mit einer karminrothen Mondsichel bemalt ist. Den Kopf auf die Schulter geneigt schlägt sie mit den Fingerspitzen der rechten Hand auf die Handfläche der linken, indem sie leise die Hüften bewegt. »Ich suchte des Nachts in meinem Bette, den meine Seele liebt. Ich suchte, aber ich fand ihn nicht ... Ich beschwöre euch, ihr Töchter zu Jeruschalaim, wenn ihr meinen Geliebten findet, sagt ihm, daß ich aus Liebe krank liege.« »Ach! es ist das Hohelied, Demetrios. Es ist der Brautgesang der Töchter meines Landes.« »Ich schlafe, aber mein Herz wachet. Da ist die Stimme meines Freundes, der anklopft ... Er kommt und hüpft auf den Bergen und springt auf den Hügeln. Mein Freund ist gleich einem Reh oder jungen Hirsch. Mein Freund antwortet und spricht zu mir: Stehe auf, meine Freundin, meine Schöne, und komme her. Denn siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist weg und dahin. Die Blumen sind hervorgekommen im Lande, der Lenz ist herbeigekommen und die Turteltaube läßt sich hören in unserem Lande. Stehe auf, meine Freundin und komm, meine Schöne komme her!« Sie wirft ihren Schleier weit weg und bleibt mit einem engen Stoff bekleidet stehen, der an den Beinen und Hüften knapp anliegt. »Ich habe mein Hemd ausgezogen, wie sollte ich es wieder anziehen? Ich habe meine Füße gewaschen, wie sollte ich sie wieder besudeln? Aber mein Freund steckt seine Hand durch's Schloß und mein Leib erzittert davor. Da stand ich auf, daß ich meinem Freunde aufthäte; meine Hände troffen mit Myrrhen und Myrrhen liefen über meine Finger an den Riegel am Schloß. Ach, daß er mich küsse mit den Küssen seines Mundes!« Sie beugte den Kopf zurück, die Augenlider halb schließend. »Erquickt mich, labet mich, denn ich bin krank vor Liebe. Seine Linke lege sich unter mein Haupt und seine Rechte herze mich ... Nu hast mir das Herz genommen, meine Schwester, liebe Braut, mit deiner Augen einem und mit deiner Halsketten einer. Wie schön sind deine Brüste, meine Schwester, liebe Braut! Deine Brüste sind lieblicher denn Wein und der Geruch deiner Salben übertrifft alle Würze, Deine Lippen, meine Braut, sind wie triefender Honigseim. Honig und Milch ist unter Deiner Zunge, und Deiner Kleider Geruch ist wie der Geruch Libanons. Meine Schwester, liebe Braut! Du bist ein verschlossener Garten, eine verschlossene Quelle, ein versiegelter Born ... Stehe auf, Nordwind, und komm, Südwind; und wehet durch meinen Garten, daß seine Würze triefen.« Sie rundet ihre Arme und hält den Mund ihm entgegen. »Mein Freund komme in seinen Garten und esse seine edlen Früchte.« – Ich komme, meine Schwester, liebe Braut, in meinen Garten. Ich habe meine Myrrhen sammt meiner Würze abgebrochen; ich habe meines Seimes sammt meinem Honig gegessen; ich habe meines Weines, sammt meiner Milch getrunken ... Setze mich wie ein Siegel auf Dein Herz, und wie ein Siegel auf Deinem Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod.« Ohne die Füße zu bewegen, ohne ihre geschlossenen Kniee zu biegen, dreht sie langsam ihren Körper auf ihren unbeweglichen Hüften. Ihr Gesicht und ihre beiden Brüste erscheinen über der Scheide ihrer Beine wie drei fast rosige Blumen in einem Straußbehälter aus Kleiderstoff. Sie tanzt ernst mit den Schultern und dem Kopfe und mit ihren schönen, in einander geschlungenen Armen. Sie scheint zu leiden in ihrer Hülle und die weiße Hautfarbe ihres halb befreiten Körpers immer mehr zu enthüllen. Ihr Athem schwellt ihre Brust, ihr Mund kann sich nicht mehr schließen. Ihre Augenlider können sich nicht mehr heben. Ein wachsendes Feuer röthet ihre Wangen. Zuweilen vereinen sich ihre zehn gekreuzten Finger vor ihrem Gesichte. Zuweilen hebt sie die Arme. Reizend streckt sie sich. Eine lange flüchtige Furche trennt ihre gehobenen Schultern. Endlich, in einer Umdrehung ihrer Haare, die ihr keuchendes Gesicht wie mit einem Hochzeitsschleier umgiebt, löst sie zitternd die geschnitzte Spange, die den Stoff an ihren Hüften festhielt und laßt das ganze Geheimniß ihrer Reize auf den Teppich gleiten. Demetrios und Chrysis ... Ihre erste Umarmung vor der Liebe ist gleich so vollkommen, so harmonisch, daß sie unbeweglich darin verweilen, um ihre mannigfache Wollust voll und ganz zu genießen. Eine der Brüste Chrysis' schmiegt sich unter den Arm, der sie mit Kraft an sich zieht. Einer ihrer Schenkel liegt brennend zwischen seinen beiden zusammengezogenen Beinen, und der andere, der darüber gelegt ist, erweitert sich und wird schwer. So bleiben sie bewegungslos, verbunden, aber nicht durchdrungen in der wachsenden Erregung eines unbeugsamen Verlangens, das sie nicht befriedigen wollen. Allein ihre Lippen haben sich zuerst gefunden. Sie berauschen sich an einander, ihrer schmerzhaften Keuschheit trotzend, ohne sie zu befriedigen. Man betrachtet nichts so sehr in der Nähe wie das Gesicht des geliebten Weibes. In der völligen Annäherung des Kusses gesehen scheinen Chrysis' Augen ungeheuer. Wenn sie dieselben schließt, bleiben zwei parallele Falten auf jedem Augenlid und eine einförmig trübe Farbe dehnt sich von den glänzenden Augenbrauen bis zum Ansatz der Wangen. Wenn sie dieselben öffnet, erleuchtet ein grüner Ring, so dünn wie ein Seidenfaden, mit einem farbigen Kranze den unergründlichen schwarzen Augapfel, der sich unter den eingebogenen Augenlidern maßlos vergrößert. Das rothe Fleckchen Fleisch, von wo die Thränen fließen, hat plötzliche Zuckungen. Dieser Kuß wird kein Ende mehr nehmen. Es scheint, daß unter Chrysis' Zunge nicht Milch und Honig fließt, wie die Schrift sagt, sondern ein lebendes, bewegliches, zauberisches Wasser. Und diese Zunge selbst, diese vielförmige Zunge, die sich höhlt und die sich einrollt, die sich zurückzieht und sich dehnt, liebkosender als die Hand, ausdrucksvoller als das Auge, eine Blume, die sich zum Griffel abrundet und sich zum Blumenblatt verdünnt. Fleisch, das steif wird um zu zittern, oder weich um zu lecken: diese Zunge belebt Chrysis mit ihrer ganzen Zärtlichkeit, mit ihrer leidenschaftlichen Phantasie ... Dann wieder sind es Liebkosungen, die sie verlängert und die ihre Stelle wechseln. Ihre Fingerspitzen genügen, um einzuschließen in einem Netze von Schauerkrämpfen, welche die Rippen entlang erwachen und nicht immer vergehen. Sie ist nur dann glücklich, hat sie gesagt, wenn sie durch das Verlangen geschüttelt oder durch die Erschlaffung entnervt ist: der Übergang erschreckt sie, wie ein Schmerz. Sobald ihr Geliebter sie dazu einlädt, entfernt sie ihn mit ihren gestreckten Armen; ihre Kniee ziehen sich zusammen, ihre Lippen flehen. Demetrios zwingt sie mit Gewalt. ... Kein Schauspiel der Natur, weder die Flammen des Westens, noch der Sturm in den Palmbäumen, weder der Blitz, noch die Luftspiegelung, oder der große Aufruhr der Fluthen scheint Denjenigen bewunderungswürdig, die in ihren Armen die Verklärung des Weibes gesehen haben. Chrysis wird wunderthätig! Nacheinander sich reckend oder zurückfallend, die Ellenbogen auf die Kissen gestemmt, ergreift sie den Zipfel eines Kopfpolsters, sie hält sich krampfhaft daran, wie eine Sterbende, und sie erstickt schier, den Kopf zurückgebogen. Ihre von Dankbarkeit leuchtenden Augen fixiren in dem Winkel der Augenlider den Taumel ihres Blickes. Ihre Wangen sind strahlend. Die Krümmung ihres Haares ist von einer verblüffenden Beweglichkeit. Zwei wunderbare Muskellinien gehen vom Ohr und von der Schulter aus und vereinigen sich unter der rechten Brust, die sie wie eine Frucht tragen. Mit einer Art religiöser Scheu betrachtet Demetrios diese Wuth der Göttin in einem weiblichen Körper, dieses Entzücken eines ganzen Wesens, dieses übermenschliche Zucken, dessen unmittelbare Ursache er ist, das er nach seinem Belieben erhöht oder unterdrückt und das ihn zum tausendsten Male verwirrt. Unter seinen Augen bemühen und verherrlichen sich alle Mächte des Lebens, um zu schaffen. Die Brüste haben schon bis zu ihren völlig gereiften Warzen die mütterliche Majestät angenommen. Der geheiligte Leib des Weibes vollendet sein Empfangen ... Und dieses Klagen, dieses jämmerliche Klagen, das im Voraus das Gebären beweint! ... II. Die Menge. Am Morgen, wo das Bacchanal bei Bacchis ein Ende nahm, gab es in Mexandrien ein Ereigniß: es regnete. Sofort war, im Gegensatz zu dem, was gewöhnlich in weniger afrikanischen Landen geschieht, Jedermann draußen, um den Guß zu empfangen. Die Naturerscheinung war weder eine fluthartige noch eine stürmische. Breite, lauwarme Tropfen, die aus einer violetten Wolke fielen, durchkreuzten die Luft. Die Frauen fühlten, wie sie ihre Busen und ihr schnell zurechtgebundenes Haar benetzten. Die Männer betrachteten den Himmel mit Interesse. Kleine Kinder lachten laut auf und zogen ihre nackten Füße durch die dünne Kothschichte. Dann verschwand die Wolke im Lichte; der Himmel blieb unerbittlich klar und kurze Zeit nach Mittag war der Koth in der Sonnenhitze wieder zum Staube geworden. Aber dieser vorübergehende Regenguß hatte genügt. Die Stadt war aufgeheitert. Die Männer blieben auf dem Steinpflaster der Agora beisammen, die Frauen mengten sich in Gruppen untereinander, wo ihre lauten Stimmen sich kreuzten. Die Hetären allein waren da, denn der dritte Tag der aphrodisischen Feste war der Frömmigkeit der verheiratheten Frauen allein vorbehalten und diese hatten sich soeben in einem großen Zuge auf die Straße des Ustarteion begeben; auf dem Platze blieben daher nur geblümte Kleider und schwarz geschminkte Augen zurück. Als Myrtocleia vorbeiging, wurde sie von einem Philotis genannten Mädchen, das mit vielen anderen plauderte, an der Binde ihres Aermels gezogen. »He, Kleine, Du hast gestern bei Bacchis gespielt? Was hat sich dort ereignet? Was hat man dort getrieben? Hat Bacchis ein neues, breites Halsband hinzugefügt, um die Gruben ihres Halses zu verbergen? Trägt sie Brüste von Holz oder von Kupfer? Hat sie vergessen ihre weiße Härchen auf der Schläfe zu färben, bevor sie ihre Perrücke aufgesetzt hat? Nun, sprich doch, stummer Fisch !« – Glaubst Du denn, daß ich sie angeschaut habe? Ich bin nach dem Mahle gekommen, habe meine Szene gespielt, meinen Lohn erhalten und bin eilig weggegangen. – Oh! ich weiß, daß Du keine Unzucht treibst. – Um mein Kleid zu beschmutzen und Hiebe zu bekommen? nein, Philotis. Nur reiche Frauen können bei Gelagen mitthun. Die kleinen Flötenspielerinen können nur Leid davon tragen. – Wenn man sein Kleid nicht beflecken will, so läßt man es im Vorzimmer. Wenn man Faustschläge bekommt, läßt man sich doppelt bezahlen. Es ist ganz einfach. Du hast uns also nichts zu erzählen? kein Abenteuer? keinen Scherz? keinen Skandal? Wir gähnen wie Ibisvögel. Erfinde etwas, wenn Du nichts weißt. – Meine Freundin Theano ist nach mir dort geblieben. Als ich vorhin aufgewacht bin, war sie noch nicht nach Hause gekommen. Das Fest dauert vielleicht noch immer. – Es ist aus, sagte ein anderes Weib. Theano steht dort, an die keramische Mauer gelehnt. Die Hetären liefen dorthin, aber einige Schritte davon entfernt blieben sie mit einem mitleidigen Lächeln stehen. Theano, im Taumel ihres harmlosen Rausches, zog eigensinnig an einer fast entblätterten Rose, deren Dornen in ihren Haaren hängen geblieben. Ihr gelbes Kleid war roth und weiß befleckt, als ob die ganze Orgie ihr über den Leib gefahren wäre. Die Bronzespange, die auf der Schulter die zusammenlaufenden Falten des Stoffes festhalten sollte, hing tiefer als der Gürtel und enthüllte die bewegliche Halbkugel einer jungen, schon überreifen Brust, welche zwei purpurrothe Male bewahrte. Als sie Myrtocleia bemerkte, verfiel sie in ein sonderbares Lachen, das in Alexandrien Jedermann kannte und das ihr den Spitznamen »das Huhn« eingetragen hatte. Es war ein endloses Glucksen einer brütenden Henne, ein lustiger Tonfall, der athemlos bis zur untersten Stufe ging, um dann mit einem schrillen Aufschrei von Neuem zu beginnen, und so ging es rhythmisch fort, in der Freude eines frohlockenden Vogels. »Ein Ei! ein Ei!« sagte Philotis. Aber Myrtocleia machte eine Bewegung: »Komm, Theano. Du mußt schlafen gehen. Du fühlst Dich nicht wohl. Komm mit mir.« – Ah! ha! ... Ah! ha! lachte das Kind. Und sie nahm ihre Brust in ihre kleine Hand und rief mit entstellter Stimme: »Ah! ha! ... der Spiegel ...« – Komm! wiederholte Myrto ungeduldig. – Der Spiegel ... er ist gestohlen, gestohlen, gestohlen! Ah! haaaa! Ich werde nie mehr so lachen, und wenn ich länger als Kronos lebe. Gestohlen, gestohlen, der Silberspiegel. Die Sängerin wollte sie fortziehen, allein Philotis hatte verstanden. »Ohe! rief sie den Anderen zu, die Arme in die Höhe streckend. Kommt doch schnell her! Man erfährt Neuigkeiten! Der Spiegel ist gestohlen!« Und Alle riefen aus: »Papaie! Bacchis' Spiegel!« Im Augenblick drängten sich dreißig Frauen um die Flötenspielerin. »Was sagt man?« – Wie? – Man hat Bacchis' Spiegel gestohlen; Theano hat es soeben gesagt. – Aber wann denn? – Wer hat ihn genommen? Das Kind zuckte mit den Achseln: »Weiß ich's denn?« – Du hast die Nacht dort zugebracht. Du mußt es wissen. Es ist nicht möglich. Wer ist bei ihr eingedrungen? Man hat Dir's wohl gesagt. Erinnere Dich, Theano. – Weiß ich's denn? ... Es waren ihrer mehr als zwanzig im Saale ... Sie hatten mich als Flötenspielerin gemiethet, aber sie hatten mich davon abgehalten zu spielen, weil sie die Musik nicht mögen. Sie haben von mir verlangt, ich solle die Figur der Danae darstellen und warfen Goldstücke nach mir, die mir Bacchis alle genommen hat ... Und was noch? Sie waren toll. Sie haben mich, den Kopf zu unterst, aus einem übervollen Zuber trinken lassen, wo sie sieben Becher hineingegossen hatten, weil es sieben Gattungen Weine auf dem Tische gegeben hatte. Mein Gesicht war ganz naß. Selbst meine Haare schwammen darin und meine Rosen. – Ja, unterbrach Myrto, Du bist ein sehr häßliches Mädchen. Aber der Spiegel? Wer hat ihn genommen? – Eben! Als man mich wieder auf die Beine gestellt hatte, war mir das Blut zu Kopfe gestiegen und ich hatte Wein bis in die Ohren. Ha! Ha! Sie haben alle zu lachen angefangen ... Bacchis hat den Spiegel holen lassen ... Ha! Ha! er war nicht mehr da. Jemand hatte ihn genommen. – Wer? Man frägt Dich: wer? – Ich war es nicht, das ist Alles, was ich weiß. Man konnte mich nicht durchsuchen, ich war ganz nackt. Ich kann einen Spiegel nicht unter dem Augenlid verbergen, wie eine Drachme. Ich war es nicht, das ist Alles, was ich weiß ... Sie hat eine Sklavin an's Kreuz geschlagen, vielleicht ist es deßhalb ... Als ich bemerkte, daß man mir nicht mehr zuschaute, habe ich die Goldstücke der Danae aufgelesen. Hier! Myrto. Ich habe deren fünf. Du kannst Kleider für uns drei dafür kaufen. — — — — — Das Gerücht von dem Diebstahl hatte sich nach und nach auf dem ganzen Platze verbreitet. Die Hetären verhehlten ihre eifersüchtige Befriedigung nicht. Eine geräuschvolle Neugierde belebte die bewegten Gruppen. »Es ist ein Weib, sagte Philotis, es ist ein Weib, das diesen Streich gespielt hat.« – Ja, der Spiegel war gut verborgen. Ein Dieb hätte Alles mitnehmen und Alles im Zimmer umstürzen können, ohne den Stein zu finden. – Bacchis hatte Feindinen, ihre früheren Freundinen hauptsächlich. Diese wußten alle das Geheimniß. Eine derselben wird sie wohl irgendwohin locken haben lassen und bei ihr eingedrungen sein zur Stunde, wo die Sonne brannte und die Straße fast einsam ist. – Oh! sie hat ihn vielleicht verkaufen lassen, um ihre Schulden zu zahlen. – Wenn es einer ihrer Geliebten wäre? Man sagt, daß sie jetzt Packträger nimmt. – Nein, es ist ein Weib, ich bin dessen sicher. – Bei den beiden Göttinen, e» ist ihr recht geschehen! Auf einmal rückte eine noch mehr erregte Menge einem Punkte der Agora zu, gefolgt von einem wachsenden Geräusch, das alle Vorbeigehenden anlockte. »Was giebt's? was giebt's?« Und eine gellende Stimme rief, den Tumult beherrschend, über die geängstigten Köpfe hinweg: »Man hat die Gattin des Hohenpriesters getödtet!« Ein starke Aufregung bemächtigte sich der ganzen Menge. Man glaubte nicht daran. Man wollte nicht denken, daß inmitten der aphrodisischen Feste, ein solcher Mord den Zorn der Götter auf die Stadt habe laden können. Doch überall wurde, von Mund zu Mund, derselbe Satz wiederholt: »Man hat die Frau des Hohenpriesters getödtet; das Fest des Tempels ist unterbrochen!« Rasch folgten sich die Nachrichten. Man hatte den Leichnam an einem entlegenen Ort, am höchsten Punkte der Gärten auf einer Bank von rothem Marmor gefunden. Eine lange Goldnadel war durch die linke Brust hindurch getrieben: die Wunde hatte nicht geblutet; aber der Mörder hatte alle Haare der jungen Frau abgeschnitten und den alten Kamm der Königin Ritaukrit mitgenommen. Nach den ersten Angstschreien herrschte eine gedrückte Stimmung. Von Augenblick zu Augenblick wuchs die Menge immer mehr an. Die ganze Stadt war da. Es war ein Meer von entblößten Köpfen und von Frauenhüten, eine ungeheure Heerde, die gleichzeitig aus dem blauen Schatten der Straßen in das blendende Licht der Agora Alexandriens strömte. Man hatte einen solchen Zudrang seit dem Tage, wo Ptolemäus Auletes von der Partei der Berenike vertrieben wurde, nicht gesehen. Und die politischen Revolutionen erschienen weniger schrecklich, als dieses Verbrechen gegen die Religion, von welchem das Heil der Stadt abhängen konnte. Die Männer umdrängten die Zeugen zum Erdrücken. Man verlangte neue Einzelheiten. Man sprach Vermuthungen aus. Frauen theilten den neu Angekommenen den Diebstahl des berühmten Spiegels mit. Die Klügsten behaupteten, daß diese beiden nacheinander geschehenen Verbrechen von derselben Hand verübt worden seien. Aber von welcher? Mädchen, die am verflossenen Tage ihre Gabe für das nächste Jahr niedergelegt hatten, fürchteten, daß die Göttin dieselben nicht mehr anrechnen würde, und schluchzend saßen sie da, den Kopf in ihrem Kleide verborgen. Ein alter Aberglaube verlangte, daß zwei ähnlichen Ereignissen ein drittes, noch schlimmeres folgen müsse, Die Menge erwartete dieses Ereigniß. Was hatte der geheimnißvolle Dieb nach dem Spiegel und dem Kamme gestohlen? Eine erstickende, von dem Südwind entzündete Atmosphäre voll Sand und Staub lastete auf der schier versteinerten Menge. Unmerklich, als ob diese Menschenmasse nur ein Wesen wäre, wurde sie von einem Schauder ergriffen, der nach und nach bis zur Höllenangst anwuchs; und alle Augen richteten sich auf denselben Punkt am Horizonte. Es war am äußersten Ende der großen, geradlinigen Allee, welche von dem Canope-Thor aus quer durch Alexandrien ging und von dem Tempel zur Agora führte. Dort, am äußersten Punkte des sanften Abhangs, wo sich die Aussicht auf den Himmel öffnete, war plötzlich eine zweite Menge erschienen, die herunterlief, auf die erste zu. »Die Hetären! die geweihten Hetären!« Niemand rührte sich. Man wagte nicht ihnen entgegenzueilen, aus Furcht, ein neues Unglück zu erfahren. Sie kamen wie eine lebende Überschwemmung, welcher der dumpfe Schall ihrer Schritte auf den Boden vorauseilte. Sie hoben die Arme in die Höhe, sie stießen sich, sie schienen vor einem feindlichen Heere zu fliehen. Jetzt erkannte man sie schon. Man konnte ihre Kleider, ihre Gürtel, ihre Haare unterscheiden. Lichtstrahlen fielen auf ihren Goldschmuck. Sie waren ganz nahe. Sie öffneten den Mund ... Ein Stillschweigen entstand ringsumher. »Man hat das Halsband der Göttin gestohlen, die wahren Perlen der Anadyomene!« Mit einem Schrei der Verzweiflung wurden diese verhängnisvollen Worte aufgenommen. Die Menge wich zuerst wie eine Woge zurück, dann stürzte sie vor, an die Wände schlagend, den Weg versperrend, die erschrockenen Weiber in die lange Strand-Allee zurückdrängend, der bestohlenen Unsterblichen zueilend. III. Die Antwort. Und die Agora blieb leer, wie ein Meeresufer nach der Fluth. Leer, doch nicht ganz; ein Mann und ein Weib blieben zurück, die allein das Geheimniß der großen öffentlichen Aufregung kannten und die, der Eine durch die Andere, diese Aufregung hervorgerufen hatten: Chrysis und Demetrios. Der junge Mann saß auf einem Marmorblocke bei dem Hafen. Das junge Weib stand am anderen Ende des Platzes. Sie konnten sich nicht erkennen, aber sie erriethen sich gegenseitig. Chrysis eilte in der Sonne dahin, trunken vor Hochmuth und endlich auch vor Verlangen. »Du hast es gethan!« rief sie aus. »Du hast es also gethan!« – Ja, sagte einfach der junge Mann. Ich habe Dir gehorcht. Sie warf sich ihm zu Füßen und ergriff ihn in einer rasenden Umarmung. »Ich liebe Dich! ich liebe Dich! Niemals habe ich gefühlt was ich fühle. Ihr Götter! endlich weiß ich denn, was es heißt verliebt zu sein. Du siehst es, mein Lieber, ich gebe Dir also mehr, als ich Dir vorgestern versprochen hatte. Ich, die ich niemals nach Jemandem verlangt habe, konnte nicht glauben, daß ich mich so schnell verändern würde. Ich hatte Dir nur meinen Leib auf meinem Bette verkauft, jetzt gebe ich Dir Alles was ich Gutes habe, alles was ich Reines, Aufrichtiges, Leidenschaftliches besitze, meine ganze Seele, die noch unberührt ist, Demetrios, denke daran! Komm mit mir, verlassen wir diese Stadt für eine Zeit, gehen wir an einen verborgenen Ort, wo nur wir Beide, Du und ich, sein werden. Dort werden wir Tage verleben, wie es vor uns keine auf der Erde gegeben hat. Niemals hat ein Geliebter das gethan, was Du eben für mich gethan hast. Niemals hat ein Weib geliebt, wie ich liebe; es ist nicht möglich! es ist nicht möglich! Ich kann fast nicht sprechen, so sehr fühle ich mich beklommen. Du siehst, ich weine. Ich weiß jetzt auch was es heißt zu weinen; es heißt allzu glücklich sein ... Aber Du antwortest nicht! Du sagst nichts! Küsse mich ...« Demetrios streckte sein rechtes Bein aus, um sein Knie, das etwas müde wurde, niederer zu legen. Dann hieß er die junge Frau sich erheben, stand selbst auf, schüttelte sein Kleid, um die Falten auszulüften, und sagte ruhig: »Nein ... Lebe wohl!« Und er entfernte sich langsamen Schrittes. Äußerst bestürzt blieb Chrysis mit offenem Munde und hängenden Armen stehen. »Was? ... was ... was sagst Du?« – Ich sage Dir Lebewohl, sprach er, ohne die Stimme zu erheben. – Aber ... aber bist Du es denn nicht, der ... – Ja. Ich hatte es Dir versprochen. »Dann ... verstehe ich nicht mehr.« – Meine Liebe, ob Du verstehst oder nicht, das ist ziemlich gleichgültig. Ich überlasse dieses kleine Geheimniß Deinem Nachdenken. Wenn Das, was Du gesagt hast, wahr ist, so droht dasselbe lange zu dauern. Das kommt gerade recht, um Dich zu beschäftigen. Lebe wohl! – Demetrios! Was höre ich? ... Woher ist Dir dieser Ton gekommen? Bist Du es auch, der da spricht? Erkläre mir das! Ich beschwöre Dich! Was ist zwischen uns geschehen? Man könnte darob mit dem Kopf an die Wand rennen ... – Muß man Dir hundertmal dasselbe wiederholen! Ja, ich habe den Spiegel gestohlen; ja, ich habe die Priesterin Touni getödtet, um den antiken Kamm zu erlangen; ja, ich habe vom Halse der Göttin das große siebenreihige Perlenhalsband genommen. Ich sollte Dir die drei Geschenke in Umtausch gegen ein einziges Opfer Deinerseits übergeben. Das hieße dieses Opfer schätzen, nicht wahr? Doch ich habe aufgehört ihm einen beträchtlichen Werth beizulegen und ich verlange nichts mehr. Handle Deinerseits ebenso und verlassen wir uns. Ich bewundere Dich, daß Du eine Sachlage nicht verstehst, deren Einfachheit so klar ist. – Aber behalte sie, Deine Geschenke! Denke ich daran? Verlange ich sie von Dir, Deine Geschenke? Was soll ich damit anfangen? Dich will ich. Dich allein ... – Ja, ich weiß es. Aber noch einmal: ich mag nicht mehr. Und da, damit eine Begegnung zu Stande komme, es unumgänglich nöthig ist gleichzeitig die Einwilligung der beiden Liebenden zu haben, so läuft unser Bündniß die Gefahr sich nicht zu verwirklichen, wenn ich bei meiner Anschauung beharre. Das versuche ich Dir begreiflich zu machen, mit der ganzen Klarheit der Rede, deren ich mich fähig fühle. Ich sehe, daß sie nicht genügt; aber, da es nicht meine Sache ist, ihr mehr Vollkommenheit zu geben, so bitte ich Dich, gütig die vollendete That anzunehmen, ohne durchdringen zu wollen, was in Deinen Augen dunkel in ihr ist, da Du sie nicht für wahrscheinlich halten willst. Ich wünsche lebhaft diese Unterhaltung zu schließen, die keinerlei Ergebniß haben kann und die mich vielleicht zu unliebsamen Worten fortreißen könnte. – Man hat Dir von mir gesprochen! – Nein. – Oh! ich errathe es! Man hat Dir von mir gesprochen, sage nicht nein. Man hat Dir Schlechtes von mir gesagt! Ich habe furchtbare Feindinen, Demetrios! Du mußt ihnen nicht zuhören. Ich schwöre Dir bei den Göttern, sie lügen! – Ich kenne sie nicht. – Glaube mir! glaube mir, Vielgeliebter! Welches Interesse hatte ich Dich zu täuschen, da ich nichts von Dir erwarte als Dich selbst? Du bist der Erste, mit dem ich also rede ... Demetrios schaute ihr in die Augen. »Es ist zu spät,« sagte er. »Ich habe Dich besessen.« – Du faselst ... Wann denn? Wo? Wie? – Ich habe die Wahrheit gesagt. Ich habe Dich gegen Deinen Willen besessen. Was ich von Deiner Willfährigkeit erwartete, hast Du mir ohne Dein Wissen gegeben. In das Land, wohin Du gehen wolltest, hast Du mich im Traume diese Nacht geführt, und Du warst schön ... ach! wie schön warst Du, Chrysis! Ich bin aus diesem Lande zurückgekehrt. Kein menschlicher Wille wird mich mehr zwingen es wiederzusehen. Man hat nie auf dem nämlichen Fleck Erde zweimal Glück. Ich bin nicht toll genug um eine glückliche Erinnerung zu verderben. Ich verdanke Dir diese Erinnerung, wirst Du sagen? Aber da ich nur Deinen Schatten geliebt habe, wirst Du mir, liebes Haupt, erlassen, Deiner Wirklichkeit zu danken.« Chrysis legte ihre Schläfen in die Hände. »Es ist abscheulich! es ist abscheulich! Und er wagt es zu sagen, und er ist damit zufrieden!« – Du urtheilst sehr schnell. Ich habe Dir gesagt, daß ich geträumt habe: bist Du sicher, daß ich eingeschlafen war? Ich habe Dir gesagt, daß ich glücklich war: besteht das Glück für Dich ausschließlich in diesem groben physischen Schauder, den Du so gut hervorrufst, wie Du mir gesagt hast, aber den Du nicht die Macht hast verschiedenartig zu gestalten, weil er derselbe ist bei allen Frauen, die sich hingeben? Nein, Du verringerst Dich selbst, indem Du diese unschickliche Haltung annimmst. Du scheinst doch nicht alles Glück zu kennen, das auf Deinen Spuren entsteht. Was die Geliebten verschieden macht, das ist die persönliche Art einer Jeden ein Erlebniß vorzubereiten und zu beschließen, das eigentlich eben so einförmig wie nothwendig ist und dessen Erforschung, wenn man es allein in Aussicht hätte, nicht alle die Mühe lohnte, die wir uns nehmen, um eine vollkommene Geliebte zu finden. In dieser Vorbereitung und in diesem Abschlusse zeichnest Du Dich unter allen Weibern aus. Wenigstens fand ich Vergnügen daran mir das vorzustellen, und vielleicht wirst Du mir zugeben, daß, nachdem ich von der Aphrodite des Tempels geträumt habe, meine Einbildungskraft keine große Mühe hatte sich ein Weib wie Du vorzustellen. Noch einmal: ich werde Dir nicht sagen, ob es sich um einen nächtlichen Traum oder um einen wachen Irrthum handelt. Es genüge Dir zu wissen, daß, geträumt oder gestaltet, Dein Bild mir in einem außerordentlichen Rahmen erschienen ist. Wahn und Täuschung; aber in allen Stücken werde ich Dich, Chrysis, davon abhalten, mich zu enttäuschen. – Und ich? rief sie. Was fängst Du in alledem mit mir an? Mit mir, die ich Dich noch immer liebe, trotz aller Abscheulichkeiten, die ich aus Deinem Munde höre? Habe ich das Bewußtsein Deines unseligen Traumes gehabt? Hatte ich meinen Antheil an diesem Glücke, von dem Du redest, und das Du mir gestohlen hast? Hat man jemals sagen hören, daß die Selbstsucht eines Liebenden schrecklich genug sein könne, sein Vergnügen bei einem Weibe zu genießen, das ihn liebt, ohne daß sie es mit ihm theilt? ... Das verwirrt die Gedanken. Es wird mich noch toll machen. Nun gab Demetrios seinen spöttischen Ton auf und sagte mit leicht zitternder Stimme: »Kümmertest Du Dich um mich, als Du meine plötzliche Leidenschaft ausnütztest, um in einem Augenblick des Wahnes von mir drei Thaten zu verlangen, die mein Dasein hätten zerstören können, und die in mir stets die Erinnerung an eine dreifache Schmach zurücklassen werden?« – Wenn ich es gethan habe, so war es, um Dich an mich zu fesseln. Ich hätte Dich nicht besessen, wenn ich mich hingegeben hätte. – Nun wohl. Du bist befriedigt. Du hast mich festgehalten, zwar nicht lange, aber Du hast mich doch festgehalten in dem Sklavendienste, den Du wünschtest. Ertrage es nun, daß ich mich heute befreie! – Ich allein bin Sklavin, Demetrios. – Ja, Du oder ich, aber Einer von uns beiden, wenn er den Andern liebt. Sklavendienst! Sklavendienst! das ist der wahre Name der Leidenschaft. Ihr habt alle nur einen einzigen Traum, einen einzigen Gedanken im Gehirn: durch eure Schwäche die Stärke des Mannes zu zerstören, durch eure Leichtfertigkeit seine Intelligenz zu beherrschen! Was ihr wollt, sobald euch die Brüste wachsen, ist nicht zu lieben oder geliebt zu sein, sondern einen Mann an eure Fußknöchel zu binden, ihn zu erniedrigen, ihm den Kopf zu beugen und eure Sandalen daraufzusetzen. Dann könnt ihr, je nach eurem Ehrgeiz, uns das Schwert entreißen, den Meißel oder den Zirkel, Alles zerstören was euch überragt. Alles entmännlichen was euch beängstigt, Herakles bei der Nase nehmen und ihn ans Spinnrad setzen! Aber wenn es euch nicht gelungen ist seine Stirne oder seinen Charakter zu beugen, dann betet ihr die Faust an, die euch schlägt, das Knie, das euch zu Boden drückt und sogar den Mund, der euch beschimpft! Wenn der Mann, der sich geweigert hat eure nackten Füße zu küssen, euch schändet, so befriedigt er eure Wünsche. Derjenige, der nicht geweint hat, als ihr sein Haus verließet, kann euch bei den Haaren hinzerren: eure Liebe wird aus den Thränen wiedergeboren werden; denn Eines allein kann euch, verliebte Frauen, trösten, wenn ihr den Sklavendienst dem Mann nicht auferleget, das ist: ihn zu ertragen. – Ach! Schlage mich, wenn Du willst, aber liebe mich nachher! Sie umschlang ihn so plötzlich, daß er nicht Zeit hatte die Lippen zurückzuziehen. Er machte sich mit beiden Armen gleichzeitig los: »Ich verachte Dich. Lebe wohl,« sagte er. Aber Chrysis hing an seinem Mantel: »Lüge nicht! Du betest mich an. Du hast die Seele voll mit mir; aber Du schämst Dich nachgegeben zu haben. Höre, höre. Vielgeliebter! Wenn Du nur das brauchst, um Deinen Stolz zu befriedigen, bin ich bereit, um Dich zu haben, Dir mehr noch zu geben, als ich von Dir verlangt habe. Welches Opfer ich Dir auch bringen müsse, nachdem wir vereint sein werden, ich werde nicht über das Leben klagen.« Demetrios schaute sie neugierig an, und wie sie es zwei Tage vorher auf dem Strande gethan, sagte er ihr: »Welchen Schwur leistest Du?« – Bei Aphrodite, wie Du auch. – Du glaubst nicht an Aphrodite. Schwöre bei Jahveh Zabaoth. Die Galilaeerin erbleichte. »Man schwört nicht bei Jahveh.« – Du weigerst Dich? – Es ist ein furchtbarer Schwur. – Den muß ich haben. Sie zögerte einige Zeit, dann sagte sie mit leiser Stimme: »Ich schwöre bei Jahveh. Was verlangst Du von mir, Demetrios?« Der junge Mann schwieg. »Rede, Vielgeliebter! drängte Chrysis. Rede schnell. Ich habe Angst.« – Oh! es ist nicht viel. – Aber was denn? – Ich will nicht von Dir verlangen, daß Du mir Deinerseits drei Geschenke machest, seien sie eben so einfach wie die ersten selten waren. Aber ich kann von Dir verlangen, daß Du Geschenke empfangest, nicht wahr? – Gewiß! sagte Chrysis freudig. – Diesen Spiegel, diesen Kamm, dieses Halsband, die Du mich für Dich hast nehmen lassen, wolltest Du nicht benützen, nicht wahr? Ein gestohlener Spiegel, der Kamm einer Ermordeten, das Halsband der Göttin sind keine Schmuckgegenstände, mit denen man sich zieren kann. – Wie kannst Du nur daran denken! – Nein. Ich wußte es wohl, Du hast mich demnach aus bloßer Grausamkeit dazu gedrängt sie um den Preis dreier Verbrechen zu entwenden, wegen deren die ganze Stadt heute verstört ist. Nun, Du wirst sie tragen. – Was? – Du wirst in den kleinen geschlossenen Garten gehen, wo sich das Standbild des stygischen Hermes befindet. Dieser Ort ist immer menschenleer und Du läufst nicht Gefahr dort gestört zu werden. Du wirst die linke Ferse des Gottes wegnehmen. Der Stein ist zerbrochen. Du wirst es sehen. Dort, im Innern des Postamentes wirst Du Bacchis Spiegel finden und ihn in die Hand nehmen; dort wirst Du den großen Kamm der Nitaukrit finden, und wirst ihn in dein Haar stecken; dort wirst Du das siebenfache Halsband der Göttin Aphrodite finden und dasselbe um Deinen Hals legen. So geschmückt, schöne Chrysis, wirst Du durch die Stadt wandeln. Die Menge wird Dich den Soldaten der Königin überliefern; aber Du wirst haben, was Du gewünscht hast und ich werde Dich vor Sonnenaufgang in Deinem Gefängnisse besuchen. IV. Der Garten des Hermanubis. Chrysis' erste Bewegung war die Achseln zu zucken. Sie würde nicht einfältig genug sein ihr Gelübde zu halten. Die zweite war hinzugehen um zu schauen. Eine wachsende Neugierde trieb sie an den geheimnißvollen Ort, wo Demetrios die drei geraubten Gegenstände verborgen hatte. Sie wollte sie nehmen, sie mit den Händen berühren, sie in der Sonne glänzen lassen, sie einen Augenblick besitzen. Es schien ihr, als würde ihr Sieg kein vollständiger sein, so lange sie die Beute ihres Ehrgeizes nicht ergriffen haben würde. Was Demetrios beträfe, so würde sie wohl verstehen, ihn später durch irgend eine List wiederzugewinnen. Wie hätte sie glauben können, daß er sich für immer von ihr losgesagt habe! Die Leidenschaft, die sie bei ihm vermuthete, war nicht von jenen, die unwiederbringlich in einem Männerherzen erlöschen. Frauen, welche man viel geliebt hat, bilden im Gedächtniß eine ausgewählte Familie, und die Begegnung mit einer früheren, selbst gehaßten oder vergessenen Geliebten führt eine unbezwingliche Verwirrung herbei, aus welcher eine neue Liebe geboren werden kann. Chrysis war dies nicht unbekannt. So gierig sie auch selbst war, so große Eile sie auch hatte diesen ersten Mann, den sie liebte, zu erobern, so war sie doch nicht toll genug, ihn um den Preis ihres Lebens zu erkaufen, da sie doch so viele andere Mittel sah, ihn auf einfachere Weise zu verführen. Und doch ... welches glückselige Ende er ihr vorgeschlagen hatte! Unter den Augen einer zahllosen Menge den antiken Spiegel, worin sich Sappho beschaut hatte, zu tragen, den Kamm, der die königlichen Haare der Nitaukrit zusammengehalten hatte, das Halsband aus den Perlen des Meeres, welche in der Muschel der Göttin Anadyomene gerollt hatte! Dann vom Abend bis zum Morgen Alles kennen lernen, was die heißeste Liebe eine Frau fühlen lassen kann ... Und um die Mitte des Tages ohne Anstrengung sterben ... Welches unvergleichliche Loos! Sie schloß die Augen ... Aber nein; sie wollte sich nicht versuchen lassen. Sie stieg in gerader Linie, durch Rhacotis kommend, die Straße hinauf, die zum großen Scrapeion führte. Dieser, von den Griechen ausgeführte Weg hatte in diesem Viertel von winkeligen Gäßchen etwas Ungleichförmiges. Die beiden Bevölkerungen mischten sich dort in einem Zusammenleben, das von Haß noch nicht frei war. Zwischen den mit blauen Hemden bekleideten Aegyptern bildeten die rohstoffigen Gewänder der Griechen weiße Lichtpunkte. Chrysis stieg schnellen Schrittes hinan, ohne den Gesprächen zuzuhören, in denen sich das Volk über die für sie begangenen Verbrechen unterhielt. Vor den Stufen des Monumentes lenkte sie nach rechts, trat in eine dunkle Gasse, dann in eine andere, deren Häuser sich durch die Terrassen beinahe berührten, durchschritt einen kleinen sternförmigen Platz, wo bei einem Sonnenfleck zwei sehr braune Mädchen in einem Brunnenbecken spielten, und hielt endlich inne. — — — — — Der Garten des Hermes Anubis war eine kleine, seit langer Zeit verlassene Grabstätte, eine Art wüstes Feld, wo die Verwandten den Verstorbenen keine Opfer mehr darbrachten, und welches die Vorbeigehenden mieden. Inmitten der verfallenen Gräber schritt Chrysis in tiefster Stille vor, bei jedem Steine, der unter ihrem Fuße knirschte, ängstlich werdend. Der stets seinen Sand führende Wind bewegte ihr Haar auf den Schläfen und trieb ihren scharlachrothen Seidenschleier den weißen Blättern der Sykomoren zu. Sie entdeckte das Standbild zwischen drei Grabmälern, die es auf jeder Seite verbargen und es in einem Dreieck einschlössen. Der Ort war gut gewählt, um ein tödtliches Geheimniß zu vergraben. Chrysis schlich so gut sie konnte in den engen, steinigen Durchgang. Als sie das Standbild sah, erbleichte sie leicht. Der Gott mit einem Schakalskopfe stand aufrecht, mit dem rechten Bein vortretend, die zurückfallende Kopfbedeckung mit zwei Löchern versehen, welche die zwei Arme durchließen. Das Haupt senkte sich auf dem steifen Körper, den Bewegungen der Hände folgend, welche die Geberde des Einbalsamierens machten. Der linke Fuß war aus dem Gefüge. Mit langsamen und scheuem Blicke versicherte sich Chrysis, daß sie allein sei. Sie schauderte wegen eines kleinen Geräusches hinter ihr zusammen. Doch es war nur eine grüne Eidechse, die in einen Marmorspalt flüchtete. Da getraute sie sich endlich den zerbrochenen Fuß der Statue zu ergreifen. Sie hob ihn schief und nicht ohne einige Mühe in die Höhe, denn er zog einen Theil des ausgehöhlten Sockels mit, der auf dem Postamente ruhte. Und unter dem Steine sah sie plötzlich die riesigen Perlen glänzen. Sie zog das Halsband ganz hervor. Wie schwer es war! Sie hätte nicht gedacht, daß Perlen fast ohne Fassung in der Hand ein so großes Gewicht haben könnten. Die Perlmutterkugeln waren alle prachtvoll rund und hatten ein fast mondhelles Wasser. Die sieben Reihen folgten aufeinander, sich wie kreisförmige Seidenmohren auf einem gestirnten Gewässer erweiternd. Sie legte es um den Hals. Mit einer Hand breitete sie es staffelförmig aus und schloß die Augen, um besser die Kälte der Perlen auf der Haut zu fühlen. Sie ordnete die sieben Reihen auf ihrem nackten Halse und ließ die letzte Reihe in den warmen Zwischenraum der Brüste gleiten. Dann nahm sie den Elfenbeinkamm, betrachtete ihn eine Zeit lang, streichelte das weiße Figürchen, das in den dünnen Kranz geschnitzt war und zog den Schmuck mehrmals durch ihr Haar, bevor sie ihn an der Stelle wo es ihr gefiel, befestigte. Dann zog sie aus dem Postamente den Silberspiegel heraus, betrachtete sich darin, sah ihren Triumph, ihre von Ehrgeiz leuchtenden Augen, ihre Schultern mit der Beute der Götter geschmückt ... Und sodann ihre Haare in ihre große scharlachrothe Cyclas hüllend, verließ sie die Grabstätte, ohne ihren furchtbaren Schmuck abzulegen. V. Die Purpurmauern. Als aus dem Munde der Hierodulen das Volk nochmals die Tempelschändung mit Sicherheit erfahren hatte, verlief es sich langsam durch die Gärten. Die Hetären des Tempels drängten sich zu hunderten längs der mit schwarzen Olivenbäumen bestandenen Wege. Einige streuten Asche auf ihr Haupt. Andere wälzten ihre Stirne in dem Staube, oder rauften sich die Haare aus, oder zerfleischten sich die Brüste zum Zeichen der Trauer. Viele schluchzten, die Augen auf den Arm gedrückt. Schweigend stieg die Menge in die Stadt hinunter, durch die Strandallee, oder längs des Meeresufers. Ein allgemeines Leid hielt die Bevölkerung der Straßen in Bestürzung. Die Handelsleute hatten in Angst ihre bunten Schaukästen hastig in ihre Buden gezogen, und die mit Stäben befestigten hölzernen Schutzdächer folgten, wie einförmige Palissaden an den Erdgeschoßen der blinden Häuser nacheinander. Das Leben am Hafen stand stille. Die Matrose saßen unbeweglich auf Ecksteinen, die Wangen auf die Hände gestützt. Die zur Abfahrt bereiten Schiffe hatten ihre langen Ruder in die Höhe gehoben und ihre spitzen Segel längs der vom Winde geschaukelten Masten aufgeien lassen. Diejenigen Schiffe, welche in den Hafen einfahren wollten, erwarteten auf offener See die Zeichen, und einige der Reisenden, die Verwandte im Palaste der Königin hatten, brachten, an eine blutige Revolution glaubend, den Göttern der Unterwelt Opfer dar. An der Ecke der Insel des Leuchtthurms und des Strandes erkannte Rhodis in der Menge Chrysis, die in ihrer Nähe stand. – Ach! Chryse! beschütze mich, ich habe Furcht. Myrto ist da, aber die Volksmenge ist so groß ... ich fürchte, daß man uns trennt. Nimm uns bei der Hand. – Du weißt, sagte Myrtocleia, Du weißt was geschehen ist? Kennt man den Schuldigen? Ist er auf der Folter? Seit Herostrates hat man nichts Ähnliches gesehen. Die Olympier verlassen uns. Was wird aus uns werden? Chrysis antwortete nicht. »Wir hatten Tauben geopfert, sagte die kleine Flötenspielerin. Wird sich die Göttin daran erinnern? Die Göttin muß erzürnt sein. Und Du, und Du, meine arme Chrysis, die Du heute entweder sehr glücklich, oder sehr mächtig sein solltest ...« – Alles ist geschehen, sagte die Hetäre. – Was sagst Du? Chrysis that zwei Schritte rückwärts und hob die rechte Hand an den Mund. »Schau mir gut zu, meine Rhodis, schau Myrtocleia. Was ihr heute sehen werdet, haben menschliche Augen noch nie gesehen, seit dem Tage wo die Göttin vom Berge Ida herabgestiegen ist. Und bis zum Ende der Welt wird man es nicht mehr auf der Erde sehen.« Die beiden erstaunten Freundinen traten zurück; sie hielten Jene für toll. Doch Chrysis, in ihrem Traume verloren, schritt bis zum ungeheuren Leuchtthurm hin, zu diesem Marmorberg mit seinen acht Feuerherden in acht sechseckigen Stockwerken. Sie öffnete das eherne Thor, und die Unachtsamkeit der Menge benützend, schloß sie dasselbe, indem sie innen die laut rasselnden Barren herunterließ. Einige Augenblicke vergingen. Das Grollen des Volkes dauerte fort. Das lebende Gewoge fügte seine Bewegung dem regelmäßigen Aufruhr der Gewässer hinzu. Auf einmal erhob sich ein Schrei, den hunderttausend Kehlen wiederholten: »Aphrodite!!« – Aphrodite!!! Ein Donner von Schreien brach los. Die Freude, die Begeisterung eines ganzen Volkes jubelte in einem unbeschreiblichen Freudentumulte zu Füßen der Mauer des Leuchtthurms. Die Menge, die den Strand bedeckte, strömte plötzlich der Insel zu und überfluthete die Felsen, stieg auf die Häuser, auf die Signalmasten, auf die befestigten Thürme. Die Insel war voll, übervoll und die Menge kam noch immer dichter heran; es war das Drängen eines Flusses, der über seine Ufer getreten und lange Menschenreihen von den steilen Klippen schleudert. Man sah das Ende dieser Menschen-Ueberschwemmung nicht. Von dem Palaste der Ptolemäer bis zur Mauer des Kanals waren die Ufer des königlichen Hafens, des großen Hafens, des Eunostus mit einer gedrängten Menschenmasse bedeckt, die sich durch neu Ankommende aus den Straßen immer mehr verdichtete. Ueber diesem stürmisch bewegten Ocean von Händen und Gesichtern schwankte wie ein Schiff in der Noth die Sänfte der Königin Berenike mit ihren gelben Vorhängen. Und von Augenblick zu Augenblick vergrößerte sich durch neue Stimmen das furchtbar gewordene Getöse. Weder Helena am skäischen Thore, noch Phryne in den Fluthen zu Eleusis, noch Thais, als sie den Brand van Persepolis anzünden ließ, haben erfahren, was Triumph bedeutet. — — — — — Chrysis war am westlichen Thor erschienen, auf der ersten Terrasse des rothen Monumentalbaues. Sie war nackt wie die Göttin, sie hielt mit beiden Händen die Zipfel ihres scharlachrothen Schleiers, den der Wind gegen den Abendhimmel blies, und in ihrer rechten Hand den Spiegel, wo die untergehende Sonne widerstrahlte. Langsam, mit gebeugtem Haupte, in einer Bewegung von unendlichem Reiz und Majestät stieg sie die äußere Rampe empor, welche den hohen purpumen Thurm spiralförmig umgab. Ihre halbgeschlossenen Augen flammten. Die glühende Abendröthe färbte das Perlen-Halsband wie eine Rubinenschnur. Sie stieg immer weiter und in dieser Glorie zeigte ihre strahlende Haut alle Pracht des Fleisches, das Blut, das Feuer, das bläuliche Carmin, das sammtweiche Roth, das lebhafte Rosenroth und sich mit den großen Purpurmauern drehend schritt sie dem Himmel zu. Fünftes Buch. I. Die letzte Nacht. »Du bist von den Göttern geliebt,« sagte der alte Gefängnißwärter. Wenn ich, armer Sklave, den hundertsten Theil Deiner Verbrechen begangen hätte, so wäre ich auf eine Folterbank gebunden worden, an den Beinen aufgehängt, von Hieben zerfleischt, mit Zangen geschunden. Man hätte mir Essig in die Nasenlöcher gegossen, mich bis zum Ersticken mit Ziegeln beladen, und wenn ich vor Schmerz gestorben wäre, würde mein Leichnam schon die Schakale der Wüste nähren. Aber für Dich, die Du Alles gestohlen, Alles getödtet, Alles entheiligt hast, für Dich hat man den süßen Schierlingstrank und einstweilen setzt man Dich in ein gutes Zimmer. Zeus treffe mich mit seinem Blitze, wenn ich weiß warum! Du mußt Jemanden im Palaste kennen.« – Gib mir Feigen, sagte Chrysis. Mein Mund ist ausgetrocknet. Der alte Sklave brachte ihr in einem grünen Korbe mürbe Feigen, die zum essen gar waren. Chrysis blieb allein. Sie setzte sich und stand wieder auf, sie ging im Zimmer herum, schlug mit der flachen Hand an die Wand, ohne an irgend etwas zu denken. Sie löste ihr Haar, um es zu erfrischen und wand es gleich wieder zusammen. Man hatte sie ein langes Kleid aus weißer Wolle anlegen lassen. Der Stoff war warm. Chrysis fühlte sich ganz von Schweiß durchnäßt. Sie streckte ihre Arme aus, gähnte und lehnte sich an das hohe Fenster. Draußen leuchtete der Mond an einem Himmel von fast flüssiger Klarheit, an einem Himmel, der so bleich und so rein war, daß man nicht einen einzigen Stern sah. Es war in einer ähnlichen Nacht, als Chrysis sieben Jahre vorher das Land von Genezareth verließ. Sie erinnerte sich ... Sie waren ihrer sieben. Es waren Elfenbeinhändler. Sie schmückten die langgeschwänzten Pferde mit buntscheckigen Quasten. Am Ufer einer runden Zisterne hatten sie mit dem Kinde Halt gemacht. Und vordem der bläuliche See, der durchsichtige Himmel, die leichte Luft im Lande Galilaea. Die Häuser waren von rosigem Flachs und Tamarisken umgeben. Stachelige Kapernstauden verwundeten die Hände, die im Begriffe waren Nachtfalter zu fangen ... Man glaubte die Farbe des Windes in den leichten Wellenbewegungen der feinen Gräser zu sehen. Die kleinen Mädchen badeten in einem klaren Bache, wo man rothe Muscheln unter den Büscheln blühender Lorbeeren fand; und es gab Blumen auf dem Wasser, Blumen auf allen Wiesen, und große Lilien auf den Bergen, und die Linie der Berge war diejenige eines jungen Busens ... Chrysis schloß die Augen mit einem leichten Lächeln, das plötzlich erlosch. Der Gedanke an den Tod hatte sie ergriffen. Sie fühlte, daß sie bis an's Ende nicht mehr aufhören könnte zu denken. »Ach! sagte sie sich, was habe ich gethan? Warum habe ich diesen Mann getroffen? Warum hat er mir gehorcht? Warum habe ich mich meinerseits fangen lassen? Woher kommt es, daß ich auch jetzt noch nichts bereue?« »Nicht lieben oder nicht leben: Diese Wahl hat mir Gott gegeben. Was habe ich gethan, um bestraft zu werden?« Und es kamen ihr Bruchstücke von Bibelsprüchen in Erinnerung, die sie in ihrer Kindheit hatte anführen hören. Seit sieben Jahren dachte sie nicht mehr daran. Aber sie kamen ihr, einer nach dem andern, mit unerbittlicher Genauigkeit in das Gedächtniß zurück, um auf ihr Leben Anwendung zu finden und ihr ihre Strafe vorauszusagen. Sie murmelte: »Es steht geschrieben:« Ich gedenke, da du eine freundliche junge Dirne, und eine liebe Braut warest; da du mir folgtest in der Wüste, im Lande, da man nicht säet. Denn du hast immerdar dein Joch zerbrochen und deine Bande zerrissen und gesagt: ich will nicht unterworfen sein; sondern auf allen hohen Hügeln und unter allen grünen Bäumen liefest Du der Hurerei nach. Jeremia II, 2, 20. »Es steht geschrieben:« Ich will meinen Buhlen nachlaufen, die mir geben Brod, Wasser, Wolle, Flachs und Trinken. Hoseas II, 5. »Es steht geschrieben:« Wie darfst du denn sagen: Ich bin nicht unrein? Siehe an, wie du es treibest im Thal, und bedenke, wie du es ausgerichtet hast. Du läufst herum wie eine Kameelin in der Brunst; und wie ein Wild in der Wüste pflegt, wenn es vor großer Brunst lechzet und läuft, das niemand aufhalten kann. Jeremia II, 23, 24. »Es steht geschrieben:« Sie aber trieb ihre Hurerei immer mehr, und gedachte an die Zeit ihrer Jugend, da sie in Aegyptenland Hurerei getrieben hatte; Und sie entbrannte gegen ihre Buhlen, welcher Brunst war wie der Esel und der Hengste Brunst. Und bestelletest deine Unzucht wie in deiner Jugend, da dir in Aegypten deine Brüste begriffen und deine Zitzen betastet wurden. Hesekiel XXIII, 19-21. »Oh, rief sie aus. Ich bin es! ich bin es!« »Und es steht ferner geschrieben:« Du aber hast mit vielen Buhlen gehuret; doch komm wieder zu mir, spricht der Herr. Jeremia III, 1. »Aber meine Züchtigung steht ebenfalls geschrieben:« Siehe, ich will deine Buhlen wider dich erwecken, und will sie ringsumher wider dich bringen ... Sie sollen dir Nase und Ohr abschneiden, und was übrig ist, soll durch das Schwert fallen. Hesekiel XXIII, 22, 25. »Und das noch:« Es ist um sie geschehen: nackt wird sie weggeführt. Ihre Mägde seufzen wie die Tauben und schlagen sich an die Brust. Nachum III, 8. »Aber weiß man was die Schrift sagt? fügte sie, um sich zu beruhigen, hinzu. Steht nicht an anderer Stelle geschrieben:« Und ich will es euch nicht wehren, wenn eure Töchter und Bräute geschändet und zu Huren werden. Hoseas IV, 14. »Und sagt nicht an anderer Stelle die Schrift:« So gehe hin und iß dein Brod mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Muth; denn dein Werk gefällt Gott. Laß deine Kleider immer weiß sein und laß deinem Haupt Salbe nicht mangeln. Brauche des Lebens mit deinem Weibe, das du lieb hast, so lange du das eitle Leben hast, das dir Gott unter der Sonne gegeben hat, so lange dein eitles Leben währet; ... denn in der Hölle, da du hinfahrest, ist weder Werk, Kunst und Vernunft, noch Weisheit. Prediger Salomonis IX, 7, 10. Sie fing an zu zittern und wiederholte mit leiser Stimme: »Denn in der Hölle, da du hinfährest, ist weder Werk, Kunst und Vernunft, noch Weisheit. Es ist das Licht süße und den Augen lieblich die Sonne zu sehen. id. XI, 7. So freue dich, Jüngling, in deiner Jugend, und laß dein Herz guter Dinge sein in deiner Jugend. Thue was dein Herz gelüstet und deinen Augen gefällt, ehe denn die bösen Tage kommen, und die Jahre herzutreten, da du wirst sagen: sie gefallen mir nicht. Ehe denn der silberne Strick wegkomme und die goldene Quelle verlaufe, und der Eimer zerbreche am Born. Denn der Staub muß wieder zu der Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat.« Hohe Lied. Sal. XI, 9. XII, 1, 6, 7. Und mit einem neuen Zittern wiederholte sie langsamer: »Denn der Staub muß wieder zu der Erde kommen, wie er gewesen ist.« Und während sie den Kopf in die Hände nahm, um ihre Gedanken zu unterdrücken, fühlte sie plötzlich, ohne es vorausgesehen zu haben, die Todtenkopfform ihres Schädels unter der lebenden Haut: die leeren Schläfen, die ungeheuern Augenhöhlen, die stumpfe Nase unter dem Knorpel und die hervortretenden Kinnbacken. Es war schauerlich! So würde sie also werden. Mit einer furchtbaren Klarheit fühlte sie sich als Leiche, und sie betastete ihren Körper mit den Händen, um diese einfache Idee, die ihr bis dahin noch nicht gekommen war, zu ergründen, – die Idee, daß sie ihr Gerippe in ihrem Körper trug, daß es nicht das Ergebniß des Todes war, eine Metamorphose, ein Ende, sondern ein Ding, das man mit sich herumträgt, ein unzertrennliches Gespenst der menschlichen Gestalt, – und daß das Gerüste des Lebens schon das Sinnbild des Grabes ist. Ein wildes Verlangen zu leben. Alles wiederzusehen. Alles von Neuem zu beginnen ergriff sie plötzlich. Es war eine Empörung angesichts des Todes; die Unmöglichkeit zuzugeben, daß sie den Abend dieses anbrechenden Morgens nicht sehen würde; die Unmöglichkeit zu begreifen, wie diese Schönheit, dieser Körper, dieser lebendige Gedanke, dieses üppige Leben ihres Fleisches in voller Gluth auf einmal aufhören könnten zu sein, und verfaulen würden ... Die Thüre ging still auf. Demetrios trat ein. II. Der Staub kehrt zur Erde zurück. »Demetrios!« rief sie aus. Und sie stürzte ihm entgegen. Doch, nachdem er sorgfältig den Holzverschluß wieder geschlossen, hatte sich der junge Mann nicht gerührt, und sein Blick bewahrte eine so tiefe Ruhe, daß Chrysis plötzlich daran erstarrte. Sie hoffte eine Aufwallung der Zärtlichkeit, eine Bewegung der Arme, der Lippen, Etwas, ein Hinstrecken der Hand ... Demetrios regte sich nicht. Er wartete einen Augenblick stillschweigend, mit einer vollkommenen Korrektheit, als ob er klar hätte feststellen wollen, daß er zur Verfügung stehe. Aber als er sah, daß man nichts von ihm verlangte, that er vier Schritte bis zum Fenster und lehnte sich in die Oeffnung, den Tagesanbruch betrachtend. Chrysis saß auf einem sehr niederen Lager, mit starren Augen, fast stumpfsinnig. Dann redete Demetrios zu sich selbst. »Es ist besser so,« sagte er sich. »Solche Spiele, im Augenblick des Todes wären eigentlich recht trübselig. Ich bewundere nur, daß sie nicht von Anfang die Vorahnung davon gehabt und daß sie mich mit solcher Begeisterung empfangen hat. Was mich betrifft, so ist es ein abgeschlossenes Abenteuer. Es thut mir ein wenig leid, daß es so endet, denn im Grunde genommen hat Chrysis kein anderes Unrecht begangen, als frei heraus ein Verlangen auszudrücken, das wohl dasjenige der meisten Frauen ist, und wenn man nicht der Entrüstung des Volkes ein Opfer bringen müßte, würde ich mich begnügen dieses allzu hitzige Mädchen verbannen zu lassen, um mich seiner zu entledigen und ihm die Freude am Leben zu gönnen. Aber es hat einen Skandal gegeben und Niemand kann mehr abhelfen. Das sind die Wirkungen der Leidenschaft. Die gedankenlose Wollust, oder das Gegentheil, der Gedanke ohne Genuß haben niemals schlimme Folgen. Man muß viele Geliebten haben, aber mit der Götter Hilfe sich hüten zu vergessen, daß ein Mund dem anderen gleicht.« Nachdem er so in einem kühnen Aphorisma eine seiner moralischen Theorien kurz zusammengefaßt hatte, nahm er mit Leichtigkeit den Faden seiner Gedanken wieder auf. Er erinnerte sich dunkel eine Einladung zum Mittagsmahle, die er für den vorigen Tag angenommen und im Wirbel der Ereignisse vergessen hatte, und er nahm sich vor, sich zu entschuldigen. Er dachte über die Frage nach, ob er seinen Schneider-Sklaven verkaufen sollte, einen alten Mann, der dem unter der früheren Regierung modernen Schnitt treu blieb und nur unvollkommen die falschen Falten der neuen Tuniken zuwege brachte. Sein Geist war so frei, daß er mit der Spitze seines Schraffirmeißels rasch einen Entwurf für seine Gruppe Zagreus und die Titanen an die Wand zeichnete, eine Variante, welche die Bewegung des rechten Armes bei der Hauptfigur umstellte. Kaum war sie vollendet, als leicht an die Thür geklopft wurde. Demetrios öffnete, ohne sich zu beeilen. Der alte Nachrichter trat ein, von zwei behelmten Soldaten gefolgt. »Ich bringe den kleinen Becher,« sagte er mit einem unterwürfigen Lächeln, das dem königlichen Geliebten galt. Demetrios beharrte in seinem Schweigen. Chrysis hob verwirrt den Kopf in die Höhe. »Nun, meine Tochter,« begann der Gefängnißwärter von Neuem, »der Augenblick ist gekommen. Der Schierling ist zerrieben. Du brauchst ihn nur nach zu trinken. Habe keine Angst. Man leidet nicht dabei.« Chrysis blickte Demetrios an, der die Augen nicht von ihr wandte. Ohne ihre großen, schwarzen, von grünem Lichte umgebenen Augen von ihm zu wenden, streckte sie die rechte Hand aus, nahm den Becher und führte ihn langsam zum Munde. Sie benetzte die Lippen mit dem Tranke. Die Bitterkeit des Giftes und die Schmerzen der Vergiftung waren durch ein mit Honig gemengtes narkotisches Mittel gemildert worden. Sie trank die Hälfte des Bechers aus, dann, sei es, daß sie diese Bewegung auf dem Theater im Thyestis des Agathon gesehen, sei es, daß sie wirklich von einer unmittelbaren Gemüthsbewegung herrührte, reichte sie den Rest dem Demetrios ... Aber der junge Mann wies mit der Hand diesen unbescheidenen Vorschlag zurück. Daraufhin trank die Galilaeerin auch den Rest, bis auf den grünen Bodensatz. Und ein herzzerreißendes Lächeln, worin auch ein wenig Verachtung lag, kam über ihre Wangen. »Was soll ich thun?« fragte sie den Gefängnißwächter. – Gehe im Zimmer spazieren, meine Tochter, bis Dir die Beine schwer werden. Dann legst Du Dich auf den Rücken und das Gift wird allein wirken. Chrysits ging bis zum Fenster, stützte ihren Arm an die Wand, ihre Schläfe auf die Hand und warf der violetten Morgenröthe den letzten Blick der verlorenen Jugend zu. Der östliche Himmel war in ein Farbenmeer getaucht. Ein langer Streifen, fahl wie ein Wasserblatt, umgab den Horizont mit einem olivenfarbigen Gürtel. Darüber entstanden mehrere Töne, der eine aus dem andern; es war ein flüssiges Himmelszelt, das graugrün, iris- und lila-farben war und unmerklich in das bleierne Azur des Vollhimmels überging. Dann hoben sich langsam diese Farbenschichten, eine Goldlinie erschien, stieg in die Höhe und erweiterte sich; ein dünner Purpurfaden beleuchtete diese trübe Dämmerung und in einer blutigen Fluth wurde die Sonne geboren. »Es steht geschrieben: Das Licht ist süße ...« So blieb sie stehen, solange ihre Beine sie stützen konnten. Die Soldaten mußten sie auf das Lager tragen, als sie durch einen Wink zu verstehen gab, daß sie zu schwanken beginne. Dort ordnete der Greis die weißen Falten ihres Kleides, ihre langgestreckten Glieder entlang. Dann berührte er ihre Beine und fragte sie: »Hast Du gefühlt?« Sie antwortete: »Nein.« Er berührte ihr noch die Kniee und fragte sie: »Hast Du gefühlt?« Sie gab ein verneinendes Zeichen, und plötzlich, mit einer Bewegung des Mundes und der Schultern (denn selbst ihre Hände waren schon leblos), von einer letzten höchsten Gluth ergriffen und vielleicht von dem Bedauern um diese unfruchtbare Stunde, richtete sie sich auf, Demetrios entgegen ... Aber bevor es ihm möglich war zu antworten, fiel sie leblos zurück, die beiden Augen für immer erloschen. Nun bedeckte der Nachrichter mit der oberen Falte des Kleides ihr Gesicht; und einer der Soldaten, in der Vermuthung, daß eine zartere Vergangenheit eines Tages diesen jungen Mann und diese junge Frau vereint habe, schnitt mit der Spitze seines Schwertes eine Locke des Haares ab, welches bis zu den Fliesen reichte. Demetrios berührte das mit seiner Hand und in Wirklichkeit war es die ganze Chrysis, das überlebende Gold ihrer Schönheit, sogar der Vorwand ihres Namens ... Er nahm die lauwarme Locke zwischen den Daumen und die Finger, zerstreute sie langsam, nach und nach, und unter seiner Fußsohle vermengte er sie mit dem Staube. III. Chrysis unsterblich. Als Demetrios sich in seinem rothen, mit Marmorstücken, Entwürfen, Staffeleien und Gerüsten angefüllten Atelier allein befand, wollte er sich wieder an die Arbeit machen. Den Meißel in der linken Hand und den Hammer in der rechten Faust, nahm er, ohne Eifer, eine unterbrochene Skizze wieder auf. Es war der Hals eines ungeheuern Rosses, das für den Tempel des Poseidon bestimmt war. Unter der kurz geschnittenen Mähne krümmte sich die Haut des Halses, in Folge einer Bewegung des Kopfes gefältelt, geometrisch genau wie eine wellige Seemuschel. Drei Tage früher vermochten die Einzelheiten dieser regelmäßigen Muskelbildungen in Demetrios Geist alles Interesse des täglichen Lebens zusammenzufassen; aber am Morgen von Chrysis' Tod schien das Aussehen der Dinge verändert. Weniger ruhig als er es sein wollte, gelang es Demetrias nicht seine anderwärts beschäftigten Gedanken festzuhalten. Eine Art Schleier, den er nicht heben konnte, lag zwischen ihm und dem Marmor. Er warf seinen Hammer weg und begann die staubigen Postamente entlang zu gehen. Plötzlich durchschritt er den Hof, rief eine Sklavin und sagte ihr: »Bereite das Bad und die Wohlgerüche vor. Nach dem Bade wirst Du mich salben, dann wirst Du mir meine weißen Kleider geben und die runden Räucherpfannen anzünden.« Als er seine Toilette vollendet hatte, ließ er zwei andere Sklaven kommen: »Geht nach dem Gefängniß der Königin,« sagte er; »übergebet dem Wächter diesen Thonklumpen, er soll ihn in das Zimmer tragen, wo die Hetäre Chrysis gestorben ist. Wenn der Leichnam nicht schon in die Senkgrube geworfen worden, saget ihm, man soll nichts thun, bevor ich Befehle ertheilt habe. Laufet voraus. Geht.« Er steckte einen Schraffirmeißel in die Falte seines Gürtels und öffnete die Hauptthür, die auf die menschenleere Strandallee ging. Plötzlich hielt er auf der Schwelle inne, von dem unermeßlichen Lichte des afrikanischen Mittags festgebannt. Die Straße sollte weiß erscheinen und die Häuser ebenfalls weiß, aber die Flamme der senkrecht stehenden Sonne bestrich die leuchtenden Oberflächen mit grellen Reflexen, daß die Kalkwände und die Steinplatten gleichzeitig wunderbare schattenblaue, rothe und grüne, grell okergelbe und hyacinthfarbene Gluthen zurückstrahlten. Große, zitternde Farben schienen sich in der Luft fortzubewegen, und nur mit ihrer Durchsichtigkeit die lodernden Façaden zu bedecken. Die Linien selbst verloren ihre Form hinter diesem blendenden Lichte; die gerade Mauer der Straße rundete sich in der Unbestimmtheit ab, schien sich zu bewegen wie ein Segel und wurde an manchen Stellen unsichtbar. Ein neben einem Steine liegender Hund war wirklich dunkelroth. Von Bewunderung begeistert sah Demetrios in dieser Erscheinung das Symbol seines neuen Lebens. Lange genug hatte er in der einsamen Nacht, in der Stille und im Frieden gelebt. Lange genug hatte er den Mondschein zum Lichte genommen und die weiche Linie einer allzu zarten Bewegung zum Ideal. Sein Werk war nicht männlich. Auf der Haut seiner Statuen lag ein eisiger Schauder. Während des tragischen Abenteuers, das seinen Geist verstörte, hatte er zum ersten Mal gefühlt, wie der große Hauch des Lebens seine Brust erfüllte. Wenn er eine zweite Probe fürchtete, wenn er, siegreich aus dem Kampfe hervorgegangen, sich vor Allem geschworen hatte seine stolze Haltung den Anderen gegenüber nicht mehr einer Demüthigung auszusetzen, so hatte er wenigstens begriffen, daß das allein der Mühe werth sei ersonnen zu werden, was durch den Marmor, die Farbe oder die Sprache eine der Tiefen des menschlichen Gemüthes erreicht, – und daß die Formschönheit nur eine unbestimmte Materie ist, die immer durch den Ausdruck des Leides oder der Freude verklärt werden kann. Während er so seinen Gedanken nachhing, kam er vor die Thür des Gefängnisses. Seine beiden Sklaven erwarteten ihn dort. »Wir haben den rothen Thonklumpen hierher getragen, sagten sie. Der Leichnam liegt immer noch auf dem Bette. Man hat nicht daran gerührt. Der Wächter empfiehlt sich Deiner Huld.« Schweigend trat der Jüngling ein, folgte dem langen Flur, stieg einige Stufen hinauf und drang in das Zimmer der Todten, wo er sich sorgfältig einschloß. Die Leiche lag da ausgestreckt, der Kopf tiefer, mit einem Schleier bedeckt, die Hände ausgestreckt, die Füße beisammen liegend. Die Finger waren mit Ringen beladen; zwei Silberreifen umschlangen die bleichen Knöchel und die Nägel der Zehen waren noch roth vom Pulver. Demetrios legte die Hand an den Schleier, um ihn wegzuheben, aber kaum hatte er ihn ergriffen, als ein Dutzend Fliegen durch die Oeffnung herausflogen. Er schauderte bis zu den Füßen... Doch entfernte er den weißen Wollstoff und legte ihn in Falten um die Haare. Chrysis' Gesicht wurde nach und nach von jenem ewigen Ausdruck erhellt, den der Tod den Augenlidern und den Haaren der Leichen verleiht. In dem bläulichen Weiß der Wangen gaben einige azurne Äderchen dem unbeweglichen Kopfe den Anschein des kalten Marmors. Die durchsichtigen Nasenlöcher öffneten sich über den feinen Lippen. Die Zartheit der Ohren hatte etwas Unkörperliches. Niemals, in keinem Lichte, nicht einmal in demjenigen seines Traumes, hatte Demetrios diese mehr als menschliche Schönheit, diesen verlöschenden Glanz der Haut gesehen. — — — — — Und da erinnerte er sich der Worte, die Chrysis bei ihrer ersten Begegnung gesagt hatte: »Du kennst nur mein Gesicht. Du weißt nicht wie schön ich bin!« Eine heftige Bewegung raubte ihm plötzlich den Athem. Er will endlich kennen lernen. Er vermag es. Von diesen drei Tagen der Leidenschaft will er eine Erinnerung behalten, die länger als er selbst dauern soll, den wunderbaren Leib entkleiden, ihn, wie ein Modell in jene ungestüme Lage bringen, in der er ihn im Traume gesehen hat und, nach dem Leichnam das Standbild des »Unsterblichen Lebens« schaffen. Er löst die Spange und das Band. Er entfernt den Stoff. Der Leib ist schwer. Er hebt ihn in die Höhe. Der Kopf sinkt nach rückwärts. Die Brüste zittern. Die Arme fallen herab. Er zieht das ganze Gewand ab und wirft es in die Mitte des Zimmers. Schwer fällt der Körper zurück. Demetrios faßt die Todte mit beiden Armen unter den noch frischen Achselhöhlen und läßt sie auf den oberen Theil des Bettes gleiten. Er wendet den Kopf auf die linke Wange, sammelt und ordnet das Haar reichlich auf dem gebogenen Rücken. Dann hebt er den rechten Arm, beugt den Vorderarm über die Stirne, läßt die noch weichen Finger krampfhaft den Stoff des Kissens ergreifen: zwei wunderbare Muskellinien gehen vom Ohr und vom Ellenbogen herunter, und vereinigen sich unter der rechten Brust, die sie wie eine Frucht tragen. Dann legt er die Beine zurecht, das eine steif nach der Seite ausgestreckt, das andere mit gehobenem Knie, so daß die Ferse fast den Hintertheil berührt. Er verbessert noch einige Einzelheiten, dreht die Taille nach links, streckt den rechten Fuß aus, entfernt Armbänder, Halsbänder und Ringe, damit die reine und vollkommene Harmonie der weiblichen Nacktheit nicht durch eine einzige Dissonanz gestört werde. Das Modell hat die Pose angenommen. Demetrios wirft den nassen Thonklumpen, den er hierher hat tragen lassen, auf den Tisch. Er drückt und knetet ihn, zieht ihn nach der menschlichen Form in die Länge: eine Art barbarischen Ungeheuers entsteht unter seinen eifrigen Fingern: er schaut. Die unbewegliche Leiche behält ihre leidenschaftliche Stellung bei. Aber ein dünner Blutstreifen rieselt aus dem rechten Nasenloch, läuft auf die Lippen und fällt tropfenweise in den halbgeöffneten Mund. Demetrios fährt in seiner Arbeit fort. Die Skizze wird deutlicher, nimmt Leben an. Ein wunderbarer linker Arm rundet sich über den Körper, als umschlänge er Jemanden. Die Muskel der Schenkel treten gewaltig hervor. Die Zehen krümmen sich. — — — — — .... Als die Nacht von der Erde aufstieg, das niedere Zimmer verfinsternd, hatte Demetrios seine Statue vollendet. Er ließ die Skizze durch vier Sklaven nach seinem Atelier tragen. Noch am selben Abend ließ er beim Lampenlichte einen Marmorblock von Paros behauen, und ein Jahr nach diesem Tage arbeitete er noch an dem Marmor. IV. Barmherzigkeit. »Wächter, öffne uns! Wächter, öffne uns!« Rhodis und Myrtocleia schlagen an das verschlossene Thor. Das Thor öffnete sich halb. »Was wollt ihr?« – Unsere Freundin sehen, sagte Myrto. Chrysis sehen, die arme Chrysis, die heute früh gestorben ist. – Es ist nicht erlaubt, entfernt euch! – Oh! laß uns, laß uns hineingehen. Man wird es nicht erfahren. Wir werden es nicht sagen. Es war unsere Freundin, laß sie uns wiedersehen. Wir werden schnell wieder hinausgehen. Wir werden keinen Lärm machen. – Und wenn ich ertappt werde, ihr Mädchen? Wenn ich euretwegen bestraft werde? Werdet ihr dann die Geldbuße zahlen? – Du wirst nicht ertappt werden. Du bist hier allein. Es sind keine anderen Verurtheilten da. Du hast die Soldaten weggeschickt. Das Alles wissen wir. Laß uns hinein! – Nun wohl! Bleibt aber nicht lange drin! Da ist der Schlüssel. Es ist die dritte Thür. Benachrichtiget mich, wenn ihr hinausgeht. Es ist spät und ich möchte zu Bette gehen. Der gute Alte übergab ihnen einen eisernen Schlüssel, der an seinem Gürtel hing, und die beiden kleinen Jungfrauen liefen sogleich mit ihren geräuschlosen Sandalen durch die dunklen Gänge. Dann kehrte der Gefängnißwächter in seine Stube zurück und trieb eine überflüssige Aufsicht nicht weiter. Die Gefängnißstrafe wurde im griechischen Aegypten nicht angewandt und das kleine, weiße Häuschen, das der gute Greis bewachen sollte, diente nur dazu die zum Tode Verurtheilten aufzunehmen. Zwischen den Hinrichtungen blieb es fast verlassen. Im Augenblicke, wo der große Schlüssel in das Schloß drang, hielt Rhodis die Hand ihrer Freundin zurück: »Ich weiß nicht, ob ich es wagen werde sie zu sehen,« sagte sie. »Ich liebte sie sehr, Myrto ... Ich fürchte mich ... Tritt Du zuerst ein, willst Du?« Myrtocleia öffnete die Thür; aber sobald sie die Blicke in das Zimmer geworfen hatte, rief sie: »Gehe nicht hinein, Rhodis! erwarte mich hier.« – Oh! was giebt's? Auch Du hast Angst? ... Was liegt auf dem Bette? Ist sie nicht todt? – Doch. Warte auf mich ... Ich werde es Dir sagen ... Bleibe auf dem Flur und schaue nicht herein. Der Körper war in der leidenschaftlichen Stellung geblieben, die ihm Demetrios gegeben hatte, um darnach die Statue des »Unsterblichen Lebens« zu bilden. Allein die Verzückungen der höchsten Freuden gleichen fast den Zuckungen der äußersten Leiden und Myrtocleia fragte sich, welche furchtbaren Schmerzen, welche Qualen, welche Todeskämpfe den Leichnam so hatten verstören können. Auf den Fußspitzen näherte sie sich dem Bette. Der Blutstreifen fuhr fort aus dem durchsichtigen Nasenloch herunterzufließen. Die Haut des Körpers war vollkommen weiß; die bleichen Brustwarzen waren wie zarte Nabel eingefallen; kein rosiger Widerschein belebte die rasch vergängliche Statue, aber einige smaragdgrüne Flecke färbten leicht den glatten Bauch und zeigten an, daß Millionen neuer Leben in dem kaum erkalteten Fleische keimten und nachzufolgen verlangten. Myrtocleia nahm den todten Arm und legte ihn die Hüften entlag. Sie wollte auch das linke Bein ausstrecken, allein das Knie war fast steif und es gelang ihr nicht, dasselbe ganz zu strecken. »Rhodis, sagte sie mit unsicherer Stimme, Du kannst jetzt hereinkommen.« Das zitternde Kind trat in das Zimmer. Ihre Züge verzogen sich, ihre Augen öffneten sich ... Als sie fühlten, daß sie zu Zweien waren, begannen sie, einander in den Armen liegend, bitterlich zu schluchzen. »Die arme Chrysis! die arme Chrysis!« wiederholte das Kind. Sie küßten sich auf die Wangen mit einer trostlosen Zärtlichkeit, in der es nichts Sinnliches mehr gab, und der Geschmack der Thränen brachte ihren Lippen die ganze Bitterkeit ihrer bekümmerten kleinen Herzen. Sie weinten, sie weinten, sie blickten sich leidvoll an, und manchmal redeten sie beide zusammen, mit heiserer, herzzerreißender Stimme, so daß ihre Worte in Schluchzen erstarben. »Wir liebten sie so sehr. Es war für uns keine Freundin, keine Freundin, sie war wie eine sehr junge Mutter, ein Mütterchen zwischen uns beiden ...« Rhodis wiederholte: »Wie ein Mütterchen ...« Und Myrto zog sie zur Todten hin und sagte mit leiser Stimme: »Küsse sie!« Sie beugten sich hernieder, stützten die Hände auf das Bett und schluchzend berührten sie mit ihren Lippen die kalte Stirne. Und Myrto nahm den Kopf zwischen ihre beiden Hände, die in dem tiefen Haare verschwanden, und sie sprach also zu ihr: »Chrysis, meine Chrysis, Du warst die schönste, die angebeteteste aller Frauen! Du, die Du der Göttin so ähnlich sahest, daß das Volk Dich für sie gehalten hat, wo bist Du jetzt? Was hat man aus Dir gemacht? Du lebtest, um die wohlthuende Freude zu spenden. Es gab nie eine süßere Frucht, als Dein Mund, nie ein klareres Licht, als Deine Augen; Deine Haut war ein herrliches Kleid, welches Du nicht verhüllen wolltest; die Wollust schwebte darauf wie ein unvergänglicher Duft und wenn Du Dein Haar lösetest, entschlüpften ihm alle Begierden und wenn Du Deine nackten Arme schlossest, so erbat man sich von den Göttern den Tod in diesen Armen. * Auf dem Boden kauernd, schluchzte Rhodis. * »Chrysis, meine Chrysis, fuhr Myrtocleia fort, gestern noch warst Du lebendig und jung, lange Tage erhoffend und jetzt bist Du todt, und nichts in der Welt kann bewirken, daß Du uns ein Wort sagest. Du hast gelitten und Du wußtest nicht, daß wir um Dich hinter den Mauern weinten; Du hast sterbend Jemanden mit dem Blicke gesucht und Deine Augen sind unseren Augen voll Schmerz und Mitleid nicht begegnet.« * Die Flötenspielerin weinte immer noch. Die Sängerin nahm sie bei der Hand. * »Chrysis, meine Chrysis, Du hast uns gesagt, daß wir eines Tages mit Deiner Hilfe heirathen werden. Unsere Ehe vollzieht sich unter Thränen und es ist eine traurige Verlobung, die von Rhodis und Myrtocleia. Aber der Schmerz vereint besser, denn die Liebe zwei in einander verschlungene Hände. Die einmal zusammen gemeint haben, werden sich niemals verlassen. Wir werden Deinen angebeteten Leib zur Erde tragen, Chrysidion, und werden beide unser Haar auf Deinem Grabe abschneiden.« * Sie hüllte den schönen Leichnam in eine Bettdecke; dann sagte sie zu Rhodis: »Hilf mir!« Sie hoben sie mit Vorsicht in die Höhe; aber die Bürde war schwer für die beiden Musikspielerinen, und sie setzten sie ein erstes Mal auf den Boden. »Legen wir unsere Sandalen ab, sagte Myrto. Gehen mir mit nackten Füßen durch den Korridor. Der Wächter muß eingeschlafen sein ... Wenn wir ihn nicht wecken, kommen wir durch, wenn er uns aber sieht, wird er uns hindern ... Morgen ist die Sache gleichgültig: wenn er das Bett leer findet, wird er den Soldaten der Königin sagen, daß er den Leichnam in die Senkgrube geworfen habe, wie das Gesetz es vorschreibt. Fürchten wir nichts, Rhode ... Stecke, wie ich, Deine Sandalen in den Gürtel. Und nun komm! Fasse den Leichnam unter den Knieen. Gehe geräuschlos, langsam, langsam ...« V. Pietät. Nachdem sie um die Ecke der zweiten Straße gekommen, legten sie den Leichnam ein zweites Mal nieder, um ihre Sandalen wieder anzuziehen. Rhodis Füße, zu zart um nackt zu gehen, hatten sich abgeschürft und bluteten. Die Nacht war klar. Die Stadt war in tiefe Stille gehüllt. Graue Schatten zeichneten sich viereckig in der Mitte der Straßen ab, je nach dem Abriß der Häuser. Die kleinen Jungfrauen hoben ihre Last wieder auf. »Wo gehen wir hin? sagte das Kind; wo werden wir sie begraben?« – Im Gräberfelde des Hermanubis. Es ist immer einsam und öde. Dort wird sie in Frieden ruhen. – Arme Chrysis? Hätte ich denken können, daß ich am Tage ihres Endes ihren Leichnam tragen würde, ohne Fackeln und ohne Leichenwagen, heimlich, wie eine gestohlene Sache. Dann fingen beide an mit großer Zungenfertigkeit zu sprechen, als fürchteten sie die Stille, wie sie so neben einander mit der Leiche dahinschritten. Der letzte Tag in Chrysis Leben erfüllte sie mit Staunen. Woher hatte sie den Spiegel, den Kamm und das Halsband? Sie hatte nicht selbst die Perlen der Göttin nehmen können: der Tempel war zu gut bewacht, als daß eine Hetäre hatte eintreten können. Es hatte also Jemand für sie gehandelt. Aber wer? Man kannte unter den Stolisten, die mit der Pflege der heiligen Statue betraut waren, keinen, der ihr Geliebter gewesen wäre. Und dann, wenn Jemand an ihrer Stelle gehandelt hatte, warum hatte sie ihn nicht verrathen? Und in allen Fällen: warum diese drei Verbrechen? Wozu hatten sie ihr gedient, wenn nicht der Folter übergeben zu werden? Ein Weib begehrt solche zwecklose Tollheiten nicht, es sei denn, daß sie verliebt ist. Chrysis war es also? und in wen? »Wir werden es nie erfahren, schloß die Flötenspielerin. Sie hat ihr Geheimniß mit sich genommen, und selbst wenn sie einen Mitschuldigen hat, wird er uns nicht aufklaren.« An dieser Stelle seufzte Rhodis, die schon seit einigen Augenblicken schwankte: »Ich kann nicht weiter, Myrto, ich kann nicht weiter. Ich müßte in die Kniee sinken. Ich bin von Müdigkeit und Leid gebrochen.« Myrtocleia nahm sie am Halse: »Versuche noch, mein Liebchen. Wir müssen sie tragen. Es handelt sich um ihr unterirdisches Leben. Wenn sie kein Begräbniß hat und keinen Obolus in der Hand, wird sie ewig an den Ufern des stygischen Flusses herumirren, und wenn wir einst zu den Todten herabsteigen, Rhodis, wird sie uns unsere Pietätlosigkeit vorwerfen, und wir werden ihr nichts zu antworten wissen.« Aber das Kind, von einer Schwäche ergriffen, zerfloß in Thränen. »Schnell, schnell«, sagte Myrtocleia, »dort, am anderen Ende der Straße, kommen Leute. Stelle Dich mit mir vor den Leichnam. Verbergen wir ihn hinter unseren Kleidern. Wenn man ihn sieht, ist Alles verloren...« Sie unterbrach sich. »Es ist Timon. Ich erkenne ihn. Timon mit vier Weibern ... Ach! ihr Götter, was wird geschehen! Er, der über Alles spottet, wird uns auslachen .... Aber nein, bleibe hier, Rhodis, ich werde mit ihm reden.« Und, von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, lief sie in der Straße der kleinen Gruppe entgegen. »Timon,« sagte sie (und ihre Stimme war eine stehende), »Timon, halte still. Ich bitte Dich, mich anzuhören. Ich habe ernste Worte im Munde. Ich muß sie Dir allein sagen.« – Mein armes Kind, sagte der Jüngling, wie ergriffen Du bist. Hast Du Deine Achsel-Schleife verloren, oder hat sich Deine Puppe im Fallen die Nase zerbrochen? Dies wäre ein nicht wieder gut zu machendes Ereigniß. Das Mädchen warf ihm einen schmerzlichen Blick zu; doch schon wurden die vier Weiber Philotis, Seso von Knidos, Kallistion und Tryphaera, die sie umstanden, ungeduldig. »Nun, dumme Gans,« sagte Tryphaera, »wenn Du die Brüste Deiner Amme ausgesogen hast, so können wir Dir nicht helfen, wir haben keine Milch. Es ist fast Tag, Du solltest im Bette liegen; seit wann streifen die Kinder im Mondschein herum?« – Ihre Amme? rief Philotis. Timon will sie uns wegnehmen, und nicht eine Amme sucht sie. – Die Peitsche, sie verdient die Peitsche! Und Callistion hob mit einem Arm Myrto in die Höhe und schlug ihr blaues Kleidchen zurück. Doch Seso trat dazwischen: »Ihr seid toll, rief sie aus. Myrto hat nie einen Mann gekannt. Wenn sie Timon ruft, so ist es nicht, um mit ihm zu schlafen. Lasset sie in Ruhe, daß die Geschichte ein Ende nehme.« – Nun, sagte Timon, was willst Du von mir? Komme hierher. Rede mir in's Ohr. Ist es wirklich so ernst? – Chrysis Leichnam liegt da auf der Straße; sagte das noch zitternde Mädchen. Wir tragen ihn zu Grabe, meine kleine Freundin und ich; aber er ist schwer und wir fragen Dich, ob Du uns nicht helfen willst ... Es wird nicht lange dauern ... Gleich nachher wirst Du Deine Weiber wieder aufsuchen können. Timon hatte einen gütigen Blick: »Arme Mädchen! Und ich lache dazu! Ihr seid besser als wir .... Gewiß werde ich euch helfen. Gehe zu Deiner Freundin und erwarte mich, ich komme.« Und zu den vier Weibern gewendet sagte er: »Gehet zu mir nach Hause, durch die Töpferstraße. Ich werde in kurzer Zeit dort sein. Folget mir nicht.« Rhodis saß immer noch zu Häupten des Leichnams. Als sie Timon herantreten sah, flehte sie: »Verrathe uns nicht! Wir haben sie gestohlen, um ihren Schatten zu retten. Bewahre unser Geheimniß. Wir werden Dich sehr lieb haben, Timon.« – Seiet beruhigt, sagte der junge Mann. Er faßte den Körper bei den Schultern und Myrto nahm ihn bei den Knieen und schweigend gingen sie weiter, während Rhodis unsicheren Schrittes ihnen folgte. Timon sprach nicht. Zum Zweiten Male seit zwei Tagen hatte ihm die menschliche Leidenschaft eine zufällige Gefährtin seines Bettes weggenommen und er fragte sich, welche Narrheit die Geister von dem Zauberwege entfernt, der zum schattenlosen Glück führt. »Seelenruhe! dachte er, Gleichgültigkeit, Behaglichkeit, oh wollüstige Freude! wer unter den Menschen wird euch würdigen? Man rührt sich, man kämpft, man hofft, während doch eine Sache allein kostbar ist: dem flüchtigen Augenblick alle Freuden abzugewinnen, die er zu bieten vermag, und sein Bett so wenig als möglich zu verlassen.« — — — — — Sie kamen an der Thür des verwüsteten Gräberfeldes an. »Wo legen wir sie hin?« sagte Myrto. – In die Nähe des Gottes. – Wo ist das Standbild? Ich bin niemals hier gewesen. Ich hatte Angst vor den Gräbern und Säulen. Ich kenne den Hermanubis nicht. – Er muß in der Mitte des kleinen Gartens stehen. Suchen wir ihn. Ich bin ehemals, als ich ein Kind war, eine verirrte Gazelle verfolgend, hierhergekommen. Gehen wir durch die Allee von weißen Sykomoren. Wir können nicht fehlen. Es gelang ihnen in der That, die Statue zu finden. Die Morgendämmerung mischte mit dem Mond ihr leichtes Violett auf dem Marmor. Eine unbestimmte und ferne Harmonie schwebte auf den Cypressenzweigen. Das regelmäßige Rauschen der Palmen, das so sehr dem Rauschen der fallenden Regentropfen gleicht, rief einen Wahneindruck von Kühle hervor. Mit Mühe öffnete Timon einen in die Erde eingesunkenen rothen Stein. Das Grab war unterhalb der Hände des Gottes gegraben, welche die Bewegung des Einbalsamirens machten. Es hatte wohl früher einmal eine Leiche enthalten, aber in der Grube fand man jetzt nur ein Haustein bräunlichen Staub. Der junge Mann stieg bis zum Gürtel hinein, und streckte die Arme vor: »Gib sie mir, sagte er zu Myrto. Ich werde sie ganz unten hinlegen, und dann decken wir den Stein auf das Grab ...« Aber Rhodis warf sich auf den Leichnam: »Nein, begraben wir sie nicht so schnell! Ich will sie noch einmal sehen! Ein letztes Mal! Ein letztes Mal! Chrysis! Meine arme Chrysis! Ach! es ist schrecklich! ... Was ist aus ihr geworden?« Myrtocleia hatte soeben die um die Todte gewickelte Decke entfernt und das Gesicht war erschienen, so rasch entstellt, daß die beiden Mädchen schaudernd zurückwichen. Die Wangen waren eckig geworden, die Augenlider und die Lippen angeschwollen wie sechs weiße Pölsterchen. Schon war nichts mehr von dieser übermenschlichen Schönheit übrig. Sie schlossen das dicke Bahrtuch wieder, aber Myrto streckte die Hand unter den Stoff, um dem für Charon bestimmten Obolus in Chrysis' Finger zu legen. Dann übergaben beide, von unendlichem Schluchzen bewegt, Timon den starren Leichnam. Und als Chrysits tief im sandigen Grabe lag, öffnete Timon das Bahrtuch wieder. Er legte den Silberobolus zwischen die losen Finger, stützte den Kopf mit einem flachen Steine; auf dem Körper breitete er, von der Stirne bis zu den Knieen, die langen, schattigen, goldenen Haare aus. Dann stieg er aus dem Grabe. Die beiden Musikspielerinen knieten vor dem offenen Schlunde; sie schnitten sich gegenseitig ihre jugendlichen Haare ab, banden sie zu einer Garbe zusammen und begruben sie mit der Todten. ΤΟΙΟΝΔΕ ΠΕΡΑΕ ΕΣΧΕ ΤΟ ΣΥΝΤΑΓΜΑ ΤΩΝ ΠΕΡΙ ΧΡΥΣΙΛΑ ΚΑΙ ΔΗΜΗΤΡΙΟΝ.