Joseph Christian von Zedlitz Der Stern von Sevilla Trauerspiel in fünf Aufzügen. 1829 Personen Sancho der Tapfere , König von Castilien. Don Sancho Ortiz de las Roellas , Regidor von Sevilla. Don Bustos Tabera , Don Pedro Guzmann , Don Farfan Ribera Oberalkalden von Sevilla. Don Fernan Perez de Medina .   Don Gonzalo d'Ulloa .   Don Arias , Vertrauter des Königs. Der Castellan des festen Schlosses zu Triana. Clarindo , des Sancho Ortiz Diener. Donna Estrella , Don Bustos Schwester. Theodora , ihre Dienerin. Ein Page des Königs. Eine maurische Sklavin .   Gefolge des Königs.   Gerichtsdiener.   Volk.     Erster Aufzug. Straße zu Sevilla. Im Hintergrunde das Haus des Bustos Tabera mit einem Balkone. Erster Auftritt. Don Arias . Die Sklavin treten aus dem Hause. Sklavin. Hier seht Ihr den Balkon. Ihr wißt das Zeichen. – Braucht alle Vorsicht, Herr; kommt nicht vor Nacht. Verhüt' es Gott, daß auch Bustos Tabera Nur träumen möge, was geschehen soll; Mein Leben wär' verloren! Arias. Sey getrost; Der, dem zu Willen du dich mühen sollst, Hat Macht genug, du weißt es, dich zu schützen, Und reicher Lohn erwartet deinen Dienst. Der König liebt – was brauchst du mehr zu wissen, Um sicher deines künft'gen Glücks zu seyn? Sklavin. Nun gut! – Ihr sollt die Thüre offen finden, Die aus dem Garten in den Vorsaal führt: Erwartet mich. Wenn Alles still im Haus, Erschein' ich mit dem Licht auf dem Balkone. Jetzt geht. Lebt wohl! – Rühmt meinen Eifer, Herr, Und was ich wage! Hört – vergeßt das nicht. (Sie geht in das Haus.) Arias (allein) . Zwar ist der Plan gefährlich! – Wie, gefährlich? Für Andre wohl, doch für den König nicht. Was kann ein König wagen? Ist sein Rang Nicht Schild und Waffe, die ihn deckt und schirmt? Er zeigt sich nur, und das gezogne Schwert Sucht ängstlich seine Scheide. Aus der Hand Fällt der gezückte Dolch, das grimme Auge Blickt scheu zu Boden und vergißt zu drohn, Sobald der Herrscher ihm entgegentritt! – Doch sich! – Welch' ein Gewühl? – Das ist der König, Ihm nach von allen Seiten strömt das Volk, Lautjubelnd, wenn's ihn irgendwo erblickt, Und wirft die Hüte! – Ganz Sevilla ist Im Freudentaumel, seit in seine Mauern Der theure König nur den Fuß gesetzt. Zweiter Auftritt. Arias. Der König. Don Guzmann, Don Ribera, Don Bustos, Don Perez und Don d'Ulloa. Volk. König. Ja, meine Edlen, glaubt; der schönste Stein In meiner Krone dünket mich Sevilla. Auch sind Wir fest entschlossen, nicht fortan Nur im Vorbeigehn diese Stadt zu grüßen; Wir halten künftig Hof in ihren Mauern Auf läng're Zeit, und denken hier zu weilen. Ribera. Der alte Ruhm ziert wenigstens Sevilla, Daß sie an Treue keiner andern weicht Von Spaniens Städten. König. Auch an Schönheit nicht. (Für sich.) So reizend schien, was ich in ihr gesehen, Daß es seitdem um meine Ruh' geschehen. Guzmann Die Sevillianer sind, seit du, o Herr, Dein königliches Antlitz uns gezeigt, So hoch beglückt, daß rings die Freude laut In tausendfachem Jubel wiederhallt! Die Trauer findet keine Stätte mehr Und muß von hinnen ziehn. König. Und doch, Don Pedro, Seh' ich hier in der Nahe einen Mann, Der ihre Farbe tragt. – Wer seyd Ihr? – Sprecht! d'Ulloa. Gonzalo von Ulloa nenn' ich mich, Mein königlicher Herr! König. Euch starb der Vater Und Uns in ihm ein treu' bewährter Diener; Zu früh entrafft der Tod ihn Unsrer Gnade. – Sein Stab ist ledig, und in würd'ge Hand Möcht' ich ihn legen. d'Ulloa. Seines Namens Erbe Und seiner Lieb' und Treue, wag' ich, Herr, Um seines Amtes Würde dich zu bitten. Perez. Mit gleichem Wunsche steh' auch ich vor dir. Ich bin ein alter Diener deines Hauses, Und ohne Ehre nicht bin ich ergraut. König. Ihr seyd mir Beide werth; doch ist das Amt, Um das Ihr werbet, von so wicht'ger Art, Daß ich zu schnell den Mann nicht möchte wählen, Dem ich's vertraue. Beide kenn' ich euch. (Zu Perez.) Ihr habt Verdienst! (Zu d'Ulloa.) Man lobt mir Euern Eifer, Und seyd gewiß, ich denk' Euch zu befördern, Sey's auch nicht eben jetzt. Arias (sich nahend). Mein königlicher Herr! – König (ihn erblickend). Ha, du! – Tritt näher! (Das Gefolge zieht sich zurück,) Rede, berge nichts! Kennst du die Dame? weißt du, wer sie ist? Arias. Stella Tabera. König. Wie? Stella Tabera? Ja wohl ein Stern! Sevilla's schönster Stern! – Doch wie des Himmels Sterne, hell und fern, Zieht er im weiten Aether seine Bahn, Und nirgend führt ein Weg zu ihm hinan. Arias. Sie ist die Schwester eines tapfern Mannes, Bustos Tabera, der sich Ruhm erwarb Und hoch geehrt wird von den Sevillianern. Du stehst hier an der Schwelle seines Hauses. König. So nah' am Himmel? – Doch, wer läßt mich ein? Arias. Dir wird die Pforte nicht verschlossen seyn. König. Ja wohl ein Stern! Der herrlichste von allen, Die in dem Aether auf und nieder wallen! – Es war der Saal von Damen rings erfüllt, Doch däuchten da um sie die andern Frauen Wie todte Himmelskörper, die vom Bronnen Der ew'gen Sonne Licht und Glanz gewonnen; Denn Aller Reiz schien nur von ihr zu thauen! Was noch an Schönheit war im Saal zu schauen, War schön zu nennen nur, weil ihre Schöne Den schimmervollen Abglanz rings verbreitet! So stand sie still und schweigend unter ihnen, Und dennoch war's, als ob es laut ertöne: Ihr Frau'n, mein ist der Preis, mir müßt ihr dienen! Arias. Zwar malst du glühend, doch du schmeichelst nicht. König. Tabera heißt ihr Bruder? Rede weiter! Was weißt du noch von ihr? Arias. Nichts, hoher Herr, Daß deiner Neigung kann willkommen seyn. Die Dame ist verlobt, so hör' ich sagen. König. Verlobt? – Doch nicht vermählt? Nein, nicht vermählt! Verlobt durch Neigung? – Wie? – Du schweigest? – Rede! Verlobt mit ihres Herzens Wunsch? – Nein, nein! – An wen? Arias. Nicht Alles zu erkunden blieb mir Zeit. Den Namen des Beglückten weiß ich nicht; Doch hört' ich, daß an einen Freund das Wort Des Bruders sie versagt. König. Ich muß sie sehen, Sie sprechen, unverweilt! Aus ihrem Munde Will ich es hören, ob zu diesem Bunde Sie Liebe ruft; ob nicht mit Widerstreben Sie nur des Bruders Drängen nachgegeben; Sie soll mir's sagen, soll es mir bekennen! Schließt sie das Band, so will ich es nicht trennen; Doch hat ihr Herz den Gatten nicht gewählt, Beim höchsten Gott! – dann bleibt sie unvermählt! – Such' einen Weg, daß ich sie sprechen mag, Nur eine kurze Stunde, ungestört! Was du auch thust, ich heiß' es wohlgethan. Nicht zu gefährlich dünk' ein Mittel dich, Führt es zum Ziele, unternehm' ich's gern. So wie ein andrer Ritter steh' ich hier, Zu werben um Sevillens schönsten Stern; Nichts ist so kühn, daß ich's nicht freudig wagte! – Denk' nicht an meinen königlichen Rang, Nicht, wie ich hochgeschmückt vor Andern rage; Denn in der Liebe wundersamem Reich Ist Alles ebenbürtig, Alles gleich! Arias. Zuvorgekommen bin ich deinem Willen, Und was du wünschest, ist bereits geschehn. Du sollst die Dame sprechen, heut' zu Nacht; Die Mittel sind gefunden, – Doch, fürwahr! – Dort steht Bustos Tabera selbst. König. Der dort? Arias. Ja, Herr, der ist's. König. Er sucht nicht meinen Blick, Und wünscht, so scheint es, nicht bemerkt zu seyn? (Er wendet sich zum Gefolge.) Wir haben, däucht Uns, nun, was sehenswerth In dieser Stadt, zur G'nüge uns betrachtet; Wir kehren zum Palast. – (Zu Don Bustos.) Wie heißt Ihr, Ritter? Bustos. Bustos Tabera, königlicher Herr! König. Bustos Tabera? – Euern Namen kenn' ich. Ihr habt Verdienst gehabt um meine Krone, Und seyd gerühmt um Eure Tapferkeit Und adlige Gesinnung. Sprecht, wie kommt's, Daß Ihr vor Unserm Auge Euch verbergt, Indeß sich Andre ihm entgegen drängen? Bustos. Kein Platz ist so entfernt, daß nicht der Strahl Vom Glanze deiner Hoheit ihn beschiene. König. Es hätt' Euch wohl geziemt, Uns aufzusuchen. – Ihr seyd ein Mann von strenger Tugend, sagt man, Und solche Männer, Bustos, thun Uns noth! Ihr sollt Uns näher treten. – Don Ulloa Ist jüngst verstorben und sein Amt erledigt; – Ich suche einen Mann für seinen Stab. Ihr seyd damit belehnt, Bustos Tabera. Bustos. Großer Don Sancho von Castilien! Nicht zürne deine Hoheit ihrem Knechte, Den du mit unverdienter Würde zierst, Wenn er, dir frech erscheinend, deine Huld, Indeß sie eine Gnade ihm gewährt, Schon um die andere zu flehen wagt. Hab' ich dir treu gedient und glaubst du werth Mich eines Lohnes, königlicher Herr – Gewähre meine Bitte. König. Sprecht! es sey! Nichts kann Don Bustos bitten, das mit Fug Ihm Unsre Gnade nicht gewähren könnte. Bustos. Nicht mir den Stab! Hier steht ein treuer Mann, Fernan Medina, der sich ihn erbat; Sein Haupt ist grau, bedeckt mit Ruhm und Wunden Ist er des Amtes würdiger als ich. Ihm sey's verliehn, und Gonzalo Ulloa Nehm' seine Stelle; Beide sind befriedigt! Mich aber, der nichts sucht, Herr, und nichts wünscht, Mich laß fortan wie sonst mein gutes Schwert Im Kampfe messen mit den Mauren. Dort Werb' ich um Ehr' und Ruhm, wie's Spaniern ziemt! So thaten meine Väter, so auch ich. Zufrieden mit dem Platz, auf dem ich stehe, Möcht' ich ihn nicht vertauschen, hoher Herr, Auch nicht um einen bessern; laß mir ihn! Nichts Andres bitt' ich, und ich nenn' es Gnade, Darf ich es künftig halten wie bisher. König. Es sey, wie Ihr verlangt, ich zwing' Euch nicht, Und bleib' auch so Euch hold und wohlgewogen, (Zu dem Gefolge.) Kommt und geleitet uns. (Zu Bustos) Gehabt Euch wohl. (Er entfernt sich mit dem Gefolge.) Bustos (allein) . Seltsam, fürwahr! – Wie soll ich da« erklären? Der König gibt ein Amt mir ungesucht, Indeß er es dem Suchenden verweigert? Das dünkt mich räthselhaft! Was kann er wollen? Ich bin nicht besser als ein Anderer, Wenn auch so gut; warum vor Andern mich Auf ungewohnte Weise denn erheben? – Was kann ich glauben? Sollt' er – nein! – und doch! Der König hat Estrellen ja gesehn – Rasch, wie er ist, voll Jugendglut und Leben – War's so unmöglich denn? – Was bebst Du, Herz? – Würd' ich belohnt, um Lohn erst zu verdienen? Beim Himmel! kennt man mich? Bustos Tabera! – Doch warum ras' ich denn? Was ist geschehen? – Da steh' ich nun und träum' von Schand' und Unbill, Und habe keinen Grund als meinen Argwohn Und meine kranke Milz! – Doch seine Gnade, Ist die kein Grund? – Die Welt thut nichts umsonst! Wer gibt, will haben. – O, ich sehe klar! Dem Hunde, der des Hauses Thor bewacht, Wirft man behutsam einen Brocken hin Und meint, er wird nicht bellen. – Bustos, Bustos! – Ich geh' voll Sorgen! Ohne mich zu kennen, Mir Huld erweisen, unverdient mich ehren, Scheint, dir mich zu entziehn, o Ehre, nicht, dich mehren. (Geht ab.) Dritter Auftritt. Saal in Bustos Hause. Im Hintergrunde eine Glasthür, die nach dem Balkon führt. Zwei Seitenthüren. Donna Estrella. Don Ortiz. Estrella. Wie schnell die Zeit verrinnt! Schon ist es dunkel! Du mußt nun fort, mein Ortiz. Ortiz. Wie verhaßt Sind mir die Sterne jetzt, die ich sonst liebte! Kaum daß der erste fern mit bleichem Schein Auftaucht am Himmel, ruft er mich von dir! Estrella. Mein theures Leben! gehst du auch von hier, So glaube nicht, daß ich dich deßhalb lasse; Sey wo du willst, und du bist doch bei mir! Braucht's denn, daß ich dich in die Arme fasse? Ich seh' dich stets vor mir; es küsset Dich meine Seele, wenn mein Aug' dich misset. Ortiz. Nicht glauben kann ich's und doch auch nicht zweifeln; Denn frei ja warst du, Niemand sprach dir zu; Aus eigner Wahl hast du dich mir gegeben! Doch wenn ich denke, daß du eben mir Aus so viel Werbern deine Hand gereicht, Nach der Sevilla's Blüthe sich gedrängt, Ein Ritterkreis, wie jene Paladine, Die noch im Klange der Romanzen leben: Dann ruf' ich selbst mir zu: es ist unmöglich! Was liebst du denn an mir? wer bin ich denn? Ich bin ein Mann, wohl tüchtig in den Schlachten; Doch keinem Jüngling bin ich gleich zu achten, Dem süßer Liebreiz spielt um Mund und Wangen. Soll Jugend denn nach Jugend nicht verlangen, Nach Schönheit Schönheit nicht? Bei meinem Blut! Was liebst du denn an mir? Estrella. Ich will Dir's sagen: Dein Herz, das nur für Edles hat geschlagen, Und deine Treu' und deinen kühnen Muth, Und daß du mild bei mir wie Maienhauch, Indeß die Mauren deinem Anblick beben; Daß dir die Ehre lieber als das Leben: Dieß Alles lieb' ich. Sieh, dann lieb' ich auch, Daß, wenn du reitest durch Sevilla's Gassen, Die Sevillianer ihre Arbeit lassen, Und ihre Kinder an die Fenster heben Und rufen: »Seht, dort reitet Sancho Ortiz! Beschütz' ihn Gott, daß er Sevilla schütze!« – Dann lieb' ich, daß Bedrängte ihre Stütze, Die Schwachen ihren Hort, die Armen Dich ihren Vater nennen; Ortiz. Stella! meine Stella! Estrella. Dieß Alles, mein Geliebter, lieb' ich sehr. Und wär's noch nicht genug, und willst du mehr, So sagt' ich noch – Ortiz. Genug! Was dir erwiedern? Mein Glück, mein Leben! – Sag' ein Wort mir, Traute, Gib eine Sprache mir, gib neue Laute Für meine Wehmuth und für mein Entzücken! Wenn ich mich spiegeln kann in deinen Blicken, Und seh' in ihrem feuchten Krystall zurück die eignen Wonnen leuchten, Aus all' den Reizen, die dich reich umblühen, Die schöne Seele mild verkläret glühen – Beim höchsten Gott! dann möcht' ich aus dem Leben, Von Luft getragen, wie ein Adler schweben! Estrella. Die Flügel dir zu binden, Will ich dich bald mit fest'rem Band umwinden; Denn sieh, mein Freund, befürchten müßt' ich immer, Daß du zu weit mir flögst und kehrtest nimmer. Ortiz. O, ließe Bustos doch, uns zu vereinen, Recht bald den lang' ersehnten Tag erscheinen! Warum, da er beschloß, uns zu vermählen, Will er uns länger noch mit Aufschub quälen? Estrella. Was sollte ihn zu größrer Eile treiben? Er kennt mein Herz und weiß, es wird dir bleiben. Doch nun leb' wohl! – Noch nicht! bleib' noch! – Nein, geh'! 's ist sonderbar! je länger ich dich sehe, Je schwerer, Sancho, kann ich von dir scheiden! Ortiz. Sprich nicht so süß, willst du, ich soll dich meiden. Estrella. Leb' wohl, mein Herz! Ortiz. Mein Leben, süße Ruh'! Estrella. Mein holder Freund! Ortiz. Mein süßer Stern bist du! (Er geht links ab.) Estrella. (allein, geht an das Fenster und blickt ihm nach.) Er sieht herauf. – Noch einmal blickt er her! – Nun ist er fort – nun seh' ich ihn nicht mehr! (Sie bleibt gedankenvoll am Fenster stehen.) Vierter Auftritt. Estrella. Bustos (durch die Thür links) . Bustos War Sancho hier? Estrella. Vor wenig Augenblicken Ging er von hier; er kann noch fern nicht seyn. Bustos Es thut mir leid, daß ich ihn nicht getroffen. Ich muß ihn sprechen. Estrella. Willst du, send' ich hin. Bustos (schweigt nachdenkend) . Estrella (nach einer Pause) . Was bist du so verloren in Gedanken? Was ist dir? Laß mich's wissen. Bustos. Nichts. Estrella. Und doch? Bustos. Dieß Eine wollt' ich fragen, liebe Schwester: Sahst du den König? sprachst du je mit ihm? Estrella. Du weißt! beim Fest. – Sevilla'« edle Frau'n Versammelt sah er dort: ich war dabei, Weil du es schicklich hieltst. – Was fragst du mich, Mein theurer Bruder, da du's selbst geboten? Bustos. Ganz recht, ganz recht! Doch sahst du nicht, Estrella, Ob seine Blicke mehr auf dir geruht Als flüchtig dich betrachtend? Sahst du nichts? Sprich, was du weißt. Estrella. Was ist's? – Was fällt dir ein Bustos. In solchen Fällen sehen Frauen scharf. Estrella. Soll ich bekennen, So däucht mich in der That, es habe oft Des Königs Blick sich auf den Ort gerichtet, Wo ich im Kreise saß mit andern Frau'n. Doch saßen viele dort, wo ich; wer weiß, Ob seine Blicke eben mir gegolten? Bustos. Ich frage nicht, wie du sie aufgenommen; Du bist ja, mein' ich, Bustos Schwester und Nennst dich Tabera. Estrella. Darum zweifle nicht! Nicht mehr als sich geziemt, hat sich mein Auge Zu ihm erhoben. Ortiz war im Saal, Und wo Er weilt, wen könnt' ich dort noch sehen? Bustos. Der König sprach mit dir? Estrella. Mit Andern mehr. – Er nahte sich zweimal, als ich allein, Vom Tanz entfernt, in einem Erker stand. Nicht dacht' ich mehr daran; doch ich gestehe, Nun du mich fragst und es dir wichtig scheint: Sein Ausdruck war bewegt, bald sank sein Blick Verwirrt zu Boden; bald erhob er ihn Und sah mich forschend an. – So kam mir's vor; Doch leicht wär's, daß ich irrte. Bustos. Und was sprach er? Estrella. Bescheidne Worte, doch mit seinem Lobe, Wie Männer wohl es pflegen, wenn sie Frau'n Sich angenehm und artig zeigen wollen. Doch warum fragst du das? Bustos. O, meine Schwester! Mein Herz ist unruhvoll! Estrella. Was ist geschehen? Bustos. Nichts, nicht! Und doch zu viel fast, um es nichts Zu nennen. Estrella. Du erschreckst mich! Bustos. Sey getrost! Vielleicht ist's nur ein Hirngespinst, gebrütet In Augenblicken düstrer schwarzer Laune, Wie sie mich oft befallen. Laß es seyn, Denk' nicht an dieß Gespräch und geh' zur Ruh', Ich will es auch. – Leb' wohl! – Noch Eines! – Sende An Ortiz morgen deinen Diener ab Und schreib' ihm, daß er komme; denn vermählen Will ich euch morgen. Estrella. Bruder! Bustos. Weiß ich doch, Daß er der Stunde sich entgegen sehnt! Ich will sie fern nicht länger halten. – Ruhig! Blick' nicht so ängstlich her auf mich, 's ist nichts! Ich liebe dich und Ortiz wie mich selbst, Ihr seyd mir werth, was soll ich länger säumen? Ruf' ihn zu dir, wir feiern die Vermählung. Estrella. Du machst, daß ich erschrecke, theurer Bruder! Warum jetzt solche Eile? Bustos. Mein Gemüth Ist oft von trüben Ahnungen ergriffen – Ich habe heißes Blut, das Gleichmaß nicht In der Bewegung hält, oft schlägt es fiebrisch Und stürmt, wie einen Rachen auf der Fluth, Von einem Vorsatz jählings mich zum andern. Deßhalb sey ruhig! 's ist nichts Wirkliches, Du brauchst dich nicht zu fürchten; Träume sind's, Das ist mein Unglück. Nun, 's wird besser werden; Mein Wahnsinn liegt im Blut. Estrella. Er theilt sich mit; Denn ohne daß ich weiß, was mich bewegt, Mich zittern macht, verwirren meine Sinne Sich wie im wachen Traume. Bustos. Lebe wohl! Auf morgen die Vermählung. Send' an Ortiz. (Geht rechts ab.) Estrella (allein) . Was ist ihm? – Ist er krank? – Ich bin voll Angst! – Voll Angst? – Wovor? – Bei Gott, ich selbst bin krank. Ist er denn nicht wie sonst? Was schreckt mich denn? – Ortiz wird mein und Stella sollte zagen? Fort, thöricht Bangen! Hat des Glückes Blume, Wie Blüthen des Jasmin im Hauch der Nacht, Nicht die geschloss'nen Blätter aufgeschlagen, Geöffnet ihrer Kelche Farbenpracht, Um sie als Kranz mir in das Haar zu schlingen? – O süßes »Morgen!« komm' auf goldnen Schwingen! (Sie geht durch dieselbe Thür rechts, durch welche sich Bustos entfernt hat.) Fünfter Auftritt. Nacht. Pause. Die Sklavin mit einem Licht in der Hand, aus der Thür rechts. Jetzt ist es Zeit! Don Bustos ist zur Ruh', Jetzt kann's geschehn. – Mir pocht das Herz vor Angst! – Wenn's nicht gelingt – weh' dann! – Geschwind! ich sehe, Ob jemand naht! (Sie horcht an der Thür rechts.) Kein Mensch! 's ist Alles still. So sey es denn gewagt! (Sie geht mit dem Lichte auf den Balkon und kommt dann nach einer Pause zurück.) Er hat's gesehn! Gott sey mir gnädig! – Wär' es nicht der König, Um keinen Berg Dublonen thät' ich's mehr. – Mir schnürt's den Athem zu bis an die Kehle! Still! – horch! Geräusch! – Weh' mir! 's ist nicht der König! Man naht von jener Seit'! – Ich bin des Todes! Sechster Auftritt. Die Sklavin, Bustos (mit brennendem Lichte und bloßem Degen aus der Thür rechts). Bustos. Was machst du hier im Saal? Sprich, Unglücksel'ge! Wem galt das Zeichen? Rede, eh' du stirbst! Sklavin. Ihr irrt Euch, Herr! ich war allein. Bustos. Das Licht Trugst du auf den Balkon! Ich hab's gesehen! Sprich, denn du stirbst! Schlepp' keine Lüge mit! Bekenne! Sklavin (auf den Knien). Habt Erbarmen! Bustos. (ruft aus der Thür links). Schließt die Pforten! Sklavin. Er tödtet mich! ich fliehe! (Sie entflieht durch die Seitenthür rechts.) Siebenter Auftritt. (Indem Bustos von der Thür kommt, tritt der König, eine Maske vor dem Gesicht, durch die Glasthür des Balkons.) Bustos. Hierher, Verweg'ner! Daß dieses Schwert den Rückweg dir erspare! Du kommst nicht mehr von hinnen! König (für sich) . Bustos ist's! Was ist zu thun? – Fürwahr, hier gilt's den Degen! (Indem er den Degen zieht, entfällt ihm die Maske) Bustos. (erkennt den König, für sich). Hilf Gott! es ist der König! (Er bläst das Licht aus) (Der König zielt sich durch die Glasthür zurück, Bustos allein. Nach einer Pause.) Was ist geschehn? – Ist Athem noch in mir? Ihr Wände, stürzet ein, mich zu begraben! Ein lebend Bild der Schande steh' ich hier! Was nützt's, den Degen in der Hand zu haben? Eh' müss' er dringen in mein eigen Leben, Eh' ich vermöcht', ihn gegen den zu heben, Den ich gesehn! – O Schmach! – Wo ist die Schlange! Daß ich sie würge! – Dort in jenem Gange! (Er stürzt durch die Seitenthür rechts. Man hört gleich darauf einen Schrei.) Zweiter Aufzug. Gemach im königlichen Palast. Erster Auftritt. Der König. Don Arias. Arias. Du kennst ihn nicht! ich aber kenn' ihn, Herr! Ein stolzes, finstres, gallerfülltes Herz, In jedem Fall zum Aeußersten bereitet, Zwiefach gefährlich, wenn es schweigt. König. Was nützt Die späte Warnung, nun die That geschehn? Nichts bleibt mehr übrig als der eigne Vorwurf! War dieß mein Platz? So dürft' er vor mir stehn? O Schmach! o Schmach! Arias. Ein schlimmer Zufall war's; Ich wünschte selbst, ihn ungeschehn zu machen. Doch weil's ein böses Schicksal so gefügt, Daß zwischen seinem Tode nur die Wahl, Und bösen Leumund, der dich treffen muß, So rette deine Würd' und laß ihn fallen! König. Thöricht Geschwätz! Könnt' ich nur vor mir selbst Verbergen, was gescheh'n; – ich sorge nicht, Daß Andre es erfahren. Bustos schweigt; Wie könnt' er wagen, so gefährliches Geheimniß Preis zu geben? Arias. Wenn er's wagt? König. Dann, ja – dann freilich muß – er wird es nicht, Sey unbesorgt. Arias. Und wenn er doch? – Warum Die Möglichkeit ihm lassen, daß er's kann? Zweiter Auftritt. Vorige. Ein Page tritt ein, hernach Pedro Guzmann. Page. Don Pedro Guzmann ist im Vorgemach, König. Er komme. – (Der Page geht ab.) Nein! – Die Sache, schlimm an sich, Soll nicht noch schlimmer werben! Kann es seyn, So will ich sie vergessen. Don Guzmann tritt ein, König. Pedro Guzmann! Was Neues zu Sevilla? Guzmann. Einen Frevel, Der diese Nacht geschehn, komm' ich zu melden: – Bei Tages Anbruch fand ein todtes Weib, Gemordet mit drei Stichen in die Brust, Man vor dem Thore des Palastes liegen. Für eine Sklavin ward das Weib erkannt Des Bustos von Tabera. König (für sich) . Ha! Entsetzlich! Guzmann. Noch ist der Fall nicht vom Gericht erhoben, Doch hoff' ich, soll es unbekannt nicht bleiben, Wer sich der kühnen That verwogen. König. Sprecht, Hat man Vermuthung? – sind Wahrzeichen da, Die den Zusammenhang begreifen lassen? Guzmann. Bis jetzt noch keine. König. Wohl! Gebt mir Bericht, Wenn Ihr der Sache auf den Grund gekommen! (Guzmann geht ab.) Arias. Wer hat nun Recht? Wer hat den Mann gekannt? Der Sklavin Leichnam legt er vor das Thor Mit kecker Unverschämtheit! König. Welch ein Hohn! Darf er so weit es treiben, ungestraft? Arias Nicht Schranken kennt ein Rasender wie er! König. Er soll sie kennen, der Verwegene! O, wär' ich König nicht! – Beglücktes Vorrecht, Beleidigung mit eignem Arm zu rächen! Dem Ehre wiedergeben durch die Waffen, Dem Schmach man angethan, und die empfangene Hinweg zu waschen in des Gegners Blut, Mann gegen Mann! Beglücktes Vorrecht Der Ritterschaft! – O, daß ich, ebenbürtig, Mit Bustos messen könnte meinen Stahl, Bald sollte mir und ihm genug geschehn, Und die gereinte Ehre aus dem Kampfe, Wie ein verjüngter Phönix aus den Flammen, In neuem Glanze leuchtend sich erheben! Arias Nicht du hast ihn gestürzt, er stürzt sich selbst. Wenn du gefehlt als König, sollt' er nicht Den kleinen Fehl dem Aug' der Welt verbergen? Ward er gekränkt durch dich, bist du sein Herr Und hast vielleicht die Kränkung schon bereut. Er aber zeigt ein ungebändigt Herz, Indem er kühn sich seiner Blutthat rühmt, Was wirb er weiter thun, wenn nicht dein Arm Den blut'gen Stahl dem Wüthenden entwindet? Die Schwester mordet er so wie die Sklavin. König. Da sprichst du wahr. Arias. Weil er dich schwach gesehn, Gibt das ein Recht ihm zu Verbrechen? König. O! Arias. Du sahst ihn vor dir mit entblößtem Schwert Und hast verziehn, und bist sein Herr und König; Ihn aber treibt der ungemess'ne Stolz, Selbst seinem Herrn in's Antlitz Trotz zu bieten! Wie nennst du dieß Vergehn? Ich, hoher Herr, Ich nenn' es Hochverrath. König. Bei Gott, so ist's! nicht tödten wollt' ich ihn, ich wollt' es nicht: Nun aber muß ich! Jener Sklavin Mord Wird den geheimen Antrieb dieser That Ans Licht ziehn und Don Bustos kühner Frevel Wird offenkundig vor der Welt! Beim Himmel! Nicht soll Sevilla wissen, daß ein Mann Gelebt, der das gewagt. – Er sterbe, Arias! – Nicht ich, nicht ich; er gab sich selbst den Tod. Arias. So ist's, mein hoher Herr! König. Doch weil um Ehre Er Unrecht that und Ehre sein Verbrechen, So fall' er rühmlich. Einen Mann erkies' ich, Dem sich kein zweiter mag so leicht vergleichen, Der soll ihn strafen. Ruf' mir Ortiz her! Ich hab' ihn fechten sehen neben mir – So hohen Sinn trägt Keiner. – Ruf' ihn her! – Eid von Sevilla nennet ihn das Volk; Er sey der Mann, dem ich mein Schwert vertraue. (Arias geht ab) König (allein). Unsel'ger Bustos! Kennst du nicht die Sage Vom edlen Hermelin, das keinen Flecken Auf seines Felles weißem Grunde duldet? Sahst du's auf diesem Purpurmantel nicht, Und thatest dennoch, was Dein Herz gewagt? Zwar war es Nacht, doch hast du es gesehn, Und daß du's sahst – es kostet dich das Leben! Dritter Auftritt. Der König. Der Page. Hernach Bustos. Page. Bustos Tavera bittet um Gehör. König. Laß ihn herein. (Der Page geht ab.) Ja, Arias hat Recht! Der unbeugsame Stolz, er ist zu fürchten! Bustos (tritt ein und kniet) . Bustos Tabera nenn' ich mich, mein König. König. Ich kenn' Euch wohl. Erhebt Euch! Was verlangt Ihr? Bustos. Zu deinen Füßen werf' ich mich, o Herr, Und steh', ein Klagender, dich an um Recht. König. Es soll Euch werden. Bustos. Dank, da du's versprichst! – Ich habe eine Schwester, hoher Herr, Der Apfel meines Auges, theurer mir Als meines Herzens Blut! – Man preist sie schön, Und sie ist ehrbar, Herr! König. Sie heißt Tabera. Bustos. Ja, Herr, so heißt sie! – Still in meinem Haus Ist diese Blum' erblühet, und fürwahr, Selbst vor dem Aug' der Sonne schützt' ich sie, Kein Makel ist an ihr; sie kennt das Blut, Aus dem sie stammt, und weiß es wohl zu ehren. Selbst der geschäftige Neid, der nichts verschont, Verstummt und wagt nicht ihren Ruf zu schmäh'n. Sie zeigt sich im Gewühl der Menge nicht, Und selten steht man sie bei einem Feste. Wenn sie zur Kirche geht, ist sie begleitet Von ihren Frau'n, ihr Antlitz ist gehüllt In dichte Schleier und, Begegnung meidend, Blickt scheu sie auf den Weg nur, den sie geht. So meint' ich sie geschützt vor jedem Unglimpf, Durch strenge Hut und ihren eignen Werth. König. Gewiß, sie ist's, Don Bustos, zweifelt nicht. Bustos. Wer schützte Schönheit vor vermess'nem Wunsch? König. Der Schönheit Vorzug ist, daß man sie wünscht. Bustos. Nur wo man sie getrennt glaubt von der Zucht, Wird sie versucht mit Werbung, die sie schmäht. König. Ihr geht zu weit in Eurer Furcht. Glaubt mir, Wer sich der Schönheit naht, will sie verehren. Bustos. Wer sie verehrt, wird ihr den Glanz nicht rauben. Das Glas zu trüben, Herr, genügt ein Hauch. König. Ihr fürchtet ohne Grund! Glaubt mir, Don Bustos, Der frühern Meinung könnt Ihr kühn vertrau'n, Estrella ist geschützt durch ihren Werth. Bustos. Du irrst, o Herr! – O, war' es, wie du sagst! Doch Feinde gibt es, die so mächtig sind, Daß, nächst dem Himmel, du nur schützen kannst. Urtheile selbst, mein König! – Dunkel war's, Da sah ich eine Magd mit hellem Lichte Zu später Abendzeit auf dem Balkon«: Das nimmt mich Wunder, und wie ich's bedenke, Hör' ich ein Zeichen aus dem Garten schallen. Ich stürze in den Saal; erstarrt vor Schrecken, In Todesblässe, zitternd steht die Sklavin, In ihren Zügen malt sich ihre Schuld. Schon droht mein Arm ihr Tod – da eben dringt Ein Mann, vermummt das Antlitz, durch die Thüre: Das Schwert in meiner Hand fall' ich ihn an; Sein Leben schwebt auf meines Degens Spitze – Da fällt die Mask' ihm vom Gesicht herab; Doch, daß ich fürder ihn nicht sehen könne – Verlöscht – ein Hauch – das Licht in meiner Hand, Und durch die Thüre, wo er eingedrungen, Verschwindet er! – Ich aber blieb im Dunkel Mit meinem Schwert und meiner Schmach allein. König. Habt Ihr den Mann erkannt, der Euch genaht? Bustos. Nicht kennen will ich ihn! – Die Sklavin starb, Durchbohrt von mir, und litt des Frevels Strafe! Die rasche That, o Herr, vergebt dem Thäter! Beigebt mir auch, wenn eine Thrän' Ihr seht In meinem Auge, der ein Mann ich bin; Die erste ist's in meinem ganzen Leben! – Doch eine Schmach bringt leicht die andre mit. Auf Erden lebt, der Unglimpf mir gethan Und mir die Ehre kränkte unverdient, So tiefer Gram, verschlossen in der Brust, Tritt nun, ein salzig Naß, in diese Augen, Denn keinen andern Ausgang findet er! König. Ihr seyd beleidigt, Bustos, ich bekenn' es; Doch seyd gewiß – ich leist' Euch deß Gewähr Mit meinem königlichen Wort – es soll Euch, wie's die Kränkung will, genug geschehn. Darauf vertraut und geht getrost von hier. Bustos. Mein Leben, zehnfach, sei dir hingegeben! König. Doch staunet nicht, wenn das, was kühn begann, Sich kühn auch endet. Nicht umsonst, Don Bustos, Sollt Ihr das Schwert gezogen haben, und, Gelüstet Tuch nach Kampf – sollt Ihr ihn finden. Nicht ohne Strafe laß ich das Vergeh»! Geht nun mit Gott! – Ihr seyd von mir entlassen. Bustos. Des Rechtes Urquell bist du selbst, o Herr!, Was du beschließest, findet mich gefaßt, Und wie ich mich verging, so strafe mich. Geschehen aber soll, o Herr, was muß. (Geht ab.) König (allein) . Verweg'ner sah ich nimmer einen Mann! – Der thut nichts halb. Wohlan, so mag er's haben! Er lerne kennen, welch ein Abstand sey Von mir zu ihm, und büße seinen Trotz! Doch ziemt es, seine Ehr' ihm herzustellen. (Er tritt an einen Tisch und schreibt) Vierter Auftritt. Der König. Don Arias. Arias. Don Sancho Ortiz harret deines Willens. König. Laß ihn herein. Es soll sich niemand nah'n. (Arias geht ab.) König (allein) . Hier dieses Blatt enthält Urtheil und Namen, Und dieses meinen königlichen Freibrief; So ist der Mann geschützt, den ich erwähle. Die Ursach' aber bleibt ihm tief verborgen. – Gerechte Ahndung glaub' er zu vollziehn, Indeß Don Bustos, kündig meines Sinns, Herstellung seiner Ehre soll erkennen, Und Lohn und Straf' empfang' er so zugleich. Fünfter Auftritt. Der König. Don Ortiz. Ortiz. (kniet) . Gewärtig deines Willens sieh mich hier. Ich ward zu dir entboten. – König. Ja. – Steht auf! Ihr seyd ein tapfrer Mann! Getreu und fest, Verschwiegen, wo es noth – so kenn' ich Euch, Und ausgeschieden hab' ich aus der Menge So glänzendes Verdienst. – Ich will Euch ehren Und mein Vertrau'n Euch schenken, Ihr verdient's. Ortiz. An Treue weich' ich keinem! Glaub', o Herr, Daß in Castilien niemand lebt, der lieber Dir Blut und Leben weiht. König. Ich will's erproben. Vernehmt, warum Wir Euch hierher entboten, Und merkt auf Unsern Willen. – Im Vertrau'n – Es lebt ein Edelmann in dieser Stadt, Deß Haupt verfallen ist um ein Vergehn, Das ich nicht nennen will; drum ist mir's wichtig, Daß im geheim er sterb'. Ortiz. Um Hochverrath? – König. Ja! – Eurem Schwert vertrau' ich die Vollstreckung Des Urtheils, das verschwiegen bleibt; 's ist wichtig, Daß niemand seines Todes Grund erfahre. Ortiz. Sprich, Warum ein solch' Geheimniß, hoher Herr? Laß deine Audienza sich versammeln, Und ist er schuldig, spreche sie sein Urtheil. Auf offnem Markte falle dann sein Haupt, Ein warnend Beispiel! Wenn geheim er stirbt, Bezweifelt man den Grund, und Mancher denkt. Daß man vielleicht ihn ohne Schuld getödtet. Was er verbrochen, laß die Welt es wissen; Doch ist des Armen Schicksal, daß er dich Vielleicht gekränkt durch ein gering Vergehn, Dann laß ihm Gnade werden, hoher Herr! König. Wenn ich des Todes schuldig ihn erkenne, Dann ist er's, zweifelt nicht. Doch urtheilt selbst: Was haltet Ihr den werth, Don Sancho Ortiz, Der Uns in's Antlitz Trotz zu bieten wagt, Der seinen Degen zog – Ortiz. Ha, sprich nicht weiter! Laß sein verruchtes Haupt vom Rumpf ihm hau'n, Bevor er betet! König. Nun, er hat's gethan, Ortiz. Und wenn er's dachte nur, so laß ihn sterben! König. Er soll's, Don Ortiz! Und wenn dennoch ich Bei solchem todeswürdigen Vergehn Ihn öffentlich nicht strafe, könnt Ihr denken, Mir müsse wichtig das Geheimniß seyn. Auch will ich Euch nicht bergen, Sancho Ortiz, Wie groß der Frevel sey des Schuldigen; War Ehre doch der Antrieb seiner That. Darum erleid' er Tod, doch keine Schande, Durch eines Ritters Hand, in gutem Zweikampf; Nicht durch das Richtbeil will ich ihn bestrafen. Ortiz. Ganz fass' ich dich, mein König! – Weil um Ehre Er ward Verbrecher, geb' ihm Ehre Tod. König. So ist's. Ortiz. Dank, daß du mich gewählt! Und wär's mein Vater, Herr, ich wollt' ihn strafen! König. Gebt Euern Handschlag mir. (Reicht ihm die Hand ) Ortiz. (Des Königs Hand küssend). Mein Wort – ein Eid! König. Eilt denn zur That, vollbringt sie und verstummt! Ein ewig Schweigen berge sie der Welt. Ortiz. Vertraue mir! Es wird die Zeit bewähren, Ob Sancho Ortiz dieses Zutrau'ns werth. Bezeichne mir den Mann, daß ich ihn finde! – Du nennst ihn strafbar, und so ist er's auch, Da er's nun ist, o Herr, richt' ich ihn hin. Wenn er bis morgen lebt, heiß' mich Verräther! Ich such' ihn auf! Wo ich ihn immer finde, Auf offner Straß', am Markt, vor ganz Sevilla Ruf' ich ihn auf: er soll für sein Vergehn Einstehn mit seinem Leben! König. Nehmt dieß Blatt Mit meiner Handschrift. – Lest; ein Freibrief ist's, Der Euch beschützt vor der Alkalden Arm. Ortiz. Mir diese Handschrift, Herr? Warum? – Wofür? Das wolle Gott nicht, daß Dein Königswort Mir minder als die Handschrift gelten sollte! Hegst du so niedre Meinung denn von mir, Daß ich mich sichern würde gegen dich? – Nicht also, Herr! – Vernichte dieß Papier. Wo du befiehlst, braucht's keiner andern Vollmacht, Und mich zu schützen g'nügt dein fürstlich Wort. (Der König zerreißt die Schrift.) Ortiz. So dien' ich dir mit besserem Vertrau'n! Ich thue, was ich soll; du, hoher Herr, Wirst mich vertreten, wo mir Hülfe noth. König. Ihr handelt wie ein würdiger Vasall! Seyd meiner königlichen Huld versichert. Dieß andre Blatt hier nennet Euch den Namen Des Schuldigen. (Er gibt ihm ein zweites versiegeltes Blatt.) Erschreckt nicht, wenn Ihr's öffnet, Denn in Sevilla steht der Mann in Ansehn. Lebt wohl! und was Ihr wißt, verschweigt es streng. (Geht ab.) Ortiz. Sey unbesorgt! Im Handeln wie im Schweigen Thut Ortiz von Roellas seine Pflicht. (Geht ab.) Sechster Auftritt. Platz vor dem königlichen Schlosse. Don Ortiz aus dem Palaste tretend, Clarindo kommt ihm entgegen. Clarindo. Mit froher Kunde Such' ich dich, Herr, schon seit der Morgenstunde, Nimm diesen Brief von deiner Dame Hand. Ortiz. Estrella? – Clarindo. Ja. Von ihr bin ich gesandt. (Uebergibt den Brief.) Ortiz liest). »Der erste Strahl der Sonne Erwecke dich zu lang' ersehnter Wonne, Mein theurer Sancho! – Eile In meinen Arm und theile Estrella's Glück! – Bustos will uns verbinden: Er sucht dich auf, dir den Entschluß zu künden, – Noch heut dein Weib! – O fliege, Daß, eh' du kommst, ich nicht dem Glück erliege! Estrella.« Da nimm den Hyacinth! – Ach, geben Möcht' ich die Seele hin, mein Herz, mein Leben! Ich bin so reich, so reich durch diese Zeilen, Daß, um mein Glück zu theilen, Ich jubelnd möcht' in alle Lüfte schreien: Kommt her, euch mit zu freuen, Ihr, die ihr Freud' entbehret! Kommt, nehmt, was mir gehöret! Ihr schöpft nicht leer den Bronnen Von Ortiz Glück! Was ihr auch nehmt, ich fasse, Wenn ich die Erd' auch lasse, Dafür den Himmel an mit seinen Wonnen; Fort! Laß mein Haus sich schmücken! Selbst von den Wänden leuchte mein Entzücken! Mit reichen Stoffen zieret alle Hallen, Laßt Teppiche von allen Stufen wallen; Bekränzt die Pforten prangen, Die schönste Frau der Erde zu empfangen! Indeß ich hin zu ihren Füßen eile, Besorge – nein – verweile! – Mich ruft des Königs Dienst. Selbst nicht die Liebe Entschuldigt, daß ich zaudernd das verschiebe, Was er mir aufgetragen. Bald folg' ich dir! Geh', das ihr anzusagen, ( Clarindo geht ab,) Ortiz (allein) Nun, schicksalsvolle Schrift, laß dich befragen? Wer ist der Schuldbeladne, dessen Name, Find' ich ihn hier auf diesem Blatt, zum Tode Den Mann urplötzlich rufet, der ihn trägt? – Das Siegel öffn' ich – und sein Leib gehört Der Erde und die Seele Gott! (Oeffnet und liest.) »Sancho Ortiz! Der Mann, den du bestrafen sollst, Ist – Bustos Tabera.« – Weh' mir! Nein, nein! Der Name steht nicht hier! Bustos – Bustos Tabera?! – Gott! allmächt'ger Gott! Nein, Bustos nicht! Bustos Tabera nicht! Das ist ein Irrthum! nein! – Laß sehn – »Bustos Tabera!« – So ist's, so steht es hier! – Er ein Verräther? Er Frevels schuldig gegen seinen Herrn? Nein, nimmermehr! Bustos? – Was zweifl' ich denn? Steht nicht sein Name hier? – sagt's nicht der König? O furchtbares Geschick! – er ist des Todes! O, Stella! Stella! unglücksel'ge Stella! Hätt' ich dich nie gesehn, dir wäre besser! Deßhalb hast du an meiner Brust geruht, Dein holdes Auge süß mir zugewandt, Geliebter mich genannt, dein Glück, dein Leben? – Weh' über dich und über Bustos Weh'! Und hundertfaches Wehe über mich! Den Unglückseligsten! – So muß er sterben! Sterben durch meine Hand? Der Freund, der Bruder! Durch diese Hand? – Er Hochverrates schuldig? Bustos das Schwert gezücket auf den König? – Allmächt'ger Gott! – Dann freilich muß er sterben! O, hätt' ein Blitz dich, Rasender, getroffen, Eh' du gefrevelt gegen deinen Herrn! Du könntest leben noch, dir wär' zu helfen; Nun bist du todt, nun rettet dich kein Gott! Der König will's – und Ortiz gab sein Wort. Siebenter Auftritt. Ortiz. Bustos. Bustos. Ha! endlich find' ich dich! Ortiz (für sich). O Gott! Bustos. Ich komme, Ein lang ersehntes Glück dir zu verkünden! Mein Freund! mein Bruder! Ortiz. Fort, zurück! Nenn' mich nicht Bruder! laß die Hand mir los! Bustos. Was ist dir, Sancho? Rede! was geschah? Kennst du mich nicht? Ortiz. O, daß ich dich nicht kennte! Daß dich die Erde bärge meinem Blick! Bustos. In Räthseln sprichst du, ich versteh' dich nicht! Noch Einmal: was geschah? Ortiz. Du fragst, Verräther? Bustos (nach dem Schwerte greifend). Verräther? Ha! – Doch nein! – Ortiz (für sich). O, gib mir Stärke, Barmherz'ger Himmel! Bustos. Sancho, du bist krank. Komm' in mein Haus, Estrella soll dich pflegen, Bis du genesest, Ortiz. Nie betret' ich's mehr! Bustos. Beim höchsten Gott, mir schwindet die Geduld! Bist du bei Sinnen, so erkläre dich; Wo nicht – Ortiz. Ich bin bei Sinnen. Wär' ich's nicht, Das Blut aus meinen Adern gäb' ich drum! – O Bustos! Bustos! Bustos! – Zieh' dein Schwert Und schirm' dein Leben, wenn du kannst! Bustos. Mein Bruder! Ortiz. Nichts mehr davon! – Dein Wort geb' ich zurück! Bustos. Ortiz! Ortiz. Nichts von Vermählung mehr! Fortan Bin ich dein Feind und raube dir das Leben! Nicht Bruder dir, Unsel'ger, kann ich sehn, Der ich zu deinem Todfeind mich geschworen! Deßhalb such' ich dein Blut! – Doch daß ich's muß, Und daß es so gekommen – darum wein' ich! Bustos. Treibst du dein Spiel? Bei Gott, nun wird's zu arg! Sprich was du weißt, und ich will Antwort geben; Denn, Ortiz, meinem Herzen bist du werth. Ortiz. Was ich dir sagen mußte, weißt du nun; Nichts weiter red' ich, Unglückseliger! Bustos. Ist, was ich höre, wahr? Bin ich noch Bustos? – Nun, wenn ich's bin, wenn ich nicht toll und nicht Der Wahnsinn mein gesundes Hirn zerrüttet, So laß mich diesen Buben niederstoßen, Gerechte Vorsicht! den Erbärmlichen, Der mich beschimpft und die Vermählung flieht, Vorwand erfindend, meine Ehre kränkt! – Schnell zieh' dein Schwert; denn bei dem höchsten Gott, Den Degen schlag' ich um die Schulter dir! (Er dringt mit dem Schwerte auf ihn ein.) Ortiz (zieht) . So wahre dich! Es sucht mein Stahl dein Herz! (Sie fechten, Bustos fällt) Bustos Ich bin des Todes! Ortiz (wirft sein Schwert weg). Weh! Deckt mich, ihr Mauern! O, Bustos! Bruder! Freund! – Mein eignes Leben Hab' ich im Wahnsinn grausam hingewürgt! Bustos. Flieh', wenn Du kannst, – Die Wunde traf in's Leben! Ortiz. O harte Pflicht! – Auf, stoß' in diese Brust Dein Schwert! Hier, hier! – Ich preise deine Milde, Wenn Du mich tödtest! – König Sancho! – Weh'! Bustos. Wie? – König, sagtest du? – Ich weiß genug! Gib deine Hand mir. – Ha – dem König dank ich! Er hat mich hoch geehrt, wie noch kein Spanier Geehrt ward! – Und die Hand, die ihn vertreten – Hier – statt der seinen – küss' ich sterbend sie! Ortiz! – leb' wohl! – Estrella ist dein eigen. Sag' ihr, ich sank, in Ehre reich gehüllt – Sie soll nicht trauern! – Bruder – lebe wohl! Gott sey mir gnädig! (Er stirbt.) Ortiz. O! – Er ist dahin! Er stirbt! – Wohlan! So laß ihn meine Seele Geleiten, und im Tode wie im Leben Geh' Ortiz mit Tabera Hand in Hand! (Er will sich in sein Schwert stürzen.) Achter Auftritt. Vorige. Don Guzmann. Don Ribera. Gefolge. Ribera. Was thut Ihr? Haltet ein! Ortiz. Laßt mich! Hinweg! Ribera. Herr, seyd Ihr rasend? Guzmann (folgt) . Gott! – Was ist geschehn? Bustos Tabera schwimmt in seinem Blut! Ortiz. Ihr schaudert? – staunt? – Gebt mir den Tod! – den Tod! Kein Mord ist noch geschehn bis diese Stunde! Ich bin der Mörder, ich! – der Brudermörder, Kain von Sevilla! – Abel liegt im Blut – Von dieser Hand erschlagen! Guzmann. Faßt Euch, Ortiz! Ortiz. Wohl steht ihr stumm und bleich, und ängstlich Grau'n Macht euch die Bärte zittern! – Welche That! – Nichts Schauderhaftes habt ihr noch gesehn! – Wenn Feind den Feind erschlägt, was ist es mehr? Ich hab' gewüthet in mein eigen Fleisch! Den Bruder, Vater hab' ich mir getödtet! Guzmann. Erzählt der Sache Hergang, gebt uns Aufschluß! Was hat Euch zu der blut'gen That bewogen? Ortiz. Fragt mich nicht, Pedro, Ihr erfahrt es nie! Eh' treffe Schande mich, eh' meine Zunge Es ausspricht! Ribera. Fiel Euch Bustos an? Ortiz. Nein, nein! Ribera. So war es Nothwehr nicht? Ortiz. O, es war Mord! Guzmann. Hier liegt sein Degen. – Nicht Verrath hat ihn, Nicht Meuchelmord gefällt. Ortiz. (auffahrend) . Don Pedro! – O! Guzmann. Warum dieß Schweigen? Redet, sprecht ein Wort! – Ihr seyd ein Edelmann von Werth und Ehre, Nicht Argwohn zeiht Euch einer niedern That; Darum erklärt Euch. Ortiz. Nimmermehr! Guzmann. Den Grund Sagt uns. Ortiz. Ich weiß ihn – doch ich schweige. Ribera. War's Rache, die Euch trieb? Ortiz. Nein, Herr; ich liebt' ihn. Ribera. Er hat Euch nicht beleidigt, nicht gekränkt? Ortiz. Mit nichts; er hat nur Gutes mir erwiesen. Guzmann. Nun, so verhaft' ich Euch als Mörder dann. Ortiz. Da thut Ihr recht. Ihr seyd ein Ehrenmann! Guzmann. Ihr, der ein Spiegel reiner Ehren war't, Zierde von Spaniens Rittern! Ortiz. Wie's geschah, So richt' es Gott! Dennoch mein' ich durch Worte Nicht aufzuhalten den erhobnen Arm Des Rechts. Thut, Herr, was Eures Amts. – Dieß Schwert, So lang' ich's trug, zu eigen einem Mann Von Ehre, nehmt es hin! Aus guter Hand Kommt's nun in eine bessre, und dieß Zeichen, (Er nimmt eine Gnadenkette vom Halse) Das mir die Brust geschmückt durch meines Herrn Und Königs unverdiente Huld und Gnade, Nicht dem Verbrecher ziemt es mehr! Ich gebe Es knieend hier zurück. – Frei ist der Hals Dem Stahle. Ribera. Ortiz! Ortiz. Und nun mahn' ich Euch, Säumt länger nicht, des Amtes Pflicht zu üben. Gestanden ist die Schuld, nichts braucht es mehr. Vollzieht des Rechtes Ausspruch, der begehret Unweigerlich: daß, eh' die Sonne sinkt, Das Haupt des Schuld'gen falle. Guzmann. O, entsetzlich! Ortiz. Doch wollt Ihr, alter Freundschaft eingedenk, Mir Eines noch gewähren, sey es dieß: Daß heimlich Ihr vollziehen laßt und schnell, Was ihr nicht hindern könnt. Ribera. Unglücklicher! Ortiz. Nicht zaudert mehr! – Wie Andre um ihr Leben, Fleh' ich Euch, Herr, mir schnell den Tod zu geben. Dritter Aufzug. Estrella's Wohnung. Erster Auftritt. Estrella, Theodora am Fenster. Estrella. Kommt er noch nicht? Theodora. Noch nicht. Estrella. Wie kann er säumen? Ach, aus den fernsten Räumen Sollt' auf der Liebe Schwingen Er ja im Fluge eilen! – Auch kommt Clarindo nicht! Wo mag er weilen? Theodora. Ihr seyd zu sehr bewegt, Fräulein! Estrella. Es dringen So wechselnde Gestalten Vor meinen Blick, daß ich sie fest zu halten Umsonst versuche. – Schrecken Umlagerten die Nacht, und Wonnen wecken Mich auf zum schönsten Tage! – O Theodora, sage: Gibt's einen Mann in diesen Königreichen, Mit Ortiz zu vergleichen? Theodora. Mein Fräulein, ihr seyd Beide Sevilla's Zierden und ein Ziel dem Neide. Estrella. Schon hat Clarindo ihm mein Blatt gegeben! – O, welch ein süßes Beben Wird seine Brust durchwehen, Wird Wunsch und Hoffen er befriedigt sehen! – O, daß, ihn zu entzücken, Ich mich mit allen Reizen könnte schmücken! Daß meines Himmels Sonnen Nur Sterne wären gegen seine Wonnen! Ach! Alles möcht' ich haben, Was je ein Glücklicher besaß an Gaben, Der Welt vereinten Segen, An des Geliebten Busen ihn zu legen! Theodora. Was wird der König sagen? Wird er es ruhig, ungeahndet tragen, Daß ihm ein Glück entschwebe, Den Schatz, den er gesucht, ein Andrer hebe? Bleibt er nicht der Beraubte? Estrella. O, er ist edel! – Weil er frei mich glaubte, Gab er den Wünschen Raum, die ihn bethöret; Doch sicher, wenn er höret, Ich sey vermählt, wird er mich mehr noch ehren, Er wird der Neigung wehren. Die schneller sich dann endet, Als er sie flüchtig mir hat zugewendet. Theodora. Clarindo kommt! Estrella. Willkommen, wie Aurore, Wenn sie den Tag bringt durch des Himmels Thore! Zweiter Auftritt. Vorige. Clarindo. Estrella. Wo ist dein Herr? Clarindo. Gerufen Hat ihn die Pflicht hin zu des Thrones Stufen. Mich sandt' er, Euch zu grüßen; Bald seht Ihr selbst ihn hier zu Euren Füßen. Estrella. Er hat mein Blatt empfangen? Was sprach er? – Rede! Clarindo. Wollet nicht verlangen, Daß ich's Euch wieder sag'; Ihr wißt, es klingen Die Reden anders stets bei uns Geringen. Doch will ich Euch die Sache wohl erzählen, Wenn auch die schönen Worte sollten fehlen. – Der Herr befahl, es soll in seinem Hause Alles bereitet seyn zu Fest und Schmause, Von Teppichen und Kränzen Soll Haus und Pforte und der Vorhof glänzen. Estrella. So soll er auch die Braut geschmückt hier finden! – Laß mich den Hals umwinden Mit Perlen; festlich prangen Soll seine Stella gleichfalls. – Gib die Spangen Mir, Theodora! Clarindo. Seht, den Ring verehrte Er mir zum Botenlohn. Ein Stein von Werthe, Ein Hyacinth ist's. Estrella. Mir den Ring! Ich gebe Den Demant dir dafür. Clarindo. So wahr ich lebe! Estrella. Nie war ein Weib beglückt wie ich zu schauen, Ich bin die seligste von allen Frauen! Theodora. Was für ein Lärm? – Ich seh', was es bedeute. – (Geht an's Fenster.) Viel unbekannte Leute Werd' ich im Hof gewahr. Estrella. Mein Sancho ist's mit seiner Freunde Schaar Dritter Auftritt. Vorige. Don Guzmann , mit Gerichtspersonen und Gefolge. Im Hintergrunde die Leiche des Bustos auf einer Bahre. Estrella. Gerichtspersonen kommen in das Haus? Was ist geschehn? Ein Irrthum muß es seyn! Ihr seyd, o Herr, hier in Tabera's Wohnung. Guzmann. Unglückliche! Der Himmel geb' Euch Kraft, Den Schmerz zu tragen, den er Euch gesandt; Dieß Eine denkt: er kommt von seiner Hand! Estrella. Mein Gott! was ist geschehn? was werd' ich hören? Guzmann. Mir bricht das Herz, daß ich Euch's künden soll, Daß ich der Bote muß des Unglücks seyn! Seyd stark! Gott halt' Euch aufrecht. Don Tabera – Estrella. Heiland der Welt! Guzmann. Ihr seyd zur Waise worden – Er ist nicht mehr, wir bringen seine Leiche. Estrella (schreit auf) . Guzmann. Er ist dahin, ist todt! Den blut'gen Eingang In seinen edlen Busen fand der Mord, Und hieß das Leben fliehn. Estrella. Laßt mich ihn sehn! Guzmann. Mein Fräulein – Estrella. (sinkt auf die Knie). Seyd barmherzig! Theodora. Welch ein Jammer! Estrella. Laßt mich ihn sehn! – Dort ist er! Fort! – Hinweg! Guzmann. Unsel'ge! – nicht mehr halt' ich Euch zurück. (Das Gefolge macht Platz, man sieht die Bahre) Estrella. O Bustos! Bustos! Bustos! – Er ist todt! – Kein Athem! – Kalt und todt! – O, meine Seele! Mein Bruder! Du mein Schutz! o edler Bustos! Du milder, liebevoller, treuer Bustos! – Welch eine frevelhafte Hand hat dich erschlagen? Wer war der Räuber, der dein Leben stahl? Ach, diese Brust, sie war ein goldner Schrein, Der jeden Adel, Ehr' und Tugend barg! Wer hat ihn ausgesprengt? – O, Theodora! Sieh, er ist todt! – Mein Leben ist geschwunden! (Sie wirft sich weinend an Theodoras Brust.) Guzmann . Ja, weint! laßt Eure Thränen fließen, Donna Stella! Nie war ein Mann der Thränen würdiger! Was Ihr verloren, wird Euch nie ersetzt; Sevilla weint mit Euch an seiner Bahre! Estrella . Wo ist Don Sancho Ortiz? Ruft ihn her! Wie konnt' ich ihn vergessen? Ruft ihn, eilt! Er war sein Freund, sein Bruder. – Geht um ihn! Er wird ihn rächen an dem blut'gen Mörder! Denn wie ein Bruder hat er ihn geliebt. – O, armer Ortiz! – In der Freude Wohnung, In's Haus des Glückes hofftest du zu treten, Begrüßt von Jubel! – Schreckenvolle Täuschung! Wie andre Töne klingen dir entgegen! – O, ruft ihn her! Könnt' so gewiß er Leben In deine Glieder hauchen, armer Bustos, Als er den tödtet, der dein Blut vergossen! Guzmann Ihn rufet nicht, daß er Euch Beistand leiste! Er ist der Schuld'ge, der den Mord beging. Schon handelt das Gericht in Eurer Sache; Ergriffen ward Don Ortiz auf der That. Estrella. Don Sancho Ortiz de Roellas?! Guzmann. Ja! Estrella . Ihr lügt! Unmöglich ist's! Guzmann . Und dennoch wahr! Kein Zweifel waltet, wer der Thäter sey, Auch läugnet es Don Sancho Ortiz nicht. Estrella. Um Gottes ewige Barmherzigkeit! Ihr seyd ein alter Mann – sagt keine Lüge! O, martert nicht ein arm unglücklich Weib! Gebt mir den Tod, doch sagt, es sey nicht so. Guzmann. Umsonst sucht Ihr in Euern Zweifeln Trost; Sucht ihn bei Gott, bei Menschen sucht ihn nicht, Fragt mich nichts mehr; nur Eure Qualen mehrt, Was ich Euch sagen kann. Estrella. War's nicht genug, Ihn zu verlieren, nicht genug des Unglücks, Wär' er auch sanft auf weichem Pfühl gestorben? – Hätt' er den Geist an meiner Brust verhaucht, Wär' er, das Haupt in meinem Schooß, entschlummert, War es genug Entsetzen nicht und Qual? Mußt' ihn ein Mörder tödten mit Gewalt? Und welch ein Mörder! Guzmann. Fräulein, laßt Euch rathen! Entfernet Euch von hier. – Geht, Theodora, Führt sie hinweg. Estrella. Nein, laßt mich! – Nimmermehr! Guzmann. Man führt Don Ortiz her. Es ist nicht gut, Daß Ihr ihn seht. Estrella. Laßt mich! ich will ihn sehn! Er soll in's Aug' mir schau'n mit seinem Blick, Mit seinem Tigerblick! – Ich kann's nicht fassen. So hold und doch so grausam! Blutgierig Thier! Hast du dich sanft an meine Brust geschmiegt, Mit Liebeslächeln schmeichelnd mich gekost, Um meines Herzens Blut mir auszusaugen? Was hab' ich dir gethan, du falscher Spieler? Vierter Auftritt Vorige. Don Riber a. Don Ortiz . Gerichtsdiener, später Don Perez . Estrella . Um Gott! – Er ist's! (Sie sinkt ohnmächtig in Theodora´s Arme, die sie auf einen Stuhl niederläßt) Ortiz . Farfan! – O, das ist bitterer als Tod! Das ist mein Werk und doch bin ich nicht Schuld. O, laßt sie schlafen; wecket sie nicht auf. Sanft ruht, wer todt; beklaget den, der lebt! Ach, warum habt Ihr mich hierher gebracht! Ribera . Es thut mir leid, daß ich so bitt'rer Lage, Euch nicht entziehen kann. Es will das Recht, Daß man Euch hier das erstemal verhöre. Ortiz War's Eure Pflicht, so habt Ihr recht gethan. Don Perez (tritt ein) Was ist geschehn? Sevilla ist in Aufruhr! Man weist mich her zu Don Tabera's Hause, Man sagt ihn todt, nennt, Ortiz, Euch den Mörder! Ortiz. Da spricht man wahr. Ich bin's. – Das ist mein Schicksal. Perez. Sagt, wie's geschah, daß ich dem König Kunde Von diesem Vorfall bringe. Ortiz. Dort blickt hin! Der, den Ihr blutig hier erschlagen seht: Mein Bruder war's, mein Freund! so theuer mir, Wie meine eigne Seele! – Er ist todt, Der Ehre Rücksicht hat ihn hingestreckt. Mehr sag' ich nicht. – Dem König aber meldet, Was Ihr gesehn, und wollt Ihr, sprecht dazu: Die Sevillianer wissen ihrer Pflicht Genug zu thun und kennen kein Bedenken; Denn ihre Sterne treten sie mit Füßen, Und ihre Brüder achten sie für nichts! – Nicht Gnade will ich; was ich that, bekenn' ich. Warum ich's that – kein Mensch soll es erfahren. Frommt meiner That Geheimniß, nun wohlan, So bleibe sie geheim – auch wenn ich sterbe. Ribera. Doch mildern Gründe oft des Rechtes Ausspruch; Die That nicht nur allein, den Antrieb auch Erwägt der Richter. Darum redet, Ortiz! Ortiz. Blut fordert Blut, das ist des Mordgesetzes Uralte Losung; darum laßt es fließen Und haltet es nicht auf. Ich will nicht leben! Ihr habt der That Geständniß, führt mich fort. Doch laßt mich Einmal noch die Leich' umschlingen, Die kalten Lippen meines Bustos küssen, Daß meines Athems Gluth den seinen wecke, Ich meine Seel' in seine Wunde hauche! Guzmann. Unsel'ger Wahnsinn des empörten Blutes, Der schnell zu Frevel und Gewaltthat treibt. Ortiz. Nicht Zorn hat mich getrieben, Pedro Guzmann, O, als ich ihn erschlug, da liebt' ich ihn. Das wußt' er wohl, darauf ist er gestorben! Und that ich's dennoch, nun – so mußt' ich's thun, Und war's noch nicht gethan – so thät' ich's noch! Guzmann. Ihr sprecht in Räthseln, Ortiz; löst sie auf! Ortiz. Mag sie ein Andrer lösen, wenn er will; Wo nicht, so ziemt mir, daß ich schweigend dulde. Guzmann. Bringt diesen Leichnam weg! (Bustos Leiche wird weggetragen,) Theodora. Sie regt sich wieder! Sie schlägt die Augen auf. Ortiz. O, führt mich fort! Laßt mich von hier, daß nicht der erste Blick, Den sie zum neuen Leben hebt, auf mich, Den blut'gen Räuber ihrer Ruhe falle! Führt mich von hier! – Ich trag' es länger nicht! Estrella. Wo bin ich? – Was geschieht? Was wollt ihr mir? – Ortiz! – Weh' mir! – Ja, es ist wirklich so! Bustos ist todt! – O, laßt ihn näher treten! Laßt ihn zu mir, den Mörder, dessen Auge, So wie der grimme Blick des Basilisk, Im Anschau'n tödtet! – Nun, so tödt' auch mich! Ortiz. O, Herz, das ist zu viel! Estrella. Arglist'ger Sancho! Bist du denn grausam stets, barmherzig nie? Gibst du den Tod nur Glücklichen und weigerst Ihn der Verzweiflung? Ortiz. O, Estrella! Estrella. Wie? Du weißt noch meinen Namen? – Deine Stimme, Ja, ja, sie ist's – noch tönet sie wie sonst! Ortiz. Ich bin ja nur ein Mensch! So laß mich leiden, Was menschlich ist, o Himmel! – Das ist mehr! Estrella. Du, grausamer als das wilde Thier der Wüste, Gefährlicher als giftgenährte Schlangen! – Sonst gab Natur ein warnendes Gepräge Den Wesen blut'ger Art. Es sieht der Wolf Nicht mit dem Blick des Rehs, der Löwe schmeichelt Mit sanfter Stimme nicht, wenn er zerreißt; Nur Du bist falsch, vom Wirbel bis zur Zeh'! Den Blick voll Lieb', indeß du Tod bereitest! Wer kann vor dir sich hüten? Ortiz. Sey barmherzig! Estrella. So sprich! sprich, wenn du kannst, unsel'ger Ortiz! Quell herber Thränen, herberer, als je Von eines Weibes Auge sind geflossen! Was hab' ich dir gethan? – Was that dir Bustos? Sprich, daß er dich gekränkt mit einem Blicke, Und ich hör' auf zu weinen. Ortiz. Weh'! Estrella. Was that er dir, Der gute, würd'ge, tugendhafte Bustos, Deß Athem Ehre war, der selbst im Schlaf Von Pflicht und Treu' und Adel nur geträumt, Der dich geliebt wie seiner Augen Licht, Er, der dir Alles gab – was that er dir? Ortiz. Fragt mich nicht, Stella! Laßt mich meinem Schicksal! Verdammt mich, nennt mich grausam, wenn Ihr wollt, Mein Herz und mein Bewußtseyn spricht mich frei. Wohl war ich grausam, doch mein Auge floß In Thränen, als ich's war, und als ich Bustos traf, Stieß ich in meine Brust, vergoß mein Herzblut. Ich bin beklagenswürdiger als Ihr! – Mein Unglück nur allein ist mein Verbrechen; Ich konnte glücklich sehn und durft' es nicht, Und sie, die ich geliebt, muß ich verderben! Estrella. Wer zwang dich oder was? – So sprich es aus! Nenn' einen Grund mir, aus Barmherzigkeit! Wahr oder falsch; nur eine Ursach' sage! Ortiz. Mehr sagt' ich schon, als ich gesollt. – Wohl hart, Doch trostlos nennt' ich dann nicht mein Geschick, Dürft' ich's Euch klagen. – Nur dieß Eine glaubt: Ein Mörder bin ich, ein Verbrecher nicht. Estrella. O, Theodora, er ist hart wie Stein! Schlag' an den Felsen, und es fließen Quellen Aus seiner Brust; doch die bleibt unbewegt. Ortiz (zu den Alkalden) . O, endet diese Qual, führt mich von hier! Estrella. So geh' denn, doppelzüngiger Verräther! Hüll' in arglistig Schweigen dein Vergehn, Und auf die Sterne schiebe deine Schuld! Laß keinen Trost mehr für Estrella übrig, Wie du begonnen hast, so ende auch! Was hast du noch zu schonen auf der Welt, Da selbst das Heiligste du nicht geschont? Ich aber weiß, was Bustos Schwester ziemt. Um Rache schreit die Wunde seiner Brust – Sie soll ihm werden! – Euer Leben such' ich Und Bustos blut'gen Schatten will ich sühnen! Ortiz. O, daß doch glückbekränzt dieß Leben wäre, So wie es jammervoll, dann wär's ein Opfer! – Lebt wohl, Estrella, denn, und bleibt mit Gott! Den Becher hab' ich auf den Grund geleert; Des Lebens schwerste Stunde ist vorüber, Was nun noch kommt, ist leicht! – Lebt wohl auf immer! In Thränen scheid' ich – doch ich scheide gern! (Er wird abgeführt.) Estrella. Hin ist mein Leben! – Nacht um mich! – Kein Schimmer! – O, Theodora, sieh – das war mein Stern! Vierter Aufzug. Gemach im königlichen Palaste. Erster Auftritt. Der König. Don Urias. König. Ha! welch ein Abgrund thut sich vor mir auf! Zwei edle Männer setz' ich in Gefahr Durch meine Schuld! – O, welche Uebereilung! – Ich scheue mich, zu denken, was ich that! Fort, Arias! Schnell such' Roellas auf, Sag' ihm, er soll nicht weiter im Vollzug Des Auftrags gehen, den ich ihm gegeben, Er soll nicht weiter gehn! – Ruf' ihn zu mir. Arias. Herr, dein Entschluß – König. Verliere keine Zeit! Sag' ihm, ich hätte anders mich bedacht; Halt' seinen Arm! und sind die Schwerter bloß, Tritt zwischen sie und hemme die Entscheidung. Auf deine Seele leg' ich die Gewaltthat Und jeden Tropfen Blut, der fließt! – Fort! eile! (Arias geht ab.) Der König (allein) . Grausame Willkür! Frevelhafte Liebe! O welch ein furchtbar Antlitz zeigt mir jetzt Die That, die ich gebot! So schien sie nicht! – Eh' sie geschah, da zeigte sie sich anders. In Schmeicheltönen sprach sie zu der Seele, Und unter lockender, gefäll'ger Maske Verbarg sie ihr entsetzliches Gesicht! – So furchtbar schien sie nicht, so furchtbar nicht! O, Sancho! war es möglich? – Gnadenvoller Himmel, Laß sie gedacht nur seyn, vollzogen nicht! Was trieb mich an, nach Bustos Blut zu trachten? War's recht gethan? War's königlich gehandelt? Was trieb mich an? Darf ich mir's selbst gestehen? O, Herz! beschön'g' es nicht, nenn' es beim Namen! Die Rache war's – wie du sie auch verhüllt! Zweiter Auftritt. Der König. Arias. König. Du kommst zurück? Nun, welche Botschaft bringst du? – Nein, rede nicht! laß einen Augenblick Mich noch der Hoffnung hingegeben seyn: Der blut'ge Same, den ich ausgesä't, Er sey verweht und werde Frucht nicht bringen. Arias. Mein königlicher Herr, ich kam zu spät. Geschehen ist, was Ortiz ward befohlen; Der Mann kennt Aufschub nicht in seiner Pflicht. Kaum daß die Stufen er herabgestiegen An des Palastes Schwelle, führt ein Zufall Don Bustos ihm entgegen: Augenblicks Erfolgt' der Zweikampf und Tabera fiel. König. Entsetzlich! – O verderbliches Geschick! Unzeit'ge, feile Dienstbeflissenheit, Die ein voreilig ausgesprochnes Wort, Ja den Gedanken schon umschafft zur That! Arias. Von den Alkalden bald zur Hast gebracht, Ist Ortiz dem Gericht nun übergeben. Die That bekennt er offen, doch den Grund Verweigert er zu sagen und erwartet Mit festem Sinn des strengen Rechts Entscheidung. König. Er ist ein Mann, der mit der Pflicht nicht handelt, Und sein Bewußtseyn gibt ihm Kraft und Muth, O wär', wie seines, mein Gewissen rein! Arias. Don Fernan war im Hause des Tabera Und gegenwärtig, als man Ortiz brachte. Von ihm erfuhr ich, was ich dir erzählt. Dritter Auftritt Vorige. Don Ribera Ribera. Ich komm', o Herr, um dir Bericht zu geben – König. Ich weiß die That. – Ist Ortiz schon verhört? Ribera. Er ist's, und sein Vergehn hat er bekannt. König. Und führt er nichts, sich zu entschuld'gen, an? Ribera. Er nennet keinen Grund; doch sagt er stets: Daß er gehandelt als ein Mann von Ehre. König. Ward er gereizt durch Bustos – hat ein Andrer Ihn zu der That bewogen? – sagt er nichts? Ribera. Er weint um Bustos, nennt ihn seinen Freund, Nennt Bruder ihn, wehklagt, sagt, er sey Kain, Kain von Sevilla, der den Abel schlug; Doch läugnet er, die That sey ein Verbrechen. – Daß noch ein Andrer wisse um die Sache, Gesteht er ein, und dieser könne reden, Wenn's gut ihm dünkt, und das Geheimniß lösen; Er aber werde schweigen bis in's Grab. König. Geht, sprecht ihm zu! Sagt ihm, er möge reden, Er möge ohne Rücksicht offenbaren, Was ihn entschuldigt. – Wer der Mann auch sey, Wie hoch er stehe, ja, wär' ich es selbst, Er soll ihn nennen, nennen ohne Scheu! Sagt ihm, daß mir sein Leben werth, und doch, Wenn er beharrt' im Schweigen, müss' er sterben! Scheut er sich aber, vor Gericht den Mann Zu nennen, wohl! – so thu' er's in geheim, Vor mir allein; ich sichr' ihm sein Geheimniß, Falls eine Ehrensache ihn bewogen, Und ist es möglich, wünsch' ich ihn zu retten. Ribera. Ich gehe deinen Auftrag zu vollziehn; Doch wenig Hoffnung heg' ich des Gelingens. Er wünscht den Tod und zagt nicht für sein Leben. (Geht ab.) König. Dieß sind die Folgen eines einz'gen Unrechts! Blut ist geflossen, ist's durch meine Schuld, Und keine Reue gibt der todten Hülle Den Athem wieder, der sie einst belebt! – Zu neuem Zwiespalt fühl' ich mich gerissen. Es hängt das Schwert ob einem edlen Haupte, Ein Mann, wie keinen zweiten ich gesehn, Untadelhaft, Vorbild der Ehr' und Treue, Soll fallen, weil er seine Pflicht gethan, Und fällt er nicht, so muß ich die Gewaltthat Vor ganz Sevilla öffentlich bekunden! – (Zu Arias.) Die Schuld tragt Ihr! – O, hätt' ich Eurem Rathe, Dem unheilbringenden, mich nicht vertraut! In Taumel ward ich eingewiegt; die Wünsche, Die kaum in meiner Brust gekeimt, gezeitigt Durch Hoffnung leichten, sicheren Gelingens! – So steh' ich nun, von einer Schuld befangen, Und weiß nicht Rath, der zweiten zu entfliehn! Vierter Auftritt Vorige. Don Perez Perez. Donna Estrella von Tabera harrt Im Vorgemach und bittet um Gehör. In Trauer eingehüllt kam sie zum Schloß, Und eine Menge Volks begleitet sie, Das vor den Thoren des Palastes blieb, Erwartungsvoll des Ausgangs dort zu harren. König. Sie komme. Laßt sie ein. – O welche Stunde! ( Perez geht ab.) Fünfter Auftritt Vorige. Estrella in tiefer Trauer. Sie kniet. König. Erhebt Euch, Donna! Stehet auf vom Boden. Estrella. Nicht eher, Herr, bis meiner Bitte Ihr Gewährung wollt verleihn. König. Donna Tabera! Nicht Euch ziemt diese Stellung; – stehet auf! Was wünscht Ihr? Estrella (steht auf) . Hoher Herr! ich bin verwaist; Doch einen Bruder hatt' ich – ach, ich hatt' ihn! – Der Schutz mir war an meiner Eltern Statt. Nicht preis' ich seinen Ruhm, Sevilla kennt ihn; Doch wie er mich geliebt, weiß nicht Sevilla, Nicht seine Zärtlichkeit hat es gekannt! – Ich war ihm Alles! – Er war unvermählt, Und nichts hat er geliebt noch außer mir, Als ihn, den Mörder, der ihn hat erschlagen. Ein alt Gesetz, im Brauch bis diese Stunde, Gibt in die Hand des nächsten Anverwandten Das Haupt des Schuldigen: er kann verfügen Nach freier Schaltung über den Verbrecher, Sein Blut vergießen, wenn es ihm gefällt. Kein Einspruch gilt, denn Richter ist allein Dann der Beleidigte und, sich zum Troste, Darf an gerechter Rache er sich laben! – Dieß Recht begehr' ich! Und wo nicht Ihr selbst Die alte Satzung anzutasten meint, Den Adel von Sevilla kränkt in mir, Wenn, was Gesetz ist, Ihr verweigern wollt Der schwer Verletzten, so gewähret mir, Was mir das Recht gewährt. Ihr gebt nichts, Herr, Als was, ohn' Unbill, Ihr nicht könnt entziehn. – Sancho Ortiz de las Roellas gebt In meine Hand, denn Er, Er ist der Mörder! König. Nicht tadl' ich Euren Schmerz, Donna Estrella! Glaubt mir, es fühlt mein Herz ihn tief mit Euch, Was Ihr begehrt zu Recht, kann ich nicht weigern; Doch steht ja Mitleid schönen Seelen wohl. Der Frauen Herzen dürsten nicht nach Blut; In ihrem sanften, weichen Busen wohnt Erbarmen, das mit mildem Kindesblick Durch Thränen lächelt. – Darum bitt' ich Euch: Wie schwer verletzt, schont Ortiz von Roellas. Estrella (für sich) . Der König spricht für ihn? Das nimmt mich Wunder! (laut) Noch liegt die Leiche Bustos unbeerdigt, Sie fordert, daß man, rächend, ihr in's Grab Den Mann geselle, der ihn schlug. König. Und dennoch Bitt' ich um des Verbrechers Leben Euch. Estrella. Wenn Eure Hoheit mir mein Flehn verweigert, Dann bin ich hülflos, denn ich steh' allein! Thut es, wenn also Euer Wille, Herr; Doch nimmer findet, dessen seyd gewiß, Sevilla's Adel diesen Spruch gerecht, Der das Gesetz verletzt und Unrecht schirmt. König. Nie treffe solcher Vorwurf mich verdient! Estrella. Er trifft Euch, wenn zu eines Frevlers Gunst, Zu einer Waise Nachtheil und Beschäd'gung Ihr die uralte Satzung wollt vernichten. Wo find' ich Aermste Schutz, wenn nicht bei Euch? Verlassen bin ich von der ganzen Welt, Und niemand spricht für mich als meine Thränen, Des heil'gen Rechtes Stimme und mein Unglück. König. Nun wohl, so sey's, weil Ihr es also wollt. (Schreibt.) Nehmt diese Zeilen und den Siegelring. Verfügt Euch nach Triana, zeigt ihn vor Zusammt der Schrift, die den Befehl enthält, Euch Ortiz' von Roellas auszuliefern. Estrella. Ich danke Eurer Hoheit. König. Gehet hin Und thut, wie Euch gefällt. – So Mild' Ihr übt, Ist Ortiz frei; doch übergebt Ihr ihn Dem Blutgerichte, spricht's nach dein Gesetz, Auch dieses Eine noch erwäget wohl: Es schwebt ein Dunkel über Ortiz That; Spräch' er ein Wort, wer weiß, träf' ihn die Schuld. Estrella (für sich) . Des Königs Reden – und Don Sancho's Schweigen –? Gott! – welche Ahnung stiegt mir durch die Brust! König. Ihr schweigt? – Wohlan! so thut, was Euch gefällt. Vergießt des Aermsten Blut. Es seh' die Welt Erstaunt, in Euch zum Widerspruch vereint Rachgier'ge Härte, dort, wo Milde scheint! Ach, Ortiz! wie beklag' ich Dein Geschick! Den Himmel selbst, Estrella, straft Ihr Lügen, Der Sanftmuth leuchten ließ aus Eurem Blick, Da Grausamkeit Ihr bergt in Engelszügen! Estrella. Was mir, o Herr, zu thun geziemet, weiß ich, Don Bustos ward von Mörderhand getroffen, Noch stehen seine Wunden blutend offen, Er war mein Bruder – und Tabera heiß' ich. (Geht ab.) König. Sie geht. – O wie so reizend, selbst im Zorn! Die edle Gluth, die ihre Wange färbt Mit des gerechten Unmuths dunklem Roth: Sie zeigt den Adel der Gesinnung klar; Doch Sancho Ortiz, dir bringt sie den Tod! – Als ich dein Loos in ihre Hand gegeben, Da hofft' von ihrem Mitleid ich dein Leben; Nun seh' ich, daß mein Hoffen eitel war Und fürchte Alles! Nein, so darf's nicht seyn. – Wie rett' ich ihn? – So sprich! – Was stehst du stumm? Nie fehlt' es sonst dir je an schnellem Rath, Wo er zum Unheil führte; gib ihn jetzt, Nun Wir zum guten Ausgang ihn bedürfen. Arias. Ich eile nach Triana, hoher Herr, Und hindre, was zum Nachtheil kann geschehen. Noch liegt ein Mittel in der Richter Spruch; Leicht ist, daß zu des Urtheils Milderung Das Vorwort deiner Hoheit sie bewege. König. So gehe. Bring' die Botschaft mir zurück: Ortiz sey frei, damit ich leichter athme! Ein Unheil ist geschehn durch meine Schuld, Laß nicht ein zweites zu dem ersten kommen! (Arias geht ab,) Der König (allein) . Und doch, wenn Ortiz schweigt – ? Der stolze Sinn Estrella's Rache heischt – ? Die Richter richten Nach des Gesetzes unverrücktem Ausspruch – ? Was soll geschehn? soll ich mich selbst verklagen – ? Wohin ich blicke, überall ist Nacht! Kein Pfad zu finden! – Send', o ew'ge Macht, Mir einen Lichtstrahl, zünde deine Kerzen! Der angsterfüllten Seel' ein Mittel spende, Daß sie genese und der Zweifel ende! Versöhne mich mit meinem eignen Herzen! (Er geht ab.) Sechster Auftritt. Gefängniß im Schlosse zu Triana. Don Ortiz. Don Arias. Ortiz. Ich dank' Euch, Herr! Ich seh', Ihr meint es gut; Doch kann ich Eurem Rath nicht folgen. Einer weiß Den Anlaß meiner That, nur der kann reden; Doch spricht er nicht, nun denn – so schweig' auch ich. Doch wolle Gott nicht, daß, um mich zu retten, Auch nur ein Wort von seinen Lippen komme, Das er bereuen könnte! Nicht um mich Mag er bekümmert seyn; wenn das Geheimniß Ihm nützen kann, mir ist der Tod erwünscht: Wie einen Bruder drück' ich ihn an's Herz! – Dieß Eine sagt dem König, wenn Ihr wollt; Was ich gethan, war recht, und darum that ich's, Und weil ich Ortiz heiße, thu' ich recht! Um recht zu thun, hab' ich ein furchtbar Werk Vollführt, vor dem mein eigner Busen schaudert! Ein Andrer thät' es nicht; ich hab's gethan, Ein Andrer aber – nun – heißt auch nicht Ortiz. Was noch zu thun, bei Gott, ist keine That Zu nennen – Geht und meldet das dem König. Arias. Doch seyd gewiß, Don Ortiz, glaubt es mir, Der König wünschet Eure Rettung. – Sprecht, Sagt Euern Richtern nur ein einz'ges Wort, Sagt, daß dem König Ihr vertrau'n, Nur ihm den Anlaß Eurer That wollt nennen, Und Ihr seyd frei. Ortiz. Ich bleibe gern gefangen. Arias. Die That ist Größe nicht, sie ist Verzweiflung. Ortiz. Nennt sie, wie's Euch beliebt! Ihr seht mich ruhig. – Als mir zu handeln ziemte, handelt' ich; Nun ziemet mir zu schweigen, und ich schweige, Wenn der nicht redet, der allein es darf. Lebt wohl! Arias. Lebt wohl! Ihr habt ein Herz von Stahl! Ortiz. Und dennoch blutet es! (Arias geht ab.) Ortiz (allein) . Was will der König? Warum versucht er mich und heißt mich reden, Indeß er selber schweigt? Von welchem Werthe Muß das Geheimniß seyn, daß er sich scheut Zu sagen: ich befahl!? – Um Hochverrat Erlitt Bustos den Tod, und Hochverrath Wär's, wenn ich spräche, wo ich schweigen soll. – Mich retten will der König, das ist klar; Doch werd' ich rein nicht stehen vor der Welt, Wenn ich aus Gnaden lebe, nicht aus Recht. Auf einem Umweg möcht' er mich befrei'n, Den geh' ich nicht. Und da es so gefügt Das Schicksal, daß der König anders nicht Mir helfen kann, als wenn er sein Geheimniß Preis gibt – was Gott verhüte! – will ich sterben, Wie ich gelebt: ein würdiger Vasall; Denn im Gehorchen nur steht meine Ehre! Er aber ist der König, er gebietet, Und einst dem Himmel geb' er Rechenschaft Und jenem höhern König über ihm! Siebenter Auftritt. Ortiz. Estrella verschleiert. Ortiz. Estrella! – Himmel! Estrella (sich entschleiernd) . Ja, Don Sancho Ortiz! Ich bin Estrella, bin's, Tabera's Schwester. – Zwar sollt' Euch dieses Auge nicht mehr sehn, Euch, der mir Alles nahm; auf Einmal Alles! Nicht Mitleid wollt' ich üben an dem Haupte Von Bustos Mörder! Noch vor wenig Stunden Dacht' ich sein edles Blut durch Euern Tod Zu sühnen, seine Rächerin zu seyn; Nun denk' ich anders. – Lebt, und geb' Euch Gott Beglückt're Tage, als die meinen sind! Ortiz. Gab's denn für mich noch Freude auf der Welt? War solch' ein Augenblick mir noch beschieden? Nicht dich zu sehen war ich mehr gewärtig! Und nun, am Grabesrand erblick' ich dich, Vernehme deiner Worte süßen Klang, Den wohlbekannten Tönen horcht mein Ohr, Und so noch einmal leb' ich in Entzücken, Da schon des Todes Schauer mich erreicht! – Nun sterb' ich freudig, fasse deine Hand, – Und wenn auch nicht an gottgeweihter Stätte, Ob auch kein heil'ger Mund den Segen spricht: Vermähl' ich mich mit dir vor Gottes Antlitz, Und so, Estrella, als dein Gatte sterb' ich. Estrella. Bleib' Euch noch lang des Todes Stunde fern! – Geht, Sancho, Ihr seyd frei, nichts hält Euch mehr. Die Pforten dieses Schlosses thun sich auf Und niemand hemmet Eure Schritte. – Geht! Doch Eines bitt' ich: meidet diese Stadt, Denn nicht ertragen kann ich Euern Anblick. Ortiz. Weh' meiner Seele! Estrella. Geht; nicht zürn' ich Euch. Und wenn Ihr Trost bedürft auf Eurem Weg, Und Euch Estrella's Neigung trösten kann, Nehmt sie mit Euch! Nehmt mit in Euer Unglück, Was der Vernichteten noch übrig blieb. Ortiz. O, meine Stella! Wie? Du hast dein Herz Nicht von Don Bustos Mörder abgewandt? Du hast noch Worte, Huld, Erbarmen, Liebe Für den unsel'gen, blutbefleckten Ortiz? Estrella. So ist es, wie du sagst. Das macht mich beben, Das ist mein Athem! – Alles weiß ich, Sancho, Und schweige so wie du. – Dich, furchtbar Schicksal, dich nur klag' ich an, Dich nenn' allein ich schuldig, Keinen sonst! Ortiz. Du zweifelst nicht an mir? Estrella. Kenn' ich dich nicht? Der gähe Schmerz verwirrte mir das Urtheil; Nun ich besonnen bin, nun seh' ich klar. – O, jeden Tropfen von Don Bustos Blute Mit einem Leben hättest du erkauft, Das weiß ich wohl, und darum bin ich hier. Es war mein Schicksal! – Thaten sind gescheh'n, Wenn auch in solcher blut'gen Absicht nicht, Die Blut nur konnte sühnen, Bustos Blut! – O weh! ich schaudre! – Weh! – Genug davon! – Verlasse dieß Gefängniß, lebe wohl! Sieh nie mich wieder; aber denke mein, Die dir die Nächste blieb in dieser Welt, Wo du auch sey'st, bis einst der Tod uns scheidet. Ortiz. Das wird er bald! – Und weil es also ist, Und nah' die Stunde und das Wiederseh'n Entfernt, – so laß ein langes Lebewohl Dir sagen! Estrella. Ortiz! Ortiz. Wittwe wirst du bald, Noch eh' du Gattin bist geworden. Estrella. Ortiz! Ortiz. Laß meinem Schicksal mich, du änderst nichts! – Nicht fliehen werd' ich, auch begnadigt nicht Will ich aus dieses Kerkers Mauern geh'n, Wenn ich sie rein bewährt nicht kann verlassen, Rechtfert'gen muß ein Andrer meine That, Und anders nicht nehm' ich mein Leben an. Estrella. O, nimmermehr! – Nein, Sancho, du mußt leben, Aus Mitleid leben, leben, daß ich lebe! – Bist du auch fern von mir, getrennt auf ewig, Weiß ich nur, daß du lebst! – Wo es auch sey! Ich will dich ja nicht sehen! mir genügt, Wenn nur auf dieser Welt ich dich noch weiß. Ortiz. Ich muß, Estrella! fühle, daß ich muß! Estrella. Du hast mich deine Gattin erst genannt. Ich bin's! So hab' ein Recht ich auf dein Leben. Darfst du die Gattin so zur Wittwe machen? Es ist ein Frevel! Nein, du darfst es nicht! (In Thränen ausbrechend) O, du bist grausam. – Ja! du bist ein Mörder, Du tödtest alles, alles, was dich liebt! Ortiz. Ja, weine, weine, Stella! wein' um mich! Entbehren will ich deine Thränen nicht; Doch zeig' Estrella selbst im Schmerz sich stark! – Du weißt, ich bin ein Krieger: – 's ist kein Tag, Der Kampf nicht bringen kann. – Wenn ich, dein Gatte, Nun morgen auszieh', wie's mein Amt gebeut, Dem Feind entgegen, und ein maurisch Schwert, Sich Ruhm erwerbend, mir das Leben raubt: Bist du dann Wittwe nicht? rafft dann der Tod Mich nicht dir von der Seite, so wie jetzt? – Und wenn dann Ortiz's Weib, Tabera's Schwester, Sich schwach bewiese vor Sevilla's Frau'n, Ihr Loos nicht würdig trüge, wie's ihr ziemt, In Schmerz verginge, weil für seinen König Ihr Gatte fiel, wie's seine Pflicht gebot: Im Grabe regte sich Don Bustos Leichnam, Und Ortiz's Asche hätte keine Ruh. – Denk': also sey's. – Ich fall' in meiner Pflicht, Ist's auch kein Schwert der Mauren, das mich tödtet! Estrella. Auch dich verlieren? Nein, ich trag' es nicht. Ortiz. Nicht also, meine Stella! Nein, das sollst du nicht! Ist alles, wenn ich scheide, dann geendet? Leb' ich denn nicht in deinem Herzen fort? Wer im Gedächtniß seiner Lieben lebt, Ist ja nicht todt, er ist nur fern. – Todt nur Ist, wer vergessen wird; ich aber werde, Ich weiß es, nicht vergessen seyn von dir – Und noch von einem Zweiten, der mich kennt. Estrella. O, Sancho! Sancho! Ortiz. Die Hallen meiner Wohnung sind geschmückt: Sie sollten heut zwei Glückliche umfangen, Du solltest einzieh'n in ein festlich Haus, Als Ortiz's Braut, Sevilla's Stolz und Zier. Daß dieser heut'ge Tag mein Leben endet, Sieh, theure Stella, sieh, das freut mich sehr! – Kein Trauertag, ein Festtag soll er bleiben! – Niemand berühre dieser Wände Schmuck, Auch wenn ich nicht mehr bin, laßt sie wie jetzt. Die Kränze, die sich um die Säulen schlingen, Den Baldachin umwinden, laßt sie prangen, Auch wenn sie duftlos schon und welk geworden. Tabera's Bild und deines hangen dort, Ich wünsche, daß das meine, zugesellt Als drittes, neben deinem möge hangen. Auch neben ihn, bitt' ich, laßt mich begraben, So ruh' ich noch im Tod an seiner Seite, Wie ich im Leben ihn umfangen hielt; Und beide werden wir mit Geisterhauch Die Seele mild und liebend dir berühren. – Und nun, Estrella – komm' an meine Brust, Laß meine Lippen auf den deinen ruhn, Die treuen Herzen an einander schlagen, Und mit dem letzten, langen Kuß – uns scheiden! Estrella. Stern meines Lebens! (Sie sinkt in seine Arme.) Ortiz. Mag er untergehn! Estrella. Mein Sancho! Ortiz. Meine Braut! – Auf ew'ges Wiedersehn. (Sie halten sich umschlungen.) Fünfter Aufzug. Gemach im königlichen Palaste. Erster Auftritt. Der König. Don Urias. König. Er will nicht, sagst du? – O, ich wußt' es wohl! Stumm wird er bleiben und zum Tode gehn. – Estrella übergibt ihn dem Gericht, Sein Urtheil weiß ich, seine Richter werden Es ohne Rücksicht sprechen. Ehrenmänner Sind diese Sevillianer! ja, sie sind es, Ich habe kennen sie gelernt. – Was soll ich thun? – Bei meinem Gott! Roellas darf nicht sterben; An einer Schuld trag' ich schon schwer genug! Arias. Bist du nicht Herr? Laß seine Richter kommen, Erkläre dich, gib keinem Zweifel Raum, Und willst du ihn erhalten, sprich es aus! König. Wo bleibt Sevilla's Recht, wenn ich's verletze? Nicht ich, der Richter Spruch muß ihn befrein. Arias. So laß ihn dem Gericht. Wenn es erfährt, Daß du sein Leben willst gerettet wissen, Meinst du, es werde nicht zu milderm Spruche Durch deine Wünsche sich bewegen lassen? König. Ja, ich versuch's! – Laß die Alkalden kommen. Ich übergeb' ihn dem Gericht. Ich will Dem alten Vorrecht dieser Stadt Zu nah' nicht treten. Wohl, so mögen sie Nach Form des Rechtes über ihn erkennen! Nicht ungeahndet bleibe seine That, Doch laut' ihr Ausspruch auf Verbannung nur, Und nicht auf Tod. – Auf solche Art geschieht Dem Recht genug und Ortiz bleibt am Leben. Laß die Alkalden kommen. Arias. Ungesäumt Beruf' ich sie. (Geht ab.) Der König (allein) . So, freilich, kann's geschehn! Der Ausweg kann ihn retten und er schlichtet Zugleich jedwede Rücksicht dieses Falls. Auch nicht beklagen kann Sevilla sich, Daß ich den Schuldigen dem Recht entzogen. Verbannung an die Grenze meines Reichs Nenn' ich die Strafe; Ortiz nennt sie Lohn, Denn auf die Stätte seines alten Ruhms Send' ich ihn wieder, hin gen Granada, Wohin er ungesendet wär' gegangen. Zweiter Auftritt. Der König. Der Page. Nachher der Castellan. Page. Der Castellan vom Schlosse zu Triana. König. Laß ihn erscheinen. (Der Page geht ab) König (allein) . Welche Nachricht bringt er? Der Castellan tritt ein und kniet. König. Was willst du, Castellan? – Erhebe dich! Castellan. Hier diesen Ring bring' ich zurück, o Herr, Den für den deinen ich erkannt am Zeichen; Auch diese Handschrift acht' ich für die deine. Mit beiden nahte ein verschleiert Weib Und forderte, daß Ortiz von Roellas Ihr überliefert werde. Zur Beglaub'gung, Daß dieß dein königlicher Wille sey, Gab sie mir Brief und Ring. Da dünkte mich, Nicht ferner dürft' ich zweifeln und es zieme Mir, zu gehorchen, wie's das Blatt besagt. König. Du thatest recht. – Was trug sich weiter zu? Castellan. Ich ließ sie ein in des Gefangnen Zimmer Und hielt mich in der Näh! – Nach langer Zwiesprach Sah ich die Thüre öffnen, und verschleiert, Wie sie genaht, entfernte sich die Dame, Die ich erkannt für Stella von Tabera. Don Ortiz aber heitrer wie zuvor, Bereitet sich zum Tode, den er wünscht. König. Ich weiß genug! Geh, kehre nach Triana. Ich will Don Ortiz sprechen, führ' ihn her; Doch ohne Aufsehn, hörst du? In geheim. (Der Castellan geht ab.) König (allein). Ortiz ist noch gefangen zu Triana? So hat Estrella ihn noch dem Gerichte Nicht übergeben? Wie erklär' ich das? Auch nicht befreit, – wie wär' er sonst im Kerker Und suchte sich zum Tode zu bereiten? – Nun, wie's auch sey, der richterliche Ausspruch, Gemildert auf Verbannung, löst den Knoten Und bringet Allen Ruhe und Befried'gung. So mach' ich gut, was gut zu machen ist: Ich rette Sancho Ortiz, und Estrella Vermähl' ich einem Granden meines Hofes. – Estrella! ach, Estrella! – Schweig', o Herz! Laß nicht aufs Neue dich die Gluth berühren Von diesem unheilbringenden Gestirn! Dritter Auftritt. Der König. Don Ribera. Don Guzmann. Ribera. Du siehst uns hier, o Herr, wie du befahlst, Gewärtig, deinen Willen zu vernehmen. König. Ich wollt' Euch sprechen, ja! – Des Ortiz Sache Liegt mir am Herzen. Wie die That sich zeigt, Und in Betracht des wohlverdienten Ruhmes, Den sich der Mann erwarb, möcht' ich mit Glimpf Und aller Rücksicht ihn behandelt sehn, Die des Gesetzes mildeste Erwägung In solchem Fall gestattet. Ribera. Abgeschlossen, O königlicher Herr, ist das Verhör Des Sancho Ortiz, und zum Spruche reif. Klar ist die That und durch den eignen Mund Des Thäters anerkannt. König. Die That? – nun ja! Ihr sagt, die That sey klar – ich geb' es zu; Allein der Antrieb? – Nehmt darauf Bedacht – Der ändert viel – der Antrieb nur entscheidet. Guzmann. Ja, Herr, vor Gott! – Der richtet die Gewissen: Wir aber, arme Erdenrichter, richten Nur das Verbrechen. – Darum will ich hoffen, Dem Manne, dem ich schweren Herzens heut Den Stab muß brechen, weil ich schuldig ihn Erkannt, ihm werd' ein mild'rer Urtheilsspruch Im Himmel werden. König. Soll Gerechtigkeit Den Grund der Schuld nicht messen? straft sie gleich? – Das schwerste wie das leichteste Vergehn? Ribera. Den Grad der Strafe, Herr, mißt das Gesetz. König. Doch gibt es kein Gesetz für alle Fälle. Ausnahmen gibt es, wo besondre Rücksicht Verdient der Angeklagte. Wer im Zorn Den Degen zieht und seinen Feind durchbohrt, Ist er dem Frevler gleich, deß böse Tücke Mit Vorbedacht ihm heimlich Gift bereitet? Guzmann. Verhüt' es Gott, daß man sie gleich bestrafe! König. Recht, Pedro Guzmann! Ganz denk' ich wie Ihr! Ein Zweikampf ist nicht wie geheimer Mord Am Schuldigen zu ahnden. Fälle gibt's, Wo schnell die Ehre zu den Waffen greift; Wo wär' ein Spanier, der säumen könnte? Guzmann. So ist es, hoher Herr! Der Mauergrund, Der das Gebäude trägt von Spaniens Ruhm, Es ist die Ehre. – Ein Gesetz besteht: Der, Edelmann, dem eine Schmach geschieht Vom Gegner, soll von seines Herren Gnade Zum Zweikampf sich Genehmigung erbitten, Und Ort und Zeit bestimmt die Majestät; Und wie des Kampfes Ausgang sich entscheide, Die Kämpfer ziehen unbeschwert von dannen. Doch wer den Gegner greift mit eigner Hand, Am Bart ihn zieht, ihn schlägt in's Antlitz, ja, Wer nur am Kleid ihn packet, der ist ehrlos, Nicht minder der, so Meuchelmord begeht. Sein Nam' ist hin und er verliert die Hand, Bevor das Leben ihm genommen wird. So ist auf seines Degens Macht gestellt Des Spaniers Ehre und sein Leib geschützt Vor freveler Betastung! – doch wer selbst Sich Recht sucht mit den Waffen, ohne Fug, Und nicht ermächtigt durch des Königs Gnade, Der stirbt des Todes, wenn das Leben er Geraubt dem Gegner, und dieß ist, o Herr, Der Fall des Sancho Ortiz. König. Ihr habt Recht; Doch gibt es Fälle, die das Urtheil mildern. – Nicht ungeahndet bleibe das Verbrechen, Dem Recht sey volle G'nüge, und so dächt' ich, Verbannung wäre hier die wahre Strafe, Bemessen nach dem Grade des Vergehns. Ribera. Du bist es, Herr, der hier allein entscheidet; In deiner Hand liegt Sancho Ortiz's Schicksal. Sprichst du ihn frei, so ist er's Augenblicks, Und niemand wird den Weg der Milde sperren. Du gibst auf Erden keinem Rechenschaft, Es liegt in deiner königlichen Hand Nicht nur das Recht allein, Herr – auch die Gnade! Darum, wenn du befiehlst, so sey Verbannung Ihm statt dem Tode zuerkannt; ja, ganz Befreit von Strafe kannst du ihn entlassen. König. Nein, nein! nicht frei. Verbannung statt dem Tode! Seht, treue Diener, ich verhehl' es nicht: Ich schätze Sancho Ortiz! könnt' es seyn, Möcht' ich ihn gern erhalten. Ribera. Wenn er stirbt, Bei Gott, so stirbt ein Mann von seltnem Werthe. König. Das mein' auch ich; nur Wen'ge sind ihm gleich. Er war ein Muster für des Landes Adel. Wird so ein Mann dem Vaterland entrissen, Ist's eine Wunde, die so bald nicht heilt. Guzmann. Mir geht er nah', als wär's mein eigner Sohn; Denn eine Säule war er dieser Stadt. König. Weil nun sein Tod ein wirklicher Verlust Für alle, und zumeist für diese Stadt, Auch sein Vergehn nicht von so frevler Art, Daß es die Milde mit zum Frevel machte, So laßt sie euern Ausspruch leiten. – Geht, Und alles wohl erwogen, sprecht das Urtheil. Guzmann. Wir? König. Ja! Ribera. Was wir vermögen, treulich soll's geschehn. Und mahnt' uns nicht dein königliches Wort, Das eigne Herz würd' uns zur Milde treiben. (Die Alkalden gehen ab.) Der König (allein). Sie sind gewonnen! Ortiz ist gerettet! – Was wäre wohl, im Guten wie im Bösen, Das zu erreichen nicht ein freundlich Wort Der Könige vermöchte? – 's ist gelungen! – Das aber ist die Strafe meines Unrechts, Daß, selbst um recht zu thun, ich nicht vermag Den g'raden Weg zu gehn und auch zum Guten Mit Arglist erst die Herzen muß bewegen. Zwar weiß ich wohl, daß ich aus freier Macht Don Ortiz kann begnad'gen, wenn ich will; Doch so ist's besser. – Don Tabera's Freunde, Estrella's Recht, das laut um Rache schreit, Ja selbst das Volk, das diesen Bustos liebte, Und das, gerühret durch der Schwester Schmerz Und ihre Thränen, mit den Tod verlangt Des armen Sancho: würden diese Stimmen Mich nicht verdammen? – Doch wenn das Gericht Sich selbst zu mild'rem Urtheilsspruch bekennt, Ist meine Milde nur Gerechtigkeit. – Mein Aug' ist naß! – O, eine heiße Thräne: Mein ganzes schweres Unrecht brennt in ihr. Zu spät für das Geschehene! – Vergebens! Doch bleibe jene erste blut'ge That, Beim höchsten Gott! – Die einz'ge meines Lebens! Laß meines Busens tief verschlossne Qualen, Die bittre Reue, die mein Herz zerfleischt, laß sie, Tabera, meine Schuld bezahlen! Vierter Auftritt Der König, Don Guzmann, Don Ribera König. Ihr bringt das Urtheil mir zur Unterschrift? Wo ist's? Ribera. Hier, hoher Herr! König. Laßt mich es sehn! (liest) »Nach des Roellas eigenem Geständnis; – Beschließt die Audienza dieser Stadt – Aus öffentlichem Platze zu enthaupten – Gezeichnet vom Gericht.« – Seyd ihr von Sinnen? Ist dieß der Ausspruch, den ich euch vertraut? Guzmann. Tod lautet das Gesetz – so auch das Urtheil. Du weißt, wir schwören einen heil'gen Eid, Bevor wir richten, ohne Lieb' und Haß, Niemand zu Gunst noch Ungunst, klares Recht Zu sprechen ohne Ansehn der Person. Deß eingedenk, nach reiflicher Erwägung Des gegenwärt'gen Falles, fanden wir: Kein andres Urtheil sey uns hier erlaubt. König. Ist dieß die Rücksicht, die ich euch empfohlen? Die ihr mir angelobt? Ribera. Wir nahmen jede, Die uns verträglich schien mit unsrer Pflicht. Guzmann. Nicht unsre Wünsche durften hier entscheiden; Beschränkt durch das Gesetz ist unsre Macht, Und fest gebannet zwischen Ja und Nein. Wir dürfen Recht nur sprechen, nicht begnad'gen, Die Gnade ziemt dem Könige allein. König. Ihr thatet wohl! Nehmt meinen Dank dafür, Und Heil der Stadt, die solche Richter hat! (Für sich) So muß denn alles heute mich beschämen? Nein, diese großen Seelen um mich her, Nicht länger sollen sie mich schwach erblicken! Fünfter Auftritt Vorige. Der Page . Dann Donna Estrella. Page. Donna Tabera bittet um Gehör. König. Sie trete ein. (Der Page geht ab.) Estrella tritt ein, König. Seht hier den Urtheilsspruch. Ihr kommt zu rechter Zeit, Donna Tabera. Verlangt Ihr Sancho's Tod? Da seht, hier ist er. Estrella. Don Sancho's Tod? Das wolle Gott verhüten! Seht mich zu Euren Fußen, hoher Herr! Laßt Sancho leben, sprechet Gnade aus! Laßt ihn nicht tödten, oder tödtet mich! König. Ihr bittet um sein Leben? – Donna Stella? – Ich steh' erstaunt! – Ihr wollt für Sancho Gnade, Und habt erst eifrig seinen Tod verlangt? Estrella. Wenn ich es that, o Herr, war ich von Sinnen! Nein, nein! ich wollt' es nicht! Wie hätt' ich wohl Des edlen Sancho Blut verlangen können? Ribera. Ihr, die Gekränkte, Don Tabera's Schwester, Die Klägerin! – Estrella. Nichts hab' ich anzuklagen! – Don Sancho werde frei, nichts fleh' ich sonst. König (für sich) . Ist wirklich, was sich mir entdeckt? Bei Gott, Sie liebt ihn! – Ja! Die Neigung nur allein Macht diesen Widerspruch erklärlich. Sechster Auftritt. Vorige. Der Castellan mit Don Ortiz. Don Arias. Guzmann. Sancho Ortiz! Estrella. O Himmel! König. Ha! – Tritt näher, Sancho Ortiz! – Man sagt mir, daß du weigerst, zu bekennen, Wer dich getrieben zu Don Bustos Mord, Und weißt, dein Schweigen bringe dir den Tod. Ortiz. Das Schweigen bringt mir Tod, das Reden Schande. Und wo die Wahl nur zwischen Schand' und Tod, Ist Tod das Loos von Ortiz von Roellas. König. Hoff' auf Erleicht'rung deines Schicksals nicht! Der Richter Ausspruch, Sancho, lautet Tod: So will's das Recht. Dir bleibt kein Ausweg mehr. Ortiz. Mein Leben, Herr, gehört mir eigen nicht; Denn einem andern hab' ich's heim gegeben Zu freier Schaltung, dem gehört es an. Und also acht' ich es gering an Werth, Daß, wär' es zehnfach mein, ich's zehnfach gäbe, Wenn der es will, dem ich zu Willen schweige! Die Ehre aber ist mein Eigenthum, Und niemand lebt, dem ich sie opfern will. So lang' ich Athem habe, bleibt sie mein; Deßhalb ist mein Geheimniß wohl bewahrt, Ob lebend ich, ob todt – es liegt im Grabe! König. Nicht also, Sancho Ortiz! Deines Schweigens Entbind' ich dich! Und weil ich Sancho heiße, so wie du, Darfst du nicht zweifeln, daß auch ich mein Wort Zu lösen denke, wie ich es versprach, Und wär' es auch das Wort nur eines Sancho, Und nicht des Königs Wort. So wisset denn, Alkalden von Sevilla: Tabera fand den Tod auf mein Geheiß; Weil ich's befahl, hat Ortiz ihn getödtet. Entscheiden mögt ihr, ob er recht gethan. Ribera. Wenn Bustos Tod dein Wille war, so hat Ihn Bustos auch verschuldet. Nicht bedarf's, Daß einen andern Grund Sevilla wisse. Guzmann. An dir hat er gefehlt, dieß Eine g'nügt, Und Sancho Ortiz that nur seine Pflicht. König. Wie ihr die eure. – Stella, diese Hand An einen würd'gen Gatten zu vermählen Sey meine Sorge. Estrella. Diesem Manne hier Hat, als er lebte, Bustos mich verlobt, Und zweier Männer Braut nicht kann ich seyn. Doch der wird nie mein Gatte, dessen Schwert Den Bruder mir geraubt; ich schwör's vor Euch Mit heil'gem Eidschwur! Aber seinen Ring Will ich behalten und ihm meinen lassen, Den ich zum Pfand ihm gab. – So, hoher Herr, Bin ich zugleich geschieden und vermählt. König. So hoher Sinn macht mich in dieser Stadt Nicht mehr erstaunen! – Thut, was Euch gefällt. – Ich sehe ohne Schwert dich, Sancho Ortiz, Wer meine Sache führt, darf ohne Schwert Nicht seyn. Nimm hin das meine! – Trag' hinfort Zum Schreck der Mauren es, kein andres Ziel Werd' ich mehr setzen deinem tapfern Arm. (Zu den Alkalden.) Ihr aber, die ihr Recht gesprochen habt Ums Recht, und frei von jeder fremden Rücksicht, Selbst gegen eures Königs Antrieb, kühn, Mit edlem Freimuth wahrtet das Gesetz, Erhalt' euch Gott noch lange euer Leben! Und wenn der Tod euch ruft, so geht mit Freuden Und legt die reinen Stäbe ruhig hin Vor Gottes Thron! – Ihr habt mir treu gedient, Mit edlem Beispiel meinem jüngern Alter Voran geleuchtet. Seyd bedankt dafür! – Die aber nützen ihren Fürsten schlecht, Die ihren Leidenschaften schmeicheln und Durch kriechende Beschönigung die Stimme Des Rechts ersticken in der Herrscher Brust, Und Unrecht, kaum dem Keim entsprossen, groß ziehn Mit unglückseliger Beflissenheit! Das zu bedenken, geb' ich, Arias, Euch, fern von meinem Hofhalt, Raum und Muße.