Wege nach Weimar. Erster Band Heinrich v. Stein – Emerson Beiträge zur Erneuerung des Idealismus von Friedrich Lienhard Mit Bildnissen von Heinrich v. Stein, Gobineau, Emerson, Thoreau, Whitman Vorwort zur zweiten Auflage Von dem sechsbändigen Gesamtwerk »Wege nach Weimar«, das von Herbst 1905 bis Herbst 1908 in Monatslieferungen erschienen ist, wird hier der erste Band in zweiter Auflage und neuer Gestaltung ausgegeben. Auch die übrigen fünf Bände sind fast ganz vergriffen und werden binnen kurzem gleichfalls in entsprechender Umgestaltung erscheinen. Die Form der Monatshefte ist in dieser neuen Ausgabe fallen gelassen. Die zusammengehörigen Arbeiten erscheinen nun hintereinander und ungetrennt. An der Spitze stehen die allgemeinen Aufsätze (Was ist ästhetische Kultur? Vom literarischen Messias, Edelfrauen, Der Kern der Rassenfrage); dann folgt das erste Lebensbild: Heinrich von Stein, ergänzt durch Proben aus Steins Werken (in dieser neuen Ausgabe um die Skizze »Cromwells Tochter« vermehrt); daran schließt sich das zweite Lebensbild: Emerson, mit Proben aus Emersons Werken. Eine Stelle aus Plato und Briefe zwischen den Freunden Schiller und Körner bilden den Übergang zum Tagebuch, das den Band abschließt. Die Proben aus des Herausgebers eigener dichterischer Werkstatt sind gestrichen, da diese Stücke (Tauler und der Einsiedler, Brunhilds Todesfahrt usw.) inzwischen in der zweiten Auflage der »Helden« gesammelt sind. Neu hinzugekommen ist ein Aufsatz »Moderne Vereinsamung«, schon damals geschrieben und demselben Gedankenbezirk entstammend. Die »Wege nach Weimar« sind keine Zeitschrift, sondern ein selbständiges Werk des Verfassers, der mit Hilfe der hier dargestellten Größen eine höhere Geistesstimmung herauszuarbeiten bemüht war. Die Blätter haben abseits vom literarischen Tagesgeräusch eine so warme und seine Aufnahme gefunden, daß auch diese neuen, einheitlicheren Bände auf Teilnahme hoffen dürfen. Straßburg (Elsaß) Frühling 1910 Friedrich Lienhard   Wo liegt Weimar? Zur Einführung Was ist denn Glaube? Die Erzählung einer Begebenheit für wahr halten, was kann mir das helfen? Ich muß mir ihre Wirkungen, ihre Folgen zueignen können. Dieser zueignende Glaube muß ein eigener, dem natürlichen Menschen ungewöhnlicher Zustand des Gemütes sein. Goethe Jede Erscheinung ist ein Vielfaches und kann mit gleichem Recht von mehreren Gesichtspunkten aus betrachtet werden. Ich kann mich zunächst an die räumliche Sichtbarkeit halten; ich kann sodann zur Idee vordringen; ich kann endlich die Wirkung untersuchen. Betrachte ich das Wort »Weimar« nach der räumlichen Vorstellung, die es in mir weckt, so ist Weimar ein anmutiges Residenzstädtchen im Ilmtal, zwischen Parkbäumen und sanft ansteigenden Feldhügeln gelegen, von den Sonnenuntergängen des thüringischen Gebirges angeglüht. Betrachte ich dieses nämliche Städtchen nach seiner historischen Idee, so tut sich ein neues Bild auf. Hier wirkten zwischen bedeutenden Männern und Frauen unsere größten dichterischen Denker der Neuzeit: Goethe, Schiller, Herder. Von hier aus hat sich eine vornehme Geistesgemeinde gesammelt, denen der Name Weimar ein Symbol geworden für feinere Kunst und Kultur. Und damit gelangen wir zu dem Gesichtspunkt, den ich hier anstrebe. Das landschaftliche und das historische Weimar sind mit all ihrer Schönheit doch nur Ausgangspunkt und Beispiel. Es ist mir nicht um den Ort und nicht um das Wort zu tun. Das eigentlich Wertvolle und Lebendige ist Weimars Wirkung . Das Wort »Weimar« erhält erst – wie die Worte »Wartburg«, »Sanssouci«, »Hellas« – Leben und Sinn, wenn es in jedem von uns ähnliche Kräfte erzeugt, wie sie dort lebendig gewesen. Und so bedeutet uns denn dies magische Wort nur das Verständigungszeichen für einen feiner-menschlichen Zustand : und zu diesem den Aufweg zu versuchen, ist der wahre Weg nach Weimar. Demnach ist der Weg nach Weimar ein Weg in die schöpferische Stille. Der Weg nach Weimar ist ein feines Abstandhalten von der Körperlichkeit der Erscheinungswelt und doch eine innige Anteilnahme am Ergehen und Wesen der Mitmenschen und an dem bunten Spiel der Schöpfungskräfte. Darüber werden wir uns in diesen Blättern unterhalten. Wir werden mit Ausläufern wie Heinrich von Stein oder Emerson beginnen und dann in den eigentlich klassischen Kreis vordringen. Gräfenroda (Thür.) Herbst 1905 Was ist ästhetische Kultur? Ich habe eine Überzeugung, die ich nur zögernd ausspreche; nicht, weil ich Ihrer nicht gewiß wäre, denn sie ist das Gewisseste in mir. Eine Zeit, deren Menschen der Renaissance ebenso fremd geworden wie das Mittelalter dem Hellenentum, eine solche undenklich ferne Zeit könnte eine Lebensform haben, in der Liebe als Kulturmacht eben jene Stelle einnähme, die heute ganz allein dem Glauben zugewiesen scheint. Wer weiß unter uns, wer von uns darf sagen, daß er wisse, was es heißt: an die Seele des andern glauben, wie an die meine, so daß sie auch an die meine glauben muß, wie an sich selbst. Wer ahnt es? Welch gewaltiger Weltzustand muß es sein, wenn der Knabe Mensch einst zum Mann geworden sein wird! Heinrich von Stein 1. Wesen und Ziel Aesthetische Kultur nennen wir jenen harmonischen Zustand, in dem ein erhöhtes Empfindungsleben mit der edel erschauten Erscheinungswelt in Eintracht ist. Eine Nation, die ästhetische Kultur hat, entspricht einer Persönlichkeit, in der eine schöne Seele wohnt. Beide Worte – ästhetische Kultur und schöne Seele – sind im klassischen Zeitalter geprägt worden. Die Sehnsucht nach ästhetischer Kultur ist demnach eine Sehnsucht nach Freude, Güte und Harmonie. Unser Auge wird in diesem Zeitalter des hastigen Wettbewerbs beleidigt durch Verzerrungen, unser Ohr durch Dissonanzen, unsere Seele durch Lieblosigkeiten. Das moderne Nerven- und Seelensystem leidet darunter. Wie kommen wir in Friedenszustand mit der Außenwelt? Wie erreichen wir ästhetische Kultur? * Kinder haben sich im nahen Walde ein kaum zwei Schuh großes Gärtchen gebaut, am Fuße einer starken Buche, so daß das Erdfleckchen von zwei dicken Wurzeln umrankt und umlaufen ist. Darein haben sie sammetgrün Moos getan, das in feinen Strahlenstengeln blüht, haben frische Grasbüschel und zwei helle Pilze hineingesetzt und hart am Stamm ein winzig Hüttchen aus Moos und Zweigen errichtet, in der als Tisch ein schneeweißer Pilz steht. Köstlicher Spieldrang! Dies ist die ästhetische Kultur dieser Kleinen. Sie kümmern sich nicht um die Störungen und Häßlichkeiten der Welt: sie sammeln ihr Augenmerk auf diesen kleinen Punkt, sie schütten ihre ganze Liebe darüber aus. Und ihre ganze schöpferische Phantasie. Aufmerksamkeit, Liebe, Phantasie – das sind die schaffenden Mächte. Für das phantasievolle Auge dieser Kinder ist das nun ein »großer Garten«, und ihre Sinne laufen freiherrlich darin herum – während ihre Körper wohlbedächtig und vorsichtig davor auf dem Boden kauern und das Kunstwerk ja nicht betreten, sowenig man ein Bild betritt. Und hier kommt ein Weiteres hinzu. Zu der innigen Anteilnahme der kleinen Künstler gesellt sich achtungsvoller Abstand . Anteil nehmen und gleichwohl Abstand halten – das ist die Zweiheit und Polarität, die zusammenwirken muß, wenn man ein reines Verhältnis zur Welt gewinnen will. Jedermann kann es bestätigen: wenn man in angenehm erregter Empfänglichkeit auf der Eisenbahn durch neue Landschaften saust, wie schön schimmert die Welt durch das kleine Fenster herein! Steinerne Brücken und zerfallene Burgen; Weidenbüsche und Schafherden; Wäschestücke, die an Bohnenstecken flattern; auf den Heuwiesen kräftige Mädchen in weißen Kopftüchern – das ist alles so wohlig, so zum Zulangen vor uns ausgebreitet! Man möchte, wie die Riesentochter von Nideck, vor Staunen und Freude zugreifen und alles nach Hause tragen. Aber du trägst es nicht nach Hause. Und hierin eben liegt deine Freude und liegt deine Kraft. Du bist so glücklich, weil du von diesen Dingen frei bist, weil du durch diese Herrlichkeiten nur hindurchfährst . Und so genießt nur dein Auge und nur deine Seele. Du besitzest die Welt im Geist. Dies ist das Problem der ästhetischen Kultur. Ein Freiwerden von der Stofflast der Dinge und den Belästigungen der Körperlichkeit, um sie aus einigem Abstand künstlerisch und geistig zu beherrschen. * Damit scheint mir nun klar erwiesen, daß wir um das sittliche Problem nicht herumkommen. Ein Hindurchringen zum persönlichen Entsagen um der Allgemeinheit willen ist das erste Erfordernis höherer Kultur. Das aber setzt einen sittlichen Willensakt voraus. Unter Entsagen verstehe ich keine Askese. Emerson und Schiller, die hochfliegenden Denker und warmherzigen Ehemänner, haben vorbildlich dargetan, daß sich Fernflug der Phantasie und Traulichkeit der Nähe verbinden läßt. Goethe hat sich einen engsten Kreis gewählt und behielt doch die Welt offen. Wahrhaft entsagen heißt so besitzen, als besäße man nicht. »Bereit sein ist alles« – jede Stunde bereit sein, alles Irdische, auch das Zäheste und Nächste, was man hat – nämlich den eigenen Körper – abzulegen wie einen Mantel und in neue Bedingungen überzugehen: das heißt Freisein. Ein dergestalt Freier verwaltet seinen Erdenbesitz und seine Talente wie etwas Geliehenes, das er wieder abgeben muß. Und aus Dank und Stolz gibt er mehr zurück, als er empfangen hat. Ein solches Freisein heißt zugleich Leichtsein: der Schwere der Erdendinge keine Macht über unsere höhere Einsicht gestatten. Das heißt: dem Geist die Herrschaft verschaffen, Geistsein. In herzlicher Anteilnahme von den Dingen der Erde frei sein und sie mit künstlerisch verfeinertem und sittlich geläutertem Geist beherrschen – das ist das Ziel der ästhetischen Kultur. * Zu dieser ästhetischen Kultur führen nun zweierlei Wege. Seelisches Erlebnis ist der innere Weg zur ästhetischen Kultur. Sinnliche Beobachtung ist der äußere Weg zur ästhetischen Kultur. Damit sind unsere zwei Reiche deutlich geschieden. Sie können sich nun nach Belieben nachbarlich grüßen oder zu gesonderter Tätigkeit wieder voneinander zurückziehen. Wie man nun ein Zimmer einrichten oder eine Fassade bauen soll, darüber beraten uns weder Kant noch Plato. Diese Denker schauen nach innen, ins Unbegrenzte des Geistes, Dekorateur und Baumeister brauchen liebevolle Aufmerksamkeit auf das Außen. Jene haben es mit Erfahrungen der Seele zu tun, diese mit Beobachtungen des Raumes. Gesetze gibt es natürlich dort wie hier; nur werden jene Gesetze durch inneres Erlebnis, diese durch äußere Erfahrung gewonnen. Und beide haben zur Kontrolle den Vergleich mit Erlebnissen und Augenmaßen der Mitmenschen nötig, um sich vor Subjektivismus zu bewahren. Beide brauchen also geschichtlichen Umblick, um zu sehen, wie es anderen ergangen ist oder wie es andere gemacht haben. Nur wird jenen mehr die innere Biographie fesseln; er wird feststellen – durch Rückschlüsse von Worten und Werken auf das Innere –, wie innerlich bedeutende Menschen gewachsen sind. Diesem wird es anziehend und vorbildlich sein, was Genies und Talente seiner Gattung gemacht haben. Seele und Sinne, Innen- und Außenseite der Dinge: – es wird eine immerwährende Zweiheit bleiben. Aber diese Zweiheit ist für den freieren Blick ein wohltätiges Wechselspiel , wohltätig klärend und Gebiete abgrenzend, auch durch sogenannte Feindschaften, die in Wirklichkeit nur Gärungserreger sind. Wir werden zunächst den inneren Weg beleuchten. * 2. Der innere Weg Dies aber ist das Wesen des deutschen Geistes, daß er von innen baut. Richard Wagner. Wir haben die Schillerfeiern allenthalben im Reich aufleuchten und verglühen sehen. Es war wie ein Glanz in der Nacht: alle Beschauer hoben die Köpfe und strafften sich höher, von der Ahnung besseren Menschentums einen Augenblick durchzuckt. Sie hat manches Gute hinterlassen, manches Wort ist haften geblieben. Und unser Wunsch ist herzlicher als je: Möchte sie eine Wende zu höherem Stil in Kunst und Lebensführung bedeuten ! Wir würden uns die Vielheit der Schöpfung verengen, wenn wir uns auf die Ästhetik eines Einzelnen festlegen wollten. Auch Schiller bedeutet uns nur einen bestimmten, starken Ton im Orchester-Ganzen des modernen Geisteslebens. Aber einen unentbehrlichen Ton. Es gibt, nach Goethes berühmtem Wort, nicht nur »Natur von außen«, es gibt eine nicht minder wichtige Hälfte: »Natur von innen«. Statt Natur von innen sagt Goethe auch ganz einfach der Mensch . Und er, der sich in jede Medaillonsammlung und jede Silhouette so liebend versenkte, er betätigte sein Leben lang die Wahrheit, daß die reizendsten Einzelheiten sich dem Ganzen unterordnen müssen und daß im Mittelpunkt des Ganzen der schön gebildete Mensch stehe, im Menschen aber hinwiederum der Geist . Goethe hat das in den »Sprüchen in Prosa«, und sonstwo vielfach, klassisch geprägt. » Natur und Idee läßt sich nicht trennen, ohne daß die Kunst, so wie das Leben, zerstört werde. »Wenn Künstler von Natur sprechen, subintelligieren sie immer die Idee, ohne sich's deutlich bewußt zu sein. »Erst hört man von Natur und Nachahmung derselben, dann soll es eine schöne Natur geben. Man soll wählen; doch wohl das Beste: und woran soll man's erkennen? nach welcher Norm soll man wählen? und wo ist denn die Norm? doch wohl nicht auch in der Natur? »Und gesetzt, der Gegenstand wäre gegeben, der schönste Baum im Walde, der in seiner Art als vollkommen auch vom Förster anerkannt würde. Nun, um den Baum in ein Bild zu verwandeln [von Goethe ein sehr glücklicher Ausdruck!], geh' ich um ihn herum und suche mir die schönste Seite. Ich trete weit genug weg, um ihn völlig zu übersehen; ich warte ein günstiges Licht ab, und nun soll von dem Naturbaum noch viel auf das Papier übergegangen sein! »Suchet in euch, so werdet ihr alles finden, und erfreut euch, wenn da draußen, wie ihr es immer heißen möget, eine Natur liegt, die »Ja« und »Amen« zu allem sagt, was ihr in euch selbst gefunden habt. »Es steht manches Schöne isoliert in der Welt, doch der Geist ist es, der Verknüpfungen zu entdecken und dadurch Kunstwerke hervorzubringen hat .« Das sagt Goethe, unser größter Bildner, der nur darum die Welt so getreu und tief widerspiegelte, weil er, bei unaufhörlichem Wechseltausch zwischen außen und innen, seinen Geist in aufmerksamer Selbstzucht läuterte und sein Herz ehrfürchtig hielt für die Buntheit der gestalteten Schöpfung. »Natur und Idee!« Beides gehört zusammen – wie Goethe und Schiller. Beide Dichter sind einig in dem Prinzip der Weltverklärung; nur überwog bei dem einen die Naturbeschauung, bei dem andern die Ideenbewältigung. * Natur von innen gab Schiller. Schillers unermeßlich Reich war, wie es in der Huldigung der Künste heißt, der Gedanke; und das geflügelte Werkzeug des beredten Mannes war das Wort. Und so lag es ihm fern, an der Außenseite und Erscheinung der Dinge herumzuflicken, da er sofort zum »stilleren Selbst« des Menschen vordrang, aus dem sich dann die aufbauende Tätigkeit von selber ergibt. Wie sich der Geist von innen heraus den Körper baut und von einem gesicherten Zentrum aus die andrängenden Ereignisse in Empfindungen und Entschlüsse verwandelt, so geht alle Aufgabe der Erziehung dahin, diese Zentralkraft in der Kindesseele in Tätigkeit zu versetzen. Ist dies nun durch suggestives Vorbild einer selber warmherzigen Persönlichkeit gelungen, so ist das Spiel gewonnen. Denn von innen heraus baut nun das selbstdenkende Kind den Zellenstaat seiner kleinen Welt. Ganz von selber: denn es ist in die Wärmeschwingung versetzt, in der sich der schaffende Lehrer selbst befindet. Und so arbeitet es nun mit dem Lehrer zusammen, ergänzt ihn, fliegt ihm sogar oft voraus. Der Unterricht ist fortan ein Austausch zwischen zwei lebendigen Polen. Anders freilich ist es beim Zeichenunterricht. Und hier ist der bemerkenswerte Punkt, wo die moderne, von Malerei und Kunstgewerbe beeinflußte »ästhetische Kultur« in ihrer Art ganz recht hat. Hier ist sie auf ihrem Gebiet. Hier sind wir nicht mehr im unermeßlichen Reich der Gedanken, und unser Werkzeug ist nicht mehr das geflügelte, suggestiv und elektrisch wirkende Wort. Hier handelt es sich um Übung des Auges. Und durch das Auge hindurch um Schulung des Symmetriegefühles, des Formensinnes, des malerischen und architektonischen Geschmackes. Hier wird in der Tat »von außen nach innen« unterrichtet; doch das »Innen« sitzt nicht tief und darf nicht tief sitzen, weil bei dieser Tätigkeit wesentlich die Sinne beteiligt sind, und zwar die Sehorgane. Aber der »große Forderer ästhetischer Kultur« hat andere Dinge gefordert. Ihm war die Poesie vor allen Dingen ein inneres Erleben . Er fing die ästhetische Kultur mit sich selber an, indem er sich nicht an die räumlichen Dinge verlor, sondern sein »innerstes Selbst« suchte und fand, unter Leitung der großen Griechen, der Geschichte und der Kant'schen Philosophie, die ihm sein eigenes Ringen klärend widerspiegelten. Dieser schwere Gedankenweg brachte ihm eine wachsende Vergeistigung und damit eine bessere Verfeinerung auch der künstlerischen Mittel, als sie das bestgeübte Auge an und für sich zu erzielen vermag, Denn dies alles erzeugt zwar nicht die poetische Begabung, gibt ihr aber eine besondere Färbung. Matthisson war Dichter und Schiller war Dichter: aber in Schillers Welt war noch etwas anderes. Und eben dies andere macht ihn zum Klassiker. Schiller stand seinen Gestalten nicht mit kühler Beobachtung gegenüber. Er war ihnen nahe wie ein Freund dem Freund, Arm in Arm, mit heißem Herzen. Oft hatte er mit einer gewissen Hitzigkeit zu kämpfen, der später Fieberkranke, wenn er ans Gestalten ging; er fand bei seinem heißen Gedankenandrang nicht immer die nötige ruhige Entfernung, sich »gelassen« (ein Wort, das Goethe so liebte) über sein geplantes Werk zu stellen, da der Mensch Schiller selber dramatischer Kämpfer war, der im Widerstreit von Seelenglück und Sinnenfrieden lange mitteninne stand. Man kennt den berühmten Frühlingsbrief des jungen Dichters aus der Bauerbacher Gartenhütte (1783): »Der Dichter muß weniger der Maler seines Helden, er muß mehr dessen Mädchen, dessen Busenfreund sein. Der Anteil des Liebenden fängt tausend feine Nuancen mehr als der scharfsichtigste Beobachter auf. Welchen wir lieben, dessen Gutes und Schlimmes, Glück und Unglück genießen wir in größeren Dosen, als welchen wir nicht so lieben und noch so gut kennen ... Nun eine kleine Anwendung auf meinen Carlos. Ich muß Ihnen gestehen, daß ich ihn gewissermaßen statt meines Mädchens habe. Ich trage ihn auf meinem Busen – ich schwärme mit ihm durch die Gegend um Bauerbach herum« ... Hier haben wir das Geheimnis der Schillerschen Wirkung auf das Herz der Nation. Nicht Ausmalung oder charakterisierende Umständlichkeit waren seine schöpferische Eigenart; zu solchem sorgfältigen Realismus war er zu lebhaft und zu geistig. Aber er war in etwas anderem schöpferisch: er gab seinen Gestalten Stärke der Gesinnung und Macht des Wortes. Was seinen Menschen an malerischer Plastik abgeht, das gewannen sie an seelischer Kraft und an sittlicher Wucht . Und nicht die Einzelgestalten waren ihm zuletzt das erschöpfend Wichtige, sondern ihr Zusammenprallen und die dichterische, historische und sittliche Idee ihres Schicksals, das er in dramatischer Form erzählte. So kam Geistigkeit und Schwung in Schillers Dichtungen. Und unpathetische Naturen von scharfem Blick für das Besondere, wie Ludwig und Hebbel, haben für Schillers Ton und Philosophie nie rechte Seelenverfassung aufgebracht. Aber schon Goethe hat deutlich genug auch über den Künstler Schiller ehrende Worte gesprochen. Meine persönliche Vorliebe gehört der Volks- und Elementarpoesie, der Poesie Goethes und Shakespeares oder Homers. Schiller gehört in die Richtung der Kultur- und Gedankendichter: Milton, Calderon, Boileau, Pope, Corneille, unter denen seine energische Geistigkeit eine ganz besondere Ehrenstelle einnimmt. Und diese energische Geistigkeit ist es, die wir lieben. Sie hat sich, in Lehrgedicht, Ballade und Drama, ihre ganz persönlichen dichterischen Formen geschaffen. * Wir hadern heute gern. Wir klagen gern in sehr ausführlichen und Zeit vergeudenden Aufsätzen an. Das Zeitungswesen und die sozialen und konfessionellen Streitigkeiten befördern diese verderbliche Neigung. Schiller und Goethe sind einen anderen Weg gegangen. Schiller und Goethe suchten fruchtbare Vertiefung, schöpferische Stille. Wenn man des Tragikers Hebbel Prosaschriften liest – wieviel hartnäckige Auseinandersetzungen! Der Realist kommt nicht los von dem peinlichen Rechtsfall) er tupft starr auf denselben Punkt, ein hartnäckiger Rechthaber, ein schwerblütiger Nicht-Versteher. In Schiller-Goethes oder Schiller-Körners Briefwechsel – welche andere Luft! Mit zwei Worten wird auf quere Dinge eingegangen, dann weiter! Denn jene Menschen strotzten von aufgehäuftem Gedankenvorrat, von unermüdlichen Plänen und andrängenden Ideen. Welche Geistigkeit in Briefen und Büchern der klassischen Zeit! Das Geheimnis dieser Glut und Kraft des 18. Jahrhunderts ist nicht zu erklären; das Zeitalter, das gleichzeitig Kant, Friedrich, Goethe, Schiller, Herder und bedeutende Franzosen auf einmal trug, war eben schöpferisch . Auch Schiller hätte – wie etwa Heinse, Bürger, Iffland oder Kotzebue – den Zurufen des Publikums und dem Gehader der Xenien-Literatur folgen und erliegen können. Als er den Kreis seiner Dresdener Anregungen durchlaufen hatte, stand ihm diese Möglichkeit offen. Damals war der entscheidende Punkt: er konnte in Hamburg unter Schröder Theaterdichter werden. Das wäre der Weg ins Publikum geworden; dieser Weg hätte vermutlich Volksgunst und lauten Erfolg gebracht. Aber Schillers Genius ertastete einen anderen Weg. Er entschloß sich, in der Stadt der feinsten deutschen Geister an sich selbst zu arbeiten und von nun ab einer erlesenen Auswahl von Menschen Genüge zu tun. Dies war der schwerere, aber auch stolzere Weg, an dessen Endziel Goethe stand, der vornehmste Dichtergeist des damaligen Deutschlands. Im soeben vollendeten »Carlos« reifen der Infant und die Königin, unter Posas Führung, aus begehrender Liebe zu einer geläuterten Liebe empor. Die neue und höhere Liebe galt »Flandern«, das überall und nirgends liegt, wie Karl Moors »Böhmische Wälder«, galt der zu hebenden Menschheit. Schiller fing dies selbstlose Werk der Befreiung »Flanderns« mit sich selber an. Seine Briefe an Körner beweisen, wie er an sich gearbeitet hat. Denn alles, was uns der Dichter geben kann, ist seine Individualität, heißt eine der bekanntesten programmatischen Äußerungen unseres dichterischen Erziehers; diese Individualität so sehr wie möglich zu veredeln, zur reinsten, herrlichsten Menschheit hinaufzuläutern, ist sein erstes und wichtigstes Geschäft. Der Kunst und Unterhaltung der Geselligen trat nun eine Poesie und Weisheit der Einsamen zur Seite. Jene sprachen zur Gesellschaft, diese zur Seele der Menschheit . Zwar auch Schiller und Goethe waren Söhne der Zeit, aber nicht ihre Zöglinge oder gar Günstlinge, wie der neunte der »ästhetischen Briefe« ausführt. »Wie verwahrt sich der Künstler vor den Verderbnissen seiner Zeit, die ihn von allen Seiten umfangen? Er blicke aufwärts nach seiner Würde und nach dem Gesetz , nicht niederwärts nach dem Glück und nach dem Bedürfnis!« So wird ihm dann »schöpferische Ruhe« und »der große, geduldige Sinn« verliehen. »Aus dem reinen Äther seiner dämonischen Natur rinnt die Quelle der Schönheit herab, unangesteckt von der Verderbnis der Geschlechter und Zeiten, welche tief unter ihr in trüben Strudeln sich wälzen«. So schafft er der Menschheit die verlorene Würde wieder; er gibt der Welt, auf die er wirkt, die Richtung zum Guten ; er schließt ihre Frivolitäten ringsum mit den Symbolen des Vortrefflichen ein. Warum und aus welcher Kraft? Weil er in sich selbst etwas geweckt hat, das allein Kultur baut: den echten Stolz . Den schöpferischen Stolz auf die Würde im Menschen, den Kant eine »Macht« nennt, »die keiner Macht der Natur weicht«. * Nicht genug kann man allen, die mit dem Geistesleben der Nation zu tun haben, anempfehlen, diesen Schritt Schillers (vom Publikum und Literatentum hinweg in die Sammlung der Stille) zu durchdenken und Nutzanwendungen für die Gegenwart daraus zu ziehen. Jeder kleine Bauer oder Handwerker kann in dieser Weise eine wohltuende Erscheinung sein; denn er hat den Mittelpunkt in sich selber. Die Abkehr vom politisch-sozialen Weltverbessern war bei Schiller und Goethe eine bewußte; sie gehörte in ihr System. Schiller – der Ehrenbürger der französischen Revolution! – sprach es mit programmatischer Deutlichkeit in den ersten ästhetischen Briefen aus. Und die Xenien bedeuten eine gewollt auffallende Trennung vom üblichen Schriftstellertum, das damals mindestens nicht schlechter war als der heutige Durchschnitt. Wer das Prinzip der Xenien und das Prinzip der Abkehr von den politischen Welthändeln verdammt, der hat den Kern dessen, was man weimarische Kultur nennt, nicht verstanden. Wir werden in späteren Heften sehen, daß genau so, aus denselben organischen Triebkräften heraus, Emerson seine Conkorder tätige Stille gewählt hat. Und ganz weit in der Ferne, an den Seen und Hügeln von Galiläa, abseits von römisch-judäischer Politik und vom Pharisäertum Jerusalems, finden wir zu diesem inneren Weg das Vorbild. Kein Adel des Geistes oder Herzens und kein Adel der Rasse ist möglich ohne Trennung : Trennung von den durcheinanderlaufenden Linien und vielseitigen Instinkten oder Genüssen der angesammelten Menschenmenge. So saß schon der Patriarch Abram in seinem Hain Mamre; er baute seine stattliche Welt für sich und hielt Herz und Ohr offen für die göttlichen Besucher, die ihm den Untergang Sodoms anvertrauten. Es ist ein Unterschied wie zwischen Gesundheit und Fäulnis: Abrams ruhige Gastfreundschaft und das hündische Gebaren der Sodomiten. Und diese Trennung wird man schwerlich »Weltflucht« nennen dürfen, denn sie ist ja ein Umweg, um die Welt wahrhaft zu gewinnen und mit Geistes- und Gemütskraft zu durchdringen. Und wenn diese Welt nur eine Familie oder nur ein Freundeskreis ist: es genügt. Denn sobald diese Kräfte schöpferischen Gemütes und geläuterten Willens überhaupt da sind, so sind sie auch schon eine Macht. Eine stille Macht, die insgeheim weiterschwingt und jeden erwärmt, der mit diesem Wärme-Zentrum in Berührung kommt. * Aber ästhetische Kultur ist umfassender als bloße Ethik. Denn sie umschließt vor allem das Schöne , nicht nur das Gute. Das wahrhaft Schöne kann wenigstens und muß sogar, tief gefaßt, gut sein: das Gute aber braucht nicht auch schön zu sein. Der ethischen Strenge wird demnach in ihrem isolierten Zustand leicht der Geschmack fehlen; die Sinne und die Vielheit der Natur kommen bei bloßer Gewissenspflege zu kurz. So kam Schiller, als er Kant genügend in sich aufgenommen, zu Goethe: von der Sittenstrenge zur Schönheit. * 3. Lebensverklärung Mit diesem Kapitel betreten wir ein strittiges Land. Aus der Region der Gewissenspflege treten wir in die Region der Geschmackspflege. Die wichtige Bewegung der sogenannten »Kunsterziehung« (Erziehung zum Kunstverständnis) hat in jüngster Zeit von vielen tüchtigen Geistern Besitz ergriffen. Wir erleben Kunstkongresse, Reden und Bücher; die Erörterung reißt nicht ab; und das Angebot billiger und meist recht guter »Meisterdrucke« usw. ist so reichlich geworden, daß man sich vor Überfülle kaum mehr zu raten weiß. Viele Sortimenter haben sich entschließen müssen, diese Art von reproduktiver Malerei in ihren Buchhandel und in ihre Schaufenster mit hereinzuziehen. Der Buchschmuck hat Bedeutung erlangt. Kurz: es hat ein Einbruch der Malerei in das stille Gebiet der Literatur stattgefunden. Ist das nun eine zufällige Zeiterscheinung? Oder hat diese hervorragende Pflege des dekorativen Elementes tiefere Wurzeln? Diese Erscheinung hängt unterirdisch mit der Milieumalerei des Naturalismus zusammen. Eine Zeit ohne viel Seele, aber mit scharfen Blicken, lebhaft hingegeben an die Welt des Gegenständlichen, eifrig in mikroskopischen Untersuchungen und Bazillenforschung, geübt im kritischen Zergliedern der körperlichen Seite von Literaturwerken (etwa der Bibel) – eine solche Zeit steht nicht seelenvoll mitlebend in den Dingen drin und schafft nicht unbefangen von innen heraus; sie steht auch nicht philosophisch über den Dingen und faßt deren Geistgehalt zusammen. Sie steht vielmehr den Erscheinungen gegenüber . Wie der Maler, Beobachter, Analytiker seinen Gegenständen gegenübersteht, richtend und sichtend. So kommt etwas Fremdes und Kaltes (»Objektives«) in den Ton unserer Zeit. Das Schildern und Beschreiben tritt in den Vordergrund; die Massen in ihrer wuchtig sichtbaren Wirkung werden sehr ernst genommen. Ein Taine – Zolas Lehrmeister – schildert glänzend das Milieu, aus dem Geister wie Dante oder Franz von Assisi emporgewachsen; schildert auch packend Erscheinung und Gebärde eines Franziskus oder Dante. Aber er schildert eben: er schaut von außen. Die Seele dieser seelentiefen Menschen kann er nicht erleben; kann also auch nicht das Weltbild so sehen, wie es sich in jenen gotterleuchteten Menschen widergespiegelt hat. Denn Gott – was ist Gott? Die Natur ist Gott. Die gegenständliche, aufdringliche Natur mit ihren Farben, Linien, Gerüchen, ihren geschlechtlichen Stammbäumen, ihren Vererbungen, ihrer lastenden diesseitigen Wucht. Und Geist – was ist Geist? Wir sind im Zeitalter eines Haeckel, nicht eines Kant oder Plato. Geist ist die Fähigkeit, womit ich die Materie – nicht etwa verkläre, vergeistige, durchleuchte mit einer ganz besonderen und selbständigen inneren Leuchtkraft, nein: womit ich die so ungeheuer wichtige Materie schildere und analysiere . Das Primat der Materie – das ist die Ästhetik des Naturalismus. Und dies ist die Ursache, warum dem geistiger gestimmten Zeitgenossen die jetzt so einflußreiche Kunstbewegung keine reine Freude macht. Es ist darin zwar ein Drang zur Lebensvergoldung und Weltverklärung; es ist aber darin auch zu viel Zugeständnis an die Materie. Dies Wichtignehmen des Sinnlich-Sichtbaren, dies Überwuchern der schildernden Anschauung oder breiten Erzählung (wir sind im Zeitalter der analysierenden Romane!) wirkt hinwiederum auf unsere Ästhetik zurück. Auch in der Literatur schädigt ein vordringlich dekoratives Element die Harmonie des Ganzen. Ein Dagegenreden dürfte vorerst nur Kraftvergeudung sein. Solche Epidemien haben ihren organischen Verlauf, erreichen einen Höhepunkt und flauen dann wieder ab. Man muß auch hier das Wohltätige beizeiten erkennen und sich das Dauernde aneignen. * Gewissenspflege ist der innere Weg zur ästhetischen Kultur. Geschmackspflege ist der äußere Weg zur ästhetischen Kultur. Man kann beides vertauschen und kann von einem »künstlerischen Gewissen« und einem »sittlichen Geschmack« sprechen. Beide Gebilde berühren sich fortwährend und sollten, wenn wohlgewachsen, zu einem Ganzen zusammenwirken. Seelische Kultur und Geschmackskultur ergänzen einander. Die Grundlage aber muß die seelische Kultur bilden. Zumal wir in Deutschland pflegen doch wohl mehr »von innen nach außen« zu bauen als umgekehrt. Ein geschmackvoller, aber unsittlicher Franzose läßt sich denken; er verdeckt den inneren Mangel durch Esprit und Grazie; ein geschmackvoller, aber unsittlicher Deutscher – ist kein Deutscher. Denn die Struktur unseres Wesens ist eine seelisch andre; die Überlieferung, diese mächtige Erzieherin, hat unser Wesen von den Urzeiten der Edda bis auf Kant, Goethe, Schiller in klar erkennbarer Weise geprägt. Transformationen sind zwar möglich und vielleicht notwendig; aber sie dürfen sich nicht entfalten zum Schaden unserer Grundkraft: des deutschen Gewissens und der deutschen Seele. Darum wird auch unsere Ästhetik aus der Tiefe wachsen. Und das Wort »Geschmack« ist für unsere Wesensart keine erschöpfende künstlerische Forderung. Wir gießen daher noch eine chemische Mischung, eine Forderung des Gemütes, hinzu und vertiefen das Wort »Geschmack« zum besseren Worte: »Lebensverklärung«. * Lebensverklärung ... Die Anklagen wider deutsche Geschmacklosigkeit, die seit Goethe nicht verstummt sind und in den neuesten Böcklin-Streitigkeiten wieder eine Rolle spielen, lassen Wichtigeres außer acht. Es wird zwischen der Seele eines Gegenstandes und seinem Äußeren leicht ein Gegensatz entstehen. Der Künstler muß mit seinem spröden Material rechnen; der Käufer mit seinen beschränkten Mitteln . Und hauptsächlich: es kann eine Zeichnung oder Statuette, ein Gebäude oder ein Garten so liebe Erinnerungen bergen, daß diese Dinge wegen ihres inneren Wertes eine Ehrenstelle in meiner Anschauung und in meinem Gemüt erhalten. Ein lebensvolles Zimmer wird daher in einer Nation, die Gemüt und Seele hat, sehr oft nicht nach den strengen Regeln eines geläuterten Geschmacks eingerichtet sein; bis zur Sentimentalität hängt bei uns Deutschen mancher an einem alten Möbel oder an einem schlechten Bild. Der Kunstkenner, der in das Zimmer tritt, wird sich befremdet fühlen: dem Besitzer aber sprechen diese Dinge. Liebe und Pietät – so heißt der Faktor, der in Deutschland durch alle Kunsterziehung immer wieder einen Querstrich macht. Schadet das viel? Vielleicht zwar, ja sicherlich spielen auch öfters Trägheit und Gedankenlosigkeit mit. Und insofern kann Aufrüttelung durch unsre wackern Geschmacks-Vorkämpfer nur heilsam wirken. Aber der innere Geschmack – ich möchte fast von einem Gemüts-Geschmack sprechen – formt sich seine Umgebung nach andren Gesetzen. Er formt sie so, daß sie ganz persönlich ihm, dem Besitzer, etwas sagt und etwas gibt. Und da kann denn ein unbedeutend Bildchen, mühsam gemalt von liebender Hand, oder ein verstäubter Waldkranz, voll von Walderinnerungen aus Sommertagen, mehr innere Schönheit besitzen als die gelungenste Steinzeichnung oder der vorzüglichste Kupferdruck. Demnach ist die Fragestellung unserer Kunsterzieher zu berichtigen. Das Problem ist nicht mit der Frage erschöpft: Wie bringen wir möglichst billige und möglichst gute Bilder ins deutsche Haus? Die Fragestellung muß vielmehr dahin ergänzt werden: Was können wir alle, Künstler und Literaten, Pfarrer und Lehrer oder wer auch immer, alle Männer und Frauen von Einfluß – was können wir dazu beitragen, daß wieder mehr Kraft der Lebensverklärung in den Menschen des deutschen Hauses schöpferisch tätig werde? Es muß Poesie in den Herzen sein, wenn Poesie ins Haus kommen soll. Die Hausverklärung muß von innen herausstrahlen. Nur wo Menschen inneres Leben haben, tritt die erfinderische Kraft des Gemütes organisch und natürlich nach außen in Erscheinung. Ist dieser innere Schaffensprozeß – den man in unserer Ästhetik des Kunstgenießens viel zu viel unterschätzt – nicht vorhanden, so wird keine Wändebehängung, die von außen hereingetragen wird, das Herz entzünden. Nur der warme Mensch entzündet den Menschen . »Mir scheint, das Grundübel des Haushaltens liegt darin, daß ihm der Mensch nicht als heilig gilt. Begreifen wir doch, daß ein Haus bis in alle Einzelheiten seiner Ökonomie Zeugnis dafür ablegen muß, daß die Kultur des Menschen der Zweck ist, zu dem es erbaut und ausgestattet ist. Wenn die Seele der Wahrheit und der Liebe anbetend dient, so durchströmen Ehre und Edelsinn jegliches Tun. Das Haus eines Menschen soll ein immer offener Hort sein für die Guten und Wahren, eine Halle, aus der die Aufrichtigkeit hervorleuchtet, Stirnen, auf denen stete Ruhe thront« ... Emerson ist es, der diese Forderung ausspricht. Wer werden gerade bei ihm sehen, wie er Geschmackspflege von innen her getrieben, indem er sie zur Lebensverklärung vertieft hat. * Wir sind demnach mit den Kunsterziehern gar nicht in Streit, wir ergänzen nur. Gern geben wir zu: es gibt Dinge, die technisch erledigt sein wollen und nichts zu tun haben mit Herz und Charakter. Ein Detonieren tut nicht gerade meinem »Herzen« weh, wohl aber quält es auf das Empfindlichste mein Ohr und dadurch meinen musikalischen Geschmack. Und nicht das beste Herz entschuldigt ein salopp geschriebenes Buch oder ein leichtsinnig gemaltes Bild. In allen solchen Stilfragen, nicht nur in Stickerei, Weberei, Schnitzerei, Gartenkunst, Zimmertapeten usw., gelten die dem Gegenstand innewohnenden Gesetze. Und hier betätigen sich die besondern Begabungen, die Veranlagungen für das »spezifisch Künstlerische«, soweit es Lust und Kraft zum Handwerk ist. Da hat Goethes äußeres Stilprinzip, das von reiner und ruhiger Betrachtung des Gegenstandes ausging, eine Ergänzung gebildet zu Schillers innerer Stilforderung, die eine Läuterung des betrachtenden Menschen verlangte. Harmonie zu erzielen zwischen Innen und Außen, zwischen Seelengehalt und Ausdrucksvermögen: das ist unsre Aufgabe. Damit brechen wir zunächst diese Betrachtungen ab. Wir werden sie später in andren Formen weiterführen. Vom literarischen Messias Was ist Schönheit? Zur Erkenntnis und Empfindung gehören zwei: der betrachtete Gegenstand und der betrachtende Mensch. Aus dem Verhältnis beider – wie aus dem Verhältnis zweier magnetischer Pole – ergibt sich die Wirkung. Schönheit ist also teils etwas, was draußen ist, im Gegenstand; Schönheit ist aber zur größeren Hälfte etwas, was in uns drinnen ist. Schönheit ist im letzteren Falle eine Kraft des Gemütes . Ich ging heute nachmittag durch einen stillen, weißen Winterwald. Der Wald stand kalt, klar, stumm – eine marmorne Schönheit. Es war so still, daß ich das Summen und Singen im eigenen Kopf und Blut vernahm. Man wurde selbst ein erhabener Winterwald. Unten aber im Tal zogen laute Burschen vorüber, pfeifend, die Harmonie dieser Schönheit zerreißend mit rohfröhlichem Gejohl. Der Wald war dort derselbe: aber seine Erhabenheit wirkte nicht; die menschlichen Pole waren dort nicht auf den Gegenpol des Waldes gestimmt: es gab kein Verhältnis. Unsere Ästhetik fragt viel zu viel, was Schönheit objektiv »ist«. Wir wollen lieber den Blick umkehren und sagen: Was Schönheit »ist«, weiß kein Sterblicher; sowenig wir jemals das »Ding an sich« erkennen werden. Alle irdischen Erkenntnisse sind abhängig von dem, der erkennt: von unserem seelischen Zustand. Von unserem »seelischen«, nicht vom sinnlichen, denn die Sinne sind Diener der Seele. Mit den Sinnen sahen jene Jungen den Wald auch, aber ihre Seele war nicht auf den Wald gestimmt. Dies wende ich nun auf die Suche nach dem »literarischen Messias« an, die seit zwanzig Jahren in unserer Literatur umgeht. Wir drehen die Frage um und verwandeln sie aus einer spekulativen in eine praktische, in eine nahe Frage: Sind wir gestimmt und fähig, das Genie aufzunehmen? Literatentum Das Reich der Gottheit – der Schönheit, Weisheit und Stärke – kommt nicht zu den Schriftgelehrten, Talmudisten und Pharisäern, kommt nicht zu den Literaten. Nicht als ob sie Irrlehren verbreiteten oder nicht gescheit genug wären; der Grund liegt tiefer und ist beinahe tragisch. Ihr Leben lang regen sich diese Eifernden in Kongressen und Vereinen, in Kaffees, Zeitschriften und Theatern leidenschaftlich auf über das, was »echte Kunst« sei, hadern mit Gegenrichtungen, schreiben Artikel und Kritiken, durchlärmen das literarische Feld – und vergehen wie der Rauch. Sie haben nach Akkorden gesucht – und ihr Tun war Dissonanz; eben die Art ihres Akkordesuchens war ihre Dissonanz. Über Hohes und Schönes sprechend, haben sie gekrittelt, gescholten, zu Gericht gesessen – alles ad majorem dei gloriam, zu Ehren der Gottheit, der sie in künstlerischen Formen dienen wollten. Es ist der hadernde Gottesbegriff der Rechthaber und Räsoneure: der Menschen, die mit Verstand und Leidenschaftlichkeit das Welträtsel bezwingen wollen. Sie überschätzen die Dialektik; sie »beweisen« den Montblanc hinweg – und der Montblanc steht; sie legen dar, daß Richard Wagner kein Musiker und Schiller ein Rhetoriker sei – und Wagner und Schiller wirken in unsterblicher Ruhe weiter. Es sind die Sophisten zur Zeit des Sokrates und die »Schriftgelehrten« zur Zeit Jesu. Es sind die Literaten von heute. Es ist schlechthin die Literaturkrankheit – die Verfinsterung der Poesie. Beachte zum Beispiel, lieber Leser: du siehst in einem Bach-Konzert massenhaft Volk sitzen, zumal unreifes Volk, aus deren nervösem Gehaben du weißt, daß sie von Bachs Mannesernst und Religionstiefe nichts, aber auch nichts besitzen oder in Leben umsetzen: sie sind gleichwohl »enthusiasmiert« von der Matthäuspassion oder der H-Moll-Messe, sie sind Bach-Verehrer und Beethoven-Kenner, sie schreiben Kritiken und Artikel, sie sind Kunstkenner ersten Ranges. Was verehren sie an Bach, Beethoven und Shakespeare? den Gehalt? den Seelengehalt, in dem Bach gelebt und geatmet hat und ohne den unser Bach einfach undenkbar ist? Nein. Just dies haben sie abgestreift. Den religiösen Lebensinhalt haben sie als unbequem beiseite geworfen (nicht nur das Dogma): die Schale behielten sie. Diese ausgeblasene Schale nennen sie »Kunst«. So ist unser Geistesleben mit einem Schimmelpilz überzogen worden und ist erkrankt. Die großen Offenbarer der Menschheit – Christus obenan – werden nicht mehr nach ihren tief umgestaltenden Lebenskräften empfunden und in Lebenserneuerung umgesetzt; das Entscheidende ist nicht mehr die Tat , denn das wäre zu lästig, das würde ja dem Räsonieren, Händefuchteln und Besserwissen (ihre Lieblingsbeschäftigung) von Grund aus ein Ende machen. Die Großen werden viel angenehmer nach ihren Äußerungsformen besprochen und verglichen; etwa: »Während Schnitzler – hat Shakespeare – Wedekind hinwiederum – Goethe seinerseits – Dehmels Standpunkt« – – so fliegt groß und klein durcheinander, so schreibt das mit Verstand Bücher über Bücher, charakterisiert Form und Erscheinung: – und umgeht die eigentliche Herrlichkeit der Großen: die eigene Lebensgestaltung und Lebensumgestaltung . Und da gerade fängt für uns Wert und Sinn des Lebens an. Das ist die Kopfkrankheit der Literatur. Sie hat mit dem faulen Schimmelpilz sittlicher Willensschwäche das Menschentum überkrustet und mit »Intelligenz« das Herz erstickt. Was für Lebensernst und wieviel Lebenstiefe gehört dazu, die inneren Kämpfe eines Goethe, Luther oder Franz von Assisi (ich wähle drei verschiedenste Beispiele) mitfühlend nachzuleben! Nehmen wir nun an, ein Genie käme und gestaltete kongenial, aus gewaltigen seelischen Nöten heraus, eines jener drei Lebensbeispiele. Was wäre seine Wirkung? Die Horde von Literaten, die in üppigem Gedränge zwischen Dichter und Nation als Vermittler und Kritiker alle Tore besetzt hält, sie stürzte sich auf die Form : sie vergliche mit Shakespeare, besonders aber mit Hebbel und Ibsen; legte dar, der erste Akt sei mißglückt, der dritte geschickt, der Schluß zu reflektiv; die Sprache sei zu lyrisch, zu plump oder zu papieren, stellenweise aber poetisch; das Ganze sei ein achtbarer Versuch, »das historische Drama wieder zu beleben« ... Form, Form, Form! Nicht eine Spur von Befähigung, die heroischen Kämpfe, das eigentlich Herrliche, das uns das Genie zu bringen hätte , im Prosawort nachzuleben! Nicht ein Versuch, einer Nation von bedeutenden Zuhörern als Vermittler die Empfindung einzuimpfen, daß hier und was für neue Lebenskräfte – Kräfte zur Umgestaltung unseres Innern – in Erscheinung getreten sind. Sie kennen ja die Worte gar nicht mehr, die man dazu braucht, geschweige das Wesen. Mag darum ein neuer Weltheiland in schlicht-großen Gleichnissen tiefsten Einblick in Kosmos und Gottheit offenbaren: auch dies wäre jenen auf kurzschwingenden Verstand gestimmten Blinden nur Form – ein mehr oder minder »gelungenes Gleichnis« . Noch einmal denken wir an unseren stillen Winterwald zurück. Die Sinne jener schwelgenden und lachenden Burschen sahen den Wald vielleicht noch schärfer als ich: aber ihre Seele war nicht bereitet, in die feineren Schwingungen dieser Schönheit einzugehen und das Ewige darin zu erlauschen. * Die Sprache der Symbolik Mythen sind Symbole für Naturvorgänge. Aber Naturvorgänge hinwiederum haben ihre Begleiterscheinungen in Vorgängen der geistigen Welt. So können die Mythen in gewaltigen Bildern unser eigenes Innere deuten. Das ist ihr geheimer Sinn, das ist ihr ewiger Wert. Wir haben alle Witterungen der Luft auch in uns. In uns ist Zorngewitter und milde Stimmung, in uns Regen und Winter. In uns ist Prometheus und Wieland, in uns die hochmütige Königin oder das zarte Sneewittchen ... Die ganze Weltgeschichte, nicht nur der Mythus, ist dem seelischen Wesen nach keimhaft in uns enthalten: Ketzer und Ketzerrichter, Königswürde und Aufruhr, weibliche Duldungskraft und männliche Tat – alles. Die Weltgeschichte ist eine Nach-außen-Spiegelung dessen, was an furchtbaren und schönen Seelengaben und Geisteskräften in der Menschheit verborgen liegt. Wenigstens der Möglichkeit nach, und in buntesten Abstufungen liegt alles »ins Enge gebracht« in jedem von uns. Das Innen wirkt nach außen, aus Drang nach Betätigung; das so sichtbar und hörbar gewordene Außen reizt nun wieder das Innen andrer zu Gegenwirkungen. So ist alles ein Wechselspiel. Das Gemälde erscheint zwar auf der breiten Leinwand der Geschichte: aber der geheime Maler sitzt in uns – und unser Meister steht hinter uns, in jenseitigen Reichen. Prometheus oder Wieland sind daher für den, der lesen kann, keine toten Worte, sondern magische Zahlen, die mir in Bilderschrift Kämpfe meines eigenen Innern deuten. Und damit, durch Rückschluß, deuten mir diese Gestalten Zustände des Menschheits-Innern überhaupt. Indem ich etwas lebhaft mitlebe, trete ich mit Hilfe der Phantasie in den gleichen Zustand ein. So wird mir am Beispiel der Naturvorgänge, der Mythen und Märchen das eigene Wesen deutlich. Weltgeschichte und Weltliteratur werden eine Chronik meiner Innenwelt. Ich entdecke, daß ich genau so organisiert bin wie diese Kämpfer und Dulder, daß ich unter denselben Lebensbedingungen dieselbe Planetenluft atme. Ein großes Einheitsgefühl mit aller Menschheit überkommt mich. Dieser Stern kommt mir wie eine einzige Kollektiv-Persönlichkeit vor, in deren Gedankenwerk auch ich eingesponnen bin. Und so habe ich plötzlich alles Geschehene und Geschehende als eine Bildersprache des Ewigen, von dem auch ich ein Teil bin, lesen gelernt. Es gibt nichts mehr, was mir nicht irgend etwas zu sagen hätte, was nicht in günstiger Stunde zu sprechen und sich zu beleben vermöchte. Die Welt wird ein Märchen. Aus dem Zustande der Kritik bin ich damit in den Zustand der Poesie eingetreten. Ich verbessere und befehde nicht mehr Gottheit und Schöpfung, sondern lasse mir von ihr erzählen. Und meine Hauptkraft wird nun dahin wachsen: rein und ruhig zuzuhören und getreu wiederzugeben. So geht man mit einer gewissen Neugierde, die jung erhält, durch die farbige Welt, den vielfältigen Abglanz der Gottheit. * Poesie Poesie ist Symbolik. Diese belebende Symbolik, die den Hauch und das Wesen der Schöpfung in Worte verwandelt, wird nicht auf begrifflichem oder lehrhaftem Wege gewonnen. Poesie tönt vielmehr unmittelbar aus der Seele der Natur oder des Menschen in das melodische Wort ein. Natur und Seele sind in Augenblicken dichterischer Stimmung eins: sie sprühen ineinander über – und das dichterische Wort blitzt auf. Unter Orpheus' belebenden Tönen geraten die Steine in Tanz, und Eurydike kehrt auf einen Augenblick aus dem Totenlande zurück. Er gibt ihnen Seele. Midas verwandelt in Gold, was er anfaßt; Midas flüstert ins Schilf, und das Schilf spricht: er gibt Seele. Die Schatten der Unterwelt drängen an die blutgefüllte Zaubergrube des Odysseus (Odyss. XI.): sie bitten um Belebung. So ist im Dichter eine schöpferische Anhauchkraft. Man möchte sagen: der dichterische Zustand, so wie wir ihn hier fassen, ist ein erhöhter Lebenszustand. Er duldet kein Totes. Mittel der Poesie ist das Wort. Es ist nicht die Worthülse an sich, die belebt; das sind ja nur vererbte Zeichen, überkommene Handwerksstücke, die an den Wänden hangen. Es ist die innere Schwingung, der Kraftvorrat, die Seele, die im Worte lebt und uns in gleiche Schwingung versetzt. Diese suggestive Kraft, ob milde Wärme oder lohendes Feuer, zwingt den Gegenpol in dieselbe Verfassung, in der sich der ausstrahlende Pol befand. Es muß – wie oben bei unsrem Winterwald – ein Verhältnis geben, wenn Poesie wirken soll. Genie und Nation sind oft durchaus nicht aufeinander gestimmt: das Genie ist oft längst geladen mit erlösender Kraft, aber die Kraft bleibt verschleiert oder prägt sich nicht wirksam: weil kein empfänglich wollender Gegenpol vorhanden ist. Der Musik steht das dichterische Wort näher als der Malerei; denn es ist magischer Klang. Poesie malt nicht: Poesie gibt einen Eindruck. Sie wählt instinktiv die Wortklänge, die in ihrer Verbindung den gewünschten Eindruck geben. Bald wählt sie die Worte nach dem sonoren oder leichten Klang, bald unterstreicht sie die Anschauung, bald fordert sie unsere Gesinnungs- oder Gemütskräfte heraus; je nach der künstlerischen Absicht oder dem dichterischen Drang. Der Bewußtheit und dem Willen entzieht sich die Poesie. Die Muse ist eine zu vornehme Herrin; Poesie ist Gnade. Zwar kann Schriftstellerei (Roman und Feuilleton) dichterische Elemente enthalten, teils in der Stimmung des Ganzen, teils in gehobenen Einzelheiten. Aber jene Poesie, die nicht mit Wissenschaft, d. h. Verstand benachbart, sondern der religiösen Stimmung verschwistert ist, die durch die Welt geht wie durch ein anzustaunendes Märchen, die mit der Gottheit ebenso spricht wie mit dem Nachtwind oder dem Stein am Wege: jene eigentliche und reine Poesie flutet, wie durch einen Wolkenriß, aus dem Ewigen herein. Solche Poesie ist etwas Transzendentes; sie gibt Kunde von einer Welt, die der gewöhnlichen Erkenntnisweise übergeordnet ist. Verstand und Skeptizismus sind daher ihre Büttel und Mörder. Und Literatur, die mit Skeptizismus und Kritik durchfeucht ist, bedeutet eine Verfinsterung der Poesie. Denn Poesie öffnet sich nur dem Gläubigen, d. h. der herzlichen Unbefangenheit, der offenen Seele. So leuchtet Poesie in unsre Verstandestätigkeiten herunter wie eine Fata Morgana: wie eine wohlbekannte, Heimweh weckende und doch unzugängliche Himmelslandschaft. Es ist unmöglich zu sagen, was Poesie »ist«; kaum können wir andeuten, wie sie wirkt. Es ist vielleicht Geisterbesuch. Dieses Bild, wenn es ein Bild ist, sei meine letzte Erklärung. * Stil Wir haben es bis zur Geschmacklosigkeit wiederholt: le style c'est l'homme, der Stil ist Ausdrucksform eines Menscheninnern. Sich aber wesentlich mit den Stilgesetzen an und für sich zu beschäftigen statt mit dem ganzen Menschen, der sich im Stil offenbart, ist Kennzeichen einer Verfallszeit. Denn starke Zeiten und Menschen sind so gefüllt mit innerem Leben, mit Vorstellungen, Bildern, Gedanken, daß sie gar nicht den Blick finden, sich derart von außen das Gehäuse der Poesie zu betrachten. Sie schauen durch den Mantel hindurch die Gottheit. Sie sind so voll und froh vom Besuche des Gottes, daß sie nachher gar nicht mehr zu sagen wissen, wie er im einzelnen gekleidet war. Der Nüchterne weiß es zu sagen. Kunst und Poesie sind zweierlei Dinge, die sich nicht immer decken. Kunst ist Besonnenheit, Poesie ist Drang; Kunst ist feste Form, Poesie ist flüssiges Feuer; Kunst ist der Erdleib, die vom schöpferischen Geistleib der Poesie geschaffen wird. Stirbt nun eine schöpferische Zeit oder ein feueratmend Genie, so lassen sie ihre Formen zurück; die irdische Entwicklung geht über die Hülsen (Sprache, Metrum, zeitbedingte Vergleiche) hinüber; ein Teil der Literatur beschäftigt sich nun mit diesem Museum voll Formen: – der geringere Teil sucht den Geist, das Jenseits der Formen. In diesem Falle befinden wir uns in diesen Blättern. Es widerstrebt mir, nun auch noch vom »neuen Stil« zu reden, wie es bereits unsere Zeitgenossen übermäßig tun. Denn ich hungre nicht nach Stilkünsten des ewig wechselfrohen und reizbedürftigen Literatentums, sondern nach dem ewig Gleichen , das über den Formen steht. Überall in den modernen Formen sind Poesieteile, in Hauptmann wie in Hoffmannsthal, in unseren Romanen wie in unseren Bühnenstücken. Wir kommen aber nicht in bedeutende Offenbarungen hinein, weil sich etwas, was ich fast »religiösen Hunger« nennen möchte, in dieser Literatur des Skeptizismus nicht mächtig emporzurecken wagt: der Hunger nach dem Genie. Nicht nach »dem neuen Stil«, sondern nach einem bedeutenden Verhältnis zwischen Mensch und Gottheit . Das besaßen unsere Klassiker, das besaßen Kant und Friedrich. Und daraus ergab sich ihr Stil. Dieser Stil war nicht anschauungslüstern, wie der Stil des modernen Materialismus, sondern geistesstark. Geist ohne Materie ist nicht denkbar, das wußte Goethe genau: aber er und seine Gefährten waren auch durchdrungen vom Primat des Geistes, vom innigen Wechselverhältnis zwischen Natur und Gottheit, zwischen heiligender Sammlung in der Stille (»weiser Beschränkung«) und mannigfaltigem Spiel des Lebens. So erhielt ihr Stil Seele und Tiefe. Sie erstrebten Harmonie in ihrer Bildung und erstrebten Harmonie im Stil. Nervig, knapp, energisch war der Stil des Königs; geistesscharf der Stil des unerbittlichen Kant; stolz und heiß Schillers dramatisch belebter Stil; weit und fein und warm Goethes Weltbeseelung. Man darf daher die Meinung aussprechen, daß eine Beschäftigung mit dem Wesen großer Männer und eine entsprechende, an den Stolz appellierende, tapfere Selbsterziehung jetzt wichtiger sind als diese entnervende Beschäftigung mit den Formen der Kunst und den Gesetzen des Stils. Edelfrauen Schiller war eine Natur, die der Beruhigung bedurfte; er hat in seiner sanften, treu und stark sich einfühlenden Lotte seines Sehnens Erfüllung gefunden. Goethe, dessen Wesen der weiblichen Muse bedurfte und dessen langsames Wachsen Ring an Ringe setzte und Epoche zu Epoche fügte, ist auch in seinem Liebesleben eine anders gestimmte Natur. Man kann aus Schillers und Lottes Briefen einen Perlenkranz von Prosalyrik zusammenreihen. Wie tiefglücklich ist Lotte! »O, ein guter Genius führte Dich mir zu! Daß Du die Freude meines Lebens sein solltest, und ich nur Dich glücklich zu machen existieren sollte, Lieber, Teurer! es ist ein süßer, süßer Gedanke! ... Es lieben gewiß wenige so stark und treu wie ich, und ich kann es so wenig fühlbar machen! Ich trug, wie ich jünger war, immer das Gefühl mit mir herum (ich weiß nicht woher), daß man mich nicht lieben könne, nicht so zum wenigsten als ich. Daher mag mir vielleicht dieser Anschein von Kälte, von Verschlossenheit geblieben sein, weil ich immer sorgfältig jedes meiner Gefühle verbarg. Aber nun, mein lieber, teurer Freund, weißt Du es und fühlst es, nicht wahr? ... O, der Gedanke hebt meine Seele, Dir Freude geben zu können, Dir ruhige, schöne Momente schaffen zu können in meinem Herzen! ... Mögen die Menschen um uns her denken und sagen, was sie wollen, wir brauchen sie nicht.« Und Schiller: »Ich habe nie so frei und kühn die Gedankenwelt durchschwärmen können als jetzt, da meine Seele ein Eigentum hat und nicht mehr Gefahr laufen kann, sich selbst zu verlieren. Ich weiß, wo ich mich immer wiederfinde.« So streben diese beiden zu einer edlen Einheit. Und in dieser Einheit verstehender Liebe wird es ruhig in ihnen; sie werden sicher, warm und groß. Lotte wächst an ihrem Dichter, den sie wie ein »höheres Wesen« in ihre Welt gestellt sieht; noch die Witwe bekundet in zahlreichen Stellen ihrer schönen Briefe oder in dichterischen Bekenntnissen, wie sie voll ist von Schillers Geist und ihre Kinder in diesem Geiste lebensstark erzieht. Wie anders Goethe! Man kann keine vollkommene Freude an seiner Ehe empfinden, es ist kein Segen über seinen Kindern, es ist Wechsel in seinen Herzensneigungen. Mit ganzem Glanz strömen sie in ihn ein, diese wertvollen Frauengestalten; der unbedeutendsten eine wird aber seine Haushälterin; eine kongeniale Gattin ist ihm nicht beschieden. Von den Frauen, die ihn vielleicht verstanden hätten – Lili, Corona Schröter, Frau von Stein usw. – trennt ihn das Schicksal auf unbegreifliche Weise. Wie erklärt sich diese Seltsamkeit? Ist das bei Goethe wirklich Ehescheu, Liebe zur Freiheit, Lust am Wechsel? – Ich vermute, daß diese Schicksalsführung tiefer liegt. Bielschowsky wirft in seinem hübschen Aufsatz über Friederike Brion die Frage auf: warum hat der Studiosus Goethe die anmutige Pfarrerstochter nicht geheiratet? Er beantwortet seine Frage durch einen Hinweis auf das Märchen »Die neue Melusine«. Goethe hat sich von so viel Anmut getrennt, weil sein höheres Ich Angst hatte vor der drohenden Enge und Kleinheit bürgerlicher Verhältnisse, in denen seine geahnte Lebensaufgabe ersticken konnte. Der erzählende Held der »neuen Melusine« wird bekanntlich in ein winzig Männchen verwandelt, damit er der Kleinheit seiner Geliebten entspräche. »Meinem kleinen Gaumen«, erzählt nun der Verwandelte, »schmeckten die zarten Bissen vortrefflich; ein Kuß von dem Mündchen meiner Gattin war gar zu reizend; und ich leugne nicht, die Neuheit machte mir diese Verhältnisse höchst angenehm. Dabei hatt' ich jedoch meinen vorigen Zustand nicht vergessen. Ich empfand in mir einen Maßstab voriger Größe , welches mich unruhig und unglücklich machte. Ich hatte ein Ideal von mir selbst und erschien mir manchmal im Traum wie ein Riese«. Er durchfeilt den verzaubernden Ring und erlangt seine frühere Größe wieder. Goethe teilt in »Dichtung und Wahrheit« mit, er hätte dies Märchen (sicherlich in anderer Form) in Sesenheim erzählt. Wenn man nun bedenkt, wie Goethe ganz voll Symbolik steckt, so haben wir hier in der Tat eine seelische Erklärung seines Verhaltens. Eine Erklärung, keine Rechtfertigung: er selber rechtfertigte sich nicht, er litt schwer unter seiner Liebe, er trennte sich unter Schmerzen, er war in wirklichen Herzensneigungen keine leichtfertige, sondern eine schwerblütige, leidensfähige Natur. Heinrich von Stein hat uns darauf aufmerksam gemacht. Wir wollen einmal dem hier versteckten geistigen Gesetz näher zu kommen suchen. * Aus irgend einer okkultistischen Schrift ist mir die Bemerkung im Gedächtnis geblieben, ein wahrhaft wachsender Mensch habe nicht sein ganzes Leben hindurch denselben Schutzgeist. Sondern diese mystischen geistigen Führer oder Führerinnen lösten einander ab, je nach der Stufe der Reife, die ihr Schützling in seinem bunten Erdenleben erreiche. Dieser war etwa in einer jugendlichen Epoche ein heiterer Gesell und hätte eine ernste innere Stimme gar nicht angehört. Sein »Daimonion« – wie Sokrates seinen Schutzgeist nannte – nahm daher ein heiter-ernstes Wesen an, gesellte ihm Freunde zu, die an sein Vorhandenes scherzend anknüpfen konnten, die ihn aber dabei unvermerkt höher führten. Katastrophen traten auf bestimmter Entwicklungsstufe in sein Leben ein; seine aufgerüttelte Aufmerksamkeit richtete sich auf ernstere und edlere Dinge; frühere Freunde wuchsen entweder mit oder wurden überholt; neue Anreger traten in seine Sphäre. So sind in uns und um uns, wenn wir nur richtig zu lauschen verstehen, tatsächlich »Stimmen der Meister« vorhanden, die uns belehren. Die Sprache dieser symbolischen Meister paßt sich jedesmal dem Verständnis der Stufe an, auf der wir uns befinden. Goethes Schönheitssinn war ganz besonders empfänglich für die Stimmen der Natur und für die Symbolik der Frauen , dieser holden Gleichnisse der Schönheit. In solchen Formen trat das Ewige zu ihm heran. Nicht der Besitz der einzelnen Frau war ihm demnach das Ziel. Die Frau war ihm eine elektrische Kraft, an der seine eigene Kraft sich entflammte. Wie ein Sprühregen von Funken erglühte an diesen Frauen seine Poesie. Und es ist das Merkwürdige (was unsere Goethe-Philologie noch wenig beachtet hat), daß jede Goethesche Poesie-Epoche auch durch eine führende Frau gekennzeichnet ist. Die ländliche Friederike begleitete die Straßburger Epoche des Volksliedes, des Götz und der Faust-Anfänge, jene frischen Shakespeare-Einflüsse, die so Deutsches und Naturhaftes versprachen; Charlotte Kestner und die Werther-Epoche gehören zusammen; Lili Schönemann war die einzige, die wirklich als Goethes Gattin in Betracht kam, falls er sich in Frankfurt einer stolz-bürgerlichen Laufbahn gefügt hätte; Weimar war mehr als ein Jahrzehnt hindurch von der veredelnden Priesterin Frau von Stein gekennzeichnet, ohne die ein Tasso oder eine Iphigenie undenkbar sind. So kann man sagen, daß diese Frauen Mitarbeiterinnen an Goethes sämtlichen Werken sind. Mitarbeiterinnen? Man darf sogar sagen: Offenbarerinnen, Genien, Musen. Die Gottheit benutzte diese Edelgestalten, um zu dem Dichter in einer Symbolik zu sprechen, die seinem Verständnis entsprach. Durch Symbole und Repräsentanten schaute Goethe und schauen die Großen in die Welt: sie vermögen im besonderen Fall das Allgemeine, in der einzelnen Erscheinung bedeutsam das Gesetz zu erkennen. »Es kommt auf das Gemüt an, ob ihm ein Gegenstand etwas bedeuten soll«: einem Dante oder Goethe bedeutet eine geliebte Frau etwas völlig anderes als einem Menschen, der durch die Härte der Erscheinungen nicht hindurchzudringen vermag in ihren leuchtenden sinnbildlichen Geistgehalt. »Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis« – das ist die Schlußweisheit des großen Vergeistigers von Weimar. Und so hat er es oft ausgesprochen, daß an der Liebe zum einzelnen Weibe die Liebe zur ganzen Welt erwachen kann. Man braucht nur ein Wesen recht zu lieben, sagt er, so wird man allen Menschen gut. Und durch Frau von Stein sah er, wie durch einen Kristall hindurch, die ganze Welt glänzend und schön. Hier ist der Punkt, wo uns der Gehaltswert des schöpferischen Evangelienwortes »Liebe« ahnungsvoll aufgeht. Liebe ist wie ein Licht, das über die Welt fällt und das ganze Weltbild in Schönheit, Kraft und Güte verwandelt. So fasse man Goethes »Liebesgeschichten« auf! Wir werden alle besser dabei fahren und eine so leicht in Trivialität entgleisende Sache plötzlich mit feineren und reineren Augen anschauen. * Es ist interessant, zu sehen, was denn nun aus jenen Mädchen und Frauen geworden ist nach der Trennung von dem rastlosen Genius, auf den ihr Wesen nicht mehr zu wirken vermochte. Friederike und Lili waren blutjunge Mädchen, noch nicht zwanzig, als sie jenes Große erlebten. Sie haben schwer unter dem Riß gelitten. Von Friederike Brion singt der zerfahrene Dichter Lenz, der ihren Lebensweg flüchtig streifte, etwa dreiviertel Jahre nach Goethes Abreise: (Ein Pfarrer) Der hatt' ein Kind, zwar still und bleich, Vom Kummer krank, doch Engeln gleich: Sie hielt im halberloschnen Blick Noch Flammen ohne Maß zurück, All itzt in Andacht eingehüllt, Schön wie ein marmorn Heil'genbild ... Das Bild wird richtig sein. Dies liebenswerte Mädchen, dem unsere ganze Teilnahme gehört, verfiel nach Goethes Abreise in eine schwere Krankheit. Im stillen Pfarrhause standen keine neuen Eindrücke zur Verfügung, die ein Überwinden erleichterten; den ganzen Ansturm erster Liebe hatte dieser etwas zarte Organismus auszuhalten; der Schmerz brachte sie, wie Goethe selbst bekennt, an den Rand des Todes. Ihr Bild wirkte auf den Dichter tief und lange; Fausts Gretchen hat ihre schmerzlich-süßen Kinderzüge von dort erhalten. Und es ließ Goethe keine Ruhe, bis er sich acht Jahre später (1779) durch einen persönlichen Besuch im Pfarrhause zu Sesenheim überzeugt hatte, daß man ihm nicht grolle. Der Dichter der »Iphigenie«, und gleich im nächsten Jahre (1780) des »Tasso« – mit wundersam veränderten Gefühlen mag der Reifende durch das Elsaß gezogen sein! Er schied im Frieden »von den Geistern dieser Ausgesöhnten«; auch er hatte ernstlich gelitten und hatte sein Leid zu verklären die Kraft gefunden. Friederike weilte später eine Zeitlang bei ihrem Bruder (Pfarrer) im Steintal, tief im Wasgenwalde. Von 1805 bis zu ihrem Tode hat sie bei ihrem Schwager Marx zu Meißenheim bei Lahr, still gelebt und Gutes getan, allgemein beliebt, unvermählt; sie ist dort auch, einundsechzig Jahre alt, gestorben (3. April 1813). Eine von ihr erzogene Dame schrieb einmal an Pfarrer Lucius in Sesenheim: »Noch lange, wenn ich als Kind von einem Engel reden hörte, so dachte ich ihn mir wie Tante Brion in einem weißen Kleide.« Keiner Unwürdigen hat Goethe seine poesievolle Liebe geschenkt. Und Lili Schönemann? In demselben Versöhnungsjahre, in dem Goethe durch Sesenheim südwärts ritt, besuchte der weimarische Minister auch Lili; sie lebte zu Straßburg als Gattin des Barons von Türckheim. Es war im Spätsommer 1779, vier Jahre nach der Auflösung jenes Frankfurter Verlöbnisses. Die stolze und edle Patrizierstochter hat nicht weniger herb gelitten als das Pfarrerskind des elsässischen Dorfes, obwohl sie rascher, mit dem geübteren Willen der Salondame, darüber hinwegkam. Man hat sogar den Eindruck, daß hier gerade Goethe besonders stark innerlich gerüttelt wurde, bis ihm die schmerzliche Gewißheit wurde, an einem Frankfurter Bürgerherde sei nicht sein Platz. »Sie war in der Tat die erste, die ich tief und wahrhaft liebte. Auch kann ich sagen, daß sie die letzte gewesen. Ich bin meinem eigentlichen Glück nie so nahe gewesen als in der Zeit jener Liebe zu Lili« (Eckermann). Kaum ein Jahr nach Goethes Abreise verlobte sich Lili, auf Drängen der Mutter, um dem Geschwätz zu entgehen; und zwar mit einem elsässischen Hüttenbesitzer, der gleich nach der Verlobung – Bankerott machte und auf Nimmerwiedersehen entwich. Das brach die Kräfte dieser feinen, reichen, stolzen Natur; sie bezahlte mit einem langen, ernsten Krankenlager die schönen Jahre an Goethes Seite. Zwei Jahre später heiratete sie dann den Straßburger Bankier von Türckheim, einen wahrhaften Edelmann. Lang noch lag eine Trauer über ihrem Wesen, obwohl Goethe sie auf jener Herbstreise in anscheinend glücklichen Verhältnissen gefunden hatte. Die Revolutionsjahre brachten wiederum Prüfungen: die Ehegatten mußten auf getrennten Wegen flüchten. Frau Lili zu Fuß, in der Tracht einer Bäuerin, mit ihren fünf Kindern, deren jüngstes sie in einem Tuch auf dem Rücken trug! (Hier hat Goethe, wie Bielschowsky annimmt, entscheidende Anregungen zu ›Hermann und Dorothea‹ erhalten: er hörte nachträglich von diesen Schicksalen seiner ehemaligen Braut.) Nach allen Urkunden, die uns von und über Lili von Türckheim erhalten sind, war sie eine herrliche Gattin und Mutter, voll schönsten Menschentums. In ihren Familienpapieren schreibt sie einmal: »Entsagen zu lernen ist großer Gewinn; dadurch allein stehen wir über den Begebenheiten und werden nicht des Zufalls Spiel, dadurch stählen wir die Seele, ohne ihr die zarte Blüte des Gefühls zu rauben. Lasset uns zusammen diese Zeit als eine Schule betrachten; für meinen Teil habe ich stets die Prüfungen, die mir nicht erspart worden, mit warmem Dank gegen die Vorsehung angenommen, und ich kenne keine, die ich nicht mit Ergebenheit tragen werde; nur eine gibt es, die ich nicht überleben möchte: der Schmerz nämlich, hören zu müssen, daß meine Söhne den Götzen der Zeit opfern sollten.« Einer solchen Mutter konnte auch der bereits erwachsene Sohn (Fritz) begeistert schreiben: »Ich kenne keine größere Wonne, als Ihre und des Vaters Liebe verdienen zu dürfen! Die ehrfurchtsvolle Zuneigung, die uns allen für unsre angebetete Mutter wie angeboren ist, wächst stets in mir, seitdem ich durch reifere Erfahrung den moralischen Zweck einer jeden Ihrer edlen Handlungen habe würdigen können. Je reifer ich werde, desto mehr weiß ich das Glück zu schätzen, von einer Seele wie die Ihrige geleitet worden zu sein.« Türckheim, in Straßburg und Paris ein angesehener Mann, erwarb im Jahre 1800 ein kleines Landgut in Krautergersheim, einige Stunden von Straßburg. Dort, in dem verwahrlosten Schloß und Garten, gestaltete und verschönte die tatfrohe Lili als »Oberbauinspektor«, wie sie scherzend schreibt: »Ihr müßt wissen, daß, als wir kamen, die Mäuse allein Herren des Hauses waren, die Fußböden vermodert, keine Läden, überall schadhafte Türen und Fenster, das Dach durchlöchert, so fand ich den Zustand des Hauses. Doch mit einigen Schlägen des Zauberstäbchens habe ich alles umgestaltet: neue Fußböden, neue Läden, ausgebesserte und zum Teil neue Türen, das Dach regendicht gemacht, den Taubenturm wieder aufgebaut, endlich die zwei Wohnzimmer mit eigener hoher Hand tapeziert ... Das Haus hat wenig Ansehen, allein es ist herzig heimelig und gefällt mir.« In diesem Bau ist die verehrte, ja, von Gemahl und Kindern vergötterte Frau am 6. Mai 1817 gestorben, noch nicht neunundfünfzig Jahre alt. »Die Schwester schläft« – so schrieb der Witwer an Lilis Bruder – »Schlaf und Tod sind Brüder. Der ewige Geist, der diesen schönen Geist in einer Stunde der Gnade mir zugesellte und so viel Segen durch sie auf mich fallen ließ, hat die holde Lili abgerufen.« Wunderschöne Worte, deren Ausdrucksweise dem Geistgehalt dieses Mannes ein feines Zeugnis ausstellt. * In so wunderlichen großen Ellipsen bewegen sich die Lebensläufe der Menschen durcheinander. Ihre Seelen berühren sich einen Augenblick und leuchten auf, sie verweilen und trennen sich bereichert. Die stille Friederike stirbt in einem kleinen badischen, Lili in einem nicht minder unscheinbaren elsässischen Dörfchen. Und weit ab in Weimar ruft der Tod in denselben Jahren Christiane Vulpius ab. Goethe aber führt sein vielgestaltiges Leben einsam weiter, mitten durch alle diese und andere Kreise hindurch, tief das alles empfindend und in sich aufnehmend, und doch seinen eigenen Bewegungsgesetzen folgend. Der Kern der Rassenfrage Portrait: Arthur de Gobineau Es ist der Grundgedanke großer Seelen, nicht zu zerbrechen. Gobineau Das Folgende ist ein Versuch, den ethischen Gehalt der Rassenfrage aus dem Gewirr des Haders und der Hypothesen herauszulösen und in eine rein geistige Sphäre emporzuheben. Der übrige Teil, der wissenschaftliche, mag nach wie vor in der Welt der Gegenständlichkeit verbleiben. Er ist eine Sache für sich. * Die Rasse großer Seelen »Nichts stiftet so viel Gutes wie das Leid« – dieses Wort Gobineaus soll uns für die folgenden Betrachtungen eine weithin sichtbare Weisungstafel sein. »Jeder leidet, hat gelitten und wird leiden. Aber es ist der Grundgedanke großer Seelen: nicht zu zerbrechen.« Großer Seelen ... Welches Land ist am reichsten zu nennen? Das Land, das möglichst viele gute, glückliche, große Wesen hervorbringt. »Großen Herzens und großen Geistes – großherzig – dies zu sein bedeutet in der Tat, groß im Leben dazustehen; und dies in zunehmender Weise zu werden, ist in der Tat ein Vorwärtskommen im Leben – im Leben selbst und nicht in seinen Äußerlichkeiten«; und sich wahrhaft fortentwickeln heißt: »mehr persönliche Seele« bekommen (Ruskin). Denselben Gedanken legten Carlyle und Emerson ihrem Denken zugrunde; sie übernahmen ihn von Weimar. »Die Welt wird durch die Wahrhaftigkeit guter Menschen erhalten; sie machen die Erde gesund und heilsam. Alle, die mit ihnen lebten, fanden das Leben froh und nahrhaft. Nur durch unsern Glauben an die Gemeinschaft mit solchen Menschen wird das Leben süß und durch sie erträglich; und wir richten es stets so ein, daß wir wirklich oder im Geiste mit denen leben, die größer sind als wir« (Emerson). Auch hier also ist der auslesende Gesichtspunkt rein seelischer und ethischer Art. Und der Altmeister (Wanderjahre I, 10) geht dieser schaffenden Kraft, die in großen Seelen wirkt, auf den Grund, sofern man überhaupt diesem Geheimnis nachspüren kann. In unsrem Innern ist diese Kraft des Nichtzerbrechens. Nach Goethe kann sich der Mensch nur dann im Unendlichen aufrecht erhalten, »wenn er alle geistigen Kräfte, die nach vielen Seiten hingezogen werden, in seinem Innersten, Tiefsten versammelt, wenn er sich fragt: ›Darfst du dich in der Mitte dieser ewig lebendigen Ordnung auch nur denken, sobald sich nicht gleichfalls in dir ein herrlich Bewegtes, um einen reinen Mittelpunkt kreisend, hervortut?‹ Und selbst wenn es dir schwer würde, diesen Mittelpunkt in deinem Busen aufzufinden, so würdest du ihn daran erkennen, daß eine wohlwollende, wohltätige Wirkung von ihm ausgeht und von ihm Zeugnis gibt.« Dieses Verlegen des Schwerpunktes auf den göttlichen Mittelpunkt in unsrer eigenen Brust: – es ist auch ein Kerngedanke Schillers und Kants; er geht durch den ganzen Platonismus; er ist schlicht und hoheitsvoll ausgesprochen in der Botschaft Christi. Hier ist also der Weg zum Frieden. Die Rasse großer Seelen – das ist der seelische Zustand, zu dem wir uns emporentwickeln müssen. Der auswählende Faktor, durch den die Zuchtwahl stattfindet, ist das Schicksal; wir werden gesiebt und gesichtet durch den Schmerz; die Art, wie wir uns zu den Widerständen der Welt stellen, ob wir geärgert oder geläutert, verkümmert oder veredelt daraus hervorgehen, gibt den Ausweis, ob wir Sklavenseelen oder Herrengeister sind. Nur durch geistige und sittliche Energie erkaufen wir uns den Eintritt in diese Geisterschaft hoher Seelen. Zerbrichst du oder wirst du gehässig, so hast du dir selbst deinen Standort angewiesen. Denn nur ein freies und reines Gemüt vermag die Mitglieder jenes Weltbundes in ihrer wahren und ganzen Schönheit überhaupt zu erschauen. Jeder befrage seine reinsten Stunden, seine Sonntagsstunden, ob dies Grundgesetz geistigen Werdens nicht richtig ist. Wir eignen uns wahrhaft erkennend nur das an, was unsrer eigenen Geistes- und Gewissensreife entspricht; das Höhere verschwimmt entweder oder wird ein Zerrbild; wir können jenen Zustand nicht nachfühlen, weil wir ihn noch nicht durchgemacht haben. Für den Reifenden jedoch werden der Zerrbilder immer weniger; denn er erkennt nun hinabschauend die Zusammenhänge, aus denen das Niedere sich webt und weben muß, er erkennt sie, weil er sich selbst durch jenes Gewöhnliche und Gemeine hindurchgerungen hat. Immer weniger wird er schelten, immer stiller wird er verstehen, aber nur dann, wenn unerbittliche Reinheit des eigenen Handelns und Denkens kraftvoll in ihm zunimmt und Klarheit in seine Innenwelt und in die Umwelt ausbreitet. Dieses innere Licht, ausgestrahlt auf die Außendinge, ist der richtige Führer und Erklärer der Welt. So machen große und gute Menschen die beleuchtete und erwärmte Erde »gesund und heilsam«. * Ariertum oder Heldentum? Und nun, von diesem gesicherten Standort aus, gleichsam zurückgezogen auf einen inneren Kreis, wollen wir versuchen, zu einer Frage der Peripherie, zur Rassenfrage, eine neue Stellung zu finden. Was uns bei Gobineau anzieht, das ist die Empfindung, daß er zur Rasse der großen Seelen gehört. Bei der Beschäftigung mit seinem Wesen drängte sich mir nun immer unabweisbarer eine wichtige, umwälzende Ahnung auf: sind für diesen Edelmenschen und manchen andern Zeitgenossen die Schlagworte »Ariertum« oder »Germanentum« nicht am Ende nur Ermunterungsworte, nur Symbole, nur Fahnen? Sind diese Worte nicht aufgerichtet worden, um durch das Bewußtsein der Zugehörigkeit zu einer edlen Rasse das Edle in unsrer Seele zu stärken? Sind diese Worte nicht im Grunde magische Anrufe, die den uns ureingeborenen Seelenadel zum Erwachen bringen sollen? Kurz und gut: wenn ihr von Ariertum sprecht, meint ihr nicht eigentlich Heldentum ? Ich fürchte – nein, ich hoffe: so ist es. In einer Zeit des Skeptizismus, die alles Geistige aus der materiellen Welt zu »erklären« sucht, hat sich die Milieutheorie auch dieses feingewobenen Gegenstandes bemächtigt: des seelischen Adels. Eines Gegenstandes, der keiner Erklärung bedarf und keine Erklärung will, weil er aus einem Drang heraus ist und wirkt. Das Genie in uns, das unsren Organismus umfließende und durchdringende schöpferische Feuer, der sittliche Adel unsres Gewissens – sie sind erhaben über Erklärung und Rechtfertigung; sie sind darüber so erhaben wie Bosheit und Tücke, die einem logischen Beweise auch nicht zugänglich sind. Niemand kann es sich »erklären«, warum er es bei reifendem Menschentum für würdelos hält, ein Schacherer oder Wollüstling oder sonst irgend etwas aus der Welt der Triebe zu sein. In uns selbst, durch mannigfache Anreize von außen und Wandlungen des Innern geweckt, wirkt das Sittengebot. Alle großen Sittengebote – wie der Dekalog – sind nach genau denselben Urgesetzen entstanden, derselben inneren Ewigkeitsstimme folgend, die jeden einzelnen drängt, nicht mehr dem Trieb von unten, sondern mit starkem Entschluß dem Ruf von oben zu folgen. Dieser Ruf von oben – dies emporziehende Pfingstfeuer aus höheren Sphären, das in einem bestimmten Reifezustand einen bestimmten Menschen beruft und auswählt – ist eine Tatsache, erhaben über die Bodengesetze körperlicher Vererbung oder Anpassung. Diese können einer der mitwirkenden Faktoren sein, einen Menschen bereit und empfänglich zu stimmen; es gibt da sicherlich unterirdische Wurzelgeflechte. Aber wir vergessen, daß zu allem Wachstum zweierlei Kräfte gehören: der Drang von unten – und die Sonnenanstrahlung von oben. Diese letztere, dies leichte, fliegende, den Erdball elektrisch umzitternde Licht, dies herauslockende Geistesfeuer – wir haben es über all dem modern-wissenschaftlichen Graben in der Haut des Planeten unterschätzt. Sind wir denn aber nur Planetenknechte? Sind wir nicht vielmehr Söhne des Kosmos? Es ist doch wohl stark zu vermuten, daß es in Regionen des Geistes Strahlungen gibt, die uns durch keine Schaufel und kein Mikroskop erklärt werden. Wir sehen ein Aufleuchten, wir bemerken etliche Wirkungen, wir können diese Wirkungen ein Weilchen »wissenschaftlich« verfolgen, aber das Vorher und das Nachher, das Ganze der Lebensgeschichte des Geistes, ist uns auf dieser engen Insel der fünf Sinne unzugänglich. Darum werde ich mich nicht verlocken lassen, diesen Zusammenhängen mit Hypothesen nachzujagen. Wir sollten von Kant und Goethe gelernt haben: uns tapfer und weise auf das Erreichbare zu beschränken, das Unerforschliche aber wie ein großes, offenes Meer uns umfluten zu lassen. Woher ich bin und was ich bin, weiß ich nur unvollkommen; wohl aber weiß ich, wie ich mich hier zu verhalten habe. Ich weiß es, weil es mir gesagt wird von einer inneren Stimme und bestätigt wird durch das Beispiel großer und guter Menschen, die gewissermaßen eine Symbolisierung und Ermunterung meines eigenen Dranges nach dem Lichte sind. Und so, gerufen von innen und außen, gehe ich festen Weg und verwandle mittels des aus mir ausgehenden Lichtes den trüben Chaoszustand der Welt in eine kosmische Harmonie. Diese täglich immer neu ausstrahlende Schöpferarbeit ist Sinn und Aufgabe unsres Erdenlebens. Nun aber kommt uns da die Rassenforschung und wirft dieser zentral gefestigten Weltanschauung folgenden ablenkenden Einwand vor die körperlichen Füße: »Du entfaltest diese Weltanschauung der weisen Beschränkung nur deshalb, weil du Arier und Germane bist; das Ariertum in dir drängt dich zu solcher echt arischen Weltanschauung.« So steht z. B. in eines temperamentvollen Vorkämpfers (Grävell) Rassenbuch »Aryavarta« (Akademischer Verlag, Leipzig-Wien) zu lesen: »Der Arier ist der Held, der Mann der Urrasse. Arisch ist edel, vornehm, ritterlich, heldenhaft, treu und rein; unarisch ist der plebejische Geist, der Römergeist, das rohe Banausentum, die moralische Feigheit, die Genußsucht, die Ichsucht.« Und Driesmans nennt den Arier den »idealen«, den Nichtarier den »spekulativen« Menschentypus. Mein elsässischer Landsmann, der Graf von Leusse, setzt seinem Rassenbuch das herausfordernde Wort voraus: »La démocratie voilà l'ennemi!« Wobei er unter dem Begriff »Demokratie« offenbar die Summe alles Minderwertigen des Typus Mensch zusammenfaßt. Der Fachmann könnte aus Wilser, Ammon, Hentschel usw. denselben Grundzug feststellen: die Neigung nämlich, das Wort »Ariertum« zu einem Symbol alles Edlen zu vergeistigen; die unphilosophische Neigung, Begriffe der Ethnographie und Begriffe der Ethik als identisch zu benutzen; die verheißungsvolle Neigung, aus der Materie in den Geist emporzudringen und neue Sittengesetze eines erdfest gegründeten Idealismus aufzurichten. Hans von Wolzogen (in seiner neuesten Aufsatzsammlung »Aus deutscher Welt«, Berlin, Schwetschke) macht mit nur halbem Mut den schönen Versuch, die Grenzen der »Blutgeschichte« zu überschreiten und in die »Geistgeschichte« vorzudringen (vgl. Heroismus in der Rassenfrage, S. 112 ff.). Er spricht u. a. von Gobineaus Aufstieg vom theoretischen Rassenwerk zum dichterisch gestaltenden Renaissancewerk: »Aus der Blutgeschichte ist Geistesgeschichte geworden«, sagt er sehr wahr. Aber mit merkwürdiger Doppelfront fährt er dann fort: »Der Geist hat die Macht der Besinnung. Er kann durch alle Zeiten des Blutverderbens hindurch sich seines Zusammenhangs mit den reinen Wurzeln der Natur, deren Blüte er ist, als einer unertötet fruchtbaren Kraft bewußt bleiben oder wieder bewußt werden« – und plötzlich: »das Bewußtsein dieses Zusammenhanges verkörpert sich in Erscheinungen der großen Geisteskinder des Ariertums – – Des Altertums! Da haben wir wieder den Sprung! Den Sprung aus den sicheren Gebieten eines inneren Erlebnisses – in das unsichere Gebiet wissenschaftlicher Hypothese; aus einem Postulat des Gewissens – in eine Vermutung des Verstandes, aus dem Zentrum an die Peripherie, aus dem Geist in die Materie. Und so sei es denn klar und deutlich ausgesprochen: ich halte dieses Hereintragen von Verständigungsworten der Rassenwissenschaft in den reingeistigen Sprachschatz der Ethik weder für segensreich noch für philosophisch haltbar. Es liegt hier für die Arier die Gefahr des Hochmutes versteckt, einfach abzugrenzen in »Hellenen« und »Barbaren«; auf die Nicht-Arier aber wirken diese Begrenzungsworte verbitternd, weil ausschließend aus einem so edlen, der ganzen Planetenbewohnerschaft offenstehenden Wettbewerb um die Rasse großer Seelen. Dies ist die ethische Seite. Philosophisch aber sollte es im Volke Kants unmöglich sein, Begriffe der geistigen Welt plötzlich mit Bezeichnungen aus der materiellen Welt zu vermischen, d. h. die Worte Ariertum und Heldentum sich einfach decken zu lassen. Der Held (und alles Große und Gute überhaupt) entsteht zwar unter Beihilfe der erziehenden Kollektiveigenschaften einer Rasse: – aber noch mehr entsteht er im Gegensatz zur Gesamtheit und unter Trennung von den Trieben der Masse. Denn Rasse als Ganzes und an sich ist Masse: Heldentum aber ist Besonderheit. Der Held zieht sich in sich selbst zurück und steigt durch die enge Pforte des »stilleren Selbst« (Schiller) einsam oder mit wenigen empor zur Gottheit. Jeder wahrhaft fromme, tapfere, gute Mensch ist ein Held: er läßt sich nicht aus seinem Zentrum aufscheuchen in die flatternden Triebe der Außenwelt und alles dessen, was man »Menge« nennt. Er hält die Verbindung mit der inner-ewigen Gottheit fest, mit dem »ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht«; er ist also in diesem wesentlichen Unterscheidungspunkt eben nicht Masse, nicht Rasse, nicht »Arier« oder »Unarier«, sondern ein vereinzelt ringender Mensch, eine Seele, ein auf diesem Planeten verkörperter und ans Licht emporringender ewiger Geist. Dies sind meine Bedenken und dies mein Vorschlag einer nachgerade sehr notwendig gewordenen Grenzberichtigung. Doch wir müssen diese wichtige Sache noch mehr »ins Enge bringen«. Gobineau auf Djursholm »Jeder hat sein Vaduz«, sagte Goethes Mutter lächelnd zu dem jungen Brentano, als ihr dieser erzählte, er hätte sich unter dem Namen Vaduz immer ein Märchenland vorgestellt. Das irdische Vaduz ist Hauptort des Fürstentums Liechtenstein in der nördlichen Schweiz und hat nicht viel über tausend Einwohner. Für den phantasievollen Jungen war es aber ein magischer Klang, der in seiner schaffenden Seele eine Reihe von zauberhaften Bildern erweckte. Ein Klang wie Mörikes Zauberland »Orplid«; wie das Feenland »Avalun« der keltischen Dichter; wie für den Mittelalterlichen Ritter der Wald »Brezilian«, dessen Urbild in der Bretagne lag; wie für den Artushelden der Berg »Monsalvat« mit dem »heiligen Gral«; wie für den germanischen Kämpfer »Walhall«; wie für die Klassiker »Hellas«: – und wie für die Leser dieser Blätter »Weimar«. Diese Worte, die ich in Anführungsstriche setze, sind Vergeistigungen und Symbole. Sie lassen die örtliche Körperlichkeit hinter sich, sie steigen auf in eine rein geistige Höhe. Sie sind eine Widerspiegelung von Seelenzuständen und haben insofern außerordentliche Wirklichkeitsmacht. Das Wort »Kanaan« hat vierzig Jahre lang eine unruhige Wüstenschar zusammengehalten; der Kampf um das »heilige Grab« hat ganz Europa hingerissen unter die Herrschaft einer suggestiv wirkenden Idee. Jedes Genie, jeder Erfinder, jeder Entdecker und Eroberer hat sein Vaduz. Ja, jeder Kleinbürger hat sein Vaduz, bestände es auch nur in einem Landhäuschen, in einem Gärtchen, in einem Titel oder Orden. Solche Ziele und Ideale bedeuten den Extrakt und die Zusammenfassung des Wesens und der Wünsche eines Menschen. Sie sind das Geistige, das ihn innerlich führt, lockt, hinweghebt über die Materie. Es braucht nichts »Phantastisches« zu sein wie bei Dichternaturen: es kann auch der Idealname »Mutter« oder »Vater« diese adelnde, warnende Wirkung ausüben, oder Begriffsworte wie »Ehre« und »Menschenwürde«: – jeder hat sein Vaduz, das seine innere Welt beherrscht wie eine Festung die darunter liegende Stadt. Das Vaduz des Grafen Gobineau war sein nordischer Ahnherr »Ottar Jarl« und die »weiße Rasse«. Damit ist unsre Stellung zur Rassenfrage ausgesprochen. Es handelt sich nun darum, an einem zwingenden Beispiel dies ethisch-symbolische Vaduz nachzuweisen. Dies Beispiel liefert uns Prof. Schemann (Gobineau-Vereinigung). Er hat der größeren Öffentlichkeit ein wertvolles Schriftchen zugänglich gemacht: »Eine Erinnerung an den Grafen Gobineau« (Stuttgart, Frommann). Darin erzählt der Verfasser, Philipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld, folgendes: ... »Er machte in dem ihm befreundeten Hause meiner Verwandten in Stockholm eine ›Visite‹, – aber es fiel mir die große Unbefangenheit des Fremden auf, den der Zwang dieser modernen Verkehrsform in keiner Weise zu berühren schien. Ich hatte, in Unterhaltung mit einem anderen Besucher begriffen, seinen Namen überhört. Eine oberflächliche Vorstellung hatte stattgefunden, und ich wußte nur, daß der lebhafte Mann ein Ausländer war, da er französisch in dem schwedischen Kreise sprach. Die allgemeine Unterhaltung hatte sich Italien zugewendet, und ich verglich einige Kunstwerke der hadrianischen Zeit mit der Epoche des Praxiteles – oberflächlich eine Bemerkung darüber hinwerfend. Zu meinem Erstaunen griff der Fremde meine Bemerkung lebhaft auf. Ich mußte motivieren, was ich behauptet hatte, und es entspann sich ein Gespräch, in dem ich alle Geisteskräfte anspannen mußte, um meine Ansichten vertreten zu können. Der Fremde mit seinen spärlichen grauen Locken und dem französischen Bärtchen hatte eine hohe, bedeutende Stirn und in Geist und Güte strahlende Augen. Er sprach wie ein Fachmann über die plastische Kunst, und doch trugen seine Worte nicht den Charakter der Gelehrsamkeit. Bisweilen schienen sie fast geistreich oberflächlich, ich möchte sagen spielend, und dann staunte ich vor der Schärfe, der Tiefe seiner Bemerkungen. Der innige Ausdruck, den sein klares Auge hierbei annahm, berührte mich ganz eigenartig sympathisch. Wer war der Mann, mit dem ich sprach? Ein Künstler? Ein Gelehrter? Ich wog es hin und her, ich kam nur zu dem einen Resultat, daß es ein Mensch reich an Geist und Gemüt war, dem mein Herz warm entgegenschlug ... Wie selten ist es uns modernen Menschen gegeben, innerhalb der gesellschaftlichen Form unseres Lebens den in unserem Herzen erklingenden Ton unbefangen widerklingen zu hören! ... Noch spüre ich den Nachklang der Freude, als er mir zum Abschied die Hand reichte: ›Sie bleiben eine Zeitlang hier? – Das freut mich! – Betrachten Sie mein Haus als das Ihre!‹ – Dann ging er. Ich konnte kaum erwarten, nach dem Namen dieses liebenswürdigsten aller Männer zu fragen, der mit seinem Kopf voll grauer Locken mir jünger erschien als ich mir selbst mit meinen 25 Jahren. ›Graf Gobineau , der französische Gesandte.‹ ›Graf Gobineau ?‹ – Ich hatte seinen Namen nie gehört«! ... »Ein Mensch, reich an Geist und Gemüt« – das war es, was nach dem Gesetz der Sympathie den jungen Deutschen anzog, Seele zu Seele, noch ehe er den Namen verstanden. Die Bekanntschaft der aufeinandergestimmten Geister steigerte sich zur Freundschaft. Und Eulenburg begründet sein Erwarmen folgendermaßen: »Unser modernes Geschlecht bedarf des Balsams, den der Verkehr mit solchen herzenswarmen Naturen bringt. Wir verdorren unter dem System. Die erwärmende Flamme des glühenden Geistes , die lodernd mit den Gluten des in Güte überströmenden Herzens zusammenschlägt, zündend, erquickend, aufrüttelnd – wo brennt sie? wo leuchtet sie uns? Sie ist eine Gabe des Himmels, die er uns selten spendet. Darum mögen wir jubeln, wenn sie uns glüht!« Eine einwandfreie Begründung. Geist und Seele sind hier mit Licht und Wärme verglichen, dem schönsten Bild, das wir uns vom Geist formen können. Eulenburg sagt also ganz einfach, daß ihn das schöpferische Feuer in diesem elastischen Greise angesteckt habe. Und nun zur Hauptsache! Eines Tages besuchten die Freunde die kleine Felsen-Insel Djursholm, »deren bunter Granit, von dunklem Moos sammetartig überwachsen, aus den blauen Fluten aufsteigt«: – »Die Trümmer einer zyklopischen Mauer ragten auf der Höhe, und alte Tannen und Föhren klammerten sich um das mächtige Gestein. Wie ein Jüngling hatte Gobineau die Höhe erklommen. Da standen wir nun zusammen und schauten hinaus aus die blaue, weite Flut, aus der die Felseninseln allenthalben stiegen. ›Dies war Ottar Jarls Burg,‹ sagte er ernsthaft und voll Überzeugung, ›hier stamme ich her: ich fühle das! ‹« In diesen drei Worten liegt für uns der Schlüssel zu Gobineau. »Ich fühle das« ... Auf der Höhe einer nordischen Felseninsel erblickt Gobineau Reste einer Mauer und weitum das harte, stahlblaue Nordlandsmeer. Da übermannt ihn an der Seite des gleichfalls hochgestimmten Komponisten der Skaldengesänge die Empfindung: »Hier ist deine Heimat!« Er fühlt sich zu Hause; die Natur entspricht seinem Seelenzustande; er erkennt das ihm verwandte Element. »Er?« Was denn in ihm? Sein Geschlecht, sein Stammbaum, der historisch-geographische Gobineau? Das »fühlt« man nicht, das wird nüchtern erforscht. Er aber ruft: »Ich fühle das!« Sein seelisch Wesen also fühlte sich in seinem Element; sein großes Empfinden fühlte sich gestimmt auf die große Landschaft. Wie im Spiegel erkannte der Weltwandrer: so sieht meine innere Welt aus, so herb und einsam, so auf Trümmern einer entarteten Gegenwart, so vom Meer der Ewigkeit umblaut, so hochlandstark! Und aus Verwechslung des Grundes dieser mächtigen und plötzlichen Stimmung ruft der Dichter des Rassenwerks aus: »Hier stand Ottar Jarls Burg!« Er hätte ebenso richtig rufen können: »Hier war die Urheimat der weißen Rasse!« Damit scheint uns aus Gobineaus Rassenwerk etwas Neues herausgeholt. Gobineaus vielbändiges Rassenwerk ist seinem symbolischen Gehalt nach eine tragische Heldendichtung . Held ist die »weiße Rasse«, die durch Vermischung mit dunkleren Rassen untergeht. Diese weiße Rasse ist gleichsam das Göttliche in der Menschheit; es wird, sagt uns Gobineau, immer mehr entarten und schließlich ersterben. »Wir können uns nicht anmaßen, genau die Zahl der Jahrhunderte zu berechnen, die uns von dem sicheren Ende noch trennen. Indessen ist es doch nicht unmöglich, ein Ungefähres zu ahnen. Die arische Familie hatte zur Zeit, da Christus geboren wurde, aufgehört, ganz rein zu sein usw.« (folgt Berechnung auf etwa 14 000 Jahre). »Die betrübende Voraussicht ist nicht der Tod, es ist die Gewißheit, daß wir ihn nur entwürdigt erreichen werden, und vielleicht könnte selbst diese unsren Nachfahren vorbehaltene Schmach uns gleichgültig lassen, wenn wir nicht mit einem geheimen Schauder empfänden, daß die räuberische Hand des Geschickes schon auf uns gelegt ist.« So schließt in heroischem Pessimismus das großzügige Rassenwerk. Dürfen wir uns nun diese Hypothese aneignen? Die Empfindungen heroischer Art, von denen sie ausgingen: – ja! Gobineau leidet unter der Degeneration – wir auch; Gobineau hat ein Ideal von Heldentum in sich, das er trotzig festhält – wir auch. Aber der Dichter projiziert nun auf die weiße Rasse hinaus, was sich mit Gewißheit (denn wir haben die Kontrolle in uns) nur von der weißen Seele behaupten läßt, falls sie sich mit dem Häßlichen der Welt vermischt. Falls: – aber wir wissen nichts darüber, ob so, wie Gobineau schildert, die weiße Rasse, wissen nichts darüber, ob so die weiße Seele wirklich auf diesem Stern zugrunde gehen wird. Beobachtung sagt uns nur, daß einzelne, daß Gruppen, Nationen und Rassen tatsächlich so untergehen – oder sollen wir trostreicher sagen übergehen in neue Rassen? Kann denn das Göttliche , das in ihnen verkörpert war, untergehen? Wohin soll es denn entweichen in diesem Weltall? Anders klingt denn auch die »Renaissance« aus, und anders das letzte Werk des altersreifen Gobineau: das Rittergedicht »Amadis«. Der sechste Band der »Wege nach Weimar« bringt, zum erstenmal in Deutschland, eine ausführliche Beleuchtung dieser noch unübersetzten Heldendichtung. L. Wie schrieb er doch an Eulenburg? »Es ist der Grundgedanke großer Seelen, nicht zu zerbrechen!« »C'est l'âme qui triomphe et triomphe à jamais. Elle vit! Elle vient éclairer les sommets, Et la terre et les cieux trésaillent d'allégresse« ... (Die Seele ist's, die triumphiert für immer! Sie lebt ! Sie wirft ihr Licht auf alle Gipfel – Und Erd' und Himmel beben vor Entzücken!) Dieser Glaube ist unser »Vaduz«. Er ist wirklich und ist keine Hypothese: denn er erwächst aus heroischer Stimmung, die in sich bereits Ewigkeit fühlt und besitzt. * Und so wiederholen wir denn, was wir gleich zum Eingang gesagt haben, und womit wir unsere Betrachtung gleichsam einrahmen. In das Stoffhafte der Rassenforschung wollen wir nicht störend eindringen; wir haben hier das Geistige und Sittliche herausgeholt. Ob du Arier oder Unarier, Kelte oder Germane, Oberdeutscher oder Niederdeutscher, bürgerlich oder adlig, Irrwege oder Lichtpfade gegangen, körperlich bevorzugt oder benachteiligt bist: – alles das sind nur Materialien . Mit diesen günstigen oder ungünstigen Materialien schmiede dir deine Wielandsflügel und fliege nach Walhall! Moderne Vereinsamung Ein Münchener Freund aus den Bezirken Friedrich Nietzsches schlug einmal, in einem Brief an den Verfasser der folgenden Betrachtungen, ein Problem an, das mich in den letzten Jahren innerlich viel beschäftigt, ja von dessen Lösung geradezu das Gedeihen unserer Kultur abhängt. Es ist das Problem der seelischen Vereinsamung des modernen Menschen. »Wir dürfen nicht Fühlung verlieren«, äußerte sich dieser fein zurückhaltende Zuschauer, der in unserem Zivilisationschaos nicht den Punkt gefunden hat, wo sich tatkräftig einsetzen ließe. »Aber sonderbar: je wohlfeiler und schneller Briefe und Menschen reisen, desto seltener werden diese Berührungen hergestellt. Denn – wenn wir auch öfter als die Großväter einen Brief zur Post tragen oder öfter als jene reisen – es geschieht lange nicht oft genug im Vergleich zu dem unendlich gesteigerten Bedürfnis. Und zweitens: was sind das für leere, hohle, öde Dinge, diese jetzigen Briefe, nicht wert des Namens (wenn dieser auch »kurz« bedeutet, breve, man könnte auch im kurzen viel sagen). Und die Reisen erst! Wie selten gelingt wirklich ein Besuch bei einem, der zu einem, oder zu dem man gehört! ... Kommt dann mal wirklich ein Brief zustande, so ist zu fürchten, daß die schreibende Hand ungelenk und das lesende Auge stumpf geworden ist: und da gibt's dann die so unendlich lächerlich-tragische Stolperei, die man Mißverständnisse nennt. Ganz abgesehen davon, daß jeder unter ein und demselben Wort etwas mehr oder weniger anderes begreift als der andere. Ist Ihnen nicht auch schon aufgefallen, daß dieser Übelstand immer mehr zunimmt? ... Mit den in die große, fremde, wogende Masse der Menschen hineingeworfenen Blättern kommen wir zu nichts mehr. Wir müssen wieder persönlich in Berührung treten mit denen, die wir – noch nicht kennen. Wenn es einen Petroleumring, ein Schienenkartell gibt, warum sollen wir nicht einen »Trust« bilden zur Ausbeutung der noch vorhandenen inneren Schätze und Mineralquellen?« ... Wir wollen das 19. Jahrhundert nicht schelten. Es hat im Praktischen und Materiellen Großartiges geleistet; es hat die Analyse der Wissenschaft aufs höchste gesteigert. Aber die synthetisch gestimmten Naturen suchen anderes. Sie alle suchen Erhöhung des Menschentums: den über die Masse des Gewöhnlichen emporwachsenden reineren und feineren Menschen, den »Übermenschen«, der dem Hohen im Nachbarherzen Antwort geben könnte. Aber weithin zerrieb der Industrialismus die Herdenmenschen und achtete die geheime Würde in ihnen für nichts. Dies mit ansehen zu müssen, lieh schon den alten Carlyle aufgrollen; dies war Nietzsches und jener anderen Idealisten eigentlicher Zorn und Schmerz. Dies ist heute noch unser Problem. Dies ist der Grund des dumpfen Hasses der proletarischen Massen. Mangel an Wärmeaustausch von Mensch zu Mensch: von Seele zu Seele! Wenn man Briefe des klassischen Zeitalters liest – etwa Goethes, Schillers, Körners, Humboldts und seiner Gattin nebst ihren Freundinnen, selbst die Briefe unbekannterer Kreise wie etwa um meinen elsässischen Landsmann Pfeffel (Madame de Gerando, Briefe der Schwestern Berckheim) oder Briefe der Königin Luise: – welche Seelenwärme! Wie ist da der seelische Apparat in Tätigkeit und wirft ein belebend Sprühwerk hin und her! Wieviel Güte und Liebenswürdigkeit, wieviel Anmut und Freude am Geist, wieviel künstlerisch freie oder herzliche Religiosität! Man möchte sagen: diese Menschen standen nicht als kalte Sachen hart und räumlich nebeneinander, wie es in der Welt der trennenden Materie zu sein pflegt. Nein, diese Geister und Seelen schwangen als freie, bewegliche Lichtsubstanz ineinander und miteinander. So ergab es Wärme, so sprühte Elektrizität; so entstand Austausch und Belebung. Seelische Vereinsamung: Mangel an Reibung und Austausch, an Widerhall und Weiterhall – nicht nur der geistigen Schwingung, sondern noch mehr des Herzens. Der abgesplitterte Nietzsche ruft im ergreifenden Gedicht »Einsiedlers Sehnsucht« (Ged. S. 132; Briefe, III, S. 245) nach Freunden überhaupt: »Der Freunde harr' ich, Tag und Nacht bereit: Wo bleibt ihr, Freunde? Kommt, 's ist Zeit! 's ist Zeit! ... Mein Reich – hier oben hab' ich mir's entdeckt! Und all dies Mein – ward's nicht für euch entdeckt?« Noch markanter ist in seiner nüchternen Feststellung ein andres Wort (Brief an Peter Gast, 18. Juli 1887), kurz vor der Umnachtung: »Denken Sie, ich habe etwa 500 Taler Druckkosten in den letzten drei Jahren gehabt – kein Honorar, wie sich von selbst versteht – und dies in meinem 43. Jahre, nachdem ich 15 Bücher herausgegeben habe! Mehr noch: nach genauer Revue aller überhaupt in Betracht kommenden Verleger und vielen äußerst peinlichen Verhandlungen ergibt sich als strenges Faktum, daß kein deutscher Verleger mich will, selbst wenn ich kein Honorar beanspruche.« So Nietzsche im Hochland. Und nicht anders Heinrich von Stein im geselligen Tiefland (Berlin, 12. November 1886): »In die bange Welt der Gespenster, in welcher ich hier verharre, klingt er (Wolzogens Gruß) als Mahnung, wo ich doch einzig und eigentlich lebe. Ach, man muß das erleben, die verlegenen Gesichter der Leute, denen man, mit Ernst und Milde, etwas hat sagen wollen! Nichts mehr davon! In jedem Falle wird es sich nun bei dieser Gelegenheit entscheiden, ob es nicht eine freche Verschwendung alles guten Wollens ist, der Sache des Ideals auf einer deutschen Universität zu dienen.« Ein durchgehender Zug also! Wie kennzeichnen wir ihn kurz? Mangel an Liebe! Diese Idealisten – mit ihnen auch Gobineau, der Dichter des »Amadis« – leiden unter dem Herdenvolk und der Herzenskälte des eisernen Jahrhunderts; sie suchen in sich und in der Geschichte den Edelmenschen: ihn möchten sie in Kunst und Literatur der Gegenwart gestaltet sehen von bedeutenden Herzen und Geistern. Aber sie finden nur Nachahmung des Durchschnittlichen und des Untermenschlichen. Es ist ein seltsames und tragisches Spiel: Dasselbe Jahrzehnt, das diese Gralsucher hinscheiden sah (Carlyle, Emerson, Wagner, Gobineau, Stein, Nietzsche: alle zwischen 1880 und 1890 hingegangen!), ließ in der ehemaligen Hochburg des europäischen Idealismus, im Deutschland eines Kant, Schiller, Herder, Goethe, den Naturalismus Zolas und die Gesellschaftskritik Ibsens siegreich durchdringen. Diese revolutionäre Strömung hat uns eine gesteigerte Zergliederung der Welt der Sachen gebracht; sie hat von der Materie aus auch die Seele analysiert und Psychologie und Physiologie verbunden. Sie hat das Problem der einsamen Seele nicht zu lösen vermocht; denn dies wird durch keine Naturwissenschaft gelöst. Hier setzt ein religiöses Problem ein. Nach wie vor glüht in den Tiefen der Gegenwart die Sehnsucht nach dem Durchbruch der Seelenwärme; die Sehnsucht nach einer Reihe von vornehmen, großen, guten Menschen, die inmitten der Sachenwelt eine beglückende Seelenburg bilden könnten. Hier und da versucht man durch Gruppenbildung und Gemeinschaftsgründung dies delikate Problem zu lösen, wobei man sich durch ein »wir« gegenseitig ermuntert und von anderen abschließt. Aber das kann tiefere Naturen nicht beglücken; es handelt sich bei unserer Frage doch wohl um anderes. Es handelt sich um eine Umgestaltung des ganzen Zeitgeistes. Foto: Heinrich von Stein Heinrich von Stein Wer kennt heute noch Heinrich von Stein? Dieser liebenswerte und bedeutende Ästhetiker und Dichter ist ganz in der Stille dahingegangen. Sein Leben ist Bruchstück geblieben. Das Wenige, obschon Gute, was von seinen Freunden und Schülern über ihn erschienen ist, hat ihn nicht bekannt gemacht; und seine eigenen Bücher sind nicht für größere Kreise bestimmt. Und doch – man wird uns danken, wenn man die gehaltvollen Worte, die ich hier aus ihm herausheben will, kennen gelernt und nachempfunden hat. Stein bedeutet die theoretische Verbindung zwischen Bayreuth und Weimar. Das beste Werkchen des früh verstorbenen Wagner-Jüngers ist eine Ästhetik der Klassiker, worin er Schillers und Goethes Sonderart und geistiges Verhältnis mit feinstem Verständnis gewürdigt hat. Doch zuvor einen Blick auf zwei andere Charakterköpfe aus dem Kreise Richard Wagners! * 1. Stein und Gobineau Gobineaus geistvolles und liebenswürdiges Aristokratengesicht, mit dem weißen Spitzbärtchen und der bedeutenden Stirnbildung, taucht vor uns auf. Wir sind auf einem Unterhaltungsabend der Diplomatie oder der Gräfin La Tour. Der lebhafte Mann von vielseitigen Interessen, der alles unter große Gesichtspunkte zu bringen weiß, fesselt uns sofort. Er ist befreundet mit Dom Pedro von Brasilien und weiß in Persien und Hellas oder Rom Bescheid. Wir fühlen es: hier ist mehr als Literatur. Ja, es sind große Wesensunterschiede zwischen diesem vornehmen »Dilettanten« und der modern-französischen Literatur. Der Dichter der bedeutenden Szenen »Die Renaissance«, die mit Savonarola einsetzen und mit Michelangelo enden, hat keine Geistesverwandtschaft mit seinen dramatischen Altersgenossen. Weder in den Formen noch im Wesen. Scribe hatte das Klischee geschaffen für das moderne Konversations- und Gesellschaftsstück. Der ernstere Augier, dann Dumas, der Verfasser der sentimentalen »Kameliendame«, und der Theatraliker Sardou bauten diese Gattung weiter aus. Dazu die Possenverfasser Labiche, Meilhac, Halévy – sie kennzeichnen den französischen Gesellschaftsgeist der mittleren und späteren Jahrzehnte. Ganz anders Gobineau. Joseph Arthur Graf von Gobineau ist geboren am 14. Juli 1816 zu Ville d'Avray. Sein Lebensgang hat ihn – fein genug – in weitestem Bogen um die Eigenart des Pariser Geistes herumgeführt. Gobineau war ein Weltwanderer und Arier, kein spezifischer Franzose. Zuerst für die militärische Laufbahn bestimmt, rang er seinem Vater die Erlaubnis ab, sich einem mehr geistig gerichteten Leben widmen zu dürfen. Um aber nicht die Fühlung mit der Gesellschaft zu verlieren, trat er, was seinem Stande noch am meisten entsprach, in die diplomatische Laufbahn ein. In der Schweiz erzogen, früh mit deutscher Bildung vertraut, studierte der Abkömmling eines nordischen Geschlechts zu Paris in angestrengter Stille. Das Ergebnis dieser Studien wurde sein Hauptwerk: das inzwischen berühmt gewordene vierbändige Werk über die »Ungleichheit der menschlichen Rassen« ( Essay sur l'inégalité des races humaines, Paris 1853 ; deutsche Ausgabe von Ludwig Schemann, Stuttgart, Fr. Frommanns Verlag). Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, der wissenschaftlichen Bedeutung dieser Völkerpsychologie und den Werken Gobineaus überhaupt näherzutreten. Nur sofern er Steins Gedankenwelt streift, ist er uns hier wichtig. Und da sei bei seinem Rassenwerk nur wieder auf den Grundgedanken hingewiesen: er ließe sich etwa bezeichnen als heroischer Pessimismus . Das Werk erschien zu Beginn des Kaiserreiches; Zola hat in seinem Rougon-Macquart-Zyklus bitterste Abrechnung gehalten mit dieser bedenklichen Epoche, die 1870 äußerlich zusammenbrach, ohne daß aber der französische Geist eine Erneuerung erfahren hätte. Man vergleiche nun aber den malenden Pessimismus des Verfassers von l'Assomoir mit dem schöpferischen Pessimismus des Dichters der »Renaissance«! Ich teile unten das Gespräch mit zwischen Michelangelo und Vittoria Colonna; das war die Schlußanschauung von Gobineau. Ablehnend urteilte er über den modischen Fortschrittswahn, wie wir gleich sehen werden; er glaubte an keinen »absoluten Fortschritt«, sondern nur an »Verrückung«, sogar an Herabstieg. Wir gewinnen zwar Neues, verlieren aber Altes; gewinnen wieder Altes und verlieren dafür Neues: weil unsere Spannkraft zu gering ist. Gobineau erkannte unsere Beschränkung. Er empfand die Enge dieses Planeten; und so führt sein Rassenwerk mit Naturnotwendigkeit theoretisch zur Sprengung der irdischen Enge, zur Metaphysik . Ethisch aber führt er zur strengsten Hochachtung des kulturschaffenden Geistes und des sittlichen Willens . * Eine Hauptstelle aus Gobineaus großzügigen Betrachtungen (deutsche Ausgabe S. 208) soll uns seine Vortragsweise veranschaulichen. »Der Gedanke der unendlichen Vervollkommnungsfähigkeit besticht die Modernen sehr, und sie stützen sich auf die Beobachtung, daß unsere Art Zivilisation Vorteile und Vorzüge besitzt, welche unsere anders gebildeten Vorgänger nicht hatten. Da werden denn alle die Dinge angeführt, die unsere Gesellschaften auszeichnen. Ich habe bereits hierüber geredet, will mich aber gerne dazu verstehen, sie nochmals aufzuzählen. Man versichert also, daß wir über alles, was ins Gebiet der Wissenschaft gehört, richtigere Ansichten haben; daß unsere Sitten im allgemeinen milde und unsere Moral der der Griechen und Römer vorzuziehen sei. Wir sollen ferner im Punkte der politischen Freiheit Gedanken und Empfindungen, Ansichten und Überzeugungen, sollen Eingebungen von Toleranz haben, welche mehr als alles andere unsere Überlegenheit beweisen. Es fehlt nicht an hoffnungsreichen Theoretikern, die da behaupten, daß die folgerichtige Fortentwickelung unserer Einrichtungen uns geradeswegs in jenen Garten der Hesperiden führen müsse, der so viel gesucht und so wenig gefunden worden, seit die ältesten Seefahrer festgestellt haben, daß er auf den Kanarischen Inseln nicht vorhanden war. »Eine etwas ernstlichere Prüfung der Geschichte richtet diese hochfahrenden Ansprüche. »Wir sind allerdings gelehrter als die Alten. Das kommt, weil wir uns ihre Entdeckungen zunutze gemacht haben. Wenn wir mehr Kenntnisse besitzen, so ist das einzig, weil wir ihre Fortsetzer, ihre Schüler und Erben sind. Folgt daraus, daß die Entdeckung der Dampfkraft und die Lösung einiger Probleme der Mechanik uns zur Allwissenheit führen? Allerhöchstens werden uns diese Erfolge dahin bringen, in alle Geheimnisse der Körperwelt einzudringen. Wenn wir diese Eroberung vollbracht haben werden, für die noch gar viel, viel zu tun ist, was wir noch gar nicht einmal angefangen haben noch auch nur ahnen, sind wir dann um einen einzigen Schritt über die reine, einfache Feststellung der Naturgesetze hinaus? Wir haben alsdann, ich gebe das zu, unsere Kräfte stark vermehrt und können dementsprechend auf die Natur zurückwirken und sie unseren Bedürfnissen gefügig machen. Wir haben auch die Erde über und über durchquert oder die Fahrt endgültig als unausführbar erkannt. Wir haben gelernt, in den Lüften zu steuern, und dadurch, daß wir uns den Grenzen der atembaren Luft auf einige tausend Meter nähern, gewisse astronomische oder sonstige Probleme entdeckt und aufgehellt; aber nichts weiter. Alles dies führt uns nicht zum Unendlichen. Und hätten wir alle Planetensysteme gezählt, die sich im Räume bewegen, wären wir dann diesem Unendlichen näher? Haben wir in betreff der großen Mysterien irgend etwas gelernt, das die Alten nicht gewußt hätten? Wir haben, scheint mir, die vor uns im Gebrauch gewesenen Methoden, das Geheimnis zu umkreisen, geändert, aber nicht einen Schritt weiter in sein Dunkel hinein getan. »Und dann, lassen wir einmal gelten, daß wir über gewisse Tatsachen besser aufgeklärt sind, wie viele Kenntnisse haben wir anderseits verloren, die unseren fernsten Vorfahren vertraut waren! Ist es zweifelhaft, daß man zur Zeit Abrahams von der Urgeschichte weit mehr wußte, als uns davon bekannt ist? Wie viele von uns mit großer Mühe oder zufällig entdeckte Dinge sind schließlich nur Kenntnisse, die verloren gegangen waren und wieder aufgefunden wurden! Und wie weit sind wir in vielen Punkten hinter dem zurück, was man vordem gewesen! Was könnte man, wie ich schon oben bei einem anderen Gegenstande bemerkte, ja, was könnte man, wenn man unter unseren glänzendsten Arbeiten eine Auslese vornähme, jenen Wundern vergleichen, die Ägypten, Indien, Griechenland, Amerika uns noch aufweisen, und damit die grenzenlose Pracht so vieler anderer Gebäude bezeugen, welche der lastende Druck der Jahrhunderte, und weit mehr noch die törichten Verwüstungen des Menschen haben verschwinden lassen! Was sind unsere Künste neben denen Athens? Was unsere Denker neben denen Alexandriens und Indiens? Was unsere Dichter neben einem Kalidasa, Homer und Pindar? »Kurz, wir fassen die Dinge nur anders an. Wir richten unseren Geist auf andere Ziele, andere Forschungen als die übrigen zivilisierten Gruppen der Menschheit; aber indem wir das Terrain wechselten, haben wir die Ländereien, welche jene bereits angebaut, nicht in ihrer ganzen Fruchtbarkeit zu erhalten vermocht. So hat also auf der einen Seite ein Preisgeben zu eben der Zeit stattgefunden, wo auf der anderen eine Eroberung stattfand. Es war dies ein leidiger Ersatz: weit entfernt, einen Fortschritt zu bekunden, bezeichnet er vielmehr nur eine Verrückung . Hätte hier ein wirklicher Erwerb vorliegen sollen, so hätte es uns gelingen müssen, zum mindesten die Hauptreichtümer der früheren Gesellschaften völlig unversehrt zu bewahren und sodann neben ihren Arbeiten gewisse große Errungenschaften aufzubauen, denen sie und wir gleichermaßen nachgegangen. Dann hätten unsere Wissenschaften und Künste, auf ihre Künste und Wissenschaften gelehnt, irgendeine tiefe neue Wahrheit über Leben und Tod, über die Bildung der Wesen, die Urelemente der Welt finden müssen. Nun hat aber die moderne Wissenschaft in allen diesen Fragen jene Lichtschimmer nicht mehr , die, wie wir anzunehmen allen Grund haben, mit der Morgenröte der ältesten Zeiten hereinbrachen, und aus eigener Erfindung und eigener Kraft hat sie es noch nicht weiter gebracht als zu dem demütigenden Geständnisse: ›Ich suche und finde nicht.‹ Es gibt also keine wirklichen Fortschritte in den geistigen Eroberungen des Menschen. Einzig unsere Kritik ist unbestreitbar besser als die unserer Vorgänger. Das ist ein wichtiger Punkt; aber Kritik besagt Einteilung und nicht Erwerbung. »Alle uns vorausgegangenen Zivilisationen haben, gleich uns, vermeint, sich mit ihren unvergeßlichen Entdeckungen an den Felsen der Zeit festgeklammert zu haben. Alle haben an ihre Unsterblichkeit geglaubt. Die Familien der Inkas, deren Palankine mit reißender Schnelligkeit die wundervollen, 500 Meilen langen Chausseen durcheilten, welche noch heute Cuzco mit Quito verbinden, waren sicherlich von der ewigen Dauer ihrer Errungenschaften durchdrungen. Mit einem Flügelschlage hat die Zeit ihr Reich zu so vielen anderen in den tiefsten Abgrund des Nichts hinabgestürzt. Auch sie, diese Herrscher Perus, hatten ihre Wissenschaften, ihr Maschinenwesen, ihre gewaltigen Triebwerke, deren Arbeiten wir mit Staunen bewundern, ohne ihr Geheimnis erraten zu können. Auch sie kannten das Geheimnis, ungeheure Massen zu transportieren. Sie bauten Festungen, bei denen Steinblöcke von 28 Fuß Länge und 18 Fuß Breite aufeinandergeschichtet wurden. Die Ruinen von Tiahuanaco zeigen uns ein solches Schauspiel, und diese ungeheuerlichen Materialien waren mehrere Meilen weit herbeigeschafft worden. Wissen wir, wie die Ingenieure dieses verschwundenen Volkes es anfingen, um ein solches Problem zu lösen? Wir wissen es so wenig, als wir die beim Bau der gigantischen zyklopischen Mauern verwandten Mittel kennen, deren Trümmer noch an so vielen Punkten Südeuropas dem Andrang der Zeit Widerstand leisten. »Verwechseln wir also nicht die Ergebnisse einer Zivilisation mit ihren Ursachen. Die Ursachen gehen verloren, die Ergebnisse geraten in Vergessenheit, wenn der Geist verschwindet, der sie hatte erblühen lassen , oder wenn sie fortleben, so ist es dank einem neuen Geiste , der sich ihrer bemächtigt und ihnen oft eine von der ursprünglichen verschiedene Bedeutung gibt. Die menschliche Erkenntnis flackert beständig hin und her, eilt von einem Punkte zum andern, besitzt keine Allgegenwart, übertreibt den Wert dessen, was sie innehat, vergißt, was sie fahren läßt; festgekettet in dem Kreise, aus dem nie herauszukommen sie verurteilt ist, bringt sie es nur dadurch zur Ertragsfähigkeit des einen Teiles ihrer Gebiete, daß sie den anderen brach liegen läßt, und steht so immer zugleich höher und tiefer als ihre Vorfahren. Die Menschheit übertrifft sich also nie selbst; die Menschheit ist also nicht ins Unendliche vervollkommnungsfähig.« Indische Weisheit würde diesem Gedankengang beistimmen. Sie würde aber noch viel weiter gehen. Auch sie nimmt an, daß wir uns jetzt in einem »Kali Yuga«, in einem »schwarzen Zeitalter« befinden. Ihre Seher aber, die in der Akasha-Chronik zu lesen vermögen, und ihre überlieferten Schriften wissen zu sagen, daß die Erde und ihre Menschheit sich nach den Jahrtausenden des Herabstiegs wieder in aufsteigendem Bogen, den Ring schließend, dem Urlicht nähern werde. Und mit diesem Urlicht bleiben die Besten unter uns fortwährend in Fühlung, ja, aus seinem Feuer sind selbst im Unscheinbarsten Funken verteilt. Aber alle diese kosmischen oder planetarischen Phantasien – wie sie z. B. in den zwei Riesenbänden der Frau Blavatsky zu schwindelnder Höhe gehäuft sind – haben nur praktischen Wert, wenn sie als Aufrüttelungen unserer philiströsen Anschauungsenge dienen; wenn sie Horizonte öffnen, damit der Geist nicht in kleinen Nützlichkeiten, nicht im Alles-beweisen-wollen ersticke. Von dieser sehr wichtigen Seite betrachte man Gobineaus Erweiterungen unserer Sehweise. * Als Diplomat in auswärtigen Diensten, hielt sich der Graf immer in weiten Horizonten, wobei besonders Persien schöne Anregungen gab. Er weilte in Bern, Hannover, Frankfurt, Persien, Athen, Rio de Janeiro, Stockholm. »Das Jahr 1877« – so erzählt der unermüdlich für Gobineau wirkende Schemann in der Einleitung zu den »Asiatischen Novellen« (Reclam) – »brachte den Abschluß seiner amtlichen Laufbahn, nicht ohne daß bittere Kränkungen vorhergegangen wären, mit welcher der damalige Leiter des auswärtigen Amtes in Frankreich, der Herzog Decazes, den hohen Sinn dieses echten Weltweisen zu guter Letzt noch fast überschwer auf die Probe stellte. Da ihm von jetzt ab jede weitere politische Tätigkeit widerstrebte, so nahm Gobineau nach kurzem Aufenthalt in Frankreich behufs Ordnung seiner Angelegenheiten seinen dauernden Aufenthalt in Rom. Leider zwangen ihn seine zurückgegangenen Vermögensverhältnisse, sich von seinem Schlosse Trye zu trennen und gegen das frühere vollere Leben mancherlei Entbehrungen über sich ergehen zu lassen: als schwerste die, daß er nicht mehr mit vollen Händen geben konnte, da er selbst, wie er von sich sagte, durch seine Bedürfnislosigkeit wohl zum Derwisch getaugt haben würde. Aber auch seine Gesundheit hatte schwer, ja unheilbar gelitten – eine Erkenntnis, die sich dem nun Heimatlosen eben zu einer Zeit aufdrängte, da er, seinen äußeren Lebensverhältnissen nach, völlig frei geworden, sich mit jugendfrischem Mute auf eine neue, wahre Überfülle wissenschaftlicher und dichterischer Projekte werfen wollte. Ein Augenübel vor allem zwang ihn, das größte derselben, die Übersetzung des Kusch-Nameh, eines im Okzident fast unbekannten Heldengedichtes der Perser, aufzugeben. Aber dichterisch blieb er unermüdlich tätig, und fast rastloser noch sah man ihn in seinem Atelier als Bildhauer bei der Arbeit.« Es ist eine feine Fügung, daß der Vereinsamte gerade in dieser Zeit Richard Wagner kennen lernte, das stärkste Schöpfergenie der Zeit. Sie faßten schnell eine glühende Bewunderung und Freundschaft füreinander; beide Künstlernaturen und Weltweise waren auf großen Stil zugeschnitten. Es folgten Besuche in Bayreuth – Frühjahr 1881 und 1882 – ungefähr in der Zeit, als Heinrich von Stein dort Hauslehrer war. Aber Gobineaus Kraft war gebrochen. Am 13. Oktober 1882, also ein halbes Jahr etwa vor Wagner, starb er auf einer Reise, in fremder Umgebung mutterseelenallein, zu Turin – in derselben Stadt, wo wenige Jahre später Nietzsches unheilbarer Wahnsinn ausbrach. »Gobineau war als Mensch ausgezeichnet durch seltene Eigenschaften des Geistes und Herzens: Großsinnigkeit und Edelmut, tadellose Lauterkeit, funkelnden Witz, Jovialität und unerschöpflich heitere Laune; eine fast beispiellos zu nennende Beweglichkeit und Vielseitigkeit bei tiefster Durchdringung der heterogensten Gegenstände; endlich bei einem so seltenen Genie wahrhaft rührende Anspruchslosigkeit, Kindlichkeit und Herzensgüte« (Schemann). * Die Literatur des 19. Jahrhunderts hat nicht die Fähigkeit besessen, solche Erscheinungen als Ganzes zu umfassen. Gobineau ist in Frankreich nicht mitgezählt worden. In Deutschland hat Richard Wagner durch die »Bayreuther Blätter« auf seine bedeutende Lebensanschauung aufmerksam gemacht. Und in den Bayreuther Blättern war es bezeichnenderweise Heinrich von Stein , der Gobineaus dramatische Bilder »Renaissance« zuerst ausführlich besprochen hat – Stein, der 1880 Hauslehrer in Villa Wahnfried war und den Grafen persönlich gekannt hat. Hans von Wolzogen schreibt mir darüber: »Soviel ich erforschen kann, steht nur fest, daß Stein mit Gobineau bei den Berliner Aufführungen des ›Ringes‹ (durch Angelo Neumann im Viktoriatheater) im Mai 1881 zusammengewesen ist. Chamberlain irrt, wenn er meint, sie seien in Italien (Neapel) bei Wagner gleichzeitig Gäste gewesen. Es könnte höchstens sein, daß Stein auf der Durchreise in Rom 1880 schon Gobineau gesehen hätte. In Bayreuth trafen sie nicht zusammen.« – Dies nur nebenbei. Die geistige Verwandtschaft der beiden dichterischen Denker und Forscher ist das Wesentliche, auch wenn sie sich nie persönlich berührt hätten. Zur Kennzeichnung des Geistes, der Gobineau mit Bayreuth verband, stehe hier (auszugsweise) das berühmte Schlußgespräch zwischen Michelangelo und Vittoria Colonna. Das wird uns sogleich in die Atmosphäre führen, in der jene Menschen geatmet haben. Und wir werden hier zugleich die Quelle erkennen, aus der Heinrich von Stein, als Dichter dramatischer Skizzen, Anregungen für seine eigene Stilart geschöpft hat.   Ein Saal im Palazzo Colonna Donna Vittoria , Marchesa von Pescara, schwarz gekleidet, liest an einem kleinen Tisch von Ebenholz, auf welchem eine silberne Lampe steht. Zwei Ehrendamen und eine Hofmeisterin in großen Hauben sind im Hintergrunde mit Handarbeit beschäftigt. Das Feuer ist im Kamin angezündet, und die Scheiter knistern laut in der Flamme. – Ein diensttuender Edelmann tritt auf. Der Edelmann Herrin, der Herr Michelangelo kommt in diesem Augenblick die Treppe herauf. Die Marchesa Es ist gut, leuchtet ihm! (Sie erhebt sich und wendet sich Michelangelo entgegen; dieser erscheint oben im Flur, vor ihm her gehen Edelknaben in der Diensttracht des Hauses Avalos mit Fackeln.) Guten Abend, mein Freund, wie befindet Ihr Euch an diesem etwas kalten Abend? Michelangelo Ich küsse Eurer Exzellenz die Hand. Ich befinde mich besser, als ein Greis erwarten dürfte. Marchesa Ihr seid hoffentlich nicht allein gekommen? Michelangelo Nein. Seitdem Ihr mir verboten habt, nach Belieben und ohne Gefährten auszugehen, tue ich es nicht mehr. Antonio hat mir mit seiner Laterne bis an das Tor des Palastes geleuchtet, und da habe ich Eure Leute gefunden, die mich wie einen großen Herrn behandelt haben. Marchesa Kommt, setzt Euch, da neben den Kamin. Hier ... in diesen Lehnstuhl ... Katharina, keinen Schritt; ich will Michelangelo bedienen ... Schön! Haltet Eure Füße näher ans Feuer. Michelangelo (hat sich gesetzt) Ich lasse Euch gewähren, Frau Marchesa, ich lasse Euch gewähren ... Ein Herz wie das Eure steht auf dem Gipfel der Größe, und dieser Gipfel ist die Güte. Marchesa (lächelnd) Was Ihr sagt, würde wahr sein, wenn es sich darum handelte, sich den Armen nützlich zu erweisen und, wie unser göttlicher Erlöser, Bettlern die staubigen Füße zu waschen. Aber Michelangelo bedienen? Das heißt nicht sich sonderlich erniedrigen. Michelangelo Tut Eure Augen auf, Marchesa: was seht Ihr? Ein Wesen, durch die Jahre gebeugt, über das alle Schwächen des Alters hereingebrochen sind, das nicht ohne Mühe seine abgezehrten, zitternden Finger nach der wärmenden Flamme ausstreckt ... Was seht Ihr weiter? Spärliches Haar, weißes Haar auf einer Stirn, die des Elfenbeins Farbe annimmt, welke und eingefallene Wangen ... Ihr seht eine Ruine, Marchesa. Marchesa Mir scheint, ich sehe neben mir, mir gegenwärtig, in dem Kreise, den meine Blicke beherrschen, einen jener Sterne, die Dante in so kleiner Zahl bis in die auserlesene Sphäre aufsteigen läßt. Ihr seid nicht alt, Michelangelo; Ihr lebt und werdet immer leben, wie jener reinste, taten- und wirkungsreichste Teil der menschlichen Geisteswesen, die Führerschaft der Welt, nie aufhören wird, zu sein. Michelangelo Ich werde die Erde bald verlassen, ja. Der Keim spaltet die Hülse, die ihn umschließt. Ich habe lange genug hienieden gelebt. Ich bitte meinen Herrn, seinen Knecht zurückzurufen. Marchesa Ihr seid müde, zu leben? Michelangelo Ich bin begierig darauf, im Gegenteil. Mich dürstet nach der vollen Freiheit meines Seins; mich hungert nach dem, was ich ahne; mich drängt es, das zu schauen, was ich begreife. Nein, nein, nicht der Tod ist es, was ich kommen fühle, es ist das Leben, das Leben, davon man hienieden nur den Schatten gewahren kann, und das ich bald ganz und gar besitzen werde. Marchesa Ich denke wie Ihr. Wir sind zwei sehr verschiedene Wesen, mein Freund. Ihr seid Michelangelo; ich bin nur ein begreifendes Weib, genug begreifend, um den Abstand zu ermessen, der mein Mitfühlen von Eurem Tatendrange trennt. Ihr habt viel für die Welt getan. Und während Ihr den Ton Eurer Statuen zu kneten glaubtet, habt Ihr in der Tat der allgemeinen Erkenntnis neue Formen und Ausdrucksweisen vorgeschrieben. Ich, was habe ich getan? Ich habe viel geliebt den, der nicht mehr ist ... Ich habe Euch selbst viel geliebt, und das ist alles. Michelangelo So habt Ihr also genau ebensoviel gewirkt als ich. Solange der Himmel uns Fernando d'Avalos, den unvergleichlichen Marchese von Pescara, Euren edlen Gatten, gelassen hat, habt Ihr ihn geliebt und seid in seiner Liebe so beglückt gewesen, als es einem Weibe gegeben ist, sich beglückt zu fühlen. Glaubt mir: es war das ein edles Tun, und die Tugenden, die sich durch die Wonneschauer solcher Liebe allmählich in Euch entwickelten, wurden zum Meisterwerke menschlichen Wertes. Marchesa Ich habe darüber nachgedacht ... Ich begreife, seit ich allein geblieben bin, bis zu welchem Grade das Glück klein macht. Muß ich es gestehen? Vielleicht ist es das Bewußtsein von dieser Wahrheit, das den meisten Trost in meinen Schmerz gießt. Ich habe den, den ich liebte, nicht weniger geliebt, seit ich ihn nicht mehr besitze; aber Kummer und Einsamkeit haben mir Überwindungen eingegeben, die ich schöner gefunden habe als die leichten Verdienste, deren Bildern nachzuhängen mir so bequem war. Und gerade die Schwierigkeiten haben mich genötigt, meine Kräfte zu verdoppeln, und haben vielleicht das aus mir gemacht, was das wolkenlose Glück niemals zustande gebracht hätte. Michelangelo Ob der Mensch einzig an sich arbeite oder, seine Tätigkeit ausbreitend, der toten Materie Leben einhauche, in beiden Fällen ist sein Werk dasselbe: er stellt seinesgleichen Beispiele hin. Man kann wahrheitsgemäß sagen, daß die tugendhaftesten Menschen Phidiasse sind, während die vollkommensten Künstler ebenso große Erzieher sind wie die Philosophen und Heiligen. Wenn es also mir an meinem Teile gelungen ist, in dieser Welt einiges Gute hervorzubringen, so weigert mir, Marchesa, den Ruhm nicht, mich mit Euch zu vergleichen. Und laßt mich hoffen, daß wir im Leben der Ewigkeit uns ebenbürtigen Fluges zu vollkommen gleichen Belohnungen werden emporschwingen dürfen. Marchesa So sei es, Michelangelo. Und möge ich niemals von einem Wesen getrennt werden, das mich während so langer Jahre so viel große und ehrwürdige Wahrheiten hat betrachten lassen. Das ist die unermeßlichste Gunst, die ich vom Himmel erbitten könnte ...   Hier brechen wir dieses wundervolle Gespräch ab. Wir weisen nur noch auf den hier ausgesprochenen Gedanken hin, der auch den Lesern dieser Blätter vertraut ist. Sich selber zum Kunstwerk formen , ob auch im kleinsten Lebensbereich, ist eine dem schaffenden Künstlertum ebenbürtige Tat . Ein großer Künstler sagt uns das in diesem Gespräch. Er stellt sich bescheiden, fast bittend, neben ein »begreifend Weib«, die »nichts tat«, als die zwei wertvollsten Menschen ihres Bereiches von Herzen zu lieben und durch ihre achtungsvolle Liebe zu fördern – und sich mit ihnen. So scheiden diese zwei Edelmenschen. Und als der Greis die breite Treppe des Palazzo hinuntergeht, dreht er sich noch einmal um, und sein Schlußwort lautet: »Euch, die ich so liebe, Euch segne ich aus meines Herzens Grunde.« Diese zentrale Bedeutung der Kunst, als einer von innen her den Organismus durchdringenden Lebensmacht, stellen wir in die Mitte unserer Betrachtungen. In diesem Sinne ist der Bayreuther Kreis die Fortsetzung Weimars. Darin steht Bayreuth seit Goethes Tod als besonderes Kulturland in der Ästhetik des 19. Jahrhunderts. Ich lege mich zwar auf kein Dogma fest. Hebbel, Keller, Storm, Mörike, Ludwig dachten nicht geringer von der Kunst; und wir möchten sie nicht missen. Ihr genaues Betrachten und Prägen ist sozusagen Prosa; in religiös-philosophischen Künstlernaturen wie Gobineau, Stein und Nietzsche ist etwas wie »unendliche Melodie«. Heinrich von Stein lebte und webte im Empfindungskreise der Bayreuther Kunst. Das obige Gespräch zwischen Michelangelo und der Marchesa Colonna war einer reinen und hohen Natur wie der seinigen aus der Seele gesprochen. Und so war ihm sein Weg vorgezeichnet: Trennung von den materialistischen Anschauungen des Jahrhunderts, Anknüpfung an große Zeiten und große Menschen . * Es ist lohnend, sich Steins verschollene Besprechung von Gobineaus »Renaissance« (Bayreuther Blätter, Januar 1881) hervorzuholen: ... »Daß die gewaltsame Zivilisation, welche uns umgibt, als eine herbe Nicht-Erfüllung gerade die vollsten und wärmsten Ansprüche unseres Gemütes einengt und oft gänzlich unterdrückt, das sagt uns eine Umfrage, kaum begonnen, nur allzuschnell. Die drangvolle Lebendigkeit ringsumher, ausgeprägt in jener unser Zeitalter gestaltenden Kunst der technischen Erfindung, welche, durch Kohlen und Eisen, den Fuß beflügelt und die Arme bewaffnet und stärkt, täuscht uns nicht mehr darüber, wie es um das Leben der Menschen dabei bestellt sei ... »Der allgemeine Charakter der Renaissance ist der Umsturz und die Vernichtung des zwar selbst auf ursprüngliche Gewaltsamkeiten gegründeten, aber doch nun in sich zu einer gewissen Festigkeit, Abgeschlossenheit und teilweise schmuckvollen und reichen Erfreulichkeit gelangten Baues mittelalterlicher Kultur. Die Unbarmherzigkeit dieser Vernichtung steht nun im ersichtlich grausamsten und, am Ende jener Periode, auch in Wirklichkeit blutig furchtbaren Gegensätze gerade zu den besten Regungen künstlerischen Schaffens. In dem allgemeinen Zusammensturze jenes Baues sprießt die üppige Blume der bildenden Kunst auf, eine Stunde vor Abend, um im kalten Tau der hereinbrechenden Nacht schnell zu verwelken. Dem vergifteten Boden, welchen ringsum Trümmer bedecken, kann der kurze Anlauf ihrer Säfte keine volle, erfreuliche Frucht abgewinnen ... »Eine diesen unseren Betrachtungen verwandte Antwort auf die Frage nach dem Charakter der Renaissance legt uns hier ein geistvoller und vornehmer Franzose in reicher Bilderfülle von Dialogen und Szenen vor. Die großen Namen der Zeit nehmen Gestalt an und treten als redende und handelnde Menschen uns vor die Augen. Wer hat nicht in seinen Träumen Raffael , umgeben von Gönnern und Schülern, zum Vatikan wandeln sehen, zur Werkstatt, durch die Straßen Roms, und wer verdankte nicht solchen Träumen die einzig ihm lieb gewordene Ahnung von der Geschichte jener Tage? Derlei bildsame Traumkraft nun nimmt hier, unter wohlgewandter schriftstellerischer Hand, leibhaftigere Formen an; und der Vereinigung eines sicheren historischen Bewußtseins mit warmer künstlerischer Empfindung verdanken wir diese unerschöpfliche Reihe stets gleich lebendiger Eindrücke. »Wem es gelungen ist, beide, Raffael und Michelangelo , vor unseren Ohren sprechen zu lassen, ohne ein einziges Wal weder die historische Würde noch die individuelle Lebendigkeit durch den leisesten Schein des etwa bloß Erkünstelten zu stören – einen lauten, großsprecherischen Cellini , doch nicht hohl und anmaßend, und einen um seinen Erwerb häßlich geprellten Correggio dennoch, ohne Aufwand von Bitterkeit und Empfindung, ruhig überlegen darzustellen – und dem Tizian die Verteidigung einer schlechten Sache in den Mund zu legen, derart, daß man trotzdem den Meister Tizian sieht und hört; – einem solchen Künstler gegenüber darf man sich wohl der Lobsprüche für überhoben erachten. Denn der Künstler ist es, welcher in diesem Buche den Geschichtschreiber weit mehr als nur ersetzt ... »Vor allem in dem Geschick des Größten unter ihnen, Michelangelos , steht der Inhalt des ganzen Zeitalters in einem erhabenen und unserem Dichter zugleich am vollkommensten gelungenen Bilde vor unseren Augen. An ihm und Machiavelli sind alle Ereignisse der Renaissance vorübergezogen. Sie haben beide Savonarola gekannt; Machiavelli hat dem Cesar Borgia gedient, Michelangelo war Julius' II. stolzester Diener; unter Leo X. sind sie sich begegnet; und in dem nun von den Fremden bedrohten Florenz begegnen sie sich zum letzten Male: da nun finden wir Machiavelli vom Hunger zernagt, verlassen und trostlos erbittert, jedoch Michelangelo völlig unberührt von all diesen Vergangenheiten; wenn jener zornig-höhnisch in die Rufe der exaltierten Menge einstimmt, so achtet vielmehr dieser die Menge nicht, aber er geht zu den Mauern, ordnet die Verteidigung und rettet die Stadt ... Wie nimmt in der ergreifenden Schlußszene des Buches (mit Vittoria Colonna) die Tragödie der Renaissance in ihrer vollen Würde und Größe Abschied von uns, wenn dem Greise die dienende Zartheit und geistige Schönheit einer Frau ein erstes Liebeswort als letzten Segensspruch entlockt! Nach dem Tode Raffaels wird Vittoria Colonna zum ersten Male erwähnt; sie hatte dem Michelangelo gesagt, daß er jenem ein Freund sein müsse, und diese Erinnerung treibt ihm die ersten bitteren Tränen in die Augen, als er nun von Raffaels plötzlichem Tode hört. Wie ein ruheloser Dämon hat er noch eben in später Nacht in seiner Werkstatt gemeißelt und geschafft, bei dem Licht einer sinnreich ergrübelten, auf dem eigenen Haupte befestigten Leuchte; die Nachricht von Raffaels Erkrankung schreckt ihn von der Arbeit auf, er muß ihn noch sehen, muß Abschied nehmen von ihm – auf der Straße Fackeln, Bewaffnete, eine Sänfte eilt vorbei: es ist der Papst, der bereits von dem Toten Abschied nahm. Da sinkt Michelangelo auf eine Marmorbank zur Seite nieder und beweint sein Geschick, daß es ihn keinen Freund finden ließ, daß es ihn keinen Menschen finden ließ ... »Erst spät, jener Frau gegenüber, findet er zu seinen milder verklingenden Klagen auch ein leises Wort des Trostes: ›Ce qui va disparaître, ne disparaîtra pas tout entier.‹ In uns, uns allein, glühte ein ewiger Funke. Wir haben keine Flamme zu entzünden vermocht, aber der Funke glühet fort : was da nun vergehen muß, kann doch niemals gänzlich vergehen.« Das sind geradezu prophetische Worte. Heinrich von Stein konnte diese letzten Sätze über sein eigenes kurzes Leben schreiben! * Es liegt ein wundersam seiner Duft über Gobineaus Gesamtpersönlichkeit. Die Natur, vielleicht das keltische Element, das sich mit seinem etwaigen Normannentum mischte, gab ihm etwas, was sie Heinrich von Stein versagt hat, und was doch im Leben eines Einsamen eine sehr wesentliche Waffe ist: die Natur gab ihm zu allem sachlichen Lebensernst einen leisen Humor, eine anmutige Ironie. Man lese seinen ernsthaft-graziösen »Turkmenenkrieg« in den Asiatischen Novellen! Oder man beachte den eleganten und doch sachlichen, mit lächelnder Teilnahme über den Dingen stehenden Plauderton in »Trois ans en Asie« (Paris, Leroux, von Schemann neu herausgegeben)! Vor allem aber immer wieder bewundern wir sein sachliches und seelisches Einfühlungstalent in scheinbar ganz entlegene und doch, kraft des Geistes, herzlich nahe Zustände. Darum gebührt ihm in diesen Blättern eine Ehrenstelle. * 2. Stein und Nietzsche Als der kranke Nietzsche aus der schroffen Bergeinsamkeit von Sils-Maria nach Menschen schrie, die seinem Geist gewachsen wären, schien ihm das Schicksal in Heinrich von Stein das Ideal eines Jüngers zuführen zu wollen. Nur durch Austausch und Wechselbeziehungen läutern und fördern sich große Gedanken. Dumpfe Unempfänglichkeit tötet ihr Bestes; sie verkrüppeln oder werden verzerrt. Nietzsches heftiges Temperament erlag der letzteren Gefahr; die peinliche Stille reizte zu lauterem Reden und schärferem Zuspitzen, zum Herausfordern der Nation, zum Vorfordern Gottes: – und das wurde Nietzsches Tragödie. Der kranke Körper zerbrach und riß den Geist mit sich. Im Herbst 1882 begannen die persönlichen Beziehungen zwischen Stein und Nietzsche. Beide waren unzeitgemäße Geister. Denn beide gingen von der vornehmsten Geisteswissenschaft aus: von Philosophie und Theologie. Das Jahrhundert aber ging rauhere Wege. Die naturalistische Großstadtliteratur setzte damals ein, jene Anklage- und Müdigkeitsliteratur einer um ihre Ideale betrogenen Gesellschaft, die in den Außendingen, in Kritik, Methode, Analyse alles Heil suchte und zunächst nur »fin de siècle« fand. Wer von Geschichte, Philosophie und Theologie kam, der konnte an diese radikal und hartnäckig durchgeführte Literatur der »exakten Naturwissenschaft« keine Anknüpfung finden. Es gab damals nur einen großen Künstler und Denker in Deutschland, der die Welt als Idealist von ihrer geistigen Seite zu betrachten gestimmt war: das war Richard Wagner. In seinem Bereich bewegte sich alles, was dem alten Idealismus treu geblieben. Und in seinem geistigen Bann streiften sich auch Stein und Nietzsche, der den »Fall Wagner« noch nicht veröffentlicht hatte, aber schon irre war am Dichterkomponisten des »Parsifal«. Heinrich von Stein hatte sich, nach einjähriger Tätigkeit in Villa Wahnfried, zu Halle als Privatdozent habilitiert. Bei einem Besuch in Leipzig traf er Nietzsche nicht zu Hause. Dieser sandte ihm als Gegenbesuch die Aushängebogen seiner »Fröhlichen Wissenschaft« und drückte ihm mit einigen Zeilen sein Bedauern über Steins verfehlten Besuch aus (Nietzsches gesammelte Briefe, herausgegeben von Frau Förster-Nietzsche und Kurt Wachsmuth. Berlin, Schuster \& Löffler; III, S. 223 f.). Der Brief schloß mit den bezeichnenden Worten: »Man hat mir erzählt, daß Sie, mehr als jemand sonst vielleicht, sich Schopenhauer und Wagner mit Herz und Geist zugewendet haben. Dies ist etwas Unschätzbares, vorausgesetzt, daß es seine Zeit hat.« Stein schickte als Antwort die Aushängebogen seines neuesten Werkes: die historisch-dramatischen Skizzen »Helden und Welt«. Nietzsches Antwort ist kennzeichnend: »... Ja, Sie sind ein Dichter! Das empfinde ich: die Affekte, ihr Wechsel, nicht am wenigsten der szenische Apparat – das ist wirksam und glaubwürdig (worauf alles ankommt). »Was die Sprache betrifft – nun, wir sprechen zusammen über die Sprache, wenn wir uns einmal sehen: das ist nichts für den Brief. Gewiß, lieber Herr Doktor, Sie lesen noch zu viel Bücher, namentlich deutsche Bücher! Wie kann man nur ein deutsches Buch lesen! »Ah, Verzeihung! Ich tat es selber eben und habe Tränen dabei vergossen. »Wagner sagte mir einmal, ich schreibe lateinisch und nicht deutsch: was einmal wahr ist und sodann – auch meinem Ohre wohlklingt. Ich kann nun einmal an allem deutschen Wesen nur einen Anteil haben und nicht mehr. Betrachten Sie meinen Namen: meine Vorfahren waren polnische Edelleute, noch die Mutter meines Großvaters war Polin. Nun, ich mache mir aus meinem Halbdeutschtum eine Tugend zurecht und nehme in Anspruch, mehr von der Kunst der Sprache zu verstehen, als es den Deutschen möglich ist ...« Ohne das Nietzscheproblem anpacken zu wollen, darf man zu diesem ersten Brief, in dem sich Nietzsche sozusagen vorstellte, doch wohl den Kopf schütteln. Und wer Steins außerordentliche Sachlichkeit in Erwägung zieht, die eine Folge war seiner reinen Hingabe an seine Ideale, der fürchtet schon nach diesem ersten Briefe, daß Stein und Nietzsche keinen guten Akkord geben würden. Der Schluß des Briefes verstärkt unsren Eindruck. Nietzsche deutet an, daß er den Standort der »Heldenverehrung« zu überwinden trachte, um auch das tragische Problem unter sich zu bekommen, obwohl ja der Held »die annehmbarste Form des Daseins sei, namentlich wenn man keine andere Wahl hat« (echt Nietzsche!). Und er verrät vollends, daß er von Steins naivem und ungebrochenem Idealismus weit entfernt ist, denn er beanstandet die seelischen Kräfte, die durch Entsagung entfesselt werden, als »Probleme der Grausamkeit «! »Es sind fast lauter Probleme der Grausamkeit, die Sie behandeln: tut dies Ihnen wohl?« Die Erklärung kommt freilich sofort hinterher: »Ich sage Ihnen aufrichtig, daß ich selber zuviel von dieser »tragischen« Komplexion im Leibe habe, um sie nicht oft zu verwünschen« – und wir verstehen das. Nietzsche bedurfte dieser Speise nicht mehr; sein Leben lastete schon leidvoll genug. Aber es gibt jenseits der Tragik nur eine Möglichkeit der Höherentwicklung: die betrachtende Ruhe. Und es ist auch dort Sonnenschein: die Herzensgüte. Diese Höchststufe läßt sich vortrefflich mit souveräner geistiger Unbefangenheit vereinigen. In diesem Sinne läßt Gobineau seinen Michelangelo zu Vittoria Colonna die wichtigen Worte sagen: »Ein Herz wie das Eure steht auf dem Gipfel der Größe: und dieser Gipfel heißt die Güte .« Nietzsche hat diesen Gipfel nicht gefunden. Fast geziert klingt der Schluß dieses Briefes: »Doch, um hier fortfahren zu können, müßte ich Ihnen verraten, was ich niemanden noch verraten habe – die Aufgabe, vor der ich stehe, die Aufgabe meines Lebens. Nein, davon dürfen wir nicht miteinander sprechen. Oder vielmehr: so, wie wir beide sind, zwei sehr getrennte Wesen, dürfen wir davon nicht einmal miteinander schweigen .« Was der stete und strenge Idealist Heinrich von Stein zu diesem Briefe gedacht hat? Wir wissen es nicht. Als Gegengabe für »Zarathustra« sandte Stein mit einigen warmen und ehrerbietigen Dankesworten mehrere seiner schön übersetzten Giordano-Bruno-Sonette, enthält sich aber jeder Kritik. Leise antastend versucht er jedoch für das, wovon ihm das Herz voll ist, für Bayreuth , dem abgesprengten Einsiedler gleichfalls das Herz warm zu machen. »Wie sehr wünschte ich, daß Sie diesen Sommer zum Parsifal nach Bayreuth kämen. Wenn ich an den Parsifal denke, so denke ich an ein Bild reiner Schönheit – an ein Seelenerlebnis reinmenschlicher Art, die dargestellte Entwickelung eines Knaben zum Manne. Durchaus kein Pseudochristentum, und überhaupt weniger Tendenz ist für mich im Parsifal als in irgendeinem Wagnerschen Werke. So schreibe ich denn auch – zaghaft und kühn zugleich, meinen Wunsch hier nicht als Wagnerianer nieder, sondern weil ich dem Parsifal diesen Hörer und diesem Hörer den Parsifal wünsche.« Nietzsche antwortet aus Venedig: »Diese Gedichte Giordano Brunos sind ein Geschenk, für welches ich Ihnen von ganzem Herzen dankbar bin. Ich habe mir erlaubt, sie mir zuzueignen, wie als ob ich sie gemacht hätte und für mich – und sie als stärkende Tropfen ›eingenommen‹. Ja, wenn Sie wüßten, wie selten noch etwas Stärkendes von außen her zu mir kommt! Ich sprach vor zwei Jahren mit einer Art Ingrimm davon, daß ein Ereignis wie der Parsifal ferne von mir, gerade von mir, vorübergehen mußte; und auch jetzt wieder, wo ich noch einen zweiten Grund weiß, um nach Bayreuth zu gehen, – nämlich Sie, mein lieber Herr Doktor, der Sie zu meinen großen ›Hoffnungen‹ gehören –, auch jetzt wieder habe ich Zweifel daran, ob ich hinkommen darf. Nämlich: das Gesetz, das über mir ist, meine Aufgabe, läßt mir keine Zeit dafür. Mein Sohn Zarathustra mag Ihnen verraten haben, was sich in mir bewegt; und wenn ich alles von mir erlange, was ich will, so werde ich mit dem Bewußtsein sterben, daß künftige Jahrtausende auf meinen Namen ihre höchsten Gelübde tun« (!) ... Welch ein Brief! Sagen wir es knapp: Zarathustra erhebt sich gegen Parsifal. Hier läßt sich fein einsetzen, um die Psychologie jener Zeit und jener Kreise zu erfassen. Wagner hatte den Zeitgenossen mit Posaunenstößen und in höchstgesteigerter Ausdrucksweise den deutschen Idealismus in Kunst und Weltanschauung zurückgerufen. Er und sein Kreis neigten zu Superlativen. Es gab Reibung oder eben Unterordnung für jeden, der mit Wagners Lebens- und Ausdruckskraft in Berührung geriet. Nietzsche, erst begeisterter Jünger, entwickelte sich immer mehr zum Ketzer. Aber das Superlativische, schon in der »Geburt der Tragödie« auffallend, blieb . Seine trotzige Selbständigkeit wurde nur immer hartnäckiger; der laute Erfolg von Bayreuth, mit so mancherlei unfeinen Begleiterscheinungen und Klatschereien der ersten Zeit, drang nicht angenehm in seine Stille. Dies alles erwäge man; und man bedenke das Schicksal so manches Komponisten, der heute noch unfreiwillig in Wagners Bannkreis nach Eigenart ringt: und man wird die Luft, in der ein vereinsamter Ringer wie Nietzsche seine Gereiztheiten formte, verstehend beurteilen. Und so sehen wir auch den Größenwahn des Satzes, »daß künftige Jahrtausende (!) auf meinen (!) Namen ihre höchsten (!) Gelübde tun«, in milderem Lichte. Überreiztheit lag nicht nur beim kranken und schlaflosen Nietzsche: Überreiztheit war eine Begleiterscheinung von Wagners energisch durchgesetzter musikalisch-dramatischer Schöpfung mitten in widerspenstiger Zeit . Bald darauf kam eine persönliche Zusammenkunft auf den Höhen von Ober-Engadin im August 1884 zustande. Es scheinen anregende und reiche Stunden gewesen zu sein. Nietzsches Schwester, Frau Förster-Nietzsche, die Herausgeberin des Briefwechsels, berichtet darüber in ihrer Weise (Briefe III, S. 234): »Stein kam nur für wenige Tage nach Sils-Maria, fast teilnahmlos für die Natur, nur in den Anblick meines Bruders versunken. Eigentlich haben sie sich nur zwei Tage wirklich genossen, denn bei Steins Ankunft hatte mein Bruder gerade Migräne, die am folgenden Tage gegen Abend wiederkehrte und erst am dritten Tage ihn vollkommen verließ. Stein notiert in seinem Tagebuch: ›26. VIII. 84. Nach Sils, abends bei Nietzsche. Bejammernswerter Anblick. 27. Großartiger Eindruck seines freien Geistes, seiner Bildersprache. Schnee und Winterwind. Er bekommt Kopfschmerzen – abends Anblick seines Leidens. 28. Er hat nicht geschlafen, ist aber frisch wie ein Jüngling. Welcher sonniger, Herrlicher Tag!‹ – Von dieser Zusammenkunft haben beide die herrlichste Erinnerung behalten. Mein Bruder, mit dem ich kurz darauf in Zürich zusammentraf, konnte nur mit bewegter Stimme von diesem wundervollen Menschen sprechen, bei dem ihn auch alles so tief sympathisch berührte.« Damit war der Höhepunkt erreicht. Wenn Nietzsches Schwester betont, wie sehr beide in ihren ernsten und fast melancholischen Charakteren einander ähnlich waren, und dann fortfährt: »Nur war mein Bruder als der Ältere bereits zum Humor (?) und zum Lachen durchgedrungen (?), und er sprach die bestimmte Hoffnung aus, daß, wenn Stein längere Zeit mit ihm zusammen wäre, er es auch noch lernen würde« – so ist das doch wohl ein psychologischer Irrtum. Stein hätte Nietzsches Lachen nie gelernt. Wir haben oben angedeutet, welche Entwicklung der Verfasser von »Helden und Welt«, der mit Gobineau mehr Verwandtschaft hat als mit Nietzsche, vermutlich genommen hätte. Noch am Ende jenes Jahres 1884 zeigte sich an einem plastischen Beispiel, wie wenig diese beiden Geister aufeinander gestimmt waren, so daß die Fernwirkung völlig versagte. Stein hatte sich mit Entschiedenheit der praktischen Arbeit zugewandt. »Treues, herzliches Mitgehen und Verstehen« gelobt er zwar Nietzsche auch jetzt wieder; aber gleich hinterher heißt es: »Pläne machen ist mir ganz und gar verwehrt.« Dann lesen wir weiter: »Das Heimweh nach einem Tage wie der 28. August, der zweite unseres Zusammenseins, ließ mich oft zweifeln, ob ich nicht auf alle Weise meinen Besuch hätte länger ausdehnen sollen. Aber es steht so mit mir. Ich bin entschieden in die gelehrte Laufbahn einzutreten genötigt. Nun habe ich diese Aufgabe so in mich aufgenommen, daß ich für jetzt mit meinen Studien über Ästhetik wirklich lebe; in dem Grade, daß ich mich unbehaglich fühle, wenn ich dieser Pflicht nicht genüge. Dies mag gut oder schlimm sein – ich selbst, wie ich sonst war, würde es schlimm nennen, – für jetzt bestimmt es mein Lebensgefühl. In der Tiefe lauscht und wacht eine unendliche Sehnsucht nach wirklichem, freiem Leben. Aber nachgeben will ich dieser nun nicht mehr – bis ich sie verwirklichen kann. Deshalb also sehen Sie mich von Bibliothek zu Bibliothek ziehen, und in meiner Dachstube in Berlin gefesselt – C. Poststraße 23 III, wo ich für Briefe immer zu finden bin.« Hier haben wir den Schillerschen Idealismus der Tat. Stein verschließt den heiligen Drang nach den Bergen der Freiheit, der freischöpferischen Poesie in sich als eine kostbare Hoffnung; er schlägt den Weg ein, der ihn allein mit Sicherheit zur Höhe führen kann: Arbeit . In der Zentralstätte erregter Arbeit, in Berlin, widmet sich der Privatdozent der philosophisch-ästhetischen Vertiefung. Er verarbeitet, was er von Wagners Genie an Anregungen empfangen hat. Wehmütig und ergreifend berührt uns in diesem Zusammenhang die Antwort, die nun ein kranker Mann, dem der Segen der Arbeit versagt war , aus seinem einsamen Hochgebirge sandte. Es war das Gedicht »Einsiedlers Sehnsucht«: O Lebens Mittag! Feierliche Zeit! O Sommergarten! Unruhig Glück im Stehn und Spähn und Warten! Der Freunde harr' ich, Tag und Nacht bereit: Wo bleibt ihr, Freunde? Kommt! 's ist Zeit! 's ist Zeit! Im Höchsten ward für euch mein Tisch gedeckt: Wer wohnt den Sternen So nahe, wer des Lichtes Abgrundsfernen? Mein Reich – hier oben hab' ich mir's entdeckt – Und all dies Mein – ward's nicht für euch entdeckt? Welch ein Angstruf nach Menschen! Man muß das ganze Gedicht nachlesen (Briefe III, S. 245; auch, etwas geändert, Nietzsches Gedichte, S. 132). Wieder verstärkt sich uns die Überzeugung: Hätte dieser nach ebenbürtigem Austausch hungernde Denker von vornherein Geister gefunden, die ihn durch Aussprache berichtigt und gemildert hätten, wir hätten alle miteinander Vorteil davon gehabt. Steins Entgegnung – sagen wir es offen – ist diesem leidenschaftlichen Ruf nicht gewachsen. »Verehrter Freund! Wiederum auf einen solchen Anruf bliebe mir nur Eine Antwort: zu kommen; mich dem Verständnis des Neuen, was Sie zu sagen haben, zunächst einmal ganz und gar als einem edelsten Berufe zu widmen. Dies ist mir versagt. Mir fuhr ein Gedanke durch den Sinn: ich komme wöchentlich einmal mit zwei Freunden zusammen, lese mit ihnen Artikel des Wagner-Lexikons und bespreche mich mit ihnen darüber. Diese Besprechungen nehmen eine immer höhere und freiere Bedeutung an. Kürzlich nannten wir das Künstlerische die Überleitung aus der Fülle der Persönlichkeit zum Unpersönlichen. Hierbei gedachte ich Ihrer und meinte, Sie würden an diesem Gespräch Freude gehabt haben. Und nun fiel mir ein: Wie, wenn du jetzt einen Brief Nietzsches hervorzuziehen hättest, der etwa ein paar Sätze zum Thema unserer Gedankenarbeit setzte? Wäre dies eine Form, in der Sie sich mitzuteilen geneigt wären?« usw. Immer wieder Wagners alles an sich saugendes Genie! Nietzsche, der Dichter des Zarathustra, Mitarbeiter an einem Wagner-Lexikon! Steins Arglosigkeit ahnte gar nicht, wie hier Nietzsches empfindlichste Stelle getroffen wurde. Und die Schwester hat recht, wenn sie diesen Brief eine »Geduldsprobe«, einen »kalten Wasserstrahl« nennt. Nietzsche selber klagte seiner Schwester: »Was hat mir Stein für einen dunklen Brief geschrieben! Und das als Antwort auf ein solches Gedicht! Es weiß niemand mehr, wie er sich benehmen soll.« Und so geriet der Einsiedler in eine bitter-ironische Stimmung, schickte aber seinen Briefentwurf nicht ab. Wir wissen es der Herausgeberin der Briefe nicht zu Dank, daß sie uns nun selber ironisch kommt und von einem »guten Dr. Stein« und Wagners »braven Jüngern« Bemerkungen fallen läßt, wie überhaupt jene begleitenden Seiten des Briefwechsels (S. 248 – 55) sehr unglücklich sind. Denn jede Kritik des durch und durch vortrefflichen Stein ist ungerecht. Sätze wie diese: »Auch beschäftigte sich Stein damals viel mit Schillers Ästhetik« [gemeint ist das prächtige Werkchen: Die Ästhetik der Klassikers] – »von Schiller und Wagner zu Nietzsche bedarf es noch eines langen Weges , den mein Bruder aber selbst in seinen jungen Jahren gegangen war; so war auch noch für Heinrich von Stein in der Zukunft eine Weiterentwicklung zu erwarten« – bekunden bedenkliche Neigung zu einer vornehmen Herablassung, auch Schiller gegenüber. Und bekunden außerdem wenig Psychologie. Denn vom schöpferischen und echten Idealismus zum kritischen Skeptizismus gibt es keinen Weg. Beide haben ihre Verdienste, beide ihren Platz. Nietzsche neigte zum letzteren, Stein war strenger Idealist. Denselben Beigeschmack enthält die folgende Bemerkung: »Nietzsche schien es sich inzwischen zum Gesetz gemacht zu haben, Stein nicht eher wiederzusehen , als bis dieser sich nach der einen oder anderen Seite fest entschieden hätte« – also Ungnade, bis sich Stein entschieden hätte, Wagner zu verlassen und Nietzsche zu folgen! Zu einer Erklärung sollte es nun leider nicht mehr kommen. Die in Einseitigkeiten befangene Zeit war augenscheinlich noch nicht gewillt zur Lösung einer Aufgabe, die auch dem gegenwärtigen Geschlechte noch bevorsteht: Romantik und Realismus zu vereinigen und einem neuen, beides umfassenden Klassizismus die Stimmung zu bereiten. Im Sommer 1887 starb der überarbeitete Berliner Privatdozent an einem Herzschlag, kaum 30 Jahre alt. Und ein Jahr danach brach bei Nietzsche die unheilbare Krankheit aus. * 3. Steins Leben Der hochgewachsene, blonde junge Mann, der am 20. Oktober 1879 über die Schwelle der Villa Wahnfried trat, glich eher einem Kavallerieoffizier als einem angehenden Privatgelehrten. In Steins Gesicht drückte sich eine außerordentliche Wahrhaftigkeit und Sachlichkeit aus. Es fehlte jede Spur von Verstellungskunst oder Leidenschaftlichkeit in diesen überaus ehrlichen Zügen. Weder dem Menschen noch dem Schriftsteller Heinrich von Stein ist jemals eine Verlogenheit oder Schelmerei entlaufen. Naturanlage trieb ihn zu einer selbstverständlichen Sachlichkeit, zu einem naiven, keuschen Ernst, der verwundert und wehrlos dem Spott gegenüberstand. Dies Metall war nicht biegsam, dieses Menschengeschöpf nicht anschmiegsam; in einer gewandteren und gar verschlagenen Umgebung mußte dieser reine Tor wie ein Fremdling erscheinen. Solche Naturen, denen kein Teufelchen Humor im Blute sitzt, schlucken alles in sich hinein, verarbeiten mit gleicher Ernsthaftigkeit kleine Stiche und große Lebensprobleme und leiden unter alledem innerlich mehr, als oberflächliche Betrachtung ahnt. Ihr Leben ist, aus Naturanlage, Tragik. Sie versuchen sich zwar zu biegen und zu schmiegen, so gut ihr spröder Stoff es eben zuläßt. »Himmel, wie sind wir oft ungeduldig geworden,« erzählte mir eine seiner Verwandten, »wie ging er gar nicht aus sich heraus!« Wenn kein Lebenshumor durchdringt, so zerbrechen solche Naturen vorzeitig. Bei Stein brach kein Humor durch; er starb an buchstäblich gebrochenem Herzen. »Die Sektion ergab, daß alle Organe, mit Ausnahme des Herzens, vollkommen gesund waren, dieses aber zeigte eine Veränderung der Muskelfasern, welche die Ärzte sich nicht erklären konnten.« Und noch etwas, was befreien kann, brach nicht durch: die freischöpferische Dichterkraft. Denn Steins Poesie ist durch das Medium des Gedankens hindurchgegangen und wirkt nur durch den Gedanken, nicht unmittelbar. Das Schwere, nur dem Denken Zugängliche, was über dem ganzen Menschen und Schriftsteller liegt, belastet auch seine Poesie. So blieb etwas Ringendes und Rätselhaftes, das sich nicht frischweg mitteilen konnte, über diesem tiefen Menschen und innerlichen Schriftsteller. Und wie viel Bedürfnis nach Verständnis, nach Liebe rang doch in diesem reinen Herzen! Die schöpferische Unbegrenztheit und sprudelnde Genialität des beweglich-lebhaften Richard Wagner mußte auf eine so verschlossene und herbe Natur ungeheuer wirken. Stein hat ausführliche Tagebücher hinterlassen; aber mit dem bedeutendsten Tage seines Lebens, eben mit dem Abend und Morgen des 20. und 21. Oktober 1879, brechen sie ab. Die Fülle der Eindrücke war nun zu lebendig für das vordem in gleichmäßigeren Zeiten so genau vermerkende Wort. Und doch blieb Stein auch in Wagners Bezirken unabhängig. Man darf diesen originellen Geist, der längst seine eigenen Wege ging und sich schon als Knabe denkend in die Dinge einfühlte, keinen Wagnerianer nennen. Wagner, statt zu verdecken, öffnete ihm erst recht die Fernsicht in andere große Zeiten und Menschen. Gewaltsame Katastrophen, wie Nietzsche von der »Geburt der Tragödie« bis zum »Fall Wagner«, hat der stete, strenge Heinrich von Stein auch nicht schattenhaft durchgemacht. »Mir ist nicht anders,« heißt es gleich in seinem Erstlingswerk (1878), »als habe der Schicksalsfrauen eine mich besucht und mich zur Eile gemahnt.« In stetiger Arbeit, an Schiller gemahnend, mit dem sein Charakter verwandt ist, opferte sich Stein seiner Lebensarbeit, bis ihn der plötzliche Tod abrief. * Heinrich von Stein ist geboren am 12. Februar 1857 zu Koburg. Er ist nach Blut und Wesen Aristokrat, aus einem uralten fränkischen Geschlechte stammend (Familiengut Völkershausen). Etwas Soldatisches ist in diesem Enkel von Reichsrittern; sein Pflichtgefühl ist in höchstem Maße entwickelt. Ja, man darf sagen: Von früh an war es das Gewissen , das in diesem Geiste der bestimmende Faktor war. Etwas von Kant ist in diesem herben Sucher und Kämpfer, aber ohne die biegsame und geistvolle Eleganz, die den Menschen Kant ausgezeichnet hat; der unerbittliche Lebensernst eines Schiller ist in diesem Edelblut die treibende Kraft, aber ohne die heitere, befreiende, verschönernde Dichterkraft, die den Freund Goethes von bloßer Philosophie erlöst hat. Stein besuchte die Gymnasien zu Merseburg und Halle und ging dann (1874) nach Heidelberg, später nach Halle, um Theologie und Philosophie zu studieren. Aber es war mit der Theologie bald zu Ende; dieser geborene Philosoph und Ästhetiker wandte sich, besonders unter dem Einfluß von Kuno Fischer, rasch der Philosophie und dann einer etwas unregelmäßig betriebenen Naturwissenschaft zu. Frühe schon, bereits im Knabenalter, ist in Stein ein Drang mächtig, Gemütsbedürfnisse und Gedankengesetze zu vereinigen. Er konnte sein protestantisches Christentum nicht einfach so hinnehmen; er mußte auf den Grund tauchen, nicht aus Mangel an Glauben, sondern aus tiefer Ehrlichkeit. Ja, man kann sagen: aus tiefer Religiosität. Ihm sollte Religion nicht als bloße Anforderung des Gemüts neben den Erkenntnissen des Geistes stehen, sondern sie sollte sich damit zu einem innigen Ganzen verschmelzen. So erwuchs ihm in unseren Zeiten des zersplitternden Spezialismus ein umfassendes Bildungsideal. Geist, Gemüt, Charakter; Philosophie, Poesie, Religion; Wissenschaft, soziale Frage, Lebensbetätigung – das alles zu durchdringen mit persönlichem Gehalt und in ein Ganzes zu formen, das war das Ziel, dem er zunächst von der Gedankenseite her, auf dem Wege rastlosen Denkens und inneren Erlebens, zustrebte. Auf die schöne Würdigung Steins von H. St. Chamberlain ( Revue des deux Mondes, deutsch bei Georg Müller, München) kommen wir noch zurück. Für jetzt sind uns besonders wertvoll die Denkwürdigkeiten von Adelheid von Schorn (Berlin, S. Fischer), die einen unmittelbaren Einblick in Steins Wesen gestatten, da die Verfasserin, eine Verwandte von Heinrich, aus dessen Tagebüchern und Briefen wichtige Auszüge mitteilt. Wir lassen hier einiges folgen: »Heinrich war von klein an ein ernster Knabe, der von seiner Mutter in großer Frömmigkeit erzogen wurde und schon in jungen Jahren den Vorsatz hatte, Geistlicher zu werden. In der Zeit seiner Konfirmation kamen dem forschend Denkenden Zweifel, und bald nachher wandte er sich von dem Gedanken, Theologe zu werden, ab und der Philosophie zu. Vor vollendetem 18. Jahre war er mit dem Gymnasium fertig und bezog die Universität. Er wurde von da an einer der Menschen, die mit dem heißesten Bemühen nach der Wahrheit suchen, weil ihnen diese Wahrheit in den Formeln und Dogmen der Kirche nicht rein genug enthalten ist. Er war in seinen glücklichsten Stunden ernsthaft – er konnte fröhlich sein mit Menschen, die ihn verstanden; aber eine Neckerei war ihm unangenehm, war sie etwas derb, so verstimmte sie ihn ganz. Er haßte jede Quälerei – jedes Wehetun – er wollte und konnte nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. »Mit achtzehn Jahren war er die Idealgestalt eines deutschen Jünglings aus edlem Geschlecht. Riesengroß und schlank gewachsen, trug er sich so aufrecht wie eine Tanne. Sein volles, frisches Gesicht mit blondem Haar, kleinem Schnurrbart und großen hellblauen Augen hätte eher den Soldaten als den Gelehrten in ihm vermuten lassen ... »In Berlin hatte er einen kleinen Kreis von jungen Leuten um sich, die mit Liebe und Schwärmerei an ihm hingen. Er führte ein eingezogenes, arbeitsames Leben. Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß er sich je den Vergnügungen junger Leute hingegeben hätte. Er nahm alles ernsthaft und trug oft schwer daran, daß er mit seinen idealen Anschauungen bei wenig Menschen Verständnis fand« ... Aus Steins Tagebuch (1873) »... Ich liebe das Christentum, vor allem Jesu selbst. Ich kann mich herzlich auf die Weihnacht freuen und weiß doch, daß es nur ein Bild, aber das reichste, schönste Bild des wahren Gottes ist, das Christentum. Ja, ich bin selbst Christ, als Untertan der christlichen Moral; aber ich bin nicht mehr gezwungen, Männer wie Sokrates oder Plato bedauernd anzusehen, wie – verzeih' es ihnen der Himmel! – tausend Theologen tun, die ihnen den Schuhriemen zu lösen nicht wert sind.« 1874: ... »Das Christentum ist die moralische Reformation der Menschheit, und darum ewig lebensfrisch. Das Ziel der Menschheit ein Durchdringen des Guten, eine Auflösung also in Gott. Ob das Ziel unendlich oder erreichbar, ist ganz gleichgültig, genug, daß es möglich ist. Ich wage nicht zu sagen: Nun hab' ich's. Hier möchte ich es sagen. Aber nein! Ich habe ein Leben, und ein kurzes Menschenleben ist nicht zu lang, um es ganz auf Erkenntnis und Durchdringen der wahren Religion zu verwenden. Geschichte, Philosophie, Theologie sollen meine Lehrerinnen sein.« 1875: »Ich erhalte von Kuno Fischer einen höchst wichtigen Brief, über den es gut sein wird, sich schlüssig zu machen. Er rät mir, die Theologie abzuwerfen und Naturwissenschaft als Hauptsache der Philosophie. Wenn mir jemand, der mich einigermaßen kennt und mein Bestes will, überlegtermaßen zuruft: Fort mit der Theologie! – so ist wirklich mein erstes Gefühl das der Erleichterung von einer unheilvollen Tat ... »Mein Herz sagt nach dringendem Befragen laut und vernehmlich: Die Theologie ist dir schon lange nicht mehr Herzensangelegenheit, also ist sie dir nichts. Wenn ich der Theologie somit entschieden den Rücken kehre, fühle ich mich keineswegs in der Weise ins Ratlose hinausgewiesen, als sonst wohl bei ähnlichen Überlegungen. Denn als herzinnig geliebte Lenkerin steht mir, entschieden mich haltend, die Philosophie zur Seite. So denn mutig fort! » Religion und Wissen , diese Einheit bleibt immer mein Leitstern. Kopf und Herz müssen zusammenklingen , wenn es einen Akkord geben soll.« Aus Bayreuther Briefen (1879): »Höre denn vor allem, daß es sehr, sehr schön hier ist. Wagner ist viel großartiger und bedeutender, reicher in all seinen Gesprächen, als man vermutet und als man mir gesagt hatte« ... »Ein wunderbarer Abend! Meistersinger und Kaisermarsch, Wagner so gut und froh« ... »Mit meiner Tätigkeit bin ich sehr zufrieden. Siegfried lernt etwas bei mir, und ich lerne ebenfalls; besonders durch einige philosophische Vorträge, die ich in der letzten Zeit mit Frau Wagner und Fräulein von Bülow begann. Am meisten nun gar, wenn ich dies schon ›Lernen‹ nennen will, durch irgendeine Unterhaltung mit Wagner. Der Umgang mit ihm ist der wichtigste und schwierigste Teil meiner Stellung.« (Wagners Tod erschütterte Stein aufs tiefste:) »Ich wende mich von jenen ersten Tagen ab, an denen die ganze Unglaublichkeit dieses Verlustes mich betäubte; ich wende mich einem so verwandelten Leben wieder zu; und eben weil ich den Toten wirklich liebte, weiß ich, daß über jedem meiner Lebenstage geschrieben stehen soll: Die Liebe höret nimmer auf« ... Aus Berliner Briefen: 19. 3. 84. »Ich lebe hier sehr regelmäßig und zufrieden, dankbar für die Möglichkeit, ohne eigentliche Sorge meinem Berufe wissenschaftlicher Arbeit nachgehen zu dürfen, und wehre mich tapfer gegen manche nicht ausbleibende Anwandlung der Sorge und Verzagtheit« ... 11. 2. 85. »In letzter Zeit habe ich sehr viel zu tun; an innerer Mannigfaltigkeit ist kein Mangel; die Bücherhaufen kommen und gehen, und jede Minute ist ausgefüllt; ich empfinde dies als meine Art von Glück und wünsche mir nur noch tausendmal mehr Gleichmäßigkeit, Unzerstörbarkeit der Gesundheit und dergleichen. Dazu habe ich lieben Freundesverkehr, philosophisch hier, gemütlich da, und beides nicht etwa streng voneinander getrennt. Dagegen ist von akademischen Erfolgen noch nichts zu berichten, ein Anfang ist gemacht, nicht mehr ... wenigstens vergleiche ich gern meine jetzigen, besseren Tage mit der peinlichen Einförmigkeit des vorhergehenden drückenden Jahres« ... 24. 4. 85. »Hier ist es schön, aber innerlich fühle ich mich auch unsäglich bedrückt: es ist, als ob ich ein besonderes Organ für alles Traurige hätte. Die Arbeit hilft am weitesten, und mein Kolleg hat heute einen ganz leidlichen Anfang genommen« ... 15. 1. 87. »Als ich die Maske Schillers erhalten hatte und sie betrachtete, kam es mir in diesem Anblicke wie ein bestimmtes, offenbartes Wort entgegen. Es lautete etwa so: Es ist gut, wenn wir dennoch aushalten, es ist der Mühe wert, es durchzukämpfen. Die Wucht dieser leidenerstarkten Züge spricht ganz unwiderleglich aus: Durch ein solches Leben ist ein – uns anderswie gar nicht deutlich zu machender – absoluter Wert dargestellt, erworben und gewonnen worden. Stolz oder Glaube : so benennen wir die beiden führenden Mächte eines solchen Kampfes. Es ist das Peinliche des Ausharrens in unserer Welt, daß diese uns die Liebe erschwert, welche doch die Grundbedingung auch jener Kräfte ist. Stolz deute ich mir als Liebeskraft, die in sich selbst zurückverwiesen wird; Glaube als Liebeskraft, die in einem »Nicht von dieser Welt« ihren Gegenstand gefunden hat. »Ich blicke auf die Züge Schillers abermals und fühle mir mahnender als je von ihm zugerufen: daß die bestimmte Art des Leidens, welche einer Seele wieder und wieder zugemutet wird , das Wesen dieser Seele ist, welches sich seinem innersten Gehalte nach nur eben durch jenes Leiden verwirklichen kann.« Mai 1887: »Am Himmelfahrtstage war ich auf dem Friedhof ... Mir fiel wieder ein, wie mich als Kind eine fast beständige Todessehnsucht als deutliches Lebensgefühl begleitete ... Meine Vorlesungen gehen gut vonstatten und finden Beifall; sie strengen mich aber über alle Maßen an ... Es war mir noch vorhin bei der Rückkehr aus einem Kolleg, in dem ich von hohen Dingen zu reden hatte und nur harte Mienen sah, mir war zumute, wie es mir jetzt tausendmal zumute ist: als ginge es nun auch ganz gewiß nicht mehr. Es muß eine Krankheit sein, die mich verzehrt. Und es ist doch nur Nicht-Ich.« * Wir sind den äußeren Ereignissen vorausgeeilt. Stein war als Erzieher des zehnjährigen Siegfried ein Jahr lang tätig. Dann folgte er den Bitten seines Vaters, der in Halle wohnte, und habilitierte sich an der Universität Halle als Privatdozent. Ihn hatte Tätigkeitsdrang zur Übernahme der bedeutsamen Erzieherstelle getrieben: der Drang nach Menschenveredlung, den er ja an sich selber betätigte. Und so hatte er zugegriffen, als ihm Malvida von Meysenbug auf einer italienischen Reise erzählt hatte, Wagner suche einen Hauslehrer. Das Jahr war, neben dem anders gearteten Militärjahr, ein Ausruhen zwischen Jahren, die nur mit strenggeistiger und hochgeistiger Arbeit überfüllt waren. Denn noch vor Wagner hatte Stein Eugen Dühring kennen gelernt. Es ist mir seelisch sehr begreiflich, daß sich sein durch und durch philosophisch gestimmtes Gemüt bei diesem unerbittlichen Mathematiker, bei dieser trockenen exakten Wissenschaft Gegengewichte versprach. Dühring, der blinde und verbitterte Philosoph, der Antisemit, der völlig unmethaphysische Charakterkopf, hat keine Ahnung von dem wirklichen und allseitigen Wesen der Poesie. Das weiß jeder, der sich Dührings Ausführungen über die »Größen der modernen Literatur« vergegenwärtigt, worin z. B. Bürger und Byron (letzterer als Charakterkopf, nicht rein dichterisch) gegen Goethes Kultur ausgespielt werden. Dieser heftige, scharfe, stilklare Mann mag erfrischend auf den völlig unpolemischen Stein gewirkt haben. Er gab ihm Energie; er stieß ihn auf die Wirklichkeit. Denn Stein hatte sich so verbohrt und vertieft in eigene Gedankengänge, daß selbst seine nächsten Freunde ihn oft nicht mehr verstanden. Insofern begreifen wir es, daß sich unser Methaphysiker bei Dühring mehr Nüchternheit zu erwerben suchte. Aber Dührings Bitterkeit kann kein Segen für diesen schwer am Leben leidenden Einsamen gewesen sein. Ihm hätte ein Dichter von Shakespeares oder Burns' Frische und Sieghaftigkeit wohlgetan; aber die Literatur – – grade damals drang der wuchtige, wüste, bedrückende Zolaismus in Berlin ein. Und so war Wagners Genie die aufheiternde Oase in dieser Herzensöde. Keine Volkspoesie zwar, keine schlichte Herzlichkeit und ruhige Weltweite im Sinne Goethes, der das »Heideröslein« wie den »Faust« gleicherweise zu gestalten vermochte, sondern eine Kunstpoesie großen Stils. Ein Prunkbau, ein herrlicher, weihrauchdurchzogener und gedankendurchwehter Dom. Es ist etwas wie Hierarchie in Wagners Gesamtwert, das ohne Musik, Philosophie und Festspielhaus nicht denkbar ist. Es war die jedenfalls einzig mögliche Form, in der sich einer schwerfälligen Zeit gegenüber der Idealismus durchsetzen konnte. Eine Entlastung und Abrüstung bedeutete aber auch sie nicht für den Gelehrten, der zwar theoretisch wußte und gemüthaft fühlte, daß »Welträtsel erlebt, nicht gelehrt werden«, dem aber die Gedankenprobleme keine Ruhe ließen. Aber wir wollen diese Einschränkungen nicht stark hervorheben; sie sind nur ein Wink für die Gegenwart und deren nächste Entwicklung. Jedermann kennt ja den eigentümlichen und fast dämonischen Drang, in süßlich verlogener Gesellschaft plötzlich mit den härtesten Donnerwettern und mit den bedeutendsten Shakespeareschen Flüchen befreiend dreinzufahren. Umgekehrt lockt eine unreinlich derbe Umgebung wiederum das Zarteste in uns empor, gleichsam als ob die Natur Schwärme von guten Geistern aussende, uns in unsrer Selbstbehauptung zu helfen und das Gleichgewicht herzustellen. So reizt Sinn den Gegensinn, Wort das Gegenwort, Stimmung die Gegenstimmung, sobald ein gewisses Matz überschritten wird. So hat die niedere Stimmung der materialistischen Zeit in dem Kreise Wagner-Nietzsche-Gobineau-Stein eine hohe Gegenstimmung erzeugt. Und es wird nun unsre Aufgabe sein, beides zu umfassen und den Ausgleich zu finden, also – wie ich schon sagte – Realismus und Romantik in ein hohes und gesundes Verhältnis zu bringen. Die Dozentenlaufbahn in Halle und Berlin brachte Widerstände von seiten der Professoren. Viermal mußte Stein seine Abhandlung, die ihm das Habilitationsrecht eintragen sollte, umarbeiten (»die Bedeutung des dichterischen Elementes in der Philosophie Giordano Brunos«). Was uns vielleicht nicht wundert: Steins schwere Stilistik und seine Art, Fragen der Religion, Kunst und Kultur in den Kreis seines Denkens zu ziehen, da ja sein Bildungsideal ein Ganzes erstrebte, behagt und entspricht nicht fachwissenschaftlicher Kleinarbeit. Er las dann über Rousseau, über die Beziehungen zwischen Kunst und Philosophie, und – über Richard Wagner (Winter 1881/82). Das war etwas Neues und für die Kollegen höchst unwillkommen; die Gelehrten in Halle waren von dem Anhänger Dührings und Wagners wenig entzückt. Stein erzählte einmal von der »Wut« eines der Professoren, als dieser den Namen Wagner in der Habilitationsschrift entdeckte. Kurz, er siedelte bald nach Berlin über und wurde dort, wieder nach einer ersten Zurückweisung, nach einem Jahre als Dozent zugelassen. Ehe Stein als Student die Universität bezogen, mit siebzehn Jahren (1874), hatte er bereits einige Wochen in Berlin verbracht, in Theatern und Museen, geblendet von all dem Neuen und Bunten. Dort hörte er auch zum erstenmal die »Meistersinger« in glänzender Besetzung. Er war von der Großstadt entzückt und beschloß schon damals, »einen guten Teil seines Lebens in Berlin zu verbringen, komme, was mag«. Jetzt, ein Jahrzehnt später, war er an der ersehnten Stätte. Aber in wie andrer Stimmung! Man kann wohl sagen, daß die drei Jahre, die er jetzt noch zu leben hatte, seine schwersten geworden sind. Gewiß war seine Vorlesung über die Ästhetik der deutschen Klassiker überfüllt; aber seine andren Vorlesungen waren wenig besucht. Und trotz eines kleinen treuen Freundeskreises lag ein dumpfer Widerstand der Zeit erbarmungslos über diesem festen Idealisten. Auch seine äußere akademische Tätigkeit kam nicht voran, trotz seines bewundernswert gelehrten und sorgfältigen Werkes »Die Entstehung der neueren Ästhetik«. Das Buch ist ein mühsames Zitatenwerk, dessen innere Linie vor lauter Sachlichkeit kaum sichtbar wird. Stein erhielt dafür die erhoffte Professur nicht. Ein solcher Spannungszustand war bei solcher Wesensanlage unmöglich durchzuführen; dieser Geistesarbeiter stieg nie in die Sphäre des Gewöhnlichen herunter; er gönnte sich in seinen rein geistigen Regionen kein Ausruhen. Doch dem feineren Gehör kann es nicht entgehen, daß eine tiefe Sehnsucht nach verstehender Liebe diesen Suchenden durchglühte. Wie begreifend spricht er von Winckelmann! Und so überkam ihn im Sommer 1887 einige Wochen hindurch ein unerklärliches Unwohlsein, das im Juni eine ernste Wendung nahm. Man brachte ihn ins Augusta-Hospital. Dort erlag die Riesengestalt nach nur achttägiger Krankheit. »Die Diakonissin, die ihn gepflegt,« so erzählt uns Fräulein von Schorn, »hat mir erzählt, daß er sich morgens, als sie ihm den Kaffee brachte, ganz wohl gefühlt. Sie habe ihm einen Rosenstrauß ans Bett gestellt, er habe sich darüber gefreut und ihr gedankt. Sie sei hinausgegangen und nach zehn Minuten wieder gekommen: in dieser Zeit habe ihn ein Herzkrampf befallen« – und die Pflegerin fand ihn tot. Stein ist so einsam gestorben wie Gobineau in Turin; und fast könnte man hinzufügen: so einsam, wie er gelebt. Er ist begraben auf dem Militärfriedhof der Invalidenstraße. Sein Denkstein trägt die Worte: »Selig sind, die reines Herzens sind.« * 4. Helden und Heilige Den dramatischen Skizzen »Helden und Welt« sind zwei ästhetisch wichtige Briefe vorgedruckt. Sie vergeistigen den neuerdings vielgenannten Begriff »Schauen«. Der erste Brief ist von Stein an Wagner gerichtet: der zweite und längere Brief ist Richard Wagners Antwort. Im ersten heißt es: ... »So deute ich mir denn Goethes von diesem als noch unerfüllt bezeichnete Anforderung an das Publikum, dem Künstler gegenüber sich produktiv zu verhalten, etwa dahin: Der durch die Kunst zum Schauen befähigte Blick sei der Wirklichkeit zu weiser Lebensführung zuzuwenden. Die Weltanschauung, welche ein solcher Blick sich gewinnt, ersieht sich kenntliche Gestalten aus dem Wirrsal der Geschichte. Die Worte, welche dem also sich Besinnenden aus diesem Wirrsal heraus vernehmbar werden, befähigen dann ferner zu Begriff und Urteil über die historische Gegenwart: unbeirrt durch das Trugbild der Zivilisation vermag er die menschlichen Züge in dieser Gegenwart von den ebenfalls noch vorhandenen bestialischen zu unterscheiden und wirklich zu sehen. Er erblickt das ›andere Ufer‹, das Land der Zukunft, und gehört demselben an, daher er zur Ausfahrt mahnt, indessen der lebenskluge Herr des Augenblicks am Horizont nur Wasser und Himmel sieht und davor warnt, sich den Elementen anzuvertrauen.« Damit ist deutlich ausgedrückt, daß in diesem kühnen Fernblick eines Kolumbus gegenüber dem nüchternen, sachlichen Schauen des »lebensklugen Herrn des Augenblicks« ein Element philosophischen Denkens unausschaltbar vorhanden ist. Und ein Element sittlichen Willens . Das unterscheidet das »Schauen« des Heroikers vom beschaulichen Idylliker. Richard Wagner verschärft in seiner Antwort diese übertragene Auffassung. Er preist Steins »Vorschritt vom philosophierenden Nachdenker zum dramatisierenden Klarseher« und fährt fort: »Sehen, sehen, wirklich sehen – das ist es, woran allen es gebricht. ›Habt ihr Augen? Habt ihr Augen?‹ – möchte man immer wieder dieser ewig nur schwatzenden und horchenden Welt zurufen, in welcher das Gaffen das Sehen vertritt. Wer je wirtlich sah, weiß, woran er mit ihr ist.« Wagner erzählt ein Beispiel aus seiner Pariser Zeit, wie er eine geistliche Lehrschwester mitten zwischen einer aufgeregt lärmenden Weltstadtjugend beobachtet habe. »Ohne Seele alles – außer jener armen Schwester« ... Er hatte ihren seelischen Zustand erfühlt und ertastet; nicht nur der Blick, auch das Gehör, der ganze Organismus tastet sich in Wesen und Zustand eines Nebenmenschen hinein. Das will Wagner sagen. Und er spitzt seine esoterische Ästhetik, wie ich diese Verinnerlichung fast nennen möchte, zu dem Satze zu: »Zu der Welt reden kann man nur, wenn man sie gar nicht sieht. Wer vermöchte z. B. zu einer Reichstagsversammlung zu reden, sobald er sie genau sähe?« Dies wichtige Wort schrieb Richard Wagner zu Venedig, am 31. Januar 1883, keine zwei Wochen vor seinem Tode. Es ist eine knappe und scharfe Formel gegen den anschauungslüsternen Materialismus. * In seiner gehaltvollen »Entstehung der neueren Ästhetik« (von Boileau bis Winckelmann) und in skizzierten »Vorlesungen über Ästhetik« sucht Stein in streng gelehrter Gedankenarbeit seine Weltanschauung anzugliedern an das Denken bedeutender Vorgänger. In der hübschen kleinen Schrift über »Giordano Bruno« fesselt ihn der einsame und einheitliche Denker. In seiner »Ästhetik der deutschen Klassiker« gibt er gewissermaßen die Fortsetzung und Vollendung der »Entstehung der neueren Ästhetik«: denn letztere führt bis unmittelbar vor Goethe und Schiller. Vorlesungen über Wagner wurden verhindert; sie hätten sicher an Weimar angeknüpft. Hätte Stein die letzten Jahrzehnte mit uns gelebt, er hätte uns vermutlich in immer klarerer Stilistik zu Kant geführt; hätte über Nietzsche Klärendes zu sagen gehabt; hätte vielleicht Erscheinungen wie Plato modernisiert und wäre schließlich von neuen Gesichtspunkten zu Christus gekommen; ja, er hätte vielleicht sogar indoarisches Denken in diesen europäischen Gedankenbau mit einbezogen. Wir wissen es nicht. Wir glauben nur zu spüren, daß diesem unbefangenen und reinherzigen Sucher alles Große des Denkens und alles Hohe des Empfindens instinktiv über die ganze Welt hin zugänglich war. Das »innerlich unbegrenzt« Goethes, die charaktervolle Weitherzigkeit, mit der Goethe die Weltliteratur in Persönlichkeit umdeutschte: hier waren, in Wagners befruchtendem Kreise, abermals Keime zu solchem Bildungsideal vorhanden. »Weltanschauung als Gesinnung, als Tat, als Lebensgestaltung, dies war das unablässig festgehaltene Ziel seines Denkens und Dichtens«, sagt Poske. Allen Erscheinungen »einen ewigen Sinn geben«; durch »innere Tätigkeit den Sinn der Welt schaffen« – das war sein schöpferisch Programm. Steins Dialoge sind eine solche fühlende, schauende, denkende Weltwanderung. Sie liegen uns in zwei nicht allzu umfangreichen Bändchen vor, nachdem sie meist in den »Bayreuther Blättern« erschienen waren. »Helden und Welt« heißt das erste Bändchen; das zweite, etwas größere, ist einfach »Aus dem Nachlaß« betitelt und enthält neben den dramatischen Skizzen noch einige Erzählungen. Die Welt der Hellenen wird uns dort in den Zwiegesprächen Solon und Krösus – Timoleon – Alexander vorgeführt; der Abschnitt Rom bringt: Der Fluch des Hannibal (der beim schwächlichen Prusias den rachsüchtig verfolgenden Römern erliegt) – Cornelia (Mutter der Gracchen) – Der junge Imperator (Pompejus); es folgt »Das Christentum«: Die heilige Katharina in Rom – Luther 1645 – Aus dem großen Kriege (Bach); das Buch schließt mit der Neuzeit: Denker und Dichter (Shakespeare und Giordano Bruno) – Die Tochter Cromwells – Heimatlos (soziale Frage). – Nicht wahr: ein Weitblick, wie wir ihn nur von Gobineau her kennen. Die Gespräche, die aus dem Nachlaß gesammelt sind, bekunden noch feinere Reife. »Der große König« ist eines der schönsten; »Die heilige Elisabeth« ist fast schon Drama; »Tauler und der Waldenser« ist wohl das Tiefste, was Stein geschrieben hat. Überall bemerken wir ein sicheres historisches Gefühl, eine bewundernswerte Sachlichkeit, einen tiefen Ernst. Doch über allem lastet der zaudernde Gedanke, nicht genügend vergoldet von poetischer Unmittelbarkeit und sinnlicher Frische, so daß sich fast alles, was Stein geschrieben hat, recht schwer liest. Diese Dialoge stellen etwas wie eine besondere Gattung dar, die wohl des Ausbaues wert sein dürfte, zumal bei dem Tiefstand unseres lebendigen Theaters. Die behandelten Menschen sind in eine für sie entscheidende Situation gestellt; nun wird diese Situation gedanklich und gefühlsmäßig durch Rede und Gegenrede ausgeschöpft. »Dramatische Situationen« – so könnte man demnach diese Unterredungen nennen. Der behandelte Held zeigt sich so am deutlichsten in seiner Eigenart und in seinem Höhepunkt. Das Milieu und die Naturstimmung treten zurück; das Innere der Menschen, Seele zu Seele, tauscht sich aus. Steins Gesprächsführung ist von Grund aus anderer Natur als etwa Wildenbruchs Schwung oder unsres größten Dramatikers energischer Bühnenschritt. In der Art der Dialog-Führung bedeuten Stein und Gobineau eine Neuerung. Neu ist die tiefernste, von jeder Theatralik freie Sachlichkeit, mit der sich ihre Menschen seelisch offenbaren. Das ist keine Epigonen-Rhethorik, keine Theaterluft, kein täuschender, über Untiefen hinwegschwingender Redeschall. Es sind reife Menschen, die sich sehr ernst unterhalten; innerliche Menschen, die es mit Leben und Tod unheimlich aufrichtig meinen; Menschen, denen es unter allen Umständen um schlichte Wahrhaftigkeit zu tun ist. Aussprache ist ihnen ein Mittel, über sich selbst zur Klarheit zu kommen. Demnach sind diese Skizzen gewissermaßen fünfte Akte (ähnlich hierin Ibsens Technik). Diese Gestalten stehen bereits nahezu über der Situation, hart vor dem Tor der Erkenntnis, wo alles Dramatische im Sinne leidenschaftlichen irdischen Handelns – aufhört . Hannibal bei Prusias: ein Leben voll Verwicklungen liegt hinter ihm; Friedrich bei Bunzelwitz, zur reifen Ruhe des kühlen Philosophen nahezu durchgedrungen; Cromwell mit seiner Tochter letzte Dinge bedenkend; Tauler und der Waldenser in einer Verinnerlichung, für die fast keine Worte mehr ausreichen; Alexander während und nach Klitus' Ermordung, unmittelbar vor dem Zuge nach Indien; K. L. Sand, der Mörder Kotzebues, vor der Hinrichtung – – es ist in all diesem der Philosoph Heinrich von Stein, der hier von hoher Warte aus in seine Menschen hinein und auf deren Verwicklungen wie auf etwas nahezu überwundenes hinabschaut. Er wählte die Form des Gespräches, weil Gespräch seelische und sprachliche Unmittelbarkeit gestattet. Damit hängt die Stoffwahl zusammen. Stein wählte Helden und Heilige. »Es sind wirklich innere Erfahrungen gewesen, die mich mit wahrer Sehnsucht fragen lassen, wer den erhabenen Gedanken der Heiligkeit auf Erden verwirklicht habe« ... Menschen also, die sich vermöge eines in uns wirksamen »klaren inneren Lichtes« über die Stoffschwere der Welt erheben. Die gebrochen in ihrer geraden Richtung, durch ein neues Vermögen, das eben durch den Schmerz erwachsen ist, den Dingen überlegen werden und über sie hinüberfliegen. Menschen des sittlichen Willens und der geistigen Kraft; umgestaltende und erneuernde Menschen, die mit den Widerständen rangen und eben durch diesen verfeinernden Kampf in eine höhere Daseinsform empordrangen. Menschen, die zwar »die Welt zu fliehen scheinen, sie aber in der Tat beherrschen«. Dieser tragische Gehalt ist es, der Steins Gespräche über bloße Geschichtsbilder erhebt. Es ist ringendes Menschentum darin verbildlicht. Sehr schmucklos, wie absichtlich schmucklos, nach Wagners malerisch-musikalischer Pracht, muten diese Seelengespräche an. Stein ahnte vielleicht das Problem, daß nun, nach Wagner, das gesprochene Wort eine neue und feinere Aufgabe zu erledigen habe: nämlich wieder seinen schlichten Klangwert und melodischen Reiz in der Dichtung zurückzuerobern. Der Naturalismus hatte sich derweil, in merkwürdigem Gegensatz zu Wagners Orchestersprache, an das derbe Gassenwort gehalten. Aber wo blieb die vornehme Rede? Die Rede, in der sich erhöhte Seelenzustände zusammenfassen? Zu diesem Problem, das noch der Lösung harrt, sind Steins Dialoge ein edler Beitrag. * Wir haben alle in unsren Ahnen, deren organische Fortsetzung wir sind, den Zustand durchgemacht, daß wir mit gewaltigen Naturbeseelungen, Wodan oder Donar oder Baldr benannt, wie mit Meistern und Führern gesprochen haben und in unsrem Empfinden und Handeln ihrem Einfluß ehrfürchtig zugänglich gewesen sind. Die wahre Psychologie jener Art von gigantischer Religiosität ist ungeschrieben; es sind vielleicht auch dort, wie Carlyle ahnt, lebendige Heroen Ausgangspunkt der Götterverehrung gewesen. Wer weiß, welche inneren Vorgänge da mitgewirkt haben mögen! Im Hellenentum, in Ägypten, im arischen Indien, in Peru usw. bildeten sich Kulturzentren und besondere Formen von Gottesverehrung, die dem Denken eine entsprechende Form gaben und die Lebensführung bestimmten. Das Christentum drang aus dem kleinen Galiläa empor und unterwarf sich Europa. In der Renaissance und in der Reformation zweigte sich wiederum Neues ab; deutsche Philosophie und deutscher Klassizismus griff über das Christentum hinüber nach Griechenland zurück. Und in neuester Zeit wird das älteste geistige Indien herangeholt. Wir stehen in einer wichtigen geistigen Bewegung; alles trachtet nach großer Zusammenfassung . Sollen wir über einen statistischen Eklektizismus oder kritischen Spezialismus nicht hinaus- und emporgelangen zu neuer Einheit? Sollen wir fortfahren, das angeblich asketische Nazarenertum mit dem angeblich heitren Hellenentum totzuschlagen? Dürfen Nordland und Wodankultus aus nationalen Gründen gegen das Griechenland der Klassiker zum Kampf ausgesandt werden? Und sollen Wittenberg und Rom andauernd in Kampfstellung bleiben? In diesen theoretischen Erregungen sein Menschentum heil zu erhalten und nicht von einem der umfliegenden Schlagworte zu Tode getroffen zu werden – das ist die schwere Aufgabe der Zeit. Die meisten, von einer Zeitung oder Gruppe suggestiv bestimmt, schließen beizeiten ab und gehen unter das Dach einer bestimmten Richtung; sie fallen aus in Kriegszeit und feiern mit den Ihrigen Feste, wenn ein Sieg errungen ist. Aber das gibt dem Gottsucher, dessen Gottesbegriff gewaltiger ist als die bestgeformte Theorie, keinen Frieden. Er kann sich nicht auf Kosten anderer seines Heiles freuen. Er verzichtet auf den Parteihimmel. Und so sehe ich in Richard Wagners Weltanschauung einen Versuch, von der Kunst aus den Parteien Frieden zu bringen und eine neue Synthese zu errichten. Und Heinrich von Stein, der den Spruch fand: »Sehne dich und wandere!«, ausgehend von tiefer christlicher Gebets-Frömmigkeit, bedeutet mir einen weiteren Ansatz der schaffenden Natur, zwischen Kultur der Außenwelt und Kultur der Seele eine Vereinigung zu finden. Kurz gesagt: Kunst und Religion zu verschmelzen. Wir werden in diesem Lichte seine Vorliebe für Helden und Heilige ganz neu verstehen lernen. Der Protestant Stein versenkte sich in die religiöse Art der heiligen Katharina, in die Sprechweise Taulers, in die Ideale der heiligen Elisabeth; derselbe Stein schrieb über Luther, Bach, Cromwell, Bruno, Friedrich den Großen. Wie er persönlich ein Bildungsganzes anstrebte, worin Wissen und Gemüt, Phantasie und Charakter, Poesie und Religion harmonisch zusammenklangen, so schwebte ihm in unbestimmter Vorstellung eine europäische Kultur vor: ein europäisches Bildungsganzes . Das Ferment, das die widerstreitenden Vielheiten zur Einheit zusammenschmilzt, wenn erst der Knabe Mensch zum Mann erwachsen, sollte die verstehende Liebe sein: ein wohlwollendes Zusammenarbeiten. Stein hat diesen großen Gedanken – unser aller Lebensaufgabe! – der im Kreise des Bayreuther Genius in der Luft lag, nicht mehr zu gestalten vermocht. Aber ich glaube nicht, daß ich zu viel in ihn hineinlese (vgl. Poskes Schlußkapitel in Chamberlains Schrift!). Es blieb aber auch dies nur eine Andeutung, dem genaueren Betrachter freilich bemerkbar. Alles in allem gilt von Steins Gedankenbau dasselbe, was von seinen Dialogen gilt: im Hinblick auf den zu findenden geistigen und seelischen Baustil sind auch sie ein edler Beitrag. Eine Harmonie zwischen Griechentum und Christentum hat dieser Gralsucher angestrebt. Ob jedoch überhaupt auf gedanklichem Wege diese Harmonie gefunden werden kann? Ob hier nicht die Friedensaufgabe des Dichters einsetzt? Wohl wäre diese positive, nicht zu Dissonanzen oder Polemik neigende Natur zu Großem berufen gewesen. Nun aber ist er uns, auch als Unvollendeter, wenigstens ein ermunternd Beispiel. * Noch einige Worte über Steins Schriften. Wer sich mit diesem nicht leicht zu erringenden Denker genauer beschäftigen will, dem wäre folgender Gang anzuraten: er lese zunächst des geistvollen H. St. Chamberlains angenehme, einheitliche Schrift »Heinrich von Stein und seine Weltanschauung« (durch eine philosophische Einführung ergänzt von F. Poske; München, Georg Müller; geh. M 1.50, geb. M 2.50). Dann greife man zu dem Heftchen »Die Ästhetik der deutschen Klassiker« (Reclam, Leipzig; 20 ?). Eine gleichfalls noch leidlich einfache Lektüre bildet Steins »Giordano Bruno« (München, Georg Müller, geh. M 1.–, geb. M 2.–). Die Gespräche »Helden und Welt« (Leipzig, Otto Weber, M 5.–) sind leider recht teuer; die Skizzen »Aus dem Nachlaß« (Leipzig, Breitkopf \& Härtel) kosten M 3.–, geb. M 4.–. Die beiden fachmännischen Werke »Vorlesungen über Ästhetik« (von Steins Schülern nach Kollegienheften zusammengestellt) und die gründliche »Entstehung der neueren Ästhetik« sind bei Cotta, Stuttgart, erschienen. Inzwischen hat man sich nun auch entschlossen, Steins Aufsätze zu sammeln und herauszugeben (Stuttgart, Cotta). * Aus Steins Werken Winckelmann (Zusammengestellt aus Steins »Entstehung der neueren Ästhetik«) Der Keim des Idealismus ist überall, wo von der Form (im Sinne Schillers) und nicht vom Stoff; vom Subjekt und nicht vom Objekt; von künstlerischer Eigenart und nicht von Nachahmung der Natur gesprochen wird. Der volle Trieb aber des Idealismus erscheint da, wo von dem Außerordentlichen der Menschenseele als dem Ursprung der Kunst die Rede ist, wo man etwas Übermenschliches im Menschen annimmt und diesem das Mehr-als-Natürliche der Kunst entsprechen läßt. Durchaus werden wir dies kennen lernen als die Gesinnung Winckelmanns. Winckelmann überrascht uns nach Vollendung der Geschichte der Kunst mit der Mitteilung, er werde der Betrachtung der Natur sich zuwenden. »Ich habe meine niedrige Hütte aufgeschlagen, wo man mir wohl will, um in diesem Lande der Menschlichkeit meine Jahre, ferne vom Kriegsgeschrei und in Ruhe, zu genießen, und meine letzten Betrachtungen werden von der Kunst auf die Natur gehen.« Ein beinahe leidenschaftliches Gefühl für große Schauspiele der Natur zeigt er im Jahre 1767 beim Ausbruche des Vesuv; er setzt sich Gefahren aus, um in zwei aufeinanderfolgenden Nächten diesen Anblick zu genießen. Seinen Aufenhalt in Porto d'Anzo am Meere schildert er wie folgt: »Dieses ist der Ort meiner Seligkeit, und hier wünschete ich Sie, mein Freund! zu sehen, und mit Ihnen längs dem stillen Ufer der See, unter dem mit Myrten bewachsenen hohen Gestade, sorgenlos zu schleichen und auch, wenn das Meer wütet und tobt, dasselbe unter einem Bogen des alten Tempels des Glücks, oder von dem Balkon meiner Zimmer selbst, ruhig anzuschauen .« Da erfahren wir, warum so oft in den Schilderungen der Kunstwerke der Blick auf das Meer zur Bezeichnung der durch das Kunstwerk erweckten Empfindung verwandt wird. Winckelmanns Naturgefühl steht in naher Beziehung zu dem belebenden Inhalt seiner Auffassung und Aneignung der Kunst. »Denn wahrhaftig steckt die Kunst in der Natur, wer sie heraus kann reißen, der hat sie.« (Dürer.) Die Natur ist ein unversieglicher Quell. Um zu trinken, müssen wir das Wasser schöpfen und fassen. Die schöpfende Hand gibt diesem Vorgang sein gleichfalls völlig natürliches Gesetz. Dies ist das Verhältnis von Natur und Kunst. Wenn der Quell nicht fließt – ohne Beobachtung der Natur – können wir uns nicht erfrischen. Damit uns seine Welle als Getränk zu eigen werde, fassen wir sie aber in ein Gefäß. Diesem nun gab ursprünglich die Notdurft seiner Bestimmung seine Form; endlich erfand der künstlerische Verstand zu gleichem Zwecke die herrliche Amphora. Deren Gestalt läßt zwar den natürlichen Anlaß ihrer Bildung noch sehr wohl erkennen. Auf den ersten Blick erscheint sie als bestimmt, das Wasser einer Quelle aufzufangen. Aber die Kunst hat jenem Anlaß Gestalt gegeben und eine höhere Schönheit abgewonnen. Wie die Amphora zu dem fließenden Quell und der ersten schöpfenden Hand, so verhält sich das Kunstwerk zur Nachahmung der Natur. Winckelmann drückt sich über dieses Verhältnis wohl auch so aus, daß der Künstler durch Beobachtung der Natur zur Schöpfung einer höheren Natur begeistert werde. »Die häufigen Gelegenheiten zur Beobachtung der Natur veranlaßten die griechischen Künstler, noch weiter zu gehen: sie fingen an, sich gewisse allgemeine Begriffe von Schönheiten sowohl einzelner Teile als ganzer Verhältnisse zu bilden, die sich über die Natur selbst erheben sollten; ihr Urbild war eine bloß im Verstande entworfene geistige Natur .« Dies Ergebnis geistigen Schaffens ist nun jenes Ideal, nach welchem der Künstler arbeitet. Es erhebt die Kunst über die Natur und den gestaltenden Künstler über sich selbst. »Die sinnliche Schönheit gab dem Künstler die schöne Natur ; die ideale Schönheit die erhabenen Züge : von jener nahm er das Menschliche , von dieser das Göttliche .« Das Göttliche . Sagt Winckelmann, wie er dies verstanden haben will? Er setzt für das künstlerisch Höchste und Wünschenswerte einen Namen ein, welchen er dem höchsten Wunsch und der geheimsten Ahnung des menschlichen Geistes entnimmt. Wie ist diese Bezeichnung in seiner allgemeinen Denkweise begründet? Es zeigt sich in Winckelmanns Schilderungen der Kunstwerke und ästhetischen Erörterungen, daß er mit Bestimmtheit ein Maß der Empfindung als Ideal des Gemütes in sich trägt. Dieses seelische Ideal kann er den Kunstwerken nicht entnehmen. Wenn er sich auch in ihm durch Anschauungen der Kunst bestärkt fühlt, so ist es ihm doch ursprünglich eigen als Notwendigkeit seines Geistes . Findet er es in Kunstwerken ausgesprochen, so sagt er dann, in diesen Werken sei das Göttliche ausgedrückt. Demnach ist es eben dieses innerlich gehegte Maß der Empfindung , welches ihm den Gebrauch des erhabensten Wortes aufdrängt, welches seinen Begriff vom Göttlichen ausmacht. Edle Einfalt und stille Größe: das ist das seelische Ideal, welches Winckelmann innerlich hegte und sodann in der Antike, in Raffaels Sixtina ausgedrückt fand. »In allen Stellungen, die von dem Stand der Ruhe zu sehr abweichen, befindet sich die Seele nicht in dem Zustande, der ihr der natürlichste ist, sondern in einem gewaltsamen und erzwungenen Zustande. Kenntlicher und bezeichnender wird die Seele in heftigen Leidenschaften; groß aber und edel ist sie in dem Stand der Einheit , in dem Stande der Ruhe .« Winckelmann geht bald von dieser Seelenschilderung aus und steigt von ihr zum Begriffe des Göttlichen auf . Bald steigt er vom Begriffe des Göttlichen zur Bezeichnung dieses Ideals der Einfalt herab. »Die Stille wurde nach dem Plato als der Zustand betrachtet, welcher das Mittel ist zwischen dem Schmerz und der Fröhlichkeit; und eben deswegen ist die Stille derjenige Zustand, welcher der Schönheit, so wie dem Meere, der eigentlichste ist, und die Erfahrung zeigt, daß die schönsten Wesen von stillem, gesittetem Wesen sind. Eben die Fassung wird in dieser Beziehung in dem Bilde sowohl als in dem, der es entwirft, erfordert: denn es kann der Begriff einer hohen Schönheit auch nicht anders erzeugt werden, als in einer stillen und von einzelnen Bildungen abgerufenen Betrachtung der Seele. Außerdem ist die Stille und die Ruhe im Menschen und bei Tieren der Zustand, welcher uns fähig macht, die wahre Beschaffenheit und Eigenschaften derselben zu untersuchen und zu erkennen, so wie man den Grund der Flüsse und des Meeres nur entdeckt, wenn das Wasser still und unbewegt ist; und folglich kann auch die Kunst nur in der Stille das eigentliche Wesen derselben ausdrücken.« Die innere Größe ist also die Bedingung des Erhabenen und verrät sich als die Voraussetzung der ganzen metaphysischen Deduktion: diese innere Größe ist der Inhalt einer bestimmten und mit Sicherheit festgehaltenen seelischen Erfahrung . »Der Ausdruck einer so großen Seele«, sagt Winckelmann bei Besprechung des Laokoon , »geht weit über die Bildung der schönen Natur: der Künstler mußte die Stärke des Geistes in sich selbst fühlen , welche er seinem Marmor einprägte. Die Weisheit reichte der Kunst die Hand und blies den Figuren derselben mehr als gemeine Seelen ein.« Nach Winckelmanns Begriffen entsteht also das idealistische Verfahren in der Kunst aus jenem Außerordentlichen der inneren Erfahrung. Diesen Idealismus des seelischen Gehalts fand er in den Werken der Griechen. »So wie die Tiefe des Meeres allezeit ruhig bleibt, die Oberfläche mag noch so wüten, ebenso zeigt der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften eine große und gesetzte Seele .« Er fand ihn in der Sixtinischen Madonna Raffaels: »Sehet die Madonna mit einem Gesicht voll Unschuld und zugleich einer mehr als weiblichen Größe, in einer selig ruhigen Stellung, in derjenigen Stille, welche die Alten in den Bildern ihrer Gottheiten herrschen ließen. Wie groß und edel ist ihr ganzer Umriß! Das Kind auf ihren Armen ist ein Kind über Kinder erhaben, durch ein Gesicht, aus welchem ein Strahl der Gottheit durch die Unschuld der Kindheit hervorzuleuchten scheint.« Daß diese Empfindung eines seelisch Höchsten die Ursprüngliche geniale Grundanschauung Winckelmanns ist, zeigt sich auch darin, daß sie sich durch seine ganze Entwicklung hindurch erhält, soweit wir sie in Schriften vor uns haben; während doch im Übrigen Italien ihm so viel Neues gab, daß er seine in Deutschland geschriebene Erstlingsschrift von der Nachahmung der Griechen später kaum mehr gelten ließ. Das Ideal der edlen Einfalt und stillen Größe aber wird schon in dieser Schrift vollkommen ausgesprochen und begründet. Dann erkennen wir es wieder in der Auffassung des vergötterten Herkules und in der Beschreibung des Apollo. Und auf dieselbe Anschauung blickt der Autor immer wieder hin, sowohl in der Geschichte der Kunst als in der noch späteren Einleitung zu den Monumenti. Versöhnung, Erlösung, Seligkeit: Hier klingen Wagnersche Worte an. L. dies durchzieht die Seele Winckelmanns als eine tief empfundene Ahnung und gibt ihm den Begriff des Göttlichen ein. Wenn wir auch von der kunsttheoretischen Anwendung dieses Gemütsideales absehen, so dürfte es ganz allein als Stimmung und Empfindung auf spätere deutsche Schriftsteller bedeutend eingewirkt haben. Herder war, wie es scheint, der einzige, bei dessen erstem literarischen Auftreten Winckelmann das Gefühl hatte, nun auch in der nordischen Ferne verstanden zu werden. Gerade jene Grundstimmung der Winckelmannschen Ästhetik klingt in den glücklichsten Worten der Kritischen Wälder an. * Winckelmanns Geschichte der Kunst förderte, fast wie ein eigenes Kunstwerk, die Entwicklung der deutschen Poesie. Sie gab der ästhetischen Initiative der Deutschen dadurch eine bestimmte Richtung, daß sie ihr die Kunsttatsache der Antike aneignete und gleichsam einverleibte. Das idealistische Empfinden gewann durch sie Bestimmtheit: weil Winckelmann das Ideale aus reiner Empfindung zu bestimmen vermochte , wie wir dies eben gesehen haben, und weil er ferner das Urbild dieser Empfindung des Ideales durch seine Anschauung der göttlichen hellenischen Gestalten für jedermann kenntlich machte. Hier wenden unsere Blicke von dem Ästhetiker sich auf den Menschen Winckelmann. Wie vollbrachte er das? Wie war es möglich, daß dieser deutsche Gelehrte die Kunst der Griechen in sich derart belebte, daß er sie in die geistige Entwicklung seines Volkes wie ein eigenes deutsches Kunsterlebnis hineinstellt? Wie gelangte der Sohn des märkischen Sandes, der hierauf im Schulstaub fast vergrabene Kinderlehrer zu der Aufrichtung eines ästhetisch bestimmenden, künstlerischen Maßes? In der äußeren Welt ist die Grenze eines Gegenstandes seine Bestimmung. In der inneren Welt wachsen Bestimmungen immer nur aus Grenzenlosigkeit, aus einer Unendlichkeit des Empfindens hervor. Winckelmann war eine solche grenzenlos, unendlich empfindende Natur. Aus der Größe, ja aus dem Übermaß seines Empfindens tritt, durch die Not und das dringende Bedürfnis dieses Übermaßes erzwungen, die Bestimmtheit und Kraft seiner Anschauungen hervor. Was für ein Leben war diesem Manne bis fast zu seinem vierzigsten Jahre zuteil geworden, wenn man ausschließlich die äußeren Ereignisse dieses Lebens beachtet! Das Schicksal schien selbst in seinen Gunstbezeigungen, in der Berufung durch Bünau, seiner zu spotten. Die Welt mußte dieser großen Seele als ein Gefängnis, das Leben als ein Irrsal erscheinen. Plötzlich nun treten auf der Höhe seines Lebens unserem Helden aus dieser selben, grau und öde ihn befangenden Wirklichkeit die Anschauungen der Kunst entgegen: Gestalten, welche seine Seele ausfüllen und sie in dem Besten, was sie in sich erfuhr, bestärken. Zuerst in Dresden; dann in Italien, wo man die Kunst zu atmen glaubt. Wenn er endlich den entscheidenden Entschluß gefaßt hat, nach Rom den Weg sich zu bahnen, klingt es noch fast wie ein Schrei der Verzweiflung: »Wer den Tod nicht scheuet, fürchtet sich vor keinen Schatten.« Dann sicher und fest: »Unglücklich kann mich nichts in der Welt machen.« So verstehen wir nun den biographischen Moment seiner Ankunft in Rom. Sogleich in den ersten Wochen verwendete er alle Zeit auf die Anschauung der alten Kunstwerke. Mit welchem Blick ergriff er sie! Er entdeckte jetzt die Antike. Manche sagen heute: Er erfand sie. Der Zustand und die schöpferische Kraft seines Gemüts ließe es als durchaus möglich annehmen, daß er in dem einen oder anderen Werke mehr sah, als dessen Verfertiger je gesehen hatte. * Wagner sagt, alles Verständnis komme uns nur durch die Liebe. Bekanntlich auch ein Grundgedanke Goethes. L. Dies Wort bestätigt sich in Winckelmanns Entdeckung der Antike. Sein Liebe-Vermögen und Liebe-Bedürfen wandte sich fortschreitend immer mehr auf seine große geistige Arbeit und hauchte dieser Atem und Seele ein. Ich will diese Erscheinung durch ein Beispiel zu erläutern versuchen, welches in allem einzelnen mit Winckelmann nichts gemein hat und deshalb den gemeinsamen Zug, auf den es hier ankommt, deutlich hervortreten läßt. In einem seiner bedeutendsten Romane, in Louis Lambert, hat Balzac eine Liebesleidenschaft geschildert, welche den von ihr Ergriffenen am Vorabend der Hochzeit wahnsinnig macht. In diesem Roman hat der Schriftsteller mehr als in einem anderen die Schilderung des Helden der eigenen inneren Erfahrung entnommen. Vor allem in diesem Zuge. Einer solchen Leidenschaft war Balzac selber fähig. Wir wissen, daß er Madame Hanska glühend, beständig, alle Hindernisse durchbrechend, bis zu seinem vorzeitigen Tode liebte. Und nun, mit welcher tiefen Betroffenheit erfahren wir, daß die beispiellose Leidenschaft des außerordentlichen Mannes zwar Erwiderung, aber doch keine ihrer völlig würdige Erwiderung fand. Eine solche wahrhaftige, mächtige Regung einer großen Seele sollte trügen dürfen? Es ist nicht anders. Ein übermächtiges Verhängnis scheint in solchen Naturen zu schalten und ihre Person einer höheren Bestimmung unterzuordnen. Diese höhere und übermächtige Bestimmung kündigt sich in ihnen selber als Übermaß des Empfindens an. Nun ringt ein solches Übermaß danach, sich ein Maß zu setzen. Bald glaubt der geniale Übermensch in einem anderen Wesen das Gegenbild seines Inneren und hiermit den würdigen Gegenstand seines Allempfindens zu erkennen; und hierin kann er irren, nach der Trüglichkeit der Natur. Oder er findet sein Maß in geistiger Arbeit, wie denn Balzac in einer völlig unbegreiflichen Arbeitsfülle sein Leben ganz eigentlich verzehrt und wie in Flammen aufgehen läßt: dann aber schafft das Genie Wahrheit und erhöht die Natur. »Ich bin unter den wenigen Menschen,« schreibt Winckelmann, »welche die Freundschaft als das höchste menschliche Gut ansehen und über alles in der Welt schätzen; und ich wünschte den Ruhm aus der Welt zu nehmen, ein außerordentlicher Freund gewesen zu sein.« »Vom Himmel kam die Freundschaft«, ruft er aus; ganz wie er die höchste Schönheit durch Berufung auf die göttliche Schönheit zu beschreiben versucht. Wir haben das ästhetische Ideal der Ruhe von ihm entwerfen sehen; an einen Freund schreibt er: »In meinem höchsten Gute, welches die Ruhe ist, die ich aber niemals völlig erlangen werde, sind Sie der Mittelpunkt, und in diesem Kleinode der köstlichste Stein.« In einem Briefe aus seinem letzten Lebensjahre heißt es: »Endlich wird die Ruhe kommen an dem Orte, wo wir uns zu sehen und zu genießen hoffen; woran ich ohne die innigste Bewegung und ohne Freudentränen nicht gedenken kann. Dahin will ich, wie ein leichter Fußgänger, so wie ich gekommen bin, aus der Welt gehen. Ich weihe diese Tränen, die ich hier vergieße, der hohen Freundschaft, die aus dem Schoße der ewigen Liebe kommt, die ich errungen und in Ihnen gefunden habe.« Diese Empfindung hat bei Winckelmann in hohem Grade den Charakter selbstloser Hingebung .. Er schreibt, wenn er sich von verächtlicher Undankbarkeit eines Jugendfreundes überzeugt: »Ich hätte ein besser Herz zu finden verdienet. Allein: Erkenntlichkeit verlangen, heißt beinahe Undank verdienen.« Diese Leidenschaft betrügt sich in der Schätzung ihres Gegenstandes. Es hat etwas Verletzendes, die Freundschaftsversicherungen Winckelmanns zu lesen, welche sich an einen albernen Livländer Baron richten und von diesem nicht nur mit seelenloser Gleichgültigkeit erwidert, sondern, wie es scheint, mit niederträchtiger List zur Glorifikation seines Namens durch Widmung einer Winckelmannschen Schrift ausgenutzt wurden. Noch verletzender ist es, wenn Winckelmann eine Zeitlang die Frau seines Freundes Mengs zum Gegenstande seiner leidenschaftlichen Empfindungen macht. Durch keine Deutung ist der wahre und wirkliche Schmerz aufzuheben, den diese Täuschungen des großen Mannes erwecken. In der Tat, es waltet ein Verhängnis in der Geschichte solcher Männer, ein Verhängnis, welches gegen die Beglückung des einzelnen gleichgültig erscheint, welches mit dem Glücke seines Lebenstages spielt, indessen es Menschheit in ihm und vermittelst seiner ausbildet. Es müßte möglich sein, sich dieses Verhängnisses durch ein höheres Bewußtsein zu bemächtigen! – Genug. Ein solches Verhängnis sehen wir in Leben und Tod Winckelmanns sich vollziehen. Eben jene Leidenschaft macht ihn hellsehend für das Schöne. Denn seine Empfindung für das Schöne war eine durchaus leidenschaftliche. Oft begegnet in seiner Schilderung der Kunstwerke, metaphorisch, das Seelenschicksal Liebender. Einmal, wenn eine Pallas entdeckt ist, »bleibt er stumm, taub und wie sinnenlos, da er sie erblickt«. Das ist dasselbe Gefühl, welches Dante im fünften Gesänge des Inferno schildert. Gerade jene Freundschaft für den Livländer gewann ihm, in ausdrücklich hervorgehobenem, inneren Zusammenhange, eine seiner herrlichsten Schriften ab: »Über die Empfindung des Schönen.« Winckelmann ergriff das Schöne mit lebendiger Liebeskraft, wie ein Heiltum, wie einen Ersatz für die Unzulänglichkeit der ihm im Leben begegnenden Menschenwelt. Daher die Glut und Innigkeit seiner Lehre. Aus wahrstem Seelendrang und mit hohem Ernst verkündigt er: es sei an der Zeit, die Schönheit in ihren heiligen Rechten herzustellen. Diese biographischen Erinnerungen sollten vor allem einen Zug der Winckelmannschen Ästhetik hervorheben. Die Idealität drängt in ihm zu bestimmtester Realität. Sein tiefes Seelenleben lehrt ihn sehen. Eine enge Seele schickt sich, wie in Schranken, in die Wirklichkeit; aber eine unendliche Seele, wie die seinige, ersieht sich in der Außenwelt Gestalten. Entzückt von der Anschauung des Apollo im Belvedere, schreibt Winckelmann die Anmerkung nieder: »Der ihn siehet, bekommet eine hohe Idee von der Wirklichkeit.« Dieser Zug kehrt in der Kunstanschauung Goethes und Schillers wieder. Gerade er läßt Winckelmann als deren nächsten Vorläufer erscheinen. Schiller war der Ansicht, daß eine Regel, die von dem Dinge selbst zugleich befolgt und gegeben ist, das einzige Gesetz der Kunst sei. Je tiefer der Künstlergeist geartet ist, um so wahrer wird er den Sinn der Dinge darstellen. Er setzt Wahrheit an die Stelle der Wirklichkeit . Er weckt gleichsam die Seele des Wirklichen und leiht ihr seine Sprache . Dieser Idealismus ist bloßen Träumereien unverwandt und richtet sich vielmehr mit Ernst und gerechtem Sinn auf Deutung und Gestaltung der Natur . Goethe hatte es schon vor Schiller in Beziehung auf bildende Kunst ausgesprochen und in diesem Worte die gemeinsame Tendenz der deutschen Ästhetik ausgedrückt: »Der Stil ruht auf den tiefsten Grundfesten der Erkenntnis, auf dem Wesen der Dinge, insofern uns erlaubt ist, es in sichtbaren und greiflichen Gestalten zu erkennen.« * Führende Gedanken (Aus verschiedenen Werken Steins zusammengestellt und mit Überschriften versehen) Goethes Heimkehr Goethe hegt bei seiner Rückkehr aus Italien den Gedanken, zu einer Anregung deutscher Kunst – hierunter fast ausschließlich die bildende Kunst verstanden – behutsam und besonnen vorzudringen. Er sah Weimar wieder am Abend des 18. Juni 1788 bei aufgehendem Vollmonde. Stille, hohe Ideale hegt er in der Seele. Nicht die helle Freude des Südens, aber eine würdige Milderung alles Daseins glaubt er als die Grundstimmung der aufgenommenen Kunsterfahrungen der Heimat und den Freunden mitteilen zu können. In tiefster Seele aber erschrak er, als er eben jetzt völlig entgegengesetzte Dinge bei seinen Freunden in Geltung fand. »Heinses Ardinghello und Schillers Räuber« – so sagt er später in einer Zusammenstellung, der man noch etwas von dem damaligen Ingrimm anmerkt – »wurden nicht nur von ganz Deutschland bewundert, sondern auch von meinen nächsten Freunden, deren Sinnesart ich mir verwandt geglaubt hatte, als das eigentlich Beachtenswerte angepriesen. Wovon ich mich glücklich befreit hatte, das sollte ich nun mit ihnen wiederum ernst nehmen und anstaunen.« Goethe fühlte, daß er unter diesen Umständen mit dem, was er jetzt zu sagen hatte, von seinen Freunden nicht verstanden werden würde. Demnach mußte es ihm als ein Verhängnis erscheinen, daß er bei seiner Rückkehr in die Heimat Schillern an seinem Herde fand. Goethe verschloß sich völlig in sich selbst. Dies ist ein Zug, der in Goethes Leben immer wiederkehrt, dieses für weniger scharfsichtige Freunde unmerkliche Zurücktreten in sich. Er geht aus einer Grundeigentümlichkeit seines Empfindens hervor. Es ist so bezeichnend für Goethe, wenn er sich, nach durchlebter Werther-Zeit, über das geistig Wünschenswerte zusammenfaßt: »Unter allen Besitzungen auf Erden ist ein eigen Herz die kostbarste, und unter Tausenden haben sie kaum zwei.« Dann einige Jahre später in Weimar heißt es: »Die Seele ist wie eine Stadt, die hinter sich ein Schloß auf dem Berge hat. Das Schloß bewachte ich und die Stadt ließ ich im Frieden und Kriege wehrlos; nun fang' ich an, auch die zu befestigen.« Niemals aber hatte er Besseres darbieten wollen, und nie fand er sich entschiedener unverstanden als jetzt bei der Rückkehr aus Italien. Goethes Begegnung mit Schiller Man möchte sagen, daß das Schicksal in den nächsten Jahren die beiden Männer in seine ernste Schule genommen habe. Die ersten neunziger Jahre bringen Katastrophen in beider Leben, welche zu tiefster Besinnung nötigten. Ein Jahr nach jener ersten Begegnung in Rudolstadt bricht die große Revolution aus. Sie fesselt nicht nur das allgemeine Interesse gerade auch der Deutschen, wenigstens der Denkenden unter ihnen; sondern sie zieht auch Goethen unmittelbar in ihre Kreise. Die deutschen Fürsten glauben, im Jahre 1792, dem Unfug ein Ende machen zu sollen; der Krieg wird mit den höchsten Ansprüchen, als eine Art von Kreuzzug für Recht und Kultur unternommen. Nicht nur der Befehl seines Fürsten, sondern, wie es scheint, auch der eigene Wunsch ließ Goethe an diesem Feldzuge teilnehmen: er wollte eine Erfahrung dieser Art gemacht, Welt und Menschen auch von dieser Seite kennen gelernt haben. Das Unternehmen verlief, wie bekannt, äußerst unglücklich. Nach den Tagen von Valmy verscholl das Heer der Verbündeten für die in der Heimat ängstlich Harrenden fast vollständig für vier Wochen: endlich erschien es, zerrüttet durch einen fluchtartigen Rückzug, an der deutschen Grenze. Mitten in dem Jammer und Elend dieses Rückzugs erblicken wir Goethe . Die Umgebung des Herzogs pflegte von ihm zu rühmen, daß bei argen Unbilden und Entbehrungen er sich doch einige Überlegenheit der Stimmung und Heiterkeit bewahrt habe. Jetzt aber erstarrte ihm Blick und Herz. Zu dem Anblick des Elends gesellte sich die Enttäuschung, da Goethe gewiß zu denen gehörte, die den Sieg der Verbündeten für sittlich notwendig gehalten hatten. – »In Rom erfuhr ich, was es heiße, ein Mensch zu sein«, sagte er einmal. Auch hier erfuhr er es in einem furchtbar veränderten Sinn. Aus Rom hatte er, als das Palladium jenes besseren Menschentums, die Kunst seinen Deutschen zubringen wollen. Jetzt erst verzagte er, überwältigt von dem Weltgeschick, völlig an der Mitteilung seiner Kunstgesinnungen. Die Kluft zwischen dem wirklichen Leben, wie er es nun erkannte, und jenen stillen Idealen schien unüberbrückbar. Um sich von dem erlebten Unheil einigermaßen wiederherzustellen, suchte Goethe alte Freunde auf, Jakobi und seinen Kreis, die Umgebung der Fürstin Gallitzin. Die Freunde wollten den Dichter in ihm wiederfinden und, wenn nötig, wiedererwecken. Sie geben ihm Iphigenien zur abendlichen Vorlesung in die Hand. Aber Goethe »fühlt sich dem zarten Sinne entfremdet; auch von andern vorgetragen, war mir ein solcher Anklang lästig. Indem aber das Stück gar bald zurückgelegt ward, schien es, als wenn man mich durch einen höheren Grad von Folter zu prüfen gedenke. Man brachte Ödipus auf Kolonos , dessen erhabene Heiligkeit meinem gegen Kunst, Natur und Welt gewendeten, durch eine schreckliche Kampagne verhärteten Sinn ganz unerträglich schien; nicht hundert Zeilen hielt ich aus.« Zu unsagbarem Ernst waren seine rein menschlichen inneren Erfahrungen angewachsen; aufs bestimmteste fühlte er, daß es sich in dieser Welt »etwa bloß so mit der Leier in der Hand« nicht leben lasse; Goethe war kein Dichter mehr. Schillern hatte inzwischen, nachdem er soeben das Glück in seiner häuslichen Niederlassung zu finden schien, die Krankheit erfaßt, von welcher er eigentlich nicht wieder genesen ist. Im Januar 91, 92, dann wieder im Frühjahr 93 hatte sie in immer wiederholten Anfällen ihn niedergeworfen und sein Leben aufs ernsteste gefährdet. Schiller hatte dem Tode ins Auge gesehen und wußte von da an, daß er nur noch eine gemessene Zahl von Jahren zu leben habe. In seiner großartigen Weise spricht er es etwas später aus: es handle sich für ihn darum, das Erhaltungswerte aus dem Brande zu flüchten. – Auch er suchte, um sich herzustellen und zu erholen, alte Freunde auf und kehrte auf fast ein Jahr in die schwäbische Heimat zurück. Geistig erfrischt, hochgefaßt wendet er sich einem neuen Leben zu. Es gilt für ihn, nicht mehr zu zögern, sondern zu edlem entscheidenden Tun vorzuschreiten. So entsteht der Gedanke der Hören: die besten Schriftsteller Deutschlands sollen sich vereinigen, ein Außerordentliches soll geleistet werden. Bei diesem Unternehmen durfte Goethe nicht fehlen. Schiller wandte sich an ihn mit einer würdig und ernst vorgetragenen Bitte um Beteiligung. Er erhielt eine freundlich zusagende Antwort. Einer eigentlichen Befreundung bedurfte es zwischen uns nicht, sagte Goethe später zu Eckermann; wir fanden, daß unsere Richtungen auf eins gingen, und gehörten fernerhin zusammen. Es war eine plötzliche Einsicht, eine Entdeckung gleicher Tendenzen. Ich glaube, diese plötzliche Erleuchtung ging für Goethe Hauptfachlich von dem Eindruck aus, den die Art und Weise, wie Schiller hörte und sprach, auf ihn hervorbrachte. Er deutet hierauf mit den schlichten Worten hin: »Schillers Anziehungskraft war groß, er hielt alle fest, die sich ihm näherten.« Das war vor sechs Jahren nicht so gewesen. Schiller hatte sich seitdem beispiellos entwickelt; der leidenschaftlich Strebende hatte, durch die Umstände – deren nicht unwichtigster Bestandteil den Namen Goethe trug – vom lärmenden Erfolge weg- und auf sich selbst zurückgewiesen, in sich selbst das Unaussprechliche gefunden. Von da an vermochte er mit Milde nach außen zu blicken, nicht mehr begehrend, sondern des edelsten Besitzes gewiß. Ein innerlich bewahrtes, höheres Menschentum war aber Goethes eigentliches Lebensgeheimnis. Hier nun fand er sich von einem solchen höheren Menschentume ebenfalls angesprochen, bei sonst völliger Verschiedenheit der natürlichen Anläge und persönlichen Eigenart. So wie es hier zu ihm sprach, ist es ihm nur dieses eine Mal begegnet. Diese höchste Gemeinsamkeit aber war mit Worten durchaus nicht auch nur anzudeuten: deshalb kein allmähliches Sich-kennen-lernen, keine eigentliche Freundschaft. »Es scheint, als wenn wir, nach einem so unvermuteten Begegnen, miteinander fortwandern müßten«, schrieb Goethe im August; und hierbei verblieb es fernerhin. »Wir fanden, daß unsere Richtungen auf eins gingen«: so Goethe. »Zwischen unseren Ideen über Kunst und Kunsttheorie fand sich eine unerwartete Übereinstimmung«, schreibt Schiller. Wenn zwei Männer wie diese eine lange gehegte und völlig bewußte Abneigung aufgeben, so muß das, worüber sie diesen Gegensatz vergessen, ein Mittelpunkt ihres Lebens sein. Nun ist aber das von ihnen ausdrücklich als gemeinsam Erkannte, nach Schillers Worten, ihre Ansicht von der Kunst. Demnach ist diesen Männern hier die Kunst nicht Unterhaltung und Zerstreuung , nicht Überlieferung und Mode, sondern höchster Lebensernst . Das ist es auch, was Goethe Schillern vor allem zu sagen hatte: »Ich habe den redlichen und so seltenen Ernst, der in allem erscheint, was Sie geschrieben und getan haben, immer zu schätzen gewußt.« Ist einem Menschen die Kunst, praktisch genommen, höchster Lebensernst, so wird er sie nun ferner, theoretisch gesprochen, in keiner Weise als eine bloße technische Virtuosität ansehen. Eine solche wird immer von anderen, bestimmten Absichten in Dienst genommen. Das aber soll die Kunst, über welche Goethe und Schiller sich verständigen, eben nicht . Als Klopstock mit seinem Messias auftrat, forderten die deutschen Ästhetiker bereits seit einer Generation ein großes episches Gedicht. Die kritische Welt bewunderte Homer: soll eine Literatur aufblühen, so muß sie ein Epos haben, so hieß es; Klopstock teilte diese Überzeugung und faßte ausdrücklich ihr gemäß, wie bekannt, schon als Primaner den Gedanken seines Gedichts. Wielands erstes Werk ist ein Lehrgedicht über die Natur der Dinge. In diesem Gedichte sollte, nach der ausdrücklichen Versicherung des Verfassers, bewiesen werden, daß die bestehende Welt die beste unter allen möglichen Welten sei. Hier also ist es ein Satz eines ganz bestimmten spekulativen Systems, des Leibnitzischen; dort ist es ein ästhetisch-kritisches Modetheorem, welches die Fähigkeiten des jungen Dichters in seine Dienste nimmt. Vom Werther und von den Räubern würde man nichts Ähnliches sagen können. Diese Werke brechen aus gewaltigen seelischen Nötigungen hervor. Ihre Verfasser sind ursprüngliche, unendliche Naturen. Sie erschließen Tiefen, in welche andere noch nicht geblickt. Die Kunst ist ihnen der Ausdruck für etwas, was durchaus nur auf diese Weise zu sagen war, für eine durchaus eigene Weise, das Leben und die Dinge anzusehen, für ein individuelles Weltbild, eine Weltanschauung. Goethe-Schiller ein Ganzes Schillers Lehre betrifft das innere Prinzip des Stiles . Goethe ging vom Gegenstande aus . Der Stil in der Kunst sei erreicht (sagt Goethe), wenn der Gegenstand, vielsagend und bedeutsam, zu vollendetem Ausdruck kommt. Fragen wir, welche Darstellung ihren Gegenstand vollendet zum Ausdruck bringe, so kamen hierfür, wenn z. B. der Gegenstand in Blumen und Früchten bestand, die Regeln der Botanik in Betracht. Hier wurden wir zweifelhaft, wenigstens darüber, ob diese Instanz die endgültige, ob diese Prinzipien des Stiles vollständig und entscheidend seien. Setzt aber werden wir durch Schiller darauf hingewiesen, daß es allerdings einen letzten sicheren Maßstab aller Vollendung der Formen gibt: nämlich innere Vollendung des betrachtenden und schaffenden Geistes . Auch Goethe gebrauchte diesen Maßstab überall; er war ihm aber nicht als solcher zum Bewußtsein gekommen . Goethes Ansicht vom Stile, begründet durch die Schillersche Bestimmung des Idealen: hier ist, der Sache und dem Geiste nach, der Punkt der Begegnung der beiden künstlerischen Denker. Das Gemeinsame in den Kunstansichten ist, daß sie sich dem bloß Natürlichen in der Kunst entgegensetzen . Alle Welt wollte damals das Natürliche, in Bildung und Erziehung, in der Dichtung, auf der Bühne wie im Leben. Goethe und Schiller wollten mehr, und eben auf dieses Mehr begründet sich ihr Anspruch auf Klassizität. Sie wollten aber deshalb in der Kunst mehr als das von ihren Zeitgenossen so genannte Natürliche, weil ein größerer gedanklicher Zusammenhang sich in ihren künstlerischen Prinzipien verdichtete. Dementsprechend wurzelt die Art und Weise, wie Goethes Stilprinzip und Schillers Idealbegriff sich ergänzen, in der Art und Weise, wie ihre Welt- und Lebensanschauung sich ergänzt. Was heißt ästhetisch? Ästhetisch heißt: was auf Empfindungen sich bezieht. Schiller nennt im Menschlichen ästhetisch, was aus Empfindung, aus Neigung getan wird. So entstand jenes wundervolle Wort, das Christentum sei die einzige ästhetische Religion, weil sein eigentlicher Charakterzug im Unterschiede von allen monotheistischen Religionen in der Aufhebung des Gesetzes liege (An Goethe 87). Schiller findet ein allgemeines Beispiel des menschlich Schönen in dem, was man guten Ton nennt. Das erste Gesetz des guten Tones sei: Schone fremde Freiheit! das zweite: Zeige selbst Freiheit! Schiller kannte keinen anderen Verkehr, als den durch diese Worte bezeichneten. Karoline von Wolzogen erzählt, daß ein Umgang, in welchem er sich Zwang antun muhte, von ihm unfehlbar, wenn auch nicht plötzlich und verletzend, so doch allmählich aufgegeben wurde. Gespräche Ein Gespräch jener Menschen, deren Verkehr Freiheit zeigt, wird durch die Form der Behandlungsweise der Gegenstände sich auszeichnen und das stoffliche Interesse am Gegenstände eliminieren. Goethe, Schiller, Körner, Humboldt werden über die alltäglichen Ereignisse so gesprochen haben, daß das Alltägliche sich durch ihre Auffassungsart verklärte, und es, durch diese Form und Art ihres Lebens, eine Lust zu leben war. In dem Gespräch eines in solchem Sinne gebildeten Kreises werden wir kein plumpes Ja und grobes Nein vernehmen. Sondern wenn der eine etwas gesagt hat, wird der andere vor allem sich damit beschäftigen, es zu verstehen und es hiermit zunächst in einem gewissen Maße zugeben. Hierauf aber wird der fremde Gedanke, den er zu voller Wirkung hat kommen lassen, eigene Einfälle auslösen, und nun wird der Aufnehmende seinerseits etwas zu sagen haben. Ein Wechselspiel des Gebens und Nehmens wird den Inhalt des Verkehres ausmachen, und die als Ganzheit der Bildung ausgesprochene Forderung in jedem Augenblick verwirklichen. Das schöne Zimmer Suchen wir nun auch das Schöne, um seinen Begriff verständlich zu analysieren, in der uns nahe umgebenden Wirklichkeit auf ... Ich erwarte in einem Zimmer seinen für den Augenblick abwesenden Besitzer. Unwillkürlich haftet der Blick an der Einrichtung und Ausschmückung des Raumes. Zunächst fallen mir die Bilder auf. Sie hängen nicht in starr symmetrischen Gruppen, sondern so verschiedenartig verteilt, daß ihre Anordnung auf einen Betrachter weist, der sinnvoll sich an ihnen erfreuend jedes von ihnen an einer bestimmt ausgezeichneten Stelle zu sehen und wiederzufinden wünscht. Gleicherweise zeigt verschiedene, charakteristische Rahmung besondere Teilnahme an jedem einzelnen Blatt. Die Bilder selbst mögen sich so darstellen, daß sie auch bei flüchtigem Überblick den Gedanken an die Persönlichkeit aufdrängen, welche gerade diese Bilder zum Zimmerschmuck sich wählte. Des weiteren bemerke ich die Stellung des Arbeitstisches, der Repositorien, und finde, daß sie auf zweckmäßige Benutzung des Lichtes und der Luft, auf regelmäßige emsige Arbeit weisen. Ein Ruheplatz deutet Stunden des Sinnens, des eigenen, bücherlosen Nachdenkens an. Andere Sitze aber scheinen den fremden Besucher zu behaglichem Gespräche einzuladen. Dieses alles in einer einzigen Anschauung vereinigt, fühle ich mich deutlich und wohltuend, durch die Vermittlung aller dieser Gegenstände, von einer menschlichen Seele angesprochen, und in der Erinnerung an ein solches Zimmer ist mir nicht anders zumute, als hätte ich ein freundliches, warmempfundenes Wort vernommen. Einen solchen Eindruck nenne ich schön. Weimar und Paris Schiller äußert sich in den ersten (ästhetischen) Briefen über den politischen Jammer, wie er es nennt. Auch in der Ankündigung der Horen hatte er betont, daß man hier der Politik mit Bewußtsein sich abkehre. Die Politik faßt sich für den Augenblick, von welchem wir reden, in ein großes Ereignis zusammen: die französische Revolution. Seit man in jener großen, denkwürdigen Nacht die Menschenrechte proklamierte, glaubten alle, die auf den Namen Mensch mit Bewußtsein Anspruch erhoben, daß nunmehr ihre gemeinsame Sache in Paris geführt werde und dort zum Austrag komme. Kant zum Beispiel folgte den Ereignissen der Revolution mit derartiger Aufmerksamkeit, daß er Vorkommnisse vorauszusagen pflegte nach seiner genauesten Kenntnis der Parteiverhältnisse; stimmte jemand mit seiner Ansicht über die Bedeutung der Revolution nicht überein, so brach der sonst so überaus höfliche Mann das Gespräch ab. Dies Beispiel bezeichne die Stimmung der Gebildeten Deutschlands im Hinblick auf Paris. Jetzt erklärt Schiller: kein Wort mehr von diesen Dingen. Wir sind enttäuscht: nicht der Mensch, viel eher Tiger und Hyäne sind es, die ihre Sache in Paris zum Austrag bringen. Wir wollen daran arbeiten, daß ein ähnlicher Augenblick in künftigen Jahrhunderten ein würdigeres Geschlecht finde. Mit besonderer Beziehung auf Goethe lehren die ästhetischen Briefe: nur der Dichter ist der wahre und eigentliche Mensch, nur von ihm ist für die Sache der Menschheit Ernsthaftes und Heilsames zu erwarten. Hier wird also ein Programm aufgestellt. Dieses konnte nicht kühner gefaßt werden. Was in Paris mißlungen ist, denken wir deutschen Schriftsteller in Weimar und Jena auf eine andere und bessere Weise in Angriff zu nehmen. Während dort nur Zerstörung eingetreten ist, denken wir vielmehr Grundsteine eines dauernden Gebäudes ineinanderzufügen. Weimar und Paris! – Wenn wir heute durch die Straßen und nächsten Umgebungen Weimars wandeln, bewegt uns zu tiefster Rührung die fast unglaubliche Kleinheit der Verhältnisse, in welcher wir die Erinnerungen an unsere Klassiker antreffen. Wollen wir von hier aus zur Anschauung jenes Weimars gelangen, in welchem Goethe und Schiller selbst lebten, so müssen wir noch einige Schritte zurücktun, also z. B. die Stadt uns großenteils mit Stroh und Schindeln gedeckt denken, worauf Goethe in der Italienischen Reise einmal Bezug nimmt. All dies stimmt zu großer Bescheidenheit, besonders auch im nationalen Sinne. Kommt uns nun aber der Gedanke, was von Goethe und Schiller geistig dieser armen Erdenscholle abgewonnen worden ist, so dürfte wohl unsere Rührung in eine wahrhaft erhabene Stimmung übergehen. Diese würden wir nun festzuhalten haben, um das beinahe paradox kühne Programm der ästhetischen Briefe in seiner stillen und sicheren Größe bewundernd zu verstehen. Geistige Heimat Goethe fand eine geistige Heimat in »Hermann und Dorothea«, als es um die irdische Heimstätte bedrohlich stand. Er schuf sich diese geistige Heimat im unmittelbaren, traulichen Verkehre mit Schiller, weil ihm dieser Verkehr das volle Gefühl einer von den Ereignissen des Erdentages unberührbaren, höheren Existenz gab. Im Gedichte selbst nun wird eine Heimat aufgefunden, und dem Flüchtling, Dorotheen, durch Liebe zugebracht. Ein deutsches Kleinleben bietet diese Heimat der vom Weltsturme der Revolution Erfaßten dar. Man mag in diesem Zuge mehr vielleicht als in einem anderen Zuge unserer klassischen Dichtungen spezifisch nationale Tendenz finden. Das große Programm der ästhetischen Briefe, »wir versuchen auf anderem Wege, was drüben mißlungen ist«, klingt wiederum an mit Beziehung auf deutsches Wesen, von welchem dem Schlüsse der Dichtung nach einzig der Frieden zu erhoffen stünde. Diese Schlußworte wären leer, wenn sie nicht durch einen Hinblick auf das, was Schiller und Goethe in jenen Jahren äußerer Bedrückung Deutschlands wirklich von Innen her schufen und vollbrachten, einen Inhalt bekämen. Goethes tätige Einsamkeit Als Goethe die Vollendung des Demetrius aufgeben mußte und erst hiermit den Verlust des Freundes wirklich erfuhr, verfiel er einem Zustande, an welchen er noch nach Jahren nicht ohne Schaudern zurückdenken konnte. Die ungeheure Leidensfähigkeit seines Wesens trat hervor. Goethe ist eine tief tragische Natur. Schiller hat es ihm einmal gesagt, er sei eigentlich zur Tragödie angelegt, was Goethe auch zugab mit dem Beisatze, daß schon der bloße Versuch, eine wirkliche Tragödie zu schreiben, ihn zerstören könnte. Man vergleiche die Gretchentragödie mit dem Tragischen in der Jungfrau oder im Teil: bei Schiller geht alles auf Versöhnung, Goethe empfindet das Erbarmungslose, Unversöhnbare des Geschicks. »Es scheint, als wenn das Schicksal die Überzeugung habe, man seie nicht aus Nerven, Arterien und andern daher abgeleiteten Organen, sondern aus Draht zusammengeflochten«, so schreibt er in seinen letzten Lebensjahren an Zelter. »Man muß beizeiten verzweifeln lernen«, heißt es ein andermal. In Beziehung auf Schillers Verlust erzählt Heinrich Voß: er sei, als es sich um seinen und seines Vaters Weggang von Weimar handelte, dem leidenschaftlichen Widerspruche Goethes begegnet: die Menschen sollten ihn schonen, sie sollten ihn nicht durch das Vermeidliche verletzen, da das Unvermeidliche ihn schwer genug getroffen habe. »Daß Schiller starb, mußte ich ertragen«, habe der gewaltige Mann ausgerufen, im Tone des heftigsten Grimmes, mit Donnerstimme. Das Gefühl der Trostlosigkeit des Daseins scheint Goethen jahrelang wenn auch nicht beherrscht, so doch als Grundstimmung seines Empfindens eingenommen zu haben. Ein poetisches Zeugnis dieser Stimmung sind die Wahlverwandtschaften (1807/08). Das Schicksal Liebender »in einer Welt, in der Gleichgültigkeit und Abneigung eigentlich recht zu Hause sind«. Man denke an den Tod des Kindes, Ottilie vor dem kleinen Leichnam hingesunken, den Blick zu den Sternen richtend, »wo ein zartes Herz die größte Fülle zu finden hofft, wenn es überall mangelt«. Indessen muh es nun erscheinen, als ob für Goethe das Aussprechen des Pathologischen ein wichtiger Bestandteil seiner poetischen Eigenart gewesen sei. Kein Wert ist in Anlage und Ausführung vollendeter als die Wahlverwandtschaften. Goethe hat gerade mit diesem Werte sich als Dichter wiedergefunden. Hier ist dieselbe Überzeugungstraft der Handlung, der Charaktere, wie im Werther oder in den ersten Büchern von Wilhelm Meister. Wilhelm Meisters Wanderjahre sind neben dem Faust Goethes gehaltvollstes Werk. Merkwürdig aber ist, daß hier der Gehalt nicht der Form fähig wurde. Wir heben dies hervor, weil die völlig bewußte Formlosigkeit der Wanderjahre die Stimmung Goethes mitbezeichnet, welche wir hier schildernd nachzuempfinden versuchen: die Stimmung der Vereinsamung, wie sie ihn nach Schillers Tode nie wieder gänzlich verlassen hat. Aus dieser Stimmung erklärt sich die Abfassungsform der Wanderjahre. Aus ihr erklärt sich die ganze Lebeweise des letzten Lebensdrittels Goethes. Was hat der Unermüdliche in diesen Jahren nicht alles versucht und getan, um klar und würdig seinen Tag zu durchleben. In den nun geöffneten Räumen des Goethehauses bekommen wir eine Anschauung von dem Bedürfnis nach Farbe und Vielgestalt, welchem Goethe für sich genug zu tun hatte, und zu dem er jeden gerne erweckte, der dieses Haus betrat. Da wurde fürstlichen Besuchen ein neuer Abguß aufgestellt, da wurde Eckermann oder Riemer eine der Mappen geöffnet, damit sie noch vor Tische »ein paar Augen voll nähmen«. Stiller und schmuckloser als die Besuchszimmer und die Zimmer der Kunstsammlung ist denn freilich das innere Eigentum Goethes, Wohn- und Schlafgemach und ein kleines, sehr schlichtes und überaus anmutiges Gartenzimmer, in dem er, wie man uns heute erzählt, oft mit Schiller gesessen. Farbe und Vielgestalt zeigen denn auch die literarischen Unternehmungen dieser ganzen Periode. Da erscheinen Zeitschriften: Kunst und Altertum, von Zeit zu Zeit ein Heft zur Morphologie oder Optische Beiträge. Preisaufgaben für bildende Künstler werden fernerhin gestellt und die eingesandten Werke beurteilt. Zelter erhält für seine Singakademie gesellige Lieder. Die Spruchdichtung wird reichlich fortgeführt und wird zu einem eigensten Ausdruck der Lebensweisheit des Greisen. Auch hier ein immer wechselndes Gewand: West-östlicher Divan, chinesisch-deutsche Tag- und Jahreszeiten, Weissagungen des Bakis. Für solches wechselvolles Treiben erfand sich Goethe dann wohl selbst die Benennung wunderlich. Wollte man ihm aber aus dergleichen als aus einem zerstreuten Wesen einen Vorwurf machen, so antwortete er: Wer mit fünfundzwanzig den Werther schrieb, wie soll der mit fünfundsiebzig leben! Mit zwanzig Jahren fand ich schon die Welt absurd, schreibt er an Zelter, und muß immer noch in ihr aushalten. All dies betrachtend, blicken wir in ein poetisch-künstlerisches Chaos hinein, auf ein rhapsodisches Dichtungsmeer, um einen Goetheschen Ausdruck hierfür zu benutzen. Das Element dieses Meeres ist ungeheures, überreiches, immer sich steigerndes Weltenwissen; es wogt auf, bewegt von der Woge eines großen Wehs. Bewundernd haben wir nun als die eigentliche künstlerische Lebenstat Goethes dies zu erkennen, daß er diesem Chaos einen Kosmos abgewann durch die Vollendung des Faust. Von lebendiger Gemeinschaft In Dantes Hölle sind die Dichter der Vorzeit an schattigem Platze, ohne Qual, zu friedlichem Verkehre vereinigt. Wir finden im Leben edler Menschen immer wiederlehrend die Vorstellung einer solchen lebendigen Gemeinschaft der Erwählten; ob man nun in Wirklichkeit einen solchen Kreis zu bilden versuchte, oder ob man sich mit den Bildern der Verehrten umgab, oder ob man traumartig ohne Gunst des Lebens und ohne anschauliches Bild derartigen Vorstellungen nachging. In jedem Falle heißt es hier: höchstes Glück der Erdenkinder sei nur die Persönlichkeit; denn in dem Persönlichen Charakter der Teilnehmer eines solchen idealen Kreises besteht sein seelenerquickender Bann. Töten oder Beleben? Ein Mord bessert nie. Er regt das Rohe und Furchtbare in allen auf, in Gegnern und in Freunden der Sache. Wir bessern nur, wenn wir einen ganz andren Weg finden als den durch Kampf und Blut. Viele töten ihr ganzes Leben lang, ohne daß es ihnen jemand ins Gesicht sagen dürfte. Ich bin immer der Meinung gewesen, daß jeder, der nicht aus voller, freier und bewußter Liebe handelt, sich früher oder später auf der Bahn betrifft, die ich die Bahn des Mordes nennen muß. Er lebt vom Leben anderer. Ja, das tun heutigen Tages fast alle. Alle tun es, die herzlos und gleichgültig aneinander vorübergehen; denn Teilnahme irgend eines beseelten Wesens ist die Lebensluft, in der wir atmen. Der Künstler findet in sich selbst etwas, was ihn alles Dreinschlagens überhebt, vielmehr dem Leben nun wieder zuführt, um aus diesem selbst Gestalten zu schaffen. Der innere Weg Wer begehrt, der leidet in allem. Wer nicht frei wird von sich, ist jedes Übels Knecht. Und doch sind die heiligen Männer schon auf Erden frei geworden. Was sie dazu führt, muß ein ganz anderer Weg sein, nicht der Weg des Begehrens und auch nicht der Weg der Kasteiung. Es ist ein innerer Weg. Sie kommen in ihren Grund, und der Grund ist Gott. Wie betreten sie diesen Weg? Wie finden sie ihn? Kein Finden, kein Betreten. Der Stein hat von seiner Natur eine Neigung zu der Erde, in das Niederste; wer ihm das nähme, der nähme ihm sein Wesen. Würde er tausend Jahre in der Luft mit Zwang gehalten, ihm bliebe doch seine Neigung; denn sobald er los würde, so fiele er nieder. Also hat der göttliche Mensch eine Neigung zu Gott; wiewohl er zu andren zufälligen Dingen wird gezogen mit Zwang, so bleibt ihm doch das Neigen zu Gott. Dieweil ihm das bleibt, wie viel Abziehen auch durch Zwang auf ihn fällt: wenn er los wird, zu Hand sinkt er in seinen Grund, in Gott. Vom Heroischen Heroisch ist jeder innere Zustand, der den Menschen dazu treibt, das eigene Leben zu verachten und alle Kraft an die Erreichung eines hohen Zieles zu setzen. Das Heroische betätigt sich im Leiden sowohl wie im Handeln. Im Gegensatz zum Erhabenen der übrigen Natur, das uns direkt nur die Nichtigkeit des Physischen zeigt, führt es uns die Macht des Geistigen unmittelbar vor Augen. Kolumbus auf dem Meere ist ein Beispiel des Heroischen, in dem sich die Herrschaft eines geistigen Kernes über die ganze reale Welt darstellt. Die Augen der Madonna Die Ahnung der Weisesten aller Zeiten erschließt uns einen wundervollen Gedanken: den der Erlösung. Es soll schon im Leben etwas ergriffen und besessen werden können, was allen Bann und alle Qual des Lebens löst. Blicken wir auf die Sixtina: da hat Raffael diesen Gedanken gemalt, da hat er die Madonna, das Kind im Widerschein der Erlösungsidee aufgefaßt. Wie hat er so etwas malerisch ausgedrückt?« Im Gesicht der Madonna finden sich Züge, welche die Wirklichkeit überschreiten. Ich nenne einen von ihnen, den auffälligsten: der Abstand zwischen den Augen ist größer als anatomisch richtig ist. Man überzeugt sich leicht, daß gerade dieser Zug für den gewollten Ausdruck wichtig wird. Der Blick des Nachsinnenden richtet sich in die Ferne; er hebt sich, dem Flug der Gedanken folgend, über das Nächstliegende empor. Hier ist dieser Zug verstärkt. Es scheint, als ob diese Augen über alles Irdische hinblickten und nun etwas sähen, was nie ein Mensch sah. Diese für eine idealistische Ästhetik so wichtige Beobachtung, die nicht vereinzelt steht, wird z. B. auch durch den Moses von Michelangelo bestätigt, bei dem bekanntlich der mächtig wirkende Kopf nicht anatomisch genau in der Mitte der Schultern sitzt. L. Künstler und Publikum Den Künstler treibt das Gefühl der inneren Zusammengehörigkeit mit Menschen, die er nicht kennt. Nicht das reale Publikum der Gegenwart hat er bei seiner Mitteilung im Auge; er schafft in einer idealen Gemeinsamkeit mit Seelen, die ihn verstehen, die ihm als ersehnt vorschweben, und die vielleicht erst später einmal, gleichviel wann, kommen werden. Das Ideal Vor kurzem am ersten Frühlingstage Auf dem Berge dort am knospenden Hage Tät' ich um dich Frau Sonne befragen – Sie weiß dich wohnen und wollt' es nicht sagen. Meine Mutter weiß einen Wundersang, Mit dem sie den trotzigen Knaben zwang, Wenn sie nächtens an meinem Bette gesessen, Das war dein Name – ich hab' ihn vergessen. Ich kenne dich doch, du entgehst mir nicht! Und birgst du mir gleich dein Schelmengesicht, Bald fass' ich dich und küss' deinen Mund Und blicke dich krank und küss' dich gesund! Lösungen des Welträtsels werden nicht gelehrt, sondern erlebt. Freude ist die Leidenschaft, durch die wir besser werden. Soviel du dir und anderen Freude stiehlst und verdirbst, daran tust du Sünde. Ruhelos Wenn Morgenwind vom hellen Osten weht. Verläßt der Landmann seine enge Hütte, Er lenkt zu rüst'ger Arbeit seine Schritte Und schafft, bis hoch die Sonn' am Himmel steht. Dann läßt er müde sich im Schatten nieder Und trocknet sich die Stirn und reckt die Glieder. Dann wieder fleißig, und aufs neu' ermattet, Bis, wenn die Dunkelheit vom Himmel steigt, Ihn Schlaf umfängt ... Wenn alles nächtens schweigt. Ist's laut in mir, und nie bin ich umschattet! Ihr Sterne, ihr, dies zwiefach glühnde Licht, Seid mein Geschick – der Mittag endet nicht! Giordano Bruno (nachgedichtet von H. v. Stein). Der innere Unwert eines Zeitalters gibt sich darin kund, nur und gerade darin, daß es Trieben, die in weite Zukunft weisen, weil ihr Inhalt ewig ist, keine Nahrung zu geben vermag. Letzter Wunsch Weit am Horizonte Jagen sich gleich Rossen Kämme weißer Wogen. Eine schäumt gewaltig Zu des Himmels Bogen, Glättet sich – verschwindend. Gliche ihr mein Leben! Noch dem späten Wandrer Fern ein leuchtend Sinnbild! Sehne dich und wandere! Es ist die Macht der Sehnsucht, die den Jüngling aus dem seligen Kindheitstraume weckt) bald muß er in der Schule der Enttäuschung erfahren, daß diese Sehnsucht sich nicht erfüllt, und daß die Welt nur Bescheidungen, keine Erfüllung hat. Seine Sehnsucht bleibt sein edelster Besitz; und dessen in sich gewiß zu werden, ist einzig etwas wie erfülltes Sehnen. * Der Fluch des Hannibal Die weite, düstre Vorhalle eines Königspalastes im assyrischen Stil. Links blickt man in ein kleines, üppiges Gemach, mit bereitstehender Tafel; nach rechts führen Gänge zur Pforte sowie zu den anderen Teilen des Palastes. Hannibal im Vordergrund links, in der Haltung eines Wartenden nach dem Eingang blickend; ein Beamter des Hofes , von mehreren Bediensteten umgeben, gesellt sich zu ihm. Der Hofmann Tretet ein wenig zur Seite, mein Feldherr. Der König wird sogleich die Halle durchschreiten. Hannibal Darum eben stehe ich hier. Der Hofmann Jedoch, verzeiht mir, es kann Euch nicht entgangen sein, daß Ihr dem Könige augenblicklich nicht allzu genehm sein werdet, daß Ihr, gerade herausgesagt, in Ungnade bei ihm gefallen seid. Hannibal Wäre ich in Gnaden, so hätte ich minder nötig, mit ihm zu reden. (Die Ersten des Gefolges erscheinen bereits im Hintergrunde.) Der Hofmann So verzeiht meiner Unhöflichkeit; ich folge meiner Pflicht. (Auf seinen Wink nähern sich die Diener dem Hannibal. Dieser tritt einen Schritt zurück; ein Blick schmerzlichsten Ingrimms hält jene ferne, indessen seine Aufmerksamkeit dem Eingange zugewandt bleibt; dort erscheint soeben König Prusias mit wenigem Gefolge, aber in feierlichem Aufzuge und auserlesener Pracht. – Prusias' Mienen drücken beim ersten Anblick Hannibals das heftigste Erschrecken aus; in tiefster Unterwürfigkeit nähert sich ihm) Der Hofmann Herr, es gelang mir nicht – Prusias (winkt ihm heftig, zu schwelgen, und wendet sich, schnell gefaßt, zu Hannibal) Du hieltest dich lange fern und siehst zum Entsetzen übel aus. Ich bin es wohl zufrieden, dich zu treffen; solltest du ein Gesuch an mich haben, so habe ich nicht minder dir ein Anliegen auszusprechen. (Zu dem Gefolge, von Hannibal abgewandt.) Das Mahl beginne! Gehet hinein, ich folge euch in kurzem. Einer aus dem Gefolge (bedeutsam, obwohl ebenfalle äußerst devot) Mein König möge in Gnaden seiner heute erwarteten Gäste gedenken. Prusias Tue, wie ich dir gesagt; sorge du, daß sie mich nicht vermissen. – Seid fröhlich, meine Freunde: beginnt das Gelage ohne mich! (Das Gefolge ab in das Gemach links, welches hierauf durch sich schließende, schwere und kostbare Teppiche dem Blick entzogen wird.) Prusias Wohl denn, Hannibal, ich will dir Rede stehen. Du sollst nicht klagen, daß ich mich dir versagt habe. Ich bin entschlossen dir zu helfen, wenn es noch möglich ist. Hannibal Mir zu helfen? Mein König, ich kam nicht, um deine Hilfe anzuflehen. Prusias Mein großer Freund! Nicht nur dir helfen, mit Wohltun über alle Maßen wahrhaft dich beglücken, das war mein Wille, als ich dich zu mir rief. Wie ward es nur so, daß du unwillig beiseite stehest, daß ich dir Rechenschaft geben, Rechenschaft von dir fordern muß? Hannibal Herr, ich glaube, es steht heute noch bei dir, mich so glücklich zu machen, als ich werden will. Gib mir nicht über Verdienst, aber laß mich dafür gelten, was ich bin: dein Feldherr, der noch nie aus einer Schlacht besiegt nach Hause kam. Hierin bestätige mich, und laß mich übrigens beiseite stehen von Hof und Welt; nur aber: bliebe es so, wie es jetzt ist – müßte ich weiter in deinem Banne leben wie ein unfreier Mann, zittern vor einem Morgen unentrinnbarer neuer Entschlüsse und Gebote, auf Gnade und Laune, ein altersschwacher Knecht – nun, ich rede frei, ertrage es nicht mehr ohne das, will es fürder so nicht mehr ertragen. Prusias Ich vertraue dir wider tausend Verleumdungen. So auch jetzt, wo du mich allzu kühn anherrschest, als sei ich dein Knecht, vergebe ich es dem Zorne einiger müßigen Tage. So beweise ich dir, daß, wenn man dir von meiner Ungnade sagte, man dich belog. Und nun erwäge einzig dies, und gestehe, daß ich recht hatte, dich eine Weile ferne zu halten: wir wollen Frieden machen mit Pergamon, wollen nicht Mord noch Raub mehr. Da wir entschlossen sind und entschieden haben, mag ich jetzt auch wohl gedenken, was dir für ein weiteres Geschick zu bereiten wäre, denn zu Kriegestaten bleibt kein Raum mehr. Hannibal Du wolltest Frieden machen mit dem Hause des Attalus? Mit dem Erzfeinde wider deine und deiner Brüder Freiheit, dem Verräter eurer aller? Und ist dir denn auf einmal Pergamon nicht mehr wie ein Raub von deinem eigenen Gute, und aller bittre Haß, der mich zum Rächer und unerbittlichen Kriegesmeister hierher berief, soll plötzlich verloschen und vergessen sein? – O König, irre dich doch nicht! Laß deine Hofburg alten Leuten lieber offen stehen zum Rate in solchen Entschließungen. Dein Königtum ruht übel auf deren Schultern, die dir zum Frieden mit Pergamon geraten haben; denn wer dem Todfeind flugs verzeiht, dem kann es nimmer Ernst um seine Sache sein – und ich sehe, oh, ich sehe, wohin wir inzwischen geraten sind. Prusias Und sollte es dir denn also unmöglich sein, dich einmal in Frieden zu behaben und Taten des Friedens zu tun? Sieh, dazu wollte ich dich gewinnen und gewöhnen: nun du voll Ungeduld dich zu mir drängtest, sei es dir eingestanden. Ich wollte solchen milden Zwang, da ich wußte, daß dein feuriger Geist dich über diese Dinge verblenden würde. Hannibal Was für Bedingungen bot dir Eumenes? Prusias Ich will den Frieden, Hannibal, selbst wenn ich ihn erkaufen müßte; du änderst nichts daran. Ich schwur es mir bereits damals, als ich mit Philipp verbündet war, und nun mit einem Schlage die Nachricht von der Niederlage bei Chios und von den Plünderungen des Pergamenischen Landes anlangte, von tausend Untaten, welche nicht allein von den Horden des Makedoniers begangen waren, sondern von Leuten, deren Feldzeichen meinen Namen trugen. Die waren es, welche die Tempel umstürzten, Altäre, Götterbilder und Weihgeschenke verstümmelten und vernichteten: das dünkte mich unerträgliche Schmach. Nur herbste Not vermochte mich hierauf nochmals zum Antiochus hinzuzwingen – und da nun der Tag von Magnesia, das gleiche Mißlingen, das gleiche Unheil wie zuvor, nur mich selber noch viel näher angehend, ja bedrohend! Hannibal Magnesia war keine Schlacht, und also auch keine Niederlage. Muß ich dich daran erinnern, wie ich dir aus dem Zustand unseres Heeres den nächsten Tag vorherverkündete, nachdem ich vergebens den Rückzug geraten – wie sie es nannten, befohlen hatte? Du allein folgtest mir und erhieltest dein Heer. Nun, da sind wir also belehrt, daß in gleicher Lage eine solche Niederlage zu vermeiden sei, denn dies haben wir an uns erfahren, und demnach keinen Grund zum Verzagen. Prusias Bis heute zehrst du von dem Danke, den mein Heer und Land dir für jenen Rat schuldete. Wohl! Doch was schufest du uns Besseres, als ich von vorneherein gewollt, da ich aller Teilnahme am Kampfe abgesagt hatte? Seither aber trugen wir nun sogar diesen Dank dir abermals mit unserem Blute ab: denn um deinetwillen geschah es, daß die Fackel des Krieges bis heute nicht erlosch. Dem habe ich jetzt ein Ende gesetzt und bin zu meinen ersten Beschlüssen zurückgekehrt. Hannibal Da wirfst du mir denn vor, daß ich dir Siege gewann, doch will ich es dir danken, so du auch meine Antwort erträgst. Entweder, König, du täuschest dich oder du lügst . Es ist nicht Eumenes, mit welchem du Frieden schließest, und es ist nicht deine Weisheit, welche dich zum Frieden zwingt. Prusias Ich bezwang mich und ertrug Scheltworte von dir; nun aber sage ich dir: Suche denn dein Heim, wo du es finden magst! Mit Milde dir zu wehren, nicht mich dir zu beugen, war und bin ich gesinnt. Geh! Laß uns nach unserer Weise in Staat und Volke leben – geh! Hannibal Auf den Landstraßen fürchte ich nur auch dieselben Feinde, die mich aus diesem Palaste vertreiben. – Soll ich am Wege liegen, umgebracht, wie ein Hund? – Die Römer geboten dir Frieden! Dich zwang dieselbe Furcht – (laut auflachend) erriet ich's, Prusias? Prusias (mit wiedergewonnener Ruhe) Was könntest du mir erwidern, wenn ich nun fände, es wäre besser so, und begäbe mich unter ihren Schutz? Hannibal Unter ihren Schutz!! – (Sich gleichfalls fassend, mit großem Ernst und Nachdruck) Mein König, ich würde nun selbst vielmehr deine Weisheit wecken und also zu dir sprechen. Ihr wollt in eurer Weise in Land und Volke leben, tut wohl und recht daran. Zugleich begibst du dich in den Schutz des römischen Senats. Sagtest du mir: Ich will die eigene Art meines Volkes vernichten, um sicherer zu herrschen, und begäbest dich also in jenes Schutz: auch dann noch wäre es heilloser Unverstand, dennoch aber rechter gedacht und gesagt. Ich habe diese Leute als Feinde nie gescheut. Auch habe ich ihre Führer oft unbesonnen, die Römer selber aber tapfer befunden: sie sind in ihrem Lande ein edles, starkes Geschlecht. Nun aber merke wohl, wie sie als Freunde handeln, seit die Fremde ihnen lockend erscheint. Man beachte die nun folgende prachtvolle Charakteristik römischer Weltherrschaft! L. Ihre lauernden Blicke ersehen, was an äußeren Formen ihnen verständlich ist, sicher und schnell: in eurem Staatswesen, in euren Gebräuchen, in Handel und Verkehr, ja in den Sängen eurer Dichter und in den Spielen eurer Jugend. Weil es ihnen nun hierin behagt, stellen sich auf einmal Römer ein – ihr seid ja Freunde, – ihre besten, erfahrensten Leute stellen sich ein mit Rat und Tat, und die ihnen folgen, werden nicht zu klagen haben. Nun habt ihr plötzlich Parteien und streitende Gewalten, – ihr nennt es eine Aristokraten-Partei, oder eine hellenische Partei, oder die Partei der Freiheit – – es sind die Römer in eurem Lande, in euren Gewändern, in eurem Fleisch und Blut. Denn achte wohl auf, König, wie das weiter zugeht. Diese eure Partei der Freiheit gewinnt die Obmacht, so daß man sich auf sie verlassen mag und die Toren sich an ihr erfreuen. Nun erfolgen Gesetze und Einrichtungen, klug, trefflich nach innen und außen, – von jener allerweisesten Partei vorgeschlagen, – von euch allen mit Jubel angenommen. Unter diesen wachsen eure Kinder auf, und wachsen also auf, daß ihr eure Kinder bald nicht mehr erkennt. Es ist eine fremde Sippe unter eurer Obhut groß geworden; der Tropfen echten Blutes streitet in ihnen mit der Übermacht einer fremden Gewöhnung. Ihr aber seid in eurem eigenen Lande nicht mehr daheim: es gehorcht ja weisen Gesetzen, – von denen nur eure Väter nichts wußten, als sie nach ihrem einstimmigen Willen das Land verteilten und bebauten. Ihr habt, geht es gut, noch euer Brot, aber nicht mehr eure Sitte , und keine Treue , keinen Glauben mehr, denn der mit dir handelt und wandelt ist nicht dein Bruder, sondern ein Feind , und Feinde, nicht deine Väter schalten über dich: das, das allein ist Knechtschaft , das ist Sklaverei der Völker ! Dankt es den Römern, wenn sie euch dann auch Knechte heißen, und die es nicht zufrieden sind, mit offener Gewalt verbannen: so ist noch Hoffnung wider jene, doch seid ihr elend durch sie geworden, euer Heim ist euch verloren. Prusias Das alles, wie du es schilderst, geht mich nichts an. Ich bin der König, und mein Volk gehorcht mir; vertrage ich mich also jenen, so vermag ich doch noch ebensowohl ihren Einfluß durch meine Befehle im Zaume zu halten. Hannibal Aber nicht doch, König; deine neuen Freunde sind vortreffliche Männer, und zum Erstaunen klug: die magst du bald keine Stunde mehr von deiner Seite lassen, die gehen dir mit Rat und Tat, dir selbst zum Wohlgefallen, zur Hand – betrügen dich um dich selbst, daß du bald nur noch befiehlst, was ihnen gefällt . (Prusias verscheucht seine Betroffenheit durch eine Gebärde des Unwillens.) Oder gut, so gehen sie vom Hofe und stehen unter deinem Volke, ohne daß du es ahnst. Das gehorcht nun wohl noch ferner deinen Befehlen, aber gar anders als vordem. Den Leuten sind plötzlich die Augen geöffnet für das Wesen des Staates und der Gesetze, sie könnten ein jeder selber König sein und finden schlecht, was du befiehlst. Dich, ihren Vater, achten sie für ihren Unterdrücker; sie gehorchen, ja! aber dem hohlen Gespenste der Macht, anstatt mit innigem Zutrauen dem besseren Wissen, ihres besten Mannes und erwählten, angestammten Walters. – Bald gehorchen sie auch nicht mehr. Auf Markt und Gassen streckt dir die Empörung ihr unholdes Antlitz entgegen, und aus den Winkeln deines Schlosses zischt ihr Schlangenhaupt hervor. Da besinnst du dich wohl bald und rufst sie wieder, die treuen Freunde, welche dich zuvor so wohl berieten, daß alles stille und gut war. Prusias (ist immer aufmerksamer geworden, doch entgegnet er nicht ohne Ironie) Da gibt es denn keinen Ausweg mehr? Ich bin gefangen? Hannibal Der beste Ausweg eröffnet sich dir eben dann, den zu betreten jeden ein Zaudern ankommt, bis er sich also verraten sieht. – Du nimmst die Besten deines Landes, welchen du noch, trotz Tücken und Trug, vertrauen kannst, und ziehest fort mit ihnen zu entlegenen Völkern und offenem Kampfe gegen Rom . Prusias Damit es mir gelinge wie dir, und um zu enden wie du? Hannibal Wenn du keinen treueren König findest am Ende deines Lebens, – – keinen klügeren in der Fülle deiner Erfahrung, daß er sie nutze! So ward es denn nochmals Zeit, zu reden, davon ich bisher stilleschwieg. Wohl bin ich hier nicht um Eumenes und nicht um deine Kriege wider den. Ich weile hier um Hoffnung wider Rom ; die hege ich, wenn du mir treu bleibst, größere heute noch als je. Prusias (mit ernster Teilnahme) Rede, denn wohl ist es Zeit, zu reden! – Wo sind deine Hilfsvölker, wo deine Heere und Könige, um den Kampf wider jene zu erneuern? Hannibal Wo waren sie, als ich mit meiner Sippe nach Spanien kam? Wo, als mein Vater zuvor durch einen treulosen Frieden mit Rom verraten ward? Wo damals, als meine Vorfahren, gedrängt von unverschämten Pöbelrotten, aus Tyrus flohen und eine neue Königin der Welt, Karthago, schufen? Ich kehrte zu dieser Heimat der Völker, und auch der Besten in unserem Volke, dem kräftereichen Osten, jetzt zurück. Was vermochte ich mit spanischen Hirtenstämmen, was mit den rohen Haufen der Kelten an Alpen und Apennin? Vielmehr hier an diesen Fernen und unser aller Mutterlande wird sich die Macht der Römer brechen. Hier kämpfte ich nun bereits gegen ein römisches Karthago, aber auch ein libysch gewordenes Rom; so entkräfteten sich jene, so erstarkten wir: du widerstehe ihnen zuerst, denn dazu rettete ich dich aus dem Unverstande des Pöbelheeres von Magnesia. Deiner ersten Schlacht wartet man in Armenien; der ganze Osten fällt dir zu, wenn ich dir meinen letzten Sieg gewann. Prusias (voller Ergriffenheit) Nicht deinen letzten Sieg! Nein, dieser Mann wird nie erlahmen, nie ersterben. Höre denn meine flehende Bitte: Fliehe noch heute, sei es nach Armenien, sei es in ein anderes Land, und beginne dort den Kampf! Ich folge dir! Hannibal Verschicke mich nicht allzuweit mehr, König, denn allerdings wohl endet es mit mir. – Seht doch den mürben Leib – das Reden zehrt mich auf. Ich muß einen Becher Weins mir von deiner Tafel nehmen, sonst vermag ich nicht mehr aufrecht vor dir zu stehen, viel weniger noch mich aufzumachen und in die Weite von dir zu gehen. (Er wendet sich nach dem Hintergrunde links und hat den Vorhang aufgeschlagen, ehe Prusias ihn zurückhalten kann. Man erblickt das Gelage: die Tafel von römischen Centurionen besetzt. Beim Anblick Hannibals schrecken sie empor und bleiben an ihren Plätzen festgebannt. Hannibal kehrt sich um und nähert sich lächelnd dem Prusias, welcher seinen Anblick nicht erträgt, und während jener die Hand wie schmeichelnd über da« Haupt de« Königs gleiten läßt, Locken und Krone berührend, unter dieser Berührung auf einer Bank an einem Pfeiler niedersinkt.) Hannibal (wendet sich heftig nach der Tafel um und ruft laut) Ist mir Alten hier nicht ein Becher Weines mehr gegönnt? (Regungslose Stille. Plötzlich springt ein Knabe aus der Dienerschaft auf, entreißt einem Römer den gefüllten Becher und überreicht ihn kniend dem Hannibal. – Hinter Ihm schließt sich der Vorhang des Seitengemachs.) Fürchtest du die Römer nicht mehr ? Willst du dich nicht auch beizeiten besinnen, daß du nicht endest wie ich? Ein Knabe wie du, schwur ich meinem Vater und begann meinen Kampf – Geh, sieh nach deinem Herrn! (Er hat Gift in den Becher gegossen, hält denselben fest erhoben und steht In ruhiger Haltung da.) Hab' ich mein Tagewerk getan? Hab' ich vollendet? Ihre besten Männer habe ich getötet, in tausend Schlachten habe ich sie fliehen sehn; ich zwang sie von der Bahn ruhmvoller Kriege auf die Wege der List und des Trugs ; ich habe Rom besiegt. Warum schweigt denn der bittere Haß nicht hier in der Brust? Muß ich ihnen das Leben mißgönnen und die Wacht, die ich ihnen nicht nehmen konnte? Werden sie meines Todes spotten dürfen? Besser kenne ich euer Schicksal. Welche Welt ist euch untertan, welche Herrschaft gewannet ihr euch! Wie bald sehnt ihr, als Herren dieser Welt, euch nach den Herden des Remus und den Albanerbergen zurück, an welchen zuletzt ich euch Auge in Auge bedroht! Verstoßt inzwischen eure Edelsten, daß Schwächlinge und Bösewichter eure Herrscher werden: Glück zu der Welt, die ihr beherrscht! Glück zu dem Heldentums, welches mich in euch überlebt! (Den Pokal mit beiden Händen fassend.) Du bist die letzte Gabe, welche mir die Welt gegönnt hat, du meine Welt! Und Rom bedeute mir das Gift, das ich dareingoß. Du höchst tödlicher Feind all meiner Tage, du höchst willkommener nun im letzten Elend! So fluche ich euch anderen allen und segne meinen Feind. Und keinem Hoffnungsmorgen trinke ich diesen Trank. Ich trinke ihn einer düstern Nacht, die ich erschuf, wie meinem Hasse sie gefiel. Der überlebt mich in den Gliedern eures Leibes, in jeder Stunde eures hoffnungslosen Lebens. Ich aber entkomme ihm nun. Ihr! Neidet meinen Tod! (Seine zum Krampfe verzerrten Mienen glätten sich zu vollkommener Ruhe, wenn er den Becher an die Lippen setzt. Er läßt ihn fallen und stürzt zu Boden. Zugleich dringen von allen Seiten, aus Hallen und Gemach, Scharen römischer Soldaten, von ihren Offizieren geführt, in voller Waffenrüstung ein.) * Die Tochter Cromwells Vorbemerkung. Auch hier hat H. v. Stein einen Dialog mit steter innerer Steigerung geschlossen auf ein Ziel zugeführt; und zwar ist es eine Unterhaltung zwischen Cromwell und seiner kongenialen Tochter. Es handelt sich hier (kurz vor der Hinrichtung des gefangenen Königs) um eine bestimmte Bitte, die sie dem Lord-Protektor vorzutragen, um eine nicht leichte Erlaubnis, die sie dem Vater abzuringen hat. Wie sie das anstellt, wie sie ihn an seiner weichsten Stelle packt – an der Liebe zu der eigenen Tochter, eben zu ihr selber – bis er in einem gleichsam lässig hingesagten Schlußsatz die erbetene Erlaubnis erteilt: das ist, bei aller Schlichtheit, bewundernswert und bedeutend. L. * Cromwell Gott erbarme sich unser! Was tatest du bei dem Gottesverachter, Lästerer und Verführer? Elisabeth Könnte ich nun nicht rein vor Euch treten, mein Vater, so hätte mich keine Gewalt der Erde vermocht, zu ihm zu gehen. Cromwell O Kind, es gibt finstre Mächte, welche uns verblenden. Trotze Gottes strengem Gerichte nicht. Soll ich armer Sünder ins Gericht gehen mit dir, meine Tochter? Sage, wie vermochtest du es? Ich habe diesen als einen Erzfeind des Glaubens und böse erkannt. Fiel dir das auch bei, als du seine Türe entriegeltest? Elisabeth Seine Gemahlin hat mich hingesandt. Er fragte mich wie du: Was willst du? das war seine erste Frage. Es klang rauh und hart. »Eure Gemahlin sendet mich«, antwortete ich; »nicht um alles in der Welt stände ich sonst hier.« Er schwieg und glaubte mir nicht, aber schwieg, als ob er weiter hören wolle. Cromwell Er ist ein Lügner, und meine Tochter hätte niemals zu ihm reden sollen. Soll ich dich in Zucht nehmen? Der Himmel straft mich, daß ich dich meine gute Tochter genannt habe. Mir bangt um deine Entsühnung. Elisabeth »Seine Gemahlin; ferne und einsam, hat zu mir gesandt, denn sie glaubt den Männern nicht, welche ihr Nachricht von deinem Schicksal gaben. Sie hat mich um vieles gebeten, davon möchte ich ihr manches gewähren. Aber nur eines kann ich gewähren, und darum bin ich hier. Sie wollte von mir wissen, ob du ruhig im Gewissen seiest, ob du ihrer gedenkest, und ob du Hoffnung hegest. Ich bin zu kühn, daß ich glaubte, ich könnte das von Euch erfragen« – so redete ich weiter zu ihm – – Cromwell Du erbleichst, Elisabeth? Sieh, ich liebe dich nun: sage mir ohne Erbangen alles, und wenn du auch vor Gott darum erzittern müßtest. Was verlangte die Königin weiter von dir? Elisabeth Willst du mich darum fragen, Vater? – Der Gefangene blickte freundlich auf, als er mich so sprechen hörte, und sah, daß mir bange wurde. Cromwell Er hat ein süßes Lächeln. Kind, Kind, damit hat er Gott die Herzen seiner Richter gestohlen. Wie nanntest du ihn, als du zu ihm sprachest? Elisabeth Man hat mich gelehrt, daß der Männer Herz stolz und unbeugsam sei, und das sah ich nun vor mir. In mir aber waren die Worte seiner Gemahlin, heiße, heiße Worte, wie die bittren Tränen einer Frau. – Ich nannte ihn König , und beugte mich tief, damit ich eine Antwort von ihm erhielte. Cromwell Daran sündigtest du. Antwortete er dir? Elisabeth »Wie wenig Hoffnung ich habe,« dies waren seine Worte »magst du von deinem Vater erfahren.« Cromwell Wie wußte er, daß du meine Tochter seiest? Elisabeth Konnte jemand anderes zu ihm gelangen, als Cromwells Tochter, welche dem Volke und den Wachen bekannt ist? Cromwell Gewiß, gewiß, darum wagtest du es. Aber daran dachte Karl im Gefängnisse nicht. Er hätte ja ein Wunder der Hölle eher geglaubt, als daß es seines Richters Tochter sei, welche ihm Botschaft bringe. Er kannte dich? Elisabeth So helfe mir der Erlöser, als ich nach diesem Euch nichts mehr verhehlen werde. Ich sah ihn einst zu Hofe in seiner königlichen Pracht, und sein Blick traf mich unter allen Frauen, die umherstanden. »Es ist Cromwells Tochter«, hörte ich ihm antworten. Da wandte er sich noch einmal nach mir um. Cromwell Und um deswillen suchtest du ihn nun auf!? Elisabeth Ich habe die ganze Nacht im Gebete darum gerungen, ob ich zu ihm dürfe, wenn ich daran gedächte. Aber Gott tilgte alles Gedenken aus meiner Seele. Und als ich den einsamen Mann in jenem düsteren Zimmer erblickte, gedachte ich, mein Vater, jenes schönen Königs nicht. Hätte ich seines Glanzes gedacht, so hätte ich ihn nun und nimmermehr König genannt, denn ich haßte seinen Glanz, wie deine Tochter es von dir erfahren und gelernt hat. Cromwell Und es ängstete dich doch, und machte dich bangen im Gebete eine ganze Nacht hindurch? O, das vergiß ihm nicht, der du ihre Gebete hörtest, wie er die Augen deines Volkes verblendete! – Warum sagtest du mir damals nicht davon, Elisabeth, daß du Karl Stuart gesehen habest, da du mir doch alles von je vertraut hast? Elisabeth Ich achtete seiner damals nicht. Das Gedränge hatte mich festgehalten, wo er mit seinem Gefolge vorüberschritt. Nur jetzt, da ich zu ihm gehen sollte, ward mir, im Gedanken daran, wehe und eng ums Herz. Cromwell Wie antwortete er dir weiter, Tochter? Elisabeth Kalt, kalt und höhnisch: »Das laß sie wissen, daß ich ruhig sterbe.« Cromwell Nicht halb so ruhig, er löge es denn, als ich die ganze Schuld seines Todes auf mich allein nehme. Ich habe sein verstocktes Herz erkannt, so daß ich nun weder Haß noch ein leises Mitleiden mehr für ihn empfinden kann. Ich weiß nur, daß er stirbt und sterben muß. Laß das seine Frau wissen, wie ich es dir hier sage, nicht mehr und nicht härter, zugleich mit seiner Antwort. Weise sie um Trost an Gott, wenn sie noch zu ihm beten kann. Auf Erden ist es mit diesem Geschlecht zu Ende. Elisabeth Vater, zürne mir nicht, wenn ich weiter zu dir rede. – Ich hörte Euch oft sagen – Cromwell Rede, meine Tochter, rede frei. Dein Herz ist treu, ich kann dich nicht verdammen, ob ich es schon für Sünde halte, was du tatest, denn er steht nicht wie ein Mensch, sondern wie ein Frevler vor mir. So mache es denn auch du mit Ihm im Gebete ab, ich bin nicht dein Mittler, wie auch dein Richter nicht. Was hörtest du mich sagen, Elisabeth? Elisabeth Vater, Ihr liebt Eure Tochter? Cromwell O, was soll mir nun das? In Gott, Elisabeth! Wüßte ich, daß du nicht in der Gnade ständest, so wäre mein Herz auch sogleich eiseskalt gegen dich, ich könnte dich dann nicht lieben. Elisabeth Ich hörte Euch sagen, es müsse noch viel Blut fließen, ehe Ihr auch nur den Grund Eures Werkes für fest und sicher hieltet. Cromwell Ja, Karl Stuarts Blut. Sein Richtblock ist der unerschütterliche Grundstein der wahren und heiligen Republik. Elisabeth Verzeiht mir, werdet nicht zornig, Ihr sagtet, es könne auch dann noch mißlingen. Cromwell Mir kann es mißlingen, vieles noch. Aber die Gemeinde ist dann fest gegründet. Elisabeth Ach, alle sagen ja, sie ruhe auf Euch; Ihr habt es ausgerichtet bis hieher, und ohne Euch könnte sie auch nimmermehr bestehen. Cromwell Laß dich doch nicht betören, Kind. So spricht die Menge. Kein Gläubiger spricht so. Du weißt es doch recht gut, die du mich kanntest, als noch niemand in London meinen schlechten Namen nannte, daß ich es nicht vermocht und geschaffen habe, was uns gelungen ist. Sprach in deiner Kindheit dein Vater je von Schlachten und Königtum, Parlamenten, Kampf und Sieg? Ich habe es nicht gewollt und nicht getan. Nicht eine Stunde ertrüge ich's, wäre es nicht Gottes Werk. Elisabeth Aber Ihr sagtet doch eben, es könnte Euch mißlingen? Cromwell Nicht das Werk, das Werk kann nimmermehr mißlingen. O mein Kind, mein Kind! Wenn mir etwas mißlänge, dann wäre ich eben Gottes Werkzeug nicht mehr, und bevor das geschähe, nimmt mich der Herr in Gnaden hinweg, wir erleben es nimmermehr. Elisabeth Ich erleb' es auch nicht, nicht wahr? Es geschieht ein Wunder, das tilgt uns beide im gleichen Augenblicke von der Erde, wenn sich die Gnade von uns wenden will. – Denn das kann ja nicht sein, daß Gott uns prüfen wollte, und wir noch einmal als Besiegte von hier gingen. Cromwell Was drängest du mich so? Mir wird düster zu Sinne. Elisabeth Kennst du die Ratschlüsse Gottes so gewiß und genau? Vater, ich weiß nur, daß Gott milde ist. Cromwell Ich habe einmal an ihm gezweifelt; als ich aus bittrer Not und im Unmut meiner Väter Boden verließ und hinüber wollte nach der Neuen Welt. Ich hatte es fest beschlossen, und war mir bitter schwer geworden; an dergleichen hätte ich nie gedacht, wären nicht die Lasten gewesen, und das bittre Unrecht, das mir geschah, und die Hungersnot. Das erregte in mir einen heftigen Grimm, so daß ich nimmer freundlich reden konnte seitdem, denn es hatte mich übermannt. Es war ein böser, weltlicher Grimm, und in allem, was ich tat, daß ich's nie wieder abzuändern vermeinte – wie ich mein Landgut verkaufte, und mein Vieh, und mein Pferd, das mich bis dahin getragen, und meines Oheims Amtsröcke, und alles Hausgerät – in alle diesem rief ich nicht zum Herrn, nicht ein einziges Mal. Als wir nun auf dem Schiff waren, und ich, ruhig und sicher im Herzen, meiner Heimat zu vergessen gedachte, verbot man mir die Ausfahrt und zwang uns mit amtlicher Gewalt vom Könige, wieder ans Land zu gehen. Da erkannte ich den Willen Gottes, und er gebot mir fortan. Daran darf ich nicht zweifeln, sonst wäre ich ein verlorener Mensch. Glaubt meine Tochter, daß ich das bin? Elisabeth Und wenn du selbst es glaubtest, ich würde nicht von dir weichen. Ich würde nicht von dir weichen, wenn Gott uns nun prüft. O Vater, die Stuarts werden siegen. Cromwell So tue ich denn das Meine, wenn Karl Stuart morgen stirbt. Elisabeth Wir werden noch einmal fliehen müssen, von London weg, in die Neue Welt. O Vater, wie will ich dich im Unglück pflegen und lieben. Jetzt kommt mir meine Liebe oft wie Sünde vor, wie eitel nichts. Da solltest du noch schöne, gute Tage haben, mein Vater – so weit von hier, als Vergessen ist, als die Gedanken nicht nachfliegen können, und lassen uns Ruhe vor Kampf und Sieg – dann hast du deine Tochter noch, und du wirst nicht elend sein, mein Vater. Cromwell Sie lassen mich aber nicht entkommen, sie greifen mich und richten mich hin, für Karls des Ersten Mord, werden sie sagen, und so sterbe ich gern. Elisabeth Gern? Und ich? Soll dann allein bleiben, frei und ledig und betteln gehen? Cromwell Es geschieht ein Wunder, Elisabeth, das tilgt uns beide im gleichen Augenblicke von der Erde. Elisabeth Aber wenn Gott das Wunder uns versagte! Wenn sie dich weggeführt hätten, und ich wüßte nicht, wohin! Wenn ich nicht wüßte, ob du lebst, oder tot bist! O, ich müßte zu dir dringen, ich müßte dich sehen, im Gefängnisse, und könnte ich dir auch nicht helfen! Cromwell Drüben, drüben siehest du mich dann! Im Tode. Vor Gott. Elisabeth Auch du, auch du müßtest mich sehen, mich sprechen, auch wenn du mir nichts mehr zu sagen hättest. Vor dem Tode. Das ist so ein bitterer Augenblick. Da ist der verstockte Sünder – ein Sterbender! Und der Streiter Gottes ist auch nur ein Sterbender. So haben sich niemals ein Vater und eine Tochter gesehen; werden sich so nicht wiedersehen. Da drüben, da ist wieder Licht und Klarheit, Helle, die uns blendet, – das sind wir ja nicht mehr, die wir uns hier geliebt haben. Wir müssen uns vor dem Tode sehen, oder ich sterbe nimmer ruhig, und das ist entsetzlich, und das gönnest du auch dem Frevler nicht, in Qualen ruhlos zu sterben. Cromwell (sie unterbrechend) War es das, was dir die Königin noch weiter ans Herz gelegt? Elisabeth Nein, nein, die hat seine Errettung, und Hilfe und Pflege von mir erbeten, das ich alles nicht gewährte, vermöchte ich's auch. – Aber er, der König Karl, als er gesagt, er sterbe ruhig, und ich gehen wollte, da fiel er plötzlich zur Erde nieder, und suchte nach meiner Hand, und hielt mich an den Falten des Kleides fest, und jammerte und schrie: » Meine Kinder, ich will sie noch einmal sehen , sterbe nicht ohne das, kann nicht von hinnen« – da riß ich mich los – und darum bebte ich, als ich vorhin zu dir sprach. Cromwell Weinte er? – – Gott hat ihn gerichtet, nicht ich. Aber seine Kinder bringe zu ihm , sorge, daß es geschieht. * Der große König Das Lager [bei Bunzelwitz, 1761, wo Friedrich der starken Übermacht der vereinigten Russen und Österreicher gegenüberstand. Eine Katastrophe wurde nur durch den endlichen Abzug – nicht Angriff, wie hier Heinrich von Stein (wohl in Verwechslung mit Liegnitz) annimmt! – verhindert]. Wachtfeuer – schlafende Soldaten – Posten etwas entfernter – Blick über Höhen und weites Land in mattem Sternenlichte. Friedrich kommt langsam einher, steht im Lichte des Feuers stille. Einige Soldaten regen sich: »Was will der Alte?« Friedrich (drohend) Der Teufel holt euch, wenn ihr noch einmal mein Stroh vergeßt, daß ich auf der bloßen Erde im Zelte liege und nicht einschlafen kann! (Die Soldaten machen Miene, aufzustehen.) Haltet euch ruhig, Kerls, daß ihr mir die andern nicht weckt. (Er tritt etwas zurück und setzt sich auf eine der mit der Fahne vorne an den Gewehren niedergesetzten Trommeln. Eine Gestalt richtet sich am Feuer auf.) Ziethen (nähert sich dem starr vor sich hinblickenden Friedrich, der ihn endlich bemerkt) Friedrich Was macht Er so spät noch auf, Ziethen? Ziethen Auch Ihro Majestät suchen den Schlaf vergebens. Friedrich Wer sagt Ihm, daß ich den Schlaf suche. Es gibt im Grunde nichts Alberneres als den Schlaf. Es verlohnt sich nicht zu leben, wenn man die Hälfte des Lebens den Toten gleicht. Ziethen Ihro Majestät vergeben Ihrem alten Ziethen, wenn er Dero Philosophie in diesem Augenblicke für eine Ausflucht hält, die jeden anderen täuschen könnte, nur nicht Ihro Majestät treuen Diener. Unsere ganz und gar verzweifelte Lage – Friedrich Was fällt Ihm ein, Ziethen! Das Wort bin ich in Seinem Munde nicht gewohnt! Ziethen Majestät halten zu Gnaden: vermutlich die Sache selbst nicht. Die begegnet nur einmal. Friedrich Ach was! Nach Kolin hatt' ich keine Soldaten mehr. Heute sieht Er intakte Truppen und ein unangreifbares Lager. Ziethen Das in seiner Unangreifbarkeit die letzten Hilfsmittel von Dero Staaten aufzehrt. Kolin war die erste verlorene Schlacht; wir erfuhren erst, wie viele Hoffnungen und Aussichten wir noch hatten. – Wenn wir heute siegten – Friedrich Ziethen, Ziethen, was macht Er! Weiß Er etwa nicht, daß die letzten Wochen aus mir einen alten Mann gemacht haben? Als ich vorhin »Kolin« sagte, so war es mir, als dächt' ich fünfzig Jahre zurück – das sind die Sorgen, die unaufhörlichen Evenements, die die Berechnung von Monaten über den Haufen werfen und nun in einer Nacht verlangen, sie wieder aufzubauen, und das immer wieder, immer wieder. Nach jedem Erfolg die Hoffnung auf Frieden, der mir nichts verbürgen soll, als meinen unangetasteten Besitz, will sagen meine Ehre – jedesmal vereitelt durch die Habgier der drei Weiber, die mir weder Ehre noch Leben gönnen – – seit wann lassen meine Generals mich ihnen etwas vorklagen, anstatt meinen Klagen den Grund zu benehmen! Ziethen Ihro Majestät wollen den General einen Moment aus dem Auge lassen, so würde Dero treuer Diener vielleicht noch Tröstliches vorzubringen haben. Friedrich Er überrascht mich immer mehr. Ist Er unter die Diplomaten gegangen, weil Er am Militär verzweifelt, und hat da auf eigene Hand etwas ausgemittelt? Ein neues Bündnis? Wie? Laß Er sich sagen: darauf trau' ich nun gar nicht mehr. Ziethen (streng) Ich habe einen Verbündeten, der allewege hilft, und mit dem ich Ew. Majestät zusammenbringen möchte, und kostete es mein Leben. Er wohnt da oben, über den Sternen. Vor ihm sind Ew. Majestät unsägliche Mühen und Sorgen der letzten Jahre nichts, und daher auch unsere verzweifelte Lage ein eitler Anschein. Als ich Ew. Majestät so eben dasitzen sah und mir etwa dachte, was Ew. Majestät augenblicks bewegen möchte – da war es mir, als sähe ich Ihn, der ein weit größerer König ist als Dero Majestät, über Dero Sorgen lächeln. Er sorgt ja auch für Ew. Majestät und Ew. Majestät Tun und Unternehmen – Friedrich Nein, Ziethen, da irrt Er sich. Es gibt kein Haupt über den Wolken, das für uns denkt. Das muß unser eigenes Hirn besorgen, so übel es ihm oft gerät. Ziethen Da hör' ich nun – Ew. Majestät halten zu Gnaden – Dero Freunde, die verfluchten Franzosen-Kerls. Das ist meines allergnädigsten Königs wahre Meinung nicht. Das sollte in Dero christgläubigen Landen nicht ausgesprochen werden dürfen. Friedrich Nun kommen die Franzosen daran. Gönn Er mir die, da die deutschen Fäuste mir nicht helfen und die deutschen Schriftsteller mich langweilen. Ziethen (tief traurig) So hat der deutsche Husarengeneral auch nichts weiter vorzubringen und muß nun doch Ew. Majestät Ihrem eigenen Nachsinnen überlassen. Friedrich Wenn Er brummen will, Ziethen, so geh Er nur immer Seiner Wege. Ich schätze Seinen Glauben, das weiß Er. Nur versuche Er einmal, auch den meinigen zu verstehen. Komm Er, wir wollen das besprechen, wenn es Ihm recht ist. – Nehm Er sich ein paar Scheit Holz – die Kerls brauchen nicht alles in einer Nacht zu verbrennen, und mach Er sich einen Sitz zurecht ... Seh Er, Ziethen: Irgend etwas der Art habe ich auch immer wieder versucht zu glauben. Aber – wie soll ich Ihm das deutlich machen – ich habe es nie über den Wolken gesucht, und überhaupt nicht draußen, außer meiner Haut, in dem, was mich von außen her betrifft – da hab' ich's nicht gefunden . Das weiß Er ganz gut. daß ich die Nichtswürdigen verachte, die gar keinen Glauben haben. Ich bin darauf gekommen, daß ein honetter Mensch zu so einem Gefühl von sich und seinem Schicksal gelangt, welches er dann Glauben nennt. Worauf dies Gefühl aber in der Tat beruht, das kann Er mir so wenig sagen wie ich Ihm. Ziethen Den Glauben, den Ew. Majestät da beschreiben, haben die Heiden auch. Unsere Kirche lehrt, daß Gott unser gütiger Vater ist und für uns sorgt: das weiß der Christ, und Ew. Majestät könnten es wissen, wenn Sie nur wollen. Friedrich Ziethen, seh Er sich einmal um: was sieht Er da? Die Werke eines gütigen Gottes? – (Da Ziethen den Blick immer fest auf den König gerichtet hält:) Vor sich, mein lieber Ziethen, sieht Er einen vorzeitigen Greis, der seine Jugend seinem Vater und sein Mannesalter dem Staate aufgeopfert hat, und, weil kein Mensch das Wünschen je verlernt, etwa noch einige Abendstunden für sich behalten möchte. Doch der gütige Vater da oben versagt ihm den Wunsch. Ziethen Nein, Ew. Majestät, ich sehe etwas anderes vor mir, ich sehe den großen König vor mir, der in allen Preußenherzen ein ewiges Beispiel bleibt, wenn er längst nicht mehr um ein paar Jahre seines Erdenlebens mit dem Schöpfer hadert. – Das seh' ich vor mir mit meinen alten Augen. Diese Worte rufen uns, fast wörtlich, das Gespräch im Palazzo Colonna ins Gedächtnis zurück (S. 62 ff.). L. Friedrich Meint Er, meint Er, Ziethen – – es wird etwas von mir bleiben, sagt Er? – Ja, Geduld – das werden sie von mir lernen können, wenn sie künftig sich an mich erinnern. Geduld. Nichts weiter. Kein Warten irgend worauf, kein Streben irgend wohin. Das war vordem. Wenn die Zeit um ist, sieht man, daß man vergeblich gewartet hat; und, was das Streben anbetrifft, daß man sich in Ziel und Wegen irrte. Wozu denn aber Geduld haben, fragt Er? – Nun, das frag' ich Ihn. Weiß Er das, hat Ihm das Sein gütiger Gott erschlossen? Ziethen Das hat mir mein gütiger Gott hienieden verhüllt; er verhüllt sich hier, um sich dereinst zu offenbaren. Friedrich Er verhüllt sich? Nein! sag' ich Ihm. Es liegt ja alles offen zutage. Deutlich, mit Millionen eherner Zungen spricht uns die Natur der Dinge an. Nein! Wenn uns ein himmlischer Zauberer etwas vorspiegelte, wie Er meint, dann könnten wir dies klare Auge für die Dinge nicht haben, dann hätte er vor allem unser Auge verschleiert, dann hätte er uns ein Bewußtsein gegeben, weiß Er, wie zwischen Schlafen und Wachen, wo wir nicht wissen, was wir sehen. Ach, es ist nicht an dem, Ziethen. Wir sehen unerbittlich klar! Und das ist das Große an unserem Geschick. Gerade das gibt uns Geduld. Ziethen Ew. Majestät wollen mit Dero hohem Verstand den meistern, der über alle Vernunft ist. Die Rechnung kann nicht aufgehen. Wollen Ew. Majestät den Ansatz prüfen: da steckt der Fehler. Gott will allerdings solche Fügsamkeit, wie ein Kind sie beim Einschlafen hat, wo es nicht mehr weiß, was es sieht: dann fühlt und weiß man Ihn. Friedrich Ja, ja, da hat Er in Seiner Art recht – das Gefühl kenn' ich – – aber, sieht Er wohl, dann ist ja Sein Gott eben nicht das sinnende Haupt, das für uns denkt – sonst brächten die Gedanken uns ihm nahe – aber der Boden, das Schlummernde, da zu unseren Füßen, dem wir gleichen, wenn wir auf ihm – in ihm ruhn. (Er ist in Bewegung und Ergriffenheit aufgestanden und wendet seine Blick« nach dem nächsten Wachtfeuer.) Seh Er, die Leute wollt' ich glücklich machen. Was erring' ich ihnen? Da, eine Stunde Schlaf hinter ein paar Schanzen, die sie für kurze Zeit vor dem Feinde sichern. Und ich bin schuld an ihrem namenlosen Unglück. Ich. Ziethen Ew. Majestät sind schuld, daß Dero Untertanen tausendmal sterben und tausendmal wieder aufleben möchten für ihren König, weil sie ihn aus treuester Seele lieben . Friedrich Da liegt es, das Rätsel!! Das hält uns am Leben fest, ohne daß wir sagen können, warum. Geh Er mit seinen Reden von einem verborgenen Gott – Vorsehung – Güte! – Wenn so ein Kerl mir sagen kann, warum er mich liebt , so weiß ich mehr als alle Seine Pfaffen. He, du da! – – (Er lauscht.) Ziethen, hört Er – das war ein Widerhall – ein Kommandoruf – da! – Rollende Räder! ... Gerettet! Viktoria, sie greifen an! – Besorg Er uns die Pferde, Ziethen! – (Leiser als vorhin, mit veränderter Stimme.) He, du da! He, ihr Kerls! Aufgestanden! Euer König muß Wache stehen, sonst brächen die Feinde im Schlafe euch das Genick. (Zu einem Meldenden, der herantritt.) Ja wohl, ja wohl, hab' es schon gehört. – Die Herren Kommandeure! – (Ein Reitknecht bringt des Königs Pferd. Ziethen und die Generale. In den dunklen Zwischenräumen zwischen den Wachtfeuern treten die Kompagnien zusammen. Der König reitet schweigend, stark auf die Soldaten starrend, zwischen den dicht an ihn gedrängten Generalen durch die Nacht.) Foto: Emerson Emerson 1. Emerson und Carlyle Das Jahr 1833 ist in der Geschichte germanischen Geisteslebens von einer sinnreichen Bedeutung. Goethe war ein Jahr zuvor gestorben; und damit schien eine Epoche beendet. Wo wird nun diese Auffassung von der zentralen Bedeutung der Persönlichkeit weiterleben? Der damals achtunddreißigjährige Schotte Thomas Carlyle, schwer mit dem Leben ringend, einsam mit seiner tapferen Gattin im kleinen Craigenputtock hausend, war in eben jenem Jahre auf einem toten Punkt angelangt, wovon er zunächst kein Weiterkommen sah. Für sein erstes Buch (Sartor Resartus) wollte sich kein Verleger finden; von weiteren Essays wollte der neue Leiter der Edinburgh Review nichts wissen; sein Meister und Freund Goethe war tot; und einige Monate zuvor war auch Carlyles herber, arbeitsamer Vater aus dem Leben gegangen: beides in ihrer Art für den schwerblütig veranlagten Einsiedler herbe Verluste. Da fuhr eines Tages ein Wagen vor: ein junger Amerikaner, der eine Reise durch Europa machte – nicht zum wenigsten, um Carlyle zu sehen – trat bei ihm ein, um ihm herzlich zu danken für tiefe und starke Anregungen, die er von Carlyles Aufsätzen empfangen hatte. Es war der damals noch ganz unbekannte Emerson , dem aus einigen Zeitungsaufsätzen Carlyles Bedeutung sofort aufgeleuchtet war. Er brachte nun dem einsamen Ehepaar diese Auffrischung, diesen Widerhall aus der sonst so toten Außenwelt. Beide, Carlyle sowohl wie Frau Jane, empfanden diesen Besuch aus so weiter Ferne wie einen Engelstrost. Carlyles Gattin hat später nur mit Tränen der Dankbarkeit von diesem vierundzwanzigstündigen Aufenthalt eines begeisterten und sympathischen amerikanischen Idealisten gesprochen. Emerson stärkte in dieser Tiefstimmung ihrem Manne das Bewußtsein, daß seine Worte dennoch nicht verloren waren. Denn den Widerstand der stumpfen Welt hat ja Carlyle bitter und lange genug erfahren. Bis zu seinem zweiundvierzigsten Lebensjahre blieb ihm der Erfolg fern. Das Ehepaar hatte mit dringender Not zu kämpfen; ihr gewöhnliches Nachtmahl war Hafergrütze; die Essays fanden keinen Widerhall. Erst die »Geschichte der französischen Revolution« und die Vorlesungen, die er 1837 begann (nach der Londoner Vorstadt Chelsea übergesiedelt), drangen durch. Jener August-Tag, den Emerson in Carlyles Landhäuschen zubrachte, war der Beginn einer lebenslangen Freundschaft zweier verschieden gearteter, aber auf gleichem ethischen Grunde aufrichtig und wahrhaft emporwachsender Angelsachsen. Emerson war um acht Jahre jünger, war die weiblichere, die sonnigere, geistigere Natur; Carlyle ist historischer und realer, ist wuchtiger und monumentaler. Emerson könnte man mit Goethes Wesen, Carlyle mit Schillers Temperament vergleichen. Beide haben nahezu gleichzeitig – Carlyle 1881, Emerson 1882 – wieder die Erde verlassen. In John Ruskin schuf ihr Geist weiter. Seit einigen Jahren ist nun auch John Ruskin tot. Und damit hat eine geistige Entwicklungslinie einen vorläufigen Schlußpunkt gefunden, deren Anfänge in Weimars geistiger und sittlicher Kultur gegründet sind . Denn von uns, von Deutschland (Goethe, Kant, Schiller, Jean Paul, Fichte, Novalis, Romantik) hat Carlyle seine entscheidenden Anregungen gewonnen. Seine ersten Vorlesungen (1837) waren Vorträge, über deutsche Literatur. Man treibe nun einmal Zahlenspiel und beachte folgendes: um 1820, eben in jener Zeit, als drüben Carlyle und Emerson zu wirken begannen (Emersons erster Essay »Natur« erschien 1836), setzte bei uns, gleichzeitig mit Goethes Abscheiden und dem Niedergang der Romantik, die Kritik »Jungdeutschlands« ein. Es war, als hätte uns der Geist »heroischer Lebensführung«, wie Ruskin sich ausdrückt, unterirdisch verlassen, um dort drüben aufzutauchen in jenen drei Denkern. Zugleich begann statt dessen, zum ersten Male wieder seit Lessing, ein starker französischer Einfluß, besonders von der politischen Seite her. Heine und Börne lebten meist in Paris. Auch der Materialismus eines Comte, Littré, Taine (»Milieutheorie«) drang nach und nach ein. Die Bühne wurde erst vom Sittenstück, dann vom Naturalismus beschlagnahmt. In der wachsenden Presse hielten ein kokettes Geistreicheln und trivialer Kleinkram immer mehr Einzug. Der mächtige, ethisch und religiös gegründete Idealismus jener drei Propheten der germanischen Welt wurde als »Heroenkult« abgelehnt. Das Ankämpfen unserer mittleren literarischen Talente von Gesundheit – in den fünfziger Jahren die gesunde deutsche Richtung, der ein Keller, Freytag, Scheffel, Storm, Mörike angehörte, auch Hebbel, Ludwig, Gotthelf – war nicht von siegreichem Einfluß. Wagners Musikdrama zwar siegte nach und nach, aber doch mehr der technischen, dekorativen, theatralischen Seite nach; an Schopenhauer bemerkte man wesentlich nur den Pessimismus und Quietismus; Nietzsche erhielt Modejünger, vor denen er noch höher in die Berge flüchten würde. Das 19. Jahrhundert, durchaus politisch, technisch und sozial, lebte in den Außendingen. Es war im Sinne der Schiller-Kantschen Gedankenwelt, die wir später einmal darlegen werden, gänzlich unschöpferisch. So erklärt sich Carlyles düstrer Prophetenton. Was bedeutete diesem Jahrhundert der Massen die »Innenwelt«? Seine Kritik des erregten Jahrhunderts faßt denn auch Carlyle in bitterem Tone dahin zusammen: »Über drei Dinge scheinen Götter und Menschen, wenigstens englische Götter und Engländer, einig geworden zu sein) alle drei bestimmt, Ereignis zu werden, und sind bereits auf sichtbarem Wege, in Erfüllung zu gehen. Diese drei Dinge sind: »1. Daß die Demokratie zum Siege gelangt. Da sie in voller Ausdehnung ihres Laufes zum Bodenlosen oder in dasselbe hineinrennt, so ist jetzt keine Macht vorhanden, dem vorzubeugen oder sie auch nur beträchtlich aufzuhalten, – bis wir gesehen haben, wohin sie uns führen wird, und ob dann noch Umkehr möglich ist oder nicht. Die Parole lautet nämlich: Völlige ›Freiheit‹ für alle Menschen; Entscheidung durch Kopfzahl als göttlicher Obergerichtshof in jeder Frage und Angelegenheit der Menschheit; Kopfzahl, um schließlich nach eigenem Herzenswunsche ein Parlament zu wählen; um mit Pennyzeitungen in der Hand dazusitzen und dasselbe sorgsam zu überwachen; und besagtes Parlament, das so gewählt und so bewacht ist, hat dann zu tun, was als Lappalie von Gesetzgebung und Verwaltung noch erforderlich sein mag in einem solchen England mit seinen hundertundfünfzig Millionen, von denen jeder mehr und mehr die ›Freiheit‹ hat, seiner eigenen Nase als Wegweiser in dieser mißlichen Welt zu folgen. »2. Daß in einer begrenzten Zeit, sagen wir in fünfzig Jahren, die Kirche, alle Kirchen und sogenannten Religionen , die christliche Religion nicht ausgenommen, sich in ›Gewissensfreiheit‹, Fortschritt der Meinungen, Geistesfortschritt, philanthropische Bewegung und andere wässerige Rückstände schaler, übelriechender Art zersetzt haben müssen; – und sie, wie auf dem Boden vergossenes Wasser, hinfort niemanden mehr ernstlich beunruhigen, sondern sich in aller Gemächlichkeit verflüchten sollen. »3. Daß an Stelle dessen Freihandel im vollsten Sinne und in weitester Ausdehnung, unbeschränkter Freihandel bestehen soll, was manche so auffassen, daß freies Wettrennen bald auch mit unbegrenzter Eile auf dem Wege des ›Billig und Schlecht‹ darunter zu verstehen sei; – diese schöne Bahn, die nicht bloß für Handelsgüter, sondern für alle irdischen, geistigen und ewigen Dinge großmütig geöffnet sein soll, weit wie die Tore des Weltalls, so daß jedermann frei mitrennen darf und überall ›durch erleuchtetes Vorurteil‹ der Rennpreis dem Schnellen gehören und das hohe Amt dem zufallen soll, der am geschicktesten ist, wenn nicht es auszuüben, dann wenigstens zur Ausübung desselben gewählt zu werden.« (Sozialpolit. Schriften, Berlin, Wigand, I, S. 154.) Hat Carlyle wirklich so sehr übertrieben? Von seinem Standpunkt aus nicht im geringsten; die Entwicklung hat jene Worte, die 1867 gesprochen worden sind, bestätigt. Wohl hebt H. St. Chamberlain hervor: »In diesem Jahrhundert ist enorm gearbeitet worden. Während die Werkstätte der großen gestaltenden Ideen ruhte, wurden die Methoden der Arbeit in bisher ungeahnter Weise vervollkommnet. Unser Jahrhundert ist der Triumph der Methodik« (Grundlagen des 19. Jahrhunderts, 5. Aufl., Einleitung). Wir wissen das und schätzen das. Aber wenn wir die ganze Welt gewönnen und nähmen doch Schaden an unserer Seele – an der Verbindung mit der Gottheit – so haben wir nichts gewonnen als Schatten und Rauch. Denn es fehlt dann die Kraft der Beleuchtung und Durchwärmung aus übergeordneten Sphären. Das ist es, was uns Carlyle, der Historiker, und was uns ganz besonders Emerson, der Essayist, zu sagen hat. 2. Emersons häusliches Leben Im Herbst 1834 zog der einunddreißigjährige Emerson mit seiner Mutter nach Concord und nahm zunächst im Pfarrhause Wohnung. Seine theologischen Ahnen hatten hier gewirkt; Boston mit seinen Bibliotheken war in der Nähe, und ein Bruder Emersons wohnte bereits im Städtchen. Dies bestimmte die Wahl. Concord ist fortan mit dem Namen Emerson unzertrennlich verbunden. Die kürzlich von Emersons Sohn herausgegebenen Tagebücher und sonstigen Erinnerungen (Deutsch von Sophie von Harbou; Minden, Bruns' Verlag) gestatten uns einen Einblick in das Alltagsleben des dichterischen Denkers. Aus dem Giebelzimmer des Pfarrhauses sendet er den Feldern einen ersten Gruß, der wie ein Programm klingt: Concord , den 16. November 1834. »Heil den ruhigen Feldern meiner Väter! Möge ich nicht ohne den Beistand übernatürlicher Freundschaft und Kunst hierher kommen. Segne meine Absichten, so sie rein und tugendhaft sind! Coleridges köstlicher Brief stimmt aufs beste zu den Gedanken, welche mich bewegen. So sei es: fortan will ich keine Rede halten, kein Gedicht, kein Buch veröffentlichen, das nicht vollkommen und bis ins einzelne mein Werk sei. Bei öffentlichen Vorlesungen und dergleichen will ich von Dingen sprechen, über die ich um ihrer selbst willen nachgedacht habe, nicht über solche, die ich im Hinblick auf diese Gelegenheit zuerst näher betrachtet habe.« In jenem Winter hielt er, wie überhaupt fortan, zahlreiche Vorträge (von Vortragsreisen bestritt er seinen Lebensunterhalt), predigte auch noch häufig. Bei guter Gelegenheit erstand er ein neues und gut gebautes Haus mit einer kleinen Scheune und etwas Land, und führte gleich darauf sein junges Weib heim. So nistete sich nun Emerson ein und widmete sich fast ein halbes Jahrhundert hindurch dem stillen Ausbau einer inneren Welt. Sie flossen ihm zu, seine Erkenntnisse, er bemühte sich nicht darum. Oft erhob er sich mitten in der Nacht, um sich einen Einfall zu notieren; und auf seinen Spaziergängen, wobei sein Bestes entstand, begleiteten ihn oftmals Stift und Papier, oder er schrieb seine Gedankenbeute unmittelbar nach der Heimkehr auf. Nachher ordnete er alle Einfälle unter bestimmte Gesichtspunkte, in unermüdlichem Fleiße. Ganz besonders der Wald war das Studierzimmer dieses philosophisch dichterischen Impressionisten. »Alle meine Gedanken sind Kinder des Waldes . Ich kenne kaum eine Träumerei, zu der das Rauschen der Tannen nicht erklungen wäre, und um die sie nicht ihre Schatten gewoben hätten.« Schön formt er das in einem seiner Gedichte, dessen erste Strophe uns wie ein Leitwort über Emersons Leben und Schaffen anspricht: »Glaub mich nicht lieblos und kalt, Wenn ich streife durch Forst und Feld! Ich suche Gott in dem Wald Und bringe sein Wort der Welt ...« Der Zauber des Waldes überwältigte ihn immer von neuem. Im Spaziergang durch die Wälder lag für ihn eins der Geheimnisse, Spannkraft zu behalten und das Altwerden zu beschwören. Wie ein Prosagedicht liest sich das folgende Blatt: An den Wald. »Wer deine Pfade betritt, liest immer die gleiche, ruhige und heitere Weisheit, er sei ein Kindlein oder ein Hundertjähriger. Ob er in guten Tagen zu dir kommt oder in bösen, immer redest du die gleiche Sprache, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Immerdar erzeugt die Tanne ihre Nadeln und läßt sie wiederum zur Erde fallen, gleichwie es der Eichbaum tut mit seinen Eicheln; die Ahornbäume färben sich rot im Herbst, und um die Fichte und Kiefer knospet allezeit der junge Nachwuchs und schlägt seine Wurzeln in den Boden zu ihren Füßen. Was den Menschen Schicksal und Zeit heißt, dir ist es fremd. Es gebricht den Menschen an Worten, um deines Lebens auch nur einen Augenblick zu schildern. Wenn du mir etwas darbietest, wovon ich singen soll, so lehre mich auch die Weise, wie ich es singe. Eine Melodie leihe mir, wie sie deinen Winden eigen, deinen Bächen und deinen Vögeln, denn der Menschen Lieder veralten, wenn sie gar zu oft gesungen werden; dein Lied aber ist niemals das gleiche, ob es ein Mensch auch höre siebzig Jahre, immer ist es jung und neu, wie die Zeit selbst und die Liebe.« Wichtig war ihm aber auch sein Garten , der sich allmählich zu einem Besitztum von neun Morgen erweitert hatte. So war sein Studierzimmer eingebettet in grüne Stille. Einige Arbeit mit Hacke oder Spaten gehörten in seinen Tagesplan; erst später, als ihn die Gartenarbeit zu zersplittern drohte, nahm er einen Gärtner. In drolligem Ärger schreibt er (1847): »Mit gefurchter Stirn, mit festen Vorsätzen gehe ich sinnend im Garten auf und ab. Ich bücke mich, um ein Unkraut auszureißen, welches das Korn zu ersticken droht, und finde, daß ein zweites gleich daneben steht; dicht dahinter wächst ein drittes, schon strecke ich nach einem vierten den Arm aus; ach, und hinter dem vierten stehen noch viertausend und eins. Ich werde erhitzt und verstimmt und wache endlich aus meinen blödsinnigen Träumen von Vogelmiere und Feldwicke auf, um zu der Erkenntnis zu kommen, daß ich mit all meinen eisernen Vorsätzen selbst nichts anderes bin als Vogelmiere und Feldwicke ... »In einer unglücklichen Stunde riß ich meinen Zaun nieder, um M. Warrens Stück Gartenland an das meine anzufügen; kein Land ist schlimm, aber Land ist schlimmer. Wenn ein Mann Land besitzt, so besitzt das Land ihn. Ja, laß ihn nur einmal vom Hause fortgehn, wenn er's wagt! Jeder Baum und jedes Pfropfreis, jedes Melonenbeet, jeder Streifen Korns, jede Gruppe Buschwerks, – alles, was er je getan hat oder zu tun gedenkt, steht ihm im Wege wie eine Barrikade, wenn er nur eben seinem Hause den Rücken kehrt. Dann erscheint mir dieses nahe Verwachsensein mit Weinstöcken, Bäumen und kornbewachsenen Hügeln beengend und Gift ausströmend.« Gelegentlich zwar, wenn Regen drohte, lief auch Emerson mit auf die Wiese, um das Heu zusammenbrechen; im Garten aber beschränkte er sich wesentlich auf seine Obstbäume, die sich nach und nach als eine hübsche Einnahmequelle erwiesen. Er veredelte sein Obst, wie er Menschen veredelte; etwas vom Gärtner haftete ja immer diesem Kulturerzieher an; das Wachsen und Werden zu fördern, war das eigentliche Ziel seiner Menschenkultur. Anmutige Züge spielten aus dieser lebendigen Natur mannigfach herein, z. B.: »Vor langer Zeit schrieb ich einmal über das Schenken und vergaß eines ausgezeichneten Beispiels zu erwähnen. John Thoreau jr. hängte mir eines Tages ein Meisenkästchen an meine Scheune, vor fünfzehn Jahren etwa mag es gewesen sein, und da hängt es noch immer, und Sommer für Sommer beherbergt es eine sangesfrohe Familie, die dem Platz zur Zierde gereicht und des freundlichen Gebers Lob singt. Da habt ihr ein Geschenk, das dem Spender kein Geld kostete; und doch hätte er mit Gekauftem keine größere Freude machen können.« Und weiter, echt Emerson: »Mitunter bin ich mit meinem Hause unzufrieden, weil es an der staubigen Landstraße liegt, und weil seine Grundmauern und sein Keller sich fast in dem Wasser der Wiesen befinden. Schleiche ich mich aber hinaus in die Nacht oder in die Morgenfrühe und sehe, welche holde Schönheit mich täglich an ihr Herz nimmt, wie nahe mir jedes erhabene Geheimnis der Liebe und der Religiosität der Natur ist, so wird es mir klar, wie gleichgültig es ist, wo ich esse und schlafe. Selbst diese Straße voll Hökereien und Schenken vermag der Mond in ein Palmyra umzuwandeln; denn niemand ist ein so mächtiger Verklärer wie der Mond, er küßt die Ulmen und verbirgt jede Gemeinheit in einem silberumrandeten Dämmerschein. Dann nimmt mir der gute Flußgott die Gestalt meines wackeren Henry Thoreau an und offenbart mir die Schätze seines beschatteten, von den Sternen erleuchteten Stromes; so liegt eine köstliche neue Welt ebenso unmittelbar und ebenso unentdeckt neben dieser jämmerlichen Alltäglichkeit der Straßen und Läden, wie der Tod neben dem Leben, die Poesie neben der Prosa liegt. Durch ein Feld gingen wir zu dem Boot, und dann ließen wir alle Zeit, alle Wissenschaft, alle Geschichte hinter uns und waren mit einem einzigen Ruderschlag mitten in der Natur. ›Nimm dich in acht, guter Freund‹, sagte ich, als ich westwärts in den Sonnen-Untergang uns zu Häupten und zu Füßen sah, und er – den Blick dorthin gewandt – gerade darauf zuruderte: ›nimm dich in acht, du weißt nicht, was du tust, wenn du dein hölzernes Ruder in dieses verzauberte Naß tauchest, in dem sich alle Schattierungen von Rot, Violett und Gelb mischen, und das unter dir und hinter dir erstrahlt!‹« Die Vollkraft der Persönlichkeit Thoreaus war ihm sehr liebenswert. Man hat unrecht, wenn man den Träumer und Waldsiedler Henry Thoreau von Emerson abhängig glaubt. Das war ein gleichzeitiges Auftauchen seelenverwandter Lebensanschauungen. »Wenn ich ihn lese, begegne ich den gleichen Gedanken, dem gleichen Geist, der in mir lebt, aber er geht einen Schritt weiter und beleuchtet durch meisterhafte Bilder, was ich nur in träumerischer Allgemeinheit weitergeben würde ...« Ein Mann, der so sein vibrierendes Abstandsgefühl hatte und in jedem Nebenmenschen den göttlichen Funken achtete, mußte sich auch in der Enge des Haushalts bewähren. Gegen Dienstboten war Emerson ebenso voll zarter Rücksicht wie gegen die Freunde. Niemals ließ er die Verpflichtung vornehmer Ausdrucksweise und guten Beispiels Untergebenen gegenüber außer acht, ob es sich nun um ihre Feiertage und Ruhestunden, oder um religiöse Überzeugungen handelte. Und von seiner Knabenzeit bis in sein hohes Alter war er gern unabhängig von den Dienstleistungen anderer: er holte sich oft selber Holz zur Feuerung, er trug seine Reisetasche gern selbst zur Bahn; er hatte immer Maiskolben zur Hand, um sein Pferd selbst einzufangen, wenn er in die Nachbarschaft kutschieren wollte. »Ich glaube, die Dienstboten empfanden alle eine liebevolle Verehrung für ihn«, bemerkt sein Sohn, der uns diese kleinen Züge berichtet. Dem entsprachen auch seine Gewohnheiten in Essen und Trinken; er war hierin von spartanischer Einfachheit. Zu einem besonderen Dogma – etwa der Vegetarier und Temperenzler – vermochte er sich seiner ganzen bildsamen, immer flüssigen Natur nach nicht zu verhärten. Doch ließ er sich auf jede dieser Anregungen, unser Leben geistiger zu gestalten, bereitwillig ein und nahm davon, was ihm in seine Lebenshaltung zu passen schien. So hielt er es auch in der Gastfreundschaft: liebevoll, aufmerksam, aber einfach. »Er setzte seinen Gästen Wein diskreten Alters vor und trank mit ihnen, jedoch selten mehr als ein Glas, und allein trank er niemals Wein. Rauchen hatte er als Student gelernt, und diese Gewohnheit nahm er mit etwa fünfzig Jahren in sehr bescheidenem Maße auf, wenn er in Gesellschaft war) in späteren Fahren rauchte er gelegentlich einige Züge mit großem Behagen und legte dann die Zigarre ›für ein andermal‹ beiseite.« So war auch in den Kleinigkeiten des Lebens alles auf Harmonie gestimmt. Seine Kleidung war sorgsam und unauffällig; in der Stadt trug er einen schwarzen Anzug mit Zylinder, auf dem Lande dunkelgrau mit einem weichen Filzhut. Man denke sich dazu die hochgewachsene Gestalt und das freundliche, gesundfarbene Gesicht mit der bedeutenden Nase und dem schmalen Mund, den Scheitel im glattgestrichenen dunkelbraunen Haar, die schmalen, herabfallenden Schultern – und man hat die wundervoll-freundliche und bescheiden-vornehme Gestalt vor sich, als ein Spiegelbild des feinen, guten und großen Denkers. Hatte Lachen und Humor in dieser Persönlichkeit Platz? Der Humor – ja, Emerson hatte sogar einen ausgesprochenen Sinn für den versteckten Humor, von dem die Weltgeschichte wie das Tagesleben für den Philosophen durchsetzt sind. Sein Sohn erzählt in dem genannten Buche einige Alltagsbemerkungen, die das bestätigen. »Da ist Elise, die sich erkältete, als sie zur Welt kam, und mit deren Erkältung es seitdem nur immer schlimmer geworden ist« – diese einzige Wendung verrät den innerlich freien Geist, der sich mit einigen gelassenen Randglossen über verdrießliche Kleinigkeiten zu erheben vermag. Doch hielt er lautes Lachen für ein Zeichen schlechter Erziehung und versuchte sein Gesicht zu beherrschen, was seinem Mienenspiel oft ein drolliges Ansehen gab. Emersons letzte Lebensjahre waren sehr glücklich. Sein Heim und das geistige Reich, das er sich erschaffen hatte, gewährten ihm warme Befriedigung. Eine fast seelsorgerliche Korrespondenz verband ihn mit Menschen über die halbe Welt hin. Noch immer war er der tägliche Waldwanderer, mochte auch das Auge schwächer und die Gestalt gebeugter werden. Im rauhen April 1882 erkältete er sich und verschlimmerte den Zustand durch einen Spaziergang im Regen. »Mehrere Tage lang quälte ihn eine unangenehme Heiserkeit« (so erzählt sein Sohn, der Arzt), »und am Abend des 19. April schien er mir etwas fiebrig, so daß ich am folgenden Tage wiederkam. Er lag auf dem Sofa seines Arbeitszimmers und schlief; und als er aufwachte, ergab es sich, daß das Fieber gestiegen war und er ein wenig verwirrt schien ... Aber wenngleich er manchen geistigen Eindrücken gegenüber stumpf geworden, war er doch für eins bis zuletzt völlig lebendig, und während selbst die ihm so vertrauten Gegenstände seines Studierzimmers ein fremdes Ansehen gewannen, deutete er lächelnd auf das Porträt Carlyles und sagte: ›Das ist mein Mann, mein guter Mensch!‹ Am folgenden Tage stellte sich eine einseitige Lungenentzündung heraus, und er schien weit kränker als tags zuvor. Augenscheinlich fühlte er selbst, daß er sterben würde, und strengte sich aufs äußerste an, noch ein oder das andere Wort der Ermahnung an seine Kinder zu richten. Kranksein war ihm ein völlig unbekannter Zustand, und er äußerte den Wunsch, sich anzukleiden und in sein Arbeitszimmer zu setzen. Und da wir gesehen hatten, wie lästig ihm jeder Versuch, sein Tun zu beeinflussen, war, und ihm die Gründe für ein derartiges Vorgehen in seinem jetzigen Zustand nicht begreiflich zu machen waren, so schien es mir nicht der Mühe wert, ihn zu beunruhigen und zu hindern, wie man es vielleicht bei einer jüngeren Persönlichkeit, die noch mehr am Leben hängt, getan haben würde. Frei hatte er gelebt: nun war sein Leben fast abgeschlossen, wie hätte man es ihm während seiner augenscheinlich letzten Krankheit durch irgendwelche nicht absolut gebotene Bevormundung verbittern sollen. Er litt nur wenig, nahm seine Nahrung ohne Widerstreben, aber empfand traurig seine Unfähigkeit, die Worte, deren er sich zu bedienen wünschte, zu finden. Er kannte seine Angehörigen und seine Freunde, doch glaubte er, sich in einem fremden Hause zu befinden. Er saß fast die ganzen letzten Tage in einem Stuhl am Kamin und blieb nur die letzten vierundzwanzig Stunden im Bett. Während seiner Krankheit freute es ihn sichtlich, seine Frau möglichst in seiner Nähe zu haben, und an einem der letzten Tage gelang es ihm, trotz der Schwierigkeit, die ihm das Finden der richtigen Ausdrücke bot, ihr zu sagen, wie lange und glücklich ihr Zusammenleben gewesen sei. Der Anblick seiner Enkelkinder verklärte sein Gesicht jedesmal mit einem sonnigen Lächeln. Am letzten Tage sah er einzelne Freunde und nahm Abschied von ihnen. Schmerzen hatte er nur zu allerletzt, und auch diese linderte eine Äthereinspritzung, unter deren besänftigendem Einfluß er in einen ruhigen Schlaf fiel, während dessen er leise und sanft die letzten Atemzüge tat. Er starb am Abend des siebenundzwanzigsten April 1882 ...« Er wurde begraben unter einer von ihm selbst gewählten Tanne, nicht weit von den Gräbern seiner Mutter und seines Kindes. Viele Jahre zuvor (1857) hatte Emerson einmal in sein Tagebuch die Worte geschrieben: »Als ich erwachte, sagte ich mir: noch einige Male Schlafengehen und Wiedererwachen, dann werde ich Krank auf diesem Lager liegen und bald darauf tot, und durch das hintere Portal meines Hauses wird man mein Gebein hinaustragen zur letzten Ruhe. Wo werde ich selbst dann sein? Ich erhob mein Haupt und sah das fleckenlose gelbrote Morgenlicht jenseits der dunklen Hügel emporflammen und das weite Erdenrund erfüllen.« 3. Wohin führt uns Emerson? Am 25. Mai 1803 wurde Ralph Waldo Emerson als Sohn eines amerikanischen Predigers zu Concord geboren, ist also in theologischer Luft groß geworden. Emersons Familie, die im Anfang des 17. Jahrhunderts in Amerika eingewandert war, wies durch acht Generationen hindurch Geistliche auf. Wie der Theologensohn Nietzsche ist auch Emerson nach seines Vaters frühem Tode von Frauen erzogen worden, freilich sehr tapfer und ohne alle Weichlichkeit. Wie Nietzsche ist auch Emerson nach Niederlegung seines theologischen Berufes einer der wahrhaft freiesten Geister Amerikas geworden, frei allerdings nicht im Sinne eines Schlagwortes, frei im Sinne festen Gebundenseins in einer alles durchdringenden Weltseele. Sein äußeres Leben bietet nichts Auffallendes. Emersons beide älteren Brüder starben in jüngeren Jahren; der eine war vorübergehend geisteskrank; ein anderer Bruder blieb zeitlebens schwachsinnig. Auch Emersons erste Gattin, die er mit ihren blühenden siebzehn Jahren kennen lernte und ein Jahr darauf heiratete, starb nach kurzer Ehe. Sie war eine ungewöhnliche Schönheit, auch geistig reich begabt. »Sie hat mich nie und durch nichts enttäuscht, außer durch ihren Tod«, schreibt Emerson. Im Jahre 1835 vermählte er sich zum zweiten Male mit einer weiter nicht hervortretenden Frau, die ihm drei Kinder schenkte. Der älteste starb mit acht Fahren, der zweite ist Arzt in Concord. Ebendort ist Emerson gestorben am 27. April 1882. Außer einigen Reisen in Europa und mehrfachen Vortragsreisen in Nordamerika wurde das gleichmäßige Leben dieses vornehmen Philosophen und Schriftstellers nicht bedeutsam unterbrochen. Innerlich aber um so mächtiger wuchs sein geistiges Leben. »Die feinste Blüte geistiger Kultur Amerikas«, schreibt Eduard Engel (»Engl. Literaturgesch.«), »erwuchs in einem vor seiner Glanzzeit sowenig wie Weimar vor der seinigen bekannten Städtchen: Concord , nahe bei Boston; und der Mittelpunkt jenes, auch sonst mit den großen Weimarer Menschen zu vergleichenden Kreises heißt Emerson, der Weise von Concord. Dem Städtchen fiel ein besonderes Los: es war während eines Menschenalters Amerikas wahre geistige Hauptstadt, und sein Friedhof, auf dem Emerson, Thoreau und Hawthorne ruhen, ist ein Wallfahrtsort für Nachgeborene.« Da weilte der bedürfnislose Einsiedler und Träumer Henry Thoreau, der Verfasser des eigenartigen Buches »Walden«, worin sich gedanken- und stimmungsreich sein Leben in einer Blockhütte des Urwaldes widerspiegelt. Da war die bedeutende Frau Margaret Fuller, der die Amerikaner eine der besten Schriften zur Frauenfrage und die erste Übersetzung von Goethes Gesprächen mit Eckermann verdanken. Da war der Erzähler Nathaniel Hawthorne, die Schriftstellerin Louisa Alcott, ihr Vater Bronson Alcott, einer von Emersons nächsten Freunden. Auch mehrere tüchtige Abgeordnete und Künstler hat übrigens das Städtchen mit seinen kaum 2000 Einwohnern in das amerikanische Geistesleben abgegeben. Bedeutende oder nur neugierige Besucher, auch aus Europa, fehlten nicht. Das alte Ulmenstädtchen war in fast greifbarem Sinne die magnetische Stätte, an der sich die geistige Kraft des überlärmten, rastlosen Amerika wie auf unterirdischen Wegen und Adern sammelte, um geläutert wieder herauszusprudeln und durch Generationen ein Segen zu werden. Nur langsam drang Emerson durch. Von seinem ersten Buche, dem stimmungstiefen Essay »Natur« (1836), wurden in 12 Jahren nur 500 Stück verkauft. Heute ist er einer der verhältnismäßig meistgelesenen Schriftsteller. Etwa 1860 stand er auf der Höhe seines Ruhmes: die erste Auflage seiner Essay-Sammlung »Lebensführung« war in zwei Tagen vergriffen. Der Amerikanismus zwar mit all seinem Getöse rollt breit und laut und voll Tatkraft weiter; das sichtbare Bild Amerikas wird durch Weise und Philosophen nicht verändert, ebensowenig wie Carlyles oder Ruskins Seherworte das moderne England sichtbar umfärbten. Aber diese idealen Geheimkräfte sind doch wenigstens in fester Form vorhanden, sind doch wenigstens an der zunächst stillen Arbeit. Sie werden eines Tages in entscheidenden Stunden als Macht heraustreten oder unmittelbar mitwirken, niemand kann wissen wie und wo. Das gilt auch für uns. * Will man unsere Titelfrage kurz beantworten, so kann man sagen: Emerson führt uns zu innerer Ruhe . Es geht mir persönlich mit Emerson ähnlich wie mit Goethe: will ich mich aus Zerfahrenheiten moderner Welt zurückrufen, sammeln und beruhigen, so les' ich ein Stündchen in Goethes Werken, gleichviel wo. Und die gesammelte Hoheit, zu der sich Goethe erzogen hat, verbreitet sich nach und nach auch über den Leser. Oder will man ein höheres Buch der Sammlung, so nehme man das erhabene Johannes-Evangelium, besonders Kap. 14 bis 17: und man hat die Grundstimmung, die ich mir gern als die Atmosphäre eines zukünftigen großen Dichters und der gereiften Menschheit überhaupt denke. So bildet Emersons stille Kraft eine Gegenstimmung zum lauten Amerikanismus. Die ersten Ansiedler waren auf einem Schiff, das den schönen Namen »Maiblume« trug, vor religiösen Verfolgungen aus der alten Heimat entwichen. In dieser kleinen Truppe, dem Keim des jetzigen Amerikas, war ein starker religiöser Trieb. Das vergesse man nicht, wenn man an die Entstehung des heutigen Amerikas denkt. Dieser willensstarke Kern wirkte nun auch in der nach und nach durch Indianerkämpfe, Bürgerkriege, Kolonisation und Industrie eintretenden Umhüllung innerlich weiter. Emersons Ahnen waren Theologen; er selbst erweiterte die Form und wurde Weltweiser und Lebensdeuter, Schriftsteller und Redner. Man könnte Symbolisches hierin erblicken: so wie diese Pilgerväter der »Mayflower« , so kamen wir Menschen überhaupt auf der Erde an, mit einem göttlichen Lichtkern; dieser verdüsterte sich, umhüllte sich, aber immer wieder tauchten und tauchen Männer auf, die den Funken hell entzündet in sich tragen und auch ihre Mitmenschen zum Leuchten bringen. Dies war Emersons Mission. Er trug seine Laienpredigt in Form von »Essays« vor – ein von Montaigne geschaffenes Bescheidenheitswort, das eigentlich nur »Versuche« heißt –, ganz zwanglos, indem er die einzelnen Gedanken, die ihm seine Stille zutrug, unter bestimmte Titel ordnete. Seine Bücher sind daher, trotzdem sie in Aufsatzform gestaltet sind, eigentlich Aphorismen. Und wenig Schriftsteller vertragen, ja brauchen für breitere Leserkreise so bedeutende Kürzung und Zusammenziehung wie Emerson. Zwischen Stellen, die uns wenig sagen oder die wir in ihrer Unbestimmtheit nicht recht prüfen können, weil der Verfasser selber noch im Suchen war oder weil sie auf amerikanische Verhältnisse anspielen, tauchen immer wieder wahrhaft glänzende Sätze oder Abschnitte auf, von gedrungener Stilistik, die uns unmittelbar eingeht, oder von zarter Anmut, die wie Poesie und Musik wirkt. Seine Worte haben etwas Freies und Sicheres. Sie wirken ohne Wenn und Aber. Zwar hat er viel gelesen und gedacht: aber nur zur Bestätigung zitiert er oder zur Abwechslung, nicht weil er Stelzen braucht. Denn seine Gedanken sind geworden und gewachsen, nicht gemacht. Er will daher keinem Zuhörer irgend etwas »beweisen«; er sagt einfach, was er erfahren hat, sagt es ohne Gereiztheit oder Ansprüche, kennt in seinem großen Frieden gar keine Gereiztheit. »Stimmst du dem zu, was ich hier sage, so freut es mich, so ist dein Organismus von ähnlicher Beschaffenheit und deine Seele braucht solche Worte; stimmst du nicht zu – so wollen wir in Freundschaft aneinander vorübergehen und einander nicht schelten; du wirst dann bei andren das Deine finden, und meine Wahrheit – bleibt Wahrheit, ob du zustimmst oder nicht.« Dies etwa, einen seiner Grundgedanken umschreibend, ist sein Standpunkt. Und mit unerschütterlich freundlich-fester Ruhe geht dieser vergeistigte Amerikaner seinen Weg. Das ist das Wohltuende seiner Erscheinung. Hierin liegt auch für uns die Zukunft. * Emersons philosophische Weltansicht steht dem Platonismus am nächsten. Die Vorstellung, daß die Einheit Gottes sich selber ausstrahle in die Vielheit der Welt, kehrt seit Urzeiten so häufig wieder, daß sie mit unsrem tiefsten Menschentum verwachsen scheint – ein Erbe aus Urzeiten, wie jener Lichtkern. Sie muß einem uns ureingeborenen Drang nach Allharmonie entsprechen. Wir finden sie in der christlichen wie in der indischen Mystik. Aber Emerson liebt nicht nur Platos Hochflug; er hat auch eine Vorliebe für Montaigne, den etwas bürgerlichen Plauderer und ironisch-vorsichtigen Zauderer. Und ebenso verstehend, wenn auch kritisch, neigt er sich zu Swedenborg; betrachtet dann wieder Napoleon, den Mann der Tat, Shakespeare, den Dichter, Goethe, den Schriftsteller. Sie alle, diese großen Männer, waren ihm – nach Carlyles Vorgang – verschiedenfältige Ausstrahlungen der einen Gottheit. Sie waren ihm Typen und Vorbilder: »Repräsentanten der Menschheit«. Nur nebenbei: weder sachlich noch methodisch genügen Emersons »Repräsentanten« unsren deutschen Begriffen. Weder Swedenborg – trotz des tiefsinnigen Abschnitts über Naturgestaltung – noch Shakespeare oder gar Goethe werden in ihrer Fülle erfaßt; am besten Plato und Montaigne. Es sind tiefe und feine Aphorismen über das jeweilige Thema. Ein Historiker war Emerson nicht. L. Man darf vielleicht einen Schritt weitergehen – die Leser dieser Blätter werden es verstehen – und sagen: sie sind verschiedenartige Zustände der Menschheit. In ihnen formt und versichtbart sich Wesen und Wollen einer Zeit und bringt sich in eine faßbare Formel. Sie gehen in die Überlieferung über; ihr Name symbolisiert sich; sie werden vergeistigt, das Vergänglich-Menschliche wird vergessen und fällt ab: und allmählich stehen die Großen als gewaltige Standbilder längs des mühsamen Weges menschlicher Entwicklung. Das tiefste Wollen der Menschheit hat sich in ihnen verkörpert; und es verkörpert sich von Stufe zu Stufe immer aufs neue. So erhöht die Menschheit in ihren stärksten Stunden sich selber zu Heroen: Widerspiegelungen des Besten in uns, des Willens nach Vollendung . Darum ist es Unnatur und Krankheit, wenn eine sogenannte »demokratische« Zeit das Heroentum verhöhnt. Diese verflachenden Toren beschädigen ja sich selbst! Sie verhöhnen ja ihre eigenen Hochstunden , ihre eigenen Sonntage ! Sie wissen nicht, was sie tun, wirklich nicht; denn sie gleichen dem Wahnsinnigen, der in seiner Verdüsterung den eigenen Leib zerfleischt. Wahre Heldenverehrung und wahre Achtung vor heilig und rein denkenden Persönlichkeiten bleibt nicht am vergänglich Menschlichen des Heros haften: sie erkennt ihn als »representative man«, als einen Stellvertreter der in der Menschheit wirkenden Gottheit, die ihn ausgesandt hat. Sie erkennt ihn als Sendling der »oversoul«, der All-Seele, die den unübersehbaren Kosmos und die kleine Bewohnerschaft dieses Planeten durchflutet, beseelt und zu Taten drängt. Wir alle wissen: einem Schüler ist das Auswendiglernen grammatischer Regeln im allgemeinen eine rechte Qual; das lebendige Beispiel aber macht ihm die Regel rasch faßlich. Nun, große Männer sind anschauliche Beispiele in der Grammatik der Menschengeschichte. Wir sind demnach keine »Heroenverehrer« und treiben keinen »Heroenkult«; denn das zu Verehrende ist ja auch dem Heros übergeordnet: wir sind Verehrer des Ganzen . Die Heroen sind bedeutende Beispiele, die uns das Ganze verdeutlichen. Der Heros ist Mittel; Erkenntnis aber des Ganzen ist Erkenntnis der Gottheit . Und das ist das Ziel. Und da kann uns jedes Kleinste zwar ein genau so angenehmes Mittel sein, uns persönlich. Wir wählen aber große Vertreter der Gattung mit Vorliebe deshalb, weil es ratsam ist, uns auf bestimmte, weithin sichtbare Zeichen zu einigen. * Wohl mag es da nun vorkommen, daß man – in der strengen Aufwärtswanderung, die man sich selber zumutet – über die Jämmerlichkeiten der trägen Masse in Zorn ausbricht. Der stürmisch-pathetische Kelte Carlyle ist oft in diese begreifliche Ungeduld geraten; Moses hat, vom Gottesgespräch auf dem Sinai ins Tal zurückkehrend, vor Zorn die Gesetzestafeln zerschmettert, als er sein Volk um triviale Götzen tanzen sah, so übermannte den Propheten Ekel und Zorn. Aber Emerson ist hierin beruhigter. Er hat zwar die historische Bedeutung der Persönlichkeit Jesu erkenntnismäßig sehr unzulänglich erfaßt, wie aus einzelnen Bemerkungen hervorgeht: aber praktisch ist in ihm Jesugeist. Das feste, ruhige, gütige: »Sehet die Lilien auf dem Felde an – werdet wie die Kinder!« – diese Mahnung zur Ursprünglichkeit und Einfalt ist das Urbild der Stärkungsworte dieses innerlich freien, weil mit der Seele des Alls, mit der Gottheit geeinten Edelmenschen. Unser Ästhetentum ist geneigt, ein solches Gestimmtsein (auch bei Goethe) lyrisch und Feuer-Temperamente wie Carlyle oder auch Mose, Jesaja, Paulus, Luther dramatisch zu nennen. Aber wir erheben Einspruch; hier stehen wir jenseits von lyrisch und dramatisch. Für uns stehen Goethe und Emerson dem zukünftigen Entwicklungsziele der Menschheit näher. Jene erstgenannten Kampfgewaltigen standen in der Luftschicht der Erde, fest materialisierte, kompakte Gestalten; und da geht es nicht ohne Rauch und Staub. Geister wie Emerson sind gleichfalls willensstark, aber sie wirken aus feineren Luftschichten; sie stehen nicht in einer Parteiung, sondern weitblickend über dem Kampf. Für Carlyles Wucht ist das Zerschmettern der Tafeln typisch, und zwar unten am Sinai; für Emerson jedoch das Sprechen mit Gott, oben in der Einsamkeit des heiligen Berges. Und wenn diese Geister herunterkommen, so haben sie so viel Glanz in und um sich – kein lodernd Feuer –, daß sie nun nicht mehr toben, sondern freundlich belehrend ihre sicheren Wege gehen und sich zum Kleinsten ebenso unbefangen neigen wie zum Größten – ruhig : wie ein Licht aufgestellt wird, zu dem dann ganz von selbst die Verirrten durch die Nacht kommen. Jesus ist das höchste Beispiel dieses Typus. Und daher müssen wir ihn immer wieder als fernes Endziel der Menschen-Entwicklung in den Mittelgrund stellen, über die Nationen hin, weitab von aller in der Erde wühlenden Milieutheorie. Nicht als hageren und der Welt erliegenden Asketen, sondern als zwar tragisch hoheitsvollen Fremdling, aber zugleich als außerordentlich natürlichen und wahrhaftigen Menschen, um den freilich ein Glanz aus höheren Regionen ist, der alles adelt, was er tut und sagt. Dahin führt uns Emerson. 4. Emersons Gedankenwelt Alles in diesen Blättern drängt nach beseelender Gestaltung: nach künstlerischer Gestaltung des Lebens und nach dichterischer Gestaltung. Jeder kann ein Dichter der Tat, ein Verklärer seiner eigenen Welt und der Welt seiner Mitmenschen sein, da, wo er steht, mit den Materialien, die ihm das Schicksal an die Hand gibt. Dahin drängt auch Emerson. Und so ist er – obwohl der Name Kant in seinen Werken keine Rolle spielt – ein praktischer Fortsetzer der auf Gestaltung drängenden Lebensphilosophen Kant und Plato. Moralische Lebensführung und Sittlichkeit kann zwar auch der Philister besitzen: hier aber handelt es sich um noch Höheres. Hier wird außerdem die sehr wichtige, schaffende Phantasie herangezogen. Hier handelt es sich um erfinderische Liebe, um künstlerische Kraft. Ein Rundgang durch Emersons Welt bilde nun den Abschluß. * »Ich sehe keinen anderen Weg des Friedens,« so verkündet er seinen germanischen Individualismus, »als das Lauschen auf die Stimmen der eigenen Brust . Möge der Mensch allzuvielen Umgang aufgeben, viel zu Hause sein und sich in Bahnen stärken, die ihm als die rechten erscheinen. Das unentwegte Festhalten an schlichten und hohen Vorsätzen bei niederen Pflichten stählt den Charakter zu solcher Härte, daß er, wenn es nötig ist, mit Ehren bestehen kann auch im Kampfe oder auf dem Schafott!« Er empfiehlt, die Einsamkeit wie eine Braut zu umfangen, fügt aber hinzu: »Nicht örtliche Absonderung ist das Entscheidende, sondern die Unabhängigkeit des Geistes von der störenden Umgebung, und nur insofern als der Garten, das Häuschen, der Wald und die Felsen eine Art räumlicher Hilfsmittel sind, gewinnen sie ihre Bedeutung. Poeten, die in großen Städten gelebt haben, sind dennoch Einsiedler gewesen.« Ja, er erweitert diese Einsiedelei zur Zweisiedelei und Mehrsiedelei durch die Bemerkung: »Ich sage Einsamkeit, um den Charakter der Gedankenstimmung, die ich meine, zu bezeichnen, aber wenn diese Einsamkeit zwischen zwei und mehr Menschen geteilt werden kann, wird sie reicher an Freuden und nicht minder vornehm sein.« Denn die Einsamkeit ist ja nur Hilfsmittel zu einer um so mehr erweiterten Tätigkeit. »Die Einsamkeit entfernt den Zwang aufdringlicher und lästiger Forderungen des Augenblicks und läßt umfassenderen und menschlichen Beziehungen Raum. Der Heilige und der Dichter (auch der Forscher, wie er an anderer Stelle hervorhebt) suchen ungestörte Einsamkeit um der allgemeinsten und öffentlichen Ziele willen.« Es ist Gepflogenheit großer Menschen, von Zeit zu Zeit als Wohltäter unter die Menge zu treten und im übrigen der Einkehr, Einsammlung, Bearbeitung und Vergeistigung der Dinge zu leben und so nur um so mächtiger zu wirken. Festgewurzelt Selbstvertrauen, das mit Gottvertrauen gleichbedeutend ist – denn wir sind Ausstrahlungen Gottes –, ist also eine erste Tugend bei dieser Sammlung und Einkehr. Wir sind nicht in irgend einer Vergangenheit mit schön tönenden Namen – denn auch die herrlichsten Taten der Weltgeschichte werden erst in uns lebendig –, wir sind hier . »Mit der Zeit lernen wir wohl auch, daß es hier am besten ist. Achte du nur vor allem darauf, daß du selbst hier bist!« ... »Die Stunde ausnützen, das ist das Glück! Mir sind fünf Minuten des heutigen Tages genau so viel wert, wie fünf Minuten in den nächsten tausend Jahren. Heute laßt uns im Gleichgewicht sein, heute weise, heute unser eigen!« ... Das »starke Heute betonen« und »Hochachtung vor der gegenwärtigen Stunde« – solche Wendungen kehren immer wieder. »Wenn es jemals einen wahrhaft Guten gab, so können wir sicher sein, daß es auch einen zweiten gab und noch viele geben wird« ... »Der Held muß sich überall zu Hause fühlen, wo er auch sei, und durch seine eigene Sicherheit allen anderen Wohlbehagen einflößen. Der Held darf er selbst sein« ... Ganz wie Goethe (Tasso): »Mein Freund, die goldene Zeit ist wohl vorbei, allein die Guten bringen sie zurück« – sagt auch Emerson: »Ein großer Mann macht sein Land groß in der Einbildungskraft der Menschen, und seine Luft atmen gern die edelsten Geister; das ist das schönste Land, worin die schönsten Seelen wohnen.« Ganz ähnlich Ruskin: »Das ist das reichste Volk, das möglichst viele Persönlichkeiten hat.« Und mit demselben Allvertrauen sagt Emerson: »Nach der Unsterblichkeit ist die wohlbeschäftigte Seele nicht neugierig. Es ist alles so gut, daß sie gewiß sein darf, daß auch künftig alles gut sein wird. Sie stellt der höchsten Macht keine Frage.« Oder an anderer Stelle, noch schärfer: »Sobald das Dogma von der Unsterblichkeit als etwas Besonderes gelehrt wird, ist der Mensch schon gefallen. In den Fluten der Liebe, in dem ehrfürchtigen Emporschauen der Demut wird nach keiner Fortdauer gefragt« – denn wir sind ja, hier, jetzt, immer, im Strome ewigen Lebens. Trachte du danach, deinen Zustand, dein Wesen in Einklang zu bringen mit dem göttlichen All, jetzt, hier und immer! Dies alles ist Ausstrahlung eines starken Glaubens von erhabener Einfachheit. »Feiglingen will Gott sich nicht offenbar machen«, sagt Emerson im Essay, der von der alldurchdringenden Weltseele (oversoul) spricht, deren Einströmungen wir bloß kraftvoll und bewußt stillzuhalten brauchen. Ich will über diese Gottesauffassung Emersons nicht weiter sprechen aus Furcht, in den langen Kometenschwarm scholastischer Erörterungen zu geraten, die allemal Beweis sind mangelnder religiöser Ursprünglichkeit. Emerson ist Leben . Seine Gottesauffassung erinnert, philosophisch gewertet, etwa an Fechner, an den Pantheismus, an unsere deutschen Mystiker. Die betreffenden Ausführungen sind nur Hilfsmittel, um eine Sache klar zu machen, die nicht bewiesen, die nur erlebt werden kann. Der Glaube ist ein Zustand. Einem Aufgeregten kannst du diesen Zustand nicht »beweisen«: strahle dein Wesen aus, sei es in Dichtung, sei es im Leben, du selber bist dann Beweis ! Ein Mann, in dem dies Geheimnis Macht geworden, daß ja in seinem unmittelbarsten Willensbereich Gottes Urkraft samt aller Wahrheit, Schönheit, Güte, Liebe allezeit herrlich nahe ist, nein: in ihm ist, in ihm selber wirkt und schon längst nach Aufmerksamkeit an unser Bewußtsein pocht: – der Mann solcher einfachsten und schwersten aller Entdeckungen hat sein inneres Ziel gefunden. Und so auch Emerson. Erhaben und freudig zugleich schließt sein Aufsatz von der Weltseele: »Ruhig wird der (zum Gottesbewußtsein erwachte) Mensch dem morgigen Tage die Stirn bieten, mit der ganzen Gelassenheit jenes Vertrauens, das da Gott mit sich trägt und die ganze Zukunft bereits im Grunde des Herzens hat.« Innerste Wahrhaftigkeit ist zu solchem Einströmen höherer Kräfte nötig. Wie kann ich mich mit Eitelkeiten vor Gott verstecken, der in mir ist? Das mag in der Gesellschaft von Mensch zu Mensch schlechter Gebrauch sein, wir aber sind ja in der Einsamkeit einer offenen Sternennacht, aus der ein ganzes Weltall wie ein Gottesauge auf uns herniederfunkelt. »Wenn wir wollen, daß unser Wort und unser Tun erhaben sein soll, dann muß es wahrhaft sein und aus unserem Wesen entspringen« ... »Wenn das Leben des Menschen vorrückt, wächst sein Verlangen nach Wahrhaftigkeit, während sein Wunsch, getäuscht und unterhalten zu werden, abnimmt. Junge Leute bewundern Talente und einzelne hervorragende Eigenschaften. Wenn wir älter werden, schätzen wir das totale Vermögen und die Gesamtwirkung , den Geist , die Summe der Eigenschaften eines Menschen .« Schön spricht auch der aufrichtige Carlyle, an Goethe erzogen, von der »elementaren Herzensaufrichtigkeit« des prächtigen Robert Burns. Es ist das Entzücken kleiner Menschen und Talente, uns zu blenden, zu täuschen, ihr persönliches Ich durchzusetzen: kommt aber, sagt Emerson, der große Mensch durch diese Summe von Schein und Irrtum gewandelt, so geht ein Aufatmen durch uns alle. »Die Großen schreiten durch alle Moden hindurch, sie sind die Erlöser aus allen jenen Irrtümern, sie schützen uns vor den Zeitgenossen« ... »Der Wert des Genies liegt in der Wahrhaftigkeit seiner Berichte. Das Talent mag scherzen und künsteln, das Genie schafft neue Realitäten« ... »Wir brauchen nur viel mit einem Manne von kraftvollem Geiste zu sprechen, und wir werden uns sehr rasch gewöhnen, die Dinge in demselben Lichte wie er zu betrachten. Denn alle geistige und sittliche Kraft ist ein positives Gut, und sie geht von dir aus, du magst wollen oder nicht und nützt mir, an den du noch nie gedacht hast. Ich kann gar nicht von persönlicher Kraft irgendwelcher Art, von großer Leistungsfähigkeit hören, ohne von frischer Entschlossenheit durchdrungen zu werden« ... »Die Welt wird durch die Wahrhaftigkeit guter Menschen erhalten; sie sind es, die diese Erde gesund und heilsam machen.« Damit sind wir zu jenem Kapitel Emersonschen Denkens gekommen, das gemeinhin allein von ihm und Carlyle bekannt ist: zu seinem »Heroenkult« , zu seiner Verehrung großer Menschen. Im obigen Zusammenhange betrachtet, ist uns diese Verehrung eine Selbstverständlichkeit. Emersons Lebensanschauung ist, wie ich schon sagte, kein System: sie ist aphoristische Ausstrahlung dessen, was in ihm lebt. Und so sind ihm auch die lebendigen Beispiele in der göttlichen Grammatik, die vorbildlichen Menschen , viel wertvoller als die philosophischen und theologischen Systeme . Der lebendige Blick auf eine Siegfriedsnatur erzieht unmittelbarer als das Auswendiglernen sämtlicher Gebote, die zu befolgen sein dürften, falls man Siegfriedsfreudigkeit erlangen wollte. Gebote belasten, Anschauung aber belebt. Der Erzieher muß zum Schöpfer , der Prediger zum Dichter werden. So schuf er, der keine künstlerische Gestaltungskraft besaß, seine Betrachtungen über »repräsentative« Menschen: ein Wort, das man, wie schon angedeutet, verhältnismäßig am besten mit »vorbildlich« oder »symbolisch« wiedergibt. Große Menschen sind ihm ja solche Menschen, in denen die Flammenkräfte Gottes und die feinsten Kräfte der Natur ganz besonders lebendig sind. Sie teilen unserem Feuerchen mit von ihrem stärkeren oder feineren Leuchten. Darum ist »die Suche nach großen Menschen der Traum der Jugend und die ernsteste Aufgabe des Mannesalters«. Denn »wir können keinen noch so flüchtigen Blick auf einen großen Menschen werfen, ohne irgend einen Gewinn daraus zu ziehen«, sagt Carlyle. Und Jean Paul, in einem herrlichen Bilde: »Ein Mensch, den die Sonnennähe eines großen Menschen nicht in Flammen und außer sich bringt, ist nichts wert« (Hesperus). Und noch plastischer Emerson in seinem allumfassenden Pantheismus, in dem Natur und Geist eins sind: »Jeder Mensch ist ein Bündel von Blitzen. Alle Elemente strömen durch seinen Organismus, er ist Flut von der Flut und Feuer vom Feuer. Ein rechter und vollkommener Mensch müßte bis zum Zentrum des Sonnensystems empfunden werden. Aus einem großen Herzen strömen endlos geheime magnetische Ströme, die große Ereignisse heranziehen.« Emerson ist tief überzeugt von der mystischen Wechselwirkung zwischen bedeutenden Menschen und bedeutenden Ereignissen, überhaupt zwischen Einzelmensch und Schicksal . Die Religionen der Welt erzählen viele Beispiele von der magnetischen Macht des Gebets. Gebet ist verstärkter und geläuterter Wille, der sich mit dem Gotteswillen verbindet (von dem ja unser Bestes ein Teil ist) und so eine Macht wird – allerdings gerichtet auf Güter von innerem Wert. Und solche magnetische Kraft ist im bedeutenden Menschen. »Es ist unglaublich, welche Kraft unter Umständen der Wille hat,« sagt ja schon Goethe: »er durchdringt den Körper und versetzt ihn in einen Zustand der Aktivität, der alle schädlichen Einflüsse abhält.« Und Emerson: »Die Aufgabe des Menschen erhält ihn am Leben. Ein hohes Ziel ist heilkräftig . Ein hohes Ziel wirkt auf die Mittel, auf die Tage, auf die Organe des Leibes zurück.« Hier sind wir in jener geheimnisvollen Region, in der das Flechtwerk des Geistes mit dem Körper zusammenhängt. Solche Kraft ist geradezu körperlich ansteckend; sie entspringt aus dem Lebenszentrum, sie wirkt wie Elektrizität auf das Lebenszentrum des Berührten. Ihr letzter Kraftquell ist die Urkraft Gottes und des Alls. Dem gereiften Geist erscheint der große Mensch »als ein Exponent eines gewaltigen Geistes und Willens. Das dunkle Ich wird transparent: es ist durchleuchtet vom Licht des Urgrundes.« Ist das nicht der Geist des Johannes-Evangeliums, etwa Kap. 17? Dort sagt Jesus in verklärtem Gebet hoheitsvoll: »Ich habe ihnen gegeben die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, daß sie eins seien, gleich wie wir eins sind. Ich in ihnen, und du in mir!« Ja, dies ist die gewaltigste Einheit, eine konzentrische Ringbildung, wie der Baum wächst: Gott im Zentrum, dann Jesus, der »Mittler«, dann wir, die Peripherie-Menschen. »Die wahrhafte Aktion des Geistes liegt öfter in dem, was während eines Gespräches empfunden wird und ungesagt bleibt, als in dem, was gesprochen wird. Dieser All-Geist brütet über jeder Gesellschaft, und er ist es, den sie, ohne sich dessen bewußt zu werden, einer im anderen suchen« ... »Der Schöpfer aller Dinge und aller Personen steht hinter uns und wirft seine furchtbare Allwissenheit durch uns auf die Dinge« ... »Solange der Mensch nicht in Gott seine Heimat gefunden hat, werden seine Manieren, seine Art, zu sprechen, die Wendungen seiner Aussprüche es unwillkürlich verraten, er mag dagegen ankämpfen, soviel er will. Wenn er sein Zentrum gefunden hat, so wird die Gottheit durch alle Verkleidungen der Unwissenheit, eines ungenialen Temperaments und ungünstiger Verhältnisse hindurch durch ihn hervorleuchten. Ein anderer ist der Ton des Suchens und ein anderer der des Habens« ... »Diese Kraft aber strömt in das individuelle Leben nur unter einer Bedingung: der des vollständigen Besitzes. Sie kommt zu dem, der alles abzutun bereit ist, was fremd und hoffärtig ist, sie kommt als innere Erkenntnis, als ein Schauen, sie kommt als Heiterkeit und Größe. Wenn wir diejenigen sehen, in denen sie wohnt, dann lernen wir neue Grade menschlicher Größe kennen.« Den landläufigen Irrtum, als schlösse dieser »Heroenkult« eine Verachtung der »Masse« in sich, brauchen wir nicht zu widerlegen. In uns allen steckt »Masse«; aus unseren trivialen Kämpfen, Leiden, Kleinigkeiten, Alltäglichkeiten wächst in uns, wie aus Dünger, die Edelpflanze höheren Menschentums. Die edleren Teile in uns kämpfen ununterbrochen mit den niederen Teilen und Trieben; aus solchem nützlichen Kampf besteht die Bewegung, die wir Leben nennen; es ist ein Hin und Her, ein Austauschen, ein Geben und Nehmen – langsam und sicher aber reift darin der geistliche und sittliche Mensch. So mag es wohl auch sein zwischen dem Massentum einer Nation und den Genien einer Nation: Wechselwirkung ist das Geheimnis. Wie sich die Gewitterwolke von der Erde löst und sich der Erde gegenüberstellt, herniederdonnernd und herniedersegnend, ein Feind und ein Segen, ein Sohn und ein Fremdling: so Genius und Nation . Emerson hat diesen Gedanken nicht herausgearbeitet; es fehlt auch nicht an berechtigten Ausfällen wider die Massen der Sanscullotten und Lazzaroni (Lebensführung S. 207). Aber das Tauschverhältnis zwischen Massen und Edelmensch und überhaupt das Gesetz der Wechselbeziehung ist ihm bewußt gewesen. Wahrhaftigkeit, Selbstvertrauen, Ewigkeitsvertrauen, Willenskraft – das sind Grundlagen der Emersonschen Glaubensstille. Das alles fließt eben aus geistiger Gesundheit . Carlyle schreibt einmal über Goethe an Emerson: »Ich will Ihnen mit einem Worte sagen, warum ich Goethe liebe: er ist der einzige gesunde Geist, der seit Generationen in Europa erstanden.« Und er fügt hinzu – was man mit unserer obigen Betrachtung über den steten Kampf in uns selber und mit der Umwelt in Beziehung bringen mag –: »Eines Tages werden Sie einsehen, daß dieser sonnig dreinschauende, freundlich-höfliche Goethe in sich verschleiert ein Prophetenleid trug, tief, wie das Dantes. Kein Mensch kann so sehen, wie er sah, der nicht gelitten und gekämpft hat, wie selten ein Mensch es getan.« Eine Wahrheit, die auch H. v. Stein herausgefunden hat; vgl. »W. n. W.« S. 118; und »Ästh. der deutsch. Klassiker«, S. 123: »Für Goethe weisen wir das Symbol des ›Olympiers‹ zurück. Das ist nicht der Goethe, den wir kennen, nicht der Mann der ›grenzenlosen Tränen‹, nicht der, den noch als beinahe Achtzigjährigen eine Leidenschaft wehrlos, fieberkrank auf das Lager warf. Goethe erwehrte sich seiner selbst und erschien gelassen, er erschien unnahbar. Wer aber das andere in ihm nicht als die Tiefe seines Wesens erkennt, würde nicht die große Wirkung verstehen, welche von jener seiner sicheren Haltung hier und da ausging« ... Wir haben demnach »in Goethe eine tragische Natur zu erkennen, welche sich den Rhythmus der Dichtung abgewann« und sich dadurch über die Materie erhob, als Sieger und Sager, der nun der Materie Worte gab und dadurch Seele . L. Ein so gesunder Geist ist auch Emerson, dem kaum ein Pilzstäubchen der breit über uns hinwuchernden Dekadence und Entartung anhaftet. »Nichts nährt den Menschen wie wahrhafte Freude . Die Freudigkeit des Gemüts zeigt des Menschen Kraft. Alle gesunden Dinge sind froh und süß. Das Genie schafft spielend, Güte lächelt bis zuletzt; und zwar darum, weil jeder, der das Gesetz erkennt, das die Welt durchströmt, und lenkt, niemals verzagt, sondern stets mit neuen großen Wünschen und hohen Bestrebungen beseelt wird. Wer verzagt, verrät damit, daß er das Gesetz nicht erkannt hat.« Oder, fügen wir hinzu, eingedenk der Verfinsterungen, denen selbst die Größten manchmal ausgesetzt sind: verrät damit, daß er in diesem Augenblicke den elektrischen Anschluß an die ewige Kraftquelle verloren hat. »Kraft wohnt bei den Fröhlichen ; Hoffnung macht uns arbeitsfreudig, während die Verzweiflung keine Muse ist und die tätigen Energien verstimmt und abspannt. Jeder Mensch sollte das Glück des Lebens und der Natur für uns vermehren oder er wäre besser nie geboren.« Diese Freudigkeit aber ist vergeistigter Art; sie ist verfeinert und vertieft. Immer bleibt sie der Ehrfurcht vor dem Ganzen eingedenk. »Es ist zweifellos, daß die Ehrfurcht von übermächtiger Bedeutung für die Gesundheit des Menschen und die Entfaltung seiner höchsten Kräfte ist, so daß sie gewissermaßen als die Quelle seines Intellekts behandelt werden kann. Alle große Zeiten sind Zeiten des Glaubens gewesen. So oft irgend welche außerordentlichen Kräfte in Tätigkeit waren, wenn große nationale Bewegungen begannen, wenn die Künste sich entwickelten, wenn Helden auftraten, wenn Gedichte gemacht wurden: dann war es den Menschenseelen ernst um das, was sie taten, sie hatten ihre Gedanken auf geistige Wahrheiten gerichtet, mit ebenso sicherem Griff wie der Griff der Hände am Schwert, am Stift oder am Meißel. Der Genius kommt immer von den Bergen der Wahrhaftigkeit her. Alle Schönheit und Kraft, danach die Menschen dürsten, werden in diesem Hochgebirge geboren. Jeder außerordentliche Grad von Schönheit an einem Manne oder Weibe muß ein sittliches Element einschließen« ... Und, immer mit dem Blick auf den ganzen Menschen, spricht er an anderer Stelle den weimarischen Gedanken aus: »So innig ist die Verbindung von Geist und Herz, daß allenthalben mit dem Charakter auch das Talent verfällt.« Damit sind wir auf dem Gebiet der Ästhetik. »Alle Ethik ist zentral« – das ist ein Kernsatz von Emerson; von innen her wird der gereifte, geläuterte, wohlerzogene Mensch nach allen Seiten, in alle Organe hinein, durchleuchtet. Dasselbe gilt für die Ästhetik. Es gibt nur eine Kraft durch die Welt hin; wertvoll wird das dichterische Talent erst dann, wenn der dahinterstehende Mensch durchflutet ist von dieser Kraft – ein Grundgedanke Schillers und Goethes. »Ein königlicher Zug gehört dem Dichter an: ich meine seine Fröhlichkeit, ohne die ein Mensch kein Dichter sein kann« ... »Die wahren Sänger sind immer um ihre feste und fröhliche Gemütsstimmung berühmt geworden« ... »Gesundheit ist der Zustand der Weisheit, und ihr Zeichen ist Freudigkeit, ein offenes und edles Gemüt. Niemals hat es einen Dichter gegeben, der das Herz nicht auf dem rechten Fleck gehabt hätte« ... »Die Welt ist mit Göttlichkeit und Ethik gesättigt«: der Dichter aber saugt mit seinen Fäden aus der Welt Kräfte ein, er ist allen Zeitgenossen und Vergangenheiten und der ganzen Natur verschuldet, viele haben ihm vorgearbeitet, andere rund um ihn her arbeiten mit: »ja, man möchte fast sagen, daß die Macht höchster Genialität darin bestehe, daß ihr alle Originalität fehle, daß sie vollkommen aufnehmend bleibe, alles die Welt tun lasse und nur den Geist der Stunde ungehindert durch den eigenen Geist wirken lasse.« Goethe bekennt von sich ähnliches. Ein Lauschen auf das Weben und Walten der Schöpfung in uns und um uns ist es, was den Dichter ausmacht. Das Musikalische oder das Rhythmische überhaupt, innerlich gefaßt, ist dabei vielleicht das Wichtigste. Es ist auch in Emersons Sprache eine feine innere Musik. Carlyle veranschaulicht dies heimlichste Wesen der Poesie einmal sehr schön: »Die Griechen fabelten von Sphärenharmonie; es war das Gefühl, das sie von dem inneren Bau der Natur hatten, daß die Seele aller Äußerungen und Kundgebungen der Natur vollkommene Musik sei. Poesie wollen wir also musikalisches Denken nennen. Ein Dichter ist der, der in dieser Weise denkt. Im Grunde kommt es auf die Macht des Geistes an; eines Mannes Aufrichtigkeit und Tiefe des Blicks ist es, was ihn zum Dichter macht.« [? Dem Wesen nach, ja, aber noch nicht der gestaltenden Form nach!] »Blicke du tief genug, und du blickst musikalisch, der innerste Kern der Natur ist Musik. Der dichterische Rhythmus ist eine Art Gesang. Alles, was aus der Tiefe quillt, ist Gesang.« Das gestaltende Element wird freilich bei dieser Auffassung Carlyles nicht weiter betont. Im Mittelpunkt steht bei ihm wie bei Emerson das, was in der Tat die Hauptsache sein sollte: der geöffnete Blick in die Harmonie der Dinge. »In allen großen Dichtern«, sagt Emerson, »ist eine allgemein menschliche Weisheit , die höher steht als alle ihre Talente. Das Menschliche ist es, das aus Homer, Shakespeare, Milton herausleuchtet. Die Allwissenheit strömt in den Intellekt und erzeugt das, was wir Genie nennen. Die Wahrheit ist ihnen genug. Sie wurden zu Dichtern infolge des freien Strömens, das sie der bildenden Weltseele gestatteten, die nun die Dinge, die sie selbst geschaffen, durch des Dichters Augen wiederschaut und segnet .« Wir begreifen wohl, wenn einmal Emersons englischer Geistesbruder, den ich mehrfach zum Vergleich heranhole, Carlyle, undichterischen Zeiten zuruft: »Derer, die darauf Anspruch machen, Dichter zu heißen, sind viele; und einem ernsten Leser ist es ein recht trauriges, um nicht zu sagen unerträgliches Geschäft, Reime zu lesen, Reime, die keine innere Notwendigkeit hatten . Ich würde allen Menschen raten, die ihre Gedanken aussprechen können, sie nicht zu singen, und einzusehen, daß in einer ernsten Zeit, unter ernsten Menschen keine Veranlassung für sie vorliegt, sie zu singen.« In solchen Zeiten sind bedeutende Männer, die uns in Prosaworten den Schleier von den Dingen abheben, Ersatz der Poesie . Emerson und Carlyle waren solche Männer. * Die Beschäftigung mit Emerson ist dem deutschen Leser leicht gemacht. In der Reihe der Übersetzer obenan steht der Wiener Karl Federn, der höchstens mit Fremdwörtern etwas sparsamer sein könnte. Die von ihm (mit Thora Weigand) übersetzten Essays nebst den Repräsentanten sind in einem umfassenden Bande bei Hendel in Halle erschienen, hübsch eingeleitet, sehr billig (alle 3 Teile geb. M 2.–). Ebendort veröffentlichte Federn lesenswerte »Essays zur amerikanischen Literatur« (75 ?, geb. M 1.–). Eine weitere schöne Sammlung »Lebensführung« übersetzte er für den Verlag Bruns in Minden (M 2.50, geb. M 3.50). In demselben Verlag erschien das Charakterbild »R. W. Emerson«, von seinem Sohne herausgegeben, übersetzt von Sophie von Harbou (M 3,60). Diese Verehrerin Emersons übersetzte auch das empfehlenswerte Essaybuch »Aus Welt und Einsamkeit« (Hendel, Halle, geb. 75 ?). Stattliche Emersonbände findet man bei Eug. Diederichs, Jena: »Vertreter der Menschheit« (M 4.– geb. M 6.–) und »Essays« (Übersetzer: W. Schölermann). Beide Bände sind zu empfehlen, nicht sehr glücklich aber ist die unruhige Einleitung (Milieutheorie), die W. Mießner einem ebendort gedruckten Bändchen mitgibt. Auch Carlyles »Helden und Heldenverehrung« (Hendel, Halle, geb. M 1.50, oder O. Wigand, Leipzig, M 5.–) ist für Emersonleser ein grundlegendes Buch. – Aber auch hier wieder, zum Schlusse dieser Betrachtungen, sei der Bemerkung Raum gegeben: Emerson und Carlyle führen zwar manchen weimarischen Gedanken in selbständigen modernen Formen weiter, aber Weimar ist das Ursprüngliche . Zudem ist Weimars Kultur nicht nur durch große Gedanken, sondern zugleich auch durch dichterische Formkraft anmutvoll gehoben und belebt. Gleichwohl bedeutet die großzügige Lebensethik jener Männer eine Fortentwicklung. Und so wird jeder, der im Sinne eines Schiller und Goethe, eines Fichte oder Lagarde Persönlichkeit sucht, solchen Geistern Wirkung wünschen. * Aus Emersons Werken Freundschaft (Aus den Essays; gekürzt) Freundlichkeit gibt es weit mehr, als je in Worte gefaßt worden ist. Trotz aller Selbstsucht, unter der die Welt wie unter schneidenden Ostwinden erschauert, ist die ganze Familie der Menschheit mit einem Elemente der Liebe wie mit einem feinen Äther durchtränkt. Wie viele Personen treffen wir hier und dort in den Häusern, mit denen wir kaum jemals ein Wort wechseln, für die wir aber dennoch Hochachtung empfinden und deren Hochachtung wir uns erfreuen! Wie manche gehen auf der Straße an uns vorüber oder sitzen neben uns in der Kirche, deren Gegenwart uns unausgesprochenermaßen wohltuend berührt! Versuch es nur, die Sprache der umherwandernden Blicke zu verstehen! Das Herz weiß sie zu deuten. Man hat in der Poesie wie auch im allgemeinen Sprachgebrauche die Regungen gegenseitiger Zuneigung und Wertschätzung mit den wesentlichen Eigenschaften des Feuers verglichen: so schnell wie dieses, oder vielmehr noch weit schneller, geschäftiger, herzerquickender sind diese inneren Ausstrahlungen. Von der Empfindung höchster leidenschaftlicher Liebe bis zur gleichgültigsten des Wohlwollens sind sie es, die die Lieblichkeit des Lebens ausmachen. Unsere geistigen Fähigkeiten und unsere Tatkraft wachsen mit unserer Zuneigung. So setzt sich ein Schüler zum Schreiben hin, und aus all den Jahren des Nachdenkens will ihm kein einziger guter Gedanke, kein einziger glücklicher Ausdruck kommen; aber gilt es einen Brief an einen Freund zu schreiben, so fluten Scharen freundlicher Gedanken von allen Seiten und in den treffendsten Ausdrücken auf ihn ein. Was ist so süß wie ein rechtes, tiefes Sich-finden zweier Menschen in einem Gedanken, einem Gefühl? In dem Augenblick, wo wir uns unserer Liebe bewußt werden, ist uns die Welt verwandelt; es gibt nicht Winter noch Nacht mehr, aller Jammer, alle Langeweile, ja alle Pflichten sogar verschwinden; auf ewige Zeit hinaus sehen wir nichts als die lichtumflossenen Gestalten geliebter Menschen. Heute morgen wachte ich in dem Gefühle frommen Dankes gegen meine Freunde, die alten wie die neuen, auf. Soll ich Gott nicht den Gott der Schönheit nennen, wenn er sich mir täglich in seinen Gaben offenbart?! Ich fliehe die Gesellschaft und gebe mich der Einsamkeit hin, und doch bin ich nicht so undankbar, die Weisen, die Anmutigen, die Edelgesinnten zu übersehen, wenn sie von Zeit zu Zeit an meiner Tür vorüberschreiten. Wer mich hört, mich versteht, wird mein – mein Eigentum auf immer. Ungesucht sind meine Freunde zu mir gekommen. Der große Gott war es, der sie mir gab. Durch das älteste Recht, durch die göttliche Verwandtschaft, die Tugend und Tugend verbindet, finde ich sie, oder vielmehr nicht ich – das Göttliche in ihnen und mir lacht der breiten Wälle, die uns bisher so viel bedeuteten, als da sind: individueller Charakter, Verwandtschaft, Alter, Geschlecht, Umstände, – räumt sie hinweg und macht aus vielen eins. Warmen Dank schulde ich euch, ihr vortrefflichen Liebenden, die ihr mir neue und edle Regionen in der Welt eröffnet und die Bedeutung aller Gedanken vertieft! Werden auch diese oder doch ihrer etliche sich wieder von mir trennen? Ich weiß es nicht, aber ich kenne keine Furcht; denn meine Beziehungen zu ihnen sind so reiner Natur, daß wir durch einfache Verwandtschaft aneinander hängen, und da der Genius meines Lebens so geselliger Natur ist, wird diese Anziehung jedem gegenüber in Kraft treten, der diesen Männern und Frauen an Wert gleichkommt, sei es, wo immer es auch sei. Hier muß ich einschalten, daß meine Natur in dieser Hinsicht besonders zart besaitet ist. Ein neuer Mensch, der in mein Leben tritt, bedeutet für mich ein Ereignis, das mir den Schlaf raubt. Die Vorzüge meines Freundes müssen mein Stolz sein, als hätte ich ein Eigentumsrecht daran, als gehörten seine Tugenden mir mit. Wird er gelobt, so wird mir so warm ums Herz wie dem Bräutigam beim Preise seiner Braut. Aber unsere Freundschaften eilen einem kurzen, raschen Ende zu, wenn wir sie zu einem Gewebe von Wein und Träumereien gemacht haben, statt sie aus den starken Fiebern des menschlichen Herzens herzustellen. Die Gesetze der Freundschaft sind streng und ewig, aus gleichem Gespinst wie die Gesetze der Natur und Moral. Wir aber sind einem schnellen und oberflächlichen Gewinn nachgejagt, um uns an einem vorübergehenden Wohlgeschmack gütlich zu tun. Wir wollen im Fluge die langsamst reifende Frucht des ganzen Gottesgartens haschen, welche zu ihrem Ausreifen vieler Sommer und vieler Winter bedarf. Wir suchen unseren Freund nicht wie etwas Heiliges, sondern mit einer tempelschänderischen Leidenschaft, die nur begehrt, ihn sich zu eigen zu machen. Habe Achtung vor der Naturlangsamkeit, welche zur Erhärtung des Rubins einer Million Jahre bedarf und in einem Zeiträume wirkt, in welchem die Alpen und Anden kommen und gehen gleich Regenbogen! Der gute Geist unseres Lebens hat keinen Himmel, den man durch Schnelligkeit gewinnt. Liebe, der Ausfluß von Gottes Wesen, ist nichts für die Flatterhaften, sondern etwas, was nur den vollwertigen Menschen zukommt. Laßt uns nicht kindische Genüsse im Auge haben, sondern den strengsten Wert ! Es ist nicht meine Absicht, in irgend welcher weichlichen Art über Freundschaft zu reden, vielmehr habe ich vor, sie fest anzupacken. Wahre Freundschaften haben nichts von einem Glasgespinst oder vom Rauhreif an sich, sie sind das Festeste , was wir kennen. Nur ein hochherziger Charakter ist zu solch einem Bündnis geeignet, ein Mensch, der dessen gewiß ist, daß man mit Güte und Größe am weitesten kommt, einer, der nicht zu schnell damit bei der Hand ist, sein Glück selbst gestalten zu wollen. Laß dem Diamanten seine Jahrtausende des Werdens; versuche nicht die Geburt dessen, was ewig ist, zu beschleunigen! Freundschaft erfordert eine religiöse Behandlung. Ehrfurcht ist ein großer Teil der Freundschaft. Betrachte deinen Freund wie ein Schauspiel: er hat selbstverständlich Vorzüge, die du nicht hast und die du nicht würdigen kannst, wenn du ihn zu nahe an deine Person gedrängt hältst. Stehe abseits! Gib diesen Verdiensten Raum, laß sie wachsen, sich ausbreiten! Bist du der Freund von deines Freundes Rock oder der Freund seiner Gedanken ? Einem großen Herzen wird der Freund in tausend Kleinigkeiten immer ein Fremder sein, damit er ihm auf heiligstem Grunde begegnen kann. Einen Freund als Spezialeigentum zu betrachten und ein kurzes, alles verschlingendes Vergnügen aus dem Verhältnisse zu ziehen, das überlasse Knaben und Mädchen! Diese hohe Sache erfordert große und edle Menschen. Sie müssen durchaus zwei Menschen für sich sein, ehe sie eins zu werden vermögen. Freundschaft ist ein Bund zwischen zwei großen, einander Ehrfurcht einflößenden Menschen, die einander betrachtet und gefürchtet haben, bevor sie das tiefe Einssein, welches sie – unbeschadet aller Verschiedenheit – verbindet, erkennen. Laßt uns nur durch eine lange Probezeit den Eintritt in diese Zukunft erkaufen! Wie dürfen wir edle und schöne Seelen entweihen, indem wir uns ihnen aufdrängen?! Die Edlen sehen wir wie in weiter Ferne, und sie sind unnahbar für uns. Warum sollen wir uns ihnen aufdrängen? Spät, sehr spät erst erkennen wir, daß keinerlei Verabredung oder Empfehlung, kein Brauch noch geselliges Herkommen uns irgendwie zur Herstellung solcher Beziehungen verhelfen kann, wie sie uns wünschenswert erscheinen, – sondern einzig und allein ein Erheben unserer Seelen zu dem Niveau der ihren . Dann werden wir ineinanderströmen wie Wasser und Wasser; und sollten wir ihnen dann nicht begegnen, – nun, so bedürfen wir ihrer auch nicht, denn dann sind wir sie selbst . Im letzten Grunde ist Liebe nur das Spiegelbild des eigenen Wertes in einem anderen Menschen. Wir gehen einsam durch die Welt. Freunde, ganz wie wir sie wünschen, sind Träume und Fabeln. Aber ein treues Herz hat immer den Trost einer erhabenen Hoffnung, daß irgendwo in anderen Regionen des Universums Seelen jetzt leben, leiden und wagen, die uns lieben können. Wir können uns nur dazu Glück wünschen, daß die Periode unserer Nichtigkeit und Torheit, unserer Irrungen, unserer Schmach in Einsamkeit verbracht wird, und wenn wir zu vollkommenen Menschen herangereift sein werden, so werden wir mit Heldenhänden Heldenhände ergreifen. * Heroismus (Aus den Essays; gekürzt) Wir brauchen Bücher von herber Tugend, mehr als Bücher über Staatswissenschaften und Haushaltungskunde. Das Leben ist nur für den Weisen ein Fest. Jeder Frevel, den unsere Vorfahren und unsere Zeitgenossen an den Gesetzen der Natur begangen haben, wird auch an uns gestraft. Die Krankheiten und Mißgestalten um uns her bezeugen zahllose Verletzungen natürlicher, geistiger und sittlicher Gesetze, und Versündigung auf Versündigung muh sich gehäuft haben, um solch ein kompliziertes Elend zu erzeugen. Unglücklicherweise existiert in dieser Welt kein Mensch, der nicht irgendwie Teilnehmer an der Sünde geworden wäre, und sich so auch einen Anteil an der Sühne geschaffen hätte. Unsere Bildung darf daher das Waffnen des Menschen nicht unterlassen. Laßt ihn beizeiten hören, daß er zu beständigem Kampfe geboren ist, daß das allgemeine Wohl und sein eigenes verlangen, er dürfe nicht in den Festgewändern des Friedens dahintänzeln; sondern gewarnt, selbstbewußt und gelassen, den Donner weder fürchtend noch herausfordernd, muß er beides, Ruf und Leben, in seine eigene Hand nehmen. Gegen all jene Übel, mit welchen die Außenwelt ihn bedroht, nimmt der Mensch im Innern der Brust eine kriegerische Haltung ein und empfindet und behauptet die Kraft, einzeln es mit dem unendlichen Heer von Feinden aufzunehmen. Dieser kriegerischen Haltung der Seele geben wir den Namen Heroismus . Seine roheste Form ist jene Verachtung für Sicherheit und Bequemlichkeit, welche den Reiz des Krieges bildet. Es ist ein Selbstvertrauen, das in der Fülle seiner Energie und Kraft, in der Gewißheit, jeden erlittenen Schaden wieder gutmachen zu können, die Beschränkungen der Klugheit geringschätzt. Der Geist des Helden befindet sich in solchem Gleichgewicht, daß keine Störung seinen Willen erschüttern kann – ruhig, gleichsam fröhlich schreitet er vorwärts nach den Klängen seiner eigenen Musik, mögen um ihn her Schreckensszenen sich ereignen oder der trunkene Jubel wüster Gelage und allgemeiner Entsittlichung erschallen. Es liegt im Heroismus etwas Unphilosophisches; etwas Unheiliges liegt darin; er scheint nicht zu wissen, daß andere Seelen vom selben Stoffe wie er sind; er ist stolz; er bedeutet die extreme Entwicklung der Individualität. Dennoch müssen wir ihn aufs tiefste verehren. Es liegt etwas in großen Taten, das wir nie ergründen können. Der Heroismus fühlt, aber klügelt nicht, und darum ist er immer im Recht; und obgleich er bei anderer Erziehung, anderem Glauben, bei höherer geistiger Kraft vielleicht etwas anderes, vielleicht das Gegenteil getan hätte, bleibt doch für den Helden die Tat, die er vollbracht, stets die höchste, und weder Philosophen noch Priestern steht es zu, ihn zu tadeln. Das Heroische wirkt im Widerspruch gegen die Stimme der Menschheit und eine geraume Zeit auch im Widerspruch gegen die aller Großen und Guten. Es beruht im Gehorsam gegenüber den geheimen Impulsen des eigenen Charakters , und kein anderer Mensch ist imstande, so zu erkennen, was an solchem Tun weise ist, wie der Tuer selbst, denn man muß schließlich annehmen, daß jeder Mensch auf dem eigenen Wege ein wenig weiter zu blicken vermag als irgend ein anderer. Darum mißbilligen selbst die Weisen und Gerechten sein Tun, bis einige Zeit vergangen ist; dann erkennen sie freilich, daß es mit ihrem eigenen Wirken im Einklang war. Alle klugen Leute sehen klar, daß seine Handlung sinnlichem Wohlbefinden gerade zuwiderläuft, denn jede heroische Handlung findet ihren Maßstab in der Verachtung irgend eines äußeren Gutes. Wenn zuletzt der Erfolg erreicht ist, dann preisen allerdings auch die Klugen. Selbstvertrauen ist das Wesen alles Heroismus. Es ist die Kriegsbereitschaft der Seele; und seine endlichen Ziele sind, der Lüge und dem Unrecht aufs äußerste Trotz zu bieten, und die Kraft zu erwerben, das Schlimmste, was das böse Prinzip immer zufügen kann, zu ertragen. Der Heroismus spricht die Wahrheit, ist gerecht, edelmütig, gastfreundlich und maßvoll, verachtet kleinliche Berechnung, verachtet, daß er verachtet werde. Er harrt aus; er besitzt einen unerschütterlichen Mut, eine unermüdliche Tapferkeit. Er scherzt über die Erbärmlichkeit des täglichen Lebens. Jene falsche Klugheit, welche Gesundheit und Geld mit Affenliebe hegt und hütet, ist für den Heroismus ein Gegenstand des Spottes und der Belustigung. Wie Plotinus schämt sich der Heroismus beinahe seines Leibes. Was soll er nun erst zu den Zuckererbsen und Katzenbettchen, zu den Toiletten, Komplimenten, Zänkereien, Briefchen und Eierkuchen sagen, die den Witz aller Gesellschaft so außerordentlich in Anspruch nehmen? Ehrsame Bürger, die nach den Gesetzen der Arithmetik zu denken gewohnt sind, bedenken die Unbequemlichkeit, welche die Bewirtung Fremder an ihrem Herde verursacht, und rechnen engherzig nach, welcher Zeitverlust und welch ungewöhnlicher Aufwand damit verbunden ist – die Seele von besserer Art weist solche unzeitgemäße Sparsamkeit mit Verachtung in die Grüfte des Lebens und spricht: Ich will dem Gotte gehorchen, für Opfer und Feuer wird er sorgen. Ibn Hankal, der arabische Geograph, berichtet uns von einem heroischen Extrem der Gastfreundschaft, wie es zu Sogd in der Bucharei geübt wird. »Als ich in Sogd war, sah ich ein großes Gebäude, wie einen Palast, dessen Tore offen standen und durch gewaltige Nägel an den Wänden festgehalten wurden. Als ich um den Grund fragte, erfuhr ich, daß das Haus seit hundert Jahren weder bei Tage noch bei Nacht jemals geschlossen worden sei. Fremdlinge sind in jeder Zahl willkommen. Der Herr des Hauses hat für den Empfang von Menschen und Tieren reichlich vorgesehen, und er ist nie glücklicher, als wenn sie längere Zeit bei ihm verweilen. In keinem Lande habe ich etwas Ähnliches gesehen.« Großherzige Menschen wissen wohl, daß jene, die dem Fremden Zeit, Geld oder Obdach gewähren, wenn es nur um der Liebe willen und nicht des Scheines wegen geschehen, gleichsam Gott zu ihrem Schuldner machen – so vollkommen ist die Vergeltung des Universums. Auf irgend eine Art wird die scheinbar verlorene Zeit wieder eingebracht, und die Mühe, die sie sich zu geben schienen, belohnt sich selbst. Diese Menschen fachen den Ruhm menschlicher Liebe immer neu an. Auf dem gleichen Wunsche, seiner Würde nichts zu vergeben, beruht auch die Enthaltsamkeit des Helden. Aber er liebt dieselbe um der Grazie willen, die darauf ruht, nicht wegen ihrer Strenge. Es scheint seiner Mühe nicht wert zu sein, einen feierlichen Ton anzuschlagen und das Fleisch oder den Wein, den Tabak, den Tee, das Opium, Seide oder Gold mit Bitterkeit zu verdammen. Ein großer Mann weiß kaum, wie er speist oder wie er sich kleidet; und doch ohne lächerlich oder übertrieben zu sein, ist seine Lebensweise natürlich und voll Poesie. Die heroische Seele verkauft ihre Gerechtigkeit und Vornehmheit nicht. Sie verlangt nicht, fein zu speisen und warm zu schlafen. Das Wesen der Größe ist die Erkenntnis, daß die Tugend für sich allein genug ist. Armut ist ihr ein Schmuck. Sie verlangt keinen Überfluß und kann recht gut auf ihn verzichten. Aber das, was meine Phantasie an heroischen Menschen am meisten gefangen nimmt, das ist der Humor und die Heiterkeit, die sie zeigen. Auch die gemeine Pflicht kann sich recht gut bis zu der Höhe erheben, mit Feierlichkeit zu wagen und zu leiden. Aber jenen seltenen Geistern erscheint die Meinung der Menschen, der Erfolg, das Leben selbst als etwas so Wohlfeiles, daß sie es verschmähen, ihre Feinde durch Bitten oder den Schein des Kummers zu besänftigen, sondern stets nur das Kleid ihrer gewohnten Größe tragen. Scipio, des Unterschleifs von Amtsgeldern angeklagt, weigert sich, sich selber eine so große Schmach anzutun und sich zu rechtfertigen und schuldlos sprechen zu lassen, obgleich er die Rechnungen in Händen hat, sondern reißt sie vor den Tribunen in Stücke. Das Urteil, das Sokrates sich selbst sprach, lebenslänglich in allen Ehren im Prytaneum verköstigt zu werden, Thomas Mores Scherzhaftigkeit auf dem Schafott klingen nach der gleichen Weise. In Beaumont und Fletchers »Seereise« sagt Juletta zu dem wackeren Schiffshauptmann und seiner Familie: Jul.: Merkt, Sklaven, Es steht in unsrer Macht, euch aufzuhängen! Hauptmann: Mag sein! In unsrer steht es dann, Gehängt zu werden und euch zu verachten! Das sind gesunde und ganze Antworten. Das Interesse, das diese hübschen Geschichten für uns haben, die Macht eines Romans über den Knaben, der das verbotene Buch begierig unter der Schulbank liest, unser Entzücken am Helden, das ist für unseren Zweck das Wichtigste. All diese großen und überherrlichen Güter sind unser eigen. Wenn uns die Freude an griechischer Energie und römischem Stolze schwellt, so beweist das, daß wir bereits von der gleichen Empfindung durchdrungen sind. Schaffen wir diesem großen Gaste Raum in unseren kleinen Wohnungen! Der erste Schritt zu höherem Werte wird der sein, daß wir uns von den abergläubischen Gedankenverbindungen entwöhnen, die wir an gewisse Orte und Zeiten, Zahlen und Größen knüpfen. Warum tönen die Worte »Athener« und »Römer« so klangvoll in unsere Ohren? Wo das Herz ist, da weilen die Musen, da weilen die Götter, und nicht in irgend einer Geographie des Ruhmes. Massachusetts, den Connecticutfluß und die Bucht von Boston haltet ihr für ärmliche Gegenden, und das Ohr liebt Namen fremder und klassischer Topographie. Aber hier sind wir nun einmal , und wenn wir nur eine Weile warten, werden wir vielleicht erkennen, daß es hier am besten ist. Sieh nur zu, daß dein Selbst hier sei – und Natur und Kunst, Schicksal und Hoffnung, Freude und Engel und das höchste Wesen selbst werden dem Zimmer nicht fern bleiben, in dem du sitzest. Epaminondas, der tapfere und liebevolle, braucht nicht den Olymp, um darauf zu sterben, noch den syrischen Sonnenschein. Er ruht wohl, wo er bestattet ist. Die Jerseys waren kein zu schlechter Boden für Washington, noch die Straßen von London für die Füße Miltons. Das Land ist das schönste, das von den vornehmsten Geistern bewohnt ist. Das schöne Mädchen, das jeden Eingriff in ihr Wesen und Schicksal durch eine entschiedene und stolze Selbstwahl der Einflüsse zurückweist, so sorglos, ob sie gefalle, so eigenwillig und so erhaben – flößt jedem, der sie sieht, etwas vom Adel ihrer eigenen Seele ein. Das schweigende Herz ermutigt sie. O Freundin, streiche nie die Segel vor einer Furcht! Komme groß in den Hafen, oder fahre mit Gott über die Meere. Nicht umsonst lebst du, denn jedes Auge, das auf dich fällt, wird ermutigt und veredelt durch deinen Anblick. Das charakteristische Zeichen des Heroismus ist seine Beharrlichkeit . Alle Menschen haben gelegentliche Impulse, Anfälle und Anläufe von vornehmer Gesinnung. Aber wenn du deinen Weg gewählt hast, dann bleibe dabei und versuche nicht schwächlicherweise, dich mit der Welt wieder auszusöhnen! Das Heroische kann nicht das Gewöhnliche sein, noch das Gewöhnliche das Heroische. Und doch haben wir die Schwäche, die Sympathie der Menschen bei Handlungen zu erwarten, deren Vortrefflichkeit eben darin besteht, daß sie über alle Sympathie hinausgehen und an eine späte Gerechtigkeit appellieren. Der Zustand der Menschheit ist in diesem Land und zu dieser Stunde etwas besser als vielleicht je zuvor. Der Entwicklung und Ausbildung ist größere Freiheit gewährt. Man rennt heute nicht gleich gegen das Richtbeil mit dem ersten Schritt aus dem ausgetretenen Pfade der öffentlichen Meinung. Aber wer da heroisch ist, wird allezeit kritische Lagen finden, in denen er seine Schneide erproben kann. Die Wahrheit fordert ihre Kämpen und Märtyrer, und die Feuerprobe der Verfolgung hört niemals auf. Es ist erst ein paar Tage her, daß der wackere Lovejoy seine Brust den Kugeln eines Pöbelhaufens bot für die Rechte freier Rede und Meinung, und starb, da es besser war, nicht zu leben. Dieser Essay war ursprünglich eine Vorlesung, die im Jahre 1858 zu Boston zum erstenmal gehalten wurde. Wenige Tage vorher war Lovejoy im Staate Illinois, wo er eine Rede für die Abschaffung der Sklaverei gehalten hatte, ermordet worden; ein Vorfall, der ungeheures Aufsehen erregte und ein Protestmeeting zu Boston und die berühmte Rede Wendell Philipps' zur Folge hatte, durch welche die ganze Bewegung erst in mächtigen Fluß kam. Aber auch in Boston war ein großer Teil des Volkes auf Seite der Südstaaten, und ein Ohrenzeuge dieser Vorlesung erzählt, daß ein Schauder durch den Saal lief, als Emerson, der bis dahin seine theoretischen Abführungen gelesen, plötzlich eine Pause machte, die Versammlung scharf ins Auge faßte und diese Worte sprach . Ein Seitenstück zu Thoreaus herrlichem Mut! Ich sehe für den Menschen keinen anderen Weg völligen Friedens als nach dem Ratschluß seines eigenen Busens. Er muß allzuviel Geselligkeit meiden, er muß oft sein eigenes Heim aufsuchen und sich in den Wegen befestigen, die er für die richtigen hält. Das unnachsichtliche Festhalten einfacher und hoher Empfindungen bei alltäglichen Pflichten stählt den Charakter bis zu jener Festigkeit, die, wenn es not tut, im Aufruhr wie auf dem Schafott mit Ehren besteht. * Plato oder der Philosoph Vorbemerkung. In gekürzter Fassung, so daß die Hauptlinie sichtbar wird, sei hier einer der besten Essays aus den »Repräsentanten des Menschengeschlechts« mitgeteilt. Jeder Biograph bekundet in der Art seiner Darstellung die eignen Ideale. So auch hier Emerson. Die große Zusammenwirkung von »Asien« und »Europa«, von Einheit und Vielheit, von Religion und Welt – ihm selber schwebte sie vor. Und hier ist die Anknüpfung an H. v. Stein, bei dem wir Ähnliches angedeutet haben. Die Notwendigkeit der Einheit, der Sammlung, Verinnerlichung (weisen Beschränkung) inmitten der geschäftigen Vielheit ist ein Grundgedanke Weimars. Goethe hat ihn betätigt, Schiller hat für dieses Suchen mannigfaltige Ausdrücke gefunden. Es ist ein Strom, der von Plato und dem religiösen Osten her unterirdisch durch Europa geht. * Auch Plato, wie jeder große Mann, zehrte sein eigenes Zeitalter auf. Was ist ein großer Mann anderes als ein Mensch von mächtiger Anziehungskraft, der alle Künste und Wissenschaften, überhaupt alles Erkennbare in sich als seine geistige Nahrung aufnimmt? Er kann nichts schonen und alles gebrauchen. Was nicht zur sittlichen Ausbildung taugt, ist tauglich fürs Wissen. Aber nur der schöpferische Geist weiß zu borgen, und die Gesellschaft ist froh, die unzähligen Arbeiter zu vergessen, die diesem Baumeister dienten, und hebt alle ihre Dankbarkeit für ihn allein auf. Plato umfaßte das gesamte Wissen seiner Zeit: – Philolaus, Timäus, Heraklitus, Parmenides und wen es sonst gab; dann seinen Meister Sokrates; und da er sich einer noch gewaltigeren Synthese fähig fühlte – einer Synthese, wie sie damals und seither ohnegleichen geblieben ist –, reiste er nach Italien: um das aufzunehmen, was Pythagoras ihm bieten konnte; dann nach Ägypten und vielleicht noch tiefer in den Osten, um das andere Element, dessen Europa bedurfte, dem europäischen Geiste zu bringen. Dieses ungeheure Gebiet, das sein Geist beherrschte, berechtigt ihn, als der Repräsentant der Philosophie zu gelten. Er wurde geboren im Jahre 440 v. Chr. Geburt, ungefähr zur Zeit, in die des Perikles Tod fiel, war von adeligem Geschlechte seiner Zeit und seiner Stadt und soll eine frühe Neigung zum Kriegerberuf gehabt haben, wurde jedoch in seinem zwanzigsten Jahre, als er dem Sokrates begegnete, mit Leichtigkeit diesem Berufe abwendig gemacht und blieb hinfort durch zehn Jahre, bis zum Tode des Sokrates, dessen Schüler. Er ging hierauf nach Megara, nahm die Einladungen des Dion und des Dionysius an den sizilischen Hof an und begab sich dreimal an denselben, obgleich er launisch behandelt wurde. Er reiste nach Italien, dann nach Ägypten, wo er lange Zeit blieb: einige sagen drei, andere sagen dreizehn Jahre. Man sagt auch, er wäre noch weiter, bis Babylon gekommen, aber dies ist ungewiß. Nach Athen zurückgekehrt, unterrichtete er in der Akademie jene, die sein Ruhm dahin zog, und starb, wie uns berichtet wird, am Schreibtische, einundachtzig Jahre alt. Aber die Biographie Platos ist eine innerliche. Wir haben zu prüfen, wieso dieser Mann in der geistigen Geschichte unserer Rasse die höchste Stellung einnimmt – woher es kommt, daß die Menschen, je nach dem Maße ihrer Bildung, seine Schüler werden; daß so wie unsere jüdische Bibel sich dem Tischgespräch und Hausleben jeden Mannes und Weibes der europäischen und amerikanischen Nationen eingeprägt hat, so die Schriften Platos jede Gelehrtenschule, jeden Denker, jede Kirche, jeden Poeten beschäftigt haben, ja es unmöglich gemacht haben – auf einem gewissen Niveau – überhaupt zu denken, außer durch ihn. So oft ich ihn lese, überrascht mich die Modernität seines Stils und Geistes. Hier haben wir den Keim jenes Europa, das uns so wohlbekannt ist, mit seiner langen Geschichte seiner Künste und Waffen: hier ruhen alle seine Züge bereits erkennbar im Geiste Platos – und in keinem vor ihm. Die erste Periode einer Nation, wie die des Individuums, ist die Periode unbewußter Kraft. Kinder weinen, schreien und stampfen vor Wut, unfähig, ihre Wünsche auszudrücken. Sowie sie sprechen können und sagen, was sie wollen und warum sie es wollen, werden sie sanfter. Im Leben des Erwachsenen, solange das Begriffsvermögen ein stumpfes ist, reden Männer und Frauen mit Heftigkeit und im Superlativ; lärmen und streiten; ihre Rede ist voll von Flüchen und Beteuerungen. Sobald mit der steigenden Kultur die Dinge sich ein wenig geklärt haben, und sie dieselben nicht mehr in Massen und Klumpen, sondern reinlich eingeteilt sehen, lassen sie von jener schwächlichen Heftigkeit ab und setzen ihre Ansicht ruhig und genau auseinander. Wenn die Zunge nicht zum Artikulieren geschaffen wäre, der Mensch wäre noch heute ein Tier im Walde. Aber dieselbe Schwäche, dieselbe Unfähigkeit – nur auf einem höheren Plan – begegnet uns täglich bei der Erziehung leidenschaftlicher junger Leute, Männer und Mädchen. »Ach, ihr versteht mich nicht, ich habe noch nie jemand gefunden, der mich verstanden hätte«, – und sie seufzen und weinen, schreiben Verse und gehen einsam – weil ihnen die Kraft fehlt, das, was sie denken, völlig auszusprechen. Ein oder zwei Monate später, wenn ihr guter Geist es so will, begegnen sie einem, der ihnen so verwandt ist, daß er ihrem vulkanischen Zustande zu Hilfe kommen kann, und nachdem sich die Mitteilsamkeit einmal ordentlich eingestellt hat, werden sie von nun an brauchbare Staatsbürger. Es ist immer so. Aller Fortschritt führt von blinder Kraft zur Genauigkeit, zur Glücklichkeit und zur Wahrheit. Es kommt ein Augenblick in der Geschichte jeder Nation auf dem Wege aus dieser rohen Jugend heraus zur Kultur, in welchem das Begriffsvermögen zur Reife gelangt und doch noch nicht mikroskopisch geworden ist, so daß der Mensch in diesem Augenblick die ganze Skala umfaßt und, während seine Füße noch auf den ungeheuren Mächten der Nacht aufruhen, mit Augen und Hirn schon Sonnensysteme und Himmelsschöpfungen erfaßt. Das ist der Augenblick der vollendeten Gesundheit, der Kulminationspunkt der Kraft. Dies zeigt auch die Geschichte Europas auf allen Gebieten und auch diejenige seiner Philosophie. Vor Perikles kamen die sieben Weisen; und mit ihnen die Anfänge der Geometrie, Metaphysik und Ethik; – dann die Partialisten, die den Ursprung der Dinge von der Strömung oder dem Wasser, oder von der Luft, oder vom Feuer oder vom Geist herleiteten. Alle vermischen diese Urgründe mit mythologischen Bildern. Und zuletzt kommt Plato, der ordnet und einteilt, der all der barbarischen Bemalung, ihres Tätowierens und Heulens nicht bedarf: denn er vermag zu definieren. Er ist es, der Asien und mit ihm das Chaos des Überschwenglichen aufgibt; er bedeutet den Eintritt der Intelligenz und nüchternen Genauigkeit. »Der soll für mich wie ein Gott sein, der da richtig einzuteilen und zu definieren vermag.« Dieses Definieren ist die Philosophie. Philosophie ist die Rechenschaft, die sich der menschliche Geist von dem Bau der Welt gibt. Zwei Kardinaltatsachen liegen ihr stets zugrunde: die Eins und die Zwei, erstens: Einheit oder Identität, und zweitens: Verschiedenheit. Wir führen alle Dinge auf Eins zurück, wenn wir das Gesetz wahrnehmen, das sie durchdringt, wenn wir die oberflächlichen Unterschiede und die tiefe Ähnlichkeit aller wahrnehmen. Aber jeder geistige Vorgang – selbst diese Wahrnehmung der Indentität oder Einheit muß auch die Verschiedenheit der Dinge anerkennen. Einheit und Anderheit: es ist unmöglich, zu sprechen oder zu denken, ohne beide zu umfassen. Der Geist fühlt sich gedrängt, nach einem Grunde vieler Wirkungen zu forschen, und wenn er denselben entdeckt, nach dem Grunde des Grundes, und dann wieder nach dessen Grund, unaufhörlich ins Tiefe tauchend, in sich die Gewißheit tragend, daß er zu einer absoluten und befriedigenden Einheit gelangen muß und wird – einer Eins, die alles ist. »Inmitten der Sonne ist das Licht, inmitten des Lichtes ist die Wahrheit, und inmitten der Wahrheit ist das unvergängliche Sein« sagen die Vedas. Alle Philosophie des Ostens und Westens hat dasselbe zentripetale Bestreben. In allen Nationen finden sich Geister, die eine natürliche Neigung antreibt, bei der Konzeption der fundamentalen Einheit zu verweilen. In den begeisterten Entzückungen des Gebets und der Ekstasen der Frömmigkeit verliert sich alles Dasein in dem einen Sein . Diese Richtung hat ihren höchsten Ausdruck in den religiösen Schriften des Ostens gefunden, insbesondere in den heiligen Schriften Indiens, in den Vedas, in der Bhagavat Ghita und dem Vischnu Purana. Diese Schriften enthalten wenig anderes außer dieser Idee, und sie erheben sich in der Feier derselben zu reinen und erhabenen Melodien. Alles ist ein und dasselbe! Freund und Feind sind aus einem Stoff; der Pflüger, der Pflug und die Furche sind aus einem Stoff, und der Stoff ist solcher Art und so viel, daß die wechselnden Formen bedeutungslos sind. »Du bist fähig, zu erfassen« – so sagt der höchste Krischna zu einem Weisen –, »daß du von mir nicht verschieden bist. Das, was ich bin, bist du, und dasselbe ist auch diese Welt mit ihren Göttern und Helden und Menschen. Die Menschen betrachten die Verschiedenheiten, weil sie von Unwissenheit betäubt sind.« »Die Worte Ich und Mein bedeuten Unwissenheit. Was das große Letzte im All ist, sollt ihr nun von mir erfahren. Es ist der Geist – einer in allen Leibern, durchdringend, einheitlich, vollkommen, über die Natur herrschend, frei von Geburt, Wachstum und Verfall, allgegenwärtig, aus wahrem Wissen bestehend, unabhängig, hat er nichts mit den Unwirklichkeiten, mit Namen und Spezies und all dem übrigen zu tun in vergangener, gegenwärtiger und künftiger Zeit. Die Erkenntnis, daß dieser Geist, der wesentlich einer ist, derselbe ist in unserm eigenen Leibe wie in allen andern Leibern, ist die Weisheit dessen, der die Einheit der Dinge erkannt hat. So wie eine zerfließende Luft, durch die Löcher einer Flöte strömend, mit den Noten einer Skala verschieden benannt wird, so ist die Natur des großen Geistes nur eine, obgleich seine Formen, die aus den Folgen von Handlungen entspringen, vielfach sind.« Wenn die Betrachtung so nach einer erschreckenden Einheit strebt, in der alle Dinge aufgesogen werden, so strebt alle Tätigkeit in gerade entgegengesetzter Richtung zur Verschiedenartigkeit zurück. Ersteres ist die Gravitation des Geistes; das letztere ist Naturgewalt. Die Natur ist das Mannigfaltige. Die Einheit absorbiert und schmelzt oder reduziert. Die Natur erschließt und schafft. Diese zwei Prinzipien erscheinen immer wieder und durchdringen alle Dinge und alle Gedanken: die Einheit und die Vielheit. Das eine ist Sein, das andere Intellekt; das eine Ruhe, das andere Bewegung; das eine Kraft, das andere Verteilung; das eine Stärke, das andere Genuß; das eine Genie, das andere Talent; das eine Ernst, das andere Wissen; das eine Besitz, das andere Verkehr; das eine Königtum, das andere Demokratie, und wenn wir es wagen, diese Generalisationen noch einen Schritt weiter zu führen und das Endziel beider zu nennen, so könnten wir sagen, daß das Ziel des einen ist die Flucht aus der Organisation – das reine Wissen , während das Ziel der anderen Macht ist, der Gebrauch aller Mittel, die Gottheit in der tätigen Ausführung. Jeder Forscher folgt, durch Temperament und Gewohnheit geleitet, der einen oder der anderen von diesen Gottheiten des Geistes. Die Religion führt ihn zur Einheit, die Sinne zu dem Vielen. Eine allzurasche Vereinheitlichung und ein übermäßiges Aufgehen in den Einzelheiten sind Zwillingsgefahren. Dieser Einigkeit entspricht die Geschichte der Nationen. Das Land der Einheit, der starren, unbeweglichen Institutionen, der Sitz einer Philosophie, die ihr Entzücken an Abstraktionen hat, die Heimat von Menschen, die in Theorie und Praxis treue Bekenner der Idee eines tauben, unerbittlichen, unendlichen Faktums sind, ist Asien ; in der sozialen Institution der Kaste gibt es diesem Glauben tatsächlichen Ausdruck. Der Genius Europas auf der anderen Seite ist tätig und schöpferisch; er arbeitet der Kaste entgegen durch die Kultur, seine Philosophie war stets eine Wissenschaft, es ist ein Land der Künste, der Erfindungen, des Handels, der Freiheit. Wenn der Osten die Unendlichkeit liebte, der Westen fand seine Freude in weiser Beschränkung. Die europäische Zivilisation ist der Triumph des Talentes der Systematik, des geschärften Verstandes, der anpassenden Geschicklichkeit, der Freude an Formen, des Entzückens am Ausdruck, an verständlichen Resultaten. Perikles, Athen und Griechenland hatten in diesem Element mit der ganzen Freude des Genius geschaffen, die noch keine Voraussicht des Schadens, den das Übermaß anrichten kann, erkältet hat. Der Verstand erfreute sich seiner Blütenreife. Die Kunst leuchtete in ihrer Neuheit. Sie schnitten den Penthelischen Marmor, als wäre er Schnee, und die vollkommenen Werke ihrer Architektur und Skulptur schienen ihnen natürliche Dinge, nicht schwerer als heute die Vollendung eines neuen Schiffes auf den Werften von Medford. Die römischen Legionen, die Gesetzgebung der Byzantiner, der Handel Englands, die Salons von Versailles und die Pariser Kaffeehäuser, Dampfmühle, Dampfboot und Dampfwagen, alle zeigen sich in der Perspektive; die städtischen Versammlungen, die Stimmzettelurne, die Zeitungen und die billigen gedruckten Bücher. Unterdessen sog Plato in Ägypten und auf östlichen Wanderungen die Idee einer Gottheit ein, in der alle Dinge enthalten sind. Die Einheitlichkeit Asiens und die Einzelheiten Europas, die Unendlichkeit des asiatischen Geistes und das Resultate liebende, Maschinen bauende, Oberflächen suchende, Singspiele aufführende Europa. Plato kam, sie zu vereinigen und die Energie beider durch die Berührung zu erhöhen. Die Vorzüge Asiens und Europas sind beide in seinem Hirn. In Metaphysik und Naturphilosophie fand der europäische Geist den Ausdruck: er legte ihnen die Religion Asiens als Basis unter. Kurz, es war ein Geist erstanden, der das Gleichgewicht in sich trug, der beide Elemente zu erfassen imstande war. * Damit brechen wir den Essay ab; dieser Grundriß genügt für unsere jetzigen Zwecke. Die Übersetzung dieser, wie auch der früher mitgeteilten Proben, ist von Karl Federn. Aus Platos Werken Die Seele (Aus Kaßners Übersetzungen; Jena, Diederichs) Wisse: es sind der Seele die Flügel gewachsen, damit sie das Schwere zum Himmel emporhebe, dorthin, wo das Geschlecht der seligen Götter wohnt. Denn nur fliegend, nur im Fluge haben wir Anteil am Göttlichen. Alles Göttliche ist schön und weise und gut; vom Schönen und Weisen und Guten nähren sich und an diesem wachsen die Flügel der Seele, am Häßlichen und Bösen wellen sie und fallen ab. Wenn die Seelen zum Mahle wollen, dann führt sie der Weg ganz steil hinauf bis zu den Gewölben des Himmels. Die Gespanne der Götter – sie sind stets im Gleichgewicht und leicht lenkbar – gleiten ihn eilend empor, die anderen aber nehmen die Bahn nur mit großer Mühe. Denn das Pferd aus gemeiner Zucht reißt und drückt den Wagen zurück zur Erde, wenn es vom Wagenlenker nicht abgerichtet worden war, und da hat nun die Seele ihre äußerste Not und den schwersten Kampf. Die Seelen der Unsterblichen aber, sie treten aus dem Himmel heraus, sobald sie seine Höhen erklommen haben, und stehen am Himmelsrücken, und mit den Göttern kreisen jetzt die Gewölbe, und die Götter schauen, was über dem Himmel lebt. Kein Dichter hat je davon würdig gesungen, noch wird je ein Dichter es würdig tun. Da ich aber überall die Wahrheit will, so muß ich sie auch hier zu sagen den Mut haben. Wohin die Unsterblichen jetzt blicken, dort wohnt das große Sein: farblos und ohne Gestalt und ungreifbar, und nur der Lenker der Seele, der Geist, vermag es zu schauen, denn nur um dieses große Sein bemüht sich das wahre Wissen. Die göttliche Vernunft, mit Erkenntnis und reinem Wissen genährt, die Vernunft jeder Seele, so diese von dem gekostet hat, was ihr bekommt: sie sehen hier von Zeit zu Zeit wahrhaftig das Sein und sind heiter, sie schauen hier wahrhaftig die Wahrheit und werden ganz voll von ihr und frohlocken, bis sie den Kreis vollendet haben. Auf dieser Bahn, da schaut die Seele die Gerechtigkeit, da schaut die Seele die Besonnenheit, hier erkennt die Seele – nicht jene Wissenschaft, die stets am Gegenstande wechselt und mit dem, was wir in der Zeit wirklich nennen, spielt, nein, hier erkennt die Seele die Wissenschaft von dem, was wahrhaft und ewig da ist. Und dann erst, nachdem sie in diese Welt geblickt hat und mit der Wahrheit gespeist ward, taucht sie wieder aus dem Himmel unter und eilt nach Hause; der Wagenlenker führt die Pferde zur Krippe und wirft ihnen Ambrosia vor und tränkt sie mit Nektar. So, Freund, ist das Leben der Götter. Von den Seelen der Menschen – ach! nur die edelste unter ihnen hebt, dem Gotte folgend als sein Gleichnis, das Haupt des Wagenlenkers über den Himmel hinaus und umkreist mit den Göttern den Himmel. Doch ist sie stets von den Pferden gestört und schaut nur erschrocken und mit Mühe das Sein. Die andere wird bald gehoben, bald taucht sie unter, die Pferde zwingen sie, und die Seele sieht darum wohl einiges, jedoch vieles entgeht ihr. Die vielen Seelen nun: auch sie streben wohl empor den Göttern nach, aber ohnmächtig bleiben sie unter den kreisenden Gewölben und treten aufeinander und fallen, denn es will stets ein Gespann vor das andere. Und so entsteht denn unter ihnen die größte Verwirrung und Streit und Drangsal. Und wo die Lenker nichts taugen, dort lahmen die Pferde, und viele Seelen brechen ihre Flügel. Alle aber eilen nach eitler Mühe und ungeweiht mit dem Anblick des großen Seins davon und zehren unten auf Erden am Scheine ... Denn es muß der Mensch um das Allgemeine wissen und aus den vielen Wahrnehmungen vernünftig das eine zu sammeln verstehen: das ist seine Erinnerung an jene hohen Dinge, welche die Seele schaute, da sie mit dem Gotte zog und, was uns für wirklich dünkt, verachtete und den Blick zum wahren Sein gehoben hatte. Und darum trägt mit Recht nur des Philosophen Seele die Flügel. Denn im Philosophen ist stets die Erinnerung stark an alles, das da den Gott füllt. Und wer immer dieser Erinnerung mächtig bleibt, der hat die letzten Weihen empfangen, der ist wahrhaftig ein Vollendeter. Wie Schiller und Körner Freunde wurden Ein Briefwechsel Körner: (Mai 1734; anonym mit Huber, Minna und Dora Stock einige Geschenke sendend.) Zu einer Zeit, da die Kunst sich immer mehr zur feilen Sklavin reicher und mächtiger Wollüstlinge herabwürdigt, tut es wohl, wenn ein großer Mann auftritt und zeigt, was der Mensch auch jetzt noch vermag. Der bessere Teil der Menschheit, den seines Zeitalters ekelte, der im Gewühl ausgearteter Geschöpfe nach Größe schmachtete, löscht seinen Durst, fühlt in sich einen Schwung, der ihn über seine Zeitgenossen erhebt, und Stärkung auf der mühevollsten Laufbahn nach einem würdigen Ziele. Dann möchte er gern seinem Wohltäter die Hand drücken, ihm in seinen Augen die Tränen der Freude und der Begeisterung sehen lassen – daß er auch ihn stärkte, wenn ihn etwa der Zweifel müde machte: ob seine Zeitgenossen wert wären, daß er für sie arbeitete. – Dies ist die Veranlassung, daß ich mich mit drei Personen, die insgesamt wert sind, Ihre Werte zu lesen, vereinigte, Ihnen zu danken und zu huldigen. Zur Probe, ob ich Sie verstanden habe, habe ich ein Lied von Ihnen zu komponieren versucht. ... Wenn ich, obwohl in einem anderen Fache, als das Ihrige ist, werde gezeigt haben, daß auch ich zum Salze der Erde gehöre, dann sollen Sie meinen Namen wissen. Jetzt kann es zu nichts helfen. * Schiller: (Mannheim, den 7. Dezember 84.) Nimmermehr können Sie mir's verzeihen, meine Wertesten, daß ich auf Ihre freundschaftsvollen Briefe, auf Briefe, die so viel Enthusiasmus und Wohlwollen gegen mich atmeten und von den schätzbarsten Zeichen Ihrer Güte begleitet waren, sieben Monate schweigen konnte. Ich gestehe es Ihnen, daß ich den jetzigen Brief mit einer Schamröte niederschreibe, welche mich vor mir selbst demütigt, und daß ich meine Augen in diesem Moment wie ein Feiger vor Ihren Zeichnungen niederschlage, die über meinem Schreibtisch hangen und in dem Augenblick zu leben und mich anzuklagen scheinen. Gewiß, meine vortrefflichen Freunde und Freundinnen, die Beschämung und die Verlegenheit, welche ich gegenwärtig leide, ist Rache genug. Nehmen Sie keine andere mehr. Aber erlauben Sie mir nur einige Worte – nicht um diese unerhörte Nachlässigkeit zu entschuldigen, nur sie einigermaßen Ihnen begreiflich zu machen. Ihre Briefe, die mich unbeschreiblich erfreuten und eine Stunde in meinem Leben auf das angenehmste aufgehellt haben, trafen mich in einer der traurigsten Stimmungen meines Herzens, worüber ich Ihnen in Briefen kein Licht geben kann. Meine damalige Gemütsverfassung war diejenige nicht, worin man sich solchen Menschen, wie ich Sie mir denke, gern zum erstenmal vors Auge bringt. Ihre schmeichelhafte Meinung von mir war freilich nur eine angenehme Illusion – aber dennoch war ich schwach genug, zu wünschen, daß sie nicht allzu schnell aufhören möchte. Darum, meine Teuersten, behielt ich mir die Antwort bis auf eine bessere Stunde vor – auf einen Besuch meines Genius, wenn ich einmal, in einer schöneren Laune meines Schicksals, schöneren Gefühlen würde geöffnet sein. Diese Schäferstunden blieben aus, und in einer traurigen Stufenreihe von Gram und Widerwärtigkeit vertrocknete mein Herz für Freundschaft und Freude. Unglückselige Zerstreuungen, deren Andenken mir in diesem Augenblicke noch Wunden schlägt, löschten diesen Vorsatz nach und nach in meinem harmvollen Herzen aus. Ein Zufall, ein wehmütiger Abend erinnert mich plötzlich wieder an Sie und mein Vergehen; ich eile an den Schreibtisch, Ihnen, meine Lieben, diese schändliche Vergessenheit abzubitten, die ich auf keine Weise aus meinem Herzen mir erklären kann. Wie empfindlich mußte Ihnen der Gedanke sein, einen Menschen geliebt zu haben, der fähig war, Ihre zuvorkommende Güte so wie ich zu beantworten! Wie mußten Sie sich eine Tat reuen lassen, die Sie an den Undankbarsten auf dem Erdboden verschwendeten! – Aber nein. Das letztere bin ich niemals gewesen und habe schlechterdings keine Anlage, es zu sein. Wenn Sie nur wenige Funken von der Wärme übrig behielten, die Sie damals gegen mich hegten, so fordere ich Sie auf, mein Herz auf die strengsten Proben zu setzen, und mich diese bisherige Nachlässigkeit auf alle Arten wiederersetzen zu lassen. Und nun genug von einer Materie, wobei ich eine so nachteilige Rolle spiele. Wenn ich Ihnen bekenne, daß Ihre Briefe und Geschenke das Angenehmste waren, was mir – vor und nach – in der ganzen Zeit meiner Schriftstellerei widerfahren ist, daß diese fröhliche Erscheinung mich für die mancherlei verdrießlichen Schicksale schadlos hielt, welche in der Jünglingsepoche meines Lebens mich verfolgten – daß, ich sage nicht zu viel, daß Sie, meine Teuersten, es sich zuzuschreiben haben, wenn ich die Verwünschung meines Dichterberufes, die mein widriges Verhängnis mir schon aus der Seele preßte, zurücknahm, und mich endlich wieder glücklich fühlte; – wenn ich Ihnen dieses sage, so weiß ich, daß Ihre gütigen Geständnisse gegen mich Sie nicht gereuen werden. Wenn solche Menschen, solche schöne Seelen Hier begegnen wir zum erstenmal, bei so schönem Anlaß, diesem wichtigen Ausdruck der damaligen Ästhetik. L. den Dichter nicht belohnen, wer tut es denn? Ich habe nicht ohne Grund gehofft, Sie dieses Jahr noch von Angesicht zu Angesicht zu sehen, weil es im Werke war, daß ich nach Berlin gehen wollte. Die Dazwischenkunft einiger Umstände macht diesen Vorsatz wenigstens für ein Jahr rückgängig; doch könnt' es kommen, daß ich auf die Jubilatemesse Leipzig besuchte. Welche süßen Momente, wenn ich Sie da treffe, und Ihre wirkliche Gegenwart auch sogar die geringste Freudenerinnerung an Ihre Bilder verdunkelt! – Minna und Dora werden es wohl geschehen lassen müssen, wenn sie mich bei meinen neueren poetischen Idealen über einem kleinen Diebstahl an ihren Umrissen ertappen sollten. Ich weiß nicht, ob Sie, meine Wertesten, nach meinem vergangenen Betragen mich noch der Fortsetzung Ihres Wohlwollens und eines ferneren Briefwechsels würdig halten können, doch bitte ich Sie mit aller Wärme, es zu tun. Nur eine engere Bekanntschaft mit mir und meinem Wesen kann Ihnen vielleicht einige Schatten derjenigen Idee zurückgeben, die Sie einst von mir hegten und nunmehr unterdrückt haben werden. Ich habe wenig Freude des Lebens genossen, aber (das ist das Stolzeste, was ich über mich aussprechen kann) diese wenigen habe ich meinem Herzen zu danken. Hier erhalten Sie auch etwas Neues von meiner Feder, die Ankündigung eines Journals. Auffallen mag es Ihnen immer, daß ich diese Rolle in der Welt spielen will, aber vielleicht söhnt die Sache selbst Sie wieder mit Ihrer Vorstellung aus. Überdem zwingt ja das deutsche Publikum seine Schriftsteller, nicht nach dem Zuge des Genius, sondern nach Spekulationen des Handels zu wählen. Ich werde dieser Thalia alle meine Kräfte hingeben, aber das leugne ich nicht, daß ich sie (wenn meine Verfassung mich über Kaufmannsrücksichten hinwegsetzte) in einer andern Sphäre würde beschäftigt haben. Wenn ich nur in einigen Zeilen Ihrer Verzeihung gewiß worden bin, so soll diesem Brief auf das schleunigste ein zweiter folgen. Frauenzimmer sind sonst unversöhnlicher als wir, also muß ich den Pardon von solchen Händen unterschrieben lesen. Mit unauslöschlicher Achtung der Ihrige Schiller . * Körner: (Leipzig, 11. Januar 1785.) Ihr Stillschweigen, edler Mann, war uns unerwartet, aber nicht unerklärlich. Menschen, die wir verehren und lieben, sind wir nicht gewohnt zu verdammen, solange ein Grund zu ihrer Entschuldigung übrigbleibt. Daß Sie unsere Briefe auf eine Art aufgenommen hätten, die Ihrer unwürdig gewesen wäre, hielten wir nicht für möglich. Jedes von uns erklärte sich das Außenbleiben Ihrer Antwort nach seiner eigenen Art; und jetzt freuen wir uns, daß unsere Ahnung Gewißheit geworden ist, daß wir den als Freund lieben können, den wir als Dichter verehrten. Die erste Absicht unserer Briefe an Sie ist nunmehr erreicht. Wir wissen, daß unsere Äußerungen den Eindruck auf Sie gemacht haben, den wir wünschten, und nun könnten wir unseren Briefwechsel schließen. Soll er fortgesetzt werden, so müssen wir Freunde sein, sonst hat er für beide Teile in der Folge mehr Beschwerliches als Anziehendes. Wir wissen genug von Ihnen, um Ihnen nach Ihrem Briefe unsere ganze Freundschaft anzubieten; aber Sie kennen uns noch nicht genug. Also kommen Sie selbst so bald als möglich. Dann wird sich manches sagen lassen, was sich jetzt noch nicht schreiben läßt. Es schmerzt uns, daß ein Mann, der uns so teuer ist, Kummer zu haben scheint. Wir schmeicheln uns, ihn lindern zu können, und dies macht uns Ihre Freundschaft zum Bedürfnis. Ihrer Thalia sehe ich mit Verlangen entgegen, aber es sollte mir weh tun, wenn Sie dadurch von dem abgehalten würden, was Ihre eigentliche Bestimmung zu sein scheint. Alles, was die Geschichte in Charakteren und Situationen Großes liefert und Shakespeare noch nicht erschöpft hat, wartet auf Ihren Pinsel. Dies ist gleichsam bestellte Arbeit. Wenn Sie hiervon von Zeit zu Zeit etwas liefern, dann mögen Sie übrigens im Genuß Ihrer eigenen Ideen schwelgen, mögen Ihrem Geist und Herzen Luft machen, – und Menschen, die Sie zu fassen vermögen, werden Sie auch für die Früchte Ihrer Erholungsstunden segnen, während daß Sie durch größere Werte, wie man sie von Ihnen zu erwarten berechtigt ist, zugleich die Forderungen Ihres Zeitalters und Ihres Vaterlandes befriedigen. Leben Sie wohl. Unser gemeinschaftlicher Wunsch ist, Sie glücklich zu wissen. Möchten wir doch dadurch etwas dazu beitragen können, daß wir uns näher an Sie anschließen! Der Ihrige Körner . * Schiller: (Mannheim, den 10. Februar 1785.) Unterdessen, daß die halbe Stadt Mannheim sich im Schauspielhaus zusammendrängt, einem Auto da Fé über Natur und Dichtkunst – einer großen Opera – beizuwohnen und sich an den Verzuckungen dieser armen Delinquentinnen zu weiden, fliege ich zu Ihnen, meine Teuersten, und weiß, daß ich in diesem Augenblick der Glücklichere bin. Jetzt erst fange ich an, meine Phantasie, die unruhige Vagabundin, wieder liebzugewinnen, die mich aus dem traurigen Einerlei meines hiesigen Aufenthalts so freundschaftlich weg und zu Ihnen führt. Es ist kein Opfer, das ich Ihnen bringe, wenn die Erinnerung an Sie meinen ganzen Horizont um mich her zernichtet – es ist wirklicher Eigennutz, meine süßeste Erholung von meiner jetzigen freudenlosen Existenz, daß meine Seele um Sie schweben darf ... Dieser Eingang, fürchte ich, wird einer Schwärmerei gleicher sehen als meiner wahren Empfindung, und doch ist er ganz, ganz Stimmung meines Gefühls. Für Sie, meine Besten, kann ich schlechterdings keine Schminke auftragen, diese armselige Zuflucht eines kalten Herzens kenne ich nicht. Seit Ihren letzten Briefen hat mich der Gedanke nicht mehr verlassen wollen: »Diese Menschen gehören dir, diesen Menschen gehörst du.« Urteilen Sie deswegen von meiner Freundschaft nicht zweideutiger, weil sie vielleicht die Miene der Übereilung trägt. Gewissen Menschen hat die Natur die langweilige Umzäunung der Mode niedergerissen. Edlere Seelen hängen an zarten Seilen zusammen, die nicht selten unzertrennlich und ewig halten. Große Tonkünstler kennen sich oft an den ersten Akkorden, große Maler an dem nachlässigsten Pinselstrich – edle Menschen sehr oft an einer einzigen Aufwallung. Doch vernünfteln möchte ich über meine Empfindungen nicht gern. Ihre Briefe – und wir waren Freunde. Für Sie spricht Ihr erster freiwilliger Schritt, und dann Ihre edle Toleranz gegen mein Schweigen – für mich spreche, wenn Sie wollen, Karl Moor an der Donau. Wäre dann aber auch das noch zu wenig, so könnten wir unsere fünf Köpfe zu Lavater tragen. Wenn Sie mit einem Menschen vorlieb nehmen wollen, der große Dinge im Herzen herumgetragen und kleine getan hat; der bis jetzt nur aus seinen Torheiten schließen kann, daß die Natur ein eigenes Projekt mit ihm vorhatte; der in seiner Liebe schrecklich viel fordert und bis hierher noch nicht einmal weiß, wie viel er leisten kann; der aber etwas anderes mehr lieben kann als sich selbst, und keinen nagenderen Kummer hat, als daß er das so wenig ist, was er so gern sein möchte – wenn Ihnen ein Mensch wie dieser lieb und teuer werden kann, so ist unsere Freundschaft ewig, denn ich bin dieser Mensch. Vielleicht, daß Sie Schillern noch ebenso gut sind wie heute, wenn Ihre Achtung für den Dichter schon längst widerlegt sein wird. Werden Sie nach diesem Geständnis vorbereitet sein, ein Zweites zu hören? O meine Besten, Ihre freiwillig mir entgegenkommende Liebe hat einen merkwürdigen Einfluß auf die wirkliche Lage meines Herzens gehabt. Ich habe einen so unglücklichen Hang zum Vergrößern, daß oft geringe Veranlassungen meine Hoffnung schwindelnd fortreihen, daß oft der kleinste Umstand mir ein Samenkorn von etwas Unendlichem wird. Dieses Nämliche fängt mir an mit Ihrer Freundschaft zu begegnen. Ihre liebevollen Geständnisse trafen mich in einer Epoche, wo ich das Bedürfnis eines Freundes lebhafter – – – – – – – – – – – – – 22. Februar. als jemals fühlte. (Hier bin ich neulich durch einen unvermuteten Besuch unterbrochen worden, und diese zwölf Tage ist eine Revolution mit mir und in mir vorgegangen, die dem gegenwärtigen Briefe mehr Wichtigkeit gibt, als ich mir habe träumen lassen – die Epoche in meinem Leben macht.) Ich kann nicht mehr in Mannheim bleiben. In einer unnennbaren Bedrängnis meines Herzens schreibe ich Ihnen, meine Besten. Ich kann nicht mehr hier bleiben. Zwölf Tage habe ich's in meinem Herzen herumgetragen wie den Entschluß, aus der Welt zu gehen. Menschen, Verhältnisse, Erdreich und Himmel sind mir zuwider. Ich habe keine Seele hier, keine einzige, die die Leere meines Herzens füllte, keine Freundin, keinen Freund; und was mir vielleicht noch teuer sein könnte, davon scheiden mich Konvenienz und Situationen. [Frau von Kalb.] – – – Mit dem Theater hab' ich meinen Kontrakt aufgehoben; also die ökonomische Rücksicht meines hiesigen Aufenthalts bindet mich nicht mehr. Außerdem verlangt es meine gegenwärtige Konnexion mit dem guten Herzog von Weimar, daß ich selbst dahin gehe und persönlich für mich negotiiere, so armselig ich mich auch sonst bei solcherlei Geschäften benehme. Aber vor allem anderen lassen Sie mich's frei heraussagen, meine Teuersten, und lächeln Sie auch meinetwegen über meine Schwächen – ich muß Leipzig und Sie besuchen. O meine Seele dürstet nach neuer Nahrung – nach bessern Menschen – nach Freundschaft, Anhänglichkeit und Liebe . Ich muß zu Ihnen, muß in Ihrem nähern Umgang, in der innigsten Verkettung mit Ihnen mein eignes Herz wieder genießen lernen und mein ganzes Dasein in einen lebendigeren Schwung bringen. Meine poetische Ader stockt, wie mein Herz für meine bisherigen Zirkel vertrocknete. Sie müssen sie wieder erwärmen. Bei ihnen will ich, werd' ich alles doppelt, dreifach wieder sein, was ich ehemals gewesen bin, und mehr als das alles, o meine Besten, ich werde glücklich sein. Ich war's noch nie. Weinen Sie um mich, daß ich ein solches Geständnis tun muß. Ich war noch nicht glücklich, denn Ruhm und Bewunderung und die ganze übrige Begleitung der Schriftstellerei wägen auch nicht einen Moment auf, den Freundschaft und Liebe bereiten – das Herz darbt dabei. Werden Sie mich wohl aufnehmen? Sehen Sie – ich muß es Ihnen gerade heraussagen, ich habe zu Mannheim schon feierlich aufgekündigt und mich unwiderruflich erklärt, daß ich in 3 bis 4 Wochen abreise, nach Leipzig zu gehen. Etwas Großes, etwas unaussprechlich Angenehmes muß mir da aufgehoben sein; denn der Gedanke an meine Abreise macht mir Mannheim zu einem Kerker, und der hiesige Horizont liegt schwer und drückend auf mir, wie das Bewußtsein eines Mordes – Leipzig erscheint meinen Träumen und Ahndungen wie der rosigte Morgen jenseits den waldigten Hügeln. In meinem Leben erinnere ich mich keiner so innigen prophetischen Gewißheit, wie diese ist, daß ich in Leipzig glücklich sein werde. Ich traue auf diese sonderbare Ahndung, so wenig ich sonst auf Visionen halte. Etwas Freudiges wartet auf mich – doch warum Ahndung? Ich weiß ja, was auf mich wartet und wen ich da finde! Ich sollte Ihnen so unendlich viel sagen, das Ihnen einen Aufschluß über den Paroxysmus von Freude geben könnte, der mich bei dieser Aussicht befällt. Bis hieher haben Schicksale meine Entwürfe gehemmt. Mein Herz und meine Musen mußten zu gleicher Zeit der Notwendigkeit unterliegen. Es braucht nichts als eine solche Revolution meines Schicksals, daß ich ein ganz anderer Mensch – daß ich anfange , Dichter zu werden. Den Don Carlos, von dem Sie den l. Aufzug in der Thalia finden werden, bringe ich – in meinem Kopfe nämlich – zu Ihnen mit, in Ihrem Zirkel will ich froher und inniger in meine Laute greifen. Der magische Nebel, in den das Gerücht gewöhnlich Schriftsteller einhüllt – Ihre glänzenden Ideale von mir, werden freilich ganz erstaunlich durch meine wirkliche Erscheinung verlieren. Sie werden einen ganz erbärmlichen Wundermann finden; aber gut bleiben Sie mir gewiß. Innige Freundschaft, Zusammenschmelzung aller Gefühle, gegenseitige Verehrung und Liebe, Verwechselung und gänzlicher Umtausch des persönlichen Interesses sollen unser Beieinandersein zu einem Eingriff in Elysium machen. Ich würde unglücklich sein, wenn meine reizende Hoffnung nicht eine ähnliche in Ihnen entflammte, wenn hier unsre Empfindungen nicht ebenso harmonisch zusammenflößen, als sie es sonst zu tun schienen. Ich bin fest entschlossen, wenn die Umstände mich nur entfernt begünstigen, Leipzig zum Ziel meiner Existenz, zum beständigen Ort meines Aufenthalts zu machen. Ich hoffe, daß ich das zustande bringen kann; doch das weitere ist für diesen Brief zu weitläufig, – es sei auf mündliche Erklärungen aufgespart. Hinter die rätselhafte Decke der Zukunft kann der Mensch ohnehin nicht sehen. Ein Moment kann meinen jetzigen Entwürfen ja eine ganz besondere – glückliche – Richtung geben. »Gesegnet sei der Zufall (sagt Ferdinand v. Walther), er hat größere Taten getan als die klügelnde Vernunft, und wird besser bestehen an jenem Tag als der Witz aller Weisen.« – Alle schriftlichen Verbindungen, alle Träume der Phantasie – so ausschweifend sie oft sein mögen, sind doch immer nur bestandloses Schattenspiel gegen das Angesicht zu Angesicht . Ich fühle, wie teuer Sie mir jetzt schon sind, aber ich weiß gewiß, daß dieses warme Gefühl für Sie durch unsere persönlichen Erkennungen und Berührungen unendlich entflammt werden wird. Ich habe unter den hiesigen Mädchen eine Minna und Dora gesucht, aber unser hiesiger Himmelsstrich versteht sich nicht auf solche Gesichter. Ich weiß nicht, was Sie dazu sagen werden – aber ich gestehe Ihnen, Ihre Bildnisse waren mir nicht neu , und doch schwöre ich Ihnen, daß ich mich auf kein ähnliches besinne – – ich würde der Eitelkeit nicht haben widerstehen können, Ihnen meine Zeichnung zu schicken, aber die größere Eitelkeit, daß vielleicht Dora mich zeichnen werde, hat mich zurückgehalten. Um's Himmels willen aber beurteilen Sie mich nicht nach einem Kupferstich, den man kürzlich von mir in die Welt gesetzt hat, – sonst können Sie zwar die Räuber , aber den Schiller nicht mehr begreifen; denn jener Kupferstich ist finster wie die Ewigkeit, und der Kupferstecher hat mir fünfzehn Jahre mehr auf die Rechnung gesetzt, als ich mich erinnere gelebt zu haben. – Die Brieftasche von Minna habe ich neulich in Darmstadt eingeweiht, den l. Akt des Carlos, den ich bei Hofe vorlas, darin aufzubewahren, und eine unvergleichliche Fürstin, die Frau Erbprinzessin, hat sie bewundert. Der Umstand ist Kleinigkeit; aber Dingen, worauf mein Herz einen Wert setzt, kann nichts so Geringes begegnen, das nicht merkwürdig für mich wäre. So viel ich Ihrer Geduld auch durch diesen kolossalischen Brief zumute, so muß ich doch noch einmal auf das Vorige zurückkommen. Also es ist ausgemacht, daß ich in 3 bis 4 Wochen Mannheim verlasse. Ich gehe geradewegs nach Leipzig und (aus einigen hauptsächlichen Gründen) erst von da aus nach Weimar. Urteilen Sie nun, wie unerträglich mir die Stunden sein werden, die mich bis dahin noch zu Mannheim gefangen halten. Zum großen Glücke läßt mich die rheinische Thalia nicht zu Atem kommen. Unzählige Briefe liegen mir zur Beantwortung da, aber ich habe alle Laune verloren, bis ich in Leipzig bin – zuverlässig ist das Epoche meines Lebens. Wie unaussprechlich viele Seligkeiten verspreche ich mir bei Ihnen, und wie sehr soll es mich beschäftigen, Ihrer Liebe, Ihrer Freundschaft und womöglich Ihres Enthusiasmus für mich wert zu bleiben. Schreiben Sie mir doch bald; nehmen Sie mich nicht zum Muster in unsern Korrespondenzen. Sobald als Sie entschlossen sind, mich aufzunehmen (oder abzuweisen?) – schreiben Sie mir. Ich bin immer der gewinnende Teil, weil ein Brief mir vierfach bezahlt wird; aber bei Ihnen will ich nicht gewinnen, darum mußte dieser Brief viermal so groß sein. Auf einige andere Artikel schreibe ich morgen ganz gewiß an Hubern. Leben Sie recht wohl, ewig geliebt von Ihrem Schiller . * Körner: (Dresden, 3. März 1785.) So haben sich denn also unsere Seelen trotz aller Entfernung gefunden – wir sind Freunde – und bald wird der erste Blick und Händedruck den Bund unserer Herzen versiegeln. – Arbeiten, die keinen Aufschub leiden, hindern mich, auf Ihren herrlichen Brief so viel zu antworten, als ich wollte, aber aufschieben konnte ich meine Antwort deswegen nicht. Sie müssen so bald als möglich auch von mir wissen, wie sehr ich mich nach dem Augenblicke sehne, da wir Sie mit offenen Armen empfangen werden. – Auch ich kenne den Durst nach Sympathie aus Erfahrung. Sie ahnen, daß der Ihrige bei uns gestillt werden wird, und wir sind stolz genug, zu glauben, daß diese Ahnung Sie nicht täuscht. Jetzt, da Ihre Freundschaft an allem teilnimmt, was uns betrifft, noch etwas von dem, was wir waren – und sind . Ich liebte Minna vier Jahre lang, ohne es ihr und mir selbst zu gestehen. Jetzt ist es drei Jahre, daß ich mich ihr entdeckte. Wir kämpften seit dieser Zeit mit Schwierigkeiten, die fast unüberwindlich schienen – hatten des Kummers viel – waren genötigt, uns zu trennen, um uns unserem Ziele zu nähern. – Jetzt entwickelt sich alles zu unserem Vorteil – der Zeitpunkt, der uns auf immer vereinigt, ist nicht mehr entfernt – eine selige Zukunft wartet unser – Dora und Huber freuen sich mit uns, daß wir am Ziele sind. Dies ist die Stimmung, in der Sie uns finden werden – und nun bleiben Sie noch zurück, wenn Sie können! Von ganzem Herzen der Ihrige Körner . Am 1. Juli 1785 lernten sich die Freunde persönlich kennen. Und ihre Freundschaft – eine tätige Freundschaft im Sinne Emersons – dauerte nun bis in den Tod. * Körner: (Dresden, 2. Mai 1785.) In einer unaussprechlich seligen Stimmung setze ich mich hin, an meinen Schiller zu schreiben. Seit meinem Hiersein ist es die erste ruhige Stunde, in der ich mich ganz dem süßen Gedanken an meine jetzige Lage überlassen habe. Ein Brief von meiner Minna, der eben ankam, hat mein Gefühl noch erhöht. Jetzt fange ich zu leben an. Bisher habe ich nur vegetiert und zuweilen von künftigem Leben geträumt . Mich verlangt nach interessanter Beschäftigung. Auf dem Punkte, wo ich stehe, wird mir der Genuß der größten Seligkeit verbittert, wenn ich mir bewußt bin, Zeit verschwendet zu haben, nicht etwas zu tun, wodurch man einen Teil seiner Schulden dem Glücke abträgt. Und da tut mir's so wohl, daß ich mich gegen einen Freund ergießen kann, der mich so ganz versteht, der mit echter Wärme an jeder begeisternden Idee teilnimmt, der mit mir empfindet, schwärmt, Pläne entwirft und Ideen zergliedert, sowie es der Gegenstand erfordert. Um ganz glücklich , das heißt beim Genuß der angenehmsten Empfindungen mit mir selbst zufrieden zu sein, muß ich so viel Gutes um mich her gewirkt haben, als ich durch meine Kräfte und in meinen Verhältnissen zu wirken fähig bin. Und das werde ich, wenn ich meinen Schiller an meiner Seite habe. Einer wird den andern anfeuern, einer sich vor dem anderen schämen, wenn er im Streben nach dem höchsten Ideale erschlaffen sollte. Wir gehen auf verschiedenen Bahnen, aber einer sieht mit Freuden die Fortschritte des anderen. Meine ersten jugendlichen Pläne gingen auf schriftstellerische Tätigkeit. Im folgenden haben wir nun den echten Körner: vielseitig gebildet, vieles anfassend, und doch nur als Charakter, nicht als Schriftsteller wirklich einheitlich und schöpferisch: ein prachtvoll mitarbeitender Freund von bedeutendem und gesundem Urteil. Er war drei Jahre älter als Schiller. Sein Sohn war bekanntlich unser feuriger Theodor Körner (geb. 1787) – ein in die Wirklichkeit übersetzter Max Piccolomini. L. Aber immer war mein Hang, mich dahin zu stellen, wo es gerade an Arbeitern fehlte. Die interessanteste Beschäftigung hatte für mich nichts Anziehendes mehr, sobald mir eine dringendere aufstieß. So flog ich von einer Gattung Wissenschaften zur anderen. Meine Schullehrer hatten mir eine große Verehrung für alte Literatur eingeprägt – ich beschloß, Autoren herauszugeben. Garves und Platners Vorträge erweckten in mir eine Neigung zur Spekulation, und: vitam impendere vero wurde mein Wahlspruch. Um diese Zeit mußte ich mich für eine der drei Fakultätswissenschaften bestimmen. Theologie würde mich gereizt haben, wenn nicht die Philosophie schon Zweifel in mir erregt hätte, wodurch mir die Sklaverei eines symbolischen Lehrbegriffs unerträglich geworden war. Die unangenehmen Situationen praktischer Ärzte verleideten mir die Medizin. Jurisprudenz blieb allein übrig. Ich wählte sie als Brotstudium und angebliche Beschäftigung, aber mir ekelte vor dem buntscheckigen Gewebe willkürlicher Sätze, die trotz ihrer Widersinnigkeit dem Gedächtnis eingeprägt werden mußten. Ich suchte philosophische Behandlung rechtlicher Gegenstände, Entwicklung allgemeiner Begriffe, pragmatische Geschichte von den Ursachen und Folgen einzelner Gesetze – und fand nirgends Befriedigung, als allenfalls bei Pütter im Staatsrechte; einem Fache, das ich gerade am wenigsten nach meinem Geschmacks fand, weil ich mich durch zwanzig armselige Streitfragen durchwinden mußte, um zu einer fruchtbaren Idee zu gelangen. Fruchtbarkeit war es auch, was ich in einigen Teilen der Philosophie vermißte, und ich warf mich in das Studium der Natur nebst Mathematik und ihren Anwendungen auf die Bedürfnisse und Gewerbe der Menschen. Es war etwas Herrliches in dem Gedanken, das Feld dieser Wissenschaften zu erweitern, um dadurch die Macht des Menschen über die ihn umgebenden Wesen zu vergrößern und ihm neue Quellen von Glückseligkeit zu eröffnen. Dies bestimmte besonders meine Beschäftigungen in Göttingen in den Jahren 76 und 77. Ich kam nach Leipzig zurück, sollte Doktor werden, und geriet dadurch auf einige philosophische Untersuchungen über das Naturrecht, die mich ziemlich lange interessierten. Nun kam die Gelegenheit, zu reisen. Sie kam plötzlich, und ich reiste unvorbereitet ohne besonderen Zweck. Ich hatte mir das Reisen überhaupt als etwas Wünschenswertes gedacht, und anfangs war mein Gedanke, so viel Vorteil davon zu ziehen wie möglich. Aber dazu war ich zu sehr Neuling in der Welt. Ich verweilte zu sehr bei einzelnen Gegenständen, die ich noch nicht gesehen und gehört hatte, und überließ mich zu sehr dabei meinem Hange zum Nachdenken, um einen großen Vorrat von Erfahrungen und Kenntnissen einzusammeln. Ich brütete oft noch über Bemerkungen, die die Ereignisse des vergangenen Tages veranlaßt hatten, wenn ich auf einen neuen Gegenstand meine Aufmerksamkeit richten sollte. So geschah es, daß ich zwar kein reichhaltiges Tagebuch von meinen Reisen mitbrachte, aber meinen Beobachtungsgeist hatte ich geschärft, meinen Geschmack mehr gebildet und besonders meine Begriffe über menschliche Fertigkeiten erweitert. – Ich werde soeben gestört – nächstens mehr! Der Ihrige Körner . * Schiller: (Leipzig, den 7. Mai 85.) Könnte meine herzliche Achtung für Sie, mein Bester, noch viel höhere Grade zählen, so hätte sie zuverlässig durch Ihren letzten Brief den höchsten erreicht. Ihr edles Herz lernte ich frühzeitig lieben, Ihren ausdauernden Mut, Ihre Entschlossenheit habe ich längst bewundert, jetzt aber verehre ich Ihren Geist. Ja, liebster Freund, verehren muß ich den Mann, der in einer Epoche, wo gewöhnlich die Glücklichen sich dem Genuß ihrer Wonne mit süßer, verführerischer Erschlappung dahingeben und den besten Teil ihres Daseins in einem berauschenden Traume verschwelgen, der in einer solchen Periode nach Taten dürstet, und – erlauben Sie mir Ihre eigenen Worte – darauf denkt, dem Glücke einen Teil seiner Schuld abzutragen. Es freut Sie, Teuerster, daß Sie an mir den Menschen fanden, dem sich so etwas anvertrauen und mitteilen läßt, und mich könnt' es stolz machen, daß Sie mich wert halten, die schönste und größte Seite Ihres Geistes mir zuzusprechen. Gewöhnlich hört die Anstrengung auf, wenn der Mensch am längsterflehten Ziele seiner Glückseligkeit landet, der Ehrgeiz und die Tatenbegierde ziehen sonst ihre Segel ein, wenn sie dem Hafen sich nähern – Sie, mein Wertester, spannen jetzt neuere und kühnere aus und fangen an, wo die Leidenschaften und Wünsche der anderen alltäglichen Menschen ein mutloses Anker werfen. Glück zu also, Glück zu dem lieben Wanderer, der mich auf meiner romantischen Reise zur Wahrheit, zum Ruhme, zur Glückseligkeit so brüderlich und treulich begleiten will. Ich fühl' es jetzt an uns wirklich gemacht, was ich als Dichter nur ahndete. Verbrüderung der Geister ist der unfehlbarste Schlüssel zur Weisheit. Einzeln können wir nichts. Wenn auch der verwegene Flug unseres Denkens uns bis in die unbefahrensten, fernsten Himmelsstriche der Wahrheit geführt hat, so erschrecken wir mitten in dem entdeckten Klima über uns selbst und unsere tote Einsamkeit: »Fremdlinge in der ätherischen Zone, irren wir einsam umher und sehen mit tränenden Augen nach unserer nordischen Heimat zurück«. Dies lag aufgedeckt vor dem großen Meister der Natur, darum knüpfte er die denkenden Wesen durch die allmächtige Magnetkraft der Geselligkeit aneinander. Und was existiert im unermeßlichen Reich der Wahrheit, worüber Menschen wie wir, verbrüdert wie wir, nicht endlich Meister werden sollten? Freuen Sie sich, teurer Freund, daß unsere Freundschaft das Glück hatte, da anzufangen, wo die gewöhnlichen Bande unter den Menschen zerreißen. Fürchten Sie von nun an nichts mehr für ihre unsterbliche Dauer. Ihre Materialien sind die Grundtriebe der menschlichen Seele. Ihr Terrain ist die Ewigkeit und ihr non plus ultra die Gottheit. Es würde mich traurig machen, Bester, wenn Sie in einer einzigen Anwandlung von Nüchternheit – in einer einzigen klügelnden Minute Ihres Lebens das, was ich jetzt gesagt habe, für Schwärmerei nehmen wollten. Es ist keine Schwärmerei – oder Schwärmerei ist wenigstens ein vorausgenossener Paroxysmus unsrer künftigen Größe, und ich vertausche einen solchen Augenblick für den höchsten Triumph der kalten Vernunft nicht. Aber dieser Brief ist auch nur für uns und die Verwandten unserer Empfindung. Danken Sie dem Himmel für das beste Geschenk, das er Ihnen verleihen konnte, für dies glückliche Talent zur Begeisterung. Dies alles ist im Keim schon der ganze Schiller, auch durch Kant nicht wesenhaft verändert. L. Das Leben von tausend Menschen ist meistens nur Zirkulation der Säfte, Einsaugung durch die Wurzel, Destillation durch die Röhren und Ausdünstung durch die Blätter; das ist heute wie gestern, beginnt in einem wärmeren Apriltage und ist mit dem nämlichen Oktober zu Ende. Ich weine über diese organische Regelmäßigkeit des größten Teils in der denkenden Schöpfung, und den preise ich selig, dem es gegeben ward, der Mechanik seiner Natur nach Gefallen mitzuspielen und das Uhrwerk empfinden zu lassen, daß ein freier Geist seine Räder treibt. Man sagt von Newton, daß bei Gelegenheit eines fallenden Apfels das ungeheure System der Attraktion in seinem Gehirn aufdämmerte. Durch wie viel tausend Labyrinthe von Schlüssen würde sich ein gewöhnlicher Geist bis zu dieser Entdeckung haben durchkriechen müssen, wo das verwegene Genie durch einen Riesensprung sich am Ziele sah. Sehen Sie, bester Freund – unsere Seele ist für etwas Höheres da, als bloß den uniformen Takt der Maschine zu halten. Tausend Menschen gehen wie Taschenuhren, die die Materie aufzieht, oder, wenn Sie wollen, ihre Empfindungen und Ideen tröpfeln hydrostatisch wie das Blut durch seine Venen und Arterien, der Körper usurpiert sich eine traurige Diktatur über die Seele; aber sie kann ihre Rechte reklamieren, und das sind dann die Momente des Genius und der Begeisterung. Das Bisherige, Freund, sollte keine Ausschweifung, keine Digression sein. Wir wollen durch eine dreifache Verbrüderung unsere Bahnen gehen, aber Enthusiasmus ist ja der erste Gewinn von unserem Bunde. Ich wollte Ihnen beweisen, wie viel Enthusiasmus bewirken kann – also wissen Sie nun auch, was unser Bündnis bewirken wird. Über den Bau unserer Freundschaft habe ich tausend Ideen, deren ich entweder jetzt schon in Briefen oder bei unserem persönlichen Umgang in Dresden los zu werden gedenke. Kalte Philosophie muß die Gesetzgeberin unserer Freundschaft sein, aber ein warmes Herz und ein warmes Blut muß sie formen . Doch es ist unmöglich, daß ich Ihnen jetzt schon die unzähligen mir zuströmenden Gedanken darüber preisgeben kann, die nun erst in meinem Kopfe sich läutern und reinigen müssen. So viel ist gewiß, daß ich von Euch aufgefordert sein möchte, den Riß zu dem schönen, stolzen Gebäude einer Freundschaft zu machen, die vielleicht ohne Beispiel ist. Ihre Wanderung durch die Wissenschaften, liebster Freund, die Sie mir so lebhaft beschrieben haben, darf Sie niemals gereuen. Es ist immerhin von entschiedenem Nutzen, wenn man in einem Felde zu Hause, und in den übrigen kein ganzer Fremdling ist. Sie haben Ihren Geist in verschiedenen Sphären des Denkens geübt und laufen nicht mehr Gefahr, sich pedantisch in Ihr Hauptfach hineinzugraben. Meine jetzige Beschäftigung zu Gohlis wird die Thalia und der Carlos sein. Freilich, liebster Freund, wird das Vergnügen meiner jetzigen Existenz durch den perspektivischen Anblick des höhern Vergnügens, das mich in unserm engern Zirkel zu Dresden erwartet, um ein Großes gestört. Sie wissen ja, Lieber – es ist ja die allgemeine Quelle der menschlichen Klagen, daß ihnen die Hirngespinste der Zukunft den Genuß des Augenblicks rauben. Sobald wir beisammen sind, schneide ich meine Zeit in drei Teile. Einer gehört dem Dichter, der zweite dem Arzt, der dritte dem Menschen. Das ist freilich auch nur so eine Papierdistinktion, doch Sie verstehen mich ja. Unsere lieben Mädchen sind nunmehr in Gohlis, und was mit Hubern indessen geschehen ist, werden Sie ja wohl von ihm selbst schon erfahren haben. Von Mannheim habe ich angenehme Nachrichten erhalten. Schreiben Sie mir bald wieder, liebster Freund, und lassen Sie uns wenigstens durch Briefe unsre jetzige Trennung hintergehen. Schiller. * Körner: (Dresden, 8. Mai 1785.) Noch einen Nachtrag, lieber Schiller, zu meinem letzten Briefe. An einen Freund, der mich noch nicht ganz kennt, schreibe ich gern von mir selbst, damit er weiß, was er sich von mir zu versprechen hat, und ich des Redens darüber bei jedem einzelnen Falle überhoben sein kann. Mein Glaubensbekenntnis über Kunst habe ich noch abzulegen. Es steht nichts davon in meinem letzten Briefe. Von meiner ersten Erziehung klebte mir lange Zeit der Gedanke an: der Künstler arbeite nur für sein und anderer Menschen Vergnügen . Man beachte das nun folgende Programm des Idealismus. L. Eltern und Lehrer hatten sich so viel Mühe gegeben, den Hang zum Vergnügen bei mir zu unterdrücken, es war ihnen gelungen durch eine Art von leidenschaftlicher, mönchsartiger Frömmigkeit mich so sehr zur Resignation zu gewöhnen, daß ich über jede Stunde, die ich ohne Vorwissen und Erlaubnis meiner Vorgesetzten mit irgend einer Ergötzlichkeit zugebracht hatte, Gewissensbisse fühlte, und nie zufrieden war, als wenn ich eine beschwerliche und unangenehme Arbeit vollendet hatte. Es fehlte mir nicht an Gefühl für dichterische und musikalische Schönheiten, aber ich erlaubte mir nicht, lange bei ihrem Genuß zu verweilen. Indessen entstand frühzeitig bei mir ein Ekel vor aller Mittelmäßigkeit in Werken der Kunst. Daher der Mangel an Trieb, selbst zu arbeiten. Ich fühlte, wie viel es mich Anstrengung kosten würde, um mich einigermaßen zu befriedigen. Von Natur bin ich zur Trägheit geneigt; es bedarf einen Sporn, um mich in Tätigkeit zu setzen. Und dieser fehlte hier. Der Gedanke von Pflicht vermochte alles über mich, aber Vergnügen zu empfinden und zu wirken, war für mich kein Ziel, das ich des Ringens wert gehalten hätte. Auch in der Folge, da ich schon freier und aufgeklärter dachte, hatte der Hang zu vielumfassender Wirksamkeit, verbunden mit dem Mangel an richtigen Begriffen über die erhabene Bestimmung der Kunst, mich bloß auf solche Beschäftigungen eingeschränkt, die ich für unentbehrliche hielt, um die dringendsten Bedürfnisse der Menschheit zu befriedigen. Nur spät entstand bei mir der Gedanke: daß Kunst nichts anderes ist als das Mittel, wodurch eine Seele besserer Art sich anderen versinnlicht , sie zu sich emporhebt, den Keim des Großen und Guten in ihnen erweckt, kurz alles veredelt , was sich ihr nähert. Daher jetzt meine unbegrenzte Verehrung des wahren Virtuosen [hier soviel wie Genie. L.] in jeder Art. Jetzt fehlt mir's nicht an Lust zu eigener Arbeit von dieser Gattung, aber an Hoffnung des Erfolges; nicht an leisen Ahnungen glücklicher Ideen, aber an Vermögen, sie darzustellen. Jeder große Künstler muß mit unumschränkter Macht über den Stoff herrschen, aus dem er seine Welten schafft, oder wodurch sich sein Genius verkörpert . Er spricht, so geschieht's, er gebeut, so steht es da. Wehe dem, der noch mit widerspenstigen Elementen zu kämpfen hat, wenn ihn eine begeisternde Idee durchglüht! – Hätte ich mich frühe der Musik ganz gewidmet, so würde ich etwas darin geleistet haben. Jetzt fühle ich zu sehr, was mir noch vom Studium darin fehlt, um das Ideal zu erreichen, wonach ich streben würde. Und nachholen läßt sich dies nicht, wenigstens nicht beiläufig. Wenn ich nur dahin noch komme, anderen einige noch unbetretene Bahnen zu öffnen, wenn es auch für mich selbst zu spät ist, sie voranzugehen! – Ruhig zu sein, am Ziele seiner Wünsche, Schiller neben sich – wer weiß, was dies alles noch aus mir machen kann! Wenigstens muß Schiller nicht zu sehr über mich emporragen, wenn uns ganz wohl beieinander sein soll. Körner. * (Dresden, 14. Mai 1785.) Den wärmsten, brüderlichsten Händedruck für Ihren letzten, seelenvollen Brief, lieber Schiller! Fürchten Sie nicht meinen Hang zum Vernünfteln, er wird mich nie abhalten, mich dem lebhaftesten Gefühl ohne Zurückhaltung zu überlassen. Kalte Vernunft soll mir nie meine edelsten Freuden zerstören. Sie soll ihnen frönen vielmehr, mich gegen die Einwendungen einer schwindsüchtigen Klügelei dabei beruhigen. Licht und Wärme ist das höchste Ideal der Menschheit. Ich weiß wohl, daß eins das andere oft aufhebt. Aber beides im möglichsten Gleichgewicht zu halten, ist der vollkommenste Zustand, ein würdiges Ziel unserer Bestrebungen. Das Sie in unseren Briefen ist mir zuwider. Wir sind Brüder durch Wahl, mehr, als wir es durch Geburt sein könnten. – Ich wünsche Dir Glück, Freund, daß Deine Tätigkeit ein bestimmtes Ziel hat. Mir fehlt's noch daran. Ich habe allerhand Pläne, aber überall muß ich erst sammeln, und dazu finde ich mich jetzt nicht aufgelegt. Verarbeiten möchte ich gern, was andere gesammelt hätten. Ich wüßte Beschäftigung für mehr als einen guten Kopf, der mir in die Hand arbeiten könnte. Aber ein guter Kopf läßt sich nicht so zum Handlanger anstellen, und ein anderer ist nicht zu brauchen. Ich werde also wohl selbst an die Arbeit müssen, entweder zur Geschichte der ausgearteten Kultur oder zur Simplifizierung des Jurisprudenz. Beides liegt mir sehr am Herzen. Auch Staatswissenschaftstheorie möchte ich gern simplifizieren. Je einfacher die Theorie und je leichter zu übersehen, desto mehr bleibt für den künftigen Geschäftsmann Zeit übrig, andere Seelenkräfte auszubilden, andere Kenntnisse einzusammeln, die in seiner Sphäre von Wichtigkeit sind. – Freilich habe ich noch einige ziemlich reife Ideen im Kopfe, die ich gern gleich jetzt in irgend einem Gewande dem Publikum vorlegen möchte, als: über die Mittel gegen Ausartung, über Künstlerverdienst usw. Letzteres könnte einen Aufsatz in die Thalia geben. Nur Schreiben wird mir so schwer. Ich habe noch gar nicht die Sprache genug in der Gewalt. Über dem Suchen nach dem Ausdruck, über dem Feilen an den Perioden verliere ich oft den Gedanken. Was soll ich tun, um diesen Mangel zu ersetzen? Ist es wirklich Übersetzen, was dazu hilft, so will ich mich gern dazu entschließen. Lebe wohl, ich werde abgehalten. - Körner * Damit schließen wir diese Proben einer tätigen Freundschaft zwischen zwei geistig hochgestimmten Männern. Diese Briefwechsel (Schiller – Körner, Schiller – Goethe, Schiller – Lotte, Goethe – Frau von Stein usw.) sollten zum Grundbestand reiferer Bildung gehören. Sie sind in billigsten Ausgaben jetzt überall zu haben; ebenso wie Eckermanns Gespräche mit Goethe. Man mache sich keine Last daraus; man kann ja nach Lust und Liebe lesen; denn der Zweck ist, sich von diesem Geist anhauchen und anstecken zu lassen, zur Ausgestaltung des eigenen Wesens. Tagebuch Ins Enge bringen … Wundervoll bildlicher Ausdruck Goethes für die geistige Bewältigung einer breit auseinanderliegenden oder verwickelten Sache. Ein Bildchen beschauend, das eine abendlich beleuchtete Birkenlandschaft darstellt, ging es mir auf: hier sind Hunderte von Quadratmetern auf wenige Zentimeter zusammengezogen. Und alles ist entzückend nahe. Was tut denn unser kleines Auge andres mit der großen Landschaft? Es trägt sie herein »ins Enge«; es verwandelt sie. So ist es auch mit Büchern. In einem faßlichen Bande, jedem zugänglich, ist ein Menschenleben ins Enge gebracht. Das Buch ist ein kleiner Schlüssel zu einer großen Welt; seine magischen Zeichen öffnen ein Sesam und setzen uns mit bedeutenden Geistern in Verbindung. Man kann jederzeit die Welt des Geschwätzes verlassen und in die Welt der Gespräche eintreten, wenn man nur den Schlüssel zu handhaben weiß. Schillers Werke , Cottas schöne Jubiläumsausgabe, regen diese Gedanken an. Schiller wirkt in so klarem Druck und in so festlicher Ausstattung geradezu neu, besonders da die Gedichte nicht mit den unreifen Anthologie-Gesängen einsetzen, sondern nach Schillers unausgeführtem Entwurf geordnet sind. Fachmänner haben, wesentliche Einleitungen und unentbehrliche Anmerkungen beigesteuert. Zwei Mark für einen so ansehnlichen Leinwandband ist nicht viel; allerdings sind es 16 Bände. Beschäftigung mit Schillers Werten ist denn doch das Beste, was uns das übrigens sehr anregende Schillerjahr hinterlassen hat. * Kritik der Kritik? »Betrachtet man die Geschichte der Literatur genau, so findet man, daß diejenigen, die durch Schriften zu Belehrung und Vergnügen wirksam zu sein sich vornehmen, sich durchaus in einer üblen Lage befinden; denn es fehlt ihnen niemals an Gegnern, welche das Vergangene, was sie getan, auszulöschen, den Effekt des Augenblicks zu schwächen oder abzulenken und die Wirkung in die Zukunft zu verkümmern suchen. Daß dawider kein Gegenmittel sei, davon überzeugen uns ältere und neuere Kontroversen aller Art; denn es fehlt einem solchen Kampfe grade an allem: an ritterlichem Schrankenraum, an Kreiswärteln und Kampfrichtern; und in jedem Schaukreise wirft sich, wie vor alters im Zirkus, die ungestüme Menge parteiisch auf die Seite der Grünen oder Blauen; die größte Masse beherrscht den Augenblick, und ein kunstreicher Wettkampf erregt Aufstand, Erbitterung und endigt gewaltsam« (Goethe). Aber Goethe gibt nun dem »sittlichen Menschen« ein »Hausmittel« an, mit einem gleichsam »verklärten Egoismus« des Feindes Herr zu werden: er zählt sich möglichst seines Gegners – in diesem Falle Kotzebues – Leistungen und Tüchtigkeiten auf. Und er kommt zu dem Ergebnis: ... »Die Existenz desjenigen, der mich mit Abneigung und Haß verfolgt, als ein notwendiges, und zwar günstiges Ingrediens zu der meinigen zu betrachten.« Und wenn er sich auch nicht aufschwingt zum »Liebet eure Feinde« – nämlich das zu erweckende Göttliche in ihnen ist damit gemeint: ein »Strahlet sie mit Kraft an!« –, so betont er doch sehr fein und wahr, »daß man einen guten Haushalter hauptsächlich daran erkenne, wenn er sich auch des Widerwärtigen vorteilhaft zu bedienen wisse«. * Das Verhältnis zu Gegnern ist gerade heutzutage sorgfältiger Erwägung wert. Ein Mensch, in dem du durch irgend eins deiner Worte oder Werke Haß und Ärger erregt hast, befindet sich gewissermaßen in einem kranken Zustand. Du kannst nun das Fieber abstellen, indem du ganz einfach dessen Ursache entfernst: prüfe, statt zu schelten, prüfe, ob er sachlich recht hat, und tue danach. Ist er aber bekanntermaßen eine verärgerte Natur, ausgestattet mit dem Blick fürs Häßliche, unfähig zur Erhebung in den Zustand ruhiger Anerkennung: so verbesserst du erst recht nichts durch Hinzugießen neuer Erbitterungen. Zwinge dich, soweit es dir möglich ist, in sachliche Unbefangenheit und tue ihm gelegentlich Gutes an; und zwar nicht aus Berechnung, denn diese Unwahrhaftigkeit würde man rasch hindurchfühlen, sondern aus Lebensweisheit und Einfühlungstalent. An vollendeter Gemeinheit freilich geht man vorüber und läßt Gassenbuben triumphieren, falls kein Büttel mit dem Stocke deine Partei übernimmt. Unser Leben ist zu kurz, unsere Arbeit zu ernst, unser Organismus zu gut dazu. In politischen Kämpfen mag es sich um Raumverdrängung handeln: aber doch wohl nicht auf den edlen und weiten Gebieten ästhetischer Kultur? Dem Feinde gegenüber ein besonnener Haushalter zu werden, dazu gehört viel Reife und Willenskraft, und wir haben noch alle zu lernen. Aber es lohnt sich, von dem Haufen der Gehässigkeiten, die der Klassen-Rassen-Massenkampf hochgetürmt hat, endlich einmal wieder abzutragen. * Mörikes Werke sind nun in billigen Ausgaben zugänglich: z. B. in Max Hesses tüchtigem Verlag für 6 M (2 Leinenbände), ausführlich biographisch eingeleitet vom Archivrat Dr. Rudolf Krauß;. Erneute Beschäftigung mit diesem goldklaren Lyriker verschafft Stunden reinsten Genusses. Wir kennen Mörikes Grenzen: »Maler Nolten« ist kein Roman und kaum Novelle, ist anfechtbar in der Technik und schwerfällig in manchen stilistischen Partien oder altväterischen Wendungen. Selbst die Meisterwerkchen »Mozart auf der Reise nach Prag« oder »Hutzelmännlein« oder die »Idylle vom Bodensee« werden etwas beeinträchtigt durch Mörikes beschauliche Neigung zu Episoden; und das hängt wieder mit seiner mangelnden Willenskraft zusammen, die keine bedeutende Haupthandlung straff durchführen kann. Aber das sind Schwächen seiner Vorzüge. Denn dieser reine und weiche Lyriker ergeht sich in so lichtflüssigen Liedern und goldreinen Plauderworten, daß man leicht wird und aller Schwere gemächlich entschwebt. Welch ein liebevoll sorgsamer Künstler! Dabei ist mir übrigens auch diesmal nicht entgangen, wie sehr er doch von Goethe abhängig ist, von Goethe, dem Sohne des Rokoko, nicht von Goethe, dem Denker. Denn Mörikes Gedankenwelt wiegt nicht schwer; dieser schwäbische Pfarrer ist, weltliterarisch betrachtet, ein Idylliker; Anakreon, Theokrit und römisch-griechische Liebeslyrik und Epigrammatik liegen seiner feinen, Auswahl haltenden Natur. Aber innerhalb dieser Grenzen ist er eine wahrhaft liebenswerte lyrische Erscheinung. * Kühnemanns »Schiller« (München, Beck) gehört zu den beachtenswertesten Gaben dieses Schillerjahres. Eugen Kühnemann deckt die innere Linie in Schillers Werdegang auf; er betrachtet den geistigen Menschen; die äußeren Ereignisse ordnet er unter. Kühnemanns Herderbiographie – zwar nicht so stoffgerecht wie Hayms zwei sachliche Bände – weist schon ähnliche Vorzüge auf, ist aber doch meinem Gefühl nach zu einseitig und ungünstig für Herder geraten. Denn dieser hatte denn doch auch, neben aller ärgerlichen Reizbarkeit und Vielschreiberei, noch in späteren Jahren eine positive Gedankenwelt; und in der Iduna-Sache war Schiller entschieden nicht im Recht, wie die seitherige Entwicklung (Grimm, Uhland, Rich. Wagner) gezeigt hat. Man tut gut daran, über Herder und die Klassiker Prof. O. Baumgartens Studien »Herders Lebenswerk« (Tübingen, Mohr) als Ergänzung nachzulesen. Aber das soll Kühnemanns Art, wie er eine Persönlichkeit biographisch anzufassen pflegt, nicht beeinträchtigen. Sein »Schiller« ist in sehr glücklichem Tone geprägt und ein wichtiges Seitenstück zu Karl Bergers umfassendem Werk. »Immer aber, auch wie wir ihm, dem Dichter, nun so viel näher kommen, bleibt dieser Jüngling (Schiller, der Dichter der Anthologie) ein einsamer Mensch, ein Einsiedler. Einem Minimum von Erfahrung gegenüber steht ein ganz gewaltiges Übergewicht lediglich aus dem Innern gestaltender Phantasie. Er lebt mit seinen Gedanken; diese prägt er hinein in das Wenige, was er vom Leben zu sehen bekommt; eine spezifisch sittliche und auf das Erhabene, Große gestimmte Selbsttätigkeit überwiegt durchaus. Das empfangene Vermögen ist gering. So weiß ein bedeutender Mensch sich zu behaupten, den man vom Leben abschließt. »In den Räubern betrat dann Schiller nach allen diesen Anläufen und steten Proben des Talentes zum erstenmal den Boden seines Reichs. Er hatte den Beruf seines Lebens gefunden. Das Werk entschied auch über sein äußeres Schicksal, da er seinetwegen die Heimat verließ und auf den gesicherten Gang einer bürgerlichen Existenz verzichtete. Hier sich treu zu bleiben – das wurde das Gesetz seines Daseins« (Kühnemann). * Vom modernen Stil Langsam arbeitet sich der moderne Stil ins Klare. Es ist zu vermuten, daß dabei das Haltbare aller Richtungen zusammenfliehen wird zu einem neuen Kollektivgeist. Es wird eine Synthese sein von geschärftem Verstand, verfeinerten Nerven, vertiefter Seele. Ruhig-reine Beobachtung der Erscheinungsform; ein seltsam verfeinertes Empfinden; eine neureligiöse Verinnerlichung – das wird voraussichtlich zu einem Ganzen zusammenwirken. Der Prozeß fing meines Erachtens im Ausland etwa mit Byron und Musset, bei uns etwa mit Hebbel und Heine an; daneben, im kleinen, Mörikes intimes Naturgefühl und etwa Stellen aus Stifter wären künstlerisch nennenswert. In Schopenhauer und Wagner charakterisierte sich dieser gärende Zeitgeist bedeutend; Zola, Ibsen, Tolstoi waren weithin wirksame Prägungen; in Nietzsche zersprang der überreizte Organismus wie eine überladene elektrische Batterie. Uns mutet nun zwar in all diesen Erscheinungen manches krankhaft und überreizt an. Aber der Organismus war eben in Umwandlungen begriffen – wie das Zeitalter der Postkutsche sich in das Zeitalter der Elektrizität und des Dampfes verwandelt hat. Überall: in Böcklins idyllischem Heroismus wie in der Konzentrierung auf das bloße Objekt, wie sie von den Naturalisten beliebt wird; in Thoma's oder der Worpsweder Naturbeseelung; in der Liedermusik von Schumann bis Wolf, oder in Griegs bizarrer Tonfolge; in Maeterlincks Silhouetten und in der romantisch-modernen Stilart Selma Lagerlöfs oder Fiona Macleods – – überall spüren wir die nämlichen seltsamen Schwingungen eines empfindlicheren Seelensystems. Und nun: wenn wir nun in diese Verfeinerung des Empfindens, Schauens und Worteprägens Gedanken- und Gemütskraft einströmten? Wenn unsre Überlieferung , ihrem Gehalte nach, herangezogen würde und in unsrer Moderne zu wirken begönne? – Dann wäre Anschluß an das große Erbe gefunden. Dann würde die ganze triebkräftige Volksseele zur Mitarbeit angeregt werden. Und das, was bis jetzt nur Literatur ist , würde zu einer Herzenssache des ganzen Volkes . Schöpferische Geheimkräfte würden befruchtet und aufgerührt; und aus tiefen Quellen würden die Erfüller aufsteigen, die der ganzen Nation das rechte Wort zu sagen haben. Denn wir alle, auch die Besten von uns, sind ja doch nur bescheidene Anreger. * Unsre Bestimmung Wir tragen alle eine Bestimmung in uns. Wir haben in unsren Tiefen die Ahnung einer ganz bestimmten Mission, die wir auf diesem Planeten zu erfüllen trachten, eines ganz bestimmten Tones, den wir in unsre Zeit zu werfen suchen. Das hält uns am Leben, wie den Sterbenden der zähe Gedanke, daß er noch den angemeldeten Freund oder Verwandten vor dem Abscheiden sprechen müsse. Ist das Wort gefunden, so wird unser Leib mühelos auseinanderfallen und den Geist entlassen. * Steins »Winckelmann« ist von einigen Lesern als etwas zu schwere Kost empfunden worden. Solche Geständnisse sind mir sehr willkommen; denn unsre Blätter wenden sich nur zu geringerem Teile an Fachliteraten (die wissen schon alles), sondern an ein innerlich mitarbeitendes Publikum von Empfindung und Denkkraft. Die ersten Seiten jener Betrachtung sind in der Tat nicht leicht zugänglich; aber die Schuld trifft zum Teil mich selber, da ich die Betrachtungen aus dem Zusammenhange gerissen und den Leser nicht vorbereitet habe. Suchen wir den Fehler einigermaßen gutzumachen und in kurze Worte zusammenzufassen, worauf es uns mit jenem Aufsatz ankam. Der Kunsthistoriker Winckelmann (geb. 1717 zu Stendal, 1768 zu Triest ermordet) ist der Wiederentdecker der Antike. Goethe hat ihm in wohldurchdachten kleinen Kapiteln ein schönes Denkmal gesetzt (1805, »Winckelmann«). Dieser wiedergeborene hellenische Heide, wie Goethe betonte, gab der deutschen Kunst, und mittelbar der deutschen Poesie, die entscheidende Richtung nach dem Süden. Er ist der Begründer des Klassizismus. Aber daß hierbei Hellas und Rom mit ihren bis damals verschütteten und unverstandenen Bildwerken gewissermaßen nur Vorwand und Beispiel sind, hat der findige Leser bereits herausgefühlt. Stein unterstreicht mit vollem Bewußtsein die rein menschliche Seite dieser Kunstauffassung: »edle Einfalt und stille Größe«. In sich selbst trug Winckelmann diesen idealen Seelenzustand, ungebrochen durch dreißig Jahre kümmerlichen Lebens; und mit Schauern des Entzückens fand er diesen angestrebten Seelenzustand verkörpert in den Kunstwerken und Dichtungen Griechenlands. Las er mehr hinein, als darin war? Das kann man niemals wissen. Ich will eine Gegenfrage stellen: Liest nicht auch der Liebende mehr in die Geliebte hinein, als in ihr ist? Tut er nicht aus eigener Flamme schöpferisch hinzu? – Gewiß tut er das. Und doch – seine Geliebte wirkt so auf ihn, weckt das alles in ihm. Also muß doch wohl ein Stück des erschauten Ideals auch wirklich in ihr sein. Die Wirkung ist überall in der Welt die Hauptsache. Was etwas »ist«, können wir Begrenzten eigentlich nie objektiv feststellen; wohl aber, wie etwas auf uns wirkt. Die griechische Kunst entzündete unsren Winckelmann bis zum Poeten und steigerte das Maß hoher Empfindung, das er bereits in sich trug. Er stand ihr in dem Verhältnis eines Liebenden gegenüber. Wahre Liebe aber sucht nicht an sich und äußerlich zu besitzen (das kann auch der Räuber), sondern würdig zu werden des idealisiert erschauten Gegenstandes der Neigung. So war eine Veredlung und Selbsterziehung mit diesem Kunstgenuß verbunden. Und eben diese Besonnenheit unterscheidet den Klassizisten vom nur schwärmenden Romantiker. Diese Skizzierung genügt zunächst für unsere Zwecke. Suche sich jeder von diesem Gedankengrundriß anzueignen, was er sich eben zumuten kann. Das wird sich alles schon noch vollständiger herausarbeiten. * M. Kronenbergs »Kant« (München, Beck, geb. 4.80 M) erscheint bereits in 3. Auflage. Ich habe nur wieder das Kapitel »Kants Charakter und Geistesart« nachgelesen und verdanke dem schönen Buch einen wahren Genuß. Alle Welt redet von Kants Einfluß auf Schiller – und ich bin überzeugt, nicht der zehnte Teil der heute schreibenden und gesetzgebenden Ästhetiker hat ein wirkliches Bild von Kants Wesen und Denken. Und doch ist, wie Kuno Fischer mit Recht hervorhebt, unsere deutsche Literatur innig mit dem philosophischen Geistesstrom verquickt: beide, deutsche Philosophie und klassische Dichtung, suchen aus den Urgründen des Geistes zu schaffen. Es bedarf nun für uns nicht einer streng systematisch betriebenen Fachphilosophie, die den ganzen Denkprozeß nachprüft. Du lieber Himmel, wo kämen wir hin, wenn man von den Gnostikern bis zu Thomas von Aquino und von da bis zu Hegel und Hartmann »nachprüfen« wollte! Es ist hiermit wie mit dem Begriff der »Weltliteratur«; nicht Zahlen und Daten sind belebend, Alexandrinismus tötet vielmehr: es handelt sich um die Betätigung einer gewissen Einfühlungsgabe. Ein Menschenwesen in seinem inneren Reichtum oder seiner Eigengestalt kennen zu lernen, ist gewinnreich und klärt uns oft über uns selber auf. So ist uns eine Umschau in Weltliteratur und Geschichte des Denkens wichtig und anziehend wie ein Spaziergang durch ein Land voll vielfältigen Menschentums . Die Geschichte und eine gewisse Systematik gibt uns das Gerüst und erleichtert den Überblick; Herz und Charakter aber halten Auswahl und eignen sich Lebenswerte an. Ich stehe daher nicht an, einmal drei Hefte Kant zu widmen und andere drei Hefte – Friedrich dem Großen . Weniger dem Verfasser des Schriftchens über deutsche Literatur und nur zum Teil dem Odendichter; mehr aber dem Briefschreiber, dem Genie, dem zähen und strengen Helden. * Chamberlains »Kant« erscheint soeben (München, Bruckmann, geb. 12 M), ein wuchtiger Lexikonband von 736 Seiten. Das Werk zerfällt in sechs Vorträge, deren jeder wiederum eine Schrift für sich bilden könnte: Goethe – Leonardo – Descartes – Bruno – Plato – Kant. Ich weiß wenig Zeitgenossen, die mit so entschlossener und energievoller Geistigkeit nach vorwärts und nach oben drängen, wie dieser Anreger Houston Stewart Chamberlain. Er ist ein Typus jenes werdenden Europäertums, das über die Nationen hinaus einen Weltbund der »Ernsten« (nach Goethes Wort) anstrebt. Er hat Wut und Begabung zu großzügiger Zusammenfassung; er weiß eine Idee herauszuarbeiten, nötigenfalls einseitig und konstruktiv; er hält den Blick für weitversponnene Zusammenhänge offen; er scheut auch Polemik nicht und will kein Akademiker sein, da die akademische Untersuchungsweise seinem publizistischen Temperament nicht entspräche. Solcher Wagemut eines belesenen und geistvollen Dilettanten großen Stils macht Mut, aus dem gelehrten Spezialismus emporzudringen und neue Aussichtspunkte zu finden. Und Mut brauchen wir. Mut zum Großen und Herben in uns, dessen wir uns bemächtigen und bewußt werden durch große Beispiele der Weltgeschichte. Chamberlains Buch soll uns später noch beschäftigen, wenn wir zu Kant kommen. * Über Selma Lagerlöf ist in der »Literatur« (Berlin, Bard \& Marquard, 1.25 M) ein allerliebstes Bändchen erschienen. Mehrere Bildnisse der sympathischen Dichterin, ihr Heim, der Hof in Wärmland, in dem sie ihre Jugendzeit verlebte, Bilder aus »Gösta Berling« und (eigentlich überflüssige) aus Jerusalem schmücken das reizend geschriebene Bändchen. Der Schwede Prof. Oskar Levertin ist der Verfasser; wir hätten gerne, neben der Übersetzung, noch einiges über die neuesten Werke der Erzählerin gehört. Mir scheint, daß die sonnige und übergoldende Stilart, wie sie jetzt in Gustav Frenssen oder Hermann Hesse durchbricht und nach dem gewaltsamen Grau-in-grau wieder mehr Lebenswärme gibt, von Selma Lagerlöf wesentlich gefördert wurde. Die Liebe diktiert, nicht mehr der Haß; die Liebe Wilhelm Raabes, die Erzählerklarheit Gottfried Kellers. Das sind gute Zeichen. Ich komme freilich nicht darüber hinweg, daß diese wortreiche und untergeordnete Kunstgattung – der Roman – die Kleinheiten und den Stoff der Welt zu wichtig nimmt und leicht in ein Schildern oder Auseinandersetzen entgleist, ja darin geradezu eine anmutige Stärke besitzt. Reine Poesie aber ist eine Sprache für sich; sie ist ein Extrakt und Destillat; aus innersten Gesetzen ist sie Konzentrierung und in einer feineren Sphäre zu Hause, über der stoffhaften Schwere der gegenständlichen Wirklichkeit. Aber das läßt sich hier in Kürze nicht erledigen. * Das Harzer Bergtheater hat seine dritte Spielzeit hinter sich und versendet nun illustrierte Gratishefte (zu beziehen von der Geschäftsstelle des Bergtheaters, Weimar), die über das Geleistete Auskunft geben. Mir ist von all den Preßstimmen über diese Spielzeit nur ein Angriff, und zwar ein grundhäßlicher, bekannt geworden; alles andere hielt sich in den Grenzen sachlicher Erörterung und ging fast durchweg zu begeisterter Anerkennung über. Jeder von uns, es braucht das kaum gesagt zu werden, weiß sich von Überschätzung des Theaters oder eigener Leistungen frei; man warte ruhig die weitere Entfaltung ab; keine andere Entwicklung soll bedrängt oder gestört werden, denn diese Felsenbühne steht außerhalb alles städtischen Wettbewerbs. Und nun scheint eine Hauptsorge, die den Vorsichtigen Bedenken und den Gegnern Waffen gab, im nächsten Sommer behoben zu werden: die Witterungssorge . »Am obersten Rande des Theaters wird eine Saal-Veranda mit (kleiner) Bühne die Ergänzung bilden zu der Bühne unter freiem Himmel. Wir werden sorgsam auf unser Unternehmen gestimmte künstlerische Unterhaltung, in deren Mitte ein Einakter oder ein dramatisches Fragment steht, für Regenabende bereit halten. Wir gedenken damit einen Leseraum zu verbinden, so daß unser Theater auch tagsüber gegen geringes Entgelt dem Publikum einen Sammelpunkt bietet.« So lesen wir in dem ausgesandten Direktionsbericht. Demnach, wenn unten auf der Freibühne etwa »Widukind« schlechten Wetters halber ausfallen muß, wird man oben in der Saalbühne einen »historischen Unterhaltungsabend« bereit finden: Ouvertüre, dramatisches Fragment oder Einakter, vorgetragene oder gesungene Balladen und Heldenstücke. Für »Wieland« wird etwa ein »Edda-Abend« geboten, wobei auch hier auf Vortrag in Kostüm – Heldenlieder, Wandrer und Wala usw. – Bedacht genommen wird; keine Kunst in Frack und weißer Binde, sondern eine Kunst, die der Stimmung des Ortes entspricht. Rokoko – etwa »Laune des Verliebten« – wird sich ohnedies reizvoll auf der Saalbühne wiedergeben lassen. Es könnte sich in dieser Form, ob Regen oder Sonnenschein, dort ein geistiger Sammelpunkt schaffen lassen, unverbindlich für jeden, wie man sich eben auf Sommerreisen trifft, Gespräche tauscht und weiterfährt. Das Stadium des theoretischen Geredes scheint mir in jeder Beziehung überwunden: wer ein bißchen Idealismus in sich hat, der helfe nun praktisch! Drei Stücke werden den Grundstock der nächstjährigen Aufführungen bilden: Shakespeares »Sommernachtstraum«, Wachlers »Widukind« und mein »Wieland der Schmied«. Auf ein Kennzeichen unsrer verfahrenen modern-literarischen Verhältnisse darf man wohl noch hinweisen. Während in Berlin jede nichtswürdige, Durchfall erlebende Posse von Dutzenden von Kritikern ernst genommen und pflichtgemäß besprochen wird, so daß sich das ganze Reich mit der lästigen Nachricht eines Berliner Durchfalls beschäftigen muß, hat sich auch nicht ein einziger nennenswerter Berliner Kritiker gedrungen gefühlt, sich das Harzer Bergtheater anzusehen. So übt die Reichshauptstadt Suggestion aus; so erhöht sie Unwichtiges zur »Sensation«, so summen dort zwanzig bis dreißig Kritiker um das elektrische Licht, blind für alles, was draußen vorgeht – in unserer nächtlichen »Provinz«. Ich verzeichne das nur. Denn den Freunden des Bergtheaters ist es wertvoll, so wie die Dinge liegen, wenn man sie nur einer ruhigen Entwicklung überläßt. Der Statistik entnehmen wir noch: »Das Bergtheater bei Thale schloß am 27. August seine dritte Hochsommer-Spielzeit ab, die am 16. Juli begonnen hatte. Innerhalb dieser 43 Tage wurden 52 Vorstellungen, darunter 6 Uraufführungen, herausgebracht, und zwar: »Wieland der Schmied« von Lienhard 17mal, »Mittsommer« von Ernst Wachler 6mal, »Siegfrieds Tod« von August Sturm 4mal, »Ragenhart« von A. Werner 2mal, »Die Laune des Verliebten« von Goethe 12mal, »Der verspielte Reiter« von Hans Sachs 2mal, »Der Fremde« (Till Eulenspiegel) von Lienhard 5mal, »Die Nachbarn« von Immermann 2mal, »Moloch« von Hebbel 2mal. Trotz der für das Spielen unter freiem Himmel während der verflossenen 43tägigen Spielzeit nicht gerade günstigen Witterung konnte die bis einschließlich 23. August vorgesehene Saison nicht nur durchgeführt, sondern noch um 4 Tage, bis einschließlich 27. August verlängert werden.« * Briefe Professor Friedrich Poske , ein Schüler Steins, Herausgeber der Chamberlainschen Schrift, die er durch wertvolle eigene Betrachtungen ergänzt hat, schreibt mir in einem längeren Briefe: »... Und damit komme ich zu Ihrem neuen Unternehmen ... Sie sprechen es deutlich aus, daß wir um das sittliche Problem nicht herumkommen, daß vielmehr Gedanken- und Gemütskräfte in die bisher noch so äußerliche ästhetische Kultur einströmen müssen. Wenn unsre Schriftsteller eine Weltanschauung im Sinne der Klassiker oder im Sinne Steins besäßen, wie ganz anders könnten sie die Seele unsres Volkes in der Richtung auf das Gute und Gesunde beeinflussen! Ich habe bei dem Worte ›ästhetische Kultur‹ nur immer die Besorgnis, daß es mißverstanden werde, und daß das Ethische dabei nicht zu seinem Rechte komme. Wir Bayreuther haben uns daher schon längst geeinigt, schlechthin von ›Kultur‹ im Gegensatz zu ›Zivilisation‹ zu sprechen ... Noch in einem Punkte möchte ich eine wünschenswerte Nuancierung in Ihrem Programm anfügen. Neben dem Feinen darf das Kräftige, neben der Zurückgezogenheit in die Stille und der Anteilnahme an dem Ergehen der Mitmenschen darf das Wirken auf die Welt nicht vergessen werden. Sie, verehrter Herr, sind in der glücklichen Lage, durch Kunstwerke unmittelbar auf die Menschen wirken zu können – vielleicht die einzige Art, wie überhaupt nachhaltig auf Menschen in ihrem Innern gewirkt werden kann. Auch Stein stellte diese Art des Wirkens bei weitem am höchsten. So möge es Ihnen vergönnt sein, durch Ihre Bemühungen schöpferische Kräfte zu wecken und zur Mitarbeit an der Aufgabe einer besseren menschlichen Kultur heranzuziehen! ... Im einzelnen möchte ich Ihnen noch meine Zustimmung zu der Art, wie Sie das Verhältnis Nietzsche-Stein beurteilen, aussprechen ... Am Schlusse der Darstellung des Verhältnisses Stein-Nietzsche sprechen Sie von dem überarbeiteten Berliner Privatdozenten. Das darf nicht zur Legende werden. Stein hatte eine überaus bewußt-gewisse, nie in Übertreibung ausartende Arbeitsweise, auch in dieser Hinsicht durchaus maßvoll. Was ihn krank machte, war der wohl allzu tief empfundene Schmerz über den Widerstand der Welt und über die anscheinende Unmöglichkeit, sein Ideal verwirklicht zu sehen. Dies allein aber hätte ihn schwerlich so früh dahingerafft, wenn nicht eine rein physisch bedingte Affizierung – eine der Unbegreiflichkeiten der Weltordnung – dazugekommen wäre. Wieviel dem einen und wieviel dem andern Umstande zuzuschreiben ist, wird sich schwerlich mehr ausweisen lassen.« – Wir sind für diese Ergänzungen dankbar. Hans von Wolzogen macht in einem zustimmenden Schreiben u. a. die Bemerkung: »Auf einen Gedanken im Tagebuch, worin Zeiterscheinungen in weimarisches Licht gestellt werden, wäre noch als auf einen Wegweiser besonders aufmerksam zu blicken. Es ist die Anmerkung, daß nun Geistes- und Gemütskräfte in die modernen Formen einströmen müßten usw. Das besagt in Wahrheit: soll etwas deutsche Herzenssache werden, so muß es Geist von Weimar in sich tragen. Aber eine ›Moderne‹, die Herzenssache geworden ist, wäre damit keine Zeitsache mehr, also auch keine Moderne« ... Das ist sehr richtig empfunden. Wir müssen in der Tat das Moderne nicht in der Weise überwinden, daß wir ein noch Moderneres entdecken; sondern wir überwinden den Zeitgeist nur, indem wir in Ewiges, Bleibendes eintreten, das über Moden und Richtungen erhaben ist. Ich sprach nur von den Mitteln , mit denen wir Ewiges unsren Mitlebenden zugänglich machen. * Weltflucht? Von einigen Seiten verübelt man mir anscheinend die reizlose, d. h. unpolemische oder unaktuelle Haltung dieser Blätter. Wir sind seit der »Revolution der Literatur« durch Kritik und Hader – den Alkohol der Literatur – verdorben; ein künstlicher Reiz setzt aus, sowie einmal eine Zeitschrift nur dadurch wirken will, daß sie Positives, Gutes, Großes lebendig macht, so gut es eben der einzelne vermag. Es soll hier keine bloße Anthologie gebracht werden, sondern eben lebensvolle Beziehungen zwischen den einzelnen Geistern; und so muß ich selbst das Wort führen, und es kann mir das keiner abnehmen. Man betrachte diese Hefte als planmäßige Teile eines langsam wachsenden Buches. Seine Bücher schreibt man selber. Ein Seitenstück zu dieser stilleren Form von Zeitschrift ist bereits vorhanden in den »Blättern zur Pflege persönlichen Lebens«, in denen Dr. Johannes Müller (Mainberg bei Schonungen, Unterfranken) eine Weltanschauung baut. Ich könnte eine Anzahl guter Namen nennen, die diesem stillen Wirken Anregung verdanken. Er schreibt seine ausführlichen Betrachtungen von A bis Z selber. Ich habe eine mannigfaltigere Form gewählt, indem ich ein historisches Beispiel in den Mittelgrund stelle. Man wird das als eine neue Form des Zeitschriftenwesens hoffentlich ebenso einwandfrei finden wie etwa Bodes »Stunden mit Goethe«. Die Stellung, in der man sich durch das Beschreiten dieses selbsteigenen Weges der geselligen Literatur gegenüber befindet, ist weder hochmütiges »Hochland« noch »Weltflucht«. Die Welt ist ein einzig Gewebe, wir können nicht daraus »flüchten«. Hochland ist überall, wo sich unsere Seele in einem gesammelten Zustand befindet, ob allein oder in Gesprächen. Hier aber ist der Punkt, wo wir uns allerdings scheiden. Man darf diesen Blättern in der Tat Lärmflucht vorwerfen, nicht Weltflucht. Es kommt hier etwas wie eine esoterische Richtung in der Literatur zum Ausdruck; aber nicht artistisch, nicht in Formpflege, nicht in Gebärde – sondern von innen heraus. Ich »will« damit nichts Besonderes, sondern es entspricht so meiner Natur. Also ist das ganz organisch. Ich suche nichts weiter als Natürlichkeit und Wahrhaftigkeit. Und es wäre eine Zerrüttung des Lebensideales, dem jeder von uns nachzutrachten hat, wenn ich mich länger im Wust von Überproduktion des immer wechselnden Tages verbrauchen würde – und die Großen derweil warten ließe. Dem Arzt, dem Lehrer, dem Beamten, dem Kaufmann, dem Schüler – wer es auch sei, man sollte ihm nicht mehr Last aufbürden, als er mit Seele durchtränken oder mit ganzer Anteilnahme zu bearbeiten vermag. Wer es in der Hand hat – und viele von uns haben es in der Hand –, warum soll der zaudern, endlich einmal das verkümmernde Pflänzchen seines inneren Menschen von der Schneelast zu befreien und langsam sich wieder aufrichten zu lassen? – Das ist keine Flucht, das ist ein Finden. * Stein und Wagner Über das schöne Verhältnis zwischen Heinrich von Stein und Richard Wagner kann man den ungedruckten Tagebuchblättern, die mir vorliegen, noch einige bezeichnende Züge entnehmen. Stein ist, wie ausdrücklich betont wurde, als Freund in der Familie Wagner aufgenommen worden und hat (natürlich ohne Gehalt) die Erziehung Siegfrieds als eine neue Form seiner Studien aufgefaßt. »Das Leben hier ist ein Zauberland, wie es in unserer armseligen Zeit kein zweites gibt« – so hatte die vermittelnde Malvida von Meysenbug aus Bayreuth geschrieben –, »ja, wie es wohl kaum je ein ähnliches gegeben hat. Ihre Tendenzen würden hier in allem Anklang finden. Die Form Ihrer Familie gegenüber würde sich wohl finden lassen.« Steins Vater war mit dieser Art von geistiger Arbeit nicht recht einverstanden, gab nur zaudernd seine Einwilligung und war auch der Anlaß, weshalb Heinrich im folgenden Sommer aus dem Manöver nicht wieder zu dieser Tätigkeit zurückkehrte. Wagner benahm sich in alledem sehr taktvoll; am 30. September 1879 schreibt er an Stein: »Sie werden uns zu jeder Zeit, am liebsten allerdings recht bald, willkommen sein. Wir bitten Sie, bei uns abzusteigen und so lange zu verweilen, als es Ihnen gefällt. Ich erachte für heute nichts anderes für meine Mitteilung wichtig und grüße Sie hochachtungsvoll Richard Wagner.« Rasch erkannte Wagner Steins Wert; es wurde ein freundschaftlich Zusammenarbeiten. Ein Teil des Jahres wurde in Neapel verbracht, Anregungen gab es die Fülle. Aber das Manöver rief, wie gesagt, zu einer militärischen Übung nach Norden. Und als danach Heinrich, dem Wunsche des Vaters gehorchend, nicht wieder zurückkehrte, erhielt er von Wagner folgenden schönen Brief: »Mein teurer junger Freund! Wie uns Ihre letzten Mitteilungen betroffen, werden Sie leicht von sich selbst ermessen. Sie begreifen gewiß, daß Ihre Entscheidung auch die unserige ist; jedenfalls ist eine solche aber gar nicht mehr zu treffen, da es sich um ein sittliches Gebot handelt. Nur eines möchte ich Ihnen geben können: die Heiterkeit der Unbedenklichkeit bei der Befolgung des an Sie gestellten Gebotes. Bekämpfen Sie jeden betrübenden Gedanken und stärken Sie sich dagegen durch die Annahme, daß Sie mit Ihrem Schicksal Hand in Hand gehen; gewiß führt es zum Guten! Denken Sie doch nur, daß sich auch mein Junge darein finden muß, und das wird ihm gewiß nicht leicht fallen. Wir getrauen uns noch gar nicht, es ihm mitzuteilen. Ein eigentliches Lamento haben eigentlich nur wir übrigen ein Recht anzustellen, weil wir älter sind, viel durchgemacht haben und uns immer wieder daran gewöhnen sollen, daß das Schicksal mit uns spielt. Auch haben wir in keiner Weise einen Ersatz für den Verlust vor uns, wie doch Sie, den eine treffliche Pflichterfüllung stolz machen muß. Bloß die Sympathie für Ihren Stolz bleibt uns, sie soll denn auch uns helfen. Von Herzen stets wie damals Ihr R. W.« – Das geknüpfte Band riß nicht wieder ab. »Lassen Sie immer viel von sich hören,« heißt es in einem späteren Briefe Wagners, »es sind dann immer Familien-Geburtsfeste. Leben Sie wohl und grüßen Sie ehrfurchtsvoll Ihren Herrn Papa!« Wie tief Stein durch Wagners Tod erschüttert wurde, geht aus einem kurzen Brief an seinen Bruder (Aug. v. Stein) hervor (26. Februar, Bayreuth): »Es war sehr treu und schön von Dir, meiner zu gedenken bei diesem Ereignis, was freilich wie kein anderes in mein Leben eingreift. Wenn ich unaussprechlich viel verloren hab, so klammert sich das Lebensgefühl an jedes Zeichen, an dem es erkennt, daß ich noch nicht ganz vereinsamt bin.« * Der Drang Kann man von einem philosophischen System bei Heinrich von Stein sprechen? Oder von einem philosophischen Grundgedanken, der etwas wie ein Leitmotiv in seiner Lebensauffassung bildet? – Schwerlich. Es sei denn das Wort »Drang« , das er als schaffendes Prinzip öfters betont, und das sich als Leitwort durch das sogenannte »Vermächtnis« zieht. »Es ist der Drang, der diese Welt erschuf« ... »Die Knospe sprengt ihre Hüllen aus Drang zum Licht« ... Die Dinge drängen zueinander – in uns ist ein Drang des Wollens, der je nach unserer Wesensbeschaffenheit Taten vollbringt. Man könnte an Schopenhauers »Wille« denken, wie Poske richtig bemerkt, nur daß das Wort Drang etwas Dumpferes, Tieferes bezeichnet, jenseits der Bewußtseinsgrenze. Aber fließt schon bei Schopenhauer Wille und Trieb ineinander, so sind wir hier erst recht in Drangsal: denn bei genauem Zusehen ist mit diesem »Drang« nur ein umschreibendes Wort geschaffen für das ewig geheimnisvolle Wort Leben . Gleichwohl ist diese Wortwahl bezeichnend. Es kennzeichnet den auf das Künstlerische gerichteten Denker. Drang ist ein Wort, das mehr dem instinktiv schaffenden und gestaltenden Dichtertum eigen ist als der praktischen Tat; der letzteren würde das bewußtere Wort Wille entsprechen. Steins Herz und Steins Künstlertrieb haben jenes philosophische Wort instinktiv geprägt. »Stein gehörte zu jenen Wesen, die mit dem Bedürfnisse geboren sind, der Welt ein großes Geheimnis mitzuteilen, das ihr Herz in sich birgt« (Chamberlain) und: »vor allem und über allem war er Mensch«. Mitempfindender Mensch. Und so schließen die kurzen Sprüche, die man Steins »Vermächtnis« nennt, mit den Worten: »Sehne dich und wandere!« und, gewissermaßen einen Ruhepunkt verheißend: »Glaube an die Erlösten!« Schaffensdrang war in ihm mächtig bis zuletzt. Und ein Drang nach Liebe und Freundschaft, der nie ganz zur Befriedigung gekommen ist. Frauenliebe spielt in diesem Leben keine beeinflussende Rolle, soweit ich sehe. Auch hat er, außer einigen geistig gerichteten Frauen, in seinen Bildern keine wirklichen, weichen, weiblich-naturhaften Gestalten geschaffen. Seinem Organismus blieb diese Shakespeare-Kraft – die eigentlich dichterische Kraft – versagt. Da liegt irgendwo das psychologische Rätsel, das diesen prachtvollen Menschen das Wort »Drang« als Leitwort des Weltgeschehens empfinden und prägen ließ. In seinem (im Buchhandel vergriffenen) Erstlingswert »Die Ideale des Materialismus« (1878) findet sich ein philosophisch Märchen: »Es war einmal eine Königstochter, die aß in Gold und schlief in Silber und hatte Diamanten, soviel ihr wollt. Aber da ihr nun alles erfüllt war, wünschte sie sehnlicher als je zuvor, und als Papa mit Reichsapfel und Krone kam und sie fragte, was sie doch wolle, und zwei große Tränen liefen ihm in den grauen Bart, da sah sie groß an ihm vorbei in den blauen fernen Himmel hinein und sagte: ›Etwas, was es gar nicht gibt.‹ »Unten am Schloß ackerte ein Bauer, ein grauer Greis von zwanzig Jahren, Tag für Tag eine Furche neben die andere, und kannte nichts als die graue Erde und den grauen Himmel und das graue Bettlaken, in dem er schlief, und weil er denn so recht ungehindert wünschen konnte, wünschte er sich etwas, was es gar nicht gibt. »Mögen sich noch einmal geheiratet haben, die beiden.« Wir kennen diesen urdeutschen romantischen Drang nach etwas, was es gar nicht gibt. Stein, in seiner vornehmen Mischung von keuschem »Rühr-mich-nicht-an!« und tiefem Verlangen nach Liebe, erinnert mich mitunter an Anselm Feuerbachs unnahbare Gestalten: »Poesie« – »Medea« – »Iphigenie«. Es ist suchende Romantik, die sich zu festem Klassizismus formen will. * Das Genie in uns Das Welträtsel ist nicht durch Beweisführung zu lösen. Nicht die bändereichste Bibliothek von Alexandrien und nicht tausend Jahre angestrengtesten Studiums bringen dich der Gottheit näher: es wäre denn, daß sie dir die Unmöglichkeit solchen gewaltsamen Gott-Erringens endlich darlegten, wenn du kampfmüde zusammensinkst. Haben sich nun die streitenden Köpfe erschöpft, so tritt vom Herzen aus, ganz klein und fein und rein, ein Lichtlein erst nur, ein lächelnder Knabe, der zum ermattenden Schatzgräber tritt – das Genie zwischen die bärtigen, kahlstirnigen Gottsucher. Der Dichter in uns tritt auf den Plan. Er ist der Friedensbringer, er ist der einfache Aussprecher und Gestalter des so ganz nahen Guten: des Guten in uns . Ist nun etwa irgend eine von all den andrängenden Fragen dialektisch gelöst? Nicht eine einzige. Das Erlösende besteht ja gerade darin, daß du nicht mehr fragst . Da stehen sie noch alle, die Kopfprobleme und Gewissensqualen, aber sie sind machtloser Rauch geworden, du gehst durch die gesunkene Waberlohe hindurch in den sonnigen Bezirk, wo Brunhild deiner wartet. Dieser Übertritt aus dem Zustande gedanklicher Ängste in den Zustand dichterischen Schauens und heldenfroher Tat: – das ist Erlösung. In dir ist nun eine geistige Sonne aufgegangen, du weißt gar nicht wie. Dein Grübeln war eine Krankheit: du bist genesen. Deiner Krankheit war die Welt grau, hart, steinig; Menschen und Dinge hatten Fratzen und Larven; du bewiesest ibsenscharf ihre moralische Verderbnis. Und du hattest recht, du Moralist, du warst unwiderlegbar: denn ein tatsächlicher Zustand sprach sich in dir aus. Aber bewiesest du auch den Sonnenschein draußen hinweg: die Sonne, die aus dem Grund unsrer Seele hervorbricht, ist nun dennoch stärker. Dein Grau hat von diesem Augenblick an keine Beweiskraft mehr; es ist dein vergänglicher Zustand, in den du auch uns hineinsuggerieren wolltest. Nun aber lassen wir unseren höheren Zustand spielen und gegenwirken – und wollen abwarten, welche Kraft Dauer hat und Sieg behält. Die Graubärte der Dialektik oder das Kind Genie? Christophorus war ein Riese und trug wackre Lasten, aber das Kind Genie war stärker. Darum meine ich: all die Weisheitsmassen (das soll keinen Verleger im Buchmachen stören), die man uns in kaum zu bewältigender Überproduktion auftürmt, aller Lehrstoff der Schule und alle Lasten der Kirche – sie helfen uns nicht das Letzte finden, nicht das Höchste: das Genie in uns . Gebt mir ein einzig lachend kraftvoll Liedchen aus einer Seele voll süßester Innigkeit, voll hinreißender Kraft, schlichtester Güte, ein Kindergesichtchen voll Menschentum höherer Welt – voll Gottestum – so fallen alle jene schweren Lasten in Staub! Wir haben plötzlich einen Ton vernommen aus der Welt, wohin wir wollen, nur einen Ton, aber wir zucken auf: »Da! Das ist's! Das war der Ton, der da durch die Massen von Literatur klang!« Und wir suchen hinfort diesen Ton, nur diesen Ton, nichts anderes mehr. Solchen Tonbringer meine ich, wenn ich in diesen Blättern vom »Genie« spreche. Einen, der von Natur und Gottheit eingeboren diesen Ton hat – hat, und nicht erst ergrübelt – den Ton, der uns aufjubeln läßt vor Glück des Wiedererkennens. Das ist Heimat. * Foto: Thoreau Thoreau »Ende März 1846 borgte ich mir eine Axt und wanderte hinab in den Wald zum Waldenteich, in dessen unmittelbarer Nähe ich mir ein Haus bauen wollte. Ich fällte zunächst einige hohe, pfeilerartige, noch junge Weißtannen, um Bauholz zu gewinnen. Der Besitzer der Axt sagte, als er mir zeitweise sein Eigentumsrecht übertrug, sie sei sein Augapfel. Ich gab sie ihm schärfer zurück, als ich sie empfing. Der Abhang des Hügels, auf dem ich arbeitete, war lieblich mit Nadelholz bewachsen, durch das man einen Ausblick auf den See und auf eine kleine Lichtung im Gehölz hatte, wo Fichten und weiße Wallnußbäume zu treiben begannen. »Ich zog in die Wälder, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, um beim Sterben vor der Entdeckung bewahrt zu bleiben, daß ich nicht gelebt habe. Ich wollte keine Entsagung üben, höchstens im Notfall. Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so herzhaft und spartanisch leben, daß alles, was nicht Leben war, aufs Haupt geschlagen wurde. Ich wollte das Leben in die Enge treiben und es auf die einfachste Formel bringen. »Noch immer leben wir im Staub wie die Ameisen. Und doch berichtet die Sage, wir seien schon vor langer Zeit in Menschen verwandelt. Wie das Zwergvolk der Pygmäen kämpfen wir mit Kranichen. Irrtum häuft sich auf Irrtum, Stümperei auf Stümperei, und selbst unsere besten Kräfte werden zu überflüssigen, vermeidbaren Jämmerlichkeiten verwendet. Unser Leben wird durch Kleinigkeiten vergeudet. Warum leben wir in solcher Eile, in solcher Verschwendung? Und was die Arbeit anbetrifft: wir haben keine, der irgendwelche Bedeutung zukommt. Veitstanz haben wir, und unsere Köpfe können nicht ruhig halten ... »Laßt uns danach streben, bisweilen einen Tag unsres Lebens mit derselben Nachdenklichkeit zu verbringen wie die Natur, und nicht durch jede Nußschale oder durch einen Mückenflügel, der auf unsrem Pfade liegt, aus dem Gleise gebracht zu werden. Besucher mögen kommen, Besucher mögen gehen, die Glocken mögen läuten und die Kinder schreien – wir wollen gern auf unsre Weise den Tag verbringen. Warum sollen wir mit dem Strome schwimmen? Wir wollen mit uns selber ins reine kommen , uns mutig einen Weg bahnen durch den Dreck und Kot der Meinungen und Vorurteile, der Täuschung und des Scheins. Ein Mensch muß von innen heraus seine Impulse bekommen. Folge dem Fluge deines Genius unmittelbar , und er wird dir getreulich in jeder Stunde neue Fernsichten eröffnen ... »Ich verlange des Menschen Blüte und Frucht. Ich will, daß ein würziger Duft von ihm zu mir herüberschwebe, daß eine Art von Reife unserem Verkehr Geschmack verleihe. Seine Güte soll nicht Stückwerk sein, sondern ein beständiges Überströmen, das ihn nichts kostet und das ihm nicht zum Bewußtsein kommt. Wir sollen unsren Mut mitteilen, nicht unsre Verzweiflung, unsre Gesundheit und unser Behagen, und nicht unsre Krankheit!« Henry Thoreau Dieser Charakterkopf ist ein prachtvoll Beispiel dafür, daß Emersons Lebenswerk keine idyllische Träumerei war, sondern auf Verinnerlichung und Veredlung der Individualität drängte. Nur zwei Jahre blieb Thoreau in seiner Waldhütte; er wollte nur ein Beispiel geben, sich selbst und seiner Mitwelt. Derselbe Thoreau trat aber in den gärenden Zeiten der Sklavereifrage in öffentlicher Versammlung aufs schärfste gegen die rückständige Regierung auf, um seinen Freund Brown von der Verurteilung zu retten. Es war freilich umsonst; Brown, der ihm verwandte Menschenfreund, dessen letzte Worte waren: »Wie schön sind doch diese Kornfelder!« wurde auf einem Acker bei Charleston gehenkt. Doch bald brach der Krieg gegen die Südstaaten los; und was die Rede nicht erreicht hatte, setzte nun die Waffe durch. Thoreaus Zeit war freilich vorüber; geboren 1817 (bei Concord), erlag er schon 1862 einem ererbten Lungenleiden. Auf dem Kirchhof von Concord liegt er begraben. In der hübschen Einleitung zu »Walden« (vgl. W. n. W., S. 159) erzählt der Übersetzer W. Nobbe: »Thoreaus kurze Gestalt zeigte hängende Schultern und eine auffallend flache Brust. Seine Gesichtsfarbe war hell, die Stirn nicht besonders hoch oder breit, aber voll Energie. Die Augen waren tiefblau, seine Lippen etwas vorstehend. In späteren Jahren trug er einen Vollbart. Seine Sinne waren wunderbar ausgebildet. Er sah eine Wasserlilie oder ein Wasserläuferinsekt in Entfernungen, wo kein anderer sie zu erblicken vermochte. Er roch den Dampf einer Tabakspfeife oft eine Viertelmeile weit. Er konnte in der tiefsten Dunkelheit den Weg durch die Wälder finden« ... Auch mit den Tieren stand er auf freundschaftlichem Fuße. Er sah oft, wie Emerson erzählt, stundenlang auf einem Felsen, bis das Getier sich an ihn gewöhnt hatte und neugierig näher kam. Ja, es erinnert an Franz von Assisi und ähnliche Gestalten des Mittelalters, in ihrer magischen Einwirkungskraft auf die Natur, wenn Emerson mitteilt, daß sich Vögel auf Thoreaus Schultern setzten oder auf das Holz, das er trug, oder daß Fische auf ihn zuschwammen und sich mit der Hand fangen ließen. Diesem Manne, den auch ein tiefes Freundschaftsbedürfnis beseelte, war die Welt ein Feiertag. »Vor Freude könnte ich die Erde umarmen! Freude erfüllt mich, daß ich einst in ihr ruhen werde!« * Stein und Emerson Hat Heinrich von Stein Emerson gekannt? Ich bin dem Namen Emerson in Steins Werken nicht begegnet. Auch Prof. Poske schreibt mir darüber: »Meines Wissens hat Emerson nicht zu den Schriftstellern gehört, mit denen sich H. v. Stein beschäftigt hat. Dagegen hat er Carlyle sehr geschätzt, besonders ›Friedrich den Großen‹ und ›Heldenverehrung‹ ...« Stein war ein systematisch und akademisch gebildeter Deutscher, der mit ganzem wuchtigem Tatsachensinn zur geschichtlichen Vergangenheit ein lebendiges Verhältnis zu gewinnen trachtete. Auch Emerson strebt, wie Stein, in die klassische Linie. Es ist Klassizismus der Weisheit . Aber nicht von bedeutender Überlieferung einer nationalen Kultur ging der Amerikaner aus, sondern – etwas eklektisch, vornehm Auswahl haltend – vom praktischen Leben und von der Natur. Stein gibt sich große Mühe, eine historische Linie herauszuarbeiten: in Emersons Denken ist keine bewußte historische Linie. Er ist Ausleser und Sammler, erspart sich daher als Impressionist viel Bücher-Arbeit, mit der sich Heinrich von Stein beladen und belastet hat. Der Amerikaner ist unbefangener und hat es leichter, seine Stoffe zu vergeistigen und zu durchleuchten. Aber in Stein ist mehr Ästhetik und Künstlerdrang als in Emerson. Dialoge, wie sie Stein schrieb, von so feinem Einfühlungstalent, wären Emerson unmöglich gewesen; dem amerikanischen Weisen fehlte jede gestaltende Kraft. In seiner Rede nur und in seinem Empfinden (der Natur) war feine Poesie, Tagebuchpoesie: aber ohne Wucht, Schwung oder Leidenschaft; ohne Drang, sich der Dinge durch Gestaltung zu bemächtigen. Dies ist eine organische Veranlagung; sie hängt mit Emersons Vorzügen und Eigenart innig zusammen. Es ist etwas Eintöniges über diesem leuchtend ruhigen Wellenspiegel Emersonscher Gedankenrhythmen. Stein und Emerson sind Einsame, Konzentrierte, Gesammelte. Es sind Menschen der stolzen und starken Stille. Wenn ich frage: Wohin führt uns Emerson? – so lautet unsre summarische Antwort, bei einem Gipfel endigend: zu Jesus. Bei Heinrich von Stein ist, trotz tiefster Religiosität und stärksten philosophischen Sinnes, noch eine tragische Linie, noch ein herber Drang, den Emerson nicht kennt. Und ich würde im Hinblick darauf sagen: Stein führt zu Michelangelo, Schiller, Shakespeare. Oder, allgemeiner gesagt: Emerson ist Ethik und Religion , Stein ist Ethik und Kunst . * Weltliteratur Dieser Band ist einem Deutschen und einem Amerikaner gewidmet. Es werden sich dabei von selbst Streifblicke auf Thoreau, Montaigne, Plato und ähnliche Prosaisten der Weltliteratur ergeben; auch ein kurzer Rundblick in der nordamerikanischen Literatur könnte uns Emersons besondre Stellung klären. Die literarischen Formen und Gewänder werden wir nicht übersehen oder geringschätzen. Emerson – obwohl er auch Lyriker war – ist kein dichterischer Gestalter; er plaudert und formt seine zuströmenden Einfälle oder Eindrücke in gedankliche, aber lebenswarme Sätze. Jedoch hinter allen Formen der Welt, ob Prosa oder Poesie, ob Weisheit oder Gestaltung, steht etwas Lebens-Gemeinsames . Und eben dies Übergeordnete fesselt uns. Diese jenseits-literarische Betrachtungsweise, die auch die Literaturformen unterordnet unter ein Lebenshohes: – das ist unser Thema. Der seelische Zustand ist somit das Wichtige. Kraftgefüllte Prosa (man weiß hoffentlich, was wir unter Kraft verstehen) ist mir wertvoller als Hunderte von schönen Versen, wie sie jetzt Deutschland überschwemmen, gewöhnlich geformt vom sinnlichen Trieb oder von Unbefriedigung, nicht aus der Fülle eines ganzen Menschen, eines reifen, tiefen Seelengehaltes , der unser Inneres durchleuchtet, umwandelt und adelt. So gehen wir denn durch die Welt und suchen keine Formreize, wie die Formalisten der Literatur, sondern Nahrung: Geisteszustände und Seelenkräfte, die ich mir einverleiben, die ich mir eindeutschen kann. Und da gibt es dann keine Trennung der Nationen oder Sprache, denn nicht meine Sprache wählt und begrenzt, sondern meine Seele ist Herrin ihrer Auswahl: sie zieht an das Verwandte und stößt ab das ihr nicht Gemäße. So ermöglicht sich allein eine charaktervolle Ausgestaltung des Goetheschen Begriffes »Weltliteratur«. Die Handlungsreisenden aller Völker und Sprachen treffen sich in ihrer »Branche«; warum sollen die Menschen, die innerlich leben, nicht noch viel mehr einen Geisterbund bilden, der sich mit seinen Linien einzeichnet kreuz und quer über die festen Konturen der irdischen Geographie? So führen wir Goethes Werk fort, der in seinem hohen Alter die Worte schrieb (offenbar unter dem Eindruck seiner Geistesfreundschaft mit Carlyle): »Offenbar ist das Bestreben der besten Dichter und ästhetischen Schriftsteller aller Nationen schon seit geraumer Zeit auf das allgemein Menschliche gerichtet. In jedem Besonderen, es sei nun historisch, mythologisch, fabelhaft, mehr oder weniger willkürlich ersonnen, wird man durch Nationalität und Persönlichkeit jenes Allgemeine immer mehr durchleuchten und durchscheinen sehen.« Und zwar, wie Goethe ausdrücklich hinzufügt, nicht auf Kosten der Besonderheiten, denn: »Eine wahrhaft allgemeine Duldung wird am sichersten erreicht, wenn man das Besondere der einzelnen Menschen und Völkerschaften auf sich beruhen läßt, bei der Überzeugung jedoch festhält, daß das wahrhaft Verdienstliche sich dadurch auszeichnet, daß es der ganzen Menschheit angehört. Irdische Trennungen in Nationen und Parteien sind Umwege der Schöpfung, die notwendig sind; die einzelnen Gruppen ziehen sich zur Lösung bestimmter Aufgaben oder zur Herausbildung einer besonderen Art zeitweilig auf sich selbst zurück. Mir scheint aber, alles drängt jetzt wieder zu einer großen Synthese: zum Beachten des Zieles , was aller Bewohnerschaft dieses Planeten gemeinsam ist, zu einer kosmischen Weltanschauung, die sich zwischen den Ernsten aller Nationen ausbilden und in die gröberen Umrisse der irdischen Besonderheiten einzeichnen muß. * Foto: Walt Whitman Walt Whitman Ist es für uns Deutsche bereits möglich, uns von dieser echt amerikanischen Dichter- und Prophetennatur ein volles Bild zu formen? Es sind erst vor einiger Zeit in Amerika neue Werke aus des Poeten Nachlaß erschienen; Johannes Schlaf (der sich mehrfach um den Dichter bemühte) gibt, nach einem Auszug in der »Frankf. Ztg.«, die Übersetzung einer neuen englischen Biographie heraus. Wir können also vorerst nur unsren persönlichen Gesamteindruck wiedergeben. Ob Whitman wirklich zu den Großen der Weltliteratur, zu den Sehern der Menschheit gehört – wie seine Verehrer annehmen –; oder ob sich nur eine bemerkenswerte elektrische Kraft, etwas ungestüm und ohne geklärte Formen, in ihm entladen hat – wie ich zu vermuten geneigt bin –: das mag die Zukunft feststellen. Einer englischen Whitman-Ausgabe ist ein bezeichnend Bild vorangestellt: in Breithut und Hemdärmeln, Hände in den Taschen, kraftvoll-nachlässig steht der dunkelbärtige Mann vor dem Beschauer. So stellt sich uns Whitman auch geistig dar. Sein Vater war Farmer und Zimmermann; Landluft war um den jungen Dichter (geb. 1819). Später erst umfing den Selfmademan die amerikanische Stadt; und als Krankenpfleger zog er mit in den Krieg (1861-65); dort holte sich dieser früher niemals kranke Vollmensch ein Siechtum, das ihn nicht mehr ganz verließ. Doch starb er erst 1892, geistig immer stark und regsam, auch unter allen Mißhelligkeiten, denen er ob mancher Stelle seiner Gedichte ausgesetzt war. Whitman ist eine festliche Persönlichkeit, geladen mit männlicher Kraft, hoch und stolz, von offenherziger Unbefangenheit. Es ist in ihm der großartige Drang eines seelischen Welteroberers. Etwas Angriffhaftes, eine den Menschen zur Rede stellende sokratische Ernsthaftigkeit, doch aus attischer Vernunft und Ironie ins Dithyrambische gesteigert, waltet in diesem Apostel der Bejahung. So ist er also am besten wohl zu erfassen, wenn man ihn als dithyrambische Steigerung des Evangeliums eines Thoreau und Emerson anspricht. Es ist die amerikanische Form einer erst noch auszubildenden Zukunftsreligion: einer großzügigen Kameradschaft aller Menschen auf Grund der germanisch gedeuteten, mit der Kultur und mit der Natur in Einklang gebrachten Christusbotschaft. Es ist zugleich eine Fortentwicklung der weimarischen Lebensauffassung, erfaßt in ihrem wesenhaften Kern, fortgeführt (über Carlyle hinüber) in großem Stil. Whitman ist durchglüht von schöpferischer Schwingung. Seine Wärme möchte den nächsten und nüchternsten Gegenstand in seinen Glutwillen einsaugen, verwandeln in Geist und Kraft; er traut sich zu, dieser Prophet einer Zukunftsrasse, die sprödeste Materie zu vergolden und zu vergotten. Und hier ist der Punkt, wo wir ihm nicht immer folgen. »Ich singe den elektrischen Leib!« ruft er. Und seine Dichtungen strotzen von Leibhaftem; Seele, Leib, Geist – das wirbelt durcheinander, heilig ist ihm alles; sogar über die verhülltesten Geschlechtsdinge ruft er seine kraftgeschwellten Segnungen hinaus. Und da will etwas in uns, selbst das Unbefangene, nicht mit. An und für sich ist weder mein »elektrischer Leib« noch sonst irgend etwas heilig oder unheilig. Erst die Vergoldungskraft des schöpferischen Gemütes gibt den Dingen und Vorgängen Idee und Wert. Whitman aber zählt uns oft gehäufte Namen der Geographie, der Materie überhaupt, in gehobenem Tone her – und setzt voraus, daß durch diese Steigerung des Tones die Dinge bereits geheiligt, vergoldet, in Poesie eingetaucht sind. O nein! uns genügt das nicht; wir behalten die Empfindung, daß die Materie überwiegt. Ebenso stört mich sein donnerndes Hinausrufen von Geschlechtsdingen. Das ist wieder eine Überreizung (erklärbar aus dem Gegensatz zu unsittlichem Versteckspiel); eine Überreizung: denn die Saat wächst, keimt, sprießt unterirdisch; ein Herausreißen so inniger Vorgänge ans grelle Tageslicht – ist zwar nicht »unkeusch«, wenn es so redlich gemeint ist wie von Whitman, aber es ist unzart und unnatürlich. Wieder überwiegt auch hier das Körperhafte; es mutet uns manches krampfhaft und kraftprahlend an. Whitman dringt sehr oft nicht zur beseelenden und gestaltenden Sprache reiner Poesie vor; er bleibt muskelhaft. Muskelhaft und nicht genügend durchgeistet mutet mich auch seine Form an: diese Rhythmen sind Steppenhengste, auf einer unbegrenzten Prärie stampfend und wiehernd und in donnernder Flucht rennend – wer weiß, wie weit und wohin! Es ist keine innere Form in Whitman (Form im Sinne der Poesie), weil er zu gewaltsam ist; Poesie aber ist Gnade, ein Geschenk der festen Stille. Man vergleiche mit ihm die düstre aber echte Dichternatur eines Edgar Allan Poe oder auch das harmonische Mittelmaß eines Longfellow; man vergleiche mit ihm den leidenschaftlichen Byron und den warmherzigen Burns, dann wird man empfinden, daß dem starken und lauten Prachtsmenschen Whitman doch mehr Prophetenkraft als eigentliche Formkraft innewohnt. Es fehlt ihm die melodische Stille; es fehlt ihm die plastisch abrundende Gestaltung; er drängt nach vorwärts, aber beharrt nicht liebevoll genug – liebevoll im Sinne des Künstlers, im Sinne etwa der angestrengten Tätigkeit eines (ihm geistverwandten) Schiller oder gar Goethes, des größten Dichterkünstlers der Neuzeit, der im besondren Maße das besessen hat, was Whitman abgeht: Kraft der weise formenden Innerlichkeit, Kraft der Kristallisation. Das soll keine Kritik sein: das gibt nur uns selber die nötige Richtung. Als Zuschauer nehmen wir Whitman wie er ist, in der Ganzheit seiner Erscheinung, und freuen uns seiner »elektrischen Kraft«: – vielleicht ist dies das beste Bezeichnungswort für seine neuamerikanische Dichtung. Whitmans Gedichtsammlung »Grashalme« liegt in zwei Übersetzungen vor: von W. Schölermann (Jena, Eug. Diederichs, M 5.–) und von Karl Federn (Minden, Bruns, M 1.50). In der Sammlung »Die Dichtung« (Berlin, Schuster \& Löffler) hat Johannes Schlaf über ihn geschrieben. * Aus Whitmans Gedichten (Übersetzung von Federn) Von Paumanok kommend l. Vom fischgestalteten Paumanok kommend, wo ich geboren. Wohlgezeugt, aufgezogen von einer vollkommenen Mutter, Nachdem ich durch viele Länder gestreift und das bevölkerte Pflaster geliebt, In Mannahatta gewohnt, meiner Stadt, oder auf den Savannen des Südens, Oder als ein Soldat im Lager, meinen Tornister und Flinte tragend, Oder ein Bergmann in Kalifornien, Oder rauh daheim in Dakotas Wäldern, mein Essen Fleisch, mein Trank von der Quelle! Oder zurückgezogen zu sinnen, zu träumen in einem tiefen, verborgenen Winkel, Fern vom Lärmen der Menge, Augenblicke verzückt und selig, Schaute den frischen, freien Spender, den reichflutenden Missouri und den gewaltigen Niagara, Schaute die grasenden Büffelherden der Ebnen, den zottigen; starkbrüstigen Bullen, Der ich die Erde sah und die Felsen, und die Blumen des fünften Monats, Sterne, Regen und Schnee, meine Wunder, Der ich den Ton der Spottdrossel kenne und des Bergfalken Flug, Und in der Dämmerung der Unvergleichlichen lauschte, der einsamen Drossel der Zedernsümpfe, – Einsam, singend im Westen, schlag' ich die Saiten einer neuen Welt. 2. Sieg, Einheit, Glaube, Identität, Zeit! Du unauflösliche Feste! Schätze, Mysterien! Ewiger Fortschritt! der Kosmos! das Wissen der Modernen! Dies also ist das Leben! Dies also kam zum Lichte nach so viel Wehen und Krämpfen! Wie seltsam! und wie wirklich! Zu Füßen die göttliche Erde, zu Häupten die Sonne! Siehe! es dreht sich der Erdball, In der Ferne schwinden die Kontinente der Ahnen, Es nahen die Kontinente der Gegenwart und der Zukunft, Nord und Süd und der Isthmus dazwischen! Siehe! weite, pfadlose Räume! Wie im Traume verändern sie sich, füllen sich schnell, Zahllose Massen ergießen sich, Und schon sind sie bedeckt von dem reifsten Volke, den herrlichsten Künsten und Institutionen! Sieh, durch die Zeiten ergossen, Für mich eine Hörerschaft ohne Ende! Sie kommen mit festem, rhythmischem Schritt, sie halten nie an, Reihen von Menschen, Amerikaner, hundert Millionen, Ein Geschlecht spielt seine Rolle und schwindet, Und ein andres Geschlecht spielt seine Rolle und schwindet gleichfalls, Alle, die Gesichter zur Seite oder nach rückwärts mir zugekehrt, mir zu lauschen, Alle die Augen zurückgewendet zu mir! 3. Amerikanos! Eroberer! Stürmer der Menschheit! Vorderste ihr! Jahrhundertstürmer! Libertad! Massen! Für euch ein Programm von Gesängen! Gesänge von den Prärien, Gesänge vom weit fließenden Mississippi, bis hinab zu Mexikos Meer, Gesänge von Iova, Illinois, Indiana, Minnesota, Wisconsin! Gesänge, strömend von Kansas' Mitte und ausstrahlend nach allen Seiten, Die in Pulsen von Feuer schießen, ewig alles mit Leben zu füllen! An ihn, der gekreuzigt ward Mein Geist dem deinen, geliebter Bruder, Laß dich's nicht kümmern, daß so viele deinen Namen aussprechen und dich nicht verstehen, Ich spreche deinen Namen nicht aus, doch ich verstehe dich! Ich suche dich mit Freude, o mein Gefährte, dich zu begrüßen und zu grüßen, die mit dir sind, vor dir und seither und jene der Zukunft. Wir wirken alle zusammen und überliefern denselben Beruf und folgen einer dem andern, Wir wenigen Gleichen aus allen Landen und Zeiten, Wir, Umschließer der Kontinente, aller Kasten, die wir alle Theologien gestatten. Wir Mitleidsvollen, wir Erkenner, wir, der Menschen innige Einung, Wir gehen schweigend inmitten des Streits und aller Behauptungen, Weisen keinen der Streitenden ab, und nichts, was behauptet ward, zurück, Wir hören Gewühl und Schreien, Spaltungen treffen uns, Vorwurf und Eifersucht von allen Seiten, Sie schließen sich drohend um uns, uns zu umzingeln, mein Genosse, Dennoch wandeln wir unbehindert, frei durch die ganze Erde, auf und nieder ziehend, bis wir unauslöschliche Spuren geprägt auf die Zeit und auf alle Epochen, Bis wir Zeit und Epochen gesättigt, bis Männer und Frauen aller Rassen, in Jahrhunderten einst, Brüder und Liebende werden wie wir. Ihr Verbrecher, verhört vor Gericht Ihr Verbrecher, verhört vor Gericht, Ihr Sträflinge in den Gefangenenhäusern, ihr verurteilten Mörder in Ketten und eisernen Handschellen, Wer bin ich, daß ich nicht gleichfalls verhört, vor Gericht verhört sein sollte oder in dem Gefängnis? Ich, der ich erbarmungslos bin und teuflisch wie einer, – daß meine Handgelenke nicht mit Eisen gefesselt sind und meine Knöchel mit Eisen? Ihr Dirnen, die ihr durch die Straßen streift oder schändlich in euren Zimmern haust, Wer bin ich, daß ich euch schändlicher nennen sollte als mich selbst? O ich Schuldvoller! Ich bekenne, ich stehe am Pranger! O Bewunderer, preiset mich nicht, schmeichelt mir nicht, ihr macht mich beben, Ich sehe, was ihr nicht sehet – ich weiß, was ihr nicht wißt! Im Innern der Brust lieg' ich befleckt und erstickend, Unter dem Gesicht, das so kühl scheint, wogen Höllenfluten beständig, Lüste und Bosheit verstehe ich wohl, Und mit Verbrechern gehe ich mit leidenschaftlicher Liebe, Ich fühl's, ich bin einer von ihnen, zu jenen Verbrechern und Dirnen gehöre ich selbst. Und hinfort will ich sie nie mehr verleugnen, denn wie kann ich mich selbst verleugnen? Dichter der Zukunft Dichter der Zukunft! Musiker, Redner, Sänger der Zukunft! Nicht der heutige Tag kann mich rechtfertigen, noch erklären, wofür ich da bin, Aber ihr, ein neues Geschlecht, eingeboren, athletisch, Festlandssöhne, größer als alle früher Gekannten, Steigt auf, denn ihr müßt mich rechtfertigen! Ich schreibe nur ein oder zwei andeutende Worte für die Zukunft. Ich trete nur einen Augenblick vor und wende mich wieder und schwinde zurück ins Dunkel. Ich bin ein Mann, der dahinschlendert, ohne völlig anzuhalten, und gelegentlich einen Blick auf euch wirft und dann sein Gesicht abwendet. Der es euch überläßt, zu beweisen und zu deuten, der von euch erst das Beste erwartet. Grablied für zwei Veteranen [Aus »Grashalme«, übersetzt von W. Schölermann, Jena, Eugen Diederichs.] Der Mond geht auf Herrlich im Osten über den Häusern, Runder, silberbleicher Geistermond, Großer, stiller Mond. Ich sehe einen Trauerzug, Höre den vollen Schall der näherkommenden Hörer, Durch alle Straßen der Stadt flutet es näher, Wie von Stimmen und Tränen. Ich höre die Schläge der großen Trommel Und den beständigen Wirbel der kleinen Trommeln, Und jeder Schlag der großen Trommel Durchbebt und erschüttert mich. Denn man bringt den Sohn mit dem Vater, Beide zugleich beim stürmischen Angriff gefallen, Vater und Sohn in den vordersten Reihn. Ein Grab harret nun beider. Näher blasen die Hörner, Und die Trommeln schlagen erschütternder; Verglommen ist das Tageslicht auf dem Pflaster, Und der starke Trauermarsch umfängt mich. Höher steigt im Osten Das große, traurig leuchtende Phantom, Gleich einer Mutter durchschimmerndem Antlitz, Das heller im Himmel erglüht. O starker Trauermarsch! Du tröstest mich. Großer Mond mit deinem Silbergesicht, du beruhigst mich. O meine Soldaten, meine Veteranen, Was ich habe, gebe ich euch! Der Mond gibt euch Licht, Hörner und Trommeln die Trauermusik: Und mein Herz, o meine Veteranen, Mein Herz gibt euch Liebe ! * Montaigne Im Sommer 1680 veröffentlichte der Schloßherr von Montaigne in Perigord (Südfrankreich) seine »Essays«. Er schuf damit eine Gattung, die in den letzten Jahrhunderten ein wichtiger Bestandteil unsrer Kultur geworden ist. Man kann, wenn man Vorgänger sucht, noch am ersten an Seneca und einige ähnliche spätrömische Weltweisen denken. Diese Art von Laienphilosophie verhält sich zur Hochphilosophie (man gestatte mir dies neue Wort) etwa wie Cicero zu Plato, wie Horaz zu Pindar, wie Moral zur Poesie, wie Grundsätze zum Genie des Herzens. Es fehlt jenes undefinierbare Element, das wie ein Glanz um die Worte leuchtet, das den Behauptungen die Schwere nimmt, das nicht beweist, sondern ansteckt mit Genialität: der Flug, die Freiheit, das absolute Einsgefühl mit der Gottheit. Montaigne (geb. 1632) »schreibt« eigentlich nicht: er spricht; er spricht ganz einfach und zwanglos, ohne Gehobenheit oder Erregung, aus einem angeborenen Drang, so gelassen wie möglich die Dinge an sich herankommen zu lassen. Es ist Epikureismus dabei: er zog sich aus seinem Jahrhundert voller Kämpfe (Hugenottenkriege) auf sein Schloß zurück, begab sich nach 1580 auf Reisen und verbrachte dann den Rest seines Lebens – nur unterbrochen durch ein kurzes Bürgermeisteramt in Bordeaux – mit einsamen Studien († 1592). Aber auch Stoizismus fester Art darf bei ihm nicht übersehen werden; es gehörte Willenszucht dazu, sich in jenem Jahrhundert nicht in die wüsten Erregungen mit hineinreißen zu lassen. Heinrich IV. machte einen vergeblichen Versuch, den einsamen Philosophen für ein Staatsamt zu gewinnen. Und nicht überhört werden darf eine verschwiegene Ironie: man traue nicht diesem Bretonen, was er für ein gewöhnlicher Mensch sei! Es ist künstlerische Absicht: er will sich seine Freiheit wahren, er ist zum Hadern zu vornehm. Daher vertrotzt er sich in keine Behauptung. Erkennt man hierin die Ähnlichkeiten mit Emerson? Aber Emerson ist innerlicher und tiefer; Emerson ist durchtränkt mit Naturgefühl und seinem Mystizismus; Emerson ist griechischer und germanischer als dieser Lateiner Michel de Montaigne. Man kann Montaigne jetzt in einem hübschen Bande der »Bücher der Weisheit und Schönheit« lesen; es sind kurze Abschnitte, die einen hinreichenden Begriff von seiner Art des plaudernden Philosophierens geben. Die Einleitung wird leider Montaigne nicht ganz gerecht: Montaignes Versuch, »de parler simple et naïf, tel sur le papier qu'à la bouche«, wie er selber mit klarer Einsicht sagt, ist eine Errungenschaft. Einige Proben: »Ich will, daß man mich in meiner einfachen, natürlichen und alltäglichen Art sehe, ohne Kunstgriffe und Aufputz; denn ich selbst bin der, den ich schildere. Meine Gebrechen wird man beim Lesen auf frischer Tat betreffen, dazu die Lücken und die naturwüchsige Form meines Wesens, soweit die schuldige Ehrfurcht vor den Lesern mir dies erlaubt ... Gewiß werde ich auf den folgenden Seiten oft von Dingen reden, die durch Fachleute eine bessere und gründlichere Behandlung erfahren haben. Aber das sollen hier ja auch nur ›Essays‹, Versuche meiner natürlichen Fähigkeiten sein. Dem Vorwurf der Unkenntnis sehe ich sehr ruhig entgegen. Wer nach strenger Wissenschaftlichkeit verlangt, mag sie da aufsuchen, wo sie wohnt. Das hier sind nur so meine Einfälle, durch die ich weniger über die Dinge Licht verbreiten will, als vielmehr über mich selbst. Die Dinge offenbaren sich mir vielleicht dermaleinst – oder sind mir schon einmal offenbart gewesen, wenn ich etwa schon an jenem Orte verweilt haben sollte, wo sie im Lichte stehen – nur weiß ich leider nichts mehr davon.« Man vergleiche mit dem schönen platonischen Gedanken, der hier auftaucht, Plato selber (»Die Seele«)! Und beachte dann Montaignes bescheiden-nüchternen Satzschluß: »nur weiß ich leider nichts mehr davon«. Dies ist der echte Skeptiker (Beschauer) Montaigne, ein Gegensatz zum gottestrunkenen Seher und Dichter. * Bücher Einige Bücher, die mir Freude gemacht haben, mögen vielleicht auch anderen etwas geben. Ich zähle sie einfach auf, mit Bemerkungen, die man als Charakteristik, nicht als Kritik empfinden möge. Henry Thoreau, Walden (deutsch von W. Nobbe, Verlag von Eugen Diederichs, Jena, 5 M, geb. 6 M). Ein Selbständiger! zog im Jahre 1846 in den Wald, baute sich eine Blockhütte und träumte sich in das Weben und Atmen der Wildnis ein. Die Gedanken, die dabei durch seine Stille hindurchwehten, sammelte dieser tiefe und seine Charakter in dieses wichtige Buch. Bernard Wieman, Er zog mit seiner Muse (Kempten, Verlag von F. Kösel, 2.5 M, geb. 3.50 M). Jean Paul, Eichendorff und Kochs »Prinz Rosa-Stramin« haben in dies zarte, warme Plauderbuch Poesie und Gemüt eingehaucht. Die Plaudereien verdichten sich mehrfach zu kleinen Erzählungen (Beim Doktor am Skutarisee – Aus dem Leben eines Musikers). Leid liegt dahinter, aber eben darum ein um so weicheres Sich-einlieben in die Schönheiten der Welt. Hermann von Blomberg, Gedanken der Stille (Altenburg, Verlag von Stephan Geibel, 3 M). Ein Reichtum von klaren und guten Aphorismen im Geiste Goethes und Emersons. Es ist eine wohlige Wärme, eine schöpferische Stille in diesem Erstlingswerke, das in reine Geistigkeit und absolute Weitherzigkeit empordrängt. Liebe und Abstandhalten in schönem Verein. »Mache es wenigen recht, das ist genug! Aber sorge, daß diese wenigen gute und seine Menschen sind.« Für solche Menschen gibt Blomberg sein Buch in die Öffentlichkeit. Anton E. Schönbach, Über Lesen und Bildung (Graz, Leuschner \& Lubensky, 7. stark erweiterte Auflage, 4.50 M). Dies wertvolle Buch eines urteilskräftigen und gut unterrichteten Mannes unterhält uns über Mittel, Wege, Ziele wahrer Bildung. Es wächst sich dabei unvermerkt zu einer belehrenden Geschichte neuerer Dichtung aus und gibt zwischen den Zeilen eine Kritik unserer geistigen Verhältnisse insgesamt. Im Mittelpunkt steht ein schöner Aufsatz über Emerson und seinen Kreis. Man könnte sich die entsprechende Form straffer und knapper denken; ich folge dem Verfasser (Universitätsprofessor in Graz) auch nicht in alle Urteile. Aber wir befinden uns in gesunder Luft und in guter Gesellschaft. Thomas Carlyle, Friedrich der Große (Berlin, B. Behr; gekürzte Ausgabe von K. Linnebach, 8 M, geb. 10 M). Erstaunlich, wie der Drang zu unseren Großen wächst: das Suchen nach dem Genie ! Goethe, Kant, Schiller, in der Religion das mächtig angewachsene Christusproblem, neuerdings der ferne Buddha: und nun ein halb Dutzend Werte über Friedrich den Großen. Neben Carlyle die starken Bände von Koser und Petersdorff; von Karl Bleibtreu ein »Vivat Friederikus!« (Berlin, Schall; Verein der Bücherfreunde); von Wilhelm Uhde »Der alte Fritz« (Berlin, Bardt \& Marquardt, Die Kultur, Bd. 3: ein geistreichelnd Feuilleton) von Oberstleutnant z. D. von Bremen »Friedrich der Große« (Berlin, B. Behr, Erzieher des preußischen Heeres, Bd. 2: eine militärische, sehr lebendige Skizze); und von der Literar. Vereinigung des Berliner Lehrervereins (Otto Hach) ein Heft: Menzels Bilder zu Friedrich dem Großen (wobei die historischen Bemerkungen zu knapp sind). Carlyle übertrifft sie alle an Glut und Kraft. Shakespeares dramatische Werke (Übersetzung von Schlegel-Tieck, revidiert von Hermann Conrad; 5 Bde., Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt, 10 M, geb. 15 M). Eine beachtenswerte Neuausgabe! Seit Jahren wünschte man eine Reinigung der Schlegelschen an sich so feinfühligen und so eingebürgerten Übersetzung. Professor Eidam, ein ausgezeichneter Kenner des englischen Shakespeare-Textes, richtete an den Vorstand der englischen Shakespeare-Gesellschaft den Antrag, die Gesellschaft als solche möchte die Revision veranlassen. Das lehnte diese, aus Verantwortlichkeitsgefühl, zwar ab, doch verständigte sich Dr. Oechelhäuser privatim mit der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart. Man gewann für die Aufgabe den Shakespeare-Forscher Professor Hermann Conrad, eine zudem dichterische Natur: und nun liegt in fünf hübschen Bänden die mehrjährige Arbeit vor. über die »Schwierigkeiten der Shakespeare-Übersetzung« muß man leider ein besonderes Buch Conrads nachlesen (Halle, Max Niemeyer, 4 M). Gern hätten wir in einem Anhang wenigstens auf einige Hauptsachen hingewiesen gesehen, damit der Laie einen Begriff von dieser schweren Arbeit erhalte. Seien es auch nur einige drastische Beispiele, wie die bekannte Irrung im »Hamlet« (6. Akt), wo – infolge falsch verstandener Kurzschrift – bis jetzt zu lesen stand: »Er ist fett (fat) und kurz von Atem« – statt, wie jetzt Professor Conrad richtig setzt: »Er ist heiß (hot) und außer Atem«. Im einzelnen wird sich über diese in jedem Falle dankenswerte Arbeit der Fachmann äußern müssen. Wir werden im nächsten Band kurz darauf zurückkommen. Friedrich Schiller: Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen [In anderer Ausgabe im Projekt Gutenberg-DE. Re](Ausgewählt und eingeleitet von Alexander v. Gleichen-Rußwurm; Jena, Eugen Diederichs, 2 M, geb, 3 M, in Leder 3.50 M). Dies ist das beste Brevier Schillerscher Prosagedanken, das mir bekannt geworden. Vortrefflich eingeleitet, geschmackvoll geordnet. – Das Buch ist ein Teil der »Erzieher zu deutscher Bildung«; Herder, Fichte, Friedrich Schlegel, später Hamann, Winckelmann, Schelling, Pestalozzi usw. sollen in Auszügen, fast möchte man sagen: in Aphorismen, also destilliert, der Gegenwart verabreicht werden. Es ist dasselbe billigenswerte Entlastungsverfahren, das in den »Büchern der Weisheit und Schönheit« (Stuttgart, Greiner \& Pfeiffer) das leitende ist. Man will der kaum mehr zu bezwingenden Stoffmassen der Weltliteratur durch Sichtung Herr werden. Houston Stewart Chamberlain, Arische Weltanschauung (Bd. I der »Kultur«, Berlin, Bard \& Marquardt; 1.25 M). Und neue Stoffmassen drängen zu den alten. Dieser hochgeistige und bedeutende Mann führt uns mit seiner lesenswerten Skizze in die indo-arische Weltanschauung ein. Ausgehend von der bisherigen Geschichte der geistigen Entdeckung Indiens kommt er über Max Müller hinaus zu Paul Deußen und von da in die Fülle und Tiefe altindischen »inneren Wissens«. Hier nun heißt es: »In dieser Anlage, die Weltanschauung von innen nach außen zu gestalten, liegt der Keim zu der unerhörten Entwicklung der metaphysischen Befähigung, hier liegt der Keim zu allen Großtaten des indischen Denkens. Es gibt Dinge, die bewiesen werden können, und es gibt Dinge, die nicht bewiesen werden können. Wenn der Arier die felsenfeste Überzeugung von der moralischen Bedeutung der Welt – seines eignen Daseins und des Daseins des Alls – seinem Denken zugrunde legt, so errichtet er sein Denken auf einem inneren Wissen, jenseits aller Beschäftigung mit (logischen Verstandes-) Beweisen. Aus der Beobachtung der umgebenden Natur kann dieser »Stoff« nicht entnommen sein. Mitleid z. B. kann einzig für Den Sinn besitzen, der selber leidet. Dies ist das Hinausprojizieren des inneren Erlebnisses auf die äußere Natur. Denn alle Wissenschaft der Welt kann nicht beweisen, daß es Leiden gebe, ja sie kann es nicht einmal wahrscheinlich machen. Leiden ist eine durchaus innere Erfahrung.« – Sehr schön. Wir sind damit in der Luft, in der auch diese »weimarischen« Blätter wachsen; wir sind auf dem »innern Wege«, in »schöpferischer Stille«, im Schaffen »von innen nach außen«. Die altindische Weisheit ist die großartigste Prägung dieser Art, die gewaltigste Mystik. Aber: – müssen wir denn nun wirklich Schröder, Deußen, Müller, Oldenberg, Winternitz usw. lesen, die 60 Upanishads Deußens und neuestens die gesammelten Neben Buddhas – all diese Riesenbände nicht nur lesen, sondern studieren? Welche Anforderung an ein überlastet Jahrhundert! Das Teubnersche Unternehmen »Die Kultur der Gegenwart« bietet uns gleichfalls Lexikonbände an. Wo soll das enden? Chamberlain fühlt das: denn plötzlich taucht gegen Ende der fesselnden Schrift der Satz auf: »Auch in Dir sind alle Elemente vereinigt, die zu einer neuen, freien, den früheren Höhepunkten des Menschenlebens vergleichbaren Geistesblüte führen können. Kultur hat mit Wissensmenge nichts zu tun: sie ist ein innerer Zustand des Gemütes .« Prachtvoll! Diesen Zustand durch Anstrahlung und Ansteckung zu wecken – da liegt die Frage! Und wird nicht die beste Kraft von der raschen, tapfren, gottbegeisterten Tat geweckt? Wie der einzelne durch solches Tatbeispiel selber in erhöhten und geläuterten Zustand gelange, ob durch gelesenes oder gehörtes Wort der Kraft und Güte, ob durch Bücher oder Menschen, durch glückliche Jugenderziehung oder durch bittre Lebensirrungen – das ist durchaus gleichwertig! Suche man nicht zu viel Heil in Büchern! Unsere Literaturen und Religionen sind nicht Zweck, sondern nur Mittel . Zweck ist eine Höherbildung unsres Wesens. Henry Thode: Böcklin und Thoma. Acht Vorträge über neudeutsche Malerei (acht Vorträge über neudeutsche Malerei; Heidelberg, Karl Winter, 3 M). Diese Vorträge im Geiste Bayreuths haben den überflüssigen Kampf zwischen modernen Kunstschriftstellern aufgewirbelt: hie Auge – hie Seele! Es ist ein krankhafter Zustand, wenn sich diese beiden befehden. Sie müssen Bundesgenossen sein. »Beseeltes Auge« und »sehende Seele« – das ist die richtige Einheit. Die Freude. Ein Hausbuch deutscher Art (Verlag von Karl Robert Langewiesche, Düsseldorf; gut kartonniert 1.80 M). Und nun noch zu einer bürgerlichen Gruppe! An den Schulphilosophen und Kirchenchristen vorüber hat sich eine Gattung von Schriftstellern emporgearbeitet, die man Lebensdeuter nennen könnte. Dazu gehört dieser Düsseldorfer Verlag mit seinen schönen Auswahlbänden von Carlyle, Ruskin, Claudius, Arndt, Volks- und Kinderliedern usw.; dazu gehört auch der Bruder dieses Verlegers, der Dichter Wilhelm Langewiesche. Und mit ihrem Geiste verwandt ist der Münchner Verleger Beck; und als Wortführer dieser Art von Lebensauffassung könnte man schließlich Johannes Müller nennen. Beseelungskraft ist ihnen allen eigen. Der Verleger Langewiesche streichelt und liebkost seine Bände, ehe er sie ausgibt; sie sind mit Sorgfalt und Liebe ausgestattet. Briefe von Ph. O. Runge, Briefe der Brüder Grimm an Freundinnen, Erinnerungen an Brahms, den Menschen und Freund (also lauter Menschentum), dann Silhouetten von Gertrud Schubring und Landschaften des stichelfeinen Herm. Hirzel – das ist ungefähr der Inhalt dieses lichten Buches »Die Freude«. Und so streichelt auch Wilh. Langewiesche seine Verse, durchwärmt sie mit Seele, und läßt sie dann erst wandern. »Und wollen des Sommers warten« (München, Beck, 1.80 M, geb. 3 M) heißt die neue Sammlung, Persönliches und Zeitpredigten enthaltend. Johannes Müller läßt ebenda sein vortreffliches Buch »Beruf und Stellung der Frau« (2 M, geb. 3 M) für »Männer, Mädchen und Frauen« abermals ausgehen (11.–15. Tausend). Und der junge Wilhelm Vesper ist mit vielversprechenden Versen und einer Sammlung »Statuen deutscher Kultur« diesem Kreise beigetreten. Lauter gute Kulturarbeiter, regsame Arbeiter an deutscher Herzenskultur! Und doch: das Feenland Avalun liegt jenseits aller bewußten Kultur; ich meine das Land schöpferischer Dichtertat, das Reich tendenzloser Genialität. Wir sind jetzt noch – auch Frenssen mit seinen Büchern oder Hesse mit seinem »Peter Kamenzind«, Krüger mit seinem »Gottfried Kämpfer« und ähnliche erzählende Lebensdeuter – in einer bewußten und umständlichen Durchwärmung der Atmosphäre begriffen. Das ist schön und erquickend. Aber die wahre »Freude« liegt eben jenseits. Ein Genie wird uns das in späteren Jahren stark und licht dartun, in Strömen von Kraft und Frohsinn. Doch freuen wir uns des Erreichten! An die Leser Der erste Band der »Wege nach Weimar« ist hiemit beendet. Unser fernerer Arbeitsplan ist nun dieser. Heinrich von Stein und Emerson haben uns die allgemein-geistige Grundlage gegeben. Wir könnten nun entweder die Richtung Heldentum oder die Richtung Dichtertum einschlagen, die beide nach oben führen, die sich aber nicht eigentlich decken. Denn obwohl der große Dichter immer auch Heldentum in sich hat: sein Werk ist nicht Schlagen, sondern schauendes Gestalten, setzt also einen Standort jenseits der Kämpfe und eine ganz besondersartige Gabe voraus. Wir wenden uns nun zunächst zum vollen Dichtertum , um nach so viel Geistigkeit wiederum die Welt der Farben und Gestalten ans Herz zu holen: die nächsten sechs Hefte werden also Shakespeare und Homer gewidmet sein (Band 2). Dann, ins 18. Jahrhundert eintretend, greifen wir die Linie Heldentum wieder auf und vergegenwärtigen uns die herben Willensnaturen Friedrich den Großen und Kant (Band 3); die zweite Hälfte jenes Jahrgangs wird wieder zwei dichterischen Gefühlsnaturen gewidmet sein: Herder und Jean Paul (Band 4). Damit sind wir bei den Großen angelangt. Wieder wird die erste Jahreshälfte dem Heldenhaften, der Ethik, nun aber in vollem Verein mit Poesie, zugeteilt werden: Schiller (Band 5). Und den Abschluß und Gipfelpunkt bildet Goethe (Band 6). Dies ist der Grundriß unseres geistigen Baues. Wir wählten statt der von vornherein fertigen Buchform diese lebendigere Form, die uns ein schrittweises Vorgehen ermöglicht. Und nun noch für viele warme Ermunterungen und wertvolle Zuschriften auch an dieser Stelle einen herzlichen Dank! Glückauf zur Weiterfahrt!   Ende des ersten Bandes