Friedrich Wilhelm Weber Dreizehnlinden Dem vielseitig geäußerten Wunsche, daß in einer neuen Auflage dieses Buches die sachlichen Anmerkungen vermehrt und einige ungewöhnliche Wörter ausgedeutet werden möchten, habe ich nachkommen zu müssen geglaubt und meine genug, wenn nicht zuviel getan zu haben. Der weit entrückte geschichtliche Hintergrund des Stoffes, sein Hinübergreifen in alte Rechtsverhältnisse, in Sagen- und Märchenwelt und germanischen Götterkultus führen auf Gebiete, die unserer sonst anerkennenswerten Durchschnittsbildung zu fern liegen, als daß einige erklärende Winke zum Verständnis entbehrlich waren. Sie mögen auch das Gute haben, den einen und andern auf die tiefsinnige Symbolik unserer Mythologie aufmerksam zu machen, die noch viel zu wenig gekannt ist, während wir die Götter und Göttinnen des Olymps, die großen samt den kleinen, an den Fingern herzählen. – Des Altertümelns in der Sprache, so verlockend sich auch die Gelegenheit vielfach darbot, habe ich mich mit Fleiß enthalten. Die Grenze zwischen Statthaftem und Unstatthaftem ist schwer zu ziehen; ich denke sie nicht überschritten zu haben, wenn ich manchem guten deutschen Worte, das aus unserem durch widerwärtigen fremdländischen Wulst täglich mehr gefälschten und überladenen Sprachschatze zu verschwinden droht, sein Recht zu wahren suchte. Über den Namen Dreizehnlinden sei bemerkt, daß er auf geschichtliche Unterlage keinen Anspruch macht. Will sich jemand die altehrwürdige Benediktinerabtei Corvey an der Weser darunter vorstellen, so hat er den Vorteil, zu finden, daß Gründungszeit, Lage und Umgegend derselben mit den von mir gegebenen Schilderungen nicht in Widerspruch stehen. Diese selbst sind freie, in den Rahmen der Geschichte eingefügte Dichtung. Sie fallen in die Regierungszeit Ludwigs des Frommen, etwa in die Jahre 822 und 823. Der Schauplatz ist der Nethegau , der den nördlichen Teil des jetzigen Kreises Warburg und den Kreis Höxter, mit Ausnahme der zum Wetigau gehörigen Ämter Nieheim und Steinheim, mithin etwa das Flußgebiet der Nethe, umfaßte. Die Stadt Höxter selbst gehörte zum Pagus Auga. Vgl. »Der Nethegau« von W. E. Giefers, Münster 1842, woselbst die Gaugrenzen sorgfältiger bestimmt sind als in Falkes Codex traditionum Corbejensium. Inhalt: I. Aus dem Nethegau II. Das Kloster III. Auf dem Habichtshofe IV. Die Mette V. Am Opfersteine VI. Das Erntefest VII. In stiller Nacht VIII. Die Drude IX. Auf des Waldes Pfaden X. Auf der Dingstätte XI. Vogelfrei XII. Der Landsturm XIII. Fieberträume XIV. Ein Kreuz im Walde XV. Fromme Mönche XVI. Beim Weben und Nähen XVII. Des Priors Lehrsprüche XVIII. Hildegundens Trauer XIX. Elmar im Klostergarten XX. Zwei Frauen XXI. Abt Worin XXII. Im Klosterchor XXIII. Die wilde Katze XXIV. Heimkehr XXV. Schluß I. Aus dem Nethegau           Wonnig ist's, in Frühlingstagen Nach dem Wanderstab zu greifen Und, den Blumenstrauß am Hute, Gottes Garten zu durchschweifen. Oben ziehn die weißen Wolken, Unten gehn die blauen Bäche, Schön in neuen Kleidern prangen Waldeshöh' und Wiesenfläche. Auf die Bleiche bringt das Mädchen, Was der Winterfleiß gesponnen, Und dem Hain erzählt die Amsel, Was im Schnee sie still ersonnen. Sind es auch die alten Töne, Die bekannten, längst vertrauten, Doch die Bleicherinnen lauschen Gern den süßen, lieben Lauten. Gern den süßen, lieben Lauten, Die in Berg und Tal erklingen; Hirtenbub' und Köhlerknabe Horchen auf, um mitzusingen; Mitzusingen frisch und freudig Nach des Winters langen Schmerzen; All die halbvergeßnen Lieder Werden wach im Menschenherzen. Halbvergeßne alte Lieder Werden wach in meiner Seele: Hätt' ich nur, sie auszusingen, Wilde Amsel, deine Kehle! – Was die Linde mir erzählte, Was der Eichenwipfel rauschte, Wenn ich abends ihrer Blätter Heimlichen Gesprächen lauschte; Was die muntern Bäche schwatzten Hastig im Bergunterrennen, Wilde Knaben, die nicht schweigen Und nicht ruhig sitzen können; Was die Zwerge mir vertrauten, Die in fernen Waldrevieren Still in Spalten und in Klüften Ihren kleinen Haushalt führen; Was auf mondbeglänztem Anger Ich die Elben lispeln hörte; Was mich des ergrauten Steines Moosumgrünte Inschrift lehrte: Dies und was ich las in staub'gen Lederbänden und in alten Halberloschnen Pergamenten, Will zum Liede sich gestalten. Nebelbilder steigen dämmernd Aus der Vorzeit dunkeln Tagen; Wispern hör' ich ihre Stimmen, Freudenlaute, Zürnen, Klagen; Männer, die vor tausend Sommern Durch den Nethegau geschritten, Heidenleute, Christenleute, Was sie lebten, was sie litten; Eines Sachsenjünglings Kämpfe Mit dem Landesfeind, dem Franken, Und in eigner Brust die schwersten Mit den eigenen Gedanken; Einer Jungfrau stilles Weinen, Einer Greisin finstres Grollen, Runensang und Racherufe, Die aus Weibermund erschollen; Frommer Mönche leises Walten Im Konvent zu Dreizehnlinden, Sanft bemüht, durch Lieb' und Lehre Trotz und Wahn zu überwinden; Ihre Hymnen, gottesfrohe, Die bei Tag und Nacht erklangen, Die den Sieg des Christenkreuzes Jubelnd in die Berge sangen; Und darein des Waldes Rauschen Und dazu der Brandung Stöhnen: Alles will zu einem Liede Dumpf und hell zusammentönen. Sei's, und sei es euch gesungen, Die ihr wohnt an Ems und Lippe, Ruhr und Diemel, Neth' und Emmer: Alle seid ihr edler Sippe; Alle sprecht ihr eine Sprache, Frommer Mutter biedre Söhne, Ob sie rauh im Waldgebirge, Weich in Sand und Heid' ertöne. Kinder ihr der Sachsengaue, Nehmt das Beste, was ich habe: Gern gereicht, ist unverächtlich Auch des kleinern Mannes Gabe. Denkt, ich böt' euch Heideblumen, Eine Handvoll, die ich pflückte, Als mit herbstlich gelbem Laube Sich bereits der Osning schmückte. Rügt es nicht, wenn ich den Helden In der Heimat Farben male; Dünkt er manchmal euch ein Träumer, Nun, er war ja ein Westfale: Zäh, doch bildsam, herb, doch ehrlich, Ganz wie ihr und euresgleichen, Ganz vom Eisen eurer Berge, Ganz vom Holze eurer Eichen. Heut noch ist bei euch wie nirgend Väterbrauch und Art zu finden; Darum sei es euch gesungen, Dieses Lied von Dreizehnlinden. Doch ein Uhu murrt dawider: »Rauh sind deines Sanges Töne, Und der Netheborn, der dunkle, Deucht mir keine Hippokrene. Laß das Leiern, laß das Klimpern! O es schafft dir wenig Holdes; Beßres Klingen, bestes Klingen Scheint das Klingen mir des Goldes. Und die eigne Haut zu pflegen, Ist vor allem mir das erste; Bau im Garten deine Rüben, Bau im Felde deine Gerste! Laß die schimmligen Scharteken Unterm Kessel rasch verrauchen: Kohlen sind's, die wir bedürfen, Dämpfe sind's, die wir gebrauchen! All den Wust papierner Träume, Grubenschätze, die vermodern, Daß sie endlich nützlich werden, Unterm Kessel, laß sie lodern! Nur das Einmaleins soll gelten, Hebel, Walze, Rad und Hammer; Alles andre, öder Plunder, Flackre in der Feuerkammer. Mag es flackern, mag es flammen, Daß die Wasser sprühn und zischen Und der Welt zerrißne Stämme Hastig durcheinandermischen; Denn das große Ziel der großen Zukunft ist die Einerleiheit, Schrankenloseste Bewegung Ist die wahre Völkerfreiheit. Laß das Klimpern, laß das Leiern, Wer erfreut sich solchen Schalles? Beßres Klingen, bestes Klingen Ist das Klingen des Metalles.« – Gelber Neidhart, alter Uhu, Wohl versteh' ich deine Meinung: Bist du doch der seelenfrohen Gotterlösten Welt Verneinung! O du möchtest sie im Mörser Erst zerstäuben und zerreiben, Um in Tiegel und Retorte Dann den Geist ihr auszutreiben! O du würfst sie in die Arme Gern dem Moloch unsrer Tage, Daß sie ganz in Rauch zergehe Nach Sibyllenwort und Sage! Alter Uhu, gelber Neidhart, Mag's dich ärgern und verdrießen: Dennoch grünt ein reicher Garten, Wo der Menschheit Rosen sprießen; Dennoch blüht die weiße Lilie, Und im Grottenheiligtume, In des Waldes fernstem Tale Träumt die stille blaue Blume. Dennoch klingt es aus den Lüften, Aus des Haines Dämmerungen, Und die Amsel hat ihr letztes Lied noch lange nicht gesungen; Und die Nachtigall im Busen, Sie wird jubeln, sie wird klagen Jeden Lenz, solang auf Erden Rosen glühn und Herzen schlagen. II. Das Kloster               Süßer Schlag der Heidelerche, Sonnenschein auf allen Hügeln! Tauwind sang, durch alle Schluchten Flog er rasch auf weichen Flügeln. Lustig hüpften alle Brunnen Aus den Bergen durch die Bäume, Um im Tale zu erzählen Ihre langen Winterträume; Schwere Träume, und der kleinen Zarten Elben frost'ges Schaudern Und der Riesen lautes Schnarchen Und der Zwerge kluges Plaudern. Denn der Schnee begann zu schmelzen, Bräunlich stand des Berges Gipfel, Und ein Frühlingsahnen rauschte Durch die grünen Tannenwipfel. Aus den Tannenwipfeln ragte Eines Türmleins spitzer Kegel, First und Giebel eines Klosters Nach Sankt Benediktus' Regel. Jüngst erst waren weise Männer Angelangt aus fremden Reichen, Segensworte auf den Lippen, In der Hand des Friedens Zeichen; In der Hand die fromme Waffe, Die mit Mut beseelt den Schwachen, Die durch Huld bezwingt die Völker Und besiegt, um frei zu machen; Ernste Männer, vielgeprüfte, Die in harter Weltverachtung Einsam sich der Arbeit weihten, Dem Gebet und der Betrachtung; Stille Siedler, die sich mühten, Mit dem Spaten wilde Schluchten, Wildre Herzen mit der Lehre Lindem Samen zu befruchten. Klugen Sinns und unverdrossen Bauten sie mit Lot und Waage, Winkelmaß und Säg' und Hammer, Axt und Kelle Tag' auf Tage, Bis es ihrem Fleiß gelungen, Haus und Kirche fest zu gründen, Bis der Brunnen rauscht im Hofe Des Konvents von Dreizehnlinden. In Gehorsam, Zucht und Armut Schafften still die tapfern Streiter: Reuteten des Urwalds Riesen, Dorn und Farn und wüste Kräuter; Zogen Wall und Zaun und Hecke, Hirsch und Keiler abzuwehren, Daß im Tale wohlumfriedet Grünten menschenholde Ähren; Zwängten ein den ungestümen Strom durch Pfahlgeflecht und Dämme, Pfropften milde Südlandsreiser Auf des Nordens herbe Stämme. Kräftig sproß im jungen Garten Akelei und Ros' und Quendel, Blasse Salbei, Dill und Eppich, Eberraute und Lavendel. Aber noch ein andrer Acker Blieb den Vätern: reicher Boden, Tiefer Grund, doch schwer zu bauen Und voll heidnisch wilder Loden. Traun, da gab es viel zu rupfen, Viel zu zähmen und zu zanken, Viel zu zerren und zu zupfen An den ungezognen Ranken! Auf den braunen Eichenbänken Saß die Brut der Sachsenrecken, Junge Bären; Riesenarbeit War's, sie bildend zu belecken. Erstlich galt's, der Römerrunen Fremden Zauber zu ergründen: O ein dornenvolles Rätsel, Dessen Lösung kaum zu finden! Dann gefällig nachzubilden All die wunderlichen Zeichen: Hohes Ziel, nur auserwählten Fingerkünstlern zu erreichen! Doch am schwersten war's, des Kreuzes Milde Botschaft zu erklären, Denn gar manchen Flachskopf dünkten Gotteswort und Heldenmären, Weißer Christ und weißer Balder Balder , der Phol des Merseburger Heilspruches, der Sohn Wodans und der Frigga, war der mildeste der germanischen Götter, gütig, sanft, schön, wohlredend und von stetem Glanz umstrahlt: die lichte Hälfte des Jahres, im Gegensatz zu seinem blinden Bruder Höder, dem Symbol des abnehmenden Lichtes, der finsteren Jahreshälfte. , Lichte Engel, lichte Elben, Jüngerschaft und Heerbannstreue Ganz dasselbe, ganz dieselben. Nur begabtre Schüler wurden Höhern Zwecken zugeleitet Und die sieben freien Künste Lehrhaft ihnen ausgedeutet. Schwer und ungelenkig waren Noch der deutschen Zunge Laute, Gleich den ersten Schritten eines Hünenkinds im Heidekraute. Rasch indes wie ehrne Pfeile Klingend flog das Wort der Römer Von den Lippen kurz und schneidig Wie das Schwert der Weltbezähmer. Willig bot es knappe Schärfe Logikern und Exegeten, Kraft und Fülle den Rhetoren, Reim und Rhythmen den Poeten. Preis den braven schwarzen Mönchen, Preis den wackern Kuttenträgern, Alles menschlich schönen Wissens Frommen Hütern, treuen Pflegern! Was auf Hellas' blauen Bergen, Was einst am Tyrrhenermeere Dichter sangen, Denker dachten Später Welt zu Lust und Lehre; Was der Geist geweihten Sehern Offenbart' in Sturm und Stille, Wort und Werk des Gottessohnes, Als er ging in Manneshülle: Von der Mönche Hand geschrieben Blatt auf Blatt mit Müh' und Sorgen, In den Truhen der Abteien Lag es liebevoll geborgen. Zärtlich ward der Schatz betrachtet, Mit bescheidnem Stolz gepriesen Und als Klosterhort dem fremden Schrifterfahrnen Mann gewiesen. Solch ein kostbar Gut zu sichern Treu dem künftigen Geschlechte, Schrieben sie, die braven Mönche, Sommertag' und Winternächte. Rot und blau und grün und golden Schimmerten die Anfangslettern, Reich umrankt von Blumendolden Und von traumhaft bunten Blättern. Rührend bat der fromme Schreiber An des langen Werkes Ende, Daß man seiner armen Seele Des Gebets Almosen spende. Trutziglich, wie schwarze Krieger, Lanzenknechte der Konvente, Standen Glied an Glied die Runen Auf dem weißen Pergamente. Ja, sie sind's, die schwarzen Krieger, Die von einer weggestürmten Schönheitswelt die letzten Inseln Rettend vor den Wogen schirmten! Weht dir aus des Mäoniden Der Mäonide , Homer. Sängen, wie aus Meeresrauschen, Tiefes unerkanntes Sehnen, Das dich zwingt zum Weiterlauschen; Mahnt der Zorn des letzten Römers Der letzte Römer , Tacitus. , Gott und Vaterland zu ehren, Drängt er, vor dem Bild des Lasters Dich der Tugend anzuschwören; Strömt dir aus dem Buch der Bücher Kraft und Trost im Kampfgewühle Wie dem matten Wüstenwaller Aus des Palmenquelles Kühle: Sei gedenk der wetterfesten Lanzenknechte der Konvente, Sei gedenk der schwarzen Krieger Auf dem weißen Pergamente! – Auch zu rauherm Dienste stählten Die Geschornen ihre Kräfte: Schicklich wußten sie zu führen Bogen, Beil und Lanzenschäfte, Waren Feinde zu verjagen, Die des Feldes Frucht verbrannten, Oder Räuber, die der frommen Spendebringer Weg verrannten; Oder war ein Festtagsbraten Zu erpirschen in den Forsten, Sei's ein stolzer Sechzehnender, Sei's ein Bursch mit Wehr und Borsten. – Also übten sie beständig Friedenswerk und Kampfespflichten, Doch der Arbeit für der Seele Heil vergaßen sie mitnichten. Früh und spät zum Himmel schallte Ihrer Hymnen und Gebete Bange Klage, die für alle Und für sie um Einlaß flehte. – Süßer Schlag der Heidelerche, Sonnenschein auf allen Hügeln! Tauwind sang, durch alle Schluchten Flog er rasch auf weichen Flügeln. Friedensboten, Himmelsschlüssel Sprossen auf der jungen Aue, Und ein frohes Frühlingsahnen Rauschte durch die Sachsengaue. III. Auf dem Habichtshofe 1.               Elmar, Herr vom Habichtshofe, Sprach zu seinem Jagdgesinde: »Gute Meute, gute Beute; Hängt den Bären an die Linde! Achtet auf das Weidgeräte Und besorgt die müden Hunde, Dann euch selbst; mich will bedünken, Daß euch wohl der Imbiß munde. Drauf zerwirkt den braunen Riesen, Aber mit geschickten Händen Schont den Pelz; nach Bodinkthorpe Will ich ihn zum Grafen senden, Dem der ungeschlachte Brummer Jüngst die Heimkehr abgeschnitten, Als der Alte mit der Tochter Spät vom Eschenberg geritten. Heute fand er seinen Meister! Stolzer Bursch, er schlug sich wacker, Bis ihm an der Gurgel hingen Greif und Kneif, die grimmen Packer. Traun, ich hätt' ihn, laufen lassen, Ihn, den Herrn von Wald und Heide, Doch dem Wegelagrer stieß ich Rasch ins Herz die blanke Schneide. Mocht' er sich mit Männern zerren, Mocht' er sich mit Hunden necken: Allzu bärenhafte Laune War's, ein Mägdlein zu erschrecken.« Elmar grüßte mit der Lanze Und, gefolgt von Weidmannsrufen, Sprang er aus dem Kreis der Jäger Schnell hinan des Saales Stufen. Höher hob sich heut des Jünglings Breite Brust vom frischen Gange, Heller war sein blaues Auge, Voller die gebräunte Wange. Schüttelnd die betauten Locken, Schritt er durch die große Halle, Fast erschreckt vom düstern Schweigen Und des Tritts verlornem Schalle. Wo sich einst die schildgewiegte Falkenbrut des Spiels erfreute, Stand am kalten Herd des Hauses Letzter Sproß vereinsamt heute. Um ihn her an hohen Wänden Wisenthörner, Hirschgeweihe, Bärenschädel, Schwert und Lanze, Helm und Brünne Brünne , Panzer, thorax, »ein schönes, aus brinnen, leuchten, entspringendes Wort, das sich statt Panzer hätte im lebendigen Gebrauch erhalten sollen«. Deutsches Wörterbuch der Brüder Grimm II, 435. , Reih' an Reihe. Eichne Säulen, eichne Sparren, Eichner Boden, eichnes Schauer: All ein Wald, doch still und öde, All ein Wald in Wintertrauer.   2. Wo die Brucht durch Schilf und Erlen Rieselt und zum Drosselsange Dunkle Runenlaute murmelt, Lag der Hof am Hügelhange Unter Linden, unter Ulmen Und des Strohdachs warmen Schwingen, Die, mit Lauch und Moos bewachsen, Breit und schirmend niederhingen, Bau an Bau. Von bunten Giebeln Nickten nach dem Brauch der Alten Holzgeschnitzte Pferdeköpfe Das Roß war den Sachsen heilig, es war ihr Opfer- und Wappentier, ein weißes Pferd im roten Felde. Der Brauch, die Giebel der Bauernhäuser mit pferdekopfähnlichen Spitzen zu verzieren, ist uralt und besteht hin und wieder noch heute. , Wicht und Kobold fernzuhalten. Weit erstreckten sich des Hauses Kämpe, Wälder, Ackerbreiten; Bergesfirst und rinnend Wasser Schied die Mark seit Väterzeiten. – Als der Wandersturm vom Osten Über Deutschlands Felder brauste, Volk auf Volk wie Meeresfluten Zornig durcheinanderzauste; Als die harten Bernsteinfischer Welschlands dunkle Trauben pflückten, Und des Spessarts rauhe Jäger Sich mit Römerringen schmückten: Unentwegt auf freier Hufe, Grundentsprossen, grundverwachsen, Wurzelfest wie seine Eichen Saß der edle Stamm der Sachsen. Stetig bauten sie die Scholle, Hüteten auf brauner Heide Sorgsam Bien' und Schaf und zogen Rind und Roß auf Trift und Weide; Übten, wie die Väter taten, Sprung und Wurf und Lanzenbrechen Oder griffen rasch zum Eisen, Freveltat und Schimpf zu rächen; Brauten Met und zechten tapfer, Trotzten auf der Jagd den Wettern, Und am heil'gen Opferkessel Dienten sie den alten Göttern. Stetig auf dem Habichtshofe Unter ihres Saales Balken, An derselben Feuerstätte Hausten, Sohn auf Sohn, die Falken, Ehrenreich und unverworren, Bis am Rhein der Brand erglühte, Der, gewalzt von Berg zu Bergen, Durch die Sachsendörfer sprühte. Krieg mit Karl! Die Mütter klagten; Krieg! Es freuten sich die Aare; Krieg den Göttern, Krieg den Menschen, Krieg durch dreißig lange Jahre! Alfrik, Elmars Vater, brachte Wunden heim und bittre Schmerzen, Heiße Wunden, tiefe Wunden, Doch die tiefste saß im Herzen. Machtlos, rechtlos war der Sachse; Dreist, wie auf die milden Flanken Eines speerdurchbohrten Ebers, Trat auf ihn der Fuß des Franken. Irmintrud, die Gattin, mischte, Kundig all der holden Kräfte, Die in Frucht und Blüte schlafen, Sanftes Öl und milde Säfte; Swanahild, die greise Drude Drude , Zauberin, Wahrsagerin, Priesterin. Die aus der Geschichte bekannte Velleda war eine Drude. , Ritzte Runen, Zauberzeichen, Warf die Stäb' Das Stäbewerfen geschah in der Weise, daß man den Zweig eines fruchttragenden Baumes, der Buche – daher die Bezeichnung Buchstaben –, in kurze Stäbchen zerschnitt, diesen ein Schriftzeichen, eine Rune, einritzte, sie über ein weißes Tuch streute, eines oder mehrere derselben unter Anrufung der Götter aufhob und sie nach dem Zeichen, welches sie trugen, ausdeutete. und raunte Sprüche, Gram und Siechtum zu verscheuchen. Lindern mögen Wurz und Worte Wundenweh und Herzbeschwerde: Bester Arzt für jeden Jammer Ist die stille kühle Erde. – Auf den Sohn, den frühverwaisten, Sah die Mutter oft mit Zähren: »Kind, wer wird in Ernst und Liebe Dich belehren und dir wehren?« Tief ins junge Leben grub sie Tiefen Abscheu vor dem Neuen, Mocht' ihr Bruder an der Pader Mit dem Bischofsstab auch dräuen, Badurad Badurad , der zweite Bischof von Paderborn, war, wie sein Vorgänger Hathumar, dem er 815 nachfolgte, ein edler Sachse; ein frommer und kluger Herr, der sich in den 47 Jahren seines Kirchenregiments große Verdienste um das Land erworben hat. , der eifervolle, Den es schmerzte und empörte, Daß sein eignes Blut dem Kreuze Starren Sinns den Rücken kehrte. Und im Wald die greise Drude Pries den Heldenruhm der Ahnen; Götter fürchten, Franken hassen, War ihr unablässig Mahnen. – Knabenzucht will harte Hände. Bald entsandten sie zum fernen Bruderstamm den Vaterlosen, Maß und Männerbrauch zu lernen. Gastverwandt dem Haus der Falken, Welterfahren, weitgepriesen War der graue Wodanspriester Wodan , der nordische Odin , der vielnamige Vater der Götter und Menschen und der höchste Gebieter des Himmels und der Erde. Thiatgrim im Land der Friesen. All der ernsten Nordlandsdenker Weisheitsfülle war ihm eigen; Beides wußt' er: klug zu reden, Und, was klüger, klug zu schweigen. Elmar staunte, wenn der Alte Ihn die Runenrätsel lehrte, Wenn er ihm gedankenreicher Sprüche Die Edda hat uns drei treffliche Spruchgedichte voll Lebensweisheit aufbewahrt, das Hawamal, Loddfafnirslied und Odins Runenlied. Simrocks Edda 41. 57. 61. tiefen Sinn erklärte: Donars Kämpfe mit den Thursen Donar , der nordische Thor , der Donnergott, Wodans und Friggas Sohn, nach seinem Vater der stärkste und gefürchtetste der Asen. Er fuhr auf einem schwer rollenden, von Böcken gezogenen Wagen durch die Wolken und schleuderte die schrecklichste der Waffen, seinen Hammer Mjölnir, den Zermalmer, den Blitz. – Er stand in stetem Kampfe mit den Thursen, den im hohen Norden wohnenden Eisriesen. Sommerwetter und Winterkälte sind sich feindlich. , Walas düstre Prophezeiung Die Prophezeiung der Wala , die Wöluspa, ist eine tiefsinnige Dichtung der älteren Edda, in welcher die Götterdämmerung, d. h. der Untergang der Götter und des ganzen Weltalls und die Verjüngung desselben vorhergesagt wird. , Balders Tod, die Götterdämmrung, Weltvernichtung, Welterneuung; Oder wenn er ihm entrollte Meerumrauschte Gudrunsagen, Siegfrieds Tod, Kriemhildens Rache Und den Zorn des grimmen Hagen. Eins nur war Beginn und Ende: »Sonder Wanken, sonder Schwanken Fluch und Haß dem welschen Feinde, Fluch und Haß dem Gott der Franken!« – Jahre flohn; der blonde Knabe War zum Jüngling aufgeschossen, Stark und stattlich, still, doch glühend, Offnes Auges, doch verschlossen. Träumend blickt' er oft vom Strande In des Meeres graue Wogen, Träumend nach den Kranichschwärmen, Die im Herbst gen Mittag zogen. Dacht' er an das Los der teuern Unterjochten Heimaterde? An die Mutter, wie sie einsam Trauernd saß am öden Herde? An ein kleines Frankenmädchen, Das gerettet einst der Knabe Mit Gefahr des eignen Lebens Aus des Weihers feuchtem Grabe? Das mit Lachen und mit Weinen Auf den Wangen Blässe, Röte, Küssend ihn umschlang und leise »Elmar, sag es keinem!« flehte? Zwar die Lippe war versiegelt Und gebannt von süßem Munde, Doch im Herzen, tief im Herzen Rief es immer: Hildegunde! – Thiatgrim, der Graubart, murrte: »Ist der Falk des Käfigs müde? Will ihm länger nicht behagen Meines Hauses träger Friede? Dort zum Normann mag er fliegen: Thorkell rüstet Krieg den Franken, Und sein Flügeldrache badet In der Bucht die finstern Flanken.« Wikingsfahrt Wikinge hießen die nordischen Seehelden, Seekönige, die nah und fern Kriegs- und Beutezüge unternahmen. zum Frankenlande? Rachekampf? Wie Elmar lauschte, Wie er schnell das Lodenkoller Lodenkoller , Wams aus zottigem Wollstoff. Mit dem Kettenhemd vertauschte! – Lustig war's, in Sturmesbrausen Auf dem Wellenroß zu reiten Sommerlang, und Wund' um Wunde Mit dem Landesfeind zu streiten. Wonnig war's, im Föhrensaale Winters mit den Bankgenossen Kämpenweisen still zu horchen, Die vom Mund des Sängers flossen. Stumm bei Frauen war der Sachse, Kühn in Not und Männerfehde, Klug im Rat, am Tisch bescheiden Mit dem Trinkhorn, mit der Rede. Manches schöne Nordlandsmädchen Sah ihm nach mit holden Blicken, Schritt er, hoch den Kopf, vorüber, Ohne nur zum Gruß zu nicken. Thoralil Thoralil statt lille Thora, eine in den dänischen Volksliedern sehr gewöhnliche Schmeichelform, wie Elselil, Mettelil, Swanelil, Signelil usw. , des Wikings Schwester, Stickte Laub und Blumenranken Ins Geweb' und mit den Blumen, Mit den Blättern viel Gedanken. Kleine Thora, laß das Träumen, Falkenart hat schnelle Flügel; Glaubst du ihn an sichrer Kette, Schweift er über Tal und Hügel. Hastig über Tal und Hügel Flog er heim, ihn rief der Bote Hastig zu der kranken Mutter; Was er fand, war eine Tote.   3. Windeswehn und Regenschauer, Fahl und kalt die Morgenfrühe! Über Waldeswipfel eilten Hollas Holla , Holda , im Volksmunde Frau Holle , ein guter, holder Geist. – Sie wohnt im Wald, am Quell und hat Macht über die Wolken; durch Aufschütteln ihres Federbettes verursacht sie den Schnee. Sie beaufsichtigt die Spinnerinnen und hilft den fleißigen; den trägen aber zaust und brennt sie den Rocken. – In den heiligen zwölf Nächten muß sie mit dem wütenden Heer fahren. graue Wolkenkühe. Auf dem Habichtshof die Ulmen Schüttelten die nassen Äste, Und das Scheunendach umkrächzten Nebelkräh'n, unholde Gäste. Elmar, in der Hand die Stirne, Sah hinaus ins Wetterwogen; Trüb die Welt wie die Gedanken, Die durch seine Seele zogen! Auf dem Hof Gebell und Rufen; Diethelm kam, der Hausverwalter: »Harrt die Meute? Tolles Treiben! Geh, ich will nicht jagen, Alter! Müde bin ich all des Jammers! Kläglich ist es, Krieg zu führen Mit dem Biber, mit dem Reiher, Mit des Wildbanns armen Tieren. Schon zuviel des Streits! Im Hader Bin ich mit dem fremden Gotte, Mit den Fremden und am meisten Mit mir selbst, mir selbst zum Spotte. Winnemar, mein großer Ahne, Schlug den Wurm mit hartem Schwerte, Der im Stein des Eschenberges Haust' und rings das Land verheerte. Heißer war des Vaters Kämpfen Mit dem welschen Ungeheuer, Das uns schnürt mit erznen Ringen, Das uns stickt mit Dampf und Feuer. Und der Sohn? Er hockt am Herde Und, im Schoß die schlaffen Hände, Stiert er ratlos in die Wolken, Stiert er tatlos in die Brände. Soll er Schalkenarbeit Schalk , hier in der ursprünglichen Bedeutung Knecht; doch hat das Wort schon bei Gottfried von Straßburg, Freidank und Hartmann von Aue den heutigen Sinn eines losen und schlauen Menschen. Grimms Deutsche Rechtsaltertümer 503. üben? Soll er mit den Mägden spinnen? Soll er reuten mit den Knechten, Brot und Zehnten zu gewinnen? Soll er, wie der Stier am Wagen, Sich dem Frankenjoch bequemen? Soll er vor dem Kreuz sich bücken Und das Christenwasser nehmen? Soll er Mark und Gau durchfliegen, Um den alten Haß zu schüren Und die schnell empörten Stämme Schnell zum Rachekrieg zu führen? Soll er nach der Pfalz zu Aachen Für sein Volk zum Zweikampf reiten Und auf Leben und auf Sterben Mit dem frommen König streiten? Leere Nacht, wohin ich schaue! Hand und Fuß umwob die Norne Die Nornen , die drei weisen Schicksalsgöttinnen, den Parzen vergleichbar, Jungfrauen, deren Schönheit nie altert, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Urd, Wärenda und Skuld, sitzen am Zeitenborn unter dem großen Weltbaum, der Esche Ygdrasil, und lenken alle Schicksale. Mit des Schicksals dunklen Fäden, Die sie spann in ihrem Zorne. Fliehen möcht' ich zu des weiten Wendelmeers Das Wendelmeer , der große Ozean am Ende der Welt. Graffs Ahd. Sprachschatz II. 820. entlegnem Strande, Das der Menschenwelt Getümmel Trennt vom stillen Geisterlande. Wodan Wodan wurde in herrlicher Heldengestalt gedacht, mit Goldhelm und reichem Harnisch, den Spieß in der Hand; oder als einäugiger langbärtiger Greis, in blauem Sternenmantel, zwei Raben auf den Schultern, zwei Wölfe zu den Füßen und den Himmelswagen über seinem Haupte. Doch liebte er, sich zu verhüllen, und erschien bald als Fußwanderer, als hochbetagter Mann; mit breitkrempigem, tief ins Gesicht gedrücktem Hute, bald als riesenhafter nächtlicher Reiter an der Spitze der wilden Jagd. Er war das Sinnbild des blauen Himmelsgewölbes mit seinen Lichtern. nur, der Rätsellöser, Kann das rechte Wort mir sagen, Doch er schweigt; die Götter alle Schweigen – und ich muß verzagen.« – Diethelm sprach: »Durch deine Adern Braust das Blut gleich wilden Bächen, Die, geschwellt von Wettergüssen, Uferdamm und Wehr durchbrechen. Elmar, Stärke ziemt dem Starken, Mut dem Mann; die Götter walten: Lassen sie das Neue werden, Traun, so sind sie gram dem Alten, Seit du fern auf fremden Meeren, Brannte manche Glut zu Kohlen: Zahmer unterm Frankensattel Geht das weiße Sachsenfohlen. Brach der Sturm dir First und Wände, Magst dem Zauberweib du fluchen; Weiser ist's, bei Nachbarleuten Als beim Wolf Herberge suchen. Und ihr Gott? Der alte Wodan, Sagt man doch, sei vielgestaltig, Stets er selbst, trotz Kleid und Namen, Stets sich gleich und hochgewaltig. Elmar, du bist krank, ich weiß es, Schmerzlich krank an schlimmer Stelle; Schweigst du auch, ich kenne lange Deines Wehs geheime Quelle. Freia Freia , die blondlockige Göttin der Liebe und Treue, nach Frigga, der Gattin Wodans, die vornehmste unter den weiblichen Asen. Ein Bildnis von ihr, welches zu Magdeburg hoch verehrt wurde, zerstörte Karl d. Gr. – Freias Rocken hießen die drei Sterne im Gürtel des Orion. Grimms Deutsche Mythologie, 2. Aufl. S. 689. helfe! Raten möchte Wohl die Drud' im blauen Tale.« – Eine Trän' im greisen Barte Ging der Alte aus dem Saale.   4. »Gruß vom Norden!« rief der Sänger, Als er saß in Elmars Halle; »Sieg und Segen Wünschen Thorkell Und die Schwertgenossen alle. Auch von Thoralil, der braunen, Künd' ich dir vielholde Märe, Doch zuerst, daß Ragnar Lodbrok Ragnar Lodbrok , dänischer Oberkönig in Lethra, Leire, dem alten Königssitz bei Roeskilde am Isefjord auf Seeland. Das Sterbelied desselben, Lodbrokarquida, ist uns erhalten. Seine Söhne rächten an König Ella des Vaters Tod. Fuhr zu Wodans altem Heere Wodans altes Heer sind die Toten. ; Nicht mit ehrlich breiter Wunde, Nicht von rosenroter Heide, Nein, zernagt, aus finstrer Grube, Grauser Tiere grause Weide. – König Ellas Trotz zu brechen Und den Schoß Schoß , zusammen geschossenes Geld, Abgabe, Steuer. – Die Unterkönige hatten an den Oberkönig einen jährlichen Tribut zu entrichten und hießen darum Schoßkönige. Reguli, alterius ditioni subjecti, partem imperii pro certo pendendo vectigali tenebant. Ihre, Glossar. Sviogoth. s. v. Konung. sich zu erzwingen, Ließ der alte Leireherrscher Laut im Land den Heerschild klingen. Lachend sprach er: ›Statt der Brünnen Mögt ihr Leinwandwämser tragen; Krieg mit Bretlands weichen Männern Ist ein muntres Schnepfenjagen!‹ – Lustig schoß ins Meer die Flotte Wie ein Zug von wilden Schwänen, Doch die finstern Wellenweiber Sangen zum Verderb der Dänen. Brechend Kiel und Mast durchtobte Sturm die weiße Wasserwüste; Nur mit einem Schiff erreichte Ragnar Bretlands Kreideküste. Müde Kämpen! Ella nahte; Schilde krachten, Schwerter klangen: Sterbend fielen die Normannen, Und ihr König ward gefangen. Ella höhnte: ›Niemals, rühmst du, Konnte Furcht dein Herz erfassen? Alter Drost Drost , dänisch Drot, Herrscher, schwedisch nur die weibliche Form Drottning, Königin; später Landvogt, Amtshauptmann, vicarius regis. Deutsches Wörterbuch der Brüder Grimm II. 1437. , du lernst noch heute, Stolzer Prahler, das Erblassen! Schnepfenjagen? Was zu wünschen Sich dein frevler Spott erfrechte, Sollst du haben: greift ihn, werft ihn In den Schlangenturm, ihr Knechte!‹ – Gräßlich war's! Der Held von Leire Sprach: ›Du siehst mich nicht erbleichen; Wie ich lebte, will ich sterben: Laß mir meine Harfe reichen!‹ Mutig trat er in den Zwinger, Und mit weitgesperrtem Rachen Auf den Greis, den waffenlosen, Stürzten die gefleckten Drachen. Doppelt wild von langem Hunger, Zornig sträubend Kamm und Mähne, Hackten sie ins Fleisch des Mannes Biß auf Biß die scharfen Zähne. Ganz zerrissen von den Würmern, Ganz zerfetzt, umschnürt, umschlungen, Hat er unter Todesqualen Selbst sein Sterbelied gesungen. Welch ein Lied! Solang im Sunde Rote Wikingswimpel fliegen, Ist kein Schrei so stolz und trotzig Einer Männerbrust entstiegen. Weit erklingt er durch den Norden Und erfüllt, wie Wetterbrausen Tief durchwühlt die Meeresfluten, Jedes Herz mit Grimm und Grausen. Ragnars Sohn, der tapfre Sigurd, Sitzt nun auf dem Stuhl zu Leire, Rächen will er mit den Brüdern Ellas Tat, die ungeheure. Rächen will das Volk den Greuel, Eisen klirrt auf allen Wegen; Thorkell rüstet, doch entbehren Mag er nicht den besten Degen. Dich zu rufen, kühner Sachse, Zog ich über Moor und Heide; Greif zum Schwert, dir blüht im Norden Siegesruhm und Schlachtenfreude!« Elmar drauf: «Ihr hohen Götter, Darf ich euern Wink verstehen? Ja, gen Norden führt der Helweg Der Helweg führte zur schwarzweißen Hel, Hela, der Beherrscherin der Unterwelt. , Und gen Norden soll ich gehen!« Diethelm murrte: »Düstre Träume! Ist des Leirekönigs Rache Deine eigne, deines Hauses, Deines Volks gerechte Sache?« »Meines Volks? Sind dürre Äste, Wie sie auf dem Herd dort brennen, Welkes Laub, des Sturmes Spielzeug, Noch ein grüner Wald zu nennen? Meines Volks? Die Riesen starben; Ein Geschlecht von feigen Zwergen Springt vergnügt am Gängelbande Seiner Büttel, fremder Schergen, Menschenbrut! Der kluge Friese Lehrte, daß die Götter droben Das Gehirn aus Wolkennebeln Und aus Wind das Herz gewoben. Diethelm, rüste mir die Rosse!« – Doch der Alte: »Weh und Waffen Waffen , Wâfen, alter Not- und Hilfeschrei. ! Ist aus Wind das Herz der andern, Deines ist aus Sturm geschaffen! Willst du fort? Wer kann dich halten? Geh zu deinem Helwegnorden! Ach, der Schweiger ist zum Schwätzer Und der Mann zum Knaben worden! Rollst du deine finstern Augen? Geh und laß die Heimatstätte, Machst du gleich das Nest der Falken Bald zum wüsten Bärenbette. Gib ihn preis, den Hort des Hauses, Wertes Erbe, liebe Gaben, Teures Gut, das deine Väter Einst mit Blut erstritten haben! O wie werden nach den Ringen, Spangen, Krügen, Silberbecken, Nach den Waffen und Geschmeiden Sich die Frankenfinger strecken! Nach dem Schwert, das einst dein Ahne Feite mit des Lindwurms Geifer! Nach den Rossen, schier dem Rosse Wodans Wodans Roß , Sleipnir, war achtfüßig; es überholte den Sturm und ermüdete nie. gleich, dem stolzen Läufer! Laß dem Wildschwein deine Fluren, Laß dem Hirsch die Wiesengründe, Laß dem grauen Wolf die Herde Und dem Hunger dein Gesinde! Elmar, ist das Heerbannstreue? Wird ein Falke zum Verräter? Sind wir dein, so bist du unser: Das ist Recht und Brauch der Väter! Uns gehörst du, deinem Volke, Das, an Faust und Fuß gebunden, Rettung nicht, – die Götter zürnen! – Heilung sucht für tiefe Wunden. Doch du denkst nur an dich selber, Vor dir selber willst du fliehen: Deine Qual, durch alle Meere Rastlos wird sie mit dir ziehen. Mannesmut ist nicht zu brechen! Weiber zogen, Kinder schmollen, Zwing die Welt nach deinem Willen Oder zwing dein eignes Wollen! Elmar, eines ist dein Mögen, Und ein andres ist dein Müssen; Nicht dein Herz nach seinem Wunsche, Nach der Pflicht frag dein Gewissen. Elmar, du bist klug, von hundert Hohen Dingen hast du Kenntnis, Aber für das Allernächste Hat auch Einfalt ihr Verständnis. Komm, du bleibst; es rinnt der Falken Treues Blut in deinen Adern: Gib die Hand mir altem Murrkopf Und dem Schmerz verzeih das Hadern!« – Elmar sah dem Greis ins Auge Lang und stumm mit tiefem Sinnen: Hört' er eure Spindeln rauschen, Ernste Schicksalsspinnerinnen? Endlich sprach er: »Herbe Tränke Müssen hartes Siechtum schweigen Schweigen , im aktiven Sinne, zum Schweigen bringen. ; Dank dir, Diethelm: meinem Lande, Meinen Leuten bin ich eigen. Geh nun, Diethelm, sorg und schaffe, Nimm den werten Gast in Pflege, Daß es auf dem Habichtshofe Lang ihm wohl gefallen möge! Wilfried, komm! Wir sehn die Füllen, Die im Eichenkamp dort springen, Und beim Abendfeuer sollst du Ragnars Sterbelied mir singen!« IV. Die Mette           Mitternacht! Durch ferne Schluchten Klingt das Klosterglöcklein helle: Fromme Schläfer, schwarze Mönche, Werdet wach in eurer Zelle; Werdet wach, ihr frommen Schläfer! Von dem harten Strohsackbette Ruft des Ordens strenge Regel In die Kirche zu der Mette; In die Kirche, wo die Pfeiler Wie gebannte Hünen ragen, Die das schwere Steingewölbe Keichend auf den Schultern tragen; Wo die stillen, weißen Bilder An den grauen Wänden schimmern, Wo im Chor die ew'ge Lampe Und geweihte Kerzen flimmern. Jetzt, mein Lied, du scheue Jungfrau, An die Stirne leg den Finger, Sinne wach: du mußt mir nennen All die Beter, all die Singer; Heimatland und Los der Männer, Die da zu den Sitzen traten, Und was jeder eben dachte, Mußt du raten und verraten; Alles, ob auch das und dieses Herb und ungebührlich scheine: Die du zeigst, sie waren Menschen, Gute Menschen, wie ich meine. – Erstlich schritt herein der greise Abt Warin, voll Kraft und Würde, Stumpf und stark; die Last der Jahre Beugt' ihn und des Amtes Bürde. Ekberts Sohn, des Sachsenherzogs, Frankenfürst vom Mutterblute, Unter die Ardennenwölfe Sprang er froh mit keckem, Mute; In der Kämpfer dichte Knäuel Sprang er kühn in zwanzig Schlachten; Ronzeval im heißen Spanien Lehrt' ihn Zeit und Welt verachten. Ronzeval! Die Heiden tobten, Flammen sprühte Durindane, Olifant Durindane , das Schwert, Olifant , das Horn des jugendlichen Helden Roland, der in der Schlacht von Ronzeval sein Leben ließ. zerbarst im Dröhnen, Dennoch sank die Kreuzesfahne. Und der Abt, in manchem Traume Ächzt' er noch in Kampfeswettern, Hört' er seines jungen Kämpen Letztes Jauchzen, letztes Schmettern. Durch die Heldenseele rauschte Jetzt des Rolandsliedes Weise Wild und schmerzlich: »Vanitatum Vanitas!« erseufzt' er leise. – Warkward drauf, der Pater Prior, Echtes Reis vom Stamm der Sachsen, Lichtes Haars mit blauen Augen, Schulterbreit und hochgewachsen. Von der Lippe weich und üppig Floß sein Bart in langen Locken, Oft beim Grübeln durch die Finger Glitten ihm die goldnen Flocken. Wo der Weser blaue Fluten Durch das Felsentor sich bahnen Ihren Weg ins weite Flachland, Lag der Freihof seiner Ahnen. Wortgewandt und zungenfertig, Lernt' er aller Männer Rede; Scharf und schneidig zu gebrauchen Wußt' er sie in mancher Fehde. Lust am Kampf im deutschen Herzen, Deutsches Blut in jeder Ader, Mit Romanen, Welschen, Wenden Stritt er oft in hartem Hader. Aber schroffern Widersachern Schrieb er gern im Jugenddrange Seiner Meinung rote Runen Mit dem Schwert auf Brust und Wange. Stiller war sein Mut geworden; Nur wenn unversehens einer Jenes Tags bei Verden Im Jahre 782 hatten sich die Sachsen unter Widukind von neuem gegen die Franken empört und ihnen am Süntel eine vernichtende Niederlage beigebracht. Karl eilte mit starker Macht herbei, unterwarf und verwüstete das Land und hielt ein schreckliches Strafgericht über die Aufrührer, indem er zu Verden an der Aller 4500 der angesehensten an einem Tage enthaupten ließ. Einhard, des Königs Geheimschreiber, übergeht in seiner Vita Caroli M. diese Bluttat mit Schweigen; in seinen Annalen, sowie in den Annales Laurissenses und Fuldenses ad a. 782 wird sie erzählt; ebenso von dem höfischen Schmeichler Poeta Saxo, der überall nur dem Einhard nachschreibt, mit folgenden Versen: Tradita sunt sane reliquorum bis duo leto Millia quingentique viri, qui tam grave bellum Jllius (Widukindi), contra Francos gessere suasu, Hosque die cunctos rex decollaverat una Juxta Alarum fluvium, locus idem Ferdi vocatur. dachte, Jenes Bluttags, schwarz wie keiner, Fuhr er auf, die Augen blitzten, Glüh vom Sachsentrotz, dem alten; Doch er konnte starken Willens Seinen Zorn im Zügel halten, Denn er dient' in Mannentreue Seinem Herzog, Gottes Sohne, Der da führt das Kreuz im Banner Und die blut'ge Dornenkrone. Sein Gemüt bewegten heute Trübe, traurige Gedanken: Die des Heilands Lehre brachten, Arges bringen einst die Franken. Denn er sah im Geist: vom Westen Droht Gewalttat, Raub und Fälschung Deutsches Rechts und deutscher Sitte Überflutende Verwelschung. Fern, noch fern! – Zum Hochaltare Hub er fromm die Seherblicke: »Herr der Welt, in Gnaden füge Meines Vaterlands Geschicke!« – Heribert, der bleiche Denker, Folgt' ihm nach mit sachten Schritten; Wo die Mosel rauscht, da standen Seines Heimatdorfes Hütten. In der gallischen Corbeia Saß der Jüngling viele Jahre, Harrend, daß das Nieerforschte Weiser Mund ihm offenbare, Die Gesetze, die der großen, Die der kleinen Welt gebieten, Bis er sich beschränkt' und senkte In den Geist des Stagiriten Der Stagirit , Aristoteles, so benannt noch seinem Geburtsort Stagira in Mazedonien. . Jetzt erwog er das Problema, Ob der Tugend milde Flamme Aus Belehrung und Erfahrung Oder aus dem Herzen stamme. – Dann erschien der Pater Luthard, Falkenaugig, hochgeschossen, Edlen Bluts; im Habichtswalde War dies Tannenreis ersprossen. Früh gewöhnt an Weidmannswerke, Trotz der Schul' an Weidmannssprüche, War's ihm Freud' und Pflicht, zu schaffen Vorrat in die Klosterküche Und, was unhold trabt im Berge, Fuchs und Wolf, die schlimmen Plager, Zu belisten und den Bären Anzugehn im eignen Lager. Dacht' er jetzt: »Die Knospen schwellen Sollt' es morgen nicht gelingen, Auf der Falz im Tagesdämmern An den Auerhahn zu springen?« – Nach ihm trat herein der Riese Pater Ivo. Traun, dem Alten Stünden besser Helm und Brünne Als des Chorhemds weiche Falten! Hüten mußt' er seines Vaters Herden auf den Emmerauen; Dort, im Kampf mit einem Roßdieb, Ward ihm sein Gesicht zerhauen, Zwiegeteilt von Ohr zu Ohre; Rot und blau erquoll die Narbe: Geh ins Kloster, armer Junge, Mädchen lieben beßre Farbe! Drauf in Winfrieds Winfried , der hl. Bonifatius, der Apostel der Deutschen, veranlaßte im Jahre 744 den Abt Sturmi, das Kloster Fulda zu bauen. heil'gen Mauern Ließ er gern sich unterrichten: Zwar Raban Rabanus Maurus wirkte an der mit dem Kloster verbundenen Schule als weitberühmter Lehrer. , der kluge Meister, Lobte sein Latein mitnichten; Doch begriff er schnell der Zahlen Heimlichkeit; mit Stab und Leine Maß er, und zu festem Baue Fügt' er schicklich Holz und Steine. Als nun Abt Warin das neue Klosterhaus begann zu gründen, Ging im Dienst der Werkerfahrne Frohen Muts nach Dreizehnlinden. Jetzo dacht' er: »Schwere Krankheit Schenkt der Himmel dem Gesunden Zur Genesung und dem Kranken Zur Genesung schwere Wunden.« – Pater Bernhard war der sechste, Stammend aus den Bruktrerföhren, Wo die Menschen Holzschuh tragen Und von schwarzem Brot sich nähren: Blasse, blonde, stille Menschen, Träumerische, ahnungsreiche; Nächtlich flattern Geisterschemen Durch die Heid' um Moor und Teiche. Von des Vaters Strohdachkotten Schied der Knab' und suchte Ruhe; Hathumar Hathumar , der erste eigene Bischof von Paderborn. Er zeichnete sich durch seine Menschenfreundlichkeit aus. , der milde Bischof, Gab ihm Trost und Lederschuhe. Tankmar hieß der fromme Priester, Der dem Eifervollen wehrte; Auch in stiller Klosterzelle Fehlt' ihm, was sein Herz begehrte. Nach des Himmels goldnen Häusern Weint' er jetzt, wie spät und frühe, Seufzend: »Wer doch Taubenflügel Der gefangnen Seele liehe!« – Munter schritt ihm nach der kecke Sigeward. Des Osnings Hänge Rauschten in die Brust des Knaben Wilde, wunderliche Sänge. Mit den Sängen, mit der Fiedel Zog er weit von Gau'n zu Gauen, Strich zum Tanz den Freilingstöchtern Und den stolzen Edelfrauen. Sah am Königshof des großen Harun-al-Raschids Gesandten An den großen Frankenkönig, Den noch größern Elefanten; Auch ein Äfflein; dieser Affe War der erste Aff' im Norden: Menschheitsvater sind sie später Und gemein im Land geworden. Saust dem müden Wandervogel Quer der Sturmwind ins Gefieder, Gern an menschenferner Stelle Läßt er sich im Walde nieder. Sigeward, der irre Fahrer, Flüchtend aus dem Weltgebrause, Stellt' ans Kirchtor Stab und Schuhe Und erkor die stille Klause. Islands Falke kann die Kappe, Ring und Riemen stumm verschmerzen: Unaufhaltsam bricht des Liedes Sprudel aus Poetenherzen. Auch im Kloster, deutsch und römisch, Klangen Sigewards Gesänge, Doch am hellsten klang der liebe Heimatlaut der Osninghänge. Jetzo durch den Kopf des Mönches Flog ein Reimlein auf die Franken: »O, wie wird der Prior lachen, Und der Abt, wie würd' er zanken!« – Hatto kam, mit hoher Stirne Und mit selig trunknen Blicken: Kind des Landes, wo am Hügel Rhein und Wein sich freundlich nicken. Ivo sagt' im Scherz, die Mutter Hab' in einer Rebenlaube Ihn ernährt mit feurig süßem Most der Deidesheimer Traube. Früh gewidmet dem Altare, Trieb es ihn, zu Dreizehnlinden Heil'ger Hymnen und Sequenzen Wort und Weise zu erfinden; Auch mit wohlgewählten Farben In lebendig treuen Bildern Auf der Leinwand fromme Sage Und Geschichte abzuschildern. Heute malt' er in Gedanken, Wie sein Held, der Todbesieger, Glorreich auferstand und rückwärts Taumelten die welschen Krieger. – Drauf erschien der Pater Biso, Dürr und schmal, gebückt zur Erde, Sprößling eines ungetauften Freilings in der Diemelbörde, Der bei Donars Hammer fluchte, Wenn im Feld der Weißkopf säumte, Wenn er, statt ein Roß zu tummeln, Unterm Schlehdorn lag und träumte; Oder wenn er auf des fremden Klausners Unterweisung lauschte, Der mit schönen Südlandssagen Ihm das durst'ge Herz berauschte. Halt den Frühlingswind am Flügel, Wenn er schwärmt durch Buchenhallen: Kurze Zeit, der junge Sachse War ein Zögling von St. Gallen; Kurze Zeit, zu Dreizehnlinden Schrieb das Mönchlein unverdrossen Römerweisheit, Griechenweisheit Band auf Band und Gloss' auf Glossen. Heute mocht' ihm wärmre Röte Die gebleichte Wange malen: »Eben setzt' ich Gloria Deo Unter Tacitus' Annalen!« – Beda war es, der ihm folgte, Der geliebte und gelehrte. Fern am Cheviot mit dem Vater Ging er auf des Rotwilds Fährte; Klomm zum Felsenhorst des Adlers, Nahm der Wölfin ihre Jungen, Brachte Moos und Kraut und Wurzeln Heim von seinen Wanderungen, Und, was Hirt und Jäger kennen, Mancher Art Gesam' und Blüte, Wohlerprobt, Gebrest zu heilen Mancher Art durch Gottes Güte. Fromme Kunst, des Leibs zu walten, Frömmre, Seelenschmerz zu lindern: Beider pflog der gute Beda An den lieben Menschenkindern. Über dunkle Dinge grübelnd Dacht' er jetzo: »Runen lesen, Sprüche wispern, Zauber kochen Ist ein heidnisch unhold Wesen; Doch die Kenntnis, Heil zu wirken Durch die Macht des Blicks alleine, Wie Karadrius Von dem sagenhaften Vogel Karadrius wurde geglaubt, er könne, indem er einen Kranken ansehe, den Krankheitsstoff in sich aufnehmen und sich durch Auffliegen zur Sonne wieder davon befreien. Bezzenbergers Freidank 198. 435. , der Vogel, O sie wäre schön wie keine! Schön; auch gut? Du bannst das Arge, Doch es trägt dir Fluch statt Segen. Laß mich, Herr, in Einfalt wandeln Helles Aug's auf hellen Wegen!« – Künde nun, mein Lied, gebührlich Auch der Klosterbrüder Namen, Wie sie nach den würd'gen Vätern Pflichtgetreu zur Mette kamen. Erstlich Hildegrim, der große. Auf dem Füllenhof am Deister War er Lehrling bei dem klugen Hadubald, dem Maurermeister. Doch zu stark, zu derb, zu trutzig, Stets verstrickt in Zank und Raufen, Schlug er jeden Stein in Stücke, Und der Alte ließ ihn laufen. Lange lief er durch die Lande, Lief in Walafrieds, des Katten, Speergefolge bis zum weiten Mauerring der Tiberratten. Und die Römerinnen lachten, Schritt er, ob der Julihitze, In der großen grauen Wildschur Und der großen grauen Mütze; Lachten, wenn des Leibes Länge Er am Titusbogen zeigte Und mit seinem roten Kopfe Schier bis an die Wölbung reichte. Weiche, seidne Römerinnen, Sammetweiche Tiberkätzchen, Gern am Fell des deutschen Bären Hättet ihr versucht die Tätzchen! Ärgert' ihn das Däumlingsvölkchen? War zu heiß die Wildschurkappe? Hastig über Berg' und Bäche Lief zum Füllenhof der Knappe. Aber fremd im Heimatlande, War er einsam und verdrossen; Endlich, all des Laufens müde, Fand er stillre Bankgenossen. Brauer ward er im Konvente: Zwar nicht ganz so klug als billig, Zwar nicht ganz so fein als nötig, Doch beherzt und brav und willig. Weise sagen: Vieles Denken Muß der arme Kopf entgelten; Weil er Durst und Kopfweh haßte, Trank er gern und dachte selten. Doch den blinden Bruder Erich, Der mit seinem lahmen Fuße Achtlos ihm die Ferse streifte, Knurrt' er an mit rauhem Gruße. Armer Sohn der reichen Nordmark, Mußt' er früh als Waise trauern: Dienstbereit, ein wackrer Bursche, Ward er groß bei Ulf, dem Bauern. Pfeifend wußt' er wilder Hengste Ungestüm und Trotz zu stillen, Pfeifend von entlegner Weide Herzulocken Stut' und Füllen. Wanderlust, du krankes Heimweh! Einem welschen Mann verdungen, Führt' er edle Holstenrosse Fern nach Mailands Niederungen. Lustig läutend zog die Koppel In des Sollings Talgewinden; Plötzlich brachen Raubgesellen, Wolfsgesichter, aus den Gründen. Kurzer Kampf und lange Wunden! Tot der welsche Fahrtgenosse, Tot im Grase sieben Knechte, Und der Wald verschlang die Rosse. Erich sah's mit einem Auge, Denn das andre war durchstochen Und von eines Schächers Schächer ist in dem Sinne Räuber und Mörder nur noch als bekannte Bezeichnung der beiden mit Christus gekreuzigten Übeltäter im Gebrauch geblieben. Keule Arm und Hüftgelenk zerbrochen. Spät am Abend fand ein Siedler Den Zerschlagnen. Hilfe spendet Kraut und Band, doch blieb der Gute Halbgelähmt und halbgeblendet. Pförtner war er jetzt im Kloster; Und als ihn der derbe Brauer Unwirsch einen Maulwurf nannte, Seufzt' er tief und dacht' in Trauer: »Schöner war's, die Marsch durchfliegen Im Galopp mit Peitschenknalle: Flinke Füße, lahme Füße, In die Grube gehn sie alle.« Hinter ihm der Bruder Waltram, Derber Stumpf mit kurzem Kragen Aus dem Hügelland der Engern, Wo die Sattelhöfe lagen. Stark wie er gedieh kein Range In den weiten Sachsengauen; Eisenfeste breite Kiefer Zeigten den Beruf zum Kauen. Rühmt' er gleich den großen Herzog Widukind als seinen Öhmen, Mocht' er lieber doch zum Löffel Als zur Lanze sich bequemen. Lange sann sein lieber Vater, Maß den breiten Kopf des Knaben: Kann nicht auch ein Sattelmeier Ein gelehrtes Söhnlein haben? Guter Waltram! Tag' und Nächte Kaut' er grimmig an der Feder, Tag' und Nächte an des Cato Als Verfasser der bekannten Disticha de moribus, zweizeiliger Denkverse, die seit dem 4. Jahrhundert fleißig in den Schulen gelesen wurden, wird Magnus Dionysius Cato genannt, ein Stoiker, der gegen 160 n. Chr. lebte. Und Donatus Älius Donatus lebte um 353 zu Rom. Seine Schrift De octo partibus orationis, eine Art Grammatik, war in den Schulen des Mittelalters das gewöhnliche Lehrbuch der lateinischen Sprache. hartem Leder. Jeden lassen milde Sterne Schließlich doch sein Plätzchen finden: Küchenmeister ward der Brave Im Konvent zu Dreizehnlinden. An die Heimat dacht' er gerne: »Dort im Land der Sattelmeier, Auf den Brüchen an der Else Sucht man jetzt die Kibitzeier; Fastenspeise! Zwar genießbar Ist die Weit in manchen Stücken, Und mir deucht, zum Osterfeste Gibt es einen Hirschkalbsrücken.« – Hurtig folgt' ihm Bruder Wido. So viel Märlein und Geschichten, Rätselfragen, Klosterscherze Wußte keiner zu berichten; Keiner wußte so behende Durch gewandtes Fingerbeugen Auszusprechen stumme Worte, Wenn die Pflicht befahl zu schweigen Für bestimmte Stunden schrieb die Klosterregel Stillschweigen vor. Als Aushilfsmittel bedienten sich die Mönche der Finger- und Zeichensprache. . Aufwärts von der spitzen Nase Strebte spitz das Brauenpärlein, Aufwärts von dem spitzen Munde Spitz des gelben Bartes Härlein. Wo am Fuß der alten Iburg Kocht und braust der Wunderbronnen, Half er winterlang dem Vater Näh'n, was Sachsenfrau'n gesponnen; Sommers trieb er Schaf und Ziege Ins Gebirg, ins grüne Futter, Doch zur Klosterzelle führten Eigner Wunsch und Rat der Mutter. Glücklich warst du, kleiner Wido! Was dein harmlos Herz verlangte, Alles hattest du gefunden, Eins nur war, wovor dir bangte: Vor der mißlich schweren Arbeit An dem Rock des langen dicken Ungeheuern Pater Ivo Mit dem ungeheuern Rücken. – Bruder Ailrat schloß die Reihe. Wo am Frieseninselstrande Zornig nagt die Nordseewoge, Lief der Knab' im Dünensande. Tapfres Volk erzieht das Wasser! Aus des Vaters Fischernachen, Schwertgenosse rauher Männer, Sprang er auf des Wikings Drachen. Und bei Thor und Odin fluchend, Fuhr er aus nach Beut' und Ehre, Zwischen Miklagard Miklagard , der große Hof, Byzanz. und Finnland, Lustig durch die Sund' und Meere. Jedem ist sein Tag beschieden! Hoch im Nord an Schottlands Klippen Brach der dunkle Wellenwühler Fortgeschleudert Hals und Rippen. Keichend stritt der junge Räuber Mit den heisern Wasserwölfen, Doch umsonst; umsonst beschwor er Alle Götter, ihm zu helfen. Sinkend schrie er nach dem Kreuze! Jedem ist sein Tag beschieden: Schiffbruch bracht' ihn in den Hafen, Sturm und Streit zum rechten Frieden. Beda fand im Uferginster Den erschöpften, bleichen Schwimmer, Pflegt' und lehrt' ihn, sanftern Lehrer, Stillern Schüler gab es nimmer. Frommer Dienste, holder Pflichten Hatten beide jetzt zu warten: Beda in der Krankenzelle, Ailrat in dem Klostergarten. Und nun beugt' er sich und dachte: »Alleluja! Wellentosen Trägt nur Schaum; auf meinen Beeten Blühn der Liebe rote Rosen!« – Also, Sachsenkind und Fremder, Traten ein die Ordensleute, Jeder anders, alle einig In dem einen edlen Streite; Alle einig, für des Kreuzes Banner bis zum Tod zu kämpfen, Leid zu lindern, Leid zu tragen Und der Wünsche Gier zu dämpfen. Jetzt zu Gottes Preis und Ehre, Klang ihr Lied, und jubelnd schallt' es In die Berge weit, und jubelnd Aus den Bergen widerhallt' es: »Lobt den Herrn, ihr Wesen alle, All ihr Werke seiner Hände, Lobt den Herrn, denn er ist mächtig, Gütig ist er ohne Ende! Lobt den Herrn, ihr Geisterscharen, Die am Thron ihr kniet, zu beten; Sonn' und Mond, ihr Morgensterne, Lobt den Herrn, ihr Abendröten. Lobt den Herrn, ihr Wind' und Wolken, Donner, Blitz und Regengüsse; Lobt den Herrn, ihr großen Meere, All ihr Brunnen, all ihr Flüsse! Lobt den Herrn, der Erde Festen, Berg und Hügel, hüpft vor Freide; Lob ihn, Ackerflur und Wiese, Lob ihn, Wald und grüne Heide. Ihr Delphine und ihr Drachen, Lobt den Herrn in Flut und Klüften; All ihr Tiere auf dem Felde, All ihr Vögel in den Lüften. Lobt den Herrn, ihr Menschenkinder, Von Geschlechte zu Geschlechte, Vom Aufgang zum Niedergange, All ihr Könige und Knechte! Alle, die ihr hohen Hauptes Geht die weiten Erdenpfade, Lobt den Herrn für seine Treue, Lobt den Herrn für seine Gnade! Denn, die ihr ihm bracht, die Treue Hielt er euch zu allen Stunden; Denn, die ihr verwirkt, der Gnade Habt ihr reiches Maß gefunden. Als ihr lagt in euern Gräbern Tot im Geiste bei den Toten, Euch zum Leben aufzuwecken, Schickt' er seines Heiles Boten. Als ihr weintet in der Wüste, Heimzuführen die Verirrten, Sandt' er seinen Eingebornen, Ihn, den großen Völkerhirten, Der euch zeigte, wo des Lebens Wasserbäche sich ergießen, Wo am kühlen Zelt des Friedens Palmen stehn und Rosen sprießen. Lobt den Herrn, der euch errettet, Von Geschlechte zu Geschlechte; Lobt ihn, all ihr Menschenkinder, All ihr Könige und Knechte. Lobt den Herrn, ihr Wesen alle, All ihr Werke seiner Hände, Lobt den Herrn, denn er ist mächtig, Gütig ist er ohne Ende!« – »Gütig ist er ohne Ende!« – Schallt' und hallt' es aus den Gründen, Und die ew'ge Lampe brannte Hell im Chor zu Dreizehnlinden. V. Am Opfersteine                 Lieblich sind die Juninächte, Wenn des Abendrots Verglimmen Und des Morgens frühe Lichter Dämmernd ineinanderschwimmen; Wenn der Lenz in roten Rosen Rasch verblutet und die kleinen Nachtigallen um den Toten Ihre letzten Lieder weinen; Wenn im Kelch der Lindenblüte Unterm Blätterbaldachine Schläft, gewiegt von lauen Lüften, Die verirrte müde Biene. Träumerisch im Nest der Schwalbe Zirpt die Brut und zwitschert leise Von dem großen blauen Himmel Und der großen Südlandsreise. Und im Weizen schlägt die Wachtel, Jedem Pflüger liebe Laute, Liebe Laute all den Körnern, Die er fromm der Flur vertraute. Durch die frisch entsproßnen Ähren Haucht ein Säuseln und ein Singen, Als ob holde Himmelsgeister Segnend durch die Saaten gingen. – Rings der Wälder tiefes Schweigen! Aus des Tales Nebelhülle Hob die Iburg ihren Scheitel In die sternenklare Stille: Alter Hain, aus dessen Wipfeln Sonst die Irminsäule Unser gelehrter Altertumsforscher Prof. Dr. Giefers behauptet, auf gute Gründe gestützt, daß die Irminsäule , ein riesenhafter Baumstamm, das Nationalheiligtum der Sachsen, nicht, wie man früher annahm, bei Morsberg an der Diemel, sondern auf der Iburg, dem Schloßberg bei Driburg, gestanden habe. ragte, Die zum Schmerz und Schreck der Sachsen König Karl zu brennen wagte; Götterstätte, jetzt umwuchert Von Gestrüpp und wilden Ranken Und als Wohnort dunkler Mächte Scheu gemieden von den Franken. – Lieblich war die Nacht, die kurze, Vor dem Tag der Sonnenwende; Auf der Iburg stumpfem Kegel Flackerten die Opferbrände; Auf der Iburg stumpfem Kegel Hatten sich zum Balderfeste Fromm geschart die Heidenleute, Gaugenossen, fremde Gäste. Unter Eichen auf dem Rasen Stand der Opferstein, der graue, Neben ihm mit blut'gem Messer Eine riesenhafte Fraue: Swanahild, die greise Drude, Ihres Priesteramts zu walten, Erzgegürtet; weißes Linnen Floß um sie in reichen Falten. Werinhard, der freie Bauer, Nahm den Stahl aus ihren Händen; Fulko, Schmied von Bodinkthorpe, Wühlte schürend in den Bränden. Und im breiten Kupferkessel Auf des Herdes glühen Kohlen Brodelte mit Lauch und Mistel Das geweihte Opferfohlen: Freies Tier des freien Waldes, Das den Hals vor Pflug und Wagen Nie gebeugt und dessen Rücken Einen Reiter nie getragen. Elmar, Herr vom Habichtshofe, Blickte träumend in die Gluten; Sah er, wie das Opferfüllen, Auch das Sachsenroß verbluten? – Ehrfurchtsvoll und stumm im Kreise Stand die Menge, nur ein Flüstern, Nur ein Schauern in den Bäumen Und der Flamme Sprühn und Knistern. Godo kam, der Opferdiener, Bester Fischer an der Nethe, Zubenannt der krause Otter, Weil sein Haar sich lockig drehte. »Alles sicher«, sprach er leise, »Ausgestellt sind rings die Wächter; Stören wird die fromme Feier Kein Verräter, kein Verächter.« Dreimal dann mit nackten Füßen Schritt die Priesterfrau, die hohe, Um den Herd, und Segen sprechend Warf sie Körner in die Lohe. Und mit Donars Hammerzeichen Donars Hammer war nicht allein ein zermalmendes, sondern auch ein weihendes und segnendes Werkzeug. Das Hammerzeichen ähnelte dem Kreuze. Spendend Kraft und Heil dem Sude, Das Gesicht zum Nord Betende und beichtende Christen schauten gen Osten, betende und opfernde Heiden gen Norden . Grimms D. Myth. 31. gewendet, Traurig ernst begann die Drude: »Naht in Ehrfurcht, naht in Andacht, Und was unhold, bleibe ferne; Unsre Zeugen sind die Götter, Stummer Wald und stille Sterne. Fern sei jeder Ungezwagte Ungezwagt von zwagen, waschen. Dem Hans Sachs war das Wort noch geläufig; jetzt ist es gänzlich veraltet und wird hier im Sinne einer hergebrachten gottesdienstlichen Formel gebraucht. ; Wollt ihr opfern, wollt ihr beten, Reiner Hand und reinen Herzens Sollt ihr vor die Ew'gen treten. – Balders Sterbetag Balders , des Lichtgottes, Sterbetag wurde zur Zeit der Sommersonnenwende gefeiert, wo die Tage anfangen, sich zu kürzen. Der Mythus erzählt, daß ihn sein blinder Bruder Höder absichtslos mit einem Mistelzweige getötet und daß ihm auf dem Scheiterhaufen sein trauernder Vater Wodan rätselhafte Worte ins Ohr geflüstert habe. Grimms D. Myth. 201. zu feiern, Sind wir an den Stein gekommen, Ihm, dem Frömmsten, nachzutrauern, Wohl geziemt es allen Frommen. Seit ihn schlug sein blinder Bruder, Ist des Tages Glanz verblichen, Götterfriede, Menschenfriede Aus der dunklen Weit gewichen. Ahnt ihr, was der große Vater Seinem vielbeweinten Toten, Seinem Sohn, ins Ohr geflüstert, Als die Scheiter ihn umlohten? O es waren hohe Worte, Hoffnungsreiche holde Laute, Lichte Auferstehungsworte, Die er tröstend ihm vertraute: Die Worte, die Wodan seinem Sohne Balder auf dem Scheiterhaufen zuflüsterte, scheinen ein Mysterium gewesen zu sein; in der Edda sind sie nirgends mitgeteilt. Seiner Wiederkehr Geheimnis Aus dem Reich der Nimmersatten Die Nimmersatte , Hela, die Unterwelt. , Wo in nebeldüstern Schluchten Traurig gehn die bleichen Schatten. Wann? Der Wala selbst verborgen Blieb der große Tag der Sühne; Zeit und Stunde kennt nur einer, Er, der alte Himmelshüne Der Himmelshüne , Hävenhüne, Wodan. Grimms D. Myth. 142. . Er nur weiß es, wann im Kampfe Untergehn die hohen Götter, Wann im Sturm vom Zeitenbaume Wehn die herbstlich gelben Blätter; Wann auf feuerfarbnen Rossen Muspels Söhne nordwärts rennen, Um mit ungeheurer Lohe Erd' und Himmel zu verbrennen; Nach der Ansicht der altgermanischen Völker liegt der südlichen Feuerwelt, Muspilheim , die nördliche Nebelwelt, Niflheim , gegenüber. Von jener geht Licht und Wärme, von dieser Dunkelheit und Kälte aus. Der König der ersteren heißt Surtur, der Schwarze. – Muspels Söhne , die Flammen, reiten beim Einbrechen der Götterdämmerung auf glutfarbigen Rossen gen Norden und verbrennen die ganze Welt. – Muspilli , Mudspelli ist die uralte heidnische und nachmals christliche Bezeichnung es Weltbrandes; im Heliland bedeutet Mudspelli an mehreren Stellen das Feuer des Jüngsten Tages; ebenso Muspilli in dem von Schmeller unter diesem Namen herausgegebenen Bruchstücke eines altbayrischen Gedichts. Grimms D. Myth. 525. 568. Simrocks D. Myth. 128. 129. Lindemanns Geschichte der d. Literatur 12. Um uralte Schuld zu rächen, Daß im Frühlingsmorgenhauche Jung und grün aus Wasserwogen Eine neue Erde tauche, Rings bewohnt von stillen Menschen, Die mit Morgentau sich nähren: Dann, so spricht die weise Wala, Dann wird Balder wiederkehren; Und der Niemalsausgesprochne Der Niemalsausgesprochene , Allvater, der Gott der Götter, das höchste, allwaltende, unsichtbare Wesen von größter Vollkommenheit, der ahnungsvolle Begriff des christlichen Gottes. Er wurde nicht in Tempeln, sondern in stillen Wäldern verehrt. Wodan trägt oft seinen Namen, doch ist dieser – in manchen Stücken dem Zeus und Jupiter der Hellenen und Römer vergleichbar – das mehr persönlich gedachte und menschlich ausgeprägte Oberhaupt der Asen, d. h. der hohen Götter. , Er, der Älteste der Alten, Wird für immer aller Dinge, Aller Menschen liebend walten. – Kam die Zeit, und ist der Weiße, Den die Christen laut bekennen, Den Allvaters Eingebornen Und das Friedenskind Das Friedenskind , fridu-barn godes oder fridubarn allein, im Heliand die häufigste Bezeichnung des Erlösers. sie nennen, Ist er Balder? – O er brachte Kampf und Krieg der Männererde! Ist er Balder? – O er machte Friedlos uns am eignen Herde! Was wir sehn, ist Haß und Hader! Vor den Fremden, unsern Schergen, Muß sich selbst Gebet und Opfer Scheu in tiefer Nacht verbergen. Dennoch, mag die sonnenlose Dunkle Zeit sich dunkler trüben, Treu der Lehre, treu der Sitte Laßt den Vaterbrauch uns üben. Ihr mit Kranz und Binsenkörben, Tretet in den Ring, ihr Kleinen; Singt den Reim, wiewohl ihr heute Klüger tätet, still zu weinen. Dennoch singt; den jungen Nacken Schmerzt noch nicht das Joch der Franken; Singt, und mag es traurig lauten Wie das Singen eines Kranken.« – Und die Knaben und die Mädchen Huben an mit leiser Stimme: »Schirm uns, Balder, weißer Balder, Vor des Christengottes Grimme! Komm zurück, du säumst so lange; Sieh, wie Erd' und Himmel klagen! Komm zurück mit deinem Frieden Auf dem goldnen Sonnenwagen. Weißer Balder, weiße Blumen Die weißeste Blume des Nordens wurde Baldersbra, Balders Augenbraue genannt; mutmaßlich ist die Kamille gemeint. , Wie an Bach und Rain sie sprießen, Weiß wie deine lichten Brauen, Legen wir dir gern zu Füßen. Sieh, wir geben, was wir haben: Arm sind unsre Fruchtgefilde; Laß Geringes dir genügen, Weißer Balder, Gott der Milde; Gott der Liebe, weißer Balder, Neige hold dich unsern Grüßen. Blumen, rein wie unsre Herzen, Legen wir dir gern zu Füßen.« Und den Opferstein umwandelnd Warfen sie die heil'gen Kräuter, Lichte Glocken, lichte Flocken, Lichte Sterne auf die Scheiter. Dann mit leisen Wispelworten Nahm die Priesterin die Schale: »Trinkt des weißen Gottes Minne Bei Opfern und Festmahlen wurde die Minne , das Gedächtnis der Götter, getrunken. In christlicher Zeit übertrug sich die Sitte auf die Heiligen; so gab es eine Martinsminne, Stephanusminne, Gertrudenminne, Johannesminne usw.; letztere, als Johannessegen bekannt, wurde Scheidenden und Reisenden gebracht, um ihnen gute Fahrt und Herberge anzuwünschen. Simrocks D. Myth. 489. , Eh ihr hebt die Hand zum Mahle!« Durch die Runde ging ein Raunen Und gedämpftes Becherklirren, Wie in herbstlich dürrem Rohre Abendlüfte heimlich schwirren. Und der krause Opferdiener, Aus des Kessels weitem Bauche Gab er jedem von dem Fleische, Von der Mistel, von dem Lauche. – O es war kein Mahl der Freude! – Stets des Überfalls gewärtig Saß die Schar der Ungetauften, Stets zum Fliehn, zum Trotzen fertig, Wölfen gleich, die tief im Walde Hastig einen Raub verzehren Und in jedem Blätterrauschen Hund und Jäger kommen hören. – Sprach die Drude: »Dankt den Göttern, Löscht die Glut und nehmt die Brände: Dunkles brütet zwischen heute Und der nächsten Sonnenwende; Denn nicht alle kommen wieder, Und nicht jedem ist zu trauen. Fort! Die Sterne schimmern blasser, Und der Tag beginnt zu grauen.« – In die Gründe glitt die Menge, Wie verstoßen, wie versunken; Frische Morgenwinde spielten Mit der Asche, mit den Funken. Von der Sonne ersten Strahlen Glühten rot die fernen Gipfel, Und der Schrei der wilden Katze Klang im höchsten Eichenwipfel. VI. Das Erntefest             Heil dem Lenz mit seinen Blumen, Heil dem Herbst mit seinen Ähren! Lenz ist liebliches Verheißen, Herbst ist freundliches Gewähren. – Auf des Daches First versammelt, Mahnen zugbereit die Schwalben: »Rüste, Wirt, dich vor dem Winter, Denn das Laub beginnt zu falben. Bleiben mußt du, wenn wir flüchten; Sieh dich vor, es mag dir frommen, Daß wir alles wohlbehalten Finden, wenn wir wiederkommen. Hüte dich vor Trug und Tücke, Dunkles brau'n die dunkeln Nächte; Arges droht dem Herrn des Hofes Oft vom Freunde, oft vom Knechte. Hüte deines Hauses Giebel, Hüte deines Herdes Kohlen; Winterdach ist doppelt nütze; Habe Dank – und Gott befohlen!« Auf dem Feld zu Bodinkthorpe War die Sichel längst verklungen, Um den Rest der Haferwellen Ward das Weidenband geschlungen. Isenhard, der alte Meier, Rieb vergnügt die braunen Hände: »Kinder, seht, dort kommt der Wagen; Gott sei Dank, wir sind zu Ende! Seht, dort kommt der letzte Wagen: Aiga mit dem bunten Kranze, Kord, der Fiedler, Dierk, der Pfeifer, Laden uns zum Erntetanze. Knechte, seid nicht allzu eifrig, Jedes Hälmlein heimzuholen: Laßt der Flur die letzte Garbe Für des alten Wodan Fohlen; Die Sitte, von den Feld- und Gartenfrüchten einen Rest für die segnende Gottheit zurückzulassen, hat an manchen Orten bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts fortbestanden. Laßt dem Baum den letzten Apfel Für den alten Wodan selber! Voller trägt aufs Jahr der Wipfel, Und der Weizen färbt sich gelber. Aiga, rümpfe nicht das Näschen! Löblich ist der Brauch der Alten; Auf dem Hof zu Bodinkthorpe Soll man ihn in Ehren halten.« Aiga sprach: »Der Vogelzehent Ist es, den wir gern ertragen, Daß uns nicht die kleinen Bettler Vor der Himmelstür verklagen.« Sprach der Alte: Kleine Aiga, Kluge Aiga, Preis und Ehre Deinem Vater, würd' ich sagen, Wenn ich nicht dein Vater wäre. Denk an deine Sprüche, Aiga, Daß die Worte fein sich schicken Und der Graf und Hildegunde Sie erfreun und Beifall nicken. Vorwärts, Gerd!« – Der Wagen knarrte, Obenauf im Mägdekreise Dierk und Kord, und laut und lustig Klang des Stoppelliedes Weise. Peitschenknall und Freudenjauchzen; Munter folgten all die Schnitter, Nur der kahle Grimbart hinkte Zögernd nach und lachte bitter: »Schwarzer Graf, du magst dich hüten, Hast mich einen Dieb gescholten Um die Waben, um die Gerste: Schwarzer Graf, es wird vergolten!« Auf dem Hof zu Bodinkthorpe Stand der Graf im Ring der Gäste, Edler Herrn und freier Bauern, Die er lud zum Erntefeste: Bodo, zubenannt der Milde, Hergeschickt von Karl, dem alten Frankenkönig, um im grünen Nethegau des Rechts zu walten. Jedem der sächsischen Gaue stand ein Graf vor, der vom Könige eingesetzt war und diesen als Richter und Verwalter vertrat. Unter Karl wurden zu diesem Amte nur Franken zugelassen; Ludwig der Fromme ernannte bereits edle Sachsen. Von Zeit zu Zeit schickte der Hof Sendboten , Missi regii, in die Gaue, deren Aufgabe es war, an Ort und Stelle die Geschaftsführung der Beamten zu untersuchen und Beschwerden der Eingesessenen anzuhören. Neidern hieß er noch der Schwarze, Streute gleich in seine Locken Lange schon unholder Winter Silberreif und weiße Flocken. Eine Ros' im wilden Walde, Lieblich ihm zur Seite blühte Hildegund, der heimgegangnen Mutter gleich an Huld und Güte. Gleich der heimgegangnen Mutter Schaltete sie auf dem Hofe; Emsig durch Gemach und Garten Schlüpfte Imma, ihre Zofe. – Wo sich grün umrankt der Vorbau Wölbte an des Hauses Pforte, Tauschten die entbotnen Männer Mit dem Grafen muntre Worte. Badurad, der gute Bischof, Pries dem Wirt die Paderquelle, Abt Worin von Dreizehnlinden Seiner Weser blaue Welle. Wichtruds Sohn, der fromme Meinulf Den hl. Meinulf , Sohn eines sächsischen Edelings und der Wichtrud, ließ Kaiser Karl im Jahre 785 zu Paderborn taufen. Er wurde Archidiakon des Bischofs Badurad und stiftete von seinem beträchtlichen Vermögen im Jahre 837 das Kloster Böddeken. Schatens Annalen I. 16. 112. , Taufkind Karls, des großen Franken, Lauschte lächelnd; Klosterhallen Baut' er selber in Gedanken. Dodiko vom Eberbronnen, Drehend seines Bartes Spitze, Fragte Thietmar, seinen Vetter, Wie der Scharlachrock ihm sitze. Rab, der greise Eschenburger, Sprach, die Hand am breiten Messer: »Deinem Vater, kleiner Dodo, Saß das Wams von Leder besser!« Wolf und Rolf vom Turm erzählten Laut ihr letztes Jagdbegegnis; Theudebert, der Freigeseßne, Rühmte seiner Flur Erträgnis. Elmar, Herr vom Habichtshofe, Trat zum Bischof, seinem Öhmen; Freundlich war er, doch er wollte Nicht die Hand des Jünglings nehmen. Im Gesicht des Heidenmannes Starb ein Lächeln, trüb und schmerzlich; Werinhard, der Freiling, drückte Ihm die Linke fest und herzlich. Gero sah's, der gelbe Franke, Jüngst gesandt als Königsbote, Der dem Gau mit neuen Diensten, Neuem Zins und Zehnten drohte. Herbe war er, doch die Rede Wußt' er schmeichelnd zu versüßen, Wenn er plaudernd in der Halle Saß zu Hildegundens Füßen. Schweigend hört' ihn stets die Jungfrau, Ob er scherzte, ob er klagte; Spöttisch krümmt' er seine Lippe, Als er jetzt zu Elmar sagte: »Stolzer Falk, ein krankes Küchlein Schleppst du heut die lahmen Flügel: Anders sträubtest du die Federn Anderswo – auf braunem Hügel! Stolzer Falk, du krankes Küchlein, Hat mit ihrem Zaubersude Dich berückt dein holdes Liebchen, Swanahild, die alte Drude, Wenn sie ächzt und Sprüche murmelt Und, bekränzt mit Farn und Nessel, Gaukelt mit verrenkten Gliedern Um den großen Opferkessel?« Elmar zuckte, auf der Stirne Schwoll ihm heiß die Zornesader; Werinhard, der breite Bauer, Raunte leise: »Laß den Hader!« Denn begrüßt von allen nahte Hildegunde mit des grauen Eschenburgers blonden Töchtern Und vom Turm den edlen Frauen. Und ins Tor mit Sang und Jubel Fuhr der Wagen unterdessen; Isenhard, den Hut im Arme, Trat herfür und sprach gemessen: »Herr, das Feld ist abgeerntet, Rüstig regten wir die Glieder! Was ihr körnerweise gabet, Garbenweise bracht' ich's wieder. Herr, auch hab' ich nicht vergessen, Bösen Zauber abzuwehren, Der am Tag der Sonnenwende Dräut den Schoten und den Ähren; Denn am Tag der Sonnenwende Sprengt beim Schall der Abendglocke Schattengleich der Bilwißreiter Der Bilwiß , dessen Name nach Grimms D. Myth. 440 aequum sciens bedeutet, ein elbisches Wesen, das in Bäumen und Bergen wohnt. Eine Sichel an den Fuß gebunden, geht oder reitet es auf einem Bocke durch das reifende Korn, und das Umgangene oder Umrittene ist ihm verfallen. Simrocks D. Myth. 421. Das Bilsenkraut scheint nach dem Bilwiß benannt zu sein. Durch die Flur auf schwarzem Bocke. Reiten darf der rauhe Unhold Nur, solang der Mesner läutet, Und sein eigen sind die Halme, Die beim Läuten er umreitet. Doch uns konnt' er wenig schaden, Denn ich selber griff zum Strange: Das Johannisabendläuten Währte heuer nicht zu lange!« Lächelnd sprach der fromme Bischof: »Alter, das ist Heidenglauben; Gutes, das uns Gott gegeben, Kann der Böse uns nicht rauben.« Achselzuckend drauf der Meier: »Freilich sind wir Christenleute, Doch es läßt sich nicht verreden, Daß der Bilwißreiter reite.« Alle lachten seines Wortes, Einzig Gero nicht, der grimme. Aiga kam mit ihrem Kranze Und begann mit heller Stimme: Dank dem Herrn des Hauses bringen Seine Mägde, seine Knechte; Immer zielt er auf das Gute, Immer übt er nur das Rechte. Diesen Kranz von goldnen Ähren Halt' ich freudig ihm entgegen; Lohn der Arbeit soll er künden, Menschenfleiß und Gottes Segen. Manches Jahr noch mög' er sorgen Für den Gau, für Hof und Halle: Lustig spielt, ihr Musikanten, Daß es durch die Berge schalle! – Gruß und Dank der edeln Jungfrau, Dieses Hauses holdem Kinde; Hoff' ich doch, daß ich im nächsten Lenz auch ihr ein Kränzlein winde; Nicht von Blättern, nicht von Blumen, Die auf fremder Flur gewachsen: Nein, von lieben heimatlichen, Wie sie blühn im Land der Sachsen. Hildegund, sie möge weilen Unter uns, das wünschen alle: Lustig spielt, ihr Musikanten, Daß es durch die Berge schalle! – Gern um Gnad' und Gunst begrüß' ich Frau'n und Männer, werte Gäste: Doch den Nachbar soll man ehren, Nächste Hilfe ist die beste. Elmar, Herr vom Habichtshofe, Möcht' auch er ein Kränzlein tragen, Darf er nicht im wüsten Walde Stets durch Moos und Pilze jagen. Giftig, sagt man, sind die Pilze, Und die Natter schläft im Moose; Nah im Garten blüht im hellen Sonnenschein die schönste Rose. Nur erwäg' er, daß der Blume Brausewetter nicht gefalle: Lustig spielt, ihr Musikanten, Daß es durch die Berge schalle!« – Kleine Aiga, kluge Aiga, War dein Spruch nicht zu verwegen? Zornig stand der alte Meier, Gero wild, der Graf verlegen. Hildegund, verletzt, entrüstet, Rot und bleich, verwirrt, erschrocken, Senkt' ihr Haupt, auf Stirn und Wangen Rollten ihr die lichten Locken. Aigas blaue Augen lachten, Als ob nichts geschehen wäre; Elmar sagte: »Kleine Aiga, Dankenswert ist gute Lehre.« Rief der Graf: »Ich lob' und lohne Treuen Fleiß und guten Willen; Schnitterdurst ist alte Sage: Eilt nun, gründlich ihn zu stillen. Brauner Met, ihr wackern Leute, Harrt auf euch in vollen Krügen; Trinkt und eßt und dann im Tanze Laßt die Mädchenzöpfe fliegen.« – An den Tischen auf der Tenne Saß das Volk bei Kraut und Schinken. »Iß und schweig« ist Bauernregel, »Doch versäume nicht zu trinken!« Obenan der alte Meier, Stumm und finster vor sich schauend; Ihn verdrossen Aigas Sprüche. Gerd, der Großknecht, sagte kauend: »Kleine Aiga, kluge Aiga, Runenaiga laß dich nennen; Merke nur, du darfst nicht wieder In die Pilze dich verrennen.« Aiga drauf: »Dich trocknen Knaben Nennt man leider Gerd, den nassen, Wenn ich in die Rosen gehe, Werd' ich dich zu Hause lassen.« Irmin rief, der lahme Kuhhirt: »Fort mit Tischen und mit Bänken! Dierk und Kord, nun pfeift und fiedelt, Daß wir uns im Reigen schwenken!« Hell und lustig klang die Flöte, Hell und lustig sang der Bogen, Und der Knaben Zipfelmützen Und die Mädchenzöpfe flogen. Einer aber saß im Winkel Teilnahmslos und unbeachtet; Trübe war sein dunkles Auge, Seine Stirne gramumnachtet. Becho war's, der letzte Sprosse Aus dem Fürstenstamm der Sorben, Den der Graf am Saaleufer Nach der Schlacht durch Los erworben. Isenhard, der alte Meier, Nahm die volle Birkenkanne, Und mit weicher Stimme sprach er Zu dem heimatlosen Manne: »Becho, du bist immer traurig; Becho, trink und werde munter!« Becho trank, und eine Träne Rann ihm in den Bart hinunter. – Vielfach ist der Menschen Bürde, Doch am schwersten hat zu tragen, Wer von solcher Höhe stürzte, Daß ein Knecht ihn darf beklagen. – Und am Tore stand ein andrer, Brauner Bursch' mit nackten Füßen, Eggi, den die Lästerzungen Nur die wilde Katze hießen. Grau, zerfetzt und schief gebunden War das Wams des losen Rangen; Um den Nacken, um die Schläfe Kroch sein Haar wie schwarze Schlangen. Biegsam wie die Haselgerte Und ein Klettrer sondergleichen, Trug er wenig Lust zum Schaffen, Desto mehr zu kecken Streichen. Immer schweifend auf den Bergen, Immer streifend in den Gründen, Tag' und Nächte war er nirgends War er überall zu finden. Fremd, im Schnee, am Winterabend War ein Bub' ins Tal gekommen Und vom Schmied, dem braven Fulko, Mitleidsvoll ins Haus genommen. Schlüpft' er aus des Berges Klüften? War er aus der Luft gefallen? Keiner wußt' es, nur ein seltsam Eibisch Wesen deucht' er allen. Freundlich war zu ihm die Drude, Und ein Jägersmann erzählte, Wie sie einst vor ihrer Grotte Ihm die krausen Locken strählte. Einsam saß er oft und summte Zu der Fiedel fern im Hage Wichtelweisen Den Wichten , Erd- und Wassergeistern, wurde die Gabe beigelegt, durch Spiel und süßen Gesang unwiderstehlich hinzureißen und zu bezaubern. Oberons Horn und der Rattenfänger von Hameln, sowie viele Wasser- und Meermannssagen gehören hierher. Grimms D. Myth. 439. Simrocks D. Myth. 430. , fremde Laute, Voll von rührend weicher Klage; Oft auch schauerliche Sänge, Die so wild und zornig lachten, Gleich als schrie' aus ihm der Dunkeln Einer, die im Abgrund schmachten. Schafft' er aber an der Esse, Hei, wie dann die Funken sprühten, Hei, wie Feil' und Amboß sangen Und die schwarzen Augen glühten, Wollt' er eines Kettenhemdes Maschenringe künstlich biegen Oder in ein Helmgewölbe Zierlich Niet und Nagel fügen. Staunend blickte dann der Meister Auf des Knaben kluge Hände: »Lernt' er bei den kleinen Schmieden Goldemars Goldemar war, wie sein Bruder Elberich, ein Zwergkönig. im Berggelände?« – Jetzt am Tore, schalkhaft lächelnd, Blinzt' er seitwärts nach den Frauen. Nur das Weiße seiner Augen Sah man unter dunkeln Brauen. Aiga rief: »Nimm hin, mein Kätzchen, Kraut und Schinken, seltne Gaben! Ratt' und Maus, dein täglich Wildbret, Kannst du allerorten haben. Ratt' und Maus, mein wildes Kätzchen, Sie genügten dir bis heute; Wirst du erst ein großer Kater, Machst du Jagd auf größre Beute.« Er, die weißen Zähne zeigend, Lachte hell; im Bogensatze Hüpft' er fort, und in den Bäumen Klang der Schrei der wilden Katze. – Aber in der großen Halle Für des Hauses liebe Gäste War die lange Ehrentafel Zugerichtet auf das beste; Zierlich mit Wacholdernadeln Überstreut des Saales Boden; Herber Waldduft quoll erfrischend Durch die Fenster aus den Loden Loden , junge, schlank aufgeschossene Bäume. . Rechts vom Grafen saß der Bischof, Links der hagre Königsbote, Weiterab die edeln Herren, Unten Theudebert, der rote; Elmar, nächst den freien Bauern, Neben Werinhard, dem Riesen; Jedem war nach Ehr' und Alter Wohlgewählt sein Platz gewiesen. Seitwärts, doch ein wenig höher, War der Sitz der holden Frauen; Hildegund, die scheue Taube, Wagte kaum nur aufzuschauen. Munter an der Männer Tische Ging das Methorn in die Runde: Rascher klopften alle Herzen, Leichter glitt das Wort vom Munde. Rief der Graf: »Vielwerten Gästen Stehn zu Dienst des Hauses Gaben, Hildegund, zum Ehrentrunke Gib das Beste, das wir haben!« Und die Jungfrau, sanft errötend, Nahm den schön geformten Becher, Und des Rieslings goldne Zähre Bot sie freundlich jedem Zecher. Als an Elmar kam die Reihe, Senkte schüchtern sie die Lider, Sie erglühte, und ein leises Zittern rann durch ihre Glieder. Murrend, mit gesenktem Kopfe, Blickte Gero von der Seite, Gleich dem Hunde, dem ein andrer Zu entreißen droht die Beute: Knurrend hält er seinen Knochen, Und mit borstig rauher Mähne Zeigt er seinem Widersacher Blut'gen Blicks die scharfen Zähne. – Sprach der Bischof: »Heil dem Lande, Das solch edle Tropfen sendet! Heil dem Hause, das sie eignet, Heil dem Wirte, der sie spendet!« Und mit Jubel für den Grafen, Für die Tochter ward getrunken; Elmar schwang den leeren Becher, Geros Auge sprühte Funken. Zischelnd sprach er: »Stolzer Falke, Traun, du bist ein Roßfleischesser Die heidnischen Sachsen aßen Roßfleisch ; durch das Gesetz der Franken wurde es verboten. ! Da du Hirsch und Huhn verschmähtest, Muß ich fragen: Schmeckt es besser? Rühmest du vor aller Speise Hengstgekrös' und Opferkuchen?« Elmar lächelte gelassen: »Beides magst du selbst versuchen.« Gero rief: »Den Sachsengöttern Dienen ist so dumm als eitel; Ist ihr König doch ein blinder Bettelmann mit kahlem Scheitel!« Elmar drauf: »Das Sonnenauge Das Sonnenauge ist das des einäugigen Wodan. Sieht die Guten wie die Bösen, Und der Nimmermüde Der Nimmermüde ist einer von Wodans vielen Beinamen; er heißt Wegtamr, der Wegzähmer, der viator indefessus des Saxo. Simrocks D. Myth. 167. wechselt Sein Gewand, doch nie sein Wesen.« Weiter spöttelte der Franke: »Deine Klugheit möcht' ich preisen! Gib mir Rat; der Mund des Toren Redet oft das Wort des Weisen. Krank ist mir die falbe Stute, Sie verschmäht ihr liebstes Futter; Man erzählt mir, Zauberkünste Lerntest du von deiner Mutter, Die mit starken Runenliedern Knoten knüpfte, Ketten sprengte, Wetter rief und Stürme stillte Und bergan die Fluten drängte; Die mit mächtiger Beschwörung Kocht' im Kessel dunkle Kräuter, Mit Verwünschung –« »Falsche Zunge«, Brauste Elmar, »sprich nicht weiter! Eitler Gauch! Mit gift'gen Pfeilen Trafst du mich: ich konnt' es tragen: Gotteslästrung rächen Götter, Menschen hören sie – und zagen. Doch von ihr, um die ich traure, Deren dunkelster Gedanke Lichter war als Frankentugend, Sollst du schweigen, schnöder Franke, Schweigen, sonst – mit diesem Schwerte Schlag' ich dich zu Grund und Boden: Helfe mir der starke Donar, Helfe mir der alte Woden!« – Aufgerichtet stand der Sachse, Riesenhaft und schultermächtig; Seine Flammenaugen ruhten Auf dem Franken zornesmächtig. Todesstille rings im Saale, Geros Hand entfiel der Becher; Starr die Männer; Hildegunde Blickte flehend auf den Sprecher. Doch der Graf begann mit Würde: »Meines Hauses guten Frieden Hat mit Frevelmut gebrochen Deines Trotzes Übersieden; Schwer gekränkt des Königs Boten, Meinen Gast, den in der Mitte Meiner Gäste hochzuachten Dir befahl so Pflicht wie Sitte. Nachsicht deiner Jugend; dennoch Deucht mir, daß du besser tätest, Wenn du dieses Saales Schwelle Fürderhin nicht mehr beträtest.« Elmar neigte sich und sagte: »Graf, ich ehr' in allen Treuen Eure Worte; meiner Worte Hab' ich keines zu bereuen.« – Elmar ging; doch mit dem Frieden War der Frohsinn, sein Genosse, Fortgeflogen; alle Gäste Heischten mit Vergunst die Rosse. Sprach der Bischof: »Er verwehrte Die Beschimpfung einer Toten, Seiner Mutter, meiner Schwester, Und im Vierten ist's geboten!« Traurig stieg er in den Sattel; Nebel braute in den Gründen, Als er mit Worin, dem Abte, Ritt zum Kloster Dreizehnlinden. VII. In stiller Nacht               Auf dem Hof zu Bodinkthorpe War verrauscht die Erntefeier; Um die Scheunen, um die Halle Wob die Herbstnacht graue Schleier; Graue Schleier um die Schläfer, Die, im Bann des Mets befangen, Immer noch die Fiedel hörten, Immer noch im Reih'n sich schwangen; Schleier um zwei Mädchenaugen, Die von Tränen überflossen Und zu ruhelosem Träumen Spät erst beim Gebet sich schlossen. – Um den Hof zu Bodinkthorpe Waren drei nur wach geblieben: War's um Frevel zu belauschen? War's, um Frevel zu verüben? Einer schweift' am nahen Walde Zwischen Heidekraut und Ginster: O wie war sein Herz so zornig, O wie war sein Mut so finster! An der Buche kalte Rinde Preßt' er die erglühte Wange; Ächzend wie ein wundes Wesen Sank er hin am Hügelhange. – Einer glitt vom Stoppelfelde Huschig zu des Zaunes Latten, Huschig, wie vom Stall zur Scheune Eines Marders flücht'ger Schatten. Flink empor am Stamm der Birke Wand er sich und im Geäste, Dunkel wie die dunkeln Blätter, Wiegt' er sich, gewiegt vom Weste. – Einer, wie auf Diebeszehen, Schlich vom finstern Erlenhagen, Wo am Bach zerstreut der Knechte Rauchgeschwärzte Hütten lagen. Nächst dem Herrenhaus gekauert Duckt' er sich und lauschte, lauschte: Tiefes Schweigen, dann ein Rascheln, Wie wenn Rohr und Reisig rauschte; Dann ein Knittern und ein Knirren Wie beim Plankenübersteigen; Dann ein Glühn, der wilden Katze Heisrer Schrei – und tiefes Schweigen. Durch das große Saalgebäude Ging ein Hall; es dröhnt' und pochte: Ob sein guter Geist die Nähe Arger Geister ahnen mochte? Arge Geister, rote Schlangen, Die sich reckten, die sich ballten, Zischten, zuckten, schlüpften, schossen Durch die Fugen, durch die Spalten; Rote Schlangen, rote Flammen, Überstürzten sich im Rennen: Wildes Brennen an der Sohle, Hoch im Giebel wildes Brennen! Faltenreich im Hauch des Windes Wogt' ein Kleid von Rauch und Feuer Um das Strohdach, um die Wände Von der First zum Grundgemäuer. Weh dem Leben in der Lohe! Imma stürzte aus den Bränden Bleich, entsetzt; ans Tor der Scheune Schlug sie hart mit beiden Händen. »Hilfe! Rettet Hildegunden! Machtlos und mit schwerem Keichen Liegt der Graf betäubt am Boden, Und sie will nicht von ihm weichen!« Doch der Schrei, der messerscharfe, Weckte nicht die wüsten Träumer; Aiga nur, die kleine Aiga, Flog heran und griff zum Eimer. »O die Bären, wie sie schnarchen!« Plötzlich, wie der Erd' entwachsen, Auf des Hofes Mitte ragte Elmars Haupt, des finstern Sachsen. Gero hüpft an ihm vorüber, Unterm Arm ein rauchend Bündel: »Ach, mein Scharlachkleid; ich sterbe! Helft! Wo steckt das Dienstgesindel?« Falk, nun spanne Fang und Feder! Auf der Zofe schrilles Rufen Stürzt' er hastig in die Esse Über halbverkohlte Stufen. Hastig, wie der Frank' ins Freie, Sprang der Sachse in die Flammen; Vor ihm schlug die gelbe Lohe, Hinter ihm der Rauch zusammen. Prasseln, Brechen, dumpfes Dröhnen In den Sparren, in den Balken; Schirme Gott die zwei Verlaßnen, Schirme Gott den kühnen Falken! – Mut gibt Sieg! – Auf starken Armen, Ob ihn Dampf und Glut umwallten, Sicher schreitend trug er beide Abwärts in des Mantels Falten. Auf dem Stein am Fuß der Linde Setzt' er nieder seine Bürde; Zitternd dankt' ihm Hildegunde Und der Graf mit kühler Würde. Heulend kamen Knecht und Mägde. Rief der Meier: »Rasch die Kübel, Schirrt die Rosse, her die Leitern! Seht euch vor, schon wankt der Giebel! Gleich den Gänsen auf dem Eise Hockt nicht da wie festgefroren: Wasser auf die Scheunendächer, Denn der Saalbau ist verloren! Flink zu Tanz und Humpenheben, Laßt ihr euch zur Arbeit treiben: Wartet nur, ich werd' es richtig Jedem auf den Kerbstock schreiben! Glutengarben, himmelhohe: Muspels Söhne sind im Rasen! – Gott verzeih' mir; solch ein Brennen Hat der Teufel angeblasen!« – Gerd, mit wildverworrnen Haaren, Wankte taumelnd aus der Scheuer, Blei im Kopf; ins Feuer stierend, Schrie er laut: »Wo ist das Feuer?« Armer Gerd, wie mochte tückisch Dich dein steter Durst verblenden: Jäh in einen vollen Zuber Stürztest du mit Haupt und Händen! Aiga sprach, durch Tränen lachend: »Welche Täuschung, Schatz, mein Nasser! Heb dein Mündlein, guter Junge, Du verirrtest dich zum Wasser. Niese nicht, was kann dir's frommen? Keiner darf ›Christ helfe!‹ sagen; Bist du doch ein halber Heide, Nur getauft bis an den Kragen. Zwiefach bist du fehlgefallen, Denn dein Leibgericht, du Schlemmer, Junge Aale, mußt du fischen, Statt im Eimer, in der Emmer!« Drauf der Nasse: »Mußt du fischen! Glatte Aale, glatte Schlangen: Fängt dich einer, glatte Aiga, Hat er keinen Aal gefangen.« – Isenhard, der alte Meier, Riß den Trunknen von der Kufe, Und die Lacher und die Gaffer Fuhr er an mit scharfem Rufe. Rab, der greise Eschenburger, War am Platz mit Knecht und Kötter; Dodiko vom Eberbronnen Kam mit Thietmar, seinem Vetter. Werinhard, der freie Bauer, Schwang ein Faß mit breiten Händen; »Oben seh' ich nach dem Dache, Seht ihr unten nach den Wänden!« – Krachend brach der Saal zusammen: Funkenwirbel, Aschenfluten; Und des Waldes Bäume blickten Rot beschienen in die Gluten. – Lautlos starrend auf die Trümmer, Saß der Graf noch an der Linde; Nur zuweilen haucht' er leise Flüsterworte seinem Kinde. Elmar sprach : »Ein hartes Schicksal, Edler Graf, hat Euch betroffen Mir zum Leide; kommt, dem Nachbar Steht die Tür des Nachbars offen.« Drauf der Greis: »Dem guten Willen Besten Dank! Für kurze Dauer Richt' ich wohl auf eignem Grunde Ein bescheidnes Winterschauer.« Gero rief: »Ein Weidmannsstückchen: Erst den Aar vom Horst zu zerren, Um ihn dann daheim im Käfig Edelmütig einzusperren. Gaukler, geh, du bist verraten! Dich bezeih' ich; hört, ihr Männer: Feige Rachetat zu üben, Ward er zum gemeinen Brenner!« Aiga schrie: »Gemeiner Lügner, Nur zum Lästern keck und mutig!« Werinhard, der freie Bauer, Biß die Lippe blau und blutig. Sprach der greise Eschenburger: »Mann, das habt Ihr zu beweisen, Zu beweisen mir und andern, Nicht mit Worten, nein, mit Eisen!« Elmar maß den Königsboten Stumm mit feuerheißen Blicken, Stürzte vor und stand – und wandte Ihm verachtungsvoll den Rücken. Vor dem Grafen und der Tochter Neigt' er sich, doch blieb sein Neigen Unerwidert; müde, müde Schritt er durch des Waldes Schweigen. VIII. Die Drude             Stille Nacht im tiefen Walde! Um der Birken weiße Rinde, Um der Erlen dunkle Stämme Floß das Mondlicht weich und linde. Nur der Bach im Grunde schwatzte, Von Gesträuch und Ried umdüstert, Wie ein Kind im halben Schlummer Mit sich selber spricht und flüstert. Und dazwischen klang der Ente Heisrer Ruf vom fernen Teiche, Und zuweilen auf den Rasen Fiel die braune Frucht der Eiche. Und der Dachs, der frömmste Klausner Von den Bergbewohnern allen, Streifte, scheu die Lichtung meidend, Durch der Buchen finstre Hallen. Dort am Hang, zum Nord gerichtet, Fern den Straßen und den Steigen, Lag verloren eine Höhle In der Wildnis ödem Schweigen, Weit und endlos; nach der Sage Einst bewohnt von klugen Schmieden, Zwerggeschlecht, das ausgewandert, Jetzt verrufen und gemieden. Schaurig war die Kluft, von rauhen Felsenknorren überhangen; Um das Torgewölbe schlichen Efeuranken, grüne Schlangen; Schlangen krochen durch die Spalten, Schwarze Schlangen, Wurzelknoten, Wo die greise Drude hauste, Weltvergessen wie die Toten, Einsam mit dem treuen Hunde, Einsam mit den alten Göttern, Die zu ihr in Vogelstimmen Sprachen und in Sturmeswettern. An der Quelle vor der Grotte Saß sie regungslos gekauert, Wie ein graues Steingebilde Über einem Grabe trauert. Von der Achsel hing ein dunkles Ottervlies zur Hüfte nieder, Ein Gewand von weißer Wolle Hüllte faltenreich die Glieder. Träumend saß sie; in der Linken Lag die Stirne, ernst und edel, Tief gefurcht; die Rechte ruhte Auf des Hundes breitem Schädel. Sinnend saß sie, eine Norne, Eine von den finstern Frauen, Die den Born des Wissens schöpfen Und den Gang der Zeiten schauen, Schweiften zu entflohnen Tagen Rückwärts eilend die Gedanken, Beßre Zeit, eh welsche Rasse Aus den Sachsenbächen tranken? Was die Seele ihr bewegte, War's der Gegenwart Bedrängnis? Lag vor ihren Seherblicken Drohend künftiges Verhängnis? Doch ihr Wächter knurrt', es glommen Grünlich seine Augensterne; Durch des Waldes tiefe Stille Hallten Schritte aus der Ferne; Männerschritte: Elmar nahte; Vor der Drude blieb er stehen; Gruß und Gegengruß: »Was willst du?« Sprach sie, ohne aufzusehen. »Swanahild, du weise Waldfrau, Länger als seit drei Geschlechtern Warst du hold dem Stamm der Falken, Seinen Söhnen, seinen Töchtern. Längst zu Wodan und zu Freia Heimgefahren sind sie alle: Öde steht mein Haus am Hügel, Einsam bin ich in der Halle.« »Junger Falk, der Weg ist offen, Der den Freund zum Freunde leitet; Gras und Dorn und Ranken wuchern Auf dem Pfad, den niemand schreitet. Junger Falk, seit manchen Monden Flogst du nicht zu meinem Grunde; Fürchtest du des Tages Augen, Daß du kommst zu nächt'ger Stunde? Dort am Stein, zur Sonnenwende, Sah ich dich zum letzten Male, Doch vernahm ich wohl von deinem Flügelschlag im Frankensaale, Und wie du dein glatt Gefieder Arg versengtest in den Flammen.« – »Willst du das, was mir und jedem Menschenpflicht gebeut, verdammen?« »Ich verdamme nicht, ich lobe Edle Tat; indes ich meine, Was dich trieb in Rauch und Gluten, War nicht Menschenpflicht alleine. Freier Jäger ward zur Beute, Wilder Falk, er ließ sich zähmen, Blenden mit der Lederkappe, Mit der Riemenkette lähmen.« »Sei nicht unhold, strenge Mutter; Schmach und Unbill zur Genüge Widerfuhr mir bei den andern: Sei nicht herb und laß die Rüge!« »Weiland rangst du mit dem Bären Und zerknicktest ihm die Knochen: Hat dich jetzt beim Blumenbrechen, Feiner Knab', ein Wurm gestochen? Hat, mit dem du lange spieltest, Endlich dich gekratzt das Kätzchen, Und nun siehst du, armer Junge, Weinend auf dein wundes Tätzchen?« »Mutter, scharf sind deine Worte, Schärfer als des Schwertes Hiebe; Doch vernimm: in meiner Seele Hadern zornig Haß und Liebe. Sprechen muß ich oder sterben! Was ich lange stumm getragen, Einem muß ich's, und von allen Dir nur, Mutter, kann ich's klagen. Gib mir Rat, du weise Wala, Kluge Idis Idis , nordisch Disa, ist die Bezeichnung für Frauen und Jungfrauen, die höher als Irdische, geringer als Göttinnen angesehen wurden. Im Heliland heißt Idis, bei Otfried Itis, die hl. Jungfrau. Ihre, Glossar. Sviogoth. s. v. Disa, übersetzt Disa schlechthin mit Dea. , hilf dem Kranken: Die ich lieb', ist eine Christin Und die Tochter eines Franken!« Und die Drude, aufgerichtet Ihres Leibes Riesenlänge, Seufzte tief, und beide Hände Hebend, sprach sie schmerzlichstrenge: »Elmar, geh, du bist verloren! Stünd' in Brand dir Saal und Scheuer, Minder wäre dir verderblich Jene Glut als dieses Feuer. Geh: du gehst zum schwarzen Grafen, Geh: du gehst zum Sachsenhasser, Beugst dem Kreuz den stolzen Nacken, Beugst den Kopf dem Christenwasser. Hast du unsrer blonden Jungfraun Keine wert genug gehalten, Deines Hofes, deiner Halle, Deines Herdes fromm zu walten?« Er darauf: »Die Göttermutter Wägt die Freuden und die Schmerzen; Wie der Wind die Wasserwellen Leitet sie die Menschenherzen. Denkst du nicht des alten Liedes, Das wir oft gesungen haben, Wie einst Swanahild, die schöne, Weint' um einen Wendenknaben, Weint' um einen Wendenknaben, Der verging im Eis der Elbe? Lieb' ich außerhalb des Stammes, Tat nicht Swanahild dasselbe?« Traurig sank das Haupt der Alten: »Bitter ist es, lang zu leben; Dunkle Jahre, Reih' an Reihe, Les' ich auf den Runenstäben; Älter als der Wald! Ich kannte Schon als Eicheln jene Eichen, Graue Hünen, deren Häupter Jetzt bis in die Wolken reichen. Unverstanden wie die Sage, Überalt und fremd im Neuen, Gleich' ich einem morschen Stumpfe Zwischen frühlingsgrünen Maien. Schlummerschwer sind meine Augen, Wandermüde meine Füße; Aus den Sachsengauen bring' ich Wodan bald die letzten Grüße. Götterschicksal, Menschenschicksal Ist auf ew'gen Rat gegründet: Einer bleibt und herrscht. – Dir aber Hätt' ich Beßres gern gekündet. Geh, ich höre meine Boten, Die sich in den Wipfeln regen: Auf des Waldes düstern Pfaden Tritt das Schicksal dir entgegen!« – Elmar ging. – In Wolkenschleiern Hatte sich der Mond verborgen; Tropfen rauschten auf die Blätter, Grau und trübe kam der Morgen. Sonder Trost, mit schwerem Mute Schritt der Jüngling durch die Loden, Nie so einsam und vergessen, Nie so fremd auf eignem Boden. Was die Wala sprach, das dunkle Rätselwort, wie soll er's fassen? Meint sie Götter, die ihm zürnen? – Meint sie Menschen, die ihn hassen? – Geh nur, Elmar; holde Mächte Sind dir nah auf allen Wegen: Auf des Waldes grünen Pfaden Tritt das Schicksal dir entgegen. IX. Auf des Waldes Pfaden         Achtsam kann das Reh sich hüten Vor des Bären plumper Tatze; Schwerlich, bückt es sich zum Brunnen, Vor dem Sprung der falschen Katze. – Elmar, zieh den Gurt dir fester, Wenn du gehst zum wilden Walde: Schwarze Elben, schwärzre Menschen Lauern an der Bergeshalde. – Wilder Wald! Die müde Sonne Ruht' an nackten Felsenwänden, Um den letzten blauen Glocken Ihre letzte Gunst zu spenden. Scharfes Schwirren durch die Wipfel In dem herbstlich harten Laube Und vom Buchenhang der kurze Flügelschlag der Ringeltaube; Dann am Ast des Spechtes Hacken, Fern der schrille Schrei der Dohlen; Dann ein langes schweres Seufzen Wie des Berges Atemholen; Dann um Enzian und Quendel Wilder Bienen leises Summen; Dann ein Habichtskreisch, und wieder Tiefes Schweigen und Verstummen. – Elmar, zieh den Gurt dir fester! Langsam schritt er durch die Gründe, Menschenferne, wo geborgen Sich begegnen Hirsch und Hinde. Ging er auf der Spur des Wildes, Um zur Lust ein Tier zu töten? O, er wollt' an heil'ger Stätte Sich entsündigen und beten. – Grüne Lichtung! In der Mitte Stand die graue Donnereiche, Riesenhaft vor all den Riesen Auf und ab im Gaubereiche. Hehr und breit wie Tempelhallen Wölbte sich das Astgeschlinge, Altgeweiht, von Frevlerhänden Nie verletzt mit Beil und Klinge. Wälder und Bäume standen, wie im Altertume überhaupt, so besonders bei unseren Vorfahren in hohem Ansehen und waren vielfach Gegenstand frommer Verehrung. Einer Gottheit geweiht, durften sie nicht verletzt werden; man erinnere sich des sacrum nemus, castum nemus bei Tacitus, der incaedua silva, nunquam violata bei Ovid und Lukan. Ein solcher heiliger Baum, von welchem man glaubte, daß ein Gott in ihm wohne, war die Donareiche bei Geismar, unweit Fritzlar, die Winfried fällen ließ, und vielleicht auch die Irminsäule. Waldesstille und Einsamkeit stimmen die Seele zu Gebet und Betrachtung. – Bedenkt man, daß die christlichen Bekehrer vorzugsweise auf heidnischen Opferstätten ihre Kirchen zu erbauen pflegten, so dürfte manche unserer Berg- und Waldkapellen, die fast immer unter Eichen und Linden stehen, an altgeweihten Grund und germanischen Baumkultus erinnern. Sollte nicht auch unsere liebe Sitte, den Christbaum zu schmücken, an denselben anlehnen? – Grimms D. Myth. 69. 613. Simrocks D. Myth. 477. Denn nach Sag' und Väterglauben War sie eines Gottes Eigen, Der da rauscht' im dunkeln Wipfel, Der da weht' in Stamm und Zweigen. Elmar nahte sonder Waffen, Hanfne Schnur an beiden Händen Tempel und heilige Haine wurden waffenlos, oft nur in Fesseln betreten. Tacitus erzählt von dem Walde der Semnonen, Germania 59: Est et alia luco reverentia: nemo nisi vinculo ligatus ingreditur, ut minor et postestatem numinis prae se ferens. – Unser Händefalten beim Gebet ist symbolische Selbstfesselung. ; Selbstlos, arm, freiwillig unfrei Soll der Mensch sich aufwärts wenden. Also mit gebeugtem Haupte Stand er in des Gottes Frieden: »Zürnst du, daß ich bei den Fremden Deinen Dienst so lang gemieden? O, ich hör' es, wie dein Unmut Schilt und schauert durch die Blätter: Wenn mich Erdgeborne hassen, Seid mir hold, ihr guten Götter! Lief ein Knab' in Busch und Ranken, Fortgelockt vom Vogelsange, Kommt er heim mit wunden Füßen, Zankt die Mutter, doch nicht lange. Komm' ich heim mit wundem Herzen, Zürnen magst du, doch nicht grollen; Wie ein heilig Wasser läutert Tränenflut den Reuevollen. Du, der Eine, den ich suche, Du, der Ew'ge, der nicht altet, Der in Huld der Sonne droben Und der Menschenlose waltet; Du, der dort im Wipfel säuselt, Der in ahnungsvoller Nähe Rätsel wispert, die ich höre, Deren Sinn ich nicht verstehe: Bist du Wodan, bist du Donar? Namen sind es leeren Schalles: Du bist du, der Unerkannte, Unbegriffne, Eins und Alles! Hier, wo auf geweihtem Grunde Du nur und der Wald mich hören, Bring' ich dar ein reines Opfer: All mein Sehnen und Begehren! All mein armes Glück, des Herzens Wünsche, die von dir mich schieden, Dürft' ich auf Erfüllung hoffen, Geb' ich hin: gib du mir Frieden! Gott, mein Gott, ich will entsagen!« – Horch, da knickt' es in den Büschen, Scharfes Klirren, Sehnenschwirren Und Gezisch wie Schlangenzischen. Elmar wankte; nah dem Herzen Steckt' ein Pfeil; die Viperzunge Riß er aus, und in die Birken Stürmt' er wie der Wolf im Sprunge. Schnelle Flucht und rasche Folge: Jetzt! – er hielt ihn am Genicke: »Königsbote, Meuchelmörder, Du? – Das heiß' ich Frankentücke! Als zu offnem Kampf dich luden Rab und ich auf Schwert und Lanze, Drücktest du dich, feiger Prahler, Hinter deiner Sendung Schanze, Uns zum Heil: dein Blut, des Schurken, Lautre Waffen mußt' es schänden: Geh, es mag ein Knecht dich würgen! Geh, du magst am Zaun verenden! Zittre nicht, schier möcht' ich lachen; Werde kühner; sieh, ich bleibe Scheu wie einem Pestbefallnen, Armer Mann, dir weit vom Leibe! War kein Schalk so schlecht und käuflich, Dunkelwerk für dich zu üben, Daß du selbst mit ew'ger Schande Deinen Wappenschild beschrieben? Bist du stumm?« – Mit irren Augen Stand der Wicht, verstört und bange; Seiner Hand entglitt der Bogen, Alles Blut der hohlen Wange. Stotternd rief er: »Falk, ich könnte Dich auf Haut und Haar verklagen, Dich auf Hals und Hand, du Stolzer!« Elmar sprach: »Ich will es tragen!« – »Kränkst du mich, den Königsboten, Königsbann wird dich vernichten; Unser ist die Macht im Lande!« Elmar sprach: »Die Götter richten! Heb dich fort!« Der Frank entschlüpfte Durchs Gebüsch mit heiserm Fluche, Und der Schrei der wilden Katze Kreischte von der nächsten Buche. X. Auf der Dingstätte                 Falbten spät im Herbst die Blätter, Ward ein offnes Ding Die unter freiem Himmel im Walde, unter Eiche und Linde, auf Au und Wiese, bei großen Steinen, in Gruben usw. öffentlich gepflogene gerichtliche Versammlung hieß Ding , Mahl, Ring, Sprache usw., der Ort Ding- oder Mahlstätte. Meist wurden jährlich zwei solcher Gerichtstage abgehalten, im Frühling zu St. Walburg und im Herbst zu St. Martin. gehalten, Denn der Pflicht'ge soll sich lösen, Und der Frevler darf nicht schalten. Unter Friggas heil'gem Baume Friggas heiliger Baum , die Linde. Scharten sich die Gaugenossen, Edelinge, freie Bauern, Eigner Leute niedre Sprossen. In der merowingischen und karolingischen Zeit teilte sich das Volk in Edelinge , nobiles, Freie , ingenui und Unfreie , servi. Zwischen den beiden letzteren stand eine zahlreiche Klasse, die Leute , liti, lati, lazzi aldiones, homines pertinentes genannt, die zu persönlichen Diensten und Abgaben verpflichtet und den Unfreien ziemlich gleichgestellt waren. Zöpfls Deutsche Rechtsgeschichte II. 31. Grünt sie noch auf deinem Anger, Aldinghaus Alhausen bei Driburg, der Geburtsort des Verfassers, hieß ehedem Aldingeshus, Aldinghus . Falkes Codex tradd. Corb. 232. 256. Der Name scheint die Stätte zu bezeichnen, an welcher ein Allding, ein Gaugericht gehalten wurde. Dazu stimmt die an einen uralten Lindenbaum sich knüpfende Sage, welcher auf nahem Anger stand und vor Jahren an den Schwiegersohn des damaligen Ortsvorstehers, einen Schreiner und Zimmermann, verkauft wurde. , die alte Linde, Die dem Knaben Sang und Sage Zugerauscht im Abendwinde? Aldinghaus, zu klug geworden Sind die Menschen unsrer Tage: Längst verhaun ist deine Linde, Längst verschollen Sang und Sage. – Später Herbst, die Blätter falbten; Kopf an Kopf auf weiter Wiese Tosten blondgelockte Sachsen, Mancher Stumpf und mancher Riese. Nächst dem Baume war die Dingstatt Eingehegt mit Haselzweigen Die altertümlichste Weise, offene Gerichtsstätten zu hegen , war die Einkreisung mit Haselzweigen und einer Schnur. Diese einfache Schutzwehr verlieh durch den allgemeinen Glauben an die Heiligkeit des Ortes genügenden Halt. Von festen Schranken und schirmenden Geländern sprechen erst spätere Urkunden. Grimms D. Rechtsaltert. 809. : Tiefgebückt am Stamm der Linde Stand der Graf in düsterm Schweigen. Vor ihm auf dem Sandsteintische Schwert und Strick; der alte Frone Der Frone , Gerichtsdiener, war eine unverletzliche Person. Dem Gericht wurde ein besonderer Friede beigelegt. Das Beiwort frone, heilig, geweiht, galt vom Gericht, vom Richter und Boten so gut als von Gegenständen kirchlicher Verehrung. Grimms D. Rechtsaltert. 745. Switger Lubbe ihm zur Seite Rief hinaus mit heiserm Tone: »Schöffen zwölf, geschworne Männer, Tretet in den Kreis mit Ehren; Dann Herr Gero, Königsbote, Recht zu nehmen auf Begehren. Elmar, Falk vom Habichtshofe, Streng geheischt bei Leib und Leben, Tritt herein, auf grünem Rasen Einem Mann sein Recht zu geben!« Dumpfes Murren! – Hohen Hauptes Schritt der Sachse in die Runde, Fest und hart in Gang und Miene, Ob auch krank an tiefer Wunde. Sprach der Graf: »In lichter Sonne Heischt das Recht, des Rechts zu pflegen: Schöffen, ist es Stund' und Stelle Hier ein offnes Ding zu hegen?« Jene drauf: »Des Rechts zu pflegen, Kommen wir bei Mittagshelle, Und ein offnes Ding zu hegen, Beides ist es, Stund' und Stelle.« Dann der Graf nach langem Zögern, Auf den Tisch gestützt die Hände: »Recht und echt beginnt die Sache; Geb' ihr Gott ein gutes Ende! Schöffen Jeder Freie konnte nur von Standesgleichen, der Edeling nur von Edelingen gerichtet werden. Die Schöffen ernannte der Graf oder der Sendbote des Königs; sie wurden durch einen Eid zu der heiligen – rechten – Hand in Pflicht genommen und mußten sitzend das Urteil finden. Grimms D. Rechtsaltert. 776. , euch gebührt zu sitzen; Switger Lubbe, schließ die Schranken! Ihr im Umstand Den Umstand bildete die außerhalb des Ringes stehende Menge, homines coram adstantes. Grimms D. Rechtsaltert. 769. , brecht den Frieden Nicht mit Drang und Schrei und Zanken! Gero, habt Ihr Gram und Unbill Wider einen Mann zu rächen, Mögt Ihr unter Eid die Klage Sonder Neid und Arglist sprechen.« Gero rief: »So Gott mir helfe! Diesen hier, wie fromm er gleiße, Elmar, Herrn vom Habichtshofe, Hört, wes ich ihn schuldig heiße: Mich, der ich im Gau des Königs Heil'ge Macht und Würde trage, Hat er meuchlerisch und mordlich Angerannt im wilden Hage. Half mir nicht mein guter Engel, Lag ich tot von seiner Schneide; Drum des Königsfriedensbruches Zeih' ich ihn bei meinem Eide. »Wer sich gegen den König verschwört oder empört, der werde mit dem Tode bestraft.« Capitul. Paderbrunnense vom Jahre 785. 9. 10. Dann um Götzendienst und Zauber Heischt' ich ihn in Ring und Runde »Wer hinfort im Volke der Sachsen ungetauft sich verstecken will und zur Taufe zu kommen unterläßt und ein Heide bleiben will, der soll des Todes sterben.« Capitul. Paderbrunnense 7. ; Seine Buhle ist das greise Hexenweib im blauen Grunde. Neulich noch, am Balderfeste, Aß er von den Opferrossen. Still! Im Umstand seh' ich manchen Seiner nächt'gen Sudgenossen. Mehr, noch mehr! Das Haus des Grafen, Seines Nachbars, brannt' er nieder, Seines Freundes, der ihn hegte Nur zu glimpflich, nur zu bieder; Der um freches Wort den Frechen Endlich wies von seiner Türe, Ahnungslos, daß eines Schelmen Rachedurst ihm Gluten schüre. Hier, die rechte Hand erheb' ich, Sonder Mein Mein , falsch und Falschheit; noch erhalten in Meineid. die Wahrheit sag' ich: Elmar, Falk vom Habichtshofe, Dich auf deinen Hals verklag' ich!« – Rauscht' ein Kranichheer vorüber, Das an stiller Bergeshalde Ruht' und aufgescheucht vom Jäger Mit Gekreisch entfloh dem Walde? Brauste durch den Ring der Sachsen Wut und Wehruf tausendstimmig? Werinhard, der freie Bauer, Hob die Faust und lachte grimmig. Über Achsel blickte Elmar Mit Erröten auf den Sprecher: Schämen muß sich der Besiegte, Übermocht' Übermögen , überwinden. »Welcher den andern übermag, den schiebt er gänzlich in den Sack.« Hans Sachs. ihn Schuft und Schächer. – Drauf der Graf: »Des Bischofs Neffen Seh' ich hier in harter Fehde: Elmar, du vernahmst die Klage, Dein ist jetzt die Widerrede. Richter sind und Eideshelfer Standesgleiche, Edelinge, Diese auf den Schöffenstühlen, Jene dort im Männerringe. Aus des Männerringes Freien Darfst du dir den Fürsprech Der Angeklagte hatte sich persönlich oder durch einen Fürsprech , Sachwalt, zu verteidigen, Zeugen, Urkundsmänner , zu stellen oder in Ermangelung derselben sich durch den Aufruf von Eideshelfern , die mit ihm seine Unschuld beschworen, von der Anklage zu reinigen. Dieses Auffordern zur Eideshilfe hieß der Leuteruf , Leodecal. – Die Eideshelfer, aidi, sacramentales conjuratores, hatten nur de credulitate (sic!), nicht de veritate den Eid zu leisten. Zöpfls D. Rechtsgeschichte III. 401. wählen: Brauche dich des Rechts; dem Besten Kann das Wort im Eifer fehlen.« Elmar sagte: »Einen Fürsprech, Zungenscharfen und beredten, Führt' ich sonst; er schläft, und heute Will ich mich allein vertreten. Einer riet mir: ›Nächst den Göttern Trau dir selbst und deinem Schwerte, Dann dem Roß und dann dem Freunde, Wenn er neunmal sich bewährte.‹ Zwar in feinverschlungnen Sätzen Kluge Worte klug zu stellen, Lernt' ich nicht von Wogenreitern, Nicht von rauhen Waldgesellen. Warm das Herz und kühl den Schädel, Biet' ich Trotz des Feindes Tücken, Und in Not und rechter Sache Wird das rechte Wort sich schicken. Königsbote, falscher Neiding Neiding , verächtlicher Feigling, engl., schwed., norw. Niding, ags. Nidhing, isl. Nidinger, ein echt germanisches Scheltwort. Adelungs Wörterbuch s. v. Nid. Simrocks Übersetzung der Frithjofssage 57. 115. , Traun, du hassest mich unsäglich! Haßt' ich dich, mir wär' es Schande, Denn du bist zu klein und kläglich. Ist mir leid um meinen Namen, Daß ihn nur gehaucht dein Odem: Was du sprichst, das ist besudelt, Denn dein Hauch ist gift'ger Brodem. Männer, wes er mich bezichtet, Solch Verruchtes tat er selber! Tatst du nicht? Mir in die Augen Sieh und sage nein, du Gelber! – Hatt' er Blut an mir zu rächen? Trat er offen mir entgegen, Frei dem Freien, zu bezahlen Hieb mit Hieben, Schlag mit Schlägen? Laurer! Aus dem Hinterhalte Sandt' er mir sein tückisch Eisen. Hier die Wunde, die noch blutet, Mag sein Bubenstück beweisen. Traf ich ihn? An seinem Leibe Zeig' er doch ein blaues Fleckchen, Schrund' und Beule, nur den kleinsten Riß am zarten Seidenröckchen. Viel zu rein sind meine Hände, Solchem nur den Bart zu raufen; Zwar ein paar unmilde Worte Sagt' ich ihm und ließ ihn laufen. Doch er schwor! Den Schrei zu hohen Himmelsmächten soll man ehren? – Geht; wer eine Meintat Meintat , verbrecherische Tat. übte, Kann auch einen Meineid schwören!« »Elmar, sieh nach deinen Worten!« Rief der Graf. – »Nach seinen Werken Sehe jeder! Mich zu schirmen Ist mein Recht, das sollt Ihr stärken.« »Doch du schmähst des Königs Boten!« – »Wahrheit sprechen heißt nicht schmähen. Königs Bote? Selbst der König Muß für sein Behaben stehen! Auch der König hat die Treue Gegen Land und Volk zu halten! Sei er stark, doch weis' und milde; Also lehrten uns die Alten. Sandt' er den und keinen Bessern, Lernt das Volk den König hassen; Dächte wie das Volk der König, Diesen würd' er peitschen lassen!« Rief der Graf: »Ich muß dich mahnen – Sachsenschädel, harte Knorren!« Elmar sagte: »Starke Herzen, Unentwegt und unverworren!« Rab, der greise Eschenburger, Warf zurück die krausen Zöpfe: »Freilich waren unsre Klingen Härter einst als eure Köpfe! Kärglich uns die Luft zu messen, Seid ihr krämerhaft geschäftig; Doch die breite Brust des Sachsen, Atmen will sie voll und kräftig. Auch der Zorn hat seine Rechte! Worte sind des Schwertes Klirren, Taten sind des Schwertes Hiebe: Elmar, laß dich nicht beirren!« Elmar sprach: »Des Götzendienstes Zeiht er mich vor Ring und Dinge: Trügt ihr's, so ich frech zu höhnen Euern Gott mich unterfinge? Wo ich mich in Demut beuge, Darf ein Tor nicht ruchlos schelten: Was euch heilig, will ich achten; Was mir heilig, laßt es gelten! Euern Priestern, euern Mönchen Zins und Zehnten gab ich willig; Sprecht, was habt ihr uns gegeben? Laßt uns atmen, das ist billig! Nein, ihr braucht sie nicht zu dulden, Menschenrechte müßt ihr ehren! Erstes Recht ist Recht zu beten, Und das darf kein König wehren! Irren wir? Vielleicht; Was atmet, Irrt und tappt in Finsternissen Blöden Auges; die Lebend'gen Glauben – und die Toten wissen. Irr' ich? Einer ist der Hohe, Einer ist der Ebenhohe, Und – der Dritte! Drei sind Einer, Flammen drei in einer Lohe. Gylfi, König von Swithiot (Schweden), trat in Walhall, den Göttersaal, und sah drei Hochsitze, einen über dem anderen, und auf jedem saß ein Mann. Er fragte, wie die Namen dieser Häuptlinge wären. Sein Führer antwortete: Der im untersten Hochsitze sei ein König und heiße der Hohe ; der im nächsten heiße der Ebenhohe , und der im obersten heiße der Dritte . (So svarar er hann leiddi inn, at sá er i netza hásaet sat vor konungr, oc heitir Hár , en thar naest er heitir Jafnhár , en so ofarst er Thridi heitir.) Snorra-Edda, Gylfaginning, 2. Rask. S. 3. Die Drei aber waren der eine Odin. Heißt das Götzendienst, ihr Männer? Klingt euch das wie fremde Märe? Und doch ist es Quell und Ursprung Unsres Wahns und eurer Lehre! Wißt ihr Beßres? Dünkt euch besser, Was man nur mit Schwert und Gluten Pred'gen mag den Hoffnungslosen, Die verhungern und verbluten? Der Sprecher deutet auf die wiederholten Raub- und Vertilgungszüge, die Karl mit Feuer und Schwert gegen die Sachsen unternahm. Einhard, dessen Mitteilungen einen wenigstens halbamtlichen Charakter tragen und gewiß nicht übertrieben sind, erwähnt dieselben in seinen Annalen zu den Jahren 774. 783. 784. 785. Pertz SS. II. 155. 156. 167. An der erstbezeichneten Stelle heißt es: »Rex autem – – priusquam eum Saxones venisse sentirent, tripartitum in eorum regiones misit exercitum, qui incendiis ac direptionibus cuncta devastavit, compluribus etiam Saxonum, qui resistere conati sunt, interfectis, cum ingenti praeda regressus est.« Ihr entsinnt euch – doch ich schweige. Nur noch dieses: hier der Freche, Schalt er mich nicht einen Brenner, Wähnend, daß ich widerspreche? Sachsen, gegen solche Schmähung Mag ein Franke sich empören: Mir geziemt es, nichts zu sagen, Euch gebührt es, nichts zu hören!« Drauf der Graf: »Der Widerklage Muß ich manches Wort vergessen: Rab, ich will nothaftem Manne Nicht mit karger Elle messen. Falk, tu dar durch Urkundsmänner, Daß der Kläger falsch berichtet.« – »Waffen! Hätt' ich Urkundsmänner, Nimmer stünd' ich hier bezichtet! Dennoch, einen kann ich stellen: Kläger, tritt hervor als Zeuge, Widersprich dir selbst, sei ehrlich, Sei zum erstenmal nicht feige! Sag, denn niemand weiß' es besser, Sag: ›Ich log!‹ – Doch ich verzichte: Bleib nur schlecht! Mir ist ein Greuel Jede Gunst von solchem Wichte. Beiß dir nur die grünen Lippen Blutig nicht! Du hast nur Galle; Daß du logst, mein Gott und deiner Weiß es, und ihr wißt es alle.« Stotternd sprach der dürre Franke: »Will der Graf sich nicht bequemen, Vor der Unbill eines Wilden Mich in bessern Schutz zu nehmen?« Drauf der Graf: »In jungen Köpfen Wirbeln, wie das Rad im Sporne, Rastlos rollend die Gedanken, Und die Zunge dient dem Zorne; Und der Zorn hat seine Rechte, Wie zu Dank wir jetzt erfahren; Doch ist's gut, bei warmem Herzen Sich den Schädel kühl zu wahren. Falk, du tobst! – Dir ist verstattet, Eideshelfer zu begehren: Sieben Hände, sechs und deine Iurare cum sexta vel septima manu , je nachdem man die Hand des Angeklagten mitzählte oder nicht. Zöpfls D. Rechtsgeschichte III. 403. , Heischt das Recht, dich loszuschwören. Kühl den Kopf! Mit Zucht und Sitte Ziemt es sich, um Gunst zu werben: Sei bescheiden, deine Sache Geht auf Leben und auf Sterben!« Elmar drauf: »Wohlan, ich frage, Wer hier von dem Rat der Zwölfe, Wer dort aus dem Ring der Hörer, Edler Mann, mir Rechtes helfe?« – O, Wie rasch sein helles Auge Schöffenbank und Ring durchspähte! Keine Regung! – Bis zum Nacken Schoß ihm dunkle, dunkle Röte. Sprach der greise Eschenburger: »Soll sein Leuteruf erschallen Und aus Sachsenbrust dem Sachsen Keine Antwort widerhallen? Was? Noch schwingen freie Flügel Auf der Eschenburg die Raben: Falk, ich werde für dich schwören! Graf, Ihr könnt den Eid mir staben Den Eid staben bedeutet die Eidesformel vorsagen. ; Niemand folgt? – Wer sonst die Augen Schweifen ließ mit keckem Mute, Sitzt gebückt und stiert zu Boden, Still, als ob die Nas' ihm blute. Stiert nur, wagt nur, überlegt nur: ›Freilich – doch – allein – indessen!‹ – Mögen in der Sterbestunde Euch die Heiligen vergessen!« – Rief herüber aus dem Ringe Werinhard, der freie Bauer: »Weh, daß wir kein Wappen führen, Mir und manchem macht es Trauer! Dürft' ein Bauer Bauernehre Für den Edelherrn verpfänden, Falk, wir alle würden schwören. Tät' es not, – mit blut'gen Händen!« Tausend Kehlen riefen Beifall Aus der dichtgescharten Menge; Trotzig halb und halb verlegen Stierte Gero ins Gedränge. Sprach der Falk: »Ich muß euch danken! Wenn ich Ohm und Bruder hätte, Vetterschaft und Schwähersippe, Stünd' ich nicht auf dieser Stätte. Einzler Baum ist leicht zu fällen, Rast der Sturm ihm ins Geäste; Kracht die Wurzel, schnell entflattern All die Finken, seine Gäste. Las ich doch im Runenbuche: ›Schmeichelworte hörst du heute; Ladet morgen dich der Richter, Gibt dir niemand das Geleite.‹ Hawamal 24. Simrocks Edda 44. Gab mir niemand das Geleite, Brauch' ich niemands Gunst zu loben: Meine Zeugen, meine Helfer Sind die Wissenden dort oben! – Graf, Ihr sagtet, meinesgleichen Sei'n berufen, mich zu richten: Meint ihr diese, auf die Gleichheit Muß und mag ich gern verzichten. Meinesgleichen? – Königsknechte! – Traun, ich wähne, ärgre Schelme Als der Schelm, der mich verklagte, Gingen niemals unter Helme. Aber Macht ist Recht; der Fremde, Nützen kann er oder schaden: Drum ihr Sachsen, kluge Streber, Werbt ihr klug um Gunst und Gnaden. Seine Worte sind Beweise, Meine Worte Windesrauschen; Sprech' ich, gafft ihr in die Bäume, Spricht er, neigt ihr euch, zu lauschen. Vor dem Tagesgötzen liegt ihr Auf dem Bauche, wie befohlen, Statt mit freigehobner Stirne Festzustehn auf eignen Sohlen. Ihr? Zu einer blassen Meinung Könnt ihr nicht den Mut erbringen; Wie gelang' es euch, zu kühner Rettungstat euch aufzuschwingen? Nein, ihr seid nicht meinesgleichen, Nur Gesindes Ingesinde! Wartet nur, man wird euch lohnen: Gunst ist Schnee mit dünner Rinde. Wartet nur: ein kahler Franke Wird in eure Wolle schlüpfen Und, wo ihr mit Mühe sätet, Lachend seine Garben knüpfen. Freien Männern zu gebieten, Schönstes aller Königsrechte: – Armer Ludwig, dir zu Füßen Liegen willenlose Knechte!« – Drauf der Graf: Nach Fug beendet Und geschlossen ist die Frage; Elmar, deine Widerrede Brachte nicht zum Fall die Klage. Ohne Zeugen, ohne Helfer Bist du sieglos hier geblieben: Nun, ihr Schöffen, eures Amtes Ernste Pflichten mögt ihr üben. Dreifach ist der Falk bezichtet, Hart bedrängt an Leib und Ehre: Freie Edle, wagt behutsam Eures Worts Gewalt und Schwere! Euer ist's, das Recht zu weisen Und das Urteil dann zu finden, Daß ich es auf Königsnamen Als ein rechtes mag verkünden.« Alles stumm; die gelben Blätter Bebten von den Lindenästen, Und die kranke kühle Sonne Stand in Wolken tief im Westen. Und ein kleiner Vogel zirpte Hoch im Wipfel leise Klagen: »Winter wird es, trüber Winter; Ach, wie werd' ich's nur ertragen!« Tiefgebückt und Bein auf Beine Als ein Zeichen der Betrachtung und Ruhe galt im Altertum die Beinverschränkung. Vgl. das schöne Lied Walthers v. d. Vogelweide: Ich saz ûf einem steine: dô dahte ich bein mit beine usw. Lachmanns Ausg. 8. 4. – Dem Richter war vorgeschrieben, daß er den rechten Fuß über den linken schlagen und, so die Sache unklar, er dieselbe 123mal (dreimal vierzig mit dreimaliger Zugabe) überlegen sollte. Grimms D. Rechtsaltertümer 763. Hundertzwanzig war das Großhundert, zehn Dutzend. Saß der Graf, und nur zuzeiten Ließ er traurig düstre Blicke Über den Verklagten gleiten. Bei den Schöffen Rat und Raunen; Endlich war der Schluß gewonnen; Streichend durch die Locken sagte Dodiko vom Eberbronnen: »Erstes Wort dem jüngsten Manne! Bin ich gleich dem Falken huldig, Dennoch, ob mit schwerem Herzen, Heiß' ich um Verrat Das schwerste Verbrechen war Verrat , charakterisiert als Tötung einer Person oder Versetzung derselben in Lebensgefahr, wenn man ihr zu besonderer Treue verpflichtet war, gleichviel ob als Verwandtem, Freunde, Herrn oder Könige. Zöpfls D. Rechtsgeschichte III. 374. Die Schöffen sprachen den Falken wohl nur deshalb von der Anklage des Götzendienstes los, weil sie ihre eigene Glaubensreinheit nicht überall unanfechtbar wissen mochten. Christliches und Heidnisches mischte sich damals noch seltsam durcheinander. ihn schuldig.« Thietmar drauf, sein kluger Vetter, Stotterte: »In diesem Falle Ich desgleichen.« – »Ich desgleichen«, Wolf und Rolf vom Turm – und alle, Bis auf Rab. Der grimme Kämpe Sah verächtlich auf die Elfe: »Hört mich: ich, der Eschenburger, Sprech' ihn los, so Gott mir helfe!« – Langsam sich vom Stuhl erhebend Nahm der Graf das Wort und sagte: »Recht sei Recht! Mit Achtung lausche Unserm Wahrspruch der Beklagte. Elmar, Falk vom Habichtshofe, Schwere Untat ward beschworen: Um Verrat an deinem König Hast du Hand und Hals verloren. Zwar ins Wilde braust die Jugend, Sänftigt nicht der Rat der Alten: Weil du vaterlos und feurig, Mag für Strenge Milde walten. Nun vernimm: dein Gut und Erbe Ist verstrickt und königseigen, Haus und Hof, vom Grund zum Giebel, Feld und Wald mit Zopf und Zweigen. Rechtlos, Elmar, bist du selber Und in Acht und Bann gesprochen, Friedlos, wehrlos: des zum Zeichen Wird dein Pflug und Schild zerbrochen. Sieh dich vor, mit einem Rosse Hast du Mark und Gau zu räumen, Eh zum drittenmal die Sonne Scheidet von des Osnings Bäumen. Das ist Königsrecht im Lande! Dennoch, Elmar, darfst du hoffen: An den Königsstuhl in Aachen Steht dir die Berufung offen.« – Durch den Ring der Gaugeseßnen Wogt' ein Schrei, ein dumpfes Grollen, Wie zerwühlt von jähem Sturme Tiefe Wasser schäumend rollen. Rief der greise Eschenburger: »Graf, das Urteil muß ich schelten Das Urteil konnte angefochten, gescholten werden; dann fand Entscheidung durch Zwikampf zwischen den Parteien, ein Gottesurteil (Ordale) oder Berufung an den König statt. Zöpfls D. Rechtsgeschichte II. 92. III. 397. ! Gehn sie auch in langen Locken Äußeres Kennzeichen des Freien war das lange, lockige Haar ; er hieß capillatus, crinitus. Ein Unfreier, der sich das Haar lang wachsen ließ, wurde mit fünf solidis bestraft. Grimms D. Rechtsaltertümer 283. , Unfrei sind sie, die es fällten. Stelle sich zum Kampf der Kläger, Daß er seinen Eid erhärte, Ob er mag, durch Gottesurteil, Leib auf Leib mit nacktem Schwerte!« Gero trotzte: »Welch Verlangen! Waffenehre soll ich wagen Wider ihn, ehrlosen Ächter Mit dem Weidenstrick am Kragen?« Rab darauf: »Dich würd' er kleiden! Was der Knabe stritt und strebte, Traun, des brauchte sich sein Vater Nicht zu schämen, wenn er lebte, Färbt sich rot die Spur des Bären, Wächst der Mut auch feigen Hunden: Neiding, du verhöhnst den Kranken Und entflohst vor dem Gesunden!« Elmar lachte, Harm im Herzen, Feuer auf der hohlen Wange: »Wenig dank' ich Eurer Milde, Spracht Ihr gleich mich los vom Strange. Euer Urteil macht mich elend; Statt dem Henker mich zu geben, Statt am Leben mich zu strafen, Straft Ihr zehnfach mit dem Leben. Zeigt Ihr mir den Weg nach Aachen? Graf, mir ekelt vor der Reise! Gütig heißt man Euern König, Besser wär's, man hieß ihn weise. Aachen? Nein! Verklagt die Krähe Siebenfach am Kräh'ngerichte, Ihr erlangt ein Krähenurteil: Graf, verzeiht, wenn ich verzichte! Meint Ihr Gnade? Hund und Katze, Bettelhafte Hausvasallen, Mögen keifen um die Brocken, Die vom Herrentische fallen. Gnad' erfleht der arme Sünder; Ich will Recht von Rechtes wegen; Heischt' ich Recht, man hielte lachend Eu'r Gesetzbuch mir entgegen. Das Capitulare de partibus Saxoniae seu Paderbrunnense vom Jahre 785 ist eine harte Gesetzgebung, die in den ersten zwölf Sätzen elfmal die Todesstrafe verhängt, wo die Gesetze anderer Völker meist nur Strafgelder bestimmen. Sie hieß lex crudelissima. Zöpfls Deutsche Rechtsgeschichte I. 54. Ungleich milder ist das Capitulare Saxonicum vom Jahre 797, welches unter Zuziehung der sächsischen Edelinge zustande kam und sogar von getreuen Sachsen spricht. Unser Recht ist Götterwille, Eu'r Gesetz ist Menschenmache; Unser Recht ist Schild und Sühne, Eu'r Gesetz ist Strick und Rache. Nur Gesetz? Ihr Christenmänner, Ich auch lauschte euern Sagen! Nur Gesetz? So war es rechtens, Euern Gott ans Kreuz zu schlagen. Nur Gesetz? Die Arggesinnten Hatten recht, ihn zu verderben: Ein Gesetz bestand im Lande, Und nach diesem mußt' er sterben. O ihr Franken! Wie der Jäger Spannt dem Wilde Garn und Netze, Also, uns hineinzutreiben, Strickt und stellt ihr uns Gesetze, Erzne Schnüre: doch die Drähte Dünken euch zu fein gespalten! Stränge: doch die Maschen dünken Euch zu weit, uns festzuhalten! Zieht sie knapper, schweißt und schmiedet, Lötet, klemmt und stopft die Lücken: Neue Löcher alle Tage, Alle Tage neue Flicken! Übt nur eure welschen Künste: Sachsenmut ist wohl zu beugen, Nie zu brechen; künft'ge Tage Sind der Wahrheit beste Zeugen. Scheiden muß ich, Groll im Herzen: Edler Graf, Euch heg' ich keinen; Glimpflich pflogt Ihr Eures Amtes, Und Ihr seid nicht von den Meinen. Wär' ich schuldig freigesprochen, Müßt' ich Euch und mich beklagen: Schuld will Sühne; da ich schuldlos, Kann ich Euer Urteil tragen. Ihr? Euch kommt ein Tag der Reue; Glaubt, er kommt! – Dann werd' ich schlafen Tief im Meer, im Sand der Düne, Ob verstürmt, doch still im Hafen. Jetzt genug der Widerrede, Alle Rede hat ihr Ende: Meines Schicksals dunkle Lose Leg' ich in der Götter Hände.« – Bleich geworden, immer bleicher, Griff er schwankend nach der Wunde: Flut auf Fluten, unaufhaltsam, Quoll das Blut ihm aus dem Munde, Auf den Rasen Flut auf Fluten. – Brach das Herz nach langem Harme? Lautlos glitt der Vogelfreie In des Eschenburgers Arme. XI. Vogelfrei 1.                 »Fertig!« sprach der Meister Fulko; »Hildegunden, deiner Frauen, Kleine Imma, liebe Tochter, Bring das Schloß; sie kann ihm trauen. Wieland Wieland , der Zwergkönig, der Wölundr des Nordens und Galans le forgeron der kerlingischen Sage, war der kunstreichste Meister aller Schmiede. kaum, der Schmiedekönig, Wüßt' es künstlicher zu machen, Und im Berg die stillen Leute, Und – du Kobold, laß das Lachen! Eggi, schon den ganzen Morgen Greinst du mit vergnügtem Blicke, Gleich als wär' ein feistes Wildbret Dir gegangen in die Stricke. Mach dich fort, du brauner Schlingel, Sieh mir fleißig nach den Schafen, Daß sie nicht zu Schaden gehen Auf dem Winterfeld des Grafen!« Eggi, in der Tür sich wendend: »Meister Fulk, Ihr habt's geraten: Gestern war's; ein Edelmarder, Und Herr Gero will ihn braten.« »Geh, du Gauch! – Er grollt dem Falken«, Sprach der Schmied; »wohl mag er lästern; Härter als uns je der Franke Schlug der Sachs den Sachsen gestern. Wie man einen wutverdächt'gen Hund erhängt am nächsten Aste, Ward ein Edler preisgegeben, Weil ein Bösewicht ihn haßte. Stolzer Falk! Vom Wald zur Weser Wird kein treures Herz gefunden! – Doch da ist er selbst: – o Imma, Wie verhärmt in wenig Stunden!« Elmar kam; der greise Diethelm Schritt ihm nach mit finsterm Mute; – Zorn und Tränen in den Augen, Führt' er eine weiße Stute. Sprach der Falk: »Des letzten Dienstes, Meister Fulko, magst du pflegen: Spute dich, mit Weiheworten Feste Eisen aufzulegen. Spute dich, du kluger Meister, Feste Eisen, gute Eisen Aufzulegen meinem Tiere, Denn wir haben weit zu reisen. Weit zu reisen, Meister Fulko! Drum von all den edlen Rossen Nicht das beste, doch das treuste Wählt' ich mir zum Fahrtgenossen.« Stumm und traurig sah der Alte Auf den Mann und auf das Fohlen; Dann, sein Werkgerät ergreifend, Fuhr er durch der Esse Kohlen; Und mit zornig wüsten Schlägen Schlug er, daß der Amboß stöhnte, Schlug er, daß die Balken sangen Und das Grundgemäuer dröhnte. Flammen stoben, Funken spritzten; Härter hieb der Schwerergrimmte, Bis des Erzes glühe Stange Wie ein Wurm sich wand und krümmte. Plötzlich aber sank die Rechte, Und, erfaßt von wildem Jammer, Warf er auf den Herd das Eisen, In den Winkel Zang' und Hammer. »Nein, ich kann, ich kann nicht, Elmar; Nein, du kannst, du kannst nicht gehen! Um den Wiedehopf, den Gecken, Sollen wir dich scheiden sehen? Sind noch Götter? Unsre Götter Zürnen, weil wir sie verlassen, Und der weiße Gott der Christen, Den wir hassen, muß uns hassen. Büßung heischt der große Frevel! Erst versöhnt an heil'gen Stätten, Muß das Volk die Wehr ergreifen, Und – der Alte Der Alte , Wodan wird uns retten. Letzte Nacht in Sturmesbrausen Fuhr er zürnend her vom Norden: Sollt' er nicht? Warum, wir Toren, Sind wir untreu ihm geworden? Elmar, bleib! Geh vor, wir folgen; Zieh dein Schwert: wir werden siegen! Einmal noch im roten Banner Laß das weiße Fohlen fliegen! Elmar, bleib! Was dir geschehen, Schande ist es, Schmach uns allen; Gestern, an der Linde, hörtest Du den Zuruf nicht erschallen? Wir, der Werkmann und der Bauer, Stehn zu dir, den Schimpf zu rächen: Hünen, die wie Haferhalme Frankenspeere spielend brechen; Harte Hände, die in Scherben Schild und Panzerrock zerschlagen; Felsennacken, die den Reiter Samt dem Roß zum Sumpfe tragen! Und die Gegner? Immer lustig, Reigenspringer, immer heiter, Lockenkräusler, Salbenköche, Zwölf ein Dutzend – und nichts weiter. Weich Geziefer! Viel zu lange Litten wir's; auf, uns zu wehren! Klirrt das Land, der graue Kämpe, Widukind, er wird es hören. Täuschung ist es, Frankenfabel, Daß der Held, im Kampf ermattet, Sei verzagt zu Kreuz gekrochen Und im Wessagau bestattet. Niederwärts im Weserwalde Schläft er nur im hohlen Steine, Schlachtbereit mit Roß und Mannen, Harrend, daß sein Tag erscheine. Oft, wenn nachts die Wetter tosen, Weckt er seine Schwertgesellen: ›Riefen nicht des Waldes Wipfel? Mahnten nicht des Stromes Wellen?‹ Dann hinauf die blaue Weser, Dann hinab die blanke Lippe, Und ›zu früh zu früh!‹ erseufzend Kehrt er heim zur düstern Klippe. – Falk, mir deucht, jetzt ist die Stunde. Hebt sich nur mit Waffenschalle Reisig Volk in allen Gauen, Kommt er und befreit uns alle. Heergeräte weiß ich liegen, Kunstgebilde kluger Zwerge, Stahlgewand und alte Schwerter Aufgehäuft im nahen Berge. Laß das Bauernhorn erklingen! Folgen wird dem Racherufe All das Volk im Lederschurze, All das Volk von Kamp und Hufe. Zündend, schnell wie Heidefeuer, Wird der Schrei die Welt durchfahren: Ja, sie kommen, traun, sie kommen, Schildgenossen, Schar auf Scharen! Schlechte Menschen, schlechte Zeiten: Allen wird, was sie verdienen, Und die Freiheit nur den Wackern, Die der Freiheit sich erkühnen. Können wir's? Ich sah's am Süntel Die Niederlage am Süntel im Jahre 782 hätte für die Franken fast so verderblich werden können, wie die Varusschlacht den Römern war, wenn die Sachsen nicht, statt ihren Sieg zu verfolgen, sich aufgelöst hätten und heimgegangen wären. ; Zu uns stand der alte Woden: Solch ein Tag! Des Blutes Ströme Rissen Furchen in den Boden. Nur ans Werk! Erst recht im Zorne, Werden wir die Welschen schlagen, Wie am Osning sie den Vätern Und am Süntel uns erlagen.« – Elmar sprach: »Welch glühe Kohlen, Fulk, im alten Kopf dir brennen! Schnee auf einem Feuerberge Ist dein Silberhaar zu nennen. Trauter Fulk, die Welt ist kühler! Machst du heiß das Blut der Schnecke? Glaubst du, daß ein Ruf die Träumer Rasch vom Rat zur Tat erwecke? Zwar die Menge grollt, sie hatte Lust zum Zausen und zum Zerren, Doch erschlafft auf ihren Höfen Dehnen sich die Edelherren. Ihren Mut erprobt' ich gestern! Als ich stand in Not und Fährde, Zagten sie, wie vor des Waldes Grauhund zagt die Lämmerherde. Blöde, die das Herz nicht hatten, Eine Hand für mich zu heben, Werden die zum Schwerte greifen, Wenn es geht auf Tod und Leben? Zwischen Mögen und Vollbringen Liegt bei uns des Zauderns Öde Und ein Sumpf; ein Tatenmörder Ist der Sumpf der deutschen Rede. Fulk, wohl mag dein Amboß ächzen Unter schweren Hammerschlägen; Dennoch hält er still; wir murren, Ohne Faust und Fuß zu regen. Pochten alle Männerherzen Heiß wie deines, warm wie meines, Kein vermeßner Frankensporen Klirrte noch diesseits des Rheines: O wir haben harte Hände, Unser Leib ist Wall und Mauer; Doch wir schleichen träg zum Werke, Und im Werke fehlt die Dauer. Nicht zum Kriege, nur zum Kampfe Zieht der Sachse; schnell zu schlagen, Ist sein Sinn, um heimzukehren Und daheim den Hirsch zu jagen. Länger lag er nie zu Felde, Als er nicht den Pfühl entbehrte, Als im Sack der Haferkuchen Und der Trunk im Lägel Lägel , ein Fäßchen zum Mitnehmen von Getränk. währte. Schelten würd' ich, spräch' ein Fremder, Was ich scheltend von uns spreche: Nicht des Feindes Macht, uns beugte Göttergrimm und eigne Schwäche. Darum hat der Lockenkräusler Zehnmal uns im Kampf bezwungen, Darum hat der Reigenspringer Auf den Boden uns gerungen. Fragst du, was ich möchte? Waten, Waten bis ans Knie im Blute! Was ich muß? Zu hoffen raten, Ob mit Grimm und finsterm Mute. Erzbewehrt an Ems und Lippe Harrt der Feind in hellen Haufen, Fertig zu willkommner Arbeit, Wie bei Verden – uns zu taufen. Schon zuviel ist edlen Blutes, Warmen Bauernbluts geflossen, Fruchtlos: schon zuviel der Äcker Sind zerstampft von fremden Rossen. Sollen wieder Hof und Hütte Glühn in roten Flammensäulen? Soll der hagre Wolf, der Hunger, Wieder durch die Dörfer heulen? Dreister Griff gebührt dem Dreisten, Doch ins Tolle stürmt ein Toller; Berserkbrauch Berserke , Berserkr, Barhemd, waren nackte Kämpfer, die sich durch ihre wilde Wut hervortaten. ist, nackt zu kämpfen, Klugen Manns, in Helm und Koller. Mag der Rat der Götter walten, Menschenwitz kann wenig frommen: Fulk, das eine ist gewesen, Und das andre seh' ich kommen. Laß mich gehn! – Von Hof und Heimat Blieb mir heut am Scheidetage Nichts – als eine Handvoll Erde, Die ich auf dem Herzen trage. Fulk, nun tu, was ich gebeten!« Auf den Wangen Leichenblässe Stand der Schmied, und schmerzlich stöhnend Trat er langsam an die Esse; Pochte, hielt und pochte wieder; Endlich schritt er aus der Pforte, Und die Eisen unterschlagend, Raunt' er leise Wünschelworte: »Frommes Rößlein, kluges Rößlein, Eisen vier will ich dir legen, Feste Eisen, gute Eisen: Das ist Donars Hammersegen! Geh zu Holz und geh zu Hause, Immer geh auf graden Wegen; Weit, was unhold ist, entweiche: Das ist Donars Hammersegen! Ward dir Weh und ward dir Wunde, Blut zu Blute soll sich regen, Bein zu Beine soll sich fügen: Das ist Donars Hammersegen! Trag den Reiter, treues Rößlein, Allem Glücke gern entgegen, Trag ihn hin und trag ihn wieder: Das ist Donars Hammersegen! Falk, nun fahre!« – Drauf der andre: »Habe Dank, du frommer Meister! Bürgen sind mir deine Wünsche, Mit mir fahren gute Geister. – Nun hellauf, du alter Knabe, Diethelm, komm, nimm beide Hände, Beide und die letzten Grüße, Die dem Heimatland ich sende. Weinst du gar? Es ist so bitter, Alte Augen weinen sehen! Falkenart ist starkes Mutes, Falkenart – jetzt mußt du gehen! Was der Mutter du verheißen, Hast du brav und treu gehalten. – Mit mir willst du? Soll der Franke Auf dem Hof nach Willkür schalten? Weißt du doch, zu Königseigen Ist das Falkennest gesprochen Und der kahle Königserbe Morgen schon hineingekrochen. Laß den greisen Kopf nicht sinken, Diethelm, trockne deine Zähren; Bleib und tu, was recht, und hoffe, Wie ich hoffe heimzukehren! – Imma, deiner holden Herrin Neig' ich mich, sie ist mir teuer; Sag ihr, – nein, nichts sag ihr, Imma, Bin ich doch ein Vogelfreier! Nimm das Schwert, den Ring hier, Imma; Sag, der Ring sei zum Gedenken, Sag, das Schwert sei zum Bewahren, Will ein Gott mir Heimkehr schenken! Jetzt von hinnen!« – Durch den Flieder, Der das Rasendach beschirmte, Fuhr der Wind; die letzten Beeren Fielen, und das Laub verstürmte.   2. Wo am Waldesrand der Tannen Dunkle Äste talwärts schwanken, Stand verhohlen eine Jungfrau Zwischen Farn und Brombeerranken, Regungslos, gekreuzt die Hände, Vorgebeugt in tiefem Sinnen; Tropfen wehten, kalte Tropfen Auf ihr Kleid von weißem Linnen. War sie aus dem Sarg gestiegen? War die stille, marmorbleiche Von den Armen, die da wandern, Friedlos selbst im Friedensreiche? – Starren Auges sah sie nieder Nach der Schmied' am Erlenhage; Wirbelnd in die grauen Lüfte Stieg der Rauch wie alle Tage; Und wie alle Tage rollten Oben dunkle Wolkenbälle, Und wie alle Tage rauschte Durch das Tal des Baches Welle; Und wie alle Tage dröhnten Hammerschläge weit im Grunde; Doch – jetzt fuhr sie auf, ein kurzer Jammerschrei erstarb im Munde. Vor der Schmiede Frau'n und Männer; Einer hielt ein Roß am Zügel, Einer nahm es, und hindannen Ritt er sacht am Heidehügel, Einsam, waldwärts: Busch und Bäume Sah sie hinter ihm sich schließen; Stumm, den Finger an der Lippe, Winkte sie ein letztes Grüßen. Dann, die Hände hochgehoben, Sang sie leise: »Selig fahre, Der da fährt, des Herzens stiller Trautgesell seit manchem Jahre! Wo er wolle, wo er wohne, Weile Friede, wie da weilte, Da die Reine des genesen, Der der Welt die Wunden heilte. Der der Welt die Wunden heilte, Möge sein in Gnaden pflegen, Mag' im fernen fremden Lande Ihn geleiten und umhegen; Ihn umhegen und geleiten, Daß er gute Herberg finde; All die Hüterschar des Himmels Sei ihm holdes Fahrtgesinde; Sei ihm treuer Weggenosse, Der Tobias' Sohn gen Meden Und zurück zu Herd und Hufe Führte durch Gebirg und Öden! Und du Hochgebenedeite, Die zu helfen nie versagte, Wenn ein Herz voll Harm und Sorge All sein stummes Weh dir klagte: Hehre Frau, zu deinen Füßen Weint die Jungfrau: selig fahre, Der da fährt, des Herzens stiller Trautgesell seit manchem Jahre!« – Kraftlos sank sie auf die Knie, Tränen, bittre Tränen rannen, Und des Herbstes kühle Schauer Rauschten durch die finstern Tannen. – Geh nun heim, du Kummervolle; Deine Bitten, deine Klagen Wird ein kleiner lichter Engel Weinend in den Himmel tragen.   3. Tiefer Wald! Von Stamm zu Stamme Wob die Dämmrung graue Fäden, Und die Bäume und die Tiere Wechselten geheime Reden. »Nahmt ihr wahr«, begann die Elster, »Den vom Habichtshofe heute? Traurig ritt er durch die Fichten, Diesmal ohne Mann und Meute.« Sprach der Markolf: »Weh dem Kranken, Denn er reitet zu den Toten; Leidvoll sah ich ihn umflattern Dich, der Hel schwarzweißen Boten.« Hähnchen mit der roten Kehle Lachte heil, der muntre Schreier: »Husch! Ich bin ein freier Vogel, Und er ist ein Vogelfreier!« Drauf die Fichte: »Bleich und schwankend Hielt er sich mit Not im Bügel, Und der Königsbote sah ihm Lachend nach vom Heidehügel.« Sprach die Eiche: »Festgewurzelt Glaubt er sich wie meinesgleichen; List ist stärker als die Stärke, Denn der Stärkste muß ihr weichen.« Seufzend sprach der Dachs: »Das Schwerste Muß der frömmste Mann befahren: Armer Falk, vor Unbill konnte Freier Mut dich nicht bewahren!« Sprach der Bär: »Gelingt's ihm übel, Traun, mich soll es wenig grämen; Schlug er doch den Stolz des Waldes, Wikbert, meinen großen Öhmen.' Sprach der Wolf und rieb die Tatzen: »Wär' zur Stelle meine Sippe, Morgen läg' auf rotem Rasen Nur sein Wams und ein Gerippe!«' Füchslein greinte: »Lachen muß ich, Wenn sich meine Widersacher Toll zerreißen und zerreißen: Traun, am längsten lebt der Lacher!« Rasch sich kugelnd sprach der Igel: »Schelme seid ihr, gram dem Besten, So voll Fäulnis, daß die Worte, Die ihr sprecht, den Wald verpesten.« Rief der Bussard: »Laß sie schwatzen! Falkenart ist stolz und mutig, Stets bereit, dem Trotz zu trotzen, Sei auch Fang und Feder blutig.« Rabe sprach: »Zum Dänenreiche Geht sein Pfad, zu Königshallen Fern im Nord; viel weiße Flocken Werden auf den Weg ihm fallen.« Wispelnd drauf die Eberesche: »Hätt' er eine meiner Ruten, Starker Zauber führt' ihn sicher Über Heid' und wilde Fluten.« Amsel sang: »Bei seinem Hofe Wohnt' ich ruhig und in Ehren. Was wohl meine Vettern sagen, Wenn im Lenz sie wiederkehren?« Dann der Specht: »Geheime Runen Las ich zwischen Holz und Rinde; Jeder liest sie nicht; ich hoffe, Daß er bald den Heimweg finde.« Sang die Lerche: Hier geblieben War ich, um ihn gleich zu grüßen, Wenn die ersten Blätterkeime Am Holunderbusche sprießen.« – Stille wurd' es; durch die Birke Ging ein Wispeln und ein Wehen Leise, leise wie im Traume, Doch es war nicht zu verstehen. Nur im Schilf ein heimlich Schwirren: »Ihr, der Brucht behende Gleiter, Glatte Wellen, eilt zur Nethe Rasch hinab und hurtig weiter; Hurtig sagt den Weserfrauen, Daß sie ihm die Flucht verwehren; Bleiben müssen sie im Lande, Die wie er dem Land gehören.« Doch der Uhu, einsam grollend, Saß in dunkler Felsenritze; Tief ins braune Brustgefieder Bohrt' er seine Schnabelspitze: »Welch ergötzliche Verblendung, Welch ein Aufwand von dem Knaben: Haben will er eine Meinung, Seine Meinung will er haben! Weise ist es, beide Augen Auf das Fördersame lenken Und in kluger Selbstverleugnung Denken, was die Starken denken. Was ist Recht? Gewalt'ger Wille, Der da biegt und beugt die Köpfe, Wie der Sturm, der alte Riese, Biegt die schwanken Weidenzöpfe. Freiheit ist die schöne Stimmung, Mit Behagen, mit Vergnügen In Verzicht auf eignen Willen Fremdem Willen sich zu fügen. Denn gemächlich und ersprießlich Ist's, im Troß der Macht zu laufen, Immer nur durch offne Tore, Immer mit dem großen Haufen. Und die Liebe, Dienst für andere? Raserei, mir kaum zu fassen! Denn verhaßt ist mir das Lieben, Denn ich liebe nur das Hassen. Beste Lust ist Lust am Schaden! Tröstlich war's zu sehn, wie beide Sich zerhackten, tolle Hähne, Rot vom Zorn und blaß vom Neide. Neid, du bist ein holder Knabe, Zorn, du bist ein süßer Junge; Neid, du hast so fromme Augen, Zorn, du hast so sanfte Zunge! Rupft euch nur, ihr armen Tröpfe, Zupft und zaust euch Brust und Rücken Mit den Federn, die da stieben, Stopf' ich meines Nestes Lücken.« Und der alte Neidhart lachte Grimmig auf und murrte weiter: »Spreizt ihr euch mit Menschenwitzen? Stolzer seid ihr, nicht gescheiter! Zwar mich hat der rote Prior Nicht belehrt vom hohen Stuhle; Zwar ich schliff bei Pater Biso Nie die Bank der Klosterschule. Euer Witz ist dumm und blöde, Ganz verträumt und ganz verstübelt; Ich, Minervas kluger Vogel, Bin das Tier, das sinnt und grübelt. Ich, Minervas kluger Vogel, Bin das klügste von den Tieren, Die da denken und begehren, Weil sie hungern, dursten, frieren. Was wir tun, das ist das Wahre, Und ihr sollt uns nicht bezichten; Will's mit der Moral nicht stimmen, Müßt ihr die Moral berichten. Eure Tugend? O ihr Schelme! Einer ist des andern Büttel, Ob ihr euch in Scharlach brüstet, Ob ihr lauft im Leinwandkittel. Dreht euch wohlig, faucht vor Wonne Und wie warme Federpfühle Bläht euch auf im Sonnenscheine: Morgen weht ein Lüftlein kühle. Übergütet euch in Güte, Liebt und lobt euch gegenseitig: Morgen macht ihr euch, ihr Frommen, Selbst das Recht zu atmen streitig. Eu'r humaner Liebesdusel Ist gekünstelte Erregung, Doch natürlich ist der Hunger Und des Leibs bewußte Pflegung. Fällt die Mahlzeit knapp und dürftig, Geh' ich nachbarlich zu Gaste, Frech und frei! Ein dummer Gimpel Lebt und stirbt auf seinem Aste. Vaterland? Mir gilt es wenig, Wo ich jage, wo ich schmause: Jagd, nur Jagd und gute Beute, Und ein Uhu ist zu Hause. Vaterland? Die dümmste Liebe Ist, ein Vaterland zu lieben; Dieser ward für seine Liebe Aus dem Vaterland vertrieben, Seines Unsterns muß ich lachen! Ist die Welt um einen ärmer, Wird sie reicher. Weg! Am meisten Hass' ich träumerische Schwärmer!« – Endlich schwieg er. Durch die Wipfel Seufzte nur der Wind, der kalte; Nachtgewürm, unholdes Wesen, Kroch aus Gruft und Felsenspalte. Denn gesunken war die Sonne; Bläulichrote Wolkenfesten, Wall und Mauerkranz und Zinne Türmten sich im tiefen Westen. Wo sich rechts und links die Berge Nackt und schroff zum Tale neigen, All den kleinen Bach hinunter Klang ein Hufschlag durch das Schweigen. Achtsam war der Gang des Rosses, Sacht und sorglich schritt es weiter, Gleich, als wiss' es wohl, es trage Einen todeskranken Reiter. Talwärts fort! Und leise quellend Rann von Sitz und Sattelbinde Dunkles Blut in schweren Tropfen Und erstarrt' im Abendwinde. Talwärts fort! Die Weser rauschte, Graue Nebelfluten zogen; Turm und Dach von Dreizehnlinden Ragten aus des Dunstes Wogen. Und die ew'ge Lampe glänzte Durch die Dämmrung glüh und golden: Nah der Pforte sank der Reiter In des Herbstes letzte Dolden.   4. Im Konvent zu Dreizehnlinden Flackerten die Kienspanlichter Düster auf der düstern Mönche Tiefbekümmerte Gesichter. In der weißgetünchten Zelle Stunden sie um einen Wunden, Den am Tor bei seinem Rosse Spät ein Klosterknecht gefunden. Sorgsam war er nun gebettet Auf dem pelzbedeckten Lager, Kaum noch atmend, kalt, bewußtlos, Schlaff die Glieder, hohl und hager. Durch das braune Lederkoller Sickerte des Blutes Welle; Stirbt er? Geht der Todesengel Durch die stille Klosterzelle? – Sprach der Abt: »Ich bin begegnet Solchem Wuchs und solchen Zügen, Wenn nicht meine alten Augen Mir den alten Kopf betrügen. Damals stand er hochgewaltig, Frisch in Jugendfülle blühend, Zornig, doch in edlem Zorne, Wie Sankt Michael, erglühend.« Wido drauf: »Ich kann Euch helfen; Sollt' ihn niemand besser kennen, Würd'ger Herr, vom Habichtshofe Möcht' ich ihn den Falken nennen. Als ich Euren Brief zum frommen Bischof Badurad getragen, Neulich, nah dem falschen Brunnen, Sah ich ihn im Walde jagen. Ja, er ist's; er trug dasselbe Feingesteppte Wams wie heute; Vor ihm lag ein feister Zwölfer, Um ihn die erhitzte Meute. Liebreich war er; Trank und Speise Bot er mir, dem Wandermüden, Und durch vielgekrümmte Schluchten Hat er mir den Weg beschieden. Doch er ist ein Wodansdiener Und, wie heut ein Bettler sagte, Vogelfrei, dieweil um Zauber Ihn ein Frankenmann verklagte.« Sprach der Abt: »Die Klostermauern Sind gefriedet »Wenn jemand seine Zuflucht in eine Kirche genommen hat, soll ihn keiner mit Gewalt aus der Kirche treiben dürfen, sondern er habe Frieden.« Capitul. Paderbr. 1. . Auf, ihr Lieben, Was bei Lukas steht im Zehnten, Heischt die Pflicht an ihm zu üben! Beda, walte deines Amtes; Bruder Ailrat, was vonnöten, Schaffe lind; wir andern aber Wollen für den Kranken beten. Kommt zum Chor!« – Die Männer schritten Sacht hinab im düstern Gange: »De profundis!« Eine Träne Rollte auf des Priors Wange. – Armer Elmar, irrer Waller, Wirst du Heil und Hilfe finden? Fromme Ärzte sind die Mönche Des Konvents zu Dreizehnlinden. XII. Der Landsturm 1.                   »Neue Gülte Gülte , jährliche Abgabe von einem Grundstücke. , Zins und Zehnten Von der Wolle, von dem Flachse; Von dem Honig neue Zehnten, Neue Zehnten von dem Wachse; Immer Dienst und Buß' und Brüchte Brüchte , Strafe, mulcta. , Daß der Schatz des Königs wachse; Immer Zehnten, neue Zehnten, Immer zahlen muß der Sachse!« Also sangen Weiberscharen, Die das Tal hinauf sich trollten, Weiberrache auszuüben An dem Gelben, dem sie grollten; All die Brucht entlang die Heitern, Die am Osning Beeren pflückten, Die, zu schöpfen heilend Wasser, Sich zum Born der Iburg bückten, Dunkle Ranken von der Öse, Von der Bever braune Sprossen, Blonde, die an Aa und Nethe Öse , Aa und Brucht sind Bäche, welche in die an der östlichen Abdachung des Osnings – des Teutoburgerwaldes – in Neuenheerse entspringende Nethe fließen; – die Bever fällt unweit Beverungen in die Weser. – Die Heilquelle zu Driburg am Fuße der alten Iburg ist weltbekannt. Sommerlang ihr Linnen gossen. Eine schritt voran dem Zuge, Dürr und grau wie Eichenborke; Einen toten Haushohn trug sie Hoch auf langgestielter Forke: Katla von der wilden Wiese, Grimme Witib; neunzig Winter Brachen wohl den Eisennacken, Nicht der Brust verkalkten Sinter. Höhnisch rief sie: »Der ein Jäger? Wiesel mag er, wie der braune Schmiedebub', im Busche stöbern Und sie rösten hinterm Zaune! Kam er hergeprunkt zu Rosse, Armer Tropf, der Königsbote, Bang im Bügel; statt des Falken Einen Kuckuck auf der Pfote. Ärgres Mißgeschöpf als dieses Trug ein Käpplein nie von Leder; War's kein Kuckuck, eine Eule War's an Kopf und Fang und Feder! Mag ein edles Tier den Kranich, Trapp' und Reiher kühn umkrallen: Diesem Ungetüm behagt' es, Meinen Haushahn anzufallen; Mordlich meinen Morgensänger Zu erwürgen auf der Tenne, Und verwitwet wie ich selber Ist nun meine letzte Henne. Alten Frevel, neue Unbill Sühnen wir mit Weiberhänden: Königsknecht, du zahlst die Brüchte, Königsknecht, ich will dich schänden! Söhne hatt' ich, dreizehn Söhne, O welch herzig wackre Jungen, Alle wie des Sollings Tannen: Alle hat der Krieg verschlungen! Dreizehn! – Weiß ich, wo sie modern, Wo sie in der Knechtschaft zittern, Holz zur Herrenküche schleppen, Mühlen drehn und Hunde füttern? Arm ich selbst; für Zins und Zehnten Ward mir Korn und Kuh gepfändet; Jammer auf und ab im Lande, Und kein Gott ist, der ihn wendet!« – Wieder sang es: »Zins und Zehnten Von der Wolle, von dem Flachse; Neue Zehnten von dem Honig, Neue Zehnten von dem Wachse!« Radegund von Baddenhausen Schwang ums Haupt die Eisenspindel: »Fort die Raupen, fort die Käfer, Fort das nagende Gesindel! Was die Männer, dumme Dutten An manchen niedersächsischen Orten ist dumme Dutten eine Bezeichnung für Riesen, plumpe, träge und schwachsinnige Menschen; norw. Dott, engl. Dotard. – Grimms D. Myth. 511. , Von dem Übermut der Frechen Tatlos trugen, Hohn und Hiebe, Wir, die Weiber, wollen's rächen. Sollen barfuß unsre Kinder Um die Frankenhöfe lungern, Bleiche Bettler wie wir Alten? Besser hangen als verhungern! Frisch voran, und niemand rede Von Verboten und Gesetzen: Freie Lust im Sachsenwalde War es stets, den Fuchs zu hetzen. Über ihn, den Gallengelben, Der den besten Mann im Gaue Erst verbiß und dann in dessen Halle kroch als Herr vom Baue! Frisch voran zum Habichtshofe! Spaßhaft ist's, den Fuchs zu prellen; Prellt ihn heut, sonst prellt er morgen Euch mit Zehnten und mit Zöllen!« Alle sangen: »Buß' und Brüchte, Daß der Schatz des Königs wachse: Immer Zehnten, neue Zehnten, Immer zahlen muß der Sachse!«   2. Auf dem Habichtshof die Ulmen Schüttelten die alten Köpfe, Als das Herrenhaus umflogen Zwanzig Dutzend Weiberzöpfe; Zwanzig Dutzend Weiberstimmen, Als sie kreischten, als sie sangen; Weiberhände zwanzig Dutzend, Als sie Birkenruten schwangen. Stumm auf einem Erlenklotze Saß der Bote, weiß wie Kreide, Wirr das Haar und irr das Auge, Um den Hals die gelbe Weide. Vor ihm stand die grimme Katla, Wie ein Priesterweib zu schauen: Wetterleuchten ihre Blicke, Wetterwolken ihre Brauen. Flammenblitz das lange Messer, Das sie auf und nieder schwenkte; Bleicher ward des Schächers Nase, Die sich tief und tiefer senkte. »Feiger Mordgesell, du triebest Dunkelwerk, unheimlich grauses, Den Besitz dir zu erschleichen Einer Braut und dieses Hauses. Sprich, wo blieb der edle Falke? In des Waldes finstern Loden Ist er ohne Spur verschwunden, Wie versunken in den Boden. Denn du bist ihm nachgeritten, Und den Kranken zu bezwingen, Den Erschöpften, Waffenlosen, Konnte dir sogar gelingen. Wo verscharrtest du die Leiche? Sprich! – Nein, schweig! Wenn du geständest, Ich zerschnitte dich in Stücke, Ob du wie ein Wurm dich wändest. Zwar dein Recht nach unserm Rechte Wär', den dürren Baum zu reiten Fünfzehn Schuhe ob der Erde, Einen Hund an jeder Seiten. Doch so faule Frucht zu tragen, Ist kein Holz im Sachsenlande Schlecht genug; drum magst du leben, Gelber Gleisner, dir zur Schande. Leben magst du dir zum Ekel Und verschimpft an deinem Leibe, Bubenspott, und doppelt schimpflich, Weil verschimpft von einem Weibe. Hoffst du auf Entsatz? Vergebens! Ringsum ist kein Knecht zu finden, Und der Graf, er ritt zum Bischof Und bekennt die neusten Sünden. Sei vergnügt! Dein Hals ist sicher, Heute gilt's nur deinem Barte: Sägen muß ich, meine Klinge, Alt wie ich, hat manche Scharte. Still, ihr Mädchen! Laß das Zucken! Deine Schuld ist's, wenn ich fehle; Schreist du, bist du ungebärdig, Fährt mein Kneif dir in die Kehle. – Pfui, wie bist du hübsch geworden, Königsknecht, geschorner Igel! Staune, hält der Molch, dein Vetter, Dir die Pfütze vor als Spiegel. Kommst du heim zu deiner Mutter, Bring ihr Katlas Gruß! Nun fahre! Fort mit ihm, ihr Frau'n; zu folgen Hindern mich die neunzig Jahre. Seht euch vor: er lügt! Sein Bruder Stellt sich tot, um zu entschlüpfen; Auf dem Eggeweg Der Eggeweg ist eine uralte, über den Kamm des Osnings, die Wasserscheide zwischen Rhein und Weser, fortlaufende Fahrstraße, welche an der hier gemeinten Stelle den Nethegau vom Padergau schied. , der Grenze, Peitscht ihn aus und laßt ihn hüpfen!« – Fürbaß ging's dem Wald entgegen; In der Treiberinnen Mitte Schlich der Sünder; Kopf und Knie Schlotterten bei jedem Schritte. Seitwärts stand ein Häuflein Mägde; Aiga rief: »Er hat die Räude; Sommer wird es; nur um Pfingsten Greint der Schelm in solchem Kleide!« Hohngelach und lautes Singen: »Neue Zehnten von dem Flachse, Von dem Honig neue Zehnten, Neue Zehnten von dem Wachse; Immer Dienst und Buß' und Brüchte, Daß der Schatz des Königs wachse; Immer Zehnten, neue Zehnten, Immer zahlen muß der Sachse!« XIII. Fieberträume 1.                     »Welch ein Ringen«, sprach der Prior; »Kommt denn niemals die Erlösung? Nein, ich meine nicht das Sterben, Nein, ich meine die Genesung! Guter Beda, frommer Glaube Mahnt uns, frischen Mut zu fassen; Diesen hat uns Gott gesendet, Und er wird ihn leben lassen.« Beda drauf: »Dir keimt die Hoffnung Aus dem Wunsch, der helfen möchte, Still genügsam, gleich dem Moose, Das sich nährt vom Tau der Nächte! Doch Erfüllung blüht und sprießet Aus dem Forschen und Begreifen; Goldne Frucht, im goldnen Lichte Nur der Sonne kann sie reifen. Pater Prior, alte Meister Lehrten mich, der Dinge Wesen Ahnend, manches Blatt im großen Buche der Natur zu lesen. Und Gegebnes sinnig fördernd, Hab' ich dies und das erfahren, Denn ich ging mit offnen Augen, Und ich geh' in greisen Haaren. Doch zum Trotz den greisen Haaren, Wohl zur Strafe meiner Sünden, Kann ich dieses dunkeln Siechtums Dunkle Tiefe nicht ergründen. Fürchten muß ich, fast mit Grauen, Daß im Leib des Qualverzehrten Einer hause der Verwiesnen, Die sich gegen Gott empörten.« Ailrat sprach: »Nur Traumgebilde, Hirngespinste eines Kranken, Schnell wie Sturmgewölk zerflattert, Sind es, die ihn wirr umschwanken. Lächeln kann er wie ein Mädchen, Wie ein Berserk kann er knirschen; Jetzt im Garten bricht er Blumen, Jetzt im Walde geht er birschen. Meist auf Thorkells dunkelm Drachen Schweift er durch den weiten Norden, Und mir selber ist beim Lauschen Ein Erinnern wach geworden; Denn ich bin ihm oft begegnet, Als ich noch in wilden Jahren, Rasend durch die Sund' und Meere, Mit dem Wikingsvolk gefahren. Vielgenannt, der stumme Sachse Hieß er bei den Schwertgenossen: – Doch vernehmt; er spricht, und wieder Jagt er auf den blauen Rossen.«   2. »Wie ein toter Stör im Sande Klebst du an derselben Stelle: Thorkell, sieh, die Wimpel flattern, Meerwärts locken Wind und Welle! Meerwärts spreizen sich die Franken, Hast du Normannsmut im Herzen, Über sie, die eitlen Prahler, Mit dem Schwert hinwegzuscherzen! Thorkell, sieh, die Wimpel flattern; Laß den frischen Hauch uns nutzen: Willst du träumen, kannst du träumen, Wenn wir auf der Metbank sitzen.«   3. »Nein, ich mag nicht, kleine Thora! Süßer Met, dein braun Gebräude, Nippst du auch am Rand des Hornes, Nein, es schafft mir wenig Freude. Quellenkühle! Einen Helmvoll Bringt mir aus dem Born im Grunde, Den in seines Durstes Qualen Sucht der Edelhirsch, der wunde. Und an stiller Bergeshalde Lauscht ein Reh in Tau und Blüten: Vor dem Wolf, dem falschen Schleicher, Mag das fromme scheu sich hüten. Vor dem Wolf, dem falschen Schleicher Mag es fliehn mit bangem Beben; Nicht vor mir, du schlanke Elbe, Nicht vor mir, du liebes Leben! Kam ich dir in dein Gehege, Schwarzer Graf! Du ballst die Brauen! Hildegunde, deine Tochter, Ist die seligste der Frauen!«   4. »Finstrer Thorkell, ringereicher König auf der blauen Welle, Sieben Jahre, finstrer Thorkell, Dient' ich dir als Heergeselle. Finstrer Thorkell, sieben Jahre Für den Wind und für die Ehre, Nicht für Thora, deine Schwester, Folgt' ich dir durch alle Meere. Dunkel ist die kleine Thora, Und ich liebe lichte Locken, Lichte Locken, lang und sonnig, Wie der Flachs an Freias Rocken.«   5. »Asbjörn, fest die Faust am Steuer; Thorkell, gib dem Sturm die Linnen: Steif gen Westen! – Seht, dort schwebt sie, Seht, dort gleitet sie von hinnen! Steif gen Westen! – Seht, dort schwebt sie In des Abends Purpurgluten; Ihre Schleier, wie sie flattern, Ihre Locken, wie sie fluten! Half ich euch in fünfzig Schlachten, Helft mir jetzt, die Braut gewinnen: Asbjörn, fest die Faust am Steuer; Thorkell, gibt dem Sturm, die Linnen! Riesengroß. Um ihren Nacken Flammt und weht die rote Wolke, Und ihr Fuß, der schnelle, flüchtet Auf des Meers empörtem Kolke Kolk , Wasserloch, Strudel, eine in Niederdeutschland sehr gebräuchliche Bezeichnung. Deutsches Wörterbuch der Br. Grimm V. 1613. . Asbjörn, fest die Faust am Steuer: Thorkell, gib dem Sturm die Linnen: Steif gen Westen! – Seht, dort schwebt sie, Ah, – dort gleitet sie von hinnen!«   6. »Zornig um den Vordersteven Schäumen die empörten Wellen; Ha, die grauen Wasserwölfe, Wie sie springen, wie sie bellen! Grimme, graue Wasserwölfe, Helas nimmersatte Meute, Was ihr wollt, ihr sollt es haben: Frankenleiber, wüste Beute! Kämpen, seht vom hohen Maste Stolz des Kreuzes Banner wehen Und darunter übermütig Sich die welschen Wichte blähen! Drauf, und knüpft die Hauben fester, Werft die Haken, drangehalten; Rascher Sprung an Bord des Feindes Und ein lustig Schädelspalten! Schwertgenossen, jeder wähle! Du dort unterm goldnen Helme, Du bist mein; zur Dunkelblauen Die Dunkelblaue , Hela, die Göttin der Unterwelt. Fahren heut nur blasse Schelme. Schlanker Knabe, – nein, ein andrer Sei das Opfer meiner Hiebe: Dieser, – o er hat dieselben Stillen Augen, die ich liebe.«   7. »Ostsüdost! Dort dröhnt die Brandung; Das sind Englands Kreideklippen: Asbjörn, beigedreht, sonst brechen Diese Nacht wir Rumpf und Rippen! Segel ho! Ein seltsam Fahrzeug: Schwarz der Steven, schwarz die Flanken; Auf dem Deck, wie Rauch im Winde, Bleiche Schemen wehn und wanken. Alle Taue, alle Tücher, Die an Mast und Stange schimmern, Silbergrau wie Spinngewebe, Daß hindurch die Sterne glimmern. Ha, das Geisterschiff! Vorüber Huscht es wie ein dunst'ger Streifen; Rastlos bis zur Götterdämmrung Durch die Sunde muß es schweifen; Rastlos bis zur Götterdämmrung Durch die Wasser muß es jagen, Jede Nacht vom Belt zur Themse, Jede Nacht vom Tweed nach Skagen.«   8. »Nicht ein Tanz auf grünem Anger, Nicht ein Spiel um rote Ringe: Nein, ein blutig ernstes Werben Mit der breiten blanken Klinge! Hurtig treibt stroman die Schiffe Weit ins Land, ihr kühnen Wager; Schon zu Karls Lebzeiten erschienen die Normannen mit 200 Schiffen an den Küsten Frieslands, das damals unter der Botmäßigkeit der Franken stand, und richteten große Verwüstungen an. Einhards Annalen zu dem Jahr 810. Pertz' SS. I. 194. Später wurden die Raubzüge der kampflustigen Abenteurer häufiger und kühner, indem sie wiederholt mit ihren Langschiffen die großen Flüsse Frankreichs hinauffuhren und bis in das Herz des Landes vordrangen. Männlich ist's, man faßt den braunen Waldbaron im eignen Lager. Alter Asbjörn, greiser Eber, Gestern wetztest du die Wehren: Prüf sie heut; auf breitem Markte Starrt ein Wald von Frankenspeeren. Gut gehau'n, du grimmer Kämpe, Magst die Kräh'n zum Mahle laden! Von den Steinen in die Lüfte Dampft des Blutes grauer Schwaden. Wie, du schwankst? – Doch schafft dem Stolzen Wenig Harm die rote Ritze: Nur das Tor, durch das ein freier Held sich schwingt zum Göttersitze. Legt ihn auf die Renntierdecke; Morgen, wenn die roten Funken Sprühn aus hundert Frankengiebeln, Wird sein Sterbeöl Nach nordischer Sitte wurde zur Ehre Befallener Krieger bei ihrer Bestattung das Graböl oder Sterbeöl – Ale, Bier – getrunken. getrunken.«   9. »Gutes Schiff, umsonst geschüttelt Wird dein Kiel von Wind und Wellen; Sind doch Sturm und Nordlandseiche Altvertraute Spielgesellen. Sigwald, nicke nur am Steuer, Wind und Welle sind entschlafen, Und im Schein der Abendröte Schwellt die Flut uns in den Hafen. Nicke nur, der kluge Drache Kennt den Sund; nun schweigt; ich liege Arbeitsmüde, reisemüde In der weiten Wasserwiege. Weckt mich nicht; es war ein rauhes Tagewerk: nun will ich schlafen! Seht, im Schein der Abendröte Schwellt die Flut uns in den Hafen!«   10. »Eine sitzt mir gegenüber Still und freundlich; Huld und Güte In den Blicken, auf den Wangen Lilienschnee und Rosenblüte. Sie? – nicht sie; wohl ihre Schwester, Wenn sie eine Schwester hätte. Treu, mit nimmermüden Augen Wacht sie an der Lagerstätte. Treu, mit nimmermüder Sorge Pflegt sie mich wie einen Kranken. Bin ich krank? O müde, müde Von dem Ringen mit dem Franken! Und mein Kopf! – Sie nickt; das Kissen Glättet sie und nickt mir wieder: – Ah, das Kreuz, das schlimme Zeichen, Trägt sie auf dem weißen Mieder. Ah, das Kreuz! – Zu allem Holden Muß sich stets das Kreuz gesellen, Stets das Kreuz! – Mir macht es Grauen, Mehr als Sturm und wilde Wellen. Und es klingt mir stets im Ohre: ›Geh, du gehst zum schwarzen Grafen!‹ Nein, ich will nicht! – Fremdes Mädchen, Gib mich frei und laß mich schlafen!«   11. »Holde Fraue, allzulange Hab' ich Meer und Land durchmessen, Allzulange, holde Fraue, Deines Dienstes gar vergessen. Töricht war's, um ferne Kämpfe Heimatliches Glück zu tauschen, Lindes Wort um Waffendröhnen, Süßen Sang um Sturmesrauschen. Holde Fraue, sitzen sollt' ich Kränze windend dir zu Füßen; Zieren müßten deine Locken Alle Blumen, die da sprießen. Deine Stirne müßten schmücken Alle Kronen, die da schimmern, Und des Himmels hellste Sterne Drin als Edelsteine flimmern. Allzulange, holde Fraue, Hab' ich Meer und Land durchmessen, Holde Fraue, allzulange Deines Dienstes gar vergessen.«   12. »Die vom Himmel führt zur Erde, Wie sie strahlt, die bunte Brücke! Geh' ich aufwärts? Eil' ich wieder Nach der dunkeln Au zurücke? All die ew'gen Götter winken Freudig mir vom hohen Saale: Bragi Bragi , Wodans und Friggas Sohn, der Gott der Weisheit, Dichtkunst und Beredsamkeit, der Apoll des Nordens. schlägt der Harfe Saiten, Idun Idun , Iduna, die Göttin ewiger Jugend, Bragis Gattin, verwahrte in goldener Schale die Äpfel des Lebens, von denen selbst die Götter täglich essen mußten, um nicht zu altern. hebt die goldne Schale; Wodan zeigt nach Walhalls Walhall , der Göttersaal und ewiger Wohnsitz der Helden, die in ehrlichem Kampfe gefallen waren. Bänken, Wo der Rast die Helden pflegen; Donar mit dem Feuerbarte Reicht das Methorn mir entgegen. Freia – doch am Brink dort sitzet Eine Idis, schön wie Jene: Auf die weiße Ros' am Busen Tropft und tropft die warme Träne. – Nein, ich mag nicht euern Himmel, Abwarts muß ich zu der Einen: Mächtig ist ob allen Mächten Einer Jungfrau stilles Weinen!«   13. »Wasserbrand! Die Woge leuchtet! Wie der Stahl aus hartem Kiesel, Lockt der Bug aus weicher Welle Funkensprühn und Glutgeriesel. Feuchtes flammt und Kaltes lodert, Glimmende Demanten flimmern; Dort und hier in lichten Fluten Rote Wunderblumen schimmern. Wasserbrand! In wüsten Knäueln Durch das Flackern, durch das Feuer, Selbst erschrocken und erschreckend, Ziehn des Abgrunds Ungeheuer. Faßt die Ruder! Von den Rudern Spritzt es heiß; – soweit ich blicke, Brennt das Meer: in Rauch und Asche Stürzt die Welt, und ich ersticke!«   14. »Glut und Dampf aus allen Fugen, Dampf und Glut aus jeder Ritze; Roter Hahn, die Flügel schlagend, Kräht er auf der Giebelspitze! Hildegunde! – Durch das Prasseln Hör' ich nicht ihr banges Rufen? Vorwärts; ob die Balken brechen, Aufwärts über morsche Stufen! Ja, ich komme, dich zu retten Aus des Feuerberges Schlunde: O wie heiß, wie heiß die Lohe! – Ich ersticke: Hildegunde!«   15. »Ja, das ist die greise Waldfrau; Ja, dort sitzt sie, die ich suche; Immer sinnend, immer traurig, Blättert sie im Runenbuche. Nein, der Wind – Auf kaltem Steine Starrt sie, wie aus Stein gehauen! Tret' ich hin? – Der grimme Wächter Ihr zu Füßen macht mir Grauen. Nein, sie selbst. – Mit düstern Blicken Mißt sie mich vom Kopf zur Zehe: Kannst du wollen, weise Wala, Daß ich trostlos von dir gehe? – Still, sie hebt die hagern Hände; Ist's Verwünschung, ist es Segen? ›Auf des Waldes dunkeln Pfaden Tritt das Schicksal dir entgegen!‹«   16. »Sprich nicht von des Feuers Wüten, Nicht vom Zorn der wilden Wasser, Nicht vom Göttergroll: die Menschen Sind der Menschen schlimmste Hasser! Nicht das Horn des plumpen Brüllers, Schlangenschleichen ist gefährlich; – Wie sie schlichen, wie sie gleißten: Rab, wohl bist du rauh, doch ehrlich! Fort, den Strick am Hals! Hinunter, Wie zur Hel, auf grauen Wegen! Und der Königsbote lachte: ›Das ist Donars Hammersegen!‹«   17. »Diethelm, mich erschreckt dein Schweigen, Mich verwirrt dein stummes Starren; Diethelm, komm; im dunkeln Walde Sollst du einen Wolf verscharren, Einen ehrlos Vogelfreien! Der Gebannte, der Gehetzte, In die Erde muß er kriechen, Seines Stamms der Letzte, Letzte! – Weißt du, in den Tonnen, Diethelm, Wo der Ruh' die andern pflegen, Sollst du sacht mich zu den andern In das kalte Steinbett legen; Auch den Helm, nach Vätersitte, Auch das Schwert; ich bin der Letzte. Statt des Schildes, den sie brachen, Dieses Wams, das blutgenetzte. Unbekümmert um den Toten Wird der Wind vorüberschauern, Und nur sie, die greise Wölfin, In der Nacht am Hügel trauern.« XIV. Ein Kreuz im Walde         Ist die Drossel weggezogen, Fahl und kalt der Wald geworden, O wie ist die Welt so stille, O wie ist so grau der Norden! Und der Menschengeist, der ernste, Mag in Sinnen und in Denken, Träumen, Hoffen und Erinnern Winterlang sich gern versenken. – Um die alte Donnereiche, O wie lag der Wald so stille, Müder Schläfer, kalt gebettet In des Nebels weiche Hülle. Silbergraue Fadennetze, Spinnwebschleier lebten lose Um Gerank, um Klett' und Distel, Fingerhut und Hagerose. Jetzt ein morgenfrisches Hauchen, Und der Dunst versank im Grunde: Seltsam! Waren Geisterhände Tätig hier zu nächt'ger Stunde? Nah dem Stamm des Riesenbaumes Stand ein Kreuz, aus Birkenstäben Roh gefügt und schlicht gebunden Mit des Waldes wilden Reben; Dran ein Kranz von dunkeln Dornen, Und wie Rauch vom Opferherde Stieg ein dünnes blaues Wölkchen Aus der frischgegrabnen Erde. – Hier ein Kreuz? Von wem errichtet? Frage die im Schlaf gestörten Waldeswipfel, die es sahen, Frag die Sträucher, die es hörten; Frag die Spur im Reif des Grases, Wo zwei kleine Füße standen, Die durch dürre Binsen streiften Und im Birkenbusch verschwanden! – Und zur Nacht an diesem Orte, Den am Tage zu betreten Jäger fürchten, den der Heide Scheu besucht zu stillem Beten? Und warum? in welcher Meinung? Soll es einem, der geschieden, Frieden geben, weil er wandert Ruhelos und ohne Frieden? Soll es ein Verbrechen sühnen, Finstrer Tat geheime Qualen? Soll es eines Gottgelübdes Längst verjährte Schuld bezahlen? Oder ist es einer Seele Demutsvolle Weihespende, Daß erbarmungsreich der Himmel Ein Geschick zum Guten wende? – Menschenbrust, wohl bist du tiefer Als des Berges tiefste Schlünde; Menschenherz, wohl rätselhafter Bist du als die Meerabgründe! Und Gedanken, lichte, dunkle, Rastlos wie die Wasserwelle, Gehn bis mitten in den Himmel, Gehn bis mitten in die Hölle: Nachtgedanken, Neidgedanken, Mordgedanken, die nicht schlafen, Eh Verleumdung, Gift und Eisen, Todeswund ihr Opfer trafen; Lichtgedanken, die der Erde Blumenfülle sammeln möchten, Um im reichsten Kranz die schönsten Um ein teures Haupt zu flechten; Die aus goldnen Sonnenstrahlen Helm und Brünne möchten weben, Um vor Wund' und Weh zu schützen Ein geliebtes holdes Leben; Die auf schneeigem Gefieder In den blauen Äther fliehen Und wie blasse Bettelkinder Stumm am Tor der Gnade knieen. – Um die alte Donnereiche Lag die Welt in düstrer Trauer; Von dem Kreuz, der Dornenkrone Tropft' es sacht wie Tränenschauer. Und im Wald ein kleiner Vogel Zirpte leise, leise Klagen: »Harter Winter, trüber Winter, Lange Nacht: – wann will es tagen?« XV. Fromme Mönche 1.               Draußen stob in grauen Wolken Schnee, des Sturmes Spielgeselle, Drinnen glomm die trübe Lampe In des Klosters Krankenzelle. Elmar lag mit starren Blicken Auf dem braunen Hirschhautpfühle, Todesschatten um die Stirne, Auf den Wangen Leichenkühle. Beda traurig ihm zu Füßen, Ailrat kummervoll zu Häupten; Stumm mit Sinnen und mit Sorgen Sahn sie auf den Schwerbetäubten. Trat herein der gute Prior, Trat herein der Abt, der greise: »Lebt der Arme? Kann er leben? Wird er leben?« – fragt' er leise. Beda drauf: »Des Rätsels Lösung Fand ich wohl, doch ohne Hoffen: Schwer, mit giftgetränktem Eisen Hat ein Unhold ihn getroffen. Machtlos gegen Teufelstücke Sind die Säfte frommer Kräuter: Ungestüm in allen Pulsen Gärt und rast ein böser Eiter; Fauler Brodem zischt und siedet Fieberheiß durch alle Adern; All das Spiel der heitern Kräfte Ward empört zu wildem Hadern. Hilflos ist die Kunst, und ratlos Muß ich ihn verderben sehen; Trauernd sag' ich: eine Blume Wird der dunkle Schnitter mähen.« Seufzend sprach der gute Prior: »Jammer um den stolzen Knaben! Bitter ist es greisen Männern, Gelbe Locken zu begraben. Wär's unmöglich, Heil zu finden? Zwar – man raunt von wilden Weibern, Die mit Sud und Segensprüchen Rettung bringen kranken Leibern; Zwar – man spricht von einer Waldfrau, Irgendwo, – im blauen Grunde, Einer Heidin; sondrer Dinge Hat sie sonderbare Kunde. Wohlvertraut mit allen Rätseln Aller Kräuter und Gewächse, Weiß sie Heiltrank zu bereiten, Und man nennt sie – eine Hexe. Eine Hexe? Tiefste Kenntnis, Gottesgabe, reich und selten, Durfte stets, weil unverstanden, Tor und Törin Zauber schelten.« Drauf der Abt nach langem Sinnen: »Männern ziemt es, Rats zu pflegen, Hier das Beßre, dort das Schlimmre Wohlbedächtig abzuwägen. Prior, Ihr versteht gar manches, Was gar mancher gern verstünde, Alt' und neue Schrift; ich hoffe, Was Ihr meint, ist ohne Sünde. Gut und fromm ist jedes Wissen, So es frommt den Menschenkindern, So es Seelenqual zu schweigen, Leibesnot vermag zu lindern. Sind die Heiden kluge Meister, Gehn wir doch in ihre Schule! Schreibt uns nicht, was sie ersonnen, Bisos nimmermüde Spule? Nicht allein der scharfe Stachel, Süßer Seim auch ward den Bienen; Meiden wir das Gift des einen, Muß uns doch der andre dienen. Ist die Waldsibylle kundig, Wilden Fieberbrand zu dämpfen, Ihre Weisheit soll uns nützen, Ob wir ihren Wahn bekämpfen. Fromme Brüder, uns zu prüfen, Ward uns zugesandt der Wunde: Beda, rüste dich, denn morgen Wanderst du zum blauen Grunde!«   2. Winterwald im Sonnenglanze, Reich an Silber und Demanten, Die an jedem Zweige blitzten, Die auf jeder Knospe brannten! Rings ein Glimmern und ein Glühen, Gleich, als wollten eitle Zwerge Einmal zum Verwundern zeigen All den Reichtum ihrer Berge; All den Hort geheimer Schätze, Die sie rastlos schürften, scharrten: Winterwald im Sonnenglanze, Schöner als ein Frühlingsgarten! Winterwald, wie still und einsam! Nur des Würgers schrille Klage, Nur des Spechts eintönig Pochen Und ein Schreiten fern im Hage. Vor dem Felsenhaus der Drude Stand ein Wandrer, heiß vom Gange: »Kommst du endlich?« sprach die Wala; »Ich erwarte dich schon lange. Knurre nicht, du treuer Graubart! Freilich staunt wohl der und jener, Tritt zu mir, der Heidenhexe, Ein geschorner Nazarener!« Beda drauf: »Und kam er dennoch, Kam er des Gebotes willen, Gegen Gott vielteure Pflichten, Gegen Menschen zu erfüllen; Nicht zu lehren, nein zu lernen! Einen Wunden kannst du heilen, Gönnst du uns, von deinem Wissen Mir ein Kleines mitzuteilen. Fürchte nicht, daß deine Hilfe Einem Widersacher fromme: Deines Volks ein bleicher Knabe Ist's, für den ich bittend komme.« Sprach die Alte: »Rede klüger! Weißt du doch, ein Arzt, ein rechter, Schuldet, was er hat, den Menschen; Bist du gut, ich bin nicht schlechter.« Beda drauf: »Er rast und schlummert; Im verderbten Blute kreisen Gift und Geifer, die ein Neidhart Ihm geimpft mit falschem Eisen. Waldgewächs und Gartenblüte, Trost für fressend Weh und Wunde, – Manches lernt' ich: diesen Armen Rettet nur verhohlne Kunde; Jene, die seit grauen Tagen, Unerkannt dem klügsten Kenner, Heimlich erbten und vererbten Weise Frau'n und stille Männer. Sprich, was kann ich tun?« – »Des Odems Hast du schon zuviel verschwendet; Alles wußt' ich, eh es wurde, Und ich weiß, wie alles endet. Leides viel befährt ein Knabe, Den sein Vater nicht gezogen; Rauh und hart ist seine Schule, Sei ihm denn ein Gott gewogen. Leides viel schafft Frauenminne, Frauen sind's, die finstren Blickes Middilgards Middilgard , im Heliand die Erde, als mittlere, zwischen der nördlichen Nebel- und der südlichen Feuerwelt gelegene Wohnung der Menschen. unsel'gen Söhnen Drehn den Faden des Geschickes. – Folge mir!« – Die Kienholzfackel Zog sie aus dem Felsenrisse; Über Steingeröll und Klüfte Ging's in feuchte Finsternisse; Abwärts, aufwärts, immer weiter, Drohend, wie um Wacht zu halten, Rechts und links mit wucht'ger Keule Starrten finstre Steingestalten; Aufwärts, abwärts, immer tiefer, Bis der Fußtritt hohler tönte Und des Ganges düstre Enge Sich zur weiten Wölbung dehnte. Erze glimmerten wie Sterne, Und vom großen Bergkristalle In der Kuppel floß wie Mondlicht Blaue Dämmrung in die Halle. Zwischen Pfeilern an den Wänden Hier und dort ein Götterbildnis, Grau und grimmig; Todesschweigen In der dumpfen Felsenwildnis. – »Sieh dich um«, begann die Drude; »In des Berges Riesensaale Steht, solang die Erde stehet, Christenfuß zum ersten Male. Einst das Heiligtum der Ew'gen, Ward er heute ihr Gefängnis; Stetig ist die Welt im Wechsel Und unbeugsam das Verhängnis. Doch ans Werk, den Kranken dürstet; Vorbedachtes schafft sich schnelle; Sitz indessen und genieße Meines Brots und meiner Quelle!« Von den rasch geschürten Bränden Grell beleuchtet, warf die Hohe In den Tiegel Kraut und Knollen, Salz und Samen in die Lohe. Wispelworte auf der Lippe, Die ihr auf der Lippe starben, Prüfte sie das Kohlenknistern Und des Trankes Wechselfarben. Beda, mit gespannten Sinnen, Sah, doch sah er nur die Drude, Wie sie schürte, wie sie rührte, Wie sie raunte ob dem Sude; Sah, doch nicht des Berges Wunder, Nicht die Truh'n, die schwarzen Schreine, Nicht das Heergerät, verworren Aufgehäuft im hohlen Steine: Helm und Schild und Schuppenpanzer, Kettenhemden und Standarten, Kolben, Speere, breite Klingen, Die aus jedem Winkel starrten; Nicht den Hort uralter Beute, Goldgeschmeid' in allen Ecken, Silberkessel, riesengroße, Römerschmuck, Pokal und Becken. Sprach die Drude: »Was ich konnte, Tat ich; nimm den Krug und wandre: Menschenmühe ist das eine, Göttersegen ist das andre. Knickt ein Zweig am Blütenbaume, Mag das Mägdlein um ihn klagen: Bricht ein Wald, – vor finstern Nächten Muß die bange Welt verzagen. Menschen sterben, Völker sterben! In das Heimatland der Eiche, In das Kinderherz der Starken Schlich die arge Südlandsseuche. In das Kinderherz der Starken Kroch das Fieber eurer Lehren, Die den Stahl des Arms erweichen Und das Blut in Milch verkehren. Wird der Süd den Nord bezwingen? Felsen beugt man nicht, sie brechen. Alte Fehd' ist zwischen beiden, Und der Nord, er wird sich rächen. Erz in Erz, vom Schneegebirge Wogen seh' ich blonde Scharen: In die Tiberstadt, die große, Ziehn blauäugige Barbaren. Die Seherin schaut im Geiste den Kampf unter den Mauern Roms, der im Jahre 1155 zwischen den aufständischen Römern und dem soeben von Hadrian IV. zum Kaiser gekrönten Friedrich Rotbart , an dessen Seite Heinrich der Löwe focht , stattfand. Brausen hör' ich durch die Gassen Männerschritt und ehrne Hufe, Schildgekrach und Schwerterklirren, Jammerschrei und Siegesrufe. Sprengt ein gelbgelockter Kämpe In des Volks empörte Wogen; Feuerfarb auf goldner Brünne Wallt sein Bart zum Sattelbogen. Welch Getümmel um den Riesen! Ihm zur Seite muntre Knappen: Einer, wild und löwentrotzig, Führt das weiße Roß im Wappen. Speere sind ihm schwache Binsen, Helm und Halsberg irdne Töpfe, Hagelschauer seine Schläge Auf die blut'gen Römerköpfe. – O der Nord, er wird sich rächen! Dennoch – dunkle Zeichen drohen: Felsenschwer auf unsern Häuptern Liegt der Zorn der Ewighohen.« Beda sprach: »Und Einer waltet Stark und still ob allen Tagen! Stolz und Trotz ist eure Tugend, Unsre – Tragen und Entsagen; Glaubend, hoffend Einen lieben Und dem Dienst der andern leben. Willst du nicht zum Dienst der andern Mir von deinem Wissen geben? Silber bebt dir um den Scheitel, Und dein Odem wird verhauchen: Sag, wie kann den Toten nützen, Was die Lebenden gebrauchen?« Finster blickend sprach die Alte: »Stiegst du in das Tal der Buchen, Wie einst Wodan kam zur Wala Die Drude spielt auf ein Lied der älteren Edda an, die Wegtamsquida, in welchem Wodan unter dem Namen Wegtamr, der Wanderer, bei der toten Wala in der Helaburg erscheint, um über das Schicksal des von allen Asen geliebten Balder, der durch schwere Träume beunruhigt wurde, Auskunft zu erlangen. Die unwillige Seherin erkennt sofort den Göttervater. Simrocks Edda 37. , Mich mit Fragen zu versuchen? Von den Göttern stammt mein Wissen, Und den Göttern geb' ich's wieder, Nie den Rupfern unsrer Saaten, Nie den Kräh'n im Nachtgefieder. Doch ich will den Gast nicht kränken, Mag ich auch den Mönch nicht lieben: Fremder Mann, du wärest besser Heim am Cheviot geblieben.« – »Kennst du mich?« – »Ich kenn euch alle! Geh, schon graut es in den Gründen Und der Schnitter wetzt die Sense Im Konvent zu Dreizehnlinden.« Beda sprach: »Du weise Waldfrau, Mög' auf dir und deinem Tranke Ruhn so reicher Gottessegen, Als ich tausendfach dir danke!« Auf der Brust gekreuzt die Hände Neigt' er sich wie zum Gebete: Ob er Trost und Licht von oben Für ein dunkles Herz erflehte? XVI. Beim Weben und Nähen             Kurze Tage, lange Nächte; Müh' und Arbeit ruhn nur selten: Was der kurze Tag versäumte, Muß die lange Nacht entgelten. – Auf dem Hof zu Bodinkthorpe Regten sich noch spät die Hände: Emsig strebte man zu schaffen Winterwat zur Weihnachtsspende; Winterwat für arme Leute, Dies und das für Haus und Gäste: Sei willkommen, liebe Gabe, Christtagsgab' ist doch die beste. – Still wie meist, nur etwas stiller, Bleich wie stets, nur etwas bleicher, Saß im Kreis des Hofgesindes Hildegund im großen Speicher. Webend warfen starke Mägde Dort die Spulen um die Wette; Blaue Wolle war der Einschlag, Blankes Leinen war die Kette. Hier die Kleinern, bienenfleißig, Mühten sich mit Zwirn und Nadel; Hildegunde, allbeachtend, Nickte Lob und winkte Tadel. Nächst dem Herd auf buchnen Schemeln Eiferten die ernsten Knechte, Wer aus knorrigem Maßholder Feinsten Hausrat schnitzen möchte: Glatte Löffel, schön geschwungen, Honigschalen, Buttertöpfe Und, zu zartem Angebinde, Pfeile für die Mädchenzöpfe. Isenhard, der Meier, spellte Säuberlich die junge Birke, Daß er, Strang in Strang geflochten, Schwanken Peitschenstiel sich wirke: »Denn das Treiben ist vonnöten«, Knurrt' er; »Gerd, bei dir vor allen, – Und den andern! – Doch da draußen, Klang es nicht wie Hörnerschallen? Naseweis, du kleine Aiga, Lache nicht! In Sommernächten Tanzen Elben, doch im Winter Wird Gewalt den dunkeln Mächten. Nahn wir nicht den heil'gen Zwölfen In den heiligen Zwölfen , den zwölf Nächten zwischen Weihnachten und Dreikönigstag, der sonnenlosesten Zeit des Jahres, war nach dem Volksglauben den dunkeln Mächten Gewalt gegeben. Alsdann fuhr die wilde Jagd, Wuotans Heer, das wütende Heer, geführt von Hackelberg oder Hackelberend, durch die Lüfte. Hakolberand, der Mantelträger, ist ein Beiname Wodans, der als einäugiger Greis in breitkrempigem Hut und blauem Mantel gedacht wurde. Grimms D. Myth. 875. – Daß von den Bekehrern unserer heidnischen Vorfahren die alten Götter als feindselige Unholde dargestellt und somit ein Gegenstand des Grausens wurden, ist bekannt. , Wo der alte Vielbeschriene Nächtlich fährt durch Wald und Wolken, Hakelbernd, der Himmelshüne? Kliff und Klaff und heis'res Wiehern: Ho hoto! Auf fahlen Rassen Durch die Luft wie Dunst und Schemen Braust das Heer der Jagdgenossen. Selber hört' ich oft das Rufen, Schritt ich einsam im Gehege: ›Mitten auf den Weg!‹ – Ich hielt mich Immer mitten auf dem Wege. O, er ist nicht schlimm, der Alte; Manchem schenkt er gute Spende: Einem Schneider, Hungerleider, Warf er eine Pferdelende. Weserab zum Isenhofe Hatte von den Hunden einer Sich verrannt; er lag am Herde, Und vertreiben konnt' ihn keiner; Grau und dürr; er fraß nur Asche; Immer war er stumm und lauschte Halb im Schlaf mit leisem Winseln, Wenn der Sturm den Wald durchrauschte. Aber in den nächsten Zwölfen, Als des Heeres wildes Toben Mitternachts vorüberkeichte, War er weg und wie verstoben.« – Friedebrand, der Roßknecht, sagte: »Ich auch bin's gewahr geworden: Durch die Schlucht am Eschenberge Kam's herauf und fuhr gen Norden; Ein Gejiff aus hundert Hälsen, Peitschenknallen und Geheule, Lachen, Schrei'n, und all dem Schwarme Weit voraus die große Eule Der wilden Jagd fliegt eine Eule voraus, die Tutosel, Tutursel, die eine Nonne gewesen sein soll und nach ihrem Tode dem Hackelberend zugesellt wurde. Grimms D. Myth. 874. . Und am Kreuzweg, nächst der Linde, Jäh vom Himmel auf den Boden Stürzt' es, Roß und Mann; mir grauste Vor dem Grimm des alten Woden. Denn wohl sah ich Hut und Mantel, Doch der riesenlange Reiter Raffte sich empor, und jammernd Durch die Lüfte rast' es weiter.« Imma sprach: »Mit weißem Schleier, Blauem Kleid und langen Locken Singt am Quell im Wald Frau Holle Sommerlang und zupft am Rocken; Winters muß sie mit den andern In des Heers verworrnem Schalle Trostlos durch die Wolken schweifen Wie die Nichterlösten alle; Wie die ungetauft gestorbnen Bleichen Kinder. ›Tausend Jahre?‹ Wimmert eins; und ›länger, länger!‹ Ruft's zurück, und ›fahre, fahre!‹« – Sprach der Meier: »Dunkle Dinge! Immer mitten auf dem Wege Bleibe jeder! – Kommt, ihr Knechte! Roß und Rind verlangen Pflege.« – Aiga sprach: »Vom Junker Griese Sagt man auch, er müsse jagen Ewig rastlos durch die Moore, Weil er einen Mönch erschlagen.« Drauf die Herrin: »Laßt die Märchen; Ernstes gibt es zu beschicken. Arme Doda, ängstlich brauchst du Nach dem Laden nicht zu blicken. Was du hörst, ist Windestosen Und der Eichen dumpfes Stöhnen.« Seufzend sprach das Frankenmädchen: »Ach, ich kann mich schwer gewöhnen! Welch ein Land! Zehn Monde Winter Und zwei Monde schlechtes Wetter! Bärenart sind seine Menschen, Bäum' und Riesen seine Götter! Grau die Erde, ohne Blumen, Grau der Himmel, ohne Sonne: O wie hell ist meine Heimat An den Ufern der Garonne!« – Aiga drauf: »Es mag dich schaudern, Weiches Kind, im Land der Bären: Zu den Ufern der Garonne Tät'st du wohl, zurückzukehren. Welch ein Land! Zwölf lange Monde Blitzt und brennt die Sommersonne Über Wäldern von Karfunkel An den Ufern der Garonne. An den Ufern der Garonne Blühn der Blumen viel, – und welche! Silberblanke, schlanke Knaben Tauchen auf aus jedem Kelche; Schlanke Knaben, die sich neigen Und die Damen höfisch grüßen: Heil den Ufern der Garonne, Wo im Feld die Freier sprießen! Spärlich sind sie hierzulande, Viel zu spärlich, da in Sachsen, Wie im Lied es heißt, die schönen Mädchen auf den Bäumen wachsen. Zu den Ufern der Garonne Zieht sich sehnend dein Gemüte: Gingst du morgen, arme Doda, Kamst du recht zur Zeit der Blüte!« Sprach die Herrin: »In der Schule Warst du, Aiga, bei den Spöttern; Spott auf Mädchenlippen, Aiga, Ist ein Wurm auf Rosenblättern.« Aiga bückte sich und nähte, Rot und stutzig ob der Lehre; Zweimal, dreimal riß der Faden, Zweimal, dreimal fiel die Schere. Doch sie liebt' es nicht, zu schmollen, Und ihr helles Auge lachte, Als sie, streifend durch die Locken, Jetzt des kleinen Volks Unter den Begriff des kleinen Volks fallen die dämonischen zwerghaften Wesen, die Wichte, Elben, Dinger und Holden heißen. gedachte. »Freundlich waren sie, die Holden, Und uns Mägden dienstgewärtig; Blieb die Arbeit abends liegen, Morgens war sie immer fertig. Doch jetzt sind sie ausgewandert; Sie vertrieb das Glockenläuten, Menschenfalschheit und im Walde All das Rüsten und das Reuten. Seh' ich diese Leinwandberge, Denk' ich ihrer flinken Finger: O sie würden rasch verschwinden, Hülfen uns die guten Dinger!« Doda drauf: »Der Christbescherung Müssen fern die Dunkeln bleiben, Die in Klüften und in Grüften Unheilvolle Künste treiben.« – Imma sagte: »Wird den Armen Woll' und Linnenkleid gemessen, Dürfen wir zwei nackte Schultern, Eggis Schultern nicht vergessen.« Doda rief: »Des Schmiedebuben? Sünde wär's, an ihn zu denken, Und am Fest des Gotteskindes Unholdssippe zu beschenken! Wer er ist, der schwarze Schleicher Steht ihm auf der Stirn zu lesen: Trägt er auch kein rotes Hütchen Den Zwergen, Bergmännchen, kleinen Leuten, die bekanntlich gute Schmiede waren, wurde wegen ihrer Beschäftigung mit dem Feuer rotes Haar und roter Bart beigelegt, wie auch Donar, der Wettergott, rotbärtig gedacht wurde; sie trugen rote Röckchen und rote Hütchen. In Frankreich heißen sie Chaperon rouge; Rotkäppchen kommt im deutschen Märchen vor. Simrocks D. Myth. 435. , Ist er doch ein elbisch Wesen; Einer von den Spaltenschlüpfern, Die voll Schadenfreude lachen, Wenn sie mit Betrug und Tücke Wirr und wild die Menschen machen.« Aiga sprach: »Der arme Junge! Weil er braun von Aug' und Wangen, Weil er lustig und behende, Soll er nun kein Wams erlangen? Traun, als eins der Koboldskinder Ist er friedlich und gemütlich; Manche seiner Halbgeschwister Sind nicht halb so nett und niedlich. Tu dich um, du feine Doda, Glätte dir die starren Strähne, Färbe blau die Kohlenaugen, Rot den Mund und weiß die Zähne! Schält' ich dich: du gelber Kielkropf Kielkropf , Mißgeburt, Wechselbalg. Deutsches Wörterbuch der Brüder Grimm V. 680. , Der du bist, – was ich nicht wagte, Statt: du lichte Südlandsblume, – Was ich löge, wenn ich's sagte: O, dein lindes Händlein würde Mir die beste Backe messen, Daß auf ihr im weißen Winter Fünf Garonnerosen sprössen!« Strafend sprach die holde Herrin_ »Aiga, halt im Zaum die Zunge! Alle sind sie meine Sorge, Auch der arme Schmiedejunge. – Schrie nicht dort die wilde Katze? Zeitig ist es, abzubrechen; Geht zur Ruhe und versäumet Nicht, das Nachtgebet zu sprechen!« XVII. Des Priors Lehrsprüche 1.               »Mit dem Auferstehn des Lenzes, Elmar, bist du auferstanden, Gott sei Lob, zu neuem Leben, Ob gebannt, doch frei von Banden. Und wie auf der Wange knospet Der Genesung frische Blüte, Mag Versöhnung aus Erkenntnis Still ersprießen im Gemüte. Danke nicht dem ernsten Eifer, Der dich fremden Mann hier pflegte: Danke dem, der Menschenliebe In die Menschenherzen legte! Was dich andres quält und kümmert, – Einsamkeit ist Seelennahrung; In der Stille kommt dem Geiste Rechte Geistesoffenbarung. Geisterstimmen zu vernehmen, Mußt du in der Stille lauschen; Lauter reden sie im Säuseln Als in Sturm und Wetterrauschen. Er, der aus der Welt dich führte In der Klosterzelle Schweigen, Wollte in die Welt, die wüste, Erst den rechten Weg dir zeigen. Warst du dein im Waffenklirren, Dein in Braus und Wogenrollen, Dein im Wildbann, auf der Metbank, Dein im Hassen und im Grollen? Tief im Wald verbirgt der kranke Hirsch sich vor des Tages Gluten. Sei's, um einsam zu genesen, Sei's, um einsam zu verbluten. Elmar, Heimkehr zu sich selber Wird im Schmerz allein gefunden; Harre nur: Der Klosterfriede Heilt dir alle, alle Wunden.«   2. »Elmar, wer vom Morgengrauen Wallte bis zur Abendkühle, Höh'n und Täler sah er manche, Siedelstätten sah er viele. Wenn er offnen Augs gegangen, Von der harten Tagereise Weiß er Schickliches zu reden Über Landesbrauch und Weise. – Elmar, wer nach siebzig Jahren Rückwärts blickt den Weg, den langen, Kluges kann er dir bescheiden, Wenn er offnen Augs gegangen. Wahres kann er dir berichten Von der Welt, die einst gewesen, Und zukünftiger Gestaltung Rätselrunen kann er lesen. Auch zu Lust und Lehre, Elmar, Mag er Sinniges dir sagen; Willst du Weisheitsworte hören, Graue Männer mußt du fragen!«   3. »Wissen heißt die Welt verstehen; Wissen lehrt verrauschter Zeiten Und der Stunde, die da flattert, Wunderliche Zeichen deuten. Und da sich die neuen Tage Aus dem Schutt der alten bauen, Kann ein ungetrübtes Auge Rückwärts blickend vorwärts schauen. Denn solange Haß und Liebe, Furcht und Gier auf Erden schalten, Werden sich der Menschheit Lose Ähnlich oder gleich gestalten. Menschen sind die Menschenkinder Aller Zeiten, aller Zonen, Ob sie unter Birkenbüschen, Ob sie unter Palmen wohnen; Ob sie vor dem Christengotte, Ob vor Wodan sie sich bücken, Ob sie sich in Lumpen bergen Oder sich mit Purpur schmücken. Vielfach sind die Wolkenbilder, Die den Himmelsraum durchwallen, Doch nur Dunst die leichten Flocken, Doch nur Dampf die schweren Ballen. Alle auf des Sturmes Straße Fahren sie, die Luftgespinste: Wolkenbilder, leere Dämpfe, Menschenbilder, eitle Dünste!«   4. »Sohn, ich las im Runenbuche Manches Blatt, ein Zeichendeuter; Viel zur Trauer, viel zum Troste, Wenn ich weiter las und weiter. Was sie Weltgeschichte nennen, Ist ein wüstverworrner Knäuel: List und Trug, Gewalt und Schwäche, Feigheit, Dummheit, Wahn und Greuel. Weise Tugend schweigt und trauert: Will sie reden, will sie klagen, Wandert sie in Kerkergrüfte Oder wird ans Kreuz geschlagen. Starke, die sich Treiber dünken, Werden doch nur selbst getrieben, Heergeräte eines Stärkern, Die gebraucht, verbraucht, zerstieben. Stärkre stößt der Fuß des Stärksten, Und die Stärksten sind Geschirre Eines, der, ob allen waltend, Überschaut das Weltgewirre; Eines, der in ehrnen Händen Hält die Waage, recht zu wägen, Der die Zepter knickt wie Ruten Und wie Stroh das Schwert der Degen Degen , tüchtiger Kriegsmann. Im 15.–18. Jahrh. war das Wort seltener im Gebrauch, bis es von Lessing, Wieland, Bürger, Goethe, Schiller u. a. wieder aufgenommen wurde. . All die Riesen sind nur Zwerge, All die Herrn nur arme Knechte! Ob sie gleich den Frevel wollen, Fördern müssen sie das Rechte; Dienen müssen sie der Ordnung, Ob sie gleich das Wüste treiben, Denn unsterblich ist das Gute, Und der Sieg muß Gottes bleiben.«   5. »Freiheit sei der Zweck des Zwanges, Wie man eine Rebe bindet, Daß sie, statt im Staub zu kriechen, Froh sich in die Lüfte windet. – Beides schaffte Karl der Franke, Liebenswertes, Hassenswertes; Hielt er fest am Kreuz der Kirche, Fester doch am Kreuz des Schwertes. Und mit rotgefärbten Händen Schwang er's gegen unsre Väter, Ein Apostel in der Brünne, Ein mit Blut bespritzter Beter. Uns uns selbst abzugewinnen, Hat er todwund uns gehauen; Zeigend nach den Himmelsburgen, Nahm er uns die Erdenauen. Dienen muß der faltenreiche Kirchenmantel hundert Zwecken: Ehrsucht, Habsucht, Machtgelüste, Haß und Rache muß er decken. Wie das Gold den Durst nach Golde Mehrt der Ruhm die Gier der Degen, Denn je mehr die Menschen dürfen, Desto dreister wird ihr Mögen. Vom beeisten Belt zum Tiber Fuhr der Held in lichten Waffen: War's, um Völker zu befreien, War's, um Knechte sich zu schaffen? Statt zu einen Deutschlands Stämme, Warf er fremde zueinander, Stark und groß, nur nicht so gütig Als der Grieche Alexander. Wär' er uns ein Ordner, Pfleger, Uns ein milder Herr geblieben: Wir, die hundertfach ihm danken, Würden tausendfach ihn lieben; Ihn, der fromme Friedensstätten Baut' an Quellen und in Hainen, Wo einst Menschenleiber zuckten Auf entweihten Opfersteinen; Der die Leuchte holder Bildung Trug in unsre finstern Wälder, Segensreiche Körner streute, Doch in blutgedüngte Felder, Und erst spät! Durch linde Lehre Hätt' er uns bezwingen können Rascher, sichrer als mit Eisen, Als mit Hungerpein und Brennen. Eitler Glanz der Römerkrone! Verdens grause Mordgerichte Mag ihm Gott verzeihn, doch schuldig Bleibt er sie der Weltgeschichte: Untat, die der kluge Einhard Gern verhüllte und verschwiege, Die in Rom der Völkervater Selbst gestraft mit ernster Rüge. Doch den Wirrern und den Klirrern, Die da ziehn mit großem Schalle, Allen klebt ein Mal am Schilde, Und ihr Verden haben alle.«   6. »Menschen baun; die Türme sollen Ein Jahrtausend überdauern! Doch der Rost zerfrißt das Eisen, Und das Moos zernagt die Mauern. Sieh dich um, du siehst nur Trümmer, Die der Zeitensturm zerschellte, Und darauf, für heut und morgen, Stolze Festen, niedre Zelte. Denn der Mensch, der fremde Siedler, Lernt die Scherben klug zu schichten, Um zur Not für sich und andre Dach und Herdstatt einzurichten; Erst zur Not, und will sich's fügen, Auch zum Troste Scheun' und Garten. – Baut nur, baut nur: ob für morgen, Ob für langer? – Ihr müßt warten!«   7. »Karl der Frank, der grimme Bauherr, Geistesmächtig sondergleichen, Sinnend unter Völkertrümmern, Stand er auf zerschlagnen Reichen. Mit dem Schwerte auf und nieder Maß er die zerworfnen Blöcke, Und mit Hünenhänden wälzte Berg auf Berg der starke Recke; Berg auf Berg granitne Quader Sich zur Pfalz, darin zu schalten, Und, wie Gott der Himmelsfesten, Hier des Erdenreichs zu walten. – Traum und Wahn! – Die stille Stunde, Leise wandelnd, wandelt alles Stärker als die Überstarken, Die da dröhnen lauten Schalles. Hinkt sie auch, es kommt die Rache; Schleicht sie auch, es naht die Sühne: Menschentrotz, der Turm zu Babel, Ward zu mahnenden Ruine. Traurig sinnend steht der Wandrer, Sieht er in des Mondes Schimmer Dort, wo einst ein Mächt'ger toste, Ödeland, ein Grab und Trümmer.«   8. »Sein Geschlecht? Ein düstres Schicksal Ist's, Erobrer zu beerben: Was zum Unheil war den Söhnen, Wird den Enkeln zum Verderben. Die Zeit der Karolinger gehört zu den düstersten und blutigsten Perioden der deutschen Geschichte. – Wölfe seh' ich, die in Zwietracht Neidvoll aufeinander stieren, Die mit Hunger nach des Alten Besten Beutestücken gieren; Gelbe Wölfe, die den Greisen Ziehn und zerren aus der Höhle, Die in wildem Haß einander Dann zerfleischen Bauch und Kehle; Grause Sippe, die den Kiefer Mit dem Blut des Bruders schändet, Bis der letzte würgt den letzten Und mit Wutgeheul verendet. Voll von Greueln, voll von Leichen Ist die Welt und wüst und öde: Sprach von Wolfszeit In der Wöluspa , dem ersten Gesange der rhythmischen oder Sämundsedda, heißt es: Unerhörtes ereignet sich, großer Ehbruch, Beilalter, Schwertalter, wo Schilde krachen, Windzeit, Wolfszeit , eh die Welt zerstürzt. eure Wala, Traun, das war Prophetenrede!«   9. »Holde Schau! Lichthelle Locken Wehn im Hauch des Morgenwindes: Schlanker Wuchs und blaue Augen Sind der Schmuck des Sachsenkindes. Tiefer Tann! Am Vogelherde Lauscht er, auf das Moos gekauert, Still dem leisen Waidgespräche, Das durch Busch und Wipfel schauert; Still dem Bach, der fern im Grunde Plaudert von geheimen Dingen, Die geschahn, als Wicht und Elbe Menschenhold auf Erden gingen. Hat der Wald mit wunderbaren Märchenträumen ihn umsponnen? Denkt er an den Reiterknaben, Der ein Königreich gewonnen? An die Kron' im wilden Wasser, Die ein Edelknecht errungen, Der vom Stein mit Roß und Rüstung Sie beherzt hinabgeschwungen? – Horch, da schallt es durch die Stämme: Dumpfe Schläge schwerer Hufe, Panzerklirren, Schwertgerassel, Hörnerschall und Freudenrufe! Erzumstarrte Heergesellen Sind's, die von den Hengsten steigen, Um vor ihm, dem Froherstaunten, Huldigend ihr Knie zu beugen. Gruß und Heil dir, deutscher König, Sachsensproß, dir Ruhm und Ehre! Volkserkorner, walte glücklich, Stark und mild von Meer zu Meere!' Und von Meer zu Meere hallen Jubelstimmen tausendtönig: ›Heil dem blonden Sachsenkinde, Glück und Heil dem deutschen König!‹«   10. »Elmar, sind des Sundes Wogen Wild empört im lauten Zanke: Fest die Faust an deinem Steuer, Fest den Blick auf deine Planke! Sei kein Tor, den Sturm zu schelten, Wenn er knickte Mast und Spieren; Sieh nach dir: in stilles Wasser Strebe deinen Kiel zu führen! – Grolle nicht dem Weltgewalt'gen, Der verwüstet deine Saaten: Einer richtet; große Frevel Sind zumeist die großen Taten. Laß den Klirrern ihre Wege Und dem Himmel laß die Rache: Deiner Seele Heil zu wirken, Elmar, das ist deine Sache!«   11. »Über abgrundtiefe Rätsel Huscht der Mensch mit leichtem Sinne, Sorglos, wie auf blauen Schlünden Spielt und tanzt die Wasserspinne. Kannst du, Fremdling, mir, von wannen Und wohin du fährst, bescheiden? Und den Zweck des Erdenganges? Und die Absicht all der Leiden? Bist du gleich dem Regentropfen, Der, aus Dunst und Dampf gewoben, Spurlos in das Nichts hier unten Taumelt aus dem Nichts dort oben? Weißt du Antwort? Wußte Antwort Thiatgrim, dein kluger Friese? Sprach sein Gott? Und welche Deutung Gab der alte Himmelsriese? O, ihr Reden ist nur Rauschen Wie der Wellen, wie des Windes: Offenbarung ist gekommen Von den Lippen eines Kindes.«   12. »Andre Zeiten, andre Menschen, Andre Menschen, andre Götter: Einer bleibt, der Ewigstille, Unentwegt vom Zeitenwetter. Andre Zeiten, andre Götter, Denn die Zeit verstürmt die alten: Seltsam, wenn sie ein Jahrtausend Auf den Stühlen sich gehalten! Ob bei Volksgeschrei und Jubel, Unter Flüchen, unter Zähren Sie in Glut und Trümmer prasseln Von geschändeten Altären; Ob aus öden Tempelhallen Sie als blasse Schemen weichen, Unvermißt und unbeachtet In den Gängen sich verschleichen: Andre Zeiten, andre Götter, Denn der Geist hat breite Schwingen, In das Reich des Unerkannten Strebt er rastlos vorzudringen. Und die Sonnen jenes Reiches, Die erleuchten, nicht verbrennen, Führen aufwärts, Ihn, den Einen, Unerkannten zu erkennen. Und erbarmungsreiche Liebe Neigt dem Sucher sich entgegen; Jedem, der nach Wahrheit dürstet, Quillt ihr Born auf allen Wegen. – Trostlos ist es, für Geschwundnes, Hingegangnes streiten wollen: Hast du Macht, den Strom zu hemmen Und zum Quell zurückzurollen? Kann, was Asche ward, noch lodern? Kann, was Leiche ward, genesen? Zu den Toten fällt das Tote, Sei es noch so schön gewesen. Mag ins Abendrot versunken Trüben Muts ein Träumer klagen, Doch der Blick der Wohlbereiten Grüßt im Ost das junge Tagen.«   13. »Manches hab' ich dir berichtet Von dem Friedenskind, dem frommen, Das zu diesem Mittelgarten Aus dem Himmelreich gekommen; Aus des Himmels Sonnenburgen, Gottes Sohn in Manneshülle, Daß an ihm, dem Längstverheißnen, Sich das Seherwort erfülle; Wahrer Gott, und mit dem Vater, Mit dem Geist von gleichem Wesen, Eins in Dreiheit: ein Geheimnis, Menschensinnen nicht zu lösen; Sohn des Schöpfers aller Dinge, Gott von Gott und Licht vom Lichte, Fleisch geworden, daß er sühne Und in Liebe alles schlichte; Wie er, als ein Held und Herrscher, Hochgemute kühne Degen, Teure Zwölf sich auserkoren, Fest und treu in allen Wegen; Wie er zog von Gau'n zu Gauen Segnend, mahnend, wundertätig, Stets bereit zu sanfter Lehre, Stets zu Hilf' und Trost erbötig; Wie er dann ein Reich gestiftet, Drin er seine Gnaden spendet, Menschenhold, ein Reich des Friedens, Das in dieser Zeit nicht endet; Wie durch ungeheure Meintat Schuldlos er am Kreuz gestorben Und durch seinen Tod das Leben All der Welt – und dir erworben; Wie er sich, der Todbezwinger, Siegreich aus der Gruft erhoben Und verklärt hinaufgefahren In sein Himmelreich dort oben; Wie er einst, der Weltenwalter, Kommen wird am Jüngsten Tage Und den Lebenden und Toten Wägen mit gerechter Waage, Hoch und hehr, in großen Prächten Die Pluralform Prächte rechtfertigt sich durch mundartlichen Gebrauch im östlichen Westfalen. Über die sprachlich richtige Bildung aus dem alten der Pracht vgl. das Wörterbuch der Br. Grimm II. 285 unter Bracht, und Weigands Deutsches Wörterbuch II. 379. Goethe bildete von die Pracht den Plural Prachten. Auf den Wolken; mit Erstaunen Und mit Zittern hört die Schöpfung Das Erkrachen der Posaunen: Dies und andres, was in dürrer, Dürft'ger Red' ich dir entfaltet, Hat ein gottgeweihter Sänger Reich zum Heilandslied gestaltet. Einer von den Unsern, Elmar! Nicht in weicher welscher Zungen, In der Heimat vollen Klängen Hat er herrlich es gesungen. Hörst du es, du glaubst im großen Grünen Sachsenwald zu weilen: Himmelweit die Astgewölbe, Himmelhoch der Stamme Säulen! Zwar der Vogelsang, das Rauschen Dünkt dich neu und fremden Schalles, Doch ist alles dir so nahe, Heimatlich vertraut ist alles. Und verständlich ist dir alles, Was ertönt aus hundert Kehlen, Und verständlich, was die Büsche, Was die Bäume sich erzählen; Und verständlich das Geplauder In den Brunnen, in den Bächen, Und verständlich, was die Blumen Flüsternd miteinander sprechen. Klar vor deinen Sinnen liegen All des Waldes Heimlichkeiten: Alle Fragen kannst du lösen, Alle Rätsel kannst du deuten. Und du staunst, wenn all die Laute, All das Rauschen und das Singen Andachtsvoll zu einem großen Gotteslob zusammenklingen. Und im fernsten Tale möchtest Du dir eine Herdstatt gründen Unterm Kreuz, um unterm Kreuze Deiner Seele Ruh' zu finden! Denn von seiner Dornenkrone Geht ein wunderbares Scheinen Durch die Welt, das alle Völker Muß durchleuchten und vereinen. – Elmar, horch: die Frühlingsstürme Tosen an des Sollings Halde! Wenn die Sommerlüfte hauchen, Führ' ich dich zum Wunderwalde. Wo der Eichen hohe Wipfel Mimigardeford Mimigardeford , Münster. Mundartliche Anzeichen machen es höchst wahrscheinlich, daß der Sänger des Heliand zwischen Münster und Essen lebte. Lindemanns Geschichte d. d. Literatur 32. umschauern, Wohnt mein Freund im Strohdachkotten Unter Hirtenvolk und Bauern. Hören mußt du, selber hören Ihn, den Sänger sondergleichen: Wenn die Sommerlüfte hauchen, Gehn wir in das Land der Eichen.«   14. »Red' ich zu dir warme Worte, Elmar, aus des Herzens Fülle, Glänzt dir wohl die Trän' im Auge, Doch verharrst du stumm und stille. Nach der Wahrheit steilen Burgen Mag ein andrer wohl die Pfade Dir durch Dorn und Felsen zeigen: Führen kann nur Gottes Gnade. Die Erkenntnis ist das Erbe Nicht der Weisen, nein, der Frommen; Nicht im Grübeln, nein, im Beten Wird die Offenbarung kommen. Soll ein Menschenauge schauen, Muß der Himmel sich erschließen Und ein Strahl von seinem Lichte In das dunkle Herz sich gießen.«   15. »Leben magst du hundert Jahre: Einst, wie Dampf im Berggelände, Gehst du hin. – Wo kannst du bleiben? Gott ist aller Dinge Ende. Ward dir Kraft, von allen Kräften Hast du Rechenschaft zu geben. Wirke recht! Du wirst gerichtet, Magst du hundert Jahre leben. Denn die Kreatur ist Gottes, Und sie kann ihm nicht entfliehen; Einmal, morgen oder später, Liegst du doch vor seinen Knien.«   16. »Elmar, o du machst mich traurig: Was ich rede, ist verloren, Denn du hörst nicht mit dem Herzen, Denn du hörst nur mit den Ohren. Man erzählt, ein blinder Priester Die rührende Legende von dem blinden Beda , dem Ehrwürdigen, dürfte durch Kosegartens Bearbeitung allgemein bekannt sein. Predigte im Feld den Steinen, Und die Steine riefen ›Amen‹; Du bist stumm; ich möchte weinen. Träumst du wieder von den Wellen? Ach, es ist ein trostlos Jagen! Wasserfurchen, die du pflügtest, Werden niemals Früchte tragen. Wohl das Schwert, doch nie die Sichel Mag auf grauer Woge klirren; Nur dir selber zu gefallen, Stürmst du in des Kampfes Wirren. Müh' zur Lust ist eitle Mühe, Nutzlos wie dem Meer der Regen; Arbeit, die nicht andern frommet, Das ist Arbeit ohne Segen. Willst du dir und dir nur dienen, Nirgend magst Du Dank erwerben; Schmachten wirst du, und am Ekel Vor dir selber mußt du sterben. Erst gehörst du deinem Gotte, Ihm zunächst der Heimaterde. Bist du stark, sei froh; am stärksten Ist der Mann am eignen Herde. Bläh dich unter fremden Menschen: Schweigt dein Volk, dein Ruhm ist nichtig; Sachsenkind, mit jeder Faser Bist du deinem Volke pflichtig; Deiner Heimat, deiner Mutter, Einer Kranken, einem Weibe; Bist du brav, so zahl mit jedem Tropfen Bluts in deinem Leibe. Willst du fort, sie wird als bleiche Bettlerin am Wege stehen Und die dürre Hand dir strecken Nassen Blicks. – Nun kannst du gehen!« XVIII. Hildegundens Trauer 1.             »Andre, denen Leid geschehen, Dürfen klagen, ich muß schweigen; Wankt mein Mut in Furcht und Trauer, Heitre Miene muß ich zeigen. Die mir ratend helfen könnte, Schläft hier unterm kalten Steine; An der Linde ihr zu Häupten Sitz' ich oft und weine, weine, Leise nur; ein Mutterschlummer Ist so leicht, sie würd' es hören; Nein, es darf des Kindes Klage Ihre Seligkeit nicht stören! Wenn es schauert hoch im Wipfel, Neig' ich mich zu bangem Lauschen: Sind es liebe Flüsterworte? Ach, es ist nur Windesrauschen! Weiß sie nicht, was mir geschehen, Hütet euch, daß ihr es saget, Kleine Engel, die ihr Botschaft Zwischen Erd' und Himmel traget. O, sie würde, Urlaub heischend, An der goldnen Pforte stehen; O, sie würd' im Himmel weinen, Wüßte sie, was mir geschehen!«   2. »Einen wilden stolzen Falken Hatt' ich mir zur Lust gezogen; Mit dem Todespfeil im Herzen Ist er fort, weit fort geflogen. Liebt' er Ring und Lederkappe? O, ins Weite mocht' er streben, Durch die Wälder mocht' er schweifen, In den Wolken mocht' er schweben, Frei und kühn, ein Ziel dem Neide! – Weh, ihn traf ein fremder Schütze, Feig versteckt, nach Schächerweise, Mordlich mit verruchter Spitze! Seidne Bänder wollt' ich winden Um sein glänzendes Gefieder, Silberfäden, goldne Schnüre, Käm' er nur, o käm' er wieder! Weh um ihn, den hochgemuten! Den ich mir zur Lust gezogen, Mit dem Todespfeil im Herzen Ist er fort, weit fort geflogen.«   3. »Finstre Nacht und kalter Regen, Und der Wald erseufzt im Winde: O ihr Stürme, wilde Wetter, Wenn er lebt, o seid ihm linde! Treibt sein Kiel auf dunkelm Meere Über Klippen, über Schlünde, All ihr Wasser, all ihr Wogen, Wenn er lebt, o seid ihm linde! Irrt er auf verlaßner Heide, Suchend, wo er Obdach finde, Führt ihn, all ihr guten Sterne, Wenn er lebt, o seid ihm linde! All ihr Engel, ihr, der reichen Himmelsburgen Ingesinde, Wo er ringe, wo er kämpfe, Wo er sei, o seid ihm linde!«   4. »Auf dem Sande weiße Schwäne, Schwanenjungfrau'n, die sich baden, Die zum lauen Süd sich schwangen Von des Nordlands Eisgestaden. Weiße Schwäne, wilde Mädchen, Schön ist euer Los zu preisen: Durch die Wellen könnt ihr rudern, Durch die Wolken könnt ihr reisen! Hätt' ich eure Federhemden, Durch die Himmelsräume flög' ich; Ihn zu finden, den ich suche, Durch die Erdenreiche zög' ich. Ihn zu finden, den ich suche, Schweift' ich rings in allen Meeren, Wär's nur, einmal ihn zu grüßen Und dann trauernd heimzukehren.«   5. »Wenig sprach er stets, und einsam Ging er meist auf stillen Wegen Längs des Bachs, durch Wies' und Saaten Und in fernen Waldgehegen. Daß er niemals, was er meinte, Mir gestanden, darf's mich kränken? O ich weiß ja, unsre Liebe Ist so alt als unser Denken. Beben sah ich seine Lippe, Seine Wange sah ich brennen, Und sein tiefes treues Auge Sagte mehr, als Worte können.«   6. »Mondbeglänzt im stillen Walde Schläft der Teich in Farn und Moose; Mitternächtlich aus der Tiefe Taucht die bleiche Wasserrose. Träumend nicken Buch' und Birke; Nicht ein Flüstern, nicht ein Schaudern, Um im Schlummer nicht das süße Waldgeheimnis auszuplaudern. Nenuphar Nenuphar , alter Name der Seerose, Nymphaea. , die weiße Blume, Birgt sich gern in Nacht und Schweigen; Nur des Himmels treuen Sternen Wagt sie schüchtern sich zu zeigen! Nur den kalten keuschen Lichtern, Die da dämmern fern und trübe: – Nenuphar, du weiße Blume, O wie gleichst du meiner Liebe!«   7. »Zwischen Berg und tiefem Tale Sprießt ein Kräutlein, heißt Vergessen; Wunderkräutlein, wer es äße, Könnte ganz gesund sich essen. Wer es fände, wem des Waldes Dunkle Rätsel sich erschlössen, Wer es pflückte, o er würde All sein bittres Leid vergessen. Ward mir von des Himmels Mächten Leid, ein volles Maß, gemessen: Leid ist meine beste Habe, Und ich will es nicht vergessen. Leid ist meine beste Habe, Leid um das, was ich besessen; Ob ich auch vergessen könnte, Dennoch will ich nicht vergessen. Wunderkraut, ob deine Blätter Auf dem Gartenbeet mir sprössen: Was ich leide, was ich liebe, Will und mag ich nicht vergessen.«   8. »Wenn er auf den Schild, den blanken, Pflicht und Vaterland geschrieben, Und, von ihm geführt, die Sachsen Uns aus Mark und Gau vertrieben; Wenn er käme, für erlittne Schmach das Rächeramt zu üben, Alle, die ihn feig verließen, Strafend mit gewalt'gen Hieben; Wenn er dann mich fragte: ›Hilda, Bist du, was du warst, geblieben?‹ Haßt' ich ihn? Mich selbst verachten Müßt' ich, wollt' ich ihn nicht lieben.«   9. »Kommt ein fremder Mann geschritten Durch das Tal in Schnee und Eise: Fremder Mann, wie mag ihn führen Her zu uns die Winterreise? Tritt er an des Hofes Pforte, Pocht mein Herz in lautern Schlägen: Trüg' er Botschaft von dem Einen? – Und ich flieg' ihm rasch entgegen. Fremder Mann, der wandermüde, Obdach heischt er oder Spende, Und am Herd bei Krug und Schale Wärmt er sich die starren Hände. Neues bringt er, trübe Märe Von Erfrornen und Vermißten, Von der Hungerwut des Wolfes Und des Fuchses argen Listen; Von der Not, die Reh' und Hirsche Treibt in Hütten und in Scheunen: Dies und das, nur keine Kunde, Keine Kunde von dem Einen! Rotes Gold, o einen Schild voll, Wär' es mein, ich gäb' es gerne Jedem, der mir Botschaft brächte Von dem Einen aus der Ferne.«   10. »Krank am Leib und im Gemüte, Krank zum Tod vom Biß der Schlange Ging er fort; ein letztes Grüßen Winkt' ich ihm vom Hügelhange. Letztes Grüßen? – War's ein letztes Fahrewohl zum letzten Gange? War's ein letztes nicht, weswegen Trieb es mich mit dunkelm Drange? War's ein letztes nicht, weswegen Klopft mein ahnend Herz so bange? – Wenn er lebte, wo er lebte, Botschaft hätt' ich lange, lange!«   11. »Kam er durch den Wald geritten, Kam er durch das Feld gegangen, O wie glänzten seine Augen, O wie blühten seine Wangen! Steht er jetzt vor meiner Seele, Der Verlorne, den ich liebe, O, wie ist so bleich sein Antlitz, O, wie ist sein Blick so trübe! – Weiße Wände, Kienspanlichter; Ihm zur Seite dunkle Schatten, Stumm und ernst, als müßten morgen Einen Toten sie bestatten.«   12. »Tritt der Händler in die Halle, Gelb von Haut und schwarz von Haaren, Vielgeschwätzig auf den Tischen Legt er aus die bunten Waren: Scharlach von den Griecheninseln, Lündisch Tuch und Mohrenseide, Stahlgewirk aus Mailands Essen Und romanisch Goldgeschmeide. Wühlend in den Siebensachen, Kauft der Vater ganze Haufen; Freut' es mich, er würde gerne All den eiteln Kram mir kaufen. Und ich schenkt' ihn gern den Mägden, Sich zu putzen für den Freier; Mir geziemt nur düstre Wolle, Tränentuch und Witwenschleier.«   13. »Aiga sagt, ein dunkles Rätsel Sei der braune Schmiedebube; Regentriefend, müd und hungrig Trat er gestern in die Stube. Wohlgepflegt am frischen Feuer Saß er dann und summte leise, Wie im Traum, geschloßnen Auges Eine fremde trübe Weise. Wendisch war's: des Falken Klage, Der, vom Walde weit, im Bauer Einsam, mit gelähmtem Flügel Sich verzehrt in Zorn und Trauer. Zaghaft sprach ich: ›Singe weiter, Wenn du kannst, die düstre Kunde, Ob genesen der Gefangne Heimwärts flog zum grünen Grunde?‹ Doch die schwarzen Locken schüttelnd, Lacht' er still; die Perlenzähne Glänzten weiß, und auf die Wange Rollt' ihm eine dicke Träne.«   14. »Grünt der Wald und blüht die Wiese, Gehn die Mädchen in den Hagen, Knüpfen Halme, zupfen Blätter, Holde Antwort zu erfragen; Holde Antwort über Einen, Den sie meinen Meinen , mit Zuneigung eingedenk sein, schwed. minnas, dan. minde. Minnen und meinen sind ursprünglich derselben Bedeutung. in Gedanken: Wilde Rose, die ich suche, Birgt sich unter Dorn und Ranken. Blätter fünf der wilden Rose, Die wie Herzen sind zu schauen, Was ich meine tief im Herzen, Will ich heimlich euch vertrauen. Schreiben will ich auf das erste Stiller Liebe Runenzeichen; Auf das erste und das zweite, Denn das erste wird nicht reichen. Bittre Klage auf das dritte, Auf das vierte bittre Klage; Ach, nicht hundert Blätter faßten All den Kummer, den ich trage! Auf das fünfte, o wie gerne, Möcht' ich meine Hoffnung schreiben! Da ich keine Hoffnung habe, Muß es unbeschrieben bleiben. Mag der Wind die Runen lesen Und verrauschen! – Keine Boten Gehn von diesem Strand zu jenem In das stille Reich der Toten!«   15. »Oft verloren in Gedanken Sitzt der Vater, tiefbekümmert: Was erregt ihn und bewegt ihn, Wenn ihm feucht die Wimper schimmert? Traurig sucht mich oft sein Auge, Doch sein Blick entweicht dem meinen; Sieht er fort und lächelt trübe, O, dann muß ich gehn und weinen! Niemals nennt er einen Namen, Den ich nie zu nennen wage; Ist es nicht, als ob er heimlich Seinen Urteilsspruch beklage? Oft berät er sich mit Diethelm Und ermahnt den biedern Alten, Auf dem Habichtshofe alles Wohl in Fug und Schick zu halten. Kann er hoffen, daß der Falke Je zur Heimatstätte kehre? O ich zittre, wenn ich denke, Daß es dennoch möglich wäre!«   16. »Pfänder zwei, vielteure Pfänder, Ließ er mir zurück beim Scheiden, Reichen Hort, um den ein reiches Königskind mich mag beneiden. Pfänder zwei, vielteure Pfänder: Hier den Ring zum Seingedenken, Dort das Schwert zum Aufbewahren, Will ein Gott ihm Heimkehr schenken. Heimkehr? – Wenn in schwerster Stunde Er noch Heil zu hoffen wagte, Krank an Glück, an Leib und Ehre, Unrecht wär's, wenn ich verzagte. Ring, mich stets an ihn zu mahnen, Still auf meinem Herzen ruhe; Schwert, bis er dich wiederfordert, Harre sein in sichrer Truhe!«   17. »Mag der Mann mit Wort und Eisen Trotzen dem Geschick, dem harten, Ihm gebührt es; Frauenwaffe Ist Gebet und stilles Warten. Warten will ich Tag' und Nächte Wandellos in Lieb' und Treue: Reicher Gott, verzeih mir Armen, Wenn ich sein mich nicht verzeihe Sich verzeihen , mit dem Genetiv, seine Ansprüche aufgeben. In dieser Form ist das Wort eigentlich nicht veraltet, doch ist verzichten gangbarer. . Hör mich, reicher Gott im Himmel; Beten will ich Tag' und Nächte: Tu an ihm nach deiner Güte, Was ihm frommt! Du kennst das Rechte. Die den offnen Blick belastet, Nimm ihm ab des Wahnes Binde: O ich weiß, er sucht dich lange; Hilf ihm, Herr, daß er dich finde! Schau ihn an mit mildem Auge, Treuer Gott, den Tiefgebeugten; Deiner Huld nur einen Funken Laß erbarmungsvoll ihm leuchten; Deines Lichts nur einen Schimmer Gieß auf seine dunkeln Pfade: Gott, mein Gott, in seine Seele Einen Strahl nur deiner Gnade!«   18. »Nächten Nächten , in vergangener Nacht. sah ich ihn im Traume, Die Erinnrung macht mich beben, Wie er rang mit einer wüsten Wurmgestalt auf Tod und Leben. Hochgebäumt, mit offnem Rachen Stürzt' auf ihn das Ungeheuer; Grauer Dampf entquoll dem Schlunde, Wut dem Blick und wildes Feuer. Schuppenringe, grimme Tatzen, Sah ich um den Mann sich klammern; Deutlich hört ich's: ›Hildegunde!‹ War sein halbersticktes Jammern. Fliegen wollt' ich, ihn entreißen Aus des Untiers Klau'n und Zähnen, Doch gelähmt, gebannt, gebunden, Konnt' ich ›Gott, mein Gott!‹ nur stöhnen. Da – im Blute schwamm der Drache! Und mein Held? – Sein lichtverklärtes Antlitz strahlt', und selig lächelnd Hielt er hoch das Kreuz des Schwertes.«   19. »Auf dem Raine Klee und Blumen, Und die Drossel singt im Hagen: Langer Winter, trüber Winter, – Ach, wie hab' ich's nur ertragen! Seh' ich rückwärts: Zagen, Hoffen; Seh' ich vorwärts: Hoffen, Zagen; Immerfort der alte Zweifel, Immerfort dieselben Klagen! Eitel ist es, Wind und Wolke, Sonn' und Mond nach ihm zu fragen Wenn er atmet, wo er atmet, Eine wüßt' es mir zu sagen; Eine, der die Himmelswandrer, All die Vögel, Botschaft tragen; Mag sie auf das Frankenmädchen Finster schaun, ich will es wagen!« XIX. Elmar im Klostergarten 1.               »Geh' ich durch den Klostergarten Bei des Frühlings lindem Weben, Staunen muß ich, daß ich atme Nach dem Kampf auf Tod und Leben; Atme, weil mit seltner Treue Gute Menschen für mich wachten, Christen für den Ungetauften, Und dem Leib Genesung brachten. Nur dem Leib: der wunden Seele Arzenei erdenkt kein Denker! Kam sie krank in diese Mauern, Krank genug, hier ward sie kränker. Kam sie krank an Haß und Liebe, Krank genug an diese Stelle, Kränker durch des Zweifels Qualen Ward sie in der Klosterzelle! Beides bist du, Pater Prior, Weis' und gut, des muß ich klagen: Deine Weisheit, deine Güte Hat mir bittre Frucht getragen.«   2. »Beides bist du, Pater Prior, Weis' und gut, doch mir zum Leide; Seit ich horchte deinem Raunen, Wichen von mir Fried' und Freude. – Früchte sucht der Knab' im Walde, Wo sich Blatt und Beere drängen; Immer reifer, immer röter Glühn sie an den Berggehängen; Sommersüße große Früchte, Immer röter, immer reifer Glühn sie in den Talgewinden, Und den Knaben zieht der Eifer. Und der Eifer zieht den Knaben Immer tiefer in die Gründe, Bis wie Rätsel ihn umstricken Berggehäng' und Talgewinde. Fremd ist ihm der Born im Steine, Fremd der Bach, der muntre Wandrer, Fremd der Fels und auf dem Felsen Selbst der Sonnenschein ein andrer; Fremd die Blumen, fremd die Bäume, Fremd die Vögel in den Zweigen: Ach, wer wird dem armen Jungen Den ersehnten Rückweg zeigen? – Pater Prior, Pater Prior, Deiner Weisheit linde Lehren Führten mich in Irr' und Wirre Wie den Knaben rote Beeren.«   3. »Wird den Menschen zugewogen Leid und Lust mit gleicher Waage, Schulden mir gerechte Götter Sonnenschein und linde Tage. Dunkel war es, was ich lebte! Übles hast du angestiftet, Wodanspriester, der das weiche Knabenherz mit Haß vergiftet. Dann ein Rausch, der siegestrunkne Taumel auf den Wikingszügen: War das frohbewußten Glückes Ruhig atmendes Genügen? Dann des Argen Neid, der mitten, Mitten mich ins Herz getroffen; Ächtung, Siechtum, Seelenkämpfe Und ein Lieben ohne Hoffen. Innerlich verhärmt, verkümmert, Seh' ich um mich Schutt und Scherben: O ihr allzu treuen Pfleger, Warum ließt ihr mich nicht sterben? – Wird den Menschen zugewogen Leid und Lust mit gleicher Waage, Schulden mir gerechte Götter Sonnenschein und linde Tage.«   4. »Im Gebirg ist eine Stelle, Wo der Sturm, der wildempörte, Brechend in den hohen Hallen, Bis zum Grund den Wald zerstörte. Hingerafft, geknickt, zerschmettert Liegen dort die mächt'gen Eichen; Unter Weiderich und Binsen Modern ihre Riesenleichen; Aufeinander, durcheinander Stamm und Äste, wild verworren; Losgerissen in die Lüfte Stehn die schwarzen Wurzelknorren. Die von Frühlingswonne träumten, Finkenschlag und Blumenschimmer, Warf im Zorn das Wetterbrausen Einer Winternacht in Trümmer. Öd und wüst! – So wüst und öde Ward mein Leben. Eine Stunde Richtete die Blütenbäume Meiner Hoffnung jäh zugrunde. Wüst und öde! Um die Toten Spinnen sich, wie dunkle Ranken Einen Runenstein umweben, Meine traurigen Gedanken.«   5. »Wäre nicht der Neid der Götter, Menschen könnten glücklich werden; Wäre nicht der Haß der Menschen, O, es wäre schön auf Erden! Grollend schaun die Loseschüttler Von den dunkeln Wolkensitzen; Will ein Herz in Hoffnung knospen, Dräun sie mit des Zornes Blitzen. Will ein Herz in Freud' erblühen, Auf die ersten zarten Sprossen Schleudern sie mit harten Händen Winterschnee und rauhe Schloßen. Und der Erdensohn, um aller Not ein Übermaß zu schaffen, Schlag um Schlag auf seinesgleichen Schwingt er die verruchten Waffen. O, nicht hungerhagre Wölfe, Die ein krankes Reh gefunden Und sich balgen um die Beute, Reißen sich so tiefe Wunden! – Wäre nicht der Neid der Götter, Menschen könnten glücklich werden; Wäre nicht der Haß der Menschen, O, es wäre schön auf Erden!«   6. »Ehrlos, wehrlos! – All der Wälder, All der Hage, all der Heiden Ist mir nicht so viel gelassen, Einen Stab davon zu schneiden. Ehrlos, wehrlos! – All der Hufen Nicht ein armer schmaler Fetzen, All der Häuser nicht ein Fleckchen, Einen Dreibein drauf zu setzen. Straßen hat die Welt, vier Straßen, Offen seit viel tausend Jahren: Blas' ich eine Federflocke, Wo sie fliegt, da kann ich fahren. Weit, so weit die Wasser rinnen, Rechtlos, friedlos! Leib und Leben Sind dem Schächer wie dem Wolfe, Wie dem Raben preisgegeben. Und die Seele? – Ohne Antwort Muß ich fragen, immer fragen: Wüßt' ich Raum für sie, das andre, O, das andre wollt' ich tragen! Kann sie fliehn zu Walhalls Göttern? Sind sie denn? – Zum Gott der Christen? Ist er denn? – Der müde Kämpfer Ringt in Zweifeln und in Zwisten.«   7. »Keine Götter sitzen droben Auf den grauen Wolkenstühlen, Keine, oder felsenharte, Die nicht Leid, nicht Mitleid fühlen; Keine, oder dumpfe Schläfer, Die auf weichen Polstern gähnen Und, vergessend wie vergessen, Die Jahrtausende verdehnen. Walhall? Morgentraum des Knaben, Beim Erwachen schnell verflogen! Thiatgrim, der alte Friese, Deucht mir fast, hat viel gelogen. – Leb' ich nicht? Und was lebendig In mir wirkt, wo kann es bleiben? Wird es nichtig wie die Hülle, Die es deckt, im Sturme treiben? Ohne Antwort muß ich fragen, Ohne Trost, wohin ich kehre, Und erschrocken starrt das Auge In die Nacht, ins Ewigleere.«   8. »Künste lernt' ich, edler Künste, Hoher Künste lernt' ich sieben, Wie sie übten unsre Väter, Wie sie Nordlandsmänner üben: Runen lesen, Runen ritzen, Und der Harfe Saiten rühren; Schmieden eine zähe Klinge, Und im Streit sie ehrlich führen; Fest auf Rossesrücken haften, Schwimmen durch empörte Sunde Und mit Pfeil und Speer ins Weite Senden sichre Todeswunde. Künste lernt' ich, edler Künste, Hoher Künste lernt' ich sieben; Wenig frommen sie, die eine Schwerste ist mir fremd geblieben: Könnt' ich denken, was ich wollte, Und vergessen, was ich möchte, Heller wären meine Tage, Stiller wären meine Nachte.«   9. »Die beneid' ich, die im Glanze Deutscher Heldenzeit sich sonnten, Die mit Schwertern statt mit Worten Ihre Meinung sagen konnten. Tatlos schlepp' ich meine Tage! O, ich habe Zeit zum Denken, Zeit zum Sinnen und zum Suchen, Zeit genug, mich selbst zu kränken. Und die Mönche, sie umhegen Mich mit rücksichtsvoller Liebe, Mir zur Qual; ich trage leichter Keulenschlag und Klingenhiebe. Irren will ich durch die Lande, Auf den Wassern will ich treiben; Tödlich ist mir dieses Brüten, Und hier kann ich nimmer bleiben.«   10. »Von der Heimaterde scheiden, O, wohl ist es hart und herbe! Muß ich scheiden ohne Hoffnung, Bin ich tot, bevor ich sterbe. Muß ich scheiden ohne Hoffnung, Gleich dem Hirsch auf mürbem Eise, Das im Strom zum Meere flutet, Fahr' ich trostlos auf die Reise. Zwar in weltentlegner Bergschlucht, Wo der Eber suhlt Suhlen , sich in einer Lache wälzen, vorzugsweise vom Schwarzwild gebräuchlich. , der graue, Könnt' ich hausen mit dem Waldschrat Der Schrat , Schretel. Pilosus, Silvanus, Faunus, Satyrus, ein unwirscher und ungeselliger Waldgeist, rauh und zottig, mit zusammengewachsenen Augenbrauen, wohl ein Vetter des Bilwiß. Simrocks D. Myth. 422. , Hehlings, wie der Fuchs im Baue, Wildes Tier mit wilden Tieren; Dann aus Not ein Dieb, ein Schächer, Dann zu Trug und Hohn der Häuptling Ausgestoßener Verbrecher. – Armer Elmar, irre, irre Durch die Wasser, durch die Lande: Findest du kein Grab in Ehren, Such ein Grab dir ohne Schande!«   11. »Winternachts am Hallenfeuer Wußte Wilfried Thorkells Gästen Nordlandssagen zu berichten Von dem Weinland fern im Westen Das Verdienst der ersten Entdeckung des großen Weltkontinents in seinen nördlichen Teilen gebührt den Nordgermanen des zehnten Jahrhunderts. Für den Anachronismus wird um Nachsicht gebeten. – Die kühnen Seefahrer nannten die neue Welt Helluland it mikla, das große Bergland , – Labrador, und Vinland it goda, das gute Weinland – Massachusetts. Sie waren zu arm und standen noch auf einerzu niedrigen Bildungsstufe, als daß ihre Entdeckung eine welthistorische Bedeutung, wie die Wiederauffindung der tropischen Länder Amerikas durch Christoph Columbus, hätte erlangen können. Humboldts Kosmos II. 269. , Das zuerst der rote Erik, Dann Björn Asbrandson gefunden, Als auf reisemüden Kielen Sturm sie trieb von Sund zu Sunden. Traumhaft wunderliche Sagen Von des Waldes Riesenkronen, Von den armen roten Männern, Die in ihrem Schatten wohnen; Von des Dickichts Astgewirre, Blumenschlingen, Laubgewinden, Wo nur mühvoll kluge Jäger, Hirsch und Bär den Wildpfad finden; Von den seltsam bunten Vögeln, Die durch Strauch und Wipfel streifen Oder, eine graue Wolke, Bucht und Klippenhang umschweifen; Von des Bibers Wasserdörfern, Von der Taube Wanderzügen, Von des Büffels Weidegängen Und der Schneegans hohen Flügen; Vom Gelock der Rebenranken, Die um Stamm und Zweige gaukeln, Von den purpurdunkeln Trauben, Die im Sonnenglanz sich schaukeln; Von dem Weizenfeld der Lichtung Zwischen Fluß und Felsenföhren, Lanzenschäfte all die Halme, Goldne Keulen all die Ähren; Von des Urwalds tiefem Schweigen, Wenn die stillen Sternenbälle Glühn und weit verhallt der dumpfe Nachtgesang der Wasserfälle; Wenn der Wildnis fromme Söhne Aus den Hirschhautzelten treten Und gehobnen Haupts zum großen Unbegriffnen Geiste beten. – Fernes Land! In Kinderunschuld, Nicht verwirrt vom Kampf und Kriege Zwischen Göttern, zwischen Menschen, Schläfst du in der Wellenwiege! Ob die graue Wasserwüste Dich in Nacht und Nebel berge, Dennoch find' ich dich; dem Flüchtling Ist die Not ein guter Ferge Ferge , Fährmann; ein uraltes deutsches Wort. Graffs Althochd. Sprachschatz III. 588. . Ausgestoßen von den Meinen, Wilder Wolf im eignen Lande, Seh' ich vor mir Strick und Grube, Hinter mir die Treiberbande. Wertlos ward ich gleich dem Moose, Gleich dem Pilz am Bergeshange, Die das Reh des Waldes achtlos Niedertritt auf seinem Gange; Wertlos gleich dem Fichtenzapfen, Den der Sturm mit Laub und Schorfen, Seines Spielwerks überdrüssig, In den Heidesumpf geworfen. Schönes Land im weiten Westen, Fern und einsam! – Heb die Schwingen, Freier Falk, du heimatloser, Eine Heimat zu erringen! Heb die Schwingen! Schon zu lange Hast du träumend hier gesessen; Fort, meerüber: in der Wildnis Allvergessend, allvergessen!«   12. »Geh' ich einsam durch die Büsche, Sitz' ich einsam in der Zelle, Unablässig mir zur Seite Folgt ein treuer Sprechgeselle. Immer surrt er: ›harre, harre!‹ Immer raunt er: ›bleibe, bleibe; Alles fügt sich, eh' im höchsten Sommer steht die Sonnenscheibe!‹ Und ich harre, weil ich tiefer In mein Suchen mich versenke, Und ich bleibe, – und ich bleibe, Hilda, weil ich dein gedenke.«   13. »Wind, du unsichtbarer Wandrer, Flüchtig ist dein Gang vom Westen, Wenn du in die Tannenwipfel Schreitest aus den Eichenästen; Wenn du schauerst durch die Blätter, Wenn du flüsterst mit den Zweigen, Und, zu lauschen, Halm und Blüte All die klugen Köpfchen neigen. All den Blüten, all den Halmen Lispelst du ein liebes Grüßen Von den Dolden, von den Glocken, Die im blauen Walde sprießen. Wind, du unsichtbarer Wandrer, Rausche nur durch Busch und Hagen; Von der Blume, die ich meine, Hast du mir kein Wort zu sagen.«   14. »Wüßt' ich sie im sichern Hafen, Mit den Stürmen kämpft' ich gerne, Alle Schmerzen wollt' ich dulden, Bliebe jeder Schmerz ihr ferne. Wär' ihr besser, möcht' ich lieber, Daß sie keine Schmerzen trüge, Daß, sooft sie mein gedenket, Banger nicht das Herz ihr schlüge? Daß sie mein nicht mehr gedächte? Herbstes Wort von allen herben! Bittrer Tod: Vergessenwerden Ist noch bitterer als Sterben. Eine Lieb' ist keine Liebe; Daß sie durch zwei Herzen gehe, Ist ihr Recht, und beiden bringe Sehnend Leid und wundes Wehe.«   15. »Greiser Prior, deine Lehren Sind verständig, sehr verständig: Nur erwäge, greiser Prior, Du bist tot und ich lebendig. Deine Lehren, greiser Prior, Wie des Schnees gelinde Flocken Säuseln sie vom frost'gen Himmel Auf des Frühlings Blumenglocken. Alte Menschen, kalte Menschen! Ihre Häupter grauer Winter, Ihre längst verglühten Herzen Längst erstarrte harte Sinter.«   16. »Wunderlich! Ein altes Märchen Deucht es mir, gehört im Traume: Sinnend, einen Kranz im Schoße, Saß sie unterm Apfelbaume. Weiße Blütenblätter streifend Von der Achsel, aus den Locken, Gab sie mir den Gruß zurücke Hold errötend, süß erschrocken. Eines hatt' ich ihr zu sagen; Statt des einen sagt' ich immer, Was ich nicht zu sagen hatte, Was ich hatte, sagt' ich nimmer. Von dem großen grauen Wolfshund, Ihrem treusten Weggesellen, Von der Brut im Nest der Amsel Sprach ich und des Bachs Forellen. Wunderlich! Geschliffne Äxte Sah ich furchtlos auf mich zücken, Und vor einem Mädchen stand ich Zaghaft mit gesenkten Blicken.«   17. »Wollte manchmal stille Hoffnung Sich im Herzen leise regen, Hielt mir eine blasse Idis Strengen Blicks das Kreuz entgegen. Schöne Idis, o ich weiß es, Wo sich unsre Wege scheiden: Lieben könntest du den Sachsen, Den Gebannten, nie den Heiden. Lieben könntest du den Bettler, Doch den Kreuzverächter nimmer; Da sich unsre Wege scheiden, Lebe wohl, leb wohl auf immer!«   18. »Steh' ich vor dem Zauberberge, Süße Klänge rauschen drinnen: ›Komm zu uns, bei uns alleine Magst du Huld und Heil gewinnen! Komm zu uns, schon lange, lange Harren wir des blonden Knaben; Komm, und alles ist dein eigen, Komm, und alles sollst du haben!‹ Eine winkt mir traurig lächelnd, Und mein Herz will zu der einen: ›Ja, ich komme!‹ – möcht' ich rufen; ›Nein, ich kann nicht!‹ – muß ich weinen. Steh' ich vor dem Zauberberge, Süße Klänge hör' ich rauschen: Fort, o fort! – Doch wie gefesselt Muß ich stehn und lauschen, lauschen.«   19. »Deiner Worte, greiser Prior, Auch nicht eines ging verloren, Klagst du gleich, der träge Schüler Lausche dir nur mit den Ohren. Jedes hab' ich wohl verstanden Und erwogen tief im Herzen: Greiser Prior, statt des Trostes Brachtest du mir Not und Schmerzen; Statt des Glaubens bange Zweifel, Statt der Ruhe irres Schwanken; Immer jagend, immer fragend, Schweifen unstet die Gedanken; Gleichwie sturmgetriebne Tauben, Fern den heimatlichen Buchen, Zwischen See und Himmel flattern Und umsonst ein Eiland suchen. Pfadlos sind die blauen Lüfte, Ratlos bin ich selbst und müde; Was ich suche, was ich sehne, Ist nicht Glück, nur Friede, Friede!«   20. »Welch unsel'ge Zeit! Der Fremdling Herr im Land, gehöhnt die Treue, Krank das Recht, der alte Glaube Tot, und rätselhaft der neue. Wär' ich grau, verschmerzen könnt' ich Alle Mühsal, die gewesen, Und im Sterben von des Lebens Langem Siechtum bald genesen. Jugend heischt und hofft; verloren War mein Dringen und mein Werben! Frommt es nicht, der Welt zu leben, Tut es not, der Welt zu sterben. Glücklich, wer von ihr geschieden Eine Siedelei sich baute Und vom Gartenfleck am Walde Neidlos in das Wirrsal schaute; Oder, wenn der Geist ihn triebe, In der Klosterzelle säße Und, ins Ewige versunken, Zeit und Erdenleid vergäße!«   21. »›Nicht ein Sperling fällt vom Dache, Nicht ein Haar von deinem Haupte Außer Gott und Gottes Willen!‹ Guter Prior, wer das glaubte! Und du sprachst: Sein starker Wille Führte mich in tiefes Schweigen Aus der Welt, um mir die rechte Straße in die Welt zu zeigen; Und du sprachst, daß auch das Üble Dem zum Heil gereichen müßte, Der es Gott zuliebe trüge: – Guter Prior, wer das wüßte! Ebb' und Flut in meinem Kopfe: Soll sich stillen all das Streiten, Guter Prior, manches Rätsel Hast du mir noch auszudeuten!«   22. »Auch die Feinde soll ich lieben? Pater Prior, welch Verlangen! Schlägt mich wer, ich soll gelassen Ihm erbieten beide Wangen? Harter Mönch, du lehrst und forderst Hundert Pflichten, schwer zu üben, Doch die übermenschlich schwerste Dünkt mich, seinen Feind zu lieben. Und ihr tut es; ich erfuhr es An mir selbst! – Nun schweig, du Spötter, Wodanspriester; diese Menschen Können mehr als unsre Götter!«   23. »Schwank' ich zwischen Gott und Göttern, An die Menschheit, die ich haßte, Glaub' ich nun: ein Gottesodem Lebt und wirkt im Erdengaste. War's durch fromme Kraft des Guten, War's durch dunkle Macht des Bösen, Daß nach mondelangem Ringen Ich von schwerer Sucht genesen? Alte Drude, stammt dein Werben Aus des Abgrunds Finsternissen? Dein Beschwören ist dein Suchen, Und dein Zauber ist dein Wissen. Deine Blumen, deine Kräuter Sprießen froh am Licht der Sonnen, Und mit reinen Händen schöpfst du Aus des Bergs kristallnem Bronnen; Und mit reinen Händen boten Gute Menschen mir den Becher, Christ dem Heiden, biedre Mönche Dem geächteten Verbrecher. – Wunder gibt es, deren Wirken Nie zu Ende wird geschrieben: Menschengeist mit seinem Forschen, Menschenherz mit seinem Lieben.«   24. »Oft erscheinen mir Gestalten, Wie ich sie geträumt im Fieber. Ja, so war es: eine Jungfrau Saß mir schweigend gegenüber; Schwarz ihr Kleid, ein Kreuz am Busen, Weiß ihr Mieder; reinste Güte In den Blicken, auf den Wangen Lilienschnee und Rosenblüte: Caritas, ein Christenmädchen, Immer liebreich, immer huldig, Immerdar getrosten Mutes Dienstbeflissen und geduldig. Also sah ich sie, die Fromme, Ob sie sanft sich um mich mühte Oder, tief gesenkt die Stirne, Betend vor dem Lager kniete. – Caritas, wie schufst du herben Widerstreit mir im Gemüte! Zwingt die Macht der Menschen Nacken, Menschenherzen zwingt die Güte. Vor dem starken Gott der Christen, Vor der Milde seiner Lehren Beugt' ich mich, wenn nicht verhaßte Franken die Verkünder waren.«   25. »Wie, wenn, statt besiegt zu werden, Wir die Franken übermochten, Hatten wir nicht unsre Götter Aufgedrängt den Unterjochten? Hätten wir die guten Mönche Nicht verlacht als eitle Schwätzer? Denn die Wahrheit hat der Sieger, Der Besiegte ist ein Ketzer. – ›Was ist Wahrheit?‹ rief der Römer Spöttisch in der Christensage; Ohne Antwort in die Wolken Schreit der Welt uralte Frage. – ›Soll ein Menschenauge schauen, Muß der Himmel sich erschließen Und ein Abglanz seines Lichtes In das dunkle Herz sich gießen!‹ Also sprachst du, weiser Prior! – Beten soll ich? Wird es frommen? Wenn ich bete, wird im Beten Mir die Offenbarung kommen?« XX. Zwei Frauen               Dämmernacht! Durch Busch und Wipfel Ging ein ahnungsvolles Weben Wie ein Traum von Lenz und Liebe, Finkenschlag und Blütenleben. Vor dem Grottentor der Drude Sproß der Farn aus fahler Hülle Halb entrollt; der Brunnen raunte Leis im Moos, sonst tiefe Stille. Nächst dem Brunnen saß ein Mädchen, Auf den Knien verschränkt die Hände, Müd und blaß. – »Wie schaurig einsam Dünkt mich heut das Berggelände! Horch, ein Ruf, wie aus den Lüften, Fern und hohl! – Es ist der Reiher, Der allnächtlich von der Nethe Nordwärts zieht zum Heideweiher. Finster steht der Wald; gespenstig Recken sich die schwarzen Stämme, Wüst Getier; die Wurzelknorren Sträuben drachengleich die Kämme. Naht es nicht von da und dorten? Wolfsgeheul und Wetterbrausen Schreckt mich nicht, doch dieses Schweigens Dumpfes Brüten macht mir Grausen. Arme Hilde! – Offne Wege Ging ich sonst am lichten Tage: Heimlich und auf Schächersteigen Kriech' ich jetzt im nächt'gen Hage. Sonst, mit Sonnenschein im Herzen, Wollt' ich immer, was ich mußte, Stets getrost, weil auf dem Pfade Meiner Pflicht ich stets mich wußte; Jetzt, von Not und Qual getrieben, Folg' ich einem dunkeln Drange; Eine such' ich, die ich fürchte, Die mich haßt, erwart' ich bange. Ob sie kommt die düstre Waldfrau? Zwiefach ängstigt meine Seele Zage Scheu, daß ich sie finde, Sorge, daß ich sie verfehle. Wenn sie kommt, was soll ich sprechen? Wenn sie sprach, was kann sie denken? Wird sie nicht mit rauher Rede Schadenfroh die Kranke kränken? Wird sie nicht die Fremde bannen Und dem Christenmädchen fluchen?« – »Nein, sie heißt dich gern willkommen«, Sprach es seitwärts in den Buchen. »Nein, mit Schmach und herben Worten Wird sie dich nicht überschütten: Jung und alt, seit hundert Wintern Hat sie mehr als du gelitten. Männerstreit gehört den Männern, Recht der Götter ist die Rache; Vieles lernt' ich und das eine, Duldersinn sei Frauensache. Komm, ich sitze zu dir nieder! Was dich drängte, mich zu fragen, Ward mir kund; ein wilder Vogel Hat es heut mir zugetragen.« – Drauf die Jungfrau mit Erröten: »Weise Frau, du bist so linde, Und du redest weiche Worte Wie die Mutter mit dem Kinde. Was mich quält – um meinetwillen Hat ihn alles Weh betroffen! – Muß ich trauern um den Toten, Oder darf er Heimkehr hoffen? Hätt' ich eine Mutter – einsam Bin ich, und wem kann ich's klagen? Weinen muß ich –« Sprach die Drude: »Kind, ich will dir alles sagen! Den du meinst, wiewohl genesen, Krank verweilt er bei den Stillen, Frei der Fesseln, weil gefesselt Nur durch Wahl und eignen Willen; Fern den Seinen, niemals ferner, Nahe dir und niemals näher: In der Menschenbrust zu lesen, Braucht es keiner Zukunftsspäher. Ob nicht dir, doch einem andern Senden werd' ich meinen Boten; Liebe zürnt und – liebt; ich denke Wort zu halten einer Toten. Wenn der Ginster blüht am Raine, Wenn die Rose glüht im Garten, Wird ein Frankenmädchen lächeln, Doch in Tränen. – Kannst du warten? Wüßt' ich mehr, ich sagt' es gerne; All dein Leid, dein stummes Flehen Rührt mich tief; nur Frauenherzen Können Frauenharm verstehen. – Sterne steigen, Sterne sinken: Unsre sind im Niedergange. – Brach der Wolf die Zauberkette, Stieg ans Land die Meeresschlange? Wenn die Götterdämmerung, das Weltende, herannaht, erzählt die Wöluspa, heult der gefesselte Fenriswolf , ein furchtbares Ungeheuer; er zerreißt seine Kette und wütet durch die Welt. Das Meer gärt auf, und ans Land steigt die gespenstige Midgardsschlange , so groß, daß sie die ganze Erde umspannt. Die Riesen, die alten Feinde der Götter, rüsten sich zum Kampfe. Muspels feurige Söhne, von ihrem Könige Surtur, dem Allverbrenner, geführt, reiten vom Süden heran. Jetzt eilen die Götter und die Helden Walhalls ihren Widersachern entgegen auf das unermeßliche Wigridfeld , vorauf Wodan mit seinem Goldhelm, dann Donar und die anderen hohen Asen. Wodan ringt gegen den Wolf lange und heftig, bis er von ihm verschlungen wird, Donar gegen die Schlange. Zwar erschlägt er sie mit seinem Hammer, doch neun Fuß von ihr entfernt stürzt er tot nieder von dem Gifte, das sie wider ihn gespien. Alle Götter fallen im Kampf, Surtur schleudert Feuer umher und verbrennt die Welt. Die Sonne wird schwarz, die Sterne sinken vom Himmel, die Erde vergeht im Meer, und die Zeiten sind zu Ende. »Da geht der Herr, der alles beherrscht, mit Macht aus den Wohnungen von oben hervor, um göttliche Urteile zu fällen und seine Sprüche auszusprechen; er endigt allen Streit und setzt fest eine heilige Schickung, die immerdar dauern wird.« Und aus den Wellen taucht in ihrer Grüne eine neue Erde empor; die Sonne hat eine neue Tochter geboren, die in der Bahn der Mutter wandelt. Zwei Menschen, Mann und Weib, haben sich aus den Flammen gerettet. Sie nähren sich von Morgentau, und von ihnen stammt ein neues Geschlecht. – Die Asen aber werden wiedergeboren, sie sammeln sich auf Idas Ebene und erinnern sich der großen Beschlüsse aus der Vorzeit und der alten göttlichen Runen. Auch die wunderbaren goldenen Gesetztafeln werden wiedergefunden, welche die Götter im Zeitenanfang verloren hatten. So wohnten Götter und Menschen zusammen, freudig durch alle Alter, und es sind die Übel verbannt aus der Welt, und gebrochen ist die Macht des Bösen auf Erden. Alkuna von Legis 146. Hat der Kampf im Wigridfelde, Den die Wala singt, begonnen? Stille Jungfrau'n, ihr nur wißt es, Die ihr sitzt am Zeitenbronnen. Öde war es längst, noch öder Wird es hier im hohlen Steine, Eh die Rose glüht im Garten. Eh der Ginster blüht am Raine. Einsam machen Not und Alter, Guttat mehr noch als die beiden; Dank ist Last: der träge Schuldner Liebt, den Gläubiger zu meiden. Einsam ward ich! Übel passen Reiseschuh' zu grauen Haaren: Dennoch mit dem einzig Treuen, Meinem Hunde, muß ich fahren. Jede Gunst, sogar die letzte, Bleibt nach Mühsal und Beschwerde Mit versagt, die allerärmste: Schlaf im Schoß der Heimaterde. Weine nicht! – Du magst ihn grüßen, Den du meinst; mit nassen Locken Wird er dir entgegentreten: Meine Zöpfe bleiben trocken! – Komm, ich führe dich; der Wildbach Sperrt den Weg mit Block und Schrunde, Und die Augen meiner Wächter Seh' ich glühn im finstern Grunde.« XXI. Abt Warin                   Im Konvent zu Dreizehnlinden Saß der Abt in stiller Zelle, Blätter auf dem Eichentische, Rollen auf dem Buchgestelle. Emsig schrieb er Zahl zu Zahlen, Manche Reihe frommer Spenden, Zugewandt dem Gotteshause Nah und fern von milden Händen: »Brunicho von sieben Hufen In der Mark zu Wulfhardseichen Jährlich vierzehn Scheffel Roggen; Digg von Düsterloh desgleichen. Merke wohl, die Bringer werden Gut in Brot und Bier gehalten An der Herdstatt, doch der Rosse Hat ein jeder selbst zu walten. Ferner: Fridemar von Rohrbeck Pfingsten dreizehn Pfund Forellen; Item einen Korb voll Binsen Zum Bestreun der Klosterzellen. Guntram von zweihundert Jochen Auf dem Brink zur scharfen Ecke Petritag sechs Malter Gerste; Ado fährt und leiht die Säcke. Dann vom Hof zu Aldanthorpe Asmar jährlich zwölf Denare, Eine Tonne Salz und einen Feisten Hirsch im andern Jahre; Item einen Lederhandschuh In den zwölf geweihten Nächten Für den Abbas; wechselweise Einen linken, einen rechten. Weiter: Sigiburg, die Witib, Statt des Zinses von dem Viehe Thomä einen Weizenkuchen, Der ihr reicht vom Fuß zum Knie. Ansfried für den Neubruchzehnten Zu Sankt Veit drei fette Schafe; Meginhard, der Schmied, ist Zeuge; Bei Versäumnis eins als Strafe. Hathugrim vom Donnerberge Einen Hahn und dreizehn Hühner Für die Ruhe seines Vaters Markulf, der ein Götzendiener. Dodiko vom Eberbronnen Einen Pelz von Lämmerfellen Jedes neunte Jahr; daneben Grauer Leinwand zwanzig Ellen; Item neunzehn Bogenschützen Für die Not, und einen Reiter. Ferner: – doch genug! Ich schreibe Morgen das Registrum weiter.« – Im Konvent zu Dreizehnlinden Saß der Abt in stiller Zelle; O wie klang vom Lindenaste Heut der Drosselschlag so helle! Denn der Winter war vergangen, Wilder Wald und Garten blühte; O wie sang dem alten Manne Heut die Drossel ins Gemüte! Hoffnung? Ihre Laubgewinde, Träumerische Blumenglocken, Flattern nicht um graue Scheitel, Gaukeln nur um blonde Locken. Hoffnung nicht! Der Vielgetäuschte Lernt' Entsagung mit den Jahren, Doch es blieb ihm ein Erinnern An die Frühlinge, die waren. O, ein freudiges Erinnern An der Jugend heitre Lenze Weit im Süd, und all die reichen Speererrungnen Siegeskränze. Einst, – am Ebro war's; – wie Geier Schwärmten rings die Mohrenmänner; Ruhig, wie aus Erz gegossen, Hielt die Schar der Kreuzbekenner. Zweikampf heischend schwang der Emir Hoch den Stahl im Feuerkreise Und – da pocht es; sich verneigend Stand der Sachse vor dem Greise. »Würd'ger Abt, die Lerche schmettert, Flur und Hain begann zu sprießen: Scheiden muß ich; Eures Brotes Darf ich länger nicht genießen. Was ihr Holdes an mir tatet, Lohn' euch euer Herz und jener, Der den Sohn des Hauptmanns heilte, Euer Gott, der Nazarener. Gunst und Güte zu vergelten, Wie geläng' es einem Gaste, Arm wie ich, arm wie die Krähe Auf dem winterkahlen Aste! Nehmt denn, was mir blieb, des Mundes Kargen Dank statt jedes andern; Eins noch; Euer Tun, ich hätt' es Euch getan; – nun laßt mich wandern! Fahren muß ich fremde Straßen, Sorgenvoll auf dunkler Reise, Ob ein Gott durch Traum und Angang Bei ernsterem Unternehmen mahnte der Aberglaube, auf glückliche oder unglückliche Vorzeichen zu achten. Zu diesen gehörte neben dem Traum auch der Angang , das erste Begegnen. Jeder Tag hatte seinen Angang. Von günstiger Bedeutung waren junge Mädchen, Krieger, Wolf, Bär, Hirsch , Rabe usw.; von ungünstiger alte Frauen, Krüppel, Hase, Krähe, Kiebitz u. a. Grimms D. Myth. 1072. Simrocks D. Myth. 163. 510. Mir den Pfad im Irrsal weise.« Und dem Abt die Rechte bietend, Weint' er laut, zum ersten Male Seit er an dem Sarg der Mutter Einsam stand im öden Saale. Doch der Abt, mit beiden Händen Hielt er ihn: »Wie hast du Eile! Straßen gibt es, hundert Straßen, Und nur eine führt zum Heile. Sprich, wohin?« – »Ich weiß im Norden Einen Mann, im Land der Friesen, Der in ernsten hohen Dingen Einst den Knaben unterwiesen. Fragen will ich –« »Frag den Blinden Nach des Weges Richt' und Krümme! Elmar, frag dich selber: redet Dir im Herzen keine Stimme?« – »O, ich dachte –« »O, du dachtest, O, du suchtest mit der Binde! Jugend meint, und ihre Meinung Ist wie Dünensand im Winde. Deiner Wünsche stetes Wechseln, Deiner Sorge ew'ges Schwanken, All dein Hoffen und Verzweifeln, Elmar, nennst du das Gedanken? Was du willst, das willst du nimmer, Was du fliehst, begehrst du eben; Tief, wie eine Todeswunde, Geht ein Zwiespalt durch dein Leben. Hülf' es, dich auf Hof und Hufe, Wie du warst, zurückzuführen? Du verlörest im Gewinnen, Noch gewännst du im Verlieren. Was dich kränkt und heilt, ich weiß es Besser als der Mann im Norden: Elmar, sei ein Christ! Im Geiste Bist du längst ein Christ geworden.« »Ich ein Christ?« – »Seit Sorg' und Kummer Deine düstern Schlafgenossen! Elmar, wer da sucht, der findet, Wer da klopft, dem wird erschlossen. Arme Menschen, hin und wieder Tun sie recht im besten Falle; Reicher Gott, in ew'ger Liebe Hält und hegt er dich und alle. Rief er dich? Wie oft! – Sein Rufen Übertäubten Wind und Welle; Endlich kam er selbst, er selber Führte dich zur Klosterzelle. Wund und siech! Die Wunde heilte, Und vom Siechtum fast genesen, Zweifelst du, weil du so lange, Allzulange siech gewesen.« – Sprachlos stand der junge Sachse, Starr sein Blick und schlaff die Glieder; Plötzlich, wie vom Blitz getroffen, Vor dem Greise sank er nieder. Jammer in den nassen Augen Lag er flehend auf den Knien, Und die Hände faltend, sprach er: »Segne mich – und laß mich fliehen!« »Sei gesegnet, wilder Knabe, Doch du darfst nicht von uns scheiden! Komm, wir gehn zum Pater Prior, Er ist klug und rät uns beiden; Klug und fromm; die Bücher alle Sind ihm kund; von einem Helden, Der geritten nach Damaskus, Wird er Sturz und Sieg dir melden.« XXII. Im Klosterchor                   Hell im Chor der Klosterkirche Flammten weiße Opferkerzen: Heller brannten, heißer glühten Opferfrohe Menschenherzen. Auf dem Altar frische Sträuße: Heiliger und reiner blühte Ros' und Lilie in der Beter Stillandächtigem Gemüte. Elmar kniete vor den Staffeln Im Gewand von weißem Linnen, Sanft gebückt, geschloßnen Auges, Wie versenkt in sel'ges Sinnen; Auf dem Antlitz Fried' und Freude, Zartes Rot auf Kinn und Wangen, Gleich als sei ein heil'ges Feuer Warm im Herzen aufgegangen. Und ein Strahl der Frühlingssonne Glitt hinein mit goldnem Glanze Und umwob des Jünglings Locken Wie mit einem Glorienkranze. Denn er siegte, und soeben, Von des Abtes Hand ergossen, Hatte das geweihte Wasser Gnadenreich sein Haupt umflossen, Dank dem Prior, der dem Ringer Erst ein Helfer war und Rater, Jetzt des Überwinders Zeuge, Jetzt im Geist sein zweiter Vater. Beide knieten ihm zur Seite, Markward und Warin, die Greise; Dankgebete, Segenswünsche Flüsterten die Lippen leise. Rechts und links die frommen Mönche Auf den dunkeln Eichenbänken In Betrachtung; mancher mochte Eigner Kämpfe still gedenken. Sigeward, dem Sänger, tropften In den Bart viel heiße Zähren, Und der gute Beda konnte Kaum des Schluchzens sich erwehren. Langes Schweigen; und ins Fenster Nickten Blatt und Blütenflocken, Und die warmen Sonnenlichter Spielten um des Jünglings Locken; Und die Sträuße auf dem Altar Hauchten ihre Opferdüfte; Und der Andacht Blumenkelche Strebten in die Himmelslüfte; Und die Weserwelle rauschte, Und ein Bussard rief vom Walde Einsam über Tannenwipfeln: »Junger Weidmann, kommst du balde?« Und der Fink im Garten lockte: »O wie ist die Welt so sonnig, Und das Wiegen und das Fliegen In der Luft, wie ist es wonnig!« Lockt und ladet nur, ihr Rufer, Wiegt euch nur, ihr Lüfteschwimmer: Den ihr meint, er will nicht kommen, Den ihr ruft, er hört euch nimmer. – Dann, sich mühevoll erhebend, Sprach der Abt von Dreizehnlinden: »Selig sind, die Leid getragen, Denn sie werden Tröstung finden! Sei willkommen! – Elmar, endlich Stehst du an den Altarstufen Deines Gottes, der durch Schmerzen Längst dich liebevoll gerufen. Wohl durch Schmerzen! Eines Neidings Arge List, Verrat der Feigen, Bann und Schmach und schweres Siechtum Mochten tief das Haupt dir beugen. Und du kamst! – Um Gut und Ehre? Kamst, um Eine zu gewinnen, Die du seit der Kindheit Tagen Heimlich trugst in treuen Sinnen? O du kamst, um deiner Seele Eine Ruhstatt zu erringen, Die du fandest; dem Aufricht'gen Läßt es Gott der Herr gelingen. Fandest du durch Lehr' und Leitung, Du aus dir des Heiles Pfade? Durch Gebet für dich? – Das alles Frommt, doch rettet Gottes Gnade. Ihm der Dank, und aufwärts richte Deine Augen mit Vertrauen: Selig sind, die reinen Herzens, Denn sie werden Gott anschauen!« Elmar sprach: »Das neue Leben Ging mir auf, das vielersehnte: Der Verstürmte kam zum Hafen, Als er zu versinken wähnte. Was er zu erjagen suchte, Ruhelos in schweren Stunden, Ruhelos in Haß und Fehde, Hat er endlich hier gefunden. Den Vergeßnen, Hoffnungslosen, Duldet ihn, ihr guten Väter, Heißt er auch ein vogelfreier Landesflüchtiger Verräter! Duldet ihn, er dient euch gerne, Und, so ihr ihn wert erachtet, Prüft und nehmt in eure Mitte Einen, der nach Einkehr schmachtet; Denn er hat nach Wahn und Wirrsal Viel zu danken, viel zu sehnen; All die Schuld bezahlt' er nimmer, Dürft' er alt sein Leben dienen.« Sprach der Prior: »Du mußt harren: Gott wird raten; sei nur stille! Kennst du dich? In jungen Herzen Frühlingsschnee ist Wunsch und Wille. Jedem taugt es nicht, gesondert Vom Gewühl der Welt, der argen, Stumm in öder Klosterzelle Sich lebendig einzusargen. Dienen? Wohl! Zum Dienst bedarf es Hier der Beter, dort der Streiter; Weißt du, was du sollst? Die Gnade, Die dich führte, führt dich weiter. Harre nur!« – Des Jünglings Auge Sank, es glühten Stirn und Wangen; Pater Ivo seufzte leise, Und die schwarzen Mönche sangen: »Auf der Heid' ein Wolkenschatten Fährt dahin das Menschenleben: Zittert! In des Lebens Mitte Sind vom Tode wir umgeben. Und der Tod, der grimme Schütze, Hehlings ohne Köcherklirren Tritt er an, und unaufhaltsam Pfeil auf Pfeile läßt er schwirren, Bleicher Jäger; was da atmet, Königsleute, Bettelleute, Alle Riesen, alle Krüppel, Alle sind sie seine Beute. Und er bläst sein Horn; so traurig Ist der Hall, so seltsam eigen: All die Krüppel, all die Riesen, Alles Fleisch muß an den Reigen. Und er bläst sein Horn, und alle Müssen an den Tanz sie treten, Ob sie lachen oder weinen, Ob sie fluchen oder beten. Niederwärts! Die Linnen flattern; Niederwärts! Geschrei und Klage; Denn das große Buch liegt offen, Und der Richter hält die Waage. – Alleluja! Wohl dem Tapfern, Der gerungen nach Erkenntnis Und, ob hart geprüft, doch siegreich Drang zu seines Heils Verständnis. Alleluja! Wohl dem Waller, Der bergan mit wundem Fuße Schritt in Tränen, nicht des Schmerzes, Nein, in Tränen bittrer Buße; Der im Kampf mit rauhern Feinden, Als mit Schwertern dräun, geworben, Der bezwungen Gier und Gären Und, bevor er starb, gestorben. – Zittert! In des Lebens Mitte Sind vom Tode wir umgeben: Auf der Heid' ein Wolkenschatten Fährt dahin das Menschenleben!« XXIII. Die wilde Katze 1.                 Auf dem Hof zu Bodinkthorpe Ward gemauert und gezimmert; Einsam an der breiten Linde Saß der Graf gebeugt, bekümmert. Und der Frühlingsgruß der Schwalbe Klang wie vorwurfsvolle Klage: Übel hast du, Wirt, erwogen, Was ich riet am Scheidetage. Und ich kann nicht bei dir bleiben; Was ich riet, erwogst du übel: Sieh, dein Haus ist wüst geworden, Und gesunken ist dein Giebel. Gastlich war mir diese Stelle, Und ich traure, wenn ich wandre; Ist mir leid, du alter Droste, Ist mir leid um dich und andre. Baue nur; nicht dir! – Dich selber Schlugest du mit hartem Schlage: Übel hast du, Wirt, erwogen, Was ich riet am Scheidetage.« – Gramvoll horchend saß der Alte, Immer bleicher, immer trüber; Unversehens stand der braune Schmiedebub' ihm gegenüber. Schalkhaft lächelnd, wie verlegen, Zupft' er bald am Gurtgebinde, Bald am Wams und zog und bog sich Wie ein Birkenreis im Winde. Rief der Graf: »Was willst du, Knabe?« »Euretwegen sozusagen Kam ich hier, doch war's nicht nötig, Mich so barsch und laut zu fragen. Ohnehin vor großen Herren Fällt mir schwer die rechte Rede, Denn ich bin ein armer Junge Von Natur – und etwas blöde. Schwarzer Graf und wilde Katze Nennt uns zwei die Lästerzunge, Seid Ihr gleich von grauen Haaren, Und ich bin ein armer Junge; Eggi, Herr, bei Fulk, dem Schmiede, – Harter Dienst und schmales Futter, – Eine Waise, will bedeuten Vaterlos und ohne Mutter. Und von wo? Die Bernsteinküste Kennt Ihr ja; sie liegt am Meere; Und das Edelglas, dort wächst es Wild wie hier die Heidelbeere. Montag war's; ein fremder Jude Kaufte mich, mich zu verkaufen; Und am Dienstag in der Frühe Bin ich ihm davongelaufen.« »Bub', du lügst!« – »Ich glaub' es selber. Logt Ihr nie? Könnt Ihr's beeiden? Unschwer ist es klugem Manne, Schimpf Schimpf , hier in der eigentlichen Bedeutung Scherz; häufig bei Hans Sachs. und Ernst zu unterscheiden.« Drauf der Graf: »Mit schalen Witzen Magst du andre lustig machen; Geh, ich bin nicht in der Laune, Deine Possen zu belachen!« »Possen? Ei! Nicht in der Laune? Künden wollt' ich, wie ich pflege, Wahrheit; doch Ihr lauscht der Lüge, Ihr, der Graf; – so denkt, ich löge. Was ich Euch zu melden habe, Ist ein Märlein ernst und heiter: Von dem Herrn vom Habichtshofe, Seinen Gänsen – und so weiter. Fahrt nicht auf! Ich bin gekommen Sozusagen Euretwillen; Eigentlich um eine andre, Die sich grämt und härmt im stillen; Eine, die vergeht und lächelt, Wund zum Tod und krank zum Sterben: Auch ein Winterwams kann reichen, Armer Leute Gunst zu werben. Schwarzer Graf –« »Verwegner Kobold, Bist du toll? Du magst dich scheren!« »Wenn ich spreche, Euer Gnaden Täten gut, mich anzuhören, Daß es, wie es ging, nicht gehe, Als Ihr hörtet und nicht hörtet Und durch Hören und Nichthören Recht in Unrecht arg verkehrtet. Denn ich spreche von dem Falken, Den ein Neiding falsch bezichtet, Den Feiglinge falsch verlassen Und ein Schwächling falsch gerichtet. Gärt Ihr auf? – Mir ist nicht bange, Mögt Ihr gleich die Augen rollen: Ich, im Land der ärmste Bube, Weiß, was alle wissen sollen. Falsch gerichtet! Hat der Falke Euch geschwelt aus Eurem Saale? Pfui, o pfui, Herr Graf: so Niedres Konnte Grimbart nur, der kahle! Und ich sah's mit meinen Augen, Denn, begreiflich, hier und dorten Hab' ich vielerlei Geschäfte Tag und Nacht an vielen Orten. Fragt den Alten! Auf den Binsen Keicht er sterbend; er ist mürbe: Schade wär's für euren Himmel, Wenn er sonder Beichte stürbe! Fragt ihn selber: kleine Zeugen Brauchen, wenn sie Unbill rügen, Einen Zeugen, doch den großen Glaubt Ihr gern, auch wenn sie lügen; Lügen wie der Königsbote, Als er log, ihn hab' im Berge Meuchlings angerannt der Falke, Was er jenem tat, der Scherge. Und ich sah's! Und fragt den Kahlen, Fragt ihn, wer ihn angestiftet, Saft und Salbe zu bereiten, Die ein Mordgeschoß vergiftet. Was ich sah, die wilde Katze Sah es auch; wir sahn es beide: Morgen wird's im Gau gesungen, Euch zum Lob' und Rab zum Leide. Denn ich hab' ein saubres Liedlein Drauf gesetzt zu Euern Ehren Und im Kehrreim einen Kuckuck Angebracht, ist fein zu hören. – Sonderbar, auch um sein Beten Banntet Ihr den frevlen Sachsen: Recht; in Euerm Glaubensgarten Darf kein heidnisch Unkraut wachsen! Wollt Ihr reuten, gründlich reuten, Mäht wie auf den Allerwiesen: Halbe Heiden, ganze Heiden Sind sie, bis auf den und diesen; Bis auf mich und andre Fromme, Ob sie gleich ihr Kreuzlein schlagen, Ob sie gleich zur Klosterküche Mit Geknirsch ihr Zinshuhn tragen. – Und der Falk? Es wird Euch freuen, Endlich wird er klug durch Schaden: Im Konvent zu Dreizehnlinden Ließ er sich den Scheitel baden.« Drauf der Graf: »Dir sollt ich glauben, Dir, du unverschämter Range? Wenn du wußtest, was du schwatzest, Warum schwiegst du denn so lange?« Sprach der Braune: »Dumme Bracken Klaffen stets mit viel Gebelle, Stets zur Unzeit; ein gescheiter Wird nur laut an rechter Stelle. Überdies ist jemand klüger, Als wir beide je gewesen, Und versteht, vom Runenstabe Tag und Tagewerk zu lesen. Plaudern sollt' ich? Wem zuliebe? Euch? Wofür? Dem Junker? Freilich, Für die ungeheuren Prügel, Die er, – o es war abscheulich! Hört! Nichts Gutes auszurichten, Streift' ich einmal in den Gründen, Und vom Habichtshof die Gänse, Mir zum Unheil, mußt' ich finden. Einzeln hascht' ich sie am Zaune, Und mit losem Knabenwitze Klemmt' ich ihnen fingerlange Stäbchen in die Schnabelspitze. Herr, vergnüglich war's zu sehen, Wie sie schief die Köpfe hielten, Aufwärts mit dem einen Auge, Abwärts mit dem andern schielten. Und ich lachte, doch nicht lange; Elmar kam, und Zorn im Blicke Fuhr er jählings mit der harten Eisenfaust mir ins Genicke. Schütz' Euch Gott vor seinen Augen, Schütz' Euch Gott vor seiner Tatze! Nicht gestreichelt, nein, gestrichen Hat er da mich arme Katze. Dumme Streiche, Rutenstreiche Mögen sich zusammen schicken; Solche gab es nicht, solang es Birken gab und Bubenrücken! Herr, solange Stöcke wuchsen, Gab es niemals solche Hiebe; Weiß nicht, ob sie Gutes stiften, Doch sie stiften keine Liebe. Traf ich wo den grimmen Häscher Auf der Flur, im Waldgehege, – Jedermann hat seine Gänge, – Glitt ich sacht ihm aus dem Wege. Und ich hass' ihn noch; zur Strafe Mög' er, was er trägt, ertragen: Sprach ich heute, war es einzig Euretwillen sozusagen.« Drauf der Graf mit heisrer Stimme: »Dein Gespinst von Trug und Tücken Ist zu grob; hab acht, es gibt noch Birkenholz für Bubenrücken!« Schrie der Knabe: »Das die Antwort? Das? Dann Schmach auf Eure Glatze, Feiler Richter! Hört, ich sag' es, Hört, sie sagt's, die wilde Katze!« Keichend rief der Greis: »Du Natter, Schweig und heb dich um die Ecke, Sonst, bei Gott, mit meinem Fuße Schleudr' ich dich in jene Blöcke!« »Schleudern? Schleudert doch! Ein Klößlein Erde klebt an Eurer Zehe, Nein, ein Kloß, der Euch zum Halse Wächst, derweil ich ihn besehe; Euch zur Kehle! Viele Tage Habt Ihr nicht, um zu besorgen, Was Ihr müßt; gedenkt des Falken Heute noch und helft ihm morgen! Guter Rat ist manchmal teuer, Meinen sollt Ihr billig haben: Bringt der Dame Hildegunde Diesen Strauß – und laßt mich traben! Knospen nur; sie wird verstehen, Was sie wollen, was ich meine, Wenn die Rose glüht im Garten, Wenn der Ginster blüht am Raine.« Über Zimmerholz und Planken Schwang er sich mit leichtem Satze Lachend in den Wald; im Walde Dreimal schrie die wilde Katze.   2. Am Kamin des Eschenburgers Saßen zwei, die düster schwiegen; Auf dem Steingesimse dampfte Ingwermet in blauen Krügen. Rab, der alte, schob mit Eifer Buchenblöcke in die Brände, Denn die Morgenfrische hauchte Schneidig kalt durchs Berggelände. Und der Graf, der Bodinkthorper, Wischte fleißig Wang' und Auge: Trieb ihm nur der scharfe Frühritt Ins Gesicht so herbe Lauge? Also eine finstre Weile Tränentrocknen, Scheiterschieben, Und das Feuer sang und zischte, Und der Met war stehngeblieben. Endlich griff der Eschenburger Einen ungeheuren Kloben, Warf ihn grimmig in die Gluten, Daß zum Dach die Funken stoben. »Greuel!« rief er; »ein Verbrechen Ward verübt von Rechtes wegen!« – »Sagt: ein Irrtum, schwerer Irrtum!« Sprach der andre dumpf dagegen. Wieder Stille, lange Stille, Und die Kohlen knirrten leise; Zornig dieser, traurig jener, Stierten in die Glut die Greise, Bis der edle Eschenburger Hastig sprang vom Eichenstuhle: »Irrtum, sagt Ihr? – Teufelstücke, Ausgedacht am Höllenpfuhle Und vollführt von einem Schurken, Gott sei Lob, von einem Franken, Eurem Gast, der Euch so niedrig Hielt, dem Wirt mit Schmach zu danken! Irrtum? – Mißverstandne Wahrheit, Menschlich Fehlen lass' ich gelten: Daß so offenbare Lüge Ihr verkannt, das muß ich schelten. Bei Frau Harkes Frau Harke , ein in manchen niedersächsischen Gegenden gefürchtetes, göttliches Wesen, eine eifrige Spinnerin, die in den heiligen Zwölfen mit der wilden Jagd durch die Lüfte fahren mußte. breitem Daumen! Seit ein Sachsenweib gesponnen, Ward ein Truggewirk wie dieses Hier im Land nicht ausgesonnen: Bosheit schuf den dunkeln Zettel, Rachelust war Spulenwinder, Feigheit trug herbei den Einschlag, Und am Webstuhl saß ein Blinder. Ward ein Schandkleid draus geschnitten, Das um Eure Schultern flattert, Nicht des Falken, die Euch trugen, Als die Brände Euch umknattert. Mancher will sein Tun von gestern Heut auf fremde Rechnung schreiben: Euer war der Spruch; Ihr sprachet, Um des Kaisers Freund zu bleiben. Wollt Ihr jetzt die Hände waschen, Halt' ein andrer Euch das Becken, Nicht der Rab, der riet und warnte, Euch nicht ruchlos zu beflecken.« Drauf der Graf: »Ich sagt' Euch alles! Leid erfuhr ich viel auf Erden: Diese Wunde brennt im Herzen, Und sie wird mir tödlich werden. Wühlt nicht, rauher Arzt! Schafft Hilfe, Nicht für mich, doch helft erwägen, Wie dem andern, falls ein Unrecht Ihm geschah, wir helfen mögen. Zwar zu traun dem Schelm, dem Buben –« »Wie bedenklich, – ich erstaune! Reine Wahrheit sprach der Gelbe, Doch ein Lügner ist der Braune! Und der Kahlkopf war geständig, Frei geständig?« – »Er bekannte, Blau vor Angst mit Zähneknirschen, Daß er mir den Saal verbrannte; Daß er für den Königsboten Ein Gemisch aus dunkelm Kraute, Stumm gerupft in sieben Nächten, Eisen zu vergiften, braute. Und mit Wehgeheul sich krümmend, Trotzig ringend um sein Leben, Wie der Wolf am Spieß, so starb er; Mag ihm Gott, wie ich, vergeben!« Rab darauf: »Er war ein Schleicher, Und ich traut' ihm nie, dem Schalken. Doch der Abt von Dreizehnlinden, Sprecht, was schrieb er von dem Falken?« »Daß er in des Klosters Frieden Rauhes Siechtum durchgelitten, Endlos, bis durch Gottes Gnade Seel' und Leib den Sieg erstritten; Daß am Kreuz des Kreuzes Hasser Betend kniet. Die Botschaft weiter Trug zu Badurad, dem Bischof, Gestern schon ein flinker Reiter.« – »So? – und neigt' er sich der Taufe, War's die freie Tat des Freien, Nicht die Meintat eines Heuchlers, Königschristlich zu gedeihen. Königschristlich zu gedeihen, Mögen Schalk und Schelm sich neigen: Bog der Falk die stolze Stirne, War's, um sich vor Gott zu beugen; Schalk und Schelm, die klugen Leute, Die nicht erst zu glauben brauchen, Um kopfüber, wie der Otter, In das Christenbad zu tauchen. Pfui der Welt!« – Der Graf dagegen: »Werter Freund, was frommt das Schelten? Gebt mir Rat: wie ist zu sühnen, Wenn wir schiefes Urteil fällten! Wenn im Kampfe mit uns selber Und im Widerstreit der Pflichten Schweren Herzens –« Grimmig lachend Fuhr der andre drein: »Mitnichten! Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, Gott, was Gottes, steht geschrieben! Liebt den Kaiser, doch ein wenig Dürft Ihr auch Euch selber lieben, Euch und Eure arme Seele! In des Zweifels Finsternissen Spricht am sichersten und klarsten Das Gesetzbuch im Gewissen. Schlugt Ihr's auf? Sagt ja! Mich jammert All das Wenden und das Winden: Tat ist Tat; doch laßt uns sehen, Wie wir Heil und Hilfe finden. Spracht Ihr Recht in Königs Namen Auf die Inzicht eines Laffen –, Mag allein das Wort des Königs Widerruf und Wandel schaffen. Drum zur Pfalz! – Und schickt mit Eurem Brief des Abtes Brief und Briefe An die Hofherrn, denn die Hofherrn Sind die Herrn der Höh' und Tiefe. Und ich reise selbst und halte Erste Rast am Quell der Pader; Hold entgegen schlägt dem Blute Wohl die blutsverwandte Ader; Und der Bischof schreibt dem Bischof Kluge Grüße wohlbedächtig: Wie zum Binden so zum Lösen Sind die Infulträger mächtig. – Ei, der Met ist kalt geworden! Seid getrost und laßt mich sorgen: Rasch gerüstet sind die Rosse, Und, so Gott will, reit' ich morgen.« Als der nächsten Frühe Strahlen Durch die Eschenwipfel brachen, War der Alte auf dem Wege Zu der Königspfalz in Aachen. XXIV. Heimkehr 1.               Und die Frühlingswetter waren Längst verhallt, die grünen Wogen Und der Staub des Roggenfeldes Längst verweht und längst verflogen. Schatten suchten Hirt und Herde; Auf des Ackers Ährenfülle, Auf dem Blättermeer des Waldes Ruhte sommerliche Stille. Nur das Heimchen sang im Grase Und der Bach durch Schilf und Steine, Und die Rose glüht' im Garten, Und der Ginster blüht' am Raine. Und vorbei an Rain und Garten Und hinunter Bach und Wiese Ritt ein Trupp von Sachsenmännern, Mancher Stumpf und mancher Riese. Diethelm sprach: »Dort liegt das Kloster, Edler Rab, wir sind zur Stelle, Unsre Tiere, müd und durstig, Wittern schon die Weserwelle.« – In das Tor von Dreizehnlinden Zogen ein die muntern Knappen, Habichtshöfer, grüne Sträuße Nickten an den Lederkappen. Allen vor der Eschenburger! Ei, wie war sein Blick so heiter, Ei, wie ließ den Normann tanzen Jugendfrisch der graue Reiter! Herzlich grüßten Abt und Prior Nach Gebühr die Gäste alle; Rab und Diethelm folgten beiden In des Remters Remter , Speisesaal im Kloster, refectorium. kühle Halle. Sprach der greise Eschenburger, Nickend mit vergnügter Miene: »Prüft, ihr Herrn, ob, was ich bringe, Nicht ein Botenbrot verdiene? Doch zuvörderst ruft den Falken, Denn, was ich zu melden habe, Zielt auf ihn zumeist; nicht immer Unheil krächzt der alte Rabe.« – Elmar trat herein und stutzte, Freudig halb und halb verlegen; Diethelm, Tränen in den Augen, Stürzte jubelnd ihm entgegen: »O du bist es! O wie lange –« Rab dazwischen: »Immer kühle, Hausverwalter; heut Geschäfte, Morgen Schwatz und Zartgefühle! Elmar, hier die Hand, mein Knabe! Deine Unschuld ward erwiesen; Wie? – das später; jetzt das eine: Du bist frei; Gott sei gepriesen!« »Himmelsmächte«, rief der Falke, »Frei der Acht und los des Bannes? Frei, ich frei?« Und schluchzend sank er An die Brust des treuen Mannes. Rab darauf: »Ich ritt nach Aachen; Ludwig, so gerecht als gnädig, Hörte mich, und unverzüglich Sprach er aller Schuld dich ledig. Hier sein Brief mit Hand und Siegel Stellt dich in Besitz und Ehren Sonder Last – bis auf den Zehnten, Den die Klosterherrn begehren.« Lächelnd sprach der Abt: »Die Gabe Macht die Heiligen euch huldig, Daß ihr nicht im Himmelreiche Braucht zu stehn; drum zahlt geduldig!« Dann der Prior: »Habt Ihr Kunde, Wie dem Falschen es ergangen, Gero, seit die kecken Weiber Schimpflich aus dem Gau ihn sangen?« Rab darauf: »Er kroch ins Dunkle An der Maas auf seinen Kotten; Käm' er zu der Pfalz, ihn würden Knecht und Küchenmagd verspotten.« Diethelm sprach: »Wohl spürt er wenig Lust, zu uns zurückzukehren, Schlecht erbaut von Katlas Weise, Ungenetzt den Bart zu scheren.« Sagte Rab: »Der fromme König Zürnt ihm schwer, und ein Verbrechen, Ausgeübt auf Königsnamen, Will er unnachsichtig rächen. Euch, Ihr Vater, weil Ihr Holdes Tatet, wo durch einen Argen, Seinen Sendling, Leid geschehen, Mag sein Königsdank nicht kargen. Wie er gütig Euch bedachte, Wird dies Schreiben Euch besagen: Säumt nicht, würd'ger Abt, die Schenkung Ins Registrum einzutragen!« Sprach Worin: »Mag Gott ihm lohnen! Unser Tun war unser Müssen; Tröstlich ist es, diese Zellen In des Herrschers Huld zu wissen.« Rab fuhr fort: »Des heil'gen Vitus Ird'sche Reste ließ er fassen Reich in Gold; ein köstlich Heiltum, Und Ihr dürft es holen lassen.« Drauf der Abt sich tief verneigend: »Glimpf und Gunst sind starke Stützen, Doch wie Felsen unsre Mauern, Wenn die Heiligen sie schützen.« Sagte Rab: »Gedenkt der Boten! Aber, Falk, du schweigst, mein Junge? Auf der Dingstatt Sturm und Wetter, Heute ohne Lung' und Zunge? Still, wir kennen uns! – Nun weiter: War bei Hofe ein Geraune, Dies und jenes; doch bei Hofe Gehn und kommen Lust und Laune. Zwar von Bodo, unserm Grafen, Sprach man Gutes viel und Schönes, Doch verstimmt und unzufrieden Sei man über dies und jenes: Müder Mann, der siebzig Jahre Durch die schlimme Welt gegangen, Dürfe nach dem Ruhesessel Hinterm Feuerherd verlangen; Und ein Jüngrer, wohl ein Sachse, Könn' auf seinem Stuhle sitzen, Und – wem Unrecht widerfahren, Werde Recht am besten schützen. Dunkle Rede; deine Sache, Elmar, ist es, sie zu lichten. Nun noch dies: von Bodinkthorpe Hab' ich Trübes zu berichten. Denn der Graf ist krank, und sehnlich Wünscht und bangt er, dich zu sehen, Dich und euch, ehrwürd'ge Vater, Bald, sobald es mag geschehen. Und die Tochter grüßt den Falken, Hart bedrängt von neuen Sorgen; Will der Abt uns Herberg gönnen Für die Nacht, so ziehn wir morgen. Und nun sagt' ich, was ich mußte, Und nun reicht mir eure Hände: Gott sei Dank, des alten Raben Reisefahrt nahm gutes Ende!« – »Gott sei Dank, und Euch und allen«, Sagte Elmar, »die dem Wunden, Bannbestrickten, Wahnbefangnen Treu und stark zur Seite stunden. Zwiefach habt ihr mich gerettet –« Rab darein: »Nur keine Rührung! Übel schickt sie sich zu meiner Hungerregung, Durstverspürung.« Drauf der Abt: »Die Schüsseln dampfen, Tretet her zu euren Plätzen! Was der Kost an Würze mangelt, Mag der gute Met ersetzen.« Und die Klosterbrüder alle Schritten schweigsam in den Remter, Alle grüßend; drei, die jüngsten, Pflegten sorglich ihrer Ämter: Ailrat setzte Krug und Teller, Bernhard segnete die Spende, Biso las, derweil man speiste, Einen Abschnitt der Legende, Sprach der Abt am Schluß des Mahles: »Seht, wo man euch Beßres biete; Dankt dem Herrn, der Herr ist freundlich, Ewig währet seine Güte!« – Drauf der Falk: »Mein guter Diethelm, Graut dir nicht vor Mönch und Priester? Deucht dir nicht, dem Ungetauften, Klosterluft zu dick und düster?« Diethelm lachte: »Falk, bedenke, Was ich, zwar verblümterweise, Zu dir sprach, da dich der Sänger Schier verführt zur Nordlandsreise. Als dich Menschen falsch gerichtet, Ich und Fulk, wir beide grollten Mit den Göttern, weil die Götter Dir und uns nicht helfen wollten. Ich und Fulk, wir sannen weiter In den langen Winternächten Und vermeinten, daß die armen Wohl zu helfen nicht vermöchten. Und mit Wägen, Überlegen, Ob zu traun dem Gott der Christen, Kamen wir zum Ziel und dachten, Daß wir uns bedenken müßten. Und wir dachten immer schärfer, Ich und Fulk; die dümmsten Tröpfe Sind wir nicht, und schweren Mutes Rieben wir die greisen Köpfe. Doch seitdem die alte Drude Von uns ging, – sie war verschwunden Wie der Wind im Wald, und nirgend Ließ sich eine Spur erkunden; Auch der Schalk, der wilde Eggi, War davon; du kennst den Rangen; Tags zuvor der kleinen Aiga Gab er Gurt und Silberspangen; Andern Morgens fand der Meister Einen Armring, schwer und golden, Auf dem Amboß, seltsam fremdes Schmiedewerk der klugen Holden: – Seit dem Tag, von uns und andern, War es wie ein Bann gewichen, Und wir wurden Christenleute, Eh ein halber Mond verstrichen; Godo gar, der krause Otter, Echter Sachse, denn er weinte; Ob vor Rührung, ob vor Ärger, – Niemand wußte, wie er's meinte. Werinhard, – die breiten Hände, Weißt du, die so leicht sich ballten, Er besah sie, selbst verwundert, Als sie lernten, sich zu falten. Theudebert, der rote Bauer, War's, der sich am längsten wehrte, Doch er kam; die grimme Katla Starb vor Wut, als sie es hörte. Und am Eschenberg ein Siedler, Jüngst aus Fuld' im Gau der Hessen Angelangt, ein frommer Hüne, Hat den Taufrock uns gemessen.« – Markward drauf: »Ihr beiden Männer, Du und Fulk, ihr gabt euch Mühe, Und nach Bodinkthorpe reiten Morgen wir in aller Frühe; Und nach Bodinkthorpe reiten Morgen wir zu guter Stunde, Denn der Graf bedarf des Trostes Und des Freundes Hildegunde.«   2. Tiefer Wald! Von Stamm zu Stamme Wob die Dämmrung graue Fäden, Und die Bäume und die Tiere Wechselten geheime Reden. Sprach der Gimpel: »Sehr erfreulich Sind mir abends die Berichte, Wohlgesetzte kluge Worte Aus der Welt- und Waldgeschichte.« Sprach die Drossel: »Wenig Gutes Hörst du heut, so nicht die Krähe Liebes meldet von den Früchten Ihrer höchstbeglückten Ehe.« Drauf die Krähe: »Danke, danke! Meine Mädchen, meine Knaben, Sie gedeihn und werden schwärzer Tag für Tag, zum Neid des Raben.« Doch der Rabe schloß die Augen, Wiegte seinen Kopf bedächtlich, Stellte breiter seine Füße, Kröpfte sich – und schwieg verächtlich. Sprach der Stieglitz: »Öd und einsam Ist es jetzt im weiten Walde, Seit nicht mehr das Horn des Falken Lustig klingt an grüner Halde.« Sprach der Reiher: »Schlecht behagte Mir sein Blasen und sein Beizen; Zwar dein dünnes Federwämschen Kann den Weidmann wenig reizen.« Drauf die Elster: »Rab, der alte, Ritt ins Wesertal hinunter; Sonst so grimmig und so grämlich, Schien er heut verjüngt und munter.« Drauf die Amsel: »Ihm zur Seite Habichtshöfer, kecke Knappen, Und der dicke Hausverwalter, Diethelm, auf dem breiten Rappen.« Sprach der Dachs: »Nach Dreizehnlinden Ging die Fahrt, ich kann's euch sagen; Dieses weiß ich, auch noch andres, So daselbst sich zugetragen.« Füchslein greinte: »Wohlehrwürden Bruder Graurock, selbst im Kloster, Weiß Bescheid von Klostersachen; Still, oremus, Paternoster! Und der Falk, er ließ sich taufen, Sagten jüngst mir Wandersleute: Dacht' ich, daß es morgen nützte, Taufen ließ ich mich noch heute. Dieses weiß ich, auch noch andres: Diethelm auf dem fetten Fohlen, Rab, der alte, und die Burschen Ritten, um ihn heimzuholen.« Ahorn sprach: »Man raunt' im Winter, Daß er nah am Tod gewesen Und durch schwarze Kunst, will sagen Durch der Mönche Kunst, genesen.« »Dunkle Dinge kenn' ich besser Als ein Ahorn«, sprach die Mistel; »Half die Drude nicht, er schliefe Unter Natterkopf und Distel.« Drauf der Markolf: »Staunen muß ich, Daß sie schied vom blauen Grunde; Als sie ging, der braune Kobold Sprang vorauf mit ihrem Hunde.« Rabe sprach: »Bei ihr, einäugig, Schritt ein felsenfarbner Kämpe, Hünenhoch, im blauen Mantel Und im Hut mit breiter Krempe. Wer er war, befragt die Krähe, Sie ist klug und wird ihn kennen: Zwei von meinen Vettern gibt es, Die sich niemals von ihm trennen Auf Wodans Schultern saßen zwei Raben , Hugin und Munin, Gedanke und Erinnerung., die ihm, was in der Welt geschah, ins Ohr flüsterten. Simrocks D. Myth. 170. .« Sprach der Bär: »Am Habichtshöfer, Kommt er, werd' ich Rache nehmen, Denn er schlug den Stolz des Waldes, Wikbert, meinen großen Öhmen.« Rasch sich kugelnd, sprach der Igel: »Statt der Rache, möcht' ich bitten, Nehmt euch selbst in acht: der Falke Ist ein Mann von eignen Sitten.« Drauf der Wolf: »Auch meinem Volke Tat er weh mit scharfen Streichen; Bleibt er mir von Kleid und Kragen, Zausen mag er meinesgleichen. Iß und beiß die Nebenesser, Ist der Grundsatz, den ich übe, Und ich lernt' ihn bei den Menschen, Und dort heißt er Nächstenliebe.« Fichte sprach: »Vom Falken rauschte Mir der Wind, mein Spielgeselle; Wandeln sah er ihn im Garten, Grübeln in der Klosterzelle.« Sprach der Specht: »Geheime Runen Les' ich zwischen Holz und Rinde, Jeder liest sie nicht; ich sagte, Daß er bald den Heimweg finde.« Sprach die Eiche: »Kommt er wieder, Meine Ahne läßt er hauen, Sie, die große, gottgeweihte, Eine Kirche draus zu bauen.« Drauf der Fink: »Das Kreuz darunter Find' ich stets im Frührotschimmer Neu geschmückt mit frischen Blumen; Wer sie bringt, verrat' ich nimmer.« Sang die Nachtigall: »Und eine, Die ich liebe, weckt' ich immer Mit den schönsten meiner Lieder; Wie sie heißt, verrat' ich nimmer.« – Stille wurd' es; durch die Birke Ging ein Schauern und ein Wehen Leise, leise, wie im Traume, Doch es war nicht zu verstehen. – Und in dunkler Felsenritze Barg der Uhu sich, der braune, Struppig heute wie ein Dornbusch Und verdrießlich böser Laune. »Nahmst du nun das Christenwasser, Wirrer Träumer? – Christ und Heide, Gottesknechte, Götterknechte, Blöde Toren sind sie beide! Weiland rief der Sklavenkönig, Kämpfend mit den Romuliden: ›Keine Götter sind dort oben Und deshalb kein Recht hienieden. Und deshalb zu Schutz und Trutze Brauche jeder seine Waffen; Und deshalb, ihr Kleingebliebnen, Habt ihr recht, euch Recht zu schaffen.‹ Spartakus, mit Lorbeerreisern Sei dein Denkerhaupt umwoben; Deine Freiheitsbotschaft lautet: ›Keine Götter sind dort oben!‹ Glaubensballast aufzuachseln, Sand im Sack, verdrießt den Weisen; Mit dem leichtesten Gepäcke Läßt am leichtesten sich reisen; Mit dem leichtesten Gepäcke Frisch und frech, am Hut die Feder; Allererst ein lustig Leben, Wie er sterbe, sehe jeder. Glauben? Wahn und blaue Dinge! Ich, der Uhu, glaub' ausschließlich An mich selbst; die Selbstverehrung Deucht mir weise, weil ersprießlich. Ich, der Uhu, Oberuhu, Ich, der Denker, seh' die Zeichen Großer Zeit, wo meine Lehre Siegt und herrscht in allen Reichen. Wenn erst meine Essen schwelen, Wenn erst meine Schlote rauchen, Wald an Wald, und Erd' und Himmel Rings in Dampf und Brodem tauchen; Wenn erst meine Mühlen mahlen, Meine Hämmer, wenn sie hämmern, Wird die Götterdämmrung kommen Und das Göttliche verdämmern. Glauben ist das Kind der Feigheit: Doch beherztere Geschlechter, Düstre Zweifelshelden, werben Um des Teufels stolze Töchter. Glück zur Brut! Die Kreuzzerbrecher Brechen auch die Königskronen, Und der Rauch verkohlter Tempel Wirbelt auf verbrannten Thronen. Ja, das sind sie, Muspels Söhne: Reitet zu, ihr wilden Reiter! – Zwar der Aufschwung, den ich meine, Liegt noch ein Jahrtausend weiter. Gebet acht, ihr kleinen Eulchen, Werdet klug und lauscht dem Alten: Ich, der Uhu, Oberuhu, Seh' die Dinge sich gestalten, Kleine Eulchen, euch zum Nutzen! Wachst und wartet noch ein Weilchen; Hurtig flattert ein Jahrtausend; Werdet Eulen, kleine Eulchen. Hurtig flattert ein Jahrtausend; Seid ihr stark und klug geworden, Geb' ich euch ein großes Erbe; All den Süden, all den Norden. Kratzt euch drum; der schärfsten Klaue Wird das beste Stück zuteile: Jene Welt ist für die Katze, Diese Welt gehört der Eule.«   3. Sprach der Abt: »Sooft ich reite Durch den Wald an Sommertagen, Regt sich traumhaft im Gemüte Längst entwöhntes Wohlbehagen. Schattenkühle, Tempelstille, Kaum ein Wispeln in den Zweigen, Duft'ger Hauch aus Moos und Binsen, Alles ist so hold und eigen. Und die Gabelweih' dort oben – Elmar, halt dich straff im Bügel! Deine Stute, fast zu lustig, Schäumt und drängt in Zaum und Zügel.« Diethelm drauf: »Der Klostergerste Hat sie lang und satt gegessen: Still, Gerswinda, wilde Dockel Auch daheim wird gut gemessen. Doch mit Gunst, ihr buchgelehrten Frommen Herrn, ich m Seh' ich euch die Hengste tummeln, Hier den Fuchs und dort den Braunen!« Drauf Warin: »Im Psalter fingert Mancher, der in Jugendtagen Durch die Weit auf Rossesrücken Sturmgewand und Schwert getragen.« Markward sprach: »Zu einem Kranken Geht die Fahrt, zu ernsten Dingen, Sonst, wie würd' aus Knappenkehlen Herrlich hier ein Stabreim klingen; Einer von den freudigfrischen, Die man sang vor vielen Jahren, Als noch zwischen Rhein und Elbe Mein die Berg' und Täler waren.« – Rief der greise Eschenburger: »Falk, gesegnet sei die Stunde: Sieh, dort springt der falsche Bronnen, Und du bist auf eignem Grunde! Falk, du bist auf eignem Boden, Sieh, dort springt der falsche Bronnen! Grüß die Mark; du hast dein teures Vätererbe neu gewonnen.« Schweigsam war der Falk geritten, Tief versenkt in ernstes Sinnen: Heim, – zu ihr! – Und eine Träne Fühlt' er auf die Wange rinnen. Heim, zu ihr! – Die beiden Arme Hätt' um jeden Stamm er legen, O, er hätte Stein und Erde, Blatt und Blume küssen mögen! Und sein blondes Haupt entblößend, Sprach er weich: »Vor vierzig Wochen, Als ich schied von dieser Stelle, War ich mutlos und gebrochen. Rettung kam dem Rettungslosen Unverdient; in Not und Schmerzen Halfen mir, dem Weltverlaßnen, Gott und gute Menschenherzen.« Sprach der Abt: »Du halfst der Hilfe! Hinter dir ein nächtlich Tosen, Vor dir heitrer Morgenhimmel« – Markward sprach: »und – rote Rosen!« Wo der Weg sich trennt vom Wege, Schwenkte Diethelm rechts zur Seite: »Falk, beliebt es dir, ich führe Heim zum Hof jetzt unsre Leute. Siehst du dort den neuen Giebel? Bodo baute seinen Erben Einen Saal; sich läßt er zimmern Einen Sarg – er liegt im Sterben!«   4. Auf dem Hof zu Bodinkthorpe Lastete ein dumpfes Schweigen; Stumm der Wind und stumm der Vogel In der Linde düstern Zweigen. Nur der Röhrborn, rauscht' und rauschte Fort und fort und schäumt' und schäumte; Aiga kam mit ihrem Kruge, Stellt' ihn unter, träumt' und träumte. Und der Krug floß lange über, Und das Wasser schäumt' und rauschte, Rauscht' und schäumte, und das Mädchen Stand und stand, wie wenn es lauschte. In der Hand die wollne Mütze, Lief vom Herrenhaus zur Scheuer Und zurück zum Herrenhause Wie betäubt der alte Meier. Hier wie dort, in Stall und Schuppen Schalt er säumig Mägd' und Knechte, Und geschah, was er befohlen, War es dennoch nicht das Rechte. »Arnd, du triebst den Schecken müde! Gerd, was stierst du so verdrossen? Friedebrand, wie dir geheißen, Sahst du nach des Bischofs Rossen? Kleine Aiga, schläfst du wieder? Hast du Schick und Dienst vergessen? Seit der braune Strolch entlaufen, Bist du dumm und wie besessen.« Aiga ballt' ihr rundes Fäustchen. Doch als ihr die Zähren rannen, Lachte sie, und ohne Antwort Flog sie mit dem Krug von dannen, Fort zum Saal. – Indes der bleiche Bote war hindurchgeschritten: Auf den Polstern lag ein Müder Hingestreckt, der ausgelitten. Schlaf umfing ihn weich und linde; Nicht der traumgequälte, bange, Nein, der tiefe, friedenvolle, Ungestörte lange, lange. Ihm zu Häupten Hildegunde, Vorgebeugt, wie wenn sie früge, Ob es wahr, ob wirklich stockten Die geliebten Atemzüge? Zuckte nicht die blaue Lippe? Schien sich nicht die Brust zu dehnen? Stumm und tot! Und niedersinkend Brach sie aus in bittre Tränen. Kniend bei dem Heimgegangnen, Rang der Bischof im Gebete, Badurad, der für des Freundes Sel'ge Fahrt und Urständ flehte. Heut noch hatt' er milde Worte Von der Welt, die quält und kränket, Von der Welt, die sühnt und sänftigt, Trostvoll ihm ins Herz versenket; Hatt' ihm dargereicht das letzte Liebesmahl, die Himmelsspeise, Und die wandermüden Füße Ihm gesalbt zur letzten Reise. Draußen harrte auf die Sichel Reicher Fluren goldne Spende; Drinnen war die strenge, rauhe Schnitterarbeit schon zu Ende. Und ein Falter flog am Laden, Und die Sonne schien so heiter, Und ihr Lichtstreif auf dem Estrich Rückte langsam, langsam weiter. Plötzlich schrak empor die Jungfrau; In die Halle traten leise Elmar mit dem Eschenburger, Markward und Warin, die Greise. O wie schoß der Kummerbleichen Jäh das Blut in Stirn' und Wange! »Elmar! – Er ist tot! Er hoffte, O, er harrte dein so lange! Seht, o seht, ehrwürd'ge Vater. Edler Rab! – Er hoffte immer: Elmar, als er sterben mußte, Rief er dich, doch kamst du nimmer!« Elmar nahm die Hand des Toten Und die ihre: »Hildegunde, Leid war unser Los, und leidvoll Ist des Wiedersehens Stunde.« Sprach der Bischof: »Tränen trocknen; Glücklich, wer gesät im Harme; Denn in Freuden wird er ernten: Elmar, komm in meine Arme! Dir und euch, ihr frommen Brüder, Hab' ich, wie mir aufgetragen, Dieses Toten letzte Wünsche Mit dem letzten Gruß zu sagen. Falk, so er durch menschlich Fehlen Mit versah, was du gelitten: Zeih ihn nicht; der stumme Schläfer Läßt dich um Vergebung bitten. Abt Warin, gern hätt' er selber Euch gedankt; ich soll Euch danken Für die Bergung, für die Pflege Eines Flüchtlings, eines Kranken; Euch für alles, guter Prior, Was Ihr Holdes an ihm übtet, Und zumal, daß Ihr ihn lehrtet, Und zumeist, daß Ihr ihn liebtet. Eins nur macht' ihm hart das Scheiden, Der Gedanke, schwer zu fassen, Dies sein Kind, sein teures Kleinod, In der Welt allein zu lassen. Nicht allein! Sein teures Kleinod Bat er mich mit seinem Segen, Elmar, so dein Herz ihm offen, An dein treues Herz zu legen.« Und der Falk, die Arme breitend: »Du mein Bangen und Verlangen, Hilda, kommst du?« – Der Erlöste Hielt die Weinende umfangen. – Sprach der Bischof: »Amen, Amen!« Auf die Knie sanken alle; Friedensgeister, Gottes Engel, Schwebten durch die stille Halle. XXV. Schluß             Und nun ist mein Lied zu Ende, Und ich hab' es doch gesungen, Alter Uhu, dir zum Trotze, Dir und deinen Lästerungen. Manchmal wollt' ich schier verzagen, Dacht' ich an dein bittres Höhnen, Sah ich deine Schlote rauchen, Hört' ich deine Hämmer dröhnen; Drang zu meiner weltvergeßnen Siedelei im Wasserschlosse Das Gewieher und Gebrause Deiner dampfbeschwingten Rosse. Denn die Zeit ist schwer; ehrwürd'ge Heil'ge Satzung wird zur Fabel, Recht zu Aberwitz; aus Trümmern Baut der Wahn ein neues Babel; Wild die Herzen, feil die Treue, Gold und Macht die höchsten Götter, Und den Altar unterwühlen Hier die Heuchler, dort die Spötter. O, die Zeit ist schwer geworden, Und mich mahnt ihr wirres Rauschen; Anderm Saitenspiel als solchem, Andrer Lehre will sie lauschen. Doch, was quillt, das muß zutage, Und in langen Winternächten Fuhr ich fort, getrosten Mutes, Einsam Reim an Reim zu flechten. Nicht für viele, nicht für manche; Nur für diesen, nur für jenen, Der abseits der großen Straße Horchen mag verlornen Tönen: Wie zu einer Waldkapelle Nicht im Feierzug die Frommen, Doch abseits der großen Straße Jägersmann und Pilgrim kommen, Die allein, gebückten Hauptes Durch das niedre Pförtlein treten, Um am kleinen staubbedeckten Holzaltare still zu beten; Scheidend dann zu dürren Kränzen, Die sich sacht im Winde regen, Wohl als Opferspend' ein armes Reis von ihrem Hut zu legen. – Helf' uns Gott den Weg zur Heimat Aus dem Erdenelend finden: Betet für den armen Schreiber, Schließt der Sang von Dreizehnlinden!