Pierre Loti Ein Seemann Erstes Kapitel Ein Knabe im Engelskleid, das heißt halbnackt im durchsichtigen Hemdchen, zwei weiße Taubenflügel an den Schultern angeheftet, im Sonnenschein eines südlichen Junitags in der äußersten Ecke der Provence, da, wo sie an Italien angrenzt. In Begleitung von drei andern Kindern in gleichem Aufputz schritt er in einer Fronleichnamsprozession dahin. Die drei andern »Engel« waren blond und gingen mit gesenkten Blicken einher, als ob sie vom Ernst ihrer Engelswürde durchdrungen wären, der kleine Jean jedoch mit seinem dunkelbraunen Krauskopf, der hübscheste und kräftigste von ihnen, sah die am Weg Niederknieenden mit drolliger Verwunderung an, war nichts weniger als andächtig, sondern schien sehr zur Lustigkeit aufgelegt. Er war ein derbes, kerngesundes Bürschchen mit regelmäßigen Zügen, einem warmen Hautton, der an einen reifen Apfel erinnerte, und dichten Brauen, die wie ein schwarzes Samtbändchen die weiße Stirn durchquerten. Sein offener, fröhlicher Blick war fast noch kindlicher, als es seinen sechs oder sieben Jahren zukam, und daß diese großen Augen unter den langen Wimpern leuchtend blau waren, war bei seinem fast arabischen Gesichtsschnitt verwunderlich. Seine Angehörigen, die Mutter, die noch Witwentrauer trug, den langen Kreppschleier indes abgelegt hatte, und ein ehrsamer alter Großpapa in altväterischem schwarzem Rock und weißer Halsbinde folgten ihm in einiger Entfernung unter den übrigen Zuschauern und lächelten glückselig, voll Stolz, daß ihr Junge so hübsch war und sie es aus der Leute Mund hören durften. Sehr wohlhabend waren sie nicht, diese Mama und dieser Großvater. Ihre Besitztümer bestanden in einem bescheidenen kleinen Stadthaus und einem Landgütchen mit Orangenbäumen und Rosenfeldern. Daß sie in diesem Winkel von Frankreich mit einer Menge von reichen Leuten, Gutsbesitzern oder Parfümeriefabrikanten, verwandt waren, machte ihnen die Armut erst recht fühlbar, denn man sah sie in der Familie etwas über die Achsel an. Die Bernys waren ein weitverzweigtes, altansässiges Geschlecht, das sich seit der Sarazenenzeit nicht mehr mit fremdem Blut vermischt hatte und deshalb den Typus der Provençalen in großer Reinheit aufweisen konnte. Seit zwei Menschenaltern zählten sie in Antibes zu den »Honoratioren«. Unter ihren Vorfahren hatten mehrere als Seeleute die Abenteuer der Bourbonen geteilt und Indien kennen gelernt, was mitunter bei den Knaben als erbliche Anlage hervortrat, die ihre Mütter mit Besorgnis erfüllte. Langsam und feierlich dahinschreitend, ohne den braungelockten Engel mit den Taubenflügeln aus den Augen zu lassen, hing die verwitwete Mutter ihren Gedanken nach, und schon wurde die Freude an seinem Anblick von mancherlei Sorge getrübt. Ach, warum ist er denn unerfüllbar, der süße, thörichte Traum, den jede Mutter träumt, der Wunsch, ihn festzuhalten, wie er heute war, als kleinen Lockenkopf mit unschuldigen Kinderaugen? Warum steht denn die gefürchtete Zukunft schon vor der Thür? Wie viel Kämpfe und Mühsal mußten sich nicht bald um dieses reizende, unerzogene Geschöpf erheben, das trotz der Kindlichkeit im Blick hie und da schon den Knaben, den Mann ahnen ließ, der mitunter eine verblüffende Rücksichtslosigkeit zeigte, manchmal sogar durchging, um sich bis zum Abend, man wußte nicht wo, herumzutreiben! Wo die Mittel hernehmen, um ihm die nämliche Schulbildung zu geben, wie seine reicheren Vettern sie genossen? Und wenn er am Ende trotz aller Opfer nicht lernen sollte, was dann? Sie lächelte jetzt nicht mehr, sie sah auch die weißschimmernde Prozession nicht mehr, nicht den hellen Sonnenschein, nicht die freundliche Gegenwart, sie war einzig erfüllt von der vielleicht kurzsichtigen und doch so echt mütterlichen Sorge, die ihr ganzes Leben beherrschte, wie sie es dahin bringen sollte, aus ihrem kleinen Hans Guck-in-die-Luft ohne Vermögen einen Mann zu machen, der den anderen Söhnen aus der hochnasigen Familie Berny mindestens nicht nachstehen würde. Zweites Kapitel Ein Junge von ungefähr zehn Jahren, keck, frisch und lebendig in jeder Bewegung, fast schon ein großer Junge, wenn auch die hübschen, schwarz eingerahmten Augen immer noch kindlich und kinderrein blickten, ging mit sicherem, festem Schritt am Strand von Antibes entlang. Drei oder vier gleichaltrige Kameraden folgten ihm, von denen einer am Fronleichnamsfest vor vier Jahren sein »Mitengel« gewesen war. Mit wichtigthuender, sachkundiger Miene, als ob es gälte, Hilfe zu bringen, gingen sie auf eine gestrandete Tartane zu, die unbeweglich auf der Seite lag, mitten zwischen den kurzen blauen Rudern, die am Mittelmeere gebräuchlich sind, während halbnackte Fischer, mit bloßen Beinen im Wasser watend, ringsum ihrer Arbeit nachgingen. Es war ein schöner Ostersonntag, Jean hatte heute früh seinen ersten richtigen »Männeranzug« erhalten und trug das hellbraune Filzhütchen mit Samtband nach Matrosenart tief im Nacken. Morgens hatte er in diesem festlichen Anzug die Mutter in die Kirche begleitet und die große Ostermesse gehört, jetzt war die heißersehnte Stunde gekommen, wo er daheim entwischen und sich herumtreiben konnte. Abends kam er zum Essen heim, wie immer mit einiger Verspätung, und wie immer hatte er im alten Hafen und auf alten Booten Entdeckungszüge gemacht. Trotz aller Ermahnungen der Mutter sah der neue Anzug ziemlich mitgenommen aus, und das Filzhütchen saß schief auf den verwirrten Locken, weit aus der schweißbedeckten Stirn gerückt. Er wurde zwar gezankt, aber wie gewöhnlich nur gelinde, fast zaghaft. Weil es ein Festtag war und man nach der Mahlzeit noch etwas spazieren gehen wollte, durfte er sich in den Sonntagskleidern zu Tisch setzen, und es wandelte ihn die Laune an, auch den breitkrämpigen Filzhut, der seines Herzens Freude war, aufzubehalten. Wie jeden Sonntag, war auch heute der alte Großvater bei seiner Tochter zu Gast, wie immer in schwarzem Rock und weißer Halsbinde, die Dürftigkeit seiner Verhältnisse mit feierlicher Würde bemäntelnd. Das Dämmerlicht des klaren, rosigen Frühlingshimmels beleuchtete den Familientisch, an dem die alte Miette, die seit vielen Jahren im Dienst des Hauses stand, die Speisen auftrug und abräumte. Trotz seines steten Verlangens nach Freiheit und Bewegung hatte Jean die Mama und den alten Großvater sehr lieb, sie hatten in dem thörichten, zuweilen vergeßlichen und wandelbaren Kinderherzen ein etwas verstecktes, aber sicheres Plätzchen inne. Und gerade jetzt in diesem Augenblick setzte sich trotz des zerstreuten, geistesabwesenden Ausdrucks, womit er dasaß, trotz der bei ihm immer wirksamen Anziehungskraft der Außenwelt ein neues Bild der anvertrauten Gestalten in ihm fest, ein Bild, das deutlicher und schärfer war als alle früheren, und das bei ihm in Zukunft am meisten Schmerz und Liebe wachrufen sollte. Auch die Züge der treuen alten Seele, die ihn »aufziehen« und erziehen geholfen hatte, prägten sich heute seinem Bewußtsein ein, ebenso die Einzelheiten dieses Häuschens, worin er geboren und das in Aussehen, Einrichtung, ja Geruch so ganz und gar provençalisch war. Gewisse Stunden, die anscheinend nichts Besonderes bringen, noch an sich haben, die nicht mehr und nicht weniger bedeuten als andre, die unbemerkt vorübergehen, werden zu unvergeßlichen Merkzeichen, die späterhin mitten aus den fliehenden Wogen der Zeit emporragen. Eine solche war diese Essensstunde am Osterfest für dieses kleine Wesen, das noch so ganz Kind war und sicher noch nie so eindringlich, so unbewußt gründlich nachgedacht hatte. Dieses sich tief einprägende Bild zeigte ihm später alles wieder, von dem zärtlichen, sorgenden Blicke der Mutter, dem milden, ergebungsvollen Zug im Gesicht des alten Mannes, bis zu den Einzelheiten, die nach Menschenart seine Stimmung beeinflußt hatten: seinem neuen, männlichen Anzug, der Freiheit und unbekannte Weiten verhieß, der Farbe einer neuen Tapete im Speisezimmer und andrer bescheidener Verschönerungen der Wohnung, die ihn mit Stolz erfüllten, dem Vorgefühl einer schulfreien Woche. Ferner gesellte sich noch der Eindruck dazu, daß der Sommer kommen würde, der Reiz der ersten Mahlzeit ohne Lampe im durchsichtigen, frühlingsfrohen Dämmerschein, und noch vieles andre, was unsagbar und unbewußt diesen glücklichen Abend umschwebte. Die Bilder, die sich scharf wie mit der Radiernadel in sein Gedächtnis einschrieben, hätten in ihrer unzertrennlichen Verschmelzung als Momentaufnahme eines schönen Osterabends bezeichnet werden können. Und dabei wurde der Mutter, die ihn sorglich beobachtete, immer bänger, denn sie hielt ihn für zerstreut, mit seinen Gedanken abwesend! Schon seit lange hatte sie einen festen Plan, der beinah zur fixen Idee wurde und der zum Ziel hatte, diesen einzigen Sohn an die Provence zu fesseln, um in seiner Nähe altern zu können. Ein Onkel Berny, der einzige von den reichen Verwandten, der dem hübschen kleinen Neffen Beachtung schenkte, war »Parfümist«, das heißt, er hatte im Gebirg eine Werkstatt, worin die ganze Rosen- und Geranienernte der Umgegend ausgesogen wurde, und er hatte davon gesprochen, Jeans Zukunft in die Hand zu nehmen, ihn vielleicht zu seinem Nachfolger zu machen, falls er sich willig und tüchtig zeigen würde. Aber an diesem Osterabend wurde ihr das Herz schwer und schwerer. Hielt Jean doch sein Köpfchen unverwandt aufs offene Fenster gerichtet, durch das man den Hafen, die Segel und Wimpel und das weite blaue Meer blinken sah. Drittes Kapitel An einem schwülen Juniabend saß ein prächtiger Knabe, fast schon ein Jüngling, dem seine Schüleruniform zu kurz und zu eng geworden war, mit offenen Augen träumend in einer Schulstube, die von der Abendsonne durchflutet wurde. Der Unterricht war zu Ende, die Stadtschüler nach Hause, die andern Pensionäre in einen entlegenen Hof gegangen, um Spiele zu machen. Er aber, Jean, der zu der kleinen Zahl der Hausschüler der provençalischen Lateinschule des Marienordens gehörte, kurzweg »Maristenschule« genannt, genoß heute abend die Vergünstigung, sein eigner Herr zu sein, denn sein Name hatte an diesem Tag im Amtsblatt gestanden: »Jean Berny, zur Aufnahmeprüfung der Marineschule zugelassen.« Er hatte sich in dem jetzt einsamen Schulzimmer abgesondert, um ungestört die große Thatsache zu überdenken, die eine abenteuerreiche Zukunft vor ihm aufschloß. Daß die Mutter all ihren lang und innig gehegten Plänen und Wünschen entsagt hatte, ist selbstverständlich. Weil er's wollte, hatte sie eingewilligt, ihn den gefürchtetsten Beruf ergreifen zu lassen, und sich die äußersten Entbehrungen auferlegt, nur daß ihm der Eintritt gelinge! Zugelassen zur Marineschule! Und doch hatte er gehörig gefaulenzt und geschwänzt all die Schuljahre hindurch, seine Zeit mit Kindereien aller Art vergeudet, während die Mama und der alte Großvater, ja sogar die treue Miette gespart und geknausert, sich unsäglich eingeschränkt hatten, um das Schulgeld und die Nachhilfestunden zu erschwingen. Jetzt natürlich, wo er zugelassen war, nahm er sich vor, die zwei Monate Gnadenfrist, die ihm vor der entscheidenden Aufnahmeprüfung blieben, tüchtig zu »büffeln«, aber für heute abend und auch noch für morgen hatte er sich Ferien gegeben, um Luftschlösser zu bauen und seinen Gedanken nachzuhängen. Zuerst hatte er sich den Spaß gemacht, auf all seine Hefte unter den Namen das Datum dieses aufregenden Freudentags zu setzen, und jetzt sah er im Geist die fernen, märchenhaften Länder, die das Meer umspült ... Um ihn her trat allmählich die abendliche Stille des Schulhauses ein; die leeren Säle, die verlassenen Gänge füllten sich mit dem klangvollen Schweigen der Sommernacht; das Gold der sinkenden Sonne, die durch weitgeöffnete Fenster breit hereinfiel, zerstreute sich rings, die kahlen, gelbgetünchten Wände in Glut tauchend, und durch die Luft schossen Schwärme von schwarzen Schwalben, die, von Licht und Bewegung trunken, hin und her schwirrten und im Vorüberfliegen ihre Schreie wie einen Lauf durch das stille Kloster tönen ließen. Das war wieder eine der Stunden, wo persönliche Stimmung und die ganze Umgebung sich tief einprägten in Jeans Gemüt und Gedächtnis, gerade wie an jenem Ostersonntag. Seine Seele legte ein Kapital von Erinnerungen an, von dem sie später zehren konnte, nur daß dieses Mal noch mehr fremdartige Elemente und geheimnisvolle Schwermut, noch mehr Unbewußtes dazukam ... Bis zu der Stunde, wo die ersten Fledermäuse sachte unter dem alten, ???sonndurchbähten Dach vorschwirrten, blieb er ruhig und ungestört in seiner Einsamkeit, von der Marine träumend, die ihm plötzlich so nahegerückt schien, als ob er nur die Hand danach hätte ausstrecken dürfen, und durch die leuchtende Abendluft gaukelten Bilder von sonnverbrannten und von nebeligen Ländern, von der Pracht des Orients, von unerforschten Gestaden, darunter auch noch ganz verschwommen von der Liebe. Viertes Kapitel Zwei Monate darauf, um die Mitte der Ferienzeit in Antibes. Man erwartete die Veröffentlichung der Aufnahmen in die Marineschule. Eine qualvolle Spannung lastete auf dem von provençalischer Sonne durchglühten Vorstadthäuschen, wohin der alte Großvater jeden Tag seine Schritte lenkte, sobald das Amtsblatt erschienen war, wenn auch bisher nur, um zu melden, daß nichts darin stehe. Durch einen von den reichen Verwandten, der sich herabgelassen hatte, seine Verwendung anzubieten, hatte man Empfehlungen an die Prüfungskommission erlangt, und die Mutter war voll Hoffnung. Es war ja fast eine Entscheidung über Leben und Tod, die sie erwarteten, denn Jean stand nahe vor dem siebzehnten Geburtstag, und war er durchgefallen, so konnte er das Examen kein zweites Mal machen, und die Marineschule blieb unerbittlich verschlossen für ihn. Er selbst befand sich in merkwürdiger Stimmung, und seine Sorglosigkeit war geradezu rätselhaft. Irgend eine neue Idee, der Mutter noch unbekannt, aber höchst beunruhigend, mußte in dem hübschen Kopf keimen, der so leichtsinnig und doch so eigenwillig und unlenksam sein konnte, denn sein unreifes, kindliches Wesen reichte nicht hin, diesen Grad von Gleichmut zu erklären. Fast mußte man denken, die heißersehnte Marine sei ihm im voraus entleidet! Aber Mutter und Großvater hatten nicht den Mut, ihn zu fragen, was er denke – es bangte ihnen vor der Antwort! Uebrigens war er auch wenig zu Hause. Als erwachsener junger Mann mit keimendem Schnurrbart, der die Schüleruniform gegen einen englischen Sportanzug vertauscht hatte, trieb er sich in der Stadt herum, kam nachts spät nach Hause und machte verliebte Streiche. Und doch blickten die großen, graublauen Augen immer noch lauter und unverdorben unter den dunkeln Wimpern hervor; es waren immer noch die Augen des kleinen Engels vom Fronleichnamsfest, die sein schon männliches und stolzes Gesicht erhellten. Diese Augen mit ihrer Kindlichkeit und Unbefangenheit, ihrer Sanftmut und wirklichen Güte wußten jeden Vorwurf zu entwaffnen, jede Strafpredigt abzuwehren. Im Grunde war er auch wirklich so gut und sanft, als diese Augen behaupteten, obwohl er gar kein Musterknabe war. Er hing an Mutter und Großvater, denen er fast unausgesetzt Kummer bereitete, mit inniger, anbetender Zärtlichkeit. Wenn Jean im Verkehr mit ihnen oft barsch und harr war, so geschah's, weil sie ihm immer noch Gesetz und Zwang darstellten, wogegen seine unbändige Natur sich beharrlich auflehnte. Das beste Teil seines Herzens lernten nur die Geringen und Verschmähten kennen, hie und da die alte Miette, kleine Betteljungen oder hinfällige Greise und verunglückte Tiere – der Hausstand war schon mit drei oder vier häßlichen Katzen belastet, die er vom Ersäufen gerettet, sorglich getrocknet und in seinen Armen heimgetragen hatte. Eines Tages kam der alte Großvater würdig und feierlich wie immer in seinem zugeknöpften schwarzen Rock – ein neuer war es in diesem Jahre nicht, darauf hatte er verzichtet, um eine weitere Nachhilfstunde für Jean zu erschwingen – später als sonst und mit einer Unsicherheit im Schritt, die an ihm ganz fremd war. Miette, die ihn vom Küchenfenster aus beobachtete und ein Zeitungsblatt in seiner Hand sah, schloß rasch die Läden, nur um die Gewißheit noch einen Augenblick hinauszuschieben, und setzte sich mit wild klopfendem Herzen auf ihren Küchenstuhl. Er trat ins Haus, ging die Treppe hinauf und rief, sobald er in das kleine Empfangszimmer getreten war, mit merkwürdig veränderter Stimme: »Henriette! Komm, mein Kind!« Rasch, heftig atmend, eilte sie herbei. »Was ist's? Durchgefallen, nicht wahr?« »Nun, nun ... ja, siehst du ... es wird wohl so sein ... wir müssen es annehmen, denn ... denn im Amtsblatt steht sein Name nicht ...« »O Herr, mein Gott!« war alles, was die Mutter mit gebrochener Stimme herausbrachte, indem sie die Hände rang. Und schweigend saßen sie bei einander, die Witwe und der Greis, hilflos und vernichtet vom Zusammenbruch all ihrer irdischen Hoffnungen. Zu sagen hatten sie sich nichts: in den bangen Tagen der Erwartung hatten sie m sorgenvollen Gesprächen den Gegenstand erschöpft, ihn von allen Seiten beleuchtet, alle Folgen dieses unwiderruflichen Schlags erwogen und vorausgesehen. Was würde er thun, wozu würde er sich herbeilassen, ihr Jean, den sie nicht einmal zu fragen gewagt hatten, wie ihm zu Mut sei? Um ihn ins Gymnasium schicken zu können und ihn in der Schule so gut zu halten als die andern, um dem kleinen Haus und seinen Bewohnern einen gewissen Anstand zu wahren, war es nötig gewesen, Geld aufzunehmen, das Gütchen, die ererbten Orangengärten und Rosenfelder, mit Hypotheken zu belasten. Und setzt, da der Zweck, dem sie alles geopfert hatten, vereitelt war, sahen sie keine Möglichkeit mehr vor sich, dem Sohn eine andre Laufbahn, andre Studien zu eröffnen, sie sahen überhaupt nichts mehr vor sich, alles schien zerstört zu sein, das Ende da. Die Ahnung unüberwindlichen Jammers stand vor ihren Seelen, und ohne daß sie zu sagen gewußt hätten, warum, hielten sie ihren Jean für verloren. Während sie lange schweigend bei einander saßen, dünkte es ihnen, sogar, als ob ein Hauch des Todes, des Verfalls und Zerbröckelns durch ihr geliebtes, so mühselig erhaltenes Haus ginge ... Und nun kam er, dieser Jean, mit elastischem, fröhlichem Schritt, eine Rose im Knopfloch, die ihm ein hübsches, verliebtes Mädchen geschenkt hatte. »O Herr Jean,« sagte die alte Miette an der Hausthür, »kommen Sie nur schnell herein – gehen Sie gleich hinauf zu ihnen, die Aermsten warten auf Sie ...« »Wieso? Was ist denn los?« fragte er leichthin, den überlegenen Mann hervorkehrend. Miettes verstörtes Gesicht hatte ihm alles gesagt. Er trat in den bescheidenen »Salon«, wo man ihn richtig erwartete. Ohne ein Wort darüber zu verlieren, hatten Mutter und Großvater ihn kommen hören. Mit der drollig verlegenen Miene eines Schülers, der sich einer verzeihlichen Unart bewußt ist, trat er vor sie, den Kopf halb abgewendet, ein halbes Lächeln kindischen Trotzes im Winkel seiner Samtaugen. Ihr tiefes Elend sah er nicht. Was ihn betraf, so war er weder überrascht noch geknickt, denn er hatte sich längst keine Hoffnungen mehr gemacht, da er besser als andre wußte, daß er bis zur letzten Stunde gebummelt und sein mündliches Examen herzlich schlecht bestanden hatte. Sie waren ihrer fünf oder sechs Kindsköpfe gewesen, die sich in der Schule, in Voraussicht des höchstwahrscheinlichen Durchfallens den Schwur geleistet hatten, Matrosen zu werden. Der bloße Hals mit dem blauen Kragen schreckte sie nicht ab, im Gegenteil, er hatte für sie etwas besonders Anziehendes, wie für so viele, die nur der Uniform wegen zur Marine wollen, und während der Ferien hatte Jean vollauf Muße gehabt, seinen Zukunftsplan, der sogar einen Anstrich von Vernünftigkeit hatte, weiter auszuspinnen: erst als Matrose dienen, dann im Laufe der Zeit Kapitän eines Handelsschiffs werden! Kadett oder Matrose, Seemann war er ja doch, und dazu mit weniger Zwang und mehr Aussicht auf Abenteuer! »So, basta!« machte er, als ihm der Großvater mit zitternder Hand die Zeitung hinhielt. »Was schere ich mich um die Marineschulmeisterei, Seemann werde ich ja so wie so!« Seemann so wie so! Also Matrose – gerade das, wovor die Mutter den größten Abscheu hatte. Und er sagte es mit der Ruhe eigensinniger Entschlossenheit, woran nicht zu rütteln ist – das war das Geheimnis seiner unbekümmerten Gelassenheit, die ihr so viel zu denken gegeben hatte! In ihre schweigende Erschöpfung trug dies laute Kinderwort die Bestätigung all ihrer bangen Ahnungen, die Erfüllung der Vorgefühle von Verfall, Unheil und Tod. Jetzt that er, was er zuerst nicht gewagt hatte, er sah Mutter und Großvater an. Er sah sie an, immer noch mit entschlossenem, aber doch zärtlichem Ausdruck, indes sein Blick mild und milder und mehr und mehr wehmütig wurde. Mit einemmal ward es klar in seinem kindischen, zerstreuten Sinn. Zum erstenmal dämmerte ihm auf, welche Opfer man ihm heimlich gebracht, wie viel Not und Entbehrung man vor ihm verhehlt und schweigend ertragen hatte. Ein neues Gefühl gesellte sich zu der Liebe für die Seinigen und erhöhte ihre Innigkeit, ein unendliches Mitleid, eine tiefe Rührung. Und als er nun noch plötzlich wahrnahm, wie abgetragen und fadenscheinig der tadellos saubere Rock des alten Großvaters war, da fühlte er sich besiegt und überwunden. Wenn die Mutter ihn in diesem Augenblick um Erbarmen angefleht hätte, er würde seinen Jugendträumen entsagt, würde unter Thränen und Küssen in alles gewilligt haben, was sie von ihm wollten. Allein sie verstand ihn nicht in dieser Stunde. In ihrem mütterlichen Stolz verletzt, um all ihre Hoffnungen betrogen, zweifelte sie an ihm und seinem Herzen und gebrauchte gerade in dem entscheidenden Augenblick, wo dieses von Liebe überschwoll, harte Worte. Sofort wurde auch er hart. Die Augen des Fronleichnamengels, die vorhin in all ihrer süßen Lauterkeit zum Vorschein gekommen waren, wurden starr und stechend, und ohne ein Wort der Entgegnung verließ er sie, von nun an unerschütterlich entschlossen, seinen Weg zu gehen. Unten blieb er im Vorübergehen bei der alten Magd stehen. »Mach' dir nur keinen Kummer um mich, Alte!« sagte er, ihre Verstörung bemerkend. »Die Geschichte ist ja kein Aufhebens wert. Man kann auch ohne den Firlefanz Seemann werden.« »Aber wie?« fragte sie, sofort von neuem Schrecken ergriffen. »Ich dachte mir, damit sei's jetzt aus, Herr Jean ...« Nun trat er in die Küche, setzte sich zu ihr und entwickelte ihr seine Pläne. Insgeheim war er ja gar nicht mit sich zufrieden, und eine ihm ganz neue Traurigkeit preßte ihm das Herz zusammen. Zum Ausgehen hatte er keine Lust, und zur Mutter hinauf mochte er auch nicht, so blieb er lange bei Miette. »Siehst du, wenn ich meine Militärzeit als Matrose hinter mir habe,« setzte er ihr auseinander, »dann diene ich mich aufwärts und mache das Schifferexamen auf lange Fahrt, werde Kapitän. Nicht etwa nur so ein Küstenfahrer, nein, Kapitän bei irgend einer der großen Schifffahrtsgesellschaften. Auf die Weise komme ich sogar noch schneller dazu, ein Schiff zu führen, und ich kann dir nur sagen, mir ist's gerade so lieb!« Mit nassen Augen sah ihn die Alte an, und er küßte die treue Seele herzlich. Fünftes Kapitel In ruhigem Sonnenglanz ging der Oktober zu Ende. Aber so unveränderlich blau der Himmel auch war, so warm die Sonne das Häuschen der Bernys beschien, es blieb düster und traurig darin, seit die große Enttäuschung ihren Einzug gehalten hatte. Mit Hilfe der alten Miette wurde in dem kleinen Eßzimmer, durch dessen Fenster man das blaue Meer schimmern sah, eine grobe Ausstattung angefertigt, von der man nur im Flüstertone sprach, und die man niemand zeigte. Es waren Hemden aus grobem Tuch, Hosen und Matrosenjacken aus rauhem Wollstoff. Mit herzlich schlecht gespielter Heiterkeit hatte der Großvater den reichen Onkeln und Vettern mitgeteilt, was sie aus ihrem Jean machen wollten. »Wir lassen ihn ein wenig auf der Handelsflotte schwimmen, damit er seine fünf Jahre Meer möglichst bald hinter sich hat, denn er will um jeden Preis Seemann werden, versteht sich, später Kapitän. Vielleicht sattelt er noch um, der liebe Junge, wenn er das Seemannsleben wirklich verschmeckt hat, uns wäre es ja nur zu lieb, ihn eine andre Laufbahn einschlagen zu sehen, allein er ist für den Augenblick so fest von seinem Beruf dazu überzeugt, daß seine Mutter und ich es nicht für richtig fanden, ihm Zwang aufzuerlegen.« Und die reichen Bernys, gönnerhaft und überlegen wie immer, hatten sich nur erkundigt, auf was für einem Schiff er in See gehe. Der »Kapitän« kam ihnen sehr zweifelhaft vor, weil er Fleiß und Ausdauer erfordert. Ach, du mein Gott! Es war ein sehr bescheidenes Fahrzeug aus dem kleinen Hafen von Antibes, das man »gewählt« hatte, weil er dabei häufiger in die Heimat kommen würde, eine Brigg, die in Vallauris gebrannte Ziegel nach den griechischen Inseln brachte. Der arme alte Mann in der weißen Halsbinde litt nicht nur unter Sorge und Verzweiflung um die Zukunft des Enkels, auch sein Stolz bäumte sich gegen diese Niederlage auf. Ihrer bescheidenen Verhältnisse halber war seine Tochter Henriette in der Familie ihres Mannes nie so recht aufgenommen worden; seit sie Witwe geworden und auf ihre eigenen Mittel angewiesen war, hatte er klaglos das Martyrium heimlicher Entbehrungen auf sich genommen, damit sie äußerlich Dame bleiben, eine Magd halten, ihr eigenes Haus bewohnen, besonders aber Jean bei den Maristen in Grasse erziehen lassen konnte. Und nun trug ihm dieser Enkel, dieser Prachtjunge, den er darum nicht minder, ja vielleicht noch heißer liebte, zum Schluß seines opfervollen Lebens die Demütigung ein, Matrose zu werden, Schiffsjunge der Handelsmarine, gerade wie der Sohn des nächsten besten Lastträgers oder Fischers. Wozu denn diesen vergeblichen Kampf fortsetzen, wozu insgeheim darben, um seinen Stand zu wahren – was nützte es denn? Nun er die Anstandspflicht erfüllt hatte, den verschiedenen Mitgliedern der Familie Berny die Berufswahl seines Enkels zu melden, kam ihm das Leben zwecklos, sein eigenes Dasein überflüssig vor. Am liebsten hatte er sich in seine kahle, armselige Stube verriegelt, um in seinem Lehnstuhl oder Bett das Ende abzuwarten ... Aber heute war ja Sonntag, wo er herkömmlicherweise bei seiner Tochter speisen und sich zu diesem Zweck sorgfältig ankleiden mußte, um so mehr, als es ja der letzte Sonntag vor der Abreise des Jungen sein würde! Er kam sich heute so alt, so müde, so hinfällig vor wie noch nie, und als er jetzt gewohnheitsmäßig den schäbigen schwarzen Rock zu bürsten anfing, da überkam ihn aufs neue tiefste Entmutigung auch darüber. Die Leute auf der Straße grüßten ihn ja, wie er zu bemerken glaubte, so wie so schon weniger tief, und im Gefühl der Erniedrigung feines einzigen Enkels dünkte ihm auch diese mit so beharrlicher Sorgfalt trotz Not und Armut aufrecht erhaltene äußere Ehrbarkeit gleichgültig und unwesentlich. Die erloschenen Augen füllten sich bei dieser Gelegenheit mit Thränen, mit jenen Thränen des Greisenalters, die langsam und schwer aus vertrockneter Quelle aufsteigen und so besonders bitter sind. Jean selbst verbummelte und verträumte seine Tage. Eine unbestimmte Traurigkeit lastete auf ihm und ward auf Augenblicke sichtbar im zerstreuten Blick seiner Augen, in minder strammer Haltung und langsamerem Gang. Er ging überhaupt weniger aus als bisher, und seitdem er die Gewißheit hatte, bald einer von den Seeleuten zu sein, die ihr Schiff in weite Fernen trägt, hatte der Hafen nicht mehr die unwiderstehliche Anziehungskraft wie sonst. Er blieb da und dort vor irgend einem Gegenstand im Haus nachdenklich stehen oder ging allein auf das »Gütchen« hinaus. In dem verwilderten, von Chrysanthemen und herbstlichen Astern überwucherten Garten konnte er stundenlang verweilen, zwischen den grauen, von Eidechsen wimmelnden Mauern und den in der Herbstsonne träumenden Orangen. Mit diesem Sommer sollte ja seine Kindheit zu Ende gehen, mit dem Glanz dieser schon schwindenden herbstlichen Sonne die glückliche Sorglosigkeit von ehedem ein Ende nehmen, und diese Thatsache drängte sich ihm mit einem dumpfen Schmerzgefühl, mit einer ihm unbekannten Empfindung von Angst und Heimweh auf ... In dieser Zwischenzeit haftete sein Geist an nichts Zusammenhängendem und Bestimmtem, sondern flatterte mehr und mehr im Reich der Träume umher. Während dieser langen Schlendertage, die seine letzten sein sollten, las er auch, und die Wahl der Bücher oder richtiger der Stellen aus Büchern, die ihn zu fesseln wußten, daß er alle andern verächtlich beiseite ließ, bestätigte, was die reine Linie seines Profils und die mandelförmigen Augen andeuteten, weit zurückgehende orientalische Abstammung. Er war eine Mischung unausrottbarer Kindskopferei, körperlicher Ueberkraft, ungeschulter Einfalt und unbewußter, unergründlicher Poesie. Beim Herumschnüffeln in Büchern war er mit einem Gefühl, als ob er sie längst gekannt und wieder vergessen hätte, auf einige mystische Fragmente über den toten Orient gestoßen, die zu klassischen Schönheiten geworden sind, und die las er wieder und wieder in dem stillen, sonndurchglühten Garten, jedesmal aufs neue erbebend vor dem Mysterium, das sie ihn ahnen ließen: »Es war ein Abend in alten Zeiten. Der Tod des Gestirnes Surya, das der Phönix der Welt gewesen, entriß dem goldenen Himmelsgewölbe über Benares Myriaden von Edelsteinen ...« Gewisse Worte vermochten ihn in Träume und Wonne zu wiegen. Es bedurfte nur der Klangähnlichkeit irgend eines Namens mit »in alten Zeiten« oder »im fernen Osten«, um ihn mit Wehmut zu berauschen wie der Duft eines alten Sarkophages. »Aegypten, Aegypten! Deiner großen regungslosen Götter Schultern verkalken unterm Kot der Vögel, und der rauschende Wind trägt die Asche deiner Toten in die Wüste ...« In diesem von den Vätern ererbten Erdenwinkel, unter den Orangenbäumen, deren Frucht die Herbstsonne vergoldete, mitten in der Wildnis von Chrysanthemen und tiefblauen Astern mit ihrer kahlen, schon vom Herbst entlaubten Stengeln, malte er sich die griechischen Inseln aus, in deren Häfen er bald einlaufen würde, Aegypten mit dem rosigen Wüstensand, Indien mit der Jahrtausende alten Vergangenheit ... Dieser Hang zum Träumen, der von den Vätern her in seine Seele gepflanzt, in den ersten Jahren seines Lebens durch lücken- und sprunghaften Unterricht genährt worden war, sollte ausdauern, nach Tiefe und Breite zunehmen, trotz niederdrückender Umgebung, trotz ungebildeter Gesellschaft, und, andern verborgen, eine wichtige Stelle einnehmen bei dem Mann und dem Matrosen, der er werden wollte. Sechstes Kapitel Recht schweigsam verlief die letzte Sonntagsmahlzeit, die aus den nämlichen Gerichten bestand wie immer, und wie immer von der alten Miette aufgetragen wurde, nur daß diese heute kein Wort dabei sprach, weil ihr das Herz zu schwer war und ihr die Thränen zu nah standen. Jean wurde die Essensstunde hindurch förmlich verfolgt von der Erinnerung an eine andre Sonntagsmahlzeit an einem Osterfest, die in seiner Kindheit einen förmlichen Abschnitt bildete und, je weiter er sich zeitlich davon entfernte, desto heller in geheimnisvollem Glanz erstrahlte. Der erste »Männeranzug« und der hellbraune Filzhut, die ersten Frühlingslichter, Düfte und Ahnungen, die durchs offene Fenster hereingeströmt waren, ein Gefühl frischen, rosigen Beginnens, ein Hauch der Morgenröte, der über allem gelegen hatte. Dieses Mal dagegen ein unerklärlicher, verfrühter Vorgeschmack von Ende und Spätabend, dem körperlichen Vorgefühl des nahenden Winters gesellt, das die kühle Abendluft und der frühe Sonnenuntergang mit sich führten ... Als er nach dem Nachtisch, den letzten Trauben, aufstehen wollte, um ohne besondere Lust oder Eile gewohnheitsmäßig noch eine Zeitlang durch die Straßen zu schlendern, sagte der Großvater: »Ich bitte dich, hierzubleiben, mein Kind; wir haben mit dir zu reden.« Mit gesenktem Kopf blieb er stehen. Ihm war plötzlich noch düsterer zu Mute, und er rüstete sich zum Kampf, denn er erwartete nichts andres als einen Versuch, ihn vom Seemannsberuf abzubringen, irgend eine ihm in letzter Stunde gelegte Falle, die ihn zum Verzicht aufs Meer bringen und ins Geschäft des Onkels liefern sollte. Aber der Großvater begann jetzt mit matter, mutloser Stimme langsam und deutlich ganz unerwartete Dinge zu sagen, die ihn ins Herz trafen. »Mein Kind, du bist nun zum Mann herangewachsen, und ich halte es für wichtig, dir über meine irdischen Angelegenheiten Rechenschaft abzulegen, damit du dir klar machst, daß du von nun an ganz auf dich selbst angewiesen bist. »Mein Kind – deine Mutter und ich, wir haben nichts, so gut wie gar nichts mehr. Um dir den Besuch der Maristenschule zu ermöglichen, glaubten wir recht zu handeln, indem wir ziemlich bedeutende Summen aufnahmen, die leider als Hypotheken auf unserm alten Gütchen in Karigou lasten. Solange ich am Leben bleibe, werden wir mit Hilfe meines bescheidenen Ruhegehalts, dessen Betrag du kennst, und dank der Sparsamkeit deiner Mutter und unsrer wackeren, treuen Dienerin wahrscheinlich im stande sein, uns dieses Haus zu erhalten, woran dein Herz doch auch hängt. Nachher aber weiß ich nicht, wie es werden soll.« Die immer mühsamere Sprechweise des Alten und ein greisenhaftes Meckern der Stimme, das Jean noch fremd war, thaten dem Zuhörer fast körperlich weh. »Möge es Gottes Wille sein, mein Sohn, daß ich am Leben bleibe bis zu dem Tag, wo du dein Brot wirst verdienen können … und deine Mutter unterstützen; denn siehst du, mein Sohn, der Gedanke, daß sie arbeiten, unter fremde Leute gehen müßte, ist mir schrecklich …« Das war der Schluß von Großvaters Rede, wobei die mageren Schultern unter dem abgetragenen Sonntagsrock seltsam stoßweise zuckten und die achtzigjährigen Augen unsäglich verzweiflungsvoll blinzelten. Und dann wurde die hoffnungslose Ruhe dieses Abends, das tiefe Schweigen, das die matte, klanglose Stimme des alten Mannes kaum unterbrochen hatte, jäh zerrissen durch ein wildes Schluchzen, so heftig, wie es nur die Jugend ausstoßen kann, woraus Schmerz und Mitleid wie ein Wildbach hervorbrachen, Jean weinte, daß seine Brust sich stürmisch hob und senkte, stromweise liefen ihm die Thränen über die Wangen, ein Strom, der sich ihm selbst unbewußt schon seit Tagen angesammelt hatte. Ach! Er hatte ja schon lange gefühlt, daß dieser gute alte Großvater tief gedemütigt war, er hatte auch gemerkt, daß es schwieriger und schwieriger wurde, den Haushalt auf so anständigem Fuß zu erhalten, wie es der Fall war, aber das – nein, das war zu viel, das überstieg alles, was er für möglich gehalten hätte! Nichts mehr haben! Das alte Gut und das liebe Haus an Fremde verkaufen ... und seine Mutter für Geld arbeiten! Erst ganz allmählich war die grausame Wahrheit, die ihm die schätternde alte Stimme vortrug, in seine so oft abschweifende Seele eingedrungen, um sie aber in diesem Fall bis in ihre geheimsten Tiefen aufzuwühlen. Und jetzt warf er sich in die Arme der Seinigen, schluchzend, weinend, wie Kinder weinen, von einem mächtigen Drang erfaßt, ihnen Liebe zu zeigen und Trost zu geben und auch bei ihnen Schutz zu suchen, Schutz vor dem Unglück, Rat und Hilfe. Aber die Mutter weinte nicht einmal. Sie preßte ihn an ihr Herz und vergaß darüber alles, begehrte für den Augenblick nichts mehr, als ihn da festzuhalten. Das Mißverständnis, die Entfremdung, die nun seit bald zwei Monaten zwischen ihnen geherrscht hatten, waren weggewischt, die Schranke, die sie getrennt hatte, eingestürzt, und vor der Seligkeit, ihn wieder zu haben, ihm verzeihen zu können, seine Liebe zu fühlen, verschwand alles übrige. Ueberdies war sie nicht so feinfühlig und stolz als der Vater. Irgend ein Tropfen fremden Bluts, eine unbekannte Vererbung brachte sie dem Volk näher, als er es war, und sie stand dem drohenden Zusammenbruch plötzlich als die Mutigere, Ruhigere, Entschlossenere gegenüber. Arbeiten? Gut, wenn es sein mußte, würde sie eben arbeiten. Sie würde ganz einfach die Heimat aufgeben und ihrem Jean nachfolgen, wohin es auch sein würde! Ob er Matrose war oder Offizier, was lag ihr daran? Er war und blieb doch ihr Jean, ihr Einziger, ihre Freude, ihr Leben, und wenn sie seinen Hals umschlingen, ihn an ihr Herz drücken durfte, blieb ihr nichts zu wünschen übrig. Siebentes Kapitel Eine mildere Trauer, ja fast ein wenig Hoffnung herrschten von diesem Abend an im Hause. Da es ja ein Ding der Unmöglichkeit war, Jean weiterstudieren zu lassen, mußte man schließlich zugeben, daß sein Zukunftsplan noch der annehmbarste war, und die Matrosenzeit würde ja auch vorübergehen und hinterher rasch vergessen sein. Jean rechnete die Sache ganz genau aus: »In zwei Jahren trete ich in die Marine ein, drei Jahre nachher mache ich das Schifferexamen und werde Kapitän; in fünf Jahren verdiene ich mehr, als ich brauche, und kann beiden aufhelfen; dann wird wieder Freude herrschen in unserm Haus und alles Leid vergessen sein.« Voll guter Vorsätze, sich brav zu halten und tüchtig zu arbeiten, war er wieder der alte Jean geworden, der Kindskopf mit dem hellen Lachen und der harmlosen Fröhlichkeit. Ausgehen mochte er nur noch mit den Seinigen, und so unternahmen sie an diesen letzten Abenden gemeinsame Spaziergänge, alle drei sorgfältig und gut gekleidet, als ob es gälte, im voraus zu widerlegen, was die Leute über sie denken mochten; der alte Großvater wieder stramm und würdevoll in seinem sauber gebürsteten Rock, Jean in modischem englischem Anzug mit Handschuhen, die Mutter am Arm führend, wie ein sehr verständiger junger Haussohn. Achtes Kapitel In den ersten Novembernebeln glitt die Brigg, von schweren Segeln zur Seite gebogen, ins Weite hinaus. Ein leises, einförmiges Geräusch folgte ihrem Kiel, es klang wie das Rascheln von Seide oder Moiré, war weniger ein Geräusch als eine besondere Form der rauschenden Stille ... Antibes sank tiefer und tiefer, wurde von Minute zu Minute ein kleinerer ockergelber Fleck am Fuß der bleichen, schneebedeckten Alpen, die umgekehrt immer größer und größer wurden und immer riesiger in den farblosen Winterhimmel hineinzuwachsen schienen. Jean, der als Seemann zwei Stunden alt war, stand in seiner Wolljacke auf dem Deck der Brigg, mit weitgeöffneten Augen sich vorneigend, um all das Neue, Unbekannte in sich aufzunehmen. Diese Einsamkeit unter Unbekannten, auf bewegter Planke, die sie aus der Welt hinauszutragen schien, machte ihn unruhig, und beängstigend drang die Schwermut des Nichts auf ihn ein, die von allen Seiten aufstieg, die immer mehr zur Alleinherrscherin wurde. Auch die übrige Schiffsmannschaft stand da und sah das Festland schwinden, wo sie ungewöhnlich lange verweilt, sich von den Anstrengungen und der Oede der hohen See erholt, sich aber auch verwöhnt hatten, nur war ihr Gefühl kein so traumhaftes, unendliches. Es waren ihrer sechs, Jeans neue Kameraden: ein Malteser, braun wie ein Araber, in Lumpen gehüllt, die bloße Brust der Winterkälte darbietend, zwei ungeschlachte große Provençalen, ein junger Vagabund aus Bordeaux und ein Deserteur von der Kriegsmarine, der sich auf französischem Gebiet versteckt halten mußte. Mit den derben Schiffsanzügen hatten sie auch den Seemannsausdruck wieder angenommen – teilnahmlose, resignierte Gesichter. Während sie so herumlungerten, tauchte im Heck des Schiffs der Kapitän auf, ein breitschultriger Riese mit ergrauendem Kinnbart und erloschenem Gesicht, ein ernster, mürrischer Mann, dessen Blicke leer und ausdruckslos waren, ohne Anteil an Dingen und Menschen. Mit heiserer Stimme erteilte er einen Befehl in Worten, die für Jean keinen Sinn hatten, und da der Neuling, nicht wissend, was er beginnen sollte, belustigt dreinsah, als ob sich's um ein Spiel handelte, wurde er mit barschem Ton an die Arbeit gewiesen. Er blickte erstaunt auf und dem Kapitän ins Gesicht, da erstarb ihm das Lächeln – das war ja ein ganz andrer als der Mann, der ihm vor ein paar Stunden in Antibes fast unterwürfig höflich, entgegengekommen war, als die fein gekleidete Mutter und der würdige Großvater in seiner weißen Halsbinde ihn an Bord gebracht hatten. Jetzt zeigte auch »der Neue« eine finstere Miene, denn es war ihm klar geworden, daß er nicht mehr war als die andern Matrosen, mit denen er leben würde, ja sogar ihr Untergebener, und daß es sich hier einfach ums Gehorchen handelte. Wie ein Blitz zuckte das Bewußtsein seiner Erniedrigung in ihm auf, und im Dämmerlicht des sinkenden Abends fühlte er ein eisernes Joch seinen Nacken beugen. Neuntes Kapitel Tag reihte sich an Tag, einer dem andern gleich an Rauheit, Tage, um deren Namen und Zahl man sich nicht mehr kümmerte, und die zu Wochen und Monaten aufliefen, ohne daß man nachrechnete, eine Zeit, die sich langsam durchlebt, aber in der Erinnerung kurz erscheint, weil sie keine Merkmale hinterläßt. Bald die Einsamkeit hoher See, bald Einfahrt in unbekannte Buchten der korsischen oder italienischen Küste. Die Ziegel von Vallauris waren schon in Livorno gelöscht worden, diese Ladung war nur ein Deckmantel gewesen; dann folgten plötzliche Landungen oder Abfahrten bei Nacht, geheimnisvolle Manöver, nach deren Zweck oder Grund keiner zu fragen wagte. Der Mann, der das Schiff befehligte, hielt seine Leute in strenger Zucht und zwang sie zu stummem Gehorsam. Bei diesen flüchtigen Landungen mußte man ohne Murren an Küsten, die keinen Hafen hatten, beidrehen, mit bloßen Beinen durchs Wasser waten, schwere Lasten, Säcke und Ballen, deren Inhalt man nicht kannte, ans Land schleppen, einerlei ob der Grund sandig war, oder ob man sich an spitzen Steinen die Füße zerschnitt. In der Wildnis, wo solches Tage- oder Nachtwerk vor sich ging, nahm Jean den Frondienst willig auf sich, weil seine Sklavenarbeit keine Zeugen hatte, und weil er überdies fühlte, daß dieses Handwerk, wie jede gefahrvolle, anstrengende und geringen Nutzen bringende Arbeit, seine gewisse Größe, sein Heldentum, seine Romantik hat. Ueberdies ging er auch im rein körperlichen Leben auf, das stärkt und ermüdet und Geist und Gedanken einschläfert. Nur zur abendlichen Dämmerstunde, sei's auf hoher See oder am öden Strand, kehrten ihm Erinnerungen zurück, die seinem Herzen weh thaten ... Mochte das Wetter sein, wie es wollte, das alte, morsche Schmugglerschiff wagte sich hinaus und machte seinen Weg von den kurzen, harten Wellen und vom Mistral getrieben, der den Matrosen die Gesichter verbrannte. »Es ist mein einziger Verdienst,« hatte der Kapitän einmal mit seiner heiseren Stimme hingeworfen, »und ich habe fünf Kinder daheim ... vorwärts oder hinunter!« Er hatte diese Erläuterung, die einzige, die man je aus seinem Munde vernommen hatte, an Jean gerichtet: er fing überhaupt an, seinem jüngsten Matrosen ein gewisses Wohlwollen zu zeigen, das diesen mit Stolz erfüllte. Die Unbestimmtheit ihres Kurses brachte es mit sich, daß Jean nur in großen Zwischenräumen Nachrichten aus Antibes erhielt. Immer steckten im selben Umschlag zwei Briefe, zwei geliebte Handschriften weisend, die der Mutter und die immer unsicherer werdende des alten Großvaters, mit dessen Kraft es rasch abwärts ging. Wie heilige Reliquien bewahrte er sie in einer kleinen Blechkapsel am Boden seines durchfeuchteten Schiffskoffers, sie waren der einzige liebe Besitz, den er an Bord hatte, wo er im übrigen gerade so schlecht und armselig lebte, als der geringste der Mannschaft. Mitunter hatte man auch einen Ruhetag; der Zufall konnte es fügen, daß man den immer heimwehvollen Sonntag in irgend einem weltentlegenen Dörfchen, an einem öden Strand verleben mußte. Dann zog Jean wohl wieder den feinen Weltmann an, in Gestalt des hübschen Anzugs, der aber vom langen Liegen in der Feuchtigkeit verkommen aussah und auch nicht mehr gut saß, weil der Träger in die Breite gegangen war. Er machte seinen einsamen Spaziergang und wurde wieder zum träumerischen Kind, das, ziellos umherschlendernd, dumpfen Gedanken nachhängt. Als der Träumer, der er war, beobachtete er fast unbewußt die neue unbekannte Umgebung, tauschte feurige Blicke aus mit blonden oder braunen Mädchen, knüpfte wohl auch einen Liebeshandel an, der aber bei den ländlichen Schönen zu nichts führte, als zur Störung seiner Ruhe. Im ganzen war ihm die Arbeit lieber; er zog die Anstrengungen diesen Tagen der Muße und Träumerei vor, die ihm sein Schicksal zu grell beleuchteten. Uebrigens waren diese Ruhetage sehr kurz und sehr selten und noch schneller vergessen, und hinterließen höchstens den Eindruck von einem Paar Mädchenaugen, die etliche Tage noch beim Einschlafen vor ihm auftauchten und ihn zu grüßen schienen ... Im übrigen war es das Meer, immer das Meer, das Meer, was es auch für ein Antlitz zeigen mochte, der Kampf gegen den schneidenden Mistral, gegen die Wellen mit ihrem weißen Gischt. Zehntes Kapitel So war der ganze Winter vorübergegangen. Im Mai war ihm eine köstliche Station beschieden auf der Insel Rhodos, fast wie ein Kapitel aus einem Märchen. Gerade als das in diesem Jahr ungewöhnlich lang andauernde frühjährliche Unwetter sein Ende erreicht hatte, lief das arme, wetterverschlagene Fahrzeug in den Hafen von Kandjiotos ein, und der Uebergang in andre Breitegrade, die Annäherung des leuchtenden Südens traf zusammen mit dem jähen Frühlingserwachen, dem Frühling des Morgenlandes. Das erhöhte für Jean noch den Zauber des Orients, dieses Märchenlandes, nach dem er sich gesehnt, von dem er geträumt hatte, weit da oben im Orangengarten von Antibes, und das sich nun doch plötzlich, wie ein ungeahntes Wunder aufthat in seiner ruhigen, schweigsamen, eintönigen Pracht. Das Schiff bedurfte so umfassender Ausbesserungen, daß man einen Monat hier liegen bleiben mußte, fast lange genug, um heimisch zu werden und – um zu lieben. Am ersten Tag hatte man Schränkchen und Koffer aufgerissen, die durchnäßten Sachen in der milden Frühlingsluft ausgebreitet; fast war's, als ob das morsche Holzwerk des Schiffes selbst mitjubilierte, vor Freude darüber, Ruhe haben und in der Sonne trocknen zu dürfen. Ach! Und der erste Abend, der hereinbrach, so klar, so still, so friedlich, von unbekannten fremden Düften durchwürzt! Jean hatte die Wache und durfte sich nicht vom Schiff entfernen, aber kaum war die Arbeit gethan, so sprang er ans Land, nur um auf dem Zerbröckelnden Hafendamm, der ihm bald so vertraut sein sollte, zu sitzen, halb ausgestreckt zu liegen. Mit einer Wollust voll unendlicher Wehmut erlebte er so in seiner Knechtsgestalt die Erfüllung seines Kindheitstraumes, er starrte in den goldschimmernden Himmel hinein und blickte zur Stadt hinauf, deren todesstarre Unbeweglichkeit sich in Goldschleier hüllte; das Morgenland offenbarte sich ihm, noch orientalischer und fremdartiger, als er's geträumt hatte, in der Gesamtheit der Erscheinung, wie auch in tausenderlei Einzelheiten, besonders in trotzig jedem Blick wehrenden hohen Mauern, die das Leben seiner Bewohner undurchdringlich umschließen. Und während er so einsam am fremden Boden kauerte, erschien ein junges Mädchen, eine unverschleierte Griechin oder Syrierin, die ihm mit einem Schlag den ganzen Osten verkörperte. Sie stand in der allerersten Jugend, hatte tiefschwarze Augen mit schweren Lidern und üppiges Haar von glühender, wohl künstlicher Farbe. Ein wenig unentschlossenen Gangs, schritt sie, sobald sie den ausgestreckten Matrosen bemerkt hatte, an der äußersten Kante des gepflasterten Dammes schräg auf das Schiff zu, um noch näher an ihm vorüberzustreifen. Die mandelförmigen, nachtschwarzen Augen, die nur durch einen kleinen Spalt der langen dunkeln Wimpern hervorblitzten und von ein paar Strähnen des roten Haares fast ganz verdeckt wurden, hefteten sich aufmerksam auf Jean und tauchten in seine weit geöffneten blauen förmlich ein; sie lächelte und ging dann weiter, langsam, wie sie gekommen war, mit einem wiegenden Schritt, der die von keinem Mieder beengten, elastischen Hüften mehr als ahnen ließ. Elftes Kapitel Und sie kam jeden Abend immer zur Stunde dieses schönen Dämmerlichtes, das wie flüssiges Gold herniederströmte, und Jean dachte den ganzen Tag über nur an diesen Augenblick. Sobald er mit der Arbeit fertig war, säuberte er sich mit Strömen von Süßwasser, drückte die Wollmütze zierlich und herausfordernd auf sein Kraushaar und schwang sich, leicht wie ein Seiltänzer, auf den Damm, um, seine türkische Cigarette im Mund, das Mädchen zu erwarten. Und dann tauchte sie plötzlich in einem der steilen Gäßchen zwischen den himmelhohen Mauern auf und kam aus der Altstadt zum Hafen herab, wobei sie sich oft ängstlich umsah, als ob sie verfolgt zu werden fürchtete. Mit langsamen, trippelnden Schritten kam sie heran, keck und kindlich zugleich, als ob sie keine Ahnung davon hätte, daß Liebe etwas Böses sein könne. Ohne sich zu rühren, wartete Jean, bis sie an ihm vorüberkam. Lächelnd blieb sie dann vor ihm stehen, gab ihm irgend eine Blume, eine Orangenblüte oder eine der wilden, stark duftenden orientalischen Rosen oder sprach auch ein paar Worte in einem halb französischen Kauderwelsch: Wie lange er in Kandjiotos bleiben werde? Wohin er dann gehe? … Dann setzte sie mit halb spöttischer Miene ihren Weg fort, mit dramatischen Gebärden der Entrüstung, des Flehens oder Widerstandes seine Begleitung abwehrend. Er hatte immer nur am Abend frei, und die türkische Stadt wurde selbstverständlich beim Einbruch der Nacht finster und unzugänglich, was sollte er also beginnen? Dieses Mädchen verkörperte für Jean nicht nur den ganzen Zauber und das prickelnde Geheimnis dieses Landes, es war, als ob ihr flüchtiges Erscheinen und Lächeln auch ein Sinnbild des Unerfüllten und Vergänglichen bedeutete, das seines Lebens Stempel bilden sollte. Zwölftes Kapitel Vierzehn Tage später. Sie trafen sich jetzt auf Verabredung eine halbe Stunde, nachdem sie vorübergegangen war, an einem entlegenen Ort bei sinkender Nacht. Sie ließ sich Küsse rauben und erwiderte sie, das war aber auch alles, und dann war sie, blitzschnell hinter die hohen Mauern huschend, verschwunden, mit der Drohung, nicht wiederzukehren, und er ließ sie gehen Abend für Abend, weil er die Unmöglichkeit einsah, sie gegen ihren Willen wiederzufinden, und sie ganz zu verlieren fürchtete. »Wenn du hier bliebest ... ja, dann ...« sagte sie. »Oder wenn du auch nur wiederkämest!« Wiederkommen? Ja, er wußte ja nie, wo er morgen sein würde! Er, der arme Matrose eines sehr bescheidenen Frachtschiffes, ohne Geld, ohne Freiheit, wie konnte er Pläne machen? Unbedingt von der Gnade seines finstern Kapitäns abhängig, konnte er nichts sagen, nichts versprechen, also mußte er wohl oder übel zufrieden sein mit dem, was ihm die Rothaarige freiwillig gönnte ... Und wenn die Nacht dann weiter vorrückte, nahmen ihn die Kameraden mit in eine Spelunke, wo immer noch schöne griechische Weiber mehr als Küsse gewährten. Dreizehntes Kapitel Die Junisonne fing zu glühen an, und die Abfahrt stand nahe bevor. Noch drei-, vielleicht viermal, das abendliche Stelldichein, dann war die Sache zu Ende, ohne Zweifel für immer. Wenn er an dieses Ende dachte, wenn er sich sagte, daß er die Wonne des Besitzes seiner Schönen kosten würde, überkam ihn jene unergründliche Traurigkeit, die auf so beunruhigende Weise unlöslich vermengt ist mit körperlichen Zuständen. Und der Orient, den dieses Mädchen seiner Seele versinnlichte, übergoß das sinnliche Entbehren mit unendlicher Poesie. Da kam von daheim ein Brief, der all diese Leiden verscheuchte und alles umgestaltete. Er zeigte nur die Schrift der Mutter – der Großvater war krank, »schwer krank«, schrieb sie. Die Art, wie sie von der Krankheit sprach, verriet ihm, daß sie ihn vorbereiten wollte, daß der Fall furchtbar ernst war – wohl unheilbarer als die Schmerzen, die er von Rhodos mitnahm! Der Gedanke an den armen alten Mann mit seinem schwarzen Rock und der weißen Halsbinde, zerriß ihm das Herz; heftiger als je kam ihm zum Bewußtsein, welche Leiden, welch grausame Enttäuschungen er ihm zum Schluß seines Lebens bereitet hatte. Und mit Entsetzen empfand er die Entfernung, die Langsamkeit der Reise im Segelschiff, mit Bangen dachte er an die geheimnisvollen Landungen, die vielleicht auch auf dem Heimweg zu längeren Aufenthalten führen würden. Ein schmerzliches Gefühl seiner Ohnmacht überkam ihn, seiner Mittellosigkeit, die ihn von den raschen Verkehrsmitteln ausschloß, durch die ihm die Briefe zukamen. Nicht einmal heim eilen konnte er zu dem Sterbenden! Und dieses Morgenland, das ihn mit solchem Zauber gelockt und umfangen hatte, dünkte ihm mit einem Mal öde, tödlich erdrückend, als ob der goldstrotzende Deckel einer Truhe auf ihm laste. Das schöne Mädchen, das heute abend zu ihm herniedersteigen würde aus der vermauerten Stadt, war ihm gleichgültig, ja widerlich – ihr letztes Stelldichein würde freudlos sein, und die Küsse, die er ihr trotzdem zu rauben wohl schwach genug sein würde, vergällt von Selbstanklage. Er hatte ja bis zu diesem Augenblick nie an die Möglichkeit gedacht, diesen Großvater zu verlieren, wie es allen geschieht, die noch nie den Tod neben sich einschlagen sahen. Nie hatte er sich überlegt, wie alt er war, denn er hatte ihn ja immer aufrecht, immer unverändert gesehen, nie anders gekannt. Sein Dasein war ihm als etwas unverrückbar Feststehendes erschienen, gerade wie er das Haus in Antibes als ein für ihn bereitstehendes Nest ansah, das ihm niemand entreißen konnte. Vierzehntes Kapitel Im Juli kam er in Antibes an, ohne daß er vorher einen weiteren Brief erhalten hätte. Der schweigsame Kapitän, der eine Art Zuneigung zu ihm gefaßt hatte, erlaubte ihm, sofort an Land zu gehen, ohne sich um die Löschung zu bekümmern, und in dem alten Anzug, der wohl sauber gehalten, aber verschossen und verwaschen war, eilte er mit einer an ihm ganz neuen Bescheidenheit durch die Straßen, ohne die Vorübergehenden anzusehen, ohne auch nur an die Armseligkeit seiner Erscheinung zu denken. Ueber Antibes brütete hochsommerliche Hitze und Stille. So rasch ihn die Füße tragen wollten, eilte Jean seines Weges, aber die Kniee zitterten ihm vor Hast und Ungeduld, und er war in einer Aufregung, wie er sie noch bei keiner Heimkehr empfunden hatte. Die Hausthür stand offen bis auf den in Südfrankreich üblichen Fliegenvorhang, und die alte Miette, die im kühlen Hausflur stand, sagte nichts als: »Ach, Herr Jean ...,« aber in einem Ton, der ihm das Herz erstarren ließ, einem Ton, der ihm sofort die Erinnerung wachrief an ihren Empfang, als er durchs Examen gefallen war. »Der Großvater ...« fragte er leise und bittend, wie wenn er um zehn Jahre jünger, wieder zum Kind geworden wäre. »Wo ist der Großvater?« Das Schluchzen, das ihm zur Antwort ward, sagte ihm die ganze Wahrheit ... Von oben kam die Mutter, die seinen Schritt gehört hatte, und auf der Treppe trafen sie sich und hielten sich lange umschlungen. Sie weinte nur, sie sagte ihm nichts, denn sie sah ja, daß er die Thatsache schon von Mette erfahren hatte ... Mit einem Sausen im Kopf wie von einem schweren Stoß, betrat er den kleinen Salon im eisten Stock, wo ein widerlich aussehender Mensch in fettig glänzendem schwarzen Rock vor dem Tisch stand, auf dem die silbernen Eßbestecke in Reih und Glied lagen. »Nehmen Sie's eben zu dem Preis,« sagte die Mutter, der für den Augenblick nur daran lag, den eingeleiteten Handel zu raschem Abschluß zu bringen. Jean stand stumm und wie angefroren dabei, als der Mann jetzt schmieriges Papiergeld auf den Teppich zählte und dann das Silber in seine Taschen packte – die Bestecke der Sonntagsmahlzeiten, wovon jedes Stück Großvaters Namenszug trug. »Ja, mein armer Junge!« sagte die Mutter, als der Händler hinausgegangen war, indem sie Jean an beiden Händen nahm. »Das und alles übrige – wir müssen verkaufen, Haus und Garten und alles, was wir haben. Solang' er da war, konnte ich mich mit Hilfe seiner Pension durchbringen ... jetzt, da ich ihn nicht mehr habe ... kann ich nicht mehr!« Sie sprach aufgeregt und doch gleichgültig, fast wie eine Geisteskranke; die grausame Wahrheit, deren Erkenntnis sie so lang mit Verzweiflung erfüllt hatte, mußte gesagt werden, aber ihre Gedanken waren nicht dabei, die waren nur bei Jean, bei der Freude, ihn wieder zu haben, ihn ansehen und bewundern zu können, ihren Jungen, der gewachsen, gekräftigt, blühend und schön vor ihr stand! Er aber warf sich in die Arme der Mutter und legte seinen Kopf auf ihre Schulter, als ob er bei ihr Zuflucht suchte vor so viel Unglück, dem Zusammenbruch ihres ganzen Daseins. Fünfzehntes Kapitel Drei Sommermonate hatten sie trübselig genug in einem qualvollen Zwischenzustand hingebracht; eine jener Lebenszeiten, wo man nichts unternehmen mag, zu nichts Mut und Lust hat. Wozu auch nur das liebe, arme Haus in stand halten, wenn es ihnen ja doch entrissen wurde. Geschäftsleute gingen aus und ein. Die Mutter hatte auch noch das Herbste auf sich genommen und bei den reichen Verwandten Schritte gethan. Mit ein wenig Beistand hätte sie das geliebte, ererbte Nest erhalten können, aber die satten Vettern fanden, daß es geradezu Wahnsinn wäre, dafür Opfer zu bringen, daß sie sich damit sicher zu Grunde richten würde, daß alles verkauft, geordnet und zum Abschluß gebracht werden müsse. Und so verkaufte sie denn ... Sobald dieser Entschluß unwiderruflich geworden war, schien die Zeit im Sturmschritt vorzurücken, wie es in bangen Träumen geschieht, wo die Zeit keine Dauer mehr hat, und als sie am Abend, nachdem der Kaufvertrag unterzeichnet worden war, am Familientisch saßen bei ihrer armseligen Mahlzeit, die wenigstens noch von der alten Dienerin aufgetragen wurde, war ihnen zu Mut wie nach einem Begräbnis, und die Nacht kam ihnen vor wie eine Totenwache. Der Plan der Mutter stand jetzt fest. Jean, der demnächst achtzehn Jahre alt wurde, mußte jetzt als Matrose in der Kriegsmarine dienen, sie selbst als Arbeiterin ihr Brot zu verdienen suchen – je weiter von Antibes, desto besser. Sie wollten also miteinander ans andre Ende von Frankreich übersiedeln und in einer von den Hafenstädten der Nordküste ihr Zelt aufschlagen. Toulon war viel zu nah, auch hatten sie dort Bekannte, ferner mußte Jean ja auch mindestens ein Jahr in Brest sein auf dem Schulschiff. Dort also wollten sie wohnen, um ihr Elend in Verborgenheit zu tragen. Im Oktober gab ihnen der neue Hausbesitzer eine achttägige Frist zur Räumung und zum Umzug. Danach sollten dann sofort Handwerksleute kommen, um das ganze Haus umzuorgeln und alles neu zu machen, denn was den armen Vertriebenen lieb und teuer gewesen war, genügte den herablassenden Nachfolgern nicht mehr. Nun hieß es aussuchen, was einem am teuersten war, und da stellte sich heraus, daß ihre Herzen an jedem Gegenstand hingen, daß die Trennung auch vom Geringsten ein herzzerreißendes Opfer bedeutete, und doch hätten sie vernünftigerweise nur das »Nötigste« mitnehmen sollen! Jean half der Mutter die Kisten packen, und jeden Morgen erwachte er in dem Stübchen, worin er als Kind geschlafen hatte, mit beklommenem, angstvollem Sinn. »Noch ein Tag! Immer näher rückt der, an dem ich dies alles nicht mehr sehen werde!« Das Haus entleerte sich allmählich, das arme Haus, das nicht mehr in Ordnung gehalten wurde und worin Heu und Stroh vom Packen herumfuhr. Das Bild jedes einzelnen Zimmers verschob sich; alles löste sich auf. Jean selbst wollte hunderterlei kindliche Sachen mitnehmen, besonders all seine Schulhefte, an denen noch seine Seekadettenträume zu haften schienen und die er später wieder vornehmen wollte zum Schifferexamen. Der einzige Ausgang, den er täglich machte, hatte den alten Garten von Carigou zum Ziel, dessen Schlüssel man ihnen noch gelassen hatte. Dort konnte er lange umherirren in der herbstlichen Wildnis, die jetzt den Eindruck eines Friedhofs auf ihn machte. Es war dieselbe Jahreszeit, dieselbe sonnige Stille wie ein Jahr vorher am Vorabend der Abreise nach den Levantinischen Inseln, wo er auch wie jetzt allein hier herausgegangen war, um seinen schon damals traurigen Träumereien nachzuhängen, und er pflückte Blätter von seinen Lieblingssträuchern und Rosenbäumen, um sie zwischen den Blättern seiner Bücher getrocknet mit fortzunehmen ... Sechzehntes Kapitel »Jean!« rief die Mutter beim Ausräumen eines Schranks mit wehmütiger Stimme. »Jean, komm einmal – kennst du das noch?« Und sie hielt ihm ein kleines Battisthemdchen vor in »Engelsschnitt«. Jean erinnerte sich zuerst nicht; es war ja schon so lange her, aber mit einemmal fiel es ihm ein: sein Kleidchen von der Fronleichnamsprozession! Sie hatte es noch einmal mit ihm ansehen wollen, ehe sie es zu den Sachen für die Auktion oder zum Verschenken legen würde, Jean aber entschied, daß es mitgenommen werden solle, und man faltete es sorgsam zusammen und legte es in einen von den Koffern für die Verbannung. »Und das da?« sagte die Mutter, ein braunes Filzhütchen mit herabhängenden Samtbändern in die Hohe haltend. Da sah er – ach, so schmerzlich fern! – den Ostersonntag wieder vor sich, und das Familienessen mit dem alten Großvater, den er nie mehr sehen sollte. Und eine große Traurigkeit stieg in ihm auf, die trostloseste und unheimlichste, die ihm das Scheiden noch verursacht hatte... Sich von diesem Hütchen trennen? Nein! Somit sollte auch dieses nach Brest wandern mit dem Engelskleidchen, das ja »so gut wie keinen Platz« einnahm. Des Großvaters schwarzer Rock, sein Spazierstock mit dem silbernen Knopf und andre Dinge aus seinem persönlichen Besitz mußten natürlich auch mit, und für arme Leute, wie sie es jetzt waren, hatten sie recht viel überflüssiges Gepäck. Siebzehntes Kapitel Der letzte Tag! Und ein Tag so klar, so betrügerisch in seiner sonnigen Freudigkeit, ein unvergleichlich schöner Tag, wie der Anfang des November sie zuweilen noch beschert. Sie wollten am späten Abend mit einem Nachtzug reisen. Jean, der noch tausenderlei zu packen und zu ordnen hatte, tummelte sich sehr, um vor Sonnenuntergang noch eine Stunde in seinem alten Garten verträumen zu können, der ziemlich weit vor der Stadt lag. Als er hinkam, war es schon fast Abend, und tiefrote Sonnenstrahlen glitten wagrecht durch die Zweige und tauchten die ungerührt dastehenden alten Bäumstämme in Purpur. Für ihn reihte sich ein wehmütiger Eindruck an den andern, Sonnenuntergang, Herbstesstimmung und der tiefste und schmerzlichste endgültigen Abschieds. Die Anhänglichkeit an Orte, Bäume, Mauern kann bei manchen Menschen, zumal in der Jugend, eine große Macht werden; vielleicht beweinen sie in dem, was sie zu lieben glauben, nur die Vergänglichkeit eigner Dauer, die ihnen darin vor die Seele tritt. Jean schien es, als ob dieser Verkauf an Fremde, diese thatsächliche Entäußerung nicht verhindern könne, daß der innere Gehalt dieser Dinge, ihr beinahe seelisches Wesen, immer sein eigen bleibe und nie in den Besitz der Käufer übergehen würde. Und wer weiß, ob nicht lange vor seiner eignen irdischen Existenz andre, ihm Unbekannte, auch schon einen Teil ihres Wesens an denselben Orten zurückgelassen, sich den nämlichen Selbsttäuschungen hingegeben hatten! Mit einem Schlag erlosch der feurige Goldschimmer auf Zweigen und Geäst, und die Stille um ihn her schien noch zu wachsen. Die Sonne war untergegangen; eine unerwartete Kälte senkte sich mit der Nacht hernieder. Jetzt war es höchste Zeit, zur Stadt zu gehen. Jean warf noch einen letzten Abschiedsblick auf die grasbewachsenen Wege, wie um jedem Lebewohl zu sagen. Dann riß er sich los. Langsam, den Blick noch immer rückwärts gekehrt, verschloß er die alte Gartenthür mit der Empfindung eines ewigen, unbedingten »Niemals«. Nun kam noch daß Essen, wobei keines aß; eine Mahlzeit, von der sie nicht wußten, woraus sie bestand, von der alten Miette unter Thränen aufgetragen und beleuchtet von einer Kerze, die man am Tisch festgeklebt hatte. Und dann endlich die dumpfe Erwartung der Abfahrtszeit. Alles war bereit, nichts blieb mehr zu thun; fröstelnd saßen sie in dem kleinen Salon, der für immer all der ihnen lieben Gegenstände beraubt war. Schweigend, wie zum Tod Verurteilte, erwarteten sie den Wagen, der sie zum Bahnhof bringen sollte. Von Zeit zu Zeit stand Jean auf, um mit einer Kerze in der Hand noch eine Art von Rundgang zu machen, noch einmal einen Blick in sein Stübchen zu werfen. Es war ihm nicht einmal vergönnt, sich in den schönen Kindertraum zu wiegen, daß sie »später« alles zurückkaufen würden, denn die neuen Besitzer, die alles zu schlecht fanden, was die bescheidene Mutter so sorgsam erhalten hatte, würden ja morgen schon mit der Umgestaltung beginnen ... Gegen zehn Uhr hörte man einen Wagen rollen, dumpfen Hufschlag auf dem Pflaster, zuerst noch in weiter Ferne. Jean hatte das Geräusch zuerst unterschieden und erkannt ... Als man ganz gewiß war, daß es die Gepäckdroschke war, die vor ihrer Schwelle hielt, war es beiden, als ob der Tod seine Hand ausstreckte, und unwillkürlich sanken sich Mutter und Sohn in die Arme. Jetzt gingen sie die Treppe hinunter; Miettes Schluchzen tönte vom Flur herauf. Hinter ihnen fielen die Thüren mit einem Klagelaut zu, mit dem vertrauten Knarren, das sie jetzt zum letztenmal hören sollten, sie fielen zu, so endgültig wie ein Sargdeckel. Achtzehntes Kapitel In Brest, wo sie an einem farblosen Tag bei grauer Morgenfrühe eintrafen, wurden diese armen verjagten Kinder eines Sommerlandes von der gründlichen Verwandlung des Klimas, die in allem und jedem zu Tage trat, mit Schreck erfüllt. Hier war es schon Winter, eintöniges Grau herrschte, und sie froren bis ins innerste Mark hinein. Mit der furchtsamen Haltung von Leuten, die wenig ausgeben wollen und auch ihr Kleingeld genau vorgezählt haben, ließen sie sich in einen bescheidenen kleinen Gasthof führen. Der Geführte war hauptsächlich Jean, der mit einem Male wieder zum Kind zu werden schien, und zwar jetzt zu einem folgsamen, duldenden, willenlosen Kind, das junge Herz von bitterem Weh geschwellt. Hie und da freilich lenkte ihn das Fremdartige dieser düsteren Granitstadt von seinen Gedanken ab: ihre unheimlich trotzigen Befestigungen, die nordische Seemannsbevölkerung, der graue Regenhimmel. Mitunter drehte er sich in der Straße um, den blauen Kragen nachzusehen, wie er nun auch bald einen tragen würde, und zuweilen empfand er mit Beklommenheit, daß all das Unbekannte, das vor ihm lag, ihn doch reizte. Mehrere Tage vergingen über der Wohnungssuche. Ach, alles, was ihnen zu erschwinglichen Preisen gezeigt wurde, war so häßlich und trostlos! Die Mutter fügte sich leichter als Jean in den Rahmen des Proletariats, der nun für lange, wenn nicht für immer ihr zerstörtes Leben umfassen sollte. Ihre Widerstandskraft, die Auflehnung des Bürgerstolzes waren sehr herabgemindert; wenn nur die Bernys nichts davon sahen, wenn nur alles fern von ihnen vor sich ging, ergab sie sich ohne besondere Bitterkeit in ihr Schicksal, und daß ihr Jean wieder so ganz ihr Eigentum, ihr Kind war, sich so innig an sie anschloß, vermochte sie über vieles, wenn nicht über alles zu trösten. Er dagegen, der ohne Zweifel durch Vererbung verfeinertes Blut hatte, bäumte sich gegen die äußeren Merkmale des Elends auf. An Bord hatte seine echte Seemannsnatur an keiner Arbeit und an keiner Roheit der Genossen Anstoß genommen, am Land erfaßte ihn ein unüberwindlicher Widerwille gegen alles Häßliche, gegen die Reizlosigkeit der Armut, und er litt namenlos darunter, die Mutter in Kleidung, Einrichtung, Lebensgewohnheiten herunterkommen zu sehen. Damit stärkten sich aber auch Vorsatz und Hoffnung, sie später wieder emporzubringen; nur in dem Gedanken, daß es eine vorübergehende Not sei, ergab er sich in den jetzigen Zustand. Und je mehr die früheren Zustände in der Ferne entschwanden, ins unwiderruflich Vergangene untertauchten, desto leuchtender hob sich für ihn die Provence, das geliebte Elternhaus vom düsteren Grund ab; wie in goldenen Abendsonnenschein getaucht, standen sie ihm vor der Seele. Endlich mußte man wohl oder übel einen Entschluß fassen, denn der Gasthof kostete zu viel Geld, und so entschied man sich für einen dritten Stock in der Großen Straße, unweit des Hafens. Die Wohnung war trostlos trübe, sie ging auf einen tiefen, häßlichen Hof und hatte nur ein einziges Fenster nach der Straße, durch das man tief unten winzige Leute in Holzschuhen durch den Schmutz stapfen, am Sonntag Betrunkene taumeln sah. Beugte man sich ganz hinaus, so sah man gerade noch eine Ecke des Arsenals und ein kleines Stück von der hochgelegenen Marinekaserne, rechts und links hohe Mauern von beinah schwarzem Granit, die vom Regen glänzten. Sie trösteten sich damit, daß dies nur ein vorläufiges Standquartier fei, von dem aus man mit Ruhe Besseres suchen könne, und man richtete sich auch nur vorläufig darin ein, indem mit äußerster Sparsamkeit der Hausrat vervollständigt wurde, der ja nur aus den einzelnen Stücken bestand, von denen sie sich nicht hatten trennen können. Als dann die als Frachtgut abgeschickten Kisten ankamen, heraufbefördert und geöffnet wurden und die geliebten Gegenstände von »daheim« einer nach dem andern ans Licht des grauen, nordischen Tages kamen, da hatten Jean und die Mutter nicht den Mut, einander anzusehen, aus Furcht, in lautes Schluchzen auszubrechen, und jedes weinte heimlich und leise die heißen Thränen, die aus tief verwundeter Seele stammen. Neunzehntes Kapitel Noch zwei Monate sind vorüber; man ist mitten im Winter. Heute ist Sonntag, wo die Kasernen leer stehen und die Matrosen sich im Halbdunkel der Hafengassen umhertreiben, ihr sorgloses Gelächter, den Glanz der Gala-Uniformen mit den Streifen und den hellblauen Kragen in die graue Welt hineintragen. Auf den feuchten Granitmauern lag ein schwächlicher Sonnenschimmer, die Luft war mild, wie es auf dieser vom Meer umspülten und erwärmten Zacke der Bretagne häufig im Januar vorkommt. Mutter und Sohn lagen mit aufgestützten Ellbogen unterm Fenster, dem einzigen Fenster, das einige Aussicht bot und ihre neue Wohnung erträglich machte, das gewissermaßen ihr Auge war, das einzige Auge nach der Außenwelt. Sie, die Mutter, höchst einfach, einfacher, als es Jean lieb war, in dem schlichten Trauerkleid, fast wie eine Arbeitersfrau; er, ein Matrose, der sich schon an die neue Tracht gewöhnt hatte und den offenen Kragen am gebräunten Hals mit der dazu gehörigen herausfordernden Haltung trug. Ein wenig verändert war sein Gesicht, vielleicht verschönert durch den dunkeln Bart, den er vorschriftsmäßig an Kinn und Wangen stehen ließ, unverändert aber die großen Kinderaugen mit dem gleichzeitig feurigen und träumerischen Blick. So oft Jean zu Hause war und das Wetter ein wenig gnädig, lagen sie so unter diesem Fenster, das ihnen allmählich förmlich lieb wurde. Nach dem großen Unglück und dem großen Riß durch ihr äußeres Dasein, der beide wie eine Art von Sterben vernichtet hatte, fingen sie ganz allmählich an, wieder aufzuleben in dem untergeordneten und ihnen anfangs so fremden Lebenskreis, worein sie wie Schiffbrüchige geschleudert würden waren, er, Jean, weil er sehr jung war, sie, die Mutter, weil sie bei ihm sein konnte. Auch an diese mit so viel Widerwillen und Mutlosigkeit bezogene Wohnung gewohnten sie sich langsam, und von Umzug war vorderhand gar nicht mehr die Rede. Ueberdies hatte die Mutter wahre Wunder vollbracht durch Ordnen, Säubern, Verschönern; sie hatte mit eigener Hand die schlechten alten Tapeten ausgebessert und bescheidene Mullvorhänge aufgesteckt, die durch ihr lichtes Weiß eine gewisse Heiterkeit verbreiteten. Die wenigen Möbelstücke aus Antibes standen im besten Licht, und die hohen Leuchter und Vasen von ihrem kleinen Salonkamin daheim, woran so viele Erinnerungen hingen, machten den Raum wohnlich. In einem Schrank ruhten ihre heiligsten Reliquien: des Großvaters letzter schwarzer Rock, seine Brille und sein Spazierstock mit dem silbernen Knopf, ferner Bücher, die ihm gehört hatten, Notizbücher, Rechnungshefte von seiner zitterigen Hand beschrieben. Daneben im selben Fach gewisse besonders kostbare Kleidungsstücke des »kleinen Jean«, das weiße Flügelkleid vom Fronleichnamsfest und in einer Schachtel, sorglich in einen grünen Schleier gehüllt, das braune Hütchen vom Osterfest. Er selbst, der bisher in häuslichen Angelegenheiten so ungeschickt gewesen war, verwendete andächtige Sorgfalt auf diesen armseligen kleinen Haushalt von Mutter und Sohn, schlug Nägel ein, trug Möbel hin und her und zog willig die Bluse aus, um gerade wie an Bord große Reinigung vorzunehmen. Seine Schlendertriebe schienen für den Augenblick zu schlummern – sein Gewissen hielt, sie im Zaun; der Mutter auch nur die geringste Unannehmlichkeit zum großen Leid zuzufügen, wäre ihm empörend und abscheulich vorgekommen, sein Herz und sein Mitleid legten ihm die Pflicht ob, sich ihr zu widmen. Da er sich, als Matrose selbständig und unabhängig fühlen durfte, war er ihr freiwillig unterthan, die einzige Form, worin ihm Unterwerfung möglich war, und worin sie ihm leicht und angenehm vorkam. Abends ging er von der Kaserne geradenwegs nach Hause, opferte all seine Freistunden der Mutter und ging nur spazieren, wenn sie ihn begleiten mochte, wobei er sie immer mit einem gesetzten, fast würdevollen Ausdruck, der ihn trefflich kleidete, am Arm führte. Zwanzigstes Kapitel Im Sommer des folgenden Jahrs. Ihr armseliger Unterschlupf war ihnen, nachdem sie nunmehr achtzehn Monate darin gewohnt hatten, jetzt gar nicht mehr zuwider, nur die Wunde, die ihnen der Auszug aus dem Vaterland geschlagen hatte, blieb gleich schmerzhaft und das Vermissen des Familienhauses unbeschwichtigt. Wohl rückte die Provence in ihrer Erinnerung mehr und mehr in die Ferne, aber sie hüllte sich dabei nur in um so leuchtenderen Goldton wie ein verlorenes Paradies ... Der geringste Gegenstand des Haushalts wurde, wenn er »aus unserm Haus« stammte, wie ein Heiligtum behandelt, nur mit Andacht gehandhabt und konnte plötzlich tiefe Wehmut, schmerzhaftes Herzklopfen hervorrufen. Jean hatte jetzt sein Jahr auf dem Schulschiff hinter sich, auf der »Bretagne«, einem großen Segelschiff, das auf der Reede verankert war, der Matrosenschulstube. Das harte, gesunde Leben, das dort geführt wird, unausgesetzt in salziger, feuchter Luft im scharfen Ostwind, der sich so herb einatmet, bringt eine Art spartanischer Auslese unter den jungen Leuten verschiedenen Schlags hervor – die Schwächlinge fallen ab, die Gesunden kräftigen sich. Jeans ursprüngliche Kraft hatte sich entwickelt und gesteigert, er war auch pünktlich, rührig, thatkräftig im Dienst, dabei schweigsam und willig. Gegen diesen eisernen Zwang hatte sein angeborenes Unabhängigkeitsgefühl nichts einzuwenden, er, der sich so trotzig aufbäumte gegen jeden persönlichen Druck, beugte den Nacken unter dieses Joch, das, eben weil es unpersönlich und allgemein ist, nichts Verletzendes hat und häufig die Unbändigsten zahm macht. Immer rasch und gewandt in der Ausführung, den unendlich vielfältigen Mechanismus der Takelage fehlerlos beherrschend, unermüdlich im Dienst, war er der Matrose, wie er sein soll. Außerdem hatte er sich das seemännische Gigerltum sehr rasch angeeignet, den Schick im Tragen der Uniform, die schwungvolle Art, die Mütze mit dem roten Pompon zu tragen, deren Rand durch einen Fischbeinreifen gesteift wird, die jederzeit tadellose Weiße des groben Leinenzeugs. Mit irgend welcher geistigen Arbeit jedoch befaßte er sich nie, denn was das betraf, so fühlte er sich um so unfähiger zu geistiger Anstrengung, je rühriger er körperlich war. Angelernte Rauheit und Wildheit überwucherten jetzt die Keime von Poesie und künstlerischem Sinn, ohne sie zu ersticken, denn sie lagen in der Natur selbst und waren durch die Erziehung der ersten Kindheit unzerstörbar entwickelt worden. Mehr und mehr wurde er in Wesen und Auftreten Matrose und behielt dabei doch eine gewisse Vornehmheit bei, was keineswegs unvereinbar ist. Es ist ein Vorzug und Vorrecht der Seeleute, daß die erstaunlichste Zwanglosigkeit, ja Frechheit in Benehmen und Sprache bei einzelnen wenigstens doch nicht gemein, nicht proletarierhaft wirkt. Jean war in dieser neuen Hülle im Grunde der geblieben, den ein Klang aus dem Morgenland, irgend ein geheimnisvoll tönendes Wort ins Unendliche der Träume, in die Angst der Vernichtung oder in das dunkle schmerzhafte Gefühl der Ursprungserinnerungen versetzen konnte, und dabei war er auch immer noch der alte Kindskopf, ein Kind an Unbesonnenheit und Sorglosigkeit, ein Kind auch in der Lust am Spiel, worin er sich von Zeit zu Zeit mit den Allergeringsten und Kindischsten zusammenthat, nur um in ihrer Gesellschaft aus Herzensgrund lachen zu können über ein sinnloses Nichts. Auch der war er geblieben, der einst in Antibes die Betteljungen beschützt oder junge Kätzchen vom Ersäufen bewahrt und in der Tasche heimgetragen hatte, seine besondere Aufmerksamkeit und seine feinfühlige Rücksicht hatten nur die Geringsten und Mißachtetsten an Bord zu genießen. Aus Zerstreutheit und Laune geschah es ihm jetzt auch manchmal, daß er in den lange begrabenen Bummeltrieb zurückfiel. An irgend einem schönen Abend konnte ihn ein beliebiges hübsches bretonisches Mullkopftuch oder ein Hut mit nickenden Federn vom Weg nach Hause ablenken. War dann die Mutter in Sorge gewesen über sein Ausbleiben, so konnte er ihr mit ebenfalls kindlicher Leichtigkeit eine Geschichte vorlügen, die einem Münchhausen Ehre gemacht hätte, nur um ihr nicht weh zu thun; wurde er aber dabei ertappt und als Schwindler entlarvt, so schlug er die lustigen Augen nieder wie ein Schuljunge, der keine Spur von Gewissensbissen empfindet und den heute gerügten Fehler morgen wieder begehen wird. In allem Uebrigen bestand die zärtliche Hingebung an die Mutter so unentwegt fort, daß diese sich trotz der veränderten Verhältnisse fast glücklich fühlte. Uebrigens kehrte dem kleinen Haushalt nach und nach auch ein gewisser Wohlstand, freilich im bescheidensten Maßstab, zurück. Nachdem die Verhältnisse in der Provence endgültig geordnet waren, blieben der Witwe sieben- bis achthundert Franken Jahreszins, und nach mutig überstandener Lehrzeit fertigte sie jetzt Goldstickereien für die Uniformen der Marineoffiziere. Sie trug sich ganz einfach, fast wie eine Arbeiterin, obwohl Jean immer unzufrieden darüber war, unglücklich, wenn sie in einem gehäkelten schwarzen Umschlagtuch ausging, und er von nichts anderm träumte, als ihr die frühere gesellschaftliche Stellung zurückzuerobern. In den ersten Monaten hatte sie sich auch die Gevatterinnen, die mit ihr unter einem Dach in der großen vom Regen triefenden Mietskaserne wohnten, vom Leib gehalten, nach und nach fand aber doch eine Annäherung statt. »Die Leute haben eben bessere Tage gesehen,« sagten sich die im Grund gutmütigen Weiber, ohne ihnen die hochmütige Abschließung der ersten Zeit zu verübeln. Mit den Verwandten in der Provence hatte man anfangs hie und da Briefe gewechselt, aber die Antworten hatten sich immer mehr verzögert und der Ton gegen die arme Witwe und den Sohn in der Matrosenjacke war immer gönnerhafter und kühler geworden. So ließ man denn die Beziehungen zu Antibes allmählich einschlafen und träumte höchstens von dem Tag des Glanzes, wo Jean als Kapitän mit hochgetragenem Haupt die Mutter in die Heimat zurückbringen und sich »sehen lassen« würde ... Die alte Mette war, um nicht Fremden dienen zu müssen, in ihr Heimatdorf zurückgekehrt und dort gestorben; seither hatten sie vollends den Eindruck, nur aufeinander angewiesen zu sein, zwei Einsame und Verstoßene, die für keine Seele auf der Welt etwas zu bedeuten haben. Wozu also darben, um eigensinnig nach außen das Ansehen einer Dame zu wahren? Dazu verlor die Mutter allen Mut und es wandelte sie manchmal ein Verlangen an, ganz hinabzusteigen in ihren jetzigen Stand. Wenn ihr Jean, der noch mehr Standesgefühl bewahrt hatte, eine tadelnde Bemerkung darüber machte, konnte sie ihm zur Antwort geben: »Was willst du eigentlich? Die Mutter eines Matrosen!« und der Ton klang dann so bitter als in den Zeiten der Vorwürfe und der Entfremdung, wurde aber gleich durch ein inniges Lächeln und einen zärtlichen Kuß wieder gut gemacht. Einundzwanzigstes Kapitel Schon ging der zweite in Brest verlebte Sommer dem Ende zu. An einem schönen Sommerabend waren sie wieder beide an ihrem Fenster, dem einzigen nach der Straße und dem einzigen ihres schmalen dürftigen Speisezimmers. So oft der Ostwind nicht allzu heftig blies, brachten sie hier ihre besten Ruhe- und Plauderstündchen zu. Die festungsartigen dicken Mauern boten ein breites Gesims zum Aufstützen der Ellbogen, das jetzt mit einem rot bezogenen Kissen geschmückt war, wie es im ganzen Stadtviertel an allen Fenstern der anständigen Haushaltungen zu sehen war. Was sie von ihrem Luginsland zu sehen bekamen, war ihnen schon ganz vertraut, Leute, die täglich zur selben Stunde vorübergingen, betrachtete man fast als Bekannte, einzelne waren auch Gegenstand der Belustigung, und Jean konnte in echtem Kinderton sagen: »Warte noch ein wenig, Mamachen ... das Fräulein mit dem Eulengesicht war noch nicht da, und eh' ich die gesehen habe, kann ich mich nicht zum Essen setzen, das wirst du einsehen!« Unter ihnen im Vordergrund ihres Bildes befand sich eine steinerne Terrasse, die einen mit Buchs eingefaßten Miniaturgarten trug, worin sie nun zum zweitenmal dieselben Blumen blühen sahen, Fuchsien und Ehrenpreis von der Wiese und ein paar kümmerliche Rosen. Von den Reben, die im Süden alle Mauern so schön umkleiden, war hier natürlich nichts zu sehen, aber zwischen den Steinplatten wucherte auch einiges ungepflanzte Grün, Moos, Farnkraut und die blasse traurige Digitalis, die ihrem Freund, dem Granit, überallhin folgt ... Und schon war auch ein Stück von ihnen selbst an diesen Mauern haften geblieben; was sie daran liebten, war nicht der Ort, sondern die eigene dauernde Anwesenheit, die ihn schon durchdrungen hatte, vor allem die Dauer ihrer gegenseitigen Anhänglichkeit, die doch auch bestimmt war, zu enden und Vergessen zu werden ... Es gehört zu den Selbsttäuschungen des Menschen, derart an Dingen zu hängen, fast wie an menschlichen Wesen, die freilich im Grunde ja auch noch viel vergänglicher sind. Die Anhänglichkeit an Orte, an Reliquien oder auch an Ueberlieferungen und Erinnerungen ist wahrlich nur eine Ausdrucksform, die wir für unsre menschliche Weitsichtigkeit gefunden haben, für das allgemeine Gefühl und den Trieb der Erhaltung. Die Tiere begnügen sich, dem Tod zu entfliehen oder sich dagegen zu wehren, wenn er ihnen nah und gewaltsam erscheint, sie besinnen sich nicht auf Mittel zur Abwehr der Zeit, die sie aufbraucht. Wir aber, die wir ohne Zweifel gleich ihnen zu Staub werden, wir suchen uns zu verteidigen durch hochfliegende Traume, Hoffnungen und Gebete oder auch durch die Liebe zur Stätte der Kindheit, zu einem Haus, das wir lange bewohnt haben, durch die Schätzung armseliger Dinge, die in irgendwelchem Zusammenhang stehen mit der unwiderruflichen Vergangenheit. Die Anhänglichkeit an Orte und Dinge, die im Grauen vor der Vergänglichkeit wurzelt, ist die unreifste Form menschlicher Gottesverehrung, wo sie nicht vielmehr eine Form des Unglaubens ist, zu der man verbittert und enttäuscht zurückkehrt, nachdem man sein Lotblei in die schwarze Untiefe versenkt und keinen Grund gefunden hat. Jean und die Mutter hatten sich schon heute früh schönes Wetter gewünscht, um diesen letzten Abend an ihrem Fenster verbringen zu können, den Abschiedsabend, weil Jean morgen auf zehn Monate in See mußte. Und es war, als ob diese hier seltene, klare und laue Abendluft, die fast die Täuschung erweckte, anderwärts, dem strahlenden Süden näher zu sein, eigens ihretwegen gekommen wäre. Kein Windhauch, keine Wolke ... es war der Schönheit fast zu viel für ihre Herzen, denn diese Sommerherrlichkeit steigerte den Schmerz der Trennung, indem sie ihnen die Provence vorzauberte, wo so viele Abende diesem geglichen hatten. Jean mußte morgen fort, um auf der »Resoluta« die übliche Reise über den Atlantischen Ocean anzutreten. Seine Zukunftspläne waren jetzt genau ausgearbeitet und hatten Hand und Fuß: im nächsten Sommer wollte er die Jacke des Obermatrosen mit nach Hause bringen, dann eine mehrjährige Fahrt mitmachen, die den Dienst in der Marine zum Abschluß bringen sollte, dabei Ersparnisse zurücklegen und diese nach der Rückkehr zum Besuch der Kurse in Schifffahrtskunde verwenden, die ihn zum Schifffahrtsexamen für lange Fahrt und in der Folge zum Kapitänsposten befähigen würden. Diesen schönen Plänen wäre es recht zu statten gekommen, wenn er sich jetzt schon wieder in die Mathematik eingelebt hätte; er hatte auch in seinem Stübchen bei der Mutter die Bücher und Schulhefte auf dem Tisch liegen, allein er hatte sich begnügt, darin zuweilen die getrockneten Blumen aus dem Garten von Carigou anzusehen, die zwischen ihren Blättern lagen. Bei Geschick und besonderer Neigung zu allen körperlichen Leistungen war er in geistiger Arbeit träge, und die Mathematik besonders lag ihm so fern und war für ihn, der alles, was Poesie und Kunst hieß, spielend erfaßte, so schwer zu begreifen ... Langsam, gleichsam zögernd folgte die Nacht der schönen Dämmerung, aber endlich erschienen die unten Vorübergehenden, die truppweise von Spaziergängen und Ausflügen heimkamen, nur noch wie dunkle Knäuel, aus denen die weißen Hauben der Frauen hervorleuchteten, die einzigen hellen Punkte in dem trübseligen Grau von Häusern und Pflaster ... Auch dieser Abend grub sich nach und nach »für später« tief in ihre Seelen ein, wie es so mancher flüchtige Augenblick thut, während andre, man weiß selbst nicht warum, spurlos an uns vorübergehen ... Jean machte dabei die Beobachtung, daß er wirklich an diesem Fenster hing und an diesem Straßenbild, sogar an der Terrasse, die nicht einmal zu seiner Mietwohnung gehörte, und an den dürftigen, von Unbekannten gepflanzten und gepflegten Blumen ... Die Mutter hielt den Kopf gesenkt und sah nichts mehr; Bangen vor der Trennung, vor den zehn Monaten steter Sorge um ihn, vor dem einsamen Winter ohne den Sohn beklemmte ihr in der wachsenden Dunkelheit mehr und mehr das Herz ... Zweiundzwanzigstes Kapitel Auf hoher See. Soweit das Auge reicht, Leere, Unendlichkeit, nichts als der Umkreis des blauen Meeres. Hoch oben das Gerüste der weißen Segel und der nach Teer riechenden roten Taue, das eigenste Gebiet des Matrosen Jean und der Mastwächter, dieser wunderbare, fast beseelte Mechanismus, von dem jeder einzelne Bewegungsnerv seinen Namen, seine Aufgabe, sein Sonderleben hat, und darin kreisend und wirkend die Schiffsmannschaft, einige hundert Menschen, die der Zufall zusammengeführt hat, deren Namen mit einem Schlag zur Nummer geworden sind, deren Persönlichkeit in der einem jeden auferlegten Thätigkeit aufgeht. Bei diesen jungen, einfachen Leuten, die von der ganzen übrigen Welt abgeschnitten sind, hört die Individualität auf, so gut als bei den Angehörigen eines frommen Ordens, und das Denken und Sorgen des Alltags beschränkt sich auf die Frage, ob die Manöver rasch ausgeführt wurden, ob das Log richtig »gelogt« hat, ob die Segel zu rechter Zeit »gegeit« werden. In diesem kunstvoll aus Stahl und Menschen zusammengesetzten Organismus begnügt sich jeder, seine besondere, täglich gleiche Rolle zu spielen; er ist nichts als der Erzeuger einer Kraft, die zu gewisser haarscharf bestimmter Minute da sein muß, die lebendige Feder, die jenes und nie ein anderes Tau strammt, er ist auch die Hand, die jeden Tag im bestimmten Augenblick diese Zugwinde säubert, dieses Metallstück poliert. Wie eine Maschine vollbringt er die Reihe von Handlungen, die andre vor ihm, auch Unbekannte mit Nummern, zur selben Stunde, am selben Fleck vollbracht haben. Und das gesunde, anstrengende Leben stählt den Leuten bei unbedingtem Verzicht auf eigenes Urteil und eigenen Willen die Muskeln, verleiht ihnen die fröhlichen Gesichter und das gutmütige Lachen, lehrt sie, einerlei, wo und wann, sei's bei Tag, sei's bei Nacht, auf der Stelle in tiefen Schlaf sinken, sobald die schrille Dienstpfeife nicht mehr ihnen gilt. Bei nachdenklich veranlagten Naturen entsteht als Unterströmung dieses rein materiellen Lebens leicht ein starker Hang zur Träumerei. Bei einzelnen greift auch eine gewisse Verdoppelung des Wesens Platz, mancher Mastwächter, der nur Segel und Taue im Munde führt, ganz in seinem Seemannshandwerk aufzugehen scheint, ist im innersten Herzen ein Kind geblieben, das an irgend einem Weiler der bretonischen Küste hängt, an den Beziehungen oder kleinen Interessen, die dort zurückblieben, und das allein füllt seine Gedanken aus. Hier arbeitet und spricht er rein mechanisch, seine Seele aber ist dort, und von der Welt, die er bereist, nimmt er nichts in sich auf, nicht einmal die unbegreifliche Unendlichkeit des Meeres. Wenn der Abend kommt und Ruhe eintritt, wird ein solcher, der vielleicht: »???218 Backsgast« heißt, wieder zum Peter oder Hansjakob seiner Kindheit und setzt sich neben einen andern Burschen aus seiner Heimat, der auch wieder Dorfkind geworden ist. Sie ziehen sich gegenseitig an und suchen sich, sondern sich ab als gleichgestimmte Seelen oder auch nur als Kinder desselben Bodens, diese sonst von Arbeit und Ermüdung ausgelöschten Einzelwesen ... Jean plauderte bald mit diesem, bald mit jenem, mit jedem in seiner Sprache, äußerlich ganz und gar Seemann und geistig hoch genug über den meisten stehend, um sich liebenswürdig und ohne Spott an ihren naiven Gesprächen ergötzen zu können. Dreiundzwanzigstes Kapitel Einen Tag wie den andern die großen Uebungen, die aufs äußerste gesteigerte Entfaltung der Muskelkraft, die lang gezogenen singenden Schreie, die das Manövrieren begleiten, die schrille Musik der Kommandopfeifen, das Knirschen der Taue, der keuchende Atem so vieler Menschen, die Arme, die sich unterm Jackenärmel strecken und zusammenziehen, die ganze Arbeit, die es kostet, um die ungeheure Stoffmasse der Segel zu entfalten, ihr Leben einzuhauchen, daß sie zum leichten, lenkenden Flügel wird ... Aber an den Abenden, da kehren bei köstlichem Wetter die Stunden der Ruhe wieder, der Wache unter sternbesätem Himmel. Nach den glühenden Sonnenuntergängen versammelt man sich auf Deck, um zu plaudern, auf und ab zu schlendern, beim sanften Wiegen in der unsäglich reinen Luft zu schlafen. In kleinen Gruppen erzählt man sich Geschichten, »spinnt Garne«, wie der Seemann sagt, oder stimmt Lieder an, bis der traumlose Schlaf kommt. Für Jean waren diese abendlichen Mußestunden anfangs keine fröhlichen gewesen. Er mochte sich noch so nachlässig ausstrecken gleich den andern, gleich ihnen in körperlicher Wohligkeit schwelgen, er fühlte dann doch die Kluft zwischen sich und ihnen, und daß er nicht so schlichten Sinnes sein konnte als sie. Und dann waren es auch die einzigen Stunden, wo Gedanken an die Zukunft sich aufdrängten, an all die Hindernisse, die sich auf seinem Wege häuften, an das Geld, das er nötig haben würde, um in Brest die Kurse zu besuchen, an den sauren Schweiß, den ihm »der Kapitän« kosten würde. Nein, an dieses Examen konnte er nicht frohgemut denken, die Siegesgewißheit fehlte gänzlich. Er fühlte auch wohl, wie die Muskelarbeit alles in ihm aufsaugte, wie sein Kopf von Tag zu Tag unfähiger wurde für die abstrakte Mathematik. Seine armen Schulhefte, die er mitgeschleppt hatte an Bord und die er wie Heiligtümer verwahrte, waren trotz aller Sorgfalt an den Ecken zerschunden von dem Matrosensack, das Papier vergilbt, die Tinte verblaßt, und das Durcheinander von Zeichen und Zahlen, die sie enthielten, wurde für ihn immer unverständlicher, es war für ihn eine Geheimschrift, zu der er den Schlüssel verloren hatte. Und das alles neu lernen und die Astronomie obendrein! Wahrhaftig, wenn er an diesen ruhigen Abenden Muße hatte, darüber nachzudenken, so stiegen schreckhafte Unmöglichkeiten vor ihm auf, und es dünkte ihm, daß er nichts mehr begreifen, nichts mehr lernen könne ... Dann tröstete er sich wieder. Er hatte ja bis dahin noch Jahre vor sich, es war ja noch gar nicht an der Zeit, diese Arbeit wieder aufzunehmen, und ganz fruchtlos, sich jetzt damit zu quälen ... Er hörte denn auch lieber den harmlosen Gesprächen seiner Nachbarn zu, ergötzte sich an ihren Kindereien und fand seine Heiterkeit wieder, sein Lachen und – seinen Leichtsinn. Ganz schrittweise und ohne sich dessen klar bewußt zu werden, lebte er sich endgültig in den Matrosenberuf ein, den er anfangs nur als einen Durchgangspunkt betrachtet hatte. Darin lag eine große Gefahr. An den freien Tagen, wenn die andern ihre Kinderspiele trieben oder sich in der Schiffsbibliothek irgend etwas für sie Verständliches holten, geschah es wohl, daß Jean von einem der Offiziere ein Buch geliehen bekam und auch las. Aber seine Wahl war eine seltsame für einen Matrosen. Er hatte hier den ???Akednsseril wieder aufgegabelt, mit den lapidaren Sätzen, die ihm jahrelang im Kopf geschwirrt hatten, er war auf Herodod und ???Salammbo gestoßen, die neue Verzückungen und unendliche Traurigkeit schufen im unklaren endlosen Reich seiner Träume ... Vierundzwanzigstes Kapitel In den Tropen an einem wunderbaren Abend, wo der australische Passat mit seiner erlesensten Milde wehte. Von gesunder Muskelermüdung beschlichen, sanft gewiegt von der Bewegung des Schiffs wie ein Kind, das man einschläfert, lag Jean ausgestreckt auf dem Deck beim allmählichen Auftauchen der Sterne mitten unter einer Schar von Müßigen in weißer Jacke, die alle heraufgekommen waren, sich nach und nach gleichfalls ausstreckten oder in gedrängten Gruppen zusammensetzten, um die so herrliche Nacht zu verbringen. In dieser Ruhe, die dem Schlaf voranging, verdüsterte sich sein Gemüt wie gewöhnlich wieder durch allerlei Zukunftsnöte und die Vorstellung des Examens. Zu seiner Rechten hatte er die beiden Lieblingskameraden, Le Marec, den Obermatrosen vom Steuer, und Joal von der Marineartillerie, die beide von der Nordküste stammten, und in diesem Augenblick von jungen Landsleuten umringt waren, die ihnen mit Ehrfurcht zuhörten. Zu seiner Linken einen Kreis von Basken, besondere Leute, die sich untereinander in einer unverständlichen vorsintflutlichen Mundart unterhielten. Etwas weiter entfernt ertönte Chorgesang: ein lustiges Lied, dessen Kehrreim vom alten Neptun, dem König der Wasser, unaufhörlich wiederkehrte. Die Bretonen erzählten sich eine Geschichte von Nacht und Nebel, die Jean zusammenhangslos vorkam, weil er anfangs nicht aufgemerkt hatte. Es handelte sich um eine geheimnisvolle Brigg, die man dienstunfähig und ohne Mannschaft an einem frühen Winterabend im Kanal angetroffen hatte, eine Art von großem Wrack, das man aus Furcht, Tote darauf zu finden, nur zögernd bestiegen habe. Die Basken in der ganz nah sitzenden Gruppe schilderten einander kriegerische Abenteuer unter glühender Sonne in den Sandsteppen von Dahomey, und in Jeans schon etwas schlaftrunkenem Geist flossen diese beiden Geschichten ineinander, die übrigens gleich kraß und kindlich waren, und der nahe Chor fuhr fort, durch den Gassenhauer vom »Alten Neptun« das Kunterbunt vollends unverständlich zu machen. Man ist an Bord unvermeidlich nah beisammen, besonders an den Abenden, wo alles an Deck sein will. »Endlich,« sagte Le Marec, der als Junge Fischer in Binic gewesen war, »entschließen wir uns, heranzufahren« (es handelte sich immer noch um das unheimliche Wrack). »Man sah schon nicht mehr recht, es war fast Nacht und, meiner Seel', ich hatte gar keinen Magen zu der Geschichte, das kann ich euch wohl sagen! ... Aber sein sollt' es eben, und so hänge ich mich mit den Händen an die Reeling und zieh' mich hinauf, um mich umzusehen ... nun ... und was krieg' ich zu sehen, Leute? Eine große schwarze Gestalt mit Hörnern und Spitzbart richtet sich kerzengerade in die Höhe und springt auf mich los ...« »Das war der Teufel, gelt?« fragte Joal mit voller Zuversicht, das Richtige erraten zu haben. »Zum Henker, das haben wir auch gedacht und nichts andres... aber nein... 's war ein Bock! Aber ein Mordskerl von einem Bock, sage ich euch! So groß und fett ist noch keiner gesehen worden ...« Und Irrubeta, ein Baske aus Zitzarry, berichtete zu gleicher Zeit mit einer Stimme, die neben dem rauhen biederen Klang aus bretonischen Kehlen melodisch und dramatisch klang: »Es war die Amazone, die ihn verraten hatte, den Spion, verstehst du mich? Und dann führt ihn der andre, der große Neger, fort und sagt: ›Komm an den Strand,‹; sagt er, ›damit ich dir den Hals abschneide, komm nur, komm nur!‹;« »Und der ist gekommen?« fragte der ungläubige Etcheverry, der von Biarritz stammte, wo mehr Fortschritt herrscht. »Natürlich, das versteht sich doch von selbst, denn siehst du, weil er ja doch ein Spion gewesen ist, hat er ja wohl wissen müssen, daß das ein Unrecht ist ... angenehm war's ihm aber natürlich nicht, kannst dir's ja denken!« Und die Bretonen fuhren in ihrer winterlichen Nebelgeschichte fort: »Und ganz gottsverlassen war er, dieser Bock, ganz allein an Bord, weil's aber ein Schiff mit Gerstenladung gewesen war, die im Zwischendeck verstaut war, hatte er wenigstens genug zu fressen gehabt und drum war er auch so fett geworden, ihr begreift ...« »Nun dann bindet er also meinen Spion,« berichtete Irrubeta, »mit den Grashalmen, womit sie sich auch die Haare aufbinden in diesem schmutzigen Land da, läßt ihn auf dem Sand niederknieen und fängt an mit seinem Krautmesser an seinem Genick zu sägen. Jetzt aber, wie's losging, hatte der gar keine Lust mehr, sich's gefallen zu lassen, und hat geschrieen, na, ich sage euch ... Und die Amazone hat mit den Zähnen geknirscht ... so ... hört nur, wahrscheinlich um auszudrücken, daß es ihr ganz recht sei. Nun, ob ihr's glaubt oder nicht, er hat's nicht zu stand gebracht mit seinen Kommissäbel, so schlecht geschliffen war der, und schließlich hat er ein elendes Messerchen um einen halben Franken aus der Tasche Ziehen müssen, das ich ihm einmal geschenkt hab' in einem Bazar in Goreä... bei der Mutter Virginie hab' ich's gekauft! ...« Während sich die Zuhörer über diese Art, jemand den Hals abzuschneiden, höchlich belustigt zeigten, saßen ihre Nachbarn aus der Bretagne in träumerischem Schweigen da und machten ihre Gedanken über das Wrack und den Bock ... Jean, der zuletzt mit jedem Ohr nach einer Seite hingehört hatte, lachte in sich hinein über die barbarische Kindlichkeit beider Erzählungen, und das lustige Lied vom alten Neptun steckte ihn mit seiner unwiderstehlichen Ausgelassenheit an. Noch nie war er so ganz und gar, so ohne Rückhalt Matrose gewesen wie an diesem Abend. All seine Zukunftssorgen, die ohnehin von Tag zu Tag mehr verblaßten, lösten sich vollkommen auf im Gefühl körperlichen Wohlseins und Ausruhens. Sein ganzes Wesen gab sich der physischen Lust zu leben und zu atmen hin, die Kraft und Geschmeidigkeit der Muskeln unter der leichten, bequemen Kleidung zu fühlen. Er streckte sich vollends der Länge nach aus auf den reinlichen Planken, die seine gewohnte Lagerstätte bildeten, und bettete den Kopf auf Schulter oder Bein irgend eines Nachbars, wie es an Bord üblich ist, um selig zu entschlummern. Es war die vor allen andern zauberische Stunde, wo der milde Passat über die Meeresfläche hinstreicht. Noch einen Augenblick sah er die großen blassen Fächer der Segel, die sich wie riesige Vögel auf dem tiefen Blau des nächtlichen Himmels wiegten. Dann unterschied er nur noch die klaren Sternbilder der australischen Hemisphäre, die gerade über ihm zwischen der mehr und mehr in Dunkel verschwimmenden Takelage einen Reigen zu tanzen und Versteck zu spielen schienen, denn in regelmäßigen Zwischenräumen verschwanden sie, um gleich darauf wieder zu erscheinen, um sich zu neigen, sich zu verhüllen und das Spiel beim sanften Rhythmus der wiegenden Wellen immer wieder von neuem zu beginnen. Endlich sah er auch diese nicht mehr und verlor nach und nach das Bewußtsein aller Dinge im Schlaf, der die Persönlichkeit aufhebt, um ihre verbrauchten Kräfte zu ergänzen ... Fünfundzwanzigstes Kapitel Der folgende Mai fand ihn in Quebek, wo sein Schiff einer Havarie halber unvermutet lange liegen blieb. In einem kleinen Gäßchen der ihm schon ganz vertrauten Vorstadt sah man ihn jeden Abend in Begleitung eines blonden Mädchens von achtzehn Jahren aus einem Haus treten, und dieses Mädchen war seine Braut. In unbefangenster freier Haltung, das lange blonde Haar wie eine Mähne über die Schultern hinabfließen lassend, gut, fast vornehm gekleidet, ging sie bis zum Einbruch der Nacht ganz allein mit ihm auf einsamen Pfaden im frischen Grün spazieren. Diese Verlobung hatte sich sehr schnell gemacht, fast wie ein Scherz. Ein graubärtiger Franzose, ein halbwegs reicher Biedermann, der von den ersten Kolonisten in Kanada abstammte, war eines schönen Morgens an Bord der »Resoluta« gekommen, hatte sich vor Jean, der an der Arbeit war, hingepflanzt und ihm ohne alle Umschweife gesagt: »Ich habe drei Töchter. Besuchen Sie mich und suchen Sie sich die aus, die Sie heiraten wollen.« Auf diese Weise war er in die Familie eingeführt worden! Thatsächlich hatte er eigentlich nie kund gethan, welche von den drei Schwestern er gewählt habe, aber daß er der, die Marie hieß, den Vorzug gab, war sichtlich, und so gingen sie wie Brautleute miteinander aus, ohne daß jemand etwas dagegen einzuwenden gehabt hätte. Da das Schiff jetzt auf der Werft lag, hatte er die meisten Abende frei und konnte also nach Belieben seine Marie abholen. Die Eltern legten sich in diesem Haus fast nie ins Mittel, und die beiden andern Mädchen behandelten ihn schon fast wie einen Bruder. Ihm selbst kam die ganze Geschichte höchst unwahrscheinlich vor, gerade so unwahrscheinlich, als was man hier Frühling nannte. Er, der Südländer, lächelte insgeheim, wenn Marie an diesen naßkalten frühen Abenden ein weißes Kleid anzog und einen Strohhut auf die herrliche blonde Mähne setzte ... Diese Verlobung von ungefähr und dieses wechselvolle Maienwetter kamen ihm gleich unzuverlässig vor, vergänglich und wandelbar wie alles im Leben. Anfangs war er verblüfft und auch ein wenig belustigt gewesen über seine Verlobung, dann hatte er der Sache ihren Lauf gelassen aus Furcht, seine neuen, ein wenig wunderlichen, aber im Grund wackeren und herzensguten Freunde zu kränken, schließlich sagten ihm auch Maries frische rosige Wangen und ihre hübsche Gestalt samt dem Blondhaar immer mehr zu. »Lassen Sie die Korvette allein absegeln und bleiben Sie bei uns,« riet ihm der Vater, »die Mama lassen wir dann nachkommen! Sehen Sie, mir war's immer drum zu thun, einen Franzosen zum Schwiegersohn zu kriegen, einen rührigen Menschen und namentlich einen dunkeln ... die Mädels sind zu blond und unter den Schwestern meiner Frau sind sogar zwei Kakerlake ... Sie werden jetzt verstehen, wie ich's meine ...« Und dann setzte er ihm seine Pläne auseinander, wie man es weiter bringen könnte hier zu Land, erklärte und pries ihm das in freier Luft auszuübende, Thatkraft fordernde Gewerbe, das er selbst betrieb und ihm zu übertragen hoffte, indem er ihn zum Sohn nahm. * Als aber der Tag kam, wo das Schiff unter Segel ging, blieb Jean an Bord ... Fahnenflüchtig werden hieß für immer darauf verzichten, Frankreich, Antibes, das alte Haus und den Garten von Carigou wiederzusehen, und ebenso gut hätte man von ihm verlangen können, daß er freiwillig in den Tod ginge! Und dann ... dieses Amerika stimmte so gar nicht zu seiner Poetenseele und Orientphantasie, die an Ruinen, am Unveränderlichen, an toter Vergangenheit hing ... Und doch that ihm das Herz weh, als die Anker fröhlich gelichtet wurden. Es that ihm doch leid um diese Marie, um ihr Blondhaar, das ihm der Wind so oft ins Gesicht geweht hatte, vielleicht am meisten um den Teil seines Selbst, den Teil von Leben und Liebe, der während seines Aufenthalts bei den Abendspaziergängen am grünen Grase haften geblieben war ... Er reiste ab mit dem Vorsatz, bald zu schreiben, jedenfalls wiederzukehren, vielleicht auch sie zu heiraten ... Aber er war einmal so geschaffen, daß, was nicht seine Mutter war oder die Kindheitserinnerungen der Provence, schwer in ihm Wurzel faßte, leicht abglitt und die Schale seines Gleichmuts nicht durchdrang. Sechsundzwanzigstes Kapitel »Mutter, laß mich das Hütchen vom Osterfest ein wenig sehen ...« Er sprach's mit einem Anflug der Mundart von Antibes, die er mitunter im Scherz wieder hervorsuchte, wie auch die drollige Aussprache eines kleines Kindes, deren er sich zuweilen der Mutter gegenüber bediente, um ihr ein Lächeln zu entlocken. So schloß sie denn den Reliquienschrein auf, nahm einen grünen Pappkasten von ganz veralteter Form heraus und zeigte ihm das Hütchen, das, in einen Gazeschleier gewickelt, darin lag. Jean war heute erst von der langen Fahrt auf der »Resoluta« zurückgekehrt, und es gehörte zu den wehmütigen Freuden der Heimkehr, daß man all die alten Andenken hervorsuchte. Auch das Engelshemdchen, Großvaters Rock und Stock wurden besichtigt, dann legte man die bescheidenen Schätze wieder sorgfältig an ihren Platz. Die Mutter hatte aber auch Neues zu zeigen, Verschönerungen, die vornehmlich in seinem Stübchen angebracht worden waren, namentlich eine gehäkelte Bettdecke, die sie für ihn gearbeitet hatte, nachts zwischen elf und zwölf Uhr, wenn ihre ermatteten Augen die Goldfäden der Stickereien nicht mehr recht sahen. »Es ist ja wohl ein wenig Armeleutstil, diese gehäkelten Decken,« bemerkte sie dabei, »das gebe ich gerne zu, aber sie sind praktisch und reinlich und sehr dauerhaft ... Du wirst dich in späteren Zeiten noch daran erinnern, daß deine Mutter sie dir gemacht hat.« Jean fand alles wunderschön; nach der derben Einfachheit der Schiffseinrichtung kam ihm die zierlich gehaltene Wohnung mit den frisch aufgesteckten bläulich weißen Vorhängen fast elegant vor. Und doch sah er sie an einem trüben Tag wieder, denn zur Feier seiner Ankunft goß es in Strömen: ein Sommerregen, fast so kalt als anderwärts der winterliche, rieselte unaufhörlich über dieses vorher schon trübselige Brest. Mit Bewunderung sah die Mutter den Sohn an, der im Jugendglanz seiner einundzwanzig Jahre, hochgewachsen und geschmeidig, mit breiten Schultern und schlanken Hüften vor ihr stand, das sein geschnittene Gesicht im Rahmen des schwarzen Barts warm und gesund gefärbt. Das Liebste an ihm waren ihr aber doch die Augen, diese großen ehrlichen Augen, die sich nicht veränderten und die unter der orientalischen Samtfassung von Wimpern und Brauen für die Mutter wenigstens den reinen sonnigen Blick des Kindes bewahrt hatten. Sie durfte auch im übrigen zufrieden sein; er war wohl gelitten bei seinen Vorgesetzten und hatte ihr richtig die Jacke des Obermatrosen mit heimgebracht, die in der Marine nicht leichtfertig vergeben wird. An Bord hatte man sein rasches Fassungsvermögen, seine Geschicklichkeit, Entschlossenheit und Kraft zu schätzen gewußt, und trotz seiner schweigenden Zurückhaltung hatten die Offiziere wohl herausgefühlt, daß er neben seinen Matrosentugenden auch noch Eigenschaften und Interessen hatte, die über diesen Stand gingen, und er war von allen mit besonderer Rücksicht behandelt worden. Seit der Abfahrt von Quebek hatte die »Resoluta« zweimal angelegt, ohne daß Jean einen Brief an Marie abgeschickt hätte. Von Zeit zu Zeit mahnte ihn freilich sein Gewissen, und es war ihm schmerzlich, ihr weh zu thun. An diesem Tag der Heimkehr nahm er sich denn auch fest vor, gleich morgen den etwas peinlichen Brief nach Kanada zu schreiben. Nicht schreiben, selbst wenn man liebt, ist wohl ein bezeichnender Zug jener Matrosenart, die Jean mehr und mehr annahm, außerdem hatte er aber auch noch persönlich jene besondere Art der Trägheit, die man Briesscheu nennen könnte und die eine der seltsamsten und unüberwindlichsten Eigenheiten ist. Er ließ denn auch eine unbestimmte Anzahl von »morgen« verstreichen, das Bild des blonden Mädchens rückte ihm von Tag zu Tag ferner ... er schrieb ihr nie. Siebenundzwanzigstes Kapitel An einem schönen Augustabend des nämlichen Sommers lehnten Jean und die Mutter wieder an ihrem Fenster, die Ellbogen auf das rote Kissen des breiten Steingesims stützend. Zwischen ihnen hatte ein heftiger Sturm getobt, eine lange qualvolle Uneinigkeit, die einzige allerdings seit jenen fernen schweren Tagen, aber jetzt waren die Wolken verweht, die Gemüter waren beschwichtigt und versöhnlich gestimmt, sie fanden sich wieder. Die Sache war die: Seine Dienstzeit als Matrose ging dem Ende zu, und die Mutter hätte gewünscht, daß er das einzig Vernünftige thue, nämlich in Brest bleiben, um die Kurse in Schiffahrtskunde jetzt zu besuchen. Wenn er sich recht ins Zeug legte, so glaubte die Mutter, daß er im nächsten Jahr schon bei irgend einer der großen Dampfschiffgesellschaften, vielleicht einer des Mittelmeers, Anstellung finden konnte, und dann hätte sich die Zukunft für beide gelichtet. Allein Jean, der wahrend der Seefahrt kein Mathematikbuch aufgeschlagen und sich nur mit der praktischen Seite seines Berufs beschäftigt hatte, war sich wohl bewußt, daß Algebra und Trigonometrie etwa in den Zustand unentwirrbarer Wollsträhne geraten waren in seinem Kopf, und stellte sich mit kindischer Angst vor, welche Mühe er kosten würde, diese abstrakten Begriffe wieder in Ordnung zu bringen. Ersparnisse hatte er während des Aufenthalts in amerikanischen Seehäfen auch nicht gemacht, folglich hätte die Nadel der Goldstickerin unausgesetzt an der Arbeit sein müssen, und mit geheimem Selbstvorwurf sagte er sich, der Gedanke, mit einundzwanzig Jahren von der Arbeit seiner Mutter zu leben, sei ihm unerträglich. Trotz seines warmen Kinderherzens war er von jeher schwierig zu lenken gewesen, und schon rührte sich der Eigensinn, die böse Laune, schon hatten seine Augen und seine Stimme alle Weichheit eingebüßt, als die Mutter ihm auch noch einen ungeschickten Vorwurf machte, einen jener Vorwürfe, die aus mißverstandener Zärtlichkeit hervorgehen und so leicht die Herzen auf eine Zeit lang verschließen. Dann hatte er sich hinter seinen Trotz verschanzt, in schweigendem Eigensinn den Plan verfolgt, der so bequem und verlockend vor ihm lag, der ihn aller Schwierigkeiten und Mühsal entheben mußte – von neuem in der Kriegsmarine zu dienen! ... Zudem hatte Jean den Reiz noch nicht erschöpft, den dieser Dienst und dieses Leben auf so viele junge Menschen ausüben. * Seit gestern war es nun niet- und nagelfest, verbrieft, endgültig entschieden – er hatte sich, ohne mit der Mutter darüber zu sprechen, auf weitere fünf Jahre an den blauen Kragen gebunden! Als er dann heute früh erwacht war, hatte ihn beim Gedanken an diesen unwiderruflichen Schritt doch ein gewisses Angstgefühl beschlichen, einer Todesahnung vergleichbar. Beim Frühstück hatten Mutter und Sohn zuerst schweigend dagesessen, dann war ganz beiläufig in kurzen, abgerissenen Worten die Mitteilung an die Mutter erfolgt, und diese, der schon lange etwas Derartiges geschwant haben mochte, hatte ihn ohne einen Laut der Ueberraschung angesehen mit einem tiefschmerzlichen Blick, der alsbald von Thränen verdunkelt wurde. Da war bei ihm das Eis gebrochen, er hatte die Arme um sie geschlungen, und das Schlimmste war überstanden gewesen. Lange hatten sie eng umschlungen bei einander gesessen, die Herzen voll Zärtlichkeit und Verzeihung, die beiden Verlassenen, denen die Zukunft von neuem ein erschreckendes Antlitz zukehrte. »Ach, wie hast du nur wünschen können, daß ich's anders mache!« sagte er mit sanftem Vorwurf. Und er überzeugte sie beinahe davon, daß er recht habe. Er war ja wieder einmal ganz ihr Kind, und die Freude, ihn wieder gefunden zu haben, bewirkte, daß sie all seine Gründe gelten ließ, ohne mit ihm zu rechten, ohne sie auch nur selbständig zu beurteilen. Den Nachmittag über hatten sie dann auf dieser neuen Grundlage neue Zukunftspläne geschmiedet und Mittel und Wege erwogen, wie die gegebenen Verhältnisse sich zum Besten wenden ließen. Er wollte so rasch als möglich in See zu kommen suchen, und es traf sich, daß sein Name auf der Einschiffungsliste obenan stand. Ein Offizier, den er an Bord der »Resoluta« kennen gelernt hatte, wollte dafür sorgen, daß er in etwa vierzehn Tagen mit dem »Navarin« eine zehnmonatliche Fahrt um die Welt antreten könne. Während dieser langen Reise, die nicht die Zerstreuung der Landungen bot, würde er unausgesetzt auf hoher See gehörig arbeiten, und jetzt, da er Obermatrose war, würde er's auch zu Ersparnissen bringen. Dann konnte er, nach Brest zurückgekehrt, neben dem Matrosendienst die Kurse besuchen, was so viele thun, und hatte er sein Examen bestanden, so würde er gewiß schon nach zwei statt erst nach fünf Dienstjahren den Abschied bekommen. In vollständiger Einigkeit, beruhigten Gemüts und entschlossenen Sinns sahen die beiden von ihrem Fenster aus den Sommerabend zur Neige gehen. In der Stille ihren Gedanken nachhangend, ließen sie ihre Blicke auf dem ruhen, was der beschränkte und düstere Rahmen, worein sie zufällig geraten waren, darbot, und sahen die eintönigen Bilder nach und nach in Dunkelheit versinken, erst die kleine Gartenterrasse unter ihnen, dann den Granit der Mauern, die Schieferplatten der Dächer, zuletzt auch die hohen Schornsteine, die sich lange scharf vom gelblichen Abendhimmel abhoben. Was die ungewisse Zukunft ihnen bringen würde, hing einzig und allein von ihrer Arbeits- und Willenskraft ab, aber sie fühlten sich voll Zuversicht und namentlich voll inniger Zusammengehörigkeit nach dieser bösen Zeit des Unfriedens, worunter beide gleich schwer gelitten hatten und die der Mutter fast die Möglichkeit der allerbittersten Enttäuschung gezeigt hatte, die ihr hätte beschieden sein können – die Möglichkeit eines Zweifels an ihrem Jean. Achtundzwanzigstes Kapitel Das Verhängnis unglücklich gefaßter Entschlüsse, unerfüllter Hoffnungen und fehlschlagender Pläne hörte nicht auf, den Lebensgang des jungen Seemanns zu verfolgen. So wurde es mit der Fahrt um die Welt nichts; die Mannschaft des »Navarin« wurde ohne ihn zusammengesetzt. Andre Seeleute auf der nämlichen Rangstufe wie er, an die man gar nicht gedacht hatte, waren inzwischen heimgekehrt und nach feststehenden Bestimmungen als erste auf die Einschiffungslisten gekommen, wovon kaum je einer freiwillig zurücktrat. So brachte Jean den Winter bei seiner Mutter zu. Sie konnten sich jetzt etwas mehr Behaglichkeit gönnen, da seine Obermatrosenlöhnung mit in den Haushalt floß. Für seine persönlichen Bedürfnisse gab Jean möglichst wenig aus, und die Mutter konnte an den Sonntagen, wo sie mit ihm ausging, fast wieder ganz als Dame erscheinen. Er führte auch einige befreundete Blaukragen in ihre Häuslichkeit ein, wohlverstanden nicht gerade die wackeren Schiffer- oder Fischersöhne, mit denen er an Bord gute Kameradschaft hielt, sondern junge Leute aus guter Familie, die sich gleich ihm als Ausnahmen in die Flotte verirrt und auch als gesellschaftlich Ausgestoßene Anstand und Ehrbarkeit bewahrt hatten. Manchmal bat er sogar den einen oder andern zu Tisch, in das jetzt etwas besser ausgestattete bescheidene Eßzimmer, wo die schönen Vasen aus Antibes zum erstenmal seit der Verbannung wieder mit Blumen gefüllt wurden, und er trug dann große Sorge, daß bei der Mahlzeit alles hübsch und gut ausfallen, namentlich aber, daß die Mutter ganz als Dame des Hauses erscheinen sollte. Er lenkte dann wie alle die bessere Zeiten gekannt haben und ins Unglück gekommen sind, das Gespräch gerne auf ihre Vergangenheit, entschuldigte die Aermlichkeit ihrer jetzigen Einrichtung, indem er das alte liebe Haus in Antibes und das verkaufte Silberzeug mit einiger Ruhmredigkeit und Uebertreibung beschrieb. Sein Liebling unter diesen Freunden war ein schwächlicher, schüchterner junger Mensch Namens Morel, der Sohn eines protestantischen Geistlichen aus dem mittleren Frankreich, den die Sehnsucht nach der ihm fremden See und den weiten Reisen zur Marine getrieben hatte, als Matrose übrigens von jämmerlicher Unbrauchbarkeit, deren er sich auch bewußt war, fortgesetzt der Sündenbock des gefürchteten Obermaats. Aus reinem Mitleid hatte ihn Jean anfangs unter seinen Schutz genommen, nach und nach aber war er ihm sehr ans Herz gewachsen. Und Morel hatte mit höchstem Erstaunen bei diesem durch und durch seemännischen Beschützer große Herzens- und Geistesbildung wahrgenommen, Kenntnisse und Gedanken über Vergangenheit, Orient, Licht und Tod, noch großartiger, traumhafter und mystischer als seine eigenen ... So hatten sie sich gegenseitig angezogen und gefesselt durch gemeinsame Züge wie durch die denkbar stärksten Gegensätze, diese beiden Menschen, die jeden Tag nach den entgegengesetzten Enden der Welt entsandt werden konnten, um sich nie wieder zu begegnen. Morel hatte in derselben Straße, wo Jean wohnte, ein Matrosenkämmerchen um sechs Franken den Monat gemietet, wo er seine einzigen irdischen Besitztümer, seine Bücher, anhäufte und wohin er sich abends zurückzog, um zu lesen. In dieser Bücherei, die von erlesenem Geschmack gesammelt war, hatte Jean zuerst etwas hochmütig herumgeschnüffelt, und nur das Wenigste gelten lassen, und Morel hatte mit Belustigung zugesehen, wenn der gar nicht belesene Freund da und dort einen Band herausgezogen, eine Seite überflogen und mit einem unwiderruflichen »Nein, gefällt mir nicht« wieder zurückgestellt hatte. »Aber warum nicht?« fragte der blasse sachkundige Besitzer lachend. »Hm! Wie soll ich dir das erklären ... es sagt mir eben nichts, das ist alles ...« Und jedesmal hatte Jean in gewissem Sinn recht gehabt; das von ihm verworfene Buch entbehrte, auch wenn es noch so geschickt und geistreich gemacht war, der Seele oder zeigte wenigstens nur eine kleinliche. Es war überhaupt nur eine ganz kleine Anzahl von Büchern, die sich auf der Höhe und im besonderen Bereich seines großen, unausgesprochenen, unbestimmten Traumes bewegten, dem selbst Gestalt irgend welcher Art zu geben, er unfähig gewesen wäre. Die Sittengeschichten des Tages, selbst die bedeutendsten darunter, fesselten ihn nicht, weil er in seiner Einfalt kein Verständnis hatte für die Irrungen und Wirrungen zeitgenössischen Lebens; wenn sie sich nicht an Kindereien vergnügte, schwebte seine Seele hoch darüber. So konnte er mit Genuß ein Kapitel der Apokalypse dreimal hintereinander lesen, oder Flauberts Versuchung des heiligen Antonius oder irgend eine düstere vorsündflutliche Vision von Rosny, sich aber dann mit Wonne bei dem tollsten Unsinn davon ausruhen. Im ganzen hatte die Begegnung mit Morel einen unerwarteten Einfluß auf ihn geübt, seine Fähigkeit des Erfassens und Leidens vertieft und erweitert, denn noch nie hatte er so viel gelesen als mit ihm zusammen an den langen Winterabenden. Von Zeit zu Zeit geschah es allerdings, daß irgend ein Liebesabenteuer ihn aus dem ehrbaren Lesewinkel lockte. Derartige Geheimnisse hütete er vor dem ernsthaften Morel, der ihn bei seiner Mutter glaubte, gerade so ängstlich als vor der Mutter selbst, die dienstliche Abhaltungen voraussetzte, und er suchte sein Ausbleiben nach beiden Seiten hin mit Schülerlügen zu erklären, mit Indianerlisten, die zuweilen Erfolg hatten. Neunundzwanzigstes Kapitel Am Ende des Winters, er war gerade zweiundzwanzig Jahre alt geworden, erhielt er Segelbefehl, den er in seiner vergeßlichen Unbekümmertheit zu erwarten und zu wünschen bereits aufgehört hatte. Er wurde mit einer Abteilung in einen andern Kriegshafen versetzt, um sich von dort nach Dakar zu begeben und für achtzehn Monate der Bemannung eines schönen Stationsschiffs im Senegal anzugehören. Dakar war ihm nicht fremd; die »Resoluta« hatte einmal dort angelegt, und schon der bloße Namen Senegal zauberte ihm die Unendlichkeit der Sandwüste vor, die schwülen purpurnen Abende, wo sich der ungeheure Feuerball der Sonne in den heißen Wüstensand senkt ... Er sollte also in das Land der Schwarzen eindringen auf dem großen langen Strom, der den Europäern als Straße dient ... all diese Bilder hatten höchsten Reiz für ihn, besonders der Strand der Sahara, dies undurchdringliche Gestade der Mauren ... * Als besondere Gunst war ihm auf Ehrenwort der letzte Abend frei gegeben worden; um Mitternacht sollte er, wenn die Abteilung auf dem Weg zum Bahnhof an seinem Haus vorüberkommen mußte, möglichst rasch auf einen Pfiff des Zugführers ins Glied treten. * Der schmächtige Pfarrerssohn war zu dieser letzten Mahlzeit eingeladen worden. Der Matrosensack aus weißer Leinwand stand neben dem Tisch am Boden; er war schon geschlossen, man brauchte ihn nur noch umzuhängen. Die drei Tischgenossen sprachen kaum ein Wort; sie standen alle unter dem eigentümlichen Druck, den die Nähe von Abreise, Ende, Tod auf den Menschen ausübt ... * Jean sah plötzlich, daß die Mutter sich Hut und Mantel zum Ausgehen bereit gelegt hatte. »Nein, Mama, thu' das nicht ... komm nicht auf den Bahnhof,« sagte er, ihre Absicht erratend, in zärtlichem Ton, indem er eine von ihren Händen, die sie auf dem Tischtuch ruhen ließ, ergriff und erfaßt hielt. Ein traurig enttäuschter Blick fragte ihn demütig nach dem Grund dieser Abweisung. »Siehst du, Mama, da sind dann die andern,« gab er der stummen Frage zur Antwort. »Nein, ich möchte dir lieber hier den letzten Kuß geben ... Morel mag hinauskommen, wenn er Lust hat.« Nach Tisch fetzten sie sich vors Kamin, um den Zeitpunkt der Abreise zu erwarten, aber die Unterhaltung kam auch jetzt nicht in Fluß und wurde oft von langen Pausen unterbrochen. Die beiden jungen Leute rauchten Cigaretten, die Mutter saß neben dem Sohn und hielt eine seiner Hände in den ihrigen. * »Mama, zeig' mir doch noch die lieben alten Sachen, eh' ich abreise ... Du weißt ja, den Rock, die Brille ... ich möchte alles noch einmal sehen ...« Sie schien zu zögern und warf einen Blick auf den Dritten, den Fremden in ihrer Mitte. »Was? Morels halber willst du nicht?« rief Jean. »Das kann ich dir sagen, mir ist's ganz einerlei, ob er dabei ist oder nicht ... der hat auch seine Schätze, weißt du ...« Auf diesen Zuspruch hin stand die Mutter auf und breitete die Reliquien, eine nach der andern, auf dem Tisch aus. Gebeugten Hauptes starrte Jean darauf hin, ohne zu sprechen, in regelmäßigen Pausen ein leichtes bläuliches Tabakwölkchen darüber hinblasend. Und als sie nun auch der Reihe nach wieder verschwanden in ihren kleinen Leichentüchern von weißem Mull, hatte er das nämliche Gefühl eines unwiderruflichen Niemals wie an dem Abend, wo er die Gartenthüre in Carigou zum letztenmal abgeschlossen hatte ... Mit einemmal drang durch das halb offen stehende Fenster dumpfes Geräusch aus der schon still gewordenen schlafenden Straße herauf, rhythmische Fußtritte hallten laut wieder auf dem Steinpflaster und dann ertönte schrill und hart eine Signalpfeife. War's möglich? Die Abteilung schon da? Dann mußte ja ihre Uhr nachgehen oder stehen geblieben sein ... sie hatten gar nicht dran gedacht, daß es schon so spät sein könnte ... In höchster Bestürzung umfaßte Jean die Mutter und preßte sie mit einem leidenschaftlichen Abschiedskuß an sich, dann warf er seinen Sack auf den Rücken und stürmte, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Steintreppe hinunter, Morel hinter ihm drein. Die Lampe hoch haltend, um ihnen zu leuchten, sah die Mutter wortlos, wie zu Eis erstarrt, den rasch verschwindenden Gestalten nach, dann stürzte sie ans Fenster und riß es auf, um von hier aus ihren Jean noch ein einziges Mal zu sehen. Aber nein! Sie sah ihn nicht, nur eine undeutliche Gruppe, eine schwarze Masse sah sie im Dunkel unter einem feinen, kalten Regen verschwinden. Er dagegen sah sie wohl im Rahmen des erleuchteten Fensters, nach dem er noch mehrmals den Kopf wandte ... Als die schwarze Masse verschwunden, das Geräusch der Schritte verhallt war, schloß sie das Fenster – und war allein. Thränenlos, fast wie eine Stumpfsinnige, aber bebend und mit kaltem Angstschweiß bedeckt, empfand sie den Eindruck einer völligen Vernichtung, den sie noch nicht kannte, den ihr seine früheren Abreisen nie hinterlassen hatten. So sank sie vor dem verglimmenden Feuer auf einen Stuhl, und ihre zitternden Finger griffen nach seiner Cigarette, die auf dem Kaminsims weiterglostete ... Dreißigstes Kapitel In der neuen Marinestation angelangt, erfuhr Jean gleich am andern Morgen, daß ein andrer Obermatrose, der einen Tag früher wieder eingerückt war, und der größere Ansprüche hatte, die Stellung auf dem Stationsschiff im Senegal erhalten habe. Solche Enttäuschungen sind Matrosenlos. Da und dorthin versandt wie Postpakete, im allgemeinen stets vom Verlangen nach der hohen See erfüllt, müssen die jungen Leute oft wider Willen lange vor Anker liegen in den Hafenstädten, wo ihr Leben, am Abend wenigstens, einen so übermütig lustigen Eindruck macht. Nun waren die großen Reisepläne, wenn nicht ausgeschlossen, so doch auf lange hinausgeschoben. Die Reihenfolge der Liste hatte ihn für die Reserve bestimmt, die aus einer Anzahl abgerüsteter Schiffe besteht, die oft endlos lange im Hafen schlummern und schimmeln dürfen. Es war für ihn, als ob er ganz unversehens in dem kleinen Hafenstädtchen gestrandet wäre, das mit seinen schnurgeraden, breiten, weißen Straßen, die immer menschenleer waren und in düstere Befestigungswerke ausliefen, einen öden, traurigen Eindruck machte. Man sah nicht einmal das Meer in dieser stillen, von grünen Gärten und Wiesen umgebenen Hafenstadt, und wären die Matrosen nicht am Abend singend durch die Straßen geschlendert, man hätte sich in irgend einem Landstädtchen mitten im Binnenland glauben können. Diese neue Verpflanzung, eine Verpflanzung aufs feste Land und für verhältnismäßig lange Zeit, verursachte Jean einen bangen Druck; an eine Verbannung in geringer Entfernung von der Mutter hatte er nie gedacht und noch nie hatte er ein ähnliches Gefühl der Vereinsamung empfunden. Zudem kam ihm das Untergeordnete der Matrosenstellung deutlicher zum Bewußtsein als bisher, wo ihm verschiedene Schattenseiten verhüllt geblieben waren. Unter den Kameraden, die gleich ihm zur Reserve kommandiert waren, fand sich auch nicht einer, mit dem er näheren Umgang hätte pflegen können, höchstens konnte er ab und zu mit einem von den ganz jungen und einfältigen Bauernjungen plaudern, mit denen er zu gewissen Stunden die Freude an Kindereien gemein hatte, die er aber in seinem Fühlen und Denken hoch überragte. Immer ganz verständig in seinen Planen, nahm er sich vor, möglichst bald um Versetzung einzukommen, einstweilen aber sehr zurückgezogen und vernünftig zu leben, Ersparnisse zu machen und trotz der Trübseligkeit des beinahe verlassenen Schiffs und des verödeten Arsenals jede Nacht in seiner Hängematte zu schlafen. So sah man ihn denn, den großen, zweiundzwanzigjährigen Jüngling, jeden Abend durch die Straßen wandeln, stolzen, langsamen Ganges, schön mit den großen guten Augen, dem schwarzen Bart, und dem kräftigen, bronzefarbigen Hals, den der blaue Kragen frei ließ. Mit gemachter Gleichgültigkeit sah er die jungen Mädchen an, von denen ihm übrigens keine zusagte, und nie verfehlte er, bei eintretender Nacht noch vor dem Kanonenschuß die Gitterthüre des Arsenals zu durchschreiten, die bis zum nächsten Morgen hinter ihm geschlossen blieb. Einunddreißigstes Kapitel An einem Sonntagabend indessen, als er sich wie immer allein, zwecklos und mit der etwas trügerischen, ernsthaften Miene umhertrieb, geriet er von ungefähr in die Bahnhofhalle. Er mochte es unterhaltend finden, der Ankunft eines Zuges beizuwohnen und die verschiedenen Gestalten an sich vorüberziehen zu lassen, vielleicht trieb ihn auch ein unbewußter, unbestimmter Drang, in der linden, lang andauernden Dämmerung dieses Märzabends ein Abenteuer zu erleben. Vergnügtes Sonntagspublikum, von Landpartieen heimkehrend, zog an ihm vorüber! einige angeheiterte Spießbürger reizten ihn zum Lachen. »Du hast doch dein Täschchen nicht verloren, Magdalena?« hörte er eine bieder aussehende Frau, die eine mit Fransen besetzte Mantille trug, in komisch erregtem, angstvollem Ton fragen, ohne Zweifel eine Mutter. Sein Blick suchte unwillkürlich diese Magdalene, und es freute ihn, ihren Vornamen zu kennen, noch ehe er sie gesehen hatte ... Sie war schon an ihm vorüber und drehte sich jetzt um, durch ein Schwingen des Ledertaschchens der Mutter Gemüt zu beruhigen – und was Jean in einer flüchtigen Sekunde von ihrem halb abgekehrten Profil wahrnahm, kam ihm ganz besonders reizvoll vor, so reizvoll, daß er sich in den Strom der Angekommenen mischte, um ihr zu folgen bis vor den Bahnhof hinaus, wo dieser sich rasch zerteilte. Ein prüfender Blick umfaßte die Gestalt, die, auch nur vom Rücken gesehen, fesselnd war, schlank und biegsam, mit wunderhübschem Kopfansatz, äußerst einfach, aber geschmackvoll, fast vornehm gekleidet. Mit raschem Blick besichtigte er auch die Eltern, kleinbürgerlich im höchsten Grad, vielleicht wohlhabende Handwerker, jedenfalls einem Lebenskreis angehörend, der für den ortsfremden Matrosen ohne Heiratsabsichten und -möglichkeit unzugänglich ist. Trotz dieser Erkenntnis beschleunigte er seinen Schritt, um ihnen voranzueilen und das junge Mädchen noch einmal zu sehen, wobei er insgeheim beinahe hoffte, die zweite genauere Besichtigung möchte zu einer Enttäuschung führen. Wenn ein Gesicht, das wir kaum gesehen haben und dessen Besitz uns von vornherein versagt ist, allzu bezaubernden Eindruck macht, so ist es eine gewisse Erleichterung, dieses Gesicht beim zweiten Blick alltäglicher zu finden; das enthebt uns der unklaren, aber tiefen Bitternis, auf immer die Berührung mit einer seltenen Erscheinungsform der Schönheit, dieser Allherrscherin, ungekostet zu lassen ... Er war jetzt von hinten ganz nahe an das junge Mädchen herangekommen, schob aber den Augenblick, an ihr Vorüberzugehen, noch hinaus, indem er sich in den Anblick ihres Ohres und der dichtgedrängten Wurzeln des reichen, gewellten, fest aufgebundenen Haares vertiefte. Dann gewann er, einen halben Schritt vortretend, die ovale Linie der Wange und des Kinns, die, wo sie regelmäßig und hübsch ist, ziemlich sicher einen günstigen Schluß auf den Rest des Gesichts gestattet. Endlich entschloß er sich, an ihr vorüberzugehen, wobei er den Kopf zurückwarf, sie von oben bis unten musterte und ihren Blick auffing, der sich ohne Hast oder Verlegenheit vor dem seinigen senkte. Und er fühlte sich im tiefsten Innern erregt, denn ach! sie war ein köstliches Geschöpf. Große hellbraune Augen, sehr tief liegend, ein wenig finster blickend, ganz als ob das Mädchen selbständig wollen und denken könnte. Das Profil war geradlinig, das Kinn etwas vortretend, aber von tadellos reiner Umrißlinie. Das Eigenartige und auf den ersten Blick Fesselnde in diesem Gesicht war die große Einfachheit in Linien und Farbe. Diese Züge schienen von einer Meisterhand geformt zu sein, die mit maßvollem, sicherem Griff beim Bilden der edeln Form die Einzelheiten vermeiden will, um nur das Wesentliche zu betonen. Besonders die Rundung der Wangen und des Halses, so bestimmt und doch so reich, schien aus einem Guß zu stammen, ohne daß irgend welches Ausfeilen nötig erschienen wäre. Dann hatte man dem ganzen Werk das einheitliche Blaßrosa der Hortensie gelassen, ein Ton, der in seiner gleichmäßigen Zartheit dem Stoff selbst anzugehören schien, woraus dieses Köpfchen geformt war. Zudem vervollständigte das Aschblond der Haare diesen Einklang leiser, wie in der Ferne verschwimmender Töne, und die fast bildmäßige unwirkliche Ruhe des Ganzen diente nur dazu, das Feuer der tiefliegenden Zungen und eigenwilligen Augen zu erhöhen, die mit einem Bersteinglanz unter trotzigen, langen Wimpern hervorleuchteten. Jean ging jetzt langsam, um sie noch einmal an sich vorüber zu lassen und noch einmal zu sehen. Auch die Eltern faßte er jetzt schärfer ins Auge, den Vater, die Mutter und eine mutmaßliche alte Tante, lauter gute, gesunde Gesichter, die vielleicht zu ihrer Zeit hübsch gewesen waren. Und wie ehrbar und anständig sie alle aussahen! ... Es lockte ihn, sie zu verfolgen, aber sein Gewissen erhob Einsprache, als ob diese Verfolgung eine Schmach für die guten Leutchen wäre ... Trotzdem ließ er sie nicht aus den Augen und beobachtete sie aus großer Entfernung und mit äußerster Bescheidenheit, um wenigstens zu erfahren, wo sie wohnten und die Spur dieser Magdalena in der jetzt einbrechenden Dunkelheit nicht ganz zu verlieren. * Als er sie in ein bescheidenes Haus der oberen Stadt, einem Garten gegenüber, hatte eintreten sehen, ging er, Straße und Haus wohl im Gedächtnis bewahrend, wieder in die innere Stadt hinunter, und dann in die Gegenden, wo die Matrosen ihr Vergnügen suchen. An Bord zu gehen, war es jetzt zu spät, denn das Arsenal mußte schon geschlossen sein. Um seinen Gedanken eine andre Richtung zu geben, trat er dann in eine Matrosenkneipe, wo die Eroberungen billig zu haben sind. Aber am nächsten Morgen ward er zu seinem eigenen Erstaunen inne, daß ein Teil seines Wesens an dem hübschen, mattfarbigen Gesicht und den dunklen Augen hängen geblieben war. Um ihretwillen, die er nur im Flug verstohlen erblickt hatte, empfand er keine Vereinsamung mehr, nicht mehr die Oede des Hafens, noch die drückende Ruhe des kleinen Nests, noch das Beengende der Festungsmauern. Schon stand er im Banne des wonnigen Zauberbildes der Liebe, das alles Gegenwärtige umgestaltet, alles Vergangene verdrängt ... Als der Abend anbrach, ging er, sobald der Dienst ihn freiließ, nach der Straße, wo sie wohnte, um einen Versuch des Wiedersehens zu machen. Und als ob er sie gerufen hätte, kam auch sie gerade jetzt die Straße her. Ein Zittern überlief ihn, als er sie erkannte. Sie kam allein nach Hause, ein wenig hastig, in der Hand dasselbe Ledertäschchen, das seine Aufmerksamkeit auf sie gelenkt hatte. Sie trug Handschuhe und ihr Anzug hatte, obwohl er noch einfacher war als der gestrige, etwas außerordentlich Wohlanständiges und Anmutiges. Daß sie von der Arbeit nach Hause kam, war deutlich zu sehen. Sie war also offenbar nur eine kleine Arbeiterin, die immer um dieselbe Stunde und ohne Begleitung heimkommen würde, was den Fall ungemein erleichterte. An dem Blick, den sie heute gar zu rasch von ihm abwandte, erriet er, daß sie ihn gestern abend wohl bemerkt hatte und in Verlegenheit war über die wiederholte Begegnung. All seine Vorsätze, immer an Bord auszuhalten, waren zerstoben wie Spreu im Winde. Am selben Abend noch mietete er sich in der Stadt ein kleines Matrosenkämmerchen, das in einer mit Linden bepflanzten Straße in der Nähe des Arsenals über einer immer menschenleeren Kaffeewirtschaft lag. Zur Beschwichtigung seines Gewissens sagte er sich, daß er seine Mathematikhefte dorthin bringen und jeden Abend arbeiten werde, viel bequemer als auf den alten Schiffen, wo man bei den vergitterten Schiffslaternen kaum lesen kann. Noch nie war er in solcher Lage gewesen – auf dem Festland, für sich wohnend, als freier, erwachsener Mann, und die Neuheit dieses Zustandes erfüllte ihn halb mit Wehmut, halb belustigte sie ihn wie ein Kind. Er dachte immer an sie, glücklich darüber, ihren Vornamen zu kennen. Daß er sie in seinen Gedanken Magdalene nennen konnte, war schon eine Annäherung. Zweiunddreißigstes Kapitel Zwei Tage später. Durch einen ganz kleinen Jungen von höchst unverdächtigem Aussehen hatte er ihr auf der Straße, als sie aus ihrer Schneiderwerkstatt trat, ein Zettelchen zustecken lassen, worauf er geschrieben hatte: »Fräulein Magdalene! Einer, den Sie schon dreimal gesehen haben und der sich Jean nennt, wird Ihnen jetzt gleich an derselben Stelle wie gestern abend begegnen. Er bittet herzlich um die Erlaubnis, Sie anzureden, falls in dem Augenblick niemand vorübergeht. Jean.« Und nun wartete er zur Dämmerstunde in einer alten weißen, mit Linden bepflanzten Straße, die hauptsächlich von Gartenmauern begrenzt und sehr einsam war, weshalb Magdalene sie vielleicht gern zum Nachhauseweg benutzte ... Für ihn, der bei den kleinen Dämchen, die in sinkender Nacht allein gehen, an leichte Erfolge gewöhnt war, bedeutete diese schriftliche Anfrage einen ganz ungewöhnlichen Aufwand von Förmlichkeit, aber diese Magdalene war eben so gar nicht wie die andern, so grundverschieden, daß er nicht einmal mit sich im reinen war, was er ihr sagen und wonach er fragen sollte. So pendelte er wie eine Schildwache auf und ab, lehnte sich auch wohl mit dem Rücken an einen Lindenstamm, verging fast vor Ungeduld und hatte doch um ein Haar die Flucht ergriffen, als er sie jetzt plötzlich aus einer Querstraße einbiegen sah. Sie hatte, als ihr das Billettchen gegeben worden war, das erste, das man je an sie zu schreiben gewagt hatte, sofort gewußt, daß es von ihm kam, noch ehe sie es entfaltet hatte. Das kleine, besondere, nachdenkliche und stolze junge Geschöpf, das, im Dunstkreis des strengsten Protestantismus aufgewachsen, bis zu diesem Tag hochmütig herabgeblickt hatte auf Mädchen, die sich heimbegleiten lassen, wie auf die Verehrer, die es thun, war merkwürdigerweise weder bestürzt, noch empört über diese unerhörte Vermessenheit, weil eben »er« der Vermessene war. In ihrer Phantasie hatten seine Augen und seine Schönheit in diesen drei Tagen die Herrschaft übernommen. Sie empfand nichts als Unruhe, eine ihr bisher unbekannte Unruhe, eine Art von Schwindel, derart, daß alles, Häuser und Menschen vor ihren Augen zu tanzen, sich um sie zu drehen schienen, um so mehr, als dieser vermessene, berauschende Zettel ihr erst ganz in der Nahe des Trefforts übergeben worden war, viel zu spät, als daß sie hatte nachdenken, einen andern Weg einschlagen, irgend einen Entschluß fassen können ... So ging sie denn unwillkürlich die gewohnte Straße, freilich mit schlotternden Knieen und einem seltsamen Sausen im Kopf, und bald war sie, als ob man sie vorwärts getrieben hätte, an der bezeichneten Straßenecke angelangt, bog in die einsame Allee zwischen den Gartenmauern ein und sah ihn, kaum noch zehn Schritte entfernt, auf sich zukommen ... Es ist ein köstliches oder auch ein sehr mißliches Ding, zum erstenmal die noch vollkommen unbekannte Stimme eines Wesens zu hören, das man von Ansehen und Gesicht schon liebt. Und als Jean jetzt, ohne noch selbst gesprochen zu haben, diese Stimme vernahm, eine tiefe Stimme, voll Ernst und Jugendklang, die langsam und deutlich sprach, wie heranwachsende Kinder, die der Betonung noch nicht ganz sicher sind, da lauschte er ihr mit wahrem Entzücken. »Ach, mein Herr ... nein ... so auf der Straße ... und in Ihrer Matrosenuniform ... das geht ja nicht ...« »Die Matrosenjacke? Ja, da haben Sie recht, das hatte ich nicht bedacht! Aber wenn ich morgen in Zivil hier wäre, dann würden Sie mit mir sprechen? ... Ganz gewiß? ... Für morgen versprechen Sie mir's? »Nun ja ... ja ...« versetzte sie, die beschatteten Bernsteinaugen zu ihm aufschlagend und tief in seine blauen tauchend, die ihr hinter den pechschwarzen Wimpern hoffnungsfreudig zulachten, seltsam kindlich in dem männlichen Gesicht, mit einem Anflug leisen Uebermuts und der Gönnerhaftigkeit eines großen Herrn. »Das wäre also abgemacht!« rief Jean fröhlich, »und jetzt ... guten Abend, Fräulein Magdalene!« Er schwenkte die Mütze, verbeugte sich leicht mit fesselnder Anmut und ging raschen, elastischen Schritts davon, den Pflastersteinen zu verstehen gebend, daß er lieber Freudensprünge gemacht hätte, so leicht war ihm ums Herz, seit er die Beklommenheit der ersten Begegnung und die Furcht, von dieser ernsthaften kleinen Person zurückgewiesen zu werden, hinter sich hatte. Er liebte sie jetzt noch zehnfach glühender als vorher und dachte wonnetrunken an das ihm verheißene »morgen«. Dreiunddreißigstes Kapitel »Mein Vater? ... Er war Steuermannsmaat, ist aber jetzt im Ruhestand,« gab ihm an einem andern Abend die nämliche ernsthafte junge Stimme unter den nämlichen einsamen Linden zum Bescheid. »Und Ihre Mama? Sie haben doch auch Ihre Mama noch?« (Er sprach immer mit ihr wie mit einem Kind, aber unbedingt achtungsvoll, ohne ein verliebtes Wort.) »O ja, freilich! Und meine Tante Melanie wohnt auch bei uns ... an dem Abend, als wir vom Bahnhof heimgingen, war sie hinter mir ... mit einem grauen Hut ... erinnern Sie sich nicht?« Nach kurzem Schweigen fuhr sie, schüchtern und beklommen mit gesenkten Augen und mit der Fußspitze auf die von häßlichem Unkraut umwucherten Pflastersteine hämmernd, als ob sie damit eine nützliche Arbeit verrichtete, fort: »Ich hatte es damals gleich bemerkt, daß Sie kein Matrose waren, wie die andern, Herr Jean ...« »Du liebe Zeit, wirklich ... vielleicht haben Sie recht gesehen ... Besser bin ich aber darum nicht als sie.« So hüllte er sich gewissermaßen in ein Geheimnis, indem er jedesmal durch eine gleichgültige oder auch großsprecherische Aeußerung den Fragen auswich, die sich irgendwie auf seine Erziehung und Jugend bezogen, und das junge Mädchen dachte sich romanhafte Möglichkeiten aus vom verlorenen Sohn oder dem Sprößling eines vornehmen Hauses, der zum Schweigen gezwungen sein mochte. Vierunddreißigstes Kapitel Nun gingen sie Abend für Abend nebeneinander her, freilich nur eine Strecke von fünfzig oder sechzig Schritt, nie mehr, immer in dieser nämlichen Straße ohne Fenster und ohne Spaziergänger, die sich still und verborgen zwischen den weiß getünchten Mauern der alten Gärten hinzog. Ueber ihren Häuptern knospten die Linden, blühten und sputeten sich, ein dichtes Laubgewölbe herzustellen, und die Abende wurden von Tag zu Tag länger und heller, drängten mit dem unerbittlich raschen Schritt der Zeit dem Sommer entgegen, und der April schritt mit einer Geschwindigkeit voran, der sie gern Einhalt gethan hätten. Dieser April lächelte aber gar nicht zu ihrer Liebe, die wahrscheinlich ohne Zukunft war, die keinen andern Rahmen haben sollte, als den dieser eintönigen trübseligen Mauern, und nirgends wandeln konnte, als zögernden langsamen Schritts auf den von Unkraut durchwachsenen Pflastersteinen. Und der Himmel über ihren Häuptern blieb düster, verschlossen, wie die schmalen irdischen Coulissen ihres Romans, immer mit grauem Gewölk bedeckt, das von Zeit zu Zeit prasselnde Regenschauer auf die keimenden Blätter herabsandte. Sie mochten noch so langsam und zögernd einen Fuß vor den andern setzen, auch wenn es in Strömen goß, wo man sonst zu laufen anfängt, das Ende der Straße war immer bald erreicht und schnitt die Gespräche ab, die ohnedies nie recht in Fluß kamen und von zahlreichen Pausen unterbrochen wurden. Etwas ganz eigentümlich und unerklärbar Vergängliches schien dem Wesen ihrer Liebe anzuhaften, es war, als ob uneingestandene Angst vor dem Ende, vor Tod, vor Vergessen darüber schwebe. Jean, der von seiner sonnigen Provence an fröhlichere Frühlingszeit gewöhnt war, hatte eine seltsame Empfindung bei diesem frostigen April ohne Sonne, dessen Grün unter dem schwarzen Himmel grell wirkte, der sich nicht erwärmen konnte, weil das nahe Meer ihm seine Brisen und sein Gewölk schickte. Die Station in der kleinen öden Stadt gemahnte ihn durch ihre Ruhe manchmal an den Aufenthalt in Rhodos und an die Abende, wo zur selben Dämmerstunde, durch ebenso weiße Gassen ein griechisches Mädchen zu ihm gekommen war. Aber jetzt war die Schwermut, die ihn beschlich, eine andre, tiefere, weit mehr, unendlich viel mehr durchsättigt von Liebe. Er fühlte sein ganzes Wesen in einer ihm bisher unbekannt gebliebenen Weise davon ergriffen und gab sich nach seiner Kinderart rückhaltlos und ohne Bedenken diesem Gefühl hin. Wohin sollte es führen? Was wollte er eigentlich von dieser kleinen Magdalene? Er wußte es selbst nicht. Schon am zweiten Abend hatte er begriffen, welch stolzes Mädchen sie war, und daß sie nie seine Geliebte werden würde. Ihr unbefangenes Vertrauen, ihr gerader Blick hatten ihn darüber aufgeklärt. Sie heiraten? Das kam ihm nie in den Sinn, dazu waren sein Familienstolz und seine frühesten Eindrücke zu mächtig; sie hinderten ihn auch, seinen eigenen Niedergang in gesellschaftlicher Hinsicht zuzugeben, und so sehr er Matrose geworden war, blieb er doch als solcher ein Sonderling, der manchmal so schlicht und derb sein konnte als jeder andre, der sich gelegentlich mit der nächsten besten Dirne in der nächsten besten Kneipe vergnügen konnte, im Grund aber heikel wie ein Aristokrat, wo es sich um weibliche Anmut handelte. Nie hatte er auch nur Magdalenes Hand berührt. Aus Furcht, beobachtet zu werden, ließen sie immer eine Entfernung von zwei bis drei Schritten zwischen sich und gingen, ängstlich Umschau haltend und auf jedes Geräusch achtend, ihres Wegs. Sie sprachen auch ganz leise, fast ohne die Lippen zu bewegen, und doch hätte die ganze Welt hören dürfen, was sie einander zu sagen hatten, meist kindische Kleinigkeiten von anbetungswürdiger Sinnlosigkeit, die nur durch den Klang der Stimme Reiz für sie hatten ... Und wenn dann das Ende der Straße erreicht war und Magdalene ihm ihren sanften Abschiedsblick zugeworfen hatte, blieb er, an einen von diesen Baumstämmen gelehnt, noch eine Weile stehen, um ihr nachzusehen, wie sie in die belebtere, gewerbreichere Straße, wo ihre eigene Wohnung lag, einbog und schließlich darin verschwand. Sie war auch aus der Entfernung und von hinten hübsch anzusehen; die noch etwas dürftige Gestalt eines erst kürzlich in die Höhe geschossenen Kindes war so gerade und aufrecht wie ein junges Birkenstämmchen, die Schultern wohl gerundet, eine gesunde und geschmeidige Anmut lag in den langsamen, sicheren Bewegungen. War sie außer Sicht, so ging auch er, und zwar mit dem Gefühl, daß sein Leben vor morgen abend keinen Inhalt habe und daß er eigentlich gar nicht wisse, was er mit sich anfangen solle. Er machte dann wohl den Versuch, in sein Stübchen zu gehen und seine Mathematikhefte aufzuschlagen, denn mitunter kehrte ihm ein wenig Vernunft und Sorge um die Zukunft zurück. Allein wer arbeitet denn an lauen Frühlingsabenden, wenn ihm die Liebe im Kopf spukt? Auch waren es der Verlockungen gar zu viele: seine Freiheit, seine Einsamkeit, sogar der ihrethalben angeschaffte Zivilanzug, der ihm allerlei Abenteuer erleichterte, auch den Verkehr mit gewissen schön geputzten Damen, die zugänglicher waren als Magdalena ... So kam es denn, daß er den Abend meist in einem Vergnügungslokal mit Tingeltangelsängerinnen verbrachte. Fünfunddreißigstes Kapitel »Früher, solang mein Vater noch im Dienst war,« erzählte sie ihm, »konnten wir viel besser leben als jetzt, Herr Jean ... Sie wissen ja, wie's mit den Ruhegehalten bei der Marine ist! Drum geh' ich seit vorigem Jahr ins Nähen ... Bin jetzt eben auch ein Nähmädchen und werde wahrscheinlich alt und grau werden als Schneiderin ...« Ganz langsam hatte sie den kühnen Satz gesprochen, der eine versteckte Frage enthielt nach den Zukunftsplänen, die ihr Begleiter für sie hegen mochte, dann wurde sie rot und harrte mit abgewendetem Gesicht der Antwort, die nicht kam ... Was dagegen kam, war der Regen, der ordentlich daraus versessen schien, ihre flüchtigen Plauderstündchen zu stören. Er prasselte plötzlich mit einem trommelnden Geräusch auf das junge Laub der Linden, daß es klang. Jean machte sich nichts daraus: er war ja gewöhnt, den blauen Kragen und bloßen Hals Wind und Wetter preiszugeben und unbekümmert und aufrecht einer Sintflut zu trotzen; Magdalene aber spannte hastig ihren Regenschirm auf, und nach dem Armutsgeständnis, das sie vorhin so anmutig abgelegt hatte, beobachtete er jetzt, mit welch ängstlicher Sorgfalt sie den bescheidenen Hut, immer den nämlichen,, beschützte, und bemerkte auch, wie pünktlich und sauber die Handschuhe, auch immer die nämlichen, an allen Fingerspitzen geflickt waren ... Eine Aufwallung des Mitleids, der Zärtlichkeit für ihr armseliges, sorgsam behütetes Eigentum überkam ihn, und dieses Gefühl war ein Merkmal des Wegs, den die kleine Schneiderin schon in seinem Gemüt zurückgelegt hatte, des Weges, auf dem sie sich den Tiefen näherte, wo die Eindrücke sich so tief eingraben, daß man sie später noch lange schmerzlich empfindet. »Und ich,« gab er ihr in warmem, ehrlichem, frohgemutem Ton zurück, »meinen Sie denn etwa, ich sei reich, Fräulein Magdalene? ... Früher, ja, vielleicht hätte man's so nennen können ... wenigstens bin ich in einer Familie aufgewachsen, die sich nichts von dem Matrosen träumen ließ, der ich geworden bin ... die aber jetzt ...« Und nun erzählte er endlich dieser kleinen Vertrauten, die ihm mit höchster Spannung zuhörte, von seiner glücklichen, sonnigen Kindheit, dann von den mißratenen Prüfungen, dem Entschluß, den blauen Kragen zu wählen, dem Verkauf des elterlichen Hauses in Antibes ... von der Mutter, die jetzt verlassen in der Fremde wohnte, in dem düstern Haus in Brest. An diesem Abend ging Magdalene von sanftem unendlichem Glücksgefühl durchdrungen nach Hause. Mit Freudigkeit hatte sie ihre romantischen Vorstellungen von der Vergangenheit des Geliebten über Bord geworfen – er war ihr ja jetzt so unendlich viel naher gerückt! Zum erstenmal tauchte die Möglichkeit vor ihr auf, die leuchtende Möglichkeit, seine Frau zu werden, das Zauberbild, ihn ganz an die Häuslichkeit gebunden zu sehen, an den Familientisch in irgend einer schönen Vorderstube eines ersten Stocks, deren Einrichtung die Tante Melanie seit Jahren für einen etwaigen Haushalt versprochen hatte ... Damit verflogen auch alle Gewissensbisse, alle Beängstigungen, die der kleinen Puritanerin um dieser abendlichen Zusammenkünfte willen das Herz beschwert hatten – jetzt war ja alles anders, alles von berechtigter, ehrbarer Hoffnung verklärt ... Jean hatte, indem er seine Geschichte erzählte, wie immer einer unüberlegten Regung gehorcht, und der Gedanke an eine Heirat lag ihm so fern wie je, als er sich mit einem innigen Lächeln und den Worten von ihr trennte: »Ein Matrose und eine Arbeiterin ... Sie sehen ja, Fräulein Magdalene, daß die einander wohl die Hand geben können!« Und doch nahm ihn die zweck- und ziellose Anhänglichkeit an diesen seltsamen kleinen Kameraden, der so holdselig anzusehen war, immer mehr gefangen und wurde dabei immer mehr zu einem ruhigen, keuschen Gefühl, fast zu etwas Wesenlosem. Bei unbedingter Achtung und der Erkenntnis unübersteiglicher Schranken kommt es vor, daß die sinnliche Liebe im Hintergrund der seelischen wohl fortlebt und wächst, aber wie von schwerem Schlaf befangen ist, woraus freilich ein Nichts, eine Berührung, ein bedenklicher Gedanke, ein Aufblitzen der Hoffnung sie zu erwecken vermag. So kam's, daß die beiden sich nach und nach mit gleicher Innigkeit und Reinheit liebten: Sie, in der Liebe noch unerfahren und nach wie vor jeden Abend in ihrer Bibel lesend, sie, dazu ersehen, noch ein paar solch blasse frostige Lenze hindurch vergebens frisch und jung zu sein, um dann in der einförmigen Abgeschlossenheit dieser nämlichen Gartenmauern und Gassen zu verblühen, zu welken und zu altern, er, schon abgestumpft durch Küsse und Umarmungen, er, dem die ganze Welt zum wechselnden Wohnort angewiesen war, der bald, vielleicht morgen schon abgerufen werden konnte, um nicht wiederzukehren und seinen Leib den seinen Meeren zum Raube zu lassen ... Sechsunddreißigstes Kapitel Der April war vorüber, doch der Mai begann nicht minder bewölkt und düster, von scharfen Seewinden und vorzeitigen Gewittern durchtobt. Der einsame Schauplatz ihrer Zusammenkünfte war ganz erfüllt vom Duft der überreich erschlossenen Lindenblüten, die nach und nach welkten und abfielen. Die Freundschaft der beiden war nun schon sechs Wochen alt. Dadurch, daß ihnen nie jemand begegnete, kühn gemacht, blieben sie plaudernd unter den Bäumen stehen, und Jean wagte jetzt auch als Matrose zu kommen, aus Eitelkeit, weil ihn die Uniform so gut kleidete. Ihre Unterhaltungen nahmen mit dem wachsenden Tag an Dauer zu. Trotzdem hatten, wie es sich von selbst versteht, unsichtbare Ohren und Augen schon lange alles erspäht. In der Schneiderwerkstatt warfen die kleinen Kolleginnen vielsagende Blicke auf Magdalene und lächelten über sie; daß ihre Eltern noch nichts von der Sache erfahren hatten, war eigentlich fabelhaft, denn die ganze Nachbarschaft wußte ja langst darum. Eines Abends – Jean war wie immer zuerst am Platze – bemerkte er einen Mann mit blondem, leicht ergrauendem Haar, der wie eine Schildwache auf und ab ging und dann nach kurzem Zögern auf ihn zukam. Der ganze Mann hatte militärischen Zuschnitt und Gang, trug einen fest zugeknöpften Rock von blauem Tuch, das nach der Marine roch, offenbar irgend ein Maat im Ruhestand, der die Goldtressen abgetrennt und die Uniform in Zivil verwandelt hatte, ... Jean entsann sich auch undeutlich des Gesichts, das er schon einmal an einem Sonntag in der Bahnhofshalle gesehen hatte ... überdies hätte er auch die umgebogenen Wimpern und die hellbraunen Augen, die tief unter der vorspringenden Stirn lagen, überall erkannt. Der Seemann hatte sie der Tochter vererbt ... vielleicht auch den Charakter und die Seele. Die beiden Männer sahen sich fest in die Augen; jeder wußte, wen er vor sich hatte. »Aha! Sie sind's!« stieß der altere in finsterem, übelwollendem Ton zwischen aufeinandergepreßten Zähnen hervor. Statt aller Antwort legte Jean die Hand an die Mütze; er fühlte sich wehrlos, zur Achtung, fast zur Unterwürfigkeit gezwungen, beinahe wie ein Sohn, denn es war ja ihr Vater, und er hatte ihre Augen ... »Machen Sie, daß Sie fortkommen!« sagte der Mann, immer noch finster und gebieterisch, als ob er ein Schiffsmanöver zu befehlen hätte, und doch mit einem Blick, der, er wußte selbst nicht warum, um vieles milder war. »Machen Sie, daß Sie fortkommen ... ich werde meine Tochter heute selbst nach Hause begleiten.« Und Jean ging ohne ein Wort der Entgegnung, nachdem er die Mütze tief abgezogen hatte ... Kein Funke von Haß war in den sich kreuzenden Blicken aufgesprungen, der Zusammenstoß gegnerischen Willens hatte keinerlei Bitternis erzeugt ... Siebenunddreißigstes Kapitel Am andern Morgen wurden sämtliche Obermatrosen der Reserve von einem Obermaat auf die Amtsstube beschieden. Man hatte sich schon zugeraunt, um was es sich handle, es sollte Umfrage gehalten werden nach einem, der sich freiwillig zur Verfügung stellen würde für den fernsten Osten, um ein oder zwei Jahre lang auf einem kleinen Kanonenboot Namens »Gyptis« Dienst zu thun, das einen der Ströme befuhr, die sich heiß und schwerfällig unter tödlicher Sonne aus dem Binnenland herauswälzen. Sofort fühlte sich Jean von dumpfer Angst gepackt. Das war ja, was seinen Zukunftsplänen am besten dienlich sein konnte, diese Abreise ... da unten seine Dienstzeit beendigen und Geld zurücklegen, um dann ein Jahr in Brest leben und die Kurse in Schifffahrtskunde besuchen zu können. Es war seine Pflicht, mit beiden Händen danach zu greifen ... Und doch ... Magdalenes Bild stand ihm so schmerzhaft vor der Seele, daß er, wenn auch mit Gewissensqual, nicht vortrat, sich zu melden, zögerte und insgeheim abwartete, ob ihm nicht ein andrer zuvorkäme. Niemand that es. Ein halb verschüchtertes, mit Schrecken gemischtes Schweigen herrschte; überdies pflegen Matrosen nie zu antworten, wenn man sie im allgemeinen, ohne persönliche Anrede, fragt. »Ich, Herr Kapitän ... ich will gehen,« sagte Jean schließlich ganz leise mit unsicherer Stimme. »Sie, Berny? Paßt es Ihnen?« gab der Offizier zur Antwort. »Gut! Vorausgesetzt, daß keine andre Bestimmung von der Admiralität erfolgt, sind Sie zum Dienst für den äußersten Osten bestimmt.« Er rief ihn noch zu sich, um hinzuzufügen, was schrecklicher war als alles: »Was einen etwaigen Urlaub betrifft, so kann ich Ihnen keine Hoffnung machen ...« Der Ton sagte deutlich, daß er keinen bekommen werde ... »Man hat dringlich einen Mann verlangt, und wenn ich mich nicht täusche, werden Sie wohl morgen mit der Abteilung nach Toulon abzugehen haben.« Jean fühlte, wie sein Herz zum Zerspringen klopfte; das Blut sauste ihm in den Ohren, und um ein Haar hätte er gesagt: »Nein! Das kann nicht sein! Dann suchen Sie sich einen andern; ich nehme mein Wort zurück!« Und doch fand er nicht den Mut dazu. Einmal war es klipp und klar seine Pflicht zu gehen, und dann war er ja unbewußterweise ein Fatalist, der sofort die Ohren hängen ließ, sich dem »Fingerzeig des Schicksals« ohne Widerrede beugte, und schließlich auch so ganz Soldat, daß ihm angesichts eines unbekannten Vorgesetzten alsbald die Sprache versagte. So heftete er nur die von Schrecken und Angst vergrößerten Augen auf den Offizier, sagte: »Zu Befehl, Herr Kapitän!« machte Kehrt und taumelte hinaus, als ob er einen wuchtigen Schlag auf den Kopf bekommen hatte. In der That erhielt er für diesen Abend keinen Urlaub. Die zur Abreise bestimmten Seeleute erhalten fast immer einen solchen, kürzer oder länger, je nach den Aufgaben, die ihnen gestellt werden, in dringenden Fällen aber wird er verweigert. Am selben Abend noch wurde Jean mit gepacktem Sack, ausbezahlter Löhnung in die Kaserne geschickt und war mit den andern acht Matrosen, die gleichfalls abreisten, bis zur bestimmten Stunde ein Gefangener. Im Bogengang des Hofs trafen sie zur Dämmerstunde zusammen, redeten sich an, rotteten sich zusammen und faßten einander ins Auge, diese unversehens im selben Netz gefangenen Leute, die da unten in weiter, weiter Ferne Verbannung und Mühsal miteinander tragen sollten. Keine freie Minute mehr, keine Möglichkeit, von ihren Angehörigen Abschied zu nehmen, das allein fanden sie hart. Trotzdem stimmten zwei oder drei von ihnen ein Lied an, ein andrer aber, ein ganz junger, der weinte ... Seine Mutter! Jean gedachte ihrer mit tiefer Rührung; der Schmerz, sie nicht mehr in die Arme schließen zu können, drückte ihm fast das Herz ab ... doch um ihretwillen, ihrer gemeinsamen Zukunft halber ging er ja. Daß er sich zu diesem Dienst gemeldet hatte, war eine Art Heldenthat, eine Buße, die er sich auferlegte, und darum hatte er ihr gegenüber ein reines Gewissen, und ein herzlicher Brief, den er ihr schrieb, erleichterte sein Herz und beschwichtigte das Trennungsweh. Anders bei Magdalene! Abreisen müssen, ohne die geringste Möglichkeit, sie noch einmal zu sprechen, ihr auch nur eine Botschaft zu senden, sie noch einmal zu sehen, und wäre es auch von ferne ... Sollte er ihr schreiben? Aber was schreiben? Sie bitten, seine Frau zu werden? Ach! Sein Herz drängte ihn entschieden dazu, obwohl sie nur eine kleine Schneiderin war ... Und doch hätte eine solche Heirat fast nichts andres bedeutet, als sich für alle Zeiten den blauen Kragen um den Hals schmieden, und vor allen Dingen hätte sie nichts andres bedeutet, als eine Vernichtung aller Hoffnungen der Mutter, die von nichts Geringerem träumte, als einer Verbesserung seiner Lebensstellung durch die Mitgift irgend eines hübschen, guten Mädchens aus der Provence – später, wenn er einmal Kapitän war. Was also thun, da alles andre außer Frage war, da jetzt auch der Vater zwischen sie getreten war, der Vater und alle Hemmnisse weltlicher Klugheit, gegen die sich sein Herz freilich wild auflehnte an diesem Abend, im Sturm der Leidenschaft? Einfache, sanfte, zärtliche Abschiedsbriefe schrieb er gleichwohl zwei an Magdalene, aber er zerriß sie auf der Stelle wieder. Durch wen sollte er sie ihr auch zustellen lassen? Konnte sie daheim bei den Eltern unbemerkt Briefe in Empfang nehmen? Und sich sagen zu müssen, wie nah sie ihm war, wie sie vielleicht in diesem Augenblick auf dem Heimweg durch die vertraute stille Straße angstvoll nach ihm ausspähte, nach ihm, den ihre Augen nie wieder sehen würden ... Am späten Abend sagte er sich zum Schluß, daß es am besten sein werde, ihr erst von Port-Said oder von einer der ersten ausländischen Reeden aus zu schreiben, natürlich einen wackeren Brief, der den Vater nicht in Harnisch bringen konnte. Briefe mit Poststempel aus weiter Ferne werden immer eher angenommen, weil der Absender minder zu fürchten ist und möglicherweise gar nicht wiederkehrt ... Nicht schreiben oder wenigstens das Schreiben hinausschieben, das entsprach ja außerdem der Briefscheu und unausgesetzten fatalistischen Erwartung, die einen Zug seines Wesens bildeten, wozu sich noch das eigensinnige Beharren bei einmal gefaßten Entschlüssen gesellte, auch wenn diese noch so zufällig entstanden waren ... Bei alledem war sein Jammer groß, wie auch seine Gewissensnot und nicht minder seine Liebe, die er bis zu diesem Tag nie so tief gefühlt hatte ... Am folgenden Morgen befand er sich auf dem Bahnhof, wo er Magdalene zum erstenmal gesehen hatte. Mit den neuen Kameraden bestieg er den Zug nach Toulon, um eine seiner gefahrvollen Reisen ins Ungewisse anzutreten, deren Vorgefühl dem Pfiff der Lokomotive einen unheimlichen Ernst verleiht. Als die Räder sich in Bewegung setzten, beugte er sich mit schwerem Herzen zum Fenster hinaus, um das befestigte Städtchen allmählich verschwinden zu sehen, das er vier Monate früher so gleichgültig und teilnahmlos betreten hatte. Achtunddreißigstes Kapitel Durch das Indische Meer zog die »Circe« raschen Flugs auf sanft wiegender Welle; wie weiße Möwenflügel blinkten die Segel in dem grellen Sonnenlicht zwischen zwei blauen Unendlichkeiten, und wie eine Schleppe folgte ihr der weiße, im Sonnenschein funkelnde, rauschende Gischt. Man hatte Port-Said schon seit mehreren Tagen hinter sich, Aden desgleichen, und noch war der Brief an Magdalene nicht geschrieben. Wenn Jean sich aus eigener Selbsterkenntnis mitunter sagte, es werde mit diesem Mädchen vielleicht dasselbe Ende nehmen wie mit der andern, der lachlustigen, unbefangenen Amerikanerin, so empfand er ein heftiges Mißbehagen und große Unzufriedenheit mit sich selbst, besonders wenn er sich zurückrief, wie vertrauensvoll und zuversichtlich und wie arm sie war. Wenn er sich wiederholte, wie rührend sie ihm ihre Armut eingestanden hatte, wenn ihm auch nur zufällig gewisse Einzelheiten ihres Anzugs einfielen, das bescheidene Kleidchen, das so ängstlich vor dem Regen behütet wurde, die abgetragenen, pünktlich geflickten kleinen Handschuhe, so strömte sein Herz über von jenem unsäglich liebevollen Mitleid, das zu den Offenbarungen großer, reiner Liebe zählt, und er schwur sich, ihr gleich nach seiner Ankunft da unten zu schreiben ... Da er aber keineswegs entschlossen war, sie zu heiraten, war dieser Brief wirklich eine heikle Aufgabe! Er hatte auch Stunden völligen Vergessens, dank der harmlosen Lustigkeit seiner Kameraden oder dem Einfluß der berauschenden und einlullenden endlosen Oede der Umgebung ... Die »Circe« sollte ihn samt der übrigen auf die »Gyptis« kommandierten Mannschaft im Vorüberfahren an der Mündung des Roten Flusses, des Song-tai, absetzen. Die »Gyptis« war ein etwas veraltetes und etwas reisemüdes Kanonenboot, das noch die großen Segel von ehedem führte und als letzte Leistung im Leben in den chinesischen Gewässern stationierte. Es traf sich, daß der größte Teil der Schiffsmannschaft von der »Resoluta« an Bord der »Circe« zusammengetroffen war und daß Jean durch diesen Zufall wieder mit seinen besten Freunden Le Marec und Joal zusammenkam nebst einigen andern, die er auch gern hatte; und so wurden die alten Beziehungen sofort erneuert und befestigt. Le Marec, der mittlerweile Bootsmann geworden war, hatte sich acht oder zehn Tage vor der Abreise jäh verliebt und plötzlich geheiratet. Er sparte jetzt rasend und hatte nur noch ein Lebensziel: seinen Abschied erreichen und mit seinem Weib in der Nähe von Binic leben. Wohlgemerkt, das Häuschen mußte einen Garten haben! Sein Wesen wirkte schon gesetzt und ernsthaft; das Meer hatte sein Gesicht tief gebräunt und ihm, wenigstens für den ersten Blick, etwas Wildes verliehen, schon zeigten sich einige weiße Haare an den Schläfen; seine einunddreißig Jahre und seine ausnahmsweise Schulterbreite gaben ihm der grünen Jugend gegenüber fast etwas Väterliches. Joal, jetzt in der Würde eines Feuerwerksmaaten, hatte sich zum Typus des Kommißsoldaten ohne weitere Ziele oder Gedanken entwickelt; seine schwache Eigenart war dem fortgesetzt wirkenden Joch der Disziplin unterlegen. Der Begriff des Lebens war für ihn in genaue Beobachtung der Dienstvorschriften zusammengeschnurrt – um diese Stunde diese oder jene Planke mit Sand fegen, um jene Stunde gewisse Beschläge oder Geschütze mit Putzpomade spiegelblank polieren, ohne je die Wichtigkeit und Zweckmäßigkeit seines Handelns in Frage zu ziehen. Daneben war er aber doch noch ein guter Kerl, zu warmer Zuneigung, Aufopferung und zu Thränen geneigt. Die andern aus diesem Kreis waren harmlose Kinder, die gern lachten oder auch ihren träumen nachhingen, ohne daß sie diesem schweigsamen Zeitvertreib einen Namen zu geben gewußt hätten. Und jeden Abend um die zauberhafte Stunde, wo man auf dem Vorderdeck »Garne spinnt« und Gesänge anstimmt, bildeten sie eine festgeschlossene Gruppe, um schließlich dicht nebeneinander im bläulichen Mondlicht oder glänzenden Sterngefunkel zu schlafen. Tausenderlei Dinge, von den Kameraden undeutlich oder doch nur gleichgültig beobachtet, hatten Jean während dieser Fahrt in den geheimnisvollsten Tiefen seiner Seele berührt – die Sandwüsten, die Fata Morgana auf dem Roten Meer und Abend für Abend die beängstigende apokalyptische Glut der blutroten Sonne des Sinai, der in der Ferne wie eine weißglühende Schlacke auf goldenem Himmelsgrund an ihnen vorübergezogen war. Wie deutlich fühlte er die Nähe des arabischen Stammlandes! Und vor ihm immer noch die aufregende Lockung, das Rätsel des nie geschauten äußersten Ostens. Neununddreißigstes Kapitel Da unten jetzt, ganz da unten. Er war am Ziel. Nun sah er es in Wirklichkeit greifbar deutlich vor sich, das kleine Kanonenboot, worüber er sich im voraus so viele Gedanken gemacht hatte. In einem niederdrückend heißen Dunstkreis, wo die geringste Bewegung Ströme von Schweiß kostete, lag es regungslos in der Nahe des Ufers im Röhricht verankert auf dem Strom. »Gyptis« las er in deutlichen gelben Buchstaben, diesen Namen, der ihn die ganze Reise über verfolgt hatte, der einen Beigeschmack von bösem Omen an sich trug. Dort war also jetzt sein Posten, sein Ankergrund – achtzehn Monate lang sollte diese Gegend seinen Wohnort bilden. Man hatte die neue Bemannung der »Gyptis« abends übergesetzt, in der flüchtigen, zauberhaften Viertelstunde, die zwischen Tagesschwüle und nächtlichem Dunkel eintritt. Längs des Stroms, dessen Gewässer keine Vorstellung von Kühlung erweckten, war ein zerstreutes Dorf, oder richtiger eine Straße unter Bäumen, die auf einer Seite von kleinen Thoren der im Grün versteckten Gehöfte eingefaßt war. Bei der nächsten Biegung zerfloß alles im beklemmenden Dunkel eines unheimlichen Waldes. Während der langen Seefahrt auf den immer gleichen Planken ihres Fahrzeugs hatten sie nichts zu sehen bekommen, was sie auf die Gewaltsamkeit dieser fremdartigen Eindrücke vorbereitet hätte. All ihren Sinnen zumal drängten sie sich auf; Jean vergaß darüber das Atmen. Auch arbeiteten die Lungen ohnehin nur mäßig und lässig wie in einem heißen Bad mit duftgeschwängerten Dämpfen. Die Erde war rot, rot wie glühender Blutjaspis, und das Laubwerk strotzte in so übertriebenem Grün, daß man versucht war, es für bemalt zu halten mit den feinsten Lackfarben der Chinesen. Selbst in der rasch hereinbrechenden Dämmerung leuchteten diese Farben noch, es schien, als ob dieses Grün der Blätter und dieses Rot des Erdbodens mit eigener Leuchtkraft auch das Dunkel der Nacht durchbrechen sollten. Die kleinen Holzpforten, die zu den zerstreuten, versteckten Gehöften führten, waren voller Zacken und Hörner, sie zeigten im Umriß wunderliche Tiergestalten, es schien ihnen aber selbst unbehaglich zu sein unter diesem eintönigen ewigen Grün, das den Menschen erdrückt und alles besiegt; sie hätten sich auch am liebsten darunter verkrochen. Menschen, die diese Umgebung und ihren Schmuck selbstverständlich fanden, gingen hin und her, um ihre fremdartige Thätigkeit zu verrichten, um die Fremden seitwärts aus ihren Schlitzaugen anzublinzeln; ihre gelbe Haut borgte einen rötlichen Schimmer von der Erde, sie glitten lautlos und geschmeidig hin, entweder barfuß oder mit Papiersandalen an den Füßen. Jedes Haustier, das da und dort zum Vorschein kam, jeder Vogel, der seinen Schlafplatz im Gezweig aufsuchte, jede Blume am Weg, alles und jedes sagte den neuen Ankömmlingen, in welch feindselige fremde Ferne sie den Fuß gesetzt hatten. Uebrigens war diese kleine Welt unterm Schweißtuch der Bäume, in ihrer völligen Abgeschiedenheit von der übrigen, keineswegs verwundert über ihren eigenen Zustand, sondern viel eher darüber, daß es deren auch andre gab. Die mit Safran geschminkten, nach Muskat und Schweiß riechenden Spaziergänger warfen den Matrosen im Vorübergehen, ohne den Kopf zu drehen, spöttische Blicke zu, die von diesen mit gleicher Münze heimbezahlt wurden; man fühlte, daß hier gegenseitig kein Verständnis möglich war. Nur für die Mädchen hatten die Seeleute halbwegs ernsthafteres Interesse, denn beim weiblichen Geschlecht wenigstens halten die Sinne nicht ein vor den Schranken, die unsre Rassen trennen. Im ganzen lag etwas von Hohn, namentlich aber von Unheimlichkeit in diesem Empfang des Landes, das Jahrhunderte darauf verwendet hat, seinen schmächtigen gelben Bewohnern dieses Katzenlächeln beizubringen, und das die Fähigkeit in sich fühlt, fortwährend zahllose Weiße zu vernichten durch seine Miasmen und seine Stickluft ... Vierzigstes Kapitel Fast ein Jahr war Jean jetzt dort. Seine Haut war beinahe so gelblich geworden, als die der katzenartigen kleinen Leute um ihn her, und seine Muskelkraft hatte bedeutend nachgelassen. Er hatte auch den Versuch gemacht, in den vielen Mußestunden an Bord der »Gyptis« seine Studien wieder aufzunehmen, allein die Tag und Nacht herrschende Dampfbadluft rief eine ganz eigenartige geistige wie körperliche Schlaffheit hervor, und er hatte stundenlang vor seinen Zahlen und Zeichen und Formeln gesessen, unfähig zu jeder Anstrengung, mit dem Gefühl einer ausgehöhlten Gehirnschale. Und die armen alten Schulhefte, die mehr und mehr zwecklos wurden, angefüllt mit Dingen, die er immer weniger begriff, hatten nach und nach ein recht ältliches Ansehen gewonnen, sie waren halb vermodert vor Feuchtigkeit und bös mitgenommen durch die winzig kleinen, unzählbaren weißen Ameisen, deren Zerstörungswerkzeuge in diesem Land des Todes unendlich rascher arbeiten als anderwärts. Aber eine große That war in diesem Stillleben doch verrichtet worden. Er war endlich geschrieben und abgeschickt worden, der Brief an Magdalene, der ihm so lange Alpdrücken gemacht hatte. In seinem von den tödlichen Einwirkungen dieses Himmelsstrichs schon berührten Kopf hatte ihr holdseliges Gesicht allmählich eine herrschende Stellung eingenommen! Einsamkeit und Heimweh hatten ihn dahin gebracht, ein Traumleben in Frankreich zu führen, und zwar mit ihr, und so hatte er schließlich alles andre von sich geschoben, war zu dem einzig möglichen Schluß gelangt, daß er sie heiraten müsse. Die Zukunft würde dadurch allerdings schwieriger werden, die Rückkehr nach Antibes, die trotz aller Vergeßlichkeit und Nachlässigkeit Plan und Ziel seines Lebens blieb, beträchtlich erschwert, aber wenn »sie« dann einmal dort war in der sonnigen Provence, wer sollte dem hübschen, zierlichen, vornehm aussehenden Geschöpf an seinem Arm die einstige Schneiderin ansehen? ... Was ihn schon seit einiger Zeit im stillen beängstigte, war der Umstand, daß gerade diese Rückkehr, der höchste Traum von einem Wiedereinzug in Antibes mit Magdalene und der Mutter, statt ihm näherzurücken, immer weiter zu entfliehen schien, daß sein Luftschloß, das sonst in greifbarer Deutlichkeit vor ihm gestanden hatte, mehr und mehr vor seinen Augen verschwamm. Es war, als ob dieses feindselige Grün, dieser unaufhörlich strömende warme Regen, diese mit Wohlgerüchen übersättigte Luft, seine Sehnsucht und seinen Willen langsam, unendlich langsam erstickten, verlöschten, zum Absterben brächten ... Und eines Tages hatte ihm namenlose Angst die Brust zugeschnürt, eine Angst, die schon etwas Krankhaftes an sich hatte, wie sie Verbannte und Blutarme am ehesten befällt. Es war ihm nämlich plötzlich eingefallen, daß Magdalene neunzehn Jahre alt war, daß sie sich seit zehn oder zwölf Monaten für verlassen und vergessen halten und ihre Hand einem andern versprechen konnte ... Da hatte er nun mit fliegender Hast den Entschluß zur That gemacht, den er seit der Abreise wie eine Kette umhergeschleppt hatte, in fieberhafter Angst, das nächste Postschiff zu versäumen, hatte er an seine Mutter und an Magdalenes Vater geschrieben. An die Mutter, um sie leidenschaftlich anzuflehen, daß sie selbst ihm zu Hilfe kommen und in aller Form für ihn um die kleine Braut werben möge ... Einundvierzigstes Kapitel Und dieser Brief ihres Sohnes war so herzlich, so unwiderstehlich rührend, daß sie ihm sofort den Willen that und einen Werbebrief schrieb – trotz des Widerstrebens gegen die Arbeiterin, die so plötzlich und unvermutet auftauchte, sich zwischen ihr Kind und sie stellte und damit den Zusammenbruch aller Zukunftsträume heraufbeschwor, den Niedergang zu einem endgültigen machte. * Sie hatte allerdings im Stil der großen Dame geschrieben, die der Angeredeten eine hohe Ehre zu erweisen glaubt, aber sie hatte nichtsdestoweniger in aller Form um Magdalenes Hand gebeten für ihren Sohn, der in einem halben Jahr zurückkehren werde. Dann hatte sie vom dritten Tage an mit angstvoller Spannung jede Poststunde abgewartet. Sie hatte gehandelt, wie ihr Gewissen gebot, jetzt aber wünschte sie sehnlich, diese Magdalene möchte verheiratet, ausgewandert, gestorben, irgendwie verschwunden sein ... Zweiundvierzigstes Kapitel In der Woche darauf kam Antwort, auf schlechtem Papier von ungeübter, ungeschickter Frauenhand geschrieben, ohne Zweifel der der andern Mutter. Es war ein kurzer, wegwerfender Bescheid in wenigen Zeilen. Magdalenes Eltern glaubten sich in der That eines jungen Menschen erinnern zu können, der sich ihrer Tochter gegenüber recht leichtfertig betragen habe. Indessen sei es jetzt so gut als abgemacht, daß Magdalene einen Zahlmeister von der Marine heiraten werde, und da ihre Tochter diesem Freier »ziemlich geneigt« sei, erachte man es nicht für nötig, ihr diese andre Werbung mitzuteilen. Ein gewöhnlicher Obermatrose wäre überhaupt keine Partie für ihre Magdalene. Statt sich über den gewünschten abschlägigen Bescheid zu freuen, war Frau Berny nicht nur verletzt, sondern bis zum Tode betrübt – ihren Sohn, ihren vielgeliebten in so schnöder Weise abzuweisen, wo er sein ganzes Leben und Wesen angeboten hatte! ... * Tag und Nacht über der Sache brütend, glaubte sie allmählich eine unselige Verkettung des Schicksals zu erkennen, das sich gegen ihren Jean verschworen hatte. War ihr Sohn denn wirklich so gering, so unbedeutend, daß ein armes Mädchen aus dem Volk ihn kurzweg abweisen durfte? ... O, Gott, welch tiefer Fall, nach den Träumen und Hoffnungen von ehedem, den Zukunftsbildern, die sie und der dahingegangene Großvater über dem Lockenkopf des kleinen Jungen hatte schweben sehen! ... * Und je öfter sie jetzt seinen Brief an sie selbst wieder las, desto klarer wurde ihr, wie tief diese Liebe ihm ging, wie namenlos weh ihm dieser Ausgang thun mußte ... * Ihm diese Botschaft senden! Ihm in weiter Ferne und Vereinsamung solchen Schmerz bereiten! Wozu auch? Er kam ja bald heim! Nein, sie beschloß, es zu unterlassen. Sie konnte sich ja vorläufig so stellen, als ob sie seinen Brief noch nicht erhalten gehabt hatte, und ihm mit dem nächsten Postschiff allerlei andres schreiben – es war der letzte Brief, den sie »an Bord der »Gyptis« überschreiben mußte.– * Auch andre Sorgen, die ihr bisher erspart geblieben waren, gesellten sich zu dem Kummer über diesen Mißerfolg; ihr Jean hatte da unten schon verschiedene böse Fieberanfälle zu überstehen gehabt. Einmal war er sogar gezwungen gewesen, ins Hospital nach Ha-Noi zu gehen, und das hatte er ihr dann nicht verheimlichen können. In ihrem Hause zu Brest, wo noch mehrere Seemannsfamilien wohnten, hatte sie überdies ein paar blutjunge Matrosen aus jenen Kolonieen zurückkehren sehen. Sie hatten in ihren Briefen nie eingestanden, daß sie sehr krank seien, waren aber angekommen – ach Gott! so elend und obendrein so verderbt aussehend. Nie hatte sie sich so ganz verlassen, so grausam vereinsamt gefühlt als in dieser Angstzeit, und doch war sie zu feige, ihre Angst andern Müttern anzuvertrauen! eine abergläubische Scheu hielt sie davon ab, Finsternis, schwarze eisige Kälte senkten sich wie ein Bahrtuch über sie her. ... Beten? Von Zeit zu Zeit kam ihr der Gedanke daran, aber sie verstand sich nicht mehr darauf. In ihrer Jugend hatte sie Anwandlungen inniger Frömmigkeit gehabt, leidenschaftliche, ein wenig italienische, vielleicht etwas götzendienerische Inbrunst des Glaubens. Jetzt aber? Nein, das war vorüber ... vielleicht weniger aus Glaubenszweifeln als aus dumpfer Empörung gegen so viele Enttäuschungen, soviel gehäuftes Unglück. Zwischen ihr, die so elend und enterbt hier unten saß, und Christus, der Madonna, die so gleichgültig da oben thronten, hatte sich ein Nebel gebildet, und was an Anbetungsbedürfnis in ihr lag, hatte sie dem Sohn zugewendet. Trotzdem zwei Heiligenbilder an ihrer Wand hingen, die aus der Provence, aus dem alten Haus in Antibes stammten, betete sie nie mehr, setzte keinen Fuß mehr in die Kirche, sondern lebte immer schweigsamer, immer verbitterter dahin, ihr ganzes Sein und Denken beschränkend auf den einzigen, wonnigen und qualvollen, hartnäckigen Gedanken, ihn zu erwarten. Dreiundvierzigstes Kapitel Und Magdalene in ihrem kleinen Städtchen, wo voraussichtlich ihr ganzes Leben sich einförmig und gleichmäßig abspielen wird, würde sie ihn als Frau eines andern wohl bald vergessen, ihren Freund? ... Wer weiß, ob sie in jedem neuen Frühling, deren Aufeinanderfolge ihre Blüte zum Welken bringen wird, nicht auf dem Heimweg in der Abenddämmerung durch diese immer gleiche Straße, diese allzeit einsame Lindenallee von der Erinnerung an Jean verfolgt wird und sein Bild nicht zu verscheuchen vermag? Ob sie nicht manchmal, wenn der laue Abend hereinbricht, im Dunkel des Laubes eines dieser unveränderlich grünenden Bäume eine Gestalt gelehnt sieht, einen Schatten, den jugendlichen Schatten dessen, den sie geliebt hat? ... Vierundvierzigstes Kapitel Nach vielen Fahrten auf den warmen Gewässern des Stroms, nach manchem Kampf gegen seine Tücken lag die »Gyptis« wieder einmal still auf ihrem gewohnten Posten im Röhricht vor dem zerstreuten, verborgenen Dorf. Und jetzt war für Jean die Zeit des Abschieds von diesem Land gekommen. An einem bleiernen, regungslosen Abend, gerade wie der, an dem er vor achtzehn Monaten frisch und rüstig hier angekommen war, ging er langsamen, schleppenden Schritts, auf den Arm eines Matrosen gestützt, nach einem Wagen. Sein bleiches Gesicht war dem Boot zugekehrt, um den Zurückbleibenden noch zuzulächeln oder einen Abschiedsgruß zu nicken. Es war dieselbe Viertelstunde der Dämmerung, wie bei seiner Ankunft, dieselbe verblüffende Farbenglut der roten Erde und des grünen Laubs, dieselben Düfte, die nämlichen gelben Gestalten, die vorübergingen und, eh sie unter dem Laubwerk ihrer Behausungen verschwanden, noch einmal schweigend den Kopf drehten, um den Fremdling, der von dannen zog, ein letztes Mal aus ihren rätselhaften Aeuglein anzuschielen. In dieser duftgeschwängerten Feuchtigkeit, unter dem beklemmenden Laubdach dieser Bäume immer das nämliche schwüle, schlaffe Leben, so grundverschieden von dem unsrigen. Und all diese Wesen und Dinge, die Jean abreisen sahen, schienen sich bewußt zu sein, wieder einmal einem Abendländer den Tod eingehaucht zu haben ... In letzter Zeit war zu den unerbittlich wiederkehrenden, tief wurzelnden heftigen Fieberanfällen die Ruhr getreten und hatte sofort einen ernsten Charakter gezeigt. Dieses Uebels Bahn ist unbestimmbar; mitunter wählt es die Stärksten und verschont die Schwächlichsten oder umgekehrt, bald tötet es im Verlauf von wenigen Wochen, bald nimmt es sich jahrelang Zeit dazu. Manche reisen anscheinend kaum gestreift nach Europa zurück, aber das Unheil fährt fort, sie ganz sachte zu durchwühlen, und nach zehn, nach zwanzig Jahren hat es sein Werk vollbracht, während andre, die viel weniger kräftig waren und viel kranker zu sein schienen, vollständig genesen. Zwei von den Matrosen, die mit Jean aus der Heimat gekommen waren, hatten nach einem Jahr hier sterben müssen. Er konnte die Heimreise antreten, aber schwer gepackt; hohläugig, mit lederfarbiger Haut, bei der geringsten Anstrengung, ja bei jedem Schritt von Schweiß triefend. Und von Zeit zu Zeit kam ihm beim Erwachen der allerdings immer rasch wieder verscheuchte Gedanke, es möchte ein wenig zu spät sein für diese Rückkehr ... Fünfundvierzigstes Kapitel In Saigon fand sich um diese Zeit eine zahlreiche Schar Heimkehrender zusammen, Matrosen und Marine-Infanteristen, die ihre Kolonialzeit abgedient hatten. Außerdem die ganze Bemannung der »Circe«, die hier abgetakelt worden war, um im Flußbett als Ponton zu dienen. Aus Sparsamkeitsrücksichten wurde daher die »Saône«, ein großes Schiff mit veralteten Segeln, das auf der alten Linie ums Kap der guten Hoffnung laufen sollte, sehr stark mit Menschen belastet. Jean war eigens darum eingekommen, auf dieser »Saône« zu fahren und damit die Schwüle im Roten Meer zu vermeiden, namentlich aber auch, um mit Le Marec, Joal, Kerbsoulis, den alten Freunden von der »Resoluta« und der »Circe« her, zusammen zu sein. Sein Wunsch ging in Erfüllung. Auch diese waren übrigens von demselben Nebel betroffen wie er, nur weit leichter, kaum merklich, denn sie hatten den größten Teil dieser achtzehn Monate auf hoher See verbracht, er dagegen immer im Stromgebiet, in Sumpf und Röhricht, unter den ungesunden Laubdächern ... Sechsundvierzigstes Kapitel Die Seeluft hatte ihm zuerst außerordentlich wohlgethan und seine Zuversicht gänzlich neu belebt. Solang man sich unter den Passatwinden der nördlichen Hemisphäre befand, konnte er immer auf Deck sein, im Schatten sitzend, die köstliche Brise einatmen, den Segelmanövern zusehen und mit den Kameraden plaudern. Bald aber gelangte man in die drückenden Kalmen, die weiche Regenluft und die Wolkenbrüche der Aequatorlinie, und da wurde er trotz aller angewendeten Sorgfalt mit einemmal sehr schwach, konnte das Bett nicht mehr verlassen und mußte unten bleiben im Lazarett. Anfangs erging es ihm, wie es sehr kräftigen jungen Menschen in diesem Fall zu ergehen pflegt, er war einfach verblüfft und ungläubig. Man räumt nur zaudernd die Möglichkeit ein, daß tödliche Krankheit und Erschöpfung uns selbst befallen könnten! Da drüben auf der »Gyptis« hatte er immer gedacht, daß ein wenig Seeluft, die Freude der Heimkehr, schon das Entkommen aus dem chinesischen Dampfbad ihn im Handumdrehen gesund machen würden, aber nein, es nützte ja gar nichts ... sollte er wirklich die Heimfahrt ein wenig zu spät angetreten haben? ... Mein Gott! Und diese Langsamkeit! Dieses ewige Stillliegen! Wollte denn kein Wind aufspringen? Heizten sie denn die Maschine gar nicht? ... Und zum erstenmal stand beim Erwachen aus einem besonders hellseherischen und beängstigenden Mittagschlaf das Unvermeidliche deutlich vor ihm – erwachend gelangte er zum Bewußtsein seines Selbst. Es durchfuhr ihn wie ein Schreckensstoß, es war, als ob er vor einer leeren Grube, einem endlosen Nichts stünde und sich hinabgleiten fühlte ohne Abwehr, ohne Rettung ... * Die Freunde von der einstigen »Resoluta« kamen oft und setzten sich an sein Bett; besonders Le Marec und Joal opferten ihm all ihre Freistunden. Er hatte sie gern und war ihnen dankbar, manchmal ließ er sich auch durch sie zerstreuen und sog begierig den salzigen Meergeruch ein, der an ihren leinenen Jacken haftete ... Aber wie wenig hatten diese Beziehungen im Grunde zu bedeuten, im Angesicht des herannahenden großen Endes! Ach nein! Nur in seiner Mutter war alles für ihn zusammengefaßt, nur sie war seine Welt, nach ihr schrie seine Seele in qualvoller Sehnsucht ... Und immer noch kein Wind! Immer dieselbe leblose Ruhe, die versengend schwüle, feuchte Luft, die sachte, sachte seine Kräfte vertilgte wie ein allzu lang dauerndes türkisches Bad. Rechts und links von ihm siechten auch andre Kranke dahin, junge Soldaten von zwanzig Jahren, mit erdfahlen Gesichtern, zu Skeletten abgezehrt, von der Ruhr zernagt ... Unerträglich und unabsehbar lang zog sich der unvorhergesehene unglückselige Zustand hin: auf ein und derselben Stelle geschaukelt zu werden, ohne vom Fleck zu rücken. Siebenundvierzigstes Kapitel Endlich am Morgen des zehnten Tags ging diese Unbeweglichkeit ihrem Ende entgegen. Eine Brise erhob sich, anfangs kaum merklich, dann aber, mehr und mehr anschwellend, der Himmel wurde minder grell, eher dem unsrigen ähnlich, und kleine stockige Wölkchen von zarter Färbung sagten darüber hin. Kühl war diese Brise zwar nicht, sondern lauwarm, aber so belebend, daß man sie als Erfrischung empfand. Bis ins Innere des Schiffs drang sie, bis in das fieberdunstige Lazarett durch die Leinwandschläuche, die man ausstreckte, um sie einzuatmen, und mit einem köstlichen Wohlgefühl hießen die armen Kranken sie willkommen. Es war der australische Passat und der ewig gleiche tropische Himmel; die »Saône« hatte jetzt das unveränderliche Gebiet erreicht, und der gleichmäßige Hauch dieses Windes trieb sie Tag und Nacht vorwärts dem großen Kap zu. Jean wußte da unten in seinem Bett ganz genau, was über ihm in freier Luft, an der Sonne vorging. Die silbernen Pfeifen, die in den Tagen des Stillliegens verstummt gewesen waren, ließen sich ordentlich mit Lust hören, und sein durch die Krankheit geschärftes Ohr unterschied genau die hellen Töne, die bald schleppend, bald kurz und schrill, bald wie ein Vogeltriller erklangen. Er verstand ihre Sprache mit Leichtigkeit und wußte genau, was auf jeden Pfiff erfolgen würde; er konnte sich vorstellen, was in der Takelage geschah und welche Segel man dem günstigen Wind entgegenhissen werde. Die Geschwindigkeit nahm von Stunde zu Stunde zu, alles schien aufzuleben, aufzujubeln, selbst das Seewasser schien leichter geworden zu sein, dieses Wasser, das so bleiern und undurchdringlich sein kann, wenn man hohle See hat und der Wind steht, jetzt strömte es in derselben Richtung mit Wind und Schiff, und Jean hörte es nur leise plätschern, lustig aufschäumen gegen die niedere, gewölbte Wandung des Lazaretts, der es sonst Stöße beigebracht hatte wie ein Sturmbock. Mehr als das körperliche Wohlgefühl, das die frische Brise in diese elenden Lungen trug, erquickte die erschöpften Gemüter der Hauch von Hoffnung, den sie ihnen zutrug, und je breiter die »Saône« ihre Segelfittiche ausspannte, desto mehr kehrte der fast entschwundene Lebensstrahl in Jeans Augen zurück, in diese Augen, die unverwandt auf die jetzt schon minder fernen Bilder aus Frankreich geheftet waren. Ach! Diese köstliche Geschwindigkeit! O nur rasch, rasch vorwärts kommen! Zu fühlen, wie man jetzt in raschem Lauf, im Flug, diese Wasserwüste durchschnitt, deren grauenvolle Unendlichkeit ihn von der Mutter trennte! Wenn es doch möglich wäre, daß sein Leben sich noch ein wenig in die Länge zöge ... wenn er noch sechs oder sieben Wochen vor sich hätte in dieser reineren Luft, die ihn schon so merklich kräftigte! Mein Gott ... man kann es ja nicht wissen, und diese fremdländischen Krankheiten ziehen sich oft viel länger hin, als man annimmt. In sechs oder sieben Wochen konnte man am Ziel sein! Wahrhaftig, es kam ihm immer wahrscheinlicher vor, ja fast gewiß, daß er die armselige Wohnung in Brest wiedersehen werde, die ihm jetzt so teuer war, daß er seine Mutter umarmen, sie an seinem Bett haben und in der großen Schreckensstunde ihre Hände umfaßt halten werde ... Gegen Abend, in der wonnigen Viertelstunde nach Sonnenuntergang, litt es ihn nicht mehr da unten; er fühlte sich ja wohler, eigentlich ganz wohl, und stand auf, um sich zu den Lebenden zu gesellen, die droben die reine Luft einatmen durften. Er badete sein Gesicht in klarem Wasser, legte einen ganz frischen Leinenanzug an und begann, sich die Stufen hinaufzuschleppen, langsam, wie ein schleichendes Gespenst. Um sein einziges irdisches Gut, seine Körperkraft, war's gethan, nur in den Armen, deren Muskulatur der geschmeidige Kletterer von einst am vollständigsten entwickelt hatte, war noch eine gewisse Festigkeit übrig geblieben, der die Krankheit nichts hatte anhaben können, und deren bediente er sich, um sich an irgend etwas festzuhalten und in die Höhe zu ziehen, während die Beine ganz den Dienst versagten und unterm Gewicht des Körpers einknicken wollten. Endlich erreichte sein Kopf das Freie. Wie ein vom Grab Erstandener sah er mit verzückten Augen die Weite, die vom Wind geblähten Segel, den Himmel, an dem Stern um Stern aufging. Vom australischen Passat dahingetragen, zog die »Saône« pfeilschnell, wie ein großer Nachtvogel mit weißen Flügeln, ihre Bahn – ach, diese Geschwindigkeit, dieses herrliche Tempo, das einem die Hoffnung zurückgab! Und der erste linde Windhauch, die erste frisch belebende Luftwelle, die beim Heraustreten aus dem Backofen seine Stirn umspielte, trug ihm eine fröhliche Musik zu, einen Gesang, den er im Heraufsteigen kaum hatte unterscheiden können, der aber nun mit einemmal anzuschwellen schien zum hellen Jubelruf, der seinem Wiedererscheinen unter den Kameraden, den Waffenbrüdern, gelten konnte! Es war immer dasselbe Lied vom alten Neptun, der lustige sangliche Chor, den man um dieselbe Abendstunde unzähligemal von neuem anstimmte. Durch die unendliche Einsamkeit des Schweigens, das kaum vom Rauschen des durchschnittenen Wassers gestört wurde, streute die »Saône« diese Klänge aus, zog eine klingende Furche durch die Stille, ohne daß freilich ein Ohr dagewesen wäre, ihren Jubelgruß zu vernehmen. Jean, dessen Augen schon des Sehens entwöhnt waren, gewann sofort wieder das Bewußtsein des unendlichen Raums, und seine Blicke hefteten sich auf die breit entfalteten gespannten Segel, die, wie schneeweißes Spitzenwerk in das durchsichtige Blau des Abendhimmels hineinragend, die ganze Luft zu erfüllen und den Himmel zu verdunkeln schienen mit ihren phantastischen, wechselnden Formen. Ebenfalls weiß in ihren Leinenkleidern blickten ihm die Chorsänger entgegen; die einen lagen in tausenderlei Stellungen behaglichen Rastens auf den Planken umher, andre hockten in den Rahen, auf der Reeling, auf den in Ketten schwankenden Schiffsbooten umher, daß es sich ansah wie künstliche Pyramiden bei einer Apotheose. Noch andre saßen weit höher und freier auf der Galione, und aus aller Kehlen klang es klar und hell in die Sternennacht hinaus: »Alter Neptun, König der Wasser ...« Der bewegte übermütige Kehrreim wiederholte sich ohne Unterlaß; gleichgültig hingeträllert im halben Schlaf von jungen Stimmen, die, von Traum schon umsponnen, wie aus weiter Ferne zu kommen schienen. Und dieser phantastische Aufbau von weißen Menschengestalten und Segeln glitt perlmutterschimmernd und seitlich geneigt dahin wie ein Traumgesicht, das im nächsten Moment in Nichts zerfließen kann, es flog und schoß durch die durchsichtig klare Nacht mit leisem Wiegen, hie und da von einem kleinen Stoß durchzuckt, als ob alles vor Lust und Freude bebte ... * Der entflohene, schon vom Tod gestreifte Gefangene von da unten stand wie vor einem Wunder, vor einem nie geschauten Anblick – er hatte das Feeenhafte südlicher Nächte auf hoher See schon vergessen gehabt. Alles, was ihn zu seinem Beruf verlockt, was er daran geliebt hatte, lag ein letztes Mal in höchstem Reiz vor seinen, dem Erlöschen nahen Blicken gebreitet. Trunken und berückt von diesem Anblick, lechzend nach Leben, nach einem Leben, wie es die Jungen um ihn her in sich hatten, schwankte er in äußerster Schwäche, von zunehmendem Schwindel befallen, vorwärts und suchte unter der Menge weißer Gestalten nach den »Seinigen«, der Freundesgruppe Marecs und Joals, um sich wie einst in ihrer Mitte zu fühlen. Sie befanden sich glücklicherweise zufällig ganz in seiner Nähe und hielten mit Singen inne, als sie ihn erkannt hatten. Alle blickten ihm ins Gesicht, das sich so rasch verändert hatte und dessen hohläugige Magerkeit und Leichenfarbe im ungewissen Licht des Abends noch schreckhafter hervortrat. »Ach! Du bist's, mein Sohn!« sagte Marec (einer von den »Alten«, die an Bord die Väterrollen spielen und sich mit ihren allzu massigen viereckigen Gestalten und der gegerbten Haut ungemein würdevoll und alt geben, wiewohl sie höchstens dreißig bis fünfunddreißig Jahre zählen), »macht ihm doch Platz, ihr Leute, macht Platz für Berny!« Alle verstummten und beschäftigten sich angelegentlich, ihm ein bequemes Plätzchen herzurichten, während ein paar Schritte davon unbekümmert weitergesungen wurde, immer das gleiche Lied, immer mit demselben fröhlichen Eifer. Man brachte ihm ein zusammengelegtes Segeltuch, damit die Planken den abgemagerten Körper nicht zu hart drücken sollten, und Jean überließ sich, völlig am Ende seiner Kraft, den ihm entgegengestreckten Armen. Ein Zittern überlief ihn, von dem er wohl fühlte, daß es nichts Gutes zu bedeuten hatte. »Lehn' dich nur an,« sagten die ihm zunächst Sitzenden, dem Sterbenden Schulter oder Brust als Rück- und Armlehne bietend. Als sie ihn dann sorglich untergebracht hatten, stimmten auch sie wieder in den Kehrreim ein, und Jean fand sich eingekeilt in den Chor. Seit er lag, empfand er ein gewisses Wohlsein oder wenigstens eine Verminderung des Leidens. Den Kopf zurücksinken lassend, sah er sich jetzt den Zauberspuk von unten an: langsam gewiegt auf gleichmäßigen Wellen ragten die weißen, statuenhaften Menschengestalten unwirklich, traumhaft in den bläulichen Dunst hinein, und von dem mit australischen Sternbildern besäten Himmel hoben sich Masten und Segel scharf ab. Die Bewegung war in den höchsten Spitzen stärker, aber so gleichmäßig und sanft, daß man sie für Regungslosigkeit halten konnte, indes die Sterne aus dem Gleichgewicht gekommen zu sein und unruhig hin und her zu huschen schienen. In den milden Windhauch schleuderten die Sänger ihre hellen, klaren Töne, die mit ihm in die Ferne zu fliegen schienen. * Inmitten dieser Durchsichtigkeit, wofür man keinen Namen hat, die Nacht ist, ohne dunkel zu sein, erschien dieses Schiff mit den breiten Segeln und den weißen Matrosen, die sich nicht von der Stelle rührten, wie ein Zaubergebilde. Diese Musik, der eintönige, wiegende Rhythmus der frischen Stimmen, dies unaufhörliche Flimmern und Funkeln, dieses rasche, leichte, fast lautlose Dahingleiten steigerten den Eindruck des Traumhaften, den alles, was man doch mit Augen sah, hervorrief ... kein Schiff, ein Wolkengebilde, das der Passatwind in tollem Spiel vor sich hertrieb in einer Region ohne Grenzen, ohne Umriß, in unendlicher Leere ... Nicht lange genoß Jean das zauberhafte Bild, das sein versagendes Gehirn noch mit Staunen und Entzücken erfüllte. Die herrliche Nachtkühle, die den andern neues Leben einhauchte, beschleunigte bei ihm die tödliche Zersetzung. In seiner Brust, in seinen Eingeweiden, in seinen Gliedern hob eine dumpfe Unruhe an, die alsbald zur Todesangst wurde. Dann fühlte er in Armen und Beinen eine gräßlich qualvolle Leblosigkeit, gepaart mit Ameisenlaufen, wie wenn ein Glied in ungeschickter Stellung »eingeschlafen« ist, und dieser Zustand breitete sich weiter und weiter aus, stieg an den Hüften empor in den Rumpf bis zum Hals. Es war wie ein herankriechendes Sterben, das stufenweise nach dem noch denkfähigen, klaren Kopf die Klauen ausstreckte; jetzt kam's bis an die Lippen, die sich verzerrten, und als er die singenden Freunde um Hilfe anrufen wollte, war ihm der Mund wie verdorrt und versiegelt, nur ein einziger Laut, unartikuliert, trostlos, traurig, kam heraus. * Sie erschraken über diesen Verzweiflungston, der schon von jenseits des Abgrunds zu kommen schien. Marec, der sich sofort mit zärtlicher Sorgfalt über ihn beugte, sah die Verzerrung der Lippen und das Flehen in den brechenden Augen. Mit unendlicher Vorsicht und innigem brüderlichem Zuspruch hoben sie ihn zu dreien auf, um ihn wieder auf seine dürftige Lagerstätte zu betten. Bewußtlos, regungslos wie ein Leichnam, wurde er von den Freunden in das schwüle Lazarett zurückgebracht, das an Bord die »Sterbekammer« hieß. Achtundvierzigstes Kapitel Und doch starb er in dieser Nacht nicht. Der Arzt brachte ihn da unten in der Sterbekammer wieder zum Leben. Mehrere Tage lang fuhr er fort zu atmen und zu denken, bald von Hoffnung belebt, bald von immer eisigerem Grauen vor dem einsamen Tod erfaßt. In dem mehr und mehr die ausschließliche Herrschaft gewinnenden Gedanken, auszuhalten, bis er die Mutter wiedersehen würde, beobachtete und pflegte er sich selbst mit eigensinniger Beharrlichkeit. Jeden Tag lag ein angefangener Brief an sie zwischen den Decken seines Betts, ein Brief, worin er ihr lebewohl sagte, den er mit Fieberhast, mit Hingebung seiner ganzen Seele zu schreiben anfing, bis ihm die Feder vor Erschöpfung aus der Hand fiel, und den er dann wieder in einem Augenblick wiederkehrender Hoffnung oder eigensinnigen Willens zum Leben zerriß. Seine Matrosenkiste, der Schiffskoffer aus rohem Holz, wie ihn jeder hat, stand immer zu Häupten seines Bettes, und die darin geborgenen Kostbarkeiten, die er zurücklassen sollte, schufen ihm viel Unruhe. Es waren Photographien und Briefe seiner heißgeliebten Mutter, manche darunter sehr alt, ganz vergilbt, die sich auf besonders wichtige Abschnitte ihres gemeinsamen Lebens bezogen, und noch zwei von seinen Schulheften, mit geometrischen Figuren angefüllt, auf deren Schildchen er im schönen Abendsonnenschein und Hoffnungsschimmer das Datum seiner Zulassung zum Examen für die Marineschule geschrieben hatte. * Er hatte keine Schmerzen und litt nicht viel, nur sehr schwach war er, und diese Schwäche nahm stetig, unerbittlich zu ... er schlief häufig von Träumen beängstigt ein, sank in einen erschöpfenden Halbschlummer, aus dem er immer in Schweiß gebadet erwachte. In seinem Gehirn hatte der Tod seine Arbeit begonnen, jenes klägliche Wirrsal von Gedanken und Begriffen, die Rückkehr zu den Ideen und Gefühlen der Kindheit, die wie ein Hohn erscheint. Beständig mußte er an die Anfänge seines Lebens denken, und er erinnerte sich ihrer mit einer unheimlichen Deutlichkeit, die wie ein zweites Gesicht war. Im Gegensatz dazu waren die Bilder von Liebe und Liebeslust aus seiner Seele verschwunden; aus Gott weiß welchen, jedenfalls auf körperlichen Zuständen beruhenden Ursachen, waren sie zuerst erloschen in dem selbst erlöschenden Gedächtnis ... Vergessen war sie jetzt, die junge Schöne von Rhodos, die an jedem Juniabend aus der buckligen Stadt zu ihm heruntergestiegen war an den Hafen, angelockt von den dunkel beschatteten achtzehnjährigen Blauäugen, vergessen die blonde Kanadierin, die ihm eine Zeitlang die einsame Vorstadtstraße von Quebek lieb gemacht hatte, vergessen waren sie alle. Nur an Magdalene dachte er hie und da noch, weil sein Gefühl für sie weniger oberflächlich gewesen war, tiefer gemengt mit dem geheimnisvollen menschlichen Untergrund, den wir die Seele nennen. Es geschah ihm zuweilen, daß er ihr farbloses Gesichtchen und die jungen Bernsteinaugen vor sich sah, oder ihr scheues Plaudern hörte im Dämmerlicht in der kleinen düsteren Allee, unter den grünenden Linden, unter dem jungen Laub, auf das der laue Aprilregen heruntertrommelte. Aber seine Gedanken kehrten immer bald zur Mutter zurück, zu der sonnigen Provence, zu seiner Kindheit, besonders zur Zeit des ersten Knabenanzugs mit dem Filzhut und seinem langen Samtband. Dann konnte ihm unsagbare Verzweiflung das Herz durchwühlen beim Gedanken, daß er dies und jenes in dem geliebten Land, dies und jenes aus jener Zeit niemals, niemals wiedersehen werde – zum Beispiel niemals, niemals wieder die bestimmte Biegung eines Fußwegs betreten, wo er an einem Sonntagabend im Frühling mit der Mutter unter Fichtenbäumen gesessen hatte ... * »Bis zu den ersten Frösten wird er aushalten,« hatte der Arzt gesagt. Und in der That, der milde, laue Passatwind, der Tag und Nacht mit gleicher Stärke zu den offenen Fensterluken und durch die ausgespannten Schläuche hereindrang, erhielt ihn in gleichmäßigem Zustand. Neunundvierzigstes Kapitel Eines Abends aber tauchte am südlichen Horizont eine ungeheure dunkle Wolkenschicht auf, die, um sich greifend, alsbald ein finsteres Gewölbe bildete. Und der günstige Wind flaute ab; die Luft wurde mit einem Schlag frostig, und zwei große Albatrosse, die ersten von den Vögeln des finsteren Australiens, erschienen. Im trüben Abendlicht, in der durchdringenden Feuchtigkeit der Luft, die sich wie ein kalter Mantel auf aller Schultern senkte, hatte es etwas Unheimliches, mit sinkender Nacht in das Ungewisse, von einem Wolkenschleier verhüllte Gebiet einzudringen, wo das Wetter seine bösesten Ueberraschungen in Bereitschaft zu halten pflegt. Am andern Morgen bot das Deck der »Saône« ein gründlich verändertes Bild. Die Sonne beleuchtete es nicht mehr, statt der Strohhüte und fröhlichen weißen Leinenanzüge kamen die blauen verschossenen und abgetragenen, von Maden und Motten zerfressenen Wolljacken und die alten, über die Ohren herabgehenden Sturmmützen zum Vorschein. Bei den auf Deck Manövrierenden herrschte eine aufgeregte Geschäftigkeit. Starke, nagelneue Segel wurden heraufgeschleppt auf den Schultern der Leute, die eine wellenförmig bewegte Kette bildeten; Taue, gleichfalls neu, noch blond und nach Teer riechend, wurden aus dem untersten Schiffsraum gezogen. Die Matrosen spannten sich daran, setzten sich in Lauf und zogen sie als endlose Schlangen hinter sich her. Alles geschah nach dem Ton der Pfeifen, die ihre grellen Triller durch die plötzlich rauh gewordene Luft ertönen ließen, eine scharfe Luft, die kräftigen Lungen ein Heilmittel, für die geschwächten Gift ist. Man rüstete sich zum Kampf gegen den Sturm und das Meer dieses bösen Himmelsstrichs. In nächster Nahe umschwirrten zwei Albatrosse das Schiff. Es waren wohl die nämlichen wie am Tag zuvor, die sich anschicken mochten, jetzt wochenlang dem Kielwasser des Schiffs zu folgen. Ohne Unterlaß stießen sie ihr häßliches, krächzendes Geschrei aus, das dem Knirschen einer Wetterfahne oder eines eingerosteten Flaschenzugs ähnelt und dem Obermatrosen vom Achterdeck auf die Dauer derart auf die Nerven ging, daß er ihnen, die Pfeife zwischen den Zähnen, mit geballter Faust zurief: »Könnt ihr eure verdammten Angeln nicht ein wenig schmieren, ihr Schmierfinken da droben?« Die Sache war die, daß sie ein Sterbelied zu krächzen schienen, diese beiden Albatrosse. * Der Wind steigerte sich, noch ehe die Vorkehrungen zu seiner Abwehr beendigt waren, zu gewaltiger Stärke. Vom zweiten Abend an ertönte die allgewaltige Stimme, das furchtbare Geheul der bösen Tage, die Luft schwirrte von Geräuschen, daß einem Hören und Sehen verging, die Wellen stellten sich mit hochgeschwollenen Riesenkämmen in Schlachtordnung. Die Matrosen hatten gefährliche Arbeit in den Wanten und auf den Rahen; die armen schwieligen Hände mit den kurzen harten Fingernägeln mühten sich knirschend an dem durchnäßten Stoff der Marssegel, die gerefft und festgemacht werden mußten, und alle Gesichter bräunten sich in Wind und Kälte. In der festverschlossenen Sterbekammer, die sich in schweren Sprüngen hob und jäh senkte, lagen die beiden Schwerkranken in der Nacht daraus im Todeskampf. Jean wurde von heftigem Fieber geschüttelt. Zwischen Anfällen wilden Deliriums und Schwächezuständen, wo der Atem kaum merklich war und der verlangsamte Herzschlag den Tod vorspiegelte, lebte er trotzdem weiter. O der Brief! Der ungeschriebene Brief an seine Mutter! Er wurde zum Alp, der ihn drückte, zur Wahnvorstellung, die selbst im Fieber nicht wich und nicht im Schlaf und ihn namenlos quälte. In halber Bewußtlosigkeit glaubte er immer an sie zu schreiben, ein Blatt Papier auf seinem Bett zu sehen, eine Feder zwischen den Fingern zu haben, die Buchstaben formte, worin sein Elend und sein Abschiedsgruß zu lesen wären. Dann ward er, plötzlich auffahrend, inne, daß seine Hand schwer und hilflos zum Bett heraus hing, daß kein Briefblatt auf seiner Decke lag, und forderte in fürchterlicher Aufregung, den Wärter um Barmherzigkeit anflehend, Schreibmaterial. Man beschwichtigte ihn wie ein kleines Kind. »Gleich, gleich ... in einer Viertelstunde wird das Fieber nachlassen, dann bringe ich Ihnen Tinte und Papier und Ihren Koffer!« Die Krankenpfleger tauschten bedeutungsvolle Blicke aus ... was sie ihm nicht sagen wollten, war, daß dieser Koffer bei einem besonders heftigen Stoß fortgekollert und aufgesprungen war, daß zugleich eine Sturzsee hereingespült hatte und daß seine sorgfältig gehüteten Schätze, Briefe, Photographieen und die armen Schulhefte, worin all seine Hoffnungen von ehedem eingesargt waren, in übelriechendem schmutzigem Salzwasser aufgeweicht, einen unentwirrbaren Klumpen bildeten. Armes Kind! Zu sorgloser Jugendfreude, zu Lieben und Träumen, zur Gesundheit und zum Lachen geschaffen, blieb er bis zuletzt, was sein besonderer Reiz und auch sein Unheil gewesen war – ein Kindskopf ... Und doch war er zu gewissen Stunden einer von denen, die den Abgrund sehen, denen das große Nichts all seine Schrecken enthüllt. Aber trotzdem empfing er den Tod wie ein Kind, verwundert, ungläubig, widerspenstig, voll brennender Sehnsucht, von der Mutter in Schlaf gewiegt zu werden. Zu ihr zog es ihn mit unwiderstehlicher Gewalt, er machte sich's mit kindlicher Zärtlichkeit zum Vorwurf, sie ein wenig vergessen, ihr in den übermütigen Zeiten seines Lebens Schmerz bereitet zu haben ... Ach! Die herzinnigen, thränenreichen Briefe, die er ihr zu schreiben glaubte ... Das Nachher, das Jenseits? Er glaubte nicht daran, er war darin, wie in so vielem andern, Matrose geworden. Atheisten sind sie freilich selten, die Seeleute; sie sagen ihre Gebete her, weihen der Madonna oder den Heiligen Kerzen, aber mit unreifem Mangel an Logik glauben sie bei alledem kaum je an die Fortdauer ihrer eigenen Seele. Auch Jean stammelte wirre Gebete, und sein unklares aber inbrünstiges Flehen ging dahin, nicht dem großen Wasser überlassen zu werden, nur noch ein wenig leben zu dürfen, um dann in einem gewissen Stübchen, das sehr sauber und geordnet war, in einer schmalen Bettstelle mit gehäkelter Decke zu sterben, neben sich ein liebes, sanftes, von grauen Scheiteln umrahmtes Gesicht. O mein Gott! Nur wenigstens auf dem Kirchhof in Brest, wo man ja bald, bald ankommen mußte, ein Grab erhalten, vor dem die Mutter knieen würde ... Ja vielleicht ... vielleicht würden seine Ersparnisse von der langen Fahrt ausreichen, seine Leiche in die Provence zu schaffen, auf einen Kirchhof der Heimat! ... Aber nein ... er fühlte es wohl, das Leben entschlüpfte ihm zu schnell und sein Grab wurde die See ... seine Augen wurden groß und starr bei der grauenvollen Vorstellung, daß er bald in einen Leinenschlauch gehüllt, den Weg antreten werde hinunter und immer tiefer hinunter in das große undurchdringliche Dunkel des Meeres ... Endlich begann der lange grausame Todeskampf, der aber fast nur körperlich, unbewußt war. Und am vierten Sturmtag, mitten im Toben des Unwetters, im Getöse an Bord und dem Brausen der Wellen trat der Tod ein. Die Matrosen, seine Brüder, merkten es fast nicht, denn das Uebermaß von Anstrengung und Gefahr machte, daß sie augenblicklich nur körperlich lebten. Fünfzigstes Kapitel Auch das Hinuntersenken verlief nebensächlich. An einem finsteren Morgen bei Tagesanbruch wurde der in die Leinwandhülse eingenähte Körper mühsam an Kopf und Füßen von zwei Mann heraufgeschleppt. »Was ist denn das Harte in dem Sack bei ihm?« fragte einer. »Bücher?« Es waren die Geometriehefte, Briefe, der Deckel und die Trümmer seiner Kiste; ein armer junger Kerl, der weder lesen noch schreiben konnte, hatte frommen Sinns Jeans ganze Habe mit eingenäht! Es machte große Schwierigkeiten, ihn bei dem furchtbaren Schlingern des Schiffs heraufzuschleppen, und unfreiwillig verfuhr man roh mit der Leiche, deren auf ewig verhülltes Haupt bald da, bald dort aufschlug. Durch eine rasch aufgehobene Luke bot man ihn den Obenstehenden, die danach griffen und ihn vollends heraufzerrten. Der Priester, ein alter, kränklicher Mann, konnte bei dem gefährlichen Unwetter seine Kabine nicht verlassen; so wurden nicht einmal die Totengebete gesprochen. Das kleine Trauergefolge stand einsam auf dem von Sturzseen überspülten Deck. Als eine besonders hohe See das Schiff zur Seite drückte, warf man ihn in einen von den Wasserschlünden, die sich so rasch offnen und schließen. Trotz der an seinen Füßen befestigten Bleigewichte schleuderte ihn die nächste See hoch ausspritzend wieder gegen die Schiffswand, daß ihm die Knochen zersplittern mochten, dann verschwand er sofort, auf ewig in Schweigen getaucht, die endlose Fahrt antretend in die unergründeten dunkeln Tiefen ... Einfünfzigstes Kapitel Fast unmittelbar darauf ließ der Sturm nach. Seine blinde Wut hatte sich ausgetobt, ohne Grund, wie sie entstanden war; die Wellen fielen wie in Erschlaffung übereinander, verliefen sich unregelmäßig, von einer älteren, wo anders her kommenden Dünung verdrängt. Die zwei Albatrosse, die man während des heftigsten Sturms nicht mehr erblickt hatte, kehrten mit einem wirbelnden Gefolge von grauen Sturmvögeln und weißen Möwen zurück, deren Hungerruf wie das Gequiekse verrosteter Thürangeln klang. Und der Wind verstummte! man konnte sich wieder verständlich machen, ohne zu brüllen, in verhältnismäßiger Stille kam die Arbeit an Bord ins gewöhnliche Geleise, die Luken wurden wieder geöffnet. Da der Wind nach Mittag immer mehr abflaute, konnte die Ordnung überall wieder hergestellt werden. Die »Saône« breitete aufs neue ihre Segel aus, die zu reffen so viel Kraft und Mühe gekostet hatte, und die Matrosen fanden Muße, dessen zu gedenken, der in dem allgemeinen Aufruhr still von ihnen gegangen war, namentlich seine Freunde begannen um ihn zu trauern. Und endlich kam die Stunde der Sammlung am Abend, die Stunde, wo die Hängematten herabgelassen werden und die Mannschaft zum Gebet antritt. Auf das gewohnte Kommando, vom Deckoffizier kurz und gleichgültig erteilt, ertönte das Hornsignal und nun traten sie an, die zweihundert Matrosen, durch die engen Löcher wie eine Flut dem Rumpf des Schiffes entquellend. Hundert backbord, hundert steuerbord, zwei dichte, wellenförmig bewegte Linien menschlicher Gestalten bildend, wie eine Herde. Sie reihten sich maschinenmäßig aneinander längs der schwachen Verschanzungen, die sie von den schäumenden Wassern trennten und standen dichtgedrängt, Schulter an Schulter auf diesem winzigen Eisengehause, das sich »Saône« nannte. Ihre Anhäufung hatte etwas unerklärlich Wehmütiges; diese Menschenschar inmitten des endlos ausgebreiteten Wassers, inmitten dieser Verschwendung von Raum wirkte erbarmungswürdig, und alles, die brausenden Wogen, die krächzenden Vögel schienen vom großen Sterben zu reden und zu singen ... Auch der Priester war jetzt in seiner schwarzen im Wind flatternden Soutane auf Deck erschienen. Und mit derselben Knappheit, womit der Kommandierende das Ende der Arbeit und das Antreten in Reih und Glied befohlen hatte, kommandierte er jetzt: »Zum Gebet!« Etwas mehr Ernst lag gleichwohl in seinem Ton, vielleicht, daß auch ihm in diesem Augenblick die armen Dahingegangenen in den Sinn kamen und der, den man am frühen Morgen desselbigen Tags in die grausige feuchte Gruft da unten versenkt hatte. »Zum Gebet!« Der Hornist blies abermals die Backen auf, daß die Adern an seinem Hals hervortraten und schmetterte in die leere Weite den kurzen, aus abgebrochenen Tönen bestehenden Ruf, der allabendlich dem Vaterunser und Ave-Maria der Matrosen vorangeht. Hell und klar schienen die Töne des Blechinstruments heute mit einem besonderen, fremdartigen Klang das dumpfe mächtige Rauschen der Wellen zu durchschneiden. Und dieses Hornsignal erschien wie die Anrufung eines, der in weiter, weiter Ferne weilt oder nirgends, den man der Form nach, aber ohne Hoffnung zu Hilfe ruft. »Zum Gebet!« Eine plötzliche Stille trat ein unter der Mannschaft und eine vollständige Regungslosigkeit, sobald die rauhen Hände mit raschem Griff nach den Mützen gefahren waren, die auf einen Schlag fielen. Und zweihundert junge Köpfe entblößten sich, fast alle blond, kurz geschoren, samtartig, im Dämmerlicht von hellen Tönen umspielt. Die muskulösen Schultern, die unter den abgetragenen Leinenjacken deutlich hervortraten, schlossen sich zu einer festen Masse aneinander, die der einförmigen, wiegenden Bewegung des Schiffs folgte wie ein Körper. »Unser Vater in dem Himmel ...,« begann der Priester mit einer Stimme, die gepreßt klang und an diesem Abend nicht die gewohnheitsmäßige Gleichgültigkeit hatte. Aus einigen noch ganz kindlichen Augenpaaren hob sich ein zuversichtlich vertrauender Blick zu dem Himmel auf, wovon der Priester sprach: er überzog sich jetzt eben mit Dunkel, dieser Himmel, und während um sie her das Vaterunser erklang, schossen und wirbelten die nicht einmal von der Abenddämmerung verscheuchten Sturmvögel und Albatrosse um das Schiff her, nach Brocken haschend und unaufhörlich ihr Lied krächzend, dasselbe Lied, das Wind und Welle sangen, den Sang vom großen Wandler aller Wesen, vom Tode. Die meisten Matrosen hatten unwillkürlich das Gesicht dem Mann in Schwarz zugekehrt, der ihnen vorbetete, und jetzt, wo kein übermütiges Lachen die Gesichter erhellte, konnte man trotz der Jugendlichkeit eine lange Vererbung von Kampf und Elend davon ablesen. All diese kräftigen, durch die Ermüdung des Tagewerks herausgearbeiteten Züge erschienen herb und materiell und zeigten einen unsagbaren Ausdruck demütiger Entsagung und Ergebung; bei den darunter vorherrschenden Bretonen trat die ursprüngliche Rauheit zu Tage. Nur in den Augen allein, in diesen ehrlich und harmlos gebliebenen Augen leuchtete da und dort ein Strahl, der einen Aufschwung der Seele zu irgend einem Lockvogel des Himmels verriet, ihre Sehnsucht nach einem legendenhaften Paradies, einer undeutlich begriffenen Ewigkeit. Andre dagegen enthüllten eine völlige Gedankenlosigkeit, sie schienen nur die unendliche Eintönigkeit des Meeres widerzuspiegeln und beim ursprünglichsten Begriffsvermögen, dem unbewußten Seelenleben der Tiere verwandt, stillzustehen. »Gegrüßt seist du, Maria, Gebenedeite unter den Weibern, gesegnet die Frucht deines Leibs ...« Der Priester sprach heute das unzähligemal Wiederholte immer langsamer und langsamer, mit stockender Stimme, und dabei tauchte in den dumpfen Gemütern dieser großen Kinder mit flüchtiger Wehmut die Erinnerung an Jean auf. Denen, die ihm näher gestanden hatten, that wirklich das Herz weh; in dem kleinen Häuflein, das ihn heute früh versenkt hatte, worunter Joal und Marec, wurden die Augen feucht, und die Kehle war den Freunden wie zugeschnürt. So schwebte über dieser schnurgeraden Linie gesenkter Häupter ein letztes Mal der Schatten des Kameraden, den man heute früh in den grünen Abgrund geworfen hatte ... »Heilige Maria, Mutter Gottes, bitt' für uns ...« Auch die Zerstreutesten folgten jetzt den tausendmal gehörten Worten, die plötzlich einen neuen Sinn gewonnen zu haben schienen. Und als der Priester nach einer Pause mit noch größerem Ernst das Schlußwort von erhabener Schlichtheit sprach: »... für uns arme Sünder ... jetzt ... und in der Stunde unsers Absterbens ...,« da liefen zwei oder drei von seinen Zuhörern helle Thränen über die gebräunten Wangen, jäh und hastig wie ein Gewitterregen ... »Amen ...« All die samtigen Blondköpfe hatten sich niedergebeugt, wie von demselben Windhauch bewegt, einzelne Hände bewegten sich, um rasch an Kopf und Brust zu deuten, das geheimnisvolle Symbol des Kreuzeszeichens, dann war alles vorüber. Im Brausen des Winds, der mit der Nacht kühler geworden war, im Aufklatschen der zugeworfenen und aufgefangenen Hängematten war die alte unbewußte Fröhlichkeit zurückgekehrt. Es war, als seien Gebet und Todesgedanken in den Wassern zurückgeblieben, die man unaufhaltsam durchschnitt. Auf dem Schiff, wo man ihn hatte sterben sehen, blieb nichts von Jean zurück, als ein schon verblaßtes, dem Gedächtnis schon ferngerücktes Bild. Diese Jugend versteht sich im Ueberschwang körperlichen Lebens aufs Vergessen ... Und diesem Abend unterblieb seinetwegen der übliche Gesang, am nächsten aber stimmten einige Stimmen den »alten Neptun« an, und bald erklang das Lied in vollem Chor. Als ob nichts gewesen, nichts geschehen wäre, setzte die »Saône« ihren einförmigen Weg nach Frankreich fort. Zweiundfünfzigstes Kapitel Vier Wochen später, mit dem jungen Frühling, an einem unbeständigen noch kühlen Apriltag lief das Schiff endlich in Brest ein, wo die Mutter auf ihren Jean wartete. Keine Kranken mehr an Bord: Nach Jean hatte man ihrer wohl noch drei ins unendliche Wasser versenkt, aber weit von hier, drunten in der südlichen Hemisphäre, wo der Albatros fliegt. Die andern hatten sich erholt; mit einem Schlag hatte ihre kräftige Natur die Oberhand gewonnen. Bei dieser Ankunft herrschte unter allen Matrosen große Aufregung, toller, trunkener Jubel, selbst bei denen, die weder Mutter noch Braut hatten, die von niemand erwartet wurden, deshalb ging es auch, nachdem der Anker ausgeworfen, die letzten Manöver ausgeführt waren, an Bord ein wenig bunt zu. Selbst die Offiziere waren geistesabwesend und ließen »fünfe grad sein«, da sie den langen strengen Dienst für beendigt ansehen mochten. Mit der Ankunft auf der Reede begann eine gewisse Auflösung von Schiff und Mannschaft, nichts und keiner blieb mehr an seinem Platz, man fühlte schon die Abtakelung, das demnächstige endgültige Auseinanderstieben von Menschen und Dingen, die zwei volle Jahre auf fernen Meeren beisammen gewesen waren, verschmolzen zu einem Ganzen, einem einzigen Körper, der einen gemeinsamen Namen, denselben Ehrgeiz, fast eine Seele gehabt hatte. Der französische Strand war schön in dieser Frühlingsstimmung, wenn auch unstete graue Wolken mit Wind und Regen drohten, die Luft feucht, frostig und bewegt war. Jetzt wurde die »Sanität« eingeholt, das heißt die Erlaubnis, mit dem Festland, der wiedergefundenen Heimat in Verkehr zu treten, und schon umkreisten einzelne Boote die »Saône«, schwerfällige ???biöckische Fahrzeuge, wie man sie am bretonischen Strand hat, darauf eingerichtet, dem immerwährenden schlechten Wetter zu trotzen, mit großen braunen Segeln, vom Wellenschlag gehöhlt. Das war freilich bei weitem nicht so fröhlich als eine Heimkehr am Mittelmeer, in eine der Hafenstädte, wo Jean daheim gewesen war und wo sich Hunderte von schlanken, leichten Barken, in bunten Farben luftig bemalt auf dem ruhigen Wasser tummeln und mit fröhlichem Lärm und Geschrei das ankommende Schiff stürmen. In den Fischerbooten, die längs der »Saône« hielten, aber bis zum Bescheid der »Sanität« eine gewisse Entfernung einhalten mußten, saßen meist Frauen, Händlerinnen, Wäscherinnen, kleine Arbeiterinnen, gierig, den Ankömmlingen Geld abzunehmen; da und dort wohl auch eine Mutter, eine Schwester, oder eine einfache »Bekanntschaft«, die nach einem Matrosen fragte, der dann wohl bald an einer Stückpforte erschien, von wo man sich fröhliche Grüße zurief, bis der Augenblick da war, wo man sich an Bord umhalsen konnte. Auch der Teil der Mannschaft, der in Brest keine Menschenseele kannte, spähte, über den Reeling gebeugt, nicht minder eifrig hinaus. Es war ja schon ein Vergnügen, wieder Frauenzimmer zu sehen, Französinnen, und man belustigte sich ganz wie die Kinder an den Kleidern, die sie trugen, den neuen Moden, einem neuen Miederschnitt, der während ihrer Abwesenheit erfunden worden war. * Auch die Freundesgruppe, zu der Joal, Marec und Kerbsoulis gehörten, die bald auf immer auseinandergerissen werden sollte, vertrieb sich die Zeit mit Beobachtungen, Plaudern und Lachen. Mit einemmal aber prallte Peter Joal, der sich über den Reeling gebeugt hatte, zurück mit einem Gesicht, als ob ihm ein Gespenst erschienen wäre, faßte die andern am Arm, als ob es eine Rettung aus Lebensgefahr gälte, und rief ihnen zu: »Jeans Mutter! ...« Und alle fünf bückten sich wie von toller Furcht erfaßte Knaben, um sich hinter dem Reeling unsichtbar zu machen, und zogen sich, fast auf den Knieen rutschend, in die Mitte des Decks zurück, wo sie von unten nicht mehr gesehen werden konnten. Jeans Mutter! Ja, sie war da, schon in nächster Nähe, und ihre Augen waren mit gespannter Erwartung, weit geöffnet, halb Freude, halb sorgenvolle Ungeduld verratend, auf den Reeling geheftet ... unter all den Gesichtern, die ihr von der »Saône« herab entgegenlachten, suchte sie den Sohn und hatte ihn »bis jetzt« nicht – »noch nicht« entdecken können ... Wie hatte sie seit Monaten von diesem Tag der Heimkehr geträumt, dafür gearbeitet, Pläne geschmiedet! Wie hatte sie die trübselige Wohnung verschönert, die ihnen allmählich lieb zu werden begann, weil sie eben nichts Besseres hatten, und sie doch schon ziemlich lange miteinander bewohnten, wie hatte sie namentlich sein Stübchen herausgeputzt! Dank wahren Wundern an Sparsamkeit, Ordnung, Erfindungsgeist und Geschmack hatte sie all diese Verschönerungen zu stande gebracht, ohne an ihr sicher angelegtes Kapitälchen zu rühren. Und als heute früh der alte Hafenwächter, den sie schon seit Tagen beauftragt hatte, mit der Meldung erschienen war, die »Saône« sei vom Küstentelegraphen signalisiert und werde in etwa zwei Stunden auf der Reede ankommen, da hatte sie mit fieberhafter Eile noch alles geordnet, Blumen gekauft für Vasen und Gläser, eine Aufwärterin gemietet, die ihr kleines Festmahl bereiten und auftragen sollte ... Der Anzug hatte auch viel Kopfzerbrechens gekostet! Weil Jean so darauf hielt, daß sie wieder als Dame erscheine, hatte sie auf ihrem neuen Hut eine Feder anbringen lassen, was seit fünf Jahren nicht mehr geschehen war, eine graue Feder, die er wohl passend und anständig finden würde. Als sie sich aber nun fertig machte, um ihn an Bord zu begrüßen, war es äußerst schwierig zu entscheiden, ob sie den für ihre gemeinsamen Sonntagsspaziergänge bestimmten Hut bei diesem zweifelhaften Wetter aufsetzen solle oder nicht. Schließlich hatte sie es doch gethan, um dem Sohn mehr Ehre zu machen, der so großen Wert darauf legte, sie vor den andern Matrosen und Offizieren »standesgemäß« auftreten zu sehen. Als der Schiffer, der sie hinausfuhr, ihr von dem Hafen das Schiff wies, das kaum erst Anker geworfen hatte, und dazu sagte: »Dort ist sie ja, Ihre ›Saône‹;!« war sie plötzlich von einem Zittern, einer Anwandlung von Schwindel befallen worden ... Wie es ihm wohl gehen, was für ein Gesicht er aus der weiten, weiten Ferne mitgebracht haben mochte, ihr Jean? Ganz beruhigt konnte sie ja erst sein, wenn sie ihn gründlich besichtigt hatte. Jene Ruhr und jenes gelbe Fieber von Cochinchina, die ihn seiner Aussage nach »ein wenig belästigt« hatten, verursachten ihr mit einemmal größere Angst als je; sie mußte an die jungen Leute denken, die sie so fahl und elend hatte heimkommen sehen und die mit ihrem zu Grunde gerichteten Gedärm trotz aller Sorgfalt und Pflege der Mütter langsam hingesiecht waren. Und je näher sie »ihrer Saône« kamen, je riesiger der Rumpf des Schiffs vor ihr aufragte aus der hohl gehenden See, desto mehr steigerten sich Freude wie Angst, die abwechselnd ihr Herz durchzuckten. Immer noch gewann die Freude die Oberhand, gepaart mit zitternder Ungeduld, ihn in ihren Armen zu halten, seinen Mund zu küssen ... Schon zum zweitenmal hatte sie die Köpfe gemustert, die vom Bug bis zum Heck den Reeling krönten ... warum war er nicht auch auf Deck, warum sah er nicht auch nach den Booten, ihr Sohn so gut wie die andern? Ein Angstgefühl stieg in ihr auf, ein jähes, grauenvolles, erstickendes, nur weil sie ihn noch nicht sehen konnte, was doch, wie sie sich freilich selbst sagte, die harmloseste Ursache von der Welt haben konnte – er durfte ja nur Dienst haben auf dem Nebendeck oder auf Wache sein ... In der Verwirrung ihrer Angst befahl sie dem Bootsmann, näher zu fahren, obwohl die am Fallreep aufgestellte Wache, ein blutjunger, noch wenig gedrillter Bretone, sein Gewehr fest mit der einen Hand an sich drückend, mit der andern aus Leibeskräften abwinkte. »Es darf niemand anlegen! Noch nicht erlaubt!« schrie er dem Schiffer zu. Alle fünf am Fuß eines Mastes zusammengeschart, hielten die Freunde des Erwarteten mit gedämpften Stimmen hastigen Kriegsrat. Was thun? Marec schlug vor, den Offizier um Vermittelung anzugehen; einer Namens Tanguy hatte die Wache, ein wohlwollender Mann, der jedenfalls freundlich und gut mit der Mutter reden würde ... »Ach was, Blech!« entgegnete Peter Joal. »Bei dem, was ihr gesagt werden muß, kommt's auf freundlich oder unfreundlich nicht mehr an!« Mein Gott! Und da war ja die »Sanität« schon dem Anlegen nahe! Alsbald würde man diese Mutter an Bord steigen lassen, so gut als alle übrigen ... zudem mußte sie die Allernächste sein, hatte sich wahrscheinlich trotz des Verbots schon an den Fuß der Fallreepstreppe geklammert, denn man hörte jetzt ihre Stimme – eine Stimme, die entstellt und atemlos klang, und die sich bei der Wache erkundigte, wo Jean Berny sei ... Und der blutjunge Mensch, der doch sofort begriffen hatte, daß es Jeans Mutter sein müsse, stand, von der Pflicht an seinen Posten geschmiedet, an dem Fallreep, that, als ob er nicht verstünde, was er von unten herauf gefragt wurde, wandte den Kopf ab, der bis in den Hals hinein purpurrot war, und warf fragende, hilfesuchende Blicke auf diejenigen, welche die Freunde des Verstorbenen gewesen waren ... »Jean Berny ... Sie müssen ihn ja doch kennen ... Jean Berny ... Obermatrose?« fuhr die arme, jetzt von Angst schier erstickte Stimme eindringlich fort. In der Todesangst, sie an Bord erscheinen zu sehen, gelangte Peter Joal zu einem plötzlichen, grausamen Entschluß. Er zog sein Notizbuch heraus und schrieb mit ungelenken Buchstaben auf ein Blatt: »Jean Berny ist vor vier Wochen auf hoher See verschieden,« riß das Blatt heraus, faltete es zusammen und steckte es hastig dem Posten zu: »Gib ihr das, Kleiner ... gib's ihr schnell!« Dann flüchtete er sich nach unten, jählings, von einem Grauen erfaßt, als ob er einen Mord begangen hätte, und die vier andern folgten ihm auf den Fersen, denn es verlangte keinen, den Aufschrei dieser Mutter zu hören ... * Als sie sich nach ein paar Minuten wieder an Bord wagten, regnete es, die Luft war schneidend kalt, und der Wind heulte. Alle Boote fuhren ausnahmslos davon oder schickten sich zur Abfahrt an, denn der mit Hagel vermischte Schauer verhieß nichts Gutes und hatte die Fahrgäste in Schrecken gejagt. Zaghaft traten sie ans Fallreep, um zu sehen, was das Boot der Mutter Jeans wohl machen würde. Sie erkannten es sofort; keine zehn Meter von Bord machte sich der Schiffer eben segelfertig. Am Boden unter den Bänken lag eine menschliche Gestalt, die einer von den Ruderern festhielt, weil sie Anstalten machte, sich in die Höhe zu schnellen und hinauszustürzen. Man hatte ein großes Stück Segeltuch zum Schutz über sie hingebreitet wie über eine Leiche, aber ein ganz durchnäßter Frauenhut ragte an einem Ende hervor, ein Hut mit einer geknicktem grauen Feder, die den Schmutz von den Planken kehrte, und eine Hand mit halb abgerissenem Handschuh und blutüberströmten Fingern ... Der kleine Bretone, der die Wache hielt und jetzt leichenbleich war, erklärte ihnen mit überströmenden Augen: »Das ist vorhin passiert ... sie hat sich anklammern wollen, um an Bord zu steigen, und da hat sie sich an dem Eisen die Nägel abgerissen ...« »Mein Gott, mein Gott!« sagte Peter Joal mit seinem tiefen, schleppenden Ton, »mein Gott und Herr! ... So etwas mit ansehen zu müssen! ...« Er sah sie übrigens nicht mehr lange, die hilflose Gestalt, denn es wurde ihm trüb vor den Augen. Der Gedanke an die eigne Mutter schnitt ihm ins Herz, ein Schluchzen stieg ihm in die Kehle, und große Thränen liefen ihm über die Wangen, sich mit dem Regen mischend, der alles wegschwemmte ... Dreiundfünfzigstes Kapitel Sie war zu Hause. Wer sie heimgeführt oder heraufgetragen, wer sie auf ihr Bett gelegt hatte, wußte sie nicht, auch nicht, wie viele Stunden sie schon hier liegen mochte. Das gute Kleid, vom Schlamm des Bootes zu Grunde gerichtet, hatte man ihr nicht ausgezogen, auch die Stiefel nicht, die ihr weißes Betttuch mit Straßenschmutz besudelten. An ihrer verwundeten Hand trug sie einen notdürftigen Verband, den ihr irgend jemand angelegt haben mußte, den sie aber, mit den Armen um sich schlagend, halb abgerissen hatte, so daß rote Tropfen hervorsickerten. Die Nacht über war sie öfters eingeschlafen; ein dumpfer Schlaf, von unheimlicher Gehirnthätigkeit durchkreuzt und erhellt, die ihr immer neue Bilder des toten Sohnes vorführte. Und jedes Erwachen brachte größere Klarheit, herzzerreißenderes Weh, sobald ein paar flüchtige Sekunden die Hoffnung verscheucht hatten, es sei nur ein banger Traum gewesen. Die grauenvolle Gewißheit nahm immer deutlichere Gestalt an in dem armen Kopf, der sich allmählich aus der Betäubung des ersten Schlages aufraffte, immer klarer, immer kalter, immer unwiderruflicher stellte sich die Thatsache dar ... * Dieses Mal, bei diesem Erwachen, war es Tag, als sie die von etwas längerem Schlummer gestärkten Augen aufschlug. Ein jugendfrisches Licht floß um sie her, so ungerührt, als ob nichts geschehen wäre. Es mußte Morgen sein, der Morgen irgend eines flüchtigen Tages, eines Frühlingstages, der allen andern glich. Sie erwachte mit der Gleichgültigkeit einer Toten, gleichgültig gegen die Stunde, die Zeit und ihre Dauer – gegen alles. Unter dem Eindruck eines fürchterlichen, zermalmenden Schlages, dessen Art in den ersten Minuten nicht deutlich kenntlich war, betrachtete sie unter stufenweiser, matter Rückkehr des Bewußtseins ihre Umgebung. Sie sah jeden einzelnen Gegenstand, aber sie sah ihn wie von der Tiefe eines Abgrundes aus, als ob sie schon in ihrem Sarg läge. Die schmeichlerische Hoffnung, daß sie einem bösen Traum zum Opfer gefallen sei, hielt nicht mehr vor; die Erkenntnis der Thatsächlichkeit des grenzenlosen Unglücks hatte sich ihrem Gehirn jetzt eingeprägt. Eigentlicher Erinnerung ging die Beobachtung voran; mit matten Augen, innerlich von allem losgelöst, bemerkte sie gleichwohl die Unordnung, worein das sonst so sorgfältig gehaltene Zimmer geraten war. Sie sah, daß ihr Bett mit Schmutzflecken besät war, sah ihren Hut verkehrt auf einem Stuhl liegen und bemerkte, daß die graue Feder ganz danach aussah, als ob sie durch die Gosse gezogen worden wäre. Ihre kostbarste von der Provence mitgebrachte Vase, lag in Scherben auf dem Kaminsims, die Blumen am Boden. Dann fiel ihr Blick auf zwei Frauen, die neben ihrem Bett saßen, Nachbarinnen, die abwechselnd die Nacht bei ihr gemacht und sie im Bett gehalten hatten, und dann zerriß auch der letzte barmherzige Nebel in ihrem Kopf, wie vom Blitz durchzuckt, und eine unerbittliche Klarheit ging ihr auf ... ach, ihr Sohn! ... ach, ihr Jean! In die Höhe fahrend, wie von einer Feder geschnellt, deren Ausdehnung ihr die Eingeweide zerrissen, begann sie zu schreien und schrie lange fort, aufrecht im Bett sitzend, ihre Stirne mit den ihr noch gebliebenen Fingernägeln zerfleischend, den Kopf zwischen die Hände pressend, als ob sie den darin wühlenden Schmerz ersticken, zerdrücken wollte. Die beiden Frauen aus dem Volk, die auch Mütter waren, und denen ein angeborenes Zartgefühl Schweigen gebot, lauschten, ohne ein Trosteswort zu versuchen, den herzzerreißenden Tönen, mit feuchten Augen verständnisvolle Blicke tauschend. Mit einemmal kam der rasende Drang nach Bewegung über sie, der Gefolterte überfallen kann, die Sucht zu fliehen, sich irgendwo hinabzustürzen, den Kopf gegen die Mauern zu schlagen, und sie stieg, sich mit zitterigen Händen an die weißen Vorhänge anklammernd, rasch aus dem Bett. Die beiden Frauen standen gleichfalls auf, angstvoll beobachtend, was sie thun würde. Das Gesicht, das jetzt ins volle Tageslicht kam, war verwandelt, um zehn Jahre gealtert, in einer Nacht durchfurcht von der ganzen Ermattung ihres armseligen Arbeiterinnenlebens, das, ach! so vergebens gewesen war. In den Augen funkelte sogar etwas Bösartiges, Gehässiges, das ganz neu an ihr war, das die Verzweiflung aus den ungeahnten, unbewußten Tiefen ihrer Seele heraufgewühlt haben mußte, und mit dem beschmutzten, zerrissenen Kleid, den wirren Haaren war auch ein gewisser tierischer Zug in ihre Erscheinung getreten, sie sah so proletarierhaft aus als ihre Wärterinnen, sie trug den Stempel der von Armut Ueberwundenen, ein Gepräge, das ihrem Jean tiefer ins Herz geschnitten hätte als alles andre, wenn er sie noch hätte sehen können ... Ein Ende machen ... freiwillig ... das war die einzige Möglichkeit, die noch vor ihrer Seele stand! Ein Fenster aufreißen, sich hinausstürzen, auf den Pflastersteinen da unten verenden! Aber auch die Selbstvernichtung erschien ihr ungenügend, ordnete die Dinge nicht nach dem Willen ihres verzweifelten Herzens. Vor allem war es ihr Bedürfnis, der Empörung gegen das blinde Schicksal, das so etwas gewollt hatte, dem Zorn gegen Gott, Menschen und Dinge noch einige Dauer zu gönnen ... sie mußte Zeit haben, sich aufzulehnen und zu fluchen. Und dann – so davongehen, eine selbstmörderische alte Frau, deren Leib man mit Widerwillen vom Pflaster aufheben würde, das hieß fast den Sohn erniedrigen, seinem Gedächtnis Schimpf anthun. Und nach ihr würde sich ja auf der Welt kein Mensch mehr seiner erinnern, mit ihrem Tod wäre ja das angebetete Bild ausgelöscht, das sie in der Seele trug, das Letzte, was von ihm übrig blieb. Noch unausbleiblicher, noch schneller würde er in der großen Finsternis versinken ... sie vermochte es nicht klar zu denken, aber ein Gefühl davon hielt sie zurück. Aber was dann? Was beginnen? Woher den Mut nehmen, dieses gräßliche Leben ohne ihn durch eine langsam hinschleichende, finster gähnende Zukunft zu schleppen? Sie ging schwankenden Schrittes im Zimmer umher, warf sich da und dort in eine Ecke, daß ihr Kopf gegen die Wand stieß. Im Vorübergehen hatte sie unversehens ein Tischchen umgestoßen, daß verschiedenes klirrend zu Boden gefallen und zerbrochen war, und als jetzt eine von den Frauen auf sie zutrat, um ihr »zuzureden«, da wandte sie sich um und begann mit einer erschütternden Gebärde nach andern Gegenständen zu greifen und sie zu zerschmettern – es waren Dinge, woran ihr Herz am meisten hing, und die seit vielen Jahren wie Heiligtümer behandelt worden waren. Eine tolle Wut wandelte sie an gegen die gleichgültige Person, die sie in dieser Stunde zur Rücksicht auf Kleinliches mahnen wollte, und sie empfand das Bedürfnis, ihr deutlich zu beweisen, daß sie sich weder um sie, noch ihre sogenannte Vernunft, noch um irgend etwas auf der Welt kümmere, daß nichts mehr Wert habe, nichts mehr vorhanden sei – jetzt, da ihr Jean tot war ... * Sie weinte nicht; es waren jetzt bald vierundzwanzig Stunden her, daß der junge Matrose von der »Saône« ihr den verhängnisvollen Zettel zugesteckt hatte, aber noch keine Thräne hatte ihre Augen befeuchtet. In ihrem Ausdruck hielt die nämliche Starrheit vor, ihre Nase trat spitzig heraus, und auf ihrer Stirn grub sich eine senkrechte Falte, die bis auf die Nasenwurzel lief, immer tiefer ein. Lippen und Kehle waren ihr vertrocknet und verdorrt; sie hatte das Gefühl, als ob sie einen schweren eisernen Klumpen in ihrem Kopf stecken hätte und einen eisernen Reif um ihre Schläfen geschmiedet trüge. Mitunter kamen Augenblicke des Stumpfsinns, wo ihr Begriffsvermögen den Dienst versagte, ganz ähnlich dem qualvollen Schlummerzustand der vergangenen Nacht, dann aber kehrte das Bewußtsein wieder und die Verzweiflung, der Drang, mit den Fäusten um sich zu schlagen und zu schreien, heisere, gellende Töne auszustoßen, die vorübergehende Erleichterung zu gewähren scheinen ... * In dieser Verfassung hatte sie den Morgen, fast den ganzen Tag zugebracht. Sie schob das Sterben auf, besonders weil sie sich bewacht fühlte. Die Anwesenheit der beiden Frauen, die sich verschworen hatten, nicht von der Stelle zu weichen, brachte sie außer sich. Je mehr sich ihre Gedanken klärten, desto mehr nahm die Verzweiflung an Tiefe zu, bohrte ihr den tödlichen Stachel bis ins Mark; jede Erinnerung an ihren Jean, die sie heraufbeschwor, jeder jetzt für immer zerstörte Plan, der ihr in den Sinn kam, alles diente nur dazu, ihr den unerbittlichen Griff der Schicksalsklauen tiefer ins Fleisch zu drücken. * Was hatte er denn diesem Gott zu leide gethan, ihr Sohn, ihr Jean, ihr prächtiger, vielgeliebter Einziger? ... Nie, nie hatte er Glück genießen dürfen! ... Warum hatten seine Kindheit, seine Jugend so freudlos, so hilflos verlaufen müssen? Beinah verleugnet von ihrer Sippe da unten, weil sie arm waren – dann im Stich gelassen, vergessen, selbst von dieser Magdalene, von allen! ... Und am Schluß ... dieser elende Tod, fern von der Mutter, auf hoher See, worein sie ihn geworfen hatten wie ein Stück Unrat ... Ohne Unterlaß ging ihr das Fenster durch den Sinn und die Pflastersteine, woran ihr Kopf zerschellen würde; aber jedesmal war es das nämliche Schamgefühl, das sie davon zurückhielt, und auch ein noch thörichteres, kindisches Gefühl, das sich jetzt Bahn brach. Sie besann sich aus die Anhänglichkeit, die ihr Jean für all seine kleinen Andenken aus der Provence gehegt, auf die mancherlei Dinge, die er ihrer Obhut anvertraut hatte, auch auf die gemeinsamen Besitztümer des Haushalts, ihres Haushalts zu zweien ... es that ihr jetzt leid, einige zerstört zu haben, und in wessen Hände sollte das übrige kommen, wenn sie nicht mehr da wäre, welche Entweihung würde die geliebten Gegenstände erwarten? Das mußte überlegt, darüber mußten Beschlüsse gefaßt werden, sie mußte warten. Vielleicht daß ihr morgen eine Idee kommen würde. Beim Gedanken an diese armseligen Sachen war es ihr einen Augenblick, als ob der Bleiklotz in ihrem Gehirn sich erweichen, schmelzen wollte, als ob eine Art von Auflösung einträte ... aber nein, ihre Augen blieben heiß und vertrocknet, ihre Brust unbeweglich; ihr Schmerz war noch nicht reif für die Thränen ... Mit einemmal überkam sie das Verlangen, alle Bildnisse ihres Sohnes wiederzusehen, all die Photographien aus verschiedenen Lebensaltern, die sie gesammelt aufbewahrte. Seit zwei Monaten hatte sie die Bilder fast nie mehr vor Augen gehabt, weil sie nur in Erwartung lebte – in Erwartung eines Jeans, der zweifelsohne kaum einem davon mehr gleichen würde, eines Vierundzwanzigjährigen, eines vollkommen erwachsenen, vollkommenen, schönen Mannes. Sie lief eilends an ihren Schreibtisch, um sie zu holen, wobei sie den übrigen Inhalt des Schiebfaches unordentlich durcheinander warf. Es war besonders eines darunter, woran ihr Herz hing, die erste Photographie in Matrosenuniform mit dem hübschen Kinderlächeln: in diesem Bild war für eine gewisse Zeit festgehalten worden, was sichtbar werden und doch nie erklärt werden kann, was immer geheimnisvoll bleibt! ein Teil der Seele im Ausdruck; ein letzter Widerschein seiner Seele, die für immer in der großen Finsternis verschwunden war, haftete noch auf der armseligen kleinen Karte, die jetzt von Mutteraugen verschlungen wurde. Und als sie mit wahrer Gier nach Schmerzempfindung nahe darauf hinsah, entdeckte sie, daß sie nicht nur vergilbt war, sondern daß die Photographie selbst von weißen Flecken durchsetzt war, die von der feuchten Luft in Brest herrührten ... also das war auch vergänglich, das verließ sie auch, war nicht festzuhalten, schwand dahin wie alles ... alles ... Ach! Und der kleine Hut! Sie mußte ihn sofort ansehen, berühren, es war wie Wahnsinn ... Ans Fenster tretend, weil es dort am hellsten war, riß sie mit fieberhafter Hast die alte grüne Pappschachtel auf, entfaltete den Schleier, der ihre Reliquie verhüllte – und da lag er vor ihr im kühlen, blassen Frühlingslicht des Nordens, der kleine, altmodische Filzhut, der so viel Freude bereitet hatte da unten in der heißen Provence an einem leuchtenden Osterfest, das jetzt weit, weit dahinten lag, hinter einem Berg freudloser, toter Jahre. Er hatte für ihren Jean die glücklichste Zeit seines Lebens, die Zeit der Verhätschelung und des Sonnenscheins verkörpert, er hatte ihm all seine schönen Sonntagskleider von ehedem zurückgerufen, alles Wohlleben der Familie in der Provence, in Wahrheit ein sehr bescheidenes Wohlleben, das aber dem armen Kind, dem armen Matrosen späterhin in leuchtender Erinnerung geblieben war, und daß er gern mit einiger Übertreibung beschrieb. Und der hübsche Lockenkopf, der dies Hütchen mit seinem Sammetband einst so keck getragen hatte, und der so rasch jünglinghaft und männlich geworden war, er hatte nur gerade die Zeit gehabt, den wonnigen Rausch der Liebe, den mächtigen Gedanken der Fortpflanzung vor sich austauchen zu sehen, zu ahnen, um in den unbekannten Tiefen der undurchdringlichen Wasser zu verschwinden, dahingetrieben zu werden als ein namenloses Nichts, gleichgültig und wertlos für das große All, wertloser als der geringste Kiesel am Strand ... Sie drehte ihn hin und her in ihren zitternden Händen, diesen kleinen Hut. Noch nie hatte er ihr einen so kläglichen, altmodischen Eindruck gemacht, noch nie so ganz den Charakter einer Reliquie vom toten Kind gezeigt. Sie entdeckte sogar ein Mottenloch in dem Sammetband, und da und dort erschienen weißliche feuchte Flecken ... der Anfang jener Arbeit der Allerwinzigsten, die am letzten Ende die triumphierenden Sieger über alles und alle werden, die ihr Zerstörungswerk an uns mit den armseligen Gegenständen beginnen, die wir, kindisch genug aufbewahren ... Was sollte sie jetzt beginnen mit dem Hütchen, das Jean sorgfältig aufzuheben befohlen hatte? Sich sagen müssen, daß nach ihr niemand mehr da sein würde, niemand auf der weiten Welt, der ihren Jean auch nur ein klein wenig lieb gehabt hatte, niemand, dem sie dieses Andenken an ihn hinterlassen könnte! Was damit beginnen? Es mit eigener Hand auf der Stelle vernichten, ins Feuer werfen? Nein, dazu würde sie nie den Mut finden! Aber was damit machen, mein Gott! Der kleine Filzhut mit dem Sammetband stellte für ihren armen verwirrten Kopf eine große Schwierigkeit, eine neue ernste Verwickelung dar. Er bildete ein Hindernis für die Selbstvernichtung – und gleichwohl, wenn sie sich auch dazu Verurteilen würde, das Leben einer alten, einsamen Frau noch lange weiterzuschleppen, nur um mit kindischem Eigensinn die Nichtigkeiten, die von ihm zurückgeblieben, gegen die Zeit zu verteidigen – was nachher? Einmal mußte es ja doch ein Ende nehmen, und alles würde ohne Gnade und Barmherzigkeit von fremden Händen entweiht werden, zum Trödler, zum Lumpensammler würden sie wandern, diese heißgeliebten Kleidungsstücke ... Ach! Das Hütchen, das geliebte Hütchen von jenem sonnigen Osterfest im Sack eines Lumpensammlers, auf dem Müllkarren. Bei dieser Vorstellung war's, als ob Leib und Seele sich empörten, und dieses Mal löste sich der beklemmende, bleierne Druck in ihrem Kopf, in ihrem Herzen, überall, jetzt zerschmolz er wirklich. Erst wurde ihr Rücken von unregelmäßigen Zuckungen erschüttert, dann wurde der Atem rascher, er kam und ging stoßweise, und endlich ließ sie sich auf einen Stuhl fallen, um, den Kopf auf einen davor stehenden Tisch gelegt, in Schluchzen auszubrechen, die ersten heißen Thränen zu weinen, die Thränen der Mutter, die kein Kind mehr hat ... Es war ein rein körperlicher Vorgang, eine Rückkehr des Gleichgewichts, eine jener als »Rührung« bezeichneten Gegenwirkungen, womit die Natur sich hilft, und die größtenteils durch unwesentliche Kleinigkeiten, Einzelheiten, Nichtigkeiten hervorgerufen werden und dennoch den Verzweifelten vorübergehend wohlthun, indem sie die Art des Leidens verändern. Seelische Erleichterung und Beschwichtigung hatte sie allem Anschein nach nicht, niemals zu erwarten. In seelischer Hinsicht glich sie einer jener Märtyrerinnen, die an ein Kreuz oder eine Planke geschmiedet den Tod erwarten müssen und nicht einmal Ruhepunkte im Leiden finden können, bis die Stunde kommt, wo der Todeskampf einsetzt. Das Leben war vor ihr verschlossen worden, schwere Erzthüren, durch die kein Ton drang, an denen kein Rütteln möglich war, hatten sich hinter ihr zugethan, wie die Pforten der Hülle hinter einem Verdammten. Einsam und verlassen, eine alte Frau ohne Sohn, ohne Hoffnung, ohne Glauben, eine Elende, die man in Bälde ertrunken aus dem Wasser ziehen oder blutend vom Straßenpflaster aufheben würde ... Vierundfünfzigstes Kapitel Als aber die Abenddämmerung dieses zweiten Tages hereinbrach, fiel ihr unsteter Blick, während sie immer noch mit trockenen Augen, fieberglühenden Schläfen, zerrissener, verödeter Seele auf demselben Stuhl saß, auf zwei an der Wand hängende Bilder – eine ganz in weiße Schleier gehüllte Madonna, zu deren Füßen die Jahreszahl von Jeans erster Kommunion stand, und auf ein Kruzifix aus Elfenbein ... Die hilfsbereiten Frauen hatten sie jetzt verlassen, weil sie ihnen ruhiger erschienen war. Sie war allein, allein, wie fortan bis zu ihrem Tod. In den alles umspinnenden abendlichen Schatten war ein letzter Abglanz des scheidenden Tages an der Wand haften geblieben, auf diesen hellen Punkten – einer Mahnung, einem Fingerzeig gleich. Und während sie aus heißen, eingesunkenen Augen darauf hinstarrte, rührte sich etwas in ihr, eine Weichheit stieg auf, dieses Mal aber im tiefsten, geheimsten Grund ihrer Seele, es wurde stiller, milder in ihr, und mit einemmal begannen die Thränen zu fließen, aber es waren andre, minder bittere Thränen ... Ihr Widerstand war gebrochen, beendigt; von einem inneren Drang getrieben, stand sie plötzlich auf, um sich vor den Heiligen niederzuwerfen, nach oben gerichteten Blickes die Kniee zu beugen, und ihr ganzes Wesen zerfloß in Weichheit, löste sich auf in einen linden Thränenstrom ... Das himmlische Wiedersehen trat dieser Mutter vor Augen, alle Verheißungen von Ewigkeit, alle strahlenden Verlockungen der christlichen Unsterblichkeitslehre, wie die Einfältigen im Geist sie auffassen, und wie sie sein müssen, um Trost zu gewähren. Ihren Jean, ihren Vielgeliebten, da oben wiederzufinden, ihren Jean, der noch ganz er selbst, ganz menschlich, ganz ihr Kind sein würde, ja der noch sein irdisches Kinderlächeln haben, sich an das Haus in der Provence erinnern würde – und an das braune Filzhütchen und die sonnige Osterzeit! O ja! Jetzt war ihre Seele beschwichtigt, wie wenn man ein Fieber mit frischem Wasser kühlt. Zwischen den Seelen von Mutter und Sohn, die eine der andern entsprungen, hatte sich wieder ein mystisches Band geknüpft, und dieses Band verlieh der Zurückgebliebenen die Illusion einer Fortdauer der vernichteten ... Gewillt, sich in ihr Schicksal zu finden, erkannte sie jetzt auch die Möglichkeit, ihr einsames Dasein fortzuspinnen, das Leben wieder aufzunehmen, gleichsam unter dem aus weiter Ferne auf sie gerichteten, halb verschleierten Blick des Sohnes. Sie konnte sich vorstellen, daß sie die verödete Wohnung wieder in Ordnung bringen und sie nie mehr verlassen würde, daß sie sich um seinetwillen, ihm zu Ehren, schickliche Trauerkleidung beschaffen werde wie eine Dame. Und von Schluchzen unterbrochen, sprach sie die Worte: »Ja, Herr, mein Gott, ich werde mich beugen. Ich werde weiterleben und weiterarbeiten ... so gut ich kann ... bis zu der Stunde, wo du, mein Herr und Gott, mich zu dir rufen wirst ...« * O Heiland derer, die da weinen, o du gelassene, lilienweiße Jungfrau, o all ihr anbetenswerten Legenden, die nichts je ersetzen wird, die ihr allein der Mutter ohne Kind, dem Sohn ohne Mutter Kraft verleiht, das Leben zu ertragen, die ihr den Thränen gelinderen Lauf gebt und den schwarzen Abgrund des Todes mit euerm Trosteslächeln kränzt – seid gepriesen! Und wir, die wir euch auf ewig verloren haben, wir küssen weinend die Spuren, die euer Fuß dem Staub aufdrückte, als ihr von uns ginget ...   Ende.