Walter Serner Die tückische Straße Neunzehn Kriminalgeschichten Das Rendez-vous mit dem Goldzahn Möglichkeiten verpflichten. Diesen Satz hatte Eiermann insgeheim seiner Lebensführung vorangestellt. Schon in jungen Jahren. Was zur Folge hatte, daß seine Biographie durchaus nicht so schematisch geblieben war wie die anderer, sondern streckenweise ganz ungewöhnliche Höhepunkte aufwies. Allerdings nur in venere. Auf anderen Gebieten pflegte Eiermann, wenn seinem Auge Möglichkeiten sich boten, es im Bewußtsein der ihm mangelnden Fähigkeiten zu schließen. In venere aber war es vor jeder Möglichkeit weit offen und schloß sich erst, wenn sie zur süßen Wirklichkeit geworden war. Dieses offene Auge, mit dem er jederzeit spazieren ging, verursachte nicht selten, daß Möglichkeiten, die andernfalls gar keine geworden wären, plötzlich vor ihm sich auftaten. Denn so manche Dame, die nur so für sich hinwandelte, ließ im Anblick seines groß auf sie gerichteten Auges, das ihre zur selben Größe sich ausdehnen. Damit war für Eiermann die verpflichtende Möglichkeit da. Eines Abends aber fiel ihm, als er bereits heimkehren wollte, schon von ferne etwas Glänzendes auf, das bei näherem Zusehen als ein durch das konstante Lächeln seiner Besitzerin entblößter, abnormal großer Goldzahn sich erwies. Eiermann war dermaßen von diesem Anblick gefesselt, daß er das Gesicht der Goldzahn-Besitzerin gar nicht gesehen hatte. Erst als das hypnotisierende Glänzen seinem Auge fehlte, bemerkte er, daß jene Dame bereits an ihm vorbeigegangen war. Er machte stracks kehrt, sah aber nichts mehr. Da, ein kurzes Aufblitzen: der Goldzahn bog um die Ecke. Diesmal blieb Eiermann auf der Fährte. Denn als er an die Ecke kam, wandelte vor ihm eine einzige Dame. Er hatte, weit ausschreitend, sie fast schon eingeholt, als sie in die Grennegade einbog und daselbst ein Haus betrat. Ihr dahin zu folgen, wagte er nicht: sie konnte verheiratet sein, einen strengen Vater haben, eine Megäre zur Tante ... Eiermann hatte da so seine Erfahrungen. Nachdem er auf dem gegenüber befindlichen Trottoir noch etwa fünf Minuten auf und ab gegangen war, ohne den ersehnten Goldzahn am Fenster zu erblicken, beschloß er, da einen solch abnormal großen schwerlich zwei Personen zugleich in einem Hause besitzen konnten, einen Brief nach Grennegade sechs zu adressieren und zwar ›An die Dame mit dem Goldzahn‹. Zudem mußte der Briefträger diesen sicherlich längst bemerkt haben, so daß ein also adressierter Brief zweifellos richtig bestellt werden würde. Eiermann stürzte in ein Restaurant, verfaßte eine ebenso energische wie vorsichtige Liebesepistel und warf sie ungesäumt in einen Briefkasten. Am folgenden Abend begab er sich zwischen fünf und sieben Uhr wohl ein Dutzendmal an den Poste-restante-Schalter. Vergeblich. Erst als er tagsdarauf zum zehnten Mal wiederkehrte, empfing er einen großen blauen Brief, auf dem in barok gemalten Buchstaben die Worte ›Rendez-vous mit dem Goldzahn‹ prangten. Eilends setzte er sich auf eine Bank und seine vor Neugierde feucht gewordenen Augen lasen alsbald: Kaere Herre, ik haben gehabt nigt det Vergnügen zu haben Ires Bekanntschaften. Ik hofen es zu werden. Copenhague c'est en Stadt en lille langweiliges og es ist zu winschen det die Heiterkeiten widerkert. Vieleichd Sie sind morgen Soendag klokken drei précis zu den Langelinie pavillon sur la terrasse. J'aurai mon petit chapeau blanc. Og werden ik zeigen immer men goden Goldzahn welcher Sie hat gemacht en solches impression. Au revoir, kaere Herre. Dédette. Eiermann, der bei der Wahl der Krawatte subtilen Überlegungen sich hingegeben hatte, erschien sonntags erst um drei ein Viertel vor dem Langelinie-Pavillon. Langsam betrat er dessen Terrasse: er erblickte etwa ein Dutzend kleiner weißer Hüte, aber von einem Goldzahn nichts. Fürchtend, zu spät gekommen zu sein, erbleichte er fast vor Ärger, ließ sich schließlich an einem runden Tischchen nieder und bestellte ein Glas Bier. Dann blickte er verzweifelt um sich: es wimmelte nur so von kleinen weißen Hüten, glücklicher Weise aber nicht von Goldzähnen, so daß immerhin noch Hoffnung bestand. Wieder und wieder mit jähen Blicken nach einem Goldzahn jagend, leerte er sein Glas und vergaß, so sehr meditierte es in ihm, den Schaum sich vom Mund zu wischen. Es war vier Uhr, als er, unweit hinter sich, die Worte hörte: »Non, non. Ik haben det nigt gehabt. Sie haben gemacht en Irrtum, garçon. Mais certainement.« Eiermann riß den Kopf herum: die Dame, die mit dem Kellner also disputierte, trug einen kleinen weißen Hut, aber, so viel von dem nur wenig entblößten Gebiß zu sehen war, keinen Goldzahn. Dennoch war Eiermann überzeugt, Dédette vor sich zu haben. Er eilte auf sie zu, drängte den Kellner zur Seite und verneigte sich: »Habe ich das Vergnügen, das Rendez-vous mit dem Goldzahn ...?« Er vollendete nicht: auf der ihm abgekehrt gewesenen Seite des Gebisses erglänzte der obere Eckzahn voll eitel Gold. »Ich sehe, daß ich es habe.« »Setzen Sie!« Dédette lächelte verschwenderisch. Plötzlich aber spannten sich ihre Züge mokant. »Sie haben Gelberes ... sur la bouche.« »Ah, Sie haben recht.« Eiermann fuhr sich ärgerlich mit beiden Händen an den Mund, ihn mit schnellen Griffen säubernd. »Aber was für ein Zufall, daß Sie mit dem Kellner ... Ich wollte schon fortgehen.« Und während er jene Banalitäten äußerte, welche in solchem Fall die Mehrzahl der Männer Europas zu produzieren pflegt, wunderte er sich, daß er nicht französisch sprach. Da fiel ihm ein, wie ergötzlich es wäre, so zu tun, als verstünde er diese Sprache nicht. Sofort war er dazu entschlossen. Nach einer Konversation von krampfhaftester Lebhaftigkeit, die durch Dédettes lückenhaftes Deutsch allein ein wenig vergnüglich wurde, verließen die beiden den Pavillon und promenierten auf der Langen Linie. Eiermann, der inzwischen erfahren hatte, daß sein Brief verspätet übergeben worden war, weil der Briefträger erst am zweiten Nachmittag Dédettes Tür hatte geöffnet erhalten, kam jetzt darauf zurück: »Da haben Sie also dem Briefträger Ihren Goldzahn gezeigt und er hat Ihnen ...« »Naturellement«, zirpte Dédette. »Wir haben noch gelachen og ik haben ihn gegeben en Pourboire.« Sie zupfte mit sechs Fingern ihre bräunlichen Schläfenhaare zu Locken. »Aber jeg haben gehabt difficultés med Ihre Briefen og nigt gewollt nehmen en fremden personnage ... forcément.« »Ja, ja.« Eiermann war ein wenig verwirrt: Dédette, die sehr gut angezogen war und noch besser geschminkt, machte es ihm schwer, sie einzuordnen. Deshalb versuchte er, sie auf die Probe zu stellen: »Und dann eine Dame von Ihrer Stellung ... Mein Brief war nicht bloß in der Adresse gewagt.« »Comment?« Dédette blinzelte zu ihm empor. Als sie seine großen Augen sah, glaubte sie zu verstehen, welch außergewöhnliche Chance sie habe. Augenblicks änderte sie den bereits sehr aufmunternd gewordenen Ton. »Oui, gewagt. Jeg hätten schon nigt dürfen ...« Sie dehnte die Vokale nasalst. »Aber ik war si curieuse og wi ik haben studiert Ihre Briefen, jeg haben sehr geschwanken. Doch de Soendag c'est si ennuyeux og ik haben mir gesagt, du wirst dich diese Herre bloß anschauen. Denn ik bei mene Stellung ...« »Erlauben Sie mir bitte eine Frage.« Eiermann schnappte absichtlich in ihren seriösen Ton ein, eine fast ehrerbietige Haltung einnehmend. Dédette hob arrogant das Kinn. »Jeg bin seit zwei Monate zu die Fru Landraten von de Pillingende ... pour la lécture et la conversation.« »Ach so.« Eiermann glaubte es ihr sofort: das war weniger, als er für möglich gehalten, und mehr, als er gefürchtet hatte. Seine sehr üppigen Hoffnungen schienen sich zu verflüchtigen. »Oui. Avant ik waren à Berlin. Drei Jahren. Zu en riche dame israélite.« Dédette verdünnte ihre Stimme noch mehr. »Weil ma famille durch de Krieg haben ganz verarmten.« Eiermann blieb stehen, sich verbeugend. »Richard Eiermann mein Name.« »O, merci.« Dédette nickte ein bißchen. »Jeg heißen Dédette de la Fournichon. Mon père ... men Vatern war Colonel og ist gefallen zu Verdun.« Eiermann neigte, zum Zeichen des Mitgefühls, wenn auch völlig gleichgültig, das Haupt. Als er es wieder hob, fing Dédette an, ihre Familienverhältnisse und die der Familie, die sie gegenwärtig beherbergte, des Breiten zu detaillieren. Hierauf ging sie zu ihren Wünschen über, welche zwischen einer unabhängigen Situation und einer Verheiratung nach ihrem Geschmack pendelten, und schließlich zu ihren Bedürfnissen, zu denen vor allem ein lieber Freund zum Promenieren gehöre. Obwohl Eiermann lediglich ihre drollige Ausdrucksweise gefiel, pflichtete er ihr in allem bei, nicht ohne kurz zu bemerken, daß sie, was das Promenieren betreffe, durchaus auf ihn zählen könne. Dédette nahm es beifällig auf, begann aber, von ihrem vielfältigen und deshalb anspruchsvollen Innenleben zu sprechen: sie sei orthodoxe Katholikin und kurz vor Antritt ihrer Stellung nach Lourdes gefahren zur Basilique de Notre Dame du Rosaire, da sie nach deren Besuch sich stets besonders gefeit fühle gegen die Schändlichkeiten des Lebens und seine trügerischen Verlockungen. All dies erstaunte zwar Eiermann leise, betrübte ihn aber nur insoferne, als es seine Befürchtungen bezüglich der von ihm gehegten Hoffnungen sattsam zu begründen geeignet war. Rasch jedoch kehrte sein Skeptizismus wieder und ließ ihn auf seine Routine und seine Reize bauen, die er, sobald es dunkler geworden war, auf unbegangeneren Wegen mit äußerster Entfaltung einzusetzen willens war. Nachdem er die erwähnten Themen etwa eine Stunde noch zu variieren gezwungen worden war, begann es zu dunkeln und er deshalb, Dédette den einsamen Pfaden um das alte Kastellet zuzuführen. Dort wählte er eine idyllisch gelegene Bank mit dem Ausblick auf den Hafen und ließ, als man saß, seine Hände gelinde um die Hüften Dédettes spielen, welche diese schwülen Attacken wie mechanisch abwies, so daß er zu ernstlicheren Handgriffen überzugehen wagte. Als sie nunmehr aber unwillig sich sträubte, überfiel er sie mit seinem hitzigen Mund und durchstürmte den ihren, lediglich seinen Lüsten dienend, zehn Minuten lang. Als er Dédette endlich freigab, saß sie wie benommen: wessen er sich erdreistet hatte, war ihr in Anbetracht der vorhergegangenen Konversation allzu unerwartet gekommen. »Habe ich Sie verletzt?« Eiermanns Unterlippe stand, ironisch und noch feucht, ein wenig vor. »Oui, Sie haben mich ...« Dédette hielt ratlos inne, dann es aber doch für angezeigter, die Sachlage anzuerkennen und einzulenken. »Aber Sie haben mich zu viel, kaere Herre Eiermann. Vous m'avez fait un bleu. Là. C'est dégueulasse.« Eiermann sah gar nicht hin, schloß aber ob der letzten Vokabel grinsend die Augen: Dédette hatte, auf seine Unkenntnis ihrer Sprache sich verlassend, seinen Skeptizismus entscheidend fundiert und seinen Hoffnungen ihre Üppigkeit wiedergegeben. Dédette verschob angesichts dieser intransigenten Haltung und der immer dichter werdenden Dunkelheit die Restaurierung ihrer Züge, eine neuerliche Attacke überdies sowohl vorhersehend als auch bereits wünschend. Sie kam denn auch. Und zwar ebenso abrupt wie die erste, nur noch um ein Erkleckliches intensiver. So daß Dédette sich nicht mehr zu beherrschen vermochte und ihre Linke zitternd auf das Zentrum ihrer Erregung drückte. Als Eiermann dies sah, bereitete er sich vor, den Sieg ohne Zögern zu erzwingen. Denn wie oft war nicht so manch Eine, die im Bann der Dunkelheit und seiner Küsse ihm bereits halb erlegen war, später unter dem warnenden Eindruck des Straßenlebens zurückgewichen und seinen Klauen entschlüpft. Einmal aber völlig besiegt, stand einer unmittelbaren Wiederholung in seiner Wohnung, deren Milieu derartige Entschließungen ohnedies günstig zu beeinflussen pflegte, kein Argument mehr im Wege. So schuf denn Eiermann eine Zwangslage und opferte Aphroditen. Dédette hatte nicht eigentlich Widerstand geleistet. Nur so viel, daß Eiermann glauben konnte, sie sei nicht durchaus willig. Hinterher aber gehabte sie sich um so empörter: es entspreche keineswegs ihren Familienverhältnissen, auch nicht dem Bilde, das sie sich von einem guten Freund gemacht habe; ganz abgesehen von ihrem Innenleben, dem er einen schweren Stoß versetzt habe; sie werde sogleich morgen zur Beichte gehen und der Madonna von Lourdes zwei Kerzen stiften; das Leben sei voll von trügerischen Verlockungen und Eiermann ein Schändlicher. Dieser überhörte es resolut und schickte sich an, viel und verheißungsvoll von dem holden Wirrsal seiner Wohnung und deren parfümierten Ecken zu plaudern und, mit heuchlerischem Ernst, von seiner Absicht, sein ödes Junggesellenleben mit Hilfe einer Gefährtin zu beenden, die Ausländerin wäre und durch ihren größeren Gesichtskreis charmanter und vielseitiger als das nordische weibliche Element. Dédette erwies sich daraufhin schnell verändert. Sie drängte, zu Eiermanns innigem Ergötzen von ›décamper‹ sprechend, zum Aufbruch, restaurierte unter der ersten Bogenlampe der Bredgade eilig ihr arg verschmiertes Gesicht und ließ sich nach zahlreichen, wenn auch um so kürzeren Weigerungen in seine Wohnung führen. Daselbst verbrachte Eiermann, auf Dédettes unabänderlichen Befehl hin, den sie mit ihrer Keuschheit rechtfertigte, unter Ausschluß jeder Beleuchtung eine überaus eifrige Liebesnacht, die bis gegen fünf Uhr morgens währte, um welche Zeit man dem wohl verdienten Schlaf sich überließ. Um sieben Uhr erwachte Eiermann zufälliger Weise und mußte eine sehr überraschende Entdeckung machen: Dédette lag nicht mehr neben ihm. Er beruhigte sich jedoch schnell: sie hatte ihren Dienst antreten müssen und ihn nicht wecken wollen. Stolz und freudetrunken durchthronte er den Tag im Café Paraplyen auf dem Rathausplatz. Abends freilich, als er heimkam, wartete seiner die zweite, unliebsame Überraschung: seine Brieftasche mit achthundert Kronen, die in einem Schreibtischfach sich befunden hatte, war verschwunden, desgleichen, als er mißtrauisch geworden, kontrollierte, elf Taschentücher, ein silbernes Zigarettenetui und ein alter goldener Ring. Nachdem Eiermanns Gehirn eine außerordentlich turbulente Nacht hinter sich hatte, eilte er in die Grennegade, um nach Dédette zu fragen. Aber niemand im ganzen Hause, in dem überdies keine Frau von Pillingende wohnte, wußte etwas von einer Französin. Nun fuhr er in die Stampesgade zum Briefträgersaal. Der Briefträger der Grennegade erinnerte sich sehr wohl an jenen blauen Brief: er habe, nachdem er in allen Etagen mit ihm abgewiesen worden war, eine junge Dame, die ihm tagsdarauf auf der Treppe entgegenkam, gefragt, ob dieser Brief an sie gerichtet sei; denn sie habe einen Goldzahn gehabt und er deshalb angenommen, daß sie im Hause wohne, obwohl es freilich auch bloß eine Besucherin gewesen sein könnte; aber wenn ein Brief eine solche Adresse habe, könne man nicht verlangen, daß er es allzu genau nehme. Zwei Tage später erfolgte die dritte Überraschung: Eiermann hatte Läuse und mußte zu einer gründlichen Rasur schreiten und der ausgiebigen Verwendung von grauer Salbe. Dieser Prozedur lag er am andern Morgen eben wieder mißlaunig ob, als ihm vom Teppich her etwas entgegenglitzerte. Und alsbald hielt er eine winzige ovale Silberplaquette in der Hand, auf der als mattes Relief die Madonna von Lourdes sich abhob und die Inschrift: ›Je suis l'immaculée conception‹. Eiermanns nicht unsympathische Züge schmückte ein schlechthin mongolisches Grinsen, während er sich zuhöhnte: »Möglichkeiten verpflichten.« Die Clincher Box Whitehill kam sehr langsam zu sich. Und auch, als er die Augen schon geöffnet hatte, sah er noch nichts. Nur die Stirn brannte in kurzen schnellen Stößen. Er setzte sich mühsam auf. Und jetzt erst begann er sich zu erinnern. Er war am Abend vorher zu Broc in die Conventry Street gegangen. Der Pole Mzir sprach und die Kouropatrouska. Und dann sprach er selber. Es fiel ihm ein, daß es ihn dabei irritiert hatte, wie eigenartig Genove und die Jegera ihn gemustert hatten. Und er entsann sich ganz deutlich, daß er bald nurmehr den Eindruck gehabt hatte, man lasse ihn reden, ohne zuzuhören. Und dann plötzlich ... Whitehill griff sich an die Stirn. Und dann war ihm plötzlich grau und dick vor den Augen geworden. Nun blickte er sich in dem Raum um, in dem er sich befand. Und preßte alsbald seine Schläfen: er sah genau so aus wie ein Loch im Pitcher, besaß ein kleines vergittertes Fenster, hinter dem, sehr nahe, eine dunkle Ziegelwand war, und dieselbe Einrichtung. Whitehill kam nach kurzem Überlegen zu dem Schluß, daß, während er gesprochen hatte, die Polizei geräuschlos eingedrungen war, ihn rücklings betäubt hatte und nach Newgate gebracht. Er stand auf und lauschte. Nichts. Er klopfte vorsichtige Worte an die Wände. Nichts. Untersuchte die Tür, den Judas: kein Schloß, kein Riegel, keine Schiene. Aber hart neben der Tür, in einer Einbuchtung der Mauer, befand sich ein Klingelknopf. Whitehill rieb sich die Wangen: den hatte es in der Zelle, in der er einmal drei Monate gesessen war, nicht gegeben. Er ging zum Fenster. Es schien ihm kein Zweifel daran möglich, daß es so gekommen war, wie er es sich vorgestellt hatte; nur daran, daß er, der mitten im Zimmer gestanden war, der erste gewesen sein sollte, der narkotisiert wurde. Da sah er den Klingelknopf, obwohl er den Blick nicht von ihm gewendet hatte. Es dauerte lange, bis er sich eingestand, daß er ja bloß klingeln wollte, es aber nicht wagte. Als er auf die Uhr sehen wollte, hielt er lächelnd inne: er hatte sie vor drei Tagen versetzt. Und da griff er auch schon in seine Taschen: alles war da, die wollene Börse, der Browning, die Neb-Ka's, aber keine Zündhölzer. Auch das gab es im Pitcher nicht. Da es jedoch diesmal um etwas anderes sich handelte, vermutete er einen Trick. Dessen Hinterlist vermochte er nicht zu begreifen. Seine Ohren wurden heiß und sein Wunsch, zu klingeln, ein unbezähmbarer Trieb. Und mit einem Mal stürzte er vor und stieß den Zeigefinger so schnell auf den Klingelknopf, daß die Gelenke knackend sich bogen. Während er sie nervös massierte, schnellte plötzlich die Tür auf. Whitehill fuhr zurück: in der Tür stand ein Herr im Smoking und schwarzem Cape, in der Hand einen Zylinder, weiße Glacéhandschuhe und eine langstielige rosa Rose. Am liebsten hätte Whitehill sich gesetzt. Seine Erregung hatte sich in die Beine entladen, die schwach wurden. Er glaubte, daß er wanke, und schämte sich. Der Herr setzte sich auf das Strapontin und wies ihn mit der Hand an, ihm gegenüber auf das Bett sich zu setzen. Whitehill starrte schluckend, während er sich niederließ, auf den kurzen spitzigen Schnurrbart, der zu zucken begann: »Wir hatten Sie schon lange im Verdacht, Whitehill. Einer meiner Leute folgte Ihnen auch gestern wieder und hat alles beobachtet. Allerdings nicht gehört, was Sie gesprochen haben. Ihren Genossen gelang es leider, zu entkommen. Deshalb wurde rasch dafür gesorgt, daß niemand auch nur an Ihre Befreiung denken kann. Sie befinden sich im Rog-house und haben den Chef des Geheim-Departments für die Sicherheit des Staates vor sich. Herren Ihres Schlages machen wir nicht einmal kurzen Prozeß, sondern gar keinen. Nur durch ein offenes Geständnis aller Machinationen Ihrer Bande können Sie Ihr Los mildern. Wenn alle Ihre Angaben sich als richtig erweisen, werden Sie nach Indien deportiert. Vielleicht später eine administrative Stelle. England werden Sie freilich nie wiedersehen.« Whitehill wunderte sich, daß er jedes Wort verstanden hatte. Denn es war ihm gewesen, als sähe er nur seine Hände, die bleischwer auf den Knien lagen. Als es ihm endlich gelang, aufzublicken, sagte er, ohne daß er später sich hätte erinnern können, es sich überlegt zu haben: »Ich kann kein Geständnis machen. Ich sollte ja gerade aufgenommen werden. Ich weiß also noch gar nichts. Nur, daß ich verloren bin.« Der Herr erhob sich. Dabei fiel ihm die Rose aus der Hand. »Geben Sie mir Ihre Waffe!« Whitehill durchfuhr es: ›Ich werde ihn niederknallen und dann – auf und davon!‹ Aber als seine Rechte nach der hinteren Hosentasche stieß, sah er in der Hand des Herrn einen kleinen, auf ihn gerichteten Browning. Nachdem Whitehill seine Waffe ausgeliefert hatte, verließ der Herr, die seine unverwandt schußbereit vor sich hinhaltend, langsam rückwärts gehend die Zelle und warf die Tür ins Schloß. Whitehill sprang sofort hinzu, drückte, rüttelte, fühlte sie ab. Erfolglos. Es blieb ihm ein Rätsel, wie sie von innen geöffnet worden war. Erst als er wieder auf dem Bett saß, mit den Fingern seinen Hals malträtierend, wußte er, daß er nur aus unvorstellbar gräßlicher Verzweiflung so lange mit der Tür sich beschäftigt hatte. Sein Kopf sank nach hinten. Der Körper fiel schräg nach. Es war finster, als er die Augen öffnete. Er hatte geschlafen. Ein seltsamer Geruch, der vordem nicht dagewesen war, zog ihm in die Nase. Whitehill roch ihn gierig. Es war wie eine unbekannte feine Speise, wie ein junger südländischer Wein ... Whitehill lächelte: er hatte Hunger und was so seltsam roch, war die rosa Rose. Er tastete nach ihr, fand sie rasch und roch. Immer wieder. So lange und tief, daß es ihn fast umnebelte. Er wollte nichts denken. Es war ja aus. Vielleicht schon morgen, vielleicht schon ... Er sah ein Bild, das ihm einmal in den ›London News‹ aufgefallen war: den im Hof von Rog-house gehängten Slings. Er sprang auf. Schweiß perlte ihm auf der Stirn. Seine Beine trugen ihn nicht. Es schauerte ihn bis unter die Bauchdecke. Da riß er den Kopf herum: »Der Klingelknopf!« gurgelte er heiser hervor. »Ich muß klingeln. Denn ich halte es nicht aus. Ich muß lügen. Denn ich will nicht ...« Er taumelte zur Tür und preßte seine Faust dreimal gegen die Wand, bevor er den Klingelknopf fand. Dann glitt er zu Boden. Bald darauf wurde es in der Zelle hell. Whitehill hob langsam den Kopf: der Herr im Smoking, diesmal ohne Cape und ohne Zylinder, war eingetreten. »Sie haben geklingelt, weil Sie sprechen wollen. Ich höre.« Whitehill richtete sich auf. Als er stand, wurde ihm ganz klar, daß er, was immer er auch sagen oder tun mochte, verloren war: niemand, der einmal bei Broc gewesen war, hatte noch Pardon erhalten; und keiner noch war aus Rog-house ausgebrochen. Der brennende Wunsch, es nicht zu glauben, erfüllte ihn. Aber es gelang ihm nicht. Diese furchtbare Erkenntnis gab ihm sonderbarer Weise seine Kraft zurück. »Ich werde nicht sprechen. Machen Sie mit mir, was Ihnen beliebt.« Der Herr schlug sich auf den Schenkel. »Und wenn wir Sie nicht nach Indien schicken, sondern mit fünftausend Pfund auf die Straße?« Whitehill zuckte die Achseln: ein unerwartet plumper Trick. »Ich spreche nicht.« »Sie sind Mitglied der Anarchistenbande Broc und Zegarac. Der Society.« »Nein.« »Ich weiß, was Sie in der Conventry Street gesprochen haben.« »Der hat Sie angelogen wie alle Ghouls.« »In meiner Abteilung geht es schärfer zu. Wer lügt, der fällt.« Whitehill zeigte eine gewisse sauere Heiterkeit. »Und doch werden alle in Ihrer Stellung immer wieder angelogen. Aber das alles hat ja keinen Zweck.« Er ließ sich pfeifend auf das Bett niederfallen. Als er aufblickte, war der Herr nicht mehr in der Zelle. Whitehill wollte eben aufstehen, als eine elegante Dame hereinrauschte, sofort seinen Arm nahm und sich neben ihm aufs Bett setzte. Bereits an Überraschungen gewöhnt, reagierte Whitehill auf diesen Überfall mit Widerwillen. Das knisternde Taftkleid aber, der feine Duft von L'heure bleue und der immer wärmer spürbare Schenkel taten bald ihre Wirkung. Whitehill entzog sich nur mühsam den zarten Fingern, die seinen Arm umschmeichelten, und schlug sich nervös aufs Knie. Erst jetzt sprach die Dame. »Wie gefalle ich Ihnen?« Whitehill öffnete schmatzend den Mund: er genierte sich plötzlich wegen seines unrasierten Bartes. »So gut, daß Sie sichs etwas kosten ließen?« Whitehill verkniff verächtlich die Lippen. »Ich besitze fünf Schilling.« »Nicht so. Etwas anderes.« Die Dame rückte ihm nach, legte ihren Arm um seine Schultern und preßte Schenkel und Brust fest gegen ihn, so daß er ihren wohlriechenden Atem auf Mund und Nase fühlte. Mit einem Blick stellte sie fest, daß seine feindliche Spannung nachließ. »Sie tun, als wäre es Ihnen durch eine List geglückt, hier herauszukommen. Es wird Ihnen bei Broc großes Ansehen verschaffen. Sobald Sie uns die Bande übergeben haben, erhalten Sie die fünftausend und meine Natur. Für ein paar Tage. Oder so lange, wie Sie wollen. Nun?« Noch bevor er den Blick ihr hätte zuwenden können, fühlte Whitehill zwei heiße Lippen auf den seinen, eine weiche Hand an seinem Hals, die andere anderswo spitz und süß ... und eine rote Flut schoß ihm in die Augen. Als er aber über diesen duftenden lockenden Leib sich stürzen wollte, entwand er sich ihm mit behender Kraft. »Alles hängt nur von Ihrem Ja ab.« Sie maß ihn mit ironischem Vorwurf, das Rouge ihrer Lippen mit dem Zeigefinger fassionierend. Keuchenden Atems mußte Whitehill seine Finger quetschen, um nicht blindlings zu toben. Der Schmerz machte ihn klar. ›Hätte ich sie jetzt gehabt, so hätte ich vielleicht ja gesagt. Dann lachte er auf: »Schlauheit ist oft das dümmste Kalkül. Ich danke. Ich bin die Maus. Sie sind die Katze.« Sie knickte ein bißchen ein. »Also unter keinen Umständen?« Whitehills Kopf verneinte unwirsch. Sie machte segnende Handbewegungen gegen ihn. »Man wird Sie foltern.« Sie setzte den Finger an den Klingelknopf. Aber Whitehill sah, daß sie ihn nicht niederdrückte. »Das halte ich für eine stupide Drohung. Sie prügeln nur noch von Zeit zu Zeit.« Er spürte freilich einen bitteren Geschmack im Mund. Da drückte sie den Klingelknopf nieder und blickte Whitehill fest an. Dessen Auge aber wurde plötzlich so grausam und unerbittlich, daß sie wußte, sie würde ihn durch nichts mehr irremachen. Schnell sich umwendend, rauschte sie aus der Tür. Fast gleichzeitig erlosch das Licht. Überzeugt, daß man ihn nun allein lassen würde und vielleicht einige Tage hungern, warf Whitehill sich aufs Bett. Als er erwachte, war die Zelle hell und die Türe offen, aber niemand zu sehen. Augenblicks sprang er auf, prallte jedoch zurück: in der Tür war Broc erschienen. Whitehill drehte ihm, dünn pfeifend, den Rücken zu. ›Das wird ein Ghoul sein, der ihm ähnlich sieht.‹ Seine Augen wurden ganz klein. Da fühlte er sich am Arm berührt, wandte den Kopf und sah einen weiß gedeckten Tisch und neben sich den falschen Broc, der ihn zum Platznehmen einlud. Er setzte sich erfreut und begann sofort zu essen. Ihm gegenüber rauchte Broc und reichte ihm, als er seinen Hunger gestillt sah, sein Etui. »Sarony?« Whitehill zeigte lächelnd die Zungenspitze und biß sie. »Sogar Brocs Marke kennen Sie schon?« »Ich traktiere meine Freunde gut.« »Ich falle nicht auf Sie hinein.« Whitehill rauchte mit vollen Lungen. »Es genügt also, daß Sie Ihren Auftrag herunterleiern.« »Ich bin Broc.« Whitehill spuckte unter den Tisch. Dann machte er mit den Lippen ein ordinäres Geräusch, das er auf dem Turf gelernt hatte. Da stieß der andere einen eigentümlichen Pfiff aus. ›Den kann er auch schon?‹ Whitehill räusperte sich verzagt. Wenige Sekunden später rauschte die Dame vom vergangenen Abend durch die Türe und küßte ihn auf die Haare, die sie mit beiden Händen streichelte: »Nun, Charlie, hast du gut geschlafen?« Whitehill legte die Zigarette weg. Es war ihm, als hätte er etwas sehr Lustiges gehört. Da ... es kam von draußen: Gläser klirrten leise, Stimmen raunten. Er blickte bald sein Gegenüber an, bald die Dame neben ihm. Und plötzlich fühlte er, noch ohne etwas zu wissen, daß er wohlgeborgen war. Da stand Broc auf. »Whitehill, erinnern Sie sich doch an das, was Sie uns vorgestern abends sagten: ›Bei der Aufnahme in die Society ist jeder der allerschärfsten Prüfung zu unterziehen. Nicht nur in Bezug auf seine persönliche Eignung, sondern auch – die Integrität seines Willens.‹ Nun, mein lieber Whitehill, Sie haben Ihre Integrität besser bewiesen als mancher andere von uns.« Whitehill schob die Unterlippe hoch und rieb sich, verlegen lächelnd, das Kinn mit einem Finger. Broc warf die Zigarette an die Wand. »Der elegante Herr war Léonor Lévin, einer unserer wertvollsten Mitarbeiter. Die Dame hier ist meine Freundin und langjährige Helferin Sure Stek. Sie befinden sich in London, in der Conventry Street, und zwar in meinem Apartment, das Sie gar nicht verlassen haben.« »Wer hat mich dann aber ...« lallte Whitehill, an die Stirn sich greifend. »Ich war so frei.« »Sie, Broc?« »Und dann deponierten wir Sie in dieser Zelle, die vorwiegend ähnlichen Zwecken dient.« Whitehill hüstelte ganz leise. Sure Stek lachte herzlich: »Dieses Zimmer heißt die Clincher Box.« Whitehills Lachen dröhnte. Broc packte ihn am Arm und zog ihn in den daneben befindlichen Salon, in dem die Mitglieder der Society, Weingläser in der Hand, ihn stürmisch begrüßten. Las Tortilleras Ljungdahl umwickelte seine blutende Hand mit dem Spitzentaschentuch, das Ramona ihm auf den Tisch geworfen hatte, bevor sie Cristina gefolgt war. Als er die Zipfel verknüpfte, kam Ramona wieder an den Tisch. Sie schlug, etwa fünfzehnmal und überaus schnell, die Zähne auf einander: »Sie sind nicht mein Typ. Außerdem habe ich mich schon mehr verteilt, als mir zuträglich ist. Aber Cristina gefallen Sie doch so sehr. Kann man es deutlicher beweisen?« Sie schnellte den kleinen Finger vorsichtig auf seine verbundene Hand. »Übrigens ist sie schöner als ich.« Ljungdahl hob ablehnend die Hand, die sofort schmerzte. »Ihr Hut, Ramona, paßt nicht zu Ihrer Stimme.« Ramona setzte kurz ihre perlweißen Zähne auf die Unterlippe. »Es freut mich, daß Sie sich bekehren.« »Fast alle Frauen bekommen ohne Hut einen blöden Ausdruck. Sie würden gewinnen.« Ljungdahl umkrallte mit der unverletzten Linken ihren Schenkel oberhalb des Knies. Ramona zischte: »Wiederholen Sie diesen Griff nicht!« Ljungdahl rieb seine brennenden Finger, die ein heftiger Fächerschlag getroffen hatte. »Ich glaube Ihnen die kalte Schulter nicht. Sie verbergen mir etwas.« Ramona spie sich achselzuckend auf den Unterarm, schmierte eine trockene gelbe Creme darauf, rieb sie mit dem Zeigefinger zu Brei und mit einer geschickten Wendung auf Kinn, Nasenspitze und Stirn, wodurch sie Lichter erzielte, welche ihr ganzes Gesicht gleichsam nach innen zu verkürzten und jenen scharfen Ausdruck, in den Ljungdahl wie vernarrt war, noch verstärkten. »Ist Cristina überhaupt Spanierin?« »Sobald Sie wollen, führe ich Sie zu ihr.« Ramona überpuderte ihre Arbeit mit staunenerregender Geschwindigkeit. Ljungdahl stupste ihr den Mittelfinger auf den Oberarm. »Cristina ist ja vielleicht schöner. Aber im Ernstfall zählt das Detail mehr. Ich liebe ihr grausames Gesicht.« »Gerede!« Ramona parfümierte sich den berührten Oberarm. »Jede Gier ist unbegreiflich.« Ljungdahl mußte miteins lachen, da er Ramonas Geste verstand. Dabei lockerte sich das Taschentuch, so daß das Blut wieder zu fließen begann. Ramona schob ihm das Taschentuch von der Hand, zerriß es zwischen den Zähnen und verband die Wunde. »Cristina hatte schon wilde Jahre gehabt, bevor sie nach Cordoba kam. Sie heißt allerdings Ferretti. Ihre Mutter war Italienerin. Aber ihr Vater Spanier. Torero.« Sie neigte den Mund über seine Hand, um die Zipfel des Taschentuches, deren einen sie zwischen die Zähne klemmte, fest zuziehen zu können. »Sie ist ein uneheliches Kind. Noch heute trägt sie um den Hals ein kleines Medaillon mit der Miniature ihres Vaters. Damit hat es eine eigene Bewandtnis. Wollen Sie nicht danach fragen?« Sie stieß, da er nicht antwortete, seine eben noch mit größter Behutsamkeit behandelte Hand brutal von sich, pfiff aber sofort, als bereue sie es. »Es war ein Wunder, daß niemand sah, wie sie Sie gestochen hat. Und es kam doch sofort Blut. Das ist ihr erster Gunstbeweis. Und ich kann Ihnen versichern, daß Sie ihr imponiert haben, als Sie das Glas auf den Tisch schlugen und dem Kellner ruhig sagten, Sie hätten sich geschnitten.« Ljungdahls Zunge leckte flau: es war Ramona nun doch gelungen, seine Begehrlichkeit abzulenken und seiner Eitelkeit zu schmeicheln. Ramona speichelte, als hatte sie es ihm vom Gesicht gelesen, sich den Zeigefinger ein und strich mit ihm über seine Lippen. »Wie kann man ein Weib wie Cristina auslassen? Andere müssen schwer zahlen.« Ljungdahl schnappte nach ihrem Finger. Aber Ramona, mit dem Blick bei der Sache, war schneller. »Sie wollen also? Sie wollen, nicht wahr? Sie wollen!« ›Als würde sie dafür bezahlt‹ dachte Ljungdahl, aber er hütete sich, es auszusprechen; und er hörte sogar auf, es anzunehmen, als er die herrische Geste sah, mit der sie ihren Busen arrangierte. »Der Stolz ist hier fast ein Laster.« Ramona nahm es als Zustimmung. Ihr pralles Posterieur zog sich ein. Plötzlich stand sie steil und mit hochgezogenen Schultern. Ihre Unterlippe rollte ein bißchen. Sie verließen die Terrasse des Circulo Mercantil und gingen den Paseo Gran Capitan hinunter. Vor ihnen flammten die Bogenlampen auf, eine nach der andern. An der Ecke der Calle de Burgos begann Ramona vorauszugehen und eigentümlich die Arme zu bewegen. Flüchtig war es Ljungdahl, als gebe sie damit irgendein Zeichen. Da der schweigsam zurückgelegte Weg ihn zudem ernüchtert hatte, entschloß er sich, so rasch wie möglich sich zurückzuziehen. Es sofort zu tun, wagte er nicht, die spanische Empfindlichkeit kennend. Ramona trat nach wenigen Schritten in ein Haus und durch eine niedrige eiserne Gittertür in einen atriumähnlichen, mit einigen halb zerbrochenen Petunientöpfen kärglich geschmückten Vorraum, in dessen einer Ecke hinter gelblichem Milchglas ein Talglicht brannte. Es roch nach Weihrauch und Urin. Zum ersten Mal lächelnd, ergriff Ramona Ljungdahls Hand und zog ihn schnell durch eine Seitentür in einen schmalen Gang, wo sie viermal an eine Tür pochte, durch deren Ritzen Licht drang. Ein Riegel wurde zurückgestoßen. Im Rahmen der Tür erschien Cristina in einem zu langen und fast grotesk geschnittenen Hemd, Über das ihr aufgelöstes langes schwarzes Haar hinabwallte. Sie preßte sogleich ihren Körper an den Ljungdahls und machte eine rasche Drehung, so daß dieser ins Zimmer zu stehen kam. Ramona schloß von draußen die Tür. Ljungdahl hatte ihr Gesicht noch gesehen: sie hatte immer noch gelächelt. ›Sie hat vielleicht gar nicht aufgehört, zu lächeln‹, ging es ihm kurz durch den Kopf. Cristina warf ein bereits sehr schadhaftes Seidentuch sich übers Hemd, schlüpfte in einen kurzen Unterrock von rotem Flanell, den sie über das Tuch band, und stieß die nackten Füße in dunkelgrüne Pantöffelchen. »Schau mich an!« Ljungdahl tat es ohnedies. Aber er sah nicht viel, da sie vor dem Licht stand; nur, daß sie den rechten Fuß hob, mit dem sie seine verbundene Hand beinahe berührte. »Das war meine Visitkarte.« Ljungdahl lächelte wirr. Und während er einen auf dem Kachelsims liegenden eigenartigen Gegenstand zu erkennen sich bemühte, wurde sein Kopf nach hinten gestoßen. Erst Sekunden später wußte er, daß sie ihn geküßt hatte und in die Oberlippe gebissen. Er schmeckte Blut. Christina hing sich an seinen Hals, ihm etwas vor die Augen haltend. Immer wieder. Und immer näher. Er nahm es ihr schließlich aus der Hand und senkte es, so weit die Halskette, an der es hing, es zuließ: es war eine Miniature, darstellend einen Espada, dem ein Stier in der Arena den Bauch aufschlitzt. »Ist das alles?« »Du bist enttäuscht?« Cristina riß ihm mit einem ärgerlichen Ruck des Halses das Medaillon aus der Hand und wirbelte sich auf einem Absatz zur Seite. Dann setzte sie sich, schlug ein Bein über, zündete sich eine kleine Zigarre an und sang zwischendurch leise die Canzonetta von Filipucci. Ljungdahl, der längst vergessen hatte, daß er sich hatte zurückziehen wollen, sah mit einem Mal, daß sie in der Rechten eine Reitpeitsche hielt, mit deren dünner Lederschleife sie einem großen schwarzen Kater den Kopf kraulte. Vergeblich versuchte er, den Geruch, der von ihr ausging, zu präzisieren. »Weißt du, was die Amore ist?« Cristina machte einige pfitschende Lufthiebe. »Ein Wort, das so gut wie kein anderes jede Gier erleichtert.« Cristina stemmte eine Hand gegen den Bettpfosten, der knackte. »Weil du es nicht weißt. Weil du ein Turnó bist.« Ljungdahl fühlte sich beengt: da er nicht annehmen konnte, eine Neo-Sentimentale vor sich zu haben, vermutete er, nicht verstanden worden zu sein. Mit einem Blick auf ihren Leib, der in feinen Spiralen sich bewegte, zog er es vor, zu lächeln. Während Cristinas schlanke Linke die Hüften entlang strich, knallte ihre Rechte die Schleife der Reitpeitsche vor der Schnauze des Katers auf die Kacheln. »Ich werde dir erzählen, wie es bei mir war.« Sie holte aus und traf den Kater mit solcher Wucht auf die Nase, daß er mit fauchendem Gurgeln auf sie zuschoß. Aber noch bevor er sie erreicht hatte, trafen ihn drei, vier, fünf Hiebe, so daß er sich winselnd verkroch. »Es hat sehr frühzeitig angefangen. Vida. Interessiert es dich überhaupt? Du stehst ja da wie ein Regenwurm.« Sie wies mit der Reitpeitsche auf einen Baststuhl mit außerordentlich niedrigem Sitz. »Wenn du nicht willst, darfst du auch die Wand verdrecken.« Sie ließ mit einem rapiden Lachen die Zigarre über die Finger laufen, so daß die Schatten an der Mauer tanzten. »Vida. Meine Mutter nahm mich schon mit sechs Jahren in die Arena.« Und nun begann sie mit auffälliger Geläufigkeit und fast geschmackloser Häufung blutrünstiger Details das Erlebnis ihrer ersten Corrida zu schildern, die einem Amateur-Matador das Leben gekostet hatte und in der Folge ihr die Unschuld. Da der Stier, bevor er die tödliche Cogida gerannt hatte, drei Espadas außer Gefecht gesetzt hatte, wäre die Aufregung des Publikums so gestiegen, daß es, als die Fortsetzung der Corrida untersagt wurde, zu einer blutigen Schlägerei gekommen wäre. Dies alles hätte sie so erregt, daß sie nicht einschlafen konnte, ihre Mutter, die im selben Zimmer schlief, mit ihrem Liebhaber im Bett beobachtet hätte und durch diesen Anblick zum ersten Mal in jenen Zustand geraten wäre, der schließlich in die Arme eines Mannes führt. An dieser Stelle schwieg sie, um Atem zu holen, und bog, aufs Äußerste von ihren Worten erregt, die Reitpeitsche zwischen den Händen. Ihre Zähne zerrieben die Zigarre. Ljungdahl, den es zwang, an das Erzählte zu denken, ärgerte sich unklar ein wenig. Er wollte sich zurechtfinden, ihre Absicht erkennen. Aber alles war wie von dieser Frau verlegt, von ihrem herben Geruch, ihrer harten Stimme, ihrer aufregenden Erregung. Cristina warf die Zigarre an die Zimmerdecke und traf sie noch in der Luft mit der Reitpeitsche, von der sie knallend auf einen Spiegel flog. »Jeden Sonntag ging ich nun mit meiner Mutter zu den Corridas. Denn ich plärrte so, daß sie mich mitnehmen mußte. Die Plätze kosteten sie nichts, da sie mit allen Banderilleros und Espadas, die damals in Madrid berühmt waren, geschlafen hat. Mein Vater war Valencia II. Ein großer Espada. Der vielleicht einer der größten geworden wäre, wenn ihm nicht mit vierundzwanzig Jahren in Sevilla ein Stier ...«Sie schwang das Medaillon kurz vor sich her. »Meine Mutter hat es ihr ganzes Leben lang bedauert, daß sie damals nicht nach Sevilla gefahren war. Aber sie war im siebenten Monat schwanger mit mir und fühlte sich schlecht. Das Medaillon habe ich von ihr geerbt. Sie hat es sich eigens von Aguero machen lassen, der den Tod meines Vaters mitangesehen hatte. Ich trage es immer. Ebenso wie meine Mutter.« Sie küßte es langsam, schwang es mit einer jähen Bewegung auf den Rücken und sprang vor Ljungdahl hin, ihm die Hand auf den Magen pressend. »Siehst du, Catelo, so hat es bei mir angefangen. Mit zwölf Jahren war es dann. Ein Mono. Die sind schlimmer als die Ärgsten. Ich trieb es mit ihm auf dem Abbattoir zwischen den toten Stieren. Unter Fleischgestank und Blutdunst. Einmal lagen wir halb auf dem Bauch eines Stieres, der noch zuckte. Ein anderes Mal brach einem, neben dem wir lagen, plötzlich noch ein Blutstrahl aus dem Maul und floß uns über die Beine. Und wieder einmal, da ...« Ljungdahl wußte nicht, ob er nicht mehr zuhören oder bloß das heiser Keuchende ihrer Stimme nicht mehr ertragen konnte oder ob es seine nicht mehr niederzuzwingende Gier war: er warf sich auf Cristina und seine Lippen auf die ihren. Doch er berührte sie nicht: Cristina hatte ihn durch einen Fauststoß an die Wand geworfen. Gleichzeitig sauste ein Peitschenhieb durch die Luft und ihm brennend über Stirn und Wange. Cristina stand mit gespreizten Beinen vor ihm. Die Zunge hing ihr aus dem Mund. Mit einem bestialischen Schrei holte sie bis über die Schulter aus. Und nun klatschte Hieb auf Hieb nieder. Ljungdahl war dermaßen überrumpelt, daß er weder den Schmerz voll spürte, noch sich zu wehren wußte. Als jedoch die Hiebe immer schneller und fester fielen, löste er sich knirschend von der Mauer und hob die Fäuste. Aber Cristina bückte sich, nach etwas greifend. Und schon traf ihn ein vierfacher Knutenhieb, quer über Brust und Arme. Er brüllte auf. Ein zweiter Knutenhieb schnitt auf seinem Rücken. Krächzend stürzte er vor. Sie entwich ihm geschmeidig und versetzte ihm einen furchtbaren Hieb auf den Hintern. Er bäumte sich. Seine Stimme pfiff vor Schmerz. Aber die Hiebe prasselten unbarmherzig auf ihn nieder. Wieder schmeckte er Blut. Es rann aus der Nase, auf den Wangen, an den Ohren, die Brust hinunter. Überall brannte es ihn schier unerträglich und wurde immer unerträglicher. Er fiel in die Knie. Es war wie ein Feuerregen um ihn, naß und leuchtend. Schließlich schwand ihm das Bewußtsein ... Als er zu sich kam, hörte er das Geräusch von plätscherndem Wasser, das Gehen nackter Füße. Obwohl jede Bewegung ihn schmerzte, stand er stöhnend auf. Schräg hinter ihm flackerte in einem offenen Zimmer eine kleine Kerze. Gegenüber sah er eine Tür. Gedankenlos rüttelte er an ihr. Verschlossen. Da hörte er schwaches Ächzen. Dann einen kleinen Schrei. Er näherte sein Auge einer Ritze und erblickte auf einem Bett Ramona und Cristina in wollüstiger Verschlingung. Eine Weile sah er ihnen zu. Dann wischte er mit einem Strumpf das Blut sich vom Gesicht. Dabei fühlte er, wie übel er zugerichtet war, und trat vor einen matten Wandspiegel. Bei seinem Anblick fluchte er laut auf. Als er gehen wollte, hörte er Ramona lachen. Wütend trat er ins Zimmer zurück, zerschnitt vier Röcke und zwei Seidenkleider und spuckte unzählige Male in einen gefüllten Weinkrug ... Zwei Tage später begegnete er in Madrid auf der Gran Via Mario Tosato, einem amüsanten Florentiner, und berichtete ihm von seinem Mißgeschick. Ohne seine Zigarette auch nur einige Sekunden zu vernachlässigen, erklärte Tosato, liebenswürdig lächelnd: »Las tortilleras di Cordoba ... conosco tutte ... conosco anche dal profumo a occhi chiusi. La Ferretti a un odore differente. Odora di Kater. Vous comprenez. Verstehn Sie ...« Ljungdahl verstand. »Ma ... Sie haben ... Excusez ...« Tosato krümmte verdeutlichend die Hände, den Spazierstock unter die Achsel klemmend: »Si capisce. Sono due tortilleras molto sadistiche. La Ferretti, erzählt sie grande Romanen. L'altra è la più fina. Fa il trucco. Ma avevate de la chance. Branco Freixas, Sie kennen, aus Lisboa, er hinkt noch heute, ecco.« Narziss »Paulchen von Beisiegl ... zu dienen.« »Paulchen ...?« »Ich finde die Liebe genußreich, aber sinnlos.« Frau Prollius, die wie so manche ehrsame kölnische Hausfrau sich nicht zu erhaben dünkte, vornehme Straßenbekanntschaften zu machen, schüttelte lachend den Kopf. »Also, lustig sind Sie. Aber wenn Sie sich einbilden, daß ich ... dann gehen Sie lieber!« »Psychologie ist, sich nichts gefallen zu lassen.« Von Beisiegl begann langsam zu gehen. »Da Sie nun aber wissen, daß ich das weiß, wäre es klüger, sich einiges gefallen zu lassen.« Frau Prollius, die literarische Ambitionen hatte, witterte sofort den Schöngeist und bog mit ihm auf den Hansaring ein. »Solange Sie sich auf Redensarten beschränken, dürfen Sie sich viel erlauben.« »Wenn ich nicht überzeugt wäre, dadurch kokett zu wirken, würde ich jetzt fluchen.« Von Beisiegl Öffnete seinen Handschuh. »Stört er Sie bei dieser Unterlassung?« Frau Prollius wurde immer wohler. »Aber warum wollten Sie denn nur fluchen?« »Weil die Gewißheit sich mir einstellte, daß ich keinen vernünftigen Effekt erzielen würde, wollte ich Ihnen einen Zwanzigmarkschein in die Pfote stecken.« Innerlich sich zwar fühlend, hielt Frau Prollius es doch für richtiger, abzuwehren. »Ich sagte, Sie dürfen sich viel ... Alles dürfen Sie sich aber nicht erlauben.« »Immer nur halb!« Von Beisiegls Lippen schürzten sich salop. »Wären alle Bösen nicht auch ein wenig gut und alle Guten nicht so sehr böse, dann dürfte man sich alles erlauben, ohne die Überzahl, in der die Dummen sich befinden, noch zu vermehren.« »Ihr Kopf scheint ein Kaleidoskop zu sein.« Frau Prollius legte überlegen die Hände auf den Rücken. Von Beisiegl senkte kurz die Augen: das war eine überraschend feine Antwort gewesen. Deshalb äußerte er lax: »Sie werden noch als Prestige-Jägerin enden, wie alle, die zu gescheit sind, um ihren Neid, und zu feig, um ihre Dominationslust zu zeigen.« »Halten Sie mir bitte keine Vorlesung aus Ihrer Schreibtischlade.« Frau Prollius hemmte geziert den Schritt. »Sie haben doch so amüsant angefangen, Sie Paulchen.« »Gnädige Frau«, sang von Beisiegl, süß grinsend, »ich bin von dem Fehler junger Intelligenzen, sich zu überschätzen, in einem Maße frei, daß ich geradezu am Laster der Selbstverachtung leide.« »Das hätte ich am wenigsten erwartet.« Zum ersten Mal, seit sie mit diesem eleganten jungen Mann sprach, fiel Frau Prollius auf, daß im Grunde alles an ihm widerspruchsvoll war; nicht nur die ungebügelte Hose und das Jicky-Parfum, die abgenützten Schuhe und der teuere Pelz. Um das Unangenehme dieser Beobachtung sich wegzuschieben, aber auch um sie zu kontrollieren, fragte sie unsicher: »Sie haben doch sicherlich schon ein tolles Leben hinter sich, nicht wahr?« »Um ein Leben zu schildern, braucht man einen Gesichtspunkt. Das Leben aber, das ich bisher geführt habe, hatte keinen. Ich führe es täglich anders. Oft stündlich.« Von Beisiegl hustete müde. »Das kann ja nett werden!« Frau Prollius lachte, allerdings noch sehr unfrei. »Aber warum dieser schroffe Wechsel, wenn ich fragen darf?« »Das unerschöpfliche Chaos ... seine ungeahnten Genüsse ... seine Blödheiten ...« Von Beisiegl blickte in eine Auslage, als spräche er von Sardinen. »Ein Messerstich durch die Brust, so daß die Spitze aus dem Rücken ragt, kann zum Wohlgefühl werden. Es kommt nur auf die Axe an. Schon an Vormittagen auf den Terrassen der Cafés tanzen, in vornehmen Restaurants plötzlich ordinäre Lieder singen, ausnahmslos lügen, die Lügen widerrufen, aber sogleich den Widerruf, sich selber widerrufen, seine letzte Viertelstunde und seine letzte Silbe ... Das alles, meine Gnädige, kann einem etwas bedeuten.« Er schneuzte sich gleichgültig in ein blutigrotes Seidentaschentuch von übertriebener Größe. Frau Prollius drehte sich gelinde der Kopf. Aber wie wohl viele ihrer Standesgenossinnen, statt mißtrauisch zu werden, sich unzureichend vorgekommen wären, so glaubte auch sie, daß es nur an ihr läge. Fast schon kleinmütig, sagte sie: »Ihre Weltanschauung ist sehr apart, aber ...« »Weltanschauung?« Von Beisiegl lächelte wehmütig. »Immer nur ein ästhetisches Bekenntnis! Das ist stets prekär.« Frau Prollius hatte das Bedürfnis, ihm das Sprechen leichter zu machen. »Mir gegenüber nicht. Denn ich fühle, was Sie meinen.« »Wollte ich meine Weltanschauung mit Argumenten behängen, also mit Zitaten, würde ich mir den Magen verderben.« Von Beisiegl sog pfeifend an einem hohlen Zahn. »Und wollte ich, um den nötigen autoritativen Effekt zu erzielen, Zitate selber erfinden, würde ich mich eines zu großen Privatvergnügens berauben. Ich ziehe es deshalb vor, wenn man meinen Argumenten zu Leibe geht, sie mit diesem zu illustrieren.« Er machte große feuchte Tieraugen gegen den Himmel. Frau Prollius hatte sich nunmehr an alle diese Seltsamkeiten gewöhnt, ohne allzu sehr an Initiative eingebüßt zu haben. »Illustrieren Sie, Herr von Beisiegl!« »Sagen Sie Paulchen zu mir! Das stärkt mein verbogenes Herz! »Sie sollten sich nicht alles so zu Herzen nehmen ... Paulchen.« Frau Prollius glaubte plötzlich, des Rätsels Lösung zu haben. Von Beisiegl aber hob die Hand und schlug ihr schmerzhaft auf den Arm. Jäh errötend und außerstande, zu sprechen, blieb Frau Prollius stehen. Von Beisiegl blickte ihr auf den Busen. »Noch nie gab es ein besseres Mittel, etwas ad absurdum zu führen, als es mit der Hand zu tun ... Vielleicht gehen wir die Riehler Straße weiter.« Frau Prollius folgte ihm wie willenlos, da sie drei Autos hatten ausweichen müssen. Hierauf redete sie sich ein, sie sei zu wohlerzogen, um kurzerhand kehrtmachen zu dürfen. Dies um so leichter, als von Beisiegls Stimme, plötzlich in weichster Schwingung, also sich vernehmen ließ: »Auch mit mir selber verfahre ich ganz schonungslos, wenn es sich darum handelt, mich ad absurdum zu führen. Das ist sehr gut für die Psyche.« »Sie machen sich aus Perversität so schwer verständlich.« Irgendwie mußte Frau Prollius ihren Unmut entweichen lassen. »Sie sind so eitel, daß Sie tun, als wären Sie es nicht.« »Was?« Von Beisiegl rollte zornig die Augen. »Das wagen Sie mir ...?« Frau Prollius erschrak. »Verzeihen Sie ...« »Ha!« schrie von Beisiegl, so daß zwei Passanten lachend sich umwandten. »Ich bin der Allereitelste, den jemals die Erde getragen hat. Was nicht einmal dadurch, daß ich es zugebe, gemildert wird. Denn ich verzichte auf den billigen Scherz, mir einzubilden, man nivelliere seine Schwächen und Fehler, indem man sie lächelnd oder sachlich zugibt.« Frau Prollius hielt sich die Ohren zu. »Sie sind eine unerträgliche Mischung von Selbstvergötterung und Selbstbespeiung.« »Auch mein Liebesleben strotzt nur so von Blödheiten«, jammerte von Beisiegl komisch. Frau Prollius blieb nichts anderes übrig, als zu lachen, wenn sie ihren Begleiter nicht verlassen wollte. Und da sie das begreiflicher Weise längst nicht mehr vermochte, lachte sie noch lauter, um sich gleichsam zu bekräftigen. »Damit verschonen Sie mich bitte!« »Niemals!« Von Beisiegl gähnte. Frau Prollius, die vor lüsterner Neugier nichts gehört hatte, berührte seinen Arm. »Ich wollte sagen, daß Sie es mir schonend beibringen sollen.« »Schonen werde ich Sie. Denn ich bin vielleicht auch der boshafteste Mensch unter der Sonne. Obwohl ich mich noch nie für einen guten ausgegeben habe. Deshalb aber zeichnete sich mein Liebesleben durch völlige Wahllosigkeit aus und letzte Monstrositäten. Was mir auch in den Weg kam, ob Frau oder Mädchen, ob alt oder jung, ob Kokotte oder Päderast, ob Hund oder Katz ... stets versuchte ich es.« Von Beisiegl schnupfte nonchalant. »Was?« rief Frau Prollius entsetzt, »... oder Katz?« »Gelang es nicht, so ließ ich das jeweilige Lebewesen stehen und schritt zum nächsten. Gelang es, so nahm es den üblichen Verlauf ins nächste Stundenhotel, wo es in der Regel zu Prügeleien kam.« Von Beisiegls Hand wies mißbilligend zur Ruhe. »Ich reagiere nämlich auf jedes zärtliche Wort, dessen betrügerische Absicht mir klar ist, mit Schlägen. Fehlt diese, wie in Ihrem Fall, so schlage ich zur Vorsicht. Diese Behandlung ermöglicht es mir, eine aufrichtige Situation herbeizuführen. Manchmal sogar Sympathie und Anhänglichkeit. Deshalb wähle ich stets die miserable Behandlung als den sichersten Weg zum Herzen des Weibes. Den zu Ihrem gedenke ich jedoch überhaupt nicht einzuschlagen, weil ich Ihre Bekanntschaft zu regulär gemacht habe.« Frau Prollius wußte nicht, wie ihr geschah. Immer wieder verdroß es sie, daß sie sich noch zu wundern vermochte. Von Beisiegl lächelte geringschätzig. »Irregulär hätte ich Sie kennen gelernt, wenn es in Mailand gewesen wäre. Dann wären Sie übrigens heute meine Frau.« Frau Prollius hatte dieselbe Empfindung, die sie einst im Schleuderwägelchen des Berliner Lunaparks gehabt hatte. Sie sah aus wie eine Schwerkranke. »Denn in Mailand war ich einmal auf dem äußersten Minus-qui-vive.« Von Biesiegl betonte jedes Wort bedächtig. »Ich beschloß nämlich, die erste Frau, die mir auf der Via Torino einen aufmunternden Blick widmen würde, zu heiraten. Grauen und Wollust zugleich packte mich. Mein ganzes künftiges Leben hatte ich auf eine einzige Karte gesetzt, die ich das wahnwitzige Leben ziehen lassen wollte.« Frau Prollius, die sich wieder eingefangen hatte, staunte neugierig zu ihm empor: »Toll!« Von Beisiegl atmete kaum, allem Anschein nach ob dieser Anerkennung. »Nun, diese Frau war eine Knirpsin. Im Café Biffi, in das ich sie führte, bemerkte ich, daß sie von abstoßender Häßlichkeit war. Außerdem stank sie penetrant und undefinierbar, war aber sehr gut gekleidet.« »Sie stank?« »Sie stank. Mir stieg das Blut zu Kopf. Ich hatte Moira zu sehr herausgefordert, mir zu viel zugemutet. Wortlos rannte ich davon und wollte mir eine Kugel durch den Kopf jagen.« »Aber weshalb denn nur?« »Glücklicher Weise hatte ich damals vorübergehend ein ebenso kurzes Gedächtnis wie Sie.« »Wieso?« »Mir erleichterten es allerdings Zahnschmerzen, zu vergessen, daß ich keine Karte mehr hatte.« Frau Prollius war wie außer Atem: »Keine Karte mehr?« »Die letzte hatte ich auf den aufmunternden Blick gesetzt und verloren.« Von Beisiegl hauchte das Folgende nur: »Aber obwohl ich verspielt hatte und das Recht verwirkt, zu leben, ließ ich mich dazu herbei, zu vegetieren, indem ich mich mit einjährigem Hausarrest bestrafte. Auf meine Wohnungstür schrieb ich: ›Reservato el derecho de admisión‹. Klingelte es, so öffnete ich fast nie, sondern rief: ›Il y a du monde‹. Aber das alles langweilt Sie doch sicherlich.« Frau Prollius zappelte vor Ungeduld mit allen Gliedmaßen. »Aber nein ... Es interessiert mich ganz kolossal.« »Wenn ich aber einmal öffnete ...« Von Beisiegl war ein wenig aus dem Schwung geraten. »... schmetterte ich schnell wieder die Tür zu.« Er hielt inne, als hätte er es soeben getan. »So blieb ich ein ganzes Jahr allein.« »Sie hatten ja noch Ihre Tiere«, meinte Frau Prollius ernst. Von Beisiegl verspürte einen unbezwinglichen Lachreiz, besiegte ihn aber gleichwohl spurlos. »Damals schätzte ich das nicht mehr. Ich hatte eine Gummipuppe.« Frau Prollius' Mund blieb offen, ihre Lunge gänzlich untätig. »Durch eine im Rücken angebrachte Öffnung konnte sie mit warmem Wasser gefüllt werden, so daß sie schon ein trefflich Stück Illusion zu bieten vermochte. Um so mehr, als sie in ihrem essentiellsten Teil durchaus gebrauchsfähig eingerichtet war.« Puterrot werdend, blieb Frau Prollius wie erschöpft stehen. Selbst sein Hauchen dämpfte von Beisiegl nun noch: »Nachdem ich von dem gelieferten Dutzend Wachsköpfe genug hatte, fertigte ich mir selbst welche an. Und zwar nach den Gesichtern der Schönen Mailands.« Frau Prollius mußte, wollte sie ihn verstehen, fest an ihn sich pressen. Er tat, als litte er es nur. »So hatte ich alle Begehrenswerten im Bett und in effigie benützt.« »Wie macht man denn das?« lispelte Frau Prollius. »Vorsichtig«, näselte von Beisiegl bedeutungsvoll. »Und als mein Jahr der Strafe um war ...« »In eff ... Aber wie ...« Frau Prollius fragte nicht weiter, obwohl sie unsäglich bedauerte, nicht die Unverfrorenheit dazu zu haben. »... verließ ich die Wohnung.« Von Beisiegl weidete sich an seinem Opfer. »Auf dem Tisch ließ ich einen Irrigator zurück, halb voll Wasser und darin eine Lilie. In einer Blechkiste hatte ich ein Kohlenfeuer angefacht, damit der Rauch Neugierige anlocke. Ich sah draußen in einer Verkleidung zu, wie sie über meine Puppen sich entsetzten.« Frau Prollius, die angespannt auf etwas ganz Bestimmtes zu warten schien, kränkte es, daß er nicht weiter erzählte. In plötzlich sich einstellendem Stolz aber beschränkte sie sich darauf, glühend zu ihm emporzublicken. Von Beisiegl trat brutal zur Seite, mißgestimmt darüber, daß ihm nichts mehr einfallen wollte. Frau Prollius aber, diese Qual nicht länger ertragend, platzte heraus: »Aber warum wäre ich denn sonst heute Ihre Frau?« Das war von Beisiegl völlig entfallen. Wieder verspürte er jenen unbezwinglichen Lachreiz, besiegte ihn aber gleichwohl wiederum spurlos, indem er zum Falsett überging: »Sie wären meine Frau geworden ...« Er blickte starr vor sich hin: sein Dampf war abgegeben. Da lächelte er plötzlich hämisch. Frau Prollius, nichts begreifend, als daß es sie zwang, es wissen zu wollen, sprang geradezu an ihm hoch: »Also warum denn? Warum hätten Sie mich geheiratet? Sie lächeln?« »Weil ich den zoologischen Garten sehe.« Von Beisiegl schritt mächtig aus. Frau Prollius hielt sich mühsam hinter ihm. »Also warum ... geheiratet?« Sie merkte immer noch nicht, wie albern alles war, was sie sagte und tat. »Sagen Sie Paulchen zu mir!« Von Beisiegl falsettierte unentwegt, wenn auch infolge des schnellen Gehens nicht mehr so einheitlich. »Also bitte, Paulchen, sagen Sie es mir!« »Im Zoo. Den brauche ich dazu.« »Warum? Paulchen?« »Sie werden bald sehen, wozu.« Als sie angelangt waren, winselte Frau Prollius: »Also, antworten Sie?« Von Beisiegl marschierte unbarmherzig weiter. Erst in der Nähe des Löwenhauses blieb er stehen, ergriff Frau Prollius' Hand und zog die gänzlich Widerstandslose in ein Boskett. Und mit einem Mal öffnete er mit beiden Händen weit seinen Pelzmantel, unter dem sein magerer weißer Körper in völliger Nacktheit erschien. Frau Prollius' Augen umflorten sich. Ihr Handtäschchen fiel in den Schnee. Da aber sah sie deutlich. Und was sie sah, ließ sie gell aufschreien. Wie besessen rannte sie davon. »Narziß!« röchelte von Beisiegl. »Narziß!« Dann schloß er mit zuckenden Lippen Mantel und Augen ... Bevor er das Boskett verließ, steckte er das Handtäschchen, in dem dreihundert Mark sich befanden, ein, ohne zu zögern. Die verhängnisvolle Camel Abends sechs Uhr sandte Pérez an eine Dame in Madrid eine Depesche, welche der Absicht diente, ihn endlich zu jenen letzten Innigkeiten vordringen zu lassen, welche mißgünstige Umstände bisher noch stets verhindert hatten. Edith bestellte, als sie die Depesche gelesen hatte, telefonisch für den folgenden Abend zwei Betten für den Schlafwagen (zehn Uhr zwanzig) nach Sevilla und packte, hocherfreut, sofort ihren Koffer. Der Luxuszug von Barcelona fuhr pünktlich am nächsten Morgen in den Atocha-Bahnhof in Madrid ein und barg in einem Abteil seines Schlafwagens Pérez und dessen Freundin Reinalda, die wieder loszuwerden er seit zwei Jahren vergeblich sich bemühte. Denn sie war so schlau, ihn nicht zu hörnen, weil sie es, was nur auf diese Weise völlig sicher zu erreichen war, auf eine große Abfindungssumme abgesehen hatte. Er hingegen glaubte, so vorzüglich spielte sie es ihm vor, sie liebe die Abwechslung nicht, sei anhänglich und hoffe auf eine Heirat. Wie sehr er hierin sich täuschte, wäre ihm erschreckend aufgegangen, hätte er Reinaldas Verschlagenheit gekannt, die in dem sehr aparten Grundsatz kulminierte: sich betrügen zu lassen, um selbst betrügen zu können; ja, zu diesem Zweck das Betrügen sogar nahe zu legen. Dies hatte sie auch am Tage der Abreise von Barcelona getan, da sie während des Diners bemerkt hatte, daß Pérez, obgleich jeder Grund ihm dazu zu fehlen schien, gerne kurze Zeit allein geblieben wäre. Zwar wußte sie von Ediths Existenz nichts, glaubte aber dennoch sofort an eine Frau. Deshalb schickte sie ihn nach einer Viertelstunde mit der Bitte fort, ihr rasch noch eine Schachtel Coty-Rachel zu holen. Als er wieder ins Zimmer trat, fiel ihr eine schlecht versteckte Fröhlichkeit auf und, als sie im Coupe sich installiert hatten, daß er wider alle Erfahrung das obere Bett als ruhiger und luftiger pries als das untere. Kaum nickend, meinte sie leise: »Du weißt, daß ich leichter einschlafe als du. Es macht mir also nichts aus, unten zu liegen.« »Niemals!« Pérez produzierte stürmische Galanterie. »Ich überlasse selbstverständlich dir das obere Bett.« Reinalda drückte ihm zart die Hand und schmunzelte. Pérez schloß vergnügt das abgewandte Auge. Bis zur Station Mora la Nueva, die gegen elf Uhr nachts erreicht wurde, blieb Reinaldas Kopf fast unbeweglich. Desto eifriger aber schossen ihre Augen hin und her. Da sie wußte, daß ihr nichts entgangen sein konnte, begab sie sich getrost, immerhin aber gleichzeitig mit Pérez zu Bett. Während des von geschäftlichen Besuchen erfüllten Tages in Madrid wich sie nicht von seiner Seite, nahm aber erst, als sie gegen elf Uhr nachts zum Atocha-Bahnhof zurückfuhren, wahr, daß er nervös wurde; und bald darauf im Schlafcoupé, daß er etliche Male zu oft in den Gang blickte. Bereits überzeugt, daß die zweite Nacht den Aufschluß bringen würde, schützte sie Müdigkeit vor und bestieg, nur das Kleid ausziehend und auf die Nachtfrisur verzichtend, das obere Bett. Nach zehn Minuten hörte Pérez, der so tat, als lese er, sie leise schnarchen. Trotzdem wartete er noch etwa eine halbe Stunde, bis er sie ganz fest eingeschlafen glaubte. Dann nahm er ein kleines Etui aus der Tasche. Reinalda, die so sich gelegt hatte, daß sie nur das linke Auge zu öffnen brauchte, um in dem gegenüber befindlichen Spiegel alles zu sehen, was auf dem unteren Bett sich begab, erblickte in Pérez' Hand einen in Platin gefaßten herrlichen Brillanten. Obwohl die für sie nun unanzweifelbare Tatsache, daß Pérez im Schlafwagen ein Rendez-vous mit einer Dame vereinbart hatte, ihr gleichgültig blieb, errötete sie vor Wut darüber, daß er, der seit einem Jahr ihr keine Geschenke mehr machte, ein solch wertvolles Bijou für eine andere gekauft hatte. Nachdem Pérez sich ausgezogen hatte, parfümierte er sich den nackten Körper, selbst die delikatesten Stellen, und legte ein neues seidenes Pyjama mit geradezu lächerlicher Pedanterie an. Hierauf vergewisserte er sich noch einmal Reinaldas tiefen Schlafs, bevor er hinausschlich. Kaum war die Tür geschlossen, als Reinalda schon hinuntersprang und sie vorsichtig so weit öffnete, daß sie den Kopf hindurchschieben konnte. Sie sah, zwei Coupés weiter vorne, Pérez an eine Tür klopfen, hinter der er nach wenigen Sekunden verschwand, schlüpfte in den Gang und preßte das Ohr an jene Tür. Sie hörte das verzückte Gestammel Verliebter, Küsse über Küsse, Spott über sich und Verächtliches. Stolz hob sie den Kopf und eilte zurück. Fiebernd überlegte sie. Ihr Gesicht strahlte vor Haß. Nach einer Stunde war ihr Plan fertig. Vorerst blieb ihr aber nichts übrig, als zu warten, bis Pérez zurück wäre. Er kam sehr spät und mit äußerster Vorsicht, verzehrte sein Frühstück, trank die Weinflasche aus und rauchte noch eine halbe Zigarette, deren Rest er in eine Weinlake neben dem Glas fallen ließ. Kurz darauf hörte Reinalda seine tiefen regelmäßigen Atemzüge. Rasch suchte sie den Fahrplan und stellte fest, daß sie um sechs Uhr morgens in Cordoba wären. Als der Zug nach zehn Minuten hielt, zog sie so schnell wie möglich Pérez' Anzug sich an, steckte seinen Revolver ein, drückte seinen Hut tief in die Stirn und band um Mund und Nase ein Taschentuch. So eilte sie, sobald der Zug wieder fuhr, vor jenes Coupé und klopfte, mit verstellter Stimmte wispernd: »Ich bins, Miguel.« Und noch bevor Edith, die sie anfangs für Pérez gehalten hatte, hätte schreien können, drückte sie ihr den Revolver auf die nackte Brust und zischte rauh: »Es geschieht Ihnen nichts, wenn Sie freiwillig alles herausgeben.« Edith tat es, mühsam ein würgendes Schluchzen unterdrückend. Als Reinalda etwa tausend Pesetas, zwei goldene Armbänder und drei Ringe in die Tasche gesteckt hatte, forderte sie den in Platin gefaßten Brillantring, den Edith, nachdem sie ihre Verblüffung überwunden hatte, wimmernd aus ihrem Nécessaire zog. Im Nu war Reinalda aus dem Coupé, in wenigen Sätzen vor dem ihren und so rasch darin, daß Edith, obwohl sie fast sofort die Türe wieder aufgerissen hatte, den Gang leer fand. Reinalda machte aus ihrer Beute, der sie auch Pérez' Uhr und Ringe hinzufügte und dessen gesamte Barschaft, die ihre und ihren Schmuck, mit Hilfe eines Taschentuchs ein Säckchen, das sie sich geschickt um die Hüften band, so daß es ganz oben hinter ihren Beinen hing und von dem Gummigürtel gegen die Hemigloben gedrückt wurde. Hierauf legte sie sich ins Bett und wachte wider Willen, aber unsäglich triumphierend. Edith hatte sofort den Kondukteur geweckt, und als der Zug in Hornachuelos hielt, durfte niemand aussteigen. Das Vorgefallene wurde nach Los Rosales telegrafiert, wo ein Polizeikommissär mit zwei Gendarmen den Zug bestieg. Edith verschwieg ihr Beisammensein mit Pérez, berichtete alles Übrige aber wahrheitsgemäß. Als der Kommissär, der alle Coupés visierte, von ihr begleitet, zu dem von Pérez kam, wurde dieser ersucht, in den Gang zu treten. Schaudernd erkannte sie den Hut wieder, den ihr Angreifer getragen hatte, und auch der Anzug schien ihr derselbe zu sein. (Und sofort glaubte sie, nur Pérez könnte von dem Brillantring gewußt haben.) Der Kommissär, der ihre Erregung bemerkt hatte, spuckte ein bißchen und fragte scharf nach deren Ursache. Die Hand zitternd vor den Lippen, antwortete Edith, fügte aber hinzu, der Mann wäre kleiner gewesen. Da trat Reinalda unter die Tür des Coupés. »Wer ist diese Dame?« Der Kommissär rückte an seinen Brillengläsern und spuckte aus. »Meine langjährige Freundin.« Pérez, nichts Gutes ahnend, blickte verstört um sich und steckte schließlich die heiß gewordenen Hände in die Rocktaschen. Plötzlich machte er einen überraschten Ausruf. Der Kommissär fixierte ihn mißtrauisch. »Ich bin bestohlen worden. Mein Portefeuille mit sechstausend Pesetas fehlt und ...« Pérez durchsuchte aufgeregt seine Taschen. »... und meine Uhr und meine beiden Ringe.« Reinalda stieß einen kleinen Schrei aus, eilte ins Coupé zurück, tat, als durchstöbere sie ihren Koffer, und kam gerade zurecht, um den Kommissär sagen zu hören: »Wir wollen jetzt vor allem erheben, ob es im Zug noch einen Reisenden gibt, der denselben Hut hat.« »Mein Schmuck ist weg«, rief Reinalda, gegen Tränen ankämpfend. »Auch mein Geld.« Der Kommissär lächelte bissig, seine Brillengläser mit einem schmutzigen Taschentuch putzend. »Haben Sie ihren Begleiter während der Nacht das Coupé verlassen sehen?« Er spuckte ein bißchen. »Ich habe fest geschlafen.« Reinalda blickte mißbilligend auf Ediths wohlgeformten Busen und ihren abwechslungsreich gegliederten Körper. »Sie sehen sehr mitgenommen aus, Señorita.« Edith wandte sich ab, mühsam ihre zuckenden Muskeln zügelnd. Ihr Rücken bebte, als sie dem Kommissär folgte. Sobald sie wieder allein waren, setzte Pérez völlig ratlos sich auf das Bett und lamentierte: »So etwas ... Und gerade ... Und dann derselbe Hut ... Wenn nun niemand im Zug denselben Hut hat?« Reinalda gluckste traurig. »Und zu allem Unglück sind wir auch noch ohne Geld.« Ihre Linke verließ seine Schulter, die sie eben noch geklopft hatte. »Aber wirklich seltsam ist es, daß er auch einen ähnlichen Anzug hatte. Und daß dieses ordinäre Weibsstück ihm die Tür aufgemacht hat.« Unüberlegter Weise blickte Pérez zornig auf. Schnell aber heuchelte er ein Gähnen. »Du kennst doch diese Frau gar nicht. Sie sieht immerhin distinguiert aus.« »Du nimmst sie in Schutz, obwohl sie dich belastet hat? Du bist kühn, mein Lieber.« Reinalda pfiff, den Kopf schüttelnd. »Er hat doch aber denselben Hut gehabt!« Diese Begründung, von der Pérez glaubte, daß sie nicht zutraf, deuchte ihn gleichwohl so plausibel, daß er sie noch übertrieb: »Sie hatte also die Verpflichtung, gleichsam an einem Modell dem Kommissär die Arbeit zu erleichtern.« Solcher Narrensprünge ist das normalste menschliche Gehirn fähig, wenn es um seine privatesten Interessen geht. Reinalda dachte sich: ›Du bist ein Rindvieh‹. Laut aber sagte sie: »Diese Person hat auf ein Klopfen hin geöffnet. Das habe ich sie sagen hören. Wer wird denn nachts dem Erstbesten die Schlafwagentür aufmachen? Eine sehr verdächtige Angabe!« Sie starrte wie jemand, der im Reden findet, was schärfstes Nachdenken ihm nicht eingebracht hätte. Pérez spielte, immer unruhiger werdend, mit einem Ohr und vermied es, aufzublicken. »Es könnte doch auch der Kondukteur ...« »Aoh! Der klopft nicht, sondern öffnet ein bißchen und spricht durch die Spalte.« Pérez war aufgesprungen. »Was geht das alles uns an?« Reinalda rieb mit der Faust seinen Arm. »Sehr viel, wenn du dein Geld und deinen Schmuck wiederhaben willst.« Sie stieß ihn auf den Fußknöchel, um ihn mit der Frage zu überrumpeln: »Besitzt du einen Revolver?« Pérez' Augen, die der heftige Schmerz unter Wasser gesetzt hatte, gingen im Kreis. »Ja. Was willst du denn ...« Reinalda steckte einen Finger zwischen die Zähne. »Hast du ihn mitgenommen?« Pérez, völlig verwirrt, erbleichte, ohne noch zu wissen weshalb. »Ja. Ich will ...« Er nahm hastig seinen Revolver aus dem Koffer. In diesem Augenblick kam der Kommissär zurück und erklärte, daß im ganzen Zug kein Passagier denselben Hut habe wie Pérez. »Ist das Ihre Waffe?« Pérez ließ sie sich aus der Hand nehmen. Der Kommissär hielt sie sofort Edith hin. »Erkennen Sie sie wieder?« Edith erkannte sie auf den ersten Blick. Sowohl der Kommissär wie auch Pérez sahen diesen Blick. Da richtete Edith die Augen weit und wunderlich auf Pérez, der vor diesem Blick erschrak. Auch dieses Erschrecken sah der Kommissär. Aber auch Pérez hatte bemerkt, daß er es gesehen hatte. Mit einem Mal erkannte er die Größe der Gefahr. Alle seine Sinne spannten sich aufs Äußerste. Und da sah er auch schon eine rettende Möglichkeit und stürmte auf sie zu: »Bevor Sie behaupten, daß kein Passagier einen solchen Hut hat wie ich, müssen Sie sämtliche Gepäckstücke revidieren. Wenn Sie nichts finden, müssen Sie die Strecke absuchen lassen. Und bleibt das ergebnislos, muß man festzustellen trachten, ob der Hut nicht vielleicht in einer Toilette verbrannt wurde.« Der Kommissär lächelte erfahren. »Das ist in der Tat richtig. Und es ist interessant, was für verdächtige Einfälle Sie haben.« »Verdächtig? Das ist man schon, wenn man nicht so dumm ist wie die anderen«, entfuhr es Pérez, der es sogleich gerne ungesagt gewußt hätte. »Wir sind zu professionellem Mißtrauen verpflichtet und Sie zur Höflichkeit.« Der Kommissär stand da, als würde er um sich selber trauern. »Wir wollen uns also an den Revolver halten.« Er wandte sich an Edith: »Sie erkennen doch diese Waffe wieder?« Edith war längst entschlossen, zu leugnen. »Aber nein. Der Bandit hatte doch einen Browning.« Der Kommissär schaute sie durchbohrend an. »Warum lügen Sie?« Seine Stimme gehabte sich, als wüßte er, warum sie gelogen hatte. In Wirklichkeit stand er vor einem Rätsel. Edith wurde rot und noch röter, weil es ihr nicht gelungen war, diese Wallung zurückzudrängen. »Ich habe nicht ge ...« Der Bauch des Kommissärs erschien ihr miteins so groß, daß sie ihn verwundert betrachtete. Der Kommissär holte seinen erprobtesten Kniff hervor. Er brüllte fast vor ihrer Nase: »Sie haben die Waffe agnosziert. Sagen Sie, warum Sie es leugnen, oder ich verhafte diesen Herrn.« Edith aber durchschaute ihn, einen flehenden Blick auf Pérez richtend. Und als dieser mit einem verzweifelt fragenden erwiderte, war sie plötzlich von seiner Unschuld überzeugt. »Ihre Pflicht wäre es zuvor, Herr Kommissär, das Coupé und das Gepäck dieses Herrn zu revidieren.« Widerwärtig mit den Lippen schnalzend, betrat der Kommissär das Coupé, während Reinalda an ihm vorbei in den Gang neben Pérez eilte. »Eine sehr faule Geschichte! So habe ich mir die Feria in Sevilla nicht vorgestellt. Und in Madrid hast du auch wieder keine Geschäfte gemacht. Ein Malheur kommt immer in Gesellschaft.« Reinalda musterte Edith frech. Da lief der Kommissär in das Coupé Ediths, in dem er nur wenige Sekunden verblieb. Durch seine Dazwischenkunft wurde ein gefährliches Brio verhindert. Als er wieder erschien, schaute er drein, als wäre er eingerahmt worden. In der Linken hielt er eine Zigarette, in der Rechten drei. »Diese vier Zigaretten sind von derselben Marke wie die, welche, nur zur Hälfte geraucht, dort auf dem Fensterbrett in einer Weinlake liegt. Diese eine Zigarette hier trägt deutlich Rougespuren, die zweifellos von den Lippen dieser Dame stammen.« Er wies mit den Augen auf Edith. »Die übrigen drei zeigen diese Spuren nicht, jedoch die stärkere Pressung durch Männerlippen. Alle fünf aber sind Camel-Zigaretten, ein amerikanisches Fabrikat, das man in ganz Spanien nicht zu kaufen bekommt. Nur in Portugal sind sie im Handel.« Er fühlte sich dermaßen von sich beglückt, daß er sich bemühte, seltener auszuspucken. »Daraus geht zur Evidenz hervor, daß sowohl dieser Herr als auch diese Dame mit Leichtigkeit werden erklären können, wie sie zu diesen Zigaretten gekommen sind.« Pérez' Herz schlug bis in den Hals. Es war ihm, als wanke alles rings um ihn. Endlich faßte er sich zitternd: »Ein Geschäftsfreund aus Lissabon hat mir ...« Der Kommissär wandte sich höhnisch grinsend an Edith, deren Kopf ein verneinendes Zeichen machte, und psalmodierte: »Es ist außer Zweifel, daß dieser Herr Ihnen heute Nacht in Ihrem Coupé eine seiner Zigaretten angeboten und dort drei davon geraucht hat.« Er spuckte nun doch wieder ein bißchen. Reinalda schüttelte die Fäuste vor Pérez' Augen. »Oh, du niederträchtiger Schurke! Seit drei Jahren belogen und betrogen! Schändlich ist das!« Der Kommissär wies sie grob, aber nicht ganz ohne Anteilnahme zurecht. Dann wandte er sich wieder an Pérez: »Wie lange waren Sie im Coupé dieser Dame?« Perez marterte schweigend seine Lippen. »Zumindest die Zeit, um drei Zigaretten zu rauchen. Dann kehrten Sie zu Ihrer vertrauensselig schlafenden Freundin zurück und bestahlen sie. Und zur Irreführung der Behörde – sich selber.« »Je absurder, desto leichter verfällt man darauf.« »Ob meine Annahme so absurd ist, wird Ihre Vermögenslage erweisen, die sicherlich schlecht ist.« Der Kommissär nieste explodierend. »Und dann machten Sie also Ihren Coup. In diesem Anzug. In diesem Hut. Mit diesem Revolver. Als Sie zurückkamen, rauchten Sie noch, glücklicherweise, eine Camel. Die wurde Ihnen verhängnisvoll. Der Indizienbeweis ist komplett. Sie sind verhaftet.« Ohne daß er dessen sich versah, hatte Pérez miteins Handschellen um die Gelenke. »Ihre Beute werden wir finden«, höhnte der Kommissär, während er ihn, der in unerträglich wühlender Pein nicht aufzublicken wagte, den beiden Gendarmen übergab, die ihn abseits führten. »Niemand darf in Sevilla den Zug verlassen«, rief er den Bahnbeamten zu. »Nur diese beiden Damen.« Er spuckte heftig aus. Als nach wenigen Minuten der Zug in Sevilla hielt, verließ Reinalda ihr Coupé. Gleichzeitig trat Edith aus dem ihren. Schweigend maßen sie einander. Da aber fiel Edith ein, daß sie ja beide auf scheußliche Weise betrogen worden waren, und reichte ihr die Hand. Reinalda ergriff sie und drückte sie fest. Aber Edith war es, als wäre ihr Lächeln nicht bloß liebenswürdig gewesen, sondern auch ein wenig häßlich, fast teuflisch. Auch später, während der Gerichtsverhandlung, in der Pérez auf Grund des kompletten Indizienbeweises zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wurde, fiel ihr dieses Lächeln oft ein. Sie wußte jedoch nichts mit ihm anzufangen. Reinalda aber genoß, ohne die geringste Gewissensqual zu empfinden, ihre Freiheit und ihre Rache. Und nicht nur ihre Beute, sondern auch die Abfindungssumme, welche das Gericht ihr zugesprochen hatte. Freilich nicht in der von ihr geforderten Höhe. Das Loch in der Weste Es war sechs Uhr nachmittags, als Vinzeriche den Tea Room ABC in der York Street betrat. Er setzte sich ganz hinten in eine Ecke und wartete. Da trat er auch schon ein. Es war ein schlecht gekleideter junger Mann, der einen fadenscheinig gewordenen Trump trug, ein ›Brettchen› mit daran fixiertem Kragen und schwarzer Krawatte. Das Gesicht, das allein Vinzeriche veranlaßt hatte, in den Tea Room einzutreten, war fast unnatürlich mager und das eines ungewöhnlichen Menschen. Daß der junge Mann ihm gefolgt war, bewies zwar noch nichts: wieviele der unwahrscheinlichsten und schillerndsten Schein-Situationen hatte Vinzeriche nicht schon erlebt; hier aber, in diesem entlegenen Lokal,würde es sich bald eindeutig zeigen, ob ... Der junge Mann trat an den zweitnächsten Tisch. Miteins aber schien er eines andern sich zu besinnen und setzte sich an den Nebentisch, Vinzeriche schräg gegenüber. Dieser wollte es immer noch nicht glauben, obwohl es nach diesem geradezu schulmäßigen Manöver schon schwer war. Die Kellnerin kam. Vinzeriche bestellte. Der junge Mann genau dasselbe. ›Das zweite Manöver‹. Aber Vinzeriche wartete immer noch. Nachdem serviert worden war, versuchte er, die Entscheidung zu beschleunigen, indem er mehrmals gähnte und mit den Fingern auf den Tisch trommelte. Aber es geschah nichts. Er wunderte sich. Und vergegenwärtigte sich sofort sämtliche Beobachtungen, die er gemacht hatte, seitdem der junge Mann ihm gefolgt war. Aber es war das tausendmal gesehene Bild gewesen. Plötzlich hörte er die Stimme. Er vernahm jedoch keines der Worte. Er hörte nur diese klare, dunkel vibrierende Stimme, die, während sie seinem Ohr den erwarteten Gegenbeweis zu liefern schien, eben dadurch, daß er sie überhaupt hörte, bewies, daß trotz ihr derjenige, dem sie zugehörte, ein ... Vinzeriche gab sich innerlich einen Ruck: der junge Mann sprach ja noch immer, sprach mit ihm. Und sprach – deutsch. »... Ihr Schweigen mich vermuten läßt, daß Sie nichts dagegen haben.« Der junge Mann trug sein Tee-Tablett zum Tisch Vinzeriches und setzte sich neben ihm auf die Rohrbank, sofort weitersprechend: »Sie haben sogleich, als Sie mich hinter sich erblickten, gewußt, was ich bin. Ich übernahm Sie in der Shaftesbury Avenue und fuhr neben Ihnen in die Underground hinunter. Bei der Trafalgar Square Station setzte ich mich neben Sie. Und von diesem Augenblick an hatte ich die Absicht, Ihnen zu sagen, was ich Ihnen jetzt ... Denn Ihr Gesicht kann nicht ... Ein gemeiner Verbrecher sieht ganz anders aus. Ich bin freilich erst ein halbes Jahr dabei ... aber ich ...« Seine Finger verkrampften sich ineinander. Ein fast grotesk banges, halb irres Lächeln sprang um seine Lippen. Seine Augen tränten und wurden undeutlich. Vinzeriche blickte sie fest an. Als er sie wieder deutlich sah, war es ihm, als fröre jenes Lächeln gleichsam ein: die Zähne blieben getrennt, kein Atem passierte sie. Vinzeriche blickte auf die Hände: sie waren knochig, nervig, wenn auch sehr schmutzig, und vervollständigten in ihrer schlanken Geschlossenheit den Eindruck dieses Menschen. »Ich ...« Der junge Mann strich sich die Haare aus der Stirn, nahm mit zitternder Hand einen Schluck Tee und wischte sich mit einem Finger den Mund ab. »Es war mir eine Erleichterung, daß ich mit Ihnen würde deutsch sprechen können. Aber die Hauptsache war doch Ihr Gesicht. Ich habe mir gesagt: der – oder du findest nie wieder einen. Bitte schauen Sie mich nicht an! Ich kann sonst nicht weitersprechen. Thank you.« Er nahm abermals einen Schluck Tee. Es schien, als müßte er ihn hinunterwürgen. Dann holte er sich ein Päckchen aus der Tasche und zündete sich mit immer noch zitternder Hand eine Lucky Dream an. »Ja ... Ich habe ... Und ich will Ihnen jetzt also sagen, wie ich dazu gekommen bin. Ich werde Sie nicht mit Überflüssigkeiten langweilen. Meine Eltern sind mit mir aus Deutschland herübergekommen, als ich zwölf Jahre alt war, und starben nach zwei Monaten durch einen Unfall in der Fabrik. Nicht einen Debbish haben sie mir hinterlassen. Aber London ist groß und die Abfälle liegen auf der Straße. Und nachts schlief ich mal da, mal dort. Ich habe sogar noch mehr gefunden, als ich brauchte. Zeitungen und Broschüren. Oft sogar Deutsches. Und dann habe ich stundenlang gelesen. Ich mag Zeitungen sehr. Denn so ist die Welt. Verlogen und böse. Und man kann sie nicht besser machen. Denn das Leben ist ein Krieg. Und wenn die Zeitungen nicht wären, würde ein Krieg nicht einen Tag später kommen. Man müßte die Regierungen abschaffen und die Polizei. Aber dann kommt die Anarchie. Denn die Welt ist böse. Ich habe mich schon oft gefragt, warum. Ich weiß nur, daß es immer so sein wird. Denn ich bin auch böse. Und jeder Nächste ist mein Feind ... O, beg your pardon ... Ich bin ganz anderswohin gekommen ... Glauben Sie mir bitte, daß ich mit diesem Leben zufrieden war. Es war mir lieber als das, das ich bei meinen Eltern geführt hatte. Aber da wurde ich einmal aufgegriffen. In der Holland Road Avenue vor der Castle Bar. Das war ja nun für einen so abgerissenen Jungen wie mich eine auffallende Gegend. Der Rozzer, der mich mitnahm, hat mich schon unterwegs ausgefragt. Hätte ich gewußt, was ich heute weiß, ich hätte ihm etwas vorgelogen und er hätte mich wieder laufen lassen. Die Nacht lag ich im Clink. Am nächsten Morgen gaben sie mir einen Sixpence und ließen mich hinaus. Jede Woche griffen sie mich nun anderswo auf. Und immer am Morgen einen Sixpence. Da hat einmal einer im Clink mit mir zu reden angefangen. Er redete die halbe Nacht. Damals habe ich schon geahnt, daß sie nicht mehr locker lassen würden, und versteckte mich nun immer, so gut ich konnte. Es dauerte auch fast vier Wochen. Aber diesmal nahmen sie mein Maß, die Fingerabdrücke und photographierten mich. Und immer öfter hatten sie mich jetzt. Und immer übler wurde es im Clink. Da blieb mir nichts anderes übrig als die Arbeit. Aber ich wurde überall weggeschickt. Ich merkte jedoch bald, daß man sie beeinflußt hatte. Denn oft, wenn ich schnell hineinlief und sogleich meine Bitte herunterstotterte, sagte man freundlich ja. Und wenn ich später zum Antritt wiederkam, sagten sie nein. Die von der Station hintertrieben es immer wieder. Sie hielten mich wohl für verwendbar. Ich sprach deutsch. Und da sie alles über mich wußten ... keine Verwandten, keine Freunde, kein Vormund, nicht einmal Bekanntschaften ... ein vogelfreier Londoner Vagabund ... da ließen sie nicht mehr locker. Was hätte ich in dieser Lage tun können? Aus London fliehen? Zweimal war ich noch nicht über die Stadt hinaus, da hatten sie mich schon. Das dritte Mal kam ich in einem Holzwagon bis Harwich. Aber am Hafen klaubten sie mich auf. Da habe ich es aufgegeben. Vom Morgen bis in die Nacht gehetzt zu werden wie ein wildes Tier, das hatte ich satt. Der Mensch ist nicht geschaffen, ein böses Schicksal, das er nicht ändern kann, lange zu ertragen. Er redet sich dann ein, daß er ja, wenn er auch tut, was seine Feinde wollen, später einmal doch wieder wird tun können, was er will. Und so fällt er hinein. So bin ich hineingefallen. Und mit fünfzehn ein halb Jahren ein Rozzers-Nark geworden, ein Ghoul.« Er legte die Zigarette, die längst ausgegangen war, auf die Untertasse, strich sich nervös die Haare aus der Stirn und wandte den Kopf ab. Vinzeriche saß unbeweglich da. Er ließ diese Stimme in sich nachklingen. Sie war die schönste, die er seit Jahren gehört hatte. Und diese Geschichte die merkwürdigste. Mit einem Blick auf die neben ihm zuckende Wange vergewisserte er sich, daß die Bereitschaft des jungen Mannes, weiterzusprechen, ungebrochen war. Ein kurzes Klirren. Irgend jemand hatte ein Geldstück in das mechanische Klavier geworfen, das ›Destiny‹ zu spielen begann. »Wie alt sind Sie jetzt?« Vinzeriche wünschte das Hemmende dieser Musik aufzuheben. »Sechzehn.« Der junge Mann zündete sich die Zigarette wieder an und schien auf die Musik zu lauschen. Plötzlich zuckte er zusammen. Dann hüstelte er verlegen, während er das Tischtuch zurechtzupfte. »Sehr unangenehm diese Musik. Sie macht die Situation unklar. Ich mag überhaupt Musik nicht. Sie paßt nie dazu. Es ist eine Spielerei.« Sein Gesicht dehnte sich gequält. »Ich hatte gehofft, ich würde es ein paar Jahre aushalten und dann wohl eine Gelegenheit finden. Aber schon nach vierzehn Tagen hielt ich es nicht mehr aus und von einer Gelegenheit keine Spur. Und jetzt bin ich schon ein halbes Jahr dabei, mir ist zum Kotzen übel von allem und ... Und als ich Sie da in der Underground von der Seite her betrachtete ... Ich wußte doch, wer Sie sind: der geschickteste Kerl, der jemals die Ghouls an der Nase herumführte ... Da habe ich mir also gesagt: der – oder du findest nie wieder einen. Und was wissen sie schon von ihm? Nichts als daß er deutscher Abstammung ist und einer der gefährlichsten und waghalsigsten Verbrecher sein soll. Und wenn Sie es wirklich wären? Ich habe genug gelesen und erlebt und weiß, daß die Gesetze und die Moral von den Machthabern gemacht werden. Zum Schutz vor der Massenkonkurrenz. Und die Polizei ist ihnen so wichtig, weil sie die Vorsehung spielt. Ohne die Polizei gäbe es keine Religion, sondern Anarchie. Eine Institution, die das äußerste Gegenteil dessen ist, was sie aufrecht zu erhalten hilft, lenkt die Geschicke eines Landes. Die Anarchie im Staate! Und dieser Trottel von Bürger glaubt an den lieben Gott oder sich unabhängig oder ein Höhenmensch, der in Geist und Güte schwimmt. Was für Trottel! Man braucht doch nur die Nüstern zur Tür hinauszustecken, um zu riechen, daß alle Welt böse ist. Was war Napoleon? Ein Anarchist. Und Metternich? Ein Polizist. Und was ist Lloyd George? Ein Intrigant. Was dasselbe ist. Ich sage das alles nicht so, wie ich möchte. Aber ich bin zu nervös, und die Musik ist so unerträglich. Wenn ich innerlich vor mich hin rede, da erscheint mir alles sehr klar herausgebracht ... und jetzt plötzlich kommt mir alles so klobig vor.« Er schleuderte die Zigarette zu Boden und versuchte, sich nicht zu ärgern. Sein schmaler Mund und das spitze Kinn bewegten sich. Vinzeriche sah, daß er bald lächeln würde. Deshalb blickte er wieder vor sich hin und verzichtete darauf, etwas Aufmunterndes zu sagen, wohl wissend, daß bei Bekenntnissen saugendes Schweigen das klügste Verhalten ist. »Also und ...« Der junge Mann lächelte. »Also wie ich Sie da so neben mir sah in der Underground ... Sie haben ein ganz unglaubliches Gesicht ... Es ist halb ... halb ... Ich kann es nicht sagen. Ausgesprochen, wäre es schon dumm.« Seine Augen gingen zur Seite, um ein Echo seiner Worte sich zu holen. Da es nicht kam, blickte er wieder geradeaus und sprach, wiewohl er bereits lebhafter und zutraulicher geworden war, nun leise und stockend. »Sie sind ja auch bloß maßlos verdächtig. Sie haben ein vierbändiges Dossier. Einbrecher sollen Sie sein, Falschmünzer, Frauenausbeuter, Eisenbahnräuber ... Es reißt gar nicht ab. Und da habe ich mir also gesagt: er ist entweder alles, dessen sie ihn verdächtigen, und noch viel mehr, oder gar nichts von alledem, sondern etwas ganz anderes, ganz Ungewöhnliches, ganz Überragendes. Und dann kann er dir helfen. Und da habe ich es auch schon ganz sicher gewußt: der – und kein anderer! So. Jetzt ist alles heraus. Beg your pardon ...« Er hörte aber nur auf, zu sprechen, weil es ihm war, als wäre jedes weitere Wort zu viel. Als er sich jedoch schweigen hörte, merkte er, daß er bloß nicht mehr hatte weitersprechen wollen. Er drehte sich Vinzeriche zu und blickte ihn offen an. Der wandte langsam den Kopf. Er wußte, daß ein langer Blick oft nicht vergeblich ist. Wenn er auch nichts Unumstößliches zu finden vermag, so wird er doch oft zur Warnung oder Ermutigung. Aber Vinzeriche war zu lange durch die Schule des Kampfes und der Niedertracht gegangen, um nicht zu wissen, daß das erst hinterher zu zählen vermochte; daß es gerade in diesem Fall, der ein seltenes Musterbeispiel von Doppelspiel sein konnte, lediglich als Anfang genommen werden durfte und beileibe nicht als das Ganze. ›Warten, warten und nicht schließen!‹ Er legte die Hände ineinander und so auf den Tisch. »Sie glauben zweierlei: den Mann vor sich zu haben, der alles, was Sie sagten, für aufrichtig zu halten vermöchte; und der imstande wäre, Sie vor der Polizei zu verbergen. Ists nicht so?« Der junge Mann nickte ernst. »Ja. Und selbst wenn er von meiner Aufrichtigkeit nicht überzeugt wäre. Denn ein Mann wie Sie kann doch nur glauben, was ihm klipp und klar bewiesen wird. Aber Sie haben fünfzehn Jahre lang allen Ghouls getrotzt. Da dürfen Sie es wohl wagen, einem armen Schlucker wie mir trotzdem zu helfen.« Vinzeriche hatte die Absicht gehabt, ihn nicht mehr anzublicken, sondern lediglich noch einige Fragen zu stellen. Gleichwohl sah er wieder auf. Unterwegs aber war sein Blick von einem weißen runden Fleck, der sich bewegte, abgelenkt worden. Der runde Fleck war ein Loch in der Weste des jungen Mannes. Das Weiß war dessen Haut. Und was sich bewegte ... Vinzeriche sah genauer hin: der Fleck war dort, wo das Herz sich befinden mußte ... Was so schnell und deutlich sich bewegte, war das pochende Herz des jungen Mannes. Das mechanische Klavier ging in ein häßliches Rasseln über und stand dann still. Vinzeriche preßte seine Hände zwischen die Schenkel, so sehr erregte ihn, was er gesehen hatte. Die scheinbar so meisterlich beherrschte Aufregung des jungen Mannes war eine um vieles stärkere Ermutigung; sie konnte aber auch die desjenigen sein, der sein Schicksal in die gefährliche Hand eines andern gegeben hat; oder dessen, der weiß, daß er eine gute Karriere vor sich hat, wenn es ihm gelänge, das Vertrauen eines der größten Verbrecher zu gewinnen. Vinzeriche schloß die Augen: er hatte es schon in Fällen, die weitaus unsicherer waren, gewagt. »All right. Leeren Sie Ihre Taschen aus!« Der junge Mann saß etwa fünf Sekunden verwirrt. Dann flogen seine Hände in die Taschen, deren kläglicher Inhalt im Nu auf dem Tisch lag. »Und einen Browning habe ich«, sagte er leise. »Es ist am besten, Sie nehmen ihn selbst.« Vinzeriche, mit dem Kopf ablehnend, las die Polizeikarte unter Zelluloid. »Felix Igelski. Ist das Ihr richtiger Name?« »Alles stimmt. Und ich bin nie widerspenstig und kann drei Tage ohne Essen bleiben und ...« »Stecken Sie das Zeug wieder ein! Sie gehen mir bis Ecke Waterloo Road-Stamford Street nach. Ich werde es kurz machen, damit Sie mich nicht abgeben müssen. Das Weitere wird sich finden. Good bye.« Vinzeriche ging, ohne ihm die Hand zu reichen. An der Tür wandte er sich noch einmal um. Igelski saß mit schiefem Rücken bewegungslos auf seinem Platz. Das Kinn lag auf der Brust. Das Loch in der Weste war unsichtbar. Vinzeriche stand schon auf der Straße, als ihm einfiel, daß er es nicht mehr gesehen hatte, weil Igelskis Hand darauf gedrückt war. Er zuckte mit der Oberlippe, schritt weit aus und pfiff einen alten Rag. Nach einiger Zeit knurrte er vor sich hin: »Wenn aber das Ganze doch Theater war ... dann wehe dir, mein Igelski!« Dem Andenken von Francis Bough Übersee Ella war aus Eberswalde, gleichwohl aber auf Abwege geraten, die sie sogar bis nach Pernambuco geführt hatten. Hier litt sie plötzlich unter Heimweh; mehr wohl infolge des sehr unnoblen Verhaltens ihres brasilianischen Freundes als der Fremdartigkeit der Stadt. Deshalb lehnte sie jede Männerbekanntschaft, die nicht schon optisch die Aussicht auf eine Rückreise nach Europa zuließ, energisch ab; unter andern auch einen jungen Luxemburger, der nicht nur elegant und ein begehrenswerter Mann war, sondern auch mit auffälliger Hartnäckigkeit sich aufdrängte. Denn Ella, seit langem wissend, daß deran mit Vorzügen ausgestattete Herren nur schwer zu größeren Ausgaben zu bewegen sind, blieb unbarmherzig: »Nee, nich zu machen!« Finnenbing hatte bisher französisch gesprochen. »Das ist ja großartig! Deutsch ist meine Muttersprache.« ›Schon aus‹, dachte sich Ella und lief davon. Finnenbing jedoch, an seine Wirkung glaubend, hatte sie bereits am Schirm. »Aber was haben Sie denn nur?« »Heimweh!« »Na, da rutschen Sie eben mit dem nächsten Kasten zurück.« »Danke. Aba det wa mia keen Jeheimnis.« »Exquis! Wenn Sie wollen, fahre ich sogar früher nach Europa.« »Ik will. Dann bin ik Ihn endlich los.« Finnenbing betrachtete sie entzückt. »Ich nehme Sie mit. Abgemacht!« Aber Ella war überzeugt, daß er es nur versprochen hatte, um das nähere Ziel zu erreichen. »Bei mia könnse keen Blumtopp jewinn. Da müssense neunzehn trudeln.« »Ich bin bereit, zu trudeln.« Finnenbing streichelte ihren nackten Unterarm. Ella hinderte ihn daran. »Hering mit Schlagsahne!« Ihr Widerstand reizte Finnenbing, Ernst zu machen. »Rechts um die Ecke ist die Royal Mail. Rua de Bon Jesus.« Ella stutzte, hoffnungsvoll die Waden durchdrückend. »Wann jeht denn der nächste Dampfa?« »Aber das hat doch noch Zeit.« »Jawoll, für Ihn, aba nich fier mich.« Schließlich aßen sie doch Hering mit Schlagsahne und nach einem umständlichen Lunch Emmentaler mit Himbeerkonfitür. Woraufhin Finnenbing, das nähere Ziel betreffend, dringlicher wurde. Ella aber schickte ihn nach der Kabine und ließ, fest entschlossen, erst auf dem Schiff die erwartete Gegenleistung zu effektuieren, vorsichtshalber sich das Ticket aushändigen. Finnenbing mußte unverrichteter Dinge wieder abziehen und vier Tage lang in Ellas Gesellschaft auf die ›Arcadian‹ warten. Obwohl er unterdessen immer mehr sich entflammte, wurde er im selben Maße mißtrauischer. Denn Ella gewährte nicht den flüchtigsten Kuß und durchkreuzte seine Konversation gleich einer raffinierten Gaunerin. Und am Tag vor der Einschiffung war es so weit mit ihm, daß er am liebsten die Office gebeten hätte, ihn umzubetten. Aber auch Ella hatte von ihrem Partner nichts erfahren können. Daß er für eine belgische Automobilfabrik reise, widersprach seinen Gepflogenheiten. Das hatte ihre Zurückhaltung verschärft und die Vermutung, ihr blendender Kavalier könne vielleicht nur ein Abenteurer sein. Ella war entschlossen, einmal auf dem Schiff, die Kabine nicht mit ihm zu teilen. Beim Lotsenboot verfehlten sie einander. Finnenbing, der mit dem zweiten Boot kam, hatte vorsichtiger Weise die Nummer der Kabine sich notiert. Als er sie betrat, packte Ella schon aus. Beide betrachteten einander mit unmißverständlichem Mißbehagen, das, weil das Schiff bis auf den letzten Platz besetzt war, zu einem deutlichen Ingrimm sich verdichtete. Da sie aber von der neuen Umgebung, dem Erregenden der Abreise und der scharfen Meerluft mit gesteigerter Lebensfreude erfüllt wurden, ging in ihnen, als sie backbords einander begegneten, fast gleichzeitig dasselbe vor: sie beschlossen stillschweigend, ihr Unbehagen wegen der gemeinsamen Schlafstätte zu ignorieren. Lächelnd und plaudernd schlenderten sie über Deck. Als das Schiff zu beben begann, klatschte Ella in die Hände, und Finnenbings Entzücken der ersten Tage kehrte wieder; aber auch sein Wunsch, Ella auf den Grund zu bücken. Doch während er sämtliche Sonden, über die er verfügte, bereits resultatlos angesetzt hatte, erinnerte sich Ella, der es gleich ihm erging, an den Kniffeines schwedischen Pelzhändlers, der, um sie zu aufschlußreichen Bekenntnissen zu bestimmen, spontan Privatestes, das später als erlogen sich herausstellte, vor ihr ausgebreitet hatte, nach dem Rezept: ›Sprichst du vom Mausen, so wird der andere, wenn er maust, auch vom Mausen sprechen‹ Ella, den kleinen Finger zwischen die Zähne steckend, führte Finnenbing in eine Pelargonien-Ecke, begann, um den Übergang zu cachieren, üppigste Laune zu produzieren, und erst allmählich, von sich zu sprechen. »Also, ik will Ihn nich uff de Folta spann.« Sie heuchelte, als müsse sie erst von Wort zu Wort sich entsinnen. »Vor drei Jahre wa et jewesen. Da wa ik mit nem jewissen Fenyö in Scheveningen. Palace sin wa jewesen. Un nen Millionär aus Peru ham wa in de Arbeet jehabt. Ne kuriose Bratscholle! Die Jolanthe wa seine. Ne prachtvolle Person! Ik will ihr nich miekrich machen. Jar keen Interesse! Da sin wa also injeschritten. Denn det ham wa sofort rausjehabt, det die separiert jeschnürt werden müssen. Mia is jleich uffjefallen, det der Peruaner nie im Badekleid wa un imma janz miede dajesessen is. Nua wennt jerejnet hat, is er spornstreichs vaschwunden. Fier meen Oje war det nich bloß so vom Rejen davonjeloofen. Fenyö hat jejloobt, sie jibt ihm wat ein. Un det der Schlissel zu die janze Bindung bei ihr steckt. Un kess wie 'n Kaffer quatscht er die Jolanthe mal an, wiese jrade ausm Wasser kommt. Det müssense nämlich wissen, Finnenbing, kommste jrade ausm Wasser, biste immma unzurechnungsfähich, halb verrickt un ieberhaupt nicht janz uff de Höhe. Jleich hatse sich von dem Torpedo in de Ohren liejen lassen. Un unter uns, ausjekocht is der Junge bis uff de Fußlappen jewesen. Uff frech un unvorsichtich hat er jeschworen. Nämlich wenn Fernando, unsa Peruaner, ihm dabei jesehen hatte ... oj weh, die Pätsch! Det er jejloobt hätte, er is 'n Kommunist, so hätt er abjekriecht. Ne Stunde später hat er dann die Jolanthe een janz unjlaublichen Liebesbrief jeschriebn. Aba ik habe die Details jebremst. Un noch am selben Abend hat er ihr schon jehabt jehabt. Un ihr uff eene Achsel een scheenet Zijarettenloch hinjebrannt.« »Hinjebrannt?« Finnenbring blieb vor Überraschung der Blick aus. »Natierlich. Na also, wenn Fernando det jesehen hätte, wär jarantiert Blut jeflossen. Da is die Jolanthe, ebene Sache watse is, wie se die Bescheerung im Spiejel jesehen hat, lieba jleich mit Fenyö nach Rotterdam jeautelt. Un nachher mit die Batavier Line uff London. Na un wat wer nu ikke jemacht ham? Dreizehn hab ik mia jemacht un mia so injepuppt, det Fernando formvollendet jetröstet wa. Bei mia is er aba bald wieda jerade jegang. Von die Ermiedungstechnik, da halte ik nischt von. Da wern die Männer nua vadrießlich un fang an, an die Zukunft zu denken. Det Richtiche wa im vorliejenden Falle de Sache mitm Rejen. Se wern jleich vastehn. Der Mann hat nämlich, kurz jesacht, den Rejen jeliebt. Die faichte Luft un det Pritscheln uffm Fensterblech, det hat ihm mächtich anjerecht. Nich wiedazuerkenn wa der Mann. Na un in Schevening rejnet et ja nu unjefähr so alle drei vier Tache. Det hat mia jenücht. Un jemopst is jesund. Aba uff diese Weise wa er imma hoch in Stimmung un ik habe natierlich, wenn ik in seine Arme jelejen bin, jelejentlich mal bißken jestöhnt. Na un sonst ham wa Tango jetanzt. Schee Gastong. Oder im Trianong. Wissense, man soll die Männer ooch nich zur Besinnung komm lassen. Dann frajense zu viel, zum Beispiel, wat ik die Viertelstunde uff de Toilette mache. Un von da zu nem reellen Verdacht is nua ne Jeschwindichkeit. Eenmal warn wa in die Zentraldiele oda so. Da hat Fernando schon mit mia jetanzt, wie wenn er an een andern Planeten anjeschlossen jewesen wär. Ella is Ella. So valiebt is er jewesen. Ins Rejenströmen an meine Seite. Na, da war er nu janz feste anjemacht un hat nich mal mehr de Koffa zujesperrt. Un zwee Nächte druff bin ik mit ner sehr elastischen Ziffa rieba zu Gastong un hab mia von nem jung Holländer, der mia schon von janz zu Anfang wie 'n Blöda nachjeloofen is, nachm Haag mitnehm lassen. Een sehr vornehmes Haus uff der Maurits-Kade. Een paar Tache druff wa ik mit dem talentierten Jingling in London. Un bei Pinoli in der Ruppert Street hab ik ihm vasetzt. Denn hab ik mein Fenyö anjeklingelt un denn ham wa jezählt. Sehr lange. Denn Fenyö, könnse sich vorstellen, hatte die Jolanthe natierlich ooch noch die Zuricklejungen abjemolken.« Sie schob, die Hände unterm Nacken, den Kopf auf die Stuhllehne zurück. »Jott, wenn ik so dran denke! Nee, im Beruf bin ik nie jestorben!« Finnenbing leckte an seiner Oberlippe. Der Blick war seinen Augen zwar wiedergekommen, aber es flackerte seltsam in ihnen. Ella schwankte, ob sie es für Ironie, Berufsfreude oder Heimtücke halten sollte. Schließlich entschied sie sich dafür, daß er sich über sie lustig mache, und biß wütend an ihren Lippen. Dieweil Finnenbing mit sonor anschwellender Stimme äußerte, schon am ersten Tag geahnt zu haben, welcher Art ihr Leben wäre. Verwundert sei er nur darüber gewesen, daß sie sich eingebildet zu haben scheine, er könnte sie um ihrer schönen Augen willen nach Europa mitnehmen. Er sei nämlich auf der Flucht vor zwei Portugiesen, die ihm nach dem Leben trachteten, weil er ihnen im Café Abrazilleira, auf der Rocio in Lissabon, zehntausend Eskudos abgenommen habe und tagsdarauf einen Freund erschossen. Sie hätten gemerkt, daß er falsch gespielt habe, und ihm im Hotel Borges eine Falle gestellt. Und er, anstatt an seine Regel sich zu halten, Dupes nicht zweimal hochzunehmen, sei hingegangen, obwohl er gewußt hätte, daß er am besten täte, es nicht zu tun. Das sei überhaupt ein psychopatisches Manko seiner Natur, wider besseres Wissen zu handeln. Ellas Wangen wölbten sich kurz. »Janz jenau so is et jewesen, wie ik meine Jungfernschaft verloren habe. Ik habe ooch nich jewollt und ik habe et doch jemußt.« Finnenbing schluckte ein Grinsen, während er erklärte, dies komme davon, daß man vor Langeweile und Überdruß apathisch sei, sich dumm und taub mache, so wie einer, der halsüberkopf sein letztes Geld setze, um Schluß mit sich machen zu können. Im Hotel Borges hätte er jedoch nur auf Nichtverlieren trichiert, so daß die Gunmans aus Wut darüber, ihr Geld nicht zurückgewinnen zu können, die Revolver gezogen hätten. Er wisse heute noch nicht, wie er unverletzt aus dem Zimmer gekommen wäre; nur, daß er einen von ihnen tot darin zurückgelassen hätte. Er sei dann geflohen. Zuerst nach Vigo, dann Madrid, Barcelona, Genua, Syrakus und wieder Lissabon. Dann New York, Buenos Aires und Pernambuco. Und überall habe er gewußt, daß die beiden da seien. Die indirekten Wirkungen! Die neuen Bekanntschaften! Auch Ella habe er kurze Zeit in Verdacht gehabt, sie könnte ihm von diesen Banditen in den Weg geschickt worden sein. Da es Finnenbing war, als hätten ihre Lider unwillig gezittert, entschuldigte er sich. »Nee, nee.« Ella imitierte ein Schneuzen. »Ik bin nich beleidicht. Mein Antlitz tut bloß manchmal so.« Sie hielt seine Schauergeschichte lediglich für schlechter erfunden als die ihre. Denn wenn er wirklich wäre, wofür er sich ausgab, wäre er schwerlich so vertrauensselig gewesen. Sie hielt ihren Kniff für mißraten. Da lächelte sie mit einem Mal. Er war geglückt: Finnenbing war das, wofür er anfangs sich ausgegeben hatte. »Nu sajense mal, Sie oller Quaßler, wennse mia nu nich wejen meine schön Ojen mitjenomm ham, wejen wat denn dann?« Finnenbing, der ihre Schauergeschichte geglaubt hatte und die seine erlogen, um Ella zu bewegen, ihm davonzulaufen, ärgerte sich heftig, daß es ihm nicht gelungen war. »Wollen wir zusammen Bratschollen essen?« »Jehnse wech, Sie Suppenaufzuch!« Ella kicherte überheiter. Finnenbings Züge erschlafften gänzlich. »Sie machen sich über mich lustig.« »Janz jenau so wie Sie. Wissense, ik bin nämlich ne Klasse für sich.« »Exquis!« stöhnte Finnenbing sachte. Aber da riß Ella ihn an sich und küßte ihn minutenlang. Und nach einer Stunde lag er neben ihr in der Kabine, dachte aber trotzdem bereits darüber nach, wie er seine Begleiterin nach der Ankunft in London reibungslos entfernen könnte. Den Lunch, den Tee und auch das Dinner ließen sie sich in der Kabine servieren. Bis Mitternacht ging es in jeder Hinsicht hoch her. Erst ein peinlich komischer Zwischenfall schuf die Nachtruhe: die Luke oberhalb des Bettes hatte sich geöffnet, so daß plötzlich der Kamm einer Welle hindurchflog – mitten auf Finnenbings unbekleidetes Posterieur. Man lachte zwar, aber es war doch eine starke Abkühlung. Und da auch die Trockenlegung des Bettes sehr ernüchternd wirkte, drehte Ella nachher das Licht ab. Sie konnte jedoch so lange keinen Schlaf finden, daß alles ihr noch einmal durch den Kopf ging. Und sobald sie Finnenbing schnarchen hörte, begann sie, seine Effekten zu inspizieren. Als sie sich an seine Kleider machte, las sie im Mantel die Firma E. Bertoloni Genova, im Hut L. Garipoli Siracusa, auf der Schuhschlipfe Freire Lisboa, auf der Krawatte Budd New York, im Hemd Camiseria Caleri Madrid und im Kragen Panero Barcelona. Entgeistert ließ sie den Kragen fallen: sie zweifelte nun nicht mehr, daß sie in Gesellschaft eines von rachedurstigen Portugiesen verfolgten Falschspielers sich befand. Bis ihr einfiel, daß er ja doch auch als Automobilreisender in jenen Städten gewesen sein könnte. Auf der Suche nach seinen Agenda fand sie ein kleines Buch mit Zahlen und stenographischen Notizen. Die Achseln zuckend, huschte sie ins Bett zurück. Aber der Schlaf floh sie. Bis London. So daß sie, um ihn wieder zu finden, vor Finnenbing floh, der so froh darüber war, daß er, als sie ihm acht Tage später in Fullers Tea Room in der Victoria Street begegnete, bereits in Begleitung einer jungen Dame sich befand. Ella würgte der Neid und deshalb wiederum der Zweifel. Sie horchte den Oberkellner aus, von dem sie erfuhr, daß Finnenbing ein schrullenhafter Millionär sei und Londoner. Als sie ihn aber anderntags besuchen wollte, war er schon wieder abgereist. Auf dem Rückweg reflektierte sie ohne Unterlaß. Und plötzlich glaubte sie zu begreifen: Finnenbing hatte sie von allem Anfang an für das gehalten, was sie ihm auf dem Schiff vorgemacht hatte, und, apathisch vor Langeweile und Überdruß, trotzdem nach Europa mitgenommen. Sie schlug sich auf die Stirn: »Wie mit Steifjase wa ik uffjezojen! Jott soll schitzen, det der Mann Selbstmord bejeht! Nee, det laß ik mia een Detekk kosten. Aba een Aß.« Und da rannte sie auch schon, daß die ganze Straße lachte. Wong Fun Plötzlich stand er unter der Tür, bleich, klein, grünlich – und mit einem schwarzen Blutfaden auf der rechten Schläfe. Die Galli lief herzu, griff ihm unter die Achseln und schleifte ihn mehr, als sie ihn führte, zu einem Klubfauteuil. Alle reihten sich im Halbkreis um ihn. Spriller hielt ihm ein Glas Bowle an die Lippen, das er, gurgelnd vor Schwäche, leerte; und Molde gab ihm seine brennende Zigarette, die er in hastigen Zügen zu Ende rauchte, als hätte er diesen Genuß jahrelang entbehrt. Dann machte Spriller allen ein Zeichen, sich zu setzen; auch Mumm, der mit karbolübergossener Watte und einem Röllchen Charpie erschien. Völlig verdutzt, vermochte er nicht zu begreifen, daß niemand um Wong Funs Wunde sich kümmerte. Als aber Sprillers Hand ihn nochmals anwies, sich zu setzen, tat er es kopfschüttelnd und fast unwillig. Die Galli ließ sich jetzt seitlich neben Wong Fun niedergleiten. Ihre Augen hingen an seinen Lippen, die, schmal und blutleer, schmerzvoll sich verschoben. Alle fühlten einander atemlos warten. Aber keiner fragte. Jeder respektierte den lethargischen Zustand Wong Funs, dessen dünne straffe Lider endlich sich hoben. Die gelben starken Zähne öffneten sich: »Er hatte mich unten fast eingeholt. Ich sah, er wird sofort schießen. Werfe mich nieder. Er schießt. Ich greife unter die Brust nach der Spritze ... und dann blieb ich liegen. Zu Patmac's rannte er hinüber, um zu telefonieren. Schon war ich um die Ecke und sicher. Ak, ak.« »Das fünfte Mal.« Molde stellte sich wichtig in eine Fensternische. »Etwas Wunderbares, diese Spritze!« Die Galli wischte Wong Fun das Blut von der Schläfe. Nur ein kleiner runder Fleck blieb. »Schade, daß er wieder so nahe dem Apartment verschwunden ist.« Spriller hastete nervös auf und ab. »Das muß von heute ab unter allen Umständen vermieden werden.« Wong Fun hob sich langsam auf den Armen, ging mit zackigen Schritten auf Mumm zu und holte sich dessen Hände. »Das Blut ist gut.« Sein gedrungener, kugelrunder, dicht behaarter Kopf schien etwas erschnuppern zu wollen. »Aber zu spröde die Haut. Mehr Wasser trinken!« Mumm errötete jäh. »Verräterisches Erröten hat mein Vertrauen.« Wong Fun starrte ihm aus großer Nähe ins Gesicht. Sekundenlang. Miteins ließ er ihn stehen. »Sag, Spriller, du gibst ihm alles?« Der nickte. »Er ist neunzehn und aus Florida.« Wong Fun schaute scharf, wenn auch wie flüchtig auf Molde, dann auf die Galli und trottete, auf Möbel und Wände sich stützend, in den Korridor, allen mühselig mit der Hand winkend. »Muß eine Stunde schlafen, ak.« »Das hätte ich nicht für möglich gehalten«, flüsterte Mumm. Niemand achtete auf ihn. Sogar Issy, die ihm bereits einige Male zugelächelt hatte, trat weg von ihm und stieß das Röllchen Charpie, das ihm entfallen war, kichernd vor sich her. Mumm ärgerte sich immer noch, aus all dem nicht klug werden zu können, wiewohl nicht das kleinste Detail ihm entgangen war, kein Wort dieser sonderbaren Szenen, von denen das Rätsel der Schußwunde, die nicht behandelt werden durfte, das sonderbarste blieb, da er weder Kugelsicherheit noch irgendeine unbekannte Injektion gelten lassen konnte. Er setzte sich verkniffen, harrte aber offenen Blicks. Die Galli, deren helle spitzige Stimme ein wenig störte, ergriff Sprillers Arm. »Fritz, du bist ein ganzer Kerl!« »Vielleicht.« Spriller nahm mit beabsichtigter Zimperlichkeit seinen Arm aus ihrer Hand und führte diese steif auf eine Stuhllehne. »Aber dieses Meisterwerk von einem Unterschlupf ist nicht mein Verdienst. Wie kommt es, daß Sie das noch nicht wissen?« Die Galli schnalzte, scherzhaft ihr Gesicht hinter einem Arm verbergend. »Ihr seid ja alle so maulfaul und burlesk. Und dann bin ich erst zum zweiten Mal bei euch in London. Und diesmal noch kaum einen Tag.« Spriller schichtete vier Kissen übereinander und setzte sich darauf. »Dieses Apartment, ohne das unsere Existenz, so wie wir sie führen, unmöglich wäre, ist unter unvorstellbaren Schwierigkeiten, mit geradezu übermenschlicher Geduld und mit Hilfe grandioser Verschleierungsmanöver umgebaut und eingerichtet worden.« »Willst du damit sagen, daß du es nie zustande gebracht hättest?« Die Galli schob sich auf die Stuhllehne. »Man kennt die Grenzen seiner Fähigkeiten erst, wenn man sie erprobt hat. Weil das bei so vielen Menschen verhindert wird, sterben Hunderte als unbekannte Helden.« Spriller machte mit einer Quaste laszive Bewegungen. »Ich habe mich übrigens noch nicht ganz durchprobiert.« Mumm strahlte mit den Augen. »Erzählen Sie doch die Geschichte des Apartments!« Molde klatschte in die Hände, seinen viel zu feisten Hintern neben einer Chaiselongue niederlassend, auf die, dicht hinter ihm, Issy sich legte und ihre Beine so, daß seine großen Balkanaugen viel zu tun bekamen. Plötzlich umschlich ein blondes schönes Mädchen unhörbar Sprillers Kissensitz, um an ihm vorbei zu Mumm zu gelangen. Sie reüssierte jedoch nicht. »Hui!« Die Galli setzte neugierig die Zähne aufeinander. »Also los, Fritz! Das Apartment ...« »... gehörte dem größten Verbrecher, den London je besessen hat – Gabriel Sulbac.« Spriller ließ die Quaste fallen, ein Knie mit beiden Händen ergreifend. »Einige Sekunden vor seinem Tod schenkte er es mir. Es war in Marseille. Ich wohnte Rue National, im Hotel Nîmes. Sulbac, ohne daß ich es wußte, nebenan im Prince Hotel. Eines Abends saß ich in der ›Abeille dorée‹, als er eintrat. Ich erkannte ihn sofort. Bei einem Boxkampf im Playhouse hatte man ihn mir einmal gezeigt. Ich hatte diesen Kopf nicht vergessen, weil er so ratzekahl war.« »Drauflosgehen, das ist die ganze Weisheit«, hörte man mit einem Mal das schöne blonde Mädchen sagen. Hinterher pfiff sie leise. Spriller wandte sich erstaunt nach ihr um. »Liebe Wally, es ist erst die ganze, wenn man zuvor seine Erfahrungen konsultiert hat.« Mumm bekam unversehens einen roten Kopf und rief in Wallys blitzende Augen: »Energie ist alles! Wahnsinn! Gelder! Weh dir, wenn du ein Schwächling bist!« Issy rieb sich die Nase mit dem Handrücken. »Dieser junge Mann, der nicht von gestern ist und erst seit heute bei uns, redet schon von morgen.« Dieses Lob tat Molde mit einem hölzernen Lachen ab und einem schlechten Scherz: »Ich sehe bereits Sargbretter an seinem Podex kleben.« »Schluß mit der Regeldetri!« Die Galli schlug mit der Spitze ihres Elbogens auf die Stuhllehne. »Recht haben nur die Ereignisse. Also, Fritz!« Wally nickte, seltsam lächelnd, und versuchte noch einmal vergeblich, in Mumms Nähe zu kommen. Um sich Distanz zu schaffen, schneutzte sich Spriller. »Obwohl Sulbac sein Gesicht unglaublich geschickt verändert hatte, fühlte er sich rasch von mir erkannt, ohne daß er aber gewußt hätte, wer ich sei.« »War er häßlich?« Issy hing Molde ihre Beine auf die Schultern. »Er hatte den Kopf eines hübschen Herrschaftskutschers.« Spriller hatte so lässig geantwortet, daß er nun sicher sein konnte, nicht mehr unterbrochen zu werden. »In jenem Restaurant trat er ganz nahe an meinen Tisch, mit der Frage, ob ich ihm nicht hundert Sous leihen könnte. Nach zwei Minuten wußte er, daß er einen Kameraden vor sich hatte, und pries diesen Zufall. Denn das ganze Lokal war schon voll von Ghouls. Und auf der Straße standen sie in jedem Haustor und an jeder Ecke. Da ich mich ganz sicher gefühlt hatte, war es mir gar nicht aufgefallen. Sulbac versprach mir leise einen Patzen dafür, mich unter solchen Umständen angesprochen und dadurch der Polizei vorgesetzt zu haben. Und er hielt Wort. Als sie uns nachher im Flur des Prince Hotels zernierten, zischte er mir zu: ›Sobald ich schieße, hau dich nieder!‹ Er schoß. Die andern auch. Ich lag schon vor den Schüssen. Er fiel neben mich. Da fühlte ich es wie einen kühlen Strahl auf der Schläfe und hörte ihn ganz nahe hauchen: ›Ich bin fertig. Was auch noch kommt, mach den Toten! Aber kehr mir erst die Hose um, wenn du drei Stunden gefroren hast.‹ In diesem Augenblick kamen die Ghouls heran und schleiften uns unters Haustor. Hier sagte mir Sulbac die letzten Worte: ›Merk dir London ... Knights ... 10 und 33 ... Maudette ...‹ Im Wagen blinzelte ich vorsichtig. Niemand saß vor der Tür. Man hielt uns also für ex. Sulbac lag tot neben mir. Lächerlich, daß ein Toter so häufig demoralisierend wirkt! Obwohl ich damals erst einundzwanzig war, also überhaupt leicht zu irritieren, hatte ich doch Respekt. Damals errang ich mein Selbstbewußtsein und meine Stirne vor den Katastrophen. Wir wurden in die Leichenkammer gelegt. Furchtbar kalt wars. Drei Stunden blieb ich bewegungslos liegen. Ich parierte. Spät nach Mitternacht erst erhob ich mich. Das höre ich. Da wird die Luft dünner und das Gehör schärfer. Langsam riß ich Sulbac die Hose auf. Siebenhunderttausend! Hinauszukommen war überraschender Weise nicht schwer. Unterwegs betrachtete ich mich in einem Ladenspiegel. An meiner rechten Schläfe lief ein dicker dunkler Blutfaden hinunter, der längst geronnen war. Wie aus einem Schußloch gekommen. Sulbac hatte, selbst schon zutode getroffen, eine kleine Spritze aus der Tasche gezogen (ich hatte sie in seiner Rocktasche gefunden) und mir den roten Strahl auf die Schläfe gespritzt, um mich zu retten und mit mir sein Erbe und sein Apartment.« »Und seine letzten Worte?« Die Galli stieß, begehrlich lauschend, den Kopf weit nach vorne. Da ließ Wally gegen den Kissensitz Sprillers sich fallen, der ins Wanken geriet, aber doch noch sich zu halten vermochte. Lächelnd drohte er ihr und antwortete der Galli: »Er hatte wohl schon geahnt, daß er verloren war, und noch im Restaurant mir viel von seinem Londoner Apartment erzählt. Auch von der Art der Zugänge. Aber weder deren Lage, noch die Adresse hatte er angegeben. Vermutlich hoffte er noch bis zum letzten Augenblick. Nun aber wußte ich alles: Knightsbridge Street 10 und 33, Maudette. Das war ein Hutsalon. Nun, es dauerte fast zwei Wochen, bis ich die Schiebleisten fand.« Mumm, der mit vor Herzklopfen nassen Augen zugehört hatte, befriedigte der Schluß nicht. »Darf ich eine solche Blutspritze sehen?« Miteins bemerkte er, daß Wally ihm verstohlen winkte. Als er neben ihr stand, zwickte sie ihn schmerzhaft in die Hüfte und verließ unauffällig das Zimmer. Er folgte ihr über den Korridor in ein dunkles Zimmer, wo sie Licht machte. Wong Fun lag auf einem Sofa unter einer roten Plüschdecke. »Kommt sehr nahe, alle beide!« Er richtete sich schwerfällig auf und berichtete mit zitternder Stimme, zwischendurch immer wieder um Atem kämpfend, daß er Komödie gespielt habe und erst unten auf der Treppe gespritzt. Man habe ihm auf der Straße aufgelauert und ihn aus nächster Nähe getroffen. Die Galli sei eine Verräterin. Wenn man nicht schnell handle, sei alles verloren. Die Wunde habe nach innen geblutet. Wally weinte. »Spriller hat erzählt, wie er zu dem Apartment kam. Ich konnte es nicht hindern.« »Sie hat ihn hingehalten«, jammerte Wong Fun. »Sie darf nichts merken. Sie ist verschlagen. Könnte ein Zeichen geben. Geht hinein und ...« Er fiel erschöpft zurück. Mumm blickte starr in Wallys Pupillen. Er fühlte, als er ihre Hand hielt, daß er noch bebte. Wong Funs Augen waren nur ein kleiner Spalt. »Die feine Galli! Molde, falscher Sire! Ihr müßt es machen. Sofort! Sperrt sie in die Dunkelkammer! Geht hinein! Schlau sein! Issy herschicken!« Beide gingen, die Augen unentwegt auf ihn gerichtet; auch, als sie schon unter der Tür waren. Bald darauf kam Issy. »Fühlen Sie sich nicht gut?« Wong Fun nahm, fragend, ob sie Molde liebe, ihre Hand zwischen die seinen. »Diesen gewichsten Pomadegauner?« »Ernst sein! Antworten!« Issy wollte frech werden und zerrte an ihrer Hand. »Du mußt es sagen. Privatleben gibt es bei Spriller nicht. Hast es geschworen, Issy.« »Aber es ist doch gar nichts ...« Issy blies die Backen auf und warf den Oberkörper schnell zurück. Aber Wong Fun hielt sie fest und zwang sie. Seine Hände fühlten, wie ihr Widerstand schmolz. Wie eine Erleichterung spürte Issy es miteins von ihnen ausgehen. Halb erstaunt, halb noch böse, stieß sie den Kopf hoch. »Er hat mich vorgestern vergewaltigt. Ich war wie gierig nach der Niederlage. Ich war aber nur ...« »Hundert Jahre für dich, Issy. Denn du lügst nicht.« »Er hat mir gesagt, daß er in Rußland ein Komplott geschmiedet hat. Morgen schlagen sie los. Es würde sicherlich glücken und er von der englischen Regierung fünfzehntausend Pfund bekommen, mich heiraten und in Sidney ein Haus kaufen. Ich war aber nur sehr dumm, glaube ich.« Issy schloß, die Zunge zeigend, die Augen. Wong Funs Gesicht war wächsern geworden. Mit einer letzten qualvollen Anstrengung raffte er sich hoch und preßte die Hände auf Issys Schultern, so daß sie vor ihm in die Knie glitt. »Ak, ak. Das Komplott gegen uns ... Du wirst bald hören, was ...« Sein Kopf rutschte zur Seite. »Ak, ak ...« Er fiel nieder. Brust und Kopf hingen über das Sofa hinunter. Die Perrücke, die teilweise sich gelöst hatte, ließ eine quer über den Schädel laufende breite violette Narbe erkennen. Issy hatte Mühe, ihre Hände zu benützen. Als sie endlich stand, biß sie sich in die Finger. Da kamen alle. Einer hinter dem andern. Als Vorletzter Mumm. Hinter ihm Wally. Spriller legte Wong Funs Kopf auf das Sofa, schob die Perrücke zurecht und riß die Augen auf, um nicht gerührt zu werden. Nach einem langen Schweigen brachte er mit unsicherer Stimme heraus: »Dem haben wir unsere Freiheit zu danken. Und diesen beiden da.« Er wandte Mumm und Wally das Gesicht zu, das dankbar aussehen wollte. Ein plötzliches klebriges Ziehen in den Augen aber machte es böse und scharf. Deshalb rief er hastig: »Stop! Alles liegen und stehen lassen! Sobald ich pfeife, durch den zehner Gang ab! Dem holden Pärchen Galli-Molde werde ich auf den Knopf drücken. Sie werden hochgehen.« Alle drängten ungestüm zur Tür. »Und nun auf Wiedersehen bei Patmac's in Portsmouth!« Dem Andenken von Hector Salina Psycho-Dancing »In ein nettes Hotel hast du mich da geschickt!« »Liebe Cosma, wohnt man in einem Palace, so ist man mit Glanz verdächtig. Und wohnt man ganz minus, machen Sie sofort eine Haussuchung.« »Du willst sagen – wir !« »Dieses Hotel Bristol hat die richtige Mittellage.« »Vamos!« Cosma sprang auf, die Finger krallend. Aber Ranépos Unterarm fällte sie auf das Sofa. »Ich habe noch mit dir zu reden.« »Und ich dieses stickige Café satt. Und einiges andere auch noch.« Cosma knetete ihren Hals und begann die Kontrolle ihres Gesichtes, auf dem deplazierte Mimik mit fehlender abwechselte, zu verlieren. Ranépos Hand spielte nervös um seinen Mund. »Wir dürfen nicht zusammen auf die Straße. Hier bin ich sicher, daß wir unbeobachtet sind.« Cosma zerriß unterm Tisch eine Likörkarte. »So öde habe ich mir das Leben mit dir nicht vorgestellt.« »Auch du bist bereits ... in Belgien ...« Ranépo schüttelte seine Rechte. Cosma schlug auf den Tisch, daß das Metall ihrer Ringe erklang. »Aber nicht in ganz Europa wie du. Übrigens habe ich hier noch nicht das Geringste bemerkt.« »Infolge meiner Vorsicht. Ich gebe ja zu, daß sie unser Leben nicht heiterer macht, aber ...« Ranépo legte seine Hand auf die ihre, die vergeblich sich wand, schließlich aber doch still hielt. »Alles wäre gut, wenn du untertauchen wolltest.« Cosma machte sich, ein wenig umgänglicher werdend, an die Picatostes. »Unsere Köpfe taugen zu keiner Maske.« »Also endlos so weiter?« Cosma schleuderte, den Atem bis aufs Letzte hinausstoßend, Ranépos Hand hoch. Der kostete seinen Amontillado. »Hat man die Poli einmal in sein Kalkül aufgenommen, wird es bald, als wäre man mit dieser Betreuung auf die Welt gekommen.« »Muy bien!« zischte Cosma mit saurer Miene. »Aber wir sind nun schon zwei Wochen liiert, ohne daß du – kalkulierst.« »Spanien ist ein stilles Land.« Cosma maß ihn mit einem grauen Blick. »Kein Zweifel, ich bin mit dir hineingefallen.« Ranépo klopfte sich mit zwei Fingern auf die Brust. »Gib mir noch drei Tage Zeit.« »Morgen fahre ich.« Cosma schloß erledigend die Augen. Ranépo winkte einem alten Weib, das mit dem ›Heraldo‹ hausierte. Während er ihn las, wandte Cosma die Augen gepeinigt dem Plafond zu und versuchte, nach Atem zu ringen. Es gelang ihr; nicht aber, die Aufmerksamkeit Ranépos darauf zu lenken. Das verstimmte sie so endgültig, daß sie ihm die Zeitung aufs Gesicht schlug. Ranépo erboste sich ernstlich: »San sivela! Willst du denn gewaltsam erreichen, daß sie uns bemerken?« »Wenn ich schon mit niemandem kokettieren soll, will ich dich wenigstens ärgern.« Cosma raste mit Kopf und Händen in übernatürlicher Verzweiflung. Ranépo hielt es für unabweisbar, sie nachhaltig abzulenken. Er legte ihr, auf eine Notiz weisend, den ›Heraldo‹ auf die Knie. Cosma reckte den Hals, als quäle man sie, las dann aber doch. Als sie zu Ende war, stieß sie die Zeitung zu Boden. »Was geht das uns an? Das war eben ein Commis.« »Wahrscheinlich.« Ranépo entfaltete warnend seine Züge. »Aber trotzdem geht es uns etwas an.« Cosma stand auf, ihre Hüften pressend. Ranépos erstaunten Blick beantwortete sie mit einem verachtungstriefenden. »Soll ich vielleicht erst eine Eingabe bei dir machen, wenn ich ...?« Als sie zurückkam, lachte sie: »Weißt du, was ich draußen an der Wand gelesen habe?« »Ne.« Ranépo freute sich über ihre gute Stimmung und beging deshalb den Fehler, es zu zeigen. »Deine Definition.« Cosmas Gesicht zog sich ein, während sie sich geräuschvoll setzte. Ranépo schwieg vorsichtshalber. Endlich, sichtlich von seiner Haltung angenehm berührt, ließ Cosma sich dazu herbei: »Chulo, c'est un poiss' espagnol qui se dirige avec la ...« Sie lachte schrill auf. Wie sehr es ihn auch amüsierte, legte Ranépo ihr rasch die Hand auf den Hals. »Psst! Hast du denn nicht gelesen?« Cosma gehabte sich wie aus dem Schlaf geschreckt. »Im Heraldo: Apl Fud.« Ranépo schmatzte unliebsam. »Ein so intensiver Name, daß er allein schon dich hätte aufhorchen machen müssen.« Cosma legte die Hände ineinander, bewegte sie resigniert gegen den Bauch und schlichtete sie hierauf vernichtet in den Schoß. »Neben deiner Vergangenheit werde ich meine Lebensfreude nicht wiederfinden.« Ranépo biß die Zähne aufeinander. »Diese Notiz beweist, wie wohl ich daran tat, schon auf dem Bahnhof mich von dir zu trennen und in ein anderes Hotel zu ziehen.« Cosma tat, als schnappe sie nach etwas. »Ich warte darauf, daß du mir etwas ans Wunderbare Grenzendes servieren wirst.« Ranépo hielt an sich. Dann haspelte er es herunter: »Diese Notiz, derzufolge ein mit demselben Zug wie wir ankommender Hochstapler nach vergeblichem Widerstand verhaftet wurde, ist von A bis Z erfunden.« Cosma hing spöttisch die Oberlippe in ihren Jérez-Quina. »Und warum wurde sie erfunden?« »Die Zeitung hatte eben Stoffmangel.« »Mit dir hat man ein schweres Leben!« »Beruht ganz auf Gegenseitigkeit.« »Cosma! Das gilt doch uns! Die Kartothek ist gezogen, der Apparat läuft.« Cosma ließ das Glas los. »Du halluzinierst, Sixto.« Ranépo hielt abermals an sich. Dann hauchte er: »Apl Fud wurde erfunden, damit wir glauben sollen, die Polizei hätte keinen Dunst von unserer Anwesenheit, unvorsichtig werden und wie reine Toren in eine Falle laufen.« Mit zwei Fingern und großer Mühsal zog Cosma ein Haar aus dem Mund. Diese Beschäftigung hielt Ranépo für fingiert. »Wenn es auf dich allein ankäme, säßen wir schon drin.« »Wo wohnst du eigentlich?« »Hotel Colon. Carrera de San Jeronimo.« »In derselben Straße? Ich habe es aber nicht gesehen.« »Sehr begreiflich.« »Ich sehe wohl überhaupt nichts?« Cosma stieß ihn viermal vor die Brust. »Ich rate dir, bringe mich nicht zur Verzweiflung!« »Nur zur Vernunft würde ich dich ganz gerne bringen.« »Unterlaß das lieber, wenn du Wert darauf legst, mich wiederzusehen.« Da hielt Ranépo es nicht mehr aus. Seine Stimme wurde tonlos: »Du fährst also morgen?« Da sie nickte, ging er, ohne noch einmal sich umzuwenden. Er hatte darauf gerechnet, daß sie ihn zurückrufen und dieser Triumph es ihm erleichtern würde, sie gefügiger zu machen. Nun stand er auf der Gran Via und betrachtete, leise stöhnend, in einem Ladenspiegel sein hereingefallenes Gesicht. Naturgemäß schlug seine trübselige Stimmung bald um. Als wüßte er überhaupt nicht, was ein Marcado ist, schlenderte er durch die Menschenmenge, und als er an der Ecke der Puerta del So! dem Ex-Torero La Torre begegnete, sprach er ihn vergnügt an, ja ließ sich sogar in die Muelle mitnehmen, dem Casino der Stierkämpfer. Von hier aus telefonierte er nach drei Stunden dem Hotel Bristol, man möge, wenn die Señora Valdes zurückkomme, ihr mitteilen, daß Baron Luron sie abends im ›Alcazar‹ erwarte. Er zweifelte nicht daran, daß Cosmas Langeweile bis dahin so letal geworden wäre, sie allein sich vorwagen zu lassen. Seine Vermutung war falsch, das Resultat jedoch gleichwohl das erhoffte. Denn Cosma, die davon überzeugt war, daß die Polizei ihr einen belgischen Baron schickte, um sie ins Garn zu locken, hatte die Wut darüber, Ranépo nicht zurückgerufen zu haben, dazu gebracht, den Kampf aufzunehmen. Sie erschien in prunkvoller Toilette und war sehr erfreut, den Baron nicht vorzufinden, sondern Ranépo plötzlich neben sich zu erblicken. Nachdem dieser ihr zugeflüstert hatte, daß er über diesen Zufall sonderlich deshalb sich freue, weil ein blonder Jüngling bereits sehr mit ihr sich beschäftige, riet er ihr, Avancen zu machen und sich schnell zu orientieren; er selber wolle unterdessen versuchen, sich ein wenig zu amüsieren. »Mit Apl Fud hatte ich also recht.« Cosmas Lippen spannten sich stolz. Aber als sie sich zur Seite wandte, war Ranépo nicht mehr da, sondern der blonde Jüngling, der sie mit sanfter Gewalt an seinen Tisch führte. Nach zwei Stunden stellte Cosma fest, daß ihr Kavalier sehr routiniert sich benahm: er hatte ihr keineswegs den Hof gemacht, sondern einen Vortrag über die eigenartigen Geschlechtsbetätigungen der Javaner gehalten und hierauf resolut vorgeschlagen, wenn sie dem von ihm geleiteten diesbezüglichen Anschauungsunterricht Gäste zuführen und durch ihre Anwesenheit stimulieren wolle, ihr zwanzig Prozent der erzielten Gesamteinnahme zu überlassen. Ohne noch zugestimmt zu haben, immerhin aber über die Originalität dieses Köders erstaunt, begab Cosma sich in die Toilette. Auf dem Rückweg begegnete sie, einer stereotypen Abmachung gemäß, Ranépo, der es gleichfalls für richtig hielt, jenen Vorschlag, der zweifellos bloß die tolle Lüge eines Schüchternen sei, anzunehmen, und versprach, bald an ihren Tisch sich zu schmuggeln. Als dieses Versprechen erfüllt war, hatte er drei Herren und drei Damen aus der Umgebung rasch veranlaßt, am Tisch Platz und an dem für zwei Uhr nachts in einem Privathaus der Calle de Preciados verhießenen Anschauungsunterricht teilzunehmen. Als man daselbst in sehr würdelosem Zustand eingetroffen war, kassierte der blonde Jüngling noch auf der Treppe das Eintrittsgeld ein, 500 P. pro Kopf, und ließ erst dann die Gesellschaft in einen sehr eleganten Salon eintreten, in dem auf allen Tischen, bereits geöffnet und von Gläsern umstellt, Weine und Liköre der Gäste harrten, die, nachdem etliche Flaschen geleert waren, in einen bis zum folgenden Mittag währenden Schlaf verfielen. Nur bei Cosma wurde er unterbrochen, da Ranépo sie gegen vier Uhr in ein Auto trug, das in wenigen Minuten vor dem Hotel Colon hielt. Dessen Portier war nach Einhändigung von zwanzig Pesetas blind für den Umstand, daß Ranépo mit einer taumelnden Dame im Arm in den Lift trat ... Mit brennendem Kopf erwachte Cosma gegen neun Uhr und riß die Augen auf: »Sixto!« Sie weckte ihn rücksichtslos. »Sind wir denn immer noch in diesem Schweinestall?« »In einem andern: meinem Zimmer.« Ranepo probierte den Unterkiefer, als schmerze er. »Wie kam ich hierher?« wisperte Cosma wütend. Ranepo begann mit gewollter Langsamkeit zu erklären. »An die Autofahrt mit dir erinnere ich mich jetzt«, unterbrach ihn Cosma heftig. »Aber du ... bist du dort auch eingeschlafen?« » Ich bekam kein Schlafpulver.« Cosma zwinkerte gewalttätig. Ihre Zungenspitze wurde sichtbar. Und ihre kleinen Finger hoben sich steif. Ranépo beschäftigte sich mit deren Anblick, gleichmütig berichtend: »Den Java-Sexualbluff habe ich dem blonden Jüngling persönlich geliefert. Ich versprach ihm ein Drittel der Einnahmen. Nach der Zahlung mußten die Leute leider eingeschläfert werden.« Obwohl sie viel getan hätte, um es zu verhindern, ärgerte Cosma sich rot. »Warum hast du mir das nicht bereits im Dancing gesagt?« »Ich wollte dich nicht zur Verzweiflung bringen.« Ranépo trauerte in die Luft. »Indem ich dir unrecht gab.« »Mit Apl Fud etwa?« Cosma sagte es zwar fragend in der Form, aber zornig ablehnend im Ton. Alles an ihr wogte. Rasch jedoch stabilisierte sie sich wieder. »Lächerlich! Dann wären sie schon längst hier gewesen.« »Wenn der blonde Jüngling nicht der Sohn eines Generals wäre.« Cosma, die zu begreifen begann, nagte hinter zwei Fingern. »Die sechs Leute werden aber doch das Geld reklamieren.« »Und von unserem Generalssohn wiederbekommen.« Ranépo steckte ihr eine rote Nelke zwischen die Brüste. »Der Unglückliche!« Cosma, eine Lücke ahnend, dachte scharf nach. »Aber ... er hat doch einkassiert.« »Als er eingeschlafen war, kassierte ich .« »Wann gab er dir die zwei Drittel?« »Während des Gelages.« »Du kassiertest also nur noch tausend? Dann hast du für mich nicht bezahlt.« Cosma warf ihm die Nelke ins Gesicht. »Sprich!« Ranépo zählte wie verlegen seine Finger. »Der Junge ist auf mein ganzes Arrangement nur eingegangen, um mir zu helfen, meine Geliebte zu kompromittieren, damit sie nicht mehr zu ihrem verhaßten Gatten zurückkehren könne.« Er konnte fast sehen, wie sie innerlich sich schalt. »Es schmeichelte seiner jungen Männlichkeit, mir einen galanten Dienst erweisen zu können. La Torre hat ihn mir vorgestellt.« Cosma ruderte mit einem Elbogen einer neuen Lücke entgegen. »Der Sohn eines Generals nimmt solches Geld niemals.« Ranepo hielt ihren Elbogen auf. »Ich glaubte dich auf dem Psycho-Dancing schon sicherer. Fast jeder nimmt jedes Geld, wenn es gefahrlos scheint und ein – sagen wir kriminell-romantisches Überlegenheitsgefühl verschafft.« Und als er ihren Rücken sich runden sah, fügte er hinzu: »Die Wohnung gehörte La Torre, der sie vorgestern aufgab, war aber noch herrenlos.« Cosma rieb sich die Brüste und zwirbelte ihre Warzen, Mit einem Mal änderte sie so ärgerlich ihre Lage, daß das ganze Bett krachte. »Aber scheußlich ist es, daß man getrennt wohnen muß.« Sie staunte mit allen Körperteilen, als er widersprach. »Wohne ich im Hotel Bristol? Si. Befinde ich mich im Hotel Colon? Si. Komm zu dir, mein Freund!« Ranépo wies mit unerschütterlicher Ruhe auf den Plafond. »Etagenhotels.« Cosma schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Und da laßt du mich in den zweiten Stock steigen?« »Diese hier unmögliche Unhöflichkeit dürfte unser nahes Wohnen ganz besonders zufällig erscheinen lassen.« Obwohl sie es nur schwer zufrieden war, lächelte Ranepo ihr aufmunternd zu: »War es denn gestern wirklich so öde? Glaube mir, Belgien ist auch schon Europa.« An den seltsamen Baron Luron sich erinnernd, gab Cosma ihm recht. Und als sie sich die Nacht repetierte, schmunzelte sie. Ranepo, der erriet, woran sie dachte, fragte leise: »Wann fährst du?« Mit einem Ruck war Cosma neben ihm, packte ihn an den Ohren und biß ihn zärtlich in den Hals. The mistery of Tottenham Court Road Als Jabert in Shearns Hotel auf dem Tottenham Court Road eintrat, war niemand zu sehen. Nachdem er seinen Koffer in das Zimmer getragen hatte, in dem er schon zweimal übernachtet war, ging er in das W.C, in dessen Tür er auf einen jungen Mann in einer Ärmelweste stieß, der von seltener, beinahe unwirklicher Schönheit war, aber einen dermaßen bösen Zug um den Mund hatte, daß er sich wunderte, ihn so offen zur Schau getragen zu sehen. Obwohl es erst sieben Uhr abends war, ging Jabert sogleich zu Bett. Er hatte in Devonshire den kompliziertesten Kassenschrank seiner Karriere bewältigt und schlief, übernächtigt, augenblicks ein. Als er gegen fünf Uhr morgens erwachte, hörte er ein schleifendes Geräusch auf dem Korridor. Unwillkürlich dachte er an den schönen jungen Mann vom vergangenen Abend. Der Plan, ihm einen Besuch zu machen, war kaum erwogen, als Jabert auch schon entschlossen war, in sein Zimmer einzudringen. Mit dem Erforderlichen versehen, schlich er sich auf den Strümpfen vor das W.C, um die Richtung zu rekonstruieren, in welcher der junge Mann gegangen war. Daselbst befanden sich nur zwei Zimmertüren, deren erste er mit drei Stichen öffnete. Das Zimmer war unbesetzt; das zweite unversperrt, das Bett unberührt. Schon wollte er sich zurückziehen, als das Licht seiner Taschenlampe zufällig das Fenster streifte. Er zuckte zusammen: sah er recht ...? Hing da nicht ...? Ja, dort am Fenster hing ein Mann, hatte sich einer aufgehenkt. Jabert drehte das Licht an und den Körper des Toten sich zu, um den abgewandt hängenden Kopf sehen zu können. Er erblickte, was er eigentlich schon gewußt hatte: das Gesicht des schönen jungen Mannes mit dem bösen Zug um die Lippen, den der Tod in einen abschreckend häßlichen verwandelt hatte. Jabert öffnete die Hose des Toten, um festzustellen, ob Selbstmord vorlag. Das untrügliche Zeichen fehlte. Im selben Augenblick vernahm er vom Korridor her dasselbe schleifende Geräusch. Sofort kroch er unters Bett. Einige Sekunden später spürte er einen schwachen Luftzug: die Tür war geöffnet worden. Da entdeckte er neben dem Fenster eine Frau, die, nur mit dem Hemd bekleidet, auf dem Fußboden lag. Und fast gleichzeitig hörte er die Stimme eines Mannes: »Jo. Die Hauptsache wäre also jetzt besorgt. Wenn sie morgen den Bender da am Fenster hängen sehen und diesen Crack daliegen...« Jabert sah, wie zwei Finger den Busen der Frau auf dem Fußboden betasteten und sie mit einer rohen Bewegung auf den Rücken rissen. Er war durch sein Leben hart geworden, der Anblick dieser Hände aber ließ ihn dennoch erzittern. Da hörte er jene Stimme wieder: »... werden sie glauben, daß er nach seinen zwanzig Schnicks das Delirium bekommen hat und wie sie ihn hängen sah, hat sie sich vor Schreck hingelegt. Oder sie werden nach der Rauferei ...« »Aber woher hast du ihn denn überhaupt?« Eine hellere Stimme sprach diese Worte. »Er hat mir mal einen Gang vershackelt.« »Du hast ihn doch nicht ...« »Hoho ... Schwer wars nur, ihn bis daher zu dreideln. Gebaumelt hat er dann schneller, als'n Hund läuft.« »Du hast ihn ... meinetwegen ...?« »Garn, garn! Ich hätte dich also mit dieser Irish-beauty da auffliegen lassen sollen?« »Ich weiß schon, daß die vom Gericht nichts glauben. Aber ich ...« »Dear me, ist das ein Doodle! Und wenn du mit Engelszungen geflötet hättest, nach vier Wochen wärst du in die Schlinge gestiegen.« »Aber die da ...? Was ist mit ihr?« »Diese Foozle? Die hab ich ... No, Willy, ich bin nicht da, um dich vor dir zu entschuldigen.« »Und wo ist denn nur Blossie hin?« »Up! Zum letzten Mal! Gestern hast du mit den beiden Colts, mit Blossie und mir unten gesoffen. Um zwölf bist du mit ihr losgegangen. Um zwei Uhr war sie wieder unten. Und wie ich um vier bei dir anklopfe, ist Licht und ne tote Frau auf dem Teppich ... Hollah, was ... Weißt du noch, ob das Licht ...« »Ob das Licht ...?« »Ich hab das Licht abgedreht, wie ich raus bin.« »Ich erinnere mich. Du hast abgedreht.« »Gemini! Es hat aber gebrannt, wie wir zurückgekommen sind. Tsss!« Lautlos zog Jabert seinen Browning, schob sich nach hinten und zwängte sich eben zwischen Bett und Wand hoch, als er die hellere Stimme flüstern hörte, ob jemand da sei. Da wußte er, daß der andere unters Bett gekrochen war und jeden Augenblick seine Füße sehen konnte. Schnell hob er den Kopf: zwei Schritte vor ihm bewegte sich der Rücken eines Mannes. Schnell schlich Jabert sich hervor und hinter den drei Schritte entfernten Fenstervorhang. Nach kurzer Zeit hörte er die tiefere Stimme wieder: »Da ist was ... Ich weiß genau, daß ich das Licht ... Jemand war da. Blackfriars! Stell dich vor die Tür!« Ein Schuß krachte. Jabert duckte sich, übersät von Glassplittern. Dann sprang er seitlich hoch und schoß auf den Mann mit dem noch rauchenden Browning. Der Mann sank mit einem kleinen Glucksen um. Jabert aber blickte starr zur Tür: dort stand der schöne junge Mann, der mit weit aufgerissenen Augen wie zur Abwehr ihm die Handflächen entgegenhielt. Als Jabert sah, daß er auf dem Boden Liegende tot war, ging er auf den Mann vor der Tür zu. »Wer bist du?« »Wer bist du ?« Jabert wies mit seinem Browning auf einen Stuhl neben dem Tisch. Als er ebenfalls saß, legte er die Hand mit der Waffe aufs Knie. »Erklär mir rasch die Situation! Wer ist das?« Er zuckte mit dem Kopf nach dem Gehenkten und wunderte sich, nur eine ganz schwache Ähnlichkeit mit seinem Gegenüber bemerken zu können. »Weiß ich nicht.« »Und die da?« »Weiß ich auch nicht.« Sekundenlang betrachtete Jabert das schöne Gesicht vor sich, dessen böser Zug sich zu verschärfen schien. Seine Zunge strich dünn über die Lippen: »Noch einmal, erklär mir!« »Well. Also gestern haben wir zusammen gesoffen. Das hast du wohl noch gehört.« »Du gingst dann mit einer gewissen Blossie ...« Ein bedauerndes Lächeln kräuselte Jaberts feinen Mund. »Um vier Uhr wachte ich auf. Daß ich überhaupt mit ihr allein dort drüben in einem Zimmer war, das kam, weil ich alkoholisiert war. Immerhin, so plötzlich allein mit einem fremden Weib ... Der ärgerliche Geruch von Teer und altem Obst ... Riechst du ihn nicht auch? Nun, da hatte ich schon eine matte Ahnung, daß das alles nicht geheuer war. Aber die Person ließ mich ja nicht ne Sekunde denken, fiel sofort mit allen Ups and Downs über mich her. Scheußlich!« Jabert schmunzelte zufrieden. »Um vier bist du also aufgewacht. Schneller, schneller!« »Well. Debast stand im Zimmer. Das ist der, den du niedergeknackt hast. Hats verdient, der Fiddler. Und dann sah ich also diese Tote da.« Jabert neigte neugierig den Kopf zur Seite. »Wirklich eine Irishbeauty! Und dann hast du sie mit ihm hierher geschleppt.« »Das weißt du? Well. Also Debast fragte bestürzt, was denn los sei ... Ich stotterte, es sei nicht Blossie. Das sei eine verteufelt dumme Geschichte, jammerte er. Aber sag mal ... die Schüsse! Sie werden kommen.« Jaberts Lider flatterten verneinend. »Nach zwölf hören die Beaksmen so was nicht gern. Und die im Hotel auch nicht. Weiter, weiter!« »Also ich fragte ihn nicht nach Blossie, nicht, wie diese Frau in mein Zimmer gekommen und wie sie ... auf dem Teppich ... tot, im Hemd ... Ich wußte schon, daß das ganz zwecklos gewesen wäre. Er versprach dann, mir diese Schweinerei zu flicken, wenn ich ihm auf Knock springen würde. Dann ließ er sich mein Leben beichten. Das Lügen fiel mir nicht schwer, weil er fortwährend fragte. Selbst ein so gerissener Fiddler, wenn man ihm nur sagt, was er hören will, ist leichter anzulügen als das leichtgläubigste Frauenzimmer.« »Jo, jo.« Jabert bohrte seine Zunge in die Wange. »Er hat dich leimen wollen. Die Leiche hat er zu dir hineingelegt. Und den hier hat er sich heraufgeholt, um das Ganze auf Hobble zu machen, auf Suicide. Da habe ich dich also gewissermaßen abgeweicht.« Da der andere nickte, zwinkerte er: »Ohne mich wärst du ihm nicht mehr ausgekommen. Was machst du sonst?« »Ich bin in Roß's Restaurant angestellt.« »Tottenham Court Road 62. Das Essen ist gut.« »Wie überall, wo Kokotten verkehren.« »Warst du schon mal away?« »Nicht nen Tag.« »Wie heißt du?« »Willy Cuttler. Aber wärs nicht gescheiter ...« »Hat Zeit. Wie ich sehe, bist du ein Mary-Ann. Gibs nur zu!« Cuttler, der bis dahin, völlig unbeweglich, unausgesetzt dieselbe Stelle des Tisches fixiert hatte, blickte rasch auf. »Du bist wohl einer?« Jaberts Zunge wackelte an der Unterlippe. »Da kannst du dich also bedanken,« »Ich bin zwar kein Mary-Ann, aber ich möchte schon endlich weg aus dieser toten Gesellschaft.« Cuttler stand auf und riß sich die Ärmelweste herunter. »Auf Knock läßt einen eben jeder springen.« Jabert wartete, bis er im Bett war. Als er sich zu ihm legte, schob er seinen Browning griffbereit auf das Nachttischchen ... Nach einer Stunde saßen beide wieder am Tisch; Cuttler mit trüben Augen, Jabert griesgrämig. »Hundertfünfzig Schilling geb ich monatlich meiner Braut.« Cuttler stand auf, den Kopf schüttelnd. »Laß mich schon fort jetzt!« »No«, knurrte Jabert. »Sag lieber ja!« Er hob die Hand mit dem Browning ein wenig. Cuttler setzte sich und blieb unbeweglich und in derselben Haltung wie anfangs. Durch die Ereignisse der Nacht, seine Macht und den seltsamen Rausch, den er genossen hatte, war Jabert härter und unbeugsamer geworden, als er noch vor wenigen Stunden für möglich gehalten hätte. »Willy, leg die Foozle aufs Bett!« Cuttlers Augen schlossen sich kurz. Dann tat er es überaus schnell. Dabei entblößte er auf der linken Hüfte der Toten eine tellergroße grünblau schillernde Verletzung. Das rechte Auge trug ein schon ins Schwärzliche spielendes Veilchen, über dem, ein satanischer Kontrast, eine zusammengeklebte weiße Haarsträhne hing, die einzige in dem noch dunklen Haar. Cuttler setzte sich aufs Bett, mit den Fingern der Toten spielend, um seinem Peiniger den Rücken zukehren zu können. »Zehn Meter gegen den Wind spürt man, daß die 'n paar Tage alt ist. Schade. Beine, Beine!« »Alles ist wert, daß es zugrunde geht«, brummte Cuttler schläfrig. »Du auch. Soll ich dich umknacken?« Cuttler riß es herum. Sein Gesicht wurde fahl. »Debast war 'n Schurke. Aber wenigstens weg in mich.« »Gleichsam strafmildernd ist das also für dich.« Jabert grinste, zischend: »Erklär mir das!« Cuttler blickte auf den Arm der Toten, der aus dem Bett hing und mit den Fingern den Boden berührte. »Ein schöner Mensch bringt die andern außer Rand und Band, wirkt überhaupt antisozial. Da merken sie, daß sie nichts sind als ne miese stiere Hammelherde, die bei jeder Gelegenheit bluten muß. Und deshalb haben sie gar nicht den Mut, weg zu sein. Dafür rächen sie sich.« Er legte den Arm der Toten behutsam aufs Bett. »Hat einer aber den Mut, dann macht er jede Schweinerei, um einen zu kriegen. Was du mit mir gemacht hast, hätte er jeden Tag machen können. Aber er hat mich auf seine Weise erobern wollen. Jabert schwenkte vergnügt den Browning. »Great Scott, Willy, du bist ja 'n Idealist.« Cuttlers Augen wurden rot, der böse Zug um seinen Mund abschreckend häßlich. Jabert verglich ihn mit dem des Gehenkten. »Der böse Zug des Todes. Wenn man acht gibt, kann man ihn bei jedem schönen Menschen sehen. Komisch ist das.« »Gar nicht komisch ist das«, rief Cuttler laut. »Je schöner einer ist, desto früher verliert sich alles in ihm. Weil er am schnellsten und gründlichsten merkt, was für eine Bubble die ganze Welt ist.« »Ich sags ja, du bist 'n Idealist«, höhnte Jabert. »Nimm lieber die hundertfünfzig!« »... weils die schickste Form ist, zugrunde zu gehen.« Cuttler, der in Gedanken gewesen war, hatte laut vollendet. Jabert wußte nicht, warum es ihn wütend machte. »Und wenn ich dich jetzt umknacke, just nachdem, gehst du dann vielleicht nicht schick zugrunde?« Dessen Schweigen machte ihn nur noch wütender. »Deck sie auf! Also?« Er näherte ihm die Waffe. Cuttler gehorchte, die Beine krümmend, mit haßerfüllt zuckenden Augen. Doch gerade, als Jabert ihm etwas ganz Unglaubliches befehlen wollte, flog mit einem Krach die Tür auf: die beiden Colts, stämmig und untersetzt, traten ins Zimmer, Revolver in den Händen. Als sie Debast auf dem Boden erblickten, schossen beide. Cuttler fiel lautlos über die Tote auf das Bett. Da krachten hintereinander zwei Schüsse. Die beiden Colts taumelten, heulten auf und ringelten sich wimmernd aneinander nieder. Sobald sie sich nicht mehr bewegten, streichelte Jabert seinen Browning. Noch nie hat er so gut geschossen wie diese Nacht. Und zweimal war er verfehlt worden. Doch sofort befiel ihn der Aberglaube seiner Zunft, der fordert, daß, wer dem Tod entging, den des andern respektieren müsse. Deshalb berührte er weder Debast noch den, der auf ihn geschossen hatte. Bei Cuttler fand er acht Schilling, bei dem anderen Colt drei Pfund. Als er wenige Minuten später die Treppe hinunter eilte, war die Portierloge leer, die Haustür offen und nirgends jemand zu sehen ... Der fünffache Mord in Shearns Hotel ging monatelang unter dem Titel ›The mistery of Tottenham Court Road‹ durch die englischen Zeitungen. Die Polizei stand zwar nur teilweise vor einem Rätsel, da Debast und die beiden Colts ihr als Schwerverbrecher und Homosexuelle bekannt waren, aber den wahren Hergang vermochte sie nicht zu rekonstruieren. Um so weniger als Shearns Anhang und seine Angestellten jene Nacht in der nur wenige Häuser entfernten Horse Shoe Bar zugebracht hatten, um irgendeinen Geburtstag zu feiern. Die Annahme, daß dies im Einverständnis mit Debast geschehen war, drängte sich fast von selber auf, war aber nicht zu begründen. ›The mistery of Tottenham Court Road‹ blieb unaufgeklärt. Auch als Jabert vier Monate später verhaftet wurde. Jene Nacht war ihm doch zum Unglück geworden. Die Macht und der Rausch, den er genossen hatte, hatten ihn unvorsichtig gemacht, ja verwegen. Bei einem simplen Wohnungsdiebstahl wurde er überrascht. Da man ihm noch drei schwere Einbrüche nachweisen konnte, erhielt er sechs Jahre Coop. Auf dem Rummelplatz Sikora, der die Lange Pannekoekstraat dahergeschlendert kam, blieb auf dem Nieuwe Markt beim Anblick der bunten Zelte erstaunt und erfreut zugleich stehen. Und als nun gar ein echter Jazz-Band loshämmerte, legte er die Hände langsam auf die Hüften, hob seinen Unterleib unternehmungslustig aus der Hose und setzte sich, den schmetternden Klängen zu, in Bewegung. Und bald gerieten seine Beine in verheißungsvolles Wiegen, fühlte er doch nichts Geringerem sich entgegengetragen als dem Ziel der heißen Wünsche von zwanzig einsamen Nächten, zu denen, von anderen Miseren ganz zu schweigen, der Mangel an Gelegenheiten ihn verurteilt hatte. Sikora sog an sämtlichen Fingern, so sicher war er bereits, daß ihm binnen kurzem nicht nur ein blondes Liebchen sich präsentieren würde, sondern auch eine Möglichkeit, seine Finanzen durch einen kühnen Griff in eine fremde Tasche aufzubessern. Das grelle Azetylen-Licht und das biedere Tanzvolk ließen ihn jedoch seine Wünsche als unrealisierbar erkennen: hier tanzten fast nur anständige Mädchen mit Ladenangestellten oder Gesellen und die paar unscheinbaren Huren, die er agnoszierte, waren mehr Konkurrenz als Opfer. Sikora mußte seinen kühnen Griff als unlukrativ unterlassen und, solange er in seiner schäbigen Joppe steckte, jede amouröse Annäherung als aussichtslos. Schon wollte er voll Galgenhumors im Schwung kehrtmachen, als eine mollige Blondine an ihm vorübertanzte, die ihrem Partner, dem die Kräfte zu versagen begannen, mit der Faust spottend auf den Rücken schlug: »Du bist a Held! Wie kann aner nur so schwitzen!« »Seit zwa Stunden tanz i«, entschuldigte sich ihr Tänzer, »und seit aner mit Ihnen.« Sikora, dem eine Gelegenheit zu winken schien, reckte sich auf den Fußspitzen höher, ließ sich aber wieder auf die Fersen nieder, als ihm einfiel, wie sehr unwahrscheinlich es war, daß der junge Mann eine Tänzerin, mit der er seit einer Stunde walkte, so ohne weiteres abgeben würde. Da tanzte das Paar neuerdings an ihm vorbei, der konstatierte, daß, wenn man in der Mitte der Tanzenden sich hielt, es gar nicht so leicht wäre, die Qualität eines Anzuges zu bestimmen. Dann starrte er auf das rot durchflochtene Blond der Partnerin, ihre vollen glühenden Lippen, die glatt gespannten pfirsichfarbenen Wangen und die großen dunkelblauen Augen und rollte, wie von tausend Insekten gestochen, die Schultern: »Kruzitürkenüberanander, das is a Weiberl!« Doch da war es seinen Blicken schon wieder entschwunden. Sich auf die Zunge beißend, marschierte Sikora längere Zeit auf demselben Fleck. Diese kaum hoffnungsvolle Meditation wurde einige Male von dem an ihm vorübertanzenden Paar angenehm unterbrochen. Beim vierten Mal glaubte er deutlich wahrzunehmen, daß der Held die nächsten Takte schwerlich würde durchhalten können. Und da sah er ihn auch schon innehalten, den Schweiß sich von der Stirn wischend und gänzlich außer Atem; sie, ihm mit höhnischem Lächeln und zweifellos ebensolchen Worten Rippenstöße verabreichend. Sikora sah blond. Nur blond. Magnetisch zog es ihn hin. Und er wußte wirklich nicht recht, wie es zugegangen war, daß er bereits an das Hinterteil seines allerdings noch fiktiven Nebenbuhlers stieß. Aber als er nun wieder die großen dunkelblauen Augen erblickte, die ihm zuzulächeln schienen, als er die vollen roten Lippen schimpfen hörte: »Ach, das is aber blöd, daß Sie net mehr könner, Sie Krischbindl, jetzt find i kan Tänzer mehr«, da ergriff er die Bicepse des vor ihm Stehenden, stellte jubelnd fest, daß sie den seinen ganz enorm unterlegen waren ... und schon stieß er den jungen Mann mit aller Kraft zur Seite und versetzte ihm eine knallende Ohrfeige, Stolz schwellten sich seine Lungen, als er die zwischen Entsetzen und Wohlgefallen einherfliegenden Augen seiner Auserkorenen sah und die völlige, sichtlich dem Irrsinn sich nähernde Verstörtheit des so verblüffend Gezüchtigten. Die drei bildeten in dem um sie her brandenden Gewoge eine seltsam starre Insel des Schweigens. Sikora wurde es jedoch schnell klar, daß, wenn er noch länger schwieg, die Situation leicht zu seinen Ungunsten sich verändern könnte. Er mußte unter allen Umständen etwas sagen: erklären, schimpfen, verleumden. Schon öffnete sich sein Mund: die Lügen kamen ihm ganz von selber, wenn er in wartende neugierige Augen blickte; und nun gar in solche, groß und dunkelblau. »Patton, gnä Fräuln, i hab net anders könner. Aber Sie wissen sicher net, was für a saubers Bürscherl der Haderlump da is.« Er streifte den also Beschimpften kurz mit einem Blick, um die Wirkung zu überprüfen. Gekränkte Unschuld vermochte ja ungeahnte Kräfte zu verleihen, selbst einem im allgemeinen bereits Erschöpften. Dieser aber empfand, was wohl der Mehrzahl der jungen Männer in diesem Fall widerfahren wäre, ein dumpfes Schuldgefühl, das durch das energische Auftreten seines Beleidigers nur noch wuchs. Sein Blick wich zur Seite. Das genügte Sikora: »So a Platterer, so a lumpiger! So a Fallott, so a ölendiger!« Er hob, enthusiasmiert von der dunklen Fülle seiner eigenen Stimme, die Hand hoch, ließ sie aber wieder sinken, als der derart neuerlich Bedrohte einen Schritt zurückwich, einer Tänzerin auf den Fuß trat und von deren Partner sich im Rücken bedrängt sah. »Segns es, das schlechte Gwissen? Ausreißen tuat er, das Quisiquasi-Gsichterl! Halt die Pappen!« brüllte Sikora plötzlich, obwohl der mit der Beschwichtigung seines zweiten Angreifers Beschäftigte rein technisch ihm gar nicht hätte widersprechen können. »Und mit so an Latsch ham Sie a ganze Stund lang umanandatanzt?« »Sie wem glei ane fangen. Könnt mir passen! Seit zehn Minuten plag i mi mit eahm.« Da sein Opfer bereits vom Strudel der Tanzenden etliche Meter weggeschwemmt worden war und fast schon außer Sichtweite, stieß Sikora hervor: »Lassens ihn laufen, den Safaladi-Kavalier!« Er packte den Arm seiner Erkämpften und drängte sie, die, unter dieser Eigenmächtigkeit plötzlich erbosend, mit Händen und Füßen wild um sich schlug, aus dem Gewühl vor einen Lebkuchenstand, wo er einen halben Gulden, den Rest seiner Barschaft, auf den Zahlteller legte und, ohne hinzublicken, seine offene Hand daneben. »So a Rauferei macht an Hunger.« Er blickte, dem es auf eine Ungenauigkeit mehr nicht ankam, lächelnd und selbstsicher auf den Bauch seiner Holden. »Bitt schön, bedienens sich. Wie heißens denn?« »Sophie Peereboom. Aber das geht Ihnen an Knaatsch an.« »Ja, was war denn jetzt das?« Sophie schlug ihre Zähne in das Lebkuchenherz und riß es sich vom Mund. »Mei Vatter war halt a Wiener Holländer.« »Und nachher sans daherkommer nach Rotterdam, um Herzen z'fressen.« »I freß kane als solchene da. Hab niemanden hergrufen, Sie Drischl.« Den Mund halb voll, ließ Sophie sich herbei, Wohlgefallen zu äußern: »Aber neinpfeffert hams ihm a ganz feste. Für gwöhnlich war er gar net so a Pupperl.« Sikora litt unter dieser Einschränkung einigermaßen, erkannte aber, daß es nun galt, das bloß lädierte Bild seines Nebenbuhlers gänzlich entzweizuschlagen. »Das glaub i, daß der tepperte Krowot net aso war.« »Wie war er denn? Warum hams es ihm denn so gebn?« Sikora wand sich wie einer, der es vermeiden möchte, einen schwer verletzten Gegner weiter zu bekämpfen. »Liegt Ihnen denn gar aso viel an dem Saumagen?« »Wenn der wüßt, wie er mir Wurscht war!« Sophie bohrte ihm die Faust auf den Nabel. »No also, was is?« Sikora, jenes mit Recht bezweifelnd, hielt es nun für unvermeidlich, ihn endgültig niederzuschlagen. »Von mir aus! I hab ganz zufällich sa Bekanntschaft gmacht. Wenn ma das überhaupt aso heißen kann. I bin halt grad dazukommer, wie ers gmacht hat. Im Café Het Westen am Binnenweg.« »Gehns da öfter hin?« Sophie, schon an sich denkend, lächelte. »A Zeitlang war i Jeden Tag dort.« Sikora hatte jenes Lokal allerdings nur renomméehalber genannt. »Also, i hab mi grad hingsetzt ghabt und bstellt. Da seh i, wie aner am Tisch vor mir ... die ane Hand hat auf der Hüften von an Weibsbild ghabt ...« »Wars hübsch?« »Die – und hübsch! A alter Landauer wars, a ganz an ausgfahrener. Aber scho a sehr a hohe Vierzicherin. Und hergricht, daß aner Sau hätt grausen könner.« Sikora belächelte ihr Erstaunen. »Kommt no viel besser. Also mit der andern Hand fischt der Halunk so unten rum um die Rock. Erst hab i gmeint, er will sich bloß amüsiern und hab scho fast glacht. Da hab i aber gmerkt, daß er was suchen muß. Und grad wie i besser hinschau, verschwind die Hand. Da hat ers gfunden ghabt, das Geldtascherl. Laßt es ihn erst ziehen, hab i mir gsagt. Aber da hat ers aa scho in der Hand ghabt und eingsteckt. I steh auf und setz mi breitspurich vor ihn hin. Die Situation könnerns sich gar net vorstellen. Da muß ma a Phantasie ham. Alstern er hat a Gsicht gmacht wie a verbogene Wagendeichsel. Was soll i Ihnen da noch viel derzähln ...« Er hielt absichtlich inne und schielte auf die Tanzenden. Sophie stieß ihn ungeduldig mit dem Knie. »Da schauns her! No und was war dann weiter?« Sikora schluckte sich den Mund frei. »Da hab i halt mein Coup gmacht, mein Mali. I hab mi für an Kriminaler ausgebn und die Herrschaften ausm Lokäul auf die Straßen nausbeten. Draußen hab i nur die Hand hinghalten, da hat er mir scho 's Geldtascherl gebn. Nachher hab i aso tan, als wenn i den Kriacher aus Mitleid laufen lassen tat. Aber i hab dann noch a harte Arbeit ghabt, damit i die alte Schabraken loswer. Absolut hats mir ihren Dank ausdrücken wollen. Kenn i scho, die Ausdrückerei. Das könnerns sich leicht vorstellen, was gwollt hat, die gfährliche Alte.« Wie in der Erinnerung noch angeödet, warf er seinen Lebkuchen fort. »Aber wolln ma jetzt net ans tanzen? I hab scho gnug von derer ganzen Gschicht.« Von ihr geradezu unterjocht, drängte Sophie ihren Busen gegen ihn und hob gehorsam die Elbogen. Sikora schrotete diese Hingabe augenblicks mit gierigem Druck aus, weshalb Sophie keuchend mit den Füßen gegen seine Beine trat. Sikora versuchte, sie durch Schmeicheleien abzulenken, erhielt jedoch einen so heftigen Stoß in den Rücken, daß er locker ließ. »Ui! Aber die Jazz-Musi, da laß i nix drauf kommer.« »I a. I hab 'n zum Fressen gern, den Jazz.« Sophie sprach dieses Wort nicht wie er buchstabengetreu aus, sondern wie ›Schatz‹. Sikora glaubte, sie mache ein Wortspiel, und preßte hervor: »Fressens mi halt, siaße Sopherl!« »Das könnt mir passen!« Aufprustend überließ Sikora seine hemmungslosen Beine den tyrannischen Takten des Foxtrott. Der Tanz gestaltete sich für ihn nicht nur zu einem Genuß von auserlesener Fülle, hielten doch Sophies Formen nur zu sehr, was die Linien versprochen hatten, sondern auch zu einem Triumph von ungeahntem Ausmaß. Denn Sophie, ohnedies der Kraft und dem Mut ihres Tänzers bereits zugetan, hatte es sich durch den Kopf gehen lassen, in welcher Gefahr sie geschwebt hatte: vielleicht hatte Karl, der Geohrfeigte, nur deshalb noch nicht an ihren Ersparnissen sich vergriffen, weil er etwas viel Schlimmeres geplant hatte; vielleicht war sie durch das kühne Eingreifen dieses Unbekannten vor ganz Entsetzlichem bewahrt worden. Ein von Dankbarkeit, wohligem Schauder und Innigkeit durchquollener Blick entstrahlte ihrem Auge. Sikora sah ihn. Halb vor Erstaunen, halb vor Seligkeit geriet er aus dem Takt. Sofort aber riß er den schwül vor ihm schwankenden Busen mit kraftvollem Schwung wieder an sich, so daß er die Rippen spürte und Sophie einen stechenden Schmerz. »Au!« Sophie verzerrte übertrieben ihre Züge. »Werns net aufhörn? Sie tun mir ja weh.« »Die wahre Lieb tut immer weh«, zischte Sikora ihr betörend in die Haare. »Ach, du Siaße, du Siaße, i hab di damisch gern. Sag, hast du mi aa, Sopherl?« Wie zur Abwehr, aber gänzlich erfolglos, wand Sophie, verlegen lachend, den Oberkörper. »Aber wissen möcht i jetzt endlich, wiest eigentlich heißt, du Strick.« »Franzl.« »Das gfällt mir. So hat mei Bruder gheißen, der an die Masern gestorben is. Und wie noch?« »Sikora.« »Jessas, bist du vielleicht gar a Böhm?« »A halber.« Hierauf versetzte Sikora ihr auch schon anderweitig vorgebrachte und ihm darum sehr parate Teile seiner Biographie. Und als er eine Stunde später, die Büste Sophies im Arm, in die Lange Pannekoekstraat einschwenkte, war es ihm darum ein Leichtes, durch Veranstaltung etlicher Kuß- und Kampfstationen die letzten Verheerungen im Widerstand seiner sehnlichst Begehrten anzubringen. Erst gegen ein Uhr nachts langten die beiden auf dem Goodschen Singel an und vor dem Haus, in dem Sophie eine Mansarde des Geflügelhändlers Pet Comans bewohnte, dessen Ladenangestellte sie war. In ihren Zügen leuchtete zwar ein einziges Ja, in ihren Beinen aber war immer noch Kampfeslust. So daß Sikora ihr schweigend den Hausschlüssel aus der Hand riß und, vorsichtig seines schäbigen Anzuges wegen das helle Licht einer Laterne meidend, das Tor aufschloß, in das er Sophie mit einem so unerwarteten Stoß hineinbeförderte, daß sie einige Meter weiterstolperte und fast zu Fall gekommen wäre ... Als Sikora das Haus verließ, polterte es von einem nahen Kirchturm sechs. Er reckte sich ein bißchen und atmete tief den Dunst der morgendlich trüben Straße. Dabei las er auf dem Schild über dem Laden neben dem Haustor die Worte: ›Wild en Gevlogelte‹. Er lachte wiehernd auf. Ein altes Weib, das einen Korb mit Fischen vorbeischleppte, schüttelte mißbilligend den Kopf Über ihn. Sikora rief ihr, sich die Hände reibend, nach: »Naa, naa, du alte Kietzen, da steh i als a Ganzer da.« Denn er war überzeugt, daß er bald noch ganz anders dastehen würde. In seiner Rocktasche befand sich nämlich ein englischer Matrosen-Paß, dessen Photo der Stempel kaum erreicht hatte und der für ihn deshalb einen weitaus größeren Wert darstellte als Sophies Ersparnisse, die er nach gestillter Leidenschaft zwar gesucht, nach reiflichem Erwägen aber unberührt gelassen hatte. Deiters Putsch Piotr Deiter, ein Russe, erwachte am 18. April 1925 um vier Uhr morgens durch einen Kanonenschuß: es gab in Lissabon wieder einmal einen Militärputsch. Vor dem Fenster war nichts als Rauch zu sehen. Als er sich verzogen hatte, gewahrte Deiter, daß das gegenüber befindliche Haus eingestürzt war und die den Hof abschließende Mauer. Da der Portier das Haustor unter keinen Umständen geöffnet hätte, war Deiter jäh dazu entschlossen, über den Hof fortzugehen, um gewisse lustvolle Erinnerungen an die Wirkung der Kanonenschüsse des vorletzten Putsches zu einem speziellen zu verwerten. Als er nach wenigen Minuten in der Rua da Gloria stand, fiel ihm ein, daß er vergessen hatte, zweckentsprechend sich anzukleiden. Deshalb stieg er durch ein Parterrefenster in das nebenan befindliche Haus seines Freundes Poito, der gar nicht verwundert war, sondern ihm dafür dankte, ungeachtet der Gefahr zu seinem Geburtstag gekommen zu sein. Deiter gratulierte, frühstückte, die Abwesenheit Zoilas bedauernd, und wußte Poito später zu veranlassen, zum Zeitvertreib ihm seine sämtlichen Anzüge vorzustolzieren. Als man beim achten angelangt war, machte er den Scherz, den neunten sich selber anzuziehen, und tänzelte, gleich einem Mannequin, vor Poito hin und her. »Er paßt dir ausgezeichnet.« Poitos Auge expertierte. »Wie für mich aus der Kanone geschossen.« »Ein Volltreffer!« »Bum!« Und Deiter schüttelte miteins herzlich Poitos Hand, mit gerührter Stimme hauchend: »Ich danke dir dafür!« Poito machte ein dummes Gesicht. Als er begriff, lächelte er grandseigneuresk und ließ es dabei bewenden. Mit diesem Truc besorgte sich Deiter seit mehreren Jahren seine Garderobe. Er behielt die neue Akquisition, mit der er Großes vorhatte, auf dem Leibe, drückte sich unter einem Vorwand und eilte alsbald auf die Praca do Rio de Janeiro. Hier blickte er siegesgewiß auf ein Fenster der zweiten Etage jenes stattlichen Gebäudes, das Zoila bewohnte. Durch das Fenster des Parterre-Abortes drang er ins Haus und ungesehen bis zum Schlafzimmer Zoilas vor, die zum Zeitvertreib mit ihrer Freundin Delfina telefonisch alte Erinnerungen austauschte. So erfuhr er, daß diese, die seit zwei Jahren die Gattin da Silvas war, eines hohen Justizbeamten, mit Zoila voreinst in Paris die Straße gemacht hatte; daß beide in der Rue de la Montagne-Sainte-Geneviève ein Maison meublée bewohnt und daselbst und bei Vachier allerhand Unsägliches erlebt hatten. Als Deiter nachher eintrat, war Zoila, die den langjährigen Freund Poitos nur wegen seiner Verwendbarkeit duldete, zum ersten Mal von seinem Erscheinen entzückt: sie ängstigte sich sehr. »Aber die Kugeln fliegen doch nur so herum! Ich habe sogar die Fensterladen schließen und Licht machen müssen.« Sie nahm verzagt ihr Gesicht in die Hände. Deiter, dessen Mut bloß der ihm angeborene Leichtsinn war, kniete, eine Grimasse schneidend, nieder, »Ohne dich halte ich es keinen Tag aus. Erhöre mich oder ich benütze die Gelegenheit.« Zoila lachte. »Ich könnte dir nicht einmal davonlaufen.« »Und würdest du schreien, käme sicherlich niemand. Man würde glauben, es hätte dich eine verirrte Kugel getroffen, und nur um das eigene Leben zittern.« Deiter ließ, es ihr vorführend, seine Arme schlottern. Da donnerten in großer Nähe rasch hintereinander mehrere Kanonenschüsse. Zoila schlug sich, ebenso oft erschreckend, die Hände auf den Mund, während Deiter die Wiederkehr Jener gewissen Wirkungen mit einem leisen Zungenschnalzen begrüßte und den Rock sich auszog. Von dieser Geste indigniert, lallte Zoila: »Du hast ja schon wieder einen neuen Anzug.« Plötzlich aber schrie sie auf. »Eine Kugel hat eingeschlagen.« Es war keine gewesen, sondern ein Tischchen, das Deiter umgestoßen hatte. Er sprang herzu, um Zoila, die bleich geworden wankte, zu stützen. Der hierbei unvermeidliche Kontakt trieb ihm das Blut in Kopf und Rumpf. In diesem Augenblick fiel, diesmal de facto und in unmittelbarer Nähe, ein Kanonenschuß. ›Es wirkt wunderbar‹, jauchzte Deiter innerlich, ließ die Jammernde auf den Divan fallen, zog hinter ihm Weste und Hose aus und wartete auf Zoilas völlige Zermürbung durch den nächsten Kanonenschuß. Der fiel denn auch prompt. Den neuerlichen Tränenstrom Zoilas ignorierend, warf Deiter sich über sie und genoß neben nennenswertem Widerstand eine halbe Stunde lang den von Schluchzen erschütterten Leib einer Halbohnmächtigen, die bei jedem folgenden Kanonenschuß aufschreiend an ihren Peiniger sich klammerte. Deiters Putsch war geglückt. Bald darauf wieder auf der Straße, verließen seine Gedanken den errungenen Triumph. »Diese Delfina!« Und schon überlegte er, wie er sie ihrer Freundin hinzugesellen könnte. Da sah er, daß der Portier des Hotel Atlantic den Kopf durch die Tür steckte. Er sprang herzu und drängte sich unter dem Vorwand ein, sich bergen zu wollen; in Wirklichkeit aber, um telefonieren zu können. Der Ereignisse wegen wünschte die Beamtin zu wissen, wer er sei. »Paolo Poito ist mein Name. Erster Sekretär Vasco da Fleites. Ich spreche vom Atlantic aus.« Und bald darauf hörte Deiter den holden Sopran Delfinas: »Wer ist denn am Apparat?« »Paolo Poito.« »Aber Sie haben doch eine ganz andere Stimme als sonst.« »Der Schreck ist mir in die Glieder gefahren. Ich war nämlich soeben bei Zoila. Sie hatte gerade mit Ihnen telefoniert, als ein Schuß ins Zimmer ...« Delfina schrie auf. »Beruhigen Sie sich! Sie ist unverletzt. Aber halb wahnsinnig. Wollen Sie sie nicht aufsuchen? Aber bitte nicht telefonieren! Sie liegt im Bett und hat Kompressen auf der Stirn.« »Aber die Revolution ... Ich kann doch nicht ...« »Ich werde Sie führen, Senhora. Ich bürge dafür, daß Ihnen nichts zustößt. Ich erwarte Sie neben Ihrer Haustür. Ich flehe Sie an ...« »Mein Mann ist in Belem, im Schloß, bei einer Sitzung ... Ich kann doch nicht ... Si, si, also ich komme.« Deiter sprang aus dem Fenster des Lesezimmers und lief in die Travessa de Sant Antao. Nach wenigen Minuten erschien Delfinas in einen dichten Schleier gehülltes Köpfchen und blickte beunruhigt darüber, nicht Poito vor sich zu haben. Deiters schöner Anzug beschwichtigte sie jedoch schnell; auch seine vor Ergebenheit bebende Stimme: »Ich bin Poitos Sekretär. Seit zwei Tagen. Er wurde, kurz nachdem er mit Ihnen telefoniert hatte, weggerufen. Das Haus, wohin er sofort kommen wird, ist nur ein paar Schritte von hier entfernt.« Die Aufregung, das Knattern der Schüsse und das Ungewöhnliche der ganzen Situation verhinderten Delfina, des Unwahrscheinlichen, das Deiter berichtet hatte, sich bewußt zu werden. Sie schlug, beinahe glücklich darüber, tapfer sein zu können, den Mantelkragen hoch und folgte ihm, der sie um die Ecke führte, in die Rua da San Juliao, allerdings in deren unteren ordinären Teil. Hier pochte er an die Tür des Hotel Lisboa, eines üblen Absteigequartiers. Während Delfina die Häuser entlang geeilt war, hatte sie kaum gewagt, aufzublicken, achtete auch jetzt auf nichts und wunderte sich erst, als er ein kleines düsteres Zimmer öffnete, aus dem ihr der Geruch von nasser Wäsche und vergossenem Wein entgegenschlug. »Olà!« Sie hatte in einer Ecke ein Bett erblickt. Da hatte Deiter sie jedoch schon ins Zimmer geschoben und zugesperrt. »Setzen Sie sich und tun Sie so, als wären Sie in der Rue de la Montagne-Sainte-Geneviève. In dem Meublée schräg gegenüber dem Bai Vachier.« Er zog sich die Weste aus. »Vach...?« Delfinas Mantel glitt von den Schultern. Ihr Schleier schwebte zu Boden. »Von einem klingenden Entgelt kann selbstverständlich nicht die Rede sein. Und von dem Coup der Entsprungenen rate ich ab.« »Ent...« Delfinas Finger machten vage Bewegungen um den Mund. Nur in ihrem verloschenen Blick war schon jetzt das entsetzte Ahnen dessen, was da kommen würde. »Entgelt sei das unverbrüchliche Schweigen über Ihr so viel bewegtes Vorleben. Selbst über die Plünderung der Wohnung des alten Pinaud.« Delfinas Brust ging hoch: sie hatte alles begriffen. Ihre Finger durchstöberten zitternd ihre Taschen: leer. »Ich gebe Ihnen morgen ...« Deiter lauschte: das Knattern der Gewehre hatte aufgehört, und seit langem war kein Kanonenschuß mehr gefallen. Er lächelte mühsam, hoffte aber schnell, es auch ohne jene Wirkungen zu erreichen. »Ziehen Sie sich aus!« Delfina, die ihn unablässig und wie von Sinnen angestarrt hatte, kreischte auf. Doch Deiter war schon neben ihr, riß ihr die Kleider vom Leib und schleuderte die Tobende aufs Bett. Da sah er, halb über sie geneigt, wie sie die Lippen öffnete, entschlossen zu einem markerschütternden Schrei. Den Bruchteil einer Sekunde überlegte er. Dann zog er den Mund zusammen und spie Delfina in die Kehle. Sie verging fast vor Ekel. Es war, als brächen ihre Augen. Ihr ganzer Körper sank in sich zusammen und bebte leise. Da packte Deiter seine größte Leidenschaft, die Grausamkeit. Er spie Delfina unaufhörlich ins Gesicht, während er den wesenlos gewordenen Körper vergewaltigte ... Eine Viertelstunde später gab er dem Portier der Travessa de Sant Antao einen Brief für Delfina und rannte zu Poito, der diesmal sehr verwundert war. »Aber wie sieht denn nur deine Hose aus!« Deiter blickte an ihr hinunter. »Verflucht!« »Kenne ich die Glückliche?« »Hast du Benzin?« Deiters Ohren lauerten, als er hinwarf: »Übrigens habe ich da Silvas Frau gesehen.« Poito riß es herum. »Diese Frau hast du ...?« »Gesehen!« Deiter schmunzelte orientiert. »Es war die kleine Saraf vom Salao Foz. Wo ist das Benzin?« Poito suchte stürmisch. Alsbald mit Erfolg. Während Deiter sich die Hose putzte, detaillierte er: »Delfina kam aus dem Atlantic, als ich vorbeiging. Der Portier schrie hinter ihr her. Ein mutiges Weib! Sie bat mich, sie heimzubegleiten. Jetzt wäre, meiner Ansicht nach, der Moment für dich da.« »Für mich?« Poitos Hände gehabten sich, als dirigierten sie ein unsichtbares Symphonie-Orchester. »Ich brauche dreihundert Eskudos.« Deiter pfiff. »Für meine kranke Tante in Porto.« »Wieso – der Moment?« »Eigentlich keine große Summe. Aber doch schwer aufzutreiben.« Poito maß ihn verblüfft und angewidert zugleich. »Du könntest ein Assaoul sein, wahrhaftig. Aber wenn du wirklich etwas weißt, das mir ... dann zerreiße ich diese drei Scheine hier in zwei Hälften.« »Wann bekomme ich die fehlenden Hälften?« »Wenn es mir bei Delfina gelungen sein wird.« »Das kannst du nachher leugnen.« Deiter spuckte in die Hände und rieb sie, da Poito von einem Fuß auf den andern trat. »Zerreiß die Scheine!« Als seine Finger das Geld fühlten, wurde er liebenswürdig: »Die anderen Hälften, lieber Paolo, wirst du mir geben, wenn ich dir die Hälfte der Details, die du brauchst, gesagt haben werde.« Sobald Poito zustimmend gesummt hatte, stellte Deiter sich hin, als hätte er jahrelang in der Rua do Ferregial gewohnt. »Vittorino da Silva ist jetzt in Belem, Delfina also allein. Das ist die eine Hälfte.« Poito rümpfte die Nase. Die von neuem in ihm erwachte Gier nach der Frau, die er seit Jahren vergeblich begehrte, ließ ihn jedoch nicht weiter sich bedenken. Deiter steckte die anderen Hälften fürsorglich ein. »Delfina ist durch den Kanonendonner und die Angst auf der Straße erschöpft und willenlos, aber aufgeregt. Du wirst also keine Schwierigkeiten haben. Außerdem hat sie eine tolle Szene mit ihrem Mann hinter sich. Und schließlich weiß sie schon, daß du kommst.« »Was?« Poito hob die Faust zum Schlag. »Du hast eine Schurkerei gemacht? Antworte!« Deiter spie nachlässig aus. »Alles wahrhaft Schwierige gelingt doch nur durch Schurkerei, Zum Beispiel jeder Reichtum. Auch jeder Staat. Ohne Schurkerei würde er sich überdies in wenigen Stunden in nichts auflösen. Deshalb haben wir doch so oft Revolutionen. Portugal hat zu brave Präsidenten. Und da willst du Delfina kriegen, indem du mit dem Finger winkst?« Er lächelte Poito spöttisch zu. »Du bist angekündigt und hast nichts weiter zu tun, als eine ernste Miene aufzusetzen und deinen Rock auszuziehen ... Sie wird aufschreien und sich sofort hinlegen. Aber es eilt.« Noch kämpfte Poito mit sich. »Sag, was sich eigentlich zugetragen hat!« »Erst, wenn du ihr Liebhaber bist«, gackerte Deiter, »werde ich dir für einen gewissen Betrag sagen, womit du sie so in die Hand bekommst, daß sie dich niemals verabschieden kann, dir vielmehr eine schnelle Justizkarriere vermitteln muß.« – Nicht lange nachher erschien Deiter noch einmal bei Zoila, die bei seinem Anblick sich wimmernd aufsetzte, aber doch begann, sich die Haare zu ordnen. »Was bringst du denn da?« Deiter warf ein Bündel in die Ecke. »Meinen alten Anzug.« »Paolo hatte übrigens denselben. Du nimmst wohl deinen Freunden alles weg?« »Einiges überlasse ich auch den Damen.« Da klingelte das Telefon. Zoila stürzte sich auf den Hörer. »Ah, Delfina ...« Mit einem Satz war Deiter neben ihr, ergriff den anderen Hörer und sprach in die Muschel: »Ich möchte Sie nur bitten, Senhora, Poito, der jetzt wohl schon bei Ihnen sein wird, zu sagen ...« Da Zoila sich anschickte, ihm den Hörer auf den Kopf zu schlagen, schrie er: »Rufen Sie ihn Heber ans Telefon!« Als er Poitos Stimme hörte, preßte er Zoila den Hörer ans Ohr, das nun den unwiderlegbaren Beweis dafür erhielt, wie sie betrogen worden war. Als sie endlich aufhörte, zu heulen, sagte Deiter: »Ich räche dich, wenn du mir dreihundert Eskudos für meine kranke Tante in Porto gibst und meine Geliebte bleibst, bis ich eine andere habe.« Zoila warf ihren Körper gegen den seinen, überall ihn mit beiden Händen umschmeichelnd. »Aber du mußt Paolo ruinieren!« Deiter schmatzte zustimmend, war jedoch zu ermüdet für jede weitere Aktivität. »Nimm die Finger weg! Jetzt reden wir von Geschäften.« Er streckte ihr die flache Hand unter die Nase. Sein Putsch war über die Maßen geglückt. Im Hotel Fleißig einem kleinen Hotel in der Warmoestraat in Amsterdam, wohnte Fietsch seit einer Woche. Hier fühlte er sich sicher. Die Wirtin, eine dicke faule Person, nahm sich nicht einmal die Mühe, ihren Gästen ins Gesicht zu sehen. Kein Kellner. Nur ein altes verhutzeltes Stubenmädchen schlurfte von Zeit zu Zeit über den Korridor. Besser hätte Fietsch es nicht treffen können. Bis fünf Uhr nachmittags lag er im Bett, unzählige ›Miss Blanche‹ rauchend. Dann machte er lange und penibel Toilette, da er die Vorsicht, sich umzuarrangieren, nicht außer acht lassen wollte, und begab sich in das nur einige Häuser weiter unten am Hafen gelegene Café De Sleepdienst. Nach Einbruch der Dunkelheit machte er einen ausgedehnten Rekognoszierungsgang durch den Hafen und nach Mitternacht einen Besuch im Boardinghouse Hong Tonks, das hinter einer zivilen Fassade ein konträres Treiben verbarg. Und gegen fünf Uhr morgens lag er wieder in seinem weichen Bett im Hotel Fleißig. Dieses Leben gedachte er so lange wie nur möglich fortzusetzen, um sich in Vergessenheit zu bringen und eines Tages, ein ganz neuer Herr, seiner Existenz jenen großartigen Schwung zu geben, dessen sie zu seinem Leidwesen bisher entratcn hatte. Da aber führte ein ganz unvermutetes Intermezzo eine vorzeitige Wendung herbei. Fietsch war eines Nachts schon gegen drei Uhr heimgekommen und hatte soeben seine Schuhe ausgezogen, als es klopfte. Er hielt inne und lauschte. Dann lächelte er: entweder hatte er sich getäuscht oder irgendwie im Hotel wurde ... Da klopfte es abermals. Diesmal war jeder Zweifel ausgeschlossen: es hatte an seine Tür geklopft. Er stellte den Schuh, den er noch in der Hand hielt, unhörbar auf den Boden, schlich sich von der Seite her zur Tür und blickte durchs Schlüsselloch: jemand stand dicht davor. Fietsch zögerte immer noch, da er niemanden in Amsterdam kannte und niemand seine Adresse. Da fiel ihm ein, daß bei ihm ja Licht zu sehen war, also ein Hotelgast draußen sein konnte, der irgend etwas brauchte. Schon wollte er öffnen, als es wiederum klopfte. Dieses Klopfen, das eigentümlich kurz und gleichmäßig gewesen war, ließ ihn innehalten: so klopfte man im Gefängnis. Es war also einer von der Zunft draußen oder ein Piper. Fietsch überlegte. Nicht lange. Denn wie fast jeder in solchen Augenblicken neigte auch er dazu, das Angenehmere zu glauben. Mit einem Ruck sperrte auf. Vor ihm stand ein untersetzter Mann in einer abgetragenen Winterjacke, aus deren Tasche eine Mütze lugte. Seine kleinen dunklen Augen funkelten, während er mit der Hand verlegen sich durch das spärliche rötliche Haar fuhr. »Jestattense, aba ik ...« Fietsch ließ seine Augen nicht von den Händen des Mannes; auch nicht, als er ihn an der Schulter ins Zimmer holte. »Wat wollnse denn?« Er drehte den Schlüssel um. »Ik möchte Ihn bitten ...« »Kennse mia denn?« Fietsch stand steif vor dem Mann. Nur seine Augen umeilten ihn. »Ik wohne nämlich schon zwee Taje hia. Unten am Ende vom Jang. Aba kenn tu ik Ihn nich. Det heeßt, ik habe Ihn jestern Puppchen feifen jehört.« Fietsch wurde mißtrauisch. »So. Also det hab ik nu jar nich jerne, wenn eener wat heert.« Der Mann knöpfte, unliebsam berührt, den Katzenfellkragen seiner Jacke auf. »Jestattense bitte, aba det is een falscher Vadacht.« Fietsch hob die rechte Hand in Kopfeshöhe, senkte die Finger horizontal und winkte mit ihnen. »Na, heiß is Ihn ja schon.« »Jestattense ...« Der Mann nahm den Katzenfellkragen ab, den er neben dem Schenkel baumeln ließ. »... wenn ik Ihn wiedahole, detse sich in een schweren Irrtum befinden.« »Na, Spanier sindse jedenfalls nich.« Fietsch grinste mit schief offenem Mund. »Sonst hättense keene Jlatze.« Der Mann ärgerte sich erstaunlicher Weise und ripostierte: »Na un Sie? Sie ham ja falsche Haare.« »Det Arjument jejen mia is ja nu bei die Haare herbeijezochen.« Fietsch, der seine Antwort für geistreich hielt, pflegte sie in solchem Fall stets anzubringen. »Ik friere nämlich uffm Koppe. Aba wie hamse denn det so schnell jemerkt?« »Falsche Haare liejen so liniert.« »Nich schlecht. Nu aba ...« Fietsch warf einen Blick auf seine neben dem Bett an der Wand hängende Taschenuhr. »Dreie is durch un Nacht. Wat wollnse denn nu eejentlich?« Der Mann wand die Hände vor dem Bauch. Und plötzlich huschte ein schüchtern flehender Blick zu Fietsch empor. »Ik möchte Ihn bitten, Se solln mia een Rat jeben.« Fietsch, durchaus noch nicht sorgloser geworden, hüstelte trocken. »Det is imma ne vataifelt dumme Jeschichte. Wenn man een mal erst nen Rat jeben muß, denn is ihm jewöhnlich ieberhaupt nich mehr zu helfen.« »Bürstense mia nich jleich ab«, sprudelte der Mann, miteins nervös, hervor und setzte sich auf den nächsten Stuhl. »Et is mia schon noch zu helfen. Ik muß mia bloß ofee machen bei een, der sich auskennt.« »Woher wissense denn, det ik mia da auskenne?« Fietsch dehnte eindrucksvoll die Stimme. »Ik weeß zwar jar nich, watse meen, aba ik meene ... Se ham doch selber zujejeben, detse mia nich kenn. Also ruddelnse nich!« Der Mann stand auf, als wollte er auf ihn zugehen und mit einem einzigen Wort ihm alles erklären, setzte sich aber schnell wieder, als wäre es ihm so leichter, zu sprechen. »Ik bin nämlich noch sehr jung. Zwoundzwanzich. Aba een jewissen Blick hab ik nu doch schon. Und wie ik Ihn jestern feifen jehört habe, da hab ik mia Ihn nachher anjeschaut, wiese fort sind. Und da hab ik nu jleich jesehen, ne Nulpe is det nich.« Er schwieg, scheu um sich blickend. »Unjelechte Eier!« Fietsch hatte längst die Hände in den Taschen: die eine hielt den Browning umklammert, die andere sein Schnappmesser. In diesem Augenblick wurde ein langsam stärker werdendes Kratzen vernehmbar und bald darauf hohles Pochen. Fietschs Gesicht, das sich bedrohlich verfinstert hatte, hellte sich auf: jemand kam die Treppe empor und kratzte mit dem Schlüssel an der Mauer. Die Tür des Nebenzimmers wurde aufgesperrt. Die leise Stimme einer Frau war zu hören und die heisere eines Mannes. »Sehnse mal.« Fietsch wies verächtlich mit dem Kopf auf die Wand. »Der eene nimmt sich was Solides vor und der andere eene Dame. Die da drieben haut ihn dafier. Jleich wernse.« Man hörte das falsche Lachen einer Frau, die sich auszieht, und das geile des zusehenden Mannes. Als es still wurde, sagte Fietsch eisig: »So. Also ik bin keene Nulpe. Darf ik Ihn bitten ... wat ik bin?« Der Mann hustete langwierig. »Eener, der schon jesessen hat.« Fietsch lächelte mit offenem Mund. Dann nahm er die Hände aus den Taschen. Sein Mißtrauen war zwar noch nicht ganz beseitigt, aber so viel stand jetzt fest, daß sein nächtlicher Besucher ein Neuling war. »Also un wenn ik schon jesessen hätte ... wat dann?« Da er ihn neuerdings die Hände winden sah, duzte er ihn: »Wie heeßt du eejentlich, du Hurtich?« Wider alles Erwarten wurde der Mann daraufhin nur noch scheuer. Aus dem Nebenzimmer erklang leises Mundharmonikaspiel. »Himmelkreuzschwerenotnochmal! Musike macht die Bande ooch noch! So mach schon det Maul auf!« Fietsch trat auf den Mann zu und rüttelte ihn an den Schultern. »Ik bin der Lang aus Dessau un Antisemit.« »Na endlich!« Fietsch ließ ihn los. »Un Antisemit biste ooch. Det is mia piepe. Ik bin ja nu keen Jude, aba von de Toleranz. Det kann nie schaden.« Er setzte sich aufs Bett, die Füße unter die Schenkel emporziehend. »Also wat is nu los!« Lang drehte ihm mit beiden Händen den Stuhl zu. »Ik hab et ja jewußt, detse mia nich so mia nischt dia nischt vor de Tiere setzen werden.« »Mia wat, dia nischt!« Fietsch lachte kurz. »Nee, nee, machense keene Witze! Die Sache is mia sehr ernst.« Lang machte eine beteuernde Geste mit dem ganzen Arm. Dabei stieß er ein Glas vom Tisch, das zerbrach. »Liesenschmalz!« brummte Fietsch, ohne sich jedoch zu ärgern. »Laß man! Setz dia! Schieß nu schon los! Aba machs kurz! Is schon später.« Lang suchte einen Ruheplatz für seine aufgeregten Hände. Schließlich legte er sie unterhalb des Stuhls an das Holz und hob den Kopf. »Et wa bei meine letzte Tour nach Southampton, wo ik wejen die Ankunft von die ›Almanzora‹ ... Ik hatte da wat vor, nich? Da hat et eben anjefang, wie ik uff de Waterloo Station injestiejen bin. Et wa valleicht finf Minuten vor Abjang des Zuches, wie een junger Mann de Wagontiere uffreißt un fracht, ob det der Zuch nach Gravesend is. Ik mach nee mitm Koppe. Und denn janz kurz vor Abjang des Zuches is een janz hibsch anjezochener Mann jekomm un setzt sich mia jejenieber in de Ecke. Jleich hinter ihm aba is eener injestiejen, der is so plänär uff Piper herjerichtet jewesen, det man hätte meen sollen, et war eener. Un det sollte ik woll jerade, nich?« »Aha!« machte Fietsch wissend. »Ik rieche den Kitt schon. Aba azähl nua mal un ohne Salm, wenn ik bitten darf, wa?« »Jawoll ... Also un an die letzte Station vor Southampton is er ausjestiejen. Det is meine erste Beobachtung. De zweete is die. Ik habe mia een Zimma jenomm. Im South Western House. Mitten im Hafen zwischen de Schien und Docks. Det wa am Tache, wo die ›Almanzora‹ fällich wa. Im Hotel saje ik, ik will morjen mit die ›Araguaya‹ nach Buenos Aires. Nu hat aba die ›Almanzora‹ in Le Havre irjendeen Malöhr jehabt un is een Tach später anjekomm. Een ekelhaftet Pech! Also ik entschließe mia anders. Ik jeh nich nach Southampton, sondern ik hocke im Hotel. Abends is een alter Herr an mein Tisch jesessen un hat jleich jeschmust mit mia. Allens janz stur un kaff. Aba beim Wechjehn hat er mia jefracht, ob ik nich valleicht von Jöteborch komm. Ik saje nee. Wie er wech is, is mia aba wiederjekomm, det ik uff die Waterloo Station von nem Koffer von eener Dame, die ooch jewartet hat ... Ik habe det so jemacht, wie eener sich die Stiebel bindet ... Da habe ik also ne Etikette abjenomm, ›Göteborg Hotel‹ is druff jestanden, un injesteckt. Ik habe ihr aba erst, wohljemerkt, uff mein Koffa jepicht, wie ik im Zimmer jewesen bin. War et also nich sehr uffällich, det der alte Jlimma da jerade uff Jöteborch jetippt hat?« Lang hatte während der letzten Worte die Hände vom Stuhl gelöst und machte eifrige fahrige Gesten. »Keen Salm!« brummte Fietsch. »Un 'n bißken jeschwinda! Klöhn nich so!« Lang wand den Kopf im Kragen, als hätte er auf einen Abszeß im Nacken zu achten. »Un nich vorher hab ik den Alten jesehn un nachher ooch nich mehr. Un jetzt kommt de wichtichste Beobachtung. Also am andern Vormittag is die ›Almanzora‹ injeloofen. Vaninfticher Weise eene Stunde bevor die ›Araguaya‹ raus is. Da hat et also nich uffalln könn, det ik uffm Quai wa. Mein Kunden habe ik jleich jesehn. Uff der Hühnerleiter is er jestanden un hat Winke-winke jemacht. Wie er runter wa, bin ik seim Diena nach in de jroße Jepäckshalle. Mein Plan is jewesen, ik laß ihm int Jespräch vawickeln un zwischenmank schwenke ik die Koffa ab. Et is aba janz anders jekomm. Wie mein Dackel den Diena uff englisch anquasselt, schmust mia eener an. Ik seh sofort die Zahl. Der wars, der mit mia im Zuch nach Southampton jefahren is un mia ooch nich eenmal ins Oje jeblickt hat. Ik weeß jar nich mehr, wat er mia da vorjesung hat. Quatsch natierlich. Aba wie ik 'n endlich los wa, ist von mein Dackel un der Diena nischt mehr zu sehn. In London habe ik erst meine Wut jeschluckt un wa schon halb beschickert, wie mia mein Dackel am Kinne jreift. Wie durch een Wunda hat die janze Chose nu doch noch jeklappt. Der Diena hat nämlich jerade in die entscheidende Minute längeres Jroßes zu varrichten, jehabt, un wie mein Dackel mia hat vahindert jesehn, hat er allens alleene jemacht.« Er wetzte mit dem Hintern und klimperte mit den Fingern auf die Knie. »Det is allens. Aba ik jloobe, da brauchense keene Federwache, nich?« Fietsch ließ seine Füße los, die auf den Boden schnellten, und neigte sich vor, die Ellbogen auf den Knien, die Wangen in den Händen. »Nee, brauche ik nich. Is doch nischt passiert.« Langs Finger lagen still. »Nu machense sich man keen Streußelkuchen mit mia!« »Doje spritzte!« Fietsch lallte vor Vergnügen. »Fiehlste dia immer noch nich sicha in die Haut, meine Lobelle? Ik seh dia doch durch un durch.« »Jawoll. Un ik geniere mia da jarnich.« Lang hob erleichtert die Hände. »Ik möchte nua erstens ...« »Pscht!« machte Fietsch befehlend. »Det is een sehr miesa Zustand, ik weeß. Aba nu saje mal, haste schon mal mit die Piper zu tun jehabt?« Lang streckte den Zeigefinger der rechten Hand aus und machte mit dem Daumen die Bewegung des Hahnaufziehens. Dabei schüttelte er heftig den Kopf. Fietsch wandte das Gesicht ab. »Ik meene natierlich nich jleich kabore lejen. Ik seh schon, du weeßt noch jar nischt von wiese arbeeten. Hast nua so deine Privatbeobachtung jemacht, wa?« Lang nickte mit funkelnden Augen und dem ganzen Körper. Fietsch drehte seinen langen Oberleib vor, nahm mit einem schnellen Griff Lang die Zündholzschachtel aus der Brusttasche und zündete sich eine ›Miss Blanche‹ an. »Nu hör mal, mein Junge. Vadächtijen kannste allens, wenn de willst. Aba fier een Vadacht ne jesunde Basis finden, det is imma vaflucht schwea. Hast dia ja ooch selber jesacht, det da eener schon keene Nulpe nich sin darf. Na, da haste et nich schlecht jetroffen mit mia.« Er wedelte sich den Zigarettenrauch unter die Nase und sog ihn entzückt ein. »Nu man scheen der Reihe nach! Beobachtung eens willste schließen, det der junge Filz von de Wagontiere et zua Konstatierung jemacht hat, ob de effekt im Coupé sitzt. Bong. Dein plänärer Piper willste schließen, det er schon an un fier sich un vonwejen det Aussteijen an die vorletzte Station die Uffjabe jehabt hat, den hibsch anjezojenen Knoppel in die Ecke jejen Vadacht zu decken. Bong. Beobachtung zwo willste schließen, det der alte Jlimma beim Essen een Piper wa un ieba die Jöteborch-Etikette im Bilde un bei die Inspezierung von dein Zimma hat er ihr uff dein Koffa jesehn. Daher die Fraje, ob de von Jöteborch kommst. Absicht, um dia sicha zu machen, wa? Bong.« Lang wackelte auf seinem Stuhl vor Freude. »Jawoll, jawoll. Wennse von de ›Arjus‹ wären, könntense et nich scheena diktieren.« Fietsch spie durch eine Zahnlücke einen dünnen Strahl. »Wenn de mia mit disse Alöcher in Vajleich ziehen willst, kannste jleich wida adjes sajen.« »Jestattense bitte ...« Lang machte sich klein. »Ik kann Ihn nua vasichern, detse janz meine Uffassung entwickelt ham. Det heeßt, mia is det allens nua so vorjekomm, aba die richtichen Schlisse haben Sie mia jezojen.« Fietsch rieb sich herablassend die Nase. »Det mit von Jöteborch, det haltense fier janz besonders fiffich, die Jötta.« »Ja so, ja ...« Lang, der vor Ungeduld nicht recht zugehört hatte, drängte weiter. »Un nu Beobachtung drei, wennse so fraindlich sin wolln.« »Da willste schließen, det der Knoppel ausm Zuch, der dia in die Jepäckshalle 'n Koffatransport vahindert hat, dia ebendeswejen anjeschmust hat, wa?« »Jenau so un nich anders!« rief Lang begeistert. »Pscht!« machte Fietsch kategorisch. »Un nu spitz mal deine Löffel: et is det Kennzeichen von durch die Bank, wat de Piper machen, dette et von ner Harmlosichkeit nich untascheiden kannst. Det hört sich an wie'n jewöhnlicha Quatsch. Det sieht aus wie ne zufällje Bejejnung. Wie ne von selbst jekommne Situation. Is et nu een Kennzeichen, det et kenns jibt? Schwerlich. Un uffn Kunstfehla kannste bei Scotland nich rechn. Die sin uff Jlanz jedrillt.« Lang duckte sich. »Wat soll nu ...« Aus dem Nebenzimmer erscholl plötzlich lautes und unheimlich schnelles Trampeln und Stoßen, auf das alsbald dumpfe verquollene Schreie folgten. »Det jeht nu jeden Tach so.« Fietsch hielt das Ohr hin. »Un jetzt fangse ooch schon in de Nacht an. Un imma kriecht er die Dresche ab. Kann eim wirklich die Lust vajehn.« Er blickte resigniert zur Decke. »Also wat de da allens azählt hast, det kann natierlich ooch janz harmlos sind. Dafier is noch sehr bekräftijend, det dein Dackel den Koffatransport janz unjeschoren bewerkstellicht hat.« Lang kratzte sich den Kopf. »Valleicht weeß de Polente schon, wo de Koffa hin sind. Valleicht wollnse uns bloß nich Wind machen, bis se ooch de Details jesammelt ham.« »Bong.« Fietsch rauchte mit geschlossenen Augen. Er öffnete sie auch nicht, als er sagte: »Ik meene weda entweda noch oda, sondern ik saje, det sind Angstschlisse.« Er schlug die Augen auf, um die Wirkung zu sehen. Lang kroch geradezu in sich hinein. »Un wat is nu also definitorisch Ihre Uffassung von det Janze?« Fietsch machte ein paar Schritte. Da er keine Schuhe an den Füßen hatte, setzte er sich wieder aufs Bett. »Kernseefe! Meine Erfahrung is jewaltich. Un wat ik dia saje, det kann dia jeden Zweifel rauben sozusajen. Ik weeß, wat det Entscheidende is.« »Na also ...« Lang schlug sich den Handballen auf den Mund. »Man sachte, Junge!« Fietsch näßte Daumen und Zeigefinger und zerdrückte zwischen ihnen den glimmenden Rest seiner Zigarette. »Ik habe mia zwar nu schon ieberzeucht, dette keen Piper nich bist ... Schon jut, nua keene Saubohn! ... Aba ik weeß noch nich, ob de det allens da azählt hast, bloß damit ik fier die Jewißheit een Ieberblick jewinne.« »Nee, so wat! Du heiljer Strohsack!« Lang deutete, wirklich komisch, ein Händeringen an. »Wat sollte ik denn sonst ... nich?« »Jibt man sehr ville Möjlichkeeten.« Fietsch legte den unförmlichen Rest seiner Zigarette auf den Daumennagel und schnellte ihn mit dem Mittelfinger der andern Hand Lang aufs Ohr. Er lachte über den Treffer. »Denkste nach, kannste ville finden. Wenn de aba wirklich ne Angstreise hiaher jemacht hast, ik meene, wenn de erst retour willst, bis de dia sicha fiehlst, da wirste dia die Jewißheit doch nu wat kosten lassen, wa?« Lang hob eckig eine Schulter nach vorn und schob häßlich den Mund hoch. »Se wollen ... Ik soll also ...« Fietsch rieb die Handflächen aneinander. »Jib mich zwanzich Fund un ik saje dia Bescheid.« Er blickte zu Boden, die Lippen spitzend. Lang machte ein sehr widerspruchsvolles Gesicht. »Et is nua ... Det heeßt, ik habe jar nich so vill.« Fietsch hob langsam den Blick und öffnete den Mund. »Bong.« Sein Mund öffnete sich wieder. Er dachte sichtlich scharf nach. Dann pfitschte er flott mit drei Fingern. »Macht nischt. Bei mia jibts det nich: wennse komm, könnse jehn. Keener kann gleich sehn, ob et bloß 'n Papierbukett is. Na scheen, paß uff! Det Entscheidende is die Fraje von dem Jlimma nach Jöteborch. Klebt er Jöteborch, saje ik taffke Jöteborch. Det is ihr Patent. Det is ihre Lieblingsblende. Unbejreiflich, detse jrade da druff schwören. Fier mia is det direkt der klare Wink. Da weeß ik jleich, aha, et pipert, un zieh 'n Schwanz in. Watse da nämlich machen mit det harmlose Hinhalten vons Vadächtje, det is nich harmlos, weil et een sehr jroßa Zufall sin mißte. Ik saje ja nich, det Zufälle ne Rarität sin. Aba, jeleckt: vabliffende Zufälle, die sin eene. Un Zufälle sin imma vabliffend, wennse ne uffälje Jleichzeitichkeit darstellen un enorm jünstich ankomm un wenn der andre et eenfach nich hat wissen könn. Det is akkurat der vorliejende Fall. Jrade zu die frachliche Zeit sin in Southampton pro Tach sechs bis zehn jroße Dampfer aus alle Richtung injeloofen. Der Jlimma aba hat ausjerechnet uff Jöteborch jetippt. Folchlich is et fier mia jar keen Zweifel, det de Polente weeß ...« »Wat weeß se ...?« Langs Brust fiel ein. »Det die Koffa jeschnappt sin. Du warst ihn vadächtich un sie ham dia ieberwacht. Also liecht et doch uff die Hand, det se dia mit die Koffa in Vabindung setzen. Nu wäre et aba deshalb sehr anjenehm, wenn de rauskriejen kenntest, ob de hia ooch in Behandlung bist, wa?« »Vaflucht!« knurrte Lang. »Stimmt.« Nach einer Weile hob Lang den Kopf. »Na, un kenntense mia da nu nich een Rat jeben?« Fietsch schwieg taktischer Weise, an Langs steigender Angst sich weidend. Endlich fing er leise an: »Also, wat det erste is, mißtest de dia mal ne Woche lang unta meine Spezial-Beobachtung bejeben und jenau so leben wie ik hia. Na, un habe ik mia nu von deine Behandlung iebazeucht, so kennte ik dia dann schon een Rat jeben, wie de abjehn kannst. Is et nischt, na ooch jut. So oda so aba, jockel jetzt nich nach London! Du kennst dein Jejna nich. Jut uffpassen könn, det jenücht nich. Wenns mal dicke kommt un de nich jleich allens kapierst, biste aus.« Lang schmatzte, Tränen in den Augen, und stierte auf den Tisch. »Na, laß man nich jleich Bitta in Speichel, Junge.« Fietsch lehnte sich weit zurück, gähnend die Arme krumm biegend. »Kannst ja noch froh sin. Een anderer saust beim ersten Ausjehn rin un hat jleich zum Jabelbissen een paar Lenze wech. Bist doch 'n hella Kopp. Jeh in de Lehre, det rate ik dia.« »Aba wie soll ik denn ...« Lang stand langsam auf, sich den Hintern reibend. »Wat haste denn? Det is een Maulaufmachen. Wenn de willst, kannste zu mia komm.« Fietsch lümmelte sich vor. »Du jefällst mia.« »Wat?« Lang machte freudestrahlend einen Sprung. »Zu Ihn, Fietsch?« Der rutschte fast vom Bett. »Mia is, wie wennste schwebst.« Er wischte sich über die Stirn. »Du kennst mia? Du hast jetremmelt?« Lang wich vor seinen aufflammenden Augen zurück. »Nee, nee, nee ... Ik habe bloß uffm Tische da Ihren Nam jelesen. Un den Nam kenn ik nu freilich. Und da is mia jleich janz anders jeworden, nich?« Fietsch schlug sich knallend aufs Knie. »Die Platze kennte man kriejen!« Lang wünschte sehnlich, ihn zu besänftigen. »Et is ja bekannt, detse dichten. Aba detse et so stimmungsvoll machen un ins Schwarze jetroffen, det hätte ik nich fier jejeben jehalten.« Und plötzlich kam ihm der richtige Einfall. Er lief zum Tisch und las, über ihn sich neigend, langsam und jede Silbe mühsam prononcierend: »Een fades Lied vajeht nach Osten, Im Westen fahl der Tach erlischt. Da stellt een Piper sich uff seinen Posten Und eene Hure ihren Kerl drischt. Rudolf Fietsch.« Tief geschmeichelt senkte Fietsch den Kopf. »Danke fier Komplimente! Keene Ursache! Det mache ik wie Kartenspielen.« Er erhob sich träge. »Also, ik saje dia, et is bessa, du jehst nich fremd. Mach jetzt in dein Zimma! Viertel vor finfe jehste an meine Tür vorbei un machst een Doppelschritt. Aba laut. Dann jehste ins Sleepdienst schaufeln un wartst, bis ik komme. Wenn ik dann da bin un eene Blangsche uff de Diele schmeiße, jehste rumloofen. Is piepe wo. Un um zwölf jockelste zu Hong Tonk, da unten rechts vorne. Kennste et doch, wa?« Lang roch an seinen Fingern. »Aba ik ...« »Nischt aba!« Fietsch stellte sich habacht. »So wirds jemacht, wenn de nich willst, det ik mia von dia denke, der Mensch is nich jekonnt.« Er drängte ihn, seine Schultern packend, zur Tür. »Jetzt biste bei Fietsch im Jriff. Jetzt heeßts parieren oda nich. Wat andres jibts da nich. Aut oda knaut.« Lang drückte sich an der Tür herum, geflissentlich über ihn hinwegblickend. »Nu raus damit!« Fietsch blies ihm ins Gesicht. »Wat denn noch?« Da hielt Lang ganz von unten ein wenig die offene Hand hin. Fietsch schnalzte mit der Zunge, griff in die Tasche und steckte ihm zwei Gulden in die Finger. Dann blickte er ihm gleichsam allumfassend ins Gesicht. Er war innerlich sehr stolz auf diesen Blick, den er seinen Kreaturen mit Vorliebe auf den Weg mitgab. Lang, der diesen Blick nicht länger aushielt, drehte sich schnell um und wollte hinaus. Fietsch sperrte auf. »Vorsicht is ooch die Mutter von mein Vater sein Sohn. Nu jeh man!« Lang verbeugte sich schroff und schloß mit affektierter Grazie die Tür hinter sich. Fietsch ging zum Tisch, spuckte auf zwei Finger und rieb seinen Namen unleserlich. Dann grinste er minutenlang: er hoffte zuversichtlich, mit Hilfe dieses klugen und doch so leicht lenkbaren Jungen seiner Existenz jenen großartigen Schwung zu geben, dessen sie zu seinem Leidwesen bisher entraten hatte. Diluvialzeit Arzet saß, den rechten Fuß preziös auf das linke Knie gelegt, vor dem Café El Diluvio (in Barcelona) neben einem Glas Cazalla. Das rechte Knie stützte er mit seinem Stock, dessen Enden er mit beiden Händen hielt. Seine breiten Lippen quirlten mit Hilfe der Zunge eine Favoritos. Die winzigen stechenden Äuglein huschten konstant über die Plaza Palacio und den Paseo de la Aduana, dessen Eckgebäude, die Präfektur, sie geflissentlich zu übersehen schienen. Mit einem Mal schlossen sie sich und der rechte Winkel, den die Favoritos mit dem Kinn gebildet hatten, wurde zu einem spitzen: Valdesusos gelber kahler Schädel war auf dem Platz aufgetaucht. »Jetzt schon so müde?« flötete Valdesuso leise, während sein Grinsen zu einem Lächeln subtilster Fassung sich veredelte. Da jener sich nicht rührte, sagte er lauter: »Du mißtraust mir.« Arzet hob ein wenig den Kopf. Dabei verrutschte ihm die Favoritos so bedrohlich, daß er sie nur mit einer schnellen Lippenbewegung zu halten vermochte. Diese Bewegung, die, an ein Erwachen angereiht, viel zu energisch war, sah Valdesuso und lächelte noch subtiler. »Dein Foxsleep geschieht mir zu Ehren.« Arzet ließ seinen Stock links los und das Knie herunterfallen. Dann schlug er die Augen auf. Seine Wangen taten, als träume er noch. »Du?« Valdesuso flatterte mit den Händen. »Schon gut.« Er blickte auf seine Schuhspitzen, die er sachte bewegte: »Was macht Juana?« Arzet hielt sich gepeinigt den Kopf, als fiele es ihm ganz außerordentlich schwer, in der Wirklichkeit sich zurecht zu finden. Schließlich reichte er Valdesuso zwei Finger zum Gruß. Der stupste darauf. »Ab!« Seine Stimme wurde finster. »Also fang schon endlich an zu lügen!« Da neigte Arzet, die Favoritos aus dem Mund nehmend, sich weit vor: »Seit einer Stunde mache ich Diluvialzeit.« »Ne!« rief Valdesuso, hob das linke Bein und lauschte, die Hand am Ohr. Aber es kam kein Knall. »Du hast die Bofia da drüben im Auge? Sie haben aber doch gar keinen.« »Wenn du verliebt bist, fängst du an zu stinken, Blas.« Arzet stieß ihm den Zeigefinger auf den Schenkel. »Pacheco haben sie. Werden ihn also zwischen vier und sechs fortbringen.« Valdesuso wiegte, fast, aber durchaus noch nicht ganz überzeugt, seinen birnenförmigen Schädel und bestellte. »So wäre also dein Fox-sleep denen da drüben zu Ehren vorgefallen?« Arzet bog feierlich die Schwurfinger krumm. »So wahr ich mit der Madonna kein Verhältnis habe ...« Die Favoritos war ihm aus dem Mund gefallen. Als er sich nach ihr bückte, stieß sein Kopf an den Valdesusos, der, die Ohren sich zuhaltend, ihn vorgestreckt hatte. Arzet befühlte griesgrämig eine werdende Beule. »Sensi! Jetzt solls nur nicht auch noch regnen!« Valdesuso, überhaupt ein harter Schädel, behielt die Hände auf den Ohren: jener Fluch Arzets hatte seine fast fest gewordene Überzeugung heftig erschüttert. Nach einer Weile, als der Kellner ihm den Negrita hinschob, trank er ihn sorgfältig aus, wischte sich die Lippen mit dem Halstuch trocken und säuselte: »Da stör ich lieber nicht. Außerdem naht mir eine Diarrhoe.« Arzet schloß die Augen und bedeckte seine Stirn mit der Hand. »Adios, Orion!« Valdesuso machte ihm im Weggehen mit seiner Sereias einen kleinen Aschenstrich auf den rechten Ärmel. Arzet blickte ihm unter der Hand nach und kicherte lautlos. Valdesuso überquerte die Plaza Palacio, erreichte, hinter einem fahrenden Sandkarren sich haltend, ungesehen die Plaza Isabel und so den Paseo de la Aduana, wo er neben eine schier endlose Piß-Polonaise sich stellte, so daß er, durch einen dicken Lastträger wohlgedeckt, Arzet aus nächster Nähe beobachten konnte. Der war wieder völlig munter geworden, aber sichtlich nervös und blickte eben auf seine Uhr, als jemand ihm von hinten die Hand auf den Kopf legte. »Phaï, phaï!« Juana steckte ihm jovial einen Finger in den Kragen. Sie setzte sich mit Schwung. Arzet runzelte die Stirn. »Sieht man dich auch wieder einmal? Und wie du nach Pengos riechst!« »Ich rieche noch nach etwas ganz anderem.« Juana installierte ihren überaus faltigen Rock. »Ich sags bloß nicht.« Arzet ließ die Achseln spielen. »Ist dir vielleicht die Pneumatik geplatzt?« » Ich laufe noch gerade.« Juana schneuzte sich waldhornähnlich. »Was war denn los?« Arzets Stimme spitzte sich beunruhigt zu. Juana puderte ihre Nase. »Ich habe zu Pinto gesagt: ›Sehen Sie, dieser Rock hier hat eine Tasche ohne Sack. Geben Sie mir einen Macho und Sie dürfen es feststellen.‹« »Und? Er hat es festgestellt.« Juanas Nasenflügel blähten sich lange. »Wenn wir nicht hier säßen ...« Arzet klappte die Kiefer aufeinander, »... würde ich dir jetzt eine herunterhauen, daß du die Colon-Säule für 'nen Bleistift hältst.« »Welches Glück!« Juana belächelte seine drohend gehende Hand. »So komme ich nicht in Verlegenheit, dich für ein unbeschriebenes Blatt zu halten.« Sie winkte dem Kellner und verlangte außerdem einen Bogen Papier. Des Haders müde, wurde Arzet liebenswürdig. »Du weißt, ich kann tagelanges Wegbleiben nicht vertragen. Ich bin erst dreißig.« »Aber ich war doch gar nicht weg«, zirpte Juana gemächlich. » Du warst weg.« Arzet zerbiß seine Favoritos, einen Pflasterstein fixierend. Juana trillerte dem erscheinenden Kellner zu, dem sie einen konzilianten Schlag auf den Hintern versetzte; zum Dank für den ihr gebrachten Papierbogen, den sie sogleich zusammenfaltete und in den Hut steckte, um ihn enger zu machen. Arzet sah wie gekränkt zu. Valdesuso, hinter der Piß-Polonaise, hatte kein Detail übersehen. Sehr informiert, saugte er an seiner Sereias, ahnend, daß ihm noch allerlei bevorstünde. Und mit Recht. Mit einem Mal nämlich stand Ohakl am Tisch, ein kleiner wie ein Pole aussehender Kroate, der wegen seiner Liebedienerei überall über die Achsel angesehen wurde. »Comme elle est couchable, hein?« sagte er zu Arzet mit einem nassen Blick auf Juana, die mit den Elbogen und aller Welt kokettierte. Arzet entfernte sich Ohakls Hand von der Schulter. »Was willst du?« Den eingesunkenen Sattel seiner Nase reibend, setzte Ohakl sich neben Juana und bat inbrünstig um einen Kuß. »Aupa!« piepste Juana. »Und dabei hat er Lippen wie aus altem Gummi.« »Wir können dich jetzt nicht brauchen.« Arzet klopfte die Zigarrenasche auf Ohakls Mütze. »Mach, daß du fortkommst!« Seine Stimme grollte noch einige Zeit. Ohakl, an diese Behandlung gewöhnt, streifte grinsend Juana noch schnell mit der Hand über den Busen, was ihm einen knallenden Hieb auf die Stirn eintrug, und begab sich leise pfeifend weiter. Valdesuso blickte ihm nach. Ohakl, ihm seit je nicht geheuer, drückte sich die Häuser entlang, geradezu die Mauern rasierend, und verschwand im vierten Haustor, von hier aus von Zeit zu Zeit nach Arzets Tisch auslugend, an den soeben Sergia trat, einen grauen Cordobaner tief auf den Haaren. Sie trug ein gelbes Brusttuch mit eingestickten blaßroten Rosen und blaue Pompons an den weißen Halbschuhen. Sie liebte es, aufzufallen. Sie behauptete, das sei das beste Mittel, sein gutes Gewissen zu affichieren. Arzet war nicht dieser Auffassung. »In diesem Aufzug brauchst du dich nicht hier aufzuhalten.« Sergia drehte turnend die Handgelenke. »Noch sehr fraglich, wer von uns beiden dem andern die Aussichten auf den Adel schmälert.« Sie zeigte ihm schnippisch ihre schwarzseidene Unterhose. »Die Corona veneris hast du jedenfalls schon.« Juana heulte: »Was der nur heute für nen pippen Tag hat! Über alles ärgert er sich. Mir scheint ...« »Was scheint dir?« krächzte Arzet und schleuderte seine gebrauchsunfähig gebissene Zigarre weit von sich. »Daß ich mir auch eine schwarze Unterhose kaufen werde. Da sieht man nicht gleich alles.« Sergia liebte Auseinandersetzungen. Sie behauptete, das rege den Appetit an und sei sehr gesund für die Nieren. Sie rückte ihren Stuhl neben den Juanas, die über ihre Anwesenheit besonders deshalb sich freute, weil sie Arzet verhinderte, seine üble Laune noch mehr zu zeigen. »La bella Sergia!« Juana zupfte sich ihre Hand heran und küßte sie, als ob ... »Wenn ich so schön wäre wie du, würde ich mit diesem Stachelschwein von Orion überhaupt nicht verkehren. Und Pacheco würde ich einen Fußtritt geben und mir im ›Excelsior‹ einen Brunillo auf Lebenszeit holen.« Sergia zog langsam ihre Hand an sich. »Ich bin seit zwei Stunden Witwe.« »Haben sie denn Pacheco?« Arzet schnellte erblassend nach vorn, beherrschte sich aber rasch. Sergia zog, gleichmütig nickend, einen gelben Brief aus dem Gürtel. Arzet las ihn mit den Lippen und hervorquellenden Augen. »Das ist nicht wahr.« »Er hat ihn aber Sullmann selber übergeben.« Sergia schob schmatzend das Brusttuch mit den Schultern höher. »Und der ist gleich wieder davongelaufen.« »Ein kirschenweicher Brief!« Arzet beroch ihn verächtlich. Juanas Lachen schepperte. »Wenn du im Pandib wärst, würdest du auch keine Enziclica erlassen.« »Und sich an den Hosenträgern aufhängen!« Sergia knüpfte das Tuch über der Brust. »Ist ein Strick vornehmer? O, es ist von allem das Mutigste!« Juana zog eine Korallenbörse aus dem Mieder und legte Sergia einen Schein von fünfundzwanzig Pesetas in den Schoß. »Damit du ihn anständig begraben kannst.« Arzet schielte mißgünstig auf den Schein, schwieg aber. Sergia nahm ihn mit zwei Fingern hoch. Plötzlich sah man ihn nicht mehr. »Muchas gracias.« Verlegen werdend, enteilte sie. Nach einiger Zeit rieb Juana sich die Backen. »Schrecklich! Und sonst schrie er doch immer herum wie ein Pistolero.« Da sah sie, wie Arzet ihr unterm Tisch die Hand hinhielt. Lachend rannte sie davon, ohne bezahlt zu haben. Es fiel Valdesuso schwer, ihr nicht zu folgen. Aber Arzet mußte, da zudem Ohakl auf seinem Posten verharrte, etwas Besonderes vorhaben. Nach einer Viertelstunde hinkte denn auch ein alter Mann am Tisch vorbei und klapperte auffällig mit den Absätzen seiner Holzpantoffel. Alsbald klopfte Arzet mit dem unteren Ende eines Bleistifts dreimal auf den Marmor, worauf der Alte wie versehentlich sich an den Tisch setzte, einen Zettel darauf zurückließ und mühsam und im Zickzack davonhinkte. Gleichzeitig sah Valdesuso, daß Ohakl dem Alten folgte. Er folgte Ohakl, dem er an der Ecke einer unbelebten Seitenstraße mit seiner Matraque auf den Kopf schlug, und ging an den Tisch Arzets zurück, der bei seinem Anblick erschrak und den Zettel in eine Zeitung schob. »Du warst wohl schon fort?« Arzet rieb sich die Augen, um Zeit zu gewinnen. »Ich war mit Sergia im Retiro. Hab sie an die Griffe gehängt und ihr das Leben gezeigt.« »Wie man sich bettet, so genießt man.« Valdesuso zog Arzets Ärmel unter seine Augen. »Seltsam, daß bei dieser bewegten Beschäftigung dieser Aschenstrich, den ich dir vor dem Weggehen machte, intakt geblieben ist.« Arzet war sekundenlang bestürzt. »Den Strich hast du gar nicht gemacht. Sondern einen faulen Witz.« »Es wäre auch zu gemein, Pacheco die Gachi zu nehmen, während sie ihn haben.« »Man kann nicht schnell genug sein. Das ist das Vorsichtigste.« »Das ist wahr. Aber eine Lüge.« Valdesuso legte die Hand auf die Zeitung. »Da ist ja noch meine ›Voz‹!« »Das ist meine.« Arzet wollte seine Hand fortstoßen. »Kannst du es beweisen?« »Unsinn! Aber es fängt an, zu regnen.« »Ein beschriebener Zettel liegt darin.« Arzets Kopf zitterte kurz. Dann sammelte sich stürmische Glut in seinem Blick. »Du warst gar nicht weg, du ... Nette Diarrhoe das!« »Halts Maul, golfo! Ab!« »Du hast aufgepaßt!« »Wie Ohakl dir aufgepaßt hat.« Valdesuso Juckte sich triumphierend die Oberlippe. »Das Rückenteil seines Rocks, der sonst noch fast neu ist, glänzt von oben bis unten. Vom vielen An-den-Wänden-Lehnen. Und jetzt geht er deinem Alten nach.« »Ein Cargueño! Dieser Lakai!« Arzets Gebiß schlotterte, während seine Hände auf Valdesusos Unterarm sich preßten. »Blas, das ist ja entsetzlich!« »Zeig mir den Brief Sergias!« Arzet wollte schon wieder loswettern, als ihm einfiel, daß die Zeit drängte. »Er ist echt.« Valdesuso überflog ihn, sein Kinn massierend. »Also entweder ist hinterher wahr geworden, was du mir vorgelogen hast. Oder er hat Sergia etwas vorgelogen, damit andere es für wahr halten.« »Er hat ihr etwas vorgelogen.« Arzets Hand griff in die Zeitung. »Blas, du bist klug.« Auf dem Zettel war zu lesen: ›Tengo charpe grande lio manca la confitura Vieni P.‹ Valdesusos Stirn faltete sich. »Das ist mir zu tief.« Hastig übersetzte Arzet: »Habe das Geld. Große Konfusion. Mir fehlt die passende Erklärung. Komm! Pacheco.« »Um wieviel handelt es sich?« Arzet schluckte schwierig. »Es regnet schon stärker ... Hundertfünfzigtausend.« »Papier? War Pacheco allein?« »Papier. Den Anfang habe ich gearbeitet.« »Wo ist er jetzt?« »Calle Concordia. Dort hat er zwei Zimmer.« »Weißt du, wer ihn da festgenagelt hat?« »Zwei, die ihm Platz gestanden haben.« »Aber jetzt erst die Wahrheit wissen. Wer ist der Alte?« »Sein Sohn ist Stiefelputzer.« »Nicht sehr bezeichnend für den Vater. Ab! Laß den Jungen holen!« Arzet, der durchaus nichts begriff, in seiner Angst aber Valdesuso völlig sich überließ, winkte einem Botanes. Als er fort war, äußerte Valdesuso sachte: »Wieviel gibst du mir, wenn ich dir die Confitura schmiere?« Arzet schmerzte das ganze Gesicht. »Ohne Pacheco kann ich nicht ...« »Der wird froh sein, wenn ich ihn aus der großen Lio hole.« Arzet schloß die Augen, um ihn wenigstens nicht zu sehen. »Wieviel?« »Ein Drittel. Was hast du eigentlich mit Juana?« Arzet blickte zur Marquise empor, auf die der Regen trommelte. »Sie scheint dir nicht zu parieren.« »Manchmal läuft sie tagelang wie ne Uhr. Dann wieder hat sie eine Woche, wo sie glatt durch die Lappen geht. Und zum Überfluß hat sie noch ne zu leichte Hand. Hast du gesehen, wie sie Sergia ...?« Arzet atmete tief und schwer. Valdesuso nahm nickend den Zettel auf die Zunge. »Für das Begräbnis!« Valdesuso lachte so heftig, daß der nasse Zettel Arzet auf den Kragen flog. »Perdone, Orion! Hör zu. Ich hab eine feste Hand. Überlaß mir Juana! Ich werde auch Sergia richtig einstellen, während Pacheco nicht da ist. Und daß ihr beide längere Zeit ... Olà, olà.« Die Augen Arzets verdrehten sich schon minutenlang. Flüchtig war es ihm jetzt, als könnte er verstehen, daß Unglück wahnsinnig mache. »Blas, der Alte!« Valdesuso schüttelte die Hand. »Ohakl liegt mit einer Bohne auf dem Kopf in der Calle de Cambios Nuevos und schläft. Ab!« Arzet packte Valdesusos Hand und küßte sie. Valdesuso steckte sie rasch ein. »Spätestens in einer halben Stunde wird er dahinüber in seine Anstalt gehen und auf euch beide mit dem Finger zeigen.« »Er weiß doch noch nichts.« »Es genügt, daß er das weiß.« Da kam der Botanes mit dem Stiefelputzer an. »Orion, gib jedem einen Macho!« befahl Valdesuso düster, hob das linke Bein und lauschte. Diesmal kam ein mächtiger Knall. Arzet gab, die Zähne entblößend. Valdesuso zog den Stiefelputzer, der immer noch kicherte, an einem Rockknopf heran. »Lauf sofort zu Pacheco in die Calle Concordia Nummer ...« »Vier.« »Und sag ihm laut, daß die Bofia schon weiß und dein Vater dich schickt. Er soll mit dir gehen und alles mitnehmen. Wenn er muckt, sag ihm leise: ›La confitura!‹ Und jetzt lauf, was dich die Beine tragen! Ab!« »Aber... was ...« Arzets Brust arbeitete ungestüm. Valdesuso hob, Schweigen gebietend, die Hand. »Wenn er fünfzig Meter weit ist, lauf ich ihm nach. Wenn ich so weit bin, läufst du mir nach. Pacheco wird aus dem Haus kommen. Die beiden, die ihm die Lio gemacht haben, werden ihm auf den Fersen bleiben. Ich werde das verhindern. Und du wirst mir dabei helfen. Die Madonna steh uns bei!« Er lief über die Straße. Arzet blickte ihm nach, teils dankbar, teils wütend. Denn es begann überdies in Strömen zu regnen. »Diluvialzeit!« knirschte er und lief Valdesuso nach. Homingmans schönste Komposition Homingman hatte die Bekanntschaft Fifitts auf der Enzpromenade gemacht, indem er plötzlich von hinten grußlos mit den Worten neben sie trat: »Ich würde mich freuen, wenn Sie sich langweilten.« Fifitt hatte gelacht und man war ins Gespräch gekommen. Und als Homingman sie nach einer Stunde vor dem Badhotel verließ, hatte sie ihm ein Wiedersehen versprochen, wenn auch nicht fixiert, und den Wunsch geäußert, in seiner Erinnerung als Fifitt zu existieren und nicht anders. Er erreichte ohne Schwierigkeiten sechzehn Spaziergänge an der Enz und vier auf dem Sommerberg und schließlich eine Autofahrt nach Baden-Baden, allwo es in dem auf einer Anhöhe gelegenen Hotel Grethel sich begab, was insoferne eines besonderen Reizes nicht entbehrte, als Homingman ein Pyjama sich ausleihen mußte, das viel zu kurz, und Fifitt ein Nachthemd, das viel zu eng war. Damit war für Homingman, der das Tempo seines Lebens zu gut kannte, um nicht davon überzeugt zu sein, daß niemals ein Wiedersehen erfolgen würde, diese Episode beendet. Er fuhr nach Kopenhagen, Fifitt nach München. Er trauerte während der Eisenbahnfahrt Fifitts schlanken Beinen nach, diese einen ganzen Tag seinen seltenen Küssen. Dann war es aus. Als aber Homingman den zweiten Frühling, der auf diesen Sommer folgte, in San Remo verbrachte, sah er schon am dritten Tag im Speisesaal des Riviera Palace Fifitt allein an einem Tisch sitzen. Er drückte sich augenblicks. Denn seine Situation, ohnehin bereits von äußerster Kompliziertheit, hätte durch eine unbesonnene Wiederaufnahme der Beziehungen zu Fifitt eine weitere Komplikation erlitten. Er setzte sich in der Hall in einen versteckt stehenden Klubsessel, entzündete sich eine Kyriatzi und kurbelte sein Gehirn an. Sein Leben hatte kurz nach jener schönen Nacht im Hotel Grethel eine so mißliche Wendung genommen, daß die Kopenhagener Polizei sein Photo unter der Nummer 225 in ihr Album eingereiht hatte. Er maß diesem Umstand keine allzu große Wichtigkeit bei, war vielmehr so raffiniert, ihn sich zunutze zu machen. Er verschmähte es, eine gründliche Metamorphose an sich vorzunehmen, und beschränkte sich darauf, die zahllosen Herren und Damen, die im Restaurant, im Café und auf den Promenadenbänken neben ihm sich niederließen, scheinbar halbblind, schwerhörig oder sonstwie invalid waren, auch gerne an allerlei nervösen Störungen litten, in ihrem ohnedies traurigen Beruf zu unterstützen, indem er tat, als sehe er sie überhaupt nicht, und ihnen gelegentlich Lügen zu hören gab. Er wollte warten, bis eine angemessene Beute sich zeigte, und mit Hilfe derer, die dazu kommandiert waren, sie ihm zu entreißen, sie sich holen. Und er wollte so komponieren, daß seine Undurchschaubarkeit von nie noch erreichter Vollkommenheit wäre. Nun, diese Beute war in Darmstadt im Hotel zur Traube in Gestalt einer jungen, über alle Zweifel reichen und zudem sehr schönen ungarischen Großbäckerstochter erschienen. Homingman hatte, kaum daß er sie erblickte hatte, sofort sich zurückgezogen. Das war seine Stärke. ›Vermeide jedes überraschende Zusammentreffen, das stets zu Extemporalien zwingt, sondern komponiere deine Absichten!‹ Also war in seinem kleinen Notizbuch zu lesen, in dem er alsbald auf sein wichtigstes Axiom stieß: ›Von zwei Objekten wähle nicht das größere, sondern das glattere!‹ Da er, der seiner schönen Ungarin nach San Remo nachgereist war, für einen der folgenden Abende ein zweckentsprechendes Rendez-vous im Westend Hotel präpariert hatte, wog er die beiden Objekte. Leider ohne Erfolg, weil Fifitts Gewichtsverhältnisse ihm fehlten. Nach einer zweitägigen Enquête jedoch kannte er diese. Die neuerliche Gewichtsprüfung fiel zugunsten Fifitts aus, die Alexandra von und zu Stettenhausen hieß und die einzige Tochter ihrer verwitweten und anhanglosen Mutter war. Daß die schöne Ungarin größere Reichtümer besaß, wurde durch die rekommandablere Glätte der Sache Fifitt aufgewogen. Und nun machte Homingman sich ans Komponieren. Der Umstand, daß die Polizei das Hotel innen und außen belagert hielt, mußte als zentraler Punkt angesehen werden. In Fällen, die infolge der Umsicht des gejagten Wilds die übliche sporadische Überwachung als unsicher befürchten lassen, wählt nämlich die Polizei die lückenlose Umklammerung. Ihr Kalkül, wer den einzelnen Häscher rasch herausschnüffelte, wäre am ehesten zur Annahme geneigt, es seien gar keine da, wenn er nur Häscher sähe, war im Falle Homingman freilich deplaziert. Denn dieser hatte in seiner jeweiligen Umgebung nie noch etwas anderes gesehen als Feinde und stets lediglich sich bemüht, Objekte zu suchen. Noch am selben Abend lächelte er, seine Komposition vollendet im Kopf, die in der Hall rings um ihn eifrig konversierende Umklammerungs-Staffel freundlich an und sagte sich: ›Ein Gefängnis ist das Leben ohnedies. Aus diesen lebenden Mauern aber werde ich mit dem Finger ausbrechen.‹ Und alsbald winkte er mit dem Zeigefinger. Die Konversationen versiegten augenblicks. Wohl ein halbes Schock lauernder Augen teilte sich in zwei Teile: die einen flogen in die Richtung, in der Homingmans Finger gewinkt hatte, die anderen hafteten auf ihm selber, der liebenswürdig grinste. Er hatte gleichsam rhetorisch gewinkt und bloß das Vergnügen der realisierten Metapher sich geleistet. Hierauf ging er siegesgewiß in den Speisesaal und auf den Tisch Fifitts zu. Um ihr den Übergang zu erleichtern, setzte er sich sofort neben sie und erzählte ihr, allerdings auch in Hinsicht auf das plötzlich hinter ihm sitzende Lauscherpärchen, die Erlebnisse seiner ersten Autofahrt nach St. Raphael, die niemals stattgefunden hatte. Dann flüsterte er schnell, daß er am nächsten Vormittag von zehn bis zwölf in den Giardini Marsaglia promenieren werde, und verabschiedete sich überkorrekt von der weidlich Konsternierten. Und eine Viertelstunde später erschien er in der Hall des Westend Hotel, wo an diesem Abend ein kleiner Ball stattfand, zu dessen Teilnehmern Vilma Kököllö zählte. Er trat diskret neben sie und sagte leise vor ihrem Ohr: »Sie haben auf der rechten Schulter einen Schmutzfleck. Gestatten Sie, daß ich Sie hinausführe.« Dabei hielt er ihr den Arm hin, den sie verdutzt ergriff. Im Korridor bearbeitete er mit seinem Taschentuch dezent ihren Rücken. Dieser Tätigkeit sah eine alte Dame zu, deren Indignation er auf den ersten Blick als adjustiert erkannte. Weshalb er, während er Vilma so nahe an ihr vorbeiführte, daß sie sie streifte, mit den Worten grüßte: »Buona sera, Madame Reichsgräfin.« Vilma, die aus dem Erstaunen gar nicht herauskam, stotterte: »Aber was ... Reichsgräfin ...? Und Sie sagen ›buona sera‹?« »Wenn ich jemandem zu verstehen geben will, daß ich ihn kenne, aber keine Ahnung habe, wer er ist, grüße ich in mehreren Sprachen. Dann besteht die Hoffnung, daß er mir in seiner Muttersprache antwortet, oder die Chance, daß er verschwindet.« Vilma lachte aus vollem Hals: Homingman hatte die erste Attacke gewonnen. Und gewann im Verlaufe des Abends fast eine Schlacht. Er rollte den ganzen linken Flügel Vilmas auf. Und zwar mit Hilfe eines halben Dutzend neuerdings hinzugekommener Ballgäste, die alle das Riviera Palace verlassen hatten, wie um eigens ihm als Komparsen zu dienen. Tagsdarauf sprach ganz San Remo über diesen unerhörten Vorfall. Und vormittags elf Uhr zwölf Homingman darüber mit Fifitt, die ihn, an seine Eskapaden von Baden-Baden sich erinnernd, sofort in Verdacht gehabt hatte, als sie beim Frühstück vom Nebentisch her die erste Version vernahm. »Das sieht Ihnen ähnlich. Schweigen Sie! Es ist ganz aussichtslos für Sie, zu leugnen. Aber sagen Sie mir, ob es wirklich so war.« »Ja, wie soll es denn eigentlich gewesen sein?« fragte Homingman erheitert, aber wohl überlegter Weise leise resigniert. »Sie ist also ohnmächtig geworden?« »Dazu hat man sie gezwungen!« »Sie wollten wohl sagen, daß Sie sie dazu gezwungen haben.« »Keineswegs. Sondern die Umstehenden.« »Jawohl, weil sie gesehen haben, wie Sie Ihre Hand mißbrauchen wollten.« »Eine Interpretation, die falsch ist.« Homingman rollte langsam die Schultern. »Vielleicht habe ich jene Geste nach dem Unterrock Fräulein Kököllös lediglich gemacht, um die Umstehenden zu Interpretationen zu veranlassen.« »Sie schwindeln.« Homingman, der aufrichtig gewesen war, gähnte. »Daran zweifelt meist niemand, wenn ich es nicht tue. Nur wenn ich lüge, glaubt man mir manchmal.« »Ganz wie in Wildbad.« Fifitt zeigte lächelnd ihre schönen Zähne. »Aber Spaß beiseite, ich finde es sehr chic von den jungen Leuten, die es sahen, daß sie sich auf Fräulein Kököllö stürzten und sie gleichsam zur Ohnmacht zwangen.« Homingman lachte brutal. »Aber sie haben ihr doch die Röcke links hochgeschoben und Strumpf und Unterhöschen untersucht, als hätte ich da eine Giftschlange oder Bazillenkultur angelegt.« »Deshalb möchte ich ja von Ihnen wissen, wie es eigentlich war. Denn grundlos machen wohlerzogene junge Leute doch so etwas nicht. Das wäre ein zu geschmackloser Scherz.« »Die jungen Leute waren eben nicht wohlerzogen, sondern ganz einfach unverschämt. Das hatte ich ja auch erwartet.« »So, das hatten Sie erwartet!« Fifitt schritt schneller aus, schlug aber den Weg in die Berge ein statt den nach dem Corso. »Sie erwarten das wohl von allen wohlerzogenen jungen Leuten?« Homingman, der sich verplappert hatte, lenkte ein: »Sie unterstellen meinen Worten eine ungerechte Verallgemeinerung. Und im übrigen ist mir dieses Seide gewordene ungarische Beugel schon zum Hals heraus. Wenn ich nicht wohlerzogen wäre, würde ich nach diesem Vorfall mich überhaupt nicht mehr um sie kümmern.« Das beruhigte Fifitt, die zwar nicht eifersüchtig war, aber nicht wünschte, daß die Wiederaufnahme ihrer Beziehungen zu ihm durch Nebenbeschäftigungen verzögert oder geschmälert würde. Denn sie war ein in jeder Hinsicht emanzipiertes Persönchen, das, weit davon entfernt, in ihn verliebt zu sein, ihn bloß als Amüsement schätzte; tags die Konversation, nachts die Position. Während sie, in Schwarzwald–Erinnerungen schwelgend, den letzten Villen sich näherten, folgte ihnen in dem üblichen Abstand ein ältliches Ehepaar. Deshalb schrieb Homingman in einem Augenblick, da Fifitt ihre Haare ordnete, auf eine Streichholzschachtel: ›Ce soir à dix heures‹, und ließ sie zu Boden fallen, was das weibliche Auge in seinem Rücken veranlaßte, an dieser Stelle zurückzubleiben, um die Person, welche die Streichholzschachtel suchen würde, zu agnoszieren. Und nach zehn Minuten riß er unversehens einen Zweig ab, knickte ihn und hängte ihn über einen Ast. Das ihm folgende männliche Auge hielt es jedoch für ratsamer, auf seinen Fersen zu bleiben. Aber Homingman war um ein anderes Manöver nicht verlegen: er zog, als sie in einen Fichtenwald kamen, Fifitt hinter zwei dicke Bäume, wechselte noch dreimal das Versteck und wartete schließlich hinter einem Sandhaufen, bis sein Verfolger sich verloren hatte. Fifitt, die über sein Verhalten sich wunderte, erklärte er, das faschistische Italien verfolge mit Vorliebe die illegitimen Zärtlichkeiten fremdländischer Nichtstuer. Fifitt war es zufrieden; auch, daß er sie auf vielerlei Fußsteigen zu dem gleichfalls auf einer Anhöhe gelegenen Hotel Bellavista führte, wo er ihr zu déjeunieren vorschlug. Als sie daselbst gegen zwei Uhr die Toilette zu benützen wünschte, wies er ihr den Weg. Er öffnete sogar selbst die Tür, in die er Fifitt jedoch schnell hineinstieß. Denn es war gar nicht die Toilette, sondern das von ihm beim Portier meuchlings gemietete Zimmer, in dem es bald stürmisch zuging. Um sechs Uhr nachmittags stiegen sie nach San Remo hinunter, trennten sich aber, als sie in die Villenzone kamen, und dinierten im Riviera Palace, durch zwei Tische voneinander geschieden. Homingman vermied es vereinbarungsgemäß, mit Fifitt zu sprechen, und begab sich gegen zehn Uhr ins Westend Hotel, wo auch an diesem Abend ein Ball stattfand. Wider Erwarten, wenn auch nicht wider das seine, erschien Vilma ebenfalls auf diesem Ball. Sie beging wie so viele den Fehler, zu glauben, das Peinliche eines Vorfalls würde am besten aus der Welt geschafft, wenn man so tue, als wäre gar nichts Peinliches vorgefallen. Und dieses Getue ist gerade für alle Welt das Peinliche. Dies wurde noch dadurch verstärkt, daß Vilma, die Homingman nicht zu begegnen erwartet hatte, einen zweiten Fehler beging: sie eilte sofort auf ihn zu, obwohl der unerhörte Vorfall vom Abend vorher durchaus noch keine befriedigende Erklärung gefunden hatte. Auch nicht für Vilma, die der brennende Wunsch, sie zu erhalten, zu Homingman getrieben hatte. Kaum daß sie mit ihm ein wenig abseits geraten war, stöhnte sie denn auch schon: »Also jetzt werden Sie mir unverblümt sagen, was gestern abends ...« Ihre Augen sprühten böse. »Ich begreife absolut noch nichts.« Homingman holte sich eine Haarsträhne, als versuche er, nachzudenken. »Wenn ich aufrichtig sein soll ...« »Sie müssen!« Vilma stieß ihm den Fächer auf die Brust. Homingman nahm vorsichtig sein Kinn in die Hand. »Ja also ... Es war in der Hauptsache ...« In diesem Augenblick gewahrte er schräg hinter sich das unvermeidliche Ohr der Polizei und sich gegenüber Fifitt, die soeben zur Tür hereinkam. Sein Gehirn hüpfte. Und komponierte ihm das reizvollste Detail. Er neigte sich, wie um leiser zu sprechen, Vilma zu und sagte, in Wirklichkeit aber lauter als vordem: »Dr. Mesch hat das Schächtelchen gefunden. Auch der geknickte Zweig hat seine Schuldigkeit getan, wie ich sehe.« »Aber ... Ich verstehe kein Wort ...« Vilmas Stirn wich weit zurück. Homingman schob sie rasch vor sich her, um aus dem Bereich der Polizeiohren zu kommen, und explizierte: »Herr Dr. Mesch aus dem Hotel Royal hatte beim Tee im Westend ein Schächtelchen mit Perlen verloren. Während des Balls bildete ich mir ein, es unter Ihren Füßen zu sehen. Meine impulsive Geste hat dieses alberne Rudel von Keuschheitsknaben für einen Angriff auf Ihre Tugend gehalten.« »Diese Knaben haben mich doch aber visitiert!« Homingman mimte den Erstaunten. »Was? Ja, das wußte ich doch gar nicht. Ah, da haben sie Sie wohl für die Diebin gehalten. Eine Unverschämtheit! Aber seien Sie außer Sorge! Dr. Mesch hat das Schächtelchen heute unversehrt wiedergefunden.« Vilma machte immer ratlosere Augen. »Haben Sie nicht noch von einem geknickten Zweig gesprochen?« Homingman visperte: »Moment! Pardon!«, eilte spornstreichs durch die Tür, öffnete in dem menschenleeren Korridor ein Fenster, stieß einen ohrenzerreißenden Fingerpfiff aus und sprang in den Hof hinunter. Hierauf lief er durch den hinteren Eingang ins Hotel zurück, wo er in der Hall vom Portier gemächlich seinen Mantel verlangte. In dem Hotelauto, das ohnedies zum Bahnhof fahren wollte, ließ er sich zum Riviera Palace bringen, nahm langsam seinen Zimmerschlüssel und stieg noch langsamer die Treppe empor, um es so arrangieren zu können, daß er ungesehen statt in die zweite Etage in die dritte einbiegen und mit dem Schlüssel, den Fifitt ihm gegeben hatte, in deren Zimmer verschwinden konnte. Sein Fingerpfiff war für diese das verabredete Zeichen gewesen, nach zehn Minuten in ihr Hotel zu fahren. Für die Polizei aber ein Zwischenfall, der sie die ganze Nacht auf den Beinen hielt. Denn sie glaubte an einen abenteuerlichen Coup Homingmans und hielt den Pfiff für das Signal für seine Komplizen. Die Umgebung des Westend Hotel wurde gründlich abgesucht, drei Streifen in die nahen Wälder geschickt und unausgesetzt gefragt und geforscht. Aber erst gegen acht Uhr morgens fand sich eine Spur. Der Portier, der abgelöst worden war, nachdem er Homingman den Mantel ausgehändigt hatte, kam in die Hall, um seinen Dienst anzutreten. Von den Beamten bestürmt, sagte er, was er wußte. Da fuhr das Hotelauto vor, dessen Chauffeur die Mitteilung des Portiers bestätigte und unverzüglich mit dem leitenden Kommissär und drei Beamten ins Riviera Palace rasen mußte. Nachdem Homingmans Zimmer vergeblich durchwühlt worden war, fuhr der Kommissär fauchend ins Westend Hotel zurück, wo er die schöne Ungarin sofort einem zweiten Kreuzverhör unterzog. Das erste hatte bis drei Uhr morgens gedauert, weil sie sehr verdächtiger Weise von einem gewissen Dr. Mesch gesprochen hatte, der von niemandem in San Remo gesehen worden war, von einem Schächtelchen Perlen, das er verloren haben sollte, und von einem geknickten Zweig, von dem sie selber nichts begriff. Da sie auch diesmal wieder auf diese seltsamen Details zurückkam, wurde sie unter scharfer Eskorte samt ihrer weinenden Mutter ins Riviera Palace gebracht, was während der Nacht verweigert worden war, und in ihrem Zimmer streng bewacht. Um neun Uhr klingelte Homingman, ohne daß Fifitt es sah, dem Zimmermädchen, mit dem er zweimal geschlafen hatte. Als er sicher war, ihr zu begegnen, trat er auf den Korridor, lief ihr just vor der Tür in die Arme und eilte, äußerste Verlegenheit heuchelnd, in die Toilette, kurz darauf Fifitt hinunter zum Frühstück. Nach einer Viertelstunde kam Homingman und setzte sich, ihren leisen Protest ignorierend, ihr gegenüber. Als der Kellner ihn sah, schrie er fast auf. In wenigen Sekunden war der Frühstückssalon voll von Gästen und Personal. Endlich kam auch die Polizei. Homingman, deren Zustand wohl kennend, fragte immer wieder, warum man ihn denn gesucht und wer gepfiffen habe; er wäre, als er den Pfiff gehört hätte, in der Toilette gewesen und nachher mit dem Hotelauto ... »Aber Sie haben die Nacht nicht in Ihrem Zimmer zugebracht«, krähte der Kommissär. Homingman streckte sich arrogant. »Ich schlafe, wo es mir paßt.« »Sie sind verpflichtet, auszusagen.« Der Kommissär krächzte nur so, wurde aber verlegen, weil er wußte, daß er unrecht hatte. »Ist ein nächtlicher Fingerpfiff, dessen Grund Sie weder kennen noch dessen Folgen, eine hinreichende Basis für solche Inkommodierungen?« Homingman wandte ihm den Rücken. Da aber kam dem Kommissär unverhoffte, für Homingman freilich die erhoffte Hilfe. Das Zimmermädchen der dritten Etage trat vor und rächte sich: »Aber Herr Homingman hat doch im Hotel geschlafen. Ich habe ihn selber aus Nummer 53 herauskommen sehen.« »Wer wohnt auf Nummer 53?« fragte der Kommissär scharf. Alle wußten es und wandten sich ab. Und da Fifitt blutrot wurde, wußte es auch der Kommissär. Wütend zog er mit seinen Edilen ab. Nach vier Wochen heiratete in Mainz Fräulein Alexandra von und zu Stettenhausen sehr wider ihren Willen, aber notgedrungener Weise Herrn Robert Homingman, der mit dieser seiner schönsten Komposition Vollkommenstes vollbracht hatte. Seine Schwiegermutter rang die Hände und war entschlossen, nach einem halben Jahr die Scheidung zu erzwingen. Es kam aber nicht dazu, da Fifitt nach einigen verzweifelten Ehebrüchen, die übrigens Homingmans Meisterhand von hinten nieder zu dirigieren gewußt hatte, es aufgab, einen ebenbürtigen Positionsersatz zu finden. Vilma Kököllö aber laboriert immer noch an einer schweren Psychose, in der Perlen und geknickte Zweige eine große Rolle spielen. Sogar Professor Alfred Adler vermochte mit diesem Fall nichts anzufangen und glaubt noch heute an Schizophrenie. Das Fest in der Via Alfeo Garringa, eine unklare Existenz, saß im Café Dora an der Ecke des Corso Buenos Aires, als ein Gast am Nebentisch seinen Schiffsfahrschein liegen ließ. Obwohl Garringa ihm sofort auf die Straße nacheilte, war er bereits im Gewühl verschwunden. Da aber Name und Adresse auf dem Fahrschein standen, beschloß Garringa, ihn seinem Besitzer zurückzubringen, falls dieser ihn nicht reklamieren sollte. Als er nach zwei Stunden noch nicht gekommen war, machte Garringa sich auf den Weg zum Hotel de Londres, wo er Signor Pingezzi zu sprechen wünschte. Der Portier maß ihn neugierig und bedenklich über seinen rostigen Zwicker hinweg und fragte schleimig: »Sind Sie ein Verwandter von ihm?« Als Garringa erstaunt verneinte, lispelte er achselzuckend: »Signor Pingezzi ist nämlich vor einer Viertelstunde gestorben. Und morgen früh wollte er sich noch nach Alexandrien einschiffen. Ecco la vita.« Garringa hob, zaghaft schnupfend, die Hand an die Mütze und ging. Sehr langsam. In seiner Mansarde angekommen, grübelte er verbissen weiter und so lange, daß er oft vor Ungeduld aufstöhnte. Gegen drei Uhr morgens endlich war sein Plan gefaßt und um acht Uhr eilte er zum Bahnhof, wo er sein Köfferchen in das Deposito gab. Der Portier des Hotel de Londres teilte ihm auf sein unterwürfiges Fragen unwillig mit, daß betreffs das Ableben des Signor Pingezzi alles in Ordnung sei, die Leiche aber wahrscheinlich erst morgen nach Livorno überführt werden würde. »Und er wollte doch heute mit der ›Esperia‹ ...« stieß Garringa erregt hervor. »Hatte er denn schon die Kabine?« Der Portier spritzte den Federhalter gegen ihn aus. »Ä! Noch dreißig können Sie haben.« Garringa schnupfte nicht einmal. Er holte schnurstracks sein Köfferchen und rannte hinunter an den Hafen, wo er erfuhr, daß die ›Esperia‹ erst um elf Uhr ausfahre. Er setzte sich auf ein aufgeringeltes Tau und wartete, im Rausch eines überwältigenden Entzückens: in vier Tagen also würde er in Alexandrien sein, wo seine Manila arbeitete; neunhundert Lire würde er ihr zeigen und drei Tausender, die allerdings nicht ihm gehörten, sondern ... Er machte eine erledigende Geste gegen die Stadt in seinem Rücken: ›La polizia? Pah!‹ Er reiste ja als Signor Pingezzi, erster Klasse, und war in zwei Stunden spurlos aus Genua verschwunden. Als er endlich die Hängebrücke emporkletterte, drängten hinter ihm zwei Reisende so brutal nach, daß er einen Stoß bekam und weit nach vorne torkelte. Um nicht hinzufallen, klammerte er sich an eine eiserne Säule. Grinsend sah er, daß er auf diese Weise die Kontrolle durchbrochen hatte. Das sollte ihm zum Schicksal werden. Nicht weil er unter einem falschen Namen reiste, sondern aus einem ganz andern Grund. Er hatte sich nämlich im Taumel seines Reisefiebers den Fahrschein nicht genau angesehen. Dies tat jedoch der Stewart, den er nach langem Umherirren nach seiner Kabine gefragt hatte. »Sie haben ja bloß zweite Klasse. Da müssen Sie nach hinten gehen und dann die Treppe hinunter.« Der Stewart machte ein kleines blaues Kreuz auf den Fahrschein. »So. Jetzt sind Sie in Ordnung.« »Wann ist das Schiff in Alexandrien?« Garringa rang um Haltung. »Wir fahren diesmal nur bis Syrakus. Kein Verkehr.« Der Stewart ließ ihn stehen. Garringas Kopf kugelte über Bord: das Schiff war schon in voller Fahrt. Seine Augen stürzten auf den Fahrschein: ja, da stand in rotem, freilich mattem Gummidruck – Siracusa. Er ließ sich auf eine Bank fallen und starrte verzweifelt vor sich hin: alles war zu Ende; er mußte noch in Italien von Bord gehen. Nach wütendem Überlegen entschloß er sich, bis Syrakus zu fahren. Anfangs hatte er beabsichtigt, schon in Neapel an Land zu gehen, dies aber verworfen, weil dort die Möglichkeit, ausfindig gemacht zu werden, zu groß war. In Syrakus aber glaubte er sich während der kurzen Zeit, die er auf ein Schiff würde warten müssen, sicherer. Nach einer Fahrt von zwei Tagen, während welcher Garringa mehrmals seekrank gewesen war, lief die ›Esperia‹ in den Hafen von Syrakus. Da gerade im letzten Teil der Fahrt die See sehr hoch gegangen war, so daß Garringa wieder heftig gekotzt hatte, verfügte er, als er aus dem Landungsboot stieg, nicht über seine volle Entschlußfähigkeit. Froh, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, ließ er von einem jungen Burschen, der unablässig auf ihn einredete, nach der Via Alagona sich schleppen und im Ronco Olimpia in ein altes Steinhaus. Er warf kaum einen Blick auf das winzige halbdunkle Zimmerchen und sich angekleidet aufs Bett. Als er die Augen aufschlug, war es stockfinster. Er lag, wie ihn deuchte, auf einem Sandhaufen. Sein Kopf lehnte an etwas Hartem. Die Glieder und der Mund schmerzten ihn. Und plötzlich erschrak sein ganzer Körper: er war gefesselt und geknebelt und wohl zweifellos beraubt worden. Tränen traten ihm in die Augen. Nach einer Stunde mühsamer und schmerzhafter Versuche gelang es ihm, den Knebel aus dem Mund zu stoßen. Die Stricke aber gaben nicht nach. Die Helligkeit wurde zusehends größer. Er sah bereits, daß er an einem großen Holztor lehnte und vor ihm ein weiter leerer Platz sich ausdehnte, von kleinen hellfarbigen Häusern umsäumt. Bald mußten Menschen kommen. Wenn er bis dahin nicht befreit war, würde alles herauskommen. Fieberhaft suchte er die Umgebung nach etwas Scharfem ab. Aber er entdeckte nichts. Nur Kiesel lagen umher und Plunder. Plötzlich fiel sein Kopf hintüber: aus dem Tor war eine Frau getreten, deren große schwarze Augen alsbald ruhig auf ihn sich richteten. Schnell den Blick senkend, betrachtete er ratlos die nackten schmutzigen Füße, die dicht vor ihm standen. »Wie kommst du daher?« fragte sie, ihren Rock fester bindend. »Warst du in der Kaserne?« »Sie haben mich hergebracht.« »Wer. Die Militari?« »Bestohlen haben sie mich.« »Du bist nicht von hier, das hör ich. Bist wohl erst gestern gekommen, mit der ›Esperia‹?« Garringa nickte. »Weiß schon, wer das war.« Sie verschob die Wangen, wobei ihre Augen fast verschwanden. Garringa glaubte zu bemerken, daß sie ihn mit einem gewissen Wohlgefallen musterte, und hielt ihr die gefesselten Hände empor. Sekundenlang starrte sie darauf, ohne sich zu bewegen. Miteins aber stieß sie das Kinn verächtlich nach oben, nahm mit unvermuteter Kraft Garringa auf die Arme, trug ihn eine niedrige Steinmauer entlang und durch eine flügellose Tür in einen feuchtwarmen Raum. Hier legte sie ihn hinter einem speckigen dunkelroten Vorhang auf eine breite Ottomane und setzte sich neben ihn. »Allora, mio amico, erzähl mir erst mal, wieviel Geld sie dir abgenommen haben. Und sag nur Metta zu mir.« Garringa schwieg. Die Wahrheit zu sagen, schien ihm ebenso gefährlich wie lügen und unvorteilhaft; denn Metta dachte offensichtlich an ein Geschäft. Er entschied sich deshalb für einen Kompromiß. »So im Ganzen waren es ... rund viertausend.« Metta faltete die Hände: »Porca Madonna! Viertausend! Und da kümmerst du dich gar nicht weiter darum?« Garringa hielt ihr die gefesselten Hände hin, die sie löste, während er berichtete. Dann höhnte sie: »Wenn du zur Polizei gehst, siehst du dein Geld nicht wieder.« »Wenn ich aber nicht hingehe, sehe ich es auch nicht wieder.« »Du willst also die viertausend so einfach segeln lassen?« »Will ich nicht.« Garringa bückte sie herausfordernd an. »Du hast doch gesagt, daß du weißt, wer es war.« »So?« Metta suchte mit den Augen die Wände ab. »Hab ich das?« »Si. Da könntest du mir ... Da könnte ich doch ... Da könnten wir uns doch das Geld wieder verschaffen.« Metta zwinkerte ihm zu. »Sag mal ... hat das Geld dir gehört?« Garringa nickte eifrig. Mit einem komisch singenden Zwitschern sog Metta die Luft ein. »Wenn es dir aber zum Beispiel nicht gehört hat ... Was hast du überhaupt hier in Syrakus machen wollen, ä?« »Nach Alexandrien wollte ich weiter.« »So.« Metta rückte ihm ganz nahe. Und wie von selber fiel ihr Hemd die Schultern hinunter und entblößte zwei riesige fleckige Brüste, an denen die Warzen gleich blauen Pflaumen hingen. Sie hielt Garringa die wulstigen Lippen hin. Er küßte sie ohne jedes Vergnügen, aber auch durchaus nicht widerwillig. Dann verlangte er zu trinken. Metta brachte ihm ein Glas Ziegenmilch, streifte ihren Rock ab, schob das Hemd bis zu den Brüsten hoch und wies mit einem breiten einladenden Grinsen auf ihren nackten sonnegebräunten Leib ... Nach einer Viertelstunde kleidete sie sich an. »Das Geld gehört also nicht dir.« Garringa, dem ihre Schlauheit gefiel, hustete. »Dann hätte ich es wohl schon verschmerzt.« »Es ist aber besser, wenn du da bleibst.« Garringa kämmte sich schweigend. »Setz dich mal da her an den Tisch und schreib mir einen Brief an Carlo!« Metta schneuzte sich mit dem Daumen. Garringa schnupfte übellaunig, gehorchte aber. Nachdem Metta ihm diktiert hatte, ging sie mit dem Zettel unter die Tür: »Pietro, Pietro, venga!« Wieder im Zimmer, zerrte sie Garringa auf die Ottomane. »Carlo kommt. Das weiß ich. Du versteckst dich da hinten unter der Kiste. Aber rühr dich nicht! Wirst schon sehen.« Sie fuhr ihm lachend mit der Zunge über die Wange, den Mund und legte sich neben ihn ... Nach einer Stunde kam Carlo. Garringa, durch ein Astloch der Kiste blickend, erkannte ihn sofort: es war derselbe, der ihn auf der Passeggiata Aretusa abgefangen hatte. Metta verhandelte sehr lange mit Carlo, der nicht glauben wollte, daß sein Opfer ein entfernter Verwandter von ihr sei, der sie schon seit langem habe heiraten wollen, aber jetzt erst das Geld beisammen gehabt hätte, um ein Geschäft anfangen zu können. Immer noch mißtrauisch den Kopf wiegend, wünschte Carlo diesen Verwandten zu sehen. Metta sagte, er sei zur Polizei gegangen, habe ihr aber versprochen, zu verschweigen, daß er bei ihr war. Daraufhin stieß Carlo sie auf die Ottomane und versprach nachher, fünfzehnhundert Lire zurückzugeben und noch tausend, wenn wirklich geheiratet würde. Als er fort war, kroch Garringa mit einem ledernen Gesicht hervor und ging eilends unter die Tür, um frische Luft zu haben. Vor allen Türen sah er halbnackte Weiber sitzen, die ihre verfilzten Haare mit kurzen Holzkämmen bearbeiteten oder von kleinen Mädchen sich lausen ließen. Nach dem, was er soeben bei Metta mitangesehen hatte, zweifelte er nicht mehr daran, wo er sich befand. Gewiß, Metta war die wohlerhaltenste, aber die Aussicht, an ihrer Seite sein Leben zu verbringen, fest in ihren Krallen durch ihre Mitwisserschaft, schien ihm unerträglich. Da fiel ihm ein, wie unvorsichtig es war, sich auf der Schwelle blicken zu lassen. Schnell trat er zurück. Und bekam eine Gänsehaut, als Metta ihm freudenärrisch um den Hals fiel. »Heute werfe ich sie alle hinaus, die Militari. Heute wird gefeiert und getanzt.« Sie sprang in ihren unförmigen Holzpantoffeln grotesk umher und heulte ein Lied. Garringa rieb sich knirschend die Knie. »Metta, was willst du denn mit dem Geld machen?« »In Damaskus eine Trattoria. In drei Monaten kündige ich.« »Und was weiter?« »Ä, und da heiraten wir.« Garringa spie sich auf die Schuhe und fegte sie mit einem Stück Papier sauber. Dabei zeterte er ob seines grausamen Geschicks in sich hinein. Schon wollte er aufspringen; um irgendwie eine Änderung zu erzwingen, als ein langer Soldat hereineilte, sich auf Metta warf, ihr einen Teller aus der Hand riß und an die Wand schleuderte, daß die Scherben bis in die Mitte des Zimmers spritzten. »Hinaus!« schrie Metta. »Ich mag nicht.« Der Soldat aber zerrte sie hinter den Vorhang und zwang sie auf die Ottomane nieder, die Garringa soeben erschreckt verlassen hatte. Dieser mußte sich darauf beschränken, wegzublicken. Er wunderte sich, daß er Mettas Schmach schon fast als die seine empfand. Bald aber wurde der Trieb, sich umzuwenden, immer stärker. Und schließlich zog es seine Augen mit unwiderstehlicher Gewalt zur Ottomane, auf der Metta keifend und zischend, aber vergeblich sich wehrte und mit all ihren Anstrengungen, dem Unhold sich zu entwinden, nur dessen Vergnügen erhöhte. Endlich war es zu Ende. Metta rannte, wie unter einem Rest von Scham, auf die Straße hinaus. Der Soldat schimpfte, stieß mit dem Fuß nach Garringa und hätte ihn unweigerlich in den Unterleib getroffen, wenn nicht die halb herunterhängende Hose ihn behindert hätte. Deshalb ergriff er einen blechernen Waschkrug und goß, roh lachend, Garringa den Inhalt nach. »Sauerei, das alles! Metta, komm her! Deinem Ruff geb ichs nicht.« Metta trat maulend in die Tür. Der Soldat gab ihr drei Lire, schimpfte noch in der unflätigsten Weise und tänzelte hinaus. Metta sprang zur Seite und spuckte hinter ihm her. Dann machte sie sich wieder ans Waschen des Geschirrs, als wenn nichts geschehen wäre. Gegen vier Uhr nachmittags kam Carlo mit dem Geld, das Metta sofort in einen Zipfel ihres Hemdes knüpfte. Für Garringa hatte er nur einen verächtlichen Blick. Als er aber ging, war er für den Abend eingeladen worden, zu dem er ein halbes Dutzend gemeinsamer Bekannten mitzubringen versprach. Metta holte alte Papiergirlanden hervor und schmückte Wände und Plafond. Dann holte sie Wein und nach einer halben Stunde waren beide angetrunken und balgten sich, ineinander verkrallt, auf der Ottomane, bis sie einschliefen. Als sie gegen neun Uhr erwachten, kamen die ersten Gäste. Und um zehn Uhr wälzte sich zu den Klängen einer Okarina und einer Ziehharmonika ein Knäuel Soldaten, Huren, Gauner und Matrosen in dem kleinen Zimmer Mettas. Und vor der Tür standen die Nachbarn, lachten, tanzten und rissen ordinäre Witze. Nach Mitternacht, als es bei Metta längst still geworden war, ging ein Kanonikus draußen vorbei. Er tat, als hindere seine Soutane ihn beim Gehen, um unauffällig die Szene betrachten zu können. Metta lag, völlig nackt, auf der Ottomane; neben ihr Carlo, das Gesicht auf ihrem Bauch. Und vor ihm auf dem Boden hockte Garringa. Speichelfladen liefen ihm über Kinn und Wangen. Er hatte sich vor Wut sinnlos besoffen. Am nächsten Morgen, kurz nach sechs Uhr, wurde er verhaftet und mußte noch am selben Tag, an der Seite eines Kriminalbeamten, die Rückreise nach Genua antreten. Irma »Schauns amal nach, Sie Mannsbild, ob die Zentralheizung offen is.« »Scho. Aber funktioniert net. Ja, is viel zu kalt da.« »Bittschön, gebns mir mein Mantel her!« »Mir wolln doch ... I mein ... sich ins Bett ...« »Legns sich doch 'nein, wenns Lust ham.« »Bitte nach Ihnen.« »Ujegerl, wie er sich scho hat!« »Wies halt wolln.« »Sie ham ja recht. Aber gehns naus so lang. Bis i ruf. Net gmuckst, sondern gfolgt! Gengerns!« Schiller ging, draußen einige wuchtige Schritte machend. Dann schlich er sich zurück und blickte durch eine abgeschabte Stelle der Mattglasscheibe. Irma stand vor dem Spiegel und schlang sich einen kleinen roten Shawl um die Haare. Während sie sich entkleidete, spülte sie sich den Mund aus. Ihr Körper war unerwartet mager und unebenmäßig, die Schenkel sehr deutlich behaart. Um die Hüften lag ein Bruchband, das sie in ihren Unterrock wickelte. Grimassierend schlüpfte sie ins Bett, nur schwarze Seidenstrümpfe an den Beinen. Schiller war zwar von dem Gesehenen sehr enttäuscht, klopfte aber trotzdem. »Im Bett gfallns ma besser.« »Wieso. Sie sehn doch noch weniger.« »Die Pölster machen Ihnen a andere Farb.« »Schmeichler! Aber die Gattihosen lassens fei an, hörns?« Schiller entkleidete sich mit nervöser Hast. Hinter der Bettstelle. Denn seine Wäsche war ärmlich und schmutzig. »Na, schön is net grad, das Kabinett.« »Unds Bett könnt breiter sein. Was hast denn zahln müssen?« »Fünf Schilling. Taier is scho. Aber dafier bleibn ma aa lang.« »Naa, naa. Länger als bis elfe kann i net. Hat e scho gschlagen.« »Na, hör amal, das is aber ...« »Sag erst, wie vielst ma eigentlich gibst.« »Hamer doch scho ausgmacht. Dreißich.« Schiller untersuchte mit mißtrauischen Blicken ihren Kopf. »Hast du gsagt, i net.« Schiller hob zornig den Ton: »Also so eine bist! Erst billich anlocken und nachher würzen wollen! Wär ja noch schöner!« Irma hing die Beine aus dem Bett. »I kann ja wieder gehn.« »Dreißich is scho mehr als gnug.« Schiller pirschte sich seitlich heran. »Zwanzich is die Taxen.« »Mir ham gar ka Taxen.« Irma wandte sich ab. »Zehn Schilling kann a jede verlangen. Aber dafier geht dir nur a Schlampen vom Gürtel. Und die geht net. Mir schätzen uns selber ein.« »Hättst mir aa scho unten sagen könner.« Schiller, der einzulenken wünschte, stieß ärgerlich hervor: »Na, sagn ma also fünfunddreißich. Aber kan Groschen mehr.« Irma lächelte ihm über die Schulter zu. »Geh, schau, hörst, gib ma wenigstens vierzich.« Schiller grinste: er hätte, wenn er zäher gewesen wäre, überhaupt nicht mehr zu bieten brauchen. »Fünfunddreißich hab i gsagt. Kost mi eh scho vierzich mitm Zimmer.« »Und wenn i ganz liab zu dir bin ...« Irma schoß heran, drückte ihm einen schnellen Kuß auf die Schläfe und wandte sich wieder ab. »Dann aa net?« »Hör scho auf jetzt!« Schiller rieb die Füße aneinander, hielt aber inne, als er seine durchlöcherten Socken sah. »Fünfunddreißich! Dabei bleibts!« Irma wackelte mit den Schultern, den Kopf hochgereckt. »Aber gibst mas erst.« »Was denn noch ... Ach so, im voraus. Fier so an haltst mi?« Schiller gelang es, unbemerkt seine Socken auszuziehen. Irma drückte die Beine aneinander und die Arme um die Brüste. »Das mach i gar net anders. Möcht die sehn, die bis nachher wart. Und außerdem, was weiß ma? Oft schauns aus wie Erzherzög in Zivil und was sans? Blitzer!« Schiller tat, als gähnte er. »Da stell i mi erst gar net her.« Er griff hinters Bett und kramte in seiner Hose. »Ja blöd.« »Bist stad!« Schiller lachte plötzlich. »Hast mi am End fier an Erzherzog ghalten?« »I bin doch net narrisch.« Irma trällerte. »Sag amal, bist du a Jud?« Schiller hielt indigniert inne. »I schau also aso aus?« »Eigentlich scho.« Irma, die den ungünstigen Effekt bemerkte, fügte neckisch ablenkend hinzu: »Drum handelst aa aso, du Wischiwaschi.« Das ärgerte Schiller noch um vieles mehr. »Sigst ja, daß i dirs sofort geb. Aber wer garantiert mir, daß d' dann aa liab zu mir bist?« »Jessas, wie er daherredt!« Irma meckerte heiter, schielte aber dabei besorgt nach dem Geld. »Wie mit der Kundschaft.« Schillers große Augen traten böse hervor. »Was sagst? Du haltst mi also fier an ...« »Ich halt Ihnen fier gar nix, mei Liaber. Aber a Verkäufer kenntst scho grad sein.« Schiller, der sah, daß er sie nicht täuschen konnte, spielte mit dem Geld in der Hand. »Net ganz. I bin Rayonchef beim Gerngroß.« »Na, da gratulier i ja.« Irma, die heftig zu frösteln begann, gab es auf, auf das Geld zu warten, und schlüpfte ins Bett zurück. »Du, hörst, weißt, da kenntst mir, wenn i amal komm, a paar Blusen billicher lassen.« Schiller spurtete mit den Lippen, immer noch mit dem Geld spielend. »I selber verkauf nur in besondere Fäll. Aber wennst wirklich liab zu mir bist, mach i an Ausnahm.« Irma drehte sich der Wand zu. »Kenn i scho. Im Bett sagns ja und wenn ma dann hinkommt, kennerns an gar net mehr.« Schiller wollte schon replizieren. Doch da übermannte es ihn. »Da hast. Nimm!« Irma hielt abgewandten Kopfes die Hand unter der Decke hervor. »Zwanzich, dreißich und da noch eins, zwei, drei, vier, fünf. Und jetzt machst mir Platz. Wie liegst denn du ieberhaupt da?« »Dank schön, du Grobian.« Irma zog die Knie hoch, nahm das Geld zwischen die Zähne und schob es sorgsam in beide Strümpfe. Dann streckte sie die Beine stramm und riß Schiller an sich, der stöhnend ihren kühlen knochigen Leib umklammerte ... Irma, die das Bett verlassen hatte, wollte eben nach dem Unterrock greifen, als Schiller ihn ihr aus der Hand riß. Das Bruchband fiel zu Boden. Dann sprang er ihr nach und stieß sie rücksichtslos aufs Bett. Sie fiel schräg hin, schmerzhaft mit dem Knie anstoßend: »Das is aber a Frechheit!« Schiller stand erbost vor ihr. »A Frechheit is, daß d' jetzt scho wieder hast fort wollen.« Irma räkelte sich belfernd hoch. »Sie glaubn mir scheint, daß i Ihnen fier Ihre lumpichen fünfunddreißich ... Ujegerl! Da hams lang was dran! Dafier a ganze Nacht hinschmeißen! I bin doch ka Tepp.« Sie rieb sich feixend das rot gewordene Knie. »Wer hat denn von aner Nacht gredt? Zwa Stunden!« keuchte Schiller exaltiert. »Das is bei diesem Betrage selbstverständlich.« »Gar nix is selbstverständlich«, höhnte Irma kieksend. »Als daß i Ihnen da unter der Hand wegmagern tät. Lassens mi aus! I geh jetzt.« Schiller packte ihren Arm fester. »Da bleibst!« Schnaufend versuchte Irma, ihren Arm freizumachen. »Mit Gwalt könners mi gar net dabehalten.« Davon halb überzeugt, ließ Schiller sie murrend los und setzte sich neben sie. »Also, bleib scho da!« Er klopfte ihr, allerdings zu kräftig, auf die Schulter. »Hauns net aso, Sie Karnalli!« »Nur noch fünf Minuten. Das macht der Liebe ka Kind.« Irma aber stand entschlossen auf. »I hab grad gnug.« »Aber i noch net.« Schiller trat neben sie, von hinten ihre Brüste ergreifend. »Redst mir lang gut.« »Und wie schön das Madel baut is! Taifi!« »Schiebens nur!« Irma zupfte mißlaunig an ihren Strümpfen. Schiller, dem ihre Stimme milder geworden vorkam, schmeichelte weiter: »A sehr guats Parfum hast.« »Trêfle incarno. A Present.« »Trêfle incarnat«, korrigierte Schiller selbstgefällig. »Riecht ganz echt.« »Besserns mir nur aus. Das imponiert mir noch lang net. Aber echt is. Das hat mir a Oberleutnant von an ungarischen Regiment verehrt. Der hats seim Gschpusi gmaust. A noble Gans. So san die Männer.« Irma hatte sich von ihren Assoziationen hinreißen lassen. Betreten blickte sie zur Seite. Schiller dachte lediglich daran, sich herauszustreichen. »Hat der dir aa so viel gebn wie i? I glaub net.« »Offizier zahln immer die Hälft.« Die Absicht, ihn zu ärgern, war in Irmas Ton unverkennbar. »Hör i zum ersten Mal.« Schüler räusperte ironisch. »Hast di vielleicht gar mit dem Flascherl bezahlen lassen?« »Das gibts wieder net«, versicherte Irma lakonisch. »Und bei mir, wo i dir alles im voraus ... da willst net amal so lang bleibn, wie sichs ghört?« Schiller fing an, an seine Ungehaltenheit selber zu glauben. »Wie sichs ghört? Sie gfalln ma.« Irma blickte unsäglich müde an ihm hinunter. »Mach mir doch an Abonnementspreis.« Schiller wollte es mit einem imaginären Vorteil versuchen. »Da fahrst am besten dabei.« Irma lächelte hochmütig. »Alle Mannsbilder wolln a Abwechslung. Wirst di scho net abonnieren.« »Bei dir scho. Du bist ja noch net lang dabei.« »Drei Jahr«, sagte Irma leise, obligat den Kopf senkend. »Sigt ma dir net an.« Schiller hielt den Moment für günstig. »Also jetzt, schau, gemmer wieder ins Bett.« »Naa, nix da, nix da, nix da ...« Irma stieß aber doch nurmehr sehr schwach um sich. »Bist an ekelhafter Kerl.« Da ging Schiller mit seiner Stimme zum Sturm über: »Und du bist a liaber, o du gscheiter, o du ganz gehauter Fratz!« »Gengerns weiter!« Irma lachte eitel. »I wer net Ihn Ihr ...« »Schatz!« Schiller glühte. »Du wirst es! Du wirst es!« Seine Komödie hatte ihn begeistert. Er packte Irma um die Hüften und wälzte sich mit ihr aufs Bett. Irma, deren Bruchstelle er gedrückt hatte, schrie auf. Schiller, an einen letzten Widerstand glaubend, stürzte sich über sie, küßte sie wie ein Rasender und überbot sich selber. Eine halbe Stunde lang ... Nachher sagte Irma plötzlich: »Bist der erste, weißt.« Schiller stützte den Kopf in die Hand. »Was soll i wissen?« Irma lag da, auf die Lippe sich beißend, die Hüfte hinterm Nacken. »Der was mi ganz gnommen hat.« Sie schloß die Augen. Schiller atmete nicht, so sehr war seine Eigenliebe befriedigt worden. »Möglich wärs ja. Aber das sagst vielleicht halt nur aso.« Es bereitete ihm großen Genuß, sich zu zieren. Irma kaute ihre Zunge, bevor sie sich empörte. »Glaubst es also net?« Da er ein unbestimmtes Gesicht machte, tat sie einen tiefen Atemzug. »Hast es vielleicht net gfühlt? Auf das hab i scho immer gwart. Aufs Richtiche.« »Bist scho a siaßer Fratz, Irma«, sagte Schiller, ohne daß ihm das Zärtliche gelang. »Mir wars aa anders mit dir als sonst.« Irma setzte sich schnell auf. »Sag amal aufrichtich, is das wahr?« Sie versuchte mit seltsam forschender Gespanntheit, in seinen Augen zu lesen. »Nächstes Mal suchst dir ja doch wieder an andere. Wetten möcht i.« Schiller lächelte unmerklich. »Leider san ma net verheirat.« Irmas Brust zuckte kurz nach vorn. Ihr Hals bewegte sich, als schlucke sie etwas. »San ma net.« Sie zerrte an ihren Haaren. »Aber wenns wahr is, was da gsagt hast, da könnt ma sich doch arrangieren könnt ma sich da.« »No ja.« Schiller rümpfte mißtrauisch die Nase. »Brauchst doch andere, die mehr zahln. Oder net?« Irma riß an ihren Fingern. »Bist an Aff. I such mir gar kan andern.« Sie steckte die Zungenspitze zwischen die Zähne, wie um sich zu zwingen, etwas zu unterdrücken. Bis zu diesem Augenblick hatte Schiller an einen Versuch Irmas geglaubt, ihn zum Stammkunden zu machen. Nun aber begann er seinen Vorteil zu wittern. »Aber wie willst dich denn mit mir arrangieren? Das is a schwieriche Sach.« »Gar net schwierich.« Irma war unerwartet gereizt. »Und wal i ja doch scho amal bin, was i war und bleibn muß, wal du net gnug hast ...« Sie stockte gequält, nach einer passenden Formulierung suchend. »A freie Person is ja eigentlich nie net jung. I mein, wenn mas amal gwesn is, dann is scho egal, ob mas no bleibt, mein i, was?« Schiller nickte lauernd. »Derfst mi deswegen aber net fier schlecht anschaugn.« Irma prüfte ängstlich sein Gesicht. Schiller zwang sich, eine undurchdringliche Miene zu machen. »Fallt mir ja gar net ein.« Irma machte mehrere heftige Bewegungen mit dem Kopf. Und noch bevor Schiller dessen sich hätte versehen können, warf sie sich aufweinend ihm an den Hals. »Du, hörst, i mag di aso und ...« Schiller war so überrascht, daß er fast gelacht hätte. Vielleicht war es sogar nur diese Überraschung, die ihn verhinderte, zurückweisend zu werden. Irma löste ihr tränenüberströmtes Gesicht von seiner Brust, schluchzend: »Hörst, weißt, derfst net lachen ... nein?« »Aber i lach doch gar net.« Schiller wurde unbehaglich zumut. »Mechst weggehen?« Irma sah demütig zu ihm auf. »Kannst aa allein weggehen, wennst willst.« Schiller wußte nicht, was er sagen sollte. »I kann aa mitgehen.« Leise weinend, preßte Irma die Hände auf den Unterleib. Das rührte Schiller irgendwie. »I wer dir meine Adreß gebn.« Er machte eine rasche Geste. »Naa, bleib noch im Bett, ja?« Irma legte sich ihm von neuem an den Hals. »Oder kommst einfach ins Café Mariahilf. Da bin i jeden Abend zwischen fünf und sieben.« »I wer sicher kommer.« Schiller, der nurmehr halb daran glaubte, blickte auf die gegenüber befindliche Wand. Da bemerkte er das Bruchband auf dem Boden, erinnerte sich an die behaarten Beine und verzog den Mund. Irma, die an seinem Blick hing, wurde betrübt. »Oder hast da net Zeit?« »Scho.« Schiller lockerte geschickt die Umarmung, die anfing, ihm zu viel zu werden. Und in fast unerklärlicher Bosheit fügte er hinzu: »Mußt mir aber an andern Preis machen, hörst?« Irma hielt ihm den Mund zu und schrie: »Aufhörst jetzt da damit! Oder i schau di nimmer an, du, du ... Kannst doch von mir ham, was d' willst, du Buberl.« Sie küßte ihn wild. Dieses Argument überwand auch den Überdruß des Nachher. »Also is guat«, sagte Schiller weich. »I komm.« »Sag, wie oft!« »Jeden Samstag, Sonntag. Und am Dienstag und Donnerstag aa.« – Er kam schon in der ersten Woche am Donnerstag nicht. In der zweiten kam er nurmehr Samstag und wies das Geld, das Irma ihm anbot, zurück. In der dritten kam er, teils aus Widerwillen, teils ängstlich geworden, überhaupt nicht mehr. In der vierten Woche wurde Irma als Leiche aus der Donau gezogen. In der Zeitungsnotiz, die Schiller übersah, war zu lesen, daß das Motiv der Tat unbekannt sei. Es war unglückliche Liebe gewesen. Das denkwürdige Gespräch In einer warmen Märznacht schlenderte Omstertal durch die kleinen Gassen von Florenz, als er plötzlich stolperte. Er blieb stehen, um festzustellen, was ihm im Weg gewesen war. Als seine Augen an das Dunkel des Gassenwinkels sich gewöhnt hatten, sah er, daß er über den Fuß eines Mannes gestolpert war, der vor einem Fensterladen stand. Omstertal hustete laut. Ohne jeden Erfolg. Da trat er an den Unbekannten heran und klopfte ihm auf die Schulter. Der wandte sich langsam um, den Borsalino tief in die Stirne gedrückt. »Cosa desidera?« Omstertal wunderte sich über diese Ruhe. »Mi permetta di ...« »Sie sprechen deutsch?« »Ja. Sind Sie Deutscher?« »Ja.« Omstertal wunderte sich noch mehr. »Entschuldigen Sie. Ich sah Sie dastehen und fürchtete ... Ja, ich weiß selbst nicht, was ich eigentlich fürchtete.« »So, so.« Der Unbekannte rückte den Hut ein wenig höher. »An Ihrer Aussprache des Wortes ›permetta‹ habe ich sogleich erkannt, daß Sie Berliner sind.« Omstertal, der ein eigentümlich verkniffenes Gesicht erblickte, nickte. »Hm, wenn jetzt eine verschleierte Person, nicht zu entscheiden, ob Frau oder Pfaffe, ob jung oder alt, ob Mädchen oder Mann, mich anspräche, so könnte ich augenblicks ihr Alter nennen, ihr Geschlecht, ihre wichtigsten Gewohnheiten, den Stand, das Gewicht und so weiter. Ich würde mich vielleicht manchmal irren, aber doch wohl nur ... sagen wir zu zehn Prozent.« Omstertal hatte ihm zwar genau zugehört, gleichwohl aber war seine Aufmerksamkeit abgelenkt gewesen: er hatte nämlich in dem Fensterladen, vor dem der Unbekannte gestanden war, ein helles Loch gesehen. Sollte er seinen Landsmann erwischt haben, als er, auf irgendwelchen unlauteren Pfaden, durch dieses Loch blickte? Ein wenig verwirrt, wandte er ihm das Gesicht wieder zu. »Ja also ... da werden Sie von mir wohl auch bereits mehr wissen als meinen Heimatort.« Der Unbekannte richtete sich auf. Auch seine Stimme hob sich: »Eben deshalb habe ich mit Ihnen weitergesprochen. Es erstaunt mich, daß sie mich für so dumm hielten, dem Erstbesten zu sagen, was ich Ihnen soeben sagte.« »Danke.« Omstertal lächelte. »Ich freue mich, so ganz ex tempore einen Landsmann kennengelernt zu haben, dessen ich mich nicht zu schämen brauche, obwohl ich nicht leugnen kann ...« »... daß er an fremder Leute Fenster steht und sie durch ein Loch beobachtet.« »In der Tat.« »Wollen wir nicht ein wenig spazieren gehen?« Omstertal folgte schweigend und außerordentlich neugierig geworden. Nach wenigen Schritten begann der Unbekannte: »Bevor ich Ihnen erkläre, weshalb ich vor jenem Loch stand, will ich Ihnen sagen, weshalb ich es Ihnen überhaupt erkläre. Weil ich Sie kenne. Gewiß, ich habe Sie noch niemals gesehen, weiß nicht einmal Ihren Namen. Und doch kenne ich Sie. Seit zehn Minuten. Aber das genügt mir, um zu wissen, daß Sie fünfunddreißig Jahre alt sind, unverheiratet (was nicht besagen will: unbeweibt), etwa siebzig Kilo wiegen, keinen Beruf haben und wahrscheinlich auch niemals einen hatten und daß Sie mein Bruder im Geiste sind. Nämlich ein – Dreckkerl.« Omstertal griff sich an die Knöpfe und errötete. Schnell aber beruhigte er sich: er war, obwohl der sonderbare Kauz mit keiner seiner Behauptungen sich geirrt hatte, davon überzeugt, einen Verrückten vor sich zu haben. »Nicht sehr schmeichelhaft. Schließlich kann keiner von sich behaupten, ein Engel zu sein. Schlafen Sie wohl!« Aber der Unbekannte hielt weitergehend seinen Ärmel fest. »Nicht so, mein Bester. Wiewohl Sie mich nun schon seit fünfzehn Minuten kennen, scheinen Sie noch nicht viel von mir heruntergesehen zu haben. Ich gebrauche jenes Wort nicht im landläufigen Sinne, sondern auf Grund meiner Präzision.« Er lachte blechern. »Präzision! Was für ein phantastisches und zugleich – ungenaues Wort!« Omstertal vermutete, nicht recht gehört zu haben. Aber der Unbekannte wiederholte seinen letzten Satz, wie für sich hinsprechend. Sekundenlang hatte Omstertal die Absicht, wortlos kehrt zu machen. Aber da sprach der Unbekannte schon wieder mit seiner starken klaren Stimme, die alle Worte wie mit stählernen Zangen aus dem Mund hob: »Beachten Sie, daß meine Substantiva fast immer einen dem herkömmlichen Wortsinn fremden persönlichen haben. Was die Worte Dreckkerl und Präzision für mich bedeuten, werde ich Ihnen später erklären. Jetzt will ich, damit Sie mich weder für einen Charlatan halten noch für einen Verrückten, Ihnen vorerst sagen, daß ich Ihr Alter daran erkannt habe, wie Sie mir auf die Schulter klopften. Ein jüngerer Mann hätte fester geklopft, ein älterer entweder schwächer oder viel heftiger als ein junger. Dazwischen liegen allerdings noch viele Nuancen. Übungssache! Ihr Gewicht erkannte ich an Ihrer Körperhaltung. Mit dem Normalgewicht Ihres Alters (bei Ihrer Größe) wären Sie gerade dagestanden, nicht leicht gebückt. Daß Ihr Regenmantel Ihren Körper verbirgt, akzentuiert das. Beider Feststellungen vergewisserte mich Ihre Stimme. Sie ist überhaupt das Verräterischste. Mit dem Normalgewicht hätten Sie lauter gesprochen und mir auch um eine Nuance fester auf die Schulter geklopft. Ihre Stimme hat mir ferner verraten, daß Sie stets mit einer Frau schlafen. Es muß nicht dieselbe sein. Die Stimme eines solchen Mannes hat einen besonderen Klang, den ich nicht benennen mag. Adjektive sind noch unpräziser. Ach, alles ist so ungenau! Nie sagt man etwas das Ens der Dinge wirklich Treffendes. Ihre Stimme hat mir aber auch verraten, daß Sie beruflos sind und ein ...« »Dreckkerl!« Omstertal schmunzelte vergnügt. »Sie haben wohl sehr eifrig Detektivromane gelesen?« Der Unbekannte blieb, scharf aufblickend, stehen. »Nicht so, mein Bester. Sie sind doch ein Mann von Geist. Ich mache es Ihnen ja nicht leicht, die Geduld zu bewahren, aber sollten Sie wirklich keine Ohren dafür haben, daß ich mich konstant und immer deutlicher ankündige?« Omstertal wurde, wie sehr er auch dagegen sich sträuben mochte, unbehaglich zumut. Zudem waren sie unterdessen auf den Lung' Arno gekommen, an dessen niedrige Steinmauer der Unbekannte sich lehnte. Und plötzlich sagte er: »Ich bin nämlich ein Genie.« Omstertal mußte, obwohl er mit aller Energie versucht hatte, unbeweglich zu bleiben, doch lachen. »Sehr richtig! Jedes Lachen enthält schon eine kräftige Portion Größenwahn.« Der Unbekannte rieb sich die Hände. »Nämlich auch Männer von Geist verhalten sich vor jener hohen Selbsteinschätzung ganz so wie Sie. Das ist eines jener leider sehr seltenen Symptome, die eklatant beweisen, was für ein gewaltiges Stück Dummkopf in jedem Menschen steckt. Hätte ich Ihnen ebenso à brûle-point mitgeteilt, ich wäre ein Idiot oder ein gemeiner Verbrecher, so hätten Sie, wie jeder andere, es geglaubt oder vielleicht für übertrieben gehalten und gerade solch schonungslose Selbsterkenntnis für geeignet, aus dem Idioten noch einen ganz passablen Dummkopf werden zu sehen und aus dem Verbrecher einen braven Kleinbürger. Wie kommt es nun, daß in diesem Fall immer sofort geglaubt wird und dort niemals? Weil das gewaltige Stück Dummkopf, das in jedem Menschen steckt, darin besteht, im Geheimen sich selbst für ein Genie zu halten und vielleicht noch einige Tote.« Omstertal wurde noch unbehaglicher zumut, ja beinahe feindselig. Es gelang ihm jedoch, diese kleinliche Regung auszuschalten. »Sie haben mich zum zweiten Mal matt gesetzt. Ich will wenigstens nicht so dumm sein, meine gekränkte Eitelkeit zu verbergen.« »Verfallen Sie nun doch nicht ins Gegenteil! Wie jung Sie innerlich noch sind!« Der Unbekannte ergriff zart Omstertals Arm, ließ ihn aber sogleich wieder los. »Ich habe mich nicht in Ihnen geirrt. Deshalb kann ich mir auch die Freude machen, Ihnen zu erklären, weshalb ich vorhin durch das Loch im Fensterladen blickte. Meine vorherrschende und wertvollste Eigenschaft ist nämlich die Neugierde. Von den Bonzen wurde sie mißkreditiert wie alles, was nur zu sehr dazu sich eignet, andere Aufschlüsse zu gewähren als die, welche opferwillig machen. Alles, was jemals in der Welt Neues vollbracht wurde, muß aber auf Neugierde als wichtigsten Triebfaktor zurückgeführt werden. Doch hier soll ein Essayist weiterschreiben. Ich entdeckte den Wert dieser Eigenschaft, als ich blutjung einmal bei einer meiner Cousinen durchs Schlüsselloch blickte, während sie mit ihrem Mann sich unbeobachtet wähnte. Ich war ein frühzeitig Mann gewordener Junge, hätte es aber dennoch nicht für möglich gehalten, daß etwas, das ich so wohl aus eigener Erfahrung kannte, dermaßen verändert auf mich wirken könnte, wenn ich es aus dem Versteck mit ansähe. Ich erkannte, bis zu welch unwahrscheinlichem Grad alles von Bosheit, Grausamkeit und Gemeinheit durchsetzt ist. So sehr, daß der Eindruck, ich hätte Irre vor mir, immer deutlicher mir sich aufdrängte. Am deutlichsten in jenem Augenblick höchster Lust, als ich sah, wie die Augen meiner Cousine wie in beginnender Verblödung brachen; und an jenen Stellen der Konversation, wo beide, scheinbar aus einem Übermaß von Glück, die Gekränkten spielten. Mit völlig erlogenen Argumenten. Mit dem Betrug einer Kennerschaft, die in der Situation selbst sich ironisierte. Mit einer eitlen Beredsamkeit, die immer boshaft blieb und gerade dann, wenn sie am hingerissensten sein wollte, nur Grausamkeit war und Gemeinheit. Ich wartete fiebernd darauf, daß jene beiden plötzlich in ein homerisches Gelächter ausbrächen, gegenseitig ihren Irrsinn erkennen und ihn einander an die Köpfe werfen würden. Nichts. Der Grund ist, daß das, was man selbst tut, einem durch sich selbst verstellt ist, und das, was man andere tun sieht, dadurch verstellt wird, daß die Agierenden durch das Bewußtsein, beobachtet zu sein, an Spontaneität einbüßen. Erst das versteckte Beobachten verschafft die erforderliche Distanz. Man ist weder Zuschauer noch Beteiligter. Man ist draußen und schaut hinein. Man ist vor dem spontanen, unverstellten, wahren Leben angelangt. Jeder Mensch, jede Beziehung von Menschen untereinander ist ein gefundenes Fressen für jeden Dritten, der draußen ist und durchs Schlüsselloch schaut. Was für Unsäglichkeiten! Was für ein Irrsinn! Was für ein Vergnügen! Der Schleier der Bonzen zerreißt. Und was man sieht, ist – der Dreck.« Omstertal fühlte, daß er längst in die diesem Manne eigene Sphäre geraten war. Derselbe Trieb, von dem jener so viel sprach, hatte seiner sich bemächtigt: die Neugierde. »Wirklich nichts anderes?« »Auch das, was man hört.« Der Unbekannte schwieg einige Sekunden, wie im Banne von Gedanken, die ihm in die Quere kamen und nicht sofort anzuschließen waren. »Ha, Geist! Leidenschaft! Fanatismus! Glaube! Nichts als verführerische Worte, hinter denen der Irrsinn lauert! Große Worte, um den eigenen Dreck zu verbergen. Ich sage Ihnen, hätte die Erde Geist, sie würde stehen bleiben. Aber sie ist ja selbst bloß Dreck. Und deshalb dreht sie sich um ihren Dreck. Alles dreht sich um den Dreck. Dreck dreht sich um Dreck. Dreck, alles Dreck ...« Er löste den Körper von der Steinmauer und wackelte mit den Händen wie ein Klosterprediger. »Seien wir doch einmal, lediglich zu unserem Vergnügen, völlig aufrichtig! Was bleibt da, scharf geknetet? Eitel Schweinerei! Ich versichere Ihnen, mich schon oft durchaus ernstlich gefragt zu haben, ob Goethe nicht vielleicht bloß ein Weltfurz war. Sie lachen? Lieber junger Megalomane, auch ich habe lange gelacht. Aber das Lachen ist mir vergangen. So vergangen wie die Megalomanie.« Er kicherte auf unerträgliche Weise. »Nun also, das Leben ist im tiefsten Grunde Dreck. Deshalb wären die Priester, die Staatsmänner, die Künstler, die Philosophen, behielten sie ihr Trugbild für sich, Privatirre, die meines Mitleids sicher wären. Da sie es aber aller Welt oktroyieren, sind sie furchtbare Verderber. Und sie entlarvten sich ja auch, wenn man sie durchs Schlüsselloch beobachtet. Was ich so an Grausamkeit gesehen habe, würde die Erfahrungen jedes regulären Irrenwärters übertrumpfen. Sie entlarven sich überdies auch ohnehin: sie lieben zwar die Menge vorgeblich in überschwenglicher Weise, jeder Einzelne aber, der vor ihre Lichter kommt, kriegt ihren sonst wohl verkapselten Dreck zu riechen, ihre Bosheit und Gemeinheit. Man habe doch den Mut zu seinem Dreck! Man muß die Verderber von vorher aus seinem Gehirn eliminieren, ganz frisch von sich aus vorgehen und sich den Teufel um das scheren, was andere gesagt und getan haben. Hier müßte eine neue Religion einsetzen, welche die Erde erobern wollte. Hier stünde man auf einer These, die keine Erfindung wäre wie die Moral, der Staat, die Kunst oder irgendein anderes Ideal. Und haben nicht alle, die auf diese ungenauen Präzisionen sich festgelegt haben, immer wieder sich blamiert? Die beste Entscheidung: gar keine. Es lebe der Dreck! ... Aber die Naturalisten, höre ich Sie denken! Haben sie nicht vielleicht doch streckenweise aufrichtig berichtet? Man frage die Leser! Man frage sich selbst! Früher oder später merkt jeder die Vorspiegelungen. Wenn das Leben nur zu einem kleinen Teil diesen Spiegelungen entspräche, müßten alle langst so tötlich sich gelangweilt haben, daß die Welt ausgestorben wäre und der letzte Selbstmörder ein grandioser Hohn auf die ganze Schöpfung. Gerade dadurch aber, daß das Leben wild und gefährlich ist, unberechenbar und grausam, irrsinnig und falsch, dumm und boshaft, eitel und gemein, ist es lebenswert, bietet es immer wieder neue aufreizende Situationen, Banalitäten, Frivolitäten, Brutalitäten, Bizzarerien, Bluffs und so weiter. Das allein macht Vergnügen. Nur hier geht es aufrichtig zu. Nur hier im Angesicht des Drecks. Und ich müßte ein dummes Kalb sein und ein noch dümmerer Lügner, wenn nicht jeder, der durch ein Schlüsselloch zwei Menschen beobachtet, sich köstlich amüsierte. Ein Schusterjunge ebenso wie ein Künstler. Der Unterschied in den Motiven würde bei genauer Untersuchung als sehr geringfügig sich erweisen. Denn wer über den agnoszierten Dreck sich freut, freut sich von seinem Dreck aus.« Wieder rieb er sich, vielleicht zum zehnten Mal, schadenfroh die Hände. Omstertal lächelte, fast ein wenig bestürzt. »Jetzt weiß ich, was Sie eigentlich unter Dreckkerl verstehen. Auch darin haben Sie nicht geirrt: ich bin ein Dreckkerl in diesem Sinne. Diese Ihre Weltanschauung ist auch die meine, wenngleich ich sie ganz anders fundiert hätte. Denn für mich gibt es nicht nur Dreck. Für mich gibt es auch die Lust.« Der Unbekannte drohte ihm schelmisch mit dem Finger. »Ich drohe Ihnen nicht mit dem Finger. Und es ist auch nicht schelmisch, sondern eine irre Geste: allein würdig einem Einwurf, wie Sie ihn eben taten. Würde ich Sie jetzt über Ihre Lust ausfragen, so würde ich ein Heer von Tiraden zu hören bekommen. Ich werde mich also hüten.« Er trat ganz nahe vor ihn hin und sprach ihm ins Gesicht: »Wollust ist doch der reine Dreck. Wollust ist doch das Leben an sich. Wollust ist doch alles. Wollüstig ist noch der nach einer tollen Liebesnacht gänzlich Geschwächte, der seine müden Glieder in die Kissen schmiegt. Wollüstig ist noch der gänzlich des Weibes Überdrüssige, der einen Hund streichelt. Wollüstig ist der Hungernde, der Verzweifelte, der Totkranke. Wollüstig ist jeder Lebende. Denn wer aufhört, wollüstig zu sein, stirbt. Nur der Wollüstige hält das Leben aus. Die Geschlechtslust ist ja nur ein Teil der ganzen Wollust. Allerdings ihr bestes Teil. Deshalb herrscht in jeder Wollust immer ein Teil fürs Ganze vor. Und in jedem Teil herrscht immer auch das Ganze. Es ist vielleicht die einzige Symbolik, die sinnvoll ist, daß durch jedes Loch des menschlichen Körpers Dreck passiert. Und daß er, wenn er mit letzter Wollust passiert, einen Zustand von Seligkeit verursacht, der zwischen Verblödung und manifestem Irrsinn schwankt. So daß in der Worte unmittelbarster Bedeutung das Leben in seinem intensivsten Moment nur um den eigenen Dreck sich dreht. Hier sage ich Ihnen in Parenthese, daß das Fleisch der Schweine, die am meisten Dreck fressen, am besten schmeckt; daß, je mehr Mist und Jauche die Zwiebel schluckt, desto schöner die Tulpe wird; und daß überall dort, wo viel Dreck hinkommt, auch viel blüht. Denken Sie nur an den schillernden Reiz der Prostituierten und der Gespräche mit ihnen ... Deshalb gehört zur höchsten Intensität jenes Momentes auch der Dreck des Wortes. Denn jeder ist doch in seiner Lust allein. Und alles, was er um sie herum spricht, dient nur ihrer Steigerung, ob es nun die schüchternen Liebesphrasen eines Gymnasiasten sind oder die ordinären eines alten Herrn: beide denken nur an ihre Wollust. Und ist sie da, dann ist sie ihnen so sehr alles, daß sie gegen ihre eigenen Worte wüten, gegen sich selbst und alles und einander von einer Grausamkeit zur anderen treiben ... bis zum Paroxymus: sie beißen, prügeln, drosseln, zerschlitzen einander. Wollüstigster Untergang des Drecks in grausamem Irrsinn.« Er schwieg, sichtlich nicht wissend, wie er zu dem zurückfinden könnte, was er noch sagen wollte. Omstertal, der dies deutlich fühlte, half ihm. »Auch ich halte diese Präzisionen für ungenau und – phantastisch.« Der Unbekannte senkte den Kopf, schweigend weitergehend. Omstertal folgte ihm schnell. Als er neben ihm ging, hörte er ihn kichern. Es schmerzte fast, es zu hören. »Sollte ich Sie falsch verstanden haben?« Der Unbekannte blieb stehen und hob den Blick. »Ich bin im Reden ein wenig aus der scharfen Gedankenbahn geraten. Manche Sätze waren zu elliptisch, zu sehr aus anderen Bahnen hereingeworfen. Aber ich liebe es, auf meine Echappées zu achten. Da übertrifft man sich selber. Die wunderbarsten Dinge habe ich gesagt, ich wußte selbst nicht wie. Man muß bloß sehr auf der Hut sein, nicht auf sie hineinzufallen. Noch ein wenig Geduld: es ist meine letzte Antizipation. Sie haben sicherlich schon darüber nachgedacht, warum ich Ihnen das alles sagte.« »Ja. Aber ich muß gestehen, daß ich den Grund nicht weiß.« Der Unbekannte zwinkerte: »Wirklich nicht?« »Nein.« Omstertal durchzuckte es: ›Vielleicht will er, daß ich ihm ein Kompliment mache?‹ Da er sofort daran glaubte, vermochte er nicht die Bosheit sich zu verkneifen, sich selber zu schmeicheln. »Doch, ich weiß es. Sie sagten mir das alles, weil Sie mich für einen Mann von Geist halten und deshalb hofften, Ihre Gedanken von mir richtig gewürdigt zu wissen.« Der Unbekannte hieb die Zähne hörbar aufeinander. »Wollen Sie mir bitte definieren, was Genialität ist!« knurrte er barsch. Omstertal zögerte: »Genialität ist – die richtige Vogelperspektive ... der große Schlüssellochblick von draußen nach drinnen.« »Wenn diese Definition richtig wäre, dann wäre sie ja von mir und ich ein Genie.« Omstertal preßte die Finger zusammen: dieser Kopf schien sich selber noch sich zu entwinden. »Wollen Sie sich désavouieren?« Der Unbekannte schrie auf: »Jawohl, das will ich! Denn Genialität ist nichts als – präzises Phantasieren, das niemals den Anspruch erheben darf, richtig zu sein. Gedanken sind Stimmungen.« »So daß also, wer, wie Sie soeben, präzis phantasiert hat, zwar ein Genie ist, aber kein absolutes. Demnach gäbe es im Grunde kein wahres Genie und hätte es keines gegeben.« »So ist es. Sondern es gibt nur mehr oder weniger präzise Phantasten, die immer schlechten Glaubens sind, denn keine Stimmung hält vor, und bloß Schwerarbeiter an ihrem Ruhm. Megalomaniaken! Dreck, mein Herr, nichts als Dreck!« Omstertal vermochte diesmal das Lachen zu unterdrücken. »Wie heißen Sie?« Er hatte aber nur gefragt, um gleichsam sich Luft zu machen. Und nun geschah etwas geradezu Unglaubliches. Der Unbekannte trat einen Schritt zur Seite und pißte seinen Namen in den Sand. Hierauf ging er wortlos und ohne den Hut zu ziehen. Omstertal sah ihm nach, bis er um die Ecke bog. Dann versuchte er nochmals, den Namen im Straßensand zu lesen. Es gelang ihm jedoch nur, die Buchstaben C und m zu entziffern. Niemandem erzählte er jemals von diesem denkwürdigen Gespräch. Denn seither waren ihm außer manchem andern auch Gespräche verleidet. Messalina – eine ... Doktor Hégésippe Schwer (maladies de peau et voies urinaires) besaß neben seinen Ordinationsräumen in der Avenue de la Victoire in Nizza auch ein kleines Appartement, in dem seine Wirtschafterin Nounou ihm täglich um zwei Uhr ein gewissenhaft zubereitetes Déjeuner zu servieren pflegte, während dessen er unter keinen Umständen gestört zu werden wünschte. Nur eine Person nahm eine Ausnahmestellung ein: Irene, die als Patientin zu ihm gekommen war, von seinem Renommée herbei- und seinem Vornamen irregeführt. Sie hatte ihn sofort erkannt und die Vorteile, die dies und die Möglichkeit bot, deutsch zu sprechen, und aus Dankbarkeit zwei Wochen bei ihm gewohnt, um ihm die Naturalien, die sie ihm zu bieten hatte, so häufig und bequem wie nur möglich verabfolgen zu können. Seither hatte er für sie eine fast väterliche Zuneigung und für ihre Konversation eine unbesiegliche Schwäche. Dennoch hatte sie seine Ruhestunden stets respektiert und, wenn sie einmal das Bedürfnis hatte, mit ihm ein ›Causettchen‹ zu machen, zuvor telefonisch ein Rendez-vous vereinbart. Um so erstaunter war er deshalb, als er eines Nachmittags eben mit dem Déjeuner begann, unangemeldet von ihr überfallen zu werden. »Lieber Hugo ... pardon, wollte sagen mon cher Hégésippe ... Briand helfe mir, ich kann nicht anders!« Irene drückte beide Hände sich aufs Herz und lächelte bestrickend. »Eine solche Perfidie! Und da wundern sich die Leute, daß es Terroristen gibt! Aber iß nur ungeniert weiter! Was los ist? Der Patron vom Café de Paris ... O, wie kann einer nur Franzose sein und sich die Haare glatt über die Ohren kämmen! Außerdem kaut er ununterbrochen eine Kaffeebohne. Affreux! So. Siehst du? Genau so, wie ich diese Olive da beiße. No, kann man da anders reden als spritzend und schnaufend? Du gestattest doch, daß ich mich setze. Aber daß ich zur Hauptsache komme! Vor vier Tagen hat er uns allen verkünden lassen, daß Damen ohne Begleitung nicht mehr serviert werden darf. Eine bodenlose Perfidie! Nachdem er während der ganzen Saison sich an uns gemästet hat! Denn wir ziehen ihm die reichen Amerikaner und Engländer ins Lokal. Mit unseren Reizen erreichen wir es, daß sie traumhafte Zechen machen! Durch uns diese Trinkgelder! Und was diese hochnasigen Frackproletarier, alias Kellner, sonst noch von uns bekommen, ist mehr als das Dreifache von dem, was sie von den lausigen Bourgeois kriegen. Ah, malheureusement, diese Weiber haben ja keinen Corpsgeist und nicht für zehn Sous Verstand. Was meinst du, Sippi, was diese unterspickten Dulzineen jetzt machen? ... Du gestattest doch eine Sardine? ... Hupp! Schon verschlungen! Sie gabeln sich einen Nervi auf oder einen Métèque oder irgendeinen fadenscheinigen Marius und zahlen ihm einen Kaffee und ein Brioche, damit er so lange neben ihnen als Deckung sitzen bleibt, bis ein Amateur kommt. Quelle stupidité! Moi, je me respecte trop! Nicht einen Fuß setze ich jemals wieder in dieses Tschoch, geschweige denn wichtigere Bestandteile meines verlockenden Frauenleibes. Übrigens hat Conchita mir erzählt ... Du kennst sie doch, diese kleine Spanierin, die immer Koriandoli-Reste in den Haaren trägt und zerbrochene Kämme. Sie hält das für enorm. Die Männer sollen glauben, um sie herum spiele sich ein ewiges Fest ab zur kontinuierlichen Feier ihrer Reize. Ach, was glauben die Männer nicht alles? Du, Sippi, mußt es doch wissen. Aber man muß schon deinen Beruf haben, um solchen Flitscherln nichts zu glauben!« »Wer zählt die Tripper, kennt die Namen?« »Geliebt bist du, Sippi, geliebt! So. Die letzten beiden Radieschen entziehe ich dir, damit du keine Blähungen bekommst ... O, diese Titanen! Und was sie alles glauben, wenn sie die Vertrauensfrage stellen, die du dir schweigend selber beantworten würdest! O là là, ich sage es immer noch mit der ernstesten Miene von Nizza: ›Même pas un échauffement!‹ Kaum einer, der den Mund verzieht. Paraît qu'ils sont tous des idiots. Ich schau mir diese Schakale schon näher an. À moi on la fait pas, tu sais?« »... la fait plus. Nur immer exakt!« »Hast recht, Sippi. Und nicht zuletzt dank deinen sachgemäßen Mitteilungen geh ich auf Nimmerwiedersehen chez Nullnull, wenn ich ihre Trophäen für Betrulljen halte ... O, que j'aime les limandes! Heureusement que Nounou en a fait trois. Tu permets, pas? ... Conchita? Ah, oui. Also, sie hat mir erzählt, daß der Patron vom ›Paris‹ diesen Zeck jedes Jahr aufführt. C'est cochon de sa part, tout ce qu'il y a de plus cochon. Und diese Masochistinnen, diese Ambosse des Nachtlebens laufen immer wieder hin. Mich sieht dieses Beuglant nicht wieder. Abgesehen von allem andern, weil ich mich nicht noch einmal in eine solch gräßliche Situation bringen lassen will. Es ist keine Kleinigkeit, wenn einem plötzlich der Standplatz ausgespannt wird! Und die Telefonnummer! Man hat doch seine feste Klientel. O là là, che la vita stupida! Seit drei Tagen, seitdem diese vertrackte Lumperei passiert ist, nicht ein Chiqué! Von einem Orgasmus gar nicht zu reden! Was? Ferdinand? Ah, daß ich nicht gackere! Bouge-toi! Je l'ai envoyé promener. Du fragst noch, warum? No ja, woher sollst du das auch wissen. A propos, sag, hältst du mich für schön oder bloß für hübsch? Aber bitte von der Leber weg!« »Also von der Limande weg: für sehr hübsch.« »Geliebt bist du, Sippi, geliebt! Aber ich hätte es merken müssen! Wenn einer sich schon einen Hund anschafft und tagelang mit ihm herumzieht! Das macht ja Eindruck auf die Flics, ich gebe es zu, aber es weckt auch wieder den Familiensinn der Huren. Wissen möchte ich, bei welcher Momôme er jetzt seine Haxen ausstreckt. Der soll mir nur nicht wiederkommen! Dann kann er sich seine Anatomie numerieren lassen! Aber geschieht mir ja recht! Ich war eppes bebête. Wenn ich mir jedoch alles vergegenwärtige, kann ich mich schon begreifen. Wenn man so auf einem resedafarbenen Plüschsofa sitzt und das Orchestre hawaiian rasselt ›If you knew Suzie, like I know Suzie‹, bei rotem Glühbirnenlicht, alles sitzt depraviert da mit verschlungenen Beinen, die Kellner gehen im Katzenschritt am Tisch vorbei, du hörst jemanden sagen, er habe jetzt eine entzückende Wohnung gegenüber dem Gebärsaal La Roche und gratis die wunderbarste Musik für seine Liebesnächte, und neben dir sitzt ein Typ wie Ferdinand, zieht unnachahmlich verlottert eine Zigarette aus der oberen Westentasche, halb Féschak halb Zuchthäusler, und zeigt dir mit seiner wüsten Blässe eine rötliche Narbe auf dem Arm, deren Nähte man noch sieht, und daneben ist eine Tätowierung, ein Dolch und ein Stern, und zwischendurch entwickelt er dir des idées avançées ... O, c'qu'il était salaud ce soir ... Die Toilettentür ist offen und du riechst les odeurs légères ... O là là, ich höre noch lange nicht auf, es benebelt mich schon wieder ... Also ein Münchner schneidet vor Begeisterung einer Römerin den Paradiesreiher ab, sie schreit wie defloriert, etwas russischer Hochadel brüllt aus Sensation mit, ein kleiner Italiener heuchelt Irrsinn, warum weiß kein Mensch, und du bemerkst, wie er hinter seiner Serviette einer Engländerin die Pfunde aus dem Réticule zupft, bist also jetzt der einzige Mensch, der es weiß, Ferdinand schlägt mir vor, in die Rue Emma zu ziehen, in die Villa Emilie, dabei packt er plötzlich ganz fest meine Hüfte ... Oui, oui, j'abrège. Man hat eben das Bedürfnis, wenn man hineingefallen ist, sich zu entschuldigen. Und das gelingt einem nur, wenn man darüber redet. Denn mit sich selber läßt man ja nicht darüber reden. Da ist man strenger. Que veux-tu? Ce sont les après ... Ah, Artischocken! Und gar noch à la vinaigrette! Ich krieg doch eine? Merci. Sippi, sei auch gebenedeit! Passe-moi une assiette, Nounou, mais vite! ... Ah, du möchtest also doch gerne wissen, was dieser Saukerl von Ferdinand ... Plakiert hat er mich! Es ist mir ja nicht um den Orgasmus ... et pour le reste, je m'en fiche pas mal. Aber das Bewußtsein, hineingelegt worden zu sein, das ertrage ich nicht. O, ich werde mich rächen. Pas pour régler la situation, wie das Milieu sagt. Meine Sorge! Standesehre, holder Quark! Non, aber um meine Verdauung wiederherzustellen. Denn seitdem dieser Strizzi mich hat sitzen lassen, bin ich verstopft. Nervosität, sagst du. Und ich sage dir, der Zorn nagt an mir und verhärtet meinen Leib. Und was das Hauptmalheur ist, mit vollem Darm kann ich nicht losgehen. Das raubt mir die innere Freiheit. Ein Skandal ist das! Und ein wahres Glück, daß ich wenigstens noch dich hab! Weißt du, dein kühler rasierter Anblick wirkt auf mich wie eine erfrischende Dusche. Ich sage mir, wie gut, daß du einen hast, der weiß, daß das Leben denen gehört, die es über die Schulter ansehen. Du schaust jeden über die Schulter an. Auch mich. Leugne nicht! Es ist zwecklos. Diesen Schulterblick im Auge hat außer dir nur noch eine. Wer? ... Schweinskoteletten? Meine Leibspeise? Sippi, also jetzt lade mich endlich ein oder ich bin ernstlich beleidigt! Muß man denn bei dir ganz aufdringlich werden? Wer ihn noch hat, den Schulterblick? La dame du pipi, die alte Margot vom Lavabo im ›Paris‹. Die hat noch merkwürdigere Dinge gesehen als du. Vor acht Tagen hat sie mir erzählt, daß Cléclé Milch mit Äther trinkt und Marthe eine halb verweste, entsetzlich stinkende Taube im Bett versteckt hat, weil ihre alten Herren das lieben. La choléra! ... Nounou, verse-moi! Sofort! Ich nag nur noch den Knochen da ab. Fein, das Schweinerl! ... Margot ist überhaupt unschätzbar. Sie hat mir geraten, nur kunstseidene Strümpfe zu tragen. Wenn man sie nämlich in warmes Wasser steckt, verlieren sie den verräterischen Glanz und sehen garantiert wie echte aus. Das sind Hunderte von Francs, die man erspart. Und dann hast du doch sicherlich schon bemerkt, daß ich ... Nicht? Also ich parfümiere mich, auf Margots Rat hin, nicht mehr. Und die Konsequenz? In einer Woche neun neue Kunden! No, kannst du dir das wirklich nicht selber erläutern? Alles Ehemänner über die Fünfzig! Wenn sie mit einer Parfümierten gehen, merkt es die Frau. Und dann bilden diese Alten sich immer ein, daß eine Nichtparfümierte sauberer ist. Und sauber wirken, das ist doch bei uns schon das halbe Geschäft, pas? Was für ein Unglück war es zum Beispiel für die Armanda, daß ein Marokkaner ihr einen Finger abgebissen hat! Sie kann doch nicht immer den ausgestopften Handschuh tragen. Ohne ihn aber hält jeder sie für eine alte Spitals-Scharteken. C'est bœuf tout de même. Und dabei ist Armanda die Sauberkeit selber. Wenn ich das Material gehabt hätte, das sie in ihrem Leben schon hat schießen lassen, nur weil sie eine pathologische Angst vor Mikroben hat, lieber Sippi, für uns beide wäre ausgesorgt. Erinnerst du dich noch an die alte dicke Gina, die einmal bei dir war? Also die verdient das Zehnfache, bloß weil niemand sieht, daß ihr etwas fehlt. Und was der alles fehlt, das hat mir auch die alte Margot erzählt. Ihre ganze rechte Wade ist wegoperiert und der linke Busen. Da hat sie Caoutchouc hingeschnallt. Wodurch sie ihn ...? Ja, das war eine ganz komische Sache! Was die Wade betrifft, bin ich nicht informiert. Aber mit dem Busen ... vorausgesetzt, daß wahr ist, was sie der Margot erzählt hat ... Also ein fünfundsechzig Jahre alter Türke soll plötzlich bei ihr einen sadistischen Koller bekommen und geschrien haben: ›Ich hasse die Mutter!‹ Und dabei hat er sie immer wieder in den Busen gezwickt. Vielleicht war es auch bloß ein alter Esel. No, jedenfalls hat er dreckige Finger gehabt wie alle Türken, und Armandas armer Busen hat dran glauben müssen. Nach zwei Tagen ist er angeschwollen und nach einer Woche haben sie ihn abnehmen müssen. Aber die ist eine Steißgeburt, ich ahne es ja. Was? Lach nicht so schmierig! Das ist sehr ernst zu nehmen. Denn mein Bruder, der Wenzel, ist doch so albern gewesen, in der Rossauer Kaserne in Wien sich zutote schikanieren zu lassen. Und warum? Weil er eine Steißgeburt war. Der Zusammenhang ist ja nicht evident, aber trotzdem ebenso wenig zu leugnen wie der Einfluß der Gestirne. Denk doch nur an die absolute Unbenützbarkett mancher Frauen beim Mondwechsel und wie sehr man vor dem niederen Jungfrauentypus im engeren Verkehr auf der Hut sein muß. Das wird manchem deiner Patienten nicht mehr neu sein. Ah, da fällt mir eine nette Sache ein. Du hast doch auch Perrinnette gekannt, pas?« »Die mit der eitrigen Achsel?« »Das war Lieschen. Nein, die, die einen Rubinring trug, der Stein so groß wie hinten an einem Velo. No also. Was? Schon das Dessert? Wo bleibt das Vogerl? Sippi, alias Hugo, ich rate dir, behandle mich fürstlich! ... Ja, also Perrinnette! Die hat sich, das erzählt sie jedem nach zwei Minuten, von einem sehr gescheiten Kellner in Dresden ein Horoskop stellen lassen, das ihr verkündete, wenn sie die nächste Mißhandlung stillschweigend hinnehme, werde sie in einem halben Jahr reich sein. Nun, tagsdarauf bekam sie einen heftigen Tritt in die Geschäftsgegend und lag, selig darüber, eine Woche im Krankenhaus, wo ein alter Jockey, der das Bett neben ihr hatte, es war großer Platzmangel, vier Stunden vor seinem Tod sich dermaßen in sie verliebte, daß er ihr sein Vermögen vermachte. Hunderttausend Mark. Wo die jetzt sind? Weiß ich? Jedenfalls hat sie sie nicht mehr, das weiß ich. Alors, Nounou, apporte-moi le poulet d'hier soir! Kenn ich noch die Gewohnheiten im Hause Schwer? Ja, mein Kopferl! Va pour le poulet, Nounou, je le bouffe froid. Ach, tu nicht so, als hättest du keine Zeit! Du hängst ja nur so an meinen Lippen. Wie solltest du auch nicht! Von früh bis abend das einzig wahre Vergnügen, das ein Mann hat, in den unappetitlichsten Zuständen sehen, die es gibt: da muß einer sich doch auf den Geist werfen, wenn er nicht lebensüberdrüssig werden will. A propos, ich glaube, wenn die Geschlechtskrankheiten verschwänden, würden viele gänzlich neue Berufe entstehen. Das wäre vielleicht etwas für mich. Denn es gibt doch sonst nur schwachsinnige Schönheiten, widerliche Blaustrümpfe und schwer pathogene Häßliche. Also, bekenn dich unumwunden zu mir! ... Merci. Cinquante balles, ça me suffit pour le moment. Alles merkst du beim leisesten Tönchen. Aber mißtrauisch bist du wie ein alter Handley ... Hannnn-dln! Hannnn-dln! Erinnerst du dich noch? Unten im Hof? Immer am Vormittag? Schon damals, als ich noch ein ganz junger Fratz war, habe ich geahnt, daß ich einmal dazu berufen sein werde, der Männerwelt die Mores auszutreiben. Wenn auch nicht gerade auf der Côte d'Azur. Wie das zuging? No, dem einen Handley, der nur am Schabbes kam, schon nicht koscher, bin ich nämlich einmal nachgegangen, weil er einen so verschmitzten Schädel hatte, der verfluchte Jud. Ich lästere, ich weiß es. Aber was tut man nicht alles, wenn man wirklich urbane Gastfreundschaft in Dankbarkeit abtratschen will? ... Lügen? Ich schwöre dir beim Heil meiner Formen, daß ich niemals lüge. O, nicht vielleicht, weil ich es verwerflich finde. Denn Lügen ist für Leute, die zu viel Geist haben, das einzige Mittel, sich ein Ventil zu verschaffen. Aber ich habe bemerkt, daß Aufrichtigkeit wichtiger ist und auch beglückender, jawohl. Das ist kein Pathos, sondern das Glück des ... Warte nur ab, was kommt, mein Lieber! Wenn man aufrichtig ist, ist man nämlich immer gemein. Und wenn man gemein ist, ist man eitel. Und wenn man eitel ist, ist man glücklich. Und die größten Jesuiten die Ethiker, weil sie so unglücklich sind und so viel lügen. Und die aufrichtigsten Biester die Kokotten, obwohl sie fast alle ein Sentiment am Armband hängen haben. Nur Durchschnittsmenschen sind manchmal gut. Aber das ist jedem gleichgültig. Das ist gar keine Güte. Das ist kohinoor. O, hab dich nur nicht so! Ich stelle dir anheim, zu formulieren, was ich da alles herausgestrudelt habe. Dann wirst du erkennen, daß es unbezahlbare Perlen waren. Schwarze Perlen! Du warst übrigens ganz leise beglückt. Ich habe es an deinen Lippen und Augenbrauen gesehen. Denn ich bin die Aufrichtigkeit. Und dann, als du gerülpst hast, hat sich alles zu einer paranoiden Larve libidinösen Charakters kristallisiert.« »Nicht hineingeheimnissen, Irene!« »Hast du das Glück des Schuftes genossen oder nicht? Prossim! Und jetzt zu meinem Prager Juden! Den hatte ich schon wieder ganz aus dem Auge verloren. Damals übrigens auch. Wenn ich mir vorstelle, daß ich, hätte ich ihn nicht plötzlich an einer Ecke wiedergesehen, vielleicht gar nicht hier vor dir sitzen und glückliche Momente zusammentratschen würde ... C'est la lili, que veux tu! Denn erst nachher hat er sich zum ersten Mal umgedreht und mich bemerkt. Und als wir auf der Kleinseite waren, hat er neben einem Laden auf mich gewartet und mich angesprochen. Und meine Hände gestreichelt. Damit muß er mich paternisiert haben. Denn ich bin neben ihm wie ohne meinen Vaterkomplex dahergetrottet. Also, ich stand dann in seiner Bude und sah zu, wie er sich auszog. Behaart wie ein Affe war er und schmutzig wie die Moldau zu Ostern. Aber er hat mich nicht einmal angerührt, nur immer mit seinen kugelrunden Augen angestiert. Zuerst dachte ich, er wäre ein Scham-Maniak. Lach nicht schon wieder! Das gibt es. Das sind Käuze, die bei nichtsahnenden Jungfrauen schwere Schamzustände herbeiführen, um sich daran zu letzen. Erst vor kurzem habe ich dafür einen Beweis bekommen. Die Louison, die ich einmal wegen ihrer hartnäckigen Frostbeule zu dir geschickt habe ... Es war gar keine? Na, prosit! .,. Also, sie muß schon gegen fünfzig sein und hat im Gegensatz zu ihren Kolleginnen, die noch mit vierzig glauben, ihre Haut zu Markte tragen zu können, schon mit sechsunddreißig eingesehen, daß sie nicht mehr mit einem Typ ins Bett gehen darf, wenn ihre Ungenießbarkeit nicht anekdotisch werden soll. Sie hat sich absolut nicht mehr ausgezogen, größeren Wert als je auf piekfeine Unterwäsche gelegt und sich nurmehr auf die Chaiselongue. Quelle radeuse! Wenn das jede Altgewordene sich zu Herzen nehmen wollte, unser Geschäft wäre nicht so verschrien! Ach so, ich bin schon wieder vom Thema abgekommen. No, warum nicht. Alles gehört immer dazu. Also, Louison hat mir erzählt, daß sie, als sie sich nicht mehr ausgezogen hat, eine ganz neue Kundschaft bekommen hat. Da sie schlank ist und ihr Gesicht à la Embryo montiert, hält jeder sie für sechsundzwanzig und das Nichtausziehenwollen für Scham. Sobald sie gemerkt hat, daß damit ein Geschäft zu machen ist, hat sie sich vor Scham nur so gewunden und sogar geweint. Ich würde mich genieren, mich zu genieren. Jetzt macht sie das schon so fabelhaft, daß ein Privatdozent sie als ganz absurden Fall in ein dickes Buch als Schulbeispiel aufgenommen hat. Dick, dick! Was für eine undankbare Sache doch so ein Bauch ist! Es kostet viel, ihn sich anzuschaffen, und nachher ist es noch viel teurer, ihn an das Weib zu bringen. Louison zum Beispiel zieht ihn aber nicht deshalb allein vor. Sie tut noch so, als würde sie ihn vor Scham gar nicht sehen. Da ist der Typ dann ganz weg vor Seligkeit und läßt sich ausbeuteln wie ein Sack. Aber jetzt solltest du endlich das Dessert bringen lassen. So, ich feßle dich mit meinem Getratsch so unentwindbar, daß ... Tu nicht so, würdiger Hort der Huren von der Victoire, sondern klingel schon! Dich muß man tatsächlich mit der Nase auf deine Gastgeberpflichten stoßen. No und dabei kommt mir auch hoch, daß ich meinen Prager Juden schon wieder aus dem Auge verloren hatte. Der hat mich nämlich auch mit der Nase auf etwas gestoßen. Er brachte plötzlich einen blitzblanken Nachttopf, in dem sich Bier befand. Ich habe es austrinken müssen. Gutes Pilsener Spatenbräu. Aber was sah ich auf dem Boden des Topfes? ... O là là, ich höre Nounou heranschlurfen ... Schau, schau, Gaufrettes, Nüsse, Joghourt und Ananas. No ja ... So. Und jetzt werde ich dir auch den Rest geben. Spann deine etwas zu großen Wascheln auf! Ich sah in dem Nachttopf einen gemalten Menschenmund, der einen Hund ins Bein beißt. Und darunter war zu lesen: ›Gott ist eine Seuche.‹ Der Mann hatte Lenin vorweggenommen. Dieses Erlebnis hat mich von Grund aus aufgewühlt. Du bist enttäuscht? Schade, daß ich nicht gelogen habe! Mir wäre sicherlich etwas Originelleres eingefallen. Nächtelang habe ich mir den Kopf über diesen Juden zerbrochen. Er hat mich nämlich sogleich darauf fortgehen lassen. Erst nachher ist mir seine Absicht klar geworden. Er wollte mich revolutionieren. Denn oberhalb seines Bettes hatte ich ein großes Ölbild der Tzarin Alexandra gesehen, das an den weiblichsten Stellen rot verschmiert war. Durch Zufall erfuhr ich später, daß er Brillant hieß und 1905 in Moskau dabei gewesen war. Und er hat mich auch revolutioniert. Denn von da an zogen die Helden und Träumer bei mir nicht mehr. Ich konnte keinen ernsten Roman, kein ernstes Theaterstück mehr ertragen. Alles lächerte mich. Kein Wunder, daß ich schon mit siebzehn meinen Wenzel verführte. Ich fürchte, das arme Bürscherl hat das hinterher nicht ausgehalten. Vielleicht haben sie ihn in der Rossauer Kaserne gar nicht zutote schikaniert. Warscheinlich hat er sich freiwillig aufgehenkt. Wenn es aber so war, dann war er nicht würdig, mein Bruder gewesen zu sein. Dann war er ein Blödian, für den es keine Entschuldigung gibt. Das Erlebnis mit mir hätte ihn revolutionieren müssen. Das war ja auch meine dumpfe Absicht gewesen. Und dieses Hornvieh henkt sich auf! Dann kamst du an die Reihe. No, du hast dich wenigstens nicht aufgehenkt. Aber revolutioniert hat es dich allerdings auch nicht. Glücklicher Weise. Denn sonst hätte ich dir hier auf der Victoire nicht das Renommée so unerhört hochtratschen und du mir konsekutiv dieses hervorragende Déjeuner nicht vorsetzen lassen können. Ich weiß, ich weiß, ich habe mich selber davorgesetzt. E vero. Aber es war deine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, es zu gestatten. Du gestattest doch? Nur noch ein Glaserl Superfine ... Es war deine verfluch ... Auch die fünfzig ... Denn ich bin ein Opfer der tückischen Straße. Prossim, noch ein Glaserl Super ... Eins, zwei, drei ... Kling Klang Gloria ... Was, schon drei Uhr? O là là, je dois filer et au plus vite. C'est le moment pour attrapper ce cochon de Ferdinand. Je vais lui crêver son chien. Aber ich werde das Ekel nicht ins Bein beißen. Ich werde mich beherrschen. Au revoir, Sippi. Ach, wenn ich dich so mit den letzten Schlüssen meines revolutionären Gehirnes betrachte ... No, das kann dir ja kohinoor sein. Hand auf meinen Bauch! Der geht jetzt mit mir fort von da, etsch! So! Und da hast du noch schnell einen Jubelschmatz auf deine Platten. Leb wohl! Im Ordinationsstuhl sehen wir uns wieder.« Doktor Schwer blickte lächelnd Irene nach, während sie graziös aus der Tür eilte. Dann feixte er, wischte sich sorgsam den Mund ab und zwitscherte an mehreren Zähnen. Als er die Tür nach seinem Ordinationszimmer öffnete, murmelte er: »Messalina – eine Blunzen!« Juni 1916 Walter Serner über sein Leben und seine Bücher Lieber Paul Steegemann, obwohl ich die Bücher Ihres Autors Walter Serner sehr schätze, war ich, als Sie mir schrieben, ihn gelegentlich meines kurzen Aufenthaltes in Genf interviewen zu wollen, sofort entschlossen, dies nicht zu tun. Ich habe ihn vor acht Jahren kennen gelernt und so unsympathisch gefunden, daß ich Überzeugt war, ich würde ihn auch jetzt nicht sympatischer finden können. Der Zufall aber wollte es, daß ich ihm auf der Straße begegnete. Sein Anblick machte mich nun doch neugierig und ihre Bitte half nach: ich sprach ihn an und hier mögen Sie als Monolog lesen, was er mir auf meine Fragen hin und oft auch spontan, manchmal sogar wörtlich sagte: »Sie wollen wissen, ob ich meine Bücher für Dichtung halte? Keineswegs. Dichtung ist und bleibt ein, wenn auch höherer, Schwindel. Ich lege Wert darauf, das zum ersten Mal ausgesprochen zu haben. Menschen gestalten, heißt: sie fälschen. Es gibt so wenig geschlossene oder intelligible Charaktere, wie es Wahrheit gibt. Alles ist stets im Fluß. Gestalten aber schafft Umrisse, in die es hineinerklärt und Positives festzulegen meint. Das ist Tüchtigkeit, Kunst, Mumpitz. Ist Ihnen noch nicht aufgefallen, daß die Menschen meiner Bücher, wie lebendig und echt sie auch auf sie gewirkt haben mögen, hinterher Ihnen doch gleichsam zwischen den Fingern zerrinnen? Sie bekamen kein festes Bild von ihnen, nur scharfe Deteilaufnahmen, die dem Zeitraum einer Stunde oder weniger Wochen angehören und diese prägnant illustrieren. Darüber hinaus vermögen Sie sich von diesen Menschen schon keine Vorstellung mehr zu machen. Darauf kommt es mir an. Darauf allein sollte es überhaupt ankommen. Und deshalb lehne ich für meine Bücher das Rubrum »Naturalismus« ab, der, mag er noch so getreu das Leben abschreiben, ja doch nur Gestaltung von allen Seiten her ist. Die Plastik, die er schafft, ist denn auch so langweilig und belanglos wie die Plastik überhaupt. Wenn ich gezwungen wäre, ein Rubrum anzunehmen, so würde ich »Verismus« wählen, besser noch: Sincerismus. Denn alle meine Bücher setzen sich lediglich aus Detailaufnahmen zusammen, durch die ein aufrichtiger Zustand erhellt wurde. Nebenbei: ein aufrichtiger Zustand ist noch lange kein wahrer. Er zeigt lediglich das Chaos oder den Menschen im Angriff dagegen und ist immer furchtbar und tragisch, auch wenn er grausam, zynisch oder witzig ist. Dieses Erhellen gelingt leider nicht allzu oft, meist nur in Etappen. Daher meine Vorliebe für kurze Geschichten und Episoden. Daher das Fehlen der üblichen »durchgehenden Tendenz« in meinem Gaunerstück »Posada«, das viele zu meiner großen Überraschung für parodistisch gehalten haben. Dort, wo dieser Irrtum nicht auf flüchtigem Lesen beruhte, war es wohl Mangel an Erfahrung: in den Verbrecherkreisen der ganzen Welt ist nämlich der herrschende Umgangston fast nur auf Spott, Selbstironie, Witz und Zote gestimmt. Auch lehrt die Gerrichtssalrubrik jeder Zeitung, wie oft irgenwo Leichen herumliegen. Freilich werden dazu keine Eintrittskarten ausgegeben. Ob ich da überall persönlich vorgesprochen habe? Ihr Hohn ist ebenso berechtigt wie der leidenschaftliche Wunsch vieler meiner Leser nach Gewißheit darüber, ob ich meine Bücher erlebt habe oder erfunden. Beide Reagenzen sind für mich leider der Beweis, daß es nicht genügt, aufrichtig zu sein. Man muss sich auch dokumentieren. Die Wahrheit ist heutzutage schon so oft erfunden worden (ich kenne keine blödere ästhetische Formel), daß auch die Aufrichtigkeit nicht mehr geglaubt wird. Es gibt kein treffenderes Beispiel als Casanovas Memoiren, die jahrzehntelang nach ihrem Erscheinen von aller Welt für eine geschickte Aufschneiderei gehalten wurden. Bis deutsche Germanisten auf die Reise gingen und sie dokumentierten. Nun, ich kann Ihnen versichern, daß der Inhalt meiner Bücher zu dokumentieren ist. Sie sind Memoiren, denen der begreifliche Zwang, Namen und akute Dinge zu ändern, Reihenfolgen, Zusammenhänge und Konsequenzen zu verbergen, keinen andern Abbruch zu tun vermag als den, die Dokumentierung zu erschweren. Dieser Zwang hat allerdings auch einen nicht unbeträchtlichen Nachteil: er bietet eine solide Basis für die wildesten Legendenbildungen, die eigenartiger Weise gerade dort einhackten, wo ich nicht Akteur war, sondern Zuhörer. Sie finden, daß jene Änderungen den viel größeren Fehler haben, unwahrscheinlich zu wirken? Sie wollen damit sagen, daß meine Geschichten zu pointiert, zu spannend sind, um letzthin aufrichtig sein zu können. Nun, ist es da nicht geradezu grotesk, daß am häufigsten jene Spannungen und Pointen angezweifelt wurden, die ich völlig unverändert gelassen hatte, und just jene, die ich, aus parallelen Fällen übernehmend, in die meinen eingesetzt hatte, als ganz besonders lebenswahr bezeichnet wurden? Das beweist zwar alles für die saubere Hand des Einsetzers, aber sehr wenig für das unbeirrbare Lebensgefühl des Lesers. Hinzukommt, daß die wunderbarsten Pointen des Lebens, seine unwahrscheinlichsten Spannungen in dermaßen weiten Abständen, mit solch unglaublicher Plötzlichkeit sich ereignen, daß ihre Wiedergabe, soll sie wirklich kongruent bleiben, große Verkürzungen und Konzentrierungen fordert. Das sei also doch Kunst? Nein. Das ist eine Frage der Geschicklichkeit und des Geschmacks für die Wirklichkeit. Und cum grano salis: der Horror davor, langweilig zu sein, belanglos. Es genügt, nicht auf Kosten der Aufrichtigkeit – unlangweilig zu sein. Zu literarisch, zu spitzfindig, was ich Ihnen da sage? Ich bin mir wohl bewußt, nichts Endgültiges, nichts Alles-Überragendes geschrieben zu haben. Denn ich sträube mich nicht nur dagegen, Kunst zu machen, sondern auch, die Wahrheit gepachtet zu haben. Was ich für mich beanspruche, ist: daß kein lebender deutscher Autor so aufrichtig ist wie ich. Deshalb bin ich ja doch auch so verhaßt. Niemand läßt sich gerne die Maske, die seine Eitelkeit ihm fabriziert hat, vom Gesicht reißen. Man behauptet dann, die Hand, die riß, sei schmutzig gewesen, hätte durch einen taschenspielerischen Griff die Maske beigebracht und überhaupt wäre ich noch gar nicht in Barcelona gewesen. Sie lachen. Aber ist es nicht wirklich so? Welche Stadt ich am meisten liebe? Berlin. Das mir sogar, im allgemeinen, besser gefällt als Paris. Im übrigen halte ich Genf für die schönste Stadt der Welt. Wenn sie noch ein wenig belebter wäre, wäre sie fehlerlos.« Sie sehen, lieber Paul Steegemann, ich bin ein anständiger Mensch. Ich hasse die Interviewer, die Ihr Opfer als eine Gelegenheit betrachten, ihre Gesprächstriumphe, die meist gar nicht stattfanden, auszuposaunen. Ich habe mich redlich bemüht, Ihrem Autor das Wort zu lassen und so, wie er es gesagt hatte; und vor allem, ohne seine Absichten wegzuretouchieren. Deshalb habe ich nun auch das Recht, Ihnen zu sagen, daß Walter Serner mir die Kunst nicht zerschlagen hat. Und daß er, wiewohl er mir als Sprechender nicht weniger schätzenswert erschien als als Schreibender, im allgemeinen mir nicht sympathischer wurde als ehemals. Woran das liegt? Zum Teil an seinem Äußern. Er ist mir immer noch in einer zu südländischen Weise elegant. Das dürfte einer der Gründe sein, warum er in Deutschland unbeliebt ist. Viel mehr Glück dürfte er in Italien und Spanien haben. Das Unsympathischste aber an ihm ist die konstante Aggressivität seiner Stimme und sein kaum verhaltener Hochmut. Auch hierin hat er sich nicht geändert. Das beweist mir, daß nicht das Leben, das er als Mann führte, ihn in diese Haltung drängte, sondern seine Anlage. Schade. Denn er hätte das Zeug dazu, mehr zu sein als ein brillierender Outsider. Und noch etwas, um der Wahrheit die Ehre zu geben, oder à la Serner, um seinen Sincèrismus zu huldigen: er wirkte zwar auf mich durchaus nicht dämonisch oder so, aber er ist immerhin so sehr seine eigene Dokumentierung, daß er, wenn er im Romanischen Café säße, von jedem unbefangenen Auge als derjenige erkannt werden würde, der am wenigsten mit Literatur zu tun hat. Seien Sie bestens gegrüßt, lieber Paul Steegemann, und bedanken Sie sich schön, wenn ich zurückkomme. Ihr A. D.