Pierre Loti Die Entzauberten Erster Teil 1. André Lhéry, der bekannte und beliebte Romandichter, durchforschte mit einer gewissen Lässigkeit seine soeben eingetroffene Briefpost. Es war an einem bleichen Frühlingsmorgen an der Küste des Biscayischen Meerbusens, in dem kleinen Häuschen, das er, einer seiner Launen folgend, seit Beginn des vergangenen Winters bewohnte. »Viele Briefe heute morgen,« seufzte er, »zu viele!« Dabei war er an den Tagen, an denen der Postbote ihm weniger Briefe brachte, noch weniger zufrieden, denn er glaubte dann von der ganzen Welt vergessen zu sein. – Größtenteils waren es Briefe von Frauen; einige mit Namensunterschrift, andere ohne eine solche; alle aber streuten dem berühmten Schriftsteller vollauf den Weihrauch ihrer geistigen Verehrung. Meistens begannen sie mit den Worten: »Sie werden gewiß sehr erstaunt sein, mein Herr, die Handschrift einer Frau zu sehen, die Sie nicht kennen?« ... »Erstaunt?« sagte sich André dann, über diesen Eingang lächelnd. O nein! Schon seit langer Zeit erstaunte er über nichts mehr. Keine neue Korrespondentin, die sich einbildete, die einzige in der ganzen Welt zu sein, die einen so gewagten Schritt zu tun die Kühnheit habe, unterließ es jemals zu sagen: »Meine Seele ist eine Schwester der Ihrigen; niemand, ich kann es Ihnen versichern, hat Sie jemals so verstanden wie ich!« Hierüber lächelte André nicht, trotz der Häufigkeit solcher Versicherung. Er war davon vielmehr gerührt. Denn das Bewußtsein seines Einflusses auf so viele in der ganzen Welt zerstreute menschliche Wesen, mit denen er wohl niemals zusammenkommen würde, das Bewußtsein seiner Verantwortlichkeit hinsichtlich deren geistiger Entwicklung machte ihn häufig nachdenklich. Auch befanden sich unter jenen Briefen zuweilen so offenherzige, vertrauensvolle, wahrhafte Hilferufe an einen mitfühlenden älteren Freund oder Bruder, auf dessen Teilnahme die Schreiberin hoffte. Solche Briefe legte André Lhéry sich beiseite, nachdem er die andern, mit abgeschmackten Redensarten und faden Schmeicheleien angefüllten Stilübungen dem Papierkorbe überantwortet hatte. Jene beiseite gelegten Briefe beabsichtigte André gelegentlich zu beantworten. Leider aber fehlte es ihm dazu häufig an Zeit, und die armen Briefchen häuften sich von Tag zu Tag aufeinander, um endlich ganz in Vergessenheit zu geraten. Unter den mit heutiger Post angekommenen Briefen befand sich einer aus der Türkei, der den Poststempel »Stambul« trug, ein Name, der auf André stets einen tiefen Eindruck machte. Das einzige Wort »Stambul« übte auf ihn eine zauberhafte Wirkung aus. Bevor er noch den Umschlag des Briefes öffnete, der möglicherweise ganz gleichgültigen Inhalts war, überließ André sich noch einige Zeit dem sonderbaren, ihm selbst unerklärlichen Schauer, der ihn jedesmal ergriff, wenn Stambul in seiner Erinnerung auftauchte. Und wie so oft in seinen Träumen, trat auch jetzt das Bild jener Stadt vor seine Augen. Aus allem, was er gesehen, leuchtete Stambul hervor, die Stadt der Minaretts, die Majestätische, Einzige, Unvergleichliche. Einige fünfzehn Jahre früher hatte André Lhéry unter seinen ihm persönlich unbekannten Korrespondentinnen einige schöne Müßiggängerinnen der türkischen Harems. Manche von ihnen zürnten ihm, andere liebten ihn, wenn auch mit Gewissensbissen, weil er in einem Werke seiner Jugendzeit die Abenteuer erzählt hatte, die er mit einer ihrer Schicksalsgenossinnen gehabt. Sie schickten ihm heimlich vertrauliche Mitteilungen, die in fehlerhaftem Französisch geschrieben, aber gutgemeint waren und durch ihren naiven Ton einen großen Reiz ausübten. Nachdem einige Briefe ausgewechselt waren, schwiegen die Korrespondentinnen jedoch und hüllten sich in ein undurchdringliches Geheimnis. André öffnete endlich den Brief und begann darin zu lesen; aber bald sagte er sich achselzuckend: Die Schreiberin wolle sich wohl lustig über ihn machen? Ihre Schreibweise war zu modern; ihr Französisch zu rein und zu gewandt. Obwohl sie den Koran erwähnte, sich Zahide Hanum nannte und eine Antwort poste restante erbat, unter Anempfehlung von Vorsichtsmaßregeln, als sei ein Ueberfall der Rothäute zu befürchten –, so schien es doch unzweifelhaft, daß die Briefschreiberin eine Pariserin war, die sich zurzeit in Konstantinopel aufhielt; vielleicht die Frau eines Gesandtschaftsattachés, oder allenfalls eine in Paris erzogene Levantinerin. Indessen übte dieser Brief einen so großen Reiz auf André aus, daß er ihn sofort beantwortete. Er wollte der Dame wenigstens seine Kenntnis der muselmanischen Welt beweisen und ihr in höflicher Form sagen: »Sie, Madame, eine Türkin? O nein! Das kann man mir nicht vorreden!« Der Reiz jenes Briefes war unbestreitbar, und André hatte bis zum folgenden Tage, das heißt, bis er wie gewöhnlich aufhörte, daran zu denken, das dunkle Gefühl, als begönne etwas in seinem Leben, das eine Folge haben werde, eine Folge von Süßigkeit, ... aber auch von Gefahr und von Trübsal! Dieser Brief schien fast wie ein Ruf aus der Türkei an den Mann, der jenes Land einst so sehr geliebt hatte, aber seit langer Zeit nicht dorthin zurückgekehrt war. Der Meerbusen von Biscaya erweckte an jenem unfreundlichen Apriltage mit seiner fast winterlichen Beleuchtung in André eine unerträglich melancholische Stimmung. Das mattgrüne Meer, seine unaufhörlich heulenden Schlagwellen, die ihre ungeheuren Wassermengen gewaltsam gegen das Ufer schleuderten, gewährten einen imposanten, aber auch beunruhigenden Anblick. Wie anders erschien dagegen dem Träumenden das in seiner Erinnerung auftauchende Marmarameer! So lieblich und einlullend, mit dem Mysterium des Islams rund um die Ufer! In Stambul war die ehrwürdige Vergangenheit noch überall zu finden: im Schatten der hohen Moscheen, im Schweigen der Straßen, in den endlosen Reihen der Friedhöfe, auf deren Gräbern abends die kleinen gelben Flammen für die Seelen der Verstorbenen zu vielen Tausenden entzündet werden. Nach dem zauberhaften Schauspiel der Levante ... was gibt es Rauheres und Düsteres als den Golf der Gascogne? »Weshalb verweile ich denn hier, anstatt dort zu sein? Welcher Unverstand, hier die mir zugeteilten Tage meines Lebens zu zählen, während dort das Land des Entzückens winkt, wo man das Entfliehen der Zeit vergißt!« Aber doch –: hier an der Küste des düsteren Golfes hatten Andrés Augen sich dem Weltschauspiel geöffnet, hier war er zum Bewußtsein seiner selbst gekommen. Er hatte deshalb auch dieses Land trotz alledem liebgewonnen, und er wußte, daß ihm manches fehlen werde, wenn er sich anderwärts befinden würde. – André Lhéry empfand an diesem Aprilmorgen das unheilbare Leiden von neuem, ein Nomade auf dem ganzen Erdball zu sein. Mein Gott! mußte er denn hier und dort sein Vaterland suchen: sein eigenes, und dann das andere, sein Vaterland des Orients? 2. Eine Morgensonne des nämlichen April, nur eine Woche später, beleuchtete, wenngleich gedämpft durch Musselinvorhänge, das Zimmer eines schlafenden jungen Mädchens. Von außen ertönte das Zwitschern der eben erst angekommenen Schwalben, dazwischen vernahm man die dumpfen Töne eines nach orientalischem Rhythmus geschlagenen Tamburins. Von Zeit zu Zeit wurde die Luft von fernher durch ein heftiges Geheul erfüllt, ähnlich dem Gebrüll wilder Tiere: in Wirklichkeit das Getöse der Sirenensignale auf den ankommenden oder ausfahrenden Dampfbooten, ein Beweis von der Nähe eines großen Hafens. Da jene Signale jedoch aus der Tiefe heraufstöhnten, so war ersichtlich, daß dieses Haus sich in einer ruhigen Lage befand, auf einem der Hügel oberhalb des Meeres. Das Schlafzimmer des jungen Mädchens war höchst elegant und ganz weiß in modernster Manier ausmöbliert. In dem Bett, dessen Gestell aus weißlackiertem Holz bestand, lag die Schläferin unbeweglich; aus einem Gewirr reichen blonden Haares blickte ein ganz kleines Gesicht von reizendem Oval hervor, so rein, daß es aus Wachs gebildet schien. Ein zartgeflügeltes kleines Näschen mit einem Schimmer von Falkenkrümmung; große Madonnenaugen mit langen Wimpern und dunklen Brauen. Die Kissen des Bettes waren überreich mit Spitzen besetzt, und die auf der seidenen Bettdecke ruhenden zarten Händchen der Schläferin steckten voll glänzender Ringe. Zu großer Reichtum für ein Mädchen in solcher Jugend! würde man bei uns sagen; indessen stand dies alles im Einklang mit dem im Orient herrschenden Luxus. Allerdings befanden sich vor den Fenstern eiserne Stäbe und die unvermeidlichen Holzgitter, die fest geschlossen sind und nie geöffnet werden dürfen: Einrichtungen, die auf all den Glanz einen trüben Schein werfen und den Eindruck eines Gefängnisses machen. Ungeachtet des Sonnenscheins und des von außen herauftönenden Lärmens schlief das junge Mädchen immer weiter, aber ihr Schlaf, in den sie wohl erst nach halbdurchwachter Nacht gegen Morgen verfallen sein mochte, schien von schweren Träumen erfüllt zu sein. Auf einem weißlackierten Schreibtisch stand ein Leuchter mit einem fast ganz heruntergebrannten Wachslicht, das man vergessen hatte auszulöschen. Daneben lagen zwischen verschiedenen handschriftlichen Blättern einige fertige, bereits in adressierten Umschlägen steckende, mit vergoldeten Monogrammen versehene Briefe. Unter einigen Nippessachen befanden sich dort auch einige Bücher und Broschüren: das letzte Werk der Gräfin de Roailles nebst Poesien von Baudelaire und Verlaine sowie philosophische Werke von Kant und Nietzsche. Ohne Zweifel befand sich in diesem Hause keine Mutter um die Lektüre der Tochter zu überwachen und die Ueberhitzung des jungen Gehirns zu mäßigen. Sehr auffallend war es, in diesem nach modernstem Pariser Geschmack eingerichteten Zimmer über dem Bett eine Inschrift in arabischen Schriftzügen zu erblicken: ein mit Goldfäden kunstvoll auf dunkelgrünem Samt gestickter Spruch aus dem heiligen Buche Mahomets. Ein überlaut gewordenes Gezwitscher zweier Schwalben, die sich frech auf den Rand des Fensters niederließen, veranlaßte endlich die kleine Schläferin, ihre Augen zu öffnen, deren große grün-braune Pupillen anfänglich unbestimmt umherschauten, als bäten sie um die Gnade, die Wirklichkeit möge schleunigst den bösen Traum, den sie gehabt, verjagen. Aber die Wirklichkeit schien leider mit dem bösen Traum übereinzustimmen, denn der Blick des jungen Mädchens verdüsterte sich immer mehr in dem Maße, wie ihre Gedanken und ihre Erinnerung zurückkehrten, und er senkte sich gänzlich, als unterwürfe sie sich hoffnungslos dem Unvermeidlichen, nachdem er auf die Gegenstände gefallen, die vermutlich als Beweisstücke gelten konnten, nämlich: auf dem Tisch ein geöffnetes Schmuckkästchen mit einem prächtigen Diadem und auf den Stühlen ausgebreitet: ein weißseidenes Brautkleid, bis zur langen Schleppe hinab mit Orangeblüten besetzt. In diesem Augenblick erschien wie ein Windstoß durch die Eingangstür, ohne anzuklopfen, eine magere Frauengestalt mit brennenden Augen. Sie trug ein schwarzes Kleid und einen großen schwarzen Hut, beides von gewählter Einfachheit. Ihr Aussehen war ernst, aber nicht ohne einen Schein von Ueberspanntheit. Eine sogenannte alte Jungfer wenn auch noch nicht ganz; eine Erzieherin mit ausgezeichneten Zeugnissen und aus guter, aber armer Familie. »Ich habe ihn! ... Das heißt: wir haben ihn, ... liebe Kleine,« rief sie in französischer Sprache, mit Triumphmiene einen uneröffneten Brief vorzeigend, den sie im Bureau für poste-restante -Briefe soeben in Empfang genommen. Und die kleine Prinzessin, sich ein wenig vorneigend, antwortete in der nämlichen Sprache, ohne den geringsten fremdartigen Anklang: »Nein, ist's wahr?« »Freilich ist's wahr! ... Und von wem könnte der Brief sein, wenn nicht von »Ihm«? ... Steht hier nicht auf dem Umschlag »An Zahide Hanum?« ... Sollten Sie etwa noch anderen dieses Passwort gegeben haben? ...« »Nein! Das wissen Sie doch!« »Nun also! ...« Das junge Mädchen richtete sich auf, ihre Augen waren jetzt weit geöffnet, eine leichte Röte bedeckte ihre Wangen. Wie ein Kind, das einen großen Kummer gehabt, dem man aber ein außergewöhnliches Spielzeug gegeben, wodurch alles andere für einen Augenblick vergessen wird. Das Spielzeug war der Brief, den sie hastig ergriff und nun in den Händen umdrehte, begierig, ihn zu öffnen, aber gleichzeitig darüber erschreckend, ob das nicht vielleicht schon ein Verbrechen sei? ... Und dann, bereit, den Umschlag zu öffnen, hielt sie damit ein, um im Schmeichelton zur Gouvernante zu sagen: »Liebe, gute Demoiselle ..., nehmen Sie es mir nicht übel: ich möchte gern allein sein, um den Brief zu lesen.« »Wahrhaftig, es gibt kein drolligeres kleines Geschöpf als Sie, meine Teure! ... Aber, nicht wahr, Sie werden mich den Brief hernach lesen lassen? ... Das ist doch wohl das wenigste, was ich verdiene ..., wie mir scheint! ... Wohlan, lesen Sie! Ich werde meinen Hut und meinen Schleier ablegen; alsdann komme ich wieder.« In der Tat, das junge Mädchen war ein sehr drolliges, kleines Geschöpf, und überdies in religiöser Beziehung außerordentlich gewissenhaft; denn sie sagte sich jetzt, daß ihr die Pflicht gebiete, aufzustehen, sich anzukleiden und das Haar ihres Hauptes zu bedecken, bevor sie, zum erstenmal in ihrem Leben, den Brief eines Mannes öffne. Nachdem sie sich mit einem hellblauen Morgenrock bekleidet hatte, der aus einem der ersten Ateliers der Pariser Rue de la Paix stammte, sodann ihr blondes Haar und den ganzen Kopf mit einem Gazeschleier, der einst von einer Zirkassierin gestickt worden war, verhüllt hatte, erbrach sie, zitternd vor Erregung, den Brief. Das Schreiben war nur sehr kurz, und es enthielt eine Wendung, über die sie lächeln mußte, trotz des Mißbehagens, das ihr das Fehlen jedes vertraulichen oder empfindsamen Inhaltes verursachte. Das Ganze war nichts als eine höfliche, freundliche Antwort nebst einer Danksagung für gütiges Gedenken in der Ferne. – Doch gleichviel! Der Brief kam von »Ihm«, er trug die deutliche Unterschrift: »André Lhéry«. Dieser, von seiner eigenen Hand geschriebene Name verursachte dem jungen Mädchen eine schwindelartige Aufregung. Und ebenso wie André Lhéry nach dem Empfange des Briefes aus Stambul das Gefühl hatte, daß in seinem Leben etwas begönne, was nicht ohne Folgen bleiben werde, so empfand auch hier das junge Mädchen eine bedeutungsvolle Ahnung am Tage vor dem größten Ereignis ihres Lebens. Jener Dichter, dessen Werke seit längerer Zeit alle ihre Träume beherrschten, dieser Mann, der so entfernt von ihr lebte, daß sie kaum hoffen durfte, ihn jemals von Angesicht kennen zu lernen, nahm wirklich einen Platz in ihrem Leben ein, ... infolge der wenigen von ihm geschriebenen und an sie gerichteten Zeilen! – Noch niemals aber hatte sie so schmerzlich wie jetzt die Schmach ihrer Gefangenschaft empfunden, noch nie sich so glühend nach Freiheit, Unabhängigkeit und Weltkenntnis gesehnt. Sie ging zum Fenster, durch das sie häufig dem Treiben dort draußen zuschaute; heute aber empörten sie die Holzgitter und die Eisenstangen. Eilig wandte sie sich zu einer halbgeöffneten Seitenpforte. Durch die Tür trat sie in ihr gänzlich mit weißem Marmor ausgestattetes Toilettenzimmer, dessen nicht vergitterte weit geöffnete Fenster nach einem mit hundertjährigen Platanen bestandenen Garten hinausführten. Immer ihren geöffneten Brief in der Hand haltend, lehnte sie sich an eines der Fenster, um den freien Himmel, die Bäume, die Fülle der ersten Rosen zu betrachten und ihre glühenden Wangen abzukühlen. Der Blick auf den Garten ward jedoch beeinträchtigt durch die ihn umschließenden himmelhohen Mauern. Gegenwärtig waren dort unten fünf unbärtige, kräftige Neger mit den Vorbereitungen zu den morgigen großen Festlichkeiten beschäftigt. Als sie das junge Mädchen oben am Fenster erblickten, grüßten sie respektvoll, aber doch mit einer gewissen freundlichen Familiarität zu ihr hinauf, was jene keineswegs übelnahm; vielmehr erwiderte sie den Gruß lächelnd. Hastig und erschrocken zog sie sich jedoch vom Fenster zurück, als unten ein junger Landmann erschien, der noch weitere Blumenvorräte überbrachte. Noch immer hielt sie André Lhérys Brief in der Hand, der jetzt für sie die Hauptsache war. In vergangener Woche hatte sie das unerhörte Wagnis unternommen, an ihn zu schreiben; halb verzweifelt durch die Furcht vor der Verheiratung, zu der man sie zwingen wollte, und die nun wirklich morgen stattfinden sollte. Vier Seiten voll vertraulicher Mitteilungen hatte sie ihm geschrieben, und zum Schluß dringend gebeten, ihr sofort zu antworten, poste-restante , unter der Adresse eines angenommenen Namens. Aus Furcht, sie könnte von dem gewagten Unternehmen bei reiflicher Ueberlegung doch noch abstehen, hatte sie den Brief schleunigst abgeschickt, und zwar aufs Geratewohl, da ihr die genaue Adresse André Lhérys nicht bekannt war. Ihre Mitschuldige und Helferin bei dieser Angelegenheit war ihre ehemalige Lehrerin, jene Demoiselle Bonneau oder vielmehr »Mademoiselle Esther Bonneau de Saint-Miron, Beigeordnete der Pariser Universität, Offizier des öffentlichen Unterrichts ... und so weiter«. Von dieser hatte das junge Mädchen die französische Sprache gelernt und als Zugabe nach Beendigung des Hauptunterrichts sogar einige Brocken der Pariser niederen Umgangssprache, wie man diese in den Schriften der Madame Gyp findet. Jener Verzweiflungsruf des jungen Mädchens war wirklich in die Hände des Adressaten gelangt, und der berühmte Romandichter hatte darauf geantwortet. Den Brief konnte sie selbst den spottsüchtigsten ihrer Freundinnen mitteilen, die darüber vor Neid vergehen würden. Zunächst sollten ihre beiden Cousinen, die sie wie Schwestern liebte, den Brief lesen; hatten sie doch stets behauptet, daß der Dichter gar nicht antworten werde! ... Das Wohnhaus der beiden Cousinen lag ganz in der Nähe, in dem nämlichen vornehmen, abgesonderten Stadtteil. Dorthin konnte sie im Hauskleide gehen, ohne mit dem Toilettemachen Zeit zu verlieren. Sie rief deshalb hastig und in der befehlenden Weise eines verwöhnten Kindes, das nach einer alten Dienerin, seiner einstigen Amme, ruft: »Dadi!« Gewöhnt, stets sofort bedient zu werden in allen ihren Launen, rief sie ungeduldig zum zweitenmal, aber noch weit stärker: »Dadi!« Und da auch das wirkungslos blieb, so drückte sie kräftig auf den Knopf der elektrischen Leitung, deren langanhaltendes schrilles Läuten durch das ganze Haus erscholl. Nun endlich erschien die mit dem Kosenamen »Dadi« Gerufene, die aber eigentlich Kondja-Gül (Rosenknospe) hieß, eine äthiopische alte Sklavin mit pechschwarzer Gesichtsfarbe. Das junge Mädchen empfing die Eintretende mit den in einer asiatischen Sprache gesprochenen Worten: »Kondja-Gül! Du bist niemals da, wenn man dich braucht!« Diese Worte waren aber in mildem, fast zärtlichem Ton gesprochen, der den darin enthaltenen Vorwurf wesentlich mäßigte. Auch verdiente Kondja-Gül jenen Vorwurf tatsächlich nicht, denn sie war im Gegenteil immer da, vielzuviel, wie ein übermäßig treuer Hund. Das junge Mädchen litt sogar unsäglich unter dem landesüblichen Gebrauch, wonach keine Tür ein Schloß oder einen Riegel haben darf, so daß die Dienerinnen des Hauses zu jeder Zeit ohne weiteres ins Zimmer treten dürfen, wodurch die Bewohnerin nie eines Augenblicks ungestörten Alleinseins sicher ist. Kondja-Gül war auch im Laufe dieses Morgens wohl zwanzigmal auf den Zehenspitzen ins Schlafzimmer ihrer jungen Herrin geschlichen, um auf deren Erwachen zu lauern. Und wie gern hätte sie das Wachslicht ausgeblasen, das fortwährend zwecklos brannte; aber der Leuchter stand auf dem Schreibtisch, und es war ihr nicht erlaubt, diesen jemals zu berühren, der, nach ihrer Meinung, voll gefährlicher Geheimnisse sein mußte, so daß sie durch das Verlöschen des Wachslichtes vielleicht ein großes Unglück anrichten würde. »Kondja-Gül, schnell meinen Tcharchaf! Ich brauche ihn, um zu meinen Cousinen zu gehen!« Und Kondja-Gül hüllte ihre junge Herrin hastig in die für die Straße bestimmten, »Tcharchaf« genannten, schwarzen Schleier. Schwarz war auch der Rock, den sie ihr über das Morgenkleid warf; schwarz auch der weite Ueberwurf, den sie über die Schultern legte und über den Kopf wie eine Kapuze. Der große, schwarze Schleier, mit der Kapuze durch Nadeln vereinigt, fiel bis über das Gesicht hinab, dieses wie hinter einer Maske verbergend. Während Kondja-Gül das junge Mädchen in solche Weise verunstaltete, sprach und sang sie vor sich hin in asiatischer Sprache, als nähme sie die Trauer der kleinen Braut keineswegs für Ernst: »Blond ist er, ... und schön, der junge Bei, der morgen kommen wird, meine gute Herrin abzuholen. In seinen schönen Palast wird er uns beide führen. O! wie glücklich werden wir dort sein!« »Schweig', Dadi!« rief das junge Mädchen. »Zehnmal verbot ich dir schon, mir von ihm zu sprechen!« Gleich nachher aber sagte sie zu ihr: »Dadi, du warst ja dabei, du konntest ja seine Stimme vernehmen an dem Tage, als er herkam, um mit meinem Vater zu reden. Sage mir, wie klingt die Stimme des Beis? Ist sie rauh oder sanft?« »Sanft wie der Ton deines Pianos, wenn du deine Hände darauf hingleiten lässest! Ebenso sanft ist er auch der blonde, schöne junge Bei!« »Desto besser!« unterbrach das junge Mädchen in französischer Sprache, mit einem Anklange an den Pariser Straßenton. Dann aber fuhr sie in asiatischer Sprache fort: »Weißt du nicht, ob meine Großmutter schon aufgestanden ist?« »Nein, die edle Dame hatte gesagt, sie wolle sich heute recht lange ruhen, damit sie morgen um so schöner sei!« »Dann soll man ihr bei ihrem Erwachen sagen, ich sei bei meinen Cousinen. Benachrichtige auch den alten Ismaël, daß er mich begleiten soll. Ihn und dich, euch beide nehme ich mit mir!« – Inzwischen befand sich Mademoiselle Esther Bonneau de Saint-Miron oben in dem Zimmer, das früher, als sie hier noch beständig wohnte, das ihrige gewesen, und das man ihr auch jetzt überlassen hatte für die Zeil ihrer Teilnahme an der morgigen Feierlichkeit. – Mademoiselle Esther Bonneau fühlte sich in ihrem Gewissen einigermaßen beunruhigt. Sie war es allerdings nicht gewesen, die auf den weißlackierten Schreibtisch des jungen Mädchens, ihres früheren Zöglings, die Werke Kants und Nietzsches, noch selbst diejenigen Baudelaires, gelegt hatte; denn seit 18 Monaten, da die Erziehung dieses Mädchens vollendet war, wohnte sie bereits im Hause eines anderen Paschas, dessen zwei kleine Töchter sie unterrichtete. Seitdem erst war ihre erste Schülerin an die Lektüre jener philosophischen Werke gegangen, da sie niemand mehr in ihrer Nähe hatte, der ihre Auswahl überwachte. Doch gleichviel, sie, die Lehrerin und Erzieherin, fühlte sich verantwortlich für den ungeregelten Aufschwung, den der junge Geist genommen. Und dann, jener Briefwechsel mit André Lhéry, den sie begünstigt hatte, wohin sollte das führen? .. Zwei Wesen, die einander freilich niemals sehen würden, dessen konnte man mindestens sicher sein; – die herrschenden Gebräuche und die vergitterten Fenster bürgten dafür! ... Dennoch, wer weiß? Als Mademoiselle Bonneau endlich aus ihrem Zimmer herniederstieg, sah sie sich einer kleinen, zu einem schwarzen Gespenst hergerichteten Person gegenüber, die sehr erregt war und Eile hatte, auszugehen. »Wohin gehen Sie, liebe Freundin?« »Zu meinen Cousinen, um ihnen ›das‹ zu zeigen (›Das‹ war der Brief.) Sie kommen natürlich auch mit Wir lesen den Inhalt dort gemeinschaftlich. Vorwärts. Setzen wir uns in Trab!« fügte sie burschikos hinzu. »Sei es! Ich will nur meinen Schleier umnehmen und meinen Hut aufsetzen.« »Ihren Hut? Nein, nein! Das dauert wenigstens eine Stunde. Also, ›Scht!‹« »Aber liebes Kind ...!« »Was, aber?! ... Sagen Sie nicht auch ›Scht!‹, wenn es Ihnen paßt? ... Also, ›Scht!‹ für den Hut und für den Schleier! ... ›Scht!‹ für den jugendlichen Bei! ... ›Scht!‹ für die Zukunft! ... ›Scht!‹ für das Leben wie für den Tod! ... für alles ›Scht!‹« Mademoiselle Bonneau sah voraus, daß bei dem überreizten jungen Mädchen eine Tränenkrisis nahe war, und um eine Wendung herbeizuführen, faltete sie die Hände und senkte den Kopf in der auf der Bühne üblichen Stellung für tragische Gewissensbisse in Uebertreibung. »Mein Himmel!« rief sie mit tiefer Stimme, »wenn ich bedenke, daß Ihre unglückliche Großmutter mir sieben Jahre hindurch ein enormes Gehalt bezahlte und mir eine fürstliche Verpflegung gewährte ... für ein derartiges Erziehungsresultat ...!« Das kleine schwarze Gespenst brach hinter ihrem Schleier in helles Gelächter aus, bekleidete durch eine geschickte Handbewegung das Haar der Demoiselle Bonneau mit einem kostbaren Spitzenschleier, umfaßte sodann ihre Taille und sagte, sie hinausführend: »Daß ich mich so verpuppen lassen muß, kann ich nicht ändern, es ist nun einmal unser Gesetz; Sie sind dazu doch aber nicht genötigt!! ... Es sind ja auch nur wenige Schritte, und in einer Gegend, wo man niemals einer Katze begegnet.« Sie liefen beide rasch die Treppe hinunter, an deren Fuß der alte äthiopische Eunuch Ismaël und Kondja-Gül, sie erwarteten, um ihnen das Geleit zu geben. Kondja-Gül, vom Kopf bis zu den Füßen in silberbesetzten, grünen Seidenstoff eingepackt; der Eunuch, fest eingeknöpft in einen schwarzen Gehrock europäischen Schnitts, der ihm, wenn er nicht den Fes auf dem Kopf gehabt hätte, das Aussehen eines Gerichtsdieners gegeben haben würde. Das plumpe Haustor öffnete sich knarrend vor den Vieren, und sie befanden sich draußen auf einem Hügel, der von der klaren Sonne beschienen war. Dicht daneben lag ein mit Zypressen bepflanztes Begräbnisgehölz voller Gräber, die mit Denksteinen geschmückt gewesen, deren Vergoldung aber schon längst verblichen war. Dieses Gehölz senkte sich in sanfter Neigung bis zu einem tiefgelegenen Golf mit vielen Schiffen hinab. Jenseits dieses Golfs, auf dem anderen Ufer des Meeresarmes, zeichnete sich hoch oben am klaren Himmel der Schattenriß jener Stadt ab, nach deren Wiedersehen André Lhéry sich seit zwanzig Jahren unaufhörlich sehnte: Stambul! Aber nicht in unbestimmten Formen, sondern in leuchtendem Glanz thronte Stambul dort oben. Noch immer das alte, vielhundertjährige Stambul, wie es die alten Khalifen gesehen, und wie der große Soliman es einst in den Hauptlinien durch Erbauung immer prächtigerer Moscheen begründete. Das gesamte Bild dieser Wunderstadt spiegelte sich in voller Deutlichkeit im klaren Wasser des Golfes wider. Die beiden weiblichen Gestalten liefen eilig, gefolgt von ihren schwarzen Begleitern; sie alle blickten kaum zu den wundervollen Bilde auf, das sie ja alltäglich vor Augen hatten. Sie verfolgten auf dem Hügel einen mangelhaft gepflasterten Fahrweg, der sich zwischen alten aristokratischen Wohnhäusern mit ihren vergitterten Fenstern und dem Friedhofe von Khassim-Pascha hinzog. Es begegnete ihnen wirklich niemand als ein orientalischer Wasserträger, der seinen Schlauch an einem sehr alten, am Wege stehenden, mit schönen Arabesken verzierten Marmorbrunnen neu füllte. Vor einem großen Hause, dessen Fenster streng vergittert waren, dem Hause eines Paschas, blieb der kleine Trupp stehen. Ein riesiger Neger mit großem Schnurrbart, in goldbordierter roter Livree, Pistolen am Gürtel, öffnete, ohne ein Wort zu sprechen, das Portal, und die vier Besucher, als alte Bekannte, bestiegen, ebenfalls ohne ein Wort zu sprechen, die Treppe, die zum Harem führte. Im ersten Stockwerk blieben sie vor einem großen Zimmer stehen, durch dessen offene Tür helles Lachen erscholl und ein lebhaftes Gespräch über Toilettenangelegenheiten, das von jugendlichen Stimmen in französischer Sprache geführt wurde. Es war das weißlackierte geräumige Zimmer der beiden Cousinen, zweier Schwestern von 16 und 21 Jahren, denen die junge Braut die Erstlingslektüre des von dem berühmten Manne erhaltenen Briefes zugedacht hatte. Im Zimmer befanden sich für die beiden jungen Mädchen zwei weißlackierte Betten, und über jedem Bette ein arabischer Spruch, in Gold auf grünem Samt gestickt. Auf dem Fußboden befanden sich noch andere Schlafvorrichtungen: Matratzen, Polster und seidene Decken in Hellblau und Rosa; Hilfsschlafstellen für vier, zur morgigen Hochzeitsfeier eingeladene junge Mädchen, deren soeben aus Paris eingetroffene prächtige Toiletten auf verschiedenen Stühlen ausgebreitet lagen. Das muselmanische Gesetz, das den Frauen jedes Ausgehen nach Sonnenuntergang verbietet, hat unter ihnen den hübschen Gebrauch gezeitigt, sich gegenseitig auf mehrere Tage oder sogar auf Wochen zu besuchen, und dann werden in heiterster Stimmung solche Hilfsschlafstellen hergerichtet. Orientalische Schleier, Blumengarnituren und Schmuckgegenstände aller Art lagen überall umher, und das Ganze hatte, abgesehen von der Pracht der ausgebreiteten Gegenstände, eine entfernte Aehnlichkeit mit einem Zigeunerlager. Die vergitterten Fenster verbreiteten eine gewisse Heimlichkeit über alle jene Luxusartikel, die dazu bestimmt sind, besuchende andere Frauen zu blenden oder zu entzücken, deren Besichtigung aber keinem Manne gestattet ist, der einen Schnurrbart trägt. In einer Ecke des Zimmers hockten zwei Negersklavinnen in asiatischen Kostümen und sangen sich gegenseitig Lieder ihrer Heimat vor, wobei sie sich durch gedämpfte Tamburinschläge begleiteten. Das Erscheinen der Braut erregte Aufsehen und Verwunderung. Man hatte sie hier an diesem Tage nicht erwartet. In ihrem unheimlichen schwarzen Straßenkostüm stach sie sonderbar von all den hellfarbigen Gegenständen ab, die hier aufgestapelt waren. Sie erhob ihren schwarzen Schleier, enthüllte ihr zartes Gesichtchen und rief mit erhobener Stimme in französischer Sprache, die offenbar sehr gebräuchlich in den Harems zu Konstantinopel war: »Ich komme, Euch einen Brief mitzuteilen!« »Von wem ist der Brief?« »Ratet!« »Von der Tante in Adrianopel! Ich wette, sie kündigt dir die Ankunft eines Brillantschmuckes an?« »Nein!« »Von der Tante in Erivan, die dir zum Hochzeitsgeschenk ein Paar Angorakatzen schickt?« »Auch nicht! ... Er ist von einer ausländischen Person, von einem Herrn ...!« »Von einem Herrn?! ... Entsetzlich! ... Du kleine Verbrecherin!« Und als sie, höchst befriedigt von ihrem Erfolg, den Brief hinreichte, streckten sich sofort drei Köpfe vor, um nach der Unterschrift zu forschen; dann riefen sie durcheinander. »André Lhéry?! ... Von ihm? ... Also hat er geantwortet?« »Nicht möglich!« Alle diese Dämchen wußten von dem an den berühmten Romandichter geschriebenen Brief. Unter den türkischen Frauen der Gegenwart herrscht eine solche Gemeinsamkeit der Empörung gegen die ungeheure Strenge der Haremsbestimmungen, daß sie sich nimmermehr gegenseitig verraten würden. Wäre das Vergehen noch so schwer, während es diesmal doch nur sehr leicht gewesen, die Verschwiegenheit bliebe immer die gleiche. Alle rückten dicht aneinander, Kopf an Kopf, auch Demoiselle Bonneau, und starrten auf das Papier. Beim dritten Absatz des Schreibens brach ein allgemeines Gelächter los. »Aha! Siehst du! ... Er behauptet, du wärest keine Türkin!« »Ein unbezahlbarer Scherz! ... Er ist seiner Sache ganz gewiß!« »Weißt du, meine Teure, das ist ein großer Erfolg, den du errungen,« sagte Zeyneb, die ältere der beiden Cousinen. »Das beweist, daß deine geistreichen Gedanken und die Eleganz deines Stils ...« »Ein Erfolg?« fiel ihr Mélek, die kleine rothaarige Cousine, deren kleine Stumpfnase ihr stets einen komischen, spöttischen Ausdruck verlieh, ins Wort. – »Ein Erfolg? Wenn er dich vielleicht für eine Levantinerin aus Pera hält ... für eine ›Pérote‹?!« In der Art, wie sie dieses Wort aussprach, bekundete sich die ganze Verachtung einer echten Tochter der Osmanlis gegen die Levantiner und Levantinerinnen (Armenier, Griechen oder Juden), als deren Urbild der Pérote gilt. »Der arme Lhéry,« fügte Kerime, eine der jungen Eingeladenen, hinzu, »er hat sich verspätet. Er denkt sich die Türkinnen noch, wie die in den Romanen von 1830 geschilderten: Nargileh, Konfitüren und Diwan ... den ganzen Tag hindurch ... jahrein, jahraus!« »Oder ganz einfach,« fiel Mélek, die kleine Stumpfnäsige, ein, – »ganz einfach: wie die Türkinnen seiner eigenen Jugendzeit! Denn dein berühmter Dichter muß auch schon über die Jugendtorheiten längst hinaus sein!« In der Tat, André Lhéry konnte nicht mehr jung sein. Dieser Gedanke trat jetzt zum erstenmal vor das Bewußtsein der kleinen Schwärmerin, die darüber bisher noch nie nachgedacht hatte. Diese Feststellung war ihr sehr peinlich, sie verwirrte ihren Traum, warf einen trüben Schleier auf ihre dem geliebten Dichter gewidmete Verehrung. Uebrigens aber, trotz ihrer spöttischen Bemerkungen, liebten doch alle anwesenden jungen Mädchen jenen Dichter, nicht wegen seiner Persönlichkeit, sondern weil er in seinen Werken so liebreich von ihrer Türkei und so achtungsvoll von dem Islam gesprochen hatte. Und ein Brief, den er an eine der ihrigen geschrieben, galt als ein wichtiges Ereignis in ihrem klösterlich abgeschlossenen Leben, in dem bis zu dem großen Gewaltstreich ihrer erzwungenen Verheiratung sich nie etwas Wichtiges ereignete. André Lhérys Brief wurde zu wiederholten Malen laut vorgelesen; eine jede wollte das Papier berühren, auf dem seine Hand beim Schreiben gelegen. Und da sie sich alle mit der Deutung der Schriftzeichen beschäftigten, so unternahmen sie sogleich die Erforschung des Geheimnisses seiner Handschrift. Ein Zwischenfall störte jedoch dieses Unternehmen: die Mutter der beiden Schwestern trat herein, und rasch verschwand der Brief in einem Versteck, während gleichzeitig die Unterhaltung gewechselt wurde. Nicht, als ob diese Frau mit dem ruhigen, freundlichen Gesicht sonderlich streng gewesen wäre, gescholten hätte sie aber doch über das Verfahren ihrer Kinder, das sie nicht hätte verstehen können. Denn sie gehörte noch einem früheren Zeitalter an, sprach nur sehr wenig Französisch und hatte nur einiges von Alexander Dumas Vater gelesen. Zwischen dieser Frau und ihren Töchtern bestand ein Abgrund von fast zwei Jahrhunderten, denn so stark ist der Fortschritt in der heutigen Türkei. Selbst äußerlich ähnelte sie nicht ihren Töchtern. Aus ihren immer noch schönen Augen leuchtete ein innerer Friede, der sich nicht in den Blicken der Verehrerinnen André Lhérys bekundete. Beschränkte sich doch ihre Lebensaufgabe darauf, eine gute, zärtliche Mutter und eine vorwurfsfreie Gattin zu sein, ohne nach anderem zu streben. Sie verstand es nicht einmal, sich vorteilhaft nach europäischer Weise zu kleiden und trug noch immer viel zu überladene Roben, während ihre Töchter es verstanden, in den einfachsten Stoffen höchst elegant und vornehm zu erscheinen. Nun trat die französische Lehrerin des Hauses ein; eine Art Esther Bonneau, nur viel jünger und romantischer. Und da hierdurch das Zimmer der beiden Schwestern anfing, überfüllt zu werden, so begaben sich alle in den dicht daneben gelegenen größeren Raum modernen Stils: den Salon des Harems. Dann trat, ohne anzuklopfen, durch die stets offene Tür eine starke deutsche Dame herein, eine Brille auf der Nase, einen Federhut auf dem Kopfe, an der Hand Fahr-el-Nissâ, die jüngste Eingeladene, führend. Und sogleich begann man im Kreise der jungen Mädchen deutsch zu sprechen mit der gleichen Geläufigeit, wie sie vorher französisch sprachen. Die starke Dame war die Musiklehrerin; übrigens unbestreitbar eine höchst talentierte Frau und Lehrerin; mit Fahr-el-Nissâ, die bereits eine Künstlerin im Pianospiel war, probierte sie soeben ein neues Arrangement für zwei Piano's der Bachschen Fugen. Ebenso wie man jetzt deutsch sprach, hätte man auch italienisch oder englisch sprechen können, denn diese kleinen Türkinnen lasen Dante oder Byron oder Shakespeare im Urtext. Gebildeter, als es durchschnittlich die jungen Mädchen gleichen Alters und derselben Gesellschaftsklasse im Abendlande zu sein pflegen, verdanken die jungen Türkinnen ihre höhere Bildung ihrer ewigen Absperrung. In ihren vielen einsamen Stunden verschlingen sie förmlich die Werke der alten Klassiker ebenso wie die der überspannten Modernen. In der Musik begeistern sie sich ebensowohl für Gluck wie für César Franck oder Wagner, ja, sie entziffern sogar die Partituren Vincent d'Indys! ... Der Salon des Harems füllte sich an diesem Morgen fortwährend; auch die beiden Negerinnen mit ihren Tamburinen waren dorthin gefolgt. Nach ihnen trat eine alte Dame ein, vor der sich alle achtungsvoll erhoben: Die Großmutter der beiden jungen Mädchen. Sogleich sprachen alle türkisch, denn sie verstand keine abendländische Sprache; und wie käme diese Greisin dazu, sich um André Lhéry zu kümmern? Ihre silbergestickte Robe war nach ältestem Schnitt, und ein zirkassischer Schleier umhüllte ihr weißes Haar. Zwischen ihr und ihren Enkelinnen bestand ein durchaus unausfüllbarer Abgrund, und bei den Mahlzeiten erregte sie häufig genug den Unwillen der jungen Mädchen dadurch, daß sie die Gewohnheit beibehalten hatte, den Reis mit den Fingern vom Teller zu nehmen, wie dies bei ihren Voreltern üblich gewesen war. – Trotz alledem blieb und war sie eine große Dame bis in die Fingerspitzen und flößte allen die höchste Achtung ein. – Sodann kam eine große, schlanke Frau in der bewußten gespensterhaften schwarzen Verpackung, denn sie war über die Straße gegangen. Alime Hanum hieß sie und war Professor der Philosophie am Lyzeum für junge Mädchen, das von Seiner kaiserlichen Majestät dem Sultan gegründet war. Gewöhnlich kam sie in jeder Woche dreimal, um Mélek in der arabischen und persischen Literatur zu unterrichten. Selbstverständlich fiel heute die Unterrichtsstunde aus, weil die Schülerin am Tage vor der Hochzeit ihrer Lieblingscousine keinen Sinn für die persische Literatur haben konnte. Nachdem jedoch Alime Hanum sich entpuppt und ihr hübsches, aber ernstes Gesicht von dem häßlichen schwarzen Schleier befreit hatte, fiel das Gespräch alsbald auf den alten Poeten Irans, und Mélek, die ganz ernst geworden, trug eine Stelle aus Saadis »Land der Rosen« vor. – Keine Spur von Odalisken, ebensowenig wie von Nargileh oder Konfitüren, in diesem Harem eines Paschas, in dem sich die Großmutter, die Mutter, die Töchter und die Nichten mit ihren Lehrerinnen befanden. Und diesem Harem ähneln, mit wenigen Ausnahmen, alle Harems in Konstantinopel. Der Harem der Gegenwart ist ganz einfach der weibliche Teil einer ebenso zusammengesetzten Familie des Abendlandes und mit der gleichen Erziehung – ausgenommen: die klösterliche Absperrung, die schwarze Verpuppung für die Straße und die Unmöglichkeit für die Frauen, ein Gespräch mit einem Mann anzuknüpfen, der nicht ihr Vater, ihr Gatte oder ihr Bruder ist. Ausnahmsweise wird ihnen noch zuweilen ein Gespräch mit einem ganz nahen Cousin gestattet, mit dem sie einst als Kind gespielt haben. Unter den Versammelten hatte man wieder begonnen, französisch zu sprechen und sich über die Toiletten zu unterhalten, als plötzlich eine menschliche Stimme, die so hell und klar klang, als wäre es eine himmlische Stimme, draußen von oben herab schwingend ertönte. Es war der Imam der nächsten Moschee, der von der Höhe des Minaretts die Gläubigen zum mittäglichen Gebet rief. Sogleich erhob sich die kleine Braut, die sich darauf besann, daß ihre Großmutter gewöhnt sei, pünktlich zur Mittagstunde das Frühstück einzunehmen und ... verschwand wie Aschenbrödel, gefolgt von Demoiselle Bonneau, die noch besorgter war als ihre Schülerin, bei dem Gedanken, daß die alte Dame vielleicht schon gewartet haben könnte. 3. Das letzte Frühstück der jungen Braut im Hause ihrer Familie verlief sehr schweigsam zwischen den beiden einander bitter feindseligen Frauen: ihrer strengen Großmutter und Mademoiselle Bonneau. Gleich nach Beendigung des Mahles zog sich das junge Mädchen in ihr Zimmer zurück. Während dieser letzten Stunden, die ihr noch übrig blieben, wollte sie sich vorbereiten wie zum Tode, indem sie ihre Papiere ordnete und tausend kleine Erinnerungszeichen verbrannte, aus Furcht vor den Blicken des ihr noch gänzlich unbekannten Mannes, der morgen ihr Gebieter werden sollte. Ihre Seelenqual war ohne Hilfe, und ihre Angst wie ihre Empörung wuchsen fortwährend. – Sie setzte sich vor ihren Schreibtisch, das brennende Wachslicht vor sich hinstellend, an dem sie alle die Briefchen zu verbrennen beabsichtigte, die in den Fächern des Tisches schlummerten: zumeist Briefe von Freundinnen, die sich vor längerer oder kürzerer Zeit verheiratet hatten. Die Briefe waren teils in türkischer, teils in französischer, deutscher oder in englischer Sprache geschrieben, aber alle waren vergiftet von dem allgemeinen Pessimismus, der gegenwärtig die Harems der Türkei verheert. Das junge Mädchen durchlas einige der Briefe, zögerte dann einen Augenblick, trübe nachsinnend, näherte jedoch schließlich die Blätter der Flamme, die sie in kurzem Aufflackern vernichtete. Und ebenso erging es all den geheimen Gedanken der unglücklichen schönen jungen Frauen, ihren Klagen und Verzweiflungsrufen. Alle verwandelten sich in Asche, die sich in einem kupfernen Brasero ansammelte, dem einzigen orientalischen Möbelstück dieses Zimmers. Nachdem alle Schubfächer geleert waren, blieb noch eine, mit einem goldenen Verschluß versehene große, elegante Schreibmappe übrig, die mit vielen, in französischer Sprache engbeschriebenen Blättern angefüllt war. Sollte sie diese auch verbrennen? ... Nein, dazu fühlte sie wahrlich nicht den Mut in sich. Denn diese Blätter enthielten die ganze Geschichte ihres Lebens, sie bildeten ein geheimes Tagebuch, das sie an ihrem dreizehnten Geburtstage begönnen – dem düsteren Tage, an welchem sie, wie man dort sagt, den »Tcharchaf« genommen, um dadurch für immer das Gesicht vor der Außenwelt zu verbergen, sich hinter hohen Mauern zu verschließen und eines der unzähligen schwarzen Gespenster Konstantinopels zu werden. Nichts aus der Zeit vor jener Schleiernahme war in diesen Tagebuchblättern enthalten. Nichts aus ihrer Kindheit als halbwilde kleine Prinzessin, dort hinten, in der Tiefe der Ebenen Zirkassiens, in den verlorenen Landstrichen, in denen ihre Familie seit zwei Jahrhunderten gewohnt. Auch nichts aus ihrem Leben als vornehmes, kleines Mädchen, als in ihrem elften Lebensjahre sich ihr Vater mit ihr in Konstantinopel niederließ, wo er von Seiner Majestät dem Sultan den Titel Hofmarschall erhielt. Das war ein Zeitabschnitt wundervoller Ueberraschungen. Außerdem galt es, Unterrichtsstunden zu nehmen und eifrig zu studieren. Während zweier Jahre sah man sie auf allen Festen, bei den Tennisspielen, auf den Bällen in den fremden Botschaften. Mit den geschicktesten und verwöhntesten Tänzern der europäischen Kolonie hatte sie gewalzt wie eine erwachsene junge Dame; überall eingeladen, war ihre Tanzkarte stets im Fluge mit Namen besetzt. Sie entzückte allgemein durch ihr reizendes kleines Gesichtchen, durch ihr graziöses Benehmen, ihre luxuriösen Toiletten, sowie durch die ihr eigentümliche, unnachahmliche Art, gleichzeitig sanft und verletzend, sehr schüchtern und sehr hochmütig zu sein. Dann aber, eines schönen Tages, auf einem von der englischen Botschaft für die Jugend gegebenen Ball, fragte man allgemein: »Wo ist denn die kleine Zirkassierin?« Und ihre Landsleute antworteten: »Wußten Sie denn nicht, daß sie den Tcharchaf genommen hat?« – Man würde sie also nie mehr wiedersehen; und wenn sie in einem geschlossenen Wagen an einem zufällig vorbeifahren sollte, so würde sie nichts sein als eine unförmige schwarze Puppe, durchaus unerkennbar. Tot für die große Welt. Mit ihrem vollendeten dreizehnten Lebensjahre war sie also, der unbeugsamen Vorschrift gemäß, in die Welt der Verschleierten eingetreten, die in Konstantinopel abseits von der anderen Welt leben. Jene Verschleierten, die man auf der Straße nicht anblicken darf, müssen sich, sobald die Sonne untergeht, in ihre Häuser mit den vergitterten Fenstern begeben. Von dort aus sowohl als auch auf der Straße durch ihre Schleier sehen, beobachten und bespötteln sie so manches, und was sie nicht sehen, erraten sie und stellen es sich in ihren Vorstellungen zusammen. Das junge Mädchen, mit dreizehn Jahren plötzlich eine Gefangene, lebte nun zwischen einem Vater, der fast immer im kaiserlichen Palast dienstlich beschäftigt war, und ihrer auf strenge Formen haltenden, jeder zärtlichen Regung unfähigen, alten Großmutter, ganz allein in ihren großen Wohnräumen in Khassim-Pascha, in einem Stadtviertel von alten fürstlichen Palästen und ebenso alten Friedhöfen, wo in der Nacht Schweigen und Schrecken herrschte. In Ermangelung irgendwelcher Zerstreuungen hatte sich das junge Mädchen bald gänzlich und leidenschaftlich den Studien hingegeben, und darin war sie fortgefahren bis jetzt, das heißt, bis zu ihrem einundzwanzigsten Jahre. Unaufhörlich strebte sie danach, alles zu lernen und zu erforschen: außer verschiedenen Sprachen auch Literatur, Geschichte, Geographie und Philosophie. Unter ihren vielen Freundinnen, die ebenfalls hochgebildet waren, galt sie als ein Stern; man rühmte ihre Gelehrsamkeit, ihre Urteilsfähigkeit wie ihre Schlagfertigkeit. Gleichzeitig kopierte man ihre geschmackvollen Toiletten. Ganz besonders aber galt sie allen als ihre Führerin und Fahnenträgerin im Aufstand gegen die Strenge der Haremsbestimmungen. Ihr Entschluß stand fest, das von ihr am ersten Tage des Tcharchaf begonnene Tagebuch nicht zu verbrennen. Lieber wollte sie es, fest verschlossen und versiegelt, einer zuverlässigen und unabhängigen Freundin übergeben, deren Schreibtisch nicht der Gefahr ausgesetzt wäre, von einem Gemahl durchsucht zu werden. Und wer konnte wissen, ob es ihr in Zukunft nicht möglich werden würde, die Tagebuchblätter zurückzunehmen und fortzusetzen? – War doch das Niederschreiben der Begebenheiten ihres bisherigen Lebens der einzige Schutz der armen Eingemauerten gegen Trübsinn und Verzweiflung gewesen. Und während das junge Mädchen darüber nachdachte, kam ihr der Wunsch, gleich jetzt noch eine Fortsetzung zu schreiben, um die Trauer des heutigen Tages, des letzten ihrer Unabhängigkeit, zu mildern. Sie blieb an ihrem Schreibtisch sitzen, öffnete die Schreibmappe und nahm ihren goldenen, mit kleinen Rubinen besetzten Federhalter zur Hand. – Wenn sie bei diesen Niederschriften von Anfang an sich der französischen Sprache bediente, so geschah dies deshalb, damit weder ihre Großmutter, noch sonst jemand von den Hausbewohnern den Inhalt lesen könne. Seit etwa zwei Jahren hatte sie, einer Laune folgend, alles, was sie in ihr Tagebuch schrieb, in die Form von Briefen an einen ihr persönlich ganz unbekannten Leser gekleidet. Allmählich hatte sie sich als diesen Leser eine in weiter Entfernung lebende Persönlichkeit gedacht: den Romandichter André Lhéry, der wohl niemals Kenntnis von dem Inhalt dieser Briefe erhalten würde! Sie hatte sich jetzt so sehr in diese Idee eingelebt, daß sie alles nur für ihn allein schrieb, indem sie sogar, vielleicht ohne es zu wollen, ein wenig seine Schreibweise nachahmte. Die Briefe waren tatsächlich an ihn gerichtet, – aber selbstverständlich nicht abgeschickt; und die kleine Schwärmerin redete ihn darin kurzweg »André« an, wie einen alten Freund oder Bruder. Heute schrieb sie nun folgendes in ihr Tagebuch: »18. April 1901. Ich habe Ihnen niemals von meiner Kindheit erzählt; nicht wahr, André? ... Aber Sie sollen es erfahren, daß ich, die ich Ihnen so sehr gebildet scheine, im Grunde eine Halbwilde bin. Etwas wird immer in mir zurückbleiben von einer Tochter der freien Berge, die einst auf den wildesten Pferden einhergaloppierte, und unter Waffengeklirr oder im leuchtenden Mondschein unter dem Klingen der silbernen Gürtel tanzte. Ungeachtet all des Glanzes der europäischen Kultur tauchen in meiner Seele häufig die Erinnerungen meiner Kindheit auf, die in mir eine gewaltige Sehnsucht erwecken. Mir erscheint aus weiter Ferne das zirkassische Dorf Karadjiamir, wo meine Familie herrschte seit ihrer Ankunft aus dem Kaukasus. Meine Voreltern waren in ihrem Vaterlande einst Khans von Kisildepe, und der damalige Sultan gab ihnen die Landschaft Karadjiamir als Lehen. Dort lebte ich bis zu meinem elften Jahre in glücklicher Freiheit. Die zirkassischen Mädchen sind nicht verschleiert, sie plaudern und tanzen mit den jungen Männern und wählen sich einen Gatten nach ihrem Herzen.« – Soweit war sie in ihrem Schreiben gekommen, als Kondja-Gül trotz des Verbots plötzlich das Zimmer betrat mit dem Ruf: »Herrin, er ist da!« »Wer ist da?« »Er, der junge Bei! ... Er kam her, um mit dem Pascha, Eurem Vater, zu sprechen, und will sich nun eben wieder entfernen. Tretet schnell an Euer Fenster, da könnt Ihr ihn sehen, wenn er zu Pferde steigt!« Die kleine Prinzessin antwortete, ohne sich zu bewegen, und mit eisiger Ruhe, über welche die gute Kondja-Gül ganz verblüfft wurde: »Und deswegen störst Du mich? ... Ich werde diesen Mann noch früh genug sehen, ganz abgesehen davon, daß ich genötigt sein werde, ihn bis zu meinem höchsten Alter vor Augen zu haben!« Sie sagte dies absichtlich, um vor der Dienerin zu betonen, wie gering sie ihren zukünftigen Gebieter schätze. Kaum aber hatte Kondja-Gül in größter Verwirrung das Zimmer verlassen, als die junge Braut sich eilig ans Fenster begab. Der junge Bei war soeben aufs Pferd gestiegen in seiner schönen Offiziersuniform und ritt im Trabe davon, längs der Gräber und Zypressen, gefolgt von seiner Ordonnanz. Noch hatte sie Zeit genug gehabt zu sehen, daß er einen blonden Schnurrbart hatte, fast etwas zu blond für ihren Geschmack, ... daß er aber ein hübscher Mann war und eine recht stolze Haltung hatte, Er blieb trotzdem ihr Gegner, der ihr aufgedrungene Gebieter, der niemals ihr Herz gewinnen würde! Fest entschlossen, sich jetzt nicht weiter mit ihm zu beschäftigen, kehrte sie zu ihrem Schreibtisch zurück, obgleich ihr das Blut ein wenig in die Wangen gestiegen war, – um in ihrem Tagebuch den Brief an den unbekannten Vertrauten fortzusetzen. Und sie schrieb: »Zu jener glücklichen Zeit war ich eine kleine Königin. Tewfik Pascha, mein Vater, und Senika, meine Mutter, liebten mich über alles, denn ihre anderen Kinder, meine Geschwister, waren gestorben. Ich galt als die Sultanin unseres Dorfes; keine andere hatte so schöne, prächtige Kleider wie ich, noch ebenso glänzende goldene und silberne Gürtel. Meine Mutter war sanft und schweigsam; mein Vater war herzensgut und niemals ungerecht. Jeder Fremdling, der durch unseren Bezirk kam und an unsere Tür klopfte, fand Einlaß und Unterkunft; war's ein Flüchtling, so bot unser Haus ihm eine Freistatt, deren Sicherheit mein Vater gegen jeden, wer es auch gewesen, verteidigt haben würde. – Leider starb meine gute Mutter; und mein Vater, der ohne sie nicht in Karadjiamir bleiben mochte, ging mit mir nach Konstantinopel, zu meiner Großmutter. Elf Jahre sind seitdem vergangen. Das sorglos-heitere Kind ist ein erwachsenes Mädchen geworden, das schon viel geweint hat. Vielleicht wäre sie glücklicher geworden, wenn sie ihr früheres Leben fortgeführt hätte? ... Aber ›es stand geschrieben‹, daß sie daraus scheiden müsse, weil sie dazu bestimmt war, ein denkendes und ernstes Wesen zu werden, dessen Lebensbahn sich eines Tages mit der Andrés kreuzen sollte. – O, wer könnte uns das ›Warum‹ und den tieferen Grund dieser Begegnungen erklären, bei denen die Seelen sich, nur aneinander vorüberstreifend, berühren, und dennoch diese Berührung nie wieder vergessen können?!« * Sie war es überdrüssig, weiter zu schreiben. Auch hatte der Zwischenfall mit dem Bei sie verwirrt. – Was aber sollte sie unternehmen, um diesen Tag zu beendigen? Sie begab sich in den kleinen Salon neben ihrem Schlafzimmer; dort stand ihr Piano, von dem sie Abschied nehmen wollte, denn dieses in ihre zukünftige Wohnung mitzunehmen, wurde ihr nicht gestattet. Die Mutter des jungen Beis war eine strenggläubige Mohammedanerin, eine 1320erin, wie die jungen modernen Türkinnen jene nennen, die den europäischen Kalender nicht anerkennen, sondern noch immer die Zeitrechnung nach der »Begira« anwenden. Die Mutter des Beis hatte zwar die Ueberführung der Bibliothek der Braut gestattet, nicht aber die des Pianos, das der so sehr daran Gewöhnten also in jenem Hause auf der anderen Seite des Golfs, im Herzen des alten Stambul, recht fehlen würde. Sie setzte sich an das geliebte Instrument, und die kleinen nervösen Hände, die im Klavierspiel wunderbar geübt waren, fuhren hastig hin und her über die Tasten, allerlei Unzusammenhängendes improvisierend; bald aber begann sie eine äußerst schwierige Lisztsche Transskription Wagners zu spielen und begeisterte sich dabei so sehr, daß sie aufhörte, diejenige zu sein, die morgen den Kapitän Hamdi Bei, den Adjutanten Seiner kaiserlichen Majestät heiraten sollte, sondern sie war die Braut eines jungen Kriegers mit wallendem Haupthaar, der ein auf einer Felsspitze belegenes Schloß bewohnte, in der Finsternis der Wolken, oberhalb eines großen, schaurigen Flusses; sie hörte tatsächlich die Sinfonie der Sagen aus alter Zeit in den Tiefen der nordischen Wälder. Als sie aber aufgehört hatte zu spielen, als alles verrauscht war in den letzten Schwingungen der Saiten, da bemerkte sie aufblickend an den schon geröteten, schrägfallenden Sonnenstrahlen, daß der Tag sich seinem Ende zuneige, und da überfiel sie plötzlich eine große Angst bei dem Gedanken: ganz allein zu sein an diesem letzten Abend – obgleich sie das ja selbst so gewünscht hatte. Schnell lief sie zu ihrer Großmutter, ihr eine Bitte vorzutragen, die ihr auch gewährt wurde, und ebenso schnell schrieb sie an ihre Cousinen, diese wie in höchster Not bittend, um jeden Preis zu ihr zu kommen und ihr Gesellschaft zu leisten. Schon seit einigen Tagen hatte sie selbst zu ihren Cousinen, denen sie dadurch wehe tat, über ihre schweren Sorgen geschwiegen; sie war zurückhaltend und fast hochmütig gewesen. Selbst diesen beiden gegenüber hatte sie sich ihres Seelenschmerzes geschämt; aber jetzt konnte sie sich nicht mehr beherrschen; sie wollte die treuen Freundinnen bei sich haben, um sich an ihren Schultern aus weinen zu können. – Würden sie aber genügend Zeit haben, zu kommen? Die Sonne senkte sich, wie es schien, schneller als sonst. Die ungeduldig Wartende lehnte sich, um über die Straße sehen zu können, soweit es ihr die Fenstergitter irgend gestatteten, hinaus. Ganz Stambul und der Golf leuchteten jetzt im purpurfarbenen Abendrot, und auch dort hinten das Goldene Horn erschien rotglühend, wie der Himmel. Hunderte von Barken und kleinen Schiffen durchfurchten die Gewässer, wie das täglich geschah nach dem Schluß der Basare; und dieselben klaren singenden Stimmen ertönten wie am Mittag aus der Höhe herab, die gläubigen Osmanlis zum vierten Gebet, dem Sonnenuntergang, rufend. Die kleine Gefangene, deren Ungeduld sich im Anblick des wunderbaren Panoramas von Stambul, des Golfs und des Goldenen Hornes bei Abendbeleuchtung ein wenig gemäßigt hatte, beunruhigte sich nun wieder um so mehr darüber, ob Zeyneb und Mélek noch rechtzeitig kommen würden. Noch schärfer als zuvor blickte sie nach dem Wege hinaus, der auf der einen Seite von den altertümlichen Palästen mit den vergitterten Fenstern, auf der anderen Seite von den romantischen Ruhestätten der Toten begrenzt wurde. Siehe da! Dort kamen die sehnlich Erwarteten! Ja, sie waren es, jene beiden schwarzen Gespenster, die aus dem großen Tor ihres Hauses traten und nun eiligst herbeikamen, begleitet von zwei Negern mit langen Säbeln. – Gleich nach Empfang des Briefchens waren die beiden jungen Mädchen bereit gewesen, dem an sie ergangenen Ruf zu folgen. Und als die Harrende sah, wie eilig die beiden herbeieilten, füllten sich ihre Augen mit Tränen, aber es waren Freudentränen. Kaum hatten sich alsdann die Eintretenden ihrer schwarzen Umhüllungen entledigt, so warf sich die unglückliche Braut weinend in ihre Arme, und jene drückten sie mit zärtlicher Teilnahme an ihre Herzen. »Wir ahnten wohl, daß Du nicht glücklich seist, da Du aber nicht mit uns darüber sprachest, so wagten wir auch nicht, Dich zu fragen. Seit einigen Tagen schon fanden wir Dich so zurückhaltend und frostig gegen uns. »Ihr wißt ja, wie ich bin! Es ist albern, aber ich schäme mich, wenn man mich leiden sieht.« »Weshalb sagtest Du aber nicht ›Nein‹ bei der Werbung?« »Ich habe schon so oft ›Nein‹ gesagt. Die Liste der von mir Abgelehnten ist schon sehr lang. Und bedenket: ich bin zweiundzwanzig Jahre alt. Auch ist es ja gleichgültig, ob ich den nehme oder einen anderen, wenn ich doch einmal heiraten muß!« Aehnlich hatte sie schon früher einige ihrer Freundinnen, die sich verheirateten, sprechen gehört, und sie war empört gewesen über solche Gleichgültigkeit. Wie war es möglich, sich wie die Sklavinnen verheiraten zu lassen? ... Und jetzt hatte sie selbst einem solchen Handel zugestimmt dessen Abschluß morgen stattfinden sollte! Ueberdrüssig des fortwährenden Ablehnens und des ewigen Kämpfens hatte sie wie die anderen schließlich das »Ja« ausgesprochen das sie ins Verderben stürzte, anstatt das »Nein«, daß sie mindestens noch für einige Zeit gerettet haben würde. Und nun, da es zu spät war, ihr Wort zurückzunehmen war sie an den Rand des Abgrundes gelangt, dem sie morgen verfallen sollte! Nun weinten sie alle drei gemeinschaftlich die Tränen, welche die kleine Braut so viele Tage hindurch aus Stolz zurückgehalten, aber sie weinten auch über ihre bevorstehende Trennung, als wenn eine von ihnen sterben sollte. Natürlich sollten Zeyneb und Mélek an demselben Abend nicht mehr nach ihrem Hause zurückkehren, sondern bei ihrer Cousine schlafen, wie das allgemein üblich war, und wie sie selbst seit etwa zehn Jahren das häufig getan hatten. Diese drei jungen Mädchen waren fast immer beisammen wie unzertrennliche Schwestern und waren gewohnt, meistens in Gemeinschaft zu schlafen bei einer oder der anderen, und vorzugsweise bei der Zirkassierin. Als diesmal, nachdem die Sklavinnen, ohne einen Befehl dazu abgewartet zu haben, die seidenen Matratzen für die Besucherinnen auf dem Teppich ausgebreitet hatten, die drei Freundinnen allein blieben, hatten sie das Gefühl, als wären sie zu einer Totenwache vereinigt. Sie hatten die Erlaubnis erbeten und erhalten, zum Abendtisch nicht hinunterkommen zu brauchen; und ein unbärtiger, dicker Neger hatte ihnen auf einem großen goldenen Präsentierbrett ein vollständiges Souper mit allem Zubehör überbracht, aber keine von ihnen dachte daran, es zu berühren. Im Speisesaal des Erdgeschosses speisten außer ihrer gemeinsamen Großmutter der Pascha, der Vater der Braut, und Mademoiselle Bonneau de Saint-Miron, ohne sich zu unterhalten, wie nach einem Unglücksfall. Die Großmutter, noch erzürnter als jemals über das Benehmen der Tochter ihrer verstorbenen Tochter, und recht gut wissend, an wen sie sich dabei zu halten habe, beschuldigte die moderne Erziehungsweise der Lehrerin. – Das junge Mädchen, echt muselmanischem Blut entsprossen, war im Laufe der Jahre eine Art Wunderkind geworden, dessen Rückkehr zu den altehrwürdigen Gebräuchen nicht zu erhoffen war; dennoch liebte sie das Kind recht sehr, aber sie hatte immer geglaubt, sich ihm gegenüber streng erweisen zu müssen, ... und heute, bei dieser unbegreiflichen, offenbaren Auflehnung, wollte die Großmutter ihre Strenge und Härte noch deutlicher zeigen. Auch der Pascha, der sein einziges Kind allezeit verhätschelt und verwöhnt hatte wie eine Prinzessin aus »Tausend und eine Nacht«, und dem sie dafür mit der zärtlichsten Liebe anhing, verstand ihr jetziges Benehmen ebensowenig wie seine alte 1320er Schwiegermutter. Er war ebenfalls aufgebracht und meinte, dieser Eigensinn sei doch zu arg, sich als Märtyrerin aufzuspielen, weil man in dem Augenblick, wo man ihr einen Gatten gäbe, für sie einen hübschen, stattlichen, reichen jungen Mann ausgewählt hatte, der aus vornehmer Familie stammte und in besonderer Gunst bei der kaiserlichen Majestät stand! Die arme Lehrerin jedoch, die sich bewußt war, niemals in dieser Heiratsangelegenheit tätig gewesen zu sein, und stets die vertraute Freundin des jungen Mädchens, ihrer Schülerin, gewesen war, fühlte sich schmerzlich dadurch berührt, daß diese, obgleich sie ihre ehemalige Lehrerin zur Hochzeit besonders eingeladen hatte, nicht ihre Anwesenheit in den oberen Zimmern für diesen letzten Abend wünschte! Nein, die drei schwärmerischen jungen Mädchen hatten gewünscht – ohne der guten Mademoiselle Bonneau dadurch wehe tun zu wollen –, an diesem letzten Abend vor der Trennung ganz unter sich zu bleiben. – Vom morgigen Tage an würden diese Zimmer, in denen sie oft so glücklich gewesen, für immer verödet sein! Damit es weniger traurig sei, hatten sie alle Kerzen auf den Kandelabern und Wandleuchtern angezündet, ebenso die große, auf einer hohen Säule stehende moderne Lampe mit dem kolossalen bunten Schirm, der das Licht in magischer Weise dämpfte. Unter dieser Beleuchtung sammelten und ordneten sie alle die kleinen Andenken, die sie im Laufe der Jahre hier aufgespeichert hatten, größtenteils ziemlich wertlose Gegenstände, an die sich jedoch so manche freudige oder ernste Erinnerung knüpfte. Selbst verschiedene Puppen und andere Spielsachen aus ihrer frühesten Kindheit, die wie Heiligtümer aufbewahrt worden waren, kamen dabei zum Vorschein. – Allen diesen Dingen widmeten die drei Freundinnen die grüßte Aufmerksamkeit. Dagegen kümmerten sie sich durchaus nicht um die angekommenen, größtenteils sehr kostbaren Hochzeitsgeschenke, die Mademoiselle Bonneau in einem der Nebensäle ausgestellt hatte. Eben war die Aufräumung der kleinen Reliquien beendet, als wiederum der aus der Höhe kommende Gesang der schönen klaren Stimmen erklang, der die Gläubigen zum fünften Gebet des Tages rief. Um den Gesang besser zu vernehmen, öffneten die jungen Mädchen eines der Fenster und setzten sich dort nieder, um gleichzeitig die wundervolle Abendluft und den Duft der Zypressen und des Meerwassers einzuatmen, soweit dies das Gitterwerk des Fensters zuließ. Die Stimmen aus der Höhe sangen immerfort, und aus der Ferne schienen andere zu antworten, wieder andere ertönten von Stambuls hohen Minaretts herab über den schlafenden Golf hinweg, getragen durch den Widerhall des Meeres; man hätte glauben mögen, daß diese Harmonie der klaren Stimmen aus dem vollen Himmel käme, in sanften Tönen die Gläubigen von allen Seiten zugleich herbeirufend. Aber das währte nur kurze Zeit, und als die Muezzine, jeder nach den vier Windrichtungen, die nach den religiösen Ueberlieferungen aus unvordenklicher Zeit gebräuchlichen Worte gerufen hatten, folgte plötzlich ein tiefes Schweigen. Stambul erschien nun in bläulicher Beleuchtung, hervorgerufen durch den niedersinkenden Mond. Ein bezauberndes Bild, das sich im Wasser des Golfs widerspiegelte, und dessen Anblick die drei jungen Mädchen, so oft sie ihn auch im Laufe der Jahre genossen, stets mit schwärmerischer Bewunderung erfüllte, die heute indessen mit tiefer Schwermut gepaart war. – Tiefes Schweigen ringsum; denn der in Pera übliche Lärm des fast europäischen Nachtlebens drang nicht bis hierher. Nur ein einziger Laut ließ sich von Zeit zu Zeit hören, ein sonderbares, den Nächten Konstantinopels eigentümliches Geräusch, das schon seinen Bewohnern der frühesten Jahrhunderte bekannt gewesen: »Tack! tack! tack!« ein dumpfer Ton, der durch die in der Nachtstille liegenden leeren Straßen schauerlich widerhallte. Der Wächter des Stadtviertels, der in seinen »Babuschen« genannten Schlappschuhen, langsam durch die Straßen gehend, mit einem schweren, eisenbeschlagenen Stabe in gleichmäßigem Takt auf das Steinpflaster stößt. Aus der Ferne antworten andere Wächter in der gleichen Weise, und das wiederholt sich von einem Stadtteil zum andern, durch ganz Konstantinopel, am Bosporus entlang und am Marmarameer, bis zum Schwarzen Meer, als wollten sie den Einwohnern sagen: »Schlafet unbesorgt! Wir wachen offenen Auges über Eure Sicherheit bis zum Morgen, ausspähend auf Diebe und Feuersgefahr!« Fast hätten die jungen Mädchen durch die äußere allgemeine Ruhe sich betören lassen, hätte der Gedanke an den morgigen Tag sie nicht wieder aufgeschreckt. O, welch ein fürchterlicher Tag, der morgige, für die Braut! ... Während des ganzen Tages mußte sie Komödie spielen, wie dies der Gebrauch verlangte, und sie gut spielen, es koste, was es wolle! ... Den ganzen Tag hindurch lächeln wie ein Götzenbild und laut lachen mit den vielen Freundinnen und den unzähligen Neugierigen, die bei Gelegenheit großer Hochzeiten das Haus der Braut stürmen. Zu allen soll man liebenswürdige Worte sagen, die empfangenen Glückwünsche freundlich aufnehmen und vom Morgen bis zum Abend stets eine Miene höchsten Glückes zeigen, obgleich einem das Herz brechen möchte! Ja! Sie würde lachen und scherzen, trotz alledem! Ihr Stolz verlangte es! ... Als eine Besiegte zu erscheinen, das wäre zu demütigend für sie, die sich stets gerühmt hatte, sich nie anders zu verheiraten als nach ihrer eigenen Wahl; ... sie, die den andern so oft den Kreuzzug für die Rechte des Weibes gepredigt hatte! »O, über welch schweren Tag wird sich morgen die Sonne erheben!« sagte sich das Opferlamm. »Und wenn doch, sobald die Sonne untergegangen sein wird, alles zu Ende wäre! Doch nein!... Monate, Jahre, mein ganzes Leben hindurch wird jener Mann, der mir heute noch ganz fremd ist, mein Gebieter sein! Ha! zu denken, daß ich nie mehr, an keinem einzigen Tage, zu keiner Stunde mehr mir selbst angehören soll! ... Und weshalb? Weil es diesem Manne plötzlich einfällt, die Tochter eines kaiserlichen Hofmarschalls zu heiraten!?« Die teilnahmsvollen kleinen Cousinen schlugen vor, als sie sahen, wie ihre Freundin bei diesen Worten nervös mit dem Fuß auftrat, zu musizieren, zum letztenmal! Gemeinschaftlich begaben sich alle drei in das Musikzimmer, wo das Piano offengeblieben war. In diesem Zimmer befanden sich auf Tischen, Stühlen und Konsolen die verschiedenartigsten Gegenstände, die das Geistesleben einer modernen Türkin bekundeten, die begierig ist, in ihrer Einsamkeit alles zu versuchen, alles zu wissen oder doch kennen zu lernen. Sogar ein Phonograph war vorhanden, mit dem die jungen Mädchen sich einige Tage hindurch belustigt hatten, um sich Szenen aus französischen Gesangspossen und Operetten vorspielen zu lassen. Die wertlosen Dinge waren aber bald beiseite gestellt worden und gerieten dann gänzlich in Vergessenheit; sie würden nun wohl den Dienerinnen und den Eunuchen zu deren größtem Vergnügen in die Hände fallen. – Die Braut setzte sich an das Piano, zögerte einen Augenblick, spielte dann aber ein Concerto ihrer eigenen Komposition. Sie hatte die Harmonik mit den ausgezeichnetsten Meistern studiert und sehr bedeutende Erfolge erzielt. Sie trug sodann ein Notturno vor, das jedoch noch unvollendet war; sie hatte es erst vor kurzem begonnen; es herrschte darin eine überaus düstere Stimmung. Dieses Musikstück mußte abgebrochen werden, weil sich von der Straße her das Stampfen des Nachtwächters in die Töne der Musik mischte. – Nachdem draußen wieder Stille eingetreten war, trat Zeyneb an das Piano, um, von Mélek begleitet, zu singen. Mit einer sehr schönen Stimme in tiefer Tonlage begabt, erzielte sie besonders günstige Wirkung in ernsten Musikstücken; sie wählte deshalb bei dieser Gelegenheit unter den bunt durcheinander liegenden Noten Glucks unsterbliche »Gottheiten des Styx«, den ersten Satz prachtvoll beginnend. Die Seelen der Verblichenen, die dort drüben in den Gräbern des nahen Friedhofs, unter den dunklen Zypressen ruhten, mußten nicht wenig erstaunen über dieses noch zu so später Stunde erhellte Fenster, dessen Lichtstreifen auf ihre Gräber hinüberfielen; ein Haremfenster, ohne Zweifel, aus dem aber recht fremdartige Melodien ertönten. – Kaum hatte Zeyneb den wundervollen ersten Satz beendet, als Mélek aus Schreck einen falschen Akkord anschlug. Eine menschliche Gestalt, die sie zuerst erblickte, tauchte plötzlich neben dem Piano auf; eine große, schwarz gekleidete magere Gestalt war es, die geräuschlos wie ein Gespenst erschienen war. Zwar keine Erscheinung vom Styx, aber auch nicht viel besser als ein Gespenst, war es Madame Husnugul, der Schrecken des Hauses, die jetzt mit hohler Stimme sagte: »Ihre Großmutter befiehlt Ihnen, die Lichter auszulöschen und sich schlafen zu legen!« Und sie entfernte sich geräuschlos, wie sie gekommen war, alle drei ganz erstarrt zurücklassend. Diese Frau hatte ein eigenes Talent, jedesmal und überall einzutreten, ohne daß man sie hörte. Madame Husnugul (Schönheit der Rose), eine ehemalige zirkassische Sklavin, wäre vor dreißig Jahren fast ein Mitglied der Familie geworden, denn sie hatte ein Kind von dem Schwager des Paschas. Das Kind starb jedoch, und man verheiratete sie mit einem Gutsverwalter auf dem Lande. Als dieser aber auch gestorben war, erschien sie eines Tages mit einem Bündel wertloser Kleidungsstücke, ihrem ganzen Hab und Gut, wieder hier, »zu Besuch«, wie sie sagte. – Nun, dieser Besuch dauerte bereits fünfundzwanzig Jahre! – Madame Husnugul, halb Gesellschafterin, halb Aufseherin und Spionin der jungen Mädchen, war die rechte Hand der alten Herrin des Hauses geworden. Gegen den von Madame Husnugul überbrachten Befehl war nichts auszurichten. Die trostlosen jungen Mädchen schlossen deshalb leise das Piano und löschten die Kerzen aus. Bevor sie sich aber zu Bett begaben, umarmten sich alle drei noch recht innig und weinten dabei so schmerzlich, als würde der morgige Tag sie für immer voneinander trennen. Aus Furcht, nochmals Madame Husnugul auftauchen zu sehen, die ohne Zweifel hinter der kaum angelehnten Tür lauschte, wagten sie nicht, miteinander zu sprechen. Zu schlafen vermochten sie aber noch nicht; und von Zeit zu Zeit hörte man noch einen Seufzer oder ein Schluchzen sich aus einer oder der anderen jugendlichen Brust befreien. – In der nächtlichen Stille, die den Gedanken ein so weites Feld bot, erregte sich die Braut immer mehr, im Gefühl, daß sie sich von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute unaufhaltsam dem Augenblick ihrer tiefsten Erniedrigung und der unwiderruflichen Vollendung ihres Unglücks nähere. Sie haßte jetzt förmlich den Mann, in dessen Gewalt sie hilflos gegeben werden sollte. Da jedoch augenblicklich noch nichts abgeschlossen war, so kam ihr der Gedanke, noch einen letzten Versuch zu machen, um dieser verhaßten Verbindung zu entgehen, möge geschehen, was da wolle! ...Was aber sollte sie tun? Sich ihrem Vater zu Füßen werfen? Es war zu spät; sie würde seinen Willen nicht beugen. – Fast Mitternacht war es geworden. Der Mond warf sein phantastisches Licht in schmalen Streifen durch das Gitterwerk ins Zimmer. Einer dieser Streifen erleuchtete gerade den über dem Bett angebrachten Koranspruch, der da lautete: »Meine Sünden sind groß wie die Meere, aber Deine Gnade ist noch größer, o Allah!« Noch lange Zeit, nachdem das junge Mädchen aufgehört hatte, dem strengen Glauben anzuhängen, übte jener Spruch, der gleichsam ihren Schlaf bewachte, eine geheimnisvolle Wirkung auf ihre Seele aus; es war ihr ein gewisses Vertrauen geblieben auf die höchste Gnade und Güte. – Das war jetzt aber vorbei; weder vor noch nach dem Tode erhoffte sie noch Güte und Gnade. In diesem Augenblick fühlte sie sich deshalb auch bereit zu den äußersten Entschlüssen. – Indessen, was konnte sie unternehmen? ... Entfliehen? ... Aber auf welche Weise? Und wohin? ... Um Mitternacht, aufs Geratewohl, durch die schaurig-öden Straßen? ... Und wo sollte sie eine Zuflucht finden? ... Zeyneb, die ebensowenig schlief, sprach ganz leise zu ihr. Es war ihr eingefallen, daß um Mitternacht der Tag anbrach, den die Türken »Basar-Guni« (gleichbedeutend mit »Sonntag«) nennen, zu welcher Zeit man für die Toten beten muß. Diese Pflicht hatten sie bisher nie versäumt; es war dies sogar einer der wenigen religiösen Gebräuche, die sie noch beobachteten. Im übrigen waren sie wie die meisten modernen Türkinnen ihres Alters von den Ideen Darwins, Schopenhauers und anderer Philosophen angehaucht. Die Großmutter sagte öfter zu den jungen Mädchen: »Was mich in meinem Alter am meisten betrübt, ist, daß Ihr schlimmer seid, als wäret Ihr zum Christentum übergetreten. Denn im Grunde lieben alle Gott, die einer Religion angehören; aber Ihr seid in Wirklichkeit die ›Ungläubigen‹, von denen der Prophet in seiner Weisheit voraussagte, daß ›ihre Zeit kommen werde!‹« Ungläubig waren sie in der Tat und zweifelsüchtig, sogar in höherem Grade als die meisten der jungen Mädchen des Abendlandes; aber für die Toten zu beten, bewahrten sie als eine Pflicht, an der niemand zu rühren wagte. Selbst bei ihren sommerlichen Spaziergängen durch die Dörfer des Bosporus, die herrliche Friedhöfe haben, im Schatten der Zypressen und der riesigen Eichen, geschah es häufig, daß sie stehen blieben, um am armseligen Grabe eines ihnen vielleicht ganz Unbekannten zu beten. Die drei Freundinnen zündeten mit großer Vorsicht eine bescheidene Nachtlampe an, und die kleine Braut nahm ihren Koran, der stets in der Nähe ihres Bettes auf einem kleinen Tischchen lag. – Den Koran, immer umhüllt mit einem seidenen Tuch aus Mekka, nach Sandelholz duftend, muß jede Muselmanin neben ihrem Lager liegen haben, eigens für die Nachtgebete. Und alle drei begannen nun mit gedämpfter Stimme zu beten; und allmählich beruhigte sie das Gebet, gleich wie frisches Wasser das Fieber stillt. Bald jedoch erschien eine schwarzgekleidete große Frau wie stets, ohne daß man sie kommen gehört, und richtete sich nach Art der Gespenster plötzlich neben ihnen auf, in gewohnter Weise sprechend: »Ihre Großmutter befiehlt: die Lampe auszulöschen!« »Es ist gut, Madame Husnugul,« sagte die Braut; »haben Sie die Gewogenheit, selbst die Lampe auszulöschen, da wir uns schon in den Betten befinden; und erklären Sie gefälligst unserer Großmutter, daß wir keineswegs beabsichtigten, ihr ungehorsam zu sein; ... wir sprachen nur die Gebete für die Toten!« Als Madame Husnugul verschwand, war es zwei Uhr nachts. – Die drei jungen Mädchen, erschöpft von Aufregung, Schmerz und Empörung, schliefen alle zu gleicher Zeit ein und versanken in einen ruhigen, tiefen Schlaf. Zweiter Teil 4. Vier Tage später. – Die Neuvermählte, im Innern des sehr altertümlichen, aber hochherrschaftlichen Hauses ihres jugendlichen Gebieters, befand sich ganz allein in dem Teil des Harems, den man ihr als ihren eigenen Salon eingerichtet hatte. Ein Salon Louis XVI., in Weiß, Gold und Blaßblau, neu für sie zusammengestellt. Ihre rosafarbene Robe, eben erst aus der Pariser Rue de la Paix eingetroffen, war aus so fein gewirkten Stoffen, daß sie den Anschein umhüllender Wolkenschleier hatte, wie es die Laune der damaligen Frühlingsmode erforderte. Und ihr Haar war ebenfalls der neuesten Erfindung gemäß frisiert. In einer Ecke des Salons befand sich ein weißlackierter Schreibtisch, ähnlich dem ihres Zimmers in Khassim-Pascha, aber die Schiebkästen waren verschließbar, wie sie es schon längst gewünscht. Man hätte glauben können: eine Pariserin in ihrem Heim, wären nicht die vergitterten Fenster und die auf kostbaren Seidenstoffen gestickten Inschriften des Islams gewesen, die hier und da die Füllungen der Wandflächen schmückten: der Name Allahs und einige Sprüche des Korans. Sogar ein Thron befand sich in diesem Salon: der Hochzeitsthron; sehr pomphaft, auf einer dreistufigen Estrade stehend, und überragt von einem Baldachin, dessen herabfallende Vorhänge von blauer Seide, überreich mit Blumen in Silberstickerei geschmückt waren. Auch die gute Kondja-Gül befand sich im Salon, von dessen glänzender Einrichtung sie allerdings auffallend abstach; in der Nähe eines der Fenster sitzend, sang sie leise ein Liedchen ihrer schwarzen Heimat vor sich hin. – Die Mutter des Beis, eine etwas einfältige Dame von 1320, erwies sich als ein im Grunde ganz unschuldiges, gutmütiges Wesen; sie konnte sogar vortrefflich genannt werden, ohne ihre blinde Abgötterei für ihren Sohn. Gleich in den ersten Tagen nach der Hochzeit wurde sie von der Liebenswürdigkeit ihrer Schwiegertochter so sehr eingenommen, daß sie ihr aus freier Entschließung ein Piano, das die junge Frau sich sehnlichst wünschte, zum Geschenk anbot. Hocherfreut darüber, fuhr diese sogleich in einem geschlossenen Wagen unter Begleitung eines Eunuchen über die Brücke des Goldenen Horns nach Pera und wählte in einem der besten Magazine ein prachtvolles Piano aus, das am nächsten Tage von stämmigen Lastträgern auf den Schultern herübergeschafft wurde. Der junge Bei, den die Braut stets als ihren »Feind« bezeichnete, übrigens einer der stattlichsten Kapitäne des türkischen Heeres, das reich ist an eleganten und glänzend uniformierten Offizieren, – war unbestreitbar ein schöner Mann mit einer auffallend sanften Stimme und einem fast süßlichen Lächeln, augenscheinlich einem Erbteil seiner Mutter. Als junger Ehemann benahm er sich bis jetzt mit vollendeter Zartheit; er machte seiner Frau, deren geistige Überlegenheit ihm bereits klar geworden war, in achtungsvoller Weise den Hof, wie das im Orient in der vornehmen Welt Sitte ist: er bemühte sich, sie zu gewinnen, bevor er sie besaß. Denn, obgleich eine muselmanische Heirat meist sehr rasch, sogar oft ohne beiderseitige Zustimmung abgeschlossen wird, so ist nach vollzogener Zeremonie das Benehmen des jungen Ehepaares unter sich dagegen so bescheiden und rücksichtsvoll, wie dies in den Gebräuchen des Abendlandes häufig nicht zu finden ist. Fast täglich im Jildispalast dienstlich beschäftigt, kehrte Hamdi Bei erst abends zu Pferde nach seinem Hause zurück. Er ließ sich dann bei seiner Frau anmelden und benahm sich ihr gegenüber, als wäre er bei ihr zu Besuch. Nach dem Abendessen erst setzte er sich vertraulicher zu ihr aufs Kanapee, in ihrer Gesellschaft eine Zigarette rauchend; sie beobachteten einander forschend wie vorsichtige Gegner. Er, zärtlich und schmeichelnd, mit einigen Verlegenheitspausen und Seufzern; sie, geistreich und scherzend, solange es sich nur um eine Plauderei handelte, aber sofort zurückhaltend und stolz, sobald er den Versuch machte, sie an sich zu ziehen oder sie zu umarmen. Wenn es dann zehn Uhr schlug, küßte er ihr achtungsvoll die Hand und zog sich zurück. – Hätte sie sich ihn selbst ausgewählt, so würde sie ihn vermutlich geliebt haben, aber die ungezähmte kleine Prinzessin der Ebene von Karadjiamir beugte sich nicht vor einem ihr aufgezwungenen Gebieter. Sie wußte indessen recht wohl, daß der Zeitpunkt nahe und unvermeidlich war, wo dieser ihr Herr und Gebieter, anstatt sich abends nach einem höflichen Gruß zurückzuziehen, ihr nach ihrem Schlafzimmer folgen werde. Auch würde sie keinen Widerstand leisten, noch weniger Bitten anwenden. Sie hatte aus ihrer Persönlichkeit jene Art von Verdoppelung gemacht, die bei vielen türkischen jungen Frauen ihres Alters und Standes üblich ist, die sich sagen: »Mein Körper ist, ohne daß man mich befragt hatte, durch Vertrag einem mir Unbekannten überliefert worden, und ich bewahre ihn ihm, denn ich bin ehrenhaft ...; aber meine Seele, die nicht befragt worden ist, gehört noch mir, und ich verschließe sie eifersüchtig, um sie für einen Seelenfreund aufzubewahren, dem ich vielleicht niemals begegnen werde, und der jedenfalls nie etwas davon erfahren soll!« ... Die Neuvermählte war also an diesem Nachmittag ganz allein in ihrer Wohnung... und da kam ihr der Gedanke, bevor ihr »Gebieter« aus dem Jildispalast zurückkäme, für André Lhéry ihr unterbrochenes Tagebuch wieder aufzunehmen und von neuem zu beginnen am verhängnisvollen 28. Sil-hidje 1318, der Hegira, dem Tage der Verheiratung. – Die früheren Blätter des Tagebuches sollte sie am folgenden Tage von der Freundin zurückerhalten, der sie diese Papiere zur Aufbewahrung übergab, weil der jetzige verschließbare Schreibtisch alle erforderliche Sicherheit zu bieten schien. Sie begann zu schreiben: »Am 28. Sil-Hidje 1318. (19. April 1901.) Meine Großmutter selbst erweckte mich morgens, denn ich war in jener Nacht erst spät eingeschlafen. ›Beeile dich!‹ sagte sie zu mir. ›Du hast wohl vergessen, daß du um neun Uhr bereit sein solltest? Man schläft doch nicht solange am Tage seiner Hochzeit!‹ Welche Härte in den Worten! Es war der letzte Morgen, den ich bei ihr in diesem mir so lieb gewordenen Zimmer meiner Jugend zubrachte. Konnte sie denn nicht von ihrer Strenge lassen? wenigstens für einen Tag? Als ich die Augen aufschlug, sah ich meine beiden Cousinen, die schon früher geräuschlos aufgestanden waren und eben ihre Tcharchafs anlegten, um rasch nach ihrem Hause zurückzukehren und ihre Toiletten zu beginnen, die lange dauern würden. Da wir nie mehr wieder in diesem Zimmer gemeinschaftlich erwachen würden, so umarmten wir uns noch einmal recht innig zum Abschied, bevor die beiden Schwestern sich entfernten. Schon ist es neun Uhr; die Kutschen sind bereits angelangt, die Schwiegermutter, die Schwägerinnen und die Eingeladenen des jungen Bei warten; der Zug soll sich bilden ... aber die Braut ist nicht bereit. Mehrere der Damen entbieten sich, ihr beim Ankleiden behilflich zu sein; sie lehnt jedoch jede Hilfe ab und bittet dringend, sie ganz allein zu lassen. Dann ordnet sie selbst ihre Frisur, wirft in fieberhafter Eile ihre mit Orangeblüten überreich garnierte Robe über, die eine Schleppe von drei Metern hat, sie legt auch ihre Diamanten an, ihren Schleier, und befestigt die langen Strähnen von Golddraht an ihrer Coiffure. Nur an einen Gegenstand hat sie nicht das Recht zu rühren: ihr Diadem. Dieses gewichtige Brillantdiadem, das bei uns die Stelle des Kranzes der Europäerinnen einnimmt, soll nach dem herrschenden Gebrauch der Braut von einer jungen Frau aufgesetzt werden, die unter den anwesenden Freundinnen zu wählen ist, die sich nur ein einziges Mal verheiratete, nie geschieden wurde und in ihrer Ehe erwiesenermaßen glücklich lebt. Die dazu Erwählte spricht dabei zuerst ein kurzes Gebet aus dem Koran, dann krönt sie die zu Vermählende mit eigener Hand, indem sie ihr die besten Glückwünsche darbringt und ihr noch besonders wünscht, daß ihr eine solche Krönung nicht öfter als einmal im Leben geschehe; ... mit anderen Worten: daß sie sich nicht scheiden lassen, noch wiederverheiraten möge! Unter den anwesenden jungen Frauen befand sich eine, die den gestellten Bedingungen so vollständig zu entsprechen schien, daß sie in Einstimmigkeit erwählt ward, nämlich meine teure Cousine Djavide! Sie war jung, schön, unermeßlich reich und seit achtzehn Monaten mit einem allgemein als höchst liebenswürdig gerühmten Manne verheiratet. Als sie sich mir jedoch nahte, um ihr Glück auf meinen Kopf zu übertragen, sehe ich zwei große Tränen in ihren Augen Perlen, und sie sprach zu mir: »Arme Freundin! weshalb mußtet Ihr gerade mich auswählen? Wenngleich ich auch nicht gerade abergläubisch bin, so werde ich mich doch niemals darüber trösten können, Dir mein Glück übertragen zu haben! Wenn es Dir in der Zukunft beschieden sein sollte, ebenso zu leiden wie ich leide, so würde es mir scheinen, als wäre das meine Schuld!« Also auch diese, anscheinend die Glücklichste von allen, befindet sich im Elend? ... Welch trübe Aussicht für mich! Indessen, das Diadem ist mir auf dem Kopf befestigt, und ich sage: ›Ich bin bereit!‹ ... Man führt mich durch die langen Gänge, die vor unseren Wohnzimmern sich befinden, und die sonst bei Tage wie in der Nacht von Sklaven oder Sklavinnen besetzt sind, die uns weniger bewachen als überwachen und belauschen; denn wir sind ja wie Gefangene! Ueber die breite Treppe gelangen wir in das untere Stockwerk und in den dort gelegenen größten der Salons, wo ich meine ganze Familie versammelt finde. Zunächst meinen Vater, von dem ich mich verabschieden muß. Ich küsse ihm die Hände, und er sagt mir einige der bei solcher Gelegenheit üblichen Worte, die ich kaum höre. Man hatte mir vorher eingeschärft, daß ich mich bei ihm öffentlich bedanken müsse für alle mir von ihm erwiesene Güte, und ganz besonders für die heutige, für die Heirat, die er mir einzugehen erlaube. Das vermochte ich jedoch nicht; das überstieg meine Kräfte. Ich blieb stumm vor ihm stehen und wandte meine Blicke ab. Nicht ein einziges Wort kam über meine Lippen. Er hat den Vertrag abgeschlossen, er liefert mich aus und überläßt mich meinem Schicksal: er ist verantwortlich für alles! ... Ich soll ihm danken, während ich ihm in meinem Innern fluche?! ... O, ist es denn möglich, das Entsetzliche: Plötzlich zu fühlen, daß man den Mann tödlich haßt, den man am innigsten liebte und verehrte?! ... Trotz alledem lächelte ich fortwährend, denn an einem solchen Tage muß man immer lachen oder wenigstens sich so stellen. Nachdem noch einige alte Onkel mir ihren Segen erteilt hatten, nahmen die im Hochzeitszuge beteiligten Damen, die bis dahin im Park unter den großen Platanen Erfrischungen einnahmen, bereits ihre Tcharchafs um. Die Braut allein nimmt keinen Tcharchaf um; aber die Neger erheben kostbare, in kunstvolle Falten gelegte seidene Damaststoffe zu beiden Seiten der Dahinschreitenden, ihr dadurch eine Gasse bildend und sie somit vor den Neugierigen auf der Straße unsichtbar machend, auf dem Wege vom Haustor bis zum geschlossenen Landauer, dessen Fensterscheiben im Innern mit durchlöcherten Holzfüllungen versehen sind. Die Zeit der Abfahrt ist gekommen, und ich durchschreite jene seidenbehangene Gasse: Zeyneb und Mélek, meine beiden Ehrendamen, beide in blauen Dominos über ihrer Galatoilette, folgen mir und steigen mit mir in den Wagen. Wir befinden uns in einem festverschlossenen Käfig, undurchdringlich allen Blicken. Nach unserer ›Einkastelung‹, die auf mich fast den Eindruck einer Einsargung machte, trat ein tragikomisches Ereignis ein. Unser Wagen blieb unbeweglich stehen, und warum? Meine Schwiegermutter und meine Schwägerinnen, die zu uns gekommen waren, um mich nach ihrem Hause abzuholen, hatten ihre Sirupgläser noch nicht völlig geleert und verzögerten dadurch die ganze Abfahrt des Zuges. – Um so besser für mich; ich gewann dadurch noch eine Galgenfrist von einer Viertelstunde. Endlich setzte sich der lange Zug der Wagen in Bewegung, der meinige an der Spitze. Zwischen meinen beiden Begleiterinnen und mir wird kein Wort gewechselt. Ich hätte Lust, die Wagentür zu öffnen und den Vorübergehenden zuzuschreien: ›Rettet mich! Man raubt mir mein Glück, meine Jugend, mein Leben!‹ Das Wagengerassel läßt nach, wir kommen auf die endlose Holzbrücke des Goldenen Horns; denn ich werde zukünftig eine Bewohnerin des jenseitigen Ufers sein. Sodann gelangen wir auf das Steinpflaster Stambuls, und der Gedanke, daß ich mich meinem Kerker nähere, beklemmt mich angstvoll. – Endlich hält der Wagen an; die Tür wird geöffnet, und mein Blick fällt auf eine Menge Leute, die vor einem düsteren Hausportal wartend stehen: Neger in zugeknöpften Gehröcken, Trabanten in ihren mit Gold und Ehrenzeichen überladenen Uniformen, Hausintendanten und sogar der Nachtwächter des Bezirks mit seinem langen Stabe. Plötzlich aber erheben sich wieder zu meinen beiden Seiten die faltigen Seidenstoffe, die mich umhüllen wie bei der Abfahrt, und in dieser dadurch gebildeten Gasse gelange ich in einen mit Blumen überfüllten Flur, wo ein blonder junger Mann, in großer Uniform eines Kapitäns der Kavallerie, mir entgegenkommt. Lächelnd wechseln wir beide einen fragenden, beinahe herausfordernden Blick, und es ist geschehen: ich habe meinen Gebieter gesehen, und mein Gebieter hat mich gesehen. – Er verbeugt sich, bietet mir seinen Arm, geleitet mich in das erste Stockwerk und führt mich dort in einen großen Saal, an dessen Hauptwand sich auf einer dreistufigen Estrade ein Thron erhebt, auf den ich mich setzen muß. Sodann verbeugt sich mein Gebieter nochmals vor mir und entfernt sich; seine Rolle ist ausgespielt ... bis zum Abend! – Unwillkürlich sehe ich ihm nach auf seinem Wege durch den Saal, wo er auf eine wahre Flut von Damen trifft, die von der Treppe aus in den Saal strömen: alle in leichter Gazekleidung, mit Edelsteinen besät, mit entblößten Schultern, ohne Schleier weder vorm Gesicht noch über dem mit Diamanten und Perlen durchflochtenen Haarputz. Sämtliche Tcharchafs sind vor dem Eintritt in die Salons gefallen; man könnte glauben, eine Gesellschaft europäischer Damen in Abendtoilette vor sich zu sehen. Und mein Bräutigam, der wohl noch niemals derartiges gesehen und vielleicht auch nie wieder sehen wird, scheint mir ein wenig verwirrt zu werden als einziger Mann inmitten solchen Zusammenflusses schöner Frauen und als Zielpunkt aller ihrer Blicke, die ihn prüfend betrachten. Er hatte seine Rolle beendet ... aber ich sollte mich den ganzen Tag hindurch auf meinem Thronsessel wie ein seltenes Tier von all den Neugierigen begaffen lassen. – Neben mir befand sich auf der einen Seite Mademoiselle Esther, auf der anderen waren Zeyneb und Mélek, ebenfalls befreit vom Tcharchaf und in offener Robe mit Blumen und Diamanten. Ich hatte sie gebeten, mich nicht zu verlassen, während des Paradezuges vor meinem Thron, der endlos zu werden drohte. Die Verwandten, die Freundinnen, ja selbst die nur oberflächlich Bekannten, eine jede richtete an mich die Frage: Nun, meine Liebe, wie findest Du ›Ihn‹? ›Weiß ich denn selbst, wie ich ihn finde, den Mann, dessen Stimme ich noch nicht gehört, dessen Gesicht ich kaum gesehen habe, und den ich auf der Straße vielleicht nicht wiedererkennen würde?‹ Ich fand kein Wort, um den Fragenden zu antworten, nur ein Lächeln, weil das üblich ist, oder vielmehr nur eine Verzerrung der Lippen, die einem Lächeln ähnlich sieht. In den Blicken der meisten las ich ein gewisses Mitleid mit mir, einer ihrer Mitschwestern, die heute dem allgemeinen Unheil verfällt und ihre Genossin in der Erniedrigung und im Elend wird! Und da begann ich, auf meinem Hochzeitsthron sitzend, zu überlegen, daß es ja für den schlimmsten Fall ein Mittel gäbe, sich zu befreien und wieder in den Besitz des Rechts, über sich selbst zu verfügen, gelangen zu können, ... ein Mittel, das Allah und der Prophet anzuwenden erlauben: die Ehescheidung ... Ja, das ist es, ich werde mich scheiden lassen! ... Wie kam es nur, daß ich nicht früher daran dachte? In der Tat lassen sich in unserem Lande die Ehen sehr leicht und schnell lösen, wenn man den ernsten Willen hat. * Uebrigens ist dieser Vorbeimarsch an sich recht hübsch, und ich würde mich dabei gewiß sehr amüsieren, wenn ich nicht selbst das traurige Götzenbild wäre, das alle betrachten wollen. Man sieht nichts als Kanten, Spitzen, Gaze, helle und heitere Farben. Auch glaube ich nicht, – wenigstens nach dem zu schließen, was ich bei den Bällen in den europäischen Botschaften gesehen –, daß bei den Festlichkeiten der abendländischen vornehmen Welt ebenso viele wirklich schöne, reizende Damen anzutreffen sind wie bei uns. Denn alle diese den Männern unsichtbaren Türkinnen sind überaus fein, elegant und graziös; ich spreche selbstverständlich von denen der neueren Generation. Selbst die weniger schönen haben immer noch gewisse Reize und ein höchst anmutiges Benehmen. Vergessen darf ich nicht, daß, sobald eine hochgestellte Eingeladene sich meinem Thron nähert, ich mich erheben muß, um ihre Verneigung ebenso tief zu erwidern, wie es ihr beliebte, sie vor mir zu machen, und ist sie noch jung, so muß ich sie bitten, einen Augenblick an meiner Seite Platz zu nehmen. Nun fange ich aber an, mich wirklich zu amüsieren, als fände dieser Vorbeimarsch nicht für mich, sondern für eine andere statt. Man hat nämlich die Türen nach der Straße weit geöffnet, und jede Frau, gleichviel ob eingeladen oder nicht, welche die Braut zu sehen wünscht, darf eintreten. Und unter diesen sieht man die sonderbarsten Erscheinungen; alle wie Gespenster, mit Tcharchaf oder Yachmak, die Gesichter verdeckt, je nach der Mode der einen oder der anderen Provinz. Einzelne sind vom Kopf bis zu den Füßen eingehüllt in asiatische, kunstvoll mit Gold und Silber durchwirkte Seidenstoffe. Es erscheinen Syrierinnen in glänzenden Kostümen und Perserinnen, ganz schwarz gekleidet; auch hundertjährige Frauen, tief gebeugt auf ihre Stöcke, sieht man darunter. Um vier Uhr kommen die europäischen Damen. Dies ist der peinlichste Augenblick des ganzen Tages. Man hatte die Damen lange am Büfett zurückgehalten, wo sie eine Unzahl kleiner Kuchen gegessen, Tee getrunken und Zigaretten geraucht hatten, um ihre Langeweile zu töten. Aber nun eilen sie in Scharen auf den Thron los, zur Besichtigung des ausgestellten seltenen Tieres. Unter diesen Damen erscheint fast immer eine uneingeladene Fremde, deren Einführung man entschuldigen zu wollen dringend gebeten wird. Gewöhnlich eine englische oder amerikanische Touristin, die sehr begierig ist, dem Schauspiel einer türkischen Hochzeit beizuwohnen. Sie erscheint ganz ungeniert in Reisekleidung. Mit den gleichen forschenden, starren Blicken, mit denen sie die Erde von der Spitze des Himalaya oder die Mitternachtssonne vom Nordkap betrachtete, sieht sie dann auch die türkische Braut an. – Die Reisende, die das Schicksal mir bescherte, war eine Journalistin, die an ihren Händen dieselben schmutzigen Handschuhe hatte, die sie auf dem Dampfer bei der Ueberfahrt trug. Unbescheiden, zudringlich, erpicht auf Material zu einem pikanten Bericht für ein neugegründetes Journal, stellt sie mir mit äußerster Taktlosigkeit die allerfrechsten Fragen, auf die ich ihr selbstverständlich nicht antworte. – Ich fühle mich grenzenlos gekränkt! – Auch der nun folgende Besuch der Damen aus Pera, die übermäßig aufgeputzt erscheinen, bietet nur Unerfreuliches. Sie haben meistens schon fünfzig oder mehr Hochzeiten gesehen, und wissen deshalb bis ins einzelne, wie sich die Sachen dabei zugetragen; das verhindert aber nicht ihre ebenso albernen wie boshaften Fragen. ›Nicht wahr, Sie kennen Ihren künftigen Gatten noch gar nicht? ... Wie komisch das ist! ... Welch sonderbarer Gebrauch! ... Aber, meine liebe Freundin, Sie hätten sich einfach darüber hinwegsetzen sollen und allen ein Schnippchen schlagen! ... Sie haben es nicht getan? Ist's wahr? ... Nun, ich an Ihrer Stelle hätte es getan ... ist würde mich kurzweg geweigert haben, diese Heirat einzugehen!‹ Indem sie dies sagt, wirft sie ihrer Nachbarin, eine ebenfalls in Pera wohnenden Griechin, spöttische Blicke zu, die von der anderen durch mitleidiges Achselzucken erwidert werden. Ich lächelte trotzdem, weil es so vorgeschrieben ist, aber ich empfinde die schamlosen Worte und das Benehmen jener beiden Geschöpfe wie blutige Schläge auf beide Wangen. – Endlich sind sie fortgegangen, auch die anderen Besucherinnen in Tcharchafs oder mit Hüten. Nur die wirklich Eingeladenen bleiben. Nun kann ich mir endlich erlauben, von meinem Thron herabzusteigen, auf dem ich fast sechs Stunden hindurch zur Schau saß; ich kann sogar den blauen Salon verlassen, in welchem sich die Großmütter und die sogenannten 1320erinnen, die strengen Anhängerinnen des Althergebrachten gruppiert haben. Auf den Häuptern der meisten diese Strenggläubigen thront noch der ehrwürdige kleine Turban. Ich, meinesteils, hätte nicht übel Lust, mich unter die Menge der jungen ›Abtrünnigen‹, wie ich selbst, zu mischen die sich seit einigen Minuten nach einem Nebensaal drängen, wo ein Orchester spielt, das, nur aus Saiteninstrumenten gebildet, dazu bestimmt ist, sechs Sänger zu begleiten, die abwechselnd Strophen von Sia Pascha, Hafiz oder Sad singen, alle schwermütigen oder leidenschaftlichen Inhalts wie die orientalische Musik es im allgemeinen ist. Die Musiker – nur Männer – sind dabei hermetisch abgeschlossen von den Zuhörerinnen durch ein ungeheuer großes Belum aus Seidendamast, um das Unheil zu verhüten, daß einer der Sänger eine oder die andere der Zuhörerinnen mit Augen sähe! – Als ich in den Saal trat, hatten meine Freundinnen eine gesangliche Wahrsagungssitzung arrangiert, wie dies bei Hochzeitsfesten üblich ist. Die eine sagt dabei: ›Der erste Gesang ist für mich!‹ Eine andere sagt: ›Ich nehme den zweiten für mich!‹ und so weiter. Jede von ihnen nimmt dann die Worte jenes Gesanges als weissagend für sich in Anspruch. Als ich eintrat, rief ich: ›Die Braut nimmt den fünften Gesang für sich in Anspruch!‹ Und als dieser fünfte Gesang begann, näherten alle ihre Ohren dem Belum, um nur ja kein Wort der Weissagung zu verlieren. Der unsichtbare Sänger aber sang mit vernehmlicher Stimme: ›Ich bin die Liebe! mein Gefühl ist zu heiß, Wenngleich es nur bis in die Seele dringt. Mein ganzes Leben reicht nicht hin, die Wunde zu schließen, die ich erhalten, Ich schwinde dahin, doch meiner Schritte Spur bleibt ewiglich! – Ich bin die Liebe, mein Gefühl ist zu heiß!‹ – Mit schmelzender, hinreißender Stimme hatte der Sänger die Strophe gesungen. Ich war dorthin gekommen, um mich, gleich den übrigen, zu erheitern, denn gewöhnlich klingen diese Weissagungen sehr komisch und werden mit hellem Gelächter empfangen. Diesmal aber lachte keine der Anwesenden, und alle blickten mich besorgnisvoll an. Mir aber erschien es nicht mehr so wie frühmorgens, daß heute meine Jugend begraben werde. O nein! Auf irgendeine Weise werde ich mich von dem Manne trennen, dem man mich auslieferte, und ich werde ein anderes Leben beginnen, gleichviel wo? ... Und dann werde ich die Liebe finden, deren Gefühl zu heiß ist! ... Und nun erschien mir alles wie verwandelt in diesem Saal. War es die ermüdende Anstrengung des Tages oder was sonst? Genug, in meinem Kopfe drehte sich alles; ich sah nichts mehr von dem, was mich umgab. Mir war auch alles gleichgültig, weil ich fühlte, daß ich einst auf meinem Lebenswege die Liebe finden werde ... gleichviel, ob ich daran sterben müsse! ... Später, wie lange Zeit inzwischen verging, weiß ich nicht, trat meine Cousine Djavide, dieselbe, die am Morgen ihr Glück auf meinen Kopf übertragen hatte, an mich heran und sagte: ›Wie? Du bist ganz allein? Alle anderen sind in den Speisesaal hinabgegangen, wo sie Dich erwarten.‹ ›In der Tat‹ erwiderte ich, ›der Saal ist leer; ich habe nichts davon bemerkt.‹ Djavide hatte den Neger mitgebracht, der meine Schleppe tragen und mir Platz verschaffen sollte in dem Andrange der Menge. Sie nahm meinen Arm und während wir die Treppe hinunterschritten, fragte sie mich leise: ›Ich bitte Dich, sage mir die Wahrheit! An wen dachtest Du, als ich Dich so einsam antraf?‹ ›An André Lhéry!‹ erwiderte ich ebenso leise. ›An André Lhéry?‹ rief sie lachend. ›Bist Du närrisch, oder willst Du Dich lustig machen über mich?... An André Lhéry ... Dann wäre es also wahr, was man mir von Deiner sonderbaren Grille erzählte? ... Nun, mit dem ist wenigstens eine Zusammenkunft nicht zu befürchten. Ich aber an Deiner Stelle würde noch Besseres erträumen. Man sagte mir nämlich, daß man auf dem Monde reizende Männer fände. Das solltest Du Dir einmal überlegen. So ein ›Mondmann‹ wäre, wie mir scheint, für eine kleine Schwärmerin wie Du bist ganz geeignet!‹ Wir hatten noch etwa zwanzig Stufen hinabzusteigen bis zum unteren Stockwerk, wo uns alle mit Spannung erwarteten. Glücklicherweise mußte ich über den ›Mondmann‹ der guten Djavide herzlich lachen, und da diese in mein Gelächter einstimmte, so gelangten wir beide in einer dem ›freudigen Feste‹ angemessenen Stimmung im Speisesaal an. Auf meine Bitte war eine besondere Tafel aufgestellt für die Jugend. Fünfzig Hochzeitsgäste unter fünfundzwanzig Jahren, eine immer reizender als die andere, umringten dort die Braut. Das Tafeltuch war bedeckt mit weißen Rosen. Unter den jungen Türkinnen an meiner Tafel befanden sich einige Damen des kaiserlichen Palastes, die ›Saraylis‹, Zirkassierinnen, berühmt wegen ihrer wunderbaren Schönheit; auch andere Zirkassierinnen, die aus den Bergen stammten, Töchter von Landleuten oder Hirten, als kleine Kinder wegen ihrer Schönheit angekauft. Nachdem sie einige Jahre in den Serails als Sklavinnen gedient hatten, wurden sie plötzlich große Damen durch ihre Verheiratung mit irgendeinem Kammerherrn. Man muß gestehen, daß sich diese schönen Emporkömmlinge in ihren eroberten Stellungen mit vielem Takt und bewundernswerter Sicherheit zu benehmen und zu behaupten wissen. Diese und Tausende ihrer jugendlichen Landsmänninnen, die im Laufe der Jahre nach der Residenzstadt verkauft werden, sind es, die den Schatz ihres reinen Blutes der abgestumpften eingesessenen Bevölkerung zuführen. Unter den Tischgenossen herrschte Fröhlichkeit; heitere Gespräche und ausgelassenes Gelächter wechselten unaufhörlich miteinander ab. Für uns Türkinnen ist ein Hochzeitsmahl stets eine Gelegenheit, die Sorgen für einige Zeit zu vergessen oder doch zu betäuben. Wir sind übrigens von Natur heiteren Charakters und überlassen uns gern den harmlosesten Vergnügungen. Sagte doch eine Dame, die der Französischen Botschaft angehörte, eines Tages, als sie im Begriffe stand, nach Paris zurückzukehren, zu mir: ›Niemals mehr in meinem Leben werde ich so harmlos und so herzlich lachen wie in den Harems von Konstantinopel!‹ Nachdem das Hochzeitsmahl durch einen zu Ehren der Braut in Champagner ausgebrachten Toast beendigt worden war, schlugen einige der jungen Damen meiner Tafelrunde vor: das türkische Orchester sich ausruhen zu lassen und selbst europäische Musik zu machen. Leider mußte ich aber errötend gestehen, daß sich in meiner Wohnung kein Piano befindet! Allgemeines Erstaunen unter den Anwesenden und Mienen des Bedauerns, als wollte man sagen: ›Arme Kleine! Der junge Ehemann muß ja ein wahrer 1320er sein‹ ... Das Leben in diesem Hause verspricht ja recht ergötzlich zu werden!‹ Es ist 11 Uhr abends. Man vernimmt von der Straße her das ungeduldige Stampfen und Schnauben der mutigen Pferde vor den prächtigen Kutschen, und die steile alte Straße ist angefüllt von Negern in Livree, mit Laternen in den Händen. Die Eingeladenen nehmen ihre Schleier um und bereiten sich zum Gehen. Die Stunde ist allerdings schon sehr vorgerückt für Muselmaninnen, und ohne den ausnahmsweisen Umstand einer großen Hochzeit befände sich auch keine von ihnen mehr außerhalb ihrer Behausung. Man beginnt Abschied zu nehmen, und die Braut, fortwährend aufrechtstehend, muß sich bei jeder Dame bedanken, die ›so gnädig gewesen, dieser bescheidenen Zusammenkunft beizuwohnen‹. Als meine Großmutter sich mir nähert, um sich zu verabschieden, sagt ihre zufriedene Miene deutlich: ›Endlich haben wir dieses eigensinnige Persönchen verheiratet! Welch gutes Werk!‹ ... Alle gehen fort, mich allein lassend in meinem neuen Gefängnis. Jetzt habe ich nichts mehr, um mich zu betäuben, es bleibt mir nur die Gewißheit der Erfüllung des Unvermeidlichen. Zeyneb und Mélek, meine geliebten kleinen schwesterlichen Freundinnen, die zuletzt zurückblieben, nähern sich mir nun, um mich zu umarmen. Wir wagen nicht, einen einzigen Blick miteinander zu wechseln, aus Furcht vor Tränen. Auch sie gehen, ihre Schleier über die Gesichter fallen lassend. – Es ist alles zu Ende! – Ich fühle mich vereinsamt, wie in einem finsteren Abgrunde. Aber heute abend habe ich den Willen, mich daraus zu befreien. Gefaßter als morgens früh bin ich zum Kampf bereit, denn ich hörte den Ruf der Liebe, deren Gefühl zu heiß ist, um jemals wieder zu verschwinden! ... Man benachrichtigt mich, daß der Bei, mein Gemahl, oben im blauen Salon seit einigen Minuten auf das Vergnügen wartet, mit mir plaudern zu dürfen. Er kam von Khassim-Pascha zurück, von meinem Vater, bei dem ein Herrendiner stattfand. Wohlan! Auch mir liegt daran, ihn wiederzusehen, um ihm die Stirn zu bieten. Ich werde ihm lächelnd entgegentreten, mit List gewappnet, entschlossen, ihn in Staunen zu versetzen und ihn zu blenden ... aber die Seele erfüllt von Haß und Racheplänen!« So weit war die junge Frau mit dem Schreiben für ihr Tagebuch gekommen, als das Rauschen seidener Kleider dicht hinter ihr sie aufschreckte: ihre Schwiegermutter war auf leichten Sohlen ins Zimmer getreten, wie eine alte Katze unhörbar schleichend. Glücklicherweise konnte sie französische Schrift nicht lesen, überdies hatte sie ihr Augenglas mitzunehmen vergessen. »Nun, nun! liebe Kleine ... das heißt zu viel schreiben! Seit fast drei Stunden sitzen Sie an Ihrem Schreibtisch! Ich bin schon mehrmals auf den Zehenspitzen hergekommen. Unser Hamdi wird bald von Jildis zurückkommen, und Ihre schönen Augen werden völlig ermüdet sein bei seinem Empfange. Ruhen Sie sich ein wenig aus und schließen Sie diese Papiere bis morgen weg!« Das letztere ließ sich die Schreiberin nicht zweimal sagen, sie verschloß alles schleunig in den Tischkasten und drehte den Schlüssel zweimal im Schloß um; denn noch eine andere Person war soeben in der Zimmertür erschienen, eine, die Französisch verstand und einen durchdringenden Blick halte: die schöne Durdane (Perlenkern), eine Cousine Hamdis, vor kurzem von ihrem Manne geschieden und seit vorgestern hier im Hause zu Besuch. Ein zu hübsches Gesicht, mit rotgefärbten Augenlidern und ebensolchen Haaren; überdies hatte sie ein falsches Lächeln. In ihr hatte die Neuvermählte sofort eine Hinterlistige erkannt. Ihr brauchte man nicht erst zu empfehlen, ihr Aussehen zu pflegen für Hamdis Ankunft, denn sie war die Koketterie selbst, besonders vor ihrem schönen Cousin. »Schauen Sie, liebe Kleine,« fuhr die alte Dame zu ihrer Schwiegertochter fort, indem sie ihr ein etwas verblichenes Schmuckkästchen überreichte, – »ich habe Ihnen einen Schmuck aus meiner Jugendzeit mitgebracht; da er orientalisch ist, wird niemand sagen können, unmodern. Er wird sich sehr gut zu Ihrer heutigen Robe ausnehmen.« Es war ein antikes Kollier, das sie ihr sogleich um den Hals legte: Smaragden, deren Grün wirklich wundervoll übereinstimmte mit dem Rosa ihres Kostüms. »O, das kleidet Sie entzückend, mein liebes Kind! ... Unser Hamdi, der sich so vortrefflich auf Farben versteht, wird Sie heute abend unwiderstehlich finden!« Die Neuvermählte selbst wünschte, daß sie Hamdi gefalle, denn sie zählte auf ihre reizende Erscheinung als Hauptmittel des Kampfes und der Rache. Nichts demütigte sie jedoch so tief als die Narrheit ihrer Schwiegermutter, sie fortwährend zu schmücken oder zu putzen: »Liebe Kleine, stecken Sie doch jenes allerliebste Haarlöckchen, dort am Ohr, ein wenig höher; unser Hamdi wird Sie dann noch viel schöner finden!« ... »Liebe Kleine, stecken Sie doch diese Teerose in Ihr Haar; es ist die Lieblingsblume unseres Hamdi!« ... Fortwährend so, als Odaliske oder als Staatspuppe behandelt, zum besonderen Vergnügen des Gebieters! Mühsam ihre zornige Erregung unterdrückend, hatte sie kaum ihren Dank aussprechen können für das Smaragdkollier, als der diensttuende Neger meldete, daß der Bei schon in Sicht sei, daß er zu Pferde, ankomme und eben um die nächstgelegene Moschee biege. – Sogleich erhob sich die alte Dame und sagte zu ihrer Nichte: »Durdane! Für uns ist es Zeit, uns zurückzuziehen. Wir dürfen das neuvermählte Paar nicht stören!« – Und beide entflohen eiligst wie zwei Aschenbrödel. Aber Durdane drehte sich auf der Türschwelle noch einmal um und sandte der Zurückbleibenden zum Abschied ein herausforderndes Lächeln zu. Die Neuvermählte wendete sich zum Spiegel. Neulich hatte sie sich zu ihrem jungen Gatten ebenso weiß begeben wie ihr Brautkleid gewesen ... ebenso rein wie das Wasser ihrer Diamanten. Während ihrer vorhergegangenen, gänzlich den Studien gewidmeten Lebenszeit, fern vom Umgang mit jungen Männern, hatte nie ein sinnliches Bild ihre Einbildung auch nur gestreift. Aber Hamdis immer zunehmendes einschmeichelndes Benehmen, seine körperliche Nähe, seine Liebesbeteuerungen, begannen sie, gegen ihren Willen, in einer Weise körperlich zu erregen, wie sie es nie für möglich gehalten hätte. Von der Treppe her hörte man das Klirren eines Kavalleriesäbels; er war also angekommen und befand sich ganz in ihrer Nähe. Und sie fühlte, daß der Augenblick nahe sei, da sich zwischen ihnen jene innige Gemeinschaft bilden würde, die sie sich nur unvollkommen vorstellen konnte. Zum erstenmal empfand sie den bisher uneingestandenen Wunsch seiner Gegenwart. Aber die Scham über diesen Wunsch erweckte in ihrer Seele von neuem ein Gefühl der Empörung und des Hasses. 5. Drei Jahre später: 1904. André Lhéry, der in unbestimmter Weise, und mit Unterbrechungen, dem französischen Botschaftswesen angehörte, hatte nach längerem Zögern einen Posten nach Konstantinopel erbeten und für zwei Jahre erhalten. Wenn er gezögert hatte, so geschah dies zunächst, weil jede amtliche Stellung eine Kette bildet, ihm aber viel daran lag, frei zu sein; sodann auch, weil ihm zwei Jahre, fern von seinem Vaterlande, jetzt eine viel längere Zeit zu sein schienen als früher, wo sonst sein ganzes Leben noch vor ihm lag; endlich aber, und hauptsächlich, weil er fürchtete, von der neuen Türkei enttäuscht zu werden. Trotzdem hatte er sich dazu entschlossen; und an einem Tage im Monat März 1904, bei düsterem, winterlichem Wetter, hatte ihn ein Paketboot am Kai der einst von ihm so sehr geliebten Stadt ans Land gesetzt. In Konstantinopel dauert der Winter gewöhnlich sehr lange. An jenem Tage stürmte der Wind rasend und eisig vom Schwarzen Meere herüber, die Schneeflocken massenhaft vor sich hertreibend. In der widerwärtigen, vom Abschaum der verschiedensten Völkerschaften gefüllten Vorstadt, die dazu bestimmt scheint, den Neuankommenden zu raten, schleunigst wieder abzureisen, waren die Straßen nichts als Pfützen klebrigen Schmutzes, in welchem zerlumpte Levantiner und räudige Hunde umherstapften. André Lhéry, dem alle Illusionen schwanden, nahm, gepreßten Herzens, wie ein Gefangener, in einem Fiaker Platz, der ihn über kaum zu erklimmende Steigungen des Weges nach einem der elenden Gasthöfe, »Palace-Hotel« genannt, fuhr. – Pera, wo Lhérys Stellung ihn diesmal zu wohnen nötigte, ist eine jämmerliche Nachbildung europäischer Städte. Ein Meeresarm und einige Jahrhunderte trennen diese Stadt von dem großen, schönen Stambul der Moscheen und der Träume. Ungeachtet seines Gelüstes, lieber zu entfliehen, mußte Lhéry sich entschließen, in Pera zu bleiben und dort eine Wohnung zu nehmen. Im anspruchlosesten Stadtviertel ließ er sich hoch oben nieder, nicht allein um sich möglichst weit, wenigstens hinsichtlich der Höhe, von den eleganten »Pérotes«, die unten herrschten, zu entfernen, sondern auch um eine wundervolle weite Aussicht genießen zu können. Aus seinen Fenstern erblickte er das Goldene Horn mit dem vom Himmel sich abhebenden Schattenriß von Stambul und am Horizont die dunkle Linie der Zypressen der großen Friedhöfe, wo seit zwanzig Jahren unter einer gewiß längst zerbrochenen Steinplatte die unbekannte Zirkassierin schlief, die einst die Freundin seiner Jugend war. Das Kostüm der türkischen Frauen war nicht mehr das gleiche wie zur Zeit seines früheren Aufenthaltes, das fiel ihm sogleich auf. Anstatt des früher üblich gewesenen weißen Schleiers, der beide Augen sehen ließ und der »Yachmak« genannt wurde, an Stelle eines langen Mantels von heller Farbe, »Feradje« genannt, trugen sie jetzt den Tcharchaf, eine Art von Domino, fast immer schwarz, mit einem ebenfalls schwarzen Schleier, der über das Gesicht herabfällt, alles verdeckend, sogar die Augen. Zwar erhoben einige Frauen zuweilen den schwarzen Schleier und zeigten für einen Augenblick ihr Gesicht; es schien dies aber wie eine eigenmächtige Neuerung. Abgesehen von diesen Einzelfällen, waren die Frauen noch immer dieselben Gespenster, denen man überall begegnete, mit denen jedoch jeder, auch der geringste Verkehr, verboten ist, die man nicht einmal ansehen darf; dieselben Eingesperrten, von denen man nichts weiß, die Unkenntlichen, ... ja, man könnte sagen: die Wesenlosen!... Das ist aber eben der geheimnisvolle Reiz der Türkei. Durch eine Reihenfolge günstiger Zufälle, wie man solchen im Leben unmöglich zweimal begegnen kann, hatte André Lhéry einst, mit der Verwegenheit eines Kindes, das die Gefahr nicht kennt, sich einer Türkin so dicht, so innig nahen können, daß er ihr ein Stück seiner gefesselten Seele gelassen hatte. – Er dachte aber nicht daran, dieses mal ein solches Abenteuer zu wiederholen, und zwar aus tausend Gründen. Er ließ die Frauen an sich vorübergehen und betrachtete sie nicht anders, als man Schatten oder Wolken betrachtet. – Während der ersten Wochen blies der Wind unaufhörlich vom Schwarzen Meer herüber, und kalter Regen oder Schnee fiel in Unmassen nieder. Das wirkte nachteilig auf Lhérys Gemüt. Um ihn zu zerstreuen, lud man ihn zu Diners und Soupers sowie in die verschiedenen Clubs ein. Deshalb war er aber doch nicht nach dem Orient zurückgekommen; er fürchtete sogar, daß dieses fortgesetzte gesellschaftliche Leben und Treiben ihm den längeren Aufenthalt in Konstantinopel gänzlich verleiden würde, und er nahm sich vor, sobald als möglich wieder fortzugehen. An seinem Posten bei der Botschaft war ihm ohnehin wenig gelegen. Noch war ihm bis jetzt nicht so viel Zeit geblieben, um über die Brücke des Goldenen Horns bis nach Stambul zu gehen, der Stadt seiner Träume. Dies nachzuholen nahm er sich noch vor, ebenso wie eine Wanderung nach den dunklen Zypressen, nach dem Grabe seiner geliebten Redjibe, deren Andenken ihm stets heilig geblieben war. Der Tag, an dem er zum erstenmal wieder nach Stambul gelangte, war der trübste und kälteste des ganzen Jahres, obgleich man sich schon im Monat April befand. Dennoch fühlte sich André Lhéry, sobald er die Brücke überschritten hatte und sich im Schatten der großen Moschee befand, wie neugeboren. Die Erinnerungen aus früherer Zeit tauchten wieder in ihm auf, er kannte noch alle Straßen und Wege in Stambul, als hätte er es nie verlassen gehabt. Selbst die türkischen Worte, die ihm entfallen waren, fielen ihm wieder ein, und er setzte sie in seinen Gedanken zu ganzen Sätzen zusammen. Fast kam er sich lächerlich vor mit seinem hohen Zylinderhut in dieser Umgebung; er kaufte sich deshalb in einem der vielen Läden in der Hauptstraße einen Fes, der, wie gebräuchlich, erst genau für seinen Kopf hergerichtet wurde. Auch kaufte er ein Gebetbuch, um es in der Hand zu halten, damit er den Friedhofwächtern gegenüber als echter Orientale erscheine. Denn nun hatte er Eile, zu Redjibes Grab zu gelangen. Er nahm einen Wagen und rief, um seine Kenntnis der türkischen Sprache zu zeigen, dem Kutscher sehr laut zu: »E dirne kapoussouna guetur! « (Fahr mich nach dem Adrianopeler Tor.) Der Weg dorthin ist sehr weit; der Kutscher mußte fast ganz Stambul durchfahren, dessen Straßen oft so steil sind, daß die Pferde jeden Augenblick in Gefahr sind, auszugleiten und niederzustürzen. Zuerst kam man durch die belebtesten Straßen in der Nähe des Basars, den die Fremden viel besuchen, und wo ein ohrenzerreißender Lärm herrscht. Dann folgten die Steppen mit dem Plateau, von wo aus man auf alle Seiten Minaretts und Dome erblickt. Und dann folgend die von Gräbern, Leichenkiosks und Fontänen eingefaßten Avenuen, die noch ganz unverändert waren. Stambul bestand also noch immer. Und dadurch, daß er es ebenso wiederfand, wie es früher gewesen, fühlte sich André Lhéry, bebend unter einer wohligen Beklemmung, plötzlich in seine Jugend zurückversetzt; er kam sich vor, als lebe er nach langen Jahren des Selbstvergessens wieder auf. Je mehr man sich dem Adrianopeler Tor nähert, das nur zu den endlosen Friedhöfen hinausführt, desto stiller wurde die Straße zwischen alten vergitterten Häuschen, deren Mauern schon einzustürzen drohten. Die wenigen Bewohner, die sich zeigten, trugen noch die hergebrachte lange Robe und den Turban. Unter dem halb eingestürzten Bogen des Stadttors angekommen, lohnte Lhéry aus Vorsicht den Kutscher ab und ging allein nach dem Totenfeld hinaus, in das unermeßliche Reich der verlassenen Gräber und der hundertjährigen Zypressen. Rechts und links, in der ganzen Länge der kolossalen Mauer, die auch schon einzustürzen drohte, nichts als Gräber. Nachdem Lhéry sich überzeugt hatte, daß der Kutscher nach der Stadt zurückgefahren sei, und daß niemand ihm folge, schlug er einen Weg rechter Hand ein, der nach Eyoub hinabführte, fortwährend unter Zypressen mit schwarzem Laub. – Die türkischen Grabsteine haben die Form von Grenzpfählen mit aufgesetztem Turban und sehen von weitem aus wie menschliche Gestalten. Aber im Laufe der Zeit fallen diese Pfähle ganz oder teilweise ein, und dann nimmt der Friedhof das Aussehen eines Schlachtfeldes an. Diesen Eindruck gewann André Lhéry auf seinem Wege. Außer einem Hirten mit einigen Ziegen, drei alten Bettlerinnen und einem Trupp herrenloser Hunde begegnete ihm niemand. Nur von Zeit zu Zeit flog eine aufgeschreckte Rabenschar schreiend in die Höhe. Seinen einstmals zur Wiederauffindung des Grabes gemachten Aufzeichnungen folgend, forschte André Lhéry aufmerksam umher, und richtig fand er den Grabhügel seiner Nedjibe, die er in dem von ihm verfaßten Roman »Medje« genannt hatte. – Er war sicher, sich nicht zu irren, es mußte das gesuchte, ihm so teure Grab sein, obgleich es einem Trümmerhaufen ähnlich sah. Wie war aber diese Zerstörung in so kurzer Zeit möglich? so fragte er sich, denn es war kaum fünf Jahre her, daß er zum letzten Male hier gewesen. Die Steinplatten des Hügels lagen zerbrochen umher, und auf dem Gedenkstein konnte niemand mehr den Namen entziffern. Er hatte sich zuweilen einen Vorwurf daraus gemacht, von dem Lebensschicksal der Geliebten, wenngleich unter einem falschen Namen, in einem Buche gesprochen zu haben, das von vielen Tausenden gelesen wurde. Heute jedoch fühlte er sich glücklich, es getan zu haben, weil dadurch die Teilnahme für alle ihresgleichen erweckt worden war. Er bedauerte jetzt sogar, nicht ihren wirklichen Namen genannt zu haben; wer weiß, ob dann nicht so manche Türkin, die hier auf dem Gedenkstein ihren Namen gelesen, stehen geblieben wäre und der Verstorbenen eine Träne gewidmet hätte. Der elende Zustand des Grabes betrübte Lhéry tief, und er war sogleich entschlossen, dem abzuhelfen. Wohl wußte er, welche Schwierigkeiten das machen würde, denn in den Augen Rechtgläubiger galt es als Verbrechen, wenn ein Christ in einem heiligen Friedhofe das Grab einer Muselmanin berühren wollte; aber es mußte geschehen. Und er beschloß, noch so lange in der Türkei zu bleiben, wie notwendig sein würde, um seinen Plan auszuführen, sollten selbst Monate darüber vergehen. Er wollte erst abreisen, nachdem die zerbrochenen Steinplatten durch andere ersetzt und das ganze Grab dauerhaft wiederhergestellt sein würde. Bei seiner Rückkunft in Pera, am Abend, fand Lhéry in seiner Wohnung Jean Renaud vor, einen seiner Freunde aus der Botschaft, einen noch sehr jungen Mann, der hier alles bewunderte, und den er zu seinem Vertrauten gemacht hatte wegen ihrer gemeinsamen Vorliebe für den Orient. Er fand auch auf seinem Schreibtisch eine große Anzahl von Briefen aus Frankreich, darunter aber einen mit dem Poststempel »Stambul«. Diesen öffnete er zuerst; er lautete: »Mein Herr! Entsinnen Sie sich noch, daß eine Türkin einmal an Sie schrieb, um Ihnen mitzuteilen, welche Erregung in ihrer Seele erweckt wurde durch die Lektüre von ›Medje‹, – Sie gleichzeitig um eine von Ihrer eigenen Hand geschriebene, wenngleich nur kurze Antwort bittend? Dieselbe, inzwischen ehrsüchtig gewordene Türkin beansprucht heute noch mehr, sie will Sie selbst sehen, sie will den allbeliebten Verfasser jenes hundertmal und mit immer wachsendem Interesse gelesenen Buches persönlich kennen lernen. – Wollen Sie, daß wir uns am nächsten Donnerstag um zweieinhalb Uhr am Bosporus, auf der asiatischen Seite, zwischen Chiboukli und Pascha-Bagtsche begegnen? Sie könnten mich in dem kleinen Kaffeehause erwarten, das sich dicht am Meer befindet, genau am Ende der Bucht. In dunklen Tcharchaf gekleidet, werde ich in einem der kleinen Mietswagen, Talika genannt, ankommen und dort den Wagen verlassen. Sie können mir dann in einiger Entfernung folgen; warten Sie es aber ab, daß ich Sie zuerst anrede. Sie kennen unser Land wie unsere Gebräuche und wissen also, wieviel ich wage. Ich meinerseits weiß, daß ich mit einem Ehrenmann zu tun habe und vertraue auf Ihre Verschwiegenheit. Vielleicht aber haben Sie ›Medje‹ schon vergessen? Und vielleicht interessieren Sie deren Schicksalsschwestern gar nicht mehr? Wenn Sie jedoch in der Seele der heutigen ›Medjes‹ zu lesen wünschen, so antworten Sie mir poste restante Galata. Und dann: am Donnerstag! Madame Zahide.« André reichte den Brief seinem jugendlichen Freunde und öffnete dann die übrigen Briefe. »Nehmen Sie mich am Donnerstag mit!« bat Jean Renaud, sobald er den Inhalt des Briefes gelesen hatte. »Ich werde ganz artig sein,« fügte er in kindlichem Ton hinzu, »und sehr verschwiegen; nicht einmal aufblicken werde ich!« »Sie bilden sich also ein, Kleiner, daß ich dorthin gehen werde?« »Nun, gewiß! Sie wollten so etwas versäumen? – Nicht doch! ... Sie werden hingehen, nicht wahr?« »Nimmermehr! ... Das ist eine Falle! Die Schreiberin wird ebenso türkisch sein wie Sie und ich!« Wenn er sich so schwierig zeigte, so geschah dies ein wenig, um sich von seinem jungen Freunde nötigen zu lassen, denn im Grunde, obgleich er noch immer fortfuhr, die anderen Briefe zu öffnen, beschäftigten sich seine Gedanken, mehr als er es sich merken lassen wollte, mit dem Schreiben der sogenannten »Madame Zahide«. So unwahrscheinlich die Aufforderung zu dieser Zusammenkunft ihm auch klang, so empfand er doch denselben unerklärlichen Reiz, der ihn vor drei Jahren, beim Empfang des ersten Briefes der Unbekannten, antrieb, ihr zu antworten! – Im übrigen, wie sonderbar, daß diese Berufung auf »Medje« gerade heute an ihn gerichtet wurde, da er eben von ihrem Grabe kam, die Seele ganz erfüllt von der Erinnerung an die so früh verlorene Freundin! 6. Am Donnerstag, 14. April, lange vor der festgesetzten Stunde, nahmen André Lhéry und Jean Renaud vor dem kleinen Kaffeehause Platz, das sie ohne Mühe gefunden hatten, am Meeresrande auf der asiatischen Seite, eine Stunde von Konstantinopel, zwischen den von der geheimnisvollen Zahide bezeichneten beiden Dörfern. Es war dies einer der wenigen einsamen Punkte am Bosporus, der sonst überall von Häusern und Palästen umsäumt ist. Die Dame hatte gut zu wählen verstanden. Geradeaus eine einsame Wiese, einige mehrhundertjährige Platanen, und unweit davon von einem Hügel herab bis zum Meeresstrande sich senkend, eine vorspringende Spitze der kleinasiatischen großen Wälder, in denen noch Räuber und Bären hausen. André Lhéry und Jean Renaud befanden sich ganz allein vor dem baufälligen alten Häuschen, worin ein weißbärtiger, wortkarger Greis eine Kaffeewirtschaft betrieb, die aber augenscheinlich wenig besucht wurde. Die beiden Freunde erwarteten mit Ungeduld den Beginn des Stelldicheins, die Nargilehs rauchend, die der alte Türke ihnen brachte, erstaunt und fast mißtrauisch über den Besuch dieser beiden feinen Herren mit hohen Hüten, in seiner Hütte, die sonst nur von Hirten und Fährmännern besucht wurde. Noch dazu in dieser Jahreszeit und bei dem schlechten, windigen Wetter. »Es ist wirklich äußerst liebenswürdig von Ihnen,« sagte Jean Renaud zu Lhéry, »meine Begleitung angenommen zu haben.« »Sparen Sie Ihre Dankbezeigungen, Kleiner,« entgegnete jener. »Ich nahm Sie mit, um jemand zu haben, an dem ich meinen Unmut auslassen kann, wenn die Dame nicht kommt!« »O, dafür ist mir nicht bange!« sagte Jean Renaud mit schalkhaftem Lächeln, nachdem er einen Blick rückwärts in die Ferne geworfen. »Denn, sehen Sie nur, wenn mich nicht alles trügt, naht sich dort hinter Ihrem Rücken schon die Erwartete!« Mit einem Ruck wandte André sich um. In der Tat bog soeben eine Talika aus einem kleinen Gehölz hervor und kam, hin und her schwankend, auf dem holprigen Wege näher. Zwischen den vom Winde bewegten Vorhängen des Wagens bemerkte man im Innern mehrere weibliche Gestalten, völlig schwarz, die Gesichter mit einbegriffen. »Holla, das sind ja mindestens ein Dutzend!« sagte André unwillig zu seinem Freunde. »Können Sie das begreifen, daß man gleich truppweise zu einem Stelldichein kommt?« Inzwischen stand der Wagen im Begriff, bei dem Kaffeehäuschen vorüberzufahren, als eine weißbehandschuhte, kleine Hand sich aus der schwarzen Umhüllung hervorstreckte und ein Zeichen machte. »Es ist richtig,« sagte André, »aber es sind ihrer drei. Welch sonderbares Abenteuer!« Und Jean Renaud die Hand gebend, fuhr er fort: »Ich lasse Sie nun allein! Seien Sie vorsichtig, wie Sie es versprochen haben. Bezahlen Sie auch dem würdigen alten Wirt unsere Zeche, ... wie das Ihre Pflicht erheischt!« Sodann folgte er von weitem der Talika, die bald in einer einsamen Schlucht unter einer Platanengruppe anhielt. Drei schwarze Gestalten, schwarz vom Kopf bis zu den Füßen, sprangen behende aus dem Wagen hervor auf den grünen Rasen. Es waren zarte, schlanke Gestalten, unter deren schwarzen Umhüllungen seidene Schleppen hervorsahen. Alle drei setzten ihren Weg zu Fuß fort, unter dem Wehen des kalten Windes, vor dem sie häufig die Stirn beugen mußten. Sie verlangsamten allmählich ihre Schritte, als wollten sie André einladen, sich zu ihnen zu gesellen. – Man muß im Orient gelebt haben, um Andrés Erstaunen und seine Bewegung zu begreifen, indem er sich den Türkinnen näherte, da er doch seit langer Zeit gewöhnt war, diese Klasse von Frauen als durchaus unnahbar zu erachten! War es denn möglich? Sie hatten ihn herbestellt, sie erwarteten ihn, und sie wollten mit ihm sprechen?! Als die drei dicht hinter sich seine Schritte hörten, wandten sie sich nach ihm um. »Herr André Lhéry, nicht wahr?« fragte die eine mit ungemein sanfter, frischer, aber ein wenig schüchterner, zitternder Stimme. Als er statt aller Antwort sich bejahend verbeugte, fuhren unter den drei Tcharchafs drei weißbehandschuhte kleine Händchen hervor, die sich ihm darboten, und über die er sich nacheinander niederbeugte. »Sie haben mindestens doppelte Schleier vor den Gesichtern,« sagte sich André; »das sind drei Rätselbilder, drei unerforschliche Parzen!« »Entschuldigen Sie uns,« begann wieder die sanfte Stimme, die vorhin gesprochen, »wenn wir wenig sprechen oder Albernheiten sagen; ... wir sind halbtot vor Angst! ... Das merken Sie uns wohl an?« »Wenn Sie wüßten,« – sagte eine zweite Stimme, – »welche List wir anwenden mußten, um hierherkommen zu können; wieviel Neger und Negerinnen wir unterwegs beseitigen mußten ...!« »Auch dieser Kutscher,« – fiel die Dritte ein, – »den wir gar nicht kennen, kann uns ins Verderben bringen!« Ein allgemeines Schweigen folgte. Der eiskalt stürmende Wind hinderte alle am Atemholen und machte das Sprechen unmöglich. Dennoch gingen nun die vier gemeinsam weiter, als wären sie alte Bekannte, die einen gewohnten Spaziergang miteinander machten. Die, welche zuallererst gesprochen hatte, und welche die Anführerin des gefahrvollen Unternehmens zu sein schien, ergriff wiederum das Wort; nur um die peinliche Pause zu unterbrechen, sagte sie zu André: – »Sie sehen, wir sind unser drei hergekommen ... –« »Ja, das sehe ich!« erwiderte der Angeredete, der sich nicht enthalten konnte, zu lächeln. »Sie kennen uns nicht,« ergänzte jene, – »und doch sind Sie schon seit Jahren unser Freund!« »Wir leben mit Ihnen durch Ihre Bücher!« sagte die Zweite. »Und nicht wahr,« fragte die Dritte, »Sie werden uns sagen, ob die Geschichte der ›Medje‹ wahr ist?« Jetzt sprachen sie alle drei zu gleicher Zeit, als hätten sie Eile, viele Fragen während dieser Zusammenkunft zu tun, die, wie sie wußten, nicht lange währen konnte. Die Geläufigkeit, mit der sie sich in französischer Sprache ausdrückten, überraschte Lhéry ebenso sehr wie ihre mit Furcht gemischte Kühnheit. Da in diesem Augenblick der Wind den Gesichtsschleier der einen in die Höhe wehte, so gewahrte er ihr Kinn und einen Teil des Halses, deren untadelhaft schöne Form auf große Jugend schließen ließ. Wie sie alle drei zugleich sprachen, klangen ihre Stimmen wie Musik, und André, der sich schon gefragt hatte, ob er nicht durch drei Levantinerinnen getäuscht sei, zweifelte nun nicht mehr daran, es mit echten Türkinnen zu tun zu haben; der sanfte, zarte Ton ihrer Stimmen galt ihm als ein sicherer Beweis ihrer Abstammung: denn sobald drei »Pérotes« gleichzeitig sprechen, denkt man unwillkürlich an die Papageienabteilung eines zoologischen Instituts. Sich zu André wendend, sagte die, welche ihn schon am meisten interessierte: – »Vorhin habe ich wohl bemerkt, daß Sie lachten, als ich sagte: wir sind unser drei hergekommen; Sie hatten mich indessen nicht ausreden lassen. Ich wollte sagen, daß wir heute drei seien und daß, wenn Sie öfter unserer Aufforderung zu folgen geneigt wären, wir stets drei sein würden, da wir unzertrennlich sind. Nie aber werden Sie unsere Gesichter sehen; wir sind nichts als drei schwarze Schatten!« »Vielmehr: drei ›Seelen!‹« ergänzte eine andere. »Wir werden für Sie drei Seelen bleiben, ... drei arme, kummervolle Seelen, die Ihrer Freundschaft bedürfen.« »Es ist eigentlich unnötig, uns voneinander zu unterscheiden; aber wer weiß, ob Sie erraten werden, welche von uns an Sie geschrieben hat? Sie, die sich ›Zahide‹ nennt? ... Wohlan, sagen Sie, welche ist es?« »Sie selbst, Madame!« antwortete André ohne Zögern, So war es auch, und hinter den Schleiern ertönten Ausrufe des Erstaunens in türkischer Sprache. »Nun,« sagte Zahide, »da wir beide, Sie und ich, alte Bekannte sind, so ist es wohl meine Pflicht, Ihnen jetzt diese meine beiden Mitschwestern vorzustellen. Ist das geschehen, so haben wir alle gesellschaftlichen Formen, die hier zu beobachten wären, völlig erfüllt. So hören Sie denn! ... Der zweite schwarze Domino, hier, der größte an Gestalt, heißt ›Nechedil‹ – er ist boshaft. Der dritte aber, der sich eben abwendet, heißt ›Ikbal‹ – und ist tückisch: nehmen Sie sich vor ihm in acht! ... Ich bitte Sie nun, uns von diesem Augenblick an nicht mehr miteinander zu verwechseln!« Alle diese Namen waren selbstverständlich erborgt, was André sogleich durchschaute. In Wirklichkeit gab es ebensowenig eine Nechedil oder eine Ikbal, wie eine Zahide. Der zweite Tcharchaf verdeckte das regelmäßige, ernste Gesicht mit dem etwas träumerischen Blick Zeynebs, der älteren der beiden Cousinen der einstigen Braut. Der dritte Tcharchaf aber verbarg die kleine Stumpfnase und die großen lachenden Augen Méleks, der jungen Türkin mit den roten Haaren, die früher einmal über André Lhéry sich dahin geäußert hatte: »er müsse über die Jugendtorheiten schon längst hinaus sein!« – Allerdings eine in der Zwischenzeit durch frühzeitigen Kummer und durchweinte Nächte sehr veränderte Mélek, deren angeborenes, heiteres Temperament aber alle ihre Leiden überwunden und ihr fröhliches Lachen wieder erweckt hatte. – »Welche Idee machen Sie sich wohl über uns?« fragte Zahide nach einer Pause, die der Personenvorstellung gefolgt war. »Welche Art von Frauen sind wir? Welcher gesellschaftlichen Klasse gehören wir an? ... Bitte sprechen Sie!« »Du lieber Gott! Bestimmtes werde ich Ihnen darüber erst später sagen können. Aber ich will Ihnen nicht verhehlen, daß ich zu vermuten anfange, Sie seien keine Kammerfrauen.« »Ah! ... Nun, und unser Alter? Zwar hat das keine Bedeutung, da wir nichts als ›Seelen‹ sein wollen; indessen halten wir uns verpflichtet, Ihnen sogleich eine vertrauliche Mitteilung zu machen: – wir sind alte Frauen, Herr Lhéry, sehr alte Frauen!« »Das hatte ich bereits gewittert ...« »Nicht wahr?« fiel »Ikbal« (Mélek) ein, mit melancholischer Gebärde und gut nachgemachtem Zittern in der Stimme, »nicht wahr? Das Alter ›wittert‹ man, wie Sie sehr richtig sagen, immer sogleich, welche Mittel man auch anwenden möge, um es zu verbergen! ... Aber, bitte, sprechen Sie sich genauer aus; ... nennen Sie Zahlen, damit wir sehen, ob Sie ›Physiognom‹ sind ...?« Dieses Wort sprach sie wohl wegen des störenden Schleiers mit einer drolligen Betonung aus. »Zahlen wünschen Sie zu hören?« entgegnete André. »Würden Sie die Zahlen, die ich nennen müßte, auch nicht verletzen?« »O, keineswegs!« ... »Wir haben schon solange auf alles verzichtet!« ... »Sprechen Sie unbesorgt!« So riefen die drei durcheinander. »Nun denn! ... Sie erschienen mir gleich anfangs als Großmütter, im Alter von nicht weniger als ... achtzehn bis vierundzwanzig Jahren!« Alle drei lachten herzlich unter ihren Schleiern, ohne zu bedauern, daß ihr Scherz mit dem angeblichen Alter mißlungen war, aber auch ohne sich sonderlich geschmeichelt zu fühlen, da sie sich ja wirklich jung wußten. – Ungeachtet des immer stärker wehenden kalten Windes setzten die vier ihren Weg weiter fort wie alte Freunde. Sie tauschten jetzt ihre wirklichen Gedanken und Ansichten gegeneinander aus, und André erfreute sich an dem Verständnis, das seine jungen Freundinnen über alles offenbarten, worüber er zu ihnen redete; auch fühlte er sich schon ganz vertraut mit ihnen. In Begleitung ihres neuen Freundes und unter seinem Schutze wähnten sich die drei aus ihren Kerkern geflüchteten Damen schon ganz sicher, als sich plötzlich eine große Gefahr zeigte. An einer Windung des Weges, wenngleich noch etwas entfernt von ihnen, tauchten zwei türkische Soldaten auf, die augenscheinlich dienstfrei und auf einem Spaziergang begriffen waren, denn sie trugen Interimskleidung und hatten Stöcke in den Händen, mit denen sie in der Luft umherfuchtelten. Für die drei Flüchtlinge war dies die allergefährlichste Begegnung, denn die Soldaten sind im allgemeinen sehr strenggläubig, und sobald sie, empört über die drei Türkinnen in Gesellschaft eines Ungläubigen, Anzeige von dem machten, was sie gesehen, so liefen die Freundinnen die größte Gefahr. Die beiden Soldaten blieben stehen, blickten verdutzt auf die sonderbare Gruppe vor ihnen, sprachen einige Worte unter sich und liefen dann in höchster Eile auf dem Wege zurück, den sie gekommen waren; ohne Zweifel um Lärm zu schlagen oder bei der Polizei Anzeige zu machen. Aufs höchste erschreckt, sprangen die drei schwarzen Gespenster in ihren Wagen, der in gestrecktem Galopp mit ihnen davonjagte, auf die Gefahr hin, auf dem holprigen Wege in tausend Stücke zu zerbrechen. Jean Renaud, der die Szene von weitem gesehen hatte, war herbeigeeilt, um, wenn nötig, Hilfe zu leisten. Als die Talika aus dem Gesichtskreis entschwunden war, begaben sich die beiden Freunde auf einem Seitenwege nach der Straße, die sie nach Pera zurückführen sollte. Nachdem der erste Schreck überwunden war, wagte Jean Renaud, während die beiden Wanderer ruhig ihres Weges gingen, die schüchterne Frage: »Nun, wie sind sie?« »Verblüffend!« antwortete André. »Verblüffend? In welchem Sinne? ... Sind sie niedlich?« »Sehr! ... Doch nein, das Wort paßt nicht recht. Ihnen gebührt eine andere, eine ernstere Bezeichnung, denn sie sind ›Seelen‹, nichts als ›Seelen‹, wie es scheint.« »Seelen?« »Ja, lieber Freund, zum erstenmal in meinem Leben habe, ich mit Seelen gesprochen!« »Aber unter welcher menschlichen Form waren diese Seelen? ... Sind es denn ehrenhafte Frauen?« »O, was das betrifft: – es gibt nichts Ehrenhafteres unter der Sonne! ... Und wenn Sie sich etwa eingebildet hatten, es würde sich hier für mich ein Liebesabenteuer entwickeln, so haben Sie sich geirrt, mein junger Freund! Die Idee müssen Sie aufgeben.« – André beunruhigte sich sehr wegen der Rückkunft der drei Flüchtlinge. Er sagte sich: »Es war doch ein sehr befremdliches Unternehmen, das die armen kleinen Türkinnen da gewagt hatten, im offenen Widerspruch gegen alle Gebräuche und Gesetze des Islams! ... Aber im Grunde war das Ganze doch von lilienhafter Reinheit und Unschuld! – Ein Gespräch mit drei Frauen, ohne jede Zweideutigkeit; über Seelenangelegenheiten mit einem Manne zu sprechen, dem sie nicht einmal eine Ahnung über die Form ihrer Gesichter gewähren? ... Kann das ein Verbrechen genannt werden? ... Nimmermehr!« ... Er hätte viel darum gegeben, die armen Täubchen in Sicherheit, hinter ihren vergitterten Harem, zurückgekehrt zu wissen. Was aber konnte er versuchen, für sie zu tun? ... Fliehen, sich fernhalten, wie er es getan, ... weiter vermochte er nichts. Jede offene oder verdeckte Einmischung seinerseits konnte den armen Aufrührerinnen nur Schaden bringen. – 7. Am Abend des folgenden Tages ward in geheimnisvoller Weise bei André Lhéry nachstehender Brief abgegeben: »Gestern sagten Sie zu uns, daß Ihnen die jetzigen türkischen Frauen nicht bekannt seien; wir konnten es uns wohl denken, denn wer kennt uns denn überhaupt? Wer sind denn die Ausländer, die das Geheimnis unserer Seele hätten erforschen können? Leichter wäre es noch gewesen, ihnen unser Gesicht zu zeigen. Einige fremde Frauen sind zwar bis zu uns gelangt, aber sie sahen nur unsere Salons, die jetzt gänzlich nach der europäischen Mode eingerichtet sind; nichts als die äußere Seite unserer Lebensweise lernten sie allenfalls kennen und immer nur oberflächlich. – Wohlan! Wünschen Sie, daß wir Ihnen helfen, uns zu entziffern, wenn die Entzifferung überhaupt möglich ist? Wir wissen jetzt, nach gemachter Probe, daß wir Freunde miteinander sein können; denn unsere gestrige Zusammenkunft war eine Probe. Wir wollten uns überzeugen, ob sich noch etwas anderes als ein großes Talent hinter den schönen Formen Ihrer schriftstellerischen Werke befände. – Haben wir uns getäuscht, wenn wir uns einbildeten, daß gestern, als Sie sich von den fliehenden schwarzen Gespenstern trennten, sich etwas in Ihnen regte? ... Vielleicht Neugier, Mitleid oder Enttäuschung? ... Aber doch wohl nicht Gleichgültigkeit, wie solche nach einer gewöhnlichen Begegnung zurückzubleiben pflegt? Auch werden Sie sich gesagt haben, dessen sind wir sicher, daß diese vermummten Gestalten, ohne Form und Anmut, keine Frauen waren, wie wir selbst es Ihnen ja sagten, ... sondern Seelen, oder vielmehr ›eine Seele‹, die der neuen Muselmanin, deren Verstand sich freigemacht hat; ... sie leidet noch schwer, aber sie liebt die befreienden Leiden;... und wendet sich nun an Sie, ihren Freund seit gestern. Wollen Sie auch für die Zukunft ihr Freund sein, so müssen Sie lernen in ihr etwas anderes zu sehen, als den Gegenstand eines interessanten Reiseabenteuers oder eine hübsche Gestalt, die eine angenehme Erinnerung in Ihrem Künstlerleben bilden wird. Beachten Sie vor allem die ersten Schwingungen ihrer endlich erwachten Seele! ... ›Medje‹, Ihre Medje ist tot! Haben Sie Dank für die geistigen Blumen, mit denen Sie das Grab der einstigen kleinen Sklavin geschmückt haben. In den Tagen Ihrer Jugend pflückten Sie mühelos das sich Ihrer Hand darbietende Glück; aber eine Zweite, wie jene kleine Zirkassierin, die im ersten jugendlichen Liebesrausch sich Ihnen in die Arme warf, gibt es nicht mehr heutzutage, denn für jede Muselmanin ist jetzt die Zeit gekommen, wo die Liebe aus Naturtrieb oder aus Gehorsam der Liebe nach eigener Wahl weichen muß. Und auch für Sie ist es Zeit, die Liebe anders zu betrachten und zu schildern als von der romantischen oder von der leidenschaftlichen Seite. Versuchen Sie Ihr Herz dahin zu führen, daß es den tiefen Schmerz, den wir erdulden, mitzuempfinden vermag: den Schmerz, nur einen Traum lieben zu dürfen. Denn wir alle sind dazu verdammt, nur einen solchen zu lieben! Man verheiratet uns – Sie wissen ja, in welcher Weise –, und unser einigermaßen den europäischen Gebräuchen nachgebildetes Hauswesen, wie es nun schon seit einem Menschenalter bei uns eingeführt ist, wo sonst die Odalisken und die seidenen Diwans herrschten, ... beweist immerhin einen Fortschritt, der uns schmeichelt. Aber unser häusliches Leben steht jeden Augenblick in Gefahr, durch die Laune eines leichtsinnigen Gatten, der noch eine Fremde in sein Haus einführt, gestört zu werden. Man verheiratet uns also, ohne uns zu befragen. Zwar geschieht es zuweilen, daß der Mann, den der Zufall uns zuführt, sanft und gut ist, ... aber wir haben ihn uns nicht ausgewählt! ... Vielleicht gewöhnen wir uns mit der Zeit an ihn, ... aber dieses gewohnheitsmäßige Gefühl ist keine Liebe. – Und so entstehen in uns Gedanken, die uns häufig weit hinwegführen, nach einem Ziele, das niemand kennt, außer uns allein. – Wir lieben mit unserer Seele eine andere Seele; unser Gedanke richtet sich auf einen anderen Gedanken, unser Herz schließt sich an ein anderes Herz an. Und diese Liebe verharrt im Zustande eines Traumes, weil wir ehrbar sind, und weil uns dieser Traum zu teuer ist, als daß wir es sollten darauf ankommen lassen, ihn zu verlieren, ... indem wir. versuchten, ihn zu verwirklichen. Diese Liebe bleibt ebenso unschuldig, wie unser gestriger Spaziergang in Pascha-Bagtsche, ... als der Wind so arg stürmte. Dies ist das Geheimnis der Muselmanin in der Türkei im Jahre 1322 der Hegira. Unsere jetzige Erziehungsweise hat diese Entfaltung unseres Wesens herbeigeführt. – Diese Erklärung wird Ihnen vielleicht noch überspannter erscheinen als unsere gestrige Zusammenkunft. Wir freuen uns schon im voraus auf Ihr Erstaunen darüber. Anfänglich hatten Sie vermutlich geglaubt, daß man Sie foppen wolle. Sie sind aber trotzdem gekommen, jedoch noch unentschieden, ... geneigt, an ein Abenteuer zu glauben, es vielleicht sogar erhoffend? ... Sie erwarteten wohl gar eine Zahide, von gefälligen Sklavinnen begleitet, ... neugierig, einen berühmten Romandichter in der Nähe zu sehen? ... sie selbst aber nicht abgeneigt, ihren Schleier zu erheben? ... Und Ihnen begegneten ›Seelen‹! ... Diese Seelen werden Ihre Freundinnen sein, wenn Sie der ihrige zu werden verstehen. – (Gez.) Zahide, Rechedil und Ikbal .« Dritter Teil 8. Geschichte Zahides, seit ihrer Verheiratung bis zur Ankunft André Lhérys Die Zärtlichkeiten des jungen Beis, die ihr allmählich immer angenehmer wurden, hatten ihre Auflehnungspläne nach und nach eingeschläfert. Sich ihre Seele vorbehaltend, hatte sie ihren Körper dem schönen Gebieter hingegeben, obgleich dieser nichts war als ein verwöhntes großes Kind, das seine Eigenliebe unter vieler weltmännischer Anmut und schmeichlerischem Wesen verbarg. Bewahrte sie ihre Seele noch immer für André Lhéry auf? Sie wußte es selbst nicht genau, denn mit der Zeit hatte ihr das Kindische dieses Traumes nicht entgehen können; sie dachte von Tag zu Tag weniger an ihn. An ihr neues Kloster hatte sie sich bereits ziemlich gewöhnt, und das Leben würde ihr mithin ganz erträglich geworden sein, wenn nicht Hamdi, am Ende des zweiten Jahres der Ehe, auch noch Durdane geheiratet hätte, was ihn zum Gatten zweier Frauen machte, ein Verhältnis das gegenwärtig in der Türkei ganz ungewöhnlich ist. Um jeden widerwärtigen Zwischenfall zu vermeiden, hatte sie einfach die Erlaubnis erbeten und auch erhalten, sich auf zwei Monate nach Khassim-Pascha, zu ihrer Großmutter, zurückzuziehen, um sich zu beruhigen und sich über die neue Sachlage Klarheit zu verschaffen. Eines Abends war sie also in aller Stille abgereist, zu allem anderen eher entschlossen, als in dieses Haus zurückzukehren, um hier die Rolle einer Odaliske zu übernehmen, wozu man sie nach und nach erniedrigen wollte. Zeyneb und Mélek waren beide ebenfalls nach Khassim-Pascha zurückgekommen. Mélek war nach mehreren, unter Qualen und Tränen durchlebten Monaten endlich von einem unwürdigen, rohen Manne geschieden worden. Zeyneb wurde nach achtzehnmonatigem kläglichen Zusammenleben mit einem kranken, gebrechlichen Manne, der ihr in jeder Beziehung zuwider gewesen, endlich durch dessen Tod frei. Die drei Freundinnen, in ihrer ersten Jugend und fast zu gleicher Zeit in allen ihren Hoffnungen getäuscht und lebensmüde, schlossen sich nun in der gemeinsamen Trauer um so inniger aneinander. Die Nachricht von der Ankunft André Lhérys in Konstantinopel, welche die türkischen Journale brachten, setzte sie in größtes Erstaunen; mit einem Schlage war ihr bisheriger Gott von seinem hohen Fußgestell herabgestürzt. – Wie? André Lhéry war ein ganz alltäglicher Mensch, der eine unbedeutende Stellung bei einer Botschaft bekleidete? Er gehörte also einem bestimmten Stande an? und vor allem: er hatte ein gewisses Alter?! ... Und alsbald machte Mélek sich ein Vergnügen daraus, ihrer Cousine den Helden ihrer Träume als einen kahlköpfigen, mit einem ansehnlichen Bauch begabten, steinalten Greis zu schildern. Einige Tage später erzählte ihnen eine der englischen Botschaft angehörende Freundin, die Gelegenheit gehabt, mit Lhéry zusammenzukommen, über ihn. »André Lhéry ist im allgemeinen ein unausstehlicher Mensch, der jedesmal, wenn er den Mund öffnet, sich den Anschein gibt, als erwiese er einem damit eine Gnade. In Gesellschaften langweilt er sich und zeigt es unverhohlen. Aber kahlköpfig oder abgelebt ist er nicht, noch weniger mit einem Bauch begabt. Nein, gewiß nicht! Dagegen muß ich ihn in Schutz nehmen!« »Nun, und sein Alter?« »Ein Alter hat er überhaupt nicht. Das wechselt um zwanzig Jahre von einer Stunde zur andern. Mit der äußersten Pflege seiner Persönlichkeit gelingt es ihm noch, sich den Anschein der Jugend zu geben, besonders, wenn es einem gelingt, ihn zu belustigen, denn er hat ein herzliches, fast kindliches Lachen. Auch Augen eines Kindes hat er zuweilen; ich hatte Gelegenheit, ihn in solchen Fällen zu beobachten. Sonst aber ist er hochmütig, von sich eingenommen und schwebt halb im Monde. – Er hat sich seiner Sonderbarkeiten wegen hier schon einen recht ungünstigen Ruf gemacht!« Ungeachtet dieser Angaben hatten sich die drei Freundinnen nach reiflicher Ueberlegung entschlossen, das höchst gewagte Abenteuer, sich mit ihm in Verbindung zu setzen, zu unternehmen, schon um die zur Verzweiflung treibende Einförmigkeit ihres täglichen Lebens zu unterbrechen. Im Grunde ihrer Seelen verblieb trotzalledem viel von der Verehrung aus jener Zeit, wo er für sie ein Wesen war, das in den Wolken schwebte. Ueberdies sagten sie sich, um ihrem gefahrvollen Vorhaben vor sich selbst einen vernünftigen Beweggrund zu geben: »Wir wollen ihn bitten, ein Buch zu schreiben, zugunsten der türkischen Frauen der Gegenwart. Auf diese Weise können wir vielleicht Tausenden unserer Mitschwestern nützlich werden, die man unterdrückt hat wie uns!« ... 9. Seit dem tollen Streich von Tchibukli war ganz plötzlich der Frühling gekommen, dieser zauberhafte, aber nicht andauernde Frühling Konstantinopels. Der unaufhörliche, eisige Wind des Schwarzen Meeres hatte sich mit einem Schlage gelegt. Auf dem Bosporus, auf den Marmorkais der Paläste sowie auf den alten Holzhäuschen, die schon teilweise im Wasser liegen, brütete eine gewaltige Sonnenglut. Stambul nahm in der klar und durchsichtig gewordenen Luft wieder seine unsäglich orientalische Ruhe an; das träumerische und beschauliche türkische Volk begann wieder im Freien zu leben, vor den tausend kleinen, stillen Kaffeehäuschen sitzend, in der Umgebung der heiligen Moscheen, bei den Fontänen und unter den alten Platanen; in den Straßen strömten viele tausende Nargilehs ihren berückenden Rauch aus, und die Schwalben umschwärmten jubelnd ihre Nester. Die alten Grabmäler und die grauen Kuppeln, im Sonnenlicht gebadet, lagen in namenloser Ruhe da, die unzerstörbar und endlos zu sein schien. Und die ferne Küste Asiens, sowie das unbewegliche Marmarameer, das zuweilen durchblickte, strahlten im Glanz der Sonne. André Lhéry fand sich wieder zurecht, im türkischen Orient, mit vielleicht noch mehr Schwermut als zur Zeit seiner Jugend, aber auch mit ebenso großer Leidenschaft. Und eines Tages, als er im Schatten zwischen Hunderten von Träumern im Turban saß, weit von Pera und dem modernen Treiben, im Mittelpunkt, ja sogar im Herzen des fanatischen Alt-Stambul, fragte ihn Jean Renaud, der jetzt sein gewöhnlicher Begleiter war: »Nun? Haben Sie keine Nachrichten mehr von den drei kleinen Gespenstern von Tchibukli?« Man befand sich vor der Moschee Mehmed-Fatihs auf dem Großen Platz aus den früheren Jahrhunderten, den die Europäer sonst nie besuchen, und es war gerade die Stunde des Gebets, zu dem die Muezzins die Gläubigen riefen. »Sie meinen die drei jungen Türkinnen?« erwiderte André. »Nein, nichts seit dem von allen dreien unterzeichneten Brief, den ich Ihnen ja zeigte. Ich bin der Meinung, daß das Abenteuer beendigt ist, und daß die drei selbst nicht mehr daran denken.« Er nahm bei dieser Antwort eine gleichgültige Miene an, die Frage hatte indessen seine beschauliche Ruhe gestört; denn die ohne eine weitere Nachricht hingegangenen Tage erweckten in ihm die fast schmerzliche Idee, daß er wohl nie mehr Zahides so sonderbar sanft klingende Stimme hören werde. Die Zeit war vorüber, wo er sich des Eindrucks, den er zu machen vermocht, sicher fühlen konnte. Nichts beunruhigte ihn so tief, als der Verlust seiner Jugend, und er sagte sich voll Betrübnis: »Sie hatten mich für jung gehalten und schämen sich nun ihrer Täuschung!« Der letzte Brief schloß mit den Worten: »Wir werden Ihre Freundinnen, wenn Sie der unsrige sein wollen!« Gewiß, er verlangte nichts Besseres. Wo aber sollte er sie finden? Konnte er in dem großen Konstantinopel, wo man den Fremden stets mißtraut, nach drei Türkinnen suchen, von denen er weder die Namen noch die Gesichter kannte? – Das war einfach unmöglich. 10. An demselben Tage, zur nämlichen Stunde, rüstete sich die arme kleine Geheimnisvolle, die das abenteuerliche Unternehmen von Tchibukli geplant und geleitet hatte, – zum Ueberschreiten der gefährlichen Schwelle des Jildis-Palastes, um dort eine Rolle höchster Verzweiflung zu spielen. – In Khassim-Pascha, hinter den vergitterten Fenstern des Zimmers, das sie als junges Mädchen bewohnte, und das sie wieder eingenommen hatte, war sie augenblicklich sehr beschäftigt vor dem Spiegel. Eine Robe in Grau und Silber, mit Hofschleppe, am Tage vorher von Paris angekommen, das Werk eines der größten der dortigen Modisten, – kleidete sie wundervoll; sie schien darin noch schlanker als sonst, ihr Wuchs noch zarter und geschmeidiger. Sie wollte zu dem Besuch, den sie beabsichtigte, schön sein, und ihre beiden Cousinen, ebenso ängstlich wie sie selbst, über das, was geschehen werde, – halfen, in tiefem Schwelgen, sie zu schmücken. – Also, die Robe saß gut, die Rubinen paßten vortrefflich zu dem wolkenartigen grauen Ueberkleid des Kostüms. Man erhob die Schleppe durch ein am Gurt befestigtes Band, was in der Türkei eine Regel der Etikette ist, wenn eine Dame bei Hofe erscheint. Denn, obgleich die Courschleppe unbedingt erforderlich ist, so hat doch keine Dame, wenn sie nicht Prinzessin von Geblüt ist, das Recht, ihre Schleppe über die Teppiche des kaiserlichen Palastes schleifen zu lassen. Nun wurde das blonde Köpfchen noch mit dem Yachmak verhüllt, dem weißen Schleier aus Musselin, der für den Eintritt in den Jildis-Palast vorgeschrieben ist, wo keine Besucherin mit dem Tcharchaf empfangen werden würde. Endlich war es Zeit. – Nach den Abschiedsküssen ihrer Cousinen ging Zahide die Treppe hinunter und nahm sogleich Platz in ihrem schwarzen Coupé mit vergoldeten Laternen. Dann fuhr sie ab; an den Fenstern waren die Vorhänge heruntergelassen, und der unvermeidliche Eunuche thronte neben dem Kutscher. Der Grund zu dieser Ausfahrt der armen jungen Frau bestand darin, daß die ihr zu einem Aufenthalt bei ihrer Großmutter gewährten zwei Monate abgelaufen waren, und daß Hamdi jetzt gebieterisch verlangte, daß seine Frau zu ihm in die eheliche Wohnung zurückkehre, denn er hatte eingesehen, daß sie den eigentlichen Reiz seines Hauses bildete, ungeachtet der Herrschaft, welche die andere auf seine Sinne ausübte. Und er wollte sie beide besitzen. »Dann also die Scheidung um jeden Preis!« sagte sich die in ihrer Ehre gekränkte Frau. Wer aber sollte ihr dazu verhelfen? ... Ihr Vater, mit dem sie sich nach und nach wieder versöhnt hatte, würde sie gewiß Seiner kaiserlichen Majestät gegenüber beschützt haben, – aber ihr Vater schlief schon seit einem Jahr auf dem heiligen Friedhofe in Eyub. Ihre Großmutter war schon zu alt für solches Unternehmen und viel zu sehr 1320erin, um die Entrüstung ihrer Enkelin zu begreifen; denn zu ihrer Zeit fand man es ganz natürlich, daß in einem Hausstande zwei Frauen waren, oder drei, selbst vier! Warum auch nicht? ... Aus Europa war erst, ebenso wie der Unglaube und die Sprachlehrerinnen – die neue Mode gekommen, keine andere Frau neben sich zu dulden! ... In ihrer Verzweiflung hatte die jugendliche Frau den Entschluß gefaßt, sich der wegen ihrer großen Güte gerühmten Sultanin-Mutter zu Füßen zu werfen; und die nachgesuchte Audienz war ohne Zögern der Tochter des seligen Hofmarschalls Tewfik Pascha bewilligt worden. Nach der Einfahrt durch die große Umfassungsmauer in die Parks von Jildis gelangte das Coupé vor ein verschlossenes Gittertor, das in die Gärten der Sultanin-Mutter führte. Ein Neger öffnete das Tor mit einem kolossalen Schlüssel, und der Wagen, hinter dem ein Trupp von Eunuchen in der Livree der »Valide« herlief, um der Besucherin beim Aussteigen behilflich zu sein, fuhr durch blühende Alleen, um vor der Ehrenfreitreppe stillzuhalten. Die jugendliche Bittstellerin kannte bereits die Einführungsförmlichkeiten, da sie früher schon mehrmals zu den großen Empfängen der »Valide« am Beiramfeste hierhergekommen war. Im Vestibül fand sie, wie sie es erwartete, etwa dreißig kleine »Feen« – ganz junge Sklavinnen, Wunder an Schönheit und Grazie – gleichmäßig gekleidet wie Schwestern und in zwei Reihen aufgestellt, um die Ankommende zu empfangen. Nach einem großen Gesamtgruß umringten die kleinen Feen die Besucherin wie ein schmeichlerischer Vogelschwarm und entführten sie nach dem »Salon der Yachmaks«, wo jede Dame zuerst eintreten muß, um ihre Schleier abzulegen. In einem Augenblick, ohne ein Wort zu sprechen, nahmen ihr die Feen mit vollendeter Geschicklichkeit die Musselinhüllen ab, die mit unzähligen Nadeln befestigt waren. Nun war sie bereit. Nicht eine einzige Locke ihres Haares hatte sich verschoben unter dem Turban aus feinster durchsichtiger Gaze, der hoch auf dem Kopf als Diadem getragen wird und bei Hofe unerläßlich ist; nur die Prinzessinnen von Geblüt haben das Recht, ohne Turban zu erscheinen. – Ein Flügel-Adjutant begrüßte sie sodann und führte sie in den Wartesalon. Selbstverständlich war er weiblichen Geschlechts, dieser Adjutant, weil eine Sultanin keinen Mann in ihrem Dienst haben darf. Eine zirkassische Sklavin, von großer Gestalt und vollendeter Schönheit, wird zu diesem Dienst ausgewählt; sie trägt ein Wams von Militärtuch, mit Goldschnüren, eine am Gürtel aufgehobene lange Schleppe, und eine mit Goldtressen besetzte kleine Offiziersmütze. – Im Wartesalon leistete ihr vorschriftsmäßig die Schatzmeisterin während eines Augenblicks Gesellschaft: ebenfalls Zirkassierin, aber aus guter Familie, denn nur eine solche wird für einen so hohen Posten für würdig erachtet. Mit dieser, zur vornehmen Welt zählenden Dame mußte sie sich eine Zeitlang unterhalten. – Tödlich langweilig, alle diese Formalitäten; und ihre Hoffnung wie ihr Mut schwanden je länger, je mehr. Beim Eintreten in den so schwer erreichbaren Salon, in dem die Mutter des Kalifen sich befand, zitterte die Eingeführte wie im stärksten Fieber. – Ein mit gänzlich europäischem Luxus eingerichteter Salon; nur die wunderbaren Teppiche und die Inschriften aus dem Islam sind türkisch; ein heller, freundlicher Salon, von oben auf den Bosporus hinabschauend, den man, von Licht strahlend, durch die Fenstergitter erblickte. Unter fünf oder sechs Damen in Hoftracht saß die »Valide« in der Mitte des Hintergrundes, sich zum Empfange der Besucherin sogleich erhebend. Diese machte die gleichen drei großen Verbeugungen, wie sie vor den abendländischen Majestäten üblich sind; aber hier mit dem Unterschied, daß die dritte Verbeugung ein vollständiger Fußfall auf beide Knie wird. Den Kopf hielt sie bis zur Erde gebeugt, wie um den Kleiderrand der Fürstin zu küssen, die ihr indessen mit freundlichem Lächeln sogleich beide Hände reichte, um sie zu erheben. In der Nähe der Sultanin-Mutter befand sich auch ein junger Prinz, einer der Söhne des Sultans. Diese haben wie der Sultan selbst das Recht, die Frauen mit unverschleiertem Gesicht zu sehen. Ferner waren noch zwei Prinzessinnen von Geblüt anwesend, zarte, graziöse Gestalten, mit unbedeckten Köpfen und weitausgebreiteten Schleppen. Endlich waren noch drei Damen da mit kleinen Turbanen auf der blonden Haarfrisur, die Schleppen an den Gürteln befestigt: »drei Saraylis«, ehemals Sklavinnen dieses Palastes, durch ihre Verheiratung zu großen Damen geworden. Sie befanden sich seit einigen Tagen zu Besuch bei ihrer früheren Gebieterin und Wohltäterin, da sie das Recht erworben hatten, obgleich »Saraylis« von Geburt, zu jeder Prinzessin, ohne eingeladen zu sein, auf Besuch zu gehen, ebenso wie man zu seiner eigenen Familie geht. Es ist ein eigener Reiz fast aller wahren Fürstinnen und Prinzessinnen, sich einfach und entgegenkommend zu zeigen; aber ohne Zweifel übertrifft keine diejenigen von Konstantinopel an liebenswürdiger Einfachheit und Bescheidenheit. »Meine liebe Kleine,« sagte heiter die Sultanin im weißen Haar; – »ich segne den günstigen Wind, der Sie uns zuführte, und vergessen Sie nicht, daß wir Sie den ganzen Tag über hierbehalten. Wir werden Sie sogar bitten, uns ein wenig Musik zu machen; Sie spielen ja so entzückend.« Andere Schönheiten, die bisher noch nicht erschienen waren, junge Sklavinnen, denen die Pflege der Erfrischungen oblag, traten jetzt in den Salon; sie brachten auf goldenen Plateaus goldene Tassen mit Kaffee, Sirups verschiedener Art sowie goldene Schalen mit Rosenkonfitüren. Die Sultanin brachte inzwischen das Gespräch auf einige der Tagesfragen, die bis ins Innere der Serails einzudringen vermögen. Aber die Erregung der Besucherin verbarg sich nur unvollkommen; es drängte sie, zu reden und eine Bitte auszusprechen; das zeigte sich deutlich. Der junge Prinz zog sich mit liebenswürdiger Bescheidenheit zurück. Die Prinzessinnen und die schönen »Saraylis« gingen unter dem Vorwande, irgend etwas am Bosporus betrachten zu wollen, zu den ebenfalls vergitterten Fenstern eines Nebensalons. »Was ist Ihnen denn, mein liebes Kind?« fragte dann ganz leise die gütige Sultanin, mütterlich niedergebeugt über Zahide, die sich wieder auf die Knie niederließ. Die nächsten Minuten waren erfüllt von fürchterlicher, immer wachsender Angst, in der Zahide ihre verzweiflungsvolle Lage schilderte und ihr Anliegen vorbrachte. Und als sie dann, atemlos in den Zügen der Sultanin begierig nach der Wirkung ihrer vertraulichen Mitteilungen forschend, bemerkte, daß die Fürstin bestürzt vor sich niederblickte, da verlor sie alle Fassung. Die Augen der wohlwollend auf die Kniende niederblickenden Sultanin enthielten zwar keine Ablehnung, aber ihr Ausdruck schien zu sagen: »Die Scheidung? und überdies eine so wenig gerechtfertigte!? ... Welch schwere Aufgabe! ... Ich will es versuchen; ... aber unter den vorliegenden Umständen wird mein Sohn niemals seine Einwilligung geben!« .. Obgleich eine ablehnende Antwort nicht erteilt worden war, mußte Zahide sie doch schon erraten haben, denn plötzlich drehte sich alles um sie her, sie glaubte zu fühlen, daß die Teppiche und der Fußboden versänken; ... sie gab sich verloren, – als es plötzlich wie ein heiliger Schauer durch den ganzen Palast fuhr. Man hörte von der Vorhalle her eiliges Laufen, in den Gängen vor den Salons warfen sich sämtliche Sklaven zu Boden. – Ein Eunuche stürzte in den Salon und meldete mit einer Stimme, die infolge seiner Erregung noch schärfer klang als sonst: »Seine kaiserliche Majestät!« Kaum hatte er diesen Namen, vor dem sich alle beugten, ausgesprochen, als der Sultan auf der Türschwelle erschien. – Die noch immer kniende Bittstellerin begegnete einen Augenblick den fest auf sie gerichteten Augen des Gewaltigen, dann verlor sie das Bewußtsein und sank, bleich wie eine Tote, auf den Fußboden nieder. Der, welcher in der Tür erschien, war der für die Masse der Abendländer auf der ganzen Erde am wenigsten bekannte Mann: der Kalif, mit den übermenschlichen Verantwortlichkeiten, ... der in seiner Hand den ganzen unermeßlichen Islam hält, den er nicht allein gegen die Gesamtheit der christlichen Völkerschaften, sondern auch gegen den Feuerstrom der Zeit verteidigen soll, der Mann, der bis in die fernsten Tiefen der Wüsten Asiens »Der Schatten Gottes« genannt wird. An diesem Tage wollte er nur einfach seine verehrte Mutter besuchen, als er der Angst und der flehenden Bitte in dem brennenden Blick der knienden jungen Frau begegnete. Dieser Blick drang tief in sein geheimnisvolles Herz, das nur zuweilen die Last seiner schweren Pflichten und Würden verhärtet, das jedoch sonst den zartesten Gefühlen innigsten Mitleides zugänglich bleibt, so unbekannt dies auch sein mag. – Durch ein Zeichen empfahl er die am Boden liegende Bittstellerin seinen Töchtern, die noch in tiefer Begrüßung gebeugt stehend, das Umsinken der Ohnmächtigen nicht gesehen hatten. Die beiden Prinzessinnen erhoben eiligst die junge Frau und nahmen sie zärtlich in ihre Arme, als wäre sie ihre Schwester; ... und diese hatte ohne es zu wissen, durch den Blick ihrer Augen gesiegt. Als Zahide nach längerer Zeit wieder zu sich kam, war der Kalif schon wieder fortgegangen. Sich plötzlich des Vorgefallenen erinnernd, blickte sie scheu umher, noch zweifelnd, ob sie die Anwesenheit des Sultans nicht nur geträumt habe. Aber die Sultanin-Mutter reichte ihr beide Hände und sagte gütig lächelnd: »Beruhigen Sie sich, liebes Kind, und freuen Sie sich, mein Sohn versprach mir, morgen ein Irade zu unterzeichnen, das Sie frei macht.« Als Zahide dann die Marmortreppe hinunterging fühlte sie sich wie berauscht, aber auch so leicht, als hätte sie Flügel: ihr war wie einem Vogel, dessen Käfig man geöffnet. Und sie lächelte den kleinen Feen freundlich zu, die herbeieilten, um sie wieder mit dem Yachmak zu bekleiden und die im Umsehen auf ihrer Frisur und über ihr Gesicht das vorschriftsmäßige Bauwerk von weißer Gaze mit Hilfe von hundert Nadeln wiederherstellten. Nachdem sie ihr Coupé bestiegen hatte, und die mutigen Pferde stolz nach Khassim-Pascha zurücktrabten, fühlte sie, daß eine Wolke sich über ihre Freude legte. Sie war frei, ja; und ihr Stolz war gerächt; aber sie erkannte jetzt, daß ein nebelhafter Wunsch sie noch zu jenem Hamdi hinzog, von dem sie sich für immer befreit zu haben glaubte. – Aber mit sich selbst grollend, sagte sie sich alsbald: Das ist ein beschämender, unwürdiger Gedanke! ... Dieser Mann ist niemals zart noch treu gewesen, und ich liebe ihn nicht Er hat mich erniedrigt! Was ich auch sagen möge, ich gehöre mir nicht mehr vollständig an; denn diese Erinnerung schon bleibt ein Makel für mich. Und sollte später einmal ein anderer mir auf meinem Lebensweg begegnen, den ich lieben könnte, so bliebe mir nur meine Seele, die würdig wäre, sie ihm zu geben; und nie würde ich ihm anderes geben als das!« 11. Am folgenden Tage schrieb sie an André Lhéry: »Wenn am nächsten Donnerstag schönes Wetter ist, wollen wir uns dann in Eyub begegnen? Gegen zwei Uhr werden wir in einem Caique an den Stufen ankommen, die bis zum Wasser hinabsteigen, genau am Ende der mit Marmor gepflasterten Avenue, die zur Moschee führt. Von dem dort in der Nähe befindlichen kleinen Kaffeehause können Sie uns ankommen sehen; und, nicht wahr, Sie werden wohl Ihre neuen Freundinnen wiedererkennen, die drei kleinen armen schwarzen Gespenster von neulich? ... Da Sie so gern den Fes tragen, setzen Sie ihn bei dieser Gelegenheit auf; dann wird unser Vorhaben immerhin etwas weniger gefährlich sein. Wir werden geradeswegs nach der Moschee gehen und einen Augenblick dort eintreten. Erwarten Sie uns im Hofe und gehen Sie dann voraus, wir werden Ihnen folgen. Sie kennen Eyub besser als wir, suchen Sie dort einen Platz aus – vielleicht auf der Höhe des Friedhofes – wo wir ungestört plaudern können.« – Es war wirklich sehr schönes Wetter an jenem Donnerstag, unter einem etwas melancholischen blauen Himmel. Es war sogar plötzlich heiß geworden nach dem langen Winter, und die Wohlgerüche des Orients, die solange in der Kälte geschlummert hatten, waren überall neu erwacht – Für André Lhéry war die Anempfehlung, einen Fes aufzusetzen, um nach Eyub zu gehen, ganz unnütz, denn, in Erinnerung an die Vergangenheit würde er in diesem Stadtviertel, das einst das seinige gewesen, nie anders erscheinen wollen. Seit seiner diesmaligen Ankunft in Konstantinopel kam er jetzt zum erstenmal wieder hierher, und als er beim Verlassen des Caique den Fuß auf die Treppenstufen setzte, die noch immer die alten waren, erkannte er, tief bewegt, alles hier in diesem auserlesenen Winkel wieder, der noch von den Neuerungen verschont geblieben ist. Das alte kleine Kaffeehaus, aus wurmstichigem Holz auf Pfählen erbaut, die bis zum Wasser hinanreichten, hatte sich ebenfalls seit den früheren Zeit nicht verändert. André befand sich, wie gewöhnlich, in Gesellschaft Jean Renauds, der sich gleichfalls einen Fes aufgesetzt hatte, Ihm war befohlen worden, nicht zu sprechen, wenn er eintrat, um in dem antiken kleinen Saal Platz zu nehmen, der ganz offen der reinen, frischen Luft des Golfs zugewendet dalag. Auf den mit frischgewaschenem, feinem Kattun bezogenen niedrigen Diwans befanden sich einige schmeichlerische Katzen, die jetzt in der Sonne schliefen, und drei bejahrte Männer in langen Roben und mit Turbanen, die den blauen Himmel betrachteten. Ueberall in der Umgebung herrschte jene Unbeweglichkeit, jene Gleichgültigkeit gegen den Lauf der Zeit, jene weise Ergebung, die man nirgends findet als in den Ländern des Islam, in der einsamen Umgebung der heiligen Moscheen und der großen Friedhöfe. André setzte sich mit seinem Mitschuldigen bei den gefahrvollen Abenteuern auf die mit Kattun bezogenen Bänke, und bald mischte sich der Rauch ihrer Nargilehs mit dem der anderen Träumer. Diese nachbarlichen Raucher waren »Imams«, die sie auf türkische Art begrüßt hatten, sie mithin nicht für Fremde haltend, und André freute sich über diesen Irrtum, der seinen Plänen günstig war. Die beiden Freunde hatten dicht vor ihren Augen den kleinen Anlegeplatz der Barken, wo die drei Damen ankommen mußten. Dieser Punkt des Goldenen Horns ist wie das Ende der Welt. Von hier aus gelangt man nirgends hin; es gibt hier überhaupt keine Wege. Es hört tatsächlich alles auf, der Meeresarm sowohl als das vielbewegte Leben von Konstantinopel. Außer dem kleinen Kaffeehause, noch einigen zerstreut umherliegenden Häuschen aus Holz und einem alten Kloster der tanzenden Derwische ist sonst hier nichts zu finden. Die leichten Caiques, die von Zeit zu Zeit dort unten anlegten, kamen vom Ufer Stambuls oder von dem Khassim-Paschas und brachten Gläubige für die Moschee oder fromme Besucher der Gräber; auch zwei Derwische kamen an und einige fromme Greise mit grünen Turbanen. Endlich zeigte sich in der Ferne ein Caique, der schwarze Gestalten trug, die wohl die längst Erwarteten sein konnten. Richtig! Die Barke kam näher, landete, und es entstiegen ihr die nicht zu verkennenden drei schwarzen Gespenster, die auch die auf sie Wartenden erkannt hatten, sich aber ohne weiteres auf den Weg zur Moschee begaben, den sie langsam verfolgten. André hatte sich nicht von seinem Platz gerührt, sich auch nicht durch eine Miene verraten, daß die drei Gestalten ihn interessierten; kaum wagte er, sie auf ihrem Wege mit den Augen zu verfolgen. Erst nach längerer Zeit erhob er sich langsam und entfernte sich ohne Hast mit der gleichgültigsten Miene, um sodann den Weg nach der Moschee einzuschlagen und ihn ebenso langsam zu verfolgen wie seine drei Vorgängerinnen. Dieser mit weißem Marmor gepflasterte Weg, eine schöne Avenue der Toten, ist auf beiden Seiten eingefaßt, teils von Begräbniskiosken, eine Art Rotunden aus weißem Marmor, teils von Arkaden, die durch eiserne Gitter eingefaßt sind, hinter denen man mächtige Katafalke erblickt. Weiterhin sind ganze Reihen von Gräbern mit weißem Marmorschmuck und reicher Vergoldung. Dazwischen überall Blumen aller Art in großer Fülle, darunter besonders Rosen der seltensten Gattungen. Wenn man sich der Moschee nähert, so befindet man sich in einem grünen Halbdunkel, denn die Zweige der hohen Bäume bilden eine einzige große Wölbung. Bei seiner Ankunft im Hofe der Moschee fand André die drei Freundinnen noch nicht vor; er besichtigte zuvörderst den Hof, dessen hundertjährige Platanen einen recht wohltuenden Schatten verliehen, unter dem eine große Anzahl von Tauben und Störchen, ohne jede Scheu, auf dem Fußboden nach Nahrung umhersuchten, in welcher Beschäftigung sie von niemand gestört wurden. Endlich hob sich der schwere Vorhang, der den Eingang des Heiligtums verdeckt, und die drei Erwarteten traten heraus. »Gehen Sie voraus, wir werden Ihnen folgen,« hatte Zahide in ihrem Brief geschrieben; André ging deshalb aufs Geratewohl die unaufhörlich zwischen langen Reihen zahlloser Grabstätten führenden Wege entlang. Am Fuß des Hügels angelangt, begann er sogleich ihn zu besteigen. Einige zwanzig Schritte hinter ihm folgten die drei vermummten Gestalten, und viel weiter zurück Jean Renaud, der beauftragt war, Wache zu halten und nötigenfalls Warnungszeichen zu geben. Sie stiegen fortdauernd, ohne deshalb die endlosen Friedhöfe zu verlassen, die alle Anhöhen von Eyub bedecken, Bald aber eröffnete sich vor ihren Augen ein Bild, wie aus »Tausend und einer Nacht«: In weiter Ferne tauchte ein entzückendes Gesamtpanorama von Konstantinopel auf, das sie bewundernd betrachteten. Und sie stiegen immer weiter, bis zum Gipfel des Hügels, der ebenfalls mit Gräbern und Denkmälern dicht bedeckt war. Dort blieb André stehen, und die drei schwarzen Gestalten umringten ihn. »Glaubten Sie, uns noch einmal wiederzusehen?« fragten sie ihn fast gleichzeitig mit ihren bezaubernden Stimmen und reichten ihm ihre Hände, worauf André in etwas schwermütigem Tone antwortete: »Konnte ich wissen, ob Sie wiederkommen würden?« »Nun wohl,« sagte Zahide, – »hier sind wir, Ihre von Angst gequälten drei armen Seelen, die aber keine Gefahr scheuen! ... Wohin werden Sie uns führen?« »Ich denke, wir bleiben hier, wenn es Ihnen genehm ist? Sehen Sie, dieses Gräberviereck scheint wie geschaffen, um uns dort niederzusetzen. Ich erblicke niemand, auf keiner Seite. Auch habe ich ja den Fes auf; sollte jemand hier vorüberkommen, so sprechen wir türkisch; dann wird man glauben, Sie machten einen Spaziergang mit Ihrem Vater.« »Oho!« verbesserte Zahide lebhaft; »mit unserm Gemahl, wollen Sie sagen!« André dankte ihr lächelnd durch eine leichte Verneigung. In der Türkei, wo die Toten mit soviel Achtung umgeben sind, scheut man sich nicht, sich auf ihre Gräber und die Grabmäler aus Marmor zu setzen; viele der Friedhöfe werden wegen ihrer schattigen Alleen sogar zu Spaziergängen und als Erholungsorte benutzt. »Diesmal«, nahm Nechedil das Wort, – indem sie sich auf einen im Grase liegenden Marmorblock setzte, – »wollten wir Ihnen keinen so entfernten Ort, wie beim erstenmal, für unsere Zusammenkunft bezeichnen; Ihre liebenswürdige Höflichkeit wäre sonst vielleicht ermattet ...« »Für ein Abenteuer wie das unserige«, fiel Zahide ein, »ist Eyub vielleicht ein wenig schwärmerisch; aber Sie lieben ja diesen Ort, Sie fühlen sich hier fast wie zu Hause. – Auch wir lieben ihn und werden späterhin hier wirklich zu Hause sein ..., denn hier wünschen wir, wenn unsere Stunde gekommen sein wird, zu ruhen!« André blickte die Sprecherin und ihre beiden Cousinen mit großem Erstaunen an und dachte bei sich: »Ist es möglich, daß diese drei Frauen, deren neuzeitiges Wesen er bereits erkannt hatte, die ›Madame de Noailles‹ lasen und wie die jungen Pariserinnen zu sprechen wußten, daß diese Erzeugnisse des zwanzigsten Jahrhunderts berufen sein sollten, als Muselmaninnen aus hoher Familie einst in diesem heiligen Boden zu ruhen unter allen den Toten mit Turbanen aus den frühesten Jahrhunderten in einem jener Marmorkiosks, wo man ihnen wie die anderen an jedem Abend eine kleine Nachtlampe anzünden würde?! Also immer dieses Geheimnis des Islams, mit dem auch diese Frauen umhüllt blieben, selbst am hellen Tage, unter dem blauen Himmel und beleuchtet von den Strahlen der Frühlingssonne!?« Sie plauderten lange und lebhaft, auf den uralten Gräbern sitzend, unter den vielhundertjährigen Zypressen, mit Stämmen so dick wie die Kirchenpfeiler, deren Steinfarbe sie auch hatten, und mit ihrem wunderbaren dunklen Laubwerk, das zum blauen Himmel aufstrebte. Die drei kleinen Freundinnen waren heute förmlich heiter, weil sie sich freuten, glücklich entkommen zu sein, weil sie sich frei fühlten für einige Stunden, und vielleicht auch, weil die Luft so frisch und rein war, gemischt mit den Wohlgerüchen des Frühlings. In übermütigem Tone sagte Ikbal zu André: »Wiederholen Sie doch einmal unsere Namen, damit wir sehen, ob Sie sich nicht darin verwirren werden.« Und André, eine nach der anderen mit dem Finger bezeichnend, sagte, wie ein Schulkind, das seine Aufgabe geduldig herplappert: »Zahide, Nechedil, Ikbal!« »Ah! Gut behalten! ... Aber Sie müssen wissen, daß wir keineswegs so heißen.« »Das konnte ich mir denken; um so mehr, als ›Nechedil‹ zum Beispiel ein Sklavenname ist.« Die Sonnenstrahlen fielen jetzt voll auf die dichten Schleier, und André versuchte unter dieser scharfen Beleuchtung etwas von den Gesichtern zu erkennen; aber umsonst! – Bei seinen Forschungen fiel es ihm auf, daß die »Tcharchafs« nicht von feinster Seide und die Handschuhe nicht ganz neu waren, nicht ahnend, daß die Damen absichtlich diese Gegenstände gewählt hatten, um nicht aufzufallen. André sagte sich also: »Vielleicht sind die armen Kleinen doch nicht die feinen Damen, für die ich sie hielt?« Da fielen aber seine Augen auf ihre höchst eleganten Schuhe und die feinen seidenen Strümpfe. Und überdies: ihr ungezwungener Anstand und ihr hoher Bildungsgrad, von dem sie bereits Proben ablegten ...! »Haben Sie nicht«, fragte einer der drei, »seit unserem ersten Zusammentreffen Nachforschungen angestellt, um unsere Persönlichkeiten zu durchschauen?« »Solche Nachforschungen, selbst wenn ich sie hätte anstellen wollen, wären nicht so leicht gewesen. Mir ist die Sache an sich aber auch ganz gleichgültig. Ich habe mir drei reizende, liebenswürdige Freundinnen erworben; das weiß ich, und mit dieser Sicherheit begnüge ich mich.« Jetzt könnten wir«, sagte Nechedil zu ihren beiden Genossinnen, »ihm wohl sagen, wer wir sind? Er verdient unser Vertrauen.« »Nein!« fiel ihr André ins Wort, »ich sähe es lieber, wenn das nicht geschähe.« »Hüten wir uns auch, dies zu tun!« ergänzte Ikbal. »Unser kleines Geheimnis ist ja unser ganzer Reiz in seinen Augen! Gestehen Sie selbst, Herr Lhéry, wenn wir nicht verschleierte Muselmaninnen wären, wenn wir nicht bei jeder unserer Zusammenkünfte unser Leben aufs Spiel setzten, – und vielleicht auch Sie das Ihrige – würden Sie dann nicht sagen: ›Was wollen die drei Närrinnen von mir?‹ ... und würden nicht mehr wiederkommen?« »O nein ...!« »O ja! ... Das Unwahrscheinliche des Abenteuers und die damit verbundene Gefahr, das ist alles, was Sie anzieht!« »Nein, sage ich Ihnen! ... jetzt nicht mehr.« »Genug!« schloß Zahide, die sich noch gar nicht eingemischt hatte, – »erörtern wir diesen Umstand nicht weiter. – Aber, Herr Lhéry, ohne Sie in unseren Personenstand einzuweihen, erlauben Sie, daß wir Ihnen unsere wahren Namen nennen, unter Wahrung und Verschweigung unserer Standesverhältnisse. Mir scheint, daß uns dies noch mehr zu Ihren Freundinnen machen wird.« »Damit bin ich gern einverstanden,« entgegnete André. »ich hätte Sie schon selbst darum gebeten. Ein erborgter Name ist wie eine Scheidewand.« »So hören Sie denn: Nechedil heißt ›Zeyneb‹, der Name einer frommen und weisen Dame, die einst in Bagdad die Theologie lehrte; Ikbal heißt ›Mélek‹, das heißt ›Engel‹, es fragt sich nur, wie man es wagen kann, einen solchen Namen zu tragen, wenn man solch kleiner Dämon ist wie diese da? ... Was mich betrifft, Zahide, ich heiße‹›Djenane‹ (Die Vielgeliebte), und wenn Sie jemals meine Lebensgeschichte erfahren sollten, so würden Sie sich überzeugen, welcher Hohn in diesem Namen für mich liegt! – Wiederholen Sie also: – ›Zeyneb, Mélek, Djenane!‹« »Es ist unnötig; ich werde sie nicht vergessen. – Da Sie nun aber soviel getan haben, bleibt Ihnen noch übrig, mich über einen wichtigen Punkt zu belehren: wenn man zu Ihnen spricht, muß man Sie ›Frau‹ nennen oder wie sonst?« »Man muß uns nicht anders nennen als: Zeyneb, Mélek, Djenane.« »Indessen ...« »Mißfällt Ihnen das? Nun, wenn Sie darauf bestehen, so nennen Sie uns ›Frau‹, ... uns alle drei! ... Unsere ehelichen Beziehungen stehen jedoch bereits in vollem Widerspruch mit allen gesetzlichen Formeln. – Dennoch steht die Freundschaft zwischen Ihnen und uns stets in Gefahr, keine Fortsetzung zu haben. Wenn wir uns trennen, wissen wir nicht einmal, ob wir uns jemals wiedersehen werden! Warum also wollen wir uns nicht für die kurzen Augenblicke unseres Zusammenseins der Träumerei hingeben, daß wir Ihre nahen Freundinnen sind?« Dieser Vorschlag wurde in einer so vollkommen ehrenhaften, freimütigen Weise und in so zweifelloser Reinheit gemacht, daß André davon tief ergriffen und gerührt wurde. Er antwortete ihr: »Ich danke Ihnen von Herzen, und ich werde Sie nennen, wie Sie wünschen. Indessen bitte ich Sie, in Ihrer Anrede mir gegenüber auch das ›Herr‹ zu beseitigen.« »Und wie sollten wir denn sagen?« »Ich sehe keinen anderen Ausweg, als daß Sie mich kurzweg ›André‹ nennen.« Sogleich rief Mélek, die Vorlauteste der drei: »Für Djenane wäre es nicht das erstemal, – daß ihr das begegnete, ... müssen Sie wissen ...!« »Aber Mélek, ... ich bitte Dich ...!« »Laß mich es ihm nur erzählen! ... Ja, André, Sie können nicht ahnen, wie lange wir schon in seelischem Verkehr mit Ihnen leben; besonders Djenane, die schon als junges Mädchen in ihrem Tagebuch in Form von Briefen an Sie schrieb und Sie darin allezeit ›André‹ nannte.« »Hören Sie nicht darauf, Herr Lhéry! Sie übertreibt unverschämt, in ihrer Eigenschaft als Plaudertasche.« »So? ... Und das Photo ...!?« entgegnete Mélek rasch, von einem Gegenstand auf den anderen überspringend. »Welches Photo ...?« fragte André. »Das Ihrige mit Djenane, die ein solches zu besitzen wünscht. – Laßt uns schnell damit beginnen; eine so günstige Gelegenheit findet sich vielleicht nie wieder. Djenane, setz Dich neben André!« Djenane erhob sich mit der ihr eigenen geschmeidigen Grazie, näherte sich André und setzte sich neben ihn, ohne Miene zu machen, ihren Schleier zu erheben. »Wie?« rief André. »Sie wollen so bleiben? Ganz schwarz und ohne Gesicht?« »Allerdings! Als Schattenriß. Wie Sie wissen, bedürfen die Seelen keines Gesichtes.« Mélek hatte bereits unter ihrem Tcharchaf einen kleinen Kodak neuesten Systems hervorgenommen; sie hielt ihn in Gesichtshöhe: »Tack!« eine erste Aufnahme, »Tack!« eine zweite. – Aus Vorsicht wollte Mélek noch eine dritte nehmen, als alle zu ihrem größten Schreck eine rote Mütze und darunter ein martialisches Gesicht mit großem Schnurrbart zwischen den Grabstätten auftauchen sahen. Der Besitzer des Schnurrbartes blieb stehen, augenscheinlich höchst erstaunt, eine ihm unbekannte Sprache zu hören und Türken zu sehen, die auf einem heiligen Friedhof Photographien aufnahmen. Zwar ging er wieder fort, ohne ein Wort zu sagen, aber aus seinen Gesichtszügen konnte man die Drohung entnehmen: »Wartet nur! Ich komme wieder, und dann werden wir die Sache aufklären!« ... Gleichwie beim ersten Mal endete auch dieses Beisammensein durch eine schleunige Flucht der drei schwarzen Gestalten. Und es war die höchste Zeit, denn am Fuß des Hügels wiegelte jener Schnurrbärtige schon das Volk auf gegen die Schänder des heiligen Friedhofes. Eine Stunde später, als André und sein junger Freund, aus weiter Ferne spähend, sich versichert hatten, daß es den drei kleinen Türkinnen geglückt war, auf Umwegen eine der Anlegestellen des Goldenen Horns ungefährdet zu erreichen und einen Caique zu nehmen, – bestiegen auch sie beide an einer anderen Stelle eine Barke, um sich von Eyub zu entfernen. In vollkommener Sicherheit saßen sie, fast liegend, nach türkischer Art in dem kleinen Boot und ließen sich den Golf entlang fahren, der gänzlich eingeschlossen ist von Stambul, das zu dieser Abendstunde in voller feenhafter Beleuchtung erschien. Es gibt kaum eine zweite Stadt in der Welt, die ein ebenso schönes, großartiges Schauspiel zu bieten vermag wie Stambul, dicht vor Sonnenuntergang und nach demselben. Für André Lhéry waren solche Fahrten im Caique am Goldenen Horn entlang in früheren Zeiten ein Genuß gewesen, den er sich täglich verschafft hatte, sofern es die Jahreszeiten und die Witterung erlaubten. Deshalb trat auch jetzt die Erinnerung an jene längst vergangene Zeit und an seinen damaligen Umgang, besonders an seine liebreiche Jugendfreundin, mit größter Deutlichkeit vor seine Seele. Und ohne es sich selbst erklären zu können, verband er gewissermaßen die arme kleine Zirkassierin, die schon seit langen Jahren in ihrem jetzt so verfallenen Grabe schlief, ... mit dieser Djenane, die neuerdings in seinem Leben erschienen war. Fast hatte er das freventliche Gefühl, daß die letztere eine Nachfolge der ersteren bilden könnte, ja, er machte sich nicht einmal ein Gewissen daraus, beide miteinander zu verschmelzen.« Aber, fragte er sich, was wollten eigentlich diese drei kleinen Türkinnen von ihm? Und wie würde dieses reizende, obgleich so gefahrvolle Spiel enden? Während der beiden bisherigen Zusammenkünfte hatten sie doch nur recht Unbedeutendes miteinander gesprochen, dennoch fühlte er sich ihnen bereits durch aufrichtige Teilnahme verbunden. Vielleicht hatten dies ihre eigentümlichen Stimmen bewirkt? Vorzüglich die Djenanes, die einen Klang hatte, als käme sie von fernher, aus der Vergangenheit vielleicht; einen Klang, der sich wesentlich unterschied von den gewöhnlichen irdischen Tönen. Inzwischen war der »Caique« in den Teil des Goldenen Horns gelangt, in dem die altertümlichen Segelschiffe stets in gedrängter Menge ankern; buntbemalte hohe Kiele, ein unentwirrbarer Wald schlanker Masten, alle mit der Mondsichel des Islams auf ihren roten Flaggen. Der Golf begann sich nun in den breiteren Raum des Bosporus und des Marmarameeres zu eröffnen, wo die zahllosen Paketboote erscheinen. Und dann tauchte plötzlich die asiatische Küste in blendendem Glanz auf, und Scutari, mit seinen Minaretts und seinen Domen, rosenrot wie Korallen. Scutari bot, wie fast an jedem Abend, die Täuschung, als lodere ein gewaltiges Feuer in den alten asiatischen Stadtteilen. Wer dieses Schauspiel zum erstenmal sieht, ohne zuvor von dem Zusammenhang unterrichtet worden zu sein, glaubt sicherlich, daß alle jene Häuser im Innern in hellen Flammen stehen. 12. In der darauffolgenden Woche erhielt André Lhéry nachstehenden Brief: »Mittwoch, 27. April 1904. Wir sind nie so töricht wie in Ihrer Gegenwart, und hernach, wenn Sie nicht mehr da sind, möchten wir über unsere Dummheit weinen. – Schlagen Sie es uns nicht ab, noch einmal zu kommen, ein einziges und letztes Mal! ... Wir haben alles eingerichtet für Sonnabend, und wenn Sie wüßten, unter Anwendung welcher macchiavellistischen List! Es wird aber ein Abschiedszusammentreffen sein, denn wir werden verreisen. Ohne den Faden zu verlieren, merken Sie sich genau das Folgende: Sie kommen nach Stambul, vor Sultan-Selim. Dort werden Sie gegenüber der Moschee, zu Ihrer Rechten, eine kleine Straße sehen, die ganz verlassen erscheint, zwischen einem Derwischkloster und einem kleinen Friedhof. Sie gehen in diese kleine Straße hinein, die Sie nach etwa hundert Metern in den Hof der kleinen Moschee Tosshum-Agha führt. Gerade Ihnen gegenüber, bei der Ankunft in jenem Hof, ist ein großes, sehr altes Haus, das einstmals braunrot angestrichen war; umkreisen Sie es! Dahinter wird sich Ihnen eine etwas dunkle Sackgasse offnen, eingefaßt von vergitterten Häusern, mit hervortretenden, verschlossenen Balkons. Auf der linken Seite der Gasse, das dritte Haus, das einzige, das eine zweiflügelige Tür hat und einen kupfernen Klopfer, ... das ist das Haus, wo wir uns befinden und Sie erwarten werden. – Bringen Sie nicht Ihren Freund mit; kommen Sie allein, das ist sicherer. Djenane.« * »Von zweiundeinhalb Uhr an werde ich hinter jener halbgeöffneten Tür auf der Lauer stehen. Setzen Sie wieder den Fes auf und nehmen Sie, wenn es Ihnen möglich ist, einen mauerfarbigen Mantel um. Das ganz kleine Haus unserer letzten Zusammenkunft ist nur sehr bescheiden. Wir werden aber versuchen, Ihnen ein gutes Andenken an jene Schattenbilder zu lassen, die so rasch und flüchtig durch Ihr Leben gehuscht sind, daß Sie vielleicht schon nach einigen Tagen an deren Wirklichkeit zweifeln werden. Mélek.« »Wenngleich noch so leicht und flüchtig, es waren doch keine Federn, die der Wind Ihnen aus Laune zuwehte. Sie, als erster, haben gefühlt, daß auch eine arme Türkin eine Seele haben kann. Und dafür eben wollten wir Ihnen Dank sagen. Dieses ›unschuldige Abenteuer‹, so kurz und fast unwahrscheinlich, wird Ihnen keine Zeit gelassen haben, seiner überdrüssig zu werden. Es wird in Ihrem Leben ein Blatt ohne Rückseite sein. Am Sonnabend, bevor wir für immer verschwinden, werden wir Ihnen noch vielerlei sagen, wenn die Unterhaltung nicht wieder abgeschnitten wird, wie die von Eyub, durch Schreck und durch eilige Flucht. – Also, auf Wiedersehen, ›unser Freund‹! Zeyneb.« »Mich, die ich die große Strategin unserer Bande bin, hat man beauftragt, den schönen Plan zu zeichnen, den ich diesem Briefe beifüge, damit Sie sich aus dem Wirrsal herausfinden. Obwohl der Ort der Zusammenkunft ein wenig nach einer Mörderhöhle aussieht, so kann Ihr Freund doch ganz unbesorgt sein; es wird durchaus ehrlich und ruhig zugehen. Nochmals Mélek (die Schlaue).« * André antwortete darauf umgehend, poste restante , an »Zahide«: »29. April 1904. Uebermorgen, Sonnabend, um zweieinhalb Uhr, werde ich in der vorschriftsmäßigen Kleidung: Fes und mauerfarbigem Mantel, vor der Tür mit dem kupfernen Klopfer, mich den drei schwarzen Schattenbildern zu Befehl stellen. ›Deren Freund‹ André Lhéry.« 13. Jean Renaud, der ein böses Vorgefühl gegen das bevorstehende Abenteuer hegte, hatte vergeblich die Erlaubnis erbeten, mitgehen zu dürfen. Das einzige, was André ihm bewilligte, war, daß sie beide vor Beginn des Stelldicheins gemeinschaftlich ein Nargileh rauchen wollten an einem Platz, der ihm in früherer Zeit sehr wert gewesen war. Dieser Platz befand sich in Stambul, im Herzen der muselmanischen Stadtteile, und zwar dicht vor der großen Moschee Mehmed-Fatihs, die eine der heiligsten ist. Die Entfernung zwischen diesem Platz und dem Ort des Abenteuers betrug nur eine Viertelstunde Weges. Als die beiden Freunde nach einer langen und ziemlich beschwerlichen Wanderung an dem bezeichneten Platz anlangten, blieb ihnen noch eine volle Stunde für ihr Beisammensein übrig. Vor ihnen lag die kolossale, ganz weiße Moschee, deren Minaretts mit den goldenen Mondsicheln in die Unendlichkeit des tiefblauen Himmels hinaufstiegen. Rund um den großen Platz sind, wie in der Nähe aller Moscheen, eine große Anzahl kleiner Kaffeehäuser, von schweigsamen Träumern besetzt. Man kann aber auch im Schatten hoher Bäume, auf den dort aufgestellten mehr als einfachen Diwans niedersitzen und sein Nargileh im Freien rauchen. In den Zweigen der Bäume hängen Käfige mit verschiedenartigen Singvögeln, deren Gesang eine hübsche musikalische Unterhaltung gewährt. Die beiden Freunde setzten sich auf eine der im Freien aufgestellten langen Polsterbänke, wo die Imams ihnen durch Zusammenrücken in freundlichster Weise Platz machten. Alsbald fanden sich auch, wie üblich, kleine Kätzchen ein, die gestreichelt sein wollten. Sodann erschienen sehr hübsche junge Zigeunerinnen, die Rosenwasser verkauften und auch tanzten; sie lächelten bescheiden und ohne aufdringlich zu werden. Auf dem großen Platz gingen ganz schwarz verhüllte Damen vorüber, aber auch andere mit Damastschleiern von roter oder grüner Seide, mit Goldstickerei. Auch Araber vom Hedjas sah man, die in der Stadt des Kalifen zu Besuch waren, sowie Bettel-Derwische mit langen Haaren, die aus Mekka zurückkamen. Zwischendurch fuhr noch ein mindestens hundert Jahre alles Männchen für eine kleine Münze die türkischen Kinder in einer buntbemalten, auf Rädern festgenagelten alten Kiste, zweimal um den Platz herum, was den Kindern ungeheuren Spaß machte, obgleich das sonderbare Fuhrwerk auf dem holprigen Steinpflaster unter dem Jubel der Zuschauer ganz gefährliche Bockssprünge machte. – Die für den geheimnisvollen Besuch angesetzte Stunde nahte; André Lhéry verließ seinen Begleiter und machte sich allein auf den Weg nach dem Stadtviertel des Sultan-Selim, zu welchem Zweck er durch viele unschöne Straßen und Gassen gehen mußte. Unter den zahlreichen Moscheen Stambuls ist die des Sultans Selim eine der größten, deren Dome und Spitzen schon in weiter Ferne vom Meer aus gesehen werden; aber sie ist auch eine der abgelegensten und verlassensten. Auf dem Platze, der sie umgibt, sind keine Kaffeehäuser und keine träumenden Raucher; in seiner Umgebung war in diesem Augenblick überhaupt kein Mensch zu sehen. Auf der rechten Seite sah André sogleich die von Mélek bezeichnete kleine Straße, eine trostlose Straße, deren Steinpflaster völlig von Gras überwachsen war. Als er auf dem Platze der kleinen Moschee Tossun-Agha anlangte, bemerkte er auch das große alte Haus, das er »umkreisen« sollte, – vermutlich, weil es »verhext« war? Dann kam endlich die Sackgasse, noch düsterer als alles andere; mit dem Halbdunkel unter den alten vergitterten Balkons. »Der Ort sieht ein wenig nach einer Mörderhöhle aus,« hatte Mélek geschrieben ... und das war richtig. – Wenn man ein falscher Türke ist und auf unrechtem Wege sich befindet, so ist es etwas unheimlich, unter solchen Balkons hinzuwandeln, durch deren Vergitterung man von so vielen unsichtbaren Augen beobachtet werden kann. – André ging sehr langsam, betrachtete alles, ohne sich den Anschein zu geben, und zählte im stillen die verschlossenen Haustüren. – Die dritte zweiflügelige, mit einem kupfernen Klopfer? – Ah! Also diese hier! Soeben hat man sie ja auch halb geöffnet, und durch die Spalte kommt eine behandschuhte Hand hervor, die auf dem Holz der Tür leise trommelt; die kleine Hand trägt einen Handschuh mit mehreren Knöpfen und dürfte hier in dieser verrufenen Gegend schwerlich zu Hause sein. Wegen der etwaigen Beobachtung durch die Gitterfenster glaubte er keine Unentschiedenheit zeigen zu dürfen; er setzte deshalb den Klopfer in Bewegung und trat dann, als die Tür völlig geöffnet wurde, entschlossen ein. Die schwarze Gestalt, die dahinter gestanden, und die völlig Méleks Haltung hatte, verschloß die Tür hastig und schob zur Sicherheit noch einen Riegel vor, sodann sagte sie heiter: »Ah! Sie haben also wirklich gefunden?! ... Kommen Sie schnell! Meine Schwestern, die Sie schon erwarten, sind oben!« Er stieg eine dunkle Treppe mit ausgetretenen Stufen hinan, auf denen keine Teppiche lagen. Oben, in einem höchst einfachen, fast ärmlichen, kleinen Harem mit leeren Wänden, der durch die vergitterten Fenster in ein trübes Halbdunkel versetzt wurde, fand er die beiden anderen Schattenbilder, die ihm ihre Hände reichten. – Zum erstenmal in seinem Leben befand er sich in einem »Harem«, – eine Tatsache, die ihm bei seiner Vertrautheit mit dem Orient immer als eine Unmöglichkeit erschienen war. Er befand sich hinter den Gittern der Frauengemächer, diesen so eifersüchtigen Gittern, welche die Männer, mit Ausnahme des Gebieters, niemals anders als von außen sehen. – Und hier? ... Die Haustür ist fest verschlossen; ... und das geschieht im Herzen des alten Stambul? Und in welcher geheimnisvollen Wohnung? – Er fragte sich mit einem kleinen Schreck, der ihm so neu war und ihn deshalb förmlich amüsierte: »Und was tue ich hier?« Die ganze kindliche Seite seiner Natur, sein eifriger Wunsch, aus sich selbst herausgehen zu können, sich völlig zu ändern und noch einmal wieder jung zu werden, um nochmals lieben zu können, – schien ihm über alle Erwartung erfüllt zu sein! – – Und doch, ... sie glichen drei Gespenstern der Tragödie, die Damen seines Harems, ebenso tief verschleiert wie neulich in Eyub, und unerforschlicher als jemals. – Und was diesen Harem selbst betrifft, anstatt der orientalischen Pracht zeigte er nur eine verschämte Armut. Die Damen hießen ihn niedersitzen auf einem Diwan mit fadenscheinigem Bezug, und André ließ seine Augen in der Runde umherschweifen; dabei sagte er sich: »So arm sie auch sein mögen, die Damen dieses Hauses, sie haben doch Geschmack, denn bei aller Einfachheit blieb doch alles miteinander übereinstimmend und orientalisch.« »Bin ich hier bei Ihnen?« fragte er dann die Damen. – »O nein!« riefen sie alle drei zugleich und in einem Tone, dem man selbst unter den Schleiern hervor das Lachen anhörte. »Verzeihen Sie mir; meine Frage war albern aus verschiedenen Gründen; der erste ist: daß es mir völlig gleichgültig sein kann; ich bin mit Ihnen zusammen, – das übrige kümmert mich nicht!« Er beobachtete sie. Sie hatten dieselben, schon etwas abgetragenen Tcharchafs um wie früher; dabei aber war ihr Schuhwerk von höchster Eleganz, und da sie ihre Handschuhe ausgezogen hatten, sah man an ihren Fingern kostbare Ringe mit funkelnden Edelsteinen. »Was sind dies also für Frauen?« fragte er sich; »und was ist dies für ein Haus?« Djenane fragte ihn mit ihrer eigenartigen Stimme, die der einer verwundeten und im Sterben liegenden Sirene ähnelte: »Wieviel Zeit können Sie uns heute widmen?« »Die ganze Zeit, die Sie selbst mir widmen wollen!« »Wir haben etwa zwei Stunden, über die wir mit einiger Sicherheit verfügen können. Aber diese Zeit wird Ihnen vielleicht zu lang erscheinen?« Mélek brachte einen der kleinen runden Tische, die in Konstantinopel für Erfrischungen gebräuchlich sind, die man stets den Besuchern darbietet: Kaffee, Bonbons und Rosenkonfitüren. Das Tischtuch war von weißem Atlas mit Goldstickerei; natürliche Veilchen von Parma waren darüber gestreut; das Geschirr war aus Goldfiligran. – Und dies vervollständigte das Unwahrscheinliche des Ganzen. »Hier sind die Photos von Eyub!« sagte Mélek zu André, indem sie ihn in der Art einer kleinen Sklavin bediente, »aber sie sind mißlungen. Wir werden gleich heute von neuem damit beginnen ... weil wir uns ja nicht mehr wiedersehen werden. Hier ist zwar nur wenig Licht ... aber mit einer verlängerten Sitzung oder Stellung...« Dabei überreichte sie ihm zwei kleine undeutliche graue Bilder, worauf das Schattenbild Djenanes sich kaum abzeichnete, und André nahm die Bilder mit ziemlich gleichgültiger Miene in Empfang, ohne zu ahnen, welchen Wert er später einmal auf sie legen würde. »Ist es wahr, daß Sie verreisen werden?« fragte er dann. »Sehr wahr!« »Aber Sie werden wiederkommen? ... Und wir werden uns wiedersehen?« Woraus Djenane mit dem unbestimmten, fatalistischen Wort antwortete, das die Orientalen für alle Dinge der Zukunft anwenden: »Inch' Allah!« ... Würden sie wirklich verreisen, oder wollten sie nur dem gewagten Abenteuer ein Ende machen, aus Furcht vor dem vielleicht eintretenden Ueberdruß oder vor der fürchterlichen Gefahr? Und André, der im Grunde gar nichts Gewisses über sie wußte, erachtete sie fast wie flüchtige Erscheinungen, die er nicht zurückzuhalten oder wiederzufinden vermochte an dem Tage, wo ihnen die Laune vergangen sein würde, ihn wiederzusehen. »Werden Sie bald abreisen?« wagte er noch zu fragen. »In zehn Tage», ohne Zweifel.« »Dann bleibt Ihnen ja Zeit genug, mir noch einmal ein Zeichen zu geben!« Hierauf berieten sich die drei Cousinen leise in einer arabischen Sprache, die André nicht verstand, und schließlich sagten sie: »Wir werden versuchen, noch eine Zusammenkunft für den nächsten Sonnabend zu ermöglichen. Nehmen Sie unseren Dank dafür, daß Sie selbst diesen Wunsch äußerten. Wissen Sie aber auch, welche List wir anwenden müssen, um diesen Wunsch erfüllen zu können?« Wie es schien, eilte es mit der Aufnahme der Photos wegen eines Sonnenstrahls, der sich vom Fenster eines gegenüberliegenden Hauses, jedenfalls aber nur für kurze Zeit, im diesseitigen Fenster widerspiegelte. Es wurden daher schleunigst noch zwei Stellungen aufgenommen, und zwar wieder Djenane neben André, und auch wieder Djenane in ihrem schwarzen Traueranzuge und bei verschleiertem Gesicht. »Können Sie sich vorstellen,« sagte André zu den drei Vermummten, »wie fremdartig und peinlich es für mich ist, mit unsichtbaren menschlichen Wesen zu reden? Ihre Stimmen selbst sind gedämpft durch die unglückseligen dreifachen Schleier. In manchen Augenblicken ergreift mich sogar ein leichter Schauer vor Ihnen.« »Es war ja aber von Anfang an zwischen uns ausgemacht, daß wir für Sie nichts weiter als Seelen sein würden!« »Ganz recht; aber Seelen verständigen sich untereinander hauptsächlich durch den Einfluß der Augen. Ich jedoch vermag mir nicht einmal einen Begriff von Ihren Augen zu machen. Ich will ja glauben, daß sie frei und klar sind, wären sie aber auch schreckenerregend wie die Augen wilder Tiere, ich wüßte nichts davon. Ich bitte Sie, mir mindestens den Gefallen zu erweisen, mir Ihre entschleierten Bilder anzuvertrauen. Auf Ehre, ich gebe sie Ihnen sofort zurück, oder wenn uns irgendein Unglück voneinander trennen sollte, werde ich die Bilder verbrennen.« Jene drei überlegten, bei sich denkend: Wie? Sie sollten den muselmanischen Gesetzen zuwider ihre Gesichter einhüllen? Das wäre überdies unschicklich, und ihre Verbindung mit André würde dadurch nur noch strafbarer! – Endlich war es Mélek, die sich freiwillig ins Mittel legte, indem sie in einem etwas schalkhaften Ton, der zu denken gab, zu André sagte: »Unsere Photos ohne Tcharchaf oder Yachmak wünschen Sie zu erhalten? Gut! Lassen Sie mir nur die nötige Zeit zur Herstellung, und in der nächsten Woche sollen Sie sie haben. – Jetzt aber wollen wir uns alle sehen! ... Djenane hat das Wort; sie wird Ihnen eine große Bitte aussprechen. Zünden Sie sich eine Zigarette an, dann werden Sie weniger Langeweile haben.« »Ich spreche Ihnen diese Bitte«, begann Djenane, »sowohl in unserem Namen als in dem aller unserer türkischen Mitschwestern aus ... Uebernehmen Sie, Herr Lhéry, unsere Verteidigung;... schreiben Sie ein Buch zugunsten der armen Muselmaninnen des zwanzigsten Jahrhunderts, nach christlicher Zeitrechnung! ... Sagen Sie der Welt, da Sie es ja wissen, daß wir uns bewußt sind, eine ›Seele‹ zu besitzen, und daß es nicht mehr möglich ist, uns zu zerbrechen und zu vernichten wie einen Gegenstand! ... Wenn Sie das tun, dann werden wir viele Tausende sein, die Sie segnen! ... Wollen Sie es tun?« ... André schwieg eine Weile, wie jene drei es vorhin getan, als es sich um die Photos handelte. – Das Buch, das man von ihm zu erhalten wünschte, leuchtete ihm gar nicht ein. Auch hatte er sich vorgenommen, in Konstantinopel als Orientale zu leben, ... umherzustreichen, nicht aber ein Buch zu schreiben. – Schließlich sagte er zu ihnen: »Wenn Sie wüßten, wie schwer das zu erfüllen ist; was Sie von mir erwarten: ein Buch, das etwas beweisen soll?! – Finden Sie, die Sie behaupten, mich zu kennen und meine Werke aufmerksam gelesen zu haben, ... finden Sie, daß mir ein solches Buch zu schreiben möglich sein würde? ... Und überdies: kenne ich denn die Muselmanin des zwanzigsten Jahrhunderts?« »Wir werden Sie mit Stoff versehen.« »Sie verreisen ja.« »Wir schreiben Ihnen.« »O, was das betrifft; ... schriftliche Mitteilungen! ... Ich kann nie etwas einigermaßen gut erzählen, als was ich selbst gesehen und erlebt habe.« »Wir kommen ja wieder zurück!« »Dann werden Sie sich Widerwärtigkeiten aussehen. Man wird nachforschen, woher ich die Tatsachen erfahren habe, und man wird schließlich die Quelle entdecken.« »Wir sind bereit, uns für die gute Sache zu opfern! ... Welch besseren Gebrauch konnten wir von unserem armen, traurigen und zwecklosen Leben machen? ... Wir hatten die Absicht, uns alle drei der Unterstützung Armer und Elender zu widmen, ... Wohltätigkeitsanstalten zu gründen, wie dies die Europäerinnen tun; ... aber man hat uns die Erlaubnis verweigert. Wir sollen untätig und verborgen hinter unseren Gittern bleiben! ... Nein! ... Wir wollen Ihnen das Material für jenes Buch liefern, das soll unser Wohltätigkeitswerk werden, ... und um so schlimmer, wenn wir dabei unsere Freiheit oder das Leben verlieren müssen!« André versuchte, sich noch weiter zu verteidigen, indem er sagte: »Bedenken Sie auch, daß ich nicht unabhängig bin in Konstantinopel; ich bekleide einen Posten in einer Botschaft. Dazu kommt, daß ich von seiten der Türken eine so vertrauensvolle Gastfreundschaft genieße! Unter denen, die Sie Ihre Unterdrücker und Tyrannen nennen, habe ich Freunde, die mir lieb und wert sind!« »Ah! ... Ja, dann müssen Sie wählen! Wir oder jene! Ja oder nein! ... Entscheiden Sie sich.« »Wenn es so steht, ... dann wähle ich ... Sie, natürlich. Und ich gehorche!« »Endlich!« Und sie reichte ihm ihre kleine Hand, die er achtungsvoll küßte. Nun sprachen sie alle miteinander fast zwei Stunden lang, in einer scheinbaren Sicherheit, die sie bis dahin noch nicht gekannt hatten. »Sind Sie drei nicht vielleicht nur Ausnahmen?« fragte André, erstaunt über ihre hochgradige Empörung und Verzweiflung. »Nein, wir bilden die Regel! Nehmen Sie aufs Geratewohl zwanzig türkische Frauen aus der vornehmen Welt: Sie würden nicht eine einzige darunter finden, die nicht ebenso spräche wie wir! ... Als Wunderkinder geboren, zu Blaustrümpfen und Musikpuppen erzogen, Gegenstände des Luxus und der Eitelkeit für unseren Vater oder unseren Gebieter ... und später als Odaliske oder als Sklavin behandelt wie unsere Großmütter vor hundert Jahren! ... Nein, das können wir nicht länger ertragen! ...« »Hüten Sie sich wohl! Wenn ich nun Ihr Gegner würde? Ich, ein Mann der Vergangenheit? Wenn ich riefe: Nieder mit den fremden Erzieherinnen, den massenhaften Lehrerinnen und all den fremdsprachigen Büchern, die nur dazu geeignet sind, das Feld des menschlichen Elends zu erweitern! Zurück zu dem glücklichen Frieden der Voreltern?!« »Ja! Damit würden wir uns allenfalls abzufinden wissen, um so mehr, als eine Rückkehr unmöglich ist; man kann den Lauf der Zeit nicht zurückdrängen oder aufhalten. Die Hauptsache, damit man sich in Bewegung setze und Mitleid habe, besteht darin, daß man erfahre: Wir, die Frauen der Uebergangszeit zwischen denen der Vergangenheit und denen der Zukunft, wir sind Märtyrerinnen! Das ist es, was allen verständlich gemacht werden muß, und wenn Ihnen das gelingt, dann werden Sie unser aller Freund sein!« André ergötzte sich im stillen an dem Reiz ihrer Empörung und an dem Klang ihrer Stimmen, die aus Haß gegen die Tyrannei der Männer vibrierten. Die angebliche Sicherheit, in der sie sich hier befanden, war übrigens nur eine scheinbare, denn da das Haus in einer Sackgasse lag, so würde diese, im Halle einer Ueberraschung, eine vollkommene Mausefalle bilden. Auch horchten alle drei Schattenbilder, sobald sich etwas auf der Gasse rührte, gespannt auf. Einmal aber hatten sie einen heftigen Schreck: der kupferne Klopfer an der Straßentür wurde mit großer Gewalt in Bewegung gesetzt, so daß in der engen Gasse ein gewaltiger Widerhall entstand. Alle drei stürzten angstvoll an das Fenster, durch dessen Gitter sie nach der Ursache des Lärmes forschten. Unten vor der Tür stand eine Dame im Tcharchaf von schwarzer Seide; sie stützte sich auf einen Stock, und ihr Kopf war tief gebeugt von der Last der Jahre. Es ist nichts von Bedeutung,« sagte Djenane zu André, »der Fall war vorgesehen. Aber wir müssen die alte Dame hier eintreten lassen.« »Dann werde ich mich verstecken?« »Das ist nicht einmal nötig! ... Geh hinunter, Mélek, öffne ihr die Tür und sage ihr dann, was wir verabredeten. Sie wird nur hier durchgehen und nicht mehr zurückkommen. Bei Ihnen vorüberkommend, wird sie vielleicht auf türkisch fragen: Wie geht's dem kleinen Kranken? worauf Sie nur zu antworten brauchen, natürlich ebenfalls auf türkisch: Es geht ihm viel besser seit gestern früh!« Bald darauf trat die alte Dame ein, das Gesicht mit dem Schleier verhüllt; mit dem Stock auf dem Teppich vorsichtig tappend; sie unterließ nicht, im Vorübergehen André zu fragen: »Nun, geht's ihm besser, dem lieben Burschen?« »Viel besser, seit heute früh!« antwortete jener. »Gut, gut! Ich danke!« Dann verschwand sie durch eine kleine Tür im Hintergrunde des Gemaches. André verlangte keine weitere Erklärung. Er befand sich hier in einem richtigen orientalischen Märchen, und wenn man ihm gesagt hätte: »Eine Fee Carabossa wird unter dem Diwan hervorkommen, die Wand mit einem Zauberstab berühren und dieses Haus in einen prachtvollen Palast verwandeln,« – so würde er das ohne weiteres geglaubt haben. Nachdem die alte Dame verschwunden war, blieb man noch plaudernd beisammen; als aber die für die Zusammenkunft festgesetzte Zeit abgelaufen war, verabschiedeten die drei Cousinen André Lhéry mit dem Versprechen, daß man sich noch einmal wiedersehen werde, koste es, was es wolle. »Gehen Sie, lieber Freund, und verfolgen Sie den Weg bis zum Ende der Sackgasse; langsam und gemächlich; durch das Gitterwerk unseres Fensters werden wir alle drei die Würde Ihres Ausganges überwachen.« 14. Ein alter Eunuche überbrachte am folgenden Donnerstag, heimlich und stumm, an André die Ankündigung einer Zusammenkunft für den zweitfolgenden Tag, am nämlichen Ort und zur gleichen Stunde; und außerdem, sauber verpackt und festversiegelt, drei große Kartons. »Aha!« sagte er sich, »das sind die Photos, die sie mir versprochen haben!« Und in seiner Ungeduld, endlich ihre Augen kennen zu lernen, zerriß er den Umschlag. Es waren in der Tat drei Porträts, ohne Tcharchaf noch Yachmak, die Bilder gebührend unterschrieben in Türkisch und in Französisch: das eine: »Djenane«, das zweite: »Zeyneb« und das dritte: »Mélek«. Alle drei hatten sogar Toilette gemacht: schöne Gesellschaftsroben, ausgeschnitten, durchaus nach neuester Pariser Mode. Aber Zeyneb und Mélek waren vom Rücken aus gesehen, nur den Rand und die Kehrseite ihrer kleinen Ohren darbietend; während Djenane, die einzige, die sich von vorn zeigte, vor das Gesicht einen großen Fächer aus Federn hielt, der alles verdeckte, selbst die Haarfrisur. * Am Sonnabend, der alle vier zum zweitenmal in dem geheimnisvollen Hause versammelte, geschah nichts Tragisches, und keine Fee Carabossa erschien. »Wir sind hier«, erklärte Djenane, »bei meiner ehemaligen Amme, die mir niemals irgend etwas verweigert hat: das kranke Kind ist ihr Sohn; die alte Dame ist ihre Mutter, der Mélek Sie als einen neuen Arzt angemeldet hatte. – Verstehen Sie jetzt unsere Kabale? ... Ich mache mir aber doch ein Gewissen daraus, meine gute Amme eine so gefährliche Rolle spielen zu lassen; indessen, es ist ja heute unsere letzte Zusammenkunft!« – Sie unterhielten sich wieder zwei Stunden lang. Heute bestand volles Vertrauen, Einverständnis und Freundschaft, ohne Gewölk, zwischen André Lhéry und den drei Cousinen. Diese wußten viel von ihm aus ihrer Lektüre; da er aber fast gar nichts von ihnen wußte, so hörte er heute mehr zu, als daß er selbst sprach. – Zeyneb und Mélek erzählten von ihren unglücklichen Ehen und ihren hoffnungslosen Aussichten für die Zukunft. Djenane hingegen erzählte noch nichts Bestimmtes über sich selbst. André war ganz bezaubert von ihrer Jugend und der natürlichen Fröhlichkeit ihrer Rasse, die sich diese Frauen trotz ihrer trüben Lebensereignisse bewahrt hatten, und die jetzt deutlicher hervortrat, da sie keine Scheu mehr vor dem »fremden Manne« empfanden, der ihnen als stolz und hochmütig geschildert worden war. Von Anfang war er ihnen höchst gemütvoll entgegengetreten, so daß sie, die vorher nie mit einem Mann gesprochen hatten, der nicht zu ihren allernächsten Angehörigen zählte, im höchsten Grade überrascht wurden. Uebrigens wurde André Lhéry, der hier zum erstenmal Gelegenheit fand, mit türkischen Frauen der vornehmen Kreise zu sprechen, durch deren Bildung, Verstand und seinen Takt nicht weniger überrascht als jene. Beide Teile waren erstaunt gewesen, so schnell in völlige Uebereinstimmung der Gedanken und Ansichten zu kommen, wie Freunde, die schon lange miteinander bekannt waren. Alles, was diese jungen Frauen von dem geselligen und dem geistigen Leben in Europa wußten, hatten sie in ihrer Einsamkeit aus Büchern erfahren; und jetzt hatten sie das Glück, mit einem geistreichen Manne des Abendlandes, einem berühmten Schriftsteller, zu reden, wiederholentlich mit ihm zusammen zu kommen und von ihm fast wie seinesgleichen behandelt und als »Seelen« erachtet zu werden! ... Das erfüllte sie mit einer Art von geistigem Rausch, wie sie einen solchen noch niemals empfunden. – Zeyneb besorgte diesmal die Bedienung mit den kleinen Erfrischungen auf dem runden Tisch, der heute mit einem grünseidenen, silbergestickten Tuch bedeckt und mit natürlichen roten Rosen bestreut war. Djenane hielt sich auffallend zurück; sie mischte sich zwar oft ins Gespräch und tat namentlich manche tiefsinnige Frage, aber ihre Stimmung war allmählich ernster geworden als sonst. Uebrigens hatte sich schon seit einigen Tagen die Witterung sehr verschlechtert; mitten im Monat Mai war empfindliche Kälte zurückgekehrt; man hörte den Wind vom Schwarzen Meer an den Türen und Fenstern rütteln wie im Winter; ganz Stambul fröstelte unter dem mit schweren dunklen Wolken bedeckten Himmel, und in dem vergitterten kleinen Harem herrschte ein Halbdunkel wie bei der Abenddämmerung. Plötzlich erscholl der in Bewegung gesetzte Klopfer an der Haustür und erregte allgemeine Bestürzung. Mélek, die zum Fenster lief und durch das Gitter hinaussah, rief jedoch freudig: »Sie sind es! O, wie freut es mich, daß sie entschlüpfen konnten!« Sie lief die Treppe hinunter, um die Haustür zu öffnen und kam bald darauf, begleitet von zwei anderen schwarzgekleideten und tiefverschleierten Gestalten, zurück, die ebenfalls elegant und jung zu sein schienen. »Herr André Lhéry!« stellte Djenane vor, und dann auf die eben Eingetretenen deutend: »Zwei meiner Freundinnen! Die Namen sind ja wohl gleichgültig?« »Zwei Gespensterdamen, ganz einfach!« ergänzten jene, absichtlich das Wort betonend, dessen André Lhéry in einem seiner letzen Bücher sich schon häufig bedient hatte. – Und dabei reichten sie ihm ihre weißbehandschuhten kleinen Hände. Diese neuen Schattenbilder sprachen übrigens mit sehr sanften Stimmen und in vollkommener Geläufigkeit französisch. »Unsere Freundinnen teilten uns mit,« sagte die eine, »daß Sie ein Buch schreiben würden zugunsten der Muselmanin des zwanzigsten Jahrhunderts ... und wir wollten Ihnen dafür unseren Dank aussprechen.« »Welchen Titel wird das Buch erhalten?« fiel die zweite ein, sich mit schmachtender Grazie auf dem fadenscheinigen Diwanpolster niederlassend. »Mein Himmel, darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Die Idee ist erst kürzlich entstanden, und ich muß gestehen, daß ich ein wenig damit überrascht wurden bin! – Wir wollen eine Bewerbung um den Titel ausschreiben, wenn es Ihnen beliebt. – Ich meinerseits möchte vorschlagen: ›Die Entzauberten!‹« »Die Entzauberten?« wiederholte Djenane langsam. »Man ist entzaubert vom Leben, wenn man gelebt hat; wir hingegen wünschen überhaupt erst zu leben! ... Wir sind nicht entzaubert, ... sondern eingesperrt, vernichtet, ... erstickt!« »Halt! Ich habe den Titel!« rief Mélek, die heute keinesfalls ernst gestimmt war. – »Was sagen Sie zu dem Titel: ›Die Erstickten‹? Er würde so richtig unsern Seelenzustand bezeichnen unter den dichten Schleiern, die wir umnehmen müssen, um Sie, Herr Lhéry, unter uns zu empfangen. Denn Sie können sich nicht vorstellen, wie schwer es ist, darunter zu atmen!« Soeben wollte ich Sie fragen, weshalb Sie gerade diese dichten Schleier tragen? Könnten Sie sich nicht in Gegenwart Ihres Freundes damit begnügen, sich ebenso zu verhüllen wie alle die Damen, denen man in Stambul begegnet: mit einer gewissen Durchsichtigkeit verschleiert, die noch etwas erraten läßt: das Profil, die Augenbrauen, zuweilen sogar die Augen. – Während bei Ihnen: weniger als nichts!« »Richtig!« fiel Mélek ein; »auch ist es eigentlich gar nicht einmal recht, sich so zu verstecken. – Im allgemeinen sagt man, wenn man auf der Straße einer geheimnisvoll verhüllten weiblichen Gestalt begegnet: – ›Die da geht dorthin, wohin sie nicht gehen sollte!‹ (Wie wir auch, zum Beispiel!) ... Und das ist so bekannt, daß bei ihrem Vorübergehen die anderen Frauen lachen und sich gegenseitig mit dem Ellbogen anstoßen.« »Aber, Mélek,« sagte Djenane mit leichtem Vorwurf, »mach doch keine schlechten Witze wie eine ›Pérote!‹« Und dann fuhr sie fort, sich zu André Lhéry wendend: »Der Titel ›Die Entzauberten‹ klingt sehr hübsch, aber der Sinn ist etwas dunkel.« »Hören Sie, wie ich den Titel meine! ... Erinnern Sie sich der schönen Legenden alter Zeiten: Die Walküre schläft in ihrer unterirdischen Burg; Dornröschen schläft im verzauberten Schloß, mitten im Walde. Aber die Verzauberung wird gelöst, und sie erwachen. – Nun wohl! Sie, die Muselmaninnen, schliefen seit Jahrhunderten in so ruhigem Schlummer, bewacht von den althergebrachten Gebräuchen und den Glaubenssätzen. Plötzlich aber ist der böse Zauberer, das heißt der Hauch des Abendlandes, bis zu Ihnen gedrungen und hat den Zauber gelöst. Sie erwachen: zum Leiden des Lebens und des Bewußtseins!« Djenane ergab sich nur zur Hälfte. Sie hatte augenscheinlich einen anderen Titel im Hinterhalt, wollte ihn aber noch nicht nennen. Die beiden Neuangekommenen gehörten zu den wütendsten Empörerinnen. Man sprach zu jener Zeit in Konstantinopel viel von einer Dame der vornehmen Welt, die nach Paris entflohen war. Das Abenteuer verdrehte allen die Köpfe in den Harems, und eben diese beiden Damen träumten davon in gefährlicher Weise. Djenane sagte, zu ihnen gewandt: »Ihr fändet dort vielleicht das Glück, weil Ihr in Euren Adern abendländisches Blut habt.« Zu André Lhéry gewendet, sagte sie: »Die Großmutter dieser meiner Freundinnen war nämlich eine Französin, die nach Konstantinopel kam, einen Türken heiratete und zum Islam übertrat. Aber ich oder Zeyneb oder Mélek die Türkei verlassen? Nimmermehr! Für uns drei wäre das ein unannehmbares Mittel zur Befreiung. Lieber noch tiefere Demütigungen, wenn es sein müßte, sogar wirkliche Sklaverei, ... aber hier sterben und in Eyub schlafen!« ... »Sie haben vollkommen recht!« schloß André. * Die drei Cousinen sprachen immer davon, daß sie für einige Zeit verreisen würden. War das ihr Ernst? Als André sie diesmal verließ, nahm er die Gewißheit mit sich, daß er sie wiedersehen werde; er hielt sie jetzt durch das Buch und vielleicht auch noch durch etwas anderes, durch ein Band unbestimmbarer Art, das sich besonders zwischen Djenane und ihm zu bilden begann. Mélek, die sich selbst zur Schließerin dieses geheimnisvollen Hauses gemacht zu haben schien, geleitete André zum Ausgang. Während dieser kurzen Spanne Zeit machte er ihr ernstliche Vorwürfe über den schlechten Scherz mit den gesichterlosen Photos. Sie erwiderte nichts, sondern folgte ihm schweigend die Hälfte der Treppe hinunter, um sich von dort zu überzeugen, ob er auch die Art, das Schloß der Tür und den Riegel zu öffnen, finden werde. Und als André sich auf der Schwelle noch einmal umwandte, sah er sie oben stehen, ihm zulachend mit allen ihren schönen weißen Zähnen, mit ihrer kleinen Stumpfnase, mit ihren schönen, großen grauen Augen, mit ihrem ganzen lieblichen, zwanzigjährigen Gesichtchen. Mit beiden Händen hielt sie ihre Schleier hocherhoben, bis zu den goldroten Haarlocken, die ihre Stirn umrahmten! ... Und ihr Lachen sollte sagen: »Ja, ich bin's, Ihre kleine Freundin Mélek, die ich Ihnen hierdurch vorstelle! Ich bin nicht wie die anderen, besonders nicht wie Djenane; bei mir hat das keine Bedeutung! ...« »Guten Abend, Freund André! Guten Abend!« Und dann fielen mit Blitzesschnelligkeit die Schleier herab. André rief ihr halblaut »Dank! Dank!« in türkischer Sprache zu, denn er war schon fast auf der Straße. Sodann ging er absichtlich ganz langsam bis zum Ausgang der Sackgasse. Draußen war es empfindlich kalt. Diese düstere Witterung erinnerte ihn an einen Tag in seiner Jugend. Als er über den leeren großen Platz der Moschee des Sultan-Selim ging, entsann er sich mit erschreckender Genauigkeit, daß er denselben Platz in der gleichen Einsamkeit, in der nämlichen Abendstunde und bei ebenso heftigem Nordwind ... vor nunmehr fünfundzwanzig Jahren ... überschritten habe. Und dabei erschien ihm sogleich das Bildnis der armen geliebten Kleinen, die dort draußen in ihrem verfallenen Grabe schlief. Dieses Bildnis verscheuchte sofort spurlos dasjenige Djenanes. 15. Am nächstfolgenden Tage ging André Lhéry zufällig durch die Große Straße von Pera, in Gesellschaft eines Mitgliedes der französischen Botschaft, des Herrn de Saint-Enogat, und dessen Gemahlin, höchst liebenswürdigen Leuten, mit denen er eng befreundet war. Auf diesem Spaziergange kreuzten sie mit einem eleganten schwarzen Coupé, in welchem André die Form einer Türkin im schwarzen Tcharchaf bemerkte. Madame de Saint-Enogat grüßte jene Dame, die darauf sofort in nervöser Hast das Gitterfenster des Wagens herabließ. André sah bei dieser Gelegenheit einen Aermelaufschlag in zitronenfarbiger Seide mit Stickerei, genau so, wie er gestern einen solchen unter dem Tcharchaf Djenanens hatte hervorleuchten sehen. »Wie?« sagte er zur Gemahlin seines Kollegen. »Sie grüßen eine türkische Dame auf der Straße?« »Es ist allerdings ein grober Verstoß, den ich da begangen habe, besonders da ich mich mit Ihnen und mit meinem Gatten zusammen befand.« »Wer ist die Türkin?« »Djenane Tewfik-Pascha, eine der elegantesten Blüten der jungen Türkei.« »Also ... hübsch?« »Mehr als hübsch: – bezaubernd schön!« »Und reich, wie es nach der Equipage scheint?« »Man sagt, sie besitze in Asien ungeheuren Grund und Boden im Wert einer Provinz. Uebrigens eine Ihrer Bewunderinnen. In vergangener Woche hatte man in der Gesandtschaft von ... die ganze männliche Dienerschaft für den Nachmittag beurlaubt, um einen Tee ohne Herren zu geben, wo die Türkinnen erscheinen könnten. Unter anderen kam dazu auch Djenane Tewfik-Pascha. Dort machte sich eine der Damen in schmachvoller Weise über Sie, Herr Lhéry, lustig!« »Sie, nicht wahr?« »O nein! Das macht mir keinen Spaß, wenn Sie nicht zugegen sind. Es war die Gräfin A ... Nun wohl! Da trat Madame Tewfik-Pascha für Sie in die Schranken und verteidigte Sie mit einem Feuer, das ich ihr nicht zugetraut hätte. Uebrigens, mein werter Herr, scheint es mir, daß auch Sie sich für diese Ihre Verteidigerin lebhaft interessieren ...?« »Ich? ... Wie käme ich dazu? ... Eine Türkin? Sie wissen doch, daß diese Damen für uns gar nicht vorhanden sind. – Aber ich bemerkte vorhin jenes Coupé, .. ein sehr elegantes Coupé, dem ich schon oft begegnet bin ..« »Oft? Dann haben Sie aber ein ganz besonderes Glück, denn die Dame fährt fast nie aus ...!« »O doch! Und gewöhnlich sind zwei andere Damen von jugendlicher Gestalt bei ihr.« »So? ... vielleicht ihre Cousinen, die kleinen Mehmed-Bei, die Töchter des ehemaligen Ministers?« »Wie heißen denn diese kleinen Mehmed-Bei?« »Die ältere Zeyneb ... die andere Mélek wie ich glaube.« Madame de Saint-Enogat schien schon etwas gewittert zu haben, aber sie war zu liebenswürdig und zuverlässig, um gefährlich zu sein. 16. Sie hatten wirklich Konstantinopel verlassen, denn André Lhéry erhielt einige Tage später von Djenane nachstehenden Brief, der den Poststempel »Saloniki« trug: »Am 16. Mai 1904. Lieber Freund, der Sie die Rosen so sehr lieben, warum sind Sie nicht hier bei uns? Sie, der den Orient kennt und liebt wie kein anderer Abendländer ..., warum können Sie nicht in den Palast aus alten Zeiten eindringen, wo man uns für einige Wochen unterbrachte, hinter himmelhohen Mauern, die zwar düster, aber von unten bis oben hinauf mit Blumen bewachsen sind. Wir befinden uns hier bei einer meiner Großmütter, sehr weit von der Stadt, völlig auf dem Lande. Um uns her ist alles alt: Menschen und Gegenstände. Nur wir drei sind jung mit den Frühlingsblumen im Garten und unsere drei kleinen zirkassischen Sklavinnen, die sich in ihrer Stellung sehr glücklich fühlen und unsere Klagen nicht begreifen können. Seit fünf Jahren waren wir nicht hierhergekommen und hatten die hiesige Lebensweise gänzlich vergessen, neben der unser Leben in Stambul fast leicht und frei erscheint. Ganz plötzlich in diese Umgebung zurückversetzt, von der uns ganze Menschenalter trennen, kommen wir uns wie Fremde vor. Man liebt uns wohl, aber man haßt die neue Seele, die in uns wohnt. Des Familienfriedens wegen versuchen wir es, uns in die hiesigen Formen zu fügen und unser Benehmen nach den früheren Gebräuchen zu modeln; aber das genügt nicht, man erkennt darunter doch die neue Seele, der man nicht verzeihen kann, sich befreit zu haben. Und mit welchen Kämpfen, Opfern und Schmerzen haben wir jene Befreiung erkaufen müssen? Sie, André, als Abendländer, haben diese Kämpfe ja nie kennen gelernt, Ihre Seele hat sich allezeit frei entwickeln können in der Umgebung, die Ihnen beliebte. Sie können uns nicht verstehen. O, wenn Sie uns hier sähen in den altmodischen Gärten, in dem Kiosk von durchlöchertem Holzwerk, wo ich diesen Brief schreibe, unter dem leisen Rauschen eines kleinen Gewässers, das in ein Marmorbecken niederfällt. In der Runde stehen Diwans nach der alten Mode, mit Seidenstoffen bezogen, deren Farbe dem Rot verblühter Rosen gleicht. Wir tragen keine europäischen Toiletten mehr, sondern haben die Kostüme unserer Großmütter angelegt. Zu diesem Zweck durchwühlten wir verschiedene alte Koffer, in denen wir Putzgegenstände und Geschmeide fanden, die einst im kaiserlichen Harem Abd-ul-Medjibs geglänzt haben sollen. Die Farben unserer Roben waren wohl früher rosenrot, grün und gelb, sie haben aber jetzt eine fahle Blässe wie die welken Blumen, die man zwischen den Blättern von Büchern aufbewahrt hat. In jene Roben gekleidet, unter dem Kiosk, neben dem kleinen Gewässer sitzend, haben wir Ihr jüngstes Buch gelesen: ›Das Land Kabul‹, ... ›unser Buch‹, das Sie selbst uns gaben. Sie, lieber Freund, hätten sich keinen schöneren Rahmen für diese Lektüre wünschen können als die Unmasse von Rosen, die uns von allen Seiten umgaben und dichte Lauben über uns bildeten. Was aber dieses Buch selbst betrifft, so muß ich Ihnen sagen, daß es mir nicht so gut gefällt wie Ihre früheren Werke: es ist darin nicht genug von Ihrer eigenen Persönlichkeit. Auch habe ich nicht so weinen können wie beim Lesen anderer Ihrer Bücher. Ich bitte Sie: schreiben Sie nicht mehr nur mit Ihrem Geist, lassen Sie auch Ihrem Herzen wieder sein Recht geschehen! ... Sie wollen, wie ich glaube, sich nicht mehr persönlich vorführen. Aber weshalb nicht? Was gewisse Leute etwa darüber sagen, kann Ihnen doch durchaus gleichgültig sein! ... Also nochmals: schreiben Sie wieder mit Ihrem Herzen! Oder ist das jetzt so matt und gefühllos, daß man sein Schlagen nicht mehr wie sonst in Ihren Werken vernehmen kann? Doch, es will Abend werden, und da heißt es: den Garten verlassen! Schade! man möchte hier ewig verweilen. Dieser Ort könnte wirklich ein Paradies sein. Man fühlt hier, daß mit der ›Freiheit‹ das Leben und das Glück ein und dasselbe sein könnte! Wir gehen in den Palast zurück; dort kommt schon der Neger, der uns sucht, denn es ist schon ein wenig spät. Im großen Saal haben die Sklavinnen schon begonnen zu singen und die Laute zu spielen, um die alten Damen zu unterhalten. Hernach wird man uns nötigen zu tanzen und uns verbieten französisch zu sprechen; was jedoch keine von uns verhindern wird, einzuschlafen, ... mit einem Ihrer Bücher unter dem Kopfkissen! ... Leben Sie wohl, lieber Freund! Denken Sie denn zuweilen an Ihre drei kleinen Schattenbilder ohne Gesicht? ›Djenane‹.« 17. Auf dem alten Friedhofe, dort hinten, vor den Mauern von Stambul, war die Wiederherstellung des einfachen Grabes vollendet, dank der Mithilfe türkischer Freunde; und André Lhéry, der nicht gewagt hatte, sich an jenem Orte zu zeigen, solange die Marmorarbeiter mit der Aufstellung der Marmorplatten beschäftigt waren, – wollte heute, am Dreißigsten des wunderschönen Monats Mai, der kleinen Toten unter ihrer erneuten Grabstätte seinen ersten Besuch machen. Bei seiner Ankunft in dem Gräberwäldchen erblickte er schon von weitem das heimlich ausgebesserte Grab, das einen Glanz der Neuheit hatte, inmitten all der grauen Verfallenheit ringsumher. Die beiden Marmorschäfte, der eine am Kopfende, der andere am Fußende, standen in weißer Sauberkeit fest und aufrecht da unter den mit Moos bewachsenen, mehr oder weniger eingestürzten Grabstätten in der Nachbarschaft. Man hatte auch den blauen Anstrich zwischen den Buchstaben der Inschrift erneuert, die jetzt in hellem Gold hervortrat; sie lautete außer einem kurzen Verse über den Tod in türkischer Sprache: »Betet für die Seele von Nedjibe, Tochter von Ali-Djianghir Effendi, gestorben am 18. Moharrem 1297.« Tief ergriffen stand André Lhéry lange Zeit an diesem Grabe, der Vergangenheit gedenkend. Das gute Kind, dessen irdische Hülle nun schon seit so vielen Jahren hier ruhte, hatte ihn einst, davon war er überzeugt, wahr und aufrichtig geliebt, und auch er war sich bewußt, nur ihr angehört zu haben. Sie war seine Jugendliebe gewesen, der er sein ganzes Leben hindurch, bis zur Stunde, ein treues Andenken bewahrte. Und das sollte, das würde niemals anders werden! Mit diesem stillen Gelöbnis wandte er sich zum Gehen, nachdem er noch einmal den ganzen Friedhof überblickt, der in seiner durch nichts gestörten, überwältigenden Ruhe heute einen unvergeßlichen Eindruck auf ihn machte, so daß es ihm schwer wurde, diese Ruhestätte so vieler, ihrem Glauben unverbrüchlich treu gebliebener Menschen zu verlassen. Als er endlich ging, empfand er in seinem Innern eine große Beruhigung darüber, daß es endlich geglückt war, jene Grabstätte wieder instand zu setzen. Er hatte schon längst deren Verfall befürchtet; dieser Gedanke und der Wunsch, das Grab, wenn nötig, wieder herstellen zu lassen, hatte ihn niemals während seines ganzen bewegten Lebens verlassen. Jetzt nun war jener Wunsch erfüllt, und das ihm so heilig gewordene Grabmal glaubte er für alle Zukunft als sein Eigentum betrachten zu können. Allmählich hatte sich der Tag geneigt, aber da die Luft sehr milde war und der Abend unter dem Schein des vollen Mondes wunderbar schön zu werden versprach, so beschloß André Lhéry, sich nach Stambul zu begeben und den ihm schon zur Gewohnheit gewordenen Platz gegenüber der Moschee des Sultan-Fatih einzunehmen. Als er dort anlangte, war es völlig dunkel geworden, und alle die kleinen Kaffeehäuser, die den großen Platz umgaben, hatten ihre Lampen und die an den Bäumen hängenden Laternen bereits angezündet, und alle Bänke vor den Häusern waren durch die beturbanten Raucher und Träumer besetzt. Zwischen diesen setzte auch André sich nieder, rauchte das ihm als Stammgast alsbald überbrachte Nargileh, erfreute sich an dem wunderbar schönen Mondschein und verfiel dann ebenfalls zeitweise in süße Träumereien wie seine Nachbarn. – Diese harmlosen, ruhigen Leute waren ersichtlich sehr zufrieden mit ihrem Schicksal und wünschten sich gar nichts Besseres. – – – – – – – Zu dieser nämlichen Stunde beginnt in Pera, der auf der anderen Seite des Goldenen Horns liegenden, sogenannten »Europäischen Stadt«, das eigentliche Leben der Nacht. Dort begeben sich Levantiner aller Rassen, die sich rühmen, sehr gebildet zu sein und eine aufgeklärte, feine Lebensweise zu besitzen (wegen ihrer Pariser Kleidung) .. an ihre allabendliche Beschäftigung. Sie lassen sich in den Wein- und Bierhäusern nieder oder in Kneipen schlimmster Gattung, wo es sehr heiter, aber auch sehr lärmend zugeht. Ueberall wird viel getrunken, gesungen, gespielt und getanzt. Die vornehmeren jungen Leute, oder die sich dafür ausgeben, sitzen an den Spieltischen und verlieren dort ihr Geld; oder sie besuchen die Cercles de la haute élégance Pérote ! – Bedauernswerte, alberne oder verächtliche Menschen, die nur an Zerstreuung und Vergnügen denken, unfähig zu ernster oder gar geistiger Beschäftigung; von ihrer Moralität gar nicht zu sprechen! – Welcher Unterschied zwischen ihnen und den stillvergnügten Träumern und frommen Mohammedanern, die vor der Moschee des Sultan-Fatih jetzt geduldig auf den Ruf des Muezzin zum Abendgebet warten, um sich vertrauensvoll vor Allah niederzuwerfen und ihr Gebet zu verrichten. – Und ist einst ihre Zeit gekommen, werden sie getreu ihrem Glauben in voller Seelenruhe aus dem irdischen Leben scheiden. – Nun beginnt der rufende Gesang von der Höhe der Minaretts herab in vollster Deutlichkeit. Man verliert nicht einen Ton, jedes der gesungenen Worte ist genau zu verstehen. Diesem Rufe folgend, erheben sich die Träumer langsam, einer nach dem andern, und begeben sich ebenso langsam nach der heiligen Pforte der Moschee, in die sie allmählich eintreten. Von allen Seiten kommen andere beturbante Beter langsam und bedächtig wandelnd herbei. Und während der Gesang von den Minaretts unablässig ertönt, bilden die in die Moschee Eintretenden eine lange, ununterbrochene feierliche Prozession. – Nachdem alle eingetreten waren, erhob sich auch André Lhéry und begab sich zum Eingangstor; als letzter trat er in die Moschee und fühlte sich als der Unwürdigste, denn er kam ja nicht um zu beten! – Im Innern blieb er dicht an der Pforte stehen. Zweitausend Turbane aus weißem Musselin waren anwesend, die sich in mehreren Reihen dicht nebeneinander aufgestellt hatten, die Gesichter dem Allerheiligsten zugewendet. Und eine Stimme schwebte über der schweigenden Menge, eine schwermütig singende, klagende Stimme, die in hoher Tonlage, ebenso deutlich wie die des Muezzins draußen, die Worte zu Gehör brachte. Die Stimme schien zuweilen vor Erschöpfung hinzusterben, belebte sich jedoch bald wieder und wuchs dann zu einer Gewalt an, daß ein Schauer den hohen Kuppelbau durchbebte, zog sich dann aber wieder hin und erlosch allmählich wie im Todeskampf, erstarb scheinbar, aber nur um wieder zu erwachen und von neuem zu beginnen. Diese Stimme ist es, die alle jene Zweitausende in ihrer Andacht leitet. Zuerst knien sie nieder, dann beugen sie sich tiefer hinab und werfen sich endlich vollends zur Erde, die Stirn mit dem Fußboden berührend, und zwar alle zu gleicher Zeit und genau in demselben Rhythmus, wie weggemäht durch die schaurige Stelle des Gesanges und wieder erhoben durch den sanften Gesang, der zuweilen so leise wird wie ein Gemurmel, trotzdem aber den gewaltigen Raum völlig ausfüllt, der übrigens nur durch kleine Lämpchen, die an langen Schnüren von den Wölbungen herabhängen, beleuchtet wird, so daß ein förmliches Halbdunkel herrscht. Das benutzen denn auch die zahmen Tauben, die im oberen Teil der Kuppel nisten, zu einem kleinen Ausflug über den Köpfen der Betenden, die sie in der Runde sanft umschweben, ohne dadurch die Feierlichkeit irgendwie zu stören. Die Inbrunst der Betenden ist so tief, ihr Glaube so stark, daß man ihr gemeinsames Gebet zu hören meint, wenn sie ihre Köpfe beugen unter dem aus der Höhe kommenden sanften Gesang: Mögen Allah und der Kalif das religiöse, treue und gute türkische Volk beschützen! Eines der edelsten der Welt, besitzt es Kraft und Mut, um die größten Heldentaten auf den Schlachtfeldern zu vollbringen, wenn das Vaterland, der Islam oder der Glaube in Gefahr käme! – – – – Nach beendigtem Gebet kehrte André Lhéry ebenso wie seine vorigen Genossen nach seinem Sitz vor dem kleinen Kaffeehause zurück, um bei dem wundervollen Mondschein noch ein wenig im Freien zu rauchen. Er dachte mit Genugtuung an das wiederhergestellte Grab, das in diesem Augenblick ebenfalls vom Monde beschienen sein würde. Und da sagte er sich, daß er jetzt, nachdem er somit seine Pflicht erfüllt hatte, dieses Land verlassen könnte, weil er sich ja anfangs vorgenommen, nur so lange hier bleiben zu wollen, bis jene Herstellung bewirkt sein werde. Doch nein! Der Reiz des Orients hatte sich nach und nach wieder seiner bemächtigt; ... auch wollte er erst die Rückkunft der drei kleinen Geheimnisvollen abwarten, die wohl schwerlich während des ganzen Sommers da draußen verbleiben würden. – Anfangs hatte er sich Gewissensbisse über das Abenteuer gemacht wegen der vertraulichen Gastfreundschaft, die seine türkischen Freunde ihm gewährten; jetzt empfand er jedoch nichts mehr davon. Er sagte sich: »Im Grunde verletze ich dadurch die Ehre keines einzigen von ihnen! Zwischen dieser Djenane, die noch so jung ist, daß sie meine Tochter sein könnte, und mir, der sie noch nicht einmal gesehen hat und ohne Zweifel auch nie sehen wird, ... wie könnte da wohl von einer wie von der anderen Seite irgend etwas anderes bestehen als eine schöne unschuldige Freundschaft?« ... Gerade heute hatte er von ihr einen Brief erhalten, der die Sache ein für allemal klarlegen dürfte. Er hatte den Brief bei sich und nahm ihn aus der Tasche, um ihn beim Licht einer am nächsten Baum hängenden Lampe nochmals ruhig zu lesen. Sie schrieb aus dem großmütterlich-altmodisch-verzauberten Schloß: »An einem Tage der übelsten Laune und der schlimmsten moralischen Einsamkeit, empört über die unzerstörbare Schranke, gegen die wir uns Tag für Tag auflehnen, dir uns aber vernichtet, zogen wir mutig hinaus zur Entdeckung einer Persönlichkeit, die Sie wohl sein konnten. Daraus, aus Kampflust und Neugier, entstand unser erster Wunsch nach einer Zusammenkunft. Wir begegneten einem ganz anderen André Lhéry als wir ihn uns gedacht hatten. Und jetzt? Den ›wahren André Lhéry‹, den Sie uns kennen zu lernen erlaubten, werden wir nimmermehr vergessen! ... Indessen man muß diese Worte erklären, denn von einer Frau zu einem Manne gesagt, klingen sie fast wie eine fade Schmeichelei. Wir werden Sie nicht mehr vergessen, weil wir durch Sie kennen lernten, was den Reiz des Lebens der abendländischen Frauen ausmacht: die geistige Berührung mit einem Künstler! ... Wir werden Sie niemals vergessen, weil Sie uns einige herzliche Sympathie erwiesen haben, ohne noch zu wissen, ob wir schön sind oder alte Masken. Sie haben sich für den besseren Teil von uns selbst interessiert: für unsere ›Seele‹, die unsere Gebieter bisher immer als unwichtig erachtet hatten. Sie haben uns durchblicken lassen, wie wertvoll die reine Freundschaft eines Mannes sein könnte!« ... »Das war es also, was sie sich gedacht hatte,« sagte sich André Lhéry, »einen niedlichen ›Seelenflirt‹, nichts weiter; einen Seelenflirt mit viel Gefahr dabei, äußerer Gefahr natürlich, keiner moralischen! ... Und alles bliebe weiß wie Schnee, ... weiß wie jene Dome der Moschee im Mondschein!« Die Fortsetzung des Briefes lautete: »Und jetzt, da wir Sie nicht mehr haben, ... welche Traurigkeit, wieder in unsere Erstarrung zurückzufallen! .. Gestattet Ihnen Ihre so glänzende, an Abwechslung so reiche Lebensweise, die unserige zu begreifen, die so öde, so einförmig durch die Jahre hinschleicht, ohne eine Erinnerung zurückzulassen?! – Wir wissen stets im voraus, was der morgige Tag uns bringen wird: nichts! ... Und daß alle folgenden Tage, bis zu unserem Tode, mit der gleichen öden Einförmigkeit hinschleichen werden. In den Romanen, die wir aus Europa erhalten, findet man immer Leute, die am Abend ihres Lebens ihre verlorenen Illusionen beweinen; also haben sie wenigstens welche gehabt; sie haben wenigstens den Rausch empfunden, hinauszuziehen in den Wettkampf um ein schönes Spiegelbild! ... Während wir? ... Man hat uns niemals die Möglichkeit gelassen, eine solche Illusion zu haben, ... weder eine Illusion noch ein Ideal! ... O, wieviel schmerzlicher empfinden wir dies, seit wir Sie kennen lernten! Welch köstliche Stunden waren es, die wir in Ihrer Gesellschaft in jenem alten Hause im Stadtteil Sultan-Selim zubringen durften! Für uns ging dort ein Traum in Erfüllung, den ich seit Jahren hegte: André Lhéry für uns allein zu haben, von ihm behandelt zu werden wie denkende Wesen und nicht wie Puppen, ja sogar ein wenig wie Freundinnen, so daß er vor uns geheime Saiten seiner Seele enthüllte. Jetzt aber wollen wir Ihnen in voller Aufrichtigkeit und Herzenseinfalt einen Vorschlag machen. Als wir Sie neulich von dem Grabe sprechen hörten, das Ihnen so wertvoll ist, hatten wir alle drei den gleichen Gedanken, den ein Gefühl der Furcht uns hinderte, auszusprechen. Wir wagen es jetzt aber, dies brieflich zu tun. Wenn wir wüßten, wo das Grab Ihrer Freundin sich befindet, könnten wir zuweilen dorthin gehen, um zu beten ... und sobald Sie abgereist sein werden, darauf acht zu geben und Ihnen von Zeit zu Zeit Nachricht darüber zu geben. Vielleicht würde es Ihnen angenehm sein, zu denken, daß jenes Fleckchen Erde, wo ein Teil Ihres Herzens schläft, nicht nur von Gleichgültigkeit umgeben ist? – Und wir würden so glücklich sein über dieses einigermaßen wirkliche Band mit Ihnen, wenn Sie fern sein werden. Die Erinnerung an Ihre frühere Freundin würde vielleicht auch Ihre jetzigen Freundinnen davor behüten, vergessen zu werden! Und in unseren Gebeten für die, welche Sie einst lehrte, unser Vaterland zu lieben, werden wir auch für Sie beten, dessen Herzenstrauer wir sehr wohl erkannt haben! ... Wie sonderbar, daß ich wieder angefangen habe, irgend etwas zu hoffen, seitdem ich Sie kennen lernte, ... ich, die ich keine Hoffnung mehr kannte! ... Habe ich denn nötig, Ihnen ins Gedächtnis zurückzurufen, daß man nicht das Recht hat, seine Erwartung und sein Ideal auf das irdische Leben zu beschränken? ... Einer solchen Ermahnung bedürfen Sie doch nicht, der Sie gewisse Seiten Ihrer Bücher geschrieben haben! Djenane.« * André Lhéry hatte schon seit langer Zeit gewünscht, das Grab Nedjibes irgend jemand empfehlen zu können, der sich darum kümmern und es pflegen würde; er hatte dabei den allerdings schwer ausführbaren Plan gehabt, diese Pflege einer Türkin anzuvertrauen, einer durch die Rasse und den Islam der Verstorbenen Verwandten. Mithin berührte ihn Djenanes Vorschlag nicht nur sehr angenehm, sondern er übertraf sogar seine kühnsten Hoffnungen und beruhigte sein Gewissen hinsichtlich der Grabstätte vollkommen. Und in dieser wundervollen Nacht, die ihn so beschaulich stimmte, sann er nach über die Vergangenheit und die Gegenwart. Bisher schien es ihm immer, daß zwischen der eigentlich recht kindischen ersten Phase seines Lebens im Orient und der gegenwärtigen zweiten die Zeit einen Abgrund gegraben habe. Heute abend jedoch war einer der Augenblicke, wo er sie einander völlig genähert fand, wie in einer ununterbrochenen Reihenfolge. Indem er sich noch so lebensfrisch und jung fühlte, während die kleine Zirkassierin schon lange tot und ihr Körper längst zu Asche geworden war, empfand er abwechselnd tiefe Gewissensbisse, und dagegen wieder, im Bewußtsein seiner ungebrochenen Lebenskraft und seiner Jugendlichkeit, ... fast das Gefühl eines selbstsüchtigen Triumphes. Zum zweitenmal an diesem Abend stellte er in seinen Gedanken beide nebeneinander: Nedjibe und Djenane: sie waren aus demselben Lande, beide Zirkassierinnen; die Stimme der einen hatte ihm zu verschiedenen Malen die Stimme der anderen ins Gedächtnis gerufen; gewisse türkische Worte sprachen beide ganz gleichmäßig aus. Plötzlich bemerkte er, daß es schon sehr spät sein müsse, denn er hörte von der Nebenstraße her das Schellengeläute der Maulesel, die vor die Wagen der Gemüsegärtner gespannt sind, die ihre Erzeugnisse in Gemüsen, Früchten und Blumen schon in der Nacht aus der Umgegend zur Stadt bringen, wo die Frauen aus dem Volk, mit den weißen Schleiern, schon sehr früh am Morgen in der Nähe der Moscheen ihre Einkäufe machen. André Lhéry blickte umher und sah, daß er der einzige und letzte Raucher auf dem großen Platze war. Fast alle Laternen vor den Kaffeehäusern waren bereits ausgelöscht; und ein junger Bursche stand hinter ihm, an einen Baum gelehnt, und wartete ganz geduldig, bis der Gast aufhören würde zu rauchen, um alsdann das Nargileh forttragen und seine Tür schließen zu können. Es war gegen Mitternacht. André Lhéry erhob sich, um hinabzugehen nach den Brücken des Goldenen Horns und sich nach dem anderen Ufer zu begeben, wo er wohnte. Selbstverständlich war zu so später Stunde kein Wagen mehr zu finden; er mußte sich also entschließen, den weiten Weg zu Fuß zurückzulegen, der durch das ganze Alt-Stambul führte. Der verspätete einsame Wanderer kam dabei durch viele enge, winkelige Gassen, wo sich ein Fremder nimmermehr zurechtfinden konnte; André kannte jedoch diese Gegend ganz genau. Auch an einigen Moscheen kam er vorüber und an mehreren Friedhöfen, auf deren Gräber die Lämpchen mit den kleinen gelben Flammen brannten. Wie überall, so standen auch auf diesen Friedhöfen hier und da dicht an den Straßen Marmorkiosks mit Fenstern, durch die man die reichausgestatteten Katafalke mit den Paradesärgen, durch Lampen schwach beleuchtet, erblicken konnte. – In den öden Straßen herrschte überall peinliche Stille; auf dem Steinpflaster schliefen, zu Kugeln zusammengerollt, herrenlose Hunde in ganzen Rudeln. Die türkischen Hunde sind ebenso gutmütig wie die Muselmanen, die diesen Tieren volle Freiheit lassen und sich nicht einmal ernstlich erzürnen, selbst wenn sie von ihnen belästigt werden. Eine förmliche Totenstille lagert über dem ganzen Stadtteil; man hört keinen Laut, höchstens in langen Zwischenräumen das Aufstampfen des Wächters mit seinem eisenbeschlagenen Stabe. Alt-Stambul, mit allen seinen Grabmälern, schläft sanft in seinem religiösen Frieden ..., in dieser Nacht, wie in jeder, seit mehr als dreihundert Jahren. Vierter Teil 18. Nach der veränderlichen Witterung des Monats Mai, wo der Wind des Schwarzen Meeres hartnäckig darauf besteht, noch viele mit kaltem Regen beladene Wolken herüber zu senden, hatte der Monat Juni plötzlich das tiefe Blau des südlichen Orients über die Türkei ausgebreitet. Und der alljährliche Umzug der Bewohner Konstantinopels nach dem Bosporus war vollzogen worden. Entlang der ganzen Küste hatten die Botschaften von ihren Sommerresidenzen an der europäischen Küste Besitz genommen. André Lhéry hatte sich genötigt gesehen, dem allgemeinen Zuge zu folgen und sich in Therapia niederzulassen, einer Art weltbürgerlicher Kolonie, verunstaltet durch riesenhafte Hotels, in denen abends Tingeltangelmusik das Ohr belästigt; er lebte aber zumeist gegenüber auf der asiatischen Seite, die köstlich orientalisch geblieben ist, schattig und friedlich. Oft kehrte er auch nach seinem lieben Stambul zurück, von dem er jetzt durch eine Stunde Fahrt auf dem Bosporus getrennt war, der fortwährend von einer großen Anzahl von Schiffen und Barken belebt ist, die auf und nieder fahren. In der Mitte der Meerenge, zwischen den beiden Ufern, die ohne Unterbrechung von Häusern und Palästen eingefaßt sind, fahren unaufhörlich Paketboote, kolossale moderne Dampfer oder auch schöne Segelschiffe der früheren Zeit, in ganzen Reihen segelnd, sobald sich ein günstiger Wind erhebt. Alles, was die Donauländer, Südrußland, selbst das ferne Persien und Buchara hervorbringen und außer Landes führen, zwängt sich in diese, mit grünem Rasen eingefaßte Wasserstraße, über die der Wind aus den Steppen des Nordens und aus dem Mittelländischen Meer hinstreicht. Näher dem Ufer spielt sich der Verkehr der kleineren Fahrzeuge aller Art und Form ab: Boote, Caiques, Barken der Fischer, die hier ihre Netze auswerfen, ungeachtet des Gedränges, in dem sie ihr Tagewerk verrichten müssen. Längs des Bosporus, rechts und links, ziehen sich zwanzig Kilometer lang die Häuser hin, aus deren Fenstern man den ganzen Verkehr der Wasserstraße übersehen kann. Sie stammen aus den verschiedensten Zeiten, wie aus ihren Baustilen zu erkennen ist. Auf der europäischen Seite findet man schon eine Anzahl moderner Bauten von zweifelhaftem Geschmack, die sich zwischen den stimmungsvollen alten türkischen Häusern sehr unvorteilhaft ausnehmen. Auf der asiatischen Seite, wo nur Türken wohnen, die alle Neuerungen mißachten, findet man noch den ganzen Reiz des Orients, der ganz unberührt geblieben ist. Nach der Gewohnheit aus alter Zeit hat jedes Haus seinen eigenen kleinen Marmorkai, getrennt und fest verschlossen, wo die Frauen des Harems, leicht verschleiert, sich aufzuhalten das Recht haben, um von da aus dem Treiben auf der Wasserstraße zuschauen und sich daran ergötzen zu können. Wenn man nach Konstantinopel hinabfährt, von Therapia und der Mündung des Schwarzen Meeres her, rollt sich die Szenerie des Bosporus in immer wachsender Großartigkeit ab, bis zur Schlußapotheose in dem Augenblick, da die Marmara sich öffnet und links Scutari erscheint und rechts, über den langen Marmorkais und den Palästen des Sultans sich die hohe Seitenansicht von Stambul mit seiner Unmasse von Kuppeln und Türmen erhebt. Dies war das wechselvolle und an Ueberraschungen so reiche Bild der Gegend, in der André Lhéry bis zum Herbst wohnen sollte und seine Freundinnen, die drei kleinen schwarzen Schattenbilder, erwarten, die zu ihm gesagt hatten: »Auch wir werden während des Sommers am Bosporus sein!« ..., die aber seit so vielen Tagen kein Lebenszeichen von sich gaben. Wie sollte er jetzt erfahren, was aus ihnen geworden sei, da er doch kein Paßwort besaß für das alte Schloß in den Wäldern Mazedoniens?! 19. Djenane an André. » Bunar-Baschi bei Saloniki , 20. Juni 1904. Ihre Freundin dachte an Sie, aber sie war mehrere Wochen hindurch zu streng bewacht, um schreiben zu können. Heute wollte sie Ihnen die unbedeutende Geschichte ihrer Verheiratung erzählen. Lassen Sie es über sich ergehen, da Sie doch die Geschichte Zeynebs und Méleks mit so großem Wohlwollen angehört haben, in Stambul, wenn Sie sich dessen noch entsinnen, im alten Häuschen meiner guten Amme. Was mich betrifft, ... der Unbekannte, den mein Vater mir zum Gatten gegeben hatte, war weder ein Grobian noch ein Kranker: im Gegenteil, ein hübscher, blonder Offizier mit eleganten, sanften Manieren, den ich wohl hätte lieben können. Wenn ich ihn anfangs verabscheute als einen mir mit Gewalt aufgezwungenen Gebieter, so bewahre ich doch jetzt keinen Haß mehr gegen ihn. Aber ich konnte die Liebe nicht so auffassen, wie er sie verstand; eine Liebe, die nur ein Verlangen war und auf den Besitz meines Herzens keinen Anspruch machte. Bei uns Muselmanen leben, wie Sie wissen, in demselben Hause Männer und Frauen getrennt. Das fängt zwar schon an zu verschwinden, und ich kenne Bevorzugte, die wirklich gemeinsam mit ihren Männern leben. Aber das geschieht nicht in den alten strenggläubigen Familien wie die unsrige. Der ›Harem‹, unser Aufenthaltsort, und der ›Selamlik‹, wo die Männer, unsere Gebieter, wohnen, sind durchaus verschiedene Wohnungen. Ich bewohnte also unseren großen fürstlichen Harem mit meiner Schwiegermutter, zwei Schwägerinnen und einer jungen Cousine Hamdis, namens Durdane; diese war sehr hübsch, alabasterweiß, mit brennendrotem Haar und meergrünen Augen, deren Pupillen im Dunkeln leuchteten; aber man begegnete nie ihrem Blick. Hamdi war der einzige Sohn, und seine Frau wurde sehr verhätschelt. Man hatte mir ein ganzes Stockwerk des großen, palastartigen Hauses gegeben; ich hatte für mich allein vier glänzende Salons nach der alttürkischen Mode, worin ich mich entsetzlich langweilte! ... Das also war die Ehe? ... Zärtlichkeiten und Küsse, die niemals meine Seele suchten? Lange Stunden der Einsamkeit, der Gefangenschaft, ohne Zweck und ohne Interesse. Und dann die anderen Stunden, ... wo ich die Rolle einer Puppe spielen mußte, ... oder noch eine geringere! ... Ich hatte versucht, mein Boudoir wohnlich und angenehm einzurichten, um Hamdi zu veranlassen, seine freien Stunden hier zuzubringen. Ich las ihm die Journale vor, ich plauderte mit ihm von den Ereignissen im kaiserlichen Palast und in der Armee, ich versuchte zu entdecken, was ihn interessiere, um zu lernen, mit ihm darüber zu sprechen. – Doch nein, das verwirrte seine angeborenen Ideen; ich sah es wohl. – ›Das alles‹, sagte er, ›ist gut für die Unterhaltungen zwischen Männern, im Selamlik!‹ ... Er verlangte von mir nur: hübsch und verliebt zu sein. Er verlangte es so oft, daß es mir zuviel wurde! ... Eine, die es verstand, verliebt zu sein, das war Durdane! In der Familie bewunderte man sie wegen ihrer Grazie – der Grazie einer jungen Pantherin, die alle ihre Bewegungen wellenförmig machte. Abends tanzte sie oder spielte sie die Laute: sprach sehr wenig, aber lachte immer; ein Lachen, das zugleich vielversprechend und grausam klang, wobei sie ihre kleinen spitzen Zähne sehen ließ. Sie trat oft bei mir ein, um mir Gesellschaft zu leisten, wie sie sagte. O, welche Geringschätzung sie jedesmal für meine Bücher, mein Piano, meine Schriften und meine Briefe zeigte! – Weit von alledem, zog sie mich stets in einen der türkisch eingerichteten Salons, um sich auf einen Diwan zu werfen, Zigaretten zu rauchen und, wie sie das unaufhörlich tat, mit einem kleinen Handspiegel zu spielen. – Zu ihr, die verheiratet gewesen und jung war, glaubte ich von meinem Kummer sprechen zu können. Aber sie riß ihre großen wässerigen Augen auf und brach in schallendes Lachen aus: ›Worüber kannst Du Dich beklagen? Du bist jung, hübsch und hast einen Gatten, den Du noch lieben wirst!‹ – ›Nein!‹ entgegnete ich; ›er gehört mir nicht an, denn ich habe nicht seine Gedanken!‹ – ›Was kümmern Dich seine Gedanken? Du hast ›ihn‹, und Du hast ihn für Dich ›allein!‹ – Sie betonte diese letzten Worte, sie mit einem boshaften Blicke begleitend. Ein wirklicher Kummer für Hamdis Mutter war es, daß ich am Ende des ersten Jahres der Ehe kein Kind hatte. Sie behauptete: man habe mich behext! ... Aber ich weigerte mich, mich zu den Heilquellen führen zu lassen, in die Moscheen oder zu den Derwischen, die im Rufe standen, solch bösen Zustand heilen zu können. Zu jener Zeit hatte Hamdi die Absicht geäußert, einen Posten im Auslande bei einer Botschaft zu erbitten. ›Ich werde Dich dorthin mitnehmen!‹ versprach er mir, ›und da wirst Du das Leben der Abendländerinnen führen, wie die Gattin unseres Botschafters in Wien oder wie die Prinzessin Emine in Schweden!‹ Ich hoffte, daß dann, wenn wir uns beide allein in einem kleineren Hausstande befänden, unser Zusammenleben viel inniger werden würde. Im Auslande, dachte ich mir, wäre er vielleicht sehr zufrieden, eine Frau zu haben, die nicht nur gebildet ist, sondern auch mit den abendländischen Gebräuchen Bescheid weiß. Zu diesem Zwecke bemühte ich mich eifrig, meine Kenntnisse zu vergrößern; ich las die bedeutendsten französischen Revuen, die großen Journale, die erfolgreichsten Romane und Theaterstücke. – Und so kam es, daß ich begann, Sie, André und Ihre Werke genauer kennen und schätzen zu lernen. Als junges Mädchen hatte ich bereits ›Medje‹ und einige Ihrer Bücher über den Orient gelesen. Ich las sie alle noch mehrmals in jener Zeit, zu meiner Belehrung, und da verstand ich es erst vollkommen, warum wir alle, wir Muselmaninnen, Ihnen so großen Dank schulden, und warum wir Sie mehr lieben als viele andere: weil wir uns mit Ihnen in inniger Seelenverwandtschaft befinden, durch Ihre genaue Kenntnis des Islam. Denn unserem so oft gefälschten und verkannten Islam bleiben wir treu ergeben, denn er ist es nicht, der unsere Leiden wollte! ... Unser Prophet war es nicht, der uns zu dem Märtyrertum verdammte, das man uns auferlegt! Der Schleier, den er uns ehemals gab, war ein Schutzmittel und nicht ein Zeichen der Sklaverei! ... Nie, niemals hat er gewollt, daß wir nur Puppen des Vergnügens sein sollten! ... Der fromme Imam, der uns in unserem Heiligen Buch unterrichtete, hat es uns deutlich gesagt. Und Sie, André, sagen Sie es auch öffentlich, zu Ehren des Korans und als rächende Vergeltung für alle, die unter dem Unrecht leiden und gelitten haben. Sagen Sie es endlich, weil wir Sie lieben! Nach Ihren Büchern über den Orient mußte ich auch alle die anderen lesen, und auf jede ihrer Seiten fiel eine Träne. Denken die Verfasser vielgelesener Bücher, während sie ein Werk schreiben, an die unendliche Verschiedenheit der Seelen, in die ihre Gedanken sich senken werden? Für die Frauen des Abendlandes, die das Treiben der Welt sehen, die darin leben, haften die von einem Autor bewirkten Eindrücke wohl nicht allzu lange; aber für uns, die ewig Eingesperrten, halten Sie den Spiegel, der uns jene unbekannte Welt zeigt, die wir durch Sie kennen lernen. Durch Sie fühlen wir auch, daß wir leben! – Finden Sie es unter solchen Umständen nicht erklärlich, daß der von uns geliebte Autor ein Teil von uns selbst werde? Ich bin Ihnen überall, rund um die Erde gefolgt und habe ganze Albums, gefüllt mit Ausschnitten von Journalen, die über Sie berichteten. Ich hörte viel Schlechtes über Sie, das ich jedoch nicht glaubte. Lange bevor ich Ihnen begegnete, hatte ich längst den Mann vorausempfunden, der Sie sein müßten, und als ich Sie wirklich kennen lernte, da sah ich, daß ich Sie bereits kannte. Und als Sie mir Ihre Porträts gaben, da hatte ich sie schon alle, fest verschlossen in einem geheimen Kasten, wo sie in einem seidenen Beutelchen ruhen!! – – Und nach einem solchen Geständnis verlangen Sie, daß wir uns wiedersehen? Nein, dergleichen Dinge sagt man nur einem Freunde, den man niemals wiedersehen wird. Aber wie weit habe ich mich von der Geschichte meiner Ehe entfernt! ... Wie ich glaube, befand ich mich am Ende des Winters, der meinem Hochzeitsfeste folgte. Der Winter hatte in jenem Jahre sehr lange gedauert: zwei Monate hindurch lag Stambul unter dem Schnee. Ich war sehr bleich geworden und kraftlos. Hamdis Mutter erriet übrigens, daß ich nicht glücklich war, und eines Tages wurden Aerzte herbeigerufen, auf deren Rat man mich für zwei Monate nach den ›Inseln‹ schickte (lIes des Princes, im Marmarameer), wo Zeyneb und Mélek sich ebenfalls bereits befanden; Sie kennen diese unsere ›Inseln‹, André, und deren Milde im Frühjahr, nicht wahr? Man atmet dort die Liebe zum Leben und die Liebe zur Liebe ein. – In jener reinen Luft, unter den balsamisch duftenden Fichten, fühlte ich mich wie neubelebt. Die bösen Erinnerungen, die Mißtöne meines Ehelebens, alles zerschmolz. Ich machte mir Vorwürfe, meinem Gatten gegenüber so verschlossen und zurückhaltend gewesen zu sein. Dieses Klima und der Frühling hatten mich verwandelt. An den Mondscheinabenden ging ich im schönen Garten unserer Villa einsam und allein umher, ohne einen anderen Traum, ohne anderen Wunsch als den, meinen Hamdi bei mir zu haben, seinen Arm um meine Taille zu fühlen und nichts zu sein, als verliebt. Ich dachte an seine Küsse, die ich nicht verstanden hatte zu erwidern und an seine Liebkosungen, die mir unerträglich gewesen waren. Noch vor Ablauf der festgesetzten Frist, und ohne meine Rückkunft angemeldet zu haben, reiste ich nach Stambul zurück, nur begleitet von meinen Sklavinnen. Das Boot, das mich zurückführte, verspätete sich, und es war bereits neun Uhr abends, als ich geräuschlos in unser Haus eintrat. Hamdi mußte in dieser Stunde wie gewöhnlich, mit seinem Vater und seinen Freunden im Selamlik sein; meine Schwiegermutter hatte sich ohne Zweifel eingeschlossen, um über ihren Koran nachzusinnen, und meine Cousine stand im Begriff, sich ihre Zukunft von irgendeiner schlauen alten Sklavin aus dem Kaffeegrund weissagen zu lassen. Ich ging also geradeswegs und leise nach meiner Wohnung; ... beim Eintreten in mein Schlafzimmer sah ich nichts weiter als Durdane in den Armen meines Mannes...! Sie werden sagen, André, daß mein Abenteuer recht unbedeutend war, und daß ähnliches sich im Abendlande sehr häufig ereignet; ich erzählte es Ihnen auch nur wegen der daraus entstandenen Folgen. Aber ich bin sehr erschöpft und muß die Fortsetzung bis morgen verschieben. Djenane.« 20. Der ganze Monat Juli verlief jedoch, ohne daß André Lhéry die ihm versprochene Fortsetzung erhielt, ebensowenig wie eine andere Nachricht von den drei schwarzen Schattenbildern. Wie alle Uferbewohner des Bosporus zur Sommerzeit, lebte auch André viel auf dem Wasser, jeden Tag im Hin und Her zwischen Europa und Asien. Da er mindestens ebenso orientalisch wie ein Türke war, so hatte er auch seinen Caique, und seine Ruderer trugen das übliche Kostüm: Hemden aus Gaze von Brussa, mit flatternden Aermeln und Samtwesten mit Gold gestickt. Der Caique war weiß, lang, schmal und spitz wie ein Pfeil. Der Samt der Livreen war rot. Eines Morgens fuhr er in seinem Fahrzeug am asiatischen Ufer entlang, mit zerstreutem Blick die bis zum Ufer vorspringenden alten Wohnhäuser betrachtend, deren Fenster fest vergittert waren. Sich umwendend, sah er, seinem Caique entgegenkommend, eine leichte Barke, die von drei in weiße Seide gehüllten Frauen gerudert wurde. Ein Eunuche in fest zugeknöpftem Oberrock saß am hinteren Ende, und die drei Ruderinnen arbeiteten mit voller Kraft, als gälte es einen Wettkampf. Sie kreuzten ihn ganz dicht und wendeten die Köpfe nach ihm hin; er überzeugte sich, daß sie elegante Hände hatten, aber die Musselinschleier waren tief über die Gesichter herabgelassen, und somit konnte man nichts erraten. – Und er ahnte nicht, daß er da den drei schwarzen Schattenbildern begegnet sei, die mit Beginn des Sommers weiße Schattenbilder geworden waren. Am folgenden Tage schrieben sie ihm: »Den 3. August 1904. Seit zwei Tagen sind Ihre Freundinnen zurückgekehrt und haben sich am Bosporus, auf der asiatischen Seite, niedergelassen; und gestern früh hatten sie eine Barke bestiegen, um, selbstrudernd, wie das ihre Gewohnheit ist, nach Pascha-Bagtsche zu fahren, wo die Hecken voll Maulbeeren stehen und die Kornblumen sprießen. Anstatt des Tcharchafs und der schwarzen Schleier hatten wir nur den Yeldirne von heller Seide und eine Musselinschärpe um den Kopf: am Bosporus, auf dem Lande, erlaubt man es uns. Das Wetter war schön, die Luft klar und erfrischend; anstatt aber den schönen Morgen in Ruhe zu genießen, kam uns plötzlich, ich weiß nicht woher, die tolle Idee, unsere Fahrt zu beschleunigen, und wir ließen unsere Barke auf dem Wasser dahinfliegen, wie zur Verfolgung des Glück oder des Todes ...! Wir haben bei dieser Schnellfahrt weder das Glück noch den Tod erreicht, ... aber unseren Freund, der den Pascha spielte in einem schönen Caique, mit Ruderern in Rot und Gold. Und ich sah voll in Ihre Augen, die in die Richtung der meinigen blickten, ohne sie sehen zu können. Seit unserer Rückkunft hierher sind wir ein wenig berauscht, wie Gefangene, die ihre Zellenhaft verlassen, um in ein einfaches Gefängnis gesperrt zu werden. – Wenn Sie wüßten, wie es dort war, woher wir jetzt gekommen sind! Ist ein freier, lebenslustiger Abendländer wie Sie fähig, das Entsetzliche unserer Lage zu empfinden, und die Trostlosigkeit unseres Horizonts, an dem uns nur eine einzige Hoffnung leuchtet: – hinausgetragen zu werden zum ewigen Schlaf im kühlen Schatten einer Zypresse, im Friedhof von Eyub ... Djenane.« * »Freund André, ich bin die einzige Vernünftige in unserem Trio, wie Sie gewiß schon bemerkt haben werden. Die beiden anderen – dies selbstverständlich ganz unter uns – sind ein wenig ›verschroben‹; besonders Djenane, die zwar fortfahren will, Ihnen zu schreiben, Sie aber nicht mehr wiedersehen will. Glücklicherweise bin ich aber da, um die Sache zu ordnen. Schreiben Sie uns nur unter der früheren Adresse (Madame Zahide). Uebermorgen steht uns eine zuverlässige Freundin zur Verfügung; sie wird nach der Stadt gehen und im Poste-restante -Bureau nachfragen. Mélek.« 21. André Lhéry schrieb ihnen sofort. Zu Djenane sagte er: »Sie nicht mehr wiedersehen – oder besser gesagt: nicht mehr Ihre Stimme hören, denn ich habe Sie ja noch nie gesehen – und dies einzig, weil Sie mir eine hübsche Erklärung geistiger Freundschaft gemacht haben? Welche Kinderei!?« Er versuchte, die Sache ins Scherzhafte zu wenden und sich die Rolle des alten, würdigen, schon ein wenig väterlichen Freundes, zu erteilen. In Wirklichkeit aber war er besorgt wegen der Entschlüsse, die diese kleine stolze und eigensinnige »Seele« zu fassen fähig wäre; er traute ihr in dieser Beziehung nicht recht, auch war er seinerseits sich bewußt, daß sie ihm schon sehr teuer sei, und daß ihm der ganze Sommer verleidet werden würde, wenn er sie nicht sehen sollte. In diesem seinem Briefe erbat er sich auch die Fortsetzung der versprochenen Geschichte, und zum Schluß erzählte er zur Beruhigung seines Gewissens, wie er sie zufällig alle drei »ermittelt« hätte. * Am zweitfolgenden Tage erhielt er diese Antworten: »Daß Sie uns ›ermittelt‹ haben, ist ein Unglück. Interessieren diese Freundinnen, deren Gesichter Sie nie kennen lernen werden, Sie denn noch immer, jetzt, wo ihr Geheimnis offenbart ist? ... Die Fortsetzung meiner Geschichte wünschen Sie zu erhalten? Nichts leichter als das; Sie sollen sie haben. – Uns wiederzusehen, André, ist weniger leicht. Lassen Sie mich darüber nachdenken. Djenane.« * »Was mich betrifft ... ich werde Ihnen sogleich behilflich sein, uns gründlich zu ›ermitteln‹, indem ich Ihnen mitteile, wo sich unsere Wohnung befindet. Wenn Sie den Bosporus hinabfahren, an der asiatischen Seite, in der zweiten Bucht hinter Tchibukli, befindet sich eine Moschee, hinter dieser ein großes Yali, sehr alten Stils, sehr vergittert, prachtvoll ... aber traurig; auf dem schmalen Kai spaziert stets ein liebenswürdiger Neger, der hochzugeknöpft ist in seinem schwarzen Oberrock. Dort ist unsere jetzige Wohnung. Im ersten Stockwerk, das etwas nach dem Meer vorspringt, die sechs vergitterten Fenster links sind die unserer Zimmer. Da Sie die asiatische Seite ja so sehr lieben, ›passieren‹ Sie doch zuweilen dort und blicken Sie gelegentlich nach jenen Fenstern, ohne jedoch zu lange hinzublicken. Ihre Freundinnen, die Ihren Caique schon in der Ferne erkennen können, werden Ihnen durch ein Loch am unteren Teil der Fenster eine Fingerspitze oder auch den Zipfel eines Taschentuches als Freundschaftssignal zeigen. Mit Djenane wird sich die Sache schon ordnen lassen. Rechnen Sie auf eine Zusammenkunft in Stambul für die nächste Woche. Mélek.« * Er ließ sich nicht lange bitten, dort zu »passieren«. Der folgende Tag war zufällig ein Freitag, bekanntlich der türkische Wochenfesttag, an welchem die eleganten Promenaden nach den »Süßen Wassern Asiens« stattfinden, wohin André Lhéry nie ermangelte, sich zu begeben. Das alte Haus, in dem Djenane und ihre beiden Cousinen gegenwärtig wohnten, und das ohne Zweifel leicht zu erkennen war, befand sich auf dem Wege zu den Süßen Wassern. Ausgestreckt in seinem Caique, fuhr er so dicht daran vorüber, wie es die zu beobachtende Vorsicht nur immer gestattete. Das Yali, ganz aus Holz, nach türkischem Brauch mit dunklem Ocker angestrichen, sah recht stattlich aus, aber traurig und einsam. Das Fundament wurde fast vom Wasser des Bosporus bespült, und die Fenster der drei Freundinnen überragten ein wenig das bewegte Wasser. Hinter dem Hause befanden sich Gärten, von hohen Mauern umgeben. Unter dem Hause öffnete sich eine Art gewölbter Grotte, wie sie zur Unterbringung von Booten der Bewohner des Hauses gebräuchlich ist. Als André sich näherte, sah er daraus ein schönes Caique hervorbringen, das zur Promenade ausgestattet war. Die Ruderer in blauer Samtweste mit Gold gestickt; ein langer Teppich von dem gleichen Samt und ebenfalls mit Goldstickerei schleppte im Wasser. Wollten die drei Freundinnen auch nach den Süßen Wassern fahren? Es hatte ganz den Anschein. Er fuhr vorüber, einen Blick nach den ihm bezeichneten Gitterfenstern werfend; aus mehreren Löchern steckten zarte Finger, mit Ringen besetzt, hervor, und auch der Zipfel eines seidenen Spitzentaschentuches. An der übermütigen Art, die hervorgestreckten Finger zu bewegen und den Zipfel des Taschentuches tanzen zu lassen, erkannte André sogleich Méleks Tätigkeit. In Konstantinopel gibt es »Süße Wasser Europas«: ein kleines Flüßchen, zwischen Wiesen und Bäumen fließend, wohin die Volksmenge an den Freitagen im Frühjahr wandert. Und es gibt die »Süßen Wasser Asiens«: ein noch kleineres Flüßchen, beinahe nur ein Bach, der von den asiatischen Hügeln herabfließt und sich schließlich in den Bosporus ergießt. Dort versammelt man sich im Sommer an jedem Freitag. Zu der Stunde, da André sich heute dorthin begab, kamen auch viele andere Caiques von beiden Ufern aus dorthin: die einen brachten verschleierte Damen, die anderen Herren mit rotem Fes. Am Fuße einer phantastischen Zitadelle aus dem sarazenischen Mittelalter, gespickt mit Türmen und Schießscharten, und nahe bei einem prachtvollen Kiosk mit Marmorkai, Seiner Majestät dem Sultan gehörend, öffnet sich dieser bevorzugte kleine Wasserlauf, der jede Woche so viele geheimnisvolle Schönen herbeizieht. Bevor André in die mit Farnkraut und Rohr bewachsenen Ufer einfuhr, hatte er sich umgewandt, um zu sehen, ob seine Freundinnen auch wirklich folgten, und er glaubte in weiter Ferne das Caique mit den drei Gestalten in schwarzen Tcharchafs und die blau und goldenen Livreen der Ruderer erkannt zu haben. Als André ankam, fand er schon große Menschenmengen vor, sowohl auf dem Wasser in den verschiedenartigsten Barken, als an den Ufern, wo sich auf den amphitheatralisch aufsteigenden Anhöhen die Volksmengen auf dem schönen weichen Rasen niedergelassen hatten, um von oben herab dem bunten Treiben auf dem Wasser zuzuschauen und sich daran zu ergötzen. – Dort oben stehen hin und wieder große Bäume, in deren Schatten einige kleine fliegende Kaffeehäuser errichtet sind. Unermüdliche Nargilehraucher hatten sich auf dem Rasen niedergelassen, auf dem sie, in orientalischer Weise mit untergeschlagenen Beinen sitzend, in aller Gemütsruhe ihrem gewohnten Genuß frönten. Auf beiden Seiten des Wassers waren die Hügel dicht besetzt von Schaulustigen; die obersten Reihen dieses natürlichen Amphitheaters nahmen ausschließlich Frauen ein, und es gibt nichts Harmonischeres als eine große Anzahl türkischer Frauen auf dem Lande, ohne die düsteren Tcharcharfs wie in der Stadt, sondern in langen einfarbigen Kleidern: rosa, blau, braun, rot, jede den Kopf gleichmäßig umhüllt mit einem Schleier aus weißem Musselin. Die amüsanteste Sonderbarkeit dieser Promenaden ist diese Ueberfüllung auf einem so ruhigen, so eingeschlossenen, von so vielem frischen Grün umgebenen Gewässer; mit so vielen hübschen Augenpaaren, die alles, was sie umgibt, durch die Spalten ihrer Schleier betrachten. Häufig können die Boote gar nicht mehr vorwärts kommen, die Ruder kreuzen sich, die Caiques streifen gegeneinander, und man muß stillhalten. Die Vernünftigen warten geduldig, bis die Fahrt frei wird, oder sie suchen einen Ausweg durch Schwenkungen nach rückwärts. Zu den letzteren gehörte auch André Lhéry, und ihm glückte der Versuch. Als sein Caique wieder im offenen Wasser war, forschte er überall umher nach seinen drei Freundinnen, die doch unbedingt bald nach ihm bei den »Süßen Wassern« angekommen sein mußten. Er ließ deshalb alle Caiques, die von dort kamen, an sich vorüberfahren, wobei er noch ein recht angenehmes Schauspiel genoß, denn es befanden sich viele wirklich schöne Caiques dabei, mit sehr interessanten Insassen. Allerdings glich dieser Korso nicht mehr völlig denen der früheren Zeiten, denn man bemerkte heute verschiedene amerikanische Yolen der Jungtürken und banale Leihbarken, in denen schöne, aber herausfordernde Levantinerinnen ihre geschmacklos aufgeputzten, großen Sturmhüte zur Schau trugen. Indessen die Caiques herrschten noch immer vor, und es befanden sich, wie gesagt, manche prächtig ausgestattete darunter. Endlich bei der Windung des Flüßchens erschienen die längst Erwarteten. Drei schlanke Schattengestalten auf einem kostbaren blauen Samtteppich mit Goldfransen. Drei Personen für einen Caique ist eigentlich etwas viel. Zwei saßen auf der Hauptbank; vermutlich die beiden älteren, und die dritte, die jüngste, die noch fast als Kind behandelt wurde, hatte sich zu den Füßen der anderen niedergekauert. Die beiden Caiques fuhren ganz dicht aneinander vorüber, und André erkannte alle drei jetzt genau. Selbstverständlich wechselten sie weder einen Gruß noch auch nur ein Zeichen aus; Mélek allein, die am wenigsten streng Verschleierte, lächelte ihm fast unmerklich zu. Noch einmal kreuzten sich die beiden Caiques; dann ward es Zeit zur Rückfahrt. Die Sonne beleuchtete bald nur noch die Gipfel der Hügel, die sich allmählich leerten; die Caiques zerstreuten sich nach allen Punkten des Bosporus, um ihre schönen Insassinnen, die vor der Abenddämmerung wieder zu Hause sein mußten, zurückzuführen, die dann, wie alle ihre Leidensgefährtinnen, in ihre Harems eingesperrt wurden. André ließ seine Freundinnen sehr weit vorausfahren, damit es nicht den Anschein habe, als verfolge er sie; dann fuhr auch er langsam an der asiatischen Küste entlang, nach Hause, um seinen Ruderern Zeit zum Ausruhen zu gönnen und. um selbst den Mond aufgehen zu sehen. 22. Djenane an André. »Am 17. August 1904. Also wirklich, André, Sie bestehen darauf, die Fortsetzung meiner Geschichte zu erfahren? – Es ist ja doch nur ein recht armseliges Abenteuer, das ich anfing, Ihnen zu erzählen. Wie tief schmerzt doch eine Liebe, die stirbt! Und wenn sie wenigstens mit einem einzigen Schlage stürbe! Doch nein, sie kämpft, sie wehrt sich ... und dieser Todeskampf ist das grausamste! ... Also, weil mir aus namenloser Ueberraschung meine kleine Handtasche aus den Händen glitt und zu Boden fiel, wobei ein Parfümflakon zerbrach, wandte infolge des dadurch entstandenen Lärmes Durdane den Kopf nach mir um. Sie war keineswegs verwirrt; ihre meergrünen Augen weit öffnend, lächelte sie mich mit einem wahren Pantherblick an. Ohne ein Wort zu sprechen, sahen wir uns beide in die Augen. Hamdi sah noch nichts; er hatte einen Arm um ihren Hals gelegt, und sein Gesicht sanft zu mir umwendend, sagte sie zu ihm in gleichgültigem Tone: ›Djenane!‹ Ich weiß nicht, was er daraufhin tat, denn ich zog mich zurück, um nichts mehr zu sehen. Instinktmäßig flüchtete ich mich zu seiner Mutter; sie las in ihrem Koran und grollte, in ihrer Andacht unterbrochen zu sein. Infolge meiner Mitteilungen erhob sie sich jedoch entrüstet, um zu den beiden hinaufzugehen. Als sie zurückkam, ich weiß nicht nach wieviel Minuten, sagte sie zu mir in sanftmütiger Ruhe: ›Geh in Deine Wohnung, mein armes Kind; ... die anderen sind nicht mehr dort.‹ Als ich mich in meinem Boudoir allein befand, schloß ich die Türen, warf mich dann auf eine Chaiselongue und weinte, ... bis ich vor Erschöpfung einschlief. – O! aber dann, bei Tagesanbruch, welches Erwachen! ... In seinem Gedächtnis alles wiederzufinden, ... anzufangen, darüber nachzudenken, ... sich zu sagen, daß ein Entschluß gefaßt werden müsse! ... Ich hätte ihn hassen mögen, aber ich empfand in mir nur Schmerz, keinen Haß: Schmerz und verletzte Liebe! ... Es war noch sehr früh am Morgen, kaum daß der Tag begann. Ich vernahm Schritte, die sich meiner Tür näherten: meine Schwiegermutter trat ein, und ich überzeugte mich sogleich, daß sie geweint hatte. – ›Durdane ist abgereist,‹ – sagte sie, – ›ich habe sie weit weg von hier, zu einer unserer Verwandten geschickt.‹ – Sich alsdann zu mir setzend, fügte sie hinzu, daß solche Dinge sich alle Tage im Leben ereigneten; daß die Launen des Mannes weniger Dauer hätten als die des Windes; ... daß ich mich in mein Schlafzimmer begeben, mich recht schön machen und Hamdi zulächeln solle am Abend, wenn er aus dem Palais heimkäme. Er wäre ganz unglücklich, behauptete sie, – und wolle sich mir nicht nähern, bevor ich mich nicht getröstet haben würde. Am Nachmittag brachte man mir seidene Blusen, Spitzen, Fächer und Geschmeide. Abends kam Hamdi zu mir; er war ruhig, nur ein wenig bleich. Auch ich war ruhig und fragte ihn nur, ob er mich noch liebe. Er solle mir die Wahrheit sagen: ja oder nein! Ich hätte ihn freigegeben und wäre zu meiner Großmutter zurückgekehrt. Er lächelte, nahm mich in seine Arme und sagte: ›Was bist Du für ein Kind! Könnte ich denn jemals aufhören, Dich zu lieben?‹ ... Und er bedeckte mich mit Küssen und berauschte mich durch Liebkosungen. Ich fragte ihn jedoch noch, wie er denn die andere lieben könnte, wenn er mich immer geliebt hätte. Und da habe ich gelernt, die Männer zu beurteilen, – die unsrigen wenigstens! Dieser hier hatte nicht einmal den Mut seiner Liebe! ... Er antwortete mir: ›Jene Durdane? Nein, ich liebe sie nicht; es war nur eine Laune wegen ihrer grünen Pupillen und ihres schmiegsamen Körpers, wenn sie abends tanzte.‹ – Schließlich fragte er mich: was mir dies alles ausmachen könne? Ohne meine unvorhergesehene Ankunft würde ich ja nie etwas gewußt haben! ... O! Welchen Widerwillen empfand ich da vor ihm, von ihr, ... und auch vor mir selbst; ... als ich dies hörte, denn ich wollte verzeihen. – Also ihre Augen und ihr schmiegsamer Körper, das war alles, was Hamdi an der anderen liebte? ... Wohlan! Ich wußte mich hübscher als sie; ich hatte auch grüne Pupillen, von einem dunkleren, selteneren Meergrün als das ihrige, und wenn es ihm also genügte, daß man hübsch und liebreizend war, ... so wollte ich jetzt beides sein! ... Und der Kampf um die Wiedereroberung begann; währte nicht lange. Die Erinnerung an Durdane lastete bald nicht mehr schwer auf Hamdi. Aber nie in meinem Leben hatte ich jammervollere Tage gekannt als damals! Ich fühlte alles Hohe und Reine in mir erbleichen und entblättern, wie die Rosen verwelken in der Nähe des Feuers. Ich hatte schon keinen anderen Gedanken mehr als den: ihm zu gefallen, ihm die Liebe der anderen durch eine größere Liebe in Vergessenheit zu bringen! Aber welches Entsetzen ergriff mich, als ich bald darauf gewahrte, daß mit meiner immerfort wachsenden Selbstverachtung auch allmählich in mir der Haß gegen den entstand, für den ich mich so erniedrigte, denn ich war für ihn nichts weiter geworden als eine Puppe zu seinem Vergnügen! Mein Boudoir wagte ich gar nicht mehr zu betreten, aus Furcht vor den stummen Vorwürfen meiner Bücher und Schriften, in denen Gedanken herrschten, die von meinen jetzigen so sehr verschieden waren. Die Djenane der Gegenwart konnte sich nicht enthalten, die Djenane der Vergangenheit zu beweinen, die versucht hatte, eine Seele zu haben. Und wie soll ich Ihnen die Folter beschreiben, als ich endlich deutlich fühlte, daß in mir die Liebe erloschen war. Er aber liebte mich jetzt mit einer Glut, die für mich zum Entsetzen wurde. Was sollte ich tun, mich seinen Armen zu entziehen, um meine Schmach nicht zu verlängern? Ich sah keinen anderen Ausweg als den Tod, ... und ich hatte dazu schon alle Vorbereitungen getroffen ... zu einem schnellen, sanften Tod. Das Mittel befand sich, schnell erreichbar, auf meinem Toilettentisch in einem silbernen Flakon. Soweit war es mit mir gekommen, als ich eines Morgens in den Salon meiner Schwiegermutter Emire Hanum trat und dort zwei Besucherinnen antraf, die im Begriff waren, ihre Tcharchafs umzunehmen, um sich zu entfernen: Durdane und die Verwandte, die sie bei sich aufgenommen hatte. Durdane lachte wie immer, diesmal aber mit einer triumphierenden Miene, während die beiden alten Damen etwas verlegen waren. Ich hingegen fühlte mich ganz ruhig. Ich bemerkte aber, daß Durdanes Robe in der Hüfte nicht fest anschloß, und daß ihre Bewegungen schwerfällig geworden waren. – Sie befestigte gemächlich ihren Tcharchaf und ihren Schleier, grüßte uns und ging. ›Was hatte sie hier zu schaffen?‹ fragte ich meine Schwiegermutter leichthin, als wir allein waren. Emire Hanum zog mich neben sich auf einen Sitz, reichte mir ihre beiden Hände, zögerte aber noch mit der Antwort, und ich sah Tränen auf ihren runzligen Wangen. Und dann kam's heraus: Durdane werde bald ein Kind gebären, und dann müsse mein Gatte sie heiraten! eine Frau ihrer Familie könne nicht Mutter sein, ohne verheiratet zu sein; überdies habe ein Kind Hamdis von Rechts wegen seinen Platz in diesem Hause. Sie sagte mir alles weinend und hatte mich dabei in ihre Arme geschlossen. – Ich hatte sehr ruhig zugehört: das war ja die Befreiung, dir mir winkte, in demselben Augenblick, da ich mich schon verloren glaubte! Ich erwiderte deshalb sogleich, daß ich das alles sehr wohl einsähe, daß Hamdi frei sei, und ich bereit wäre, mich so bald wie möglich scheiden zu lassen, ohne deshalb irgendwem böse zu sein! ›Scheiden lassen?‹ rief sie unter einem Tränenstrom. ›Du willst Dich scheiden lassen? Aber mein Sohn betet Dich ja an, ... und wir lieben Dich alle! Du bist die Freude meiner Augen!‹ ... Arme Frau! Wenn ich dieses Haus verlasse, wird sie die einzige sein, von der ich mich mit Bedauern trenne. – Um mich von meiner Absicht zurückzubringen, begann sie, mir als Beispiel die Frauen ihrer Zeit anzuführen, die glücklich zu sein verstanden in ähnlicher Lage wie die meinige. Sie selbst, Emire Hanum, hatte sie nicht die Liebe ihres Paschas mit anderen Frauen teilen müssen? Als ihre Schönheit zu verblühen begann, hatte sie nicht eine, zwei, drei junge Frauen sich im Harem folgen sehen? Sie nannte sie ›ihre Schwestern‹; nie hatte eine von ihnen die ihr schuldige Achtung aus den Augen gesetzt, und der Pascha kam nur zu ihr, wenn er eine vertrauliche Mitteilung zu machen, einen Rat zu erbitten hatte, oder wenn er sich krank fühlte. Hatte sie unter alledem zu leiden gehabt? Kaum; denn sie wußte sich nur eines einzigen Kummers während ihres ganzen Lebens zu entsinnen: das war, als die kleine Sahida starb, die letzte ihrer ›Rivalinnen‹, die ihr vertrauensvoll ihr Bébé hinterließ. Der jüngste Bruder Hamdis, der kleine Ferid, war nicht ihr eigener Sohn, sondern das Söhnchen der armen Sahida. – ›Dies, André, erfuhr ich erst in jener Stunde.‹ – Durdane sollte schon am folgenden Tage ihren Einzug in den Harem halten. – Was kümmerte mich im Grunde diese Frau? Aber sie sollte mir zum Vorwand dienen, den ich sofort zu verwerten gedachte; ich machte deshalb, ohne Zeitverlust, meine ›halbe Unterwerfung‹. Vor dieser weinenden Mutter kniend, erbat ich nur die Erlaubnis – und erhielt sie ohne weiteres – mich für zwei Monate zu meiner Großmutter nach Khassim-Pascha in das Zimmer zurückziehen zu dürfen, das ich als junges Mädchen bewohnt hatte. – ›Ich bedürfte dessen, um mich zu fassen, sagte ich, und würde hernach wieder zurückkommen.‹ Ich war schon abgereist, bevor Hamdi von Iildis nach Hause kam. Das war die Zeit, André, zu der Sie in Konstantinopel ankamen. – Nach Ablauf jener zwei Monate wollte mich mein Gatte natürlich zurückhaben; ich ließ ihm sagen, daß er mich lebendig nicht erhalten werde! Das kleine silberne Flakon verließ mich nicht mehr. Es entstand ein heftiger Kampf bis zu dem Tage, wo Seine Majestät der Sultan die Gnade hatte, ein Irade zu unterzeichnen, das mich freimachte! Darf ich Ihnen gestehen, daß ich noch in der ersten Zeit nachher manche Pein erduldet habe? Wider Erwarten verfolgte mich das Bild jenes Mannes, der mich so oft geküßt, und den ich vielleicht ebenso geliebt wie gehaßt habe, noch wochenlang. Heute jedoch ist alles beruhigt! Ich habe ihm verziehen, daß er aus mir fast eine Buhlerin machte; er flößt mir jetzt weder einen Wunsch noch Haß ein; das ist zu Ende! Ich habe meine Würde zurückerobert und meine Seele wiedergefunden. Antworten Sie mir nun, André, ich bitte Sie, damit ich weiß, ob Sie mich verstehen, ... oder ob Sie, wie so viele andere, mich für eine arme kleine Irrsinnige, auf der Suche nach dem Unmöglichen, halten? Djenane.« 23. André Lhéry antwortete Djenane, daß Hamdi allen Männern, sowohl denen im Abendlande als denen in der Türkei, ähnelte, ... und daß sie nur ein kleines außergewöhnliches, auserlesenes Wesen sei! Und dann bat er sie zu erwägen – was eigentlich nicht neu ist –, daß nichts so schnell entflieht als die Zeit! ... Die ihm für seinen Aufenthalt in Konstantinopel vergönnten zwei Jahre hätten schon ihre Flucht begonnen und würden sich nie mehr wiederfinden; sie müßten also den verbleibenden Rest alle beide benutzen, um ihre Gedanken auszutauschen, die ebenso schnell in das Nichts zurücksinken könnten wie die Gedanken aller Wesen in die Abgründe des Todes. Und er empfing eine Aufforderung zu einem Stelldichein für den nächsten Donnerstag in Stambul, zu Sultan-Selim, in dem alten Hause am Ende der stillen Sackgasse. An jenem Tage fuhr er am frühen Morgen in einem kleinen Personendampfer den Bosporus entlang und fand Stambul in vollem Sommer; es war so heiß, daß man glauben konnte, Stambul habe sich Arabien genähert. Wie war es möglich, daß diese Stadt so lange und so schneereiche Winter haben konnte? – Um die Zeit bis zum Stelldichein auszufüllen, ging er nach Sultan-Fatih, um sich gegenüber der Moschee wie früher unter den Bäumen vor dem kleinen Kaffeehause niederzulassen. Er wurde dort als alter Bekannter begrüßt, besonders von den Imams, an deren Seite er Platz nahm. Der »Cafedji« brachte ihm außer dem einschläfernden Nargileh die kleine Tekir mit, die Hauskatze, die zur Frühjahrszeit häufig Andrés Gesellschafterin gewesen war und sich auch heute sogleich neben ihn legte, mit dem Kopf auf seine Knie, damit er sie streichle. Nachdem er das Nargileh ausgeraucht und sich genügend ausgeruht hatte, erhob sich André zum Bedauern des Kätzchens und machte sich auf den Weg nach Sultan-Selim. Als er gegen zwei Uhr dort ankam, war die Sackgasse fast noch stiller und einsamer als sonst. Hinter der Haustür mit dem kupfernen Klopfer traf er Mélek auf Posten, die ihn lächelnd begrüßte wie ein guter Kamerad, glücklich, ihn endlich einmal wiederzusehen. Sie trug heute nur einen einfachen Schleier, durch den ihr Gesicht fast ebensogut zu erkennen war wie das einer Abendländerin im Trauerschleier. Oben traf er zunächst Zeyneb an, die ebenfalls nur einen einfachen Schleier angelegt hatte, so daß er zum erstenmal ihre Augen sehen konnte, aus denen ihm ein ernster, aber doch sanfter Blick begegnete. – Djenane hingegen verharrte dabei, nichts zu sein als eine schlanke schwarze Erscheinung ohne Gesicht. Die erste Frage, die sie in einem etwas drolligen Tone an ihn richtete, war: »Nun, wie befindet sich Ihr Freund Jean Renaud?« »Vortrefflich, ich danke Ihnen,« antwortete er in demselben Tone; »Sie wissen seinen Namen?« »O, man weiß alles in den Harems! Zum Beispiel: ich kann Ihnen sagen, daß Sie gestern abend bei Madame de Saint-Enogat dinierten an der Seite einer Dame in rosenroter Robe; daß Sie sich hernach mit ihr allein auf eine Bank im Garten gesetzt haben, bei hellem Mondschein, und daß die Dame eine Zigarette von Ihnen angenommen hat. – Und so weiter! ... Alles was Sie tun, alles was Ihnen begegnet, ... wir wissen es! ... Also Sie geben mir die Versicherung, daß es Herrn Jean Renaud gut geht?« »Gewiß! wie ich Ihnen sage.« »Dann war Deine Mühe vergebens, Mélek! ... Das wirkt nicht.« Er erfuhr nun, daß Mélek seit einigen Tagen Gebete und sogar eine Beschwörung veranlaßt habe, um Jean Renauds Tod zu bewirken, – ein wenig aus Kinderei, indessen auch ein wenig im Ernst; denn sie bildete sich ein, daß er einen feindlichen Einfluß auf André ausübte und ihm Mißtrauen gegen die drei Freundinnen einflößte. »So!« sagte Djenane lachend zu ihm. »Sie wollten ja die Orientalinnen kennen lernen; wohlan, so sind wir! Sobald man den Firnis ein wenig abkratzt, gleich sind die kleinen Barbaren da!« »Jedenfalls irren Sie sich in diesem Punkt; der arme Jean Renaud schwärmt ja im Gegenteil für Sie und träumt fortwährend von Ihnen! Ohne ihn würden wir, Sie und ich, – uns noch gar nicht kennen. Zu unserer ersten Zusammenkunft in Pascha-Bagtsche am Tage des großen Windes, hat er mich förmlich hingezogen, denn ich weigerte mich, hinzugehen.« »Der gute Jean Renaud!« rief Mélek. »Wissen Sie was? Bringen Sie ihn morgen, Freitag, nach den ›Süßen Wassern‹ mit, in Ihrem schönen Caique ... und ich werde auch dorthin kommen, ganz besonders, um ihn beim Vorüberfahren anzulächeln.« In dem kleinen halbdunklen Harem, wo man den Glanz des wundervollen Sommertages kaum ahnen konnte, spielte Djenane noch mehr als beim letztenmal eine Sphinx und wich nicht von ihrem Platz. Man merkte, daß eine gewisse Schüchternheit und Verlegenheit sie darüber erfüllte, daß sie sich in ihren langen Briefen vielleicht zu offenherzig geäußert habe. Ihr gegenwärtiges Benehmen machte André jedoch nervös und sogar zu Angriffen geneigt. – Heute versuchte sie das Gespräch auf das »Buch« zu beschränken; sie fragte André: »Es wird ein Roman, nicht wahr?« »Wie könnte ich anderes schreiben? Aber noch sehe ich diesen Roman überhaupt nicht!« »Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, was ich dachte! Ein Roman, in dem Sie selbst ein wenig vorkämen ...« »Ach! nein, das nicht!« »Lassen Sie mich erklären! Sie brauchten ja nicht in erster Person zu sprechen; ich weiß ja, daß Sie das nicht mehr wollen. Es könnte ja aber ein Europäer darin vorkommen, der in unserem Lande umherreist, ein Lobsänger des Orients, der mit Ihren Augen sieht und mit Ihrer Seele fühlt ...« »Und man würde mich durchaus nicht erkennen?« »Was täte Ihnen das? Lassen Sie mich nur fortfahren! ... Er begegnete heimlich, unter tausend unvermeidlichen Gefahren, einer unserer türkischen Mitschwestern und sie liebten einander ...« »Und dann?« »Dann reist er fort, wie es doch nicht anders sein kann ..., und das ist alles ...!« »Diese kleine Verwicklung würde allerdings in meinem Werk ganz neu sein ...« »Erlauben Sie! Es könnte doch das neu darin sein, daß die Liebe zwischen den beiden uneingestanden und rein bleibt.« »Aha! ... Nun, und › sie ‹, nach seiner Abreise?« »Sie? ... Je nun, was kann sie anders tun? Sie stirbt!« Dieses »sie stirbt« wurde im Ton einer so ergreifenden Ueberzeugung gesprochen, daß André davon tief erschüttert wurde und sich genötigt sah, einige Minuten zu schweigen, so daß eine allgemeine Pause entstand. Zeyneb nahm hernach das Gespräch wieder auf, indem sie sich an Djenane mit den Worten wandte: »Nenne doch den Titel, an den Du dachtest, und der uns so hübsch erschien: ›Das Blau, an dem man stirbt!‹« Und dann fuhr sie, zu André gewendet, fort: »Er scheint Ihnen nicht zu gefallen?« »Der Titel ist hübsch,« erwiderte André, »ich finde ihn nur ein wenig ... wie soll ich sagen? ein wenig romanzenhaft!« »Wohlan!« fiel Djenane rasch ein, »sagen Sie doch gleich, daß Sie ihn 1320 finden! ... Er ist Rokoko! Sprechen wir nicht weiter davon!« »Ein Titel, der Papilloten hat!« fügte Mélek hinzu. André sah ein, daß er seit einigen Minuten Djenane dadurch verletzt hatte, daß er in halb spöttischer Weise ihre literarischen Ideen ablehnte, die sie sich ganz allein mühsam und zuweilen mit wunderbarem Verständnis erworben hatte. Plötzlich erschien sie ihm so naiv und so jung, ... sie, die er anfänglich für ein wenig überreizt gehalten, durch vieles Lesen und Studieren. – Er war untröstlich, sie vielleicht verletzt zu haben, und änderte deshalb sofort den Ton, der ganz sanft, fast zärtlich wurde, indem er zu ihr sagte: »Nicht doch, meine liebe, unsichtbare Freundin. Ihr Titel ist keineswegs Rokoko, ebensowenig wie Ihre Idee über den Inhalt des Romans unannehmbar ist; nur bitte ich Sie, keinen Tod hineinzubringen. Ich habe in meinen Büchern so viele Menschen sterben lassen, daß man mich für einen ›Blaubart‹ halten könnte, wenn ich es diesmal wieder ebenso machte! – Nein, keinen Tod, dagegen womöglich viel Leben und viel Jugend! Unter diesem Vorbehalt werde ich versuchen, den Roman gänzlich in der Form zu schreiben, die Ihnen gefällt; und wir werden gemeinsam daran arbeiten, mit vollem Einverständnis, wie zwei gute Kameraden; nicht wahr?« Mit diesen Worten schieden sie für heute, viel inniger miteinander befreundet als sie es jemals vorher gewesen. 24. Djenane an André. »Den 16. September 1904. Ich war unter den Blumen im Garten und fühlte mich dort so einsam und verlassen! ... Ein Gewitter war in der Nacht niedergegangen und hatte die Rosenstöcke vernichtet. Die Rosen waren entblättert und bedeckten den Erdboden. Auf diesen noch frischen Blättern zu wandeln erregte in mir das Gefühl, als träte ich meine Träume mit Füßen. In diesem Garten am Bosporus verlebte ich alle Sommer meiner Kindheit und meiner Jugendjahre, mit Zeyneb und Mélek. Damals waren wir glücklich; unsere Tage flossen so sanft und ruhig dahin zwischen unseren Vergnügungen und Studien. Wir hätten nie gedacht, daß wir jemals zu bedauern sein würden. Unsere ausländischen Erzieherinnen und Lehrerinnen, die, wie sie sagten, in ihrem Vaterlande viel erduldet hatten, befanden sich hier bei uns sehr wohl; die hier herrschende Ruhe war für sie die des Hafens nach dem Sturm. Und wenn wir ihnen zuweilen unsere Wünsche mitteilten, ebenso leben zu können wie die Europäerinnen, dann antworteten sie uns stets, wir sollten uns lieber genügen lassen an der Ruhe und Sicherheit, die uns hier umgab. Wir hatten auch in der Tat nicht Ursache, uns zu beklagen. Mein eigenes Unglück begann erst zu der Zeit, als man mich verheiratete. O, unser erstes Zusammentreffen, André, während des Windsturmes! Hätten Sie damals wohl geglaubt, daß Sie so bald ein uns so teurer Freund sein würden? Und Sie? Ich glaube, daß auch Sie sich zu uns bedauernswerten Türkinnen hingezogen fühlen. Etwas unbeschreiblich Süßes ist über mich gekommen seit unserer letzten Zusammenkunft in dem Augenblick, als Ihre Stimme und Ihre Augen sich plötzlich veränderten, weil Sie fürchteten, mich verletzt zu haben. Damals erkannte ich, daß Sie ein gutes Herz besitzen und wohl zustimmen werden, nicht nur mein Freund, sondern auch mein Vertrauter zu sein! ... Ich habe Ihr Porträt hier, dicht vor mir, auf meinem Schreibtisch, und es blickt mich mit seinen klaren Augen an. Sie selbst weiß ich nicht weit von hier auf dem anderen Ufer; eine kleine Ecke des Bosporus trennt uns nur; und dennoch, welche Entfernung zwischen uns! Welche Schwierigkeiten, uns wiederzusehen! Trotzdem wünsche ich, wenn Sie unser Land verlassen haben werden, in Ihrer Erinnerung nicht nur ein unbestimmtes Schattenbild, sondern eine Wirklichkeit, wenngleich nur eine arme, kleine traurige Wirklichkeit zu sein! Die vom Sturm vernichteten Rosen in unserem Garten erinnern mich an einen Herbsttag vor etwa zwei Jahren, am Tage vor unserer Rückkehr nach Khassim-Pascha. Ich war mit Zeyneb und Mélek nochmals im Garten gewesen, um Abschied von ihm zu nehmen und die letzten Rosen zu pflücken. Ein kalter, scharfer Wind heulte durch die kahlen Aeste der Bäume. Die alte Irfane, eine unserer Sklavinnen, eine Art von Wahrsagerin, die im Kaffeegrund zu lesen verstand, behauptete, daß jener Tag sehr günstig sei für die Voraussagung unseres Schicksals. Sie brachte uns also drei Tassen Kaffee, die wir austrinken mußten. Wir befanden uns am äußersten Ende des Gartens, und Irfane saß zu unseren Füßen, zwischen den trockenen Baumblättern. In den Tassen Zeynebs und Méleks sah sie nichts als Vergnügungen und Geschenke. Aber sie schüttelte den Kopf, als sie in meine Tasse blickte. ›O!‹ sagte sie, ›die Liebe wacht, ... aber die Liebe ist trügerisch! ... Du wirst längere Zeit hindurch nicht an den Bosporus kommen, ... und wenn Du wieder herkommst, wird die Blüte Deines Glückes entschwunden sein! ... O, Du Arme! In Deinem Schicksal ist nichts als die Liebe und der Tod!‹ ... Ich sollte in der Tat nicht früher hierher zurückkommen als in diesem Sommer, nach meiner traurigen Heirat. Ist es aber wirklich ›die Blüte meines Glücks‹, die entschwunden ist, da ich doch das Glück noch gar nicht gekannt habe? ... Nein, nicht wahr? ... Niemals aber hat diese Voraussage mich so nachdenklich gemacht wie heute: die Worte nämlich: ›In Deinem Schicksal ist nichts als die Liebe und der Tod!‹ ... Djenane.« 25. Sie begegneten sich häufig während des ganzen köstlichen Spätsommers. An den Süßwassern Asiens kreuzten sich ihre Caiques mindestens einmal in jeder Woche, aber keiner von ihnen wagte eine Bewegung zu machen; Zeyneb und Mélek, deren Gesichtszüge ein wenig zu erkennen waren, erlaubten sich kaum ein leichtes Lächeln unter ihren schwarzen Gazeschleiern. In Stambul, bei der ehemaligen Amme, sahen sie sich auch. Sie erfanden immer neue Vorwände, um nach der Stadt zu kommen, wo sie dann ihre Sklaven unterwegs verstreuten. Allerdings erforderte jede Zusammenkunft immer neue Gewebe von List und Verwegenheit, die immer nahe daran zu sein schienen zu zerreißen und das unschuldige Abenteuer in ein Drama zu verwandeln, die aber bisher stets wunderbar gelangen. Und jeder Erfolg gab ihnen immer größere Sicherheit und ließ sie noch viel verwegenere Unternehmungen ausführen. Die Freundinnen sagten darüber eines Tages zu André: »Wenn Sie das in Ihren Kreisen zu Konstantinopel erzählen wollten, würde es Ihnen niemand glauben!« Bei ihren Zusammenkünften in dem kleinen alten Hause zu Stambul, wo sie wie alte Freunde miteinander plauderten, geschah es jetzt zuweilen, daß Zeyneb und Mélek ihre Schleier erhoben und das volle Oval ihrer Gesichter zeigten, das Haar allein blieb bedeckt durch einen kleinen schwarzen Schleier; beide sahen dadurch allerliebsten jungen Nonnen ähnlich. Djenane hingegen behielt wie immer ihre volle Verschleierung bei, zu Andrés Verzweiflung. Er vermied jedoch, eine Bemerkung darüber zu machen, um sie nicht zu reizen und sich dadurch jeder Hoffnung zu berauben, ihre Augen kennen zu lernen. – Er wagte es manchmal, nach vorheriger Verabredung mit den Freundinnen, abends ihrem Gesang und Pianospiel, im Vorüberfahren mit seinem Caique, zu lauschen; doch nur für wenige Minuten, denn seine Ruderer waren Türken und trotz ihrer sonstigen Ergebenheit wohl fähig, ihn zu verraten, wenn sie Verdacht schöpften, daß zwischen ihrem augenblicklichen Brotherrn, einem Abendländer, und den Bewohnerinnen des Harems dort oben ein Einvernehmen bestehe. Deshalb erschien er an den folgenden Abenden in einer ganz gewöhnlichen Fischerbarke, wie solche zu Tausenden die Nächte hindurch auf dem Bosporus anzutreffen find. Unter dem Anscheine, seine Netze auszuwerfen, konnte er lange Zeit vor dem Hause verweilen; er hörte Zeyneb singen, von Mélek oder Djenane auf dem Piano begleitet. Er kannte ihre schöne Stimme, die sie vorzugsweise für den ernsten Gesang befähigte, wobei der Kenner aber einen leichten Bruch der Stimme bemerken konnte, der sie nur um so interessanter machte, weil dies ein Vorzeichen frühen Todes sein soll. – – – – – – In der Mitte des September wagten sie etwas Unerhörtes; sie wollten gemeinsam einen mit rosenrotem Heidekraut bewachsenen Hügel ersteigen und in dem dahinterliegenden Wäldchen spazieren gehen. Diese Absicht ward ohne Hindernis ausgeführt, oberhalb Beicos, eines Ortes auf der asiatischen Seite gegenüber von Therapia, wohin André jeden Abend beim Niedergang der Sonne zu kommen pflegte. Unbeschreiblich ist der Reiz dieses Punktes, der späterhin einer ihrer beliebtesten Zusammenkunftsorte, und der am wenigsten gefährliche, wurde. Von dem so übermäßig belebten Therapia gelangt man dorthin, unter dem Schatten hundertjähriger Bäume, im erquickenden Frieden der alten Zeiten. Eine durch nichts unterbrochene weite Ebene empfängt den Wanderer; eingeschlossen ist diese Ebene von allen Seiten durch einsame, waldige Hügel, und die Türken haben, betroffen von ihrem eigenartigen Reize, die Gegend »Das Tal des Großherrn« benannt. Man kann sich kaum denken, daß der Bosporus mit seinem durch die vielen Schiffe erzeugten Lärm so nahe ist. Die Hügel verdecken ihn; hier ist man abgeschlossen von allem, man hört keinen Lärm; nur bei anbrechendem Abend die Schalmeien der Hirten, die in den umgebenden Bergen ihre Ziegen sammeln. Majestätische Platanen, deren mächtige Wurzeln wie Riesenschlangen aus dem Erdboden hervorragen, bilden am Eingang der Ebene eine Art von »Heiligem Hain«; weiterhin dehnen sie sich zu einer Allee aus, um die großen Rasenflächen freizulegen, auf denen sich abends die Muselmaninnen im weißen Schleier langsam ergehen. Auch ein Bach durchrieselt das »Tal des Großherrn«: ein Bach, in dessen frischem, klarem Wasser Schildkröten leben; einige aus Balken und Brettern gebildete anspruchslose Brücken führen über den Bach hinweg. Am Rande der Ebene, unter hohen, alten Bäumen, errichten betriebsame Kaffeewirte für die Sommerzeit Laubenhütten, unter denen spazierende Männer Platz nehmen, um ihren Nargileh zu rauchen und von dort aus die verschleierten Frauen zu betrachten, die auf dem samtweichen Rasen in Gruppen hin und her wandeln. In der Abenddämmerung erinnern diese langsam schreitenden schwarzen Gestalten lebhaft an die in den elisäischen Gefilden lustwandelnden »Schatten der Seligen« des Heidentums. André Lhéry war ein treuer Besucher des »Tales des Großherrn«; er war dort fast täglich, seitdem er in Therapia wohnte. Zur verabredeten Stunde war er unter den Platanen angelangt, in Gesellschaft Jean Renauds, der wieder beauftragt war, den Aufpasser zu spielen, welche Rolle ihm stets viel Spaß machte. Seine türkischen Diener, deren Anwesenheit bei dieser Gelegenheit unmöglich war, hatte André auf der europäischen Seite belassen; er begnügte sich mit seinem treuen französischen Diener, der ihm seinen Fes hierhergebracht hatte. Er sah von weitem seine drei Freundinnen in einer Talika ankommen und sodann wie ehrsame alte Spaziergängerinnen durch die Ebene schreiten. Zeyneb und Mélek trugen die leichte Yeldirme, die man auf dem Lande gestattet, und weiße Gazeschleier, durch die man die Augen sehen konnte; Djenane dagegen war immer ganz schwarz. Als die drei einen vorher verabredeten Fußweg erreichten, der aufwärts nach dem Berge führt, holte André sie ein und stellte ihnen Jean Renaud vor, dem sie ihre Fingerspitzen zu reichen wünschten, um sich dafür zu entschuldigen, daß sie seinen Tod vorbereitet hatten. Der dadurch hochbeglückte Jean Renaud wurde sodann als »Plänkler« vorausgeschickt. André folgte mit seinen Freundinnen auf dem Fußwege zur Höhe; unter Kastanien und Eichen wanderten sie munter und heiter fort, der Boden war mit Heidekraut bewachsen, und bald schimmerte der ganze Untergrund der Waldung rosenrot. Weiterhin enthüllte sich die Fernsicht allmählich. Auf dieser Seite des Bosporus, der asiatischen Seite, sah man nur Wälder und immer wieder Wälder; soweit das Auge reichte, auf den Hügeln und den Bergen, dehnte sich jener schöne grüne Mantel aus, unter dessen Schutz noch Räuber und Bären hausen. Sodann war es das Schwarze Meer, das sich plötzlich in unendlicher Weite zu ihren Füßen ausbreitete, von einem blasseren, mitternächtlicheren Blau als das des Marmarameeres, obgleich beide Nachbarn sind. Das Ziel der Promenade war eine alte Moschee im Walde, eine schon halb aufgegebene Wallfahrtskapelle. In der Nähe befand sich in einem halbverfallenen Häuschen ein kleines ärmliches Kaffeehaus, das von einem weißbärtigen Männchen gehalten wurde. Die vier Besucher setzten sich vor die Tür des Häuschens, um von da die Aussicht auf die endlosen Wasserflächen zu genießen. Sie sprachen miteinander weder von dem Buch noch von anderen wichtigen Dingen. Heute war nur Zeyneb etwas ernst gestimmt, während Mélek und auch Djenane ganz entzückt waren von diesem heimlichen Spaziergange und dem Anblick der herrlichen Wälder, Berge und Meere. Um hier mit André zusammentreffen zu können, hatten die drei Freundinnen unterwegs in den Dörfern zwei Neger und zwei Negerinnen, deren Stillschweigen sie teuer erkauft hatten, zurücklassen müssen; aber ihre Verwegenheit, die ihnen bisher immer geglückt war, beunruhigte sie schon gar nicht mehr. Und der alte Mann im weißen Bart brachte ihnen den Kaffee in steinalten, blauen Tassen, hier draußen, im Angesicht des heute ausnahmsweise nicht grollenden Schwarzen Meeres, nicht einen Augenblick im Zweifel darüber, daß er es mit einem wirklichen Bei zu tun habe, der einen Spaziergang mit den Damen seines Harems mache. Die Luft hier oben wurde jedoch sehr frisch im Vergleich zu der vorher empfundenen Wärme unten im Tal ... und Zeyneb ward von einem Hustenanfall belästigt, den sie zu unterdrücken versuchte. An dem Blick, den die beiden anderen auswechselten, erkannte André, daß dieser Husten schon der Gegenstand einer längeren Besorgnis sei. Man wollte die Falten ihrer Kleidung über der Brust fester zusammenziehen, aber Zeyneb sagte achselzuckend und in gleichgültigem Tone: »Laßt doch! Was kann das mir schaden?« Diese Zeyneb war die einzige des Trios, die André erkannt zu haben glaubte: eine Enttäuschte in den beiden Bedeutungen dieses Wortes; eine durch das Leben Entmutigte, die nichts mehr wünscht, nichts mehr erwartet, ... aber mit unerschütterlicher Sanftmut gefaßt und ergeben: ein zärtliches, abgespanntes Geschöpf; genau die Seele, die ihr so regelmäßiges, reizendes Gesicht und ihre Augen, die noch in der Hoffnungslosigkeit lächelten, ahnen ließen. Mélek dagegen, die doch ein gutes Herz zu haben schien, hörte nicht auf, sich überaus phantastisch zu benehmen; sie war heftig, und dann wieder wie ein wahres Kind, imstande, alles zu verspotten und über alles zu lachen. Djenane aber – wie geheimnisvoll blieb sie unter ihrem ewigen schwarzen Schleier, ... so gleichzeitig unterwürfig und hochmütig, zuzeiten nicht zögernd, sich mit einer fast verblüffenden Vertraulichkeit zu äußern, dann aber sogleich wieder in ihren Elfenbeinturm zurückkehrend, um dort noch verschlossener zu bleiben als vorher. André dachte bei sich: »Ich kann es nicht enträtseln, weder was sie von mir will, noch weshalb sie mir schon so teuer ist? Man möchte zuweilen glauben, daß zwischen uns gemeinsame Erinnerungen bestehen aus irgendwelcher Vergangenheit! Ich werde erst anfangen sie zu entziffern, an dem Tage, wo ich endlich sehen werde, was für Augen sie hat; ... aber ich fürchte, sie wird sie mir niemals zeigen!« Man mußte frühzeitig hinuntergehen zur Ebene von Beicos, um den drei Freundinnen Zeit zu lassen, ihre zurückgelassenen Sklaven und Sklavinnen einzusammeln und dennoch vor Einbruch der Nacht zu Hause zu sein. Sie schlugen alsbald wieder die Waldwege ein; und dann wünschten sie, daß André selbst jeder von ihnen einen Zweig des roten Heidekrauts gäbe, um diesen aus kindischem Trotz heute abend in Gesellschaft der Großmutter und des alten griesgrämigen Onkels an ihren Busenschleifen zu tragen. Bei Ankunft in der Ebene verließ André die Freundinnen aus Vorsicht, doch folgte er ihnen in reichlicher Entfernung und ließ sie nicht aus den Augen. Die drei Verwegenen entfernten sich gemessenen Schrittes, Zeyneb und Mélek jede an einer Seite Djenanes. Er verlor sie aus dem Gesicht, als sie bei den großen Platanen am »Heiligen Hain« anlangten, der sich am andern Ende der Ebene befand. Die Sonne verschwand hinter den Hügeln; die anderen vermummten schwarzen Gestalten, die gruppenweise hier lange im Grase gesessen hatten, standen auf und entfernten sich sehr langsam, wie es sich für Geister gebührt. Die Flöten der Hirten begannen in der Ferne ihre eigentümlichen Melodien aus alter Zeit zur Einsammlung ihrer Ziegen, und bald wurde hier alles einsam und still, am Rande der großen Waldungen, unter dem nächtlichen Sternenhimmel. André Lhéry trennte sich schwer von dieser Stelle, um nach dem Ufer des Bosporus zurückzukehren. Seinen Ruderern, die dort schon auf ihn warteten, befahl er, sich bei der Rückkehr nicht zu beeilen; man erreichte ohne Zwischenfall die europäische Seite. In Therapia leuchteten an den großen Hotels soeben die elektrischen Lampen auf, und man stimmte für die beginnende »Soiree« die Instrumente des angeblich verstärkten, in Wirklichkeit aber jämmerlichen Orchesters. 26. Briefe, die André Lhéry am nächsten Tage erhielt. »Den 18. September 1904. Lieber Freund, wissen Sie ein Thema, das Sie erläutern sollten, und das sicherlich unter dem Abteilungstitel ›Im Harem‹ das interessanteste Blatt des ganzen Buches ausmachen würde? Das Gefühl von ›Leere‹, das in unserem Leben durch die Verpflichtung entsteht, nur mit Frauen zu sprechen, zu unserem Umgang nur Frauen zu haben, uns immer unter uns zu befinden, unter unseresgleichen! Unsere Freundinnen? O, mein Himmel! Die sind ebenso schwach und ebenso ermüdet wie wir selbst! In unseren Harems tut die Schwäche oder tun vielmehr die Schwächen, in solcher Weise vereinigt angehäuft, der Seele Schaden; alle leiden um so tiefer darunter, zu sein, was sie sind, und verlangen eine Kraft! O, nur einen, mit dem diese armen, verlassenen, erniedrigten Geschöpfe sprechen, ihre meistens so schüchternen, unschuldigen Gedanken austauschen könnten. Wir bedürfen eines Freundes, einer festen Manneshand, um uns darauf zu stützen, die stark genug wäre, uns wieder aufzurichten, wenn wir in Gefahr kommen zu fallen! Nicht um einen Vater, einen Gatten oder einen Bruder handelt es sich, sondern um einen Freund, den wir aus einer, die unsrige weit überragenden Sphäre erwählen würden; der ebenso streng wie gütig, ebenso zart wie ernst wäre, und uns aus beschützender Freundschaft liebte! Man findet solche Freunde in Ihrem Kreise, nicht wahr? Zeyneb.« »Es gibt Existenzen, in denen nichts ist! ... Fühlen Sie das Entsetzliche dieses Ausspruches? Arme Seelen, gegenwärtig beflügelt, die man gefangen hält; Herzen, in denen junge Säfte sprudeln, und denen die Tätigkeit untersagt ist, die nichts tun dürfen, nicht einmal Gutes, die sich verzehren oder hinsiechen in unerfüllbaren Träumereien. – Können Sie sich vorstellen, wie trübselig die Tage Ihrer drei Freundinnen verlaufen würden, wenn Sie nicht gekommen wären? Alle Tage ganz gleichmäßig, unter der vormundschaftlichen Bewachung alter Onkel, alter Frauen, deren stete Mißbilligung sie auf sich lasten fühlen. Aus dem Drama meiner Heirat verblieb tief in meinem Innern ein unauslöschlicher Groll gegen die Liebe, wie man sie bei uns versteht. Ich wußte aber schon einigermaßen, daß die Liebe im Abendlande eine andere ist, und ich warf mich mit Leidenschaft auf das Studium alles Dahingehörenden in der Literatur und in der Geschichte. Und da erkannte ich denn die Liebe als Anstifterin vieler Torheiten, ja selbst so mancher Schlechtigkeiten, aber auch als Urheberin ebenso vieler schönen Handlungen wie auch zahlreicher Heldentaten! – Wie bitter empfand ich den Vergleich unserer unterdrückten Stellung mit der Freiheit der abendländischen Frauen! ... O, wie glücklich sind in jenen Ländern die Frauen, für die seit undenkbarer Zeit die Männerwelt gedacht, gekämpft und gelitten hat! Jene Glücklichen können ihre Hand nach freier Wahl vergeben, und sie haben das Recht, von dem Erwählten Beweise zu verlangen, daß er dieser Wahl würdig! Während bei uns Frauen des Orients noch fast alles in Schlummer liegt. Das Bewußtsein unseres Wertes und unserer Unterdrückung ist kaum erst im Erwachen begriffen, und viele wenden sich sogar von dem beabsichtigten Verbesserungswerk, teils aus Trägheit, teils aus Unverstand, achselzuckend ab. Und wird sich denn keine Stimme erheben, um den Männern ihre Verblendung vorzuhalten? Den im allgemeinen braven, guten und zartfühlenden Männern besonders, wie unseren Vätern, Gatten und Brüdern? ... Sollen die Türkinnen für ewige Zeit Sklavinnen bleiben, die man ihrer Schönheit wegen kauft, wohl auch heiratet, aber nur, um eine solche Sklavin mehr zu besitzen?! Jetzt aber, André, sind Sie uns zu Hilfe gekommen, und wir drei stehen Ihnen völlig zu Diensten, sei es als Ihre Sekretäre oder als Berichterstatter, und wenn wir Ihnen nicht genügen, werden viele andere unserer Mitschwestern zu Ihrer Verfügung stehen. Wir können vielleicht noch ein- oder zweimal hier am Bosporus irgendwo zusammentreffen, bevor wir nach der Stadt zurückkehren. Aber ich habe Furcht! Nicht etwa vor dem Verlust Ihrer Freundschaft, sie ist in unsern Augen über jeden Zweifel erhaben, sondern ich habe Furcht vor dem Kummer ... späterhin, nach Ihrer Abreise ...! Leben Sie wohl, André, unser Freund, mein Freund! Möge das Glück Sie begleiten! Djenane.« * »Sicherlich hat Djenane Ihnen etwas zu erzählen vergessen. Nämlich, die Dame in Rosa, die neulich abends bei Madame de Saint-Enogat Ihre Zigaretten rauchte – Madame de Durmont, um sie recht zu nennen – kam heute zu uns, um den Nachmittag bei uns zu ›verbringen‹ – das heißt: um Duos von Grieg mit Zeyneb zu singen. Und dann sprach sie so viel und mit solchem Enthusiasmus von Ihnen, daß eine uns befreundete junge Russin, die auch zugegen war, sich nicht genug darüber wundern konnte. Wir fürchteten, daß Madame de Durmont einen Verdacht hätte und uns eine Falle stellen wollte ... und da haben wir Sie denn gründlich schlecht gemacht, so daß auch nicht ein gutes Stück übrig blieb ... und dabei bissen wir uns in die Lippen, um nicht lachen zu müssen; jene aber stürzte in unsere Gegenfalle und verteidigte Sie mit größter Heftigkeit. Mit anderen Worten: Ihr ganzer Besuch war nichts als eine Gegenüberstellung und ein Verhör über unsere Gefühle für Sie! ... Freund André, welch glücklicher Sterblicher sind Sie doch! Wir haben einen ganzen Haufen von Plänen ausgeklügelt, um eine Zusammenkunft zwischen uns zu ermöglichen. Aber zunächst eine Frage: Versteht Ihr Kammerdiener, den Sie uns als treu und zuverlässig rühmten, mit Pferden umzugehen und vom Bock aus zu fahren? Wenn ja ... dann müßte er mit einem Fes ausgeputzt werden, und wir könnten mit Ihnen eine Spazierfahrt im geschlossenen Wagen machen; ... aber das Ganze muß erst noch bei unserem nächsten Beisammensein genau verabredet werden. Ihre drei Freundinnen senden Ihnen viele hübsche und zärtliche Wünsche! Mélek. P.S. Versäumen Sie wenigstens nicht den morgigen Tag der Süßen Wasser; wir werden versuchen, auch dort zu sein. Kommen Sie, wie früher auch, mit Ihrem Caique von der asiatischen Seite aus unter unseren Fenstern vorbei. Wenn man Sie durch ein Loch im Fensterrahmen den Zipfel eines weißen Taschentuches sehen läßt, so heißt das, daß man Ihnen nachfolgen wird ...; wenn das Taschentuch jedoch blau ist, so wird das bedeuten: ›Katastrophe! Ihre Freundinnen sind eingesperrt!!‹ M.« * Bis zum Schluß der Saison hatten sie noch bei den Süßen Wassern Asiens ihre stummen und versteckten Begegnungen. Jedesmal, wenn das Wetter schön war am Freitag, und auch am Mittwoch, der auch ein Tag der Versammlung auf dem hübschen schattigen Ufer ist, – kreuzte Andrés Caique mehrmals dasjenige der drei Freundinnen. Aber er gab nicht das leiseste Zeichen, das ihre Bekanntschaft den Hunderten von Frauen hätte verraten können, die am Ufer auf der Lauer standen. Wenn die Gelegenheit günstig war, so wagten Zeyneb und Mélek ein leichtes Lächeln durch ihre schwarze Gaze. Djenane dagegen blieb ihrem dreifachen schwarzen Schleier treu, der ebenso vollkommen unkenntlich machte wie eine Maske. Man wunderte sich zwar darüber in den anderen mit Frauen besetzten Caiques, aber niemand wagte Böses dabei zu denken: der Ort war durchaus ungeeignet zu irgendeinem strafbaren Unternehmen. Und die, welche die Insassen jenes Caiques an der Livree der Ruderer erkannten, beschränkten sich darauf, ohne boshafte Nebengedanken zu sagen: »Diese kleine Djenane Tewfik-Pascha war stets ein Original!« ... 27. Djenane an André. »28. September 1904. Welch neue Empfindungen für uns, zu wissen, daß wir unter der Menge der Besucher der Süßen Wasser einen Freund haben! Unter diesen Ausländern die uns immer unverständlich bleiben werden, und die uns für unkenntliche, alberne kleine Dinger halten, einen zu wissen, dessen Augen uns suchen – der uns vielleicht einen Gedanken freundlichen Mitgefühls sendet! ... Als unsere Caiques dicht aneinander gerieten, sahen Sie mich nicht durch meine dichten Schleier, aber ich lächelte Ihren Augen zu, die in der Richtung der meinigen hinüber blickten. Ist es, weil Sie neulich während unseres Beisammenseins dort auf der Höhe vor dem Schwarzen Meer so gütig, so einfach, so wirklich freundschaftlich zu mir gewesen sind? ... Oder ist es, weil ich jetzt aus Ihren Briefen, trotz aller Kürze, ein wenig wirklicher Zuneigung herausfühle? Ich weiß es nicht, ... aber Sie erscheinen mir nicht mehr so fern. – O, André, wenn Sie wüßten, welchen Wert für so lange Zeit unterdrückt gewesene Seelen wie die unsrigen ein ideales Gefühl, aus Bewunderung und Zartheit gebildet, haben kann!? Djenane.« * Sie korrespondierten viel am Ende der Saison wegen ihrer gefahrvollen Zusammenkünfte. Noch konnten die drei Freundinnen ihre Briefe ziemlich leicht an André Lhéry durch einen ihnen ergebenen Neger gelangen lassen, der in einer Barke in Therapia eintraf oder ihn abends im »Tal des Großherrn« aufsuchte. Und er, dem nur die Poste restante in Stambul zu Gebote stand, antwortete ihnen meistens durch ein geheimes Zeichen beim Vorüberfahren in seinem Caique unter ihren Fenstern. – Es galt, diese letzten Tage am Bosporus noch vor der Rückkehr nach Konstantinopel zu benutzen, wo die Ueberwachung weit strenger sein würde. Man fühlte bereits das Nahen des Herbstes, namentlich an der Trübseligkeit der Abende. Schwere dunkle Wolken kamen vom Norden her mit den Winden aus Rußland, und es gingen Regengüsse nieder, die manche der mit größter Geschicklichkeit getroffenen Vorbereitungen vernichteten. Bei der Ebene von Beicos, in einem einsamen und unbekannten Grunde, hatten sie ein kleines wildes Wäldchen entdeckt, in dessen Mitte sich ein Teich voller Wasserpflanzen befand. Es war ein Ort vollkommenster Sicherheit, eingeschlossen zwischen schroffen Abhängen und undurchdringlichem, grünem Gestrüpp. Den einzigen Zugang bewachte Jean Renaud, der für alle Fälle mit einer Warnungspfeife versehen war. Zweimal versammelten sich die Verschworenen an dieser lauschigen Stelle, wo sie sich auf umherliegenden, mit Moos bewachsenen Felsblöcken niederließen und, in der Runde um André sitzend, in harmlosester Weise miteinander plauderten. Der letzte Freitag an den »Süßen Wassern« war der 7. Oktober 1904, denn in der nächsten Woche sollten die Botschaften nach Konstantinopel zurückkehren, und in dem alten Hause, das die drei Freundinnen bewohnten, bereitete man sich vor, ein gleiches zu tun. André und seine Freundinnen hatten sich das Wort gegeben: alles, was nur irgend möglich war, tun zu wollen, um an jenem letzten Freitag bei den »Süßen Wassern« zusammentreffen zu können, weil es bis zum nächsten Sommer das letzte Mal war. Das Wetter war bedrohlich, André fuhr aber trotzdem in seinem Caique zu dem Stelldichein ab, wenn er sich auch sagte: »Heute wird man sie, bei dem scheußlichen Winde, nicht hinauslassen!« Als er jedoch unter ihren Fenstern vorbeifuhr, sah er unter einem Gitter den Zipfel eines weißen Taschentuches hervorsehen, den Mélek tanzen ließ, was bedeutete: »Man hat es uns erlaubt! Fahren Sie nur voraus! ... Wir folgen Ihnen!« Heute war keine Ueberfülle von Besuchern, fast gar keine Europäer, nur Türken, besonders Frauen. Die Stimmung war im allgemeinen sehr gedrückt; man las in den Augen derjenigen Damen, die ihre Schleier zu Ehren des letzten Festtages erhoben hatten, viel Melancholie im Hinblick auf die nun beginnende Winterzeit. Andrés Caique kreuzte einige Male mit dem seiner Freundinnen, die auch sehr ernst gestimmt zu sein schienen; selbst die sonst stets heitere Mélek war sehr traurig, was man trotz ihres Schleiers deutlich erkennen konnte. Früher als sonst leerte sich der Festplatz; die Besucher ließen sich nicht einmal durch das wundervolle Schauspiel zurückhalten, welches der Bosporus und seine Umgebungen beim Niedergang der Sonne dem Auge darbot. Auch die drei Freundinnen hatten sich bereits entfernt; ihr Weg war nicht allzu lang bis zu ihrem stets so streng bewachten alten Hause, wo ihre Neger sie erwarteten, André dagegen, der die Meerenge durchschneiden und dann an der entgegengesetzten Seite, dem Wind entgegen, fahren mußte, kam erst nachts in Therapia an. Seine Ruderer aber waren durch ihre anstrengende Arbeit wie in Schweiß gebadet und auch von dem durch den starken Wind gepeitschten Meereswasser durchnäßt. André nahm die armen Leute mit in das von ihm bewohnte Haus, damit sie sich trockneten, erholten und durch ein kräftiges Abendessen stärkten. Das war das Ende der Sommersaison am Bosporus. – – 28. Seit zwei Wochen wohnte André Lhéry wieder in Pera und hatte schon einmal in Stambul in dem alten Hause der Sackgasse seine drei Freundinnen sehen können, die ihm eine niedliche kleine Unbekannte vorgestellt hatten, deren Persönlichkeit durch so dichte schwarze Schleier verdeckt wurde, daß dadurch fast ihre Stimme erlosch. Am folgenden Tage erhielt er diesen Brief: »Ich bin die kleine Gespensterdame von gestern, Herr Lhéry. Es war mir nicht vergönnt, mit Ihnen zu plaudern, aber für das Buch, das Sie uns allen versprochen haben, werde ich mit Ihrer Erlaubnis Ihnen das Tagewerk einer türkischen Frau im Winter erzählen. – Also ich beginne: Spät aufstehen, sogar sehr spät. – Langsam Toilette machen, mit Gleichgültigkeit. – Immer das sehr lange, zu dichte und zu schwere Haar ordnen. – Sodann sich hübsch finden in dem silbernen Spiegel; sich jung, sich liebenswürdig finden und sich darüber betrüben. – Sodann schweigend und musternd die Salons durchschreiten, um festzustellen, daß alles in Ordnung ist. Danach die Besichtigung der verschiedenen, uns persönlich liebwerten Gegenstände, Andenken, Porträts usw., deren Pflege von großer Wichtigkeit ist. – Nun das Dejeuner, oft allein, in einem großen Saal, umgeben von Negerinnen oder zirkassischen Sklavinnen; Frost in den Fingern beim Berühren des auf dem Tisch ausgebreiteten Silbergeschirres; besonders auch Frost in der Seele; ... Unterhaltung mit den Sklavinnen, ihnen Fragen stellen, nach deren Beantwortung man nicht hinhört. Und was nun tun bis zum Abend? Die Harems der Vorzeit mit mehreren Frauen müssen weniger traurig gewesen sein: man leistete sich untereinander Gesellschaft. – Was also tun? Aquarelle malen? (Wir sind nämlich alle ausgezeichnete Aquarellistinnen, Herr Lhéry; was wir schon alles bemalt haben an Fächern, Wandschirmen, Albums usw., das ist unerhört!) Oder auf dem Piano spielen oder auf der Laute? ... Oder lesen? Paul Bourget oder André Lhéry? Oder sticken? Eine unserer langen Goldstickereien wieder aufnehmen und sich dabei ganz allein dafür interessieren, wie geschickt unsere feinen, weißen, mit funkelnden Ringen beladenen Hände zu sticken verstehen? Man wünschte irgend etwas Neues, aber man erwartet es hoffnungslos! Irgend etwas Unvorhergesehenes, das glänzte, das vibrierte, das Lärm machte ... aber es kommt niemals! Man möchte spazieren gehen trotz des Schmutzes und des Schnees ..., denn man ist seit zwei Monaten nicht ausgewesen. Aber allein zu gehen ist untersagt. Weiß man denn keinen Geschäftsweg als Entschuldigung anzugeben? Nichts! Es fehlt einem an Raum, an Luft! ... Selbst wenn man einen Garten hat, kann man darin doch nicht atmen, weil die Umfassungsmauern zu hoch sind Es klingelt!! ... O, welche Freude, wenn das eine Katastrophe wäre ... oder auch nur ein Besuch! Ja, es ist ein Besuch, denn man hört die Sklavinnen auf den Treppen laufen. – Man setzt sich; schnell ein Spiegel, um die Haare hastig zu ordnen. Wer kann das sein? ... Ach! Eine junge, reizende Frau, erst seit kurzem verheiratet. Sie tritt ein. Gegenseitige freudige Erregung ... beide Hände entgegengestreckt, Küsse der roten Lippen auf die weißen Wangen. ›Komme ich auch nicht zu ungelegener Zeit? ... Was taten Sie eben, meine Teure?‹ ›Ich langweilte mich!‹ ›Gut! Ich komme, Sie abzuholen zu einer gemeinschaftlichen Spazierfahrt, gleichviel wohin!‹ Bald darauf entführt sie beide ein geschlossener Wagen, Auf dem Bock, neben dem Kutscher, ein Neger: ›Dilaver‹, der unvermeidliche Dilaver, ohne den man nicht das Recht hat, das Haus zu verlassen ... und der hernach Bericht erstattet über die Vergeudung der Zeit. Und die beiden Promenierenden plaudern: ›Nun, lieben Sie Ali Bei?‹ ›Ja!‹ antwortet die Neuvermählte, ›aber nur, weil ich durchaus einen lieben muß; ich dürste nach Liebe! Das Jetzige ist nur vorläufig. Wenn ich späterhin Besseres finde ...‹ ›Nun, ich liebe den Meinigen nicht... nicht im geringsten! Mit Gewalt lieben? Nein! Ich gehöre nicht zu denen, die sich beugen! ...‹ Ihr Wagen rollt schnell dahin unter dem scharfen Trab der beiden prächtigen Pferde. Aussteigen dürfen die beiden Insassen nicht; das wäre gegen den Anstand. Bei der Pforte des Basars sehen sie Leute aus dem Volk sich geröstete Maronen kaufen. ›Ich bin hungrig!‹ sagt die eine: ›Haben wir Geld?‹ ›Nein!‹ ›Dilaver hat Geld.‹ ›Dilaver, kauf uns Maronen.‹ Wo hinein soll man sie legen? Die Damen reichen ihre Spitzentaschentücher hin, die stark parfümiert sind. Die Maronen werden also dort hineingelegt und nehmen nun den Geruch von Heliotrop an. Und das ist das große Ereignis des Tages, dieses sonderbare Zwischenfrühstück, das sie mit großem Vergnügen einnehmen wie die Frauen aus dem Volke, aber unter dem Schleier und in einem geschlossenen Wagen. Nach der Rückkunft von der Fahrt trennen sie sich voneinander, umarmen sich nochmals und wechseln die üblichen Redensarten der türkischen Frauen unter sich aus: ›Wohlan! Keine Grillen, kein Bedauern, sondern Wiedervergeltung!‹ Beide müssen dabei aber selbst lachen, so bekannt und verbraucht sind diese Ratschläge bereits. Die Besucherin ist abgefahren, und die andere geht in ihr Haus zurück. Es ist Abend, und die Räume des Hauses sind schon beleuchtet. ... Ihre kleine Gespensterdame von gestern, Herr Lhéry, befindet sich wieder allein. Aber nun kommt auch der Bei nach Hause, der Gebieter, der sich durch das Rasseln seines Säbels auf der Treppe ankündigt. Die arme, kleine Dame des Hauses empfindet noch größere Kälte in ihrer Seele. Aus Gewohnheit sieht sie sich im Spiegel an; ihr Bild scheint ihr wirklich recht hübsch, und sie denkt bei sich: ›Alle diese Schönheit für ihn? ... Wie schade!‹ Er, der Gebieter, rücksichtslos ausgestreckt auf einem Haufen von Kissen, beginnt ohne weiteres eine Geschichte zu erzählen, die mit den Worten beginnt: ›Wissen Sie, meine Teure, was sich heute im Palais ereignet hat?‹ Ja, das Palais, die Kameraden, die neuen Waffen, die Gewehre ... das ist alles, was ihn interessiert, sonst nichts, niemals! Sie hört gar nicht hin, sie ist nahe daran, zu weinen; worauf er sie ›irrsinnig‹ nennt. Da erbittet sie die Erlaubnis, sich in ihr Schlafzimmer zurückziehen zu dürfen ... und bald weint sie schluchzend, den Kopf in ihr seidenes Kopfkissen vergraben; ... während zu derselben Stunde die Europäerinnen in Pera zum Ball oder ins Theater gehen; sie sind schön und geliebt und wandeln unter Strömen von Licht! ... XXX.« 29. Zum zweitenmal seit der Rückkunft vom Bosporus befand sich André in Gemeinschaft des Trios der Vermummten in dem geheimnisvollen alten Hause im Herzen von Stambul. »Sie wissen noch nichts von dem Ort unseres nächsten Stelldicheins,« sagte Mélek zu André. »Zur Abwechslung werden wir uns einmal an anderer Stelle treffen. Eine unserer Freundinnen, die in Mehmed-Fatih wohnt – also in Ihrem Lieblingsstadtteil, werter Freund, – hat uns angeboten, uns bei ihr zu versammeln. Ihr völlig türkisch eingerichtetes Haus, das keinen anderen Gebieter hat, ist ein wahrer Glücksfund: es ist still und sicher. Ich bereite Ihnen dort übrigens eine Ueberraschung, in einem Harem, viel luxuriöser als dieser hier und mindestens ebenso orientalisch. Sie werden es sehen!« André hörte ihr kaum zu. Er war entschlossen, heute seine Schiffe zu verbrennen, um zu versuchen, Djenanes Augen kennen zu lernen. Er war ganz von diesem Gedanken erfüllt und fühlte, daß, wenn sie bei ihrem unbeugsamen Charakter sich sträuben würde, seine Bitte zu erfüllen, ... er für immer ein Ende machen müßte. Der ewige schwarze Schleier über ihrem Gesicht bewirkte in ihm ein unerträgliches Mißbehagen, ein wachsendes Leiden, je mehr er sich an sie anschloß. Er wollte endlich wissen, was sich unter jenem Schleier befand! Nur eine Sekunde den Anblick dieser Sirene mit der herrlichen Stimme erfassen, um ihn für immer im Gedächtnis zu bewahren! ... Weshalb verbarg sie sich denn so streng, während ihre Gefährtinnen es nicht taten? Welcher Unterschied bestand zwischen ihnen? Welch anderem, unerklärlichem Gefühl konnte diese reine, stolze Seele gehorchen? ... Zuweilen tauchte wohl eine Erklärung in ihm auf, aber er verwarf sie stets sofort als widersinnig und aus dünkelhafter Einbildung entstanden. »Nein!« sagte er sich dann immer, »sie könnte ja meine Tochter sein; ... darin ist kein Sinn noch Verstand!« Sie war hier ganz in seiner Nähe; er brauchte nur jenes Stückchen Stoff mit seiner Hand zu erheben! Weshalb war ihm diese so verlockende, einfache Handbewegung ebenso unmöglich und abscheulich wie ein Verbrechen? ... Die Zeit verging, bald schon würde man sich trennen müssen, da sagte er schnell entschlossen zu der nichts ahnenden Djenane: »Hören Sie mich an, liebe Freundin! Ich muß um jeden Preis Ihre Augen kennen lernen! Es ist mir unmöglich, den bisherigen Zustand noch fernerhin zu ertragen. Zunächst ist unsere gegenseitige Stellung ungleich, weil Sie meine Augen jederzeit sehen, selbst durch Ihren zwei- oder dreifachen Schleier, der Ihr Mitschuldiger ist. Ich bitte Sie, das nächste Mal anstatt dieses verzweifelten Tcharchafs im Yachmak zu erscheinen, der wenigstens Ihre Augen sehen läßt, ... und die Augenbrauen, die für den Ausdruck des Blickes so wichtig sind. – Verdecken Sie, wenn es nicht anders sein kann, den übrigen Teil Ihres Gesichtes meinetwegen für immer, ... nur nicht Ihre Augen! ... Ich bitte Sie darum, ... ich flehe Sie an! ... Warum verbergen Sie sich in solcher Weise, ... da Ihre Cousinen es doch nicht tun? Geschieht es Ihrerseits aus Mißtrauen, so ist das ein Unrecht!« Nachdem er geendet, schwieg sie noch einen Augenblick, überlegend und mit sich kämpfend; dann sagte sie im Ton ernster Entschlossenheit: »Blicken Sie her, André, und überzeugen Sie sich, ob ich mißtrauisch bin!« Und ihren Schleier hoch erhebend und zurückwerfend, enthüllte sie ihr ganzes Gesicht, um ihre jungen, wundervollen meergrünen Augen voll und fest auf die Augen ihres Freundes zu richten! Es war das erstemal, daß sie es wagte, ihn bei seinem Namen zu nennen, ausgenommen in ihren Briefen. Diese ihre Entscheidung und die Art der Ausführung hatte etwas so Feierliches, daß die beiden Cousinen vor Ueberraschung völlig stumm blieben, während André unter dem fest auf ihn gerichteten Blick der herrlichen Erscheinung unwillkürlich zurückwich. Fünfter Teil 30. Im Herzen von Stambul, unter dem Novemberhimmel. Ein Gewirr von alten Straßen, selbstverständlich in tiefster Stille, unter tiefhängenden dunklen Wolken; eine Anhäufung von schiefstehenden, verwahrlosten Holzhäusern, ohne Wahl planlos in ganzen Gruppen hingestellt. – Und dies alles, in richtiger Beleuchtung von weitem gesehen, bietet das Bild einer großen, feenhaften Stadt; aber im einzelnen und aus der Nähe gesehen, enttäuscht es so manchen Fremden. – Für André Lhéry jedoch, dem alles längst bekannt war, behielt auch das einzelne seinen Reiz, besonders die Grabmäler mit ihren eigenartigen Ausschmückungen, die überall zu finden sind, einzeln oder zu ganzen Friedhöfen vereinigt. André, den Fes auf dem Kopf, durchschnitt diesen Stadtteil nach den Angaben einer Karte, die Mélek für seinen Gebrauch angefertigt hatte. Nur einmal blieb er stehen vor einer der Hütten für herrenlose kleine Hunde, die in Konstantinopel massenhaft umherirren. Gutmütige Nachbarn errichten solche Hütten, zu deren innerer Einrichtung sie altes Stroh und alte Teppiche für die Bedachung hergeben. Im Innern lagerten die Tiere, standen aber sofort auf, als André sich der Hütte näherte und begrüßten ihn freudig. Er streichelte sie jedoch nicht, aus Furcht, sich als Abendländer zu verraten; denn die Orientalen, wenngleich sie mitleidig gegen die Hunde sind, verschmähen es, sie anzufassen und versparen alle ihre Schmeicheleien für die Katzen, die allgemein verhätschelt werden. Aber die Hundemutter kam trotzdem zu André heran, kroch vor ihm und machte schön, um dadurch zu zeigen, wie sehr geehrt sie sich durch seinen freundlichen Besuch fühle. »Das vierte Haus links, nach einem Begräbniskiosk und einer Zypresse«, – das war der Ort, wohin ihn heute die Laune seiner drei Freundinnen berief. Ein schwarzer Domino mit tief herabgelassenem Schleier, der aber nicht Mélek zu sein schien, erwartete ihn hinter der halb offenen Haustür, führte ihn, ohne ein Wort zu sprechen, eine Treppe hinauf und ließ ihn allein in einem sehr orientalischen kleinen Salon, in dem infolge der festen Vergitterung der Fenster ein gewisses Halbdunkel herrschte. Diwans rund umher und Islaminschriften an den Wänden. Von einem Nebenraum her vernahm man Geflüster, leichte Schritte und das Rauschen von Seidenstoffen. Und als derselbe Domino zurückkam und ihn durch ein Zeichen rief und in einen Nebensaal einführte, konnte er glauben, Aladin zu sein, der in sein Serail tritt. – Seine drei sonst so ernsten schwarzen Schattenbilder waren verwandelt in drei Odalisken; sie funkelten von Goldstickerei und Flitterwerk, in einer glücklicherweise überlebten Verschwendung. Antike Schleier von Mekka in weißer Gaze mit Flitterstickerei fielen von rückwärts über ihre Schultern und umhüllten ihr lang geflochtenes Haar. Alle drei, die Gesichter gänzlich unverhüllt, standen gebeugt vor ihm wie vor ihrem Gebieter und lächelten ihm zu in ihrer frischen Jugend, mit rosigen Lippen und perlenweißen Zähnen. Es waren dies die Kostüme und Schmuckgegenstände ihrer Großmütter, die von den drei Freundinnen in den alten Koffern aufgefunden waren und nun, mit vielem Geschmack hergerichtet, hierzu verwendet wurden. Ein derartiges glänzendes Schauspiel würde sonst heutzutage niemand mehr zu bieten vermögen, und André Lhéry, als Abendländer, hätte am wenigsten gewagt, einen solchen Anblick zu erhoffen. – Hinter den drei falschen Odalisken, aber mehr im Schatten, saßen noch fünf oder sechs stille Mitverschworene auf Diwans. Alle gleichmäßig in schwarzen Tcharchafs und tiefverschleiert; ihre stumme Anwesenheit vermehrte noch das Geheimnisvolle des Schauspiels. – Dies alles, das man für keinen anderen getan hätte, war eine unerhörte Verwegenheit und von verblüffender Nichtachtung der Gefahr. Den dreien machte es Spaß, ihn als Pascha zu behandeln, und sie tanzten vor ihm, ... einen Tanz der Großmütter in den Ebenen von Karadjiamir, einen sehr langsamen, sehr gesitteten Tanz, mit graziösen Bewegungen der nackten Arme. Im Hintergrunde des Saales spielte dazu eine der verschleierten Frauen ein asiatisches Pastorale auf der Laute. In ihren prächtigen Kostümen waren sie wieder echte Orientalinnen geworden, diese drei kleinen Hochgebildeten, die Kant und Schopenhauer erforscht haben. »Warum sind Sie denn heute nicht heiter?« fragte Djenane ganz leise ihren Freund André. »Langweilt Sie das, was wir für Sie ersonnen haben?« »Nein, im Gegenteil; Sie haben mich entzückt. Ich werde niemals wieder so Seltenes und Schönes sehen! – Was mich traurig macht, werde ich Ihnen sagen, wenn jene Damen dort fortgegangen sein werden. Und wenn das, was ich Ihnen zu sagen gedenke, Sie vielleicht überraschen wird, so bin ich doch sicher, daß es Ihnen keinen Kummer bereiten wird.« Die schwarzen Damen gedachten sich bald zu entfernen, wie es hieß. Unter diesen »Unsichtbaren« – die ohne Zweifel alle rebellisch gesonnen waren – glaubte André, sobald die Gespräche begannen, an ihren Stimmen die beiden jungen Mädchen zu erkennen, die eines Tages in Sultan-Selim erschienen. Jene, die eine französische Großmutter gehabt und eine Flucht erträumten. Mélek wollte sie überreden, ebenfalls ihre Schleier zu erheben, aus Trotz gegen das tyrannische Verbot; aber sie weigerten sich, indem sie scherzend sagten: »Ihr brauchtet ja selbst sechs Monate zu dem Entschluß, die Eurigen zu erheben!« Auch eine andere, allem Anschein nach junge Frau war da, die französisch sprach wie eine Pariserin, und die das von André Lhéry versprochene Buch leidenschaftlich interessierte. Diese fragte ihn: »Sie wollten ohne Zweifel – und wir wünschten das auch – die türkische Frau in ihrer gegenwärtigen geistigen Entwicklung schildern? ... Wohlan! – Verzeihen Sie einer unwissenden kleinen Orientalin, Herrn Lhéry ihre Ansicht darüber auszusprechen! – Also! Wenn Sie einen unpersönlichen Roman schreiben, den Sie sich um eine Heldin oder eine Gruppe von Heldinnen drehen lassen, ... setzen Sie sich dadurch nicht der Gefahr aus, nicht fernerhin der ›antreibende‹ Autor zu bleiben, den wir alle so sehr lieben? ... Wenn dieser Roman doch eine Art Fortsetzung von ›Medje‹ werden könnte: Ihre Rückkehr in den Orient, nach einer langjährigen Zwischenzeit ...? »Das habe ich Herrn Lhéry genau ebenso gesagt,« unterbrach Djenane die Sprecherin, – »aber meine Ansicht wurde so übel aufgenommen, daß ich nicht mehr wage, meine armen Ideen über jenes Buch auszusprechen!« »Uebel aufgenommen?« erwiderte er lachend. »Vielleicht! Versprach ich Ihnen aber nicht trotzdem, daß ich, mit Ausnahme der Vorführung meiner Person, alles zu tun bereit bin, was Sie wünschten?« »Also setzen Sie mir Ihre Ideen auseinander, jetzt gleich, und diese ›verhüllten Damen‹, die uns sprechen hören, entschließen sich vielleicht, uns auch ihre Ideen darzulegen?« Die schwarze Dame, die vorhin gesprochen hatte, nahm ihre Rede wieder auf: »Der Roman oder das Liebesgedicht einer Orientalin wechselt nur wenig. Immer sind darin zahlreiche Briefe und nur flüchtige Zusammenkünfte. Die Liebe, mehr oder weniger vollendet, ... und zum Schluß ... der Tod! ... zuweilen, aber nur selten, die Flucht! ... Ich spreche selbstverständlich von der Liebe zu einem Fremden, die einzige, deren eine gebildete Orientalin der Gegenwart fähig ist, wenn sie Selbstbewußtsein hat!« ... »Wie ungerecht macht Sie doch der Aufruhr gegen die Männer Ihres Vaterlandes!« versuchte André zu entgegnen. »Allein schon unter denen, die ich kenne, könnte ich Ihnen viele nennen, die interessanter sind als wir und die ...« »Die Flucht?« fiel hier Djenane ein, – »nein! Sagen wir: der Tod! ... Und da komme ich nun auf das zurück, was ich neulich Herrn Lhéry vorschlug. – Warum nicht eine Form wählen, die ihm erlaubt, ohne durchaus selbst zu erscheinen, seine eigenen Eindrücke zu übertragen? ... Zum Beispiel etwa so: Ein Ausländer, der ihm ähnelt wie ein Bruder, ... ein Mann, ebenso wie er, vom Leben verwöhnt, und ein von den Frauen vielgelesener Autor, kommt eines Tages wieder nach Stambul zurück, das er einst sehr geliebt hat. – Findet er hier die Begeisterung seiner Jugendzeit wieder? – An Ihnen ist es, Herr Lhéry, darauf zu antworten. – Er begegnet hier einer unserer Mitschwestern, die ihm einst einen Brief geschrieben, wie so vielen anderen armen Kleinen, die von seinem Ruhm geblendet wurden. – Und nun wird, was vor zwanzig Jahren Liebe bei ihm geworden wäre, jetzt nur künstlerische Neugier! ... Er nimmt die an ihn ergehenden Einladungen zu mehreren aufeinander folgenden Zusammenkünften an, weil sie unerhört und sehr gefährlich sind. Und was kann anderes daraus entstehen als Liebe? ... Aber nur in ihr, nicht in ihm, denn er ist ja nur ›Kunstliebhaber‹, er sieht in der ganzen Sache nichts als ein Abenteuer! ...« »Doch nein, ... nein!« ruft sie plötzlich, indem sie sich mit kindischem Unwillen erhebt. – »Sie hören alle stillschweigend zu und lassen mich fortwährend reden wie einen Blaustrumpf?! Ich komme mir wirklich lächerlich vor! ... Lieber will ich noch einmal tanzen, ... einen Tanz meiner Heimat; das schickt sich besser für mein Kostüm als Odaliske! Und Du, Chahende, spiele uns bitte die ›Ronde der jungen Hirtinnen‹, die wir vorhin probierten, vor der Ankunft des Herrn Lhéry.« Und dabei nahm sie die Hände ihrer beiden Cousinen, um jenen Tanz zu beginnen. Dagegen lehnten sich jedoch die verschleierten Beisitzerinnen auf und verlangten stürmisch das Ende der Geschichte, die Djenane so plötzlich abgebrochen hatte. Dabei setzten sie sich erwartungsvoll um Djenane herum und zogen auch deren beide Cousinen in ihren Kreis. »Das Ende der Geschichte?« fragte Djenane. – »Ich dächte, sie wäre zu Ende! ... Stimmten wir denn nicht darin überein, daß die Liebesgeschichte einer Muselmanin mit einem Ausländer nicht anders enden könne als durch die Flucht oder den Tod? ... Nun wohl! Meine Heldin ist zu stolz, um dem Fremden zu folgen; sie stirbt also ... nicht gerade durch die Liebe zu jenem Manne, sondern ... wenn Sie wollen ... durch die unbeugsamen Satzungen des Harems, die ihr kein Mittel lassen, sich über ihre Liebe und ihren Traum zu trösten ... als durch die Tat!« André sah sie fest an, während sie sprach. Ihre heutige Erscheinung als Odaliske, in dieser Kleidung, die wohl hundert Jahre alt sein mochte, ließ ihre Sprache noch sonderbarer erscheinen; ihre dunkelgrünen Augen blieben ohne Unterlaß zur Decke des Saales erhoben, und sie sprach alles mit der Unbefangenheit einer Person, die eine hübsche Erzählung erfindet, ohne dabei beteiligt zu sein. – Sie war ganz unergründlich! Als endlich die schwarzen Damen fortgegangen waren, näherten sie sich ihm einfach und vertraulich wie einem guten Kameraden mit den Worten: »Und jetzt, da die anderen fort sind, ... was haben Sie?« »Was ich habe? ... Ihre beiden Cousinen dürfen es hören, nicht wahr?« »Ganz gewiß!!« antwortete sie, halb verletzt. »Welche Geheimnisse könnten wir Ihnen gegenüber haben, Sie sowohl wie ich? Sagte ich Ihnen nicht von Anfang an, daß wir drei immer nur eine einzige Seele für Sie sein würden?« »Nun denn, ich bin, wenn ich Sie so anblicke, entzückt und auch fast erschreckt von einer Aehnlichkeit! – Neulich schon, als Sie Ihren Schleier zum erstenmal erhoben, sahen Sie mich nicht einen Schritt vor Ihnen zurücktreten? ... Ich fand bei Ihnen dasselbe Oval des Gesichts wieder, denselben Blick, dieselben Augenbrauen, die sie die Gewohnheit hatte, durch ›Alkanna‹ miteinander zu verbinden. Und damals sah ich noch nicht Ihr Haar, das Sie mir heute zeigen gleichfarbig und ebenso geflochten, wie sie es zu tun pflegte!« Mit ernster Stimme antwortete sie: »Sie meinen, ich ähnelte Ihrer Nedjibe? ... Ich bin davon ebenso verwirrt wie Sie! ... Und wenn ich Ihnen nun sagte, André, daß es seit fünf oder sechs Jahren mein liebster Traum gewesen ...« Sie blickten sich beide schweigend an. Djenanes Augenbrauen hatten sich ein wenig erhoben, als wollten sie den Augen gestatten, sich noch weiter zu öffnen, und er sah nun ihre dunklen Pupillen in voller Größe leuchten; Zeyneb und Mélek hielten sich entfernt. »Bleiben Sie so, wie Sie da sind, André!« sagte Djenane plötzlich, »und ihr beide kommt her, um unseren Freund zu betrachten! So, wie er da ist, in dieser Stellung und Beleuchtung, sollte man ihn da nicht für kaum dreißig Jahre alt halten?« Er jedoch, der sein Alter wirklich vergessen hatte, wie ihm das zuweilen geschah, und der sich gerade in diesem Augenblick der Täuschung hingegeben hatte, tatsächlich noch jung zu sein, erhielt einen grausamen Schlag. Er erinnerte sich, daß er bereits begonnen habe, den Weg des Lebens abwärts zu gehen. »Was tue ich?« fragte er sich, »hier unter den sonderbaren Kleinen, die ja die Jugend selbst sind? So unschuldig das Abenteuer auch sein mag, in das sie mich verwickelt haben, so ist es doch kein Abenteuer für mich!« Er verließ sie kühler vielleicht als gewöhnlich, um so ganz allein durch die öden Straßen der großen Stadt zu schreiten, über die der kalte Herbsttag sich neigte. – Weit war der Weg, den er zurücklegen mußte; er führte ihn durch unzählige stille Straßen, aber auch wieder durch auffallend belebte Gegenden, in denen große Volksmengen sich lärmend drängten. Einen weiten Meeresarm sogar mußte er überschreiten, bevor er seine Wohnung auf der Höhe erreichte, die ihm heute, bei eintretender Dämmerung, noch leerer und ungemütlicher schien als jemals. Warum aber war kein Feuer angezündet und kein Licht? – Er rief nach seinen türkischen Dienern, die zu dieser Besorgung verpflichtet waren. Sein französischer Kammerdiener, der sich beeilte, diesen Dienst zu verrichten, erschien und rief, die Arme zum Himmel erhebend: »Alle fortgelaufen zum Fest! Der türkische Karneval beginnt heute; es war nicht möglich, die Bande zurückzuhalten!« Ach ja, richtig; das hatte André Lhéry vergessen. Es war der 8. November, der in diesem Jahre mit dem Anfang des Monats Ramadan zusammentraf. In diesem Monat ist an jedem Tage strenges Fasten, dagegen finden nachts allerlei Belustigungen und Illuminationen statt. – Er trat an eines der Fenster, die nach Stambul hinausgingen, um zu sehen, ob die große Szenerie, die er in seiner Jugend, also ein Vierteljahrhundert früher, so gut gekannt hatte, sich noch jetzt entfalte, im Jahre 1322 der Hegira? – Ja! Es hatte sich noch nichts geändert. Die unvergleichlich schöne Silhouette der Stadt erhob sich bereits aus dem nächtlichen Dunkel; an einzelnen Punkten brach das Licht hervor und verbreitete sich mit der größten Schnelligkeit nach allen Seiten zugleich. Alle Minaretts, die ihre doppelten oder dreifachen Lichtkränze entzündet hatten, glichen riesigen Spindeln, die an verschiedenen Stellen ihrer Höhe Feuerringe trugen. Und arabische Inschriften, oberhalb der Moscheen von unsichtbaren Drähten getragen, zeichneten sich in der Luft so groß ab, daß man hätte glauben können, sie wären aus Sternen gebildet. Da erinnerte sich André Lhéry, daß Stambul in den Nächten des Ramadan voller Musik, Gesang und Tanz ist. In der ungeheuren Menschenmenge erblickt man allerdings keine Frauen, nicht einmal unter ihrer üblichen Erscheinung als Gespenster, weil alle seit Sonnenuntergang hinter ihre vergitterten Fenster zurückgekehrt sein müssen. Aber man sieht unter der herbeigeströmten Menge tausend Kostüme aus allen Ecken Asiens; und dann die Nargilehs, die Theater der Vorzeit und die chinesischen Schattenspiele! Noch einmal die Zahl seiner Lebensjahre vergessend, nahm André Lhéry seinen Fes und ging wie seine türkischen Diener nach jener illuminierten Stadt auf der anderen Seite des Wassers, um das orientalische Fest mitzumachen! 31. Der 12. November, der 4. Ramadan, war der Tag, an dem endlich der schon seit langer Zeit beabsichtigte gemeinschaftliche Besuch des Grabes der armen Nedjibe stattfand. Dieses Unternehmen war das bei weitem gefährlichste von allen. Das Trio hatte die Ausführung bis jetzt verschoben, teils wegen der zu überwindenden Schwierigkeiten, teils wegen der langen Zeit, die dazu erforderlich war, denn der Friedhof lag sehr weit entfernt. Am Tage zuvor schrieb Djenane an André, indem sie ihm noch ihre letzten Anweisungen erteilte: »Heute ist das Wetter so schön und der Himmel so blau, ich hoffe von ganzem Herzen, daß uns auch der morgige Tag lächeln werde!« – Auch André hatte immer gehofft, daß diese Pilgerfahrt sich an einem der ruhigen, freundlichen Novembertage vollziehen werde, wie sie hier nicht selten sind, wo die Sonne eine solche Wärme verbreitet, daß man sich in den Sommer zurückversetzt glauben könnte. An den Abenden solcher Herbsttage erscheint dann Stambul ganz rosenrot und die gegenüberliegende asiatische Küste fast glühend, allerdings nur für eine ganz kurze Zeit vor Einbruch der Nacht, die dann die Kälte des Nordens bringt. Doch nein! Als er morgens die Fensterläden öffnete, sah er den Himmel bedeckt und trübe, und es wehte der Wind vom Schwarzen Meere herüber. Er wußte, daß zur selben Stunde auch die drei Freundinnen durch ihre vergitterten Fenster mit Besorgnis nach dem Himmel aufblicken würden. Man durfte indessen nicht zögern, denn die Vorbereitungen hatten so viel Mühe und Zeit gekostet, daß an einen Aufschub nicht gedacht werden konnte, und dies um so weniger, als es sehr zweifelhaft blieb, ob später die Ausführung des Planes überhaupt noch möglich sein würde. – Zur festgesetzten Zeit, um halb zwei Uhr, befand sich André, den Fes auf dem Kopf, das Gebetbuch in der Hand, vor der Tür jenes geheimnisvollen Hauses, wo ihn, vier Tage vorher, die drei Freundinnen als falsche Odalisken überrascht hatten. Er fand sie schon bereit, in ganz schwarzer Verhüllung. Cahende Hanum, die Herrin dieses Hauses, in dem gleichen Kostüm, hatte gebeten, sich der Pilgerfahrt anschließen zu dürfen. Mithin waren es vier Vermummte, die sich der Führung André Lhérys anvertrauten. Alle waren sehr erregt und zitterten wegen der Kühnheit des Vorhabens. – André, der unterwegs mit den Kutschern oder mit irgendeinem Vorübergehenden das Wort führen sollte, beunruhigte sich auch ein wenig wegen seiner Sprache, oder doch seines fremden Akzents. »Sie müßten einen türkischen Namen haben,« sagten die Frauen zu ihm, – »für den Fall, daß wir genötigt sind, in Gegenwart anderer mit Ihnen zu sprechen.« »Gut!« sagte er, »nehmen wir ›Arif‹, ohne weiter zu suchen. – In früherer Zeit machte es mir Spaß, mich ›Arif Effendi‹ nennen zu lassen; jetzt könnte ich aber wohl in einen höheren Grad aufgestiegen sein und hieße mithin ›Arif Bei‹.« Bald darauf – ein unerhörter Fall in Stambul – spazierten gemeinschaftlich auf der Straße: der Fremde und die vier Muselmaninnen: Arif Bei und sein Harem! ... Auf einem Platz angelangt, wo Fiaker standen, nahmen sie zwei dieser ziemlich unbequemen Wagen: einen für den Bei und einen für die vier schwarzen Gespenster. Denn der Anstand erlaubt einem Manne nicht, in den Wagen zu steigen, den die Frauen seines Harems benutzen. Eine lange Fahrt durch die alten Stadtteile, ein Wagen hinter dem andern, bis man endlich, außerhalb der Mauern, in die großen einsamen Friedhöfe kommt, unter den schwarzen Zypressen, die in dieser Jahreszeit von vielen Raben bevölkert sind. Zwischen dem Adrianopeler Tor und Eyub, vor den gewaltigen byzantinischen Mauern, stiegen sie aus den Wagen, da der Weg weiterhin nicht mehr befahrbar war. Zu Fuß mußten sie den Weg fortsetzen, zunächst an den Ruinen der alten Schutzwehren vorüber, durch deren Lücken man zuweilen Durchblicke auf Stambul genoß. Der Aufstieg war mühsam und schwierig, besonders für die verschleierten Damen. André entsann sich, daß er den nämlichen Weg vor einem Vierteljahrhundert mit der armen Nedjibe gewandert war. Es war ihr einziger Spaziergang gewesen, den sie miteinander zu machen gewagt hatten. Und wie glücklich waren sie beide in ihrer jungen Liebe gewesen! Sie waren eben Kinder, die der Gefahr, die sie bedrohte, Trotz boten. – Viele, viele Jahre war das gute Kind nun schon tot, aber er, der Ueberlebende, hatte sie nicht vergessen, das bewies von neuem der heutige Besuch ihres Grabes! – Die fünf Wanderer waren ungeachtet des scharfen, kalten Nordwindes, der ihre Gesichter peitschte, mutig fortgeschritten; sie befanden sich jetzt mitten auf dem endlosen Friedhof. Endlich erblickte man auch das Ziel der Wanderung; von weitem schon leuchteten die neuen Marmorplatten mit ihren vergoldeten Inschriften. André machte seine Begleiterinnen darauf aufmerksam, und diese beschleunigten sogleich ihre Schritte, um möglichst bald dorthin zu gelangen. Dicht vor dem Grabe stellten sich die schwarzen Gestalten auf, um ihr Gebet in der vom Islam vorgeschriebenen Stellung zu verrichten, nämlich: die beiden Hände vorgestreckt, offen, wie zur Bitte um ein Almosen. Sie beteten lange und inbrünstig für die Seele der kleinen Toten. Das war von André so wenig erwartet und so rührend, ... daß seine Augen sich mit Tränen füllten; und um sich das nicht merken zu lassen, wandte er sich ab, ... er, der nicht betete. Somit war denn sein Traum erfüllt, so unmöglich das auch geschienen hatte: das Grab war erneuert und der Obhut türkischer Frauen anvertraut, die es ohne Zweifel ehren und pflegen würden. Standen sie nicht da, diese Frauen, an dem solange verlassen gewesenen Grabe, wie die Feen der Erinnerung? ... und er selbst war mit ihnen hier, mit ihnen in achtungsvoller Freundschaft verbunden. – Als sie geendet hatten mit dem Gebet der »Fathia«, traten sie näher an die Gedächtnistafel heran und lasen die Inschrift. Zunächst den arabischen Spruch, der oben an der Platte begann und sich nach unten hinabneigte, bis zur Erde. Dann folgte: »Betet für die Seele der Nedjibe Hanum, Tochter des Ali Djianghir Effendi, gestorben am 18. Chabaan 1297.« Die Zirkassier haben im Gegensatz zu den Türken einen Familiennamen oder vielmehr einen Stammesnamen. Und Djenane erfuhr da, mit lebhafter innerer Bewegung, den Namen der Familie Nedjibes. »Wissen Sie,« sagte sie zu André, »die Djianghir bewohnen mein Dorf! Sie sind vor Zeiten mit meinen Vorfahren aus dem Kaukasus gekommen; seit zwei Jahrhunderten leben sie schon bei uns!« Das erklärte noch besser ihre Aehnlichkeit, die aus gleicher Rasse allein sehr erstaunlich gewesen wäre. Ohne Zweifel waren sie desselben Blutes, infolge der Laune eines Fürsten früherer Zeit. Und welcher Geheimnisvolle, der jetzt schon längst in Staub zerfallen, hatte, durch wer weiß wieviel Menschenalter hindurch, zwei jungen Frauen so ganz verschiedener Lebenskreise, diese seltenen, wundervollen Augen vermacht? – Es war heute furchtbar kalt auf diesem Friedhof, wo sich die Damen schon seit einer halben Stunde ohne Bewegung aufhielten, und plötzlich wurde Zeyneb, trotz ihrer doppelten Schleier, von herzzerreißendem Husten befallen. »Lassen Sie uns gehen!« sagte André besorgt. »Um uns zu erwärmen, wollen wir tüchtig laufen!« Bevor sie gingen, wollte jede der Damen ein kleines Zypressenreis, mit dem das Grab bedeckt war, mitnehmen, und als Mélek, die am wenigsten Verhüllte von allen, sich bückte, um die Reiser aufzunehmen, perlten ein paar große Tränen aus ihren Augen. André, der dies bemerkte, drückte ihr dankbar die Hand. Bei ihren Wagen angekommen, trennten sie sich voneinander, um nicht unnötigerweise die Gefahr, beisammen gewesen zu sein, noch zu verlängern. Nachdem André sich noch hatte versprechen lassen, daß man ihm sobald wie möglich von ihrer glücklichen und rechtzeitigen Rückkunft Mitteilung machen werde, – entfernte er sich durch Eyub, Während der Kutscher die Damen durch das Adrianopeler Tor zurückfuhr. Um sechs Uhr war André wieder in seiner Wohnung in Pera. Erschöpft warf er sich auf einen Diwan und durchlebte in seinen Gedanken noch einmal die Erlebnisse des heutigen Tages. Schließlich sagte er sich: »Nun ja, das Grab ist nicht nur wiederhergestellt, sondern auch in die zuverlässigste Pflege gegeben; aber mir ist es, als entäußerte ich mich dadurch aller Pflichten gegen die Tote, und als zerrisse ich das letzte Band, das mich noch an die Vergangenheit fesselte!« ... Am Abend war in der Englischen Botschaft Diner und Ball, zu denen er sich begeben mußte. Es war Zeit, Toilette zu machen. Sein Kammerdiener kam, zündete die Lampen an und legte den Anzug zurecht. André trat ans Fenster und blickte in das trübe Wetter hinaus; es begann soeben zu schneien. »Der erste Schnee!« sagte er wehmütig. – »Es schneit auch da draußen auf ihr Grab!« ... Dann entfernte er sich vom Fenster, um sich zum Diner und zum Ball in der Englischen Botschaft anzukleiden. – * Am andern Morgen erhielt er den von seinen Freundinnen erbetenen Brief. – Es waren zwei Briefe in einer Hülle; sie lauteten: » 4. Ramadan, 9 Uhr abends . Wir sind wohlbehalten zurückgekehrt, lieber André, aber nicht ohne Widerwärtigkeit. Es war sehr spät, die erlaubte Frist eben abgelaufen; und dann hatte eine unserer mitschuldigen Freundinnen sich aus Unvorsichtigkeit in den Finger geschnitten. Es ist ja alles geordnet worden, indessen, die alten Damen des Hauses und die alten Onkels sind mißtrauisch geworden. Ihnen, André, sagen wir von ganzem Herzen Dank für das Vertrauen, das Sie uns erwiesen haben. Jetzt gehört dieses Grab auch uns ein wenig, und wir werden oft dorthin gehen, um zu beten, wenn Sie unser Land verlassen haben. Heute abend fühle ich Sie so fern von mir, und doch weilen Sie so nahe! ... Von meinem Fenster aus kann ich auf der Höhe von Pera die erleuchteten Salons der Botschaft sehen, in die Sie geladen sind, und ich frage mich: wie es möglich ist, daß Sie sich zerstreuen, da wir doch so traurig sind. Sie werden sagen, daß ich sehr anspruchsvoll bin; ... ja, ich bin es, aber nicht für mich, sondern für eine andere ! Sie sind ohne Zweifel in diesem Augenblick heiter, umgeben von schönen Frauen und Blumen. Und wir? In unserem kaum erleuchteten, kühlen und düsteren Harem weinen wir! ... Wir weinen über unser Leben! O, wie leer, wie traurig ist es heute abend noch mehr als sonst! ... Ist es, daß wir Sie so nahe fühlen und doch so fern wissen, was uns noch unglücklicher macht? Djenane.« * »Und ich, Mélek, wissen Sie, was ich Ihnen jetzt sagen werde? ... Wie können Sie sich zerstreuen bei Lichterglanz, während wir vor drei von einer Zypresse gefallenen Reisern weinen? Sie liegen hier vor uns, die Reiser, in einem heiligen Kästchen aus Mekkaholz; sie haben einen scharfen, feuchten Geruch, durchdringend und traurig stimmend! ... Sie wissen doch, nicht wahr, wo wir diese Reiser gefunden haben? ... O, wie können Sie heute abend auf einem Ball sein und nicht des Kummers gedenken, den Sie veranlassen, der Herzen, die Sie auf Ihrem Lebensweg gebrochen haben? ... Ich kann nicht glauben, daß Sie an diese Dinge nicht denken, während wir, die fremden und fernen Mitschwestern, darüber weinen! Mélek.« 32. Sie hatten ihm angezeigt, daß der Ramadan sie noch viel unfreier machen werde als sonst, wegen der vielen Gebete, des Lesens der heiligen Bücher, des Fastens während des ganzen Tages, und besonders wegen des gesellschaftlichen Lebens an den Abenden, das während dieses Monats eine außergewöhnliche Wichtigkeit gewinnt. Es gibt große Galadiners, »Iftars« genannt, die dazu bestimmt sind, die Enthaltsamkeit während des Tages auszugleichen, und zu denen man viele Einladungen erläßt. Und nun, im Gegenteil, schien es, als ob der Ramadan ihr phantastisches Vorhaben erleichtern sollte, ein Vorhaben zum Erschrecken! Nämlich: André Lhéry einmal in Khassim-Pascha zu empfangen, bei Djenane, zwei Schritte von Madame Husnugul! – Stambul ist in der Fastenzeit des Islams nicht wiederzuerkennen. – Abends Feste mit Tausenden von Laternen, die Straßen überfüllt von Menschen, die Moscheen umkränzt von Feuer, überall große, leuchtende Ringe in der Luft, festgehalten durch die Minaretts, die dadurch fast unsichtbar werden – so sehr haben sie die Farbe des Himmels und der Nacht angenommen. – Aber dann, im Gegensatz, allgemeine Schlafsucht, solange der Tag dauert. Das ganze orientalische Leben steht still, die Läden sind geschlossen, in den unzähligen kleinen Kaffeehäusern werden keine Nargilehs geraucht, und keine Gespräche hört man, nur einige Träumer oder Schläfer sind auf den Bänken ausgestreckt. Und in den Häusern, bis zum Untergang der Sonne, dieselbe Ermattung wie draußen. Bei Djenane ganz besonders, wo die Dienstboten ebenso alt waren wie die Gebieter, schliefen alle: die unbärtigen Neger sowohl wie die schnurrbärtigen Wächter mit Pistolen am Gürtel. Am 12. Ramadan, dem für das unerhörte Unternehmen bestimmten Tage, mußten die Großmutter und die Großonkels, im höchsten Grade verschnupft, ihre Zimmer hüten, und, ein unerwartet günstiger Umstand: Madame Husnugul ward schon seit zwei Tagen im Bett durch eine starke Indigestion zurückgehalten, die sie sich im Verlauf eines Iftar zugezogen hatte. André sollte sich genau um zwei Uhr einfinden, auf die Minute; er hatte den Befehl, an der Mauer entlang zu streifen, um nicht von überhängenden Fenstern aus gesehen zu werden, und sich nur in die große Haustür hineinzuwagen, wenn er durch das Gitterfenster des ersten Stockwerks den Zipfel eines weißen Taschentuches herausstecken sähe. Diesmal hatte er wirklich Furcht, sowohl für sich selbst, als sicherlich auch für Djenane; für sich aber besonders wegen des allgemeinen Aufhebens, das in Europa, ja in der ganzen diplomatischen Welt über solche Tat eines Mitgliedes einer fremden Botschaft gemacht werden würde, wenn man ihn ertappte! – Er näherte sich ganz gelassen dem Hause, aufmerksam umherspähend. Die Verhältnisse waren günstig; das Haus lag, wie alle Nachbarhäuser, mit der Vorderseite nach dem großen Friedhof dieses Stadtteils hinaus. Kein Blick konnte ihn also von jener Seite, namentlich heute bei dem herrschenden Nebelwetter, erspähen. – Das Zeichen des weißen Taschentuches ließ sich an der richtigen Stelle sehen, mithin war ein Zurücktreten nicht mehr tunlich. Er trat also in das Haus, wie einer, der sich gesenkten Hauptes in einen Abgrund stürzt. Eine monumentale Vorhalle alten Stils empfing ihn; kein Wächter war zu sehen, nur Mélek, im schwarzen Tcharchaf, stand hinter der Tür und flüsterte ihm hastig zu: »Schnell! Laufen Sie hinauf!« – Sie stiegen beide gemeinschaftlich die Treppe empor, immer mehrere Stufen auf einmal nehmend; sie durcheilten einen langen Gang und traten dann in die Wohnung Djenanes, die klopfenden Herzens gewartet hatte und nach dem Eintritt der beiden rasch die Tür schloß, den Schlüssel zweimal herumdrehend. Alsdann erscholl ein freudiges Gelächter Djenanes und Méleks, wie sie das jedesmal taten, wenn ihnen ein Streich geglückt war, und Djenane zeigte mit einem Ausdruck des Triumphes den Schlüssel, den sie in der Hand hielt, und deutete dann auf das Schloß in der Tür, eine noch nie in einem Harem dagewesene Einrichtung. Sie hatte dieses Vorrecht erst gestern durchgesetzt und war sehr stolz auf diesen Erfolg. Djenane und Zeyneb sowie auch Mélek, die sich hastig von ihrem Tcharchaf befreit hatten, waren bleicher als sonst infolge des strengen Fastens. Uebrigens boten sie André noch eine ganz besondere Ueberaschung dadurch, daß sie alle drei in elegantester Weise als Europäerinnen gekleidet und frisiert waren. Nur etwas erinnerte noch an die Orientalin: kleine zirkassische Schleier aus weißer Gaze mit Silberstickerei, die auf dem Haarputz befestigt waren und über die Schultern zurückfielen. André, der entzückt war von den Kostümen, fragte nur beiläufig: »Ich glaubte, Sie trügen im Hause gar keinen Schleier?« »Doch, stets! Aber nur diese kleinen!« Zunächst führten sie nun André in den Musiksaal, wo ihn drei andere Frauen erwarteten, die eigens zu dem gefährlichen Abenteuer eingeladen waren: Mademoiselle Bonneau de Saint-Miron, Mademoiselle Tardieu, ehemalige Lehrerin Méleks, und eine vermummte Dame, Ubeyde Hanum, Diplomée de l'Ecole normale, et Professeur de philosophie au Lycée de jeunes filles, dans une ville d'Asie-Mineure! Die beiden Französinnen waren sehr besorgt wegen des Ausganges dieses Abenteuers; sie waren auch lange Zeit unentschieden geblieben, ob sie herkommen sollten oder nicht. Und Mademoiselle de Saint-Miron hatte die Miene eines Menschen, der sich sagt: »Ich bin leider die erste Ursache dieses entsetzlichen Unrechts, daß André Lhéry in Person sich in der Wohnung meiner ehemaligen Schülerin befindet!« Indessen – sie sprachen beide jetzt sehr angelegen mit André Lhéry, den sie schon lange sehnlichst gewünscht hatten kennen zu lernen. Und diesem schien es, als hätten die »ältlichen« jungen Damen Herz und Verstand auf dem rechten Fleck. Dabei besaßen sie einen vornehmen Anstand und waren ausgezeichnet unterrichtet, ihre Redeweise klang jedoch übertrieben romantisch. Beide glaubten auch mit ihm über sein Buch sprechen zu dürfen, dessen Titel sie kannten, und das sie sehr reizte. »Mehrere Seiten Ihrer ›Entzauberten‹ sind bereits geschrieben, nicht wahr?« »O nein!« antwortete er lachend, »noch nicht eine einzige!« »Das ist mir auch lieber,« sagte Djenane zu André mit ihrer eigenartigen Stimme, die stets wie überirdische Musik klang. »Schreiben Sie das Buch, wenn Sie fern sein werden von hier; dann wird es wenigstens noch einige Monate hindurch ein Band zwischen uns bilden ... und sobald Sie Stoff brauchen sollten, würden Sie doch nicht vergessen, an uns zu schreiben.« André glaubte aus Höflichkeit einige Worte an die vermummte Dame richten zu müssen und fragte sie: ob sie zufrieden sei mit ihren Schülerinnen, den kleinen Türkinnen in Kleinasien? Er erwartete eine ebenso gleichgültige Antwort zu erhalten, weil seine Frage es auch gewesen; aber die Dame antwortete in ernstem, sanftem Tone und in reinstem Französisch: »Mehr als zufrieden! ... Die Kinder lernen viel zu schnell und sind für ihr jugendliches Alter schon zu klug. Ich bedaure, eines der Werkzeuge zu sein, die diesen jungen Seelen die ersten Samenkörner zu ihren späteren Leiden einflößen. Ich bedaure alle diese kleinen Blüten, die auf diese Weise viel früher verwelken werden als ihre Vorgängerinnen.« Sodann wurde vom Ramadan gesprochen. Man erzählte, daß Tag für Tag streng gefastet werde, unter Anfertignng von Handarbeiten für die Armen und Lektüre frommer Werke, denn während dieses Monats muß eine Muselmanin ihren ganzen Koran durchlesen, ohne eine einzige Zeile zu überspringen. – Die drei Freundinnen, ungeachtet ihrer sonstigen Ungläubigkeit, verehrten und bewunderten das Heilige Buch des Islam; ihre drei Korans lagen am vorgeschriebenen Platz, und die Seiten für den heutigen Tag waren durch grüne Seidenbänder bezeichnet. Sodann, nach Untergang der Sonne, kommen die Istars. Im Selamlik: Istar der Männer mit darauffolgendem Gebet, zu dem sich die Eingeladenen, Gebieter wie Diener, im Großen Saal vereinigen, jeder auf seinem Betteppich kniend. Im Harem: Istar der Frauen, in ähnlicher Form, nur daß Djenane das Gebet von einem ihrer Gärtner, einem noch sehr jungen Menschen, der eine wundervolle Stimme hatte, hinter einem festen Vorhang singen ließ. Auf Méleks Vorschlag mußte André jetzt das Versteck versuchen, das sie für alle Fälle vorbereitet hatte. Es war dies eine große Staffelei mit einem Bilde, über welches ein weiter Brokatstoff gedeckt war, der hinten bis zum Fußboden reichte, so daß der dort Verborgene durchaus nicht gesehen werden konnte. »Es ist eigentlich nur ein Uebermaß der Vorsicht, denn es wird niemand kommen,« versicherte Mélek, während André das in einer Ecke des Salons befindliche Versteck versuchte, und sie fuhr fort: »Der einzige aus unserer Familie, der kommen könnte, ist mein Vater, aber er verläßt Iildis erst nach dem Kanonenschuß des Moghreb.« »Wie aber,« warf Djenane ein, »wenn ihn etwas Unvorhergesehenes vor der Zeit zurückführte?« »Gleichviel!« sagte Mélek mit schlauem Lächeln. »In einen Harem kann man nicht eintreten, ohne sich vorher angemeldet zu haben. In diesem Fall aber lassen wir ihm sagen: es sei eine fremde türkische Dame – etwa Ubeéde Hanum – zu Besuch. Dann wird er sich hüten, hereinzukommen ... Das also fürchte ich nicht!« – Und sich gegen André wendend, fügte sie hinzu: »Das Schwierigste wird Ihr Ausgang sein!« Unter den auf dem Piano liegenden Notenblättern befand sich das Manuskript eines von Djenane komponierten Notturno, das André gewünscht hatte, von ihr selbst gespielt zu hören. Das war aber nicht zu ermöglichen, denn während des Ramadan macht keine vornehme Dame Musik; und dann? Welche Unvorsichtigkeit, das ganze schlafbedürftige Haus zu erwecken! Djenane wünschte, daß ihr Freund sich für einen Augenblick an ihren Schreibtisch setze, und zwar an dieselbe Stelle, wo sie früher in ihrem Tagebuch Briefe an André Lhéry schrieb, die nie abgeschickt wurden. Man führte ihn also in ein großes Zimmer, wo alles weiß, glänzend und höchst modern war. Er mußte auch durch die vergitterten Fenster sehen, sowohl nach dem stillen Gegenüber der Grabstätten und der uralten Zypressen wie nach dem Wasser des Goldenen Horns und nach Stambul, das im Nebel lag. Schließlich sah er auch durch die unvergitterten Fenster nach dem Innern des Hauses und nach dem Garten mit den alten Bäumen und den himmelhohen Mauern, die ihn von den Nachbarn trennten. André segnete jetzt die kühne Tat, die ihn hergeführt hatte. Ihr dankte er es ja, daß er das Haus und die Wohnung seiner kleinen Freundinnen kennen lernte; wenigstens würde nun, wenn er, fern von ihnen, an sie dächte, der Rahmen ihrer Behausung in der Erinnerung zugleich mit dem Bilde der armen Dulderinnen auftauchen und ihre Persönlichkeit deutlicher hervortreten lassen. Nun aber war es Zeit, sich zurückzuziehen. André hatte inmitten dieser Umgebung fast das Ungeheuerliche seiner Lage vergessen. Jetzt aber, da es sich darum handelte, hinauszukommen, erwachte in ihm das Gefühl, daß er sich in einer Falle befinde, deren Ausgang sich verengt habe, und die mit scharfen Spitzen gespickt sei! Das Trio machte mehrere Erforschungsrunden, und dann hieß es: alles stehe gut; die einzige gefährliche Person sei der Neger Yussuff, der bereits auf seinem Posten sei und die große Vorhalle unten mit Beharrlichkeit bewache. Für ihn müsse man sogleich einen Auftrag ersinnen, der ihn entferne und für lange Zeit unschädlich mache. »Ich habe es gefunden!« rief Mélek plötzlich, und dann fügte sie hinzu: »Gehen Sie in Ihr Versteck, André! Wir werden Yussuff hierherkommen lassen! Das wird der Gipfel der Schlauheit sein!« Und als der Genannte erschien, sagte sie zu ihm: »Mein guter Yussuff, wir haben einen sehr eiligen Auftrag für Dich! ... Geh ganz schnell nach Pera hinauf, um uns ein neues Buch zu holen, dessen Titel ich Dir auf eine Karte schreiben werde. Wenn es nötig sein sollte, geh in alle Buchhandlungen der Großen Straße; ... aber vor allen Dingen: komm nicht ohne das Buch zurück!« Und sie schrieb in größter Ruhe und ohne zu lachen auf eine Karte: »Die Entzauberten!« Der jüngste Roman von André Lhéry! Jussuff eilte mit seiner Karte von dannen. Nun machte das Trio noch eine Runde in den Gängen; Mélek erteilte dann verschiedenen anderen Befehle, die sie fernhielten; endlich faßte sie André bei der Hand, zog ihn in rasendem Lauf die Treppe hinunter bis zur Haustür, schob ihn hastig hinaus und schloß die Tür hinter ihm zu. André Lhéry entfernte sich, an den alten Mauern ganz nahe vorbeistreifend, indem er sich fragte, ob der Lärm der etwas heftig zugeworfenen Haustür nicht etwa die ganze Dienerschaft aufmerksam gemacht habe ... und nun eine ganze Bande von Negern, mit Stöcken und Revolvern bewaffnet, vielleicht zu seiner Verfolgung ausgesandt werden würde?! Die drei Freundinnen gestanden ihm am folgenden Tage ihre Lüge hinsichtlich der kleinen zirkassischen Schleier ein. Im Hause werden sie tatsächlich nicht getragen. Aber für eine Muselmanin ist es noch viel unschicklicher, einem Manne ihr ganzes Haar und besonders den Nacken zu zeigen als ihr Gesicht; und sie hätten sich deshalb nicht dazu entschließen können. 33. »14. Ramadan 1322 (22. Novbr. 1904). Sie wissen, lieber Freund, daß morgen Mitt-Ramadan ist, und daß alle türkischen Damen an jenem Tage einen Ausflug machen. Werden Sie nicht zwischen zwei und vier Uhr nach Stambul kommen, zur Promenade von Bayazid nach Schazada-Basche? Wir sind in diesem Augenblick sehr beschäftigt mit unseren Iftars; aber wir werden einen hübschen gemeinsamen Streifzug an der asiatischen Seite baldigst veranstalten! Es ist dies eine Erfindung Méleks, und Sie werden sehen, wie hübsch das arrangiert sein wird. Djenane.« An jenem Mitt-Ramadan herrschte Südwind und schöner Herbstsonnenschein, also Wärme und Licht, erwünschtes Wetter für die schönen Ausflüglerinnen, die in jedem Jahr nur zwei oder drei Tage solcher Freiheit genießen. Die Promenade findet im geschlossenen Wagen mit einem Eunuchen auf dem Bocksitz neben dem Kutscher, statt; aber sie hatten das Recht, den Rollvorhang zu heben und die Glasfenster herunterzulassen. Von Bayazid ging es nach Schazada-Basche, das ist eine Entfernung von einem Kilometer. Es liegt im Mittelpunkt von Stambul, im vollen türkischen Stadtteil. Durch die Straßen der Vorzeit ging es, die an kolossalen Moscheen, den schattigen Umzäunungen für die Toten, und an den Heiligen Fontänen vorüberführen. In diesem sonst so ruhigen Stadtteil, so wenig geschaffen für das moderne Leben, – welche Ungeheuerlichkeit war dort diese Reihenfolge von Wagen, die sich am Mitt-Ramadan ansammelten: Hunderte von Coupés und Landauern. Aus allen Teilen der gewaltigen Stadt waren sie gekommen, selbst aus den am Bosporus liegenden Palais. Und in allen diesen Wagen nichts als geputzte Damen im Yachmak, der bis zu den Augen verschleiert, durchsichtig genug, um das übrige des Gesichts erraten zu lassen. Alle Schönheiten des Harems, heute ausnahmsweise fast sichtbar; die Zirkassierinnen rosig und blond, die Türkinnen bleich und braun. Sehr wenig Männer, die an den offenen Wagenfenstern stehen oder zwischen den Wagen umherstreifen, und nicht ein einziger Europäer. Auf der anderen Seite der Brücke, in Pera, weiß man niemals, was in Stambul vorgeht, oder man will es nicht wissen. André suchte nach seinen drei Freundinnen, die gewiß große Toilette gemacht haben würden, um ihm zu gefallen, – dachte er sich. Er suchte sie lange und konnte sie nicht entdecken, so groß war der Andrang. – Zur selben Zeit, als die Promenierenden den Rückweg nach ihren Harems antraten, entfernte er sich auch, ein wenig enttäuscht; aber da er den Blicken so vieler schöner Augen begegnet war, die freudig lächelten an diesem schönen Tage, und ihre Freude darüber, einmal in freier Luft umherfahren zu dürfen, in so naiver Weise zeigten, – so verstand er an diesem Abend besser als jemals die tödliche Langeweile der Absperrung! 34. Die drei Freundinnen kannten an der Küste des Marmarameeres, auf der asiatischen Seite, einen kleinen einsamen Strand, ganz geschützt gegen jene Winde, die den Bosporus trostlos machen, während dort milde Luft, wie in einer Orangerie, weht. In der Umgegend jenes Strandes wohnte eine ihrer Freundinnen, die sich verpflichtete, nötigenfalls einen sehr annehmbaren Alibibeweis zu liefern, indem sie steif und fest versichern werde, die drei Freundinnen während des ganzen Tages bei sich behalten zu haben. Man hatte deshalb beschlossen, von dort aus eine letzte gemeinschaftliche Promenade zu machen, vor der demnächstigen Trennung, die leicht eine immerwährende werden könnte! ... André gedachte bald einen zweimonatigen Urlaub nach Frankreich zu nehmen, und Djenane sollte mit ihrer Großmutter die kalte Jahreszeit auf ihrer Besitzung von Bounar-Bachi zubringen. Das Wiedersehen zwischen ihnen würde also nicht früher als im nächsten Frühjahr stattfinden, und bis dahin konnte soviel Unglück geschehen! ... Sonntag, der 12. Dezember 1904, der für diese Promenade nach vielen Berechnungen und Umänderungen gewählte Tag, war einer der in diesem veränderlichen Klima zuweilen mitten im Winter zwischen zwei Schneeperioden plötzlich eintretenden Nachsommertage. An der Brücke des Goldenen Horns, von wo die kleinen Dampfer nach den asiatischen Klippen abfahren, begegnete sich André mit dem Trio, bei köstlichem Sonnenschein, ohne sie durch eine Miene zu verraten, wie Reisende, die sich untereinander nicht kennen. Wie zufällig bestiegen sie dasselbe Dampfboot, wo sich die drei Freundinnen ganz vorsichtig in dem für Muselmaninnen bestimmten »Ronfle-Harem« niederließen, nachdem sie ihre Neger und Negerinnen entlassen hatten. Des schönen Wetters wegen befanden sich an diesem Tage viele Leute im Boot, die auch auf dem anderen Ufer promenieren wollten. Nach dem Verlassen des Dampfbootes wartete man erst, bis sich die anderen Reisenden entfernt hatten, alsdann nahm André einen Wagen, der sie bis in die Nähe ihres Zieles bringen sollte. Alle vier bestiegen denselben Wagen, was auf dem Lande nicht auffällig war. Bei der Fahrt herrschte unter ihnen eine sehr heitere Stimmung. Der ihnen so dringend empfohlene Strand lag ziemlich weit entfernt, und der Weg, der dorthin führte, war recht schlecht; als man aber endlich anlangte, vergaß man rasch die ausgestandenen Unbequemlichkeiten. In der kleinen Meeresbucht herrschte eine wunderbar milde Luft. Wenn man ein kleines Felsenriff bestieg, sah man kein lebendes Wesen in der weiten Ebene, die sich in der Runde ausdehnte. Unbesorgt vor irgendeiner Ueberraschung, schlugen die drei Freundinnen ihre Schleier bis zum Haar in die Höhe und atmeten die balsamische freie Luft in vollen Zügen ein. Niemals bisher hatte André diese schönen jugendlichen Gesichter in freier Luft und im Sonnenschein gesehen; niemals auch hatten sich alle in so vollständiger Sicherheit gefühlt wie heute. Zunächst ließen sie sich in einer Gruppe auf dem Sandboden nieder, um gemeinschaftlich die Bonbons und feinen Gebäcke, die sie im Vorübergehen bei dem berühmtesten Konfiseur Stambuls eingekauft hatten, zu verzehren. Nach Beendigung dieses unter fröhlichem Lachen eingenommenen frugalen Mahles fand eine genaue Besichtigung aller Teile der Meeresbucht, die für den Augenblick als ihr Besitztum gelten konnte, statt. Ueberall kletterte die lustige Gesellschaft unter heiteren Scherzen umher, sich schließlich außerordentlich befriedigt erklärend von der »Großen Revue«. Und André, versunken in den Anblick der lachenden Djenane, die in den nächsten Tagen nach ihrem Schloß in Mazedonien reisen würde, freute sich über alles, was der heutige Tag an Seltenem und Wunderbarem brachte. »Wer weiß,« sagte er sich, »vielleicht werden wir uns nie mehr wiedersehen oder doch nicht so traulich und so frohen Herzens? Darum ist dies eine Stunde, die man für das ganze Leben im Gedächtnis behalten, die man sich einprägen muß, um sie nie mehr zu vergessen!« Auf Verabredung bestieg einer um den anderen von ihnen einen kleinen Felsvorsprung, um von da aus zu berichten, wenn sich in der Ferne eine Gefahr zeigen sollte. Und kaum hatte Zeyneb diesen Wachtposten angetreten, so meldete sie einen Türken, der am Meeresufer entlang hierher käme, ebenfalls in Begleitung von drei schwarzen Frauengestalten mit hocherhobenen Schleiern. Djenane meinte, das sei nicht gefährlich, man könne es auf ein Zusammentreffen ankommen lassen; aber sie nahmen aus Vorsicht die schwarzen Schleier wieder um. Als der Türke vorbeikam, ohne Zweifel ein wirklicher Bei, der seine Haremsdamen spazieren führte, hatten diese ebenfalls ihre Schleier vorgenommen, Andrés wegen; aber die beiden Männer sahen einander gleichmütig an, ohne Mißtrauen weder von der einen noch von der anderen Seite. Der Unbekannte hatte nicht gezweifelt, daß die Leute, denen er hier begegnete, Angehörige einer und derselben Familie seien. Kleine, glatte Kieselsteine, die von den Wellen der Marmara auf den Strand gespült worden waren, erinnerten André an eine Spielerei aus seiner Kindheit; er lehrte deshalb seine Freundinnen, sie flach aufs Wasser zu werfen, so daß sie mehrmals auf der Oberfläche weiterhüpfen mußten. Sofort machten sie sich mit Leidenschaft daran, dieses Spiel zu erlernen, aber es gelang ihnen nicht. Mein Himmel, wie kindlich, wie einfach, wie lebenslustig waren diese drei armen Unterdrückten! Besonders Djenane, die sich so große Mühe gegeben hatte, ihr Leben zu verkümmern! Nach Ablauf dieser einzig-schönen, unvergeßlichen Stunde beeilten sie sich, ihren Wagen zu erreichen, der in weiter Entfernung auf sie wartete, um sie nach Scutari zurückzufahren. Auf dem Boot kannten sie einander nicht mehr. Aber während der kurzen Wasserfahrt genossen sie noch das wunderbare Schauspiel, das der Anblick Stambuls in der Beleuchtung durch die untergehende Sonne gewährt. 35. Djenane an André. (Am folgenden Tage.) Nochmals gerettet! Wir hatten furchtbare Schwierigkeiten bei unserer Rückkehr; aber jetzt herrscht Ruhe im Hause. Haben Sie bei der Heimkehr bemerkt, wie schön unser Stambul war? ... Heute schlägt Regen und halbgeschmolzener Schnee gegen unsere Fensterscheiben, und der eiskalte Wind bläst ein trauriges Lied unter unseren Türen. – Wie unglücklich wären wir gewesen, wenn sich ein gleiches Wetter gestern entfesselt hätte! Jetzt, da unsere Promenade der Vergangenheit angehört, uns das Andenken eines reizenden Traumes hinterlassend, jetzt können sie brausen, alle die Stürme vom Schwarzen Meer! Wir, André, werden uns nicht mehr sehen vor meiner Abreise; die Umstände erlauben es nicht, noch eine Zusammenkunft in Stambul zu ermöglichen. Mithin ist dies mein ›Lebewohl‹, das ich Ihnen sende, ... ohne Zweifel bis zum Frühjahr! ... Wollen Sie aber etwas tun, um das ich Sie flehentlich bitte? ... Dann nehmen Sie, wenn Sie nach Frankreich abreisen, Ihren Fes mit, und da Sie entschlossen sind, die Reise auf einem Paketboot zurückzulegen, so wählen Sie, bitte, eins der Linie über Saloniki. Die Schiffe haben dort einige Stunden Aufenthalt, und ich weiß ein Mittel, dort mit Ihnen zusammenzutreffen. Einer meiner Neger wird an Bord kommen, um Ihnen einen Auftrag von mir zu überbringen. Verweigern Sie mir meine Bitte nicht! Das Glück begleite Sie, André, nach und in Ihrem Vaterlande! Djenane.« * Nach Djenanes Abreise blieb André Lhéry noch fünf Wochen in Konstantinopel, wo er Zeyneb und Mélek noch sah. Als die Zeit kam, seinen zweimonatigen Urlaub anzutreten, reiste er auf der von Djenane angebenen Linie ab, nahm auch seinen Fes mit. Aber in Saloniki stellte sich kein Neger auf dem Paketboot ein. Der dortige Aufenthalt des Schiffes wurde somit für ihn nur eine Quelle des Trübsinns, infolge der getäuschten Erwartung und auch wegen der Erinnerung an Nedjibe, deren Andenken noch über dieser Stadt schwebte und den sie umgebenden öden Bergen, – Und er reiste weiter, ohne irgend etwas von seiner neuen Freundin erfahren zu haben. * Einige Tage nach seiner Ankunft in Frankreich erhielt André Lhéry diesen Brief von Djenane: » Bounar-Bachi bei Saloniki , 10. Januar 1905. Wann und durch wen werde ich dies, was ich Ihnen schreiben will, auf die Post geben können – so bewacht wie ich hier bin? Sie sind fern, und wir sind nicht sicher, daß Sie wiederkommen werden. – Meine Cousinen haben mir den Abschied erzählt, den Sie von ihnen genommen, und ich sehe die Trauer der armen Seelen, seit Ihrer Abreise. Wie sonderbar, André, wenn man bedenkt, daß es Wesen gibt, deren Bestimmung es ist, das Leid mit sich zu ziehen, ein Leid, das sich auf alles überträgt, was sich ihnen naht! ... Sie sind so, aber ohne ihre Schuld. Sie leiden unendlich verwickelte, vielleicht auch unendlich einfache Schmerzen; ... aber sie leiden! Die Schwingungen ihrer Seele lösen sich immer in Schmerzen auf. Man naht sich ihnen: man haßt oder man liebt sie, und wenn man sie liebt, leidet man mit ihnen, durch sie oder von ihnen! ... Und jetzt leiden beide unter der Nacht, in die sie zurückgesunken sind! Was Sie für mich gewesen sind? Vielleicht werde ich es Ihnen eines Tages sagen. Mein Leid besteht weniger darin, daß Sie abgereist sind, als darin, daß ich Ihnen begegnet bin! Sie werden mir ohne Zweifel zürnen, daß ich nicht eine Zusammenkunft mit Ihnen während Ihres Aufenthaltes in Saloniki bewerkstelligte. Die Sache an sich war möglich auf einem Felde, das noch ebenso öde ist wie zur Zeit Ihrer Nedjibe. Wir hätten zehn Minuten für uns gehabt, um einige Abschiedsworte auszutauschen und einen Händedruck. Allerdings, mein Kummer wäre dadurch nicht erleichtert worden; im Gegenteil. Aus Gründen, die nur mir angehören, habe ich davon Abstand genommen. Aber es war nicht die Furcht vor der Gefahr, die mich dazu bewog, o nein! nicht im entferntesten! Wenn ich, um mit Ihnen zusammenzukommen, gewußt hätte, daß auf meinem Rückwege der sichere Tod meiner harrte, ich würde nicht gezögert haben, Ihnen, André, den Abschiedsgruß meines Herzens zu überbringen, so, wie mein Herz ihn Ihnen sagen wollte! ... Wir türkischen Frauen der Jetztzeit haben keine Furcht vor dem Tode! ... Treibt uns denn die Liebe nicht zum Tode? Und wann war denn für uns Liebe gleichbedeutend mit Leben? ... Djenane.« * Mélek, die beauftragt war, diesen Brief nach Frankreich befördern zu lassen, hatte unter demselben Umschlag folgende Gedanken, die ihr eingefallen waren, hinzugefügt: »Indem ich lange an Sie dachte, lieber Freund, fand ich, davon bin ich überzeugt, mehrere Gründe für Ihr Leid. O, ich kenne Sie jetzt, verlassen Sie sich darauf! Zunächst wollen Sie stets alles auf ewige Dauer, .. und Sie genießen niemals etwas vollkommen, weil Sie sich sagen: ›Das wird ein Ende nehmen!‹ Und sodann: Das Leben hat Sie mit seinen Gaben so sehr überschüttet, Sie haben so viel Schönes in Händen gehabt, so vieles, von dem ein Teilchen zum Glück eines andern genügt hätte! Sie aber ließen alles fallen, weil Sie es im Uebermaß besaßen! ... Aber Ihr größtes Unglück ist, daß man Sie zu viel geliebt, und daß man es Ihnen zu oft gesagt hat! ... Man hat es Sie zu oft fühlen lassen, daß Sie unentbehrlich sind in den Lebenskreisen, denen Sie angehören. Man ist Ihnen immer entgegengekommen. Sie haben nicht nötig gehabt, irgendeinen Schritt zu tun auf dem Wege irgendeines Gefühls: Sie haben jedesmal darauf gewartet. Jetzt fühlen Sie, daß alles leer und öde ist, – weil Sie nicht selbst lieben, ... Sie lassen sich lieben! ... Glauben Sie mir: lieben Sie Ihrerseits, gleichviel welche Ihrer unzähligen Anbeterinnen, ... und Sie sollen sehen, wie das Sie heilen wird! Mélek.« * Der Brief Djenanes, der ihn als nicht natürlich genug beurteilte, mißfiel André. »Wenn ihre Neigung so tief war,« sagte er sich, »so hätte sie vor allem und trotz allem gewünscht, mir Lebewohl zu sagen, sei es in Stambul, sei es in Saloniki!« Es war zu viel Literatur in dem Brief ... Er fühlte sich getäuscht; sein Vertrauen zu ihr war erschüttert ... und er litt darunter. Er vergaß, daß sie eine Orientalin war, viel gefühlsdunkler als eine Europäerin und deshalb viel unerforschlicher! Er war auf dem Punkt, sie in seiner Antwort als Kind zu behandeln, wie er es zuweilen tat: »Ein Wesen, das sein Leid mit sich zieht? ...« »Nun also. Da sind wir ja bei dem ›unheilvollen Mann‹, den Sie selbst als unmodern seit 1830 erklärten!« Aber er fürchtete, zu weit zu gehen, und antwortete in ernstem Ton, daß sie ihn schwer getroffen habe, indem sie ihn in dieser Weise abreisen ließ. – Ein direkter Briefverkehr mit ihr in Bounar-Baschi, ihrem Dornröschenpalast, war unmöglich; alles mußte durch Stambul und die Hände Zeynebs oder Méleks oder vieler anderer »Mitschuldiger« gehen. Nach drei Wochen erhielt er in einem Briefe Zeynebs folgende Zeilen: »André, wie könnte ich Sie verletzen durch irgend etwas, das ich schreibe, sage oder tue, die ich ein Nichts bin neben Ihnen? Wissen Sie denn nicht, daß mein ganzes Denken, meine ganze Neigung so niedrige Dinge sind, die Ihre Füße zertreten können; ein langer alter Teppich mit immerhin noch recht hübschen Mustern, auf den zu treten Ihre Füße das Recht haben? Das bin ich! ... Und Sie könnten sich ärgern über mich? Und mir deswegen zürnen? Djenane.« * In diesem Schreiben war sie wieder vollständig Orientalin geworden, und André, der dadurch erfreut und bewegt ward, schrieb ihr sogleich wieder, und diesmal mit einem Anflug zarter Zuneigung, – um so mehr, als Zeyneb hinzufügte: »Djenane ist krank; sie leidet an einem andauernden nervösen Fieber, das unsere Großmutter sehr beunruhigt, und der Arzt weiß nicht, was er davon halten soll!« ... Einige Wochen später dankte Djenane ihm durch diesen kurzen und ebenso orientalischen Brief, wie sein Vorgänger es war: » Bounar-Baschi , 21. Februar 1905. Seit mehreren Tagen fragte ich mich: ›Wo ist das Mittel, das mich heilen kann?‹ Und nun ist es gekommen, dieses köstliche Mittel, und meine Augen – die zu groß geworden sind – haben es verschlungen, meine armen bleichen Finger halten es! O Dank! ... Dank dafür, daß Sie mir das Almosen eines Teils Ihrer selbst reichen, ... das Almosen Ihres Gedenkens! ... Seien Sie gesegnet für den Frieden, den Ihr zweiter Brief mir gebracht hat! Ich wünsche Ihnen Glück, Freund, als Dank für den freudigen Augenblick, den Sie mir bereiteten. Ich wünsche Ihnen ein tiefes, sanftes Glück, das Ihrem Leben einen Reiz verleiht wie ein duftiger Garten, wie ein klarer, heiterer Sommermorgen! Djenane.« * Krank, vom Fieber niedergeworfen, war die arme Eingesperrte wieder zum Sprößling der Ebene von Karadjiamir geworden, so wie man wieder Kind wird. Und im Licht jener Zeit gesehen, die ihrer jetzigen erstaunlichen Bildung, auf die sie so stolz ist, vorherging – liebte André sie noch mehr. Auch diesmal war den Zeilen Djenanes wieder eine Nachschrift Méleks beigefügt. Nach den Vorwürfen über die Seltenheit seiner viel zu kurzen Briefe sagte sie: »Wir bewundern Ihre Tätigkeit, indem wir Sie fragen, wie wir es anfangen müßten, um ebenso tätig, beschäftigt, überbürdet und dadurch ebenso behindert zu sein, an unsere Freunde zu schreiben. Wir im Gegenteil haben den ganzen Tag hindurch Zeit zum Schreiben, zu unserm Unglück und zu dem Ihrigen. Mélek.« 36. Als André Lhéry nach Beendigung seines Urlaubs in den ersten Tagen des März 1905 wieder in der Türkei eintraf, hatte Stambul noch seinen Schneemantel um, aber der Himmel war strahlend blau. Das Paketboot, das André herführte, umkreisten tausende großer und kleiner Möwen. Der ganze Bosporus wimmelte von diesen lebhaften Vögeln, deren schönes weißes Gefieder prächtig zu dem Schnee paßte, der noch die Straßen, Dächer und die Grabstätten bedeckte. Zeyneb und Mélek, welche wußten, mit welchem Schiff André ankommen würde, schickten ihm sogleich durch ihren treuesten Neger ihre Willkommen-Selams und gleichzeitig einen langen Brief Djenanes, die – wie sie sagten – geheilt sei, aber ihren Aufenthalt in dem fernen Palast noch verlängere. Einmal wiederhergestellt, war die ehemalige Barbarin der Ebene von Karadjiamir wieder sehr eigenwillig und verschlossen geworden und durchaus nicht mehr das demütige Geschöpf, dessen Neigungen ihr Freund mit Füßen treten konnte! O nein! Denn sie schrieb jetzt mit Heftigkeit und Empörung. Hinter den Gittern des Harems war nämlich unnötiges Geschwätz entstanden über das Buch, das André schreiben wollte. Eine junge Frau, die er nur ein einziges Mal gesehen, und zwar nur mit ihrem schwarzen Schleier, sollte sich, wie einige behaupteten, gerühmt haben, seine Freundin zu sein und ihm äußerst wichtigen Stoff für sein Werk gegeben zu haben. Und Djenane, die arme Abgesperrte in der Ferne, empfand darüber eine ganz sonderbare Eifersucht. Sie schrieb in ihrem Briefe an André: »Begreifen Sie nicht, welche ohnmächtige Wut uns ergreifen muß, wenn wir bedenken, daß sich andere zwischen Sie und uns drängen können? Und noch schlimmer ist es, wenn diese Nebenbuhlerei auf etwas ausgeübt wird, das unser eigenstes Gebiet ist: Ihre Erinnerungen an den Orient und Ihre dort gewonnenen Eindrücke. Wußten Sie nicht oder haben Sie es vergessen, daß wir dabei unser Leben aufs Spiel setzten? Und das nur, um Ihnen jene Eindrücke unseres Landes recht vollständig zu verschaffen, und nicht etwa, um Ihr Herz zu gewinnen, denn wir wußten ja, daß es ermüdet und fest verschlossen ist! Nein, es geschah, um Ihr künstlerisches Empfindungsvermögen aufzuklären und ihm einen Traum halber Wirklichkeit zu verschaffen – wenn man so sagen darf!? Um dahin zu gelangen, was unmöglich schien, – Ihnen zu zeigen, was – ohne uns – Sie sich nie hätten vorstellen können, haben wir mit offenen Augen gewagt, unsere Seele mit großem Kummer und mit ewigem Unfrieden zu belasten! Glauben Sie, daß viele Europäerinnen ebenso gehandelt hätten? O! es gibt Stunden, in denen es eine Folter ist, zu denken, daß Ihnen andere Gedanken kommen könnten, die uns aus Ihrer Erinnerung verdrängten, daß andere Eindrücke Ihnen teurer sein würden als diejenigen unserer Türkei, die Sie mit uns und durch uns gewonnen haben! Und ich wünschte, daß, wenn Ihr Buch fertig sein wird, Sie niemals wieder Aehnliches schrieben oder dächten, und daß Ihre scharfen, klaren Augen sich nie wieder für andere mit teilnehmenden Tränen füllten! Wenn mir das Leben zu unerträglich wird, sage ich mir, daß es nicht mehr lange dauern wird, ... und wenn ich dann zuerst von ihm scheide, und es den befreiten Seelen möglich ist, auf die hier Zurückgebliebenen einzuwirken, so wird meine Seele sich der Ihrigen bemächtigen, um sie an sich zu ziehen, – und wo ich sein werde, dahin wird sie auch kommen müssen! Was mir noch zu leben bleibt, würde ich auf der Stelle hingeben, um nur zehn Minuten lang in Ihrem Innern zu lesen. Ich möchte die Macht haben, Sie leiden zu lassen, um zu wissen, daß Sie leiden! Das wünsche ich, die ich noch vor kurzem mein Leben freudig hingegeben hätte, um Sie glücklich zu wissen! Sind Sie denn so reich an Freundschaften, André, daß Sie damit so verschwenderisch verfahren? Ist es edelmütig von Ihnen, derjenigen, die Sie liebt, so großen Kummer zu bereiten, ... die Sie aus der Ferne mit uneigennütziger Herzlichkeit liebt? – Verschmähen Sie nicht leichtsinnig eine Neigung, die – wenngleich etwas anspruchsvoll und eifersüchtig – deshalb doch vielleicht die wahrste und tiefste ist, die Ihnen im Leben begegnete! Djenane.« * fühlte sich völlig nervös, nachdem er diesen Brief gelesen hatte. Der Vorwurf war kindisch und durchaus nicht stichhaltig, weil er unter den türkischen Frauen keine anderen Freundinnen hatte als diese drei. Auch der Ton im allgemeinen paßte ihm nicht mehr. Er sagte sich: »Diesmal kann man es sich nicht verhehlen: hier ist eine wirklich falsche Note, ein Mißton in der Mitte dieser drei schwesterlichen Freundschaften, deren reine Harmonie ich stets für unzerstörbar hielt. – Arme Djenane, ist das überhaupt möglich?« Er versuchte, sich diese neue Lage, die ihm ohne Ausweg zu sein schien, klar zu machen. »Das kann nicht sein!« sagte er sich. »Das wird niemals geschehen, weil ich nicht will, daß es geschehe! Das ist alles, soweit es mich betrifft. Von meiner Seite ist die Frage hiermit erledigt!« Sein Verdienst, so zu sprechen, war übrigens nicht sehr groß, denn er hatte die feste Ueberzeugung, daß Djenane, selbst wenn sie ihn liebte, immer unerreichbar bleiben würde. Er kannte jetzt dieses kleine Geschöpf ganz genau, das zu gleicher Zeit vertrauensvoll und hochmütig, verwegen und makellos war. – Das Abenteuer erschien ihm trotzdem nicht weniger bedrohlich, und es kamen ihm Worte ins Gedächtnis, die sie einst gesprochen, die ihn damals kaum berührt hatten, die aber heute einen sehr ernsten Klang für ihn annahmen: »Die Liebe einer Muselmanin für einen Abendländer hat keinen anderen Ausweg als die Flucht oder den Tod!« * Aber am folgenden Tage, bei schönem Wetter, erschien ihm alles schon viel weniger ernst. Wie schon einmal, sagte er auch jetzt wieder, daß der Brief viel »Literatur« enthalte, und besonders auch viel orientalische Übertreibung. Mit erleichtertem Herzen begab er sich nach Stambul, wo ihn in Sultan-Selim Zeyneb und Mélek erwarteten, die es drängte, ihn wiederzusehen. In dem bescheidenen Harem des alten Häuschens in der Sackgasse war es kalt. Die beiden Schwestern empfingen ihn, die Schleier hochgezogen, freundlich und vertraulich, wie man einen Bruder empfängt, der von der Reise zurück, kommt. Er wurde aber peinlich berührt von der Veränderung ihrer Gesichtszüge. Das Gesicht Zeynebs war wachsbleich, ihre Augen hatten sich vergrößert, und die Lippen waren farblos. Der diesmal im Orient sehr streng gewesene Winter hatte wohl ihr Leiden noch verschlimmert. Auch Mélek war blasser als früher, und auf ihrer Stirn lagerte eine tiefe Falte, die dem Gesicht den Ausdruck einer gewissen Verdrossenheit verlieh. »Man will mich wieder verheiraten!« sagte sie kurz und in scharfem Ton als Antwort auf die stumme Frage, die sie aus Andrés Blick erraten hatte. »Nun, und Sie?« fragte er Zeyneb. »O! ich! ... ich habe die Befreiung davon in der Hand!« antwortete sie, auf ihre Brust deutend, die von Zeit zu Zeit durch ein verdächtiges Hüsteln erschüttert wurde. Beide beunruhigten sich wegen jenes Briefes von Djenane, der, an André adressiert, gestern durch ihre Hände gegangen, aber versiegelt war. Und sie hatten früher niemals ein Geheimnis voreinander! »Was konnte sie Ihnen denn darin schreiben?« »Nichts von Bedeutung! Kindereien. Irgendein unsinniges Haremsgeschwätz, über welches sie sich ohne Grund erregt hat.« »Aha! ohne Zweifel die Geschichte von der neuen Mitarbeiterin an Ihrem Buch, die außer uns plötzlich aufgetaucht sein soll?« »Richtig! Und daran ist kein wahres Wort, ... wie ich Ihnen versichere; denn außer Ihnen dreien und einigen schwarzen Vermummten, die Sie selbst mir vorstellten ...« »Wir haben auch niemals daran geglaubt, weder meine Schwester noch ich! ... Aber Djenane, fern von uns ...! In der Zurückgezogenheit setzt man sich leicht etwas in den Kopf!« »Und sie hat sich so viel in den Kopf gesetzt,« fiel André ein, »daß sie mir sehr ernstlich zürnt!« »Keinenfalls tödlich!« sagte Mélek lächelnd, »wenigstens hat das nicht den Anschein! Da, betrachten Sie einmal dies hier, was sie mir heute früh schrieb!« Sie reichte ihm folgende Stelle eines Briefes, nachdem sie das Blatt, um ihn den Schlußsatz nicht lesen zu lassen, zusammengefaltet hatte. Und er las: »Sagt ihm, daß ich ohne Unterlaß an ihn denke, daß meine einzige Freude auf der Welt der Gedanke an ihn ist. Hier beneide ich Euch; das ist alles, was ich tun kann. Ich beneide Euch wegen der Augenblicke, die Ihr beisammen sein werdet, um das, was seine Gegenwart Euch gewährt; ich beneide Euch darum, daß Ihr so nahe bei ihm seid, daß Ihr seinen Blick sehen könnt, daß Ihr seine Hand drücken dürft! Vergeßt mich nicht, wenn Ihr beisammen seid. Ich verlange meinen Anteil an Euren Zusammenkünften sowie an Eurer Gefahr!« ... »Augenscheinlich«, schloß er, als er den Brief zurückgab, »sieht das nicht gerade nach einem tödlichen Haß aus!« Er hatte sein Möglichstes getan, um im leichten Ton zu sprechen, aber die von Mélek gemachten Bemerkungen überzeugten und beunruhigten ihn mehr als der an ihn gerichtete lange Brief. Hier in diesen wenigen Zeilen war keine »Literatur« enthalten: alles war ganz einfach und klar! ... Und in welch sanftmütigem Ton schrieb sie an ihre Cousinen diese durchsichtigen Worte. Also war, gegen seine Erwartung, ganz entschieden eine Wandlung in dieser seltsamen, friedlichen Freundschaft des vergangenen Jahres mit drei Frauen eingetreten, die anfangs nur eine unauflösliche Dreieinigkeit bilden sollten! Der jetzige Zustand erschreckte ihn wohl, aber er reizte ihn auch; in diesem Augenblick fühlte er sich nicht fähig zu sagen, ob er es vorzöge, daß alles wäre wie früher oder so, wie es jetzt geworden? »Wann kommt sie zurück?« fragte er noch. »In den ersten Tagen des Mai,« antwortete Zeyneb. »Wir sollen uns wie im vergangenen Sommer in unserem Yali an der asiatischen Seite einrichten. Nach unserem Plan wollen wir dort noch einen Sommer, den letzten, gemeinsam verleben, wenn nicht etwa der Wille unserer Gebieter uns vorzeitig durch eine Verheiratung vor dem Herbst trennen sollte! ... Ich sage den letzten Sommer, weil mich ohne Zweifel der nächste Winter entführen wird, und weil die beiden anderen sich jedenfalls im nächsten Sommer verheiraten werden!!« »Nun, das werden wir erst sehen!« sagte Mélek mit finsterem Trotz. Auch für André Lhéry sollte dies der letzte Sommer am Bosporus werden. Seine Geschäfte bei der Botschaft gingen am letzten Tage des November zu Ende, und er war entschlossen, dem Schicksal seinen Lauf zu lassen, ein wenig aus Fatalismus, und dann auch, weil es Verhältnisse gibt, bei denen es besser ist, sie nicht übermäßig zu verlängern, besonders wenn sie keinen anderen Ausweg haben können als einen schmerzhaften oder einen strafbaren! Er sah deshalb mit viel Melancholie dem Anfang der entzückenden Saison am Bosporus entgegen, wo man in herrlich ausgestatteten Caiques auf dem blauen Wasser umherfuhr längs der beiden Ufer, an den schönen Häusern mit den vergitterten Fenstern vorüber; oder wo man die interessantesten Ausflüge machen kann nach der »Ebene des Großherrn« und in die Berge der asiatischen Seite. Dies alles würde noch einmal, zum letztenmal, wiederkehren und dann ein Ende nehmen ohne Hoffnung auf eine Erneuerung. 37. Den Monat April verbrachte André mit Spaziergängen in Stambul und Eyub oder mit Träumereien in Sultan-Fatih, vor dem kleinen Kaffeehause in freier Luft, ungeachtet der nachträglich wieder eingetretenen kalten Witterung, die Schneestürme brachte. Der erste Mai kam, ohne daß Djenane meldete, wann sie ihr altes verzaubertes Schloß verlassen werde. Sie schrieb nur selten und immer sehr kurze Briefe. Zeyneb und Mélek behaupteten stets, daß sie sehr bald kommen werde. André sah diese beiden auch seltener als früher: Zeyneb kränkelte fortwährend, und Mélek hatte infolge der drohenden Wiederverheiratung ihren Humor fast gänzlich verloren. Uebrigens war die Ueberwachung in diesem Jahre verdoppelt worden und ganz besonders den drei Cousinen gegenüber, die man, wie es schien, einigermaßen in Verdacht hatte. Die beiden Schwestern schrieben öfter an André, der stets sehr kurz, antwortete, wenn er nicht das Antworten gänzlich vergaß. Im letzteren Falle erlaubten sie sich zuweilen, ihm bescheidene Vorwürfe zu machen, wie zum Beispiel in diesem Brief: »Khassim-Pascha, 8. Mai 1905. Werter Freund, was ist geschehen? Wir sind, beunruhigt, wir, Ihre armen kleinen Freundinnen. Wenn die Tage vergehen ohne einen Brief von Ihnen, lastet die Traurigkeit wie ein schwerer Mantel, der uns zu erdrücken droht, auf unseren Schultern, und alles ist verdunkelt: das Meer, der Himmel und unsere Herzen. – Wir beklagen uns indessen nicht, seien Sie versichert; wir wollen Ihnen nur wiederholen, daß Sie unser großer und einziger Freund sind. Sind Sie in diesem Augenblick glücklich? Je nachdem, was das Leben dem Menschen bietet, vergeht ihm die Zeit schnell, oder sie schleppt sich dahin. Bei uns schleppt sie sich immer dahin! Wir wissen wahrlich nicht, warum wir noch auf der Welt sind. Vielleicht zu der einzigen Freude, Ihre sehr ergebenen, sehr treuen Sklavinnen zu sein, bis zum Tode und darüber hinaus! Zeyneb und Mélek.« Am 9. Mai kündigte man André Lhéry auf seiner Botschaft die alljährliche Uebersiedlung nach Therapia als nahe bevorstehend an. Für ihn war das fast gleichbedeutend mit seinem gänzlichen Scheiden aus Konstantinopel ... Außer den fremden Botschaftern begann auch die ganze vornehme Welt Konstantinopels die üblichen Vorbereitungen zu dem allgemeinen Umzug in die Sommerquartiere. 38. Der Monat Mai war vorübergegangen, ohne daß Djenane zurückgekommen oder auch nur geschrieben hätte, wann sie kommen werde. Am 1. Juni sagte sich André, der sich wieder in seiner vorjährigen Wohnung in Therapia befand, als er bei wunderschönem Sonnenschein erwachte, wie schnell doch die Zeit verginge; jetzt blieben ihm kaum noch fünf Monate. Der Gedanke des Scheidens quälte ihn jetzt unaufhörlich. Seine Stimmung besserte sich jedoch jedesmal, sobald er hinaustrat in Gottes freie Natur. Dann vergaß er zeitweise seine quälenden Gedanken an die Zukunft und überließ sich völlig dem Genuß der Schönheiten, welche die Gegenwart ihm in so überreichlicher Fülle darbot. Sein erster Ausflug führte ihn nach der »Ebene des Großherrn«, wo er im vergangenen Jahre eine köstliche Stunde verlebt hatte. Leider fehlte ihm jetzt die angenehme Gesellschaft, in der er sich damals befand; deshalb hielt er sich auch nicht allzulange dort auf. Am folgenden Tage beschäftigte ihn sein neuer Caique. Man hatte ihn benachrichtigt, daß das Boot, ganz frisch vergoldet, von Stambul angelangt sei und unter seinen Fenstern angelegt habe, und daß die Ruderer wünschten, ihre neuen Livreen zu probieren. – Für seinen letzten Sommer im Orient wollte er in einem glänzend ausgestatteten Fahrzeuge an den Freitagen bei den Spazierfahrten nach den »Süßen Wassern« erscheinen. Er hatte sich zu diesem Zweck eine ganz orientalische Zusammenstellung der Farben ausgedacht: die Westen der Ruderer und der lange, schleppende Teppich waren von kapuzinerfarbenem Samt und mit Goldstickerei versehen; der auf dem Teppich nach türkischer Manier sitzende Diener trug eine Kleidung in Himmmelblau mit Silber. Nachdem die Bootsmannschaft ihre neuen Kostüme angelegt hatte, ging André hinunter, um sich von der Wirkung der Farben auf dem Wasser zu überzeugen. Er war zufrieden und streckte sich dann im Caique aus, um zunächst eine Probefahrt bis zur asiatischen Spitze zu machen. Die Fahrt gelang zu seiner großen Freude vollkommen. Am Abend desselben Tages erhielt er einen Brief von Zeyneb, die ihm ein Stelldichein für den nächsten Tag der »Süßen Wasser« erteilte, nur um im Caique miteinander zu kreuzen. Sie schrieb ferner, daß alles immer gefahrvoller werde; die Überwachung sei verdoppelt; man habe ihnen auch verboten, in der schlanken Barke, die sie sonst selbst ruderten, längs der Küste spazieren zu fahren. Uebrigens aber lag in Zeynebs Klagen nie eine Bitterkeit. Sie verweilte gern bei dem Gedanken an ihren baldigen Tod. – In einer Nachschrift erzählte sie noch, daß der arme alte Mevlut {ein Eunuche aus Aethiopien} »sich habe sterben lassen«, in seinem 83. Lebensjahre; und daß dies ein wahres Unglück sei, denn er liebte sie, da er sie erzogen hatte, und er würde sie nie verraten haben, weder für Silber noch für Gold. Auch sie hatten ihn geliebt; er war sozusagen ein Mitglied der Familie. »Wir haben ihn gepflegt,« schrieb sie, »gepflegt wie einen Großvater!« Aber dieses letzte Wort war nachher durchstrichen, und an dessen Stelle las man oben darüber, von Méleks Hand geschrieben: »Großonkel!« * Am darauffolgenden Freitag fuhr André dann zum erstenmal in der Saison nach den »Süßen Wassern« in seinem Caique. Er kreuzte wiederholentlich mit den beiden Freundinnen, die ebenfalls die Farben der Rudererlivreen von Blau in Grün mit Gold geändert hatten. Die Schwestern waren in schwarzen Tcharchafs, die Schleier halbdurchsichtig, aber über das Gesicht herabgezogen. Andere schöne Damen, ebenfalls schwarzverschleiert, wendeten den Kopf, um ihn anzusehen; ... Damen, die in halbliegender Stellung auf dem Wasser vorüberfuhren, das heute von rätselhaften Besucherinnen überfüllt war – alle diese Unsichtbaren beschäftigten sich mit ihm, vielleicht, weil sie seine Bücher gelesen hatten, oder weil er ihnen von anderen gezeigt worden war. Wer konnte wissen, ob er nicht bei Gelegenheit der abenteuerlichen Besuche bei den drei Freundinnen mit einigen unter ihnen im vergangenen Herbst gesprochen hatte, ohne ihr Gesicht zu sehen? Er fing hier und da einen aufmerksamen Blick auf, oder ein freundliches Lächeln, das unter der schwarzen Gaze kaum zu bemerken war. Auch spendeten sie augenscheinlich alle der von ihm ersonnenen Farbenzusammenstellung Beifall. Das Caique glitt mit seinem Glanz von Kapuzinerrot und Hortensiablau über das grüne Wasser, zwischen grünen Wiesen und dem dunklen Grün der Bäume, dahin. Alle erstaunten über diesen Europäer, der sich als echter Orientale entpuppte! ... Und er, der zuweilen recht kindisch sein konnte, freute sich darüber, die Aufmerksamkeit der hübschen Unerkennbaren erregt und vielleicht im geheimen ihre Gedanken durch seine Bücher beherrscht zu haben, die gerade in diesem Jahre in den Harems viel gelesen wurden. André ließ sein Caique am Fuße der Anhöhen anlegen, die von den Zuschauern und Zuschauerinnen des Wasserkorsos besetzt waren; er stieg ans Ufer, um unter den schattigen Bäumen ein Nargileh zu rauchen und von der Höhe aus das bewegte Leben auf dem Wasser zu betrachten. In diesem Augenblick überließ er sich völlig den jugendlichsten Illusionen; alle quälenden Gedanken hatte er vergessen. 39. Ein Brief Djenanes, den André Lhéry in der folgenden Woche erhielt. »Am 22. Juni 1905. Ich bin an den Bosporus zurückgekehrt, André, wie ich es Ihnen versprochen habe, und ich sehne mich unendlich danach, Sie wiederzusehen. Wollen Sie am Donnerstag nach Stambul niedersteigen und gegen zwei Uhr nach dem Hause meiner ehemaligen Amme in Sultan-Selim kommen? Ich ziehe dieses Haus dem meiner Freundin in Sultan-Fatih vor, weil jenes kleine Häuschen Zeuge unserer ersten Zusammenkünfte gewesen ist. Setzen Sie Ihren Fes auf und beobachten Sie die frühere Vorsicht, treten Sie aber nur ein, wenn unser gewöhnliches Zeichen: der Zipfel eines weißen Taschentuchs am Gitter eines der Fenster im ersten Stockwerk, erscheint. Andernfalls wäre die Zusammenkunft verfehlt, leider! Und vielleicht für lange Zeit! ... In diesem Falle verfolgen Sie den Weg bis zum Ende der Sackgasse und kommen Sie dann zurück wie einer, der sich geirrt hat. Alles ist in diesem Jahr weit schwieriger, und wir leben in fortwährender Angst. Ihre Freundin Djenane.« An jenem Donnerstag empfand André Lhéry bei seinem Erwachen eine noch größere Unruhe als sonst, sobald er sich im Spiegel betrachtete. Er sagte sich, daß er seit dem vergangenen Jahr ersichtlich gealtert sein müsse ... Er hätte viel darum gegeben, wenn er niemals die Ruhe seiner Freundin gestört hätte, aber der Gedanke, vor ihren Augen als körperlich in Verfall geraten zu erscheinen, war ihm unerträglich. In Stambul angekommen, machte er sich sogleich auf den Weg nach Sultan-Selim, darüber nachsinnend, ob sie mehr vor seinem Anblick erschrecken werde oder er vor dem ihrigen ? Als er in die totenstille Gasse einbog, erblickte er sofort das bekannte Zeichen des weißen Taschentuches. Er trat also ins Haus und fand hinter der Tür Mélek auf ihrem Posten. »Sind sie oben?« fragte er sie. »Ja, alle beide, sie erwarten Sie.« Am Eingang des kleinen; armseligen Harems fand er Zeyneb mit unverdecktem Gesicht. Im Hintergrunde, tief im Schatten, stand Djenane, die sich ihm sofort rasch näherte und ihm mit einem freudigen »Willkommen!« die Hand reichte. Ja, sie war es! Er hörte ihre sanfte, wie aus der Ferne kommende und wie Musik klingende Stimme. Aber ihre meergrünen Augen sah er nicht, so wenig wie die gebogenen Augenbrauen gleich denen der Madonna dolorosa, noch das reine Oval ihres Gesichtes: Nichts! ... Der Schleier verhüllte alles so undurchdringlich wie in den ersten Tagen ihrer Bekanntschaft. Aus Furcht, zu weit gegangen zu sein, zog sich das weiße Prinzeßchen wieder in ihren Elfenbeinturm zurück. Und André sah alsbald ein, daß jede Bitte erfolglos sein, daß dieser Schleier sich nie wieder erheben würde, wenn nicht etwa irgendein tragischer Umstand eintrat. Er hatte das Gefühl, daß mit dieser verbotenen Neigung der leichte, fröhliche Zeitabschnitt zu Ende gegangen sei. Von jetzt an ging man dem unvermeidlichen Drama entgegen. Sechster Teil 40. Es waren ihnen immerhin noch Tage anscheinender Ruhe beschieden. Der Juli ging zwar vorüber, ohne daß es ihnen möglich war, sich zu sehen, nicht einmal von weitem, bei den »Süßen Wassern«. Dieser Monat ist übrigens in Konstantinopel die Zeit der großen Winde und der Gewitter, während welcher der Bosporus sich vom Morgen bis zum Abend mit weißem Schaum bedeckt. Während dieses ganzen Monats vermochte Djenane kaum an André zu schreiben, so streng war sie von einer alten, griesgrämigen Tante überwacht worden, die aus Erivan zu Besuch gekommen, und die nicht duldete, daß eine Fahrt im Caique gemacht würde, wenn das Wasser nicht spiegelglatt war. Aber die gute Tante räumte zum Glück anfangs August das Feld; ... und der Rest des Sommers brachte ständig wunderschönes Wetter. André und seine drei Freundinnen wurden wieder die regelmäßigen Besucher der »Süßen Wasser« Asiens; außerdem fanden öftere Zusammenkünfte in Stambul, in dem kleinen Hause des Sultan-Selim, statt. Aeußerlich war alles wieder wie im vorhergegangenen Sommer, bis auf den unbeweglich gebliebenen schwarzen Schleier Djenanes. Aber in ihren Seelen waren neue, noch nicht ausgesprochene Gefühle, deren man noch nicht ganz sicher schien, die jedoch zuweilen inmitten ihrer Gespräche ein längeres Schweigen herbeiführten. Im vorhergegangenen Jahre sagten sie sich immer: »Wir haben ja noch einen zweiten Sommer vor uns!«, während jetzt alles zu Ende ging, weil André im November die Türkei verließ; – und sie dachten fortwährend an diese bevorstehende Trennung: aber sie stimmten alle darin überein, daß man die noch übrigbleibende Frist soviel als irgend möglich ausbeuten müsse. Zunächst hieß es: Wir wollen noch einmal das Wäldchen von Beicos gemeinschaftlich besuchen; und dann wallfahrten wir alle nochmals nach dem Grabe Nedjibes. – Und André, der in diesem Jahre öfter als sonst an die Tote dachte, besonders aber am Anfang jeden Monats, sagte sich am ersten September, daß dieser Tag einen bedeutungsvollen Abschnitt für ihn bilden müsse, auf seinem abwärts führenden Lebenswege. – Der Sommer begann bereits zu schwinden, und er dachte mit innerem Grauen an den Winter. – Und doch, wie herrlich war der heutige Morgen; welche ungestörte Ruhe herrschte auf dem Bosporus; nicht der leiseste Wind machte sich bemerkbar, und je höher die Sonne stieg, desto köstlicher wurde die Luft. Auf dem Wasser fuhr jetzt eine lange Reihe von Segelschiffen, Von einem Dampfer am Schlepptau gezogen, vorüber. Es waren dies türkische Schiffe aus alter Zeit mit schloßartigem Aufbau am Hinterteil, buntbemalt an allen Seiten; Schiffe, wie man sie nur hier noch sieht, nirgends wo anders. Alle Segel gerollt, fuhren sie langsam nach dem Schwarzen Meere, das auch heute in größter Ruhe dalag zum Erstaunen aller, die seine gewöhnliche Tücke kannten. – Am Nachmittag fuhr André in seinem Caique nach den »Süßen Wassern«, wo alles im glänzenden Sonnenlicht strahlte; er kreuzte mehrmals mit seinen drei Freundinnen und fing so manchen freundlichen Blick anderer, nur leicht verschleierter junger schöner Damen auf. – Unter einem unvergleichlich schönen Abendhimmel fuhr er zurück, die asiatische Küste streifend. Das Caique flog unter den kräftigen Ruderschlägen pfeilschnell dahin. André atmete die balsamische Abendluft in vollen Zügen ein, und die Lust am Leben erwachte von neuem in ihm. Seine Seele, die oft nichts war als ein Abgrund voller Mißstimmung und Lebensüberdruß, verwandelte sich plötzlich, er fühlte sich wieder jung und zu allen möglichen Abenteuern aufgelegt. An diesem Abend hatte er in seinem Caique Jean Renaud mitgenommen, der ihm unterwegs anvertraute, daß er sich sterblich verliebt habe in eine schöne Dame aus den Botschafterkreisen, daß diese aber, obgleich sie ihn, wie er bestimmt wisse, ebensosehr liebe, sich ziemlich gleichgültig gegen ihn stelle. Uebrigens liebe er Djenane, deren Gesicht er zwar noch nie gesehen habe, deren schlanke Gestalt und himmlische Stimme aber seinen Schlaf störe. André hörte ihm ruhig zu; er fühlte sich in gleicher Stimmung mit diesem jungen Mann; das lag an der bedrückenden Luft. Fast hätte er Lust gehabt, ihm mit einer Art von Triumph zuzurufen: »Nun wohl, junger Mann, so wissen Sie denn: ich bin mehr geliebt als Sie!« 41. Der September war zu Ende gegangen. – Während des ganzen Sommers war es André und seinen drei Freundinnen nicht möglich gewesen, solche gemeinschaftlichen Spaziergänge wie im vorigen Jahre zu machen. Jetzt hatten sie aber zwei Ausflüge miteinander verabredet, die um jeden Preis ausgeführt werden sollten. Das Ziel des heutigen Ausflugs, am 3. Oktober, war das kleine Wäldchen dort oben, bei der Ebene von Beicos, derselbe idyllische Punkt, den sie im vorigen Sommer entdeckt hatten. Und sie waren nun tatsächlich alle vier zur verabredeten Stunde dort beisammen, am Rande des kleinen Teiches voll Wasserpflanzen. Wie bei ihren vorjährigen Besuchen dieser lauschigen Stelle, die ihnen volle Sicherheit gewährte, setzten sie sich wieder auf die umherliegenden bemoosten Felsblöcke; aber eine eigentliche Unterhaltung wollte nicht zustande kommen. André hatte sogleich bemerkt, daß die Freundinnen nicht in ihrer gewöhnlichen Stimmung waren, sondern nervös oder abgespannt, jede nach ihrer Art: Djenane frostig, Mélek ungestüm. »Jetzt will man uns alle drei wiederverheiraten,« sagten sie, sich gegenseitig die Sätze aus dem Munde nehmend, »um unser rebellisches Trio aufzulösen. Auch behauptet man, wir hätten ein viel zu unabhängiges Benehmen, und wir müßten Männer haben, die es verständen, uns zu bändigen –!« »Was mich betrifft,« fuhr Mélek fort, »so ist die Sache im Familienrat am Sonnabend abgemacht worden; man hat zu meinem ›Bändiger‹ einen gewissen Omar Bei bestimmt, Kapitän der Kavallerie, ein sogenannter ›schöner Mann‹, mit hartem Blick. Man hatte sogar die Gnade, ihn mir eines Tages von meinem Fenster aus zu zeigen ... mithin soll das Geschäft baldigst vollzogen werden!« Und sie stampfte dabei mit dem Fuß, die Augen abwendend, indem sie dürre Baumblätter, die ihr in die Hand gerieten, zornig zerdrückte. André wußte nicht, was er dazu sagen sollte, er blickte die beiden anderen an und wollte schon Zeyneb, die ihm zunächst saß, fragen: »Und Sie?«, aber er befürchtete, daß sie, statt jeder Antwort, mit dem Blick der Dulderin, auf ihre Brust deuten würde, und deshalb richtete er an Djenane die Frage: »Und Sie?« »O! Ich?« antwortete sie mit der etwas hochmütigen Gleichgültigkeit, die sie in letzter Zeit angenommen hatte: »Es ist ja die Rede davon, mich wieder an Hamdi zurückzugeben.« »So? ... Und was werden Sie tun?« »Mein Gott, ... was soll ich tun? ... Wahrscheinlich werde ich mich fügen. Wenn ich doch einen nehmen muß, ... warum nicht ihn, der schon einmal mein Gatte war? ... Diese Schmach wird mir weniger schwer erscheinen, als mit einem, der mir ganz unbekannt ist.« André hörte ihr, starr vor Staunen, zu. Der dichte schwarze Schleier hinderte ihn, in ihren Augen zu lesen, was ernst sei und was nicht an dieser plötzlichen Ergebung?! – Ihre ganz unerwartete Zustimmung zur Rückkehr zu Hamdi war ja eigentlich für ihn das Erwünschteste, um einem unentwirrbaren Verhältnis ein Ende zu machen; aber erstlich glaubte er kaum daran, sodann aber machte er sich klar, daß diese Lösung ihm großen Schmerz bereiten würde. Sie redeten nichts mehr über diesen Gegenstand, und es folgte ein langes Schweigen, während dessen sich jeder seinen Gedanken hingab. Djenane war die erste, die dieses Schweigen unterbrach, indem sie im ruhigsten Tone sagte: »Sprechen wir lieber von unserem Buch!« »Ja richtig: das Buch!« fiel André ein, sich von seinem stillen Sinnen losmachend, »wir haben seit langer Zeit nicht davon gesprochen. – Lassen Sie hören, was ich darin von Ihren Wünschen sagen soll? ... Daß Sie abends in die Gesellschaften gehen wollen, und am Tage schöne Hüte mit Blumen und vielen Federn tragen wie die ›Pérotes‹?« »Seien Sie nicht so boshaft, André, ... dicht vor unserer Trennung!« Er hörte ihnen also aufmerksam zu. Ohne sich den geringsten Täuschungen zu überlassen, hinsichtlich des Erfolges seiner Tätigkeit für ihre gute Sache, wollte er die Anhängerinnen der Reformen doch nicht in einem abenteuerlichen, falschen Licht darstellen, und nichts schreiben, was ihren Ideen nicht entspräche. Das Höchste ihrer Ansprüche war, daß man sie zukünftig als denkende, freie, verantwortliche Menschen behandle; daß es ihnen erlaubt sei, gewisse Männer zu empfangen, allenfalls verschleiert, wenn man es verlange, – und mit jenen Männern zu sprechen, namentlich, wenn es sich um einen Bräutigam handle. »Mit diesen Zugeständnissen,« – bestätigte Djenane, »würden wir uns für befriedigt erachten, wir und alle, die uns nachfolgen werden, wenigstens ein halbes Jahrhundert lang, bis zu einer noch weiter fortgeschrittenen Zeit. Sagen Sie das deutlich, Freund, damit man uns nicht für toll oder für aufrührerisch hält! Uebrigens fordere ich jeden heraus, mir zu beweisen, daß im Buch unseres Propheten irgendeine bestimmte Satzung enthalten ist, die sich unseren Wünschen entgegensetzte!« Als André bei niedersinkendem Abend von den Freundinnen schied, fühlte er, daß Méleks Hand, die sie ihm reichte, wie Feuer glühte. »Oho!« sagte er erschrocken zu ihr, »Sie haben ja heftiges Fieber!« »Ja, seit gestern ein immer zunehmendes Fieber. Um so schlimmer für den Kapitän, Omar Bei! Heute abend aber geht es mir besonders schlecht; ich fühle einen furchtbaren Druck im Kopf ... Hätte ich nicht Sie zu sehen gewünscht, so wäre ich heute nicht aus dem Bett aufgestanden!« Und sie stützte sich beim Gehen auf Djenanes Arm. In der Ebene angekommen, mußten sie sich trennen. – André sah den sich langsam entfernenden Freundinnen lange Zeit nach, mit dem schmerzlichen Gefühl, daß er diese Gruppe wohl zum letztenmal sähe. – Als sie gänzlich seinen Blicken entschwunden waren, begab er sich nach den Kaffeehütten, die dort unter den Bäumen errichtet waren; er ließ sich ein Nargileh bringen und setzte sich am Fuße einer der Riesenplatanen nieder, um nachzudenken. Für ihn hatte ein förmlicher Zusammenbruch stattgefunden; Djenanes Entschluß zerstörte seinen ganzen Traum! ... Ohne es selbst zu wissen, hatte er darauf gerechnet, daß dieser Traum auch nach seiner Abreise aus der Türkei noch fortdauern werde. Doch nein! Wieder vereint mit ihrem Hamdi, der schön und jung war, und den sie vermutlich trotz alledem noch immer geliebt hatte, war sie für ihn verloren! Er sagte sich: »Sie liebte Dich wohl überhaupt nicht; das Ganze war für sie nichts als ein hübsches Abenteuer, mit viel ›Literatur‹ darin – und nun ist's zu Ende! – Ich bin so alt, wie ich bin! Und ich zähle weder bei ihr noch bei einer anderen noch etwas! ... Diese Lehre will ich wenigstens daraus zu ziehen!« 42. Seit einiger Zeit hatte man ein äußerst sinnreiches Mittel erfunden, um in eiligen Fällen miteinander korrespondieren zu können. Eine der Freundinnen des Trios, die Kiamuran hieß, hatte André die Erlaubnis erteilt, bei seinen Briefen an Djenane ihre Schrift nachzuahmen, die der mißtrauischen Dienerschaft sehr bekannt war, und die Briefe auch mit ihrem Namen zu unterzeichnen; ferner hatte sie eine Anzahl von Briefumschlägen, die ihr Monogramm trugen, geliefert, die von ihrer eigenen Hand mit Djenanes Adresse beschrieben waren. André konnte ihr auf diese Weise schreiben (allerdings mit verdeckter Bedeutung der Worte, aus Sicherheitsgründen), und sein Kammerdiener, der auch die Gewohnheit angenommen hatte, einen Fes zu tragen, brachte die Briefe geradenwegs in das Yali der drei Cousinen. Zuweilen schickte André die Briefe zu einer bestimmten, vorher verabredeten Stunde; dann befand sich eine der drei wie zufällig in der Vorhalle, aus denen die Neger entfernt waren – und konnte dann sogleich dem zuverlässigen Diener eine mündliche Antwort für seinen Gebieter erteilen. Am Tage nach dem letzten Ausfluge wagte es André, durch einen solchen mit »Kiamuran« unterzeichneten Brief sich nach Méleks Fieberzustand zu erkundigen und gleichzeitig anzufragen, ob die Promenade nach der alten Moschee droben in den Bergen trotzdem am folgenden Tage stattfinden könnte? Abends erhielt er von Djenane die Antwort, daß Mélek zu Bett läge, mit bedeutend verstärktem Fieber, und daß die beiden anderen sich nicht von der Kranken entfernen könnten. Er entschloß sich, diese Promenade allein zu unternehmen, am 5. Oktober, dem Tage, für welchen der letzte gemeinschaftliche Besuch der alten Moschee verabredet worden war. Bei herrlichem Herbstwetter machte er sich auf den Weg, und da er ganz allein war, konnte er rascher vorwärts kommen und auch seine ganze Aufmerksamkeit auf die prächtigen Durchblicke richten, die sich von Zeit zu Zeit vor ihm öffneten. Er fühlte sich jetzt weniger gebunden an die drei Freundinnen und war plötzlich der Meinung, daß er bei seiner Abreise weniger die Trennung von ihnen bedauern werde als die vom Orient , den er schon seit seiner Jugend geliebt, und dessen unwandelbare Schönheiten ihm nimmermehr aus dem Gedächtnis schwinden würden! Wie schön erschien ihm heute bei dem klaren Himmel und dem leuchtenden Sonnenschein wieder alles, was ihn hier umgab. Mit stummem Entzücken blickte er, als er die Höhe erreicht hatte, auf das großartige Panorama hinab, das die Vereinigung der beiden Meere an der Grenze zwischen Europa und Asien dem Auge bietet. Auf dem bei stürmischer Witterung von allen Winden gepeitschten, heute aber völlig ruhig daliegenden Plateau, das der alten Moschee gewissermaßen als Vorplatz dient, saßen im Grase eine Anzahl türkischer Frauen, die als Wallfahrerinnen in ihren von Ochsen gezogenen Wagen aus alten Zeiten hierhergekommen waren. Als die Frauen André auf ihren Platz zukommen sahen, ließen sie ihre Musselinschleier, die sie aus Bequemlichkeit zurückgeschlagen hatten, alle zu gleicher Zeit wie auf Kommando hastig niederfallen, damit um des Himmels willen der fremde Mann nur nicht etwa ihre Gesichter sähe. Dann standen sie auf und zogen sich zurück, die Aussicht auf die endlose Fläche des Schwarzen Meeres freigebend. André sagte sich bei diesem überwältigenden Anblick, daß der Reiz dieses Landes allem anderen widerstehen würde, selbst der ihm durch Djenane verursachten Täuschung und dem Bewußtsein vom Niedergang seines Lebens. 43. Am folgenden Tage, der auf einen Freitag fiel, wollte er nicht verfehlen, nach den »Süßen Wassern« zu fahren, denn das war für ihn unbedingt das letzte der letzten Male, denn sein Mietsvertrag über das Caique und die Ruderer lief am selben Abend ab; auch stand der Umzug aller Botschafter nach Konstantinopel für die nächste Woche in Aussicht; die Saison am Bosporus ging zu Ende. Kein Freitag des ganzen Sommers war leuchtender und milder als dieser letzte. Aus Gewohnheit, vielleicht auch aus wirklicher Anhänglichkeit ließ André sein Caique unter den Fenstern des Yali der drei Freundinnen vorüberfahren, und er war höchst überrascht, das kleine weiße Zeichen an der gewohnten Stelle zu sehen. Wollten sie denn wirklich kommen? ... Bei den »Süßen Wassern« waren die Wiesen allerdings nicht so dicht von Zuschauern besetzt wie sonst, aber die meisten der eleganten Caiques fanden sich nach und nach ein, besetzt von den Schönen des Harems, und André erhielt im Vorbeifahren noch einmal als Abschiedsgrüße so manches freundliche Lächeln. Lange wartete er, nach allen Seiten umherblickend, aber seine Freundinnen kamen nicht, und der Tag neigte sich zu Ende; auch waren bereits viele der Caiques fortgefahren. Auch er wollte sich entfernen, als er in der Ferne ein schönes Caique auftauchen sah, das die ihm so bekannten Farben Blau und Gold trug, und als es näher kam, erblickte er darin außer den Ruderern nur eine einzige schlanke Frau, den Kopf mit einem weißen Yachmak bedeckt, durch den man die Augen erkennen konnte. Die Caiques kreuzten sich, und die Frau blickte ihn scharf an; kein Zweifel! Es war Djenane. Er bebte förmlich bei dieser unerwarteten Erscheinung; aber er durfte sich nicht verraten, der beiderseitigen Ruderer wegen, und so fuhren sie unbeweglich und ohne ein Zeichen auszuwechseln, aneinander vorbei. Bald darauf ließ André sein Caique wenden, um nochmals mit Djenane zu kreuzen, sobald sie zurückkäme. Es war fast niemand mehr auf dem Wasser, als diese zweite Begegnung stattfand, die noch schneller vorüberging als die erste. Die Sonne war bereits tief gesunken, als beide Caiques sich fast zu gleicher Zeit zum Rückzug wandten. André blieb mit dem seinigen etwa hundert Meter zurück; er sah aus der Ferne, wie Djenane am Marmorkai ihres Yali ausstieg und in ihr Haus ging. Als er seinen Weg fortsetzte, sagte er zu sich: Welche Absicht hatte sie dabei, daß sie ganz allein nach den »Süßen Wassern« fuhr, und zwar im Yachmak? Vielleicht um ihre Augen zu zeigen und deren Ausdruck im Gedächtnis ihres Freundes zu verewigen? – Durch diese ihm erwiesene Aufmerksamkeit angenehm berührt, fiel ihm plötzlich eine Stelle aus seinem Buche »Medje« ein, worin er etwas Aehnliches erzählte: von einem im Augenblick der Trennung in einer Barke ausgewechselten Abschiedsblick. – »Ach! Das war sehr liebenswürdig von ihr,« sagte er sich, – »aber wieder ein wenig ›Literatur‹; sie wollte Nedjibe nachahmen. – Das wird sie jedoch nicht hindern, in den nächsten Tagen die Arme wieder ihrem Hamdi zu öffnen!« ... Als André in seine Wohnung nach Therapia zurückgekehrt war, kamen seine Ruderer, um ihm ihre Abschiedsselams darzubringen; sie hatten ihre gewöhnliche eigene Kleidung angelegt; das feine Gazehemd und die schöne kapuzinerrote Samtweste, auch den langen Samtteppich brachten sie zurück. André sah die Kleidungsstücke wehmütig an, deren Goldstickerei durch den Gebrauch ebenso gelitten hatte wie die Samtstoffe. Was sollte er damit machen? Sie zu verbrennen wäre vielleicht nicht weniger traurig als sie nach seiner Heimat mitzunehmen, um später einmal beim Wiederfinden dieser »Reliquien« sich sagen zu können: »Das war die Livree meiner Caique-Leute, einstmals, zur glückseligen Zeit, als ich am Bosporus wohnte ...« – Und er ließ sie im Boote. Er lehnte sich zum offenen Fenster hinaus und sah der Abfahrt seines Caiques zu, das die Ruderer nach Konstantinopel fuhren, um es anderweitig zu vermieten. Lange blickte er dem schlanken, weißen Fahrzeuge nach, das ihm so lieb gewesen war; und als es endlich im Abendnebel seinen Blicken entschwand, galt ihm dies als Vorbild seines eigenen Abschieds vom Orient. 44. Am Sonnabend, den 7. Oktober erhielt André durch Djenane die Mitteilung, daß Méleks Fieber sich fortwährend steigere, daß die Eltern und die Großmutter sehr besorgt seien, so daß man schon heute nach der Stadt zurückkehren werde, wo eine Beratung mehrerer Aerzte stattfinden solle. Alle Botschaften bereiteten gleichfalls ihren Umzug vor. André beschleunigte seine eigenen Vorbereitungen, um Zeit zu gewinnen zu einem letzten Besuch des ihm gegenüberliegenden asiatischen Ufers, um dem »Tal des Großherrn« Lebewohl zu sagen. Er gelangte erst spät dorthin, unter einem Himmel, an dem große dunkle Wolken hingen, aus denen schon einige Regentropfen niederfielen. Das Tal war öde und verlassen; die Kaffeewirte unter den Bäumen hatten das Feld geräumt. Er sagte deshalb den beiden armen Greisen im Turban, die dort in traurigen Hütten hausten, Lebewohl, ebenso einem schönen Hunde und einem grauen Kätzchen, die ebenfalls dieses Tal während des ganzen Jahres bewohnten, und die ihn sehr gut kannten, die es auch zu verstehen schienen, daß er für immer Abschied nahm. Sodann umschritt er noch einmal die ganzen, jetzt so einsamen Wiesenfelder, über die seine drei Freundinnen so oft gewandelt waren. Und diese Promenade hielt ihn bis zum Abend auf, bis zu der Stunde, da man das laute Bellen der umherirrenden Hunde vernimmt. In voller Finsternis kam er bei der kleinen Landungsstelle an und bestieg ein Boot, das ihn nach der europäischen Seite hinüberfuhr. 45. Der Wind hatte die ganze Nacht hindurch über dem Bosporus geheult, jener Wind vom Schwarzen Meer, dessen wilden Ton man fast ohne Unterlaß im Winter vier oder fünf Monate lang vernimmt. Und heute morgen verdoppelte er noch seine ungestümen Stöße, die, Andrés Wohnung erschütterten, um seine Traurigkeit noch zu vermehren. Gegenüber auf den Hügeln Asiens sah man schwere, dunkle Wolken so tief vorüberziehen, daß sie fast die Kronen der kahlen Bäume berührten. Und unter diesem bedrohlichen Sturm, gepeitscht von den unaufhörlichen Regengüssen, machte André seine letzte Rundfahrt auf dem Bosporus, vorüber an dem Yali seiner Freundinnen, wo bereits alles fest verschlossen und verriegelt war. Am Abend richtete er sich wieder in Konstantinopel ein, aber nur für kurze Zeit, bis zu seiner eigenen Abreise; das waren noch genau fünfzig Tage; denn er hatte beschlossen, auf dem Seewege nach Frankreich zurückzukehren, und zwar auf dem am 30. November abfahrenden Paketboot. Dieses Datum war unabänderlich festgesetzt ... Bei einbrechender Nacht brachte ihm noch ein Brief Djenanes den Ausspruch der Aerzte: »Gehirnentzündung, augenscheinlich sehr schwer«. – Die arme kleine Mélek wird ohne Zweifel sterben infolge der wiederholten nervösen Ueberreizung, der Empörung und des Entsetzens, das ihr die angedrohte Wiederverheiratung verursacht. 46. Während der zwei Wochen, die der Todeskampf der armen Mélek dauerte, konnte André die anderen beiden Freundinnen natürlich nicht sehen, denn Djenane sowohl als Zeyneb entfernten sich nicht von der Sterbenden. Sie befestigten für ihn an einem der vergitterten Fenster ein kaum bemerkbares Zeichen, das bedeutete: »Sie lebt noch!«; und es war verabredet, daß ein blaues Zeichen bedeuten sollte: »Alles ist zu Ende!« Von jenem Morgen an und seitdem zweimal täglich ging André selbst oder sein Freund Jean Renaud oder aber sein Kammerdiener über den Begräbnisplatz von Khassim-Pascha, um von da aus angstvoll nach jenem Fenster zu blicken. Zu dieser Zeit herrschte im Hause der kleinen Sterbenden Schweigen. Einige Imams lagen auf Verlangen der Großmutter fortdauernd im Gebet. Der Islam, der himmlische Milderer der Todeskämpfe, umfing je länger, je mehr das rebellische Kind, das allmählich furchtlos einschlief. Und so kam es, daß sogar die abergläubischen Ideen der beiden Großmütter nicht mehr die bisherige kleine Ungläubige empörten, die es ruhig geschehen ließ, daß man ihr Amuletts umhing, und daß von den Derwischen aus ihren Kleidern der »Böse Geist« vertrieben wurde, oder daß man ihre eleganten Hemden (die aus den ersten Pariser Ateliers stammten) in der Moschee von Eyub segnete. Am Ende des Monats Oktober war sie schon ohne Sprache und vermutlich auch ohne Bewußtsein in einen tiefen schweren Schlaf versunken, den die Aerzte als den Vorboten des nahen Todes bezeichneten. 47. Am 2. November wendete sich Zeyneb, die gerade die Wache am Sterbebette ihrer armen Schwester hatte, plötzlich erschrocken um, weil aus dem Hintergrunde des halbdunklen Zimmers inmitten der fortwährend herrschenden tiefen Stille sich eine sanfte, frische Stimme erhob, die Gebete hersagte. Zeyneb hatte die Beterin, ein junges Mädchen mit herabgelassenem Schleier, nicht kommen hören. Weshalb stand sie dort, ihren Koran in der Hand haltend? ... Doch ja, sie besann sich zugleich: das Gebet der Toten! ... Es ist Gebrauch in der Türkei, daß, wenn in einem Hause jemand im Todeskampf liegt, die jungen Mädchen oder Frauen des Stadtteils eine um die andere kommen, um Gebete zu lesen; sie treten ein wie von Rechts wegen, ohne sich zu nennen, ohne ihren Schleier zu erheben: namenlos, verhängnisvoll! Und ihre Gegenwart ist das Zeichen des nahen Todes! ... Auch Mélek hatte das verstanden, und ihre seit längerer Zeit geschlossen gewesenen Augen öffneten sich; sie war bei der geheimnisvollen scheinbaren Besserung angelangt, die sich bei den Sterbenden fast immer einstellt. Sie fand sogar einen Teil ihrer Stimme wieder, die man schon für immer erloschen geglaubt hatte. »Kommen Sie näher!« sagte sie zu der Unbekannten. »Ich höre Sie hier nicht gut. Glauben Sie nicht, daß ich Furcht habe. Kommen Sie ... und lesen Sie lauter ..., damit ich nichts verliere ...« Sodann wollte sie selbst das muselmanische Glaubensbekenntnis sprechen; und indem sie ihre kleinen Hände in der Gebetsform öffnete, sprach sie die satzungsmäßigen Worte nach: »Es gibt keinen Gott, als Gott allein, und Mohammed ist sein Erwählter!« Aber vor dem Ende ihres Bekenntnisses, das so leise klang wie ein Hauch, waren ihre armen Hände, die sie vor sich hingestreckt hatte, auf die Bettdecke niedergefallen. Und da öffnete die jugendliche Verschleierte ihren Koran, um in dem Vorlesen der Gebete fortzufahren. Bis zur vorgerückten Stunde der Nacht folgten einander die frommen Beterinnen; ohne jedes Geräusch, wie Schatten traten sie ein und entfernten sich ebenso, anderen Platz machend, ohne daß die Totengebete auch nur einen Augenblick unterbrochen wurden. Auch andere Personen traten, auf den Zehenspitzen gehend, herein und beugten sich, ohne ein Wort zu sprechen, über das Bett des Todesschlafes: zuerst die Mutter, eine gutmütige, aber einflußlose Frau. Sodann die beiden Großmütter; sie hatten sich noch nicht in ihrem verzweiflungsgleichen Schmerz gefaßt, und da sie dies nicht zeigen wollten, so erschienen sie fast hartherzig. Es folgte der Vater, Mahmed-Bei, das Gesicht verstört vor Schmerz und vielleicht auch vor Gewissensbissen. Er liebte im Grunde seine Tochter, aber durch seine unbeugsame Befolgung der alten Gebräuche hatte er den Tod seines Kindes mitverschuldet. Dann trat auch noch zitternd die arme Demoiselle Tardieu herein, Méleks ehemalige Lehrerin und Erzieherin, die man in den letzten Tagen herbeigerufen, weil Mélek es verlangt hatte. Die Augen der mit dem Tode Ringenden hatten sich wieder geschlossen, und außer einem gelegentlichen Zittern der Hände, einem krampfhaften Zucken der Lippen gab sie kein Lebenszeichen mehr. 48. Gegen vier Uhr morgens, als Djenane am Bett ihrer armen kleinen Cousine wachte, hatte die Beterin, die eben an der Reihe war, ihre Stimme mehr erhoben und fing an, mit Erregung zu lesen, als ob sie das Gefühl habe, daß etwas Erhabenes vorgehe. Und Djenane, die immer eine der kleinen fast durchsichtigen Hände Méleks in den ihrigen hielt, ohne zu bemerken, daß die Hand schon kalt wurde, sprang vor Schreck in die Höhe, als man sie auf die Schulter schlug: zwei kleine Benachrichtigungsschläge, mit unheimlicher Gemessenheit erteilt. Hu! Welch widerwärtige Erscheinung, die lautlos durch die stets offene Tür eingetreten war! Ein großes, altes Weib, mit breiten, aber abgemagerten Schultern und erdfarbener Haut. Sie sagte kein Wort, sondern machte Djenane nur ein befehlendes Zeichen, das bedeuten sollte: »Entferne Dich!« Sie mußte lange draußen auf dem Gang gewartet haben, und war endlich, ihrem geschäftsmäßigen Gefühl folgend, sicher, daß ihre Stunde gekommen sei, – eingetreten, um ihre Rolle zu beginnen; und schon streckte sie die Arme nach ihrem Opfer aus ... »Nein! Nein!« sagte Djenane, sich schützend über die Tote werfend. »Ich will nicht, daß Sie sie fortschaffen!« »Ho, ho! ... gemach!« sagte das Weib, indem sie Djenane beiseite schob; »ich werde ihr nicht wehe tun!« Uebrigens lag in der Häßlichkeit des Weibes keine Bosheit, eher ein trübsinniges Mitleid, und außerdem bekundete sich in ihrem Wesen eine große Abspannung. Wieviel hübsche, schöne Blüten, die in den Harems der Sichel des Todes zum Opfer fielen, hatten die kräftigen Arme dieses Weibes, der »Totenwäscherin«, wie man sie nannte, schon fortgeschafft!? Sie nahm die Tote in ihren Arm wie ein krankes Kind, und das schöne rötliche, aufgelöste Haar fiel über die knochigen Schultern der Alten. Zwei ihrer Gehilfinnen von noch viel widerlicherem Aussehen erwarteten sie im Vorzimmer mit Lichtern. Djenane und die Beterin folgten ihnen durch die Korridore und die Vorräume zur Treppe, über die der schaurige Zug zum Erdgeschoß hinabging. Dort angelangt, trugen die Weiber ihre Last nach einem großen, mit Marmor gepflasterten Saal, in dessen Mitte sich ein Tisch aus weißem Holz befand, ferner ein Bottich mit heißem Wasser und ein Bettuch, das über einen Dreifuß gebreitet war. In einem Winkel stand ein Sarg; und ein altmodischer Schal, der um einen Stock gerollt war, lag auf dem Fußboden: einer der »Valide« genannten Schals, die von den Reichen als Leichentuch verwendet werden. Dies alles war schon seit einigen Tagen vorbereitet gewesen, denn in den Ländern des Islams muß ein Begräbnis sehr rasch vor sich gehen. Die kleine Mélek Sadiha-Saadek starb im Alter von zwanzig und einem halben Jahr an den Folgen des Entsetzens vor der Drohung, nochmals einem ihr aufgedrungenen Manne in die Arme geworfen zu werden!! ... Als die Weiber die Leiche auf den Tisch gelegt hatten, hing das schöne aufgelöste Haar bis auf den Fußboden herab. – Vor Beginn ihrer traurigen Arbeit forderte die Leichenwäscherin durch ein Zeichen Djenane und die Beterin auf, sich zurückzuziehen. Diese waren ohnedies schon im Begriff, hinauszugehen, um draußen zu warten. Zu ihnen gesellte sich alsbald Zeyneb, die, durch eine Ahnung von dem Lebensende ihrer geliebten Schwester getrieben, aus ihrem Schlafzimmer herabeilte. Zeyneb weinte nicht, aber ihr Gesicht war noch bleicher als sonst, und ihre Augen umgaben tiefe blaue Ringe. Alle drei blieben schweigend und fröstelnd an derselben Stelle stehen, im Geist alles an sich vorübergehen lassend, was da drinnen geschah. Als endlich alles beendet war, erschien das große alte Weib in der Tür und sagte zu den Wartenden: »Kommt und seht sie Euch an!« Das arme tote Kind lag in seinem schmalen Sarge, ganz weiß verhüllt, mit Ausnahme des Gesichtes, das für die Abschiedsküsse der Verwandten unbedeckt geblieben war. Man hatte die Augenlider und den Mund nicht gänzlich schließen können, aber sie war ja so jung, und ihre Zähne waren so weiß, daß ihr Gesicht unsäglich schön blieb, mit einem wahrhaft kindlichen Ausdruck und einer Art schmerzlichen Lächelns. Jetzt wurden alle geweckt, um die Tote noch einmal zu küssen: der Vater, die Mutter, die Großmütter, die sonst so gefühlsfesten alten Onkels, die Dienerinnen und die Sklavinnen. Das große Haus füllte sich mit flackernden Lichtern und hallte wider von eiligen Schritten, Klagen, Seufzen und Schluchzen. Als eine der beiden Großmütter eintrat, die strengste von beiden, die auch Djenanes Großmutter war, die unerschütterliche Muselmanin von 1320, die noch am vorigen Tage so erregt gegen die neue Richtung geeifert, die ihr zwei Enkelinnen raubte, – als diese Unversöhnliche eintrat, lag gerade Mademoiselle Tardieu, die schüchterne Erzieherin Méleks, neben deren Sarg auf den Knien; und diese beiden Frauen blickten einander während einer Sekunde schweigend an: die eine fürchterlich, die andere demütig. »Gehen Sie hinaus!« sagte die Großmutter haßsprühend in türkischer Sprache zu der Erzieherin. »Was bleibt Ihnen denn hier noch zu tun? ... Ihr Werk ist beendet! ... Hören Sie mich nicht? ... Gehen Sie hinaus, sage ich Ihnen!« Aber die arme Demoiselle, die einige Schritte vor der Zornigen zurücktrat, sah diese mit so viel Sanftmut und Schmerz in den tränenden Augen an, daß die alte Dame plötzlich Mitleid für sie empfand. Vielleicht wurde ihr endlich klar, was sie seit vielen Jahren nicht einsehen wollte, daß die Erzieherin bei alledem nichts anderes sei als ein unverantwortliches Werkzeug im Dienste der Zeit! ... Sie reichte ihr die Hand und rief: »Verzeihung!« ... Und diese beiden bisher so feindlichen Frauen lagen sich am Sarge der ihnen beiden so lieb Gewesenen weinend in den Armen. Ein durch die Fensterscheiben fallender bleicher Lichtschimmer verkündete das Ende dieser trostlosen Novembernacht, und eingedenk des Versprechens, das sie André gegeben hatte, ging Djenane nach ihrem Zimmer, nahm ein blaues Bändchen und befestigte dies an Stelle des weißen am Fenstergitter. 49. Andrés Kammerdiener, der am frühen Morgen das bewußte Fenstergitter prüfend betrachtet hatte, kam ganz verstört nach Pera zurück. »Mademoiselle Mélek scheint gestorben zu sein!« sagte er zu seinem Herrn, nachdem er ihn geweckt hatte. »Am Fenster steckt ein blaues Signal!« Er hatte mehrmals Gelegenheit gehabt, mit Mélek zu sprechen, freilich nur durch eine Türspalte, wenn er die gefährlichen Aufträge seines Herrn ausführte; zuweilen hatte sie ihm sogar ihr hübsches Gesicht sehen lassen, wenn sie sagte: »Ich danke!« –Für ihn war sie immer »Mademoiselle Mélek«, weil sie ihm so sehr jung vorgekommen war. André, den eine Stunde später Djenane benachrichtigte, daß man die Leiche der Verstorbenen gegen Mittag nach der Moschee bringen werde, stieg noch vor elf Uhr nach Khassim-Pascha hinunter. Er hatte einen Fes und die Kleidung eines Mannes aus dem Volke angelegt, um sicherer zu sein, daß man ihn nicht erkennen werde; denn er wollte sich in einem gewissen Augenblick dem Sarge möglichst nähern und versuchen, einen frommen Gebrauch des Islams bei seiner kleinen Freundin zu erfüllen. Zunächst wartete er im Verborgenen auf dem Friedhof, der dem Sterbehause gegenüberlag. Bald sah er denn auch den einfachen Sarg aus dem Hause bringen, getragen von den ersten besten Leuten, wie es in der Türkei Gebrauch ist. Ein Schal »Valide« mit grünen und roten Streifen umhüllte den Sarg vollständig; ein kleiner weißer Schleier war darübergelegt, um anzuzeigen, daß die Leiche einer Frau im Sarge lag. Eine überraschende Neuerung war über der am Schal befestigte Strauß roter Rosen. Bei den Türken beeilt man sich ungemein mit der Beerdigung der Toten, zu der nicht einmal Einladungen erlassen werden. Es kommt dazu, wer will: Verwandte, Freunde, die zufällig den Todesfall erfahren haben, die Nachbarn und die Diener. Niemals folgen Frauen den Leichenzügen; auch gibt es keine bestimmten Träger: die Vorübergehenden verrichten diesen Dienst, von Strecke zu Strecke wechselnd. Méleks Sarg ging häufig von einer Schulter auf eine andere; es drängten sich viele Vorübergehende zu der frommen Tat, einige Minuten den Sarg der ihnen gänzlich Unbekannten zu tragen. Voran gingen zwei Priester mit grünen Turbans; etwa hundert Männer aller Klassen folgten, auch einige alte Derwische mit ihren Magiermützen waren gekommen; sie psalmodierten auf dem Wege mit lauter Stimme, in kläglichem Ton, der dem Geschrei der Wölfe an Winterabenden in den Wäldern ähnlich war. Der Zug begab sich nach einer altertümlichen Moschee, die weit entfernt von bewohnten Häusern lag. Der Sarg wurde auf die Marmorplatten des Vorhofs gesetzt, und die Imams sangen mit sehr sanften Stimmen die Gebete für die Tote. Nach kaum zehn Minuten setzte sich der Zug wieder in Bewegung, um nach dem Golf hinabzusteigen und in Barken das andere Ufer zu erreichen, wo sich die großen Friedhöfe von Eyub befinden. Bei der Annäherung an das Goldene Horn verlangsamte sich der Zug wegen der vielen Leute, die daran teilnehmen wollten. André, der solange gezögert hatte, näherte sich jetzt, berührte mit der Hand den alten Schal »Valide«, schob seine Schulter vor und fühlte den Sarg mit dem Körper seiner kleinen Freundin auf sich ruhen, aber nur ganz kurze Zeit – dann kam schon ein anderer, der ihm die traurige Last abnahm. Er blieb stehen und entfernte sich bald gänzlich, aus Furcht, seine Beharrlichkeit, dem Zuge zu folgen, könnte auffallen. 50. Eine Woche später beriefen Djenane und Zeyneb ihren Freund André nach dem kleinen alten Hause in Sultan-Selim. Beide waren ganz schwarz, die Gesichter völlig unsichtbar unter den festgeschlossenen schwarzen Schleiern. Gesprochen wurde von fast nichts anderem als von der »Heimgegangenen« oder – wie sie sich ausdrückten – der »Befreiten«. André erfuhr dabei alle Einzelheiten des Lebensendes der armen kleinen Mélek. Wie es ihm schien, vergossen die Erzählenden dabei gar keine Tränen; beide waren sehr ernst, aber schon völlig beruhigt. Bei Zeyneb fand er das allenfalls erklärlich, denn sie rechnete sich selbst kaum noch zu den Lebenden. Aber über Djenanes Ruhe erstaunte er sehr. – Eine Pause in der Unterhaltung glaubte er damit ausfüllen zu dürfen, daß er in bester Absicht zu Djenane mit aufrichtiger Herzlichkeit sagte: »Ich hatte am vergangenen Freitag im Jildis Gelegenheit, Hamdi Bei kennen zu lernen; er hat ein sehr einnehmendes Benehmen, ist höchst elegant und stattlich!« Aber sie schnitt ihm hastig das Wort ab und sagte, sich zum erstenmal ereifernd: »Wenn es Ihnen recht ist, so sprechen wir nie mehr von diesem Mann!« Von Zeyneb erfuhr er noch, daß man in der durch Méleks Tod so tief erschütterten Familie für den Augenblick wenigstens nicht mehr an jene Heirat dachte. Es war richtig, daß er Hamdi Bei kennen gelernt, und daß er ihn so gefunden hatte, wie er sagte. Damals dachte er sogar bei sich selbst: »Ich bin sehr glücklich, daß der künftige Gatte meiner lieben kleinen Freundin ein so ausgezeichneter, liebenswürdiger Mann ist!« Das war nicht aufrichtig, denn es schmerzte ihn im Gegenteil, ihn getroffen, seine äußeren Vorzüge und besonders seine Jugend gesehen zu haben. Nachdem er die beiden Freundinnen verlassen hatte, legte er wie früher den weiten Weg von jenem Häuschen bis zu seiner Wohnung in Pera zu Fuß zurück und machte dabei von neuem die Bemerkung, daß Stambul sich mehr und mehr in seinen Gebräuchen und der Lebensweise nach abendländischer Manier veränderte, und zwar zu seinem Nachteil, denn es verlor dadurch seinen Hauptvorzug: das Muster einer orientalischen Stadt zu sein! Namentlich in den unteren Stadtteilen und in der Nähe der Brücken herrschte unter der dort zusammenströmenden Menge ein so wildes, widerwärtiges Treiben, wie es in früherer Zeit dort nicht zu finden war. Die meisten Menschen, die da ihr Wesen treiben und den Ton angeben, sind gar keine Türken, sondern eine Mischung aller levantinischen Rassen, trotz des roten Fes, den sie tragen. »Ja, ja!« sagte André Lhéry seufzend zu sich selbst. »Es ist nicht zu leugnen, der böse Hauch des Abendlandes ist auch bis zur Stadt der Kalifen gedrungen! – Indessen«, fuhr er dann in seinem Selbstgespräch fort, »was kümmert mich das eigentlich noch? Der dreißigste November entführt mich für immer von hier! Außer dem Grabe Nedjibes, dessen Zukunft mich noch immer beunruhigt, ist mir alles übrige gleichgültig! Und ich selbst? In fünf oder höchstens in zehn Jahren werde ich eine Ruine sein; mein Leben ist im Niedergange begriffen, und die Dinge dieser Welt werden mich bald nicht mehr interessieren. Die Zeit mag ihren Wettlauf fortsetzen, der den allgemeinen Schwindel erzeugt! Möge dieser den Orient, den ich so innig liebte, mit fortreißen! Was geht das mich an? ... Mich, der ich es nicht sehen werde, und der vielleicht morgen schon das Bewußtsein, geliebt zu haben, verloren hat?!« 51. Der Monat November war seinem Ende nahe, und André war mit seinen beiden Freundinnen zum letztenmal beisammen in dem ärmlichen Harem des kleinen, alten Hauses in der Sackgasse zu Sultan-Selim, im Herzen von Stambul. Die bleiche Zeyneb mit entschleiertem Gesicht, Djenane hingegen in ihrer schwarzen Verhüllung, unterhielten sich mit ihrem Freunde ebenso ruhig, wie bei ihren früheren gewöhnlichen Zusammenkünften. Man hätte glauben sollen, daß der heutigen noch viele andere folgen würden, daß der 30. November, der allem ein Ende machen sollte, nicht so nahe sei, oder vielleicht niemals eintreffen werde! ... Wirklich, nichts deutete darauf hin, daß nach dem heutigen Tage sie nimmermehr auf Erden ihre Stimmen hören würden. Zeyneb sprach ohne jede Erregung von den Mitteln, die anzuwenden wären, um sich gegenseitig schreiben zu können, wenn André wieder in Frankreich sein würde. »Das Poste restante- Bureau wird jetzt zu streng überwacht; unsere Korrespondenz wird aber sehr sicher auf dem Wege befördert werden, den ich entdeckt habe; nur dürfen Sie sich nicht wundern, wenn Sie zuweilen zwei Wochen auf unsere Antwort werden warten müssen.« Djenane setzte mit kaltem Blut ihre Pläne auseinander, um André mindestens noch einmal, am Abend seiner Abreise, sehen zu können. »Am 30. November, um 4 Uhr nachmittags, zu welcher Stunde die Paketboote abfahren, werden Zeyneb und ich dicht am Kai vorüberfahren, und zwar absichtlich in einem ganz gewöhnlichen Mietswagen. Wir werden so dicht wie möglich am Rande vorbeikommen; beobachten Sie von Ihrem Platz auf dem Deck des Schiffes genau alle Fiaker am Kai, damit wir uns nicht verfehlen. Da die türkischen Frauen nicht das Recht haben, anzuhalten, so wird unser Gruß kaum eine Sekunde dauern.« André, der darauf vorbereitet gewesen, seine Freundinnen bei dieser letzten Zusammenkunft schmerzlich erregt zu finden, erstaunte sehr über ihre Gelassenheit. Auch hatte er darauf gerechnet, an diesem letzten Tage noch einmal Djenanes Augen zu sehen; aber die Minuten gingen vorüber, ohne daß sich irgend etwas an der tiefen Verschleierung ihres Gesichtes regte. Gegen halb vier Uhr, als eben ein Gespräch über das »Buch« begonnen hatte, entstand im Gemach plötzlich eine auffallende Verdunkelung, so daß alle drei betroffen schwiegen. Dann aber zeigte Zeyneb nach dem vergitterten Fenster, das bis jetzt durch den darauf gefallenen Widerschein eines von der Sonne beschienenen Fensters im gegenüberliegenden Hause beleuchtet worden war. Die Sonne war jetzt im Niedergang, und dieser Zeitpunkt war gleich anfangs zur Beendigung dieser Zusammenkunft bestimmt gewesen. André erhob sich; es galt, Abschied zu nehmen. Und als sie sich jetzt so gegenüberstanden, dachte sich André: »Dies wäre der einzige Augenblick gewesen, ihr noch einmal in die Augen sehen zu dürfen, bevor wir für immer voneinander scheiden.« Daß Djenane dazu auch jetzt keine Miene machte, verstimmte ihn, aber er sagte kein Wort darüber; er begnügte sich damit, ihre ihm dargereichte kleine Hand respektvoll zu küssen, sich dann tief zu verbeugen und zu gehen. – Das war der ganze Abschied. – – Als er einsam durch die Straßen wandelte, sagte er im Selbstgespräch: »Das endete eigentlich recht gut, ... es konnte gar nicht anders enden!! ... Und ich hatte mir in meiner Eitelkeit eingebildet, der Schluß müsse dramatisch sein!« Aber plötzlich kam er in Versuchung, umzukehren, den Klopfer an der Haustür in Bewegung zu sehen und nochmals einzutreten, da die beiden noch im Hause sein mußten. Zu Djenane würde er sagen: »Lassen Sie uns nicht in solcher Weise voneinander scheiden, liebe Freundin, bereiten Sie mir nicht diesen Schmerz! ... Lassen Sie mich noch einmal wenigstens Ihre schönen Augen sehen und erwidern Sie meinen Händedruck ein wenig fester als vorhin. Dann werde ich mich weniger betrübt entfernen! ...« Er kehrte jedoch nicht mehr um, sondern setzte seinen Weg fort ... in tiefem Nachsinnen befangen. Und als er hernach zum Abendhimmel aufblickte, glaubte er in den leichten Wölkchen zwei weibliche Lichtgestalten schweben zu sehen, die sich zuweilen zu einer einzigen verschmolzen. War das die Seele Nedjibes? oder die Djenanes? ... oder waren es die Seelen beider? ... Er wußte es nicht ...! 52. André erhielt am nächsten Tage folgende Briefe: Zeyneb an André. »Wahrlich, ich konnte nicht glauben, daß wir uns gestern zum letzten Male sähen, sonst hätte ich mich Ihnen zu Füßen geworfen und Sie flehentlich gebeten, uns nicht so zu verlassen! O, André! Sie lassen uns allein, verloren in den Finsternissen des Geistes und des Herzens! ... Sie wandeln dem Lichte, dem Leben entgegen; wir dagegen, wir verträumen unsere erbärmlichen Tage in der immer gleichen Betäubung unserer Harems. Gestern nach Ihrem Fortgehen haben wir bitterlich geweint. – Zerichteh, die ehemalige Amme Djenanes, kam herab, schalt uns aus und nahm uns in ihre Arme; aber auch sie, die arme, gute Seele, weinte, weil sie uns weinen sah. Ich ließ heute früh bei Ihnen einige kleine türkische Andenken abgeben. Die Stickerei stammt von Djenane: es ist der Vers des Korans, der seit ihrer Kindheit über ihrem Bette wachte. Nehmen Sie von mir die beiden Schleier an; der mit den eingestickten Rosen ist ein zirkassischer Schleier, den mir einst meine Großmutter gab; der mit der Silberstickerei befand sich in dem Koffer unseres Yali. Vielleicht werfen Sie ihn über ein Kanapee in Ihrer Pariser Wohnung. Zeyneb.« Djenane an André. »Ich möchte in Ihnen lesen können, wenn das Schiff die ›Spitze des Serails‹ umfahren wird, wenn nach jeder Wendung die Zypressen unserer Friedhöfe entschwinden, unsere Minaretts, unsere Kuppeln. Sie werden sie alle betrachten, bis zum Ende: ich weiß es. – Und dann, weiterhin, schon in der Marmara, werden Sie bei der Byzantinischen Mauer mit den Augen den alten, verlassenen Friedhof suchen, auf dem wir einst in Ihrer Gegenwart an einem Ihnen so werten Grabe beteten. Und endlich wird sich vor Ihren Augen alles verwirren; die Zypressen Stambuls, alle Minaretts, alle Kuppeln, und bald in Ihrem Herzen alle Erinnerungen! O! Mögen sie sich doch verwirren und alle miteinander verwischen: das kleine Häuschen in Eyub, wo Ihre erste Liebe blühte, ... und die ärmliche Wohnung im Herzen von Stambul, in der Nähe einer Moschee, ... und auch die große Wohnung, in die man Sie eines Tages auf verbotenem Wege führte! ... Mögen sich auch alle Schattenbilder verwirren: das Ihrer einstigen Geliebten und die der drei Seelen, die Ihre Freundinnen sein wollten. – Vermischen Sie alle miteinander, und bewahren Sie alle gemeinsam in Ihrem Herzen, nicht nur in Ihrem Gedächtnis! ... Auch die letzten drei haben Sie geliebt, ... mehr geliebt als Sie es vielleicht glaubten! Ich weiß, daß in Ihren Augen Tränen sein werden, sobald die letzte Zypresse verschwinden wird, ... und ich will auch für mich eine Träne ...! Und wenn Sie in Ihrem Vaterlande angekommen sind, wie werden Sie dann an Ihre Freundinnen denken? Es ist entsetzlich, sich zu sagen, daß vielleicht nichts bleiben wird, daß Sie wohl gar die Achseln zucken und lächeln werden, wenn Sie wieder daran denken! Welche Hast und welche Furcht habe ich, das Buch zu lesen, worin Sie von den türkischen Frauen sprechen werden, – von uns! Werde ich darin finden, was ich vergebens zu entdecken suche, seit wir uns kennen: den Grund Ihrer Seele, das wahre Innere Ihrer Gefühle, ... alles, was weder Ihre kurzen Briefe noch Ihre seltenen Worte enthüllen? ... Wohl habe ich manchmal in Ihnen eine Rührung bemerkt, aber das wurde so schnell, so heimlich wieder unterdrückt! ... Es gab Augenblicke, wo ich gewünscht hätte, Ihren Kopf und Ihr Herz öffnen zu können, um endlich zu erfahren, was sich hinter Ihren kalten und klaren Augen befindet! O, André, sagen Sie nicht, daß ich schwärme! Ich bin so unglücklich und so allein. Ich bin leidend und denke so viel nach in der Nacht! Leben Sie wohl, André! Bedauern Sie mich, und lieben Sie mich ein wenig, wenn Sie können. Djenane.« * André antwortete: »Es bleibt Ihnen nicht viel zu entdecken, – glauben Sie mir, – hinter meinen ›kalten und klaren‹ Augen. Ich weiß viel weniger von dem, was sich hinter den Ihrigen befindet, liebes, kleines Rätsel! Sie werfen mir immer mein schweigsames und verschlossenes Wesen vor; sehen Sie, das kommt daher, daß ich zu viel erlebt habe. Wenn Ihnen erst einmal ebensoviel begegnet sein wird, werden Sie mich auch besser verstehen. Glauben Sie etwa, daß Sie nicht eisig gewesen sind, gestern im Augenblick unseres Abschieds?! ... Nun denn, auf Wiedersehen morgen um vier Uhr am traurigen Kai von Galata! In dem wüsten Tumult der Abfahrt werde ich gut aufpassen. Ich versichere Ihnen, daß ich die Vorüberfahrt Ihres teuren schwarzen Schattenbildes nicht verfehlen werde, da dies doch das einzige ist, was Sie mir zu betrachten erlauben ... André.« 53. Der Donnerstag, der dreißigste November, war pünktlich und ohne Gnade eingetroffen; ein sehr gleichgültiger Tag für die Mehrzahl der Menschen aller Klassen, die in Konstantinopel ihr Wesen treiben; aber für André Lhéry und für Djenane ein sehr wichtiger Tag, der für ihr ganzes Leben entscheidend sein konnte. Beim Morgengrauen erwachten beide fast zur selben Zeit, unter demselben Himmel und in derselben Stadt, – wenigstens noch für einige Stunden. Beide hatten alsbald das Wetter geprüft, das zu ihrem Bedauern kalt, stürmisch und regnerisch war. André hätte es schon deshalb heiter und sonnig gewünscht, weil er noch einen allerletzten Besuch Stambuls beabsichtigt hatte, was er nun zu unterlassen genötigt war. Djenane ihrerseits befürchtete, daß diese Witterung es ihr unmöglich machen würde, André bei seiner Abfahrt noch zu begrüßen. Welchen Vorwand sollte sie erfinden für eine Promenade, während es regnete? ... Und wie konnte sie sich der doppelten Spionage der schwarzen Eunuchen und ihrer eigenen Dienerinnen entziehen? Auch Zeyneb, die Djenane auf ihrer Fahrt nach dem Kai in Galata begleiten sollte, war besorgt wegen der Ausführung dieses Planes bei so ungünstiger Witterung. André beruhigte sich bald über die Störung, und auch die Abreise an sich erregte ihn nur noch in geringem Maße. Er hatte sich die Sache eigentlich schmerzlicher gedacht. Mit Ueberraschung gewahrte er in seinem Innern schon eine Art Loslösung aus den hiesigen Verhältnissen, bevor er abgereist war. Mit Bezug auf Djenane sagte er sich: »Ein kurzer Abbruch war das beste; wenn ich erst fern sein werde, wird sie sich rasch beruhigen, und schließlich wird sich für sie alles ausgleichen unter den Liebkosungen ihres Hamdi!« Um zwei Uhr verließ er das Hotel, in dem er während der letzten Tage gewohnt hatte. Nachdem er noch durch einen langen Blick von Stambul und Eyub Abschied genommen, machte er sich auf den Weg nach Galata. Um vier Uhr begann es zu dunkeln; es war dies die planmäßige Abfahrtszeit des Dampfers, und auch die Zeit, zu welcher Djenane ihr Kommen in Aussicht gestellt hatte. – Nachdem André eine Kabine ausgewählt und sein Gepäck untergebracht hatte, nahm er seinen Platz auf dem Deck ein, von wo aus er die ganze Straße übersehen konnte, durch welche der Wagen mit den beiden Freundinnen kommen mußte. Er wurde aber sogleich von den liebenswürdigen Mitgliedern der verschiedenen Botschaften, unter denen sich auch der ganz melancholisch dreinschauende Jean Renaud befand, und vielen anderen Freunden umringt, die gekommen waren, Abschied von ihm zu nehmen. So dankbar er auch allen die ihm dargereichten Hände drückte, so fürchtete er doch, dadurch verhindert zu werden, die Annäherung des erwarteten Wagens zu bemerken. Der Kai und die dahin führenden Straßen waren ohnehin von einer solchen Menge schreiender, tobender Menschen so überfüllt – wie dies jedesmal bei der Abfahrt oder der Ankunft der Paketboote üblich ist, – daß eine Uebersicht sehr schwer wurde. Das zweite Glockenzeichen zur Abfahrt nötigte alle, die nicht mitreisten, das Schiff zu verlassen, so daß André nicht weiter in seiner Beobachtung der Straßen behindert wurde; aber leider zeigte sich noch immer nicht das sehnsüchtig Erwartete. Doch halt! dort hinten; das muß es sein! Ein ganz gewöhnlicher Mietswagen, wie sie es ja gesagt hatte, – drängte sich mühsam durch die Menschenmenge hindurch; das Wagenfenster war herabgelassen, und im Innern bemerkte man zwei schwarzverschleierte Frauen. Als der Wagen in langsamer Fahrt dicht am Kai vorüberfuhr, erhob eine der beiden Frauen plötzlich ihren Schleier: – »Djenane!« sagte sich André höchst überrascht. Djenane, die von ihm gesehen sein wollte, die ihn eine Sekunde lang mit einem so schmerzlichen Ausdruck anblickte, daß der davon Getroffene ihn nimmermehr vergessen konnte! Ihre Augen glänzten in Tränen; aber schon war nichts mehr davon zu sehen; der Schleier fiel herab, und André sagte sich, daß dies die wirkliche, die ewige Trennung bedeute, ebenso, als wenn man ein geliebtes Gesicht durch den Sargdeckel verdeckt. Sie hatte sich nicht zum Wagenfenster herausgelehnt, ihm keinen Abschiedsgruß zugewinkt, kein Zeichen gegeben, nichts als diesen einzigen Blick, – der übrigens genügte, um eine türkische Frau in die größte Gefahr zu bringen. Aber dieser Blick war tiefer in Andrés Herz gedrungen als alle Worte und alle Briefe! Diese Gruppe von Freunden, die ihm vom Kai aus noch Abschiedsgrüße zugerufen und zugewinkt, waren für ihn nicht mehr vorhanden; er sah nur immer dem Wagen nach, der langsam durch die Menge weiterfuhr. Und seine Augen wurden allmählich wie umnebelt: es schwankte alles vor ihm. Was war das? Träumte er? ... Der Wagen, der ganz langsam fortfuhr, schien sich in rasender Schnelligkeit zu entfernen, und zwar in entgegengesetzter Richtung als die Pferde! ... Nein, der Wagen ging jetzt in die Breite, wie ein Bild, das man fortträgt, ... und alles andere machte es ebenso: die Menschen, die Häuser, die ganze Stadt ...! Ach! das Paketboot war abgefahren! ... ohne Geräusch, ohne eine Erschütterung, ohne daß man eine Umdrehung der Schraube vernommen hätte. Da seine Gedanken anderweitig in Anspruch genommen waren, hatte er darauf nicht geachtet. Das große Paketboot, von Schleppdampfern gezogen, entfernte sich vom Kai, ohne daß man eine Bewegung spürte; man sollte meinen, daß der Kai sich entfernte, immer schneller, mit allem, was sich darauf befand. Der Lärm der Menge schwindet, man unterscheidet nicht mehr die Hände, die ein Lebewohl nachwinken, und sieht auch nicht mehr den weiterfahrenden Wagen unter den Tausenden von roten Punkten, von denen jeder einen türkischen Fes bezeichnet. Ungeachtet der beginnenden Abenddämmerung war bisher Stambul noch deutlich zu sehen gewesen, jetzt verschwand es aber allmählich im Nebel. André richtete jedoch seine Blicke immerfort darauf, solange noch ein Schatten davon zu erkennen war. * Bei sinkender Nacht in der Marmara. André, der fortwährend nachsann, sagte sich: »Zu dieser Stunde werden sie bei sich zu Hause angekommen sein!« Und er stellte sich in seinen Gedanken ihre Rückkehr vor, sodann ihren Eintritt ins Haus, unter den forschenden, mißtrauischen Blicken, endlich ihre Einsperrung und ihre trostlose Einsamkeit an diesem Abend! ... Man befand sich noch ganz in der Nähe des türkischen Landes: der eben aufflammende nur wenig entfernte Leuchtturm ist der von der »Spitze des Serails«, er durchleuchtet die Finsternis des Meeres. Aber André hatte die Empfindung, schon unendlich weit zu sein; die Abfahrt hatte wie mit einem Beilhieb die Fäden zerschnitten, die sein türkisches Leben mit der Gegenwart verbanden, und jene Zeit – in Wirklichkeit so nahe, aber doch durch nichts mehr verbunden und zurückgehalten – löst sich völlig los, fällt und sinkt plötzlich in den Abgrund, wo sich alle Dinge in nichts auflösen. 54. Bei seiner Ankunft in Frankreich erhielt André Lhéry diese Zeilen von Djenane: »Als Sie noch in unserem Lande waren, André, ... als wir noch die gleiche Luft einatmeten, schien es, als gehörten Sie uns noch ein wenig. – Jetzt aber sind Sie für uns verloren; alles, was Sie umgibt, ist uns unbekannt, ... und je länger je mehr entfliehen uns Ihr Herz und Ihre Gedanken. Sie selbst entschwinden uns, ... oder vielmehr: die Erinnerung an uns verblaßt bei Ihnen, um nach kurzer Zeit gänzlich zu verschwinden! ... Das ist furchtbar traurig ...! Noch einige Zeit hindurch wird die Vollendung Ihres Buches Sie nötigen, sich unserer zu erinnern. Aber hernach? ... Ich erbitte diese Gunst von Ihnen: senden Sie mir sogleich die ersten Bogen des Manuskripts! Beeilen Sie sich! ... Diese Bogen sollen mich niemals verlassen, wohin ich auch gehe, ... selbst unter der Erde nicht; ich werde sie überall mit mir nehmen! O! welch traurige Geschichte: Der Roman dieses Romans! Er ist jetzt das einzige Feld, auf dem ich Ihnen zu begegnen sicher bin; ... er wird bald alles sein, was von einer für immer abgeschlossenen Epoche übrig bleiben wird! Djenane.« * André sandte ihr sogleich die erbetenen Bogen; aber sonst keine Antwort, überhaupt nichts weiter während fünf Wochen, bis zu diesem Briefe Zeynebs: »Khassim-Pascha, 13. Silkada 1323. André, morgen früh will man unsere liebe Djenane nach Stambul führen, und zum zweitenmal in das Haus Hamdi Beis, mit den gleichen, für Bräute gebräuchlichen Förmlichkeiten wie beim erstenmal. Alles ist auffallend schnell beschlossen worden, nachdem alle Schwierigkeiten ausgeglichen waren. Beide Familien haben ihre Schritte vereinigt bei Seiner Kaiserlichen Majestät, daß das Scheidungsirade zurückgenommen würde. Djenane hat niemand, um sie zu verteidigen. Hamdi Bei hat ihr heute wundervolle Sträuße von Nizza-Rosen geschickt. Aber wiedergesehen haben sich beide noch nicht, denn Djenane hatte Hamdis Mutter beauftragt, als einzige Gnade von ihrem Sohn zu erbitten, daß das Wiedersehen bis nach der morgigen Zeremonie hinausgeschoben werde. Sie ist mit Blumen überhäuft worden; wenn Sie ihr Zimmer sehen könnten, das Sie, wie Sie wissen, einmal betreten haben, Sie würden staunen! ... Djenane verlangte, daß alle Blumen in dieses Zimmer gebracht würden, das nun aussieht wie ein Zaubergarten. Heute abend fand ich sie auffallend ruhig und gefaßt; aber ich fühlte, daß dies nur Ermattung und Gleichgültigkeit ist. Im Laufe des heutigen Tages ist sie, wie ich erfahren habe, bei ausnehmend schönem Wetter, nur von Kondja-Gül begleitet, ausgefahren, um die Gräber Méleks und Nedjibes zu besuchen; und dann ist sie nach Eyub gefahren, um auf dem Friedhof die Stelle aufzusuchen, wo – wie Sie wissen – meine arme, kleine Schwester Sie und Djenane zusammen photographiert hat. Ich wollte den heutigen Abend, den letzten vor ihrer Wiederverheiratung, bei ihr zubringen, wie Mélek und ich dies am Vorabend der ersten Hochzeit taten. Aber ich sah, daß sie allein zu bleiben wünschte, und zog mich vor Einbruch der Nacht mit schwerem Herzen zurück. Und nun befinde ich mich in meinem eigenen Zimmer in entsetzlicher Einsamkeit! ... Ich fühle, daß Djenane noch viel unglücklicher sein wird als das erstemal. Weil Hamdi mein Einfluß verdächtig erscheint, hält man mich fern; ... ich werde sie vielleicht nie mehr wiedersehen! ... Ich glaubte nicht, André, daß man soviel Leid ertragen könnte! Wenn Sie überhaupt beteten, würde ich zu Ihnen sagen: ›Beten Sie für mich!‹ Ich beschränke mich darauf, zu sagen: ›Haben Sie Mitleid mit uns, Ihren letzten beiden Freundinnen, die übrig geblieben sind!‹ ... Glauben Sie übrigens nicht, daß Djenane Sie vergessen hat. Am 27. Ramadan, unserem Tag der Toten, wünschte sie, daß wir beide zu dem Grabe Nedjibes gingen, um ihr Blumen zu bringen ... und unsere Gebete, das einzige, was uns noch blieb von unserem verlorenen Glauben. – Wenn Sie, André, keine Briefe von ihr in letzter Zeit erhielten, so geschah dies, weil sie leidend war; aber ich weiß, daß sie die Absicht hat, Ihnen heute einen langen Brief zu schreiben, ›vor dem Einschlafen‹! So sagte sie zu mir, als ich sie verließ. Zeyneb.« 55. Am zweitfolgenden Tage kam folgende handschriftliche Nachricht an, in welcher André, sobald er den Umschlag abgerissen hatte, die Handschrift der Djavide Hanum zu erkennen glaubte: » Allah! Feride – Azade – Djenane, Tochter von Tewfik Pascha Darihan Zade, und von Seniha Hanum Kerissen, starb am 14. Silkada 1323. Sie ward geboren am 22. Nedjeb 1297 zu Karadjiamir. Nach ihrem Willen wurde sie beerdigt in der Turbe der Ehrwürdigen Sivassi d'Eyub, um hier ihren letzten Schlaf zu schlafen. Aber ihre Augen, die rein und schön waren, haben sich wieder geöffnet, und Gott, der sie viel geliebt hat, richtete ihren Blick nach den Gärten des Paradieses, wo Mahomet, unser Prophet, seine Gläubigen erwartet. Wir alle, die sterben werden, richten unser Gebet zu Dir hinauf, o, Djenane-Feride-Azade, und bitten Dich, uns nicht zu vergessen bei Deinem Nuf! Und wir, Deine demütigen Freundinnen, wir werden dem leuchtenden Wege folgen, den Du uns vorgezeichnet hast. O, Djenane-Feride-Azade, möge der Rhamet Allahs sich auf Dich herabsenken! Khassim-Pascha, 15. Silkada 1323.« André Lhéry hatte hastig und in großer Erregung gelesen; auch war ihm die Form dieser Nachricht nicht bekannt, und dann hatte er nie die verschiedenen Namen gehört, die Djenane beigelegt wurden; dies alles hatte ihn beim ersten Lesen dieser Schrift verwirrt. Er brauchte einige Minuten, bis er klar verstanden hatte, daß es sich wirklich um seine Freundin Djenane handle. 56. Drei Tage später empfing er von Zeyneb einen langen Brief, der noch einen anderen verschlossenen Brief enthielt, auf dem sein Name »André« noch von Djenanes Hand geschrieben war. Zeynebs Brief. »André, alle meine Leiden, alle meine Qualen wandelten sich in Freude, solange ihr Lächeln sie beleuchtete; alle meine trüben Tage erweiterten sich durch sie: jetzt erst verstehe ich es, da sie nicht mehr hier ist! ... Fast eine Woche ist es, daß sie in der Erde ruht! ... Niemals werde ich ihre tiefen, ernsten Augen wiedersehen, in denen ihre ganze Seele erschien; niemals mehr werde ich ihre Stimme hören, noch ihr kindliches Lachen! ... Alles wird finster um mich sein bis zum Ende! Djenane ist in die Erde gebettet! ... Ich glaube es noch immer nicht, André, ... und ich habe doch ihre kalten kleinen Hände berührt, ... ich habe ihr erstarrtes Lächeln gesehen und ihre Perlenzähne zwischen den bleichen Lippen! Ich war es, die zuerst zu ihr eilte, die den letzten Brief, den sie während der Nacht an Sie geschrieben, André, aus ihrer erkalteten Hand genommen, die ihn fast zerdrückt hatte. Ich glaube es noch immer nicht, und doch habe ich sie bleich und starr gesehen! ... Ich glaube es nicht, und es ist doch wahr! ... Ich sah auch ihren Sarg eingehüllt in den Valideschal und bedeckt mit einem grünen Schleier von Mekka, ... und ich hörte den Imam die Gebete der Toten für sie sprechen! ... Am Donnerstag, dem nämlichen Tage, wo wir sie zu Hamdi Bei führen sollten, erhielt ich frühmorgens ein kurzes Schreiben von ihr nebst einem Schlüssel zu ihrem Zimmer. Kondja-Gül brachte es mir; aber weshalb zu so früher Stunde? Angstvoll öffnete ich den Brief und las die wenigen Worte: ›Komm! Du wirst mich tot finden. – Du wirst als Erste und Einzige mein Zimmer betreten; suche dicht bei mir nach einem Brief, verstecke ihn in Deinem Kleide, und sende ihn späterhin an meinen Freund!‹ ... Ich lief hin und trat ganz allein in ihr Zimmer. – O, André! Schon vor meinem Eintreten hatte ich mich zitternd gefragt: ›Wie werde ich sie finden?‹ ... Und als ich dann eintrat, mit welchem Grausen suchte ich nach ihr! Ah! da! Da saß sie im Fauteuil vor ihrem Schreibtisch, den Kopf zurückgeworfen, das weiße Gesicht nach oben gerichtet, als blicke sie in den eben erwachenden Tag. – Und ich durfte nicht aufschreien, durfte niemand herbeirufen! – Nein, zuerst mußte ich den Brief suchen. Auf dem Schreibtisch lagen mehrere versiegelte Briefe, ohne Zweifel Abschiedsbriefe. Aber es lagen da auch lose, beschriebene Blätter und ein vorbereiteter Umschlag mit Ihrem Namen, André; ... das mußte es sein! Und das letzte Blatt, das ganz zerknittert war, nahm ich aus ihrer linken Hand, mit der sie es krampfhaft festgehalten hatte. – Ich verbarg das alles, nach ihrem letzten Willen; ... und dann erst schrie ich mit voller Stimme, bis andere herbeikamen. Djenane! Du meine einzige Freundin, meine Schwester! Für mich gibt es nichts mehr ohne sie! ... Nicht Freude, noch Liebe, noch Zärtlichkeit oder Freundschaft! Sie hat alles mit sich fortgenommen in ihr Grab, auf dem sich bald ein grüner Gedenkstein erheben wird, auf dem alten Friedhof in Eyub, den Sie ja ebenso liebten, André, wie unsere unersetzliche Djenane! ... O! Sie hätte lange leben können, wenn sie die Barbarin geblieben wäre, die kleine Prinzessin der asiatischen Ebenen! Dann hätte sie nichts gewußt von der Vergänglichkeit und Nichtigkeit aller Dinge. – Das zu viele Denken und Wissen ist es, das sie mehr und mehr vergiftet hat. Das Streben, es dem Abendlande gleichzumachen, hat sie getötet! ... Wenn man sie gelassen hätte, wie sie ursprünglich war: unwissend, schön und lieblich, ... dann säh' ich sie noch hier, neben mir, und hörte ihre himmlische Stimme! Und meine Augen hätten nicht geweint, ... wie sie noch fernerhin weinen werden bei Tag und bei Nacht! ... Ja, André, ich verzweifelte nicht so hoffnungslos, wenn sie die kleine Prinzessin der asiatischen Ebene geblieben wäre! Zeyneb.« * Den Brief Djenanes zu öffnen, erregte in André Lhéry eine heilige Scheu. Das war etwas anderes als die formelle Todesanzeige, die er ganz arglos geöffnet hatte. Diesmal war er gewarnt. Seit mehreren Tagen schon hatte er Trauer um die geliebte Freundin angelegt, ... und der Schmerz über ihren Verlust wuchs von Tag zu Tag. Er hatte auch bereits Zeit gehabt, über den Teil der Verantwortlichkeit nachzudenken, der bei dieser entsetzlichen Verzweiflungstat auf ihn fiel! ... Bevor er den Brief erbrach, schloß er sich in sein Studierzimmer ein, um durch nichts in seinem geistigen Beisammensein mit ihr gestört zu werden. Als er den Brief endlich geöffnet hatte, fand er darin mehrere einzelne Blätter, und das letzte Blatt, das sie noch in der erstarrten Hand gehabt, war allerdings von ihren Fingern zerknittert worden. Zunächst sah er, daß die Schrift die gleiche ihrer früheren Briefe war, die gleichmäßige saubere Schrift. Sie mußte mithin vollkommen Herrin ihres Willens im Angesicht des Todes gewesen sein! ... Sie begann mit etwas sentimentalen Redewendungen, wie das ihre Art war, aber in so ruhiger Form, daß André fast an dem entsetzlichen Schluß gezweifelt hätte, er, der sie nicht bleich und starr gesehen, ... er, der nicht ihre erkaltete Hand berührt hatte. »Mein Freund, die Stunde ist gekommen, uns Adieu zu sagen! ... Das Irade, durch welches ich mich geschützt glaubte, ist zurückgenommen worden, wie Zeyneb Ihnen wohl mitgeteilt hat. Meine Großmutter und mein Onkel haben alles vorbereitet für meine Wiederverheiratung, und der morgige Tag soll mich dem Manne zurückgeben, ... den Sie kennen. Es ist Mitternacht, und in dem Frieden des verschlossenen Hauses kein anderes Geräusch als das Kritzeln meiner Feder; nichts wacht, außer meinem Seelenschmerz! ... Für mich ist die Welt schon versunken. Ich habe bereits Abschied genommen von allem, was mir lieb und wert gewesen. Ich habe meinen letzten Willen niedergeschrieben und meine Abschiedsgrüße. Ich habe meine Seele von allem befreit, was nicht zu ihrem Wesen gehört, ... ich entfernte auch alle Bildnisse daraus, ... damit nichts verbleibe zwischen Ihnen und mir, ... um nur Ihnen die letzten Stunden meines Lebens zu widmen, ... und daß Sie ganz allein die letzten Schläge meines Herzens fühlten. Denn, mein Freund, ich werde sterben ... O! eines friedlichen Todes, ähnlich einem Schlummer, der mich hübsch erhalten wird! ... Die ewige Ruhe, das Vergessen, schlummert hier in einem Flakon, ich brauche nur die Hand danach auszustrecken! Es ist ein arabisches Gift, ... sehr süß, das – wie man sagt – dem Tode das Traumbild der Liebe verleiht. – André, bevor ich aus dem Leben scheide, habe ich eine Wallfahrt gemacht nach dem Grabe, das Ihnen so teuer ist. Ich habe dort gebetet und die, welche Sie einst liebten, gebeten, mich in meiner letzten Stunde zu unterstützen, .. und auch zu erlauben, daß das Gedenken an mich mit dem Gedanken an sie sich im Herzen Andrés vereinige! ... Und dann begab ich mich, nur von meiner alten Sklavin begleitet, nach Eyub, um meine Toten zu bitten, mich gut aufzunehmen. Zwischen den Gräbern irrte ich umher, eine Stelle für mich auswählend; an jener Ecke, wo wir uns ehemals gemeinschaftlich niedersetzten, habe ich mich ganz allein ausgeruht. Der Wintertag war ebenso milde wie jener Tag im April, als ich, an derselben Stelle, Ihnen meine Seele gab! ... O mein Land, wie schön bist du im Purpur des Abends! Ich schloß meine Augen, um dieses Bild in das andere Leben mit hinüberzunehmen! – – – – – – Zeyneb hatte mir zur Flucht geraten, als uns die Zurücknahme des Irades verkündet wurde; ich konnte mich aber nicht dazu entschließen. Vielleicht, ... wenn ich gewußt hätte, unter einem anderen Himmel die Liebe zu finden, die mich aufnehmen wollte ... Nein! Ich hätte höchstens das Recht auf ein wohlwollendes Mitleid. – Ich ziehe den Tod vor! ... Eine befremdende Ruhe herrscht in mir. – Ich ließ in dieses Zimmer, das ich in meiner Jugend schon bewohnte, und das auch Sie, André, einmal betraten – alle die Blumen bringen, die meine Freundinnen mir zu dem morgigen ›Fest‹ geschickt hatten. Indem ich sie um mein Bett und um den Tisch, an dem ich schreibe, aufstellen ließ, denke ich an Sie, mein Freund. Ich rufe Sie herbei! ... In dieser Nacht sind Sie mein Gefährte! Wenn ich jetzt meine Augen schließe, sind Sie hier, kühl und unbeweglich, aber mit Ihren unergründlichen Augen, deren Geheimnis ich nie entdecken konnte, durchdringen Sie meine geschlossenen Augenlider und entzünden mir mein Herz! ... Und wenn ich die Augen öffne, sind Sie wieder hier, zwischen den Blumen blicken Sie mich durch Ihr dort aufgestelltes Bild an. – Aber Ihr Buch, – unser Buch!? – Außer den Bogen, die Sie mir sandten, und die mir in mein Grab folgen werden, – soll ich nichts weiter davon kennen lernen? Mithin werde ich nicht einmal Ihre wahren Gedanken erfahren haben! ... Sind Sie sich wirklich der ganzen Trostlosigkeit unseres Lebens bewußt geworden? Haben Sie eingesehen, welches Verbrechen es ist, schlummernde Seelen aufzuwecken und hernach, wenn sie sich aufschwingen wollen, sie zu unterdrücken? ... Und haben Sie die Nichtswürdigkeit erkannt, Frauen zu vernunftlosen Wesen zu erniedrigen? ... Wenn Sie das erkannt und eingesehen haben, so sagen Sie es deutlich und unerschrocken, und sagen Sie auch, daß man uns des freien Willens in den wichtigsten Lebensverhältnissen beraubt! ... O, Freund, sagen Sie das alles in Ihrem Buch, damit mein Tod wenigstens meinen muselmanischen Mitschwestern einigen Vorteil bringt! Wieviel Gutes hatte ich ihnen tun wollen im Leben!? Ich träumte sogar einmal davon, sie alle zu erwecken. – Doch nein! Schlafet nur weiter, Ihr armen Seelen. Bildet Euch niemals ein, Flügel zu haben! ... Aber diejenigen meiner bisherigen Leidensgenossinnen, die bereits einen Entschluß gefaßt haben und im Aufflug begriffen sind nach einem anderen Horizont als dem des Harems, ... diese, André, empfehle ich Ihnen ganz besonders. Sprechen Sie von ihnen und für sie ... Seien Sie ihr Verteidiger in der Welt, die denkt und Mitgefühl hat. – Und mögen die Tränen aller, ... möge mein Todeskampf endlich die Verblendeten rühren, ... unsere nächsten Angehörigen, die uns in ihrer Weise lieben, ... uns aber trotzdem unterdrücken!« (Hier änderte sich die Schrift plötzlich und wurde weniger fest, beinahe zitternd.) »Es ist drei Uhr morgens, und ich setze meinen Brief fort. – Ich weinte inzwischen, weinte so viel, daß ich nicht mehr klar zu sehen vermag. O, André! ... Ist es denn möglich: jung zu sein und zu lieben und dennoch in den Tod getrieben zu werden?! ... O ... es drückt mich etwas in der Kehle ... und droht mich zu ersticken! ... Ich hatte das Recht, zu leben und glücklich zu sein! ... Ein Traum des Lebens und des Lichtes umschwebt mich noch jetzt ... Aber morgen, ... sobald die Sonne aufgeht, ... holt mich der Gebieter, ... den man mir aufdrängt; ... er will mich mit seinen Armen umfangen! ... Wo aber sind die Arme, von denen ich umfangen zu werden wünschte?! ...« (Ein Zwischenraum, der eine zweite Unterbrechung andeutete, folgt und beweist ohne Zweifel eine letzte Zögerung vor dem Vollzug der unwiderruflichen Tat.) Der Brief nimmt nochmals, für einige Minuten, seine frühere Ruhe an; aber diese Ruhe erregt Schauder! – – – »Es ist geschehen! ... Nur ein wenig Mut brauchte es ... Der kleine Flakon des ewigen Vergessens ist leer! ... Ich bin schon ein Gegenstand der Vergangenheit! – In einer Minute werde ich die Grenze des Lebens überschritten haben; ... es bleibt nur ein etwas bitterer Geschmack nach Blumen ... auf den Lippen zurück. – ... Die Erde scheint mir schon weit entfernt ... Alles verwirrt sich ... und löst sich auf ... außer dem Freund, den ich liebte, ... den ich rufe, und den ich bei mir haben will ... bis ans Ende ...!« Die Handschrift begann jetzt hin und her zu schwanken wie die kleiner Kinder; dann, zu Ende dieser Seite, gingen die Linien kreuz und quer. Die arme Hand hatte keine Kraft mehr, und die Buchstaben hatten schon keine Verbindung mehr untereinander; besonders bei dem letzten Blatt, das ganz zerknittert worden war von der Sterbenden. ... »Freund, den ich rufe, ... den ich bei mir haben will bis ans Ende ... Vielgeliebter! Kommen Sie schnell, ... denn ich will es Ihnen sagen! ... Wußten Sie es denn nicht, ... daß ich Sie lieb hatte von ganzem Herzen? ... Wenn man tot ist, ... kann man alles eingestehen. – Die Gebräuche der Welt ... bestehen nicht mehr! – ... Weshalb sollte ich Ihnen in der Scheidestunde nicht sagen, ... daß ich Sie geliebt habe? ... André, an dem Tage, als Sie sich an diesen selben Schreibtisch setzten, ... auf dem ich jetzt diesen Brief schreibe, ... wollte der Zufall, ... daß, als ich mich bückte, ich Sie berührte; ... da schloß ich die Augen, ... und vor meinem inneren Gesicht schwebten wunderschöne Träume... – Sie preßten mich an Ihr Herz, – träumte mir, – und meine Hände berührten Ihre Augen und verjagten alle Betrübnisse daraus ...! – Ah! In jenem Augenblick hätte der Tod kommen können! ... Welch glückliche, freudige Seele würde er ... geradeswegs aus meinem Traum irdischer Glückseligkeit ... in die ewige Seligkeit ... entführt haben! ... Ah! ... Alles verwirrt und verschleiert sich ...! Man hatte mir gesagt, ... ich würde einschlafen, ... aber ich fühle noch keine Schlaflust, ... es bewegt ... und verdoppelt sich .. und tanzt... um mich herum! ... Meine Augen sind so groß wie Sonnen, ... die Blumen sind gewachsen, ... ich befinde mich ... in einem Walde ... riesiger Blumen...! O komm', André! ... Komm' hierher, zu mir, ... was tust Du da ... zwischen den Rosen? ... Komm' her zu mir,... während ich schreibe!... Ich will Deinen Arm um mich geschlungen haben, ... und Deine teuren Augen an meinen Lippen! ... So! ... mein Geliebter! ... So will ich schlafen, ganz dicht bei Dir, und Dir sagen, daß ich Dich liebe! ... Nähere mir Deine Augen, denn in dem anderen Leben, in dem ich bin, kann man durch die Augen in den Seelen lesen. – Und ich bin eine Tote, André! ... In Deinen klaren Augen, in die ich nicht blicken konnte, ist da eine Träne für mich? ... Ich höre Dich nicht antworten, weil ich tot bin! ... Deshalb schreibe ich Dir; Du würdest meine Stimme nicht aus der Ferne vernehmen ...! Ich liebe Dich! Hörst Du das wenigstens? Ich liebe Dich! ...« O! Diesen Todeskampf förmlich zu fühlen, wie mit der Hand! ... Und der selbst zu sein, mit dem zu sprechen sie begehrte, während der Minute des großen Geheimnisses, wenn die Seele entflieht, ... und die letzte Spur ihres teuren Gedankens, die schon aus dem Reich der Toten kam, selbst in Empfang zu nehmen! ... »Und ich gehe fort, ich entfliege! Drücke mich fest an Dich, André! O! Wird man Dich jemals noch ebenso innig lieben? ... Ah! Der Schlummer naht, ... und die Feder wird mir schwer ... O! In Deinen Armen, ... mein Vielgeliebter...!« Die letzten Worte verloren sich, kaum niedergeschrieben. Der Leser dieses Briefes vermochte nichts mehr zu lesen. – Auf das zerknitterte Blatt, das die arme kleine Hand der Sterbenden, die von nichts mehr wußte, festgehalten hatte, drückte er andächtig und innig seine Lippen. Und das war ihr einziger Kuß! * O, Djenane – Feride – Azade, möge der Rahmet Allahs auf Dich niedersteigen! ... Möge Deiner stolzen und weißen Seele der Friede werden! Und möchten Deine Schwestern in der Türkei, auf meinen Ruf, noch während einiger Jahre, vor dem Vergessen, abends bei ihren Gebeten Deinen teuren Namen mitnennen!...