Wir Franz , von Gottes Gnaden, Erwählter Röm. Kayser, zu allen Zeiten, Mehrer des Reichs, in Germanien und zu Jerusalem König, Herzog zu Lothringen und Bar, Groß-Herzog zu Toscana, Fürst zu Charleville, Marggraf zu Nomeny, Graf zu Falkenstein \&c. \&c. Bekennen öffentlich mit diesem Brief, und thun kund allermänniglich, daß Uns Johann Gottfried Dyck, Buchhändler in Leipzig, in Unterthänigkeit zu vernehmen gegeben, was maßen Er des G. W. Rabeners sämmtliche Satyrische Schriften in Octavo zum Druck zu befördern entschlossen seye, Uns dahero unterthänigst bittend, weilen dabey viele Kosten aufzuwenden, und nicht unzeitig zu besorgen wäre, es dörften sothane Schrifften von gewinnsüchtigen Leuten zu seinem nicht geringen Schaden nachgedrucket werden, Wir Ihme, seinen Erben und Nachkommen hierüber Unser Kayserliches Druck- Privilegium auf zehen Jahr zu ertheilen gnädigst geruhen wollten. Wann Wir nun mildest angesehen solch des Supplicant ens demüthigste ziemliche Bitte; Als haben Wir Ihme, Dyck, seinen Erben und Nachkommen die Gnad gethan und Freyheit gegeben, thun solches auch hiemit wissentlich in Kraft dieses Briefs also und dergestalten, daß gedachter Johann Gottfried Dyck, seine Erben und Nachkommen obbesagte Rabenerische Satyrische Schriften in Octavco in offenen Druck auflegen, ausgehen, hin und wieder ausgeben, feil haben, und verkaufen lassen mögen, auch Ihnen solche Niemand, ohne ihren Consens, Wissen oder Willen, innerhalb zehen Jahren von dato dieses Kayserlichen Privilegii an zu rechnen, im heiligen Römischen Reich in keinerley Format nachdrucken, und verkaufen solle. Und gebiethen darauf allen und jeden Unseren, und des heiligen Reichs Unterthanen, und Getreuen, insonderheit aber allen Buchdruckern, Buchführern, Buchbindern und Buchhändlern bey Vermeidung einer Pön von Fünf Mark löthigen Goldes, die ein jeder, so offt er freventlich hierwieder thäte, Uns halb in Unsere Kayserliche Cammer, und den andern halben Theil mehr besagtem Dyck, oder seinen Erben und Nachkommen unnachläßig zu bezahlen verfallen seyn solle, hiemit ernstlich, und wollen, daß Ihr, noch einiger aus Euch selbst, oder jemand von Euertwegen obangeregte Rabenerische Satyrische Schriften, innerhalb denen bestimmten zehen Jahren obverstandenermaßen nicht nachdrucke, distrahi ret, feilhabet, umtraget, oder verkaufet, noch auch solches andern zu thun gestattet, in keinerley Weis noch Wege, alles bey Vermeidung Unserer Kayserlichen Ungnade, und obbestimmter Pön der 5 Marck löthigen Golds, auch Verliehrung desselben euren Drucks, den vielgemeldter Dyck, oder seine Erben und Nachkommen, oder deren Befehlshabere, mit Hülf und Zuthun eines jeden Orths Obrigkeit, wo sie dergleichen bey Euch und einem jeden finden werden, also gleich aus eigenem Gewalt ohne Verhinderung Männiglichs zu sich nehmen, und damit nach ihrem Gefallen handeln und thun mögen, hingegen soll er, Dyck, schuldig und verbunden seyn bey Verlust dieser Kayserlichen Freyheit die gewöhnliche Fünf Exemplari en zu Unserm Kayserl. Reichs-Hof-Rath zu liefern, und dieses Privilegium dem Buche voran drucken zu lassen. Mit Urkund dieses Briefs besiegelt mit Unserm Kayserl. aufgedruckten Secret- Insiegel, der geben ist zu Wien den ein und dreyßigsten Octobris Ao. Sieben zehen hundert fünf und funfzig. Unsers Reichs im eilften. Franz mppr. (L.S.) Vt Rudolph Graf Colloredo mppr.   Ad Mandatum Sac. Cæs. Majestatus proprium. Matth. Willhelm Edler Herr v. Haan. mppr.     Der Aller-Durchlauchtigste, Größmächtigste Fürst und Herr, Herr Friedrich August, König in Polen, des heil. Röm. Reichs Erz-Marschall und Churfürst zu Sachsen \&c. auch Burg-Graf zu Magdeburg \&c. hat auf Johann Gottfried Dyckens, Buchhändlers in Leipzig, beschehenes unterthänigstes Ansuchen gnädigst bewilliget, daß er nachgesetztes Buch, betitelt: Sammlung Satirischer Schrifften von G. W. Rabener in ordin. 8vo. nach gehöriger maßen vorhergegangenen Censur unter Höchstgedachter Sr. Königl. Majest. und Churfürstl. Durchl. Privilegio drucken lassen, und führen möge, dergestalt, daß in Dero Churfürstenthum Sachsen, desselben incorporir ten Landen und Stifftern kein Buchhändler noch Drucker oberwähntes Buch, in denen nächsten, von unten gesetzten dato an, Zehen Jahren, bey Verlust aller nachgedruckten Exemplari en und bey Dreyßig Rheinischen Gold-Gülden Strafe, welche denn zur Helffte der Königl. Renth-Cammer, der andere halbe Theil aber ihm, Dycken, verfallen, weder nachdrucken, noch auch, da dasselbe an andern Orthen gedruckt wäre, darinnen verkauffen und verhandeln, worgegen er mehrgemeldtes Buch fleißig corrigir en, aufs zierlichste drucken, und gut weiß Papier darzu nehmen zu lassen, auch, so oft es aufgeleget wird, von jedem Druck und Format Zwanzig Exemplaria in Sr. Königl. Majest. und Churfürstl. Durchl. Ober- Consistorium , ehe es verkauft wird, auf seine Kosten einzuschicken schuldig, und dieß Privilegium Niemanden, ohne Höchstgedachter Sr. Königl. Majest. und Churfürstl. Durchl. Vorwissen und Einwilligung, zu cedi ren befugt seyn soll; Gestalt er bey solchem Privilegio auf die bewilligten Zehn Jahre geschützet und gehandhabet, auch, da diesem jemand zuwider handeln und er um Execution desselben ansuchen würde, solche ins Werk gerichtet und die gesetzte Strafe eingebracht werden soll; Jedoch daß er, und zwar bey Verlust des Privilegii , so wohl die Censur erwähnten Buchs jedesmal gebührend suche und auswürcke, als auch von jeder Auflage die gesetzte Anzahl derer Exemplari en würcklich liefere. Immittellst und zu Uhrkund dessen ist dieser Schein, bis das Original-Privilegium ausgesetzet werden kan, und, statt desselben, in Sr. Königl. Majest. und Churfürstl. Durchl. Kirchen-Rath und Ober- Consistorio unterschrieben und besiegelt, ausgestellet worden, welchen er durch den bestalten Bücher- Inspector , Christian Ernst Haubolden, denen Buchhändlern zu insinui ren, widrigenfalls die Insinuation vor null und nichtig erkannt werden soll. So geschehen zu Dreßden, am 12. Februarii 1751.   (L.S.) C. G. Grav von Holtzendorf mppr.   Christian Friedrich Teucher.     Vorbericht zur sechsten Auflage der Rabenerischen Satiren. Ich habe mir gleich Anfangs das Gesetz gemacht, keine Auflage von meinen Satiren merklich zu verändern, und noch weniger zu vermehren. In der Vorrede zum vierten Theile erklärte ich mich zugleich, daß ich von meinen satirischen Ausarbeitungen weiter nichts bekannt machen würde. Und noch gegenwärtig ist beydes mein sehr ernstlicher Entschluß, welchen zu erfüllen mir nunmehr desto weniger schwer fallen wird, da alle meine ausgearbeiteten Aufsätze dieser Art durch einen unglücklichen Zufall verloren gegangen sind, und neue zu fertigen weder mein Amt, noch andere vorwaltende Umstände verstatten wollen. Inzwischen nöthigen mich doch zween unerwartete Vorfälle, daß ich gegenwärtige neue Auflage mit einem kurzen Vorberichte begleiten muß. Der erste Vorfall ist ein schweizerischer Nachdruck meiner Satiren, vom Jahre 1759, wo man auf dem Tittelblatte Frankfurth und Leipzig, und die sonderbare Anmerkung gesetzt hat, daß es die neueste Auflage sey. Ich will mich über die Moralität eines solchen Unternehmens nicht weitläuftig erklären. Niemand weiß es besser, als die Buchhändler, wie kostbar der Verlag eines Buchs, und wie ungewiß anfangs der daraus zu erwartende Vortheil sey. Findet sich ein beträchtlicher Abgang und der verhoffte Nutzen davon, wie empfindlich muß es einem jeden seyn, wenn ein anderer sich dieses Vortheils bemächtigt, und ohne Einwilligung des Verfassers, welcher an seinen Schriften allemal ein Eigenthum behält, einen Nachdruck veranstaltet, bey dem er nunmehr nichts wagt, und den er mit leichtern Kosten unternehmen kann, da er weiter nicht nöthig hat, sich mit dem Verfasser über sein Manuscript zu vergleichen: Eine solche Handlung bleibt allemal unanständig, und ungerecht; das ist der gelindeste Ausdruck, den ich brauchen kann. Für einen ehrliebenden Mann ist sie unanständig; und ungerecht ist sie auch alsdenn, wenn schon keine Privilegien wären, die ihn daran hindern sollten: denn ein ehrlicher Mann ist auch ohne Gesetze ehrlich. Besonders demjenigen Nachdrucke, über den ich mich hier beschwere, könnte ich verschiedene Vorwürfe machen, von welchen vielleicht dieser der geringste wäre, daß Pappier und Druck eine hungrige und schlechte Werkstadt verrathen: Aber ich will mich ohne Umstände auf das Urtheil dererjenigen berufen, welchen solcher in die Hände gekommen ist; und es war ein unbilliges Mittel seinen Unwerth zu verstecken, daß man ihn dem Publico mit Kupferstichen anpries, welche doch so steif und ungeschickt abcopirt sind, daß sie bloß für diesen schmutzigen Nachdruck bestimmt, und dessen allein würdig zu seyn scheinen. Vielleicht wird man das Unternehmen eines solchen Nachdrucks mit der Gewohnheit rechtfertigen: aber Straßenraub ist noch gewöhnlicher. Es bleibt mir allemal unbegreiflich, daß man bey einem so ansehnlichen Gewerbe, als der Buchhandel ist, und bey welchem sich so viele rechtschaffene Leute beschäfftigt finden, dennoch ungestraft das seyn kann, was ein ehrlicher Mann zu werden sich schämt. Zwar giebt es gewisse Umstände, die einen Nachdruck entschuldigen, oder wohl gar nothwendig machen können: Aber keiner von diesen Umständen findet sich bey gegenwärtigem Falle. Nirgends in Deutschland, und am wenigsten in Sachsen, wird die Einfuhre und der Verkauf derer in der Schweiz gedruckten Bücher gehindert, oder schwer gemacht; der rechtmäßige Verleger meiner Satiren hat allemal genugsamen Vorrath, und zum Ueberflusse, Vorrath von zweyerley Drucke, von stärkern sowohl, als etwas klärern; der Preis, den er darauf gesetzt hat, ist in Ansehung der gegenwärtigen Zeiten sehr billig; der schlechte Nachdruck ist eben so theuer, und nicht vermehrt, ob man schon unverschämt genug gewesen ist, ihn als eine vermehrte Auflage anzukündigen; er ist ganz ohne Vorwissen, und ohne die nöthige Einwilligung des Verfassers veranstaltet; und ich habe in mehr als einer Absicht dadurch beleidigt werden müssen. Ich bin überzeugt, daß diese Gründe einen ernsthaften Eindruck bey einem ieden rechtschaffenen und ehrliebenden Manne machen müssen: Aber freylich werde ich sie hier nur vergebens anführen; denn hier rede ich mit Christoph Heilmannen, Buchdruckern zu Biela, in der Schweiz. An den zweyten Vorfall, der mich zu gegenwärtigem Vorberichte nöthigt, kann ich ohne die äußerste Gemüthskränkung nicht denken. Man hat sich seit etlichen Monaten angemaßet, der Welt durch den öffentlichen Druck einige Briefe von mir bekannt zu machen, die ich im Vertrauen an meine Freunde, und nicht an die Welt schrieb. Briefe von dieser Art verstatten offenherzigere und freyere Ausdrücke, welche man allemal mehr einschränken, und behutsamer fassen würde, wenn man vermuthen könnte, daß sie auf eine solche Art gemisbraucht werden sollten. So unschuldig oft gewisse Anspielungen an die Charaktere und Umstände anderer Personen sind, die unser Freund kennt; so verdächtig scheinen sie einem fremden Leser: Und ist dieser Leser abergläubisch, oder boshaft, so entsteht daraus für den Verfasser ein doppelter Vorwurf, oder wohl gar ein Verdruß, der in seine Privatangelegenheiten einen unangenehmen Einfluß haben kann. Geschieht es aber, wie es besonders bey dem von mir nach Warschau geschriebenen Briefe geschehen ist, daß selbiger durchaus verändert, mit ganz fremdem Witze verunstaltet, durch geliehene Gedanken unscheinbar gemacht, und wohl gar durch einen übel angebrachten Nationaleifer verstümmelt wird: so sind dieses die empfindlichsten, und gefährlichsten Umstände, in die ein Verfasser ganz unschuldiger Weise versetzet werden kann. Ich berufe mich auf das unpartheyische Urtheil aller derer, welche solchergestalt selbst in der täglichen Erwartung seyn müssen, daß, wie es mir geschehen, auch von ihren Familienbriefen einige durch den Druck bekannt gemacht werden, so bald ein eigennütziger Mensch berechnen kann, daß dadurch einige Thaler zu gewinnen seyn möchten. Vielleicht, ich hoffe es wenigstens, hat derjenige, welcher sich meiner Briefe auf eine so unerlaubte Art bemächtigte, die Absicht nicht gehabt, mir zu schaden, und er scheint zu fühlen, wie ungerecht sein Unternehmen sey, da er auf den Titel Dresden, Leipzig oder Frankfurth gesetzt, und sich dadurch versteckt zu halten gesucht hat: Aber alles dieses rechtfertigt ihn in keine Wege, und er kann, ohne die Absicht zu haben, mir dennoch vielerley Verdruß zuziehen; Ob ich schon bey dieser Gelegenheit rühmen muß, daß diejenigen, welche in meinem Briefe nach Warschau genennt waren, sich mit viel Bescheidenheit und Freundschaft gegen mich betragen haben, da sie wohl wußten, wie unzufrieden ich selbst über den Druck eines Briefs war, der sehr gleichgültige und unschuldige Scherze enthielt, so lange ihn niemand, als mein Freund in Warschau las, dem er ganz wider seinen Willen und ohne sein Verschulden aus den Händen gespielet worden ist. Die Verstümmelung dieser Briefe nöthigt mich, sie gegenwärtigem Vorberichte so, wie ich sie für die Meinigen erkenne, in ihrer Ordnung beyzufügen. Ich habe hierzu noch denjenigen genommen, den ich an den Herrn Hofprediger Cramer nach Copenhagen geschrieben, weil ich besorgen muß, daß man ihn, da sich einmal darauf bezogen worden, auf eben diese unbillige und verstümmelte Art bekannt machen dürfte; ob ich schon Ursache habe zu hoffen, man werde nunmehr, da ich mich darüber erklärt, nicht weiter gegen mich ungerecht seyn, noch durch Ausbreitung dergleichen vertrauter Briefe, mich den Vorwürfen meiner Freunde, bloß stellen.   Leipziger Michaelismarkt, 1 7 6 1.   Gottlieb Wilhelm Rabener.     Vorbericht zur sechsten Auflage. N.   S. Dieser Vorbericht war bereits gedruckt, als ich erfahren mußte, daß man an einem auswärtigen Orte, sich vom neuen Mühe gebe, noch mehrere von meinen vertrauten Briefen auszusuchen, um solche durch den Druck bekannt zu machen. Durch ein so unverantwortliches Beginnen, bin ich aufs empfindlichste gerührt. Ich weiß kein Mittel weiter, diesem vorzubeugen, als daß ich dem Rathe meiner Freunde folge, und selbst eine besondere Sammlung von dergleichen freundschaftlichen Briefen veranstalte. Für diese Absicht verspare ich zugleich diejenigen Briefe, so ich in dem Vorberichte angekündigt habe, und bis dahin bitte ich mir von dem Publico eine billige Nachsicht aus. Ich werde, so bald die Umstände ein wenig ruhiger sind, von meinen entfernten Freunden, diejenigen Briefe beyzuschaffen suchen, von denen ich glaube, daß sie auch für einen fremden Leser nicht ganz gleichgültig seyn können. Sollten aber wider Verhoffen, inzwischen dergleichen Briefe ausgestreuet werden; So erkläre ich solche für untergeschoben, und unrichtig; welches ich desto zuverläßiger behaupten kann, da ich aus der traurigen Erfahrung habe, wie verstümmelt alle diejenigen einzeln Briefe sind, welche bisher unter meinem Namen zum Vorscheine gekommen. Dadurch, daß diese Briefe in eine besondere Sammlung gebracht werden sollen, gewinnen zugleich diejenigen, welche meine Satiren von den ersten Auflagen gekauft haben, weil ihre Exemplare auf solche Art an ihrem ersten Werthe nichts verliehren: Ein Umstand, der so oft vernachläßigt wird, und welcher doch, besonders bey Büchern von einem gewissen Preiße, billiger beobachtet werden sollte. Verzeichniß der Schriften, Briefe und Abhandlungen. I. Vorbericht, von dem Misbrauche der Satire. Erster Theil. II. De Epistolis gratulatoriis ΕΞΩΤΙΚΟΘΑΥΜΑΤΟΥΡΓΗΜΑΤΟΤΑΜΕΙΟΙΣ; oder von der Vortrefflichkeit der Glückwünschungsschreiben nach dem neuesten Geschmacke. III. Antrittsrede in die wünschende Gesellschaft von der wahren Beschaffenheit eines vernünftigen Bürgers. IV. Klage wider die weitläuftige Schreibart. V. Memoires d' Amourette , oder Lobschrift auf Amouretten, ein Schooshündchen. VI. Lobschrift auf die bösen Männer. VII. Trauerrede eines Wittwers auf den Tod seiner Frau, in der Gesellschaft der geplagten Männer gehalten; nebst einer Nachricht von dieser Gesellschaft. VIII. Ein Auszug aus der Chronik des Dörfleins Querlequitsch, an der Elbe gelegen. IX. Ein Schreiben von vernünftiger Erlernung der Sprachen und Wissenschaften auf niedern Schulen. X. Lebenslauf eines Märtyrers der Wahrheit. XI. Sendschreiben von der Zuläßigkeit der Satire. XII. Von Unterweisung der Jugend. XIII. Irus, eine lucianische Erzählung. XIV. Eine Todtenliste von Nicolaus Klimen, Küstern an der Kreuzkirche zu Bergen in Norwegen. XV. Schreiben des Gratulanten an den Autor, nebst den Gedanken des Autors über dieses Schreiben. Zweiter Theil. I. Beweis, daß die Reime in der deutschen Dichtkunst unentbehrlich. II. Ein Traum von den Beschäfftigungen der abgeschiedenen Seelen. III. Woldemars von Tzschaschlau Abhandlung von Buchdruckerstöcken. IV. Hinkmars von Repkow Noten ohne Text. V. Versuch eines deutschen Wörterbuchs. VI. Beytrag zum deutschen Wörterbuche. VII. Geheime Nachricht von D. Jonathan Swifts letztem Willen. VIII. Nachricht von einem Schlüssel zu Swifts Codicille. IX. Rechtliches Informat über die Frage: Ob ein Poet, als Poet, zur Kopfsteuer zu ziehen sey? Dritter Theil. Vorbericht. Schreiben eines von Adel an einen Professor, in welchem einen guten Hofmeister zu wählen gebeten, und gesagt wird, was man von ihm für Fähigkeiten verlange Antwort des Professors, nebst zwo Taxen von einem geschickten und eilf ungeschickten Hofmeistern Empfehlungsschreiben an ein Kammermädchen, wegen der erledigten Hofmeisterstelle Antwort im Kammermädchenstyle Ein kleiner Roman zwischen einer jungen Priesterwittwe und einem Herrn Candidaten. Besteht aus folgenden Briefen: Schreiben der Priesterwittwe an den Candidaten, worinnen ihm ein Wink von dem göttlichen Berufe gegeben wird Einladungsschreiben des Kirchenpatrons an den Candidaten Antwort des Candidaten an den Kirchenpatron Dergleichen an die Priesterwittwe Schreiben der Priesterwittwe an den Kirchenpatron Dessen lehrreiche Antwort an die Wittwe Ein Oberster empfiehlt seinen Feldprediger zu einem Dorfpfarr Bittschreiben des Feldpredigers an den Obersten wegen dieser Sache Ein abgesetzter Schulmeister bittet um einen Schuldienst, und liefert drey Proben von seiner Stärke in Gevatter- und Hochzeitbriefen Chria Aphthoniana , worinnen um eine Rektoratstelle in einem kleinen Städtchen gebeten wird Eine praktische Abhandlung von der Kunst zu bestechen, ingleichen sich bestechen zu lassen. Besteht aus folgenden Briefen: Schreiben, wie ein ungewissenhafter Vormund den Richter nicht bestechen soll Dergleichen, wie ein Rittergutsbesitzer den Commissar nicht bestechen soll Dergleichen, wie ein Kaufmann seinen Richter nicht bestechen soll Eine ungeschickte Art, wie ein Bauer seine gnädige Frau Amtmänninn zu bestechen sucht Schreiben, wie ein ungewissenhafter Vormund es machen soll, wenn er den Richter bestechen will Dergleichen für einen Rittergutsbesitzer an den Commissar Anweisung, wie man einen Richter beym Spiele bestechen kann Formular eines leeren Briefs, allen streitenden Parteyen zur Warnung geschrieben Eines ungerechten Richters unparteyische Antwort darauf Ein Handgrif, wie man einem Richter, den man besticht, die saure Mühe ersparen kann, roth zu werden Des Richters Antwort auf den stummen Brief Gebessertes Formular, wie ein Kaufmann seinen Richter bestechen soll Anleitung, einen Richter mit Holze zu bestechen Ingleichen mit alten Münzen und Gemmis Recept, wie eine schöne Frau den Richter gewinnen soll Des Richters vielbedeutende Antwort darauf Ein Brief, wie man einen Commissar mit der Furcht vor seinen Obern besticht Dergleichen mit der Furcht vor seinem eignen bösen Gewissen Dergleichen mit der Furcht vor Wechselschulden Eine arme gedruckte Wittwe bittet um Gerechtigkeit bey ihrem Richter Des Richters Antwort Vier Formulare von der mittelbaren Bestechung durch die Weiber der Richter, nach ihren verschiednen herrschenden Leidenschaften Schreiben an einen Amtmann, der viel von der Küche, und nichts von der Amtsstube versteht Dergleichen an seine juristische Tochter, so das Directorium Actorum führt Von der Kunst sich bestechen zu lassen, ingleichen von einer ganz neuentdeckten computatione graduum Bittschreiben eines jungen Menschen, der zur Zierde des Vaterlands Rathsherr werden will Empfehlungsschreiben eines Mannes, der aus Bequemlichkeit Rathsherr werden will Schreiben des bequemen Candidaten. Nota. Beyde sind aus dem Alciphron getreulich übersetzt. Charakter eines juristischen Polyphems Vier Briefe, denen zum Besten geschrieben, die Gerichtsbestallungen suchen Ein Brief von der Gefahr, die man läuft, wenn man einen jungen und noch ungeübten Mann zum Richter oder Commissar bekömmt Zwey Formulare für diejenigen, welche in vornehmen Häusern Sekretairen werden wollen, um die Hofluft zu gewohnen Roman einer alten Spröden. Darinnen sind folgende Briefe enthalten: Schreiben der alten Spröden an den Verfasser der satirischen Briefe Der Hofrat N – – wirbt um die Spröde Abschlägige Antwort der Spröden an den Hofrat N – – Ein medicinischer Doctor wirbt um die Spröde Zärtliches Schreiben des Herrn Lieutenants an die Spröde Abschlägige Antwort der Spröden an den Doctor Ein Professor wirbt um die Spröde Abschlägige Antwort der Spröden an den Professor Herzbrechendes Schreiben der Spröden an ihren Lieutenant Des Lieutenants schreckliche Antwort darauf Ein Advocat wirbt um die Spröde Abschlägige Antwort der Spröden darauf Ein Würzkrämer wirbt um die Spröde Abschlägige Antwort der Spröden darauf Die alte Spröde wirbt um ihres Vaters Schreiber Abschlägige Antwort des Schreibers darauf Die alte Spröde wirbt um den Hofrath Abschlägige Antwort des Hofraths darauf Die alte Spröde wirbt um den medicinischen Doctor Abschlägige Antwort des medicinischen Doctors darauf Die alte Spröde wirbt um den Professor Des Professors Frau antwortet der alten Spröden, daß ihr Mann schon eine Frau habe Die alte Spröde wirbt um den Advocaten Abschlägige Antwort des Advocaten in höchster Eil Befehdungsbrief der alten Spröden an den Würzkrämer Dessen Antwort an die alte Spröde mit Protest Antwort des Verfassers der satirischen Schriften an die alte Spröde Extrafavorable Auswürflung der alten Spröden Ein Roman von einer Fräulein, die der Großvater, und der Enkel zugleich liebt. Besteht aus folgenden Briefen: Anwerbungsbrief, und vier Postscripte eines alten Cavaliers an ein junges Fräulein Schreiben des Enkels an seine Tante Trostschreiben der Tante an den eifersüchtigen Enkel Der Enkel seufzt Liebeserklärung des Enkels an das junge Fräulein Die Tante sagt, daß der Enkel thöricht sey Freundschaftliches Schreiben der jungen Fräulein an die Tante Der Tante Antwort darauf Schreiben des Fräuleins an ihren Onkel Antwort des Onkels an das Fräulein Der Enkel verzweifelt vor Liebe, und klagt es seiner Tante –   –   –   und klagt es seiner Fräulein –   –   –   und klagt es ihrem Onkel Der eifersüchtige Enkel bittet seinen Großpapa um Erlaubniß, die Fräulein heirathen zu dürfen Antwort der Tante an den Vetter Dem Vetter wird angst, und er antwortet der Tante Antwort der Tante Antwort des Vetters an die Tante Antwort der Tante Umständlicher Status causä des Großvaters an seine Tochter, daß der Enkel über und über ein Narr sey Schreiben der Fräulein an die Tante Schreiben des Onkels der Fräulein, an den Großvater Schreiben des Großvaters an die Tochter, worinnen er gesteht, daß der Enkel ein so gar grosser Narr doch nicht sey, als er geglaubt hätte Schreiben des Großvaters an den Onkel der Fräulein, welches den Roman auflöst Liebestractaten eines rechtschaffnen, aber eigensinnigen Freyers mit einem Frauenzimmer Das Frauenzimmer fragt ihre Tante um Rath –   –   –   ingleichen ihren Onkel Antwort der Tante Antwort des Frauenzimmers an die Tante Antwort des Onkels an das Frauenzimmer Gutachten einer Freundinn des Frauenzimmers Dergleichen Dergleichen Noch dergleichen von einer andern Art Excitatorium des zärtlichen, und eigensinnigen Liebhabers an das Frauenzimmer Entschluß und Erklärung des Frauenzimmers an den Liebhaber Eigennützige Liebeserklärung eines jungen Menschen an eine alte Frau Zärtlicher Liebesbrief einer alten Frau an einen jungen Menschen Liebeserklärung eines Menschen, der zärtlich liebt, aber nicht vernünftig Antwort und freundschaftlicher Korb Liebesflammen eines Pedanten Ehrendienstwillige Antwort darauf Hanns liebt Grethen Grethe Hannsen Ein Bürger, der reich und vernünftig ist, wirbt um ein Fräulein Ein Fräulein, das arm und vernünftig ist, schlägt es ihm ab Ein strotzender Landjunker will seine Liebe an ein reiches Bürgermädchen verkaufen Ein einfältiges Bürgermädchen nimmt den Vorschlag mit demüthigem Danke an Ein hochmüthiges Bürgermädchen nimmt den Vorschlag mit Verachtung an Ein vernünftiges Bürgermädchen versichert den gnädigen Junker, daß er ein Narr sey Leben und Thaten eines ehrlichen Bankrutirers, worinnen folgende Briefe sind: Der ehrliche Bankrutirer will so gnädig seyn, und tausend Thaler borgen Wird unterthänig abgeschlagen Consilium medicum Recept Schreiben des Bankrutirers an den Advocaten Antwort des Advocaten, sehr praktisch eingerichtet Antwort des ehrlichen Bankrutirers an den boshaften Advocaten Schreiben des verjagten Bankrutirers an seinen Sekretair Ein Mahnbrief auf 2000 Thlr. Freundliche Antwort darauf Mahnbrief auf 600 Thlr. – – für Waaren Trostschreiben darauf Mahnbrief wegen eines Wechselbriefs von 2500 Thlr. – – Für 2500 Thlr. – – Complimente Wehmüthiges Bittschreiben einer verarmten Wittwe, wegen schuldiger 550 Thlr. – – Eine ehrliche Antwort im Ernste Brüderliche Drohung eines Junkers an den ehrlichen Bankrutirer Antwort darauf, ziemlich kurz, aber doch deutlich Trotziger Mahnbrief von Hanns Puff und Compagnie Freundschaftliche Antwort darauf Schreiben des Sekretairs an seinen Principal, den ehrlichen Bankrutirer, worinnen die ganze Verwirrung aufgelöst wird Vorbericht vom Misbrauche der Satire.     Einige Ursachen haben mich veranlaßt, diejenigen satirischen Schriften in zween Theile zusammen zu bringen, welche ich seit einigen Jahren in verschiedenen periodischen Blättern einzeln drucken lassen. Die Gefälligkeit meiner Freunde gab mir Gelegenheit, mich dieses Mittels zu bedienen, um das Urtheil der Welt zu erfahren, und die vernünftigen Kritiken der Kenner mir zu Nutze zu machen. Beydes ist mit gutem Erfolge geschehen. Ich bin so glücklich gewesen, daß die meisten meiner Schriften öffentlichen Beyfall gefunden haben, und die verbindliche Nachsicht, welche man gegen meine Arbeiten gezeigt, hat mich aufgemuntert, gegen mich selbst desto weniger Nachsicht zu brauchen, und nicht allein diejenigen Fehler auszubessern, welche man auf eine sehr bescheidne Art und mit gutem Grunde dabey ausgesetzt; sondern auch denen, so viel möglich, abzuhelfen, welche bey einer strengen Beurtheilung verdient hätten, angemerkt zu werden. Eine gute Aufnahme gegenwärtiger Sammlung wird mir Muth machen, diese Arbeit fortzusetzen, wofern mich nicht mein unruhiges Amt zu sehr zerstreut, oder andre Vorfälle es hindern. Vielleicht giebt es Leser, welche eine Rechtfertigung von mir erwarten, wie ich es habe wagen können, Satiren zu schreiben. Ich bin nicht Willens, eine Schutzschrift für mich aufzusetzen. Vernünftigen Lesern würde ich nichts neues sagen; für unvernünftige aber schreibe ich nicht. Ich weis wohl, wie zweydeutig die Begriffe sind, welche sich viele von der Satire machen. Sie sind gar zu sehr gewohnt, das Pasquill mit der Satire zu verwechseln. Sie haben zwar gelernt, daß ein Pasquill eine Schmähschrift sey, wo man, ohne sich zu nennen, den ehrlichen Namen des andern zu verunglimpfen, und ihm Laster oder Verbrechen anzudichten sucht; Sie wissen auch so viel, daß die Satire nur die Laster der Menschen, und das Lächerliche einer thörichten Aufführung durch Spotten kennbar zu machen sucht, um andern einen Ekel dawider beizubringen, und wo möglich, die Lasterhaften selbst tugendhaft zu machen. Beydes wissen sie, und dennoch seufzen sie über einen Satirenschreiber so sehr, als über einen Pasquillanten. Ich glaube, die Ursachen dieser ungereimten Urtheile liegen an den Schriftstellern so wohl als an den Lesern. Ich will mich bemühen, einige Ursachen aus einander zu setzen, warum viele Leser auf eine so unbillige Art von der Satire urtheilen. Die vorgefaßte Meinung ist wohl eine der wichtigsten. Man hat es uns in unsrer Jugend gesagt, daß die Satire vom Pasquille wenig oder nichts unterschieden sey. Wir würden selbst nachdenken müssen, wenn wir diesen Unterschied finden wollten; vielmals aber können wir nicht selbst denken, und noch öfter sind wir zu bequem dazu. Ohne uns also weiter zu bekümmern, sagen wir in kindlichem Gehorsame nach, was unsre Mutter und Großmutter vor uns gesagt haben; und diese waren doch auch christliche Weiber! Dergleichen Leser sind in der That mehr zu bedauern, als zu bestrafen. Sie können bey ihrer gemächlichen Unempfindlichkeit immer ganz fromme Leute seyn, denn viele Leute sind auch aus Dummheit fromm, und ihre guten Absichten ersetzen das, was ihnen am Verstande fehlt. Diejenigen sind weit weniger zu entschuldigen, welche auf die Bemühungen, die Laster lächerlich und verhaßt zu machen, unerbittlich eifern, und doch unermüdet sind, von ihrem unschuldigen Nachbar alles Böse zu reden, was ihnen der Neid oder andre Leidenschaften eingeben. Vielleicht halten diese es für einen Eingriff in ihr Amt: denn dazu haben sie zu viel Eigenliebe, daß sie ihre Verleumdungen für Bosheit, und die Absichten eines Satirenschreibers für Menschenliebe halten sollten. Gemeiniglich rührt ihre Wut aus der Quelle so vieler Laster, aus der Heucheley, her. Sie fühlen es, daß ihre Aufführung schändlich ist; sie haben sich zu lieb, als daß sie solche ändern sollten; sie glauben, genug gethan zu haben, wenn sie ihr einen guten Anstrich geben. Sie eifern auf die Satiren, um auf die Verleumdung eifern zu können, und unter dieser ehrbaren Maske verfahren sie so lieblos mit ihrem Nächsten, ohne den Vorwurf zu befürchten, daß sie gefährliche Verleumder sind. Denn wie wollte der ein Verleumder seyn, welcher eben um deswillen die Satiren verflucht? Es kann seyn, daß ich diesen niedrigen Geschöpfen zu viel thue. Vielleicht ist die Heucheley nur in ihren jüngern Jahren die Ursache dieser Ausschweifungen; bey zunehmenden Alter erlangen sie durch die unermüdete Uebung, Böses zu reden, eine solche Fertigkeit darinnen, daß sie es wirklich mit Ueberzeugung reden, daß sie glauben, Buße zu predigen, wenn sie lästern, und daß ihnen die Satire im Ernste verdächtig wird, weil sie allein den Beruf haben, Heyden zu bekehren. Bey vielen ist die Begierde, auf die Satire zu schmähen, nichts anders, als die Sprache eines bösen Gewissens. Davon sind sie überzeugt, daß die rühmliche Absicht der Satire nur diese ist, die Laster zu verfolgen. Weil sie aber so gar unempfindlich noch nicht sind, daß sie ihre eignen Laster nicht wahrnehmen sollten; so wird ihnen diese Absicht schrecklich. Jeden Streich, der auf die Laster geschieht, fühlen sie auf ihrem Rücken. Können diese wohl etwas bessers thun, als daß sie diese Satire überhaupt verdächtig machen? Wie viel haben sie zu ihrer eignen Sicherheit gewonnen, wenn sie diese große Absicht erreichen? Nun mag die Satire wider die Laster eifern; sie ist verdächtig. Man fängt an, Mitleid mit den Lastern zu haben, weil man gehört hat, daß die Absichten der Satire boshaft sind, daß man nicht bessern, sondern nur verunglimpfen, daß man nicht die Laster verfolgen, sondern den armen unschuldigen Nebenchristen um seinen guten Namen bringen will. Hinter dieses Vorurtheil verbergen sie sich, und genießen ihre Laster geruhig. Sucht man sie in ihrem Hinterhalte auf, entblößt man ihre Fehler, so schreyen sie über Gewalt, und man bedauert sie, an statt daß man über sie lachen sollte. Mit einem Worte, sie sind wie die muthwilligen Knaben, welche die Ruthe verbrennen, um ungestraft muthwillig seyn zu können. Verschiedene von ihnen sind noch etwas feiner. Sie finden das Lächerliche von ihren Fehlern meiner Satire abgeschildert; sie schweigen hämisch dazu stille, und beseufzen nur das Unrecht, welches andre neben ihnen zugleich leiden müssen. Sie vertheidigen ihre Mitbürger, um unparteyisch zu scheinen, und von diesen wieder vertheidigt zu werden. Können sie gar ihre ungerechte Sache zur Sache des Herrn machen; so haben sie doppelt gewonnen, und für einen lasterhaften Heuchler ist nichts zu ehrwürdig. Ein Mann, welcher die heiligen Lehren seines Amts durch ein unheiliges Leben entkräftet, findet sein Bild. Er erschrickt, und schweigt. Er sucht mit boshafter Mühe eine Stelle, nur einen Ausdruck, welcher durch eine unbillige Auslegung den Verfasser zum Religionsspötter machen kann. Er findet ein Wort, welches in seinem tückischen Munde zur Lästerung wird. Nun ruft er mit freudiger Rache das Wehe! aus, und verdammt den Verfasser. Sein Pöbel, welchen der Schein blendet, hebt Steine auf, und verfolgt im Namen des Herrn denjenigen, welcher nur aus wahrer Hochachtung für die Religion ihren lasterhaften Diener entlarven wollen. In der That sind diese die gefährlichsten Feinde der Satire; aber eben um deswillen verdienen sie kein Mitleid, und die Religion selbst fodert es, daß wir sie, wenn gar keine Besserung zu hoffen ist, ohne Barmherzigkeit vertilgen. Es giebt noch andre Feinde der Satire. Diese sind die traurigen Leser. Sie sind wirklich nicht untugendhaft; Sie hassen die Laster von Herzen; Sie würden es zufrieden seyn, wenn man alle Lasterhafte dem Teufel mit Leib und Seele übergäbe; aber spotten soll man nur nicht über die Laster. Ich weis nicht, wie diesen engbrüstigen Leuten zu helfen ist; vielleicht weis es mein Barbier. Die Eigenliebe der Menschen wird durch nichts so empfindlich gerührt, als wenn man sie lächerlich macht. Sie bleiben gleichgültig, wenn ich ihnen sage, daß ihre Laster abscheulich sind; wenn es hoch kömmt, so werden sie verdrüßlich. Aber alsdann schämen sie sich, wenn ich ihnen ihre Schooßsünden, wenn ich ihnen ihre Fehler, mit denen sie sich brüsten, auf der lächerlichen Seite zeige. Wir können unsern Kindern die äußerlichen Fehler des Uebelstandes nicht leichter abgewöhnen, als wenn wir solche vor ihren Augen nachahmen; sie sehen alsdann, wie häßlich sie lassen, und schämen sich. Wollen wir erwachsenen Personen weniger Einsicht zutrauen? Wenn ich die Absicht habe, zu bessern; so thue ich am vernünftigsten, ich wähle diejenigen Mittel, welche die Erfahrung bewährt gemacht hat. Inzwischen glaube ich, es wird gut seyn, wenn ich mit diesen traurigen Feinden der Satire gemeine Sache mache. Sie sollen mit den Lastern zanken; ich will über die Laster spotten. Vielleicht sind wir glücklicher, wenn wir mit zusammengesetzten Kräften unsre Mitbürger tugendhaft zu machen suchen; sie mit Feuer und Schwerdt, ich aber mit Scherze. Wenn ich sage, daß viele um deswillen Feinde der Satire sind, weil sie nicht wissen, was die Ironie sey, und worinnen deren Stärke und Schönheit bestehe; so sage ich wirklich etwas, welches dem guten Geschmacke meiner Landsleute eben nicht zur Ehre gereicht. Inzwischen ist es doch wahr, und alles, was ich thun kann, ist dieses, daß ich mich in ihren Namen schäme. Spreche ich: »Die wollüstigen Ausschweifungen der Jugend sind die Ursachen einer unglücklichen Ehe, eines schimpflichen Alters, und eines trostlosen Sterbens:« So verstehen sie mich ganz wohl, und werden diesen Gedanken für gar erbaulich halten. Wollte ich aber sagen: »Glückliche Jünglinge, die ihr die kurzen Augenblicke einer sinnlichen Wollust dem ungewissen Vergnügen vorzieht, welches die murrische Tugend dem Alter verspricht; die ihr zu vornehm erzogen seyd, als daß ihr den gemeinen Mann um die altväterische Glückseligkeit einer gesegneten Ehe beneiden solltet! Es kostet euch in eurer Jugend tausend Unruhe, und oft euer ganzes Vermögen, um einem siechen und beschwerlichen Alter mit starken Schritten entgegen zu eilen. Fahrt unermüdet fort! Nur der gesittete Pöbel lebt tugendhaft, um ruhig zu sterben; sterbt ihr, sterbt ihr auch mit Schrecken, so wißt, daß Leute von euerm Stande und Vermögen weit über diesen ängstlichen Gedanken erhaben sind!« Wollte ich dieses sagen; so würde ich in Gefahr seyn, von diesen unwissenden Richtern für einen Verführer der Jugend gehalten zu werden. Was soll man mit diesen Leuten anfangen? Man schicke sie wieder in die Schule! Da mögen sie den Voßius lernen, und sich erklären lassen, was die Figur der Ironie heiße! Nichts ist gemeiner, als die Frage: Wer hat dir aber den Beruf gegeben, Satiren zu schreiben? Das ist leicht zu beantworten. Sagt mir erst: Wer hat euch den Beruf gegeben, mich zu fragen? Uns: Die Begierde, dich von deinem sündlichen Vorhaben abzuziehen; das Verlangen, die Unschuld deinen bittern Spöttereyen zu entreißen! mit einem Worte, die allgemeine Menschenliebe: Ist dieses nicht Beruf genug? Gut! Und eben diese allgemeine Menschenliebe ist auch mein Beruf, Satiren zuschreiben. Die Laster zu schrecken, die lächerlichen Fehler den Menschen verächtlich vorzustellen, vernünftige Bürger zu schaffen, alle Welt mit mir glücklich zu machen; sind euch diese Ursachen nicht wichtig genug? Brauche ich dazu eine schriftliche Vocation? Ich werde mich weiter verantworten, wenn man eben diese Frage an alle diejenigen thut, welche Bücher schreiben. Es kommen also diese feindseligen Urtheile, denen die Satire ausgestellt ist, gemeiniglich von solchen Lesern her, welche sich aus angeerbten Vorurtheilen, aus einer übel verstandnen Frömmigkeit, aus eigner Schmähsucht, aus hämischer Heucheley, aus murrischem Eigensinne, aus Unwissenheit und aus andern Leidenschaften das bittre Vergnügen machen, sich zu Feinden der Satire aufzuwerfen. Ich habe aber oben gesagt, daß die Verfasser eben so wohl, als die Leser, an den übeln Begriffen Ursache sind, welche sich viele von der Satire machen, und ich getraue mir zu behaupten, daß sie die allermeiste Schuld daran haben. Wer den Namen eines Satirenschreibers verdienen will, dessen Herz muß redlich seyn. Er muß die Tugend, die er andre lehrt, für den einzigen Grund des wahren Glücks halten. Das Ehrwürdige der Religion muß seine ganze Seele erfüllen. Nach der Religion muß ihm der Thron des Fürsten, und das Ansehen der Obern das Heiligste seyn. Die Religion und den Fürsten zu beleidigen, ist ihm der schrecklichste Gedanke. Er liebet seinen Mitbürger aufrichtig. Ist dieser lasterhaft; so liebt er den Mitbürger doch, und verabscheut den Lasterhaften. Die Laster wird er tadeln, ohne der öffentlichen Beschimpfung die Person desjenigen auszustellen, welcher lasterhaft ist, und noch tugendhaft werden kann. Er muß eine edle Freude empfinden, wenn er sieht, daß sein Spott dem Vaterlande einen guten Bürger erhält, und einen andern zwingt, daß er aufhöre, lächerlich und lasterhaft zu seyn. Er muß die Welt und das ganze Herz der Menschen, aber vor allen Dingen muß er sich selbst kennen. Er muß liebreich seyn, wenn er bitter ist. Er muß mit einer ernsthaften Vorsicht dasjenige wohl überlegen, was er in einen scherzhaften Vortrag einkleiden will. Mit einem Worte, er muß ein rechtschaffner Mann seyn! Wären alle Satirenschreiber dieses, wie sie es alle seyn sollten; so glaube ich gewiß die meisten ihrer Feinde würden ihre öffentlichen Freunde werden, und diejenigen, welche nicht dazu gemacht sind, vernünftig zu denken, würden sich, wo nicht vor sich selbst, doch wenigstens vor der Welt schämen, länger ihre Feinde zu heißen. Es ist wahr, wir würden, wenn diese strengen Regeln beobachtet werden sollten, ein paar hundert Satirenschreiber weniger haben. Aber, das ist auch in der That alles, was man dem Vaterlande nur wünschen kann. So lange dieser Wunsch unerhört bleibt; so lange haben die Verfasser die meiste Schuld, daß die Satiren so vielen Lesern verdächtig sind. Kein Pasquillant ist zu lasterhaft, er flüchtet sich hinter die Satire. Er schämt sich nicht, dem Unschuldigen Laster anzudichten; aber ein Pasquillant zu heißen, schämt er sich doch. Seine Bosheit ist gefährlicher, als die Tücke des Straßenräubers. Er verdient, wie dieser, die Rache der Gesetze, und er ist unwürdig, daß wir weiter seiner gedenken. Wir sind sehr geneigt, die Fehler an unsern Feinden lächerlich zu machen, und schmeicheln uns, daß wir eine Satire schreiben, wenn wir dieses thun. Ich zweifle daran. Schreiben wir aus redlichen Herzen? Schreiben wir, unsern Feind zu bessern? Hat er die Fehler auch wirklich an sich, die wir lächerlich machen? Drey schwere Fragen! Wie leicht betrügen wir uns selbst, wenn wir dasjenige für einen Trieb der Menschenliebe halten, welches wohl nichts, als eine aufwallende Hitze der Rachbegierde, ist. Wir sind beleidigt; unser Feind soll es empfinden, wie gefährlich es sey, denjenigen zu beleidigen, der seine Fehler einsieht, und Witz genug hat, ihn lächerlich zu machen. Wollen wir ihn bessern? Nein! denn er ist unser Feind, und wir verlören zu viel, wenn derjenige durch seine Besserung sich die Hochachtung der vernünftigen Welt verdiente, welchen wir bey der vernünftigen und unvernünftigen Welt lächerlich machen wollen. Vielmals hat er keinen Fehler weiter, als diesen, daß er unser Feind ist. Schwachheiten machen wir zu Verbrechen, und was wir bey uns Versehen heißen, das stellt uns der Haß an unsern Feinden als die abscheulichsten Laster vor. Wie können wir verlangen, daß dasjenige eine Satire seyn soll, was wir, wenn es wider uns gerichtet wäre, eine rachsüchtige Verleumdung nennen würden? Ich glaube auch, daß es sehr unvorsichtig ist, wider seinen Feind Satiren zu schreiben; gesetzt, daß wir in der That die Absicht hätten, ihn zu bessern, und gesetzt, daß er wirklich lasterhaft wäre. Unser Feind gewinnt zu viel über uns. Er darf nur sagen, daß wir von ihm beleidigt sind, und daß wir als Feinde schreiben; so hat er seine Fehler vertheidigt, und kann ganz ruhig lasterhaft bleiben. Er bringt die Leser auf seine Seite, welche ohnedem geneigt genug sind, an der guten Absicht der Satire zu zweifeln. Wir werden der Welt verdächtig, an statt, daß wir die Fehler unsers Feindes lächerlich machen wollten. Wenn wir bey manchen die Ursachen untersuchen wollten, warum sie mit so vieler Bitterkeit wider die Fehler der Menschen eifern; so würden wir finden, daß es aus Misgunst, und aus ihrem schwarzen Geblüte herkomme. Ein rechtschaffner Satirenschreiber wird sich freuen, wenn es aller Welt wohlgeht; diese aber knirschen über das Glück ihres Mitbürgers. Es wäre zu verwägen, ihm sein Glück vorzuwerfen. Was sollen sie thun? Sie vergiften ihm seine Zufriedenheit; sie machen die Quelle verdächtig, aus der sein Glück entsprungen ist, und werfen ihm vor, daß er sich dessen nicht vernünftig bediene. Dadurch schaffen sie sich ein frommes und weises Ansehen, und wollen uns bereden, daß sie dieses Glücks weit würdiger wären. Unter hundert Satiren, wider die Pracht und Verschwendung der Reichen, kommen gewiß funfzig aus der Feder solcher Verfasser, welche innerlich mit dem Himmel murren, daß sie durch ihre Armuth gehindert werden, auf eine so prächtige und verschwenderische Art, wie jene, lasterhaft zu seyn. Sie sind Bettelmönche, welche Mäßigkeit predigen. In ihren Augen ist ein Richter ohne Unterschied ein ungerechter Mann. Er und sein Vater müssen Wuchrer gewesen seyn; wo kämen sonst die Schätze her? Die Tugend adelt nur, reich macht sie nicht; sagt der Herr Verfasser mit einer bittern Miene, und schielt ganz kleinmüthig auf seinen abgetragnen Rock. Sind dergleichen Scribenten nicht selbst Ursache, daß der Verschwender und der Wuchrer die Satiren verdächtig machen? Es ist ein Unglück für die Satire, wenn sie denen in die Hände geräth, welche witzig genug sind, Lachen zu erregen, aber nur aus Muthwillen spotten. In der That sind sie weder boshaft, noch neidisch; aber sie sind muthwillig. Sie wollen nicht gern allein lachen; die Welt soll mit lachen. Sie spähen die Fehler des andern aus, nicht, ihn zu bessern, sondern ihn lächerlich zu machen. Sie sind froh, daß es Fehler giebt; sonst könnten sie nicht witzig seyn. Wären alle Menschen tugendhaft; wie sehr würden sie sich ärgern! Sie warten nicht, bis ihr reifender Verstand durch die Erfahrung die gründliche Einsicht erhält, welche nöthig ist, das Herz eines Lasterhaften zu durchforschen, um nur diejenigen Fehler zu züchtigen, welche eine Züchtigung verdienen. Nein; so bald sie vernehmlich reden und leserlich schreiben können, so bald reden und schreiben sie Böses. Sie spotten, ehe sie denken lernen, und weil noch immer viel Gutes unter dem Muthwillen eines so lebhaften Jünglings verborgen liegt, welches sich gemeiniglich mit den Jahren durcharbeitet; so wird man finden, daß sie aufhören, zu spotten, so bald sie anfangen, zu denken. Inzwischen muß derjenige von ihnen leiden, welcher es nicht verdient hat. Die Satire wird verhaßt, weil sie ihre Spöttereyen für Satiren ausgeben; und es gehören viele Jahre dazu, ehe sie das Andenken ihres jugendlichen Muthwillens auslöschen; man gebe einmal acht, ob nicht diese eben diejenigen sind, welche in den gelehrten Kriegen das größte Lärmen machen. Die Schreibart, deren man sich bey der Satire bedienet, will mit einer außerordentlichen Vorsicht gewählt seyn, wenn sie nicht anstößig werden und den Leser wider die Satire aufbringen soll. Viele glauben, recht herzhaft zu lehren, wenn sie recht anzüglich schreiben. Sie murren die Fehler der Menschen an, an statt daß sie mit ihnen lachen sollten; aus Liebe zur Wahrheit schimpfen sie. Sie thun sehr unrecht. Kömmt ihre Herzhaftigkeit nicht aus einem bösen, so kömmt sie wenigstens aus einem groben Herzen her: das ist alles, was man zu ihrer Entschuldigung sagen kann; aber wie viele von den Lesern sind geneigt, diese Entschuldigung gelten zu lassen? Und dennoch sind sie allemal weit erträglicher, als der ungezogne Witz derer, welche nicht satirisch seyn können, ohne unflätig zu seyn. Ich kenne Männer, welche sich einbilden, sehr fein zu denken; welche im Stande sind, einen ganzen Abend lang eine Gesellschaft beyderley Geschlechts mit den gröbsten Zweydeutigkeiten zu unterhalten, ohne ein einzigmal roth zu werden. Sie sind gemeiniglich die ersten, die über ihre satirischen Einfälle lachen, und sie zwingen dadurch wenigstens den Wirth, aus Gefälligkeit mit zu lachen. Vernünftige aber werden einen so niederträchtigen Witz verabscheuen. Verhängt es nun der Himmel in seinem Zorne, daß ein dergleichen ungesitteter Mensch gar schreibt, und seine Satiren, wie er es nennt, drucken läßt; was für einen Begriff müssen die Leser von einer Satire bekommen? Hoffen sie etwan zu bessern? Ich glaube nicht, und sie werden es auch nicht gestehen, daß sie für den Pöbel schreiben; ob sie gleich die Sprache des Pöbels reden. Viele gehen in ihrem Eifer, das Lächerliche der Menschen zu zeigen, gar zu weit, und verschonen keinen Stand. Es ist wahr, es giebt in allen Ständen Thoren; aber die Klugheit erfodert, daß man nicht alle tadle, ich werde sonst durch meine Uebereilung mehr schaden, als ich durch meine billigsten Absichten nutzen kann. Der Verwägenheit derer will ich gar nicht gedenken, welche mit ihrem Frevel bis an den Tron des Fürsten dringen, und die Aufführung der Obern verhaßt, oder lächerlich machen wollen. Ist es nicht ein innerlicher Hochmuth, daß sie in ihrem finstern Winkel schärfer zu sehen glauben, als diejenigen, welche den Zusammenhang des Ganzen vor Augen haben; so ist es doch ein übereilter Eifer, der sich mit nichts entschuldigen läßt. Sie haben selbst noch nicht gelernt, gute Unterthanen zu seyn; wie können wir von ihnen erwarten, daß sie uns die Pflichten eines vernünftigen Bürgers lehren sollen? Es giebt andre Stände, welche zwar so heilig nicht sind, daß es ein Verbrechen wäre, das Lächerliche an ihren Fehlern zu entdecken; bey denen aber doch die Billigkeit erfodert, daß man es mit vieler Mäßigung thue. Ich rechne darunter die Lehrer auf Schulen. Die Jugend ist ohnedem geneigt genug, das Fehlerhafte an denenjenigen zu entdecken, deren Ernsthaftigkeit ihren Muthwillen im Zaume halten soll. Wollen wir sie durch bittre Satiren auf ihre Lehrer noch muthwilliger machen? Gesetzt, ein solcher Lehrer hat seine Fehler, welche verdienten, bestraft zu werden! Vielleicht ist er eigennützig, vielleicht pedantisch, vielleicht ein elender Scribent. Es kann seyn. Werfe ich ihm diese Fehler vor, stelle ich ihn dem Gelächter seiner Schüler bloß, gesetzt auch, daß ich es aus redlichem Herzen thäte, um ihn zu bessern; so werde ich allemal mehr schaden, als nutzen. Ich werde ihn vielleicht nicht bessern, und seine Schüler werden glauben, ein Recht bekommen zu haben, demjenigen nicht zu gehorchen, welchen die Welt für lächerlich hält. So oft er sie ihrer Pflichten erinnert, so oft wird ihnen einfallen, daß sie von einem eigennützigen Manne, von einem Pedanten, von einem elenden Scribenten daran erinnert werden. Dieses Andenken macht ihnen die wichtigsten Pflichten verächtlich; und ein Schüler, bey dem dieses Vorurtheil die Oberhand gewinnt, wird selten als ein redlicher Mann sterben. Bin ich nicht Schuld? Einen Pedanten habe ich nicht gebessert; dem Vaterlande aber habe ich an seinen Schülern hundert ungesittete Bürger gezogen. In der That erschrecke ich allemal, wenn ich sehe, daß ein Schulmann unter die Geißel der Satire fällt. Ihn bedaure ich selten; aber die Folgen davon sind mir zu ernsthaft. Und thun dergleichen Lehrer wohl Unrecht, wenn sie der Jugend fürchterliche Begriffe von der Satire beyzubringen suchen? Die Geistlichen haben gemeiniglich das Unglück, daß der Witz satirischer Köpfe auf sie am meisten anprellt. Ich bin sehr unzufrieden damit. Da verschiedne unter ihnen so wenig sorgfältig sind, ihre Fehler zu verbergen; so können sie von uns nicht verlangen, daß wir sie nicht wahrnehmen sollten. Sie sind nicht über die Satire erhaben, das räume ich ihnen nicht ein; viele sind tief unter derselben, wenn man sie nach ihrer unanständigen Aufführung beurtheilen soll, und viele würden gar zu sorglos seyn, wenn ihre ehrwürdige Kleidung sie vor allen Streichen der Satire schützte. Dennoch glaube ich, daß man nicht vorsichtig genug dabey verfahren könne. Es gilt hier beynahe eben das, was ich oben von den Lehrern in Schulen gesagt habe. Die Religion läuft Gefahr, verächtlich zu werden, wenn man die Fehler desjenigen verächtlich macht, welcher gesetzt ist, die Religion zu predigen. Das Volk ist nicht allemal einsehend genug, einen Unterschied zwischen der Person desjenigen, der sie lehrt, und zwischen seinen Lehren selbst zu machen. Wage ich nicht zu viel, wenn ich einen bessern will, und dadurch in Gefahr komme, das Ansehen der ganzen Religion zu schwächen, welche man dem Volke nicht ehrwürdig genug vorstellen kann? Ist ein Geistlicher wirklich lasterhaft; so überlasse man ihn der Obrigkeit, welche aufmerksam genug ist, dem Aergernisse zu steuern, das seine lasterhafte Aufführung in der Kirche veranlassen kann. Hat er lächerliche Fehler, und wir finden schlechterdings nöthig, diese zu züchtigen; so muß unsre Satire so allgemein seyn, daß nur die Fehler lächerlich werden, seine Person aber, so viel es möglich ist, verdeckt und unerkannt bleibt. Sind es Kleinigkeiten, sind es gelehrte Schwachheiten, die ihm anhängen; so habe man Geduld, oder mäßige wenigstens die Bitterkeiten mit aller Vorsicht. Ist er ein Ignorant, und doch exemplarisch, (denn es giebt viel exemplarische Ignoranten); so verehre man ihn wegen seines guten Wandels, und verzeihe ihm seine Unwissenheit. Durch Donatschnitzer kömmt die Kirche nicht in Gefahr, und wir können uns mit der angenehmen Vorstellung beruhigen, daß wir gelehrter sind, als er. Ich habe bey dem Charakter eines Satirenschreibers gefodert, daß das Ehrwürdige der Religion seine ganze Seele erfüllen muß. Ist dieses, so wird er nicht allein in Ansehung der Geistlichen nach denen Regeln, die ich oben gegeben habe, viele Mäßigung brauchen; sondern er wird auch seine größte Aufmerksamkeit darauf gerichtet seyn lassen, daß durch seine Satiren das Ansehen der Religion nicht im geringsten geschwächt werde. Wie kann sich derjenige rühmen, daß seine Absicht sey, die Tugend allgemeiner zu machen, welcher gegen die Religion leichtsinnig ist? Ein solcher Mensch wird lasterhaft, um nicht lächerlich zu seyn. Von denen will ich nicht reden, welche unter dem gemisbrauchten Namen der Satire sich Mühe geben, den ganzen Bau unsers Glaubens zu erschüttern. Ihre unsinnige Wut, so ohnmächtig sie auch ist, verdient das Tollhaus, und keine vernünftigen Vorstellungen. Ich will nur eines Misbrauchs gedenken, welcher, wenn ich freundschaftlich urtheilen soll, mehr Leichtsinn, als Bosheit, verräth. Es giebt gewisse Gebräuche in der Kirche, welche gleichgültig sind, und zur Religion selbst nicht gehören; sie machen den Geistlichen Wohlstand aus. Man hüte sich ja, diese lächerlich zu machen! Ist das Volk abergläubisch, so wird es unsere Schriften verabscheuen; ist es so leichtsinnig wie wir, so wird es bey diesen gleichgültigen Gebräuchen nicht stillestehen, sondern wesentliche Stücke der Religion auch für gleichgültig halten, und endlich über die ganze Religion spotten lernen. Es war in Deutschland eine Zeit, wo die Satire nicht anders, als auf Unkosten der Bibel, witzig seyn konnte. Wenn man recht fein scherzen wollte, so scherzte man aus den Psalmen, und es gab muntre Köpfe, welche, so zu sagen, eine ganze satirische Concordanz in Bereitschaft hatten, um in ihrem Witze unerschöpflich zu seyn. Zur Abwechslung brauchten sie die Gesänge der Kirche, und sie brachten dadurch in einer Minute mehr Narren zum Lachen, als Zuhörer der Geistliche durch Bibel und Gesange in einem ganzen Jahre zum Weinen bewegen konnte. Ich freue mich, daß wir uns von diesem verderbten Geschmacke, das ist der gelindeste Name, den man dieser Thorheit geben kann, wieder erholt haben. Worinnen bestund der Witz? Nicht in dem Gedanken, den man vorbrachte, sondern in der Art, wie er vorgebracht ward. Das kam den Zuhörern lustig vor, daß wir die geschwinde Fertigkeit besaßen, den ernsthaftesten Gedanken der Schrift durch eine poßierliche Verdrehung dermaßen zu verunstalten, daß er so abgeschmackt aussah, wie unser eigner Gedanke. Sie fanden dieses Mittel sehr bequem, spaßhaft zu seyn, ohne daß es nöthig gewesen wäre, Verstand zu haben; sie ahmten es mit Freuden nach; und in kurzer Zeit ward dieser Misbrauch so allgemein, daß niemand witzig war, als so ein bibelfester Lustigmacher. Hatte man vor dergleichen Scherze auch um deswillen keinen Abscheu haben wollen, weil sie wirklich dem ehrwürdigen Ansehen der Religion nachtheilig sind; so hätte man sich wenigstens darum ihrer schämen sollen, weil wir dadurch einen Eingriff in die Rechte des niedrigsten Pöbels thaten. Man gebe nur einmal acht! So bald ein Stallknecht sich fühlt, daß er feiner denkt, als die Viehmagd; so wird er sie mit seinem Spaße aus der Bibel, oder einem geistlichen Liede, überraschen. Das ganze Gesinde schreyt vor Lachen, alle bewundern ihn bis auf den Ochsenjungen, und die arme Viehmagd, welche so witzig nicht ist, steht beschämt da. Der satirische Stallknecht! Man lasse ihm seinen angeerbten Witz! Sind wir eifersüchtig darüber? Darauf bin ich stolz, daß in meinen satirischen Schriften alles mit möglichster Sorgfalt vermieden ist, was einigen Leichtsinn gegen die Religion verrathen, oder als ein Misbrauch der Schrift und Gesänge angesehen werden könnte. Ich habe dieses jederzeit für meine erste Pflicht gehalten; und man wird Stellen finden, wo ich eine wahre Hochachtung gegen die Religion und ihre Diener ernsthaft genug geäussert habe. Desto empfindlicher hat mir es seyn müssen, da ich erfahren, daß man einer von meinen Schriften diesen Vorzug so gar gerichtlich streitig machen wollen. Meine Leser werden mir erlauben, daß ich mich dieser Gelegenheit bediene, etwas zu meiner Vertheidigung anzuführen. Vielleicht lesen sie es mit Vergnügen, denn dergleichen poßierliche Händel kommen nicht alle Jahre vor Gerichte vor. Der Eidschwur ist ohnstreitig eine der wichtigsten Handlungen im gemeinen Leben, wir mögen den Menschen als einen Christen, oder nur als einen Menschen überhaupt, betrachten. Der Misbrauch der Eidschwüre ist mir vor vielen andern Lastern verabscheuungswürdig vorgekommen Den Grund dieses Misbrauchs habe ich nicht allein in dem Herzen des Menschen gesucht, welches immer geneigt ist, sich seiner Pflichten, so viel möglich ist, zu entlästigen; ich habe auch gefunden, daß die Richter selbst, und wohl vielmals ohne ihren Willen, Schuld daran sind. Die Vorsicht, mit welcher man in alten Zeiten sich des Eides bediente, war Ursache, daß er sich in seinem wahren Werthe erhielt. Je behutsamer man war, die Eide zuzulassen, desto mehr Ehrfurcht behielt man für dieselben im Gerichte. Itzt sind unsre Richter weit nachsehender, und ich weis nicht, ist es die Bosheit der Menschen, oder ist es eine andre Ursache, welche das Uebel beynahe unvermeidlich macht, daß man vor den meisten Gerichtsbänken fast mehr von Eiden, als von Sporteln, reden hört. Ich hatte wahrgenommen, daß ein unverschämter Leichtsinn bey Ablegung eines Eides gewisser maassen zu einer Art des Wohlstandes geworden war. Frauenzimmer, welche sich würden geschämt haben, ihrem Bräutigame vor dem Altar anders, als mit einer ehrbaren und gesetzten Mine, die Versicherung ihrer Treue zu geben, hüpften mit dem flatterhaften Leichtsinne einer Coquette vor den Richterstuhl, und schwuren mit lachenden Minen den schrecklichsten Eid. Männer, und Männer, deren Amt vielmals erfodert, daß sie selbst andre vor dem Meineide warnen müssen, verrichteten diese Handlung mit einer so frechen Sorglosigkeit, daß sie um nichts bekümmert zu seyn schienen, als wie sie ihre Füsse wohl stellen, den Hut unterm Arme anständig halten, und den Mantel auf eine galante Art zurückschlagen möchten. Wer sie in dieser Stellung gesehen hatte, der würde darauf nicht gefallen seyn, daß sie hier wären, vor dem Angesichte des obersten Richters sich entweder zu rechtfertigen, oder ewig zu verfluchen; er würde haben glauben müssen, daß sie da stünden, vor der anwesenden Gesellschaft einen Scaramutz zu tanzen. Der niederträchtige Eigennutz ungewissenhafter Advocaten ist an den meisten Meineiden Ursache. Können sie es nur so weit bringen, daß ihr Client zum Schwure kömmt; so haben sie gewonnen. Fühlt ihr Client noch einige Regungen der Menschlichkeit; ist er noch nicht ganz ohne Gewissen: So werden sie, um einige Thaler beym Processe zu erbeuten, alle ihre Beredsamkeit anwenden, ihn entweder eben so verstockt zu machen, als sie sind; oder, weil dieses so leicht nicht möglich ist, ihm wenigstens durch falsche Begriffe vom Eide, und von dessen geheimen Verstande, das Gewissen, wie sie es nennen, zu erleichtern, um ihn zu Ablegung eines ungerechten Eides zu vermögen. Alles dieses hatte ich wahrgenommen, und ich setzte mir vor, meinen Mitbürgern diesen thörichten Leichtsinn lächerlich zu machen; in der Hoffnung, diejenigen, welche keiner ernsthaften Betrachtung fähig sind, würden sich wenigstens um deswillen schämen, weit diese Aufführung unanständig ist. Ich redete davon in der satirischen Sprache der Ironie, und sagte von dem Eidschwure: »In den alten Zeiten kam dieses Wort nicht oft vor, und daher geschah es auch, daß unsre gesitteten Vorfahren, die einfältigen Deutschen, glaubten, ein Eidschwur sey etwas sehr wichtiges. Heut zu Tage hat man dieses schon besser eingesehen, und je häufiger dieses Wort, so wohl vor Gerichte, als im gemeinen Leben, vorkömmt, desto weniger will es sagen. Einen Eid ablegen , ist bey Leuten, die etwas weiter denken, als der gemeine Pöbel, gemeiniglich nichts anders, als eine gewisse Ceremonie, da man aufrechts steht, die Finger in die Höhe reckt, den Hut unter dem Arme hält, und etwas verspricht, oder betheuert, das man nicht länger hält, bis man den Hut wieder aufsetzt; mit einem Worte, es ist ein Compliment, das man Gott macht. Ein Compliment aber gehört unter die nichts bedeutende Worte. Etwas eidlich versichern , heißt an vielen Orten so viel, als eine Lügen recht wahrscheinlich machen. Van Höken in seinem allezeit fertigen Juristen nennt den Eid herbam betonicam , und versichert, einem den Eid deferiren , sey nichts anders, als seinem klagenden Clienten die Sache muthwillig verspielen, und die Formel, sich mit einem Eide reinigen , heisse so viel, als den Proceß gewinnen, denn zu einem Reinigungseide gehöre weiter nichts, als drey gesunde Finger, und ein Mann ohne Gewissen. Jene hätten fast alle Menschen, und dieses die wenigsten. Und wenn auch ja jemand die Vorurtheile der Jugend an sich, und ein so genanntes Gewissen hätte; so würde es doch nirgends an solchen Advocaten fehlen, welche ihn eines bessern belehrten, und für ein billiges Geld aus seinem Irrthume helfen könnten. Gott straf mich! oder: Der Teufel zerreisse mich! ist bei Matrosen und Musketirern eine Art eines galanten Scherzes, und in Pommern lernte ich einen jungen Officier kennen, der schwur auch so; doch schwur er niemals geringer, als bey tausend Teufeln , weil er von altem Adel war. Ich will nicht zu Gott kommen; Ich bin des Teufels mit Leib und Seele , ist das gewöhnliche Sprüchwort eines gewissen Narrens, welcher gar zu gern aussehn möchte, wie ein Freygeist. Er würde es in der That sehr übel nehmen, wenn man ihn mit andern kleinen Geistern vermengen, und von ihm sagen wollte, daß er einen Himmel oder eine Hölle glaubte, und dennoch schwört er alle Augenblicke, mit der witzigsten Miene von der Welt, bey Gott und allen Teufeln. Mir kömmt dieses eben so kräftig vor, als wenn unser Münzjude Jesus, Maria! rufen wollte. Seinen Eid brechen , will nicht viel sagen, und wird diese Redensart nicht sehr gebraucht. Auf der Kanzel hört man sie noch manchmal; aber daher kömmt es, daß sie so geschwind vergessen wird, als die Predigt selbst. In der That bedeutet es auch nicht mehr, als die Ehe brechen , und um deswillen ist ein Ehebrecher und ein Meineidiger an verschiedenen Orten, besonders in großen Städten, so viel als ein Mann, der zu leben weis. Diese Bedeutung fängt auch schon an, in kleinen Orten bekannt zu werden, denn unsre Deutschen werden alle Tage witziger, und in kurzem werden wir es den Franzosen beynahe gleich thun.« Ich würde meine Leser beleidigen, wenn ich ihnen nicht zutrauen wollte, sie könnten, ohne mein Erinnern, einsehen, daß dieses in der lachenden Sprache der Ironie eben dasjenige gesagt sey, was ich oben von dem Misbrauche des Eides, von dem strafbaren Leichtsinne der Schwörenden, und von der Bosheit dererjenigen ernsthaft geschrieben habe, welche ihre Clienten zu einem falschen Eide bereden. Ich ließ diese Stelle, nebst andern, in eben diesem ironischen Charakter, unter dem Titel: Versuch eines deutschen Wörterbuchs Siehe diese Sammlung satirischer Schriften, den 2. Theil . , in die Monatschrift der neuen Beyträge zum Vergnügen des Verstandes und Witzes, einrücken, und ich war so glücklich, daß dieser Aufsatz bey vernünftigen Lesern Beyfall fand. Ich weis aber nicht, durch welchen unglücklichen Zufall diese Monatschrift den Bauern eines Dorfs im Voigtlande in die Hände gespielt wird. Sie finden in dem Artikel von Complimenten , in dem von Eidschwüren , und sonst einige Stellen, die ihnen auch als Bauern gefallen. Der Geistliche des Orts hört etwas davon, und weil er nichts als einzelne Stellen hört, so ist es ihm zu gute zu halten, daß er solche, außer ihrem Zusammenhange, für verdächtig hält. Auch dieses will ich bey ihm noch entschuldigen, daß er auf der Kanzel so wohl, als bey dem Kindtaufessen, ängstlich wider diese Schrift eifert; wider diese gefährliche böse Schrift, die er noch nicht gesehen hat. Kurz, er macht Lärmen, und der Gerichtsverwalter tritt ins Gewehr. Nun hebt sich das Schreiben an! Richter und Schöppen, Müller, Bauern und Einnehmer werden vorgefodert; man will das böse Buch heraus haben, es kömmt endlich, und man behälts im Arreste! Hätte man es hierbey bewenden lassen; so würde man an diesem Verfahren nichts weiter auszusetzen finden, als allenfalls eine zu hitzig geäusserte Vorsicht. Ich bin wenig damit zufrieden, daß dieses Buch den Bauern in die Hände gebracht worden. Es kann leicht geschehen, daß Leute von schwacher Einsicht eine Schreibart nicht verstehen, die ihr eigner Gerichtsverwalter nicht versteht, der doch lateinische Bücher hat. Das gemeine Volk misbraucht gar leicht etwas, wovon es die ernsthafte Absicht nicht übersieht, und eine Obrigkeit kann in der That nicht vorsichtig genug seyn, dergleichen Leuten alles wegzuräumen, was ihre Unwissenheit misbrauchen kann. Anfänglich glaubte ich auch, die Bauern hätten einen oder den andern Ausdruck unvorsichtig gemisbraucht, und über die Eide leichtsinnig gescherzt. Wäre dieses gewesen; so würden sie diejenige Strafe verdient haben, welche ein solcher leichtsinniger Misbrauch nach sich zieht; aber nein! Davon findet sich in den Acten nicht die mindeste Spur. Sie haben darinnen gelesen, sie haben mit Vergnügen darinnen gelesen, und das ist ein Verbrechen! Man treibt die Untersuchung weiter; man will alle wissen, die in diesem Buche gelesen haben. Es werden Zeugen vernommen, und das Ansehen der Eide zu vertheidigen, werden vergebne Eide geschworen, weil man alle diejenigen entdecken will, welche sich den Satan haben blenden lassen, das Buch zu lesen. Hätte man wohl eine grimmigere Untersuchung wider Faustens Höllenzwang anstellen können? Also gieng die Verfolgung bloß über die arme Schrift, welche mit öffentlicher Censur gedruckt, und im ganzen Lande orthodox war, nur in diesem Winkel von Sachsen nicht. Die Acten sind voll von beleidigenden Ausdrücken, von solchen Ausdrücken, welche einem Richter unanständig sind, und welche die Gesetze, als Beschimpfungen, gestraft wissen wollen. Man nennet meine Schrift: Verwegenste Sätze von Geringschätzung der Eidschwüre; gottlose, gewissenlose Lehren; ein ärgerliches Wesen; verdächtige und spöttische Ausdrückungen von Eidschwüren; ausgestreute Lehren vom Misbrauche des Meineids; öffentliches Aergerniß; Verführung unschuldiger Herzen; skoptische Sätze; Sätze, welche zu nichts geschickter sind, als ein zügelloses Leben zu aller heimlichen Bosheit zu befördern , und so weiter. Und wo kömmt denn Ihnen alle diese Weisheit her, mein Herr, daß Sie in einem Buche so viel giftiges finden, welches vor Ihnen niemand gefunden hat, und nach Ihnen niemand finden wird. Kann denn ich was dafür, daß ihre Bauern ein Buch gelesen haben, das weder für ihre Bauern, noch für Sie geschrieben ist? Muß man denn so ungezogen seyn, wenn man für die Ehre der Religion zu eifern glaubt? Und kann man sein Amt nicht verwalten, ohne grob zu werden? Wie sollte der Herr Gerichtsverwalter gesprudelt haben, wenn er in den Zeiten geboren wäre, wo die Hexenprocesse noch Mode waren! Es ist ein Glück für mich, daß wir in Sachsen kein Auto da Fe haben! Ich sehe im Geiste, wie er aus heiliger Einfalt ein Bündel Holz zu meinem Scheiterhaufen trägt. In der That bin ich überzeugt, daß dieses ganze Verfahren mehr Eifer, als Ueberlegung, zum Grunde hat. Ausserdem würde ich mich empfindlich rächen. Da ich Gelegenheit gehabt habe, mich zu verantworten; so bin ich geneigt, ihm ein Vergehen zu verzeihen, dessen er sich, wie ich aus christlicher Liebe hoffe, mit der Zeit schämen wird. Ich wünsche ihm mehr Gutes, als er von mir Böses gesagt hat. Ich will ihm, so viel ich kann, alle Wohlthaten vom Himmel erbitten, et magnum Dei beneficium est, sensu communi valere, sagt Cominäus! Ehe ich schließe, muß ich noch eines Fehlers gedenken, welcher sich bey der Satire sehr oft äußert, und an dem die Verfasser so wohl, als die Leser, Schuld sind. Manche sind nicht im Stande, Satiren und lebhaft zu schreiben, wenn sie nicht einen aus dem Volke herausheben, und seine Laster oder lächerliche Gewohnheiten der Welt zur Schau stellen. Sie verfolgen und zerarbeiten ihn solange, bis er der ganzen Welt verhaßt oder lächerlich ist. Ich setze voraus, daß sie dieses in der That aus Liebe zur Tugend, und andre vor seinen Fehlern zu warnen, nicht aber aus Feindschaft und Verbitterung, nur um sich zu rächen, thun; denn alsdann verdienen sie den Namen eines Satirenschreibers nicht einmal. Gesetzt aber auch, ihre Absicht wäre billig; so glaube ich doch, daß diese verzweifelte Cur nicht eher zu brauchen ist, bis das Laster gar zu gefährlich ist, und zur Besserung sonst keine Mittel mehr übrig sind. Derjenige, welchen wir auf diese Art dem Hasse, oder dem Gelächter Preis geben, ist nunmehr ganz außer dem Stande, sich zu bessern; so wohl, als ein Missethäter, den man an der Stirne gebrandmarkt hat. Die öffentliche Schande muß ihn zur Verzweiflung bringen, und er wird öffentlich lasterhaft, da er es vorher vielleicht nur heimlich war. Ich glaube aber auch, daß wir selbst bey dieser persönlichen Satire , dieses ist ihr eigentlicher Name, Gefahr laufen, parteyisch zu werden. Aus allgemeiner Menschenliebe fangen wir an, seine Fehler zu tadeln, und aus Eigenliebe fahren wir fort, ihn ohne Barmherzigkeit niederzureißen, so bald er Muth genug hat, sich zur Wehr zu stellen. Ich will diesen Satz mit nichts beweisen, als mit unsern gelehrten Streitigkeiten. Ich glaube, dieser Beweis geht über alle. Außer der Gefahr, in welche sich auf diese Art ein Satirenschreiber begiebt, sich aus seinen Schranken zu verirren, wird er selbst sehr viel dabey verlieren. Ich habe das Herz nicht, einen Verfasser zu fragen, ob er nicht für die Nachwelt schreibe? wenigstens würde ich sehr betreten seyn, wenn man mich auf mein Gewissen darüber fragen wollte. Wir wollen es also nur aufrichtig gestehen; wir schreiben auch für die Nachwelt. Können wir wohl hoffen, daß wir durch die persönliche Satire diesen großen Zweck erlangen? Ich glaube es nicht. Unsre Satire wird nur denen gefallen, welche den lächerlichen Menschen kennen, den wir züchtigen. Wollen wir diesen Thoren mit verewigen? Wird die Nachwelt, die von ihm nichts mehr weis, als was wir von ihm gesagt haben, mit eben dem Vergnügen unsre Schrift lesen, wie es allenfalls die jetzt lebenden thun? Hundert kleine Umstände, die uns lächerlich sind, fallen sodann weg, und werden den Nachkommen gleichgültig. Wie viel vermissen wir, eben um deswillen, an den Satiren des Juvenals? Boileau , dessen Witz vielleicht bitterer, als aufrichtig, war, hat einen großen Theil der Unsterblichkeit seinen Scholiasten zu danken. Viele Schriften vom Swift kommen uns abgeschmackt vor, weil wir in Deutschland die Originale nicht kennen, und die Gelegenheiten nicht mehr wissen, welche seine persönlichen Satiren veranlaßt haben. Thun wir uns also durch dergleichen persönliche Satiren nicht selbst Schaden? Wie unendlich sind die Vorzüge, welche die allgemeine Satire vor der persönlichen hat! Dadurch, daß ich Laster oder Fehler, welche vielen zugleich gemein sind, zum Gegenstande meiner Satire wähle, vermeide ich bey billigen Lesern den Vorwurf, daß ich aus Privatleidenschaften, aus persönlichem Hasse, aus Begierde, mich zu rächen, schreibe. Gewinnt ein Autor so viel, erlangt er das Zutrauen der Leser, daß seine Absichten tugendhaft, billig und uneigennützig sind; so hat er schon halb gewonnen. Er kann gewiß hoffen, daß seine Satiren bessern werden, und da er den Beyfall der vernünftigen Welt auf seiner Seite hat, so muß der Lasterhafte sich schämen, ihn anzufeinden. Ich lasse ihm Platz sich zu bessern, da ich seine Person geschont habe. Noch ist er unerkannt; noch weis niemand, daß er dieser Lasterhafte ist; nur ich weis es, und sein Gewissen. Er hat noch Zeit, tugendhaft zu werden; und die Welt soll es nicht erfahren, daß er lasterhaft gewesen ist. Es kann nicht fehlen; eine allgemeine Satire muß eine allgemeine Besserung wirken. Die Thorheit, die in Leipzig lächerlich ist, eben diese Thorheit ist in Lissabon und in Moskau lächerlich. Die Narren sehen, wie die Menschen, alle einander ähnlich; nur einige Züge verändert das Clima. Kann meine Eigenliebe etwas mehr verlangen, als die schmeichelhafte Vorstellung, daß, wenn ich die satirische Geissel wider die Ungereimtheiten meines Nachbars aufhebe, sich alle Thoren eines ganzen Landes bücken, aus Furcht, daß der Streich ihnen gilt? Wird aber dieses geschehen, wenn ich ihnen sage, daß ich meinen Nachbar meine? Eine allgemeine Satire bleibt der Nachwelt immer neu. Eben die Thoren, die uns lächerlich sind, sind auch die Thoren ihrer Zeit. Schildre ich das Laster allgemein; so liest der Enkel den Charakter eines Lasterhaften, er vergißt, daß dieser schon vor hundert Jahren gestorben ist, und sucht ihn in seiner Stadt. Ich habe mich vor persönlichen Satiren in meinen Schriften mit allem Fleisse gehütet. Die Charaktere meiner Thoren sind allgemein; nicht ein einziger ist darunter, auf welchen nicht zehen Narren zugleich billig Anspruch machen können. Zeichne ich das Bild eines Hochmüthigen, so nehme ich die unverschämte Stirne von Baven, die stolzen Augenbraunen von Mäven, die vornehm-dummen Blicke von Gargil, die aufgeblasnen Backen vom Crispin, die trotzige Unterkehle vom Kleanth, den aufgeblähten Bauch von Adrasten, den gebieterischen Gang von Neran; und aus diesen sieben schaffe ich einen hochmüthigen Narren, der heißt Suffen. Können Bav und Mäv, können die übrigen sagen, daß ich sie gezeichnet habe? Suffen wird noch leben, wenn sie alle todt sind, und ein jeder von ihnen wird wohl thun, wenn er sich denjenigen Fehler abgewöhnt, welchen er in dieser Copie lächerlich findet. Habe ich mir auch eine einzelne Person zum Originale vorgenommen; so bin ich doch sorgfältig bemüht gewesen, so lange an ihm zu arbeiten, bis das Original durch viele fremde Züge unkenntlich, und zu einem neuen Originale geworden ist. Ich bin diese Vorsicht meiner Pflicht und der allgemeinen Menschenliebe schuldig gewesen. Desto weniger aber können es diejenigen neugierigen Leser verantworten, welche so vorwitzig sind, und zu diesen allgemeinen Charakteren dennoch gewisse Personen aussuchen, welche darunter gemeint seyn sollen. Es ist dieses ein sehr gewöhnlicher Fehler der Menschen. Darf ich es wohl sagen, woher er rührt? Wir haben die ungerechten Begriffe von der Satire, daß sie nicht so wohl auf die Fehler der Menschen, als auf die Personen, gehen soll. Wir suchen daher Personen, so bald wir eine Satire in die Hände bekommen. Es ist eine gewisse Bosheit in uns, die uns in einer beständigen Beschäfftigung erhält, die Fehler andrer auszuspähen. Wir freuen uns, wenn andre lächerlich gemacht werden: denn wir sind sehr geneigt, mehr über die Fehler andrer zu lachen, als über ihre Tugend uns zu freuen. Mitten unter diesen Entdeckungen sind wir ruhig, daß nicht wir, wir tugendhaften Leute, sondern unser närrischer Nachbar gemeint ist. Könnten wir wohl so ruhig seyn, wenn wir nicht zu viel thörichte Eigenliebe besässen? Vielleicht glaubt unser Nachbar, die Satire gehe auf uns, und wir lachen wohl zu gleicher Zeit beyde über einander. Verdient nicht unser boshafter Vorwitz die schärfste Satire? Durch unsre Auslegungen wird dasjenige eine persönliche Beleidigung, was der Verfasser in der billigen Absicht geschrieben hat, keinen zu beleidigen, sondern alle zu bessern. Es ist wahr; für den Verfasser ist es sehr vortheilhaft, wenn man an zehen Orten zugleich den Thoren findet, den er auf seiner Stube geschildert hat! Man gesteht dadurch, daß seine Charaktere sehr allgemein, und die Thorheiten nach dem Leben gezeichnet sind. Aber diese Schmeicheley muß ihm so schätzbar nicht seyn, als der Ruhm, daß er nur die Fehler der Menschen verfolgt, die Menschen aber als ein vernünftiger Mitbürger liebt. Jener Beyfall kützelt nur seinen Witz; dieser aber macht, daß er ein Recht erhält, auf sein redliches Herz stolz zu seyn. Da meine satirischen Schriften das Schicksal gehabt, daß andre den Schlüssel darzu gesucht, und sie auf so vielerley Art ausgelegt haben; so nahm ich schon vor einigen Jahren Gelegenheit, die Unbilligkeit dieses Verfahrens lächerlich zu machen, und mich durch einen meiner Freunde rechtfertigen zu lassen. Der Verfasser eines Wochenblatts, so der Jüngling Siehe den Jüngling 1 Band, das 17 und 21 Stück. heißt, hat die Mühe auf sich genommen. Ich brauche zu meiner Vertheidigung weiter nichts zu thun, als daß ich es hier wiederhole. * * * Ich bin so glücklich mit meinen Blättern, daß sie Lesern in die Hände gekommen, welche eine so durchdringende Einsicht und Scharfsinnigkeit besitzen, daß sie sogleich die Originale zu den abgebildeten Charakteren wissen. Diese Scharfsinnigkeit macht so wohl denen, welche sie anwenden, als mir, viel Vergnügen. Ich sehe daraus, daß die Welt dergleichen Charaktere als Aufgaben ansieht, deren Auflösung in ihrer Gewalt ist. Ich habe vor andern Schriftstellern meiner Art den Vorzug, daß die Welt keinen Schlüssel zu meinen Arbeiten haben will. Was die lächerlichen Charaktere anbelangt, die ich abgebildet habe; so ist es mir gleichgültig, ob die Leser die Originale dazu kennen, oder nicht, wenn ich sie nur nicht kenne. Ich denke, daß sich allezeit ein Original zu dem Abgeschmackten finden wird, den man beschreibt; es fehlt ja in der Welt an solchen Leuten nicht. Man mag sich also immerhin in die Ohren sagen: Ja, ja, das ist das Frauenzimmer; es ist nach dem Leben getroffen; es ist, als wenn ich diesen Edelmann oder Bürger mit Augen vor mir sähe; wenn man Recht hat, so erfreut es mich, daß ich die Natur so glücklich treffe, und ich bedaure den, der das Original zu meiner Copie wird. Was die löblichen Charaktere betrifft; so versichre ich aufrichtig, daß ich alle diejenigen meine, welche die abgebildeten guten Eigenschaften besitzen. Ich bedaure weiter nichts, als daß sich meine Leser zuweilen nicht eher, als andre, nennen. Unterdessen will ich der Welt dieses Vergnügen gönnen, und ihnen daher heute einige Charaktere vorlegen, von denen ich gewiß bekräftigen kann, daß ich sie nicht erdichtet habe. Die abgebildeten Personen sind nach dem Leben gezeichnet. Ich will mich auch mit denen in einen vertrauten Briefwechsel einlassen, welche diese Personen kennen, damit sie zu einer ganz unstreitigen Gewißheit in ihren Auflösungen gelangen können. Fa** ist schön; das wissen wir alle. Sie ist noch ein unschuldiges Frauenzimmer. Ja, ja! Sie ist reich; das läugnet niemand. Allein die gute Fa** lobt, aus grosser Begierde, gelobt zu werden, sich selbst allzusehr. Der Schade, den sie davon hat, ist sehr groß. Nunmehr will es niemand mehr glauben, daß sie schön, daß sie reich, daß sie ein unschuldiges Frauenzimmer ist. Ich bedaure den armen Dichter: Alle Welt vermeidet seine Gegenwart; wo er hinkömmt, läuft man vor ihm. Er kann das nicht begreifen? Ich will es ihm sagen. Er ist gar zu poetisch. Ein großer Fehler! Man flieht ihn, wie die Pest. Es ist auch in der That keinem ehrlichen Manne zuzumuthen, daß er so viel ausstehen soll, als man bey dem Herrn C*** auszustehen hat. Wenn ich stehe, so liest er mir seine Gedichte vor; setze ich mich nieder, so liest er sie mir auch vor. Ich fange an zu laufen; er läuft nach, und liest mir immer hinten drein; bis auf den Abtritt verfolgt er mich mit seinen geistreichen Werken. Vielleicht bin ich in der Allee vor ihm sicher? Es hilft nichts; er liest immer vor. Ich eile auf die Reitbahn. Umsonst, er läßt mich nicht einmal auf das Pferd. Mich hungert; ich muß zu Tische; er hält mich immer noch auf. Ich reiße mich los, und setze mich nieder; auch vom Tische jagt er mich weg. Ich werfe mich aufs Bette, und schlafe ein. Er weckt mich auf, und liest mir seine Verse vor. Ist wohl etwas unerträglichers zu denken? Er ist ein billiger, rechtschaffner und braver Mann; ich gebe es zu; allein es hilft ihm alles nichts. Es scheut sich alle Welt vor seinen Versen. Cliton hat in seinem ganzen Leben nicht mehr als zwo Verrichtungen gehabt, zu Mittage und zu Abend zu essen. Es scheint, daß er nur zur Verdauung geboren worden sey. Er spricht auch nur von Dingen, die dahin gehören. Er erzählt, wie viele Gerichte bey dem letzten Schmause aufgetragen, was für Essen, wie viel Essen, was für Braten und Beygerichte aufgesetzt worden sind. Er besinnt sich ganz genau darauf, was man für Gerichte bey dem ersten Aufsatze gebracht hat, und eben so gewiß besinnt er sich auf die Früchte, und Assietten. Er nennt alle Weine und gebrannte Wasser her, von denen er getrunken hat. Er versteht die Sprache der Küche vollkommen, und er macht mir Appetit, an einem guten Tische zu speisen, wo er nicht ist. Er ist ein ausserordentlicher Mann in seiner Art, der die Kunst, sich gut zu mästen, zur grösten Vollkommenheit gebracht hat. Er ist auch der Kenner guter Bissen; es wird kein Mensch wieder geboren werden, der so viel, und so gut ißt. Man darf auch selten dasjenige loben, was ihm misfällt. Er hat sich bis auf seinen letzten Hauch zu Tische tragen lassen; er gab eben an dem Tage, da er starb, einen Schmaus. Er mag seyn, wo er will, so wird er essen; und wenn er in die Welt zurückkehrt, so kömmt er zum Essen wieder. Ka** befindet sich wohl auf, und sieht doch blaß. Er trinkt nicht viel, und sieht doch blaß. Er verdaut gut, und sieht doch blaß. Er hat eine junge artige Haushälterinn, und sieht doch blaß. Wo muß das herkommen? Georg**an ist ungemein freygebig gegen abgelebte Greise und verschwendet seine Geschenke an alte reiche Wittwen. Verlangt Georg**an vielleicht, daß ich glauben soll, er thue solches aus Großmuth? Der Niederträchtige! Seine Geschenke sind Netze und Fallstricke, die er ihren Erbschaften legt. Will er seine Großmuth bezeigen; will er ohne Eigennutz schenken, so beschenke er mich; denn ich bin jung und munter, und sterbe ohne Testament. Unser Wuchrer F** ist ein schlauer Kopf! Er hat eine Frau, die so reizend aussieht, daß ihn niemand zum Hahnrey gemacht haben würde, wenn er auch Geld dazu gegeben hätte. Der Zutritt war allen unverwehrt, und dennoch fand sich kein Mensch, welcher sich selbst so sehr verläugnen können, daß er auf diesen Einfall gekommen wäre. Was hat F** zu thun? Er wird eifersüchtig; er bewacht sie, und läßt sie von andern bewachen. Welcher Lärm! Es wimmelt unter seinen Fenstern von jungen Stutzern, die sich fast zu Krüpeln seufzen, und den halben Wechsel daran wenden, wenn sie nur eine einzige Nacht Herr F** seyn können. Herr F** hat seine Sachen vortrefflich gemacht. Die Madame *** ist vorzeiten verbuhlt und fast ein wenig allzu galant gewesen. Man hat von ihr gesprochen, und dieses hat sie bewogen, sich den allzu lärmenden Ergetzlichkeiten der Welt zu entziehen. Sie ist eben noch so empfindlich, aber vorsichtiger. Sie hat eingesehen, daß Frauenzimmer ihre Ehre nicht sowohl durch ihre Schwachheiten, als durch ihre geringe Mäßigung in denselben, beleidigen, und daß die Entzückungen der Liebhaber immer sehr wirklich und angenehm sind, wenn sie gleich verschwiegen werden. Sie ist schön; aber ihre Schönheit ist majestätisch, die sich leicht Ehrerbietung zuwege bringen würde, wenn sie gleich kein ernsthaftes Wesen annähme. Sie kleidet sich nicht verbuhlt, aber doch nicht ohne Schmuck. Wenn sie sagt, daß sie nicht zu gefallen suche; so setzt sie sich allezeit in den Stand, zu rühren, und ersetzt dadurch die Reizungen sorgfältig, die ihr ihre vierzig Jahre genommen haben. Sie hat wenig Reizungen verloren, und wenn man die frische Farbe ausnimmt, die mit der ersten Jugend verschwindet, und welche die Frauenzimmer oft noch vor der Zeit verderben, indem sie dieselbe blendend zu machen suchen; so darf die Madame *** nichts bedauern, weil sie nichts verloren hat. Sie ist groß und wohlgebildet; sie hat eine angenommene Nachläßigkeit; ihre Gesichtsbildung und ihre Augen sind gezwungen ernsthaft. Wenn sie aber nicht darauf denkt, Achtung auf sich zu geben; so verrathen die Augen ein lustiges Wesen und Zärtlichkeit. Ihr Verstand ist lebhaft, ohne unbesonnen zu seyn, vorsichtig, und ein wenig zur Verstellung geneigt. Ob sie gleich ein sprödes Ansehen hat; so ist sie doch angenehm in Gesellschaften. Ihre Grundsätze verlangen nicht, daß ein Frauenzimmer keine Schwachheiten begehen müsse; sie verlangen nur, daß allein der Geschmack die Schwachheiten der Vergebung werth machen soll. Herr G** hat sich einen ganz neuen Weg zu seinem Glücke gebahnt. Es giebt eine gewisse Art von Leuten, welche gern die Vornehmsten vor andern seyn wollen, und es nicht sind; diesen hängt er an. Er läßt sich zwar von ihnen nicht zum Narren gebrauchen; aber er lacht sie selbst freywillig an, und bewundert ihre großen Geister. Was sie sagen, lobt er: wenn sie es wieder läugnen; so lobt er dieses auch. Verneinen sie etwas; so verneint ers mit. Bejahen sie etwas; so sagt er auch Ja. Kurz, er hat sich das Gebot auferlegt, allen zu schmeicheln; denn das ist itzt das einträglichste Gewerbe. Er macht aus Narren Unsinnige. Wo er hinkömmt, läuft ihm alles entgegen, Köche, Weinschenken, Gastwirthe und Zuckerbecker. Sie grüßen ihn; sie stellen ihm zu Ehren eine Gasterey an, und wünschen ihm zu seiner Ankunft Glück. Man sehe, was der Müßiggang und fremdes Brodt thun kann. Hat Herr G** nicht einen ganz neuen Weg zu seinem Glück gefunden? Die Mademoiselle *** ziehet einen Handschuh ab, uns eine schöne Hand zu zeigen, und sie vergißt es nicht, einen ganz kleinen Schuh zu entdecken, der einen kleinen Fuß voraus setzt. Sie lacht über lustige oder ernsthafte Dinge, um schöne Zähne zu verrathen; wenn sie ihr Ohr sehen läßt, so bedeutet solches das, daß es schön ist; und wenn sie niemals tanzt, so kommt es daher, daß sie, mit ihrer Gestalt wegen ihrer Dicke unzufrieden zu seyn, Ursache hat. Sie kennt alle ihre Vortheile, einen einzigen ausgenommen; die Mademoiselle *** redet beständig, und hat keinen Verstand. Was? Der Madame *** sollte ein einziger Mann genug seyn? Gewiß? nur ein Mann ist für die Madame *** zu wenig. Man wird sie eher dazu nöthigen, daß sie sich an einem Auge begnügen lasse. Der Herr Professor mag sprechen, oder Reden halten, oder schreiben; so will er citiren. Er läßt von dem Fürsten der Philosophen sagen, daß der Wein trunken macht, und von dem größten Redner der Römer, daß das Wasser denselben mildere. Wenn er sich in die Moral einläßt; so ists nicht er, sondern der göttliche Plato, welcher versichert, daß die Tugend liebenswürdig ist, und das Laster gehaßt zu werden verdient, oder daß aus dem einen sowohl, als aus dem andern, Fertigkeiten entstehen. Die gemeinsten und alltäglichsten Gedanken, und so gar diejenigen, die er selbst noch denken kann, will er den Alten, den Lateinern und Griechen schuldig seyn, nicht etwan, um dem, was er gesagt hat, mehr Gewicht zu geben, oder vielleicht mit seiner Wissenschaft sich ein Ansehen zu machen. Nein, er will citiren. Sie bewundern allein die Alten, mein Herr *** , und loben nur die verstorbenen Poeten; allein ich bitte Sie, vergeben Sie mirs, mein Herr. Es ist der Mühe nicht werth, daß man stirbt, um Ihren Beyfall zu erhalten. Der Herr Doctor liebt die Insecten; er sammlet ihrer alle Tage mehr. In Europa hat niemand so schöne Schmetterlinge von allerley Gestalten und Farben. Ach! zu was für einer Zeit besuchen Sie ihn itzt? Er ist in einen tödtlichen Kummer versenkt; er ist murrisch und finster; seine ganze Familie leidet darunter. Er hat auch einen entsetzlichen Verlust erlitten. Kommen Sie nur näher, und sehen Sie das an, was er Ihnen auf seinem Finger zeigt. Es hat kein Leben mehr, es ist ihm den Augenblick gestorben! Was ist es denn? Es ist eine Raupe. Was das für eine Raupe war! Alter Narre! Merkst du nicht, warum dich P*** mit Geschenken überhäuft? Du bist reich, du gehst auf der Grube! Stirb! Verstehst du kein Deutsch? * * * Man wird sich vielleicht der Charaktere erinnern, die ich in einem meiner Blätter der Welt als Aufgaben vorgelegt habe, welche sie auflösen sollte S. den Jüngling, im 21 Stücke. . Ich und meine Verleger haben verschiedene Briefe erhalten, in welchen die Personen angegeben werden, die ich gemeint haben soll. Ich muß eilen, und diese Briefe beantworten; sonst bin ich in Gefahr, noch mehrere zu erhalten. Ich hätte nicht geglaubt, daß es eine so gefährliche Sache wäre, ein Autor zu seyn. Alle Leute, über die gelacht werden kann, halten einen Autor für ihren Feind, und ich kann bey meinem Vergnügen schwören, daß mir nichts lieber, als Ruhe und Friede, ist. Wenn ich glaubte, daß mein eigner Name bekannt seyn könnte; so traute ich mich nicht auf die Gasse und vor die Stadt. So werden die guten Absichten belohnt! Ich wollte zum Vergnügen der Welt schreiben, und man giebt mir Schuld, daß ich einige auf der Welt lächerlich machen wollte. Ich unschuldiger Jüngling! Doch ich will aufhören, mich zu beklagen. Hier sind die Briefe, aus welchen ich nur die Namen der Personen, die ich abgebildet haben soll, weggelassen habe. Mein Herr, Mit Ihrer Erlaubniß, daß ich Ihnen die reine Wahrheit sage. Sie sind für einen jungen Menschen zu boshaft. Ich habe Ihr siebzehntes Blatt mit Erstaunen gelesen. Im Anfange fand ich die Abbildung eines Poeten aus dem Martiale , der seinen Freunden mit seinen Gedichten zur Last wird Occurrit tibi nemo quod libenter, Quod, quocunque venis, fuga est, est ingens Circa te, Ligurine, solitudo: Quod si scire cupis, nimis poeta es. Hoc valde vitium periculosum est. Non tigris catulis citata raptis, Non et ipsa medio perusta sole, Nec sic scorpius improbus timetur. Nam tantos, rogo, quis ferat labores? Et stanti legis, \& legis sedenti: Currenti legis, \& legis cacanti: In thermas fugio, sonas ad aurem: Piscinam peto, non licet natare: Ad coenam propero, tenes euntem: Ad coenam venio, fugas sedentem: Lassus dormio, suscitas jacentem. Vis, quantum facias mali, videre? Vir justus, probus, innocens, timeris. Mart. Libr. V. epigr. 89. . Dieses brachte mich auf die Gedanken, daß Sie etwa derer, welche immer die Originale zu Ihren Charaktern finden wollen, spotten würden, indem Sie aus den Schriften der Alten lächerliche Charaktere übersetzten, ohne solches anzuzeigen. Ich wurde in dieser guten Meinung bestärkt, als ich gegen das Ende Ihres Blattes den Gnatho aus dem Terenze fand Hoc novum est aucupium: Ego hanc primus inveni viam. Est genus hominum, qui esse primos se omnium rerum volunt; Nec sunt. Hos consector: hisce ego non paro me, ut rideant; Sed eis ultro arrideo, et eorum ingenia admiror simul. Quicquid dicunt, laudo; id rursum si negant, laudo id quoque; Negat quis, nego; ait, ajo; postremo imperavi egomet mihi, Omnia assentari. Is quæstus nunc est multo uberrimus etc. Terentius in Eunuch. Act. II. Sc. I. ; denn ich wußte sowohl die Stelle aus dem Martile , als die Abbildung des Gnatho aus dem Terenze , noch von der Schule her, auswendig. Aber ich fand mich betrogen, nachdem ich alle meine Register von meinen Autoren nachgeschlagen, und in keinem die übrigen Charaktere gefunden hatte. Sie haben es also unter diesem Kunstgriffe nur verbergen wollen, daß Sie viel große und vornehme Männer lächerlich zu machen suchen. Das ist sehr boshaft! Wenn ich es nur wüßte, daß Sie mich unter dem Professor, der immer citirt, verstanden hätten, und mich lächerlich machen wollen, daß ich eine Professur suche! Ich wollte Ihrer spöttischen Zunge bald Einhalt thun. Die Universität sollte mir gewiß Recht schaffen. Doch ich will meinen Unwillen noch aufschieben. So viel sage ich Ihnen, reizen Sie mich nicht. Ich weis wohl mehr, als Sie denken. Leipzig, den 29. April. Z. A. M. Dieß ist der listigste unter meinen Correspondenten! Er hat es gleich gemerkt, daß ich aus dem Martiale und Terenze einige Charaktere genommen habe. Er hat Recht, daß die übrigen in keinem Register stehen. Der Himmel weis, was ich mir in seiner Person für einen gelehrten und wichtigen Mann bey der Universität zum Feinde gemacht habe. Der Professor den ich meine, ist ein Franzos Herille, soit qu'il parle, qu'il harangue, ou qu'il écrive, veut citer. Il fait dire au Prince des Philosophes, que le vin enyvre, \& à l'Orateur Romain, que l'eau le rempere; s'il se jette dans la morale, ce n'est pas lui, c'est le divin Platon, qui assure, que la vertu est aimable, le vice odieux, ou que l'un \& l'autre se tournent en habitude: les choses les plus communes, les plus triviales, \& qu'il est même capable de penser, il veut les devoir aux Anciens, au Latins, aux Grecs. Ce n'est ni pour donner plus d'autorité à ce qu'il dit, ni peut-être pour se faire honneur de ce qu il sçait. II veut citer. Bruy. p. 440. Bruyere hat ihn in seinen Charaktern abgebildet; daß ich keinen itzt lebenden Gelehrten meine, bestätiget nachfolgendes Schreiben. Mein Herr Jüngling, Da ich fast alle Häuser dieser Stadt kenne; so ist es mir nicht schwer geworden, diejenigen ausfindig zu machen, welche Sie in ihrem siebzehnten Blatte so wohl gezeichnet haben. Ich wollte Ihnen wohl alle Namen schreiben; aber ich befürchte, Sie möchten meinen Brief drucken lassen. Unterdessen kann ich doch nicht errathen, wer der Professor seyn soll, der immer citirt. Ich weis niemanden. Die hiesigen Gelehrten haben nicht darum studirt, daß sie citiren wollen. Sie lieben, so viel weis ich, alle die Alten wegen ihrer Wahrheiten, die sie vortragen, wegen der Schönheiten ihres Ausdruckes, wegen ihrer Kunst, mit der sie geschrieben haben, wegen der Geschichte, die man daraus lernen kann, und wegen andrer solchen Ursachen mehr. Ich wüßte hier keinen Pedanten. Unterdessen kann es seyn, daß Sie mehr Gelehrte kennen, als ich. Melden Sie mir doch den Namen dessen, den Sie abgebildet haben, durch einen kleinen Brief, den ich bey Ihrem Verleger abfordern lassen will. Ich wüßte niemanden. Ich bin, Mein Herr Jüngling, den 2. May, 1747. Ihr fleißiger Leser. A. Herr A. weis niemanden; ich auch nicht. In Leipzig haben wir keine Pedanten. Das ist gewiß! Mein Herr Jüngling, Sie sind ein loser Vogel. Ich habe Ihr siebzehntes Blatt mit Vergnügen gelesen. Sie sind ein Schriftsteller für mich. Da ich mit den hiesigen Frauenzimmern sehr vertraut bin; so hatte ich kaum von dem Charakter der Fa** die erste halbe Zeile gesehen, daß sie schön wäre, so wußte ich den Augenblick, daß Sie die Mademoiselle ** meinten. Es ist an dem, daß sie sich sehr gern lobt. Ich darf nur anfangen, ihr etwas von der neuen Art zu sagen, auf die ich meine Haare frisiren lasse; so redet sie gleich von einer neuen Mode, die sie erfunden haben will. Man kann von ihrem Eigenlobe nicht zum Worte kommen. Wenn ich ihr einige galante Schmeicheleyen sagen wollen; so ist sie oft so unverschämt gewesen, und hat zu mir gesagt: Ich hätte vollkommen recht, und sagte nur noch zu wenig. Und ma foi, ich sagte ihr so viel, daß sie hätte sollen roth werden. Habe ich da nicht stumm werden müssen? Kurz; Sie haben sie nach dem Leben gezeichnet. Die Madame ***, die vorzeiten verbuhlt und allzu galant gewesen, ist doch die Madame ** in der ** Straße? Habe ich nicht recht? Wahrhaftig Sie sind in Charaktern sehr glücklich. Ich bin Mein Herr Jüngling, den 4. May, 1747. der Ihrige Jacob Flink . Herr Flink irrt sich; es kann seyn, daß sich die Mademoiselle ** selbst lobt, weil er zu ihrem Lobe zu ungeschickt ist, und sie seinem unbescheidnen Lobe auf einmal Einhalt thun will. Ich habe aber weder die Mademoiselle ** noch die Madame ** abbilden wollen. Ich kenne sie nicht. Fa** ist eine Römerinn Bella es, novimus, et puella, verum est, Et dives, quis enim potest negare? Sed dum te nimium, Fabulla, laudas, Nec dives, neque bella, nec puella es. Martial lib. I. ep. 29. ; die Madame *** aber die Madame Lürsay , eine Französinn, deren Geschichte Herr Crebillon der jüngere beschrieben hat Coquette jadis, même un peu galante, une avanture d' eclat, et qui avoit terni sa reputation, l' avoit degoutée des plaisirs bruyans du monde. Aussi sensible, mais plus prudente, elle avoit compris enfin, que les femmes se perdent moins par leurs foiblesses, que par le peu de menagement, qu' elles ont pour elles-mêmes; \& que pour être ignorés, les transports d' un amant n' en font ni moins réels, ni moins doux. – Elle étoit belle, mais d' une beauté majestueuse, qui même, sans le serieux, qu'elle affectoit, pouvoit aisement se faire respecter. Mise sans coquetterie, elle ne negligeoit pas l'ornement. En disant, qu' elle ne cherchoit pas à plaire, elle se mettoit toujours en état de toucher; \& reparoit avec soin ce que près de quarante ans, qu' elle avoit, lui avoient enlevé d' agrémens: elle en avoit pas même peu perdu; \& si 1' on en excepte cette fraicheur, qui disparoit avec la premiere jeunesse, \& que souvent les femmes flêtrissent avant le tems, en voulant la rendre plus brillante; Madame Lursay n' avoit rien à regretter. Elle étoit grande \& bien faite; \& dans sa nonchalance affectée, peu des femmes avoient autant de graces, qu' elle. Sa Physionomie \& ses yeux étoient séveres forcément, et lors qu' elle ne songeoit pas à s' observer, on y voyoit briller l' enjouëment \& la tendresse. Elle avoit l'esprit vif, mais sans étourderie, prudent, même dissimulé. Au reste, quoique prûde, elle étoit douce dans la societé. Son Systéme n' étoit point, qu' on ne dût pas avoir des foiblesses, mais que le sentiment seul pouvoit les rendre pardonnables. Crebillon dans ses égaremens de l' esprit et du cœur, p. 17. . Allein in meinem siebzehnten Blatte ist aus Versehen ein Charakter weggelassen worden, in welchem ich Herrn Flinken meinte. Weil ich nach seinem Urtheile so glücklich in Charaktern bin; so will ich denselben itzt noch nachholen. Man sagt, daß Herr Flink schön sey; es sagen es viele, und niemand sagt es so oft, als er selbst. Aber warum sollte er wohl schön seyn? Warum er schön seyn soll? Sein Lackey frisirt ihm die Haare am besten; er ist immer wohlriechend; er ist so lange auf den Tanzboden gegangen, daß er endlich glaubt, er tanze am besten; er ist beständig unter Frauenzimmern, weil sich niemand die Mühe nehmen und ihm die Thüre weisen lassen will; er ist immer sehr vertraulich mit ihnen, und zischelt ihnen beständig etwas ins Ohr: er schreibt Briefe an sie, die er für sehr sinnreich und galant hält, weil ihm niemand darauf antwortet; er weiß genau, was ein jedes Frauenzimmer für einen Liebhaber hat; er läuft auf alle Gastereyen. Warum sollte Herr Flink nicht schön seyn? Ich will mich nicht länger bey ihm aufhalten, weil ich noch mehr Briefe mitzutheilen habe. Leipzig, den 4. May 1747. Monsieur, Wenn ich viel esse, so esse ich für mich viel. Er ist ein junger Mensch, was hat er sich um mich zu bekümmern? Wir können freylich nicht alle so gelehrt sprechen, als er. Spreche er von seinen Büchern; ich will von meinen Braten sprechen. Er hat nichts darüber zu lachen. Ich muß den ganzen Tag über genug rechnen, ehe ich mich zu Tische setzen kann. Er wird in seinem ganzen Leben doch nicht so viel Geld verdienen, als ich in einem Monat ausleihe. Ich bin der Stadt nützlicher, als er. Ich bekümmere mich wenig um ihn. Ich bin noch nicht todt, wie er in seinem Blättchen von mir spricht, und ich will noch lange leben. Künftig habe er vor Leuten von meinem Alter mehr Respect. Deswegen habe ich an ihn geschrieben. Ich denke, wenn er mit seiner schmähsüchtigen Zunge fortfährt, daß er noch auf das Carcer gesetzt werden soll. Ich will mich einmal so nennen, wie er mich genannt hat. Cliton. Mich dünkt, daß zwischen denen, die viel essen, und zwischen den Clitons, welche Bruyere Cliton n' a jamais en toute sa vie, que deux affaires, qui est, de diner le matin \& de souper le soir, il ne semble né que pour la digestion: il n' a même, qu'un entretien, il dit les entrées, qui ont été servies au dernier repas, où il s'est trouvé; il dit, combien il y a eu de potages ; il se souvient exactement, de quels plats on a rélevé le premier service; il n'a pas oublié le fruit \& le assiettes; il nomme tous les vins, \& toutes tes liquenrs, dont il a bû; il possede le langage des cuisines autant, qu'il peut s'étendre, \& il me fait envie de manger à une bonne table, où il ne soit point. C'est un personnage illustre dans son genre, \& qui a porté le talent de se bien nourir jusques où il pouvoit aller. On ne reverra plus un homme, qui mange tant, \& qui mange si bien; aussi est-il l'arbitre des bons morceaux, \& il n' est guéres permis d'avoir du gout pour ce qu'il desapprouve. Mais s'il n'est plus, il s'est fait du moins porter à table jusqu' au dernier soupir: il donnoit à manger le jour, qu'il est mort; quelque part où il soit, il mange; \& s'il revient au monde, c'est pour manger. Bruyere p 397. beschreibt, noch ein ziemlicher Unterschied ist. Mein Herr Jüngling, Es ist wahr, Sie haben der Welt in ihrem siebzehnten Blatte schwere Räthsel vorgelegt. Man kennt ja den guten Herrn, der gut verdaut, und doch blaß aussieht, eine junge Haushälterinn hat, und doch immer blaß aussieht, überall. Sie hätten ihn eben dadurch nicht unkenntlich zu machen suchen dürfen, daß Sie seine Haushälterinn jung und artig nennen. Es ist nunmehr schon eine geraume Zeit, daß er gut verdaut, und doch blaß ausgesehen hat. Konnten Sie nicht zu gleicher Zeit seine Gebieterinn beschreiben? Sie war nicht reizend, und ward Haushälterinn; sie war schmutzig, und ward Haushälterinn; er hat nichts, und sie ist doch reich. Wo mag das herkommen? Halle, am 3. May. X. N. S. Ich irre doch nicht, daß Sie vor etlichen Jahren hier in Halle studirt haben? Das weis ich nicht. Die Haushälterinn, von der ich geredet habe, soll durchaus jung und artig seyn; ich will es so haben. Martial hat mich zu diesem Charakter veranlaßt Pulcre valet Carinus, et tamen pallet. Parce bibit Carinus, et tamen pallet. Bene concoquit Carinus, et tamen pallet. Tingit cutem Carinus, et tamen pallet. Puellam amat Carinus, et tamen pallet. Mart. lib. I. ep. 78. Mein Herr Jüngling, Ich merke, wer Sie sind; Sie mögen Sich verbergen, wie Sie wollen. Sie sind mein Landsmann, und dieses lasse ich mir nicht abstreiten, seitdem Sie ihr siebzehntes Blatt geschrieben haben. Wie glücklich haben Sie doch einen gewissen Heuchler getroffen, der in unsrer Stadt schon so viele Erbschaften erschlichen hat! Ich lobe Sie, daß Sie einen Mann dem Spotte Preis geben, den die Thränen so vieler Wittwen und Waisen noch nicht zur Reue und Erkenntniß seiner Ungerechtigkeiten gebracht haben. Der Niederträchtige! Er denkt, daß er für alle seine Ungerechtigkeiten genug thue, wenn er einige Stiftungen und Gebetbücher macht, und mit einem großen Lärmen alle Jahre einmal Allmosen austheilt. Habe ich den Georg**an nicht errathen? Ich bin, Mein Herr Jüngling, Aschersleben, am 5 May, 1747. Ihr aufmerksamer Leser, Michael Gewiß. Folgender Brief betrifft eben diesen Charakter. Mein Herr Jüngling, Fürchten Sie Sich denn vor keinem Processe? Wenn der Herr Licentiat ** keine Erbschaft von Jenen erschleichen kann; so kann er doch eine Rüge wider Sie machen. Er wohnt auf der ** Straße. Ich habe mich wohl nicht geirrt. Er ist eben der, welcher einen alten reichen Narren, der kein Deutsch versteht, mit Geschenken überschüttet, damit er sterben soll. Ich möchte sehr gern mit Ihnen bekannt seyn, mein Herr Jüngling. Ich wollte Ihnen auch die kleine kostbare Person mit der goldnen Uhr nennen, welche nur gern wissen will, ob sie von ihnen gemeint worden ist. Ich bin, Mein Herr Jüngling, Leipzig, am 6 May, 1747. Ihr fleißiger Leser, T. Nunmehr könnte ich die Welt wieder rathen lassen, welchen unter diesen beyden ich gemeint haben soll. Bald wird keine Stadt in Deutschland mehr seyn, wo meine Blätter gelesen werden, aus der ich nicht gebürtig bin. Es hat schon zu Martials Zeiten Leute genug gegeben, welche Erbschaften zu erschleichen gesucht haben Munera quod senibus viduisque ingentia mittis:   Vis te munificum, Gargiliane, vocem? Sordidius nihil est, nihil est te spurcius uno:   Qui potes insidias dona vocare tuas: Sic avidis fallax indulget piscibus hamus,   Callida sic stultas decipit esca feras. Quid sit largiri, quid sit donare, docebo;   Si nescis: dona, Gargiliane, mihi. Martial. lib. IV. ep. 56. Munera qui tibi dat locupleti, Gaure, senique:   Si sapis, et sentis, hic tibi ait, morere. Martial. libu VIII ep. 27. . Leipzig, den 29 April. Mein Herr, Ich will ihnen funfzig Thaler geben, wenn Sie mir den Namen des Verfassers vom Jünglinge nennen. Sie können nichts dafür, daß in diesem gottlosen Blatte rechtschaffne Leute verleumdet werden: das weis ich wohl. Daß ich Ursache habe, auf meine Frau eifersüchtig zu werden, und daß es von Stutzern unter meinen Fenstern wimmelt, ist leider der ganzen Stadt bekannt. Aber daß mich ein junger Mensch einen Wuchrer nennt, das ist eine Injurie! Die muß die Obrigkeit bestrafen! Funfzig Thaler wende ich daran, damit Sie sehen sollen, daß ich kein Wuchrer bin. Ich bin G** Herr G** muß mehr bieten, wenn der Verleger seinen Schriftsteller verrathen soll. Der Jüngling läßt sich um einen so geringen Preis nicht nennen. Ich könnte zwar sagen, daß ich den Charakter des G** aus dem Martiale Nullus in urbe fuit tota, qui tangere vellet   Uxorem gratis, Caeciliane, tuam, Dum licuit; sed nunc, positis custodibus, ingens   Turba futurorum est. Ingeniosus homo es. Martial, libr. I. epigr. 74. genommen: Allein, ich will noch einige Zeit mit der Erklärung verziehen, ob er es ist. Denn er versteht ohne Zweifel kein Latein, und kann also nicht wissen, ob ich nicht einige neue Züge hinzugesetzt habe. Mein Herr Jüngling, Wenn Sie nur nicht so viel von einem Frauenzimmer mit blauen Augen, und von einem mit schwarzen Augen redeten; so würden Sie ein hübscher frommer Mensch seyn, der es nicht so sehr mit der jetzigen argen und verderbten Welt hielte. Dieses habe ich daraus gesehen, daß Sie der eiteln Mademoiselle **, die ich auf ihre schönen Hände und Füße so schrecklich viel einbildet, und der Madame **, die mehr als einen Mann braucht, den Text so wohl gelesen haben. Ich habe recht meine Freude darüber. Ich sehe alle Tage mit inniger Betrübniß meines Herzens zu, wie viel junge Menschen bey ihnen aus- und eingehen. Ich weis nicht, wie der Himmel so lange zusehen kann. Er ist sehr langmüthig. Ach wie schlimm wird es noch werden! Ich bin, Mein Herr Jüngling, Am 5. May Ihre andächtige Leserinn, Flavia. N. S. Itzt gehen schon wieder zween Edelleute hin. Was wird noch aus der Welt werden? Flavia könnte freylich am besten wissen, wen ich meinte, weil sie alt ist, und Neuigkeiten liebt, wenn ich nicht den Charakter der Mademoiselle ** aus dem Bruyere Argyre tire son gant, pour montrer une belle main, \& elle ne neglige pas, de decouvrir un petit soulier, qui suppose, qu'elle a le pied petit; elle rit de choses plaisantes ou serieuses, pour faire voir de belles dents; si elle montre son oreille, c'est qu'elle l'a bien faite, \& si elle ne danse jamais, c'est qu'elle est peu contente de sa taille, qu'elle a épaisse; elle entend tous ses interêts à l'exception d'un seul, elle parle toujours, \& n'a point d'esprit. Bruyere. p. 138. und eine Abbildung der Madame ** aus dem Juvenale Unus Iberinae vir sufficit: ocyus illud Extorquebis, ut haec oculo contenta sit uno. Juvenal. Satyr. VI. v. 53. genommen hätte. Mein Herr Jüngling, Sie haben einen Mann beschrieben, der allein die verstorbenen Poeten lobt. Wollen Sie Sich in einen bekannten Streit wagen? Am 5 May. Elias Eilig. Ich bin zu friedfertig, als daß ich Lust hätte, mich irgend in einen Streit einzulassen. Derjenige, den ich meine, heißt Vacerra , und Martial hat ihn vor mir gemeint Miraris veteres, Vacerra, solos, Nec laudas nisi mortuos Poetas. Ignoscas petimus, Vacerra; tanti Non est, vt placeain tibi, perire. Martial. libr. VIII. epigr. 69. . Mein Herr, Weil sie keine Raupen sammlen, sollen solches darum andre Leute nicht thun? Der Herr Doctor, der die Insecten so sehr liebt, ist mein Freund; ich suche die Raupen mit ihm, und wenn er seine Familie jetzt ein wenig leiden läßt; so wird es ihr künftig desto besser gehen, wenn er sein Raupencabinet verkauft haben wird. Am 8 May, 1747. Thomas Raupe. Ob ich gleich den Charakter dieses Doctors aus dem Bruyere Il aime les insectes, il en fait tous les jours de nouvelles emplettes; c'est surtout le premier Homme de l'Europe pour les papillons; il en a de toutes les tailles et de toutes les couleurs. Quel tems prenés-vous pour lui rendre visite? Il est plongé dans une amere douleur, il a l'humeur noire, chagrine, et dont toute sa famille souffre; aussi a-t-il fait une perte irreparable; approchez, regardez ce qu'il vous montre sur son doigt, qui n' a plus de vie, et qui vient d'expirer, c'est une chenille, et quelle chenille! Bruyere, p. 283. genommen habe; so will ich doch den Freund des Herrn Thomas Raupe so lange meinen, bis er sein Raupencabinet verkauft hat, und bis es seiner Familie besser, als jetzt, geht. Man wird aus den Stellen der angeführten Scribenten sehen, wie sehr sich diejenigen geirrt haben, welche die Originale zu meinen Charaktern errathen wollen. Ich habe einige gewöhnliche Charaktere in mein siebzehntes Blatt eingerückt, und doch haben sich einige gefunden, welche besondre Personen angeben, die ich in Gedanken gehabt haben soll. Ein Schriftsteller verspottet die Lächerlichen, ohne darauf zu denken, ob diese oder jene unter die Lächerlichen gehören. Ich will mich über eine so bekannte Wahrheit nicht mit Anmerkungen ausbreiten, und nur so viel sagen, daß ich künftig allezeit denjenigen gemeint haben will, der so dreist ist, daß er Originale zu meinen Charaktern angiebt. Was meine Leser denken wollen, das lasse ich ihnen frey; ich verlange nur, daß sie ihre Auslegungen nicht auf meine Rechnung bringen sollen. * * * Wie sehr werde ich nunmehr meinen künftigen Lesern ihre Mühe erleichtern! Sie können es sicher glauben, ich meine niemanden, als diejenigen, welche wissen, wen ich gemeint habe. Leipzig, an der Ostermesse 1751. Gottlieb Wilhelm Rabener. Gottlieb Wilhelm Rabeners Satiren . Erster Theil. De Epistolis Gratvlatoriis ΕΞΩΤΙΚΟΘΑΥΜΑΤΟΥΡΓΗΜΑΤΟΤΑΜΕΙΟΙΣ. Oder deutlich zu reden: Von der Vortrefflichkeit der Glückwünschungsschreiben nach dem neuesten Geschmacke.     Wodurch Herrn N. N. als Derselbe die hohe Schule rühmlichst verließ, seine Ergebenheit bezeugen wollte Dessen aufrichtigster Freund und Diener, Martin Scribler, der Jüngere. Diese Abhandlung ward zum erstenmale gedruckt in den Belustigungen des Verstandes und Witzes M. August 1741.     Virgilivs. Procumbit humi bos Es ist ein erbaulicher Gebrauch, daß man zum Anfange eines jeden Buchs aus einem alten Schriftsteller einige Worte setzet. Wenn in dem ganzen Buche nichts gutes ist, so sind wenigstens die Worte des alten Schriftstellers gut; ich habe es also auch nicht unterlassen wollen. Ich habe mir wenigstens angelegen seyn lassen, eine solche Stelle ausfündig zu machen, welche mit meinem gegenwärtigen Vorsatze gar kein Verhältniß hat. Denn dieses ist nach dem neuesten Geschmacke.     Mein Herr, Sie haben mir vielmals deutliche Proben von Ihrer aufrichtigen Freundschaft gegeben, und haben mich dadurch Ihnen sehr verbunden gemacht; ich gestehe es anitzt öffentlich. Ich bekenne aber auch zugleich vor der ganzen Welt, daß meine Verbindlichkeit gegen Sie niemals so groß gewesen ist, als itzt, da Sie diesen Ort verlassen. Ihr Abschied würde mir zwar schmerzlich fallen. Allein, das Vergnügen, Sie mit einem gedruckten Bogen zu begleiten; die Zufriedenheit, meinen Namen auf dem Titelblatte zu sehen; das Verlangen, der gelehrten Welt, wo nicht zu dienen, doch bekannt zu werden; kurz, ein mir und meinen Landsleuten so natürlicher, als rühmlicher, Eifer zu schreiben; dieses sind die Ursachen, warum ich Ihren Abschied so gelassen ansehen kann. Nur etwas bedaure ich. Ihr Abschied kömmt mir zu unvermuthet Dieses ist die erste Spur in gegenwärtiger Abhandlung, welche von der Stärke zeuget, die ich in Verfertigung eines Glückwünschungsschreiben, nach der neuesten Mode, besitze. Ihr Abschied ist mir gar nicht unvermuthet gekommen. Ich habe ihn vor vielen Wochen gewußt. Schon seit dem Tode des Kaisers bin ich mit dieser Schrift fertig gewesen. Ich habe mit innigsten Schmerzen auf eine Gelegenheit gewartet, sie unter die Presse zu bringen. Es würde aber ein wesentliches Stück weggefallen seyn, wenn ich nicht so bestürzt und eilfertig gethan hätte. Meine werthesten Mitbrüder, die wünschende Gesellschaft, sieht die Schönheit davon vortrefflich ein. Und es würde sehr altväterisch geklungen haben, wenn ich gesagt hätte, daß dieses Werkchen mit gründlichem Vorbedachte, und reifer Ueberlegung geschrieben sey. . Nur vor wenig Tagen habe ich diesen Ihren Entschluß erfahren. Ich bin also nicht im Stande gewesen, auf gegenwärtige Arbeit den gehörigen Fleiß zu wenden. Sie ist eine unreife Frucht Dieses Urtheil fälle ich von mir, aus einer gelehrten und allen Autoren gewöhnlichen Schamhaftigkeit; will es aber bey dem geneigten Leser möglichst verbitten. Es widerleget sich auch aus obigem von selbst, und ist nur eine Figur. weniger Stunden, und die darinn häufig vorkommenden Fehler wird nichts, als Ihr Wohlwollen, und meine beynahe ganz unglaubliche Eilfertigkeit entschuldigen müssen. Von der wenigen Muße Ich beziehe mich hier auf obige Anmerkungen. Wenn ich spräche, daß ich nichts zu thun hätte, und allem Ansehen nach so bald nicht mit einem Amte oder überhäufter Arbeit beschwert werden dürfte, so redete ich zwar die Wahrheit; aber ich sagte etwas, quod indignum esset nostris temporibus, indignum autore, indignum gratulante, et fausta quaevis apprecante. , die ich habe, und der überhäuften Arbeit, wodurch ich auf eine verdrüßliche Art gebunden bin, mag ich nicht einmal etwas erwähnen. Alle diese Hindernisse übersteige ich auf eine muthige Art. Ich liefre Ihnen diese Arbeit, und widme Ihnen eine, wo nicht ganz neue Wir leben anjetzt, dem Himmel sey Dank, in denen Zeiten, wo alles, was Athem hat, neue Wahrheiten erfindet. Neue Wahrheiten bey dem Richterstuhle, neue Wahrheiten bey dem Krankenbette, ja sogar neue Wahrheiten auf der Kanzel; und ich wäre nicht werth, in diesem Jahrhunderte geboren zu seyn, wenn ich nicht im Stande wäre, binnen weniger Frist eine ganze Kette neuer Wahrheiten zu entdecken. und von mir zuerst erfundne, doch noch nicht sattsam erkannte Wahrheit. Der Nutzen unsrer gelehrten Glückwünschungsschreiben ist zu wichtig, als daß ich denselben mit Stillschweigen übergehen sollte. Ich will denselben angenehm, deutlich, gründlich und so beschreiben, daß mir hoffentlich niemand seinen Beyfall versagen, sondern vielmehr zugestehen wird, gegenwärtige Schrift sey nach dem neuesten Geschmacke, und als ein Urbild aller gelehrten und zu unsrer Zeit im Schwange gehenden Glückwünschungsschreiben anzusehen. Besonders werde ich mich der Kürze befleißigen Dieses ist eine edle Tugend, welche mir und meinen Collegen, ohne Ruhm zu melden, nebst der Ordnung im Vortrage, und der Bündigkeit im Denken, ganz eigen ist. Sed bono vino hedera non opus est. . §. 1. Im Paradiese Ich bin, wie es überhaupt gebräuchlich ist, allemal gewohnt, die Schönheiten meiner Schriften zuerst anzumerken, damit es dem Leser desto leichter falle, weiter nachzudenken. Gegenwärtigen Abschnitt halte ich für ein Meisterstück eines Glückwünschungsschreibens. Ich hatte versprochen, kurz zu schreiben, und fange, aller Kürze unbeschadet, vom Paradiese an. Wie schwer sollte es einem andern fallen, die Wörter Paradies, Arche Noah, babylonischen Thurm, Sem, Asien, braune Mohren, Lydien, Japhet, Norden, bemalte Leute und Columbus, auf eine so natürliche, lebhafte und bündige Art mit einander zu verknüpfen? Dieses kann ich und meine Mitbrüder. Was die Natur in einer Weite von vielen tausend Meilen faßt, das stellen wir auf einer einzigen Seite vor, und was in sechs tausend Jahren geschehen ist, das wissen wir in wenig Punkte zu schließen. Noch mehr. Wer hätte meinen sollen, daß ich den Ursprung unsrer heutigen Glückwünschungsschreiben in dem Paradiese zu suchen wüßte? Der folgende Abschnitt wird es weisen, daß ich ihn rühmlichst gefunden habe. Lauter neue Wahrheiten! Es sey voritzt genug. Nunmehr weis der Leser, was er sich von mir zu versprechen hat. Und die Folge wird weisen, daß dieses und alle auf solche Art eingerichtete Schreiben nichts anders sind, als εξωτικοθαυματουργηματοταμει̃α. lebten unsre ersten Aeltern bey der größten Zufriedenheit. Dieses Glück dauerte nur wenige Zeit. Je häufiger sich ihre Nachkommen mehrten, desto heftiger nahm die Unruhe und das Elend der Sterblichen zu. Der kleine Ueberrest der alten, und die einzige Hoffnung der neuen Welt, schwammen in einem Kasten. Die Ruhe und Einigkeit schienen wiederhergestellt zu seyn: Es währte aber nicht lange. Die Herrschsucht wollte sich einen Thurm bis in die Wolken bauen. Doch eine höhere Vorsicht zerstörte dieses verwegene Gebäude, und verwirrte die Sprachen. Die Kinder Noah verstunden einander nicht mehr. Sie mußten sich trennen. Die stolzen Nachkommen Sems ließen sich in dem fetten Grunde Asiens nieder. Der braune Mohr erwählte sich die sandigten Gegenden Lybiens. Ob es die Söhne Japhets gewesen, welche sich unsere nördliche Gegend zum Sitze ausgelesen, mag ich nicht untersuchen Und es bemühen sich die Geschichtsforscher noch bis itzt vergebens, wie die bemalten Einwohner in jenes Land gekommen sind, welches Columbus nach so späten Jahren wieder bekannt gemacht hat. So sehr wurden diejenigen zerstreut, welche allerseits Kinder eines Vaters waren; und so wenig verstehen die Nachkommen einander, deren Aeltern nur eine Sprache geredet haben. §. 2. Das Gute hat seinen Ursprung vielmals einem Uebel zu danken. Aus der Zerrüttung der Sprachen entstunden Gesellschaften. Diejenigen, welche eine Sprache redeten, verstunden einander, und schlugen sich daher zusammen. Die meisten von solchen Gesellschaften hatten zwar keine andre Absicht, als sich zu schützen, und zu nähren: Viele aber giengen hierinnen weiter. Die Sorge für ihren Leib hinderte sie nicht, an dasjenige zu denken, was noch weit edler war. Sie bemühten sich, ihre Seele und deren Kräfte zu bessern. Sie richteten Schulen auf. Sie erfanden schöne Wissenschaften, und brachten sie in Aufnahme. Aegypten legte den ersten Grundstein zu diesem vortrefflichen Gebäude. Griechenland that es ihm nach, und übertraf seinen Lehrmeister. Rom entriß Griechenland Zepter und Lorbeer, und pflanzte beydes auf die fruchtbaren Höhen des Capitoliums. Innerliche Zerrüttung, und fremde Gewalt verjagten die Musen aus dieser angenehmen Wohnung. Sie zogen sich weiter nach dem rauhen Norden, und wir sind nebst unsern Nachbarn so glücklich geworden, ihres Umgangs zu genießen. Leipzig, das gelehrte Leipzig, hat sich hierinnen vor allen andern hohen Schulen eines besondern Vorzugs zu rühmen. Tausend vortreffliche Werke sind unverwerfliche Zeugen hiervon. Ich übergehe die meisten mit Stillschweigen, und will nur eine Art derselben anführen. Wer Es versteht sich von selbst, daß ich hier nur von denen rede, welche ich mir zum Muster vorgesetzt habe, und denen gegenwärtiges zu einem rühmlichen Exempel dienen kann. Es giebt noch eine große Menge andrer Glückwünschungsschreiben, die aber bey ihrer Trockenheit nur denen gefallen können, die an unsrer itzigen und neuesten Art zu denken keinen Geschmack haben. thut es uns in Glückwünschungsschreiben zuvor? Wir haben es hierinnen aufs Höchste gebracht. Ein jedes derselben ist ein Innbegriff seltner Schönheit; ein Kern ausbündiger Sachen, und ein Muster, welches die Vorfahren mit stummer Verwunderung verehren würden, die späteren Nachkommen aber als unverwesliche Merkmale unsrer Glückseligkeit rühmen müssen. Dieses alles schreibt sich aus dem Paradiese her, W. Z. E. W. Finis coronat opus. Diese vier Buchstaben wollen mehr sagen, als alle hieroglyphische Figuren der ägyptischen Priester. Sie zeigen an, daß ich fertig bin, daß ich ordentlich gedacht habe, daß mein Beweis unumstößlich ist. Man mag schreiben, wie man will! Man setze nur zum Schlusse W. Z. E. W. so schreibt man mathematisch. Diese Buchstaben sind nichts anders, als das alte Plaudite. Der Verfasser bittet sich dadurch den Beyfall des Lesers aus, daß er seine philosophische Rolle so vortrefflich gespielet hat. §. 3. Ich habe also den rühmlichen Ursprung der Glückwünschungsschreiben auf so eine Art dargethan, daß kein vernünftiger Mensch Es ist die löbliche Gewohnheit meiner Brüder, daß man auf einen jeden Beweis einen Trumpf setzet. Im Lateinischen klingt es noch männlicher: Cui sanum est sinciput \& occiput. In meiner ratiocinatione practica, welche künftige Ostermesse ans Licht treten wird, sind zwey Alphabete solcher gründlicher Formeln angemerket, welche aber größtentheils aus dem Holländischen genommen sind. etwas daran auszusetzen haben wird. Nunmehr muß ich auch entwerfen, was ich eigentlich unter den nach der neuesten Mode eingerichteten Glückwünschungsschreiben verstehe. Nämlich, ich verstehe darunter nichts anders, als eine sauber gedruckte Abhandlung, worinnen viele Worte, auf eine ungefähre Art, mit allen nur ersinnlichen Anmerkungen ausgezieret sind, damit die Belesenheit des Verfassers in die Augen falle, die gelehrte Welt einen tröstlichen Zuwachs erhalte, und bey dieser Gelegenheit dem Gönner oder Freunde etwas annehmliches vorgesaget werde. Hiervon will ich ausführlicher handeln. §. 4. Mit großem Vorbedachte habe ich oben gesagt, ich wollte, was die Glückwünschungsschreiben wären, entwerfen Ich kann den Unterschied nicht besser ausdrücken, als durch die Distinction: Inter definitionem \& descriptionem. . Ich bin so pedantisch nicht, daß ich eine ordentliche Definition davon machen wollte Es kömmt allerdings auf mein Wollen an. Denn ich weis sehr umständlich, was zu einer Definition erfordert wird, indem ich mehr als eine Logik eigenthümlich besitze, und daselbst nur nachschlagen dürfte. Mehr gehöret zu einem rechtschaffnen Gelehrten nicht. . Dieses ist viel zu verdrüßlich, zugeschweigen, daß es wider die Pflicht eines guten Bürgers läuft, eine Definition zu geben, indem uns die Gesetze selbst davor, als vor etwas gefährlichem, warnen L. 202. D. de R. I. Omnis definitio \&c. periculosa est \&c. . Nur ehedem gieng es an, da man noch eigensinnig war, da man genau wissen wollte, wovon eigentlich die Rede wäre; kurz, da man noch wenig schrieb, und viel dachte. Es ist dieses bis itzt ein beschwerlicher Fehler vieler Gelehrten, welche etwas bey Jahren sind. Ich und die Herren Scribenten von meinem Alter haben uns dieser Sklaverey entrissen. Dieses unterhält unsre Fähigkeit, daß wir mehr schreiben können, als wir denken. Wir entwerfen; und behalten dadurch die Freyheit zu sagen, was uns einfällt. Wer mir nicht glauben will, der lese unsre Glückwünschungsschreiben. §. 5. Ich nenne die Glückwünschungsschreiben eine Abhandlung . Es sey aber ferne von mir, daß ich dadurch anzeigen wollte, als müsse man dasjenige, was auf dem Titelblatte steht, darinnen ordentlich ausführen. Dieses ist schlechterdings wider den Charakter meiner Glückwünschungsschreiben. Man muß etwas sagen, dessen sich der Leser nicht versieht. Das Unerwartete rührt am meisten. Zum Exempel: Man thut, als wolle man von den Regeln der Geselligkeit handeln, und erzählt die Geschichte des Aeneas und Turnus. Man verspricht die Mittel zu zeigen, wodurch man glücklich werden kann, und beschreibt dafür das Wesen des Schwefels und Salzes. Man stellet sich, als wolle man die Vorzüge der heutigen Poesie anführen, und rühmt die Fabeln des Crispinus Meine Leser werden es bestens entschuldigen, daß bey diesem Abschnitte keine Note ist. Es ist ein Versehen, welches mir, besonders bey gegenwärtiger Abhandlung, beynahe nicht zu verzeihen wäre, wenn ich mich nicht hierdurch anheischig machte, es in folgenden Abschnitten wieder einzubringen. . §. 6. Diese Abhandlungen müssen sauber gedruckt seyn. Dieses wird hauptsächlich erfodert; darum habe ich es auch zuerst angemerket. Es nimmt den Leser unvermerkt ein, und indem er den schönen Druck bewundert, so übersieht er manchen Fehler. Zum Titel, bey welchem man sich der längsten Der Titel, welchen ich dieser Schrift vorgesetzt habe, kann diesen Satz am besten beweisen. Ich hatte eine rechte Freude, als er fertig war, und mancher Dichter empfindet bey denen Versen, die er zur Welt gebracht, die kützelnde Zufriedenheit lange nicht, welche ich bey mir verspürt, als ich den ersten Bogen aus der Druckerey bekam. und fürchterlichsten Wörter zu bedienen hat, nimmt man die ansehnlichsten Lettern. Soll er recht zierlich seyn, so muß er aussehen, wie die Grabschrift eines reichen Müßiggängers, in welche der vergnügte Erbe weit mehr setzen lassen, als der Verstorbne in seinem ganzen Leben zu thun fähig gewesen ist. Daß der Anfangsbuchstabe Videatur mein S beym Anfange dieser Schrift! in einem zierlich geschnittnen Stocke stehen muß, verseht sich von selbst. Und jedermann wird zu Steuer Bey dem Worte Steuer fällt mir eine rare Münze bey, welche ich auf den Titel stechen lassen. Ein andrer, der meine Fähigkeit im Denken nicht besitzt, würde nimmermehr darauf gekommen seyn. Weil ich dieses Werk selbst verlegen werde, so habe ich die Kosten nicht gescheut, dieses Kupfer verfertigen zu lassen. Es ist die allerneuste Mode. Es macht ein Buch beliebt. Und was das schönste ist, so wird gar nicht erfodert, daß sich die Münze zur Abhandlung schicke, oder etwas davon in derselben gedacht werde. Wer hätte in meiner Lobschrift auf die Glückwünschungsschreiben eine Steuermünze suchen sollen? Bloß dem Wort Steuer hat der Leser das schöne Bildchen zu danken. der Wahrheit bekennen müssen, daß eine schlechte Abhandlung weit erträglicher sey, als ein schlechter Anfangsbuchstabe. §. 7. Die Abhandlung muß aus zusammen verknüpften Worten bestehen. Worte sind also das Hauptstücke unserer Glückwünschungsschreiben. Wenn man diese hat, so hat man alles. Es giebt noch viele unter unsern Gelehrten, deren Namen ich aber aus Mitleiden verschweige, welche in dem irrigen Wahne stehen, man müsse zuförderst wissen, was man schreiben wolle, und alsdann erst um die Worte und Ausdrücke bekümmert seyn. Verkehrte Meinung! Worte muß man zuförderst haben. Diese muß man mit einander verknüpfen, und alsdann sieht man, was man geschrieben hat. Es ist hier eben, wie mit der Poesie. Wenn ich den Reim Ich werde hiervon in meinem Poeta in nuce, oder in meiner Sammlung 10000 auserlesener Reime, vermittelst welcher man, besonders bey Magisterpromotionen, auf die leichteste poetische Art, satirische und ernsthafte Gedichte binnen kurzer Zeit zu Papier bringen kann, ausführlich handeln. habe, so habe ich auch den Gedanken, welcher in den Vers soll; und wenn der Reim fehlt, so ist mir der schönste Gedanke nichts nütze. Je fremder die Worte sind, und je weniger sie, außer der Verknüpfung, Aehnlichkeit mit einander haben, desto schöner wird die Schrift. Es würde sehr gemein lassen, wenn man nichts setzen wollte, als was durch eine natürliche Folge aus einander flöße. Ich will ein Gleichnis Es sollte mir hier schwer fallen, einen ordentlichen Beweis zu machen. Ich bediene mich also mit großem Nutzen der Freyheit, welche sich meine werthesten Mitbrüder vorlängst angemacht haben: Daß sie nämlich mit Gleichnissen reden, wenn ihnen die trocknen Schlüsse zu mühsam sind. geben. Sie kennen, mein Herr, jenes Frauenzimmer, welches ihre ganze Nachbarschaft in Verwundrung bringt. Ihre Spitzen nimmt sie aus Holland; die Ohrgehenke aus Indostan. Peru muß dasjenige liefern, was zum Halsschmucke nöthig ist. Die Kleidung ist ein Werk der Persianer. Ihr Fischbeinrock hat seinen Ursprung dem Nordpole zu danken, und sie würde tausend nöthige Dinge entbehren müssen, wenn nicht die Sorgfalt der Kaufleute solche von dem Süderpole herzuschaffen wüßte. Von ihrem Vaterlande hat sie nichts, als den Körper. Gleichwohl müssen Sie zugestehen, daß alle diese fremden Sachen auf eine geschickte Art zusammen verknüpft sind, und jedermann die wohlausgesponnene Pracht mit Hochachtung bewundert. Gleiche Beschaffenheit hat es mit unsern Glückwünschungsschreiben. Sie kommen mir nicht anders vor, als ein prächtig ausgeputztes Frauenzimmer. Asien, Aegypten, Griechenland, Rom, Frankreich, London, Himmel und Hölle haben ihren Antheil daran; alles muß etwas dazu hergeben. Dieses weis der Verfasser auf eine sinnreiche Art zu verknüpfen, daraus verfertigt er seine prächtige Schrift. §. 8. Diese Worte Die Regeln, welche ich in diesem Abschnitte gebe, werden sich durch ein Exempel am besten erläutern lassen. Es war am 2 Jänner 1740, als ich in die wünschende Gesellschaft trat. Ich mußte eine Antrittsrede halten, um meine Fähigkeit zu zeigen. Der Vorsitzende redete mich zuerst an. Er sagte mir die Regeln und Gesetze seiner Gesellschaft. Ich versprach ihnen nachzuleben. Hierauf gab er mir den Freymäurer, welcher das Jahr vorher geschrieben war, in die Hand, wies mir die über jedem wöchentlichen Blatte stehende Ueberschrift, und sagte, daß ich nach dieser Ordnung alsobald meine Antrittsrede halten sollte. Ich fragte ihn, was für einen Satz ich ausführen sollte. Er besann sich ein wenig, und sagte mir, ich sollte handeln: Von der wahren Beschaffenheit eines vernünftigen Bürgers. Hierauf hielt ich sogleich eine bewunderungswürdige Rede. Als ich mit solcher fertig war, gab ich den Freymäurer dem Vorsitzenden zurück, welcher eine Gegenrede an mich hielt, und darinnen nach Anleitung und Ordnung eben dieser Ueberschriften, von der damaligen ungemeinen Kälte handelte. Er wendete dieses sehr natürlich auf unsre Gesellschaft, und besonders auf mich an, rühmte dabey, wie leicht zu vermuthen ist, meine Rede ungemein, und hielt es mir, als einem Anfänger, zu gute, daß ich mich in der ersten Hälfte derselben zu sehr an den aufgegebenen Satz gebunden hatte: versicherte mich zugleich, daß die andere Hälfte unverbesserlich, und nach ihrem neuesten Geschmacke sey. Man wird die Wahrheit dieses Urtheils selbst erkennen, wenn man sich das Vergnügen machen will, sie zu lesen; zu dem Ende habe ich sie dieser Abhandlung beydrucken lassen. müssen auf eine ungefähre Art mit einander verknüpft seyn. Was dieses sagen wolle, das ist in dem vorhergehenden Abschnitte größtentheils ausgeführt. An diesem Orte will ich nur einige praktische Regeln geben, welche man bey allen dergleichen Ausarbeitungen mit besonderm Nutzen wird anwenden können. Ich habe die Ehre, ein unwürdiges Mitglied von derjenigen Gesellschaft zu seyn, welche seit geraumer Zeit auf dieser hohen Schule blüht, und sich die wünschende Gesellschaft nennt. Sie besteht aus zwölf Personen, und einem Vorsitzer. Wir kommen alle Wochen einmal zusammen. Ein jeder von uns muß vier Gedanken mitbringen. Diese bestehen entweder aus einem weisen Spruche eines Gelehrten, oder aus einer Ueberschrift, oder aus einem Stücke des Alterthums und der Historie, oder aus einer kritischen Anmerkung. Sie dürfen nicht mit Fleiß ausgesucht, sondern müssen von ungefähr gefunden, mithin von einander ganz unterschieden seyn. Ein jeder Gedanke wird auf einen besondern Zettel geschrieben. Auf solche Weise bringen wir auf 52 Zetteln 52 bündige Gedanken zusammen. Diese wirft der Vorsitzende in seinen Hut, rühret sie wohl unter einander, und legt sie alsdann in einer Reihe auf den Tisch. Der, welchen die Ordnung zu reden trifft, steht alsdann auf. Der Vorsitzende sagt ihm einen Satz, welcher ihm zuerst beyfällt. Dieser muß sogleich abgehandelt werden, und in den 52 Zetteln findet er eine unerschöpfliche Quelle desjenigen, wodurch er, aus dem Stegreife, eine männliche, bündige, gelehrte, sinnreiche und lebhafte Rede, ohne Anstoß, vorbringen kann. Es ist dieses nichts unmögliches. Ein jeder Gedanke führt uns auf den andern. Ein zufälliges Wort ist hierzu genug. Will sich auch dieses nicht finden, so suchet man ein Gleichniß, oder ein Exempel. Das bewährteste Mittel ist die Erfindung, welche die Redner a contratio nennen. Sind aber die aufgegebnen Gedanken gar zu hartnäckigt, und wollen sie sich auf keine Weise verbinden lassen; so sagen wir dieselben in ihrer unzertrennten Ordnung her, und schließen mit einem verwundrungsvollen: Jedoch wo gerathe ich hin! Dieses heißt auf eine ungefähre Art verknüpfen. §. 9. Wenn ich meine Worte auf eine ungefähre Art verknüpfe; so muß ich sie auch mit allen nur ersinnlichen Anmerkungen auszieren, damit die Belesenheit des Verfassers in die Augen falle, und die gelehrte Welt einen tröstlichen Zuwachs erhalte. Wie nöthig, wie rühmlich dieses sey, das werde ich in dem folgenden weisen. Ex Es wird dem gemeinen Wesen sehr zuträglich seyn, wenn ich hier anmerke, daß Virgilius das Wörtchen Ex besonders hundert und siebenzehnmal mit Nachdrucke anführet. Ecl. 3. Puero syluestri EX arbore lecta Aurea malum decem misi. Ecl. 6. Iniiciunt ipsis EX vincula fertis. Ecl. 7. EX illo Corydon. Ecl. 10. EX vobis vnus. Georg. L. 1. Collectae EX alto nubes. Ibid. Reuolant EX aequore mergi. Ib. nec minus EX imbri soles. Ib. L. 2. Inferitur vero EX foeru nucis \&c. Ib. non vllo EX aequore cernes. Ib. EX se ipsa remittit. Ib. EX arbore Plantas. Ibid. Oscilla EX alta suspendunt. Ibid. L. 3. Pugnam EX auro. Ibid. EX hoste trophea. Ib. aliam EX alia generando. Wegen der übrigen Stellen beliebe der geneigte Leser den über Virgilii Opera verfertigten Indicem Nicolai Erythraei aufzuschlagen, welchen ich hier mascula imitatione ausgeschrieben habe. vngue a Graeco όνυχες, Terent. in Eun. Act. IV. Sc. 3 v. 6.               Vnguibus in os alicui inuolare. Tibull. Libr. I. el. 8 v. 12.   Vnguinum praesegmina. Tertull. de Poenit. cap. 10.   Repastinare vngues. Ovid. I. de arte amandi:       Et nihil emineat, et sint sine fordibus vngues. Horat. I. epist. VII. v. 51.       Cultello proprio purgantem leniter vngues. Videatur omnino Fabri Thesaurus, sub voce Vnguis. leonem Ich zweifle gar nicht, daß man nicht bey dem Worte Leo schöne Anmerkungen, aus den Alterthümern, Geschichten, Münzen, sinnreichen Sprüchen gelehrter Männer, der Naturkunde, Sternkunst, und andern Wissenschaften machen könnte. Es war auch dieses anfänglich mein löblicher Vorsatz, und es würde diesem Abschnitte eine sonderbare Zierde gegeben haben. Weil ich aber in allen Registern, die ich besitze, davon nichts rechtes finden können, so bin ich hinlänglich entschuldigt. Denn es ist bekannt, daß wir Gelehrte nichts weiter wissen, als was in den Registern steht. . Ich gestehe zwar gar gern zu, daß es eine etwas mühsame Arbeit ist. Ich weis Hesiod. Op. et Dies, v. 172. ff. Μηκέτ' έπειτ' ώφειλον, εγὼ πέμπτοισι μετει̃νου ’Ανδράσιν, αλλ' ὴ πρόσθε θαυει̃ν, ὴ έπειτα γενέσθαι. Νυ̃ν γὰρ δὴ γένος επὶ σιδήρεον, ουδέ ποτ' η̃μαρ Παύσονται καμάτου καὶ οϊζύος, ουδέ τι νύκτωρ, Φθειρόμενοι. Χαλεπὰς δὲ θεοὶ δώσουσι μερίμενας. aber auch, daß wir uns vielmals in andern Sachen keine Mühe verdrüßen lassen, welche von solcher Wichtigkeit lange nicht sind, als ein dergleichen löbliches Vorhaben. Diese Anmerkungen müssen aus vielerley Sprachen bestehen. Hierbey darf man schlechterdings nicht sparsam seyn. Man schreibt für Gelehrte, und also muß man sie auf eine gelehrte Art unterhalten. Dieses Ich muß mich wundern, daß es Leute giebt, welche von einem Gelehrten mehr fodern wollen, als Sprachen. Es ist mir zu verdrüßlich, mich in diesen Streit einzulassen. Ich will meine Gegner nur auf den R. Moses ben-Maimon weisen, welcher sie zur Gnüge beschämt, wenn er in Hal. Sanhedr. c. 2. v. 7. folgendermassen redet: וצריר לרשהרל ולרבוק שיחיו בולז בעלו מראח גבוגי להש ושירעו כרוב לשונות כרי שלא תשסשן מפי תורגסן׃ heißt aber gelehrt, wenn man viele Sprachen kann. Es ist eine leichte Sache, die Gottesgelahrheit zu fassen, die innländischen und auswärtigen Rechte zu lernen, die Arzneykunst zu begreifen, und ein Meister der Weltweisheit zu werden. Dazu gehört nicht mehr, als höchstens eine Zeit von drey Jahren, so ist man darinnen vollkommen. Aber Sprachen zu lernen; dieses ist dasjenige, womit wir in der zartesten Jugend anfangen, vom Morgen Dieses drückt der Ebräer also aus: מבואו ממזרה־שמשער־ Wenn ich nun die Beschreibung der übrigen Morgenländer, als des Chaldäers, ממרנת שמשא ער מטציה und des Syrers, und des Arabers, bis auf den Abend zubringen, und doch in dem spätesten Alter noch nicht fertig sind. Sollte dieses nicht die wahre Gelehrsamkeit seyn? Sollten diese nicht die sichersten Merkmale seyn, wodurch man darthun kann, daß man ein würdiger Sohn des Apollo Ich kann nicht läugnen, daß es mir sehr sauer geworden ist, den Apollo hier anzubringen, und wer nicht weis, worinnen die Schönheit eines Glückwünschungsschreibens besteht, der dürfte wohl gar glauben, es käme gezwungen. Allein, es hat ein italiänischer Poet gesagt: Ecceoti, benigno Lettore, un parto di poche sere, che se ben naro di nobile, non è però aborto di tenebre, ma si farà conoscer Figlio d'APOLLO con qualche raggio di Parnaso. Weil ich nun in meine Anmerkungen auch etwas Italiänisches setzen wollte, gleichwohl mir nichts anders, als vorstehendes, bekannt war: So habe ich lieber der natürlichen Ordnung ein wenig Gewalt anthun, als diese Schönheit missen wollen. sey? Zwar möchte mancher einwenden: Es sey unmöglich, daß ein jeder eine so weitläuftige Wissenschaft in Sprachen besitze; man habe nicht allemal Gelegenheit sie zu erlernen; nicht ein jeder sey fähig On voit peu d'Esprits sans doute, qui ne soient capables de quelque Art ou de quelque Science. Ils ont tous un certain desir d'apprendre \& d'augmenter leurs lumieres, qui se peut fortifier par une bonne Methode. Mr. Noble dans l'Ecole du monde. , solche zu fassen. Sollte man denn deswegen das reizende Vergnügen entbehren, etwas zu schreiben? Keinesweges. Ich sehe es nicht als eine unumgängliche Nothwendigkeit an, daß man viele Sprachen verstehen müsse: Ich verlange nur, daß die Anmerkungen aus vielen Sprachen bestehen sollen. Was man nicht selbst kann, das werden doch wohl unsre guten Freunde können. Diese It is a true saying, that misfortunes alone prove one's friendships, they show us not only other people's for us, but our own for them; we hardly know our selves any other wise. New Letters of Mr. Al. Pope, p. 207. sind schuldig, uns in der Noth zu helfen, und uns aus der Schande der Unwissenheit zu reissen. Wer wollte mir zumuthen, daß ich Griechisch, Rabbinisch, Ebräisch, Chaldäisch, Syrisch, Arabisch, Französisch, Italiänisch, und Engländisch könne? Ich verstehe nichts als meine Muttersprache, und ein wenig Latein. Gleichwohl würde man es mir nimmermehr ansehen, wenn ich nicht so offenherzig wäre, und es anitzt öffentlich bekennte. Ich habe Ich muß hier die aufrichtige Fürsorge meiner guten Freunde öffentlich und mit Danke rühmen. Ich habe durch ihre Beyhülfe einen so schönen Vorrath von Anmerkungen in verschiednen Sprachen, daß ich alle Stunden vermögend bin, ein neues Werk zu schreiben. Nur kann ich noch nicht schlüßig werden, wovon es handeln soll. ein halb Dutzend gute Freunde, welche mich von Zeit zu Zeit mit gelehrten und fremden Anmerkungen verlegen, und ich habe ihrer Freygebigkeit dasjenige einzig und allein zu danken, was ich in gegenwärtigem Abschnitte dem geneigten Leser mitgetheilet Herr Prof. Kehr in Petersburg hat mir eine auserlesene Sammlung von Noten in ausländischen, und bey uns ganz unerhörten, Sprachen versprochen. Es ist mir verdrüßlich, daß es in Erfüllung seines Versprechens so saumselig ist. Hätte ich sie anitzt gehabt, so würden sie gegenwärtiger Abhandlung ein besonderes Ansehen gegeben haben. . Es ist dieses gar kein Fehler von mir. Wenn niemand nichts schreiben wollte, als was er verstünde; so würde gewiß die Hälfte von den gelehrten Werken wegfallen, welche alle Messen an das Licht treten. Wir haben genug gethan, wenn wir unsre Namen auf den Titel setzen lassen. §. 10. In unsern Glückwünschungsschreiben pflegen wir unsern Gönnern oder guten Freunden etwas annehmliches vorzusagen . Es könnte das Ansehen gewinnen, als wäre dieses der Hauptendzweck: Er ist es aber nicht. Wir schreiben nicht darum, weil wir etwas wünschen wollen; sondern wir wünschen, damit wir schreiben können. Die Erfahrung wird dieses am besten beweisen. Man sehe unsre Glückwünschungsschreiben an. Den größten Theil macht eine so genannte Abhandlung aus. Diese steht uns zu Ehren da. Ein kleiner Anhang gehört unserm Gönner oder guten Freunde. In jenem sagen wir ganz ausführlich, ohne uns zu nennen, was für tiefsinnige und unentbehrliche Mitglieder der gelehrten Welt wir sind. In diesem aber bedauern wir in möglichster Kürze, daß die Schrift wider alles Vermuthen uns unter den Händen gewachsen, und stärker geworden sey, als unser Vorsatz gewesen. Wir bezeigen unsern Unwillen, daß wir abbrechen müssen; wir beklagen, daß der Raum zu enge, und die Zeit zu kurz ist, und was wir noch alles gleichsam auf der Flucht sagen können, ist dieses: Die Verdienste Sie werden also, werthester Freund, mir nicht zumuthen, daß ich Ihnen itzt einen ausführlichen Wunsch, oder ein wohlgesetztes Lob liefern solle. Ich gönne Ihnen alles gutes. Sie besitzen mehr ruhmwürdige Eigenschaften, als sich in ein Glückwünschungsschreiben von dieser Art schicken. Ich liebe Sie aufrichtig. Allein: Sie werden mir nicht für übel halten, wenn ich davon gar nichts sage. Ich würde das Gelübde brechen, welches ich bey meinem Antritte in die glückwünschende Gesellschaft gethan; ich würde mir meine Mitbrüder zu Feinden machen. Dieses können Sie mir nicht ansinnen. Zu geschweigen, daß gegenwärtige Abhandlung fertig gewesen, ehe ich an Sie gedacht habe. Ich und meinesgleichen aber haben für dasjenige, was wir einmal geschrieben, zu viel Liebe und Hochachtung, als daß wir etwas ausstreichen oder ändern sollten. unsers Gönners oder Freundes wären ohne dieß jedermann bekannt, und wir würden unbillig handeln, wenn wir uns wagen wollten, etwas zu loben, welches wir bloß zu erzählen nicht einmal vermögend wären; empfehlen uns anbey dessen hohem Patrocinio oder Freundschaft, und verharren, bis zu dem letzten Hauche unsers Lebens, Diener und Freunde. Wünsche von dieser Art schicken sich für alle; und dergleichen weitläuftige Ausdrücke sind darum unentbehrlich, weil wir mit unsern Lobschriften vorher fertig sind, ehe wir noch wissen, wen wir loben. § . 11. Nunmehr habe ich den Ursprung der Glückwünschungsschreiben ganz kürzlich gezeigt. Ich habe gesagt, was ich unter Glückwünschungsschreiben verstehe. Ich bin diesen gemachten Entwurf stückweise durchgegangen. Ich habe Regeln gegeben, und bin solchen selber gefolget. An Noten und Anmerkungen wird hoffentlich kein Mangel seyn; und wenn ich nicht gar zu sittsam wäre, so würde ich sagen: daß gegenwärtige Schrift ein Muster aller Glückwünschungsschreiben, eine unleugbare Probe meiner unerschöpflichen Fähigkeit im Denken, ein Innbegriff vieler inn- und ausländischen Schönheiten, und ein solches Werk wäre, welches, wie wir großen Geister tiefsinnig zu reden pflegen, wo nicht sich selbst übertreffe, doch seine eigne Parallel sey.   Corollarium Weil Corollarium nicht mehr, wie bey unsern Vorfahren, eine solchen Proposition heißt, die aus denen vorherstehenden Sätzen durch eine natürliche Folge fließt; sondern vielmehr dadurch dasjenige angezeiget wird, was auf das letzte weise Blatt gedruckt wird: So bin ich befugt gewesen, diesen Anhang ein Corollarium zu nennen. . Als ich gegenwärtige Abhandlung einem guten Freunde zu lesen gab; so entdeckte dieser gleich anfangs einen großen Fehler daran. Ich hätte nämlich, sagte er, vergessen, dem Zoilus, beim Eingange meiner Schrift, eines zu versetzen. Ich hätte ihn warnen sollen, daß er sich mit seinem alles begeifernden Zahne nicht an mich wagen sollte: Allein, es ist mit gutem Vorbedachte unterlassen worden. Ich will gar nicht böse werden, wenn sich jemand wider dieses Werkchen auflehnt; es soll mir vielmehr ein besondres Vergnügen seyn. Auf solche Weise bekomme ich wieder Gelegenheit, etwas neues, und vielleicht noch viel zu schreiben. Ich habe mich schon auf verschiedene beissende und satirische Gedanken gefaßt gemacht, womit ich meinen Gegner lächerlich machen will. Hiermit will ich also jedermann, wer es auch sey, zu einem gelehrten Kampfe auffordern. Sollte aber niemand, wie ich fast vermuthe, das Herz haben, sich an mir zu vergreifen; so werde ich mich genöthigt sehen, in dem nächsten Glückwünschungsbriefe, unter verdecktem Namen, selbst wider mich zu schreiben. Ich hoffe hierdurch im Stande zu seyn, in weniger Zeit der gelehrten Welt eine starke Sammlung auserlesener Streitschriften unter dem Titel Scribleriana zu liefern. Schreiben muß ich, und zwar viel schreiben. Denn ich bin ein Gelehrter! Eine Rede, beym Antritte, in die Wünschende Gesellschaft, nach den, im vorstehenden 8 §. und der beygefügten Anmerkung, vorgeschriebnen Regeln , aus dem Stegreife gehalten von Martin Scriblern, dem Jüngern. Am 2 Jenner 1740.     Antrittsrede von der wahren Beschaffenheit eines vernünftigen Bürgers. Meine Herren, Wir machen uns allerseits ein Vergnügen daraus, wenn man uns für ehrlich und vernünftig hält Vir bonus, et prudens dici, delector ego, ac tu. Horat. . Ein solcher Mann wird durch seine Ehrlichkeit ansehnlich, und ein jeder muß die Verdienste desselben mit Stillschweigen bewundern Tum pietate grauem, ac meritis, si forte virum quem   Conspexere, silent Virgil. . Es ist aber auch nichts so gut, es ist zu etwas schädlich. Was ist so nützlich, als das Feuer? Und gleichwohl kann man die prächtigsten Gebäude dadurch vernichten. Was dient mehr zu unsrer Sicherheit, als das Schwerdt? Und oft bringt es uns selbst den Tod Nil prodest, quod non laedere possit idem. Igne quid vtilius? Si quis tamen urere, recta   Comparat, audaces instruit igne manus. Et latro, et cautus praecingitur ense viator,   Ille sed insidias, hic sibi portat opem. Ovid. . Wer Ehrlichkeit und Verdienste selbst von sich rühmen will, dem glaubt man nicht, der macht sich verhaßt, der schadet sich selbst Quodcunque ostendis mihi sic, incredulus odi. Horat. . Für einen Großsprecher wird man ihn halten Quid dignum tanto feret hic promissor hiatu! Horat. , und glauben, daß er seine Fehler unter dem scheinbaren Namen der Tugend verbergen wolle Fallit enim vitium specie virtutis et vmbra! Iuuenal. . Wer dasjenige in der That seyn will, was er von sich berühmt, der hat unter allen Regeln besonders viere wohl in Acht zu nehmen Quatuor ex omni – – – – Virgil. . Er muß seinen Beruf wohl abwarten, und nicht eher ruhen, bis er seiner Pflicht eine völlige Gnüge geleistet hat – – – Susceptum perfice munus! Virgil. ; Er muß das Wahre von dem Falschen vorsichtig zu unterscheiden wissen – – – Pulsa, dignoscere cautus,   Quid solidum crepet et pictae tectoria linguae. Pers. ; Er muß, was seinem Amte wohlanständig ist, auf das genaueste beobachten – – – Rigidi seruator honesti. Lucan. ; Er muß endlich der weisen Vorsicht des Himmels alles ruhig überlassen Permittes ipsis expendere numinibus, quid   Conueniat nobis, rebusque sit utile nostris.   Nam pro iucundis aptissima quaeque dabunt Di:   Charior est illis homo, quam sibi. Iuuen. . Aber wie wenige unter uns thun dieses! Wie wenige kennen ihre eigne Schwäche – – – Egomet me noui. SY. Pauci istud faciunt homines, quod tu praedicas. Nam in foro vix decimus quisque est, qui ipsus se noverit. Plaut. ! Wie wenige warten ihren Beruf gebührend ab! Man sollte zwar meinen, sie wären in beständiger Arbeit und Unruhe; in der That aber thun sie garnichts Est ardelionum quaedam Romae natio,   Trepide concursans, occupata in otio,   Gratus anhelans, multa agendo nihil agens. Phaedr. . Fodert ihr Beruf eine Verschwiegenheit, so glauben sie doch, es sey ihnen erlaubt, alles, was sie hören, was in der Macht der Vergessenheit, was noch so tief versteckt bleiben sollte, in der ganzen Welt auszubreiten – – – Loca nocte silentia late, Sit mihi fas audita loqui: sit numine vestro Pandere res alta terra, et caligine mersas. Virgil. . Fällt ihnen auch zuweilen ihre Pflicht ein, finden sie eine innerliche Regung solche zu beobachten; so reut sie doch dieser Vorsatz gleich wieder. Sie bleiben bey dem ersten Schritte still stehen, weiter gehen sie nicht fort Dum licet, et modici tangunt praecordia motus, Si piget, in primo limine siste pedem. Ovid. . Viele stört die Rachbegierde in Beobachtung ihrer Pflichten, und diese verrathen, wie klein, wie niederträchtig ihre unedle Seele sey – – – Quippe minuti Semper et infirmi est animi, exiguisque voluptas Vltio. Iuuenal. . Je leichter sie diesen Fehler vermeiden könnten, desto thörichter handeln sie, daß sie es nicht thun Tu quod cauere possis, stultum admittere est. Terent. . Und wie könnten sie diese Leidenschaft wohl leichter überwinden, als wenn sie bloß die Liebe zum Vaterlande ihr Augenmerk seyn ließen Vincet amor patriae – – Virgil. ? Die zweyte Pflicht war: Man muß das Wahre vom Falschen vorsichtig zu unterscheiden wissen. Man dürfte hier nur der Wahrheit selbst folgen, welche durch ihren Glanz die dickste Finsterniß vertreibt Noctem flammis funalia vincunt. Virgil. . Dieses ist der erste Grund, worauf diese ganze Wissenschaft ruht; nur diesen dürfte man sich bekannt machen Elementa velint vt discere prima. Horat. . Allein, man ist zu verdrossen, und dieses macht uns die leichteste Sache beschwerlich Nulla est tam facilis res, quin difficilis fiet, Quam inuitus facias – – Terent. . Oft haben wir zu viel Eigenliebe; wir wollen unserm verdrüßlichen Hochmuthe nicht entsagen, und eben dadurch wird unsre ganze Vorsicht zu Schanden gemacht Ingratam – – pone superbiam Ne currente retro funis eat rota. Horat. . Oft glauben wir dem äußerlichen Scheine zu viel Nimium ne crede colori. Virgil. . Wenn man drittens in seinem Berufe das Wohlanständige beobachten will; so darf man kein abgeschmackter Nachahmer alles desjenigen seyn, was uns vorkömmt Scribere si fas est imitantes turpia Mimos. Ovid. . Es ist unanständig, wenn man sich selbst groß machen will. Nur diejenigen betrügt man dadurch, die uns nicht kennen; denen, die uns besser kennen, wird man lächerlich – – – Verbis iactans gloriam Ignotos fallit, notis est derisui. Phaedr. . Es ist unanständig, wenn ein solcher Mann andrer spotten, und über ihre Beschimpfung frohlocken will Scit risisse vafer, multum gaudere paratus, Si Cynico barbam peruilans Nonaria vellat. Pers. . Es ist unanständig, wenn man sich der öffentlichen Gebräuche entziehen will, welche nichts abergläubisches, nichts eitles bey sich haben – – – Non haec solennis nobis Vana superstitio – – – Virgil. . Kurz. Bey allen seinen Handlungen darf er auch das schärfste Urtheil der ganzen Welt nicht scheuen – – – Volet haec sub luce videri, Iudicis argutum quae non formidat acumen. Horat. . Die vierte und letzte Pflicht ist, daß er sich der liebreichen Vorsorge des Himmels überlasse. Die Welt ist ein verführerisches Labyrinth; man muß alles der Leitung des Himmels anheim stellen Vt quondam Creta fertur Labyrinthus in alta, Parietibus textum caecis iter: ancipitemque Mille viis habuisse dolum, qua signa sequendi Falleret indeprensus et irremeabilis error. Virgil. . Je weniger man von ihm verlangt, desto mehr erhält man von ihm Quanto quisque sibi plura negauerit, A Dis plura feret – – – Horat. . Es heißt hier gar nicht: – –   Cupidine caedis Vtitur – et nunc quoque sanguine gaudet – – – Cupidine caedis Vtitur – – et nunc quoque sanguine gaudet. Ovid. . Man thue seine Berufsarbeit, dafür trage man Sorge; für das Uebrige sorgt der Himmel! Was will man weiter Et dubitant homines ferere, atque impendere curam? Quid maiora sequar? Virgil. ? Eine reiche Erndte wird sodann unsre Belohnung seyn Quid faciat laetas segetes. Virgil. . Wir können dieses thun, wir haben die Fähigkeit dazu vom Himmel erlangt – – Equidem credo, quia sit diuinitus illis Ingenium – – Virgil. , und dieser ist auch der erste Urheber davon – – Horum omnium causa Constituisse Deum fingunt. – – Lucret. . Non omnes arbusta iuuant humilesque myricae Non omnes arbusta iuuant humilesque myricae! Virgil. ! Man darf nicht einen Augenblick aufschieben, seine Lebensart vernünftig einzurichten Incipe: qui recte viuendi prorogat horam, Rusticus expectat, dum defluit amnis; at ille Labitur, et labetur in omne volubilis aeuum. Horat. , und eine Blutegel läßt nicht eher ab, zu saugen, bis sie ganz voll Blut ist Non missura cutem, nisi plena cruoris, hirudo. Horat. . Meine Rede könnte hier wohl manchem unordentlich und verwirrt scheinen – – Farrago libelli. Iuunenal. , wenn man nicht bedächte, daß der Mensch um deswillen aufrecht erschaffen sey, damit er den Himmel betrachten solle Os homini sublime dedit caelumque tueri Iussit, et erectos ad sidera tollere vultus. Ovid. . Glückselig ist derjenige, welcher von freyen Stücken ohne Zwang thut, was recht ist, und keinen Richter scheuen darf – – – – Vindice nullo Sponte sua sine lege fidem rectumque colebat. Poena metusque aberant, nec verba minacia fixo Aere legebantur. Nec supplex turba timebant Iudicis ora sui, sed erant sine iudice tuti. Ovid. . Dieses geschah in den ersten Zeiten; itzt sind sie viel schlimmer, und die Bosheit nimmt überhand Quippe aliter tunc orbe nouo coeloque recenti Viebant homines – – Omne aliud crimen mox ferrea protulit aetas. Iuunenal. . Die Waffen sind schädlich; Wollust aber schadet weit mehr – – Saeuior armis Luxuria incubuit. – – Iuuenal. . Sehr wohlbedächtig hat Horaz gesagt: Torquet ab obscoenis iam nunc sermonibus aurem, Mox etiam pectus praeceptis format amicis, Asperitatis et inuidiae corrector et irae. Recte facta refert Torquet ab obscoenis iam nunc sermonibus aurem, Mox etiam pectus praeceptis format amicis, Asperitatis et inuidiae corrector et irae. Recte facta refert Horat. . Und handelt derjenige nicht am vernünftigsten, welcher nichts thörichtes unternimmt Quanto rectius hic, qui nil molitur inepte. Horat. ? Doch wo gerathe ich hin! Ich komme zu weit ab. Ich verliere mich von meinem Zwecke. Horaz , den ich nur itzt gelobt habe, straft mich selbst, wenn er sagt:                     Seruetur ad imum, Qualis ab incepto processerit, et sibi constet – – Seruetur ad imum, Qualis ab incepto processerit, et sibi constet Horat. ! Der Haß gegen die Wollust hat diese kleine Unordnung verursacht. Und gewiß ist dieser Eifer nöthig, denn wer die Schamhaftigkeit einmal verliert, findet sie nicht wieder Laesa pudicitia est, deperit illa semel. Ovid. . Allem es ist mein Vorsatz nicht, die Laster zu richten, und alle Narren durch die Musterung gehen zu lassen – – Huc propius me, Dum doceo insanite omnes, vos ordine adite. Horat. . Wenn würde ich fertig mit tadeln? Denn es ist alles voll von lächerlichen Fehlern – – O quantum est in rebus inane! Pers. . Ich handle von den Pflichten eines ehrlichen und vernünftigen Mannes. Ich habe oben vier Regeln gegeben; ich will noch die fünfte hinzuthun: Man muß friedfertig seyn, wenn man Gelegenheit zu streiten hat; man muß dem Nächsten helfen, wenn man ihm gleich schaden könnte; man muß sich der Tugend befleißigen, wenn es auch erlaubt wäre, lasterhaft zu seyn Tum certare odiis, tum res rapuisse licebit. Nunc sinite, et placidum heri componite faedus. . Wer diese Regeln beobachtet, von dem kann man wohl nicht sagen, daß er sich mit geringen Kleinigkeiten beschäfftiget Rem peragit nullam – – Martial. . Es ist dieses ein wesentliches Stück des Gottesdienstes, welchen die Natur selbst den entlegensten Völkern bekannt gemacht hat, und von welchem Lucrez sagt: Nunc, quae causa Deum per magnas numina gentes Peruolgauerit, et ararum compleuerit vrbes, Non ita difficile est, rationem reddere verbis Nunc, quae causa Deum per magnas numina gentes Peruolgauerit, et ararum compleuerit vrbes, Non ita difficile est, rationem reddere verbis Lucret. . Ich weis, meine Herren, Sie haben einerley Meinung mit mir. Ich wünsche, daß diese flüchtige Probe den entscheidenden Beyfall einer so ansehnlichen Gesellschaft erlangen möge. Dieses, und die Ehre ihr Mitglied zu werden, wird mich aufmuntern, Sie bis in meinen Tod mit Wünschen zu überhäufen. Klage wider die weitläuftige Schreibart. Ward zum erstenmale gedruckt in den Belustigungen des Verstandes und Witzes, im Christmonat 1741.     Hochedler Herr,       Hochgeehrtester Herr, Welchergestalt Ew. Hochedl. in Ihrer Monatsschrift, daß alle muntre Köpfe dieses großen deutschen Reichs die Freyheit haben sollten, Ihre Sammlung durch ihren Beytrag zu befördern, hochgeneigt, und günstig erlaubt, nicht minder, daß denenselben sie die wohlgerathenen Proben, von der Stärke ihres Geistes, und der Gründlichkeit ihres Verstandes, zur Bekanntmachung anvertrauen möchten, zugleich ersucht: Solches muß Ew. Hochedl. noch wohl erinnerlich seyn, erhellet auch aus der Vorrede de dato Leipzig, den 1sten Heumonats 1741 pag.  15. allenthalben in mehrerm. Nachdem nun von meinem hochgeehrtesten Herrn hierdurch ich befehliget zu seyn glaube, dasjenige, so zur Ausbesserung der deutschen Sprache dienet, treufleußigst und pflichtschuldigster Maßen beyzutragen, mich in den Vorwurf mit Grunde nicht befürchten darf, quod culpa sit, immiscere se rei da se non pertinenti, l. 36. D. de R. I. wenigstens wider den klaren Innhalt der Gesetze laufen würde, wenn jemand, daß ich mir diese Freyheit nehme, übel deuten wollte, quia, quotiens dubia interpretatio libertatis est, secundum libertatem respondendum erit, l. 20. ibid. und aber in denen bisherigen Monaten obmentionirter Schrift ich misfällig wahrnehmen müssen, daß Dieselben uns zwar von verschiedenen Arten der Gelehrsamkeit Regeln und Proben mitgetheilet, im Gegentheil, wie die Schreibart männlich und bündig einzurichten sey, nicht alleine geflissentlicher Weise keine Anleitung gegeben, eius enim est non nolle, qui potest velle. Vlpianus l. 1. ad Sabin. sondern auch zum mehrersten solche Stücke uns vorgelegt, in welchen oftermals die gründlichsten Sachen durch eine widrige Schreibart ekelhaft, die Leser bey denen bündigsten Beweisen durch eine verdrüßliche Weitläuftigkeit müde gemacht, und dasjenige in funfzig Perioden eingehüllet worden, was doch auf die angenehmste und deutlichste Art in einem einzigen Satze vorgetragen werden können, sollen, oder mögen; iniustus enim videtur, qui per ambages exponit, quod vna formula comprendere potest. Pyrrhus Mauritius. de Satisd. \& fidej. Et illa octio est optima, quae breuissima. vid. Lanfrancus de Oriano, de dilat. cf. Mantica de convent. it. Loriottus de transact. et Caccialupa de off. aduoc. Als habe Ew. Hochedl. solches ich nicht bergen mögen, mit dem Ermahnen, Sie wollen, daß solchem allem abhelfliche Maße gegeben, und die bisherige weitläuftige Schreibart geändert, auch alles in einer beliebigen Kürze abgefasset werden möge, gebührende Sorge tragen, oder, entstehenden Falls, daß ich dieserhalb nach gegenwärtiger Probe eigne Regeln entwerfe, und Denenselben zur Bekanntmachung schierstkünftig übersende, Sich unfehlbar gewärtigen. Und denenselben bin ich übrigens angenehme Freundschaft zu erweisen, vor die Person stets willig. Der ich verharre Ew. Hochedl. Meissen. den 9 Novembr. 1741. ergebenster CAIVS IAVOLENVS I. V. D. Advocatus \& Not. Publ. Caes. cor. Reg. El. immatr.           Unterdienstschuldigstes Inserat. Auch, Hochgeehrtester Herr, dürfte zwar manchen aus Eigensinn beyfallen, daß diese meine Schreibart undeutlich, und dennoch weitläuftig sey, ob ich gleich in einem Satze dasjenige sagte, wozu ein andrer eine Ausführung von vielen Perioden gebraucht haben würde, nicht weniger, daß die Einstreuung altväterischer Worte, und die barbarischen Namen fremder Rechtsgelehrten so abgeschmackt, als ihre beygebrachten Zeugnisse wären; Demnach aber und dieweil einiger Undeutlichkeit ich mit Grunde nicht beschuldiget werden mag, da ich dasjenige, so ich geschrieben, ganz wohl verstehe, einfolglich vor unzählich neuern Schriftstellern einen großen Vorzug verdiene, anbey wider die arithmetische Verhältniß läuft, daß dasjenige, so in einem einzigen Satze gesaget wird, eben so weitläuftig seyn sollte, als das, wozu ich die mühsame Umschreibung vieler Perioden nöthig habe, hiernächst die Beybehaltung geschickter Kunstwörter vielmehr eine Lobeserhebung, als Bestrafung, verdienet, über dieses die Anziehung alter Rechtsgelehrten und ihrer Zeugnisse allerdings nach dem neuesten Geschmacke zu seyn scheinet, da die eingebildetsten meiner Landsleute zum öftern den Homer, Virgil, Boileau, Milton , und andere Ausländer dasjenige griechisch, lateinisch, französisch, und englisch sagen lassen, worauf vielmals ein auch nur halbgelehrter Deutscher von selbst gefallen seyn würde; Als zweifle nicht, Ew. Hochedlen werden sich meinem Vorschlag gefallen, und mir dasjenige Recht wiederfahren lassen, welches Sie einem Patrioten, und Beförderer der deutschen Sprache schuldig sind. Ich bin Ew. Hochedlen, Datum vt in litteris. ergebenster C. IAVOLENVS.           Memoires d'Amourette, oder Lobschrift auf Amouretten, ein Schooßhündchen S. Belustigungen des Verstandes und Witzes, im Hornung 1741. .     Geneigter Leser! Die vornehmste Sorge eines Schriftstellers geht dahin, wie er sich des Beyfalls seiner Leser versichern möge. Die meisten schreiben heutiges Tages aus Hunger; viele suchen berühmt zu werden; einige wenige haben die Absicht zu erbauen; alle aber bemühen sich, ihre Schriften beliebt zu machen. Meine gegenwärtige Absicht ist keine von diesen dreyen. Ich schreibe einzig und allein darum, damit ich meine Gedanken will gedruckt lesen. Dieses ist meine vornehmste Leidenschaft. Ich habe dir es schon einmal gestanden; ich will es auch itzt nicht läugnen. Ist es ja eine Sünde, so ist es doch nur eine Erbsünde. Mein Vater ist ein Autor gewesen; mein Großvater hat Bücher geschrieben; von meines Urgroßvaters Fähigkeit habe ich gestern noch eine nicht übelgerathene Probe aus dem Würzladen bekommen; und bloß eine unvermuthete Feuersbrunst ist Schuld daran, daß wir den Fleiß meines Aeltervaters nicht bewundern können. Wird man es mir also wohl übel nehmen, wenn ich dem angebohrnen Triebe, zu schreiben, nicht widerstehen kann? Daß unsre Frauenzimmer noch itzt gern Liebesbriefe abfassen, solches kömmt uns gar nicht fremd vor. Denn schon Eva hat sehr zärtlich an ihren Adam geschrieben, wie man den Beweis davon in Zieglers Heldenliebe findet. Hier siehst du also, geneigter Leser, meine Befugniß zum Schreiben. Und ob ich gleich weder aus Geldgeitz, noch aus Ehrgeitz, noch dem Vaterlande zum Besten, sondern lediglich zu meiner eignen Beruhigung, schreibe: So erachte ich es doch der Höflichkeit gemäß zu seyn, daß ich mir dein Wohlwollen, und eine günstige Aufmerksamkeit ausbitte. Ich kann dieses, als eine schuldige Gegengefälligkeit, von dir verlangen. Denn bloß dir zu Liebe habe ich mich überwunden, gegenwärtiger Arbeit den Titel der Memoires zu geben; einen Titel, dessen allgemeinen Gebrauch du nebst vielen dergleichen Wohlthaten dem Gehirne unsrer Nachbarn zu danken hast. Ich kenne die abgöttische Hochachtung, welche du für dergleichen Art von Schriften trägst, und weis deine Gütigkeit, welche die abgeschmacktesten Sachen bewundert, wenn sie nur diesen ansehnlichen Namen führen. Was hätte mich wohl sonst hierzu bewegen sollen? Ich bin vielleicht der erste, der von einem Thiere Memoires schreibt. Meine Amourette ist keine Marquisinn; und ich kann nicht behaupten, daß sie aus einer besonders ansehnlichen Familie erzeugt, oder von ihren Aeltern in der zarten Jugend verlohren, und erst nach späten Jahren durch viele Abentheuer wieder gefunden worden sey. Eben so wenig getraue ich mir, dieß zu bereden, daß sie ganz gemeiner Hunde Kind wäre, und nur durch ihre blitzende Schönheit, und eisenfeste Tugend einen irrenden Ritter ihres Geschlechts gefesselt habe. Du wirst weder Liebesstreiche noch Entführungen antreffen; und da es nur ein Werk von etlichen Blättern seyn soll, so siehst du wohl, wie wenig Aehnlichkeit es mit deinen Memoires habe, welche die Beständigkeit ihrer Helden nicht eher, als in dem achten, oder zwölften Bande, krönen. Bloß dir zu Liebe gebe ich meiner Schrift diesen Namen, und du würdest undankbar seyn, wenn du sie nicht mit geneigten Augen ansehen, und mit gebührender Ehrfurcht durchlesen wolltest. Ich halte es für etwas überflüßiges, mein Verfahren zu rechtfertigen, daß ich auf einen Hund eine Lobschrift mache. Wer Amouretten von Person kennt, der weis, daß es ihre sonderbaren Eigenschaften wohl verdienen, an die Nachkommen gebracht zu werden. Wer sie aber nicht kennt, dem will ich sie durch die lebhaftesten Züge bekannt machen. Du kannst dich darauf verlassen, daß mir eine niederträchtige Schmeicheley die Feder nicht führen wird. Ich darf Amourettens Tugenden nur erzählen, so ist auch die Lobschrift fertig. Sollte ich etwan eine Leichenrede halten, oder einen Mäcenaten wegen seiner Freygebigkeit und Verdienste herausstreichen: So würde ich alle Künste der Beredtsamkeit anwenden müssen, um meinen Zuhörern eine verdächtige Sache wahrscheinlich zu machen. Aber, weil ich Amouretten loben will, so darf ich nur die Wahrheit reden lassen. Diese brauchet keine Schminke. Von der Geburt unsrer Amourette kann ich nicht viel besonders sagen. Sie ist im Jahre 1735 in Cölln, einem Dorfe an der Elbe, auf die Welt gekommen. Ich nenne dieses Dorf um deswillen ausdrücklich, damit ich der Nachwelt einen Zweifel, den künftigen Geschichtschreibern eine mühsame Untersuchung, und den andern Dörfern selbiger Gegend einen hitzigen Wettstreit erspare, welches unter ihnen sich dieser Ehre anzumaßen habe. Bey der Geburt selbst hat sich eben nichts merkwürdiges zugetragen. Ein Winzer, ihr Pflegevater, sagte mir, daß sie gleich anfangs sehr gewinselt, und er daher befürchtet habe, es würde ihr in der Welt unglücklich gehen. Allein die Folge hat gewiesen, daß die abergläubische Meinung ungegründet gewesen ist. Ihre Mutter ist aus einem zwar guten, doch gemeinen Bürgerhause; und ihr Vater soll von einem adlichen Hofe seyn. Es ist eine Vermuthung, welche viele Umstände glaubwürdig machen. Die ganze Sache bleibt freylich eine Ungewißheit. Allein, dieses ist etwas gewöhnliches, und kann Amouretten bey vernünftigen Leuten nicht zum Vorwurfe gereichen. Sie hat noch zween Brüder gehabt, welche gleich nach der Geburt ersäuft worden sind, und meine Amourette würde ein gleiches Schicksal erfahren haben, wenn sie nicht ihre ehrliche und gute Gesichtsbildung davon befreyet hätte. Sie blieb also die einzige in ihrer Mutter Hütte; und es wäre daher kein Wunder gewesen, wenn man sie bey ihrer Auferziehung verzärtelt, und in aller üppigen Wollust und eigenwilliger Freyheit gelassen hätte. Allein dieses geschah nicht. Sie ward von ihrer Mutter geliebt, welche sie auch nicht einmal einer Amme anvertrauen wollte, sondern es für ihre Schuldigkeit hielt, sie selbst zu säugen. Bey zunehmendem Alter ward sie zu allen möglichen Hundetugenden angehalten. Ich verstehe darunter die Wachsamkeit, die Treue, ein freundliches Wesen, und die Reinlichkeit. In kurzer Zeit brachte sie es weit, und ihre besondre Fähigkeit, welche sie dabey zeigte, machte ihren Anverwandten manche Sorge, sie dürfte ihr Leben wohl nicht hoch bringen. Diese Sorge ist vergebens gewesen, und es dient solches alten Leuten zum kräftigen Troste, welche daraus abnehmen können, man müsse eben nicht dumm seyn, wenn man zu Jahren gekommen ist. Kaum hatte sie es so weit gebracht, daß sie sich selbst forthelfen konnte: So trug ihre Mutter Bedenken, sie länger unter ihrer Aufsicht zu behalten. Sie mußte ihre Wohnung verlassen, und ward in ein Haus gebracht, wo man sie mit vieler Gütigkeit aufnahm. Ob ihre Mutter bey dem Abschiede dieser einzig geliebten Tochter sehr kläglich gethan, solches ist mir unbekannt. Dieses hat man wohl aus ihrer nachherigen Aufführung gesehen, daß sie derselben viele gute Lehren mit auf den Weg gegeben haben müsse. Ihr freundliches und dienstfertiges Bezeigen machte sie bey jedermann beliebt, und erwarb ihr den prächtigen Namen, den sie noch jetzt führt. Einen Umstand darf ich nicht vergessen, welcher in ihrem Leben beynahe der merkwürdigste gewesen ist. Um meine Amourette recht vollkommen zu machen; so war man bedacht, sie auf Reisen zu schicken. So gefährlich dieses zu seyn schien, und so viel Furcht unzähliche Beyspiele deswegen erwecken können; so wenig ließ man sich doch davon abwendig machen. Man wußte sich auf ihre Tugenden zu verlassen, und lediglich diesen hat man es zuzuschreiben, daß alles nach Wunsche abgelaufen ist. Sie ward in die Fremde geschickt, wo schon viel iunge Hunde verführet worden sind. Amourette mußte ohne Hofmeister dahin gehen. Man hatte seine Ursachen. Sie hielt sich eine geraume Zeit daselbst auf, bis ein unvermutheter Zufall sie nöthigte, wieder in ihre Heimat zu kehren. Es traf ungefähr zu, daß ich gleich bey ihrer Rückkunft gegenwärtig war; und ich kann nicht läugnen, ich ward damals sehr erbaut: Denn Amourette brachte ihr redliches und unschuldiges Gemüthe wieder zurück. Sie hatte ihre Wohlthäter nicht verkennen lernen, und ersetzte mit doppelten Liebkosungen dasjenige, was sie bisher entbehren müssen. Sie hatte ihre Stimme nicht geändert; sie bellte noch eben so, wie vorher; und man merkte nicht die geringste lächerliche Nachahmung der Fremden an ihr. Ich kann nicht begreifen, wie es zugegangen ist, daß sie auf ihrer Reise keine Schulden gemacht hat. Anfänglich wollte man es gar nicht glauben; es befand sich aber in der That so. Ich vermuthe, daß sie keine Liebhaberinn vom Spielen, und von zärtlicher Gesellschaft, sondern lediglich auf die Beobachtung ihrer Schuldigkeit bedacht gewesen ist. Von Moden und andern galanten Neuigkeiten brachte sie gleichfalls nicht das geringste mit. Ich führe dieses um deswillen zu ihrem Lobe an, weil ich gehört habe, daß sich viele Hunde bey ihr nach dergleichen erkundigt haben, und ihr solches für eine Einfalt auslegen wollen. Gestehe es nur, geneigter Leser, meine Erzählungen scheinen dir fabelhaft zu seyn. Von Reisen zu kommen; ohne Schulden, ohne Moden, mit unverschlimmertem Gemüthe? Dieses sind Sachen, welche wider alle Wahrscheinlichkeit laufen. Ich will dir nicht widersprechen. Ich behaupte aber doch, daß ich die Wahrheit geredet habe. Verlange keinen Beweis von mir. Du mußt mir glauben. Ich würde es ja nicht sagen, wenn es nicht wahr wäre! Ist dieses nicht Beweis genug? Ich sehe schon, du wirst begierig, Amouretten genauer kennen zu lernen. Du willst ihre Gestalt wissen. Wie soll ich dir aber diese beschreiben, ohne daß es schmeichelhaft klinge? Wenn es unter den Hunden auch Poeten gäbe; so zweifle ich nicht, der sinnreichste unter ihnen würde sie also abmalen: »Ich soll dich besingen, bezaubernde Amourette! Aber flöße du mir zuvor das Feuer deiner Augen in meine Adern, damit ich mich recht lebhaft ausdrücken könne! Die Natur hat an dir alle Schönheiten verschwendet, und sich dergestalt erschöpft, daß sie in langer Zeit nicht vermögend seyn wird, wieder einen solchen Hund zu zeugen. Deine Haare, deine anbetenswürdige Haare, übertreffen die zarteste Seide des stolzen Persers. Auf deiner Stirne scherzen die Grazien, und deine zarten Ohren würden vollkommen seyn, wenn sie nicht immer bey unserm seufzenden Bellen taub wären. Deine Augen sind Sonnen, welche durch ihre freundlichen Stralen beleben, durch ihre erzürnten Blicke den zitternden Liebhabern Blicke, und donnerschwangre Wolken gebären. Deine korallne Schnauze übersteigt den Purpur der prangenden Morgenröthe. Deine weiße Brust übertrifft an Schönheit den ewigen Schnee, welcher auf den Gipfeln der unersteiglichen Alpen liegt. Was Wunder, wenn dein Herz von Eise ist? Deine wohlgebauten Pfoten tragen einen niedlichen Körper, welchen die Natur durch braune und weiße Flecke reizend gemacht hat. Glückselig ist der, welcher die äußerste Spitze deiner Krallen anrühren darf. Dein zierlich gelockter Schwanz ist der Sitz einer zärtlichen und aufgeweckten Seele, welche ihre Regungen durch freudiges Wedeln an den Tag legt. Verzeihe mir, Amourette, wenn ich mein Rohr niederlege! Meine Muse wird eifersüchtig. Sie verläßt mich!« Dieses würde ungefähr der Ausdruck eines Hundepoeten seyn, und ich glaube, viele der unsrigen selbst könnten ihm das Feuer eines Dichters nicht gänzlich absprechen. Allein dieses ist zu weitläuftig. Ich will dir eine kürzere Beschreibung machen, wenn ich sage, daß Amourette einen artigen Kopf, ein weißes Fell mit braunen ordentlich gezeichneten Flecken, und alle Schönheiten eines Schooßhundes hat. Was Wunder, wenn in einem so schönen Körper auch eine schöne Hundeseele wohnt! Amourette weis, daß sie schön ist. Dieses hat sie mit unserm Frauenzimmer gemein. Allein, ihre Schönheit macht sie weder hochmüthig noch lächerlich; und hierinnen ist sie von vielen unterschieden. Sie bringt nicht ganze Stunden vor dem Spiegel zu; sie schminkt sich nicht, und nahm es für den größten Schimpf an, als ich ihr nur im Scherze ein Schönpflästerchen unter das rechte Auge kleben wollte. Sie hat schon sechs neue Frauenzimmertrachten erlebt, ist aber nicht zu bewegen gewesen, die ihrige zu ändern, von welcher sie glaubt, sie sey die natürlichste. Sie liebt Gesellschaft, sie stattet Besuch ab, und nimmt welchen an. Niemals aber hört man sie von ihrem Nächsten übel sprechen, oder mit einer boshaften Neugierigkeit nach andrer Hunde Umständen fragen. Sie redet auch nicht vom schönen Wetter; und ob sie gleich nicht spielt, so wird ihr doch die Zeit nicht lang. Mit allen macht sie sich zwar nicht gemein; sie verachtet aber auch niemand. Der Rangstreit ist ihre kleinste Sorge, und ich habe es mit meinen Augen gesehen, daß sie einem Budel die Oberstelle ließ, von dem stadtkündig war, daß sein Vater nur ein Fleischerhund gewesen. Aus dem Schmucke, oder andern Kostbarkeiten, macht sie sich wenig. Einige Halsbänder und zwey Betten sind ihre ganze Gerade. Ob der Korb, in dem sie liegt, auch dazu gehöre, das mögen die Rechtsgelehrten unter sich ausmachen. Die Mäßigkeit, welche sie beobachtet, ist merkwürdig. Sie frißt nicht mehr, als ihr gut ist, und säuft nicht eher, als wenn sie durstet. Nur darinnen ist sie den Menschen ähnlich, daß sie eine Liebhaberinn vom Caffee ist. Dieses sind die vornehmsten Tugenden, welche meine Amourette zieren. Es ist kein Zweifel, daß sie deren nicht noch mehr besitzen sollte. Allein, sie macht so wenig Rühmens von sich selbst, daß ich befürchte, ich würde ihre Sittsamkeit beleidigen, wenn ich sie weiter lobte. Ich will unpartheyisch seyn. Ich will auch dasjenige von ihr anführen, was Uebelgesinnte für Fehler auslegen wollen. Zugleich aber werde ich zeigen, daß es Verleumdungen sind. Man wirft ihr vor, sie schlafe zu lange; sie liege beständig im Bette. Ist denn dieses ein Fehler? Ist es nicht vielmehr ein untrügliches Zeugniß, daß sie, wenigstens von väterlicher Seite, aus einem vornehmen Hause sey? Sie soll verliebt seyn. Man will unschuldige Kleinigkeiten beobachtet haben, aus welchen die Lästerzungen ganze Romane machen. Es geschieht ihr zu viel. Zwar zu gewissen Zeiten empfindet sie einige verliebte Schwachheiten. Aber, ein kleiner Zwang, und noch mehr ein freundliches Zureden, ist vermögend, sie von allen Unordnungen abzuhalten. Alsdann ist man erst tugendhaft, wenn man einen Trieb, zu fehlen, empfindet, wenn man Gelegenheit hat, solchen zu befriedigen, beydes aber großmüthig überwindet. Sie soll neidisch seyn. Man will es daraus schlüßen, daß sie in einen heftigen Eifer geräth, wenn sich ein fremder Hund ins Haus schleicht. Ist denn dieses neidisch? Ist es nicht eine Probe ihrer Wachsamkeit? Jeder Hund muß den andern am besten kennen. Vermuthlich sieht sie, daß diese fremden Hunde nur die tückische Absicht haben, auszuforschen, was in einem Hause vorgehe, um bey der nächsten Zusammenkunft hämische Erzählungen davon zu machen. Noch eins fällt mir ein. Es wollte vor einigen Tagen ein guter Freund behaupten, Amourette sey dumm. Ich lachte darüber; er aber blieb dabey. Er wollte wissen, daß sie vielmals ganz tiefsinnig, und ohne Gedanken läge, und sich zum öftern so weit vergäße, daß sie nicht einmal auf die Reinlichkeit ihres Felles genugsam bedacht wäre. Du irrest dich, mein Freund, sagte ich zu ihm. Dieses ist kein Zeichen einer Dummheit. Amourette ist tiefsinnig, und denkt vielleicht auf eine Wahrheit. Wer weis, ob sie nicht die Quadratur des Zirkels untersucht, oder gar mit einer philosophischen Spitzfindigkeit beschäfftigt ist? Ich werde in dieser Muthmaßung dadurch bestärket, weil sie ihre Gedanken nicht deutlich von sich geben kann, und ich unlängst selber gesehen habe, daß sie mit dem Kopfe wider die Wand anlief. Sind dieses nicht Spuren einer abstracten Gelehrsamkeit? Es sey genug! Ich habe Amourettens Abkunft, ihre Schicksale, ihre Leibs- und Gemüthsgaben, kurz, ich habe Amourettens Leben und Thaten beschrieben. Sie lebt noch. Ich wünsche ihren Verdiensten eine Dauer von vielen Jahren. Sie ist es würdig. Allein, sie ist auch sterblich, und stirbt vielleicht eher, als mancher Mensch, der sich so vieler Tugenden nicht rühmen kann. O, ihr Dichter, die ihr so vielmals bey dem Grabe eines Lasterhaften euer eigennütziges Lob verschwendet! Sollte es geschehen; sollte meine Amourette sterben: Verehrt die Wahrheit! Streut nur eine Hand voll Cypressenreiser auf ihre Asche! Besingt ihre seltnen Eigenschaften! Amourette verdient es! Wenigstens werdet ihr von derselben mit gutem Grunde mehr sagen können, als daß sie geboren und gestorben sey. Martin Scribler, der jüngere. Lobschrift auf die bösen Männer. S. Belustigungen des Verstandes und Witzes, im Maymonat 1742.     Mein herannahendes Alter, und die eigne Erfahrung werden mich hinlänglich rechtfertigen, da ich mir vorgenommen habe, auf die bösen Männer eine Lobschrift zu machen. Der Spiegel erinnert mich, daß es Zeit sey, ernsthaft zu werden. Hat man mir in meinen jungen Jahren mit Vergnügen zugehöret, wenn ich die unschuldigsten Handlungen der Mannspersonen auf eine boshafte Art beurtheilte. So wird man sich gegenwärtige Schrift als eine öffentliche Ehrenerklärung gefallen lassen; da ich mir die Gewalt anthue, und diejenigen lobe, von denen vielleicht die meisten meiner Mitschwestern glauben, daß sie es am wenigsten verdienen. Ein zwanzigjähriger Ehestand hat mich die Vortreflichkeit der bösen Männer einsehen gelehrt; und mein Beweis muß überzeugend seyn, weil ich nichts rede, als was ich selbst erfahren habe. Diese Gründe scheinen mir wichtig genug zu seyn; und ich bin versichert, daß der Beruf desjenigen weisen Mundes, welcher vor einiger Zeit auf die bösen Weiber eine Lobrede gehalten hat, wenigstens nicht stärker gewesen ist, als der meinige. Noch etwas muß ich im Voraus erinnern. Fehlt gegenwärtiger Abhandlung die Deutlichkeit, das Feuer und die Ordnung im Vortrage: So bedenke man nur, daß sie ein Frauenzimmer geschrieben, ein Frauenzimmer, welches das Vorurtheil des Vaters nur in der Küche erzogen, und dem die kluge Vorsicht eines bösen Mannes alle Mittel benommen, deutlich zu reden, und vernünftiger zu dencken, als er selbst gedacht hat. Die unendliche Menge der bösen Männer überhebt mich der Mühe, zu beschreiben, was ich eigentlich darunter verstehe. Durch das Gegentheil will ich der Sache zum Ueberflusse einige Erläuterung geben. Es befinden sich noch hier und da Geschöpfe, welche man vernünftige Männer nennt. Diese stehen in dem abergläubischen Wahne, als erfodre Pflicht und Gewissen, daß sie ihre Weiber ebenfalls für vernünftige Creaturen halten, welche nicht zur Sklaverey, oder ihrem herrschsüchtigen Eigensinne zum Besten erschaffen, sondern um deswillen da sind, daß durch eine aufrichtige Liebe, und beyderseitige Hülfe die Beschwerlichkeit des menschlichen Lebens erleichtert, und durch vereinte Sorgfalt dem Vaterlande nützliche Bürger erzogen werden. Kurz, diese sehen ihre Weiber als Freundinnen an. Ich würde den Ungrund dieser Meinung ausführlich widerlegen, wenn ich nicht gewiß wüßte, daß die allermeisten Männer schon hinlänglich davon überzeugt wären. Ein Frauenzimmer ist ein Thier, welches vor andern Thieren die Ehre hat, daß es ein Mann zur Frau nimmt; welches bloß des Mannes wegen in die Welt gesetzet ist, und das mit einer blinden Ehrfurcht dem Willen seines Oberhauptes unterwürfig seyn muß. Dieses ist der eigentliche Begriff, den man sich macht. Wer diesen Begriff zur Wirklichkeit bringt, der verdient allererst den rühmlichen Beynamen eines bösen Mannes. Es erhellt hieraus, daß der Ursprung der bösen Männer in dem Wesen der Sache und in der Natur selbst liegt. Wäre dieses nicht, so würde mir es eben so wohl erlaubt seyn, den Adam an ihre Spitze zu stellen, als es einigen gefallen hat, die Eva zur bösen Frau zu machen. Ich halte aber die Anführung solcher Exempel für allzu leichtsinnig, und ich glaube, ich werde besser thun, wenn ich ohne fernern Umschweif dem Leser zeige, daß ich Ursache habe, die bösen Männer zu loben. Das Laster der Eigenliebe ist so reizend als gefährlich. Man giebt es dem Frauenzimmer am meisten Schuld. Ich weis nicht, ob man Ursache darzu hat; so viel aber weis ich wohl, daß wir demjenigen unendlich verbunden sind, welcher uns davor schützt. Ich kenne einen Mann, ein Muster seines Geschlechts, die Krone aller bösen Männer. Wäre er nicht so sittsam und bescheiden, so würde ich ihn nennen. Dieser Mann giebt sich alle Mühe, die Eigenliebe seiner Frau zu dämpfen. Er kann nicht läugnen, daß sie vernünftig ist; er will aber doch nicht, daß sie es glauben soll, oder daß sie andre Leute für vernünftig halten. Wie soll er es anfangen? Er tadelt alle ihre Mienen; sie darf kein Wort reden, so weist er, wie abgeschmackt es sey. Er beschämt sie in öffentlichen Gesellschaften, ja er gesteht ihr nicht einmal die Fähigkeit zu, daß sie vernünftige Kinder gebären könne, da er an dem Kinde erster Ehe weit mehr Verstand anmerkt, als an dem ihrigen, ungeachtet er der Vater zu beyden ist. Müssen wir nicht alle diesen Mann loben? Wie unglücklich könnte seine Frau werden, wenn die Eigenliebe ihre Leidenschaft würde? Reißt er sie nicht durch dergleichen Demüthigung aus ihrem Verderben? Ein Mann ist das Oberhaupt seiner Familie. Dieses erfodern die Rechte, und nach eben diesen Rechten kann er alle Hochachtung verlangen. Will er ein lobenswürdiger Mann seyn, so muß er sich dieselbe zu erwerben wissen. Das geschieht am leichtesten auf die sinnliche Art. Was ist aber sinnlicher, als was der Körper fühlt? Und was fühlt der Körper nachdrücklicher, als Schläge? Ist also nicht derjenige ein lobenswürdiger Mann, welcher bey seiner Frau mit geballter Faust die Rechte der Natur zu behaupten weis? Wenn ich sage, das Frauenzimmer sey ein schwaches Werkzeug; so sage ich nichts mehr, als was schon alle Welt weis. Diese angebohrne Schwäche ist Ursache, daß wir den Lastern am wenigsten widerstehen können. Eine geringe Reizung ist genug, uns lasterhaft zu machen. Niemals aber sind die Reizungen stärker, als wenn wir uns in dem Ueberflusse aller Dinge befinden. Dieser muß uns entzogen werden, wenn wir anders tugendhaft bleiben sollen. Es geschieht nur zu deinem Besten, geliebte Freundinn, daß dein Mann dir allen Ueberfluß benimmt, welcher deine Schwachheit rege machen könnte. Er vertraut deinen Händen nicht einen Groschen Geld an. Du mußt dir an dem elendesten Tranke, an den unschmackhaftesten Speisen, an den schlechtesten Kleidern genügen lassen. Es geschieht nicht aus Geiz; nein, meine Freundinn; es geschieht zu deinem Besten. Genug, daß du dein Leben fristen kannst. Dieses ist die Ursache, warum wir essen, warum wir trinken, warum wir Kleider tragen. Der geringste Ueberfluß würde eine Quelle tausendfachen Unglücks seyn. Ich habe nicht nöthig, dieses genauer auszuführen; du wirst es selbst einsehen können. Ist die Mäßigkeit eine so große Tugend, wie sie es denn wirklich ist; so muß wohl derjenige Mann lasterhaft seyn, welcher sich unmäßig und wollüstig aufführet? Keinesweges! Die Männer geben uns die Gesetze, niemand aber, der Gesetze giebt, ist denselben weiter unterworfen, als er es selbst für gut befindet. Dein Mann verspielt alle sein Vermögen. Wie löblich ist dieses? Könnte dich nicht der Besitz vieles Geldes geizig machen, oder im Gegentheile zur Verschwendung reizen? Er ist niemals nüchtern. Allein, was kann wohl einen lebhaftern Abscheu vor der Trunkenheit machen, als ein besoffner Mann? Nur um deinetwillen besäuft er sich, damit du sehen sollst, was es für eine edle Sache um die Mäßigkeit sey. Er entzieht sich deinen Armen, und bringt die meiste Zeit bey andern Weibsbildern zu. Er thut recht daran. Der beständige Besitz eines Gutes macht uns dasselbe ekelhaft. Du würdest ihn überdrüssig werden, wenn er niemals von deiner Seite käme. Dein Mann ist lobenswürdig. Dieses sind die Vortheile noch nicht alle, die wir von unsern bösen Männern haben. Nichts ist empfindlicher, als der Tod eines Mannes, welchen man innigst liebt. Wie sehr wird uns aber dieser heftige Schmerz erleichtert, wenn uns ein wollüstiger, ein harter, ein ehrgeiziger, wenn uns ein böser Mann stirbt! Was ist leichter, als bey dergleichen Falle den Ruhm einer christlichen Standhaftigkeit zu erwerben? Wir trauern, weil uns der Schneider eine schwarze Kleidung gemacht hat; und wenn wir ja weinen, so geschieht es, weil sein Absterben nicht eher erfolgt ist. Noch tausend Ursachen könnte ich anführen, die uns den bösen Männern verbindlich machen. Ich will aber mit Fleiß abbrechen, um denjenigen Fehler zu vermeiden, welchen man sonst dem Frauenzimmer vorwirft. Es scheint mir überflüßig zu seyn, wenn ich das Alterthum zu Hülfe rufen, und alle vier Theile der Welt ausplündern wollte, einen Satz zu beweisen, den die Beyspiele der meisten Männer unsrer Stadt unläugbar machen. Vielleicht ist mir der Leser verbunden, daß ich dasjenige auf zwey Blättern sage, was ich mit einer kleinen Ausdehnung in vier Bogen hätte vorbringen können. Trauerrede eines Wittwers auf den Tod seiner Frau, in der Gesellschaft der geplagten Männer gehalten; nebst einer Nachricht von dieser Gesellschaft. S. Belustigungen des Verstandes und Witzes, im Christmonat 1741.     Nachricht von einer Gesellschaft geplagter Männer.   Mein Herr, Sie werden sich der Gefälligkeit noch wohl erinnern, welche Sie gegen diejenige erkenntliche Wittwe gehabt haben, die sich einbildete, sie könnte ihre jungfräulichen Zungensünden nicht schärfer büssen, als wenn sie eine Lobschrift auf die bösen Männer verfertigte. Ich fodre itzt, im Namen unsers Geschlechts, eine gleiche Willfährigkeit von Ihnen, und ersuche Sie, beyliegende Trauerrede, die ich auf den Tod meiner Frau, in der Gesellschaft der geplagten Männer gehalten habe, bekannt zu machen. Es würde dem männlichen Geschlechte nachtheilig seyn, wenn es von dem weiblichen an Großmuth übertroffen werden sollte; so viel kann ich Sie versichern, daß ich diese Trauerrede aus einem eben so redlichen Gemüthe gemacht habe; als unsre Wittwe ihre Lobschrift. Ich glaube nicht, daß Sie von dieser Gesellschaft der geplagten Männer einige Nachricht haben werden. Es geht uns nicht viel besser, als den ersten Christen; wir versammlen uns nur bey verschloßnen Thüren, aus Furcht vor den Weibern. Niemand weis die Absicht unsrer Zusammenkunft, nicht einmal der Wirth, von dem wir das Zimmer gemietet haben. Dieser hält uns für Quacker, weil wir allezeit tiefsinnig aussehen, und die Köpfe hängen. Wir kommen wöchentlich einmal zusammen, und erzählen einander die Verfolgungen, welche wir, von Zeit zu Zeit ausstehen müssen. Sie können glauben, daß es uns niemals an Materie zu reden fehle. Es geht in unsrer Gesellschaft zu, wie in den Invalidenhäusern, wo die alten Soldaten von nichts, als von Feldzügen, von Hunger, von Beschwerlichkeit des Krieges, von Treffen reden, und einander die empfangnen Wunden zeigen. Es ist mir nicht erlaubt, Ihnen von der Einrichtung dieser Gesellschaft nähere Nachricht zu geben; dieses aber darf ich wohl sagen, daß wir einen Vorsitzenden unter uns haben. Hierzu gelangt keiner, der nicht besondre Vorzüge hat. Demjenigen, welcher itzt diese Würde bekleidet, wollten verschiedne unter uns den Rang streitig machen, er behauptete ihn aber dadurch, daß er bezeugte, seine Frau ließe ihn allemal unter den Tisch kriechen, so oft er nicht gut thun wollte. Der Nutzen, welchen die Mitglieder unsrer Gesellschaft haben, ist augenscheinlich. Ich sage nicht zu viel, wenn ich versichere, daß derjenige der beste Philosoph sey, der eine böse Frau hat. Die Bändigung der Affecten, die Entsagung der Eigenliebe, der Bequemlichkeit, des Vergnügens, und alles dessen, was uns in Ausübung der Weltweisheit stören kann, dieses, sage ich, bringt niemand so hoch, als ein geplagter Mann. Fällt ihm seine Frau in die Haare, so wird er sich darüber nicht entrüsten; weil er glaubt, sie thue es mit zureichendem Grunde. Geht sie auf Eroberung aus, und sie ist bemüht den Haufen ihrer Anbeter zu vermehren; so wird er sich mit einer philosophischen Geduld waffnen: denn er weis, es wiederfahre ihm nichts, wozu er nicht prästabilirt sey. Schlagen Sie alle Schriften der tiefsinnigsten Weltweisen nach, kein einziger wird eine böse Frau zur besten Welt rechnen; aber unsre Gesellschaft ist überzeugt, daß böse Weiber zur besten Welt gehören. Vielleicht halten Sie diese unsre Glückseligkeit nicht für beneidenswürdig; ich will Ihnen den Stand der geplagten Männer auch auf der schönen Seite zeigen. Niemand kennt den Werth der Gesundheit, der nicht vorher krank gewesen ist; ein Sklave, der zehn Jahre auf den Ruderbänken geschmachtet hat, wird nach seiner Loslassung am besten sagen können, wie edel die Freyheit sey: Und ein Mann, der eine böse Frau begräbt, empfindet einen solchen Grad der Wollust, den niemand beschreiben kann, als wer in meinen Umständen ist. Ich halte die Gesellschaft der geplagten Männer für eine Pflanzschule, in welcher man die geschicktesten Leute zu den allerbeschwerlichsten Aemtern antrifft. Ich finde hiervon einen starken Beweis in der glaubwürdigen Reisebeschreibung des beruffnen Klims , welcher unter andern vernünftigen Gesetzen der Einwohner des Planeten Nazars besonders dieses rühmt, daß sie zu den beschwerlichsten Verrichtungen die geduldigsten Ehemänner nehmen. Sie werden mir verzeihen, wenn ich Ihnen hier kein Verzeichniß von dergleichen mühseligen Aemtern mache; dieses einzige muß ich, mit Ihrer Erlaubniß, erinnern, daß sich, nach meiner Meynung, niemand besser zu einem Scribenten schicke, als ein geplagter Mann. Bedenken Sie nur selbst, was ein Autor ausstehen muß. Er stellt sich den Urtheilen aller Welt bloß; er geht durch gute und böse Gerichte, und die letzten sind gewiß häufiger, so lange es mehr Leute giebt, die lesen, als die schreiben können. Wie standhaft wird hierbey ein geplagter Mann seyn! Haben ihn die unfreundlichen und gehäßigen Blicke, das Schelten, die Schimpfreden, ja so gar die erbitterten Hände seiner Frau nicht zur Verzweiflung bringen können; so wird er gewiß auch alsdann gelassen bleiben, wenn die Leser seine Schriften mit dem strengsten Eifer beurtheilen. Ich weis nicht, mein Herr, ob Sie verheirathet sind; ich sollte es aber fast glauben, und ich bin begierig, Ihre Frau kennen zu lernen. Den sparsamen Wachsthum der schönen Wissenschaften schreibe ich keiner andern Ursache, als dieser, zu, daß es unter uns eine so große Anzahl Scribenten giebt, welche entweder gar keine, oder doch keine bösen Weiber haben. Wenn diese schreiben, so haben sie nicht das Herz, bey ihrer guten Absicht standhaft zu bleiben. Die geringste Drohung, ein Zeitungsblatt erschreckt sie, und reißt ihnen die Feder aus der Hand; sie geben bey dem ersten Feuer die Flucht. Ich finde eine große Aehnlichkeit zwischen den Actien, und den Schriften dieser unabgehärteten Scribenten. Eine Schifferzeitung, ein Nordwestwind, ein kleiner Seesturm, ein Kaper ist vermögend, zu machen, daß jene auf einmal fallen: diese aber gerathen gleich ins Stecken, so bald ein Widersacher aufsteht, der ihnen die Zähne weist. Ich vermuthe, es werde Ihnen diese Erzählung eine Hochachtung für unsre Gesellschaft beygebracht haben. Sie werden mich in dieser Meynung bestärken, wenn Sie die Anstalt treffen, daß ich meine Trauerrede gedruckt lesen kann. Leben Sie wohl.   Trauerrede eines Wittwers, auf den Tod seiner Frau. Meine Herren, Niemals habe ich die Gesetze unsrer Gesellschaft mit mehrerm Vergnügen beobachtet, als itzt, da ich mit Ihnen von dem Verluste reden soll, welchen ich durch das Absterben meines Weibes erlitten habe. Schon seit vielen Jahren wünschte ich mir diese Gelegenheit zu reden, und dieses bloß darum, damit ich Ihnen in einem kurzen Abrisse die ganz besondern Eigenschaften meiner Frau vorstellen möchte, welche mich ein zehenjähriger Ehestand deutlich genug hat kennen lernen. Sie wissen wohl, meine Herren, daß mir bey ihren Lebzeiten dieses zu thun nicht vergönnt war; sie konnte nichts weniger vertragen, als das Lob ihres Mannes, und alles, was ich von ihren Fähigkeiten erzählte, kam ihr verdächtig vor. Nunmehr befreyet mich ihr Tod auch von diesem Zwange; und wenn Sie bedenken wollen, wie sehr mich dieser Verlust schmerze: So werden Sie auch wohl einsehen können, wie groß mein Vergnügen seyn müsse, da ich Sie von der Wichtigkeit desjenigen unterhalten kann, was ich verloren habe. Finden Sie vielleicht nicht in meinen Augen die Blicke eines bekümmerten Wittwers: So wird Ihnen doch dieser Trauermantel, und dieser lange Flor von meiner Betrübniß zeugen können. Ich bin eben so sehr gerührt, als andre, welche der Himmel in meine Umstände versetzt hat. Nur darinnen unterscheide ich mich von jenen, daß ich meine Regungen durch kein Tuch zu verbergen suche. Gönnen Sie mir eine kleine Aufmerksamkeit. Hierdurch machen Sie mich Ihnen so verbindlich, daß ich meine Wünsche verdoppeln werde, Ihnen bey einer gleichen Gelegenheit eben so gefällig seyn zu können. Meine Liebe hat sich mit einer Krankheit angefangen, womit die meisten unsers Geschlechts befallen werden. Mir ist es einerley, ob man sie Milzsucht, oder Fieber, oder gar den verliebten Schwindel heißt; so viel weis ich noch, daß ich damals meine Freunde beredete, ich sey bezaubert, und dieses war allerdings nicht unwahrscheinlich. Ein Blick, ein einziger Blick von einer Person, die ich meine Grausame nannte, brachte mich in die äußerste Verwirrung. Ich sah, ich seufzte, und auf einmal empfand ich eine Gewalt in mir, welche mich alles Nachdenkens beraubte. Mein Geblüt kam in ein heftiges Wallen, ich ward unruhig, und gieng des Tages wohl hundertmal, diejenigen Hände zu küssen, welche mich, wie ich klagte, gefesselt hielten. Ich küßte sie, und dieses brachte meine Bezauberung aufs höchste. Ich verlor die Sprache, wenigstens diejenige, welche man bey gesunden Leuten hört. Ich redete von nichts, als von Sterben, von Entzückungen, von Cometen, von Blitzen, von Sonnen, von Opfern; ja, ich habe nach der Zeit erfahren, daß ich so gar in Versen geredet habe. Bald verwandelte ich meine Zauberinn in einen Schäfer, und ich beschwur die Felsen; bald dünkte mich, ich sey mehr, als alle Könige, und der Zepter war das geringste, was ich zu den Füßen meiner Gebieterinn legen konnte. Endlich erbarmte sich meine Grausame. Sie gab mir ihre Hand, und dieses endigte meine Bezauberung auf einmal. Meine Gesichter verschwanden, und ich sahe meine Frau. Alle schmeichelnde Entzückungen verloren sich. Ich war weder Schäfer, noch König; nichts blieb mir übrig, als eine Gebieterinn. Sie werden es entschuldigen, meine Herren, wenn ich in dieser Beschreibung zu weitläuftig gewesen bin. Sie haben sich vielleicht mehr als einmal gewundert, wie ich mich entschließen können, eine Frau, wie die meinige, zu heirathen: nunmehr werden Sie einsehen können, daß die Ueberlegung an dieser Wahl keinen Antheil gehabt hat. Ich habe Ihnen einen ganz kurzen Abriß von den ganz besondern Eigenschaften meiner Frau versprochen; ich will dieses Versprechen erfüllen, und Sie werden finden, daß alles ganz besonders gewesen ist. Mich dünkt, diejenigen sehen den Nachdruck und Gebrauch unsrer Sprache nicht genugsam ein, welche das Wort, Ehestand , als einen Innbegriff alles desjenigen betrachten, was man durch zärtliche Liebe, durch den höchsten Grad der Freundschaft, durch vernünftigen Umgang, durch eine edle Bemühung eines beyderseitigen Vergnügens und, ich weis nicht, durch was für schöne Benennungen mehr, ausdrückt. Man findet vielleicht diese Bedeutung in den Wörterbüchern, oder in den Schriften philosophischer Junggesellen; ich glaube aber nicht, daß eine solche Auslegung im gemeinen Leben einen großen Nutzen habe. Wenigstens war derjenige Ehestand ganz anders beschaffen, in welchen mich das Verhängniß gesetzt hatte. Auch meiner Frau kann ich es nachrühmen, daß sie sich einen ganz andern Begriff davon machte. Sie war meine Frau, weil ich ihr Mann war; sie hatte mich geheirathet, um sich ernähren zu lassen. Dieses hielt sie für ihre Pflichten des Ehestandes; und ich muß es gestehen, daß sie dieselben niemals gebrochen hat. Ich bewundre ihre Einsicht, wenn ich daran gedenke, wie nachdrücklich sie die Meinung derer zu behaupten wußte, welche glauben, daß die Herrschaft der Männer in den Gesetzen der Natur nicht den geringsten Grund habe. Den Anfang zu ihrer unumschränkten Macht legte sie durch Blicke und schmeichlerische Mienen; ich ward erweicht, und gab mit Vergnügen nach. Sie gieng weiter; sie befestigte ihre Gewalt durch Worte, und ein ernsthafteres Verlangen. Ich schwieg, und ließ mir alles gefallen, um wenigstens den Rest der eingebildeten Herrschaft zu erhalten. Endlich machte sie ihren Sieg vollkommen; sie befahl, sie drohte, und ich wußte durch nichts, als durch einen blinden Gehorsam, mein Schicksal erträglich zu machen. Meine Frau war viel zu edel gesinnt, als daß sie ihre Gemüthsruhe durch die Sorgen der Nahrung hätte unterbrechen sollen. Sie überließ sich der Vorsehung des Gesindes. Sie befürchtete, sie möchte die Natur beschimpfen, wenn sie diejenigen schönen Hände in der Küche besudelte, welche ich ehedem recht abgöttisch geküßt hatte, und von denen ihre Verehrer noch itzt zweifelhaft waren, ob sie den Schnee, oder den Alabaster, überträfen. Ich war so glücklich, daß sich beständig Kenner fanden, welche meine Wahl vollkommen billigten. Sie wußten es meiner Frau auf das verbindlichste vorzusagen, daß sie die artigste Person von der Welt wäre. Sie beneideten das Glück desjenigen Sterblichen, welchem vergönnt wäre, eine so anbetenswürdige Göttinn zu lieben. Meine Frau nahm Antheil an meinem Glücke; sie konnte diese Schmeicheley wohl leiden, und war allemal erfreut, ich weis aber nicht, ob über ihre göttlichen Eigenschaften, oder darüber, daß man ihr sagte, ich sey ein Sterblicher. Dieses muß ich noch zum Ruhme meiner Freunde erinnern, daß sie dergleichen Lobeserhebungen niemals in meiner Anwesenheit vorbrachten; selbst meine Frau war hierinnen vorsichtig. Eine solche Erklärung hätte mich hochmüthig machen können, und ich würde es nicht ohne Erröthung angehöret haben, wenn man dieses in meiner Gegenwart hätte sagen wollen. Meine Frau war bemüht, ihre natürliche Schönheit durch einen prächtigen Aufputz noch mehr zu erheben. Sie wußte, daß die Kleidung noch zu etwas weiter, als zur Bedeckung der Blöße, dienlich wäre. Ich kann nicht läugnen, daß mir diese ihre Einsicht sehr theuer zu stehen kam. Ich weis, wie viel es mich gekostet hat, nur ihren Reifenrock in baulichem Wesen zu erhalten, und es ist mehr als einmal geschehen, daß sie dasjenige an einen einzigen Kopfputz gewandt, was ich binnen vier Wochen nicht ohne saure Mühe erworben hatte. Sie hatte etwas gelesen, das sie für einen sinnreichen Scherz hielt, und mit Vergnügen auf sich deutete, wenn sie sagte: Es wären ihr alle vier Theile der Welt zinsbar. der Perser spinne für sie; der Mohr fange ihr die Perlen; der Amerikaner durchwühle die Erde, ihr den nöthigen Putz zu schaffen; der Europäer wage sein Leben, alles dieses herzubringen; ihr Mann aber sey nur um deswillen erschaffen, daß er die nöthigen Kosten dazu verdiene. Ich weis nicht, ob dieser Gedanke wohl ausgesonnen ist; daß er aber allerdings gegründet gewesen, solches habe ich merklich genug empfunden. Sie dürfen nicht gedenken, meine Herren, als wäre der Endzweck dieses prächtigen Aufputzes der gewesen, daß sie ihrem Manne hätte gefallen wollen. Keinesweges. Hierinnen war sie unbesorgt, und sie gehörte unter die Zahl derjenigen Weiber, welche alles für überflüßig halten, was ihren Männern zu gefallen geschieht, und welche in ihrem Anzuge alsdann am unachtsamsten sind, wenn sie niemanden, als ihre Männer, um sich haben. Die ganze Stadt sollte Zeuge von ihrer wohlausgesonnenen Pracht seyn. Sie besuchte Gesellschaften, welche ihr zu dieser Absicht dienlich waren, und kehrte allezeit mit einer triumphirenden Miene zurück, wenn sie merkte, daß sie den schmeichlerischen Beyfall eines artigen Herrn erhalten, und eine eifersüchtige Nachbarinn in Unruhe gesetzt hatte. So kostbar dieser Aufwand war, so sorgfältig war meine geschickte Frau, denselben durch verschiedne Arten der Sparsamkeit einiger maaßen zu ersetzen. Niemals schien ihr das Gesinde boshafter zu seyn, als wenn die Zeit herankam, da es seinen Lohn fodern konnte. Sie war recht sinnreich in Erfindung der Ursachen, solchen zu verkümmern, und konnte es mit einer wunderbaren Standhaftigkeit ansehen, wenn ein Dienstbothe mit leeren Händen von ihr ziehen mußte. Nichts auf der Welt war ihrer Natur so zuwider, als die flehende Stimme eines Armen. Hierinnen erzeigte sie sich als eine gute Bürgerinn, indem der Befehl wider die Bettler dasjenige Gesetz war, welches sie am liebsten mit einer unverbrüchlichen Sorgfalt beobachtete. Ich habe es nicht, ohne gerührt zu werden, anhören können, so oft sie einen Dürftigen, der um eine geringe Gabe bat, mit dem heftigsten Eifer über seine Faulheit, sein lüderliches Leben, und seine niederträchtige Aufführung von sich stieß. Wenn ich zuweilen dieses Bezeigen für unfreundlich halten wollte; so wußte mir meine gute Wirthinn die schweren Zeiten sehr lebhaft zu Gemüthe zu führen. Aus dieser Erzählung können Sie wohl sehen, daß unter den Tugenden meiner Frau das thätige Christenthum nicht die kleinste gewesen ist. Ich kann Sie, meine Herren, das im Ernste versichern, daß ihre Andacht jedermann in die Augen fiel. Die ganze Woche hindurch war nichts vermögend, ihre erquickende Ruhe zu unterbrechen, und sie schlief ungestört so lange, bis sie ihre Berufsarbeit zum Caffeetische nöthigte. Desto muntrer hingegen war sie an den Feyertagen. Sie bereitete sich etliche Stunden lang vor dem Spiegel zu ihrer Andacht, und wußte ihren Anzug mit einer sehr genauen Sorgfalt einzurichten, weil, wie sie sagte, die geringste Unordnung ihren Nebenchristen in der andächtigen Beschäfftigung stören könnte. In der Kirche waren ihre Augen ohn Unterlaß in Bewegung. Sie hat mich versichert, es geschähe dieses nicht aus Neugierigkeit, sondern darum, weil sie ein Vergnügen empfände, an einem Orte so viel gläubige Seelen beysammen zu sehen, welche allerseits mit ihr aus einerley Absicht dahin gekommen wären. Es erfodern, wie Ihnen bekannt ist, die Statuten hiesiges Orts, daß das Frauenzimmer des Nachmittags, nach geendigter Andacht, zusammen komme. Wer niemals die Ehre gehabt hat, dabey zu seyn, der könnte glauben, es geschähe dieses wegen des Caffees und des Spielens: Allein, diese Meinung ist falsch; es geschieht lediglich in der Absicht, dasjenige zu wiederholen, was man in der Kirch gehört und gesehen hat. Auch hierinnen übertraf meine Frau ihr ganzes Geschlechte. Ich habe bey dieser Gelegenheit mit Verwunderung gehört, wie aufmerksam sie in der Kirche gewesen war. Ihre Beredtsamkeit war erstaunend, wenn sie den Inhalt desjenigen beurtheilte, was an heiliger Stäte geredet worden war. Sie machte die ganze Gsellschaft dadurch aufgeräumt, und hätte wegen ihrer witzigen Spötterey billig den Namen eines starken Geistes verdient, wenn sie eine Mannsperson gewesen wäre. Die reichste Materie wird endlich erschöpft, und die Ordnung der Gedanken führte meine strenge Richterinn auf die andern Personen, welche zugegen gewesen waren. Es schien etwas übernatürliches zu seyn, wenn man sie die geheimsten Nachrichten ihrer Nachbarn erzählen hörte. Sie erklärte die verstohlnen Blicke jener Freundinn, welche die Eifersucht ihres Mannes so behutsam gewöhnt hatte. Sie wußte von dem Fächer eines Frauenzimmers, welches ihr gegen über gesessen, einen weitläuftigen Roman zu erzählen, und schwur, daß vier wohlhabende Männer vergebens seufzten. Sie stellte ihren Feinden mit einer ungemeinen Zuversicht die Nativität, wobey sie mit vieler Wahrscheinlichkeit anzeigte, warum es dieser oder jener unglücklich gehen müßte. Der sündliche Hochmuth einer Frau, welche ihr acht Tage vorher den Rang streitig gemacht, war die einzige Ursache, warum sie der Himmel zween Tage darauf augenscheinlich gezüchtiget, und durch einen Verlust gedemüthigt hatte, welchen ihr Mann in seiner Nahrung erlitten. Jedes Strafurtheil, das sie fällte, endigte sich mit dem christlichen Seufzer, sie wolle niemanden nichts Böses nachgeredet haben. Nunmehr wird mir es leicht fallen, Ihnen einen genauern Begriff von der Kinderzucht meiner verstorbnen Frau beyzubringen. Sie wissen, meine Herren, daß ich der Vater einer Tochter bin, und wenn Sie es nicht glauben wollen, so kan ich es Ihnen aus dem Kirchenbuche beweisen. Diese Tochter hat mir in den ersten sechs Wochen mehr, als die ganze folgende Zeit über, gekostet. Ich will von dem prächtigen Aufputze des Wochenzimmers nichts gedenken, welcher allerdings verschwenderisch würde gewesen seyn, wenn er nicht zu Ehren meiner Frau, und ihrer Nachkommen, also eingerichtet worden wäre: nur dieses muß ich erinnern, daß mir damals die guten Wünsche unzähliger neugieriger Freundinnen mehr Schaden an meinen Einkünften gethan haben, als jemals die Flüche meiner Feinde. Meine Frau hatte diese Tochter zur Welt gebracht, und also alles verrichtet, was man von einer Mutter fodern kann. Der Wohlstand nöthigte sie, eine Amme zu wählen, welche die Pflichten der Ernährung über sich nähme. Schon im zweyten Jahre zeigte das Kind, zum unaussprechlichen Vergnügen seiner werthesten Mamma, die deutlichsten Proben eines durchdringenden Verstandes, da es mit der größten Heftigkeit dasjenige verlangte, was ihm einfiel, und mit Händen und Füssen seinen Unwillen bezeugte, wenn jemand so unbedachtsam war, und ihm widersprach. Schläge gehören nur für die Kinder gemeiner Leute; meine Frau hielt es für eben so grausam, ihr Kind zu schlagen, als wider ihr eignes Eingeweide zu wüten. Man war sehr sorgfältig, meine Tochter zu unterweisen. Das erste, was sie von ihrer Muttersprache lernte, war dieses: Sie sey ein artiges Kind, und wenn sie fromm wäre, so sollte sie auch einen hübschen Mann bekommen. Diese wichtige Ermahnung war nicht ohne Nutzen. Die Hoffnung, einen Mann zu bekommen, hatte so vielen Nachdruck in dem Gemüthe dieser Tochter, daß sie alles faßte, was meine Frau für Tugenden ihres Geschlechts hielt. Im vierten Jahre verstund sie die Wirkung des Spiegels; im fünften erlangte sie einen Geschmack von schönen Kleidern; im sechsten war sie vermögend, über ihre Gespielinnen zu spotten; im siebenten faßte sie die Regeln des Lombers, und andern Zeitvertreibes; im achten unterwies man sie in de Kunst, zärtlich zu blicken, und artig zu seufzen; und nunmehr war meine Frau eben im Begriffe, ihr eine kleine Kenntniß von demjenigen beyzubringen, was der gemeine Mann Christenthum und Wirthschaft nennt, als eine unverhoffte Krankheit diese sorgfältige Mutter von ihrer hoffnungsvollen Tochter trennte. Ich komme itzt auf denjenigen Umständ meiner Ehe, an welche ich nicht ohne die empfindlichste Rührung gedenken kann. Was bey einem Trauerspiele die Aufwickelung des Knotens heißt, daß ist in dem Ehestande der Tod unsrer Weiber. Je verwirrter, je betrübter bey jenem das widrige Schicksal der ausgeführten Personen vorgestellt wird, desto wichtiger scheint uns die Aufwickelung. Ich sehe dem Tode meiner Frau getrost entgegen, weil ich dadurch aufhöre, eine beschwerliche Rolle zu spielen, und weil ich ihr diejenige Ruhe von Herzen gönne, welche die Weltweisen so lebhaft zu rühmen wissen. Meine Frau fiel in eine Krankheit, wobey gleich die ersten Anzeigen tödtlich waren. Sie nahm ihre Zuflucht zum Arzte, welcher sie in seiner Sprache sehr umständlich versicherte, daß sie sich nicht wohl befände. Er hatte Recht: denn das Uebel nahm in wenigen Stunden dergestalt zu, daß er an nichts weiter gedachte, als sie nur nach gehöriger Ordnung zu ihren Vätern zu versammlen. Man kann das Gemüth eines Menschen niemals besser einsehen, als in demjenigen Augenblicke, wenn die Seele anfängt, sich von der Beschwerlichkeit des Leibes frey zu machen. Dieses habe ich an meiner sterbenden Frau beobachtet. Sie foderte einen Spiegel; sie sah sich an, und erschrack. Ich sterbe, rief sie, ich sterbe zu früh! Meine Schuldigkeit war, sie zu trösten. Ich redete ihr zu: sie solle nur freudig sterben. Aber ein zorniger Blick unterbrach meine Vermahnung; sie stieß mich mit den Worten von sich: Schweig, Verräther! Dieses war ihr letzter Wille, welchen sie in dem Augenblicke mit ihrem Tode versiegelte. Ich bin nicht vermögend, meine Herren, Ihnen dasjenige deutlich genug zu beschreiben, was ich damals in meinem Gemüthe empfand. Stellen Sie sich einen Menschen vor, welchen ein fürchterlicher Traum beunruhigt. Er befindet sich auf der See, wo ihn ein heftiger Sturm von der größten Höhe in den tiefsten Abgrund wirft; sein Schiff scheitert; er glaube, nun sey alles verloren, und erwacht. Mein Ehestand hat zehen Jahre gedauert, die schärfsten Proben einer strengen Geduld hatte ich ausgehalten, noch sah ich nicht die geringste Hoffnung, als meine Frau ganz unvermuthet starb. Dieses wird genug seyn, Ihnen, meine Herren, einen hinlänglichen Begriff von den ganz besondern Eigenschaften meiner Frau beyzubringen. Nunmehr werden Sie überzeugt seyn, daß ich der Ehre, Ihr Mitglied zu heissen, nicht ganz unwürdig gewesen. Ich bescheide mich dessen gar wohl, daß ich nur die unterste Stelle verdiene, da mir diejenigen Vorzüge nicht unbekannt sind, welche Ihre Weiber noch vor der meinigen haben. Ein Auszug aus der Chronik des Dörfleins Querlequitsch, an der Elbe gelegen. S. Bel. des Verst. und Witzes, Aprilmonat 1742.     Geneigter Leser, Du wirst mir nicht zumuthen, daß ich dir sagen soll, wie ich zu dem Manuscripte gekommen sey, von welchem ich dir gegenwärtigen Auszug liefere. Wenn ich spräche, ich hätte es unter einem alten Gemäuer gefunden; so würdest du es vielleicht, als ein schätzbares Alterthum, mit vieler Ehrfurcht durchlesen. Ich könnte dich wohl auch bereden, es gehörte in eine Bibliothek, und, weil ich ein Gelehrter bin, so würdest du unfehlbar denken, ich hätte es mit lehrbegierigen Händen heimlich entwendet. Allein, ich bin nicht gesonnen, dir eine Unwahrheit vorzusagen; du sollst aber auch die Wahrheit nicht erfahren. Sey zufrieden, daß ich dir ein Werk mittheile, welches allen Geschichtschreibern zur Vorschrift, und dir vielleicht zur Erbauung dienen kann. Den eigentlichen Verfasser dieser Chronike, und die Zeit, wenn sie geschrieben worden, kann ich nicht angeben. Auf dem Titelblatte steht an statt des Namens ein N. welches der Verfasser sonder Zweifel um deswillen gethan hat, daß er den Leser neugierig machte, und desto bekannter würde. Meine Vermuthung geht dahin, es habe es ein ehemaliger Pfarrer daselbst geschrieben. Ob ich recht habe, wirst du aus denen Umständen urtheilen, die in dem Auszuge selbst vorkommen. Wenn aber dieser Pfarrer gelebt, und die historischen Nachrichten gesammlet hat, solches ist noch ungewisser. Ich vermuthe, daß es kurz nach des Kanzlers Crells Tode geschehen sey; ich will aber niemanden meine Meinung aufdringen. Das Werk selbst ist von einer ziemlichen Weitläuftigkeit, in Folio, vier Alphabet stark. Die Schrift ist sehr klein und unleserlich, auch hin und wieder, ich weis nicht, aus was für Ursachen, Platz gelassen worden. Der Auszug, den ich geben will, soll desto kürzer seyn, und mit Ausfüllung der leeren Stellen mögen sich diejenigen belustigen, welche in Ergänzung verstümmelter Alterthümer, wo nicht glücklich, doch unermüdet sind. Gleich durch den ersten Anblick des Buchs wird man überführt, daß der Verfasser von einem besondern Geschmacke, und kein abgesagter Feind seiner Verdienste müsse gewesen seyn. Man findet daselbst ein Bild, welches er vermuthlich eigenhändig entworfen hat, und das zwar nicht künstlich, doch ziemlich deutlich, gerathen ist. Es stellt die fliegende Fama vor, die zwo sehr dicke Backen und eine Trompete kenntbar machen. An dieser hängt ein Tuch, worinnen man eine menschliche Figur mit einer runden Mütze, einem Ueberschlägelchen und einem altväterischen Kleide erblickt. Es ist eine Umschrift dabey, von der ich aber nichts, als die beyden ersten Buchstaben, errathen kann, welche nach meiner Einbildung P. L. und wie ich glaube, Pastor loci, heißen, wiewohl sie auch Poeta laureatus heißen könnten. Aus den Wolken ragt eine Hand hervor, welche eine zusammengekrümmte Schlange, und noch etwas faßt, das vermuthlich ein Lorbeerkranz seyn soll. Unten fesselt ein Genius die Zeit an einen Baum, in den die Buchstaben gegraben sind: S. H. N. Q. T. L. Q. M. Wenn ich mich nicht irre, so zielen diese auf den Vers: Semper honos, nomenque tuum laudesque manebunt. Dabey stehen sehr viele Leute, welche mit Verwunderung, und aufgehobnen Händen, nach dem Bilde sehen. Sie sind alle sehr undeutlich gemahlt, bis auf einen einzigen, den ich für den Schulmeister des Dorfs halte, weil er das Maul schrecklich aufsperrt. Die Aussicht stellt eine Landschaft, und darinnen das Dorf Querlequitsch vor, über dem ein offnes Buch schwebt, das sonder Zweifel eine Concordanz, oder gar die Chronike selbst bedeuten soll. Ich finde diese Worte darinnen: Nil sine me. Dem Bilde gegen über ist ein Blatt leer gelassen, auf welchem steht: Erklärung meiner Erfindung. Ob er aber seine Erfindung selbst nicht verstanden hat, oder von dem Tode an der Erklärung verhindert worden ist; das weis ich nicht. In Beschreibung dieses Bildes bin ich um deswillen weitläuftig gewesen, damit man das Alterthum des Buchs daraus abnehmen könne; denn heutiges Tages, und schon seit vielen Jahren, sind dergleichen prächtige Bilder gar nicht mehr gebräuchlich, Hierauf folgt der Titel, welcher ein neuer Beweis des Alterthums, und so weitläuftig ist, daß man ihn, ohne eine rechte gesunde Lunge zu haben, in einem Athem nicht durchlesen kann. Ich will ihn ganz hersetzen. »Hellgeblasene Kriegstrompete und Friedensposaune! Das ist, eine kurz gefaßte Chronike des weitberühmten Dörfleins Querlequitsch an der Elbe, worinnen dessen beliebte, aber zuweilen betrübte, Geschichte, von den ältesten, mittlern und neuern Zeiten, aus zuverläßigen Nachrichten, alter Leute Munde, und andern Urkunden genommen, zugleich auch die darinnen einschlagende Geschichte der assyrischen, persischen, griechischen, und römischen Monarchien, nebst denen merkwürdigen Veränderungen der Kaiserthümer, Fürstenthümer und Reiche, Leben und Thaten der Päbste, Kaiser, Könige, Fürsten \&c. nebst ihren guten und bösen Eigenschaften, vorgetragen, die unergründlichen Wunder der Natur an Sonne, Mond und Sternen, ingleichen an Pflanzen, Bäumen, kriechenden und fliegenden Thieren, so wohl auf der Erde, als im Wasser, auch was sonsten lebet, webet und Othem hat, lehrreich beygebracht, und dadurch die verderblichen, abscheulichen und verteufelten Meinungen der Socinianer, Arrianer, Pelagianer, Manichäer, Wiedertäufer, Molinisten, Syncretisten, Atheisten, Indifferentisten, und aller Ketzer, die sich in Isten endigen, heftig und kräftig widerlegt, zur Warnung und Vermahnung, besonders aber zum Troste des christlichen Häufleins in Querlequitsch, mit beliebter Kürze, und eilfertiger Feder entworfen durch N.« Auf der 1 Seite steht die Zueignungsschrift an seinen lieben Schwiegervater und Gevatter, George Klunkern, Bürgermeistern in Merane, und des löblichen Schneiderhandwerks daselbst Oberältesten. Er weiset darinnen die Aehnlichkeit, welche das Städtlein Merane mit dem alten Rom habe, und nachdem er seinem Herrn Schwiegervater durch viele lateinische Stellen gewiesen hat, wer Cicero gewesen sey, so fragt er ihn und die ganze Bürgerschaft, ob Herr Klunker nicht ein andrer Cicero sey? Er beweist es durch Exempel, und unter andern daraus, daß er den Stadtschreiber daselbst, als einen gefährlichen Catilina, aus ihren Mauern gejagt; so daß man billig ausrufen können: excessit! euasit! erupit! Auf der 5 S. schreitet er näher zu seinem Vorhaben, und führet die Ursachen an, die ihn bewogen haben, zu schreiben. Er erzählt dieselben nach der Reihe, und hält darunter die für die wichtigste, da er dem heftigen und unaufhörlichen Bitten, Flehen und Drohen seiner Freunde, Gönner und Vorgesetzten mit gutem Gewissen nicht länger widerstehen, und lieber der gelehrten Welt dieses Buch mittheilen, als Anlaß zu einigen Gewaltthätigkeiten geben wollen. Von der 9 bis 12 S. weist er die Einrichtung des ganzen Werks; A. d. 13 S. aber dessen grossen Nutzen, und Von 15 bis 19 erklärt er sich auf sechs Seiten, daß er wegen seiner vielen Amtsverrichtungen abbrechen, und diese Zueignungsschrift schließen müsse, worauf a. d. 20. und 21 S. ein herzlicher Seufzer folgt. A. der 22 S. stehen diese Worte: Ungeheuchelte Lobschriften und schuldige Ehrendenkmaale auf den T. T. Herrn, Herrn N.–– Verfassern der Chronike des Dörfleins Querlequitsch, aufgerichtet von nachbenannten gelehrten Männern. Es hat aber der Herr N. solche vermuthlich nicht erlebt, weil bis p.  40 leere Seiten in dem Manuscripte sind. A. d. 40 S. fängt sich endlich die Chronike selbst mit großen Buchstaben Q. B. D. V. an. Gott aber schuf nur ein Männlein, und ein Fräulein, sind seine ersten Worte, und er weist sodann, wie wunderbar, durch so viele Jahrhunderte, Länder und Orte, sich das menschliche Geschlecht fortgepflanzet, so daß anitzt nur allein in Querlequitsch neun und achtzig vernünftige Seelen zu finden wären, wobey er wünscht, daß sie möchten für Krieg, Pest und theurer Zeit behütet werden, welches sie zwar mit ihren Sünden gar wohl verdienet hätten. A. d. 46 S. geräth er auf den Einfall, wie es wohl vor tausend Jahren in Querlequitsch ausgesehen habe? Er ist der Meinung, daß die dasige Gegend zu der Zeit ganz und gar unbewohnt gewesen, und vielleicht an dem Orte, wo anitzt die Kanzel stehe, nichts als Rohrdommeln in der Wüsten gehört worden sind. Hierauf legt er seine ganze Gelehrsamkeit aus, und redet von einem Cherusker Fürsten Arminius, von den Hermunduren, und Mysen. Die Thracier und Scythen fallen ihm ein. Er erblaßt, wenn er an den Attila gedenkt, und bewundert das Schicksal, welches die Vandalen aus dem kalten Norden in das heisse Italien geworfen, um die schönen Künste und Wissenschaften zu zerstören. Er besinnt sich auf die Longobarden, und zieht zwölf gelehrte Männer an, welche diesen Namen von den langen Bärten herleiten. Aus der 59 S. kömmt er wieder zu sich selbst, und erinnert, er hätte um deswillen in seiner Erzählung ausgeschweift, weil er beweisen wollen, wer ihre Vorfahren in dasiger Gegend gewesen wären. Die ganze Sache aber hält er für ungewiß, und will lieber gar nichts, als etwas zweifelhaftes, sagen, indem ein vernünftiger Mann nichts reden müsse, als was er mit gutem Grunde behaupten könne. Er beseufzt den verderblichen Hußitenkrieg, in welchem vermuthlich die schönsten Urkunden von diesem Dorfe verbrannt, oder mit nach Böhmen geführt worden wären. Bey dieser Gelegenheit fällt ihm ein, daß Huß eine Gans heiße, und lacht recht herzlich über die sanctam simplicitatem des Bauers, welcher in Costnitz ein Bündel Holz zum Scheiterhaufen getragen, diesen theuren Märtyrer zu quälen. A. d. 66 S. will er, um mit Ehren und unbeflecktem Gewissen aus diesem Krame zu kommen, einem jeden hierinnen seine Meinung lassen. Genug, spricht er, daß wir müssen Vorfahren gehabt haben: denn wo ein effectus ist, da ist auch eine causa; atqui schließt er weiter, ich und alle Bauern im Dorfe sind ein effectus, ergo müssen wir eine causam gehabt haben, und diese sind eben unsre Vorfahren, welche ich im Vorhergehenden so mühsam suchte. Durch eine ausführliche Note zeigt der Herr Autor, in welchem modo dieser Schluß sey, und verwünscht den Aristoteles in den Abgrund der Hölle, weil er durch seine Sophisterey die ganze Welt mit Blindheit geschlagen habe. Am Rande stehen die Worte: O Vernunft! wie schädlich bist du! Die Dinte ist aber ganz frisch, und die Züge sind nach der heutigen Art, daher ich vermuthe, diese Randglosse müsse nur etwan vor zwanzig Jahren gemacht seyn. A. d. 68 S. dankt er dem Himmel mit einem innbrünstigen Ach! daß er ihm Weisheit und Kräfte verliehen habe, aus diesem Labyrinthe der Alterthümer glücklich zu entkommen, und die verwirrten Nachrichten ihrer Vorfahren in ein helles Licht zu setzen. Er beschreibt sodann mit ziemlicher Deutlichkeit, die Lage, den Umfang, Größe, Zäune, Graben, und Eintheilung der Gassen des Dörfleins Querlequitsch, welches ich aber alles unberührt lasse, weil der Ort jedermann bekannt, und noch auf diese Stunde dessen äusserliche Beschaffenheit unverändert ist. A. d. 80 S. besinnt er sich, daß er in Eil vergessen habe, zu sagen, wo der Name Querlequitsch herstamme. Er hat aber so einen löblichen Abscheu vor alten Untersuchungen bekommen, daß er sich dabey nicht aufhält. Seine Meinung geht dahin, es sey, wegen seiner anmuthigen Lage, in dem Pabstthume querelarum quies genannt worden. Es kömmt ihm dieses höchst wahrscheinlich vor, weil man nur die Buchstaben e und arum wegwerfen, und ies in itsch verwandeln dürfe. Er beweist dieses auch nachdrücklich, indem er sagt, man müsse keine gesunde Vernunft haben. wenn man die Wahrheit davon nicht einsehen wolte. A. d. 81 S. wird gehandelt von des Dörfleins Querlequitsch weltlichen Hauptgebäuden, und denen damit verknüpften Gerechtsamen, Gerichten und Privilegien. Des gestrengen Junkers Rittersitz wird zuerst vorgenommen. Es ist keine Mauer, keine Stube, kein Fenster, kein Ziegel auf dem Dache, welchen er nicht nach seiner Länge und Breite beschreibt, ja den Einfältigen zum Besten hat er so gar einige Risse nebst dem Maasstabe beygefügt. Es gehört eine ziemliche Geduld dazu, wenn man alles will durchlesen. Doch darf ihm dieses nicht als ein Fehler ausgelegt werden, weil er nichts gethan hat, als was unsre Chronikenschreiber mit einer unermüdeten Sorgfalt noch heutiges Tages thun. Ueber dem Thorwege entdeckt er eine alte steinerne Figur, welche nach dem verfertigten Entwurfe vermuthlich nichts anders ist, als eine Verzierung von Laubwerke; er will es aber für ein hochadeliches Wapen ansehen, woraus er verschiedene Verbindungen des gestrengen Junkers mit andern Familien, und zugleich einige rechtsgegründete Ansprüche auf sechs Rittergüter ableitet. Einen Thurm, welcher den Bauern zum Gefängnisse dienen muß, hält er für besonders merkwürdig. Er nennt ihn ein Schrecken der Widerspenstigen und einen Tempel der Gerechtigkeit, den Gerichtsvoigt aber sacerdotem iustitiae, und zeigt bey dieser guten Gelegenheit den gegründeten Unterschied zwischen dem geistlichen und weltlichen Arme. Das Gemeindehaus kann er mit Stillschweigen nicht übergehen. Er machet eine beynahe eben so lebhafte Abbildung davon, als von dem Rittersitze; über die dabey stehende Linde aber, worunter die Bauern ordentlich zusammen kommen, bezeigt er eine herzliche Freude, weil sie ihn auf die Geschichte der alten abgöttischen Linden, und die Gewohnheit, unter freyem Himmel Gerichte zu halten, durch eine natürliche Ordnung bringt. Er handelt diese Materie mit vieler Belesenheit ab, und ich habe davon einige neuere Schriften gesehen, welche es ihm nicht gleich thun. A. d. 140 S. folgen die geistlichen Hauptgebäude. Sie bestehen nur aus der Kirche, Pfarre und Schulwohnung. Bey jedem aber macht er eine lange Erzählung, und die Bilder sind auch nicht gespart. Ich will dem geneigten Leser mit einem Auszuge davon nicht beschwerlich fallen. Einige Umstände aber kann ich nicht unberührt lassen. Wie lange die Kirche gestanden habe, weis er eigentlich nicht; wohl aber, daß sie schon im Pabstthume gewesen. Die Geschichte der Reformation nimmt hier viele Seiten weg, und es kömmt mir wahrscheinlich vor, daß Seckendorf sich dieses Manuscripts mit gutem Nutzen bedient habe. Den Weihkessel, welcher noch in der Kirche eingemauert ist, kann er ohne Thränen niemals ansehen, und er hält solchen für etwas, das zum papistischen Sauerteige gehöre. Den wohl angerichteten und einträglichen Beichtstuhl aber nennt er einen Schmuck und eine Zierde des ganzen Tempels. Bey einem vorgehabten Kirchenbaue hat sich hinter dem Altare etwas gefunden, welches der Herr Verfasser, als eine alte Münze, sehr hoch hält, und nicht allein einen Abriß davon, sondern auch die Münze selbst beygefügt. Anfänglich hat er gar nicht gewußt, was er daraus machen solle. Aber durch eine unermüdete Untersuchung, und Beyhülfe einiger gelehrten Freunde, hat er auf einer Seite ein Roß im Wasser, auf der andern aber eine Figur gefunden, welche beynahe als ein gekröntes Brustbild ausgesehen, mit der zwar etwas undeutlichen Umschrift: vedkend . Seine Freude über diesen Fund ist ganz unaussprechlich. Er beweist, daß diese Münze Carl der Große auf Wittekinds Taufe habe prägen lassen. Er beschreibt die ganzen Kriege der Sachsen, und ihre endliche Bekehrung, und dankt dem Himmel mit gefaltnen Händen, welcher solchen großen Schatz so lange erhalten, und ihn mit dieser kostbaren Münze beseliget habe. Ich schickte sie unlängst dem berühmten Herrn Professor Köhler zu, um seine Meinung darüber zu vernehmen; er schrieb mir aber, es sey nichts anders, als ein alter verrosteter Deckel von einer Mithridatbüchse. Er rühmt ferner den schönen Büchervorrath, womit die Sacristey ausgeziert sey, welche er deswegen armamentarium sacrum nennet, und versichert, es wären so viele praktische Bücher, Sterne und Kerne, und andere biblische Rüstzeuge darinnen, daß man sich binnen einer halben Stunde mit einer trostreichen Predigt bewaffnen könne. Das bey der Kirche angemachte Halseisen soll ein untrügliches Merkmaal guter Policeyordnung seyn. Er wünscht, daß alle diejenigen daran geschlossen würden, welche sich nicht schämten, ihrem Pfarrer, an statt des guten Decems, Wicken und Trespe zu geben, da ihnen doch dieser das Wort Gottes lauter und rein predige. Des Pfarrers Studierstube kömmt ihm nicht anders vor, als das trojanische Pferd. Aus diesem, spricht er, wären so viel tapfere Helden gestiegen, welche das hochmüthige Troja in die Asche gelegt hätten; aus jener aber trete eine erbauliche Predigt nach der andern hervor, welche das stolze Babel bestürmte. Doctor Luthers Hauspostille nennt er sein Palladium, dessen ganze Geschichte er aus dem Alterthume hervorsuchet. Von der 203 bis 279 S. ist das Geschlechtregister der gestrengen Junkern von N. Erb-, Lehn- und Gerichts-Herren auf Querlequitsch. Ich will nur einige davon anführen, und mich, so viel möglich, seiner eignen Worte bedienen. Hanns v. N. ward gebohren 1429, und lebte fünfundsechzig Jahr. Man weis von ihm gar nichts weiter, als daß er einen sehr dicken Bauch gehabt hat Hanns Ulrich von N. des vorigen Sohn, hatte einen Jagdhund, welchen er unsäglich liebte. Als der Hund starb, schickte er dem Pfarrer eben so viel an Leichengebühren, als wenn ein Sohn gestorben wäre. Es mag ein löblicher Herr gewesen seyn. Georg von N. aß, trank, und vermählte sich dreymal. Seinen Bauern war er gewogen, dem Pfarrer aber spinnefeind. Er wollte nicht leiden, daß ihm dieser auf der Kanzel die derbe Wahrheit sagte, da es doch an einem so privilegirten Orte geschah. Von undenklichen Jahren her hatte der Pfarrer des Sonntags auf dem Herrnhofe gespeist, dieser George aber brachte es ab. Er war ein rechter Atheiste, ohne Gottesfurcht und Gewissen, und wie er lebte, so starb er auch; denn er fiel vom Pferde, und brach den Hals. Nach dem Tode hat es heftig auf seinem Grabe getobt, und des Pfarrers Frau hat es mit ihren Ohren gehört, daß es nicht anders gewesen sey, als wenn sich die Katzen gebissen hätten. Er starb ohne Kinder, und das Gut fiel an seinen Vetter Casimir von N. Von der 280 bis 336 S. sind die Leben der Kirchen- und Schuldiener daselbst beschrieben. Es ist dieses mehr ein Zusammenhang vieler Lobschriften, als eine historische Erzählung; und wie dergleichen besondre, und nach Befinden geheime Nachrichten, nur wenigen Leuten gefallen können, den meisten aber ekelhaft sind. So ist auch von gegenwärtiger Abhandlung nicht zu läugnen, daß derjenige schlechterdings Pfarrer in Querlequitsch seyn muß, der ein Vergnügen daran finden soll. Ich will also die Geduld meines Lesers nicht misbrauchen, und nur etwas weniges daraus anführen. M. Heinrich Quad , ein ehrwürdiger Mann, predigte alle Wochen einmal, und starb. Er hat ein Buch geschrieben, welches den Titul führt: προς εαυτον, oder wohlgemeinter Unterricht, für die einfältigen Pfarrherrn, wie sie sich auf der Kanzel züchtig geberden sollen. Mit Holzschnitten. George Voigt , verstund das Hauswesen vortrefflich, und predigte ziemlich. M. Curt Hauzius . Er war ein starker Zelote. Er ward allemal braun im Gesichte, wenn er an den Pabst gedachte, und hat sechs und funfzig neue Ketzer gemacht. Er lebte in großer Uneinigkeit mit seinem Gerichtsherrn, und hatte viel Verdruß mit der Gemeinde, wegen des Pfarrbaues. Ueber das Pfingstbier hat er sich sehr ereifert, woran er auch starb. M. Heinrich Bockstaudius sollte des Kanzlers Crells Ordonanz unterschreiben, dessen er sich weigerte und des Amts entsetzt ward. Der Herr Autor sieht diesen Umstand für merkwürdig an, weil er glaubt, dieser sey der einzige unter allen Gelehrten, welcher lieber das Amt verlieren als etwas schreiben wollen. Bis hieher gehen die Kirchendiener, und sind alsdann einige Blätter leer gelassen, welches mich, wie ich im Eingange erwähnt, auf die Vermuthung gebracht, daß gegenwärtige Chronike nach Crells Tode geschrieben sey. Von den Schuldienern des Orts, deren der Autor zwanzig namhaft macht, will ich nur eines einzigen erwähnen. Er heißt ihn Gall Veidt den Großen . Es kam mir Anfangs lächerlich vor, daß er einem Schulmeister diesen prächtigen Beynamen giebt; er behauptet es aber dadurch: Er habe zierlich schreiben und lesen können, die Kinder fleißig unterrichtet, die Kirche reinlich gehalten, die Glocken wohl geläutet, eine gute Paßion singen können, und alles vollkommen gethan, was einem rechtschaffnen Schulmeister gebührt. Mithin sey er zwar kein großer Held, aber doch ein großer Schulmeister gewesen. A. d. 336 S. findet man verschiedene gesammelte Nachrichten von gelehrten Querlequitschern, unter denen etwa folgende die berühmtesten zu seyn scheinen. George Greif , eines Bauers Sohn, legte sich auf die Rechte, und advocirte in einem Städtlein, ohnweit Magdeburg. Man hat als etwas besonders an ihm wahrnehmen wollen, daß er sehr lange Finger, und im Gesichte eine so dicke Haut gehabt, daß er niemals roth geworden ist. Antonius Cuntz , gleichfalls einer der Rechte, wollte in Erfurt Doctor werden, und disputirte deswegen de capillamento Vlpiani, wobey er auf den Catheder die Wichtigkeit seines Satzes mit solcher Heftigkeit vertheidigte, daß er sich etwas im Leibe zersprengte, und kurz darauf starb. Balthasar Wurzel , ein Arzt und geschickter Mann. Wenn ein Bauer Blähungen hatte, so wußte er gleich, wie sie auf griechisch hießen. Er erfand viele Universalmedicinen und Lebenstincturen, starb aber in seinen besten Jahren, und vermachte der Bürgerschaft zu Zwenka bey Leipzig einen halben Acker Landes zu einem neuen Kirchhofe. Martin Pinsel , ministerii Candidatus, war des alten Martin Pinsels , Pfarrers zu Querlequitsch, Herr Sohn. Seine Mutter that in ihrer Schwangerschaft ein Gelübde, wenn ihr der Himmel einen Sohn geben würde, so sollte er ein Pfarrer werden. Ihr Wunsch ward zu allerseits Vergnügen erfüllt, und der gute Pinsel von seinem Herrn Vater zu allen guten Wissenschaften und Künsten angehalten. Er hatte aber einen schweren Kopf, eine stotternde Sprache, und ein langsames Gedächtniß, bezeigte auch wenig Lust zum Studieren, sondern wollte schlechterdings ein Grobschmied werden. Allein die Mutter prügelte ihn so lange, bis er seinen Beruf erkannte, wobey er auch blieb, und im neun und funfzigsten Jahre seines Alters als Informator zu Dresden sanft und selig entschlief. Ilgen Pape , ein Meistersänger und poßierlicher Mann. Er hatte sehr hohe Absätze an seinen Schuhen, und gieng beständig, als wenn er im Sande wadete. Er schnaubte heftig, wenn er redete, und sang alles ab, was er sagte. Man hat ihn gar nicht lachen, wohl aber oftmals ohne Ursache weinen und zittern gesehen. Niemals war er vergnügter, als wenn es donnerte, und sah, ohne daß es ihm etwas schadete, in den Blitz. Er starb an der Schwulst, und schrieb: das blinde Alter, oder: Tobias ein Trauerspiel. Zacharias Pape , des vorigen Bruder, und auch ein Meistersänger, doch von jenem ganz unterschieden. Er schminkte sich dergestalt, daß man niemals seine natürliche Farbe hat erfahren können. Die Hände wusch er sich in Rosenwasser, und kaute beständig süß Holz. Sein Wamms war mit Knöpfen von buntem Glase besetzt, und an dem Halse trug er ein ordentliches Pferdegeläute. In Nürnberg war er unter eine Bande Gaukler gerathen; diese hatten ihn gelehrt, wie er seine Glieder auf eine erstaunende Weise ausdehnen, in einem Augenblicke aber wieder zusammen ziehen konnte, daß er nicht größer war, als ein Igel. Er war sehr ungesund, und hatte immerzu Anfälle vom hitzigen Fieber. Seine Gedichte sind zusammengedruckt unter dem Titel: Caniculares. Er schrieb ein Sinngedichte auf seine Leyer, und lachte sich darüber zu tode. Endlich machen auf der 384 Seite allerhand vermischte Merkwürdigkeiten einen erwünschten Schluß. Die Züge sind hier in dem Manuscripte von den vorigen ganz unterschieden, und ich glaube, daß des Verfassers Ehefrau diese Merkwürdigkeiten niedergeschrieben habe. Meine Vermuthung ist nicht unwahrscheinlich; die Sache aber behält doch ihren Werth, und die ganze Einrichtung ist noch itzt nicht altväterisch geworden. Ja ich kenne einen gelehrten Mann, von dessen Chronike man schwören sollte, daß seine Großmutter die angefügten Merkwürdigkeiten verfertigt habe. Ich weis nicht, ob ich mich um meine Leser verdient machen werde, wenn ich ihnen einen Auszug davon liefere. Vielleicht geben sie sich zufrieden, wenn sie auch nicht wissen, wie oft Soldaten daselbst im Quartiere gelegen, und des gestrengen Junkers seine Feueresse gebrannt, oder die gnädige Frau in der Kirche, zum Schrecken und schmerzlichen Beyleide aller Anwesenden, den Unterrock versengt habe. Eben so erbaulich ist es, wenn man liest, wie oftmals die Bauern in Querlequitsch mit dem Durchfalle heimgesucht worden sind. Die Geschichte von einem Pferdediebe, dessen Lebenswandel, Verbrechen, Gefangennehmung, und erfolgter Strafe, machen viele Seiten aus, und die Unterredungen des Herren Pfarrers mit diesem Diebe sind von einer ziemlichen Weitläuftigkeit, an und für sich aber sehr erbaulich. Des Schulmeisters ältester Sohn, ein Kind guter Art und großer Hoffnung, ist Anno 1542 jämmerlich in die Mistpfütze gefallen, aber, zu gutem Glücke, ohne Schaden. Wer diese und dergleichen klägliche Begebenheiten mehr wissen will, dem kann ich das Original selbst zeigen. Eine Frau, die den Drachen gehabt hat, könnte zwar viele leichtsinnige Gemüther aus ihrem verstockten Irrthume reißen, und das Himmelszeichen, welches man im Jahre 1541, als eine gewisse Vorbedeutung der sechs Jahre darauf erfolgten Mühlberger Schlacht, gesehen, sollte wohl vermögend seyn, die Hartnäckigkeit unsrer Atheisten zu beschämen: Allein mein Beruf ist nicht, Heiden zu bekehren; meine Schuldigkeit aber erfodert, den geneigten Leser nicht länger aufzuhalten. Ich schließe also mit denjenigen Worten, die am Ende meines Manuscripts stehen: Exegi monumentum aere perennius: Non omnis moriar. Ein Schreiben von vernünftiger Erlernung der Sprachen und Wissenschaften auf niedern Schulen. S. Bel. des Verst. und Witzes, Maymonat 1742.     Mein Herr, Man hat mir gesagt, Sie wären seit etlichen Monaten mit einer Sammlung verschiedner deutscher Schriften beschäfftigt. Bey dieser Gelegenheit bekommen Sie vermuthlich viele Briefe von gelehrten Männern zu lesen. Ich zweifle aber doch nicht, Sie werden Sich auf mein Bitten die kleine Gewalt anthun, und einen Brief eines jungen Menschen ansehen, welcher nur vor wenig Wochen die niedern Schulen verlassen hat, und im Begriffe steht, auf eine hohe Schule zu ziehen, um gewöhnlicher maßen längstens binnen drey Jahren zu absolvieren. Daß ich mir diese Freyheit nehme, dazu veranlaßt mich ein Umstand, von dessen Wichtigkeit ich Sie bald überführen will. Ich habe mich sechs Jahre lang in einer Schule aufgehalten, welche vor andern Schulen einen Vorzug, und gleich den billigen Ruhm hat, daß viele große und gelehrte Männer den Grund ihres Glücks darinnen gelegt haben. So bald ich die ersten Jahre überstanden, und mich geschickt gemacht hatte, die Sache mit einer reifern Ueberlegung einzusehen; so ließ ich bey einem unermüdeten Eifer diejenigen Wissenschaften mein Hauptwerk seyn, zu denen ich den größten Trieb empfand, und welche ich für die edelsten unter allen hielt. Ich traue Ihnen die Einsicht zu, daß Sie von selbst errathen können, worinnen also meine vornehmste Bemühung bestanden habe. Es ward uns Gelegenheit gegeben, die ältere und neuere Geschichte zu erlernen. Man lehrte uns die Geographie, und andre davon abhangende Wissenschaften. Man bemühte sich, uns einen kleinen Vorschmack von den Rechten eines jeden Reichs, und hauptsächlich unsers Vaterlandes beyzubringen. Es wurden auf Kosten der Obern Leute gehalten, welche die Jugend in der französischen und italiänischen Sprache unterrichten sollten. Ja, welches beynahe unglaublich ist, so gar in der deutschen Sprache gab man uns Anleitung. Die mathematischen Wissenschaften wurden getrieben, soviel es auf Schulen möglich ist. Von der Malerey, Musik, und Tanzkunst will ich nicht einmal etwas erwähnen, so wenig als von der Anweisung, wie man die Buchstaben leserlich und schön schreiben soll. Was meinen Sie davon, mein Herr? Ich weis, Sie lassen mir die Gerechtigkeit wiederfahren, und trauen mir zu, daß ich die kostbare Zeit mit dergleichen Sachen nicht verderbt habe. Es wäre dieses ein Fehler gewesen, welchen man kaum mit dem gelinden Namen einer Jugendsünde hätte entschuldigen können; und ich glaube, meine Enkel würden sich dereinst schämen müssen, wenn man ihnen dergleichen gelehrte Schwachheiten ihres Großvaters vorwürfe. Meine Bemühungen waren weit rühmlicher. Lateinisch, Griechisch, Ebräisch, die Redekunst, und die Logik, dieses sind die Wissenschaften, worauf ich mich mit einem unersättlichen Fleiße, und mit Ausschließung aller andern gelegt habe. Ist es nicht kläglich, daß man die Jugend zu Erlernung der Geschichte, und besonders unsrer gegenwärtigen Zeiten anhält? Dieses vermehret ihre leichtsinnige Neugierigkeit, zu der sie ohne dem mehr als zu geneigt ist. Aus dieser Ursache habe ich mich jederzeit davor gehütet, und ich kan mir ohne eiteln Ruhm nachsagen, daß mir dasjenige, was nach dem Raube der Helena in Griechenland vorgegangen, weit bekannter ist, als die Unruhe, worein Deutschland durch den Tod des Kaisers gestürzt seyn soll. Wozu die Geographie, und die zugehörigen Wissenschaften nützen, das kann ich nicht einsehen. Ich habe den Weg von der Schule nach meiner Heimat gewußt, ich will ihn auch wohl ohne Geographie nach Leipzig finden. Ich weis die Namens- und Geburtstage meiner gnädigen Herrschaft; ich weis, daß unser Herr Pfarrer einen Todtenkopf mit einem Kreuze in seinem Petschafte hat; dieses hilft mir mehr, als wenn ich das ganze Geschlecht, und alle Wappen des Kaisers von Fez und Marocco auswendig könnte. Daß ich die Rechte der Reiche und meines Vaterlandes lernen soll, solches scheint mir ein verwägnes Unternehmen zu seyn. Es sind Geheimnisse, welche man nicht erforschen, sondern den Regenten überlassen muß; zu geschweigen, daß man vielmals an den Höfen selbst nicht weis, was Rechtens ist; wie will man es in den Schulen wissen? Die flatterhafte Eitelkeit der Franzosen, und die Gemüthseigenschaften der Italiäner haben mir jederzeit einen Abscheu vor ihren Sprachen gemacht. Deutsch zu lernen, klingt gar lächerlich. Unser Thorwärter in der Schule konnte gutes Deutsch reden, ungeachtet er niemals in die Lehrstunden kam, und meine Mutter verstund mich allemal, wenn ich um Geld schrieb. Ich habe zwar gegenwärtigen Brief von einem meiner guten Freunde durchsehen, und die Schreibart ändern lassen; dieses geschieht aber mehr aus einer Gefälligkeit, als innerlichen Ueberzeugung, daß es nöthig sey. Daß die mathematischen Wissenschaften auf Schulen getrieben werden, das lasse ich eher gelten. Es kommen doch immer griechische Wörter darinnen vor. Die Malerey, Musik, und das Tanzen schicken sich am besten für Frauenzimmer, und die Kunst, leserlich und schön zu schreiben, für den Pöbel. Denn gelehrte Leute müssen schlecht schreiben; dieses ist ein altes Herkommen. Sagen Sie mir aufrichtig, mein Herr, wie gefällt Ihnen dieser Beweis? Nicht wahr? vortrefflich! Sollten Sie wohl in einem jungen Menschen so viel Verstand, und einen so guten Geschmack suchen? Die lateinische Sprache kam mir so einnehmend und reizend vor, daß ich mich schäme, ein gebohrner Deutscher zu seyn. In der griechischen Sprache fand ich etwas, von dem ich viel zu wenig sage, wenn ich spreche, daß es reizend und entzückend war. Ich habe mich vielmals gewundert, warum man sie nicht bey Hofe einführt, und ich bin gewiß versichert, ein Frauenzimmer würde bey einer griechischen Liebeserklärung nimmermehr unempfindlich bleiben können. Daß ich ebräisch ohne Punkte verstehe, das ist das wenigste, dessen ich mich rühmen kann. Die Redekunst hatte mich recht bezaubert. Die Regeln und Muster, die ich mir erwählte, waren zwar nach dem neusten, jedoch nach meinem Geschmacke. Besonders in den Figuren war ich sehr stark. Ich wußte alle ihre Vor- und Zunamen, und meine Reden, die ich hielt, bestunden in nichts, als Fragen und Ausrufungen. Die Erlernung der Logik war meine ernsthafteste Beschäfftigung. Zwar die gemeine Art zu denken hat mir niemals gefallen wollen. Sie ist gar zu deutlich, und die Kunstwörter sind zu sehr gespart. Wenn ich jemanden, als ein Gelehrter, überzeugen will; so muß meine Ueberzeugung kunstmäßig seyn, und ich mag denken, was ich will, so denke ich in forma. Meiner Abschiedsrede kann ich mich ohne einige Selbstliebe nicht erinnern. Ich handelte von den Rauchfängen der alten Griechen, und insonderheit der Lacedämonier. In welcher Sprache ich dieselbe eigentlich gehalten habe; solches kann ich Ihnen nicht sagen. Wenn ich Ihre Ohren nicht beleidigte, so würde ich sie Ebraico-Latino-Graecam nennen. Dieses letzte Meisterstück meiner Fähigkeit mochte sie Ursache seyn, daß man mir ein vortreffliches Schulzeugniß gab. Ich werde es mit nach Leipzig bringen, und also die Ehre haben, Ihnen Brief und Siegel über meine Geschicklichkeit zu zeigen. Bis hieher klingen meine Erzählungen ganz vergnügt. Sie werden den wichtigsten Umstand noch nicht einsehen können, welcher mich bewogen hat, an Sie zu schreiben. Sie sollen ihn gleich erfahren. Von der Schule gieng ich nach Hause zu meinem Vater, welcher im Gebirge ein adeliches Rittergut gepachtet hatte. Meine Absichten erfoderten, daß ich unserm gnädigen Herrn sogleich meine Aufwartung machte. Er erkundigte sich nach der Einrichtung der Schule und besonders meines bisherigen Studirens. Ich erzählte ihm alles, was ich itzt geschrieben habe, und ich glaube, ich erzählte ihm noch mehr. Seine Aufmerksamkeit machte mich beredt, und ich versprach mir schon im voraus die Anwartschaft auf eine Pfarre. Allein, wie sehr betrog ich mich in meiner Hoffnung! Urtheilen Sie selbst von meiner Bestürzung, die ich empfand, als mir derselbe mit einem ernsthaften Gesichte ungefähr also antwortete: »Gewiß, mein Freund, ich bedaure ihn, sein Vater hat das Geld verloren, und er die Zeit verderbt. Er hat studirt, und ist keinem Menschen zu etwas nütze. Wäre es nicht vernünftiger gewesen, wenn er sich auf diejenigen Wissenschaften etwas mehr gelegt hätte, von denen er geglaubt, daß sie so verächtlich und überflüßig sind? Muß er sich nicht schämen, daß er in Griechenland zu Hause, und in Sachsen ein Fremdling ist? Daß er die Gesetze seines Solons versteht, und nicht die geringste Kenntniß von den Rechten seines Vaterlandes hat? Hätte er sich nicht die Sprachen der Ausländer wenigstens nur in etwas bekannt machen sollen; wenn er sie auch allenfalls nicht besser gelernt hätte, als die deutsche? Wie viel brauchen wir lateinische und griechische Sprachmeister? Ich tadle deswegen nicht an ihm, daß er lateinisch und griechisch gelernt hat. Dieses muß seyn, und ein Gelehrter der es nicht kann, kömmt mir eben so abgeschmackt vor, als er, da er seine Muttersprache nicht besser versteht. Was glaubt er wohl, daß ich mit meinem Schneider anfangen sollte, wenn er nichts arbeiten könnte, als solche Kleider, wie sie Seneca und Socrates getragen haben? Würde der Kerl nicht Hungers sterben müssen, wenn er sonst nichts gelernt hätte? Mit seiner Redekunst lockt er keinen Hund aus dem Ofen, geschweige, daß er die Gemüther der Zuhörer rühren sollte, und seine ganze Logik besteht aus Worten ohne Gedanken. Hat ihm denn niemand auf der Schule gesagt, wie unentbehrlich es heutiges Tages sey, daß man die sogenannten gelehrten Sprachen und Künste mit den neuern Wissenschaften verknüpfe?« Ich konnte dieses nicht läugnen. Ich gestund, daß einige meiner Lehrer mich deswegen vielmals getadelt, und mir meine Bemühungen, als unnütze, vorgeworfen hätten. Ich sagte aber auch, daß andre meinen Eifer aufgemuntert, und mir mit großer Zuversicht prophezeihet hätten, ich würde dereinst die Zierde ihrer Schule, eine Brustwehr wider die einreißende Barbarey und eine Stütze des Vaterlandes seyn. Er schüttelte den Kopf, und ließ mich mit vielen derben Vermahnungen von sich gehen. Wie meinen Sie wohl, mein Herr, daß mir damals zu Muthe gewesen ist? Wahrhaftig, so sehr hat sich wohl Plato kaum geschämt, als ihn Diogenes durch einen nackichten Hahn, wegen seiner irrigen Meinung, lächerlich machen wollte. Ich gieng ganz bestürzt nach Hause. Allein, das war noch nicht genug. Dieser Tag schien recht zu meiner Demüthigung ausersehen zu seyn. Ich fand unsern Hofmeister, welcher seinen Sohn mit vielem Eifer ausgescholten hatte. Ich hörte nur noch so viel, daß er zu ihm sagte: Du bist mir ein braver Kerl! Du schickst dich zu allem, wie der Esel zum Lautenschlagen. Ein Narr bleibt ein Narr, und wenn man ihn im Mörsel zerstieße. Du kannst nichts, du hast nichts gelernt, du willst nichts lernen, was soll denn endlich aus dir werden? Halte dein Maul, oder – –! Fort! Packe dich! Geh mir aus den Augen!« Ich erstaunte, als ich dieses hörte. Wie? dachte ich. Unser Hofmeister, ein Bauer, ein Mann, der weder lesen noch schreiben kann; der versteht die Redekunst! Sarkasmus, Diasyrmus, Ploki, Anaphora, Ellipsis, Asyndeton, sind dieses nicht alle die Figuren, die ich itzt von ihm gehört habe? Und der Kerl hat nicht studirt! Wie geht das Ding zu? Ich redete ihn an. Ich fragte ihn, warum er sich so ereifert hätte? Was! sprach er, das ist mein Junge, und ich soll mich nicht ärgern, daß sich der Schlingel auf die faule Seite legt? Neue Wunder! Unser Hofmeister versteht auch die Logik. Ist dieses nicht der bündigste Schluß in Darii? War es nicht eben so viel, als wenn er gesagt hätte: Wer einen ungerathnen Sohn hat, welcher sich auf die faule Seite legt, der muß sich ärgern; Atqui, ich habe einen solchen ungerathnen Sohn, Ergo muß ich mich ärgern. Ich muß es Ihnen gestehen, mein Herr, ich war damals ganz außer mir. Die empfindlichen Reden unsers gnädigen Herrn machten mich nur unruhig, dieser Hofmeister aber ganz und gar kleinmüthig. Gehört zu einem Gelehrten heutiges Tages mehr, als Lateinisch, Griechisch, und Ebräisch; kann auch der einfältigste Bauer in Figuren und Schlüssen reden, ohne daß er weis, wie sie auf griechisch heißen, oder in welcher Forme sie sind: Wozu nützt denn mir mein Fleiß? Warum habe ich mir so viele schlaflose Nächte gemacht? Sollte es wohl in der That vernünftiger seyn, wenn man auf Schulen sich die Sprachen der Gelehrten zwar gründlich bekannt macht, zugleich aber auch in den neuern Sprachen, und wie man sie nennt, in den galanten Wissenschaften sich übt? Sollte es wohl lächerlich seyn, wenn man sich einbildet, die Erlernung einiger Kunstwörter machte uns zu Rednern und Philosophen? Nein, ich kann mich dieses nicht bereden. Ich gehe von der einmal gefaßten Meinung nicht ab. Das sey fern von mir. Und ich werde Ihnen, mein Herr, ungemein verbunden seyn, wenn Sie mich zu meiner Beruhigung in diesem Urtheile bestärken wollen. Ich werde dafür ohne alle Figur in der besten Forme verharren, Dero ergebester Diener, Irenäus Mastigophorus, sonst Friedrich Geißelmann genannt.         P.S. Ich habe bey müßigen Stunden des Hieronymus Comitem siue Lectionarium denen zum Besten in griechische Verse übersetzt, welche der lateinischen Sprache nicht mächtig sind. Weil ich nun glaube, daß es eine besondre Belustigung des Witzes abgeben kann; so übersende ich Ihnen diese Uebersetzung zu beliebigen Gebrauche. Lebenslauf eines Märtyrers der Wahrheit. S. Bel. des Verst. und Witzes, Brachmonat 1742.     Es ist in Gesellschaften nichts gewöhnlicher, als daß einer den andern mit beständigen Erzählungen von sich selbst, und seinen Fähigkeiten unterhält. Wir sind uns die nächsten; und weil wir schuldig sind von unser Nächsten alles gutes zu reden, so glauben wir, es erfodere die natürliche Pflicht, uns selbst zu loben. Ich will die wahrhaften Ursachen dieser thörichten Eigenliebe nicht untersuchen; weil ich nicht gesonnen bin, mir auch nach meinem Tode Feinde zu machen. Ich führe solches nur um deswillen an, damit ich mein gegenwärtiges Vorhaben einiger massen rechtfertige. Bezeigst du so viel Geduld, andre anzuhören, welche sich bey lebendigem Leibe rühmen; so gönne mir deine Aufmerksamkeit, wenn ich dir nach meinem Tode sage, wer ich gewesen bin. Das habe ich mit andern Menschen gemein, daß ich meinem Namen die Unsterblichkeit wünsche, wenn auch gleich der Körper verwesen muß. Wolltest du mir aber verwehren, meinen Lebenslauf zu erzählen; so würde ich vor vielen unglücklich seyn, an deren Verdienste man wenigstens so lange gedenkt, als die Erbtheilung währt. Die Liebe zur Wahrheit hat mich in so geringe Umstände gesetzt, daß meinen Tod beynahe niemand, als der Leichenschreiber, erfahren hat. Hätte ich ein ansehnliches Vermögen besessen; so würden meine schmerzlich betrübten Erben durch eine verhüllte Frau der ganzen Stadt haben ansagen lassen, daß ihr Herr Vetter in Gott selig verschieden sey; oder ich würde mir noch auf meinem Todbette einen glaubwürdigen Redner haben miethen können, welcher der christlichen Gemeine die ewige Wahrheit bewiesen hätte, daß unter allen erschrecklichen der Tod das erschrecklichste, und meine tugendhafte Seele noch viel zu frühzeitig aus ihrem drey und sechzigjährigen Körper gefahren sey. Allein, meine Armuth hat mir nicht verstattet, einen so prächtigen Abschied aus der Welt zu nehmen. Ich bin gestorben als ein Märtyrer der Wahrheit, das ist, arm und unbeweint; und wenn die Nachwelt etwas von mir erfahren soll, so muß ich ihr solches selbst sagen. Daß ich im Jahre 1674, den 17 September, zu Mühlberg einem Städtchen an der Elbe, geboren bin, solches scheint kein Umstand von besondrer Wichtigkeit zu seyn, und ich kann eben so wenig dafür, als es ohne mein Verschulden geschehen ist, daß mein Vater nicht ein Hochedelgebohrner, Hochedler, Bester, und Hochgelahrter Erb- Lehn- und Gerichtsherr auf drey Rittergütern, sondern nur, wenn ich anders der Erzählung meiner Mutter glauben darf, Meister Lollinger, Bürger und Schneider daselbst, gewesen ist. Ich brachte zwo Zähne mit auf die Welt, und lernte gleich im ersten Jahre reden, und schon im andern war ich vermögend, durch mein Plaudern Vater und Mutter zu übertäuben. Meine Aeltern hielten dieses für eine vergnügte Vorbedeutung, ich würde mit der Zeit ein grosser Rechtsconsulent werden. Sie irrten sich aber, und die Folge hat gelehrt, daß es unglückliche Anzeigen meiner Liebe zur Wahrheit gewesen sind. Ich fieng frühzeitig an, solches merken zu lassen. Kaum hatte ich vier Jahr erreicht, als ich bemerkte, daß mein Vater in seinem Berufe nicht gar zu gewissenhaft war. Ich verwies ihm solches auf eine zwar kindische, doch empfindliche Art, und weil ich es oft that, so gab er mir endlich, durch einen derben Schilling, die ersten Früchte der Wahrheit zu schmecken. Jedoch ward ich dadurch nicht furchtsam. Mein Vater starb, und hinterließ meine Mutter, als eine junge Wittwe; mich aber, als einen ungezognen Knaben. Meine Mutter that über diesen Tod recht jämmerlich. Sie heulte und schrie; sie versteckte sich hinter einen großen Schleyer; sie wünschte mit ihrem Manne zu verwesen, und schwur der ganzen Welt ab. Ich dachte auch nach meiner kindischen Einfalt, es wäre ihr Ernst, und ich blieb zwölf Wochen lang in meinem Irrthume. Nach deren Verlauf ward sie aufgeräumt; sie scherzte, sie lachte, sie besuchte ihre Nachbarn, und ich sah verschiedne junge Leute aus- und eingehen, ohne daß sie böse darüber ward. Kurz, sie hatte ihren Mann vergessen, und die Lust war ihr vergangen, mit ihm zu verwesen. Ich fragte, warum sie mich und andre so betrogen hätte? Ein Paar Ohrfeigen aber waren die ganze Antwort. Einsmals sah sie in den Spiegel, und fragte mich, ob ich nicht eine schöne Mutter hätte? Ich sagte: Nein; und dieses brachte mich um alle mütterliche Liebe. Sie konnte mich nicht länger um sich leiden, und es ward beschlossen, mich auf eine Schule zu thun. Es geschah auch, und ich kam an einen Ort, wo ich etliche Jahre lang die Gründe der Sprache lernte. Man fand es für gut, mich auf eine andre Schule zu bringen; ich folgte willig, und man war anfänglich wohl mit mir zufrieden; es dauerte aber nicht lange. Einige meiner Mitschüler waren faul; ich verwies ihnen ihre Faulheit. Einige legten sich mit großem Eifer auf die Erlernung solcher Wissenschaften, von denen ich glaubte, daß sie abgeschmackt, und einem Gelehrten nur zur Last wären. Einige waren hochmüthig, weil sie auf lateinisch und griechisch zu sagen wußten, wer sie erschaffen hätte. Diese versicherte ich, daß ich sie ohne Lachen nicht ansehen könnte. Keiner aber dankte mir wegen meiner Freymüthigkeit, und alle machte ich mir zu Feinden. Der Zorn eines meiner Lehrer, von dem ich das gegründete Urtheil fällte, er habe mehr Stärke in der Faust, als in der Gelehrsamkeit; dieser Zorn, sage ich, war so nachdrücklich, daß ich alsbald die Schule räumen, und in einer öffentlichen Abbitte mich bedanken mußte, daß man mich ohne weitern Schimpf gehen ließ. Dieser unvermuthete Streich hätte mich bald zum Mammelucken gemacht. Im ersten Schrecken nahm ich mir fest vor, die Wahrheit nimmermehr wieder zu reden. Es gieng mir aber, wie denjenigen Dichtern, welche die Verse verschwören. Ich zog auf die hohe Schule, von der ich mir einen sehr edlen Begriff gemacht hatte, wodurch ich aber meine Unerfahrenheit verrieth. Leute, welche ihre einzige Sorge seyn ließen, wie sie den Pflichten gegen ihr Vaterland Genüge leisten, die Hoffnung ihrer Aeltern erfüllen, und deren saure Mühe, und aufgewandte Kosten vergelten könnten; Leute, welche diejenigen Wissenschaften mit Ernste ausübten, nach denen sie sich nennen; solche Leute dachte ich zu finden. Ich irrte mich. Gleich den ersten Abend erschreckte mich eine Gesellschaft trunkner Menschen, welche unter Schreyen und Wetzen nach ihren Wohnungen eilten. Anfänglich glaubte ich, es sey ein Auflauf, oder wenigstens Feuer in der Gasse. Ich sah durchs Fenster; in dem Augenblicke fiel ihr Anführer in den Koth, und ich hörte aus den Reden der andern, daß sie sich bemühten, einem Meister der Weltweisheit wieder auf die Beine zu helfen. Diese Begebenheit machte mich aufmerksam. Ich beobachtete die Sitten meiner Mitschüler genauer. Ich lernte einen kennen, welcher der Gottesgelahrheit eifrigst Beflißner war, und sich rühmte, er habe sich in der Schenke zweymal fest gesoffen, wie er es nannte. Ein Landsmann von mir wollte sich die Würde eines Lehrers beyder Rechte erstehen, weil er sich innerlich überzeugt fand, daß nimmermehr etwas aus ihm werden würde. Eine Summe von zwölf Thalern machte ihn zum Autor und Respondenten; und weil ich ihm, zu mehrerer Sicherheit, seine Disputation ins Deutsche übersetzen mußte, so versprach er mir zur Vergeltung ein ansehnliches, welches er aber noch an demselben Abende verspielte, und mich auf seine bevorstehende Heirath vertröstete. Mein Stubennachbar erlernte die Medicin, gieng aber lieber mit fleischichten Körpern, als ekelhaften Gerippen, um, und verfluchte den abgeschmackten Eigensinn seiner Lehrer, welche ihn mit so vielen griechischen Wörtern martern wollten. Diese und hundert dergleichen thörichte Exempel fielen mir täglich in die Augen; und ich sollte schweigen? Ich that mir alle Gewalt an, meinen Schwur nicht zu brechen, und manche, die einen schönen Gedanken, oder artigen Einfall haben, solchen aber nicht an den Mann bringen können, empfinden das innerliche Nagen und den unruhigen Schmerz lange nicht so sehr, als ich ihn dazumal empfand. Endlich überwand die Natur allen Zwang. Ich sagte es ungescheut, daß das Verfahren der meisten meiner Mitschüler unverantwortlich und unsinnig wäre. Bey aller Gelegenheit stellte ich ihnen ihre Thorheit so wohl ernsthaft, als lächerlich, vor. Ich schilderte zu verschiednen malen nicht allein die Laster, sondern auch die Personen, auf eine satirische Art in Versen ab; und wenn ich dieses that, so empfand ich bey mir selbst eine doppelte Wollust. Allein, meine Ehrlichkeit, mein Eifer für die Wahrheit, meine billigsten Absichten wurden schlecht belohnt. Man mied meine Gesellschaft, man verachtete, man verspottete, man verabscheute mich, und ich erfuhr, daß einige sich verschworen hatten, mich öffentlich zu beschimpfen. Es wäre auch gewiß geschehen, wenn ich nicht bey Zeiten die Vorsicht gebraucht, und mich an einen andern Ort begeben hätte, um die angefangnen Studien zu vollenden. Das Schicksal führte mich zu einem Manne, der mir freyen Unterhalt gab, und mir große Gefälligkeiten erwies. Er glaubte, seine Gemüthsneigung habe mit der meinigen viele Aehnlichkeit; und dieses bewog ihn zum Mitleiden. Ich kann nicht sagen, daß er ein hitziger Verehrer der Wahrheit gewesen wäre. Seine große Leidenschaft bestund in der Begierde, Recht zu behalten, seine vorgefaßte Meinung zu vertheidigen, und mit allen aufs unbarmherzigste zu verfahren, welche anders urtheilten. Er war einer von denen Gelehrten, welche die Fähigkeit nicht haben, selbst etwas nützliches zu schreiben, aber mit desto größerm Vorwitze die Schriften andrer durchwühlen. Ein Comma, ein Punkt, ein einziger Buchstabe war vermögend, ihn in die größte Wut zu bringen, und diejenigen in den Bann zu thun, welche ihm widersprachen. Er besaß einen erstaunenden Vorrath von Büchern nach seinem Geschmacke; wie er denn glaubte, der sey kein rechtschaffner Gelehrter, welcher nicht wenigstens sechs bis acht Pfund Bücher geschrieben habe. Es fiel ihm ein, mich zu fragen, was ich von ihm hielte. Ich erblaßte über diese Anfrage. Sollte ich sprechen, er wäre ein geschickter und dem gemeinen Wesen nützlicher Mann; so würde er mich mit neuen Wohlthaten überhäuft haben. Aber alle diese mußte ich verlieren, wenn ich die Wahrheit redete. Ich redete sie doch. Ich sagte, daß Männer von seinen Fähigkeiten bey dem Baue der Gelehrsamkeit unentbehrlich wären; indem sie den Schutt wegführen müßten, welcher den Bauleuten hinderlich sey. Mehr brauchte ich nicht zu sagen, mich zu verderben. Ich mußte auf der Stelle aus dem Hause, unter Begleitung tausend lateinischer Schimpfwörter, welche ich vorher mein Tage nicht gehört und erst lange hernach in Burmanns Schriften gelesen habe. Der Verlust dieses Mäcenaten ward mir durch einen Rechtsgelehrten reichlich ersetzet. In den Landesgesetzen war er ganz unerfahren, desto geübter aber in den römischen Rechten. Es gieng mir wohl bey ihm; weil man ihm aber hinterbrachte, ich hätte mich verlauten lassen, daß er mehr Geschicklichkeit habe, eine Rede pro rostris zu halten, als eine Rüge zu machen, so hub er seine Wohlthaten gegen mich auf, und bewies mir ex l. 1. C. de donat. reuec. daß ich ihm nicht wieder unter die Augen kommen sollte. Ein unverhoffter Zufall brachte mich in eine Stadt, wo es schien, ich würde den Grund zu meinem künftigen Glücke legen. Es gieng mir alles nach Wunsche, und ich weis nicht, ob die Leute daselbst die Wahrheit besser vertragen konnten, oder ob es daher kam, daß ich nicht alles öffentlich sagte, was ich bey mir selbst dachte. Man gab mir ein Amt, welches nicht ansehnlich, aber doch austräglich, war. Ich hatte es etliche Jahre verwaltet, als eine Gelegenheit erfoderte, einen Glückwunsch zu verfertigen. Ich handelte darinnen von der Vernunft, und ließ ihn drucken, ob sich gleich meine Freunde mit allen Kräften dawider setzten. Ein Mann, welchen sein Amt ehrwürdig machte, fand sich dadurch beleidigt. Es würde verdächtig gelassen haben, wenn er seine Person hätte vertheidigen wollen, er vertheidigte also Schrift und Religion. Auf eine unschuldige Art hatte ich das Wort Brosamen mit einfließen lassen. Dieses war genug, Himmel und Hölle zu bewegen. Ein Verächter der Schrift, ein Religionsspötter, ein Atheist; dieses waren die gelindesten Namen, die man mir gab. Einige glaubten gar, ich sey der Antichrist. Kurz, ich sollte mich öffentlich auf den Mund schlagen, oder Amt und Stadt meiden. Ich wählte das Letzte, und mußte zwölf Jahr in der Irre gehen, ehe ich den heiligen Zorn meiner Feinde verwinden konnte. Endlich schien mein widriges Schicksal versöhnt zu seyn. Man bot mir ein Amt an, mit dem Bedinge, ein Frauenzimmer zu heirathen. Hunger und Armuth überwanden allen Zweifel. Meine bisherigen Umstände hatten mich so schüchtern gemacht, daß ich mir alles gefallen ließ, welches mir ehedem unerträglich gewesen seyn würde. Meine Frau liebte Gesellschaft; sie spielte. Vermögen und Einnahme ward auf Putz verwendet, die Haushaltung versäumt, und mir zugemuthet, vieles zu übersehen, wozu mehr, als eine ordentliche Geduld, gehört. Meine Geduld ward ermüdet. Ich sagte, ein Weib müsse sich bemühen, ihrem Manne zu gefallen, alle übermäßigen Ausgaben vermeiden, der Wirthschaft vernünftig vorstehen, und sich keiner Herrschaft anmaaßen, welche Schrift und Ordnung nur den Männern gelassen hätten. Aber, wie unglücklich machten mich diese Wahrheiten! Ich empfand, daß der Zorn eines Weibes schädlicher sey, als der Zorn aller andern Creaturen. Man hieß mich einen nackigten Bettler, einen verlaufnen Kerl, den man auf der Straße aufgelesen hätte, der nicht werth sey, daß er durch die Heirath eines liebenswürdigen Frauenzimmers in eine so ansehnliche Schwägerschaft aufgenommen worden; ja, es fehlte wenig. daß ich nicht meiner Frau eine kniende Abbitte hätte thun müssen, welche aber, ich weis nicht, ob zu meinem Glücke oder Unglücke, unvermuthet starb. Die Menge meiner Feinde verfolgte mich alsdann unaufhörlich. Hatte ich keines Menschen geschont, so war auch nunmehr niemand, der sich meiner annahm. Man wußte meine Vorgesetzten auf eine tückische Art zu gewinnen, und mir Verbrechen aufzubürden, an denen ich gar keine Schuld hatte. Ich sollte mich verantworten, und meine Fehler gestehen; ich behauptete aber, ich wäre unschuldig, meine Feinde wären Lügner, und meine Vorgesetzten geblendete und partheyische Richter. Dieses war Ursache genug, mich zu verdammen. Die Entsetzung von meinem Amte, die Entziehung meines wenigen Vermögens und ein achtjähriges Gefängniß waren die Belohnungen meiner offenherzigen Redlichkeit. Ich ward endlich freygelassen, und man legte mir auf, Stadt und Land zu räumen. Ich that es, und seitdem ist es mir unmöglich gewesen, irgendswo mein Glück zu finden; vielmehr sah ich mich gezwungen, den Rest meiner Jahre auf eine so niederträchtige Art hinzubringen, daß ich Bedenken trage, solches der Nachwelt wissen zu lassen. Ich bin elend, nackend und bloß, ohne Freunde, in der äußersten Verachtung, jedoch zu meiner Beruhigung, als ein Märtyrer der Wahrheit, im Jahre ––– gestorben, und hat mich gleich die ganze Welt verabscheut, so bin ich doch mit mir selbst zufrieden gewesen. * * * Der Lebenslauf dieses so genannten Märtyrers der Wahrheit hat mir merkwürdig zu seyn geschienen. Er ist wirklich im Jahre 1738 in seiner Wohnung todt gefunden worden, wo man vermuthet, daß er vor Frost und Hunger gestorben sey. Sein Körper ward auf die Anatomie verkauft, um die nöthigsten Schulden zu bezahlen, und ich glaube, daß sein betrübtes Beyspiel allen denen zur nachdrücklichen Warnung dienen kann, welche sich einbilden, es sey ein großmüthiger Eifer für die Wahrheit, wenn sie, ohne Ansehen der Person, ohne Freunde und Vorgesetzte zu schonen, dasjenige mit einer unverschämten Stirn andern unter die Augen sagen, was ihnen oftmals Eigenliebe, Hochmuth, Undank, und Unvernunft in den Mund legen. Sendschreiben von der Zuläßigkeit der Satire. S. Bel. des Verst. und Witzes, Augustmonat 1742.     Mein Herr, Sie verlangen meine Gedanken von der Satire zu wissen. Ich soll Ihnen sagen, ob ich solche für zuläßig halte, und was vornehmlich bey deren Verfertigung zu beobachten sey. Vielleicht könnte ich der Mühe, davon zu schreiben, überhoben seyn, wenn ich Sie auf diejenigen Bücher wiese, welche von beyden umständlich gehandelt haben. Ich nehme aber dennoch diese Arbeit mit Vergnügen auf mich, weil ich glaube, der Unterricht eines Freundes werde hierinnen mit noch mehrerem Nachdruck bey Ihnen wirken, als die Regeln fremder Personen. Sie haben mich gebeten, Ihnen meine Gedanken davon zu schreiben; Sie dürfen Sich also um so viel weniger wundern, wenn Sie keine philosophische Abhandlung erhalten; und weil es ein Brief ist, den ich an Sie schicke, so bin ich hoffentlich entschuldigt, wenn ich keine systematische Ordnung dabey beobachte. Von der Zuläßigkeit der Satire weitläuftige Gründe beyzubringen, scheint mir überflüßig zu seyn. Ich kenne Ihre angebohrne Neigung zu dieser Art von Schriften, und ich glaube, es würde mir schwerer fallen, Sie zu überzeugen, daß sie verwerflich wären, als zu beweisen, daß ich sie allerdings für ein nöthiges Stück der Sittenlehre halte. So lange eine Satire diese Absicht behält, daß sie die Laster lächerlich machen, und den Menschen einen Abscheu davor beybringen will: So lange sehe ich nicht, warum sie tadelhafter seyn soll, als die tiefsinnigste Abhandlung eines moralischen Satzes, welchen man durch eine Kette von Beweisen bündig, und durch die Zeugnisse berühmter Männer, oder gar der göttlichen Schrift ansehnlich machen will. Ich getraue mir so gar, zu behaupten, daß sie bey unterschiednen Fällen, und bey einer gewissen Art von Lastern beynahe nützlicher sey, als die ernsthafteste Strafpredigt. Wenn wir die Laster lächerlich machen; so greifen wir die Menschen an demjenigen Orte an, wo sie am empfindlichsten sind. Ihre Eigenliebe leidet darunter, und wenn sie nicht schon gar zu sehr verwildert sind, so müssen sie einen Abscheu vor derjenigen Angewohnheit bekommen, welche sie bey Vernünftigen zum Gespötte macht. Ein Exempel wird meinem Satze ein mehreres Licht geben. Ich will es aus demjenigen Theile der Belustigungen nehmen, welchen Sie mir zugeschickt haben S. die Belustigungen des Verstandes und Witzes 2 B. 2 St. a. d. 190. S. . Wenn ich zum Harpax sagen wollte: Schämst du dich nicht, du Geizhals, daß du mit so ängstlicher Sorge, mit so ungerechten Händen, unter so vielem Seufzen der Armen, eine Hand voll Erde, ein beschwerliches, ein vergängliches Gut an dich zu bringen suchst, welches du doch in der Welt lassen mußt, welches dir dein Leben kummervoll, und den Tod erschrecklich macht! Was meinen Sie, daß dieses beym Harpax für einen Eindruck schaffen dürfte? Spräche ich: Bedenke doch, Harpax, was du thust. Der Geiz ist ja eine Wurzel alles Uebels, und die da reich werden wollen, fallen in Versuchung und Stricke, und viel thörichte und schädliche Lüste, welche die Menschen ins Verderben, und Verdammniß versenken! Ja, ja, würde Harpax sprechen, unser Pfarrer sagte es am Sonntage auch. Er würde gähnen, und dieses wäre der ganze Nutzen von meiner Sittenlehre. Erzählen Sie ihm aber die Fabel vom kranken Hunde, welcher nur um deswillen bey seinem Sterben unruhig und ängstlich ist, weil er die verscharrten Beine nicht noch vor seinem Ende fressen, oder mit sich nehmen soll, welcher gegen seinen vetrautesten Freund argwöhnisch ist, welcher sich seine besten Knochen herzuschleppen läßt, um solche wenigstens noch einmal anzuriechen, welcher mitten unter Seufzern und Gelübden für ein längeres Leben seine geizige Seele von sich bläst: Erzählen Sie ihm, sage ich, diese Fabel; was gilts, Harpax wird sich schämen, und wenigstens eine innerliche Ueberzeugung empfinden, daß seine Leidenschaft thöricht ist. Aber; wer hat euch den Beruf gegeben, andre zu tadeln? Seyd ihr selbst ohne Fehler, daß ihr euch um die Mängel des Nächsten bekümmern könnt? Schreibt ihr wohl eure Satiren aus Liebe, zu bessern, und nicht vielmehr aus Begierde, zu lachen? Dieses sind gemeiniglich die Einwürfe, die man macht. Sie sind leicht zu beantworten. Wer mir, als einem Liebhaber der Weltweisheit, die Macht gegeben hat, Sittenlehren zu schreiben, von eben dem habe ich auch den Beruf, Satiren zu verfertigen. Daß ich selbst nicht ohne Fehler bin, solches benimmt dem Werthe der Sache nichts. Mancher zeigt den Menschen den Weg zum Himmel, den er vielleicht selbst nicht geht, und dennoch bleibt sein Vortrag eine göttliche Wahrheit, welcher ich zu folgen verbunden bin. Die Erbauung muß allezeit die Hauptabsicht einer Satire seyn. Daß ich aber über die Fehler lache; daß ich sie andern lächerlich mache; dieses ist ein unschuldiges Vergnügen, welches man mir wohl gönnen kann. Auf solche Art würde ich die Einwürfe beantworten. Wir wollen aber doch auch denjenigen kennen lernen, welcher sie gemacht hat. Es ist niemand anders, als der, welcher sich getroffen merkt. Prüfen Sie diese Grundregel, Sie werden sie allemal wahr befinden. Ich will bey meinem obigen Exempel bleiben. Wer wird über die Fabel vom Hunde schreyen? Gewiß nicht ein junger Herr. Dieser wollüstige Verschwender hält einen Geizigen für seinen Todfeind. Er würde darüber gelacht haben, wenn er auch seinen eignen Vater darinnen abgeschildert gefunden hätte. Harpax sieht sein Bildniß; er erblickt sich in seiner natürlichen Gestalt; diese kömmt ihm abscheulich vor. Er schmäht auf den Spiegel; er flucht demjenigen, der ihm solchen vorhält. Harpax ist der einzige, welcher Ihren Beruf hierzu wissen will, welcher Ihnen Ihre eignen Unvollkommenheiten vorwirft, welcher Ihre Absichten tadelhaft macht. Allein, die Satire hat noch andre Feinde, welche behutsamer gehen. Sie loben die Einrichtung und Absicht derselben; sie geben aber nicht zu, daß jemals ein Lasterhafter dadurch gebessert worden sey. Ich weis nicht, ob diese Wahrheit allgemein ist. Bessert die Satire nicht allemal den Lasterhaften; so hält sie doch vielleicht andre ab, lasterhaft zu werden. Fiele aber auch gleich beydes weg; so muß die Satire doch in ihrem Werthe bleiben. Nicht in ihr, sondern in den Gemüthern der Menschen wäre der Fehler zu suchen. Wenn die Schaubühne so eingerichtet ist, wie sie seyn soll, so verdient sie alle diejenige Hochachtung, welche man einer Sittenschule schuldig ist; und dennoch halte ich es für mühsam, die Beyspiele derer beyzubringen, welche durch die Schaubühne gebessert worden sind. Wir stehen dabey; wir lachen über die Thorheiten; wir haben Mitleiden mit der unterdrückten Tugend; wir können uns kaum der Thränen enthalten, wenn wir das standhafte Christenthum der Zayre sehen: Werden wir aber allemal tugendhafter? Werden wir beßre Christen? Wenigstens liegt der Fehler nicht an der Schaubühne. Man könnte noch sagen: Durch die Satire erregen wir den Zorn andrer gegen uns; wir machen uns Feinde. Wäre es nicht also den Regeln der Klugheit gemäß, sich mit einer so gefährlichen Arbeit gar nicht zu vermengen? Ich weis beynahe nicht, was ich hierauf antworten soll. Die Wahrheit, so edel sie ist, macht dennoch auch Feinde. Es würde unbedachtsam seyn, wenn man bey aller Gelegenheit die Wahrheit sagen wollte, und ich glaube, wer Satiren schreiben will, der muß seine Umstände wissen, und allerdings vorsichtig seyn. Vielleicht habe ich im Nachfolgenden Gelegenheit, mehr davon zu reden. Dieses sind ungefähr meine Gedanken von der Zuläßigkeit der Satire. Die Lehre von dem, was bey ihrer Verfertigung zu beobachten sey, ist von einem viel weitläuftigern Umfange. Ich will die umständliche Abhandlung davon bis zu einer andern Gelegenheit, oder bis zu unsrer mündlichen Unterredung aussetzen, voritzt aber nur etwas erinnern. Es würde schon genug seyn, wenn ich hier bloß dasjenige wiederholte, was ich oben von der Absicht der Satire gesagt habe. Soll diese Absicht vernünftig seyn, so muß sie suchen, die Laster lächerlich zu machen, und den Menschen einen Abscheu davor beyzubringen. Was also kein Laster ist, mit dem hat die Satiren nichts zu thun. Lisette schielt. Ein muthwilliger Kopf, welcher gern sinnreich heißen, und in einer Gesellschaft die lustige Person abgeben wollte, beobachtet an Lisetten diesen natürlichen Fehler. Wäre er vernünftig, so würde er hier eine Gelegenheit finden, an denjenigen mit dankbarem Gemüthe zu denken, welcher ihm gesunde und muntere Augen gegönnt hat; allein er ist zu leichtsinnig dazu. Er will lachen; er will andre zu lachen machen, und Lisette muß der unschuldige Gegenstand seiner ausschweifenden Einfälle seyn. Aber Lisette thut verliebt, sie wirft ihre schielenden Blicke mit einer wollüstigen Frechheit in der Kirche herum. Nunmehr wird sie lächerlich; nunmehr giebt sie die schönste Gelegenheit zu einer Satire. Eine der gemeinsten Regeln ist diese: Die Satire soll die Laster tadeln, nicht aber die Personen. Ich muß dieser Regel Beyfall geben, und sie scheint aus demjenigen Satze zu fließen, welchen ich oben zum Grunde gelegt habe. Dennoch aber halte ich auch diejenigen nicht für strafbar, welche ihre Gedanken bey Verfertigung der Satire auf eine gewisse Person richten. Meine Begriffe, meine Ausdrückungen, meine ganze Arbeit wird viel lebhafter seyn, wenn ich ein Urbild vor mir sehe. Ich tadle alsdann nicht die Person, ich tadle das Laster, welches diese an sich hat. Lese ich den Abriß, welcher von dem leonischen Doctor in den Belustigungen gemacht worden ist, so werde ich viel mehr gerührt, wenn ich an Arganten denke; und vielleicht hat der Verfasser auch an ihn gedacht, um das Bild eines leonischen Doctors recht nach dem Leben zu schildern. Deswegen aber darf ich nicht sagen, daß dieses eine Satire auf Arganten sey. Die geht auf alle diejenigen, welche eben so, wie unser Argant, ihre faule Unwissenheit unter dem Doctorhute verbergen wollen. Gemeiniglich verstehen wir unter dem Worte Laster die drey Hauptfehler, den Ehrgeiz, Geldgeiz, und die Wollust. Ich glaube, es giebt noch einige Sachen, welche man so gar füglich unter eines von diesen dreyen Lastern nicht bringen kann, und mit denen die Satire doch auch zu thun hat. Ich weis nicht, ob ich es werde ehrgeizig, geldgeitzig, oder gar wollüstig nennen können, wenn das Frauenzimmer in der größten Kälte, mit dem Fächer geht, oder ein artiger Herr im Sturme und Regen den Hut unter dem Arme trägt. Dergleichen Gewohnheiten sind nicht lasterhaft, aber vielleicht lächerlich; und es bleibt einem Satirenschreiber unverwehrt, über beyde zu lachen. Mit einigen Dingen der Gelehrsamkeit hat es gleiche Bewandtniß. Ich will nur ein einziges anführen. Wer über diejenige Schreibart spotten wollte, die in öffentlichen Gerichten eingeführt ist, und die man den Stylum curiae nennt, der würde unrecht handeln: Wenn aber Javolenus an seine Schöne ein Schreiben schickt, das einer Rüge ähnlicher sieht, als einem Liebesbriefe: so ist Javolenus ein Pedant. Er ist nicht lasterhaft, er verdient aber doch, daß man ihm seine Thorheit vorrückt. Wenn die Satire die Laster der Menschen straft; so vertritt sie die Stelle der Wahrheit. Gleichwie aber diese keine Verstellung noch einiges Ansehen der Person leidet; also könnte es auch scheinen, daß die Satire keines Menschen schonen dürfe. Wenn ich dieses behauptete; so würden sonder Zweifel sehr viele, und vielleicht die meisten jungen Leute, auf meine Seite treten. Ich bin aber ganz andrer Meinung. So verhaßt mir die Lügen ist, so unbesonnen scheint es zu seyn, wenn ich allemal die Wahrheit reden wollte. Kann ich durch ein vernünftiges Stillschweigen so wohl meinen Pflichten, als der geselligen Klugheit, Genüge thun; so thue ich am besten, wenn ich schweige. Ich bin verbunden, eher mein Leben zu lassen, als meinen Glauben zu verläugnen: Würden Sie aber denjenigen nicht für unsinnig halten, welcher seinen Glauben ohne Noth nur darum bekennte, damit er sterben möchte? Die Pflichten gegen uns sind stärker, als die Pflichten, welche wir andern schuldig sind; und der Schade, welchen wir durch eine unüberlegte Freymüthigkeit uns selbst augenscheinlich zuziehen, ist wichtiger, als der ungewisse Nutzen, den wir durch eine unbedachtsame Satire zu schaffen suchen. Ich mag hier nicht untersuchen, ob wir auch allemal die vernünftige Absicht haben, zu nutzen. Vielleicht ist es eine Begierde, bekannt zu werden; vielleicht ist es nur ein Muthwille, der uns die Feder in die Hände giebt. Wie unvermerkt kann man sich selbst betrügen! Es giebt Personen, welche ihre Gewalt gefährlich, und ihr Stand ehrwürdig macht, welche wir als Gönner und Beförderer verehren müssen. Sie haben vielleicht ein tadelnswürdiges Laster an sich; aber hüten Sie sich dieses Laster anzugreifen. Es bleiben noch tausend andre Fehler übrig, womit sich Ihre Satire beschäfftigen kann. Wer wollte die Trunkenheit nicht für strafenswerth achten? Stellen Sie sich aber zween Söhne vor, welche ihren trunknen Vater auf der Erde und entblößt liegen sehen. Der eine lacht darüber, er ruft die Nachbarschaft herzu; er zeigt ihr an seinem Vater, wie schändlich die Trunkenheit sey, er weist ihr dessen Blösse. Der andre wendet sein Gesicht ab, er bedeckt den entblößten Vater. Welcher von diesen beyden Söhnen ist wohl der vernünftigste? Von der Schreibart, deren man sich in der Satire zu bedienen hat, will ich nur noch ein paar Worte sagen. Mein Vortrag muß ordentlich seyn; denn ich will andre überzeugen. Er muß nicht ausschweifend seyn, und meine Ueberlegung muß mehr Antheil daran haben, als meine Einbildungskraft. Aber dunkel darf er auch nicht seyn; denn ich will den Verstand meiner Leser nicht ermüden, sondern belustigen. Alle niederträchtige, alle anstößige Schreibart muß ich sorgfältig vermeiden; sonst werde ich mehr schaden, als erbauen. Viele glauben, recht beissend zu schreiben, wenn sie schmähen und schimpfen. Allein dieses schickt sich für einen Sittenlehrer nicht, welcher die Laster und Fehler der Menschen lächerlich machen will. Vielmehr könnte man sie unter die muthwilligen Jungen zählen, welche die Vorübergehenden mit Koth werfen. Ich muß noch etwas erwähnen, welches besonders Ihnen nützlich seyn kann. Sie haben eine Lebensart erwählt, worinnen Sie, wie ich hoffe, künftighin Gelegenheit haben werden, öffentlich und an heiliger Stäte zu reden. An diesem Orte müssen Sie die Laster strafen; aber hüten Sie Sich, daß Sie sie nicht alsdann lächerlich zu machen suchen. Sie werden mir diese Warnung zu gute halten. Ich weis Ihre Neigung, und kenne große Männer, welche ihre Lebhaftigkeit in diesen Fehler gebracht hat. Oftmals vergeht man sich wohl gar so weit, daß man auf der Kanzel über solche Sachen eifert, welche nicht einmal wider die Wohlanständigkeit sind, geschweige wider das Christenthum laufen. Ich habe in meiner Jugend einen um die Kirche sehr verdienten Lehrer gekannt welcher dem Volke die Pracht der Großen lächerlich machen wollte, und mit dem Poeten sagte, sie hätten – – – – – – sechs Viehe vor dem Wagen Und sechse hinten drauf. Redete er aber von den Feinden unsers Glaubens, so wußte ich vielmals nicht, ob ich über die Ketzerey weinen, oder lachen sollte? Dergleichen Vortrag ist allenfalls annehmlich, aber gewiß nicht erbaulich. Ich will Ihnen ein andres Muster geben, da ich wohl wünschen wollte, daß Sie es, wie in andern Sachen, also auch darinnen nachzuahmen Sich bemühen möchten. Die Religionsspötter sind Leute, welche wegen ihrer abgeschmackten Meinungen wohl verdienten, nicht überführt, sondern lächerlich gemacht zu werden; aber wie ernsthaft, wie beweglich, wie nachdrücklich weis nicht der berühmte Mosheim ihnen ihre Thorheiten in seinen heiligen Reden vorzuhalten! Dieses ist die wahre Sprache eines geistlichen Redners. Wenn er von eben dieser Sache an einen vornehmen Mann schreibt, oder in andern Schriften handelt, so ist sein Ausdruck schon aufgeweckter, und in vielen Stellen satirisch. Ich will die weitere Ausführung dieses Satzes bis zu einer andern Zeit versparen, und ich werde alsdann Gelegenheit nehmen, meine Gedanken von den Stachelschriften überhaupt, und insonderheit von der Kanzelsatire durch neuere Exempel zu erläutern. Von Unterweisung der Jugend. S. Bel. des Verstandes und Witzes, Weinmonat 1742.     Ich habe unsern gestrigen Unterredungen weiter nachgedacht, mein werther Herrmann. Wir bemühten uns, ausfindig zu machen, warum es so schwer sey, eine gründliche Gelehrsamkeit zu erlangen? Und woher es komme, daß so wenige unter den Gelehrten den ansehnlichen Titel verdienen, mit welchem sie ihre Blösse sorgfältig zu bedecken wissen? Die von dir angeführten Ursachen sind wichtig genug. Die blinde Liebe der meisten Aeltern geht dahin, ihre Kinder zu ansehnlichen Mitgliedern des gemeinen Wesens zu machen. Der Sohn muß studiren, damit er Doctor werden kann. Er hat weder die Fähigkeit, noch den Willen, etwas rechtschaffnes zu lernen. Er lebt also sich zur Last, und dem Vaterlande zum Schimpfe. Wäre dieser ein Schneider geworden; so würde er gewiß sein Brodt verdienen, da er anitzt von der Sparsamkeit seiner Vorfahren, oder dem Einbringen seiner Frau leben muß. Du hast recht, mein Freund; vielleicht aber giebst du mir auch Beyfall, wenn ich eine Ursache anführe, welche noch allgemeiner ist. Erwäge nur einmal, wie die Anführung unsrer Jugend zu der Gelehrsamkeit beschaffen ist. Bis in das zehende Jahr überläßt man uns der Aufsicht der Frauenzimmer, welche glauben, sie haben genug gethan, wenn sie uns reinlich halten, wenn sie uns lesen lehren, und allenfalls einige Fragen aus dem Catechismus ins Gedächtniß bringen. Nunmehr ist es Zeit, daß man uns der Aufsicht eines Hofmeisters übergiebt. Ob er von guten Sitten, ob er fleißig, ob er gelehrt ist; danach fragt man eben nicht. Aber; wie viel verlangt der Herr für seine Mühe? Das ist unsre erste Sorge. Der Wohlfeilste bleibt allemal der Beste. Dieser führt uns eben den Weg, welchen er selbst unter so vielen Seufzern und Thränen gegangen ist. Ein Gelehrter muß die lateinische Sprache verstehen. Die Sache hat ihre Richtigkeit. Man wählt also eine Grammatik, welche die beste zu seyn scheint. Durch eine unermüdete und oftmals nachdrückliche Unterweisung fassen wir eine Menge dunkler Kunstwörter und weitläuftiger Regeln, welche wir gewiß noch weniger verstehen, als die Sprache selbst, die wir daraus erlernen sollen. Endlich überwinden wir diese Schwierigkeit. Man giebt uns des Cicero Schriften, nebst andern Büchern, zu lesen, und unsre Väter weinen vor Freuden, wenn sie sehen, daß ihre Kinder im zwanzigsten Jahre dasjenige begriffen haben, was zu des Cicero Zeiten, in Rom, ein Junge von fünf Jahren verstund. Nunmehro zieht der gelehrte oder besser zu sagen, der lateinische Sohn, auf hohe Schulen. Du darfst von ihm nicht verlangen, daß er in den alten und neuern Geschichten, in der Geographie, Genealogie, Zeitrechnung, Wapenkunst, und dergleichen erfahren seyn, und einen Vorschmack von der Mathematik, Weltweisheit, und andern Wissenschaften erlanget haben sollte. Dazu hat er nicht Zeit gehabt; er hat müssen Latein lernen. Es würde lächerlich seyn, wenn du ihn fragen wolltest, ob er deutsch verstünde. Ob er einen guten Brief schreiben könnte? Er ist ja ein Deutscher; er ist in Meissen geboren; sollte er nicht deutsch verstehen? Von der griechischen Sprache hat er noch zur Noth so viel begriffen, als er auf der hohen Schule binnen drey Jahren zu verlernen gedenkt. Wie geschwind verlaufen diese! Er muß eiligst nach Hause. Sein Vater verlangt es, weil ein Amt, und eine reiche Frau auf ihn warten. Nunmehr ist unser Gelehrter fertig. Sage mir, mein Freund, ob nicht dieses die gewöhnlichste Art sey, unsre Jugend zu unterweisen? Du wirst es nicht läugnen können; du wirst aber auch zugleich gestehen müssen, daß solches die wahrhafte Ursache sey, warum nur so wenige sich eine rechtschaffne Gelehrsamkeit erwerben. Der ganze Fehler beruht meines Erachtens darinnen, daß wir glauben, wer die lateinische Sprache verstehe, der sey ein Gelehrter; und daß wir durch eine weitläuftige Erlernung derselben diejenige Zeit versäumen, welche wir zugleich auf nützlichere Sachen wenden sollten. Aber soll ein Gelehrter kein Latein verstehen? Dieses ist meine Meinung keinesweges. Ich behaupte vielmehr, daß er in dieser Sprache eben so stark seyn müsse, als in seiner Muttersprache. Nur das kann ich nicht begreifen, warum wir der Jugend die Erlernung derselben so schwer machen. Der alte Richard , welcher gestern in unsrer Gesellschaft war, soll mir zum Beweise meines Satzes dienen. Du kennst seinen Sohn, der anitzt durch wirkliche Verdienste unter den Gelehrten eine ansehnliche Stelle bekleidet. Kaum hatte dieser das sechste Jahr erreicht, als ihn sein sorgfältiger Vater der Aufsicht eines jungen Menschen anvertraute, welcher ihm die nöthigsten Gründe unsers Glaubens beybringen, und ihn zu einer wohlanständigen Aufführung angewöhnen sollte. Alles, was er mit dem Knaben redete, was ihn dieser fragte, das mußte, so viel es möglich seyn wollte, in lateinischer Sprache geschehen. Jede Sache, die im Hause, auf der Gasse, in der Kirche, oder im Garten vorkam, die gemeinsten Geschäffte, welche täglich vorfielen, wurden auf Lateinisch benannt. Diese Bemühung gieng glücklich von statten. Nach Verlauf einer Zeit von vier Jahren war der junge Richard schon vermögend, sich in der lateinischen Sprache ordentlich und deutlich auszudrücken, und regelmäßig zu reden, ohne zu wissen, warum er seine Worte eben so, und nichts anders, setzen müsse. Nunmehr glaubte man, daß es Zeit wäre, ihn die vornehmsten Regeln der Grammatik zu lehren, und weil er die Sprache schon verstund, so faßte er diese in wenigen Monaten. Die griechische Sprache war ihm, als einem künftigen Gelehrten, zu wissen unentbehrlich. Weil aber sein Vater meinte, es sey eine gelehrte Eitelkeit, griechisch zu reden, oder dergleichen Schriften und Gedichte zu verfertigen; so schien es genug zu seyn, ihn nach den ordentlichen Regeln so weit zu bringen, daß er alles verstünde, was griechisch abgefaßt wäre. Er erlangte auch solche Geschicklichkeit wirklich in wenigen Jahren. Weil man dieses nicht zu einem Hauptwerke machte; so blieben noch Stunden genug übrig, ihm in andern Künsten und Wissenschaften Unterweisung zu geben. Nach unsrer heutigen Einrichtung ist es eine bekannte Sache, daß die französische Sprache vielmals weit unentbehrlicher ist, als alle todte Sprachen der Morgenländer. Man nahm also einen Franzosen an, welcher ihn, durch Unterricht und fleißigen Umgang, zu der gehörigen Vollkommenheit brachte. Hatte ihm sein Hofmeister, schon in den ersten Jahren, bloß durch Gespräche, wo nicht eine Kenntniß von der Historie, dennoch eine Lust dazu beygebracht; so war es nachher um so viel leichter auch darinnen weiter zu gehen. Die ältern Geschichte wurden nicht vergessen; die neuern aber, und besonders die Geschichte seines Vaterlandes, blieben allemal der Hauptzweck. Die größern Schriften der lateinischen Redner und Poeten wurden zugleich sorgfältig durchgegangen, nicht so wohl die Redensarten daraus zu erlernen, als vielmehr ihren ganzen Bau, und die Bündigkeit des Vortrags einzusehen. Hierdurch lernte unser Richard die Zärtlichkeit einer Ode, die Stärke eines Heldengedichts, und diejenigen Ursachen kennen, welche den Cicero zu einem Redner gemacht haben. Was konnte ihm auf eine solche Art wohl leichter fallen, als auch in seiner Muttersprache die Geschicklichkeit zu erlangen, die einem Gelehrten so wohlanständig ist? Man brachte ihm einen Begriff von der Weltweisheit bey, so weit er nämlich bey seinem damaligen Alter dazu vermögend war; und man brauchte zugleich die Vorsicht, die Kräfte seines Verstandes und Nachdenkens durch die mathematischen Wissenschaften zu schärfen und in Ordnung zu bringen. Zu seiner Gemüthsergetzung ward ihm ein Tanzmeister und ein Zeichenmeister nebst andern Künstlern gehalten, und Richard ist dennoch ein Gelehrter, ob er gleich wider die bisherige Gewohnheit gelernt hat, wie man leserlich und zierlich schreiben müsse. Wenn ich davon noch nichts gesagt habe, wie sorgfältig man ihn von Zeit zu Zeit in seinem Christenthume unterwiesen; so darf man darum nicht denken, als ob dieses verabsäumt worden wäre. Du kennst seinen vernünftigen Vater, das ist schon genug. Auf solche Weise ward der Grund zu derjenigen Gelehrsamkeit gelegt, welche Richard nunmehr besitzt. Nur dieses muß ich noch erinnern, daß man ihn erst im neunzehnten Jahre auf die hohe Schule that, ungeachtet er die Kräfte vielleicht eher gehabt hätte, den Degen zu tragen. Das Beyspiel dieses gelehrten Mannes überhebt mich aller Mühe, einige Regeln von der Unterweisung unsrer Jugend in den ersten Jahren zu geben. Vielleicht zweifelst du aber, ob diese Art, die Jugend zu unterweisen, auch allgemein, und bey andern ebenfalls mit Nutzen anzuwenden sey? Ich getraue mir, solches zu behaupten. Ist es wohl schwerer, die lateinische Sprache zu erlernen, als die französische, oder die deutsche? Das kannst du nicht sagen. Wie alt bist du gewesen, als du deutsch reden konntest, und entsinnst du dich wohl, daß du schon im achten Jahre mit deiner Französinn zu plaudern vermögend warst? Der Umgang, eine fleißige Uebung, und der Mangel einer verwirrten Methode und ekelhafter Regeln, brachten dich so zeitlich zu dieser Geschicklichkeit. Eben das verlange ich bey der lateinischen Sprache. Wo findet man aber diejenigen, welche geschickt sind, die Jugend auf solche Art zu unterweisen? Wie viele giebt es nicht, die zwar wissen, wie sie auf der Catheder, aber nicht, wie sie in der Küche lateinisch reden sollen. Wir beyde haben studirt; wir lassen uns beyde Gelehrte nennen, und dennoch sollte es uns schwer fallen, die gemeinsten Handlungen der Menschen auszudrücken. Ich gebe dieses zu, mein werther Herrmann; ich glaube aber, daß dein Einwurf die Wahrheit meiner Meinung nicht widerlegt, sondern nur noch mehr bekräftigt. Wären wir, wären andre in ihrer Jugend besser angeführet worden; so würde es uns und andern an der Geschicklichkeit nicht fehlen, welche man allerdings bey wenigen antrifft. Unterdessen will ich dennoch verschiedne aufweisen, welche diese Geschicklichkeit wirklich besitzen, noch mehrere aber, welche gar wohl fähig wären, solche zu erlangen, wenn man nur ihre Bemühung durch billige Vergeltungen aufmunterte. Die Schuld fällt allemal auf die Aeltern zurück, welche die Art, ihre Kinder zu unterweisen, entweder selbst nicht verstehen, oder aus Geitz die nöthigen Kosten scheuen. Du kennst jenen Vater, welcher mehr auf seine Pferde wendet, als auf seinen Sohn. Er scheuet keine Kosten, seinen Budel recht abrichten zu lassen; wenn er aber dem Lehrmeister seines Sohnes ein Quartal bezahlen soll, so geschieht es niemals ohne innerlichen Widerwillen. Bedächten wir nur, daß das Glück unsrer Kinder, daß unsre eigne Ehre auf eine vernünftige Unterweisung derselben ankäme; so würden wir hierinnen eher verschwenderisch, als karg seyn, und ich weis gewiß, es würden sich viele finden, welche vermögend wären, alles dasjenige zu leisten, was ich von einem Lehrmeister gefodert habe. Bedächten wir aber auch, daß sich von unsern Kindern nur diejenigen den Studien widmen sollten, denen die Natur die Fähigkeit dazu verliehen hat; so würden wir sehen, daß es sehr leicht sey, die Jugend nach derjenigen Art zu unterweisen, welche mir die vernünftigste zu seyn geschienen hat. Irus. Eine lucianische Erzählung. S. Bel. des Verst. und Witzes, Wintermonat 1742.     Irus, der verlaßne Irus , dessen Nahrung in Brodt und Wasser, die Kleidung in einem zerrißnen Mantel, und das Lager in einer Hand voll Stroh bestund; dieser ward auf einmal der glücklichste Mensch unter der Sonne. Die Vorsicht riß ihn aus dem Staube, und setzte ihn den Fürsten an die Seite. Er sah sich in dem Besitze unermeßlicher Schätze. Sein Auge erstarrte vor dem ungewöhnlichen Glanze des Goldes. Sein Pallast war weit prächtiger ausgeputzt, als die Tempel der Götter. Purpur und Gold waren seine schlechteste Kleidung, und seine Tafel konnte man billig einen Innbegriff alles dessen nennen, was die wollüstige Sorgfalt der Menschen zur Unterhaltung des Geschmacks ersonnen hatte. Eine unzählbare Menge schmeichelhafter Verehrer folgte ihm auf allen Schritten. Würdigte er jemanden eines geneigten Blickes; so hielt man denselben schon für glückselig, und wer seine Hand küssen durfte, der schien allen beneidungswürdig zu seyn. Er glaubte, der Name Irus sey ihm ein beständiger Vorwurf seiner vormaligen Armuth; er nannte sich also Ceraunius oder den Blitzenden, und das ganze Volk frohlockte über diese edelmüthige Veränderung. Ein Dichter, welcher ihn vormals nur zum Spotte den armen Irus genannt hatte, dieser hungrige Dichter entdeckte eine Wahrheit, die bisher jedermann unbekannt gewesen, itzt aber von allen mit einem schmeichlerischen Beyfalle angenommen wurde: Jupiter hätte sich in des Ceraunius Mutter verliebt, und in einen Ochsen verwandelt gehabt, um ihrer Liebe zu genießen. Nunmehr baute man ihm Altäre; man schwur bey seinem Namen, und die Priester waren beschäfftigt, in dem Eingeweide des Opferviehes zu finden, daß der große Ceraunius , dieser würdige Sohn des Jupiters , die einzige Stütze von ganz Ithaka sey. Toxaris , sein ehemaliger Nachbar, ein Mann, welchen das Glück, ein unermüdeter Fleiß, und eine vernünftige Sparsamkeit zu einem reichen Bürger gemacht hatten, war das erste Opfer seiner ungezähmten Begierde. Er hatte ihn schon damals beneidet, als er noch Irus hieß; und nunmehr war es Zeit, daß er ihn empfinden ließ, was derjenige vermöge, dessen Vater den Donnerkeil in Händen trage. Es traten Zeugen auf, welche behaupteten, Toxaris habe die Götter geläugnet, die Tempel beraubt, die Priester verspottet, und durch ungerechtes Gut seine Schätze vermehrt. Er ward ins Gefängniß geschmissen, und zu einem schmählichen Tode verdammt. Seine geängstigte Frau, seine unschuldigen Kinder warfen sich mit Thränen zu den Füßen unsers unempfindlichen Tyrannen; aber umsonst. Toxaris mußte sterben, und alle, die ihm angehörten, mußten ins Elend gehen. Irus blieb sein einziger Erbe. Noch etwas fehlte ihm an seiner Glückseligkeit. Er wollte sich vermählen. Die Vornehmsten des Landes waren bemüht, in seine Verwandtschaft zu kommen. Menippus war allein so glücklich, daß Irus auf seine Tochter, Euforbia , die Augen warf. Er hoffte durch eine nähere Verbindung mit dem angesehenen und reichen Menippus sein eignes Glück noch mehr zu befestigen; und Euforbia war schön genug, sein Herz einzunehmen. Ihr lockichtes Haar, ihre erhabne Stirn, ihre feurigen Augen, ihr reizender Mund, ihre bezaubernde Brust, ihr majestätischer Gang, kurz, ihre ganze Gestalt, hatten den hochmüthigen Irus gefesselt, und alle Dichter in Ithaka schwuren, daß Venus mehr als einmal über diese Schöne eifersüchtig geworden wäre. Die Vermählung geschah. Der große Sohn des Jupiters eilte, seine Geliebte zu küssen. O! sprach er, indem er sie umarmen wollte, o, wie vergnügt – – – – – – – – Hier erwachte Irus ; seine Glückseligkeit war nur ein Traum gewesen. Er lag noch auf eben dem Strohe. wohin er sich gestern gelegt, noch unter eben dem zerrißnen Mantel, womit er sich den Abend zuvor bedeckt hatte. Ceraunius war verschwunden, und der unschuldige Toxaris lebte noch. Eine Todtenliste von Nicolaus Klimen, Küstern an der Kreuzkirche zu Bergen in Norwegen. S. Bel. des Verst. und Witzes, im Hornung 1743.     Ich habe unter dem Büchervorrathe meines Vaters den Aufsatz gefunden, welchen ich itzt meinen Lesern mittheile. Unser berühmter Klim hat ihn geschrieben; ich kenne seine Hand genau, und es wird wohl niemand zweifeln, daß es seine eigne Arbeit sey, wenn man nur dieses bedenken will, daß er ein Mann war, welcher auf seinen unterirrdischen Reisen die Gemüther der Menschen vollkommen einsehen gelernt hatte. Als Küster besaß er noch eben die Fähigkeiten, durch welche er sich als Kaiser in Quama ansehnlich und beliebt gemacht hatte. Ich berufe mich auf seine unterirrdische Reisebeschreibung, in welcher man die deutlichsten Spuren finden wird, daß er als ein Philosoph gedacht hat. Gegenwärtiger Aufsatz ist ein Verzeichniß unterschiedner Personen, welche Zeit seines Küsteramts in Bergen gestorben sind. Er sagt von einer jeden seine Meinung, und die Liebe läßt uns hoffen, er werde in seinen Charakteren unparteyisch gewesen seyn. Es wäre zu wünschen, daß in allen Städten dergleichen Todtenlisten gehalten, und beym Schlusse des Jahres zum Drucke gegeben würden. Hierdurch erlangte man Gelegenheit, viele seiner Mitbürger nach ihrem Tode besser kennen zu lernen, als man sie in ihrem Leben gekannt hat. Manche werden auf den Kanzeln als hochedle, hochgelahrte, hochweise, ehrsame und tugendbelobte abgekündigt, welche bey ihrer Unwissenheit, bey ihrer niederträchtigen und lächerlichen Aufführung, keinen von diesen Titeln verdient haben. Es ist unbillig, daß wir denjenigen im Grabe loben, welcher sich auf der Welt um einen guten Namen nicht bekümmert hat. Durch eine Todtenliste von der Art, wie gegenwärtige ist, würden wir die Ehre der Wahrheit retten; und ich zweifle nicht, daß unsre Bürger dadurch wenigstens eben so sehr erbaut werden dürften, als durch die jährlich gedruckten Nachrichten, wie viel Communicanten gewesen, oder unehliche Kinder geboren worden. Ich will es dem Urtheile der Leser überlassen, ob meine Hoffnung gegründet sey. Vielleicht bedauern sie mit mir, daß gegenwärtige Liste nicht vollständig, sondern durch die Unachtsamkeit der klimischen Erben der Anfang, und vermuthlich ein großes Stück davon verloren gegangen ist. Bergen in Norwegen , am 10/21 des Wintermo- nats 1742. B. Abelinson. –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   hochmüthig,   –   –   –   –   –   –   –   –   –   geizig; er hatte es aber lediglich dem ehrwürdigen Ansehen seines langen Rocks zu danken, daß niemand an ihm diejenigen Fehler tadelte, welche an andern würden unerträglich gewesen seyn. Gustav Trolle . Durch den Tod dieses Mannes verlor unsre Stadt mehr, als sie glaubte. Er war ein Dichter von einem ehrlichen Gemüthe; er nahm jederzeit an dem Glücke und Unglücke seiner Mitbürger vielen Antheil, und wünschte allen Leuten Gutes. Seine Feinde nannten ihn nur spottweise den Gratulanten. Kein Namenstag oder Geburtstag ward begangen, an welchem er nicht gedruckte Merkmaale seiner Ehrfurcht überreichte. Unaufhörlich ließ er die Häuser seiner Gönner und Freunde mit Freude und Wonne überschatten; und wenn der Himmel seine christlichen Wünsche erhört hätte, so würden alle Rathmänner in Bergen, vom Bürgermeister an bis auf den Stadtschreiber, wenigstens Nestors Jahre erreichet haben. Bey jedem Todesfalle tauchte er seinen Kiel in bittre Salsen und herben Wermuth ein. Er schien ganz untröstbar über den Tod des Capellans, welcher drey Vornamen hatte, und also dem Berufe unsers Dichters sehr einträglich war. Die Musen unterhielt er in beständiger Bewegung. So bald er die Feder eintunkte, so bald stunden sie alle neune auf seinem Zeddel. Sie hatten auch Ursache, gehorsam zu seyn; denn es war ein sehr hitziger Mann. Wenn sie nicht gleich kamen, und ihm bey seiner sauren Arbeit vorspannten; so schimpfte er so lange auf sie, bis der Bogen voll war. Er machte ein Sinngedichte auf mich, als ich zum Küster an der Kreuzkirche erwählt ward; es war wenigstens acht Groschen werth, und ich und meine Frau haben es niemals ohne Thränen durchlesen können. Bey Hochzeitgedichten war er sehr scherzhaft. Der Name des Bräutigams oder der Braut mochte noch so verwirrt klingen, so wußte er ihn doch so lange herum zu zerren, bis er in demselben einen Gedanken fand, der sich zur Wiege schickte. Die Deutschen haben ihm die Erfindung der Leberreime zu danken, welche er, zum erstenmale an des Stadtschulzens Geburtstage, aus dem Stegreife machte, da er so trunken war, daß er von seinem Verstande nichts wußte. Er war weder eigennützig, noch geizig, und für sechzehen Groschen schüttete er sein ganzes Herz aus. Er starb auch in großer Armuth, und hinterließ nichts, als einen Lorbeerkranz, und einen zerrißnen Mantel. Suante Stuve , verwaltete das Stadtschulzenamt zwanzig Jahre lang; seine Frau aber hatte das Directorium actorum. Diese machte auch die Abschiede, und die Parteyen mußten in ihrer Küche gegen einander verfahren. Wer daselbst nicht erschien, der ward sachfällig; wer aber den größten Braten schickte, der hatte das größte Recht. Schienen die Sachen gar zu zweifelhaft zu seyn, so mußten die Parteyen würfeln; derjenige gewann den Proceß, der die meisten Augen warf. Der Stadtschreiber war sein Schwiegersohn, und hatte bey ihm freyen Tisch. Peter Brahe , ein witziger Kopf, ein Wunder der spielenden Natur, ein Greis von zwanzig Jahren. Alles war frühzeitig an unserm Brahe . Schon im siebenten Jahre war er klüger, als seine Aeltern und Lehrmeister; im vierzehnten verwickelte er sich in gelehrte Streitigkeiten, und schrieb kritische Anmerkungen über die philosophischen Bücher seiner Zeit, welches in Norwegen einen großen Lärmen machte. Er war heftig in seinen Meinungen, in seiner Schreibart spöttisch, und wenn ihn sein Witz überfiel, welchem Uebel er oft ausgesetzt war, so schonte er keinen Menschen. Auf seinen leiblichen Vater machte er Satiren. Er hatte eine so herzliche Neigung gegen sich und seine Einfälle, daß er sich lieber würde den Staupbesen haben geben lassen, als einen artigen Gedanken auf seinem Herzen und Gewissen behalten wollen. Er schrieb einen zierlich gedruckten Vers, welcher aber dem geneigten Leser schwerer zu verstehen war, als ihm zu machen. Die Prosodie war sein Leibstudium nicht, und die Grammatik für seine hohe Gelehrsamkeit zu niedrig. Im zwanzigsten Jahre spürte er eine merkliche Abnahme seines Verstandes, und ward so kindisch, als ein Greis von neunzig Jahren. Man glaubt, er habe sich damals selbst gefühlt, und sein herannahendes Ende vermuthet; dieses will man aus einer Ode schließen, welche er unter dem Titel eines Schwanengesangs der Nachwelt hinterlassen, und worinnen er von seiner muthwilligen Leyer Abschied genommen hat. Er starb auch wirklich kurz darauf, und hinterließ eine große Anzahl Titel zu Büchern, die er hat schreiben wollen. Gustav Gripp , ein Rathmann, und eine gutherzige Seele; er hat in seinem Leben nicht widersprochen, und sagte zu allem, ja. Nirgends schlief er sanfter, als auf der Rathsstube, besonders wenn die Rechtshändel vorgetragen wurden. Kam die Reihe an ihn, sein Gutachten zu sagen; so weckte ihn sein Nachbar auf, und alsdann votirte er allemal, wie der regierende Bürgermeister. Hans Erichson , ein fleißiger Mann. Er war in Sammlung und Lesung alter Bücher unermüdet, lebte in seiner Studierstube zwey und siebenzig Jahre, und ward nach seinem Tode nicht vermißt, weil er in seinem Leben der Welt mit nichts genutzt hat. Unter seinen Papieren hat man einen Aufsatz gefunden, welcher den Titel führet: Unumstößlicher Beweis, daß ein gründlich Gelehrter nicht für andre Leute, sondern nur für sich erschaffen sey. Hugo Alricus , ein geschickter Arzt. Wer unter seinen Händen starb, der starb dogmatisch. Er konnte aus dem Uringlase besser wahrsagen, als ein Zigeuner aus der Hand. Wenn er jemanden an den Puls fühlte, so war dieses ein sichres Zeichen eines herannahenden Todes. Er war Leibmedicus von allen denen, welche alte geitzige Wittwen, oder solche Weiber hatten, die sich nicht wieder aus der Welt finden konnten, und er verwaltete sein Amt redlich. Alle seine Patienten curirte er auf griechisch; wie ich denn nachgerechnet habe, daß binnen dreyen Jahren über vierhundert Leute am Hippocrates gestorben sind. Man kann leicht glauben, daß die Geistlichkeit, ich, der Küster, und andre Todtengräber, diesem fleißigen Manne viel zu danken haben. Christian Tywede hatte auf der hohen Schule zu Abo seine Wissenschaften erlernet, war von einem unersättlichen Hochmuthe, und doch dabey geitzig, in seiner Freundschaft unbeständig, gegen Vornehme niederträchtig, gegen Geringe tyrannisch, in allen Arten wollüstig, in seiner Religion leichtsinnig, im übrigen aber ein Philosoph. Claeß Horn , war ein Sohn des reichen Johann Horns , und ein Enkel des berühmten gelehrten Elrich Horns Ich nenne seine Vorfahren um deswillen, weil sein eigner Name nicht gar zu bekannt ist. Er hatte einen natürlichen Abscheu vor aller Arbeit. Seine Tugenden bestunden in zehn tausend Thalern Einkünften. Hätte ihn die weise Vorsehung nicht mit diesem Vorzuge begabet; so würde er seinem Vaterlande zur Last gereichet haben. Seine Berufsarbeit war diese, daß er aus dem Bette aufstund, und sich wieder niederlegte. Er lebte neun und funfzig Jahre; zieht man aber davon diejenige Zeit ab, in welcher er schlief, so hat er sein Alter nicht höher, als auf neunzehen Jahre, gebracht. Man muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er einsah, wie wenig Antheil er an dem Vermögen hatte, welches nicht er, sondern seine Vorältern durch ihren Fleiß verdient. Um deswillen betrachtete er sich nicht anders, als einen Verwalter fremder Güter, von welchen er einmal Rechnung ablegen müßte. Was er in seiner höchsten Nothdurft brauchte, das nahm er davon; weiter nichts. Hätte er durch sein Vermögen nothleidenden Freunden unter die Arme greifen sollen; so würde er dieses für einen Eingriff in fremde Güter angesehen haben. Endlich starb er, und hinterließ seine Schätze einem Vetter, welcher unserm Horn die Augen mit Freuden zudrückte. Seinem letzten Willen zu Folge mußte ihm ein Leichenstein gesetzt werden, auf den dasjenige kommen sollte, was er in seinem Leben rühmliches gethan hatte. Es steht also weiter nichts darauf, als dieses, daß er gestorben sey. Nilson Scribbens . Dieser gelehrte Mann hatte eine ganz besondre Natur. Unter andern war es merkwürdig, daß bey ihm seine Gelehrsamkeit den Sitz im Magen hatte. So bald ihn hungerte, so bald fieng er auch an Bücher zu schreiben. Aus der Größe seiner Schriften konnte man deutlich abnehmen, wie lange er gefastet hatte. Ein Tractätchen von zweyen oder dreyen Bogen war ein untrügliches Merkmaal, daß er binnen vier und zwanzig Stunden nichts zu essen gehabt, und wenn der Hunger recht nagend war, so schrieb er auch Werke zu ganzen Alphabeten. In der großen Teurung im Jahre 1689 schrieb er die Universalchronike aller Nordscheine, welche sich seit dem Tode König Knuts hatten sehen lassen, in zwölf Bänden, groß Quart, mit Figuren, nebst einer Vorrede wider die unbußfertigen Atheisten. Dieses gelehrte Werk fängt schon an, rar zu werden, weil es gleich in den ersten Jahren stark verbraucht worden ist. Johann Kyle , ein Advocat und geübter Mann, welcher alle casus in terminis gehabt hatte. Seinen Clienten konnte er es gleich an den Kleidern ansehen, ob sie gerechte Sache hatten, oder nicht. Die Armen ermahnte er sehr ernstlich zum Frieden, und schlug ihnen seinen Beystand schlechterdings ab; denn sie hatten kein Geld und folglich Unrecht. Wessen er sich aber einmal annahm, den verließ er nicht, so lange derselbe noch einen Groschen im Beutel hatte. Sein größter Vortheil bestund im Schwören. Er war auch selbst vermögend, in einem Athem drey falsche Eide zu thun. Er verstund sich sehr wohl auf die Kunst, Zeugen zu machen. Der Schelmen und Diebe nahm er sich recht väterlich an, und wessen Sache er vertheidigte, den redete er gewiß vom Galgen los. Steen Dalekerl , ein gelehrter Renomist. Er war ein Todfeind von allen denen, welche nicht so dachten, als er. Kein Gelehrter durfte sich blicken lassen, den er nicht mit der Feder in der Faust anfiel. Eigentlich hatte er sich auf nichts gelegt; aber eben um deswillen glaubte er, er sey geschickt, alles zu beurtheilen, es möchte seyn, aus welcher Disciplin es wollt. Er war aus Northolm gebürtig, und hielt alle diejenigen für Idioten, welche nicht aus Northolm waren. Besonders in Druckfehlern hatte er eine starke Einsicht, worüber er sich oftmals sehr lustig machte. In seiner Schreibart war er so spöttisch, wie ein Bootsknecht, und konnte schimpfen wie ein Kunstrichter. Hätten ihn die unterirrdischen Einwohner der Stadt Keba gehabt; so würde er auf ihrem gelehrten Kampfjagen der beste Masbakus gewesen, und wenigstens für dreyßig tausend Ricatu verkauft worden seyn. Ursel Sigrid . Wollte künftig jemand die Gemüthsbeschaffenheit dieser Frau beschreiben, der würde in einer Person so viel verwirrte, und einander entgegen laufende Charaktere finden, daß es unmöglich scheint, dieselben aus einander zu wickeln, wofern man nicht in ihrem Lebenslaufe besonders drey Zeitpunkte fest setzt. Der erste geht bis in ihr dreyßigstes Jahr. Was die Ausländer galant, und wir nach unsrer einfältigen Muttersprache verbult nennen, das fand man damals in der größten Vollkommenheit an ihr. Ihr Haus wimmelte von jungen Herren, die daselbst zusammen kamen, ihre verliebte Andacht zu verrichten, welche in einer sehr strengen Abgötterey bestund. Sie ließ sich anbeten, und schien doch unempfindlich dabey zu seyn. Man mochte sie einen Tieger, oder einen Engel, ihre Augen Sonnen oder donnerschwangre Wolken heissen, ihre Brust mit hartem Marmor, oder mit kaltem Schnee vergleichen; bey allem that sie gleichgültig. Die Seufzer ihrer Anbeter bewegten sie nicht; sie sah dieselben als einen Tribut an, welchen ihr ihre Sklaven schuldig wären, und diese hielten es schon für ein großes Glück, wenn sie nur in ihrer Gegenwart seufzen konnten. Viele brachte diese angenommene Sprödigkeit beynahe zur Verzweiflung. Sie schwuren, daß sie nicht länger leben wollten, redeten von Gift und Dolch; sie leben aber noch alle, dem Himmel sey Dank, bis auf diese Stunde frisch und gesund. Man wird an dieser Erzählung keinen Zweifel tragen, wenn ich versichre, daß ich in meiner Jugend selbst einer von denen gewesen bin, welche unter diesen verliebten Fesseln geschmachtet haben. Ich will glauben, daß mir dieses Geständniß eben nicht zur Ehre gereicht; vielleicht aber wird man mich entschuldigen, wenn man bedenkt, daß ich damals noch nicht Küster an der Kreuzkirche, sondern nur ein junger Mensch und Baccalaureus der Philosophie war. Der Umgang, den ich auf Schulen mit griechischen und lateinischen Frauenzimmern gehabt hatte, wirkte in mir die gewisse Zuversicht, die norwegischen Schönen würden eben sowohl mit sich reden lassen, als jene. Ich wählte bey meiner ersten Anrede an dieselbe die zärtlichste Stelle aus dem Anakreon; es schien aber nicht, als würde sie dadurch sehr gerührt. Ich strich meine Verdienste heraus, und erzählte ihr, daß ich drey Disputationen von den Pantoffeln der alten europäischen Völker gehalten hätte; dennoch blieb sie gleichgültig. Ich wieß ihr die Zeugnisse, welche ich in Copenhagen, meines Fleißes und meiner Gelehrsamkeit wegen, von der philosophischen und tbeologischen Facultät bekommen hatte: Allein, ich glaube, ich würde den Greif, welcher mich auf den Planeten Nazar riß, eher dadurch bewegt haben, als die Unempfindliche. Ich beschwur sie bey dem Rocken der Parcen, sie möchte mit mir Erbarmung haben; aber umsonst. Sie nannte mich einen Schulfuchs, und dieser Name war mir so unerträglich, daß ich halb rasend von ihr gieng. Kurz darauf geschah es, daß ich in die Gruft fiel, welche mich bekannter maßen zu den unterirdischen Einwohnern brachte. Diesen Umstand führe ich um deswillen hier an, weil er die wahre Ursache meiner damaligen Tiefsinnigkeit ist, welche ich nicht einmal den redlichen Abelin , und meinem guten Freunde, Magister Eduarden , vertraute. denn ich schämte mich, wie ein Gelehrter, wenn er einen lateinischen Donatschnitzer gemacht hat. Ich komme wieder auf unsre Sigridinn . Diese bezeigte Grausamkeit war ihrer Natur so sehr zuwider, als der Abschied vieler von ihren Anbetern. Ihr Herz war eben so wohl von Fleisch, als die Herzen andrer Frauenzimmer. Allein, Seufzer, verliebte Flüche, zärtliche Verzweiflungen und Disputationen von Pantoffeln, waren freylich die Mittel nicht, durch welche man dieselbe gewinnen konnte. Ein Band, ein Kopfputz, eine neue Mode aus Hamburg konnte diese Spröde so zahm machen, als ein Lamm. Ich verschweige es nur aus Hochachtung gegen meine ehemalige Schöne, und kraft tragender Amtspflicht, was ich in unserm Kirchenbuche gefunden habe. Der hollsteinische Edelmann ist noch vielen bekannt; er hätte freylich sein Wort halten sollen; doch hat er auch allemal bezahlt, als ein ehrlicher Cavalier. Doch genug! Wäre ich nicht Küster, so dürfte ich mehr reden. Was ich bisher erzählt habe, das macht den Lebenslauf meiner Heldinn bis in ihr dreyßigstes Jahr aus. Nunmehr kömmt der andre Aufzug, und die Rolle, welche sie darinnen bis in ihr vierzigstes Jahr gespielt hat, ist nicht weniger merkwürdig, als die vorige. Mich dünkt, das dreyßigste Jahr sey bey der Schönheit dasjenige, was im menschlichen Leben das große Stufenjahr heißt. Man wird wenig Schönen finden, welche dasselbe überleben; ich beweise dieses mit dem Exempel unsrer Sigridinn . Um diese Zeit verlohr sich das Feuer ihrer Blicke, welches so viele Herzen in Flammen gesetzt hatte. Ihre Anbeter verschwanden mit ihren Reizungen; man konnte sie ansehen, ohne den Verstand zu verlieren, und wenn sie gleich unempfindlich that, so wollte doch niemand verzweifeln. Nunmehr kam die Reihe zu seufzen an sie. In öffentlichen Gesellschaften war sie bemüht, den Rest ihrer Reizungen an den Tag zu legen, um wenigstens einen zu gewinnen, der ihr diejenigen Schmeicheleyen vorsagte, deren sie seit langen Jahren gewohnt war; aber umsonst. Man rechnete sie unter die galanten Alterthümer, welche man nicht ansehen kann, ohne an die Flüchtigkeit der Zeit zu gedenken. Diese bezeigte Kaltsinnigkeit machte sie unruhig; sie suchte ihren Zweck zu erlangen, es möchte auch kosten, was es wolle. Ihre verstellte Sittsamkeit verlor sich gänzlich; ihre Blicke wurden frech, ihr Umgang unverschämt; sie suchte dasjenige mit Sturm zu erobern, was sie nicht mit List hatte erlangen können. Nunmehr fieng sie an, verächtlich zu werden. Ein Dichter, welcher ehedem ihr zu Ehren alle Gestirne und Mineralien in seinen Versen verschwendet hatte; dieser leichtsinnige Dichter war so boshaft, daß er sie die Chronike von Bergen nennte, und ihre ungezähmte Aufführung dergestalt lächerlich machte, daß die ganze Stadt mit Fingern auf sie zeigte, und sie nur die verliebte Alte hieß. Die allgemeine Verspottung brachte sie in diejenigen Umstände, in welchen sie bis an ihren Tod geblieben ist. Sie sah sich in ihren Absichten betrogen, und hatte alle fleischliche Hoffnung verloren; deswegen gerieth sie in Verzweiflung und ward fromm. Die Welt, die abtrünnige Welt, schien ihr ein Abscheu, und eine Mördergrube zu seyn; sie seufzte, wenn sie ein schönes Frauenzimmer sah, sie eiferte wider die unschuldigsten Gefälligkeiten, die man artigen Personen erzeigte; denn dieses, sagte sie, sey der gerade Weg zur Hölle. Reinlichkeit und Putz hielt sie für Eitelkeit, und Lockungen des Satans. Die Haare stunden ihr zu Berge, wenn sie tanzen sah. Schwefel und Pech würde das geringste gewesen seyn, das sie auf diese verstockte Rotte würde haben herabfallen lassen, wenn sie im Himmel etwas zu befehlen gehabt hätte. Nach ihrer Meinung war der jüngste Tag vor der Thüre, als um selbige Zeit die Weiber einiger Rathmänner in Bergen anfiengen, die sündlichen Fontangen zu tragen. Von keinem Menschen redete sie Gutes, und verdammte die ganze Stadt, besonders aber das Frauenzimmer bey lebendigem Leibe. Widerfuhr jemanden ein Unglück an seinem Körper oder an seiner Nahrung; so waren dieses allemal augenscheinliche Zorngerichte, welche über das böse Geschlecht hereinbrachen. Den Dichter, welcher, wie ich gedacht habe, an ihrer andächtigen Verwandlung die vornehmste Ursache war, sah sie schon in der Hölle brennen, und er sollte schlechterdings nirgends anders, als auf dem Misthaufen, sterben; denn er war ein Greuel vor ihren Augen. Auf der Welt wollte niemand mehr auf sie sehen; darum sah sie beständig gen Himmel. In Gesellschaften mochte sie niemand haben; darum gieng sie einsam, und verschloß sich in ihr Kämmerlein, und beseufzte vor ihrem Spiegel die Hinfälligkeit aller Dinge. Sie starb endlich alt und lebenssatt, und hinterließ in den Nasen ihrer Mitschwestern einen starken Geruch der Heiligkeit. Thue ich ihr durch diese Erzählungen zu viel, so bin ich gewisser maßen zu entschuldigen; denn sie hat mir es in meiner Jugend auch sauer gemacht, als ich noch ein verliebter Baccalaureus war. Humulfo Humblus , ein lateinischer Mann, und geschworner Feind seiner Muttersprache. Nichts kam ihm niederträchtiger vor, als die Bemühung einiger Gelehrten, welche die norwegische Sprache in Aufnahme bringen, und gewisse Regeln der Schreibart fest setzen wollten. Ihm war es einerley, ob er Druyter , oder Titer schriebe; und wer ihn bereden wollte, nur das erste sey recht, den hielt er wenigstens für einen Grillenfänger. Wenn er aber sah, daß jemand im Lateinischen ein D für ein T setzte; so schlug er die Hände über den Kopf zusammen, und vergoß die bittersten Thränen über den Verfall der schönen Wissenschaften. Keinen Gedanken hielt er für artig, den man nicht aus dem Cicero beweisen konnte. Niemand verdiente, nach seiner Meinung, den Namen eines Gelehrten, der nicht zum wenigsten einen auctorem classicum edirt hatte. Er schrieb eine kritische Untersuchung der Frage: Ob Horaz die triefichten Augen von dem Rauche seiner Oellampe, oder von den gesalznen Fischen bekommen habe, die er in der Jugend bey seinem Vater gegessen. Er behauptete die erste Meinung; und weil sein College, der ehrliche Conrector, der letzten Meinung zugethan war, so warf er einen so tödtlichen Haß auf ihn, daß er sich auch nicht einmal auf dem Todbette mit demselben versöhnen wollte. Ueber jeden Schnitzer wider die Grammatik konnte er sich ärgern, daß er das Podagra bekam; und als sein College, der Conrector, ein Programma in seiner Muttersprache schrieb, so ereiferte er sich dergestalt darüber, daß ihm das Podagra in den Leib trat, woran er auch starb. Stephan Wäderhat , ein friedfertiger Soldat, welcher vor den Augen seiner Mutter als ein gehorsamer Sohn gewandelt hat, bis an seinen Tod. Er wünschte für sein Vaterland zu sterben, und kam deswegen niemals aus Bergen. Er hat Zeit seiner Kriegsdienste vielen Belagerungen und Schlachten beygewohnt, aber nur von Haus aus. Etlichemal geschah es, daß er mit ins Feld rücken sollte; so bald er aber Ordre bekam, so überfiel ihn eine starke Engbrüstigkeit, und er überschicke an seiner Stelle ein Attestat vom Stadtphysicus, daß er im Leibe nicht richtig wäre, und an dieser Krankheit vermuthlich nicht eher, als nach geendigtem Feldzuge, geheilt werden dürfte. Deswegen aber war er zu Hause nicht müßig: denn er trank alle Tage die Gesundheit des commandirenden Generals und seiner übrigen Cameraden, die im Felde stunden, deren Wohlseyn er dergestalt zu Herzen nahm, daß er vielmals von seinen Sinnen nichts wußte. Es gereichte ihm auch auf dem Todbette zu sonderbarem Troste, daß er seine Hände niemals mit Blut befleckt hatte. Im übrigen war er kühn und unerschrocken, und machte sich weder aus Bürgern noch Bauern etwas, die er oftmals seinen kriegerischen Beruf empfinden ließ. Es ist eine bloße Verleumdung, daß ihm unser Pfarrer Schuld gab, er sey ein rechter Atheist, und glaube weder Himmel noch Hölle. Es geschieht ihm zu viel; denn ich habe es selbst gehört, daß er allemal über das andre Wort sagte: Hohl mich der Teufel! und daß er zu jeder Lügen schwur. Das Frauenzimmer mochte er gern leiden; doch war er dabey nicht ekel. Er gerieth einmal beym Spielen mit einem schwedischen Officier in Händel, welcher ihn herausfoderte. Allein unser sanftmüthiger Wäderhat war im Mutterleibe verwahrlost, daß ihm allemal Hören und Sehen vergieng, wenn er einen bloßen Degen erblickte; deswegen schlug er die Ausforderung vorsichtig ab, unter dem Vorwande: Er sey der einzige Sohn seiner Mutter, und der Stammhalter des wäderhatischen Geschlechts; wenn ein Unglück geschähe, so könnte die Nachwelt um seine Kinder kommen, worüber er sich ein Gewissen machte, und mit einer Hand voll Blut sey ihm auch nicht gedient. Heuer im Frühjahre bekam er Befehl, sich schlechterdings marschfertig zu halten, und weder seine Engbrüstigkeit, noch andre natürliche Fehler vorzuschützen. Dieses war ein Donnerschlag in seinen Ohren, und die Tapferkeit fuhr ihm dergestalt in alle Glieder, daß er bis an sein seliges Ende zitterte, welches vier Tage darauf erfolgte, da er in den Armen seiner gebeugten Mutter starb, und in Frieden zu seinen Vätern versammlet ward. Curt Stemhill . Dieser Mann hatte in seiner Jugend hohe Absichten, und eine vornehme Einbildung von seinem künftigen Glücke. Als er noch auf der Stadtschule zu Bergen studirte, dachte er wenigstens regierender Bürgermeister in seinem Vaterlande zu werden. In diesen schmeichelhaften Gedanken bestärkte ihn der Aberglaube seiner Mutter, welcher damals, als sie mit diesem Sohne schwanger gegangen war, geträumt hatte, sie brächte einen Knaben mit einer ernsthaften Miene, und einem sehr dicken Bauche zur Welt. Auf der hohen Schule zu Copenhagen lernte er mehr Menschen kennen, als er in seiner Vaterstadt jemals gesehen hatte. Dieses verringerte seine Hochachtung gegen sich selbst, und er erklärte sich bey seiner Heimkunft, daß er allenfalls mit dem Stadtschreiberdienste vorlieb nehmen wollte. Allein, auch in dieser Hoffnung sah er sich betrogen, und mußte es noch für ein unverdientes Glücke rechnen, daß er bey zunehmenden Jahren als Mägdleinschulmeister an der Barfüßerkirche sein Brodt verdienen konnte; welchem Amte er auch bis an sein Ende mit der größten Ernsthaftigkeit und unermüdeten Fäusten vorgestanden hat. Dem ungeachtet glaubte er, der Traum seiner Mutter sey erfüllt: denn ein regierender Bürgermeister habe höchstens nur über Hals und Hand die Gewalt; ein Schulmeister hingegen herrsche mit unumschränkter Macht über den ganzen Körper seiner Schulkinder. Veit Seghersell , war aus einem adelichen Geschlechte, und ein Todfeind aller Hasen und Füchse. Mit Hunden und Pferden gieng er um, als mit seines gleichen, und liebte ihre Gesellschaft am meisten, weil er unter ihnen die vernünftigste Creatur war. Aus dem Umgange mit Menschen machte er sich nicht viel; denn sie redeten allemal von Sachen, die er nicht verstand. Mit der Bibel konnte er sich gar nicht behelfen, desto besser aber mit dem Erbregister, welches seine Bauern nachdrücklich erfahren haben. Auf den Nimrod hielt er große Stücke, weil ihm sein Pfarrer gesagt hatte, er würde ein gewaltiger Jäger genannt; er wollte sich es auch nicht ausreden lassen, daß dieser Nimrod ein Landedelmann in Assyrien gewesen wäre. Um die Geschichte auswärtiger Völker und seines Vaterlandes bekümmerte er sich nicht; doch hatte er ein vortreffliches Gedächtniß, wenn er auf seine Ahnen zu reden kam. Einen Bürger roch er auf zwanzig Schritte weit. Nichts war ihm unbegreiflicher, als wenn er hörte, daß ein Mann wegen seiner Tapferkeit, wegen seiner Staatserfahrenheit oder wegen andrer Verdienste, die er dem Vaterlande erzeigt hatte, in den Adelstand erhoben ward; denn er sagte, wenn solche Verdienste einen Edelmann machten, so wäre ihm und seines gleichen Vater und Mutter, und die ganze Sippschaft, nichts nütze. Seine Wirthschaft ward sehr unordentlich bestellt. War er nicht auf der Jagd, so saß er bey Tische, und alsdann war er vermögend, seine ganze hochadeliche Nachbarschaft zu Boden zu saufen. Seine Bauern machte er arm, und jagte sie durch Processe zum Dorfe hinaus. Er folgte ihnen aber selbst bald nach, weil er, wegen Schulden, seinem Verwalter das Gut überlassen, und den Rest seines Lebens in Bergen zubringen mußte. Nicolaus Andreä , handelte anfangs mit gedörrten Fischen, und war zugleich ein Wechsler. Diese Lebensart stund ihm aber nicht länger an; er bemühte sich also, Capellan in der sanoensischen Kirche, nicht weit von der Stadt, zu werden, welchen Dienst er auch, wider aller Vermuthen, erhielt. Kein Mensch konnte begreifen, wie es zugienge. Er sagte aber: wer in Bergen einen Dienst haben wollte, der müßte entweder der Vetter eines Rathmannes, oder ein Lackey, oder ein Hahnrey seyn; folglich habe er einen dreyfachen Beruf zu seinem Amte. Wer nur einen solchen Dienst suche, zu dem er sich schicke, der würde seinen Zweck nimmermehr erlangen. Ein Kutscher könne ein Amtmann, ein Amtmann ein Superintendent, ein Superintendent hingegen ein Geldmäkler, und folglich dieser gar leicht ein Capellan werden. Er habe eine gute Lunge; er könne schmälen, und mit seinem Willen solle ihn niemand um den Decem betrügen; mithin sähe er nicht, was man an ihm aussetzen wolle. Uffo Suanvita , eines Schneiders Sohn. Anfänglich wollte der Vater, er sollte sein Handwerk lernen; er stellte sich aber so dumm dabey an, daß man gar bald sah, er habe weder Witz noch Verstand genug, ein Schneider zu werden. Der betrübte Vater erzählte diese große Blödigkeit des Sohnes einigen seiner Collegen, welche alle der Meinung waren, er schicke sich zu gar nichts weiter, als zu einem Gelehrten. Dieser Entschluß ward ins Werk gerichtet. Der dumme Sohn mußte studiren; er lebte auch wirklich sechs Jahr lang auf der niedern Schule zu Bergen, und drey Jahre auf der Universität zu Copenhagen; sodann absolvirte er mit Ehren, und kehrte zu den werthen Seinigen zurück, zwar älter, aber nicht klüger. Nunmehr wußte sein Vater so wenig, als andre Leute, was mit dem gelehrten Herrn Sohne anzufangen sey. Er behielt ihn bey sich, und war zufrieden, daß er ihn wenigstens in der Küche brauchen konnte. Er vertraute ihm zugleich die Aufsicht über seine Hühner an, welche er in der That mit vieler Sorgfalt fütterte. Endlich starb der Vater, und die übrigen Freunde erbarmten sich über unsern Suanvita , damit er nicht verhungern durfte. Diese kümmerlichen Umstände änderten sich auf einmal. Ein lübeckischer Kaufmann, welcher sein Vetter war, starb unvermuthet, und hinterließ ihm ein ansehnliches Vermögen. Kaum war er in dem Besitze desselben, als er einen innerlichen Berufe empfand, ein großer Mann zu werden. Was er in seinem Kopfe vermißte, das fand er in dem Geldkasten seines Vetters. Der Titel eines Strandraths hatte ihn von Jugend auf gefallen. Er glaubte, wer die Fähigkeiten besitze, jährlich drey tausend Thaler Renten zu heben, und ein sammtnes Kleid zu tragen, der habe Geschicklichkeit genug, ein Strandrath zu werden. Um deswillen fand er kein Bedenken, sich diesen Titel zu kaufen. Die Last, welche nunmehr Seine Excellenz, der Herr Strandrath, auf seinen Schultern fühlte, drückte ihn viel zu sehr, als daß er länger vermögend gewesen wäre, sich auf den Füßen zu erhalten. Er setzte sich also in einen Wagen, und zwey muntre Pferde schienen recht stolz zu seyn, daß ihnen die Ehre gegönnt ward, diesen theuern Mann, die Zierde des Vaterlandes, durch die Gassen zu schleppen. Er hatte sich eine ernsthafte und tiefsinnige Gesichtsbildung zugelegt; in seinem Umgange that er sehr geschäfftig; er hatte aber in der That itzt viel weniger zu thun, als ehedem in seines Vaters Hause, weil er damals eine ganze Heerde Hühner fütterte, nunmehr aber nur seinen Mops abrichten mußte, an dem er einen guten natürlichen Verstand zu verspüren glaubte, welchen er niemals, ohne eine kleine Eifersucht zu empfinden, bewunderte. Die Gelehrten nannte er nur Grillenfänger und Pedanten. Er versicherte, daß er niemals an den Wissenschaften einen Geschmack gefunden, und gleich anfangs bey sich gemerkt habe, daß er zu etwas grösserm, als zu einem Schulfuchse, geboren sey. Durch die viele Berufsarbeit, die er zu verwalten hatte, war ihm das Gedächtniß dergestalt geschwächt, daß er sich derjenigen Freunde gar nicht mehr erinnern konnte, bey denen er ehedem, nach seines Vaters Tode, das Gnadenbrodt gegessen hatte. Das konnte er sich gar nicht einbilden, daß sein Vater ein Schneider gewesen wäre; Adler zeugten nur Adler, und kein Schneider einen Strandrath. Er bedauerte das frühzeitige Absterben seiner Mutter, welche ihm in dieser Sache ein großes Licht würde gegeben haben. Die Poeten mochte er gern leiden; er las aber von denen Gedichten, die ihm in Demuth, zur Bezeigung unterthänigster Devotion, überreicht wurden, weiter nichts, als den Titel. War dieser recht ansehnlich und weitläuftig; so sagte er, es sey ein Carmen von einem guten Geschmacke, und er zahlte die Gratulationsgebühren willig. Sein Tod ist auch niemanden so nahe gegangen, als den bergischen Musen. Wäre alles dasjenige wahr gewesen, was in den Leichenversen stund; so würde der Verlust unersetzlich gewesen seyn, welchen das Vaterland durch das Absterben dieses Mäcenaten erlitten hätte. Man hat aber eben nicht gehört, daß durch seinen Tod eine merkliche Veränderung im norwegischen Reiche vorgegangen wäre. Carl Hunding , dieser Mann hatte durch das Glück und durch seinen unermüdeten Fleiß ein ansehnliches Vermögen erworben; gleichwohl seufzte er beständig über die nahrlosen Zeiten und die erhöhten Abgaben, welche ihn noch zum Bettler machen würden. Mit seinem Schöpfer war er gar nicht zufrieden, daß er ihm einen Magen gegeben hatte; denn er glaubte, der Mensch würde viel ersparen können, wenn ihn nicht hungerte. Er konnte sich gewaltig ereifern, wenn er auf die Kleiderpracht zu reden kam, und eine gestickte Weste hielt er für eine Todsünde. Seiner Meinung nach waren die Kleider zu nichts nütze, als daß sie uns an den kläglichen Fall der ersten Aeltern, und an den Verlust derjenigen Glückseligkeit erinnern sollten, da wir keine Kleider würden nöthig gehabt haben. Um deswillen flickte er sich weder Strümpfe noch Hosen; und je mehr diese zerlöchert waren, desto näher glaubte er dem Stande der Unschuld zu kommen. Alle seine Ausgaben rechnete er nach Procenten, und betete nicht einmal ein Vater Unser umsonst; denn die Gottseligkeit, sagte er, sey zu allen Dingen nütze. Ward er ja einmal aufs äusserste gebracht, und genöthigt, Ehrenhalber einen Thaler Geld zu verthun; so brach er es gewiß entweder dem Pfarrer, oder seinem Gesinde am Lohne wieder ab. Die Haut schauerte ihm, wenn ihn ein Dürftiger um einen Bissen Brodt ansprach. Nichts war ihm unbegreiflicher, als die Langmuth des Himmels, welche diese nichtswürdigen Müssiggänger auf dem Erdboden duldete. So oft ihm seine Frau ein Kind zur Welt brachte, so oft klagte er, daß er in seiner Nahrung einen empfindlichen Stoß erlitte; denn Kinder wären fressende Capitalien. Als sie zum fünftenmale in die Wochen kam, so schien er ganz untröstbar; da er aber gar hörte, daß es eine Tochter wäre, so gerieth er in eine solche Verzweiflung, daß er Bonis cediren wollte, weil er glaubte, wer Töchter hätte, und sie nach der Mode erziehen sollte, der müsse banquerot werden, er sey auch so ehrlich, als er wolle. Starb ihm ein Kind, so war er allemal so vergnügt darüber, als wäre ihm eine ungewisse Schuld eingegangen. Seine Frau gewöhnte er zu allen Arten der Mäßigkeit, und sie würde sich haben sehr elend behelfen müssen, wenn sie nicht schön ausgesehen hätte; auf solche Weise aber fanden sich verschiedne Liebhaber ihrer Waare, und sie verstund ihren Handel vortrefflich. Der Mann wußte dieses; er schien aber nicht eifersüchtig zu seyn; denn er meinte, es müsse jedermann mit seinem Pfunde wuchern, so gut er könne; seine Frau thue nichts umsonst, und was ihm dadurch an der Ehre abgienge, das komme ihm am Gelde wieder zu gute; er gewinne also mehr dabey, als er verliere. Er war mit seiner Tochter unglücklich; er konnte auch in der That seine Betrübniß darüber nicht bergen: doch zog er sich nicht so wohl die Schande, als die Vermehrung seiner Familie, zu Gemüthe. Er wollte diese ungerathne Tochter enterben, als er hörte, daß sie bloß aus Neigung gegen ihren Liebhaber diesen Fehltritt begangen hatte. Da aber dieser sich erklärte, sie zu heirathen, und zwar ohne Mitgift; so kam er auf einmal wieder zu sich selbst, und hielt diese Begebenheit für die glücklichste in seinem Leben. Sein ältester Sohn war sehr lüderlich, und verschwendete mehr Geld, als der Vater ersparen konnte. Weil ihm dieser keines gab, so borgte er bey andern Leuten; und wie der Vater niemals weniger, als funfzehen pro Cent nahm, so mußte auch der Sohn allemal so viel geben. Er wies alle Schuldner auf des Vaters Leiche an, welcher ihm auch das Vergnügen machte, und starb. Denn er fiel in ein hitziges Fieber, welches ihm den Verstand noch verwirrter machte, als er bey gesunden Tagen gewesen war. Er redete von nichts, als Interessen, von bösen Schuldnern, und seinen Handelsbüchern. Sein Beichtvater war bemüht, ihn von dem Irdischen abzuziehen, und ihm Todesgedanken beyzubringen; er wies ihn auf das theure Lösegeld aller Welt. Nein, rief der Kranke, dafür kann ich es nicht brauchen, es thut nach itzigem Cours nicht mehr, als ein und drey Quart! dieses waren seine letzten Worte, und er verschied. Stine Frogerta , ein frommes Weib. Sie hatte sehr oft andächtige Entzückungen, welche die Kinder dieser Welt ihrer verdorbnen Milz und dem ungesunden Geblüte zuschreiben wollten. Wenn sie betete, so betete sie mit Händen und Füßen, und man konnte die Wirkung ihres gläubigen Herzens an allen Gliedern sehen; wie sie denn über die Unbußfertigkeit der verstockten Welt sich dergestalt betrübte, daß sie rothe Augen, und einen krummen Hals bekommen hatte. Die dunkelsten Worte, und solche Formeln, welche etwas verwirrtes in sich faßten, waren ihre Kern- und Trostseufzer; sie hielt dasjenige für die Sprache des Geistes, was die sich selbst gelaßne Vernunft nicht verstund. Die Liebe des Nächsten rechnete sie zwar nur unter das Ceremonialgesetz, gleichwohl that sie den Armen im Urselinerkloster viel gutes; weil es allemal von der Kanzel abgekündigt, und dem christlichen Wohlthäter vor öffentlicher Gemeine gedankt ward. Ihr Mann mußte sehr viel bey ihr ausstehen; denn wenn sie betete, so zankte sie, und es ist mehr als einmal geschehen, daß sie ihm so gar mitten in der Andacht ein Bund Schlüssel an den Kopf geschmissen hat. Ihr Ehrgeiz war unersättlich; wenn sie auch bey dem Gottesdienste auf die Knie niederfiel, so mußte es doch nach der Rangordnung geschehen. Sie hatte die Gabe zu wahrsagen, und Gesichter zu sehen. Das Geschrey einer Krähe war ihr so verständlich, daß sie allemal wußte, wer davon sterben würde. Heulte ein Hund unter ihrem Fenster, so ward sie dadurch weit mehr gerührt, als wenn unser Capellan eine Bußvermahnung hielt. Wenn sich ein Stern schneutzte, so fuhr es ihr in die Seele; und als ihr von faulen Eyern träumte, erschrack sie dergestalt darüber, daß sie das Testament machte, und sich zu ihrer Heimfahrt bereitete. In dieser Einbildung stärkte sie ihr Mann auf alle ersinnliche Weise, und war dabey so glücklich, daß sie einige Wochen darauf starb. Friedlev Frohton . Dieses hoffnungsvolle Kind hat sein Leben nicht höher gebracht, als auf ein Jahr und drey Tage. Sein Vater, der Apotheker in Bergen, kann sich über den frühzeitigen Verlust dieses tugendhaften Söhnleins noch itzt nicht trösten. Er fand einen recht männlichen Verstand an demselben, welches ihn vielmals auf die zweifelhaften Gedanken gebracht hat, ob es auch wirklich sein eigner Sohn wäre. Alle Handlungen dieses Kindes verriethen, seiner Meinung nach, eine große Seele. Wenn es auf seinem Stühlgen saß, so machte es eine ernsthafte Miene, als ein Arzt, welcher bey dem Krankenbette sitzt, und zweifelhaft ist, ob er den Patienten an Pulvern oder an Tropfen sterben lassen will. Eben diese ernsthafte Miene hielt der aufmerksame Vater für einen untrüglichen Beruf, daß sein Sohn in Doctorem medicinae promoviren müßte; nur war er noch zweifelhaft, ob es zu Upsal, oder zu Copenhagen geschehen sollte, welche Ungewißheit ihm viel schlaflose Nächte machte. Schon im Geiste stellte er sich vor, wie ansehnlich der junge Herr Doctor Frohton in einer sammtnen Weste einher treten, und den Glanz seines väterlichen Hauses empor bringen würde. Aber auf einmal verschwand diese süsse Einbildung durch den Tod des hoffnungsvollen Knabens, und der unglückliche Vater hatte weiter keinen Trost, als diesen, daß er unter seinen Händen starb, denn er war eben im Begriffe, ihm das letzte Clystier zu setzen, als er verschied. Sein Vaterland bedauerte er so sehr, als sich selbst. War noch etwas vermögend, ihn zu beruhigen; so waren es die vielen Exempel kluger Kinder, welche eben diese frühzeitige Klugheit unter die Erde gebracht hatte. Er prophezeihte sich um deswillen ein hohes Alter, und die ganze Stadt glaubt es, daß er über hundert Jahr leben kann, wenn der Verstand der Gesundheit schädlich ist. Sivart Stärcoter , ein Astronomus, welcher am Tage die Sonne, und des Nachts den Mond mit so unermüdetem Fleiße beschauete, daß er zu nichts weiter geschickt war, als an die Gestirne zu sehen. Bey den unaufhörlichen Betrachtungen des Himmels hat er niemals Zeit gehabt, dasjenige zu lernen, was auf der Erde, und in dem Umgange mit Menschen, zu wissen nöthig ist. Er war dadurch so tiefsinnig geworden, daß er seiner selbst vergaß. Mehr als einmal geschah es, daß er des Morgens im Schlafpelze und ohne Hosen ausgieng. Wer ihm begegnete, dem sah er starr in die Augen, schüttelte mit dem Kopfe und redete nicht ein Wort. Aber von allem diesen wußte seine Seele nichts; denn der Körper bewegte sich nur mechanisch. Kurz vor seinem Tode sah er mich in der Kirche; er gieng auf mich los, pakte mich bey der Halskrause an, und sagte mit einer zerstreuten und mathematischen Miene zu mir: Die eccentrische Anomalie ist der Bogen des eccentrischen Zirkels, zwischen der Linie Apsidum; das sollte er lange wissen, und ich schäme mich, daß ich es ihm erst itzt sagen muß. Darauf gieng er wieder von mir, und ließ mich voller Schrecken stehen; denn ich hatte geglaubt, er würde mich zum wenigsten erwürgen wollen. Er hat sich vielmals des Nachts aus dem Armen seiner Frau gerissen, wenn ihm eine astronomische Speculation einfiel. Anfangs kam ihr dieses sehr unerträglich vor, und sie hat zu gewissen Zeiten mehr über die Sterne geseufzet, als mancher Liebhaber nicht thut. Endlich aber fand sie Gelegenheit, die Abwesenheit ihres Mannes durch den Zuspruch solcher Leute zu ersetzen, welche irrdischer gesinnt waren, als jener. Je gestirnter der Himmel war, desto ungestörter blieb sie in ihrem Vergnügen; und wenn der Mann eine Mondenfinsterniß zu besorgen hatte, so konnte sie gewiß glauben, daß er an sie nicht denken würde. Schreiben des Gratulanten an den Autor, nebst den Gedanken des Autors darüber. Unter dem Namen, der Autor , sind verschiedene Stücke in die Belustigungen des Verstandes und Witzes eingerückt worden. Gegenwärtiges findet sich daselbst im Hornung 1744.     Mein Herr, Ich muß es Ihnen ohne Schmeicheley gestehen, daß ich mich niemals des Lachens enthalten kann, so oft Sie mir auf der Gasse begegnen. Sie sind ein Autor; und da ich mit Ihnen, wie ich bald erweisen will, gleiches Recht zu diesem prächtigen Titel habe, so glaube ich, ein Autor kann den andern so wenig, als vormals bey den alten Römern ein Vogeldeuter den andern, ohne Lachen ansehen. Sie schreiben aus Liebe zum Vaterlande; und so oft ich die Feder ansetze, so oft ist dieses meine Sorgfalt, daß ich meine geneigten Leser mit einer patriotischen Miene versichere, bloß die Liebe gegen meine Mitbürger, und die zärtlichste Neigung gegen das menschliche Geschlecht überhaupt, habe mich auf den rühmlichen Einfall gebracht, ihre Glückseligkeit durch meine Schriften zu befördern. Sie, mein Herr, haben alle gebührende Hochachtung gegen sich selbst, und ich lasse mir in diesem Stücke alle Gerechtigkeit wiederfahren; denn das Wohlwollen, welches ich gegen mich hege, ist so stark, daß ich mich für die vollkommenste Creatur unter der Sonnen halte, meine Schriften niemals ohne Bewunderung ansehe, und ihnen den billigen Vorzug einräume, welchen sie vor allen andern haben. Ja ich beobachte die Pflichten meines Berufs so genau, daß ich niemals ohne Verachtung an diejenigen Werke gedenken kann, welche künftig die Presse verlassen werden. Sie schreiben, ohne zu denken, (wenigstens suchen Sie uns dieses zu bereden,) und ich muß Ihnen zugestehen, daß Sie, nach meiner Einsicht, diesen Character mit vieler Wahrscheinlichkeit zu behaupten wissen. Mir aber läßt dieses, ohne Ruhm zu melden, noch weit natürlicher, als Ihnen. Wer mich kennt, und es kennen mich viel Leute, der giebt mir das Zeugniß, daß man gleich bey dem ersten Anblicke, bey den ersten Worten, die ich rede, auf die sinnlichste Art überführt werde, daß mich die Natur recht dazu erschaffen zu haben scheint, ein Autor, nach Ihrer Erklärung zu seyn; denn ich bin im Stande, viel Stunden hinter einander eine ganze Gesellschaft zu unterhalten, ohne daß man die geringste Spur eines Nachdenkens in mir entdeckt. Ich glaube, dieses würde genug seyn, Ihre Hochachtung zu verdienen; allein Sie wissen wohl, mein Herr, daß ein Autor am liebsten von sich selbst redet, und um deswillen werden Sie es nicht ungütig nehmen, wenn ich Ihnen noch ein kleines Verzeichniß meiner autormäßigen Fähigkeiten mittheile. Ich finde, wo ich mich nicht sehr irre, daß Sie der Himmel mit aller derjenigen Herzhaftigkeit ausgerüstet hat, welche Ihnen und Ihren Herren Collegen, in diesem streitbaren Jahrhunderte, so unentbehrlich ist. Aber sollten Sie nur die Ehre haben, mich genauer zu kennen; so würden Sie an mir einen deutschen Burmann , einen kritischen Panduren, mit einem Worte, einen solchen Kunstrichter finden, der an Dreistigkeit, und, wenn ichs sagen darf, an Unverschämtheit alle diejenigen übertrifft, welche bisher unserm Vaterlande so manche vergnügte Stunde gemacht haben. Bey Ihren Schriften, mein Herr, haben Sie keine andre Absicht weiter, als daß Ihr Name unsterblich, und die Bewunderung der spätesten Nachwelt seyn möge. Dieses ist der einzige Umstand, in welchem ich von Ihrer Sittenlehre abgehe. Ich schreibe zwar auch für die Nachwelt; deswegen aber mag ich nicht für die Nachwelt hungern, und wenigstens scheint mir derjenige eine sehr betrübte Figur zu machen, welcher mit dem Lorbeer auf dem Haupte, und einem leeren Magen, der Unsterblichkeit entgegensehen muß. Ich bin für das Vaterland geboren, und mein Vaterland ist für mich da. Die Pflichten gegen mich selbst bleiben mir allezeit die stärksten, und ich empfinde den innerlichen Beruf, ein Autor zu werden, niemals überzeugender, als wenn mich hungert. Ich will nicht hoffen, daß mir dieses freye Bekenntniß bey Ihnen zum Nachtheil gereichen wird; denn ich kenne meine Herren Collegen gar zu genau, und weis es aus der Erfahrung, daß sie niemals großmüthiger thun, als wenn sie die Freygebigkeit des Verlegers zur Unsterblichkeit aufgemuntert hat. Es war nöthig, Ihnen dieses alles im Voraus zu sagen; denn nunmehr werden Sie wohl einsehen, daß ich zwar ein Autor, aber ein solcher Autor bin, dem sein Leben so lieb ist, als sein Nachruhm. Wollten Sie daran nur im geringsten zweifeln, so darf ich Ihnen nur ein Wort sagen. Ich bin ein Poet, und eigentlich ein glückwünschender Poet; denn es darf es kein Mäcenat oder keine Mäcenatinn wagen, einen Namens- oder Geburtstag, oder ein andres Fest zu begehen, denen ich nicht auf einen großen Regalbogen mit vieler Lebhaftigkeit erzähle, daß ich mit der tiefsten Ehrfurcht, jedoch nicht ohne Ursache, verharre, der unterthänigst gehorsamste Autor. Ich würde mich gegen Sie, mein Herr, nicht so aufrichtig erklären, wenn Sie nicht selbst ein Bekenntniß von Ihrem guten Geschmacke in der Poesie abgelegt hätten. Ich weis wohl, was für Poeten auf ihre Hochachtung einen Anspruch machen dürfen. Leute, welche die Poesie zu andern Dingen, als zum Gratuliren und Condoliren, anwenden; Leute, denen die Fundgruben der edlen Reimkunst so wenig entdeckt sind, daß sie ihnen nicht, statt aller Wissenschaften, dienen können; Leute, welche das Amt, zu wünschen, für so geringe halten, daß sie dabey noch Zeit haben, etwa zu lernen; solche Leute, sage ich, verdienen Ihre und meine Betrachtung eben so wenig, als alle Autoren überhaupt, welche noch unter dem Zwange der Vernunft stehen. Da ich aber hievon völlig frey bin; so würden Sie gegen Ihren Mitbruder sehr barbarisch seyn, wenn Sie mir, bey meinen Umständen, die ich Ihnen gleich entdecken will, Ihr Mitleiden versagen wollten. Ich finde nämlich an meinem eignen Exempel, daß der Geschmack zu den schönsten Künsten und Wissenschaften leider in grossen Verfall gerathen ist. Es verlohnt sich beynahe nicht mehr der Mühe, daß man den Leuten alles ersprießliche Wohlergehen anwünscht. Ich erinnere mich der glückseligen Zeiten noch wohl, da Braut und Bräutigam noch nicht das Herz hatten, sich ohne unsre poetische Einsegnung zu Bette zu legen. Kein Magister durfte sich unterstehen, mit gutem Gewissen den Ring zu tragen, wenn er nicht wenigstens ein Dutzend gedruckte Zeugnisse von dem Besitze der sieben freyen Künste aufzuweisen hatte. Wir Poeten, (die Thränen treten mir in die Augen, wenn ich daran gedenke,) wir göttliche Poeten, hatten an der Geburt, und an dem Absterben unser Nebenmenschen eben so viel Antheil, als die Hebammen und Aerzte. So bald ein Kind auf die Welt kam, so schwuren wir, so lange wir noch Athem und Reime hatten, daß es des theuren Vaters Ebenbild und die Hoffnung des hohen Hauses, sowie des ganzen Vaterlandes wäre. Starb aber jemand, so war keine Muse auf dem Parnasse, welche nicht mit zu Grabe gehen mußte; denn es fehlte oftmals dem Wohlseligen an betrübten Erben, und dem Dichter an Geld. Bartholus und Baldus hatten keine ruhige Stunde; denn so bald ein gelehrter Herr Candidat, durch die weise Vorsehung seiner Mama, zum Priester der Gerechtigkeit eingeweihet wurde; so zog ich diese graubärtigen Rechtsgelehrten aus ihrer Gruft hervor, und ließ sie die Weisheit des jungen Herrn Doctors bewundern. Vergeben Sie mir, mein Herr, daß ich Sie mit Erzählung solcher Sachen aufhalte, die Ihnen nicht fremde sind, aber doch noch bekannter seyn würden, wenn Sie so, wie ich, unter Reimen und Wünschen grau geworden wären. Ich bin niemals weitläuftiger, als wenn ich auf die Glückseligkeit der vergangnen Zeiten zu reden komme, in welchen kein Handwerksmann lebte, der nicht auch zugleich ein Mäcenat war. Es geht mir, wie den alten Schönen, welche sich derjenigen Jahre mit Wollust erinnern, da sie der Gegenstand verliebter Seufzer und zärtlicher Blicke gewesen, aber eben um deswillen ein gerechtes Misfallen empfinden, da sie nunmehr ihre Schönheit verschwunden, und sich von der Menge ihrer Anbeter verlassen sehen. Wenn es so fortgeht, so muß ich der unglücklichste Mensch auf der Welt werden. Niemand verlangt etwas von meiner Waare. Man freihet, man stirbt, man wird geboren, und alles dieses ohne mich. Nichts Böses soll man den Leuten wünschen; wünschet man ihnen aber etwas Gutes, so wird es nicht bezahlt. Wo will hernach der Segen herkommen? Und sind unsre verstockten Mitbürger nicht selbst Schuld daran, wenn sie weder Stern noch Glück haben? Gewiß, mein Herr Autor, ich fürchte, es sind itzt die letzten Zeiten, und die Atheisterey, die Philosophie, der Undank – – –. O mein Herr, die Haare stehen mir zu Berge, wenn ich daran gedenke. Halten Sie mir meinen Eifer zu gute! Ich eifre nicht für mich, ich eifre für das Vaterland, für mein undankbares Vaterland, welches sich um tausend gute Wünsche, und mich um manchen Gulden bringt. Ich habe vielmals den Einfall gehabt, ob es nicht billig wäre, daß die Obrigkeit für die alten Poeten meiner Art eben die Sorgfalt trüge, welche sie für abgedankte Soldaten, oder für abgelebte Männer und Weiber hat. Sollte es nicht dem gemeinen Wesen sehr vortheilhaft seyn, wenn sie ein Gratulantenspital errichtete? Wenigstens sollte es mir ein besonders Vergnügen seyn, wenn ich den vorüberreisenden Fremden die Allmosenbüchse vorhalten, und ihnen, für ihre Gaben, Gottes reichen Seegen anwünschen sollte. Denn ich bin das Wünschen gewohnt, und um deswillen sollte mir diese Arbeit nicht schwer fallen. Ich werde es aber wohl nicht erleben, daß dieser gute Vorschlag jemals zu Stande kömmt, und um deswillen wird es nöthig seyn, daß ich auf andere Mittel sinne, welche zu meiner Erhaltung dienen können. Es hat mir ein vornehmer Gönner den Vorschlag gethan, daß ich um die Stapelgerechtigkeit ansuchen sollte, vermöge welcher nur ich allein, und sonst niemand, binnen zwanzig Meilen um meinen Aufenthalt herum, die Freyheit haben sollte, meinem Nächsten etwas Gutes zu wünschen. Allein zu geschweigen, daß mir dieser Vorschlag ein wenig zu weitläuftig aussieht; so fürchte ich mich auch der Sünde, da ich manche Seufzer und Thränen auf mich bringen, und die Menge meiner glückwünschenden Mitbrüder in die erbärmlichsten Umstände setzen würde. Ich habe noch einen andern Einfall. Sie sind berühmt, mein Herr Autor. Sie sind in den witzigsten Gesellschaften bekannt, und ich höre, daß ihre Worte nicht ohne Nachdruck sind. Thun Sie das Werk der Barmherzigkeit an einem unglückseligen Collegen, an einem Autor, an einem Poeten, der vor guten Wünschen bersten möchte! Empfehlen Sie mich Ihren Lesern zu freygebigem Wohlwollen! Sagen Sie ihnen, daß ich einen natürlichen Trieb zu singen habe; so werden sich Gönner genug finden, welche eine natürliche Begierde besitzen, besungen zu werden. Umsonst können sie es freylich von mir nicht verlangen; aber ich will es doch gewiß billig machen. Ich will sie alle loben, ich gebe Ihnen mein Wort; und ob ich gleich die Verdienste meiner Helden noch nicht weis, so gehört dieses doch nicht zur Hauptsache. Ich bin versichert, sie werden nicht unerkenntlich seyn, und schon dieses ist lobenswürdig genug. Damit Sie aber auch wissen mögen, wieviel Sie sich von meiner Fähigkeit zu versprechen haben: so will ich Ihnen einige Proben davon bekannt machen. Ich habe einen ziemlichen Vorrath schöner Gedanken, wovon die meisten bereits ausgearbeitet sind, und nur auf den Titel warten. Wollte aber jemand das Carmen auf seine besondern Umstände eingerichtet haben, oder wäre er etwa gar so glücklich, einen Namen zu führen, welcher zu sinnreichen und tröstlichen Einfällen Anlaß giebt; so bitte ich, mir solches nur zu melden. Man darf nur nach dem Gratulanten fragen; es kennen mich alle Kinder. Ich werde nicht undankbar seyn. Sie können Sich darauf verlassen; und ich wollte nichts mehr wünschen, als daß ich Ihren Vornamen wüßte, so sollte ein ganz Dutzend Götter in Ihrem Befehle stehen. Hier haben sie ein kleines Verzeichniß meiner Gedichte! Die Taxe steht gleich dabey, und Sie werden finden, daß sie billig ist. Uebrigens verharre ich, Mein Herr, Ihr bedrängter Freund und Diener, Der Gratulant.           Liste einiger bis auf den Titel fertigen Gedichte. Der gedrückte, aber erquickte Apollo. 1 Thlr. 8 gr. Der jauchzende Pindus über die höchstunvermuthete Ankunft des \&c. \&c. Dieses ist um den gewöhnlichen Marktpreis zu haben. Historisch-genealogische Nachrichten, wie viele aus Versehen den Gradum angenommen. Erster Theil. Der zweyte Theil soll künftiges Jahr fertig werden, weil das Werk sehr weitläuftig wird. 2 Thlr. Le Jour sans parail, oder die Sonne in Galla, bey dem höchsterwünschten Geburts- und Namensfeste \&c. \&c. kostet wegen des französischen Titels 4 gr. mehr, als gewöhnlich. Die träumende Clio. 1 Thlr. NB. Dieses ist eine spitzige Satire, und muß ohne Censur gedruckt werden. Ich habe mich niemals in dieses Feld gewagt; aber zu itziger Zeit brauchet man nichts. als Muth dazu. Der Eselskopf, noch eine Satire, nach dem heutigen Geschmacke, in der ironischen Schreibart abgefaßt. Ist nur für Leute, welche sich meiner Geschicklichkeit bey Streitschriften bedienen wollen. 1 Thlr. 12 gr. Zwey Dutzend Sonnette von verschiedenem Inhalte, in welchem der letzte Vers allemal der schönste ist, weil der geneigte Leser daselbst aufhören kann. Das Stück 8 gr. Ein Dutzend dergleichen etwas feiner, weil ich die Pointen unterstrichen habe. Das Stück 12 gr. Es kann aber auch in Batzen gezahlt werden. Wohlgemeinter Himmelssturm bey dem glücklich erlebten Neuenjahre. 16 gr. Die erbärmliche Verzweiflung der Götter, bey dem Grabe u. s. w. Bey der Bezahlung richte ich mich nach der Leiche, nachdem ich ihr viel oder wenig Tugenden andichten muß. Hitziger Streit zwischen der Tugend und einer reichen Weste, entschieden von der liebenswürdigen N. N. bey ihrer Verbindung mit u. s. w. ein Schäfergedichte, ist unter Brüdern 2 Thlr. 2 gl. 6 pf. werth. Die 6 pf. gehen ab, wenn es baar bezahlt wird. Hymen und die Reue, bey der im Himmel geschloßnen Ehe \&c. \&c. Dieses Stück will ich um 12 gl. lassen, weil es mir schon lange auf dem Halse liegt. Trauer- und Leichenrede über den gewaltsamen Tod der Wahrheit, oder wohlgemeinter Wunsch, als der Wohledle, Großachtbare, und Wohlgelahrte Herr, Herr – – von – – der – – eifrigst Beflißner auf der hohen Schule zu – – die schon längst verdiente höchste Würde der Weltweisheit, nach aller Gelehrten sehnlichen Wünschen, rühmlichst erhielt \&c. Dieses Stück wird umsonst ausgegeben. Ungefärbtes Zeugniß von den Verdiensten des \&c. ausgestellt von Alethophilo, kaiserlichen geschworenen Notario. Es darf sich niemand durch den Titel abschrecken lassen, denn es ist poetisch ausgeführt. 1 Thlr. Die Blindheit des Schicksals, ein Leichengedicht. Ist durch und durch philosophisch, weil ich es selbst nicht verstehe, und wider die Anhänger der besten Welt. Wird nach Belieben bezahlt. Anmerkung. Die Herren Ausländer müssen die Preise doppelt bezahlen, denn ich schreibe blos aus Liebe zum Vaterlande.   Gedanken des Autors über das Schreiben des Gratulanten. Der rechtschaffne Mann! wie sehr würde ich dem guten Geschmack aufhelfen, wenn ich ihn bey der Welt in einiges Ansehen setzen könnte! Es ist ohnedem aus mit unsrer Poesie; es ist ganz aus damit, denn man hat andre Begriffe von ihren Regeln, und Schönheiten, als ich davon habe. Die Vorschläge die er indessen von mir erwarten kann, sind leicht vorauszusehen. Ich bin der Autor: ich rathe also zum Drucke. Vielleicht thut die undankbare Welt die Augen auf, wenn sie seine Wünsche beysammen sieht! Wenigstens können doch die Einkünfte davon auf einige Zeit seine Seufzer hemmen. Sollte sich aber, weil der Geschmack sehr böse ist, kein Verleger finden; so will ich ihm eine Heirath vorschlagen, die ich vielleicht selbst suchen würde, wenn keine Philippine wäre. Folgende Liebeserklärung, welche schon vergangne Michaelmesse bey meinem Verleger eingelaufen, aus Versehen aber liegen geblieben ist, wird ihm mehr Licht geben. Allerschönster Herr Autor, Als ich gestern, meiner Gewohnheit nach, um die Zeit, wenn die jungen Herren und die Schriftsteller sich in der Allee sehen lassen, auch daselbst spatzierte, um aus der Gesichtsbildung die Gemüther der Menschen zu untersuchen; so begegnete mir eine ungemein artige Person, welche sich vor den andern allen unterschied. Der Herr hatte den linken Arm in die Seite gestemmt und sah sehr ernsthaft aus. Zuweilen lachte er auch, und schien sehr zufrieden mit sich selbst zu seyn. Er redete mit dem Munde und den Händen, ob er gleich ganz allein war; er drehte den Hut in die Runde, und als er bey mir vorbey gieng, wäre er aus Tiefsinnigkeit beynahe hingestolpert. Ich bin von Stunde an in ihn verliebt geworden. Waren Sie es, allerliebster Herr Autor? Ich bin eben nicht häßlich, und habe ein ziemliches Vermögen, daß ich Sie daher mit Dinte, Federn und Papier wohl versorgen wollte. Ich sterbe vor Ungeduld, ehe ich Nachricht erhalte. Ich bin, Allerschönster Herr Autor, Ihre demüthige Dienerinn, Elisabeth Contusch. N. S. Da ich unter meiner eignen Gewalt und Aufsicht stehe, so mag ich, ob ich gleich schon Doctorinn und Licentiatinn heißen könnte, doch keinen andern, als den Autor, heirathen. Ich lasse mir alle Morgen, bey dem Nachttische, wenn ich mir die Haare und das Gesicht zurichte, ein Stück von Ihren Schriften vorlesen, welche ordentlich hinter dem Spiegel liegen. Es ist, als wenn ich mir noch einmal so gut gefiele, wenn ich Sie ablesen höre. Wo ich mich erinnere, so hatte der Herr ein rund Gesicht, mit einer breiten Stirne.   Es ist nichts gewisser, als daß sich die Jungfer Contusch in ihren Muthmaßungen geirrt hat. Ich sage es zum andernmale, daß mich meine Arbeit nicht so viel Mühe kostet, daß ich nöthig hätte, dabey tiefsinnig auszusehen. Ich pflege auch nicht nachzudenken, wenn ich spatzieren gehe, sondern meine Schreibtafel setzt mich in Stand, auch da zu schreiben. Unfehlbar hat ihr also ein Poet begegnet. Und wie glücklich wäre der Zufall, wenn es mein Client gewesen wäre! Ich weis von guter Hand, daß das artige Kind noch nicht vor Ungeduld gestorben ist. Ich werde mir also ein besondres Vergnügen machen, zwo Personen zu vereinigen, die für einander geboren zu seyn scheinen. Wie artig wird es nicht lassen, wenn er ihr zu der Zeit, da sie sich das Gesicht zurichtet, seine Gedichte vorliest! Ich finde ohnedem in der Liste seiner Werke nichts verliebtes, und es wäre Schade, wenn er der Welt sein poetisches Talent, von so einer gefälligen Seite, verbergen wollte. Vielleicht stillt er mein Verlangen, wenn er wegen seines Magens in Sicherheit ist. Weil aber ein gewisser berühmter Schriftsteller sagt, daß man seit Erschaffung der Welt schon einige Beyspiele von dem Eigensinne des schönen Geschlechts aufzuweisen hätte; so könnte es leicht kommen, daß die Jungfer Contusch ihr Glück nicht erkennen, und eine Heirath ausschlagen wollte, wodurch sie alle Züge ihres Gesichts verewigen könnte. In diesem Falle ersuche ich meinen Herrn Clienten, nur nicht zu verzagen. Ich will für ihn sorgen. Nach dem Entwurfe, den ich mir von meiner künftigen Hoheit gemacht habe, ist es nunmehr Zeit, Streitschriften anzufangen. Ehestens werde ich meinen ersten Feldzug antreten. Mein Herr Client scheint über Ehre und Schande weg zu seyn, und solche Leute sind zu brauchen. Man frage mich nicht, wo meine Feinde sind, und wodurch man mich beleidigt habe? Vielleicht werde ich böse, daß mich niemand böse machen will. Ich weis freylich noch nicht recht, was ich für eine Ursache, den Frieden zu brechen, ergreifen werde. Es ist aber mein Trost, daß es nur Kleinigkeiten seyn dürfen, weswegen wir Antoren das Recht haben, uns unsinnig anzustellen. Crede mihi, leuia sunt, propter quae non leuiter excandescimus, qualia quae pueros in rixam et iurgia concitant. Nihi ex his, quae tam tristes agimus, serium est, nihil magnum. Seneca.   Ende des ersten Theils.       Beweis , daß die Reime in der deutschen Dichtkunst unentbehrlich sind, bey einer gewissen Gelegenheit im Jahre 1737 verfertigt. S. Belust. des Verst. und Witzes, Wintermonat 1741.       Nein! Länger schweig ich nicht! Mein Zorn bricht endlich los. Der Frevel wird zu kühn, der Uebermuth zu groß, Womit die blinde Welt der edlen Dichtkunst spottet, Ihr mit dem Falle droht, und sich zusammen rottet. Drey ganzer Jahr hab ich geduldig zugesehn, Wie ihre Feinde sich verschwören, sie zu schmähn, Wie weit die Barbarey in ihrer Wut gestiegen; Und dennoch hab ich stets vor Furcht und Gram geschwiegen. Vor diesem, wenn Lucil von Versen übel sprach, So schlich ihm unvermerkt mein junger Satyr nach, Und riß, durch Zorn beherzt, dem Spötter der Gedichte, Mit ungestrafter Hand, die Larve vom Gesichte. Das aber wagt ich nur, als ich ein Jüngling war: Mein reifender Verstand bemerkte die Gefahr. Mein scheuer Satyr sah das klägliche Geschicke, Das Vers und Wahrheit traf; bestürzt wich er zurücke, Warf seine Geißel hin, und fluchte seiner Kunst. Die Muse winkte mir, und hielt mir ihre Gunst, Und mein Versprechen vor; sie drohte, mich zu hassen, Verhieß, und bat. Umsonst! Ich schwur, sie zu verlassen; Ich schwur, und hielt es auch. Doch endlich siegt die Pflicht; Ich breche meinen Schwur, und schweige länger nicht. Die größten Flecken sucht, durch freches Splitterrichten, Der schönsten Poesie der Tadler anzudichten. Will ein erhabner Geist, ein zweyter Lohenstein, Des Phöbus Hofpoet, und erster Günstling seyn, Und der geneunten Zahl, mit reingewaschner Lippe, Im gläserhellen Quell des Pferdebrunns Enippe, Der Andacht Weihrauch streun; bricht sein erhitzter Muth, Beschwängert von der Kunst, durch Flammen, Blitz und Glut; Ruft er der Schwefelbrunst der donnerharten Flammen, Und ruft Megärens Zunft, und ruft den Styx zusammen: Tanzt er auf Stelzen her, wenn er Gewitter wälzt, Und eine Feuersbrunst des Herzens Marmor schmelzt; Läßt er rund um sich her des Unglücks Nordlicht glänzen; Macht er in Gleichnissen, seufzt Crien, weint Sentenzen: So kömmt ein Zoilus und ruft: Der Dichter schwillt! Sein ganzer Vers ist Rauch, sein Kopf mit Dunst erfüllt. Seht, wie er die Vernunft in Demantketten führet, Im Paroxysmus singt, und Oden phantasiret. Wenn unser Seladon so süß, so lieblich singt, Und seiner Lalage Zimmt, Mosch und Biesam bringt, Crystall und Perlen weint, den Kiel in Nektar tauchet, Zibeth und Calmus kaut, und Ambra von sich hauchet, Auf Nelken, Klee, Jesmin und Anemonen geht, Verzweifelt, wenn kein West bey seiner Schönen weht, Beklagt, daß seine Pein kein Thau, kein Balsam lindert, Die neue Welt erschöpft, und die Levante plündert, Zu sagen, daß sein Kind vor andern ihn entzückt, Das ganze Firmament in ihrem Aug erblickt, Und in ihr Angesicht, das wie die Venus stralet, Von Blumen aller Art, ein ganzes Chaos malet: Was meint ihr? Was vergilt die Müh des Seladon, Wenn er so kostbar reimt? Was ist sein ganzer Lohn? Man lachet über ihn. Der Neid, statt ihn zu preisen, Eilt gleich, ihm seinen Platz im Tollhaus anzuweisen. Rächt, Musen, euch und uns! Seht; wie die dreiste Welt Von Bürgern euers Reichs ein schnödes Urtheil fällt! Straft sie – – Doch haltet noch mit euerm Zorn zurücke! Es giebt der Spötter mehr! Kommt! Werfet eure Blicke Auf jenen frechen Schwarm, der voller Tücke schnaubt, Euch nach dem Herzen greift, und Ruhm und Lorbeer raubt; Ja gar, o Frevelthat! – ja gar, ach, soll ichs sagen! – Den Reim, den edlen Reim, will aus den Versen jagen. Eilt, Musen! Reißt den Blitz aus euers Vaters Hand! Der Schwarm wird mächtig. Eilt, eh er uns übermannt! Und kommt, und kämpft, und siegt, und schlagt die Feinde nieder, Und schützt den werthen Reim, das Hauptwerk deutscher Lieder! Denkt, Freunde, die ihr noch die Musen redlich liebt! Ihr, denen bloß der Reiz die ganze Größe giebt! Die ihr durch ihn allein die Zierden Deutschlands heißet, Und euch vor Hunger schützt! Denkt, was man euch entreißet, So bald man euch den Reim, den Witz der Verse, nimmt! Daß unser großer Bav noch seine Saiten stimmt, So manchen Namenstag in Demuth festlich feyert, Und mit geschickter Hand die Mahlzeit sich erleyert; Daß Mäv, der unsre Stadt durch seinen Ruhm erhebt, Er, seiner Brüder Schmuck, im Ueberflusse lebt: Daß Clelia nicht stolz den Dorimen verachtet, Und er nicht ganz umsonst nach ihren Küssen schmachtet: Daß Stentor sich mit Lust im Kupferstich erblickt, Und sich die halbe Welt vor seinem Lorbeer bückt; Daß itzt mein Pegasus nicht darf so ängstlich schäumen; Dieß alles macht allein die Kunst, geschickt zu reimen. Die Wahrheit schützt den Satz. Nehmt einen Todtenfluch, Ein buntes Quodlibet, das schönste Liederbuch, Das zierlichste Sonnet, das längste Hochzeitcarmen; Und streicht die Reime weg. Was bleibt? Nicht ohn Erbarmen Hört ihr, so lieblich es erst in die Ohren fiel, Nur Scherze, sonder Kraft, ein frostigs Wörterspiel, Ein abgenutztes Nichts, das immer wiederkehret, Und ein Geschwätz, das man beym Pöbel besser höret. Bewundert ehrfurchtsvoll des Reimes Zauberkraft, Der Bücher voller Schall aus einem Nichts erschafft! Der Reim? Wie? Dieser Zwang, der das Gedicht entseelet? So wirft ein Tadler ein. Der Henker, der uns quälet, Der Ordnung und Verstand auf seine Folter streckt, Die Wörter radebrecht, dem Dichter Angst erweckt, Selbst den Geduldigsten der Leser oft ermüdet, Der Wahrheit und Natur in schwere Fesseln schmiedet. Das Feuer – Frevler, schweig! Des Zwanges Mühsamkeit Bringt gegen ihn dich auf, und was du sprichst, ist Neid. Wie sollte wohl der Reim Verstand und Ordnung hindern, Der Wahrheit Abbruch thun, und Geist und Feuer mindern? Geh! Zähle selber nach! Sieh, viele reimen nicht, Von denen alle Welt aus einem Munde spricht, Daß sie den größten Schmuck aus alten Dichtern stehlen, Daß ihnen Feuer, Geist, Verstand und Ordnung fehlen; Sie reimen gleichwohl nicht. Daß zwar so mancher sitzt, Und voll Verzweifelung bey seinem Hübner schwitzt, Ein Dutzend Federn kaut, die Hände kläglich ringet, Und doch, nach langer Quaal, kein glücklichs Wort erzwinget, Das hinten reimen muß; das alles glaub ich dir, Das alles geb ich zu: Ich seh es wohl an mir. Was ist es aber mehr? Ein inniges Ergetzen, Wenn man den Reim erhascht, weis alles zu ersetzen. Wie oft, wie glücklich zerrt des Reims geheime Macht Den schönsten Einfall her, an den man nie gedacht. Gesetzt, es schlösse sich der erste Vers mit Wonne! So fällt ein kluger Kopf gleich auf die liebe Sonne . Er denket weiter nach; er folgt der edlen Spur , Beschreibt den ganzen Bau der wirkenden Natur , Erwischt den großen Bär, besinnt sich auf Callisten , Verflucht die Eifersucht, beseufzet, daß die Christen , (Gleich brachte mich der Reim auf unser Christenthum ,) Beseufzet, daß die Welt so wenig nach dem Ruhm Vergnügter Ehe strebt, und saget uns zur Lehre , Daß sich ein Mädchen leicht in einen Bär verkehre . Ihr Feinde dieser Kunst, gesteht es, daß ihr irrt. Hört selbst, wie schlecht ein Vers dem Ohre schmeicheln wird, Dem es an Reimen fehlt! Wagt es, bloß zu scandiren! Versuchts! Wen werdet ihr durch euer Lied wohl rühren? Tartüff der alte Schalk, betrügt die ganze Welt; Sevil ist lüderlich; Crispin ein dummer Kerl; Stax macht gelehrten Wind; Neran verdreht die Rechte; Florinde lebt verhurt; und Harpax ist ein Knicker; Clitande r – – Doch genug! Ihr gähnt und schlummert ein; Ich schlummre selber mit. Was könnte trockner seyn? Ein angehängter Reim kann alle Schäden heilen. Versucht es nur einmal! verändert diese Zeilen, Und sprecht: Tartüffe bleibt ganz unverbesserlich; Sevil lebt mit der Welt: Crispinus lebt vor sich; Stax ist ein weiser Mann; Neran ein Advocate; Florindchen lebt galant, und Harpax hält zu Rathe. Sagt selbst, nimmt dieß das Ohr nicht schmeichelhafter ein? Man liest, man lobet euch. Gesteht es, daß allein Der Reim den Dichter macht! fangt an, euch zu bekehren! Versöhnt der Musen Zorn, und lernt den Reim verehren! Es lebe, was sich reimt! Schon stimmt mir Deutschland bey, Daß ein geschickter Reim der Dichtkunst Kleinod sey. Ich kann zu meinem Ruhm die Schutzschrift nun vollenden: Denn, wem die Wahrheit hilft, der hat den Sieg in Händen. Ein Traum von den Beschäfftigungen der abgeschiednen Seelen. Dieser Traum ward zum erstenmal durch den Druck bekannt gemacht in den Neuen Beyträgen zum Vergnügen des Verstandes und Witzes, I. B. 2 St. 1744.     – – – Locus est et pluribus vmbris. Die Seelen beschäfftigen sich nach der Trennung von ihren Körpern am liebsten mit denen Sachen, an welchen sie im Leben aus dieser Welt ihr größtes Vergnügen gefunden haben. Dieser philosophische Lehrsatz, welcher noch etwas älter ist, als ich und Leibnitz , fängt wieder von neuem an, Mode zu werden; und weil ich eine ziemlich dauerhafte Natur habe, so hoffe ich, es noch zu erleben, daß er die beste Welt, und den zureichenden Grund verdrängen soll. Nur will ich wünschen, daß es nicht dem Grunde des Widerspruchs eben so gehen möge. Denn wenn diese drey Stücke alle auf einmal abkommen sollten; so dürften unsre philosophischen Stutzer in dreyßig Jahren eine sehr altväterische Miene machen, und ihre tiefsinnigsten Schriften, welche sie und ihre Verleger itzt bewundern, eben dem Schicksale unterworfen seyn, welches diejenigen Familiengemälde trifft, die man, wenn es hoch kömmt, bloß der alten Tracht wegen als eine Rarität noch aufhebt, gemeiniglich aber in die dunkelsten Winkel des Hauses stellt, um niemanden zu ärgern. Dem sey, wie ihm wolle; eine jede Sache ist der Mode unterworfen, und die Philosophie am meisten Der geneigte Leser wird dieses mit mehrerm ausgeführet finden, in meiner Vorrede zur neuen Auflage des vermehrten und verbesserten Bruckers , welche künftige Messe zu Cölln ans Licht treten soll, und worinnen ich unter andern durch Zeugen und Documente bewiesen habe, daß der Ruhm des leibhaften Newtons unsers Vaterlandes, des philosophischen Herrn – – die großen Manschetten nicht überleben werde. . Wenigstens ich werde mich über den Verlust dieser drey philosophischen Universalrecepte trösten lassen, wenn ich nur erfahre, daß meine abgeschiednen Seelen ihren Werth behalten. An der Betrachtung dieses Grundsatzes finde ich mehr Vergnügen, als an allen elektrischen Experimenten. Ich habe demselben oftmals viele Stunden lang nachgedacht, und allemal bin ich darüber in eine solche Entzückung gerathen, in welcher kaum ein Poet seyn kann, der im Namen eines Andern für Geld und gute Worte die Augen einer Phyllis besingt. Eben dieses ist Ursache, daß ich heute meinen Leser einen Traum von den Beschäfftigungen der abgeschiednen Seelen nach der Trennung von ihren Körpern vorlege. Im voraus aber muß ich eines und das andre erinnern, welches die Einrichtung meines Traums, und verschiedne Freyheiten betrifft, so ich mir darinnen genommen habe. Ich will es niemanden im Ernste zumuthen, daß er glauben solle, ich habe wirklich also geträumet, ungeachtet es eben nicht unwahrscheinlich ist. Ich kann es zwar nicht läugnen, der Traum ist ziemlich lang gerathen; aber in der Stadt, wo ich mich aufhalte, schlafen die Leute viel länger, als an andern Orten, und also träumen sie auch länger. Wer wollte mir es wehren, wenn ich ihn in Archangel geträumt hätte, wo man zu gewissen Zeiten lauter Nacht, und fast gar keinen Tag hat? Allein, ich habe nicht Ursache, so viel Umstände zu machen. Ich will es nur frey bekennen, ich habe geträumt, damit ich schreiben wollte. Dieses kann genug seyn, mein Verfahren zu rechtfertigen, und wer mehr Beweis fodert, der muß von dem gelehrten Herkommen gar nichts verstehen. Ohne Ruhm zu melden, weis ich alles, was zu einem orthodoxen Traume gehört. Man denkt nach; man schläft über diesem Nachdenken unvermerkt ein; man sagt im Traume etwas, das man vielmals nicht sagen würde, wenn man wachend, und seiner Sinne mächtig wäre; man erwacht unvermuthet. Kein einziges von diesen Stücken habe ich in meinem Traume so beobachtet, wie es nach den Regeln eigentlich hätte seyn sollen. Ich habe nicht nachgedacht, denn ich bin ein Autor nach der neuesten Mode; ich bin nicht unvermerkt darüber eingeschlafen; und was meinen Lesern etwan wiederfahren sollte, dafür kann ich nichts. Ich habe von allem dem, was hier steht, nicht ein Wort im Traume gehört und geredet; ja, da ich ein Advocat bin, so kann ich bey meinem zarten Gewissen bezeugen, daß mich dieser Traum um manche Stunde Schlaf gebracht hat. Ich bin nicht unvermerkt aufgewacht; dieses braucht keines Beweises, man darf nur bis zum Ende lesen. Mit einem Worte, alles dieses wird man in gegenwärtiger Schrift nicht finden, und dennoch muß sie, trotz allen Kunstrichtern, ein Traum seyn, ebensogut, als Herrn – – Träume, nach seiner Meinung, mathematische Beweise seyn sollen. Von den Freyheiten muß ich noch etwas sagen, welche ich mir in meinem Traume genommen habe. Ich habe meine abgeschiednen Seelen niemals ohne Kleider, und dergleichen Geräthe, erscheinen lassen. Ich kann eben nicht sagen, daß dieses aus einer besondern Schamhaftigkeit geschehen wäre, und ich muß zur Beruhigung unsrer jungen Herren und einiger meiner Leserinnen hier anmerken, daß meine Frauenzimmerseelen keine Halstücher, sondern, wenn es hoch kömmt, nur flüchtige Palatine tragen. Ich habe wichtige Ursachen, warum ich will, daß meine Seelen auch noch im Tode ihre Kleidung beybehalten sollen. Wie viele derselben würde ich nicht unglücklich machen, wenn ich ihnen ihre prächtigen Kleider nähme! Und wäre ich so unbarmherzig, einigen ihre reichen Westen zu rauben, wieviel hochwohlgebohrne Seelen würde ich nicht unter den Pöbel verstossen, welche doch in ihrem Leben zum unsterblichen Ruhme ihres Vaterlandes und ihrer Ahnen beym pyrmontischen Brunnen geschimmert haben! Das ist noch lange nicht genug. Wenn ich meiner Nachbarinn, dem witzigsten Frauenzimmer unsrer Gasse, ihre Bänder, Spitzen, Schminkfleckchen, und andre wesentliche Stücke ihres Verstandes contreband gemacht hätte; was würde sie in dieser philosophischen Ewigkeit für lange Weile haben! Celinde würde einen noch einmal so schweren Todeskampf ausstehen, wenn sie befürchten müßte, daß sie in jenem Leben ohne Reifrock und Fächer erscheinen sollte. Wie kläglich würde es um die Seelen unsrer galanten Stutzer stehen, wenn ich ihnen nicht erlauben wollte, Ferngläser zu brauchen, oder wenn ich so pedantisch wäre, und ihnen verwehrte, zu trällern, und zu pfeifen! Nein, das sey fern! Sie sollen trällern! Sie sollen pfeifen! und Celinde kann freudig sterben, so bald es ihr gefällt, denn sie soll auch ihren Mops mitnehmen! Nunmehr wäre der erste Zweifel gründlich und muthig aus dem Wege geräumt. Es wird mich bey weitem so viel Mühe nicht kosten, die andern Freyheiten zu entschuldigen, welche ich mir genommen habe. Ich habe es gewagt, die Seelen einiger Ausländer in unsre Gegend zu bannen. Ich habe Grund dazu. Wenn es wahr ist, daß die Seelen nach ihrem Abschiede aus diesem Leben, dasjenige am liebsten thun, womit sie sich in der Welt am meisten beschäfftigt haben; so muß folgen, daß die deutschen Seelen in fremde Länder, und fremde Seelen in unser Land kommen. Unser gelehrter Herr Professor Quintus Calpurnius , dessen gründliche Noten und edirte Schriftsteller ihn wenigstens auf drey Jahre verewigt haben, wallt zwar dem Leibe nach unter uns deutschem Pöbel; aber man merkt es ihm an den Augen, an seinen Gesprächen, und an seiner ganzen Aufführung an, daß seine Seele weit von hier ist, und ich müßte mich sehr irren, wenn sie nicht so gleich nach ihrer Auflösung vom Körper unter die verfallnen Gemäuer des alten Latiens sich verkriechen, oder vielleicht gar in dem gelehrten Schutte Griechenlands wühlen sollte, um ihren edlen Hunger nach Antiquitäten zu stillen. Die Seele des kleinen Junkers mit rothen Absätzen, welcher dort am Markte wohnt, wird man gewiß nirgends anders antreffen, als in den Tuillerien zu Paris; es müßte denn seyn, daß ihn der Wohlstand nöthigte, nach Versailles zu eilen, um dem Könige frühmorgens beym Aufstehen das Hemde zu reichen; denn eben dieses ist dasjenige, was er sich itzt am meisten wünscht, und wozu er, nach dem Urtheile der vernünftigsten Leute, sich am besten schickt. Sollten also die Seelen der Ausländer bey uns nicht eben so wohl etwas finden, welches sie neugierig machte, hieher zu kommen? Ich zweifle gar nicht dran. Burmanns Seele, die Seele des Bentley , die verketzernde Seele des Jurieu werden in Deutschland an mehr als an einem Orte die angenehmste Beschäfftigung und hundert theure Mitglieder der gelehrten Welt finden, welche ihnen den Rang streitig zu machen scheinen. Vielleicht ist Addison mehr als einmal auf meiner Studierstube gewesen, um zu sehen, wie sich ein Deutscher geberdet, wenn er ein Chronostichon macht. Sollte es wohl mit den abgeschiednen Seelen der Franzosen anders beschaffen seyn? Sie mögen uns gleich hundertmal Verstand und Witz absprechen; darinnen sind sie doch einig, daß unser Brodt nahrhaft ist, und je mehr sie auf uns lästern, desto dienstfertiger sind wir, sie zu ernähren, so, wie ein Papagoy bloß dadurch das Futter verdient, daß er seinen Herrn einen Hahnrey, und die gnädige Frau eine Hure heißt. Was ist wohl natürlicher, als daß sie auch nach ihrem Absterben in dasjenige Land kommen, wo keiner ein Narr ist, der französisch reden kann? Vielleicht flattert itzt, indem ich dieses schreibe, mancher hungrige Marquis über unsrer Stadt, und schimpft uns, damit er eine Ritterzehrung erhalten möge. Dieser Vorbericht war nöthig. Ich komme nunmehr zum Hauptwerke. Mir träumte, ich sey gestorben. Ich sahe den Körper, von dem sich meine Seele getrennt hatte, auf dem Bette mit eben der Gleichgültigkeit liegen, mit welcher man eine abgelegte Redutenmaske, oder Koch seine theatralische Kleidung ansieht, in welcher er nach Gelegenheit entweder als Prinz befohlen, oder als Kammerdiener Befehle angenommen hat. Ich werde nicht gern sehen, wenn mir jemand hierinnen widersprechen, oder mich gleich anfangs in meiner Abhandlung stören, und läugnen wollte, daß eine Seele ihren Körper so gleichgültig ansehen könnte. Bey mir ist dieses gar nicht unwahrscheinlich. Ich bin in einer kleinen Stadt gebohren und erzogen, in welcher kein junges Herrchen war, als des Amtmanns Sohn, und der Stadtschreiber. Ich habe um deswillen niemals Exempel genug gehabt, welche meine Seele verleitet hätten, sich mit ihrem Körper am meisten zu beschäfftigen: zu geschweigen, daß mein Körper eben nicht so gebaut gewesen, daß er mich in diesem Stücke zu einer merklichen Eigenliebe, oder zu besonders sorgfältigen Beschäfftigungen bewogen hätte. Ich berufe mich hierinnen auf den guten Geschmack meiner verstorbnen Frau, welche in ihrem Leben viel Körper gekannt hat, in deren Umgange sie weit mehr annehmliches und artiges zu finden vermeinte, als bey mir. Ich verlange also, daß man wenigstens meiner Frau glaube, wenn auch mein Zeugniß verdächtig seyn sollte. In Sachen, welche die Körper und Menschengesichter angehen, kann man dem Ausspruche solcher Frauenzimmer, wie mein liebes Weib war, sicher trauen; in andern hingen hingegen, welche den Verstand betreffen, bin ich gar wohl zufrieden, daß man gründliche Beweise fodere. Diese kleine Ausschweifung ist um so viel nöthiger gewesen, je mehr einem Geschichtschreiber daran liegt, daß man gegen seine Erzählungen nicht mistrauisch sey, oder seine Nachrichten für verdächtig halte. Ich erwarte also von meinen Lesern ohne weitere Complimente, daß sie in diese Gleichgültigkeit meiner Seele gegen ihren Körper weiter keinen Zweifel setzen. Der einzigen Chloris will ich nicht zumuthen, solches zu glauben; denn diese beschäfftigt sich mit nichts, als mit ihrem Gesichte, und einigen seufzenden Schäfern, denen nichts, als ihr Körper, und sehr wenig von der Seele bekannt ist, es müßte denn eine zärtliche Seele, eine holde Seele, eine grausame Seele, eine verzweifelnde Seele, oder andre dergleichen Seelen seyn, welche die arkadischen Dichter mit verliebten Händen alle Stunden schaffen und wieder zernichten können. Chloris mag es also immer nicht glauben; ich bin es zufrieden. Sie soll mir es aber auch nicht verwehren, zu behaupten, daß ihre Seele nach dem Tode beständig um ihren Nachttisch vor ihrem Spiegel, und um ihren Körper herumflattern, und vielleicht selbst beschäfftigt seyn wird, diesen noch im Sarge zu putzen. Ich komme wieder auf mich. Sobald ich meinen erblaßten Körper vor mir sahe, so eilte ich zu meinem Schreibepulte. Das habe ich gedacht, wird die erbitterte Chloris aus Rachbegierde rufen, das habe ich gleich gedacht! Die mürrischen Gelehrten werfen uns beständig den Nachttisch vor, und vielmals begehen sie doch vor ihrem Schreibepulte eben diejenigen Schwachheiten, welche man an uns vor unserm Nachttische kaum wahrnehmen wird. Mit ihrer Feder und Dinte treiben sie mehr Eitelkeiten, als wir mit unsrer Schminke und mit dem Brenneisen. In ihren Schriften bewundern sie vielmals ihre prächtige Größe und gelehrte Schönheit mehr, und doch mit wenigerer Gewißheit, als wir uns in Spiegeln. Ihre Eigenliebe, ihr Stolz, ihre Begierde, andern zu gefallen, ihre Eifersucht – – Es ist alles wahr, Chloris, aber itzt will ich weiter erzählen! Auf meinem Pulte lag der Entwurf zu einer Schrift, welchen ich noch den Abend vorher zu Papiere gebracht hatte. Ich wollte mich mit aller der Hitze, welche mir und vielen Gelehrten so natürlich ist, der Feder bemächtigen, um zum Troste meiner kritischen Mitbrüder diese wichtige Schrift zu Stande zu bringen. Allein, wie groß war nicht mein Entsetzen, da meine abgeschiedne Seele, als ein Geist, nicht vermögend war, die Feder aufzuheben, noch weniger aber, zu schreiben! Ich bin nicht im Stande, das Schrecken auszudrücken, welches mich deswegen überfiel, und dergleichen Angst empfindet wohl niemand, als ein Poet, welcher einen Reim sucht, und ihn nicht erhaschen kann. Siebenmal, und noch siebenmal bemühte ich mich zu schreiben; aber allemal umsonst. Ich wollte ein gewisses Register aufschlagen, welches mir so oft in meinen gelehrten Wehen geholfen hatte; aber auch dieses zu thun war ich nicht im Stande. Ich schlug die Hände über dem Kopfe zusammen, und bedauerte, wegen dieses unersetzlichen Verlustes meiner entworfenen Schrift, den Verleger, mein Vaterland, die Nachwelt; ja ich würde sagen, daß ich mich selbst bedauert hätte, wenn es unter uns Gelehrten eingeführt wäre, in diesem Punkte so offenherzig zu seyn. Genug, ich sahe, daß es mit meiner ganzen Gelehrsamkeit aus war, weil ich nicht mehr schreiben konnte. Das einzige, was ich zu meiner Beruhigung that, war dieses, daß ich zum Bücherschranke eilte, und mit einer recht väterlichen Zärtlichkeit alle diejenigen Bücher übersahe, welche durch meine unermüdeten Hände ihr Daseyn erhalten hatten. Hier stund ich so vergnügt, und entzückt, wie Aeltern, welche zwar selbst keine Kinder mehr zeugen können, aber doch an denen, welche sie bereits ans Licht der Welt gebracht haben, aus schmeichlerischer Eigenliebe so viel Verstand und Geschicklichkeit bewundern, als außer ihnen sonst niemand wahrnehmen kann. Vielleicht würde ich in dieser Stellung noch lange geblieben seyn, wenn ich nicht im Traume das freudige Schrecken wahrgenommen hätte, welches meine ungeduldigen Erben überfiel. Sie eilten so hungrig zu meinem Bette, als wenn ein Raub auszutheilen wäre. Ist er todt? Ist er auch gewiß todt? schrien sie. Ja! Endlich einmal ist er im Ernste todt! Geschwinde schickt nach dem Sarge, daß wir ihn unter die Erde bringen! antwortete ein Vetter von mir, und eine Muhme, welche durch mein Absterben alle diejenigen Tugenden zu erben hoffte, welche gewisse gründliche Liebhaber bey ihr zeither vergebens gesucht, und ihr um deswillen die Freyheit zu ihrem großen Verdrusse nicht geraubt hatten; diese Muhme vergoß viel Thränen, und würde mich, wegen ihrer unvermutheten Bekümmerniß, in großer Ungewißheit gelassen haben, wenn sie nicht alsbald, unter herzlicher Aufhebung ihrer Hände, mit lauter Stimme geseufzet hätte: Der ehrliche Vetter! Tröste ihn Gott! Es ist ihm recht wohl! Wir wollen ihm seine Ruhe gönnen! Dieses war die Losung zum Plündern. Den ersten Sturm hatte meine Geldcasse auszustehen. Meinen Kleidern und meinem Geräthe gieng es eben so. Sie thaten alles in eine Kammer, welche sie, wie ich hörte, wollten versiegeln lassen, und zwar von einem gewissen Manne, dessen Name mir entfallen ist, welcher aber ein ehrlicher und glaubwürdiger Mann seyn sollte, weil er ein großes Petschaft und zween Zeugen hatte. Bis hieher hatte ich meinen Erben ganz gelassen zugesehen: Als ich aber merkte, daß es über meine Papiere hergehen sollte, so fieng ich an, zu zittern. Alles ward aufs sorgfältigste durchgesucht. Gegen alle Briefe, in denen die Worte stunden: Leiste gute Zahlung, und nehme Gott zu Hülfe! hatten sie eine so andächtige Ehrfurcht, daß sie dieselben sorgfältig aufhoben; aber über ein paar Laus Deo schüttelten sie die Köpfe gewaltig, denn dergleichen Latein konnten sie gar nicht leiden. Endlich traf die Reihe meine gelehrten Concepte, welches mich recht wütend machte. Ich eilte voll Verzweiflung hinzu, sie zu vertheidigen; vielleicht aber würde ich dennoch zu unvermögend gewesen seyn, wenn nicht meiner Schwester Sohn, ein Meister von sieben freyen Künsten, wider seinen Willen mir beygestanden, und das ganze Packet unter den Tisch geworfen hätte, mit der Versicherung: Es sey nur Maculatur. Der Ignorant! Als meine Erben noch mit dieser Haussuchung beschäfftigt waren, merkte ich einen Haufen Bediente, welche im Namen ihrer Herrschaft ein gewisses Compliment hersagen mußten, das sie das herzliche Beyleid nannten. Die Bekümmerniß über meinen Tod mochte in der ganzen Stadt gleich stark, und allgemein seyn, denn ihre Formulare endigten sich alle mit den Worten: Daß der Himmel den betrübten Hinterlaßnen diesen empfindlichen Verlust durch anderweitige Glücksfälle reichlich ersetzen möchte! Allein der kräftigste Trost lag schon in der Kammer, und meine Muhme war so boshaft, einer gewissen Nachbarinn, welche ihr den Sohn eines reichen Kaufmanns abspänstig gemacht hatte, anwünschen zu lassen, daß der Himmel dieselbe vor dergleichen Trauerfällen jederzeit bewahren sollte. Nunmehr ward alles zu meiner Beerdigung veranstaltet, man eilte damit ganz ungewöhnlich, und, sobald der Schneider alles gekauft und zurechte gemacht hatte, was zu einer schmerzlich gebeugten Miene gehört; so gab man Geld über Geld, mich aus dem Hause zu bringen. Dieses geschahe endlich unter einer ansehnlichen Begleitung. Man brachte meinen Körper in die Kirche, mit Beobachtung aller derer kläglichen Gebräuche, so diejenigen verdienen, welche ein rühmliches Ende nehmen, und Mittel hinterlassen. Zuletzt trat noch ein Redner auf, welchem meine Erben in einem versiegelten Päcktchen vorher alle meine Tugenden begreiflich gemacht hatten. So zufrieden ich jederzeit in meinem Leben mit mir selber gewesen bin, so zweifelhaft war ich doch über dieser Lob- und Trauerrede, ob ich es auch wirklich sey, welchen er meine. Ich sah mich in der ganzen Kirche um, in der Meinung, vielleicht noch eine andre Leiche zu finden, auf welche alle diese Lobeserhebungen gehen sollten; ich fand aber dergleichen nirgends, und nunmehr merkte ich, daß ich es selbst in ganzem Ernste seyn müßte. Er nennte mich einen großen, berühmten, gründlichgelehrten Mann, eine Stütze der Wissenschaften, seinen Mäcenaten. Und das mochte noch gehen; für zwölf Ducaten war es eben nicht zu viel. Er verschwendete mehr, als zwanzig Figuren, die Bekümmerniß abzuschildern, welche meine Erben über das frühzeitige Absterben ihres Herrn Vetters empfunden, und diese waren aus Dankbarkeit so bescheiden, daß sie sich unter dem Flore versteckten, um ihn nicht öffentlich zu widerlegen. Er schrieb ihnen verschiedene andächtige Recepte vor, welche bey Stillung der Thränen sehr probat seyn sollten, das hätte der ehrliche Mann wohl ersparen können! Ich hörte ihm aber dennoch mit vieler Geduld zu. Endlich machte er es gar zu arg. Er schwur, und er schwur mit einer solchen Heftigkeit, daß er ganz braun im Gesichte ward; er schwur, sage ich, daß ich zwar ein großer Gelehrter, aber noch ein größerer Menschenfreund, ein starker Beförderer der schönen Künste und Wissenschaften, aber noch ein weit stärkerer Vertheidiger der Wittwen und Waisen gewesen wäre. Meine vergnügte und beglückte Ehe sey eine sichtbare Vergeltung dieser seltnen Tugenden gewesen. Brechet hervor! rief er, brechet aus eurer Gruft hervor, ihr vermoderten Gebeine der weiland Hochedelgebohrnen Frauen, Frauen – – – Himmel! wie erschrack ich, als ich hörte, daß er meine verstorbne Frau citirte! Ich floh, ohne mich umzusehen. Ich floh voll Angst zur Kirche hinaus. Aus Furcht, die hochedelgebohrnen Gebeine möchten mir nachkommen, schwang ich mich in die Höhe, und erblickte daselbst eine große Menge abgeschiedner Seelen, welche mir theils fremd, theils bekannt waren. Dieser unvermuthete Anblick setzte mich in Erstaunen. Ich machte vor Verwunderung ein paar so große Augen, wie ein Würzkrämer in Ritzebüttel, wenn er in seinem Leben zum erstenmale auf die Börse nach Hamburg kömmt. Eine so zahlreiche Versammlung von Geistern hätte ich mir an diesem Orte nimmermehr vermuthet. Alle ihre Beschäfftigungen kamen mir fremd und ungewöhnlich vor. Ich war neugierig, und doch unentschlossen. Ich wußte nicht, wo ich mich zu erst hinwenden sollte, und gleichwohl war ich noch nicht beherzt genug, mich zu einer von diesen abgeschiednen Seelen zu nahen, und sie um dasjenige zu befragen, was mir zweifelhaft war. Eine sehr lebhafte Seele, wie etwan die Seelen der jungen Herren seyn mögen, merkte diese meine Befremdung am ersten. Wir kannten beyde einander nicht; aber sie war so gefällig, daß sie auf mich zuflog, mich tausendmal auf das vertrauteste umarmte, und sagte: »Ganz unterthäniger Diener, mein allerliebster Herr Bruder! Ich bin erfreut, daß ich die Ehre haben soll, Sie hier zu finden. Kann ich Ihnen in etwas dienen, so bitte ich ganz gehorsamst, befehlen Sie nur. Nichts auf der Welt soll mir angenehmer seyn, als wenn ich im Stande bin, Ihnen eine Gefälligkeit zu erzeigen. Sie können Sich sicher auf meine Verschwiegenheit und Bereitwilligkeit verlassen. Nehmen Sie es nicht für ein bloßes Compliment an! Es ist, hol mich der Teufel! mein Ernst; ich steh allemal zu Dero Befehl.« Er umhalste mich von neuem, und ich war eben im Begriffe, ein so liebreiches Anerbieten mit vielem Danke anzunehmen, als er sich auf dem Absatze herumdrehte, mit dem Munde pfiff, mich allein ließ, und im Fortgehen mit einer heischern Stimme einige Verse sang, von denen ich weiter nichts, als diese Worte, verstehen konnte: Je quitterai le jour Plutôt, que mon amour, Quand j'aime, quand j'aime. Ich sahe, daß er einige Schritte von mir eine gleiche Dienstfertigkeit einer andern Seele, unter vielen Küssen und Umarmungen, zuschwur, welche er vielleicht eben so wenig kannte, als mich. Wenigstens verließ er sie eben so geschwind wieder, und ich konnte daraus schließen, daß seine ganze Beschäfftigung nur in Freundschaftsversicherungen bestünde. Dieser Vorfall hatte mich noch zweifelhafter gemacht, als ich anfangs gewesen war. Ich hatte das Herz nicht, mich nach demjenigen, was ich sah, zu erkundigen; aus Furcht, ich möchte noch einmal in die dienstfertigen Hände eines jungen Herrn fallen. In dieser Ungewißheit erblickte ich, nicht weit von mir, eine Seele, welche auf alles dasjenige aufmerksam zu seyn schien, was in dieser Gegend vorgieng. Ich merkte deutlich an ihr, daß sie noch etwas wichtigers, als eine bloße Neugierigkeit, aufmerksam machte. Zuweilen schienen ihre Mienen ernsthaft zu seyn, zuweilen aber verriethen ihre Blicke etwas spottendes, und, wenn sie auch lachte, so geschah dieses doch mit einer so edlen Art, daß man die deutlichsten Spuren von Mitleid und Liebe dabey wahrnahm. Ich würde sie um deswillen für niemand anders, als für die abgeschiedne Seele des englischen Zuschauers gehalten haben, wenn sie nur ein kurzes und breites Gesicht gehabt hätte. Weil ich es also nicht selbst errathen konnte, so faßte ich das Herz, mich ihr zu nähern. Ich eröffnete ihr mein Anliegen, und ich merkte, daß sie über meine Fragen vergnügt war. Sie reichte mir die Hand, und sagte: Ich will dein Verlangen erfüllen. Seitdem ich von meinem Körper getrennt worden, seitdem ist dieses mein einziges Vergnügen, daß ich auf die Handlungen der abgeschiednen Seelen Acht habe. Eben dieses war vormals meine Beschäfftigung, daß ich auf meine Mitbürger Achtung gab. Ich zeigte ihnen in Schriften, worinnen sie fehlten, und wodurch sie ihre Glückseligkeit befördern könnten. Folge mir! Du wirst alles erfahren, was dir nützlich seyn kann. Ich bat sie, mir ihren Namen zu sagen. Sie that es, nachdem ich ihr vorher in diesem Stücke alle Verschwiegenheit versprechen müssen. Meine Leser werden mir verzeihen, daß ich hierinnen mein Versprechen halten muß. Die abgeschiednen Seelen sind noch etwas gewissenhafter, als die Seelen der Liebhaber. Nicht weit von uns sah ich einen großen Zulauf von Seelen, und das Getümmel, welches sie verursachten, machte mir Lust, näher hinzugehen. Mein Führer warnte mich anfänglich, mit der Versicherung, daß man in diesem Gedränge gar leicht Schläge bekäme. Ich wagte es aber dennoch, und bat ihn, mich zu begleiten. Ich will es endlich thun, sagte derselbe; allein, entdecke mir vor allen Dingen, ob du ein Poet bist? Dieser Zweifel gieng mir durch die Seele, und in meinem Leben hätte ich es niemanden rathen wollen, eine so unbehutsame Frage an mich zu thun. Ich empfand den schmerzlichen Verlust meiner zurückgelaßnen Schriften auf einmal wieder. Ich war so thöricht, daß ich umkehren, und einige gedruckte Beweise holen wollte. Ich gab solches meinem Führer zu verstehen; allein, er machte mir eine so ernsthafte Miene, daß ich mich über meine Autorschaft zum erstenmale schämte. Ich versicherte ihn also nur mit furchtsamen Geberden, daß ich in meinem Leben kein Feind der Dichtkunst gewesen wäre. Das ist gut, sagte er, ich habe diese Frage deswegen an dich gethan, weil man sich in dieser Gegend, welche du betrachten willst, ohne eine Kenntniß der Gemüthsarten, und Ausschweifungen der Poeten in gar nichts finden kann. Du wirst wunderliche Gegenstände sehen. Es scheint, als ob sich die Natur an diesem Orte verloren hätte, und du wirst finden, daß daselbst alle Handlungen nicht so sind, wie sie natürlicher Weise zu seyn pflegen, weil dergleichen Poeten nicht so denken, wie sie natürlich denken sollten. Die ganze Gegend, fuhr er fort, wird besonders von einer Seele in Bewegung gesetzt, welche sich in ihrem Leben durch possierliche Handlungen von andern unterschieden hat. Ihr ganzer Aufzug sieht einem Traume ähnlicher, als einer wirklichen Begebenheit, welches eben daher kömmt, daß diese Seele mit dergleichen Träumereyen sich in ihrem Leben am meisten beschäfftigte. Sie hat in jener Welt die edlen Bemühungen vernünftiger Männer um den guten Geschmack sehr übel verstanden. Was jene durch Wissenschaft und Bescheidenheit erhielten, das suchte sie durch Geschrey und Ungestüm vergebens zu erhalten. Mein Führer wollte weiter reden; allein, ich war aus Neubegierde so ungeduldig, daß ich ihn bey der Hand faßte, und mich durch den Pöbel drängte. Ich sah auf einem hohen Gerüste eine Seele, in der gewöhnlichen Pracht eines Marktschreyers, für welchen ich ihn gewiß gehalten haben würde, wenn nicht, wie gedacht, mein Führer mir vorher gesagt hätte, daß es ein Charlatan des guten Geschmacks sey. Er hatte sich auf einem erhabnen Orte, wo er alles übersehen, und ein jeder auch ihn wahrnehmen konnte, das Gerüste erbaut. Jedoch war die Architektur daran sehr gothisch und abgeschmackt, und die Verzierungen waren ganz ungleich. Einige Stücke davon bestunden in Schnitzwerke, welche sehr prächtig und mit vieler Kunst ausgearbeitet zu seyn schienen. Mein Führer versicherte mich, daß dieser Charlatan solche aus alten Tempeln entwendet, in welchen man sie als merkwürdige Ueberreste der griechischen und römischen Architektur aufgehoben, verschiedne aber durch einige seiner Bande, so er zu London und Paris deswegen unterhalten, erbeutet hätte, und nunmehr so unverschämt sey, solches für seiner eignen Hände Arbeit auszugeben, ungeachtet man ihn mehr als einmal seiner Dieberey zu überführen gewußt, und ihm so gar die Oerter genannt, wo er sie herbekommen habe. Diese Nachricht schien mir sehr glaublich, denn ich sah, daß diese gekaperten Zierrathen kaum den vierten Theil seines Theaters ausmachten, die übrigen drey Theile aber aus Klötzern, und ungehobelten Bretern, zum Theile aber aus Puppenwerke und solchem Geräthe bestunden, welches man den Kindern zum Spielen giebt. Alles dieses war sehr unordentlich zusammen genagelt, und es schien so baufällig zu seyn, daß es alle Augenblicke einzufallen drohte. Es würde vermuthlich auch geschehen seyn, wenn nicht verschiedne Personen, welche seine Liverey trugen, solches mit vieler Sorgfalt unterstützt hätten. Gleichwohl schien bey diesen mißlichen Umständen ihr Principal ganz unbesorgt zu seyn. Er gieng mit starken Schritten auf diesem Gerüste hin und wieder, und so oft er seine Medicamente anpries, so redete er mit einer solchen zuversichtlichen Stimme, daß das ganze Gebäude davon erschütterte. Niemals habe ich etwas übermüthigers gesehen, als diesen Charlatan. In seinem Gesichte war er sehr häßlich und ungestalt; gleichwohl konnte man es ihm von weitem ansehen, daß er sich geschminkt hatte, und dem ungeachtet war er so eitel, zu glauben, daß er der schönste Charlatan seiner Zeit sey. Man hat es, wie mir mein Führer erzählt, vielmals versucht, ihm aus seinem Irrthume zu helfen, und ihm um deswillen Spiegel vorgehalten: Allein dadurch ist er jedesmal so erbittert geworden, daß er nicht allein die Augen fest zugedrückt, sondern auch den Spiegel selbst mit einem Knittel, den er gemeiniglich seinen Beweis zu nennen pflegte, zerschlagen, und auf diejenigen losgeprügelt, welche es mit ihm so redlich gemeint, und ihm seine Häßlichkeit zeigen wollen. Seine Kleidung sah natürlich so aus, wie das fürstliche Gewand eines von denen theatralischen Prinzen, welche in kleinen Städten die Jahrmärkte besuchen, und ihre ganze Monarchie auf dem Schubkarren herum führen. Sie war an verschiednen Orten dergestalt zerrissen, daß sie nicht einmal seine Blöße völlig bedeckte, welchem Uebel er dadurch abzuhelfen suchte, daß er über die Löcher verschiedne Sinngedichte und Heldenoden klebte, welche seine Anhänger ihm zu Ehren verfertigt hatten. Bey den gemeinen Marktschreyern habe ich gefunden, daß sie ihr Theater durch Anklebung verschiedner Zettel ansehnlich machen, welche dem Pöbel von ihren verrichteten Wunderwerken Nachricht geben, und daß sie ihre Geschicklichkeit durch die erdichteten Privilegien von Allerunüberwindlichsten, Allerdurchlauchtigsten, und Großmächtigsten Häuptern glaubwürdig machen wollen. In diesem Stücke war es hier ganz anders beschaffen. Sein Theater war über und über mit Dedicationen und Vorreden beklebt, und an denen Orten, welche am meisten in die Augen fielen, war sein Bildniß unter vielerley Gestalten zu sehen, welche jedoch wenigstens darinnen einander ähnlich sahen, daß sie allerseits entweder mit Lorbeerzweigen oder mit einem gewissen Glanze ausgeziert waren, der die Unsterblichkeit vorstellen sollte. An statt der Privilegien aber führte er einen großen Blasebalg in der Hand, welchen er allemal zusammendrückte, so oft er von der Liebe zum Vaterlande redete. Einen Umstand kann ich nicht unberührt lassen, weil er mir einige Nachricht von der Religion unsers Charlatans gab. Auf der ersten Seite des Theaters stund das Götzenbild eines Frauenzimmers. Dieses trug eine Krone von Federspuhlen, welche nach Art der Amerikaner in einer Rundung aufgestellt waren. An derselben hiengen die Namen verschiedner alter und neuer Schriftsteller, welche sie als Ketzer zum Tode verdammt hatte, weil sie sich geweigert, sie als eine Gottheit anzubeten. Ihr Kopf, welcher keine Augen hatte, war ungeheuer, noch größer aber ihr Bauch, und hierinnen habe ich nichts ähnlicher gesehen, als den Abgott der alten Deutschen, welchen sie den dicken Püster nennten, und dessen sich die Betrügerey der heydnischen Priester zum Schrecken des Volks zu bedienen wußte, wenn sie ihn durch ein geheimes Triebwerk Feuer speyen ließen; ungeachtet er nur ein Klotz war. Ihre Hände waren sehr stark und plump. In der linken hielt sie ein Fernglas, welches sie aber nicht brauchen konnte, weil sie blind war; gleichwohl merkte ich, daß sie es für ihr Gesicht hielt, um den Mangel der Augen zu verbergen. In der rechten Hand hatte sie ein Gefäß voll Dinte, das sie denen in die Augen zu schütten drohte, welche sich nicht entschließen konnten, sie für eine Gottheit zu erkennen. Sie saß auf einem sehr erhabnen Throne, welcher aber nur aus einem aufgeblasenen Schlauche bestund, so wie etwan diejenigen gewesen sind, in denen die Götter der Heyden ihre Winde verwahrten. Unter ihren Füßen lag ein nacktes Frauenzimmer, dessen Name mir unbekannt blieb, welches aber vermuthlich ihre ärgste Feindinn seyn mochte. Diesem Götzenbilde nahte sich unser Charlatan, so oft er merkte, daß seine Hitze und sein Eifer für das allgemeine Wohl einigermaaßen nachließ. Er betete sie mit eben der Niederträchtigkeit an, mit welcher er selbst verehret seyn wollte, und opferte ihr jedesmal auf einem kleinen Altare einige gelehrte Blätter, welche bloß dadurch das Feuer verdient hatten, weil nicht er, sondern ein andrer, sie geschrieben. Das sicherste Zeichen einer gnädigen Erhörung war dieses, wenn ihm unter seiner andächtigen Beschäfftigung der Schaum vor den Mund trat, und er ein gelehrtes Zucken in seinen Händen empfand, so wie es etwa bey den heftigsten Paroxysmus neidischer und zänkischer Schriftsteller seyn mag. Dieses Augenblicks bediente er sich mit großem Nutzen, und alsdann war er am geschäfftigsten, seine gelehrten Medicamente unter die Zuschauer auszutheilen, ihnen die probatesten Recepte des guten Geschmacks vorzuschreiben, und von denen Wundern zu erzählen, welche diese Universalarzneyen bey verschiednen seiner kindlichgehorsamsten Patienten gewirkt, die sie mit offnem Munde verschlungen hatten. Sein größtes Geheimniß bestund in einer gewissen Art Pillen. Eine jede Dose davon, wickelte er in eine von den Lobschriften, welche man ihm zu Ehren, und der Nachwelt zur Erbauung, verfertigt hatte, und dadurch erlangte er einen doppelten Nutzen, weil er auf solche Art den Leuten seine Pillen, und seinen Ruhm, zugleich beybrachte. In der That hatten diese Pillen eine erstaunende Wirkung. Kaum hatte sie der Patient eingenommen, als er ein heftiges Grimmen im Gehirne empfand, das so lange anhielt, bis sich die Natur half, welches aber nicht nach dem ordentlichen Laufe der Natur geschah; sondern alle Unreinigkeiten giengen durch die Finger weg; und was mir dabey am seltsamsten vorkam, so fiengen die meisten der Patienten diese Unreinigkeiten mit einem Papiere auf, welches sie sodann mit einer demüthigen Verbeugung ihrem Arzte selbst widmeten, und zu fernerer Beförderung des guten Geschmacks überreichten. Sodann erhielten sie von ihm die Gewalt, unter seiner Aufsicht andre zu curiren. Ich habe gemerkt, daß sie in ihrer Cur oftmals viel heftiger waren, als ihr Oberhaupt, und ich habe es mit meinen Augen gesehen, daß einer derselben nur einige Schritte von mir einem der Zuschauer eine ziemliche Anzahl Pillen in den Hals steckte, um ihn auch wider seinen Willen von dem übeln Geschmacke zu curiren. Ich habe vergessen, zu erinnern, daß der Anführer dieser kleinen Charlatane erschreckliche Abentheuer von seinen Curen zu erzählen wußte. Das war ihm viel zu wenig, zu sagen: Diesen oder jenen gebrechlichen Mann habe ich durch meine herrlichen Elixiere, durch meine vortrefflichen Pillen curirt! Nein! zum wenigsten sein ganzes Vaterland war es, dem er geholfen hatte, und so oft seine Pillen bey einem Patienten so, wie ich oben erzählt habe, durchschlugen, so oft gratulirte er auch dem ganzen gemeinen Wesen. Beynahe hätte ich den wichtigsten Umstand ganz mit Stillschweigen übergangen. Ordentlicher Weise haben unsre Marktschreyer etliche Schnuren angereihter Zähne an dem Halse hangen, welche sie preßhaften Patienten ausgerißen haben, und nunmehr als Siegeszeichen herumtragen. Meine Leser können wohl glauben, daß unser Arzt dergleichen redende Zeugen seiner Geschicklichkeit und Erfahrung eben so wohl an sich hangen hatte. Zwar waren es keine Zähne, an deren Stelle aber eine große Schnur zusammengereihter und auserlesener Donatschnitzer, welche er aus den Schriften gelehrter Männer herausgehoben hatte. Ich konnte mich bey dem Anblicke dieser kostbaren Pracht unmöglich des Lachens enthalten; zu meinem größten Unglücke aber ward ich von einem dieser witzigen Adepten darüber entdeckt, welcher sich durch die andern Geister drängte, und indem er auf mich zueilte, einmal über das andere rief: Halt auf! Halt auf! Ich suchte mich unter dem Volke zu verbergen; er fand mich aber dennoch, und als er mich angepackt hatte, sagte er: Lasse sich der Herr curiren! Der Herr hat den Staar, einen gefährlichen Staar! Er kömmt nicht aus meinen Händen, bis ich ihm denselben gestochen habe! Halte der Herr im Guten, oder ich brauche Gewalt! Hier half weder Bitten noch Drohen; er fiel über mich her, warf mich zu Boden, und ich würde gewiß die erschrecklichsten Experimente haben ausstehen müssen, wenn nicht mein Begleiter, ich weis nicht mehr, was für ein Mittel, ausfündig gemacht hätte, mich den Klauen meines barbarischen Wohlthäters zu entreißen. Indem ich noch vor Schrecken außer mir war, so kam ein Schatten, welcher diese Gewaltthätigkeiten von ferne wahrgenommen haben mochte, in vollem Laufe auf mich zu. »Protestiren Sie, mein Herr, rief er, als er wohl noch zehen Schritte von mir war, protestiren Sie! Ergreifen Sie das heilsame beneficium appellationis! Sie können es bezahlen, ich sehe es Ihnen an, Sie haben die gerechteste Sache von der Welt. Ich diene Ihnen mit Vergnügen, und ich will es billig machen. Sie sollen es erfahren. Wir wollen unsern Gegner ermüden, bis er selbst kommen und einen Vergleich anbieten soll. Ich will Ihnen für ein weniges Geld Zeugen schaffen, so viel Sie verlangen. Befehlen Sie etwa alte Documente? Ich will gleich welche zurechte machen. Wir wollen die Sache durch alle Instantien durchsetzen, und verlangen Sie es, so müßte ich meine Praxin schlecht verstehen, wenn ich es nicht in möglichster Kürze dahin bringen wollte, daß Ihr Rechtshandel in dreyßig Jahren noch eben so verwirrt aussehen sollte, als er itzt ist. Ich bin recht dazu geboren, meinen bedrängten Clienten beyzustehen. Feige werde ich, dem Himmel sey Dank, auch durch nichts, und im Schreiben bin ich unermüdet, so lange ich noch einen Finger rühren kann. Aber Geld müssen Sie freylich haben; denn ich und Ihr Richter können ohne Geld die Sache nicht recht einsehen. Was betreffen denn Ihre Streitigkeiten? Machen Sie mir nur einen kleinen statum caussae, einen ganz kleinen statum caussae. Aber ja kurz, so kurz als immer möglich, denn ich bin kein Liebhaber von Weitläuftigkeiten.« Ich erstaunte über die boshafte Dienstfertigkeit dieser kleinen geschwätzigen Seele, die so voll Begierde nach einer gerechten Sache um mich herum sprang, daß sie nicht ein Auge von meinem Schubsacke verwandte. Ich fieng schon an, zu zweifeln, oh ich den praktischen Händen meines rechtlichen Beystandes entgehen, und ohne Proceß von ihm loskommen würde, als ich mich besann, ihn zu bitten, daß er mir sein Wort halten, und in einer sehr wichtigen, meine Ehre und ganze Glückseligkeit betreffenden Sache, die ich ihm gleich entdecken würde, treulich beystehen, vor allen Dingen aber bey meinem Richter es dahin bringen sollte, daß ich das Armenrecht erlangen möchte. »Das Armenrecht! rief er mit einer kleinmüthigen Stimme. Ich wollte Ihnen gern dienen; aber ich mache mir ein Gewissen daraus, eine Sache anzunehmen, welche ich gleich beim ersten Anblicke unbillig finde. Streiten Sie ja nicht, Sie haben das größte Unrecht von der Welt! Vergleichen Sie Sich in der Güte, ich rathe es Ihnen wohlmeinend. Zum wenigsten werde ich mich wohl hüten, an Ihrem boshaften Vorhaben Theil zu nehmen, Sie sollten sich schämen, einem ehrliebenden und gewissenhaften Advocaten, wie ich bin, dergleichen Antrag zu thun! Leben Sie wohl!« Ich freute mich, daß ich ein Mittel gefunden hatte, mich auf eine solche Art von diesem verdrüßlichen Handel los zu wickeln. Doch diese Freude war nur von kurzer Dauer. Denn ehe ich mich es versah, sprang eine Seele mit einem großen Körper hinter einem Busche hervor, und auf mich los. Ich erschrack, wie leicht zu glauben ist, da ich mir an diesem einsamen Orte von einem so unvermutheten Ueberfalle nichts gutes versprechen konnte. Ich floh, ohne mich umzusehen, und war vor Angst außer mir, als ich fühlte, daß man mich bey den Haaren hielt. Ich wandte mich um, in der Absicht, meinem Verfolger zu sagen, daß ich kein Geld hätte. Aber wie groß war mein Erstaunen, als dieser sich mit einer demüthigen Geberde, jedoch, ohne meine Haare loszulassen, vor mir bückte, und zu mir sagte:   Der Ehrfurcht gieb es Schuld, gepriesner Mäcenat, Daß ich aus reger Glut, mit demuthsvollen Händen,   Den Wunsch – – Ich habe nicht einen Dreyer in meinem ganzen Vermögen; war meine Antwort. Darauf ließ er mich mit einer verächtlichen Mine los, und ich sich ihn zu einem großen Schwarme kleiner Geister eilen, welche einer dicken Seele nachliefen, aus deren prächtigem Anzuge man ihre großen Verdienste und Gaben einigermaaßen wahrnehmen konnte. Ihr Geschrey war so verwirrt, daß ich anfangs nicht zu errathen vermochte, was es bedeuten sollte. Ich wagte es aber, näher hinzuzugehen, und hörte einen Mischmasch von Altären, von Zierde des Vaterlandes, von Wundern seiner Zeit, von Nachwelt, von Unsterblichkeit, und von hundert schönen Sachen, deren eine jede, durch die Bank gerechnet, wenigstens einen Gulden werth war. Besonders kam mir eine etwas klare Stimme sehr bekannt vor, welche, um ihr Anliegen recht feurig zu verstehen zu geben, immer über das dritte Wort, O! rief. Es war lustig anzusehen, wie unermüdet diese kleinen Geister ihrem besungnen Helden nachliefen, welcher, wie man deutlich merken konnte, von dem vielen Weihrauche mehr und mehr aufschwoll, und durch seine hohen Blicke zu verstehen gab, daß er sich dieses Ruhms allerdings nicht unwürdig erkennte. Endlich erbarmte er sich seiner Clienten, kehrte sich um, und blieb stehen. Dieses vermehrte den Lärm. Die kleinen Seelen stolperten über einander weg, und drängten sich, weil eine jede die nächste seyn wollte. Sie hielten die offnen Hände empor, und sahen alle mit sehnlichen Blicken auf den patriotischen Geldbeutel ihres theuern Gönners, welcher auch in der That großmüthig genug war, und durch eine reiche Spende ihren ehrfurchtsvollen Magen befriedigte. Ich fragte eine davon, welche sich vor andern hervorgethan, und ganz aus dem Athem vergöttert hatte; wer denn dieser berühmte und tugendhafte Mann sey? wie er heisse, wodurch er sich um sein Vaterland so verdient, und eines so ausnehmenden Lobes würdig gemacht hätte? Das weis ich alles nicht, antwortete sie mir kaltsinnig; aber heute ist sein Geburtstag! Zwo Seelen, die ich anfangs für Bierschröter ansahe, welche aber, wie ich von meinem Begleiter erfuhr, in ihrem Leben Kritici, und ganz abscheulich gelehrte Männer gewesen seyn sollten, verursachten einen großen Auflauf in der Gegend vor dem Stadtthore, wo sich sonst zu gewissen Zeiten die Ringer und Klopffechter von dem Pöbel bewundern lassen. Sie hatten einander auf die grimmigste Art bey den Haaren angefaßt, und ein jeder bemühte sich, den andern zu überwältigen. Dieser Kampf war merkwürdig, aber auch ungewiß, weil sie einander beyde gewachsen waren. Ich war nicht im Stande, einige Nachrichten von den Ursachen ihrer Verbitterung zu erfahren: denn alles, was ich noch hören konnte, waren solche Schimpfwörter, welche vielmals der witzigste Kutscher nicht gelernet hat, wenn er auch in seiner Muttersprache noch so stark ist. Endlich fiel der eine mit grosser Heftigkeit zu Boden. Sein Ueberwinder mochte vermuthlich gerechte Sache haben, denn er schlug, aus Liebe zum Vaterlande und zu den schönen Wissenschaften, ganz unbarmherzig mit geballter Faust auf ihn zu. Sie besudelten sich beyde, und erregten einen solchen Staub, daß ich nicht vermögend war, weiter etwas von ihnen zu sehen. Ich richtete also meine Aufmerksamkeit auf die Umstehenden, welche auf verschiedne Art an diesem Abentheuer Antheil zu nehmen schienen. Einige waren so muthwillig, daß sie durch ein unaufhörliches Huß! Huß! diese erhitzten Vertheidiger der Wahrheit in ihren kritischen Untersuchungen noch mehr anfeuerten, und so oft ein Schlag geschah, so oft bezeigten sie durch ein leichtsinniges Händeklopfen ihren Beyfall; ja, ich sah so gar, daß einige unter ihnen den Kämpfern Geld zuwarfen, wodurch sie dieselben ganz wütend zu machen wußten. Einige der Zuschauer lachten. und diese schienen mir am meisten unpartheyisch zu seyn, weil sie beyde für unsinnig hielten. Andre waren bemüht, die Streitenden aus einander zu reissen; aber, sie bemühten sich nur vergebens, und verschiedne waren so unglücklich, daß sie von ihnen in dieser Unordnung für ihre guten Absichten empfindliche Stösse bekamen. Die meisten nahmen Antheil an dieser Zerrüttung, und es schien beynahe ein allgemeiner Krieg zu werden. Ein jeder schlug seinen Nachbar in die Augen, ohne ihn zu kennen, oder zu wissen, warum? Verschiedne, welche man vorher gar nicht gesehen noch gekannt hatte, und welche ganz ruhig hätten bleiben können, verliessen ihren Ort, eilten hinzu, und holten sich Schläge, nur in der Absicht, damit man sie kennen lernen möchte, und sie schienen recht vergnügt zu seyn, wenn sie sahen, daß man auch über sie lachte. Endlich wurden unsre beyden Fechter, welche alle diese Unruhe veranlaßt hatten, ihres Streits müde. Sie giengen von einander, und ich war so verwägen, den Ueberwinder, welcher den andern von seinem guten Geschmacke so handgreiflich überführt hatte, zu fragen, was die Ursache ihres hitzigen Kampfs gewesen sey. Vermuthlich, sagte ich zu ihm, haben Sie, mein Herr, Sich des wahren Wohls Ihres Vaterlandes angenommen. Vermuthlich haben Sie eine Wahrheit zu vertheidigen gewußt, ohne welche viel tausend Menschen unglücklich hätten werden müssen. Ist es nicht das ewige, so wird es doch wenigstens das zeitliche Wohl ihrer Mitbürger seyn, welches Sie mit Hindansetzung Ihres Ruhms und Ihrer Ehre vertheidigt haben. »Ach! Noch viel mehr! war seine Antwort; Noch etwas viel wichtigers! Solche Kleinigkeiten gehen mich nichts an! Bedenken Sie nur einmal, mein Herr, bedenken Sie nur einmal den Rasenden, den Unsinnigen, das Scheusal der gelehrten Welt, den – O! –« weiter konnte er vor Zorn nichts sprechen. Was ist denn aber das Erschreckliche, das dieser Rasende, dieser Unsinnige begangen hat? »Die ganze Natur möchte sich entsetzen! antwortete er mir. Abscheulicher ist es niemals erhört worden! Turnus! Die Haare stehen mir zu Berge, wenn ich dran gedenke! Ueberlegen Sie es nur selbst! Turnus, spricht der verstockte Bösewicht, habe blaue Augen gehabt. Und ich, mein Herr, als ein so berühmter Scholiast, der schon vor zweyhundert Jahren ein grosser Mann gewesen ist; ich habe es ihm aus einer Stelle des Virgils bewiesen, daß Turnus schwarze Augen hatte, und gleichwohl hat er mir öffentlich widersprochen, da er doch mein Schüler gewesen ist? Ist das wohl erhört?« Wer war froher, als ich! Nunmehr sahe ich, daß die Welt wohl nicht untergegangen seyn würde, wenn mein Held auch nicht recht behalten hätte, und ich freute mich, da ich hörte, daß sich ein paar Kunstrichter aus den vorigen Jahrhunderten lächerlich gemacht hatten. Denn, dem Himmel sey Dank! unsre Kunstrichter machen es gar nicht so. Diese untersuchen die gelehrten Wahrheiten ohne die geringste Heftigkeit, ohne Eigenliebe, ohne Vorurtheil. Mitten in ihren Streitigkeiten sind sie bescheiden. Sie geben mit Vergnügen nach, so bald sie überführt werden, daß ihre Meinung irrig ist, und freuen sich, wenn man sie davon überführt. So machen es unsre heutigen Kunstrichter in diesen gesitteten und aufgeklärten Zeiten. Aber vor Alters war es freylich ganz anders! Dieses waren ohngefähr meine Betrachtungen, welche ich damals bey mir anstellte, und ich hieng ihnen mit solchem Vergnügen nach, daß ich meinen Führer nicht vermißte, welcher sich indessen in die Höhe begeben hatte, und mir, als ich ihm nachsah, winkte, daß ich ihm folgen sollte. Er zeigte mir von fern in der Stadt die ängstliche Beschäfftigung einer abgeschiednen Seele. Wir begaben uns näher hinzu, und ich ward gewahr, daß sie sehr verhungert aussah. Sie schwärmte um einen prächtig vergoldeten Wagen, welcher vor dem Hause eines Kaufmanns hielt, dessen Name mir wohl bekannt war, sehr vielen aber in der Stadt noch bekannter, als mir, ist, weil sie seinen Staat durch ihren Vorschuß unterhalten müssen. Anfänglich war ich zweifelhaft, was die Absicht dieser unruhigen Seele seyn müßte, und beynahe hätte mich die zerrißne, und übelgeflickte Kleidung auf die argwöhnischen Gedanken gebracht, es sey eine von denen Seelen, welche in der Welt eine doppelte Berufsarbeit haben, und die Reisenden entweder um ein Allmosen ansprechen, oder bestehlen. Allein ich merkte meinen Irrthum, als ich näher kam, und sah, daß es die wirthschaftliche Seele des Vaters von diesem jungen Kaufmanne war. Ich erinnerte mich, ihn in seinem Leben gekannt zu haben. Er war der Reichste dieser Stadt, und darum merkwürdig, weil er sich, mit ökonomischen Händen, die Schuhe und Strümpfe selbst geflickt, und es vor allen seinen Mitbürgern in der Kunst, zu hungern, am weitesten gebracht hatte. Wohl nimmermehr hätte er geglaubt, daß sein landüblicher Wucher und seine exemplarische Sparsamkeit dem Sohne Gelegenheit geben sollte, sich mit lachendem Muthe, und vollen Händen, desjenigen zu entschütten, was er unter Sorgen und Kummer einzeln zusammen gescharrt hatte. Und eben dieses war die beständige Marter, welche seine abgeschiedne Seele seit ihrer Trennung vom Leibe gequält hatte. Jeder Tag gab dem Sohne eine neue Gelegenheit zur Verschwendung, und also auch jeder Tag dieser Seele eine neue Art von Peinigung. Eben itzt hatte sich der Kaufmann eine Kutsche machen lassen, welche gleich so viel kostete, als sein Vater durch eine vorsichtige Abschwörung eines eigenhändig ausgestellten Wechsels sich und seinen Nachkommen zum Besten verdient hatte. Hätte wohl unsrer Seele irgend etwas empfindlicher seyn können, als dieses? Wohl hundertmal versuchte sie den Kutscher vom Sitze zu werfen, aber vergebens. Dieser war zu körperlich, und die Seele zu ätherisch. Sie fiel den Pferden in den Zügel, sie brausten; weiter konnte sie nichts thun. Sie verließ also diesen unglückseligen Wagen unter vielen Vermaledeyungen, und schwang sich auf einmal in die Zimmer ihres Sohnes. Ich folgte ihr aus Neugierde nach, und sahe Wunder. Was konnte ihr erschrecklicher seyn, als der Anblick des kostbaren Porcellans, der prächtige Aufsatz von Gläsern, und der Glanz etlicher Spiegel, in welchem allem leider ein todtes Capital von vielen tausend Thalern lag? Dreymal stampfte sie auf das sündliche Canapee. Fünf und achzig Thaler! rief sie, und seufzte. Eine vergoldete Tapete machte ihr eine neue Beängstigung. Sie fiel auf das Gold zu, sie suchte es abzukratzen; aber freylich vergebens. Hundert Vorwürfe zeigten sich ihr, aber auch hundert Höllenmartern. Endlich erblickte sie ein Contobuch. Dieses schien ihr einige Erquickung zu geben. Sie las, sie ward ruhig; aber diese Ruhe war nur von kleiner Dauer. Denn in dem Augenblicke trat ihr Sohn in das Zimmer, hielt ein sauberbeschriebnes Pergament in der Hand, auf welchem ich das Wort, Von , deutlich sehen konnte. Er gieng zur Casse, vermuthlich in der Absicht, seine ritterlichen Verdienste geltend zu machen. Welcher entsetzlicher Anblick für unsre Seele! Sogar das Contobuch ließ sie liegen. Sie eilte zur Casse, sie setzte sich drauf, sie stemmte sich nach äusserstem Vermögen, deren Aufschliessung zu verhindern, sie suchte sich des unglückseligen Pergaments zu bemächtigen; aber alles vergebens! Der Kaufmann schloß mit der größten Zufriedenheit seine Casse auf. Er langte einen Beutel heraus, welcher wenigstens so wichtig war, als sechzehn Ahnen, und gieng im Triumphe davon. Nimmermehr werde ich die Verzweiflung vergessen, welche unsre Seele von sich blicken ließ. Sie blieb ganz trostlos auf der Casse liegen. Sie umarmte dieselbe, und rief mit wimmernder Stimme einmal über das andre: O Levi! O Marx! Diese Angst gieng mir nahe. Ich wollte sie trösten. Ich wollte mir von der Ursache ihres Kummers nähere Nachricht geben lassen. Ich nahm sie freundlich bey der Hand, und sagte. Geben Sie mir doch – – »Was! Geben! rief sie: ich bin selber ein armer unglücklicher Mann! Helf euch Gott. So ein großer Bengel kann arbeiten! Geht ins Allmosen!« Diese Antwort verdroß mich; ich eilte davon. Ich bezeigte gegen meinen Führer, wegen verschiedner Ursachen, ein Verlangen, aus der Stadt, und wieder an dem Orte zu seyn, wo wir uns vorher befunden hatten. Er war so gefällig, mich ohne Weigerung dahin zu begleiten. Wir stunden still, und sahen uns um, ob wir irgendwo eine Seele in einer Beschäfftigung erblicken möchten, welche unsre Aufmerksamkeit verdiente. Indem rief jemand hinter mir mit einer gebietherischen Stimme: Vorsehn! Ich sprang auf die Seite, in der Meinung, es wäre vielleicht die abgeschiedne Seele eines Sänftenträgers. Wie groß war nicht meine Verwunderung, als ich an der Stelle einen Schatten sahe, dessen Kleidung machte, daß ich, nach der Gewohnheit unsrer Stadt, den Hut vor ihm abzog. Er dankte mir mit einer stolzen Miene, welche mich bewog, ihm näher in die Augen zu sehen, und ich fand in seiner Gesichtsbildung eine lächerliche Vermischung von Scheinh – – – – – – – chmü – – – – – – – jüdischen und niederträchtigen – – – – – – – – – – – – – – – usuraria  – – – – – – und Waisen – – – – – dennoch eifern – – – – – – kurz – – – – – ärger – – – – – – tüffens In dem eingesandten Manuscripte findet sich hier eine grosse Stelle, welche, man weis nicht, durch was für einen unglücklichen Zufall, vermuthlich aber auf der Post, dergestalt zerrieben, und unleserlich gemacht worden, daß man, aller angewandten Mühe ungeachtet, nicht im Stande gewesen ist, den eigentlichen Innhalt zu errathen, und die Lücken auszufüllen. Dieser Verlust ist höchlich zu bedauern, weil dadurch die ganze Erzählung so dunkel und unverständlich gemacht worden ist, daß man gar nicht errathen kann, wer eigentlich dieser Schatten gewesen seyn müsse, welchen der Herr Verfasser im Traume gesehen hat. Die Kürze der Zeit hat es nicht erlauben wollen, ihn um eine Erläuterung darüber zu bitten, zumal da es demselben gefallen hat, den eigentlichen Ort seines Aufenthalts zu verschweigen. Inzwischen ersucht man denselben um eine vollständige Abschrift seines Charakters. Man hat es ohne sein Vorwissen nicht wagen wollen, solchen gänzlich herauszulassen, und der Eingriff würde zwar vielleicht gelehrt, aber dennoch strafbar gewesen seyn, wenn man solchen selbst hätte ergänzen, und unsre Arbeit für das Original desselben hätte ausgeben wollen. Der beste Rath hat dieser zu seyn geschienen, wenn man die ganze Stelle aufs sorgfältigste so drucken liesse, wie sie in dem Manuscripte noch zu erkennen gewesen. Vielleicht erlangt man dadurch bey denjenigen Gelehrten einen grossen Beyfall, welche in dergleichen Art von verstümmelten Schriften, in denen kein Verstand ist, die größte Weisheit suchen, und ihren Namen durch deren mühsame und wichtige Ergänzungen zu verewigen gedenken. Man erwartet von den deutschen Grutern und Gronoven alle billige Erkenntlichkeit für die kritische Aufgabe, und will nur wünschen, daß durch deren Untersuchung nicht zu neuer Heftigkeit und Verbitterung in der gelehrten Republik Anlaß gegeben werden möge! Unter seinem Arme hielt er ein Buch, welches sehr gebraucht zu seyn schien Ich konnte aber auf dem Titel weiter nichts lesen, als die Worte: Der allzeit fertige \&c. Er schien sehr tiefsinnig zu seyn, und murmelte etwas zwischen den Zähnen, wovon ich noch dieses ganz eigentlich verstund: Der Ketzer hätte mir gar wohl acht pro Cent geben können! Ich fragte meinen Begleiter, ob er diesen verkappten Wuchrer kenne? Er legte mir aber die Hand auf den Mund, und warnte mich, nicht ein Wort mehr von ihm zu reden. Die Nachricht, daß sich die Seele des Cicero in Gesellschaft verschiedner Griechen und Römer in dem Garten eines nicht weit von hier gelegnen Landguts habe blicken lassen, machte unter allen Geistern eine grosse Bewegung. Ein jeder eilte aus Neugier dahin, und ich selbst war unter dieser Zahl. Der Anblick vergnügte mich, und seine Mienen, welche etwas grosses zeigten, prägten mir alle diejenige Ehrfurcht ein, welche man dieser patriotischen Seele schuldig ist. Ich bemerkte inzwischen dennoch etwas niedergeschlagnes an ihr, welches von einer Scham herrührte, die ich nicht errathen konnte. Um deswillen nahm ich Gelegenheit, mich bey einem Schatten, welcher dem Cicero folgte, und sein Freygelaßner gewesen seyn mochte, darnach zu erkundigen. Er hat wohl Ursache, antwortete mir dieser, niedergeschlagen und beschämt zu seyn, weil er erfahren, daß man ihn in eurem Lande den unerbittlichen Händen eines Geschlechts Preis gegeben, welches, unter dem Vorwande, ihn zu ehren, ihn lächerlich, und wenn es hoch kömmt, aus einem römischen Consul zu einem lateinischen Sprachmeister macht. Die größte Betrübniß für ihn ist noch diese, daß er wegen dieser Mishandlung sich bey den Göttern seines Landes beschwert, aber zur Antwort erhalten hat, eben dieses sey die Strafe, wozu ihn Pluto verdammt, weil man ihm Schuld gegeben, daß er zum öftern viel Eitels, und einen unanständigen Hochmuth an sich habe blicken lassen, welcher nicht besser gezüchtigt werden könne, als durch ewige Commentatores. Ich erschrack über dieses strenge Urtheil des Pluto, welches mir fast unglaublich vorkommen wollte, wenn ich nicht durch folgende Begebenheiten darinnen bestärkt worden wäre. Ohngefähr hundert Schritte von uns erblickten wir eine Menge tiefsinniger Seelen in bestaubter Kleidung. Ihre Schritte waren ernsthaft, und ihr Gang monarchisch. Sie schienen sehr uneinig unter einander zu seyn, und je näher sie uns kamen, desto deutlicher hörte man ihren Streit, so gar, daß ihr Anführer sich umkehren, und mit drohender Faust, und einem fürchterlichen: Me Dius fidius! Friede gebieten mußte. Dieser Aufzug schien die Seele des Cicero sehr zu befremden. Er vermuthete sich eines wichtigen Antrags, und glaubte, wie ich nachdem erfuhr, daß es vielleicht Gesandten eines auswärtigen Volks, oder so genannter Barbaren, wären, welche sich aus Hungersnoth gezwungen sähen, bey dem Rathe und Volke um Brodt aus Sicilien oder Aegypten anzusuchen. Er empfieng sie mit einer mitleidigen Miene: Aber, wie sehr erstaunte er nicht, als der Anführer dieser Proceßion ihm eine sehr wunderliche Verbeugung aus dem Alterthume machte, welche nach Grävs Berichte zu den Zeiten des Ennius unter den Stutzern in Rom Mode gewesen seyn soll. Cicero hielt diesen ersten Anfall standhaft aus, und es schien, daß er den Vortrag mit einiger Ungeduld erwartete. Dieser erfolgte endlich, nachdem der Orator dieser Gesandschaft sich unter vielen Verzuckungen in die gewöhnliche rhetorische Positur gesetzt, und mit wiederholter Verbeugung ihm ein erschrecklich grosses Buch überreicht hatte, welches viere der stärksten seiner Collegen auf ihren Schultern trugen, und auf dessen Rücken die Worte glänzten: OPERA OMNIA. Cicero entsetzte sich ein wenig über diese ausländische Maschine; noch aufmerksamer aber ward er, als ihn der Anführer folgender gestalt anredete: Omnino, si quid est in me ingenii, quod sentio, quam sit exiguum – exiguum – quod sentio, quam sit exiguum. Vermuthlich mochte diese unumstößliche Wahrheit die Kräfte unsers Demosthenes so sehr mitgenommen, oder auch der Anblick des Cicero , welchen er sich ganz anders vorgestellt hatte, eine so grosse Verwirrung in seinem Gemüthe verursacht haben. Er hielt eine lange Weile innen, und ließ dem Cicero Zeit, sich von seiner Verwunderung zu erholen, welcher von der ganzen Anrede nicht ein Wort verstanden hatte, und seinen Atticus fragte: was dieses für eine Sprache sey? Denn darauf wäre er wohl niemals gefallen, daß dieses lateinisch seyn sollte, so fremd und unvernehmlich kam ihm die Aussprache vor. Endlich erholte sich unser Redner, nachdem er seine Zuflucht zum Hute genommen, in welchem das Concept lag. Er versicherte den Cicero in dem feinsten und in ciceronianischem Lateine, daß er und seine Gesellschaft für Freuden ausser sich wären, und diesen Tag mit einem weissen Steine bezeichnen wollten, an welchem sie das Glück gehabt, denjenigen kennen zu lernen, welcher zu seiner Zeit das schönste Latein geredet, und dessen Gelehrsamkeit ihnen zu Erlangung der Leibesnahrung und Nothdurft dienlich gewesen wäre. Er rühmte besonders seine eigne Wenigkeit, da er an den Schriften des Cicero das Werk die Liebe und Barmherzigkeit erzeigt, und sie in gegenwärtigem bequemen Formate durch die kostbaren und tiefsinnigsten Noten, durch Sammlung aller nur ersinnlichen Lesarten, und durch ein erstaunendes Register brauchbar, und zugleich ihrer beyden Namen unsterblich gemacht habe. Zum Schlusse beseufzte er die verstockte Blindheit seiner deutschen Landsleute; welche von einem Gelehrten noch etwas mehr, als lateinisch, fodern wollten, und sogar anfiengen, die Heiligthümer Latiens durch eine Sprache, welche in Deutschland auch der Pöbel verstehen könnte, freventlich zu entweihen. Hier beschloß er seinen Vortrag mit einem freudigen Dixi! und Cicero , welcher überdrüßig seyn mochte, einem ihm unverständlichen Gewäsche zuzuhören, antwortete nichts weiter, als: Cura, vt valeas! und ließ ihn stehen. Seine Abwesenheit bewog uns, diesen Ort auch wieder zu verlassen. Wir kehrten zurück, und es begegnete uns eine Seele, welche sich uns mit taumelnden und schleichenden Schritten zu nahen schien. Sie dehnte sich, sie wischte die Augen, und gähnte zu zweyenmalen so laut, daß ich stehen blieb, um zu sehen, ob sie aufwachen, oder einschlafen würde. Nach einer langen Weile kam sie uns so nahe, daß ich weichen mußte, aus Furcht, von ihr getreten zu werden. Mein Führer winkte mir, und ich merkte bald, seine Meinung wäre, daß ich mich in ein Gespräch mit ihr einlassen sollte. Ich that es, und redete sie mit lauter Stimme an, um sie zu ermuntern. Kaum aber hatte ich ein paar Worte gesagt, als sie die Augen erschrecklich weit aufsperrte, die Arme von sich streckte, auf den Rasen niedersank, und weiter nichts sagte, als: Gute Nacht! und in dem Augenblicke schlief sie auch sanft und ruhig. Ich war verdrüßlich, daß ich mich von meinem Führer hatte bewegen lassen, diese träge Seele anzureden. Er lachte aber nur, und sagte: Ich habe wohl gewußt, daß es dir nicht anders gehen würde, als wie es mir, und noch vielen hundert Seelen gegangen ist, welche mit ihr haben reden wollen. Dieses ist eben die Seele des berühmten Träumers, welcher in seinem Leben so oft auf dem hamburgischen Walle nur darum spatzieren gefahren ist, daß er in seiner Kutsche desto gemächlicher schlafen könnte. Eben darinnen bestund seine einzige Arbeit. Keine Leidenschaft hat ihn jemals stören können. Dieses brachte ihn zu einem feisten Körper, und sehr hohen Alter. Man hat niemals zuverläßig erfahren können, wie lange er gelebt habe; so viel aber ist gewiß, daß er etliche funfzig Jahr geschlafen hat. Seine Vorältern hatten in ihrer Handlung durch eine unermüdete Arbeit und Wachsamkeit so viel erworben, daß ihr Sohn mit der größten Gelassenheit schlafe konnte. Er ist eben derjenige, welcher die Sonne in seinem ganzen Leben nicht hat aufgehen sehen. Es ist lächerlich genug, wenn es wahr ist, was mir einige Schatten von ihm erzählt haben. Sie sagen, es sey noch sehr früh und in der Morgendämmerung gewesen, als er gestorben. Seine Seele habe sich anfangs gar nicht entschlüssen können, sich von dem Bette zu entfernen, worinnen es ihr so lange Jahre wohlgegangen, und worinnen sie jederzeit ihre größte Glückseligkeit gefunden. Endlich sey sie doch genöthigt worden, solches zu verlassen, weil sie der Lärm, und das geschäfftige Bezeigen ihrer Hinterlaßnen beunruhigt, und beynahe munter gemacht hätte. Sie habe sich mit halbgeschloßnen Augen aus dem Zimmer gewagt, und sey gleich zu der Zeit in diese Gegend gekommen, als die Sonne hervorgebrochen. Dieser Anblick sey ihr so unerträglich gewesen, daß sie die Hand vor das Gesicht gehalten, und getaumelt habe; nicht anders, als ein Gefangner, welcher viele Jahre unter der Erde gesessen hat, und auf einmal an das Tageslicht kömmt. So viel ist indessen gewiß; so lange ich ihn kenne, so lange hat er sich auch in dieser Gegend aufgehalten, wo er noch itzt schläft, ohne sich zu bekümmern, wo er eigentlich sey, oder was um ihn herum vorgehe. Einige seiner Landsleute haben mich versichert, daß er beständig träge, und unempfindlich gewesen, und wenn er auch gegessen, getrunken, oder sonst etwas gethan, was er zur Erhaltung seines Körpers unumgänglich thun müssen; so habe man doch eigentlich gemerkt, daß es mit der größten Schläfrigkeit geschehen sey. Zuweilen hat er ausgesehen, wie ein andres vernünftiges Geschöpf, welches wacht; so bald er aber angefangen, den Mund zu bewegen, wie ein wachender Mensch, welcher reden will, so hat man gleich gemerkt, daß er in der That sehr fest geschlafen, denn seine Worte sind ebenso verwirrt, und ohne Verstand gewesen, wie die Worte derer sind, welche man noch vor Mitternacht in ihren Träumen stört. Unterdessen hat er doch ein sehr exemplarisches Ende genommen. Anfänglich ist er ungemein unruhig gewesen, als ihm sein Seelsorger auf des Arztes Anrathen die Nachricht gebracht, daß er sterben müsse. Er hat durchaus davon nichts hören wollen. Bey den erbaulichsten und tröstlichsten Beschreibungen von der Glückseligkeit jenes Lebens hat er mit dem Kopfe geschüttelt. Als aber sein Beichtvater von ohngefähr die Worte sagte: Wie glückselig sind die, welche zur ewigen Ruhe gelangen, und selig entschlafen! so drückt er ihm die Hände, gähnt ihn an, und stirbt. Diese Erzählung machte, daß ich noch einige Zeit vor dieser träumenden Seele stehen blieb. Ich konnte sie nicht ohne Mitleid ansehen. Wie unglückselig dachte ich bey mir selbst, ist so ein Mensch, welcher in der Welt lebt, ohne im geringsten die Pflichten zu erfüllen, die er sich und seinen Mitbürgern schuldig ist. Seine Trägheit verhindert ihn, des Vergnügens zu geniessen, welches ihm tausend angenehme Gegenstände zeigen. Wäre er nur einiger maßen aufmerksam, so würde er nicht einen Schritt thun können, ohne die Pracht der Natur zu bewundern, in welcher sich die Grösse des allgemeinen Schöpfers entdeckt. Er genießt sein Vermögen nicht, weil er es, wenn es hoch kömmt, nur anwendet, sich durch unordentliches Essen und Trinken in seiner Trägheit zu erhalten. Des edeln Vergnügens muß er entbehren, welches diejenigen empfinden, die Gelegenheit suchen, auch andre glücklich, und durch eine vorsichtige Austheilung ihres Vermögens mehr als eine Nachwelt sich verbindlich zu machen. Sein Leben ist ein beständiger Tod, und eine Marter für diejenigen, welche mit Schmerzen auf sein Absterben warten, weil er erst alsdann anfängt, ihnen nützlich zu werden. Ich glaube, ich wäre in diesen ernsthaften Betrachtungen noch weiter fortgefahren; ehe ich mir es aber versahe, bekam ich mit einem Prügel einen so heftigen Schlag auf den Kopf, daß ich ganz schwindlicht darüber ward, und daß mir der Hut auf die Erde fiel. Ich kehrte mich voll Verdruß um, in der Absicht, denjenigen zu sehen, welcher vermögend wäre, dergleichen niederträchtige Grobheit zu begehen. Ihr seyd sehr unbescheiden, mein Freund, fuhr ich ihn mit Heftigkeit an, daß ihr Leuten, die ihr nicht kennt, und die euch nichts gethan haben, auf eine so ungeschliffne Art begegnet! Und ihr seyd ein ziemlicher Narr, wie ich merke, versetzte er mit einem lauten Gelächter, daß ihr einen witzigen Scherz übel nehmt. Merkt ihr denn nicht, daß ich ein satirischer Kopf bin? Diese unverschämte Antwort bewog mich, ihn genauer anzusehen, und ich entsann mich, ihn gar wohl gekannt zu haben, weil er erst vor einem Jahre gestorben war, und sich über einer Satire zu Tode geschimpft hatte. Ich war durch diese verdrüßliche Begebenheit so unruhig geworden, daß ich befürchtete, es möchte mir vielleicht noch ein witziger Kopf aufstossen, und mich braun und blau satirisiren. Um deswillen that ich meinem Begleiter den Vorschlag, daß wir uns in eine schattigte Gegend zurückziehen wollten, welche vor uns lag, und von der ich glaubte, daß es darinnen, wo nicht einsamer, doch sichrer seyn würde. In beyden betrog ich mich. Ich erblickte daselbst eine grosse Gesellschaft, die meistens aus Frauenzimmern bestund. Weil sie in eben der Stadt gelebt hatten, wo ich mich aufhielt; so kannte ich sie alle, und ich fand ihre Beschäfftigungen nicht im geringsten verändert. Sie spielten, sie tranken Caffee, manche redeten gar nichts, die meisten aber schlugen ein so lautes Gelächter auf, daß ich begierig ward, diese zuerst zu beobachten. Ich nahte mich ihnen; ich hätte aber nicht gemeint, daß eben ich die Ursache dieser allgemeinen Lebhaftigkeit und Freude gewesen wäre. Je näher ich kam, desto heftiger fiengen sie an, zu lachen. Ich verlangte von ihnen die Ursache zu wissen; aber sie waren so boshaft, und sagten mir solche nicht. Doch eine von ihnen, um welche ich mich in ihrem Leben, durch ein ganz artiges und sinnreiches Sonnet auf ihren Mops, sehr verdient gemacht hatte, war so dankbar, und half mir aus meiner Verwirrung. Ich will es Ihnen nur sagen, sprach sie zu mir, warum wir so lustig sind. Wir hatten schon viel Stunden lang in der verdrüßlichsten Stille beysammen gesessen, ohne ein Wort zu reden, weil wir müde waren, die Trachten, den Gang, und die Mienen aller der Seelen, die bey uns vorbey gehen mußten, zu beurtheilen. Auch mit den Abwesenden waren wir bereits fertig, ja, was das allerbetrübteste war, so waren wir auch schon darüber einig, daß es heute schönes Wetter wäre. Wir sahen einander ganz niedergeschlagen und verdrießlich an, die Zeit ward uns lang, und, wenn dieser artige Herr hier, einer von meinen ehmaligen Schäfern, den sie noch wohl kennen müssen, nicht zuweilen gepfiffen hätte, so glaube ich, wir würden vor langer Weile gar eingeschlafen seyn. Von ohngefähr erblickten wir sie von weitem, und zwar in einer Positur, die wichtig genug war, daß wir alle aus vollem Halse lachten. Hier hielt sie inne, stemmte beyde Arme in die Seite, und fieng von neuem mit ihrer ganzen Gesellschaft ein so lautes Gelächter an, daß ich ganz beschämt da stund. Merken Sie es denn noch nicht? fuhr sie fort, als sie einiger massen sich erholt hatte. Um des Himmels willen, sehen Sie doch ihren Hut an, wie bestaubt er aussieht! Wenn dieses allein an mir das Lächerliche ist, antwortete ich, so kann ich ihm bald abhelfen. Ich erzählte ihnen, daß mir ihn ein witziger Geist vom Kopfe gescherzt hätte, wodurch er eben so staubicht geworden wäre. Ich machte ihn wieder rein, und dadurch benahm ich ihnen auf einmal diese reiche Materie ihrer Lebhaftigkeit, so, daß sie von neuem in ein tiefsinniges Stillschweigen verfielen, und ich selbst nicht länger Lust hatte, mit ihnen zu gähnen. Ich schlich mich um deswillen unvermerkt fort, und traf nicht weit davon, in Gesellschaft andrer Frauenzimmer, die Seele eines Stutzers an, welcher in seinem Leben eben diese Gesellschaft durch seine Einfälle ergetzt hatte, die sie damals galant, ungezwungen, sinnreich, und, ich weis selbst nicht mehr, wie vortrefflich nannten. Ich fand ihn aber, wider die Natur der andern abgeschiednen Seelen, ganz verändert. Er war stumm, trocken, nicht eine einzige Person in der Gesellschaft schien das artige und witzige Wesen, so er vormals gehabt, an ihm zu finden. Ich bezeigte ihm meine Verwunderung darüber. Er zuckte die Achseln, und versicherte mich, er sey die Unglückseligste unter allen Seelen. Sein Absterben sey ihm so plötzlich und unvermuthet gekommen, daß er in der Eil weder Uhr, noch Stockband, noch Tobaksdose mit sich genommen. Drey Sachen, rief er, in welchen meine ganze Lebhaftigkeit, mein ganzer Witz bestund! Was ist doch der Verstand eines Stutzers ohne diese Stücke? Wenn ich einen artigen Scherz machen will, so vermisse ich mein Stockband, und meine feinen Einfälle auf einmal. Ich bin nicht im Stande, das geringste Urtheil von Staats- und gelehrten Sachen, ja nicht einmal von einem Gedichte zu fällen, weil ich keine Prise Tobak nehmen kann! Ich bedauerte diesen entkräfteten Stutzer um desto aufrichtiger, da ich schon in meinem Leben dergleichen Geschöpfe niemals ohne herzliches Mitleiden ansehen können. Ich war nicht im Stande, ihm zu seinem Witze wieder zu verhelfen, um deswillen ersann ich eine Ursache, welche mich, wie ich vorgab, nöthigte, ihn zu verlassen. Mein Begleiter war eben im Begriffe, mir die bekannte Geschichte von der abgeschiednen Seele eines Harlekins zu erzählen, welche ihre bunte Kleidung und mit dieser allen Harlekinsverstand verloren hatte; als wir durch ein neues Abentheuer gestört wurden. Eine Frauenzimmerseele, die ich nicht wahrgenommen hatte, weil ich ihr den Rücken zukehrte, war mir nachgeschlichen, und fiel mir von hinten zu um den Hals, um welchen sie die eine Hand schlug, mit der andern aber die meinige auf eine so zärtliche Art drückte, daß ich aus dieser wollüstigen Beredtsamkeit mehr errathen konnte, als wenn sie sich mündlich erklärt hätte. Ich konnte leicht merken, daß es eine von den irrenden Schönen wäre, und die Dunkelheit des einsamen Orts, wo wir uns befanden, vermehrte meinen Verdacht. Sie schien in mich so verliebt zu seyn, als es eine Person von dergleichen Charakter zu seyn fähig ist. Ich spürte deutlich, daß sie alle Augenblicke erhitzter, und in ihrer Vertraulichkeit immer unverschämter ward. Ich war begierig, dieser dreisten Schönen ins Gesichte zu sehen. Ich fand ein Mittel mich von ihren Armen loszumachen. Ich wandte mich um. Welcher Anblick! Ich sprang zurück! Bist du es? sagte sie, und gieng kaltsinnig fort. Meine Leser werden es wohl ohne Note errathen können, daß dieses die Seele meiner Frau war. Sie hatte mich verkannt, darum that sie freundlich. So bald sie mich sah, ward sie verdrüßlich, und floh. Ich freute mich, daß sie gieng. Wird nunmehr jemand noch zweifeln, daß unsre Seelen nach dem Tode eben dasjenige thun, was sie am meisten in ihrem Leben gethan haben? Ein ängstliches Wimmern, welches ich nicht weit von mir hinter einem dicken Gesträuche hörte, machte mich aufmerksam. Ich eilte aus Mitleid hinzu, weil ich gewiß glaubte, es müßte diese ächzende Seele ein grosses Unglück betroffen haben. Ich fand sie unter einer Buche liegen, in der Kleidung, wie die Dichter, und unsre Comödianten, ihre Schäfer vorstellen. Er hielt einen Hirtenstab in der Hand, an welchem ein grünes Band hieng, welches er unter tausend Seufzern mit solcher Entzückung küßte, daß er mich nicht eher gewahr ward, als bis ich bey ihm stund. Endlich sah er mich mit zerstörten Blicken an. Er sprang auf, fiel vor mir nieder, umfaßte meine Knie. »Grausame! rief er; hast du dich doch endlich bewegen lassen? Ich sehe schon, anbetenswürdige Sylvia, ich sehe schon in deinen Augen das Mitleid, welches du gegen den unglückseligen Thyrsis hegest! Ach strenge Sylvia! warum verachtst du mich? Die Sonne brennt, und wirft die Stralen unter sich: Luft, Feld, und Erde brennt, die kühlen Steine brennen Von Flammen, die auch schon die jungen Lämmer kennen; Dein Thyrsis aber fühlt mehr, weder alle Pein; Und du alleine nur willst Schnee und Kälte seyn? So bald ich neulich dich, (du wirst es wohl noch wissen.)« Du irrst dich, mein Freund, sagte ich zu ihm, ich bin nicht deine Sylvia, und dennoch – – »Ja, verstelle dich nur, rief er mit einer rechten Schäferwut, verstelle dich nur, du mörderische Schöne! Freylich bist du nicht meine Sylvia! Menalks Sylvia bist du! Glückseliger Menalk! Verlaßner Thyrsis! Ich habe es mit meinen Augen gesehen, daß Menalk den Strauß auf seinem Hute getragen, den ich für dich, nur für dich allein, gebunden hatte. Ich setzte dich zur Rede, die Hirten wissen es alle. Du antwortetest mir nicht einmal! Du eiltest von mir! Du giengst zu deiner Heerde! Unempfindliche Schäferinn! Sind meine Flammen strafbar, so strafe mich; aber strafe vorher dich selbst, denn nur die Blitze deiner Augen sind es, welche mich in Brand gesetzt haben. Wer böse Zauberey getrieben, Dem wird das Feuer sonst in Rechten zuerkannt. Ich weis von solcher nichts, und wollte nur was lieben, Und werde doch darum verbrannt, Der Richter, welcher mich so grausam will verdammen, Schlägt selbst das Feuer auf, und trägt das Holz zusammen.« Nunmehr fieng mir an, beynahe Angst zu werden, und ich wünschte mir, aus den Händen dieser schwärmenden Seele befreyt zu seyn. Er hielt meine Knie so fest umschlossen, daß es nicht möglich schien, mich von seiner Zärtlichkeit frey zu machen. Endlich aber gelang es mir. Ich wollte zurück; aber dadurch ward mein Schäfer ganz außer sich gebracht. Er faßte mich von neuem bey der Hand, und sagte: »O Sylvia! ich bitte dich bey den Göttern dieser Flur! Höre einmal auf, grausam zu seyn! Wenn dein Herz nicht noch härter ist, als jene Felsen, so laß dich mein Unglück rühren! Laß mich seufzen! Ich beschwöre dich bey den Nymphen, welche dort hinter jenem Busche lauschen, und bey den crystallnen Fluthen, welche hier über diese Kiesel rollen, habe Mitleiden mit dem Unglückseligsten! Laß mich seufzen, laß mich klagen, Und den stummen Buchen sagen, Wie mich Sylvia gequält! Gönnt mirs, ihr verschwiegnen Bäume, Daß ich von der Marter Träume, Die mein Mund so oft erzählt! Laß mich seufzen, laß mich klagen, Und den stummen Buchen sagen, Wie mich Sylvia gequält!« Hier konnte ich mich nicht länger enthalten, über diesen Opernschäfer zu lachen. »Und du lachst noch! schrie er, indem er von der Erde aufsprang. Und du spottest noch mit meiner Verzweiflung! Nun weis ich Aermster nicht, was weiter übrig ist, Als daß ich meinen Rumpf an einen Eichbaum henke, Vielleicht liebst du mich todt, weil ich dich lebend kränke.« Kaum hatte er diese Worte gesagt, als er von mir, und in die Sträucher eilte! Ich erschrack, ich befürchtete, seine Verzweiflung dürfte nicht ohne Wirkung seyn. Ich wollte ihm nachgehen, um seiner Raserey Einhalt zu thun: aber mein Führer hielt mich zurück. Du kannst ganz ruhig seyn, sagte er. Dieses ist der Schatten eines von den Schäfern, welche ihr Leben am höchsten bringen, wenn sie alle Tage verzweifeln, und welche sich niemals besser aufbefinden, als wenn sie von Gift und Dolche reden. Er war in seinem Leben sehr zärtlich, und glaubte, für keine Creatur schicke es sich besser, zärtlich zu seyn, als für einen Schäfer. Er ward also ein Schäfer, nur in der Absicht, damit er recht regelmäßig seufzen könnte. Tag und Nacht war er beschäfftigt, durch Lesung solcher Schriften sich vollkommen zu machen, welche von Feuer und Flammen rauchen, und von verliebtem Mord und Todschlägen voll waren. Und eben dadurch gerieth sein Gehirn in solche Unordnung, daß er, als ein arkadischer Don Quichot, auf Abentheuer ausgieng. Diese grausame Sylvia, für welche er dich ansah, ist nirgends anders, als in seiner Einbildung, möglich gewesen. Sein ganzes Leben hat er in dergleichen Entzückung zugebracht, und noch auf dem Todbette hat er von nichts, als Klee und Milch, geredet; ja so gar den Arzt, als ihm dieser an den Puls fühlen wollen, hat er auf dem Rücken gestreichelt, weil er ihn für seinen Hylax hielt. Du darfst dich also nicht wundern, daß er dich schlechterdings zu seiner Sylvia machen wollte. Ich glaube nicht, daß außer ihm in der ganzen Welt noch ein Schäfer gewesen ist, welcher seine verderbte Einbildung so gar sehr wahnwitzig gemacht; doch soll es, wie man mir gesagt hat, noch hin und wieder verschiedne Seladonchen geben, welche einen ziemlichen Ansatz zu dieser hitzigen Krankheit haben. Zum größten Unglücke entdeckte mich der Schatten meines ehemaligen Barbiers. Es war nicht möglich, ihm aus dem Wege zu gehen, so sehr ich es auch wünschte, weil ich mich noch wohl erinnerte, wie unerträglich er in seinem Leben, durch sein unermüdetes und politisches Geschwätz, gewesen war. Es half aber nichts, ich mußte mich gefaßt machen, seine tiefsinnigen Beurtheilungen von Staatssachen noch einmal auszuhalten. Die Freude war ganz außerordentlich, die er darüber bezeugte, daß er mich hier sehen sollte. Hundert Fragen that er an mich, und ließ mir nicht Zeit, eine einzige zu beantworten. »Sie sind doch allemal fein gesund gewesen? sagte er; Sie haben sie doch alle wohl verlassen? Und ihre Jungfer Muhme? – Sie werden mich wohl verstehen? Nun das will ich eben nicht sagen. In der That wollte ich ihr es gönnen. Das Mädchen ist gut. Lebt denn der alte Hauptmann noch? Ich habe tausend Spaß mit ihm gehabt. Was ich Ihnen sage. Der konnte recht erzählen, wenn er bey Humor war! Den pommerschen Krieg, den wußte er auf ein Haar! ohne Flatterie! Er würde gewiß ganz anders abgelaufen seyn, wenn er nicht abgedankt hätte. Aber hören Sie nur an. Ich weis nicht, das Ding sieht sehr bunt aus. Mit meinem Willen ist es gar nicht geschehen, daß Prinz Carl übern Rhein gieng. Es war doch nun mit alle dem, wie es war. Der Franzose, es mag nun seyn, wie es will, er ist doch einmal der Franzose, und ein Christ, so gut als wir. Was ich Ihnen sage. Er hätte es können bleiben lassen. Mit alle dem mag der Rhein ein ziemlich breites Wasser seyn. Aber hören Sie nur an. Ich denke, ich denke, es soll bald anders werden. Der eine von den Herrn Cantons – Ich will es Ihnen schon einmal erzählen, wenn wir allein seyn werden. Vor dem Türken? Ach! der Bluthund, der darf sich nicht breit machen! Was ich Ihnen sage. Das merkte ich gleich im voraus, ohne Flatterie. Meine Großmutter seliger – – ich weis nicht, ob Sie sie werden gekannt haben. Es war eine kleine bucklichte Frau. Sie wohnte hinten am Walle. Hören Sie, das war eine Frau! Sie hat mich noch aus der Taufe gehoben. Es gieng bey ihrem Testamente auch mit Kräutern zu. Was geschehen ist, das ist geschehen. Ich habe, gottlob, auch mein Brodt gehabt. Ich spreche immer: ehrlich währt am längsten; und mein kleines Christel war noch dazu ihr Pathe. Ja, was wollte ich denn sagen? Ich habe es ganz drüber vergessen! Ja, der Türke – –« Ja, ja, der Türke, antwortete ich voll Verdruß, ich kenne ihn wohl; aber hier läßt es sich davon nicht gut reden. Wir sprechen einander schon weiter, itzt habe ich nicht Zeit, mich länger aufzuhalten. Ich ließ ihn stehen, und gieng fort. Indem hörte ich hinter mir ein lautes Gelächter. Ich wandte mich um, und erblickte eine Seele, welche so verhungert aussah, wie ein Goldmacher, und so tückisch, wie ein Schatzgräber. Sie drückte mir sehr vertraulich die Hand, und sagte: »Sie haben recht wohl gethan, daß Sie sich den unsinnigen Schwätzer vom Halse geschafft haben. Ich habe ihrem ganzen Gespräche zugehört, und mich über Ihre Geduld gewundert. Es ist ewig zu bejammern, daß es Leute giebt, die sich um Sachen bekümmern, welche sie nicht verstehen. Wenn es nur Barbiere wären, welche sich in politische Händel mischten; so möchte es allenfalls noch hingehen, und es würde sich vielleicht darüber lachen lassen. Aber, es giebt Männer mit großen Parücken, die es nicht viel besser machen, als Ihr Barbier. An statt, daß sie für ihre Pflicht, und für das Beste ihres Vaterlandes sorgen sollten; so sitzen sie beysammen, und plaudern über die Zeitungen. Ich bin, wie Sie mich hier sehen, in meinem Leben auch aus dem politischen Stande gewesen, und habe dabey Gelegenheit gehabt, einzusehen, was das heisse, ein Land zu regieren. Mit einem Worte! Ich war eines Edeln Hochweisen Raths Straßenbereuter, ein geschworner Mann, und hatte meine theure Pflicht. Die Finanzsachen waren meine liebste und vornehmste Arbeit, und wenn es nach meinem Vorschlage gegangen wäre, die Stadtcasse hätte alle Jahre um hundert tausend Thaler reicher seyn müssen. Aber freylich, wie es nun geht. Wer etwas versteht, der hat seine Feinde. Der Bürgermeister merkte, daß ich ihn übersehen konnte, das war schon genug, mich zu stürzen. Nur mein Vaterland dauert mich, dem ich zu frühzeitig entrissen worden bin. Tag und Nacht habe ich mitten in meiner schweren Berufsarbeit auf Mittel und Wege gesonnen, das Wohl meiner Mitbürger in bessre Aufnahme zu bringen. Ich merkte wohl, in was für einen kläglichen Verfall das Finanzwesen gerathen war; denn als ich um eine Zulage für meine patriotisch geleisteten Dienste ansuchte, so gab man mir abschlägliche Antwort, und zur Ursache gab man dieses an: Es sey kein Geld in der Casse. Von diesem Augenblicke an nahm ich mir vor, meinem Vaterlande unter die Arme zu greifen. Alle Tage gab ich ein neues Mittel an die Hand, die gemeinen Einkünfte zu erhöhen, und eben dadurch verdiente ich den würdigen Beynamen des Projectmachers. Ja, mein Herr, hätte man mir nur gefolgt. Ich hatte auch meine theure Pflicht auf mir, so gut als der Bürgermeister; und gleichwohl wiesen sie mich mit meinen Vorschlägen allemal ab. Was meinen Sie? Ich machte ein Project, daß man die Geistlichen abschaffen, ihre Besoldungen einziehen, und die Rathsherren anhalten sollte, daß sie selbst nach der Zeche und zur Fröhne predigen müßten. Was hätte man nicht ein Jahr lang in der Stadt ersparen können? Und den Geistlichen war ich so nicht gut, besonders unserm dicken Oberpfarrer, der hätte es auf diese Art gewiß empfinden sollen, was das heiße, einen geschwornen Mann von der Kanzel zu werfen. Glauben Sie wohl, daß mein Vorschlag angenommen ward? Ich versuchte es auf eine andre Art. Ich überreichte eine Schrift, in welcher ich aufs deutlichste ausgerechnet hatte, daß die Stadtcasse alle Monate um dreytausend Thaler vermehrt werden würde, wenn eine jede Frau, welche die Herrschaft über ihren Mann führte, monatlich drey Mark zur Einnahme erlegen müßte. Hätte wohl ein Vorschlag billiger und vernünftiger seyn können, als dieser? Aber es fehlte nicht viel, daß mich nicht alle Weiber, von der Bürgermeisterinn an bis auf meine eigne Frau, gesteinigt hätten. In der That durfte ich mich vier Wochen lang nicht sehen lassen, und das war die Belohnung für meinen wohlgemeinten Eifer. Dennoch ward ich nicht müde, in der Hoffnung, daß wenigstens einmal meinen Mitbürgern die Augen zu ihrem Besten aufgehen würden. Unser Küster, welcher auch kein Narr seyn wollte, gab mir unter den Fuß, ich sollte eine Vorstellung thun, daß man auf die Möpse eine Kopfsteuer legen, und daß die Gratulanten ordentliche Hausierzeddel lösen, auch alle ihre Glückwünsche auf Stempelpapier drucken lassen sollten. Aber ich weis nicht, das Ding kömmt mir zu überstudirt vor, und ich traue Ihnen die Einsicht zu, daß Sie gestehen werden, daß meine Projecte nicht allein die besten und einträglichsten, sondern auch die vernünftigsten sind, denn ich habe meine theure Pflicht. Was meinen Sie davon? Sagen Sie mir es offenherzig!« Ich weigerte mich anfänglich; endlich aber gestund ich, nach meiner gewöhnlichen Aufrichtigkeit, daß mir des Küsters seine Einfälle nicht unrecht zu seyn schienen. Die Menge der Gratulanten sey so ansehnlich, daß aus den Hausierzeddeln, und aus dem Stempelimpost, der auf die guten Wünsche gelegt werden sollte, der gemeinen Stadtcasse eine grosse Summe zuwachsen könnte. Es wäre dieses auch als eine gewisse und beständige Einnahme anzusehen, da man nicht befürchten dürfte, daß diese Art von poetischen Insecten jemals vergehen würde, wenigstens so lange nicht, als es noch Leute gäbe, welche sich von Geburts- und Namenstagen nähren müßten. Es gereiche auch dieses dem gemeinen Wesen nicht zur Last, weil man dergleichen mechanischen Dichtern gar wohl zulassen könnte, daß sie ihre unterthänigste Devotion um etliche Schillinge steigerten. Die Kopfsteuer auf die Möpse habe meinen völligen Beyfall, zumal, wenn sie bey Strafe der Confiscation ausgeschrieben würde. Denn ich wüßte gewiß, ein jedes Frauenzimmer würde ihren Schooßhund gern mit zwölf bis funfzehen Mark lösen, und die Summe lieber geben, als wenn man auf die Männer eine Kopfsteuer legte; wenigstens würden sich in diesem letztern Falle viele vor der Strafe der Confiscation nicht fürchten. Hingegen könnte ich ihm nicht verhalten, daß durch seinen Vorschlag eine große Unordnung in den Familien vorgehen dürfte, wenn die Weiber ihre Herrschaft über die Männer mit drey Mark erkaufen müßten. Diese würden es alsdann entgelten sollen, und sie würden es auch nicht einmal zulassen, daß die Weiber den Beytrag entrichteten, weil ein Mann es nicht leicht zugestünde, daß seine Frau Herr sey, so, wie ein jeder nur seinen Nachbar für einen guten geduldigen Mann, niemals aber sich selbst dafür hielte. Der Vorschlag wegen Abschaffung der Geistlichen wäre so abgeschmackt, und parteisch, daß ich gewiß glaubte, es könnte auf denselben niemand fallen, als ein Straßenbereuter. Der geistliche Stand habe allemal das Unglück, denen am meisten zu mißfallen, welche den wenigsten Verstand besäßen, und man fände, daß ordentlich der Pöbel – – »Was! Pöbel! rief mein Projectmacher mit einer grimmigen Stimme; Weis der Herr wohl, was er redet? Weis der Herr wohl, wer ich bin? Weis der Herr wohl, daß ich ein geschworner Mann bin? Daß ich meine theure Pflicht habe? Das soll er mir nicht umsonst gethan haben! Er ist ein Verräther des Vaterlandes! Ein Rebell! Ein Meineidiger! Ich will ihm meine theure Pflicht –« und damit fiel er über mich her, und würgte mich mit seinen patriotischen Klauen dergestalt, daß ich seine Liebe zum Vaterlande auf das erschrecklichste empfunden haben würde, wenn nicht mein Begleiter mit einer Hand voll Geld seine theure Pflicht besänftigt hätte. So gleich ließ er mich los, und gieng fort. Nunmehr könnte ich mit Ehren von meinem langen Traume ganz unvermuthet aufwachen. Was wäre wohl natürlicher, als daß ich mich mit dem Kopfe an das Bette stieße, und erwachte? Allein ich habe noch keine Lust, munter zu werden. Ich hoffe, künftiges Jahr weiter fort zu träumen, denn ich kenne in der Stadt, wo ich wohne, wenigstens noch zwölf Originale, deren Tode ich mit schmerzlichem Verlangen entgegen sehe, weil ihre Bemühungen in dieser Welt so lächerlich und abgeschmackt sind, daß ich mir meine Leser gewiß verbindlich machen werde, wenn ich ihnen alsdann erzähle, womit sich ihre Seelen beschäfftigen. Es verlohnt sich also die Mühe noch wohl, daß ich ihren Tod schlafend erwarte. Abhandlung von Buchdruckerstöcken. S. Neue Beytr. zum Vergn. des Verst. und Witzes, 1 Band, 5 St. 1745.     Zueignungsschrift an die Marquisinn von L***   Madame, Ihr werdet mir verzeihen, daß ich, als ein Deutscher, mich unterstehe, Euern Namen vor meine Schrift, und zwar vor eine solche Schrift zu setzen, in welcher eine der schwersten Materien, nach der Metaphysik, abgehandelt wird. Die witzigsten Eurer Landsleute wählen sich eine Marquisinn zur Schutzgöttinn ihrer gelehrten Werke, welche sie in die Welt senden, und ich lobe sie darum. Derjenige Leser müßte sehr unbescheiden seyn, der sich an einer Schrift vergreifen könnte, welche ein Frauenzimmer beschützt, oder die, mit der Livrey einer Marquisinn, sich unter das Volk wagt. Ich bin gar nicht so sehr für mein Vaterland eingenommen, daß ich nicht dieses für einen der wesentlichsten Vorzüge Euers Volks erkennen, und hier öffentlich rühmen sollte. So oft ich ein Buch sehe, es mag in Cölln, oder auf Kosten der Compagnie herausgekommen seyn; so ist eine Marquisinn allemal das erste, was mir in die Augen fällt. Niemals sehe ich dieses, ohne die Glückseligkeit Euers Volks zu beneiden, und mein Deutschland, dieses rauhe und unwitzige Land, zu beklagen, in welchem kein Autor berühmt werden kann, weil er keine Marquisinn hat. Ihr würdet sehr grausam seyn, Madame, wenn Ihr mir verwehren wolltet, diesen natürlichen Mangel dadurch zu ersetzen, daß ich Euern Namen borge. Eure Landsleute sind so gefällig, daß sie uns mit allen denen Moden versorgen, die uns Deutsche zu leibhaften Franzosen, oder, welches einerley ist, zu vernünftigen Creaturen machen. Ich glaube also, sie werden es nicht übel nehmen, daß ich mit Euch, Marquisinn, eben so groß thue, als mit meinem Aermel, von dem mein Schneider mich versichert hat, daß dergleichen noch zur Zeit zu Paris niemand trage, als ein gewisser Chevalier, ein gewisser Marquis, und ein gewisser Prinz vom Geblüte, den er auch nicht nennen könnte. Vielleicht ist es nicht wahr, was mein Schneider sagt, und vielleicht ist in ganz Frankreich kein solcher Aermel, als der meinige. Es mag seyn. Das will ich nicht untersuchen. Das aber würde mich ärgern, wenn sich jemand die Frage einfallen ließe: Ob auch wirklich eine Marquisinn von L*** in der Welt sey? Denn auf diese Art würde man an meinem größten Verdienste zweifeln wollen. Chloris hat eine solche Hochachtung gegen meinen parisischen Aermel, daß sie mich gestern früh für den vernünftigsten unter ihren Liebhabern erklärte; und ich verlange nicht zu viel, wenn ich glaube, meine Landsleute sind schuldig zu bekennen, ich sey unter allen denen Schriftstellern, welche sich seit der letzten Michaelmesse verewigt haben, der gelehrteste, gründlichste, und tiefsinnigste, weil ich die Ehre habe, der Marquisinn von L*** gegenwärtige Blätter zuzueignen. Wie glücklich wäre ich! Aber, ich wünsche mir wohl zu viel. Doch ich will es wagen, Ihr werdet mir diese Ruhmredigkeit verzeihen, wenn ich Euch, Madame, gestehe, daß ich mir kein größres Glück vorstellen könnte, als wenn meine Leser in gegenwärtiger Abhandlung einen so feinen Geist fänden, daß sie anfiengen, zu zweifeln, ob sie auch wirklich ein deutsches Original, und nicht vielmehr aus dem Französischen übersetzt wäre. Allen meinen Gerechtsamen auf die Nachwelt wollte ich entsagen, wenn ich dieses Glück erlebte. Niemals kann ich ohne eine kleine Eifersucht an den deutschen Verfasser gewisser bekannter Briefe gedenken, dem der glaubwürdige Vorredner dieses schmeichelhafte Zeugniß giebt: Es habe diese Briefe zwar freylich nur ein Deutscher geschrieben; aber gleichwohl wären sie so vortrefflich abgefaßt, daß sie verdienten, von einem Franzosen geschrieben zu seyn. Auf Euch allein, Madame, wird es ankommen, ob ich in meiner Hoffnung glücklich oder unglücklich seyn soll. Gewinne ich nur Euern Beyfall, so weis ich gewiß, kein Abt in Paris wird es wagen, mir den Ruhm eines großen Gelehrten und die Ewigkeit abzusprechen. Ich verdiene es, weil ich die Ehre habe zu seyn, Madame, der Eurige, Woldemar von Tzschaschlau.   N. S. Aus großer Begierde, ein witziger Kopf, ein Franzose, und unsterblich zu seyn, habe ich vergessen, mich bey Euch, Madame, zu entschuldigen, daß ich Euch eine Schrift widme, welche so gelehrt ist, daß Ihr nicht ein Wort davon verstehen werdet. Aber dieses thut zur Sache nichts. Ich verlange gar nichts weiter von Euch, als daß Ihr die Zueignungsschrift lesen sollt; denn eben um deswillen seyd Ihr eine Marquisinn, und ich bin ein Autor. Ich will mein Verfahren mit hundert Exempeln Eurer witzigsten Landsleute rechtfertigen, wenn ich euch künftig eine Abhandlung von Kegelschnitten, einige algebraische Galanterien, und eine kritische Untersuchung von den Schriften des Covarruvias zueigne. Ja, Ihr seyd nicht eine Stunde sicher, daß ich Euch nicht mit einer politischen Deduction von dem österreichischen Succeßionskriege heimsuche. Ihr werdet wohl thun, wenn ihr euch auf alle Fälle gefaßt macht. Ich küsse euch die Hände.     Abhandlung von Buchdruckerstöcken. Ich nehme mir itzt vor, eine Sache auszuführen, welche so schwer und tiefsinnig ist, daß ich von meinen Lesern noch etwas mehr, als eine gewöhnliche Aufmerksamkeit, verlange. Ein einziges Wort, welches sie unachtsam übersehen, kann machen, daß ihnen eine ganze Reihe von Wahrheiten dunkel, und unbegreiflich vorkömmt. Um deswillen halte ich für billig, einige der schwersten Sätze vorher zu erklären, und verschiedne der wichtigsten Begriffe aus einander zu wickeln, damit ich nicht das geringste verabsäume, wodurch ich mich um meine Leser verdient machen kann. Die Gelehrten, welche im Denken geübt sind, wie ich, werden dieser Einleitung freylich nicht nöthig haben, ich erwarte also den Dank für diese Bemühung nur von dem schönen Theile meiner Leser. Bloß diesem zu gefallen, werde ich zwar bündig, aber doch deutlich, und mit einem Worte, so schreiben, wie verschiedne unsrer Philosophen zu thun pflegen, wenn sie den Eingang zu einer Abhandlung machen, welche vielmals bey weitem so wichtig nicht ist, als die meinige. »Ich nehme dieses, als einen Heischesatz an, daß die Vorstellungskraft der Seele sich nach der Lage der Körper richtet. Es gründet sich dieses auf die vorherbestimmte Uebereinstimmung von Leib und Seele. Zu mehrerm Beweise könnte ich den Satz des nicht zu unterscheidenden anführen, wenn nicht bereits ausgemacht wäre, daß unmöglich ein Ding zugleich seyn, und nicht seyn kann. So wenig gegenwärtig meine Absicht ist, das Lehrgebäude der gelegentlichen Ursachen über einen Hausen zu werfen; so wenig werde ich auch itzt untersuchen, ob die Gesichtspunkte der Vorstellungskraft, welche sich bis in die Zirbeldrüse fortpflanzen, nur einfach oder vielerley sind. Genug, daß der Grund dasjenige in der Ursache ist, woraus man das darinnen gegründete erklärt. Denn das Ganze zusammen genommen ist seinen Theilen gleich; und wenn die Ursache gesetzt wird, so wird auch die Wirkung gesetzt. Es ist zwar an dem, daß es unendliche Wahrscheinlichkeiten giebt; doch sind diese Wahrscheinlichkeiten oder Vermuthungen eben so gewiß, als die Erweise von vorne. Es thut nichts, daß das Maaß der Kräfte in der Welt einerley ist; so lange noch die Körper untheilbar sind, und so lange der Raum ausgedehnet ist, dennoch aber keine Eigenschaften hat. So deutlich alle diese Wahrheiten an und für sich sind; so werde ich mich doch noch besser erklären können, wenn ich sie in folgenden Schluß zusammenfasse: Die Seele ist ein Spiegel, in welchem sich die andern Monaden alle im Kleinen abbilden, und wenn man die dunkeln Ideen einer Seele kennen sollte, so würde man die Eigenschaften aller Wesen erkennen. Nun ist aber außer Streit, daß die einfachen Dinge, jedes für sich, bestehen, durch die verwirrte Vorstellung aber nur ein Haufen zu seyn scheinen. Also folgt von selbst, daß etwas dasjenige ist, was seyn kann, indem die Bewegung die Veränderung eines Orts, der Ort aber die vorgestellte Verhältniß unterschiedner von einander abstechender Dinge ist. W. Z. E. W.« Dieses wird genug seyn, meinen Leser zu demjenigen vorzubereiten, was ich sagen will. Ich läugne gar nicht, daß es mich viel Mühe gekostet hat, alles in ein völliges Licht zu setzen. Vorstehender Beweis hat meine Leibes- und Gemüthskräfte sehr mitgenommen. Aber desto gelehrter ist er auch. Ich denke stark, wie ein Philosoph; dennoch aber trage ich meine Gedanken sehr deutlich vor, wie man sehen kann, und eben dieses ist der Grund, warum ich einen merklichen Vorzug vor andern nicht unbillig verlangen kann. Ich schreite nunmehr zur Hauptsache. Buchdruckerstöcke nenne ich diejenigen Verzierungen und Bilder, welche theils über die gedruckten Schriften, theils bey den Anfangsbuchstaben, theils aber zum Schlusse derselben gesetzt werden. Ich bin nicht gesonnen, ihre Genealogie zu untersuchen. So viel aber ist wohl gewiß, daß sie nicht viel jünger seyn können, als Faust und Guttenberg . Es ist dieses ein neuer Beweis, durch welchen wir unsre Vorzüge vor andern Völkern, und besonders vor den eingebildeten Franzosen, behaupten können. Sind wir Deutsche die Erfinder der Buchdruckerkunst, wie solches vor einigen Jahren in allen Zeitungen mit mehrerm ausgeführt worden ist; so will ich denjenigen sehen, welcher so verwägen seyn, und uns die Erfindung der Buchdruckerstöcke absprechen wird. Die Meinung derer ist bereits von vielen widerlegt worden, welche sie den Gothen zuschreiben wollen, denen wir die witzigen Verzierungen an unsern Kirchen und Thürmen zu danken haben. Ich bin also der Mühe überhoben, dieses Vorurtheil itzt zu bestreiten. Hätte ich die boshafte Absicht, in der gelehrten Republik ein neues Feuer anzurichten; so würde ich hier die schönste Gelegenheit dazu finden. Wäre wohl etwas leichters, als ein Dutzend widrige Meinungen zu ersinnen, welche einige Feinde der Buchdruckerstöcke gehabt haben könnten? Ich dürfte nur erdichten, daß ein gewisser berühmter Mann, den ich nicht kenne, und den auch sonst niemand kennt, sich habe verlauten lassen: dergleichen Buchdruckerstöcke wären nichts anders, als was die Tonnen bey den Wallfischen sind, welche man ihnen vorwirft, damit sie das Schiff in Ruhe lassen. Man gäbe nämlich dem geneigten Leser ein Bildchen in die Hand, daß er damit spielen, und die Schrift selbst verschonen sollte. Besäße ich so viel Unverschämtheit, als mancher Autor besitzt, der in der gelehrten Historie noch lange so berühmt nicht ist, als ich; so würde ich, ohne roth zu werden, meinem Leser eine Unwahrheit sagen, und ihn versichern, daß der große Engländer Will. Lightbury in seinen Various and curious Anecdotes for the Advantage of Learning, Libro sexto, sectione quarta. §. 9. sqs. pag. mihi 419. sich sehr merkwürdiger Worte bedienet habe, welche im Deutschen also ungefähr lauten: »Um deßwillen muß ich Ihnen, Mylord, aufrichtig bekennen, daß meistentheils die schönsten und wichtigsten Buchdruckerstöcke vor den magersten und abgeschmacktesten Abhandlungen stehen. Sie kommen mir daher nicht viel anders vor, als diejenigen Tafeln, auf welchen die kostbarsten Speisen und Getränke gemalt sind, und welche öfters vor solchen Gasthöfen hängen, in denen man gleichwohl kaum so viel bekommen kann, als zur Stillung des Hungers und Durstes nöthig ist.« So weit unser Will. Lightbury , könnte ich sagen; und es wäre allerdings verwägen genug von mir gehandelt, wenn ich sprechen wollte, daß diese Stelle in einem englischen Scribenten stünde, da in der ganzen Welt niemals ein Will. Lightbury gewesen, und überhaupt von allem dem nicht ein Wort wahr ist, was dieser soll gesagt haben. Dem ohngeachtet würde ich diese dreiste Lügen mit dem wohlhergebrachten Rechte der Autoren, und mit den herrlichsten Exempeln bewährter Schriftsteller beweisen können, welche im Fall der Noth mit eignen Händen alte Manuscripte und Documente verfertigen, und noch öfterer sehr umständlich sich auf die Zeugnisse grosser Männer beziehen, welche sie gleichwohl so wenig kennen und gelesen haben, als ich und meine Leser den Will. Lightbury . Ja, was noch mehr, ich erlebte wohl gar in kurzer Zeit das Vergnügen, daß andre in mehr als einer philosophischen Disputation, auf Treu und Glauben, sich auf den Ausspruch meines Will. Lightbury beruften; und wer weis, ob sich nicht jemand des gemeinen Bestens so väterlich annähme, und eine Schrift unter diesem Titel abfaßte: »Versuch einer abgenöthigten Vertheidigung wider die gefährlichen Meinungen des Will. Lightbury in seinen bekannten Various and curious Anecdotes for the Advantage of Learning, Libro sexto, sectione quarta, §. 9. sqs. pag. mihi 419. zur Aufnahme des guten Geschmacks und aus Liebe zum werthen Vaterlande, in möglichster Kürze sehr eilfertig, jedoch mathematisch, entworfen von N. N. auf Kosten des Verfassers.« So leicht würde mir es seyn, Verwirrungen und Befehdungen unter vielen unsrer Gelehrten anzurichten, wenn ich nicht bedächte, daß ein Gelehrter, welcher seinen Namen zur Nachwelt bringen will, noch etwas mehr Gewissen braucht, als mancher Advocat, welcher nur so lange für einen ehrlichen Mann angesehen zu seyn wünscht, als der Proceß gangbar ist, und um deswillen in einer Stunde so viel Urkunden und Zeugen machen kann, als er zu seinem rechtlichen Verfahren voritzt nöthig hat. Um deswillen versichre ich meine Leser, daß weder ein gewisser berühmter Mann, noch ein Will. Lightbury , noch auch, so viel mir bekannt ist, sonst jemand etwas zum Nachtheile der Buchdruckerstöcke geschrieben hat. Ich kann also mit ruhigem Gemüthe in meiner Abhandlung fortfahren. Ich werde meine Absicht lediglich dahin gerichtet seyn lassen, daß ich in verschiedenen Exempeln zeige: »was vornehmlich bey der Wahl, und geschickten Einrichtung der Buchdruckerstöcke, nach Beschaffenheit einer jedweden Schrift, und deren wesentlichem Innhalte, zu beobachten sey, damit die Natur der Sache allenthalben beybehalten, und dem Leser ein aufrichtiger Begriff von demjenigen beygebracht werde, wessen er sich zu dieser Schrift und ihrem Verfasser zu versehen habe.« Niemals habe ich ohne Wehmuth an den übeln Geschmack denken können, welcher bisher bey den juristischen Schriften, in Ansehung der Buchdruckerstöcke, geherrscht hat. Da ich selbst ein Priester der Gerechtigkeit bin, und so gut liquidiren kann, als ein Pachtamtmann; so liegt mir viel daran, daß ich auch in diesem Stücke der eingerißnen Unordnung nach Vermögen Einhalt thue. Könnte ich diesem Uebel dadurch steuern, wenn ich aufrichtig gestünde, daß mich dieser Misbrauch mehr, als einmal, die bittersten Thränen gekostet hat; so würde ich dieses wehmüthige Bekenntniß mit Vergnügen thun. Weil aber unser großer Alciatus in seiner Glossa ad l. 4. D. de Iustitia et Iore §. frustra enim 14. der Erfahrung sehr gründlich angemerkt hat, daß ein Advocat nicht auf die Augen, sondern auf die Hände seiner Clienten sehen müsse, und es allerdings wider den Stylum curiae laufen würde, wenn ein Rechtsgelehrter sich durch Thränen bewegen ließe; so halte ich es für sehr vergebens, dieses Bekenntniß meiner Betrübniß öffentlich abzulegen. Es wird genug seyn, wenn ich einige Vorschläge thue, was künftig in Ansehung der Buchdruckerstöcke bey juristischen Schriften zu beobachten sey. Unter sechs praktischen Abhandlungen de eo, quod iustum est, circa, wird man wenigstens fünfe antreffen, über welchen die Gerechtigkeit mit verbundnen Augen, mit dem Schwerdte, und mit der Wage sitzt. Ich weis es wohl, daß dieses ihr gewöhnlicher Aufzug ist, und ich würde dabey gar nichts erinnern, wenn man sie nur über solche Schriften setzte, welche von den Rechten unsrer Vorfahren, der alten Deutschen, handeln. Von diesen allenfalls will ich glauben, daß bey ihnen die Gerechtigkeit verbundne Augen und in den Händen Schwerdt und Wage gehalten habe: Allein, die Zeiten ändern alles. Bey uns ist diese Tracht gar nicht mehr Mode. Wie lächerlich würde es aussehen, wenn ich jenen Landjunker, der nichts thut, als daß er trinkt, und spielt, mit Helme und Harnische malen wollte, wie sein Großvater gemalt ist, der in denen rauhen Zeiten lebte, in welchen man es noch für rühmlich hielt, fürs Vaterland zu sterben? Nein, itzt sind unsre Zeiten weit gesitteter und aufgeklärter, und ich halte es für billig, daß auch wir, jeder in seinem Stande, uns nach dem heutigen Geschmacke richten lernen. Ich rathe es also meinen Collegen aufrichtig: Wenn sie nützliche Anleitungen zur güldnen Praxis schreiben wollen; so müssen sie den Buchdruckerstock so wählen, daß die Göttinn der Gerechtigkeit nicht allein die Augen verbunden habe, sondern sie müssen ihr die Binde auch über die Ohren recht fest machen, daß sie weder hört, noch sieht. Die Hände hingegen müssen sie ihr schlechterdings frey lassen, damit sie zugreifen kann, wenn die Partheyen ihren Beweis und Gegenbeweis übergeben, es bestehe nun dieser in baarem Gelde, oder in Victualien. Aber so strenge will ich doch nicht seyn, daß ich die Wage ganz und gar abschaffen wollte. Nein! Sie hat noch ihren guten Nutzen. In den Werken, welche de iustitia distributiua handeln, ist die Wage ganz unentbehrlich. Schriebe ich nur für Juristen, so würde es nicht nöthig seyn, mich zu erklären, was iustitia distributiua in verschiednen Richterstuben heisse. Aber dem schönen Geschlechte zu gefallen muß ich anmerken, diese sey eine praktische Kunst, zu untersuchen, wie sich die Sache eines Armen gegen die Sache eines Reichen, und ein Kober Krebse, den uns ein armer gedrückter Bauer, als Kläger, bringt, gegen ein wildes Schwein verhält, das uns sein gnädiger Herr, als Beklagter, zu Aufmunterung unsers Eifers für die gerechte Sache zuschickt. Dieses heißt distributiua . Hiervon ist mit mehrerm nachzusehen des berühmten Herrn Professors in Leiden Gille Hooenhoeck nomenclator forensis, oder juristisches Wörterbuch, in welchem, unter dem Buchstaben I, obige Beschreibung de iustitia distributiua von Wort zu Wort sich befindet, und noch dieses hinzugesetzt ist, daß nach verschiedner Rechtsgelehrten Meinung ein Kober Krebse probatio semiplena , ein wildes Schwein aber documentum guarentigionatum heisse. Ich habe aber davon mit Fleisse in meinem Texte nichts erwähnen wollen, weil dieses nur den holländischen Schlendrian betrifft, und hier zu Lande ganz und gar nicht eingeführt ist. Und in diesem Falle ist die Wage ganz unentbehrlich. Ich wollte aber doch auch wohlmeinend rathen, daß man die Gerechtigkeit bey dergleichen Gelegenheit mit offnen und unverbundnen Augen vorstellte: denn es trägt dieses viel dazu bey, den statum caussae recht einzusehen. Ich besitze ein Buch, aber der Titel ist weggerissen, um deswillen ist mir der Verfasser und die Jahrzahl, wenn es herausgekommen, unbekannt. So viel kann ich aus dem Drucke schliessen, daß es ziemlich alt seyn mag, und die so genannten Summarien der Capitel zeigen durchgängig, daß es von der Handhabung des Rechts und der Gerechtigkeit, oder, wie mein unbekannter Autor sich ausdrückt, de vltimo fine caussidicorum handelt. Von der Sache, welche darinn ausgeführt worden, will ich nichts gedenken, weil sie auf unsre Zeiten gar nicht paßt Allein dieses muß ich doch als einen Beweis des guten Geschmacks anführen, den man in vorigen Zeiten gehabt, daß man daselbst besonders drey Stöcke antrifft, welche ausserordentlich wohl gewählt sind. Der erste steht gleich über dem Anfange der Vorrede, und ist ein feiner Holzschnitt, der eine Wollschur, und im Prospecte den Tempel der Gerechtigkeit ganz zierlich vorstellt, mit der Ueberschrift: Pastoris est, tondere pecus! Der Anfangsbuchstabe ist ein A, so auf einem Expensbuche steht. Zum Schlusse der Abhandlung ist eine zusammengekrümmte Schlange, ungefähr so, wie man die Ewigkeit malt. In dem innern Raume derselben erblickt man die Worte: In saecula saeculorum. Ob dieses letztere nur ein andächtiger Wunsch seyn soll, den der Verfasser, an statt des sonst gewöhnlichen, in unsern Zeiten aber auch altväterisch gewordenen, Soli Deo gloria , gehangen hat? das weis ich nicht. Ich glaube aber, daß diese Stöcke sich alle dreye gar füglich auf den abgehandelten Satz, de vltimo fine caussidicorum , deuten lassen. Anfänglich hatte ich mir vorgesetzt, einen Buchdruckerstock auszudenken, den man vor eine Schrift setzen könnte, in welcher von der Billigkeit, sich der Wittwen und Waisen ohne Eigennutz und redlich anzunehmen, gehandelt würde. Es hat mir es aber ein gewisser vornehmer Mann ausgeredet, und zur Ursache angeführt, daß dergleichen Stöcke gar überflüßig wären, da diese Materie nur unter die theoretischen Wahrheiten gehörte, welche wenig Leser, und um deswillen schwerlich einen Verleger finden würden. Aus Hochachtung gegen diesen großen Mann bin ich zwar seinem Rathe gefolgt; nur befürchte ich, daß mir dadurch die Gelegenheit genommen werde, von verschiednen juristischen Sätzen zu handeln, welche man eben so wohl für solche theoretische Wahrheiten, als jene, halten, und glauben wird, daß sie weder Leser, noch Verleger, finden dürften. Nunmehr darf ich es in der That nicht wagen, etwas von der Natur und Eigenschaft eines Advocatengewissens, von Wiedererstattung des unrechterworbnen Gutes, welches man mit aller Legalität seinen Clienten entwendet hat, von der Wichtigkeit der Eidschwüre, von der Strafe der Erbschleicher, und von hundert andern Sachen zu reden. Ja nach eben dieser Regel wird es vergebens seyn, von der Taxordnung etwas zu gedenken. Und dennoch glaube ich, alle diese Stücke sollten die schönsten Erfindungen zu den zierlichsten Buchdruckerstöcken geben. Ich kann diesen Verlust kaum verschmerzen. Gesetzt auch, daß alle diese Dinge nicht mehr Mode, und höchstens nur theoretische Wahrheiten sind! Darf man denn deswegen nicht weiter davon schreiben? Kann man sie denn nicht wenigstens unter die juristischen Alterthümer rechnen? Sollten dergleichen Abhandlungen nicht wenigstens eben so nützlich seyn, als die Abhandlungen von den Salben der Griechen, und von den langen und kurzen Röcken der Römer? Ich wette darauf, wer davon schreibt, kann sich den Beyfall der berühmtesten Männer, und wenigstens in vier Wochenblättern den Titel eines doctissimi, clarissimi, viri celeberrimi, Auctoris aetatem venerandi, versprechen. Nur von der Billigkeit, sich der Wittwen und Waisen ohne Eigennutz anzunehmen, von solchen Pflichten eines Rechtsgelehrten, die unsre alten Vorfahren, die Barbaren, welche nichts von Glossis und Brocardicis wußten, für so unentbehrlich hielten, nur davon soll es nicht erlaubt seyn, etwas zu schreiben, aus Furcht, man möchte vergebens geschrieben haben? Das halte ich für grausam! Und dennoch sehe ich mich gezwungen, dem mir gegebnen Rathe dieses großen Mannes zu folgen, weil er mein nächster Vetter ist; weil er über zwanzig tausend Gulden besitzt; weil er drey Aerzte hat, die ihn alle drey auf einmal mit Medicamenten versorgen, und er also, wofern diese ihr Handwerk recht verstehen, nicht lange mehr leben kann. Vor der ganzen Welt müssen mich diese Gründe rechtfertigen; und wer mir nunmehr noch vorwerfen wollte, daß ich aus Eigennutze nachgegeben, und nicht die Liebe zur Wahrheit über alles gehen lassen, der muß sein Lebtage keinen reichen Vetter gehabt haben. Und auf solcher Leute ihr blödes Urtheil gebe ich nichts, wie billig. Für die Schriften unsrer starken Geister, habe ich lange, doch vergebens, nachgedacht, einen Buchdruckerstock ausfindig zu machen. Ueber Wahrheiten zu spotten, welche wir, kleine Seelen, unter einander gemeiniglich die wichtigen Wahrheiten der Religion nennen; dazu gehört eine so besondre Fähigkeit, welche man ordentlicher Weise bey vernünftigen Creaturen nicht antrifft. Ich rede gar nicht von allen. Dem Spinoza will ich, was den tiefsinnigen Verstand anbetrifft, sein Recht gern widerfahren lassen, und unsern starken Geistern gönne ich das Vergnügen, sich ebensowohl Spinozisten zu nennen, als ich mich für einen eifrigen Wolfianer ausgab, da ich noch in Prime saß. Das wäre barbarisch, wenn man unsern Freygeistern nicht einmal diesen Titel einräumen wollte. Ein Geschöpf, welches sich soviel Gewalt anthut, daß es seine Empfindung verläugnet; welches Sachen behauptet, worinnen ihm sein eigner Verstand widerspricht; welches seiner Vernunft entsagt, um uns die Vernunft, als das einzige Mittel zur Glückseligkeit, anzupreisen; welches sich der Verachtung aller Welt aussetzt, um unser Lehrmeister zu werden; welches in dieser Welt sein Glück von sich stößt, uns zu versichern, daß wir in jener Welt keines zu hoffen haben; welches ein Narr wird, um ein Autor zu heißen; ein solches Geschöpf sollte nicht einmal soviel Mitleid verdienen, daß wir ihm den Titel eines Spinozisten zugestünden? Der Einwurf taugt gar nichts, er ist abgeschmackt, wenn man auf die Erfahrung trotzt, daß der schwächste Kopf oftmals der stärkste Geist sey; daß dazu viel weniger Verstand gehöre, die Gründe der geoffenbarten Religion zu läugnen, als zu beweisen: daß derjenige die Gesetze des Staats beleidige, welcher die Gesetze der Offenbahrung über einen Haufen zu werfen sucht; daß die Pflichten der Geselligkeit dadurch gebrochen würden, wenn man seinen Mitbürgern die Mittel, ihr Gemüthe zu beruhigen, aus den Händen reißt, ohne ihnen beßre Mittel anzugeben. Alle diese Einwürfe sind ungegründet, sie sind abgeschmackt. Ich habe es schon oben gesagt, und hier sage ich es noch einmal. Das ist ein richtiger Beweis, und noch weit gründlicher, als derjenige Beweis, welchen unsre starken Geister einigen Engelländern treuherzig nachbeten, wenn sie die biblische Geschichte von der Schöpfung der Welt lächerlich machen wollen. Aus rühmlichem Eifer, für die gerechte Sache unsrer starken Geister, bin ich von meiner Hauptsache ganz abgekommen. Ich wollte von den Buchdruckerstöcken handeln, welche vor ihre Schriften gehören, und gleichwohl gerathe ich in einen so heftigen Eifer, mich ihrer anzunehmen, als wäre man schon im Begriffe, sie ins Tollhaus zu stecken. Es schadet nichts, wenigstens ist es meine Schuld nunmehr nicht, wenn man sie ja noch dahinbringen sollte, wo diejenigen eingeschlossen und verwahret werden, welche aus Mangel der Vernunft sich und andern schaden können. Das meinige habe ich gethan, und komme nun wieder zur Hauptsache. Meine Leser werden sich erinnern, daß ich gleich anfangs erwähnt, wie ich lange, und vergebens nachgedacht hätte, einige Buchdruckerstöcke ausfindig zu machen. Dieses bewog mich, eine der neuesten Schriften unsrer starken Geister aufzuschlagen, und wenn die andern alle so sind, so halte ich meine Sorge beynahe für überflüßig, weil ich finde, daß die Stöcke mit Einsicht gewählt sind. Diese ganz neue, und wo ich nicht irre, die allerneueste Abhandlung fängt sich mit einem I an. Dieser Buchstabe steht in einer viereckigten Verzierung, auf welcher ein Fuchs sitzt. In seinen Pfoten hält er einen Kopf. Weil es nur ein Holzschnitt ist, so habe ich nicht recht deutlich unterscheiden können, ob es der Kopf von einem Menschen oder von einem unvernünftigen Thiere ist; und eben dieses hat mich noch bis auf diese Stunde zweifelhaft gelassen, ob es das Brustbild des geschickten Herrn Verfassers seyn, oder auf die bekannte Fabel gehen soll, welche Phädrus von der Maske erzählt, die zwar vortrefflich ausgesehen, aber kein Gehirn gehabt hat. Ich bin hierinn freylich noch ungewiß; aber je mehr ich in der Abhandlung selbst lese, desto mehr glaube ich auch, daß der Verfasser, nach der Gewohnheit andrer grosser Schriftsteller, der Nachwelt sein Bildniß mittheilen wollen. Beyläufig muß ich hier gedenken, daß ich in veteri triclinio a Jul. Vrsino exhibito in appendice ad Ciaccon. p. 120. edit. Sanctandr. nachgeschlagen, wo ich unter andern gemalten Larven eine gefunden habe, welche meinem obgedachten Herrn Autor vollkommen ähnlich sieht; und dieses überzeugt mich von seinem guten Geschmacke noch mehr. Vermöge der natürlichen Ordnung komme ich nunmehr auf die Philosophen. Denn ich kenne keinen einzigen Freygeist, welcher sich nicht unter der ansehnlichen Gestalt eines Philosophen groß und furchtbar zu machen sucht. Die Menge der philosophischen Schriften verdiente wohl, daß ich die gelehrte Welt mit einer eben so grossen Menge von Buchdruckerstöcken versorgte, welche vor dieselben gesetzt werden könnten. Man könnte sich hiervon einen doppelten Nutzen versprechen. Ich würde dadurch dem Misbrauche steuern, welcher besonders bey dieser Art von Schriften eingerissen ist, und überdieses würden die Leser noch den Vortheil haben, daß sie bey Erblickung eines deutlichen Buchdruckerstocks wenigstens etwas verstünden, da gemeiniglich die Abhandlungen selbst so eingerichtet sind, daß man ohne besondre Erleuchtung nicht einsehen kann, ob es eine Abhandlung von den Monaden, oder aus der Alchymie seyn soll. Mein Vorsatz erlaubt mir nicht, so weitläuftig zu seyn, als es das allgemeine Beste erfodert: und ich hoffe, ich werde das Recht haben, meine Bequemlichkeit allen andern Absichten vorzuziehen, so lange man einem Autor das Recht nicht absprechen kann, mehr auf sich, als auf das gemeine Beste, zu sehen. Um deswillen werde ich für dießmal nur einiger gedenken. Wir fangen nunmehr an, diejenigen glückseligen Zeiten zu erleben, in welchen wir durch mehr, als ein gedrucktes Zeugniß, den Vorwurf unsrer eifersüchtigen Nachbarn zu Schanden machen können, welche glauben, daß wir Deutschen zu wenig Witz, und zu viel Ernsthaftigkeit besitzen. Unsre muntern Jünglinge brechen uns die Bahn. Voll edler Verwägenheit unternehmen sie Beweise der schwersten und ernsthaftesten Materien aus der Metaphysik, und dennoch alles mit einer spaßhaften Miene, und mit einer sehr merkwürdigen Lebhaftigkeit. Wenn sie von den ewigen Wahrheiten der besten Welt zu reden versprechen, so werden sie uns mit lachendem Munde erzählen, daß die Augen ihrer Chloris reizend, und ihr Mund so bezaubernd sey, daß sie von ihrer besten Welt erst alsdann recht überführt werden könnten, wenn sie diesen Mund küssen dürften. »Das erste Wesen aller Dinge legte mit weiser Vorsicht die Kräfte in den Menschen, die Mittel zu wählen, welche zu Beförderung seiner Glückseligkeit dienlich sind, und dasjenige zu meiden, was ihm an Erlangung derselben hinderlich seyn konnte.« So prächtig klingt ihr Satz. Fragt man nach dem Beweise? Der Beweis folgt unmittelbar drauf. »Ich wähle die Chloe, weil ich bey ihrer Liebe der glückseligste bin: Aber mit der größten Kaltsinnigkeit begegne ich Selinden, denn ihre Sprödigkeit will keine Schäfer, sondern Sklaven, haben.« Ist dieser Beweis nicht ganz unerwartet? Ist er nicht eben um deswillen vortrefflich? Unser großer Philosoph liebt Chloen, und flieht Selinden! Warum? Denn das erste Wesen aller Dinge (§. 1.) legte mit weiser Vorsicht (§. 4.) die Kräfte in denselben (§. 9. 10.), durch eine freye Wahl (§. praeced. ) sein Glück und sein Unglück zu befördern. Es wird einem solchen starkdenkenden Geiste ein leichtes seyn, die Existenz Gottes auf eine so spielende und lustige Art zu beweisen, daß auch der Setzer seiner Schrift vor herzlicher Ueberzeugung sich des Lachens nicht enthalten kann, sobald er die Demonstration in die Hände bekömmt. Könnte wohl ein vortrefflicheres Mittel, als dieses, ausgesonnen werden, auch den Pöbel von den wichtigsten Wahrheiten der höchsten Philosophie und der natürlichen Gottesgelahrheit zu überzeugen? Gewiß keines! Und wer so unverschämt seyn, und mir darinnen widersprechen wollte, der müßte – ich weis beynahe nicht, was ich von ihm denken sollte! Mit einem Worte, der müßte so eigensinnig, als Wolf , seyn. Wenn ich meine philosophischen Helden mit einem Blicke übersehe; so finde ich bey allen eine große Aehnlichkeit, die sie untereinander haben. Der Körper von ihren Abhandlungen ist ernsthaft, und ansehnlich; die Einkleidung ist lustig und potzierlich. Ich werde also für alle nur einen Buchdruckerstock vorschlagen. Vielleicht schickte sich dieses am besten, wenn sie sich wollten gefallen lassen, über ihre Schriften ein Bild zu setzen, welches einen griechischen Philosophen in seiner ehrwürdigsten Kleidung vorstellte; jedoch mit dem Unterschiede, daß er den Mantel, den Hut, und die komische Stellung eines Scapius an sich hätte. Wem der Scapin nicht gefällt, der mag sich den Pantalon wählen; und wem die Kleidung des Pantalons auch noch zu ernsthaft ist, dem lasse ich die freye Wahl, die dritte Art von dergleichen Trachten zu nehmen, welche bey seiner Schrift vielleicht noch natürlicher läßt. Es giebt unter unsern Philosophen eine gewisse Secte, welche durch ihren geheimnißvollen Vortrag ihre Meinung so gut zu verstecken wissen, daß man darauf schwören sollte, sie verstünden selbst nicht, was sie schreiben. Ihre Sprache ist so dunkel, wie die Räthsel der Morgenländer, und wenn sie anfangen, recht tiefsinnig zu demonstriren; so sollte man glauben, sie zauberten. Ich werde es verantworten können, wenn ich sie um deswillen philosophische Quacker nenne. Bloß aus Hochachtung gegen sie geschieht es, daß ich ihnen diesen Titel beylege. Ich suche auch zwischen ihnen und den Quackern keine Aehnlichkeit weiter, als in der Art, mit welcher beyde ihre Gedanken ausdrücken. Denen würde ich es in der That schlechten Dank wissen, welche in der Vergleichung weiter gehen, und von dem geistlichen Hochmuthe der Quacker, von ihrem verderbten Geblüte, von ihrer unachtsamen Kleidung, von gewissen unordentlichen Trieben, welche doch ihren Lehrsätzen, wenigstens dem Wortverstande nach, widersprechen, und von andern dergleichen Sachen eine Aehnlichkeit auf meine Philosophen herleiten wollten. Es ist hier der Ort gar nicht, davon zu handeln; vielleicht zeigt sich im nachfolgenden eine Gelegenheit dazu. Itzt will ich beym Hauptsatze bleiben, da ich dergleichen Philosophen, ihrer mystischen Sprache wegen, mit den Quackern in eine Reihe stelle. Für diese schickt sich wohl kein Buchdruckstock besser, als derjenige, welcher die Priesterinn zu Delphi auf ihrem Dreyfusse mit begeisterter Geberde, und derjenigen heiligverzerrten Miene vorstellt, mit welcher sie die neugierigen und verzweifelnden Menschen durch ihre hohen Aussprüche noch zweifelhafter macht. Dieser Buchdruckerstock hat seinen zureichenden Grund in dem Wesen des Dings; oder, niedriger zu reden, er schickt sich auf meine quackerischen Philosophen vollkommen. Diese bekommen, über ihren Erweisen, von der Einheit, von dem sich selbst Bestimmenden, vom leeren Raume, und dergleichen, eben solche kunstmäßige Verzuckungen auf ihren Großvaterstühlen, als die delphische Priesterinn unter ihrem Wahrsagen auf dem Dreyfusse bekam. Wenn diese schäumte, so redete sie die Sprache der Götter, denn ein Sterblicher verstund sie nicht; und wenn dergleichen Philosophen bündig schreiben, so schreiben sie unverständlich, denn dieses nennen sie die Sprache der Weisheit. Die delphischen Aussprüche, so dunkel sie auch waren, fanden dennoch ihre eifrigen Verehrer, und man betete sie abergläubisch nach, ohne zu wissen, was darunter verstanden würde. Ist aber nicht eben dieses auch bey uns die Ursache, daß wir in der Weltweisheit so abergläubische Sectirer in —aner finden, welche eben das denken, was ihr Lehrmeister gedacht hat? Und oftmals hat dieser nichts gedacht. Wer sich an dem Tempel zu Delphis vergreifen wollte, dem drohten die Priester mit den rächenden Blitzen der Götter, und ganz Griechenland ward in Harnisch gebracht. Frevelt man aber mit einem Philosophen, so erbittert man gewiß ein ganzes Heer junger Schriftsteller, welche das Lehrgebäude ihres Abgotts, durch Heischesätze, Lehrsätze, Grundsätze, und Aufgaben, vertheidigen, und uns wohl gar mit a + b – x. zu Heiden demonstriren. Kömmt es aber gar so weit, daß sich ihr Anführer selbst in den Kampf mengt; so werden wir uns gewiß keine gelindere Züchtigung versprechen können, als daß er uns methodo mathematica auf einmal aus einem Menschen in ein unvernünftiges Thier verwandelt. Noch mehr! Die delphische Priesterinn wahrsagte nicht eher, als bis sie, durch genugsame Opfer, Geschenke und Belohnungen, in ihre heilige Wuth gerieth; Und meine Philosophen werden niemals eher – – Doch ich irre mich. Meine Philosophen schreiben bloß aus Liebe zur Wahrheit. Unsre heidnischen Vorfahren gaben ihren Priestern, den Barden, Schuld, daß sie in ihren Liedern und Gesängen mit vieler Heftigkeit wider den Geiz eiferten, und gleichwohl selbst die geizigsten im ganzen Volke wären. Da wir nunmehr Christen sind; so ist freylich diese üble Gewohnheit mit noch viel andern Lastern abgekommen, welche die alten Deutschen an sich hatten. Doch etwas ähnliches davon findet sich noch bey einigen unsrer Philosophen. Ich will ihrer nur mit wenig Worten gedenken, da ich mich im Vorhergehenden auf gewisse Maasse dazu anheischig gemacht habe. Es giebt deren zwischen Straßburg und Breslau nur dreye, höchstens viere, welche in ganzen Quartanten von den Pflichten der Menschen gegen ihre Mitbürger, von Erlangung des höchsten Gutes, von der Erkenntniß des Schöpfers aus der Natur, von der Belohnung und Bestrafung des Guten und Bösen, von der Unsterblichkeit der Seele, von der Bändigung aller heftigen Leidenschaften, und von der wahren Zufriedenheit eines Menschen, mit solcher Lebhaftigkeit und mit solchem Eifer schreiben, daß sich ihre Abhandlungen auf das erbaulichste lesen lassen. Gleichwohl will man aus besondern Umständen dieser Moralisten schlüßen, und für gewiß versichern, daß sie, wenn man sie als Menschen, und nicht als Philosophen, betrachtet, nichts weniger, als die Pflichten gegen ihre Mitbürger, erfüllen; daß sie in Bestimmung des höchsten Gutes sehr ungewiß sind, und sich sehr körperliche Begriffe davon machen: daß sie an die Erkenntniß des Schöpfers, an die Vergeltung des Guten und Bösen, und an die Unsterblichkeit der Seele nicht länger denken, als sie auf der Catheder stehen, oder an dem Pulte sitzen. Niemals sind sie, sagt die Gelehrtenhistorie unsrer Zeit, wider den Hochmuth mehr ergrimmt, als wenn man ihnen ihren Rang streitig machen will. Nur erst alsdann kömmt ihnen der Geiz recht abscheulich vor, wenn ihre Gläubiger so unphilosophisch sind, und auf ihre Bezahlung dringen. Und ist ihre Chloe; denn die Philosophen haben auch ihre Chloen, ist diese, sage ich, so niedriggesinnt, daß ihr die Geschenke und Küsse eines erhitzten Stutzers lieber sind, als die abstracten Seufzer ihres dogmatischen Anbeters, so kann man gewiß glauben, daß er in der nächsten Messe eine grosse Abhandlung wider die unbändigen Leidenschaften der Wollust und der unordentlichen Liebe schreiben wird. Für diese Philosophen weis ich keinen bessern Buchdruckerstock vorzuschlagen, als ihr eignes Bildniß. Sie sollen die Wahl haben, ob sie sich nur im Brustbilde, oder in ihrer völligen Größe wollen vorstellen lassen. Die Larven, unter welchen sie sich ordentlich zu verbergen suchen, will ich ihnen nicht ganz nehmen; sie mögen solche behalten, doch so, daß man wenigstens die Hälfte von ihrem wahren Gesichte sehen kann. Ein einziges Lineament, das man von ihnen erblickt, wird schon genug seyn, dem Leser zu zeigen, wer hinter der Larve steckt. Es muß artig anzusehen seyn, wenn die eine Seite des Gesichts einem Lehrer des menschlichen Geschlechts gleicht, die andre Seite aber solche Züge blicken läßt, welche die heftigsten Leidenschaften eines eingebildeten, eines geizigen, eines ausschweifenden Gemüths verrathen. Ich will nicht hoffen, daß sich meine Philosophen durch diesen wohlgemeinten Vorschlag beleidigt finden werden. Geschähe dieses aber, so verdienten sie wohl, daß sie die Obrigkeit selbst anhielte, entweder gar nicht mehr zu schreiben, oder ihr Bildniß so vorzusetzen, daß sie auch nicht einmal die Hälfte des Gesichts bedecken dürften. Ich weis beynahe nicht, welche von diesen beyden Strafen für sie die grausamste seyn würde. Eben da ich im Begriffe bin, in gegenwärtiger Abhandlung weiter fortzufahren, und gegen die übrigen Gelehrten und Schriftsteller eben die Bereitwilligkeit zu zeigen, die ich bisher gegen die Rechtsgelehrten, die Freygeister und einige Philosophen, gezeigt habe; so erhalte ich von meinem guten Freunde, Peter Trommern in Augspurg, einen Brief, worinnen er meldet, daß er von meinem Vorhaben, gegenwärtige Schrift abzufassen, Nachricht erhalten, und um deswillen sich die Mühe gegeben habe, einige Buchdruckerstöcke zu schneiden, wovon er mir den Abdruck schickt. Er überläßt mir die Mühe, ausfindig zu machen, vor welche Bücher sie sich eigentlich schicken, und bittet mich, seine Arbeit sowohl, als sein löbliches Vorhaben, noch mehr dergleichen zu liefern, der gelehrten Welt bekannt zu machen. Ich darf es ihm, als meinem Freunde, freylich nicht wohl abschlagen, ungeachtet ich von einigen seiner Buchdruckerstöcke gar nicht errathen kann, vor welche Bücher sie sich eigentlich schicken sollten. Weil aber Herr Trommer vor allen andern wegen seiner Geschicklichkeit in der Kunst, Buchdruckerstöcke zu schneiden, berühmt, ist, so will ich sie meinen Lesern mittheilen. Hoffentlich wird sich dieses Verzeichniß eben so anmuthig lesen lassen, als ein Meßcatalogus, wo man auch nur Titel von Büchern liest, und oftmals solche Titel, aus denen man den eigentlichen Innhalt der Bücher, zu welchen sie gehören, wohl nimmermehr errathen sollte. Finden sich, wie ich gar nicht zweifle, Liebhaber zu diesen Buchdruckerstöcken; so kann ich ihnen melden, daß Herr Peter Trommer künftige Ostermesse zu Leipzig in Bräunings Hofe rechter Hand anzutreffen, und bey ihm alles um einen leidlichen Preis zu bekommen seyn wird. Ich behalte mir die Erlaubniß vor, nach der Messe einige Nachricht zugeben, welche von diesen Stöcken am meisten abgegangen sind. Hier ist das Verzeichniß selber. Mitten unter alten Gemäuern von eingefallnen Tempeln und Säulen sitzt derjenige Vogel, welcher nur im Finstern sieht, und bey Tage blind ist, der sich vom Ungeziefer und kleinen Gewürme nährt, dessen gräßliches Geschrey niemals etwas gutes bedeutet, und welcher, sobald er zu schreyen anfängt, alle Vögel der ganzen Gegend wider sich rege macht. Was mir bey diesem Stocke am besten gefällt, ist dieses, daß Hr. Trommer mit vieler Geschicklichkeit diesem Vogel eine so ernsthafte Miene zu geben gewußt, daß er alle andre Vögel mit Verachtung anzusehen scheint, welche nicht, wie er, unter altem Gemäuer und im Dunkeln sich beständig aufhalten. Ein paar grosse Augen, die er grimmig im Kopfe herumwälzt, ein aufgesperrter Schnabel, und starke Klauen scheinen einen jeden zu warnen, diesen Vogel in seinem Neste anzugreifen. In einem prächtigen Zimmer ist ein Mann zu sehen, welcher, nach einer beygebrachten Anmerkung, der römische Kaiser Domitian seyn soll. Er thut ungemein geschäfftig, und scheint sich, durch die viele Arbeit und heftige Bewegung, ganz ermüdet zu haben; ungeachtet dieses seine wichtigste Beschäfftigung ist, daß er Fliegen fängt. Das Bild ist vortrefflich gemalt, ich kann es nicht läugnen; nur weis ich ganz und gar nicht zu begreifen, warum er diesen Mann nicht in römischer, sondern in deutscher Kleidung vorgestellt hat. Der dritte Buchdruckerstock ist das Bild des griechischen Weisen, welcher die Sterne sorgfältig betrachtet. auf den Weg aber nicht sieht, und um deswillen in eine Grube fällt. Herr Trommer hat hierbey den Einfall, den vielleicht der meiste Theil der Leser auch haben wird, daß sich nämlich dieser Stock am besten vor einige astronomische Abhandlungen schickte. Ich will diesem nicht gänzlich widersprechen, wenn ich bedenke, daß viele der Mathematiker sich um die Sterne mehr bekümmern, als um dasjenige, was sie auf der Erde, und gegen sich selbst so wohl, als gegen andre Menschen zu beobachten haben. Es ist wahr, es giebt deren verschiedne, welche ihre Haushaltung und Kinderzucht versäumen, um der Bahn eines Kometen nachzuspüren; und welche nichts thun, als daß sie mit elektrischen Experimenten spielen, zu der Zeit, da ihre Weiber vor langer Weile ganz andre Observationen anstellen. Gleichwohl sollte ich meinen, daß es noch vielmehr Arten der Gelehrten gäbe, welche aus eben diesen Ursachen einen Anspruch auf gegenwärtigen Buchdruckerstock machen können. Und besonders möchte ich ihn einem gewissen Manne vorschlagen, welcher über die Untersuchung der jüdischen Alterthümer Weib und Kind vergißt, und als ein halber Rabbine in Gesellschaften unerträglich wird. Eine Gesellschaft von Schustern sitzt an einem Tische beysammen. Auf demselben liegt eine Landkarte von Deutschland. Man sieht es ihnen an ihren Gesichtern ganz deutlich an, daß sie sehr heftig mit einander streiten. Der eine weist mit dem Finger auf Schlesien, und sieht sehr bedenklich dabey aus, zween haben einander bey den Haaren gefaßt, und der dritte liegt schon unter der Bank, und überhaupt sieht die ganze Gesellschaft sehr patriotisch aus. Mich deucht, dieser Stock sollte sich sehr gut für eine politische Monatschrift schicken. Ein Indianer liegt, mit einem Rauchfasse in der Hand, vor einem Altare, und betet ein Götzenbild an, welches den Bauch von einem Menschen, die übrigen Gliedmaaßen aber, und besonders die um den Kopf herum, von verschiednen Thieren hat. Hr. Trommer hat mich sehr gebeten, ihm einen Käufer zu diesem Buchdruckerstocke zu verschaffen. Ich kenne nicht mehr, als einen einzigen guten Freund, welcher im Stande ist, Bücher zu schreiben, vor welche sich ein solcher Stock schickt; und wenn sich dieser nicht entschlüßt, solchen zu kaufen, so zweifle ich fast, ob er einen Liebhaber finden wird. Allenfalls muß sich Hr. Trommer entschließen, ihn nach — zu schicken, wo er ihn gewiß an Mann bringen kann. Die Fabel ist bekannt, welche uns erzählt, daß ein Mann sich Mühe gegeben, eine Menge Affen zu unterweisen, und sie dahin zu bringen, daß sie wenigstens vor den Leuten ihre natürlichen Sprünge, und affenmäßigen Handlungen verbergen, und sich in ihren Posituren, wie Menschen, anstellen sollen. Als er es durch gute und scharfe Mittel endlich so weit gebracht, daß sie einiger maßen menschlich gethan, so verderbt ihm ein Spötter seine ganzen Bemühungen, da er Nüsse und Aepfel unter sie wirft, wodurch sie auf einmal aus ihrer unnatürlichen Stellung gebracht werden, und sich so zeigen, wie sie natürlich sind. Diese Fabel hat mein augspurgischer Freund sehr lebhaft in seinem Stocke ausgedrückt. Der Mann, welcher sich Mühe giebt, die Affen zu unterweisen, scheint sich sein Amt so angelegen seyn zu lassen, als wenn er mit der wichtigsten Sache von der Welt zu thun hätte. Aber die unterschiednen Stellungen seiner Schüler geben deutlich genug zu verstehen, daß sie nur aus Zwang vernünftig thun, und länger nicht, als er vor ihnen steht, und ihnen droht. Unter der menschlichen Kleidung guckt das Affengesicht allemal vor. Verschiedne blöken gar die Zähne wider ihn, und der eine Affe besonders, welcher vor andern ansehnlich ist, droht, ihn zu kratzen. Von ferne zeigt ihnen ein Zuschauer einen Korb voll Obst, nach welchem sie alle mit lüsternen Blicken sehen, und auf dem Sprunge zu stehen scheinen, Lehre und Zwang zu verlassen, um ihren natürlichen Trieben wieder zu folgen. Dieser Buchdruckerstock findet wegen seiner außerordentlichen Sauberkeit, mit der er gezeichnet ist, vor allen andern meinen Beyfall, und ungeachtet er sich vor gegenwärtige Abhandlung gar nicht schickt, so würde ich doch dem Verleger sehr verbunden seyn, wenn er die wenigen Kosten nicht scheuen, und diesen Stock kaufen wollte, damit er meiner Schrift vorgesetzt werden könnte. Ich weis gewiß, er ist zu gefällig, als daß er mir diese Bitte abschlagen sollte. Hinkmars von Repkow Noten ohne Text. Se. Neue Beytr. zum Vergn. des Verst. und Witzes, 2 Band, 4 St. 1745.     Nunmehr thue ich den ersten Schritt in die gelehrte Welt. Schon vor dreyßig Jahren hatte mich die Natur mit so starken und dauerhaften Gliedmaaßen begabt, als zu einem Scribenten erfodert werden. Dennoch habe ich, welches fast unglaublich ist, jedesmal über mich selbst so viel Gewalt gehabt, daß meine Gelehrsamkeit noch niemals zum wirklichen Ausbruche gekommen ist, ich nehme einige kritische Versuche aus, welche ich im Jahre 1719, bey der damaligen großen Theurung, mir und dem guten Geschmacke zum Besten, doch jedesmal unter fremden Namen, der Welt mittheilen mußte. Seit dreyßig Jahren also habe ich nur einen Zuschauer unter den Gelehrten abgegeben. Meine ganze Aufmerksamkeit war dahin gerichtet, zu sehen, welches die sichersten und leichtesten Mittel wären, sich auf einmal über andre zu schwingen, und bis auf die späteste Nachwelt berühmt zu werden. Ich habe angemerkt, daß die Bemühungen der Geschichtschreiber, der Philosophen, der Dichter, und aller übrigen Gelehrten, so beschwerlich, so ungewiß, und so gefährlich sind, daß ich mich wohl hüten werde, mich mit einer von diesen Arten Schriften zu vermengen. Hingegen getraue ich mir, durch hundert Exempel zu behaupten, daß man durch kein Mittel in der Welt leichter zur gehörigen Autorgröße gelangen kann, als durch die Beschäfftigung, die Schriften andrer Männer durch Noten zu vermehren, und zu verbessern. Leute, von denen man schwören sollte, daß sie die Natur zu nichts weniger, als zu Gelehrten, geschaffen hätte; Leute, welche, ohne selbst zu denken, die Gedanken der Alten und anderer berühmten Männer erklären; solche Leute sind es, die sich groß und furchtbar machen; und wodurch? Durch Noten! Noten also sind der rechte Weg, zu demjenigen Zwecke zu gelangen, welchen alle Gelehrte, auf verschiedne Arten, aber mit ungleichem Erfolge, suchen. Ich brauche nicht zu beweisen, daß bey einem dergleichen Buche des Herrn Verfassers Noten allemal das vornehmste und wichtigste sind, der Text selbst aber nur etwas zufälliges, wenigstens von der Erheblichkeit lange nicht ist, als die angehängten Noten. Ich beziehe mich auf die Vorreden, so man vor diesen Büchern findet, und worinnen mein Satz allemal, nur auf verschiedne Art, behauptet ist. Einem solchen Verfasser würde es daher gleich viel gelten, wenn der Text auch gar untergienge. Nur um seine Noten darf die Nachwelt nicht kommen; dieser Verlust wäre unersetzlich. Diese Betrachtung hat mich zu dem Entschlusse gebracht, Noten zu schreiben, ohne um einen Text besorgt zu seyn, da dieser, wie gedacht, ohnedem nur ein Nebenumstand bey einem Buche ist. Ich überlasse die Beschäfftigung, einen Text zu gegenwärtigen Noten zu machen, andern, die weder diejenige Erfahrung, noch Geschicklichkeit, besitzen, die ich mit gutem Gewissen von mir selbst rühmen kann. Es sollte mir lieb seyn, wenn ich dadurch unsrer itzigen Jugend Gelegenheit gäbe, sich in Texten zu üben. Es kann gleich viel gelten, ob sie eine Materie von den itzigen politischen Umständen, oder aus der Arzneykunst, oder aus den bürgerlichen Rechten dazu wählen wollen. Eine Abhandlung von dem leeren Raume sollte sich auch nicht unrecht dazu schicken; denn dergleichen Betrachtungen werden nicht sehr gelesen, und solche Texte braucht ein Notenautor, wie ich bin, am liebsten. Ich wollte wünschen, daß sich bald wieder ein Komet sehen ließe. Meine Noten sollten sich ganz vortrefflich ausnehmen, wenn sie unter einer Abhandlung davon stünden. Man wird zwar darinnen nicht ein einziges Wort von Kometen finden: Aber desto besser wäre es; denn natürlicher Weise haben dergleichen Noten, wie die meinigen sind, ohnedem mit dem Texte weiter kein Verhältniß, als das, welches ihnen der Setzer giebt. Mit einem Worte, mit dem Texte mag ich gar nichts zu thun haben, den überlasse ich kleinen Geistern. Ich bin ein Gelehrter, und zwar ein Gelehrter bey Jahren, darum schreibe ich Noten; denn das ist ein wichtiges Werk! Ich erstaune, wenn ich zurück sehe, und eine unzählbare Menge Männer hinter mir erblicke, welche sich so viele Jahre lang mit so vieler Sorge, auf so verschiedene Art, um den Namen eines Gelehrten bemüht haben, von mir aber in einer Zeit von zween Tagen, auf die bequemlichste Art von der Welt, und ohne meinem Verstande und Nachdenken die geringste Gewalt anzuthun, eingeholt, ja weit übertroffen sind. Allen meinen Enkeln will ich es anrathen. Noten sollen sie machen! Und, wollen sie es so hoch bringen, wie ihr Großvater, so machen sie Noten ohne Text! Eine Sache, welche, außer mir, wohl noch kein Deutscher gewagt hat. Nun werden es die übermüthigen Franzosen doch auch glauben, daß es in Deutschland Schöpfer gebe, welche von sich selbst etwas hervorbringen, und noch mehr thun können, als nachahmen. Wie sehr werde ich mich vergnügen, wenn ein gelehrter Mann und Beförderer der schönen Künste und Wissenschaften sich berühmt, und Noten über meine Noten machen wird! »Der große Repkow , wird es einmal heißen, bedient sich in seinen gelehrten Noten ohne Text, unter andern, folgender sehr nachdenklichen Worte \&c.« Kann ein Schriftsteller zu seiner Beruhigung wohl mehr verlangen, als wenn sich ein andrer Schriftsteller auf ihn beruft? Wie prächtig wird es klingen, wenn ein gelehrter Abt des künftigen Jahrhunderts in der französischen Akademie seine Meinung durch mein Ansehen behaupten, und sagen wird: »Voyez le Savant Allemand, Monsieur Enkemar de Repikof dans ses remarques sans Texte \&c.« Und wer ist mir wohl dafür gut, daß nicht vielleicht, so bald gegenwärtige Abhandlung nur die Presse verlassen hat, schon irgendswo ein berühmter Mann mit Schmerzen auf meinen Tod wartet, nur, daß er in sein historisches Universallexicon, unter dem Buchstaben R, diese Nachricht setzen könne: » Repkow, (Hinkmar von) auf Budigaß, ein Nachkomme des großen Ecko von Repkow, schrieb Noten ohne Text, und starb. Er war ein billiger Verehrer seiner eignen Schriften, und überhaupt ein sehr gelehrter Mann. Seine vortrefflichen Noten ohne Text hat man in viele Sprachen, und so gar ins Norwegische, übersetzt. Die verschiednen Auflagen davon sind unzählig; doch ist diejenige wegen ihres breiten Randes und der artigen Leiste die beste, welche wir dem Fleiße des geschickten Herrn Cowley Lizards in London zu danken haben. Von ihm stammt die berühmte Secte der Avtonotisten ab, und er ist der Urheber des beruffnen methodi Repkovianae. Mehrere Nachricht von ihm findet man in dem theatro Budigassiano de claris Repkoviis.« Gewiß! von wem die Nachwelt ein solches Urtheil fällt, dessen Mühe ist reichlich vergolten; denn dieses begreift alles dasjenige in sich, was der Ehrgeiz eines Gelehrten wünschen kann. Vor Entzücken über die dankbare Nachwelt vergesse ich beynahe meine itztlebenden Leser, welche es vielleicht zufrieden seyn würden, wenn ich von mir selbst etwas weniger redete. Ich will zwar abbrechen, aber mich nicht entschuldigen; denn alles, was ich bisher gesagt habe, das vertritt die Stelle einer Vorrede zu gegenwärtigen Noten ohne Text. Die Vorreden aber schreibt der Verfasser wohl nicht leicht um des geneigten Lesers willen, sondern seinetwegen. Mein Trost ist, daß ich im Nachstehenden noch öfters Gelegenheit haben werde, von mir selbst ausführlich, doch ohne die geringste Parteylichkeit, zu reden. Hinkmar von Repkow.     Noten zur Zueignungsschrift. O Musen helfet mir!) Ueberhaupt muß ich erinnern, daß dergleichen Anrufung der Musen bey glückwünschenden Dichtern nichts weiter ist, als ein bloßes Compliment. Die Musen mögen nun helfen oder nicht, dadurch wird sich der Dichter doch nicht irre machen lassen. Diese Formel sagt eben so wenig, als diejenige, wenn man spricht: Erlaube, theurer Mann! Wenn es auch gleich der theure Mann nicht erlauben wollte, so würde er dennoch, auch wider seinen Willen, hören müssen, daß er die vollkommenste Creatur unter allen Creaturen sey; denn das Carmen ist einmal gedruckt, und mit gutem Gewissen kann er es dem ehrlichen Dichter nicht zumuthen, daß er die Unkosten umsonst sollte aufgewandt haben. Ich misbillige darum diese Anrufung der Musen gar nicht. Es sind die poetischen honneurs, die wir unsern Mäcenaten machen. Eine Schildwache thut nur ihre Schuldigkeit, wenn sie bey der Ankunft eines vornehmen Mannes: Ins Gewehr! ruft, und auf dem Parnasse ist die größte Ehrenbezeugung diese, wenn wir alle neun Musen paradiren lassen. Ich halte es um deswillen denen sehr für übel, welche diese gute Ceremonie abschaffen wollen. Sie bringen den armen Dichter um ein paar Verse, die ihm nicht sauer werden können, und die zum wenigsten nichts schaden, wenn sie auch nichts helfen sollten. Dieß schwere Werk, dich, Gönner aller Gönner) Es ist allerdings vielmals sehr schwer, denjenigen mit einiger Wahrscheinlichkeit zu rühmen, an den die Zuschrift gerichtet ist. So leicht es ist, Reinbecken , als einen großen Gottesgelehrten, Wolfen , als einen Philosophen, Hofmannen , als einen geschickten Arzt, und Canitzen , als einen Dichter vorzustellen, so ein schweres Werk ist es hingegen, wenn ich den Aberglauben, als einen Mann, auf dessen Brust Licht und Recht glänzen, oder Starrkatern in Eulenburg, dessen der hamburgische Patriot gedenkt, als einen Priester der Gerechtigkeit abbilden soll. Wie viel Mühe kostet es nicht, wenn wir denjenigen zum Apollo unsrer Zeiten machen, welcher mit einem Gelehrten weiter keine Aehnlichkeit hat, als die große Perücke! Wir beschwören das Alterthum, und bannen alle Weisen Griechenlands und Roms zusammen, damit sie zu ihrer Beschämung anhören sollen, daß in unsern Tagen ein Mann lebt, der Davus heißt. Von Kleinigkeiten groß, von schlechten Dingen fein, Von albern Sachen klug, von Stümpern ungemein, Und endlich unvermerkt stets von sich selbst zu singen, Sind Künste, die uns spät, der Lobsucht stets gelingen. Eben diese Lobsucht ist noch das einzige Mittel, welches unsern Dichtern bey ihren Zuschriften die größten Schwierigkeiten erleichtern hilft. Sie wollen loben! Das ist genug! Ob aber die Züge in ihrer Lobschrift dem Originale ähnlich sind, das ist eine Sache, die man eben so genau nicht untersuchen, noch viel weniger aber von ihnen verlangen darf. Sie gleichen darinn einer gewissen Art von Malern, welche die Bildnisse großer Fürsten und Herren feil haben. Alle diese sehen einander ähnlich, und die Bilder von Ludwig dem vierzehnten an, bis auf den General Menzel, haben nur ein Gesicht. Der einzige Unterschied besteht in der Tracht und Farbe des Kleides, und, wenn es hoch kömmt, in einem Schnurrbarte. Dem ungeachtet weis man, wen es vorstellen soll, und derjenige muß blind seyn, der es nicht aus der Unterschrift sehen sollte. Machen es die meisten unsrer heutigen Scribenten in ihren Zuschriften wohl anders? Sie haben nur eine Art zu loben, und ein jeder, den das Verhängniß dazu ersehen hat, daß er unter ihre Hände gerathen, und ihr Mäcenat werden soll, den stellen sie uns allemal, als den vollkommensten, als den tugendhaftesten Sterblichen vor. Kurz, auch ihre Gönner und Helden haben nur ein Gesicht; den Unterschied macht weiter nichts, als der Titel des Gönners. Mit Zittern wagt mein Kiel.) Ich bin ein Poet, das ist ein postulatum, und ich will es keinem Menschen rathen, mir zuzumuthen, daß ich diesen Satz beweisen soll. Wenn man also im obigen Texte die Worte, Mit Zittern wagt mein Kiel, nicht von der demüthigen Positur verstehen wollte, mit welcher einige Dichter von meiner Art ihre Gönner anzureden, und ihnen die Proben ihrer unterthänigsten Ehrfurcht zu überreichen pflegen, so würde es allerdings sehr unnatürlich seyn, zu sagen, daß der Dichter zittere. Wir, die wir mit Göttern eben so vertraut umgehen, wie mit einer Schäferinn, wir werden vor einem Sterblichen zittern. Ein Dichter, der von seiner Fertigkeit zu reimen, von seinem Geldmangel, und von den Capitalen seines Gönners gewiß überzeugt ist, ist das unerschrockenste Geschöpf unter allen Thieren. Läßt sich also wohl mit Grunde von ihm sagen, daß er zittere? Ich glaube es nicht, und wenn er ja zittert, so geschieht es doch nur dem Reime und dem Sylbenmaaße zu gefallen. Und wenn du, großer Held,) Dieses Beywort ist so gewöhnlich, daß ich kein Bedenken trage, solches dem unbekannten Gönner beyzulegen, welchem gegenwärtiges Werk künftig einmal dedicirt werden könnte. Ein Autor schmiegt sich gemeiniglich in seinen Zueignungsschriften dergestalt vor den Füßen seines Gönners, daß ihm derselbe natürlicher Weise nicht anders, als groß, vorkommen muß, und einen Helden nenne ich ihn um deswillen, weil ich zum voraus setze, daß die Zueignungsschrift an keinen von bürgerlichem Stande, sondern an jemanden meines gleichen gerichtet wird. Wir sind Ritter. Alle Ritter sind, vermöge der Erfahrung, Helden, und große Helden werden wir, so bald uns ein Autor braucht. Hierbey fällt mir eine Geschichte ein, welche ich anführen muß. Als ich dem Pfarrer in meinem Dorfe seinen Sohn zum Substitute gab; so ward, wie man leicht glauben kann, dieser wichtige Umstand der Kirchenhistorie von mehr, als einem Rohre, besungen. Es würde zu weitläuftig seyn, alle die schönen Gedanken anzuführen, welche bey dieser vortrefflichen Gelegenheit verschwendet wurden. Keiner aber hat mich so sehr gerührt, als derjenige, da ein Dichter den jungen Substituten des großen Vaters großen Sohn nannte. Ich bin versichert, daß dieser prächtige Ausdruck bey dieser Gelegenheit nicht zum erstenmale angewandt ist, und sonder Zweifel auch in folgenden Zeiten seine Liebhaber finden wird. Aber eben dadurch suche ich auch obige Worte meines Textes zu rechtfertigen. Denn schickte er sich für einen Dorfpfarrer, und seinen Substituten; so wird man ihn einem Kirchenpatrone gewiß nicht streitig machen können. Mich deiner Gunst empfohlen) Gunst heißt hier, und bey andern dergleichen Zuschriften, in poetischem Verstande, so viel, als baares Geld. Du selbst ein Dichter bist, der Ewigkeit entgegen) oder wie es im Zusammenhange des Textes heißen würde: Du siehst der Ewigkeit entgegen, weil du selbst ein Dichter bist. Man sieht wohl, daß diese Zueignungsschrift in Versen abgefaßt ist; und weil sie in Versen abgefaßt ist, so folgt natürlicher Weise, daß der Verfasser ein Poet seyn muß: denn eben dadurch unterscheidet sich ein Poet von andern Geschöpfen, daß er Verse macht. Es ist also nichts neues, wenn ein Poet glaubt, er könne seinem Gönner nicht angenehmer schmeicheln, als wenn er ihn auch einen Dichter heißt. Es erklärt sich dieses aus den Regeln der Eigenliebe, welche eine jedwede Art der Schriftsteller für ihr Handwerk hat. Wird ein Arzt ein Schriftsteller, so wird er sagen, daß ein Mäcenat, an den die Zueignungsschrift gerichtet ist, auch ein Arzt sey; und ein schreibender Rechtsgelehrter macht alle seine Gönner zu Ulpianen . Ich kenne einen Kunstrichter, welcher zu der Freygebigkeit eines ziemlich begüterten Landkramers ein so großes Vertrauen hatte, daß er ihm ein Buch zueignete, welches von den kritischen Streitigkeiten unsrer Zeit handelt. »Ich widme dir diese Blätter, sagte der Verfasser in seiner Zueignungsschrift, da du so glücklich bist, selbst ein Kritikus zu seyn.« Der Landkramer erschrack. Er fragte seinen Informator, was ein Kritikus für ein Ding sey? Und weil ihm dieser eine verhaßte Beschreibung davon machte, so fehlte nicht viel, daß jener den Verfasser nicht rechtlich belangte. Noten zur Vorrede. Und mit Anmerkungen) Anmerkungen heißen diejenigen Zeilen, welche der Buchdrucker unter den Text setzt. Mit diesem haben sie keine Verbindung weiter, als daß sie auf eben der Seite stehen, oder, wofern der Raum dieses nicht zulassen will, wenigstens sich allemal auf diejenige Seite beziehen, wo die Worte des Textes zu finden sind. Besonders zweyerley wird dabey erfordert. Sie müssen in die Augen fallen, und unerwartet seyn. Jenes geschieht, wenn man sagt, was andre schon gesagt haben, oder, kunstmäßig zu reden, wenn man die Alten und Neuen fein häufig anführt, und die Gelehrten, welche gegen alle vier Winde wohnen, citirt. Das Unerwartete hingegen besteht darinnen, wenn ich Sachen sage, welche kein Mensch in meinen Anmerkungen suchen würde. Zum Exempel: Im Texte steht das Wort, Cicero , und in der Anmerkung untersuche ich die Frage: Ob Nebucadnezar auch wirklich Gras gefressen habe, wie ein Vieh? Zu dieser Vorrede) Denn eine Vorrede heißt nur um deswillen eine Vorrede, weil sie gleich auf das Titelblatt, oder die Zueignungsschrift folgt. Der Herr Verfasser darf sich gar kein Gewissen machen, wenn er darinnen Sachen sagt, die zum Buche gar nicht gehören. Erläutert) Das ist ein erschrecklicher Druckfehler und soll erweitert heißen, welches ein jeder ehrengünstiger Leser in seinem Exemplare zu ändern beliebe. Ich wäre nicht werth, daß ich ein Autor hieße, wenn ich bey diesen Anmerkungen die Absicht gehabt hätte, den eigentlichen Verstand des Textes zu erklären, oder zu erläutern, zu geschweigen, daß vielmals ein Text keinen eigentlichen Verstand hat. Aber das ist die wahre Pflicht vieler unsrer heutigen Scribenten, daß sie eine Sache weitläuftig dehnen, und dasjenige auf etlichen Bogen sagen, was der ungelehrte Pöbel in wenig Zeilen fassen würde. Ich weis aber nicht, ob ich dieser meiner Schrift die Ewigkeit versprechen darf:) Das ist nur eine bescheidne Verstellung von mir; ich weis dieses aber ganz gewiß, denn ich bin ein Autor. Diese Formel ist der gewöhnliche väterliche Segen, welchen wir unsern Büchern mittheilen, wenn wir sie in die Welt schicken. Von dem Nachdrucke dieses Segens kann niemand besser urtheilen, als wer Gelegenheit gehabt hat, entweder durch die Erfahrung, oder auf andrem Wege, sich einen hinlänglichen Begriff von derjenigen innbrünstigen Zärtlichkeit zu machen, welche man die väterliche Liebe nennt. Ein Schriftsteller empfindet diese in dem stärksten Grade. An unsern Kindern halten wir dasjenige für Schönheiten und Artigkeiten, was wir an den Kindern andrer Leute für Leibesgebrechen und Laster ansehen. Ein Autor, welcher die Mängel andrer Schriften aufs schärfste beurtheilt, ist dennoch oftmals von einer blendenden Liebe gegen seine eigne Arbeit dergestalt eingenommen, daß er denjenigen für einen neidischen Klügling, für einen Verräther des Vaterlandes ausschreyen wird, welcher sich untersteht, ihm und andern zu sagen, daß seine gelehrte Geburt nur ein Krüpel, oder gar eine Misgeburt sey. Er wird ergrimmen, wie ein Bär, dem man seine zottigte Brut raubt, und wer ihm in dieser Wut begegnet, der ist verloren. Ich getraue mir, noch mehr zu behaupten. Ich glaube, daß die Liebe eines Scribenten gegen seine witzige Zucht diejenige Neigung weit übertrifft, welche Aeltern ordentlicher Weise gegen ihre Kinder haben. Ein Vater wird dasjenige Kind niemals, ohne ekelhaften Widerwillen, ansehen können, von dem er gewiß weis, daß es nicht sein ist; ein Scribent aber keinesweges. Oefters ist dieser bemüht, der Welt diejenigen Sachen, als seine leiblichen Kinder, anzupreisen, welche ihr ganzes Wesen und Daseyn dem Fleiße andrer Gelehrten, ihm aber weiter nichts, als den Namen, zu danken haben. Dennoch erkennt er sie für die Seinigen. Derjenige greift ihm ans Herz, welcher ihm den Titel eines Vaters absprechen will. Da nun unsre Gelehrten und Schriftsteller so geneigt sind, ihren Gedichten und Büchern die Ewigkeit zu prophezeihen, wie empfindlich, wie schmerzhaft muß es nicht einem so liebreichen und zärtlichen Vater fallen, wenn er sieht, daß er das Werk seiner Hände, welches er der Nachwelt zugedacht hatte, noch selbst überleben muß! Kömmt dieses frühzeitige Absterben von der schwächlichen Natur, und der hinfälligen Beschaffenheit unsrer Schriften her, so ist allerdings noch einiger Trost dabey. Geschieht es aber, daß sie durch einen gewaltsamen Tod dahin gerissen, und durch die unerbittlichen Hände eines grausamen Kunstrichters aufgerieben werden, so kann ich mir in der That keine verzweifeltern Umstände vorstellen, als diejenigen sind, in welchen sich ein so gebeugter, und in die tiefste Trauer versetzter Scribent befinden muß. Er ist desto unglücklicher, da ihm nicht leicht jemand sein Beyleid bezeigen, und diesen unverhofften Verlust beklagen wird. Ein Trost, den zum wenigsten andre Väter, bey dem Tode ihrer Kinder, zu gewarten haben. Noten zur Abhandlung. FARRAGO LIBELLI:) Bey diesen Worten, welche ich aus dem Juvenal zur Ueberschrift über gegenwärtige Abhandlung gewählt habe, muß ich vor allen Dingen verschiednes erinnern. Die Verse des Juvenals heißen eigentlich so: Quicquid agung homines, vortum, timor, ira, voluptas, Gaudia discursus, nostri est farrago libelli. Ich habe aber mit Fleiße nur die letzten Worte davon behalten, weil ich befürchten mußte, viele meiner Leser möchten ein gar zu schlechtes Vertrauen zu dieser Schrift bekommen, wenn sie durch die angezognen Verse des Juvenals auf die Meinung gebracht würden, als wollte ich Sachen darinnen abhandeln, welche, gewisser Ursachen wegen, nicht allemal gern gelesen werden. Indessen schicken sich diese Worte, farrago libelli, her. Ich weis sie nicht nachdrücklicher zu übersetzen, als durch das Wort, Mischmasch; und dieses zeigt meinen Lesern auf einmal an, was sie, in diesen Noten ohne Text, zu suchen haben. Ich bin so neidisch gar nicht, daß ich mich dieser Ueberschrift ganz allein anmaaßen und andern Schriftstellern verwehren wollte, sich derselben, in gleichem Falle, zu bedienen. Nichts wünsche ich eifriger, als daß ich in diesem Stücke Nachfolger finden möge, welche mit der gelehrten Welt eben so offenherzig umgehen, als ich thue. An statt der ausschweifenden Titel: Kurze, doch gründliche Abhandlung von \&c. Neue, und höchstnöthige Wahrheiten \&c. Exegetisch-theoretisch-praktische Untersuchung, ob \&c. Unumstößlicher Beweis, daß \&c. Versuch einer heilsamen und erbaulichen \&c. Abgenöthigte, doch mit vieler Bescheidenheit abgefaßte, und in der Wahrheit selbst gegründete, Vertheidigung wider \&c. Universal \&c. An statt aller dieser Titel würden die meisten ihrer Verfasser mit besserm Rechte, und mit mehrerer Wahrheit sich dieser Worte bedienen, Farrago libelli; und die Nachwelt hat es bloß meiner Bemühung zu danken, daß nächstens ein guter Freund von mir sich eben dieser Worte, bey seinem Buche, bedienen wird, welches er von dem eigentlichen Grunde des Natur- und Völkerrechts, und zwar methodo mathematica abgefaßt hat. Ich kann diese Gelegenheit nicht vorbey lassen, ohne von dergleichen Ueberschriften noch etwas überhaupt zu gedenken. Ich finde einen großen Misbrauch darinnen, daß sich die meisten solcher Sentenzen aus alten Poeten und Philosophen anmaassen, welche sie, ohne die Wahrheit zu beleidigen, und ihr Autorgewissen zu beschweren, vor ihre Schriften gar nicht setzen sollten. Ich will an deren Stelle einige andre vorschlagen, und ich traue meinen Lesern so wohl, als den zukünftigen Autoren, so viel Geschmack und Einsicht zu, daß sie die Wahl; vor welche Bücher eine jede dieser Ueberschriften gehöre, selbst treffen werden, ohne daß ich nöthig habe, mich darüber zu erklären. Diese Arbeit ist wenigstens wichtig, und dem Vaterlande eben so vortheilhaft, als die Bemühung des Herrn Woldemars von Zschaschlau , welcher Siehe vorstehende Abhandlung, a. d. 275 S. seinen muthwilligen Witz an einer Abhandlung von Buchdruckerstöcken verschwendet hat, und dabey gewisse eigensinnige Regeln vorschreiben wollen, welche die Fruchtbarkeit unsrer Schriftsteller zu merklichem Schaden der gelehrten Nahrung auf einmal niederschlagen würden, wenn diese nicht bereits viel zu großmüthig wären, als daß sie den pedantischen Vorschriften der Vernunft Gehör geben sollten. Hier sind meine Ueberschriften, und finde ich, daß die Welt erkenntlich genug ist, so behalte ich mir vor, in einer besondern, und hoffentlich sehr weitläuftigen, Abhandlung deren mehr zu liefern. Duceris, ut neruis alienis mobile lignum Horat. – – – Nihil mea carmina curas? Nil nostri miserei? Mori me denique cogis Virgil. Scilicet oblitus patriae, patrisque, LATINE? Horat. Quid faciam, praescribe. Quiescas. Ne faciam, inquis, Omnino versus? Aio. Peream male, si non Optimum erat. Verum nequeo dormre – – Horat. Quos ego? – – – – – – Virgil – – – Procumbit humi – Virgil. – – Κυνος ομματ' εχων. Homer. Grammatici certant, – – –         – – rabies armauit,– –                 – – et vsque Certantes, donec cantor, Vos plaudite, dicat. Horat. Quae virtus, et quanta – – – Nec meus hic sermo est Horat. Felices errore suo Lucan. Dic aliquid dignum promissis. Incipe: nil est. Horat. – – Dî te, Damasippe, Deaeque Verum ob consilium donent tonsore – Horat. Dieses würde genug seyn können, zu zeigen, wie redlich ich es mit meinem gelehrten Vaterlande meine. Ich will aber noch mehr thun, und den Witz aller muntern Köpfe in Deutschland in Bewegung bringen. Virgil sagt an einem gewissen Orte: Caedicus Alcathoum – – Sacrator Hydaspen, Partheniumque Rapo, et praedurum viribus Orsen, Messapus Cloniumque, Lycaoniumque Ericaten, – – Atronium Salius, Saliumque Nealces. – – – – – – – – – – – – – – – Di Iouis in tectis iram miserentur inanem Amborum, et tantos mortàlibus esse labores! Hiermit fodre ich alles auf, was nur einen Finger regen, und schreiben kann! Derjenige, welcher die gründlichste Nachricht geben wird, vor welches Buch sich diese Ueberschrift schicke, der soll bey dem Verleger sechs Dukaten zum Preise erhalten! Mit Freuden sehe ich dem ämsigen Lärmen entgegen, welcher, wegen dieser ansehnlichen Belohnung, unter unsern Gelehrten entstehen wird. Dieses verlange ich noch, daß sie ihre Briefe postfrey einsenden, und ihre Namen versiegelt beylegen, zugleich auch eine Anweisung geben, an wen der Preis bezahlt werden soll. Als einen kleinen Nebenumstand muß ich nur dieses noch erinnern, daß ich selbst an der Auflösung dieser gelehrten Aufgabe mit arbeiten werde. So viel kann ich inzwischen bey aller der Aufrichtigkeit versichern, welche mir und allen Scribenten meiner Art bey dergleichen Fällen so eigen ist, daß ich zur Zeit nicht weis, welche Art von Büchern ich zu dieser Ueberschrift eigentlich vorschlagen sollte. Weil ich aber doch aus der Erfahrung weis, daß ich, im Vertrauen zu sagen, gar öfters ganz feine und scharfsinnige Einfälle habe; so will ich nicht gut dafür seyn, daß ich diesen aufgesetzten Preis nicht selbst verdienen sollte. Und die friedfertige Antwort jenes Landedelmanns ist zu bekannt, als daß ich \&c.) Weil nicht alle meine Leser Gelegenheit haben, diese Worte in dem vortrefflichen Theatro Europaeo selbst nachzulesen; so will ich solche allhier mit einrücken: »Ich bin auf meiner väterlichen Hufe geboren und erzogen. Niemals habe ich die geringste Neigung gehabt, mich in die Händel der Welt zu mischen, oder mit dem Degen in der Faust dasjenige zu thun, was die meisten meiner unruhigen Nachbarn, fürs Vaterland fechten, nennen. Ich habe allemal geglaubt, es sey besser, bey gesundem Körper unbekannt, als bey verstümmeltem Körper berühmt zu seyn. Der Lorbeer auf dem Haupte, und ein hölzerner Arm oder Fuß ist für mich niemals eine so reizende Vorstellung gewesen, daß ich mich hätte bewegen lassen, meiner Ruhe und Bequemlichkeit zu entsagen. Das ganze Dorf weis, und mein Pfarrer wird es sub fide pastorali, und manu propria bezeugen können, daß ich nichts weniger, als blutdürstig bin; ich nehme diejenige Zeit aus, da die Jagd offen ist.« So redet unser Junker. Kritisch und gelehrt.) Dieses ist ein Pleonasmus. Man denke ja nicht, als wären es zwo ganz unterschiedne Sachen, kritisch und gelehrt zu schreiben. Keinesweges! Ein Kritikus von der Art, deren unser Text erwähnt, ist ein Mann, welcher allemal Recht hat, und ein Gelehrter, nach meinem Begriffe, darf niemals andern Recht geben. Jener ist mit keinem Menschen, mit sich selbst aber gar wohl zufrieden; ein Gelehrter auch. Kurz, die Kritik ist von der Gelehrsamkeit so unzertrennlich, als die gründliche Wissenschaft der Rechte von einem consultissimo juris utriusque Doctore, oder Verstand und Tugend von einem Capitalisten. Die Größe deiner Gaben.) Wenn ein Dichter an seinem Helden die Grösse seiner Gaben rühmt, so versteht der Leser ordentlicher Weise dessen Gemüthsgaben darunter. Dasjenige nennt man zwar auch Gaben, was er, für sein sauber eingebundnes Carmen, von seinem großmüthigen Gönner erhält. Allein so unbescheiden ist nicht leicht ein Dichter, daß er dieser Gaben ausdrücklich gedenken sollte. Es versteht sich wohl von selbst, daß er sich und der Wahrheit so große Gewalt nicht umsonst anthun, und Tugenden rühmen wird, welche vielmals derjenige, der sie besitzen soll, selbst nicht an sich gemerkt hat. Mancher würde nicht besungen werden, wenn sich der Dichter nicht auf die Grösse seiner Gaben Rechnung machte. Simonides sollte einen Wettstreit mit Mauleseln besingen. Derjenige, dessen Maulesel den Preis davon getragen hatte, mochte sein Geld so lieb haben, als seine Ehre, und bot um deswillen dem Dichter nur eine geringe Belohnung an. Dieses empfand Simonides übel. Ich, sagte er, besinge keine Maulesel! So bald man ihm aber die Belohnung erhöhte, so bald sang er von Mauleseln, und rufte: Χαιρετ' αελλοποδων θυγατρες ιππων! Mich dünkt, wir besingen heut zu Tage unsre Mäcenaten noch eben so! Hierbey muß ich einen kleinen Handgriff anrathen, welcher im gemeinen Leben seinen guten praktischen Nutzen hat. Ist ein Dichter von der Freygebigkeit seines Gönners schon hinlänglich versichert, so wird er am besten thun, wenn er mit einer philosophischen Großmuth alle vergängliche Reichthümer unter seine Füsse tritt, die Geldbegierde, als das unanständigste Laster eines Gelehrten verflucht, und die poetische Mäßigkeit mit den lebhaftesten Farben abschildert. Wofern es aber bekannt ist, daß unser Gönner die Musen zwar liebt, aber nicht bezahlt, und nur poetische Fröhner haben will, so wollte ich einem jeden, dem sein eigner Magen lieb ist, wohlmeinend gerathen haben, daß er sich wegen seiner Hauptabsicht etwas deutlicher erklärte. Er lobe den Verstand seines Gönners, seine Freygebigkeit aber noch mehr. Er erzähle ihm die betrübte Geschichte jenes griechischen Fechters, an welchem die Götter sichtbarliche Zeichen und Wunder gethan, und ihn um deswillen zerschmettert haben, weil er so unverschämt gewesen, und den ehrlichen Simonides um zwey Drittheile seines sauer verdienten Lohns betrügen wollen. Pindar , der Schutzgott aller Poeten, die ums Geld loben, hat diese Kunst auch verstanden. Die Stelle ist bekannt, da er dem Xenokrates unter die Augen sagt, »daß die Mode, umsonst zu singen, schon vorlängst abgekommen, und altvätrisch geworden sey. Zwar ehedem, spricht er, waren die Musen nicht gewinnsüchtig, keine ließ sich für Geld dingen, und Terpsichore verkaufte ihre Lieder noch nicht. Nunmehr aber ist es gar wohl erlaubt, dem gegründeten Ausspruche jenes Argiers nachzuleben, welcher zwar selbst weder Geld noch Freunde hatte, dennoch aber sagte: Das Geld, nur das Geld macht einen Mann! Du bist ein kluger Mann! Xenokrates , du wirst mich verstehen!« Feruet, immensusque ruit profundo                     Pindarus ore, Laurea donandus Apollinari! Das Ansehen dieses grossen Dichters schützt uns wider alle Vorwürfe. Es ist zwar allerdings, wie Horaz uns warnet, sehr gefährlich, dem Pindar nachzuahmen, aber nur in diesem Stücke nicht. Denn, sind wir nicht so feurig, wie Pindar , so sind wir doch wenigstens eben so geldgierig. Man sage ja nicht, daß ich mich an so berühmte Leute des Alterthums wohl aus andern Ursachen, als wegen ihrer Fehler, erinnern könnte. Es geschieht gar nicht, dieselben zu verkleinern, sondern die grossen Beyspiele unsrer Zeiten durch andre grosse Beyspiele zu rechtfertigen, und dadurch zu zeigen, wie sehr sich bereits die meisten meiner Landsleute den Alten genähert haben. Es ist überdieses noch zu erweisen, ob das Verlangen nach einer verdienten Belohnung ein Fehler ist. Ich glaube es nicht, und kenne, zu meiner Beruhigung, Leute genug, welche meiner Meinung sind. Ohne eigennützige Absichten, ohne Vorurtheil, bloß zur Beförderung des gemeinschaftlichen Wohls, und zur Aufnahme der schönen Wissenschaften.) Eine jede Zunft der Gelehrten, und derer, welche sich zu den Gelehrten rechnen, hat ihre gewissen Formeln, unter welchen sie ihre wahre Absichten zu verbergen weis. So viel ich Quacksalber gehört habe: So viele haben auch versichert, daß sie nicht etwan deswegen öffentlich ausständen, um ihren Vortheil dabey zu suchen. Nein, keinesweges! Nur preßhaften Personen beyzuspringen, und ihren Nebenchristen aus Mitleid die Zähne auszubrechen; dieses ist die wahre Ursache, warum sie von Stadt zu Stadt ziehen, und die Jahrmärkte besuchen. Zu Beförderung der heilsamen Justiz, zu Vertheidigung der Unrechtleidenden, und vermöge der aufhabenden theuern Pflicht werden die Sporteln gemacht, und wenn eine gewisse Art der Rechtsgelehrten, so der unstudierte Laye Rabulisten nennt, die Wittwen und Waisen um ihre Häuser bringen will; so geschieht es zwar, aber wie? Allemal mandatario nomine, nobilissimum iudicis officium desuper implorando. Ja, ich kenne einen hochwohlehrwürdigen Mann, welcher in seinem Berufe niemals unermüdeter ist, als wenn er liquidiren soll. Allezeit aber geschieht dieses, welches ja wohl zu merken ist, Amts und Gewissenswegen . Dieses könnte schon genug seyn, obige Worte meines Textes zu erklären, wenn ein Autor sagt, er schreibe ohne eigennützige Absichten, ohne Vorurtheil, bloß zur Beförderung des gemeinschaftlichen Wohls, und zur Aufnahme der schönen Wissenschaften. Diese Formel ist allemal das Wesentliche einer Schrift, und da ich in einem freyen Lande wohne, wo weder die sächsischen Whigs, noch die schweizerischen Torrys, zu fürchten sind; so getraue ich mir, ohne Scheu zu behaupten, daß bey vielen unsrer heutigen Scribenten die Bewegursachen eigennützig, und voller Leidenschaften sind. Freylich sagen wir dieses nicht ausdrücklich. Aber das wäre auch wider alles Herkommen. Wir versichern vielmehr den Leser, daß unsre Schriften das Tageslicht nimmermehr würden erblickt haben, wenn uns nicht die Erbauung des Nebenchristen, die Besserung der Gemüther, die Beförderung des Wohls unsrer Mitbürger, die schwere Amtspflicht, die ernsthafte Aufmunterung unsrer Obern, das Anliegen des Buchhändlers, und noch hundert andre rühmliche Ursachen dazu bewogen hätten. An unserm eignen Ruhme ist uns so wenig gelegen, daß wir versichern, wir würden ganz gleichgültig bey den Urtheilen des Lesers seyn. Ja, wir erniedrigen uns vielmals so weit, daß wir bitten, man möchte uns unsre Fehler zeigen, und uns auf den rechten Weg führen. Aber, dem mag der Himmel gnädig seyn, der dieses nur einmal versucht! Man wage es nur, und sage uns, daß unser Vortrag unordentlich und trocken sey, daß unsre Wahrheiten sehr alte Wahrheiten wären, daß kein Mensch einen Nutzen aus unsern Schriften erlangen könnte, daß wir unsrer Amtspflicht eine bessere Gnüge geleistet haben würden, wenn wir gar geschwiegen hätten; man zieht in Zweifel, ob unsre Obern, und nicht vielmehr wir selbst, uns aufgemuntert haben: In was für eine Wut wird man uns Patrioten bringen! Wie grimmig werden wir mit ihnen verfahren! Nicht das Vaterland, nicht die Erbauung des Nebenchristen, nicht das Wohl unsrer Mitbürger, nein; uns selbst, unsre beleidigte Ehre werden wir vertheidigen! Und ein jeder glaubt, es werde noch in tausend Jahren Scholiasten geben, welche seine gelehrte Schrift mit kritischen Anmerkungen bereichern, und über eine zweifelhafte Lesart andern Scholiasten Verstand und guten Namen absprechen.) Und ich glaube, daß mir selbst dieses wiederfahren wird. Eine so schmeichelhafte Eigenliebe, als diejenige ist, wovon unser Text redet, ist niemanden zu gute zu halten, als mir, weil ausser mir niemand ein so wichtiges Werk geschrieben hat, als gegenwärtige Noten ohne Text sind. Ich stelle mir hierbey deren spätes Schicksal auf das lebhafteste vor. Ich übersehe, mit einem ehrgeizigen Blicke, eine Reihe von vielen Jahrhunderten, und empfinde eine stärkende Beruhigung in mir selbst, wenn ich an unsere spätesten Nachkommen gedenke, wie sie mit einer abgöttischen Ehrfurcht den Verstand und Witz des Hinkmars von Repkow bewundern werden. Ja, ich gehe in diesen prophetischen Betrachtungen noch weiter. Damals hießen unsre alten Deutschen noch Barbaren, als man zu Rom für die Aufnahme des guten Geschmacks in der Dichtkunst und Beredtsamkeit, mit eben der Sorgfalt, doch vielleicht nicht mit eben der Hitze, kämpfte, mit welcher wir, die gesitteten Nachkommen dieser barbarischen Deutschen, so viel gelehrte Kriege, in unserm eignen Vaterlande, auf das muthigste unternommen, und fortgeführt haben. Ist wohl also im geringsten zu zweifeln, daß nach Verlaufe vieler Jahrhunderte eben dieses die wichtigste Beschäftigung solcher Völker seyn kann, die wir itzt für eben solche Barbaren halten, für welche die Römer unsre Väter ansahen? Hätten es diese Römer wohl geglaubt, daß eine Zeit kommen könnte, in welcher die Nachkommen der alten Mysen Zeit und Kräfte verschwenden würden, die wahre Gestalt ihrer Schuhe ausfindig zu machen? Und wer leistet denn uns die Gewähr, daß nicht itzt ein Volk in Wildnissen und Wäldern herumirrt, dessen witzige Kinder nach tausend Jahren mit ängstlicher Bemühung untersuchen werden, ob die Hüte der alten Deutschen unter der Regierung Kaiser Carls des Siebenten hoch aufgesteift, oder niedrig gewesen sind? Ich verehre den Fleiß desjenigen grossen Mannes, welcher sich, unserm Vaterlande zum Besten, so manche unruhige Stunde, so viele schlaflose Nächte um ein V, oder wegen eines zweifelhaften Manuscripts, Christen zu Heyden macht. Ist es aber wohl unmöglich, daß auf eben derjenigen Stelle, wo itzt, indem ich dieses schreibe, ein räuberischer Tartar unter seinem Zelte auf Mord und Beute denkt, sein witziger Enkel künftig eine Catheder erbauen, sich auf derselben, als Kunstrichter, blähen, und um ein deutsches Wort über seine kritischen Widersacher ein grausames Blutgerichte halten wird? Ich getraue mir, es zu verantworten, wenn ich für mein Vaterland so viel Hochachtung habe, daß ich glaube, wir werden in tausend Jahren den Tartarn eben dasjenige seyn, was die alten Römer uns itzt sind. Ja, ich bin für Freuden ausser mir, wenn ich bedenke, daß alsdann meine Noten ohne Text vielleicht ein Autor Classicus für die jungen Tartarn in Oczakow seyn werden. Und vielleicht steht gar einmal ein kalmukischer Gräv auf, welchen mein Ruhm und die Begierde nach abendländischen Alterthümern in mein Vaterland treibt, welcher unter dem Schutte einer Stadt in Deutschland so viele Weisheit hervorzieht, als kaum in eilf Folianten Raum hat, und welchen die glückliche Ergänzung einer verloschnen Grabschrift, der Himmel weis, von welcher Schneidersfrau, in seinem Vaterlande unsterblich macht. Wie ich zum Exempel.) Diese Worte werden sehr oft in meinem Texte vorkommen, weil es der gelehrte Gebrauch erfodert, daß ein Schriftsteller von sich selbst bey allen Gelegenheiten am meisten redet. Bey den übrigen Stellen werde ich die Noten weglassen. Hier aber kann ich es unmöglich über mein Herz bringen, davon zu schweigen, was die Worte, wie ich zum Exempel , eigentlich sagen wollen. Ich zeige dadurch die Grösse meiner Arbeit, und die Wichtigkeit derjenigen Bemühungen an, mit welchen ich mich in meinen Schuljahren beschäfftigt habe. Denn ein junger Dichter war, nach dem Begriff eines meiner ehemaligen Lehrmeister, nichts anders, als ein Ding, welches lateinische Verse scandiren, und eine gewisse Anzahl Wörter von verschiedner Länge, nach dem Sylbenmaasse, in Ordnung stellen konnte. Dieses war auch die einzige Ursache, warum ich die alten Poeten las, und vielmals mit exemplarischem Nachdrucke dazu angehalten wurde. Ich sollte lateinische und griechische Verse machen lernen, und ich lernte es auch; wenigstens traf ich die Melodey der Alten. Ich habe den Nutzen davon nach der Zeit deutlich erkannt. Ich weis wohl, daß man viele Geschicklichkeit haben muß, wenn man gute lateinische Verse machen will; ich weis aber auch, daß solche Arbeiten von den meisten nicht deswegen gelobt werden, weil sie gut sind, sondern weil sie mit römischen Buchstaben gedruckt sind. Die Erfahrung hat mich auch gelehrt, daß es allemal sicherer sey, lateinisch, als deutsch, zu dichten. Der beste deutsche Poet ist in den Augen der lateinischen Welt weiter nichts, als ein deutscher Michel, oder höchstens ein leidlicher Versmacher. Ein jeder glaubt, er habe Geschicklichkeit genug, ein Werk seiner Muttersprache aufs unbarmherzigste zu richten. Schreibt aber jemand ein lateinisches Carmen; so sieht man es als eine ehrwürdige Nachahmung des gelehrten Alterthums an, und sagt, der Dichter habe uns ein geistreiches Werk geliefert. Um deswillen verabscheue ich das freche Urtheil des Le Clerc , welcher spricht: Viele der Neuern, welche lateinische und griechische Verse machen, wären den Alten so ähnlich, als die Affen den Menschen. Sie ahmten mehr ihre Fehler, als ihre guten Eigenschaften, nach. Multa tulit, fecitque puer, sudauit et alsit. Dieses sind die eigentlichen Worte des mir ertheilten Schulzeugnisses, welche auf nichts anders zielten, als auf den rühmlichen Eifer, den ich bezeigte, so oft ich mit Jamben und Trochäen zu kämpfen hatte. So sauer mir oftmals meine Siege geworden sind, so groß war auch meine Zufriedenheit, wenn ich eine kurze oder lange Sylbe überwunden, und meinen Zeilen diejenige Form gegeben hatte, welche man an den Gedichten des Horaz und Virgils erblickt. Was diese beyden Dichter nur schönes und Göttliches gesagt hatten, und vielmals würde ein unparteyischer Leser zweifelhaft geworden seyn, ob er einen lateinischen Neujahrwunsch von Hinkmarn von Repkow , oder ein Stück aus des Virgils Aeneis läse. Mein redlicher Lehrmeister war darüber so erfreut, daß er mich beständig seinen kleinen Hannibal nennte, der die Schätze Latiens plünderte, und sein Vaterland damit bereicherte. Erb- Lehn- und Gerichts-Herr.) Dieses ist eine bekannte Geschichte, welche Müller in seinen Annalibus umständlich erzählt. Er nennt ihn Martin Quaast , und berichtet, daß er ein Quacksalber in Königsee gewesen sey, welcher durch seine köstlichen, bewährten, und von römisch-kaiserlicher Majestät privilegirten Pulver, besonders aber durch die Einfalt der eingebildeten Kranken sich so viel verdient, daß er unweit Langensalza ein Vorwerk an sich gekauft, und sich um deswillen unter allen seinen Recepten Erb- Lehn- und Gerichts-Herr auf Braunsdorf, Juxaroda, Scharfenpelß, Thura, Költschau, Knechtendorf, und Lehneroda geschrieben, ungeachtet er an allen diesen Dörfern weiter keinen Anspruch zu machen gehabt, als daß ihm zween oder drey Bauern daraus einige Hühner und Käse zu einem jährlichen Erbzinse entrichten müssen. Noch dieses muß ich, als einen sehr wichtigen Umstand, erinnern, daß Martin Quaast bereits unter Johann Georg dem andern gestorben ist. Ich bemerke dieses um deswillen, damit sich meine Leser nicht übereilen, und diesen ritterlichen Pedanten unter den Itztlebenden suchen. Des Dichters Leyer klingt.) Zum ewigen Ruhme meiner Landsleute muß ich hier erinnern, daß wir dem Geschmacke und den Vorschriften der Alten weit mehr folgen, als vielleicht die Ausländer von uns glauben. Zwar dieses will ich eben nicht behaupten, daß wir uns angelegen seyn liessen, die natürlichen Ausdrücke, die erhabnen Gedanken, die lebhaften Erfindungen, die lehrreichen Sprüche, und andre Schönheiten nachzuahmen, welche man in alten Zeiten für wesentliche Stücke eines göttlichen Dichters ansahe. Allein, dieses wird uns niemand streitig machen, daß wir noch eben so wohl auf dem Rohre blasen, noch eben so wohl leyern, und unsre Saiten noch eben so wohl stimmen, als Homer, Anakreon , und die Dichter Roms gethan haben. Alle unsre Hochzeit- und Leichenverse zeugen davon. Kein Poet ist zu klein, er wird seinen Mäcen versichern, daß er nur ihm zu Ehren, die deutsche Laute stimme. Und was ist gemeiner, als die Sprache der Dichter, welche über ihr heischres Rohr seufzen? Ja viele haben es so weit gebracht, daß sie zugleich auf der Flöte blasen, zugleich die Saiten rühren, zugleich auf der Leyer spielen, und, welches fast unbegreiflich ist, zugleich sich auf den Pegasus schwingen, und den geschärften Kiel in die Hippokrene eintauchen können, und zwar dieses alles in einer Zeit von vier Versen. Heißt das nicht die Alten nachahmen, ja so gar übertreffen? Sein Argwohn.) Dieser gieng so weit, daß man niemals eines schlechten Poeten erwähnen konnte, ohne ihn auf die empfindlichen Gedanken zu bringen, er selbst sey dadurch gemeint. Und eine solche Kritik, so scharf sie auch ist, wird dennoch mehr Nutzen, als Schaden bringen.) Der Einwurf ist ungegründet, wenn man glaubt, es werde dieses eine grosse Verwirrung und Unordnung in dem demokratischen Reiche des Witzes erregen, und ein solcher unerbittlicher Kunstrichter beschwere nur sein Gewissen, indem er sonder Zweifel manche junge und streitbare Muse schüchtern mache, wenn er ihren Werken, und besonders den Streitschriften, eine ewige Dauer und das Glück, der Nachwelt bekannt zu werden, gänzlich abspricht. Gesetzt auch, wie ich es denn gewiß glaube, daß alle die Streitschriften, welche in unsern Tagen die Hände der Setzer beschäfftigt, und die Geduld der Leser ermüdet haben, in wenig Jahren ihren Untergang erfahren! Benimmt man ihnen denn dadurch ihren Werth gänzlich? Ein Kalender ist eines der nützlichsten Bücher von der Welt. Wenn das neue Jahr kömmt, so kaufen wir ihn mit der größten Begierde; das ganze Jahr über lesen wir darinnen, und wenn das Jahr vorbey ist, so ist auch der Werth unsers Kalenders vorbey. Würde wohl etwas lächerlicher seyn können, als wenn man diesen Beweis dazu brauchen wollte, den Nutzen und den Werth der Kalender zu bestreiten? Ich kenne viele Bücher, besonders viele praktische und politische Schriften, der philosophischen, der Kürze wegen, nicht zu gedenken, welche mit Fug nicht mehr verlangen können, als ein Kalenderalter. Sie werden gedruckt, gekauft, und in kurzer Zeit findet man sie da, wo man die alten Kalender findet. Geschieht nicht dieses alles nach dem ordentlichen Laufe der Natur, und darf man wohl der Kritik dasjenige zur Sünde rechnen, was natürlicher Weise nicht anders geschehen kann? Ich habe noch auf keiner Bibliothek eine Sammlung von Kalendern gefunden, und wer um deswillen der gelehrten Welt ihren verderbten Geschmack vorwerfen wollte, der würde in meinen Augen noch lächerlicher seyn, als der berühmte Scribent, welcher in der Vorstadt wohnt, und mir, so oft er mich sieht, mit Seufzen erzählt, daß es mit der Poesie ganz und gar aus sey, weil sich niemand so viel Gewalt anthun kann, seine Werke mehr zu lesen. Gemeiniglich aber glauben wir, dieses gehe nicht uns, sondern unsern Nachbar an.) Hier wird im Texte dasjenige weiter ausgeführt, was vorher nur kürzlich berührt worden ist. Allerdings ist die Besorgniß, dadurch manche junge und streitbare Muse schüchtern gemacht werde, so ungegründet, und abgeschmackt, als Strephons Beweis von der besten Welt. Ich weis gewiß, viele werden die Stellen von der Vergänglichkeit solcher Schriften mit der freudigsten Zuversicht lesen, daß ihre Werke von einer weit dauerhaften Natur, als andre, und der gelehrten Verwesung gar nicht, oder wenigstens doch so geschwind nicht, unterworfen sind. Und vielleicht sind sie es dennoch. Herr Grobbens , jener berühmter Kaufmann, geht niemals lieber in die Comödie, als wenn des Moliere Geiziger gespielt wird. Er lacht aus vollem Halse über den betrognen Harpagon, dem man seinen Geldkasten entwendet, und zu gleicher Zeit greift er in den Schubsack, zu fühlen, ob er auch den Schlüssel zu seiner Casse noch wohl verwahret habe. Herr Grobbens ist geizig, das wissen wir alle; aber daß er und seines gleichen auf dem Theater gemeint sey, das glaubt Herr Grobbens nicht. Es fällt mir noch etwas ein. Sollte eine junge und streitbare Muse, wie man sie nennen will, schüchtern gemacht werden; wie viel Selbsterkenntniß und Ueberlegung würde dazu gehören? Zwo Sachen, welche man, ohne seine Uebereilung und Unwissenheit in der Gelehrtenhistorie zu verrathen, bey denen gewiß nicht suchen darf, welche uns alle Messen mit ihrem Witze, und besonders mit Streitschriften, heimsuchen. Aber der fruchtbare Herr Magister Stucker , dessen Schriften in der Ostermesse verkauft, und noch vor der Michaelismesse vergessen werden, dieser unermüdete Mann ist ganz kleinmüthig geworden, als unlängst seinen Werken eine dergleichen traurige Nativität gestellt worden ist. Ich räume dieses ein. Kann das meinen Satz über den Haufen werfen? Ein einziges Exempel macht noch lange keine Möglichkeit wahrscheinlich. Wohl hundert kleine Stuckers sehe ich alle Tage durch meine Gasse laufen, durch deren standhafte Unverschämtheit ich meinen Satz wider alle Einwürfe beweisen, und vertheidigen kann. Ja, eben dadurch gewinnen sie vielmals mehr, als sie verlieren.) Diese Materie ist so unerschöpflich, daß ich nicht Umgang nehmen kann, noch eine Note davon zu verfertigen. Was ist es denn nun auch für ein grosses Unglück für diejenigen Schriften, welche die Zeit noch in ihrer Jugend, und, wenn ich so sagen darf, in der Wiege dahin rafft? Bekömmt die Nachwelt von ihnen nichts zu sehen; so haben sie auch den wichtigen Vortheil davon, daß die Nachwelt von ihnen dasjenige nicht erfährt, was wir von ihnen wissen, und wir wissen von ihnen dasjenige, was ich hier, um ihren guten Namen zu schonen, nicht schreiben mag. Bleiben aber von ihren Werken noch einige Fragmente übrig, (denn das ist so gar unmöglich eben nicht, daß in drey Alphabeten wenigstens ein vernünftiger Gedanke seyn kann,) gut! So wird vielleicht einmal in jenen Tagen ein Scholiast aufstehen, welcher über den unersetzlichen Verlust eines so wichtigen und gelehrten Buchs ängstlicher thut, als wir nimmermehr thun würden, wenn man die Gewaltthätigkeit ausübte, und uns zwänge, eben dieses Buch zu lesen, da es noch nicht verloren gegangen ist. Denn nur seit vorgestern haben die Deutschen angefangen, männlich und stark zu denken, und, durch die Proben ihres reifen Witzes, den Witz der Franzosen und Engelländer zu übertreffen.) Wem dergleichen Wunderdinge von den Deutschen unwahrscheinlich vorkommen möchten, dem muß ich durch eine Note aus seinem Zweifel helfen. Es ist eben itzt acht und vierzig Stunden, daß ich mit Abfassung gegenwärtiger Noten ohne Text beschäfftigt bin. Alles, was vorher in Deutschland geschrieben worden ist, das kömmt mir, wenn ich es gegen diese meine Abhandlung betrachte, so rauh und barbarisch vor, daß ich über die Blindheit erschrecken muß, in welcher mein Vaterland getappt hat. Seit vorgestern fange ich an, zu schreiben, und ich wünsche meinen Deutschen Glück dazu, daß ich mich entschlossen habe, zu schreiben. Ich bin nicht der erste, welcher zu seinen Arbeiten ein dergleichen Vertrauen hat und glaubt, daß ohne ihn der deutsche Witz und Verstand in einer ewigen Nacht würden verborgen geblieben seyn, und welcher den Zeitpunkt des guten Geschmacks von demjenigen Augenblicke feststellt, da er sich aus mitleidigem Erbarmen bewegen lassen, die Feder einzutauchen, und sein unwissendes Vaterland zu lehren. Künftig also wird sich die Epoche der deutschen Gelehrsamkeit von vorgestern anfangen, und wollte jemand so verblendet, und gegen meine Verdienste so undankbar seyn, daß er diese meine Zeitrechnung nicht gehorsam, und ohne Murren, annähme, dem sey Trotz geboten. Denn schimpfen kann ich auch. Der von ihm gemachte Charakter aber soll sehr ungleich, und hin und wieder sich selbst widersprechend seyn.) Das kann wohl seyn, und dennoch halte ich es für keinen Fehler. Ich sehe mich genöthigt. etwas weitläuftiger davon zu handeln, weil ich dadurch Gelegenheit bekomme, noch ein Blatt zu beschreiben. Man kann meines Erachtens einen Kunstrichter gar füglich als einen Mann vorstellen, der auf die Heftigkeit der Kunstrichter, und verschiedne Schooßsünden der Gelehrten, mit der größten Heftigkeit, voller Eigenliebe und kritischen Hochmuths eifert, gleichwohl aber bey verschiednen Gelegenheiten, wo man es am wenigsten vermuthen sollte, sehr vernünftig und gelassen urtheilt. Don Quichott blieb dennoch der Held von Mancha, wenn er gleich seinem Sancho Pansa die erbaulichsten und vernünftigsten Lehren gab. Er hatte das Barbierbecken auf dem Kopfe, die verrostete Lanze in der Hand, und saß auf seiner Roßinante; gleichwohl waren seine Unterredungen so tiefsinnig und philosophisch, als vielmals die Unterredungen eines ausserordentlichen Lehrers der Weltweisheit nicht sind. Nur erst alsdann ward er ein Narr, wenn er von Riesen träumte, und Windmühlen bestürmte. Wenn ich mich recht entsinne, so habe ich gelesen, daß Cervantes , eben durch diesen ungleichen und abwechselnden Charakter, sich und seinen Don Quichott berühmt gemacht hat. Das ist ja nicht eben so gar unwahrscheinlich, daß ein Mensch bey gewissen Fällen vernünftig seyn kann, welcher uns doch auf seine andern Seite lächerlich scheint. Ich kenne einen gewissen Rechtsgelehrten, welcher das Orakel aller unruhigen Bauern, die Zuflucht aller zänkischen Nachbarn, und ein Vormund aller Schelme und Diebe ist. Wer ihn auf der Richterstube hört, oder seine eingebrachten Sätze liest, der sollte gewiß glauben, es würde Wittwen und Waisen und dem ganzen Vaterlande sehr ersprießlich seyn, wenn er in den nächsten vier Wochen gehangen würde. Und dennoch weis dieser Priester der Gerechtigkeit, in gewissen Gesellschaften, von der Liebe des Nächsten, und den Pflichten der Menschen, von den wichtigsten Wahrheiten jenes Lebens, so gesetzt und so lehrreich zu reden, daß ein gewisser Edelmann nur unlängst zweifelhaft war, ob er, wo nicht ein Quacker, doch wenigstens ein Mißionarius sey, welcher Heyden bekehren wollte. Wenn Doctor Purgan vor dem Krankenbette steht, und mit einer räthselhaften Miene an den Puls fühlt; so sind seine Gespräche so kunstmäßig und griechisch, daß man darauf schwören sollte, er habe das Fieber selbst. Und eben dieser Herr Doctor Purgan kann bey jener Kaufmannsfrau, deren Leibarzt er ist, so deutlich und vernehmlich reden, als kein Schäfer bey seiner Phyllis. Würde es nicht verwägen seyn, wenn ich diejenigen nicht für Philosophen halten wollte, welche eigennützig, rachsüchtig, wollüstig, hochmüthig, mit einem Worte, welche auf der Catheder große Weltweisen, und in ihrem Hause die kleinsten Geister sind? Jener ehrwürdige Heuchler, mit gefaltnen Händen, welcher uns wöchentlich – –. So weit geht die Note; das übrige erklärt unser Text. Und dessen ungegründete Meinung.) Ich würde hierbey Gelegenheit haben, über seine einfältigen Vorurtheile ziemlich zu spotten, und er verdient es wohl! Weil er aber meiner in seiner letzten Vorrede sehr rühmlich gedacht, ja so gar nur unlängst in seine Werke ein poetisches Sendschreiben an mich eingerückt hat; so versichre ich meine Leser, daß ich noch niemanden gefunden habe, welcher in Beförderung des guten Geschmacks und der schönen Wissenschaften in Deutschland so unermüdet und glücklich gewesen, als eben dieser berühmte Mann. Bey denen man um Fesseln flehe.) Diese schöne Stelle recht zu verstehen, muß man wissen, daß unsre Dichter niemals verliebter sind, als wenn sie in Ketten und Banden liegen. Es gehört dieses zu denen Moden in der Poesie, von welchen ich, in einer absonderlichen Schrift, umständlich handeln werde. Man sollte glauben, ein Liebhaber, der auf allen vieren kriecht, würde wenig Eindruck machen; aber bey den poetischen Schönen ist es ganz anders. Ein reimender Liebhaber ohne Fessel ist etwas unerhörtes, denn alle ihre Gebieterinnen sind Königinnen, und zwar recht grausame Königinnen; aber welches wohl zu merken ist, auch nur in poetischem Verstande. Denn wir lesen in der arkadischen Chronike, daß dergleichen gefesselte Liebhaber beherzt genug gewesen sind, in einer Woche wohl drey solche Königinnen vom Throne zu stossen, und bey der vierten um Fesseln zu flehen. Nach Gründen.) Denn eben itzt ist die merkwürdige Zeit, da man nichts ohne zureichenden Grund thut. Das Gedicht aber auf seine Ehefrau.) Man findet darinnen alles dasjenige zärtliche und verbindliche, was die Sprache einer vernünftigen Liebe erfodert. Und denen, welche die große Welt kennen, hat es um deswillen sehr wahrscheinlich vorkommen wollen, daß dieses Gedicht unter die lehrreichen Fabeln, oder poetischen Erzählungen, gehöre. Es sey nirgends erhört, sprechen sie, daß ein paar Eheleute einander, bey lebendigem Leibe, so viele Schmeicheleyen in Versen vorsagen könnten. Es sey gar nicht mehr gebräuchlich, daß ein verehlichter Dichter, bey dem Leben seiner Frau, ihr zu Ehren, nur die Hälfte von dem Weihrauche verschwende, welchen er sonst mit vollen Händen auf fremden Altären geopfert. Gemeiniglich kämen sie nicht eher ins poetische Feuer, bis die Wohlseligverstorbene auf der Bahre liege, und die häufigen Proben der Wittwerthränen ließen uns noch vielmals ungewiß, ob der Schmerzlichgebeugte unter seinem Flore vor Freuden, oder vor Schmerzen, geweint habe. Allein mir scheinen diese Urtheile und angeführten Gründe sehr seichte. Ich könnte unterschiedne gesammelte Proben von dergleichen Gedichten hier einrücken, aus denen man gleich in der ersten Zeile sieht, daß der betrübte Wittwer seiner nicht mächtig gewesen ist. Ich will mich aber lieber auf das gültige Zeugniß des so glaubwürdigen Berkenmeyers beziehen, welcher uns von einem gewissen unbekannten und sehr weit entlegnen Volke erzählt, »daß ihre Ehen die glückseligsten und vergnügtesten Ehen wären, und daß ein jeder glaube, die beste Frau zu haben. Die Weiber unter diesem fremden Volke wären gefällig, treu, und verehrten die Männer, als ihre Herren. Man fände unter ihnen Weiber, welche in der zwar etwas rauhen Sprache ihres Landes die Redlichkeit ihrer Männer besängen, und Männer, welche die Zärtlichkeit ihrer Weiber mit gleichen Liedern vergälten.« Dieses sind des vortrefflichen Berkenmeyers eigne Worte, und wer solches für ein Mährchen aus Amerika halten wollte, der würde sich an Berkenmeyern und an unserm Frauenzimmer sehr versündigen. Ich weis es, daß es eine hämische Lobschrift auf die bösen Männer im I. Th. dieser Sammlung, a. d. 99. S. , und eine boshafte Trauerrede eines Wittwers im I. Th. dieser Sammlung, a. d. 109. S. giebt. Das wirft aber meinen Satz noch gar nicht um. Wir wissen es gar wohl, daß die erste ein erbittertes Frauenzimmer gemacht hat, an welcher es gar nicht liegt, daß sie, als Jungfer, alt und Lebens satt ihren Geist aufgeben muß; und von dem Verfasser der Trauerrede ist es in ganz Leipzig bekannt, daß er auf diesen verzweifelten Entschluß, seine Rede zu machen, nicht eher gefallen, als da man ihm, wegen seiner besondern Verdienste, den siebenten Korb zugeschickt hatte. Wahrhaftig, ein edles paar von Lobrednern, welche mit ihren Zungensünden wohl verdient hätten, durch Urtheil und Recht aneinander verheirathet zu werden! Welche Ziegeuner und elende Poeten) diesen verwägnen Ausdruck sucht er also zu rechtfertigen: Ich soll mich verantworten, wie ich es habe wagen können, die elenden Poeten mit den Ziegeunern zu vergleichen. Ich will es thun, mein Herr, ungeachtet ich geglaubt hätte, daß ein flüchtiger Einfall, den man zuweilen in Gesellschaft vertrauter Freunde vorbringt, dergleichen Schutzschrift nicht nöthig hätte. Meine Meinung ist gar nicht diese gewesen, als wäre zwischen Ziegeunern und elenden Dichtern eine durchgängige Aehnlichkeit. Wenn es aber auch meine Meinung wäre; so sollte ich mir doch getrauen, sie zu vertheidigen. Ein Ziegeuner würde vielleicht eine ganz andre Lebensart erwählen, wenn er zu etwas besserm geschickt wäre; und ein reimender Scribent müßte so gar den Ueberrest desjenigen Verstandes verloren haben, den ihm die erbarmende Natur, wiewohl mit kargen Händen, zugeworfen hat, wenn er so klägliche Schriften verfertigte, wofern er anders im Stande wäre, etwas klügers vorzunehmen. Die Verwunderung, die sich ein Ziegeuner bey dem Pöbel durch sein Wahrsagen zuwege bringt, ist der Verwunderung sehr gleich, die ein Reimer durch seinen betäubenden Witz bey dem lesenden Pöbel erhält. Unter den lesenden Pöbel aber rechne ich Leute von allerley Stande: und wollte man mich gerichtlich anhalten, diese Art von Pöbel genauer zu bestimmen; so könnte es freylich geschehen, daß man Männer in Magister- und Doctorhüten, Männer mit Sternen auf der Brust, Männer in ehrwürdiger Kleidung, darunter anträfe. Was die Räubereyen der Ziegeuner anbelangt; so haben sich meine Poeten gar nicht zu schämen, wenn man auch darinnen viel ähnliches zwischen ihnen und den Ziegeunern zu finden glaubt. Sie plündern eben sowohl als jene. Aber sie plündern ebenfalls nur aus Hungersnoth; und aus Hungersnoth zu rauben, ist, wie bekannt, den bürgerlichen Rechten nach, kein Diebstahl. Sie rauben also nur Berufs wegen! Ich weis nicht, warum ich mich so gern elender Schriftsteller annehme. Vielleicht geschieht es bloß aus einer allgemeinen Menschenliebe; vielleicht aber kömmt es auch von einigen Vorurtheilen her, die ich noch von meiner ersten Jugend behalten habe, und welche machen, daß ich dergleichen Scribenten nicht ansehen kann, ohne mitleidig gerührt zu werden. »Schreib, mein Sohn, Schreib, und schäme dich nicht. Schreib unermüdet; denn die Natur hat dir gesunde Finger gegeben!« Dieses war der letzte Segen, den mir mein Vater, tröste ihn Gott, er war auch ein Scribent! noch auf seinem Todbette ertheilete. Er verließ mir ein schlechtes Vermögen, es ist wahr; aber diese Vermahnung hat mich so aufgemuntert, daß ich niemals hungrig zu Bette gegangen bin, so lange ich derselben gefolgt habe. Ich schrieb aus allen Leibeskräften, und es gedeihte mir ganz wohl. Seit der Zeit hat sich freylich viel geändert. Ich habe dieses Autorhandwerk niedergelegt. Ich fand Ursachen, welche mir riethen, mich von dergleichen Scribenten abzuziehen; zugleich aber fand ich auch ganz unübersteigliche Hindernisse, ein guter Scribent zu werden; um deswillen schreibe ich, wie Sie, mein Herr, wissen, gar nichts mehr. Im Ernste zu reden, so ist es eine sehr betrübte Sache um gute Scribenten. Sie lassen sichs blutsauer werden, und doch geht es ihnen nicht von der Hand. Haben sie auch ja ein Werk in ihrer Art zu Stande gebracht; welcher Buchhändler wird so viel wagen, es zu verlegen? Sie müssen noch Geld zugeben, wenn sie ihren Namen gedruckt sehen wollen; und sind sie auch gedruckt, wohl gut! Wie viel finden sie denn Leser? Sehr wenig; oder ich müßte unsre Zeiten gar nicht kennen. Heute Nachmittag gieng ich vors Thor. Ich sah einen großen Zulauf von Leuten, welcher mich bewog, näher hinzugehen. Ich fand einen Mann in der größten Beschäfftigung, seine Päcktchen unter den gewöhnlichen Betheurungen, und mit Berufung auf die erstaunenden Curen, so er gethan, und auf seine vortrefflichen Privilegien, auszutheilen. Kurz, es war ein Marktschreyer. Was für ein Unterscheid, dachte ich bey mir selbst, ist nicht zwischen diesem Marktschreyer, und meinem Arzte in der Stadt, den jeder für einen geschickten, behutsamen und erfahrnen Mann hält, in dessen Vorzimmer aber nicht der zwanzigste Theil der Leute ist, wie bey diesem Quacksalber. Aber woher kömmt das? Er versichert nichts, wovon er nicht überzeugt ist. Er kann sich nicht überwinden, seine Medicamente mit einer etwas zuversichtlichern Miene anzupreisen; er ist zu ehrlich, als daß er andre Aerzte neben sich verkleinern sollte; mit einem Worte, er macht nicht Wind genug, und hat keinen Hanswurst bey sich, welcher den Pöbel unterhalten, und ihm ein Vertrauen zu seinen Arzneyen beybringen kann: Mein Arzt ist ein vernünftiger Mann, und jener Marktschreyer ein Windmacher! Welche Ausschweifung! werden Sie sagen; Von elenden Scribenten auf die Quacksalber zu kommen! Sie haben Recht, mein Herr, es ist allerdings eine Ausschweifung, welche vielleicht nur alsdenn zu entschuldigen seyn würde, wenn zwischen den niederträchtigen und unverschämten Aufschneidereyen, der Unwissenheit und dem gewinnsüchtigen Handwerke dieses Marktschreyers, und zwischen dem Betragen und den Absichten elender Scribenten die geringste Gleichheit wäre. Aber dieses ist freylich nicht, und um deswillen ist meine Ausschweifung gar nicht zu entschuldigen. Es sey darum! ich mag es nicht ausstreichen. In meinen jungen Jahren, als ich noch ein Autor war, wußte ich mich, in dergleichen Fällen, recht leicht zu trösten. Wollte ich gar nichts schreiben, waren damals meine Gedanken, als was sich reimt, und was auf eine vernünftige Weise zusammenhängt; so schriebe ich mich an den Bettelstab, und meinen Verleger ins Hospital. Ungefähr so dachte ich damals: und Sie wissen wohl, daß einem alternden Autor dergleichen Jugendfehler noch immer anhängen. Ich kann Ihnen nicht helfen, mein Herr, Sie müssen alles lesen, was ich geschrieben habe; es mag zusammen klingen, wie es will. Sehen Sie es allenfalls als eine kleine Rache an, daß Sie mich genöthiget haben, meinen Gedanken schriftlich zu vertheidigen. Vielleicht machen Sie künftig nicht so viel Schwierigkeiten, mir auf mein Wort zu glauben. Und Kohlharts Beyspiel.) Wer Kohlharten auf der neuberischen Bühne spielen sehen, der wird ihm, und wenn er auch ein Franzose wäre, den billigen Ruhm zugestehen müssen, daß ihm nur sehr wenige in der Kunst, die Leidenschaften der Menschen lebhaft und natürlich vorzustellen, beygekommen sind. Hatte er die Rolle des Brutus zu spielen; so vergaß man Kohlharten ganz, und beweinte den Brutus. Und eben dieser, welcher uns heute Thränen abzwang, machte, daß wir den Tag darauf vor Lachen außer uns waren, wenn er den eingebildeten Kranken vorstellte. So bald sich Kohlhart sehen ließ; so bald ward das ganze Theater aufgeweckt. Er war im Stande, durch seine Geschicklichkeit die größten Fehler des Schauspiels zu verdecken. Ja ich glaube beynahe, daß er vermögend gewesen wäre, durch seine verführerische Kunst die elendesten Schauspiele erträglich zu machen. Dieser vortreffliche Kohlhart ward bey zunehmendem Alter durch seine kränklichen Umstände sehr gehindert. Zu manchen Zeiten konnte er gar nicht reden; er erschien nur selten auf der Schaubühne. Nach und nach fieng man an, ihn zu vergesse, und es fehlte nicht viel, daß er nicht noch bey seinem Leben unbekannt geworden wäre. Nur wenig Tage vor seinem Tode habe ich ihn noch auf der Schaubühne gesehen. Seine Brustbeschwerung verhinderte ihn, zu reden; er hatte also nur die Rolle einer stummen Person, und mußte in der Kleidung eines Bedienten den Stuhl einem tragischen Helden zurechte setzen, welcher wegen seiner Ungeschicklichkeit kaum verdiente, auf der reibhandischen Bühne eine stumme Person vorzustellen. Ich schäme mich nicht, zu gestehen, daß ich mich kaum der Thränen enthalten konnte, als ich unsern Kohlhart in dieser geringen und unedlen Beschäfftigung erblickte: So bald er den Stuhl hingesetzt hatte, trat er ab. Ich sah ihm mitleidig nach, und in dem ganzen Trauerspiele schien mir dieser Auftritt der traurigste zu seyn. Wenig Tage darauf starb er. Kaum erfuhr ich seinen Tod, als mir alle diese Umstände aufs lebhafteste wieder beyfielen. Dieser Mann, dachte ich bey mir selbst, welcher in seinen jüngern Jahren das Händeklatschen des Parterre, und die Bewunderung der Logen erregte; dieser kommt bey zunehmendem Alter so weit herunter, daß er, als er das letztemal in seinem Leben sich auf der Schaubühne zeigte, eine stumme Person, und eine so gleichgültige Handlung vorstellen muß, in der er von dem wenigsten Theile der Zuschauer bemerkt worden ist. Dieser Gedanke bekräftigte bey mir die Wahrheit des bekannten Satzes! daß die ganze Welt eine Schaubühne sey. Wie mancher Staatsminister, welcher die Bewunderung und die Schmeicheleyen des ganzen Volks erzwingt, wird vor seinem Ende so weit gebracht, daß man ihn, da er noch lebt, schon vergißt, und oft sieht er sich gezwungen, als Greis mit einer ehrerbietigen Miene unter dem geschwätzigen Pöbel der Bedienten in der Antichambre desjenigen aufzuwarten, welcher im vorigen Jahre bloß durch seine gnädige Vermittelung aus dem Staube erhoben worden ist. Ich habe nicht nöthig, bloß am Hofe diese Aehnlichkeit zu suchen; ich finde sie auch in andern Ständen. Es wird kaum vierzig Jahr seyn, daß Climene die Königinn aller zärtlichen Herzen war. Niemand hieß damals galant, der nicht um Climenen seufzete, und alle junge Herrchen unsrer Stadt flatterten um diese Schöne herum. Verschiedne, welche sich für viel zu witzig hielten, als daß sie den Gottesdienst besuchen sollten, besuchten ihn doch; aber nur um Climenens willen. Wie flüchtig ist doch der Ruhm der Menschen! Am Sonntage sah ich diese vergötterte Climene ganz gebückt aus der Kirche schleichen. Ihre Runzeln verriethen ihr Schicksal. Es begegneten ihr verschiedne junge Stutzer, deren Väter vor vierzig Jahren über ihre Unempfindlichkeit beynahe verzweifelt wären. Und itzt konnten sich die muthwilligen Söhne dieser zärtlichen Väter kaum entschließen, der veralteten Climene aus dem Wege zu treten. Sie würden sie, glaube ich, gar nicht wahrgenommen haben, wenn nicht ein großes Gebetbuch, das sie unter ihrem zitternden Arme trug, sie aufmerksam, und ihren leichtsinnigen Witz munter gemacht hätte. Haben viele unsrer Gelehrten wohl ein beßres Schicksal zu erwarten? Ich glaube es nicht. Der Ruhm der Gelehrten ist beynahe noch vergänglicher, als die Vergötterung der Schönen; denn die Gelehrsamkeit ändert die Moden fast noch öfter als das Frauenzimmer. Systemata der verschiednen Disciplinen, die vor wenig Jahren auf hohen Schulen bewundert wurden, sind itzt lächerlich. Dichter, welche nicht sicher auf der Straße gehen konnten, ohne von Buchhändlern und Kaufmannsdienern bewundert zu werden: diese gedemüthigten Dichter können nunmehr auf öffentlichem Markte ganz ungestöhrt hin und wieder gehen, man sieht sie nicht mehr, man hat sie vergessen; und wollen sie nicht gar verhungern, so müssen sie sich der sparsamen Großmuth eines Buchdruckers überlassen, welcher sie als Corrector in seiner Druckerey ernährt. So kläglich war doch Kohlharts Schicksal noch nicht! Wie wird es mir einmal gehen! Da mich der Himmel verdammt hat, ein Autor zu seyn; so wünsche ich mir von ihm nur dieses, daß er mich nicht länger leben läßt, als meine Schriften. Habe ich auf der Schaubühne der gelehrten Welt die Thorheiten der Menschen vorstellen müssen; habe ich dieses mit einigem Beyfalle gethan! O! so wünsche ich mir, daß der Vorhang bald niedergelassen werde, indem ich noch spiele. Wie vergnügt will ich abtreten, wenn ich noch bey der letzten Rolle das Plaudite dem gründlichen Geschmacke witziger Kenner fodern darf! Aber, o Himmel, ist mir auch Kohlharts trauriges Schicksal bestimmt; so gieb mir nur auch einen vernünftigen Freund, der mich so bedauert, wie ich Kohlharten bedauert habe! Conata lacessere Teucros) Die Verdienste, welche sich dieses Frauenzimmer in der gelehrten Welt erworben, sind so wesentlich und so wichtig, daß ich nicht begreifen kann, warum es sich durch eine solche Befehdung, und durch die Vorrechte ihres Geschlechts zu vertheidigen gesucht hat. Mir scheint es wenigstens, daß sie nicht die beste Art gewählt habe, mit welcher sie ihr Misvergnügen über das unfreundliche Bezeigen eines ihrer Gegner ausdrücken, und die Leser überführen will, daß man sich an ihr versündigt habe. »Die Hochachtung, schreibt sie, welche man unserm Geschlechte schuldig ist, ist zu allen Zeiten unter gesitteten Völkern für etwas so unverbrüchliches gehalten worden, daß ich hoffe, man werde diese Verletzung derselben gegen eine Person, die solches auf keinerley Weise verdient hat, nicht mit gleichgültigen Augen ansehen.« Wer die kleinen Balgereyen schon weis, welche seit einiger Zeit zwischen den witzigen Köpfen vorgefallen sind, der wird es zufrieden seyn, daß ich die eigentlichen Umstände dieser gelehrten Mordgeschichte hier nicht anführe; und wer sie nicht weis, der kann sich allenfalls trösten, wenn ihm eine solche Kleinigkeit noch ferner unbekannt bleibt. Ich bin hierinnen ganz unparteyisch, und so wenig Vergnügen ich über die Aufführung ihres Gegners empfunden, welches sie ein ungezognes Verfahren nennen will: So überflüßig würde es auch seyn, die Vertheidigung ihrer Sache zu übernehmen, da man aus ihrer Vorrede wohl sieht, daß sie selbst Muth genug hat, sich mit dem Natur- und Völkerrechte zu wehren, und eine Sprache zu führen, von welcher eine gewisse Art unsrer heutigen Kunstrichter selbst gestehen wird, daß sie männlich genug sey. Meine Gedanken, welche ich bey Lesung dieser Vorrede gehabt, sind ungefähr diese: Auch ich habe für das Frauenzimmer alle billige Hochachtung; es klingt mir aber ein wenig zu hart, wenn ein Frauenzimmer diese Hochachtung selbst verlangt, und sich auf die ruhige Posseß bezieht, in welcher sie und ihre Vorfahren seit hundert und mehr Jahren gewesen sind. Da unsre Verfasserinn bey dieser ganzen Streitigkeit, nicht bloß als ein Frauenzimmer, sondern als eine Scribentinn anzusehen ist; so hat sie um so viel weniger Ursache, sich auf diese wohl hergebrachte Hochachtung zu steifen, welche sie von uns aus rühmlichern Gründen verlangen kann. Ein gelehrtes Frauenzimmer kann diese weiter nicht fodern, als eine gelehrte Mannsperson. Beyde können unsre Hochachtung erlangen, wenn ihre Gelehrsamkeit und ihr Witz solche verdienen. Ist dieses nicht; so habe ich schon genug gethan, wenn ich ihnen nicht unhöflich begegne, und ich muß das Recht haben, auf die gelehrten Eitelkeiten und Fehler eines schreibenden Frauenzimmers mit eben der Bitterkeit loszugehen, welche man in gleichem Falle, wider die Scribenten männlichen Geschlechts ohne Beleidigung des Wohlstandes brauchen darf. In meinen Augen verdient kein Stand mehr Ehrfurcht und Hochachtung, als der Stand der Geistlichen. So bald sich aber ein Geistlicher auf eine unglückliche Art unter die Schriftsteller mengt, und durch sein Exempel den alten und wahren Satz bekräftigt, daß ein ehrwürdiger Mann gar wohl ein elender Autor seyn könne: so bald vergesse ich den Priester, und lache über den Schmierer. Wie unzeitig würde der Eifer seyn, wenn mich dieser Mann um deswillen verketzern, und sagen wollte: ich hätte die Hochachtung beleidigt, welche man seinem Amte nach den göttlichen und weltlichen Rechten schuldig sey, und welche unter allen Völkern für etwas so unverbrüchliches gehalten worden? Ich befürchte, der Witz dürfte dadurch sehr viel leiden, wenn wir die Galanterie so hoch treiben, und die Fehler einer Scribentinn dulden, oder gar bewundern wollten, bloß darum, weil sie von den Händen eines Frauenzimmers kamen. Wir haben bereits unter unsern Mannspersonen eine so große Menge erbärmlicher Schriftsteller, daß es sehr unverantwortlich seyn würde, auch die andre Hälfte des menschlichen Geschlechts mit dieser Autorseuche zu verwahrlosen. Ich wünschte wohl, daß alle Frauenzimmer einen Geschmack an den schönen Wissenschaften fänden; aber das wolle der Himmel nicht, daß alle Frauenzimmer dasjenige prächtig drucken lassen, was sie mittelmäßig gedacht haben! Ihren Freunden mögen sie es vorlesen, und ich werde es selbst mit Vergnügen anhören, wenn es gleich hin und wieder fehlerhaft ist; nur gedruckt mag ich es nicht sehen. Diejenige unumschränkte Gewalt, welche wir dem Frauenzimmer aus Höflichkeit und Hochachtung an ihrem Nachttische zugestehen, diese hört gleich auf, so bald wir einander in dem Buchladen antreffen. Sie sey witzig, sie suche ihren Geschmack auszubessern, sie schreibe, um ihren Verstand zu schärfen: aber sie schreibe nur für sich, nicht für die Welt, ohne ihre Kräfte vorher wohl zu prüfen. Thut sie es aber doch, so behalte ich mir vor, mit nächstem ein Kochbuch zu schreiben; und wollte das Frauenzimmer anfangen über mein Kochbuch zu spotten, da ich wirklich ein sehr schlechter Koch bin, so hoffe ich, die gesitteten Völker werden diese Verletzung der Herrschaft, welche dem Mannsvolke zu allen Zeiten eigen gewesen ist, und die Beleidigung einer Person, die solches auf keinerley Weise verdient hat, nicht mit gleichgültigen Augen ansehen. Ein Frauenzimmer, welches vor ihre Schriften ihr Kupferbild setzt, oder in der Vorrede deswegen um Pardon ruft, weil sie ein Frauenzimmer ist, verräth entweder böses Gewissen und die Ungerechtigkeit ihrer Sache, oder glaubt, daß die Kunstrichter voll Leidenschaften, und eben so wohl zu blenden sind, als die Richter der Phryne, welche ihren Rechtshandel verspielt haben würde, wenn sie nicht den Schleyer zurückgeschlagen hätte. Aus dem, was ich bisher angeführt habe, wird man urtheilen können, wie es billig sey, einem Frauenzimmer kein Quartier zu geben, welches sich in gelehrte Streitigkeiten mengt, und für eine ungerechte, oder doch zweifelhafte Sache, mit zu vieler Hitze und einer männlichen Wuth kämpft. Ich habe noch keinen Scholiasten gefunden, welcher den Aruns für ungesittet oder für ungezogen gehalten, daß er Camillen im Treffen verfolgt, und ihrem Würgen Einhalt gethan. Sie wagte sich unter das Heer streitender Männer, und die Götter erhörten den Aruns, welcher unbekannt zu sterben wünschte, wenn er nur durch den Sieg über die kriegrische Camilla den Tod seiner Landsleute rächen könnte. Ich zweifle nicht, Aruns würde bey einer andern Gelegenheit der Camilla mit aller der Galanterie begegnet haben, welche den Trojanern eigen war; aber hier erblickte er seine Feindinn, und begegnete ihr, als einem Feinde. Ein Frauenzimmer, welches sich in den Krieg der Kunstrichter mischt, wagt viel, und begiebt sich selbst der Rechte, die außerdem ein Frauenzimmer hat. – – Graditur bellum ad crudele – – – – et nostris nequicquam cingitur armis Cara mihi ante alias – – – – Vellem, haud correpta fuisset Militia tali, conata lacessere Tuectos. Nisi quod sit dictum prius.) Ich will die Gewohnheit eben nicht tadeln, welche einige unsrer Gelehrten an sich haben, wenn sie ihre Schriften durch die Sentenzen alter und neuer Autoren ausputzen; aber dieses würde ich doch gern sehen, wenn sie damit etwas sparsamer umgiengen, als die meisten zu thun pflegen. Ich finde zwischen dergleichen Schriften und unsern Lustgärten in diesem Stücke eine ziemliche Aehnlichkeit. Es ist dem Gesichte angenehm, wenn man in denselben einige wohlgearbeitete Statuen erblickt; nur müssen deren nicht gar zu viel seyn, wenn der Garten nicht das Ansehen eines Bildersaals gewinnen soll. Es kann auch daraus für den Gärtner noch dieser empfindliche Schaden erwachsen, daß man sich bloß mit Betrachtung der Statuen beschäfftigen, und auf den Garten entweder seine Aufmerksamkeit gar nicht richten, oder doch ziemlich gleichgültig dabey seyn würde. Wo ich mich nicht sehr irre; so läuft ein Schriftsteller bey seinem Werke eine gleiche Gefahr. Wenn ich auf einer jedweden Seite eine, auch mehrere, Sentenzen der Alten und Neuern finde, so wird mich dieses so zerstreuen, daß ich den Spruch des Horaz bewundern, und meinen Autor darüber vergessen werde; oder vergesse ich ihn auch nicht gänzlich: so wird er doch meine Aufmerksamkeit mit dem Horaz theilen müssen, die er sonst ganz zu fodern hätte. Zu geschweige, daß es bey vielen eine große Unbedachtsamkeit verräth, wenn sie den Leser zu oft an den Witz der Alten und Neuern Gelehrten erinnern. Sie verwöhnen ihn dadurch, und machen, daß er lauter gleich witzige Sachen von ihnen verlangt. Ist der Verfasser nicht im Stande, seinen Leser mit dergleichen beständig zu unterhalten; so wird er es demselben auch nicht verargen können, wenn ihm seine Schrift ekelhaft wird. Ich habe heute Nachmittags ein Frauenzimmer besucht, welche zwar nicht schön, aber doch noch ganz leidlich häßlich ist. Sie hatte den Fehler begangen, verschiedne andre Frauenzimmer zu sich zu bitten, welche schön waren, daß sie meine Aufmerksamkeit, und die Bewunderung aller andern Mannspersonen, erweckten. Wir vergaßen uns so weit, daß wir uns nur mit diesen Schönen beschäfftigten, und an unsre nicht so schöne Wirthin beynahe gar nicht dachten. Gegen diese bezeugten wir nichts, als nur die allgemeinen und nöthigsten Höflichkeiten, deren wir ohne Beleidigung des Wohlstandes nicht überhoben seyn konnten. Es war ein Fehler von uns, ich will es nicht läugnen; aber, es war auch ein großer Fehler von unserer Wirthinn, daß sie uns in eine Gesellschaft brachte, welche angenehmer, und reizender war, als ihre Person. Die Anmerkung, die ich hier gemacht habe, gehört nur für diejenigen Scribenten, welche gut, oder doch noch ziemlich gut sind. Es würde mir sehr leid seyn, wenn sich die elenden Scribenten darnach richten wollten. Aus Liebe zu mir und zu allen Lesern, will ich ihnen von ganzem Herzen anrathen, daß sie allemal über die dritte Zeile den Homer , den Horaz , den Boileau , den Hagedorn , und alle Schriftsteller, die anders sind, als sie, anführen. Sie werden ihre Werke dadurch noch erträglich machen, und die Käufer haben Gelegenheit, wegen ihres aufgewandten Geldes sich desto mehr zu beruhigen. Ja was noch mehr ist, sie locken vielleicht dadurch, ihre Schriften zu lesen, viele an, welche außerdem so viel Selbstverläugnung wohl nicht haben werden, dieses zu thun. Alsdann geht es dergleichen Lesern, wie den Liebhabern der Alterthümer, welche in den betrübtesten Wüsteneyen, und mitten unter altem Schutte sich mit dem größten Vergnügen aufhalten können, weil sie noch hin und wieder den prächtigen Rest der alten Baukunst zu bewundern Gelegenheit finden. Und seine Vorreden schloß er niemals, ohne zu seufzen, zu schimpfen, und zu drohen.) Bey dieser Gelegenheit muß ich zum Schlusse noch dieses erinnern, daß künftig bey meinem Verleger eine Schrift in Octav, zwey Alphabete, sechs Bogen stark, zu bekommen seyn wird, welche den Titel führt: »Abgenöthigte Vertheidigung wider verschiedne parteyische und abgeschmackte Einwürfe und Kritiken, in möglichster Kürze, auf Ansuchen vieler Freunde entworfen, und ans Licht gestellt, durch Hinkmarn von Repkow .« Es giebt Leute, welche Schriften tadeln, die sie nicht verstehen, und auch niemals gelesen haben. Das Beyspiel dieser großen Männer hat mich aufgemuntert, merkwürdige Streitschriften im Voraus zu verfertigen, und Gegner lächerlich zu machen, die ich nicht kenne, und von denen ich noch weniger weis, was sie wider gegenwärtige Abhandlung zu erinnern haben dürften. Es thut dieses zur Sache nichts. Wer mich tadeln will, der ist nicht meiner Meinung; und wer nicht meiner Meinung ist, den bin ich, als ein Gelehrter, wohl befugt, nach äußerstem Vermögen zu verunglimpfen. Ich werde die Namen meiner zukünftigen Feinde nach alphabetischer Ordnung im Anhange mit beydrucken lassen, und wer unter den Herren Gelehrten mich schimpfen will, der wird die Gütigkeit haben, seine Werke noch vor künftiger Frankfurter Messe gegen Erhaltung eines Exemplars der abgenöthigten Vertheidigung postfrey einzusenden. Ich weis es wohl, es wird dadurch in der gelehrten Welt ein heftiges Feuer entstehen; aber ich kann mir nicht helfen. Mein Verleger hat mich gebeten, zu schreiben; ich kriege meine Mühe redlich bezahlt. Schriebe ich nicht; so würde ich der ungesundeste Mensch von der Welt seyn. Auf diese Art aber werde ich noch mehr bekannt, ich werde unsterblich; kurz, ich muß schreiben, denn ich schreibe, wie alle meine Collegen, aus Liebe zur Wahrheit. Versuch eines deutschen Wörterbuchs. S. Neue Beytr. zum Vergn. des Verst. und Witzes, 3 Band, 1 St, 1745.     Da einige Gelehrte unter uns so muthig sind, und es wagen, ihrer deutschen Muttersprache sich nicht weiter zu schämen; so werde ich es verantworten können, daß ich mir vorgenommen habe, durch gegenwärtigen Versuch den Plan zu einem vollständigen deutschen Wörterbuche zu entwerfen. Ich habe gefunden, daß viele deutsche Wörter so unbestimmt sind, daß oftmals derjenige, der sie braucht, etwas ganz anders dabey denkt, als er eigentlich denken sollte; und derjenige, der sie hört, wird, wo nicht gar betrogen, doch leicht irre gemacht. Es will daher unumgänglich nöthig seyn, daß die Gelehrten sich mit vereinten Kräften bemühen, die wahrhafte Bedeutungen der Wörter fest zu stellen. Der Vortheil, den wir im gemeinen Leben davon haben werden, ist unaussprechlich. Wir werden einander besser, und mit völliger Zuverläßigkeit, verstehen; alle Zweydeutigkeiten werden sich verlieren; und mancher, den man itzt aus Misbrauch einen gepriesnen Mäcenat genannt hat, wird künftig hören, daß er ein Dummkopf sey. Ich ersuche meine Landsleute um ihren Beytrag zu diesem Wörterbuche. Für mich allein ist dieses Werk viel zu groß und wichtig. Vielleicht bin ich zu offenherzig, daß ich dieses Bekenntniß von mir selbst thue. Bey denen, welche glauben, derjenige sey noch kein rechter Gelehrter, der nicht wenigstens sechs Folianten ediren könne; bey diesen werde ich mich, durch meine Bescheidenheit, in schlechte Hochachtung setzen. Aber es sey darum! Kömmt nur mein Wörterbuch zu Stande; so wird es sich alsdann schon zeigen, ob diese arbeitsamen Creaturen noch ferner Gelehrte genannt werden können, ohne der Sprache Gewalt zu thun. Von der Einrichtung dieses Wörterbuchs habe ich nicht nöthig, etwas weiter zu erinnern. Aus denen Proben, welche ich davon liefere, wird man meine Absicht deutlicher sehen können. Ich verlange darinnen etwas mehr, als eine grammatische Abhandlung. Meinethalben mag man es ein Reallexicon nennen. Ich bin es zufrieden. Glaubt man, daß ich bey einigen Artikeln zu weitläuftig gewesen sey und Sachen ausgeführt habe, welche die Absicht und die Gränzen eines Wörterbuchs überschreiten; so will ich diesen Vorwurf doch lieber leiden, als etwas ausstreichen. Ich will hundert Artikel im Bayle aufweisen, wo man deutlich sieht, daß der Titel der Anmerkungen wegen da steht, und dennoch bleibt es Baylens Wörterbuch. Ich habe weiter nichts zu erinnern, als daß ich mein Vorhaben den Gelehrten nochmals aufs beste empfehle, damit ich dieses wichtige Werk durch ihre Beyhülfe, so bald nur möglich, zu Stande bringen könne. Compliment. Gehört unter die nichtsbedeutenden Wörter. Einem ein Compliment machen , ist eine gleichgültige Bewegung eines Theils des Körpers, oder auch eine Krümmung des Rückens und Bewegung des einen Fusses; und ordentlicher Weise hat weder Verstand noch Wille einigen Antheil daran. Ein Gegencompliment ist also eine höfliche Versicherung des andern, daß er den Rücken auch beugen könne, ohne etwas dabey zu denken. Aus der Krümme des Rückens kann man urtheilen, wie vornehm diejenigen sind, welche einander begegnen, und dieses ist auch beynahe der einzige Nutzen, welchen die Complimente haben. Ein Mensch ohne Geld, er mag so klug, und geschickt seyn, als er will, kann sich nicht tief genug bücken, denn er ist der geringste unter allen seinen Mitbürgern. Ein begüterter Mann aber, den der Himmel bloß dazu erschaffen hat, daß er so lange ißt und trinkt, bis er stirbt, der hat das Recht, nur mit den Lippen ein wenig zu wackeln, wenn ihm jener begegnet. Gestern sah ich einen alten ehrwürdigen Bürger, welcher in seiner Jugend das Vaterland vertheidigt, bey zunehmenden Alter sich von seinem Handwerke ehrlich genährt, dem Landesherrn seit vierzig Jahren Steuern und Gaben richtig abgetragen, dem gemeinen Wesen sechs Kinder wohl erzogen, und bey allen seinen Nachbarn den Ruhm eines redlichen Mannes hatte. Dieser machte einem jungen und begüterten Rathsherrn ein zwar altväterisches, doch sehr tiefes Compliment. Der junge Rathsherr beugte seinen ehrenfesten Nacken nur ein klein wenig, und überließ seinem Bedienten die Mühe, den Hut abzunehmen. Hieraus sieht man die Verhältnisse der Complimente eines Armen gegen einen Reichen sehr deutlich. Ich aber sah bey dieser Gelegenheit noch dieses daraus, daß der junge begüterte Rathsherr ein Narr war. Dieses mag genug seyn von den Complimenten, so weit sie die mechanische Stellung des Körpers betreffen. Die Formulare sind gewöhnlich, wenn wir sprechen: Ich bitte dem Herrn mein Compliment zu machen; und: Machen Sie dem Herrn wieder mein Compliment! Was aber dieses eigentlich heiße, das läßt sich im Deutschen gar nicht erklären, weil es selbst im französischen Grundtexte nicht das geringste bedeutet. Ohne Complimente, mein Herr, ich bitte gehorsamst, ohne alle Complimente; wir sind ja gute Freunde! Wenn ich dieses nach dem rechten Sprachgebrauche übersetzen sollte; so könnte es ungefähr also lauten: »Ich würde Sie für den gröbsten Menschen von der Welt halten, wenn Sie glaubten, daß wir wirklich so gute Freunde wären, daß Sie nicht nöthig hätten, mir so viel Complimente zu machen.« Unterthäniger Diener; ganz unterthäniger Diener; unterthänigster Diener; ich verharre Euer Hochedl. gehorsamst ergebenster \&c. ich verbleibe mit aller geziemenden Devotion \&c. ich werde Zeitlebens nicht ermangeln, zu seyn Deroselben \&c. Dieses sind lauter Complimente, und bedeuten unter Leuten, welche nach der wahren Methode der heutigen Welt artig und galant sind, nichts. Wenn dergleichen Leute solche Formeln unter ihre Briefe setzen; so denken sie dabey eben so wenig, als mein Schneider bey den Worten: Laus Deo! oder ein Kaufmann, welcher in der Zahlwoche bankerut machen will, und zum Anfange der Messe unter seine Wechsel schreibt: Leiste gute Zahlung, und nehme Gott zu Hülfe! Eidschwur Hier ist dasjenige nachzusehen, was im ersten Theile dieser Satiren, und zwar in der Abhandlung vom Mißbrauche der Satire auf der 18 und folgenden Seiten erzählt worden. . In den alten Zeiten kam dieses Wort nicht oft vor, und daher geschah es auch, daß unsre ungesitteten Vorfahren, die einfältigen Deutschen, glaubten, ein Eidschwur sey etwas sehr wichtiges. Heut zu Tage hat man dieses schon besser eingesehen, und je häufiger dieses Wort so wohl vor Gerichte, als im gemeinen Leben, vorkömmt, desto weniger will es sagen. Einen Eid ablegen , ist bey Leuten, die etwas weiter denken, als der gemeine Pöbel, gemeiniglich nichts anders, als eine gewisse Ceremonie, da man aufrechts steht, die Finger in die Höhe reckt, den Hut unter dem Arme hält, und etwas verspricht, oder betheuert, das man nicht länger hält, als bis man den Hut wieder aufsetzt. Mit einem Worte: es ist ein Compliment, das man Gott macht. Was aber ein Compliment sey, davon siehe Compliment . Etwas eidlich versichern , heißt an vielen Orten so viel, als eine Lügen recht wahrscheinlich machen. Van Höken , in seinem allzeit fertigen Juristen, nennt den Eid herbam betonicam, und versichert einem den Eid deferiren , sei nichts anders, als seinem klagenden Clienten die Sache muthwillig verspielen; und die Formel, sich mit einem Eide reinigen , heißt so viel, als den Proceß gewinnen, denn zu einem Reinigungseide gehöre weiter nichts, als drey gesunde Finger, und ein Mann ohne Gewissen. Jene hätten fast alle Menschen, und dieses die wenigsten. Und wenn auch ja jemand von den Vorurtheilen der Jugend eingenommen wäre, und ein so genanntes Gewissen hätte; so würde es doch nirgends an solchen Advocaten fehlen, welche ihm eines bessern belehren, und für ein billiges Geld aus seinem Irrthume helfen könnten. Gott strafe mich! oder: Der Teufel zerreiße mich! ist bey Matrosen und Musketirern eine Art eines galanten Scherzes, und in Pommern lernte ich einen jungen Officier kennen, der schwur auch so; doch schwur er niemals geringer, als wenigstens bey tausend Teufeln , weil er von altem Adel war. Ich will nicht zu Gott kommen! Ich bin des Teufels mit Leib und Seele! ist das gewöhnliche Sprüchwort eines gewissen Narrens, welcher gar zu gern aussehen möchte, wie ein Freygeist. Er würde es in der That sehr übel nehmen, wenn man ihn mit andern kleinen Geistern vermengen wollte, daß er einen Himmel oder eine Hölle glaubte; und dennoch schwört er alle Augenblicke mit der witzigsten Miene von der Welt bey Gott und allen Teufeln. Mir kömmt dieses eben so kräftig vor, als wenn unser Münzjude Jesus Maria! rufen wollte. Seinen Eid brechen! will nicht viel sagen, und wird die Redensart nicht sehr gebraucht. Auf der Kanzel hört man sie noch manchmal; aber eben daher kömmt es, daß sie so geschwind vergessen wird, als die Predigt selbst. In der That bedeutet es auch mehr nicht, als die Ehe brechen. Und um deswillen ist ein Ehebrecher und ein Meineidiger an verschiednen Orten, besonders in großen Städten, so viel als ein Mann, der zu leben weis. Diese Bedeutung fängt auch schon an, in kleinen Orten bekannt zu werden: denn unsre Deutsche werden alle Tage witziger, und in kurzen werden wir es den Franzosen beynahe gleich thun. Ewig. Ist ein Wort, welches ein jeder nach seinem Gutbefinden, und so braucht, wie er es für seine Umstände am zuträglichsten hält. Eine ewige Treue zuschwören , wird gemeiniglich bey Neuverlobten vier Wochen vor der Hochzeit gehört; allein diese Ewigkeit dauert auch gemeiniglich nicht länger, als höchstens vier Wochen darnach, und im letztverwichnen Herbste habe ich einen jungen Ehemann gekannt, dessen ewige Treue nicht völlig vier und zwanzig Stunden gewährt hat. Ewig lieben , ist noch vergänglicher, und eigentlich nur eine poetische Figur. Zuweilen findet man dergleichen noch unter unverheiratheten Personen, und es kömmt hierbey auf das Frauenzimmer sehr viel an, wie lange eine dergleichen ewige Liebe dauren soll. Denn man will Exempel wissen, daß eine solche verliebte Ewigkeit auf einmal aus gewesen sey, so bald ein Frauenzimmer aufgehört habe, unempfindlich zu seyn, und angefangen, eine ewige Gegenliebe zu fühlen. Wie es mit der Liebe ist, so ist es oftmals mit der Freundschaft auch. Ich erinnere mich, daß ich in einer Gesellschaft, wo sehr stark getrunken ward, an einem Abende drey ewige Freundschaften überlebt habe. Wenn es hoch kömmt, so hält eine dergleichen ewige Freundschaft nicht länger wieder, als der Rausch, welcher Schuld daran ist; denn cessante caussa, cessat effectus. Einen ewigen Frieden schließen , ist ein Gallicismus , bedeutet in der französischen Sprache so viel, als bey uns ein Waffenstillestand, und, mit einem Worte, ein Friede, welcher nicht länger dauert, als man seinen Vortheil dabey sieht. Sich verewigen , ist unter einigen Gelehrten eine gewisse Bewegung der rechten Hand, von der linken zur rechten Seite, welche ohne Zuthun der Seele und des Verstandes etwas auf weißes Papier schreibt, und es dem Drucker übergiebt. Die Schlüssel zur Ewigkeit also hat der Setzer, und sie bestehen aus gewissen bleyernen Buchstaben, welche mit schwarzer Farbe bestrichen, und auf ein weißes Papier gedruckt werden. Nach der Ewigkeit streben , (siehe Unsterblichkeit ) besteht in einer gewissen Krankheit, welche nicht so wohl dem Patienten selbst, als vielmehr andern, beschwerlich ist. Gemeiniglich überfällt sie junge Leute, und verliert sich bey zunehmenden Alter; doch geschieht es zuweilen, daß auch alte Männer damit behaftet sind, und alsdenn ist sie nicht allein desto gefährlicher, sondern auch allen denen ganz unerträglich, welche einem solchen Patienten nicht ausweichen können. Starke und scharfe Mittel darwider sind nicht zu rathen, weil alsdenn der Paroxismus nur stärker und heftiger wird, und hierinnen haben dergleichen Kranke sehr viel ähnliches mit wahnwitzigen Personen, welchen man auch nicht widersprechen darf, ohne ihr verderbtes Gehirn noch mehr zu erhitzen. Das beste Mittel darwider soll dieses seyn, wenn man, so oft sich eine dergleichen preßhafte Person in der menschlichen Gesellschaft blicken läßt, dennoch, ungeachtet des großen Geräusches, das mit dergleichen Krankheit verknüpft ist, nicht thut, als ob man sie hörte, oder sähe, oder das geringste von ihnen wüßte, auch ihren Namen bey keiner Gelegenheit nennt, mit einem Worte, weder Gutes noch Böses von ihnen spricht. Das Recept mag nicht unrecht seyn. Ueber die eigentlichen Ursachen dieser Krankheit sind die Arzneyverständigen untereinander noch sehr streitig. Einige halten sie wegen der wunderlichen Geberden, die der Kranke macht, und weil sie, wie andre epidemische Krankheiten, zu gewisser Zeit und oft wiederkömmt, für eine Art der fallenden Sucht, zumal, da sie angemerkt haben, daß sie dadurch gehemmt werde, wenn man den Patienten den rechten Daum ausbricht, wie es bey der fallenden Sucht gebräuchlich ist. Andre glauben, sie komme von einer verderbten Galle her. Galen hält sie für nichts anders, als für einen heftigen Magenkrampf, und der selige Herr Geheimderath Hofmann in Halle nennt sie das Autorfieber, im dritten Capitel seiner Abhandlung von gelehrten Seuchen. Ehrwürdig. Hier will ich nur von dem figürlichen Verstande dieses Worts reden; denn was es im eigentlichen Verstande heißt, solches ist bekannt genug, und ich trage gegen alles, was im eigentlichen Verstande ehrwürdig ist, zu viel Ehrfurcht, als daß ich es wagen sollte, dessen Bedeutung in meinem Wörterbuche fest zu stellen. Im figürlichen Verstande heißt ehrwürdig so viel, als schwarz, und ein Ehrwürdiger Mann so viel, als ein Mann in einem schwarzen Rocke. Ich gründe diese Erklärung auf die Erfahrung. Denn unter diesen Männern in schwarzen Röcken sind viele, an denen man nicht das geringste Ehrwürdige findet, als das schwarze Kleid. Ich könnte sie mit Namen nennen; aber es ist überflüßig, denn ich weis gewiß, sie werden sich bey Lesung dieses Artikels selber nennen, und ihren Namen durch einen Eifer verrathen, der in ihrer Sprache Amtseifer, und in unsrer Sprache das böse Gewissen heißt. Meine Leser dürfen also nur auf diejenigen schwarzen Männer Achtung geben, welche den Verfasser dieses Wörterbuchs in die Ketzerrolle setzen, und sie können sich alsdann darauf verlassen, daß eben diese und keine andern diejenigen ehrwürdigen Männer im figürlichen Verstande sind, welche ich meine, und welche man gewiß für Layen ansehen würde, wenn sie nicht schwarz gekleidet giengen. Wenn ich also diese Erklärung des Worts ehrwürdig voraus setze; so werde ich dadurch Gelegenheit haben, meine deutsche Muttersprache merklich zu bereichern. Ein Mann in einem schwarzen Rocke, welcher den Armen aus christlichem Erbarmen Geld gegen acht und höchstens zwölf pro Cent vorstreckt, welcher einer nothleidenden Wittwe zu Erhaltung ihrer unerzogenen Kinder mitleidig beyspringt, und auf ein Pfand, das zweymal so viel werth ist, einige Thaler leiht, unter der billigen Bedingung, daß binnen Jahrsfrist das Pfand eingelöst werden, oder verfallen seyn soll; dieser Mann wird künftig ein ehrwürdiger Wucherer heißen: Denn gienge er nicht schwarz gekleidet, so wäre er kein ehrwürdiger, sondern ein gemeiner Wucherer, und nach den Gesetzen unsers Landes zu bestrafen. Ehrwürdige junge Herren würde man wohl in Deutschland nicht gesucht haben; aber ich kenne einen, welchen man gewiß für einen verkleideten Marquis halten sollte, so natürlich weis er die Rolle eines jungen Herrn unter seinem schwarzen Rocke zu spielen. Ein ganz neuer Beweis, daß man tändeln, eitel thun, und lächerlich seyn kann, ohne einen Stock, eine Schnupftabacksdose, und Manschetten zu haben! Ein ehrwürdiger Rausch , ist ein ganz neues Wort, aber eine sehr alte Sache, und ich will wohl wetten, daß man vielmals nicht unterscheiden sollte, welcher von beyden Berauschten der Schuldheiß im Dorfe, oder der Pastor loci wäre, wenn Ihro Wohlehrwürden nicht schwarz giengen. Sich ein ehrwürdiges Ansehen geben , heißt bey dieser Art Leuten so viel, als eine große Unterkehle und einen steifen Nacken machen, und, ein ehrwürdiges Amt bekleiden , so viel, als den Beruf haben, Fehler öffentlich zu verdammen, welche man zu Hause selbst thut, und welche von andern nicht getadelt werden dürfen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, daß ihnen der Weg zum Glücke und zum Himmel verrennt wird. Dieses mag von den ehrwürdigen Männern im figürlichen Verstande, oder von solchen Männern, genug seyn, welche man ihrer ungezognen Aufführung wegen im gemeinen Wesen nicht dulten würde, wenn sie nicht schwarze Röcke trügen. Wie wenig also diese Anmerkungen diejenigen treffen, welche wegen ihrer tugendhaften und erbaulichen Aufführung die größte Ehrfurcht und den Namen eines ehrwürdigen Mannes im eigentlichen Verstande verdienen: Solches werden alle vernünftige, aber nur die nicht einsehen, welche auf einmal lächerlich und verächtlich werden würden, wenn man ihnen ihre schwarze Kleidung, und das Amt nähme, in welches sie sich geschlichen haben. Noch eine Redensart fällt mir ein. Ein ehrwürdiges Amt suchen , heißt in einigen Parochien so viel, als des gnädigen Herrn Kammermädchen heirathen. Gelehrt. Das Wort gelehrt hat mit dem Worte tugendhaft beynahe ein gleiches Schicksal. Alle Leute wollen tugendhaft, alle, die studirt haben, wollen gelehrt seyn; aber, im Vertrauen zu sagen, sind es die wenigsten. Freylich liegt dieser Fehler nicht an denen, welche sich des Titels eines Gelehrten anmaaßen, sondern nur an etlichen eigensinnigen Köpfen, welche uns bereden wollen, es sey noch ein sehr großer Unterscheid zwischen einem Gelehrten und zwischen einem Manne, der keine Profeßion oder kein Handwerk treibt, der in seiner Jugend die niedern Schulen frequentirt, auf höhern Schulen absolvirt. und endlich promovirt hat. Diese närrischen Richter vergehen sich so weit, daß sie nicht einmal alle diejenigen für Gelehrte wollen gelten lassen, welche Bücher geschrieben haben. Was bleibt aber alsdenn übrig? Sollten etwann nur diejenigen den Namen eines Gelehrten verdienen, welche sich den Wissenschaften mit ganzem Ernste widmen; die guten Schriften der Alten und Neuern mit Aufmerksamkeit lesen; die höhern Wahrheiten durch eignes Nachdenken untersuchen; sich bemühen, ihnen noch weiter nachzuforschen; auf das bloße Wort ihres Lehrers nichts treuherzig glauben; von der Gründlichkeit eines jeden Satzes sich selbst überführen wollen; Sachen, die in der Welt zu nichts nütze sind, als höchstens eine kritische Neugierigkeit zu befriedigen, für Kleinigkeiten halten, und sich auf solche Wissenschaften legen, welche der menschlichen Gesellschaft wahren Nutzen bringen; und welche diese Wissenschaften auch wirklich zum Nutzen andrer anzuwenden suchen? Nur diese sollen den Namen eines Gelehrten verdienen? Das ist beynahe zu viel. Wenn das gelten soll; so stehe ich nicht dafür, daß ein Gelehrtenlexicon, welches itzt in zween Foliobänden kaum Platz hat, sich nicht binnen kurzer Zeit in einen mäßigen Octavband verwandeln wird. Es fehlt wahrlich weiter nichts, als daß man noch von einem Gelehrten fodert, daß er bescheiden, ohne Eigenliebe, und eben so tugendhaft, als philosophisch, sey. Verlangt man noch dieses; was für ein kleines Häuflein wird aus unsrer großen gelehrten Welt werden? Ich wünschte mir nicht, dieses Unglück zu erleben! Viel tausend Menschen würde man, auf solche Art, um ihre gelehrten Titel und Aemter bringen. Und da sie, außer ihrer gelehrten Miene, sonst nichts verstehen, wodurch sie sich nähren könnten, wie viel Bettler, wieviel müßiges Volk würden wir ins Land kriegen! Selbst in meiner Familie würden wenigstens sechs bis acht Männer mit Weib und Kind verhungern müssen! Ich wünsche es nicht, ich sage es noch einmal. Weil man aber doch nicht alle Fälle wissen kann; so will ich gegen diese meine werthen Angehörigen immer im voraus liebreich seyn, damit ich sie nicht hernach ernähren darf; Ich will meinen Lesern sagen, worinnen die Gelehrsamkeit von einigen unter ihnen besteht, wenn sich etwan jemand finden sollte, der sie zu gebrauchen wüßte. Den ersten Platz verdient mein Oheim, der gelehrte Herr Professor Titus Manlius Vermicularis . Es geht nunmehr in das drey und funfzigste Jahr, daß er mit unermüdeten Eifer, Tag und Nacht, mit Zusetzung seiner eignen Gesundheit, bloß aus Liebe zum gemeinen Besten, und der Nachwelt zur Warnung, Donatschnitzer gesammelt hat; und zwar, welches wohl zu merken ist, aus den besten lateinischen Schriften der gelehrten Männer unsrer Zeit. Der ehrliche Mann sollte mich sehr dauern, wenn man seine erbaulichen Bemühungen für eine ungelehrte Arbeit ansehen wollte. Ich kann es theuer versichern, er thut dem gemeinen Wesen mit seiner Gelehrsamkeit nicht den geringsten Schaden, und ich habe unter allen seinen Schriften nicht eine einzige gesehen, worinnen etwas wider Gott und den Staat gestanden hätte. Wie würde sich mein belesener Herr Oheim wundern, wenn über die Gründlichkeit seiner Wissenschaften ein so grausames Urtheil ergehen sollte! Er läßt sich darauf todt schlagen, daß er ein Gelehrter ist! So oft er jemanden auf seine grammatischen Wahrheiten tractirt: so oft heißt es immer über das andre Wort: Prout nos docti loquimur! Denn das ist wohl zu merken, was er redet, das klingt, wie lateinisch, und mit niemanden spricht er deutsch, als mit seiner Magd, und mit dem Hausknechte, denn diese gehören zum Pöbel. Der gute Vetter, wenn er noch lange lebt; so bin ich nicht für seinen gelehrten Ruhm Bürge. Ich denke aber, er soll bald sterben. Denn das Unglück hat ihm ein lateinisches Programma zugeführet, in welchem er so viel himmelschreyende Schnitzer wider die Reinigkeit der alten römischen Sprache entdeckte, daß ihm gleich bey Lesung der ersten Seite alle Sinne vergiengen. Er ermannte sich doch, und las weiter; aber den Augenblick kriegte er den Krampf in Hände und Füßen, er keichte, und im Gesichte ward er ganz schwarz. Es ist noch wenig Hoffnung zu seiner Besserung da: Wenn das Ding so fortgeht; so wird er noch an diesem ketzerischen Programma elendiglich ersticken müssen. Der gelehrte Mann! Der Hochedle, Veste, Rechtshochgelahrte Herr D. Valentin Vanno , ist mein Vetter, und auch ein Gelehrter, denn er ist Doctor! Das will ich zwar ihm gar nicht nachgesagt haben, daß er das geringste von der Rechtsgelehrsamkeit verstehe; aber er ist doch Doctor. Sein seliger Herr Großvater, ein Mann, der am Verstande nicht gestorben ist, war der gelehrte Doctor Pancratius Vanno . Seinen Herrn Vater habe ich noch wohl gekannt! Das war ein ganzer Mann! Er hatte eine so gelehrte Unterkehle, als zehen andre seines gleichen nicht hatten, und darum mußte er auch ein Doctor werden. Ihro Hochedeln, unser Herr Vanno, hieß schon der kleine Doctor, als er noch in der Kappe herumlief; und es ist gut, daß er es nach der Zeit im rechten Ernste geworden ist; er würde sonst gewiß noch bis auf die heutige Stunde nichts seyn. Er hat einen einzigen Sohn, einen allerliebsten Knaben! Das ist der leibhafte Papa! Er ist kaum funfzehn Jahr alt, und kann schon lateinisch lesen. Dieser muß auch Doctor werden, und im kurzen wird er es seyn! Die wackern Männer! Es steckt dieser gelehrten Familie recht im Geblüte, daß sie alle Doctor seyn müssen. Und dennoch ist es mir sehr leid im sie, ob sie es in zehen Jahren noch werden wagen dürfen, sich Gelehrte zu nennen. Spricht man ihnen alsdann mit der Gelehrsamkeit auch den Doctortitel ab; so werden sie die betrübteste Figur von der Welt vorstellen! Wie sehr würde ich meinen Lesern verbunden seyn, wenn sie sich alsdann dieser verunglückten Familie annehmen wollten! Meiner Schwester Sohn, Georg Knut , ist ein so grundgelehrter Mann, daß er die alten römischen Münzen weit besser kennt, als die Batzen. Wenn ihm ein alter verschimmelter Nummus in die Hände fällt; so sieht er so lustig und freundlich aus, als Harpax kaum aussehen kann, wenn er feinsilbrige Zweydrittheile einwechselt. Nur ohnlängst ist er in eine sehr heftige Verbitterung mit einem andern auch so gelehrten Manne gerathen. Sie schimpften einander in Schriften dergestalt, daß die Leser ganz zweyfelhaft wurden, welcher unter beyden eigentlich der größte Narr wäre. Die ganze Mordgeschichte veranlaßte eine Gemma. Mein Vetter sagte, sie stellte die Venerem victricem vor; sein Widersacher aber behauptete, sie bedeute die Venerem armatam der Lacedämonier. Auf beyden Seiten ward die Heftigkeit zum höchsten getrieben. Und wie unglücklich hätte nicht auch die gelehrte Welt werden können, wenn diese wichtige Wahrheit unausgemacht geblieben wäre! Venus war es gewiß; darinnen waren diese großen Männer einig. Ob sie aber victrix oder armata seyn sollte, das war noch ungewiß. Sie giengen in ihrem Eifer so weit, daß eine ordentliche Zerrüttung unter ihrer Familie entstund. Selbst die Weiber dieser beyden Gelehrten grüßten einander nicht mehr. Sie wußten zwar gar nicht, worauf der Streit ankam; aber dennoch schimpften sie einander so muthig, als ihre Männer kaum thun konnten. Endlich ward das Ding gar zu arg. Die andern Gelehrten schlugen sich ins Mittel. Man untersuchte die Sache. Es blieb Venus victrix! Wie froh war mein Vetter! Er ließ die ganzen Streitschriften zusammen drucken, und war so listig, daß er auf das Titelblatt die Worte setzen ließ: – – – – – – Quid me galeata lacessis?     Vincere si possum nuda, quid arma tenens? Ueber diesen Sieg ward er und seine ganze Familie so muthig, daß so gar seine Köchinn allen Leuten erzählt, was der Herr Knut für ein gelehrter Mann ist! Aber mir ist doch nicht wohl dabey zu Muthe. Ich fürchte immer, er werde einer von den ersten seyn, welchen man die Gelehrsamkeit abspricht, und ich kann es meinen Lesern beynahe nicht zumuthen, daß sie ihn künftig ernähren sollen; den er ist über seine Antiquitäten ganz verwirrt geworden, und sieht so zerstreut im Gesichte aus, daß es recht gefährlich ist, in der Nähe mit ihm zu reden. Johann Ulrich Matz , ist mein sehr naher Vetter; aber er schämt sich meiner, und seiner ganzen Freundschaft: Denn er behauptet, Trotz allen Genealogisten, daß sein Vater ein Hurkind von dem Cardinal Mazarin gewesen sey. Wer so liebreich seyn, und ihn überführen will, daß er ehrlicher Geburt, und sein Großvater ein guter ehrbarer Schneider gewesen, der wird sein Todfeind. Der Küster kam sehr schlimm an, als er ihm dieses aus dem Kirchenbuche beweisen wollte. Das hat ein Schelm geschrieben! rufte er, und holte den Mabillon her, damit er sehen sollte, daß sein Kirchenbuch nicht die geringste Beschaffenheit hätte, welche zu einem öffentlichen Documente oder Diploma erfodert würde. Gegenwärtig ist er mit den politischen Affairen außerordentlich beschäfftiget. Er ist sehr französisch gesinnt; aber in Italien wird ihm doch das Haus Bourbon beynahe zu mächtig, denn jenseits der Alpen hält er das Gleichgewicht. Er lacht recht in die Faust, wenn er in Gesellschaften von dem Prätendenten sprechen hört; denn das läßt er sich nicht ausreden, daß der Prätendent durch seine schlauen Anschläge bis nach Edenburg gekommen ist. Weiter aber darf er durchaus nicht, oder er macht Friede in Schlesien, denn er hat die Absicht gar nicht, den König von England ganz zu ruiniren. Mit Rußland ist er gar nicht zufrieden, und ich habe ihn seit etlichen Tagen so tiefsinnig herumgehen sehen, daß ich befürchte, es dürfte mit nächsten eine grosse Meuterey wider die Czaarinn auf seiner Studierstube ausbrechen. Denn das kann ich der Welt zum Troste sagen, daß sich seine politische Gelehrsamkeit nicht weiter erstreckt, als die vier Wände seiner Studierstube gehen. Bey alle dem aber schreibt er doch sehr viel Staatssachen, und so gar politische Monatschriften; doch werden sie, dem Himmel sey Dank, nicht gedruckt. Er behält sie alle im Concepte, und sagt: Dieses sey ein heimlicher Schatz, welchen er seinen Kindern sammle. Itzt arbeitet er an einer Deduction, worinnen er die gerechten Ansprüche des Königs in Frankreich an das orientalische Kaiserthum ausführt. Er hat es dem Cardinal Tencin dedicirt, aber auch nur im Manuscripte, und nennt es in der Ueberschrift, wie leicht zu glauben ist, eine gründlichgelehrte Deduction. Sollte dieser gründlichgelehrte Mann nicht noch in diesem Jahre, wie ich doch fast hoffe, ins Tollhaus gesperret werden; so werde ich ihn doch, wenn er künftig in Verfall seiner Gelehrsamkeit gerathen sollte, nach Frankreich zu bringen suchen, daß er alsdann in seinem vermeinten Vaterlande durch ein neues Project zur Universalmonarchie seinen Bissen Brodt ehrlich verdienen kann. Ich weiß nicht, ob ich unter die Anzahl meiner gelehrten Freunde den Herrn M. Hieronymus Stephan rechnen darf. Er hat wirklich studirt, und ich habe ihn mit meinen Augen zu Leipzig in dem Degen gehen gesehen; sein Vater hat mir auch die Rechnung gewiesen, nach der er ihm in drey Jahren mehr, als zwey tausend Thaler, auf der Universität zu unterhalten gekostet hat. Ja, was noch mehr ist, er steht mit seinem ganzen Tauf- und Zunamen in dem itzlebenden gelehrten – –. Man wird doch nicht etwas mehr verlangen wollen, den Titel eines Gelehrten zu behaupten? Gelernt hat er nichts, nicht das geringste. Das kann ich die ganze Welt, als ein ehrlicher Mann versichern. In Leipzig heirathete er eine Jungemagd: denn sie wollte gern einen Herrn Magister haben, und er eine Frau. Noch zur Zeit nähren sie sich ganz gut mit einander, und so lange sie noch jung ist, und gut aussieht, so lange hat es keine Noth; es mag mit dem Gelehrten im übrigen gehen, wie es will. Sollte sie aber alt, oder häßlich werden; so läge freylich die ganze Nahrung auf einmal, und ich wollte sehr bitten, daß sich meine Leser des guten Mannes annähmen. Er ist in der That noch zu gebrauchen. zu einem Informator sollte er sich meines Erachtens vortrefflich schicken. Er versteht nichts; es ist wahr! Aber er wird auch die Kinder um ein Spottgeld informiren. Und da heut zu Tage die Liebe der Aeltern gegen ihre Kinder so beschaffen ist, daß man nicht eben darauf sieht, wie geschickt der Informator, sondern nur, wie wohlfeil er ist; so zweifle ich nicht einen Augenblick mehr an seinem guten Fortkommen. Geduld hat er auch, wie ein Hahnrey; und das hat er seinem lieben Weibe zu danken; eine nothwendige Tugend, die ein Mensch haben muß, welcher in vornehmen Familien Kinder unterweisen will. Er ist so geduldig, man kann mir sicher glauben; so geduldig ist er, daß er gar mit der Frau im Hause gut wird auskommen können; und wer weis denn, wie hoch der ehrliche Mann vielleicht noch sein Glück treibt, wenn er sich gewöhnen kann, der Amme und der Köchinn mit gebührender Ehrfurcht zu begegnen? Kurz, ich mag das Ding betrachten, wie ich will, an diesem Vetter erlebe ich gewiß noch die meiste Freude, und ich habe mir schon ein gewisses Haus in unsrer Stadt ausgesehen, wohin sich zu einem Informator kein Mensch besser schickt, als mein guter Vetter Stephan . Dieses sind die Abbildungen einiger meiner Verwandten, und ich wollte wohl wünschen, daß sich Liebhaber zu ihren Künsten fänden. Nun kann man einen ungefähren Ueberschlag machen, wie viel unnütze Gelehrte in Deutschland seyn müssen, da allein in meiner Familie, welche doch die stärkste nicht ist, so viele sind, denen der Titel eines wahrhaften Gelehrten streitig gemacht werden kann. Da ich bisher untersucht habe, was eigentlich ein Gelehrter sey; so muß ich noch ein paar Bedeutungen des Worts gelehrt anführen. Nichts ist gewöhnlicher, als daß man von Büchern das Urtheil fällen hört: Es ist ein gelehrtes Werk! Aber die Begriffe, die ein jeder dabey hat, sind sehr unterschieden. Was der Philosoph gelehrt nennt, das kömmt dem Rechtsgelehrten pedantisch vor, und ich habe einen finstern Mathematiker gesehen, welcher in seinem Leben zum erstenmale lachte, als er hörte, daß man eine witzige Monatschrift unter die gelehrten Bücher rechnen wollte. Mit einem Worte, es geht mit der Gelehrsamkeit, wie mit der Religion. Ein jeder hält nur die seinige für die wahre; alle andre Religionsverwandte aber für Ketzer. Gelehrter Hochmuth ; dieses Wort ist von einer so weitläuftigen Bedeutung, daß es eine absonderliche Abhandlung erfodert, welche wenigstens so viel Bände einnehmen dürfte, als die europäische Fama. Gelehrter Wind , hievon siehe mit mehrern die meisten Vorreden. Gelehrtes Frauenzimmer , ist ein Problema. Menschenfeind. Unter diesem Namen verstehen einige Sittenlehrer gemeiniglich diejenigen verdrüßlichen und mürrischen Leute, welche mit ihrem Schöpfer hadern, daß er sie zu Menschen gemacht hat, und welche niemals misvergnügter sind, als wenn sie sich in Gesellschaft andrer Menschen befinden. Ich will nicht untersuchen, wie weit diese Sittenlehrer recht haben. Ich glaube aber, daß noch eine andre Bedeutung des Worts Menschenfeind statt haben kann. Ich setze, und zwar, vermöge der Erfahrung, zum voraus, daß gemeiniglich der Mensch nichts anders ist, als ein Thier, welches nur sich für vollkommen, alle andre menschliche Thiere aber, die um dasselbe herum sind, für fehlerhaft und lächerlich hält; welches diejenigen Pflichten gegen andre niemals ausübt, die es doch von andern verlangt; welches glaubt, daß alles, was erschaffen ist, nur seinetwegen erschaffen ist; welches sich Mühe giebt, dasjenige zu scheinen, was es doch nicht ist; welches sehr mühselig lebt, um elend zu sterben; welches thöricht ist, weil es das Vermögen hat, vernünftig zu seyn; und welches nicht leiden kann, daß man ihm alle diese Wahrheiten vorsagt. Wer so verwägen ist dieses zu thun, der ist sein Feind. Menschenfeinde also sind Leute, welche die Wahrheit sagen . Ein häßliches Laster, wodurch man die glückselige Einbildung andrer Leute stört, und zugleich sein eignes Glück hindert! Ein Menschenfeind würde ich seyn, wenn ich sagen wollte, daß Neran, unter dem Vorwande seiner obrigkeitlichen Pflicht, Ungerechtigkeiten ausübte, die Bürger um ihre Nahrung brächte, mit den Schweiße gedruckter Unterthanen wucherte, die Seufzer der Wittwen wider sich reizte, und das Vermögen verlaßner Mündel an sich risse; daß diese noch in funfzig Jahren mit Thränen ihren Kindern die Räubereyen des Nerans wieder erzählen, und noch im Alter sein Andenken verfluchen würden. Alles dieses thut Neran; es ist wahr. Ich aber hüte mich wohl, dem Neran dieses vorzuhalten, denn ich mag keines Menschen Feind seyn. Einen Vater des Vaterlandes, einen Priester der Gerechtigkeit, den grossen Neran nenne ich ihn, so oft ich zu ihm komme; dieses aber geschieht alle Mittage um zwölf Uhr, und ich befinde mich wohl dabey. Wie Neran ist; so sind noch unzählig viele andre, und ich würde von den größten Pallästen anfangen, und bis in die Hütten des geringsten Landmanns gehen können, wenn ich nöthig hätte, durch mehrere Exempel zu beweisen, daß man ein Menschenfeind würde, so bald man die Wahrheit sagt. Und wie froh wäre ich, wenn meine Lehren einigen Eindruck bey den boshaften, gefährlichen, unbedachtsamen, verstockten, (ich weis beynahe nicht, wie ich sie arg genug schimpfen soll! mit einem Worte, bey den verhaßten Satirenschreibern fänden, welche einen rechten Beruf daraus machen, Erbfeinde der Menschen zu seyn, und welche so unbesonnen sind, zu glauben, daß man Tartüffen einen Heuchler, und einen Narren einen Narren nennen dürfe! So lange die weltliche Obrigkeit nicht Anstalt macht, diese Menschenfeinde auszurotten: So lange wird ein Betrüger nicht eine Stunde sicher seyn können, den angemaaßten Titel eines ehrlichen Mannes zu behaupten, und, was das erschrecklichste ist, so gar Leute, welche sich durch den Bannstral, den sie in ihren drohenden Händen führen, beym Pöbel ansehnlich und furchtbar machen, werden dennoch diesen verwägnen Menschenfeinden nicht fürchterlich genug aussehen. Ich kann nicht ohne Zittern daran gedenken, wenn ich mir vorstelle, daß vielleicht morgen derjenige lächerlich seyn wird, den man heute für ehrwürdig gehalten hat. Unter diesen satirischen Menschenfeinden halte ich diejenigen für die unerträglichsten, welche mit lachendem Munde das Thörichte an den Menschen entdecken. Nichts erbittert mehr, als eine solche Wahrheit, die man uns mit einer spöttischen Miene sagt; denn oftmals sind wir hierinnen den Affen gleich, welche nie grimmiger werden, als wenn man ihnen spottend nachahmet, und die Zähne blöckt. Zum ewigen Ruhme unsers schönen Geschlechts muß ich erinnern, daß alles, was ich bisher gesagt habe, von ihm nicht zu verstehen ist. Nichts auf der Welt ist ihm angenehmer, als eine ungeheuchelte Wahrheit, und bey ihm ist nur der ein Menschenfeind, welcher schmeichelt. Brigitte ist abergläubisch, neidisch, und verläumdet ihren Nächsten; Flavia ist verbuhlt, und überläßt ihre Gunst an den Meistbietenden; Cälie ist so hochmüthig, daß sie ihrer reichen Nachbarinn im Stande nicht im geringsten nachgeben würde, und sollte sie mit ihrem Manne auch Bettelbrodt essen müssen. Dennoch habe ich das Herz, alles dieses Brigitten, Flavien und Cälien trocken unter die Augen zu sagen, ohne von ihnen ein Menschenfeind genannt zu werden. Sie werden sich schämen, sie werden sich bessern, sie werden mir für meine Wahrheiten unendlichen Dank sagen. So merklich sind die Vorzüge, welche solches Frauenzimmer vor uns, eingebildeten Männern, hat, welches wir doch aus einem lächerlichen Stolze nur schwaches Werkzeug nennen. Pflicht. Pflicht, Amtspflicht, theure Pflicht, Pflicht und Gewissen , sind bey unterschiednen Leuten, die in öffentlichen Geschäften stehen, eine gewisse Art Formeln welche zu den Curialien gehören. In der That haben sie weiter nichts zu bedeuten, als was die übrigen Curialien bedeuten; inzwischen aber sind sie doch so unentbehrlich, als diese, und gehören mit zur Legalität. Einen in Pflicht nehmen , wird also bey dergleichen Leuten so viel heissen, als einem ein Amt geben, worinnen er, unter dem Vorwande seiner aufhabenden Pflicht, dasjenige ausüben kann, was ein unverpflichteter zu thun nicht wagen darf, ohne seine Leidenschaften zu verrathen. Weil in gewissen Gegenden sowohl geistliche, als weltliche Aemter, nicht anders, als durch viele Geschenke und aufzuwendende Unkosten, erlangt werden: So ist es gar wohl zu verstehen, was die geleistete theure Pflicht heißt; und alsdenn wird der Ausdruck, seine Pflicht sorgfältig zu erfüllen suchen , nichts anders sagen, als wenn ich spreche: sich sorgfältig bemühen, auf alle mögliche Art von andern so viel wieder zu erpressen, als das Amt gekostet hat. Es läuft wider meine Pflicht , wird ein gewissenhafter Richter sprechen, wenn ihm der Beklagte Geschenke anbietet. Ein vernünftiger Beklagter aber wird es gar leicht begreifen, daß des gewissenhaften Richters seine Frau Liebste nicht in Pflichten steht; und sich daher mit seinen Geschenken zu dieser wenden, wenn er anders, von ihrem Manne, ein pflichtenmäßiges Urthel verlangt. Ich habe einen Schösser gekannt, welcher das Expensbuch beständig vor sich liegen hatte, und daher von sich selbst rühmte, daß er seine Pflicht niemals aus den Augen ließe; denn er glaubte nur um deswillen sey er ein verpflichteter Schösser, daß er seinen Bauern liquidiren könne. Ex officio arbeiten, würde ein Schulmann vielleicht durch: pflichtmäßig arbeiten , übersetzen. Aber das wäre ein erschrecklicher Schnitzer wider den juristischen Donat. Wer es gründlicher lernen will, was es bedeutet, den will ich an einen gewissen Amtmann weisen. Wenn dieser über die nahrlosen Zeiten und den Verfall der Sporteln klagt; so spricht er allemal: »Ein ehrlicher Mann kann es fast nicht mehr ausstehen. Lauter Arbeit ex officio! Bald Armensachen! Bald Bericht wegen brandbeschädigter Unterthanen! Bald wegen herrschaftlicher Sachen! Alles ex officio!« Sachen also, davon in der Taxordnung nichts steht, sind Sachen ex officio, und freylich sind dergleichen Arbeiten bis in den Tod verhaßt. Verstand. Weil ich hier nicht willens bin, eine philosophische Abhandlung zu schreiben; so wird man mir nicht zumuthen, von demjenigen Begriffe etwas zu gedenken, welchen man sich auf der Catheder von dem Worte, Verstand macht Ich schreibe nicht für Pedanten, sondern für die grosse Welt, und in der grossen Welt heißt Verstand so viel, als Reichthum. Ein Mensch ohne Verstand , ist nichts anders als ein Armer. Er kann ehrlich, er kann gelehrt, er kann witzig, mit einem Worte, er kann der artigste, und nützlichste Mann in der Stadt seyn, das hilft ihm alles nichts; der Verstand fehlt ihm, denn er hat kein Geld. Es ist nicht für einen Dreyer Verstand darinnen! spricht mein Wirth, wenn er ein vernünftiges Gedicht liest. Warum? Mein Wirth ist ein Wechsler, welcher in der Welt nichts gelernt hat, als addiren, und er glaubt, wenn er die schönste Ode auf die Börse trüge, so würde er doch nicht einen Dreyer dafür bekommen. Das Mädchen hat Verstand , sagt ein Liebhaber, der nur aufs Geld sieht, wenn gleich sein Mädchen nichts thut, als daß es Caffee trinkt, Lomber spielt, Knötchen macht, zum Fenster hinnaus sieht, und wenn es hoch kömmt, über das Nachtzeug ihrer Nachbarinn spottet. In Gesellschaften, wo sie keines von diesem allen thun kann, ist sie nicht im Stande, etwas weiter zu sagen, als ein trocknes Ja und Nein; und spielte sie nicht mit ihrem Fächer: So würde man sie für eine Statue ansehen. Aber, das thut alles nichts; für ihren Liebhaber hat sie doch viel Verstand, denn ihre Mutter hat ihr ein sehr schönes Vermögen hinterlassen. Der Mensch hat einen sehr guten natürlichen Verstand , heißt so viel: Er hat von seinen Aeltern eine reiche Erbschaft überkommen, und nicht nöthig gehabt, selbst Geld zu verdienen. Was also dieses heißt: Er wuchert mit seinem Verstande , das darf ich niemanden erklären; es versteht sich von sich selbst. Ich bin der dümmste eben nicht, denn ich habe auch etwas weniges von Vermögen, und dieses hat mir Gelegenheit gegeben, durch eine dreyßigjährige Erfahrung die verschiednen Grade des Verstandes kennen zu lernen. Nach gegenwärtigem Cours kann ich von dem Verstande meiner Landsleute ohngefähr folgenden Tariff machen: 1000. Thaler, nicht ganz ohne Verstand; 6000. Thaler, ein ziemlicher Verstand; 12000. Thaler, ein feiner Verstand; 30000. Thaler, ein großer Verstand; 50000. Thaler, ein durchdringender Verstand; 100000. Thaler, ein englischer Verstand; und auf solche Weise steigt es mit jeden tausend Thalern. Ich habe den Sohn eines reichen Kaufmanns gekannt, welcher kaum so klug war, als sein Reitpferd. Er besaß aber viermal hundert tausend Thaler, und um deswillen versicherte mich mein Correspondente, daß er in ganz Meklenburg beynahe der Verständigste wäre. Der Kerl hat seinen Verstand verloren! wird man also von einem bankerutten Kaufmanne sagen, und ich kenne einige davon, welche dieser Vorwurf weit mehr schmerzt, als wenn man sagen wollte, sie hätten ihren ehrlichen Namen verlohren. Dieses ist noch der einzige Trost für dergleichen Männer. daß ihre Weiber, welche durch ihre üble Wirthschaft, und durch ihren unsinnigen Staat an diesem Verluste gemeiniglich die meiste Ursache haben, dennoch ihren eingebrachten Verstand, daß ich mich kunstmäßig ausdrücke, oder deutlich zu reden, ihr eigenes Vermögen, und daher noch allemal so viel übrig behalten, als nöthig ist, sich und ihren unverständigen Mann auf das bequemlichste zu ernähren. Beytrag zum deutschen Wörterbuche. S. Neue Beytr. zum Vergn. des Verst. und Witzes, 3 Band, 2 Stück 1745. Als ich es wagte, der gelehrten Welt meinen Versuch eines deutschen Wörterbuchs mitzutheilen; so bat ich mir zugleich den Beytrag meiner Landsleute zu diesem wichtigen und weitläuftigen Werke aus. Ich bin so glücklich gewesen, daß an mich verschiedne Artikel eingesandt worden sind. und mein Vergnügen darüber ist so groß, daß ich nicht einen Augenblick länger anstehen kann, ein paar davon bekannt zu machen, welche völlig nach derjenigen Anlage ausgearbeitet sind, die ich mir zu meinem Wörterbuche gemacht hatte. Ich hoffe, es werden diese neuen Proben noch andre aufmuntern, ihrem Beyspiele zu folgen, um mich durch ihre geschickte Beyhülfe in den Stand zu setzen, daß ich noch vor dem Schlusse des itzigen Jahres solches unter die Presse bringen kann. Den Herren —E– und —Gl– statte ich zugleich für diese ihre Bemühungen den verbundensten Dank ab. Ich wollte wohl wünschen, daß ich ihre völligen Namen, und den Ort ihres Aufenthalts erfahren möchte, damit ich Gelegenheit haben könnte, ihnen einige kleine Zweifel zu eröffnen, welche mir wegen der übrigen von ihnen eingesandten Wörter beygefallen sind. Dem Herrn Kr* muß ich sagen, daß er die Absicht, welche ich bey unserm Wörterbuche habe, nicht recht eingesehen haben mag. Dergleichen Artikel, wie er eingesendet hat, scheinen in ein Wörterbuch zu gehören, das nur für eine einzige Familie geschrieben ist. In dem Hause, worinnen er wohnt, mag er ein sehr aufgeweckter und schalkhafter Kopf seyn, welcher seine ganze Familie, und vielleicht auf Kosten andrer, zu lachen macht. Nur befürchte ich, sein Witz geht nicht weiter als bis an die Hausthüre. In andern Häusern wird ihm ohne Beyhülfe eines Scholiasten niemand verstehen. Dergleichen Familienscherze sind gute Quodlibete, welche nur eine geschloßne Gesellschaft einsieht, und belacht. Andern ehrlichen Leuten darf man es nicht wohl zumuthen, daß sie solche lesen sollten. Verschiedne meiner Correspondenten haben verlangt, ich möchte ihnen einige Wörter vorschlagen, deren Bedeutung sie untersuchen könnten. Ich will etliche davon hersetzen, deren Bedeutung mir am zweydeutigsten, und am unbestimmtesten zu seyn scheint. Die verschiednen Redensarten, bey welchen sie gebraucht werden, verursachen wegen dieser Ungewißheit eine solche Verwirrung im gemeinen Leben, daß ein jeder Patriotischgesinnter nicht einen Augenblick zaudern sollte, eine gewisse Bedeutung davon festzustellen. Ich erwarte diesen Beytrag mit dem größten Verlangen. Den Nutzen davon haben sie und ihre Kinder zu geniessen. Hier sind die Wörter selbst: Andacht. Artig. Bezaubert. Demuth. Ehrgeiz. Eifersucht. Freyheit. Geschmack. Gesundheittrinken. Gleichgültig.         Großmuth. Ich. Körnigt. Kunstrichter. Rangstreit. Scherzhaft. Sparsamkeit. Unpartheyisch. Unschuld. Witz. Dieses mag genug seyn. Es giebt noch unzählig andre Wörter, welche wenigstens so wichtig, als diese, sind, und deren Wahl und Ausführung ich meinen geschickten Landsleuten überlasse. Die Briefe sind an den Verleger zu senden, und ihre Namen sollen verschwiegen werden, wenn sie es verlangen. Deutsch. ist ein Schimpfwort. Die Franzosen sprechen: Er hat den Fehler, daß er ein Deutscher ist. Denn, wie bey vielen Franzosen der Verstand überhaupt sehr sonderbar ist; so haben sie gefunden, daß alle die, welche disseits des Rheins geboren sind, weder witzig, noch tapfer, und also gute ehrliche Menschengesichter, mit einem Worte, Deutsche sind. Es klingt alles so gar deutsch in seinen Versen , ist der tiefsinnige Machtspruch, den über deutsche Gedichte gemeiniglich diejenigen fällen, welche bey ihren Französinnen zur Noth so viel gelernet haben, daß sie die Utrechter Zeitungen exponiren können. Ich kenne Leute, welche gern ihren halben Verstand darum geben würden, wenn sie keine Deutsche, sondern unter dem Consulate des Cicero in Rom geboren wären. Ihnen kömmt nichts so lächerlich vor, als die Bemühung, in der deutschen Sprache Donatschnitzer zu vermeiden. Den, der sich Mühe giebt, zierlich und regelmäßig deutsch zu schreiben, können sie, ihrer Meynung nach, nicht ärger beschimpfen, als wenn sie ihn einen deutschen Michel heissen. Dieses Wort begreift nach ihrer Grammatick wenigstens eben so viel Schande und Laster in sich, als bey den alten Juden ein Samariter, oder bey den Savoyarden ein Barbet! Ich habe angemerkt, daß die deutsche Sprache unter ihren Kindern besonders zwey Arten von Feinden hat. Einige verfolgen sie aus Hochmuth und Eigennutz, andre aber verachten sie aus Leichtsinn. Jene geben sich eine ernsthafte, gebieterische und monarchische Miene. Sie sind gewohnt, ihre Wahrheiten mit aufgehobnem Arme zu behaupten, und den Pflichten der väterlichen Liebe mit der Ruthe Gnüge zu leisten. Man nennt sie auch römischgesinnte Männer, oder lateinische Görgen , zur schuldigen Vergeltung der deutschen Michel. Es liegt ihnen viel daran, die deutsche Sprache zu unterdrücken, welche sie selbst so wenig verstehen. Ihr Ansehen dürfte freylich sehr fallen, wenn die Welt anfienge zu glauben, ein Mann verdiene den Nahmen eines wahren Gelehrten noch nicht, wenn er schon ein lateinischer Sprachmeister sey. In Lehmanns speyerischer Chronike finden wir die Geschichte eines treufleißig verordneten Lehrers, welcher ein so abgöttischer Verehrer des Cicero gewesen, daß er seinen Sohn bloß deswegen der Lateinischen Sprache von Mutterleibe an geweihet, weil er eine Warze auf der Nase gehabt. Und ungeachtet sich bey zunehmenden Jahren geäußert, daß ihn die Natur nicht zu einem Cicero , sondern höchstens zu einem deutschen Holzhacker geschaffen; so hielt sich doch dieser gelehrte Vater in seinem Gewissen für verbunden, einem so deutlichen Berufe, als sein Sohn an der römischen Nase trug, nicht zu widerstreben. Ja, er soll in seinem Eifer so weit gegangen seyn, daß er sein Kind, bey vermerkter Widerspenstigkeit, amtsmäßig und mit der Ruthe in der Faust gezwungen, die Finger auf die lateinische Grammatik zu legen, und seine deutsche Muttersprache solemni ritu formulaque abzuschwören. Nichts kam ihm toller vor, als deutsch zu lernen; denn sein Schuster redete deutsch, und er redete so gut als sein Schuster; beyde aber hatten es niemals gelernt, und verstunden einander doch. Dergleichen lateinische Zeloten kann man dadurch keinesweges besänftigen, wenn man ihnen gleich einräumt, daß einem Gelehrten die griechische und lateinische Sprache unentbehrlich sey; daß ein Mann, welcher kein Latein verstehe, wenig Hoffnung habe, ein Gelehrter zu werden; daß man nichts tadle, als die sklavische Hochachtung, welche sie gegen alles dasjenige hegen, was lateinisch klingt; und daß man an ihnen nur die allzu abergläubische Verbitterung gegen ihre Muttersprache, als einen lächerlichen Fehler, anmerke. So bescheiden auch dergleichen Einschränkungen sind, so wenig sind sie doch zu ihrer Beruhigung hinreichend. Ihre ganze Maschine geräth in Unordnung, wenn sie dergleichen Friedensvorschläge hören. Ad rogum! ad rogum! schreyen sie, so bald sie eine Abhandlung sehen, welche zur Aufnahme und Verbesserung der deutschen Sprache abzielt; ja einer von meinen Freunden besitzt ein Exemplar von den Belustigungen des Verstandes und Witzes, in welchem ein solcher Pflegevater unter dem Namen Irenäus Mastigophorus Im 2 Theile der Belustigungen des Verstandes und Witzes, a. d. 465 S. und in gegenwärtigen satirischen Schriften, 1 Th. 132 S. mit zitternden Händen geschrieben hatte: HVNC TV ROMANE CAVETO! Die zweyte Art der Antideutschen machen diejenigen aus, welche die deutsche Sprache nur aus Leichtsinn verachten. Diese sind von den ersten weit unterschieden. Wenn jene etwas lesen, das nicht lateinisch ist, so schüttelt sich ihre ganze Natur; diese leichtsinnigen Feinde aber können es noch so ziemlich gelassen anhören, wenn von der Stärke und Schönheit der deutschen Sprache geredet wird. Ja, ich habe es so gar mit meinen Augen gesehen, daß man einem solchen Undeutschen, welcher ein junges Herrchen von Profession war, zwey Blätter aus dem Haller vorlas, ohne daß es ihm etwas weiter schadete, als daß er lachte, trällerte, pfiff, sich auf einem Beine herumdrehte; und, so bald er mit einer Prise Tabak dem Gehirne ein wenig Luft gemacht hatte, so sagte er weiter nichts, als: Pardieu! le miserable jargon! Sogleich war auch sein Paroxysmus vorbey, und man sah zwischen ihm und einer vernünftigen Creatur beynahe nicht den geringsten Unterschied. In der That verdienen diese Feinde der deutschen Sprache, daß man sie mit Langmuth erträgt. Denn, wenn sie die deutsche Sprache verspotten; so geschieht es eben so wenig aus Bosheit, als wenn sie über den Schnitt eines Kleides lachen, welchen die Einfalt eines deutschen Meisters, und nicht der witzige Schneiderverstand eines erfindsamen Franzosen hervor gebracht hat. Sie spotten, weil es deutsch heißt, und lachen, weil es nicht französisch ist. Wer ein gegründetes Urtheil oder Beweise von der Nichtswürdigkeit der deutschen Sprache von ihnen fodern wollte, der foderte zu viel. Genug, es ist Mode, sie zu verachten, und ihr Verstand ändert sich so oft, als die Mode; dieses aber geschieht alle vier Wochen. Diejenigen, welche, daß ich mich der Mundart des itzigen Jahrhunderts bediene, in allem einen zureichenden Grund suchen, wollen aus den Lehrsätzen der Physik, und aus der Erfahrung beweisen, daß es deswegen so viele lustige Feinde ihrer Muttersprache unter uns gebe, weil die Franzosen in ihrem Umgange so artig und einnehmend wären, daß viele von unserm deutschen Frauenzimmer ihnen nichts abschlagen könnten. Ich lasse die Vermuthung an ihren Ort gestellt seyn. Unwahrscheinlich ist sie freylich nicht, und ich sollte fast selbst glauben, daß die Natur dergleichen poßierliche Körper nicht zur Welt bringen könnte, ohne sich der Verbindung eines französischen Papas, und einer deutschen Mutter zu bedienen. Dieses mag von den unterschiednen Arten der Feinde, welche die deutsche Sprache hat, genug seyn. Er ist ein ehrlicher alter Deutscher; dieß würde ein Anfänger in der deutschen Sprache so erklären: Er ist so ehrlich, wie ein alter Deutscher. Aber das wäre ein grosser Sprachschnitzer; sondern es wird gemeiniglich von Leuten gebraucht, welche in ihrem Umgange alle diejenigen Eitelkeiten mit Sorgfalt vermeiden, die man sonst Höflichkeiten, und, in gewissem Verstande, auch Complimente nennt. Denn hierdurch, und durch die Gabe, zu trinken, können wir es unserm Vorfahren, den alten Deutschen, noch so ziemlich gleich thun. Altdeutsch heißt daher in einigen Gesellschaften so viel, als grob. Deutsche Redlichkeit; ist ein verbum obsoletum, oder höchstens nur ein Provinzialwort. Siehe hiervon mit mehreren des Panzirollus Abhandlung von denen Sachen, welche bey uns verloren gegangen sind. E – – Fabel. Eine Fabel ist, ordentlicher Weise, und besonders nach dem Begriffe einiger Neuern, ein solches Gedicht, über welchem der Name eines Thieres, oder sonst eines Dinges steht, das noch etwas dümmer ist, als der Verfasser. Wir würden zu viel von ihm fodern, wenn wir eine poetische Wahrscheinlichkeit, oder gar eine Sittenlehre darinnen suchen wollten. Die Ausführung der Fabel mag noch so trocken, noch so abgeschmackt, noch so undeutlich seyn; so ist doch das, was ein solcher Fabeldichter im Namen seines Thiers sagt, für eine unvernünftige Bestie noch allemal klug genug gesprochen. Er schreibt: Der – – eine Fabel. Und siehe, so ist es eine Fabel! Mehr gehört dazu nicht. Das Wort, Fabel , wird noch in einem andern Verstande, und zwar von solchen Erzählungen gebraucht, welche zwar möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich sind. Daß ein Frauenzimmer sich über den vermeinten Tod ihres Liebhabers dergestalt betrübt, daß sie sich selbst ums Leben bringt; und daß es Liebhaber giebt, welche über den Verlust ihrer Schönen so untröstbar sind, daß sie in ganzem Ernste Anstalt machen, sich zu erstechen: Das ist wohl möglich, aber nimmermehr wahrscheinlich, und eben um deswillen gehört die Geschichte des Ovids vom Piramus und von der Thisbe mit allem Rechte unter die Fabeln. Diese Beschreibung, welche ich von dem Verstande des Worts, Fabel , gegeben habe, öffnet den Dichtern ein weites Feld zu tausend Erfindungen. Mir sind deren schon so viele beygefallen, daß ich der Welt mit einem ziemlich starken Octavbändchen davon aufwarten könnte. Wer weis, was noch geschieht? Ein Dichter bin ich zwar nicht; aber hundert Leute machen Verse, die doch keine Dichter sind; und gesetzt, ich schriebe nicht feurig, so würde ich gewiß ziemlich fließend schreiben. Das ist schon genug! Und wenn mir auch hierinnen alle vernünftige Welt widerspräche; so weis ich doch, Strephon giebt mir seinen Beyfall, denn ihm gehts auch so! Damit aber die gelehrte Welt vor großem Verlangen nach meinem Bändchen nicht gar zu ungeduldig werde, wie ich fast befürchten muß; so will ich inzwischen von vieren meiner Fabeln nur den Innhalt hersetzen. Man wird finden, daß sie durchgängig möglich sind; keine einzige aber wahrscheinlich ist. Die erste Fabel. Der betrübte Wittwer. Agenor , ein reicher Bürger, lernte ein Frauenzimmer kennen, welches weder Schönheit, noch Vermögen hatte, aber desto tugendhafter war. Bloß ihrer Tugend wegen liebte er sie. Er heirathete sie, und die ganze Stadt lobte seine Wahl; denn die meisten Bürger dieser Stadt waren tugendhaft, und keiner heirathete aus eigennützigen und niederträchtigen Absichten. Zwanzig Jahre ihrer Ehe waren verflossen, und nicht ein einzigesmal hatten sie einander Gelegenheit zu einem Misvergnügen gegeben. Noch im zwanzigsten Jahre liebten sie einander eben so vernünftig, eben so zärtlich, als an dem Tage ihrer Verlobung. Auf diesen Umstand werden meine Leser ja wohl merken; denn das ist eine Hauptfabel. Agenor verlor seine Frau, welche bloß um deswillen schwer zu sterben schien, weil sie sich von ihrem Manne trennen sollte. Zehen Monate hat Agenor zugebracht, ehe er sich einigermaaßen trösten, und zu einer neuen Heirath entschließen konnte. An fünf Monaten wäre es schon genug gewesen; aber zu einer Fabel mußten es schlechterdings zehen Monate seyn. Die zweyte Fabel, noch etwas unwahrscheinlicher, als die vorige. Die reiche Wittwe, eine gute Frau. Philinde , eine junge Wittwe, welche den Neran durch ihr zugebrachtes Vermögen zum reichsten Manne in der Stadt gemacht hatte, liebte ihn so zärtlich, daß sie ihm auch nicht ein einzigmal seine Armuth vorwarf. Sie trug so viel Ehrfurcht gegen ihn, daß es schiene, als hätte sie beynahe gar vergessen, wie groß ihr Einbringen wäre. Konnte sie ja etwas betrüben; so war es die große Behutsamkeit, mit welcher Neran sich ihres Vermögens bediente. Sie munterte ihn auf, für sich etwas weniger sparsam zu seyn; und brauchte sie selbst einiges Geld, so bat sie ihren Mann mit so vielen Liebkosungen darum, als wäre es sein eignes Vermögen. Neran starb, und die Chronike sagte, daß sie alle Jahre an demjenigen Tage ganz untröstbar gewesen, an welchem er gestorben. Ja, man will so gar versichern, daß sie über diesen Verlust sich niemals zufriedner zu trösten gewußt, als wenn sie den armen Freunden ihres verstorbnen Mannes mit ihrem Vermögen beyspringen können. Niemals habe sie dieses anders genennt, als die Verlassenschaft ihres Nerans , an welche alle seine Verwandten Anspruch zu machen hätten, welche desselben bedürftig wären. So weit geht diese Fabel. Die dritte Fabel. Ich habe einen Mann gekannt, dessen Beruf war, eine große Gesellschaft Leute wöchentlich vor allen Lastern zu warnen. Es kam ihm beynahe kein Laster verderblicher vor, als der Geiz. Den Geiz malte er also aufs abscheulichste ab, so oft er hierzu Gelegenheit fand. Das ist nichts unmögliches! Das hören wir oft! werden meine Leser rufen. Geduld! ich will weiter erzählen. Dieser Mann wußte sein Vermögen den Armen auf eine so vorsichtige Art zufließen zu lassen, daß die wenigsten erfuhren, von wem es herkam. Keine nothdürftige Wittwe ließ er mit Thränen von sich gehen, sie müßte denn aus Dankbarkeit geweint haben. Einem Kaufmanne, welcher ehrlich, aber in seiner Handlung unglücklich war, lieh er ein ansehnliches Capital, ohne Verzinsung, damit er ehrlich bleiben, und sechs unerzogne Kinder ernähren könnte. Auf Pfänder lieh er gar nicht, und niemals soll er über fünf Procent genommen haben. Eine schöne Fabel, zu der ich aber den Titel nicht weis! Die vierte Fabel. Der billige Dichter. Phokles war ein berühmter Dichter derjenigen Stadt, in welcher bey schwerer Strafe niemand gelobet werden durfte, der nicht wirklich tugendhaft war. In dieser Stadt schätzte jedermann die Dichtkunst nach ihren Würden. Kein Reimer ward daselbst geduldet, und man hat zween aus dem Weichbilde verwiesen, welche aus Faulheit nicht arbeiten wollten, sondern zur Stillung ihres Hungers reichen Kaufleuten zu ihren Namenstagen gratulirten. Ich wollte dem Herrn Stelpo wohlmeinend rathen, daß er sich in diese Stadt nicht wagte! Alle Leute suchten die Freundschaft des Phokles zu gewinnen, damit er ihnen die Fehler entdecken sollte, welche sie an sich hätten. Der Bischof daselbst bat ihn gleichfalls darum, und diesem sagte er: Du bist ein hochmüthiger, ein eitler, ein niederträchtiger und harter Mann; du lehrest deine Gemeine sehr erbaulich, aber sie kann deinen Lehren nicht glauben, weil dein Leben beweist, daß du sie selbst nicht wahrhältst! Dieses bewegte den Bischof dergestalt, daß er ihn aufs zärtlichste umarmte, und seine redliche Offenherzigkeit vor öffentlicher Gemeine pries. Als er dem regierenden Bürgermeister entdeckte, daß er ein sehr unwissender Mann, und nicht werth wäre, ein Vater der Stadt zu heissen, so lange er nicht unterliesse, mehr auf seinen Nutzen, als auf den Nutzen seiner Bürger zu sehen; so fehlte nicht viel, daß ihn dieser nicht mit Gewalt genöthigt hätte, an seiner Stelle das Ehrenamt eines Bürgermeisters anzunehmen. Rathsherr aber mußte er doch werden; er mochte wollen, oder nicht. Es war erstaunlich anzusehen, mit wie viel Ehrfurcht und Freundschaft ihm die reichsten Capitalisten begegneten. In seiner Gesellschaft vergassen sie, daß sie Wechsler waren, und redeten witzig. Alle Frauenzimmergesellschaften waren todt und schläfrig, in welchen Phokles nicht war. Denn damals, als Phokles lebte, wußte man von Fächern nichts; Lomber ward gar nicht gespielt; und die Kunst, den Nächsten zu richten, war nur in ein paar Familien bekannt. So bald man den Phokles nur von weitem erblickte, so bald war alles vergnügt und lebhaft. Lebte Phokles in meiner Stadt; so würde man hier auf die Vermuthung fallen, er sey um deswillen so beliebt gewesen, weil er diesen schönen Kindern artige Schmeicheleyen vorgesagt, ihre schönen Hände verewigt, ihre Augen besungen, mit unter ein paar Takte geseufzt, zum Spaße ein wenig verzweifelt, und seine Nachbarinn Tieger und Fels gescholten hätte, weil sie so unmenschlich grausam gewesen, und ihm einen Kuß versagt. Dieses ist gemeiniglich die Sprache unsrer heutigen Dichter. Aber Phokles sang ganz anders! Er rühmte die Phillis wegen ihrer anständigen Sittsamkeit; Cleonen wegen ihrer vernünftigen Wirthschaft. Er lobte Aesinen wegen ihrer sorgfältigen Kinderzucht, wodurch sie noch die Nachwelt ihrer Stadt glücklich zu machen suchte. Er besang die Unempfindlichkeit der Calliste gegen die leichtsinnigen Bemühungen eines jungen Herrn. An Euphrosynen rühmte er, daß sie noch mehr tugendhaft, als schön wäre; und vergötterte Leonoren wegen ihrer ehelichen Treue. Wegen ihrer ehelichen Treue? Das klingt sehr altväterisch! Es kann wohl seyn; aber es ist auch schon lange, daß Phokles gestorben ist. Er starb in eben dem Jahre, als kein Lasterhafter glücklich, kein Philosoph ein Pedant, keine junge Wittwe verbult, kein junger Herr in sich selbst verliebt, kein vornehmer Mann ein Verächter der schönen Wissenschaften, kein Richter geldgierig, kein Advocat ein Lügner, kein Wuchrer niederträchtig, und noch kein Narr geehrt war. In diesem Jahre starb Phokles . Ist es also wohl ein Wunder, wenn uns seine Lobgedichte altväterisch vorkommen? Dieses muß ich noch erinnern, daß Phokles alle andre Dichter für größre Dichter hielt, als sich selbst, daß er vor Vergnügen ausser sich war, so oft er ein schönes Gedicht von einem andern zu lesen bekam; daß er in fremden Werken die Fehler andrer übersah, und entschuldigte, und nur gegen seine eignen Schriften ein unparteyischer und unerbittlicher Richter war; daß er niemals mehr erröthete, als wenn man der Schönheit seiner Gedichte Gerechtigkeit wiederfahren ließ; und daß er aus einem kleinen Eigensinne, oder vielmehr aus einer unzeitigen Furchtsamkeit, alle Gelegenheit vermied, seine Gedichte unter die Leute, oder, wie wir es heut zu Tage nennen, auf die Nachwelt zu bringen: denn das muß man wissen, daß dieser Ausdruck damals sehr selten vorkam. Eben dieses bescheidne Mistrauen ist Ursache, daß wir von seinen Gedichten nur noch wenige Bogen übrig haben. Und dennoch nennt ihn jedermann den großen Phokles! Welcher Mischmasch! rufte Mäv . Ein Dichter, der durch wenige Bogen berühmt worden ist! Der gegen seine eignen Lieder unempfindlich ist! Der andre Dichter für größer gehalten hat, als sich! Ein Dichter, der ein großer Mann, und doch so gewesen ist, wie Phokles! Ist wohl was ungereimters? Ist wohl jemals etwas unwahrscheinlichers gefunden worden, als dieses? Du hast Recht, Mäv! Aber eben darum ist die Geschichte des Phokles eine Fabel; und eine Fabel wird es seyn, so bald ich der Welt erzähle, daß du ein geschickter Dichter seyst! Dieses mag von denen Fabeln zur Probe genug seyn, die ich liefern würde, wenn ich ein Poet wäre. Es ist ewig Schade, daß ich keiner bin. Diesen Augenblick höre ich, daß mein Hauswirth in den letzten Zügen liegt. Wenn er doch nur dasmal stürbe! Ich bin einmal in vollem Schreiben, und die Standrede würde ich doch vermuthlich thun müssen. Meine Leser sollten es auch zu genießen haben. Ich wollte die Rede drucken lassen. Wie prächtig würde sich das ausnehmen, wenn mein Verleger diesen Titel an seinen Laden kleben ließe!     ΦΟΒΕΡΟΤΑΤΟΝ ΠΑΝΤΩΝ ΤΩΝ ΦΟΒΕΡΟΤΑΤΩΝ, das ist: Das fürchterlichste unter allen fürchterlichsten. Oder: Das unerbittliche Geschick des ungerechten Himmels durch einen frühzeitigen Tod Bey der Baare des weiland hochedelgebohrnen, Vesten, und Rechtshochgelahrten Herrn, H e r r n   R.   N. Erb- Lehn- und Gerichts-Herrn auf N. N. berühmten Doctors beyder Rechte, Welcher im vier und siebenzigsten Jahre seines ruhmvollen Alters, zur größten Betrübniß seiner noch jungen, und um desto mehr untröstbaren, hinterlaßnen Frauen Wittwe, und sämtlicher in die tiefste Trauer versetzten Erben, zum Schrecken aller nothleidenden Wittwen und Waisen, zum Unglücke aller Dürftigen und Verlaßnen, der ganzen Stadt zum Jammer, und zu einem unersetzlichen Verluste der edlen Gerechtigkeit, viel zu früh, doch selig, verschied, in Gegenwart der leidtragenden Bürgerschaft und unter Begleitung vieler tausend Thränen, in Form einer Standrede betrachtet . Eine Fabel . v o n N. Auf Verlangen zum Drucke befördert.   Eh ich diesen Artikel von Fabeln schliesse, muß ich noch eine Anmerkung machen. Ich habe oben gesagt, daß dasjenige eine Fabel sey, was zwar möglich, aber nicht wahrscheinlich ist. Aus diesem Satze folgt, daß diejenige Erzählung den Namen einer Fabel nicht verdiene, welche nicht allein möglich, sondern auch höchst wahrscheinlich ist . Ich finde diesen Fehler besonders in den Fabeln des Phädrus . Die Geschichte von dem verdorbnen Schuster, welcher, um nicht zu verhungern, ein Arzt geworden war, und welcher bekannte, daß er seinen Ruhm nicht durch seine Geschicklichkeit, sondern durch die Dummheit des Pöbels erlangt habe; diese Geschichte ist so wahrscheinlich, daß ich selbst in meiner Stadt mehr, als zehen dergleichen medicinische Schuster kenne; wenigstens sind es solche Leute, welche zu allem in der Welt ungeschickt sind, und doch die Verwägenheit haben, sich für Aerzte auszugeben. Wie wohl würden sie thun, wenn sie jedesmal über ihre Recepte die Verse schrieben: Quantae putatis esse vos dementiae, Qui capita vestra non dubitatis credere, Cui calceandos nemo commisit pedes! Sie könnten dafür die beyden griechischen Buchstaben, α und ω, weglassen. Der Verlust, den sie durch Weglassen dieser beyden Buchstaben litten, wäre zwar freylich groß, weil sie gemeiniglich weiter kein griechisch verstehen, als dieses; aber es wäre doch fein aufrichtig gehandelt. Ich will noch eine Probe hersetzen, damit man desto deutlicher sehen könne, wie sehr Phädrus wider diese Regel verstossen habe. Ist wohl eine Geschichte wahrscheinlicher, als diese, daß eine häßlichgebildete Schwester sich über ihren Bruder erzürnt, welcher seine schöne Bildung gegen sie gerühmt; daß es einen jungen Menschen gegeben habe, welcher seine Gestalt im Spiegel bewundert; und daß ein Frauenzimmer um Rache geschrien, als sie wegen ihrer Häßlichkeit verspottet worden? Nimmermehr gebe ich zu, daß dieses eine Fabel sey; und wenn man mir widersprechen wollte, so behaupte ich, daß meine andächtige Nachbarinn, welche ihren Mann alle Wochen wenigstens einmal mit dem Pantoffel schlägt, auch unter die Fabeln gehört. Dieses aber wird man ihren geplagten Mann, der die wirkliche Existenz seiner Frau gar zu wohl fühlt, nimmermehr bereden. Es scheinet auch fast, als ob Phädrus seinen Fehler selber bemerkt hätte. Er spricht:           –     –     Illa irascitur, Accipiens (quod enim?) cuncta in contumeliam. Dieses quid enim? würde sich im Deutschen nicht besser ausdrücken lassen, als durch: Ist das wohl Wunder? Machen es unsre Frauenzimmer nicht alle so? Was aber unsre Frauenzimmer alle thun, das ist wohl keine Fabel. Ich war anfänglich willens, unter diese fehlerhaften Fabeln des Phädrus seine sechste Erzählung im zweyten Buche von dem geschäfftigen Müßiggange zu rechnen. Es hat mich aber ein guter Freund davon abzubringen gesucht, weil er glaubt, es sey dieses keine wirkliche Erzählung, sondern eine Allegorie, und gehe eigentlich auf die jungen Advocaten, welchen zwar wegen ihrer Unerfahrenheit noch niemand seinen Rechtshandel anvertraut, die aber dennoch gar zu gern sehr beschäfftigt aussehen wollen, und um deswillen tüchtig durch die Gasse laufen; niemals ausgehen, ohne ein Stückchen Acten im Busen zu haben; die Richterstube belagert halten, ohne hinein zu gehen; alle Bauern, die ihnen begegnen, anreden; alle Gesellschaften mit ihrem casu in terminis quälen; von ihren gewonnenen Processen so viel Aufhebens machen, als mancher junger Officier von dem letztern Feldzuge nicht thut; welche ganz erhitzt, und tiefsinnig aussehen, wenn sie Mittags um zwölf Uhr vom Rathhause kommen, damit man glauben soll, sie hätten sich mit ihrem Gegner gezankt; mit einem Worte, welche vor langer Weile sterben müßten, wenn sie nicht die Geschicklichkeit besässen, zum Verdrusse der halben Stadt auf die geschäfftigste Art nichts zu thun. Dieses ist die Auslegung, welche mein Freund von der Fabel macht. Wie weit sie gegründet sey, will ich nicht untersuchen. Recht wahrscheinlich kömmt sie mir freylich nicht vor. Sie klingt mir gar zu deutsch, und an statt, daß ich bey deren Erzählung mit meinen Gedanken in Rom seyn sollte; so verliere ich mich unvermerkt in meiner Vaterstadt, und sehe auf dem Rathhause und auf dem Markte eine Menge junger Müssiggänger herumlaufen, welche vor großer Beschäfftigung, nichts zu thun, keichen. Gesetzt auch, es sey eine allegorische Erzählung; so kann ich doch nicht errathen, warum Phädrus eben nur eine gewisse Art junger Advocaten gemeynt habe? Könnte es denn nicht eben so wohl auf die jungen Aerzte gehen? Wenigstens kenne ich einen, welcher so ängstlich durch die Gassen läuft, als wenn ihn die Seelen der Verstorbnen verfolgten, welche an seinen Pillen haben ersticken müssen. Er thut so unruhig, als wenn er die halbe Stadt zu einem methodischen Ende zubereiten müßte. Oft besteht seine große Arbeit in weiter nichts, als daß er einen Hund aufsucht, ihn zu würgen, oder Rhabarbar holt, um eine Frau zu curiren, welche der Mann durch seine Vermittelung los zu werden sucht. Dieses sind meine Zweifel, welche ich über die eigentliche Bedeutung der Erzählung aus dem Phädrus habe. Meine Leser sollen den Ausspruch thun, ob ich oder mein Freund Recht habe, ob die allegorische Erzählung auf die jungen Advocaten, oder auf die jungen Aerzte, oder vielleicht auf noch andre Arten müßiger, und doch geschäfftiger, Gelehrten gehe? Hier sind die Worte des Phädrus selbst: Est ardelionum quaedam Romae natio, Trepide concursans, occupata in otio, Gratis anhelans, multa agendo nihil agens, Sibi molesta, et aliis odiosissima. Gl – – Geheime Nachricht von D. Jonathan Swifts letztem Willen. S. Neue Beytr. zum Vergn. des Verst. und Witzes 3 Band 4 St. 1746. Mylord, Ich bin zeither nicht im Stande gewesen, Ihnen die verlangte Nachricht von einigen besondern Umständen des swiftischen Testaments zu geben. Nunmehr habe ich Gelegenheit gefunden, von allem nähere Nachricht einzuziehen, und ich hoffe, Ihre Neugierigkeit dadurch befriedigen zu können. Es ist allerdings wahr, daß unser Swift zwölftausend Pfund Sterlings zu Errichtung eines neuen Tollhauses ausgesetzt hat. Die Nachricht von diesem löblichen Vorhaben war schon vor seinem Tode bekannt; aber die meisten machten sich, wie auch Sie, Mylord, selbst gethan haben, unrichtige Begriffe von dieser mildreichen Stiftung. Sie glaubten, dieses Geld sey zur Verwahrung und zum Unterhalte physikalischer Narren bestimmt, welche klug seyn würden, wenn ihr Körper nicht ungesund, und ihr Geblüte nicht verderbt wäre: Allein, hierinnen betrog sich unsre ganze Stadt. Swift , dessen Charakter Sie wohl gekannt haben müssen, beschäfftigte sich in seinem Leben niemals mit dieser Art leiblicher Narren, welche er vielmehr der Vorsorge des Magistrats, und den Händen der Aerzte und Barbierer überließ. Seine Bemühung war von einem viel weitern Umfange, und weit edler. Die moralischen Narren lagen ihm am Herzen; Narren, welche oftmals bey gesundem Körper dennoch die gefährlichsten und ansteckendesten Krankheiten haben. Seine Dienstfertigkeit erstreckte sich über ganz Großbritannien; und er hatte Lords und Schreiber in seiner Cur. Durch eine vieljährige Erfahrung war ihm bekannt, daß es mit der moralischen Narrheit eben die Beschaffenheit habe, wie mit dem Podagra, mit welchem vornehme Leute am meisten geplagt sind, Leute von geringerm Stande aber nur selten, oder doch wenigstens nicht heftig befallen werden. Vor etlichen Jahren that man ihm so vortheilhafte Vorschläge, daß er sich zu Westmünster niederlassen, und seine Curen daselbst treiben sollte. Er hat es aber allemal auszuschlagen gesucht, weil er glaubte, er sey dieser weitläuftigen Arbeit nicht gewachsen, und die Menge der Narren sey daselbst viel zu zahlreich, als daß er sie in die Cur nehmen könnte. In Dublin gefiel es ihm am besten, weil daselbst gleich so viel Narren waren, als er bestreiten konnte. Indessen war er doch so billig, daß er Westmünster und London von Hause aus mit Recepten versorgte. Er starb in seinem neun und achzigsten Jahre, und doch wünschte er sich selbst, noch etliche Jahre zu leben, weil er eben im Begriffe war, mit etlichen angesehenen Patienten eine wichtige Operation vorzunehmen. Die liebreiche Vorsorge gegen seine Mitbürger verließ ihn auf dem Todbette nicht. Simon Tuck , sein Beichtvater, den das Mädchen der Mylady Wedle und sein dicker Kopf zum Predigtamte berufen hatte, fragte ihn nur wenig Stunden vor seinem Tode: ob er freudig stürbe? Nicht recht freudig, antwortete ihm der sterbende Swift , ich wünschte mir wohl noch einige Zeit zu leben, da ich euch kenne, und weis, daß ihr meiner Cur vor andern bedürft. Alle diese Umstände führe ich an, Ihnen, Mylord, zu zeigen, wie unrecht Sie gethan, daß sie geglaubt haben, Swift habe sein Tollhaus für hypochondrische Narren gestiftet. Seiner Vorsorge werden sich sowohl in Irrland, als Großbrittannien, ganz andre Narren zu erfreuen haben. Narren, welche sich dieses am wenigsten einbilden, und welchen eben Swift zu frühzeitig gestorben ist. Sie können sich hiervon noch besser überzeugen, wenn ich Ihnen sage, daß sich Swift in seinem Testamente auf ein Codicill berufen hat, welches man versiegelt in seinem Pulte gefunden. Es enthält die Namen derjenigen Personen, welche Swift vor andern würdig hält, in seinem neuen Tollhause zu wohnen. Er hat das Parlament ersucht, sein Testament zur Vollziehung zu bringen. Man ist itzt damit beschäfftigt, und ich hoffe Ihnen, Mylord, einen Gefallen zu erzeigen, wenn ich hier das Codicill von Wort zu Wort einrücke. Codicill . Ich Endesbezeichneter ordne mit reifem Vorbedachte, als meinen letzten Willen, daß mein Tollhaus mit nachbenannten Personen eingeweiht werden soll, weil sie dieser Wohlthat vor allen andern bedürftig sind: Nicolaus Earring , mein Küster, würde es sehr übel nehmen, wenn ich ihn nicht zuerst nennte. Er besitzt so viel geistlichen Hochmuth, daß er verdiente, Lord Erzbischoff zu werden, und da er seine Verdienste um die Kirche am besten kennt, so verzweifelt er selbst noch nicht gänzlich an seinem höhern Glücke, es müßte ihm denn die Gräfinn Yarmouth zuwider seyn, welcher er Schuld giebt, daß sie ihm schon zweymal hinderlich gewesen, und den König George wider seine Person eingenommen habe. Wenn der Hof noch weiter fortfährt, unerkenntlich zu seyn; so ist er fast willens, sich zum Prätendenten zu schlagen. Er sagt seinen Freunden ins Ohr, daß er öfters an der Wahrheit seiner Religion zu zweifeln anfange, weil nach derselben unsre Geistlichen eine so unumschränkte Gewalt nicht hätten, als ihnen wohl von Rechtswegen zukäme, und weil man besonders aus den Küstern so gar wenig machte, die doch bey den Jacobiten in einem größern Ansehen stünden. Dem ungeachtet habe ich ihn bey seiner Religion in andern Punkten sehr eifrig gefunden. Er macht binnen einem Jahr weit mehr Ketzer, als Burnet in seinem ganzen Leben nicht gemacht hat. Den Glöckner an dem Kirchspiele zu St. James hält er für einen Quäcker, weil dieser ihm einmal begegnet ist, ohne den Hut vor ihm abzunehmen: und von unserm Bischoffe schwört er bey seiner Seele, daß er ein Jacobite sey, weil dieser ihn unlängst Nicolaus , und nicht Herr Nicolas , gerufen. Mit einem Worte, alle diejenigen hält er für ungläubig, die ihm auf einige Art zuwider sind, oder ihm nicht mit so vieler Ehrfurcht begegnen, als er bey seinem ehrwürdigen Küsteramte fodern zu können glaubt. Um deswillen verlange ich, daß er in mein Tollhaus kommen soll und um seinen rühmlichen Ehrgeiz recht zu befriedigen, soll Herr Niclas den Rang über alle andre Narren haben. Der Lord Lavat verdient, sein Nachbar zu werden. Wenn die Ehrenstellen in der Welt nach Verdiensten ausgetheilet würden; so wäre Lord Lavat ein Kutscher. Er ist aber Lord, kraft seines Urältervaters, welcher auch Lord war. Er ist sehr beredt, wenn er auf die Tapferkeit und die Verdienste seiner Vorältern zu reden kömmt; und wen er für vernünftig halten soll, dessen Vorfahren müssen wenigstens zu Wilhelm Conquestors Zeiten schon hochgebohrne Fuchsjäger gewesen seyn. Aus dem Parlamente kömmt er allemal unzufrieden zurück, weil er, wie er vorgiebt, jederzeit überstimmt, und verhindert wird, seine heilsamen Rathschläge zum Besten des Vaterlandes geltend zu machen. Gleichwohl haben mich diejenigen, welche mit ihm im Parlament sitzen, versichern wollen, daß er seit dem Tode der Königinn Anna nicht ein Wort gesprochen, sondern zu allen Billen stillschweigend seine Einwilligung gegeben habe. So viel ist gewiß, man findet in den Parlamentsprotocollen nicht eine einzige Protestation, die er mit unterzeichnet hätte. Es erstreckt sich seine Staatskunst weiter nicht, als auf einen Strick Hunde. In der Verfassung andrer Länder ist er ganz unwissend. Ich bin selbst dabey gewesen, als in einer Gesellschaft von den Vorzügen der deutschen Reichsritterschaft gesprochen, und auf gut brittisch davon geurtheilet wurde. Lord Lavat , der uns lange zugehört hatte, machte dem ganzen Streite ein Ende. Ich, rief er, ich aber lobe mir die Herren Cantons! Denn die Cantons hielt er, nach seiner Erklärung, die er dabey machte, für eine alte adeliche Familie in Deutschland. Diese große Unwissenheit und Dummheit unsers Lords macht, daß ich befürchte, er sey im Stande, sich, bey der nächsten Gelegenheit, zu einer Bande misvergnügter Unterthanen zu schlagen, und in der Kirche und dem Regimente große Neuerungen zu unternehmen. Das Parlament wird also Sorge tragen, ihn in meinem Tollhause sorgfältig zu verwahren. Da in Großbritannien die Vornehmsten des Reichs sich eine Ehre daraus machen, die Gelehrsamkeit emporzubringen, und die Werke des Witzes zu befördern; so sehe ich nicht, wie der Lord Pallbrow verlangen kann, länger unter ihnen so frey, wie bisher, herumzugehen. Das ist ihm nicht genug, daß er selbst unwissend, und weit dümmer ist, als sein Pachter. Er macht sich so gar eine Ehre daraus, in seiner Unwissenheit zu bleiben. Bey aller Gelegenheit verfolgt er die schönen Wissenschaften, und, wenn er recht gnädig ist, so spricht er nur verächtlich von ihnen. In öffentlichen Gesellschaften lärmt er wider die Gelehrten, und dennoch wird er, weil er jährlich zwanzig tausend Pfund Einkünfte hat, und die Mylady Pallbrow sehr schön ist, auf dem Hydepark bewundert und bey Hofe geduldet. Er hält sich mit vielen Unkosten zween Sekretäre auf seinen eignen Leib, welche weiter nichts zu thun haben, als aus vollem Halse zu lachen, so bald er den Mund aufthut, wider die Gelehrten zu schimpfen; ja, er stehet im Begriffe, sich noch den dritten aus Deutschland zu verschreiben, weil er glaubt, ein Deutscher sey zum Bewundern am geschicktesten, und zu einem Jacob Pudding , welche Leute er sehr hoch hält, recht von Natur gemacht. Wenn er recht groß thun will; so versichert er mit den theuersten Schwüren, daß er in seinem ganzen Leben kein gedrucktes Buch gelesen habe, als den Kalender, und den Craftsman. Gleichwohl hält er den Milton für einen rasenden Kopf, den Grafen Schaftsbury für einen mürrischen Schulfuchs, und die ganze großbritannische Nation für pedantisch, weil sie zugelassen hat, daß der Versmacher Dryden in der Abtey Westmünster begraben worden sey. Wenn Lord Pallbrow noch zwey Jahre in seiner Dummheit hingeht; so ist nichts gewisser, wenigstens nicht wahrscheinlicher, als daß noch gar ein Freygeist aus ihm wird. Er soll also ins Tollhaus, und zwar so bald, als nur möglich. Seine Hochwürden, der Bischoff O Carry , verdient auch ein Plätzchen darinnen. Ich glaube auch, seine Gemeine werde ihn nicht sehr vermissen, weil sie ihn sehr selten, als Bischoff, zu sehen bekömmt. Sein Capellan hat alle bischöfliche Bemühungen; Seine Hochwürden aber lassen sich aus Bescheidenheit nur an der Besoldung und den Accidentien begnügen. Er schachert wie ein portugiesischer Jude. Er assecurirt Schiffe, und wenn man glaubt, er sitze in seiner Studierstube, so steht er auf dem Boden, und sieht sich nach dem Winde um. Er leihe seine Capitalien mit grosser Vorsicht, und mit weit besserm Nutzen aus, als irgend ein Kaufmann auf der Börse thun kann. Ich bin seinetwegen oft in Sorgen gewesen, weil ich weis, daß auch der vorsichtigste Wuchrer unglücklich seyn kann. Es würde ein sehr wichtiger Punkt in unsrer Kirchenhistorie werden, wenn ihn einmal ein Wechselgläubiger bis auf die Kanzel verfolgen sollte, oder wenn dieser hochwürdige Mann Bankerott machte, und in den Schuldthurm gesperrt würde. Die armen Mitgefangnen sollten mich dauren; denn ich traue ihm zu, daß er die Allmosenbüchse sehr ungleich theilen, und allemal wenigstens den zehnten Theil für sich, als Bischoff, behalten würde. Man schaffe also diesen Wuchrer ins Tollhaus, und wenn es möglich ist, auch denjenigen, welcher ihn zum Bischoffe geweiht hat. Am dritten September waren es gleich drey Jahre, daß sich der junge Herr Something erhenken wollte, weil er befürchtete, daß man ihn bey der Rathswahl übergehen würde. Ich bin sehr übel damit zufrieden, daß man ihn gestört hat. Er hätte sich bey dem damaligen starken Ostwinde immer, als ein braver Britte, hängen können; so würde das Land einen Phantasten weniger, und ich keine Sorge haben, wie ich ihn in meinem Tollhause unterbringen möchte. Dieser unmündige Knabe ist, trotz der gesunden Vernunft und seines keimenden Barts, ein Vater der Stadt geworden; und nicht die Stadt allein, sondern auch sein eigner Körper muß gewaltig darunter leiden: denn er hatte diese ehrwürdige Stelle kaum vier und zwanzig Stunden lang bekleidet, da sich auf einmal alle seine Glieder mit der größten Ernsthaftigkeit aus einander renkten. Der Kopf preßte sich zurück, und blieb unbeweglich auf dem Halse stehen. Eine Unterkehle, noch majestätischer von Ansehen, als die Unterkehle des lächerlichen Lords Plackney unterstützte dieses Haupt, und die weise Natur erzeigte sich dadurch sehr sorgfältig, da sie wohl wußte, daß dieses Haupt von den schweren Sorgen des ganzen Stadtregiments angefüllt wäre. Seine Augen, welche seit etlichen Monaten mit nichts beschäfftigt gewesen waren, als auf der Schaubühne, mit unsrer artigen Tänzerinn, der Jungfer Poper , zu bulen; diese flüchtigen Augen wurden auf einmal finster, und er soll, wenn es wahr ist, was man von ihm sagt, sich lange Zeit hindurch vor dem Spiegel mit eben der Aufmerksamkeit in seiner ehrwürdigen Magistratsmiene geübt haben, mit welcher sich einige Frauenzimmer üben, wenn sie zärtlich und reizend aussehen wollen. Aber an seinem ganzen Körper hat nichts so viel ausstehen müssen, als sein armer unschuldiger Bauch. Es war erbärmlich anzusehen, mit was für Gewalt dieser auf einmal hervorbrach. Zusehends schwoll er auf. Mehr als ein Dutzend Schneider hat er abgedankt, welche ihm alle die Kleider zu enge machten. Meister Ring hat sich am längsten erhalten, und ich kann ihm bey seinem Handwerke das Zeugniß geben, daß er vor allen andern Schneidern den ansehnlichsten Magistratsbauch zuzuschneiden weis. Ein solcher prächtiger Bauch will gute und sichre Beine haben, das versteht sich von sich selbst, und wer es nicht glaubt, der darf nur unserm Herrn Something zusehen, wenn er durch die Gassen steigt. Es geschieht dieses alles mit der behutsamsten Langsamkeit, und das Pflaster scheint unter dieser verehrungswürdigen Last zu krechzen. Dieses ist unsers Somethings Abschilderung nach dem Leben, und wer dabey noch zweifelhaft bleibt, ob er ein Narr sey, dem will ich rathen, seine Gesellschaft zu suchen. Was er spricht, das spricht er nur zweydeutig mit halben Worten. Bey den Reden andrer hört er aufmerksam und argwöhnisch zu, ob nicht vielleicht etwas wider die Policey und den Staat geredet werden möchte. Künftiges Jahr kömmt er an das Regiment, und alsdann will er allen Unordnungen abhelfen. Er kennt die Stärke und die Schwäche des Vaterlands. Von Privilegien, alten Gerechtigkeiten, von Exempeln, wie in gleichen Fällen gesprochen worden, weis er beynahe noch mehr zu erzählen, als unsre jungen Ritter, wenn sie zum erstenmale in dem Hause der Gemeinen gewesen, und Subsidien bewilligt haben. Wer ihm zu schmeicheln weis, den versichert er seines Schutzes, und seiner väterlichen Vorsorge, und wer sich vor seinem Bauche recht tief und kindlich bückt, den würdigt er, ihm die Hand zu drücken, welches aber mit eben der zuversichtlichen Miene geschieht, mit welcher die alten Könige die Kröpfe anrührten. Dieses wird genug seyn, zu zeigen, warum ich ordne, daß Herr Something in das Tollhaus soll, und, aus Liebe zum Vaterlande, will ich, daß es noch in diesem Jahre geschehe, ehe er zum Stadtregimente kömmt. Anfänglich war ich willens, Herrn Somethings Collegen, den guten alten Nowtell auch in mein Tollhaus zu schaffen. Man hatte mich bereden wollen, er sey an vielen Unordnungen und Ungerechtigkeiten Schuld, welche verschiednen unsrer Bürger widerfahren waren. Aber mir kamen, aufrichtig zu gestehen, alle diese Erzählungen gleich anfangs verdächtig vor, da ich den ehrlichen Nowtell genau kannte, und wohl wußte, daß er zu Schelmereyen zu dumm wäre. Nun bin ich hinter die rechte Wahrheit gekommen. Seine Frau ist an allem Schuld. Diese ist es, welche die Parteyen verdammt und loszählt; ihr Mann aber ist weiter nichts, als ihr unwürdiger Schreiber. Dieser einsehenden Frau haben wir die neue Rangordnung zu danken, nach welcher in Dublin die Weiber der Rathmänner über alle andre Frauenspersonen den Vortritt behaupten. Nur sie ist Ursache, daß der brave Kaufmann Car—er in den schweren Proceß verwickelt wurde, welcher ihn um sein ganzes Vermögen brachte, nicht etwan, weil seine Sache ungerecht war, sondern weil seine Frau sich an der Frau Nowtell gröblich versündigt, und in der Kirche am Altare den Rang über sie frevelhafter Weise genommen hatte. Ich habe gar niemals begreifen können, woher es gekommen, daß die geistlichen Aemter in unsrer Stadt seit einigen Jahren mit so elenden Leuten besetzt worden. Aber nunmehro begreife ich es wohl, da ich weis, daß die Frau Nowtell der göttliche Beruf ist, und diese Stellen besetzt hat. Eine alte Frau, welche ihre vertraute Herzensfreundinn ist, hat das ius praesentandi; die Frau Nowtell vocirt sie; der Rath muß sie besolden, und die Bürger behalten weiter keine Freyheit übrig, als daß sie in der Predigt gähnen, und schlafen dürfen. Dieses ist noch der Rest ihrer natürlichen Freyheit, dessen sie sich auch sehr wohl zu bedienen wissen. Alles dieses hat mich bewogen, meinen gefaßten Entschluß zu ändern. Die Frau Nowtell soll die ihrem unschuldigen Manne zugedachte Stelle im Tollhause bekommen; ihr Mann aber, der durch diesen Verlust seiner Frau außer Stand gesetzt wird, ein Rathsherr zu bleiben, wird wohl thun, wenn er sein Amt von sich selbst niederlegt, sich zur Ruhe begiebt, seine Küche und Wirthschaft besorgt, und bey müßigen Stunden seine Schränke bohnt. Da ich weiter nachdenke, an wem ich unter den auf dem Stadthause in Pflichten stehenden Personen meine Werke der christlichen Liebe ausüben könnte; so fallen mir unter den Sekretären, Schreibern und Einnehmern eine so große Menge kleiner Narren mittlern Standes ein, daß ich nicht weis, bey wem ich anfangen soll. Meine zwölf tausend Pfund Sterlings reichen warlich nicht zu, sie alle zu unterhalten. Die Commun sollte sich billig ihrer durch eine milde Stiftung annehmen. Wie freudig wollte ich sterben, wenn ich die Hoffnung, daß dieses geschehen würde, mit ins Grab nehmen könnte! Kurz, ich emfehle diese Narren ihrem Vaterlande! Mein Freund, Partridge , starb mir zu früh; ich hätte ihn sonst in meinem Testamente gewiß nicht vergessen: Aber desto treulicher will ich für seine werthen Angehörigen sorgen. Er hat eine zahlreiche Familie hinterlassen. Lauter Partridgen , und politische Narren, wie ihr Herr Vater! Ich zweifle nicht, daß ich diesen guten Leuten eine unvermuthete Freude durch diesen meinen letzten Willen machen werde. So tief ihre Einsicht in die Zukunft ist, und mit so vieler Gewißheit sie alle Dinge zu bestimmen wissen, die im Staate, und in den Familien geschehen sollen: So wenig werden sie sich träumen lassen, daß ich itzt Anstalt mache, sie ins Tollhaus zu bringen. Sie sollen alle hinein, ich gebe ihnen mein Wort. Wer durch hinlängliche Urkunden darthun kann, daß er in absteigender Linie von dem weisen Partridge herkömmt, der soll ohne Weitläuftigkeit aufgenommen werden; und, wenn er gar ein politischer Autor ist, so soll er den Rang noch über meinen Küster haben. Ich will dieses ausdrücklich, und ordne mit gutem Vorbedachte, daß man keinen von diesen Partridgen übergehe. Wer diesen meinen letzten Willen freventlich übertritt, der soll, zur Strafe, schuldig seyn, ihre Schriften zu lesen, und sich von ihnen die Nativität stellen zu lassen. N. S. Sollten die Narren aus dieser Familie gar zu häufig anwachsen; so mag allenfalls ein andrer Narr wegbleiben, nur kein Lord und kein Philosoph. Herr Dewlapp Esq. hat einen so wunderbaren Charakter, daß ich lange Zeit nicht errathen können, was er eigentlich sey; endlich habe ich es herausgebracht, daß er ein Narr ist. In seiner Jugend war er der lüderlichste Junker in der ganzen Grafschaft. Dieses hinderte ihn, die geringste Kenntniß von der Religion oder von andern Wissenschaften zu erlangen. Itzt wird er in seinem drey und vierzigsten Jahre seyn, und er hat in seinem ganzen Leben noch nichts gelesen, als die geschriebnen Zeddel, welche ihm sein Koch alle Mittage bringt. Wer ihn vor der Mahlzeit spricht, so lange seine Natur sich selbst gelassen ist, der erstaunt über seine Dummheit; denn er ist nicht im Stande, drey vernünftige Worte ohne Anstoß zu reden. So bald ihm aber der Wein in den Kopf steigt, und dieses geschieht schon beym andern Gerichte; so sieht man den Herrn Dewlapp in seiner völligen Größe. Auf einmal wird er beredt; sein ganzer Körper denkt, und niemand hat es alsdann schlimmer, als sein Capellan. Dieser ist ihm lächerlich, weil er ein Geistlicher ist; denn ihm kömmt nichts abgeschmackter vor, als die Religion. Er läuft von Witze über, wenn er auf die göttlichen Wahrheiten zu reden kömmt; und bringt man ihn auf den Zustand der Seele nach diesem Leben, so weis er über diese Materie auf eine so feine Art zu spotten, wie ein Lohnkutscher. Herr Dewlapp weis gar nichts, und daher kömmt es auch, daß er nicht weis, was er aus Seeligkeit machen soll; und weil er das nicht weis, so schließt er nach seiner natürlichsten Art zu denken, daß die Lehre von jenem Leben, mit unter die Mährchen von der weißen Frau, und dem Mönchen ohne Kopf gehören, mit welchen man zwar Kinder, aber keine Esquires zu fürchten macht. Nach dieser Beschreibung könnte man glauben, daß ich gar nicht Ursache hätte, ihn ins Tollhaus zu bringen, sondern ihn ganz sicher in seiner Freyheit dürfte herumgehen lassen, ohne zu befürchten, daß er den geringsten Schaden in der menschlichen Gesellschaft anrichten würde. Allein, er hat den Fehler, daß er reich ist, und diesen Fehler misbraucht eine Menge hungriger kleiner Geister, welche ihrem Verstande entsagen, um ihren Mann zu befriedigen. Sie besitzen etwas mehr Geschicklichkeit, als ihr Wirth, den sie dadurch sich verbindlich zu machen wissen, wenn sie seinen Gedanken eine Form geben, und sie drucken lassen, daß sie aussehen, wie ein Buch. Dieses ist der wahre Ursprung von allen denen Schriften, die seit dreyzehen Jahren wider die Religion herausgekommen sind. Man hat immer nicht gewußt, wie es doch zugehe, daß in allen diesen Schriften so wenig Zusammenhang und Verstand sey. Aber nun wird man es wohl begreifen können, wenn man bedenkt, daß es des unwissenden und trunknen Ritters Dewlapps Tischreden sind, welche von seinen hungrigen Kostgängern zum Drucke befördert worden. Damit dieser Schwärmerey gesteuert werde; so verlange ich, daß Herr Dewlapp unverzüglich ins Tollhaus komme. Da ihm hier der Wein fehlen wird; so hoffe ich, daß er die Religion unangetastet lassen soll. Er wird bey einem mäßigen Unterhalte gar nichts denken, und in seiner natürlichen Dummheit bleiben. Dieses ist, dünkt mich, für ihn, und für die Welt der kleinste Verlust. Das Parlament wird Sorge tragen, daß der dritte Theil seiner Einkünfte zur Beköstigung der kleinen Freygeister angewendet werde. Dieses wird sie, wie ich hoffe, beruhigen, und sie werden aufhören, wider die göttlichen Wahrheiten zu schreiben, da sie nunmehro weiter nicht nöthig haben, ihr Brodt damit zu verdienen. James Diaper weis aus den göttlichen und bürgerlichen Gesetzen in bester Form Rechtens zu behaupten, daß dem Manne und nicht der Frau die Herrschaft gebühre. Er spottet also über diejenigen, welche sich aus der Posseß werfen lassen, und ihren Weibern folgen, wenn ihnen diese etwas rathen. Seine Frau ist die vernünftigste Frau von der Welt. Da sie die unordentliche Lebensart ihres Mannes kennt; so sucht sie ihm mit dem freundlichsten Zureden davon abzuziehen. Seine Verschwendung setzt sie in die Umstände, daß sie vielmals darben muß. Sie erträgt diesen Mangel mit der größten Gelassenheit. Sie bittet ihn mit Thränen, seinen Aufwand zu mäßigen, und sich seiner armen Kinder zu erbarmen. Sie hat ihn, mit Verstoßung ihres Geschmeides, zweymal aus dem Schuldthurme gerettet. Sie fällt ihm wimmernd um den Hals, da er im Begriffe steht, sich zum drittenmale ohne Rettung in denselben zu bringen. Sollte Diaper zweifeln, daß seine Frau vernünftig sey? Nein, daran zweifelt er nicht; aber es ist seine Frau, und seiner Frau darf ein rechtschaffner Mann nicht folgen; denn er verlöre sonst die Herrschaft, die ihm nach göttlichen und weltlichen Rechten zukömmt. Er ist diesen Abend gesonnen, zu Hause zu bleiben; seine Frau schmeichelt ihm wegen dieses vernünftigen Entschlusses. Gleich ändert er seinen Vorsatz; er geht aus, und zwar in die lüderlichste Gesellschaft, zu zeigen, daß nur er Herr im Hause sey, und nicht seine Frau. Der Kopf thut ihm nach dem gestrigen Rausche weh; diesen Abend will er nicht trinken. Er sagt es, und giebt auf die Mienen seiner Frau Achtung. Die Unglückselige scheint ganz freudig darüber zu seyn. Kaum merkt er es, als er sich ankleidet, und die ganze Nacht durch säuft. Er wird krank nach Hause gebracht. Das schadet nichts; er hat doch seine Herrschaft behauptet. Ist Diaper nicht ein Narr? Ich sollte es wohl meinen. Er soll ins Tollhaus! Der junge Thomas Swallow wird sich wundern, wenn er erfahren wird, daß er in meinem Tollhause alt werden soll. Er ist in der That nicht älter, als siebenzehen Jahr; aber bey ihm kann das Alter nicht entschuldigen. Er verdient meine Vorsorge, und ich glaube, man kann nicht genug eilen, ihn dahin zu bringen. Sein Großvater war ein ziemlich elender Poet, aber doch noch erträglich, weil er nur wenig schrieb. Dessen Sohn, der Vater meines jungen Züchtlings, war schon weit schlimmer. Er schrieb Gedichte über Gedichte, so schlecht, daß selbst die Niederländer darüber spotteten; ja, was das erschrecklichste war, so ließ er seine Gedichte in einen Band zusammendrucken. Der junge Swallow , ein würdiger Erbe seines Vaters, hat schon ein ziemliches Bändchen von seinen eignen Gedichten im Manuscripte liegen, welches er zu ediren droht, so bald er mündig wird. Es ist hohe Zeit, daß man ihm Einhalt thut. Machte ich nicht bald Anstalt, ihn in Sicherheit zu bringen; so würde ich es bey unsern Kindern nicht verantworten können. Unsere Enkel würden noch am glücklichsten seyn; denn bis zu ihnen dürfte von seinen poetischen Werken wohl vermuthlich nichts kommen. Was für Unglück brächte ich nicht über das arme Land, wenn ich zuließe, daß durch unsern jungen Dichter sein Geschlecht fortgepflanzt würde! Es scheint, daß das Uebel in dieser poetischen Familie mit jedem Grade steigt; und sollte dieser wieder einen Sohn zeugen: Was ist gewisser zu befürchten, als daß man denselben gar an Ketten schließen, und ihm die Hände auf dem Rücken zusammen fesseln müßte, damit er nicht schreiben könnte? Da der Großvater abgeschmackt, der Sohn ein Narr war, und der Enkel seinen Vater schon itzt übertrifft: Was soll aus dem Urenkel werden? Man sperre ihn ein! Er hat es verdient, und verdient es schon dadurch, daß er die elenden Gedichte seines Vaters bewundert, und im Begriffe steht, sie mit einer Vorrede zum zweytenmale auflegen zu lassen. Er fängt schon an, seine eignen Gedichte andern vorzulesen. Auf der Gasse sogar fällt er die Leute an, und liest sie ihnen mit Gewalt vor. Er ist misvergnügt, wenn man sie nicht lobt, und unversöhnlich, wenn man sie tadelt. Ungeachtet seiner Jugend kann er doch schon schimpfen, wie ein Kunstrichter von funfzig Jahren. Was soll endlich noch daraus werden? Ins Tollhaus mit ihm! Dieses ist mein letzter Wille. Wenn ich unsern Math. Pidgeon , diesen verschwenderischen Jüngling, fragen wollte, was mit seinem alten geizigen Oheime, Hugh-Pounces , anzufangen wäre? so zweifle ich nicht, er würde mir mit der größten Ungeduld in die Rede fallen, und mich von ganzem Herzen versichern, daß sein Oheim ein Narr sey, und in mein Tollhaus gehöre. Nun getraue ich mir zwar eben nicht, zu läugnen, daß Hugh-Pounces ein Narr sey, wenn ich sehe, daß er alle ersinnliche Anstalt macht, auf dem Geldkasten Hungers zu sterben, und sein Vermögen dem jungen Pidgeon zu hinterlassen, welcher in einem Tage mehr verthun wird, als er in einem ganzen Jahre erkargen können. Aber doch kann ich mich nicht entschließen, ihn in mein Tollhaus zu nehmen. Ich werde billiger seyn, wenn ich diese Stelle unserm leichtsinnigen Jünglinge einräume. Es ist in der Philosophie noch eine große Streitfrage, welcher von beyden der größte Narr sey? Derjenige, welcher bey seinem mistrauischen Alter, als ein reicher Geizhals, verhungert? Oder ein unbesonnener Jüngling, welcher ein Vermögen, daß er nicht erworben hat, muthwillig durchbringt, damit er im Alter aus Armuth Hungers sterbe? Wenigstens ist jener dem gemeinen Wesen nicht so sehr zur Last, da im Gegentheile die Obrigkeit sich genöthiget sieht, diesen entweder, als einen Räuber, zu hängen, oder, als einen ehrlichen Bettler, im Hospitale zu ernähren. Ein Geizhals, welcher sich von seinem Geldkasten niemals zu weit entfernt, ist gewisser maßen schon eingesperrt. Warum soll ich ihn in meinem Tollhause verschließen? Ich will also, man bringe den jungen Pidgeon dahin. Hier soll er bleiben, bis er dreyßig Jahr alt ist. Müßig darf er nicht gehen; denn eben dieses ist sein Unglück. Er soll weder Mittags noch Abends etwas zu essen bekommen, wenn er nicht vorher mit seiner Hand so viel verdient hat, als sein Essen kostet. Auf solche Weise wird er erfahren, wie schwer es sey, seinen Unterhalt zu verdienen. Man gebe ihm seines Oheims Intereßrechnungen, diese soll er calculiren, damit er rechnen lerne. Ich hoffe, wenn man ihn so weit bringt, daß er arbeitet und rechnet; so wird man ihn im dreyßigsten Jahre seines Alters ohne Bedenken wieder frey lassen, und ihm das Vermögen seines Oheims anvertrauen können. Ich meine es recht gut mit ihm, und bin gewiß, das Vaterland wird es dereinst erkennen, daß ich ihm einen guten Bürger gezogen habe. Ueber wen das Unglück es verhangen hat, in der Nachbarschaft der erbaulichen Sara Knidly zu wohnen, der wird sich nicht wundern, wenn er sie in meinem Codicille findet. Ihr Haus ist einem verwünschten Schlosse, und sie einem Poltergeiste ähnlich, der alle Menschen quält, die ihm nicht ausweichen können. Wer es vermeiden kann, der hütet sich wohl, mit ihr unter einem Dache zu wohnen. Den ganzen Tag spukt sie im Hause herum. Nirgends poltert sie ärger, als in der Küche, und niemals ist ihre Gegenwart gefährlicher, als wenn sie herumgeht, und Psalme brummt. Ihre unglückliche Magd hat es empfunden, und es ist nicht lange, daß dieselbe beynahe ihr rechtes Auge über dem sechsten Psalmen verloren hätte; denn das andächtige Gespenst murmelte eben den Schluß desselben her, als die Magd aus Unvorsichtigkeit das Salzfaß verschüttete, und um deswillen von den bußfertigen Händen ihrer frommen Frau in voller Andacht etliche Ohrfeigen bekam. Die ganze Gasse, in der sie wohnt, wird öde, und ich habe gefunden, daß seit sechs Jahren, (denn so lange ist Sara Knidly eine Wittwe,) die Miethen um die Hälfte des Preises gefallen sind. Wer es vermeiden kann, unter ihrem Fenster wegzugehen, der thut es gern, und nimmt lieber einen Umweg; denn, wen sie mit ihren Augen erreicht, der ist ohne Barmherzigkeit verdammt. Sie glaubt, und glaubt es ganz gewiß, daß der langmüthige Himmel, bloß aus Hochachtung für sie und ihre andächtige Seele, das Viertheil der Stadt, in welchem sie wohnhaft ist, noch zur Zeit verschont, und verhindert habe, daß die Erde ihren Rachen nicht aufgethan, die böse hoffärtige Rotte zu verschlingen. Unterdessen wünscht sie es doch vielmals, und zankt mit dem langmüthigen Himmel alle Morgen in ihren Gebeten, wenn sie aufsteht, und sieht, daß noch Leute um sie herum wohnen, welchen es wohl geht, und daß er nicht zum wenigsten die Frauenzimmer ihrer Gasse in ihrer sündlichen Eitelkeit, andern zum Schrecken, und ihr zum freudigen Troste, diese Nacht über mit Schwefel und Peche vertilgt hat. Denn wir Mannspersonen, wir haben noch in ihren erbarmenden Augen einigen Vorzug; und ich hoffe gewiß, wenn die erschrecklichen Gerichte, mit denen sie alle Stunden droht, hereinbrechen werden: So wird sie sich vom Himmel wenigstens etliche ausbitten, die er ihr zum sonderbaren Troste erhalten soll. Ich ersuche das Parlament, sich dieser Heiligen mit aller möglichen Vorsicht zu bemächtigen, damit sie nicht entwische, oder aus Andacht etlichen die Hälse breche, welche sich ihrer Person versichern wollen. Sie soll in dem abgelegensten Winkel des Tollhauses eingesperrt bleiben, damit sie die andern Narren nicht närrischer mache. Wäre einer von diesen Narren gar nicht zu bändigen; so soll er zur Strafe vier und zwanzig Stunden zu ihr in die Zelle gesperrt werden. Es ist eine grausame Strafe, ich gestehe es; aber sie soll auch nur in schweren Verbrechen statt haben. Man wird Achtung geben, daß ein solcher Verbrecher niemals mit ihr allein gelassen werde. Ein Zuchtmeister soll in der Thüre stehen bleiben. Denn ich weis, daß sie bey aller ihrer Andacht sehr viel irrdische Wünsche hat, und niemals leichter zu überwinden ist, als wenn sie über die Schwachheit der andern seufzt. Man bedenke nur, was für ein Unglück daraus entstehen könnte, wenn der Freygeist, Herr Dewlapp Esq. und die andächtige Sara Knidly zusammen gesperrt würden, und durch die Einsamkeit in Versuchung geriethen, ihr Geschlecht zu vermehren. Ersäufen müßte man die junge Brut! Den Augenblick müßte man sie ersäufen! Denn ich kann mir nicht vorstellen, daß etwas abscheulicher und gefährlicher wäre, als ein Kind, dessen Vater ein dummköpfiger Freygeist, und die Mutter eine verläumderische Betschwester ist. Man hüte sich also ja wohl, und verwahrlose das arme Land nicht mit einer so widernatürlichen Misgeburt. Ich weis nicht, woher der muthwillige Knabe, Jacob Halley , von meinem Vorhaben, ein Tollhaus für lächerliche Narren zu stiften, etwas erfahren haben mag. Vor einiger Zeit, als ich eben im Begriffe war, diesen meinen letzten Willen zu entwerfen, trat er mit einer ungezogenen Miene in mein Zimmer, und versicherte mich auf eine recht vertraute Art, daß er mir hierinnen sehr nützlich seyn könnte, wenn ich seinen Rath annehmen wollte. Vor seinen Augen, sagte er, könnten sich die Thorheiten der Menschen nicht verstecken. Er kenne sie alle, er verfolge sie aufs schärfste, und die Liebe zur Wahrheit sey bey ihm so stark, daß er sich selbst nicht schonen würde, wenn er etwas lächerliches oder thörichtes an sich wahrnehmen sollte. Zugleich übergab er mir eine Rolle, in welcher, wie er sagte, der Kern aller Narren in Dublin verzeichnet wäre, und bat mich, ich möchte bey meiner Stiftung diese Leute ja vor allen andern mir bestens empfohlen seyn lassen. Ich fand auf dieser Rolle zehen Personen, und erstaunte, als ich sahe, daß gleich die ersten fünfe davon Geistliche waren, deren Lehren so vernünftig sind, und deren Lebensart so erbaulich ist, daß sie wohl verdienten, selbst in den Augen der Narren und unsrer kleinen Religionsspötter ehrwürdig zu seyn. Ich bezeugte ihm meine Verwunderung, daß er diese Männer des Tollhauses würdig hielte; ich fragte ihn um die Ursache. Die Antwort aber, die ich erhielt, war ein lautes unverschämtes Lachen, und er hatte das Herz, mich zu fragen, ob ich nicht wüßte, daß die fünf Männer Geistliche wären, und daß die Geistlichen – – Ich fiel ihm sogleich in die Rede, weil ich merkte, daß er sich anschickte, diesem verehrungswürdigen Stande alle diejenigen Fehler zur Last zu legen, welche von einigen wenigen begangen, und an unzählig andern Personen weltlichen Standes nicht einmal wahrgenommen werden. Der sechste Narr war sein Stiefvater, ein vernünftiger und redlicher Mann, den er aber um deswillen für einen Narren hielt, weil er sich hätte entschließen können, in seinem Alter die Thorheit zu begehen, und seine Mutter, eine mürrische geizige Frau, und abergläubische Betschwester zu heirathen, welche durch ihre verdrießlichen Lehren und altväterischen Klagen über den großmüthigen Aufwand der muntern und ehrliebenden Jugend, wie er es nennte, schon längst verdient hätte, die siebente Stelle in dieser Narrenrolle einzunehmen. Da dieser rasende Jüngling seines Vaters und seiner Mutter nicht geschont hatte; so dürfen dreye seiner Lehrer sich nicht wundern, wenn sie erfahren werden, daß er an ihre Versorgung auch gedacht, und sie unter seine Narrencandidaten gesetzt hatte. Er gab sie für unerträgliche Pedanten, lateinische Wurmkrämer, und ich weis nicht, für was mehr aus. So viel ich merken konnte, mochte es wohl eine ganz andre Ursache, und vielleicht diese seyn, daß sich diese redlichen Männer aus wahrer Liebe und mit etwas mehr Ernsthaftigkeit, als dieser Spötter vertragen konnte, hatten angelegen seyn lassen, ihn vernünftig zu machen. Ich schließe dieses unter andern daraus, daß er sich gegen mich beschwerte, einer von diesen Lehrern habe das Herz gehabt, ihm zu sagen, daß die Jugend die Bosheit nicht entschuldige, daß ein Jüngling, welcher frech genug sey, seiner Lehrer zu spotten, in seinen ältern Jahren gemeiniglich das Unglück habe, als ein Rebell zu sterben, und daß die Spötterey eines Jünglings nicht witzig seyn könne, so lange dessen Herz boshaft sey. Dieser Vorwurf schmerzte ihn darum, weil er ihn nicht verdiente, denn nur seine redliche Freymüthigkeit, sagte er, erweckte die Milz seiner Lehrer, und er tadelte nicht die Person seiner Lehrer, sondern nur ihre Thorheiten wären ihm lächerlich, und er würde nicht aufhören, zu sagen, daß sie Narren wären, so lange es noch jemanden gäbe, der die Wahrheiten hören wollte. Man kann glauben, daß ich über die Verwägenheit dieses jungen Menschen ganz erstaunt war; und weil er versprach, mir noch mit mehrern Narren zu dienen, wenn ich es verlangen sollte, so hielt ich es für dienlich, ihn mit einer verstellten Gelassenheit zu versichern, daß ich mir seinen Eifer zu Nutze machen, und solche Veranstaltungen treffen wollte, daß des Vaterlands Bestes beobachtet werden, und er die billigste Belohnung dafür erlangen sollte. Ich habe ihm einen versiegelten Brief gegeben, welchen er, nach meinem Tode den Vorstehern des Testaments selbst einhändigen soll. Ich ersuche also diese Herren, demjenigen aufs genauste und sonder Verzug nachzukommen, was sie in diesem versiegelten Schreiben veranstaltet finden werden. Weil ich nicht weis, wie lange ich leben möchte, und ob es nicht gar geschehen könnte, daß ich einige von meinen Narren wohl noch überlebte; so will ich, zu Vermeidung aller Schwierigkeiten, hier einige Recruten zu meinem Tollhause vorschlagen. Ich habe weiter nichts nöthig, als nur ihre Namen zu nennen; man wird sie so gleich kennen, wenigstens werden sie leicht zu erfragen seyn. Hier sind sie: Johann Gale, Lady Flower, O-Säfety, Carl Brackfest, Catharina Buckey, John Sun, Martin Fläce, Caspar Wickstaff, William Knall, und der Moralist Richard Kinsman . Vor allen andern, die in mein Tollhaus gehören, sollen die Irrländer den Vorzug haben. Nach ihnen folgen unmittelbar die Britten. Für die Deutschen soll man einen besondern Flügel bauen, und die Sachsen sollen, als unsre alten Landsleute, zuerst untergebracht werden. Ich kenne deren eine ziemliche Anzahl, welche auf meine milde Stiftung einen billigen Anspruch machen können. Etliche davon habe ich in beyliegendem Promemoria aufgezeichnet. Das Parlament wird für diese gute Leute sorgen, doch unbeschadet den Narren unsers lieben Vaterlandes. Dieses ist mein letzter Wille, und das Parlament wird dahin sehen, daß derselbe aufs genauste erfüllt werde. Ich bin nicht im Stande, ihnen diese Mühe zu vergelten, ohne meinen Narren an ihrem Gehalte Abbruch zu thun. Das einzige, was ich thun kann, ist dieses, daß ich, als ein Patriot, wünsche, daß niemals ein Narr auf ihren Wollsäcken sitzen möge. Ein guter Wunsch, der vielleicht so gar unmöglich nicht ist, als es wohl scheint! Dublin am 17/28 Brachmonats 1745. ( L. S. ) D. Jonathan Swift , meine Hand.           Hier haben Sie, Mylord, eine getreue Abschrift von dem Swiftischen Codicille. Sie können sich darauf verlassen; ich habe sie selbst gegen das Original gehalten. Sie können kaum glauben, mit wieviel Sorgfalt das Parlament bemüht war, sich des letzten Segens unsers Swifts theilhaftig zu machen, und dieses Codicill in allen seinen Clauseln und Punkten zur Erfüllung zu bringen. Das erste, was man that, war dieses, daß man sich der angezeigten Narren zu bemächtigen suchte. Die Lords Lavat und Pallbrow stellten sich abscheulich ungeberdig, und der erste würde sich gar nicht gegeben haben, wenn man ihn nicht zu bereden gesucht hätte, daß in dieses Tollhaus kein Narr käme, der nicht wenigstens sechzehn Ahnen hätte. Dieses einzige beruhigte ihn gewisser maßen; denn er hoffte auf solche Art eine zahlreiche und ansehnliche Gesellschaft zu finden. Der Bischoff O-Carry wollte Feuer vom Himmel fallen lassen, weil das Parlament so ruchlos wäre, und einen Mann des Herrn antastete. Aber eben hieraus sahe man, das Swift Recht gehabt hatte, und Seine Hochwürden mit Leib und Seele ins Tollhaus gehörten. Der Küster, Herr Nicolaus , machte nicht viel Umstände, sobald er nur vernahm; daß er den Rang über den Bischoff haben sollte. Herr Something , so sehr er auch anfangs erschrack, faßte sich doch, da man ihm versprach, daß er der Policey im Hause vorstehen, und mit der Frau Nowtell wechselsweise das Regiment führen sollte. Die Frau spie Feuer, als man sie abholen wollte. Zu ihrer Beruhigung ist ihr versprochen worden, daß sie die Erlaubniß haben sollte, nach Ableben des Küsters und Bischoffs zween andre Candidaten zu vociren. Des Dewlapp Esq. konnte man sich leicht bemächtigen; denn man gieng nach Tische zu ihm, da er besoffen war, und schlief. Man will für gewiß sagen, daß er seitdem beständig geschlafen, wenigstens thut er so träumend, wie ein Mensch, der im ersten Schlafe gestört wird, und daran mag wohl seine gute natürliche Dummheit Schuld seyn. Seine Kostgänger scheinen sich zu beruhigen, da sie hören, daß sie von dem dritten Theile seines Vermögens unterhalten werden sollen. Es ist große Hoffnung da, daß sie wieder klug werden dürften. Der eine hat sich schon eine Bibel gekauft, worinnen er allemal nach Tische ein paar Blätter liest, und sich wundert, wie er spricht, daß in diesem Buche so viel vernünftige Sachen stehen, welches er vorher niemals geglaubt hätte. James Diaper hat appellirt, und behält sich vor, seine rechtliche Notdurft weiter auszuführen. Inzwischen hat man ihn doch eingesperrt; aber seine arme Frau ist ganz trostlos. Der junge Thomas Swallow saß eben an seinem Pulte, machte ein Sinngedichte unter sein Conterfay, welches er vor den ersten Band seiner künftigen Werke setzen wollte. Man gab ihm Feder und Dinte mit in sein Gefängniß, und dieses schien ihn sehr kräftig zu trösten. Math. Pidgeons schrie über seinen alten geizigen Oheim, dem er sein Unglück zuschrieb. Er hat recht flehentlich gebeten, ihm alle Mahlzeiten wenigstens nur eine Flasche Pontack zu geben. Es ist ihm aber abgeschlagen worden, er müßte sie denn mit seiner Handarbeit verdienen lernen. Nichts war lustiger, als die Gefangennehmung der frommen Sara Knidly . Die Wache traf sie eben über ihrer Andacht an. So bald sie hörte, was man wollte, schmiß sie dem Notarius mit dem Gebetbuche ein Loch in den Kopf, und zerzauste ihm die Perücke. Dem Stockmeister kratzte sie in Gottes Namen ein Auge aus, und einen Parlamentsschreiber, welcher von ihr ein wenig zu weit, und in der Thüre stund, übergab sie dem Teufel. Aber alles half nichts, sie mußte fort, und was ihr ganz unbegreiflich vorkam, war dieses, daß der Himmel nicht, ihr zu Ehren, mit Donner drein schlug. Itzt sitzt sie, und betet, und singt und hofft, durch ihre unermüdete Andacht es gewiß noch so weit zu bringen, daß den Herren des Parlaments die Zungen im Halse verdorren sollen; denn der Herr, spricht sie, verläßt die Seinen nicht. Drey Tage hinter einander haben die Nachbarn ihrer Gasse Freudenfeuer angezündet, und es ist so lebhaft darinnen, als sonst niemals. Der Preis der Miethen steigt; nur in ihrem Hause getraut sich noch niemand zu wohnen. So bald der muthige Knabe, Jacob Halley , Swifts Tod erfuhr, und hörte, daß man sein Testament öffnete: So meldete er sich, und übergab den versiegelten Brief; in der gewissen Hoffnung, eine reiche Belohnung seines Witzes zu erlangen. Man öffnete ihn in seiner Gegenwart, und fand folgendes darinnen: »Das Parlament wird von mir Endes unterzeichneten ersucht, sich der Person des Jacob Halley , der ihnen dieses Schreiben versiegelt einhändigen wird, zu versichern. Man wird aus meinem Codicille gesehen haben, wie groß die Bosheit dieses Jünglings schon itzt ist, und ich überlasse der weisen Einsicht des Parlaments, zu urtheilen, wie schädlich derselbe künftig dem Vaterlande seyn könnte, wenn er fortfahren sollte, diejenigen für Narren zu halten, welche die Hochachtung des ganzen Landes verdienen. Es ist zu befürchten, daß er nimmermehr zu bessern seyn werde, da er seine hämische Bosheit für Liebe zur Wahrheit, und seine schmähsüchtige Wut für satirischen Witz hält. Seine Raserey, welche er bey seinen Aeltern und Vorgesetzten anfängt, wird bis an den Thron des Königs dringen, und eher nicht aufhören, bis sie das Heiligste der Religion befleckt hat. Er ist nicht würdig, in mein Tollhaus zu kommen. Ich ordne, daß man ihn in das allgemeine Zuchthaus zu den Uebelthätern bringe, welche mit ihm die Geißel verdient haben. Ich bestimme hierzu zweyhundert Pfund, welche nach dem Tode dieses Unsinnigen dem Zuchthause heimfallen sollen. Ich verordne solches, kraft dieses als meinen letzten Willen.« Jonathan Swift. Man las ihm diesen Brief vor. Er erstaunte, als wenn er aus den Wolken fiele. Er wollte seine guten Absichten herausstreichen; aber man ließ ihn nicht weiterreden, sondern eilte mit ihm ins Zuchthaus. Itzt schimpft er Tag und Nacht, und das Parlament ist Willens, ihm einen Beißkorb machen zu lassen. Beynahe hätte ich vergessen, zu sagen, daß man bereits drey Abkömmlinge des Partridge ausfündig gemacht hat. Der eine ist ein Barbier in der St. James Straße, bey welchem man einen Stammbaum des Prätendenten mit politischen Anmerkungen, und eine Schutzschrift für den Ritter St. George gefunden hat. Diese Schrift mag ziemlich gefährlich seyn; aber sie ist so verwirrt abgefaßt, daß man sie nicht verstehen kann. Der zweyte ist ein caßirter Fähndrich, welcher in der Schlacht bey Fontenoy für gut befunden hat, seine Person in Begleitung zweener holländischer Officier gleich im Anfange des Treffens in Sicherheit zu bringen, und um deswillen vom Regiment gejagt worden ist. Er hatte einen Plan von der Schlacht bey Dettingen bey sich, worinnen er die Fehler gezeigt, die damals die alliirte Armee begangen, und dadurch verhindert haben sollte, daß sie nicht gerades Weges selbst vor Versailles rücken, und solches überrumpeln können. Der dritte ist ein Schuster, welcher eine Prophezeihung verkauft, daß im Jahr 1747 das päbstliche Reich untergehen, Ludwig der funfzehnte von Husaren gefangen, der Schach Nadyr in Paris einfallen, und das Leder so theuer werden sollte, als es seit der Königinn Elisabeth Zeiten nicht gewesen. Mit Aufsuchung der Narrenrecruten wird es schon etwas mehr Mühe und Vorsicht kosten. Man hält inzwischen diesen Artikel des Codicills so geheim, als nur möglich ist, und man hat auf die Narren ein wachsames Auge, damit keiner entwische. Wo man wegen Aehnlichkeit der Namen zweifelhaft ist, da werden gewisse Aufseher gehalten, welche auf ihre Handlungen Acht haben müssen. Man kann noch bis diese Stunde nicht erfahren, wer der Joh. Gale ist, und es steht ein Preis von 10 Pfund darauf, wer ihn entdeckt. Mit der Lady Flower hat es seine gute Richtigkeit. O-Säfety wird genau beobachtet. John Sun , der wider sein Vermuthen etwas vom Codicille erfahren, hat sich selbst angegeben, und bittet, ihn anzunehmen, damit er von seiner bösen und verschwenderischen Frau wegkomme. Man untersucht die Sache. Die Frau sieht noch ganz reinlich aus; sie hat ein paar große schwarze Augen, und die Meinungen der Richter sind schon getheilt. Dem Gerichtsschreiber hat beym letzten Verhör ihr Busen gefallen; man glaubt, der Mann werde Unrecht behalten. Sie war sonst seine Köchinn, und er heirathete sie bloß wegen ihres guten ehrlichen Gemüths. Es giebt in Dublin zween Caspar Wickstaffs . Man ist lange zweifelhaft gewesen, welcher gemeint sey. Der eine wohnt bey Williams Caffeehause, der andere auf der Fleet-Straße. Man hat den ersten im Verdachte, weil er sich gewisse Gratulanten hält, die ihm viel gutes vorsagen, und alle Jahr ein paarmal wünschen müssen, daß der Himmel dieses theure Haupt noch lange Jahre hindurch bey hohem Wohlseyn erhalten wolle. Die übrigen Narren sind von keiner Wichtigkeit, ausgenommen ein paar Autores. Das Parlament hat zu Erbauung eines Tollhauses einen schönen Platz ausgelesen, welcher unweit des Hafens gelegen, und zeither der Tummelplatz unsrer jungen Herrchen und witzigen Stutzer gewesen ist. Die Wahl ist gut; denn auf solche Art bleibt dieser Platz gewisser maßen noch ferner, was er gewesen ist. Für eine gewisse Art Reimer, die sich unter einander geistvolle Poeten nennen, wird noch ein schmaler Gang am Hafen ledig und unbebaut gelassen. Er soll aber mit einer Planke verwahret werden, damit kein Unglück geschehe. Ich sollte nicht meinen, daß es nöthig sey; denn, aus ihren Versen zu urtheilen, scheint es eben nicht, daß sie sehr tiefsinnig seyn müssen. Doch kann die Vorsicht nicht schaden. Der Riß ist schon zu dem Seitengebäude gemacht, welches für die Deutschen bestimmt ist. Um sich bey diesem Volke ein größeres Vertrauen zu erwerben, hat man ihn von einem Franzosen verfertigen lassen, und die Aufführung des Baues soll auch an einen Franzosen verdungen, kurz, alles französisch werden. Ich habe hier etliche Deutsche gesprochen, welche darüber sehr vergnügt sind. Die Vorsorge des Parlaments geht noch weiter. Es ist ein Project gemacht worden, wodurch man im Stande zu seyn hofft, eine große Anzahl dieses Volks unterzubringen, und unterhalten zu können. Man hat bereits bey einigen deutschen Höfen unter der Hand auszuwirken gesucht, daß ein jeder ihrer Unterthanen, besonders derjenigen Gelehrten, welche das Ansehen haben wollen, weit klüger zu seyn, als andre, zehen und mehr Reichsthaler zu dieser Stiftung beytragen, und dagegen eine Quittung in Form eines Attestats bekommen soll, daß er ein großer berühmter, vernünftiger, und gründlichgelehrter Mann sey, und seinen Verstand mit so und so viel Thalern gelöst habe. Die Namen dieser Subscribenten sollen gedruckt werden, und niemand soll alsdann bey schwerer Strafe befugt seyn, an ihrer Klugheit im geringsten zu zweifeln. Hierdurch hofft man erstaunende Summen aufzubringen. Das Parlament sieht es zwar zum voraus, daß die größten Narren am meisten dazu steuern werden, um recht klug zu scheinen. Aber es thut nichts. Es ist doch wenigstens dazu gut, daß sie auf solche Art ihre Collegen ernähren helfen. Man giebt sich von Seiten Frankreichs viel Mühe, daß die dasigen Narren auch aufgenommen werden möchten, und der Herr von Hoey soll ein sehr nachdrückliches Empfehlungsschreiben herüber gesendet haben. Es ist ihm aber rund abgeschlagen worden. Und dieses mit Rechte. Denn unsre Nation ist durch gegenwärtigen Krieg ziemlicher maaßen erschöpft, und daher nicht im Stande, eine so ungeheure Menge französische Narren zu unterhalten.         Ich habe die Ehre zu seyn, Mylord, Dero                             Dublin, am 10/21 März 1746. gehorsamster Diener, Richard D'Urfey.   Esq.           N. S. Sie werden entschuldigen, Mylord, daß ich Ihnen das Promemoria nicht mit beygelegt habe, worinnen Swift diejenigen Deutschen genennt, die er für würdig hält, in sein Tollhaus zu kommen. Es ist etwas weitläuftig, und das Packet möchte gar zu stark werden. Nachricht von einem Schlüssel zu Swifts Codicille. Diese Nachricht ist in den öffentlichen Zeitungen im Jahre 1746 eingerückt gewesen. Leipzig. Bey Boetius Erben unterm Rathhause ist zu haben: Schlüssel zu D. Jonathan Swifts Codicille; in Octav 3½ Bogen. Wir haben in einer Monatsschrift vor einiger Zeit ein Schreiben eines Richard d'Urfey Esq. an einem Mylord erhalten, worinnen von D. Jonathan Swifts letztem Willen wegen Erbauung eines Tollhauses für moralische Narren umständliche Nachricht gegeben, und zugleich Swifts Codicill eingerückt worden ist. Der Verfasser des Schlüssels, welcher vermuthlich nicht eher ruhig schlafen können, bis er 3½ Bogen von sich gegeben, macht sich diese Mühe dadurch leicht, daß er uns einen Auszug vom Codicille liefert, welcher fast einen Bogen einnimmt. Er redet von der Satire überhaupt, und insbesondere, und macht ein trocknes Gewäsche von dem, wozu man wirklich keinen Schlüssel braucht. Dieses bahnt ihm ganz natürlicher Weise einen nähern Weg zu seinem Vorhaben. Er erzählt, daß man zeither in verschiednen Gesellschaften zweifelhaft gewesen, ob dieses Codicill, und das ganze Schreiben des Esqu. eine Uebersetzung aus dem Englischen, oder nicht vielmehr nur ein deutsches Original sey? Hierzu braucht er zwey Blätter, ehe er die wichtige Entdeckung macht, es sey in der That nur ein deutsches Original. Nunmehr hat er gewonnenes Spiel. Er folgert hieraus recht freudig, daß alle die Namen, welche im Codicille stehen, nur erdichtete Namen sind. Dieses hat ihn aufmerksam, und argwöhnisch gemacht. Er hat herumgesonnen, wer unter diesen erdichteten Namen versteckt seyn müsse? Und endlich hat er es glücklich errathen. Ihm haben wir es nunmehr zu danken, daß wir wissen, was für deutsche Ehrenmänner unter dem Namen der Lords verborgen liegen. Den Lord Pallbrow kennt er, und nennt uns so gar den Rittersitz, auf dem Ihre Excellenz wohnen. Den jungen Rathsherrn Something hat er gleich vom weiten am dicken aufgeblähten Bauche erkannt. Er glaubt, er sey nach dem Leben getroffen, und er lasse mit ihm bey einem Schneider arbeiten. Der Bischoff O-Carry sey kein rechter Bischoff, aber sonst bekannt genug. Was uns am bedenklichsten geschienen hat, ist die Entdeckung von dem unsinnigen Dichter Thomas Swallow . Es steht im Codicille ausdrücklich, daß er noch nicht mündig sey, und der Verfasser des Schlüssels nennt ihn doch virum clarissimum. Wie wenig räumt sich das zusammen? Mit einem Wort; er hat alles auspunktirt, so gar, wer Johann Gale ist, den er für einen Thorschreiber hält. Wir lassen alle diese Vermuthungen an ihren Ort gestellt seyn, sowohl als den Namen des Verfassers dieses Swiftischen Codicills, welcher uns sehr umständlich angezeigt, und so gar dessen Amt, so er gegenwärtig bekleidet, gemeldet wird. Wir nehmen uns die Freyheit nur etwas zu erinnern. Es ist eine Beleidigung für einen vernünftigen Satirenschreiber, wenn man glaubt, daß die Namen, deren er sich in seinen Charakteren bedient, nur auf gewisse einzelne Personen gehen müssen. So enge Gränzen hat nur ein Pasquill; eine Satire ist viel allgemeiner. Wenn ich den Herrn Something nenne; so meine ich wohl zwanzig hochmüthige Narren auf einmal, und wir getrauen uns, zwischen Leipzig und Hamburg mehr, als ein Dutzend lächerliche Swallows, zu finden. Noch eine größere Beleidigung ist dieses, daß er den Namen des Verfassers vom Swiftischen Codicille nennt. Wir haben Ursachen, an der Richtigkeit dieses Angebens sehr zu zweifeln; und wäre es auch richtig, so können wir es mit keinem gelindern Namen, als mit dem Namen einer Unhöflichkeit belegen, daß er es wagt, einen Mann zu nennen, den vielleicht sein Amt, oder andre Ursachen, bewegen, sich noch zur Zeit verborgen zu halten. Weil in dem Swiftischen Codicille, und beim Schlusse des Briefs eines Promemoria gedacht wird, in welchem Swift diejenigen Deutschen genannt, welche in seinem Tollhause aufgenommen werden sollen; so hat der Verfasser des Schlüssels solches auch zum Drucke befördert. Es ist fünf Bogen stark, sehr enge gedruckt, und besteht aus lauter Namen; im übrigen ist es auch bey Boetius Erben zu bekommen. Nicolaus Stefgen in Augspurg ist itzt beschäfftigt, die in diesem Promemoria benannten Candidaten des Swiftischen Tollhauses, wovon beynahe zwey Drittheile Gelehrte sind, in Kupfer zu stechen, wobey er bittet, daß diejenigen, so sich in Alongenperucken zu sehen wünschen, sich binnen hier und Ostern melden möchten. Noch zur Zeit sind wir nicht im Stande zu urtheilen, ob dieses Promemoria authentisch sey? Ganz unwahrscheinlich ist es nicht, und wir finden eine ziemliche Menge Narren darunter, welche uns und der Welt dafür bekannt sind. Es stehen aber viele darinnen, die wir zum erstenmale kennen lernen, und der Verfasser des Schlüssels hat sich bey uns sehr verdächtig gemacht. Rechtliches Informat über die Frage: Ob ein Poet, als Poet, zur Kopfsteuer zu ziehen sey? Bey der Magisterpromotion eines Freundes Im Jahr 1743 gefertigt.   Ehrsamer, und Namhafter, Günstiger Herr und guter Freund! Als derselbe mir eine umständliche Speciem facti, nebst copeylich angefügten Nachrichtungen, Diplomatibus, und andern dahin einschlagenden Urkunden sub ☼ ♂ ═ ║ - et ∆ zugeschickt, und dabey seine billige Besorgniß geäußert: Ob ein Poet gleich andern vernünftigen Creaturen mit Steuern beleget, zu deren Verrechtung im Weigerungsfalle durch nachgelassene Zwangsmittel angehalten, und also nach der Verfassung hiesiger Lande, unter andern zum Kopfsteuern gezogen werden möge? auch dießfalls meine Rechtsbelehrung darüber gebeten. Demnach erachte ich nach fleißiger Verlesung und Erwägung in Rechten gegründet, und zu erkennen zu seyn: Daß ein Poet qua talis keinesweges mit Steuern zu belegen, noch der zeitherigen Verfassung entgegen, zu Register zu bringen oder zu catastriren, am mindesten aber mit Nachdrucke zu terminlicher Verrechtung der fälligen Kopfsteuer anzuhalten, oder sonst auf dergleichen Weise ichtwas zum Nachtheile der wohlhergebrachten Gerechtsamen zu verhängen sey. Von Rechtswegen. Urkundlich mit meinem Insiegel besiegelt. (L. S.) Cajus Javolenus J. V. D.           Rationes decidendi in Sachen Die Versteurung der Poeten, und was diesem allenthalben mehr anhängig, betreffend. Ob es wohl das Ansehen gewinnen könnte, daß ein Poet keinesweges berechtiget sey, sich der allgemeinen Mitleidenheit zu entbrechen, da derselbe, mit den übrigen Bürgern gleiche Vorzüge zu genießen, sich anmaßet, und seine angebliche Befugnisse zu behaupten, bey keiner Gelegenheit entstehet, einfolglich die Beschwerungen von sich auf andere zu wälzen, unbillig scheint: omnes enim personae, quibus lucrum per hunc ordinem defertur, etiam grauamen, quod ab initio erat complexum, omni modo sentiant, siue in dando sit constitutum, siue in quibusdam faciundis, vel in modo, vel conditionis implendae gratia vel alia quacunque via excogitatum. Neque enim ferendus est is, qui lucrum quidem amplectitur, onus autem ei annexum contemnit. l. vn. C. de Caducis tollendis §. pro secundo 4. Dieses auch, nach dem einhelligen Ausspruche der alten und neuen Rechtsgelehrten, um so viel weniger bey den Poeten eine Ausnahme leidet, da widrigenfalls durch die eingestandene Befreyung dieselben nur desto mehr in ihrer mythologischen Einbildung verstärkt, und mit der Obrigkeit eben so willkührlich, als sie mit ihren Göttern thun, zu schalten, veranlasset werden möchten; ideoque illis, qui sidera vertice tangunt, frena non relaxanda videntur. vid. Pacificus a Lapide, de nociferis reipublicae animalibus c. 4. §. 8. Godofr. ad. h. l. Bellonius de laudibus Alexandri Sauli VIII, 3. et aequum est, vt ille, qui immortalitatem anhelat morralitatis sentiat incommoda, Petr. ab Vbaldis de illo, quod iustum est circa insomnia, IX, 3. Blasius Michalorius de Utopia, per totum. zu dem nicht unbillig zu befürchten steht, daß durch dergestaltige Freyheiten noch mehrere angelocket werden, und zum merklichen Nachtheile Handels und Wandels sich beyfallen lassen möchten, ihre beschwerliche Berufsarbeit zu verlassen, und dargegen in der müßigen Gesellschaft der Musen, oder in dem Schooße einer metaphysikalischen Schöne auf Erscheinungen und Reime zu warten, um deswillen denn bey den Römern die weise Verordnung geschehen: quod tolerandi quidem sint Poëtae, neutiquam tamen gaudeant nec vllo priuilegio, nec munerum vacatione, nec ab angariis seu parangariis sint immunes, Contius in scholiis ad corpus iuris ciuilis. Charondas in πειθανων, seu verisimilium V. 3. §. 9. Raeuardus in protribunalibus I, 4. Hiernächst die Ausflucht, daß ein Poet gemeiniglich mehr Witz, als Geld, besitze, folglich, Abgaben zu entrichten, nicht im Stande sey, dadurch aus dem Wege geräumt werden könnte, daß dick erwähnte Poeten ordentlicher Weise die Gabe der Dreustigkeit besitzen, und dasjenige, was ihnen fehlet, und ein anderer in Prosa zu verlangen, nicht Herz genug haben würde, dennoch in Versen ganz artig, und deutlich zu fodern wissen, id autem apud se quis habere videtur, de quo habet actionem. Habetur enim, quod peti potest. l. 143. ff. de V. S. solchergestalt auch einiger Abfall ihrer Nahrung nicht zu befürchten ist, so lange ihnen, wie ohnehin billig, nachgelassen bleibt, sich an den Geburtstägen und Hochzeitfesten ihrer Mäcenaten, über deren hohes Wohlseyn gegen die Gebühr zu erfreuen, genus enim est donum Labeo a donando dictum, munus species: nam munus est donum cum causa, utpote natalitium, nuptalitium, l. 194 ff. de V.S. et quae sunt reliqua Poetarum Βραβεια. Glossa ad hanc legem. wie man denn die guten und austräglichen Umstände der Poeten deutlich genug aus ihrer Verschwendung abnehmen könne, da sie nicht, wie andere Geschöpfe, mit ordentlicher Nahrung und Bedürfnissen zufrieden sind, sondern bis auf den Geringsten unter ihren Brüdern, Ambra und Zibeth essen, Nektar trinken, ihren Gebieterinnen, und wären es auch nur Kammermädchen, korallene Lippen, Zähne von Elfenbein, purpurne Wangen, Haare mit Perlen und Diamanten durchflochten, und tausenderley Pracht zu verschaffen wissen; überhaupt aber jedermann ohne Ausnahme, so Werbung und Handthierung in sächsischen Landen treibt, und sich darinnen enthält, sein Handelsgeld, Zins, und alles sein werbend Gut und Vermögen versteuern soll. C. A. P. I. p. 39. P. II. p.1373. 1377. seqq. und also, unter diese allgemeine Verfassung die poetische Nahrung und Gewerbe nicht unbillig gezogen werden dürfte; Sintemalen aber und nachdem die höchste Billigkeit erfodert, daß man zwischen sterblichen Bürgern, und unsterblichen Dichtern, einen großen Unterschied machet, und die, welche in gerader Linie vom Jupiter abstammen, mit einigerley Abgaben nicht beschwere, vielmehr den prosaischen Layen eignen und gebühren will, daß sie die Priester des Apollo in Steuern und Gaben übertragen, und diejenigen in dieser vergänglichen Zeitlichkeit frey halten, welche die Schlüssel zur Ewigkeit in ihren Händen tragen, und bey denen es lediglich steht, ob uns die Nachwelt loben oder tadeln solle; anbey die eingestreute Besorgniß wegen der ungezäumten Einbildung der Poeten so unnöthig, als unzulänglich, und bloß ein grauamen de futuro ist; in dubio enim quilibet praesumendus est bonus. Goveanus, in variis lectionibus. eben so wenig auch zu fürchten steht, daß durch Nachlassung dergestaltiger Freyheiten und Privilegien andre zum Nachtheile des gemeinen Wesens angelocket werden möchten, sich um den Lorbeer, und den Namen eines Poeten zu bemühen, da es bey gegenwärtigen betrübten Zeiten fast das Ansehen gewinnt, daß man aus Eigensinn von einem Dichter noch etwas mehr, als Reime und Sylben, fodern, und ihm so gar ansinnen will, vernünftig zu denken, welches doch nicht jedermanns Werk ist; am allerwenigsten aber die angezogenen römischen Gebräuche hierinnen etwas beweisen mögen, da auf eben solche Art behauptet werden könnte, daß der so unentbehrliche methodus mathematica dem gemeinen Wesen nachtheilig sey; Ars mathematica damnabilis et interdicta omnino. l. 2. C. de maleficis, mathematicis et caeteris similibis. Godofr. et omnes Comment. ad hunc titulum. anbey die gerühmte Möglichkeit eines reichen Poeten gemeiniglich nur unter die theoretischen Wahrheiten gerechnet wird, welche wohl schwerlich praktisch werden dürfte, so lange ihre Mäcenaten dasjenige bleiben, was sie größtentheils sind; et ea, quae raro accidunt, non temere in agendis negotiis computantur, l. 64. ff. de R. J. die Verschwendung hingegen, welche man quästionirten Poeten zur Last legen will, vielmehr zu Behauptung ihrer Steuerfreyheit gereichen muß, da, ohne einen so kostbaren Aufwand, die wenigsten vermögend seyn würden, denjenigen vorzüglichen Charakter zu behaupten, welcher ihnen allein anständig ist, und da es in der That einerley wäre, ob man einem gemeinen Manne Feuer und Wasser, oder einem Poeten Nektar und Ambra, untersagen wollte; überhaupt aber ein Poet, statt der angesonnenen Beschwerung, vielmehr eine Steuerbegnadigung, gleich andern preßhaften Personen zu verdienen scheint, indem er bloß aus Liebe zu den schönen Wissenschaften, und aus Begierde, der Nachwelt zu gefallen, sich öfters in so verwirrte Umstände setzt, daß er seiner selbst nicht mächtig ist, daß er Sterne beschwört, Todte bannt, ganze Flüße mit seinen Thränen aufschwellt, Felsen betäubt, und den einsamen Wäldern die Grausamkeit einer Doris klaget, eben so, wie jener tapfere Ritter von der traurigen Gestalt, welcher sich in dem schwarzen Gebirge die empfindlichste Busse auflegte, um die Härtigkeit einer unempfindlichen Prinzeßinn von Toboso zu erweichen; endlich aber und zuletzt, die Immunität der Poeten um desto billiger zu behaupten seyn will, je weniger man Exempel beybringen wird, daß solche jemals zur Versteuerung gezogen worden, und je geneigter die Rechte sind, uns bey der vorigen Freyheit zu erhalten; Arrianus ait, multum interesse, quaeras, vtrum aliquis obligetur, an aliquis liberetur? Vbi de obligando quaeritur, propensiores esse debere nos, si habeamus occasionem, ad negandum. Vbi de liberando, ex diverso, vt facilior sis ad liberationem. l. 47. ff. de O. et A. Als ist, wie im Responso enthalten, von mir billig erkannt. Mens. Febr. 1743. Zwey Thl. 18 Gr. — Pf. Der Glückwunsch folgt künftig bey Ablösung dieses Informats.     Vorbericht. Es ist noch gar nicht lange, daß man über den Mangel deutscher Briefe klagte, und vielleicht mit gutem Grunde. Man beschwerte sich, daß diese Gegend des deutschen Witzes noch am wenigsten angebaut, oder doch nur hin und wieder von Pedanten, lateinischen und deutschen Pedanten, Pedanten vom Hofe und von der Stadt, bewohnt sey. Seit etlichen Jahren haben wir nicht mehr Ursache, über diesen Mangel uns zu beschweren. Wir sind mit Briefen und Briefstellern in ziemlicher Menge versorgt. Bald werden wir wünschen, daß unsre Landsleute sich mit einer andern Art von Witze beschäfftigen möchten. Es ist vielen unter unsern Deutschen sehr gewöhnlich, daß ihr Witz langsam und spat erwacht; erwacht er aber auch einmal, so sind sie bis zum Ekel witzig. Der Beyfall, den einige anakreontische Oden verdienten, machte das halbe Land anakreontisch. Man sang von Wein und Liebe, man tändelte mit Wein und Liebe, und die Leser gähnten bey Wein und Liebe. Ein Heldengedichte, dessen Vorzüge vielleicht erst in hundert Jahren den verdienten Beyfall allgemein haben werden, macht zwey Drittheile des Volks episch. Aus allen Winkeln, wo ein Autor schwitzt, kriechen epische Hochzeitwünsche, epische Todtenflüche, epische Wiegenlieder hervor, und der kleinste Geist flattert, so weit er kann, in die Höhe um über geschwärzten Wolken hoch daher rauschend zu donnern. Mit den Briefen gehet es uns eben so, und wir sind in Gefahr, bey dieser Art des Witzes noch mehr auszustehn, je gewisser ein jeder glaubt, daß es sehr leicht sey, Briefe zu schreiben, und je leichter es ist, aus allem, was man geschrieben hat, einen Brief zu machen. Mit Erlaubniß dieser meiner Herren Collegen will ich hier die Kunst ihres Handwerks ein wenig verrathen. Sie haben gelesen, daß man einen Brief so schreiben soll, wie man rede; aber weiter haben sie nicht gelesen, sonst würden sie gefunden haben, daß man vorher im Stande seyn müsse, vernünftig zu reden und zu denken, wenn man es wagen wolle, vernünftige Briefe zu schreiben. Viele von ihnen reden und denken pöbelmäßig, und wie sie reden und denken, so schreiben sie auch ihre Briefe; sie schreiben sehr viele Briefe, weil ihnen der Mangel des Verstandes den Vortheil verschafft, daß sie mit großer Geschwindigkeit wenig denken, und viel plaudern. So muß man es machen, wenn man, nach ihrer Art, scherzhafte, freundschaftliche, oder vertraute Briefe der Welt mittheilen will. Der steife und strotzende Witz, den uns die Ausländer so oft vorwerfen, äußert sich besonders bey denen, welche fühlen, daß sie gelehrt und belesen sind, auf eine andre Art. Sie machen sehr tiefsinnige Abhandlungen von uralten Wahrheiten, jagen solche durch alle Fächer der Dialektik und Schulberedtsamkeit durch, machen dieses gothische Gewebe mit Sentenzen der Alten erbaulich, und mit schönen Sinnbildern anmuthig, und wenn sie endlich unter Mühe und Angst sechs Bogen zusammen gepredigt haben; so setzen sie darüber: Hochedelgebohrner Herr,       Hochzuehrender Herr, und vornehmer             Gönner! den Augenblick wird dieses gelehrte Werk ein Brief. Das ist das große Geheimniß, und der wahre Kunstgriff, dessen sich ein arbeitsamer Deutscher bedienen kann, wenn er ein gelehrter Briefsteller von vier Quartbänden werden will. Durch dieses vortreffliche Mittel getraue ich mir aus allen Folianten meines Vaterlandes Briefe zu machen. Sollte dieses nicht ein Weg seyn, der asiatischen Banise, welche bey Kennern und andern ihren vorigen Werth verlohren hat, zu ihrem alten Ansehen wieder zu verhelfen, wenn man nach dem itzigen herrschenden Geschmacke einen Brief daraus machte? Wie das angehen könne? Sehr leicht. Wir wollen es versuchen: Gnädiges Fräulein, Blitz, Donner und Hagel, als die rächenden Werkzeuge des erzürnten Himmels, zerschmettern die Pracht der mit Gold bedeckten Thürme, und wie es etwan weiter lautet. Dieses: Gnädiges Fräulein, wiederholt man auf allen Seiten ein paar mal; so ist es ein Brief, oder der Leser, der es läugnen will, muß gar keinen Geschmack, und gar keine gesunden Begriffe von einem Briefe haben. Das will ich doch nicht wünschen, daß sich jemand diesen kritischen Fluch muthwillig auf den Hals laden möchte, welcher bey andern Gelegenheiten schon vielen so schrecklich gewesen ist. Da ich der schreibenden Welt diese beyden Handgriffe bekannt gemacht habe; so scheint es fast überflüßig zu seyn, weitere Anleitung zu Briefen zu geben. Nun weis man, wie man artig, vertraut und geschwind, man weis auch, wie man gelehrt schreiben solle. In diese Classen werden sich, glaube ich, die meisten Briefe einschränken lassen. Allenfalls nehme ich diejenigen aus, welche man Amts- und Berufsbriefe nennen könnte, und welchen der Kanzleystyl eigen ist. Die Gewohnheit rechtfertigt diese Schreibart, und macht sie unentbehrlich. Wer diesen Kanzleystyl zur Unzeit unterläßt, ist eben so wohl ein lächerlicher Pedante, als derjenige, der ihn zur Unzeit braucht. Von der Titulatur muß ich noch etwas gedenken. Es ist uns Deutschen nicht zuzumuthen, daß wir unser gezwungnes und buntes Wortgepränge auf einmal verlassen sollten, mit dem wir die Eingänge unsrer Briefe prächtig machen. Am wenigsten wollte ich, daß die witzigen Köpfe die ersten wären, diese Gewohnheit lächerlich, und das Mein Herr, oder Madame, allgemein zu machen. Ihnen wird man es gewiß als eine ungesittete Vertraulichkeit, oder eine Verabsäumung des Wohlstandes auslegen. Diejenigen, welche durch die Gewohnheit ein Recht haben, weitläuftige und prächtige Titel zu fodern, haben auch allein das Recht, sich davon los zu sagen. Es wäre zu wünschen, daß sie es nach und nach thäten, und dadurch unsre deutsche Ehrenbezeugungen biegsamer und natürlicher machten. So lange sie sich dieses Rechts nicht selbst begeben; so lange gehören dergleichen verzerrte Titulaturen unter die nothwendigen Unbequemlichkeiten des Ceremoniels. In erdichteten Briefen, und bey unsern Freunden können wir das vertraute Mein Herr ohne Gefahr brauchen, und wir thun wohl, wenn wir es in dergleichen Fällen allgemein machen. Ich wollte wünschen, daß sich jemand die Mühe gäbe, eine chronologische Geschichte der Complimente und Titulaturen zu schreiben. Ich habe angemerkt, daß das Lächerliche der Titulaturen in eben dem Grade gestiegen, in welchem der gute Gehalt der Münzen gefallen ist. Als wir noch nach zinnischem Fuße ausmünzten, da war ein Edler ein wichtiger, und verehrungswürdiger Mann. Nach und nach stieg man auf Wohledler, auf Hochwohledler, auf Hochedel. Itzt hat noch nicht einmal Hochedelgebohrner den innerlichen Werth, den sonst Edler hatte, und der Himmel weis, ob wir nicht in funfzig Jahren so hoch hinauf getrieben werden, daß wir denjenigen, den wir vor hundert Jahren Edler hießen, alsdann in Gott Vater und Herrn nennen müssen. Da ich so viel nachtheiliges von den Briefen, von ihren Verfassern, und von andern dabey vorfallenden äußerlichen Umständen sage; so werden meine Leser vermuthen, daß ich mich dieses Augenblicks bediene, desto vortheilhafter von mir und meinen Briefen zu sprechen, um auch für mich das angemaaßte Recht der Autorn zu behaupten, die gemeiniglich nicht eher zu ihrem Lobe schreiten, als wenn sie zehn andre Schriftsteller der Welt verdächtig gemacht haben. Ich werde es nicht thun. Ich will mich und meine Sammlung dem Urtheile der Leser überlassen, ohne zu flehen, und ohne zu trotzen. Man kann leicht glauben, daß ich als Autor zu viel Empfindung habe, bey diesem Urtheile gleichgültig zu bleiben. Der Beyfall der Kenner macht mich stolz; der Beyfall derer, die nicht Kenner sind, macht mir ein Vergnügen. Ich wünsche mir von keinem von beyden getadelt zu werden, es sey mit Grunde, oder ohne Grund. Ich bin noch kein so abgehärteter Autor, daß ich bey dem Tadel meines Lesers, wer der auch sey, gelassen seyn könnte. Die Einrichtung meiner satirischen Briefe ist ungefähr diese. Ich habe gewisse Anmerkungen von dem Lächerlichen oder Lasterhaften der Menschen gemacht. Diese Anmerkungen habe ich durch Briefe erläutert. Um meinen Lesern durch die Abwechslung die Sache angenehm zu machen, habe ich hin und wieder diesen Briefen die Gestalt einer zusammenhangenden Geschichte gegeben. Da sie alle nur erdichtet sind; so habe ich besonders in Ansehung der Titularen nicht nöthig gehabt, sorgsam zu seyn. Es ist meine Absicht nicht gewesen, meinen Lesern durch diese Sammlung Formulare in die Hände zu geben, die sie bey andern Gelegenheiten brauchen könnten. Ich wollte es wohl wünschen, daß man in der Welt schriebe, wie man dächte; auf diesen Fall würde meine Sammlung ungemein praktisch seyn, und ich würde vor andern Briefstellern unendliche Vorzüge erlangen. Weil man aber in der Welt gemeiniglich anders schreibt, als man denkt; so will ich zufrieden seyn, wenn man durch meine Bemühung, und durch mein gegebnes Beyspiel nur so viel lernt, wie man einen Brief verstehen soll, in welchem der Verfasser anders gedacht hat, als er schreibt. Das zu Ende stehende Verzeichniß der in dieser Sammlung befindlichen Briefe wird die ganze Einrichtung des Werks, und meine Absichten näher entdecken. Von der Behutsamkeit, die ich gebraucht habe, auch in diesem Theile meiner Schriften weder den Wohlstand zu verletzen, noch jemanden persönlich zu beleidigen, will ich weiter nichts sagen. Die gerechteste Sache wird verdächtig, wenn man sie zu oft, und zu mühsam entschuldigt. Zugleich würde ich meine Leser beleidigen, wenn ich an ihrer Billigkeit und Einsicht bey aller Gelegenheit zweifeln wollte. Das einzige, was ich hierbey thun kann, ist dieses, daß ich denen, welche mich und meine Schriften noch nicht kennen, das Glaubensbekenntniß meiner Satire empfehle, welches ich in der Vorrede zum ersten Theile meiner Schriften abgelegt habe. Siehe dieser Satirischen Schriften Ersten Theil, und dessen Vorbericht auf der achtzehnten Seite bis zum Ende des Vorberichts.   Leipziger Ostermarkt. 1752.       Gottlieb Wilhelm Rabener.     »Die Klagen wegen der Kinderzucht sind so alt, und so allgemein, daß ich nicht Willens bin, mich gar zu lange dabey aufzuhalten. Diejenigen, welche Kinder haben, beschweren sich mit der größten Bitterkeit, daß es so viele Mühe koste, Jemanden zu finden, der den Willen und das Geschicke habe, die Kinder redlich zu unterweisen, und vernünftig anzuführen. Eben so unzufrieden und misvergnügt sind auf der andern Seite diejenigen, welche sich, unter dem Titel der Hofmeister und Informatoren, der Unterweisung der Kinder in Familien unterziehn. Denn von dieser Art der Kinderzucht rede ich itzt; die Fehler der öffentlichen Schulen verdienen eine besondere Betrachtung. Ich glaube, man hat auf beyden Seiten Ursache sich zu beschweren, und gemeiniglich sind beyde Schuld daran. »Aeltern, welche die Pflichten der Aeltern nicht verstehen, und wie viele verstehen sie nicht? Aeltern, welche in ihrer Jugend selbst keine Erziehung gehabt, und nicht verlangen, daß ihre Kinder vernünftiger werden, als sie sind, die vielmehr nur darauf sehen, daß sie mit einer sorgfältigen Ersparung alles Aufwands dieselben heranziehen mögen; solche Aeltern verdienen das Glück kaum, einen geschickten Mann in ihr Haus zu bekommen, welcher es getreuer und redlicher mit ihren Kindern meint, als sie es selbst mit ihnen meinen. »Kinder, und besonders Kinder vornehmer Aeltern, zu ziehen, ist die wichtigste, aber auch die schwerste Arbeit, die man sich vorstellen kann. Wird sich wohl ein Mann, der Gelehrsamkeit, Geschmack, und gute Sitten besitzet, so leicht entschließen können, ein Amt über sich zu nehmen, bey dem so wenig Vortheil, und oft noch weniger Ehre, allemal aber viel Verdruß und Arbeit ist? »Ein Vater, welcher niemals gewohnt ist, vernünftig zu denken, ist auch nicht im Stande, sich vernünftige Vorstellungen von der Verbindlichkeit zu machen, die er einem Manne schuldig ist, der das schwere Amt der Erziehung mit ihm theilt. Er sieht diesen Mann als einen seiner Bedienten, und wenn er recht artig denkt, als den Vornehmsten seiner Bedienten an. Er wird ihm nicht mehr Achtung erweisen, als er einem seiner Bedienten erweist; und kann er alsdann wohl verlangen, daß seine Kinder diesen ihren Hofmeister mehr ehren sollen? Wie viel unglückliche Folgen fließen aus dieser einzigen Quelle, wenn die Kinder sich durch das Beyspiel der Aeltern berechtiget halten, denjenigen zu verachten, der ihr Führer und Lehrer seyn soll! »Die Besoldung, oder wie es in vielen vornehmen Häusern genannt wird, der Lohn den man dem Hofmeister giebt, ist so kümmerlich und geringe, daß ein rechtschaffner Mann unmöglich Muth genug behalten kann, sein sklavisches Amt mit dem Eifer und der Munterkeit zu verwalten, die bey dieser Verrichtung so nöthig sind. »Und, damit der Hofmeister sein Geld ja nicht mit Müßiggehen verdiene, so sind viele so sinnreich, daß sie von ihm alle Wissenschaften, und über die Wissenschaften alle mögliche Handdienste fordern, und es gern sähen, wenn er Hofmeister, und Perükenmacher, und Hausvoigt, und Kornschreiber zugleich wäre. »Können dergleichen unbillige Aeltern sich es wohl befremden lassen, wenn ihre Kinder schlecht und niederträchtig erzogen werden, da sie mit demjenigen, der sie erziehen soll, so niederträchtig und eigennützig verfahren? »Da ich dieses sage, so weis ich, daß ich alle diejenigen auf meiner Seite habe, denen in adlichen Häusern und andern Familien die Erziehung und Unterweisung der Jugend anvertraut ist. Sie werden so billig seyn, und mir in demjenigen auch Beyfall geben, was ich itzt anführen will. »Sie geben den Aeltern eben so oft, und noch öfter, Gelegenheit, unzufrieden mit ihnen zu seyn. »Viele sind verwägen genug, dieses Amt auf sich zu nehmen, und die anvertraute Jugend in Wissenschaften, und guten Sitten zu unterweisen, welche bey ihrer tiefen Unwissenheit, eine so schlechte Aufführung haben, daß sie selbst noch verdienten, unter der Hand eines Zuchtmeisters zu stehen. Die Sorgfalt, welche man wegen des äusserlichen Wohlstandes auch in den kleinsten Umständen beobachten muß, ist ihnen auf niedern und hohen Schulen so gleichgültig, und wohl oft so lächerlich gewesen, daß sie es für brav gehalten haben, ungezogen zu seyn. Nun kommen sie in ein Haus, wo rechtschaffne Aeltern eben so sorgfältig verlangen, daß ihre Kinder wohlgesittet erzogen, als daß sie in Wissenschaften unterrichtet werden mögen. Wie empfindlich muß es ihnen seyn, wenn sie diesem sich selbst gelassenen Hofmeister ihre Kinder zur Aufsicht anvertrauen sollen, welche gar leicht, ihrer Jugend ungeachtet, das Unanständige an ihrem Lehrer wahrnehmen müssen, da sie dergleichen weder bey ihren Aeltern, noch bey ihren Bedienten, zu sehen gewohnt sind. Die Bedienten selbst finden ihn lächerlich, und er wird es endlich dem ganzen Hause, da er sich so wenig Mühe giebt, seine Fehler zu verbergen, oder zu ändern. Und dennoch wird eben dieser ungesittete Mensch die bittersten Klagen führen, daß man ihm in diesem Hause nicht mit der Achtung und Ehrerbietung begegne, die er im Namen seines Amts fordert. »Es ist ein Unglück, daß gemeiniglich nur diejenigen sich dieser Lebensart widmen, welchen die Armuth ihrer Aeltern, und ihre niedrige Geburt die Hoffnung benimmt, ihre Absichten auf etwas höheres, als auf die Erlangung einer Dorfpfarre, zu richten. Es geschiehet alsdann gar zu leicht, daß ihre Aufführung entweder zu schüchtern und kleinmüthig ist, weil sie gewohnt sind, einsam und im Dunkeln zu leben; oder sie ist zu trotzig und zu stolz, weil sie zu wenig Gelegenheit gehabt haben, sich und die Welt kennen zu lernen. Beydes sind Folgen, welche ihnen bey der Unterweisung der Jugend nachtheilig sind. Kömmt endlich dieses noch dazu, daß ihre Absichten allzueigennützig sind, daß sie die Beförderung in ein Amt je eher je lieber zu erlangen wünschen, es geschehe auch, wie es wolle; so wird ihnen die übernommene Arbeit desto verdrüßlicher, und die geringste Verzögerung ihrer Hoffnung unerträglich fallen. »Aber darum getraue ich mir noch nicht, zu behaupten, daß ein Mensch deswegen, weil er nicht von armen Aeltern, und nicht von niedriger Geburt herstammt, weil er vielleicht höhere Absichten seines künftigen Glücks hat, als eine mittelmäßige Beförderung, weil er nicht einsam und im Dunkeln, sondern vor den Augen der Welt erzogen worden, daß, sage ich, ein solcher Mensch stets geschickt sey, die Jugend zu unterrichten, und vernünftig zu erziehen. Nein, dieses getraue ich mir nicht zu behaupten; die Erfahrung würde mir widersprechen. Man bemerket es nur gar zu oft, daß diejenigen am meisten ungesittet sind, welche die beste Gelegenheit gehabt haben, wohl erzogen zu werden. »Ich kann mir kein lebhafter Vergnügen vorstellen, als wenn vernünftige Aeltern, die keine Mühe und Kosten sparen, ihren Kindern eine anständige Erziehung zu verschaffen, einen Mann finden, der bey einer gesitteten Aufführung ein redliches Herz und die Geschicklichkeit besitzt seinem Amte vollkommen vorzustehen; wenn sie die Früchte seiner redlichen Bemühungen von Zeit zu Zeit wahrnehmen; und wenn sie alsdenn eine Gelegenheit erlangen, das Glück dieses rechtschaffenen Mannes auf eine vortheilhafte Art zu befestigen. »Ich will hier mit einer Anmerkung schlüßen, die ich aus einem lateinischen Buche entlehne, und zwar aus einem Buche, das viele von denen Herren nicht gelesen haben, welche doch glauben, daß sie gelehrt, geschickt, und beredt genug sind, die Jugend, und künftig eine ganze Gemeine zu unterweisen. Es fasset diese Stelle ein unvergleichliches Recept in sich, wie man bey der Wahl eines Informators und Hofmeisters verfahren soll. Wer Kinder hat, und diese Stelle, darum weil sie lateinisch ist, nicht versteht, der lasse sich solche von seinem Informator verdeutschen, und gebe ihm dabey genau auf die Augen Acht, ob er sich im Gesichte verwandele. Ist er gelehrt, und geschickt, und wohlgesittet; so wird er diese Stelle sehr billig finden. Ist er alles dieses nicht; so wird er es sehr übel nehmen, daß man ihm die Erklärung einer so pedantischen Aufgabe, die sich auf unsere Zeiten gar nicht mehr schickt, zumuthen können. Aber vielleicht versteht er zu seiner innerlichen Beruhigung so viel Latein nicht, als nöthig ist, sie deutsch zu erklären. Hier ist die ganze Stelle: »De paedagogis hoc amplius, vt aut sint eruditi plane, quam primam esse curam velim, aut, se non esse eruditos, sciant. Nihil enim peius est iis, qui paulum aliquid vltra primas literas progressi, falsam sibi scientiae persuasionem induerunt. Nam et cedere praecipiendi peritis indignantur, et, velut iure quodam potestatis, quo fere hoc hominum genus intumescit, imperiose atque interim saeuientes, stultitiam suam perdocent. Nec minus error eorum nocet moribus. QVINTILIANVS. »Damit ich nicht das geringste verabsäume, meinen Satz deutlich und begreiflich zu machen; so will ich ein paar Briefe einrücken, welche dasjenige näher beweisen werden, was ich hier, vielleicht ein wenig zu ernsthaft, voraus erinnert habe.«   Hochzuehrender Herr Professor. Meine Jungen wachsen heran, und es ist nun Zeit, daß ich ihnen einen gescheiden Hofmeister halte. Bißher habe ich den Schulmeister lassen zu ihnen gehen; aber er kann sie nicht mehr bändigen. Ich weis, in welchem Ansehen Sie in Leipzig stehen, und daß Ihr Vorzimmer beständig von solchen krumm gebückten Creaturen voll ist, welche Hofmeisterstellen, oder Informationes suchen. Lesen Sie mir einen hübschen gesunden Kerl aus. Sie wissen es selbst, daß bey mir weder Menschen noch Vieh Noth leiden. Fritze, der älteste, ist ein durchtriebner Schelm. Er hat einen offenen Kopf, und ist auf die Mägde, wie ein kleiner Teufel; ich darf es den Buben nicht merken lassen, daß ich ihn lieb habe; der leichtfertige Schelm! Er ist noch nicht vierzehn Jahr alt, und hat in humanioris gar feine principio. Ferdinand ist meiner Frau ihr Junge. Er ist immer kränklich, und das geringste Aergerniß kann ihm schaden. Das gute Kind will mit lauter Liebe gezogen seyn, und meine Frau hat schon zween Bediente weggejagt, die ihm unfreundlich begegnet haben. Das älteste Mädchen ist zwölf Jahre. Sie soll noch ein bißchen Catechissen lernen, und hernach will ich dem kleinen Nickel einen Mann geben, der mag sehen, wie er mit ihr zurechte kömmt. Mit dem kleinen Mädchen hat der Hofmeister gar nichts zu thun, die behält die Mamsel bey sich. Sehn Sie nun, Herr Professor, das ist die Arbeit alle. Ich werde Ihnen sehr verbunden seyn, wenn Sie mir einen hübschen Menschen vorschlagen. Ich verlange weiter nichts von ihm, als daß er gut Latein versteht, sich in Wäsche und Kleidung reinlich und sauber hält; Französisch und Italiänisch sprechen kann, eine schöne Hand schreibt, die Mathemathik versteht, Verse macht, soviel man fürs Haus braucht, tanzen, fechten und reiten kann, und wo möglich ein wenig zeichnet. In der Historie muß er auch gut beschlagen seyn, vor allen Dingen aber in der Wapenkunst. Ist er schon auf Reisen gewesen, desto besser. Aber er muß sich gefallen lassen, bey mir auf meinem Gute zu bleiben, und sich wenigstens auf sechs Jahre bey mir zu vermiethen. Dafür soll er bey meinen Kindern auf der Stube freye Wohnung haben, mit dem Kammerdiener essen, und jährlich 50 Gulden bekommen. Zum heiligen Christe und zur Messe gebe ich nichts; dergleichen Betteleyen kann ich nicht leiden. Sind die sechs Jahre um; so kann er in Gottes Namen hingehen, wohin er will. Ich will ihn sodann an seinem Glücke nicht hindern. Mich dünkt, die Vorschläge sind ganz billig. Hat der Mensch Lust zur Wirthschaft, so kann er meinem Verwalter mit an die Hand gehen. Es wird sein Schade nicht seyn, denn er weis doch nicht, wozu ers einmal brauchen kann. Ich werde für Ihre Bemühung erkenntlich seyn, und bin, Hochzuehrender Herr Professor, Ihr                         dienstbereitwilligster –   –   –   –   –   –   – Hochwohlgebohrner Herr,     Gnädiger Herr, Ew. Excellenz gnädigst mir ertheiltem Befehle unterthänigst nachzuleben, habe ich mir Mühe gegeben, alle diejenigen Subiecta quouis modo zu sondiren, von denen ich geglaubt, daß sie der hohen Gnade nicht ganz unwürdig wären, welche Ew. Hochwohlgebohrne Excellenz, als ein wahrer Mäcenat, und Beschützer der schönen Künste und Wissenschaften, so großmüthig zu offeriren geruht haben. Es fehlt nicht an Leuten, welche conditiones suchen; aber es ist zu beklagen, daß heut zu Tage junge Leute zu zeitig vornehm seyn, und sich nicht gefallen lassen wollen, durch einen kleinen Anfang den gewissen Grund zu ihrem grössern Glücke zu legen. Die wenigen Wissenschaften, so sie etwan besitzen, machen sie so stolz, daß sie unverschämt genug sind, für ihre kleinen Bemühungen, die doch in weiter nichts bestehen, als Kinder zu informiren, so viel zu fordern, daß man dafür gar reichlich drey Bediente in Livrey halten könnte. Ich habe einen jungen Menschen bey mir gehabt, welcher in der That alle diejenigen Fähigkeiten besitzt, so Ew. Excellenz bey einem Hofmeister für Dero junge gnädige Herrschaft verlangen. Ueber dieses ist er von einem gesetzten Wesen, tugendhaft, und sogar, welches Ew. Excellenz nicht ungnädig vermerken werden, fromm und christlich. Es wird keiner, so wie dieser, vermögend seyn, dero junge Herren zu wackern Männern fürs Vaterland, und zur Ehre Dero hohen Hauses zu erziehen. Aber was hilft das? Seine Forderungen sind ungeheuer, und Ew. Excellenz sind viel zu einsehend, als daß Sie wider die Gewohnheit Dero hoher Ahnherren so vieles Geld wegwerfen, und dennoch nichts weiter dadurch erlangen sollten, als rechtschaffene Kinder. Wollen Sich Dieselben eine Lust machen, so geruhen Sie gnädig, dessen eigenhändigen Aufsatz seiner lächerlichen Prätension in der copeylichen Anfuge sub A. zu lesen. Mit einem Worte, ein so theurer Hofmeister ist für Ew. Excellenz keine Sache. Es sind noch einige andere bey mir gewesen, welche sichs für eine grosse Gnade halten, als Hofmeister in Ew. Excellenz Dienste zu treten. Sie verstehn freylich das wenigste von dem, was Dieselben verlangen: und ich kann nicht läugnen, daß bey den meisten die Aufführung nicht die beste ist. Inzwischen kann ich ihnen doch nachrühmen, daß sie Leute sind, welche mit sich handeln lassen, und die Ew. Excellenz gewiß nicht übertheuren werden. Mehrere Nachricht davon werden Sie in der Beylage sub B. von ihnen finden. Ew. Excellenz gnädigsten Disposition dieserhalb bin in Unterthänigkeit ich erwartend. Mein Rath hierbey wäre, sonder alles unziemende Maaßgeben, ich ließe diese Candidaten alle auf einmal zu mir kommen und sie auf die Hofmeisterstelle licitiren. Demjenigen, welcher am wenigsten für seine Bemühung haben wollte, könnte ich sodann gedachte Hofmeisterstelle zuschlagen. Doch überlasse alles zu Dero erleuchtem Ermessen ich lediglich, und verharre mit der tiefsten Devotion, Hochwohlgebohrner Herr, Gnädiger Herr, Ew. Excellenz unterthänig gehorsamster Diener —   —   —   —   —         N. S. Wollten Ew. Excellenz die hohe Gnade haben, und das Stipendium, so Dieselben zu disponiren haben, meinem ältesten Sohne gnädig conferiren; so würde dieses mit der größten Unterthänigkeit ich Lebenslang veneriren. A. Endesbenannter glaubt, daß er, ohne unbillig zu seyn, für die von Seiner Excellenz geforderten Bemühungen und Dienste, als Hofmeister der jungen Herrschaft, jährlich folgendes verlangen könne: 1) Für Aufsicht, Unterweisung im Christenthume, und in der lateinischen Sprache, überhaupt     60 Thlr. — — 2) Für die Französische Information monatlich zwey Thaler, thut auf dreyzehn Monate 26 Thlr. — — 3) Dergleichen im Italiänischen, zwey Thaler 26 Thlr. — — 4) Als Schreibemeister, monatlich einen Thaler, zwölf Groschen, 19 Thlr. 12 gl. 5) Für Lection im Rechnen, und in der Mathematik, monatlich drey Thaler 39 Thlr. — — 6) Mit den Versen, bittet er, ihn gnädig zu verschonen. 7) Als Tanzmeister, monatlich einen Thaler, und will dafür die Woche zwo Stunden geben, 13 Thlr. — — 8) Als Fechtmeister, täglich eine Stunde, zwey Thaler, zwölf Groschen, 32 Thlr. 12 gl. 9) Als Bereiter, auch täglich eine Stunde, vier Thaler, und verspricht er hierbey weder Accidentien zu fodern, noch sonst einigen Aufwand zu veranlassen. 52 Thlr. — — 10) Für die Anleitung in der Geschichte, Wapenkunst und dergleichen, wird weiter nichts verlangt, und gehört dieses zum ersten Capitel. 11) Man hofft, die gnädige Erlaubniß zu erhalten, mit der jungen Herrschaft zu speisen, um Gelegenheit zu haben, derselben auch einige Anweisung in der Kunst zu geben, wie sie mit Anstand essen solle, und sich bey der Tafel vernünftig aufzuführen habe, welches vielen jungen Edelleuten fehlt. 12) Junker Ferdinand muß der Aufsicht und Zucht des Hofmeisters lediglich überlassen bleiben, ohne von der gnädigen Frau beschützt zu werden, welches man zu seinem eignen Besten wünscht. 13) Bey dieser Arbeit wird keine Zeit übrig bleiben, dem Verwalter an die Hand zu gehen, welches durch einen Kornschreiber am besten verrichtet werden kann. 14) Nach Verlauf der sechs Jahre hoffet man gnädige Beförderung. Obige Kosten betragen zusammen, 258 Thlr. — — Es soll weder Treue noch Fleiß gesparet werden, die Pflicht eines Hofmeisters nach allem Vermögen, redlich zu erfüllen. Elias Pfaffendorf. B. Verzeichniß derer Candidaten, die sich zur Hofmeisterstelle angegeben haben. 1) N. N. Ein junger Mensch, 22 Jahr alt, hat ziemliche Studia. Ich habe ihn aber bey mir zu Tische gehabt, und gefunden, daß er zu viel ißt. Verlangt ausser den zwey ordentlichen Mahlzeiten, annoch Frühstück und Vesperbrodt, und über dieses täglich drey Kannen Bier. Will 50 Thaler haben. 2) N. N. Artium Magister, 40 Jahr alt. Scheint ein gesetzter Mensch zu seyn. Hat schon seit 20 Jahren als Informator unter adelichen Herrschaften gedient, aber niemals länger, als ein Jahr, an einem Orte aushalten können. Mag ehedem in seinen Wissenschaften nicht unrecht gewesen seyn; doch hat er in diesen Jahren alles wieder ausgeschwitzt. Inzwischen weis er immer noch so viel, als Ew. Excellenz junge Herrschaft zu lernen nöthig hat. Bittet sich über die 50 Gulden freyes Bier und Taback aus, so viel er braucht. NB. Raucht nur Bremer. 3) N. N. 29 Jahr alt, frisch und gesund vom Körper, der Gottesgelahrheit Beflissener, predigt einen ziemlichen Baß, und besitzet eine grosse Stärke in Postillen. Will mit 50 Gulden zufrieden seyn, wenn er in 6 Jahren Substitute werden kann. 4) N. N. Hat zehn Jahre lang auf Universitäten gelebt, aber noch nicht absolvirt, da er immer das Unglück gehabt, relegirt zu werden. Ich glaube, er wird in den 6 Jahren Zeit haben, nachzuholen, was er versäumt hat. Er ist ein lustiger Kopf, und wird sich für Junker Fritzen gut schicken. Bittet flehentlich um Versorgung und Brodt, da er sich mit einem Näthermädchen versprochen hat. Er ficht. 5) N. N. 27 Jahre alt, ist übersichtig, redet lateinisch und griechisch, kann aber kein Deutsch. Desto besser schickt er sich zu einem Informator in ein adeliches Haus. Es ist ewig zu bejammern, daß man itzt anfangen will, nicht allein von Gelehrten, sondern auch von dem Adel zu verlangen, daß sie die sogenannten deutschen witzigen Schriften mit Geschmack lesen, und Deutsch lernen sollen. Als wenn ein Deutscher nöthig hätte, Deutsch zu lernen. quae! qualis! quanta! Er verlangt єєIIэээ H. S. sage 2100 Sesterzen, thut, nach unserer Münze etwan siebenzig Thaler leicht Geld. 6) N. Seines Handwerks ein Poet, schreibet einen flüssenden Vers, alles in Reimen, und ist ein Todfeind von den itzigen schweren strotzenden Gedichten ohne Reime. Dem Himmel sey Dank, daß es noch hin und wieder Leute giebt, die Geschmack haben! Ausser der Mythologie, die er Trotz zehn andern versteht, hat er nichts gelernt. Er hat itzt ein wichtiges Werk unter der Feder, da er alle Sonn- und Festtagsepisteln in Reime bringt, ohne ein Wort vom Grundtexte zu ändern, oder zu versetzen. Wenn er damit fertig ist, will er sich ein wenig auf die Humaniora legen. Corderi Colloquia exponirt er ziemlich. In Wünschen ist er unerschöpflich. Er erbietet sich, ohne Besoldung zu dienen, wenn ihm für eine jede Gratulation von zweyhundert Versen baar vier Groschen gegeben werden, wobey er es jährlich wenigstens auf 80 Thaler zu bringen gedenkt. Er verlangt alle Weihnachten ein abgesetztes Kleid, es mag so alt seyn, als es wolle. Um ein paar ganze Hosen wollte ich Ew. Excellenz selbst für den armen Schelm statt des Handgelds, gebeten haben. NB. Er ist auch witzig, und satirisch, man möchte sich vor Lachen ausschütten. Ew. Excellenz können tausend Spaß mit ihm haben. Böse wird er nicht leicht, man müßte denn seine Verse tadeln. 7) Da Ew. Excellenz gar wohlbedächtig zu sagen pflegen, daß ein junger Edelmann, der nicht denkt, weit erträglicher sey, als einer, der keinen Hasen hetzen kann; so wollte ich Ihnen wohl N. N. vorschlagen. Er hat wider seinen Willen studiren müssen, weil es sein Vormund schlechterdings verlangt; er hat aber vor allen Wissenschaften so einen Abscheu, und dagegen zu den Jagdhunden eine solche Neigung, daß man seine Mutter, so des herrschaftlichen Verwalters Frau gewesen, nicht ohne Grund im Verdacht gehabt, daß sie mit ihrem gnädigen Herrn vertraut gelebt. Wenigstens hat sie sich an ihm versehen. Gelernt hat er also wenig oder nichts; aber er ist ein ganzer Jäger. Lerchennetze strickt er als ein Meister, und in der ganzen Gegend ist keiner, der den Vogelheerd so geschickt anrichten kann. Er will 50 Thaler, und alle Fuchsbälge. Fängt auch Hamster. 8) N. N. ist kurz, untersetzt, und im Durchschnitte wenigstens zwey und eine halbe Elle stark, welches er dem fetten Biere zu danken hat. Als er bey mir war, konnte ich nicht erfahren, ob er etwas gelernt hatte, weil er ein wenig taumelte; doch habe ich viele schöne testimonia von ihm gesehen, die er von Schulen mitgebracht. Ich glaube, wenn er als Hofmeister nicht sonderlich zu brauchen ist, so wird er doch alsdann sehr gut seyn, wenn Ew. Excellenz Gäste haben. Denn ob er gleich nur ein schlechter Bürger ist, so sauft er doch Trotz manchem Cavalier. Er ist mit 50 Gulden zufrieden, wenn er einen Ducaten für jeden Rausch bekömmt, den er sich trinkt, so oft er die honneurs vom Hause macht. 9) N. N. ein guter stiller ehrlicher Mensch. Ich habe ihn zwo Stunden bey mir gehabt; aber auf alle meine Fragen keine Antwort erhalten können, als: O ja! Hochedler Patron! Ich glaube daß er grundgelehrt ist, weil er gar keine Conduite hat. Ew. Excellenz werden mit ihm anfangen können, was Sie wollen, und er wird sich alles gefallen lassen. Ich fragte, was er zur Besoldung haben wollte; aber er bückte sich sehr tief, und sagte: Wie Sie befehlen! Hochedler Patron! HB. Trägt keine Manschetten. 10) N. N. Ein süsses artiges Herrchen. Ist geputzt, wie eine Puppe, und denkt auch so. Hat vier Jahre in Leipzig studirt, und in vier Jahren keinen Hut auf den Kopf gebracht. Hat sich, wie er sagt, vornehmlich nur auf galante Studien gelegt. Erbietet sich die junge Herrschaft zu frisiren. Macht Dintenflecke aus der Wäsche, bohnt Schränke, und kann allerhand artige Figuren in Papier ausschneiden. Als ich von ihm wissen wollte, wie viel er an Besoldung verlangte, so machte er einen Rückpas, und sagte ganz klar: Siebenzig Thaler, zu dienen, Ihre Hochedlen! Er gefällt meiner Frau. 11) Wenn Ew. Excellenz einen Menschen haben wollen, der im Lateinischen, Französischen, Italiänischen, und der Historie, im Tanzen, Reiten und Fechten, und in allen möglichen Wissenschaften Unterweisung geben soll, so schlage ich Ihnen N. N. vor. Er versteht zwar von allen diesen nichts; er ist aber meiner Schwester Sohn, und kömmt alle Wochen wenigstens zweymal zu mir, mich mit vieler Demuth seiner Devotion zu versichern, um deswillen möchte ich ihm gern geholfen wissen. Ich habe ihn zeither, mit gutem Erfolge, jungen Leuten zur Privatinformation vorgeschlagen, welche so billig gewesen sind, ihn monatlich, in Ansehung meiner, zu bezahlen, ohne seine Stunden abzuwarten. Er repetirt mit ihnen meine juristische Collegia, ungeachtet er ein Theologus ist. Achtzig Thaler Besoldung dürften wohl nicht zu viel seyn; denn er ist mein Vetter. »Der Schleifwege zum geistlichen Schafstalle sind so viel, daß jemand dieser Gegend sehr kundig seyn muß, wenn er es unternehmen will, sie alle, oder doch nur die meisten davon zu beschreiben. Eines der sichersten und gewöhnlichsten Mittel ist dieses, wenn sich der Candidat durch das Cammermädchen dem Herrn darstellen läßt. Ich glaube nicht, daß jemand so abergläubisch seyn und hierbey etwas bedenkliches finden wird. Wider das Recht der Natur läuft es wenigstens nicht, und die Kirchengeschichte unsrer Zeit rechtfertigt den Gebrauch. Die Gelegenheit und der Raum verstatten mir nicht, weitläuftig zu seyn; ausserdem würde ich mir Mühe geben, zu beweisen, daß die Vocation in der Hand eines solchen Frauenzimmers einen doppelten Werth erhalte. Ein Mann, der Muth genug hat, diesen Schritt zu wagen; den weder Exempel noch Vernunft abhalten können, sich mit einer Person auf ewig zu verbinden, welche zwar nicht allemal, doch sehr oft, von einer problematischen Tugend ist, und gewiß nicht vergessen wird, bey der geringsten Gelegenheit ihm vorzusagen, daß er durch sie Schutz und Amt gefunden hat; ein solcher Mann ohne Gefühle wird gewiß auch in seinem Amte standhaft, und immer unempfindlich bleiben; und die größten Verfolgungen, die über sein Amt ergehn, werden ihn nicht niederbeugen, da er weit grössere in seinem Hause zu erdulden gewohnt ist. »Diese Betrachtungen bewegen mich, jungen Leuten wohlmeinend zu rathen, daß sie so bald, als es möglich ist, dergleichen Bekanntschaften suchen, um sich ihrem Glücke zu nähern. Ich will es beyden Theilen leicht machen, und für beyde ein Formular liefern, wie man sein Herz in dergleichen Fällen ausschütten müsse.« An ein Kammermädchen. Mademoiselle, Da ich weis, wie viel Sie zu gewissen Stunden über den gnädigen Herrn vermögen, so glaube ich, daß ich mein Glück in keine bessern Hände, als in die Ihrigen, empfehlen kann. Ich wünsche mir, an die Stelle des vorigen Informators zu kommen; und dieses durch Ihren Vorspruch. Sie werden keine Ursache finden, es zu bereuen, da ich mir vorgesetzt habe, die Hochachtung mit Ihnen zu theilen, welche ich sonst der gnädigen Herrschaft ganz schuldig bin, und da ich mich von meinem Vorfahren wenigstens dadurch unterscheiden werde, daß ich weder zu mürrisch, noch zu pedantisch bin, Ihnen bey müßigen Stunden auf vielerley Art zu sagen, daß ich sey, Mademoiselle, der Ihrige. N. S. Ich bin Magister, drey Ellen drey Zoll lang, sechs und zwanzig Jahr alt, habe, wie man mir sagt, einen feinen Fuß, und bin sehr geneigt, zu seiner Zeit in den Stand der heiligen Ehe zu treten. Antwort. Mein Herr Magister, Ich habe mit ihm geredet, mit dem gnädigen Herrn, Er sagte, nein, gewiß nein, ich kanns Ihnen nicht sagen, was er sagte; erst sagte er gar nichts, aber hernach – – ich werde ganz roth, er kriegte mich beym Kinne, und sagte, wie er immer ganz spaßhaft ist: He! kleine Hure, willst du dir den Informator – – ich kanns bey meiner Ehre nicht raus sagen; er fragte mich, ob ich Sie kennte? Bey meiner Frau Muhme habe ich ihn gestern gesehn, sagte ich, und da sagte ich weiter nichts. Mit einem Worte, mein Herr Magister, es ist so gut, als richtig. Die gnädige Frau möchte des Teufels werden; aber es hilft nichts. Der Vorreiter hat ihr des Schulmeisters ältesten Sohn vorgeschlagen, und sie hat es auch dem Vorreiter versprochen. Nein, da wird nichts draus. Herr Jemine! das fehlte uns noch, so einen rothköpfichten Informator! den sollten wir noch ins Haus kriegen? Machen Sie sich immer fertig. Sobald der gnädige Herr wieder einen Anfall von der Kolike kriegt, will ich ihn noch einmal daran erinnern. Er ist ein gar zu lieber Herr. Wenn Sie zu uns kommen, das will ich Ihnen nur sagen, daß Sie sich aus der gnädigen Frau gar nichts zu machen haben. Sie hat noch ein Mensche bey sich, das Maulaffengesichte möchte auch gern Kammermädchen heissen. Der vorige Informator sagte immer, sie hätte schöne weisse Zähne; ich denke, der Balg wird ihm wohl nachziehen, wenn er weg ist. Aber, ich weis nun nicht, was sie thun wird, wenn sie nun, ich setze nun den Fall, sie bliebe noch da, da nehmen Sie sich ja vor ihr in Acht, es ist ein böses gefährliches Thier, sie hat ein meschantes Maul. Gott bewahre einen jeden Christen vor ihr! der Nickel! Nun, wie gesagt, machen Sie immer Ihre Sachen fertig, daß Sie auf Weihnachten anziehen können. Ich bin Ihre Dienerinn. N. S. Wie Gott will! Ich bin immer noch ein und zwanzig Jahre alt. Unser alter Pfarrer wird doch nicht ewig leben. Kömmt Zeit, kömmt Rath. Ihre Dienerinn. Für das schöne Band danke ich; es ist auch ein gar zu niedliches Bändchen. Leipzig bleibt wohl Leipzig. »Wem etwa diese Art, seine Absichten zu erklären, zu .dreist, und nicht fein genug vorkömmt, den will ich durch den kleinen Roman befriedigen, welcher in den nachstehenden sechs Briefen erzählt wird. Hat jemand von meinen Lesern Zeit und Lust, sich selbst im Briefschreiben zu üben, der wird wohl thun, wenn er den zweyten Theil dazu verfertigt, und die Neubegierde seiner Freunde befriediget, welche vielleicht gern möchten wissen wollen, ob der Candidat die Pfarre wirklich angenommen; ob seine, und der jungen Wittwe Wünsche erfüllt worden; und ob der Kirchenpatron noch oft nöthig gehabt, sie über ihren seligen Mann zu trösten.« Schreiben einer Priesterwittwe an den Candidaten. Hochgeehrter Herr Magister, Es hat der gnädige Herr mir befohlen, Ihnen innliegenden Brief zu übersenden. Er betrifft Ihre Beförderung an die Stelle meines seligen Mannes. Sollte die Sache zur Richtigkeit kommen, so wünsche ich Ihnen im voraus Glück, und besonders dieses, daß Sie des Amts länger geniessen mögen, als mein seliger Herr, welcher es nur vier Jahre lang verwaltet hat, und dessen Tod mir desto schmerzhafter fällt, da er mich nach einem dreyjährigen Ehestande, in meinem zwey und zwanzigsten Jahre, als eine unglückliche Wittwe verlassen hat. Das Amt ist sehr mühsam wegen der starken Wirthschaft, die damit verknüpft ist, und die ohne grossen Schaden nicht verpachtet werden kann. Das Inventarium beträgt wenigstens siebenhundert Thaler, und mein seliger Herr würde sich dadurch unfehlbar ruinirt haben, wenn er nicht mit einem Theile meines Vermögens solches bestreiten, und die Wittwe des Vorfahren befriedigen können, welche solches allemal auf einem Brete ausgezahlt bekommen muß. Sollten Sie veranlaßt werden, eine Gastpredigt zu thun, so steht Ihnen mein Haus und Tisch zu Diensten, wenn es Ihnen gefiele, bey mir abzutreten. Fänden sich noch einige Schwierigkeiten wegen Ihrer Beförderung, so haben Sie das Vertrauen zu mir, daß ich Ihnen nach Vermögen, und vielleicht mit gutem Erfolge dienen werde, da ich seit vielen Jahren mich der Gnade unsers Kirchenpatrons rühmen kann. Ich erwarte baldige Antwort, und bin Meines Hochgeehrten Herrn, ehrendienstwillige , N. Wittwe.           N.S. Ich habe von meinem seligen Herrn, tröste ihn Gott, ein einziges Kind, und das arme Würmchen ist immer kränklich, daß es wohl nicht lange leben dürfte. Was für Herzleid muß ich nicht bey allen meinem Gelde als eine unglückliche Wittwe im zwey und zwanzigsten Jahre erleben! Antworten Sie ja bald. Mein Herr, Der Herr Stifftsrath hat mir so viel Gutes von Ihnen zu rühmen gewust, daß ich glaube, keine bessere Wahl treffen zu können, als wenn ich Ihnen die durch den Tod meines Pfarrers erledigte Stelle anbiete. Das Amt ist eines der austräglichsten; doch muß ich Ihnen auch dieses sagen, daß die meisten Einkünfte in der Wirthschaft bestehen. Es wird nöthig seyn, daß Sie wenigstens tausend Thaler in Händen haben, um das Inventarium anzuschaffen. Könnten Sie sich mit der Wittwe verstehen, daß sie Ihnen das gegenwärtige Inventarium für ein billiges überliesse, so wären einige hundert Thaler zu ersparen. Sie ist ein billiges Weib, und ich habe sie allemal als eine gute Frau gefunden. Noch eins will ich Ihnen rathen. Wenn die Sache zur Richtigkeit kömmt, so sehn Sie sich nach einer guten Wirthinn um, welche auf dem Lande erzogen ist, und die Haushaltung, besonders die hiesige Landesart, wohl versteht; denn darauf kömmt viel an, sonst sind sie gleich im ersten Jahre ruiniret. Ich überlasse alles Ihrer Einsicht, denn ich bin keiner von denen, welche die Vocationes mit solchen Bedingungen übergeben, die eigennützig sind, oder dem Candidaten zur Last fallen können. Melden Sie mir Ihre Entschlüßung, und ob Sie eine Gastpredigt thun können. Da ich als Officier wenig auf meinem Gute, und unverheirathet bin, auch keine eigne Wirthschaft habe, und auf dem Schlosse bauen lasse; so will ich Ordre stellen, daß Sie in der Pfarre abtreten können, wenn Sie die Gastpredigt thun. Die Wittwe wird Ihnen alle Höflichkeit erweisen. Schreiben Sie mir, so bald Sie können. Mein Reitknecht soll die Antwort bey der Wittwe abholen. Leben Sie wohl. N. S. Sie sind doch nicht schon mit einem Mädchen versprochen? Gnädiger Herr, Ich sehe das Anerbieten Ew. Gnaden, die Austräglichkeit des Amts, eine junge Wittwe, mit einem einzigen, und noch dazu kränklichen Kinde, ihr Vermögen, und eine ganz eingerichtete Wirthschaft, billig als einen göttlichen Beruf an. Geschieht es mit Dero gnädigen Erlaubniß, so will ich auf künftigen Sonntag die Gastpredigt thun, und sodann weitern Befehl von Ihnen erwarten. Ich werde mich bey meinem Amte so bezeigen, daß Ew. Gnaden mit der getroffenen Wahl zufrieden seyn sollen; zu Dero gnädigsten Protection empfehle mich gehorsamst, und bin \&c. \&c. Hochgeehrte Frau, Ich habe nicht einen Augenblick nöthig gehabt, mich über das mir angetragene Amt zu besinnen. Ich folge dem mir gegebenen Winke mit Freuden, und verlasse mich auf Dero Vorspruch bey dem gnädigen Herrn. Da ich auf diese Art Ihnen lediglich mein ganzes Glück zu danken habe, so werde ich mich weiter Ihres wohlgemeinten Raths bedienen; und weil ich mich wegen der starken Wirthschaft nothwendig bald verheirathen muß; so werde ich keine Frau, als von Ihrer Hand annehmen. Ich weis, daß Sie bey Ihrer guten Einsicht nach meinem Wunsche wählen, und mich auch auf diese Art glücklich machen werden. Künftigen Sonntag, so Gott will, ein mehrers. Ich werde alsdann meine Gastpredigt thun, und Gelegenheit haben, Ihnen ausführlicher die Versicherung zu thun, daß ich mit wahrer Hochachtung sey \&c. \&c. Gnädiger Herr, Ew. Hochwohlgebohrnen Gnaden übersende durch den alten Hanns die Antwort des Herrn Magisters, welche, wie ich aus dem Briefe an mich urtheile, nach Wunsche lauten wird. Ich erkenne mit demüthigem Danke die Gnade, welche Sie bey dieser Gelegenheit auf eine so vorsichtige Art gegen mich hegen. Nehmen Sie sich einer armen verlassenen Wittwe ferner an, und seyn Sie versichert, daß ich nach meinem wenigen Vermögen nicht unerkenntlich seyn werde. Ich glaube seit sechs Jahren einiges Recht auf Ihre gnädige Vorsorge erlangt zu haben, und alles, was ich wünsche, ist dieses, daß ich ferner auf Ihrem Gute bleiben, und so oft, als möglich, Sie mündlich überzeugen könne, daß ich unverändert sey, Gnädiger Herr,                       Dero demüthige Dienerinn —   —   —   —   —           Kleiner Narr, Thust du doch so demüthig und ehrbar, als wenn wir einander erst gestern hätten kennen lernen. Verlaß dich auf mich! Habe ich dich das erstemal mit Ehren unter die Haube gebracht, so will ich dich auch itzt gewiß mit Ehren unter der Haube erhalten. Dein neuer Herr Candidat ist verflucht hitzig. Wer Teufel hat ihn so kirre gemacht? Ich glaube, wenn es nach ihm gienge, so machte er mit dir Hochzeit, ehe er noch die Gastpredigt thäte. Er wird auf den Sonnabend anmarschirt kommen. Neige dich fein tief, und werde hübsch roth, wenn er dir einen demüthigen Buckel macht. Aber, das rathe ich dir, Hannchen, gieb ja wohl auf deine schelmischen Augen acht. Dein schwarzer Ritter, so hitzig er ist, scheint mir kein solcher ehrfurchtsvoller Pinsel zu seyn, wie der selige gute Mann, dem ich wohl hätte ein längeres Leben wünschen wollen. Laß es gut seyn, wir wollen ihn schon dreßiren, wenn wir ihn nur einmal da haben, wo wir ihn haben wollen. Stelle dich ja recht züchtig und fromm; wenn er dein Mann ist, kannst du schon wieder einbringen, was du itzt versäumst. Fromme Wittwen, böse Weiber! nicht wahr? Kann ich Urlaub erhalten, so komme ich auf den Sonntag früh selbst. Da mußt du recht erschrecken, wenn ich komme. Je! Gnädiger Herr, mußt du rufen, und dich tief, tief bücken. Thu nur, als wenn du mir die Hand küssen wolltest. Ich werde kein Narr seyn, und es zulassen. Bedaure, daß du nicht im Stande wärest – daß du dir die hohe Gnade nicht versehen hättest – daß du, da ich dir das erstemal die Gnade meines Zuspruchs gönnete, so wenig geschickt – daß du bey deinen betrübten Umständen – (geschwinde fahre nach dem Schnupftuche, und reibe dir die Augen) daß dein seliger Mann – (immer besser geweint) daß du als eine unglückliche verlassene Wittwe – Siehst du, so mußt du recht bestürzt reden, immer von vorne anfangen, und nichts ausreden. Ich will dir zu rechter Zeit in die Rede fallen. »Meine liebe Frau Magistrinn, (will ich mit einem huldreichen Tone auf dich herab reden) fassen Sie sich, es ist Gottes Wille, und Sie sind eine zu gute Christinn, als daß Sie unter Ihrem Kreuze murren sollten. Tragen Sie es, als eine vernünftige Frau, in Geduld. Der Himmel, der Sie auf eine so schmerzliche Art betrübt hat, wird Sie vielleicht auf andere Art wieder erfreuen. Sie sind diese fromme Gelassenheit sich selbst, und Ihrem armen Kinde schuldig. Sind Sie bey Ihren glücklichen Umständen andern, als eine vernünftige Frau, ein Exempel gewesen, so seyn Sie es auch itzt bey ihrem Unglücke. Versichern Sie sich meiner Dienstbereitwilligkeit auf alle mögliche Art. Der Herr Candidat scheint mir ein vernünftiger Mann zu seyn, der gewiß keiner armen Wittwe Unrecht thun wird. Ich werde Ihnen die Freundschaft, die ich gegen Ihren seligen rechtschaffenen Mann gehabt, (geschwind wieder ein bischen geweint) gewiß niemals entziehen. Ihre Tugend und Ihr Unglück verdienen meine ganze Vorsorge.« Nun fahre mir hurtig nach der Hand, oder nach der Weste, was du am ersten kriegen kannst. Ich werde mich vornehm zurückziehen, und dir die Hand väterlich drücken. Siehst du, Hannchen, das ist ungefähr der Text zu unsrer Comödie. Spiele deine Rolle gut. Ich stehe dir für das übrige. Je klüger dein künftiger Mann ist, je lieber wollen wir ihn betrügen. Der vorige war, unter uns geredet, ein wenig gar zu dumm. Der Verwalter soll dir Fische und Wildpret geben, so viel du brauchst. Du weißt doch, daß auf dem Schlosse gebaut wird, und kein Zimmer für mich zu rechte gemacht ist. Weißt du das nicht? Im Ernst nicht? Freylich wird gebaut. Ich werde den Abend in der Pfarre bleiben müssen. Der Herr Candidat mag oben im Studierstübchen schlafen. Ich will mein Plätzchen schon finden. Verstehst du mich? Nun führe dich fein schlau auf. Es wird schon gehen. Lebe wohl. Es bleibt beym alten. N. S. Zerreiß den Brief ja, der Teufel möchte sein Spiel damit haben. »Ein sehr wichtiger Beweis von der Größe und Stärke unserer Religion ist gewiß dieser, daß sie auch an denenjenigen Orten gewaltig und fruchtbar ist, wo die geistlichen Aemter zu ihrer Schande durch die Vorsorge solcher Männer besetzt werden, welche kaum unvernünftiger seyn könnten, als sie sind, wenn sie auch gar keine Religion hätten. »Ich habe schon sonst Gelegenheit gehabt, meine Gedanken davon bekannt zu machen Siehe Antons Panßa von Mancha Abhandlung von dem Sprüchworte: Wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch den Verstand, im vierten Bande dieser Schriften. . Damit das Unsinnige desto besser in die Augen falle, welches diejenigen begehn, die auf eine so unvorsichtige Art das wichtige Recht misbrauchen, welches die Obrigkeit ihren vernünftigern Vorfahren gegönnt hat; und damit das Unanständige denen desto mehr in die Augen falle, welche, ungeachtet ihrer ungesitteten Lebensart und pöbelhaften Unwissenheit, unverschämt genug sind, die ewigen Wahrheiten eine Gemeine zu lehren, die ihnen nicht einmal ihr Vieh zu hüten anvertrauen würde; so habe ich die Züge in nachstehenden beyden Briefen ziemlich stark und deutlich gemacht, und von einem jeden dergleichen Charaktere einen Strich entlehnt, um meine Copey recht verabscheuungswürdig zu machen. Sie werden darum nicht unwahrscheinlich; ich glaube, daß fast in einer jeden Diöces wenigstens ein Original seyn wird. »Ich habe diesen Eingang etwas ernsthaft abfassen müssen, weil ich hier mit einer Art Leser zu thun bekomme, unter denen verschiedne sind, welche nebst vielen andern Sachen, die sie nicht verstehn, auch dieses nicht wissen, was die Eigenschaft der Satire und Ironie erfodere, und daher schon öfters auf den unglücklichen Einfall gekommen sind, mich in ihrem kleinen unwissenden Herzen, und wohl öffentlich, zu verketzern, wenn ich von dem Thörichten ihres Standes, und von den unbilligen Absichten ihrer Beförderer, in der lachenden Sprache der Satir geredet habe, um diejenigen desto verehrungswürdiger zu machen, welche eine wahre Zierde ihres Amts, und also ganz anders sind, als sie.«   Lieber Herr Bruder, Es ist mir recht lieb, daß dein Alter sich abgeführt hat. Das verdammte Schmälen hatte kein Ende. Ich weis nicht, ob die Leute sich einbilden, daß wir ihnen darum Amt und Brodt geben, daß sie uns alle Sonntage die bittersten Wahrheiten vorpredigen, und uns dem Teufel in den Rachen schieben sollen. Für die Bauern ist das gut genug, und wenn ich ein Bauer wäre, so lebte ich vielleicht auch fromm, weil ich sonst nichts zu thun hätte; aber für Männer von Stande, und für uns, die wir alte Landedelleute sind, sieht das andächtige Kopfhängen sehr albern aus. Wäre es nach deinem alten Murrkopfe gegangen, so würdest du ein ehrbarer frommer christlicher Bürger, und dem ganzen Adel lächerlich geworden seyn. Was meinst du, Brüderchen, was ist rühmlicher, über der Postille, oder beym Deckelglase einzuschlafen? Laß die Pfaffen für uns beten, wie wollen für sie saufen. Jeder nach seinem Berufe! Aber auf diese Art fahrt ihr dahin, wie das Vieh, sagte dein Alter. Gut! Wer weis denn auch, obs wahr ist. Fahren wir, wie unsere Alten; so wollen wir auch leben, wie unsere Alten. Es waren doch beym Henker ganze Leute, die auf ihren alten Adel hielten. Ländlich, sittlich! Ein rechtschaffner Deutscher müßte sein Vaterland wenig lieben, wenn er deswegen nach Frankreich reisen wollte, daß er Wasser trinken lernte. Aber zum Hauptwerke zu kommen. Du brauchst einen neuen Pfarrer. Ich will dir einen vorschlagen, das ist ein ganzer Kerl. Er ist zehn Jahre als Feldprediger bey meinem Regimente mit herumgelaufen, und er ist recht, wie ich mir ihn wünsche. Er hat an mich geschrieben, und gebeten, dir ihn vorzuschlagen. Da, lies den Brief selbst. Ich verliere ihn ungern. Der ist recht nach deinem Herzen. Und wenn du gar nicht in die Kirche kämst, so wird er nicht muksen. Gieb ihm alle Wochen ein paarmal zu fressen, so ist er zahm, wie ein Lamm. Du wirst deine Freude mit ihm haben. Er säuft dich und deine hochadelichen Gäste alle unter den Tisch, und wenn er die schwarze Kutte ausgezogen hat, so flucht er, wie ein Corporal. Nimm ihn, Brüderchen, ich rathe dirs, es wird dich nicht gereuen. Gelernt hat er nichts; aber er predigt dir, der Henker hole mich, seinen Stiefel weg, daß es eine Art hat; und der Heuchler steht so fromm da, als wenn er von der Kanzel gen Himmel fahren wollte. Meine Cathrine konnte ihn recht gut leiden. Ich glaube gar, der Ketzer gieng mir manchmal ins Gehege! Nun Brüderchen, wie gesagt, nimm ihn. Seinethalben magst du leben, wie du willst. Und wenn du heute zum Teufel fährst, so fährt er morgen nach. Es ist ein braver Kerl. Grüße mir deine Menscher. Lebe wohl. Gnädigster Herr Obrister, Es ist beym Herrn von — — eine austrägliche Pfarre offen, und ich möchte sie gern haben. Cathrinchen sagte, Sie wären ein guter Freund von ihm, und könnten mir leicht dazu helfen. Ich bin das wilde Leben überdrüßig, und möchte gern einmal meinen eignen Heerd, und meine eigne Frau haben. Haben Sie die Gnade, und sorgen Sie für mich. Ich habe gehört, daß der alte Pfarrer mit seinem Patrone in grosser Feindschaft gelebt hat; aber die Schuld war seine. Ich getraue mir besser mit ihm auszukommen. Ich kenne die Herren schon. Wenn er mir giebt, was mir gehört, so mag er leben, wie er will. Mit Schmälen und Predigen, halten Sie mirs zur Gnade, macht man euch Herren nicht frömmer. Sie sind zu vornehm, als daß Sie uns zu Gefallen fromm und christlich leben sollten. Und, unter uns gesprochen, aus dem beständigen Poltern kömmt auch nicht viel heraus. Mit den Jahren ändert sichs so wohl. Es ist schlimm genug, wenn die Herren einmal bey Hofe sind, und ein paar Wochen ehrbar thun müssen; sollen wir ihnen auch das Leben noch sauer machen, wenn sie sich beym Regimente oder auf ihren Gütern aufhalten? Ich kenne die Welt besser. Saufen und Huren ist bey Herren von Ihrer Art und Erziehung außer den Ahnen immer noch das einzige, womit sie sich von uns bürgerlichem Pöbel unterscheiden. Halten Sie mir diesen Scherz zur Gnade; ich rede, wie ichs meine. Sie kennen mich schon. Mit einem Worte, gnädiger Herr Obrister, schaffen Sie mir die Pfarre, oder ich trinke, meine Seele! nicht ein Glas Wein mehr mit Ihnen. In dieser Hoffnung verharre ich mit aller Hochachtung, Gnädigster Herr Obrister,                               Dero zum Gebete und unterthänigst zu dienen stets willigster                 N. Feldprediger.           »Ich bin überzeugt, daß dem gemeinen Volke, und besonders dem Landvolke, ein geschickter und fleißiger Schulmeister fast noch unentbehrlicher sey, als ein gelehrter und beredter Prediger. Und dennoch ist man an vielen Orten bey der Besetzung dieses Amts beynahe noch leichtsinniger, und noch weniger besorgt, als bey den andern geistlichen Aemtern. Ich will mich nicht dabey aufhalten. Ich will meinen Schulmeister reden lassen. Noch zur Zeit ist er nicht befördert; ich weis aber ein gewisses Rittergut, wo ich ihn in Vorschlag bringen will, und ich hoffe gewiß, er wird sein Glück daselbst machen.«   Hochwürdiger, Hochgelahrter Herr, Gnädiger Herr Lieutenant, Unser Schäfer hat mir erzählt, daß Ihr Schulmeister in voriger Woche gestorben ist, und daß Sie bemüht sind, diese Stelle, so bald möglich, wieder zu besetzen. Da ich in vorigem Jahre den Lerchenstrich von Ew. Gnaden gepachtet, und zwey Gulden mehr gegeben habe, als mein Vorfahr; so nehme ich mir die Freyheit, Ew. Excellenz dienstfreundlichst zu bitten, Sie wollen die hohe Gnade haben, und mich zu Ihrem allerunterthänigsten Schulmeister machen. Meine Stimme ist gut, und ich getraue mir, die größte Kirche zu füllen. Die Orgel schlage ich frisch, und in Fugen bin ich stark. Ich habe das Unglück gehabt, dreymal abgesetzt zu werden; aber meine Feinde sind Schuld daran, und vielleicht wäre es das letztemal auch nicht geschehen, wenn ich dem Superintendenten zu rechter Zeit einen gemästeten Truthahn geschickt hätte. Das erstemal kam es über des Schulzens Frau her. Der Corporal gab mich an; aber er mochte wohl seine Ursachen haben. Es giebt böse Leute, die alles zu Bolzen drehn, und ich war auch nicht verheirathet. Das zweytemal war mein eigner Pfarrer Schuld daran. Ich weigerte mich, ihm den Priesterrock aufs Filial nachzutragen; und deswegen machte er dem Kirchenpatrone weiß, ich sey alle Tage im Branntweine besoffen. Der Himmel ist mein Zeuge, daß es alle Wochen nur ein paarmal geschahe, und noch dazu war es im damaligen Winter grimmig kalt. Das drittemal war ich vollends gar unschuldig. Es fiel dem Superintendenten ein, daß ich in seiner Gegenwart catechisiren mußte. Freylich gieng es nicht recht, wie es seyn sollte, und meine Jungen wußten mehr, als ich sie fragen konnte; aber der Catechismus ist auch niemals mein Hauptstudium gewesen, weil ich mich von Jugend an auf Vogelstellen gelegt habe. Soll man deswegen einen ehrlichen Mann absetzen, wenn er das nicht versteht, was zu seinem Amte gehört? Wie viel Pfarrer und Superintendenten würden ohne Amt herumlaufen, wenn das eingeführt werden sollte! Wie gesagt, wenn ich in Zeiten geschmiert hätte, so wäre ich wohl besser gefahren. Aber meine Frau wollte nicht daran; sie hatte den Truthahn gar zu lieb. Sehn Sie, gnädigster Herr Lieutenant, das ist nun alles, und davon macht man so ein Aufhebens. Ich denke, in Ihr Dorf werde ich mich ganz gut schicken. So viel Ihre Bauerjungen von Gottes Worte brauchen, will ich ihnen doch wohl vorsagen. Für armer Leute Kinder mag es halbweg seyn. Auf den Respect halte ich; da gebe ich Ihnen mein Wort. Ich will die Jungen zusammen peitschen, sie sollen Oel geben, wenn sie nicht gut thun wollen. Was mir am Christenthume und dem Catechismus abgeht, das ersetze ich auf eine andere Art. Sie haben keinen Barbier im Dorfe, den Sie doch so nothwendig brauchen, da Sie sich beständig daselbst aufhalten. Das verstehe ich perfect. Ich will Ew. Gnaden umsonst scheren, nach dem Striche und wider den Strich, wie Sie es verlangen, und alles umsonst, darauf können sich Ew. Excellenz verlassen. Die gnädige Frau Gemahlinn ist eine Liebhaberinn vom Branntweine: Das sage ich Ihnen, so schön muß ihn kein Mensch abziehn, als ich. Meine Frau hat ein besondres Geheimniß, Froschleichwasser zu machen, welches zu einer reinen Haut, und wider die Sommersprossen hilft. Das wird sehr gut für den ältesten Junker seyn, welcher sehr viel auf ein hübsches weißes Gesichtchen hält. Ich glaube, Ew. Magnificenz sollen so viel Einsicht haben, und finden, daß sich niemand besser zu Ihrem Schulmeister schickt, als ich. Rechnen und Schreiben ist auch meine Sache nicht; aber was thut das? Ich will mir einen großen Jungen aus der Gemeine halten, der es an meiner Statt thut. Ich denke ja wohl, das geschieht in den meisten Aemtern, daß einer den Titel und die Besoldung hat, und einen großen Jungen für sich arbeiten läßt. Was vornehmen Leuten recht ist, das wird doch bey einem armen Dorfschulmeister auch angehn. Mit einem Worte, ich verlasse mich darauf, daß ich den Dienst kriege. Gevatterbriefe, und Hochzeitbriefe, das ist mein Werk, die kann ich schreiben, trotz zehen andern! Ich schicke Ihnen von beyden eine Probe mit, die sich gewaschen hat. Wenn Sie mir den Dienst geben, gnädigster Herr Lieutenant, so schenke ich Ihnen den besten Lockfinken, den ich habe. Der junge Herr soll meinen Staar kriegen, das ist ein Staar! Er kann Ew. Gnaden in dreyerley Sprachen einen Hahnrey heißen, und hat mehr gelernt, als mancher Magister. Lassen Sie mir durch ihren Pachter antworten, gnädiger Herr. Er darf mir nur den Brief mit dem Drescher überschicken. Ich halte mich mit meiner Frau itzt, weil ich keinen Dienst habe, haußen in der Kneipschenke am Anger auf. Und hiermit Gott befohlen. Der ich allstets verharre, Gnädiger Herr Lieutenant,         Ew. Excellenz, allerunterthänigst, treugehorsamst pflichtschuldigster —   —   —   — N. S. Meine Frau meinte, ob ich nicht, wenn ich das Schuldienst kriegte, von Ew. Gnaden den Titel als Cantor bekommen könnte? Da bey allen Aemtern die Titulaturen steigen, so möchte ich auch nicht gern zurück bleiben. Es wird sich wohl geben.   A. Formular zu einem Gevatterbriefe, a 8 gl. – T.   T. Nachdem es dem großen Gott gefallen hat, meine liebe Hausfrau in Gnaden zu entbinden, und uns beyderseits Aeltern mit einem jungen Töchterlein zu erfreuen, und aber uns, als christlichen Aeltern, obliegen will, dieses Kindlein dem Herrn vorzutragen, und hierzu christliche Taufzeugen zu erbitten, worzu wir Ew. \&c. vorlängst in unser Herz eingeschlossen haben: Als ergeht an meinen Hochzuehrenden Herrn, und zukünftig werthgeschätzten Herrn Gevatter, mein dienstfreundliches Suchen und Bitten, Dieselben wollen Sich gefallen lassen, morgen des Nachmittags um drey Uhr, wird seyn der siebente May, sich allhier einzufinden, dieses christliche Werk zu verrichten, und sodann in unsrer Behausung mit Speis und Trank, so viel Gott beschert hat, großgünstig vorlieb zu nehmen. Dafür werde ich seyn T.   T. Meines Hochzuehrenden Herrns, und zukünftigen werthgeschätzten Herrn Gevatters,               dienstwilligster \&c. \&c.   B. Detto ein Formular, noch etwas feiner; kostet einen Gulden Trankgeld für den Schulmeister. Hochedler, Vest, und Hochgelahrter, Insonders Großgünstiger, Hochzuehrender                 Herr Gevatter,                         Vornehmer Freund, Denenselben kann aus erfreutem Gemüthe nicht verhalten, welchergestalt der allgewaltige Gott meine Eheliebste ihrer bisher getragenen weiblichen Bürde heute Morgens um acht Uhr in Gnaden entbunden, und uns beyderseits mit einem wohlgestalten jungen Söhnlein verehret. Wenn denn solches unser Kindlein, gleich andern Menschen, in Sünden empfangen und gebohren, und dahero uns Aeltern obliegen will, solches zur heiligen Taufe befördern zu lassen, dazu aber christliche Mittelspersonen, und Taufzeugen erfodert werden, und zu unserm hochzuehrenden Herrn Gevatter das Vertrauen haben, daß Dieselben nebenst andern dieses christliche Werk auf sich nehmen werden; Als ergehet an Dieselben mein und meiner Eheliebsten dienst und ehrenfreundliches Bitten, Sie wollen von Ihren vornehmen Geschäfften sich so viel abmüßigen, sonder Beschwerde morgendes Tages, gönnets Gott, gegen drey Uhr in der Kirche allhier zu erscheinen, obgedachtes unser Kindlein in der Taufe vortragen zu helfen, darauf mit Ihrer Frau Eheliebste in meiner Behausung einzusprechen, und mit den Tractementen, so der liebe Gott an Speise und Trank bescheren wird, vorlieb und willen zu nehmen. Solches, wie es denenselben zu Ehren, mir und meiner Eheliebsten aber zu sonderbarem Gefallen, und unserm Kindlein zur zeitlichen und ewigen Wohlfahrt gereicht; also sind wir es andere Wege zu verdienen, und zu verschulden geflissen, unter göttlicher Obhut verbleibende, Hochedler, Vest und Hochgelahrter         Herr, Meines Hochzuehrenden Herrn Gevatters, dienstwilliger N. N.           C. Formular zu einem Hochzeitbriefe . Hochedler, Vest und Hochgelahrter, Insonders großgünstig Hochgeehrter Herr,         Vornehmer Freund, Denenselben gebe ich hiermit zu vernehmen, welchergestalt auf vorher abgeschicktes Gebet, und daraus erfolgte göttliche Fügung, auch mit Genehmhaltung und Einwilligung beyderseits Aeltern, ich mich unlängst mit Jungfer N. N. Herrn N. N. allhier eheleiblichen jüngsten Tochter in ein beständiges Ehegelöbniß eingelassen, und solches auf den funfzehenten innstehenden Monats vermittelst priesterlicher Copulation zu vollziehen entschlossen. Wenn denn dabey meinen Hochgeehrten Herrn nebst deren Eheliebste auch gerne sehen und haben möchte; als ergeht an Dieselben mein dienst- und ehrenfreundlich Bitten, Sie wollen belieben, Sich so viel von ihren obhabenden vornehmen Verrichtungen dießmal zu entbrechen, bemeldten Tages in meiner Behausung allhier einzufinden, der priesterlichen Trauung beyzuwohnen, und Gott um eine gedeyliche Ehe anzurufen, und sodann nach beschehenen solchen Actu das der Zeit und Gelegenheit nach angestellte Hochzeitmal zu genießen, und vollenden zu helfen. Wie nun solches zu förderst dem Stifter des heiligen Ehestandes zu Ehren, mir und meiner Verlobten, und beyderseits Anverwandten zu sonderbarem Gefallen und Freundschaft gereicht: also bin ich sothane hohe Ehrenerweisung in dergleichen, und andern Begebenheiten zu verdienen ohnvergeßlich, maaßen unter Gottes Schutz und Obhand verharre, Hochedler, Vest und Hochgelahrter, Meines großgünstig Hochgeehrten Herrn, allezeit Dienstwilliger N. N.           »Damit ich meine Briefe auch für diejenige Art der Gelehrten brauchbar mache, welche ganz anders denken und anders reden, als Vernünftige denken und reden, so will ich nachstehenden Brief einrücken. Man gebe mir nur nicht Schuld, daß die Sache übertrieben sey. Findet man nicht allemal aphthonianische Chrien, und ist auch nicht allemal auf dem Rande beygesetzt, wie der Gedanke im Griechischen oder Lateinischen heißt, den man vorbringt; so findet man doch das Wesentliche dieser Pedanterey sehr oft. Man mache mit einem jeden Briefe, den ein Pedant mit Fleiß, und, nach seiner Art, mit Ueberlegung schreibt, die Probe, und zergliedere ihn nach den Regeln der Schulkunst, so wird man das Steife, und das Schematische auch alsdann finden, wenn sich schon der Verfasser die Gewalt angethan hat, weder Sentenzen seiner Alten, die er Weisheit nennt, noch todte Sprachen, die seine Gelehrsamkeit ausmachen, darunter zu mischen. Ich bin von dieser Wahrheit so überzeugt, daß ich mir gewiß zu behaupten getraue, mein Brief würde bey dieser Art Schriftstellern großen Beyfall gefunden haben, wenn ich ihn nicht durch diesen Vorbericht verdächtig gemacht hätte.« CHRIA APHTHONIANA. Wird um eine Rectoratstelle in einem kleinen Städtchen gebeten. Hochedelgebohrne Frau, Hochzuehrende Frau Bürgermeisterinn, Laus auctoris et di- ctum Sokrates , die Zierde Griechenlands, der Phönix seiner Zeit, der Weise, welcher unter den andern Weisen hervor leuchtete, gleichsam als der Mond unter den kleinen Feuern, tanquam inter ignes luna minores . Sokrates, sage ich, den, Hochedelgebohrne Frau, Xantippe Selbst nicht von seiner philosophischen Höhe herunter zanken konnte; dieser hat sehr wohl und gelehrt gesagt apud Xenophontem memor. Lib. IV. c. I. Αι αρισται δοκουσαι ειναι φυσεις, μαλιστα παιδειας δεονται, zu deutsch also lautend: Drum glaubet mir zu dieser Frist, Daß die Natur, so schön sie ist, Dennoch den Unterricht vermißt. Para- phrasis. Er wollte damit gleichsam andeuten, daß die vortrefflichsten Gemüther der Jugend die meiste Zucht nöthig hätten, oder, wie es nach dem eigentlichen Verstande unsers Grundtextes lauten möchte, daß sie mehr als andre der vernünftigen Anweisung eines gelehrten Schulmannes bedürften, und zwar schlechterdings und unumgänglich bedürften, wie das Wörtlein δεονται solches klärer, als die Mittagssonne, anzeigt. Causa. Denn wie nothwendig ist es nicht, Hochzuehrende Frau Bürgermeisterinn, daß man der Natur zu Hülfe komme, welche nur den rohen Stoff zu großen Geistern schafft, und das übrige der sorgfältigen Ausbildung der Schulleute überläßt? Contra- rium. Unrecht, ja dreymal und viermal unrecht thun diejenigen, welche diese Vorsorge verabsäumen, und, da sie der Himmel in ein Amt, quasi in speculam gesetzt hat, darauf zu sehn, daß das Beste einer Stadt, und des gemeinen Wesens überhaupt, befördert werde, dennoch die Sorge für die Schulen verabsäumen, und die Sache nicht für so wichtig halten, allen Stein zu bewegen, damit sie fleißige und geschickte Lehrer dahin setzen, und diesen die Unterweisung der Jugend anvertrauen möchten, die diese Unterweisung desto nöthiger hat, je hoffnungsvoller sie ist, καὶ μαλιστα παιδειας δεονται, zu reden aus dem Sokrates , und dessen obangeführten Worten. Parabo- la. Pferde von der besten Art müssen am meisten durchgearbeitet werden. Sie machen es bey dem edlen Feuer ihren Herren oft am schwersten; aber desto nöthiger ist es, sie sorgfältig zuzureiten. Ein träges unedles Pferd braucht diese Bemühung nicht; aber es ist auch nur für den Pflug geboren. Exem- plum. Wer war größer, als Dionysius , der zweyte, da er noch Tyrann, und das Schrecken von Sicilien war? Das widrige Glück konnte ihm den Thron nehmen, aber niemals die Begierde der Welt zu nutzen. So groß er gewesen war, so wenig schämte er sich doch, die griechische Jugend zu lehren, und mit der Hand, womit er ganze Länder zerstört hatte, mit eben der Hand suchte er die Kinder der Corinther zur Weisheit zu führen. Testi- moni- um. Wie unglücklich diejenigen sind, so die Zucht ihrer Kinder verabsäumen, das beweisen die traurigen Folgen, welche zuerst ihre eignen Familien empfinden, und welche nach diesen das ganze gemeine Wesen treffen. Diese unglücklichen Aeltern möchten sich wohl lassen vom Homer zurufen: Αιθ' οφελον, αγαμος τ' εμεναι, αγονοσ τ' απολεσθαι. Epilo- gus. Sie sehn hieraus deutlich, Hochedelgebohrne Frau, wie nöthig es ist, daß E. E. Wohlw. Rath dieser Stadt das erledigte Schulrectorat ungesäumt besetze, und mit einem Manne besetze, dessen Standhaftigkeit, dessen Fleiß, dessen Treue, dessen Ansehn, dessen Gelehrsamkeit, dessen weise Einsicht in die grossen Wahrheiten, die uns Sokrates und Homer hinterlassen haben, dessen – – Jedoch, ich sage nichts weiter, Sie werden mich verstehn. Ich habe mich mit meinem Suchen an Sie gewandt, da ich weis, daß ihr theurer Ehegemahl in diesem Jahre unter Ihren auspiciis an der Regierung ist. Erlange ich das Vergnügen, daß Sie mit Ihren vielgeltenden, und erleuchteten Füssen in meine Meinung herabsteigen; so bin ich glücklich, und ich weis gewiß, daß sodann der ganze Ehrenveste Rath hinter drein steigt, \& manibus pedibusque in Tuam descendit sententiam. Ich verharre in dieser grossen Hoffnung ad extremum usque vitæ halitum, Hochedelgebohrne Frau, Hochzuehrende Frau Bürgermeisterinn,                 Ew. Hochedelgeb. gehorsamst ergebenster, und eh- rendienstwilligster N. N.           »Es ist beynahe keine Handlung und Beschäfftigung in der Welt, welche man nicht in gewisse Regeln gebracht, mit Grundsätzen befestiget, und mit Exempeln erläutert hat. Wir haben eine Kunst zu lieben, eine Kunst zu trinken, eine Kunst zu regieren, eine Kunst zu leben. Mit solchen Kleinigkeiten beschäfftigt sich unser spielender Witz, wichtigere Sachen verabsäumen wir. Sind wohl alle diese Künste dem Menschen so nöthig, als ihm die Kunst zu bestechen ist? Ich schäme mich, daß ich der erste seyn muß, der meinen Landsleuten die Augen öffnet, meinen Landsleuten, die so oft mit einem patriotischen Stolze die Glückseligkeit ihrer aufgeklärten und erleuchteten Zeiten rühmen. Ich will es thun, wenigstens will ich einen Versuch davon liefern. Es ist mir vielmals ganz unbegreiflich gewesen, durch welches Schicksal ich zu dem Amte verstossen worden bin, das ich führe Dieser Brief ward im Jahre 1752 geschrieben. ; nunmehr glaube ich, es einzusehen. Die Kunst zu bestechen habe ich meine Landsleute lehren sollen; dazu war mir mein Amt nöthig. Ich will diesem deutlichen Berufe folgen. Man wird meiner Lehre glauben können, da ich mit Ueberzeugung lehre. Der zärtliche Ovid lehrte die Kunst zu lieben; der feurige Horaz die Kunst zu dichten; und ich, berechtiget durch mein Amt, ich lehre die Kunst zu bestechen. »Es wird nicht leicht jemand zu finden seyn, der in seinem Leben nicht wenigstens einmal, es sey nun als Kläger, oder als Beklagter, in die traurige Nothwendigkeit wäre gebracht worden, daß er einen Theil seines Glücks, oder wohl gar sein ganzes Glück der zufälligen Einsicht des Richters, und den von dessen Willkühr abhangenden Gesetzen Preis geben müssen So oft ich in dieser Abhandlung eines Richters erwähne, so oft nehme ich dieses in dem allgemeinsten Verstande und begreife darunter alle diejenigen, denen Amts- oder Commißionswegen, oder auf andere Art die Entscheidung, oder auch nur die Untersuchung einer Sache aufgetragen ist. . Und was ist hierbey wohl nöthiger, als die Kunst zu bestechen? Will er sich auf seine gerechte Sache verlassen, das ist ein leerer Name, ein Wort ohne Bestimmung. Wer soll entscheiden, ob seine Sache gerecht ist; da man noch in den wenigsten Richterstuben einig ist, was Gerechtigkeit sey? Soll man diese Entscheidung aus den Gesetzen nehmen? Aber müssen die Gesetze nicht so wollen, wie der Richter will? Oder ist der Richter etwan wegen der Gesetze da? Vielleicht; aber selten. »Ist es wohl sicher, sich aufs die Erfahrung und billige Einsicht des Richters zu verlassen? Wer leistet uns die Gewähr, daß der Richter erfahren, und billig, und einsehend sey? Es ist möglich, daß er es seyn kann; doch Sachen, die möglich sind, machen noch keine Wahrscheinlichkeit aus; und was dann und wann geschieht, das kann keine allgemeine Regel werden. Richterstuben werden besetzt, wie andre Aemter; wollen wir von ihnen mehr verlangen, als von andern Aemtern? Oftmals, und nur gar zu oft nimmt der Richter zwey Drittheile von der gerechten Sache für sich; in das übrige Drittheil theilen sich seine Schreiber, die Advocaten, und die Parteyen. Was hilft mir bey dieser Plünderung die augenscheinlichste Gerechtigkeit, die auf meiner Seite ist? Wie glücklich bin ich, wie viel gewinne ich nicht, wenn ich die hohe Kunst verstehe, einem eigennützigen und unwissenden Richter auf eine anständige Art, und mit gutem Nachdrucke begreiflich zu machen, daß meine Sache gerechter ist, als die Sache meines Gegenparts, oder, im Kanzleystyl zu reden, wenn ich weis, meinen Richter zu bestechen? »Das ist alles Pedanterey, was der unnütze Fleiß müssiger Rechtsgelehrten von der Erklärung der Gesetze geschrieben hat. Für wen schreiben sie dieses? Für die Richter? Viele von ihnen lesen nicht einmal die Gesetze, wie sollen sie Geduld genug haben, die trocknen Erklärungen zu lesen. Für die Advocaten? Den wenigsten unter ihnen ist daran etwas gelegen, daß die Gesetze deutlich sind. Für die Parteyen? Was hilft es den Parteyen, Erklärungen zu wissen, die dem Richter zu ekelhaft, und den Advocaten in ihrer Nahrung so nachtheilig sind? Die sicherste, die beste, die vortheilhafteste Art, den wahren und eigentlichen Sinn der Gesetze seinem Richter deutlich zu machen, ist die Kunst, ihn zu bestechen. »Ein Richter wird noch immer, wenigstens um die Formalien seines Amts zu beobachten, unparteyisch, und gewissenhaft thun. Ist er noch nicht gar zu lange Richter, oder ist er sonst von einer gemeinen und schlechten Erziehung, so wird er von Zeit zu Zeit etwas fühlen, das ihm sagt, es sey unbillig, parteyisch zu seyn. Dieses Etwas nennt der Pöbel Gewissen, und es ist vielmal für einen Theil der Parteyen von schlimmen Folgen. Durch die Kunst zu bestechen erleichtern wir unserm Richter diese Unbequemlichkeit des Gewissens. »Ich verlange aber schlechterdings, daß man solches als eine Kunst ansehe, und sehr vorsichtig dabey verfahre. Man muß die Geschicklichkeit besitzen, die Gemüther der Menschen, und, in gegenwärtigem Falle, die Leidenschaften eines Richters zu erforschen. Kein Umstand in seiner Verwandtschaft, in seinem Hause, ist zu klein, den man nicht sorgfältig bemerken und sich zu Nutze machen müßte. Der Angriff muß von der Seite geschehen, wo der Richter uns die Blösse giebt, sonst wird er sich vertheidigen, und der Gegner wird sich unsere Unvorsichtigkeit zu Nutze machen. »Wie die Arten der Bestechung sehr verschieden sind, so ist die erste Regel diese: Man muß sich durchaus nicht merken lassen, daß man bestechen will. »Einmal ist der Satz richtig und ausgemacht; ein jeder will für einen ehrlichen Mann gelten, der sich ausserdem sehr viele Mühe giebt, es nicht zu seyn. So niederträchtig unser Richter ist, so hungrig er ist, sich bestechen zu lassen; so sehr werden wir ihn beleidigen, wenn wir ihm merken lassen, daß wir die Absicht haben, ihn zu bestechen. Er muß sich schämen, nicht vor sich, sondern vor uns; er wird den Namen eines unparteyischen Richters behaupten, er wird seiner Natur Gewalt anthun, gerecht zu seyn, um uns das nachtheilige Vorurtheil zu benehmen, daß er das sey, was er ist. Er muß befürchten, daß wir die Einsicht seines Fehlers misbrauchen, und entweder den Werth der Gefälligkeit nicht erkennen, die er uns durch seine Nachsicht bezeigt, oder ihm gar seinen Fehler öffentlich vorrücken, wenn wir etwan eine andere Gelegenheit finden sollten, mit ihm unzufrieden zu seyn. Diese ungewöhnliche Gerechtigkeit wird ihm sodann desto leichter ankommen, je gewisser ein aufmerksamer Gegner sich unsre Dummheit zu Nutze macht, und den beleidigten Richter dadurch auf seine Seite bringt, daß er ihn, wegen seiner uns erzeigten strengen Gerechtigkeit, auf eine anständigere und bindigere Art schadlos hält. »Ich habe bey einer andern Gelegenheit bezeugt, wie sehr ich wünschte, daß meine Landsleute sich gewöhnen möchten, so zu schreiben, wie sie denken. Gegenwärtigen Fall nehme ich aus. Wo die Frage entsteht, ob ich mein Vermögen verlieren, oder der Wahrheit Eintrag thun will? da ist die Wahl leicht. Bey einem Richter, welcher die Ehrliebe dergestalt in seiner Gewalt hat, daß er damit machen kann, was er will; bey diesem würde es sehr unvorsichtig seyn, durch die Wahrheit seine Ehrbegierde zu reizen. Dadurch, daß ich diesen Fall ausnehme, widerspreche ich meinem Satze gar nicht. Eine andere Sprache ist diejenige, die ich in Gesellschaften, und im gemeinen Leben rede, da kann ich, da soll ich die Wahrheit sagen; eine ganz andere Sprache aber ist der stylus curiae, da muß ich dem Herkommen gemäß reden, oder, welches einerley ist, ich muß den Richter zu eben der Zeit, da ich ihm zeige, daß er ein Schelm ist, versichern, daß ich ihn für einen unparteyischen, für den billigsten Mann halte. »Damit ich dasjenige deutlicher mache, was ich hier gesagt habe, so will ich ein paar Briefe einrücken, wo man dem Richter sagt, daß man ihn bestechen will. Ein jeder setze sich an die Stelle des Richters, und prüfe sich, was er in diesem Falle werde gethan haben.« Mein Herr, Ich will es Ihnen aufrichtig gestehen: Die Klage, die mein ehmaliger Mündel wider mich erhoben hat, ist leider gegründet genug. Ich habe einen ziemlichen Theil seines Vermögens theils verwahrloset, theils an mich gebracht. Vielleicht wäre ich wenigstens vorsichtiger gewesen, wenn ich nicht die Absicht gehabt hätte, meine Tochter an ihn zu verheirathen. Dieses würde meine Sache, und meine Rechnungen, gerechtfertigt haben. Mein Fehler ist es nicht, daß sich diese Ehe zerschlagen hat. Inzwischen bin ich unglücklich, daß ich über eine Sache angegriffen werde, da ich mich nicht vertheidigen kann. Es würde mir dieser Zufall noch empfindlicher seyn, wenn ich mit einem Richter zu thun hätte, der zu gewissenhaft wäre, sich bestechen zu lassen. Ich freue mich unendlich, mein Herr, daß Sie es nicht sind. Sie haben den Ruhm in der ganzen Stadt vor sich, daß Sie zuerst auf Ihren Vortheil, und hernach auf Ihrer Clienten Sache sehen. Sie werden mir nicht ungütig nehmen, daß ich hier eine Sache gegen Sie erwähne, die Sie, meines Wissens, niemals heimlich gehalten haben. In der That ist es auch für Sie kein Fehler. Und wäre es ja ein Fehler, so würde die Schuld auf diejenigen fallen, welche Sie in dieses Amt gesetzt, da Sie ihnen nicht haben unbekannt seyn können. Mit einem Worte, es ist hier etwas zu verdienen. Mein Advocat, ein Mann, welcher wohl verdiente, Ihr Nachfolger zu seyn, ist überzeugt, daß ich eine ungerechte Sache habe, und dennoch getraut er sich durch Deren gütige Vermittelung den Proceß wenigstens zwölf Jahre aufzuhalten, wenn ich tausend Thaler Gebühren dran wagen wollte. Dieser Vorschlag scheint mir, unter uns gesprochen, etwas eigennützig zu seyn. Ich habe es anders ausgerechnet. Von diesen tausend Thalern würden ungefähr dreyhundert Thaler an Sie, als Richter, kommen; Sie sollen aber fünfhundert davon haben. Zweyhundert sende ich Ihnen hiermit auf Abschlag, die übrigen dreyhundert bekommen Sie sofort, wenn ich den Proceß ohne Weitläuftigkeit gewonnen habe. Ich rede mit einem Manne von Erfahrung; es wird mir also nicht schwer, Ihnen die Billigkeit meines Suchens verständlich zu machen. Nehmen Sie es immer ohne Bedenken an. Sie, mein Herr, können an Ihrem ehrlichen Namen nichts weiter verlieren; ich aber kann einen Proceß dadurch gewinnen. Ich verlasse mich auf Ihre billige Einsicht, und bin, Mein Herr, Ihr Diener. Hochgeehrter Herr Commissar. Es ist weiter nichts, als eine Zunöthigung von meinen Unterthanen, welche sich durch den Eigennutz eines ungewissenhaften Advocaten haben aufwiegeln lassen. Die Sache ist in der That durch die Länge der Zeit, und die Bosheit meiner Gegner sehr verworren. Ich bin erschrocken, da ich gehört habe, daß die Commißion an Sie ausgebracht worden ist, wie ich weis, daß Sie sich vielleicht zu allem, nur zu keinem Commissar schicken. Man hat mir von Ihrer Ungeschicklichkeit und Unwissenheit so viel besondre Umstände erzählt, daß ich untröstbar seyn würde, wenn man mich nicht zugleich versichert hätte, daß man Sie mit einer Bouteille Wein, und einer Hand voll Ducaten zu allem vermögen könnte, was man verlangt. Ich bediene mich dieses Mittels desto lieber, da ich es nicht misbrauche, sondern Ihnen nur die Billigkeit meiner Sache deutlich zu machen suche, welche Sie ausserdem so wenig verstehn. Ich erwarte Sie auf den Sonntag bey mir; meine Pferde sollen Sie abholen. Wir wollen uns miteinander satt trinken, und die Sache dabey überlegen. Damit Sie sehen, wie erkenntlich ich seyn will; so mache ich hier einen Anfang mit einem Duzend Ducaten. Es soll nicht das letzte seyn, so Sie von mir bekommen, und für Ihre Küche will ich sorgen, so lange die Jagd währt. Sie, mein Herr, denke ich doch wohl noch satt zu machen. Ich erwarte Sie also gewiß, und hoffe sodann gegen die Gebühr einen beyfälligen Bericht von Ihnen zu erhandeln, bin im übrigen, Mein Herr, Ihr Diener. Hochzuehrender Herr Kammerrath, Ich habe gehört, daß Ihnen mein Kläger heute früh ein Fäßchen Austern geschickt hat. Der dumme Teufel! Er weis noch nicht recht zu leben, wenigstens verstehe ich die Praxin besser, als er. Austern ohne Wein sind ein ungesundes Essen. Ich habe die Ehre, Ihnen mit einem Feuillet Burgunder aufzuwarten, welchen der Ueberbringer dieses bey Ihnen abzuladen Befehl hat. Ich hoffe, Sie werden nunmehr nicht einen Augenblick mehr zweifeln, daß meine Sache die gerechteste sey; und ich glaube, daß es heute nur Ihr Scherz gewesen, da Sie bey der Ankunft der Austern gegen meinen Advocaten gedachten, daß Kläger wirklich viel vor sich habe. Sollten Sie wider Vermuthen bey der Sache noch einigen Zweifel finden; so steht beym Austrage derselben noch ein Korb Champagner zu Diensten. Ich thue alles, was möglich ist, Ihnen die Augen zu öffnen. Fällt es Ihnen etwas schwer, den Abschied zu machen, so trinken Sie nur ein paar Bouteillen von meinem Weine. Ich stehe Ihnen dafür, rationes decidendi werden sich sodann von sich selbst geben. Unter Erwartung, daß der Burgunder seine gute Wirkung thun werde, verharre ich mit aller Hochachtung, Hochzuehrender Herr Kammerrath,                           Dero ergebenster Diener. Gnädige Frau Amtmannin, Der Teufel ist wieder einmal mit euerm Herrn gar los. Das bischen Dahlen wird doch den Hals nicht kosten sollen! Das Mensch sieht gut aus, es ist wahr, und ich traf sie auf der Panse allein an; und da habe ich nun so etwan mit ihr geschäkert. Gewiß, Frau Amtmannin, weiter habe ich nichts gethan, oder doch nicht viel mehr. Darüber hätte meine Frau nicht sollen ein solches Lärmen machen. Ich kann ja nichts dafür, daß sie häßlicher aussieht. Eine runde derbe Magd ist mir freylich lieber. Wir Bauern, wir haben Fleisch und Blut eben so gut, wie vornehme Leute. Und wenn man über so ein bischen Ehebrechen den Kopf verlieren soll, so möchte ich wissen, wie unser gnädiger Herr Amtmann seinen Kopf so lange durchgebracht hat. Mit einem Worte, Frau Amtmannin, ich sehe die Karte wohl. Mein Gütchen sticht euerm Herrn in die Augen. Wißt ihr was? ganz kriegt ers so nicht; ich will was übriges thun, es soll mir nicht darauf ankommen. Schelme muß man schmieren. Diese Wiese hinter euerm Vorwerke hat der Herr Amtmann schon lange gern von mir haben wollen. Ich will sie ihm geben; sie ist unter Brüdern zwey hundert Thaler werth. Ich will thun, als wenn ich sie ihm verkaufte. Da bleibt alles hübsch in seiner Ordnung. Aber darnach muß er mir auch das arme Mensch aus dem Gefängnisse lassen davon springen. Ich will sie schon wegbringen, daß sie nimmermehr wieder ins Amt kommen soll. Ueberlegt es immer, gnädige Frau Amtmannin, ich dächte nun so, es wäre ein Vorschlag zur Güte. Auf diese Art kriegt ihr die Wiese, und die Unkosten; und wenn ich zum Schwure käme, sagte mein Advocat, so kriegtet ihr nichts. Lest euch aus, was ihr wollt. Ich nähme die Wiese, wenn ich an eurer Stelle wäre. Gestern habe ich geschlachtet, da schicke ich euch ein halbes Rind, das mag ein gutes Wort für mich einlegen. Kurz und gut, Gnädige Frau Amtmannin, befehlt euerm Herrn, daß er mich ungeschoren läßt. Er mag immer einmal durch die Finger sehen; er hat es ja beym Schulzen auch gethan. Lebt wohl, Frau Amtmannin. An die Panse will ich gedenken. Seht immer, wie ihr mir dasmal raus helft. Braucht eure Tochter etwan einen Stein Flachs? Wie gesagt, lebt wohl. Ich bin, Gnädige Frau Amtmannin, Euer Hanns. »Ich will meine Leser nicht fragen, was sie in dem Falle thun würden, wenn sie an des Richters Stelle wären, und dergleichen Briefe erhielten, wie diejenigen sind, die ich hier angeführet habe. Ich wenigstens würde mich sehr leicht entschließen, und wenn ich einen noch so starken Trieb empfände, mich bestechen zu lassen, so würde ich mir bey einem dergleichen unvorsichtigen Antrage doch Gewalt anthun, und Wiese, und Wein, und Geld, mit einer gerechtigkeitliebenden, und unparteyischen Miene verachten, um meinen guten Namen zu retten, und bey einer bessern Gelegenheit noch einmal so viel zu verdienen. Ein vernünftiger Client, er habe nun eine gerechte oder ungerechte Sache, wird weit behutsamer gehn, und seinen Zweck auch weit eher erlangen. Die Leidenschaften der Richter sind wie die Leidenschaften andrer Menschen. Den Beyfall eines dummen Mäcenaten werde ich mir nicht leichter erwerben, als wenn ich von der Bewunderung rede, zu der sein Verstand alle Welt zwingt. Keine Verführungen sind dem Frauenzimmer gefährlicher, als wenn man ihnen von dem Werthe ihrer Tugenden, von ihrer edlen Grausamkeit, und von unsern unsträflichen und ehrliebenden Absichten vorprediget. Ein eigennütziger, und parteyischer Richter nimmt unser Lob mit offnem Munde an, wenn wir ihm mit der Hochachtung schmeicheln, die eine vorgegebene Billigkeit und Unparteylichkeit verdienen. Er fühlt es zwar, daß wir nicht wahr reden; unsre Unwahrheit aber thut ihm so wohl, daß er sich Mühe giebt, zu glauben, es sey unser Ernst, daß er sich nach und nach selbst zu bereden sucht, er sey wirklich der billige, und unparteyische Mann, von dem wir reden. Er sinnt bey sich auf eine Entschuldigung, wie er das Verfahren rechtfertigen könne, wenn er unser Geschenk annehmen wollte. Er sieht, daß es weniger verdächtig seyn würde, wenn unsre Sache gerecht wäre; er giebt sich also Mühe, unsre Sache gerecht zu finden. Er wendet sie so lange von einer Seite zur andern, bis er eine gute Seite findet; an diese hält er sich. Er entschuldiget die verdächtige Seite, er bearbeitet sich endlich, zu glauben, daß unsre ganze Sache gerecht sey, und erfreut sich über diese Entdeckung. Nunmehr macht er sich ein Gewissen daraus, unsre gerechte Sache unvertheidiget zu lassen. Seine theure Amtspflicht ist nun die vornehmste Triebfeder, die ihn nöthigt, sich unsrer anzunehmen; die Geschenke aber sind ein ganz kleiner Nebenumstand, den er aus lauter Begierde zur Gerechtigkeit schon anfängt zu vergessen. Wenigstens sieht er es nur als eine kleine Erkenntlichkeit an, die wir seiner Unparteylichkeit schuldig sind, und die er ohne Bedenken annehmen kann, weil unsre Sache allein die gerechte Sache ist. Wie viel haben wir gewonnen, wenn wir unsern Richter so weit bringen können, daß er sich Mühe giebt, sich selbst zu betrügen; daß er vergißt, er sey bestochen: Wie nachdrücklich wird er uns unterstützen, wenn er uns mit einer innerlichen Ueberzeugung unterstützt! Würden wir diesen grossen Endzweck wohl erlangt haben, wenn wir ihn nicht kunstmäßig bestochen hätten? »Damit es meinen Lesern bey dieser so unentbehrlichen Wissenschaft nicht an Exempeln fehle, so will ich deren ein paar hier einrücken. Es wird sie ein Jedweder nach seinen Umständen einzurichten, und zu verändern wissen.«   Mein Herr, Ich empfinde das Unglück, welches alle redliche Vormünder empfinden, wenn sie undankbare Mündel heran gezogen haben. Ich habe mir wegen meines jungen Vetters weder eine Unachtsamkeit, noch einige Untreue vorzuwerfen; ich habe sein Vermögen redlich, wenigstens so gut, als das meine, besorgt. Desto mehr muß es mich kränken, da ich erfahre, daß dieser junge unbesonnene Mensch bey Ihren Gerichten Klage wider mich erhoben hat. Durch einen Zufall, den ich nicht habe vermeiden können, sind ein grosser Theil meiner Privatrechnungen verlohren gegangen, durch welche ich meine Unschuld darthun, und den muthwilligen Zunöthigungen meines Mündels vorbeugen könnte. Es würde mich dieses unruhig machen, wenn ich mit einem andern Richter zu thun hätte, als mit Ihnen, mein Herr. Wie glücklich bin ich, da ich weis, daß mein guter Name, meine zeitliche Ruhe, von der weisen Einsicht eines Mannes abhänget, welcher sich seit vielen Jahren den Ruhm verdienet hat, daß er der gerechteste Mann sey! Sie wissen es, mein Herr, und Sie haben die traurigste Erfahrung selbst gehabt, wie empfindlich es einem rechtschaffenen Vormunde sey, dergleichen undankbare Vorwürfe von der ausschweifenden Jugend anzuhören. Erinnern Sie Sich einmal dieser Erfahrung und haben Sie Mitleid mit mir. Eine nachdrückliche Zuredung von Ihnen wird diesen jungen Menschen, der von Natur nicht boshaft, sondern nur verführt ist, gar leicht wieder in Ordnung bringen. Sein Advocat wird sich seines Unternehmens schämen müssen, wenn er aus Ihren Vorstellungen sieht, daß Sie, mein Herr, sein Beginnen verabscheuen. Sie werden mich hierdurch mit einemmale aus einer Unruhe reissen, welche mich viele Jahre hindurch beängstigen, und mir viel Unkosten verursachen könnte. Viele hundert Thaler würden kaum zureichend seyn, mich eines Anspruchs zu entschütten, welcher mir durch den Verlust meiner Rechnungen sehr gefährlich wird. Es ist nichts billiger, als daß ich Ihnen eine kleine Versicherung meiner Erkenntlichkeit gebe. Da ich durch Ihre gütige und vielvermögende Vermittelung so viel hundert Thaler ersparen kann, so sind beyliegende zweyhundert Thaler nur ein geringer Anfang derjenigen Schuld, die ich abzutragen mir vorgenommen habe. Ich beschwöre Sie bey Ihrer Amtspflicht, bey Ihrer Begierde, unrechtleidenden Personen beyzuspringen, bey dem Ruhme, den Sie sich bey aller Welt erworben haben, daß Sie ein Feind aller ungerechten Bedrängungen und kostbaren Rechtshändel sind, bey der Hochachtung, die ich und die ganze Stadt für Sie hege, beschwöre ich Sie, betrüben Sie mich dadurch nicht, daß Sie dieser meiner guten Absicht eine unrechte Deutung geben. Sehen Sie diese Kleinigkeiten nicht als etwas an, das mir gehört; sehn Sie es vielmehr als einen Theil desjenigen an, was Sie durch Ihre Bemühung den Klauen meines ungerechten Gegners entreissen. Dieser unbillige Mensch würde mir es mit Gewalt abgepreßt haben. Muß ich mich also nicht freuen, wenn ich es in den Händen eines rechtschaffenen Mannes wissen kann, welcher es nur anwendet, das Armuth zu unterstützen, und unrechtleidenden Personen beyzuspringen? Nehmen Sie es zu diesem großen Endzwecke an; glauben Sie, daß niemand so begierig ist, erkenntlich zu seyn, als ich es bin; retten Sie mich aus den Händen eines eigennützigen Gegners, und ersparen Sie einem jungen unbesonnenen Menschen die Schande der Undankbarkeit. Hemmen Sie diesen Rechtshandel, oder zum mindesten helfen Sie mir ohne Weitläuftigkeit zu dem Rechte, das ich habe, und doch schwer beweisen kann. Von einem so erfahrnen, gelehrten, und rechtschaffnen Manne, als Sie sind, mein Herr, ist dieses noch das wenigste, was ich erwarten kann. Von mir erwarten Sie Hochachtung und Dankbarkeit, so lange ich lebe. Ich bin, Mein Herr \&c. Der Ihrige. Hochgeehrtester Herr Commissar, Meine unruhigen Bauern haben wenig gewonnen, daß sie die Untersuchung an Sie ausgebracht haben. Meine Sache hätte in keine glücklichern Hände, als in die Ihrigen, fallen können, da Sie ein Mann sind, der Einsicht, Erfahrung und Billigkeit hat. Verzeihen Sie mir ein Lob, das ich Ihnen nicht unter die Augen sagen sollte, da ich Ihre Bescheidenheit kenne. Es ist das erstemal, daß ich die Ehre habe, an Sie zu schreiben, und es liegt mir daran, daß Sie wissen, wie genau ich Sie dem ungeachtet kenne. In der That sage ich nichts weiter, als was mich Ihre Obern von Ihnen weit umständlicher, und noch weit rühmlicher versichert haben. Darf ich es wohl gestehen, daß ich hohen Orts selbst Anlaß gegeben habe, Sie zum Commissar in dieser Sache zu erbitten? Vielleicht ist Ihnen die Arbeit sehr beschwerlich; aber entschuldigen Sie immer meine Freyheit. Rechtschaffne, und geschickte Männer, wie Sie sind, sucht man auch wider ihren Willen. Die Sache ist durch die Länge der Zeit, und die Bosheit der Gegner in der That sehr verworren; aber desto nöthiger ist mir der Beystand eines so unparteyischen Richters. Ich verursache Ihnen Mühe, für die ich gewiß erkenntlich seyn werde. Sollten Sie etwan baaren Verlag, oder sonst Aufwand nöthig haben; so übersende ich hier ein Dutzend Ducaten. Dem ungeachtet erwarte ich Ihre Liquidation vollständig. Bey einer so ausserordentlichen Arbeit, als diese ist, müssen Sie durch Ihren Fleiß und Unparteylichkeit den geringsten Schaden nicht leiden. Ich würde sehr gern sehen, wenn ich noch vor dem Termine aus der Sache mündlich mit Ihnen sprechen könnte. Meine Pferde sollen Sie abholen. Ich höre, Sie sind ein Liebhaber von der Jagd; halten Sie sich ein paar Tage bey mir auf, wir wollen uns wohl vergnügen. Ich sende Ihnen einen kleinen Frischling. Sehn Sie einmal, ob es sich nicht der Mühe verlohnt, sie zu schiessen. Ich erwarte Sie gewiß. Einen freundlichen Wirth, und ein gutes Glas Wein sollen Sie finden. Ich bin mit der aufrichtigsten Zuneigung, Mein Herr, Ihr Diener. »Diese beyden Briefe sagen in der That eben dasjenige, was die sagen, welche ich oben eingerückt habe. Sie drücken es nur auf eine feinere Art aus; und ein Richter muß in der That sehr unempfindlich, oder ganz altväterisch seyn, wenn er sich nicht auf diese Artgewinnen läßt. »Es giebt noch eine feinere Art, den Richter zu bestechen. Dieses geschieht im Spielen. Ein Client hat viel gewonnen, wenn er es dahin bringen kann, daß er mit seinem Richter ein hohes Spiel spielt. Ein Richter, der sich so weit verläugnen kann, daß er Geschenke nimmt, wird gemeiniglich auch bey dem Spiele eigennützig genug seyn. Alsdann erfodert es die Klugheit, daß wir so viel verspielen, als nur möglich seyn will. Wir wagen nichts, wenn er unsre Absichten auch merkt. Es ist desto besser für uns. Er kann keinen anständigern Vorwand haben, unser Geld an sich zu bringen, als durch den Gewinnst: er sucht aber auch weiter nichts, als einen anständigen Vorwand, und ist wegen der Absichten unbekümmert, in denen wir es verspielen. Wir werden wohl thun, wenn wir ihm das Geld, das er gewonnen hat, nicht gleich bezahlen. Man schickt es den nächsten Morgen darauf, und thut, als ob man ungewiß wäre, wie viel man eigentlich verspielt habe. Bey dieser Ungewißheit bekömmt man Gelegenheit, ihm noch einmal so viel zu schicken, als er bekommen sollte. Ich würde ungefähr diesen Brief dazu schreiben.«   Mein Herr, Sie werden Sich nun nicht mehr wundern, wenn ich Ihnen die Ursache sage, warum ich gestern Abend in einer beständigen Zerstreuung gespielt habe. Der Advocat meines Gegners ist bey mir gewesen, und hat mich so lange aufgehalten, bis ich zu Ihnen gieng. Der ungewissenhafte Mann! Seine Bosheit hat neue Waffen erdacht, mich nieder zu werfen. Bey der gerechtesten Sache, die ich habe, kann ich doch der unglücklichste Mann werden. Er macht gar kein Geheimniß daraus, daß er nicht eher ruhen will, bis er mich ganz mürbe gemacht. Seine Wut geht so weit, daß er selbst Sie, mein Herr, nicht schonet, und in allen Gesellschaften ungescheut vorgiebt, Sie wären der einzige, der sich einkommen liesse, ihn an seinem Rechte zu hindern. Ein solcher Vorwurf muß einen gerechten und unparteyischen Mann, wie Sie sind, mehr vergnügen, als kränken. Sie also, mein Herr, sind nach dem Bekänntnisse Ihrer und meiner Feinde noch der einzige, der meine gute Sache unterstützt. Wie glücklich bin ich, wenn Sie die Gütigkeit haben, und Sich derselben ferner annehmen? Es muß ihnen natürlich seyn, dieses zu thun, da Sie ein so billiger Mann sind. Wenigstens würden es meine Feinde für eine Frucht ihrer Drohungen halten, wenn Sie anfiengen, derselben mit wenigerm Eifer sich anzunehmen. Nein, das läßt sich von Ihnen gar nicht denken. Meine gerechte Sache, und mein gerechter Richter lassen mich dabey ganz ruhig seyn. Ich bin mit unveränderter Hochachtung. Mein Herr \&c. N. S. Hier übersende meine gestrige Spielschuld. Meine Zerstreuung ist so groß gewesen, daß ich vergessen habe, wie viel sie eigentlich betragen. War es mehr, so bitte mir es zu melden; ich werde es mit Danke zahlen. »Wäre der Richter wieder Vermuthen so großmüthig und wollte das Uebrige zurück schicken, so traue ich einem Jeden zu, daß er so viel Erfindung haben wird, wahrscheinlich zu behaupten, es sey wirklich so viel gewesen. Leute, die begierig sind Geld zu nehmen, machen es uns nicht sauer, wenn wir sie überführen wollen, daß sie schuldig sind, es anzunehmen. »Ich will hier eines Fehlers gedenken, den viele Clienten begehen, wenn sie dem Richter ihre Sache empfehlen. Sie haben in der That die Absicht, erkenntlich zu seyn, wie man es nennt, oder, legal zu reden, den Richter zu bestechen. Sie versichern ihn dessen so wohl mündlich, als schriftlich; sie geben ihm aber weder mündlich noch schriftlich etwas. Dieß ist ein grosser Fehler! Et formula cadunt, sagt der Jurist! So behutsam man seyn muß, einem Richter zu sagen, was man denkt; so ungeschickt ist es doch, ihn nur mit Versprechungen aufzumuntern. Männer, die die Gerechtigkeit verauctioniren, müssen baares Geld sehen, oder sie sehen gar nichts. Wie wollen wir ihnen zumuthen, daß sie, was wir wünschen, thun, und sich nur auf unsre Großmuth verlassen sollen? Trauen wir ihnen vielleicht nicht, und glauben wir, daß unser Geschenk etwan vergebens angebracht seyn möchte? Es ist möglich; aber dergleichen Mistrauen müssen wir nicht an uns merken lassen, oder der Schade ist unersetzlich, den wir uns zuziehen. Wir müssen bey dem Richter etwas wagen, da wir etwas bitten; der Richter hat nicht Ursache, bey uns etwas zu wagen. Was soll der Richter für einen Vorwand. haben, uns an unser Versprechen zu erinnern, wenn er gethan hat, was wir wünschten, und wir das nicht erfüllen, was wir ihm versprochen? Ich will ein Formular von einem dergleichen leeren Briefe hier einrücken, um meine Leser wohlmeinend davor zu warnen.«   Hochzuehrender Herr Rath         und Amtmann, Ich hoffe, meine gerechte Sache wird bey dem letztern rechtlichen Verfahren so deutlich geworden seyn, daß ich mir nichts gewissers versprechen kann, als einen guten Ausgang des Processes. Inzwischen weis ich, wie viel auf Sie ankömmt, um die Cabale meines Gegners zu zernichten, welcher so boshaft ist, zu wünschen, daß die Sache wenigstens sehr spät verlohren werde, wenn er sie ja einmal verlieren müsse. Ich verlasse mich auf Ihre gute Vermittelung, und auf den Ruhm, den Sie als ein gerechter Mann haben. Die ausserordentlichen Bemühungen, die ich Ihnen dadurch verursache, verdienen meine ganze Erkenntlichkeit. Ich wage es noch nicht, itzt einen Anfang damit zu machen, da ich wohl weis, wie empfindlich ein Mann von Ihrem Charakter seyn muß, wenn ihm etwas angeboten wird, das ihn verdächtig machen könne, weil andre die guten und billigen Absichten nicht wissen. Helfen Sie mir aus diesem beschwerlichen Handel. Da ich Ihnen auf diese Art so viel Mühe mache, und Ihnen eine Last aufbürde, die ich nicht von Ihrem Amte, sondern nur von Ihrer Freundschaft verlangen kann, so ist es weiter nichts, als nur ein geringer Anfang meiner Erkenntlichkeit, wenn ich Ihnen Versicherung gebe, daß ich nach völliger Beendigung der Sache Ihnen wenigstens mit funfzig Dukaten aufwarten, und über dieses mich für einen beständigen Schuldner von Ihnen erkennen werde. Ich überlasse mich Ihnen mit dem größten Vertrauen, und bin unausgesetzt, Hochzuehrender Herr Rath und Amtmann, Ihr ergebenster Diener. »Ein dergleichen lediger Brief ohne Saft und Kraft, und ohne den geringsten bündigen Beweis, verdient eine Antwort, wie etwan die folgende ist.«   Mein Herr, Ich werde mich freuen, wenn Ihre Sache so beschaffen ist, daß sie zu Ihrem Vortheile ausschlagen muß. Ich werde nichts thun, als was die Gerechtigkeit erfodert, um das Vertrauen zu verdienen, so Sie gegen mich äußern. Kläger hat allerdings viel vor sich, das werden Sie selbst nicht läugnen können. Indessen will ich keinen Fleiß sparen, Ihre Hoffnung, so gut es möglich seyn will, zu erfüllen, und mich bey Ihnen von einem empfindlichen Verdachte zu rechtfertigen, als wäre ich auf die Gerechtigkeit der Sache nur alsdann erst aufmerksam, wenn man mir eine Belohnung von ferne weist. Wodurch habe ich bey Ihnen ein so bittres Compliment verdient? Sie hätten es nicht thun sollen, mein Herr; und ich muß gestehen, daß mich Kläger in diesem Stücke besser kennt. Aber es sey drum; dem ungeachtet will ich Ihnen zeigen, daß diese kleine Beleidigung mich nicht hindert, mit aller Ergebenheit zu seyn, Mein Herr, Ihr Diener —   —   —   —           »Wir ersparen dem Richter die Mühe, roth zu werden, und uns viel beschwerliche Complimente und Krümmungen, wenn wir ihn bestechen, ohne ein Wort im Briefe davon zu sagen. Es ist auch dieses Mittel das bescheidenste, und für den Richter das sicherste, da er kein Bedenken haben kann, unsern Brief allen zu zeigen, die ihn sehen wollen, weil sie doch nur den Brief, und nicht dasjenige sehen, was im Briefe gelegen hat. Seine Antwort an uns ist ihm desto weniger gefährlich, weil nur wir sie verstehen, und sie für den dritten Mann ein Räthsel bleibt. Wenn ich also meine gerechte Sache durch ein paar Dutzend Dukaten begreiflich machen wollte; so würde ich sie ungefähr mit diesem Briefe übersenden.«   Herr Commissar, Mein Agent hat mir gemeldet, daß Sie sich entschlossen haben, in meiner Sache des nähesten Bericht zu erstatten. Ich empfehle Ihnen nochmals alles aufs beste. Ich verlange weiter gar nichts, als was die Gerechtigkeit haben will. Es würde ganz vergebens seyn, mehr von Ihnen zu fodern; aber ich kann ruhig seyn, daß ich Sie bey dieser Gelegenheit habe als einen Mann kennen lernen, der billig und einsehend ist. Alles, was ich bitte, ist dieses, daß Sie die ungegründeten Zunöthigungen meiner Unterthanen in Ihrem Berichte so deutlich aus einander setzen, und sie gründlich widerlegen, daß alle, die ihn lesen, ebenso davon überzeugt werden, als Sie es sind; und daß dem Gegentheile nichts übrig bleibt, die Sache langer zu verzögern. Mein Agent hat Ordre, den Bericht sofort abzulösen, und wenn Sie es verlangen, Vorschuß zu thun. Da Sie mir alle Gelegenheit benommen haben, mich dankbar gegen Sie zu erzeigen; so kann ich doch wenigstens dieses nicht geschehen lassen, daß Sie meinetwegen sich in kostbaren Vorschuß setzen sollen. Ich bin unverändert, Mein Herr, der Ihrige \&c. »Wenn nun ein paar Dutzend Ducaten in diesen stummen Brief gelegt worden, so kann ihn der Herr Commissar ganz sicher also beantworten:«   Gnädiger Herr, Sie besitzen die Geschicklichkeit, Ihre gerechte Sache so deutlich und überzeugend vorzutragen, daß man nicht einen Augenblick anstehen kann, Ihrer Meynung beyzupflichten. Ich habe, so bald ich Ihren Brief erhielt, die Acten noch einmal sorgfältig durchgesehn, und finde in der That, daß die Zweifel, die ich mir machte, so erheblich nicht sind, als ich vorher meinte. Der Bericht wird morgen abgehen. Sie können sich darauf verlassen, daß er Ihnen nicht nachtheilig ist. Ihr Agent hat ihn abgelößt, und mich genöthiget, zwanzig Thaler Vorschuß anzunehmen. Gewiß, Gnädiger Herr, Sie sind gar zu sorgfältig, und Ihr Agent fast zu eigensinnig, daß er über diesen Vorschuß nicht einmal Quittung von mir annehmen wollen. Ich werde Gelegenheit suchen, die Sache so einzurichten, daß Sie Ihre Aufmerksamkeit und Achtung gegen mich nicht einen Augenblick gereut. Sie haben böse verstockte Untertanen, ein hartnäckiges Volk! Noch bis auf diese Stunde habe ich nicht einen Dreyer Commißionsgebühren von ihnen bekommen können. Sie sind eine blinde Heerde, die sich von ihrem ungewissenhaften Advocaten irreführen läßt; fiat iustitia, pereat rusticus! Die Leute wollen es nicht besser haben. Ich habe meine schwere Pflicht auf mir. allen kann ich es unmöglich recht machen. Ich habe Ihrem Agenten im Vertrauen gesagt, wo er sich wegen des Berichts melden soll. Ein guter Bericht braucht dennoch einen guten Vortrag. Ich weis, gnädiger Herr, Ihnen darf man eine dergleichen Sache nur halb sagen, so verstehn Sie solche ganz. Ich bin mit der größten Ehrfurcht, Gnädiger Herr, Deren unterthäniger Diener —   —   —   —   —           »Das wären also einige Proben, wie man einen gewinnsüchtigen Richter mit Geld zahm machen soll. Allemal aber geht das nicht an. Es giebt unter ihnen Leute, welche von ihrer Pflicht so enge Begriffe haben, daß man ihnen, ungeachtet aller nur möglichen Behutsamkeit, dennoch kein baares Geld anbieten darf, ohne sie zu beleidigen, und uns ihrer bittersten Empfindlichkeit auszusetzen. Um deswillen ist es sehr nöthig, daß man die Denkungsart eines jeden Richters wohl prüfet, ehe man hier einen Schritt wagt. Nimmt der Richter kein baares Geld, so bleiben doch noch hundert Wege übrig, seine theure Pflicht zu überraschen. Ich kenne einen Mann, welcher sich gewiß sehr unbändig anstellen würde, wenn man ihm ansinnen wollte, funfzig Thaler zu nehmen; und eben diesen gewissenhaften Mann will ich mit einem halben Eymer Wein weiter bringen, als einen weniger gewissenhaften Richter mit funfzig Thalern. Nur das baare Geld hat ein so verhaßtes Ansehen, und viele sind ihrer Muttersprache so wenig mächtig, daß sie glauben, das Wort, sich bestechen lassen , werde nur in dem Falle gebraucht, wo ein Richter baares Geld annimmt. Man mache sich die Unwissenheit zu Nutze. Es ist aber nöthig, daß solches mit eben der Vorsicht geschehe, die ich in den vorhergehenden mit vieler Sorgfalt angerathen habe. Ein geschickter Client muß so erfindsam seyn, daß er für ein jedes Geschenk einen anständigen Vorwand hat. Damit meine Abhandlung auch in diesem Falle praktisch werde, so will ich einige Exempel mittheilen. Ich habe oben einen Brief eingerückt, wo der Beklagte die Austern seines Klägers mit einem Feuillet Burgunderwein überboten hat. Ich will dieses Thema noch einmal annehmen.«   Hochgeehrter Herr Kammerrath, Mein Freund in Straßburg hat etliche Piecen Burgunderwein an mich spedirt, und gebeten, ihm einen Kaufmann dazu zu verschaffen. Ich schicke Ihnen hier zur Probe ein Feuillet, weil ich weis, daß Sie ein Kenner sind; Sie werden finden, daß er sehr gut ist. Haben Sie die Gütigkeit und trinken ihn auf meine Gesundheit. Können Sie jemanden erfahren, der eine Partie davon kaufen will, so werden Sie meinen Freund und mich Ihnen ungemein verbinden. Ich habe von einem sichern Freunde aus Hamburg ein paar Fäßchen Austern bekommen; sie sind aber bey itziger warmen Witterung so schlecht, daß ich mich schämen muß, Ihnen mit so elendem Zeuge aufzuwarten. Es ist mir nicht allein, sondern allen Kaufleuten so gegangen, die mit der letztern Post Austern erhalten haben. Ich erwarte künftige Neujahrsmesse etliche Körbe Champagner, etwas extra feines. Ich bin, Hochzuehrender Herr Kammerrath, Deren ergebenster Diener. —   —   —   —   —         N. S. Wie steht es denn mit dem Processe? Mein Advocat ist gar zu saumselig. Nehmen Sie sich meiner an, so viel billig ist. »Etliche Klaftern Holz vor die Thüre des Richters geführt, sie, ohne lange zu fragen, abgeladen, wieder fortgefahren, und sodann erst den Brief übergeben, thut bey einer geringen Sache seine gute Würkung. Was will ein gewissenhafter Richter in der Angst anfangen, wenn das Holz einmal da liegt, und niemand mehr da ist, der es wieder wegfahren will? Inzwischen muß man doch diesem Geschenke, so geringe es ist, einen gewissen Anstrich geben, damit es einen Werth erhält, und nicht beleidiget. Vielleicht geht es auf diese Art an.«   Mein Herr, Es ist ein Misverständniß von meinem Verwalter gewesen, daß er Ihnen im vorigen Herbste nicht mehr, als eine Klafter Holz, ausgezeichnet hat. Hier sende ich deren noch viere. Ueber den Preis wollen wir uns auf die Ostermesse vereinigen. Ich bin ohnedem noch Ihr grosser Schuldner; aber ich werde auf Mittel denken, es nicht länger zu bleiben. Wird denn meine Sache bald zum Berichte reif seyn? Ich wünsche sehr daß ich endlich aus dem bösen Handel kommen möge. Mein einziger Trost ist noch dieser, daß ich mit einem ehrlichen Manne zu thun habe, der ein unparteyischer Richter, und mein Freund ist – – A propos! Ich lasse sechs Mitteleichen fällen. Ich habe sie der Frau Liebste zu Ihrem neuen Gartenhause versprochen. Aber dafür behalte ich mir die Erlaubniß vor, auf Johanne einen frischen Hering darinne zu essen, wenn es fertig seyn wird. Sie sehn, daß ich nichts umsonst thue. Den Braten bringe ich selbst mit, und für Wein mag meine Frau sorgen. Ich bin mit der alten deutschen Redlichkeit, Mein Herr, Ihr guter Freund und Diener —   —   —   —   —           »Ich habe einen guten Freund, der seinen Proceß mit nachstehendem Briefe gewonnen hat. So wenig gehört vielmals dazu, glücklich zu seyn, wenn man die schwache Seite des Richters entdeckt hat, und seinem Geschenke, wenn es auch das wichtigste nicht ist, ein gutes Ansehen zu geben weis.«   Hochedelgebohrner Herr,         Hochgeehrtester Herr Doctor, Man hat mir gesagt, daß Ihnen in Ihrem schönen Münzcabinette noch drey Glockenthaler fehlen. Ich habe die Doubletten davon, und warte Ihnen damit auf. Sie werden mir nicht anmuthen, etwas dafür zu nehmen. Vielleicht haben Sie künftig einmal einige Stücken doppelt, und erlauben mir etwas davon. Weil Sie ein Kenner sind, so bitte ich mir ihre Gedanken über beyliegende Gemmam aus. Sie soll vom Kaiser Galba seyn. Das Gesicht giebt es, wenn ich anders den Sueton recht verstanden habe. Wäre diese Gemma, was ich glaube, so verdiente sie wohl einen Platz in Ihrer Sammlung. Bey mir wird sie nicht gesucht, weil ich weder auf alte Münzen, noch alte Gemmas viel halte. Ich habe meinem Gerichtsverwalter befohlen, Ihnen diese Stücken selbst einzuhändigen, wenn er sich die Ehre geben wird, Ihnen meine Leuterungssache bestens zu empfehlen. Die Bauern misbrauchen die Nachsicht der Gesetze. Ich bin unverändert. Ew. Hochedelgeb. dienstergebenster Diener —   —   —   —   —   —           »Ich könnte noch viel andere Exempel anführen, wie man seine Geschenke an den Richter bringen müsse, ohne den Wohlstand zu beleidigen. Aber dieses mag inzwischen genug seyn, weil ich itzt nicht Willens habe, eine weitläuftige Abhandlung, sondern nur einen Versuch von der Kunst zu bestechen zu schreiben. »Ich wollte wünschen, daß ich gewisse Regeln geben könnte, wie eigentlich das Verhältniß zwischen der Sache, um derentwillen man den Richter besticht, und zwischen dem Geschenke seyn müsse. Es ist aber sehr schwer etwas zuverläßiges davon anzugeben, weil die Personen des Richters und des Clienten oft ein andres Verhältniß ausmachen, und weil noch öfter darauf gesehen werden muß, wie verzweifelt unsre Sache schon ist, die wir retten wollen. »Die Hauptregel ist wohl diese, daß man lieber zu viel als zu wenig, thue. Bey einem Richter, der nicht gar zu niederträchtig ist, muß wenigstens fünf pro Cent von dem Werthe der Sache gerechnet werden, die wir erlangen, oder retten wollen. Bey einem hungrigen Richter kann man auch wohl weniger thun. Kleinigkeiten sind von Zeit zu Zeit nöthig, um uns bey dem Richter in gutem Andenken zu erhalten; aber man muß sie oft wiederholen, und sich nicht zu sehr darauf verlassen. Wie auf dem Lande alles wohlfeiler ist, als in grossen Städten, so ist es auch mit der Gerechtigkeit. Man hat mir einen Gerichtsverwalter genannt, welcher sich mit einer Kanne Butter blind machen läßt; bey uns ist kaum ein Faß zureichend. »Weil ich einmal auf die Bestechung von Viktualien komme, so will ich eine ungefähre Taxordnung machen, wie man sich dabey zu verhalten hat. »Wir wollen voraussetzen, der Besitzer eines mittelmäßigen Landgutes von zwölf tausend Thalern wird in Anspruch genommen, daß er solches durch ein falsches Testament an sich gebracht habe. Damit man nun eine Mitteltaxe nehmen darf, so soll der Proceß in einer kleinen Stadt anhängig seyn. Ich setze auch voraus, daß des Beklagten Sache ziemlich ungerecht sey. Auf diese bestimmten Fälle würde ich die Taxordnung etwa so einrichten: »1) Bey Insinuation der Klage, dem Amtsboten einen halben Gulden, und ein Glas Branntwein. Es ist bekannt, wieviel Einfluß vielmals der kleinste Diener der Gerechtigkeit in einer Sache hat. »2) Bey der Litiscontestation, der Frau Amtmannin einen Scheffel Weizen, einen Truthahn, und einen Schinken. »3) Binnen der Zeit, als rechtlich verfahren wird, erhält man den Richter durch verschiedene kleine Gefälligkeiten in der Aufmerksamkeit. Man richtet sich nach der Jahrszeit; der mittlere Preis ist eines Gulden Werth. » Nota bene! Den Gerichtsactuar nicht zu vergessen! »4) Bey Versendung der Acten zum Verspruche Rechtens würde ich höchstens ein paar Scheffel Haber, und mehr nicht geben. Es kömmt dabey auf den Unterrichter so gar viel nicht an, und dennoch muß man ihn im Odem erhalten. »5) Bis zum Gegenbeweise, wie Num. 3. »6) Aber nun geht das Opfern an! Den Gegenbeweis lege man einem fettgemästeten Ochsen zwischen die Hörner. Man müßte mit einem Heiden zu thun haben, wenn ihm bey diesem Anblicke das Herz nicht brechen sollte. »7) Der größte Vortheil besteht im Zeugenverhören. Außerdem daß ein Beklagter seine Zeugen noch vor dem Termine gehörig zuzurichten wissen muß, so ist nöthig, daß man demjenigen, der die Zeugen vernehmen soll, die Zunge wohl löse. Niemand, als wer eine gute Kenntniß der praktischen Rechte hat, kann wissen, wie viel bey einer vortheilhaften Zeugenaussage auf eine vortheilhafte Frage ankomme. Pecuniam in tempore negligere, maxima sæpe parsimonia est, oder, wie es im Deutschen lautet, hier bekömmt der Amtmann soviel Getreide, daß er noch einen Ochsen mästen kann, und Butter in Menge. Derjenige, welcher zunächst unter ihm arbeitet, erhält ein Bällchen feine Leinwand; der dritte in der Reihe, dergleichen, etwas schlechter; und alle Schreiber, wie sie folgen, bekommen ihren Antheil von der Beute. »8) Bey dem Verfahren, wie bey der dritten Nummer; aber doppelte Dosin. Inzwischen wird zum Urtheil beschlossen. Erlangt man nun durch dieses Recept ein gutes Urtheil, so wollte ich wohl rathen, daß man wegen der künftigen Zeiten die ganze Richterstube auf das ererbte und durch Urtheil und Recht bestätigte Landgut bitten, und bey dem Leichenessen der Gerechtigkeit nichts sparen möchte, das Wohlwollen des Richters gegen uns zu befestigen. »Aus diesem kurzen Plane wird man sehen, wie man bey dem Fortgange der Sache, oder in andern Fällen, verfahren müsse. Es bezieht sich dieser Plan nur auf die Taxordnung der Viktualien; es versteht sich aber von sich selbst, daß man in solchen wichtigen Processen zu eben der Zeit, wo man bey des Richters Frau in der Küche seine Nothdurft vorstellig macht, auch in des Richters Stube durch baares Geld der Sache den Ausschlag giebt. »Es sind ausser dem baaren Gelde und den Viktualien noch andre Arten, einen Richter zu bestechen. Eine Vorbitte aus dem Munde einer schönen Frau macht oft einen überzeugendern Eindruck, als zwanzig alte Rechtsgelehrte. Ich unterstehe mich in diesem Falle nicht, jemanden etwas zu rathen. Ein Jeder muß wissen, wie empfindlich er dabey ist; wie viel ihm daran liegt, seinen Proceß zu gewinnen; und wie der Richter gesinnet sey. So viel bleibt ausgemacht, daß das Recept probat ist. Ich kenne einen Gerichtsschösser auf dem Lande, der seinem Edelmanne die Gerechtigkeit abgepachtet, und den seltenen Ruhm bis diese Stunde behauptet hat, daß er gegen alle Bauern unparteyisch ist, nur diejenigen ausgenommen; welche schöne Weiber haben. »Ich glaube, es ist bey dieser Sache noch ein Mittel zu treffen. Ein Frauenzimmer kann oft durch unschuldige Freyheiten den Eigensinn des ernsthaftesten Richters brechen. Sollte man nicht am besten thun, wenn man sich der Willkühr seiner Frau üherließe? Liebt sie uns, so wird sie das Spiel höher nicht als auf eine erlaubte Coquetterie treiben, und dem Richter höchstens unschuldige Freyheiten verstatten; liebt sie uns aber nicht, – – ja, meine Herren, da kann ich Ihnen selbst nicht rathen; liebt sie uns nicht, so wird sie immer Gelegenheit finden, zu thun, was sie will, ohne allemal darauf zu sehen, ob sie uns einen Proceß damit gewinnt. »Ohne Jemanden bey dieser bedenklichen Sache etwas zu rathen, will ich hier ein paar Briefe liefern. Der Richter soll von vornehmen, der Beklagte von geringem Stande seyn. Desto wahrscheinlicher wird die Sache.«   Hochwohlgebohrner Herr,       Gnädiger Herr, Ich unterstehe mich noch einmal, Ew. Excellenz die Sache meines Mannes unterthänig zu empfehlen. Die hohen Versichrungen, die Sie mir vor einigen Wochen mündlich gaben, sind durch die Bosheit unsers Gegners fruchtlos gemacht worden. Es muß mir dieses desto empfindlicher seyn, da ich weis, daß Ew. Excellenz von der ungerechten Zunöthigung des Klägers überzeugt sind. Man unterfängt sich nunmehr, meinen Mann auch um deswillen doppelt zu verfolgen, da Ew. Excellenz die hohe Gnade gehabt haben, Ihres Schutzes ihn zu versichern. Behaupten Sie, Gnädiger Herr, Ihr Ansehn, und zugleich die Gerechtigkeit unsrer Sache. Ich werfe mich Ihnen zu Füßen; lassen Sie sich die unschuldigen Zähren einer Unglücklichen rühren, welche schon in den ersten Wochen ihres Ehestandes alle die Bitterkeit empfindet, von welcher oft eine Ehe von vielen Jahren ganz befreyet ist. Das Unglück, so meinem Manne droht, zwingt mich, durch mein ungestümes Bitten die Gnade Ew. Excellenz zu misbrauchen. Nur dasmal retten Sie uns noch! Wie leicht muß es Ihnen fallen, da Sie so großmüthig und gerecht sind. Ich bin dafür mit der tiefsten Ehrfurcht Ew. Excellenz demüthigste Dienerinn. »Das versteht sich schon von sich selbst, daß die Verfasserinn dieses Briefs jung und schön seyn muß. Außerdem wäre es ein sehr leerer und trockner Brief. Aber eine schöne Unglückliche, die sich thränend zu unsern Füßen wirft, die in den ersten Wochen ihres Ehestandes soviel Verfolgung unschuldiger Weise ausstehen muß, diese, deucht mich, verdient noch wohl, daß man ihr also antworte:«   Madame, Ihr Unglück rührt mich. Ich habe mir lassen die Acten vorlegen; ich finde aber verschiedne bedenkliche Umstände, die, wie es scheinen will, Ihrem Manne sehr nachtheilig sind. Ich werde mich erfreuen, wenn Sie mich überzeugen können, daß meine Besorgniß ungegründet sey. Eine mündliche Unterredung ist dazu wohl am geschicktesten. Ich bin den ganzen Tag beschäfftigt, früh um sechs Uhr aber werde ich noch ungestört seyn. Ich erwarte Sie in meinem Cabinette. Mein Kammerdiener hat Ordre, Sie durch die Gallerie zu mir zu führen. Fassen Sie einen Muth. Ich wenigstens will thun, was in meinem Vermögen ist. Leben Sie wohl! »Es setze sich ein Jeder in die Umstände des Beklagten. Die Sache ist auf dem Wege gewonnen zu werden. So viel ist gewiß: Wird der Vorschlag angenommen, so kann er versichert seyn, daß er in einer Stunde mehr gewinnt, als er in zehn Jahren durch die kostbarste Chicane nicht erlangt. Soll er seine Frau in das Cabinett schicken? Was soll ich ihm rathen? Gewiß, das weis ich nicht; so viel weis ich, daß ich lieber Richter, als Beklagter, seyn möchte. »Wenn man das Wort bestechen im weitläuftigern Verstande, und zwar dafür annimmt, daß es eine Kunst sey, durch welche der Kläger oder der Beklagte sich der herrschenden Leidenschaften des Richters unmittelbar, der durch andre Personen dergestalt zu bemächtigen weis, daß er ihn auf seine Seite ziehen, und den Proceß nach seinen Absichten herum leiten, und zu Ende bringen kann, wenn es, sage ich, in diesem Verstande genommen wird, so kann man gar wohl behaupten, daß ein Richter auch durch die Furcht bestochen werden könne. Es giebt deren verschiedne, welche die Welt so wohl kennen, daß sie sich mehr vor ihren Obern, als vor ihrem Gewissen fürchten. Viele müssen stumm seyn, um bittre Vorwürfe zu vermeiden; noch andre sind in ihrer Wirthschaft gewissen Zufällen ausgesetzt, welche sie sehr zahm machen. Von einer jeden dieser Arten will ich eine Probe geben: ein billiger Client wird sie nicht misbrauchen, und kann er es ganz vermeiden, sie gar nicht gebrauchen.«   Mein Herr, Ich habe gestern Mittags bey Seiner Excellenz, dem Herrn von – – gespeist. Die Gnade, welche dieselben seit vielen Jahren auf eine vorzügliche Art mir erzeigt, gab mir Gelegenheit, ihnen von der Verdrüßlichkeit Eröffnung zu thun, die mir durch den bewußten Hutungsproceß zugezogen wird. Ich war so glücklich, Seine Excellenz von der Billigkeit meiner Befugnisse durch ein kurzes promemoria zu überzeugen. Sie wunderten sich, wie bey diesen klaren Umständen die Sache so lange Zeit bey der Commißion unerörtert bleiben können. Als ein aufrichtiger Freund von Ihnen, mein Herr, nahm ich Gelegenheit Ihr Verfahren zu entschuldigen; ich war auch endlich so glücklich, Seiner Excellenz die widrige Meinung zu benehmen, zu welcher sie, wie dieselben sich gegen mich ausdrückten, schon seit einigen Jahren, und bey verschiednen Gelegenheiten gegründete Ursachen bekommen hätten. Haben Sie die Gewogenheit, und beschleunigen den Hauptbericht. Sie sind zu billig, und zu einsehend, als daß Sie ihn zu meinem Nachtheile abfassen sollten. Ich weis, darauf kann ich mich verlassen. Ich habe Seiner Excellenz Hoffnung gemacht, daß er längstens binnen drey Wochen von Ihnen eingesendet werden würde. Lassen Sie mich in meinem Versprechen nicht fallen; ich werde gewiß in drey Wochen Seiner Excellenz wieder aufwarten, und sodann das Vergnügen haben, Ihnen zu melden, wie der Bericht aufgenommen worden ist. Bin ich im Stande, Ihnen höhern Orts zu dienen, so versehen Sie sich zu meiner Freundschaft aller möglichsten Bereitwilligkeit. Ich verharre u. s. w. Hochgeehrtester Herr Amtmann, Ich habe gewisse Nachricht, daß meine Feinde sich Mühe geben, einen Befehl zur Revision meiner Casse an Sie auszuwirken. Nun bin ich zwar alle Stunden im Stande, Rede und Antwort zu geben. Weil aber dieses Rechnungswesen so weitläuftig ist, weil mir noch verschiedene Belege fehlen, und weil ich aus einer, vielleicht gar zu gefälligen, Nachsicht gegen das Armuth der Contribuenten mich in eine ziemlich verwirrte Restrechnung eingelassen habe, so erwarte ich von Ihrer Freundschaft, daß Sie mir, so bald der Befehl einlangt, unter der Hand Nachricht geben, und mich nicht übereilen. Ich zweifle an dieser Gefälligkeit nicht einen Augenblick, da ich im Stande bin, auf andre Art erkenntlich zu seyn. Sie sind der billigste, der gewissenhafteste Beamte; das gesteht Ihnen jedermann zu. Aber würden Sie wohl ganz gleichgültig seyn, wenn ich unvermuthet zu Ihnen käme, und auf Befehl die Vorlegung der Depositengelder verlangte? Urtheilen Sie hieraus, wie empfindlich auch dem ehrlichsten Rechnungsführer eine dergleichen Ueberfallung seyn müsse. Sie verstehn mich doch wohl, Herr Amtmann? Mit einem Worte: Halber Dienst, und ganze Freunde! Eine Hand wäscht die andre, und ich bin, u. s. w. Hochgeehrter Herr Stadtrichter, Ich will Ihnen die ganze Sache aufrichtig gestehn. Die Bekanntschaft, die ich seit vielen Jahren mit dem Manne gehabt, hat eine gewisse Art der Vertraulichkeit zwischen mir und seiner Frau veranlaßt, welche denenjenigen allerdings etwas zweydeutig seyn muß, die mehr neugierig, als billig sind. Es war eine Unvorsichtigkeit von mir; aber weiter war es auch nichts, daß ich bey der Abwesenheit des Mannes länger in ihrem Hause blieb, als es vor den Augen der gemeinen Leute der Wohlstand zu erlauben schien. Ich schwöre es Ihnen zu, es ist nicht mehr, als drey, höchstens viermal geschehn, und jederzeit im Beyseyn ihrer Verwandtinn, welche ihre Jahre und ihre Frömmigkeit glaubwürdig machen. Wäre der Mann bey seiner unerwarteten Rückkunft nicht trunken gewesen; so würde er sich vernünftiger aufgeführt haben. Ich war genöthiget, ihm den Degen aus der Hand zu reissen; denn so weit, glaube ich, geht die Freundschaft nicht, daß man sich soll erstechen lassen. Dieses aber wird wohl nicht wider die peinliche Halsgerichtsordnung seyn, daß ich in seinem Hause meinen Besuch im Schlafpelze, und in Pantoffeln abgelegt habe. Meine Pflicht erfoderte, daß ich eine unschuldige Frau den Händen ihres rasenden Mannes entriß, und sie so lange in mein Haus nahm, bis ich sie mit anbrechendem Tage dem Schutze ihrer Aeltern überlassen konnte. Ihre alte fromme und rechtschaffne Verwandte kann alles, was ich sage, bezeugen. Sie liegt noch bis itzt auf ihren Knien, und sieht den Himmel an, daß er dem armen Manne seinen verlohrnen Verstand wieder schenken wolle. Sehen Sie, Hochgeehrter Herr Stadtrichter, das ist der eigentliche und wahre Verlauf der Sache. Muß der Mann nicht unsinnig seyn, daß er über diese Kleinigkeiten solche Bewegung macht, die Obrigkeit wider mich aufzubringen sucht, und so vieles Geld dran setzen will, ein gerichtlicher Hahnrey zu werden? Ich bin allemal im Stande, mich zu rechtfertigen; allein die Freundschaft gegen diesen Unsinnigen, die Hochachtung für seine unschuldig gekränkte Frau, und das Verlangen, ruhig zu seyn, ist Ursache, daß ich wünsche ohne Weitläuftigkeit aus der Sache zu kommen. Ich weis, mein Herr, wie viel Sie über ihn vermögen. Reden Sie ihm, als Freund und als Richter, zu, daß er ansteht, seine eingebildete Beleidigung weiter zu ahnden. Erwerben Sie sich das Verdienst, eine unglückliche Frau mit einem Manne auszusöhnen, welcher sich übereilt hat, und eine Freundschaft wieder herzustellen, die zwischen mir und ihm so lange Zeit, und bis auf den traurigen Augenblick unverbrüchlich gepflogen worden ist. Sie machen sich durch diese gütige Vermittelung zwo Familien auf einmal verbindlich, und ich insbesondre werde Gelegenheit suchen, Ihnen in der That zu zeigen, daß ich mit der größten Erkenntlichkeit sey, Hochgeehrter Herr Stadtrichter,             Ihr ergebenster Diener —   —   —   —   — N. S. Ich habe vorige Woche von den Gebrüdern N. N. einen Wechsel auf fünfhundert Thaler an Zahlungsstatt annehmen müssen, welchen Sie ausgestellt haben, und der auf künftige Messe gefällig ist. Es ist mir bekannt, daß Ihre Umstände Sie gegenwärtig schlechterdings hindern Zahlung zu leisten. Ich verlange auf keinerley Art Ihnen beschwerlich zu fallen. Melden Sie mir Ihre Gedanken in ein paar Zeilen, oder noch besser, erzeigen Sie mir diesen Abend die Ehre, und speisen Sie mit mir in meinem Garten. Wir sind ganz allein. Mündlich von allem ein mehrers. »Da, wie ich oben erinnert habe, die Kunst zu bestechen eine Kunst ist, sich der herrschenden Leidenschaften eines Richters zu seinem Vortheile zu bemächtigen; so wird es oft eine sehr vergebne Arbeit seyn, daß man ihn durch Mitleiden und Erbarmung zu bewegen suche. Diese Empfindungen sind allzu menschlich für einen Mann, den gemeiniglich sein Amt zu ernsthaft macht, als daß er bey den Thränen einer Wittwe weinen sollte. Er gewöhnt sich hart, um desto unparteyischer und von dieser Seite unempfindlich zu seyn; denn wenn er ja empfindlich seyn soll, so müssen die Ursachen dazu gewiß einträglich seyn. Das aber sind die Thränen des Armuths nicht. Man wird mir nicht zumuthen, dasjenige hier zu wiederholen, was ich so oft gesagt habe. Ich weis freylich, daß es Richter giebt, die zum grossen Schaden ihrer häuslichen Nahrung ganz anders gesinnt sind, ich weis auch, daß diese eine ziemliche Anzahl ausmachen; aber das weis ich auch, daß der größte Haufe von ihnen ganz anders, und gründlicher denkt. Und nur von diesem größten Haufen rede ich. Die andern sind Phänomena, die zur Ausnahme gehören. Wieder zur Hauptsache zu kommen! Man hüte sich also wohl, dem Richter durch Thränen und Klagen, und Erzählung unsers Elends einen Ekel gegen unsre Sache beyzubringen. Er wird die Augen wegwenden, um unsern Jammer nicht zu sehen. Hätten wir nicht so gar ängstlich und kläglich gethan, so würde er sich vielleicht noch einen guten Begriff von unsrer Sache gemacht haben; da wir ihn aber mit den dürftigen Klagen betäuben, so ist er nur unser Richter, und hört auf, unser Freund zu seyn. Eine Sache, welche die Erfahrung bestätiget, hätte eben nicht nöthig, mit Beyspielen erläutert zu werden; zum Ueberflusse aber will ich es doch thun.«   Mein Herr, Es wird nun fast ein Jahr seyn, daß ich wegen der tausend Thaler klagen müssen, die Herr N. meinem verstorbnen Manne schuldig verblieben ist. Die Billigkeit meiner Forderung ist klar, und mein Advocat hat mich versichert, mein Beweis wäre so überzeugend, daß mir die Obrigkeit ohne Weitläuftigkeit zu meinem Recht verhelfen werde. Ich habe dieses Jahr über, mir und meinen Kindern den nothdürftigsten Unterhalt entzogen, um so viel Geld aufzubringen, als nöthig gewesen ist, Ihnen, mein Herr, an Gerichtsunkosten zu entrichten. Nun ist es mir weiter nicht möglich, einen Groschen daran zu setzen. Ich lebe in der größten Dürftigkeit. Stellen Sie sich, mein Herr, vier unerzogene Kinder vor, die mir am Halse hängen, und um Nahrung flehen, welche ich ihnen nicht geben kann. Ich küsse diese kleinen Unglücklichen, um sie zu beruhigen, und sage ihnen, daß wir unser Glück von den Händen eines gerechten und großmüthigen Richters erwarten. Die armen Kinder verstehen mich nicht, sie weinen, weil sie mich weinen sehen, und küssen meine mütterlichen Zähren. Gewiß, mein Herr, Sie haben das Leben von fünf Unschuldigen in Ihren Händen. Schaffen Sie mir Recht! Ich beschwöre Sie bey der Zärtlichkeit, die Sie als Vater gegen Ihre Kinder haben. Erbarmen Sie sich meiner! Verhelfen Sie mir zu dem, was mir gehört, und lassen Sie nicht zu, daß meine Feinde sich meines Armuths misbrauchen. Retten Sie mich, mein Herr, damit die Thränen meiner Kinder nicht etwan künftig einmal Ihren Kindern zu schwer werden. Ach, mein Herr, verzeihen Sie mir die Heftigkeit meiner Empfindungen! Ich bin ganz ohne Hülfe, wenn Sie mich verlassen. Verlassen Sie mich nicht, damit es Ihnen und den Ihrigen beständig wohl gehe! Ich erbitte dies auf meinen Knien von Gott, und bin, Mein Herr, Deren demüthige Dienerinn. Madame, Wenn Ihr Advocat die Sache besser versteht, als ich; so wollte ich, daß er an meiner Stelle Richter seyn müßte. Haben Sie gerechte Sache, so wird es sich zuletzt schon ausweisen; man muß der Gerechtigkeit ihren Lauf lassen, wie es sich nach Vorschrift der Gesetze gehört. Das verstehe ich, und Sie verstehn es nicht, Madame. Mit Thränen und Klagen löst man weder einen Bericht, noch ein Urtheil ab. Haben Sie kein Geld, so müssen Sie keinen Proceß führen. Hat Ihnen das Ihr Advocat nicht gesagt? Warum haben Sie so viel Kinder, wenn Sie solche nicht ernähren können? Meinen Kindern giebt niemand etwas, als was ich verdiene; und was mir gehört, das lasse ich mir nicht nehmen. Mit einem Worte! Sie sind noch fünf Thaler Gerichtsgebühren und baaren Verlag schuldig; und bezahlen Sie diese binnen acht Tagen nicht, so lasse ich Sie auspfänden, oder ich will kein ehrlicher Mann seyn. Ich schwöre nicht vergebens, das wissen Sie. Leben Sie wohl. »Ich habe bisher größtentheils nur von der unmittelbaren Bestechung geredet. Es ist nöthig, daß ich noch ein Wort von der mittelbaren sage, welche einen so grossen und wichtigen Theil von der Historie unsrer Processe ausmacht. »Es gründet sich dieses auf den alten und wahren Satz: daß eine grosse Anzahl unsrer Richter unmündig ist. Sie stehn sehr oft unter der Vormundschaft ihrer Weiber, oder ihrer Kinder, oder ihrer Subalternen. Das erste, was ein vernünftiger Client thun kann, ist dieses, daß er sich nach dergleichen Umständen wohl erkundiget. Gemeiniglich sind die Weiber der Richter die erste Instanz für die Parteyen. Man hüte sich ja, sie zu übergehen. Ich wenigstens bin allemal der Meinung gewesen, daß es besser sey, den Richter und die Gesetze, als des Richters Frau, wider sich zu haben. Nach dem ordentlichen Laufe der Natur hat der Richter nur in der Richterstube, seine Frau aber im ganzen Hause zu befehlen. Der Richter lenkt die Gesetze nach seinem Gutbefinden, die Frau den Mann nach ihrem Winke. Ein Richter, er sey auch wie er wolle, hat doch immer einen gewissen Zwang von seiner Pflicht und seinem Gewissen: die Frau des Richters ist durch keine Pflicht gebunden; und wenn sie sich einmal vornimmt, Recht zu behalten, so überschreyt sie die Gesetze und alle Rechtsgelehrten. »Was ich hier sage, braucht keinen Beweis, die Erfahrung lehrt es, und ich will einem jeden, dem seine gerechte Sache lieb ist, wohlmeinend rathen, sich nach dieser Erfahrung zu richten. »Besondre Regeln braucht man dabey nicht. Es gelten hier eben diejenigen, die ich oben wegen der Richter festgesetzt habe. Man gebe sich Mühe, die herrschenden Leidenschaften der Frau zu erfahren. So viel herrschende Leidenschaften eine Frau hat, und man sagt, deren wären eine ziemliche Anzahl; so viel Wege hat man, zu seinem Zwecke zu gelangen. So viel ist gewiß, mit alten Münzen und Gemmis werde ich die Frau eines Richters nicht verführen; aber das weis ich sehr wohl, daß eine Garnitur Meißner Porcellan, zu seiner Zeit angebracht, Wunder thut. Ein guter Freund von mir war durch die Unachtsamkeit seines Advocaten so unglücklich. daß er seinen Proceß verlohr. Keine Leuterung, keine Appellation half ihm mehr; er war ganz abgewiesen. Endlich fand er ganz unvermuthet einen Weg, sich durch einen reichen Stoff am rechten Orte zu empfehlen; und da hieß es: Nunmehro aus den Acten so viel zu befinden \&c . »Wer die Kunst recht versteht, den Beyfall der Frau seines Richters zu gewinnen, der hat viel Vortheile, die man nicht hat, wenn man sich nur an den Mann hält. Es macht bey der Richterinn einen viel stärkern Eindruck, wenn ich nachtheilig von andern Frauenzimmern, und besonders von der Frau meines Gegners rede. Ich kann es sicher wagen, ihr damit zu schmeicheln, daß sie ihr weibliches Ansehn über ihren Mann und sein Amt behaupte. Ist eine solche Frau noch über dieses zärtlich; wieviel haben wir gewonnen; Das muß man nicht allemal verlangen, daß sie schön aussieht. Sieht sie schön aus, desto besser, unser Vortheil ist doppelt. Sieht sie häßlich aus, wer kann sich helfen; man drücke die Augen fest zu, und verläugne seine Empfindungen. Wie viel leidet ein Mensch nicht, sein Glück zu machen! »Weil ich angefangen habe, alle meine Sätze durch Briefe zu erläutern; so will ich es auch hier thun. Man wird aus einem jeden dieser Briefe sehen, in welchem Falle er zu gebrauchen ist; Ich habe nicht nöthig, es darüber zu schreiben.   Madame, Sie haben völlig Recht, die Eitelkeit dieser Frau ist ganz unerträglich. Sollte man wohl glauben, daß diese Prinzeßinn die Frau eines Mannes sey, der mich um sechs hundert Thaler ungerechter Weise verklagt, und der so ängstlich thun kann, als wenn er mit Weib und Kind verhungern müßte, wenn ihm nicht schleuniges Recht wider mich verschafft würde? Ich habe mich gestern erkundiget, wie viele die Elle von den Spitzen koste, mit denen sie sich am Sonntage in Ihrer Gesellschafft so brüstete. Wie viel meynen Sie wohl, Madame? Sie werden es kaum glauben. Ich bin so glücklich gewesen, noch acht Ellen von dieser Sorte aufzutreiben. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen damit aufwarten darf. Mich dünkt, Madame, sie schicken sich für Ihren Stand besser, als für diese Närrinn. Aergert es Sie, daß diese Frau sich anmaßt, eben so kostbare Spitzen zu tragen, als Sie tragen, Madame: so vermitteln Sie nur, daß ich meinen Proceß gewinne. Ist das wahr, was mein Kläger bey den Acten sagt; so wird ihn sodann die Noth zwingen, die prächtigen Spitzen seiner Frau zu verkaufen, um etwas zu haben, wovon er lebt. Ist das aber nicht wahr, was er dem Richter so kläglich vorseufzet; so verdient der Heuchler, und seine strotzende Frau Ihre Rache doppelt. Mit einem Worte, Madame, Sie haben itzt diese Familie in Ihren Händen. Sie kennen ihren Bettelstolz; züchtigen Sie ihren Hochmuth, und schaffen Sie dadurch Ihnen und mir Recht. Von Ihren Händen allein erwarte ich mein Recht, und bin, Madame, u. s. w.   Hochzuehrende Frau Amtmanninn, Wird Sie es nun bald gereuen, daß Sie gestern die Partey von meinem Gegner so eifrig nahmen? Aber vielleicht wissen Sie das noch nicht, was schon die ganze Stadt weis. Im Ernste wissen Sie es noch nicht? Ich will es Ihnen sagen. Der Mann, welcher nicht einmal so viel Vermögen hat, mir die dreyhundert Thaler zu bezahlen, die ich von ihm aus dem Testamente fodere; der durch den Mangel so weit gebracht ist, daß er sich nicht schämt, mir die Richtigkeit der Foderung zu läugnen; der Mann, der gestern das Glück hatte, von Ihnen bedauert zu werden; dieser Mann hat heute einen Befehl gebracht, daß er den Rang über den Herrn Amtmann haben solle. Sehn Sie, Madame, so bald Sie nun wieder mit seiner Frau in Gesellschaft kommen; so werden Sie Ihren Platz zu nehmen wissen, der Ihnen nach dem Befehle gehört. Die guten Zeiten sind vorbey, wo die Frau Amtmanninn oben an saß, und alsdann erst Madame. Gewiß, bedauren Sie mich immer ein wenig, ich verliere am meisten dabey. Wird nun der Herr Amtmann wohl noch das Herz haben, mir wider einen Mann Recht zu verschaffen, den die Vorsicht so hoch über ihn und seine Frau erhoben hat? Ich beklage Sie von ganzem Herzen. Mehr kann ich nicht thun. Bey allen diesen Unglücksfällen, die Sie treffen, bin ich dennoch mit der größten Ehrfurcht, Hochzuehrende Frau Amtmanninn, Ihr                         gehorsamster Diener.   Gnädige Frau Amtshauptmanninn, Eine Abbitte, und eine Ehrenerklärung ist das wenigste, was ich von Ihnen fodern kann. Können Sie mir im Ernste einen so schlechten Geschmack zutrauen, daß ich das Gesichte der Commerzenräthinn für reizend halten sollte? Die Schmeicheleyen, die ich ihr gestern sagte, giengen wenigstens ihr Gesicht nicht an. Könnte ich mir auch so viel Gewalt anthun, sie zu lieben; so müßte es gewiß nur darum geschehen, daß ich mich an ihrem Manne rächte, der mich in einen so verdrießlichen Rechtshandel verwickelt hat. Es ist wahr, die ehrliche Frau verläßt sich auf ihre alten Reizungen so sehr, als ihr guter Mann auf die Gerechtigkeit seiner Sache, die er wider mich auszuführen gedenkt; doch will ich hoffen, sie sollen beyde verlieren. Dem ungeachtet muß ich gestehen, die Commerzenräthinn ist eine billige Frau. Sie hat mir gestern ins Ohr gesagt, daß Sie, gnädige Frau, noch ganz erträglich aussähen, und gesteht, daß Ihre Hände schön sind. Ich kam zugleich auf meinen Proceß zu reden, und that ein wenig stolz auf die Billigkeit meiner Sache. Es kann seyn , sagte sie mit ihrer hohen Miene; aber vielleicht wird sie der Herr Amtshauptmann so gar gerecht nicht finden, wenn ich nur einmal Gelegenheit habe, mündlich mit ihm davon zu sprechen. Verstehen Sie diese triumphirende Sprache, Gnädige Frau Amtshauptmanninn? Ich will wünschen, daß sie Ihr Gemahl nicht versteht. Unterbrechen Sie diese Cabale. Gewiß eine solche Schönheit, von der vorigen Regierung, ist gefährlich. Ich bitte mir die Erlaubniß aus, daß ich Ihnen diesen Abend aufwarten, und diejenigen Hände küssen darf, welche das Glück haben, selbst von Ihren Feinden bewundert zu werden. Ich werde in der gebeugten Stellung eines demüthigen Clienten gekrochen kommen, wegen meines Rechtshandels Ihren Vorspruch bey Ihrem Gemahl mir auszubitten. Werden Sie wohl, Gnädige Frau, das Herz haben, es mit den hinreissenden Blicken der Frau Commerzenräthinn anzunehmen, die für den Herrn Amtshauptmann desto gefährlicher seyn müssen, da sie schon seit dreißig Jahren gewohnt sind zu siegen? Ich habe die Ehre zu seyn, Gnädige Frau Amtshauptmanninn, Ihr unterthäniger Diener —   —   —   —   —   —           Madame, Ich habe Willens, meinen Nachbar zu verklagen. Von der Billigkeit meiner Klage, und von der Bündigkeit meines Beweises bin ich überzeugt; ich wage es aber doch nicht, ehe und bevor ich weis, ob es mit Ihrer Zufriedenheit geschieht. Wir wissen es alle, Madame, daß Ihr Mann das Amt hat, Sie aber den Verstand haben, der zu seinem Amte gehört. Er ist so billig, daß er sich Ihrer Leitung überläßt; und, wie es auch einem gehorsamen Ehemanne gebührt, nichts thut und ausspricht, als was Sie thun, und zu sprechen ihm anbefehlen. Stehen Sie meiner Sache bey. Versichern Sie sich meiner Dankbarkeit, von der das beyliegende Päcktchen nichts, als nur eine kleine Probe ist. Geben Sie nur einen Wink, so weis ich, daß die ganze Richterstube zittert, und Ihr Mann ein beyfälliges Urtheil für mich abfaßt, noch ehe er meine Klage zu sehen bekömmt. Wie glücklich ist unsre Stadt, Madame, da Sie regierender Stadtrichter sind! Wir bekommen unser Glück von Ihnen durch den Mund Ihres Mannes. Der Himmel erhalte diesen noch lange Jahre, damit wir Sie nicht verlieren. Das ist, Madame, der aufrichtigste Wunsch Ihres gehorsamen Dieners. »Dieses wären also einige Formulare, die man brauchen kann, wenn ein Richter die Maschine der Gerechtigkeit ist, durch welche seine Frau die Processe der Parteyen nach ihrem Gutbefinden lenkt. »In den Fällen, wo ein Richter dieses Directorium seinen Kindern aufgetragen hat, verfährt man auf eben diese Weise. Ist die Tochter an der Regierung; desto besser! Ich bin in einem Hause bekannt, wo die Tochter die Amtsstube, und der Vater die Küche besorgt; wo der Vater von den gangbaren Rechtshändeln, und den bey dem Amte vorfallenden Sachen nicht die mindeste Kenntniß, und die Tochter eben so wenig Erfahrung von der Küche hat; wo der Vater über der Mahlzeit entweder gar nichts spricht, oder es doch nur zu entschuldigen sucht, daß das Essen versalzen ist, die Tochter aber den Gästen erzählt, was sie seit fünf Jahren in ihrem Amte für casus in terminis erlebt hat. Mit einem Worte, die gütige Natur hat der Tochter den Verstand in ziemlich reichem Maasse gegeben, den sie, vielleicht aus weisen Ursachen, dem Vater entzogen. Alles dieses desto besser zu erläutern, will ich ein paar Briefe einrücken, die ich vor einiger Zeit an den Vater und an die Tochter geschrieben habe.«   Hochedelgebohrner Herr,     Hochzuehrender Herr Amtmann, Auf Dero geehrtestes vom sechzehnten dieses habe die Ehre Ihnen zu melden, daß wir heuer bey uns eben so schlechte Eichelmast haben, und was das schlimmste ist, so sagt man, daß an vielen Orten die Bräune unter die Sauen gekommen sey. Die Butter will noch nicht wohlfeil werden; sieben Groschen ist der genaueste Preis. Flachs die Menge! der Stein aufs höchste zween Thaler. Mit dem Unschlitt lassen Sie es immer noch anstehen. Es ist itzt in keinem Werthe. Ich kann es Ew. Hochedelgeb. wohl glauben, daß Sie vielen Verdruß mit den Mägden haben. Es ist leider bey uns nicht viel besser; das machen die wohlfeilen Zeiten! Spindeln habe ich Ihnen aus dem Gebirge verschrieben, und ich hoffe Sie itzt besser zu verwahren, als das letztemal. Eine gute Freundinn von mir möchte auf Weihnachten gern eine gesunde und gute Amme haben; wollten Ew. Hochedelgeb. nicht so gütig seyn, und uns eine vorschlagen? Die Frau Obristlieutenantinn ist mit der, die Sie ihr geschickt haben, ganz ungemein wohl zufrieden. Sie machen Ihnen mich dadurch sehr verbindlich, und können gewiß glauben, daß ich mit der größten Hochachtung sey, Hochedelgebohrner Herr,     Hochzuehrender Herr Amtmann, u. s. w. N. S. Inliegenden Brief bitte unverzüglich an die Mademoiselle Tochter zu übergeben. er betrifft Fatalia! Mademoiselle, Nur dieses einzigemal haben Sie noch die Gütigkeit und nehmen meine Appellation an. Ich kann mir itzt nicht anders helfen, und Sie haben die geringste Verantwortung nicht dabey, da die letzte reiection sine clausula geschehn. Wie es mit dem Urtheil in Sachen N. contra N. zugegangen sey, kann ich gar nicht begreifen. Saluo honore sententionantium ist sehr elend gesprochen. Es zeigt von Ihrer Unparteylichkeit, und guten Erfahrung, daß Sie die Leuterung ohne Schwierigkeit zugelassen haben. Zween von der hiesigen Bande haben die Tortur glücklich ausgestanden, der dritte hat bekannt. Sollten Sie sich es wohl so närrisch träumen lassen, daß kein Notarius bey der peinlichen Frage adhibirt worden ist? Hier sende ich Ihnen die drey constitutiones ineditas, welche Sie verlangt. Der zweyte Theil vom Bauerrechte ist schon lange aus der Presse; wissen Sie das noch nicht? Aus dem Oberhofgerichte werden Sie wieder eine Inhibition kriegen. Lassen Sie es immer einmal drauf ankommen. Ueber beykommende Sportuln bitte mir bey Gelegenheit Quittung aus. Wir haben noch keinen Ordinarium. Befehlen Sie, daß ich weiter aufs juristische Orakel pränumeriren soll? Die Sache wegen des Abzugsgeldes ist wohl gar ins Vergessen gekommen. Lassen Sie doch noch einmal in Ihrem Archive nachsuchen, ob sich von den bewußten Lehnbriefen gar nichts findet. Ich habe die Ehre zu seyn Mademoiselle, der Ihrige. N. S. Haben Sie die Gütigkeit, und befehlen dem Papa, daß er den gebirgischen Mann wegen der Butter befriedigt. Ich habe den Verdruß und den Anlauf von den Leuten, und weis bald nicht mehr, wie ich sie bey der Geduld erhalten soll.   »In denjenigen Gerichtsstuben, wo die Democratie eingeführt ist, und wo ein Jeder, von dem Thürsteher an bis zu dem Richter, sein Votum hat; da ist für die Parteyen allerdings eine sehr kostbare Gerechtigkeit. Es gehört Geduld und Geld dazu, wer hier zu seinem Endzwecke kommen will. Ein Jeder will an den Parteyen saugen. Bey solchen Gelegenheiten muß man es machen, wie Taubmann , dem der Fürstliche Hof verboten war, und zwar unter der Bedrohung, daß man ihn mit Hunden hinaus hetzen würde. Er wagte es doch, er ließ für jeden Hund, der ihn anfiel, einen Hasen laufen, und kam endlich durch diese List zum Fürsten, wo er die Sache erlangte, die er wünschte. Es ist also hier nichts zu thun, als daß man sich in die Zeit, und in den Ort schickt. Besondere Regeln, wie man sich in diesem Falle zu verhalten habe, lassen sich nicht geben. Die Hauptregeln sind schon im vorhergehenden von mir angeführt worden, und diese beobachtet man auch in dem gegenwärtigen Falle.« »Dieses wären also die wichtigsten Vorschriften von der Kunst zu bestechen. Ich mag nicht weitläuftiger seyn, da ich weiter nichts habe thun wollen, als einen Versuch liefern. Ueberhaupt ist das Werk so wichtig, und von einem so weiten Umfange, daß ich nicht im Stande bin, es allein zu übersehn. Es würde mir lieb, und dem gemeinen Wesen sehr vortheilhaft seyn, wenn man in allen Gerichtsstuben diese wenige Bogen wollte durchschiessen, und von Zeit zu Zeit die besondern Arten nachtragen lassen, deren sich vorsichtige Parteyen bedienen, ihre Richter und Commissarien zu gewinnen. Die Fälle, welche etwan künftig bey meinen Amte noch vorkommen sollten, will ich sehr sorgfältig aufzeichnen. Wir wollen mit vereinten Kräften uns bemühen, den streitenden Parteyen einen sichrern Weg zu weisen, als ihnen die ungewissen Gesetze zeigen. Bringen wir auf diese Art eine vollständige Sammlung zu Stande; so wird sie, wie mich deucht, mehr als andere praktische Bücher, den Namen eines Hodegetae forensis verdienen. »An dieses Werk soll sodann noch ein Anhang kommen, von der Kunst sich bestechen zu lassen . Der Plan ist ungefähr dieser: »Das erste Capitel handelt von der Nothwendigkeit zu bestechen. Hier wird dasjenige kurz wiederholt, was ich auf den vorhergehenden Blättern gesagt habe. »Das zweyte Capitel handelt von der Billigkeit, sich bestechen zu lassen. Ich zeige dieselbe aus dem Rechte der Natur, und fange den Beweis von dem suum cuique an. »Das dritte Capitel erläutert dieses aus den geistlichen und weltlichen Rechten noch mehr. »Im vierten Capitel führe ich die besondern Verfassungen jedes Landes, und »Im fünften die geheimen Statura jedes Amts und der Exepedition an. Dieses Capitel ist das stärkste; aber auch das nützlichste. »Das sechste Capitel handelt eine Controvers über das Gewissen ab. Dieses Capitel ist eins der gelehrtesten, weil ich alle nur mögliche Antiquitäten vom Gewissen zusammen getragen habe. »Das siebente Capitel liefert Recepte wider das Gewissen. » Nota! Dieses Capitel ist für alle Stände. »Ich werde mir Mühe geben, im achten Capitel zu zeigen, daß ein Richter schuldig sey, den Parteyen es leicht zu machen, wenn sie ungewiß sind, wie sie es mit Anstand unternehmen sollen, ihn zu bestechen. Dieses ist ein Consectarium aus dem zweyten Capitel. »Die letzten sechs Capitel handeln von den Cautelen, welche die Richter zu beobachten haben, wenn sie sich auf eine vortheilhafte Art wollen bestechen lassen. Eine der vornehmsten Cautelen ist diese: der Richter muß spröde thun. Ich habe diesen Ausdruck von der Coquetterie entlehnt. Ein Mädchen von einem zweydeutigen Charakter wird ihren Beruf weit glücklicher treiben können, wenn sie sich das Ansehen eines tugendhaften und eingezognen Frauenzimmers erhalten kann. Dergleichen Ausschweifungen, wenn sie mit Vorsicht geschehn, sind allemal einträglicher, und das Publicum bleibt in einer Art der Ungewißheit, die dem guten Namen des Mädchens sehr vortheilhaft ist. Sie wird, ohne mein Erinnern, ihre Ernsthaftigkeit so zu mäßigen wissen, daß sie von dem Wilden und Rauhen unterschieden bleibt, wodurch die Jugend, und ihre Freunde zu sehr abgeschreckt werden könnten. »Auf eben diese Art muß sich ein Richter geberden. Er muß es einen aufmerksamen Clienten errathen lassen, daß er gegen Geschenke nicht unempfindlich sey; und dennoch muß er den Clienten in einer gewissen Art der Ehrfurcht zu erhalten wissen, daß dieser glaubt, er sey der einzige, dem es geglückt habe, ihn zu bestechen. Man glaubt nicht, wie sehr dieses den Preis der Geschenke erhöht. Die Parteyen opfern noch einmal so viel, um durch den ansehnlichen Werth des Geschenks die Verwägenheit einiger massen zu entschuldigen, die sie unternehmen, einen so unparteyischen und gerechten Mann zu blenden. Ein Richter, welcher sich seine Leidenschaften zu sehr merken läßt, welcher die Gerechtigkeit dem ersten dem besten, der darauf bietet, für ein geringes Geld zuschlägt; ein solcher Richter ist selbst Ursache, wenn der Werth seiner Waare fällt. Ordentlicher Weise bekömmt man für ein Dutzend Ducaten so gar viel Gerechtigkeit eben nicht: wie kann es nun ein solcher Mann bey seinen Collegen, und beyden Nachkommen verantworten, wenn ihm schon von einem einzigen Ducaten Hören und Sehen vergeht? »Mit dieser Regel ist noch eine andre sehr genau verwandt, welche befiehlt, daß man von den Armen nichts, von den Reichen desto mehr nehmen soll. Sie folgt aus eben dem Grundsatze, aus welchem ich die vorhergehende hergeleitet habe, und hat ausserdem noch einen doppelten Nutzen. Dadurch, daß ich dem Armen die nichtswürdigen Kleinigkeiten, so er mir anbietet, mit einer freundlichen und mitleidigen Miene wieder zurück gebe, erheuchle ich mir den Ruhm eines frommen Richters. Den elenden Gulden, den ich dem armen und nothdürftigen Clienten zurück gebe, trägt er mit Thränen und Freuden nach Hause, er wird nicht ruhen, bis die ganze Nachbarschaft unsre Großmuth erfährt, und gewinnt er auch nunmehr seinen Proceß nicht, wie er ihn natürlicher Weise nicht gewinnen kann, da er ein Armer ist; so wird er dennoch die Schuld seinem Richter nicht beymessen, diesem frommen und unparteyischen Manne, welcher aus grosser Liebe zur Gerechtigkeit nicht einmal einen Gulden hat annehmen wollen! »Ausser diesem Geruche der Heiligkeit, den ich mir bey tausend andern Fällen wohl zu Nutze machen kann, habe ich auch diesen Vortheil, daß der Reiche, wenn er von dem Armen meine Großmuth erfährt, seine Geschenke desto wichtiger einrichten muß, wenn er nicht Gefahr laufen will, auch abgewiesen zu werden. Nach den Regeln der Proportion fällt es dem armen Bauer weit schwerer, eine alte dürre Henne zu schenken, als es seinem Edelmanne fällt, den ich durch meine gerühmte Unparteylichkeit nöthige, mir den besten gemästeten Truthan aufzuopfern. Da der Arme so viel verliert, wenn er auch wenig schenkt; so ist es ihm zu gute zu halten, wenn er seinem kleinen Geschenke einen grossen Werth beylegt, und viel Gerechtigkeit dafür verlangt. Erlangt er diese nicht, so glaubt er, berechtigt zu seyn es dem ganzen Dorfe zu klagen, wie himmelschreyend sein Richter verfährt, den er, nach seiner Sprache zu reden, nicht satt und gerecht machen können, ob er ihm schon das Brodt in den Rachen gesteckt, welches er seinen armen Kindern vom Tische genommen. Ein Reicher hingegen, wenn er auch durch seine Geschenke den Endzweck nicht erhält, wird dennoch entweder so billig, oder so vorsichtig seyn, und die Mittel verschweigen, die er angewendet hat, sein Recht zu behaupten. Diesen Satz habe ich in der Abhandlung selbst sehr weitläuftig ausgeführt, da wider ihn in den meisten Küchen der Richter so gröblich verstossen wird. »Ein Richter hat sich wohl vorzusehn, daß er von denjenigen keine Geschenke nimmt, welche mit seinen Obern und Vorgesetzten in einiger Verbindlichkeit, oder Verwandtschaft stehen. Thut er es dennoch, und ist er dabey nicht vorsichtig genug, so ist er auf einmal, ohne Rettung, verloren; hütet er sich aber, und zeigt er demjenigen, der ihn bestechen will, einen gerechten Abscheu vor einer solchen Handlung: so gewinnt er dadurch doppelt so viel, als er dem äusserlichen Ansehen nach durch die Abweisung dergleichen Geschenke verliert. Diese Cautel hat mir Gelegenheit gegeben, dem Richter sehr weitläuftige Regeln wegen der Sorgfalt vorzuschreiben, mit welcher er sich gleich beym Anfange des Processes erkundigen müsse, ob eine der Parteyen auf diese oder jene Art mit einem von seinen Obern, oder mit denen, die er sonst zu fürchten hat, in einiger Verbindlichkeit stehe. Ich habe gewiesen, daß ein Richter schuldig sey, dieses zu thun, ehe er noch die Klagen liest. Denn in diesen Fällen wird die Gerechtigkeit der Sache nicht durch die Beweise der Parteyen entschieden, sondern durch die Actien, die der eine oder der andre von ihnen bey unsern Obern hat. Damit ich nicht das geringste verabsäume, wodurch dem gemeinen Wesen geholfen werden könne; so zeige ich in meiner Abhandlung, wie man diese Verbindung der Parteyen durch die gewöhnlichen Stammbäume ausfindig machen kann. Ich zeige auch, wie man die Grade zählen muß, welches von der gewöhnlichen Art ganz abgeht, weil durch diese Art der Stammbäume nicht so wohl die Verwandtschaften, als die politischen Verbindungen der Parteyen mit den Obern ausfindig gemacht werden sollen. Es sind in diesem Capitel viele Aufgaben, welche den Verstand eines jungen Richters üben können, wenn er sich die Mühe geben will, die Stammbäume daraus zu verfertigen. Die Fälle, von denen ich daselbst rede, habe ich aus solchen Acten genommen, welche vor den ansehnlichsten Richterstuben und Commißionen ergangen sind. Damit ich den Lesern einen hohen Begriff von der Wichtigkeit meines Vorschlags beybringe; so will ich ihnen nur eine von so vielen Aufgaben erzählen, die ich angeführt habe. Sie ist folgende: Cajus klagt wider den Sempronius aus einem Testamente, wegen eines Vermächtnisses von fünf hundert Thalern. Das Testament hat seine Richtigkeit. Sempronius räumt es selbst ein; es ist ihm durch wiederhohlte Urthel auferlegt worden, die fünf hundert Thaler zu bezahlen, alle Appellationen, die er eingewendet hat, sind rejicirt, und er ist so weit getrieben, daß bereits der Termin zur Hülfe anberaumt worden. Was soll Sempronius thun? Soll er bezahlen? Die Gesetze, die Urthel, die Billigkeit wollen es haben. Kleinigkeiten! Er hat einen Advocaten, der Gesetze, und Urthel, und Billigkeit übersieht. Er bezahlt nicht, und findet einen Weg, daß zu nochmaliger Untersuchung dieser Sache eine besondre Commißion niedergesetzt wird. Der neue Commissar, ein Mann von Erfahrung, wirft die Acten bey Seite, und untersucht, in was für einer Verbindung Sempronius mit demjenigen steht, der sein Oberer und Mäcenat ist. Er findet die Verbindung also: Sempronius hat einen Bruder, Titius; die Frau des Titius, Calpurnia, hat eine Schwester, deren Mann, Cajus, seinen jüngsten Sohn, Lälius, zum Schreiben und Rechnen angehalten, und so weit gebracht, daß er in einer gewissen Herrschaft Kornschreiber geworden, und vor drey Wochen die Tiburtia, ein Mädchen geheirathet hat, das Seine Excellenz, der Obere und Mäcenat des neuerwählten Commissars, fünf Jahre lang, als ein schönes und artiges Mädchen gefunden hat, und noch also findet. Aus diesem allen fertigt der Commissar seinen Stammbaum; und weil er das nur vor kurzem verheirathete Mädchen als ein documentum nouiter repertum billig ansieht, so wird das bisherige Verfahren aufgehoben, und Kläger, Cajus, genöthigt, sich mit dem Sempronius zu vergleichen, so gut er kann. Ich bitte diejenigen von meinen jungen Lesern, welche sich künftig als Priester der Gerechtigkeit wollen einweihen lassen, daß sie die Mühe sich nicht dauern lassen, die Verbindungen dieser Aufgabe in einen Stammbaum zu bringen. In Sachen von Wichtigkeit, wie diese ist, kann man nicht zeitig gnug anfangen, sich zu üben. »Bey der Anweisung von der Kunst sich bestechen zu lassen habe ich endlich auch diese Regel wiederholt: Ein Richter darf es nicht gar zu sehr auf die Großmuth seiner Parteyen ankommen lassen, und nicht verstatten, daß ihm die Geschenke nur von ferne gewiesen werden. Accipe, dum dolet! Die Erkenntlichkeit, die die Parteyen alsdenn erst leisten wollen, wenn der Proceß zu Ende ist, gehören zu den leeren und unnützen Complimenten. Sie bedeuten nichts mehr, als das bekannte: Mein Herr, wir wollen sehen! welches uns die Großen in ihren Vorzimmern machen, wenn wir von ihnen etwas bitten, daß sie uns nicht gewähren wollen. Ein Client, der in Angst ist, seinen Proceß zu verlieren, thut in dieser Noth eben so grosse, und eben so vergebne Gelübde, als derjenige that, der währenden Sturms dem großen Christoph die Wachskerze versprach. Ich zeige hier, wie alsdann ein Richter den zaudernden Parteyen es so nahe legen könne, daß sie nicht einen Augenblick anstehen, ihn zu versöhnen. Es giebt mir dieser Umstand Gelegenheit, die ganze Abhandlung von der Kunst sich bestechen zu lassen mit den bekannten Versen zu schließen: »Dum processus ventilatur, dum aegrotus aegrotatur, Studeas accipere. Nam processu ventilato, et aegroto releuato, Nemo curat soluere.« »Ich habe in den Schriften des Plato eine Stelle gefunden, die mich sehr aufmerksam gemacht hat. In der Abhandlung von der Einrichtung seiner neuen Republik ist er sehr weitläuftig, wenn er auf die Fehler des Magistrats zu reden kömmt. Bey dieser Gelegenheit führt er ein attisches Sprichwort an, welches ungefähr so viel sagt, daß einige Ratsherren in Athen zum Nutzen, andre aber nur zur Zierde des Vaterlandes zu dieser Ehrenstelle erhoben worden Τους μεν φασι εργω ωφελουντας, τους δε δια τε σεμνυνεσθαι κοσμον παρεχοντας. Plato. Rep. I. 2.p. 4. 413. . Ich habe diesen Gedanken ganz neu gefunden; und ich wundre mich, daß seit so viel Jahrhunderten niemand darauf gefallen ist, durch den Ausspruch eines so weisen Mannes den verjährten Eigensinn zu besiegen, der sich noch in allen Städten durchgängig behauptet, und der verhindert, daß niemand in den Rath kommen kann, als wer die Geschicklichkeit und den Willen hat, dem Vaterlande zu nützen. Wie viele wohlgebildete Kinder der Stadt, denen es am Verstande fehlt, würden Brodt haben, wenn man wenigstens eine gewisse Anzahl aufnähme, welche nur zur Zierde des Vaterlandes ernährt würden. Man könnte diesen Gedanken noch weiter ausführen, und zum Besten einer ieden Republik allgemeiner machen, wenn man einige zum Nutzen, einige zur Zierde, einige so wohl zum Nutzen als zur Zierde, und endlich noch andre in dergleichen Aemter aufnähme, welche weder zum Nutzen noch zur Zierde des Vaterlandes gereichten. So widersinnig dieses letztere klingt, so groß würde doch der Nutzen seyn, den man davon zu erwarten hätte. Dergleichen Männer sind in Aemtern so unentbehrlich, als der Schatten im Gemälde. Ein Mann, der zum Nutzen des Vaterlandes dienet, würde weniger in die Augen fallen, wenn nicht ein College neben ihm säße, der nicht zum Nutzen, sondern bloß zur Zierde des Vaterlandes geschaffen wäre. Und dieser würde sehr unbemerkt da sitzen, wenn es nicht noch andre gäbe, die weder zum Nutzen, noch zur Zierde des Vaterlandes gereichten. Dadurch, daß man bisher niemanden das Ansehen eines Vaters der Stadt hat zugestehen wollen, als nur demjenigen, der so wohl zum Nutzen als zur Zierde des Vaterlandes geschickt ist, durch dieses Vorurtheil ist es gekommen, daß man so viel Mühe hat, die erledigten Stellen zu besetzen. Oft sind sie zum unersetzlichen Schaden des gemeinen Wesens wegen Mangel geschickter Candidaten lange Zeit und wohl ganz und gar unbesetzt geblieben; oft hat man seine Zuflucht zu einer einzigen erleuchteten Familie nehmen, und durch Vater und Sohn, und Enkel, und Schwiegersohn, die Gerechtigkeit müssen verwalten lassen, welche gar leicht zu einer Familiengerechtigkeit hätte werden können, wenn wir nicht in den glücklichen Zeiten lebten, wo die Gesetze mehr gelten, als eigennützige Absichten. »Ich wollte, daß ich Gelegenheit geben könnte, diesen Unbequemlichkeiten abzuhelfen. Die Nahrung würde allgemeiner seyn; die Aemter würden viel leichter besetzt, und viel lustiger verwaltet werden. Ein jeder würde in den Stand kommen, dem Vaterlande zu dienen, wo nicht mit dem Verstande, doch mit einem wohlgewachsnen Körper, und wo auch mit diesem nicht, doch wenigstens mit seinem Daseyn. »Ich sollte hoffen, daß meine patriotischen Vorstellungen einigen Eindruck machen würden; aber ich weis auch leider, wie schwer es hält, eingewurzelte Vorurtheile auszurotten. Vielleicht giebt man sich nach und nach; vielleicht erleben unsre Kinder dasjenige, was uns itzt unmöglich scheint. »Es versteht sich von selbst, daß ich für die Nachwelt schreibe. Dieses hat mich bewogen, ein Formular zu entwerfen, wie etwan in künftigen, vielleicht sehr späten Zeiten, ein junger Mensch es anfangen soll, wenn er einen innerlichen Beruf empfindet, zur Zierde des Vaterlandes ein Rathsherr zu werden. Diejenigen, welche an einer so problematischen Sache, und an den Sitten der Nachwelt keinen Antheil nehmen, können dieses Formular sicher überschlagen, ohne etwas dabey zu verlieren. Die folgenden zween Briefe sind schon etwas wichtiger, und mehr praktisch.«   Madame, Ich habe das Glück, Ihre Pathe zu seyn. Dieses giebt mir ein Recht, auf alle diejenigen Aemter Anspruch zu machen, welche durch die Hand Ihres Mannes vergeben werden. Die nur unlängst eröffnete Rathsstelle erinnert mich an dieses Vorrecht. Sie wissen, Madame, wie vorsichtig und zärtlich meine Aeltern mich jederzeit erzogen haben. Ihre Sorge, mich durch eine pöbelmäßige Strenge und einen unzeitigen Fleiß zu früh niederzudrücken, und zu dem Amte, das ich itzt suche, ungeschickt zu machen, diese liebreiche Vorsorge meiner Aeltern hat mich in den Stand gesetzt, daß ich itzt bey einem gesunden, wohlgebauten, und gut genährten Körper das Vermögen, welches ich geerbt, ruhig genießen, und die kleinen Spöttereyen der Pedanten über den Mangel der Gelehrsamkeit und des Verstandes gelassen übersehen kann. Ich weis, Madame, und Sie wissen es noch besser, als ich, daß der Mangel dieser beyden Kleinigkeiten mich nicht unfähig macht, dem Amte, das ich suche, würdig vorzustehen. Zween unter uns können allemal Verstand und Gelehrsamkeit sicher entbehren, wenn nur der dritte zugleich in unserm Namen verständig, gelehrt, und fleißig ist. Man hat mich versichert, daß dieses Verhältnis fast in allen Aemtern gemein sey. Ich hoffe, man wird in unsrer Stadt von den Sitten unsrer Vorfahren, und den allgemeinen Gewohnheiten nicht abgehn. Glauben Sie, Madame, es ist für die Stadt allemal vorträglicher, wenn ihre Väter weniger gelehrt, und besser gebaut sind. Das Ansehen eines starken Körpers bringt beym Volke eine Hochachtung zuwege, die derjenige, welcher zwar verständig und gelehrt, aber so wohl nicht gewachsen ist, nur selten erlangt. Durch Ansehen und Hochachtung aber wird das Volk regiert, und die Gerechtigkeit gehandhabt. Es giebt gewisse Fälle, wo der Rath paradiren muß und wo man durch eine Garnitur wohlgewachsner Rathsherren mehr Beyfall und Vortheil erlangt, als durch den pedantischen Troß derjenigen, die incognito, und zugleich für uns, verständig und fleißig seyn müssen. Dieses sind die Fälle, Madame. wo ich hoffe, meinem Vaterlande dienen zu können, und wo ich vor Eifer brenne, es zu thun. Ich will meinen Stuhl wohl füllen, und meinem Amte Zierde machen. Verlassen Sie sich darauf. Machen Sie mich, und zugleich mein Vaterland glücklich. Verschaffen Sie mir ein Amt, für das ich gebohren und erzogen bin. Es kostet Sie nur ein Wort, so erlange ich meinen Wunsch. Dieses eine Wort werden Sie mir doch nicht versagen, Madame? Sie thun es nicht, ich weis es gewiß, und meine einzige Sorge ist diese, wie ich Ihnen sodann für ihre Bemühung meine Ergebenheit lebhaft gnug bezeigen will. Ich bin mit der tiefsten Hochachtung \&c. »Weil ich einmal auf dem Wege bin, meine Belesenheit in den Schriften der alten Griechen blicken zu lassen; so will ich nachstehende zween Briefe des Alciphrons einrücken Alciphr. libr. 1. Ep. 11. 12. p. m. 23. . »Um sie zu unsern Zeiten ähnlicher zu machen, so habe ich sie nach Art der neuern Franzosen so frey übersetzt, daß sie dem Originale fast gar nicht mehr ähnlich sind. Die Gewaltthätigkeit, die man auf diese Art an den Schriften andrer ausübt, würde ohne das entscheidende Beyspiel der witzigen Franzosen etwas unverantwortliches seyn. Ich behalte mir vor, den Nutzen davon bey einer andern Gelegenheit zu zeigen; itzt muß ich nur so viel erinnern, daß ich mich bey dieser Freyheit ungemein wohl, und bequem befunden habe. »Da ich diese Erklärung vorgesetzt habe, so will ich hoffen, daß ich gegen die voreilige Weisheit eines eigensinnigen Kunstrichters gesichert seyn werde. Ich werde mir die Mühe nicht geben, es zu beantworten, wenn man mir vorwirft, daß es unter den Griechen Männer gegeben hätte, welche mit der ganzen Welt zufrieden gewesen wären, wenn sie Knaster und Bier gehabt hätten. Ich würde es sehr leicht von Wort zu Wort haben übersetzen können; es würde aber unsern Zeiten unverständlich geworden seyn Οτε καρδαμον εχει και ζυδον, προσγελων απασι, την παρ εαυτω αφδονιαν τω τροπω δηλων. Alciphr. I. all. . Wenn mir nicht Matanasius zuvor gekommen ist, so bin ich vielleicht der erste, der entdeckt hat, daß schon bey den Griechen die kleinen poßierlichen Figuren gebräuchlich gewesen, die man auf den Camin setzt, und Pagoden nennt Ωσπερ τα προσωπα τα κωφα, α επι ταις καμινοις ισταμενα ορωμεν, προσφελως επινευοντες. Alciphr. I. all. . Ein Beweis, daß dieser Geschmack so gothisch nicht ist, als man wohl glauben sollte. Aristenät braucht eben dieses Wort in einem Briefe an den Libanius , wenn er von einem stummen Rathsherrn in Constantinopel redet, der sich bey seiner Bequemlichkeit alles gefallen ließ, was man in Vorschlag brachte, und den das gemeine Volk um deswillen nur den Jaherrn nennte Προσμειδων τα και επινευτεκον. Aristenaet. l. 2. ep. 7. p. m. 74. . Die Anmerkung wird überflüßig seyn, daß es bereits bey den Griechen Weiber gegeben habe, die ihren Männern das Leben sauer gemacht. Unser Text sagt es mit klaren Worten; aber es sagen es noch mehr Texte. Ob ich das Wort: fauler Schlingel: recht übersetzt habe, will ich von Kennern entscheiden lassen Γαστηρ αργος. conf. Liban. Ep. 394. p. m. 248. . Bey dem zweyten Briefe werden die Kunstrichter sehr stutzen, wenn sie hören, daß es in Athen zwölfe geschlagen hat. Der Hahn krähte schon , würden sie gesagt haben; aber sie würden nicht verstanden worden seyn. »Wie leicht ist es doch, gelehrt zu schreiben! Ich war Willens, nur ein Wort zu meiner Vertheidigung zu sagen, und habe eine ganze Seite voll kritischer Weisheit hingeschrieben. Der Himmel weis, wieviel Gewalt ich mir anthun muß, nicht so gelehrt zu seyn, um meinen Lesern nicht unerträglich zu werden. Was ich gesagt habe, ist gnug, meine Uebersetzung zu retten.«   Herr Bürgermeister, Endlich habe ich einen Mann gefunden, der recht nach Ihres Herzens Wunsche ist. Sie können die erledigte Rathsherrnstelle nicht besser besetzen, als mit ihm. Er kömmt den ganzen Sommer nicht von seinem Weinberge, und den Winter hindurch nicht vom Camine. Ein Mann, der, wenn er Knaster und Bier hat, mit der ganzen Welt zufrieden ist! Aus diesem Manne können Sie machen, was Sie wollen. Er hilft Ihnen dasitzen, wenn Sie es verlangen, und Sie können ihm so heftig begegnen, als Sie wollen, Sie beleidigen ihn gewiß nicht. Ich bin Bürge für ihn, daß er Ihnen niemals widersprechen soll. Zu mehrer Sicherheit giebt er Ihnen einen Revers darüber. Muthen Sie ihm nur nicht zu, daß er viel reden darf; widersprechen wird er wenigstens nicht. Auf sein Votum können Sie sichern Staat machen. Er ist wie die Pagoden von Thon, die man auf den Camin setzt, und die länger als eine Viertelstunde mit dem Kopfe nicken, wenn man nur ein wenig mit dem Finger daran rührt. Ich empfehle ihn bestens, und bitte mir bald Antwort aus. Er verdient Ihr Wohlwollen. Lesen Sie nur seinen Brief, den er an mich geschrieben hat. Können Sie sich einen bessern Collegen wünschen? Vor seiner Frau fürchten Sie sich nicht. Sie hat einen närrischen Kopf, aber nur für den Mann; außerdem ist sie zahm, und sehr gefällig. Ich kenne sie. Es ist ihr nur um den Rang zu thun. Hat sie den erlangt, so wird sie gewiß keine Unruhe in der Stadt anrichten, oder sich einiger Herrschaft anmaaßen. Das können Sie der Frau Bürgermeisterinn sagen, damit sie nicht ohne Noth argwöhnisch und eifersüchtig wird. Folgen Sie mir, mein Herr. Machen Sie diese Maschine zum Rathsherrn. Es wird Sie nicht gereuen, u. s. w. Vielgeliebtester Herr Schwager, Rathsherr möchte ich nun freylich gern werden. Ich habe mir immer so ein Aemtchen gewünscht, bey dem man den Körper schonen kann. Sie wissen es, Herr Schwager, ich bin ein wenig langsam und bedächtig, gut, wie ein Kind; alle heftige Bewegungen leidet mein feister Körper nicht. Aber das wäre recht, wie ich mirs wünschte. Meinen Sie nicht, daß ich es werden könnte? Reden Sie einmal mit dem Herrn Bürgermeister. Er soll einen recht frommen, und lieben Collegen an mir haben; mit Willen wenigstens will ich ihn niemals erzürnen, den ehrlichen Mann! Reden Sie einmal mit ihm. Aber sollte er es wohl nicht gern sehen? Je nun, wissen Sie was, Herr Schwager, wenn es auch nicht ist, so mag es das mal bleiben. Ich möchte ihn nicht böse machen. Reden Sie nur mit ihm. Meine Frau, sie hat auch ihr Köpfchen vor sich, wie eine andre Frau, meine Frau spricht immer zu mir: Mann! wird denn nimmermehr nichts aus dir? Willst du denn ein ewiger fauler Schlingel bleiben? Laß es gut seyn, mein Engelchen, spreche ich zu ihr, es wird sich schon geben! Sehn Sie, Herr Schwager, das wäre nun so eine Ursache, warum ich mich gern in den Rath wünschte. Der liebe Hausfriede! – Sie verstehn mich schon. Das Weibchen ist gut; nur die fliegende Hitze! die, die, die – – wie gesagt, Sie verstehn mich schon. Stellen Sie es dem Herrn Bürgermeister vor. An gutem Willen, und an Geschicklichkeit soll es mir wohl nicht fehlen. Ich habe eine sehr vernünftige Frau; bin ich nur einmal Rathsherr, so kann sie mir mit Rath und That beystehen. Nun es bleibt dabey! Hören Sie einmal, was der Bürgermeister dazu sagt. Uebereilen Sie Sich nicht; kömmt Zeit, kömmt Rath. Ich muß abbrechen; ich habe schon lange geschrieben, und meine Frau läßt mir sagen, ich soll zu Bette gehn. Gute Nacht! Lieber Himmel; es schlägt schon zwölf Uhr – die Nacht habe ich mir gewiß mit dem vielen Schreiben verderbt. Thun Sie Ihr Bestes, Herr Schwager. Ich gähne mich noch todt. Gute Nacht! »Seit der Zeit, daß ich mir vorgenommen habe, satirische Briefe zu schreiben, bin ich von diesem Gedanken so voll gewesen, daß fast eine jede merkwürdige Stelle, die ich in einem Buche lese, mich auf den Einfall bringt, einen Brief darüber auszuarbeiten. Eben so gieng es mir mit der Stelle in der Odyssee, wo ich durch die grausame Freundschaft des Polyphems auf eine empfindliche Art gerührt ward. Ich wünschte mir, diesen Gedanken in einem Briefe anzubringen; ich wandte meinen Polyphem auf alle Seiten herum, um eine Aehnlichkeit mit einem Manne zu finden, dessen Charakter etwas lächerliches und tadelnswürdiges an sich hätte. Endlich schuf ich mir eine gewisse Art eines ungerechten Richters. Ich bewaffnete ihn mit einiger Gewalt, Schaden zu thun; ich bauete ihm eine Höhle, aus welcher er das umliegende Land schrecken sollte; ich schaltete hin und wieder kleine Episoden ein, und endlich ward der Brief fertig, der nachsteht. »Es ist für einen Verfasser nicht vortheilhaft, wenn der Leser gar zu genau weis, was die Gelegenheit zu einer Schrift gegeben, und wie sich ein Gedanke aus dem andern entwickelt hat. Sagt man ihm dasjenige zu zeitig, was er selbst entdecken sollte, so fällt das Unerwartete, und eben dadurch der größte Theil der Annehmlichkeit weg. »Ich verliere bey dieser Erklärung allerdings, das sehe ich gar wohl voraus: aber ich habe diesen Schaden lieber verschmerzen, als in einen Verdacht fallen wollen, der mir noch weit empfindlicher seyn würde. Nunmehr sind meine Leser überzeugt, wenigstens hoffe ich es, daß mein ungerechter Richter nur des Polyphems wegen erdacht worden. Hätten sie das nicht gewußt, wie viel vergebne Mühe würden sie sich gemacht haben, das Original zu errathen. Hätten sie auch kein Original dazu gefunden, wie es denn nicht möglich ist, da dergleichen ungerechte Richter, wenigstens in unsern Landen, nicht sind, so würden sie doch mich nicht aus dem Verdachte gelassen haben, daß meine Satire eine persönliche Satire sey. Nun kann ich ihr Urtheil gelassen erwarten. Derjenige Leser muß sehr verstockt seyn, der dem ungeachtet glauben will, daß ein solcher Polyphem unter uns wohne.«   Gnädigster Herr, Ist es möglich, daß Sie diesen Mann erst itzt haben kennen lernen? und Sie wohnen schon sechs Jahr in der Gegend, welche unter seiner Ungerechtigkeit seufzt? Aber vielleicht kennen Sie ihn noch itzt nicht einmal recht genau. Ich will ihn malen, nach dem Leben will ich ihn zeichnen. Machen Sie sich diese Entdeckung zu Nutze, und hüten Sie sich vor ihm. Er giebt sich Mühe zu vergessen, was er gewesen ist, ungeachtet seine Aeltern sich dieses Sohnes mehr zu schämen haben, als er sich seines Vaters zu schämen hat, welcher in Armut lebt, und ehrlich ist. Er hat für gut angesehn, eine mittelmäßige Stadt zu seinem Aufenthalte zu wählen, um seine Verdienste desto merklicher zu machen. Das ist die Höhle, in welcher er die Beute verzehrt, die er in der umliegenden Gegend von etlichen Meilen zusammen raubt. Er hat so einträgliche Begriffe von der Amtspflicht, daß er gerecht ist, nur seinen Vortheil zu machen, und eben dieses Vortheils wegen zu andrer Zeit die größten Ungerechtigkeiten begeht. Der Hochmuth ist seine stärkste Leidenschaft, eine Leidenschaft, die immer diejenigen am meisten martert, welche die wenigsten Verdienste haben. Er erinnert sich noch, und sagt es allen denen, die es nöthig zu wissen haben, daß er vor zwanzig Jahren neben dem Minister auf dem Canapee gesessen hat. Er wiederholt diesen Umstand so oft, als er merkt, daß man an seiner unumschränkten Gewalt zu schaden zweifelt. Ungeachtet dieses Hochmuths ist er noch immer niederträchtig genug, Geschenke zu fodern, wenn man ihm solche nicht so geschwind, als er wünscht, entgegen bringt. Er bestimmt selbst den Werth derselben, wenn er findet, daß sie für seine Parteylichkeit ein zu geringer Lohn sind. Es ist gefährlich, von dem Preise abzugehen, den er setzt. So vorsichtig ein andrer Richter ist, um zu verbergen, daß er sich habe bestechen lassen; so mühsam ist dieser, es allen zu sagen, von denen er itzt oder künftig Geschenke vermuthen kann. Von alle dem, was sein Amt erfodert, versteht er weiter nichts, als die Kunst, das nicht zu thun, was er thun soll. In seiner Jugend war es in verschiednen Häusern noch Mode, daß vornehme Leute mit der Religion leichtsinnig scherzten, daß sie in ihrem Amte sich aus Bequemlichkeit auf den Fleiß ihrer Untergebnen verliessen, von schönen Wissenschaften verächtlich sprachen, und in den artigsten Gesellschaften auf eine unflätige Art witzig waren: Er ist beynahe der einzige, der diese pöbelmäßige Mode noch beybehalten hat. Mit der Religion scherzt er leichtsinnig, weil er sich Mühe giebt, den traurigen Gedanken von der ernsthaften Folge einer Religion zu seiner innerlichen Beruhigung zu überwältigen. Seine Untergebnen haben die ganze Last des Amts bey einem geringen Unterhalte auf sich, weil er zu ungeschickt ist, es selbst zu verwalten. Ich kenne niemanden, dem es natürlicher läßt, von den schönen Wissenschaften verächtlich zu sprechen, als ihm, weil niemand natürlicher dumm ist, als er. Die unflätige Sprache ist seine Muttersprache. Er ist stark darinnen, noch stärker, als sein Gesinde. Von diesem Witze ist er ein wahrer Kenner, den weis er zu schätzen. Die Thränen eines nothleidenden Unterthanen rühren ihn bey weitem so nicht, als eine unerwartete Zote; mit dieser kann man ihn gewinnen. Er hat einen Advocaten in seiner Pflege, welcher bey einem jeden neuen Processe auf neue Unflätereyen sinnt, und so glücklich ist, durch diesen Witz einen beyfälligen Richter zu behalten. So grausam er gegen die Unterthanen seines Fürsten ist, so ein harter Vater ist er auch. Er hat sich zum drittenmale verheirathet, und, welches bey ihm fast unglaublich ist, er hat zum drittenmale eine vernünftige Frau bekommen. Wie glücklich wäre diese Elende, wenn er zum drittenmale zum Wittwer würde! Sie hat es einmal gewagt, die Thränen einer gedruckten Gemeine sich bewegen zu lassen, und für sie zu bitten; dieses Mitleiden findet er so widernatürlich, daß er es sie noch itzt empfinden läßt. Seine Kinder sind so tugendhaft und vernünftig, daß sie wohl verdienten, seine Kinder nicht zu seyn. Wären sie ihm ähnlicher, so würde er sie mehr lieben. Glauben Sie wohl, Gnädiger Herr, daß man, dieses häßlichen Charakters ungeachtet, dennoch fast eine Stunde lang mit Vergnügen in seiner Gesellschaft seyn kann? Wirklich kann man es so lange seyn; aber man muß sich seiner Schwäche zu bedienen wissen. Ich habe es versucht. Ich ließ mich bey ihm melden, als ein Mann, der die Ehre zu haben wünschte, ihn kennen zu lernen, und ihm seine unterthänige Aufwartung zu machen. Er nahm mich an, nachdem mich sein alter Bedienter, welcher Kutscher, und Gärtner, und Koch und Schreiber zugleich war, an der Treppe empfieng, und im Pompe durch drey große Säle, eine Küche und zwo Vorrathskammern in das Cabinet zur Audienz führte, wo ich dieses Geschöpfe, das theure Schrecken seiner Bauern, und die Geißel der Gerechtigkeit, in prächtigem Schlafpelze am Pulte sitzend fand. So dick er ist, denn seine schweren Berufsarbeiten haben ihm immer noch Zeit gelassen, fett zu werden: so geschwinde sprang er auf, bedauerte, daß er in seinem Nachtkleide überrascht ward, warf zween große Stöße Acten über den Haufen, die er seit vielen Jahren zur Parade neben sich stehen, und seit vielen Jahren über den Haufen geworfen hat, gieng mir mit einer großen geschäfftigten Miene entgegen, und empfieng mich mit Huld und Gnade. Sie können wohl glauben, daß bey einem solchen Auftritte kein Compliment natürlicher ist, als dieses, daß man die Freyheit entschuldigt, die man sich genommen hat, einen Mann von solchen Geschäfften zu stören. Er nahm es mit der lächelnden Miene an, mit der eine alte Jungfer widerspricht, wenn man ihr die Schmeicheley macht, daß sie schön sey. Sein linker Arm hieng nachläßig über das Schreibepult, und die Finger waren geschäfftig, in verschiednen Schreiben und Suppliken zu wühlen. Er seufzte über sein Amt, über den Anlauf der Leute, über die vielen herrschaftlichen Arbeiten ex officio. Ich war in allem seiner Meinung, und seufzte ergebenst mit. Dieses machte, daß er sein Herz zu mir herab neigte, und mir nach verschiednen wichtigen Unterredungen endlich von großen Veränderungen im Staate ganz im Vertrauen einen Wink gab. Ein Brief von Seiner Excellenz – – mehr durfte er nicht sagen. Ein Hofmann, wie er, sagt alles nur halb, und denkt gar nichts dabey! In der That wies er mir von ferne einen Brief, und ließ mich sehr vorsichtig weiter nichts lesen, als Hochedelgebohrner, Hochgelahrter . Mit einem male verschloß er ihn ins Pult, brach ab, und sahe mir steif in die Augen. Ich antwortete ihm mit einem beredten Achselzucken, schlug die Augen in die Höhe, und lächelte. Wir verstunden beyde einander; er, daß ich seine Einsicht in das Zukünftige des Staats bewunderte, und ich, daß er ein Narr war. Nach einer landesverrätherischen Pause von zwo Minuten, nahm er mich bey der Hand, und sagte: Seria in crastinum! und sagte mir vielleicht damit sein ganzes Latein. Womit kann ich Ihnen dienen? mit Ungarischem Weine? Mit Champagner? mit Burgunder? Mit Burgunder doch wohl am liebsten. Burgunder, Johann, vom besten, geschwind! rief er seinem Bedienten zu, der von ferne an der Thüre stand, und sich die Haare auskämmte. Er kam. Burgunder? Nein, Gnädiger Herr, ein rother Landwein. Ich trank ihn als ein wahrer Patriot, und schlurfte ihn so prüfend durch meine Zähne, als der Schmarozer kaum thut, welcher gegen Sie, Gnädiger Herr, niemals mehr Ehrfurcht bezeigt, als wenn Sie Burgunder und Austern haben. Bey dem ersten Glase nöthigte er mir eine Schmeicheley ab, die mir nicht schwer ward, weil ich mich darauf gefaßt gemacht hatte; bey dem zweyten erzählte er mir den ganzen Umfang von seinem Amte, und seufzte noch einmal darüber, daß er ein schweres Amt hätte. Ein sehr vergebner Seufzer! denn, wenn es ihm schwer wird, so geschieht es gewiß nur alsdann, wenn er Jemanden glücklich machen soll. Und in diese Umstände setzt er sich sehr selten, oder er muß wenigstens die Hälfte von dem Glücke zu genießen haben. Bey dem dritten Glase rühmte er die Gnade, die das Ministerium für ihn habe. Das Canapee ward nicht vergessen. Bey dem vierten Glase versicherte er mich seiner Freundschaft. Verlohnte diese Versichrung wohl die Mühe, vier Gläser sauern Landwein zu trinken? Ich verbat mehrern Wein, und schützte den Gehorsam vor, den ich meinem Arzte schuldig wäre, einen Gehorsam, von dem mein Arzt nichts weis. Er beschäfftigte sich noch fast eine halbe Stunde mit seiner Größe, und beschloß den letzten Aufzug mit ein paar artigen Unflätereyen. Ich stund von meinen Stuhle auf, und entflohe seinem Witze und seinem Weine! Hätten Sie mir wohl so viel Geduld zugetraut, Gnädiger Herr? In der That habe ich sie gehabt, und habe sie eine Stunde lang mit Vergnügen gehabt; dennoch will ich Ihnen nicht rathen, mir es nachzuthun. Da ich nicht in der geringsten Verbindung mit ihm, und mit seinem Amte stehe, so war er mir erträglich. Ihnen hingegen wird er es nicht seyn, und Sie wird er eine gewisse Hoheit empfinden lassen, die seine Dummheit ehrwürdig machen soll. Am wenigsten wagen Sie es itzt, da Sie in den unglücklichen Proceß gerathen sind. Bisher hat er Sie geschont, oder schonen müssen; nun sieht er Sie als ein Opfer an, das von seiner Hand sterben soll, das für ihn geschlachtet wird. Ich bin gar nicht mit dem Einfalle zufrieden, den Sie gehabt haben, ihn mit dem Eymer Wein zu besänftigen. Dadurch machen Sie ihn nicht menschlich, nicht billig; wenn es hochkömmt, erlangen Sie von seiner Ungerechtigkeit nur eine kurze Frist. Polyphem war im Begriffe, den Ulysses mit seinen noch übrigen Gefährten zu fressen. Ulysses gab ihm von seinem göttlichen Weine. Der ungerechte Cyclop trank davon, er lobte den göttlichen Wein; dreymal trank er davon, und sagte zum Ulysses: Dein Wein ist vortrefflich, mein Freund, dich will ich zuletzt fressen! Hätten Sie wohl geglaubt, Gnädiger Herr, daß sich mein Brief so pedantisch schließen sollte? Ich bin mit beständiger Hochachtung u. s. w. »Da ich noch auf hohen Schulen war, und die Welt nicht kannte, ließ ich mir das Vorurtheil beybringen, es gehöre mit unter die unbemerkten und verzehrenden Krankheiten eines Staats, wenn Privatpersonen, als Besitzer von Dörfern und Landgütern, zu viel Freyheit hätten, das Recht über ihre Bauern unter dem Namen der Erbgerichte zu verwalten. Dieser Wahrheit ein fürchterliches Ausehen zu geben, stellte man die Möglichkeit vor, daß ein Gerichtsherr ungerecht seyn könnte; daß der Unterthan durch diese Ungerechtigkeit, welche noch immer den Schein einer Legalität hätte, nach und nach entkräftet, und außer den Stand gesetzt würde, dasjenige zu leisten, was er seinem Fürsten schuldig wäre; daß ihm oft nicht Zeit gelassen, oder daß es ihm doch sehr schwer gemacht würde, wenn er wider dergleichen Unterdrückungen den Schutz der obern Richter anflehen wollte. Man wollte angemerkt haben, daß dergleichen öftere Zunöthigungen und Unterdrückungen den Unterthanen trotzig und verstockt machten; daß ihm alles verdächtig sey, was man von ihm fodere; daß er sich endlich auch in denjenigen Sachen wiedersetzlich bezeige, die er und seine Vorfahren zu thun schuldig gewesen. Der Schade von dergleichen Gewaltthätigkeiten falle mit der Zeit dem Besitzer des Ritterguts selbst unglücklicher Weise zur Last. Er empfinde das Armuth seiner ausgesaugten Unterthanen zuerst, wenn diese unvermögend gemacht wären, ihm Zinsen und Dienste ferner zu leisten. Es sey ganz falsch, wenn man glaube, daß ein bemittelter Unterthan nicht zu bändigen, und ein Bauer alsdann erst zahm würde, wenn er ganz verarmt sey. So bald er gar nichts mehr zu verlieren habe, so bald mache ihn die Verzweiflung muthig. Aus Rachsucht bemühe er sich nunmehr seinen Gerichtsherrn durch ungerechte Processe auch zu entkräften, und so viel möglich, mit arm zu machen. Es sey schwer, einen aufgebrachten und rebellischen Bauer von seinem Gute und aus dem Dorfe zu verjagen, noch schwerer aber eine ganze Gemeine. Gemeiniglich treffe das Unglück den Gerichtsherrn zuerst, daß er, durch die Last der Processe ermüdet, sein Gut verstossen müsse. Dieses wären die gewöhnlichsten Folgen von einer übelverstandnen Herrschaft, und von dem unglücklichen Misbrauche der ihnen erlaubten Erbgerichte: Folgen, die dem Gerichtsherrn und den Unterthanen schrecklich, nur dem Gerichtsverwalter und den Advocaten vortheilhaft seyn könnten. »Das waren ungefähr die academischen Grillen meiner Lehrer. So schimpft ein Armer auf den Reichthum, eine alte Betschwester auf die Wollust der Jugend, und ein Professor, der keine Bauern hat, auf die Gewaltthätigkeit der Gerichtsstube. Vielleicht wäre er der erste, der sie drückte, wenn ihm der Himmel ein Dorf voll Unterthanen in die Hände gäbe. »Mir sind die Augen aufgegangen, da mich mein Beruf in die Umstände setzte, die Natur der Bauern genauer zu anatomiren, und einzusehn, wie vortrefflich die Ausbeute sey, welche die Gerechtigkeit giebt. Es wäre zu wünschen, daß unsre Erbgerichte despotischer gelassen, und weniger eingeschränkt worden wären. Es hebt den Werth der Rittergüter. In den Anschlägen finde ich kein Capitel billiger, als das, von Gerichtsnutzungen . Vielleicht wäre es besser, und ausdrücklicher, wenn man es rechtliche Contribution , oder Gerichtsbeute nennte; aber es ist schon genug, daß man weis, was man darunter versteht. So viel ist freylich wahr, wenn der Unterthan in Armuth gebracht wird, so leidet der Gerichtsherr zugleich; aber der leidet doch nicht, der seine Gerichte verwaltet. Im Handel und Wandel muß allemal einer verlieren, wenn der andre gewinnen soll. Werden die Unterthanen arm, wird es der Gerichtsherr mit; gut genug, daß das Geld im Lande bleibt. Der Gerichtsverwalter, die Advocaten, die obern Richter, alle, die in der Fabrik der Gerechtigkeit arbeiten, bis auf den untersten Copisten gewinnen dabey. Es muß gleichwohl eine große Beruhigung für den Gerichtsherrn seyn, wenn er sieht, daß seine widerspenstigen Unterthanen durch Hunger gedemüthiget sind, gesetzt auch, daß er dieses Vergnügen nicht eher erlebt, als wenn er selbst halb verhungert ist. Das Verlangen sich zu rächen geht über alles. »Man hat es in unserm Lande für gut angesehn, die Gewalt der Erbgerichte sehr vorsichtig einzuschränken. Ich, als ein Unterthan, darf dawider nichts sagen. In der That würde ich auch nichts neues sagen, da meine Landsleute schon vor langen Zeiten die vortheilhafte Einsicht erlangt haben, wie sie diese Einschränkung sich erträglich machen können. Die größte Kunst besteht darinne, daß sie die Verwaltung ihrer Gerichte einem Manne anvertrauen, der an ihren Absichten gemeinschaftlich arbeitet. Sie haben die Wahl, und in dieser Wahl müssen sie behutsam seyn. Noch ein Vortheil ist dieser, daß sie von den Sporteln der Gerichtsstuben ihren Antheil behalten. Es hat einen doppelten Nutzen, welcher so deutlich in die Augen fällt, daß ich ihn nicht erst erklären darf. »Alles, was ich noch thun kann, ist dieses, daß ich durch nachstehende vier Briefe meinen Satz erläutert. Der erste und zweyte Brief zeigt, wie ein Gerichtsverwalter seyn muß; der dritte Brief ist der Gegensatz von diesem, und zeigt, wie er nicht seyn soll. Dieses desto lebhafter zu machen, habe ich den vierten Brief hinzu gesetzt. Ich wünsche, daß meine Leser die guten Absichten erkennen mögen, die ich dabey gehabt habe. Folgen sie meinem Rathe, und bedienen sie sich der Vortheile, die ich ihnen zeige, mit Ernste: so gebe ich ihnen mein Wort, es soll in zehn Jahren kein Bauer mehr im ganzen Lande seyn. Und, o! wie ruhig kann ein Edelmann auf seinem Gute leben, wenn er es so weit gebracht hat!«   Gnädiger Herr, Ich sage es Ihnen aufrichtig, zu Ihrem Gerichtsverwalter schickt sich niemand besser, als ich. Sie haben so gesunde Begriffe von der Gewalt über Hals und Hand, und die Beutel Ihrer Unterthanen, daß ich mich freue, unter Ihrer Anführung diesen elenden Geschöpfen den Nachdruck unserer Gerechtigkeit fühlen zu lassen. Wenn ich die Sache recht ansehe: so finde ich, daß die Bauern nicht für sich, sondern für ihren Edelmann geschaffen sind. Ich weis, daß man es bey uns nicht öffentlich sagen darf, und daß auf den Catheder noch hin und wieder der Satz behauptet wird, daß die Bauern, und der Gerichtsherr, beyde Unterthanen eines Fürsten sind. Ich weis diese theoretische Wahrheiten gar wohl. Wir können es geschehen lassen, daß sich die Gelehrten auf hohen Schulen, und ein paar milzsüchtige Schriftsteller damit beschäfftigen. Genug, daß wir für uns die Erfahrung haben, welche allen diesen Pedantereyen widerspricht. Was wir noch thun können, um vor den Augen des gemeinen Volks den äusserlichen Wohlstand zu behaupten, das ist dieses, daß wir die Bauern niemals anders, als mit der strengsten Legalität, plündern. Darf ich es wohl wagen, Gnädiger Herr, Ihnen zu sagen, daß ich eben darinne meine Stärke habe? So bald ich Ihnen diejenigen Lehrer nenne, die mich auf hohen Schulen zur Gerechtigkeit eingeweiht haben; so bald werden Sie weniger an meinem Vorgeben zweifeln. Wollen Sie noch mehr Beweis haben? Davor habe ich mich sehr gehütet, was man gründliche Rechtsgelehrsamkeit nennet. Cautelen sind mein Hauptstudium gewesen, und ich war im Stande, Gesetze zu verdrehen, ehe ich noch wußte, was Novellen hiessen. Die erste Probe meiner Geschicklichkeit waren einige Hurenprocesse, die ich glücklich ausgeführt habe. Ich war noch kein Jahr ein Advocat, als mir schon zweymal die Praxis untersagt wurde. Meine Unerschrockenheit, mit welcher ich die Obern, und die Richter, zum Besten meiner Clienten, beleidigte, brachte mich vier Wochen ins Gefängniß. Sie können wohl glauben, Gnädiger Herr, daß mich diese Vorfälle sehr berühmt gemacht haben, und es ist bey nahe keine ungerechte Sache, die ich nicht vertheidigen muß, und gewiß rühmlich vertheidige. Fragen Sie einmal in meiner Gegend nach, mit welchem Eifer ich meine Gerichtsbestallungen nutze. Es giebt gewisse Handgriffe, durch welche man das Vermögen der Unterthanen an sich ziehen, und dennoch der gerechteste Mann seyn kann Es sind Geheimnisse, die ich nicht sagen kann, die ich aber zu Ihrem guten Vergnügen ins Werk setzen werde, wenn Sie mir die Stelle überlassen sollten, um die ich bitte. Fragen Sie den Herrn von – – dessen Gerichte ich verwalte. Er wird Ihnen sagen, wie weit ich es in einem Jahre gebracht habe. Seine Bauern sind alle zu Grunde gerichtet; itzt arbeite ich noch an dem Schulzen, und ich hoffe, ihn nach der Erndte auch an den Bettelstab zu bringen. Es ist wahr, der Herr von – – hat zugleich sein ganzes Vermögen verstritten, und er ist durch die Processe in Ansehung seines Standes weit ärmer geworden, als seine Bauern; aber was thut das? Er hat Recht behalten, seine trotzigen Bauern sind gedemüthiget, und ich habe dabey ein ziemliches Vermögen verdient. Verhungert der Herr von – – so ist das mein Fehler nicht; es ist ein Fehler der theuren Gerechtigkeit, für die er zum Märtyrer geworden ist. Ich habe weiter nichts gethan, als was er verlangt, und was mein Amt erfodert hat. Sie sollen es erfahren, gnädiger Herr, daß es nicht ruhmredige Versprechungen sind, die ich thue. Ich erwarte ihren Entschluß, und bin u. s. w.   Gnädiger Herr, Es ist freylich eine schlimme Sache, daß die Landesobrigkeit dem Gerichtsherrn die Bauern nicht ganz Preis gegeben, sondern den kleinen Dorfmonarchien gewisse Gränzen gesetzt, und verordnet hat, daß die Gerechtigkeit durch besondre Personen unparteyisch verwaltet werden soll. Es läuft allerdings wider den Stand der natürlichen Freyheit, und wider die weisen Absichten der Natur, welche das Wild und die Bauern zum Nutzen und zum Vergnügen des Junkers geschaffen hat. Aber was ist zu thun? Einer höhern Gewalt muß man nachgeben. Genug, daß noch Mittel übrig sind, dieser höhern Gewalt auszuweichen. Sie haben, gnädiger Herr, beständig dieses zu Ihrer Regel gehabt, daß derjenige, dem Sie, nach den Landesgesetzen, die Verwaltung der Justiz anvertrauen müssen, so unwissend, als möglich, sey, um Ihre willkührlichen Aussprüche desto besser zu behaupten. Da ich nicht glaube, daß Sie itzt erst von dieser guten Regel abgehen werden; so mache ich mir Hoffnung, die erledigte Stelle als Gerichtsverwalter bey Ihnen zu erlangen. Ich bin so dumm und unwissend, als Sie es wünschen können. Da ich die Rechtsgelehrsamkeit niemals anders, als handwerksmäßig gelernt habe; so kann es mir nicht schwer fallen, so zu denken, wie Sie befehlen. Sie, gnädiger Herr, sollen mein erstes Gesetze seyn. In der That sind mir die übrigen Gesetze desto gleichgültiger, je weniger ich mit ihnen bekannt bin. Nur das einzige bitte ich, daß Sie mich auf Ihre Kosten wider höhere Obrigkeiten vertreten, wenn mein Verfahren als ungültig angefochten werden sollte. Sie erlangen durch mich noch einen Vortheil, den Sie nicht überall finden. Man hat ein Sprüchwort, ich weis aber nicht in welcher Sprache, daß diejenigen Advocaten die gröbsten sind, die am wenigsten verstehen. Glauben Sie, Gnädiger Herr, ich bin für zween Advocaten unwissend, und für dreye grob. Es wage es niemand, Sie und Ihre Gerechtsame anzugreifen; ich will ihm so unbescheiden begegnen, daß er wenig Ehre davon haben soll. Muß ich Strafe geben, so verlasse ich mich auf Ihr baares Geld. Sollte es gar bis zum Gefängnisse kommen, so werden Sie mich auf eine billige Art schadlos halten; aber Abbitte und Ehrenerklärung will ich ex officio thun, ohne etwas dafür zu verlangen. Scheinen Ihnen diese Bewegungsgründe nicht wichtig genug, mir Ihre Gerichte anzuvertrauen? Ich will Ihnen noch einen Vorschlag thun. Ich will die Beute mit Ihnen theilen. Die Gerichtssporteln sollen zur Hälfte Ihre seyn, wenn Sie mir nur erlauben, noch einmal soviel von Ihren Bauern zu erpressen. Ueberhaupt finde ich diese Art in Compagnie zu sporteln sehr billig. Den Gerichtsverwalter muntert es auf, hungriger zu seyn, als er sonst seyn würde; den Gerichtsherrn aber nöthiget es, nachsehender zu seyn, weil er außerdem allemal die Hälfte verlieren würde, wenn er gerechter wäre. Noch ein Vortheil fällt mir ein, den Sie, Gnädiger Herr, durch mich erlangen. Cavaliere von Ihrer Art und Erziehung sind niemals witziger, als bey Tische, und in Gesellschaft des benachbarten Landadels. Wie nöthig ist es alsdann für Ihren Witz, daß Jemand mit an der Tafel sitzt, den Sie ohne Verantwortung mishandeln können? Ich verstehe Spaß, Gnädiger Herr. Für jede gnädige Grobheit, die Sie mir sagen, werde ich mich mit einer Bouteille Wein bezahlt machen, das soll meine ganze Rache seyn. Da ich auf Ihren Befehl mein Gewissen, und meinen ehrlichen Namen daran wage, warum sollte ich mich nicht für eine Bouteille Wein, Ihnen zu gefallen, zum Narren machen lassen? Wollen Sie mir die Gnade erzeigen, und meiner Bitte statt geben; so werden Sie sehen, wie unermüdet ich mich beeifern werde, meine theure Pflicht zu erfüllen, und zu seyn \&c.   Gnädiger Herr, Es hat mich Herr – – gebeten, ihn bey Ew. Gnaden zu empfehlen, da er gehört hat, daß Sie die erledigte Schösserstelle auf Ihren Gütern wieder zu besetzen im Begriffe sind. Sie sehen es selbst ein, Gnädiger Herr, daß dieses Amt einen gelehrten, einen ehrlichen, und einen arbeitsamen Mann haben will. Es ist schwer, alle drey Tugenden beysammen anzutreffen; und wer sie beysammen besitzt, der wird gemeiniglich so sehr geschätzt, und so sorgfältig gesucht, daß er sich kaum entschließen dürfte, ein Amt, wie das Ihrige, anzunehmen, welches ihn vom Hofe, und von aller Gelegenheit, sein Glück weiter zu treiben, entfernt. Ew. Gnaden kennen mich zu gut, als daß Sie glauben sollten, ich stellte Ihnen die Sache um deswillen so schwer vor, damit ich die Verdienste meines Candidaten desto geltender machen könnte. Er besitzt wirklich alle die Eigenschaften, die ich oben gefodert habe; er weis es aber selbst so wenig, daß er immer zweifelt, ob er auch geschickt genug sey, dem Amte so vorzustehn, wie er ihm vorzustehen wünscht. Diese Furchtsamkeit, vielleicht aber auch ein vernünftiges Verlangen, glücklich und ruhig zu bleiben, entfernen ihn vom Hofe. Er wünscht, als ein ehrlicher Mann, und unbekannt, auf Ihrer Herrschaft zu sterben. Wollen Sie eine genauere Nachricht von seinen Verdiensten haben? Er hat seine Jurisprudenz als ein Gelehrter erlernt. Er weis den Grund der Gesetze, und versteht bey den dazu erfoderlichen Sprachen die Geschichte der Rechtsgelehrsamkeit in ihrem ganzen Umfange. Dieses unterscheidet ihn von einem praktischen Schmierer und Rabulisten. Er hat sich Mühe gegeben, die Anwendung der Gesetze, und die besondre Verfassung des Landes sich bekannt zu machen. Durch eine fleißige Uebung hat er diese Geschicklichkeit erlangt, und vielen vor dem Richter beygestanden, die ihn um seine Hülfe gebeten. Dieses unterscheidet ihn von den theoretischen Pedanten. Er ist so ehrlich, daß er keine Sache annimmt, ohne von ihrer Billigkeit überzeugt zu seyn; daß er einem nothleidenden Armen lieber dient, als einem Reichen, der Gewalt thut; daß er es sehr selten zu einem weitläuftigen Processe kommen läßt, und daß er es so gleich im Anfange zu einem billigen Vergleiche zu bringen sucht, wenn ihn nicht die Härte des Gegners, oder der Eigennutz des Richters daran hindert; mit einem Worte, er ist so ehrlich, Gnädiger Herr, daß er in fünf Jahren gewiß verhungern muß, wenn er fortfährt, als Advocat, seinen Unterhalt zu suchen. Ich erinnere mich verschiedener Gelegenheiten, wo der Richter so wohl, als sein Gegner, sich einen sehr schlechten Begriff von seiner Geschicklichkeit gemacht, und gar gezweifelt haben, ob er wirklich ad praxin admittirt sey, weil er weder in der Richterstube, noch in seinen Schreiben heftig geworden, sondern sein Recht mit der größten Gelassenheit, und einem gesitteten Anstande vertheidigt, ohne den Gegner zu schimpfen, oder dem Richter bittere Vorwürfe zu machen. Es wird nun zehn Jahr seyn, daß er die Gerichtsbestallung zu – – übernahm. Es war an diesem Orte seit funfzig Jahren zur Gewohnheit geworden, daß die Herrschaft und die Unterthanen einander durch ewige und kostbare Processe entkräfteten. In der That befanden sich die Unterthanen in den kümmerlichsten und verzweifeltsten Umständen; und seit diesen funfzig Jahren waren zwo Herrschaften genöthigt worden, das Rittergut zu verkaufen, um sich aus diesen Processen, und von ihrem völligen Untergange zu retten. Als mein Candidat zur Gerichtsverwaltung kam; so beneideten ihn wegen dieses Glücks viele, welche glaubten, er werde dieses Amt so nutzen, wie es seine Vorfahren genutzt hatten: Allein auch dazu war er zu ehrlich. Seine erste Sorgfalt gieng dahin, wie er sich beym Gerichtsherrn ein gewisses Ansehn erwerben möchte, welches sich diejenigen gar leicht erwerben, die geschickt und redlich sind. Auf der andern Seite gab er sich Mühe, das Zutrauen der Unterthanen zu gewinnen, und ihnen zu zeigen, daß er ein unparteyischer Richter sey. Er erlangte beydes. Wie leicht muß es einem Manne, den die Gerichtsherrschaft für redlich, den die Unterthanen für unparteyisch halten, wie leicht, sage ich, muß es einem rechtschaffnen Manne fallen, alle die Verbitterungen und Processe zu heben, welche die Herrschaft und die Unterthanen zugleich unglücklich machen? Kaum waren zwey Jahre verflossen, als er alle Streitigkeiten vom Grunde aus verglichen hatte. Seine Vorsicht hat bis itzt neuen Irrungen vorzubeugen gewußt. Durch seine vernünftige Vorstellungen hat er seinem Edelmanne begreiflich gemacht, daß die Bauern Menschen, und in unserm Lande keine Sklaven sind. Er hat den wunderbaren Satz behauptet, daß ein verarmter Unterthan viel unruhiger und gefährlicher sey, als ein bemittelter. Die Bauern hingegen hat er durch sein Ansehn, und, wo es nöthig gewesen, mit Nachdruck zu ihrer Schuldigkeit angehalten. Nunmehr sehen sie es ein, wie glücklich sie bey dieser Ruhe und Eintracht sind. Sie arbeiten an der Erhaltung derselben mit ihm gemeinschaftlich, und werden reich. In vorigen Zeiten war dieses Dorf das Geheege verschiedner hungriger Advocaten, welche den Stolz der Gerichtsherrschaft und den Trotz der Unterthanen misbrauchten. Seit acht Jahren sind sie verscheucht; sie vermeiden so gar diesen Ort, in welchem sie nunmehr verhaßt sind, und eilen misvergnügt von ferne vorbey, wie ein Wolf vor einer Heerde, welche unter der Wachsamkeit ihres Hirten, und der Treue seiner Hunde ruhig ist. Verzeihen Sie mir, Gnädiger Herr, daß aus meinem Empfehlungsschreiben eine Predigt von der Gerechtigkeit wird. Ich habe mich vergessen; es gereut mich aber nicht, denn ich weis, daß Sie eben das Vergnügen empfinden, den Charakter eines ehrlichen Advocaten zu lesen, das ich empfinde, da ich ihn schildere. Ich freue mich, daß ich die Gelegenheit in den Händen habe, Ihnen das Original zu verschaffen. Sie werden es als eine Probe meiner Achtung für Ihre Person, und meiner Aufmerksamkeit für Ihr Bestes ansehen, und zugleich Ihnen mich verpflichten, wenn Sie diesem ehrlichen Manne, den ich Ihnen empfehle, durch die gebetne Beförderung Muth machen, ferner ehrlich zu seyn. Ich verharre mit unterthäniger Hochachtung, u. s. w. Antwort. Hochzuehrender Herr Doctor, Wir kennen einander zu gut, als daß ich Ihnen meine Gedanken nicht aufrichtig sagen sollte. Ist das alles Ihr wahrer Ernst, was Sie mir schreiben? oder haben Sie Ihren Brief nur um deswillen so erbaulich eingerichtet, daß ihn die studirende Jugend ins Latein übersetzen, und die schönen Blümchen und Sentenzen mit rother Dinte unterstreichen soll, um sie desto bequemer auswendig zu lernen? Für einen Mann, der die Welt kennt, wie Sie, schreiben Sie wirklich zu pedantisch. Ihr Candidat mag ein ehrlicher Mann seyn, ich glaube es, vielleicht würde er auch in Deutschland ein großer und angesehner Mann gewesen seyn, wenn er zu Hermanns Zeiten gelebt hätte; aber was soll man itzt aus ihm machen? Wie satirisch sind Sie, wenn Sie sagen, daß ein gelehrter, ein ehrlicher, und ein arbeitsamer Mann so sehr geschätzt, und so sorgfältig gesucht werde! Gestehn Sie es nur, Sie sind ein wenig boshaft, und Ihre Lebhaftigkeit verleitet Sie zuweilen so weit, daß Sie sich vergessen, und Sachen sagen, die Ihnen bey Ihren Collegen nicht viel Ehre machen würden, wenn Sie sollten gedruckt werden. So ein frommer und billiger Schösser wurde mir meine Unterthanen in kurzer Zeit zu muthig werden lassen. Der Bauer fühlt sich, er schwillt, so bald er mehr als einen Kittel hat. Rustica gens, optima flens, et pessima ridens! Sehn Sie, Herr Doctor, daß ein alter Kammerjunker auch noch Latein versteht, so gut wie ein Professor? Mit einem Worte, ich habe für Ihren Candidaten alle die Hochachtung, die man für eine altväterische Tugend hat; aber brauchen kann ich ihn zu nicht. Kann ich ihm außerdem dienen, so soll es mit Vergnügen geschehen. Zween Tage vorher, ehe ich Ihren Brief erhielt, hatte ich mich schon mit einem neuen Schösser versehen. Er ist noch sehr jung, er versteht gar nichts; aber er wagt es, mir tausend Thaler vorzuschießen, von denen er nimmermehr einen Häller wieder sehen soll. Inzwischen will ich doch als ein ehrlicher Mann mit ihm handeln, und ihm zulassen, daß er sich, so gut er kann, von meinen Unterthanen bezahlt mache. Ich habe fette Hämmel darunter, die mag er nutzen, bis er satt und bezahlt ist. So viel gewinnt er allemal dabey, daß ich ihm nicht auf die Finger sehen werde. Die Gerichtsstube will ich mit einem geschickten Actuar besetzen. Wenn der Verstand hat, so braucht der Schösser keinen. Sehn Sie, mein Herr, das ist mein Plan. Sie müssen ihn billigen, wenn Sie unpartheyisch seyn wollen. Ich wollte wünschen, daß ich Ihrem ehrlichen Candidaten sonst helfen könnte. Was meinen Sie, wenn ihn das Land auf gemeinschaftliche Kosten ernährte, und den Fremden als eine Rarität fürs Geld sehen ließe? Aber das müßte er sich gefallen lassen, daß er nach seinem Tode ausgestopft, und zum Wahrzeichen auf die Universitätsbibliothek gesetzt würde, daß sich andre an ihm spiegeln könnten. Halten Sie mir diesen Scherz zu gute, Sie wissen es wohl, ich spaße gern; und wenn ich an einen guten Freund schreibe, wie Sie sind, so nehme ich mir kein Blatt vors Maul. Leben Sie wohl! Schicken Sie doch auf die Messe Ihren Candidaten zu mir. Ich möchte doch zum wenigsten gern sehen, wie er aussähe. Es ist mir dergleichen Geschöpfe noch niemals vorgekommen. Bis dahin leben Sie wohl. Ich bin Ihr alter guter Freund, u. s. w. »Von dem Briefe der itzt folgt, weis ich nichts zu erinnern. Er erkläret sich ohne eine Vorrede. Hätte ich ihn vor zehn Jahren geschrieben, so würde ich vielleicht wegen einiger Stellen in den Verdacht gefallen seyn, als machte ich auf mich selbst eine Satire. Nunmehr bin ich über diese Besorgniß weg. Das wird wohl nicht nöthig seyn zu erinnern, daß die Satire in diesem Briefe nicht allgemein ist, und nur diejenigen trifft, welche dergleichen Vorwürfe verdienen. Eine Erinnerung, die ich müde bin zu wiederholen, und die ich vielleicht für einen unachtsamen, oder argwöhnischen Leser nicht oft genug wiederholen kann!«   Gnädiger Herr, Ich bin in der That ganz andrer Meynung, als Sie sind. Sie glauben viel gewonnen zu haben, daß Sie, bey dem Processe mit Ihren Unterthanen, die Commißion an einen jungen Mann auszubringen Gelegenheit gefunden, der zum erstenmale in dergleichen Geschäften gebraucht wird. Sie irren sich gewiß, Gnädiger Herr, wenn Sie sich Hoffnung machen, ihn, als einen ungeübten, und noch unerfahrnen Mann, nach Ihrem Willen zu lenken. Mich hat es die Erfahrung gelehrt, daß gemeiniglich niemand gefährlicher sey, als ein junger Commissar. Seine Begriffe von der Pflicht sind noch zu wenig ausgearbeitet. Da er noch niemals dergleichen Auftrag gehabt; so glaubt er, er arbeitet vor den Augen des Hofs, und des ganzen Landes. Ein amtsmäßiger Hochmuth, und das Verlangen, sein künftiges Glück zu empfehlen, macht ihn strenge. Er versteht nur das Finstre und Schwere der Pflicht, und vergißt die Billigkeit darüber. Er ist hart gegen den Unterthan, um ein treuer Diener seines Fürsten zu scheinen. Die Gesetze sind ihm noch zu neu, als daß er sie genau kennen sollte. Er weis es noch nicht, daß dergleichen Gesetze eben so wohl zum Besten des Landes, als dazu gegeben sind, die Rechte des Fürsten zu schützen. Ueberzeugen Sie ihn, daß er gefehlt, daß er die Gesetze nicht recht verstanden hat; so wird ihm sein junger Stolz nicht verstatten, es einzusehen. Auf Ihre Unkosten wird er seine Meinung behaupten. Ein Commissar muß sehr unrecht haben, wenn er davon überführt werden soll. Sie werden ihn beleidigen, wenn Sie ihn durch Geschenke auf Ihre Seite bringen wollen. Vielleicht nimmt er sie künftig an; itzt darf er es noch nicht thun, ohne seinem künftigen Glücke, und dem Ansehn zu schaden, in das er sich durch seine Gerechtigkeit setzen will. Aber er weis es, daß Sie selbst Gelegenheit gegeben haben, daß er zum Richter in Ihrer Streitigkeit gewählt worden ist. Eben das ist die Ursache, Gnädiger Herr, warum ich so viel böse Folgen für Sie befürchte. Ist Ihre Sache ungerecht, so wird er sich freuen, es Sie nachdrücklich empfinden zu lassen, daß er einer ungerechten Sache feind sey. Haben Sie Recht, so ist es für Sie noch weit gefährlicher. Er wird alle Kräfte daran setzen, Ihnen Ihr Recht streitig zu machen, um bey Ihrem Gegner, und andern, den Vorwurf zu vermeiden, daß er parteyisch, und um deswillen auf Ihrer Seite sey, weil Sie selbst ihn zum Richter vorgeschlagen haben. Keine Parteylichkeit ist gefährlicher, als diejenige, welche die Richter begehen, um unparteyisch zu scheinen. Was ich hier sage, das schreibe ich aus einer Ueberzeugung, die mich die Erfahrung gelehrt hat. Ein alter Richter, ein Mann, dem schon oft die Untersuchung der Streitigkeiten aufgetragen worden, ist bey seiner Erfahrung vorsichtig, gelassen, gegen beyde Theile gefällig, und nachsehend. Sein Ehrgeiz ist beruhigt. Hat er geirrt, so giebt er nach, weil er so oft Gelegenheit gehabt hat, zu sehen, wie leicht es einem Richter möglich sey, sich zu irren. Er wird zur Ungebühr nicht strenge seyn, weil er weis, daß das Glück seines Fürsten allein auf dem Wohlstande seiner Unterthanen beruht. Niemals wird er behutsamer seyn, als wenn er einen Vorschlag thun, oder ein Gutachten geben soll, von welchem oft das Wohl einer ganzen Gemeine abhängt. Er weis es, daß noch die Urenkel die unglücklichen Folgen eines übereilten, und zu hitzigen Urtheils empfinden. Die Seufzer der Nachwelt bewegen ihn schon itzt; er ist aufmerksam, und unparteyisch, damit nicht sein Andenken noch in späten Jahren verflucht werde. Wird es Sie nunmehr bald gereuen, Gnädiger Herr, daß Sie auf den Einfall gekommen sind, sich die Unwissenheit eines jungen Richters zu Nutze zu machen? Ueberlegen Sie, was ich Ihnen so aufrichtig geschrieben habe, und ändern Sie es noch, wenn es möglich ist. Niemand ist strenger, als ein junger Rathsherr, der als Richter die galanten Sünden bestrafen soll, die er gestern selbst begieng, da er noch nicht Rathsherr war; Niemand ist grimmiger, als ein junger Officier, der in Friedenszeit zum erstenmale vor den Augen seiner gnädigen Mama und Fräulein Schwester commandirt; Niemand ist parteyischer, als ein junger Commissar, der zum erstenmale Gelegenheit sucht, zu zeigen, daß er gerecht sey! Drey Geschöpfe, Gnädiger Herr, vor denen ich auch meine Feinde warne! Ich werde mich freuen, wenn ich erfahre, daß Sie meine Freymüthigkeit nicht beleidigt hat. Ich hoffe dieses von Ihrer Freundschaft, und bin \&c. »Ich habe die billige Absicht, den Nutzen von meinen Briefen allgemein zu machen. Bisher habe ich größtentheils nur für diejenigen gesorgt, welche in der kleinen bürgerlichen Welt ihr Glück suchen. Hier will ich noch zween Briefe für diejenigen einrücken, welche sich an den Hof wagen wollen. Sie sind so deutlich, daß ich nicht nöthig zu sagen habe, wovon sie handeln. Meine Leser werden es bey dem ersten Anblicke finden.«   Mein Herr, Geben Sie noch nicht alle Hoffnung auf. Nun bin ich endlich auf dem Wege, mein Glück zu machen, und ein Mann von Wichtigkeit zu werden. Seit acht Tagen habe ich Ihrem Rathe gefolgt, und was Sie mir gerathen haben, ist die Stimme der Natur gewesen, denn ich finde mich ungemein leicht darein. Am Montage habe ich mit dem Kammerdiener Brüderschaft getrunken. Die ganze Antichambre ist schon auf meiner Seite, und der kleine Läufer, welcher die Gnade hat, Seiner Excellenz Narr zu seyn, fängt an, eifersüchtig auf meine witzigen Einfälle zu werden, und glaubt, Seine Excellenz würden sich halb todt lachen, wenn sie meine Schwänke hören sollten. Arbeit genug für einen Tag, aber auch Ruhm genug! Dienstags legte ich den Grundstein zu meinem Glücke. Kennen Sie das Mädchen, welches anfängt, dem Gnädigen Herrn gleichgültig zu werden, da sie es seit fünf Jahren nicht gewesen ist? Ich brauchte nicht mehr, als zwo Stunden, sie auf meine Schmeicheleyen aufmerksam zu machen. Sie hat über das Herz ihres Herrn immer noch Gewalt genug, um mein Glück zu unterstützen, und Seine Excellenz sind so erkenntlich, daß sie wünschen, das Glück dieses Mädchens auf eine dauerhafte Art zu befestigen. An der Mittewoche habe ich ein Amt angetreten, welches zwar in der Welt kein Aufsehn macht, aber auf meiner Stube wichtig genug ist. Diesen und den folgenden Tag brachte ich zu, verschiedene Clienten zu versichern, daß ich mir ein ungemeines Vergnügen daraus machen würde, ihnen bey aller Gelegenheit zu dienen. Ich weis nicht mehr, wer sie waren. Am Freytage hat mich mein Schneider ausgebildet, und ich hätte wahrhaftig in mir das nicht gesucht, was ich nunmehr wirklich in mir finde. Gestern habe ich einige von meinen alten Gläubigern abgewiesen, und funfzehnhundert Thaler aufs neue geborgt. Ich borgte sie mit einer sehr guten Art, und ich glaube, der Kaufmann soll mich verstehn. So klug ist er wenigstens, daß er sie von mir nicht wieder fodern wird. Funfzehn hundert Thaler ist eine Kleinigkeit; aber bedenken Sie, mein Herr, daß ich länger nicht als seit sechs Tagen bey Hofe bin. Heute früh bin ich in der Kirche gewesen. Meine Weste that ihre gute Wirkung. Der Prediger gefiel mir nicht so, wie vor acht Tagen, da ich noch kein Hofmann war. Wenn ich nicht irre, so predigt der Mann zu pedantisch. Für den Pöbel mag er ganz erbaulich seyn. Seine christlichen Tugenden treten so bürgerlich einher. Bewundern Sie immer diesen Einfall; er hat mir heute viel Ehre in der Kapelle gemacht. Morgen ist der zweyte Feyertag, um deswillen werde ich zur Ader lassen. Leben Sie wohl. Es ist meinem neuen Stande gemäß, daß ich meine alten Freunde nach und nach vergesse. Gewiß vergesse ich Sie zuletzt; ich will aber doch thun, was mir möglich ist. Versuchen Sie es über acht Tage. Begegnen Sie mir. Ich werde Sie ansehen, ein paar grosse Augen machen: Ich soll Sie kennen, mein Herr, werde ich sprechen. Sie werden mir Ihren Namen sagen; ich werde, als vom Traume erwachend, zurück springen, Sie umarmen, und ohne Ihre Antwort zu erwarten, mich aus Ihren Armen los reissen, weil mich höchstdringende Geschäfte nöthigen, nach Hofe zu eilen; mein Bedienter wird Ihnen meine Wohnung sagen. Grüssen Sie meine Freunde; aber ich bitte Sie, ja incognito. Ich halte sie hoch; aber die Zeiten ändern sich. Der Hof giebt auf alle meine Bewegungen Acht. Wie gesagt, grüssen Sie die ehrlichen Leute; wenn ichs recht überlege, habe ich eben nicht Ursache, mich ihrer zu schämen. Leben Sie wohl. Ich habe die Ehre zu seyn, Mein Herr, Deren dienstwilliger Freund —   —   —   —   —   — N. S. Vornehme Leute pflegen des Wohlstandes wegen gemeiniglich an einem oder mehrern Theilen der Religion zu zweifeln. Geben Sie mir einen guten Rath, an welchem zweifle ich? Ich dächte, weil ich erst anfange, mich in der Welt zu zeigen, ich zweifelte noch zur Zeit nur an der Hölle. Kömmt Zeit, kömmt Rath. Was meinen Sie?   Gnädiger Herr, Da Ew. Gnad. die Miene einer Excellenz machen, und um deswillen nöthig finden, bey der übrigen Equipage auch einen Secretär mit zu halten; so wünschte ich mir wohl, diese Stelle zu erlangen. Ich weis, daß ich dabey weiter nichts zu thun habe, als der gnädigen Frau ihre Wäschzeddel abzuschreiben, den Verwalter einen Esel zu heissen, und den Schuldleuten auf ihre Mahnbriefe in den gnädigsten und freundlichsten Ausdrückungen zu sagen, daß sie nicht bezahlt werden sollen. Ich glaube daher, Geschicklichkeit genug zu haben, diesem Amte vorzustehn, und ich will, mit Hülfe einer reichen Weste, in dem Vorzimmer so wichtig thun, daß man glauben soll, Ew. Gnaden arbeiteten in Ihrem Cabinette am allgemeinen Frieden. Da ich weis, Gnädiger Herr, daß Sie zuweilen ein wenig hitzig sind; so will ich versprechen, es mit aller Geduld auszuhalten, wenn Sie mir erlauben wollen, daß ich zu meiner Schadloshaltung, so oft Sie in Ihrem Zimmer gegen mich hitzig sind, im Vorzimmer gegen diejenigen grob seyn darf, die weniger sind, als ich, oder die bey Ew. Gnaden etwas zu suchen haben. Sie werden kein Bedenken finden, mir dieses zu erlauben, da es in den meisten Vorzimmern der kleinen Potentaten, wie Ew. Gnaden sind, Mode ist. Um den Gehalt werden wir uns vergleichen. Ich sehe hauptsächlich auf die Ehre, und verlange daher zum Anfange mehr nicht, als zweyhundert Thaler, bey freyer Beköstigung und Wohnung. Dieses aber bitte ich mir zugleich unterthänig aus, daß alle diejenigen Gelder, welche Ew. Gnaden ausborgen, durch meine Hände gehn. Ich werde Ihnen dadurch Ihre Mühe sehr erleichtern. Denn da Sie die hohe Absicht haben, längstens in zehn Jahren einen Ihrem Stande gemässen Bankerutt zu machen; so getraue ich mir, es in fünf Jahren so weit zu bringen, daß ich einige tausend Thaler erworben habe; daß Ihre Gläubiger betrogen, und Ew. Gnaden ein Bettler sind. Ich bin mit unterthäniger Hochachtung \&c. »Ich will meinen Lesern hier einige Briefe mittheilen, die mir von einer unbekannten Hand zugesendet worden sind. Die Erfindung, seinen Lesern auf dergleichen Art ein Geheimniß im Vertrauen zu sagen, ist so neu nicht, daß ich ohne Sorge seyn sollte, ob man es nicht auch für eine solche Erfindung halten werde. Ich muß mir alles gefallen lassen. Weil aber in diesen Briefen so viel Wahrscheinlichkeit enthalten ist; weil die traurige Geschichte, die man darinnen findet, sich so oft, obwohl mit verschiednen Umständen zuträgt; und weil ich selbst bey dem Schlusse eine ziemlich ernsthafte Lehre und Vermahnung bekomme: so wird man die Gefälligkeit haben, und glauben, daß diese Briefe nicht erdichtet sind. Ich könnte einem jeden die Originale vorlegen; es soll aber niemand ein Recht haben, sie von mir zu fodern, als solche Frauenzimmer, welche sie zu ihrer Besserung brauchen.« An den Verfasser der satirischen Briefe. Mein Herr, Wenn es wahr ist, was man mich versichert, daß Sie künftige Messe den dritten Theil Ihrer satirischen Schriften herausgeben, und darinne eine Sammlung verschiedner Briefe der Welt mittheilen wollen; so nehme ich mir die Freyheit, für diejenigen um eine Stelle zu bitten, die ich Ihnen hier zu übersenden die Ehre habe. Es ist dies die einzige Gelegenheit, mein Gewissen zu beruhigen, da ich durch mein übereiltes Exempel viele meine Mitschwestern auf die Eitelkeit gebracht habe, eben so kostbar, und lächerlich zu thun, als ich gethan habe, und da ich zugleich hoffe, daß viele, die es noch nicht gethan haben, sich desto eher künftig vor diesen Fehlern hüten werden. Damit Sie alles desto besser verstehen; so muß ich Ihnen melden, daß mein Vater ein fürstlicher Beamter gewesen ist, welcher die Kunst verstanden, reich zu thun, da er es nicht war; und welcher sich das gewöhnliche Vergnügen machte, in Gesellschaft der benachbarten Adlichen, das Geld, das er von den Bauern erpreßt hatte, zu verthun, um sich bey seinen Gästen ein gewisses Ansehn zu erwerben, welches nicht länger dauerte, als der Rausch, den sich seine hochadlichen Gäste bey ihm tranken. Da es einem jungen von Adel so wenig kostet, einem Bürgermädchen, daß noch so ziemlich gebildet ist, Schmeicheleyen vorzusagen; so können Sie wohl glauben, wie sehr dieses meiner natürlichen Eitelkeit gefiel, und ich ward so thöricht, ein jedes Compliment für einen zärtlichen Seufzer zu halten. In Gedanken war ich schon gnädige Frau, und um meiner neuen Würde keine Schande zu machen, gewöhnte ich mich, alle diejenigen verächtlich anzusehn, welche, nach meiner Meinung, der Himmel in seinem Zorne ohne Ahnen erschaffen hatte. Dieses ist die wahre Quelle aller meiner Thorheiten. Wie sehr bin ich für meinen Stolz gedemüthiget worden! Alle Gelegenheiten, welche mir gegeben wurden, mich zu verheirathen, stieß ich auf eine übermüthige Art von mir, da es nur bürgerliche Hände waren, die man mir anbot. Hier sind die Briefe, und meine Antwort darauf, nach ihrer chronologischen Ordnung. Wie unvernünftig habe ich gehandelt! Schreiben des Herrn Hofraths R – – – an die Mademoiselle F – – – »Der Tod meiner Frau, welche vor einem Jahre gestorben ist, hat mich in die Nothwendigkeit gesetzt, für meine ziemlich weitläuftige Wirthschaft, und für die Erziehung zweyer Kinder zu sorgen, wovon das älteste acht Jahre ist. Mein Amt, das ich verwalte, ist mit so vieler Unruhe verknüpft, daß ich mich nicht im Stande sehe, meinen häuslichen Angelegenheiten länger, wie bisher, allein vorzustehn, ob ich schon aus Liebe zu meinen Kindern wohl wünschte, den ganzen Tage auf ihre Zucht und Unterweisung wenden zu können, da ich, wenn ich mir als Vater nicht etwa zu viel schmeichle, so viel gutes in ihren jungen Gemüthern zu finden glaube, welches die Hoffnung sorgfältiger Aeltern mit der Zeit reichlich belohnen wird. Es ist um deswillen eine meiner wichtigsten Sorgen, wie ich diesen guten Kindern den Verlust ersetzen möge, den sie durch den Tod einer vernünftigen und liebreichen Mutter so früh erlitten haben. Die Gelegenheit, die ich gehabt, Ihren Herrn Vater seit langen Jahren zu kennen, ist Ursache, daß ich mir von Ihnen, Mademoiselle, nichts anders, als den Charakter eines vollkommen tugendhaften und artigen Frauenzimmers habe vorstellen können; und ich habe in der letztern Ostermesse in Ihrer Gesellschaft gefunden, daß Ihre Vollkommenheiten meine Vorstellungen weit übertreffen. Erlauben Sie also, Mademoiselle, daß ich aus Verlangen, mich selbst glücklich zu machen, und das Glück meiner Kinder zu befestigen, Ihnen sage, daß ich Sie aufrichtig, und mit Hochachtung liebe, und nichts auf der Welt so sehr wünsche, als einige Hoffnung Ihrer Gegenliebe zu erlangen. Sie allein, Mademoiselle, sind vermögend, mir das Andenken eines Verlustes vergessend zu machen, welcher mir in der That bis itzo noch empfindlich ist. »Da meine Wahl so vorsichtig ist; so können Sie glauben, daß meine Liebe vernünftig und dauerhaft bleiben wird. Mein Amt, und meine übrigen Umstände sind einträglich genug, Ihnen alles dasjenige zu verschaffen, was Ihr Stand erfodert. Es wird im übrigen auf Sie ankommen, unter welchen Bedingungen Sie mir Ihre Hand überlassen wollen; denn ich verlange, daß Sie auch nach meinem Tode noch glücklich seyn sollen. Haben Sie die Gütigkeit, und melden Sie mir, ob ich hoffen darf; denn so werde ich nicht einen Augenblick anstehen, Ihrem Herr Vater von meiner Absicht Nachricht zu geben. Unter Erwartung einer gewünschten Antwort bin ich mit der größten Hochachtung, Mademoiselle, Dero ergebenster Diener. R. – – –           Wie meinen Sie, mein Herr, daß ich diesen Brief aufnahm? Itzt, da ich Zeit habe, ihn gelaßner zu überdenken, finde ich in der That alles drinnen, was man von einem vernünftigen Liebhaber fodern kann. Damals aber dachte ich ganz anders. Er kam mir frostig und altvätrisch vor, und ich glaubte nichts, als die letzten Flammen eines verliebten Wittwers wahrzunehmen, welcher aus Liebe zu seinen armen Waysen zu guter letzt noch einmal zärtlich thut, um für sie eine gute Wärterinn zu erfreyen. Unendlich reizender und schätzbarer waren mir die Schmeicheleyen eines jungen von Adels aus der Nachbarschaft, der mich seit fünf Jahren versicherte, daß ich schön, und seine Göttinn sey. Sagte der Herr Hofrath wohl so etwas, und hat er wohl mit einem Worte an meine Schönheit gedacht, auf die ich doch meinen ganzen Werth setzte? Dieser von Adel war Lieutenant, und ich bildete mir ein, daß er mir bey einigen unschuldigen Freyheiten, die ich ihm dann und wann erlaubte, nicht undeutlich zu verstehen gäbe, er wolle mich heirathen, so bald er eine Compagnie haben würde. Ein Soldat, ein Hauptmann, ein zärtlicher Hauptmann ohne Kinder, war der nicht einem bejahrten Hofrathe, und ernsthaften Wittwer mit zwey Kindern vorzuziehn? Ich sollte es wohl glauben, wenigstens glaubte ich es damals. In der That hatte ich unter den süssen Träumen eines adlichen Glücks schon mein vier und zwanzigstes Jahr herangebracht; aber ich war auch keine Stunde mehr sicher, daß mein zärtlicher Herr Lieutenant nicht Capitain würde. Sollte ich mich selbst an diesem Glücke hindern? Ich that also, was eine Närrin, wie ich, thun konnte, und schrieb an den Hofrath folgenden Brief:   Mein Herr, »Es ist in der That eine grosse Schmeicheley für meinen Vater, daß Sie ihm den Besitz einer frommen und christlich erzognen Tochter zugestehn. Es würde Ihrer gesetzten und ernsthaften Liebe nachtheilig seyn, wenn Sie weniger auf die Tugend, als auf die äusserlichen Vorzüge eines Frauenzimmers sähen; und ich habe die Ehre, Sie zu versichern, daß ich noch niemanden gesehn habe, der so erbaulich, und exemplarisch liebt, als Sie, mein Herr. Ihre Person, und Ihr Amt verdienen meine ganze Hochachtung; ich glaube aber, daß ich noch zu jung und flatterhaft bin, um mich nach dem ehrwürdigen Muster Ihrer seligen, und noch im Grabe herzlich geliebten Frau zu bilden. Ich bin gewiß überzeugt, daß uns bey einer genauern Verbindung niemals Materie zu Gesprächen fehlen würde, da Sie so unerschöpflich sind, wenn Sie auf die Verdienste Ihrer seligen Frau zu reden kommen, von denen der größte Theil Ihres Briefs angefüllt ist. Ihre hoffnungsvollen Waysen verdienen allerdings Ihre Zärtlichkeit. Es wäre unbillig, wenn ich dieselben um einen Theil bringen wollte. In der That finde ich bey meinen itzigen Umständen noch keinen Beruf, Kinderfrau zu werden, zu welchem wichtigen Amte Sie mich. vor so vielen andern, ausersehen haben. Die Offenherzigkeit ist noch eine Tugend von mir, die Sie in der letzten Ostermesse nicht wahrgenommen haben. Sie können glauben, daß es mein ganzer Ernst sey, wenn ich mir die Ehre gebe, Ihnen zu sagen, daß ich sey Mein Herr, — — — — am 13ten Brachmonats, 1736. Ihre Dienerinn, F — — —           Sie können sich vorstellen, daß der Herr Hofrath die Lust verlohr, noch einmal um so ein närrisches Ding, als ich war, anzuhalten. Er verheirathete sich anderwärts, und ich war mit meinem und seinem Entschlusse wohl zufrieden. Es vergieng mehr als ein Jahr, ohne daß sich Jemand um meine Liebe ernstlich bewarb. Denn die kleinen zärtlichen Kläffer rechne ich nicht, welche um mich herum sprangen, und seufzten. Ich sahe ihre Seufzer als eine Art Sportelen an, welche mir eben so wohl gehörten, als meinem Vater die Sporteln, die ihm seine gedemüthigten Bauern brachten. Ich würde unzufrieden gewesen seyn, wenn mich nicht diese kleinen süssen Würmer angebetet hätten. Ich wußte sie aber mit der Majestät einer Göttinn so zahm, und so sehr in ihrer Tiefe zu erhalten, daß sich keiner unterstand, zu vertraut zu reden; und es kostete mich nur ein Machtwort, nur einen gebieterischen Blick, so waren sie in ihr erstes Nichts verwandelt. Ich brauchte sie, die Zärtlichkeit meines Lieutenants in der Bewegung und lebhaft zu erhalten, von dem es mir schien, daß er zuweilen desto kaltsinniger ward, je vertrauter ich gegen ihn that. Es hatte seine gute Wirkung, und folgender Brief brachte ihn auf einmal ganz wieder zu mir:   Mademoiselle, »Die langwierige Krankheit Ihres Herrn Vaters hat mir ein Glück verschafft, das ich nicht zu schätzen weis. Bey den öftern Besuchen, die ich, als sein Medicus ablegte, hatte die Sorge für seine Gesundheit, wenn ich es aufrichtig gestehen darf, nicht so viel Antheil, als das Verlangen, Sie, Mademoiselle, zu sehen. Sie haben mir es oft angemerkt, daß ich zerstreut war. Sie dachten, es geschähe aus Sorge für die bedenklichen Umstände Ihres Herrn Vaters. Sie dachten falsch. Vielmals bin ich mehr mit Ihnen beschäftigt gewesen, als mit dem Pulse des Kranken, den ich in Ihrer Gegenwart zu halben Stunden mit einer horchenden Miene hielt, um das stille Vergnügen zu haben, Sie unbewegt anzusehn, wenn Sie, ohne ein Auge von mir zu verwenden, mit einer kindlichen Zärtlichkeit den schrecklichen Ausspruch ängstlich erwarteten, den ich über das Leben, oder die Gesundheit Ihres Herrn Vaters thun würde. Entschuldigen Sie, Mademoiselle, meine Verwägenheit, die sich in der That mit nichts als Ihrer Schönheit, und meiner aufrichtigen Hochachtung gegen Sie, entschuldigen läßt. Da ich so offenherzig bin, alles dasjenige zu gestehn, was mir als ein Fehler ausgelegt werden konnte, wenn Sie weniger billig und gütig wären, als Sie sind; so wage ichs, ein Bekenntniß abzulegen, welches für mich das wichtigste ist, das ich jemals thun kann. Ich bin ein solcher Verehrer Ihrer Schönheit und Tugenden, daß ich nichts weiter als Ihre Erlaubniß erwarte, Sie von der Hand Ihres Herrn Vaters zu meiner beständigen Freundinn mir zu erbitten. Soll meine Liebe glücklich seyn? Ich erwarte Ihren Ausspruch. Sehn Sie nicht so wohl auf mein Vermögen und meine Einnahme, die zureichend sind, Ihnen und mir alle Bequemlichkeit zu verschaffen. Sehen Sie auf meine redliche und heftige Neigung, und machen Sie denjenigen nicht unglücklich, welcher nichts so sehr wünscht, als die Erlaubniß zu haben, Ihnen Zeitlebens zu sagen, daß er mit der zärtlichsten Hochachtung sey, Mademoiselle, am 3ten Februar, 1738. der Ihrige. D. Z. – – – –           Was meinen Sie, mein Herr? Das war doch ein andrer Brief, als der von dem trocknen Hofrathe. Glauben Sie, daß mir ein Liebhaber gleichgültig seyn konnte, dessen Person ganz erträglich, dessen Amt und Einkünfte gar ansehnlich waren; der eine so zärtliche Liebeserklärung, wie Sie in seinem Briefe finden, nach allen Regeln der Rhetorik heraus würgte; und der, nach seinem eignen Geständnisse, von meiner Schönheit geblendet, das Maul offenbehielt, wenn er mich bey meines Vaters Krankenbette sahe? In der That würde ich kein Bedenken gehabt haben, meinen zärtlichen Arzt aus seiner Entzückung zu reissen; aber, der Herr Lieutenant, Seine Gnaden, der zukünftige Herr Capitain, und vielleicht künftig gar einmal Seine Excellenz, der Herr General! Sollte ich dieses Glück so muthwillig verscherzen? dieses Glück, das mir so möglich und nah zu seyn schiene! Es ist wahr, beynahe ward mir die Zeit lang. Itzo hätte ich in meinem sechs und zwanzigsten Jahre Frau Doctorinn werden können, und wer leistete mir die Gewähr, daß ich in meinem dreyßigsten Frau Hauptmanninn seyn würde? Aber hatte ich nicht eben um deswillen einen Hofrath vergebens seufzen lassen? Sollte ich mich nun einem Doctor in die Arme werfen? Ich faßte einen Entschluß, der fein war, und glücklich ausschlug. Ich schrieb an meinen Lieutenant, und meldete ihm den Antrag meines Liebhabers. Ich ließ ihn unter der Hand errathen, daß ich nicht ungeneigt sey, einen Antrag anzunehmen, der für meine Umstände so vortheilhaft zu seyn schiene. Da ich auf den Punkt unsrer alten Liebe und Bekanntschaft kam: so schrieb ich so unschlüßig und verwirrt, daß er wohl merken konnte, was ich fühlte, und meinte; ich gestund ihm aber, daß ich allerdings thöricht gewesen wäre, mir mit einem Glücke zu schmeicheln, das für mich zu groß sey. Es sey mein Unglück, und immer mein Fehler gewesen, die Aufrichtigkeit andrer nach meinem redlichen Herzen zu beurtheilen. Er sollte mir darüber keinen Vorwurf machen, ich fände selbst wie unüberlegt ich gehandelt hätte. Wäre es sein Ernst gewesen, unsre Freundschaft zu einer nähern Verbindung zu bringen; so würde er schon lange Gelegenheit gehabt haben, es zu thun. Ich wollte dem ungeachtet niemals aufhören, seine Freundinn zu seyn; er möchte dafür mein Freund bleiben, und mir itzo als mein aufrichtiger Freund rathen, was ich dem Doctor für eine Entschliessung melden sollte. Ich erhielt den folgenden Tag von dem Lieutenant diesen Brief:   Mein englisches, mein allerschönstes Lottchen! »Der Donner soll dem verfluchten Quacksalber die Knochen entzwey schmeissen, wenn er sich noch einmal untersteht, über Ihre Schwelle zu schreiten, oder eine Zeile an Sie zu schreiben! Ein allerliebstes Kind, wie Sie, mein Lottchen, ist für keinen solchen griechischen Mistfinken gemacht. Rund vorbey, Herr Doctor, der Bissen ist für ihn zu fett! Bedenken Sie, Lottchen, was Sie thun? Hat Ihnen die Natur darum so schöne Hände gegeben, daß Sie Pillen damit drehen sollen? Wollen Sie Ihren göttlichen Mund von einem elenden Kerl küssen lassen, der den ganzen Tag das Uringlas vor der Nase hat? Pfui, Lottchen, Sie riechen schon nach todten Körpern; gewiß, Sie riechen schon darnach! Was wird künftig werden, wenn Sie selbst mit helfen müssen Hunde würgen, oder arme Sünder anatomiren? Wie ist es möglich gewesen, daß Sie nur einen Augenblick haben zweifeln können, Ihren krumbeinichten Liebhaber mit einer langen Nase heimzuschicken? Schicken Sie ihn den Augenblick fort, folgen Sie mir! Sie verdienen ein besseres Glück! verstehn Sie mich, schönstes Lottchen, ein besseres Glück! Morgen Nachmittage werde ich bey Ihnen seyn. O wie viel habe ich Ihnen da zu sagen, recht viel zu sagen! Leben Sie wohl. Ich küsse Sie tausendmal in Gedanken; Stirne, Augen, Backen, Mund, Brust, Hand, alles küsse ich Ihnen, und Ihrem Wurmkrämer breche ich noch seinen griechischen Hals. Leben Sie wohl.« Dieser Brief setzte mich ganz ausser mir. Bey der närrischen Eigenliebe, die ich für mich, meine Schönheit, und Verdienste hatte, hielt ich ihn für eine völlige Liebeserklärung, für einen Ehecontrakt, und ich weis selbst nicht wofür. Steht wohl von allem diesen ein Wort darinnen? Nicht ein Wort. Wie blind sind wir Mädchen, wenn wir uns einmal von den albernen Schmeicheleyen der verführerischen Mannspersonen fangen, und uns von einer Liebe einnehmen lassen, von der uns unser Stand, und die Vernunft abhalten sollte! Mein Lieutenant kam, wie er versprochen hatte. Er sagte mir tausend läppische Sachen vor, die mir damals sehr wichtig vorkamen. Ich mußte mich in seiner Gegenwart hinsetzen, und an meinen Liebhaber folgenden Brief schreiben!   Hochzuehrender Herr Doctor. »Wenn Sie sich auf den Puls nicht besser verstehn, als auf die Herzen der Mädchen; so sind Sie ein ziemlicher Pfuscher. Die Sorge für die Gesundheit meines Vaters hat mir Ihre Gegenwart etliche Monate über erträglich gemacht. Nun ist er wieder gesund, Sie sind für Ihre Mühe bezahlt; Haben Sie weiter einen Anspruch an ihn, oder soll er seine Gesundheit mit seiner Tochter erkaufen? Nein, Hocherfahrner Herr Doctor, dieser Kauf wäre zu theuer. Der Himmel erhalte meinen Vater beständig gesund? Bloß darum wünsche ich es, damit er Ihnen nicht vom neuen eine Wohlthat zu danken habe, für die Sie sich so wohl bezahlt zu machen suchen. Ich werde ihm Ihre grosse Aufmerksamkeit auf einen kranken Vater und seine gesunde Tochter zu rühmen wissen, damit er erfährt, warum er etliche Wochen länger das Bette hat hüten müssen. So gelehrt Sie seyn mögen, so wenig bin ich im Stande, Sie zu leiden. Ein Liebhaber, der nach Mosch und Ambra riecht, ist mir lächerlich: Aber Seufzer, die nach Rhabarbar und Essenzen riechen; sind mir gar unerträglich. Sind Sie böse, im Ernst böse? Geschwind nehmen Sie Cremor Tartari, oder sonst so was niederschlagendes ein; Sie werden am besten wissen, was wider den Zorn hilft. Ich weis, was wider die aufwallende Liebe gut ist. Nichts besser, als ein Brief, wie dieser. Recipe, mein Herr; frisch hinuntergeschluckt, und ein Glas Wasser darauf! Wohl bekomme es dem Herrn! Ich bin – – – am 8ten Februar 1738. Ihre Dienerinn. F – – –           Hätten Sie wohl geglaubt, mein Herr, daß ein Frauenzimmer, welches sich schmeichelt, Erziehung zu haben, im Stande gewesen wäre, einen so unhöflichen und rasenden Brief zu schreiben? Aber was thut nicht eine Närrinn, wie ich war? Ich schrieb ihn in Gegenwart meines Hochwohlgebohrnen Lieutenants. Er hatte seinen Arm um meinen Nacken geschlagen, da ich ihn schrieb, und er küßte mich für jeden allerliebsten artigen Gedanken, wie er meine groben Einfälle nennte. Ich war damals so wohl zufrieden mit mir und meinem Ritter, daß ich nicht weis, wozu mich seine Zärtlichkeit gebracht hätte, wenn er noch ein wenig mehr verwägen, und ich nicht besorgt gewesen wäre, durch eine zu vertraute Gefälligkeit die Hochachtung zu verlieren, in der ich ihn gegen mich erhalten mußte, wenn meine Absichten auf ihn ernsthaft bleiben sollten. Er liebte mich einige Monate feuriger, als jemals, und als ihn eine heftige Krankheit überfiel, merkte ich erst, wie stark meine Liebe zu ihm war, die ich ihm nunmehr weder selbst sagen, noch andern entdecken durfte. In dieser ängstlichen Ungewißheit blieb ich länger, als ein Jahr, und ich war bey dieser Unruhe so unbesorgt auf mich selbst, daß ich nicht wußte, was um mich herum vorgieng, ob ich damals Anbeter hatte, oder nicht. Ich weis es in der That nicht. So viel weis ich, daß mir um diese Zeit Niemand mit einem schriftlichen Antrage beschwerlich fiel. Er würde schlimm angekommen seyn. Endlich ward mein Lieutenant wieder gesund. Seine Krankheit hatte ihn sehr mürrisch und verdrüßlich gemacht. Wenigstens gab ich es seiner Krankheit Schuld, daß er bey unsrer ersten Zusammenkunft ziemlich gleichgültig gegen mich that. Er erholte sich nach und nach: gegen mich aber blieb er immer gleichgültig. Wie unruhig ward ich Thörinn! Ganz unvermuthet erhielt ich die Nachricht, er sey nach Dresden gereist, um die Sachen wegen seiner Compagnie in Ordnung zu bringen. Nach Dresden zu reisen, ohne mir ein Wort davon zu sagen, ohne Abschied zu nehmen, ohne mir zu sagen, daß er sich dem glücklichen Augenblick nunmehr nahe, wo er meine Liebe und Beständigkeit krönen könne? Konnte ein Gedanke für mich grausamer seyn, als der, welcher natürlicher Weise aus diesen Vorstellungen fließen mußte? Und doch war ich immer noch so leichtgläubig, daß ich mir einbildete, nur aus Liebe zu mir, nur um mich nicht zu kränken, sey er ohne Abschied, und in der Stille fortgereist; um mir eine ganz unerwartete Freude zu machen, habe er mich nicht wollen wissen lassen, wie nahe er seinem Glücke sey. Mit ausgesperrten Armen sah ich im Geiste meinen treuen Liebhaber zu mir zurück fliegen, um sein neues Glück als Hauptmann mit mir zu theilen. Aber warum schrieb er mir nicht? Schreiben hätte er zum wenigsten gekonnt. Das hieß ich die Zärtlichkeit aufs höchste treiben. Nun ward ich argwöhnisch und unruhig. Mitten in diesen kritischen Umständen verblendete der Himmel einen Professor, der um mich warb. Mein Vater sagte, er wäre ein gelehrter Mann. Es kann seyn. Aber ein Professor, der gelehrt ist, und ein Capitain, den man liebt, sind zwo ganz unterschiedne Creaturen. Er hatte ein gutes Auskommen, und ich wußte, ungeachtet aller Mühe, die ich mir gab, an ihm weiter nichts auszusetzen, als daß er zwey und vierzig Jahre alt war. Ein Mädchen von acht und zwanzig Jahren hätte sich daran nicht stossen sollen! So? Wer hat Ihnen denn gesagt, mein Herr, daß ich damals acht und zwanzig Jahre alt war? Um diese Zeit sind die Frauenzimmer in ihren stehenden Jahren, und ich war seit fünf Jahren beständig drey und zwanzig Jahre alt gewesen. Ihr Einwurf taugte also nichts. Lassen Sie mich meinen Roman weiter erzählen. Die alten Römer mögen sich vermuthlich an die Väter gewendet haben, wenn sie sich in die Töchter verliebt hatten; wenigstens machte es mein Herr Professor so. Er arbeitete an meinen Herrn Vater folgende gelehrte Schrift aus:   Hochedelgebohrner Herr, Hochzuehrender Herr Commißionrath,         Vornehmer Gönner, »Ew. Hochedelgeb. mit gegenwärtigen Zeilen gehorsamst aufzuwarten, verbindet mich die unterthänige Hochachtung, die ich gegen Dero vornehmes Haus noch bis itzt unverändert hege. Es wird nunmehr ungefähr funfzehn Jahre seyn, daß ich das Glück hatte, von Ihnen als Informator Ihrer lieben Jugend so viele Wohlthaten zu genießen, die mir beständig unvergeßlich seyn werden. Wie geschwind sind diese Jahre verstrichen, und wie vielen Veränderungen sind wir mit denselben unterworfen! Ich kann ohne innige Regung noch itzt nicht an den schmerzlichen Verlust gedenken, den Sie vor zehn Jahren durch den unvermutheten Hintritt Ihrer im Leben so zärtlich geliebten, und nunmehr in Gott sanft ruhenden Frau Eheliebste erlitten haben. Gewiß, wenn Gottesfurcht und Tugend den Menschen unsterblich machten; so würde diese wohlselige Frau vor andern verdient haben, niemals zu sterben. Aber ihre unveränderte Liebe zu Ew. Hochedelgeb. ihre vernünftige Bemühung, die ihr anvertrauten Liebespfänder dem Schöpfer zur Ehre, sich zur Freude, und der Welt zum Besten zu erziehn; ihre Sorgfalt, die Pflichten einer Christin zu erfüllen; ihre Liebe gegen den armen und nothleidenden Nächsten, diese und noch unzählich andre Tugenden, machen sie unsterblich, wenn auch das Irdische von ihr längst verwest ist. Ew. Hochedelgeb. verzeihen, daß ich diese schmerzhafte Wunde wieder aufreiße, welche eine Zeit von zehn Jahren nicht völlig zuheilen können. Meine Thränen sollen den Schmerz lindern, Thränen der Dankbarkeit und Freundschaft, redliche Thränen! Sie sind Zeugen der Hochachtung. Wie glücklich sind Sie noch, Hochzuehrender Herr Commißionrath, da Sie der mütterlichen Sorgfalt dieser rechtschaffnen Frau die Erziehung einer tugendhaften Tochter zu danken haben, die Ihnen durch die Aehnlichkeit ihrer Gesichtszüge zwar beständig das Andenken ihres Verlusts verneuern muß; deren gottesfürchtiger und frommer Wandel aber, nebst andern löblichen Eigenschaften, Ihnen auf der andern Seite diesen Verlust wieder zum größten Theile ersetzt. Erinnern Sie sich, Hochedelgebohrner Herr, wie vergnügt Sie bey dem glücklichen Besitze Ihrer seligen Frau Eheliebste waren, und stellen Sie sich dabey einmal vor, wie glücklich Sie denjenigen machen, welchen Sie würdigen, mit einer so liebenswürdigen Tochter zu vereinigen. Ein Glück, auf welches niemand Anspruch machen darf, als der es zu schätzen weis, und den die Begierde, dessen würdig zu werden, mit der größten Hochachtung und Dankbarkeit gegen Ew. Hochedelgeb. verbindet. Fehlen mir, Hochedelgeb. Herr, andre Vorzüge, so sind es doch Hochachtung und Dankbarkeit nicht, die ich mir streitig machen lasse. Verdiene ich itzt die Ehre noch nicht, Ihr Schwiegersohn zu seyn; so wird mein Bestreben unermüdet seyn, mich so aufzuführen, daß Sie diese Wahl künftig nicht gereuen kann. Ein Wink von Ihnen wird mich so dreiste machen, Ihrer Hochzuehrenden Jungfer Tochter diese meine tugendhafte Neigung und christliche Absicht zu eröffnen. Kommen Sie durch Ihren Vorspruch meiner Blödigkeit zu Hülfe, und empfehlen Sie mich einer Person, die ich über alles in der Welt schätze. Sie haben bey meiner Beförderung den ersten Grund zu meinem Glücke gelegt, machen Sie es vollkommen. Sie verbinden mich auf diese Art Ihnen doppelt. Ich werde dafür mit unwandelbarer Devotion seyn, Hochedelgebohrner Herr, Hochzuehrender Herr Commißionrath, Meines Hochzuehrenden Hrn. u. vornehmen Gönners – – 5ten May 1740. gehorsamst ergebenster Diener, N.           Dieser Brief brach meinem Vater das Herz. Der Herr Professor hatte ihn auf der schwachen Seite angegriffen; denn er war wider die Gewohnheit der meisten Männer so schwach, daß er niemals ohne zärtliche Empfindlichkeit an den Tod seiner Frau denken konnte. Die Person des Herrn Professors, seine Gelehrsamkeit, seine guten Einkünfte waren ihm bekannt. Vielleicht kam auch dieses dazu, daß er sich die Last, eine erwachsne Tochter zu hüten, vom Halse schaffen wollte. Er redete mir sehr ernstlich zu, ich sollte den Vorschlag annehmen. Sein hohes Alter, seine übrigen Umstände mußten ihm dazu dienen, mich zu bereden. Ich wußte auf alles eine Antwort; und wenn ich nicht weiter konnte, so gab ich ihm zu verstehn, daß ich mich entschlossen hätte, gar nicht zu heirathen. Ein närrischer Entschluß, meinte mein Vater; er war aber auch nicht so ernstlich gemeint. Vierzehn Tage brachte er zu, mich zu bekehren; immer war seine redliche Mühe vergebens. Endlich bat ich mir vier Wochen Bedenkzeit aus. Ich erhielt sie, und wendete diese Zeit dazu an, ohne Vorwissen meines Vaters dem Herrn Professor folgende Antwort zu überschicken:   Mein Herr, »Auf Befehl meines Vaters habe ich die Ehre, Ihnen für die wohlgemeinte Condolenz wegen des Ablebens seiner vor zehn Jahren verstorbnen Frau ergebenst zu danken. Mein Vater ist mit mir einig, daß Sie ihr die beste Leichenpredigt gehalten haben; und ich insbesondre bin überzeugt, daß Sie mehr geschickt sind, verstorbnen Frauenzimmern Lobreden zu halten, als den itztlebenden Schmeicheleyen vorzusagen. Hätten Sie um meinen Vater selbst anhalten wollen; so würde dieses freylich der beste Entschluß gewesen seyn, sich an ihn selbst zu wenden. Da Sie aber mir die Ehre zugedacht hatten; so hätte ich wohl den Antrag von Ihnen unmittelbar erwartet. Mit Ihrer Erlaubniß, ich glaube, Sie, mein Herr, sind ein Beweis, daß man fromm, ehrbar und gelehrt seyn kann, und doch nicht zu leben weis. Ich danke Ihnen für Ihre christliche Absicht unendlich. Ich finde Bedenken meinen alten Vater zu verlassen, dessen Jahre Wartung und Vorsorge brauchen. Kann ich in meinem Leben das Glück nicht haben, die Versichrung Ihrer Liebe anzunehmen; so wünsche ich mir doch nichts mehr, als die Ehre daß Sie mir nach meinem Tode die Abdankung halten. Sie sind der erbaulichste Leichenredner, den ich kenne, und ich bin dafür mit unwandelbarer Devotion, Mein Herr, – – – – am 20sten des Brachm. 1740. Ihre Dienerinn. F – – –         »N. S. Sie werden nicht nöthig haben, mir oder meinem Vater zu antworten. Er denkt itzt an nichts, als an den Tod seiner seligen Frau.« Und was meinen Sie wohl, mein Herr, in welcher Absicht ich diesen Brief schrieb? Ich wollte meinem alten Liebhaber ein freywilliges Opfer bringen. Aus diesem Entschlusse, den ich wider den Rath und Willen meines Vaters faßte, sollte er urtheilen, wie beständig meine Liebe, und wie billig es von ihm sey, diese nunmehr zu belohnen, da er in den Stand gekommen, es nach seinem und meinem Wunsche zu thun. Mit der nächsten Post schrieb ich ihm diesen Brief:   Mein Herr, »Können Sie wohl von mir itzt was anders erwarten, als die bittersten Vorwürfe? Gewiß, Sie haben sie verdient, hundertmal verdient, und dieses itzt mehr, als jemals. Erst sind Sie grausam und werden krank, um mich ein ganzes Jahr zu ängstigen. Endlich werden Sie wieder gesund, aber nicht zu meiner Beruhigung; nein, um mich auf eine neue Art zu quälen. Sie verreisen, ohne mich es wissen zu lassen, ohne mir zu erlauben, daß ich Ihnen bey dem Abschiede die zärtlichste Versichrung meiner Freundschaft, meiner beständigen Liebe, gäbe. Wie viel wichtige Sachen hatte ich Ihnen zu sagen, tausend wichtige Sachen, auf die meine ganze Ruhe ankömmt! Ist für mich etwas wichtigers, als wenn ich Ihnen sage, daß ich Sie liebe? Und kann ich ruhig seyn, wenn ich nur den mindesten Verdacht habe, an Ihrer Liebe zu zweifeln? Sie fliehn, Grausamer? Fliehn Sie, einen traurigen Abschied zu vermeiden? Wie wenig kennen Sie die Liebe, die Sie mich doch selbst gelehrt haben. Es würde mich Thränen gekostet haben; aber ich hätte sie in Ihren Armen geweinet. Ich würde Sie beschworen haben, Ihre Rückkunft zu beschleunigen. Wie viel zärtliches hätten Sie mir dabey sagen können, das ich sonst gewohnt bin, von Ihnen zu hören! Glauben Sie wohl, daß ich Ihnen würde eine Reise widerrathen haben, welche Sie thun, um Ihr Glück auf diejenige dauerhafte Art zu befestigen, die Sie so oft, und so oft meinetwegen, gewünscht haben? Kommen Sie, eilen Sie zurück, ich erwarte Sie mit der zärtlichsten Ungeduld. Das hätte ich doch nicht geglaubt, daß ich Sie so heftig liebte? Kommen Sie, damit ich Ihnen vom neuen sagen kann, daß ich Sie ewig lieben werde. »Wissen Sie denn auch, mein irrender Ritter, in welcher Gefahr Sie Ihre trostlose Prinzeßinn verlassen haben? Drachen und Riesen schwärmen um mein Schloß herum, mich zu entführen. Tapfrer Roland! Eilen Sie, diese Ungeheuer zu verjagen. Glauben Sie nur nicht, daß ich scherze! Lesen Sie den eingeschloßnen Brief. Er ist von einem schwarzen Ritter aus dem Königreiche Latium, welcher auf Abenteuer ausgieng, und den ich mit meinem Schwerdte kecklich erwürgt habe. Ja, mein Herr, konnten Sie von Ihrer zärtlichen und ewig treuen Charlotte einen andern Entschluß erwarten, als den, welchen Sie aus dem andern Briefe sehn werden? Für diesesmal bin ich der gedachten Gefahr glücklich entkommen. Werde ich immer Muth und Kräfte genug dazu haben, wenn Sie mich länger verlassen? Eilen Sie! Bey Ihrer Liebe beschwöre ich Sie, eilen Sie, und sagen Sie mir, daß meine Sorge vergebens gewesen ist. Was ich Ihnen dafür sagen werde? Daß Sie mein bester Freund sind; daß ich Sie unendlich liebe! Daß ich ganz die Ihrige bin! Soll ich Ihnen noch mehr sagen? Gut, ich will Sie küssen, tausendmal will ich Sie küssen. Wie unruhig ist man, wenn man liebt! Leben Sie wohl.« Wie gefällt Ihnen dieser Brief, mein Herr? Könnte ein Mädchen, ohne den Wohlstand ganz zu beleidigen, deutlicher, als ich, sagen, was sie wünschte, und was sie hoffte? Nun erwartete ich meinen Liebhaber auf den Flügeln der Liebe. Ich wußte, daß er die Compagnie bekommen hatte. Ich war dem gewünschten Augenblicke nahe, dem ich zehn Jahr entgegen gesehen hatte. Jede Minute die ich vergebens auf ihn wartete, schien mir ganze Tage zu seyn. Er kam nicht, es verstrichen vier Wochen, ohne daß ich von meinem Ungetreuen eine Zeile Antwort bekam. Endlich erhielt ich einen Brief von ihm. Urtheilen Sie von meinem Schrecken, als ich folgendes las:   Mademoiselle, »Ich erinnere mich der angenehmen Augenblicke sehr wohl, da ich das Vergnügen hatte, in Ihrer Gesellschaft zu seyn. Glauben Sie, Mademoiselle, daß wir Officiere denen schönen Kindern unendlichen Dank schuldig sind, welche bey unsern müßigen Stunden, deren wir sehr viele haben, sich gefallen lassen, unsre Schmeicheleyen anzuhören, und sie zu beantworten. Außer diesem Zeitvertreibe würde es für uns auf dem Lande, und in kleinen Städten nicht auszustehen seyn, wo man so wenig Gesellschaft findet, die unserm Stande gemäß ist. Ich glaube, Sie, als eine alte gute Freundinn und Bekannte von mir, werden mir es gönnen, wenn ich Ihnen melde, daß ich eine Compagnie unter dem Regimente des Herrn Obristen von – – bekommen habe, und gestern so glücklich gewesen bin, mich mit seiner Fräulein Tochter zu vermählen. Sie ist wie Sie wissen, aus einem guten Hause, vom alten Adel, nur siebzehn Jahre alt, bildschön, und nicht ohne Mittel. Ich empfehle meine Frau zu Ihrer Freundschaft, wenn ich wieder in Ihre Gegend kommen sollte, welches so bald noch nicht geschehen dürfte. Ich habe ihr so viel Gutes von Ihnen gesagt, daß sie sehr verlangt, Sie kennen zu lernen. Versichern Sie Ihren Herrn Vater meiner Hochachtung. Was macht der rechtschaffne Mann? Es ist mir wohl bey ihm gegangen. Der Lieutenant von – – ist an meine Stelle gekommen. Er hat mich gebeten, ihm Bekanntschaften zu machen. Werden Sie wohl die Gefälligkeit für mich haben, Mademoiselle, und ihm diejenige Freundschaft gönnen, mit der Sie mich so lange Zeit glücklich gemacht haben? Er brennt vor Verlangen, mit Ihnen bekannt zu werden; so viel Gutes habe ich ihm von Ihnen erzählt. Er wird Ihnen gefallen, er ist ein sehr artiger, und lebhafter Mensch. Ich muß abbrechen, weil ich den Augenblick auf meines Schwiegervaters Gut reise. Ich kann also weiter nichts sagen als daß ich mit aller Ergebenheit bin, Mademoiselle, Dresden, am 8ten August. 1740. der Ihrige. »N. S. Die an mich übersendeten Briefe folgen hier mit ergebenstem Danke zurück. Meine Frau hat sich über den Ausdruck bald todt gelacht, wo Sie den armen Professor einen schwarzen Ritter aus dem Königreiche Latium nennen. Leben Sie wohl.« Das war also, mein Herr, der letzte Auftritt von der kläglichen Comödie, in der ich eine so närrische Rolle gespielt hatte! Ich bin nicht im Stande, Ihnen die Empfindungen zu beschreiben, die ich beym Durchlesen dieses Briefs fühlte. Zorn, Wuth, Schaam, Rache, alles empörte sich in mir. Ich fiel auf die verzweifeltsten Anschläge, mir Recht zu verschaffen, oder mich selbst auf ewig vollends unglücklich zu machen. Ich fluchte dem Himmel, meinem ungetreuen Verräther; ich fluchte mir selbst. Dieses alles geschah in einer Raserey von zwo Stunden. Endlich brachen die Thränen aus, und ich kam einiger maaßen wieder zu mir. Ich Verlassene! Ich unglückselig Verlassene! dachte ich bey mir selbst. Ist das die Belohnung einer zehnjährigen Treue? Ist das die Erfüllung der Eidschwüre, und der theuersten Versichrung? Und der meineidige Bösewicht triumphiret noch in den Armen meiner Feindinn, seiner Frau, über meine leichtgläubige Einfalt? Straft der Himmel dieses Verbrechen nicht, so muß er ungerecht seyn. So ungefähr schwärmte ich. Ich zankte mit dem Himmel, und hätte doch mir allein den Vorwurf machen sollen, daß ich so närrisch gewesen, den Schmeicheleyen eines Menschen zu glauben, dessen Stand über den meinigen war, der bey seinen Jahren und seiner Lebensart durch die Gewohnheit gerechtfertiget, und von der Welt gebilliget ward, wenn er ein hochmüthiges Bürgermädchen, eine Närrinn, wie ich, betrog, sie zum Zeitvertreib um ihren guten Namen brachte, oder zum Spaße auf beständig unglücklich machte. Wie vielmal hatte ich ehedem über die Thorheit derer gelacht, welche sich auf eine solche Art verführen lassen! Hätte ich nicht besser auf meiner Hut seyn sollen? War ich etwan vornehmer, schöner, reicher, als andre, die sich in dergleichen Unglück gestürzt hatten? Keins von allen. Der Hochmuth machte, daß ich für möglich hielte, beständig geliebt, und immer angebetet zu werden. Es ist schändlich, wenn Männer, die es für ihr erstes Gesetz halten, ihre Ehre zu vertheidigen, auf eine so unehrliche Art ein unschuldiges Mädchen unglücklich machen, und oft eine ganze Familie in Schande bringen. Ein Mädchen aber, das sich von ihnen bestricken läßt, verdient weniger Mitleid, da sie hätte an dem Exempel andrer lernen können, daß man ihr nur darum schmeychelte, um einiges Vergnügen zu haben, und sie auf eine lustige Art elend zu machen. Nun fielen mir alle diejenigen vernünftigen Liebhaber ein, deren redliche Absichten ich auf eine so hochmüthige und spröde Art von mir gewiesen hatte. Wie grausam war ich an ihnen gerächet! Konnte ich mir wohl itzt dergleichen Gelegenheiten wieder versprechen, da meine Jahre zunahmen, da der jugendliche Reiz meiner Schönheit anfieng zu verschwinden, da mein Vater auf der Grube gieng, und sein Tod mir die dürftigsten Umstände drohte? Konnte ich mich nunmehr wohl entschließen, geringern Personen meine Hand zu geben, als die waren, denen ich sie verweigert hatte? Ich faßte nun im ganzen Ernste den grausamen Entschluß, nimmermehr zu heirathen. Ich ward ziemlich beruhigt, da ich das Herz gehabt hatte, so ein verzweifeltes Gelübde zu thun, und es vergieng eine ziemliche Zeit, ehe ich merkte, daß ich mich selbst hintergangen hätte. Dieser unerwartete Streich von meinem Ungetreuen hatte mich so hart getroffen, daß ich in eine langwierige Krankheit fiel. Ich brauchte fast zwey Jahre, ehe ich mich völlig wieder erholte, und es geschahe endlich nicht anders, als mit dem gänzlichen Verluste meiner noch übrigen Schönheit. O! hätte ich sie zehn Jahre eher verlohren, vielleicht wäre ich vernünftiger gewesen, vielleicht wäre ich itzt nicht so unglücklich! Ich weis nicht, wie es kam, daß sich nach einiger Zeit ein junger Rechtsgelehrter zu mir verirrte, und sich einbildete, daß er mich noch lieben könnte. Vielleicht hatte die Hoffnung, meinem Vater mit der Zeit in seinem Amte zu folgen, oder sonst eine stärkere Kundschaft in seiner Praxis durch mich zu erlangen, mehr Antheil an seiner Zärtlichkeit, als meine Person. Er schrieb an mich:   Mademoiselle, »Denenselben vermelde in höchster Eil, daß ich nach reifer der Sachen Ueberlegung und eingeholtem Rath von meinen Freunden ernstlich gemeinet bin, mich zu verändern, und nach nunmehr erfolgtem Absterben meiner seligen Frau Mutter meine Wirthschaft selbst anzufangen. Die Kürze der Zeit, und meine dringenden Verrichtungen hindern mich, Ihnen umständlichere Anzeige zu thun, wie viel ansehnliche Gelegenheiten mir in hiesiger Gegend, mich zu verheirathen, angeboten worden. Wann aber ich das Vergnügen gehabt, bey dem unlängst vor Ihres Herrn Vaters Amtsgerichten abgewarteten Termine in Sachen George Frühauffen, contra Casper Baldigen, in puncto den Gemeinebrömmer betrl. Dieselben kennen zu lernen, und ich eine besondre Zuneigung gegen Sie bey mir vermerkt; Als habe mir die Freyheit nehmen wollen, Dieselben von meinen billigen, und in göttlichen und weltlichen Rechten gegründeten Absichten zu benachrichtigen, mit angehengtem Suchen, Sie wollen meine Bitte nicht rejiciren, und mir erlauben, daß ich das Glück habe, mit aller legalen Ergebenheit zeitlebens Dero gehorsamster Diener zu seyn. Da Sie, Mademoiselle, bey meiner Liebe allerdings die erste Instanz sind, so habe Bedenken getragen, bey Dero Hochzuehrendem Hrn. Vater eher in Schriften dieserhalb einzukommen, bis ich weis, ob Sie meinem ergebensten petito hochgeneigt deferiren, als warum ich nochmalen instanter, instantius, instantissime bitte. Diesen Augenblick kommt ein Oberhofgerichtsbothe, mit einer Inhibition; ich werde daher genöthiget, abzubrechen, und habe nicht Zeit, etwas weiters hier zu sagen, als daß ich mit der größten Hochachtung unabläßlich sey, Mademoiselle, Dero — — — — am 9ten Januar 1743. Raptim. Ipse concepi! ganz ergebenster Diener, K. L. M. Adv. immatr. et Not. Publ. Caes. a Sen. Lips. Creat. et coram Regim. Elect. confirm. m. p.           Hätte ich diesen ungeschickten und pedantischen Brief etliche Jahre eher bekommen: so würde ich ihn gewiß, ohne mich lange zu besinnen, unter den Tisch geschmissen haben. Itzt war ich gedemüthiget genug, daß ich ihn zweymal durchlas, und unschlüßig blieb, was ich thun wollte. Die Gelübde, mich niemals zu verheirathen, fieng nach und nach an, mich zu gereuen. Mein Vater lag mir alle Tage in den Ohren, und er hätte, glaube ich, lieber gesehn, ich wäre selbst auf die Heirath ausgegangen.. Ich wies ihm den Brief. Er gestund, der Herr Advocatus immatriculatus sey ein Narr: er meinte aber auch, daß ich nicht die erste, und nicht die letzte Frau seyn würde, die einen Narren heirathe. Es kostete mich viel Ueberwindung, und doch war ich im Begriffe, auf Befehl meines Vaters diesem geschäfftigen Liebhaber Hoffnung zu geben, als ich, vielleicht zu meinem Glücke, noch beyzeiten erfuhr, daß eine Magd, mit der er auf Universitäten zu vertraut gelebt haben mochte, ihn auf die Ehe verklagen wollte. Ich war bey allem meinem Unglücke noch immer boshaft genug mich darüber zu freuen, und ich ergriff diesen Vorwand mit beyden Händen, mich von ihm loszureißen, und mit meiner gewöhnlichen Bitterkeit ihm also zu antworten:   Mein Herr, »Was Dieselben in höchster Eil mir wegen der legalen und in allen Rechten gegründeten Gesinnung gegen meine Wenigkeit unterm 9ten Januar a. c. in Schriften vorzutragen, gelieben wollen, solches habe daraus allenthalben mit mehrern ersehn. Nun würde mir zwar eine besondre Ehre seyn, Ihrem petito geziemend zu deferiren; Wenn aber ich in glaubwürdige Erfahrung gebracht, daß allem Ansehen nach zu Dero werthesten Person und Liebe ein Concurs des schierstkünftigsten ausbrechen möchte, und mein Vater in Sorgen steht, daß ich wegen meine jüngern, und nicht dinglichen Rechte und Ansprüche an Sie gar leicht leer ausgehn, oder doch in die letzte Classe locirt werden dürfte: Als habe Kraft dieses, allen meinen An- und Zusprüchen, wie sie Namen haben möchten, hiermit zu Vermeidung unnöthigen, und auf geldsplitternde Weitläuftigkeit abzielenden Processes aufs feyerlichste renunciren sollen, wollen und mögen, mit der Versicherung, daß ich nicht gesonnen bin, einer Magd diejenigen Rechte streitig zu machen, welche sie noch von den Universitätsjahren her zu behaupten vermag. Die ich für die Person denenselben zu billigen Freundschaftsleistungen stets geflissen bin: Als Meines Hochgeehrtesten Herrn, – – – am 30. Jan. 1743. Dienstbereitwillige F – –           Das war also wieder ein Liebhaber weniger. Ich glaube, es mochte nach und nach bekannt worden seyn, wie gefährlich es sey, mir eine Liebeserklärung zu thun; denn es meldete sich in zwey Jahren kein Mensch, ob ich schon anfieng meiner Natur mit Farben, und anderm Putze zu Hülfe zu kommen. So leichtsinnig ich in jungen Jahren war, so wenig hatte ich mich doch jemals überwinden können, eine freye und verbuhlte Aufführung anzunehmen. Nunmehr aber hielt ich es für nöthig, zu coquettiren, da ich wahrnahm, daß ich anfieng, auf der Gasse und in Gesellschaften unbemerkt zu bleiben. Ich zwang mich, lebhaft zu seyn; ich ward gegen Vornehme und Niedrige gefällig; mit einem Worte, ich ward zahm, und doch konnte ich niemanden rühren, der mir vorseufzte. Ich glaube, ich würde es ihm nicht sauer gemacht haben. So hochmüthig aber war ich doch noch, daß ich mich nicht gar zu weit unter meinen Stand verheirathen wollte. Sie können es daraus sehn, mein Herr. Es kam einem Landkrämer ein, mich zu lieben. Würden Sie mir wohl dazu gerathen haben? Lesen Sie seinen Brief. R – – den 7. May 1745. Ehren und viel Tugendsames     Frauenzimmer! Salut. »Hiernebenst sende ich Denenselben im Namen und Geleite Gottes per Fuhrmann Hanns Görgen und Gespann von Reichenbach ein Päcktel mit allerhand Würz und andern Waaren, gemerkt als in margine, zur Fracht 14. Pfund wiegend, und ist alles content bezahlt. Sie werden günstig erlauben, daß ich Ihnen damit ehrenfreundlich aufwarten thue. Anlangend meine Hochachtung und Liebe gegen Sie, deren ich Sie auf letzterm Jahrmarkt avertirt; so bin ich noch immer derselben Meinung, und thue ich mir gar höchlich gratuliren, wenn Sie mich Deren Gegenliebe würdigen, und mir aviso geben wollen, ob ich es wagen darf, bey dem Herrn Papa mich Ihrentwegen zu melden. Es soll dieses so gleich geschehn. Den Ranzen, und emballage, worinnen beyfolgende Waaren eingeschlagen sind, wird der Fuhrmann bey seiner Rückreise wieder abfordern. Bitte solche costy mit ein paar Zeilen zu übergeben. Gott verhelfe Ihnen salvo. Denen empfohlen, verbleibe, und bin, Ehrn und viel Tugendsames     Frauenzimmer, Deren Dienstwilligster Freund N.           Dieser Brief zu komme Der ehrn und viel tugendsamen Jungfer N. N. Nebst einem Päcktel großgünstig in gezeichnet, zu eignen Händen zu         übergeben. N. franco par tout. Sehn Sie, mein Herr, das war doch noch ein reeller Liebhaber, und der erste, der seinen förmlichen Liebesantrag mit einem Geschenke begleitete. Aber das war mir erschrecklich, daß ich in einem Marktflecken vor dem Laden stehn, und Schwefelfaden verkaufen sollte, da ich zu stolz gewesen war, einen Hofrath zu heirathen. Sie wissen wohl, was sich in kleinen Städten die Tochter eines fürstlichen Dieners für ein Ansehen zu geben weis; sollte ich nun meinen Rang und Stand so sehr verläugnen, und in R – – – eine elende Würzkrämerinn werden? Mein Vater fühlte es selbst, wie ungleich diese Heirath sey, und befahl mir, eine abschlägige Antwort zu ertheilen. Ich that es auf folgende Art:       Ehrenvester, Fürnehmer, Insbesonders großgünstig Hochgeehrter Herr, Salut. »Dessen geehrtes vom 7 passato ist mir, nebst dem Ränzlein, wohl worden, welches ich danknehmend zurückschicke, und meinem großgünstigen Herrn dafür verbunden bin. Beliebe der Herr a conto zu stellen. Mag annebenst demselben nicht verhalten, daß ich mich über meines Hochgeehrten Herrns Ansinnen gar höchlichen erfreuen thue. Weil aber mein Vater Bedenken trägt, mich von sich zu lassen; so kann ich demselben in dessen freundlichen Bitten so fort nicht fugen. Meine Freunde glauben überdieß, daß ich mit meinem Reifenrocke in Ihrem Würzladen nicht Raum haben werde. Sie hoffen, es werde Ihnen nicht an Gelegenheit fehlen, eine Frau zu bekommen, wenn es auch gleich keine Tochter eines Commißionraths sey. Unter Gottes Schutz verbleibende,     Ehrenvester, Fürnehmer, Insonders großgünstig Hochgeehrter Herr, Dessen                       gute Freundinn und Dienerinn. Dieses war die letzte Kraft meines jungfräulichen Stolzes, und nunmehr kam die Reihe an mich, gedemüthiget zu werden. Hier fängt sich der zweyte Theil meines Romans an. Wie traurig ist diese Veränderung für mich! Mein Vater starb. Was ich befürchtet hatte, geschahe, und noch weit mehr. Er verließ kein Vermögen, es meldeten sich so gar verschiedene Gläubiger, und man fand in seinen Rechnungen viele Unrichtigkeiten, welche machten, daß auch die Caution zurück behalten ward. Ueberlegen Sie es einmal, mein Herr: Ein Mädchen von dreyunddreyßig Jahren ohne Aeltern, ohne Vermögen, dasjenige zu bestreiten, was zum nothdürftigsten Unterhalte erfodert wird; ein Mädchen, welches sich durch ihren Hochmuth alle zu Feinden gemacht hatte, welches so bequem, und vornehm erzogen, und itzt von allen verlassen, und nicht geachtet war; mit einem Worte, eine alte Jungfer ohne Geld, ohne Schönheit, ohne Freunde, und deutsch zu reden, ohne Verstand, ist so ein Mädchen nicht eine erbarmenswürdige Creatur? Was sollte ich anfangen? Zwey Jahre hatte ich mich unter meinen Verwandten aufgehalten, und für die kleinen Gefälligkeiten, die sie mir, als ein Allmosen erwiesen, viel Demüthigung erfahren müssen. Sie wurden mich überdrüßig, und sie sagten mir es deutlich, daß sie wünschten, ich möchte mich entschließen, sie zu verlassen. Wo sollte ich hin? War ich nicht bey diesen kümmerlichen Umständen zu entschuldigen, daß ich einen Schritt wagte, der eine Folge meiner grossen Verzweiflung war, der mich allen, die meine Noth nicht wußten, verächtlich, und lächerlich machte, und dessen ich mich gewiß noch itzt schämen würde, wenn mich nicht mein Unglück so abgehärtet hätte, daß ich weiter nicht im Stande bin, mich über eine Niederträchtigkeit zu schämen? Mein Vater hatte ein armes Kind zu sich zur Aufwartung, als Jungen, genommen, und ihn endlich zum Schreiber heran gezogen. Er mochte bey dem Absterben meines Vaters ungefähr dreyßig Jahre alt seyn. Seine Person war sehr unansehnlich, seine Sitten verriethen seine schlechte Abkunft, und die Livrey, die er lange Zeit getragen hatte. Dieser Mensch, welcher wenigstens funfzehn Jahre meines Vaters demüthiger Johann gewesen war, sollte itzt das unerwartete Glück haben, die stolze Tochter seines ehemaligen Herrn zur Frau zu bekommen, damit sie nicht vor Hunger sterben möchte. Glauben Sie nur, mein Herr, daß mich dieser bittre Entschluß viel Selbstverläugnung gekostet hat. Dieser Mensch hatte sich bey dem Leben meines Vaters so wohl vorzusehn gewußt, daß er einige hundert Thaler sammeln, und sich die Gnade eines vornehmen Mannes erwerben können, der ihm, als mein Vater gestorben war, den Geleitseinnehmerdienst in einem kleinen Orte an der Gränze verschafft; einen Dienst, der etwan zweyhundert Thaler eintragen mochte. Ich hörte, daß er noch unverheirathet sey, und ich schrieb nachstehenden Brief an ihn, welcher mich viel Thränen kostete, ehe ich ihn zu Ende brachte. Wie krümmte sich mein Hochmuth!   Mein Herr, »Es ist eine von meinen angenehmsten Beschäfftigungen, wenn ich itzt an diejenige Treue und Ergebenheit zurück denke, welche Sie, mein Herr, gegen meinen seligen Vater funfzehn Jahre lang auf die unverbrüchlichste Art bezeigt. Dieser rechtschaffne Vater, welcher so vorsichtig, als dienstfertig war, hat sich niemals in seiner Wahl betrogen. Der erste Blick, den er auf Sie that, entdeckte ihm alles das Gute, und die lobenswürdigen Eigenschaften, welche den Werth Ihrer Seele ausmachten. Er eilte, Sie aus dem Mangel zu reissen, welcher Sie in dem Hause Ihrer armen Aeltern niederdrückte; er nahm Sie zu sich, und liebte Sie bis an sein Ende, als sein eignes Kind. Da er mich beständig mit Ihrem frommen christlichen Wandel, mit Ihrer Treue, mit Ihrem Fleisse, und mit der Hoffnung unterhielt, die Sie zu Ihrem künftigen Glücke von sich blicken liessen; so würde ich vielleicht vielmal Gelegenheit gehabt haben, über die Liebe meines Vaters gegen Sie eifersüchtig zu werden, wenn ichs nicht für einen Theil meiner Schuldigkeit angesehen hätte, Ihren Verdiensten Recht wiederfahren zu lassen. Der unvermuthete Tod meines Vaters hinderte ihn, dasjenige zu Stande zu bringen, was er sich zu Ihrem Besten vorgenommen hatte. Alles, was er thun konnte, war dieses, daß er wenig Stunden vor seinem Ende mir sagte, wie nahe ihm dieses gienge, wie sehr er Sie liebte, und wie aufrichtig er wünschte, daß ich mich entschliessen möchte, Ihnen, mein Herr, diejenige Freundschaft zu erzeigen, die er Ihnen für Ihre redliche Dienste schuldig zu seyn glaubte. Er sagte dieses, und noch viel mehr, als er starb. Der redliche Vater! Seit diesem betrübten Absterben sind mir seine letzten Worte niemals aus den Gedanken gekommen, ob ich schon keine Gelegenheit gehabt habe, Ihnen, mein Herr, etwas davon zu eröffnen. Die glückliche Verändrung Ihrer Umstände sehe ich als eine Wirkung des letzten Segens meines Vaters, und als eine Belohnung Ihrer Verdienste an, die Ihnen den Weg zu demjenigen weitern Glücke bahnt, dessen Sie so würdig sind. Ich bezeuge Ihnen meine aufrichtige Freude darüber, welche Ihnen vielleicht nicht ganz gleichgültig seyn kann, da Sie, wie ich hoffe, noch itzt nicht aufgehört haben, ein Freund von meines Vaters Hause zu seyn, und da ich bereit bin, dem Wunsche meines sterbenden Vaters, und, wenn ich so sagen darf, seinem letzten Willen aufs sorgfältigste nachzuleben, und es Ihnen zu überlassen, wie genau diejenige Freundschaft unter uns seyn soll, welche mir mein Vater noch auf dem Todbette so nachdrücklich empfohlen hat. Ich glaube, diejenige Achtung und Gefälligkeit verstanden zu haben, welche Sie mir, mein Herr, in meines Vaters Hause die letztern Jahre über bey verschiednen Gelegenheiten gezeigt. Ich lebte damals unter der Gewalt eines Vaters, und es stund bey mir nicht, Ihnen zu eröffnen, wie geneigt ich sey, diese Achtung zu vergelten. Sie selbst, mein Herr, waren nach der Art aller tugendhaften Gemüther in diesemFalle zu blöde, und glaubten, obwohl ganz ohne Ursache, meinen Vater zu beleidigen, der Sie als sein Kind liebte, und damals schon Ihr Vater war. Sein Tod hat auf beyden Seiten den Zwang aufgehoben. Sie haben keine Ursachen mehr, blöde zu seyn, und ich stehe unter keiner Gewalt mehr, welche mich abhalten könnte, Ihnen zu sagen, wie hoch ich Sie schätze. Es wird auf Ihrem Ausspruche beruhen, wie weit ich in meiner Hochachtung gegen Sie gehen darf. Ich wenigstens wünsche mir nichts mehr, als die beständige Freundschaft eines Mannes, welcher wegen seiner Tugend und Verdienste der einzige ist, der einzige unter allen, den ich lieben kann, und dessen Gegenliebe mir dennoch unschätzbar seyn würde, wenn mich auch der Befehl meines Vaters nicht verbände, Sie darum zu ersuchen. Ich werde aus Ihrer baldigen Antwort sehn, ob ich in meinem Zutrauen auf Ihre redliche Freundschaft zu voreilig, und meinem seligen Vater gar zu gehorsam gewesen bin. Ich habe die Ehre mit aller Hochachtung zu seyn, Mein Herr, – – – am 6 August, 1747. Ihre Dienerinn, F.           Das war also meines Vaters Johann, der dickköpfige dumme Junge, wie ich ihn sonst beständig nennte, der war es, den ich itzt unter der Versichrung meiner Hochachtung bitten, und bey der Asche meines Vaters beschwören mußte, er möchte doch das Werk der Barmherzigkeit und der christlichen Liebe an mir armen verlassenen Wayse ausüben, und mich, so bald als möglich, zu seiner gehorsamst ergebensten Frau machen, und eine Hand annehmen, von der er in vorigen Jahren so viel Nasenstüber und Ohrfeigen bekommen hatte. So elend meine Umstände waren, so viel Stolz hatte ich doch noch übrig zu glauben, daß mein angebeteter Johann dumm genug seyn würde, mit beyden Händen zuzugreifen, und das Glück, so ich ihm an den Hals warf, fest zu halten. Aber wie ändert sich doch alles mit der Zeit: Der dumme Johann war klüger, als ich wünschte. Lesen Sie seinen Brief, und urtheilen Sie von meiner Beschämung. Hier ist er von Wort zu Wort:   Mademoiselle, »Es hätte mir keine Erinnerung empfindlicher seyn können, als diejenige ist, auf welche Sie mich in Ihrem Briefe zurück führen. Der Tod Ihres seligen Hrn. Vaters, eines Mannes, den ich noch im Grabe als meinen Gönner und Versorger verehre, dieser Tod hat mich so viele Thränen gekostet, und meine Wehmuth wird verdoppelt, da Sie, Mademoiselle, mir sein Wohlwollen gegen mich auf eine so lebhafte Art abschildern. Wie elend würde ich itzt seyn, wenn er mich nicht aus dem Staube gerissen, mir so viele Jahre meinen Unterhalt gegeben, und mich zu demjenigen Amte geschickt gemacht hätte, das ich itzt verwalte! Ich wäre der undankbarste, und nichtswürdigste Mensch von der Welt, wenn ich diese Wohlthat jemals vergessen wollte. Meine Hochachtung gegen Sie, die bis in den Tod dauern wird, ist das einzige, was ich als eine Art einer geringen Wiedervergeltung anbieten kann. Meine Armuth, und mein geringer Stand hindern mich, mehr zu thun. Die Freundschaft, deren Sie mich versichern, ist das wichtigste auf der Welt, das ich mir wünschen kann. Hätte ich mir wohl jemals einbilden können, daß Ihr seliger Herr Vater so viel unverdiente Liebe gegen mich hegen würde, daß er noch auf dem Todbette Ihrer Freundschaft mich empfehlen sollte? Und Sie, Mademoiselle, sind so geneigt, mich dieser Freundschaft zu würdigen? eine Ehre, deren ich mich am wenigsten versehen hätte. Sie haben, so lange ich in Ihres Herrn Vaters Hause gewesen bin, mir nicht die geringste Gelegenheit gegeben, auf einen so stolzen Gedanken zu fallen, und ich bin immer ganz trostlos gewesen, wenn ich aus Ihrem Bezeigen gegen mich zu sehn glaubte, daß Sie mich des Wohlwollens, das Ihr Herr Vater gegen mich äusserte, ganz für unwürdig hielten. Ich glaubte in diesen letzten zwey Jahren nach seinem Tode von Ihnen ganz vergessen zu seyn. Wie edel und großmüthig ist Ihr Herz, welches so viel Antheil an meinem kleinen Glücke nimmt, und mir erst itzt den letzten Willen des seligen Herrn Vaters auf eine so verbindliche Art eröffnet! »Sie bieten mir Ihre Freundschaft an. Ich würde deren unwürdig seyn, wenn ich solche für etwas anders, als eine Versichrung ihres schätzbaren Wohlwollens annehmen wollte. Ich habe Sie jederzeit als die Tochter meines Gönners verehrt, und es würde mir leid seyn, wenn Ihr Vorwurf gegründet wäre, und ich die letztern Jahre über wirklich Gelegenheit gegeben hätte, Ihnen meine Hochachtung verdächtig zu machen. Gönnen Sie mir, Mademoiselle, ferner Ihren Schutz und Wohlwollen. Es wird dieses der größte Ruhm für mich seyn, da Sie bey Ihren Jahren, und bey Ihrem reifen Verstande, die Welt so wohl haben kennen lernen. Ich wage es, noch eine kleine Bitte zu thun. Es findet sich eine Gelegenheit, mich mit der Tochter eines benachbarten Verwalters zu verbinden. Es ist dieses tugendhafte Mädchen das einzige unter allen, das ich lieben kann. Ich bin aber ihren Aeltern und in der hiesigen Gegend so unbekannt, daß sie noch angestanden haben, einen fremden Menschen glücklich zu machen. Ich habe mir die Freyheit genommen, mich auf Ihr Zeugniß, Mademoiselle, zu berufen. Der Vater wird auf künftige Messe Gelegenheit suchen, Ihnen aufzuwarten. Sagen Sie ihm, daß Sie mich Ihres Wohlwollens würdig halten. Das ist der größte Lobspruch für mich, und mehr brauche ich nicht, glücklich zu werden. Wie leicht muß es Ihnen ankommen, mein Glück zu befestigen, da Sie selbst so edel denken, und so geneigt sind, dem Befehle eines sterbenden Vaters nachzukommen! Ich werde dafür mit aller Demuth und Ehrfurcht, die ich Ihnen und der Asche Ihres Herrn Vaters schuldig bin, unverändert seyn, Mademoiselle, Ihr                 gehorsamster Knecht, —   —   —   —           Wie meinen Sie, mein Herr, war das nicht ein niedlicher Korb? Sollten Sie dieses wohl für die Schreibart eines dummköpfigen Johanns halten? Wäre er nur in seiner Antwort grob und unbedachtsam gewesen, so hätte ich doch zum wenigsten das Vergnügen gehabt, ihn einen Esel zu heissen. Aber was sollte ich itzt thun, da er auf allen vieren gekrochen kam, und mir mit Demuth, Ehrfurcht und Hochachtung sagte, daß ich eine Närrinn wäre? Ich nahm mir vor, meinen Verdruß zu verbergen, und seinem Schwiegervater, wenn er das Zeugniß abholen würde, die größten Lobeserhebungen von ihm vorzusagen. Aber es kam niemand, der mein Gutachten wissen wollte, und ich muß glauben, daß auch dieses nur eine boshafte Erfindung war, mich abzufertigen. Ich unglückliches Mädchen! Was sollte ich nun thun? Meine Freunde wurden immer treuherziger. Je länger ich ihr Brodt aß, je deutlicher sagten sie mir, daß sie wünschten, ich möchte nun bald vor eine andere Thüre gehen. Aber vor welche? Das wußten sie nicht, und ich noch weniger. Ich hatte Gelegenheit gehabt, die Schwester meines ersten Liebhabers, des Herrn Hofraths R – – – kennen zu lernen. Die Bekanntschaft half mir weiter nichts, als daß ich erfuhr, seine zwote Frau wäre ihm vor einem halben Jahre auch wieder gestorben. Es gehörte eine Unverschämtheit dazu, diese Nachricht sich zu Nutze zu machen; aber für ein Frauenzimmer, das demüthig genug gewesen, dem Schreiber ihres Vaters ihr Herz anzubieten, und welches nicht vor Scham gestorben war, daß sie eine abschlägige Antwort von ihm erhalten hatte; für ein solches Frauenzimmer war die Entschliessung nicht zu schwer, einen verschmähten Liebhaber um Gegenliebe anzuflehn. Ich schrieb an den Hofrath:   Mein Herr, »Ihre Frau Schwester, welche mir die Ehre Ihrer Freundschaft gönnt, hätte mir keine betrübtere Nachricht sagen können, als die von dem Tode Ihrer seligen Frau. Es ist nun zu spät, Ihnen mein aufrichtiges Beyleid zu versichern. Es würde eine Grausamkeit von mir seyn, Ihre Betrübniß über einen Verlust zu erneuern, der einem Manne, welcher so edel denkt, und so vernünftig liebt, als Sie, mein Herr, nicht anders, als höchst empfindlich fallen muß. Sie haben völlig den Charakter eines ehrlichen Mannes. Die Welt und ich haben hiervon unzählige Proben; mir aber wird besonders diejenige unvergeßlich seyn, da Sie selbst vor einigen Jahren schriftliche Gelegenheit gegeben haben, mich davon zu überzeugen. Wie glücklich wäre ich, wenn es damals bey mir gestanden hätte, mir solche zu Nutze zu machen! Ich liebe meinen verstorbnen Vater noch itzt im Grabe zu sehr, als daß ich mich überwinden kann, Ihnen die Ursachen zu sagen, die mich daran hinderten. Ich will es eine Uebereilung, eine persönliche Verbitterung, oder sonst eine Härte nennen, die ihn bewog, mich zu zwingen, Ihnen wider die Empfindung meines Herzens zu antworten. Mein Unglück würde doppelt seyn, wenn Sie bisher in den Gedanken gestanden, als wäre ich ohne den strengen Befehl meines Vaters vermögend gewesen, einen so thörichten Entschluß zu fassen. Lassen Sie mir Gerechtigkeit wiederfahren, glauben Sie, daß ich von Ihren Verdiensten, und von meinem Glücke besser geurtheilt habe. Itzt bin ich frey. Ich habe keinen Vater mehr, der mich hindern kann, glücklich zu werden. Zweifeln Sie noch an der Hochachtung, die ich gegen Sie gehabt, an den Thränen, die es mich gekostet, durch den Zwang undankbar zu seyn, an dem Verlangen, Ihre Freundschaft und Achtung zu verdienen; zweifeln Sie noch an einem von diesen allen, so will ich wider die Gesetze meines Geschlechts einen Schritt thun, der Sie überzeugen soll, wie unbillig Sie zweifeln. Ich will Ihnen sagen, daß ich Sie liebe, daß ich Sie itzt noch eben so sehr liebe, als damals; daß ich mir kein Glück mit einer so zärtlichen Unruhe wünsche, als dieses, die Ihrige zu seyn. Redete ich mit einem Manne, der weniger vernünftig und einsehend wäre, als Sie, mein Herr, sind, so würde ich mich schämen, meine Neigung und Liebe so offenherzig zu bekennen, und beyde Ihnen anzubieten. Sie sind zu gerecht, als daß Sie dieses zu meinem Nachtheile auslegen sollten. Gönnen Sie mir die Ehre, mir schriftlich zu sagen, ob meine Hoffnung und mein Zutrauen zu Ihnen ungegründet gewesen ist. Mein Herz sagt mir, daß es nicht seyn werde; und mein Herz hat mich noch niemals betrogen. Ich bin mit aller ersinnlichen Hochachtung, Mein Herr, – – – – am 18 des Heumonats 1748. Ihre Dienerinn. Aber dasmal log mein Herz doch, und noch mehr, als ich gelogen hatte. Der Herr Hofrath war zu meinem Unglücke vernünftig. Ich bekam mit dem nächsten Posttage folgende Antwort:   Mademoiselle, »Sie verbinden mich Ihnen durch das aufrichtige Beyleid über den Tod meiner seligen Frau. Ich habe viel verlohren, und ich glaube, daß ich diesen Verlust niemals wieder ersetzen kann. Es ist sonst mein Fehler gewesen, andern mit Erzählungen von den Vorzügen und Verdiensten meiner verstorbenen Frauen beschwerlich zu fallen; ich habe mich aber seit zwölf Jahren von dieser Schwachheit so sehr erholt, daß ich Ihnen, Mademoiselle, weiter nicht ein Wort davon sagen will. Die Versichrung von Ihrer Freundschaft und Ihrem Wohlwollen würde mir zu einer andern Zeit noch unschätzbarer gewesen seyn, als Sie mir itzt ist, da ich über den Tod meiner rechtschaffnen Frau in meinem Gemüthe noch nicht so ruhig bin, daß ich im Stande wäre, ein Vergnügen ganz zu schmecken. Der Unwille Ihres seligen Herrn Vaters ist mir in der That eine unerwartete Nachricht; er hat diesen, so lange er gelebt, wenigstens sehr sorgfältig zu verbergen gewußt, und ich habe Proben seiner Freundschaft, die mir niemals Gelegenheit gegeben haben, daran zu zweifeln. Dem sey, wie ihm wolle, so thun Sie doch alles, was man von einer vernünftigen und wohlgezogenen Tochter verlangen kann. Bey seinem Leben sind Sie, wider die Empfindungen Ihres Herzens, gehorsam gewesen, und auch nach seinem Tode reden Sie von der unbilligen Härte eines Vaters mit einer Mäßigung, die Ihnen zur Ehre gereichen muß. Ich habe von den Pflichten der Kinder gegen die Aeltern so strenge Begriffe, daß ich glaube, Kinder sind schuldig auch nach deren Tode, ihre Befehle, so wundersam sie auch scheinen mögen, aufs genaueste zu befolgen. Hat Ihr Herr Vater geglaubt, es werde Ihr Glück nicht seyn, wenn Sie die Meinige würden, so muß er, als ein vernünftiger Mann, so wichtige Ursachen gehabt haben, daß ich mich auch itzt nicht entschliessen kann, Sie zu einem Ungehorsame zu verleiten. Die Verheirathung meiner beyden Töchter, die vor zwölf Jahren noch unerzogne Kinder waren, würde mich in den Stand setzen, Ihnen, Mademoiselle, meine Hand anzubieten, ohne den Vorwurf zu besorgen, daß ich es in der Absicht thäte, eine Kinderfrau für sie zu suchen. Ich fühle aber meine Jahre, die mich oft so murrisch machen, daß ich niemanden anmuthen kann, mit mir so viel Gedult zu haben, als meine Kinder gegen mich bezeigen, die bey mir im Hause sind, und mich aufrichtig lieben. Hier erwarte ich meinen Tod gelassen, und was ich noch wünsche, ist dieses daß es Ihnen wohl gehen möge. Ich bin mit besonderer Hochachtung, Mademoiselle, Ihr ergebenster Diener. Sehn Sie, mein Herr, das war also wieder nichts. Ich glaube, der Hofrath mußte meinen unbesonnenen Brief, den ich vor zwölf Jahren an ihn geschrieben, noch aufgehoben haben. Wenigstens hatte er ihn Punkt für Punkt beantwortet, und ich gestehe es, daß ich noch mehr Vorwürfe verdiente. Was half es mir also, daß ich meinen Vater unschuldiger Weise mit ins Spiel mischte? Wieder eine Thorheit mehr! Nunmehr war ich ganz von meinen Freunden verlassen. Sie hatten mich von sich gestossen. Ich kann es wohl so nennen, denn sie waren endlich, da ich gutwillig nicht weichen wollte, hart gegen mich gewesen. Ich zog in ein kleines Städtchen, wo ich von dem Ueberreste meines geringen Vermögens so kümmerlich leben mußte, als man es nur denken kann. Zu meinem Unglücke traf ich den Doctor in diesem Städtchen an, welcher mich ehedem auch geliebt hatte. Er befand sich in so reichlichen Umständen, daß ich wünschte, es möchte ihm wieder einfallen, daß ich ehedem schön ausgesehen hätte. Er flohe meine Gesellschaft auf alle Art; gleichwohl war er, wie ich erfuhr, immer noch so bescheiden, daß er nichts Böses von mir redete. Ich hielt dieses für ein gutes Anzeigen, und bildete mir ein, er glaube vielleicht, ich sey noch eben so wild, als sonst. Hätte er es nur versucht! Er that es nicht. Es war mir auch nicht möglich ihn zu sprechen, denn er vermied alle Gesellschaften, wo er glaubte, daß er mich finden würde. Endlich kam ich auf den Einfall, mich krank zu stellen. Ich ließ ihn unter diesem Vorwande bitten, mich zu besuchen; allein er entschuldigte sich, ich weis nicht mehr, womit, und schickte mir seinen Collegen. Aus Verdruß ward ich nun im Ernste krank; und weil ich ihn gar nicht zu mir bringen konnte, so schrieb ich an ihn:   Mein Herr, »Es ist etwas hartes, daß Sie eine Kranke verlassen, die ihr Vertrauen auf Sie ganz allein gesetzt hat. Wäre ich Ihnen auch ganz unbekannt, so würde Sie doch Ihr Amt verbinden, gefälliger gegen mich zu seyn. Ich habe einmal die Erhaltung meines Vaters Ihrer Geschicklichkeit und Sorgfalt zu danken gehabt. Bin ich Ihnen seitdem so gleichgültig geworden, daß Sie sich die Mühe nicht geben wollen, von mir, wegen meiner eignen Person, eine gleiche Verbindlichkeit zu verdienen? Sie waren in vorigen Zeiten aufmerksam auf mich; und wenn Sie mir nicht zu viel geschmeichelt haben, so hatte ich das Glück, Ihnen zu gefallen. Ich verwahre Ihre schriftliche Versicherung davon noch sehr sorgfältig; und so oft ich sie durchlese, empfinde ich einen gewissen Stolz in mir, welcher sich durch das billige Urtheil der Welt rechtfertiget, die von Ihrem Verstande und Ihrer Einsicht überzeugt ist. Eine Person, die Sie für Ihre Freundinn, und ich für vernünftig hielt, die aber uns beyde betrogen hat, war Ursache, daß ich mich verleiten ließ, Ihr freundschaftliches Suchen zu misbrauchen, und Ihnen eine Antwort zu schreiben, deren ich mich noch mehr schämen würde, wenn ich nicht wüßte, daß sie in den Händen eines vernünftigen Mannes wäre. Ich verlange meinen Fehler nicht zu entschuldigen, den ich sonst der Bosheit unsrer gefährlichen Freundinn ganz zur Last legen könnte. Ich will es gestehn, ich habe mich übereilt, und ich kann es Ihnen gar nicht verdenken, wenn Sie seit der Zeit geglaubt haben, ich sey Ihrer Freundschaft und Liebe unwürdig. Verlangen Sie noch mehr Reue über ein Vergehen, das ich alle Stunden bereue, wenn ich daran gedenke? Kommen Sie zu mir, Sie sollen die Versichrung aus meinem eignen Munde hören. Ich will Ihnen sagen, wie hoch ich Sie halte: ja, wenn es meine Krankheit erlaubt, so will ich Ihnen aufs verbindlichste sagen, daß ich Sie liebe. Ich biete Ihnen meine Hand an, zum Zeichen meiner aufrichtigen Versöhnung. Besuchen Sie mich. Wollen Sie mich nicht als Ihre Freundinn besuchen, so besuchen Sie mich als eine Kranke, der Sie Ihren Zuspruch nicht abschlagen können, ohne doppelt ungerecht zu seyn. Ich erwarte Sie diesen Nachmittag. Ich bin sehr krank. Leben Sie wohl.« Die Hoffnung, meinen zärtlichen und geliebten Arzt zu sprechen, machte, daß ich meine Krankheit weniger fühlte als sonst, und daß ich mit einer verliebten Ungeduld auf die Stunde wartete, in der ich mich mit ihm auszusöhnen hoffte. Wie sehr betrog ich mich! Er kam nicht, und schickte mir an seiner statt diese grobe und beleidigende Antwort:   Hochzuehrende Jungfer Lieutenantinn, »Daß Sie eine Närrinn sind, das habe ich lange gewußt; aber das hätte ich mir niemals träumen lassen, daß Sie auch eine so dreiste und unverschämte Närrinn wären, als ich es nun erfahren muß. Wie können Sie es wagen, mich an Ihre Grobheit zu erinnern, die ich zu vergessen, mir, aus Hochachtung gegen Ihren seligen Herrn Vater, alle Mühe bisher gegeben habe? Damit ja kein Laster übrig bleibe, dessen Sie sich nicht schuldig machen, so erdenken Sie auch eine recht derbe, und ungeschickte Lügen. Wer war denn die gefährliche Freundinn, die Sie und mich betrog? Ihr herzallerliebster Lieutenant war es, Ihres Vaters Johann müßte blind, oder mehr verschwiegen gewesen seyn, wenn ich nicht hätte erfahren sollen, daß Sie den unbescheidnen Brief in seinen Armen an mich geschrieben. Nein, Mademoiselle, was für den Lieutenant zu schlecht ist, das ist auch für mich nicht gut genug. Ihr herrliches Recept wider die Liebe hat seine unvergleichliche Wirkung gethan. Es ist seit der Zeit, als ich es so frisch hinunter geschluckt, mir nicht einen Augenblick eingefallen, Sie hoch zu achten, geschweige zu lieben. Was bin ich doch mit allen meinen Arzeneyen für ein Pfuscher gegen Sie. Ich verwahre Ihren Brief noch sehr sorgfältig, als ein sichres Gegengift wider alle Liebe, dafern mir es ja wider Vermuthen einmal einfallen sollte, mich zu erinnern, daß Sie vor eilf Jahren, eine schrecklich lange Zeit, schön und reizend gewesen sind. Sie können leben oder sterben, wie es Ihnen gefällt. Aber bleiben Sie immer leben. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich Sie niemals sprechen werde. Ich rieche immer noch nach Rhabarbar und Essenzen. Erinnern Sie sich wohl, wie sehr Ihnen sonst davor ekelte? Der Himmel erwecke Ihnen doch bald wieder einen Officier, der sich überwinden kann, den traurigen Rest Ihrer Schönheit zu bewundern. Ein guter dauerhafter Lieutenant wird das beste Recept wider Ihre Krankheit seyn. Kömmt dieser nicht, so rathe ich Ihnen, nehmen Sie den ersten den besten Musketier. Es hilft gewiß, oder ich muß mein Handwerk gar nicht verstehn. Nicht wahr, das ist die beste Kur? Leben Sie wohl, und helfen Sie sich so gut, als Sie können. Alles, was ich thun kann, ist dieses, daß ich sage, ich sey, Mademoiselle, vom Hause, am 8 Januarius 1749. Ihr Diener. Gewiß, mein Herr, das war zu arg! Es stund ihm frey, mich nicht zu lieben; aber dazu hatte er kein Recht, mich auf eine so plumpe Art zu beleidigen, und mir Vorwürfe zu machen, die man der geringsten Weibsperson zu sagen sich schämen muß. Allein, was wollte ich anfangen? Es war noch eine sehr grosse Barmherzigkeit von ihm, daß er meine Schande nicht in der Stadt ausbreitete, sondern mir seine Grobheiten nur ins Ohr sagte. Dieser unerwartete Zufall war mir so schrecklich, daß meine Krankheit anfieng, gefährlich zu werden, und ich war genöthiget, einige Monate das Bette zu hüten. Weil man aber wenig Exempel hat, daß Leute vor Schaam und Liebe gestorben sind, so erhielt ich mich auch, und ward nach und nach wieder gesund. Ich fieng an einsam zu leben, ich vermied alle Gesellschaft, und es ward mir leichte, dieses zu thun, weil Niemand kam, der mir solches auszureden Lust hatte. Mitten in dieser Klosterzucht, da mich mein Unglück zwang, der Welt und der Liebe großmüthig zu entsagen, versicherte man mich, daß der Professor in Halle, der bey meinem Vater um mich geworben hatte, noch unverheirathet sey. Es geht den alten Spröden, wie den Goldmachern. Je länger sie betrogen werden, je grösser wird ihre Hoffnung, daß sie doch endlich zu ihrem Zweck gelangen werden. Ich stellte mir es als etwas sehr mögliches vor, daß der Professor aus Verzweiflung, mich nicht bekommen zu haben, gar nicht geheirathet hätte, daß er vielleicht noch itzt über meine Härte untröstbar sey, und daß er gewiß vor Freuden taumeln werde, wenn er erfahren sollte, daß ich mich mitleidig entschlossen hätte, ihn aus seinem traurigen Junggesellenstande zu reissen. Aber was sollte ich meiner ehemaligen Thorheit für einen Anstrich geben, um mir einen Theil der Schaam zu ersparen, die von meinem itzigen Unternehmen auf mich zurück fallen mußte? Die Erfindung war nicht mehr neu, die Härte meines Vaters ins Spiel zu mischen. Ich hatte gefunden, daß es gefährlich sey, die Schuld auf eine boshafte Freundinn zu schieben. Ich entschloß mich zu einem Mittel, welches gewiß noch unverschämter, als die ersten beyden Einfälle, war. Lesen Sie nur diesen Brief.   Mein Herr, »Haben Sie etwan Ursachen gehabt, auf meinen Vater unwillig zu seyn, so lassen Sie diesen Unwillen wenigstens mich nicht empfinden. Er ist vor einiger Zeit gestorben, und er starb beynahe untröstbar, da er kein Mittel hatte, Ihnen einen Irrthum zu benehmen, der seiner Freundschaft so empfindlich war. Ich will mir Mühe geben, diesen rechtschaffnen Vater wenigstens im Grabe noch bey Ihnen zu rechtfertigen. Es wird Ihnen nahe gehen, wenn Sie erfahren, wie unrecht Sie gethan haben, einen Mann zu hassen, der Sie als seinen vertrautesten Freund liebte. »Erinnern Sie sich wohl, mein Herr, eines Briefes, da Sie mir die Ehre anthaten, bey meinem Vater um mich anzusuchen? So sauer meinem Vater der Entschluß ward, mich von sich zu lassen, so wenig war er doch Willens mich an einem Glücke zu hindern, das er für das größte hielt, welches ich mir in dieser Art wünschen könnte. Er stellte mir Ihr Ansuchen vor. Er gab mir zu erkennen, wie vortheilhaft es für mich sey, von einem so frommen, christlichen, und rechtschaffnen Manne, von seinem Freunde, geliebt zu werden. Er las mir mit Thränen die Stellen aus Ihrem Briefe vor, wo Sie seiner seligen Frau auf eine so edle Art gedenken. Er bat mich, Ihnen meine Hand zu geben. Er befahl mir es endlich ernsthaft, und mit ziemlicher Heftigkeit, da ich wegen meiner natürlichen Blödigkeit, und wegen der Unentschlüßigkeit, die uns Mädchen eigen ist, ihm so geschwind nicht antworten wollte, als er es verlangte. Endlich sagte ich ihm, daß ich nun keinen Zweifel mehr fände, welcher mich hinderte, Sie, mein Herr, meiner Hochachtung und Gegenliebe zu versichern. Er umarmte mich thränend, der redliche Vater. Ich mußte mich so fort zu ihm setzen, und Ihnen, mein Herr, diese Versichrung schriftlich thun. Ich that sie, und ich muß Sie, mein Herr, noch itzt um Verzeihung bitten, wenn diese Erklärung nicht in der feinen und geputzten Art abgefaßt war, die mir, als einem stillen, und in der Welt ganz unbekannten Mädchen, allerdings fremde seyn mußte. Ich ließ mein Herz reden. Mein Herz empfand Hochachtung und Liebe gegen Sie. Ich sagte dieses in meinem Briefe. Vielleicht sagte ich es gar zu treuherzig und deutlich. Vielleicht habe ich mir dadurch Ihre Verachtung zugezogen. Ich bin unglücklich, wenn dieses ist; aber nur mein redliches, mein offnes Herz machte mich unglücklich. Mein Vater schloß diesen Brief in den seinigen ein. Ich erinnere mich dessen noch wohl. Er war voll von Versichrungen der Freundschaft. Er schwur Ihnen eine ewige Zärtlichkeit. Wie sorgsam und liebreich empfahl er mich Ihrem Wohlwollen! So freundschaftliche, so liebreiche Briefe, mein Herr, hatten ja wohl eine Antwort verdient. Und doch erhielten wir keine, obschon mein Vater noch einmal darum bat, der es öfter nicht thun konnte, weil er fühlte, daß er beschämt war, und ein grosser Theil des Schimpfs auf mich fallen mußte. Wie konnten Sie, mein Herr, einen so redlichen Freund sterben lassen, ohne ihm zu sagen, womit er Sie beleidiget hatte? Er starb endlich, und hatte das Glück nicht, als Ihr Freund zu sterben. Wie unruhig hat ihn dieses noch in seinen letzten Tagen gemacht! »Ich kann mich unmöglich überwinden, länger zu schweigen. Gewiß, mein Herr, ich wäre eines so rechtschaffnen Vaters ganz unwürdig, wenn ich mir nicht Mühe geben wollte, ihn noch im Sarge bey einem Freunde zu rechtfertigen, den er für seinen besten, für seinen einzigen Freund hielt. Nur dieses bitte ich von Ihnen, mein Herr, sagen Sie mir, sagen Sie mir es aufrichtig, womit hat Sie mein Vater beleidiget? Was waren die Ursachen einer so unerwarteten Kaltsinnigkeit? Womit verdiente ich eine solche Verachtung, die mich vor den Augen der ganzen Stadt lächerlich machte? Ich will meinen Vater nicht entschuldigen, wenn er nicht zu entschuldigen ist; aber vielleicht war es nur ein Misverständniß. Vielleicht war es ein Streich von misgünstigen Freunden, die Ihre Leichtgläubigkeit misbrauchten. Vielleicht haben Sie Unrecht, mein Herr! Treiben Sie Ihre Empfindlichkeit und Rache nicht zu weit. Würdigen Sie mich einer Antwort. Ich habe noch eben die Hochachtung gegen Sie, wie vormals, und, darf ich es wohl sagen, noch eben die Liebe, welche Sie so schlecht belohnten. Ja, mein Herr, Ihnen zu zeigen, wie rechtschaffen Sie mein Vater geliebt, wie hoch ich Ihre Freundschaft schätze, wie unschuldig meine Zärtlichkeit von Ihnen beleidiget worden; Ihnen dieses alles zu zeigen, biete ich Ihnen itzt von neuem selbst die Hand an, die Sie durch meinen Vater verlangten. Wollen Sie mich noch einmal beschämen? Die Freundschaft meines Vaters, meine eigne Liebe zu Ihnen, beyde verdienen eine Antwort. Ich erwarte sie mit der ersten Post, und bin, Mein Herr, – – – am 10. des Christmonats, 1749. Ihre Dienerinn. Wie gefalle ich Ihnen, mein Herr? Steigt nicht meine Unverschämtheit mit jedem Briefe. Nun nahm ich mir vor, den Brief gar zu läugnen, den ich ehedem, wider meines Vaters Wissen, an den Professor geschrieben hatte. Er war fromm, und fast ein wenig gar zu fromm. Dieser Schwäche wollte ich mich bedienen. Konnte es nicht möglich seyn, daß mein Brief untergeschoben, und meine Hand von bösen Leuten nachgemalet war? Ich wollte den Professor zweifelhaft machen. Hätte ich ihn einmal so weit gehabt, daß er angefangen zu glauben, es habe sich die Bosheit neidischer Leute mit ins Spiel gemischt; so hoffte ich gewonnen zu haben, und ihn so weit zu bringen, daß er an mich schreiben, oder gar zu mir kommen sollte. Alsdann hätte es mich ein paar kleine Thränen gekostet, die zu ihrer Zeit beredter sind, als alle goldne Sprüche der griechischen und römischen Weisen. Das war mein Plan. Im Geiste war ich schon Frau Professorinn. Ich ward es nicht. Mit dem nächsten Posttage kam ein Brief; aber was für einer? Lesen Sie einmal. Wie widrig ist mein Schicksal.   Mademoiselle, »Mein Mann, welcher unbaß ist, hat mir aufgetragen, Ihnen den richtigen Empfang Ihres Briefs vom zehnten dieses zu melden. Er läßt Ihnen durch mich aufs heiligste zuschwören, daß er noch itzt niemals ohne die größte Hochachtung an Ihren seligen Herrn Vater gedenken könne. Aber das ist ihm alles unbegreiflich, was Sie von einem Misverständnisse, von verlohren gegangnen Briefen, von der Unruhe des Herrn Vaters auf seinem Todbette, und ich weiß nicht, von was für gefährlichen Cabalen mehr schreiben. Er hat das Vergnügen gehabt, Ihren Herrn Vater noch ein Jahr vor seinem Ende auf der Messe zu sprechen, und ihn in seiner Freundschaft unverändert zu finden. Dieser Umstand muß Ihnen, Mademoiselle, vermuthlich bey der Anlage Ihres Briefs unbekannt gewesen seyn. Mein Mann verlangt nicht, dieses weiter zu untersuchen, und er hat mir befohlen, davon abzubrechen, weil er glaubt, eine nähere Entdeckung werde Ihnen eben nicht vortheilhaft seyn. So viel läßt er Sie versichern, daß er noch immer bereit sey, Ihnen nach Ihrem Tode die Abdankung zu halten. Ich weis nicht, was er damit meinen muß! aber vielleicht ist es Ihnen verständlich. Er vermuthet, daß es nicht nöthig sey, Ihnen den Schluß Ihres Briefs zu beantworten, da ich, als seine Frau, noch so gesund und munter bin, daß ich die Ehre habe, in seinem Namen an Sie zu schreiben. Mir, für meine Person, ist es ungemein vortheilhaft, daß ich einen Mann habe, der von so einem artigen und erfahrnen Frauenzimmer aufgesucht wird. Ich liebe ihn nun doppelt, ob ich gleich eifersüchtig genug bin, um zu wünschen, daß dergleichen verliebte Anfälle nicht zu oft auf ihn gethan werden mögen. Ich möchte ihn verlieren, oder doch nicht allemal die Erlaubniß von ihm bekommen, auf die Liebesbriefe zu antworten, die so herzbrechend sind, wie der Ihrige. Für diesesmal bin ich mit aller Hochachtung, Mademoiselle, Ihre Dienerinn. »N. S. Mein Mann bittet sich ein paar Zeilen über den richtigen Empfang dieses Briefs aus, weil er in grossen Sorgen steht, die Post möchte noch eben so unrichtig gehn, wie im Brachmonate des tausend siebenhundert und vierzigsten Jahres.« Also war der Professor verheirathet! Konnte er mich wohl tiefer demüthigen, als daß er mir durch seine Frau antworten ließ? Keine Vorwürfe sind uns Frauenzimmern bittrer, als die uns von Frauenzimmern gemacht werden. Ich empfand diese Wahrheit itzt doppelt, und doch mußte ich alles verschmerzen, so sehr ich auch in der vorigen Hoffnung betrogen, und von neuem beschämt war. Alle diese unglücklichen Versuche schreckten mich doch nicht ab, mein Glück mit gewaffneter Faust zu verfolgen. Was ich von meinem Vater geerbt hatte, das bestund in einigen kostbaren Processen, und einer ziemlichen Summe aussenstehender Sporteln, die ich mit der größten Strenge einzutreiben suchte, um zu zeigen, daß ich meines Vaters Tochter sey. Es konnte dieses ohne Widerspruch nicht geschehen, und fast in allen Sachen diente der Advocat wider mich, der mich seiner Liebe ehedem in dem zärtlichsten Canzleystil so eilfertig versichert hatte. Gemeiniglich ist es bey andern Advocaten der Eigennutz, welcher sie erhitzt, für die Sache zu kämpfen, zu welcher sie gedungen sind; bey diesem aber kam noch ein Bewegungsgrund dazu, die Rache. Er verfuhr unbarmherzig mit mir. Ich sann auf ein Mittel, ihn zahm zu machen, und damit er recht zahm werden sollte; so setzte ich mir vor, seine Frau zu werden. Ich fiel ihn mit den Waffen des Eigennutzes und der Liebe an, und hielt meinen Sieg für gewiß. Ich schrieb ihm:   Mein Herr, »Ich übersende Ihnen mit diesem Boten die Unkosten, deren Bezahlung mir in dem letzten Urthel zuerkannt worden ist. Sie können glauben, mein Herr, daß der Verlust einer so ansehnlichen Rechtssache mir nicht so empfindlich ist, als der Eifer, mit welchem Sie Klägern wider mich gedient haben. So gewiß ich auch von der Billigkeit meiner Sache überzeugt war, so wenig konnte ich mir doch vom Anfange an ein gutes Ende versprechen, da ich in Ihnen einen Mann wider mich hatte, dessen Geschicklichkeit, Erfahrenheit in Rechten, und unermüdete Begierde, seinen Clienten redlich zu dienen, mir und aller Welt bekannt war. Ich habe Sie um deswillen jederzeit hochgeschätzt; und diese Hochachtung hat sich auch itzt vermehrt, ungeachtet ich mit meinem Schaden erfahren habe, wie glücklich derjenige ist, dessen Sache Sie vertheidigen. Wäre ich mehr eigennützig, als billig, so würde ich Ihnen einen Eifer nicht vergeben können, den Sie wider mich, eine bekannte und aufrichtige Freundinn von Ihnen, wider mich, die Tochter eines Mannes, der auch Ihr alter und rechtschaffner Freund war, so hitzig äussern. Erinnern Sie sich derjenigen Zeit gar nicht mehr, da ich das Glück hatte, von Ihnen geliebt zu werden? Ein Glück, das mir schon damals unendlich kostbar war, so wenig es auch Ihre Umstände litten, sich mit mir auf diejenige Art zu verbinden, welche unsre Freundschaft hätte dauerhaft machen und Ihre Liebe belohnen können! Mir wenigstens sind diese vergnügten Zeiten noch immer unvergessen, und ob Sie mir schon die Gelegenheit benommen haben, Sie auf eine genauere, und vertraute Art zu lieben, so ist doch meine Hochachtung gegen Sie noch immer so stark, daß ich glaube, auch unter Ihrem Amtseifer gegen mich den Freund noch zu erkennen, dessen Wohlwollen mir so schätzbar gewesen ist. Ich nehme um deswillen meine Zuflucht zu Ihnen; Sie können mir eine Hülfe nicht abschlagen, zu der Sie Ihr Amt verbindet. Sie werden aus den Beylagen diejenigen gegründeten und ansehnlichen Ansprüche sehn; welche ich in der Verlassenschaft meines Vaters bekommen habe. Erzeigen Sie mir die Gefälligkeit, und führen Sie meine Sache aus. Die Caution von drey tausend fünf hundert Thalern, die mein Vater stellen müssen, ist mir noch nicht zurück gezahlt. Es hat mir nur an einem so erfahrnen und geschickten Manne gefehlt, als Sie sind, so würde ich sie schon längst wieder bekommen haben. Geben Sie sich die Mühe, mehrere Umstände bey mir mündlich zu erfahren, so werden Sie sehn, wie leicht es Ihnen sey, mir Recht zu verschaffen. Ich trage alle Kosten willig, und werde Ihnen funfzig Thaler zu Bestreitung des baaren Verlags zustellen, so bald ich die Ehre habe, Sie bey mir zu sehn. Durch Ihre Bemühung hoffe ich, ein Vermögen zu bekommen, welches gar ansehnlich ist. Ich werde dieses Glück Ihnen allein zu danken haben, und ich glaube verbunden zu seyn, es mit Ihnen zu theilen, wenn Sie sich entschliessen könnten mich zu versichern, daß Ihre Liebe und Freundschaft gegen mich unverändert sey. Ein Mann, dem ich mein ganzes Glück in seine Hände übergebe, hat ein billiges Recht, auch auf mein Herz Anspruch zu machen. Ich erwarte Ihre Antwort, und bin mit aller Hochachtung, Mein Herr, – – am 13ten May, 1750. Ihre Dienerinn. F – –           Diese erwartete Antwort kam sehr geschwind. Sie lautete also: Mademoiselle, »Wegen der übersendeten Unkosten folgt inliegende Quittung. Ihr Communicatum sende angeschlossen zurück. Ich habe nicht Willens, mich mit Ihren Sachen zu vermengen. Ich mag Ihr Geld nicht, und noch weniger Ihr Herz. Besinnen Sie sich noch auf den Concurs? Leben Sie wohl. Ich muß ins Amt. Es ist beynahe zwölf Uhr. Ich bin Ihr Diener. K.   L.   M.         »N. S. Verschonen Sie mich mit Ihren Briefen, oder schreiben Sie nicht so weitläuftig. Die Zeit ist edel; ich habe mehr zu thun. Sie werden dem Boten lohnen. A Dieu. Nun war von meinen alten Liebhabern niemand mehr übrig, als der ehrendienstwillige Würzkrämer in R – –. Sollte ich noch einen Angriff wagen, da ich so oft schimpflicher Weise abgewiesen war? Aber war ich nicht schon bey aller Schande abgehärtet? Was konnte ich weiter verlieren, wenn ich mich auch von meiner Höhe bis in den Kramladen eines ehemaligen Freyers herabließ? So weit hatte ich mich schon gefaßt, daß ich den Reifenrock vor der Thüre ausziehen wollte, damit ich Platz darinnen hätte. Was für Ueberwindung kostet es einem Frauenzimmer, ehe sie sich, dieses zu thun, entschließt! Aber, wie sollte ich es anfangen? Sollte ich von meines Liebhabers Verstande, von seinen großen Verdiensten, von meiner Liebe zu ihm, sollte ich von Pflicht und Gewissen reden? Was meinen Sie, mein Herr? Das sind wohl ordentlicher Weise die Sachen nicht, die einen Kaufmann weichherzig machen. Vom Gelde konnte ich nicht viel sagen; das wäre sonst wohl der bündigste Schluß gewesen. Ich wagte eine ganz neue Art zärtlich zu seyn. Ich setzte ihm den Degen an die Brust, und bat ihn demüthig um sein Herz. Hier haben Sie meinen Fehdebrief.   Mein Herr, »Gewiß, Sie misbrauchen meine Geduld. Da ich mir seit fünf Jahren Mühe gegeben, Sie zu Ihrer Schuldigkeit zurück zu bringen, da alle diese Mühe, alle meine freundschaftlichen Briefe vergebens gewesen; so sehe ich mich genöthiget, ein Wort im Ernste mit Ihnen zu reden. Erinnern Sie sich wohl Ihres Briefes vom 7 May 1745, in welchem Sie mich baten, ich möchte mich entschliessen, die Ihrige zu werden? So schwer es meinem Vater, und meinen Freunden ankam, ihre Einwilligung zu geben, so geneigt war doch ich dazu. Ich meldete Ihnen die Zweifel meiner Verwandten, zugleich gab ich Ihnen deutlich genug zu verstehen, wie angenehm mir ein Antrag sey, der von einem Manne herkam, an dessen Redlichkeit und billigen Absichten zu zweifeln, ich nicht Ursache hatte. Ich überwand endlich die Zweifel meines Vaters und meiner übrigen Freunde. Sie gaben ihre Einwilligung dazu, die ich Ihnen ohne Verzug meldete, und Ihr Anerbieten aufs feyerlichste annahm. Hätten Sie diejenigen Pflichten, die ein ehrlicher Mann für unverbrüchlich hält, nicht genöthiget, mir zu antworten, so hätten es wenigstens die Pflichten des Wohlstandes thun sollen. Beyde waren bey Ihnen nicht stark genug, eine Antwort zu erpressen. Ich schrieb in einigen Wochen darauf noch einmal an Sie. Ich wiederholte dieses zum drittenmal, da sich eine Gelegenheit für mich fand, die ich, so vortheilhaft sie auch war, doch ausschlug, um Ihren Wunsch zu erfüllen, und mich mit Ihnen zu verbinden. Noch erhielt ich keine Zeile Antwort. Ich überwand mich noch einmal, den letzten Entschluß von Ihnen zu erfahren, aber auch dasmal umsonst. Ich kann Ihnen durch eine Bescheinigung aus dem Postamte beweisen, daß alle diese Briefe richtig abgegangen sind. Wie bin ich im Stande, Ihnen das Misvergnügen deutlich genug zu beschreiben, das ich empfand, da ich erfahren mußte, daß Sie der billige und aufrichtige Mann nicht wären, für den ich Sie gehalten hatte! Ich wagte noch den letzten Versuch, und schickte am verwichnen Markte eine Freundinn an Sie, welche mündlich dasjenige wiederholen sollte, was ich Ihnen so oft schriftlich, und vergebens, versichert hatte. Aber auch diese Freundinn liessen Sie nicht vor sich, und Sie kam unverrichteter Sache zurück. Wahrhaftig, mein Herr, das hieß eine Geduld aufs höchste treiben. Ich verlange von Ihnen eine anständige Genugthuung. Melden Sie mir, wessen ich mich zu Ihnen zu versehn habe. Ist Ihr gegebnes Wort, meine Freundschaft, meine Liebe zu Ihnen, ist Ehre und Gewissen nicht vermögend, Ihnen Ihre Pflicht und Schuldigkeit begreiflich zu machen; so muß es der Richter thun. Es geschieht sehr ungern, mein Herr, daß ich diesen Entschluß fasse; aber meine Ehre verlangt ihn. Ich habe Ihre Verbindung in meinen Händen. Die weltliche Obrigkeit soll mir Recht schaffen, da Ihr Herz zu meineidig ist, es zu thun. Verlangen Sie eine Frau, die Sie redlich, die Sie zärtlich liebt, die bloß durch Ihre aufrichtige Gegenliebe glücklich zu werden verlangt, die ihr ganzes Wohl von Ihren Händen erwartet, die Geld und Vermögen genug hat, Ihre Aufmerksamkeit zu verdienen, verlangen Sie dieselbe; so sollen Sie wissen, daß ich eine Freundinn bin, die alle Beleidigungen vergißt, die auf den ersten Wink Ihnen folgen und Sie ewig lieben will. Sind Sie noch hart, und empfindlich, so sollen Sie erfahren, daß ich mein Recht suchen werde. Ich habe es schon einem Advocaten aufgetragen, welcher durch den weltlichen Arm Sie zwingen soll, redlich zu seyn. Er soll nicht ruhen, bis er Sie billig, oder ganz unglücklich gemacht hat. Wollen Sie nicht mit mir glücklich seyn, so sollen Sie es auch nicht ohne mich bleiben. Meine Rache soll keine Gränzen haben. Die ganze Welt soll erfahren, wie strafbar es sey, ein Mädchen zu betrügen, dessen Stand, dessen Erziehung, dessen redliches Herz mehr Achtung verdient, als Sie, Undankbarer, gegen mich bezeigt haben. Ich lasse Ihnen die Wahl, mein Herr, wollen Sie mit mir glücklich leben, oder wollen Sie ohne mich an den Bettelstab gebracht seyn? Bis an den Bettelstab! Eher ruhe ich nicht. Wie vergnügt wäre ich, wenn es mir erlaubt wäre, einen Mann zu lieben, welcher die Kunst verstanden hat, mein Herz zu gewinnen, meine ganze Hochachtung zu erlangen; einen Mann, den zu lieben, ich mein Glück, und meine Hoffnung aufgeopfert habe. Fürchten Sie sich vor der Verzweiflung eines beleidigten Frauenzimmers. Noch itzt redet meine Liebe für Sie; bald aber wird sie müde seyn, es zu thun. Wenn ich betrogen werden soll, so ruhe ich nicht, bis Sie ganz unglücklich sind. Hier haben Sie Liebe und Rache. Wählen Sie sich! Ich gebe Ihnen vier Wochen Zeit, länger nicht. Bedenken Sie Ihr eignes Wohl. Ich bin, Mein Herr, – – – – am 27. des Christmonats 1750. Ihre Dienerinn, F – – –           Hätte ich wohl vor fünf Jahren glauben können, daß ich in so traurige Umstände kommen würde, einen Mann mir mit Feuer und Schwerdt zu ertrotzen, und die Obrigkeit um Hülfe anzuflehn, daß sie einen Würzkrämer in R – – zwingen möchte, mich zur Frau zu nehmen? Es war mein Ernst zwar nicht, die Sache so weit zu treiben, und ich würde vielleicht wenig ausgerichtet haben; aber es war schon schlimm genug, daß ich mich so grimmig anstellen mußte, einen Mann zu schrecken, den ich sonst so verächtlich von mir gewiesen hatte. Ich hoffte, er würde aus Furcht vor einem Processe mit Sack und Pack angezogen kommen, mich zu erlösen. Allein er kam nicht, und ich erhielt an seiner Stelle folgenden demüthigen Brief: »Was? ich sollte wider meinen Willen eine Frau nehmen? Schwärmt Sie, Mamsell, oder hat Sie den Teufel im Leibe? Manntoll muß Sie zum wenigsten seyn, sonst hätte Sie einen so rasenden Brief nicht geschrieben. Das will ich doch sehn, wer mich zwingen soll, ein Mensch zu heirathen, das mich vor fünf Jahren auf eine so spröde Art von sich gewiesen hat? Ich weis den Henker von Ihren Briefen, und von Ihrer Freundinn, die Sie an mich geschickt hat. Das sind alles Lügen, kurz, derbe Lügen, versteht Sie mich? Mit Ihrem Advocaten! darüber lache ich. Wir haben in unserm Städtchen auch Advocaten, so schlimm als der Ihrige kaum seyn kann. Sie mag nur kommen, wenn Sie Lust hat. Ihn will ich zur Treppe hinunter schmeissen, und Sie durchs Fenster, wenn Sie mitkömmt; versteht Sie mich? Die Obrigkeit muß mir Recht schaffen, so gut wie Ihr. Mit dem weltlichen Arme kömmt Sie mir gleich recht. Verklage Sie mich. Gut! wir wollen sehn, wer das meiste Geld daran zu setzen hat, ich oder Sie? So einen verlaufnen Nickel will ich wohl noch aushalten. Ich denke, Sie soll das Geld zu Brodte brauchen, daß der Advocat nicht viel davon schmecken wird. Und wenn Sie mich bis untern Galgen brächte, so mag ich Sie nicht. Ich würde mich doch selbst hängen müssen, wenn ich Sie als Frau am Halse hätte. Das wäre doch was schreckliches, wenn ein ehrlicher Mann in seinem eignen Hause vor einer Frau nicht sicher seyn könnte, und das erste das beste Mensch heirathen müßte, das sich in Kopf setzte, mit Ehren unter die Haube zu kommen! Ins Spinnhaus gehört so eine Drolle, wie Sie ist. Geh Sie zum Teufel, und lasse Sie ehrliche Leute ungeschoren! Ich denke, Sie soll mich verstehn. Lebe Sie wohl, wenn Sie kann. Ich bin Ihr Narr nicht. N. am 5. Januarius 1751. —   —   —   —   Haben Sie wohl in Ihrem Leben gehört, daß ein Liebesbrief mit einem so groben Proteste zurück geschickt worden ist? Ich sah nun wohl, mit wem ich mir hatte zu schaffen gemacht, und daß dieser der Mann nicht wäre, welcher sich durch Advocaten und Richter schrecken lassen, oder durch Drohungen betäuben ließ, zärtlich zu werden. Die Lust vergieng mir, mein gutes Geld aufs Spiel zu setzen, und mich einem Manne aufzudringen, der Herz genug zu haben schien, seine liebste Hälfte zum Fenster hinunter zu werfen. Ich ließ meinen Vorsatz fahren, und nun bin ich ohne Rath und Trost. Was soll ich armes Mädchen anfangen? Wissen Sie was, Herr Autor, erbarmen Sie sich meiner! Nehmen Sie mich zu Ihrer Frau! Sie sind noch unverheirathet; Sie sind fast in meinen Jahren, oder doch nicht viel älter; Sie haben ein Amt, das mich und Sie ernähren kann. Eine alte Jungfer ist ja wohl einen alten Junggesellen werth. Ich dächte, Sie nähmen mich immer. Was meinen Sie? Machen Sie mir den Vorwurf nicht, daß ich in meinen jungen Jahren spröde gewesen bin, daß ich bey zunehmenden Jahren mich allen meinen Bekannten angeboten habe, und daß mich die Verzweiflung zu Mitteln getrieben hat, die eben nicht die gewissenhaftesten zu seyn scheinen. Es wäre unbillig, wenn meine Offenherzigkeit mir bey Ihnen schaden sollte. Sie kennen mich nun von aussen und von innen. Wer weis, ob sie künftig mit ihrer Frau nicht noch mehr betrogen werden, als mit mir? Wir wollen einander unsre Fehler nicht vorwerfen. Vielleicht haben Sie auch Fehler. Viele Mädchen werden um deswillen zu alten Jungfern, weil sie, wie ich, in ihrer Jugend zu spröde gewesen sind, und an allen Liebhabern etwas zu tadeln gefunden. Aber wo kommen denn die alten Junggesellen her? In jungen Jahren lieben sie zu flatterhaft. Sie glauben, alle Mädchen wären nur für sie geschaffen, und es brauche keine Mühe weiter, als daß sie die Hand zum Fenster heraus streckten: so würden gleich zehn Mädchen kommen, und sich daran halten. Ist diese Eitelkeit nicht eben so lächerlich, als die unsrige? Mit zunehmenden Jahren merken sie, daß man sich nicht um sie zankt, und daß die große Vorstellung von der Wichtigkeit ihrer Person größtentheils eine eitle Einbildung gewesen ist. Nun fangen die Herren aus Verzweiflung an, Böses von Frauenzimmer, von Jungfern und von Weibern zu reden; und sind sie gar Schriftsteller, wie Sie, hochzuehrender Herr Autor, so schreiben sie Böses, und spotten über unser Geschlecht. Das nennen sie Satiren, die nur aus Liebe zur Wahrheit, und ihren armen Nebenchristen zu bessern, gedruckt werden. Aber, unter uns gesprochen, geschieht es nicht aus Begierde, sich wegen der Verachtung zu rächen, die das Frauenzimmer gegen ihre grossen Verdienste hat blicken lassen? Ich denke, Sie sollen mich verstehn, sagte mein Würzkrämer. Endlich rücken bey den Mannspersonen die traurigen Jahre der Verzweiflung und des Eigennutzes heran. Wie alt waren Sie, mein Herr? Ich glaube, ich habe es oben ausgerechnet, daß Sie fast so alt sind, als ich. Wie gesagt, die Jahre des Eigennutzes. Man sieht sich nach einer reichen Frau um. Die mag aussehn, wie sie wolle, sie mag alt oder jung, in gutem oder böse Rufe seyn, wenn sie nur Geld hat. Bisweilen sind die Herren so glücklich, den Schatz mit dem Drachen zu heben, der darauf liegt; und nun kömmt gewiß die Reihe an sie, gedemüthiget zu werden. Alle Spöttereyen über das weibliche Geschlecht werden sodann denen Herren reichlich vergolten, die in ihrer Jugend zu muthwillig, zu unbeständig geliebt, und nur eigennützig gewählt haben. Eine Frau, die sich und ihren Reichthum fühlt, die überzeugt ist, daß sie bey der Wahl ihrem Gelde alles zu danken hat; eine solche Frau wäre thöricht, wenn sie ihren Mann mehr lieben wollte, als ihr Geld. In der That geschieht es auch sehr selten. Es kommen zuweilen noch andre Umstände dazu, die euch, stolze Herren, zahm machen. Es giebt Galanterien, die im Ehestande nicht leicht unvergolten bleiben, wenn die Frau nur einiger massen erträglich aussieht, oder wenigstens einen guten Kerl ehrlich bezahlen kann. Ich bin keine Freundinn von persönlichen Satiren, diese Tugend habe ich Ihrer Vorrede zu danken; und wenn Ihnen diese Predigt zu bitter vorkömmt, so bin ich nur aus allgemeiner Menschenliebe bitter, wie Sie, mein Herr. Ich sage auch nicht, daß es schlechterdings so kommen müsse. Am wenigsten ist das meine Meinung, daß ich Ihnen, Hochgeehrtester Herr Autor, die Nativität stellen wollte. Davor bewahre mich der Himmel! Das ist gar nicht meine Absicht. Ich sage nur so – – verstehn Sie mich, – – wie soll ich mich recht ausdrücken? so ungefähr, daß es doch wohl bey Ihnen auch einmal möglich seyn könnte. Und wenn es nun so möglich seyn könnte, so sehe ich nicht, warum Sie nicht eben so lieb mich, als eine andre, heirathen wollten, mit der Sie eben so gut betrogen werden könnten. Wir schicken uns gar vortrefflich zusammen. Ich möchte gar zu gern einen Mann haben; und Sie, mein Herr, verstellen Sie sich nur nicht, man sieht es Ihnen an den Augen an, Sie möchten auch gern eine Frau. Vielleicht wollen Sie nur ein recht reiches Mädchen. Es kann seyn. Aber wissen Sie denn, ob ein recht reiches Mädchen auch Sie haben will? Gesetzt aber, Sie bekämen eine, nach Ihrem geizigen Wunsche, (denn ein wenig geizig sind Sie, das können Sie nicht läugnen,) sind Sie deswegen glücklich? Wohl schwerlich, oder es müßte alles nicht wahr seyn, was ich oben gesagt habe. Ich bin ja auch nicht ohne Mittel. Machen Sie nur meine Caution frey. Vielleicht haben Sie eher Gelegenheit, es dahin zu bringen, als ein andrer. Und wenn ich gar nichts mitbrächte, so bringe ich Ihnen doch neun Expensbücher von meinem seligen Vater mit, worinnen noch ein grosser Schatz von unbezahlten Sporteln steckt. Sporteln sind wohl das nicht, wovor Ihr zartes Gewissen erschrickt, oder ich müßte Sie, und Ihre Collegen, gar nicht kennen. Sie können ja meine Sporteln mit den Ihrigen eintreiben lassen, und wenn auch alle Bauern zu Grunde gehen sollten. Es thut ein jeder, was seines Amts ist. Der Umstand wegen meines Vermögens wäre also aufs reine gebracht. Wegen meiner Liebe lassen Sie sich noch weniger leid seyn. Wenn man in Ihren Jahren heirathet, so ist dieses gemeiniglich der letzte Punkt, wornach man fragt. Aber ich glaube auch, daß ich das Herz habe, Sie zu lieben. Wie weit wird man nicht durch Noth und Kummer gebracht? Ein Frauenzimmer, daß sich schon so viel in der Welt hat müssen gefallen lassen, als ich, wird nicht viel Ueberwindung mehr brauchen, einem Manne nachzugeben, der eigensinnig, oder, wie man es gemeiniglich nennt, accurat und hypochondrisch ist. Ein Fehler, den man Ihnen auch schuld giebt, werthester Herr Autor! Gestehn Sie es nur aufrichtig, Sie sind auch eifersüchtig. Die Herren sind es am meisten, die es an andern Männern am wenigsten leiden können. O, mein allerliebster Herr Autor! wie vergnügt wird unsre Ehe seyn! Ich bin wirklich durch die Jahre, durch Noth und Krankheit von meiner ehmaligen Schönheit so weit herunter gekommen, daß Sie meinetwegen nicht einen Augenblick in Sorgen seyn dürfen; und da ich, wie Sie wissen, eben kein Geld habe, so fehlen mir die Mittel, das durch Wohlthun zu ersetzen, und mir zu verschaffen, was ich durch meinen todten Reiz nicht erlangen kann. Mit einem Worte, unsre Ehe ist, als wenn sie im Himmel geschlossen wäre. Ich erwarte Ihre Erklärung mit Schmerzen. Ich werde alle meine bisherige Noth vergessen; für die glücklichste Person in der Welt werde ich mich halten, wenn ich die Ihrige seyn kann. In dieser Hoffnung bin ich mit der zärtlichsten Hochachtung, Hochzuehrender Autor,                     Ihre – – – am 26 Heumonat, 1751. aufrichtigste und ergebenste Dienerinn, F –           Antwort des Autors, an die Mademoiselle F – – – Mademoiselle, Die Ehre ist ganz unerwartet, welche Sie mir zugedacht haben. Es kann in der That nichts schmeichelhafter für mich seyn, als daß ein so versuchtes Frauenzimmer, welches alle Schulen durchgeliebt hat, und mit ihrem zärtlichen Herzen zwanzig Jahre hausiren gegangen ist, sich endlich auf mich besinnt, und ihren verliebten Brandbrief bey mir einwirft. Bey allen meinen Fehlern, die Sie mit so vieler Einsicht an mir wahrgenommen haben, bin ich doch nicht undankbar. Kann ich ihre Liebe nicht so fort auf die Art erwiedern, wie sie es verlangen; so will ich doch auf eine andre Art gewiß erkenntlich seyn. Und vielleicht entschliesse ich mich dennoch, der Ihrige zu werden, wenn ich ja einmal mit einer Frau betrogen werden muß, wie Sie gar gründlich angemerkt haben; so ist es in der That am besten, daß es durch Ihre gütige Besorgung geschieht. Ein Unglück, das man voraus weis, ist nur halb so empfindlich, als ein unerwartetes Unglück. Noch zur Zeit bin ich freylich nicht aufs äusserste gebracht; aber vielleicht bin ich dem traurigen Augenblicke nahe, wo ich mich aus Verzweiflung entschliesse, Ihre Hand anzunehmen. Lassen Sie mir Zeit, Mademoiselle, mich recht zu besinnen. Ich will es mit dem Publico überlegen. Die Sache ist für mich von Folgen, und wichtig genug. Sollten Umstände kommen, welche mir anriethen, Ihre Liebe zu verbitten; so habe ich mich noch auf ein andres Mittel besonnen, Sie aus Ihrer Jungfernoth zu reissen, und Ihnen ein Glück zu schaffen, das Ihnen fehlt. Was meinen Sie, Mademoiselle? Ich will Sie ausspielen! Ja, ja, im ganzen Ernste, ausspielen will ich Sie, und zwar auf die vortheilhafteste Art von der Welt. Haben Sie nur Geduld, meinem Plane anzuhören. Ein jeder bürgerlichen Standes, der seit zehn Jahren in hiesigen Landen muthwillig bankrut gemacht hat, und ein jeder, der binnen den nächsten zehn Jahren auf diese legale Art andre um ihr Vermögen bringen will, soll gezwungen seyn, um Sie zu würfeln. Der Einsatz ist der zehnte Theil von demjenigen, was er von seinen Gläubigern gewonnen hat, oder zu gewinnen gedenkt. Die Einlage geschieht binnen dato, und dem letzten des Wintermonats künftigen Jahres. Mit dem ersten des Christmonats werden die Bücher geschlossen, und den letzten desselben, als am Tage Sylvester, wird auf öffentlichem Markte, im Beyseyn eines alten Notarien, und sieben alten Zeugen, allerseits Junggesellen, gewürfelt. Ich habe einen freyen Wurf. Mich deucht, es ist billig. Wer die meisten Augen wirft, hat die Ehre, Ihr Bräutigam zu seyn. Hat er schon eine Frau, so behalten Sie die erste Hypothek auf sein Herz; und er ist schuldig, Ihnen die gesammte Einlage, als die Sie zur Mitgabe bekommen, mit sechs pro Cent so lange zu verintereßiren, bis entweder seine Frau stirbt, oder er Gelegenheit gefunden hat, Sie vom neuem auszuspielen. In diesem Falle bleibt Ihnen die erste Einlage; die neue, die nur halb so stark seyn soll, als die erste, wird zum Capital geschlagen, und derjenige, der Sie ausspielt, bekommt drey Quart Provision, behält aber keinen freyen Wurf. So geht es immer fort, bis Sie an einen Mann kommen, der keine Frau hat, und dieser ist schuldig, Sie zu heirathen. Erlauben Sie, Mademoiselle, daß ich Ihnen die Billigkeit meines Plans ein wenig deutlicher zeige. Vielleicht sind Sie unzufrieden, daß ich die Interessenten nur auf den bürgerlichen Stand einschränke? Dieses kann gar wohl möglich seyn, wenn Sie Ihre alte Neigung zum Adel noch nicht verlohren haben sollten. Aber lassen Sie sich es immer gefallen. Es ist billig. Wollte ich die von Adel mit dazu ziehen, so würde der Zulauf zu groß seyn. Viele von guten Häusern würden sich an ihrer Ehre Schaden thun; denn es ist ein größrer Vorwurf, ein Bürgermädchen zu heirathen, als einen Muthwilligen Bankrut zu machen. Ich kenne ein Fräulein, daß mit Ihnen einerley Charakter, und einerley Schicksal hat. Für dieses hebe ich die von Adel auf; und wenn es mit Ihrem Projecte gut abläuft, wie ich hoffe, so will ich dieses Fräulein künftige Ostermesse über ein Jahr auf eben diese Art in Auerbachshofe, unter der Garantie des Herrn von – – ausspielen. Das bin ich allenfalls zufrieden: Sollten Sie nämlich einem verheiratheten Manne zufallen, und es will Sie einer von Adel, gegen einen billigen Rabatt, an sich kaufen, so soll es ihm frey stehn; nur soll er nicht gezwungen seyn. Beruhigen Sie sich! Es wird gewiß nicht an Liebhabern fehlen, die es für vorträglicher halten, durch bürgerliches Geld sich vor der Unbescheidenheit ihrer Gläubiger, und vor dem Hunger zu schützen, als unter dem stolzen Glanze der sechzehn Ahnen kümmerlich zu darben. Das wäre also eins! Fürs zweyte: Daß ich nur von denen rede, die muthwillig bankrut machen, das ist billig. Es giebt Fälle, die den redlichsten Mann unglücklich machen können. Sollte dieser noch unglücklicher werden, und gezwungen seyn, Sie, Mademoiselle, zu heirathen? Das wäre grausam! gewiß gar zu grausam! Ein ehrlicher Mann, der bankrut machet, gewinnt nichts dabey. Wovon soll er also die Einlage thun? Ueberhaupt verlieren Sie wenig dadurch. Die Exempel sind auch so gar häufig nicht. Warum ich, drittens , zehn Jahre gesetzt habe, das hat diese Ursache: Wer einmal einen vernünftigen Bankrut mit Vortheil gemacht hat, dem wird diese Nahrung gewiß so gut gefallen, daß er ihn wenigstens alle zehn Jahre wiederholt. Kann er es binnen zehn Jahren nicht so weit bringen; so ist er entweder zu ungeschickt, oder er hat weder Geld noch Credit mehr, oder er ist so abergläubisch gewesen, wieder ehrlich zu werden. Bey allen diesen Leuten ist nichts zu verdienen. Es ist, Viertens , ein vortrefflicher Einfall von mir, daß ich diejenigen mit dazu ziehe, die sich Mühe geben, in den nächsten zehn Jahren muthwillig bankrut zu werden. Ueberlegen Sie es einmal selbst. Alle Jahre steigt die Anzahl dieser Glücklichen. Wenn Sie, Mademoiselle, die Progreßionsrechnungen verstünden; so wollte ich Ihnen darthun, daß binnen zehn Jahren fast zwey Drittheile unsrer vorsichtigen Mitbürger das Vergnügen haben werden, das übrige Drittheil um das Seinige zu bringen. Sehn Sie einmal unsre Kaufleute, aber die Kaufleute nicht allein, sehn Sie auch andre Stände an! Wie bearbeiten sich die meisten von ihnen, ihren ehrlichen Namen mit sechzig bis siebenzig pro Cent Gewinnst zu verlieren! Geben Sie auf unsre handelnde Jugend, auf die Söhne dererjenigen alten Kaufleute Achtung, welche altvätrisch genug waren, ehrlich zu sterben. Bey den itzigen schweren nahrlosen Zeiten, bey den hohen Abgaben, über die man sich beklagt, bey dem kläglichen Verfalle der Handlung, wissen diese jungen Herren die vornehme Kunst, mit der besten Art von der Welt, in einem Jahre unnöthiger Weise mehr zu verschwenden, als ihre wirthschaftlichen Väter bey den glückseligsten Zeiten in fünf Jahren zur bequemen Unterhaltung für sich, und die Ihrigen, brauchten. Sollten diese Herren, diese Hoffnung des Vaterlandes, nicht im Stande seyn, in zehn Jahren alles dasjenige zu verthun, was ihre Väter in funfzig Jahren gesammlet haben? Rechnen Sie einmal selber nach, wie glücklich Sie seyn werden, wenn alle diese Herren, größtentheils recht artige Herren, um Sie würfeln, und Ihnen den zehnten Theil ihrer Beute geben müssen. Aber dieser Entwurf ist von mir nicht Ihrentwegen allein, Mademoiselle, nein, er ist selbst dieser bankruten Nachwelt zum Besten gemacht worden. Gemeiniglich fehlt es diesen Leuten an Unglücksfällen, welche sie angeben sollen. Ich glaube, derjenige, der Sie erwürfelt, braucht weiter keinen Unglücksfall, als diesen, daß er die Ehre hat, Ihr Mann zu seyn. Er hat ein Recht, seinen Gläubigern mit der ehrlichsten Miene von der Welt zwanzig pro Cent weniger, als sonst, zu bieten. Ein doppelter Vortheil für ihn! Zwanzig pro Cent mehr zu gewinnen, und doch noch ehrlich auszusehen! Daß ich, Fünftens , nur von denen rede, die auf eine legale Art andre um das Ihrige bringen, das geschieht, um die muthwilligen Bankrutirer von denjenigen zu unterscheiden, welche die Reisenden auf der Strasse plündern, oder die Uhren aus der Tasche ziehen. Es war nöthig, diesen Unterschied zu bestimmen, der ausserdem sehr schwer in die Augen fällt. Räuber und Diebe gehören an den Galgen; jene aber, wenn sie es recht zu machen wissen, in allen Gesellschaften oben an. Sie sehn wohl, Mademoiselle, wieviel Ehre Sie in Ihrem künftigen Ehestande zu erwarten haben. Sechstens: Vielleicht scheint es überflüßig, zu sagen, daß die vergangnen und künftigen Bankrutirer gezwungen werden sollen, um Sie zu würfeln, da ich mir Mühe gegeben habe, zu erweisen, wie vortheilhaft es für dieselben seyn könne. Sie müssen wissen, Mademoiselle, daß diejenigen das Aeusserliche der Ehrlichkeit am sorgfältigsten zu erhalten suchen, welche sich die meiste Mühe geben, nicht mehr ehrlich zu seyn. Ich will es lieber wagen, den ehrlichsten Mann einen Schelm zu heissen, er wird es nicht so hoch empfinden, als ein muthwilliger Bankrutirer. Um deswillen wird es nöthtig seyn, Zwang zu brauchen. Die Richterstuben müssen angewiesen werden, ein zuverläßiges Verzeichniß dererjenigen einzusenden, die seit zehn Jahren muthwilligen Bankrut gemacht haben; wobey ich voraus setze, daß der Richter weder Vetter noch Schwager von dem Bankrutirer ist, und während des Concurses kein Geschenke von ihm bekommen hat. Die künftigen Bankrutirer aber kan man dadurch zwingen, daß, wofern sie sich itzt nicht zur Einlage bequemen, sie aller heilsamen Beneficien der Bankrutirer auf ewig verlustig und gewärtig seyn sollen, nach der Gerechtigkeit der Gesetze gestraft zu werden. Sie haben gar nicht Ursache, diesen Zwang für eine Grausamkeit zu halten, da sie es so billig befinden, durch vielerley Mittel ihre Gläubiger zu zwingen, daß sie ihre Einwilligung dazu geben müssen, sich von ihnen bevortheilen zu lassen. Ich glaube endlich, Siebentens , nicht, daß Sie, Mademoiselle, dabey eine Schwierigkeit finden werden, wenn ich Sie auf diese Art der ganzen bankruten Welt Preis gebe, und Sie dem Glücke der Würfel überlassen will. Wenn ich Sie anders aus Ihren Briefen recht habe kennen lernen; so muß es Ihnen gleichgültig seyn, was Sie für einen Mann kriegen, wenn es nur ein Mann ist. Aber ich thue noch mehr; ich verschaffe Ihnen zugleich so viel Vermögen, daß Sie ein gegründetes Recht bekommen, Ihrem künftigen Manne es nachdrücklich fühlen zu lassen, was das sagen wollte, eine reiche Frau zu heirathen. Machen Sie einmal einen Ueberschlag von Ihrem künftigen Reichthume. Wir wollen setzen: In die erste Classe kommen die, so seit zehn Jahren muthwillig bankrut gemacht haben. Auf jedes Jahr rechne ich vier solche Bankrute. Jeden Bankrut zu 25000 Reichsthalern. Sie sehn, wie billig ich bin, da es bekannt genug ist, daß vier Bankrute nicht zureichen, und daß 25000 Thaler für einen Bankrutirer gar nichts heissen. Die kleinen Schurken, welche sich die Mühe nehmen, ihren ehrlichen Namen nur für ein paar tausend Thaler hin zu geben, verdienen nicht einmal in Ansatz gebracht zu werden. Wir wollen sie unter die übrigen mit einrechnen, welche das Handwerk besser verstehn, und die, wenn sie ihren guten Namen dran wagen, es doch nicht unter 25000 Thalern thun. Solcher gestalt betragen die vier Bankrute, auf ein Jahr 100000 Thaler——. Ich will den billigsten Accord nehmen, der seyn kann, und sehr selten geschlossen wird. Ich will setzen, daß der muthwillige Bankrutirer mit den Gläubigern theilt, und sie nur um die Hälfte betrügt. Wenn er so großmüthig ist, und funfzig pro Cent giebt; so thut er mehr, als man verlangen kann. Es beträgt also die Beute von einem Jahre 50000 Thaler——. Hiervon den zehnten Theil zur Einlage genommen, thut auf ein Jahr 5000 Thaler—— und auf alle zehn Jahre zusammen funfzigtausend Thaler. Was meinen Sie, Mademoiselle? Müssen Ihnen nicht die Augen vor Freuden übergehn, wenn Sie sehn, wie mühsam ich bin, Sie reich und glücklich zu machen? Aber das heißt alles noch nichts gegen den Vortheil, den Sie aus der zwoten Classe ziehn werden. Wir wollen das zum Fusse behalten, daß jeder Bankrut 25000 Thaler stark ist, und bey jedem auf 50 pro Cent accordirt wird. Wir wollen aber nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit, die ich oben bey dem vierten Punkte angeführet habe, voraussetzen, daß sich künftig alle Jahre die Bankrute verdoppeln. Der muß die Welt gar nicht kennen, wem dieses unwahrscheinlich vorkommen soll. Nach den Regeln dieser Verdoppelung kommen im Jahre 1753. acht Bankrute, im nächsten Jahre sechzehn, in dem darauf folgenden zwey und dreyßig Bankrute, und so fort. Damit Sie die Richtigkeit meines Plans desto besser einsehen mögen; so sende ich Ihnen zugleich die Tabelle, die ich dem Publico zur Nachachtung bekannt machen will. Wieviel meinen Sie wohl, daß Ihr Antheil betrage? Weniger nicht, als 10230000 Rthlr.—— Hierzu die 50000 Thaler aus der ersten Classe, thut in Summa /   10280000 Thaler. Ich bin vor Freuden ganz ausser mir! Das hätte ich selber nicht gedacht! Es überfällt mich ein zärtlicher Schauer, wenn ich bedenke, daß Sie ein so reiches Frauenzimmer sind, und daß es so ungewiß ist, ob ich hernach das Glück haben kann, der Ihrige zu werden. Sollte Sie das Schicksal an einen verheiratheten Bankrutirer bringen, so belohnen Sie meinen Eifer. Es wird alsdann bey Ihnen stehn, ob Sie mich zu dem beneidenswürdigsten Sterblichen unter der Sonnen machen wollen. Ich vergesse alle Ihre Abentheuer, vom Hofrathe an bis auf den Würzkrämer; so gar vom Lieutenante weis ich nicht ein Wort mehr. Daran gedenke ich vollends gar nicht, daß Sie ein Frauenzimmer sind, welches, allem Ansehen nach, dem künftigen Ehemanne bey der geringsten Beleidigung beyde Augen auskratzen wird. Es gehe mir, wie es der Himmel beschlossen hat. Wer wollte sich dadurch abhalten lassen, ein Mädchen mit zehn Millionen und 280000 Thlr.—— zu heirathen? So verliebt bin ich in meinem Leben noch nicht gewesen, als ich in diesem Augenblicke bin. Ja, Mademoiselle, alt, krumm, lahm, bucklicht, blind, verbuhlt, herrschsüchtig und abergläubisch, alles mögen Sie seyn; seyn Sie nur die Meinige. Ich beschwöre Sie bey Ihren 10280000 Thalern! Lieben Sie mich! Würdigen Sie mich alsdann Ihrer Hand. Glauben Sie, daß ich mit der größten Unruhe, die sich bey einer zärtlichen und einträglichen Liebe denken läßt, den glücklichen Augenblick erwarte, da ich die Erlaubniß haben soll, mich den Ihrigen zu nennen. Bis dahin bin ich mit der tiefsten Ehrfurcht, Mademoiselle, Leipzig, den 4ten August 1 7 5 1. Dero ganz gehorsamst ergebenster Diener, der Autor.           Plan der extra-favorabl en Auswürflung einer alten Spröden. A. Erste Classe. Jahre vier Bankrute, jeden à 25000 Rthlr. Accord à 50 pro Cent. Gewinnst à 50 pro Cent. Einlage zum zehnten Theile. 1743 100000 Rthlr. 50000 Rthlr. 50000 Rthlr. 5000 Rthlr. 1744 100000 – – 50000 – – 50000 – – 5000 – – 1745 100000 – – 50000 – – 50000 – – 5000 – – 1746 100000 – – 50000 – – 50000 – – 5000 – – 1747 100000 – – 50000 – – 50000 – – 5000 – – 1748 100000 – – 50000 – – 50000 – – 5000 – – 1749 100000 – – 50000 – – 50000 – – 5000 – – 1750 100000 – – 50000 – – 50000 – – 5000 – – 1751 100000 – – 50000 – – 50000 – – 5000 – – 1752 100000 – – 50000 – – 50000 – – 5000 – – 50000 Rthlr.     B. Zwote Classe. Jah- re Anzahl der Bank- rute. Betrag à 25000 Rthlr. v. jedem Bankrute. Accord. à 50 pro Cent. Gewinnst à 50 pro Cent. Einlage zum 10. Theile. 1753 8 200000 100000 100000 10000 1754 16 400000 200000 200000 20000 1755 32 800000 400000 400000 40000 1756 64 1600000 800000 800000 80000 1757 128 3200000 1600000 1600000 160000 1758 256 6400000 3200000 3200000 320000 1759 512 12800000 6400000 6400000 640000 1760 1024 25600000 12800000 12800000 1280000 1761 2048 51200000 25600000 25600000 2560000 1762 4096 102400000 51200000 51200000 5120000 Rthlr. 10230000 Hierzu von der ersten Classe   –   –       50000 Summa Summarum   –   –   10280000 Nota! Von dieser Einlage wird ans Waysenhaus Eins pro mille bezahlt. »Die grosse Hälfte des menschlichen Geschlechts liebt gemeiniglich in jungen Jahren von ganzem Herzen und närrisch, in reifen Jahren eigennützig, und im Alter lächerlich. Es gehört keine grosse Philosophie dazu, diese Wahrheit einzusehn. Man darf nur ein wenig auf die Handlungen der Menschen, und wenn man recht gründlich davon überzeugt seyn will, vornemlich auf sich selbst Achtung geben. Eine kleine Untersuchung seiner eignen Neigungen wird machen, daß man von den Fehlern andrer gelinder urtheilt. Ich will hier meinen Lesern einige Briefe vorlegen, in denen der Charakter eines zärtlichen Greises der wilden und unruhigen Liebe eines jungen Menschen entgegen gesetzt ist. An beyden sieht man den Grund eines ehrlichen Herzens, und einer edlen Denkungsart. Bey allem dem Lächerlichen, das sie durch ihre Leidenschaften verrathen, verdienen sie einige Nachsicht. Ich wünsche, daß meine alten Leser eben so anständig fehlen mögen, wenn sie ja die Liebe einmal überraschen sollte. Meine jungen Leser können sich die Hochachtung der Welt gewiß versprechen, wenn sie das Herz haben, von ihren flüchtigen Ausschweifungen so geschwind, wie mein Original, zu ihrer Schuldigkeit zurück zu kehren. Lächerliche Exempel erbauen nicht allemal so sehr, als tugendhafte. Dieses hat mich veranlaßt, eine Mischung des Lächerlichen und Tugendhaften zu machen. Vielleicht ist meine gute Absicht nicht ganz vergebens. Ich werde mich erfreuen, wenn ich erfahre, daß ein Alter aufgehört hat, lächerlich zu seyn; und daß ein Jüngling sich gehütet hat, es zu werden. Die Person der Tochter des verliebten Greises war zu diesem Auftritte nöthig. Ich brauchte sie, die wilde Hitze eines jungen Menschen zu dämpfen, und ihn in der Hochachtung zu erhalten, die er seinem alten Vater, so lächerlich auch dieser liebte, dennoch schuldig blieb. Dieses konnte niemand thun, als ein Frauenzimmer, deren Jahre und Tugend ihn zur Ehrfurcht zwangen. Ich habe mir Mühe gegeben, den Charakter der Fräulein, welche von Großvater und Enkel zugleich geliebt werden, so edel und vorzüglich zu bilden, als es nur hat möglich seyn wollen. Ihre Schönheit und Tugend entschuldigen das Lächerliche eines alten Liebhabers, und das Thörichte eines zärtlichen Jünglings. Was ich hier gesagt habe, kann als ein kurzer Vorbericht meines kleinen Romans angesehn werden. Ich will meine Leser nicht länger aufhalten. Gnädiges Fräulein, Ich habe ein Amt, welches mir einen ansehnlichen Rang in der Welt verschafft. Zwey tausend Thaler Renten und funfzehnhundert Thaler Besoldung machen, daß ich bey einer vernünftigen Wirthschaft sehr gemächlich leben kann. Meine Kinder sind alle versorgt, und haben ihr Brodt. Ich bin noch munter genug, daß ich das Herz habe, Ihnen meine Hand anzubieten. Ihre eingezogne Lebensart, und Ihr tugendhafter Charakter vermehren diese Hochachtung, die ich gegen Sie hege, und ich vergesse dabey, daß Sie nur sechzehn Jahr alt sind. Vielleicht würde ich behutsamer seyn, Ihnen meine Neigung zu eröffnen, wenn ich Sie nicht für zu vernünftig hielte, als daß Sie durch den kleinen Unterschied der Jahre, der zwischen uns beyden ist, sich sollten abschrecken lassen, Ihr Glück zu befestigen, und mich zugleich zu dem glücklichsten Ehemanne zu machen. Seit vierzig Jahren habe ich die Lebhaftigkeit nicht empfunden, die ich itzt empfinde, da ich Ihnen sage, daß ich Sie liebe. Entschliessen Sie sich bald, und wo möglich, zu meinem Vortheile. Ich werde künftige Woche ins Carlsbad reisen, eine kleine Krankheit zu heben, die sich ohnedem bald verlieren muß, da sie mir schon zwanzig Jahr beschwerlich gewesen ist, und die in der That weiter nichts ist, als eine Folge meines flüchtigen und feurigen Geblütes, ungeachtet mein ungeschickter Medicus es für eine fliegende Gicht halten will. Lassen Sie mich nicht ohne die Hoffnung wegreisen, daß ich bey meiner Rückkunft die Erlaubniß haben werde, Ihnen mit der zärtlichsten Hochachtung zeitlebens zu sagen, daß ich sey, Gnädiges Fräulein, Ihr – – – zum 1sten May, 1740. gehorsamster Diener. N. S. Gegen meine Tochter, die Hofräthinn, gedenken Sie nichts von meinem Vorschlage. Ich weis, daß Sie eine vertraute Freundinn von ihr sind; aber sie möchte Ihre Vertraulichkeit misbrauchen. N. S. Mein Enkel, den Sie kennen werden, und der ein gutes Kind ist, wird Ihnen diesen Brief zustellen. Ich habe ihn beredt, es beträfe Ihre Vormundschaftsrechnungen. Lassen Sie sich nichts gegen ihn merken. Ungeachtet er nur achtzehn Jahr alt ist, so ist er doch schlau genug, mehr zu errathen, als ich ihm noch zur Zeit will wissen lassen. N. S. Die Juwelen von meiner seligen Frau habe ich noch alle, und sie dürfen nur neu gefaßt werden. Die rechtschaffne Frau! In ihrem ganzen Leben hat sie mich nicht ein einzigsmal betrübt: und wenn ich auch der eifersüchtigste Mann von der Welt gewesen wäre; so hätte ich doch bey ihr nicht die geringste Gelegenheit gehabt, es zu seyn. Noch eins. Was halten Sie vom d' aylhoudischen Pulver? Ich finde es ganz gut. Gnädige Tante, Mein Großvater hat mir diesen Morgen einen Brief gegeben, den ich der Fräulein L – – in ihre eignen Hände zustellen soll. Er sagte mir, daß er sehr wichtige Vormundschaftsrechnungen betreffe; dieses sagte er mir mit so viel Zärtlichkeit, und einer so muntern Miene, daß ich stutzig ward, und mich vielleicht verfärbte. Ich vermuthe es daher, weil er mich fragte, was mir fehle. Er nennte mich sein bestes Kind, und redete von der vortrefflichen Fräulein, und ihrer wichtigen Vormundschaftssache mit so vielem Feuer, daß ich immer mehr argwöhnisch ward. Sagen Sie mir, Gnädige Tante, machen die Vormundschaftssachen so lebhaft? Und macht dieses die Fräulein in seinen Augen so göttlich, und vortrefflich, daß sie ihn hat lassen ihre Rechnungen calculiren? Ich weis nicht, was ich denken soll? Erinnern Sie sich der jugendlichen Sorgfältigkeit, die unser Großvater seit einigen Wochen in seinem Anzuge gezeigt; einer gewissen Pracht in seiner Equipage, die uns gleich in die Augen fiel, weil sie ungewöhnlich war. Er ist geselliger, als er jemals gewesen ist, und itzt fällt mir ein, daß er vorgestern die Fräulein aus der Oper führte, in die er seit der Großmutter Tode nicht gekommen ist. Was soll ich von diesem allen denken? Sie haben, Gnädige Tante, mehr als einmal über die Aufmerksamkeit mit mir gescherzt, die ich gegen die Fräulein bey aller Gelegenheit gezeigt. Ich habe niemals die Gewalt über mich gehabt, Ihnen zu gestehn, daß ich die Fräulein liebe, daß ich sie über alles in der Welt liebe. Ich bin gezwungen, es nunmehr zu gestehn. Ja, Gnädige Tante, über alles in der Welt liebe ich die Fräulein. Aber was rathen Sie mir? Wie soll ich mich verhalten, daß ich an mir selbst nicht zum Verräther werde, daß ich die Hochachtung nicht beleidige, die ich meinem Großvater schuldig bin, und daß ich das unglückliche Vertrauen nicht misbrauche, das er bey dieser Gelegenheit in mich gesetzt hat? Ich werde der Fräulein den Brief nicht eher übergeben, bis ich Antwort von Ihnen habe. Vetter, Ihr habt ein schweres Amt übernommen. Ich glaube, daß Ihr nicht ganz ohne Grund argwöhnisch seyd. Vielleicht könnte ich Euch noch mehr sagen; aber ich mag Euch das Herz nicht schwer machen. Alles, was Ihr thun könnt, ist dieses, daß Ihr den Befehl Eures Großvaters ausrichtet. Habt Ihr nicht Herz genug, den Brief der Fräulein selbst zu übergeben, so schickt ihn diesen Abend zu ihr. Ich werde ganz alleine bey ihr seyn, und Euch morgen mehr Nachricht geben können. Also habt Ihr es doch endlich gestehn müssen, daß Ihr die Fräulein liebt! Eure Wahl muß gewiß vernünftig seyn, weil Ihr mit dem Großvater einerley Geschmack habt. Ich wünsche Euch Glück dazu. Wahrhaftig, eine so liebenswürdige Großmutter ist werth, daß man ihr die Hände küßt. Armer Vetter! Ihr dauert mich, aber nur ein wenig. Warum seyd Ihr so mistrauisch gegen mich gewesen, und habt mir niemals gestehn wollen, daß Ihr die Fräulein liebt? Vielleicht hätte ich Euch diese Unruhe ersparen können, denn für eine Tante schickt es sich doch wohl am besten, wenn sie ein wenig kuppelt. Eure Aeltern haben Euch in solchen Umständen verlassen, daß Ihr es wohl hättet wagen können, lauter zu seufzen; und Euren Jahren hält man eine zärtliche Thorheit zu gute. Wie glücklich hättet Ihr werden können! Aber nun ist alles aus. Ihr bekommt Eure Prinzeßinn zur Großmutter, und ich meine beste Schwester und Freundinn zur Mama, und das alles durch Eure Schuld. Ich dächte, Vetter, Ihr verzweifeltet ein Bischen. Ihr seyd ja ein Poet, Ihr könnt singen, Ihr seyd ein unglücklicher Liebhaber, und in Eurem Garten ist ein Echo. Was wollt Ihr mehr? betäubt einmal die Felsen mit einer herzbrechenden Arie, in der Melodie: da der Großvater die Großmutter nahm! Ich möchte Euch von ferne zusehn, wie es Euch läßt, wenn Ihr aus Liebe verzweifelt. Wie gefällt Euch mein Trost? Aber ein Wort im Ernste. Uebersendet der Fräulein den Brief; seyd vorsichtig, verlaßt Euch auf mich; und wenn auch alles wider Euern Wunsch laufen sollte, so vergeßt doch niemals, daß Euer Großvater ein rechtschaffner Mann ist, der mich und Euch zärtlich liebt. Lebt wohl. Gnädige Tante, Es ist ein erschrecklicher Trost, den Sie mir geben, und der Scherz ist beynahe zu bitter, mit dem Sie mir mein Unglück vorwerfen. Ich will der Fräulein schreiben. Ich will ihr den Brief zuschicken. Wahrhaftig, ich kann ihn nicht selbst überbringen. Aber was soll ich ihr schreiben? Daß ich mit der zärtlichsten Unruhe – daß mein Großvater – daß ich schon lange Zeit her – Gnädige Tante, ich weis nicht, was ich schreiben soll. So unruhig bin ich noch niemals gewesen. Ich will gar nichts schreiben, oder doch sehr gleichgültig. Es wäre wohl am besten, ich übergäbe den Brief selbst. Aber nein, das wage ich nicht. Mein Compliment würde noch zerstreuter seyn, als mein Brief. Gnädige Tante, ich verlasse mich auf Sie. Sie können viel thun. Sie sind bey der Fräulein, wenn sie den Brief bekömmt. Reden Sie für mich. Wie schwer ist es, einen Großvater zu ehren, der mein Nebenbuhler ist! Bey seinen Jahren, Gnädige Tante, bedenken Sie einmal! und ein so vernünftiger Mann! Aber ich vergesse, daß er mein Großvater ist, daß er mich zärtlich liebt. Ich muß abbrechen, um seine Liebe nicht zu beleidigen. Ich warte mit der größten Unruhe auf den morgenden Tag, und bin \&c. Gnädiges Fräulein, Die Vormundschaftsrechnungen, die mein Großvater, der das beneidenswürdige Glück erlangt hat, mit der größten Hochachtung, die man Ihren Verdiensten schuldig ist, und mit den zärtlichsten Empfindungen, die eine Wirkung Ihrer Schönheit sind, und von denen ich so lange Zeit her, ob ich es gleich niemals wagen dürfen, anders, als in stiller Ehrfurcht zu bewundern, und schon dieses für eine Verwägenheit gehalten, wenn meine Augen einen Theil derjenigen Unruhe verrathen, die ich empfinde, und welche mich, Gnädiges Fräulein, hindert, Ihnen innliegende Vormundschaftsrechnungen, nebst dem Briefe von meinem Großvater, selbst zu überbringen. Ich kann also weiter nichts thun, als Sie Gnädiges Fräulein, mit der größten Hochachtung versichern, daß ich zeitlebens seyn werde \&c. Vetter, Habt Ihr denn Euern Brief an das Fräulein wieder durchgelesen, ehe Ihr ihn zugesiegelt? Gewiß, Vetter, so verwirrt schreibt man nur im hitzigen Fieber. Bald fange ich an, Euch im Ernste zu bedauern. War das der gleichgültige Brief, den Ihr an das Fräulein schreiben wolltet? Ich glaube, eine förmliche Liebeserklärung hätte nicht wunderbarer seyn können; wenigstens ist dieses gewiß, daß wohl noch niemals eine Vormundschaftsrechnung mit einer so zärtlichen Verwirrung übergeben worden ist. Der Großvater hat sich schlecht vorgesehn, daß er Euch zum Postillion angenommen; und Ihr hättet entweder dieses Geschäffte gar verbitten, oder gegen den Großvater billiger seyn sollen. Zu Eurer Bestrafung möchte ich Euch beynahe nicht sagen, was Euer Brief für eine Wirkung gethan hat. Das Fräulein erbrach ihn in meiner Gegenwart. Es war schon spät, da er ankam; denn eine Vormundschaftsrechnung zu übersenden, und seine Meinung so deutlich vorzutragen, wie Ihr gethan habt, dazu gehört freylich Ueberlegung und Zeit. und es war immer noch viel, daß Ihr Abends um neun Uhr fertig werden können. So bald sie Eure Unterschrift sahe, stutzte sie. Ein Brief von Ihrem Vetter, Madame, sagte sie, und ward roth. Merkt wohl auf diesen Umstand, Vetter, Ihr könnt ihn so wohl zu Eurer Beruhigung, als zu Eurer Demüthigung auslegen, wie Ihr wollt. Sie las Euern Brief einmal, sie las ihn zweymal durch, sie schüttelte mit dem Kopfe. Vormundschaftsrechnungen? sagte sie, von dem Herrn Großvater? durch Ihren Vetter? Einen Brief, wie diesen? Davon verstehe ich nicht ein Wort, Madame, und gab mir den Brief in die Hände. Sie schien bestürzt; aber doch schien sie nicht unwillig zu seyn. Sie lächelte, als sie mir den Brief gab. Ein Frauenzimmer, das bey einem Briefe von einem jungen Herrn lächelt, ist so gar erbittert nicht! Merkt Euch dieß, Vetter. Mit Euerm Briefe war ich geschwind fertig. Ich gab auf ihre Augen acht, und wartete, was sie für Mienen bey dem Briefe von unserm Vater machen würde. Sie erblaßte. Der Brief zitterte in ihrer Hand, sie stund auf, trat ans Fenster, und steckte den Brief ein, ohne ein Wort zu sagen. Ich ließ ihr ein wenig Zeit, sich zu erholen. Wie stehts, Fräulein, sagte ich endlich, sind die Nachrichten von den Vormundschaftssachen so verdrüßlich? Wie kommen Sie mir vor? Alles, was sie mir antwortete, war dieses, daß sie zu mir kam, mir die Hand drückte, und Thränen in den Augen hatte. Morgen sollen Sie alles erfahren, Madame; ich bin ganz ausser mir; ich brauche Ihre Freundschaft itzt mehr, als jemals. Ich schreibe Ihnen morgen; heute kann ich nicht ein Wort sagen. Bleiben Sie meine Freundinn, verlassen Sie mich nicht. Sie war so bewegt, daß es mir selbst nahe gieng. Ich eilte von ihr, um sie in der Freyheit zu lassen. Nun erwarte ich einen Brief von ihr. Lebt wohl, Vetter, und seyd vorsichtiger, als gestern. N. S. Diesen Augenblick erhalte ich den Brief von dem Fräulein. Der gute Alte! Bey allen seinen Fehlern bleibt er doch ein rechtschaffner Vater. Vetter, seyd klug! Die Sache wird ernsthaft. Gnädige Frau Hofräthinn, Ich muß Ihnen ein Anliegen eröffnen, welches ich gegen Sie am sorgfältigsten verschweigen soll! wenigstens hat man mir ausdrücklich verboten, Ihnen etwas davon zu sagen. Es ist mir unmöglich, diesem Verbote nachzuleben. Die Sache ist für mich zu wichtig, sie allein zu überlegen; und ich befürchte, meine Freundschaft und mein Zutrauen gegen Sie zu beleidigen, wenn ich Ihnen aus einer Sache ein Geheimniß machen wollte, auf die meine Ruhe und mein ganzes Glück anzukommen scheint. Lesen Sie den eingeschloßnen Brief von Ihrem Herrn Vater. Werden Sie sich nunmehr wohl noch wundern, daß ich gestern Abends so unruhig, und ganz ausser mir war! Was soll ich auf diesen unerwarteten Antrag antworten? Meine Glücksumstände sind allerdings nur mittelmäßig. Man zeigt mir eine Gelegenheit, solche auf eine ansehnliche Art zu verbessern. Der Rang, zu welchem man mich erheben will, ist vielleicht nicht eine von den geringsten Bewegungsursachen; wenigstens ist er in dem Briefe die erste, auf die man mich weist. Soll ich alles dieses abschlagen, und mir doch nicht den Vorwurf eines unvernünftigen Eigensinns zuziehn, vor welchem man mich stillschweigend zu warnen scheint! Wird man in der Ehe dadurch glücklich, daß die Person, die man wählt, den Charakter eines rechtschaffnen Mannes vor den Augen der ganzen Welt behauptet; so kann man sich gewiß nicht glücklicher verheirathen, als mit Ihrem Herrn Vater. Was soll ich thun? Sollte mich nicht meine Jugend noch entschuldigen, an ein so ernsthaftes Bündniß zu denken, als die Ehe ist? Werde ich aber diese Entschuldigung brauchen können, ohne in den Verdacht zu kommen, daß mir die hohen Jahre Ihres Herrn Vaters den Antrag zuwider gemacht haben? Ein Verdacht, der mir um deswillen doppelt empfindlich seyn muß, weil er den Muthwillen junger Leute zu Spöttereyen reizen, bey Ihrem Herrn Vater aber die Achtung ganz vertilgen wird, die er gegen mich, ohne daß ich es verdiene, zu haben scheint. Kann ich hierbey wohl gleichgültig bleiben, da mir so viel daran gelegen ist, das Wohlwollen eines Mannes zu erhalten, der den Ruhm eines billigen, eines vernünftigen, eines einsehenden Mannes sich seit so langen Jahren eigen gemacht hat? Nehme ich aber den Antrag an, wie sehr stelle ich mich den bittern Beurtheilungen der Welt bloß! Wird man mir wohl das Recht wiederfahren lassen, daß ich ihm meine Hand gegeben, weil er ein billiger, ein einsehender, ein vernünftiger Mann ist, oder wird man nicht vielmehr glauben, daß der Eigennutz mich bewogen, einen Schritt zu thun, von dem mich nach dem Urtheile der richtenden Welt meine Jugend, und sein Alter hätten zurückhalten sollen? Wie unglücklich wäre ich, Gnädige Frau, wenn ich mir itzt bey dieser Unentschlüßigkeit nicht Ihren freundschaftlichen Rath versprechen könnte? Als Schwester liebe ich Sie itzt, Gnädige Frau. Nehme ich das Anerbieten Ihres Herrn Vaters an, was soll ich unsrer Liebe alsdann für einen Namen geben, ohne daß er bey meinen jungen Jahren lächerlich wird? Gewiß, daran darf ich nicht denken; ich schäme mich vor mich selber. Ich glaube itzt den Brief von Ihrem Vetter besser zu verstehn, als ich ihn gestern Abends verstand, da ich Ihnen solchen zu lesen gab. Vielleicht ist ihm schon etwas von der Sache bekannt, und eine dergleichen Handlung von einem Großvater kann einem Enkel allerdings nicht gleichgültig seyn, wenn er auch auf weiter nichts sieht, als auf den Verlust eines Theils der gehofften Erbschafft. Ich habe verschiedene Ursachen, Sie zu bitten, daß Sie gegen ihn weder von dem Antrage des Herrn Vaters, noch von meinem Briefe etwas gedenken. Wir wollen ihm eine Unruhe ersparen, welche vielleicht vergebens seyn würde. Beschleunigen Sie Ihre Antwort, Gnädige Frau. Ich werde nicht eine Minute ruhig seyn, bis ich solche habe. Rathen Sie mir, aufrichtig rathen Sie mir, und, wo möglich, so, wie ich wünsche. Ihr Rath soll den Ausspruch thun. Setzen Sie sich an meine Stelle. Was würden wohl Sie thun? Ich bin \&c. \&c. Was ich thun würde, mein gutes Fräulein? Das weis ich in der That selbst nicht. Sie sind ein allerliebstes Mädchen. Ich glaube nicht, daß ausser Ihnen noch ein Frauenzimmer in der Welt seyn kann, welches dem wunderbaren Einfalle meines redlichen Vaters einen so freundschaftlichen Anstrich geben würde. Aber gestehen Sie es nur, gestehen Sie es wenigstens aus Freundschaft zu mir, daß man auch mitten unter den Schwachheiten meines alten Vaters den vernünftigen, den rechtschaffnen Mann erblickt. Es würde seiner Einsicht wenig zur Ehre gereichen, wenn er gegen Ihre Person, und gegen Ihren tugendhaften Charakter weniger Hochachtung bezeigt hätte. Er ist von Ihren Verdiensten so überzeugt, daß er sich und seine Jahre vergißt, um Ihnen seine Hand anzubieten. Der rechtschaffne Alte! Was ihn vor den Augen der Welt lächerlich machen könnte, das macht ihn vor meinen Augen immer ehrwürdiger. Wäre mein Vater dreyßig Jahre jünger, so würde ich, aus Liebe zu ihm, und aus Freundschaft gegen Sie, mir alle Mühe geben, Sie zu bereden, daß Sie ihn in seinen Wünschen glücklich machten. Da dieses nicht ist, so kann ich in der That nichts dazu sagen, ohne Ihren zärtlichen Geschmack zu beleidigen, und auf der andern Seite meinen Vater an einer Hoffnung zu hindern, auf der sein ganzes Glück zu beruhen scheint. Sie haben Recht, Fräulein, völlig Recht, daß zu einer vergnügten Ehe noch etwas mehr gehört, als die Wahl einer vernünftigen Person. Allerdings muß eine nähere Gleichheit in Jahren dabey seyn. Die Urtheile der Welt lassen Sie sich an nichts hindern. Die Welt urtheilt allemal anders, als wir handeln; und Sie mögen sich entschliessen, wozu Sie wollen, so werden Sie allemal getadelt werden. Folgen Sie Ihrer Neigung, so werden Sie die glücklichste Wahl treffen. Fragen Sie Ihren Onkel, den Obersten. Er ist mit meinem Vater so vertraut, und im übrigen so vernünftig, daß er in dieser Sache am besten rathen kann. Meinem Vetter will ich nichts sagen; aber das bitten Sie ihm ja ab, daß Sie glauben, der Eigennutz werde ihn bey dieser Sache unruhig machen. Er hat seine Fehler, Fräulein, sehr grosse Fehler; aber eigennützig ist er nicht. Wenn ich ihn recht kenne, so glaube ich, er würde Ihnen von unserm und seinem Vermögen noch weit mehr wünschen, als Sie durch einen Ehecontrakt von seinem Großvater erlangen können. Verlassen Sie sich darauf, ich will ihm nichts von allem sagen. Wie gefällig sind Sie, liebes Fräulein, daß Sie dem guten Menschen so viel Unruhe ersparen wollen. Das verdient eine besondre Erkenntlichkeit. Aber ich will ihm nichts sagen, auf mein Wort. Der arme Vetter, wie unruhig würde er sonst seyn! Darf ich wissen, was Ihnen Ihr Onkel antwortet; so melden Sie mir es, so bald es seyn kann. Ich liebe Sie mit der vollkommensten Zärtlichkeit einer aufrichtigen Schwester; und ich glaube, daß ich Sie nicht zärtlicher lieben könnte, wenn Sie auch meine Mama wären. Denn vermuthlich war dieses das fürchterliche Wort, welches Sie in Ihrem Briefe meinten, und doch das Herz nicht hatten, es auszusprechen. Leben Sie wohl. Mein Vater hat sich entschlossen, seine Reise zu beschleunigen. Er will schon morgen ins Carlsbad gehen, um desto eher gesund und jung wieder zurück zu kommen. Können Sie es denn gar nicht übers Herz bringen, den guten Alten ein wenig zu lieben? Ueberlegen Sie es. Gnädiger Onkel, Es hat mir der Herr Kammerrath von – – einen Heirathsantrag gethan, durch den ich meine zeitlichen Glücksumstände ansehnlich verbessern, und zu einem Range zu der Welt gelangen könnte, um den mich vielleicht viele beneiden würden. Die Verdienste des Herrn von – – und sein redliches Herz machen sich mir durch diesen Vorschlag noch weit kenntlicher, als sie mir bisher gewesen sind. Wollte ich bey meiner Verheirathung auf weiter nichts sehen, als auf diese Umstände; so würde ich nicht einen Augenblick nöthig haben, mich zu besinnen. Allein meine Jugend ist eine der wichtigsten Ursachen, welche mich unschlüssig macht, die Hand eines Mannes anzunehmen, die ich vielleicht mit besserm Anstande in kindlichem Gehorsam, als bey einer genauern Verbindung aus Zärtlichkeit küssen würde. Ich werde die Urtheile der Welt wider mich erregen, und niemals im Stande seyn, die Vorwürfe zu beantworten, die man mir mit guter Wahrscheinlichkeit, und doch allemal unschuldig machen wird. Versagen Sie mir, Gnädiger Herr, bey diesen zweifelhaften Umständen, Ihren väterlichen Rath nicht. Sie sind bey Ihrem Alter und Ihrer Erfahrung besser, als ich, im Stande, die Wichtigkeit einer Entschlüssung einzusehn, von der mein ganzes Glück abhängt. Ich bin ruhig, da ich mich Ihrer Liebe und Vorsorge versichert halten kann. Ihre Einsicht wird mir das ersetzen, was mir bey meiner Jugend fehlt. Vergessen Sie nicht, daß ein Mädchen von sechzehn Jahren dem ehrwürdigen Alter des Herrn Kammerraths viel leichter Ehrfurcht, als Liebe versprechen kann, so weis ich gewiß, daß Ihr Ausspruch nach meinem Wunsche ausfallen wird. Ich übersende Ihnen seinen Brief, und bin mit der vollkommensten Hochachtung, u. s. w. Liebes Fräulein, Ich werde wohl nicht nöthig haben, dich um eine deutlichere Erklärung deiner Meinung zu bitten. Ich glaube, dich zu verstehn. Wenn ich auf weiter nichts sehn wollte, als dich angesehn, und reich in der Welt zu wünschen; so würde ich dir ernstlich anrathen, die Hand des Herrn Kammerraths anzunehmen. Aber ich will dich auch glücklich in der Welt wissen; und das möchtest du schwerlich bey ihm werden, da du bey deinen Jahren eher seine Enkelinn, als seine Frau, seyn könntest. Was muß der ehrliche Greis gedacht haben, da er dir einen solchen Brief geschrieben hat! Ich sehe sein ganzes Herz darinnen. Er ist ein rechtschaffner Mann; er ist in einen Fehler gefallen, der auch bey rechtschaffnen Leuten eine Uebereilung bleibt. Aber so seyd ihr Mädchen. Ihr verführt Jünglinge und Greise; und der Teufel ist euch nicht klug genug, so alt er ist. Im übrigen verlasse dich auf mich. Du sollst ihn wider deinen Willen nicht zum Manne kriegen. Ich habe diesen Nachmittag eine nothwendige Reise auf meine Güter zu thun. In acht Tagen komme ich zurück, und hernach will ich selbst an den alten Kammerrath schreiben, und ihm meine Meinung ganz treuherzig sagen. Er ist billig, ich vermag etwas über ihn, und ich hoffe, die Sache so einzurichten, daß er sich selbst begreifen wird, ohne auf dich einen Widerwillen zu werfen. Lebe wohl. Gnädige Tante, Sie halten es also wirklich für möglich, daß ich wegen meines Schicksals vier Tage in Ungewißheit und doch ruhig bleiben könne? Zweymal habe ich vergebens um die Erlaubniß angesucht, Ihnen aufzuwarten, und da ich mir endlich diese Erlaubniß selbst gegeben, so schienen Sie, Gnädige Tante, über meine Dreistigkeit auf eine ganz ungewöhnliche Art so misvergnügt, daß mich Ihre ernsthaften Vorwürfe noch unruhiger machten, als ich vorher war. Ich verlange ja nichts mehr zu wissen, als dieses, ob ich glücklich, oder unglücklich seyn soll. Ich glaube, diese Frage ist natürlicher Weise für mich so wichtig, das ich solche thun kann, ohne der Hochachtung zu nahe zu treten, die ich Ihnen schuldig bin, und ohne die Pflichten zu beleidigen, die mein Großvater von mir fodern kann. Wie sehr verbittern Sie mir eine Pflicht, die ich von meiner ersten Kindheit an mit Vergnügen beobachtet habe, und die mir itzt zum ersten male unerträglich wird, da man sie zu hoch treibt! Ich glaube, Gnädige Tante, mein Großvater und ich sind in diesem Falle als zwo fremde Personen anzusehn, wovon eine jede das Recht haben muß, ihre Absichten zu verfolgen, so gut es möglich ist. Und ich glaube, mit Ihrer gnädigen Erlaubniß, daß ich noch mehr Recht dazu habe, als er. Meine Absichten auf das Fräulein sind gewiß älter, als die seinigen; und hat er derselben seine Liebe eher und deutlicher entdeckt als ich: so hat er etwas gethan wovon ihn seine Jahre hätten abhalten sollen, und woran mich meine Blödigkeit, und eine unzeitige Bescheidenheit gehindert hat. Es mag bloß auf den Ausspruch der Fräulein ankommen, ich bin es ja zufrieden; nur das ist zu hart, daß man mich hindern will, der Fräulein meine Liebe eben so deutlich zu entdecken, als es mein alter Großvater gethan hat. Was will sie für einen Ausspruch thun können, wenn sie davon nichts weis? Mein Großvater hält seine Absichten vor mir am geheimsten; vielleicht mögen sie alle wissen, nur ich noch nicht. Dieses Mistrauen will ich mir zu Nutzen machen. Ich kann also dem Großvater sagen, daß ich das Fräulein liebe, weil es mir ganz unbekannt ist, daß er sie liebt; und dem Fräulein kann ich meine Hand anbieten, da ich nicht weis, daß es mein Vater gethan hat. Halten Sie etwan, Gnädige Tante, diesen Einfall für zu verwägen? Vielleicht. Aber es ist nun zu spät, mir solchen auszureden. Ich habe schon an den Großvater, an das Fräulein, und an den Obersten von – – deswegen geschrieben. Hier haben Sie eine Abschrift von den Briefen. Entschuldigen Sie, Gnädige Tante, eine Uebereilung, wenn es eine ist, die nunmehr nicht geändert werden kann. Vielleicht wäre ich vorsichtiger und gelaßner gewesen, wenn man sich gegen mich etwas weniger geheimnißvoll bezeigt hätte. Die Umstände, in die man mich gestürzt hat, verdienen Mitleiden. Entziehn Sie mir solches nicht, Gnädige Tante. Ich würde ganz ohne Trost seyn, wenn Sie mich nur einen Augenblick an Ihrem unveränderten Wohlwollen zweifeln liessen. Das können Sie nicht thun; Sie sind zu gütig dazu, ich weis es, und werden dafür niemals aufhören zu seyn u. s. w. Gnädiges Fräulein, Ich wage es, Ihnen eine Sache zu entdecken, die Ihnen nicht mehr so unbekannt seyn könnte, wenn Sie die Gütigkeit gehabt hätten, seit einigen Monaten auf meine zärtliche Achtung gegen Sie etwas aufmerksamer zu seyn. Ich liebe Sie, unendlich liebe ich Sie. Lassen Sie Ihren Verdiensten Gerechtigkeit wiederfahren, und glauben Sie, Gnädiges Fräulein, daß ich die Heftigkeit meiner Neigung gegen Sie noch mehr Ihrem tugendhaften Charakter als Ihrer Schönheit zu danken habe; so groß auch die Vorzüge sind, die Sie durch die letztere vor vielen Ihres Standes und Ihres Geschlechts erlangt haben. Dieses ernsthafte Bekenntniß würde manchem Fräulein übertrieben klingen; bey Ihnen aber darf ich diesen Vorwurf nicht befürchten. Sie sind von dem Werthe der Tugend, die Ihnen selbst so eigen ist, überzeugt; wie viel habe ich bey Ihnen gewonnen, wenn ich Sie überzeugen kann, daß auch ich diesen Werth kenne! Ich kann es alsdann sichrer wagen, Ihnen mein Herz und meine Hand anzubieten. Durch den Tod meiner Aeltern bin ich in den Stand gesetzt, frey zu wählen; und ich habe Niemanden, als meinen Großvater, welcher ein Recht hat, mir Regeln vorzuschreiben. Dieser ehrwürdige Greis liebt mich aufrichtig; und da ihm sein hohes Alter nicht zuläßt, an etwas anders, als an seinen Tod, und an das Glück seiner Kinder zu denken: so wird er sich unendlich erfreuen, wenn er erfährt daß ich auf dem Wege bin, ewig glücklich zu werden. Ich weis, wie hoch er Sie schätzt. Und wie ruhig wird dieser gute Alte seinem nahen Tode entgegen sehn, wenn er hoffen kann, daß ihm eine so liebenswürdige Tochter die Augen zudrücken soll. Gönnen Sie mir, Gnädiges Fräulein, ein Glück, welches ich durch Hochachtung, und beständige Zärtlichkeit künftig zu verdienen suchen will, wenn ich auch itzt dessen noch nicht würdig seyn sollte. Lassen Sie mich hoffen. Mehr verlange ich itzt nicht. Wie schwer wird es mir seyn, dieses Versprechen zu halten! Erinnern Sie mich daran, so oft ich es vergesse. Sie werden mich sehr oft erinnern müssen. Aber lassen Sie mich nicht zu lange hoffen, ohne mich ganz glücklich zu machen. Ich erwarte dieses Glück von Ihren Händen, die ich tausendmal küsse, und bin, u. s. w. Gnädiger Herr Oberst, Die Freundschaft, die Ew. Gnaden gegen meinen Großvater hegen, macht mir Hoffnung, daß ich nicht vergebens bitten werde, wenn ich mich Ihrem gnädigen Wohlwollen empfehle. Ich weis, wie sehr Sie sich alle freuen, wenn Sie sehn, daß es unsrer Familie wohl geht. Schmeichle ich Ihnen wohl zu viel, wenn ich Ihnen entdecke, daß itzt mein ganzes Glück in Ihren Händen steht? Ich liebe die Fräulein von L – –. Ich wünsche mir das Glück, mich auf ewig mit ihr zu verbinden. Ein Wunsch, der für mich fast zu verwägen seyn würde, wenn ihn nicht ihre Tugend und Schönheit rechtfertigten. Meine Glücksumstände sind Ew. Gnaden bekannt. Meine Jugend hindert mich nicht, an eine Heirath zu gedenken, da ich bey meinem Vermögen weiter nicht Ursache habe, ein Glück in der Welt zu suchen. Ich würde es nicht besser finden, und dennoch durch diesen Verzug in Gefahr kommen, das größte Glück zu verlieren, das ich mir jemals wünschen kann. Alle, die die Fräulein kennen, sind von ihren Verdiensten überzeugt. Dieses macht mich unruhig. Mein Großvater, dessen hohes Alter, und schwächliche Gesundheit mich alle Tage in die traurige Furcht setzt, ihn zu verlieren, wird weit ruhiger sterben, wenn er mit seinen abgelebten Händen vor seinem Ende diejenige noch als Tochter segnen kann, deren rühmliche Eigenschaften ihm, wie ich glaube, bekannt genug sind. Wie zufrieden muß der letzte seiner Tage seyn, wenn er sieht, daß mich der Himmel durch diese Verbindung weit glücklicher gemacht hat, als er mir jemals bey aller seiner Zärtlichkeit wünschen können! Ich habe dem Fräulein meine Neigung entdeckt; sie wird ohne Ihren Ausspruch sich zu nichts entschliessen. Unterstützen Sie meine Bitten, Gnädiger Herr. Ich werde mit unermüdeter Sorgfalt alle Gelegenheit suchen, Ihnen zu zeigen, daß ich mit unterthäniger Hochachtung sey \&c. Gnädiger Großpapa, Sie hatten allerdings Ursache, mir bey Ihrer Abreise meine Zerstreuung und Unruhe vorzuhalten. Ausser der Besorgniß für Ihre Gesundheit, welche mir bey einer so beschwerlichen Reise, und bey Ihren hohen Jahren in Gefahr zu kommen schien, hatte ich allerdings noch ein Anliegen, welches meinen innerlichen Kummer verrieth. Es geschah damals nicht aus Mangel eines kindlichen Vertrauens, daß ich diesen Kummer vor Ihnen verbarg. Ich bin von Ihrer väterlichen Liebe überzeugt genug, und die Art, mit welcher Sie Ihre Kinder lieben, ist mehr die Zärtlichkeit eines vertrauten Freundes, als die Ernsthaftigkeit eines bejahrten Vaters. Mein Anliegen war zu wichtig, als daß ich hätte gelassen seyn können; und bey Ihrer Abreise war ich noch ungewisser, als itzt, ob ich in meinen Absichten glücklich seyn würde. Erinnern Sie sich, Gnädiger Großpapa, wie oft Sie gewünscht, mich noch vor Ihrem Ende verheirathet zu sehn. Sie haben mir mehr als einmal vorgestellt, wie nöthig es sey, meine Güter selbst zu verwalten, und meine Jahre auf dem Lande in Ruhe zu zu bringen, ohne mich um das zweydeutige Glück des Hofs zu bemühen, oder im Kriege mein Heil zu versuchen. Sie haben den Einwurf niemals gelten lassen, daß ich noch zu jung sey, ruhig zu leben. Sie waren so gütig, mich zu versichern, daß Sie bey Ihrem Alter Sich kein größres Vergnügen vorstellen könnten, als die Familie desjenigen noch zu sehen, der der einzige Erbe Ihres Namens sey. Ich halte es für einen Theil meiner Pflicht, alles zu thun, was Ihnen ein Vergnügen machen kann. Diese Vorstellung hat bey mir alle die Zweifel überwunden, welche mir sonst so wichtig schienen. Ihr Alter, Gnädiger Großpapa, die tägliche Abnahme Ihrer Kräfte, die schreckliche Besorgniß, Sie unvermuthet zu verlieren, da Sie der Himmel uns nunmehr zwey und siebenzig Jahre erhalten hat; alles dieses ist Ursache, daß ich mir vorgenommen habe, Ihren Wunsch und mein Glück zu beschleunigen. Ich würde trostlos seyn, wenn ich mir vorwerfen könnte, eins von beyden gehindert zu haben. Nein, Gnädiger Großpapa, da ich das Zeugniß eines gehorsamen Sohnes von Ihnen so oft erhalten habe; so mag ich auch itzt nicht Gelegenheit geben, diesen Titel zu verlieren, auf den ich stolzer bin, als auf mein ganzes Vermögen, und auf meinen Adel. Ich will mich verheirathen. Ich habe mir eine Person ausgesehn, die Ihrer väterlichen Liebe würdig ist. Ihr Stand, und ihre Schönheit sind das vornehmste nicht, was mich zu diesem Entschlusse bewogen hat. Ihre Tugend ist es, ihr unvergleichlicher Charakter. O wäre ich itzt bey Ihnen, Gnädiger Großpapa, um Ihnen die Hände zu küssen; um Ihnen alles zu sagen, was ich fühle, da ich dieses schreibe; um ein Zeuge von den väterlichen Thränen zu seyn, die Sie, ich weis es gewiß, die Sie über das Glück Ihres Enkels vor Freuden fallen lassen; Ihres Enkels, der Ihre ganze Liebe hat, und an dem Sie den Segen Ihres Gebets noch bey Ihrem Leben erfüllt sehn! Ich schreibe in einer wahren Entzückung, aus Liebe zu Ihnen, meinem besten Vater, dem liebreichsten Greise in der Welt, und aus Liebe zu meinem Fräulein, meinem englischen Fräulein! Kann man sich wohl anders ausdrücken, wenn man von der Fräulein von L – – redet? Ihre Person ist Ihnen nicht unbekannt; aber sollten Sie ihre Gemüthsart, ihre vortreffliche Gemüthsart so kennen, wie ich sie seit etlichen Monaten kennen zu lernen Gelegenheit gehabt: Sie würden mit gefaltenen Händen mir vom Himmel ein Glück erbeten helfen, dessen ich in der That kaum würdig bin; und das, wenn mir es der Himmel giebt, mir nur Ihrentwegen, nur als eine Belohnung Ihres redlichen Herzens, und zur Erhörung Ihres Segens, Gnädiger Großpapa, gegeben wird. Sie sehn mein ganzes Herz; aber wem wollte ich es auch lieber entdecken, als Ihnen? Ich habe an die Fräulein geschrieben, auch an ihren Onkel. Noch zur Zeit habe ich von beyden keine Antwort. Ich finde Ursachen zu hoffen, daß die Fräulein nicht abgeneigt ist. Ein Umgang von etlichen Monaten hat mich sie kennen lehren, und ich weis, daß mein Brief nicht gleichgültig aufgenommen ist. Sie wird es aber doch auf den Ausspruch ihres Onkels ankommen lassen. Nur eins befürchte ich noch. Ihr Onkel glaubt, sie sey zum Heirathen noch viel zu jung. Ich glaube es nicht, Gnädiger Großpapa, und ich hoffe, Sie werden meiner Meinung seyn. Da ich nur zwanzig Jahre alt bin, so ist ein Fräulein von sechzehn Jahren für mich wohl nicht zu jung. Wäre ich älter, so würde ich mich allerdings schämen, ihrem Onkel zu wiedersprechen. Ich bitte Sie, Gnädiger Großpapa, an den Herrn Obersten zu schreiben. Ihr Vorspruch giebt der Sache auf einmal den Ausschlag. Eilen Sie, das Glück Ihres Sohnes zu beschleunigen; ein Glück, von dem mein Leben, und meine ganze Wohlfahrt abhängt. Der Himmel lasse dafür Ihre Jahre gesegnet, und Ihr Alter seyn, wie Ihre Jugend. Dieß ist der Wunsch Ihres Enkels, welcher Ihnen mit kindlicher Hochachtung die Hände küßt. Vetter, Nun kommt Ihr mir abscheulich vor. Es ist mein Ernst, glaubt es mir, mein ganzer Ernst. Wenn die Liebe einen jungen Menschen zum Narren macht; so lache ich über ihn, oder bedaure ihn auch, nachdem er es verdienet. Aber wer aus Liebe boshaft, und zum Heuchler wird, der verdient meinen Abscheu. Sonder Zweifel seyd Ihr mit Eurer Weisheit sehr zufrieden, daß Ihr auf die glückliche Erfindung gefallen seyd, die Fräulein, die ohnedem unruhig genug ist, noch mehr zu beunruhigen, und euren alten redlichen Vater zu einer Zeit zum Zorne wider Euch zu reizen, wo seine Cur eine vollkommene Gemüthsruhe verlangt, wenn sie nicht zu seinem Tode ausschlagen soll, und wo der arme Vater doppelt unglücklich seyn muß, da er keinen vertrauten Freund um sich hat, der ihn trösten kann, und da auch sein ungerathner Sohn, von ihm entfernt ist, dessen Reue, denn ganz verstockt seyd Ihr wohl noch nicht, dessen Reue über ein so thörichtes Beginnen ihn wieder beruhigen könnte. Wie wenig versteht Ihr Euer eignes Glück! Ich vermied die Gelegenheit, Euch zu sprechen, zu der Zeit, da ich wirklich für Euch arbeitete, da es aber noch zu früh war, Euch etwas davon zu entdecken. So klug Ihr Euch zu seyn einbildet, so wenig seyd Ihr es, Vetter, so bald Eure Leidenschaften in Bewegung kommen. Die Fräulein, und ich, hatten den Onkel unvermerkt auf unsre Seite gebracht. Gleich nach seiner Rückkunft wollte er an unsern Vater schreiben, und ihm von seiner Liebe abrathen. Sein Rath ist vernünftig und freundschaftlich; unser alter Vater, Ihr wißt es wohl, ist ein rechtschaffner Mann, und von Einsicht. Er würde seine Uebereilung erkannt haben; er würde den Obersten, und die Fräulein gebeten haben, sie zu vergessen, und Niemand etwas davon zu entdecken; ich und Ihr hätten davon nichts gewußt; nach einiger Zeit hätte es Euch frey gestanden, um die Fräulein anzusuchen; Euer Vater würde selbst dazu geholfen haben, und die Fräulein hätte, ohne den Wohlstand zu beleidigen, Euch eine Hand anbieten können, die frey war. Kurz, alles wäre nach Wunsche gegangen. Ich sage Euch dieses, Euern Stolz zu demüthigen. Alle meine freundschaftlichen Absichten habt Ihr durch Eure unbedachte Hitze verderbt. Die Fräulein muß Euch meiden, da Ihr Euch so öffentlich zum Nebenbuhler Eures Großvaters aufwerft. Vom Onkel könnt Ihr wohl nicht verlangen, daß er Euch mehr lieben soll, als seinen alten Freund, unsern Vater; und dieser zärtlich liebende Vater muß Euch hassen, da er noch nicht Zeit gehabt hat, sich von seiner Schwachheit zu erholen, und da er Euch als die einzige Hindrung seiner Absichten ansieht, durch welche er glücklich zu werden glaubte. Kann Euch der Haß eines Vaters, welcher Euch mehr, als sich selbst, liebte, gleichgültig seyn? Habt Ihr noch einige Empfindung der kindlichen Liebe, fällt es Euch noch zuweilen ein, wie zärtlich dieser beleidigte Vater gegen Euch war, seyd Ihr noch ein Mensch; so müßt Ihr erschrecken, wenn Ihr bedenkt, daß Ihr mit eigner Hand, die der unglückliche Vater Euch beym Abschiede so liebreich drückte, ihm das Herz durchbohrt. Denn das ist die gewisse Folge, die Euer übereilter Brief haben wird. Er ist mehr, als übereilt, er ist boshaft, und tückisch. Ihr bemächtiget Euch im Anfange des Briefes seines Herzens, da Ihr ihn an seine Liebe, an Eure Jugend, an sein Verlangen, Euch verheirathet zu sehn, an Euern ehemaligen Gehorsam erinnert. Ihr malet ihm die Person, die Ihr Euch ausgesehn habt, so vortrefflich und tugendhaft, als er sie Euch wünschen kann, und alsdann erst, da Ihr seine ganze Zärtlichkeit in Bewegung gebracht habt, da der gute Greis gewiß schon vor Freuden über das bevorstehende Glück seines liebsten Kindes geweint hat, alsdann erst nennt Ihr sein Fräulein von L – –. Kann ein beleidigter Feind grausamer seyn, als sein Sohn gegen ihn ist? Was war Eure Absicht, ihn auf einer jeden Zeile an sein Alter zu erinnern? Zitterte Euch die Hand nicht, da Ihr die Jahre des Fräuleins mit Euren Jahren verglicht, und glaubtet, daß Euer Verlangen ungereimt seyn würde? wenn Ihr älter wäret? Seyd Ihr allein so scharfsichtig, daß Ihr Euch einbildet, andre würden diese Vergleichung nicht verstehn? Und waret Ihr wohl unverschämt genug, zu wünschen, daß andre und Euer Vater diese Bitterkeit verstehn möchten? Vetter! Seyd Ihr bey dem Vorwurfe der Ehre und der Menschenliebe taub; so seyd Ihr es gewiß auch, wenn ich Euch an die Pflichten der Religion erinnern wollte. Es fehlt nur ein einziger Schritt noch zu Euerm völligen Verderben. Ich erschrecke, so oft ich den Schluß Eures Briefs lese. War Euch die Schrift nicht heilig genug? Eure Bosheit vollkommen zu machen, mußte selbst das Gebet zu einem bittern Vorwurfe dienen. Ach, thörichter Vetter! Euer Alter sey nicht wie Eure Jugend! Wie sehr wünsche ich Euch das! Wie sehr wünsche ich, daß Ihr niemals Ursache haben möget, mit Schrecken an den Misbrauch dieses Wunsches zu denken! Fast schäme ich mich Eurer. Verlangt nicht, mit mir zu sprechen, bis wir Briefe von unserm Vater bekommen haben, und bis ich sehe, ob ihm Eure Thorheit das Herz bricht. Das hätte ich von Euch nicht geglaubt. Der redliche Vater! Ich bin itzt zu ernsthaft, Euch zu sagen, was ich von Euerm Briefe an das Fräulein halte. Er ist ein Mischmasch von Pedanterie und Tändeley. Das Fräulein müßte wenig Geschmack und Einsicht haben, wenn er ihr erträglich seyn sollte. Ich schäme mich, das Fräulein zu sprechen. Wie sehr liebte ich Euch, Vetter, ehe ich Euch kannte, ehe ich noch wußte, zu welchem Grade der Bosheit Ihr fähig wäret! Ich mag Euch nicht sehn, durchaus nicht, bis ich Briefe vom Vater habe. Vielleicht lebt er itzt nicht mehr, da ich dieses schreibe. Ich weine! Seyd Ihr wohl verstockt gnug, gleichgültig zu bleiben, da Eure Thorheit mich zu Thränen zwingt? Nehmt diesen Brief auf, wie Ihr wollt. Ich fühle es, daß ich Euch doch noch liebe. Liebte ich Euch weniger, so würde ich gelaßner schreiben. Ich war die Euch zärtlich liebende Schwester. Gnädige Tante, Sollen denn auch Ihre Bedienten Zeugen von meiner Schande seyn? Viermal bin ich gestern bey Ihnen gewesen. Sie haben verboten Niemanden vor Euch zu lassen. Ich lese es in den Augen aller, die im Hause sind, daß sie von meiner Uebereilung wissen. Gnädige Tante, bringen Sie mich nicht zur Verzweiflung. Ich habe einen Fehler begangen; ich schäme mich dessen; ich sehe es ein, wie unrecht ich an meinem Vater gehandelt habe; ich glaubte es nicht. Ich hielt es für ein unschuldiges Mittel, mein Glück zu befördern. Ich liebe meinen Vater unendlich, noch diesen Augenblick liebe ich ihn so sehr, als jemals. Es war keine Bosheit, nein, Gnädige Tante; Unvorsichtigkeit, eine Thorheit war es, die von der Liebe und Jugend herkam. Verdient denn diese Thorheit, daß Sie mir Ihre Liebe entziehn wollen? daß Sie mich in einer Unruhe lassen, die alle Angst eines Missethäters übertrifft? Haben Sie denn noch keinen Brief von meinem Vater, von meinem beleidigten Vater? Ja! beleidigt habe ich ihn, aber aus Thorheit, nicht aus tückischer Bosheit. Erlauben Sie mir zu Ihnen zu kommen. Ich bin ausser mir! Vetter, Wie sehr freue ich mich über Eure Unruhe! Noch seyd Ihr nicht ganz verloren. Ihr würdet weniger fühlen, wenn Ihr verstockt wäret. Gebe doch der Himmel, daß Eure Reue nicht zu spät sey! Der Augenblick wird es entscheiden, da ich Briefe von unserm Vater bekomme. Bis ich diese habe, kann ich Euch unmöglich sprechen. Gebt Euch keine vergebne Mühe. Weder Euch, noch sonst einen Menschen lasse ich vor mich. Meine Bedienten wissen die Ursache nicht. Traut mir die Ueberlegung zu, daß ich ihnen eine Sache nicht sagen werde, die ich vor meiner vertrautesten Freundinn geheim halten muß. Auf den Abend erwarte ich Briefe mit der Post. Ihr sollt den Augenblick Nachricht davon haben. Gott lasse sie vergnügt lauten! Wie sehr werde ich mich erfreuen, wenn meine Sorge vergebens gewesen ist, und wenn ich keine Ursache behalte, mich zu schämen, daß ich Euch so aufrichtig geliebt habe. Gnädige Tante, In diesem Augenblicke kömmt die Post. Lassen Sie nach Briefen fragen, und reissen Sie mich aus einer Beängstigung, die mir unerträglich wird. Ich zittre, wenn ich daran gedenke, daß unser guter Vater krank oder wohl gar – –. Nein, das glaube ich nicht; das wird der Himmel nicht thun. Es war ja nur eine jugendliche Thorheit. Sollte die so hart bestraft werden, als die größte Bosheit? Wie sehr muß ich für meine Thorheit leiden, und wie groß muß die Angst eines Menschen seyn, der aus Vorsatz boshaft gewesen ist? Der Augenblick, in dem ich die Briefe von Ihnen bekomme, muß mein künftiges Schicksal entscheiden. Lebt er, ist er noch gesund; wie froh will ich dem Himmel danken! Ich will mich aller Strenge geduldig unterwerfen, die mein Vater über mich beschlossen hat. Nimmermehr will ich ihn wieder beleidigen, den rechtschaffnen Vater! Sollte er gar todt seyn; o, Gnädige Tante, diese Gedanken kann ich nicht ertragen! An dem Tode des zärtlichsten Vaters Ursache seyn, Ihre Liebe verlieren, und dem Fräulein verächtlich werden, das entschuldiget die größte Verzweiflung. Mein Entschluß wird schrecklich seyn; aber es ist mir auch alsdann unerträglich, länger zu leben. Ich erwarte die Briefe mit Zittern. Vetter, Der Vater lebt noch. Er ist gesund. Hier ist sein Brief. Er ist geschrieben, daß Ihr ihn lesen sollt. Es wird Zeit dazu gehören, seine Liebe wieder zu gewinnen, die Ihr ganz verloren habt. Ich glaube, er würde noch heftiger seyn, wenn er vermuthen könnte, daß Ihr und ich etwas von seinen Absichten auf die Fräulein wüßten. Noch zur Zeit hält er Euch für unartig und dumm. Wüßte er so viel, als ich, so würde er Ursache haben, Euch für boshaft zu halten. Macht Euch den Fehler zu Nutze, den Ihr begangen habt. Seyd künftig klüger. Bemüht Euch, das Herz Eures Vaters wieder zu gewinnen. Es kostet Euch ein grosses Opfer; aber ich kann Euch nicht helfen. Das Fräulein ist unpaß, ich werde sie morgen besuchen. Lebt wohl, und glaubt, daß ich Euch liebe. Frau Tochter, Meine Reise ist, Gott Lob! glücklich gewesen. Ich bin am fünften dieses hier angekommen, und habe so gleich meine Badekur angetreten, wobey ich mich wohl befinde. Im rechten Fusse habe ich seit einigen Tagen ziemliches Reissen. Es könnte wohl gar das Podagra werden. Je nun, nun! vielleicht lebe ich hernach noch zwanzig Jahre länger, und bin desto muntrer, wenn es vorbey ist. Aber aufs Hauptwerk zu kommen. Was für ein Narr ist unserm Jungen, meinem Enkel, in den Kopf gestiegen! Lies einmal seinen Brief, Frau Tochter, den ich gestern von ihm bekommen habe. Des Himmels Einfall hätte ich mir eher versehn, als so einen albernen Streich von dem Buben. Kaum habe ich den Rücken gewandt, so wird das Närrchen verliebt, und weißt du wohl, in wen? In die Fräulein von L – –. Ich sehe wohl, ich muß dem Jungen wieder einen Informator halten, daß er in die Schule geht, sonst wird er zu muthwillig. Bedenke nur einmal, Frau Tochter, der Limmel ist kaum neunzehn Jahr alt, und will schon eine Frau haben, und was das lächerlichste ist, bloß aus Hochachtung für mich will er eine Frau haben, damit ich das geschwinde Vergnügen haben soll, in meinem zwey und siebenzigsten Jahre zu erfahren, wie meine Urenkel aussehn. Ich glaube, Frau Tochter, der Bube ist betrunken gewesen, da er an mich geschrieben hat. Wenn habe ich ihm denn gute Worte gegeben, daß er sich verheirathen soll? Meine selige Frau hat wohl ein paarmal davon gesprochen, ich habe wohl auch ein Wort davon laufen lassen, es kann seyn; aber die Fräulein von L – – ist keine Sache für ihn, schlechterdings keine Sache. Das Mädchen ist gut genug, es ist wahr, sie ist gut erzogen, ein frommes christliches Mädchen, und sieht reinlich aus; aber sie ist für ihn viel zu jung. Was soll sie mit so einem Laffen anfangen, der selber noch eine Kinderfrau braucht? Und wenn die Fräulein ja heirathen will, so wird ihr der Oberste schon einen feinen, vernünftigen Mann aussuchen, der in seinen besten Jahren ist, und die gute junge Fräulein vollends heran ziehen kann. Ihr Vermögen ist auch, unter uns gesprochen, nicht das stärkste, und Fritze muß eine Frau mit Gelde haben, da er nichts gelernt, und kein Amt hat, folglich nichts verdienen kann; denn für einen Müßiggänger ist er noch lange nicht reich genug. Aber so machen es heut zu Tage unsre junge Herrchen. Wenn sie ein paar Dörfer voll Bauern, und sieben Haare im Kinne haben, so denken sie, sie sind reich und alt genug, Papa zu werden. Hernach setzt sich der Taugenichts auf sein Gut, und wird der vornehmste Bauer im Dorfe. Zu meiner Zeit, o! da wars ganz anders! Ich war ein mäßiger Bursche von dreizehn Jahren, als mich mein Vater seliger, der Oberstwachtmeister, mit nach Wien nahm. Da half ich Wien entsetzen, und schlug den Türken. Das gieng warm zu, Frau Tochter. Die Strapazzen, und was ich zu folgenden Jahren ausgestanden habe, hätte Fritze nimmermehr ausgestanden. Ich war schon vier und zwanzig Jahre alt, als mir mein Vater eine Frau gab. Ich will Fritzen schon auch eine geben, wenn es wird Zeit seyn; aber die Fräulein von L – – nicht. Sage es dem Limmel! Ich weis nicht, Frau Tochter, seit welcher Zeit hat denn der Bengel lernen die Nativität stellen? Woher weis er denn, daß ich bey meinen hohen Jahren nicht lange mehr leben kann? Zwey und siebenzig Jahre, und die noch nicht einmal völlig, sind bey meinem gesunden und starken Körper ja kein so schrecklich hohes Alter; und meiner seligen Großmutter Bruder hat in seinem drey und siebenzigsten Jahre noch taufen lassen. Die Zeit mag Fritzen schrecklich lang werden, daß der Großvater so ein zähes Leben hat. Mit einem Worte, Fritz ist ein Narr, sag es ihm; und damit er klug werde, so habe ich mich entschlossen, daß er drey Jahr auf Reisen gehen soll. Er kann seine Sachen darnach einrichten. Sobald ich zurück komme, soll er fort. Er soll über Wien, wo ich meine erste Campagne gethan habe, nach Italien, und sodann weiter, und damit der Junge unterwegens keinen Schaden nimmt, so will ich ihm meinen alten Kammerdiener mitgeben. Kömmt er nach drey Jahren wieder heim, und ich habe ihn ein feines austrägliches Amt gebracht; so mag er sich eine Frau nehmen, ich bins zufrieden, aber die Fräulein von L – – nicht. Er kann eine hübsche reiche Wittwe freyen. Es wird ihm auch gut thun, wenn er einen Thaler Geld mit kriegt. Die Zeiten sind schwer! Nun, wie gesagt, Frau Tochter, er kann sich reisefertig halten. So bald ich komme, muß er fort. Laß ihn den Brief lesen. Es wird so gut seyn, als wenn ich ihm selber geantwortet hätte. Lebe wohl, und antworte mir bald. N. S. Ich habe ein paar Tage vor meiner Abreise der Fräulein von L – – gewisse Rechnungen zugeschickt. Ob sie solche wohl muß bekommen haben? Erinnere sie daran. Vielleicht antwortet sie ein paar Zeilchen. Sie darf den Brief nur unfrankirt gleich auf die Post geben. Ich möchte nur wissen, wie Fritze auf die Fräulein gefallen wäre. Der Laffe! Gnädige Frau Hofräthinn, Ich befinde mich etwas leidlicher, und bitte mir nunmehr die Ehre Ihres Zuspruchs aus. Mein Onkel hat an den Herrn Kammerrath geschrieben; hier ist eine Abschrift von seinem Briefe. Ich bin sehr wohl zufrieden, daß die Sache allem Ansehn nach besser ausschlägt, als ich anfangs hoffen können. Diese Unruhe wäre also gröstentheils überstanden; aber ich befinde mich in einer neuen. Ich verlange sehr mit Ihnen zu sprechen. Wie glücklich ist man, wenn man eine so vertraute Freundinn hat, als Sie sind, Gnädige Frau. Ich misbrauche Ihre Liebe; aber ich weis mir nicht zu helfen. Kommen Sie bald. Ich bin, u. s. w. Hochwohlgebohrner Herr Kammerrath, Hochgeehrter Herr Bruder, Wenn sich der Herr Bruder noch wohl befindet, so wird es mir lieb zu vernehmen seyn. Ich befinde mich, dem Himmel sey dank, für meine Jahre ganz wohl. Im übrigen hat die Fräulein von L – –, meine liebe Base, mich avertirt, daß mein hochzuehrender Herr Bruder eine christliche Absicht auf das Mädchen habe. Dessen freue ich mich nun gar sehr, und danke dem Herrn Bruder herzlich für das freundschaftliche Zutrauen zu meiner Familie, und namentlich zu dem guten Kinde. Sie ist fromm und wohl erzogen, und eine gute Wirthinn, die ihren Mann einmal in Ehren halten wird. Allermeist aber kann ich dem Herrn Bruder nicht verhalten, daß das Mädchen fast zu jung ist, in den heiligen Ehestand zu treten. Sie wird kaum noch sechzehn Jahre seyn, und das, deucht mich, ist fast zu jung, eine Wöchnerinn zu werden. Man macht die guten Dinger vor der Zeit alt, und sie kommen in das Ehestandskreuz, ehe sie recht anfangen zu leben. Wie ich denn dem Hochgeehrten Herrn Bruder nicht bergen mag, daß die Fräulein sehr schwer daran geht. Sie ist von so gutem jugement, daß sie des Herrn Bruders Verdienste vollkommen einsieht. Sie gratulirt sich gar höchlich, wie es denn auch billig ist, der Ehre, die ihr angetragen wird, und sie hat mich versichert; daß sie sich nichts mehr wünsche, als mit der Zeit einen Mann zu haben, der so rechtschaffen und edel gesinnet sey, als der Herr Bruder. Nichts minder sieht sie wohl ein, wie groß das Glück in Ansehung der zeitlichen Umstände sey, das ihr angetragen wird. Unbeschadet diesem allen ist sie von dem Gedanken nicht abzubringen, daß sie noch zu jung sey. Wenn aber ich es sehr ungern sehe, daß sie sich in den Kopf gesetzt hat, vor ihrem zwanzigsten Jahre nicht zu heirathen, so wäre dieses ungefähr mein unvorgreiflicher Rath, man liesse das Mädchen vollends heran wachsen. Ist sie zwanzig Jahre, und der Herr Bruder bleibt auf seiner Meinung, eh bien, vielleicht giebt sichs hernach eher. Der Herr Bruder ist bey seinen Jahren noch munter und vigoureux, und wird dieser gebetenen dilation gar wohl deferiren können. Es laufen hier keine fatalia, wie foro. Selbst beliebigem Gutachten überlasse dieses alles, was ich hier wohlmeinend schreibe. Posito aber, der Herr Bruder fände Bedenken, seinem Suchen zu inhærir en, und glaubte, daß bey mehr zunehmenden Jahren es bequemer, und seinem Alter anständiger wäre, unverheirathet zu bleiben, und den Rest seiner Tage in Ruhe zuzubringen, und das Wohl seiner lieben Kinder, die den Herrn Bruder mit vieler Aufrichtigkeit verehren, fernerweit als ein zärtlicher Vater zu besorgen, die auch denselben pflegen und warten, als es für einen guten ehrlichen Vater gehört, und rechtschaffnen Kindern allenthalben eignet und gebühret: posito also, sage ich, es vergienge dem Herrn Bruder die Lust, sich wieder zu vermählen: so wird es mir lieb seyn, wenn Er für mich und die Meinigen die gute Meinung behält, und der Fräulein hold und gewogen bleibt, wie es denn dieselbe verdient, und es weiter zu verdienen suchen wird. Der ich den Herrn Bruder göttlicher Obhut empfehle, und nach abgelegtem guten Wunsche zu einer ersprießlichen Badekur, und glücklichen Wiederkunft, mit alter deutscher Treue unabläßlichen beharre, Hochwohlgebohrner Herr Kammerrath, Meines Hochgeehrten Herrn Bruders, dienstwilliger Freund und Diener. N.           Frau Tochter, Sende dem Herrn Obersten von – – innliegenden Brief unverzüglich zu. Es liegt mir daran. In acht Tagen hoffe ich, so Gott will, zurück zu kommen. Ich bin seit etlichen Tagen nicht gar zu wohl gewesen. Das Reissen in Gliedern wird immer heftiger. Die hiesigen Aerzte sind alle der Meinung, es sey eine fliegende Gicht. Ich hätte es doch nicht gedacht. Die beständige Mattigkeit ist das, was mir am meisten beschwerlich fällt. Der Appetit ist schlecht, und der Schlaf unruhig. Mit einem Worte, ich fühle meine Jahre. Das Alter ist selbst eine Krankheit, sagten unsre Väter. Wie Gott will! Ich bin alle Stunden bereit. Der Himmel bringe mich nur wieder gesund zu Euch, damit ich meine Kinder vor meinem Ende noch segnen kann. Sage es Fritzen, er soll nicht auf Reisen gehen, ich habe mich anders entschlossen. Wenn es geht, wie ich wünsche, so habe ich einen Weg vor mir, ihn glücklich zu machen. Mündlich ein mehrers. Grüsse Fritzen. Der Junge wäre gut genug, wenn er nur klüger wäre. Vielleicht giebt es sich mit den Jahren. Wie nachsehend sind doch die Aeltern gegen die Fehler ihrer Kinder. Wenn die Fräulein noch nicht an mich geschrieben hat, so kann es Anstand haben, bis ich zurück komme. Ich werde sie wohl bey ihrem Onkel sprechen. Ich bin Liebe Frau Tochter, Dein redlicher Vater. N. S. Fritze soll sich zwey reiche Kleider machen lassen, und neue Livrey für die Bedienten. Wenn ich komme, daß alles fertig ist. Lebe wohl. Hochgebohrner Herr Oberster, Hochgeehrtester Herr Bruder, Die Schwierigkeiten, welche das Fräulein von L – – gefunden hat, mich ihrer Gegenliebe zu würdigen, vermindern die Hochachtung im geringsten nicht, die ich gegen sie hege. Sie sind ihrem Alter und ihrer Einsicht so anständig, daß ich sie doppelt verehren muß. Hätte sie meinen Wunsch erfüllt, so wäre ich gewiß der glücklichste Mann geworden; ihr Glück aber würde immer noch unvollkommen gewesen seyn, da mich meine Jahre zu ernsthaft machen, ihre Liebe zu vergelten. So ungerecht bin ich nicht, daß ich mein Glück dem ihrigen vorziehen sollte. Der Herr Bruder sind ein neuer Beweis, wie unschätzbar ein vernünftiger Freund sey. Ich sehe meine Uebereilung ein, die ich begangen habe. Sie erinnern mich auf eine sehr bescheidne Art meines Alters, und der Pflicht, die ein Greis bey seinem herannahenden Ende zu beobachten hat. Ich will Ihr Vertrauen zu verdienen suchen, und mich seiner Leidenschaft entschlagen, die mir bey meinen Jahren nicht mehr anständig ist. Ich verwandle die Liebe, die ich gegen das tugendhafte Fräulein hegte, in eine väterliche Zärtlichkeit. Diesen einzigen Fehler halten Sie mir zu gute, daß ich zu eifersüchtig bin, den Besitz dieses liebenswürdigen Kindes jemanden anders als meinem Enkel zu gönnen. Ich weis, daß er sie anbetet. Er verdiente nicht mein Sohn zu seyn, wenn er anders dächte. Es ist mir unbekannt, ob das Fräulein gütig genug ist, seine jugendlichen Fehler zu übersehn, und ob sie sich entschliessen kann, einen Menschen zu lieben, der weiter keine Verdienste hat, ihrer würdig zu seyn, als diese, daß er den Werth ihrer Tugenden und ihrer vorzüglichen Eigenschaften empfindet. Nehmen Sie Gelegenheit, Hochgeehrtester Herr Bruder, die Neigungen des Fräuleins zu untersuchen. Das Vermögen, welches mein Enkel von seiner Mutter ererbt hat, ist gar ansehnlich. Ich werde ihn, wenn ich lebe, in noch bequemere Umstände zu setzen suchen. Ich will ihm einen anständigen Rang kaufen. Sterbe ich einmal, so fällt der größte Theil meines Vermögens wieder auf ihn. Aber ich will haben, daß er mir noch bey meinen Lebzeiten für meine Vorsorge danken soll. Für das danken uns die Kinder selten, was wir ihnen durch unsern Tod lassen müssen, weil wir es nicht ändern können. Diejenigen Wohlthaten geniessen wir selbst mit, die wir ihnen bey unserm Leben erweisen. Kann sich mein Enkel eine grössere Wohlthat wünschen, als die, um welche ich für ihn bitte? Er hält es selbst für die größte, ich weis es. Machen Sie ihn, und zugleich mich glücklich, Werthester Herr Bruder. Wir wollen das Vergnügen unsrer Kinder befestigen, weil wir beyde noch leben. Vielleicht hat uns der Himmel unsre hohen Jahre nur um deswillen so lange gefristet, daß wir an diesem Glücke gemeinschaftlich arbeiten sollen. Ich denke ganz ruhig an meinen Tod, wenn ich mir vorstelle, daß ich in den Armen dieser zärtlich geliebten Enkelinn sterben soll. Lassen Sie diese mir so angenehme Vorstellung nicht vergebens seyn. Eilen Sie, meine Bitte zu erfüllen. Sie wissen nicht, wie lange Sie bey Ihren Jahren noch im Stande sind, es zu thun. Ich wenigstens fühle mein Alter alle Tage mehr. Meine Mattigkeit, und andre Beschwerungen erinnern mich stündlich an den letzten wichtigen Schritt, den wir zu thun haben. Ich werde meine Rückreise beschleunigen, und mit Ungeduld den Augenblick erwarten, da ich von Ihnen erfahre, ob sich das Fräulein entschliessen kann, meinen Enkel glücklich zu machen, und einem redlichen Vater, der sie so zärtlich liebt, seine Bitte, vielleicht seine letzte Bitte, zu gewähren. Der Himmel lasse unsre Kinder gesegnet seyn. Das Gebet eines Vaters bleibt nie unerhört. Es wird ihnen wohl gehen, und sie verdienen es auch. Wir wollen uns lieben, Herr Bruder, bis wir sterben. Unsre Kinder sollen von uns lernen, was Freundschaft sey, damit sie uns auch im Grabe noch segnen. Dieses schreibe ich mit der wahren Hochachtung eines alten Freundes, und bin, Hochwohlgebohrner Herr Oberster, Meines Hochgeehrtesten Herrn Bruders, ergebenster Diener. – – – –         N. S. Es wird mir lieb seyn, wenn Sie, und die Fräulein vergessen, daß ich die Uebereilung begangen habe, sie auf eine andere Art zu lieben, als es itzt geschieht. Ich würde Sie bitten, gegen keinen Menschen etwas davon zu gedenken, wenn ich nicht wüßte, daß Sie auch ohne meine Bitte so gefällig wären meine Schwachheit zu bedecken. Grüssen Sie die Fräulein in meinem Namen tausendmal. Wie sehr verlangt mich bey Ihnen zu seyn! Die guten Kinder! Es gehe ihnen ewig wohl! »Bey Vernünftigen ist es eine der vornehmsten Regeln in der Freundschaft, daß man Niemanden zu seinem vertrauten Freunde wähle, dessen Charakter, dessen Fehler und Tugenden man nicht vorher sorgfältig geprüft hat. Man behält zwar stets die Freyheit, sich von seinem Umgange zurück zu ziehen, wenn man findet, daß er die Hoffnung nicht erfüllt, die man sich von seiner Aufrichtigkeit gemacht hat; allein der Vorwurf ist dennoch bitter, und unsrer eignen Ruhe nachtheilig, wenn wir erfahren müssen, daß wir zu leichtgläubig, oder doch nicht vorsichtig genug gewesen sind. »Ich habe mich vielmal gewundert, wie es kommen müsse, daß man bey dem Heirathen, bey dieser wichtigsten und fast unzertrennlichen Art der Freundschaft, so wenig Sorgfalt bezeigt, vernünftig zu wählen. Es wäre diese Vorsicht besonders um deswillen sehr nöthig, da gemeiniglich von beyden Theilen alle Sorgfalt angewendet wird, einander zu hintergehn, und seine Fehler zu verbergen. Unsre Vorfahren haben in gewissen Handlungen drey Hauptmängel festgesetzt, welche den Kauf ungültig machen, wenn sie verschwiegen worden sind. Sollte der Ehstand nicht wichtig genug seyn, daß man ihrer auch wenigstens drey festsetzte, durch welche die Verbindlichkeit von beyden Theilen aufhörte, so bald sie verschwiegen würden? »Ich gebe hiermit allen verheiratheten Personen, beyderley Geschlechts, die Freyheit, und ersuche sie darum, daß eine jede drey Fehler aufsetzen möge, von welchen sie glaubt, daß sie so wichtig seyn könnten, die Ehe zu trennen. Es wird diese Nachricht zu einem Schlüssel so vieler unglücklichen Ehen dienen, und ich werde Gelegenheit bekommen, aus allen Fehlern zusammen drey der wichtigsten auszusuchen, und es an seinem Orte in Vorschlag bringen, daß sie durch ein Landesgesetz für zureichend erklärt werden möchten, als Hauptmängel alle Verbindung des Ehestandes aufzuheben. Mein Verleger soll die Aufsätze annehmen; ich werde sie sodann mit Verschweigung der Namen und Orte zusammen drucken lassen, und einen Vorschlag thun, der dem gemeinen Wesen nicht anders als vortheilhaft seyn kann, wenn er das Glück haben sollte, die Achtung der Obern zu verdienen. »So viel muß ich noch erinnern, daß unverheirathete Personen kein Recht haben sollen, dergleichen Fehler in Vorschlag zu bringen. Sie haben gemeiniglich zu viel Vorurtheile, und ich würde müssen gewärtig seyn, viele wichtige Kleinigkeiten anzuhören. »Da ich die Hoffnung nicht habe, daß mein patriotischer Einfall so bald zu Stande kommen, und als ein allgemeines Gesetz eingeführt werden möchte; so würde ich gern sehen, wenn meine Mitbürger sich wollten gefallen lassen, ihre Liebesbriefe, statt der bisherigen Seufzer und Flammen, und verstellten Schmeicheleyen, so einzurichten, daß sie ein wahres und redliches Bekenntniß ihrer Fehler wären. Wie viel unglückliche Ehen würden wir weniger haben, wenn dieses geschähe! »Ich gebe hier eine Probe von einem so aufrichtigen Bekenntnisse. Die übrigen Briefe, die angedruckt sind, erläutern dasjenige noch weiter, was ich von dieser Materie oben gesagt habe. Wenn ich die Aufsätze einmal der Welt bekannt mache, welche wegen der drey Hauptmängel im Ehestande bey mir einlaufen werden; so will ich zugleich einen reichen Vorrath von Formularen für alle Stände und Arten der Liebhaber beyderley Geschlechts liefern, wie sie einander von ihren Fehlern beyzeiten Nachricht geben sollen. Das Werk wird, wenn ich anders die Welt kenne, ziemlich weitläuftig ausfallen. Es soll auf Vorschuß gedruckt werden, und ich will zu mehrer Erbauung die Namen derjenigen vordrucken lassen, welche darauf pränumeriren. Hier sind die versprochnen Briefe:   Mademoiselle, Ich liebe Sie mit der größten Hochachtung. Bey den Vorzügen, die Sie so schätzbar machen, und bey meiner Gemüthsart, ist nichts natürlicher, als daß ich Sie ewig zu lieben wünsche. Geben Sie mir Ihre Hand; so glaube ich der glücklichste Mann auf der Welt zu seyn. Vielleicht wundern Sie sich über meinen unregelmäßigen Antrag. Meine Offenherzigkeit ist Schuld daran, und die Sache, die ich bitte, ist mir gar zu wichtig, als daß ich in dem Romanstyle darum bitten sollte. Ich lasse Ihnen acht Tage Zeit, Ihre Erklärung zu thun; länger halten Sie mich nicht auf, ich ersuche Sie mit aller der Zärtlichkeit, die ich gegen Sie empfinde. Mein Alter, meine Person, meine Glücksumstände sind Ihnen bekannt; aber vermuthlich meine Fehler nicht. Ich will so offenherzig seyn, und Ihnen diese sagen. Ich bin eigensinnig, sehr eigensinnig, Mademoiselle. Sie können die Ordnung in meinem Hauswesen einrichten, wie Sie wollen, und wie es meine Umstände leiden; alles über diese Ordnung muß unverändert gehalten werden. Ich muß eine jede Stunde voraus wissen, wenn ich essen, schlafen, arbeiten, und mich vergnügen soll. Die Veränderung einer einzigen Stunde bringt mich auf die ganze Woche in Unordnung. Ich werde Ihnen nichts an Putz und Bequemlichkeit mangeln lassen, was Ihr Stand erfodert, und meine Einkünfte erlauben. Aber es wohnen in meiner Gasse Männer, welche noch einmal so vornehm, und noch einmal so reich sind, als ich. Werden Sie das Herz haben, die Weiber derselben prächtiger ausgeputzt zu sehen, und ihren grössern Aufwand zu bemerken, ohne eine gleiche Pracht, und eben so viel Aufwand zu verlangen? Gewiß, Mademoiselle, ich würde es Ihnen abschlagen, und alsdann würden mich weder Bitten noch Thränen erweichen. Nur aus Liebe zu Ihnen würde ich nein sagen. Es ist keine Thorheit kostbarer, als die Thorheit, es denen gleich zu thun, welche vornehmer, und reicher sind, als wir. Wenn man sein ganzes Vermögen daran gewendet hat, um Vernünftigen zehn Jahre lächerlich zu werden; so ist man die übrige Zeit des Lebens Vernünftigen und Unvernünftigen verächtlich, wenn sie sehen, daß uns die Armuth hindert, länger thöricht zu seyn. Wenn Sie meine Frau sind, so verlange ich, daß Sie sich eben so viel Mühe geben, mir durch einen reinlichen Anzug zu gefallen, als Sie sich in den ersten Tagen unsers Ehestandes geben werden. Eine Frau, welche sich mehr für die Welt, als für ihren Mann putzt, verräth eine Sorglosigkeit, welche ihrem Manne empfindlich, und der Welt verdächtig seyn muß. Eifersüchtig bin ich nicht; aber ich werde es gern sehen, wenn Sie Ihre Aufführung so vorsichtig einrichten, als wenn Sie den eifersüchtigsten Mann von der Welt hätten. Meine Bedienten sind gewohnt, von mir als freye Menschen, und nicht als Sklaven gehalten zu werden. Es scheint mir unrecht, ihnen ihre Armuth empfinden zu lassen, da sie gemeiniglich keinen Fehler weiter haben, als diesen, daß sie nicht so reich sind, wie wir. Ich glaube nicht, daß es Ihnen schwer fallen wird, sich eben so glimpflich gegen sie zu bezeigen, da dieses das bequemste Mittel ist, die Hochachtung und Treue der Bedienten zu gewinnen. Noch unzufriedner bin ich über diejenigen Herrschaften, welche sich zu ihren Bedienten allzu vertraulich herablassen. Man gibt ihnen eine Freyheit, deren sie sich mit der Zeit gewiß misbrauchen. Ich werde Ihnen sehr verbunden seyn, wenn Sie zu keiner Zeit vergessen, daß Ihr Aufwartmädchen niemals Ihre vertraute Freundinn ist. Bemächtigen Sie sich der Herrschaft in der Küche. Ich verlange nicht, daß Sie selbst kochen sollen; aber das verlange ich, daß das Gesinde Sie für eine vernünftige Wirthinn, und nicht für ein erwachsnes Kind hält, welches nur da sitzt, um sich füttern zu lassen. Ich habe einen sehr armen Vater, welcher ein redlicher Greis, aber kränklich, und ein wenig einfältig ist. Getrauen Sie sich wohl, ihn so zu lieben, wie Ihren eignen Vater? Ich werde es von Ihnen verlangen. Das Vermögen, welches mir der Himmel bey meiner Handlung gegeben hat, das hat er mir vermuthlich darum gegeben, um diesem redlichen Manne sein Alter erträglich zu machen. Es würde mir nahe gehen, wenn Sie anders dächten; und ich würde es nicht zulassen, gewiß nicht, Mademoiselle. Auf diesen alten redlichen Vater bin ich stolz, und meine Freunde können mir niemals empfindlicher schmeicheln, als wenn sie diesem gutherzigen Alten in seiner schlechten Kleidung eben die Achtung bezeigen, die man einem angesehenen Greise vom Stande schuldig ist. Wie sehr werde ich Sie lieben, Mademoiselle, wenn Sie sich gewöhnen können, diesen guten Alten zu lieben! Noch eins. Ich kann mir nicht hitzig widersprechen lassen. Ich habe nicht allemal Recht, es ist wahr; aber ich sehe es gern, wenn man mir Zeit läßt, dieses selbst einzusehn. Ich sehe es sehr bald ein, und alsdann schäme ich mich doppelt, sowohl über meine Uebereilung, als über die Nachsicht meiner Freunde, die ich gemisbrauchet habe. Sehen Sie wohl aus allen diesen Umständen, Mademoiselle, daß ich die ungewöhnliche Absicht habe, Herr im Hause zu seyn? Es ist eine sehr altvätrische Mode; aber ich will sie doch beybehalten wissen. So viel kann ich Ihnen inzwischen versichern, daß, so gewiß ich Herr im Hause zu seyn verlange, so gewiß will ich auch, daß meine Frau Frau im Hause seyn soll. Diese Versichrung muß Sie beruhigen. Was meinen Sie, Mademoiselle? Getrauen Sie sich einen Mann zu heirathen, der alle diese Fehler hat? Glauben Sie, dem ungeachtet glücklich mit ihm zu leben? Ich bitte mir binnen acht Tagen Ihre Antwort aus. Entschliessen Sie sich dazu, so bin ich der glücklichste Mensch. Können Sie sich nicht entschliessen, so werden Sie mir bey einem aufrichtigen Geständnisse wenigstens nicht Schuld geben, daß ich Sie habe betrügen wollen. Leben Sie wohl. Ich bin \&c. Hochzuehrende Tante, Herr R – – hat mir einen Antrag gethan, welcher eine genauere Ueberlegung wohl zu verdienen scheint. Noch bin ich unschlüßig, ob mir schon die offenherzige Art, mit welcher Herr R – – sich erklärt, besonders gefällt, und viel Gutes verspricht. Ich übersende Ihnen seinen Brief, und bitte mir Ihren guten Rath, so bald als es möglich ist, aus. Die mütterliche Liebe, welche Sie bey andern Gelegenheiten gegen mich geäussert haben, läßt mich hoffen, daß Sie mir von ganzem Herzen rathen werden. Ich würde itzt meine verstorbne Mutter mehr als jemals vermissen, wenn mir nicht Ihre Wohlgewogenheit ein Recht gegeben hätte, meine Zuflucht zu Ihnen zu nehmen. Ich habe meinen Onkel, und einige meiner Freundinnen des Wohlstands wegen zugleich mit zu Rathe gezogen; aber auf Ihren Ausspruch, Hochzuehrende Frau, werde ich es allein ankommen lassen, da mein Onkel, wenn ich es wagen darf zu sagen, ein wenig gar zu sorgsam ist, und meine Freundinnen gar zu leichtsinnig sind. Ich bin mit der Zärtlichkeit einer gehorsamen Tochter, Hochzuehrende Frau, Dero – – – – – – Hochzuehrender Onkel, Es ist mir, wie Sie aus innliegender Abschrift sehen werden, von dem Herrn R. – – ein Vorschlag zu einer Heirath gethan worden. Da auf dieser Wahl mein ganzes zeitliches Glück beruht; so sehe ich mich genöthiget, den guten Rath eines Mannes zu suchen, welcher die Welt so wohl kennt, als Sie, und von dessen gütiger Vorsorge ich so überzeugt bin, als von der Ihrigen. Sie haben als Onkel die Gewalt mir zu befehlen; und desto williger werde ich Ihnen bey dieser Gelegenheit folgen, da ich Ihnen mit nichts als mit der Bitte beschwerlich falle, mir Ihren guten Rath zu ertheilen. Ich bitte. die Antwort zu beschleunigen, und verharre \&c. Liebe Base, Du bist ein glückliches Mädchen, daß Du die Achtung und die Zuneigung eines Mannes hast erlangen können, welcher so einsehend und vernünftig ist, als Dein Bräutigam. Wie glücklich würden unsre Ehen seyn, wenn es eingeführt wäre, daß junge Leute einander ihre Fehler entdeckten, an statt daß sie sich alle Mühe geben, einander durch Schmeicheleyen solche zu verbergen, und sich auf beyden Seiten zu betrügen! Der Schritt, den zu itzt thust, ist der wichtigste Schritt, den ein Frauenzimmer in ihrem ganzen Leben thun kann. Und doch ist man gemeiniglich bey keinem so leichtsinnig, als bey diesem. Die Uebereilung von einer Minute ist der Grund zu einem Misvergnügen, das oft viele Jahre dauert, und sich nicht eher endiget, als mit dem Tode. Alle unsre Einsicht, welche wir Frauenzimmer zu haben glauben, ist gemeiniglich nicht hinreichend, die Verstellung einer Mannsperson zu übersehn, welche sich um unsre Gegenliebe bemüht. In andern Fällen sind wir scharfsinnig genug, nur in diesem nicht, wo sich Vorurtheile, Eigennutz, und andre Leidenschaften einmischen, die uns desto leichter blenden, je klüger wir uns zu seyn dünken. O wie viel hast du gewonnen, Liebe Tochter, daß Du alle Fehler Deines künftigen Mannes schon itzt besser kennst, als sie manche Frau an dem ihrigen nicht kennt, mit dem sie wohl schon viele Jahre in einer misvergnügten Ehe gelebt hat! Alle die Fehler, die Herr R – – von sich selbst sagt, sind Tugenden, weil er sie gesteht; und sein Eigensinn, wenn es anders ein Eigensinn ist, verspricht einer vernünftigen Frau ein wahres Glücke, und ein dauerhaftes Vergnügen. Kannst Du Dir wohl mehr wünschen, als einen Mann, der um deswillen Herr im Hause seyn will, damit er Dir bey Freunden und Bedienten das Ansehn der Frau vom Hause behaupten kann? Wie unvernünftig handeln unsre Weiber, welche die Größe ihres Ansehns auf die Verachtung ihrer Männer bauen wollen! Der Vorwurf fällt allemal auf sie zurück, daß sie bey dem Verstande, mit dem sie sich brüsten, keine klügre Wahl getroffen, und einen Mann genommen haben, dessen sie sich schämen müssen. Die Entschuldigung, daß sie der Eigennutz dazu gebracht hat, gilt hier nichts, oder es müßte möglich seyn, daß man einen thörichten Fehler mit einer noch größern Thorheit entschuldigen könnte. Laß dich das nicht abschrecken, daß er Dir so deutsch heraus sagt, wie weit er Dir den Aufwand und Staat zulassen will. Wäre er weniger billig, und hätte er nicht Willens, als ein ehrlicher Mann zu sterben; so würde er diese Vorsicht nicht brauchen. Er hat Recht. Es ist keine Thorheit abgeschmackter, als wenn man sich durch einen übermäßigen Aufwand denjenigen gleich setzen will, welche ihr Stand über uns erhebt. Vornehmern werden wir lächerlich; denen, die uns gleich sind, verächtlich; nicht einmal den Pöbel blenden wir. Verlohnt es sich wohl der Mühe, sein Vermögen zu verschwenden, um den Namen einer Närrinn zu erkaufen? Es ist dieses ein Fehler, den Weiber von demjenigen Stande, in welchen Du treten sollst, sich immer vorwerfen lassen müssen, und immer mit Grunde. Nimm ihn, Liebe Tochter, gieb ihm Dein Wort, so bald Du kannst. Das ist mein Rath. Bloß um deswillen verdient er deine ganze Hochachtung und Zärtlichkeit, daß er Muth genug hat, vor den Augen der ganzen Stadt mit seinem alten guten Vater so groß zu thun, dessen geringen Herkommens sich vielleicht ein andrer schämen würde, der nicht so vernünftig wäre, als Dein Liebhaber. Wie gewiß kannst Du seyn, daß er Dich auch im Alter noch zärtlich lieben wird, da er mitten unter den Schmeicheleyen, die er Dir als Liebhaber sagt, mit einem so edlen Trotze Deine Hochachtung für seinen Vater von dir verlangt. Was für Liebe und Ehrfurcht kann sich Dein Bräutigam künftig von seinen Söhnen versprechen, da er selbst ein so tugendhafter Sohn ist! Mit einem Worte, du bist glücklich. Gieb ihm Deine Hand. Dein Verstand, und Deine gute Aufführung verdienen dieses Glück. Lebe wohl mit ihm; Mädchen, ich kann mich der Thränen nicht enthalten. Lebe ewig wohl. Ich liebe Dich als Mutter. Hochzuehrende Tante, Von einer so liebenswürdigen Freundinn konnte ich mir nichts anders, als einen so aufrichtigen Rath, und die zärtlichsten Wünsche versprechen. Ich habe dem Herrn geantwortet. Er wird, wie ich hoffe, mit meiner Erklärung, die er vom neuen ziemlich treuherzig gefodert hat, zufrieden seyn. Werde ich bey meiner Ehe glücklich, so werde ich es durch Sie, Hochzuehrende Frau. Ich sende Ihnen meine Antwort, und zugleich einige Briefe von meinem Onkel, und einigen Freundinnen mit, die ich mir zurück ausbitte. Sie lieben mich alle, ich weis es; aber wie sehr unterscheidet sich diese theils eigennützige, theils flatterhafte Liebe von der mütterlichen Zärtlichkeit, die Sie, Wertheste Tante, gegen mich bezeigen. Ich küsse Ihnen dafür die Hände; der Himmel lasse mir sie noch viele Jahre küssen! Wie glücklich werde ich seyn, wenn ich der Vorsorge einer so gütigen Mutter beständig versichert seyn kann! Auf künftigen Sonnabend werde ich Sie besuchen. Vielleicht begleitet mich Herr R – – zu Ihnen. Er muß Sie kennen lernen. So viel er sich auf seinen alten Vater zu gute thut, so stolz bin ich auf meine liebe Tante. Ich bin mit der kindlichsten Hochachtung, Hochzuehrende Frau, Dero \&c. Liebe Base, Der Antrag ist vortheilhaft, nimm ihn immer an. Ich habe mich nach seinen Umständen erkundigt. Ersteht gut. Wenigstens funfzig tausend Thaler hat er im Vermögen, und ist ein guter Wirth. Wenn er nur noch Pferde und Wagen abschaffte. Er könnte alle Jahre drey hundert Thaler ersparen, thut an Capital a 5 pro Cent sechs tausend Thaler. Denke einmal an, Base, was das sagen will, und zwar bey einer Handlung, wie die seinige, wo er das Capital wenigstens auf zwanzig pro Cent nutzen kann. Sieh, wie weit Du es bringst. Mannichmal kann eine Frau viel sagen, wenn sie es recht anfängt. Auf seine Bedienten wendet er auch zu viel; die Leute leben wie die kleinen Herren. Viel Arbeit, und mäßig Futter macht gute Leute, sagte mein seliger Vater immer. Nun er mag das halten, wie er will, es geht mich nichts an, und was mich nicht brennt, lösche ich nicht. Wie gesagt, nimm den Mann! Aber das sage ich Dir, fange es klug an; es wird Dein Schade nicht seyn. Eine gute Ehestiftung ist das Hauptwerk. Schmiede das Eisen, weil es warm ist. Itzt thut er alles, was zu verlangst. Wenn er Dich einmal hat, hernach mußt zu nach seiner Pfeife tanzen. Du wirst mich wohl verstehn. Ich will Dir meinen Advocaten schicken, der weis, wo die Zäume hängen. Du bringst ihm sieben tausend Thaler mit. Laß Du Dir dreyßig tausend Thaler dagegen vermachen. Stirbt er ohne Kinder – was meinst zu wohl, ob das geschehn wird? Nun albernes Mädchen, darüber mußt Du nicht roth werden; wie gesagt, stirbt er ohne Kinder, so muß das ganze Vermögen an Dich fallen, schlechterdings an Dich, dafür sorge ja, denn Du bist seine Frau. Was gehn Dich seine armen Freunde an? Der alte Vater wird doch auch nicht ewig leben, und Du kannst hernach noch allemal thun, was Du willst. Es ist besser, seine Freunde sehn Dir in die Hände, als Du ihnen. Die Zeiten werden immer schlimmer, sieh Dich ja wohl vor, Steuern und Gaben steigen. Der Einnahme wird immer weniger; und was soll hernach eine arme Wittwe anfangen, wenn ihr der Mann gestorben ist? Die Freunde sind alsdann immer die schlimmsten. Wie gesagt, heirathe ihn in Gottes Namen; es ist eine gute Parthie. Mein Advocat soll Dir noch mehr sagen. Ich muß auf die Börse gehn. Lebe wohl. N. S. Die dreyßig tausend Thaler laß Dir in feinsilbrigen Zweydrittheilen verschreiben. Je später Dein Mann stirbt, desto mehr thun sie hernach; denn das Agio steigt, Gott Lob! alle Tage. Schwesterchen, Bist Du toll? Du wirst doch den eigensinnigen Mann nicht heirathen wollen! Das wird einmal ein zärtlicher Ehmann seyn, der schon als Liebhaber so deutsch von der Leber weg spricht, ehe er noch weis, ob Du ihn haben willst. Das stünde mir an, daß ich mir auf eine so gebietrische Art sollte Lebensregeln vorpredigen lassen. Es wundert mich, daß Dein zärtlicher Tyrann nicht gleich das Maaß mitgeschickt hat, wie weit Dein Reifrock seyn soll, wenn Du das Glück hast, seine unterthänig gehorsamste Frau zu werden. Alles von der Welt lasse ich mir gefallen. Aber das mag sich mein künftiger Mann ja nicht unterstehn, daß er mir vorschreiben will, was ich für Kleider tragen soll. Dafür ist er mein Mann, und nicht mein Schneider. Hat er das Herz nicht, eine Frau zu ernähren, welche so viel braucht, als ich, so mag er mich nicht nehmen; oder, wenn er mich doch nimmt, so soll er sehn, wie ich ihm den Kopf will zurechtesetzen. Was hilft uns denn unser Eingebrachtes? Geben wir das um deswillen hin, daß wir die hohe Ehre haben, Frau zu werden? Sachte, vielkühner Ritter! Heut zu Tage spielt man die Romane anders. Ein Mädchen, das dem Manne tausend Thaler zubringt, hat das Recht, ihm alle Jahre tausend zu verthun. Dafür hat er auch eine Frau, die ihm Ehre macht. Soll ich mich um deswillen nicht so prächtig halten, als meine Nachbarinn, damit mein Mann ehrlich bleibt? Wo kömmt denn diese neue Weisheit her? Laß es seyn, Schwesterchen, daß der Mann zum Teufel geht, und bankrut macht; was schadet das der Frau? Und wenn alle Gläubiger betrogen werden, so gewinnt doch die Frau, oder sie muß es sehr dumm anfangen. Aber Dein Mann verliert ja seinen ehrlichen Namen dabey? Aber warum denn? Bey uns wohl nicht, Schwesterchen. Es ist niemand ehrlicher, als ein muthwillig bankruter Kaufmann, und niemand glücklicher, als seine Frau, die ihn dazu gebracht hat. Wie altvätrisch bist Du! Mit einem Worte, Dein Liebhaber mag seyn, wie er will, für mich wäre er nicht. So lange ich noch nach meinem Kopfe leben kann: so lange mag ich noch nicht ins Zuchthaus. Thue, was Du willst, mit meinem Willen sollst Du den alten Jesus Sirach nicht heirathen. Deswegen wollen wir nicht sitzen bleiben; ich gebe Dir mein Wort. Für unser Geld können wir uns einen Mann kaufen, wie wir ihn haben wollen, einen feinen geduldigen, und gehorsamen Mann: das lasse ich eher gelten. Lebe wohl und übereile Dich nicht. Ich bin Deine aufrichtige Freundinn \&c. Jungfer Muhme, Ihr Herzensbändiger scheint ein allerliebster Pedant zu seyn. Was muß er mit seiner Ordnung sagen wollen, die er so einförmig gehalten wissen will, daß ihm nicht eine Viertelstunde verrückt wird? Der hätte sollen einen guten Schulrektor in einem kleinen Städtchen abgeben, wo die Knaben von früh um sechs Uhr an, bis auf den Abend um zehn Uhr, nach dem Takte der Ruthe sich anziehen, lernen, essen, trinken, und schlafen müssen, und das heute wie gestern, und morgen wie heute. Unmöglich ist es Ihr Ernst, daß Sie diesen schematischen Mann heirathen wollen. Verzeihn Sie mir diesen Ausdruck; mein Bruder nennte ihn so, und lachte erschrecklich dazu. Es muß wohl ein artiges Wort seyn; denn mein Bruder ist witzig, wie der Henker! Wie gesagt, Ihr Ernst kann es unmöglich seyn, oder Sie sollten mich sehr dauern. Bedenken Sie einmal, was soll das für eine Zucht werden? Einen Tag, wie den andern, beständig ordentlich, das ist ja gar unerträglich! Soll ich Ihnen einmal wahrsagen? Wollen Sie wissen, wie es gehen wird? Hier haben Sie ihren Lebenslauf. Früh um sechs Uhr steht die junge Frau auf, nachdem sie dreymal gegähnt, und zweymal die Augen gewischt hat. Sie zieht sich an, und zwar gleich reinlich und sorgfältig, damit sie das seltne Glück hat, ihrem theuern Gemahle zu gefallen. Es wundert mich, Liebe Jungfer Muhme, daß Ihnen Ihr Liebhaber nicht auch vorgeschrieben hat, wie lang der Morgensegen seyn soll. Wie leicht könnten Sie länger beten, als er es ausgerechnet hat, daß Sie beten sollten. Weiter! Um sieben Uhr wird Thee, oder Caffee getrunken, drey, höchstens vier Tassen, mehr nicht, junge Frau, bey Leibe nicht mehr, daß die Wirthschaft nicht in Unordnung geräth. Mit dem Schlage achte muß auch das Frühstück verzehrt, und alles wieder abgeräumt, und an seinen Ort gesetzt seyn. Um acht Uhr geht der Mann auf die Schreibestube. Er küßt Sie zum Abschiede, und geht! Sehn Sie nun, Jungfer Muhme, darauf können Sie also sichre Rechnung machen, daß, wenn er Sie den ersten Tag früh um acht Uhr geküßt hat, so küßt er Sie das ganze Jahr lang früh um acht Uhr. Beträgt in einem Jahre, richtig gerechnet, drey hundert und fünf und sechzig Küsse zum Frühstücke, und wenn wir ein Schaltjahr haben, noch einen Kuß mehr. Von acht bis zwölf Uhr haben Sie Zeit, Ihre Wirthschaft zu besorgen, und, wie Ihr zukünftiger Eheherr sehr tiefsinnig sich ausdrückt, sich der Herrschaft in der Küche zu bemächtigen. Um zwölf Uhr kömmt er heim. Sorgen Sie ja, daß Sie fein nach Rauche riechen, und Rus am Arme haben, damit er die gute Wirthinn sieht. Aber vor allen Dingen sorgen Sie, daß das Essen mit dem zwölften Schlage auf dem Tische steht. Bis um zwey Uhr wird gegessen, und wie ich hoffen will, nichts gethan, als Caffee getrunken. Um zwey Uhr geht er wieder an seine Arbeit, und Sie gehn ins Bette. Denn so ein Barbar wird er doch nicht seyn, daß er Ihnen dieses verwehren wollte. Schlafen kostet ja kein Geld, und wenn Sie schlafen, so widersprechen Sie auch nicht; zween Hauptpunkte, die Ihr Sittenprediger sehr einzuschärfen sucht! Bis um sieben Uhr also thun Sie, was Ihnen gefällt, und dieses werden wohl die einzigen Stunden seyn, wo Sie im Stande der natürlichen Freyheit leben, wie mein Bruder zu sagen pflegt. Um sieben Uhr erscheint der Herr vom Hause wieder, und versichert die Frau vom Hause seiner Gunst und geneigten Willens zuvorn. Um acht Uhr kömmt das Abendessen unverzüglich. Um neun Uhr, denn so lange, und länger nicht, darf man bey Tische sitzen, wird die Tafel aufgehoben, vielleicht gebetet; und sodann erhebt sich der Herr mit seiner huldreichen jungen Frau zum Camine, eine Pfeife Tabak zu rauchen, und sie zu examiniren, wie sie heute ihre Stunden eingetheilt hat. Es schlägt zehn Uhr. Geschwind die Pfeife ausgeklopft, ausgezogen, zu Bette gegangen, und hernach – – – was weis ich! Vermuthlich alles nach Stunden und Minuten, damit wir ja nicht in Unordnung kommen. Früh um sechs Uhr wieder aufgestanden, und sodann ut supra, spricht mein Bruder. Nun liebe Jungfer Muhme, wie gefällt Ihnen der Lebenslauf? So ordentlich geht die Sonne nicht auf und unter. Muß so ein Ehstand nicht schön seyn? Aber das rathe ich Ihnen, wenn Sie einmal in die Wochen kommen sollten, daß Sie sich ja an die Stunde binden, die er Ihnen setzt; sonst bringen Sie ihn um alle seine Ordnung. Im Ernste, Ihr Liebhaber ist unerträglich. Wenn Sie es gut mit sich selbst meinen, so flechten Sie ihm ein niedliches Körbchen, und schicken Sie ihn heim. Das verdient der Eigensinn. Ich verharre. Ihre Dienerinn. \&c. \&c.           Liebe Schwester, Das muß ich gestehn! So offenherzig habe ich noch keinen Liebhaber gesehn! Eine ganz neue Mode, sein Glück zu machen, wenn man seine Fehler beichtet! Das wolle der Himmel nicht, daß das Ding unter uns Mädchen Mode werde! Was meinst du wohl, Schwester, daß ich zu meinem Amadis sagen soll? Soll ich etwan sprechen: »Ich habe die Ehre, Ihnen zu sagen, daß ich ein Mädchen bin, welches einen Mann haben möchte, und wenn er auch noch dümmer wäre, als Sie, tapfrer Amadis? Ich gebe Ihnen meine Hand, um mich dem jungfräulichen Zwange zu entreissen, und als Frau thun zu können, was ich will. Ich habe den Fehler, daß ich keine Mannsperson hasse, ob ich gleich nur einen auf einmal heirathe. Ich kann nicht leiden, daß Sie mir widersprechen, denn Sie sind der Mann, und ich bin ein schwaches Werkzeug. Ich werde Ihnen nicht mehr verthun, als ich brauche; aber ich brauche sehr viel, um andern Weibern nichts nachzugeben. Ich werde alle Tage in Gesellschaft gehn, damit mir Ihre beständige Gegenwart nicht zur Last wird. Sorgen Sie für Geld zum Spielen, damit Sie Ehre von mir haben. Wenn ich erst spät in der Nacht nach Hause komme, so schlafen Sie nur ruhig. Ich bin mündig, und kann mir selbst rathen. Für die Wirthschaft werden Sie sorgen, denn Sie sind Herr vom Hause. Ich habe Sie geheirathet, um eine Frau zu seyn, und Sie, mein Herr, haben die Ehre, daß Sie mein Mann sind, um mich zu ernähren; wie Sie das möglich machen, das ist meine Sorge nicht. Dieses sind meine Fehler, Zärtlicher Amadis; besinnen Sie sich, ob Sie dem ungeachtet sich getrauen, mit mir glücklich zu leben.« Wie gefällt Dir das, Schwester? Sollte ich so treuherzig seyn? Ich weis wohl, wie ich bin; was braucht es mein Liebhaber zu wissen? Er wird es Zeit genug erfahren, wenn er mich am Halse hat. Du denkst vielleicht, Schwester, was für ein glückliches Mädchen zu bist, daß Du so einen treuherzigen Beichtsohn zum Freyer hast. Glaub es nur nicht. Das sind die schlimmsten, die sich so aufrichtig stellen. Wage es einmal, wenn er Dein Mann ist, und wirf ihm seine Fehler vor! Habe ich Dir es nicht gesagt, wird er sprechen, daß ich diesen Fehler habe, warum hast Du mich genommen? Aber das ist das schlimmste noch nicht. Hat Dein Mann das Herz, so viel Fehler von sich selbst zu sagen: wie wird er Dir die Ohren reiben, wenn er Deine Fehler kennen lernt! Das wäre mir unerträglich. Wenn ich schon Frau bin, und Kinder ziehe, soll ich da noch erst mich selbst ziehen und hofmeistern lassen? Nein, Herr Mann, das lasse er bleiben, oder es läuft nicht gut ab! Mit einem Worte, Schwester, überlege, was Du thust, und mache Dich nicht ohne Noth unglücklich. Lebe wohl. Liebe Jungfer Gevatterinn, Ich weis nicht, was ich Ihnen rathen soll. So viel ist gewiß, ich möchte lieber des Herrn R – – Vater oder Bedienter seyn, als seine Frau. Er verlangt von Ihnen gar zu viel, gewiß gar zu viel. Mein seliger Mann, tröste ihn Gott! hätte mir so kommen sollen, wie Ihnen Ihr Liebhaber begegnet; mit Füssen hätte ich ihn getreten, den Hund! Es kann unmöglich ein gutes Ende nehmen, da er schon so früh anfängt, die Klauen sehen zu lassen. Das wolle der Himmel nicht, was soll daraus werden! Wir armen Weiber! Wir haben die ganze Wirthschaft, und die Kinder auf dem Halse, wenn unsre Männer aus dem Hause gehen, und vornehmen, was sie wollen. Sollen wir nicht zu Hause unsern Willen haben, da wir ohnedem halbe Sklavinnen sind? Ueberlegen Sie es wohl, Jungfer Gevatterinn, bey Ihren Jahren und bey Ihrem Gelde können Sie allemal wählen, wie Sie wollen. Der junge Herr P – – wird ausser sich seyn, wenn er es erfährt. Sie können es nicht verantworten, daß Sie dem armen P – – beständig so spröde begegnet haben. Verstand hat er freylich nicht, aber desto besser für seine künftige Frau. Hat er doch Geld, und wenn der Vater stirbt, so will er Baron werden, und den Pfefferkram aufgeben. Denken Sie einmal! Frau Baroneßinn! Gnädige Frau Baroneßinn! Wie das klingt! Und wenn Sie den Herrn R – – heirathen, so heißt es Frau R – – schlechtweg, und wenn es hoch kömmt, so kömmt eine Frau Commerzräthinn heraus. Wie gesagt, übereilen Sie sich nicht. Es wäre ewig Schade um Sie. Ich bin \&c. N. S. Wissen Sie denn auch, daß Ihr Herr R – – schon vierzig Jahr alt ist? Mademoiselle, Ich habe neulich vergessen, Ihnen noch einen Fehler von mir zu sagen. Es ist dieser, daß ich sehr ungeduldig liebe, wenn ich liebe, und daß ich sehr unruhig bin, wenn ich in vierzehn Tagen die Erklärung noch nicht erhalten kann, die ich mir binnen acht Tagen ausgebethen. Haben Sie die Güte, melden Sie mir Ihre Entschliessung. Auf der Welt wünsche ich mir nichts so sehr, als Ihre Gegenliebe. Ich werde vielleicht untröstbar seyn, wenn Sie mir eine abschlägliche Antwort geben; aber ich schätze Sie zu hoch, als daß ich Ihnen den geringsten Zwang anthun sollte. Erklären Sie sich frey. Bin ich unglücklich genug, Sie nicht zur Frau zu bekommen; so lassen Sie mir wenigstens die Hoffnung, daß Sie mich für Ihren Freund annehmen wollen. Ich werde das ewig seyn, und mich aufrichtig freuen, wenn es Ihnen allezeit so wohl geht, als es Ihre Tugend verdient. Ich bin         der Ihrige, R – – Mein Herr, Vielleicht würde ich Ihnen geschwinder geantwortet haben, wenn ich nicht so viel Hochachtung für Sie hätte. Ich habe Zeit gebraucht, um zu überlegen, ob ich das Zutrauen verdiene, welches Sie gegen mich äussern. Der Rath meiner nächsten Anverwandten schien mir in einer so wichtigen Sache nöthig zu seyn. Eine unvorsichtige Entschliessung würde vielleicht der erste Fehler gewesen seyn, den Sie an mir billig zu tadeln gefunden hätten. Diejenigen von meinen Freunden, auf deren Einsicht ich mich verlassen kann, versichern mir so viel Gutes von Ihnen, mein Herr, daß ich mich nicht länger bedenken darf, Ihnen meine Hand anzubieten. Ich thue es mit der Empfindung einer Person, welche wünscht, durch Ihre Liebe glücklich, und Ihrer Zuneigung immer würdiger zu werden. Ich bin \&c. »Ich hoffe, ich will mich mit der Erfahrung schützen, wenn ich behaupte, daß viele aus Neigung lieben, aber aus Eigennutz heirathen. Wenigstens haben diejenigen kein Recht, mir zu widersprechen, welche sich mit einem Frauenzimmer verbinden, die, nach dem ordentlichen Laufe der Natur, ihre Großmutter seyn könnte. Diese Liebhaber der Alterthümer gewinnen in der That sehr viel, wenn man ihnen Schuld giebt, daß ihre Verbindungen aus Eigennutz geschehen. Wäre dieses nicht, so würde man sie gar für närrisch halten, und ich glaube nach der Art, wie die heutige Welt denkt, ist es immer rühmlicher, eigennützig, als närrisch zu seyn. Ich bin also nicht wider diese Art der Ehen. Dieses nur scheint mir unleidlich zu seyn, daß man dergleichen Frauenzimmern, welche ohnedem ihr Alter abergläubisch macht, so viel von Liebe, und zärtlichen Empfindungen vorschwatzt. Es ist unbillig, ihre Leichtgläubigkeit zu misbrauchen. Ich will ein Formular geben, wie man in dergleichen Fällen seufzen müsse. Ein jeder, der es braucht, wird es nach seinen Umständen zu verändern wissen. In der Hauptsache werden wir immer einig seyn, wenn wir anders aufrichtig seyn wollen.   Madame, Da ich nur fünf und zwanzig Jahr alt bin, und Sie gestern in Ihr sieben und funfzigstes getreten sind; so wird mich die ganze Welt für einen Narren halten, wenn man erfährt, daß ich mich habe überwinden können, Ihnen zu sagen, daß ich Sie liebe, und Sie um Ihre Gegenliebe bitte. Wäre ich einer von den jungen leichtsinnigen Menschen, welche auf weiter nichts sehn, als auf die Jahre, und auf ein frisches blühendes Gesicht, so würde ich mir selbst diesen Vorwurf der Thorheit machen. Aber, nein, Madame, meine Liebe ist gründlicher, und ernsthafter. Ausser dem daß Sie, ungeachtet Ihrer Jahre, noch immer das muntre und frische Wesen beybehalten, daß Sie zu vorigen Zeiten schön und reizend gemacht haben mag; so besitzen Sie gewisse Vorzüge, Madame, die Ihren Werth unendlich erhöhn. Jedes Jahr, das Sie zu alt sind, können Sie mit tausend Thalern abkaufen; und Sie kommen mir bey dieser Rechnung kaum als ein Mädchen von sechzehn Jahren vor. Ich schwöre Ihnen also bey Ihrem Gelde, und bey allem, was mir ehrwürdig ist, das ich Sie und Ihre Vorzüge aufs heftigste liebe. Entschliessen Sie sich die Meinige zu seyn. Ich glaube, Sie werden bey Ihren Umständen mehr nicht von mir verlangen, als Ehrfurcht und Geduld. Diese verspreche ich Ihnen. Da Sie so vernünftig sind, Madame, so traue ich Ihnen zu, daß Sie meine Geduld nicht misbrauchen, und zum längsten in sechs Jahren Anstalt machen werden, mich in die Umstände zu setzen, daß ich den schmerzlichen Verlust einer so ehrwürdigen Frau als ein betrübter Wittwer zween Monate lang beweinen, und sodann durch Hülfe Ihres Geldes mir ein junges Mädchen wählen kann, in deren Armen ich dasjenige empfinde, was ich itzt nicht fühle, und welche mich vergessen läßt, daß ich mir die Gewalt angethan habe, zu seyn, Madame, der Ihrige. »Ich habe mich schon oben erkläret, in wie weit ich es entschuldige, wenn junge Mannspersonen alte Weiber heirathen. Lächerlich sind sie mir immer, das kann ich nicht läugnen. Sind sie aber nur mit ihrem guten Vortheile lächerlich, und machen sie nur Anstalt, daß ihre bejahrten Schönen sich zu rechter Zeit abführen; so werden sie etwas haben, womit sie sich über die Spöttereyen der Welt trösten können. Sie kommen mir wie diejenigen vor, die vor dem alten Bilde einer Heiligen knien, das schon ihr Großvater angebetet hat. Werden sie erhört, so ist es schon gnug, nur darf diese Andacht nicht zu lange dauern. Oft fehlen wir in unsrer Hoffnung, und alsdann ist das Unglück nicht zu übersehn. Ich habe einen Freund, welchen seine Schulden nöthigten, auf diese verzweifelte Art zärtlich zu thun. Er hat sein Unglück zwanzig Jahre mit ziemlicher Gelassenheit ertragen. Schon dreymal hat er alles eingekauft, was zur Trauer eines Wittwers gehört, und dreymal hat sich seine fünf und siebenzigjährige Phyllis entschlossen, wieder gesund zu werden, und vom neuen aufzuleben. Er hat mich gebeten, nachstehenden Brief bekannt zu machen, damit er sich bey denen entschuldige, welche ihm die ungleiche Heirath mit einer fünf und funfzigjährigen Wittwe ehedem als eine Thorheit haben auslegen wollen. »Er wünscht, daß sich andre an seinem Exempel spiegeln, und sich auf die Sorgfalt der Aerzte nicht zu sehr verlassen mögen, welche nicht allemal im Stande sind, einen Körper zu tödten, bey dem die Liebe alle heilsame Arzneyen entkräftet. Hier ist der Brief, welcher der Grund zu seinem Unglücke war. Kan man wohl so unempfindlich seyn, und solchen Reizungen widerstehn?   Mein Herr, Ich weis in der That nicht mit Gewißheit zu sagen, wie alt ich eigentlich bin. Nach meinem Taufscheine bin ich etliche und funfzig Jahre. Ich kann mir aber nicht anders einbilden, als daß sich der Küster verschrieben haben muß, denn nach meinen Kräften, nach der Begierde, die Welt zu geniessen, und nach dem Verlangen, Ihnen, mein Herr, zu gefallen, nach allen diesen Umständen zu urtheilen, bin ich unmöglich älter, als dreyßig, höchstens sechs und dreyßig Jahre. Ich bin auf dem letzten Balle ungemein mit Ihnen zufrieden gewesen. Sie haben bey Ihren zwanzig Jahren etwas so gesetztes, und männliches, welches alle meine Aufmerksamkeit verdienet. Die andern jungen Herren flatterten um die Mädchen herum, die weder zum Lieben noch zum Tändeln alt genug, und viel zu jung sind, vernünftig mit sich reden zu lassen. Ich werde es ewig nicht vergessen, mit welcher Achtung Sie mir den ganzen Abend hindurch begegneten. Ich war die erste, die Sie zum Tanze auffoderten, und ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich Sie versichre, daß ich bey aller Ihrer Bescheidenheit die lose Sprache Ihrer Augen verstanden, und Ihr ganzes Herz gesehen habe, als Sie mir die Hand zum ersten male küßten. Fast sind Sie noch ein wenig zu furchtsam. Ich will Ihrer Schüchternheit auf dem halben Wege entgegen kommen. Ich will Ihnen sagen, daß ich Sie liebe. Urtheilen Sie, wie jung mein Herz seyn muß, da es mit den Ihrigen einerley fühlt. Wie glücklich werde ich seyn, wenn ich bey einer genauern Verbindung mit Ihnen, mich wegen derjenigen Jahre schadlos halten kann, in denen ich an der Seite eines abgelebten mürrischen Mannes ganz trostlos seufzen müssen. Meine Aeltern zwangen mich, ihn zu heirathen, weil er Vermögen hatte; ich konnte ihn aber, aller Bemühungen ungeachtet, dahin nicht bringen, daß er seines Lebens überdrüßig geworden wäre. Dreyßig Jahre, können Sie es wohl glauben? dreyßig Jahre lebte er noch, und nur mir zum Trotze ist er nicht eher, als vor fünf Jahren gestorben. Ich bin ganz frey, und besitze, ausser einem zärtlichen Herzen, Geld genug, Sie glücklich zu machen. Wollen Sie meine Hand annehmen? Hier ist sie. Es kömmt auf Sie an, wie viel Sie verlangen, sich einen Rang zu kaufen, und eine anständige Equipage anzuschaffen. Mit wem ich mein Herz theile, mit dem theile ich auch mein Vermögen. Mit der Zeit soll beydes ganz Ihre seyn. Wären Sie weniger blöde, so würde ich mehr behutsam seyn, Ihnen meine Empfindungen zu entdecken. Ihre Liebe ist mir unschätzbar; wie groß wird das Vergnügen noch alsdann seyn, wenn künftig einmal, der Himmel gebe, so spät, als möglich, die Zeiten kommen, die uns bey einem herannahenden Alter nöthigen, unsere Liebe in eine ernsthafte Freundschaft zu verwandeln. Ich brenne für Verlangen, Ihre Entschliessung aus Ihrem Munde zu hören. Ich werde auf den Abend zu Hause seyn. Wie jugendlich schlägt mein Herz, da ich dieses schreibe. Ich zittere, aber nur für Vergnügen zittre ich. Wie entzückend wird der Augenblick seyn – nein, mein Herr, mehr kann ich nicht sagen. Beynahe vergesse ich, daß ich ein Frauenzimmer bin. Mit einem Worte, ich liebe Sie. Pressen Sie mir kein offenherziger Bekenntniß ab. Ich liebe Sie, und bin ganz die Ihrige. »Die Menschen sind so sinnreich, daß sie vielmal ihren größten Thorheiten einen frommen Anstrich zu geben wissen. Bis auf die übereilten Ehen erstreckt sich diese Art der Andacht. Viele heirathen, ohne zu überlegen, ob sie im Stande sind, den unentbehrlichen Aufwand zu bestreiten, welchen eine Wirthschaft erfodert. Sie sehen die Noth voraus, in die sie sich und die Ihrigen stürzen; sie können aber der Liebe nicht widerstehn. Und weil sie in andern Handlungen vernünftig genug sind, nichts unbesonnenes zu unternehmen; so suchen sie sich zu bereden, daß diejenige Thorheit, zu welcher sie sich itzt anschicken, eine Art von guten Werken sey, wo sie ihr christliches Vertrauen auf die göttliche Vorsorge an den Tag legen, und den Himmel, so zu sagen, bey seinem Versprechen fest halten wollen, damit er Anstalt mache, sie zu ernähren. Sie beten, und beten vielleicht andächtig: Aber auch eine Thorheit, die man mit Gebet anfängt, bleibt dennoch eine Thorheit, und zieht oft die unglücklichsten Folgen nach sich, welche in dem gegenwärtigen Falle desto empfindlicher sind, je weniger wir uns vorwerfen wollen, daß die Schuld unser sey. Wir wollen den Himmel zur Verantwortung ziehn. Wie leicht wird uns das Herz, wenn wir jemanden finden, dem wir unsre Uebereilung Schuld geben können! Ein leichtsinniger Thor flucht auf das Schicksal; ein frommer Thor seufzt über den Himmel. Beyde sind Thoren! »Da diese unvorsichtigen Verbindungen nicht ungewöhnlich sind; so werden sich vielleicht Leser finden, welche sich nachstehende zween Briefe zu Nutze machen können.«   Mademoiselle, Ich habe einige Jahre her das Vergnügen gehabt, durch einen öftern Umgang den Werth ihrer Tugenden, und die Vortrefflichkeit Ihrer Gemüthsart kennen zu lernen. Da ich und Sie über die ersten Jahre weg sind, in denen man die Empfindungen der Liebe gar leicht einer flüchtigen Uebereilung Schuld giebt; so kann ichs wagen, Ihnen meine Zärtlichkeit zu entdecken, und Sie zu versichern, daß ich es für mein größtes Glück in der Welt halte, der Ihrige zu seyn; und daß ich dieses mit einer so reifen Ueberlegung schreibe, daß ich überzeugt bin, dieses Glück wird mir nach vielen späten Jahren noch eben so schätzbar seyn, als es mir itzt ist. Was für ein Himmel muß ein Ehstand seyn, wo sich die Liebe auf Tugend gründet, und wo man sich von beyden Theilen Mühe giebt, die Hochachtung gegen einander immer neu zu erhalten, und täglich zu vermehren! Diese seltne Glückseligkeit kann ich mir von niemanden in der Welt versprechen, als von Ihnen, Mademoiselle; und ich meines Orts müßte aller Empfindungen der Menschheit unwürdig seyn, wenn ich das Geringste versäumen wollte, Ihre Glückseligkeit eben so vollkommen zu machen, als ich die meinige zu sehn wünsche. Kann ich hoffen, in meinem Wünschen glücklich zu seyn? Das macht mir keine Sorge, daß mein Amt sehr wenig einträglich ist; daß Sie selbst kein Vermögen besitzen; und daß ich keine so nahe Hoffnung vor mir sehe, wie diesem Mangel der zeitlichen Glücksumstände abzuhelfen seyn möchte. Es kann nicht fehlen, eine so tugendhafte Liebe, wie die unsrige ist, läßt der Himmel nicht unbelohnt. Er wird uns Wege zu unsrer Verbesserung zeigen, die wir als einen Segen unsrer vernünftigen Absichten ansehn können. Gesetzt aber auch, unsre Umstände verbesserten sich nicht, gesetzt, wir lebten kümmerlich; o wieviel haben wir vor tausend Familien voraus, da uns unsre aufrichtige und zärtliche Liebe nicht Zeit läßt, an unsern Mangel zu denken! Ich wenigstens, Mademoiselle, ich traue mir, bey Wasser und Brodt der vergnügteste Ehmann zu bleiben, wenn ich das Glück habe, der Ihrige zu seyn. Antwort. Nein, wahrhaftig nein, mein Herr, das ist meine Religion nicht. So hoch ich Sie schätze, und so lieb ich Sie als einen meiner besten Freunde habe: so wenig kann ich mich entschliessen, als Frau im Namen Gottes mit Ihnen zu hungern. Glauben Sie mir, es geschieht nicht aus Leichtsinn, daß ich so schreibe. Sie kennen mich. So lebhaft ich bin, so ernsthaft bin ich auch, wenn ich an eine Verbindung denke, deren Folgen so wichtig sind. Ich bin überzeugt, daß Sie der rechtschaffenste Mann von der Welt sind, daß Sie mich aufrichtig lieben, daß Sie alles daran wagen würden, mich glücklich zu machen; daß unser Ehstand ein wahres Muster einer vernünftigen Ehe seyn würde; das alles weis ich. Aber, mein Herr, aus Hochachtung gegen Sie, aus wahrer Freundschaft, verstehn Sie mich wohl, aus blosser Liebe zu Ihnen, mag ich Sie nicht zum Manne haben. Glauben Sie denn, daß unser Ehstand nur vier und zwanzig Stunden dauern soll? Und glauben Sie denn, wenn man vier und zwanzig Stunden Wasser und Brodt gegessen hat, daß man sich nicht ein wenig Fleisch und Zukost wünsche? Bey einem leeren Magen kann sichs unmöglich lange zärtlich lieben. Stellen Sie Sich einmal vor, daß wir in christlichem Vertrauen auf die Vorsorge des Himmels Mann und Weib sind; daß Sie an diesem Ende der Stube sitzen, und ich an dem andern; daß Sie nichts zu essen haben, und daß mich hungert; daß ich aus Liebe zu Ihnen recht satt thue, und daß Sie aus zärtlicher Gegenliebe den Kopf traurig stützen, und unruhig nachdenken, wo Sie etwas zu essen für Ihre verhungerte Hälfte, für Ihr anders Ich hernehmen sollen: was für ein Himmel der Ehe wird dieses seyn? Je mehr wir einander lieben, je bekümmerter müssen wir seyn, wenn wir sehen, daß es uns an den unentbehrlichsten Nothwendigkeiten fehlt. Wissen Sie wohl, was ich thun würde, wenn Sie alsdann mein Mann wären? Ich würde mir die äusserste Gewalt anthun, mich alle Mittage um zwölf Uhr mit Ihnen zu zanken, mich bis aufs Schlagen mit Ihnen zu zanken, und Sie so lange zu reizen, bis Sie im Zorne zu mir sprächen: Da, verhungre Bestie! Wie ruhig wäre meine Liebe gegen Sie, wenn Sie alsdann meine Noth nicht fühlten, wenn Sie vor Aergerniß vergässen, daß Ihre liebe Frau nichts zu essen hätte, wenn ich den Kummer, unsern Mangel zu empfinden, ganz allein litte! Was wollen wir uns unser Leben so schwer machen! Der Himmel will uns alle ernähren, es ist wahr; aber das versprach der Himmel zu der Zeit, da wir noch nicht so viel brauchten, wie itzt, und da die Eitelkeit der Menschen viel tausend unnöthige Dinge noch nicht ersonnen hatte, die in der Welt, worinn wir nun sind, ganz unentbehrliche Dinge geworden sind. Noch eins fällt mir ein. Können wir durch unsre übereilte Zuversicht nicht andre auch unglücklich machen? Als ein unverheirathetes Frauenzimmer sollte ich zwar zu blöde seyn, dieses zu sagen; aber aus Furcht zu hungern sage ich alles, was mir einfällt. Mit einem Worte, ich glaube gewiß, daß es eine Art der Grausamkeit sey, wenn junge Leute sich verheirathen, ohne zu wissen, wie sie ihren Nachkommen den nothdürftigen Unterhalt, und die nöthige Erziehung geben sollen. Damit wir einander recht zärtlich und exemplarisch lieben können, sollen deswegen unsre armen Kinder verhungern, oder dem Vaterlande zur Last seyn? Wissen Sie was? Sie für sich haben zu leben, ich für mich auch; aber beyde zusammen haben wir kein Brodt. Wir wollen leben, wie bisher. Ich liebe Sie als einen vernünftigen und rechtschaffnen Freund, und Sie lieben mich als Ihre Freundinn. Dabey soll es bleiben, und wir wollen niemals eher zusammen kommen, bis wir zu Hause uns satt gegessen haben. Unser Umgang wird immer vergnügt, immer tugendhaft bleiben, und wir werden den dauerhaften Vortheil haben, daß wir bey unsrer Freundschaft nicht unruhig sind. Sind Sie mit meiner Antwort zufrieden? Wie schwer wird es mir, eine Sache auszuschlagen, die ich bey andern Umständen für mein größtes Glück halten würde! Leben Sie wohl. »Da die Natur allen Thieren den Trieb zu lieben eingepflanzt hat, so fühlen ihn auch die Pedanten, und oft fühlen diese ihn mehr, als vernünftige Geschöpfe, weil man aus der Zergliederungskunst will wahrgenommen haben, daß diejenigen Creaturen am brünstigsten sind, die am wenigsten denken. Ich will meinen Lesern eine Art von dergleichen Seufzern mittheilen. Es wäre zu wünschen, daß sie alle so beantwortet würden, wie ich diesen beantwortet habe. Auf diese Art würde sich das schmutzige Geschlecht der Pedanten weniger vermehren.« Hochzuehrende, und Werthgeschätzte Jungfrau! Wenn ich Ihnen sage, daß die Sonne zum Erwärmen, der Vogel zum Fliegen, und der Mensch zum Lieben erschaffen ist; so sage ich Ihnen eine Wahrheit, von der der wilde Scythe so sehr, als der vernünftig denkende Grieche, überzeugt war. Amor omnibus idem! Die weise Natur hat dem Menschen einen Trieb eingepflanzt, welchen er Liebe nennt, und der auf die Vermehrung seines Geschlechts abzielt. Ohne diesen Trieb würden die grossen Absichten der mütterlichen Natur nicht bestehn, und die Welt würde in ihr erstes Chaos zurück fallen, wenn die Menschen nicht liebten. Ich, Hochzuehrende, und Werthgeschätzte Jungfrau, ich, der ich minima particula, ein kleiner Theil, dieses Ganzen bin, ich fühle diese Triebe der Natur mehr als jemals, da ich das Glück gehabt, Sie kennen zu lernen. Ich halte es für meine Pflicht, dieser Stimme zu folgen. Sie würden rebellisch seyn, wenn Sie diesen Trieben der Natur sich widersetzen, und nichts fühlen wollten, da Sie doch zu eben diesen grossen Absichten so fühlbar gebohren sind. Lassen Sie uns denn, Werthgeschätzte Jungfrau, diese Triebe vereinigen, und, so viel an uns ist, hindern, daß die Welt nicht zur Wüste werde. Sie heissen Dorothea, denn Sie sind eine wahre Gottesgabe; und da ich Theodor heisse, so wird es überflüßig seyn, zu beweisen, daß wir beyde für einander geschaffen zu seyn scheinen. Jener malte eine Sonnenblume, mit der Ueberschrift: Sequitur suum! Wie dieser ist die Sonne: So bist du meine Wonne! anzudeuten, daß ein Verliebter niemals seinen geliebten Gegenstand aus den Augen lasse, sondern sich, gleich einer Sonnenblume, nach demselben beständig wende und kehre. Glauben Sie, Hochzuehrende Jungfrau, daß ich niemals meine eheliche Pflicht aus den Augen lassen, sondern mit unverwandten Augen nach Ihnen, wie ein Schiffer nach dem Polarsterne, sehn, und mir Mühe geben werde, Ihnen durch meinen Wandel ad oculum zu demonstri ren, daß ich bis zu dem letzten Hauche des Lebens, ja, wo möglich, noch länger, voll Hochachtung, Liebe, und Ergebenheit sey, Hochzuehrende und Werthgeschätzte Jungfrau, Meiner Hochzuehrenden und Werthgeschätzten Jungfrau gehorsamster, und ehrendienstwilliger, N.           Antwort. Mein Herr, Es ist ein grosser Fehler von meinen Aeltern, daß sie mich haben Dorothea nennen lassen. Weil ich aber auch Johanna, und Sie Caspar heissen; so mache ich mir ein Gewissen daraus, die Natur in ihrer Ordnung zu stören, und mit Ihnen ein Bündniß einzugehn, welches mir nicht den grossen Absichten der mütterlichen Natur gemäß zu seyn scheint. Ich weis nicht, was ich thun würde, wenn Sie ein vernünftig denkender Grieche wären, und ich eine wilde Scythin; so viel aber weis ich, daß ich es lieber zufrieden bin, wenn die Welt in ihr erstes Chaos zurückfällt, als wenn ich mich, gleich einer Sonnenblume, nach Ihnen wenden und kehren soll. Jene malte einen kleinen Korb, mit der Ueberschrift: Mein Herr, Ihre Dienerinn. »Unter tausend glücklichen Vorzügen, die der Bauer vor vielen Vornehmen genießt, ist auch dieser, daß er meistentheils vernünftig, vorsichtig, und uneigennützig liebt. Es ist wahr, er fängt gemeiniglich da in der Liebe an, wo wir aufhören; aber dieses ist ein neuer Vorzug für ihn, und wenn er weniger seufzt, so ist er auch weniger lächerlich. Er überlegt, ob er eine Frau ernähren kann. Er sucht sich eine Frau, die ihm in seiner Nahrung helfen soll. Er sorgt, daß seine Kinder gesund und arbeitsam erzogen werden. Ein wenig Eifersucht erhält die Liebe neu und lebhaft; und auch dieses Vergnügen fehlt dem Bauer nicht. Zur Abwechslung will ich ein paar Briefe einrücken, welche zeigen, wie unschuldig man in den Hütten liebt.«   Grethe, Du bist ein flinkes Mensch. Ich habe es in der Heuerndte gesehen, wie Dir die Arbeit frisch von der Faust gieng. So eine Frau möchte ich haben! Willst du mich, so schlag ein. Ich habe ein bezahltes Häuschen, funfzig Gülden baar Geld, und der gnädige Herr ist mir auf ein ganzes Jahr Arbeiterlohn schuldig. Er wird mich schon bezahlen, wenn er Geld kriegt. Wir wollen uns redlich und ehrlich nähren, und für unsre Kinder wird sich auch Brodt finden, wenn sie arbeiten lernen. Was meinst Du, Grethe? Nimm mich, ich bin Dir gut. Thue mir nicht so schön mit Nachbars Christeln. Stecke den Brief nur hinter den Backofen, ich will ihn schon finden. Ich bin Dir recht gut. Hanns, Je nun, nun! Kann ich Dich doch wohl nehmen, wenn ich Dir gut genug bin. Wir wollen beten und arbeiten, es wird schon gehn. Für die Kinder ist mir nicht leid; armer Leute Kinder brauchen nicht viel. Ich kriege von meiner Mutter noch zwanzig Gülden raus, und ein Ehrenkleid. Sonst habe ich nichts. Ein neues rothes Mieder habe ich noch mit weissen Knöpfen, und einen gehenkelten Thaler. Wir wollen einander in Gottes Namen nehmen. Brodt wollen wir wohl verdienen. Ich scheue die Arbeit nicht. Mit Deinem Christel! Ich habe seit dem Pfingstbiere nicht mit ihm geredt. Du schierst mich nur. Sage ich Dir doch auch nichts von der grossen Hofmagd. Du kannst mit meiner Mutter reden. Ich muß auf die Fröhne. Rede nur mit der Mutter. »Es giebt gewisse Vorurtheile, welche durch die Zeit und Gewohnheit dergestalt gerechtfertiget worden sind, daß es eine Nothwendigkeit ist, sich ihnen zu unterwerfen, und daß man von derselben nicht abgehn kann, ohne sich den Urtheilen der Welt, und vielen daraus erwachsenden Verdrüßlichkeiten bloß zu stellen. Diese privilegirten Vorurtheile äussern sich nirgends stärker, als bey den Ehen, wenn eine von den beyden Personen sich unter ihren Stand verheirathet. Diese Ungleichheit des Standes ist sehr schwer zu bestimmen, da gemeiniglich ein jeder glaubt, er sey besser, als sein Nachbar. Ein reicher Bauer, der die Tochter eines armen Taglöhners freyt, wird das ganze Dorf und alle Bauerpatricien wider sich aufbringen. Die Bürger machen unter sich eine unendliche Abtheilung der Grade ihres Standes, und sind ganz trostlos, wenn einer von ihnen diese wüllkührliche Rangordnung übertritt. Bey niemanden fällt es mehr in die Augen, als bey dem Adel. Und dieser hat, meines Erachtens, auch noch das meiste Recht, wider solche ungleiche Heirathen zu eifern, da mit dem Adel verschiedne wesentliche Vorzüge verbunden sind, welche durch dergleichen Verbindungen entweder ganz wegfallen, oder doch Verwirrungen machen müssen, wenn man sich derselben, diesem ungeachtet, ferner anmassen will. Die Exempel sind so gar häufig nicht, daß ein reicher Bürger sich mit einem armen Fräulein verbindet. Es ist nicht zu läugnen, daß dergleichen Ehen oft auf beyden Theilen vergnügt und glücklich ausschlagen; und dennoch glaube ich, daß beyde Theile viel dabey wagen. Sind die zärtlichen Monate des Ehestandes vorbey; so kann es leicht geschehn, daß den Mann eine Wahl gereut, durch welche seine Reichthümer nicht vermehret worden sind. Seine Frau aber muß sehr vernünftig und billig seyn, wenn ihr nicht von Zeit zu Zeit der Rang ihrer Vorfahren, und der demüthigende Gedanke einfallen soll, daß die Vorwürfe ihrer Verwandten gegründet sind. Ich will Gelegenheit nehmen, dieses in nachfolgenden zween Briefen weiter auszuführen.«   Gnädiges Fräulein, Die Gelegenheit, die ich seit zwey Jahren gehabt, Sie kennen zu lernen, und durch einen täglichen Umgang Ihre Vorzüge und Tugenden einzusehn, macht mich so dreiste, Ihnen eine Erklärung zu thun, die Sie sich vielleicht itzt am wenigsten vermuthen. Sie betrifft die Hochachtung, die ich gegen Sie hege, und das Verlangen, das ich habe, durch die Erlaubniß, Sie zu lieben, und ewig der Ihrige zu seyn, glücklich zu werden. Ich weis die Einwürfe, Gnädiges Fräulein, die Sie machen können, und die ich gewiß befürchten müßte, wenn ich von Ihrer billigen Denkungsart nicht besser überzeugt wäre. Die Verbindung einer Fräulein mit einem aus bürgerlichem Stande wird nur denenjenigen übereilt vorkommen, welche von meiner zärtlichen Achtung für Ihre Person, und von Ihrer Einsicht, die Sie über die kleinen Vorurtheile der Welt erhebt, unrechte Begriffe haben. Meine Vorfahren haben immer den Ruhm gehabt, ehrliche Leute zu seyn. Sie waren in der Stadt, wo sie wohnten, von einigem Ansehn. Sie sind zwar alle nur Bürger gewesen, aber tugendhafte Männer, und ich darf mich keines einzigen schämen. Das Glück, welches meinem Vater in der Handlung zufiel, brachte ihm die Bekanntschaft, und das Vertrauen der größten Familien zuwege. Ich bin der einzige Erbe seines hinterlaßnen Vermögens, welches mir überflüßig Gelegenheit verschafft, auf eine bequeme, und sehr anständige Art zu leben. Was mir noch an meinem zeitlichen Glücke mangelt, ist der Besitz einer so vernünftigen, und tugendhaften Person, als Sie sind, Gnädiges Fräulein. Da Sie weder Aeltern noch nahe Verwandte haben; so beruht mein Glück bloß auf Ihrer Wahl, und auf Ihrem Ausspruche. Darf ich hoffen? Wird es Ihnen schwer fallen, denjenigen glücklich zu machen, der es ohne Sie nicht seyn kann? Verlangen Sie, Gnädiges Fräulein, daß ich mir die adlichen Vorzüge, welche die Natur meinen Vorältern versagt hat, durch Geld erlangen soll? Aber werde ich Sie deswegen aufrichtiger lieben, als es itzt geschieht? Werde ich, da Sie so billig sind, in Ihren Augen mehr Verdienste erlangen? Ich glaube keins von beyden. Verlangen Sie es schlechterdings; so will ichs thun: aber, ich gestehe es, ich thue es ungern. Nicht darum, daß ich es denenjenigen übel auslege, welche es für nöthig hielten, sich in den Adel einzukaufen; keineswegs. Es giebt Fälle, wo der Adel eine Belohnung auch für bürgerliche Tugenden ist; und sie ist nöthig, auch andre aufzumuntern, sich um ihr Vaterland verdient zu machen. Ich, Gnädiges Fräulein, ich habe um mein Vaterland keine Verdienste weiter, als ein redliches Herz, und die Reichthümer meiner Aeltern. Auf das erste bin ich stolz; aber eine so allgemeine Pflicht, als diese ist, redlich zu seyn, giebt uns noch kein Recht, eine so wichtige Belohnung, als die Erhebung in den Adelstand ist, dafür zu fodern. Auf meinen Reichthum hingegen habe ich gar nicht Ursache stolz zu seyn. Es ist ein Glück, das der nichtswürdigste Mensch erlangt haben würde, wenn er meines Vaters einziger Sohn gewesen wäre. Kann ich also wohl wagen, mich unter den Adel zu drängen, ohne den Vorwurf zu verdienen, der denen, die zu dieser vorzüglichen Würde gelangen, gemeiniglich, und nur zuweilen ohne Grund, gemacht wird? Die von Adel, welche vernünftig sind, würden mit meiner Eitelkeit Mitleiden haben; die aber, welche nicht vernünftig sind, würden mich für einen lächerlichen Thoren halten, und mich verachten. Die vom bürgerlichen Stande würden das sagen, was man in dergleichen Fällen immer sagt; und immer sagt man mehr Böses von andern, als Gutes. Sie werden mich als einen Mann ansehn, der sich ihrer schämte. Ein Bürger, der Vermögen und Ansehn hat, ist zu stolz, als daß ihm die Gesellschaft eines neuen Edelmanns ohne Verdienste erträglich seyn sollte. Was für ein unglückseliges Mittelding zwischen den Adlichen und Bürgerlichen würde ich alsdann seyn! Jene würden mich verachten, und diese vermeiden. Rathen Sie mir wohl, Gnädiges Fräulein, daß ich mir einen solchen Vorwurf so theuer erkaufen soll? Und dennoch will ich es thun, wenn Sie mir es rathen. Die Urtheile der ganzen Welt werde ich nicht achten, wenn ich dadurch das Glück erlange, daß Sie mich Ihrer Liebe würdigen. Ich erwarte Ihren Ausspruch mit Ungeduld. Auf diesem beruht meine ganze Zufriedenheit. Lassen Sie mich nicht zu lange in der traurigen Ungewißheit, ob ich es wagen darf, zu sagen, ich sey. Gnädiges Fräulein, der Ihrige. Mein Herr, Ich muß mich schämen, daß ich noch bis itzt in einer Sache unschlüßig bin, die mir von einem so vernünftigen Manne, und auf eine so anständige Art angetragen wird. Ich kenne den Werth Ihres Herzens. Meine Hochachtung gegen Sie ist stärker, als eine gemeine Hochachtung. Ich glaube, sie kömmt der Liebe sehr nahe. Ich will diese Empfindung für eine Liebe halten, die ich der Tugend schuldig bin. Mit Ihrer Hand bieten Sie mir so viel Vortheile des Glücks an, welche stärker sind, als ich jemals hoffen können; und welche allein stark genug seyn würden, ein jedes Frauenzimmer, das nicht reicher, als ich, zu einem geschwinden Entschlusse zu bringen. Mit einem Worte, ich kann nicht vernünftiger, und zugleich vortheilhafter lieben, als wenn ich Sie liebe, mein Herr. Und dennoch bin ich so schwach, mich durch die kleinen Vorurtheile der Welt unschlüßig machen zu lassen, über welche, wie Sie mir schmeicheln, ich erhoben seyn sollte. Meine Begriffe von dem wahren Werthe des Adels sind den Ihrigen ganz ähnlich. Der Adel giebt denen, die ihn verdienen, einen ansehnlichen Vorzug, und er vermehrt die Schande dererjenigen, welche seiner, und ihrer Ahnen unwürdig sind. Ein Bürger, der durch seine Verdienste um das Vaterland sich selbst diesen Vorzug erworben, hat das Recht, von mir mehr Hochachtung zu fodern, als ein adlicher Taugenichts, den ein blinder Zufall aus einem alten Hause hat lassen gebohren werden. Auch darinn bin ich mit Ihnen einig, daß ein jeder bürgerlichen Standes nicht behutsam genug seyn kann, die Rechte des Adels auf sich zu bringen, die ihn, wenn er es nicht schon vorher ist, weder vernünftiger, noch tugendhafter machen. Ich wenigstens würde für Sie, mein Herr, nicht einen Augenblick mehr Hochachtung haben können, als ich itzt habe, wenn Sie gleich in diesem neuen Glanze zu mir kämen, in der Hand das kostbare Pergament, und auf einer jeden Seite zwey Ahnen hätten. Da ich vom Adel so billig urtheile; so können Sie wohl glauben, daß mir nichts abgeschmackter vorkömmt, als der lächerliche Hochmuth der kleinen adlichen Seelen, welche alle andre, und die vernünftigsten Männer verachten, weil sie bürgerlichen Standes sind. Diese Creaturen haben wohl Ursache, auf die Vorzüge der Geburt zu trotzen; denn wenn diese nicht wären, so würden sie oft gar nichts haben, womit sie sich von dem niedrigsten, und unedelsten Pöbel unterscheiden könnten. So wahr dieses alles ist, und so gewiß ich von dem überzeugt bin, was ich hier sage; so gewiß ist es doch auch, daß wir in einer Welt leben, die durch Vorurtheile regiert wird, und die zu alt ist, als daß sie sich durch uns eines bessern sollte belehren lassen. Diese mit Vorurtheilen eingenommene Welt ist so unbillig, daß sie die Heirath einer Fräulein mit einem aus bürgerlichem Stande schwerlich entschuldigen wird, wenn auch dieser noch so angesehn, und der vernünftigste Mann wäre. Ist dieser Mann reich und das Fräulein arm: so wird ein Theil des Vorwurfs mit auf sie fallen, und man wird sich Mühe geben, ihre Absichten verdächtig, und wenigstens eigennützig zu machen. Was hat sie alsdann für Mittel in Händen, ihre Unschuld zu vertheidigen? Und wie empfindlich muß ein solcher Vorwurf seyn, den man nicht ablehnen kann? Werden ihre eignen Verwandten billig genug seyn, ihren Entschluß zu rechtfertigen, oder wird es ihnen nicht immer einfallen, daß sie etwas gethan, das ein Fräulein von altem guten Hause nicht hätte thun sollen? Es sind Vorurtheile, mein Herr, sehr lächerliche Vorurtheile, Sie haben Recht; aber sie sind doch allgemein, und um deswillen allemal gefährlich. Müssen Sie es nicht gestehn, mein Herr, daß dieser Fehler nicht dem Adel allein eigen ist? Er ist unter denen vom bürgerlichen Stande noch viel stärker. Ich will nur ein Exempel anführen. Ein Doctor ist ein Bürger, ein Handwerksmann auch. Was für Bewegungen erregt das in der bürgerlichen Welt, wenn ein Doctor die Tochter seines Schusters heirathet? Alle Caffeegesellschaften, alle Wochenstuben schreyen Ach und Weh über diese widernatürliche Verbindung. Haben Sie immer die gefällige Nachsicht gegen die Thorheiten meines Standes, welche sich durch die Thorheiten des Ihrigen so lange rechtfertigen, bis beyde vernünftiger denken, und billiger urtheilen lernen. Es ist einem Fräulein wohl erlaubt, einen Mann bürgerlichen Standes hoch zu achten, und seine aufrichtige Freundinn zu seyn, wenn man ihr gleich nicht erlauben will, sich genauer mit ihm zu verbinden. Ist eine solche Freundschaft ohne Tadel nicht einer Liebe vorzuziehn, welche so bitter getadelt wird? Hat dieser Mann Vermögen, ist er wegen seines ehrlichen Charakters in der Stadt angesehn; wie glücklich kann er ein Bürgermädchen machen, das arm, aber tugendhaft ist. Die ganze Welt wird seinen Entschluß preisen; Adliche und Bürgerliche müssen ihn wegen seiner Großmuth hochachten; die Familie, welche er in so vortheilhafte Umstände gesetzt hat, wird ihn segnen und ehren. Hat ein Fräulein das Glück, seine Freundinn zu seyn; so wird sie es nunmehr doppelt seyn müssen, da ihm seine vernünftige Wahl so viel Ehre macht. Sehn Sie, mein Herr, das sind ungefähr meine Zweifel, die ich itzt habe, und die ich Ihnen nicht so offenherzig sagen würde, wenn ich Sie weniger liebte. Lassen Sie mir noch eine kurze Bedenkzeit; ich will mich hernach näher erklären. Das können Sie inzwischen gewiß glauben, daß ich mit der größten Hochachtung unverändert sey Die Ihrige. N. S. Führen Sie mich heute in die Comödie. Es wird über unsern Text ein sehr erbauliches Stück gespielt. Ich erwarte Sie gewiß. Sie sollen auf den Abend mit mir speisen, und mir sagen, wie es Ihnen gefallen hat. Hier ist der Comödienzettel. Bis auf Wiedersehn. »Es ist nicht zu läugnen, daß oftmals ein Frauenzimmer bürgerlichen Standes durch ihre Tugenden und ihre gute Aufführung das Glück verdient, sich mit einem von Adel zu verbinden. Trägt ihre Schönheit etwas dazu bey, so ist es für sie ein Vorzug mehr, und sie verdient doppelte Achtung, wenn ihr Vermögen so ansehnlich ist, daß sie ihren Mann auch auf dieser Seite glücklich machen kann. Die Erfahrung lehrt uns, daß dergleichen Ehen vielmal der Grund einer dauerhaften Zufriedenheit sind. Wenn beyde Theile mit Vernunft wählen, und mit Zärtlichkeit sich lieben; so haben sie ein Recht, alle die Spöttereyen großmüthig zu verachten, welche von dem Pöbel darüber ausgestossen werden. »Was ich hier angeführt habe, ist die Schutzschrift von dem, wovon nachstehende Briefe handeln. Sie gehn diejenigen nichts an, welche vernünftig sind; und sie können nur die beleidigen, welche ein Recht haben, sich für die Originale dazu aufzuwerfen. Sie werden sich wohl selbst melden; noch zur Zeit kenne ich sie nicht, und ich werde mich sehr erfreuen, wenn meine Leser sich überzeugen können, daß es dergleichen Originale nirgend gebe. Ich will den Vorwurf gern leiden, daß meine Charakter unwahrscheinlich sind. Was ich als Autor dabey verliere, das gewinne ich auf der andern Seite als ein aufrichtiger Patriot wieder.   Mademoiselle, Ich habe Ihnen einen Vorschlag zu thun, der Ihnen Ehre macht. Mein Vater heirathete ein blutarmes Fräulein aus einem uralten Hause. Mein Großvater vermählte sich mit der Baroneßinn von – – deren Vorfahren zu Kaiser Friedrichs des Rothbarts Zeiten zum heiligen Grabe als Ritter reisten. Von meinem Urgroßvater ist es bekannt, daß er sich nicht entschliessen konnte, eine reiche Gräfinn zu heirathen, bloß darum, weil ihr Vater ein Kaufmann gewesen war. Er nahm ein armes Fräulein, welche von so gutem Adel war, daß sie selbst den Beyfall des Herzogs erhielt. Mit einem Worte, alle meine Vorfahren sind so vorsichtig gewesen. daß sie nicht unter ihren Stand geheirathet, und niemals ihren Adel mit bürgerlichem Blute befleckt und vermengt haben. Und dennoch habe ich so viel Ueberwindung, Ihnen, Mademoiselle, zu sagen, daß ich Sie liebe, und dieses in der ernstlichen Absicht, Sie zu meiner Gemahlinn zu nehmen. Ich gebe mich der Verachtung des ganzen Adels bloß, ich weis es wohl; aber ich kann es nicht ändern. Ein Bürgermädchen zu heirathen: das will viel sagen! Sonst war ich der erste, der gegen dergleichen widernatürliche Ehe eiferte. Aber Noth bricht Eisen! Meine Umstände zwingen mich zu diesem verzweifelten Entschlusse. Was ich von meinem Vater geerbt habe, das ist ein altes adliches Blut, und neue Schulden. Die drey Güter, von denen ich mich schreibe, gehören meinen Gläubigern. Ich stehe in Gefahr, künftige Messe eine traurige Figur zu machen, wenn ich mich nicht durch Ihre Liebe rette. Sie haben Geld, und ich den Stand; wir wollen unsre Vorzüge mit einander theilen; so fehlt es uns beyden nicht an dem, was wir brauchen. Ich will die Schande Ihrer geringen Herkunft mit meinen alten Pergamenten zudecken. Erlauben Sie mir dafür, daß ich mit Ihren Wechseln mich gegen die Grobheit meiner Gläubiger schütze. Ich mache Sie zu einer gnädigen Frau; ist es wohl unbillig, daß Sie mich dagegen bey meinen Rittergütern erhalten? Wäre eine Möglichkeit, daß ich Ihr Geld, ohne Sie, bekommen könnte; so können Sie mir heilig glauben, daß ich Ihr Geld allein, und Ihre Person nicht verlangen wollte. Aber ich weis es schon, das thun Sie nicht; und ehe ich Ihr Geld misse, so will ich mir lieber gefallen lassen, Ihre Person zugleich mit zu nehmen. Glauben Sie nur nicht, daß Sie mir zu viel aufopfern. Ich wage meinen guten Namen, den Ruhm aller meiner Ahnen wage ich daran, der Ihrige zu werden; können Sie mir wohl dieses mit Ihrem Gelde zu theuer bezahlen? Noch etwas muß ich Ihnen sagen. Da Sie bürgerlich erzogen worden sind, so haben Sie vielleicht die gemeinen Vorurtheile, daß mich unsre Ehe verbinden würde, Sie mit Hochachtung und aufrichtig zu lieben, und daß Sie ein Recht erhielten, in öffentlichen Gesellschaften, und in Gegenwart des ganzen Landadels mir, als Ihrem Manne, auf eine vertraute Art zu schmeicheln; keins von beiden. Bin ich Herr von Ihrem Vermögen, so habe ich, was ich gesucht. Von Ihrem Herzen verlange ich nicht Herr zu seyn, ob ich gleich will, daß Sie von mir, als Ihrem Manne, Befehl annehmen. Das bitte ich Sie, vergessen Sie sich in Gesellschaften nicht. Hochachtung und Ehrfurcht gehört mir. Eine vertraute Zärtlichkeit würde den Vorwurf rechtfertigen, den mir der Adel machen kann. Am besten wird es seyn, wenn Sie, so viel möglich, die Gesellschaften vermeiden, die über Ihren Stand sind. Es wird Ihnen an Umgange nicht fehlen, da ich Willens bin, von Ihrem Gelde eine ziemliche Anzahl Bediente zu ernähren. Meines Pfarrers Frau ist ein ganz feines Weib, zu der können Sie sich halten. Ein Umgang mit Ihres gleichen wird Ihnen am besten anstehn. Bey meinen Unterthanen heißen Sie immer gnädige Frau. Wenn ich vom Hofe abkommen kann, will ich Sie dann und wann besuchen. Es würde öfter geschehen, wenn Sie schöner aussähen; aber mit Ihrer Erlaubniß, Sie sehen sehr häßlich aus. Es sey drum! Sind Sie doch reich, und für eines Bürgers Tochter sehn Sie immer erträglich genug, zumal da Sie Ihr Schneider so wohl zu kleiden weiß. Sehn Sie, Mademoiselle, ich sage es Ihnen, wie mirs ums Herz ist. Mein Kammerdiener hat Befehl, nicht eher von Ihnen weg zu gehn, bis er mir Antwort bringt. Ungeachtet Ihrer schlechten Erziehung traue ich Ihnen doch so viel Einsicht zu, daß Sie das Glück erkennen werden, welches ich Ihnen entgegen trage. Machen Sie sich nicht vor der Welt lächerlich, und schlagen Sie eine Ehre nicht aus, die nicht alle Tage kömmt. Unsre armen Kinder dauern mich; denn ohne Kinder wird es doch nicht ganz abgehn, das sehe ich schon. Ihre Mutter wird ihnen ein ewiger Vorwurf seyn, und ich bin freylich Schuld daran. Wer kann sich helfen? Sie müssen über die Unbescheidenheit meiner Gläubiger schreyen, welche mich so weit treiben. Was ist zu thun? Sie mögen sich durch die Welt bringen, so gut es angehn will; können sie doch studiren, dazu sind sie noch immer gut genug. Gott Lob! ich und alle meine Vorfahren haben niemals studirt. Pedanterey ist unser Familienfehler nicht, hol mich der Teufel! nicht, das sage ich Ihnen, Mademoiselle. Lesen und schreiben kann ich so ziemlich; aber einen Hasen will ich Ihnen hetzen, Trotz dem besten Jäger, und wenn ich die Aufwartung habe, so mache ich auch der Antichamber Ehre; das können Sie mir glauben. Ich wüßte in meinem Leben nicht, wenn ich so viel geschrieben hätte, als itzt an Sie; aber was thut die Liebe und der Gläubiger nicht? Das will ich nimmermehr vergessen, was mich dieser Brief für Ueberwindung gekostet hat. Kurz, antworten Sie bald, und so, wie ich wünsche. Es soll Sie nicht gereuen. Ich bin Ihr Diener – – – –           Hochwohlgebohrner Herr, Gnädiger Herr, Dem Himmel sey tausendmal Dank, der Sie auf den glücklichen Einfall gebracht hat, mich zu einer gnädigen Frau zu machen. Das ist alles, was ich mir in meinem Leben wünschen kann. Als ich noch jung und unverständig war, da würde ich zufrieden gewesen seyn, wenn ein feiner erbarer Bürger gekommen wäre; da ich aber älter und verständiger ward, so that ich bey mir selbst ein Gelübde, daß ich niemanden als einen Edelmann, heirathen wollte. Sie glauben nicht, gnädiger Herr, was für ein närrischer Hochmuth unter der Bürgercanaille ist! Eine Doctorsfrau, deren Mann vielmal das liebe Brodt nicht hat, wird sich nimmermehr überwinden können, der Frau des reichsten Kaufmanns den Rang zu geben. Mir ist es am Sonntage so gegangen, daß die Tochter eines Professors, welche ihrer seligen Mutter Brautkleid anhatte, sich über mich drängt, ungeachtet der Stab von meinem Stoffe acht Thaler kostete. Das will ich ihr gewiß empfinden lassen, habe ich nur einmal die Gnade, Ihre Gemahlinn zu seyn. Mit Freuden überlasse ich Ihnen meine Hand, und mein ganzes Vermögen. Nun sehe ich erst, wie viel Dank ich meinem weisen Vater schuldig bin, welcher aus liebreicher Vorsorge bey seinen Schätzen verhungerte, um seiner einzigen Tochter ein so ansehnliches Vermögen zu hinterlassen, welches mich würdig macht, Ihre Gemahlinn zu werden. Wenn es wahr ist, was man meinem Vater Schuld gegeben, daß er den größten Theil seiner Reichthümer von dem Landadel zusammen gewuchert hat; so halte ich es für eine Art des billigen Wiederersatzes, Ihnen, Gnädiger Herr, solche Preis zu geben. Ich lasse mir alle die Bedingungen gefallen, unter denen Sie mir Ihre Hand anbieten. Ich will alle die vornehmen Gesellschaften meiden, in denen Sie sich meiner zu schämen haben. Die Vorwürfe, die mir von adelichen Damen gemacht werden, will ich in Demuth ertragen, wenn ich nur dafür die Freyheit behalte, andern Weibern, die geringer sind, als ich, und Ihren Unterthanen es empfinden zu lassen, daß ich gnädige Frau bin. Das einzige bitte ich Sie noch, erlauben Sie mir, daß ich in der Messe, unter der Bedeckung von vier bis fünf Bedienten mich durch den Landadel drängen darf. Ich hoffe Ihnen, und Ihren Ahnen mit meinem Reifrocke Ehre zu machen; und begegnet mir eine von meinen alten bürgerlichen Bekannten, so will ich von meiner gnädigen Höhe mit einer eben so stolzen Miene auf die elende Creatur herab sehn, als wenn meine Vorfahren das heilige Grab auch hätten erobern helfen. Mit einem Worte, Sie sollen Ihre Freude an mir haben, und Ihre Wahl soll Sie gewiß nicht gereuen. Ich erwarte einen Aufsatz von Ihren Schulden, damit ich die Gläubiger auf die Zahlung vertrösten kann. Ich habe Vermögen genug, sie zu befriedigen; und Sie können nehmen, so viel Sie zu Ihrem Staate brauchen. Ich sehe es zwar im voraus, daß mein ganzes Vermögen mit der Zeit wird verlohren gehn, und daß mich Ihre Schulden, und Ihr Aufwand in kümmerliche Umstände bringen werden; aber es sey drum. Es ist immer rühmlicher, wenn man als gnädige Frau hungert, als wenn man mit bürgerlichen Händen Allmosen austheilen kann. Ich erwarte die Ehre Ihres Zuspruchs, um Ihnen mündlich zu sagen, daß ich mit der größten Hochachtung sey, Gnädiger Herr, Ihre demüthige Dienerin. N. S. Könnte die Hochzeit nicht noch vor der Fasten werden? Es ist hernach gar zu lange bis auf Ostern. Antwort von einem andern Inhalte. Gnädiger Herr, Urtheilen Sie selbst, wie groß mein Verlangen seyn muß, adlich zu werden, da mich nicht einmal Ihr Brief hat beleidigen können, so grob und pöbelmäßig er auch abgefaßt ist. Ich verzeihe Ihnen diese Kleinigkeiten, um bey meinen großen Absichten desto glücklicher zu seyn. Da ich schon so lange vergebens auf einen dergleichen ernsthaften Antrag gewartet habe; so greife ich itzt mit beyden Händen zu, ohne auf ihre Person zu sehn, die zu einem Manne, und wozu ich Sie brauchen will, gut genug, im übrigen aber ganz unerträglich ist. Nehme ich die hohe und unverschämte Miene aus, die Sie haben, so finde ich gar nichts, was Sie von den Livreybedienten unterscheiden könnte. Selbst in den prächtigsten Kleidern behalten Sie den Anstand eines Kutschers, und Sie haben nöthig, allen Leuten, wie Sie es in dem Briefe an mich gethan, sehr umständlich zu sagen, wie sorgfältig Ihre Aeltern sich gehütet, ihr adliches Blut mit keinem Bürgerblute zu beflecken; sonst würde, wenn man dieses nicht weis, Ihre selige Frau Mutter in einen Verdacht kommen, der ihr weniger Ehre machte, als ihrem Vorreiter. Ihre Aufführung, Gnädiger Herr, mag vielleicht zu manchen Zeiten der Antichamber Ehre machen, wie Sie mich versichern; ausserdem aber gewiß keinen Gesellschaften. Es ist überflüßig, die Leute mühsam zu überführen, daß Sie nicht studirt haben. Nicht allein dieses sieht man Ihnen sehr wohl an, sondern auch das, daß Sie niemals etwas gelesen, niemals, wenigstens nicht mit Ihrem Willen, in vernünftiger Gesellschaft gewesen, mit einem Worte, daß Sie nicht für die gesittete Welt, sondern für einen Strick Hunde gebohren sind. Was Sie noch von dem Pöbel unterscheidet, und Ihre vornehme Absichten behaupten kann, ist dieses, daß Sie im Begriffe stehn, bankrut zu werden. Sehn Sie, Gnädiger Herr, ich sage es Ihnen auch, wie mir ums Herz ist; und wenn ich das Glück habe, die Ihrige zu seyn, sollen Sie noch mehr erfahren. Ungeachtet dieses nachtheiligen Charakters, den Sie haben, und den ich mir von Ihnen machen muß, bin ich dennoch nicht eine Minute unschlüßig, Ihnen meine Hand zu geben. Genug, Sie sind von Adel, und so ein Mann fehlt mir. Ein Bürger, welcher wohl erzogen, vernünftig, im Umgange artig, in seinen Handlungen redlich, in seiner Nahrung glücklich und sorgfältig, in seiner Liebe uneigennützig und zärtlich, in der ganzen Stadt angesehen ist; ein solcher Bürger würde mich vielleicht zur glücklichsten Frau machen können: allein bey allen diesen Vorzügen ist er doch nur ein Bürger, und diese Geschöpfe kann ich durchaus nicht leiden. Von meiner ersten Kindheit an konnte man mir nicht empfindlicher schmeicheln, als wenn man mich im Scherze, kleines Fräulein, hieß. Bey zunehmenden Jahren fiel dieser Scherz freilich weg; aber ich ersetzte den Verlust dadurch, daß ich mir selbst Mühe gab, mich zu überreden, es sey nichts als ein übereiltes Versehn von der Natur, daß sie mich in meiner bürgerlichen Aeltern Hause hatte lassen gebohren werden, und ich sey vom Himmel zu nichts geringern, als zu einer gnädigen Frau bestimmt. Durch Lesung einiger Romane kam ich vielmals auf den wahrscheinlichen Zweifel, ob ich nicht die Tochter eines Lords, eines Marquis, oder sonst eines vornehmen Cavaliers, und nur wegen einiger politischen Absichten unter dem verdeckten Namen des Bürgers, der mein Vater heißt, in seinem Hause unerkannt erzogen sey. Dem sey, wie ihm wolle; ich mag es itzt nicht untersuchen. Es möchte mir sonst einfallen, daß ich mich weit unter meinen Stand verheirathete, wenn ich die Ihrige würde. Die Zeit wird mir zu lang, auf eine glückliche Entwicklung des Geheimnisses von meiner Geburt zu warten. Sie sollen mich haben, und wenn mein Vater ein Reichsgraf wäre. Aber mit Ihrer Erlaubniß, die Bedingungen, die Sie mir vorschreiben, werde ich mir nicht alle gefallen lassen. Daß Sie mich zur Pfarrfrau, und zu Ihren Bauern verbannen wollen, daraus wird nichts. Bürgerliche Gesellschaft habe ich in meinem Leben nicht leiden können; nun werde ich nicht erst anfangen, mich daran zu gewöhnen. Es konnte mir keine größre Beleidigung wiederfahren, als wenn man mich in Zusammenkünfte, oder auf Bälle bat, wo nichts als bürgerliches Geschmeisse, und für mich keine von Adel waren. Sollte ich mich künftig so wegwerfen, da ich wirklich eine gnädige Frau bin? Glauben Sie mir, daß ich zu leben weis, und daß mir der Umgang mit denen von Adel nichts neues ist. Ich habe Grafen zu Anbetern gehabt, mit Baronen bin ich so vertraut gewesen, als ich kaum mit Ihnen werden kann, und eine ganze Menge junger Edelleute habe ich lassen vergebens seufzen, gegen die ein solcher Dorfjunker, wie Sie sind, gar nichts heißt. Verlassen Sie sich auf mich, man soll mir in der vornehmsten Gesellschaft meine Erziehung nicht ansehn; aber dergleichen Gesellschaft will ich besuchen, schlechterdings will ich sie besuchen, und wenn Sie, Gnädiger Herr, mit allen den altadlichen Damen in leinwandnen Andrienen rasend darüber würden. Urtheilen Sie hieraus, ob ich geneigt bin, mir viel von Hochachtung und Ehrfurcht, von Befehlen und Gehorsam vorschwatzen zu lassen. Das unterstehn Sie sich nur nicht, oder ich will Ihnen Ihren hochadlichen Kopf zu rechte setzen. Darüber aber gebe ich Ihnen mein Wort, und das will ich heilig halten, daß ich Ihnen weder zu Hause noch in Gesellschaften auf eine vertraute Art schmeicheln werde. Es würde mir sehr empfindlich seyn, wenn Sie es thun wollten. Das unterstehn Sie sich nur nicht. Gegen alle Cavaliere werde ich zärtlicher thun, als gegen Sie. Von allen, nur von meinem Manne nicht, will ich mir Schmeicheleyen lassen vorsagen; mit der halben adlichen Welt will ich coquettiren, mit einem Worte, ich will mich so aufführen, daß man glauben soll, ich sey aus dem ältesten Hause. Nur machen Sie mir keine Schande, und lassen Sie sich es etwan einfallen, eifersüchtig zu werden. Pfuy, das wäre sehr bürgerlich! Eben um deswillen heirathe ich Sie, daß ich die Freyheit haben will, Sie ordentlich zum Hahnrey zu machen. Heirathete ich einen guten ehrlichen Bürger; so würde ich es nur können in der Stille thun, und dieser pöbelmäßige Zwang ist mir zuwider. Da ich einen so vornehmen, und Ihrem Range anständigen Entschluß gefaßt habe; so können Sie gewiß glauben, daß ich mich nicht kränken werde, wenn Sie die Drohungen wahr machen, und mich nur selten besuchen. Desto besser! Habe ich Ihren Namen. und Ihr Wappen, so können Sie hingehn, wohin Sie wollen; Sie sind mir ganz überley. Lassen Sie sich unsre armen Kinder nur nicht dauern. Sie sollen an den wenigsten Ursache seyn, auf mein Wort! Dafür lassen Sie mich sorgen, das ist meine Sache; und ich werde Ihnen eine so anständige Erziehung zu geben wissen, daß sie Ihnen ganz unähnlich seyn sollen. Was mein Vermögen anbetrifft; so ist es ganz zu Ihren Diensten. Ich will alle Ihre Schuldleute bezahlen, Ihre Güter will ich frey machen; aber Ihre Güter sollen dafür meine seyn; ich will allein an die Stelle aller Ihrer Gläubiger treten. Führen Sie sich vernünftig und bescheiden gegen mich auf, wie es sich für einen Ehmann gehört; so sollen Sie die Erlaubniß behalten, zu thun, als wären die Güter noch Ihre. Sie sollen der oberste Voigt seyn, und den Unterthanen befehlen, was ich für genehm halten werde. Kommen Sie aber auf den unglücklichen Einfall, meine gütige Nachsicht zu misbrauchen; so schwöre ich Ihnen bey Ihrem Ahnenstolze, ich will grausamer mit Ihnen verfahren, als alle Ihre Gläubiger verfahren sind. Der Ehcontract soll so eingerichtet werden, daß ich allemal das Recht behalte, Sie aus meinen Gütern zu werfen, und eher will ich nicht ruhn, bis ich Sie zum Arrest gebracht habe. Mit einem Worte, es steht bey Ihnen, ob Sie glücklich oder unglücklich seyn wollen. Wählen Sie, was Sie am besten finden. Unsre Vermählung kann vor sich gehn, wenn es Ihnen gefällt. Je eher, je lieber. Bis dahin, und länger nicht, bin ich mit der größten Zärtlichkeit, und mit demüthiger Hochachtung, Gnädiger Herr, Ihre unterthänigste Dienerinn. N. S. Ich erwarte durch Ihren Kammerdiener Antwort. Der Mensch hat etwas, das mir gefällt. Dritte Antwort von den vorigen beyden ganz unterschieden. Mein Herr, Ihr Kammerdiener hat mir einen Brief von Ihnen überbracht, welcher vermuthlich nicht an mich, sondern an eine andere Person gerichtet ist. Ich glaube nicht, daß ich mit meiner Aufführung Ihnen Gelegenheit gegeben habe, so nachtheilig von mir zu urtheilen, und mir so unanständige Vorwürfe zu machen, welche die gemeinsten Weibspersonen beleidigen müssen. Ich halte es für kein Unglück, die Tochter eines ehrlichen Bürgers zu seyn. Ich wäre meines rechtschaffnen Vaters unwürdig, wenn ich mich meiner Geburt schämen wollte. Unter den vielen Verdiensten, die Ihnen fehlen, ist allem Ansehen nach die Bescheidenheit eins der vornehmsten. So schlecht die Begriffe sind, die Sie sich von meiner bürgerlichen Erziehung machen; so wohl bin ich doch im Stande, diesen Fehler an Ihnen wahrzunehmen. Ich bin niemals so stolz gewesen, auf eine Verbindung zu hoffen, die über meinen Stand ist; aber dazu bin ich doch noch zu stolz, daß mir Ihr Antrag erträglich seyn sollte. Das Vermögen, das ich besitze, und welches in Ihren Augen meinen ganzen Werth ausmacht, würde ich sehr übel anwenden, wenn ich mir dadurch das bittre Glück erkaufen wollte, die Frau eines Edelmanns zu werden, dessen Liebe so eigennützig, und dessen Denkungsart so unedel ist. Ueberlegen Sie es wohl, mein Herr, ob Sie nicht Ursache haben, mit meinem Entschlusse wohl zufrieden zu seyn. Ihren vornehmen Anverwandten erspare ich den Verdruß, sich meiner zu schämen, da es denselben weit rühmlicher seyn muß, wenn ihr Vetter mit unbeflecktem Adel im Gefängnisse verhungert, als wenn er sich am Tische seiner bürgerlichen Frau satt essen kann. Sie selbst vermeiden die grossen Gewissensbisse, die Nachwelt mit halbadelichen Kindern zu verwahrlosen. Ich bin im Begriffe, einem Ihrer stärksten Gläubiger meine Hand zu geben. Es wird dieses in gewisser Maaße zu meiner Beruhigung dienen, wenn ich Sie mit der demüthigen und gebeugten Miene eines bösen Schuldners vor einem Manne stehen sehe, dessen Frau Ihnen ehedem verächtlich genug gewesen ist, ihr die empfindlichsten Grobheiten vorzusagen. So bald Sie im Stande seyn werden, einzusehn, daß Sie diese Vorwürfe verdient haben: so bald werde ich mir ein Vergnügen daraus machen, Sie aufrichtig zu versichern, daß ich mit aller Hochachtung sey, Mein Herr, Ihre Dienerinn. »Heut zu Tage ist dieses wohl unstreitig eine der größten Nahrungen, daß man Geld borgt, und es nicht wieder bezahlt. Sie ist dergestalt allgemein worden, daß, da sie sonst nur ein Vorrecht der Kaufleute war, sich nunmehr auch der gemeinste Mann darauf legt. Selbst die Gelehrten, und ehrwürdige Männer, haben sich dieses Vortheils bemächtiget. Es hat mich dieses veranlaßt, einige Formulare zu verfertigen, wie man Geld borgt, wie man mahnet, und wie man durch eine bescheidne Antwort seine Gläubiger hintergehn kann, ohne nöthig zu haben, sie zu bezahlen. Weil ich aber doch gern sähe, daß meine Landsleute so ehrlich wären, als es ohne ihren merklichen Schaden geschehen kann; so habe ich in nachstehenden Briefen meinem Schuldner den Charakter eines Mannes gegeben, welcher zwar im Ausborgen leichtsinnig, und bey seiner Wirthschaft unvorsichtig, im Grunde aber ein ehrlicher Mann ist.« Mein Herr, Es haben mich verschiedne gute Freunde gebeten, daß ich ihnen die Ehre erzeigen, und einige tausend Thaler von ihnen borgen möchte. Ich habe es allen abgeschlagen, weil ich Niemand verbunden seyn will, als Ihnen, mein Herr. Mein Sekretair hat Ordre, tausend Thaler von Ihnen in Empfang zu nehmen, die ich diesen Abend brauche. Es ist eine Kleinigkeit, die ich aber als eine besondre Probe Ihrer Freundschaft gegen mich ansehe, und sie so hoch schätzen werde, als wenn Sie mir in der wichtigsten Sache gedient hätten. Sie können sich wegen des Wiederersatzes auf mein Wort verlassen. Wollen Sie noch sichrer seyn, so sollen Sie meinen Wechsel haben. Ich diene Ihnen bey andern Gelegenheiten mit Vergnügen, u. s. w. Antwort. Ew. Gnaden haben Ihr Zutrauen so oft gegen mich geäussert, daß ich billig Bedenken tragen muß, es zu misbrauchen. Ich bin nicht im Stande, Ihnen mit den verlangten tausend Thalern zu dienen, ohne meine übrigen Freunde eifersüchtig auf mich zu machen. Davon bin ich überzeugt, daß ich mich auf Ihr hohes Wort so sehr, als auf Ihren Wechsel, verlassen kann. Sie werden mich davon noch mehr überführen, wenn Sie die Gnade haben, und Ihrem Sekretair befehlen wollen, daß er diejenigen zwey tausend Thaler an mich bezahle, welche in der letzten Messe verfallen sind. Es wird mich dieses im Stande erhalten, Ihnen bey einer andern Gelegenheit wieder zu dienen. Ich bin mit der größten Ehrfurcht u. s. w. R – – – Herr Bruder, Denke, wie mirs geht. Ich verlange von dem verfluchten Juden, dem Kaufmanne R. tausend Thaler. Ich habe sie mit der artigsten Art von der Welt verlangt, und der Schurke hat mir es nicht allein abgeschlagen, sondern mich auch noch um zwey tausend Thaler gemahnet, die ich ihm schuldig bin, und die ich schon lange vergessen hatte. Er ist diesen Morgen bey mir gewesen, und droht mit dem Arreste. Sey so gut, und strecke mir die zwey tausend Thaler vor, bis auf künftigen Wollmarkt. Ich will Dich redlich bezahlen. Ich erwarte diese Freundschaft von Dir gewiß, da Du auch weißt, wie einem zu Muthe ist, den die Wechsel verfolgen. Unterschreib wenigstens meinen Wechsel mit; vielleicht giebt mir der Hund noch ein halb Jahr Nachsicht. Unterschreiben wirst Du doch? Das wird ein Cavalier dem andern nicht leicht abschlagen. Lebe wohl, und antworte geschwind. Antwort. Herr Bruder, Kurz von der Sache zu kommen; ich habe kein Geld, und so lange ich nicht besoffen bin, unterschreibe ich mich für Niemand. Das ist eben unser Unglück, daß wir Cavalier für einander mit Freuden unterschreiben, und mit Angst bezahlen müssen. Unter hunderten werden funfzig durch diese unüberlegte Treuherzigkeit bankrut. Wer sein Vermögen selbst verschwendet, genießt doch noch etwas dafür; wer sich aber mit verbürgt, der muß in eines andern Namen verhungern. Nimm mir diese Predigt nicht übel. Du kennst mich; und wenn ja eins seyn soll, so ist es besser, Du wirst itzt ein wenig auf mich verdrüßlich, da ich Dir es abschlage, als wenn Du künftig mein Todfeind werden solltest; und das würdest Du gewiß, wenn ich mein Geld von Dir wieder haben wollte. Du dauerst mich von ganzem Herzen, Herr Bruder, bey meiner Seele, von ganzem Herzen; aber wie soll ich Dir helfen? Geld habe ich nicht, das weißt Du, dazu bin ich zu vornehm, und über ein halbes Jahr, wenn wir bezahlen sollen, hätte ich gewiß eben so wenig Geld. Was wollen wir hernach beyde anfangen, da Du itzt allein nicht weißt, was Du machen sollst? Es ist schlimm genug, daß wir den christlichen Wuchrern so viel gute Worte geben müssen, wenn wir Geld borgen; laß ihn Dir nun wieder gute Worte geben, bis Du ihn bezahlst. Rechnen das die Schurken für nichts, daß wir sie unsrer Freundschaft versichern, ihnen alle unsre Dienste anbieten, uns vor ihnen bücken und demüthigen, wenn wir ihnen die Gnade erzeigen, und ihnen für zwey tausend Thaler ein Blättchen Papier geben? Hätten sie nicht mehr Geld, als wir, und brauchten wir nicht das nothdürftig, was sie überflüßig haben! so wollten wir der Bürgercanaille wohl anders begegnen. Laß ihn eine Weile laufen, er wird es schon überdrüßig werden. Fürchtest Du dich vor dem Wechselarreste? Du wirst kein Kind seyn! Wer so viel schuldig ist, wie Du, der, dächte ich, sollte das Handwerk besser verstehn. Verstehst Du es nicht, so rede mit meinem Advocaten, der wird Dich es lehren; und wenn Du es verlangst, so soll er die Sache so herum drehen, daß Dir Dein Gläubiger noch Abbitte und Ehrenerklärung thun muß. Ein guter Advocat ist allemal besser, als baar Geld! Ist es unrecht? Gut, da laß ihn dafür sorgen, und fährt er zum Teufel, so fährt einer mehr hin. Das schadet Dir nichts. Dafür ist er ein Advocat, daß er wissen muß, was Rechtens ist. Lebewohl, es wird schon gehn! Hochgeehrter Herr Doctor, Der Herr Oberstlieutenant von – – hat mir Sie als einen sehr geschickten Advocaten angerühmt. Ich brauche Ihre Hülfe. Der Kaufmann R. hat einen Wechsel von mir auf zwey tausend Thaler, die ich nicht bezahlen kann, und doch bezahlen soll, wenn ich nicht Arrest haben will. Was soll ich thun? Hindert Sie Ihre Krankheit, selbst zu mir zu kommen; so schreiben Sie mir wenigstens ein paar Zeilen, und geben mir einen guten Rath. Ich will erkenntlich seyn. Leben Sie wohl. Gnädiger Herr, Aus der Sache wollen wir bald kommen. Können Sie schwören? In einer Viertelstunde kann man zehn Wechsel abschwören. Ich weis, daß ich mit einem Cavalier rede, der die gemeinen Vorurtheile nicht hat, die man dem Pöbel läßt; sonst würde ich nicht so geradezu mit Ihnen reden. Ich verlange gar nicht, daß Sie einen falschen Eid thun sollen. Sie sollen nur bey dem Eide etwas anders denken, als der Kläger denkt, und als Sie gefragt werden. Sie schwören alsdann keinen falschen, sondern nur den Eid nicht, den man von Ihnen verlangt hat. Wie man das eigentlich mache, das will ich Ihnen mündlich sagen, wenn ich die Gnade habe, Ihnen aufzuwarten, denn ich denke übermorgen wieder auszugehen, so Gott will, und mein Medicus. Sollten Dieselben wider alles Vermuthen, nehmen Sie mir es ja nicht ungnädig, daß ich dergleichen von einem so artigen Hofmanne denke, sollten Sie wider alles Vermuthen, ein Bedenken dabey finden, und in der Sprache des gemeinen Mannes zu reden, zu gewissenhaft dazu seyn, so wollen wir es an einem andern Ende angreifen. Wie alt sind Ew. Gnaden gewesen, als Sie den Wechsel über die 2000 Thlr. ausstellten? Und wenn nur noch zwo Minuten an fünf und zwanzig Jahren fehlen; so soll der Herr R. nicht so viel – – kriegen. Das wird Ihnen doch keine Gewissensbisse machen, wenn Sie sich des Rechts bedienen, das Ihnen die Gesetze geben? Haben Sie Ihren Namen ganz unter dem Wechsel ausgeschrieben? Ich wollte, es fehlte was, und wenn es auch nur ein D. für ein T. wäre, es sollte Ihrem Gläubiger warm genug machen. Können Sie sich wohl noch erinnern, ob Sie die 2000 Thlr. baar, und in den Sorten, worinnen Sie verschrieben worden, ausgezahlt bekommen, oder haben Sie gute Sorten gegen schlechte verschrieben? Hat Ihnen der Kaufmann etwan Waaren daran gegeben, oder unter dem Titel von Provision, Agio und dergleichen viel abgezogen? Besinnen Sie sich ja recht. Ihre Christenpflicht, und die Gesetze verbinden Sie, auf diesen Fall dem Wuchrer nicht nachzusehn, sondern ihn andern zum Exempel zu züchtigen. Ich habe verschiedne mal diesen casum in terminis mit gutem Erfolge ausgeführt. Könnte nicht etwan Ihr Sekretair den Wechsel vorher zu sehen bekommen? Das wäre ein Meisterstreich. Er müßte ihn den Augenblick in Stücken zerreißen, und zum Fenster hinaus werfen. Was will der Kaufmann hernach mit dem Sekretair anfangen? Verklagen? Dafür lassen Sie mich sorgen. Es soll ihm drey tausend Thaler kosten, ehe er die 2000 Thlr. wieder kriegt. Man wirft dem Richter eine Hand voll Ducaten an den Kopf, so ist er blind und taub. Kurz, dafür lassen Sie mich sorgen; und was Ihr Sekretair thut, das ist nicht Ihre Sünde. Gefallen Ihnen alle diese Vorschläge nicht; so will ich Ihnen noch einen andern thun. Recognosciren Sie den Wechsel nicht. Wenn ihn die Gerichte produciren, so stellen Sie sich so trunken, daß Sie weder reden noch sehen können. Sie gewinnen doch wieder einige Stunden Luft; kömmt Zeit, kömmt Rath. Wenn alle Stränge reißen, so weis ich noch ein Mittel; aber das ist freylich ein verzweifeltes Mittel. Ich habe es bey andern Gelegenheiten mit gutem Vortheil gebraucht. Mit einem Worte, Gnädiger Herr, ich will Sie närrisch machen, so bald es Ihnen gefällt. Befehlen Sie nur. So närrisch, daß Sie selbst nicht wissen sollen, wie Sie daran sind. Noch eins. Was meinen Sie, wenn ich Ihnen von Ihrem Gläubiger einen Wechsel auf drey tausend Thaler schaffe, die er von Ihnen geborgt hat? Den Augenblick sollen Sie den haben. Mein Schreiber kann alle Hände nachmalen; und wie man die Siegel nachdruckt, das verstehe ich. Ich mag das Ding ansehn, von welcher Seite ich will, so gefällt mir dieser Vorschlag am besten. Haben Sie doch nicht nöthig, ihn auf die 3000 Thlr. zu verklagen; es ist genug, wenn Sie ihm zu eben der Zeit mit dem Arreste drohn, da er sich gegen Sie unnütze macht. Und treibt er die Sache gar zu weit; gut, so muß er sie bezahlen; geben Sie ihm seine 2000 Thlr. davon, und wenn Ihnen das dritte tausend auf dem Gewissen liegt, so geben Sie es nur mir, ich will mit meinem Gewissen schon zu rechte kommen. Wenn ich Zeit hätte, so wollte ich Ihnen noch mehr Wege vorschlagen, wodurch Sie sich retten können. Lesen Sie sich inzwischen hier aus, was Sie wollen. Ich bin allemal zu Ihren Diensten. Ich erwarte Ihren Entschluß, und bin mit aller Hochachtung \&c. N. S. Ich wollte wohl sehen, daß ich morgen zu Ihnen kommen könnte; aber ich habe von vielen Jahren her allemal Dienstags meinen Fasttag, und arbeite vor der Sonnen Untergang nicht. Ich halte dieses Gelübde so heilig, daß ich es nicht breche, und wenn ich hundert Ducaten zu verdienen wüßte. Es ist auf die Mittwoche noch Zeit genug. Ueberlegen Sie es inzwischen. Das Abschwören des Wechsels wäre gewiß das beste Mittel. Wie Sie wollen, Gnädiger Herr! Hochgeehrter Herr Doctor, Ich will es Ihnen aufrichtig gestehn. Von allen Ihren Vorschlägen, die Sie mir gethan haben, gefällt mir nicht ein einziger. Sie sind sehr praktisch, es ist wahr; und ich glaube gewiß, daß es hundert Personen von meinem Stande giebt, welche niederträchtig genug sind, dergleichen Mittel zu ihrer Rettung zu ergreifen. Ich mache Ihnen deswegen keinen Vorwurf. Die unbestimmte Art, mit der ich Sie um Ihren Beystand ansprach, und mit der Sie vielleicht von vielen angesprochen worden sind, die, wie Sie sich ausdrücken, so pöbelmäßig gewissenhaft nicht sind, als ich es bin; diese freye Art, sage ich, hat Ihnen vermuthlich ein Recht gegeben, von mir eben so nachtheilig als von andern meines gleichen zu denken, und mir Vorschläge zu thun, über die ich mich in ihrem Namen schämen muß. Die unruhigen Umstände, in denen ich mich diese Messe wegen verschiedner drückenden Schulden befinde, haben mir Gelegenheit gegeben, über mich selbst ernsthafter nachzudenken. Ich finde es, daß ich von meinen ersten Jahren an leichtsinnig genug gewesen bin, Gelder aufzuborgen, ohne zu wissen, ob ich jemals im Stande seyn würde, sie wieder zu bezahlen, und ohne mich durch diesen Gedanken lange zu quälen. Die vernünftige Vorsicht meines Vaters, die ich in meinen akademischen Jahren Geiz nannte, gab mir das, was zu einer standesmäßigen Aufführung und zu meinem Studiren gehörte, überflüßig, dasjenige aber nur nothdürftig, was ich zu meinem Nebenvergnügen brauchte. Ich gerieth in eine Gesellschaft junger Leute, welche, ihrem Range nach, weniger waren, als ich, und gleichwohl mehr Aufwand machen konnten. Ein übelverstandner Ehrgeiz nöthigte mich, es ihnen gleich zu thun. Dieses konnte ich nicht thun, ohne Schulden zu machen, und ich fiel einigen Wuchrern in die Hände, welche meine Thorheit zu ihrem Vortheile misbrauchten. Dieses stürzte mich von einer Schuld in die andre. Ich hatte mir vorgenommen, sie redlich zu bezahlen. Ich that es auch wirklich bey dem Tode meines Vaters, dessen Verlassenschaft aber so ansehnlich nicht war, daß ich es ohne meine Unbequemlichkeit hätte thun können. Die Gelegenheit, die ich fand, bey Hofe mein Glück zu machen, nöthigte mich zu einem Aufwande, der über meine Kräfte gieng. Ich borgte vom neuen, und bey jeder Stufe, die ich höher stieg, verwickelte ich mich in neue Schulden. Diejenigen, die mir ihr Geld vorstreckten, waren größtentheils eben so ungewissenhaft, als diejenigen Wuchrer, welche mich auf Schulen geplündert hatten. Mit einem Worte, eine jede Schuld nöthigte mich, eine noch schlimmere Schuld zu machen, um mich von jener zu befreyen; und ich wagte alles daran, um den Ruhm nicht zu verlieren, daß ich ein ehrlicher Mann sey. Nunmehr bin ich aber so weit getrieben, daß ich nicht mehr weis, wie ich mich retten soll. Sehn Sie, mein Herr, das ist die wahre Geschichte meines Unglücks, und die Genealogie aller meiner itzigen Schulden. Ich habe sie Ihnen mit Fleiß so umständlich geschrieben, damit Sie nicht allein Gelegenheit haben sollen, von mir besser zu denken, sondern auch von andern Cavaliern eine billigere Meinung zu fassen, die, wie ich, ihre Schulden nicht bezahlen können, und die oft bey dem redlichsten Herzen, das Sie haben, bankrut werden müssen. Sie werden nach und nach eingeflochten, bis Sie ganz verlohren gehn. Die Ungerechtigkeit ihrer Gläubiger, unrichtige Begriffe von der Ehrbegierde, eine Unachtsamkeit in ihrer Wirthschaft, und die träumende Hoffnung auf ein unerwartetes Glück, das Sie retten soll; dieses sind die gemeinsten, und wichtigsten Ursachen an dem Umsturze der größten Häuser. Von denen rede ich nicht, welche muthwillige Betrüger sind, und deren sind sehr viel; nur von denen rede ich, die, wie ich, unvorsichtig genug, aber doch ehrlich sind. Nun stellen Sie sich einmal vor, wie sehr ich durch Ihren Brief muß gedemüthigt worden seyn, da ich sehe, daß Sie mich für einen Betrüger, und nicht für einen verunglückten Mann ansehen, welcher ein Mittel sucht sich zu retten, ohne sein Gewissen und seine Ehre zu verlieren. Und beydes müßte ich verlieren, wenn ich nur einen einzigen von Ihren Vorschlägen annähme. Es gehört wirklich eben so wenig Verstand dazu, einen verstellten Eid zu leisten, als wenig Verstand nöthig ist, jemanden dergleichen anzurathen. Da ich noch in der ersten Classe saß, sahe ich diese Weisheit schon ein, und mein Präceptor, so einfältig er auch war, überführte mich doch, daß dergleichen Kunstgriffe auch den niedrigsten Pöbel schändeten. Ihnen, als einem Rechtsgelehrten, darf ich das nicht weiter erklären, und da Sie ein Christ sind, der Gott zu Ehren alle Wochen einmal fastet; so werden Sie besser, als ich, überzeugt seyn, wie abscheulich dergleichen betrügrische Eide sind. Ich weis die Gesetze wohl, die uns von der Verbindlichkeit des Wiederersatzes lossprechen, wenn man in einem gewissen Alter geborgt hat; aber das weis ich auch, daß uns in gewissen Fällen die Ehre dazu verbindet, wenn es gleich die Gesetze nicht thun. Die Vorsicht der Gesetzgeber war nöthig, der Bosheit derjenigen zu steuern, die sich unsers jugendlichen Unverstandes bedienen, um etwas zu gewinnen; wider diejenigen aber dürfen wir uns dieses Mittels nicht bedienen, die uns als ehrliche Leute geholfen haben, wir setzen uns sonst in eine Classe mit den Wahnwitzigen und Verschwendern, für welche die Gesetze auf eben die Art gesorgt haben. Bin ich in meinem fünf und zwanzigsten Jahre nicht eben so verbunden ehrlich zu seyn, als im sechs und zwanzigsten? Der Taufschein wird mich wider mein ehrliebendes Gewissen nicht schützen, wenn er mich auch wider den Richter schützt. Mit einem Worte, dergleichen Rechte der Unmündigen sind meistentheils nur eine Zuflucht der unbesonnenen Jugend, welche ohne Verstand borgt, oder der Betrüger; beydes mag ich mir nicht vorwerfen lassen. Was soll ich von Ihren übrigen Mitteln sagen, die Sie mir vorschlagen? Befreyt mich eine unvollkommne Unterschrift von der Verbindlichkeit, die ich haben würde, wenn ich auch gar nichts unterschrieben hätte? Seinem Gläubiger den Wechsel mit Gewalt aus den Händen zu reissen, ist eine Art eines Raubes, die das Rad verdient, und nicht den Beyfall der vernünftigen Welt, wenn auch diese vernünftige Welt nicht einmal ehrlich wäre. Ueber den Vorschlag, mich närrisch zu machen, will ich mich nicht erklären. Sie hätten verdient, daß ich Ihnen die Antwort durch meinen Bedienten geben ließe. Der Einfall, einen falschen Wechsel auf den Namen eines Gläubigers zu schreiben, ist nur Ihrer werth, und mir zu abscheulich, als daß ich noch ein einziges Wort davon sagen sollte. Was ich wünsche, ist dieses, daß niemand von meinen Freunden in so verzweifelte Umstände gerathen möge, sich Ihrer Hülfe zu bedienen. Leben Sie wohl. Herr Sekretair. Ich bin unglücklich, ohne Hülfe unglücklich! Alle meine Schulden sind mit einem male aufgewacht. Sie verfolgen mich, und ich muß noch diesen Abend vor ihnen fliehen. Wollte Gott, ich könnte mich vor mir selbst verbergen! Ich schäme mich meiner, und das Verlangen, alle meine Gläubiger zu bezahlen, und ehrlich zu bleiben, entschuldigt mich weder bey mir selbst, noch vor den Augen der Welt. Sie werden bey dem Herrn Obristlieutenant erfahren, wo ich mich aufhalte. Beschleunigen Sie Ihre Rückreise, Sie mögen die Sache zu Stande gebracht haben, oder nicht. Ich lege Ihnen alle die Mahnbriefe bey, die gestern und heute an mich gekommen sind. Sie finden bey einem jeden meine Antwort. Wie sehr bin ich gedemüthigt, daß ich habe müssen die Sprache der bösen Schuldner annehmen! Beruhigen Sie meine Gläubiger, so gut Sie können. Sie sollen alle bezahlt werden, alle ehrlich bezahlt werden; aber gerechter Gott! wenn? womit? Das weis ich nicht! Ich Unglücklicher! Kommen Sie zurück! Geschwind kommen Sie zurück! Ich muß fort. Nun kann ich Ihnen nicht länger nachsehn. Die 2000 Thlr. muß ich morgen auf den Abend haben, oder ich bediene mich der Mittel, die Sie wissen. Ich thue es ungern; aber ich werde selbst gedrängt. Sie haben mich von einem Tage zum andern aufgehalten. Länger kann ich nicht nachsehn, ohne meinen Credit selbst zu verlieren. Das werden Sie mir nicht zumuthen. Machen Sie sich keinen Schimpf; und wenn Sie es doch thun, so geben Sie mir die Schuld nicht. Ich erwarte mein Geld ohne Verzug, und verharre mit unterthänigster Hochachtung Ew. Gnaden u. s. w. R – – – Antwort. Mein Liebster Herr R – – – Es ist billig, Sie sollen bezahlt werden. Längstens auf den Freytag früh. Bis dahin haben Sie noch Geduld. Ich soll morgen Geld haben, das mir ein guter Freund schuldig ist. Sie haben mir als ein ehrlicher Mann gedient, und ich habe den Willen, als ein ehrlicher Mann zu bezahlen. Ich bin mit meinem Pachter unglücklich gewesen, es wäre sonst schon vor der Messe geschehn. Waren es nicht Louis blanc, die Sie mir vorstreckten? Ich glaube, ja; gut, Sie sollen Sie haben oder doch wenigstens das Agio. Was thun sie gegen Maxdor? Schicken Sie nur auf den Freytag früh zu mir, und den Wechsel mit. Ich werde Ihre gefällige Nachsicht niemals vergessen, und Ihnen dienen, wo ich kann. Leben Sie wohl. N. S. Können Sie einen holländischen Brief auf 500 Thlr. brauchen? Gnädiger Herr, Dieselben erhalten durch meinen Ladendiener den Auszug für die ausgenommenen Stoffe, und andre Waaren. Es wird Ihnen nicht schwer fallen, die kleine Post an 600 Thlr. zu bezahlen. Meine Freunde haben mir gerathen, es gerichtlich zu suchen, weil ich so oft vergebens darum bitten müssen. Es würde mir leicht seyn, es auszuführen, da Sie die Rechnung schon unterschrieben haben; ich will es aber nicht gern thun, um Ihnen das Vergnügen zu lassen, daß Sie Ihre gegebene Cavalierparole ohne richterlichen Zwang erfüllen. Ich bin mit unveränderter Ehrfurcht Ew. Gnaden u. s. w. Mein Herr, Ihre Freunde kennen mich und Sie nicht, sie würden Ihnen sonst billiger rathen. Ich will es Ihnen nicht vorrücken, daß Sie mir den Preis der Stoffe zu hoch angesetzt haben; es ist einmal geschehn, und ich habe mich dazu bekannt. Sie sollen der erste nicht seyn, dem ich etwas schuldig bleibe. Ich erwarte Sie auf den Freytag Nachmittage. Sie werden wohl Doppien nehmen? Haben Sie diese Messe etwas neues von Stoffen? Bringen Sie mir welche mit, so schön Sie solche haben. Ich bezahle baar. Es soll zu einer Messe für meine Frau. Nur nicht gar zu bunt. Verstehen Sie mich? a Dieu! Gnädiger Herr, Mein Advocat wird Ihnen gesagt haben, daß der über die Juwelen ausgestellte Wechselbrief an 2500 Thlr. zu der Peterpaulmesse gefällig gewesen ist. Sie haben mich bis auf heute vertröstet, und ich nehme mir die Freyheit, mich unterthänig zu erkundigen, um welche Stunde ich Ihnen aufwarten darf. Sie wissen noch, Gnädiger Herr, wie genau Sie gehandelt haben, und können gewiß glauben, daß ich nicht fünf Thaler daran verdiene. Desto weniger wird mir es zuzumuthen seyn, länger nachzusehn, da die ganze Summe mein baarer Verlag ist. Brauchen Sie sonst diese Messe etwas, so werden Sie gnädig befehlen, und ich werde Ihnen damit dienen, so bald ich meine 2500 Thlr. von Ihnen bekommen habe. Sollte mein Advocat sich diesen Morgen bey Ihnen melden, so sagen Sie ihm nur, daß die Sache bis gegen Abend Anstand hätte. Weisen Sie ihm allenfalls diesen Brief, damit er nicht nach der Ordre verfährt, die ich ihm gestern Abends gegeben habe. Er war heute früh nicht zu Hause, als ich zu ihm schickte. Sie sehen, Gnädiger Herr, mit wie viel Vorsorge ich mir angelegen seyn lasse, Ihnen zu zeigen, daß ich mit unterthänigem Respect sey Ew. Gnaden \&c. Antwort. Hochgeehrtester Herr, Hat Ihnen denn mein Sekretair das Geld noch nicht ausgezahlt? Das ist ganz unverantwortlich! Ich habe es ihm schon am Montage befohlen. Er mußte am Dienstage früh wegen einer dringenden Angelegenheit verreisen, und hat in der Eil aus Unvorsichtigkeit meine Casse und alles in seinem Beschlusse behalten. Längstens künftigen Sonnabend kömmt er gewiß wieder. Haben Sie so lange Geduld. Ich will ihm seine Unvorsichtigkeit verweisen, daß er es empfinden soll. Man ist doch gar zu unglücklich, wenn man sich auf andre Leute verlassen muß. Es verdrüßt mich doppelt, daß er so einen ehrlichen Mann, wie Sie sind, so lange warten läßt. Sie sollen Ihr Geld haben. Es ist schon abgezählt, ich weis es. Einen tollern Streich hätte mir mein Sekretair nicht machen können! Sie sollen Ihr Geld richtig haben. Ihr Advocat ist noch nicht bey mir gewesen. Aber wozu brauchen denn zween so gute und alte Freunde, als wir sind, einen Advocaten? Das hätten Sie nicht thun sollen, gewiß nicht, mein Herr. Ein Wort, ein Wort; ein Mann, ein Mann! Ich bezahle meine rechtschaffnen Freunde ehrlich, und wenn weder Advocaten noch Richter in der Welt wären. Diese Messe werde ich nichts brauchen. Ich habe mich vom Gelde entblößt, und Sie wissen wohl, ich kaufe ohne Noth nicht gern, wenn ich nicht gleich, oder doch bald bezahlen kann. Den Augenblick fällt mir etwas ein. Die Prinzeßinn von – – will eine Haarnadel kaufen; sie muß aber schön seyn. Dabey wäre ein Thaler zu verdienen. Soll ich Sie vorschlagen? Kommen Sie übermorgen früh in die Antichambre, da werden Sie mich finden. Oder, wissen Sie was, lieber auf den Markt; da wird die Prinzeßinn um eilf Uhr selbst seyn. Sehn Sie, wie freundschaftlich ich für Sie sorge. Aber bringen Sie Ihren Advocaten nicht mit; Ihre Durchlauchten möchten sich vor seiner Perücke entsetzen. Gewiß, das Compliment von Ihrem Advocaten kann ich Ihnen noch nicht recht vergeben. Was geschehn ist, ist geschehn. Wir wollen gute Freunde bleiben. Leben Sie wohl, bis auf Wiedersehn, u. s. w. Hochwohlgebohrner Herr, Gnädiger Herr, Das Absterben meines seligen Mannes hat mich in kümmerliche Umstände gesetzt. Die Gnade, die Ew. Hochwohlgeb. gegen ihn ehedem bezeigt, werde ich nunmehr für mich, und meine armen unerzognen Kinder unterthänig ausbitten. Die erste Probe von Dero gnädigen Vorsorge wird diese seyn, wenn Sie die Veranstaltung treffen, daß der itzige Messe verfallene Wechsel an 550 Thlr. ausgezahlt werde. Er ist meinem ältesten Sohne auf sein Antheil im Erbe zugefallen; und weil er im Begriffe steht, auf die Universität zu gehen, so muß er diese Post zu seinem nothdürftigen Unterhalte aufnehmen. Es beruht sein ganzes Glück darauf, da er sonst nichts zu leben hat, und von mir auf keine Art unterstützt werden kann. Ew. Hochwohlgeb. Gnaden sind als ein großmüthiger Beschützer armer Waisen bekannt, und ich zweifle an gnädiger Gestattung meiner Bitte im geringsten nicht, da es Ihnen so leicht fallen muß, mit dieser Kleinigkeit ein armes Kind glücklich zu machen, welches die Gnade gehabt hat, sein ganzes Vermögen Ihren Händen zeither zu überlassen. Gott, der Gott der Wittwen und Waisen, wird ein reicher Vergelter seyn, und Ihr hohes Haus segnen. Ich bin mit der tiefsten Devotion Ew. Hochwohlgeb. Gnaden demüthigste Dienerinn, N.           Antwort. Liebe Frau Magisterinn, Sie verlangen das Ihrige auf eine so bescheidne, und verpflichtende Art zurück, daß ich mich schämen muß, so lange Ihr Schuldner gewesen zu seyn. Es kömmt mir freylich die Aufkündigung des Wechsels itzt ein wenig unvermuthet; aber ich will Rath schaffen. Kann es nicht gleich zu der Messe seyn; so soll es doch geschehen, so bald ich nach Hause komme. Ich thue nichts, als was meine Schuldigkeit ist; und wenn Ihr lieber Sohn fromm und fleißig ist, so will ich weiter für ihn sorgen. Ich will noch heute versuchen, ob es möglich ist, ein Stipendium für ihn auszuwirken. Er kann sich, wenn er herkömmt, bey dem Herrn Professor N. melden, der mir versprochen hat, ihm einen Freytisch zu geben. Die Collegia soll er auch bey ihm umsonst hören. Der ehrliche Mann thut mir alles zu gefallen, was ich verlange. Mit einem Worte, ich will für ihn sorgen, und wenn er nach Leipzig geht, kann er erst auf mein Gut zu mir kommen, und das Geld gegen den Wechsel heben. Ich bin diese kleine Bemühung der Freundschaft schuldig, die mir Ihr seliger Mann erwiesen hat. Seyn Sie von meiner Aufrichtigkeit überzeugt, und leben Sie allemal wohl. Nota! »Der Herr Sekretair wird sorgen, daß diese ehrliche Frau vor allen andern bezahlt wird. Davor behüte mich Gott, daß ich auch die Thränen der Wittwen und Waisen auf mich laden sollte. Diese Schuldpost nagt mich am Herzen. Ich habe noch vor meiner Abreise mit dem Professor geredet, er hat mir es versprochen. Sorgen Sie ja für die arme Frau. Ihr Mann war ein rechtschaffner Mann. Sie muß ihr Geld nach der Messe haben, es komme her wo es wolle.« Hochwohlgebohrner Herr,     Hochgeehrtester Herr Bruder, Ich habe diese Messe verschiedne Bäre los zu binden, um deswillen ich den Herrn Bruder ersuche, das kleine Wechselchen an 400 Thlr. meinem Agenten zu bezahlen. Da ich es Ihnen drey Jahre ohne Interessen creditirt habe, so versehe ich mich gewisser Zahlung. Es steht ohnedem in meiner Gewalt nicht, länger nachzusehn, da ich den Wechsel an Herr N. und Compagnie gegen eine Schuldfoderung cedirt habe. Der Herr Bruder wissen, wie diese Juden sind, und daß sie mit ihren Schuldnern so säuberlich nicht verfahren, als wir von Adel mit einander umzugehn pflegen. Es sollte mir sehr leid seyn, wenn der Herr Bruder es zur Weitläuftigkeit kommen liessen. Ich wenigstens wäre ganz ausser Schuld, denn der Wechsel ist nicht mehr in meiner Hand. Eben itzt erfahre ich von meinem Gerichtsverwalter, daß Ihr Herr Schwiegervater diesen Abend sehr unpaß nach Hause gekommen sey. Wie Gott will! Der Alte verläßt Pfennige; Sie werden sich wohl trösten lassen. Die Hasenjagd ist heuer sehr schlecht. Das macht das liebe Hagelwetter. Der Teufel hat doch immer sein Spiel. Gestern Abends ist mir mein bester Fuchs im Stalle umgefallen; ich glaube nicht, daß mir mein bester Freund so nahe gehen kann. Es war ein Fuchs, Trotz einem Fuchse! Der Donner hole mich, mein bestes Pferd war es! Und hiermit Gott befohlen. Auf die Bezahlung des Wechsels verlasse ich mich also gewiß, und bin u. s. w. Antwort. Hochwohlgebohrner Herr, Hochgeehrtester Herr Bruder, Es ist mir nicht lieb, daß Sie meinen Wechsel von sich gegeben haben. Ich werde ihn bezahlen, darauf können Sie sich verlassen; aber diese Messe ist es unmöglich, das sage ich Ihnen, es komme auch, zu was es wolle. Daß Sie ihn drey Jahre ohne Interessen gehabt haben, ist mir bekannt; aber der Herr Bruder wissen auch, daß wir Spielschulden nicht zu verintereßiren pflegen. Sollte mich Herr N. aufs äusserste treiben, so werde ich gerichtlich sagen müssen, was dieser Wechsel eigentlich ist; und es sollte mir nahe gehen, wenn ich, wider meine Gewohnheit, dergleichen Ausflucht brauchen müßte, da ich wirklich Willens bin, den Wechsel zu bezahlen, und wenn er noch ungültiger wäre. Ich hätte mich zu Ihrer Freundschaft wohl versehn, daß Sie mich den Zunöthigungen des Herrn N. und Compagnie nicht auf diese Art Preis geben würden. Ich habe ihnen sagen lassen, daß sie von mir auf diesen Wechsel nicht einen Dreyer bekommen würden, und sie möchten ihren Regreß nehmen, an wen sie wollten, oder sonst thun, was ihnen gefiele. Der Herr Bruder werden also andre Anstalt machen, Ihre Schulden zu bezahlen. In künftiger Messe trage ich die Post ab; aber an niemanden, als an Sie, und auch nicht eher. Das habe ich bey mir beschlossen, und Sie kennen mich. Von der Krankheit meines Schwiegervaters weis ich nichts. Die Nachricht wird wohl keinen Grund haben. Der rechtschaffne Mann sollte mich dauern, so hart er auch gegen mich und meine Frau jederzeit gewesen ist. Ich bin unverändert Ew. Hochwohlgeb. u. s. w. Gnädiger Herr, Wundern Sie sich etwan, was ich will? Mein Geld will ich haben. Ja, ja, im ganzen Ernste, mein Geld, das ich Ihnen so lange geliehen habe; und wenn ich das nicht kriege, so will ich Sie haben, oder es müßte keine Gerechtigkeit im Lande seyn. Tausend Thaler ist kein Pappenstiel, und ich habe Ihren Wechsel darüber, wissen Sie das wohl, Gnädiger Herr? Das ist keine Kunst, daß vornehme Leute in den Tag hinein borgen, und uns arme Leute hernach betrügen wollen. Sie haben mich nun seit zwo Messen bey der Nase herum geführt. Ich bin der Complimente satt. Geld, mein Herr, und kein Compliment, das will ich haben, oder Sie sitzen in vier und zwanzig Stunden zwischen vier Mauern. Und sollte ich Sie zu Tode füttern, so lasse ich Sie nicht aus dem Arreste, bis Sie zu Heller und Pfennigen bezahlt haben. Wie gesagt, das ist keine Kunst! Erst kommt ihr Herren, und strotzt von Gold und Silber, Gott weis, ob ein Dreyer darauf bezahlt ist! und da sind wir armen Kaufleute eure gute Freunde, eure Herzens gute Freunde, da herzt ihr und küßt uns, bis ihr das Geld habt. Und wenn ihr es denn habt, so hole der Teufel den verfluchten Juden, der es wieder haben will, wenn der Wechsel verfallen ist. Halten Sie mirs zu Gnaden, daß ich so deutsch weg rede; aber es ist schlimm genug, daß es wahr ist. Wir armen Kaufleute müssen es uns lassen blutsauer werden; und wenn wir mit Angst und Noth ein paar Thaler Geld zusammen geraspelt haben, so kommt so ein vornehmer Müßiggänger, und betrügt uns drum. Ich meine eben Sie nicht, Gnädiger Herr; aber meine tausend Thaler muß ich auf den Donnerstag haben, oder es wird nicht gut. Kurz! Geld oder Arrest! was Sie wollen. Ich bin Ew. Gnad. unterthäniger Diener Hans Puff und Comp.           Antwort. Mein lieber ehrlicher Hanns Puff, Sie bleiben doch der alte Deutsche, der Sie allemal gewesen sind. Sie sollen Ihr Geld haben, lassen Sie sich nur nicht leid seyn. Wir wollen deswegen allemal gute Freunde seyn. Kommen Sie auf den Freytag früh zu mir, da sollen Sie es finden. Es gefällt mir nur, daß Sie mit Ihren Freunden so wenig Umstände machen. Wir verstehn einander schon. Mein Sekretair soll Ihnen alles bezahlen. Er wird auf den Donnerstag Abend erst wieder kommen. Bis auf den Freytag warten Sie doch, mein guter Alter? Nicht wahr? Sie sind doch nicht böse? Hochwohlgebohrner Herr, Gnädiger Herr, Sie sind gestern Abend kaum zur Stadt hinaus gewesen, als ich mit der Post hier ankam. Ich habe die Briefe, und Ihre Ordre gefunden. Die Ursachen meiner geschwinden Rückkunft sind diese. Am Dienstage Abends kam Ihr Herr Schwiegervater ganz krank von der Fischerey zurück. Ich fuhr zu ihm, so bald ich die Nachricht erhielt. Er war in Gefahr, und diese mehrte sich dergestalt, daß der Medicus schon an der Mittwoche früh an seinem Aufkommen zweifelte. Ich bin von seinem Bette nicht weggekommen, weil er zusehends schwächer ward. Er bezeigte ein grosses Verlangen, Sie und die Frau Gemahlinn zu sprechen. Es war aber unmöglich, weil er gegen Mitternacht in meinen Armen verschied. Ich habe sogleich von den Gütern Besitz nehmen, und alles versiegeln lassen. Ich konnte nicht eher, als gestern spät hier ankommen, so sehr ich auch eilte, Ihnen Nachricht davon zu geben, und Ihnen mein unterthäniges Beyleid mündlich zu bezeigen. Von dem Herrn Obristlieutenant habe ich auch nicht eher als diesen Mittag Ihren Aufenthalt erfahren können. Diesen Vormittag habe ich angewendet, Ihre Gläubiger zu beruhigen. Die ansehnliche Verlassenschaft des sel. Herrn Schwiegervaters hat sie so gefällig gemacht, daß sie Ew. Gnaden nicht allein nachsehen, sondern mit ihrem ganzen Vermögen unterthänig aufwarten wollen, wenn Sie es verlangen. Hanns Puff und Compagnie haben mich beschworen, Sie ihrer unterthänigsten Devotion zu versichern. Ich bin u. s. w.