Alfred de Vigny Cinq-Mars oder eine Verschwörung gegen Richelieu   In deutscher Übersetzung von Johannes Scherr   Mit einer Vorbemerkung und dem Bilde des Verfassers Otto Hendel Verlag Halle a. S. Copyright 1911 by Otto Hendel, Halle a. S. Vorbemerkung Henri Coiffier de Rugé, Marquis de Cinq-Mars, wurde im Jahre 1620 als zweiter Sohn des Marquis von Effiat geboren. In seinem 19. Lebensjahre zog ihn der gewalttätige Kardinal Richelieu an den Hof Ludwigs XIII., wo er bald sich die Gunst und die Freundschaft des Königs erwarb und auch mit hohen Ämtern betraut wurde. Herr le Grand, wie Cinq-Mars bei Hofe gewöhnlich genannt wurde, hatte gleich auf seiner Reise nach Perpignan, wo der König damals sich aufhielt, Gelegenheit, einer brutalen Hinrichtung beizuwohnen, die auf Veranlassung des Kardinals erfolgte; das erfüllte ihn gegen den Allgewaltigen mit einem Groll, der sich später so sehr steigerte, daß er eine Verschwörung gegen ihn anzettelte, um das Vaterland und auch den König selbst von der Willkürherrschaft des allmächtigen Ministers zu befreien. Richelieu aber mit seinen stets dienstbereiten Spionen, unter denen sich besonders Pater Joseph auszeichnete, war mächtiger als alle seine Gegner, die er rücksichtslos beseitigte; und so endeten denn auch der edle Cinq-Mars und sein treuer Freund de Thou am 12. September 1642 unter dem Beile des Henkers. Diese Episode bildet den Gegenstand des vorliegenden Romans. Alfred de Vigny (geboren am 27. März 1799 auf Schloß Loches, gestorben am 18. September 1863 zu Paris) gehört neben Viktor Hugo, Alexandre Dumas und Alfred de Musset zu den Häuptern der romantischen Schule in der jüngeren französischen Literatur. Vigny entstammt einer altadligen, streng royalistischen Familie; er widmete sich dem Militärdienst, den er jedoch 1828 als Kapitän verließ, um sich ganz seinem literarischen Schaffen zu widmen; im Jahre 1845 wurde er Mitglied der Akademie, Seine » Poèmes « (1822) und » Poèmes antiques et modernes « (1824-1826) sind äußerst wertvolle lyrische Schöpfungen; auch auf dramatischem Gebiete hatte er sich durch seine Tragödien » La marechale d'Ancre « (1831) und » Chatterton « (1835) nicht unbedeutende Erfolge erworben. Den deutschen Leser wird aber am meisten sein historischer Roman » Cinq-Mars « (1826) interessieren, der auch dem Autor in seinem Vaterlande den größten Ruhm eintrug. Der Stil ist elegant und frei von Schwulst und Phrase; auch alles Frivole, das sonst der Mehrzahl der französischen Autoren unentbehrlich erscheint, ist vermieden. Erwähnt sei noch, daß die vorliegende Ausgabe in der mustergültigen Übersetzung von Johannes Scherr eine ungekürzte ist. L. O. Erstes Buch. Erstes Kapitel. Der Abschied Kennt ihr jene Gegend, die man den Garten Frankreichs nennt, jenes Land, auf dessen grünen, durch einen großen Fluß bespülten Ebenen die reinsten Lüfte euch erquicken? Habt ihr in den Sommermonaten schon einmal die schöne Touraine durchwandert, so seid ihr wohl geraume Zeit mit Entzücken dem Laufe der friedlichen Loire gefolgt, und müßt unschlüssig geblieben sein, auf welchem der beiden Ufer ihr euch einen Wohnsitz wählen würdet, um daselbst an der Seite eines geliebten Wesens die Menschen zu vergessen. Gesellt man sich der gelblichen und langsam einherrollenden Welle des Stromes als Begleiter zu, so verlieren sich die Blicke unablässig in den lachenden Partien des rechten Ufers. Kleine Täler, besät mit hübschen weißen, hinter Laubwerk halb versteckten Häusern, Abhänge, bedeckt mit dem Hellgrün des Weinstocks oder dem weißen Blütenschnee der Kirschbäume, alte, mit jungem Geißblatt überwucherte Mauern, Rosengärten, denen plötzlich ein schlanker Turm entsteigt, alles zeugt von der Fruchtbarkeit der Erde oder dem hohen Alter ihrer Monumente, und alles erregt ein Interesse an den Arbeiten ihrer gewerbsamen Bewohner. Sie haben nichts unbenutzt gelassen; es scheint, als hätten sie bei der Liebe zu einem so schönen Vaterlande, der einzigen Provinz Frankreichs, die der Fremde nie innehatte, nicht die kleinste Spanne seines Bodens, sein leichtestes Sandkorn verlieren wollen. Ihr meint wohl, jener alte, verfallene Turm dort sei nur von unheimlichen Nachtvögeln bewohnt? – Mit nichten. Beim Getrappel eurer Pferde steckt ein junges Mädchen sein freundliches Köpfchen aus dem vom Straßenstaub weiß gepuderten Efeu hervor; klimmt ihr einen Rebhügel hinan, so macht euch ein leichter Rauch zu euren Füßen plötzlich einen Kamin bemerklich, denn sogar der Felsen ist bewohnt, und in der Tiefe seiner unterirdischen Räume leben Winzerfamilien, zur Nachtzeit geschützt durch den ernährenden Boden, den sie den Tag über so fleißig bearbeiten. Die gutmütigen Bewohner der Touraine sind einfach wie ihr Leben, mild wie die Luft, die sie atmen, und stark wie der kräftige Boden, den sie befruchten. Ihre gebräunten Züge zeigen weder die kalte Unbeweglichkeit des Nordens noch die fratzenhafte Lebendigkeit des Südens; ihr Gesicht hat, wie ihr Charakter, etwas von der Redlichkeit des echten Volkes des heiligen Ludwig; noch immer tragen sie ihre kastanienbraunen Haare lang und um die Ohren rund zugestutzt, wie man es an den steinernen Bildsäulen unserer alten Könige sieht; ihre Sprache ist das reinste Französisch, weder langsam noch schnell, ohne irgendwelchen Akzent; hier finden wir die Wiege der Sprache neben der Wiege der Monarchie. Das linke Ufer der Loire zeigt indes einen etwas ernsthafteren Charakter; hier erblickt man von ferne Chambord, das mit seinen blauen Domen und seinen kleinen Kuppeln einer großen Stadt des Orients gleicht; dort ist Chanteloup, dessen elegante Pagode so kühn in die Lüfte strebt. Nach ihnen zieht jedoch ein einfacheres Bauwerk durch seine prachtvolle Lage und seine imposante Masse die Augen des Reisenden auf sich: es ist das Schloß Chaumont. Auf dem höchsten der den Fluß überragenden Hügel erbaut, nimmt es mit seinen hohen Mauern und seinen ungeheuren Türmen den weiten Raum des Gipfels ein, und die schieferbedeckten Glockentürme verleihen dem ganzen Gebäude jenes klosterartige Aussehen, jene den Bauwerken mit religiöser Bestimmung eigene Form, die den Landschaften der meisten unserer Provinzen einen ernsteren Stempel aufdrückt. Schwarze, buschige Bäume umgeben das alte Gebäude von allen Seiten und gleichen von weitem jenen Federn, die König Heinrichs Hut schmückten; am Fuße des Hügels breitet sich längs dem Flusse ein hübsches Dorf aus, dessen weiße Häuser gleichsam aus Goldsand emporzusteigen scheinen und das mit dem Schlosse durch einen schmalen, am Fels sich hinaufwindenden Fußsteig in Verbindung steht; in der Mitte des Hügels erhebt sich eine Kapelle, zu deren Altar die Herren hernieder- und die Dorfbewohner heraufstiegen; es war dies ein Boden der Gleichheit, der wie eine neutrale Stadt zwischen dem Elend und der Größe stand, die sich nur zu oft schon bekriegt haben. Hier nun, in dieser alten Behausung, gingen an einem Vormittage des Juni 1639 ungewöhnliche Dinge vor. Die Schloßglocke hatte, dem Brauch gemäß, um zwölf Uhr die Familie zur Mittagstafel geladen. Die zahlreichen Bedienten bemerkten, daß die Marschallin von Effiat, als sie in Anwesenheit der sämtlichen Hausbewohner das Morgengebet verrichtet, mit Tränen in den Augen und unsicherer Stimme gesprochen hatte und auch in tiefere Trauer als gewöhnlich gekleidet erschienen sei. Das Hausgesinde und die Italiener der Herzogin von Mantua, die sich gerade damals für einige Zeit nach Chaumont zurückgezogen hatte, sahen mit Erstaunen plötzliche Zurüstungen zur Abreise treffen. Der alte Diener des vor sechs Monaten verstorbenen Marschalls von Effiat hatte seine Stiefel, die er nie mehr anzuziehen noch kurz zuvor sich verschworen hatte, wieder hervorgeholt. Dieser wackere Mann, namens Grandchamp, war dem Haupt der Familie sowohl in den Kriegen als bei dessen Finanzarbeiten stets zur Seite geblieben; in den einen war er sein Stallknecht, bei den anderen sein Sekretär gewesen; vor kurzem war er aus Deutschland zurückgekehrt, um die Mutter und Kinder mit den näheren Umständen bei dem Tode des Marschalls, dessen letzte Seufzer er bei Lützelstein empfangen hatte, bekanntzumachen; er war einer jener treuen Diener, deren Muster in Frankreich nur zu selten geworden sind, die bei den Unglücksfällen der Familie mit leiden und sich bei ihrer Freude mitfreuen, die wünschen, daß Heiraten zustande kommen möchten, um junge Gebieter erziehen zu können, welche die Kinder, ja zuweilen die Väter ausschelten, für sie Todesgefahr ausstehen, in Revolutionen ihnen ohne Lohn dienen, arbeiten, um sie zu ernähren, in günstigen Zeiten ihnen überallhin folgen und bei der Rückkehr ins Schloß sagen: »Da sind wir wieder in unserem Eigentum.« Grandchamps Gesicht besaß etwas auffallend Strenges, seine Hautfarbe war kupferrot, die Haare silbergrau, mit Ausnahme einiger Büschel, die noch schwarz wie seine dichten Augenbrauen waren und ihm auf den ersten Anblick ein hartes Aussehen verliehen, indes milderte ein wohltuender Blick diesen ersten Eindruck. Dennoch war der Ton seiner Stimme rauh. Am heutigen Tage war er besonders beflissen, das Mittagessen zu beschleunigen und ließ es daher an Befehlen gegen die Diener des Schlosses, die, wie er, schwarz gekleidet waren, nicht fehlen. »Marsch«, sagt er, »sputet euch aufzutragen, während Germain, Louis und Etienne ihre Pferde satteln; Herr Henri und wir müssen um acht Uhr abends schon weit von hier sein. Und ihr, ihr Herren Italiener, habt ihr eure junge Prinzeß benachrichtigt? Ich wette, sie liest wieder mit ihren Damen an irgend einem Ende des Parts oder am Ufer des Flusses. Immer kommt sie nach dem ersten Gang, damit auch jedermann vom Tisch aufstehen muß.« »Ach, mein lieber Grandchamp«, sagte leise eins junge Kammerfrau, die eben vorbeiging und nun stillstand, »erinnert uns nicht an die Herzogin; sie ist sehr traurig, und ich glaube, sie wird in ihrem Zimmer bleiben. St. Maria! Ich bedaure Euch, heute abreisen zu müssen! An einem Freitag, am 13. des Monats, am Tage Sankt Gervais und Sankt Protais, am Tage beider Märtyrer! Hab' ich doch den ganzen Morgen für Herrn von Cinq-Mars meinen Rosenkranz abgebetet; aber ich konnte wahrhaftig nicht umhin, dabei stets an alles, was ich Euch sage, zu denken; und so eine große Dame auch meine Gebieterin ist, so denkt sie doch ebensosehr daran als ich; deshalb laßt Euch nicht einfallen, darob zu lachen.« Mit diesen Worten schlüpfte die Italienerin gleich einem Vogel durch den großen Speisesaal und verschwand in einem Korridor, erschrocken, die großen Flügeltüren des Salons öffnen zu sehen. Grandchamp hatte ihr Gerede kaum beachtet und schien nur mit den Zurüstungen zum Mittagessen beschäftigt; er versah das wichtige Amt des Haushofmeisters und warf den strengsten Blick auf die Bediensteten, um nachzusehen, ob alle an ihren Posten wären, indem er sich selbst hinter den Stuhl des ältesten Sohnes des Hauses stellte, als die Schloßbewohner allmählich den Saal betraten; elf Personen beiderlei Geschlechtes setzten sich zur Tafel. Die Marschallin war zuletzt gekommen und hatte sich von einem schönen, prachtvoll gekleideten Greis einführen lassen, dem sie einen Platz zu ihrer Linken anwies. Sie selbst setzte sich in die Mitte der Tafel, deren Form ein längliches Viereck bildete, in einen großen, vergoldeten Lehnstuhl. Ein noch etwas mehr verzierter Sitz befand sich zu ihrer Rechten, blieb aber leer. Der junge Marquis von Effiat, der seiner Mutter gegenübersaß, mußte dieser helfen, die Honneurs zu machen; er war erst zwanzig Jahre alt, sein Gesicht war ziemlich unbedeutend, dennoch ließen ein gemessener Ernst und ausnehmende Manieren auf eine gefällige Gemütsart, allein auf nichts weiter, schließen. Seine junge vierzehnjährige Schwester, zwei Edelleute der Provinz, drei junge italienische Herren aus dem Gefolge Maries von Gonzaga (Herzogin von Mantua), eine Gesellschaftsdame, die Gouvernante der jungen Tochter des Marschalls, und ein alter, beinahe gehörloser Abbé aus der Nachbarschaft, waren die Personen, aus welchen die Tischgesellschaft bestand. Zur Linken des ältesten Sohnes blieb ebenfalls noch ein Stuhl unbesetzt. Bevor die Marschallin sich setzte, machte sie das Zeichen des Kreuzes und sprach mit lauter Stimme das Benedicite; jedermann beantwortete es, sich ganz oder nur auf der Brust bekreuzigend. Dieser Brauch hat sich in Frankreich in vielen Familien bis zur Revolution von 1789 erhalten; bei einigen herrscht er noch, mehr jedoch in der Provinz als in Paris, und findet sich ein Fremder ein, so entledigt man sich seiner nicht ohne einige Verlegenheit und irgend eine, von einem entschuldigenden Lächeln begleitete Vorrede über die gute alte Zeit; denn es ist nur zu wahr, daß auch das Gute zuweilen ein Erröten abnötigt. Die Marschallin war eine Frau von ehrfurchtgebietender Gestalt, deren große, blaue Augen in bewunderungswürdiger Schönheit glänzten. Sie schien noch nicht fünfundvierzig Jahre alt; allein von Kummer gebeugt, schritt sie langsam einher und sprach nur mit Mühe, indem sie, sobald sie genötigt war, etwas laut zu reden, einen Augenblick die Augen schloß und den Kopf auf die Brust sinken ließ. Dann deutete ihre an das Herz gedrückte Hand an, daß sie einen heftigen Schmerz darin empfinde. Sie sah daher mit Befriedigung, daß die ihr zur Linken sitzende Person sich, ohne von jemand darum gebeten zu werden, des Schlüssels der Unterhaltung bemächtigte und diese während der ganzen Mahlzeit mit einem unverwüstlichen Gleichmut leitete. Es war der alte Marschall von Bassompierre. Unter seinen weißen Haaren hatte er sich eine Lebendigkeit und ein jugendliches Wesen erhalten, die wahrhaft merkwürdig genannt werden durften, seine edlen und höflichen Manieren hatten etwas von einer Galanterie an sich, die verjährt war wie sein Kostüm, denn er trug eine Krause à la Henri IV. und aufgeschlitzte Ärmel nach Art des vorigen Jahrhunderts, was in den Augen der Modehelden des Hofes als unverzeihliche Lächerlichkeit galt. Uns würde es jetzt nicht auffallender als etwas anderes erscheinen, allein es ist nun einmal so, daß man in jedem Jahrhundert über den Anzug seines Vaters lachen wird, und nur die Orientalen mögen nicht von dieser Sucht befallen sein. Noch hatte kaum einer der italienischen Edlen ihm die Frage vorgelegt, was er von der Behandlungsweise der Tochter des Herzogs von Mantua durch den Kardinal halte, als der Marschall in seinem vertraulichen Tone rief: »Corbleu! mein Herr, mit wem reden Sie? Kann ich etwas von dem neuen Regiment verstehen, unter dem Frankreich steht? Wir alten Waffengefährten des hochseligen Königs verstehen die Sprache, die der neue Hof redet, schlecht und dieser versteht auch die unsere nicht mehr. Was sag' ich? Man redet ja in diesem traurigen Land gar keine Sprache mehr, denn jedermann schweigt vor dem Kardinal; dieser hochmütige, kleine Vasall betrachtet uns wie alte Ahnenbilder und von Zeit zu Zeit schneidet er einem den Kopf weg, doch glücklicherweise bleibt die Devise. Nicht so, mein lieber Puy-Laurens?« Dieser Gast stand ungefähr im Alter des Marschalls, war aber ernster und bedächtiger als er und antwortete seinem Altersgenossen nur mit einigen oberflächlichen Worten, indem er ihn durch einen Wink auf die unangenehme Gemütsbewegung aufmerksam zu machen suchte, in welche die Gebieterin des Hauses durch die Berührung des vor kurzem erfolgten Todes ihres Gatten und dergleichen Ausfälle auf den Minister, ihren Freund, versetzt wurde; allein vergeblich, denn auch mit einem nur halb beipflichtenden Zeichen zufrieden, leerte Bassompierre ein großes Glas voll Wein, das er in seinen Memoiren als das sicherste Mittel gegen Pest und Zurückhaltung bezeichnet, auf einen Zug und dehnte sich dann, rückwärts gelehnt, um ein anderes Glas von seinem Diener in Empfang zu nehmen, breiter und weiter als je in seinem Stuhle und in seinen Lieblingsideen aus. »Ja, wir sind hier alle zu viel; ich sagte es jüngst zu meinem lieben Herzog von Guise, den sie zugrunde gerichtet haben. Man zählt die Minuten, die uns noch zu leben bleiben, und rüttelt an unserer Sanduhr, damit ihre Körner schneller rieseln. Sieht der Herr Kardinal-Herzog in einer Ecke drei oder vier unserer großen Figuren, die nicht von der Seite unseres hochseligen Königs wichen, so fühlt er wohl, daß er diese eisernen Bildsäulen nicht von der Stelle rücken kann und daß dazu die Hand des großen Mannes erforderlich wäre; er geht dann schnell an uns vorüber und wagt nicht, sich zu uns, die wir ihn nicht fürchten, zu gesellen. Er glaubt immer, wir zetteln Verschwörungen an, und gerade jetzt soll man ja damit umgehen, mich in die Bastille zu stecken.« »Ei, Herr Marschall, und Sie zögern noch, abzureisen?« fragte einer der Italiener; »meiner Ansicht nach kann nur Flandern Ihnen einen sicheren Zufluchtsort bieten." »Ach, mein Herr, da kennen Sie mich schlecht; statt zu flüchten, stattete ich dem König vor seiner Abreise einen Besuch ab und sagte ihm, es geschehe nur, damit man der Mühe überhoben wäre, mich zu suchen, und wüßte ich, wohin er mich zu senden gedächte, so ginge ich von selbst hin, ohne daß man mich hinzuführen brauchte. Er benahm sich dann auch so gütig, als ich erwartete, und sagte: ›Wie, alter Freund, du solltest wirklich glauben, ich beabsichtige so was? Du weißt wohl, daß ich dich liebe.‹« »Ach, mein lieber Marschall, da mach' ich Ihnen mein Kompliment«, sagte Frau von Effiat mit sanfter Stimme; »an diesem Worte erkenne ich des Königs Güte; er erinnert sich des innigen Verhältnisses seines königlichen Vaters zu Ihnen; ja, mir scheint, er habe Ihnen alles, was Sie für die Ihrigen wünschten, gewährt«, fügte sie mit Nachdruck hinzu, um seinem Lobe aufs neue den Weg zu bahnen und ihn die Unzufriedenheit, die er so laut ausgesprochen, vergessen zu lassen. »Gewiß, Madame«, entgegnete er, »niemand weiß seine Tugenden besser anzuerkennen als Francis von Bassompierre; ich werde ihm bis ans Ende getreu bleiben, weil ich mich seinem Vater ein für allemal mit Leib und Gut hingegeben habe, und ich schwöre, daß wenigstens mit meiner Einwilligung niemand von meiner Familie in seiner Pflicht gegen den König von Frankreich lässig gefunden werden soll. Obwohl die Bestein Fremde und Lothringer sind, Mordieu! so hat ein Handschlag Heinrichs IV. uns für immer, erworben; mein größter Schmerz war auch, meinen Bruder in spanischen Diensten sterben zu sehen, und soeben habe ich meinem Neffen geschrieben, daß ich ihn enterben würde, wenn er, wie die Rede ginge, zum Kaiser übergehen sollte.« Einer der Edelleute, der bisher geschwiegen, sich aber durch den Aufwand von Schleifen, Bändern und Vorstecknadeln, die sein Kleid bedeckten, sowie durch den St. Michaelsorden, dessen schwarze Schnur seinen Hals schmückte, bemerklich machte, verneigte sich mit der Bemerkung, daß jeder getreue Untertan so sprechen sollte. »Pardieu, Herr von Launay, da irren Sie sich sehr«, sagte der Marschall, bei dem die Erinnerung an seine Ahnen wieder aufwachte; »Leute von unserem Blut sind aus Herzenstrieb Untertan, denn durch die Gnade Gottes sind wir so gut als Herren unserer Güter geboren, wie der König als Herr der seinigen. Nach Frankreich kam ich zu meinem Vergnügen, und begleitet von meinen Edelleuten und Pagen. Nun bemerke ich, daß, je weiter man geht, man desto mehr diesen Gedanken verliert, besonders bei Hofe. Doch da kommt ein junger Mann ganz gelegen, um mich darüber zu hören ...« Wirklich öffnete sich auch die Tür und man sah einen jungen, ziemlich gut gewachsenen Mann von blasser Gesichtsfarbe, braunen Haaren, schwarzen Augen und düsterem, gleichgültigem Wesen eintreten; es war Henri von Effiat, Marquis von Cinq-Mars , welch letzterer Titel sich von einem Familiengute herschrieb; sein Anzug und sein kurzer Mantel waren schwarz, ein Spitzenkragen fiel von seinem Hals bis zur Mitte der Brust nieder; kleine, starke, sehr weite Stiefel und seine Sporen machten ein Geräusch auf den Steinplatten des Salons, daß man ihn von weitem kommen hörte. Er schritt gerade auf die Marschallin von Effiat zu und küßte ihr mit einer tiefen Verbeugung die Hand. »Wohlan, Henri!« redete sie ihn an, »sind Ihre Pferde bereit? Um wie viel Uhr reisen Sie ab?« »Mit Ihrer Erlaubnis unmittelbar nach dem Mittagessen, Madame«, antwortete er seiner Mutter mit der zeremoniellen Ehrerbietung jener Zeit und wandte sich dann, bevor er seinen Sitz zur Linken seines Bruders einnahm, noch mit einer Begrüßung an Herrn von Bassompierre. »Nun!« sagte der Marschall, gleichwohl mit großem Appetit fortessend, »Sie wollen abreisen, mein Kind; Sie gehen an den Hof, das ist heutzutage ein schlüpfriger Boden. Ich bedaure um Ihretwillen, daß er nicht geblieben ist, was er war. Ehemals war der Hof nichts anderes als der Salon des Königs, wo er seine natürlichen Freunde empfing. Die Edlen großer Häuser, seine Pairs, die ihn besuchten, um ihm ihre Ergebenheit und Freundschaft zu beweisen, verspielten ihr Geld mit ihm und begleiteten ihn auf seinen Lustpartien, erhielten aber nichts von ihm als die Erlaubnis, für seinen Dienst ihre und ihrer Vasallen Köpfe in die Schanze zu schlagen. Die Ehrenstellen, die ein Mann von Stande erhielt, bereicherten ihn nicht, denn er bezahlte sie aus seinem Beutel; bei jedem Grad, den ich empfing, verkaufte ich eines meiner Güter; der Titel eines kommandierenden Generals der Schweizergarde hat mich viermalhunderttausend Taler gekostet, und die Taufe des jetzigen Königs verursachte mir eine Ausgabe von hunderttausend Franken nur für einen Anzug.« »Ach! da werden Sie aber zugeben«, sagte lachend die Gebieterin des Hauses, »daß Sie nicht dazu gezwungen wurden; wir hörten von der Pracht Ihres Perlenkleides; allein es täte mir sehr leid, wenn es jetzt noch Mode wäre, solche zu tragen.« »Ach, Frau Marquise, seien Sie ruhig, diese Zeit der Pracht wird nie mehr zurückkehren. Wir begingen ohne Zweifel Torheiten, sie bewiesen aber unsere Unabhängigkeit; so viel ist klar, daß man damals dem König keine Diener entzogen hätte, die allein die Liebe an ihn fesselte und deren Herzogs- oder Marquiskronen so viel Diamanten zählten wie seine Königskrone. Ebenso ist leicht einzusehen, daß der Ehrgeiz sich nicht aller Klassen bemächtigen konnte, weil nur reiche Hände dergleichen Ausgaben machen konnten und das Gold nur den Minen entstammt. Die großen Häuser, die man jetzt mit solcher Erbitterung zerstört, waren nicht ehrgeizig, hielten sich oft, da sie keine Stelle von der Regierung wollten, durch ihr eigenes Gewicht an ihrer Stelle bei Hofe, bestanden durch sich selbst und äußerten sich, wie eines unter ihnen: Prinz nicht mag sein, Rohan bin . So verhielt es sich mit jeder edlen Familie, der ihr Adel genügte und die der König selbst in eine Reihe mit sich stellte, indem er einem meiner Freunde schrieb: Das Geld hat auf Edelleute, wie Ihr und ich, keine Beziehung .« »Aber, Herr Marschall«, unterbrach ihn Herr von Launay kalt, aber sehr höflich und wahrscheinlich in der Absicht, ihn etwas in Harnisch zu bringen, »diese Unabhängigkeit hat auch viel Bürgerkriege und Empörungen, wie die des Herrn von Montmorency, zur Folge gehabt.« »Corbleu! mein Herr, so kann ich nicht reden hören«, entgegnete aufbrausend der Marschall, indem er sich in seinem Lehnstuhl herumwarf. »Diese Empörungen und diese Kriege waren für die Grundgesetze des Staates von keiner Bedeutung und konnten den Thron so wenig umstürzen als ein Duell es vermöchte. Von allen diesen großen Parteihäuptern ist nicht einer, der, wenn es ihm gelungen wäre, seinen Lieg nicht zu den Füßen des Königs gelegt hätte, wohl wissend, daß alle die anderen ebenso großen Herren als er sich von ihm als dem Feinde des legitimen Souveräns abgewendet hätten. Keiner hat sich anders als gegen eine Faktion, nicht aber gegen die souveräne Gewalt bewaffnet, und war einmal jene zerstört, so kehrte alles wieder zur Ordnung zurück. Was habt ihr aber getan, indem ihr uns erdrücktet? Ihr habt die Arme des Thrones zerbrochen und werdet sie durch nichts ersetzen. Ja ich zweifle jetzt nicht mehr daran, der Kardinal-Herzog wird seine Absicht vollends erfüllen, der große Adel wird seine Güter verlassen oder verlieren und wird, indem er aufhört, das große Eigentum zu sein, auch aufhören, eine Macht zu sein; ist doch der Hof jetzt schon weiter nichts mehr als ein Palast, wo man Anliegen und Gesuche vorbringt; später, wenn er nur noch aus den Leuten vom Gefolge des Königs besteht, wird er zum Vorzimmer werden, die großen Namen sangen dann an, niedrige Ämter zu adeln; allein vermöge einer furchtbaren Reaktion werden diese Ämter zuletzt die großen Namen herabwürdigen. Seinem Herde fremd, wird der Adel nur noch durch die empfangenen Stellen etwas sein, und wollen die Völker, auf die er keinen Einfluß mehr haben wird, sich empören ...« »Welch unheilweissagende Gedanken, die Sie heute haben, Marschall!« unterbrach ihn die Marquise. »Hoffentlich werden weder ich noch meine Kinder diese Zeiten sehen. In all dieser Politik erkenne ich Ihren heiteren Charakter nicht mehr; ich erwartete, Sie würden meinem Sohne Ratschlage erteilen. Nun, Henri, was haben Sie denn? Sie sind sehr zerstreut.« Die Augen auf die großen Fenster des Speisesaals geheftet, betrachtete Cinq-Mars traurig die prachtvolle Landschaft, die sich vor seinen Blicken ausbreitete. Die Sonne schien in ihrer vollen Pracht und ließ den Ufersand der Loire, die Bäume und Wiesen in Gold und Smaragd prangen; der Himmel hatte sein azurblaues Kleid angetan und aus dem durchsichtigen Gelb der Wolken tauchte der Inseln herrlich glänzendes Grün, hinter deren buschigen Häuptern sich die großen dreieckigen Segel der Kauffahrteischiffe gleich einer im Hinterhalt liegenden Flotte erhoben. »O Natur, Natur!« sprach er bei sich, »lebe wohl, du schöne Natur. Bald wird mein Herz nicht einfach genug mehr sein, um dich zu fühlen, und wirst du meinen Augen nicht mehr gefallen; schon lodert eine heftige Leidenschaft in diesem Heizen, und was ich von den Interessen der Menschen höre, erfüllt es mit einer unbekannten Bangigkeit; ich soll also dieses Labyrinth betreten; ich verliere mich vielleicht darin, doch für Marie ...« Dann bei der Anrede seiner Mutter aus seinen Träumen erwachend, antwortete er, in der Befürchtung, ein allzu kindisches Bedauern über den Abschied von seinem schönen Lande und seiner Familie zu zeigen: »Ich dachte eben an den Weg, Madame, den ich einschlagen will, um nach Perpignan zu kommen, sowie an den, der mich zu Ihnen zurückführen wird.« »Vergessen Sie nicht, den von Poitiers einzuschlagen und nach Loudun zu gehen, um dort Ihren alten Lehrmeister, unseren guten Abbé Quillet zu besuchen; dieser wird Ihnen nützliche Ratschläge hinsichtlich des Hoflebens erteilen, er steht sehr gut mit dem Herzog von Bouillon, und wäre er Ihnen auch nicht von besonderem Nutzen, so ist es immerhin ein Beweis von Achtung, den Sie ihm schuldig sind.« »Sie gehen also zur Belagerung von Perpignan, mein Freund?« hob der alte Marschall wieder an, der eben einzusehen begann, daß er schon sehr lange geschwiegen habe. »Ach, wie glücklich sind Sie! Pest, eine Belagerung! ein hübsches Debüt; ich hätte viel darum gegeben, bei meiner Ankunft am Hofe des hochseligen Königs einen solchen Anfang machen zu können; lieber hätte ich mir dabei die Eingeweide aus dem Leibe reißen lassen als bei einem Turnier mich hervorgetan, wie es damals geschah. Allein man lebte in Friedenszeiten und ich war genötigt, mit dem Rosworm der Ungarn die Türken auf Pistolen herauszufordern, um meine Familie nicht durch meine Untätigkeit zu betrüben. Übrigens wünsche ich, daß Se. Majestät Sie auf ebenso liebenswürdige Weise empfange, als sein Vater mich empfing. Gewiß, der König ist tapfer und gut; allein man hat ihn unglücklicherweise an diese kalte spanische Etikette gewöhnt, die alle Bewegungen des Herzens lähmt; durch diese unbewegliche Außenseite und dieses eisige Benehmen hält er sich und die anderen stets von jeder freundlichen Annäherung zurück; was mich betrifft, so gestehe ich, daß ich stets den Augenblick des Auftauens erwarte, jedoch vergeblich. Wir wurden durch den geistreichen und einfachen Heinrich an ganz andere Sitten gewöhnt und hatten wenigstens die Freiheit, ihm zu sagen, daß wir ihn liebten.« Die Augen auf Bassompierre geheftet, als müsse er sich zwingen, dessen Reden einige Aufmerksamkeit zu schenken, fragte Cinq-Mars, wie des verstorbenen Königs Art zu sprechen gewesen sei. »Lebhaft und freimütig«, antwortete er. »Einige Zeit nach meiner Ankunft in Frankreich spielte ich in Fontainebleau mit ihm und der Herzogin von Beaufort, denn er wollte, wie er sagte, mir meine Goldstücke und meine schönen Portugaleser abgewinnen. Er fragte mich, was mich in dieses Land geführt habe. ›Meiner Treue, Sire‹, sagte ich offenherzig, ›ich bin nicht in der Absicht gekommen, mich in Ihren Dienst einzustallieren, sondern um einige Zeit an Ihrem und von da an dem spanischen Hofe zuzubringen; Sie haben mich aber so bezaubert, daß, wenn Sie meine Dienste wollen, ich, ohne weiterzugehen, mich denselben auf Lebenszeit widme.‹ Dann umarmte er mich mit der Versicherung, daß ich keinen besseren Herrn, der mich mehr liebte, hätte finden können. Ach! ... das hab' ich wohl empfunden ... und ich, ich habe ihm alles geopfert, selbst meine Liebe, ja, ich hätte noch mehr getan, wenn man mehr hätte tun können, als auf Fräulein von Montmorency verzichten.« Aus des Marschalls Augen sprach eine tiefe Rührung; allein der junge Marquis von Effiat und die Italiener schauten sich gegenseitig an und konnten sich bei dem Gedanken, daß die Prinzessin von Condé damals nichts weniger als jung und schön gewesen sei, eines Lächelns nicht enthalten. Cinq-Mars bemerkte diese Zeichen des Einverständnisses und lachte auch, aber sein Lächeln war ein bitteres. »So ist es denn wahr«, sagte er bei sich selbst, »daß die Leidenschaften das Schicksal der Moden haben und wenige Jahre ein Kleid und eine Liebe mit derselben Lächerlichkeit strafen können? Glücklich der, welcher seine Jugend, seine Täuschungen nicht überlebt und seinen ganzen Schatz mit sich ins Grab nimmt!« Doch abermals riß er sich mit Anstrengung aus dem melancholischen Gang seiner Gedanken heraus und nahm, damit der gute Marschall nichts Mißbeliebiges auf dem Gesichte seiner Wirte bemerkte, den Faden der Unterhaltung auf, indem er sagte: »Man sprach also sehr freimütig mit König Heinrich? Vielleicht mußte er auch im Anfang seiner Regierung diesen Ton einführen; als er aber seiner Herrschaft sicher war, änderte er ihn da nicht?« »Nie, nein, nie, selbst bis zu seinem letzten Tage hörte unser großer König nicht auf, derselbe zu sein; er schämte sich nicht, ein Mensch zu sein, und sprach zu Menschen mit Kraft und Gefühl. Ach, mein Gott, ich sehe ihn noch, wie er am Tage seines Todes den Herzog von Guise im Wagen umarmte; er hatte mich eben mit einem seiner geistreichen Scherze entzückt und der Herzog sagte zu ihm: ›Für mich sind Sie einer der angenehmsten Menschen der Welt, und unser Schicksal bestimmte uns füreinander; denn wären Sie nur ein gewöhnlicher Mensch gewesen, so hätte ich Sie um jeden Preis in meine Dienste genommen: da Gott Sie aber zu einem großen König schuf, so muß ich wohl Ihr Untergebener sein.‹ Ach, großer Mann! Du hattest es vorausgesagt«, rief Bassompierre mit Tränen in den Augen und vielleicht durch die Gläser voll Wein, die er zu sich nahm, etwas aufgeregt: » Habt Ihr mich einst verloren, so werdet Ihr meinen Wert erst erkennen .« Während dieser Herzensergießung hatten die übrigen Tischgenossen, je nach der Rolle, die sie in öffentlichen Angelegenheiten spielten, verschiedenartige Haltungen angenommen. Einer der Italiener tat, als schenke er seine ganze Aufmerksamkeit der jungen Tochter der Marschallin, mit der er geflissentlich schäkerte, der andere machte sich mit dem alten, tauben Abbé zu schaffen, welcher letztere, die eine Hand hinter sein Ohr haltend, um besser zu hören, der einzige Aufmerksame schien; Cinq-Mars war, nachdem er den Marschall in Redefluß gebracht, in seine melancholische Zerstreuung zurückgefallen, wie man, wenn einmal die Kugel geschoben ist, bis zu ihrer Rückkehr anderswohin schaut; sein älterer Bruder machte die Honneurs der Tafel immer mit derselben Ruhe; Puy-Laurens schaute besorgt die Gebieterin des Hauses an, er war ganz für den Herzog von Orleans und fürchtete den Kardinal; die Marschallin dagegen schien betrübt und unruhig, die wenig abgewogenen Worte hatten sie oft an den Tod ihres Mannes oder die Abreise ihres Sohnes erinnert und noch öfter hatte sie für Bassompierre selbst gefürchtet, er möchte sich kompromittieren, und ihn mit einem Blick auf Herrn von Launay, den sie nicht genau kannte und mit einigem Grund für einen Anhänger des Premierministers hielt, angestoßen; allein bei einem Manne von solchem Charakter waren dergleichen Winke vergeblich, er schien sie nicht zu beachten und tat im Gegenteil, als wende er sich mit seiner ganzen Rede einzig an diesen Edelmann, den er nebenbei mit seinen kühnen Blicken und dem Ton seiner Stimme vernichten zu wollen schien. Dieser aber gab sich die Miene der Gleichgültigkeit und beipflichtender Höflichkeit, die er auch bis zu dem Augenblick, wo die beiden Flügeltüren geöffnet und die Herzogin von Mantua angekündigt wurde, nicht ablegte. Das Gespräch, zu dessen Mitteilung wir soeben längere Zeit gebraucht, war dennoch so rasch geführt worden, daß, als bei der Ankunft Maries von Gonzaga jedermann sich erhob, das Mittagessen noch nicht zur Hälfte beendet war. Die Jungfrau war klein, aber hübsch gewachsen, und obwohl sie ungemein schwarze Haare und Augen hatte, besaß ihre Haut dennoch eine blendende Frische. In Berücksichtigung ihres Ranges erhob sich auch die Marschallin ein wenig und küßte sie dann ihrer Gutherzigkeit und Jugend wegen auf die Stirn. »Sie ließen heute lange auf sich warten, liebe Marie«, sagte sie zu ihr, indem sie der Jungfrau den Platz neben sich anwies; »glücklicherweise bleiben Sie mir, um mir eines meiner Kinder bei dessen Abreise zu ersetzen.« Die junge Herzogin errötete, senkte den Kopf und die Augen, um ihr Erröten zu verbergen, und entgegnete mit schüchterner Stimme: »Das ist nicht mehr als billig, Madame, da Sie auch mir die Mutter ersetzen.« Am anderen Ende der Tafel aber erblaßte Cinq-Mars bei ihrem auf ihn gehefteten Blick. Diese Ankunft gab der Unterhaltung eine Wendung, sie wurde nicht länger im allgemeinen geführt, sondern jeder ließ sich mit seinem Nachbar in ein Gespräch ein. Der Marschall allein fuhr fort, einige Worte über die Pracht des vormaligen Hofes, dann über die Kriege, die er in der Türkei mitgemacht, über Turniere und endlich über das filzige Wesen des jetzigen Hofes fallen zu lassen, allein zu seinem großen Leidwesen nahm niemand besondere Notiz davon, und als man mit dem Glockenschlag Zwei die Tafel aufhob, erschienen fünf Pferde im Hofe, von denen vier wohlbewaffnete, mit Reisemänteln versehene Diener trugen, das fünfte aber, ein schwarzes, feuriges Pferd, von dem alten Grandchamp am Zügel gehalten wurde; es war das seines Gebieters. »Aha!« rief Bassompierre, »da ist ja unser Schlachtroß gesattelt und gezäumt; jetzt marsch, junger Mann, jetzt heißt's wie bei unserem alten Marot: Adieu la cour, adieu les dames! Adieu les filles et les femmes! Adieu vous dy pour quelque temps; Adieu vos plaisants passetemps; Adieu le bal, adieu la dance, Adieu mesure, adieu cadence, Tambourins, hautbois, violons, Puisqu'a la guerre nous allons. Lebwohl o Hof, lebt wohl ihr Damen! Lebt wohl ihr Mädchen und ihr Frauen! Lebwohl sag ich für ein'ge Zeit, Lebwohl du schöner Zeitvertreib; Lebwohl o Ball, lebwohl o Tanz, Lebwohl du Takt, lebwohl Kadenz, Tamburin, Hoboe, Violin, Weil in den Krieg wir ziehen hin. Dieses alte Liedchen und die Miene, mit der es der Marschall hersagte, verursachten ein allgemeines heiteres Gelächter, wobei nur drei Personen eine Ausnahme machten. »Herr Jesus«, fuhr er fort, »mir ist, als wär' ich erst siebzehnjährig, wie er; der wird uns recht mit Gold verbrämt zurückkommen, Madame; man muß jedenfalls seinen Stuhl unbesetzt lassen.« Bei diesen Worten erblaßte die Marschallin plötzlich und stand, in Tränen zerfließend, vom Tische auf, was ein allgemeines Aufstehen zur Folge hatte; sie vermochte jedoch nur zwei Schritte zu tun und sank dann in einen anderen Lehnstuhl hin. Ihre Söhne, die Tochter und die Herzogin umringten sie alsbald voll lebhafter Besorgnis und wußten ihr endlich unter erstickten Seufzern und Tränen, die sie vergeblich zurückhalten wollte, die Worte abzugewinnen: »Verzeihung! ... meine Freunde ... es ist eine Torheit ... eine Kinderei ... allein ich bin dermalen so schwach, daß ich ihrer nicht Herr werden konnte. Wir waren unser dreizehn bei Tisch und daran waren Sie schuld, meine liebe Herzogin. Es ist jedoch sehr unrecht von mir, in seiner Gegenwart so viel Schwäche zu zeigen. Leb wohl, mein Kind, reiche mir deine Stirn, damit ich sie küsse, und Gott geleite dich. Sei deines Namens und deines Vaters würdig.« Unter Tränen lachend , wie Homer gesagt, stand sie dann auf und schob ihn vorwärts mit den Worten: »Jetzt fort und zeigt Euch mir auf dem Pferde, schöner Knappe!« Der schweigsame Reisende küßte die Hand seiner Mutter und machte ihr eine tiefe Verbeugung; auch vor der Herzogin verneigte er sich, doch ohne die Augen aufzuschlagen; dann umarmte er seinen älteren Bruder, drückte dem Marschall die Hand und küßte die Stirn seiner Schwester, alles fast in einem Atemzuge, verließ den Saal und befand sich in einem Augenblick zu Pferde. Mit Ausnahme der Frau von Effiat, die noch immer schmerzlich bewegt in einem Lehnstuhle saß, drängte sich alles an die Fenster, die auf den Hof gingen. »Er reist im Galopp ab. Das ist ein gutes Zeichen«, sagte lachend der Marschall. »Ach Gott!« schrie die junge Prinzessin, vom Fenster zurücktretend. »Was gibt es denn?« fragte die Mutter. »Nichts, nichts«, antwortete Herr von Launay, »das Pferd Ihres Herrn Sohnes ist unter dem Torweg gestürzt; es hat sich unter seiner Hand jedoch schnell wieder aufgerichtet; schauen Sie, da jagt er schon auf der Landstraße dahin.« »Wieder eine böse Vorbedeutung!« sagte die Marquise, sich in ihre Gemächer zurückziehend. Schweigend oder sich nur leise äußernd folgte ein jeder ihrem Beispiel. Der Tag schlich traurig hin, und bei der Abendtafel im Schloß Chaumont ging es äußerst schweigsam zu. Um zehn Uhr begab sich der alte Marschall, von seinem Kammerdiener geführt, in den nördlichen Turm, der hart am Einfahrtstor und dem Flusse gegenüber lag. Es herrschte eine drückende Hitze; er öffnete das Fenster, hüllte sich in einen weiten seidenen Rock, stellte einen schweren Armleuchter auf einen der Tische und befahl seinem Diener, ihn allein zu lassen. Sein Fenster ging ins freie Feld hinaus, über das der Mond nur ein ungewisses Licht ergoß; der Himmel überzog sich mit dicken Wolken und alles stimmte zur Melancholie. Obwohl in Bassompierres Charakter nichts Träumerisches lag, fiel ihm doch ein, welch sonderbare Wendung die Unterhaltung beim Mittagessen genommen hatte, und so begann er, sein ganzes Leben und die traurigen Veränderungen vor seiner Seele vorüberziehen zu lassen, welche die neue Regierung, eine Regierung, seit deren Bestehen ein Unglückswind für ihn zu wehen schien, in demselben hervorgerufen hatte; der Tod einer geliebten Schwester, der liederliche Lebenswandel seines Namenserben, der Verlust seiner Güter und seiner Gunst, der jüngsterfolgte Tod seines Freundes, des Marschalls von Effiat, dessen Zimmer er jetzt innehatte, alle diese Gedanken entrissen ihm unwillkürlich einen Seufzer und er legte sich ins Fenster, um freier zu atmen. In diesem Augenblick glaubte er von der Waldseite her das Getrappel vieler Pferde zu hören, allein der zunehmende Wind brachte ihn bald von diesem Gedanken ab, und als plötzlich das ganze Geräusch verstummte, vergaß er es. Er schaute noch eine Weile lang nach den Lichtern im Schlosse hin, die, nachdem sie sich an den Bogenfenstern der Treppe hingewunden und durch Höfe und Ställe geschlichen, allmählich erloschen. In seinem großen, weichgepolsterten Lehnstuhl sitzend, stützte er dann den Ellbogen auf den Tisch und versank noch tiefer in seine Betrachtungen, bis er plötzlich ein Medaillon, das er an einem schwarzen Bande auf der Brust verborgen trug, hervorzog und in die Worte ausbrach: »Komm', mein guter, alter Gebieter, komm' und plaudere mit mir, wie du so oft tatest! komm', großer König, vergiß deinen Hof beim Lächeln eines wahren Freundes; komm', großer Mann, und pflege Rats mit mir hinsichtlich des ehrgeizigen Österreichs; komm', unbeständiger Kavalier, und rede mir von der innigen Gemütlichkeit deiner Liebe und der redlichen Absicht deiner Untreue; komm', heldenmütiger Soldat, und rufe mir wieder zu, daß ich dich im Kampfe verdunkle; ach, warum habe ich es in Paris nicht getan! Warum habe nicht ich deine Wunden empfangen! Mit deinem Blute hat die Welt die Wohltaten deiner unterbrochenen Regierung verloren ...« Die Tränen des Marschalls trübten das Glas des großen Medaillons; er wischte sie mit ehrfurchtsvollen Küssen ab, als ein barsches Öffnen seiner Tür ihn zum Degen greifen ließ. »Wer da?« rief er in einer Überraschung, die noch größer wurde, als er Herr von Launay erkannte, der mit dem Hut in der Hand gegen ihn vortrat und verlegen stammelte: »Herr Marschall, mit schwerem Herzen sehe ich mich genötigt, Ihnen zu sagen, daß ich Sie im Auftrag des Königs verhaften soll. Eine Kutsche mit dreißig Musketieren des Kardinal-Herzogs erwartet Sie am Gittertor.« Bassompierre war nicht aufgestanden und hielt das Medaillon immer noch in der linken, das Schwert in der rechten Hand; verächtlich reichte er letzteres dem Edelmanne mit den Worten: »Mein Herr, ich weiß, daß ich zu lange gelebt habe, und daran dachte ich soeben; im Namen dieses großen Heinrich übergebe ich meinen Degen gelassen seinem Sohne. Folgen Sie mir.« Er begleitete diese Worte mit einem so festen Blicke, daß de Launay ihm wie niedergedonnert und mit gesenktem Kopfe folgte, gleichsam als ob er von dem edlen Greis verhaftet worden wäre, der, eine Fackel ergreifend, in den Hof trat, woselbst er alle Türen offen und von berittener Wache, welche die Bewohner des Schlosses aufgeschreckt und im Namen des Königs Stille geboten hatte, besetzt fand. Der Wagen stand in Bereitschaft und fuhr, von vielen Reitern begleitet, eilig ab. Eingewiegt durch die Bewegung desselben, begann der Marschall an Herr von Launays Leite einzuschlafen, als plötzlich eine starke Stimme dem Kutscher Halt ! zurief und, als dieser unbekümmert weiterfuhr, ein Pistolenschuß krachte ... Jetzt hielten die Pferde an. »Ich erkläre, mein Herr, daß dies ohne meine Beteiligung geschieht«, sagte Bassompierre. Als er dann den Kopf über den Wagenschlag vorbog, bemerkte er, daß er sich in einem kleinen Gehölz und auf einem zu schmalen Wege befand, als daß die Pferde rechts oder links hätten auslenken können, was ein besonderer Vorteil für die Angreifenden war, da die Musketiere nicht vorrücken konnten, er suchte sich den Vorgang klarzumachen, als ein Ritter mit einem langen Degen in der Hand, womit er die Hiebe einer der Wachen parierte, sich dem Schlage näherte und rief: » Kommen Sie, kommen Sie, Herr Marschall .« »Ei was! Sie sind's? Sie unbesonnener Henri, solche Streiche zu machen! Meine Herren, meine Herren, lassen Sie ab von ihm, er ist noch ein Kind.« Und als de Launay den Musketieren zugerufen, von ihm abzustehen, hatte man Zeit, sich zu erkennen. »Und wie zum Teufel kommen Sie hierher?« hob Bassompierre wieder an, »ich glaubte Sie in Tours und sogar weiter, wenn Sie Ihrer Pflicht nachgekommen wären, und jetzt sind Sie zurückgekommen, um eine Tollheit zu begehen.« »Nicht ihretwegen kam ich allein hierher zurück, sondern einer geheimen Angelegenheit wegen«, entgegnete Cinq-Mars leiser; »aber da ich mir leicht denken kann, man werde sie in die Bastille führen, so bin ich überzeugt, daß Sie davon schweigen; sie ist ja der Tempel der Verschwiegenheit. – Wenn Sie indes gewollt hätten«, fuhr er ganz laut fort, »so hätte ich Sie in diesem Gehölz, wo ein Pferd sich nicht rühren kann, von den Herren da befreit; jetzt ist es nicht mehr Zeit dazu. Ich erfuhr den Schimpf, der durch eine solche Entführung aus meinem väterlichen Hause uns noch mehr als Ihnen angetan ist, von einem Bauer.« »Es geschieht auf Befehl des Königs, mein Kind, und wir müssen seinen Willen ehren; behalten Sie dieses Feuer für seinen Dienst auf; ich danke Ihnen nichtsdestoweniger herzlich dafür; Ihre Hand! und lassen Sie mich diese hübsche Reise fortsetzen!« Und de Launay fügte hinzu: »Es ist mir überdies gestattet, Ihnen zu sagen, Herr von Cinq-Mars, daß ich vom König selbst beauftragt bin, den Herrn Marschall seines innigsten Bedauerns über diesen Vorfall zu versichern und ihn zu bitten, sich für einige Tage Er mußte zwölf Jahre dortbleiben. den Aufenthalt in der Bastille gefallen zu lassen, aus Furcht, er möchte zu einem ungesetzlichen Schritte verleitet werden.« Lachend und besonders laut entgegnete Bassompierre: »Sie sehen, mein Freund, wie man die jungen Leute unter Vormundschaft setzt; deshalb seien Sie auf Ihrer Hut.« » Wohlan, so sei es denn! Reisen Sie in Gottes Namen weiter«, sagte Henri, »gegen den Willen der Leute werde ich nie mehr den fahrenden Ritter spielen.« Und während die Kutsche in schnellem Trabe fortfuhr, wandte er sich in das Gehölz und schlug einen Fußpfad zum Schlosse ein. Am Fuße des westlichen Turmes hielt er still. Er war allein, Grandchamp und seinem kleinen Gefolge voraus und stieg nicht vom Pferde, sondern näherte sich der Mauer so, daß er sich mit seinem Stiefel anstemmen konnte, und hob dann im Erdgeschoß einen Jalousieladen in Form eines Fallgitters, wie man sie jetzt noch hie und da bei alten Gebäuden findet, auf. Mitternacht war vorbei und der Mond hatte sich verborgen. Kein anderer als der Herr vom Hause hätte je den Weg durch eine so große Dunkelheit finden können. Die Türme und Dächer bildeten nur eine schwarze Masse, die kaum von dem etwas hellen Himmel abstach, im ganzen wieder zur Ruhe gekehrten Hause glänzte nirgend ein Licht. Unter einem breitkrämpigen Hute verborgen und in einen großen Mantel gehüllt, harrte Cinq-Mars voll Bangigkeit. Auf was wartete er? Was war er zu suchen zurückgekehrt? Ein Wort von einer Stimme, die sich ganz leise hinter dem Fenster vernehmen ließ: »Sind Sie's, Herr von Cinq-Mars?« »Ach! wer sollte es sein? Wer sollte zurückkommen und gleich einem Übeltäter vor dem väterlichen Hause verweilen, ohne einzutreten und seiner Mutter noch ein Lebewohl zu sagen? Wer sollte wiederkommen, um sich über die Gegenwart zu beklagen, ohne etwas von der Zukunft zu erwarten, wenn nicht ich?« Man konnte leicht hören, daß Tränen die Antwort der sanften Stimme begleiteten, die jetzt bebend sprach: »Ach, Henri, worüber beklagen Sie sich? habe ich nicht mehr und weit mehr getan, als ich sollte? Ist es meine Schuld, wenn mein Unstern gewollt, daß ein souveräner Fürst mein Vater ward? Kann man seine Wiege wählen? Kann man sagen: Ich will als Hirtenkind zur Welt kommen? Sie kennen die ganze unglückselige Lage einer Prinzessin wohl; bei der Geburt nimmt man ihr das Herz; die ganze Welt weiß, wie alt sie ist, ein Vertrag tritt sie gleich einer Stadt ab und sie darf nie weinen. Was habe ich, seit ich Sie kenne, nicht getan, um mich dem Glücke zu nähern und von den Thronen fernzuhalten! Seit zwei Jahren hab' ich vergeblich gegen mein Mißgeschick, das mich von Ihnen trennt, und gegen Sie gekämpft, da Sie mich meinen Pflichten abtrünnig machen. Sie wissen wohl, ich wünschte, man möchte mich für tot halten; was sag' ich! hab' ich doch beinahe eine Revolution gewünscht. Vielleicht hätte ich den Schicksalsschlag, der mir meinen Rang genommen, gepriesen, wie ich Gott gedankt habe, als mein Vater gestürzt ward; allein der Hof staunt, die Königin verlangt mich, unsere Träume sind zerstoben, Henri, unser Schlaf hat zu lange gedauert; erwachen wir mutig, denken Sie nicht länger an die zwei schönen Jahre; vergessen Sie alles, um nur Sinn für unseren großen Entschluß zu haben; hegen Sie nur einen Gedanken, seien Sie ehrgeizig durch ... ehrgeizig für mich ...« »So soll ich denn alles vergessen, o Marie!« sagte Cinq-Mars milde ... Sie zögerte mit der Antwort ... »Ja, alles, was ich selbst vergessen habe«, begann sie wieder. Und einen Augenblick nachher fuhr sie dann lebhaft fort: »Ja, vergessen Sie unsere glücklichen Tage, unsere langen Abende und selbst die Spaziergänge am Teich und im Gehölze; aber gedenken Sie der Zukunft und jetzt reisen Sie. Ihr Vater war Marschall, werden Sie mehr, werden Sie Konnetabel, Prinz. Reisen Sie ab, Sie sind jung, edel, reich, tapfer, geliebt ...« »Auf immer?« fragte Henri. »Auf Zeit und Ewigkeit!« Cinq-Mars bebte und rief, die Hand aufhebend: »Wohlan, so schwöre ich bei der heiligen Jungfrau, deren Namen Sie tragen, daß Sie die Meine sein werden, Marie, oder mein Kopf auf dem Schafotte fallen soll.« »O Himmel, was sagen Sie!« rief sie, seine Hand mit ihrer weißen Hand, die sie zum Fenster hinausstreckte, ergreifend. »Nein, Ihre Anstrengungen sollen nie strafbar sein, das schwören Sie mir, Sie sollen nie vergessen, daß der König von Frankreich Ihr Herr ist; lieben Sie ihn über alles, nach derjenigen jedoch, die Ihnen alles opfern und Ihrer schmerzlich harren wird. Nehmen Sie dieses kleine goldene Kreuz, tragen Sie's auf Ihrem Herzen; es hat viele meiner Tränen empfangen. Denken Sie, daß wenn Sie sich je strafbar gegen den König finden ließen, ich noch viel bitterere vergießen würde. Geben Sie mir den Ring, den ich an Ihrem Finger sehe. O Gott! meine und Ihre Hand sind mit Blut gerötet!« »Gleichviel, es ist nicht für Sie geflossen; haben Sie vor ungefähr einer Stunde nichts gehört?« »Nein, aber hören sie jetzt nicht selbst etwas?« »Nein, Marie, wenn nicht eine Nachteule auf dem Turm.« »Man hat in unserer Nähe gesprochen, so viel ist gewiß. Aber woher kommt nur das Blut? Sagen Sie schnell, und dann fort.« »Ja, ich gehe; soeben hüllt eine Wolke die Nacht wieder in tiefere Schatten. Lebe wohl, Engel des Himmels, ich werde zu dir beten, die Liebe hat den Ehrgeiz gleich einem brennenden Gift in mein Herz gegossen; ja, ich fühle es zum erstenmal, der Ehrgeiz kann durch seinen Zweck geadelt werden. Lebe wohl, ich gehe der Erfüllung meines Geschickes entgegen.« »Lebe wohl! aber gedenke des meinen.« »Können unsere Geschicke sich trennen?« »Nie«, rief Marie, »der Tod trenne sie denn!« »Ich fürchte die Abwesenheit noch mehr«, entgegnete Cinq-Mars. »Lebe wohl! ich zittere! lebe wohl!« sagte die liebe Stimme, und langsam glitt das Fenster auf die beiden noch vereinten Hände nieder. Das schwarze Pferd hatte sich indessen unablässig gebäumt und begann jetzt ungeduldig zu wiehern, besorgt gestattete ihm nun sein Herr, den Galopp anzuschlagen, und so befanden sie sich bald wieder in der Stadt Tours, welche die Türme von Saint Gratien von weitem ankündeten. Nicht ohne Murren hatte der alte Grandchamp auf seinen jungen Herrn gewartet, und als er jetzt sah, daß dieser sich nicht zur Ruhe begeben wollte, begann er ihn auszuschelten. Das ganze Gefolge reiste dann ab und zog fünf Tage später still und ohne weitere Abenteuer in der alten Stadt Loudun in Poitou ein. Zweites Kapitel. Die Straße Die Regierung, aus der wir einige Jahre schildern wollen, eine Regierung der Schwäche, die gleichsam eine Verdunkelung der Krone zwischen dem Glanz Heinrichs IV. und Ludwigs des Großen war, verletzt die Blicke, die sich auf sie heften, durch einige blutige Befleckungen. Sie waren nicht nur das Werk eines einzelnen, große Korporationen hatten ihren Anteil daran. Es ist traurig, zu sehen, daß in diesem Jahrhundert der Unordnung die Geistlichkeit gleich einer großen Nation ihren Pöbel wie ihren Adel, ihre unwissenden und verbrecherischen wie ihre gelehrten und tugendhaften Prälaten hatte. Was ihr von Grausamkeit blieb, ward seit jener Zeit durch die lange Regierung Ludwigs XIV. abgeschliffen und ihre Verdorbenheit durch das Blut ihrer Märtyrer in der Revolution von 1793 abgewaschen. Infolge eines ganz eigentümlichen Schicksals durch die Monarchie wie durch die Republik vervollkommnet, durch die eine gezähmt, durch die andere gezüchtigt, ist sie ernst und selten lasterhaft auf unsere Zeit gekommen. Wir haben das Bedürfnis gefühlt, bevor wir zur Erzählung der Ereignisse schritten, welche die Geschichte jener Zeiten uns darbietet, uns einen Augenblick bei diesem Gedanken aufzuhalten, und ungeachtet dieser tröstlichen Beobachtung konnten wir nicht umhin, allzu abscheuliche Einzelheiten wegzulassen und den strafbaren Handlungen nur unser stilles Bedauern zu zollen, wie man bei der Schilderung des Lebenslaufes eines tugendhaften Greises die Verirrungen seiner leidenschaftlichen Jugend oder die verdorbenen Neigungen seines reiferen Alters beweint. Als der Zug unserer Reisenden in die schmalen Straßen von Loudun einritt, ließ sich ein seltsamer Lärm vernehmen: sie waren von einer dichten Menschenmasse vollgepfropft; von der Kirche und dem Kloster ertönten die Glocken, als wäre die Stadt von einer Feuersbrunst heimgesucht, und alles drängte sich, ohne den Reisenden die geringste Aufmerksamkeit zu schenken, einem großen, an die Kirche stoßenden Gebäude zu. Auf den Physiognomien ließen sich leicht Spuren von höchst verschiedenen und oft einander ganz entgegengesetzten Eindrücken erkennen. Zahllose Gruppen und Zusammenrottungen bildeten sich; der Lärm der Unterhaltung legte sich plötzlich und man hörte nur noch eine Stimme, die zu ermahnen oder zu lesen schien, dann erhob sich von allen Seiten ein wütendes, mit frommen Ausrufen vermischtes Geschrei: die Gruppe zerstreute sich und man sah, daß der Redner ein Kapuziner oder Barfüßermönch war, der, in der Hand ein hölzernes Kruzifix haltend, die Menge auf das große Gebäude hinwies, dem sie sich zuwandte. » Jesus Maria !« schrie ein altes Weib, »wer hätte je geglaubt, daß der böse Geist unsere Stadt zur Wohnung erwählen würde!« »Und daß die guten Ursulinerinnen besessen würden!« sagte eine andere. »Man sagt, der Teufel, der die Priorin plage, heiße Legion «, bemerkte eine dritte. »Was sagen Sie, meine Liebe!« unterbrach eine Nonne: »es hausen ihrer sieben in ihrem armen Leibe, auf den sie ohne Zweifel ihrer großen Schönheit wegen zu viel Sorgfalt verwandte; jetzt ist er eine Herberge der Hölle; beim gestrigen Exorzismus hat der Herr Prior der Karmeliter ihr den Teufel Gazas aus dem Munde getrieben und der wohlehrwürdige Pater Lactance auch den Teufel Beheril verjagt. Die fünf anderen haben aber nicht fortgewollt, und als die heiligen Teufelaustreiber, die Gott stärke, sie auf lateinisch aufgefordert hatten, sich zu entfernen, antworteten sie, daß sie es nicht täten, bevor sie ihre Macht bewiesen hätten, an der die Ketzer und Hugenotten zu zweifeln scheinen, und der Teufel Glimi , welcher der böseste ist, wie ihr wißt, hat behauptet, er werde heute Herrn von Laubardemonts Scheitelläppchen vom Kopfe führen und es während eines Miserere in der Luft halten.« »Ach, heilige Jungfrau!« hob die erste wieder an, »ich zittere schon am ganzen Leibe. Und wenn ich erst bedenke, daß ich schon mehrmals Messen von diesem Zauberer Urbain verlangte!« »Und ich«, sagte ein junges Mädchen, sich bekreuzigend, »ich, die ich ihm vor zehn Monaten gebeichtet, wäre ohne die Reliquie der heiligen Genoveva, die ich unter meinem Rocke trug, gewiß besessen worden, und ...« »Und, Tadel beiseite, Martine«, ward sie von einer dicken Krämerin unterbrochen, »Sie sind auch lange genug allein bei dem schönen Hexenmeister geblieben.« »Wohlan, meine Schöne, 's wird jetzt einen Monat her sein, daß Sie nicht mehr besessen sind«, sagte ein junger Soldat, der sich, seine Pfeife rauchend, unter die Gruppe mischte. Das junge Mädchen errötete und zog die Kapuze ihres schwarzen Mäntelchens über ihr hübsches Gesicht. Die alten Weiber warfen einen Blick der Verachtung auf den Soldaten, und da sie sich eben nahe an der noch geschlossenen Eingangstür befanden und sahen, daß sie sicher waren, zuerst eintreten zu können, setzten sie sich auf die steinernen Bänke und Wehrsteine, und während ihre Unterhaltung immer lebhafter wurde, bereiteten sie sich durch ihre Erzählungen auf das bevorstehende Glück vor, die Zuschauerinnen bei irgend etwas Fremdartigem, einer Erscheinung oder wenigstens einer Hinrichtung zu sein. »Ist es wahr, Tante«, sagte die junge Martine zu der ältesten der Frauen, »daß Sie den Teufel reden hörten?« »So wahr als ich dich sehe, und alle Anwesenden können das nämliche von sich sagen, meine Nichte; ich habe dich heute mit mir gehen lassen, damit deine Seele erbaut werde«, fügte sie hinzu, »und du sollst die Macht des bösen Geistes in Wirklichkeit kennen lernen.« »Was für eine Stimme hat er, liebe Tante?« fuhr das junge Mädchen fort, entzückt, eine Unterhaltung anzuregen, welche die Gedanken der Umstehenden von ihr selbst abwandten. »Er hat keine andere Stimme als die Stimme der Priorin, der die heilige Jungfrau gnädig sein möge. Ich habe das arme junge Weib gestern lange gehört; es war ein Jammer, zu sehen, wie sie sich die Brust zerfleischte, Arme und Beine auswärts drehte und dann plötzlich nach hinten und auf dem Rücken ineinander schlang. Als der heilige Vater Lactance kam und den Namen Urbain Grandier aussprach, trat Schaum aus ihrem Munde und sie sprach Latein, als ob sie die Bibel lese.« »Ich hab' es auch nicht gut verstanden und nur die Worte Urbanus magicus rosas diabolicas aufgefangen, was sagen wollte, daß der Zauberer Urbain sie mit Rosen behext habe, die ihm der Teufel gegeben, und dann drangen aus ihren Ohren und aus ihrem Hals flammenfarbene Rosen hervor, die so nach Schwefel rochen, daß der Herr Kriminalrichter rief, es würde jedermann gut tun, die Nasenlöcher und Augen zuzuhalten, weil die Teufel auszumarschieren begännen.« »So höre man nur!« schrien mit kreischender Stimme und triumphierender Miene die versammelten Weiber alle, indem sie sich gegen die übrige Menschenmenge und hauptsächlich gegen eine Gruppe schwarzgekleideter Männer kehrten, unter welchen sich auch der junge Soldat befand, der sie im Vorbeigehen angeredet hatte. »Da sind ja wieder die alten Närrinnen, die sich beim Hexensabbat glauben und mehr Lärm machen, als wenn sie auf einem Besenstiel daselbst angeritten kommen«, sagte er. »Junger Mann, junger Mann«, sagte ein Bürger mit düsterer Miene, »laßt Euch im Freien keine dergleichen Scherze beikommen, der Wind würde in dermaliger Zeit zur Flamme für Euch.« »Meiner Treu, ich verlache alle diese Teufelaustreiber, ich«, entgegnete der Soldat; »ich heiße Grand-Ferré, und nicht viele haben einen Weihwedel gleich dem meinigen.« Und seinen Säbelgriff mit der einen Hand fassend, drehte er mit der anderen seinen blonden Schnurrbart und schaute, die Augenbrauen runzelnd, um sich; da er aber in der Menge keinen Blick sah, der dem seinigen zu trotzen suchte, so schritt er langsam und mit dem linken Fuß zuerst weg und spazierte in den engen, dunklen Straßen mit jener vollkommenen Gleichgültigkeit eines debütierenden Militärs und einer tiefen Verachtung für alles, was nicht sein Kleid trägt. Inzwischen spazierten acht bis zehn vernünftige Einwohner dieser kleinen Stadt schweigend miteinander durch die bewegte Menge, sie schienen über diesen ausfallenden und plötzlichen Lärm bestürzt und staunten jede neue Tollheitsszene, die sich ihren Augen bot, fragend an. Diese stumme Mißbilligung machte die Männer vom Volke und die zahlreichen, vom Lande gekommenen Bauern, die alle ihre Meinung in den Blicken der Besitzenden, meistenteils ihrer Herren, suchten, traurig; sie sahen, daß sich etwas Unangenehmes vorbereite, und nahmen zu dem einzigen Mittel, das der unwissende und betrogene Untertan ergreifen kann, zur Ergebung und Unbeweglichkeit ihre Zuflucht. Nichtsdestoweniger besitzt der französische Bauer in seinem Charakter eine gewisse spöttelnde Naivität, deren er sich gegen seinesgleichen oft, gegen seine Vorgesetzten immer bedient. Er tut Fragen, welche die Macht, wie die Fragen des Kindes das reifere Alter, in Verlegenheit setzen; er dehnt sie ins Unendliche aus, damit der Befragte sich durch seine eigene Höhe in Verlegenheit gesetzt findet; er verdoppelt das linkische Wesen seiner Manieren und die Grobheit im Ausdrucke, um den geheimen Zweck der Gedanken des Befragten besser zu durchschauen; indes nimmt wider seinen Willen alles etwas Hinterlistiges und Zurückschreckendes an, das ihn verrät, und sein sardonisches Lächeln und die affektierte Plumpheit, mit der er sich auf seinen langen Stab stützt, zeigen nur zu deutlich, welchen Hoffnungen er sich überläßt und welches die Stütze ist, worauf er rechnet. Einer der ältesten Bauern trat, von zehn bis zwölf jüngeren, seinen Söhnen und Neffen, begleitet, vor; sie trugen alle den großen Hut und jene blaue Bluse, vormals die Tracht der Gallier, die das französische Volk jetzt noch über alle seine anderen Kleider anzieht und die für sein regnerisches Klima und sein arbeitsames Wesen so gut paßt. Als er im Bereiche der erwähnten Personen war, nahm er seinen Hut ab, welchem Beispiel seine ganze Familie folgte; sein braunes Gesicht und seine hohe gerunzelte Stirn, umwallt von langen weißen Haaren, kamen jetzt erst zum Vorschein; seine Schultern waren durch Alter und Arbeit gekrümmt. Mit einer Miene der Zufriedenheit und beinahe der Ehrerbietung wurde er von einem ernst aussehenden Manne jener schwarzgekleideten Gruppe empfangen, der ihm, ohne den Hut zu lüften, die Hand reichte. »So, so, mein guter Vater Guillaume Leroux«, redete er ihn an, »Ihr verlaßt unsere Meierei La Chenaie auch, um in die Stadt zu gehen, obwohl es nicht Markttag ist? Das ist gerade, wie wenn unsere guten Ochsen sich losspannen würden, um auf die Starenjagd zu gehen, und das Pflügen im Stiche ließen, um einen armen Hasen jagen zu sehen.« »Hm, Herr Graf du Lude«, entgegnete der Pächter, »meiner Treu, der Hase wirft sich oft ihnen entgegen; es ist mir zu Ohren gekommen, daß man uns arg mitspielen will, und so komm' ich, ein bißchen zu sehen, wie ...« »Brechen wir ab davon, mein Freund«, antwortete der Graf; »hier ist Herr Fournier, der Advokat, der wird Euch nicht täuschen, denn gestern abend hat er seine Stelle als königlicher Prokurator niedergelegt und künftig wird seine Beredsamkeit nur noch seiner edlen Gesinnung dienen; Ihr hört ihn vielleicht heute noch, allein ich fürchte es so sehr für ihn als ich es für den Angeklagten wünsche.« »Gleichviel, mein Herr, ich verfechte die Wahrheit mit Leidenschaft«, sagte Fournier. Dieser war ein junger, äußerst blasser Mann, dessen Gesicht jedoch voll Adel und Ausdruck war; seine blonden Haare, seine hellblauen Augen, seine Magerkeit und sein schlanker Wuchs ließen ihn anfänglich jünger erscheinen, als er wirklich war, allein seine Züge, die den Stempel des Nachdenkens und der Leidenschaft trugen, kündeten eine große geistige Überlegenheit und jene frühe Reife der Seele an, welche Studium und natürliche Kraft verleihen. Er trug ein schwarzes Kleid und nach der Mode jener Zeit einen schwarzen, sehr kurzen Mantel; unter dem linken Arm hielt er eine Papierrolle, die er beim Reden mit der rechten Hand unterstützte und krampfhaft anfaßte, wie ein zorniger Krieger seinen Degenknopf packt. Es war, als hätte er sie entrollen und aus ihr heraus Blitze auf die schleudern wollen, die er mit seinen entrüsteten Blicken verfolgte. Es waren drei Kapuziner und ein Barfüßer, die sich durch die Menge drängten. »Vater Guillaume«, fuhr Herr du Lude fort, »weshalb habt ihr nur den männlichen Teil Eurer Kinder mitgebracht, und wozu diese Stöcke?« »Hm, mein Herr, meiner Treu, mir wäre nicht lieb, wenn unsere Mädchen tanzen lernten wie die Nonnen, und dann lassen sich auch in den jetzigen Zeitläuften die Jungens zu einem Aufruhr besser gebrauchen als das Weibsvolk.« » Gebrauchen wir sie nicht zum Aufruhr , mein alter Freund, glaubt mir«, entgegnete der Graf; »stellt euch lieber alle der Reihe nach auf, um die heranziehende Prozession zu sehen, und erinnert Euch, daß Ihr ein Siebziger seid.« »Ach, ach!« sagte der alte Vater, indem er seine zwölf Kinder wie Soldaten in Reih und Glied stehen ließ, »ich hatte mit dem hochseligen König Heinrich den Krieg durchgemacht, ich verstand so gut mein Pistol spielen zu lassen wie die Liguisten.« Und mit diesen Worten schüttelte er den Kopf, setzte sich auf einen Wehrstein, seinen Knotenstock zwischen den Beinen, seine Hände darüber gefaltet und sein Kinn mit dem weißen Barte auf die Hände gestützt. Dann schloß er halb die Augen, als überlasse er sich gänzlich seinen Jugenderinnerungen. Sein gestreiftes Kleid aus der Zeit des Königs von Bearn und seine Ähnlichkeit mit diesem Fürsten in dessen letzter Lebenszeit, obwohl der Dolch die Haare desselben jener Weiße beraubte, welche diejenigen des Bauern in Frieden erhalten hatten, erregten Staunen. Ein starkes Geläute der Glocken lenkte jedoch die Aufmerksamkeit auf das äußerste Ende der Hauptstraße von Loudun. Man sah von weitem eine lange Prozession herankommen, deren Fahnen und Kreuze über die Menge hervorragten, die schweigend eine Gasse bildete, um dieses halb lächerliche und halb düstere Gepränge anzugaffen. Häscher mit spitzem Knebelbart und breiten Federhüten marschierten mit langen Hellebarden in einer Doppelreihe voraus, dann teilten sie sich zu jeder Seite der Straße in zwei Reihen, in welchen sie zwei ähnliche Reihen grauer Büßer einschlossen, wenigstens wollen wir diesen, in einigen Provinzen des mittäglichen Frankreichs bekannten Namen jenen Männern geben, die ein langes Kleid von grauer Farbe trugen, das in Form einer Kapuze ihren Kopf gänzlich verdeckte und dessen Maske von nämlichem Stoff gleich einem langen Barte unter dem Kinn spitz ausläuft und statt der Augen und Nase nur drei Löcher hat. In unseren Tagen sieht man noch hie und da, besonders in den Pyrenäen, Leichenzüge, die bei ihrer Begleitung durch ähnliche Kostüme beehrt werden. Die Büßer von Loudun hielten ungeheuere Wachskerzen in der Hand, und ihr langsamer Gang und ihre Augen, die unter der Maske hervorzuflammen schienen, verliehen ihnen ein gespenstisches Aussehen, das unwillkürlich mit Traurigkeit erfüllte. Unter dem Volke begann ein Gemurmel von verschiedenartigem Sinne. »Es ist mancher Spitzbube unter dieser Maske verborgen«, sagte ein Bürger. »Und dessen Gesicht noch häßlicher ist als sie«, entgegnete ein junger Mann. »Ich fürchte mich vor ihnen«, rief ein junges Weib. »Ich fürchte nur für meinen Beutel«, antwortete ein Vorübergehender. »Ach, Herr Jesus! Da ist ja unsere heilige Brüderschaft der Büßer«, sagte eine Alte, ihr schwarzes Mäntelchen vom Kopfe schiebend. »Seht nur, welch eine Fahne sie tragen. Welch ein Glück, daß die bei uns ist! Die wird uns gewiß retten; schaut nur den Teufel darauf, wie er in den Flammen sitzt und ein Mönch ihm eine Kette um den Hals bindet? Jetzt kommen die Richter, ach, die ehrenwerten Leute! Seht nur, wie schön ihre roten Röcke sind! Ach, heilige Jungfrau, wie gut hat man die gewählt!« »Das sind die persönlichen Feinde des Pfarrers«, sagte der Graf du Lude ganz leise zum Advokat Fournier, der eine Notiz machte. »Erkennt Ihr sie auch alle?« fuhr die Alte fort, indem sie ihren Nachbarinnen Rippenstöße austeilte und ihre Nachbarn bis aufs Blut in den Arm kniff, um deren Aufmerksamkeit zu stacheln; »jener dort, der so leise mit den Herren Räten beim Gerichtshof von Poitiers spricht, ist der gute Herr Mignon; Gott gieße seinen heiligen Segen tausendfach über sie alle aus!« »Das ist Roatin, Richard und Chevalier, die ihn vor einem Jahre absetzen lassen wollten«, fuhr Herr du Lude halblaut gegen den Advokaten fort, der, von der schwarzgekleideten Gruppe der Bürger umringt und verborgen, fortwährend unter seinem Mantel schrieb. »Ach, schaut nur, schaut; so stellt euch doch zurecht! Da ist ja Herr Barré, der Pfarrer von Saint-Jacques de Chinon«, rief die Alte. »Er ist ein Heiliger«, sagte eine andere. »Ein Heuchler ist er«, entgegnete eine Männerstimme. »Seht nur, wie ihn das Fasten mager gemacht hat.« »Wie die Gewissensbisse ihn blaß machen!« »Durch seine Macht fliehen die Teufel.« »Er jagt einem den Teufel in den Leib.« Dieses Gespräch wurde durch den allgemeinen Ruf: »Wie schön sie ist!« unterbrochen. Die Priorin der Ursulinerinnen näherte sich, von allen ihren Nonnen begleitet; ihr weißer Schleier war zurückgeschlagen. Es war dies hinsichtlich ihrer und sechs anderer Schwestern verordnet worden, damit das Volk die Züge der Besessenen sehen könne. Ihr Kostüm unterschied sich von dem der anderen Schwestern nur durch einen ungeheuren Rosenkranz von schwarzen Kugeln, der ihr vom Halse bis auf die Füße niederfiel und an dessen Ende ein goldenes Kreuz befestigt war; die blendende Weiße ihres Gesichts jedoch, welche durch die braune Farbe ihrer Kapuze noch gehoben wurde, zog anfangs alle Blicke auf sich; ihre schwarzen Augen schienen den Ausdruck einer tiefen und glühenden Leidenschaft in sich zu tragen; sie waren durch die herrlichen Bogen zweier Augenbrauen überwölbt, welche die Natur mit ebensoviel Sorgfalt gezeichnet hatte als die Zirkassierinnen darauf verwenden, dieselben mit dem Pinsel zu runden; eine leichte Falte zwischen beiden deutete jedoch auf eine gewöhnliche, starke Aufregung der Gedanken. Sie heuchelte indes eine große Ruhe in allen ihren Bewegungen und ihrem ganzen Wesen, ihre Schritte waren langsam und abgemessen, ihre beiden schönen Hände gefaltet und so weiß und so unbeweglich wie die der Marmorstatuen, die ewig über den Gräbern beten. »O, meine Tante, bemerken Sie die Schwester Agnes und die Schwester Klara, die neben ihr beten?« sagte die junge Martine. »Meine Nichte, sie sind untröstlich, die Beute des Teufels zu sein.« »Oder bereuen«, sagte die vorige Männerstimme, »mit dem Himmel ihr Spiel getrieben zu haben.« Inzwischen verbreitete sich überall eine tiefe Stille, und keine Bewegung ließ sich mehr bei dem Volke wahrnehmen; es schien plötzlich durch irgendeinen Zauber gleichsam versteinert, als hinter den Nonnen inmitten von vier Büßermönchen, die ihn gefesselt hielten, der Pfarrer der Kirche von Saint-Croix im Priestergewande erschien; der Adel seines Gesichts war bewunderungswürdig, und nichts kam der Milde seiner Züge gleich; ohne eine höhnische Ruhe zu heucheln, schaute er sich wohlwollend um und schien rechts und links nach dem teilnehmenden Blick eines Freundes zu suchen; er begegnete auch einem solchen; er erkannte ihn und es ward ihm dies letzte Glück eines Menschen, der seine letzte Stunde nahen sieht, nicht versagt; ja er hörte sogar einige Seufzer; er sah, wie Arme nach ihm ausgestreckt wurden, von denen einige nicht unbewaffnet waren, allein er beantwortete kein Zeichen, sondern senkte die Augen, um die, welche ihn liebten, nicht zugrunde zu richten und ihnen durch einen Blick die Ansteckung des Unglücks mitzuteilen. Es war Urbain Grandier. Auf ein Zeichen des den Zug Beschließenden, der hier zu befehlen schien, hielt die Prozession plötzlich still. Es war ein großer, dürrer, blasser, mit einem langen schwarzen Gewande bekleideter Mann, dessen Kopf mit einem Priesterkäppchen von derselben Farbe bedeckt war; sein Gesicht war das eines Basilius mit dem Blicke Neros. Als er zu seinem Schrecken die mehrfach erwähnte, schwarzgekleidete Gruppe erblickte und bemerkte, daß die Bauern sich zu ihr hindrängten, um zu hören, was daselbst geredet wurde, gab er den Wachen ein Zeichen, daß sie sich um ihn scharen möchten; die Domherren und Kapuziner stellten sich ihm zur Seite, und nun sprach er mit kreischender Stimme folgendes merkwürdige Urteil: »Wir, Herr von Laubardemont, Maître des Requêtes, in Sachen des Prozesses des Zauberers Urbain Grandier Abgeordneter und Bevollmächtigter, bekleidet mit unumschränkter Gewalt, um ihn hinsichtlich aller Anklagepunkte zu richten, haben in Gemeinschaft mit den ehrwürdigen Vätern Mignon , Kanonikus, Barré , Pfarrer von Saint-Jacques de Chinon, Pater Lactance und aller zur Beurteilung dieses Zauberers berufenen Richter vorläufig dekretiert, wie folgt: Primo, die sogenannte Versammlung hier verbürgter adeliger Grundeigentümer der umliegenden Güter ist, als einen Volksaufstand bezweckend, aufgehoben; ihre Akten werden für null und nichtig erklärt und ihr beabsichtigter Brief an den König gegen uns, die Richter, ist aufgefangen und soll, weil Verleumdungen gegen die guten Ursulinerinnen und die ehrwürdigen Väter und Richter enthaltend, auf öffentlichem Platze verbrannt werden. Sekundo ist es verboten, öffentlich oder insgeheim zu sagen, daß die oberwähnten Nonnen nicht vom bösen Geiste besessen seien und an der Macht der Teufelsbanner zu zweifeln bei Strafe von zwanzigtausend Franken und körperlicher Züchtigung. Die Landvögte und Schöppen haben sich danach zu richten. So gegeben am 18. Juni des Jahres der Gnade 1639.« Kaum hatte er diese Verordnung abgelesen, als noch vor der letzten Silbe seiner Worte ein ohrenzerreißendes Trompetengeschmetter erschallte und, wenn auch unvollkommen, das ihn begleitende Murren übertönte; er beschleunigte den Gang der Prozession, die mit schnellen Schritten in das an die Kirche stoßende Gebäude eintrat, welches, vormals ein Kloster, dessen Stockwerke jetzt alle eingestürzt waren, nur noch einen einzigen ungeheuren Saal bildete, der zu dem Gebrauche, den man davon machen wollte, ganz geeignet war. Laubardemont glaubte sich erst in Sicherheit, als er dort eingetreten war und die schweren Doppeltüren sich kreischend vor der nachheulenden Menge schließen hörte. Drittes Kapitel. Der gute Priester Jetzt, da die teuflische Prozession in ihren Schauspielsaal eingetreten ist, wollen wir, während sie die Anordnungen zu ihrer blutigen Vorstellung trifft, schauen, was Cinq-Mars inmitten der aufgeregten Zuschauer getan hatte. Die Natur hatte ihn mit einem großen Takt begabt, und er fühlte, daß er seinen Zweck, den Abbé Quillet aufzusuchen, in einem Augenblick, wo die Gärung der Gemüter aufs höchste gestiegen war, nicht so leicht erreichen werde. Er blieb daher mit seinen vier Dienern, ohne abzusteigen, in einem kleinen, sehr dunklen Gäßchen, das in die Hauptstraße ausmündete, von wo er den ganzen Vorgang leicht mit ansehen konnte. Anfangs achtete niemand auf ihn; als aber die Neugier des Publikums kein anderes Nahrungsmittel mehr fand, wurde er der Gegenstand, auf den sich alle Blicke hefteten. Von so vielerlei Szenen ermüdet, betrachteten ihn die Einwohner ziemlich mißliebig und fragten sich halblaut, ob sie in diesem Fremden wohl wieder einen Teufelsbanner zu schauen bekämen; einige Bauern begannen sogar zu bemerken, daß er mit seinen fünf Pferden die Straße versperre; er sah daher ein, daß es Zeit sei, einen Entschluß zu fassen, und indem er sich ohne Zögern die am besten gekleideten Leute ausersah, wie ein jeder an seiner Stelle tun würde, ritt er mit seinem Gefolge vorwärts und, den Hut in der Hand, der mehr erwähnten schwarzen Gruppe zu, woselbst er sich an die Person, die ihm die vornehmste schien, mit den Worten wendete: »Mein Herr, wo kann ich wohl den Herrn Abbé Quillet finden?« Bei diesem Namen schaute ihn jedermann mit einer Miene des Entsetzens an, als hätte er den Lucifers ausgesprochen. Indes zeigte sich niemand verletzt dadurch, es schien im Gegenteil, als ließe diese Frage eine günstige Meinung in den Gemütern für ihn entstehen. Überdies hatte ihm der Zufall in seiner Wahl gut gedient. Der Graf du Lude trat mit einer Verbeugung an sein Pferd heran und sagte: »Steigen Sie nur ab, mein Herr, ich kann Ihnen in bezug auf diesen nützliche Mitteilungen machen.« Nach einer ganz leisen Unterredung trennten sich beide mit der zeremoniellen Höflichkeit jener Zeit. Cinq-Mars bestieg seinen Grauschimmel wieder und befand sich, mehrere Seitengäßchen einschlagend, mit seinem Gefolge bald außerhalb der Menge. »Welch ein Glück!« sagte er unterwegs bei sich; »so werde, ich wenigstens einen Augenblick den guten, sanften Abbé sehen, der mich erzogen hat; ich erinnere mich noch immer seiner Züge, seines ruhigen Wesens und seiner wohlwollenden Stimme.« Während er mit Rührung alles dessen gedachte, war er in ein kleines, ganz dunkles Gäßchen gelangt, das man ihm bezeichnet hatte; es war so schmal, daß die Stulpen seiner Stiefel zu jeder Seite die Mauern berührten. Am Ende desselben fand er ein einstöckiges, hölzernes Häuschen, an das er in seiner ungeduldigen Eile mit verdoppelten Schlägen pochte. »Wer da?«' schrie eine wütende Stimme, und fast zur gleichen Zeit ließ die geöffnete Tür ein dickes, kurzes und ganz rotes Männchen erblicken, das ein schwarzes Priesterkäppchen, eine mächtige weiße Krause und Reitstiefel trug, deren ungeheure Rohre seine kleinen Beine ganz verschlangen; in seiner Hand hielt er zwei Sattelpistolen. »Ich werde mein Leben teuer verkaufen!« schrie er, »und ...« »Sachte, Abbé, sachte«, sagte sein Zögling, seinen Arm ergreifend; »wir sind ja Freunde.« »Ach, mein armes Kind«, sagte der gute Mann, indem er seine Pistolen fallen ließ, die von einem ebenfalls bis an die Zähne bewaffneten Bedienten sorgfältig aufgehoben wurden. »Ei, was führt Sie denn hierher? Der Greuel hat seinen Sitz hier aufgeschlagen, und ich erwarte nur die Nacht, um abzureisen. Schnell herein, mein Freund, Sie und Ihre Leute; ich hielt Sie für Laubardemonts Häscher und wollte, meiner Treu, ein bißchen aus meinen Charakter fallen. Sehen Sie diese Pferde; ich gehe nach Italien zu unserem Freunde, dem Herzog von Bouillon. Jean, Jean, schließt schnell die Haustür hinter diesen wackeren Dienern und ersucht sie, nicht zu viel Geräusch zu machen, wiewohl keine Wohnung hier in der Nähe ist.« Grandchamp gehorchte dem unerschrockenen Abbé, der, auf den Zehenspitzen stehend, um Cinq-Mars an die Brust zu reichen, diesen zu wiederholten Malen umarmte. Er führte ihn schnell in eine enge Kammer, die ehemals ein Speicher gewesen zu sein schien, und begann, sich mit dem jungen Mann auf einen schwarzledernen Koffer setzend, mit Wärme: »Ei, mein Kind, wohin gehen Sie? Was denkt die Frau Marschallin, Sie hierher kommen zu lassen? Sehen Sie nicht, was man alles gegen einen Unglücklichen vornimmt, der zugrunde gerichtet sein muß? Ach, guter Gott, und das sollte das erste Schauspiel sein, das meinem teuren Zögling unter die Augen kommen mußte? Ach, Himmel, und gerade in diesem schönen Alter, wo Freundschaft, zarte Liebe, sanftes Vertrauen Sie umgeben, wo bei Ihrem Eintritt in die Welt alles Sie mit einer guten Meinung von unserem Geschlechte erfüllen sollte! Welch Unglück! Ach, mein Gott, warum mußten Sie nur kommen?« Als der gute Abbé, der die Hände des jungen Reisenden voll Herzlichkeit in seinen roten, gerunzelten Händen preßte, mit seinem Jammer zu Ende war, gewann sein Zögling endlich Zeit, ihm zu sagen: »Aber erraten Sie denn nicht, mein lieber Abbé, daß ich nach Loudun gekommen bin, weil ich Sie hier wußte. Was die Auftritte betrifft, von denen Sie sprechen, so erschienen mir dieselben bloß lächerlich, und ich schwöre Ihnen, daß ich deshalb das Menschengeschlecht, von dem Ihre Tugenden und Ihre guten Lehren mir eine treffliche Idee beigebracht haben, nicht weniger liebe, und weil fünf bis sechs Törinnen ...« »Verlieren wir keine Zeit; Sie sollen diese Torheit erfahren, ich will sie Ihnen auseinandersetzen. Doch antworten Sie, wohin gehen Sie, was beginnen Sie?« »Ich gehe nach Perpignan, wo der Kardinal-Herzog mich dem Könige vorstellen soll.« Bei diesen Worten sprang der gute und lebhafte Abbé von seinem Koffer auf und, die Kammer auf und ab laufend oder vielmehr rennend und dabei mit dem Fuße stampfend, wiederholte er keuchend, über und über rot und mit Tränen in den Augen: »Der Kardinal! Der Kardinal! Armes Kind, sie werden ihn zugrunde richten! Ach, mein Gott, welche Rolle wollen sie ihn denn dort spielen lassen? Was beabsichtigen sie mit ihm? – Ach, wer wird in diesem gefährlichen Lande über Sie wachen, mein Freund?« sagte er, sich wiederum setzend und von neuem mit väterlicher Besorgnis die Hände seines Zöglings in die seinigen schließend, indem er zugleich in seinen Blicken zu lesen suchte. »Hm, das weiß ich gerade nicht«, sagte Cinq-Mars, zur Decke aufblickend; »aber ich denke wohl der Kardinal von Richelieu, der ein Freund meines Vaters war.« »Ach, mein teurer Henri, Sie machen mich zittern; er wird Sie zugrunde richten, wenn Sie nicht sein williges Werkzeug abgeben. Ach, daß ich nicht mit Ihnen gehen kann! Warum mußte ich in dieser unglückseligen Geschichte einen zwanzigjährigen Kopf zeigen! ... Ach nein, ich wäre Ihnen gefährlich; ich muß mich im Gegenteil verbergen. Sie werden aber Herrn von Thou an Ihrer Seite haben, mein Sohn, nicht wahr?« sagte er, indem er sich zu beruhigen suchte; »er ist Ihr Freund aus den Kinderjahren, ein bißchen älter als Sie; auf den hören Sie, mein Kind; es ist ein kluger junger Mann; er denkt, er hat seine eigenen Ansichten.« »O gewiß, mein lieber Abbé, Sie dürfen auf meine Anhänglichkeit an ihn rechnen; ich habe nie aufgehört, ihn zu lieben ...« »Aber wahrscheinlich aufgehört, ihm zu schreiben, nicht wahr?« entgegnete lächelnd der gute Abbé. »Um Verzeihung, mein guter Abbé, ich schrieb ihm einmal und gestern wieder, um ihm anzuzeigen, daß der Kardinal mich an den Hof berief.« »Wie! Er selbst wollte Sie haben!« Cinq-Mars zeigte ihm nun den Brief des Kardinal-Herzogs an seine Mutter, und sein alter Lehrer beruhigte und besänftigte sich allmählich. »So, so«, sagte er ganz leise, »so, das ist nicht übel, das verspricht etwas: mit zwanzig Jahren Kapitän der Garde, das ist nicht übel.« Und er lächelte. Entzückt, dieses Lächeln zu sehen, das endlich zu seinen Hoffnungen stimmte, sprang der junge Mann dem Abbé an den Hals und umarmte ihn, als hätte er sich einer ganzen Zukunft von Vergnügen, Ruhe und Liebe bemächtigt. Mühsam entwand sich indes der gute Abbé dieser feurigen Umhalsung und setzte seinen Spaziergang und seine Betrachtungen fort. Er hustete und schüttelte den Kopf oft, und Cinq-Mars, der die Unterhaltung nicht wieder aufzunehmen wagte, folgte ihm mit den Augen und wurde traurig, als er ihn in seinen Ernst zurückfallen sah. Endlich setzte sich der Greis von neuem und begann in ernstem Tone folgende Rede: »Mein Freund, mein Kind, ich habe mit den Gefühlen eines Vaters für Sie Ihre Hoffnungen geteilt; dennoch muß ich Ihnen sagen, ohne Sie betrüben zu wollen, daß dieselben mir übertrieben und unnatürlich scheinen. Bezweckte der Kardinal nur, Ihrer Familie einen Beweis von Anhänglichkeit und Erkenntlichkeit zu geben, so würde er in seinen Gunstbezeugungen nicht so weit gehen; es ist jedoch wahrscheinlich, daß er die Augen auf Sie geworfen hat. Nach dem, was man ihm von Ihnen gesagt haben wird, scheinen Sie ihm geeignet, diese oder jene unmöglich zu erratende Rolle zu spielen, deren Nutzanwendung er im innersten Schlupfwinkel seiner Gedanken ausgeheckt haben wird. Er will Sie zu ihr heranbilden, dazu dressieren, nehmen Sie mir diesen Ausdruck seiner Richtigkeit wegen nicht übel und denken Sie, wenn einst die Zeit kommen wird, ernstlich darüber nach; doch gleichviel: wie die Sachen jetzt stehen, glaube ich, Sie werden gut tun, die betretene Laufbahn zu verfolgen; so hat schon manches große Glück begonnen; es handelt sich nur darum, sich nicht blenden und beherrschen zu lassen. Lassen Sie sich durch die Gunst nicht betäuben und durch Erhebung nicht schwindlig machen; diese Mahnung verletze Sie nicht, mein armes Kind, das ist schon Älteren, als Sie sind, begegnet. Schreiben Sie mir sowie Ihrer Mutter oft; schließen Sie sich an Herrn von Thou an und wir werden trachten, Ihnen guten Rat zu erteilen. Inzwischen, mein Sohn, haben Sie die Güte, jenes Fenster zu schließen, da sonst mein Kopf zu sehr dem Luftzug ausgesetzt ist, und ich will Ihnen erzählen, was hier vorgefallen ist.« Hoffend, den moralischen Teil der Unterhaltung zu Ende gehört zu haben, und im zweiten nur noch eine Erzählung erblickend, schloß Henri schnell das alte, mit Spinngeweben tapezierte Fenster und kehrte, ohne zu reden, an seinen Platz zurück. »Bei reiflicher Überlegung fällt mir eben jetzt ein, daß es vielleicht nicht ohne Nutzen für Sie ist, hier durchgereist zu sein, obwohl Sie auf diesem Wege eine traurige Erfahrung finden mußten; sie wird jedoch ergänzen, was ich Ihnen vormals von der Verkehrtheit und Verdorbenheit der Menschen zu sagen unterlassen habe; übrigens hoffe ich, es werde kein blutiges Ende nehmen, und der Brief, den wir an den König geschrieben, noch zu rechter Zeit anlangen.« »Ich hörte, er sei aufgefangen worden«, sagte Cinq-Mars. »Dann ist's um ihn geschehen«, fuhr der Abbé Quillet fort, »dann ist der Pfarrer verloren. Doch hören Sie genau. Gott verhüte, mein Kind, daß ich, Ihr alter Lehrer, mein eigenes Werk zerstören und Ihrem Glauben Abbruch tun wollte. Wahren Sie ihn immer und überall, jenen einfachen Glauben, worin Ihre edle Familie Ihnen voranleuchtet, den unsere Väter noch stärker als wir besaßen und dessen sich die höchsten Häupter unserer Zeit nicht schämen. Indem Sie Ihren Degen tragen, erinnern Sie sich, daß er Gott angehört. Aber auch inmitten des Menschengewühls suchen Sie sich durch den Heuchler nicht täuschen zu lassen; er wird Sie umschleichen, mein Sohn, Sie an der verwundbaren Seite Ihres redlichen Herzens fassen, indem er zu Ihrer Religion redet; und, Zeuge der Übertreibungen seines erheuchelten Eifers, werden Sie sich neben ihm für lau halten, werden Sie glauben, Ihr Gewissen klage Sie bei Ihnen selbst an; doch es ist nicht die Stimme des Gewissens, die Sie hören werden. Wieviel lauter würde sie sich vernehmen lassen, wieviel schrecklicher würde sie zürnen, wenn Sie beigetragen hätten, die Unschuld zu verderben, indem sie selbst den Himmel zu einem falschen Zeugnis gegen sie anriefen.« »O, mein Vater, wäre so etwas möglich?« sagte Henri d'Effiat, die Hände faltend. »Es steht nur zu sehr in Wirklichkeit vor uns«, fuhr der Abbé fort; »Sie haben die teilweise Bestrafung desselben diesen Morgen mit angesehen. Gebe Gott, daß Sie nicht noch Zeuge größerer Greuel werden müssen! Doch hören Sie wohl: was Sie auch vorgehen sehen mögen, welches Verbrechen man auch zu begehen wage, ich beschwöre Sie im Namen Ihrer Mutter und alles dessen, was Ihnen teuer ist, reden Sie nicht ein Wort, erlauben Sie sich nicht eine Gebärde, die irgend eine Meinung über die Begebenheit bekundet. Ich kenne Ihren feurigen Charakter, Sie haben ihn von dem Marschall, Ihrem Vater, geerbt, mäßigen Sie ihn oder Sie sind verloren; diese kleinen Aufwallungen des Blutes verschaffen wenig Befriedigung und ziehen große Unannehmlichkeiten nach sich; ich sah Sie allzusehr dazu geneigt, wüßten Sie nur, wieviel Überlegenheit über die Menschen uns die Ruhe verleiht! Die Alten hatten sie der Stirn der Gottheit als deren schönstes Attribut aufgedrückt, weil sie beweist, daß sie über unsere Befürchtung und Hoffnungen, über unsere Vergnügen und Leiden erhaben ist. Bleiben Sie daher teilnahmlos bei den Szenen, die sie sehen werden, mein liebes Kind; aber sehen Sie dieselben mit an, das ist nötig; wohnen Sie dem unglückseligen Gerichte bei; ich für mich will die Folgen meiner schülerhaften Dummheit leiden, die Sie jetzt vernehmen sollen; sie wird Ihnen zeigen, daß man mit einem Kahlkopf noch ein Kind sein kann, wie unter Ihren schönen kastanienbraunen Haaren.« Hier faßte der Abbé Quillet seines Zöglings Kopf mit beiden Händen. Dann fuhr er fort: »Die Neugier trieb mich, wie jeden anderen, mein lieber Sohn, die Teufel der Ursulinerinnen zu sehen; und da ich wußte, daß sie sich durch das Reden in allen Sprachen ankündigten, hatte ich die Unvorsichtigkeit, das Latein aufzugeben und einige Fragen in griechischer Sprache an sie zu richten; die Priorin ist sehr hübsch, allein in dieser Sprache konnte sie nicht antworten. Der Arzt Ducan machte dann ganz laut die Bemerkung, wie überraschend es sei, daß der Dämon, dem doch nichts unbekannt bliebe, sich so viele Barbarismen und Sprachfehler zuschulden kommen lasse und nicht auf Griechisch antworten könne. Die junge Priorin, die eben auf ihrem Paradebett lag, wandte sich um gegen die Mauer, um zu weinen und sagte leise zum Pater Barré: Mein Herr, ich halte es nicht mehr aus ! Das wiederholte ich laut und brachte die Teufelsbanner alle damit in die äußerste Wut; sie schrien, ich möchte nur wissen, daß es Teufel gebe, die weit unwissender seien als die Bauern, und sagten, daß wir an ihrer physischen Macht und Kraft nicht würden zweifeln können, da die Geister namens Gresil vom Orden der Thronen, Aman vom Orden der Macht und Asmodeus versprochen hätten, Herrn von Laubardemonts Scheitelkäppchen wegzutragen. Sie bereiteten sich eben darauf vor, als der Chirurg Duncan, der ein gelehrter und rechtlicher Mann, dabei aber ein bißchen Spötter ist, sich einfallen ließ, an einem Faden zu ziehen, den er, gleich einer Klingelschnur an einer Säule befestigt und ganz nahe an dem Maître des Requêtes vorbeilaufend, entdeckte. Jetzt ward er als ein Hugenotte verschrien, und ich glaube, er würde sich schlecht aus dem Handel ziehen, wenn der Marschall von Breze nicht sein Gönner wäre. Mit seinem gewohnten Gleichmut trat dann der Herr Graf du Lude vor und bat die Teufelsbanner, ihre Kunst in seiner Anwesenheit anzuwenden. Pater Lactance, jener Kapuziner mit dem so arg schwarzen Gesicht und dem harten Blicke, hat dann die Schwester Agnes und die Schwester Klara über sich genommen, seine beiden Hände erhoben und, Blicke auf sie werfend wie die Schlange auf zwei Tauben, mit einer fürchterlichen Stimme gerufen: Quis te misit, Diabole ? Und wie aus einem Munde sprachen die beiden Mädchen: Urbanus . Er wollte eben fortfahren, als Herr du Lude, mit zerknirschter Miene eine kleine goldene Büchse herausnehmend, sagte, er hätte da eine von seinen Ahnen ererbte Reliquie und möchte, da er nicht zweifle, daß die Nonnen besessen seien, doch einen Versuch damit anstellen. Entzückt bemächtigte sich Pater Lactance des Büchschens und hatte kaum damit die Stirn der beiden Mädchen berührt, als diese Füße und Hände krümmten und ungeheure Sprünge machten; Lactance heulte seine Beschwörungsformeln, Barré warf sich mit allen den alten Weibern auf die Knie, Mignon und die Richter klatschten in die Hände. Teilnahmlos machte Laubardemont (weshalb traf ihn der Blitz des Himmels nicht?) das Zeichen des Kreuzes. Als Herr du Lude sein Büchschen wieder zur Hand nahm, wurden die Nonnen ruhig. » Ich glaube nicht « sagte Lactance stolz, » daß Sie an der Echtheit Ihrer Reliquie zweifeln werden.« » Nicht mehr als an der des Besitzes «, antwortete Herr du Lude, sein Büchslein öffnend; es war leer. »Meine Herren, Sie spotten unser«, sagte nun Lactance. »Ich war entrüstet über diese Mummereien und entgegnete ihm: »Ja, mein Herr, wie Sie Gottes und der Menschen spotten. – Deshalb, mein lieber Freund, sehen Sie mich in so schweren und so dicken Siebenmeilenstiefeln, die mich an den Füßen schmerzen, und mit langen Pistolen, denn unser Freund Laubardemont hat einen Haftbefehl gegen mich ergehen lassen, und ich will ihm meinen Körper nicht lassen, so alt er ist.« »Aber ist er denn so mächtig?« rief Cinq-Mars. »Mächtiger als man glaubt und glauben kann; ich weiß, daß die besessene Äbtissin seine Nichte ist und er mit einem Ratsbeschluß versehen wurde, der ihm befiehlt, zu richten, ohne sich an alle die Appellationen zu kehren, die beim Parlamente, dem der Kardinal alle Einmischung in den Prozeß des Urbain Grandier untersagte, eingereicht sind.« »Und welches sind denn seine Vergehen?« fragte der junge Mann, der sich schon lebhaft für die Geschichte zu interessieren begann. »Die einer starken Seele, eines überlegenen Geistes, eines unbeugsamen Willens, der die Macht gegen sich aufgereizt, und einer tiefen Leidenschaft, die sein Herz hingerissen hat und ihn die einzige Todsünde, die ihm meines Dafürhaltens zum Vorwurf gemacht werden kann, begehen ließ; allein nur durch eine gewaltsame Verletzung des Geheimnisses seiner Papiere, nur indem man diese seiner achtzigjährigen Mutter, Jeanne d'Estièvre entriß, erfuhr und veröffentlichte man seine Liebe zu der schönen Madelaine de Brou; das junge Mädchen hatte sich geweigert, zu heiraten und wollte den Schleier nehmen. Möchte dieser Schleier ihr den heutigen Auftritt verborgen haben! Grandiers Beredsamkeit und seine engelgleiche Schönheit haben oft Frauen begeistert, die von weither kamen, um ihn reden zu hören; ich sah deren, die während seiner Predigten ohnmächtig wurden, andere, die riefen, er sei ein Engel, und seine Kleider berührten und seine Hände küßten, wenn er von der Kanzel stieg. So viel ist gewiß, daß sowohl seiner Schönheit als der Erhabenheit seiner stets begeisterten Vorträge nichts gleichkam; der reine Honig der Evangelisten einte sich auf seinen Lippen mit der sprühenden Flamme der Prophezeiungen, und aus dem Ton seiner Stimme ließ sich ein Herz voll heiligen Erbarmens mit den Gebrechen und dem Elend der Menschen und voller Tränen, die für uns zu fließen bereit sind, ahnen.« Der gute Priester unterbrach sich, weil er selbst Tränen in den Augen hatte und seine Stimme stockte; sein rundes und von Natur heiteres Gesicht war in diesem Zustand rührender als ein anderes, denn die Traurigkeit schien dasselbe sonst nicht erreichen zu können. Immer bewegter drückte ihm Cinq-Mars die Hand, ohne etwas zu sagen, aus Furcht, er möchte ihn unterbrechen. Der Abbé zog ein rotes Sacktuch hervor, wischte sich die Augen ab, schneuzte sich und fuhr fort: »Dieser fürchterliche Angriff auf Urbain von seiten aller seiner Feinde ist der zweite; er war schon angeklagt worden, die Nonnen behext zu haben, und wurde dann von heiligen Prälaten, weisen Magistraten und gelehrten Ärzten verhört, die, alle entrüstet, diese Teufel menschlicher Fabrikation zum Schweigen gebracht, ihn selbst aber von aller Schuld freigesprochen hatten. Der gute und fromme Erzbischof von Bordeaux begnügte sich, die Examinatoren dieser angeblichen Teufelsbanner selbst zu wählen, und infolge seiner Verordnung flohen diese Propheten und ihre Hölle schwieg. Gekränkt jedoch durch die Öffentlichkeit der Debatten und beschämt, Grandier von unserem guten König, als er sich ihm in Paris zu Füßen warf, wohl aufgenommen zu sehen, wurde ihnen klar, daß, wenn er triumphierte, sie verloren wären und als Betrüger angesehen würden; schon schien das Kloster der Ursulinerinnen nur noch der Schauplatz der unwürdigsten Komödien und die Nonnen schamlose Schauspielerinnen zu sein; mehr als hundert gegen den Pfarrer erbitterte Personen hatten sich kompromittiert, in der Hoffnung, ihn zugrunde zu richten; weit entfernt, sich aufzulösen, sammelte ihre Verschwörung nach ihrem ersten Unterliegen nur neue Kräfte. Lassen Sie sich nun mit den Mitteln, die seine unversöhnlichen Feinde jetzt anwandten, bekanntmachen. Kennen Sie einen Mann, den man die graue Eminenz nennt, jenen gefürchteten Kapuziner, den der Kardinal zu allem gebraucht, den er oft zu Rate zieht, immer aber verachtet? An diesen haben sich die Kapuziner von Loudun gewandt. Eine Frau der unteren Volksklasse dieses Landes, namens Hamon, hatte das Glück, der Königin auf ihrer Reise durch diese Gegend besonders zu gefallen, so daß sie sie in ihre Dienste nahm. Sie wissen, welcher Haß zwischen ihrem und des Kardinals Hofe besteht, Sie wissen, daß Anna von Österreich und der Herzog von Richelieu sich einige Zeit die Gunst des Königs streitig gemacht haben und daß Frankreich am Abend nie wußte, welche dieser beiden Sonnen am Morgen aufgehen würde. In einem Zeitpunkt, wo der Kardinal ein bißchen in Schatten getreten war, erschien eine Satire, die aus dem Planetensystem der Königin hervorgegangen war und den Titel führte: Die Schuhmacherin der Königin-Mutter ; es war ein gemeines Machwerk, enthielt aber so schimpfliche Angaben über die Geburt und die Person des Kardinals, daß die Feinde dieses Ministers sich ihrer bemächtigten und ihr zu einer Verbreitung verhalfen, die fürchterlich ärgerte. Man brachte darin, heißt es, viele Intrigen und Geheimnisse an den Tag, die er undurchdringlich glaubte; er las das anonyme Machwerk und wollte den Verfasser davon wissen. Jetzt schrieben die Kapuziner dieser Stadt dem Pater Joseph, daß eins fortwährende Korrespondenz zwischen Grandier und der Hamon sie außer Zweifel lasse, daß er der Verfasser dieser Schmähschrift sei. Vergeblich hatte er kurz vorher Gebet- und Erbauungsbücher veröffentlicht, deren Stil allein ihn von aller Beteiligung an einer in der Pöbelsprache abgefaßten Lästerschrift freisprechen mußte; allein längst schon gegen Urbain eingenommen, wollte der Kardinal den Schuldigen nur in ihm finden; man erinnerte ihn, daß, als er noch Prior von Coussay war, Grandier ihm den Rang streitig machte, ja sogar den Vorrang vor ihm gewann, und ich müßte mich sehr sehr täuschen, wenn dies seinen Fuß nicht ins Grab brächte ...« Ein düsteres Lächeln auf den Lippen des guten Abbé begleitete dieses Wort. »Wie! Sie glauben, es könnte zu einem Todesurteil kommen?« »Ja, mein Kind, ja, zu einem Todesurteil; schon hat man ihm alle Beweisstücke und freisprechenden Urteile, die zu seiner Verteidigung dienen konnten, trotz des Widerstandes seiner Mutter, welche dieselben als eine ihrem Sohne erteilte Lebensschenkung aufbewahrt hatte, weggenommen; schon stellte man sich, ein in seinen Papieren vorgefundenes Werk gegen das Zölibat der Priester so anzusehen, als sei es bestimmt, die Spaltung der Kirche fortzupflanzen. Es ist unstreitig sehr strafbar, und wie rein auch die Liebe sein möge, welche Veranlassung zu dem Werke war, so ist es bei einem Manne, der Gott allein geweiht ist, ein ungeheurer Fehler; der arme Priester war jedoch weit entfernt, die Ketzerei ermutigen zu wollen, und es heißt, er habe es einzig und allein geschrieben, um die Gewissensbisse des Fräuleins von Brou zu beschwichtigen. Man sah indes wohl ein, daß seine wirklichen Fehler nicht hinreichten, um sein Todesurteil sprechen zu können, und so hat man die längst eingeschlafene Beschuldigung des Behexens wieder aufgewärmt, und der Kardinal, indem er sich stellt, als glaube er daran, einen neuen Gerichtshof errichtet, an dessen Spitze er Laubardemont setzte; das ist das Signal zu Grandiers Tode. Ach, gebe der Himmel, daß Sie nie kennen lernen, was die Verdorbenheit der Regierungen Staatsstreiche nennt.« In diesem Augenblick ertönte ein fürchterlicher Schrei jenseits einer kleinen Mauer des Hofes; erschrocken sprang der Abbé auf, Cinq-Mars tat ein Gleiches. »Es ist der Schrei eines Weibes«, sagte der Greis. »Wie herzzerreißend er tönt!« bemerkte der junge Mann. »Was ist's denn?« rief er seinen Leuten zu, die alle zum Hof hinausgesprungen waren. Sie antworteten, man höre nichts mehr. »Gut, gut!« rief der Abbé, »macht weiter keinen Lärm.« Er schloß das Fenster wieder und hielt sich beide Hände vor die Augen. »Ach, welch ein Schrei, mein Kind!« hob er wieder an (er war sehr blaß), »welch ein Schrei! Er hat mir durch die Seele geschnitten; es muß ein Unglück vorgefallen sein. Ach, mein Gott, es hat mich ganz verstört, ich kann nicht weiterreden. Muß ich es denn gerade gehört haben, als ich von Ihrem Schicksal sprach! Mein teures Kind, Gott segne Sie! Knien Sie nieder.« Cinq-Mars tat es und merkte an einem Kuß auf seine Haare, daß der Greis ihn gesegnet hatte; dieser hob ihn nun auf und sprach: »Jetzt gehen Sie schnell, mein Freund, die Zeit eilt; man könnte Sie bei mir finden, drum fort; lassen Sie Ihre Leute und Ihre Pferde hier, hüllen Sie sich in einen Mantel und fort. Ich habe noch viel zu schreiben, bevor mir die Dunkelheit erlaubt, mich auf den Weg nach Italien zu machen.« Sie umarmten sich nochmals, versprachen, sich zu schreiben, und Henri entfernte sich. Der Abbé, dessen Blicke ihm durch das Fenster folgten, rief ihm noch zu: »Seien Sie ja recht klug, was auch vorfallen mag!« Und mit den Worten: »Armes Kind!« sandte er ihm nochmals seinen väterlichen Segen nach. Viertes Kapitel. Der Prozeß Trotzdem damals durch Richelieu das geheime Gerichtsverfahren eingeführt war, wollten die Richter des Pfarrers von Loudun, daß der Gerichtssaal dem Volke offenstehe, was sie auch bald genug zu bereuen hatten. Anfangs glaubten sie zwar, der Menge durch ihre Gaukeleien, die schon ein halbes Jahr lang dauerten, hinlänglich Ehrfurcht eingeflößt zu haben: es war allen an Urbain Grandiers Untergang gelegen, allein ihre Absicht war, die Entrüstung des Volkes so zu erregen, daß sie einigermaßen das Todesurteil, an dem sie arbeiteten und das sie, wie der gute Abbé gegen seinen Zögling erwähnt hatte, auszusprechen den Befehl hatten, sanktionieren würde. Laubardemont war eine Art Raubvogel, den der Kardinal immer aussandte, wenn seine Rache eines sicheren und prompten Agenten bedurfte, und bei dieser Gelegenheit rechtfertigte jener die Wahl, die man in seiner Person getroffen hatte. Er machte nur den einen Fehler, dem bestehenden Brauch entgegen, das öffentliche Gerichtsverfahren zu gestatten; seine Absicht war, einzuschüchtern und zu erschrecken: er erschreckte und flößte Abscheu ein. Die Menge, die wir an der Tür gelassen haben, war zwei volle Stunden dort geblieben, während ein dumpfer Schall von Hämmern ankündete, daß man im Innern des großen Saales unbekannte eilige Zulüftungen treffe. Jetzt öffneten Gerichtsdiener mühsam die schweren, in ihren Angeln krachenden Türen nach der Straße, und das neugierige Volk stürzte hinein. Der junge Cinq-Mars war mit der zweiten Woge ins Innere gewälzt worden, und stellte sich dann hinter einen dicken Pfeiler des Gebäudes, um zu sehen, ohne gesehen zu werden. Zu seinem Mißvergnügen bemerkte er, daß die Gruppe der schwarzgekleideten Bürger sich in seiner Nähe befand; allein als sich die großen Türen wieder schlossen, herrschte in dem ganzen Teil des Lokals, wo das Volk sich befand, eine solche Dunkelheit, daß man ihn nicht hätte erkennen können. Obwohl es um die Mittagszeit war, sah man den Saal von Fackeln erleuchtet, die jedoch beinahe alle am äußersten Ende aufgestellt waren, wo sich die erhöhten Sitze der Richter in einer Reihe hinter einem langen Tische befanden. Stühle, Tische und die zu denselben hinaufführenden Stufen, alles war mit schwarzem Tuche behangen, was eine Leichenfarbe auf die Gesichter warf. Eine für den Angeklagten bestimmte Bank stand zur Linken, und der über sie ausgebreitete Flor trug in erhabener Stickerei goldene Flammen, um den Grund der Anklage darzustellen. Urbain Grandier saß hier, umringt von Gerichtsdienern und mit Fesseln an den Händen, welch letztere zwei Mönche mit erheucheltem Entsetzen hielten und sich bei der leisesten seiner Bewegungen stellten, als wichen sie zurück, ganz als ob sie einen Tiger oder einen wütenden Wolf am Seile hätten oder als ob die Flamme ihre Gewänder zu ergreifen drohe. Sie verhinderten auch sorgfältig, daß das Volk sein Gesicht sehen könne. Herrn von Laubardemonts teilnahmloses Gesicht schien die von ihm erwählten Richter zu überragen; beinahe um einen Kopf größer als diese, saß er noch auf einem höheren Stuhle als sie; jeder seiner glanzlosen und unruhigen Blicke sandte ihnen einen Befehl zu. Er war mit einem langen und weiten roten Gewande bekleidet, ein schwarzes Scheitelkäppchen bedeckte seine Haare; er schien beschäftigt, Papiere durchzulesen, die er den Richtern übergab und bei ihnen zirkulieren ließ. Die Ankläger, lauter Geistliche, saßen den Richtern zur Rechten, sie waren mit Meßgewand und Stola bekleidet; Pater Lactance machte sich vor allen durch die Einfachheit seiner Kapuzinerkleidung, durch seine Tonsur und seine rauhen Züge bemerklich. Auf einer Tribüne war der Bischof von Poitiers verborgen, andere Tribünen waren voller verschleierter Frauen. Zu den Füßen der Richter regte sich ein gemeiner Haufe von Weibern und Männern aus der Hefe des Volkes, deren Nähe den Ekel der sechs vor ihnen stehenden jungen Nonnen aus dem Kloster der Ursulinerinnen zu erregen schien; es waren die Zeugen. Der übrige Teil des Saales war mit einer ungeheuren Menge vollgepfropft, und an den Karniesen, Türen und Balken wimmelte es von Neugierigen, die sich, um besser zu sehen, hinaufgewagt hatten. Aber alles war düster, schweigsam und voll eines Entsetzens, das sich den Richtern mitteilte, denn es rührte von der Teilnahme an dem Angeklagten her. Zahlreiche Häscher, mit langen Spießen bewaffnet, bildeten zu dem schaurigen Gemälde einen seiner würdigen Rahmen. Auf einen Wink des Präsidenten ließ man die Zeugen durch eine schmale Tür abtreten, die ein Gerichtsdiener ihnen öffnete. Man bemerkte, daß die Priorin der Ursulinerinnen im Vorbeigehen an Herrn von Laubardemont hintrat und mit ziemlich lauter Stimme sagte: »Sie haben mich getäuscht, mein Herr.« Er blieb unbeweglich und sie entfernte sich. Tiefe Stille herrschte in der Versammlung. Mit gemessenem Ernst, aber sichtlicher Verwirrung auftretend, las einer der Richter, namens Houmain, Kriminalrichter aus Orleans, eine Art Anklage vor, allein mit so leiser und so heiserer Stimme, daß es unmöglich war, nur ein Wort davon aufzufassen. Er wurde jedoch deutlicher, als er wollte, daß seine Rede dem Volk zu Herzen gehen sollte. Er teilte die zum Prozeß gehörigen Beweise in zwei Abteilungen, die einen, hervorgehend aus den Aussagen von zweiundsiebzig Zeugen, die anderen und noch sichereren, aus den Beschwörungen der hier anwesenden ehrwürdigen Väter, rief er, sich bekreuzigend. Die Patres Lactance, Barré und Mignon verneigten sich tief und machten ebenfalls das heilige Zeichen des Kreuzes. »Ja, meine Herren«, fuhr jener, an die Richter gewandt, fort, »man hat jenen Strauß weißer Rosen aufgefunden, und jenes mit dem Blute des Zauberers unterzeichnete Manuskript, jene Abschrift des Paktes, den er mit Lucifer geschlossen, und den er genötigt war, auf seinem Leib zu tragen, um seine Macht zu bewahren; alles dieses hat man in Ihre Hände gelegt. Schaudernd kann man noch unten am Pergamente die Worte lesen: Das Original befindet sich in der Hölle, im Kabinett Luzifers .« Ein schallendes Gelächter, das einer kräftigen Brust anzugehören schien, ließ sich aus der Menge vernehmen. Der Präsident errötete und gab den Gerichtsdienern einen Wink, die jedoch vergeblich den Ruhestörer zu finden suchten. Der Berichterstatter fuhr fort: »Die Teufel wurden gezwungen, durch den Mund ihrer Opfer ihre Namen zu nennen. Diese Namen sind hier auf diesem Tische niedergelegt; sie heißen Astaroth, aus dem Orden der Seraphine; Easas, Celsus, Acaos, Cedron, Asmodeus, aus dem Orden der Thronen; Alex, Zabulon, Cham, Uriel und Achas aus dem Fürstenstamme usf., denn ihre Zahl war unendlich. Und was ihre Taten betrifft, wer von uns war nicht selbst Zeuge davon?« Ein anhaltendes Murren ertönte aus der Versammlung, man gebot Schweigen; einige Hellebarden legten sich aus und alles ward wieder still. »Wir sahen mit Schmerz, wie die junge ehrenwerte Priorin der Ursulinerinnen sich mit eigenen Händen den Busen zerfleischte und im Staub wälzte, die anderen Schwestern, Agnes, Klara usf., die Bescheidenheit ihres Geschlechts vergaßen und sich leidenschaftliche Gebärden oder unmäßiges Lachen erlaubten. Als Gottlose an der Gegenwart der Teufel zweifeln wollten und wir selbst unsere Überzeugung wanken fühlten, weil sie sich weigerten, in Anwesenheit von Unbekannten sich Griechisch oder Arabisch vernehmen zu lassen, haben uns die ehrwürdigen Väter in unserem Glauben wieder bestärkt, indem sie uns zu erklären geruhten, daß, da die Bosheit der Dämonen eine außerordentliche sei, es nicht überraschen müsse, daß sie eine solche Unwissenheit erheuchelt, weil sie weniger mit Fragen belästigt zu sein wünschten, ja, daß sie sogar in ihren Antworten sich mehrere Barbarismen, Sprach- und andere Fehler zuschulden kommen ließen, damit man sie verachten und die heiligen Doktoren sie aus Geringschätzung in Ruhe lassen möchten, wie seiner auch ihr Haß so stark sei, daß, auf dem Punkte, einen ihrer Wunderstreiche auszuführen, sie eine Schnur an die Decke hingen, um so hochwürdige Personen des Betruges verdächtig zu machen, während durch ehrenwerte Zeugen eidlich erhärtet wurde, daß sich nie eine Schnur an diesem Orte befunden habe. Aber, meine Herren, während der Himmel sich durch seine heiligen Dolmetscher auf seine wunderbare Weise vernehmen ließ, ging uns soeben noch ein anderes Licht auf; im nämlichen Augenblicke, da die Richter in ihre tiefen Betrachtungen versunken waren, ward neben dem Ratssaale ein fürchterlicher Schrei gehört, und als wir uns an Ort und Stelle begaben, fanden wir daselbst den Leichnam einer jungen Dame von hoher Geburt; sie hatte soeben an öffentlichem Orte und unter den Händen des hochwürdigen Pater Mignon, Kanonikus, ihren letzten Seufzer ausgehaucht, und von eben diesem hier anwesenden Pater und mehreren anderen gewichtigen Personen erfuhren wir, daß er infolge der Gerüchte, die sich seit längerer Zeit über die Bewunderung verbreitet, die ihr von Urbain Grandier gezollt wurde, argwöhnend, es möchte diese Jungfrau besessen sein, auf den glücklichen Einfall geriet, einen Versuch mit ihr anzustellen und sie plötzlich mit den Worten anzureden: Soeben ist Grandier vom Leben zum Tode gebracht worden ! worauf sie nur einen einzigen, fürchterlichen Schrei ausstieß und durch den Dämon der nötigen Zeit zum Beistande durch unsere heilige Mutter, die katholische Kirche, beraubt, tot hinfiel.« Ein Murmeln der Entrüstung und das Wort Mörder lief durch die Menge; die Gerichtsdiener forderten mit lauter Stimme zur Ruhe auf, allein der Berichterstatter stellte sie, das Wort von neuem ergreifend, wieder her, oder es siegte vielmehr die allgemeine Neugier. »Verruchte Tat! meine Herren«, fuhr er fort, indem er seine wankende Kraft durch starke Ausdrücke und Ausrufungen zu ersetzen suchte, »man hat auf ihrem Leibe das hier liegende Werk von Urbain Grandiers Hand gefunden.« Und mit diesen Worten zog er unter seinen Papieren ein mit Pergament überzogenes Buch hervor. »Himmel!« rief Urbain auf seiner Bank. »Gebt auf ihn acht!« riefen die Richter den ihn umringenden Häschern zu. »Der Teufel will sich ohne Zweifel kundgeben«, sagte Pater Lactance mit düsterer Stimme, »zieht seine Bande stärker an.« Man gehorchte. Der Kriminalrichter fuhr fort: »Sie hieß Madelaine de Brou und war neunzehn Jahre alt.« »Himmel, o Himmel! Das ist zu viel!« schrie der Angeklagte, ohnmächtig zu Boden stürzend. Die Versammlung ward in verschiedenartigem Sinne bewegt, es entstand ein Augenblick des Tumultes. »Der Unglückliche! Er liebte sie«, sagten einige. »Eine so gute Dame!« ließen sich die Frauen vernehmen. Das Mitleid begann die Oberhand zu gewinnen. Man besprengte Grandier mit kaltem Wasser, ohne ihn hinauszuschaffen und band ihn an das Bänkchen fest. Der Berichterstatter fuhr fort: »Wir haben den gemessenen Auftrag, den Anfang dieses Buches dem Gerichtshof vorzulesen.« Und er las folgendes: »Für dich, meine sanfte und schöne Madelaine, und um dein geängstigtes Gewissen in Ruhe zu bringen, habe ich in einem Buche einen einzigen Gedanken meiner Seele besprochen. Sie sind alle dein, himmlisches Mädchen, weil sie immer und immer wieder zu dir, als zum Zwecke meines Daseins, zurückkehrten; allein dieser Gedanke, den ich dir hier gleich einer Blume sende, kommt von dir, lebt nur durch dich und kehrt zu dir allein zurück. Sei nicht traurig, weil du mich liebst, sei nicht betrübt, weil ich dich anbete. Was tun die Engel des Himmels? Und was ist den Seelen der Seligen verheißen? Sind wir weniger rein als die Engel? Sind unsere Seelen weniger von der Erde abgezogen als nach dem Tode? O, Madelaine, was ist in uns, das den Blick des Herrn betrübe? Sollte es ihn betrüben, wenn wir miteinander beten und, die Stirn im Staube, vor seinen Altären einen baldigen Tod erflehen, der uns in der Zeit unserer Jugend und Liebe erreiche? Sollte es ihn betrübt haben, als wir vorzeiten allein unter den Trauerweiden des Kirchhofes unserem Tode zulächelnd und unser Leben beweinend, ein gemeinschaftliches Grab suchten? Sollte es ihn betrüben, wenn du im Beichtstuhl vor mir niederkniest und du, vor dem allgegenwärtigen Gott dich prüfend, nichts Böses mir zu enthüllen findest? So sehr habe ich deine Seele in den reinen Regionen des Himmels erhalten! Was könnte denn unseren Schöpfer beleidigen? Vielleicht, ja, nur vielleicht, glaub' ich, hat mich ein himmlischer Geist um meine Glückseligkeit beneidet, als ich dich am Ostertage, durch lange Kasteiungen von den wenigen Flecken, welche die Erbsünde in dir zurücklassen konnte, gereinigt vor mir niedergeworfen sah. Wie schön warst du da! Dein Blick suchte deinen Gott in dem Himmel, und meine zitternde Hand brachte ihn auf deine reinen Lippen, welche nie eine menschliche Lippe berühren durfte. Himmlisches Wesen! Ich allein durfte die Geheimnisse des Herrn oder vielmehr das einzige Geheimnis der Reinheit deiner Seele teilen: ich vereinigte dich mit deinem Schöpfer, der soeben auch in meine Brust herabgestiegen war. Unaussprechlicher Hymen, dessen Priester der Ewige selbst war, du allein warst zwischen der Jungfrau und dem Priester gestattet; die einzige Wollust eines jeden von uns war, eine Ewigkeit von Glück für das andere beginnen zu sehen und miteinander die Düfte des Himmels zu atmen, das Ohr schon seinen Harmonien zu leihen und überzeugt zu sein, daß unsere, Gott und uns allein entschleierten Seelen würdig waren, ihn gemeinsam anzubeten. Welcher Skrupel drückt deine Seele noch, o meine Schwester? Du glaubst doch nicht, daß ich deiner Tugend eine allzu große Verehrung geweiht habe? Fürchtest du, eine so reine Bewunderung habe mich je von der des Herrn abwendig gemacht? ...« Houmain hatte kaum diese Stelle gelesen, als die Tür, durch welche die Zeugen abgetreten waren, plötzlich geöffnet wurde. Beunruhigt dadurch, flüsterten sich die Richter in die Ohren. In seiner Ungewißheit befragte Laubardemont die Patres durch Winke, ob sich wohl auf ihren Befehl eine Szene ereignen werde, da sie aber in einiger Entfernung von ihm saßen und selbst überrascht waren, konnten sie ihm nicht verständlich machen, daß diese Unterbrechung nicht durch sie hervorgerufen worden sei. Überdies sah man noch, bevor sie ihre Blicke ausgetauscht hatten, zum großen Entsetzen der Versammlung drei Frauen in bloßem Hemde, barfuß, mit dem Strick um den Hals und einer Wachskerze in der Hand, bis in die Mitte der Estrade vortreten. Es war die Priorin, begleitet von den Schwestern Agnes und Klara. Die beiden letzteren weinten, die Priorin war sehr blaß, allein ihre Haltung zuversichtlich und ihre Blicke fest und kühn; sie fiel auf die Knie, ihre Begleiterinnen ahmten ihr nach, jedermann war so bestürzt, daß niemand daran dachte, sie aufzuhalten, und so sprach sie mit klarer und fester Stimme, die vernehmlich in alle Ecken des Saales drang, die Worte: »Im Namen der hochseligen Dreieinigkeit bitte ich, Johanna von Belfiel, Tochter des Barons von Cose, ich, die unwürdige Priorin des Klosters der Ursulinerinnen in Loudun, Gott und die Menschen um Verzeihung für das Verbrechen, das ich begangen habe, indem ich den unschuldigen Urbain Grandier einer Missetat anklagte. Mein Besessensein war fälschlich, meine Worte waren eingelernte, die Gewissensbisse erdrücken mich ...« »Bravo!« schrie es auf den Tribünen und im Volke unter Händeklatschen. Die Richter erhoben sich; die Gerichtsdiener schauten unschlüssig den Präsidenten an; er zitterte am ganzen Leibe, blieb aber unbeweglich. »Jedermann schweige«, sagte er mit verdrießlicher Stimme, »ihr Häscher tut eure Pflicht!« Dieser Mann fühlte sich von einer so mächtigen Hand unterstützt, daß nichts ihn erschrecken konnte, denn der Gedanke an den Himmel war ihm nie eingefallen. »Meine Väter, was denkt ihr dazu?« sagte er, den Mönchen einen Wink gebend. »Daß der Teufel seinen Freund retten will ... Obmutesce, Satanas !« schrie Pater Lactance mit fürchterlicher Stimme, indem er sich stellte, als beschwöre er den Teufel der Priorin. Nie brachte Feuer bei Pulver eine schnellere Wirkung hervor als die dieses einzigen Wortes. Johanna de Belfiel sprang plötzlich auf, sie sprang auf in ihrer ganzen zwanzigjährigen Schönheit, die durch ihre schreckliche Nacktheit nur noch gehoben ward; man hätte sie für eine der Hölle entwischte Seele halten können, die ihrem Verführer erscheint; sie heftete ihre schwarzen Augen auf die Mönche, Lactance schlug die seinen nieder, sie trat mit ihren bloßen Füßen, unter deren Wucht das Gerüst erdröhnte, zwei Schritte gegen ihn vor; die Kerze erschien in ihrer Hand gleich dem Richtschwert des Engels. »Schweige, Betrüger!« sagte sie mit Energie, »du, du bist der Teufel, von dem ich besessen war; du hast mich betrogen, man versprach mir, er solle nicht verurteilt werden; heute erst erfahre ich, daß er es doch ist, seit heute sehe ich seinen Tod voraus, jetzt werde ich reden.« »Weib, der Teufel verblendet dich.« »Sagt lieber, die Reue erleuchte mich; ihr Mädchen, die ihr ebenso unglücklich seid wie ich, steht auf und redet; ist er nicht unschuldig?« »Das schwören wir!« sagten noch kniend und in Tränen zerfließend die beiden jungen Laienschwestern, die noch von keinem so starken Entschlusse wie die Priorin beseelt waren. Ja, Agnes hatte kaum das Wort ausgesprochen, als sie, dem Volke zugewandt, schrie: »Kommt mir zu Hilfe, sie werden mich bestrafen, sie werden mich ums Leben bringen.« Und ihre Gefährtin nachschleppend, stürzte sie sich unter die Menge, die beide mit Liebe empfing; tausend Stimmen schwuren ihnen Schutz zu, Verwünschungen erhoben sich, die Männer schlugen mit ihren Stöcken auf den Boden; man wagte nicht, das Volk zu verhindern, sie von Arm zu Arm auf die Straße zu bringen. Während dieses neuen Auftrittes flüsterten die bestürzten Richter wieder untereinander, Laubardemonts Blicke richteten sich auf die Häscher, denen er die Punkte zeigte, auf die sie ihre meiste Aufmerksamkeit lenken sollten, und oft wies sein Finger auf die schwarzgekleidete Gruppe hin. Die Ankläger schauten auf die Tribüne des Bischofs von Poitiers, fanden aber keinen Ausdruck auf seinem teilnahmlosen Gesichte. Es war einer jener Greise, deren sich der Tod zehn Jahre vor der gänzlichen Aufhörung aller Bewegungen in ihnen bemächtigt; sein Blick schien durch einen Halbschlummer umschleiert; sein aufgesperrter Mund murmelte einige vage Worte angewöhnter Frömmigkeit, die keinen Sinn hatten; so viel Einsicht war ihm jedoch geblieben, den gewaltigsten unter den Menschen zu erkennen und ihm zu gehorchen; ohne nur einen Augenblick zu denken, um welchen Preis. Er hatte daher das Urteil der Doktoren von Sorbonne, welche die Nonnen für besessen erklärten, unterschrieben, und ließ sich nicht einfallen, daß die Folge davon Urbains Tod sein würde; das übrige schien ihm eine jener mehr oder minder langen Zeremonien zu sein, denen er, gewöhnt, sie oft zu sehen und mitten unter ihnen sogar als unerläßliches Glied und Teil derselben zu leben, keine Aufmerksamkeit mehr schenkte. Er gab daher bei dieser Gelegenheit kein Lebenszeichen, sondern behauptete nur seine vollkommen gleichmütige und nichtssagende Miene. Pater Lactance jedoch, der einen Augenblick Muße gehabt hatte, sich von diesem heftigen Angriff zu erholen, wandte sich gegen den Präsidenten und sagte: »Da sendet uns ja der Himmel einen mehr als deutlichen Beweis ihres Besessenseins, denn bisher hatte die Frau Priorin die Bescheidenheit und Strenge ihrer Ordensregeln nie vergessen.« »Ach, daß die ganze Welt mich hier sehen könnte!« sagte Johanna von Belfiel immer mit derselben Festigkeit. »Ich kann auf Erden nicht genug erniedrigt werden, und der Himmel wird mich zurückstoßen, denn ich war eure Mitschuldige.« Von Laubardemonts Stirn rann der Schweiß in großen Tropfen. Er suchte sich indes zu fassen und sagte: »Welch abgeschmacktes Märchen! Was brachte Sie nur hierzu, meine Schwester?« Das junge Mädchen raffte seine ganze Kraft zusammen, legte die Hand aufs Herz, als hätte es sich dasselbe aus dem Leibe reißen wollen, schaute Urbain Grandier an und antwortete mit einer Grabesstimme: »Die Liebe!« Ein Schauer überlief die Versammlung. Urbain, der seit seiner Ohnmacht gesenkten Hauptes und wie tot dagesessen hatte, schlug gewaltsam die Augen zu ihr auf und kehrte zu völligem Bewußtsein zurück, um einen neuen Schmerz zu erleiden. Die junge Büßerin fuhr fort: »Ja, die Liebe, die er von sich gewiesen, die er nie recht gekannt hat, die Liebe, die seine Reden mir einflößten, die meine Augen aus seinen himmlischen Blicken geschöpft, die seine Ermahnungen selbst nur noch vergrößert haben. Ja, Urbain ist rein wie ein Engel, aber gut wie der Mann, der geliebt hat; ich wußte nicht, daß er liebte! »Ihr«, sagte sie dann, auf Lactance, Barré und Mignon deutend, lebhafter und von dem Akzent der Leidenschaft zu dem der Entrüstung übergehend, »ihr habt mir gesagt, daß er liebe, ihr, die ihr mich diesen Morgen allzu schrecklich gerächt, indem ihr mit einem Worte meine Nebenbuhlerin tötetet! Ach, ich beabsichtigte nur, sie zu trennen. Es war ein Verbrechen; allein ich bin mütterlicherseits eine Italienerin; ich glühte, ich war eifersüchtig, ihr erlaubtet mir, Urbain zu sehen, zum Freunde zu haben und ihn täglich zu sehen ...« Sie hielt einen Augenblick inne, dann schrie sie: »Volk, er ist unschuldig! Märtyrer, verzeihe mir, sieh' mich zu deinen Füßen.« Sie stürzte zu Urbains Füßen, und Ströme von Tränen erleichterten endlich ihre Brust. Urbain erhob seine eng gefesselten Hände, erteilte ihr seinen Segen und sagte mit milder, aber schwacher Stimme: »Geh', meine Schwester, ich verzeihe dir im Namen desjenigen, dessen Angesicht ich bald schauen werde; ich habe dir früher gesagt, und du siehst es jetzt ein, daß die Leidenschaften viel Unheil stiften, wenn man sie nicht dem Himmel zuzuwenden sucht.« Zum zweitenmal überzog eine glühende Röte Laubardemonts Stirn. »Unglücklicher!« sagte er, »du gebrauchst noch die Worte der Kirche.« »Ich habe ihren Schoß nie verlassen«, entgegnete Urbain. »Man bringe das Mädchen weg«, befahl der Präsident. Als die Häscher dem Befehl Folge leisten wollten, gewahrten sie, daß die Nonne den um ihren Hals hängenden Strick so fest zugezogen hatte, daß sie ganz violett und beinahe ohne Leben war. Vor Entsetzen verließen die Frauen alle die Versammlung, mehrere wurden sogar ohnmächtig weggetragen; allein der Saal blieb nichtsdestoweniger voll, die Reihen schlossen sich dichter, und die auf der Straße zurückgebliebenen Männer strömten herein. Die bestürzten Richter erhoben sich, und der Präsident versuchte, den Saal leeren zu lassen; allein das Volk verharrte in einer schreckhaften Unbeweglichkeit; die Häscher waren nicht mehr zahlreich genug, man mußte nachgeben, und Laubardemont erklärte mit bewegter Stimme, daß der Rat sich für eine halbe Stunde zurückziehen werde. Er hob die Sitzung auf. Das Publikum blieb in düsterer Stimmung stehen. Fünftes Kapitel. Der Märtyrer Die nicht unterbrochene Teilnahme an diesem Halb-Prozesse, das Gepränge und die Unterbrechungen desselben, alles hatte die allgemeine Aufmerksamkeit so wach erhalten, daß sich keine einzelne Unterhaltung anknüpfen ließ. Einige gleichzeitige Rufe waren ausgestoßen worden, ohne daß indes irgend einer der Zuschauer sich um den Eindruck, den dies alles auf seinen Nachbar hervorbrachte, bekümmerte. Sobald jedoch das Publikum sich selbst überlassen war, entstand gleichsam eine Explosion des lärmenden Geschwätzes. Man unterschied in diesem Chaos mehrere Stimmen, die das allgemeine Getöse übertönten, wie ein Trompetergeschmetter den anhaltenden Baß eines Orchesters. Zu jener Zeit lag in den Leuten vom Volke noch kindliche Einfalt genug, um sich durch die mysteriösen Fabeln der dieselben fabrizierenden Agenten so überzeugen zu lassen, daß sie auch über Augenscheinliches kein Urteil wagten, und so erwartete denn die Mehrzahl die Zurückkunft der Richter mit Schrecken, indem sie sich halblaut und mit einer gewissen Miene, die gewöhnlich der Stempel furchtsamer Dummheit ist, vernehmen ließ: »Man weiß nicht, was man davon denken soll, mein Herr!« »Wahrlich, Madame, es gehen außerordentliche Dinge vor!« »Wir leben in einer sonderbaren Zeit!« »Ich habe wohl etwas Derartiges geahnt, aber, meiner Treu, ich mochte nichts verlauten lassen und tue es auch jetzt noch nicht!« »Die Zeit wird lehren!« Dieses und noch mehr dergleichen einfältiges Zeug, welches beweist, daß die Menge sich dem ersten besten zuneigt, der sie stark zu ergreifen weiß, bildete den anhaltenden Baß, während man auf der Seite der schwarzgekleideten Gruppe ganz andere Dinge hören konnte. »Wir sollten so mit uns verfahren lassen? Wie, die Kühnheit so weit treiben, unseren Brief an den König zu verbrennen! Wenn der König das wüßte! –« »Die Barbaren! Die Betrüger! Wie geschickt ihr Komplott geschmiedet ist! Soll der Mord vor unseren Augen begangen werden? Sollten wir uns vor diesen Häschern fürchten?« »Nein, nein, nein.« Das waren die Trompeten und der Diskant dieses lärmenden Orchesters. Man bemerkte den jungen Advokaten, der, auf eine Bank steigend, ein Heft in tausend Stücke zu zerreißen begann, dann die Stimme erhob und rief: »Ja, ich zerreiße das Plädoyer, das ich zugunsten des Angeklagten aufgesetzt hatte, und gebe es den Winden preis; die Debatten sind weggelassen worden und es wird mir nicht gestattet, für ihn zu reden; ich kann nur zu dir reden, Volk, und ich wünsche mir Glück dazu. Du hast sie gesehen, die niederträchtigen Richter; welcher von ihnen kann noch die Wahrheit hören? Welcher von ihnen ist noch würdig, einen rechtschaffenen Mann anzuhören? Welcher von ihnen wird seinen Blick auszuhalten wagen? Was sag' ich! Sie kennen sie vollständig, die Wahrheit, sie tragen sie in ihrer strafbaren Brust, sie nagt gleich einer Schlange an ihrem Herzen; sie zittern in ihrem Schlupfwinkel, wo sie ohne Zweifel ihr Opfer vernichten; sie zittern, weil sie den Wehruf dreier mißbrauchter Frauen gehört haben. Ach, was gedachte ich zu tun? Ich wollte für Urbain Grandier sprechen! Welche Beredsamkeit wäre der dieser Unglücklichen gleichgekommen? Welche Worte hätten seine Unschuld klarer erkennen lassen? Der Himmel hat sich für ihn bewaffnet, indem er die Nonnen zu Reue und Hingebung trieb, der Himmel wird sein Werk vollenden ...« » Vade retro, Satanas !« ließen sich durch ein offenstehendes Fenster in ziemlicher Höhe mehrere Stimmen vernehmen. Fournier hielt einen Augenblick inne. »Hört ihr«, hob er dann wieder an, »diese Stimmen, welche die göttliche Sprache heuchlerisch nachahmen? Ich müßte mich sehr irren, wenn durch solch einen Gesang diese Werkzeuge einer höllischen Macht nicht einen neuen Spuk vorbereiteten.« »Aber«, riefen die Umstehenden alle, »so leiten Sie uns an; was sollen wir tun? Was haben sie mit ihm angefangen?« »Bleibt hier, verhaltet euch unbeweglich, still«, antwortete der junge Advokat, »die Untätigkeit eines Volkes ist allmächtig, sie ist seine Weisheit, ist seine Stärke. Seid schweigende Zuschauer und ihr macht zittern.« »Sie wagen gewiß nicht, wieder zu erscheinen«, sagte der Graf du Lude. »Ich möchte nur jenen roten Erzspitzbuben noch einmal sehen«, sagte Grand-Ferré, dem nichts entgangen war. »Und den guten Herrn Pfarrer«, murmelte der alte Vater Guillaume Leroux, seine aufgebrachten Söhne und Neffen anschauend, welche untereinander flüsterten, die Häscher mit stolzen Blicken maßen und zählten. Ja, sie machten sich sogar über deren Anzug lustig und begannen mit Fingern auf sie zu deuten. Beständig an den Pfeiler gelehnt, hinter den er sich gleich von Anfang an gestellt, und immer in seinen schwarzen Mantel gehüllt, wandte Cinq-Mars kein Auge von den Vorgängen ab, verlor kein Wort von dem, was geredet wurde, und füllte sein Herz mit Bitterkeit und Galle an; ein brennendes Verlangen nach Mord und Rache, eine unbestimmte Lust, dreinzuschlagen, ergriffen ihn wider Willen; es ist dies der erste Eindruck, den das Böse auf die Seele eines Jünglings macht; später tritt Traurigkeit und noch später Gleichgültigkeit und Verachtung an die Stelle des Zornes; zuletzt zeigt sich sogar eine berechnete Bewunderung der großen Bösewichter und ihres Gelingens, aber dann hat von den beiden Elementen des Menschen die Niederträchtigkeit den Sieg über die Seele davongetragen. Indes schien sich auf der rechten Seite des Saales nahe an der für die Richter angebrachten Erhöhung, eine Gruppe Weiber mit einem ungefähr achtjährigen Kinde besonders zu beschäftigen. Der Kleine hatte den Einfall gehabt, mit Hilfe der Arme seiner Schwester Martine, mit der wir den jungen Soldaten Grand-Ferré so plumpen Scherz treiben hörten, ein Fenstergesimse zu ersteigen. Als es nach der Entfernung der Richter nichts mehr für ihn zu sehen gab, hatte er sich mit Händen und Füßen zu einer kleinen Luke emporgearbeitet, durch die nur ein ganz schwaches Licht fiel und wo er ein Schwalbennest oder irgend einen anderen Schatz für sein Alter zu finden hoffte. Als er jedoch mit beiden Füßen fest auf einem Mauerkranze stand und sich mit den Händen an der Gitterstange eines ehemaligen Reliquienkastens des heiligen Hieronymus hielt, hätte er sich weit von dort weggewünscht und schrie: »O, Schwester, Schwester, gib mir die Hand, daß ich herabsteigen kann.« »Was siehst du denn?« rief Martine. »O, ich darf es nicht sagen; aber ich will herab.« Und er fing an zu weinen. »Bleib', bleib'«, sagten die Weiber alle, »bleib' und fürchte dich nicht, Kind, und sag' uns alles, was du siehst.« »Nun denn! Man hat den Pfarrer zwischen zwei große Bretter gelegt, die ihm die Beine zusammenpressen, und um die Bretter herum sind Stricke befestigt.« »Ach, das ist die peinliche Frage«, sagte ein Bewohner der Stadt. »Schau' recht, mein Freund, was siehst du weiter?« Das beruhigte Kind stellte sich jetzt mit mehr Zuversicht an die Lücke und fuhr dann, den Kopf zurückziehend, fort: »Ich sehe den Pfarrer nicht mehr, weil alle Richter um ihn herumstehen und ihn anschauen, und so verhindern mich ihre großen Röcke, ihn zu sehen. Es bücken sich auch Kapuziner zu ihm herab und reden leise mit ihm.« Die Neugier versammelte noch mehr Leute zu den Füßen des Knaben und jeder winkte Stille zu, während man mit einer Angst auf des Knaben erstes Wort harrte, als hätte eines jeden Leben davon abgehangen. »Ich sehe«, begann er wieder, »den Henker, der vier Holzblöcke zwischen die Stricke stemmt und jetzt die Hämmer und Nägel nimmt, welche die Kapuziner soeben gesegnet haben ... Ach, mein Gott! Schwester, wie sie ergrimmt auf ihn scheinen, weil er nicht redet ... Mutter, Mutter, gib mir die Hand, ich will herunter.« Als sich das Kind umwandte, sah es statt seiner Mutter nur männliche Gesichter, die traurig und mit gespannter Neugier zu ihm aufblickten und ihm fortzufahren winkten. Er wagte nicht, herabzusteigen, und stellte sich zitternd wieder vor die Luke. »O, ich sehe den Pater Lactance und den Pater Barré, die ebenfalls noch andere Stücke Holz einstemmen, um seine Beine recht zu pressen. O, wie bleich er ist! Er scheint zu beten; jetzt fällt sein Kopf zurück, wie wenn er sterben wollte. Ach, helft mir da weg ...« Und er fiel dem jungen Advokaten, Herrn du Lude und Cinq-Mars in die Arme, die sich genähert hatten, um ihn aufzufangen. » Deus stetit in synagoga deorum: in medio autem Deus dijudicat ...« sangen starke und näselnde Stimmen, die durch das kleine Fensterchen drangen; eine geraume Zeitlang setzten sie einen Choral von Psalmen fort, zwischen dem hie und da Hammerschläge ertönten, so daß die höllische Arbeit gleichsam den Takt zu den himmlischen Gesängen bildete. Man hätte sich in der Nähe einer Schmiede wähnen können, allein die Schläge waren dumpf und ließen deutlich vernehmen, daß ein Menschenkörper der Amboß war. »Still!« sagte Fournier, »er redet; die Gesänge und die Schläge schweigen.« Wirklich hörte man auch eine schwache Stimme langsam sagen: »O meine Väter, mildert die Härte eurer Qualen, denn ihr brächtet meine Seele zur Verzweiflung und ich würde suchen, mir mit eigener Hand den Tod zu geben.« Bei diesen Worten bricht das Volk in ein fürchterliches Geschrei aus, das schauerlich an der Wölbung widerhallte; wütend werfen sich die Männer auf die Estrade und nehmen sie den erstaunten und zaudernden Häschern im Sturm weg; die wehrlose Menge stößt, quetscht diese, drückt sie an die Mauern und hält ihnen die Arme, um jede Bewegung zu verhindern; scharenweise stürzt man sich nun auf die Türen, die in die Folterkammer führen, und während diese unter der Wucht der gegen sie geführten Schläge brachen, droht man, sie zu sprengen: die Schmähungen, die von tausend furchtbaren Stimmen erschallen, erfüllen die Richter innerhalb derselben mit Entsetzen. »Sie sind fort, sie haben ihn mitgenommen«, ruft einer. Sogleich hält alles inne und, die Richtung ändernd, entflieht die Menge diesem abscheulichen Ort und verbreitet sich schleunig durch die Straßen. Eine merkwürdige Verwirrung herrschte. Während der langen Sitzung war die Nacht hereingebrochen und der Himmel entsandte Ströme von Regen. Ringsum grause Dunkelheit, das Geschrei der auf dem Pflaster ausgleitenden oder von den Pferden der Garden niedergetretenen Weiber, das dumpfe und gleichzeitige Geschrei der wieder versammelten wütenden Männer, das fortwährende Geklingel der Glocken, die mit dem wiederholten Anschlagen der Sterbeglocke die Hinrichtung ankündigten, das Rollen fernen Donners, alles trug zur Vermehrung der Unordnung bei. War das Ohr erstaunt, so waren es die Augen nicht weniger. Einige düster brennende Fackeln an den Straßenecken warfen ein wunderliches Licht von sich und zeigten berittene Bewaffnete, die im Galopp über die Menge wegsetzten und manche unter den Hufen ihrer Pferde zertraten; sie eilten dem Sankt Petersplatze, als ihrem Versammlungsorte zu, und mancher Ziegelstein, der ihnen nachgeschleudert wurde, den sich entfernenden Schuldigen jedoch nicht erreichen konnte, fiel auf den unschuldigen Zunächststehenden. Die ohnedies arge Verwirrung wurde noch größer, als, von allen Straßen her auf den St. Petersmarktplatz strömend, das Volk denselben von allen Seiten verbarrikadiert und mit berittenen Wachen und Häschern besetzt fand. Aneinander gebundene Karren an den Straßenenden verschlossen alle Zugänge, und mit Büchsen bewaffnete Schildwachen standen daneben. In der Mitte des Platzes erhob sich ein Scheiterhaufen, dessen ungeheure Balken, immer einer über den anderen gelegt, ein vollkommenes Viereck bildeten; ein weißeres und leichteres Holzwerk war über dasselbe hingebreitet, und ein ungeheurer Pfahl ragte vom Mittelpunkt dieses Schafotts in die Höhe. Neben dieser Art Mastbaum, den man von weitem sehen konnte, stand ein rotgekleideter Mann mit einer Fackel in der Hand, die er zur Erde senkte. Eine ungeheure, des Regens wegen mit Eisenblech bedeckte Kohlenpfanne befand sich zu seinen Füßen. Bei diesem Anblick stellte das Entsetzen überall wieder die tiefste Stille her; einen Augenblick lang hörte man nur noch das Geplätscher des in Strömen fallenden Regens und das Rollen des nahenden Donners. In Begleitung der Herrn du Lude und Fournier und der übrigen wichtigsten Personen hatte Cinq-Mars indessen unter der Säulenhalle der Kirche von Sainte-Croix, zu der zwanzig steinerne Stufen hinanführten, vor dem Gewitter Schutz gesucht. Der Scheiterhaufen befand sich gegenüber, und von dieser Höhe herab konnte man den Platz in seinem ganzen Umfang überblicken. Er war gänzlich leer und nur von breiten Wasserbächen durchschnitten; allein die Fenster der umliegenden Häuser erhellten sich allmählich und ließen in dunkeln Umrissen Männer und Frauen erkennen, die sich den Ballons zudrängten. Der junge d'Effiat schaute traurig auf diese drohenden Zurüstungen hin; in ehrenwerten Gesinnungen auferzogen und weit entfernt von allen jenen schwarzen Gedanken, die Haß und Ehrgeiz in dem Herzen des Menschen entstehen lassen können, begriff er nicht, daß man ohne irgend einen mächtigen und geheimen Beweggrund imstande sein solle, so viel Böses zu tun; die Kühnheit einer solchen Verurteilung erschien ihm so unglaublich, daß ihre Grausamkeit sogar sie in seinen Augen zu rechtfertigen begann; ein geheimer Schauer, der nämliche, der dem Volke Schweigen auferlegte, glitt in seine Seele; er vergaß beinahe, welche Teilnahme ihm der unglückliche Urbain eingeflößt hatte, um sich zu fragen, ob möglicherweise nicht irgend ein geheimes Einverständnis mit der Hölle gerade diese so ausnehmende Strenge hervorgerufen haben könnte; und die öffentlichen Erklärungen der Nonnen sowohl als die Erzählungen seines ehrenwerten Erziehers traten in seinem Gedächtnis in den Hintergrund. So mächtig wirkt der Erfolg selbst in den Augen der Gebildeten, so sehr imponiert die Kraft dem Menschen ungeachtet der Stimme seines Gewissens! Der junge Reisende fragte sich schon, ob vielleicht die Folter dem Angeklagten nicht irgend ein abscheuliches Geständnis entlockt habe, als die Dunkelheit, in der sich die Kirche befand, plötzlich wich, die beiden Kirchentüren geöffnet wurden und beim Schein einer zahllosen Menge von Fackeln alle Richter und Geistlichen, von Wachen umgeben, erschienen; in ihrer Mitte befand sich Urbain, von sechs schwarzen Büßern unterstützt oder vielmehr getragen, denn seine schlaff herabhängenden und mit blutigen Binden umwickelten Beine schienen gebrochen und unfähig, ihn zu tragen. Cinq-Mars hatte ihn seit höchstens zwei Stunden nicht mehr gesehen, und doch konnte er nur mit Mühe das Gesicht wiedererkennen, das er im Gerichtssaale so teilnehmend angeblickt hatte: alle Farbe, alle Fülle war daraus verschwunden, Totenblässe überzog eine gelbe und wie Elfenbein glänzende Haut; das Blut schien aus allen seinen Adern zurückgetreten zu sein; nur in seinen schwarzen Augen, die zweimal größer geworden schienen und rings umherschweiften, war noch Leben geblieben; seine braunen Haare fielen wirr auf seinen Hals und auf ein weißes Hemd, das ihm vom Kopf bis zu den Füßen reichte; diese Art Rock mit weiten Ärmeln hatte eine gelbliche Farbe und einen Schwefelgeruch; ein langer und starker Strick umschloß seinen Hals und fiel ihm auf die Brust hinab. Er glich einem Gespenst, aber dem Gespenst eines Märtyrers. Urbain stand still oder man hielt vielmehr unter der Säulenhalle der Kirche mit ihm an; der Kapuziner Lactance legte ihm eine brennende Fackel in die rechte Hand, half sie ihm halten und sagte mit unbeugsamer Härte: »Tue Kirchenbuße und bitte Gott um Verzeihung für dein Verbrechen der Zauberei.« Der Unglückliche erhob mühsam die Stimme und sagte mit zum Himmel gerichteten Augen: »Im Namen des lebendigen Gottes fordere ich dich, Laubardemont, pflichtvergessener Richter, innerhalb drei Jahren vor Gottes Gericht! Man hat meinen Beichtvater entfernt und ich war gezwungen, das Bekenntnis meiner Fehler in Gottes Schoß selbst zu ergießen, denn nur Feinde umringen mich. Ich rufe daher den barmherzigen Gott zum Zeugen an, daß ich mich nie der Zauberei schuldig gemacht und keine anderen Mysterien gekannt habe, als die der katholischen, apostolischen, römischen Kirche, in welcher ich sterbe; ich habe viel gesündigt gegen mich, aber nie gegen Gott und unseren Herrn und Heiland ...« »Vollende nicht!« rief der Kapuziner, indem er sich stellte, als wollte er ihm den Mund schließen, bevor er den Namen des Erlösers ausspräche; »hartgesottener Sünder, kehre zu dem Teufel zurück, der dich gesandt hat.« Er winkte vier Priestern, die, mit Weihwedeln herantretend, die Luft, die der Zauberer atmete, den Boden, den er berührte, und das Holz, auf dem er verbrennen sollte, mit Weihwasser besprengten, um sie vor dem Einfluß böser Dämonen zu bewahren. Während dieser Zeremonie las der Kriminalrichter in Eile das Urteil, das sich heutigestags noch unter den Akten dieses Prozesses vorfindet, vom 18. August 1639 datiert ist und Urbain Grandier als des Verbrechens der Zauberei, des Schadens durch dieselbe, des Behexens der Ursulinerinnen von Loudun und anderer Weltlichen usf. schuldig und überwiesen erklärt . Geblendet durch einen Blitzstrahl, hielt der Vorleser einen Augenblick inne und wandte sich an Herrn von Laubardemont mit der Frage, ob man in Anbetracht des Unwetters nicht gut täte, die Hinrichtung auf den folgenden Tag zu verschieben, worauf dieser antwortete: »Das Urteil lautet auf Vollziehung innerhalb vierundzwanzig Stunden; fürchten Sie dieses ungläubige Volk nicht: es soll sich überzeugen ...« Die angesehensten Personen alle und viele Fremden, die sich unter der Säulenhalle befanden, traten jetzt vor, Cinq-Mars mit ihnen. »... Der Zauberer hat den Namen des Erlösers nie auszusprechen vermocht und sein Bild stets von sich gewiesen.« In diesem Augenblick trat Lactance aus der Mitte der Büßermönche, in der Hand ein ungeheures eisernes Kruzifix, das er behutsam und voll Ehrfurcht zu halten schien; er brachte es an die Lippen des armen Sünders, der sich auch wirklich zurückwarf und, alle seine Kräfte zusammenraffend, mit dem Arm eine Bewegung machte, durch die es den Händen des Kapuziners entfiel. »Ihr seht es«, schrie dieser, »er hat das Kruzifix zu Boden geworfen.« Es entstand ein zweideutiges Gemurmel. »Gotteslästerung!« schrien die Priester. Man näherte sich dem Scheiterhaufen. Hinter einen Pfeiler schlüpfend, hatte Cinq-Mars alles mit gespannter Aufmerksamkeit beobachtet; zu seinem Erstaunen sah er nun, daß das Kruzifix, das, auf die steinernen Stufen fallend, dem Regen jetzt mehr ausgesetzt war als auf der Terrasse, rauchte und das Zischen glühenden Eisens, das in Wasser getaucht ward, vernehmen ließ. Während die öffentliche Aufmerksamkeit sich anderswohin richtete, trat er vor und berührte es mit der Hand, an der er sogleich ein schmerzendes Brandmal empfing. Von Entrüstung ergriffen und mit der ganzen Wut eines redlichen Herzens faßt er das Kruzifix mit den Falten seines Mantels an, eilt auf Laubardemont zu und ruft, ihm einen Schlag auf die Stirn damit versetzend: »Bösewicht, trage das Mal dieses glühenden Eisens!« Die Menge hörte dies Wort und stürzte ebenfalls auf ihn zu. »Verhaftet diesen Wahnsinnigen«, befahl vergeblich die unwürdige Magistratsperson. Er selbst fühlte sich von Männern gepackt, die schrien: »Gerechtigkeit, Gerechtigkeit, im Namen des Königs!« »Wir sind verloren«, sagte Lactance; »zum Scheiterhaufen! zum Scheiterhaufen!« Die Büßermönche schleppten Urbain auf den Platz, während die Richter und Häscher, sich gegen die wütenden Bürger zur Wehr setzend, in die Kirche zurückflüchteten: ohne Zeit zu haben, sein Opfer anzubinden, beeilte sich der Henker, dasselbe auf das Holz zu legen und den Scheiterhaufen anzuzünden. Allein der Regen fiel stromweise, und kaum entflammt, erlosch rauchend jeder Ballen wieder. Vergeblich schürten Lactance und die anderen Mönche das Feuer eigenhändig, nichts vermochte den Sieg über das vom Himmel strömende Wasser davonzutragen. Der Tumult, der unter der Säulenhalle der Kirche stattfand, hatte sich indes rings um den Platz verbreitet. Der Ruf Gerechtigkeit wiederholte sich von Mund zu Mund und machte mit der Erzählung dessen, was entdeckt worden war, die Runde; zwei Barrikaden waren übersprungen und die Häscher trotz drei Flintenschüssen allmählich gegen den Mittelpunkt des Platzes gedrängt worden. Vergeblich sprengten sie mit ihren Pferden auf die Menge ein, sie wurden von ihren wachsenden Wogen beinahe erdrückt. In solchem Kampfe verging eine halbe Stunde, während welcher die Wache immer gegen den Scheiterhaufen zurückwich, der durch ihre geschlossenen Reihen verdeckt ward. »Vorwärts, vorwärts!« rief einer aus der Menge, »wir befreien ihn noch; keine Gewalttätigkeiten gegen die Soldaten, sie sollen nur Platz geben; seht ihr, Gott will nicht, daß er sterbe. Der Holzstoß erlischt; Freunde, noch eine Kraftanstrengung. – Gut. – Nieder mit diesem Pferde. – Stoßt, dringt vorwärts!« Die Wache war durchbrochen und von allen Seiten niedergeworfen, das Volk stürzt heulend dem Scheiterhaufen zu; allein dieser ist in Dunkelheit begraben; die Fackeln, alles, selbst der Henker ist verschwunden. Man reißt die Bretter weg, zerstreut sie, eines derselben brannte noch, und beim Schein dieser Flamme ließ sich unter einem Haufen Asche und blutigen Kotes eine geschwärzte Hand wahrnehmen, die durch eine Kette und einen ungeheuren eisernen Armring vor dem Feuer beschützt geblieben war. Eine Frau hatte den Mut, sie zu öffnen: die Finger hielten noch ein kleines, elfenbeinernes Kreuz und ein Bild der heiligen Magdalena fest. »Das sind seine Überreste!« sagte sie weinend. »Sagt, die Reliquien des Märtyrers«, verbesserte ein Mann. Sechstes Kapitel. Der Traum Inmitten des Handgemenges, das seine Übereilung hervorgerufen hatte, fühlte sich Cinq-Mars plötzlich am linken Arm von einer eisenstarken Hand gepackt, die ihn die Stufen hinab aus der Menge zog, über die Kirchhofmauer hob und ihm dann das schwarze Gesicht des alten Grandchamp zeigte, der mit barscher Stimme sagte: »Mein Herr, der Angriff auf dreißig Musketiere in einem Wäldchen bei Chaumont hatte nicht viel zu bedeuten, weil wir uns, ohne Ihr Vorwissen, in Ihrer Nähe befanden und Sie überdies mit Ehrenmännern zu tun hatten; hier aber ist's was anderes. Am Ende der Straße dort stehen Ihre Pferde und Ihre Leute; ich bitte Sie, Ihr Pferd zu besteigen und die Stadt zu verlassen, oder aber mich zu der Frau Marschallin zurückzuschicken, weil ich für Ihre Arme und Beine, die Sie so leichtsinnig der Gefahr aussetzen, verantwortlich bin.« Obwohl ein wenig betroffen über dieses barsche Benehmen bei seinen Dienstleistungen, war es Cinq-Mars nicht unlieb, sich auf so gute Art aus dem Handel ziehen zu können, denn er hatte Zeit gehabt zu überdenken, welche Unannehmlichkeiten für ihn entstehen müßten, wenn er als der erkannt werden sollte, der sich an dem Oberhaupt der richterlichen Gewalt und den Agenten eben des Kardinals, der ihn dem König vorstellen sollte, vergriffen hatte. Er bemerkte auch, daß sich eine Menge Menschen, aus der Hefe des Volkes, unter denen zu befinden er sich schämte, um ihn versammelt hatte. Ohne Widerrede folgte er daher seinem alten Diener und fand auch wirklich bald die drei anderen Bedienten, die ihn erwarteten. Trotz Wind und Regen stieg er zu Pferde und befand sich bald mit seinem Gefolge auf der Landstraße. Kaum außerhalb Loudun, zwang ihn der durch tiefe Gleise voller Nasser gefurchte Straßensand, langsamer zu reiten. Der Regen fiel noch immer in Strömen und schlug beinahe durch seinen Mantel. Da fühlte er seine Schultern von einem noch dickeren bedeckt; sein alter Kammerdiener ritt ihm nämlich zur Seite und pflegte ihn mit solch mütterlicher Sorgfalt. »Wohlan, Grandchamp, jetzt sage mir, da wir uns außerhalb des Tumultes befinden, wie du in denselben hineingeraten bist, da ich dir doch befohlen hatte, bei dem Abbé zu bleiben?« begann Cinq-Mars. »Parbleu, mein Herr«, antwortete der alte Diener in scheltendem Tone; »glauben Sie, ich gehorche Ihnen mehr als dem Herrn Marschall? Wenn mein seliger Herr mir befahl, in seinem Zelte zu bleiben, und mich dann im Kanonenrauch hinter sich sah, so beklagte er sich auch nicht, denn wäre sein Pferd getötet worden, so hatte er doch ein anderes zur Hand, und er schalt mich nur hinterdrein. Allerdings habe ich ihn auch während der vierzig Jahre, die ich in seinen Diensten stand, keine dergleichen Geschichten machen sehen, wie Sie in den vierzehn Tagen, die ich in Ihrem Dienste zubringe. Ach!« fuhr er seufzend fort, »das fängt schön an, und wenn das so fortgeht, so werde ich, scheint mir, saubere Dinge sehen müssen.« »Aber weißt du auch, Grandchamp, daß diese Schurken das Kruzifix glühend gemacht haben, und jeder Ehrenmann darüber wütend geworden wäre?« »Ausgenommen der Herr Marschall, Ihr Vater, der nie getan hätte, was Sie taten, mein Herr.« »Und was hätte denn er getan?« »Er hätte diesen Pfaffen ganz ruhig durch die anderen Pfaffen verbrennen lassen und zu mir gesagt: Grandchamp, sorge, daß meine Pferde Hafer haben und ihnen nichts mangle; oder: Grandchamp, gib wohl acht, daß mein Degen vom Regen nicht rostig und das Zündpulver meiner Pistolen nicht feucht werde; denn der Herr Marschall dachte an alles und mischte sich nie in Dinge, die ihn nichts angingen. Das war sein erster Grundsatz, und da er, Gott sei Dank, ein ebenso guter Soldat als General war, trug er immer, gleich dem ersten besten Landsknecht, Sorge für seine Waffen, und hätte sich mit einem kleinen Balldegen nicht an dreißig junge, rüstige Leute gewagt.« Cinq-Mars fühlte das Gewichtige dieser Verhöhnung wohl und fürchtete, der gute Mann möchte ihm weiter, als bis in das Wäldchen von Chaumont, gefolgt sein; er wollte es jedoch nicht wissen, aus Furcht, entweder Erklärungen geben oder eine Lüge sagen oder Schweigen anbefehlen zu müssen, welch letzteres ein Zugeständnis und eine Vertraulichkeit gewesen wäre. Er entschloß sich daher, seinem Pferde die Sporen zu geben und seinem alten Bedienten voranzureiten; dieser war aber noch nicht zu Ende und begab sich nun, statt sich zur Rechten seines Gebieters zu halten, zur Linken desselben, um die Unterhaltung fortzusetzen. »Glauben Sie zum Beispiel, mein Herr, ich würde mir erlauben, Sie gehen zu lassen wohin Sie wollen, ohne Ihnen zu folgen? Nein, mein Herr, meine Seele ist zu sehr von Achtung für die Frau Marquise erfüllt, als daß ich in den Fall kommen möchte hören zu müssen; Grandchamp, mein Sohn ist durch eine Kugel oder durch einen Degenstich getötet worden, warum habt Ihr Euch nicht vor ihn hingestellt? Oder: der Dolch eines Italieners hat ihn getroffen, weil er nachts vor die Fenster einer großen Prinzessin schlich; weshalb habt Ihr den Arm des Mörders nicht aufgehalten? Das wäre sehr unangenehm für mich, mein Herr, und nie hatte man mir etwas dieser Art vorzuwerfen. Einst lieh mich der Herr Marschall, weil ich Spanisch spreche, seinem Neffen, dem Herrn Grafen, um einen Feldzug in den Niederlanden mit ihm zu machen; wohlan, ich habe mich, wie immer, mit Ehren aus der Sache gezogen. Als der Herr Graf eine Kugel in den Unterleib empfing, brachte ich ganz allein seine Pferde, seine Maultiere, sein Zelt und sein ganzes Reisegepäck zurück, ohne daß nur ein Sacktuch fehlte, mein Herr; und ich darf Ihnen schwören, daß bei meiner Zurückkunft in Chaumont die Pferde so wohl verpflegt aussahen und so gut angeschirrt waren, als hätte der Herr Graf eben mit ihnen auf die Jagd reiten wollen. Ich habe aber auch von der ganzen Familie Komplimente erhalten und wurde mit Lobsprüchen beehrt, wie ich sie nur immer gern höre.« »Ganz gut, mein Freund«, sagte Henri d'Effiat; »vielleicht führst du einst auch meine Pferde zurück, aber unterdessen nimm diesen großen Beutel voller Gold, den ich ein paarmal zu verlieren dachte, und sei mein Zahlmeister; das Ding ist mir zu unbequem!« ... »Das tat der Herr Marschall nie, mein Herr. Da er Superintendant der Finanzen gewesen war, so war er sein eigener Zahlmeister, und ich glaube, Ihre Güter wären nicht in so gutem Stande und Sie selbst hätten nicht so viel Geld zu zählen, wenn er anders gehandelt hätte; seien Sie daher so gut, Ihre Börse, deren Inhalt Sie gewiß nicht einmal genau kennen, in Ihren Händen zu behalten.« »Das tu' ich, meiner Treu, nicht!« Bei diesen, von solcher Gleichgültigkeit zeugenden Worten seines Gebieters ließ Grandchamp einen tiefen Seufzer hören. »Ach, Herr Marquis! Herr Marquis! Wenn ich bedenke, daß der große König Heinrich vor meinen Augen seine gemsledernen Handschuhe in die Tasche schob, weil der Regen sie verdarb; wenn ich denke, daß Herr von Rosni ihm Geld verweigerte, wenn er zu viel ausgegeben hatte, wenn ich denke ...« »Wenn du denkst, so bist du sehr langweilig, mein Freund«, unterbrach ihn sein Gebieter, »und würdest besser tun, mir zu sagen, wer diese schwarze Gestalt ist, die im Kote hinter uns zu waten scheint.« »Es wird wohl eine arme Bäuerin sein, die um Almosen bitten will; sie kann uns leicht folgen, denn in diesem Sande, wo die Pferde bis an die Gelenke einsinken, kommen wir nicht schnell vorwärts. Wir gehen vielleicht einst in die Landes, mein Herr, und da werden Sie ein Land, ganz wie dieses hier, finden, Sand und große schwarze Tannen; es ist ein ewiger Kirchhof, rechts und links von der Straße, und hier haben Sie ein kleines Müsterchen davon. Da jetzt der Regen nachgelassen hat und man ein bißchen sehen kann, schauen Sie mir dieses Heideland an und diese große Ebene, ohne irgend ein Dorf oder ein Haus. Ich weiß nicht, wo wir die Nacht zubringen wollen; aber glauben Sie mir, mein Herr, wir würden gut tun, Äste abzuschneiden und zu biwakieren; Sie werden sehen, wie ich aus ein bißchen Erde eine Baracke aufzustellen weiß, unter der man es warm hat wie in einem guten Bett.« »Ich will lieber noch die Strecke bis zu jenem Lichte, das ich am Horizont erblicke, zurücklegen«, entgegnete Cinq-Mars, »denn ich fühle, glaub' ich, ein bißchen Fieber und habe Durst. Doch bleib' hinter mir, ich will allein reiten; geh' zu den anderen und folgt mir.« Grandchamp gehorchte und tröstete sich dadurch, daß er Germain, Louis und Etienne lehrte, wie man bei Nacht den Boden erkennen könne. Sein junger Gebieter aber war todmüde. Die schrecklichen Gemütsbewegungen dieses Tages hatten seine Seele heftig aufgeregt, und die lange Reise zu Pferde, die wenige Nahrung, die er der sich drängenden Ereignisse wegen in den zwei letzten Tagen nur hatte zu sich nehmen können, die Hitze des Tages und die eisige Kälte der Nacht, alles trug dazu bei, sein Unbehagen zu vermehren und seinen zarten Körper zu brechen. Drei Stunden lang ritt er schweigend seinen Dienern voran, ohne daß das Licht am Horizonte sich zu nähern schien; er ließ es zuletzt aus den Augen, und der Kopf, der ihm schwer geworden war, fiel auf seine Brust; die Zügel seines müden Pferdes, das von selbst auf der Landstraße einhertrabte, entschlüpften ihm und er kreuzte die Arme, eingewiegt durch die einförmige Bewegung seines Reisegefährten, der oft über große, auf dem Wege liegende Sandsteine stolperte. Der Regen hatte nachgelassen, und die Stimmen der Bedienten, deren Pferde der Reihe nach dem ihres Gebieters folgten, ließen sich längst nicht mehr vernehmen. Der junge Mann überließ sich ungestört der Bitterkeit seiner Gedanken; er fragte sich, ob wohl das glänzende Ziel seiner Hoffnungen in Zukunft nicht auch Tag für Tag von ihm fliehen würde, wie das phosphorische Licht am Horizonte bei jedem Schritte von ihm floh. Ließ sich annehmen, daß diese junge Prinzessin, die fast mit Gewalt an den galanten Hof Annas von Österreich zurückberufen ward, die Hände, vielleicht die königlichen, die ihr angeboten werden konnten, fort und fort abweisen würde? War irgend ein Anschein vorhanden, daß sie einem Thron entsagen würde, um zu harren, bis ein launisches Glück ihre romantischen Hoffnungen verwirklichen und einen Jüngling aus beinahe den letzten Reihen der Armee, noch bevor die Zeit der Liebe verblüht wäre, auf eine solche Stufe des Ranges führen würde! Wer versicherte ihm, daß selbst die Gelübde Maries von Gonzaga auch wirklich aufrichtig gewesen waren? »Ach!« sagte er bei sich, »vielleicht täuscht sie sich selbst über ihre eigenen Gefühle, die Einsamkeit des Landlebens hatte ihre Seele für tiefe Eindrücke geeignet gemacht. Ich erschien, und sie hielt mich für den, der bisher ihre Träume ausgefüllt hatte; unser Alter und meine Liebe haben das Übrige bewirkt. Wenn sie aber am Hofe und in inniger Vertraulichkeit mit der Königin gelernt haben wird, die Größe, nach der ich von meinem niedrigen Standpunkt aus trachte, von oben herab zu betrachten, wenn sie sich plötzlich Herrin ihrer ganzen Zukunft sehen und mit sicherem Blick den Weg messen wird, den ich zu machen habe, wenn sie in ihrer Umgebung den meinigen ähnliche Gelübde von Stimmen hören wird, die nur ein Wort zu sagen brauchten, um mich zugrunde zu richten und den zu vernichten, auf den sie als ihres Gemahls und Herrn harrt, ach! Unsinniger, der ich war! dann wird sie ihre ganze Torheit einsehen und über die meine erzürnt werden.« So fing das größte Unglück der Liebe, der Zweifel, an, sein krankes Herz zu zerreißen; er fühlte, wie sein brennendes Blut ihm zu Kopfe stieg und eine bleierne Schwere sich desselben bemächtigte; oft fiel er auf den Hals seines langsam trabenden Pferdes hin, und ein Halbschlummer lagerte sich auf seinen Augen; die schwarzen Tannen am Wege schienen ihm riesige Leichname, die an ihm vorübergingen; er sah oder glaubte zu sehen, wie die nämliche schwarzgekleidete Frauengestalt, auf die er Grandchamp aufmerksam gemacht hatte, sich näherte, zu seinem Pferde hintrat, ihn am Mantel zupfte und hohnlachend entfloh; der Sand der Straße schien ihm ein Fluß zu sein, der unter seinen Füßen wegfloß und den Lauf zur Quelle zurücknahm; solche und andere sonderbare Gesichte gaukelten vor seinen geschwächten Augen; er schloß sie und schlief auf seinem Pferde ein. Bald darauf fühlte er sich angehalten; allein es schüttelte ihn ein heftiger Frost. Halb im Schlafe sah er Bauern, Fackeln, ein altes baufälliges Haus, eine große Stube, in die er gebracht ward, ein breites Bett, dessen schwere Vorhänge von Grandchamp zugezogen wurden; dann sank er, betäubt vom Fieber, das ihm vor den Ohren sauste, in tieferen Schlummer zurück. Schneller als der vom Wind fortgewirbelte Staub zogen die verschiedenartigsten Traumbilder vor seiner Seele vorüber; er konnte sie nicht halten und wälzte sich unruhig auf seinem Lager. Der gefolterte Urbain Grandier, seine weinende Mutter, sein bewaffneter Lehrer, Bassompierre, mit Ketten beladen, schwebten vor ihm und winkten ihm Lebewohl zu; im Schlafe fuhr er mit der Hand an den Kopf, als wolle er den Traum festhalten, der sich vor seinen geistigen Augen gleich einem lebendigen Gemälde zu entrollen schien. Er sah einen öffentlichen Platz mit einem fremden, einem nordischen Volke angefüllt, das ein wildes Freudengeschrei ausstieß; dann Spaliere von Wachen und rohen Soldaten; diese waren Franzosen. »Komm' mit mir«, sagte mit sanfter Stimme Marie von Gonzaga, seine Hand ergreifend. »Siehst du, ich habe ein Diadem; dies ist dein Thron, komm' mit mir.« Und sie zog ihn mit sich fort, das Volk aber schrie in wildem Jubel fort. Er schritt lange, lange mit ihr vorwärts. »Warum sind Sie denn so traurig, da Sie doch Königin sind?« fragte er zitternd. Sie war aber blaß und lächelte, ohne zu reden. Sie stieg nun einige Stufen hinauf, schwang sich auf einen Thron, setzte sich auf demselben nieder und sagte, seine Hand mit Kraft ergreifend: »Steig' herauf.« Allein immer rollten schwere Ballen unter seinen Füßen weg und er konnte nicht hinaufsteigen. »Danke der Liebe«, hob sie wieder an. Und mit stärkerer Hand hob sie ihn zu sich herauf. Das Volk schrie. Er bückte sich, um diese hilfreiche, diese angebetete Hand zu küssen ...; es war die des Henkers! »O Himmel!« schrie Cinq-Mars, einen tiefen Seufzer ausstoßend, indem er die Augen öffnete. Das schwankende Licht einer Lampe erhellte die verfallene Kammer des Wirtshauses; er schloß die Augen von neuem, denn auf seinem Bett hatte er ein Frauenbild, eine Nonne, jung und schön, sitzen sehen! Er glaubte noch zu träumen, allein sie drückte ihm heftig die Hand. Und wieder öffnete er seine brennenden Augen und heftete sie auf die Frauengestalt. »O, Johanna de Belfiel, Sie sind es? Der Regen hat Ihren Schleier und Ihre schwarzen Haare durchnäßt; was tun Sie hier, unglückliches Weib?« »Schweig', wecke meinen Urbain nicht, er schläft in der anstoßenden Kammer. Ja, mein Kopf ist naß und meine Füße; schau' nur meine Füße, die vormals so weiß waren! Sieh', wie sie mit Kot beschmiert sind. Ich habe aber das Gelübde getan, sie erst bei dem König zu waschen, wenn ich Urbains Begnadigung von ihm erhalten habe. Ich gehe zu der Armee, denn dort befindet er sich jetzt; ich werde zu ihm reden, wie Grandier mich reden gelehrt hat, und er wird ihm verzeihen; doch höre, ich will ihn auch um deine Begnadigung bitten, denn ich habe auf deinem Antlitz gelesen, daß du zum Tode verurteilt bist. Armes Kind! Du bist noch sehr jung, um schon zu sterben, dein Lockenhaar ist schön, aber du bist dennoch verurteilt, denn du hast auf der Stirn eine Linie, die nie täuscht. Der Mann, an dem du dich vergriffen hast, wird dich töten. Du hast dich des Kreuzes zu stark bedient, das bringt dir Unglück; du hast mit demselben geschlagen und trägst es mit Haaren am Halse ... Stecke deinen Kopf nicht unter die Leintücher; sollte ich etwas gesagt haben, was dich betrübt? Oder lieben Sie etwa, junger Mann? Ach, seien Sie ruhig, das alles sage ich Ihrer Freundin nicht; ich bin toll, aber gut, sehr gut, und vor drei Tagen war ich noch sehr schön. Ist sie auch schön? O, wie wird sie einst weinen! Ach, wenn sie weinen kann, so ist sie recht glücklich.« Und Johanna begann plötzlich mit einförmiger Stimme, aber mit unglaublicher Geläufigkeit die Sterbegebete herzusagen, während sie, immer auf dem Bette sitzend, die Kugeln eines langen Rosenkranzes durch die Finger gleiten ließ. Plötzlich öffnet sich die Tür, sie blickt sich um und entflieht durch einen in einer Zwischenwand angebrachten Eingang. »Was zum Teufel soll das heißen? Sagt ein Kobold oder ein Engel die Totenmesse bei Ihnen her, mein Herr? Und da liegen Sie ja in Ihre Leintücher gewickelt wie in einem Sargtuch.« Es war Grandchamps kräftige Stimme. Der alte Diener war so erstaunt, daß er das Glas Limonade, das er brachte, fallen ließ. Als er sah, daß sein Herr nicht antwortete, erschrak er noch mehr und hob die Decke auf. Cinq-Mars war ganz rot und schien zu schlafen; allein sein alter Bedienter dachte, das Blut möchte ihm zu Kopfe gestiegen sein und ihn beinahe erstickt haben, und bemächtigte sich eines Gefäßes mit kaltem Wasser, dessen ganzen Inhalt er ihm über die Stirn goß. Dieses militärische Hilfsmittel verfehlt die Wirkung selten, und Cinq-Mars kam schnell wieder zu sich. »Ach, bist du's, Grandchamp!« rief er aufspringend, »wie fürchterlich habe ich geträumt!« »Pest! mein Herr, Ihre Träume sind im Gegenteil sehr hübsch; ich habe den Schweif des letzten gesehen! Sie wählen sehr gut.« »Was sagst du, alter Narr?« »Ich bin kein Narr, mein Herr, ich habe gute Augen und habe gesehen, was ich gesehen habe. Aber so viel ist gewiß, daß krank, wie Sie, der Herr Marschall sich nie ...« »Du faselst, mein Lieber; gib mir zu trinken, denn der Durst verzehrt mich. O, Himmel, welche Nacht! Ich sehe diese Frauen noch alle.« »Alle diese Frauen, mein Herr? Wieviel gibt es denn hier?« »Ich spreche von einem Traume, Dummkopf! Und da bleibst du unbeweglich stehen, statt mir zu trinken zu geben!« »Richtig, mein Herr, ich will andere Limonade verlangen.« Und unter die Tür gehend, rief er laut die Treppe hinunter: »Heda! Germain! Etienne! Louis!« Von unten antwortete der Wirt: »Man kommt gleich, mein Herr, man kommt gleich; sie helfen mir nur der Verrückten nachspringen.« »Welcher Verrückten?« sagte Cinq-Mars, sich über sein Bett vorbeugend. Der Wirt trat ein und sagte, seine baumwollene Mütze abnehmend, mit Ehrerbietung: »Es hat nichts zu bedeuten, Herr Marquis, es ist eine Verrückte, die heute nacht zu Fuß hier angekommen ist und die man neben diesem Zimmer schlafen ließ; sie ist aber soeben entflohen und man hat sie nicht wieder erwischen können.« »Wie«, sagte Cinq-Mars, gleichsam zu sich selbst kommend und die Hand vor die Augen haltend, »ich habe also nicht geträumt? Und meine Mutter, wo ist sie? Und der Marschall, und ... Ach! das ist ein fürchterlicher Traum! Verlaßt mich alle.« Mit diesen Warten drehte er sich um und zog die Decke wieder über seinen Kopf. Bestürzt schlug sich der Wirt mit der Fingerspitze dreimal vor die Stirn und schaute Grandchamp an, als hätte er fragen wollen, ob sein Herr auch närrisch sei. Dieser winkte ihm, sich still zu entfernen und setzte sich, als er allein geblieben war, in einen großen altertümlich gepolsterten Lehnstuhl, wo er den übrigen Teil der Nacht neben dem tief schlafenden Cinq-Mars zu wachen gedachte, indem er mit der ernsten und strengen Miene des Archimedes, der die Flammenkraft seiner Brennspiegel berechnet, Zitronen in ein Glas Wasser ausdrückte. Siebentes Kapitel. Das Kabinett Lassen wir unseren jungen Reisenden schlafen. Er wird bald in Frieden eine große und schöne Straße einherziehen. Und da wir die Freiheit haben, unsere Augen auf allen Punkten der Karte umherschweifen zu lassen, so wollen wir sie auf die Stadt Narbonne heften. Unweit von da benetzten die blauen Wellen des Mittelländischen Meeres Frankreichs sandige Ufer. Betretet die Stadt, die so viel Ähnlichkeit mit Athen hat, und schlagt, um den zu finden, der hier herrscht, jene unebene und dunkle Straße ein, steigt die Treppe des alten erzbischöflichen Palastes hinan und laßt uns den ersten und größten der Säle betreten. Er war sehr lang, aber durch eine Reihe hoher Bogenfenster erhellt, an deren oberem Teil allein sich noch blaue, gelbe und rote Scheiben erhalten hatten, die einen mysteriösen Schein in dem Gemache verbreiteten. Ein ungeheurer runder Tisch zur Seite des Kamins füllte den Saal in seiner ganzen Breite aus; um diesen mit einem buntscheckigen Teppich bedeckten und mit Papieren und Mappen beladenen Tisch saßen gekrümmt unter ihren Federn acht Schreiber, beschäftigt, die Briefe abzuschreiben, die man ihnen von einem kleineren Tische her zugehen ließ. Andere Männer ordneten die Papiere in die Fächer eines Regals, das die schwarz eingebundenen Bücher nicht ganz ausfüllten, und schritten behutsam auf dem Teppich hin, womit der Boden des Saales geschmückt war. Ungeachtet der vielen hier anwesenden Personen hätte man das Summen einer Fliege hören können. Das einzige, das sich vernehmen ließ, war das Gekritzel der eilig über das Papier gleitenden Federn und der Ton einer gellenden Stimme, die diktierte und sich nur bisweilen durch Husten unterbrach. Sie kam aus einem ungeheuren großarmigen Lehnstuhl, der in der Kaminecke stand, wo trotz der Hitze der Jahreszeit und der südlichen Gegend ein Feuer brannte. Es war einer jener Lehnstühle, wie man sie noch hie und da in alten Schlössern sieht und die eigens dazu gemacht scheinen, beim Lesen auch des interessantesten Buches einzuschlafen, mit so vieler Sorgfalt ist jeder Teil derselben ausgestattet; ein sichelförmiges Federkissen schmiegt sich weich an die Lenden an; neigt sich der Kopf, so lehnen sich seine Wangen auf seidene Ohrkissen, und das Sitzkissen ragt so weit über die Ellbogen hinaus, daß man glauben möchte, die umsichtigen Tapezierer unserer Ahnen hätten dadurch das Geräusch zu vermeiden bezweckt, welches das Buch beim Herunterfallen machen könnte und das Erwachen des Ruhenden zur Folge gehabt hätte. Doch lassen wir diese Abschweifung, um von dem Manne zu reden, der sich, ohne zu schlafen, in dem Lehnstuhl befand. Er hatte eine hohe Stirn und wenige ganz weiße Haare, große und sanfte Augen, ein blaßes und schmächtiges Gesicht, dem ein kleiner weißer und ausgespitzter Bart jenes seine Wesen verlieh, das man auf allen Bildnissen aus dem Jahrhundert Ludwigs XIII. bemerkt. Ein beinahe lippenloser Mund, und, wir müssen gestehen, daß Lavaler dies für ein untrügliches Zeichen der Bosheit hielt, ein zusammengekniffener Mund, sagen wir, war von zwei kleinen Schnurrbärten und einem königlichen eingefaßt, welch letztere Verzierung damals sehr in der Mode war und durch seine Form ziemlich einem Komma glich. Der in einen weiten Nachtrock gehüllte Greis trug ein rotes Käppchen auf dem Kopfe und purpurrotseidene Strümpfe, und war kein geringerer als Armand Duplessis, Kardinal von Richelieu. Ganz in seiner Nähe saßen um den erwähnten kleinen Tisch vier junge Leute von fünfzehn bis zwanzig Jahren; sie waren Pagen, oder nach der damaligen Benennung Domestiken, was Vertraute, Freunde des Hauses bedeutete. Dieser Brauch war ein unseren Sitten verbliebenes Überbleibsel des feudalen Patronats. Die jüngeren Edelleute der höchsten Familien empfingen von großen Herren Lohn und waren denselben in allen Stücken ergeben, indem sie sogar beim leisesten Wunsch ihres Herrn den ersten besten zum Duell forderten. Die Pagen, von denen wir soeben sprachen, waren mit Abfassung von Briefen beschäftigt, deren wesentlicher Inhalt ihnen von dem Kardinal angedeutet ward und die sie nach einem flüchtigen Überblick des Gebieters den Sekretären zugehen ließen, welche dieselben ins reine schrieben. Der alte Herzog aber schrieb auf seinem Knie geheime Noten auf kleine Papierchen und schob deren in beinahe alle Pakete, bevor er diese eigenhändig siegelte. Er war schon einige Augenblicke so beschäftigt, als er in einem ihm gegenüberhängenden Spiegel gewahr ward, daß der jüngste seiner Pagen hastig einige Zeilen auf ein Blatt schrieb, das von viel kleinerer Form als das amtliche Papier war; nach einer kurzen Unterbrechung setzte er schnell noch einige Worte hinzu und schob es dann eilig unter das große Blatt, das er zu seinem Leidwesen auszufüllen beauftragt war; allein hinter dem Kardinal sitzend, hoffte er, daß die Schwierigkeit, sich umzuwenden; diesen verhindern würde, den kleinen Kunstgriff zu bemerken, in dem er ziemliche Fertigkeit zu haben schien. Doch plötzlich redete ihn Richelieu mit den trockenen Worten an: »Kommen Sie hierher, Herr Olivier.« Diese paar Worte waren wie ein Donnerschlag für das arme Kind, das noch nicht sechzehn Jahre alt schien. Dennoch stand er schnell auf und stellte sich mit herabhängenden Armen und gesenktem Kopfe vor den Minister hin. Die anderen Pagen und die Sekretäre machten sich so wenig aus der Sache als die Soldaten, wenn einer von ihnen durch eine Kugel getroffen fällt, so sehr waren sie an dergleichen Vorforderungen gewöhnt. Diese war jedoch von rascherer Art als die anderen. »Was schreiben Sie da?« »Gnädiger Herr ... was Eure Eminenz mir befohlen.« »Was?« »Gnädiger Herr ... den Brief an Don Juan von Braganza.« »Keine Ausflüchte, mein Herr, Sie tun anderes.« »Gnädiger Herr«, sagte dann der Page mit Tränen in den Augen, »ich schrieb ein Billett an eine meiner Basen.« »Lassen Sie's sehen.« Ein heftiges Zittern überfiel den jungen Mann bei diesem Befehl; er war genötigt, sich auf den Kamin zu stützen, und sagte halblaut: »Unmöglich!« »Herr Vicomte Olivier d'Entraigues«, sagte der Minister, ohne die mindeste Bewegung zu zeigen, »Sie sind aus meinem Dienst entlassen.« Der Page entfernte sich, wohl wissend, daß da keine Einwendungen halfen; er schob sein Billett in die Tasche und schlüpfte durch die Flügeltür, die er gerade nur so weit öffnete, um ihn durchzulassen, wie ein Vogel seinem Käfig entwischt. Der Minister fuhr fort, auf seinem Knie Notizen zu machen. Schweigend arbeiteten die Schreiber mit verdoppeltem Eifer fort, als die beiden Flügeltüren rasch geöffnet wurden und man zwischen denselben einen Kapuziner erscheinen sah, der mit über der Brust gekreuzten Armen sich verneigend stehen blieb und ein Almosen oder die Weisung, sich zu entfernen, zu erwarten schien. Er war von brauner Gesichtsfarbe und voll tiefer Blatternarben, hatte ziemlich sanfte, aber etwas schielende Augen, über die sich dichte, in der Mitte der Stirn zusammenlaufende Brauen wölbten; einen Mund, dessen Lächeln schlau, arglistig und unheilverkündend war; einen platten und an den äußersten Spitzen roten Bart und trug das Kostüm des Franziskanerordens in dessen ganzer Abscheulichkeit, mit Sandalen an den nackten Füßen, die sehr unwürdig schienen, einen Teppich zu berühren. So wie sie war schien diese Person einen großen Eindruck auf alle Anwesenden zu machen; denn ohne den Satz, die Zeile oder nur das angefangene Wort zu beendigen, stand jeder Schreiber auf und entfernte sich durch die Tür, unter welcher der Mönch immer noch stand, die einen, sich im Vorbeigehen verneigend, die anderen den Kopf abwendend, die jungen Pagen, sich die Nase verhaltend, doch dieses hinter seinem Rücken, denn sie schienen ihn heimlich zu fürchten. Als sich alle der Reihe nach entfernt hatten, trat der Kapuziner mit einer tiefen Verbeugung, weil die Tür noch offen war, endlich ein, schritt aber, sobald sie sich schloß, ohne Umstände vor und setzte sich neben den Kardinal, der ihn an der Bewegung, die durch sein Erscheinen entstanden war, erkannt hatte, ihm eine trockene und schweigsame Verbeugung machte, ihn dann fest anschaute, als erwarte er eine Nachricht von ihm, und sich nicht enthalten konnte, die Stirn zu runzeln, wie wenn er eine Spinne oder irgend ein anderes ihm widerwärtiges Tier vor sich sähe. Der Kardinal hatte dieser Regung des Mißvergnügens nicht widerstehen können, weil er sich durch die Anwesenheit seines Agenten genötigt sah, sich in wichtige und mühsame Besprechungen einzulassen, vor denen er seit einigen Tagen in einem Landestal, dessen reine Luft ihm zuträglich war, Ruhe gehabt, und wo die Stille die Schmerzen seiner Krankheit, die in ein schleichendes Fieber umschlug, gemildert hatte; in den ziemlich langen Zwischenräumen jedoch, in welchen es ihn verließ, war ihm vergönnt, zu vergessen, daß es wiederkehren werde. Seiner bisher unermüdlichen Denkkraft etwas Ruhe gewährend, harrte er vielleicht zum erstenmal in seinem Leben nicht mit Ungeduld auf die Rückkehr der Kuriere, die er, gleich Sonnenstrahlen, die Frankreich allein Leben und Bewegung verliehen, nach allen Richtungen ausgesandt hatte. Er erwartete den soeben empfangenen Besuch nicht, und der Anblick eines Mannes, den er nach seinem eigenen Ausdrucke im Verbrechen stählte , warf ihn in die gewöhnliche Unruhe seines Lebens zurück, ohne die Wolke der Schwermut, die seine Gedanken soeben verdüstert hatte, gänzlich zu zerstreuen. Der Beginn seiner Unterredung trug den düsteren Stempel seiner letztlichen Träumereien; doch rascher und kräftiger als je entwand er sich ihnen, als die Kraft seines Geistes gezwungen zur wirklichen Welt zurückkehrte. Als sein Vertrauter sah, daß er das Schweigen zuerst brechen müsse, tat er es mit folgenden barschen Worten: »Nun denn, gnädiger Herr, an was denken Sie?« »Ach, Joseph, an was sollen wir alle, so viel unser sind, denken, wenn nicht an unser zukünftiges Glück in einem besseren Leben? Schon seit mehreren Tagen sinne ich darüber nach, wie die menschlichen Interessen mich von diesem einzigen Gedanken abbringen konnten, und ich bereue, einige Augenblicke der Muße zu profanen Werken, wie meine Trauerspiele Europa und Mirame , angewandt zu haben, ungeachtet des Ruhmes, den ich bei unseren geistreichsten Männern davontrug, eines Ruhmes, der auch auf die Nachwelt kommen wird.« Pater Joseph, der sich einer Menge Berichte zu entledigen hatte, war anfangs über diesen Beginn erstaunt; er kannte jedoch seinen Gebieter zu gut, um klugerweise keine Überraschung zu bezeugen, und da er wohl wußte, wodurch er ihn auf andere Gedanken leiten konnte, ging er ohne Zaudern auf die des Kardinals ein. »Und doch ist das Verdienst dieser Arbeiten sehr groß«, sagte er mit einer Miene des Bedauerns, »und Frankreich wird seufzen, daß solche unsterbliche Werke nicht von anderen Produktionen begleitet sind.« »Ja, mein lieber Joseph: vergeblich haben Männer, wie Boisrobert, Claveret, Colletet, Corneille und besonders der berühmte Mairet diese Trauerspiele für die schönsten erklärt, welche die gegenwärtigen und vergangenen Zeiten je aufführen sahen; ich betrachte sie, das schwör' ich Euch, für eine Todsünde und beschäftige mich in meinen Ruhestunden nur noch mit meiner Methode der Polemik und dem Buche über die Vollkommenheit der Christen . Ich bedenke, daß ich ein Sechsundfünfziger bin und eine Krankheit habe, die selten Gnade gibt.« »Gerade solche Berechnungen stellen auch die Feinde Eurer Eminenz an«, sagte der Pater, den diese Unterhaltung nachgerade verdrießlich zu machen begann und der ihr so schnell als möglich ein Ende machen wollte. Eine lebhafte Röte stieg dem Kardinal ins Gesicht. »Ich weiß, ich weiß es wohl«, entgegnete er, »ich kenne ihre ganze Schwärze und bin auf alles gefaßt. Aber was gibt's denn Neues?« »Wir waren schon übereingekommen, gnädiger Herr, Fräulein von Hautefort zu ersetzen; wir haben Sie, wie Fräulein von La Fayette, entfernt, ganz wohl; doch ihr Platz ist noch nicht besetzt und der König ...« »Nun?« »Der König hat Ideen, wie er bisher noch keine hatte.« »Wirklich? Und die nicht von mir kommen? Das geht gut«, sagte der Minister mit Ironie. »Gnädiger Herr, warum ließen Sie auch sechs volle Tage den Platz des Günstlings vakant? Das ist nicht klug, erlauben Sie mir, Ihnen das zu sagen.« »Er hat Ideen, Ideen?« wiederholte Richelieu mit einer Art Schlecken; »und welche?« »Er hat davon gesprochen, die Königin Mutter zurückzuberufen«, sagte der Kapuziner mit leiser Stimme, »sie von Köln zurückzuberufen.« »Maria von Medicis!« rief der Kardinal, mit beiden Händen auf die Arme seines Lehnstuhls schlagend. »Nein, beim lebendigen Gott! Sie soll Frankreichs Boden, von dem ich sie Schritt für Schritt verjagt habe, nicht wieder betreten! England wagte nicht, der durch mich Verbannten Asyl zu geben; Holland hat gefürchtet, unter ihr einzustürzen, und mein Reich sollte sie aufnehmen! Nein, nein, diese Idee hat nicht von selbst in ihm entstehen können. Meine Feindin zurückberufen, seine Mutter zurückberufen, welche Niederträchtigkeit! Nein, an so etwas hat er nie zu denken gewagt ...« Nach einigem Besinnen fügte er dann mit einem durchdringenden und immer noch zornglühenden Blick auf Pater Joseph hinzu: »Aber ... in welchen Ausdrücken hat er diesen Wunsch vorgebracht? Wiederholt mir genau seine Worte.« »Er hat ziemlich öffentlich und in Gegenwart von Monsieur Ehemals der Titel des ältesten Bruders des Königs von Frankreich. Der Übersetzer. gesagt: – Ich fühle wohl, daß eine der ersten Christenpflichten ist, ein guter Lohn zu sein, und ich werde den Mahnungen meines Gewissens nicht mehr lange widerstehen.« »Christ! Gewissen! Das sind nicht seine Ausdrücke; es sind die des Pater Caussin, seines Beichtvaters; der schmiedet Verrat gegen mich!« rief der Kardinal. »Niederträchtiger Jesuit! Deine Intrige mit der La Fayette hab' ich dir verziehen, deine geheimen Ratschläge sollen dir aber so leicht nicht hingehen. Ich werde diesen Beichtvater fortjagen lassen, er ist ein Feind des Staates, das seh' ich wohl. Ich war aber auch seit einigen Tagen saumselig in meinem Handeln; ich habe die Ankunft dieses kleinen d'Effiat, der ohne Zweifel Glück haben wird, nicht hinlänglich beschleunigt; er soll hübsch und geistreich sein, wie man sagt. Ach, welch ein Fehler! Ich selbst würde verdienen, tüchtig in Ungnade zu kommen! Diesen Fuchs von einem Jesuiten bei dem Könige lassen, ohne ihm meine geheimen Instruktionen erteilt, ohne eine Bürgschaft, ein Pfand seiner Treue in meinen Angelegenheiten zu haben! Welche Vergeßlichkeit! Joseph, nehmt eine Feder und schreibt schnell für den anderen Beichtvater, den wir besser wählen wollen, folgendes. Ich denke nämlich an den Pater Sirmond ...« Pater Joseph setzte sich an den großen Tisch, machte sich zum Schreiben bereit, und der Kardinal diktierte ihm jene Pflichten neuer Art, die er wenige Zeit nachher wagte dem Könige zustellen zu lassen und die dieser empfing, hochachtete und gleich Geboten der Kirche auswendig lernte. Sie sind uns als ein abschreckendes Beispiel der Macht und Herrschaft geblieben, die ein Mann mittels Zeit, Intrigen und Kühnheit erringen kann. I. Ein König muß einen Premierminister haben und dieser Premierminister drei Eigenschaften besitzen: 1. neben seinem König keine andere Leidenschaft zu haben; 2. gewandt und treu zu sein; 3. von geistlichem Stande zu sein. II. Ein König soll seinen Premierminister von ganzer Seele lieben. III. Nie mit seinem Premierminister wechseln. IV. Ihm alles sagen. V. Ihm freien Zutritt bei seiner Person gestatten. VI. Ihm eine unbedingte Herrschaft über das Volk einräumen. VII. Ihm große Güter und Ehrenstellen verleihen. VIII. Ein König hat keinen größeren Schatz als seinen Premierminister. IX. Ein König soll dem Bösen, das man über seinen Premierminister sagt, keinen Glauben beimessen und sein Wohlgefallen an der Verleumdung desselben finden. X. Ein König soll seinem Premierminister nichts verheimlichen, was man über dessen Person gesagt hat, selbst wenn man von dem König Verschwiegenheit gefordert hätte. XI. Ein König soll nicht allein das Wohl seines Staates, sondern auch seinen Premierminister allen seinen Verwandten vorziehen. Dies waren die Gebote der Gottheit Frankreichs, deren Inhalt noch weniger in Erstaunen setzt als die schreckliche Offenherzigkeit, mit der er selbst diese Gesetze der Nachwelt vermacht, als sollte auch sie an ihn glauben. Während des Diktierens seiner Instruktion, die er von einem kleinen, von seiner Hand geschriebenen Papier las, schien sich seiner bei jedem Worte eine tiefe Traurigkeit zu bemächtigen, und als er zu Ende war, sank er mit gekreuzten Armen und auf die Brust gesenktem Kopfe in seinen Lehnstuhl zurück. Die Feder weglegend, stand Pater Joseph auf, trat zu ihm hin und wollte eben fragen, ob er sich unwohl befinde, als der Kardinal mit dumpfer Stimme in die traurigen und denkwürdigen Worte ausbrach: »Welche fürchterliche Langweile! Welche endlose Unruhe! Wenn der Ehrgeizige mich sähe, er würde in eine Einöde flüchten. Was ist meine Macht? Ein elender Abglanz der königlichen Macht; und welcher Arbeit bedarf es, um diesen unablässig schwankenden Strahl auf meinen Stern zu heften! Seit zwanzig Jahren versuche ich es vergeblich. Ich verstehe diesen Mann nicht! Er wagt nicht; mich zu fliehen; aber man nimmt mir ihn weg; er entschlüpft mir unter den Fingern ... Was hätte ich nicht alles mit seinen angestammten Rechten machen können, wenn diese mein gewesen wären! Aber so viele Berechnungen anwenden, um sich im Gleichgewicht zu halten! Was bleibt an Genie für die Unternehmungen? Ich halte Europa in meiner Hand und hänge an einem zitternden Haare. Was soll ich meine Blicke auf die Landkarten werfen, wenn alle meine Interessen in seinem engen Kabinett eingeschlossen sind? Es wird mir schwerer, seinen sechs Fuß breiten Raum zu beherrschen als die ganze Erde. Da seht Ihr nun, was ein Premierminister ist!« Seine Züge waren so entstellt, daß sich ein schlimmer Zufall befürchten ließ; er ward von einem heftigen, langanhaltenden Husten befallen, der mit leichtem Blutspucken endigte. Als er sah, daß Pater Joseph erschrocken nach einer auf dem Tisch befindlichen goldenen Klingel griff, erhob er sich plötzlich mit der Lebhaftigkeit eines jungen Mannes, hielt ihn auf und sagte: »Es hat nichts zu bedeuten, Joseph, ich überlasse mich zuweilen der Mutlosigkeit, allein diese Momente sind kurz und ich bin nachher stärker als ich zuvor war. Was meine Gesundheit betrifft, so weiß ich ganz wohl, woran ich mit der bin; doch es handelt sich nicht hierum. Was habt Ihr in Paris getan? Es freut mich, den König, wie ich es wollte, im Bearn angelangt zu sehen; wir können ihn da besser überwachen. Was habt Ihr ihm in Aussicht gestellt, um ihn zur Abreise zu veranlassen?« »Eine Schlacht bei Perpignan.« »So, das ist nicht übel. Nun, die können wir ja ihm zuliebe veranstalten; diese oder jene Beschäftigung, das ist dermalen einerlei. Aber die junge Königin, die junge Königin, was sagt die?« »Sie ist immer noch wütend über Sie. Ihre entdeckte Korrespondenz, das Verhör, das Sie mit ihr vornehmen ließen ...« »Pah! Ein Madrigal und ein Augenblick Unterwürfigkeit bringen ihr in Vergessenheit, daß ich sie von ihrem Hause Österreich und dem Lande ihres Buckingham getrennt habe. Doch was tut sie?« »Sie spinnt neue Intrigen mit Monsieur. Doch da alle ihre Heimlichkeiten in unseren Händen sind, so habe ich Tag für Tag die Berichte hier aufgesetzt.« »Ich mag mir nicht die Mühe nehmen, sie zu lesen; so lange der Herzog von Bouillon in Italien ist, fürchte ich nichts von dieser Seite; sie soll meinetwegen mit Gaston in der Kaminecke von kleinen Verschwörungen träumen; er bleibt immer bei den liebenswürdigen Absichten, die er zuweilen hat, stehen und führt nichts aus als seine Reisen außerhalb des Königreichs; er ist jetzt auf der dritten begriffen. Ich kann ihm auch zu der vierten verhelfen, wenn er will; er ist nicht einmal den Pistolenschuß wert, den du dem Grafen von Soissons zukommen ließest. Und doch besaß der arme Graf kaum mehr Energie.« Bei diesen Worten setzte sich der Kardinal wieder in seinen Lehnstuhl und begann für einen Staatsmann ziemlich lustig zu lachen. »Ich werde mein Leben lang über ihren Feldzug nach Amiens lachen. Da hielten sie mich beide. Jeder hatte an fünfhundert Edelleute um sich, die bis an die Zähne bewaffnet und völlig bereit waren, mich wie Concini aus der Welt zu schaffen, allein der große Vitry war nicht da; sie ließen mich wohl eine Stunde lang ganz ruhig mit ihnen über die Jagd und das Fronleichnamsfest reden, und weder der eine noch der andere wagte, allen diesen Strauchdieben ein Zeichen zu geben. Seither haben wir durch Chavigny erfahren, daß sie schon zwei Monate lang auf diesen günstigen Augenblick geharrt hatten. Ich für mich bemerkte in der Tat nichts, als daß dieser Schlingel, der Abbé von Gondi, um mich herumschlich und etwas in seinem Ärmel zu suchen schien, was mich veranlaßte, meinen Wagen zu besteigen.« »Apropos, gnädiger Herr, die Königin will ihn durchaus zum Koadjutor machen.« »Ist sie verrückt? Er wird sie verderben, wenn sie sich an ihn hängt; er ist ein verdorbener Musketier, ein Teufel im Priestergewande; lest nur seine Geschichte Fieskos , Ihr werdet seine eigene Person darin finden. Er wird nichts, so lange ich lebe.« »Wie! Sie beurteilen so gut und lassen dennoch wieder einen Ehrgeizigen von seinem Alter kommen?« »Welch ein Unterschied! Dieser junge Cinq-Mars wird eine Puppe sein, eine wahre Puppe; der wird nur an seine Krause und an seine Vorstecknadeln denken; seine hübsche Gestalt steht mir dafür und ich weiß, daß er sanft und schwach ist; deswegen habe ich ihn seinem älteren Bruder vorgezogen; er wird tun, was wir wollen.« »Ach, gnädiger Herr«, sagte der Pater mit der Miene des Zweifels, »ich habe den Leuten, deren Außenseite so ruhig ist, nie getraut, die innerliche Flamme ist dafür gefährlicher. Erinnern Sie sich nur an den Marschall von Effiat, seinen Vater.« »Aber noch einmal, er ist ein Kind und ich werde ihn erziehen; statt dessen ist der Gondi jetzt schon ein vollendeter Aufrührer, ein Wagehals, der kein Hindernis kennt; er hat sogar gewagt, mir Frau von La Meilleraie streitig zu machen; habt Ihr schon von einer solchen Kühnheit gehört? Es ist ja fast unglaublich; mir? ein so armseliges Pfäfflein, das kein anderes Verdienst hat als ein ziemlich fertiges Mundstück und ein kavaliermäßiges Wesen. Glücklicherweise hat der Herr Gemahl selbst für seine Entfernung gesorgt.« Pater Joseph, dem nicht besser gedient war, wenn sein Gebieter von seinem Glück bei den Frauen, als wenn er von seinen Versen sprach, machte ein Gesicht, das freundlich hätte sein sollen und nur häßlich und verzogen war; er meinte, der Ausdruck seines affenmäßig krummen Maules werde sagen: Ach, wer könnte dem gnädigen Herrn widerstehen ? Aber der gnädige Herr las darin: Ich bin ein Schulfuchs, der nichts von der großen Welt versteht , und so sagte er plötzlich ohne einen Übergang, indem er eine Depesche vom Tisch nahm: »Der Herzog von Rohan ist tot, das ist eine gute Neuigkeit; jetzt, sind die Hugenotten verloren. Er hat viel Glück gehabt; ich ließ ihn durch das Parlament von Toulouse verurteilen, von vier Pferden zu Tode geschleift zu werden, und nun stirbt er ruhig auf dem Schlachtfeld von Rheinfeld. Doch gleichviel! Das Resultat ist das nämliche. Da liegt wieder ein großes Haupt vernichtet! Wieviel ihrer seit Montmorency gefallen sind! Ich sehe bald keine mehr, die sich nicht vor mir neigen. Wir haben schon beinahe alle unsere Narren von Versailles bestraft; gewiß, man kann mir nichts vorwerfen; ich übe Wiedervergeltungsrecht an ihnen aus und behandle sie, wie sie mich auf den Rat der Königin Mutter behandeln lassen wollten. Der alte Schwätzer Bassompierre sowie der Mörder, der Marschall von Vitry, werden mit lebenslänglichem Gefängnis davonkommen, denn sie hatten für diese Strafe an mir gestimmt. Was den Marillac betrifft, der zum Tode riet, so behalte ich ihm denselben für den ersten Fehltritt vor und empfehle dir, Joseph, mich daran zu erinnern; man muß gegen jedermann gerecht sein. Es bleibt daher nur noch dieser Herzog von Bouillon aufrecht, der so stolz auf sein Sedan ist; er soll es aber schon zurückgeben. Es ist etwas Merkwürdiges um ihre Blindheit! Sie glauben alle, sich ungestört verschwören zu können, und sehen nicht, daß sie nur das Ende von Fäden umflattern, die ich in meiner Hand halte und zuweilen locker werden lasse, um ihnen Luft und Raum zu geben. Und haben die Hugenotten beim Tode ihres lieben Herzogs auch recht wie ein Mann geschrien?« »Weniger als bei der Geschichte von Loudun, die dennoch ein glückliches Ende genommen hat.« »Wie! Ein glückliches Ende? Ich hoffe doch, Grandier sei tot.« »Ja, eben das wollte ich damit sagen. Eure Eminenz darf zufrieden sein; alles war in vierundzwanzig Stunden abgetan; man denkt nicht mehr daran. Laubardemont hat nur die Unbesonnenheit gehabt, die Öffentlichkeit des Kriminalverfahrens zu gestatten, was einen kleinen Tumult veranlaßt hat; wir haben jedoch die Signalements der Ruhestörer, die man verfolgt.« »Gut, sehr gut. Urbain war ein Mann von zu großer Überlegenheit des Geistes, als daß er leben durfte; er neigte sich zum Protestantismus hin, und ich wette, er hätte sich zuletzt noch von der römischen Kirche losgesagt; sein Werk gegen das Zölibat der Priester brachte mich auf diese Vermutung, und bei Zweifeln, laß dir das gesagt sein, Joseph, ist es besser, den Baum umzuhauen, bevor die Frucht getrieben hat. Diese Hugenotten, siehst du, sind eine wahre Republik im Staate; würde sie in Frankreich einmal zur Majorität heranwachsen, so wäre die Monarchie verloren; sie würden irgend eine volkstümliche Regierung einführen, die von Dauer sein könnte.« »Und welch tiefen Schmerz sie täglich unserem heiligen Vater, dem Papst verursachen! ...« sagte Joseph. »Aha!« unterbrach ihn der Kardinal, »ich sehe dich kommen, du willst mich an die Hartnäckigkeit erinnern, mit der er dir den Kardinalshut vorenthält. Sei ruhig, ich werde heute noch mit dem neuen Gesandten darüber sprechen, den wir hinschicken. Der Marschall von Estrées wird bei seiner Ankunft erhalten, was seit zwei Jahren, wo wir dich zur Kardinalswürde bestimmt, herumgeschleppt wird; ich selbst beginne zu finden, daß der Purpur dir gut stehen würde, denn man sieht die Blutflecken nicht darauf.« Und beide begannen zu lachen, der eine wie ein Gebieter, der den gedungenen Meuchelmörder mit seiner ganzen Verachtung beladet, der andere wie ein allen Demütigungen, wodurch man zu steigen hofft, sich unterziehender Sklave. Während dieses Gelächters, das der blutige Scherz des alten Ministers erregt hatte, öffnete sich die Tür und ein Page trat mit der Meldung herein, daß soeben mehrere Kuriere von verschiedenen Punkten angekommen seien; Pater Joseph stand auf, stellte sich an die Wand, an die er sich gleich einer ägyptischen Mumie lehnte, und sein Gesicht drückte nur noch eine stupide Beschaulichkeit aus. Zwölf verschiedenartig gekleidete Boten traten einer nach dem anderen ein; einer schien ein schweizerischer Soldat, ein anderer ein Marketender, ein dritter ein Maurermeister; man ließ sie durch eine geheime Treppe und einen geheimen Gang in den Palast ein, und durch eine Tür, die derjenigen, durch die sie eingetreten waren, gegenüberlag, verließen sie das Kabinett, ohne sich begegnen und etwas von ihren Depeschen mitteilen zu können. Jeder von ihnen legte ein Paket zusammengerollter oder zusammengefalteter Papiere auf den großen Tisch, redete einen Augenblick mit dem Kardinal in einer Fenstervertiefung und entfernte sich. Schon beim Eintritt des ersten Boten war Richelieu rasch aufgestanden, und beflissen, alles eigenhändig zu tun, empfing er sie alle, hörte sie an und schloß immer in eigener Person die Ausgangstür hinter ihnen. Als der letzte abgegangen war, winkte er den Pater Joseph heran, und ohne zu reden, öffneten oder rissen vielmehr beide die Pakete mit den Depeschen auf und teilten sich dann mit ein paar Worten den Inhalt derselben mit. »Der Herzog von Weimar verfolgt seinen errungenen Vorteil; Herzog Karl ist geschlagen; unser General ist ziemlich gut gesinnt, er hat da ja treffliche Reden beim Mittagessen gehalten. Ich bin zufrieden.« »Der Herr Vicomte von Turenne hat die festen Plätze von Lothringen wieder eingenommen; hier folgen seine Privatunterredungen ...« »Ach, geh' über die weg, überschlag' die, sie können nicht gefährlich sein. Er wird stets ein guter und rechtschaffener Mann sein, der sich nicht in Politik mischt; wenn man ihm nur eine kleine Armee zur Verfügung stellt, mit der er, wie auf einem Schachbrett, schalten und walten darf, gleichviel gegen wen, so ist er zufrieden; wir werden stets sehr gute Freunde sein.« »Da dauert in England immer noch das lange Parlament fort. Die Gemeinen verfolgen ihr Projekt; in Irland sind Gemetzel vorgefallen ... Graf Strafford ist zum Tode verurteilt.« »Zum Tode! Wie abscheulich!« Es heißt da: Seine Majestät Karl I. hat nicht den Mut gehabt, das Urteil zu unterzeichnen, er hat jedoch vier Kommissäre ernannt ...« »Schwacher König, ich gebe dich auf. Du sollst kein Geld mehr von uns kriegen. Falle, da du undankbar bist! ... O, unglücklicher Wentworth!« Und eine Träne glänzte in Richelieus Augen; der nämliche Mann, der soeben mit dem Leben so vieler anderer gespielt, beweinte einen von seinem König aufgegebenen Minister. Die Ähnlichkeit dieser Lage mit der seinigen machte ihn betroffen, und in dem Fremden beweinte er sich selbst. Er hörte auf, die von ihm geöffneten Depeschen laut zu lesen, und sein Vertrauter ahmte ihm nach. Mit gewissenhafter Aufmerksamkeit durchlief er alle, auch die umständlichsten Berichte über die kleinsten und geheimsten Handlungen jeder nur ein wenig wichtigen Person: Berichte, die er seinen Nachrichten durch seine gewandtesten Spione immer beifügen ließ. Man heftete sie an die königlichen Depeschen an, die alle dem Monarchen eingehändigt und sorgfältig wieder zusammengefaltet werden mußten, um gereinigt und so, wie der Kardinal sie ihn lesen lassen wollte, an ihn zu gelangen. Die besonderen Noten wurden alle, sobald der Kardinal Kenntnis davon genommen hatte, von dem Pater verbrannt; jener schien indes nicht befriedigt und schritt schnell und mit Gebärden der Unruhe im Saale auf und nieder, als die Tür sich von neuem öffnete und ein dreizehnter Kurier eintrat. Dieser schien ein Knabe von kaum vierzehn Jahren zu sein; er hielt ein schwarzgesiegeltes Päckchen an den König unter dem Arme und überreichte dem Kardinal nur ein kleines Billett, auf dem ein verstohlener Blick Josephs nur vier Worte bemerken konnte. Der Herzog fuhr zusammen, zerriß es in tausend Stücke und sprach, sich zu dem Knaben herabbeugend, diesem ziemlich lange ins Ohr, ohne auf Antwort zu warten; alles, was Joseph hören konnte, waren die Worte, die der Kardinal dem Burschen noch zuflüsterte, als er ihm die Saaltür öffnete: » Merke dir's wohl, nicht vor Verlauf von zwölf Stunden !« Während dieser Zwischenzeit hatte sich Joseph beschäftigt, dem Blicke des Kardinals eine unsägliche Menge Schmähschriften aus Flandern und Deutschland, die dieser sehen wollte, wie bitter sie auch wären, zu entziehen. Der Minister heuchelte in dieser Beziehung eine Philosophie, die zu besitzen er weit entfernt war, und stellte sich zuweilen, um die Leute seiner Umgebung zu täuschen, als fände er, daß seine Feinde so ganz unrecht nicht hätten, und als lachte er über deren Spöttereien: allein die, welche seinen Charakter genauer kannten, entdeckten unter dieser scheinbaren Mäßigung eine tiefe Wut und wußten, daß er nicht zufrieden war, bis er das feindliche Buch oder Machwerk durch das Parlament hatte verurteilen lassen, als eine Injurie gegen den König in der Person seines Ministers, des erlauchten Kardinals , auf dem Greve-Platz verbrannt zu werden, und daß er nur bedauerte, den Verfasser nicht an der Stelle des Werkes zu sehen, welche Befriedigung er sich überdies verschaffte, so oft er konnte, wie es bei Urbain Grandier geschah. Auf solche Weise rächte er, ohne es sich selbst zu gestehen, seinen kolossalen Stolz, und arbeitete lange, zuweilen ein Jahr, daran, sich zu bereden, daß das Interesse des Staates dabei beteiligt sei. Geschickt, seine Privatangelegenheiten an die Frankreichs zu knüpfen, hatte er sich selbst zu überzeugen gewußt, daß das Land an den Wunden blute, die er empfange. Sorgfältig beflissen, in diesem Augenblick seine üble Laune nicht zu erwecken, schaffte Joseph daher folgende Bücher und Schriften beiseite: Politische Geheimnisse des Kardinals von La Rochelle ; ferner ein Buch, als dessen Verfasser man einen Münchener Mönch vermutete und das den Titel trug: Der Jetztzeit angepaßte Quodlibet-Fragen und blutige Ruchlosigkeit des Gottes Mars . Der ehrenwerte Advokat Aubery, der uns eine der getreusten Lebensgeschichten des allervortrefflichsten Kardinals geliefert hat, gerät beim bloßen Titel des ersten dieser Werke in Wut und ruft aus, der große Minister habe hinlänglich Grund gehabt, sich zu rühmen, daß seine Feinde, wider Willen von dem gleichen Enthusiasmus beseelt, welcher Bileams Eselin, Kaiphas und andere, die der Gabe der Weissagung noch unwürdiger schienen, zu Prophezeiungen veranlaßt hätte, ihn mit gutem Rechte Kardinal von La Rochelle nannten, da er drei Jahre später diese Stadt unter seine Botmäßigkeit brachte, gleichwie Scipio mit dem Beinamen: der Afrikaner belegt wurde, weil er diese Provinz unterjocht hatte . Es hätte wenig bedurft, so hätte Pater Joseph, der notwendigerweise die nämlichen Ansichten haben mußte, seine Entrüstung auch in den nämlichen Ausdrücken kundgegeben, denn er erinnerte sich mit Schmerz, welchen lächerlichen Anteil er selbst an der Belagerung von La Rochelle genommen, das, wenn es auch keine Provinz von Afrika war, sich dennoch erlaubt hatte, dem allervortrefflichsten Kardinal zu widerstehen, obwohl Joseph, der sich etwas auf seine Geschicklichkeit in der Belagerungskunst zugute tat, die Truppen durch eine Kloake in die Stadt zu bringen vermeint hatte. Er nahm sich jedoch zusammen und hatte gerade noch Zeit genug, die Schmähschrift in die Tasche seines braunen Rockes zu stecken, bevor der Minister seinen jungen Kurier verabschiedet hatte und von der Tür zum Tische zurückgekehrt war. »Abgereist, Joseph, abgereist!« sagte er. »Öffne diesem ganzen Hofe, der mich belagert, die Türen, und laß uns zu dem König eilen, der mich in Perpignan erwartet; diesmal halte ich ihn für immer.« Der Kapuziner entfernte sich, und bald kündeten die Pagen, die vergoldeten Flügeltüren öffnend, nacheinander die vornehmsten Herren jener Zeit an, die von dem König die Erlaubnis erhalten hatten, ihn zu verlassen, um dem Minister ihre Aufwartung zu machen; einige sogar waren unter dem Vorwande von Krankheit oder Dienstangelegenheiten früher abgereist, um nicht die letzten in dessen Vorzimmer zu sein, und so befand sich der traurige Monarch beinahe so vereinsamt, wie andere Könige sich gewöhnlich erst auf ihrem Sterbebette sehen; allein in den Augen des Hofes schien der Thron sein Sterbelager, seine Regierung ein beständiger Todeskampf und sein Minister ein drohender Nachfolger zu sein. Zwei Pagen aus den besten Häusern Frankreichs hielten sich am Eingange des Saales auf, wo Türsteher einen jeden ankündigten. Alle hatten im Vorzimmer den Pater Joseph angetroffen. Immerfort in seinem Lehnstuhl sitzend, blieb der Kardinal bei der Ankunft der meisten Höflinge unbeweglich, machte gegen die vornehmsten unter ihnen eine leichte Verbeugung mit dem Kopfe und half sich nur bei den Prinzen mit seinen beiden Armen ein wenig auf; jeder Höfling trat mit einer tiefen Verneigung vor ihn hin und erwartete, in der Nähe des Kamins vor ihm stehen bleibend, daß er ihn anreden würde; je nach dem Winke des Kardinals schritt er dann entweder längs des Saales hin, um sich durch eben die Tür, durch die er eingetreten war, zu entfernen, verweilte dann einen Augenblick bei der Begrüßung des Paters Joseph, der seinem Gebieter nachäffte und dem man deswegen den Beinamen der grauen Eminenz gegeben hatte, und verließ endlich den Palast, oder er stellte sich, wenn der Minister ihn dazu aufforderte, was eine der größten Gunstbezeigungen war, hinter den Lehnstuhl desselben. Dieser ließ anfangs einige unbedeutende Personen und viele unbrauchbare Verdienste an sich vorbeigehen und hielt diese Prozession erst beim Marschall von Estrées an, der vor seiner Abreise auf den Gesandtschaftsposten nach Rom sich bei ihm verabschieden wollte; alle Nachfolgenden wurden dadurch im Vorrücken gehemmt. Diese Bewegung war für die im Vorzimmer Befindlichen das Zeichen, daß sich eine längere Unterhaltung anknüpfe, worauf Pater Joseph erschien und mit dem Kardinal einen Blick wechselte, der einerseits zu sagen schien: Erinnern Sie sich des soeben gegebenen Versprechens, und andererseits: Seien Sie ruhig! Der gewandte Kapuziner ließ zugleich seinen Gebieter unter seinem Arme eines seiner Opfer erblicken, das er zu einem lenksamen Werkzeuge heranbildete; es war ein junger Edelmann, der einen sehr kurzen grünen Mantel, eine Weste von derselben Farbe, rote, sehr enge Beinkleider mit glänzenden, goldenen Kniebändern, kurz, die Kleidung der Pagen Monsieurs trug. Pater Joseph unterrichtete ihn gut im geheimen, aber nicht im Sinne des Kardinals; sein Bestreben war, zu dessen Höhe zu gelangen; und so bereitete er sich für den Fall der Abtrünnigkeit des Premierministers andere Einverständnisse vor. »Sagen Sie Monsieur, daß er dem Schein nicht trauen solle und daß er keinen getreueren Diener als mich habe. Der Kardinal fängt an abzunehmen, und ich halte es für Gewissenspflicht, denjenigen, der während der Minorität die königliche Gewalt erben könnte, von seinen Fehlern zu benachrichtigen. Sagen Sie Ihrem großen Prinzen, um ihm einen Beweis meiner Aufrichtigkeit zu geben, daß man Puy-Laurens, der ihm ergeben ist, verhaften will, und daß er ihn verbergen lassen möge, sonst steckt ihn der Kardinal ebenfalls in die Bastille.« Während der Diener auf solche Weise den Herrn verriet, blieb auch der Herr nicht zurück und verriet den Diener. Bei seiner Eigenliebe und einer Art Hochachtung für alles mit der Kirche Zusammenhängende war dem Kardinal die Idee, den elenden Agenten mit dem nämlichen Hute, der für ihn eine Krone war, bedeckt zu sehen, äußerst peinlich. Er sagte daher halblaut zum Marschall von Estrées: »Es ist nicht nötig, Urban VIII. länger zugunsten dieses Kapuziners dort unten zu behelligen; es ist hinreichend, daß Se. Heiligkeit ihn zur Kardinalswürde zu designieren geruhte, wir begreifen den Widerwillen des heiligen Vaters, diesen Bettler mit dem römischen Purpur zu bekleiden.« Dann von diesem Punkte auf allgemeinere Dinge übergehend, fuhr er fort: »Ich weiß wahrhaftig nicht, was den heiligen Vater gegen uns erkälten kann; was haben wir getan, das nicht zum Ruhm unserer heiligen Mutter, der katholischen Kirche, geschehen wäre? Ich selbst habe die erste Messe in La Rochelle gelesen, und Sie sehen mit eigenen Augen, Herr Marschall, daß unser Kleid überall, selbst in Ihren Armeen ist, da der Kardinal von La Vallette noch vor kurzem in der Pfalz ruhmvoll befehligt hat.« »Und noch vor kurzem zu einem hübschen Rückzug gezwungen ward«, sagte der Marschall mit einer leichten Betonung des Wortes Rückzug . Ohne auf diese kleine, vom Handwerksneid eingegebene Bemerkung zu achten, hob der Minister mit lauter Stimme wieder an: »Gott hat uns einen deutlichen Fingerzeig gegeben, daß er nicht verschmähe, seinen Priestern den Siegesgeist zu verleihen, denn der Herzog von Weimar hat bei der Eroberung Lothringens nicht kräftiger mitgeholfen als dieser fromme Kardinal, und nie ward eine Kriegsflotte besser befehligt als die bei La Rochelle durch unseren Erzbischof von Bordeaux.« Man wußte, daß der Minister in diesem Augenblick gegen diesen Prälaten, dessen Hochmut so groß und dessen Unverschämtheit so häufig waren, daß er in Bordeaux in zwei sehr unangenehme Geschichten verwickelt wurde, ziemlich erbittert war. Vor vier Jahren hatte ihn nämlich der Herzog von Epernon, damals Gouverneur der Guyenne, begleitet von all seinen Edelleuten und seinen Truppen, angetroffen, als er bei einer Prozession inmitten seiner Geistlichkeit einherschritt, ihn einen Unverschämten geheißen und ihm zwei tüchtige Stockprügel aufgemessen, infolgedessen der Erzbischof ihn exkommunizierte; und ungeachtet dieser Lektion hatte er erst kürzlich wieder einen Streit mit dem Marschall von Vitry gehabt, von dem er zwanzig Hiebe mit seinem Stocke oder Stockprügel, wie Sie lieber wollen, empfing , schrieb der Kardinal-Herzog dem Kardinal von La Vallette, und ich glaube, er wird noch ganz Frankreich voll Exkommunizierter machen . Wirklich exkommunizierte er dann auch den Stock des Marschalls, indem er sich erinnerte, daß der Papst den Herzog von Epernon damals gezwungen hatte, bei ihm Abbitte zu tun; Vitry aber, der den Marschall von Ancre hatte ermorden lassen, stand sich deshalb viel zu gut am Hofe, und der Erzbischof blieb geprügelt und erhielt noch obendrein einen Verweis von dem Minister. Herr von Estrées dachte daher ziemlich richtig, daß in der Art und Weise, wie der Kardinal die kriegerischen und seemännischen Talente des Erzbischofs rühmte, ein wenig Ironie liegen möchte, und antwortete ihm mit unverwüstlichem Gleichmute: »In der Tat, Ew. Gnaden, niemand kann sagen, daß er zur See geschlagen worden sei.« Se. Eminenz konnte sich eines Lächelns nicht erwehren; als er aber sah, daß der Eindruck dieses Lächelns andere und Geflüster und Vermutungen in dem Saale hatte entstehen lassen, verfiel er augenblicklich wieder in seinen gemessenen Ernst und sagte, den Marschall vertraulich beim Arm fassend: »Gut, gut, mein Herr Gesandter, Sie haben allezeit schlagfertige Antworten. Mit Ihnen würde ich weder den Kardinal Albornos, noch alle Borgia der Welt, noch selbst die Anstrengungen ihres Spaniens bei dem heiligen Vater fürchten.« Und indem er ringsumher schaute, als wolle er sich an die schweigsame und von ehrerbietiger Scheu gefesselte Versammlung wenden, fuhr er mit lauter Stimme fort: »Ich hoffe, man werde uns nicht mehr, wie ehemals geschah, verfolgen, weil wir mit einem der größten Männer unserer Zeit ein billiges Bündnis geschlossen haben; doch Gustav Adolf ist tot, der katholische König wird keinen Vorwand mehr haben, um die Exkommunikation des allerchristlichsten Königs anzuhalten. Sind Sie nicht auch meiner Meinung, mein lieber Herr?« sagte er, an den sich nähernden Kardinal La Vallette gewandt, der zum Glück nichts von dem gehört hatte, was auf seine Rechnung gesprochen worden war. »Herr von Estrées, bleiben Sie bei unserem Lehnstuhl; wir haben Ihnen noch vieles zu sagen und Sie sind bei unserer Unterhaltung keineswegs überflüssig, denn wir haben keine Geheimnisse; unsere Politik ist eine offenherzige und am Tag liegende, das Interesse Seiner Majestät und des Staates, das ist alles.« Der Marschall machte eine tiefe Verbeugung, stellte sich hinter den Stuhl des Ministers und ließ seinen Platz dem Kardinal von La Vallette, der unter unaufhörlichen Kniebeugungen sich in Schmeicheleien ergoß und, als wolle er die Unbeugsamkeit seines Vaters, des Herzogs von Epernon, sühnen, dem Kardinal Ergebenheit und völligen Gehorsam schwur, doch ihm auch nur einige unbedeutende Worte in einer zerstreuten und teilnahmlosen Unterhaltung abgewinnen konnte, während welcher der Minister unablässig und mit gespannter Erwartung, wer wohl nach ihm eintreten möchte, nach der Tür blickte. Ja, er hatte sogar den Verdruß, sich im schmeichelhaftesten Moment seiner honigreichen Rede barsch von ihm unterbrochen zu sehen, indem Richelieu rief: »Ach, da sind Sie endlich, mein lieber Fabert! Wie sehnte ich mich, Sie zu sehen, um mit Ihnen die Belagerung zu besprechen!« Der General verbeugte sich mit barschem und ziemlich linkischem Wesen gegen den Kardinal-Generalissimus und stellte ihm die vom Feldzug mit ihm gekommenen Offiziere vor; er sprach dann einige Zeit von den Operationen bei der Belagerung, und der Kardinal schien ihm einigermaßen den Hof zu machen, um ihn vorzubereiten, später auf dem Schlachtfelde selbst seine Befehle zu empfangen; er redete auch mit den ihn begleitenden Offizieren, indem er sie bei ihren Namen nannte und Fragen über den Feldzug an sie lichtete. Sie traten dann alle zur Seite, um den Herzog von Angoulême herankommen zu lassen; nachdem dieser Valois gegen Heinrich IV. gekämpft hatte, huldigte er Richelieu. Er hielt um eine Kommando an, das er bei der Belagerung von La Rochelle nur in dritter Linie gehabt hatte. Ihm folgte der junge Mazarin, der stets geschmeidig und einnehmend, aber schon voller Vertrauen auf sein Glück war. Nach diesem erschien der Herzog von Halluin; der Kardinal unterbrach die Komplimente, die er an dessen Vorgänger gerichtet, um ihm zuzurufen: »Herr Herzog, ich künde Ihnen an, daß der König zu Ihren Gunsten das Amt eines Marschalls von Frankreich geschaffen hat; Sie werden sich ›Schomberg‹ unterzeichnen, nicht wahr? In dem durch Sie befreiten Leucate, so denkt man. Doch um Verzeihung, da ist Herr von Montauron, der mir ohne Zweifel etwas Wichtiges zu sagen hat.« »Ach, mein Gott, nein, Ew. Gnaden, ich wollte Ihnen nur sagen, daß der arme junge Mensch, den Sie als in Ihrem Dienste zu betrachten geruhen, Hungers sterben muß.« »Ach, wie, Sie sprechen mir in diesem Moment von solchen Dingen! Ihr kleiner Corneille kann nichts Rechtes machen; wir haben bis jetzt nur den Cid und die Horazier von ihm gesehen; er soll arbeiten, er soll arbeiten, man weiß, daß er in meinen Diensten ist, das ist für mich selbst unangenehm. Doch da Sie sich für ihn interessieren, so will ich ihm eine Pension von fünfhundert Talern auf meine Privatkasse anweisen.« Entzückt über die Freigebigkeit des Ministers entfernte sich der Schatzmeister der Ersparnisse, nachdem jener noch die Zueignung » Cinas «, worin der große Corneille Richelieus Seele mit der des Augustus vergleicht und ihm dankt, einigen Musen Almosen gespendet zu haben, ziemlich gnädig aufgenommen hatte. Gestört durch solche Überlästigkeit, stand der Minister auf mit der Äußerung, daß der Vormittag bereits weit vorgeschritten und es Zeit sei, zum Könige abzureisen. In eben diesem Augenblick, als gerade die vornehmsten Herren sich näherten, um ihm beim Gehen behilflich zu sein, trat ein Mann im Gewande des Maître des Requêtes gegen ihn vor und verneigte sich mit einem prahlerischen und vertraulichen Lächeln, das alle diese an die große Welt gewöhnten Personen in Erstaunen setzte und das zu sagen schien: Wir haben Heimlichkeiten miteinander; ihr werdet sehen, wie er sich gütig gegen mich bezeigen wird; ich bin in seinem Kabinett zu Hause . Sein schwerfälliges und linkisches Wesen verriet überdies eine auf einer sehr niedrigen Stufe der Bildung stehende Person: es war Laubardemont. Richelieu runzelte die Stirn, als er diesen Mann sich gegenüberstehen sah, und schleuderte Joseph einen flammenden Blick zu; dann wandte er sich an die Umstehenden und sagte mit bitterem Lächeln: »Sollte sich irgend ein Verbrecher unter uns befinden?« Mit diesen Worten wandte ihm der Kardinal den Rücken, ließ ihn, röter als sein Purpurmantel, stehen, folgte der Menge, die ihn sowohl zu Wagen als zu Pferde begleiten sollte, und stieg die Treppe des erzbischöflichen Palastes hinab. Das Volk von Narbonne und seine Behörden sahen diese königliche Abreise mit Erstaunen. Der Kardinal bestieg allein eine große und geräumige viereckige Sänfte, in der er, da seine Gebrechlichkeit ihm nicht erlaubte zu fahren oder den ganzen Weg zu Pferde zurückzulegen, nach Perpignan reisen sollte. Diese Art nomadisierenden Zimmers enthielt ein Bett, einen Tisch und einen kleinen Stuhl für einen Pagen, der schreiben oder ihm vorlesen mußte. Diese mit purpurfarbenem Damast überzogene Maschine wurde von achtzehn Männern getragen, die sich von Stunde zu Stunde ablösten; sie waren aus seiner Leibwache gewählt und verrichteten diesen Ehrendienst nur mit entblößtem Haupte, wie stark auch die Hitze oder der Regen sein mochten. Der Herzog von Angoulême, die Marschälle von Schomberg und von Estrées, Fabert und andere Würdenträger ritten neben der Sänfte her; als die Dienstbeflissensten zeigten sich der Kardinal von La Vallette und Mazarin, sowie Chavigny und der Marschall von Vitry, der, wie es hieß, die Bastille, mit der er bedroht war, zu vermeiden suchte. Zwei Wagen mit den Sekretären, den Ärzten und dem Beichtvater des Kardinals folgten, dann kamen acht vierspännige Kutschen mit seinen Edelleuten und vierundzwanzig Maultiere mit dem Gepäck; zweihundert Musketiere zu Fuß marschierten zu beiden Seiten; seine Gardereiter und seine Reiterei, lauter Edelleute, ritten auf prächtigen Pferden diesem Zuge voran und hintennach. In einem solchen Aufzuge erreichte der Premierminister in wenigen Tagen Perpignan; der Umfang der Sänfte nötigte bisweilen, die Wege erweitern und hie und da Mauern von Städten und Dörfern , wo sie nicht Raum genug zum Einzug hatte, niederreißen zu lassen, so daß, sagen voll aufrichtiger Bewunderung dieses Luxus die Verfasser der damaligen Zeitschriften, so daß es schien, als halte ein Eroberer seinen Einzug durch die Bresche . Vergeblich haben wir mit großem Fleiße nach einem Manuskript der Eigentümer oder Bewohner der Häuser, die sich bei seinem Durchzuge öffneten, geforscht, um die nämliche Bewunderung darin ausgedrückt zu finden; wir gestehen, daß wir kein solches aufzufinden imstande waren. Achtes Kapitel. Die Zusammenkunft Das prunkvolle Gefolge des Kardinals war beim Eingang in das Lager angekommen, alle unter Waffen stehenden Truppen hatten sich in schönster Ordnung aufgestellt, und unter abwechselnden Kanonensalven und der Musik jedes Regiments zog die Sänfte an langen Spalieren von Kavallerie und Infanterie vorüber, die sich vom ersten Zelte an bis zu dem des Ministers, das unweit des königlichen Quartiers aufgeschlagen war und sich schon von weitem durch den daran aufgewendeten Purpur erkennen ließ, erstreckten. Jeder Anführer eines Korps erhielt ein freundliches Zeichen oder ein Wort von dem Kardinal, der, endlich in seinem Zelte angekommen, sein Gefolge verabschiedete und sich, der Stunde harrend, wo er sich dem Könige vorstellen durfte, darin einschloß. Indes hatte sich vor ihm schon jede Person seines Gefolges dorthin begeben, und alle warteten, ohne das königliche Zelt zu betreten, unter langen, mit gestreiftem Zwilch bedeckten Galerien, welche die Zugänge zu dem Könige bildeten. Die Höflinge alle trafen sich hier und spazierten gruppenweise auf und nieder, grüßten sich und reichten sich die Hand oder schauten sich je nach ihren Interessen oder den Herren, denen sie angehörten, hochmütig an. Andere flüsterten geraume Zeit unter sich und gaben durch Zeichen des Erstaunens, des Vergnügens oder der übeln Laune zu erkennen, daß etwas Außerordentliches vorgefallen sei. Unter tausend anderen erhob sich auch in einer Ecke der Hauptgalerie ein sonderbares Zwiegespräch. »Darf ich wissen, Herr Abbé, weshalb Sie mich mit so dreisten Blicken verfolgen?« »Parbleu! Herr von Launan, weil ich auf Ihr Tun begierig bin. Alle Welt verläßt Ihren Kardinal-Herzog seit Ihrer Reise nach der Touraine; Sie denken nicht daran; so reden Sie doch einen Augenblick mit den Leuten Monsieurs oder der Königin; Sie sind nach der Uhr des Kardinals von La Vallette, der soeben Rochepot und allen Edlen des seligen Grafen von Soissons, den ich mein Leben lang beweinen werde, die Hand gereicht hat, um zehn Minuten zu spät.« »Ganz gut, Herr von Gondi, ich verstehe Sie hinlänglich, Sie erweisen mir hiermit die Ehre, eine Herausforderung an mich zu richten.« »Ja, Herr Graf«, entgegnete der junge Abbé, sich mit der Gravität jener Zeit verneigend; »ich suchte die Gelegenheit, Sie im Namen des Herrn von Attichi, meines Freundes, mit dem Sie in Paris einen kleinen Handel hatten, herauszufordern.« »Herr Abbé, ich stehe zu Ihren Befehlen, ich will meine Sekundanten suchen, suchen Sie die Ihren.« »Also zu Pferde, auf Degen und Pistolen, nicht wahr?« fügte Gondi mit derselben Miene, als wolle er eine Landpartie anordnen, hinzu, indem er den Ärmel seines Leibrockes mit den Fingern vom Staube reinigte. »Wie's Ihnen Vergnügen macht«, entgegnete der andere. Und sie trennten sich für einen Augenblick mit großer Höflichkeit und unter tiefen Bücklingen. Eine glänzende Menge junger Edelleute schritt in der Galerie neben ihnen auf und ab. An diese machten sie sich, um ihre Freunde zu suchen. Die ganze Eleganz der Kostüme jener Zeit ward diesen Vormittag vom Hofe zur Schau getragen; allein die kleinen Mäntel von allen Farben in Samt und Atlas, mit Gold oder Silber gestickt, St. Michaels- und Heiligengeist-Kreuze, die Krausen, die zahlreichen Federn auf den Hüten, die goldenen Nestel, die Ketten, an denen die langen Degen herabhingen, alles dies glänzte und funkelte noch weniger als die feurigen Blicke dieser kriegerischen Jugend, als ihre lebhaften Gespräche, ihre geistreichen Scherze und ihr helles Gelächter. In Mitte dieser Versammlung wandelten langsam ernste Personen und vornehme, von ihren zahlreichen Edeln begleitete Herren hin und her. Der kleine Abbé von Gondi, der sehr kurzsichtig war, durchschritt die Menge mit gerunzelter Stirn und halbgeschlossenen Augen, um besser zu sehen, während er seinen Schnurrbart, denn die Geistlichen trugen damals solche, kühn in die Höhe schob. Er schaute jedem unter die Nase, um seine Freunde zu erkennen, und hielt endlich einen jungen, hochgewachsenen und von Kopf bis zu Füßen schwarzgekleideten Mann, dessen Degen sogar von ganz schwarz bronziertem Stahl war, an. Dieser schwatzte eben mit einem Gardekapitän, als der Abbé von Gondi ihn beiseite zog. »Herr von Thou«, redete er ihn an, »ich bedarf Ihrer in Zeit einer Stunde als Sekundanten bei einem Duell zu Pferde, auf Degen und Pistolen; wenn Sie mir diese Ehre erweisen wollten ...« »Mein Herr, Sie wissen, daß Sie in allen Fällen auf meine Dienste rechnen dürfen. Wo finden wir uns?« »Vor dem spanischen Bollwerk, wenn es Ihnen gefällig ist.« »Sie entschuldigen, wenn ich zu einer Unterhaltung zurückkehre, die mich sehr interessiert; ich werde mich pünktlich einfinden.« Und von Thou verließ ihn, um sich wieder zu seinem Kapitän zu gesellen. Er hatte alles dieses mit ungemein sanfter Stimme, unveränderlichem Gleichmut und selbst mit einiger Zerstreuung gesprochen. Der kleine Abbé drückte ihm mit lebhafter Befriedigung die Hand und setzte sein Suchen fort. Es ward ihm nicht so leicht, mit den anderen jungen Herren, an die er sich wandte, den Handel zu schließen, denn sie kannten ihn besser als der junge von Thou, und wenn sie ihn von weitem kommen sahen, so suchten sie ihm auszuweichen oder lachten ihn seines Vorhabens halber aus und machten sich nicht anheischig, ihm dabei zu dienen. »Ei, Abbé, schon wieder im Suchen begriffen; ich wette, Sie brauchen einen Sekundanten?« sagte der Herzog von Beaufort. »Und ich, ich wette«, fügte Herr von La Rochefoucauld hinzu, »daß es einem Anhänger des Kardinal-Herzogs an den Leib geht.« »Sie haben beide recht, meine Herren, doch seit wann lachen Sie über Ehrensachen?« »Da sei Gott vor«, entgegnete Herr von Beaufort; »Männer des Degens, wie wir, zollen Terzen, Quarten und Oktaven unsere volle Hochachtung; wie sich aber der Priesterrock dabei gebärdet, weiß ich nicht.« »Pardieu, mein Herr, Sie wissen wohl, daß er mir die Faust nicht hemmt, und das will ich einem jeden beweisen, der dazu Lust hat. Übrigens geht mein ganzes Streben dahin, diese Kutte an den Nagel zu hängen.« »Sie schlagen sich also so oft, um bald mit ihr fertig zu werden?« entgegnete La Rochefoucauld. »Doch erinnern Sie sich, mein lieber Abbé, daß Sie eine Verbindlichkeit haben.« Gondi wandte sich um und schaute nach einer Wanduhr, denn er wollte keine Zeit mehr mit üblen Scherzen verlieren; er hatte jedoch auch anderswo nicht besseren Erfolg, denn als er zwei Edelleute der jungen Königin, die er verstimmt über den Kardinal und demzufolge glücklich glaubte, sich mit einer von dessen Kreaturen messen zu können, für die Dienstleistung angesprochen hatte, antwortete ihm der eine von ihnen sehr ernsthaft: »Herr von Gondi, Sie wissen, was soeben vorgegangen ist; der König hat sich laut geäußert: Unser herrschsüchtiger Kardinal möge nun wollen oder nicht, so soll die Witwe Heinrichs des Großen nicht länger in der Verbannung leben. – Herrschsüchtig , Herr Abbé, merken Sie das? Eine so starke Äußerung hat sich der König noch nie über ihn erlaubt. Herrschsüchtig ! das zeugt ja von völliger Ungnade. Wahrlich, niemand wird mehr wagen mit ihm zu sprechen; er wird gewiß noch heute den Hof verlassen.« »Das hab' ich gehört, mein Herr; doch ich habe eine Ehrensache ...« »Das ist ein Glück für Sie, den er so gewaltsam in der Laufbahn aufhielt.« »Eine Ehrensache ...« »Wo hingegen Mazarin für Sie ist ...« »Aber wollen Sie mir denn Gehör schenken oder nicht?« »Ach, ob er für Sie gestimmt sei! Ihre Abenteuer wollen ihm nicht aus dem Kopf, besonders Ihr hübsches Duell mit Herrn von Coutenan, und die schöne kleine Nadlerin; er hat sogar mit dem Könige darüber gesprochen. Doch jetzt adieu, lieber Abbé, wir sind sehr beeilt: adieu, adieu ...« Und den Arm seines Freundes wieder ergreifend, eilte der junge Hohnnecker, ohne ein Wort weiter hören zu wollen, durch die Galerie und verlor sich in der Menge der Umherwandelnden. Der arme Abbé blieb daher höchst gekränkt, keinen Sekundanten finden zu können, stehen und schaute traurig, wie sich die Menge verlief und an der Uhr die Stunde verstrich, als er einen ihm unbekannten jungen Edelmann mit düsterer Miene und den Ellbogen auf einen Tisch gestützt in einer Ecke sitzen sah; er trug Trauerkleider, die nicht schließen ließen, daß er der Angehörige eines großen Hauses oder eines Korps sei; und da er ohne Ungeduld den Augenblick zu erharren schien, wo er bei dem Könige würde eintreten können, schaute er die Umstehenden mit gleichgültiger Miene an und schien ihnen weder eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen noch einen unter ihnen zu kennen. Ihn erschauend, redete Gondi den jungen Mann ohne Zögern mit den Worten an: »Mein Herr, ich habe eigentlich nicht die Ehre, Sie zu kennen, allein ein Gang mit den Waffen kann einem jungen Manne von guter Lebensart nie mißfallen; und wollen Sie mein Sekundant sein, so sind wir in einer Viertelstunde auf der Wiese. Ich bin Paul von Gondi und habe Herrn von Launay gefordert, der ein Anhänger des Kardinals, im übrigen aber ein ganz artiger Mann ist.« Ohne über diese Anrede zu erstaunen, antwortete ihm der Unbekannte mit unveränderter Haltung: »Und wer sind seine Sekundanten?« »Das weiß ich meiner Treu nicht; doch was kann Ihnen daran liegen, wer ihm diesen Dienst erweisen will? Man steht mit seinen Freunden nicht schlechter, wenn man ihnen auch ein wenig mit der Degenspitze auf den Leib gerückt ist.« Der Fremde lächelte nachlässig, fuhr einen Augenblick mit der Hand durch seine langen kastanienbraunen Haare und erwiderte endlich gleichgültig, indem er auf eine große, runde, an seinem Gürtel hängende Uhr schaute: »In der Tat, mein Herr, da ich nichts Besseres zu tun und keine Freunde hier habe, so folge ich Ihnen; ob ich dies oder jenes tue ist mir einerlei.« Und seinen breiten, mit schwarzen Federn geschmückten Hut vom Tische nehmend, folgte er langsam dem kriegerischen Abbé, der schnell vor ihm herging, dann wie ein Kind, das seinem Vater vorausläuft, oder wie ein junger Hund, der seinem Gebieter voranspringt und zwanzigmal zurückkehrt und immer wieder fortspringt, stets zurückkam und ging und wieder kam, um ihn zur Eile zu treiben. Indessen öffneten zwei in die königliche Livree gekleidete Türsteher die großen Vorhänge, welche die Galerie von dem Zelte des Königs trennten, und Stille erfolgte überall. Man begann der Reihe nach langsam in die zeitweilige Wohnung des Königs einzutreten. Er empfing seinen ganzen Hof gnädig und war die erste Person, die sich den Blicken der Eintretenden zeigte. Vor einem sehr kleinen, mit vergoldeten Lehnstühlen umgebenen Tische stand König Ludwig XIII. im Kreise der ersten Offiziere der Krone; seine Kleidung war äußerst elegant, eine Art isabellfarbenes Wams, dessen offene Ärmel mit blauen Nesteln und Schleifen verziert waren, reichte ihm bis an die Hüfte. Die weiten und faltigen Beinkleider gingen nur bis an die Knie und ihr gelb und rot gestreifter Stoff war unten ebenfalls mit blauen Bändern ausgeschmückt. Seine Stiefel, die kaum mehr als drei Finger breit über die Fußknöchel reichten, waren mit einer solchen Menge von Spitzen ausgefüttert und waren so weit, daß sie, wie ein Gefäß Blumen trägt, seine Füße zu tragen schienen. Ein kleiner blauer Samtmantel, auf dem man das Heiligengeistkreuz gestickt sah, bedeckte des Königs linken Arm, der auf seinen Degenknopf gestützt war. Sein Haupt war entblößt, so daß man sein blasses, edles, von der durch die Öffnung des Zeltes eindringenden Sonne beleuchtetes Antlitz vollkommen sehen konnte. Der kleine spitze Bart, den man dazumal trug, machte die Magerkeit seines Gesichts noch auffallender, verstärkte aber auch den melancholischen Ausdruck desselben an seiner hohen Stirn; an seinem antiken Profil, an seiner Adlernase erkannte man den Prinzen aus dem hohen Stamme der Bourbons; er hatte von seinen Ahnen, mit Ausnahme des kräftigen Blickes, alles geerbt; seine Augen jedoch schienen von Tränen gerötet und von einem ewigen Schlummer umschleiert oder das Unsichere seines Blickes lieh ihm ein etwas verstörtes Aussehen. Er tat in diesem Augenblick, als versammle er die größten Feinde des Kardinals um sich, den er jede Minute erwartete, und hörte sie mit Aufmerksamkeit an, indem er sich immer abwechselnd auf einem Fuße wiegte, was eine ererbte Gewohnheit in seiner Familie war; er sprach ziemlich schnell, unterbrach sich jedoch oft, um die tiefe Verbeugung der an ihm Vorübergehenden mit einem gnädigen Kopfnicken oder einer Handbewegung zu beantworten. Zwei Stunden lang währte diese Aufwartung, ohne daß der Kardinal erschien; der ganze Hof stand in dichten Haufen hinter dem Könige und in den Zeltgalerien, die sich hinter dem königlichen Zelte ausdehnten, und schon begannen die Namen der Höflinge in längeren Zwischenräumen angekündigt zu werden. »Werden wir unseren Vetter, den Kardinal, nicht sehen?« fragte der König, sich gegen Herrn von Montrésor, den Edelmann Monsieurs, mit einem Blicke umwendend, der diesen gleichsam zu einer Antwort ermutigen sollte. »Sire, man hält ihn in diesem Augenblick für sehr krank«, erwiderte dieser. »Und dennoch sehe ich seine Herstellung nur durch Eure Majestät möglich gemacht«, sagte der Herzog von Beaufort. »Wir heilen nur Kröpfe«, entgegnete der König, »und die Übel des Kardinals sind immer so mysteriöser Art, daß wir gestehen müssen, uns nicht darauf zu verstehen.« Auf solche Weise versuchte der König seinem Minister in dessen Abwesenheit zu trotzen, indem er in Scherzreden die Kräfte sammelte, sein unerträgliches, aber so schwer zu lösendes Joch leichter zu brechen. Er hielt sein Vorhaben für beinahe gelungen und wünschte sich, bestärkt durch die freudigen Mienen seiner ganzen Umgebung, innerlich schon Glück, die oberste Gewalt wieder an sich gebracht zu haben, indem er sich zugleich der Kraft freute, die er in so hohem Grade zu besitzen wähnte. Zwar sagte ihm eine unwillkürliche Angst im Grunde seines Herzens, daß nach Verlauf dieser Stunde die ganze Bürde des Staates auf ihn allein zurückfallen werde; er suchte indes durch vieles Reden diesen lästigen Gedanken zu übertäuben, und sich selbst die geheime Ahnung seiner Untüchtigkeit zur Regierung nicht eingestehend, ließ er seine Einbildungskraft nicht länger bei dem Erfolge der Unternehmungen verweilen, indem er sich auf solche Weise zwang, die beschwerlichen Wege zu vergessen, die dahin führen können. So folgten sich daher die Reden rasch auf seinen Lippen. »Wir werden Perpignan bald nehmen«, rief er von weitem Fabert zu. »Wohlan, Kardinal, Lothringen ist unser«, fügte er, an La Vallette gewandt, hinzu. Und Mazarins Arm ergreifend: »Nicht wahr, es ist doch so schwierig nicht, wie man glaubt, ein ganzes Königreich zu leiten?« Der Italiener, welcher der Ungnade, in die der Kardinal gefallen war, noch nicht so ganz traute, wie die Mehrzahl der Höflinge, antwortete, ohne sich zu kompromittieren: »Ach, Sire, die letzten glücklichen Erfolge, die sowohl von innen als von außen Ew. Majestät zuteil wurden, beweisen hinlänglich, wie geschickt Sie alles zu leiten und Ihre Werkzeuge zu wählen wissen, auch ...« Der Herzog von Beaufort aber unterbrach ihn mit jener Zuversichtlichkeit, jener lauten Stimme und jener Miene, die ihm in der Folge den Beinamen des Wichtigen erwarben, und rief über seinen Kopf weg: »Pardieu, Sire, man muß nur wollen; eine Nation läßt sich mit Sporen und Zügel leiten wie ein Pferd, und da wir alle tüchtige Kavaliere sind, so darf man nur unter uns wählen.« Dieser hübsche Ausfall des Laffen hatte nicht Zeit seine Wirkung zu tun, denn zwei Türsteher riefen zugleich: »Seine Eminenz!« Der König errötete unwillkürlich, als wäre er auf frischer Tat eines Verbrechens betroffen worden. Indem er jedoch schnell wieder einige Festigkeit gewann, nahm er ein stolzes und entschlossenes Wesen an, das dem Minister nicht entging. Mit dem ganzen Pomp des Kardinalkostüms bekleidet, schritt dieser, auf zwei junge Pagen gestützt und von seinem Gardekapitän und mehr als fünfhundert seinem Hause angehöriger Edeln begleitet, langsam gegen den König vor, indem er bei jedem Schritt anhielt, als ob seine Schmerzen ihn dazu nötigten, doch in der Tat nur, um die vor ihm befindlichen Physiognomien zu beobachten. Ein Blick auf sie genügte ihm. Sein Gefolge blieb am Eingange des königlichen Zeltes, und von allen den darin Befindlichen besaß nicht einer die Zuversicht, sich gegen ihn zu verbeugen oder einen Blick auf ihn zu werfen; La Vallette sogar stellte sich, als sei er von der Unterhaltung mit Montrésor ganz in Anspruch genommen, und der König, der sich vorgenommen hatte, den Minister schlecht zu empfangen, grüßte ihn nur leichthin und setzte sein leises Zwiegespräch mit dem Herzog von Beaufort fort. Der Kardinal sah sich daher nach der ersten Begrüßung gezwungen, stille zu stehen und in die Reihe der Höflinge zu treten, als hätte er sich unter sie mischen wollen; seine Absicht war jedoch, sie einer näheren Prüfung zu unterwerfen. Sie wichen alle zurück, als hätten sie einen Aussätzigen gesehen; Fabert allein trat mit dem ihm eigenen freimütigen und barschen Wesen zu ihm heran und redete ihn mit den Ausdrücken seines Handwerkes an: »Ei, gnädiger Herr! Sie machen ja gleich einer Kanonenkugel eine Bresche in diese Reihen; ich bitte um Verzeihung für Sie.« »Und Sie stehen fest vor mir wie vor dem Feinde«, entgegnete ihm der Kardinal-Herzog; »das soll Sie in der Folge nicht verdrießen, mein lieber Fabert.« Auch Mazarin näherte sich, doch vorsichtig, dem Kardinal und machte, seinen beweglichen Zügen den Ausdruck tiefer Traurigkeit gebend, fünf bis sechs Bücklinge vor ihm, indem er der den König umgebenden Gruppe den Rücken zukehrte, so daß man sie dort für jene kalten und eiligen Ehrenbezeugungen nehmen konnte, die man jemand macht, dessen man sich gern entledigen möchte, und von seiten des Herzogs für Beweise einer mit besonnenem und stillem Schmerz vermischten Achtung. Seine Ruhe behauptend, zeigte der Minister nur ein verächtliches Lächeln; dann nahm er jenen festen Blick und jenes hohe Wesen an, die bei bevorstehenden Gefahren an ihm bemerklich waren, stützte sich wieder auf seine Pagen, faßte plötzlich seinen Entschluß, ohne ein Wort oder einen Blick seines Monarchen zu erwarten, und ging, das Zelt seiner ganzen Länge nach durchschreitend, gerade auf ihn zu. Niemand hatte ihn, während man das Gegenteil zu tun schien, aus den Augen gelassen, alles schwieg, selbst die, welche mit dem König redeten, und alle Höflinge neigten sich vorwärts, um zu sehen und zu hören. Erstaunt wandte sich Ludwig XIII. um, blieb, da ihm alle Gegenwart des Geistes mangelte, unbeweglich und erwartete den Kardinal mit einem eisigen Blicke, der seine ganze Kraft war, eine von großer Trägheit zeugende Kraft bei einem König. Bei dem Monarchen angelangt, verbeugte sich der Kardinal nicht, sondern begann, ohne die Haltung zu ändern, mit gesenkten Augen und die beiden Hände auf die Schulter der halb unter der Last zusammengekrümmten Kinder legend: »Sire, ich komme, Ew. Majestät zu bitten, mir endlich die Zurückziehung von den Geschäften zu gewähren, nach der ich schon so lange seufze. Meine Gesundheit ist schwankend; ich fühle, daß mein Leben zu Ende geht; ich nähere mich der Ewigkeit und bevor ich dem ewigen König Rechenschaft von meinem Tun ablege, will ich es auch dem irdischen König gegenüber tun. Vor acht Jahren, Sire, haben Sie ein schwaches und zerstückeltes Königreich in meine Hände gelegt; ich gebe es Ihnen vereinigt und mächtig zurück. Ihre Feinde sind geschlagen und gedemütigt. Mein Werk ist vollendet. Ich bitte Ew. Majestät um die Erlaubnis, mich nach Citeaux, wo ich Abt bin, zurückziehen zu dürfen, um daselbst meine Tage unter Gebet und frommen Betrachtungen zu beschließen.« Verletzt über einige hochmütige Ausdrücke dieser Rede, gab der König keines jener Zeichen der Schwäche, die der Kardinal erwartete und die er jedesmal an ihm gesehen, so oft er ihm gedroht hatte, die Geschäfte niederzulegen. Da er sich von seinem ganzen Hof beobachtet fühlte, zeigte er ihm im Gegenteil den König und sagte kalt: »So danken wir Ihnen denn für Ihre Dienste, Herr Kardinal, und wünschen Ihnen die Ruhe, um welche Sie nachsuchen.« Richelieu ward tief ergriffen, jedoch von einem Gefühl des Zorns, das sich auch nicht unbedeutend auf seinen Zügen abspiegelte. »Das ist ganz die Kälte«, sagte er bei sich selbst, »mit der du Montmorency sterben ließest, doch du sollst mir so leicht nicht entwischen.« Mit einer Verbeugung begann er dann wieder: »Die einzige Belohnung, die ich für meine Dienste verlange, ist, Ew. Majestät möchte geruhen, den aus meinen Sparpfennigen erbauten Kardinalspalast in Paris zum Geschenk anzunehmen.« Der erstaunte König nickte einwilligend mit dem Kopfe. Ein Gemurmel der Überraschung durchlief einen Augenblick den aufmerksamen Hof. »Ich werfe mich auch Ew. Majestät zu Füßen, daß Sie mir die Widerrufung einer (ich gestehe es öffentlich) von mir veranlaßten Strenge gewähren, die ich vielleicht als zu notwendig für die Ruhe des Staates betrachtete. Ja, da ich von dieser Welt war, vergaß ich um des allgemeinen Wohles willen meine alten Gefühle von Ehrerbietung und Anhänglichkeit zu sehr; jetzt da ich schon der Einsichten der Einsamkeit genieße, sehe ich, daß ich unrecht gehabt habe, und bereue es.« Die Aufmerksamkeit verdoppelte sich und der König geriet in sichtliche Unruhe. »Ja, es lebt eine Person, Sire, die ich immer geliebt habe, trotz des Unrechtes, dessen sie sich gegen Sie schuldig machte, und der Abneigung, welche ihr zu zeigen die Angelegenheiten des Königreichs mich zwangen; eine Person, welcher ich viel verdankte und die Ihnen, ungeachtet ihrer Unternehmungen mit bewaffneter Hand gegen Sie selbst, teuer sein muß; eine Person endlich, welche ich Sie bitte, aus der Verbannung zurückzurufen; ich meine die Königin Maria von Medicis, Ihre Mutter.« Unwillkürlich entfuhr dem König ein Schrei, soweit entfernt war er, diesen Namen zu erwarten. Eine rasch unterdrückte Aufregung zeigte sich auf allen Physiognomien. Man erwartete schweigend die Antwort des Königs. Sprachlos schaute Ludwig XIII. lange seinen alten Minister an, und dieser Blick auf ihn entschied über das Schicksal Frankreichs. In einem Augenblick erinnerte er sich aller der unermüdlichen Dienste Richelieus, seiner grenzenlosen Ergebenheit, seiner staunenswürdigen Fähigkeiten, und konnte nicht begreifen, daß er sich von ihm loszusagen beabsichtigt hatte; er fühlte sich durch diese Bitte, die seinen Zorn aus der geheimsten Falte seines Herzens verscheuchte und seinen Händen die einzige Waffe entwand, die er gegen seinen alten Diener hatte, tief gerührt; die kindliche Liebe brachte Verzeihung auf seine Lippen und Tränen in seine Augen; glücklich, das gewähren zu können, was sein heißester Wunsch war, reichte er dem Herzog die Hand mit dem ganzen edlen Anstand und der Güte eines Bourbon. Der Kardinal verbeugte sich, küßte sie mit Ehrerbietung, und sein Herz, das vor Reue hätte brechen sollen, füllte sich nur mit der Freude eines stolzen Triumphes. Gerührt überließ ihm der König seine Hand, wandte sich anmutig nach seinem Hofe um und sagte mit stark bewegter Stimme: »Wir irren uns oft, meine Herren, besonders in einem so großen Politiker, wie dieser ist; ich hoffe, er wird uns nie verlassen, weil er ein ebenso gutes Herz als einen guten Kopf hat.« Alsobald ergriff der Kardinal La Vallette den Saum des königlichen Mantels, um ihn mit dem Feuer eines Liebhabers zu küssen, und der junge Mazarin benahm sich beinahe auf die nämliche Weise gegen den Herzog von Richelieu, indem er mit der bewunderungswürdigen italienischen Geschmeidigkeit sein Gesicht in Freude und Rührung erstrahlen ließ. Jetzt stürmten zwei Wogen Schmeichler, die eine auf den König, die andere auf den Minister ein, die erstere Gruppe richtete Danksagungen an den König, die der Minister hören konnte, und benahm sich somit nicht weniger geschickt als die zweite, wenn sie diesem auch weniger direkt huldigte und den Weihrauch, den sie dem einen bestimmte, zu den Füßen des anderen opferte. Richelieu, mit einem Kopfnicken zur Rechten und einem Lächeln zur Linken, trat ein paar Schritte vor und stellte sich zur Rechten des Königs, als an den ihm gebührenden Platz. Ein Fremder hätte beim Eintreten den zur Rechten Befindlichen für den König gehalten. Der Marschall von Estrées nebst allen Gesandten, der Herzog von Angoulême, der Herzog von Halluin (Schomberg), der Marschall von Chatillon und alle hohen Offiziere der Armee und der Krone umringten ihn und jeder von ihnen wartete ungeduldig, bis der andere sein Kompliment beendigt hätte, um das seinige anzubringen, und in Besorgnis, es möchte sich ein anderer des schmeichelhaften, soeben improvisierten Madrigals oder der von ihm erfundenen neuen Art von Lobhudelei bemächtigen. Fabert hatte sich in einen Winkel des Zeltes zurückgezogen und schien dieser ganzen Szene keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt zu haben. Er sprach mit Montrésor und den Edelleuten Monsieurs, lauter geschworenen Feinden des Kardinals, weil er außerhalb der Menge, die er floh, nur diese gefunden hatte, mit denen er reden konnte. Ein solches Benehmen wäre bei jedem anderen, den man weniger gekannt hätte, von äußerster Unklugheit gewesen; allein man wußte, daß inmitten des Hoflebens dessen Intrigen ihm stets fremd blieben, und es hieß von ihm, daß er von einer gewonnenen Schlacht zurückkehre wie das Pferd des Königs von der Jagd, das den Hunden überlasse, ihrem Herrn zu schmeicheln und sich in das Jägerrecht zu teilen, ohne den Anteil, den es an dem Sieg gehabt hatte, ins Gedächtnis rufen zu wollen. Der Sturm schien nun ganz beschwichtigt, und den heftigen Aufregungen des Morgens folgte eine angenehme Ruhe; ein zuweilen durch freundliches Lachen unterbrochenes ehrerbietiges Gemurmel und laute Beteuerungen der Anhänglichkeit waren alles, was man in dem Zelte hören konnte. Hie und da ließ sich auch die Stimme des Kardinals vernehmen und einmal rief er sogar: »Diese arme Königin! Wir werden sie also wiedersehen! Ich hatte nie gewagt zu hoffen, daß dieses Glück mir noch vor meinem Tode zuteil würde!« Der König hörte ihn voller Vertrauen an und suchte seine Befriedigung keineswegs zu verbergen. »Das ist wahrlich ein Gedanke, der ihm von oben herab eingegeben wurde«, äußerte er sich; »dieser gute Kardinal, gegen den man mich so sehr aufgebracht hatte, dachte nur an die Vereinigung meiner Familie; seit der Geburt des Dauphins ward mir keine lebhaftere Freude als die dieses Augenblicks zuteil. Die heilige Jungfrau waltet sichtlich mit ihrem Schutze über unserem Königreich.« In diesem Augenblick trat ein Gardekapitän ein und flüsterte dem König etwas ins Ohr. »Ein Kurier von Köln?« sagte der König, »er möge mich in meinem Kabinett erwarten.« Und seiner Ungeduld nicht länger gebietend, fügte er gegen die Anwesenden hinzu: »Ich muß hin, ich muß hin.« Er betrat dann ein kleines, viereckiges, an das große stoßendes Zelt. Man erblickte einen jungen Kurier darin, der eine schwarze Mappe hielt; die Vorhänge schlossen sich hinter dem König. Der Kardinal, der nun alleiniger Beherrscher des Hofes geblieben war, wurde der Mittelpunkt aller Vergötterungen desselben, man bemerkte jedoch, daß er sie nicht mehr mit der nämlichen Geistesgegenwart empfing; er fragte mehrmals wie viel Uhr es sei, und zeigte eine Verwirrung, die keine erheuchelte war; seine harten und unruhigen Blicke wandten sich nach dem Kabinett, bis sich dieses plötzlich öffnete und der König wieder erschien. Er war allein, stand am Eingange des großen Zeltes still, sein Gesicht war blässer als sonst und er zitterte am ganzen Leibe; in der Hand hielt er einen großen Brief mit fünf schwarzen Siegeln. »Meine Herren«, sagte er mit lauter, aber stockender Stimme; »die Königin-Mutter ist in Köln gestorben, – und ich war vielleicht nicht der erste, der es erfuhr«, fügte er mit einem strengen Blick auf den kalt dastehenden Kardinal hinzu; »doch Gott ist allwissend. – In einer Stunde zu Pferde und die Linien angegriffen! Ihr Herren Marschälle folgt mir.« Und er kehrte sich barsch um und ging mit ihnen in sein Kabinett zurück. Nachdem sich der Minister, ohne ein Zeichen von Traurigkeit oder Zorn blicken zu lassen, mit dem gemessenen Ernste, mit dem er eingetreten war, jedoch als Sieger, entfernt hatte, zerstreute sich der Hof. Neuntes Kapitel. Die Belagerung Es gibt Momente im Leben, in denen man sehnlichst starke Erschütterungen wünscht, um kleine Schmerzen zu übertäuben; Zeiten, wo die Seele, ähnlich dem Löwen in der Fabel, und der beständigen Plagen des Insektes müde, einen stärkeren Feind wünscht und mit der ganzen Macht seiner Begierde Gefahren herbeiruft. In einer solchen Gemütsstimmung, die stets aus einer krankhaften Empfindsamkeit der Organe und einer beständigen Unruhe des Herzens entsteht, befand sich Cinq-Mars. Müde, in seinem Inneren unablässig die Ereignisse, die er wünschte und die, welche er zu befürchten hatte, zusammenzustellen; müde, auf solche Wahrscheinlichkeiten seine ganze Berechnungsgabe zu verwenden; alles, was seine Erziehung ihn über das Leben berühmter Männer gelehrt hatte, zu Hilfe zu rufen, um es seiner gegenwärtigen Lage zur Seite zu stellen; von seiner Reue, von seinen Träumen, von Prophezeiungen, Schimären, Befürchtungen und all jener eingebildeten Welt, in welcher er während seiner einsamen Reise gelebt hatte, gepeinigt, atmete er wieder auf, als er sich in eine wirkliche, fast ebenso lärmende Welt geworfen sah, und das Gefühl zweier wirklicher Gefahren ließ sein Blut wieder rascher durch die Adern laufen und brachte seinem ganzen Wesen die Jugend zurück. Seit jener nächtlichen Szene in dem Wirtshause bei Loudun hatte er noch immer nicht die hinlängliche Herrschaft über seinen Geist wiedergewonnen, um sich mit etwas anderem als mit seinen teuren und schmerzlichen Gedanken zu beschäftigen; und schon bemächtigte sich seiner eine Art Verzehrung, als er glücklicherweise im Lager von Perpignan ankam und wiederum glücklicherweise die Gelegenheit hatte, den Vorschlag des Abbé von Gondi anzunehmen: denn in der Person dieses jungen, so gleichgültigen und so melancholischen Fremden in Trauerkleidung, den der Duellist im Priesterrock zum Zeugen erbeten hatte, werden unsere Leser ohne Zweifel Cinq-Mars erkannt haben. Als Freiwilliger hatte er sein Zelt in der Feldstraße aufstellen lassen, die den jungen Herren, welche dem König vorgestellt werden und den Generalen als Adjutanten dienen sollten, angewiesen war; er verfügte sich schleunigst dorthin, saß bald bewaffnet und, nach dem damals noch bestehenden Brauche, im Kürasse zu Pferde und ritt allein nach dem spanischen Bollwerk, als dem zur Zusammenkunft bezeichneten Orte. Es war der erste, der daselbst ankam, und konnte sich sogleich überzeugen, daß ein kleiner, durch die Festungswerke des belagerten Platzes verborgener Wiesengrund von dem kleinen Abbé für sein mörderisches Vorhaben sehr gut gewählt worden war; denn wenn schon niemand vermutet hätte, daß Offiziere sich unter den Mauern der Stadt selbst, die sie angriffen, schlagen würden, so trennte sie auch noch der Hauptwall von dem französischen Lager und mußte sie gleich einem ungeheuren Windschirm verdecken. Es war wohlgetan, solche Vorsichtsmaßregeln zu treffen, denn damals kostete es nicht weniger als den Kopf, sich mit Leibes- und Lebensgefahr Genugtuung verschafft zu haben. Während Cinq-Mars nun seiner Freunde und deren Gegner harrte, hatte er Zeit, die Südseite Perpignans, vor der er sich befand, in Augenschein zu nehmen. Er hatte gehört, daß man diese Festungswerke nicht angreifen würde, und suchte vergeblich, sich diese Pläne klarzumachen. Zwischen dieser Südseite der Stadt, dem Albèregebirge und dem Col du Perthus hätte man Angriffslinien und Schreckschanzen gegen den zugänglichen Punkt ziehen können; allein nicht ein Soldat der Armee stand hier; alle Kräfte schienen auf die nördliche Seite Perpignans, der am schwierigsten beizukommen war, gerichtet und auf eine aus Ziegelsteinen erbaute Schanze, das Castillet genannt, das sich vor der Tür von Notre Dame erhebt. Er sah, daß ein scheinbar sumpfiges aber sehr festes Erdreich bis zu dem Fuß des spanischen Bollwerks führte, daß dieser Posten mit der ganzen kastilischen Nachlässigkeit bewacht war und doch nur durch seine Verteidiger stark sein konnte, denn seine Zinnen und Schießscharten waren zum größten Teil in Verfall geraten und nur mit Kanonen von ungeheurem Kaliber bepflanzt, die in den Rasen eingesenkt und dadurch unbeweglich und unbrauchbar gegen eine Abteilung, die sich rasch an den Fuß der Mauer stürzen würde, gemacht waren. Es war leicht einzusehen, daß diese ungeheuren Feldstücke die Belagerer von dem Gedanken abgebracht hatten, diesen Punkt anzugreifen, und die Belagerten von dem, die Verteidigungsmittel darauf zu verstärken. Ebenso befanden sich einerseits die Wachtposten weit vor und die Schilderhäuschen sehr voneinander entfernt, andererseits waren die Schildwachen selten und schwach besetzt. Ein junger Spanier mit einer langen Stutzbüchse, deren Gabel zum Auflegen ihm an der Seite hing, und der rauchenden Lunte in der rechten Hand, spazierte nachlässig auf dem Walle hin und her und stand dann still, um Cinq-Mars zu betrachten, der über das Moor und längs der Laufgraben hinritt. » Sennor caballero «, rief er ihn dann an, »wollen Sie das Bollwerk allein oder zu Pferde einnehmen, wie Don Quixote-Quixada de la Mancha?« Und mit diesen Worten lüfte er die eiserne Gabel an seiner Seite ab, pflanzte sie in den Boden und legte das Ende seiner Stutzbüchse auf, um zu zielen, als ein ernster älterer Spanier, in einen schmutzigen braunen Mantel gehüllt, in seiner Sprache zu ihm sagte: »Ambrosio de Demonio, weißt du nicht, daß es verboten ist, bis zu Ausfällen oder Angriffen das Pulver unnütz zu vergeuden, um das Vergnügen zu haben, einen Knaben zu töten, der nicht deine Lunte wert ist? Hier auf diesem Punkte hat Karl der Fünfte die eingeschlafene Schildwache in den Graben geworfen und ersäuft. Erfülle deine Pflicht oder ich tue die meine.« Ambrosio legte seine Büchse wieder auf die Schulter, steckte seinen Gabelstock an die Seite und setzte seinen Spaziergang auf dem Walle fort. Diese drohende Bewegung hatte Cinq-Mars nicht aus der Fassung zu bringen vermocht, er hatte bloß die Zügel seines Pferdes angezogen und ihm die Sporen angedrückt, wohl wissend, daß ein Sprung dieses leichten Tieres ihn hinter das Gemäuer einer Hütte bringen würde, die in seiner Nähe auf dem Felde stand, und daß er sich dort vor der spanischen Flinte geschützt sähe, noch ehe die Vorrichtungen mit der Auflegegabel und der Lunte beendigt sein würden. Er wußte außerdem, daß eine schweigende Übereinkunft zwischen den beiden Armeen den Plänklern verwehrte, Feuer auf die Schildwachen zu geben, was von beiden Seiten gleich einem Mord betrachtet worden wäre; der Soldat, der sich so zum Angriff angeschickt hatte, mußte jedenfalls mit der Order noch nicht bekannt gewesen sein. Der junge d'Effiat machte daher anscheinend keine Bewegung, und als der auf der Wache stehende Soldat seinen Spaziergang auf dem Wall fortsetzte, setzte er auch den seinen auf der Wiese fort und erblickte bald fünf Kavaliere, die auf ihn zuritten. Die beiden ersten, die in gestrecktem Galopp ankamen, unterließen die Begrüßung, hielten aber bei ihm an, sprangen von den Pferden, und er sah sich in den Armen des Rates von Thou, welcher ihn zärtlich umhalste, während der kleine Abbé von Gondi unter herzlichem Lachen rief: »Da haben wir ja einen zweiten Orestes, der seinen Pylades wiederfindet, und zwar in dem Augenblick, wo er einen Schurken abschlachten will, der nicht von der Familie des Königs der Könige ist, ich versichere Sie.« »Wie! Sie hier, lieber Cinq-Mars!« rief von Thou; »wie, ohne daß ich Ihre Ankunft im Lager erfuhr! Ja, Sie sind noch ganz derselbe, wie ich Sie gekannt habe, nur etwas blasser. Sind Sie krank gewesen, lieber Freund? Ich habe Ihnen oft geschrieben, denn die Freundschaft unserer Kinderjahre ist mir stets in liebem Andenken geblieben.« »Und ich«, antwortete Henri d'Effiat, »benahm mich recht strafbar gegen Sie; doch Sie sollen erfahren, was mir allen Sinn für anderes raubte; mündlich werde ich Ihnen sagen können, was zu schreiben ich mich schämte. Aber wie gut Sie sind! Ihre Freundschaft ist dieselbe geblieben.« »Ich kannte Sie zu gut«, entgegnete von Thou, »ich wußte, daß zwischen uns beiden der Stolz keine Schranke auswerfen könne und daß meine Seele in der Ihrigen ein Echo finde.« Bei diesen Worten umarmten sie sich, die Augen feucht von jenen süßen Tränen, die man so selten im Leben vergießt und wovon das Herz jedoch stets voll scheint, so wohl tun sie, wenn sie fließen. Es war ein kurzer Augenblick; dennoch hatte sie Gondi während dieser wenigen Worte stets an den Mänteln gezupft und gemahnt. »Zu Pferde! Zu Pferde, meine Herren!« sagte er jetzt. »Ei, pardieu, ihr werdet schon noch Zeit haben, euch zu umarmen, wenn ihr so zärtlich seid; aber laßt euch nur nicht verhaften und denken wir jetzt daran, mit unseren guten Freunden, die da kommen, so schnell als möglich fertig zu werden. Wir sind in einer verteufelt schlechten Lage, uns gegenüber diese drei lustigen Brüder, nicht weit von hier die Bogenschützen des Königs und da oben die Spanier; wir haben drei Feuern die Spitze zu bieten.« Während er noch sprach, befand sich Launay mit seinen Sekundanten, die er eher aus seinen Freunden als aus den Anhängern des Kardinals gewählt hatte, auf sechzig Schritt von ihnen, spornte sein Pferd zum kleinen Galopp an, näherte sich seinen jungen Gegnern mit allem Anstande ganz nach den Regeln der Reitkunst und grüßte sie ernst. »Meine Herren«, begann er dann, »ich glaube, wir werden gut tun, unter uns zu wählen und die Distanz abzumessen, denn man spricht davon, die Linien anzugreifen, und da muß ich auf meinem Posten sein.« »Wir sind bereit, mein Herr«, antwortete Cinq-Mars, »und was die Wahl unter uns betrifft, so soll es mich freuen, Ihnen gegenüberzustehen, denn ich habe den Marschall von Bassompierre und das Wäldchen von Chaumont noch nicht vergessen: Sie kennen meine Meinung über Ihren unverschämten Besuch bei meiner Mutter.« »Sie sind jung, mein Herr; bei Ihrer Frau Mutter habe ich die Pflichten des Weltmannes, bei dem Marschall die des Gardekapitäns, hier die des Edelmannes gegen den Herrn Abbé, der mich gefordert hat, erfüllt, und nachher werde ich diese Ehre mit Ihnen haben.« »Wenn ich es Ihnen erlaube«, sagte der Abbé, schon zu Pferde sitzend. Sie maßen eine Distanz von sechzig Schritten ab: mehr hätte auch der Umfang der Wiese, auf der sie sich befanden, nicht gestattet: der Abbé von Gondi ward zwischen von Thou und seinen Freund gestellt, welcher zunächst den Wällen stand, auf denen zwei spanische Offiziere und ungefähr zwanzig Soldaten erschienen, um gleichsam von einem Balkon herab dieses Duell von sechs Personen, ein Schauspiel, das ziemlich gewöhnlich für sie war, mit anzusehen. Sie machten die gleichen Freudenbezeugungen wie bei ihren Stierkämpfen und ließen jenes wilde Lachen hören, das ihrer Physiognomie einen bitteren Zug aufdrückt und aus arabischem Blute ererbt ist. Auf ein Zeichen Gondis galoppierten die sechs Pferde vorwärts und trafen sich, ohne aufeinander zu stoßen, in der Mitte des Kampfplatzes: in demselben Augenblicke hörte man sechs Pistolenschüsse beinahe auf einmal und der Rauch bedeckte die Kämpfenden. Als er sich zerteilte, sah man von den sechs Rittern und den sechs Pferden nur noch drei Männer und drei Tiere in gutem Zustande. Cinq-Mars zu Pferde reichte seinem ebenso ruhigen Gegner die Hand: auf der anderen Seite näherte sich von Thou dem seinigen, dessen Pferd er getötet hatte und half ihm aufstehen: von Gondi und Launay aber sah man weder den einen noch den anderen. Als Cinq-Mars' Augen sie unruhig suchten, erblickte er in einiger Entfernung das davonsprengende und sich bäumende Pferd des Abbés, das den künftigen Kardinal, der den Fuß im Steigbügel verwickelt hatte und fluchte, als ob er nie etwas anderes als die Feldsprache studiert hätte, nach sich schleppte: seine Nase und Hände waren vom Fall und den Anstrengungen, sich am Rasen festzuhalten, ganz blutig, und ziemlich verdrießlich sah er sein Pferd, dessen Fuß ihn wider Willen etwas stark kitzelte, die Richtung gegen den mit Wasser angefüllten Laufgraben der Bastei nehmen, als Cinq-Mars, zwischen den Rand des Sumpfes und ihn sich stellend, das Pferd glücklicherweise beim Zügel fassen und anhalten konnte. »Wohlan, mein lieber Abbé, ich sehe, daß es mit Ihnen nicht gefährlich steht, denn Sie gebrauchen noch recht kräftige Ausdrücke.« » Par la corbleu !« rief Gondi, sich den Kot aus den Augen reibend, »ich mußte wohl im Steigbügel aufstehen und mich etwas vorbeugen, um diesem Riesen eine Ladung ins Gesicht zu geben; ich verlor aber dabei das Gleichgewicht ein bißchen, doch glaubte ich, er liege auch am Boden.« »Sie irren sich nicht, mein Herr«, sagte der herbeikommende von Thou, »dort schwimmt das Pferd mit seinem Gebieter, dem die Kugel durch den Kopf gegangen ist, im Graben; wir müssen daran denken, uns aus dem Staube zu machen.« »Uns aus dem Staube machen? Das hält ziemlich schwer, meine Herren«, sagte der dazwischenkommende Gegner Cinq-Mars', »dieser Kanonenschuß war das Zeichen zum Angriff, ich glaubte nicht, daß es schon so früh losgehen würde; kehren wir um, so treffen wir auf die Schweizer und die Landsknechte, die in der Schlacht diesen Punkt innehaben.« »Herr von Fontrailles hat recht«, bemerkte von Thou, »kehren wir aber um, so haben wir hier die Spanier vor uns, die zu den Waffen eilen und deren Kugeln über unseren Köpfen pfeifen werden.« »Wohlan, so beratschlagen wir denn!« sagte Gondi, »ruft doch Herrn von Montrésor herbei, der sich vergeblich bemüht, den Leichnam des armen Launay zu suchen. Sie haben ihn nicht verwundet, Herr von Thou?« »Nein, Herr Abbé, nicht jedermann hat eine so glückliche Hand wie Sie«, antwortete ihm bitter Montrésor, der infolge seines Falles ein wenig hinkend herankam, »wir werden nicht Zeit haben, das Duell mit dem Degen fortzusetzen.« »Für die Fortsetzung desselben bin ich auch nicht, meine Herren«, sagte Fontrailles, »Herr von Cinq-Mars hat sich zu edel gegen mich benommen; meine Pistole war abgefeuert und die seinige lag dicht an meiner Wange; ich fühle meiner Treu ihren kalten Schlund jetzt noch; er hatte jedoch die Güte, in die Luft zu zielen; ich werde es nie vergessen und sein Freund auf Tod und Leben sein ...« »Es handelt sich jetzt nicht darum, meine Herren«, unterbrach ihn Cinq-Mars, »soeben ist eine Kugel an meinem Ohr vorbeigesaust; der Angriff hat von allen Seiten begonnen und wir sind von Freund und Feind umzingelt.« Die Kanonade hatte in der Tat allgemein begonnen; die Stadt und die Armee waren in Rauch gehüllt; das ihnen gegenüber befindliche Bollwerk allein war nicht angegriffen und die Mannschaft desselben schien sich weniger auf seine Verteidigung vorzubereiten als nach dem Los der anderen Festungswerke zu schauen. »Der Feind hat, glaub' ich, einen Ausfall gemacht«, sagte Montrésor, »denn der Rauch in der Ebene ist verschwunden und ich sehe Kavalleriehaufen, die einen Angriff machen, während die Kanonen des Platzes sie beschützen.« »Meine Herren«, hob Cinq-Mars wieder an, nachdem er unablässig das Mauerwerk betrachtet hatte, »wir könnten durch einen beherzten Entschluß einen Ausweg finden, indem wir nämlich in dieses schlecht bewachte Bollwerk dringen.« »Das ist ganz gut gesagt, mein Herr«, entgegnete Fontrailles, »allein wir sind nur unser fünf gegen mindestens dreißig und somit sehr entblößt und leicht zu zählen.« »Meiner Treu, der Gedanke ist so übel nicht«, ließ sich Gondi vernehmen, »es ist doch besser, da oben erschossen als da unten gehängt zu werden, wenn man uns findet; denn daß Launay bei seiner Kompagnie fehlt, müssen sie schon bemerkt haben und unser Handel ist dem ganzen Hof bekannt.« »Parbleu, meine Herren!« rief Montrésor, »da bekommen wir ja Hilfe.« Eine zahlreiche Truppe zu Pferde kam in großem Galopp, jedoch in ziemlicher Unordnung auf sie angesprengt; ihre rote Kleidung ließ sich von weitem erkennen; sie schienen auf dem Felde, wo sich unsere verlegenen Duellanten befanden, anhalten zu wollen, denn kaum hatten die ersten Pferde dasselbe betreten, so hörte man den Ruf: Halt ! den die Stimmen der unter ihre Reiter gemischten Anführer wiederholten. »Gehen wir auf sie zu, es sind die Leute der königlichen Garde«, sagte Fontrailles, »ich erkenne sie an ihren schwarzen Kokarden. Auch sehe ich viele Chevaulegers unter ihnen; wir wollen ihre Unordnung benützen, um uns unter sie zu mischen, denn ich vermute, sie werden zurückgeführt .« Dieses Wort ist ein anständiger Ausdruck, der in der militärischen Sprache so viel als auf der Flucht bedeuten sollte und noch bedeutet. Alle fünf nahten sich der lebhaften und lärmenden Truppe und sahen ihre Vermutung bestätigt. Doch statt der Bestürzung, die man in solchem Falle erwarten konnte, fanden sie nur eine lustige, stürmische Heiterkeit und hörten in beiden Kompagnien nur lautes Gelächter. »Ah, pardieu, Cahuzac«, sagte der eine, »dein Pferd lief besser als das meine; ich glaube, du hast es bei den Jagden des Königs eingeübt.« »Du bist gewiß zuerst hier angekommen, damit wir desto eher wieder versammelt sind, antwortete der andere. »Der Marquis von Coislin ist, glaub' ich, verrückt, uns vierhundert gegen acht spanische Regimenter aussprengen zu lassen.« »Hahahaha! Locmaria, Ihr Federbusch ist gut zugerichtet; er gleicht einer Trauerweide. Folgen wir dem, so geht's zum Begräbnis.« »Ei, meine Herren, ich hatte es Ihnen vorausgesagt«, antwortete der angeredete Offizier ziemlich verdrießlich, »ich war überzeugt, daß dieser Kapuziner Joseph, der sich in alles mischt, im Irrtum war, als er uns auf Befehl des Kardinals angreifen hieß. Waren Sie aber zufrieden gewesen, wenn die, welche die Ehre haben, das Kommando über Sie zu führen, den Angriff verweigert hätten?« »Nein, nein, nein!« antworteten die jungen Leute alle, sich schnell wieder in Reih und Glied stellend. »Ich behauptete«, entgegnete der alte Marquis von Coislin, dem bei seinen weißen Haaren noch Jugendfeuer in den Augen flammte, »daß, wenn man Ihnen befehlen würde, auf den Pferden Sturm zu laufen, Sie es täten.« »Bravo! Bravo!« schrien die Waffenmänner alle, in die Hände klatschend. »Wohlan, Herr Marquis!« sagte Cinq-Mars herantretend, »es zeigt sich hier die Gelegenheit, auszuführen, was Sie versprochen haben; ich bin zwar nur Freiwilliger, allein diese Herren und ich haben dieses Bollwerk schon eine geraume Weile in Augenschein genommen und ich glaube, seine Einnahme ließe sich bewerkstelligen.« »Mein Herr, vorläufig müßte man das Moor untersuchen, um ...« In diesem Augenblick nahm eine von dem besprochenen Bollwerk ausgehende Kugel dem Pferd des alten Kapitäns den Kopf weg. i »Locmaria, von Mouy, das Kommando übernommen und Sturm gelaufen, Sturm gelaufen!« schrien die beiden wackeren Kompagnien, ihn tot wähnend. »Einen Augenblick, einen Augenblick, meine Herren«, sagte der alte Coislin, wieder aufstehend, »ich will Sie anführen, wenn es Ihnen beliebt; weisen Sie uns den Weg, Herr Freiwilliger, denn diese Kugel ist eine Einladung der Spanier, und da muß man höflich antworten.« Der Alte saß kaum wieder auf einem anderen Pferde, das ihm einer seiner Diener zugeführt, und hatte seinen Degen gezogen, so stürmte, ohne sein Kommando abzuwarten, die ganze feurige Jugend dem voranreitenden Cinq-Mars und seinen Freunden, deren Pferde von der Reiterschwadron vorwärts gedrängt wurden, nach, warf sich in den Sumpf, wo zu ihrem großen Erstaunen und noch mehr zu dem der Spanier, die sich viel zu viel auf dessen Tiefe verlassen hatten, die Pferde bloß bis an den Kniebug einsanken, und ungeachtet einer Kartätschensalve aus den zwei größten Geschossen langten alle in wirrem Durcheinander auf einem kleinen Rasenhügel am Fuße der halb verfallenen Wälle an. In der Hitze des Übergangs sprengten Cinq-Mars, Fontrailles und der junge Locmaria auf den Wall selbst hin, allein ein heftiges Gewehrfeuer tötete die drei Tiere, die mit ihren Herren stürzten. »Abgesessen, meine Herren!« schrie der alte Coislin, »Pistolen und Degen zur Hand und vorwärts! Die Pferde zurückgelassen!« Alle gehorchten schleunigst und stürzten in Masse der Bresche zu. Indessen hatte von Thou, den seine Kaltblütigkeit so wenig als seine Freundschaft verließ, den jungen Henri nicht aus den Augen gelassen, und als dessen Pferd fiel, ihn in seinen Armen aufgefangen. Er stellte ihn wieder auf die Füße, gab ihm den Degen, den er verloren hatte, zurück und sagte trotz der Kugeln, die es von allen Seiten regnete, mit der größten Ruhe: »Mein Freund, sehe ich in der Mitte dieses Tumultes mit meiner Kleidung eines Parlamentsrates nicht recht lächerlich aus?« »Parbleu«, entgegnete der herbeikommende Montrésor, »unser Abbé da rechtfertigt Sie schon.« Wirklich schrie auch der kleine Gondi, sich mit den Ellbogen durch die Chevaulegers Bahn brechend, aus allen Kräften: »Drei Duelle und beim Sturm einer Bastei! Ich hoffe, hier doch endlich meinen Priesterrock zu verlieren!« Und mit diesen Worten stieß und hieb er auf einen großen Spanier los. Die Verteidigung dauerte nicht lange. Die kastilischen Soldaten hielten den französischen Offizieren nicht lange Stand und nicht einer von ihnen hatte weder Zeit noch Kühnheit, sein Gewehr wieder zu laden. »Meine Herren, da haben wir unseren Mätressen in Paris ein hübsches Geschichtchen zu erzählen!« rief Locmaria, seinen Hut in die Luft werfend. Und Cinq-Mars, von Thou, Coislin, von Mouy, Londigny, die Offiziere der roten Kompagnien und alle die jungen Edelleute mit dem Degen in der rechten, der Pistole in der linken Hand, schoben, drängten, stießen sich und taten sich durch ihre ungestüme Hitze beinahe so weh als dem Feinde, bis sie endlich auf der Plattform des Bollwerks anlangten und sich darauf ausbreiteten gleich dem Wasser, das einem Gefäße mit enger Öffnung entfließend außerhalb desselben in Strömen fortquillt. Während sie verschmähten, sich mit den besiegten Soldaten zu befassen, die sich ihnen zu Füßen warfen, ließen sie dieselben in den Festungswerken umherschweifen, ohne sie nur zu entwaffnen, und begannen, wie Schüler in den Ferien, auf ihrem eroberten Boden umherzulaufen und zu scherzen und zu lachen, als wären sie auf einer Lustpartie begriffen. Ein in seinen braunen Mantel gehüllter spanischer Offizier schaute sie mit düsterer Miene an. »Was für Teufel sind das, Ambrosio?« sagte er zu einem Soldaten. »Solche habe ich vordem in Frankreich nicht kennen gelernt. Wenn Ludwig XIII. eine Armee hat, die aus lauter dergleichen Leuten besteht, so ist er wahrlich zu nachsichtig, wenn er nicht ganz Europa erobert.« »O, ich glaube, sie sind nicht so zahlreich; es muß ein Trupp armer Abenteurer sein, die nichts zu verlieren, durch Plünderung aber alles zu gewinnen haben.« »Du hast recht«, entgegnete der Offizier, »ich will suchen, einen von ihnen zu verführen, um entwischen zu können.« Und langsam vorwärtsschreitend, ging er auf einen ungefähr achtzehnjährigen Chevauleger zu, der etwas abseits auf der Brustwehr saß; der junge Soldat hatte die weiß und rote Gesichtsfarbe eines Mädchens, seine zarte Hand hielt ein gesticktes Sacktuch, womit er sich die Stirn und die silberblonden Haare abwischte; er schaute auf eine große, runde, mit Rubinen eingefaßte Uhr, die mit einer Bandschleife an seinem Gürtel befestigt war. Erstaunt stand der Spanier still. Hätte er nicht selbst gesehen, wie der Kleine seine Soldaten über den Haufen warf, so würde er ihn für nichts anderes tauglich gehalten haben, als auf einem Ruhebett eine Romanze zu singen. Doch durch Ambrosios Ideen von einem Vorurteil erfaßt, glaubte er, der junge Mensch möchte diese Luxusgegenstände bei der Plünderung eines Frauengemaches gestohlen haben, und redete ihn daher barsch an: »Bursche! Ich bin ein Offizier, willst du mir die Freiheit geben und mich die Heimat wiedersehen lassen?« Der junge Franzose schaute ihn mit dem sanften Blicke seines Alters an und entgegnete, an seine eigene Familie denkend: »Mein Herr, ich will Sie dem Marquis von Coislin vorstellen, der Ihr Verlangen ohne Zweifel gewähren wird; ist Ihre Familie eine kastilische oder aragonische?« »Dein Coislin wird noch eine andere Erlaubnis einholen und mich ein Jahr lang warten lassen. Ich gebe dir viertausend Dukaten, wenn du mich entschlüpfen läßt.« Jetzt überzogen sich das sanfte Gesicht und die kindlichen Züge mit dem Purpur der Wut; die blauen Augen schleuderten Blitze und mit den Worten: »Geld, mir? Geh', du Tropf!« gab der junge Mann dem Spanier einen schallenden Backenstreich. Ohne Zaudern zog dieser einen langen Dolch aus seiner Gewandung hervor, faßte den Franzosen beim Arm und glaubte ihm den Stahl leicht ins Herz stoßen zu können; allein behend und kräftig ergriff ihn der Jüngling selbst beim rechten Arm, hob ihm denselben in die Höhe und schwang ihn dann mit dem Dolche gegen die Brust des wutschäumenden Spaniers. »Ei, ei, ei! sachte, Olivier, Olivier!« schrien von allen Seiten seine herbeieilenden Kameraden, »es liegen genug Spanier am Boden.« Und sie entwaffneten den feindlichen Offizier. »Was fangen wir mit diesem Rasenden an?« sagte der eine. »Ich möchte ihn nicht zum Kammerdiener«, antwortete ein anderer. »Er verdient gehängt zu werden«, äußerte sich ein dritter, »aber meiner Treu, meine Herren, auf das Hängen verstehen wir uns nicht; schicken wir ihn dem Schweizerbataillon zu, das da unten durch die Ebene zieht.« Und sich stärker in seinen Mantel hüllend, machte sich der düstere und ruhige Mann, begleitet von Ambrosio, von selbst auf den Weg zu dem Bataillon, während fünf bis sechs dieser jungen Narren ihn vorwärts stießen und zur Eile drängten. Indes hatte die erste Truppe der Belagerer, über ihren Erfolg erstaunt, ihr Glück weiter versucht. Auf den Rat des alten Coislin hatte Cinq-Mars mit ihm die Runde in der Bastei gemacht, zu ihrem Leidwesen sahen jedoch beide, daß sie völlig von der Stadt abgesondert lag und ihr Vorteil sich nicht weiter verfolgen ließ. Unter Beratschlagungen kehrten sie daher langsam auf die Plattform zurück, wo sie von Thou und den Abbé von Gondi mit den jungen Chevaulegers in heiterem Gespräch begriffen fanden. »Wir hatten die Religion und die Gerechtigkeit bei uns, meine Herren, der Sieg konnte uns daher nicht fehlen.« »Wie? Sie selbst haben ja so tüchtig dreingeschlagen als wir!« Bei der Annäherung Cinq-Mars' schwiegen sie und flüsterten einen Augenblick untereinander, indem sie nach seinem Namen fragten, dann umringten sie ihn alle und ergriffen unter lebhaften Freudenbezeugungen seine Hand. »Sie haben recht, meine Herren«, sagte der alte Kapitän zu ihnen, »wir haben an ihm eine gute Eroberung gemacht. Er ist ein Freiwilliger, der heute dem König durch den Kardinal vorgestellt werden soll.« »Durch den Kardinal! Wir wollen ihn selbst vorstellen,' ach, er soll nur kein Kardinalist Frankreich und die Armee hatten sich in Royalisten und Kardinalisten geteilt. sein, er ist ein zu braver Bursche für das!« riefen lebhaft die jungen Leute alle. »Mein Herr, das will ich Ihnen gewiß verleiden, ich«, sagte der hinzutretende Olivier d'Entraigues, »denn ich war sein Page und kenne ihn durch und durch. Dienen Sie lieber in den roten Kompagnien; glauben Sie mir, dort werden Sie gute Kameraden finden.« Der alte Marquis ersparte Cinq-Mars die Verlegenheit einer Antwort, indem er zum Sammeln blasen ließ. Der Kanonendonner schwieg, und eine Wache hatte ihn benachrichtigt, daß der König und der Kardinal durch die Linien ritten, um die Ergebnisse des Tages zu besichtigen. Er ließ nun die Pferde durch die Bresche hereinführen, was ziemlich lange dauerte, und befahl dann den beiden Kompagnien, aufzusitzen und sich in Schlachtordnung aufzustellen, alles das an einem Orte, wohin zu dringen für jede andere Truppe als für Infanterie unmöglich geschienen hätte. Zehntes Kapitel. Die Belohnungen »Um die erste Aufwallung des königlichen Unwillens zu beschwichtigen«, hatte Richelieu bei sich gesagt »um ihm eine Quelle von Aufregungen zu öffnen, die den Schmerz aus dieser schwankenden Seele verscheuchen, möge diese Stadt meinethalben belagert werden; Ludwig soll aufbrechen; ich erlaube ihm, die Streiche, die er mir versetzen möchte und es doch nicht wagt, auf ein paar arme Soldaten fallen zu lassen; er soll sein Mütchen in diesem dunklen Blute kühlen, das ist mir einerlei; allein diese ruhmsüchtige Grille soll meine unwankbaren Absichten nicht stören, diese Stadt soll noch nicht fallen, sie soll erst in zwei Jahren Frankreich auf immer einverleibt werden; sie soll erst an dem bei mir selbst festgesetzten Tage in meine Schlinge fallen. Donnert, ihr Bomben und Kanonen; entwerft die Pläne zu euren Operationen, ihr geschickten Feldherrn; stürmt ins Gefecht, ihr jungen Krieger, euren Lärm will ich zum Schweigen bringen, eure Plane scheitern machen, eure Anstrengungen vereiteln; alles soll in leerem Rauch endigen; ich will euch schon in die Irre führen.« Diese und ähnliche Gedanken bewegten sich ungefähr in dem kahlen Haupte des alten Kardinals, bevor der Angriff begann, von dem wir soeben einen Teil gesehen haben. Er hatte sich zu Pferde auf eine der nördlich von der Stadt gelegenen Anhöhen des Salcesgebirges begeben, von welchem Punkte aus er die bis ans Mittelländische Meer sich erstreckende Ebene von Roussillon übersehen konnte; mit seinen aus Ziegelsteinen erbauten Wällen, seinen Bollwerken, seiner Zitadelle und seinem Kirchturm bildete Perpignan inmitten seiner großen grünen Wiesen eine ovale dunkle Masse, um welche, wie um das Tal, worin es lag, die weit sich verzweigenden Berge einen ungeheuren, von Nord zu Süd ausgerundeten Bogen zogen, während im Osten der weiße Streifen des Meeres die silberne Sehne desselben zu bilden schien. Zu seiner Rechten erhob sich jener mächtige Bergstock, Canigou genannt, aus dessen Schoße sich zwei Flüsse in die Ebene ergießen. Die französischen Linien breiteten sich bis zum Fuße dieser westlichen Schranke aus. Hinter dem Minister, jedoch in einer Entfernung von zwanzig Schritten, bemerkte man eine Menge Generäle und vornehme Herren zu Pferde, alle im tiefsten Schweigen. Er hatte mit der schrittweisen Verfolgung der Operationslinie begonnen und sich dann auf die Höhe begeben, wo er unbeweglich halten blieb, während seine Augen und seine Gedanken über das Schicksal der Belagerer und der Belagerten entschieden. Die Armee hatte die Augen auf ihn gerichtet, denn man konnte ihn von jedem Punkte aus sehen. Jeder Waffentragende betrachtete ihn als seinen Befehlshaber und erwartete seinen Wink, um zu handeln. Frankreich stand schon lange unter seinem Joch, und die Bewunderung allein war schuld, daß nicht auch seine Handlungen, wie es bei jedem anderen geschehen wäre, zuweilen ins Lächerliche gezogen wurden. Hier zum Beispiel fiel es keinem ein, zu lächeln oder auch nur zu staunen, daß ein Priester in einem Küraß stecke, denn schon der Ernst seines Charakters und sein Aussehen verdrängten jeden Gedanken spaßhafter Begleichungen oder spöttelnder Bemerkungen. Der Kardinal war an diesem Tage in ganz kriegerischem Kostüm erschienen; er trug ein braungelbes, mit Gold gesticktes Kleid, einen wasserfarbenen Küraß, an der Seite den Degen, am Sattelbogen Pistolen und auf dem Kopfe einen Hut mit Federn, was man selten an ihm sah, da er sonst sein rotes Scheitelkäppchen nie ablegte. Dicht hinter ihm befanden sich zwei Pagen; der eine hielt seine Panzerschütze, der andere seine Sturmhaube; und ihm zur Seite hielt sein Gardekapitän. Da der König ihn kurz vorher zum obersten Befehlshaber seiner Truppen ernannt hatte, mußten die Generale die Befehle bei ihm einholen; er aber, der die geheimen Beweggründe des jetzigen Zorns seines Gebieters nur zu gut kannte, schickte alle, die aus seinem Munde einen Ausspruch verlangten, an den König. Was er vorausgesehen hatte, geschah auch, denn er regulierte und berechnete die Bewegungen dieses Herzens gleich denen einer Uhr und hätte genau sagen können, welche Empfindungen dasselbe durchzogen. Ludwig XIII. suchte ihn auf und gesellte sich zu ihm; er kam jedoch, wie der junge Zögling kommt, der gezwungen ist, anzuerkennen, daß sein Lehrer recht hat. In seinem Wesen lag etwas Stolzes und Unzufriedenes, seine Worte waren barsch und trocken. Den Kardinal focht das nicht an. Es war merkwürdig, daß der König, indem er seinen Rat einholte, im Tone des Befehlens sprach und so seine Schwäche und seine Macht, seine Unschlüssigkeit und seinen Stolz, seine Unerfahrenheit und seine Anmaßung vereinigte, während sein Minister ihm im Tone des tiefsten Gehorsams Gesetze vorschrieb. »Ich wünsche den Angriff begonnen zu sehen, Kardinal«, sagte der König bei seiner Ankunft, »das heißt«, fügte er mit gleichgültiger Miene hinzu, »wenn alle Ihre Vorbereitungen getroffen sind, und zu der Stunde, die Sie mit unseren Marschällen verabredet haben.« »Sire, wenn ich Ihnen meine Ansichten mitteilen dürfte, so wünschte ich, es möchte Ew. Majestät genehm sein, den Angriff in einer Viertelstunde beginnen zu lassen, denn, die Uhr in der Hand, reicht diese Zeit hin, um die dritte Linie vorrücken zu lassen.« »Ja, ja, das ist gut, Herr Kardinal; eben das dachte ich auch; ich will meine Befehle selbst erteilen; ich will alles selbst tun. Schomberg, Schomberg! In einer Viertelstunde will ich die Alarmkanone hören, ich will es!« Schomberg entfernte sich, um den rechten Flügel der Armee zu befehligen, und das Angriffssignal ertönte. Die durch den Marschall von La Meilleraie schon längst aufgestellten Batterien begannen Bresche zu schießen, doch nur nachlässig, weil die Artilleristen einsahen, daß man sie zwei unüberwindlichen Punkten gegenübergestellt habe, und bei ihrer Erfahrung und besonders bei jenem richtigen Sinn und jenem schnellen Überblick des französischen Soldaten jeder von ihnen den Platz hätte bezeichnen können, der hätte gewählt werden sollen. Dem König fiel die Langsamkeit des Geschützes auf. »La Meilleraie«, sagte er mit Ungeduld, »die Batterien arbeiten ja nicht. Ihre Kanoniere schlafen wohl?« Der Marschall und die Obersten der Kavallerieregimenter waren zugegen, doch keiner antwortete eine Silbe. Sie hatten die Augen auf den Kardinal gerichtet, der gleich einer Reiterstatue unbeweglich blieb, und ahmten ihm nach. Man hätte antworten müssen, daß die Schuld nicht an den Soldaten, sondern an dem liege, der diese unzweckmäßige Aufstellung der Batterien befohlen hatte, und dieser war Richelieu selbst, der sich stellte, als glaubte er sie da, wo sie sich befanden, am nützlichsten, und dadurch die Bemerkungen der Anführer zum Schweigen gebracht hatte. Verwundert über dieses Schweigen, befürchtete der König, er möchte durch diese Frage einen groben Verstoß in der Kriegskunst gemacht haben und errötete ein wenig; dann näherte er sich der Gruppe der ihn begleitenden Prinzen und sagte, um seine Haltung wieder zu gewinnen: »d'Angoulême, Beaufort, nicht wahr, das ist recht langweilig? Wir stehen hier wie Mumien.« Charles von Valois näherte sich dann und entgegnete: »Es scheint mir, Sire, man habe hier die Maschinen des Ingenieurs Pompée-Targon nicht angewandt.« »Parbleu«, sagte der Herzog von Beaufort, Richelieu fest anblickend; »wir nahmen auch zu jener Zeit, als dieser Italiener kam, La Rochelle weit eher als Perpignan. Hier ist keine Maschine in Bereitschaft, keine Mine angelegt, keine Petarde unter den Mauern vorhanden, und der Marschall von La Meilleraie sagte mir diesen Morgen, er habe den Vorschlag gemacht, deren herbeischaffen zu lassen, um den Laufgraben zu öffnen. Aber weder das Castillet, noch jene sechs großen Basteien der Außenwerke, noch auch der halbe Mond sollten angegriffen werden. Wenn wir so fortmachen, so wird uns der große steinerne Arm der Zitadelle die Faust noch lange zeigen.« Immer unbeweglich, entgegnete der Kardinal auch nicht ein Wort, sondern winkte bloß Fabert herbei, der aus der ihn begleitenden Truppe hervortrat und sein Pferd hinter das Pferd Richelieus, neben dessen Gardekapitän stellte. Der Herzog von Rochefoucauld aber näherte sich dem König mit der Bemerkung: »Ich glaube, Sire, unsere Lauheit im Öffnen der Bresche macht die Leute dort unverschämt kühn, denn soeben nimmt ein zahlreicher Ausfall die Richtung gerade auf Ew. Majestät zu, und Birons und Ponts Regimenter schließen sich, ihr Feuer fortsetzend, wieder einander an.« »Wohlan«, sagte der König, den Degen ziehend, »laßt uns die Schurken angreifen und wie sich's gebührt heimschicken; gebt mir die Kavallerie mit, d'Angoulême, wo ist sie, Kardinal?« »Hinter diesem Hügel, Sire, stehen sechs Regimenter Dragoner und die Karabiniere de la Roques in Kolonnen; da unten sehen Sie meine Gardereiter und meine Chevaulegers, deren sich zu bedienen ich Ew. Majestät bitte, denn die Ihrigen haben sich durch die Schuld des stets zu eilfertigen Marquis von Coislin zu weit vorwärts verirrt. Joseph, geh', sage ihm, er möchte umkehren.« Er sprach noch einige leise Worte mit dem Kapuziner, der ihn, in eine Uniform vermummt, in der er sich aber ziemlich linkisch benahm, begleitet hatte, und dann sogleich der Ebene zuging. Indessen rückten die dichten Kolonnen der alten spanischen Infanterie gleich einem sich bewegenden dunklen Walde von dem Tor von Notre-Dame her, während durch ein anderes Tor ebenfalls schwere Kavallerie ausrückte und sich in der Ebene aufstellte. Die französische Armee, am Fuße des Hügels, wo der König auf Wällen von Rasen hinter Schreckschanzen und Faschinen stand, in Schlachtordnung aufgestellt, sah mit Schrecken ihre Gardereiter und Chevaulegers zwischen diese beiden an Zahl ihnen zehnfach überlegenen Heerhaufen gedrängt. »Blast doch zum Angriff!« schrie Ludwig XIII., »oder mein alter Coislin ist verloren.« Und er eilte mit seinem ganzen ebenso feurigen Gefolge die Anhöhe hinab; doch bevor er noch unten und an der Spitze seiner Musketiere war, hatten die beiden Kompagnien schon ihren Entschluß gefaßt; mit Blitzesschnelle und dem Geschrei: Es lebe der König ! stürzten sie sich auf die lange Kolonne der feindlichen Reiterei wie zwei Geier auf die Seite einer Schlange, brachen sich eine blutige Bahn, um sich, wie wir gesehen haben, hinter dem spanischen Bollwerk wieder zu sammeln, während die feindliche Reiterei in ihrer Überraschung sich nur wieder in Reih und Glied zu stellen und nicht an ihre Verfolgung zu denken vermochte. Erstaunt hielt der König sein Pferd an, schaute sich um und erblickte in aller Augen das brennende Verlangen, den Angriff zu wagen; in den seinigen blitzte die ganze Tapferkeit seines Stammes; eine Sekunde lang blieb er gleichsam noch zweifelhaft, indem er in trunkenem Entzücken dem Kanonendonner horchte und mit Wollust den Pulverdampf einatmete und in sich sog; er schien ein neues Leben zu leben und wieder ein Bourbon zu werden; alle, die ihn damals sahen, glaubten von einem anderen befehligt zu werden, als er, den Degen schwenkend und die Augen zur blendenden Sonne erhebend, rief: »Folgt mir, tapfere Freunde! Hier bin ich König von Frankreich!« Sich entfaltend, sprengte seine Kavallerie stürmisch davon, durchflog, von dem unter ihr zitternden Boden Staubwolken auswerfend, den Raum, der sie von der spanischen Kavallerie trennte, und sah sich einen Augenblick später mit derselben vermischt und gleich ihr in einer ungeheueren und beweglichen Wolke vergraben. »Jetzt, jetzt gilt's!« rief mit donnernder Stimme der Kardinal von der Höhe herab; »die Batterien aus ihrer unnützen Stellung weggebracht! Fabert, erteilen Sie Ihre Befehle und zwar alle in bezug auf die Infanterie, die den König langsam umzingeln will. Eilen Sie, fliegen Sie, retten Sie den König!« Alsobald zerteilt sich dieses zuvor nicht wankende Gefolge nach allen Richtungen; die Generäle geben Befehle, die Adjutanten verschwinden und verlieren sich in der Ebene, wo sie, Gräben, Vormauern und Palisaden überspringend, fast ebenso schnell an ihr Ziel gelangen, als der sie leitende Gedanke und der ihnen folgende Blick. Plötzlich werden die langsamen und unterbrochenen Blitze, die über den entmutigten Batterien leuchteten, zu einer ungeheuren und anhaltenden Flamme, die dem Rauch, der, eine Unzahl leichter, wallender Kronen bildend, zum Himmel emporsteigt, keinen Raum läßt; die Kanonensalven, die bisher nur ein fernes und schwaches Echo schienen, verwandeln sich in einen furchtbaren Donner, dessen Schläge sich so schnell folgen, als die des zum Angriff trommelnden Tambours, während von drei entgegengesetzten Punkten aus die breiten und roten Strahlen der Feuerschlünde auf die dunklen Kolonnen schießen, die aus der belagerten Stadt herausrücken. Ohne den Platz zu verändern, jedoch mit glühendem Blick und gebieterischer Gebärde ließ Richelieu indes nicht ab, vermehrte Befehle zu erteilen, indem er auf die, welche sie empfingen, einen Blick warf, der ihnen ein Todesurteil ankündete, wenn sie nicht schnell gehorchen würden. »Der König hat jene Kavallerie über den Haufen geworfen, doch die Infanterie leistet noch Widerstand; unsere Batterien haben nur getötet, nicht aber einen Sieg errungen. Drei Infanterieregimenter vor, unverzüglich, Gassion, La Meilleraie und Lesdiguières! Man greife die Kolonnen auf der Seite an. Bringt dem Rest der Armee den Befehl, nicht weiter anzugreifen und ohne alle Bewegung auf der ganzen Linie zu bleiben. Ein Papier! Ich muß selbst an Schomberg schreiben.« Ein Page stieg ab und trat mit einem Bleistift und Papier zu ihm heran. Von vier Personen seines Gefolges unterstützt, stieg der Minister mühsam und mit einigen unwillkürlichen Wehelauten, die seine Schmerzen ihm entlockten, vom Pferde; er bezwang sich jedoch und setzte sich auf die Lafette einer Kanone: der Page hielt, sich beugend, seine Schulter als Schreibpult hin, und der Kardinal schrieb eiligst folgenden Befehl, der uns unter den Manuskripten der damaligen Zeit überliefert worden ist. »Herr Marschall, wagen Sie nichts und überlegen Sie die Sache wohl, bevor Sie angreifen. Meldet man Ihnen, der König wünsche, daß Sie nichts wagen, so will das nicht gerade sagen, daß Se. Majestät Ihnen durchaus verbiete, zu schlagen; es liegt nur in seiner Absicht, Sie möchten kein allgemeines Gefecht liefern, wenn Sie nicht statt des Vorteils, den eine günstige Stellung Ihnen gewähren könnte, eine wesentliche Hoffnung auf Gewinn haben, in welchem Fall die Verantwortlichkeit des Kampfes natürlich auf Sie fallen müßte.« Als alle Befehle gegeben waren, setzte der alte Minister, noch immer auf der Lafette sitzend und seine beiden Arme auf das Zündloch der Kanone und sein Kinn auf die Arme stützend, in der Stellung des Mannes, der ein Geschütz richtet und zielt, schweigend und in Ruhe die Beobachtung des königlichen Kampfes fort, gleich einem alten Wolfe, der von Opfern satt und steif vor Alter die Verheerung betrachtet, die ein Löwe in einer Rinderherde, welche er selbst nicht anzugreifen wagen würde, anrichtet; von Zeit zu Zeit belebt sich sein Auge, der Blutgeruch macht ihm Freude und um den Geschmack davon nicht zu verlieren, streckt er seine lechzende Zunge aus der aufgerissenen Kinnlade. Seine Diener (und das hieß ungefähr, jedermann in seiner Umgebung) bemerkten an diesem Tage, daß er vom Aufstehen an bis in die Nacht hinein keinerlei Nahrung zu sich nahm und alle Kräfte seiner Seele so auf die notwendig zu leitenden Ereignisse heftete, daß er die Schmerzen seines Körpers besiegte und sie durch lauter Vergessen zerstört zu haben schien. Diese Macht seiner Aufmerksamkeit und diese beständige Geistesgegenwart waren es, was ihn beinahe zum Genie erhob. Er würde es auch erreicht haben, wenn ihm nicht die angeborene Seelenhoheit und edle Herzensgüte gemangelt hätten. Alles ging auf dem Schlachtfelde, wie er gewollt hatte, und das Glück, das er im Kabinett hatte, folgte ihm auch an die Kanone, Ludwig XIII. ergriff mit gieriger Hand den Sieg, den ihm sein Minister verschafft hatte, und fügte ihm nur jenen Teil von Größe hinzu, welche die Tapferkeit eines Mannes mit in den Triumph flicht. Die Kanonen hatten aufgehört zu donnern, als die Kolonnen der Infanterie geschlagen nach Perpignan zurückgeworfen wurden; der übrige Teil hatte das nämliche Schicksal gehabt, und in der Ebene sah man nur noch die glänzenden Schwadronen des Königs, welche, sich allmählich vermindernd, ihn begleiteten. Er ritt langsam einher und betrachtete mit Befriedigung das gänzlich von Feinden gesäuberte Schlachtfeld; stolz zog er sogar unter dem Feuer des spanischen Geschützes hin, welches, sei es nun aus Ungeschicklichkeit oder infolge einer Übereinkunft mit dem ersten Minister oder gar aus Scheu, einen König von Frankreich zu töten, ihm nur einige Kugeln zuschickte, die auf zehn Fuß über seinem Kopfe wegfliegend, angesichts der französischen Linie in den Boden fuhren und, wie billig, den Ruf der königlichen Tapferkeit vergrößerten. Bei jedem Schritt indes, der ihn der Schanze näher brachte, wo Richelieu ihn erwartete, veränderte seine Physiognomie den Ausdruck und entstellte sich sichtlich; er verlor jene Röte, welche die Kampflust über ihn ausgegossen und der edle, im Triumph errungene Schweiß trocknete auf seiner Stirn. Je näher er kam, desto mehr bemächtigte sich die gewöhnliche Blässe seiner Züge, als hätte sie allein das Recht, auf einem königlichen Haupt zu thronen; der Blick verlor seine momentanen Flammen, und als der König endlich bei dem Minister angelangt war, lag der eiskalte Hauch einer tiefen Melancholie über seinem Antlitz. Er fand den Kardinal wie er ihn verlassen hatte; dieser saß wieder zu Pferde, verneigte sich mit seiner immer gleich kalten Ehrerbietung und stellte sich nach einigen bekomplimentierenden Worten neben Ludwig hin, um aufmerksamen Blickes den Bewegungen der Linien zu folgen und die Resultate des Tages zu beobachten, während die Prinzen und die vornehmen Herren, in einiger Entfernung vor und hinter ihnen sich bewegend, gleichsam eine Wolke um sie her bildeten. Der gewandte Minister hütete sich sorgfältig, etwas zu sagen oder irgend eine Bewegung zu machen, was den Verdacht, daß er auch nur den geringsten Anteil an den Ereignissen des Tages nehme, hätte erregen können; und es war bemerkenswert, daß von allen denen, die ihm Bericht zu erstatten kamen, nicht einer war, der seinen Gedanken nicht zu erraten schien und als Beweis eines bündigen Gehorsams nicht zu vermeiden wußte, die geheime Macht des Kardinals zu kompromittieren. Die Rapporte wurden alle dem König gemacht. Der Kardinal durchritt nun an dessen Seite den rechten Flügel des Schlachtfeldes, den er von der Anhöhe herab, auf der er gestanden, nicht überblicken tonnte, und sah mit Befriedigung, daß Schomberg, der ihn wohl kannte, genau nach der Vorschrift seines Gebieters gehandelt hatte, indem er nur einige leichte Truppen der Gefahr aussetzte, den Kampf aber hinlänglich im Gang zu erhalten wußte, um jeden Vorwurf der Untätigkeit von sich fernzuhalten, und doch nicht hinreichend, um irgend ein Resultat zu erzielen; der Minister war höchlich erfreut über dieses Benehmen, das auch dem König, dessen Eigenliebe sich mit dem Gedanken schmeichelte, der einzige Sieger des Tages zu sein, keineswegs mißfiel. Ja, er suchte sich sogar die Überzeugung aufzudringen, daß alle Anstrengungen Schombergs fruchtlos gewesen seien, und sagte ihm, er mache ihm keinen Vorwurf darüber, da er an sich selbst erfahren habe, daß man minder verächtlichen Feinden, als man anfangs geglaubt, gegenüberstehe. »Um Ihnen zu beweisen, daß Sie in unseren Augen nur gewonnen haben«, fügte er hinzu, »ernennen wir Sie zum Ritter unseres Ordens und gestatten Ihnen die großen und kleinen Entrees bei unserer Person.« Der Kardinal drückte ihm im Vorbeigehen freundlich die Hand und, erstaunt über die Gunstbezeugungen, womit man ihn überschüttete, folgte der Marschall dem König gleich einem Schuldigen mit gesenktem Haupte, indem er sich zu seinem Troste alle die glänzenden Waffentaten, die er während seiner Laufbahn verrichtet und die in Vergessenheit geblieben waren, ins Gedächtnis rufen mußte und, um sein Gewissen zu beschwichtigen, in seinem Innern die jetzt unverdiente Belohnung als Vergeltung für jene annahm. Der König war eben im Begriff umzukehren, als der Herzog von Beaufort mit hochgetragener Nase und erstaunter Miene rief: »Aber Sire, habe ich denn noch Feuer in den Augen oder hat mich ein Sonnenstich verrückt gemacht? Mir ist, als sähe ich auf jenem Bollwerk Kavalleristen in roter Uniform, die Ihren Chevaulegers, die wir tot glaubten, ganz rasend ähnlich sind.« Der Kardinal runzelte die Brauen. »Das ist unmöglich, mein Herr«, entgegnete er; »die Unbesonnenheit des Herrn von Coislin hat die Gardereiter Seiner Majestät und jene Kavaliere zugrunde gerichtet; deshalb wagte ich noch soeben, dem König die Bemerkung zu machen, daß durch Abschaffung dieser unnützen Korps, militärisch gesprochen, nur große Vorteile erwachsen könnten.« »Pardieu, Ew. Eminenz wird mir verzeihen«, erwiderte der Herzog von Beaufort, »allein ich irre mich nicht, und hier sind ja deren sechs bis sieben, die Gefangene vor sich hertreiben.« »Nun, so verfügen wir uns denn auf jenen Punkt«, sagte der König nachlässig. »Es sollte mir sehr lieb sein, meinen alten Coislin dort wieder zu finden.« Man mußte ihm folgen. Mit großer Behutsamkeit überschritten die Pferde des Königs und seines Gefolges den Sumpf und die Mauertrümmer. und zur ungemeinen Verwunderung aller erblickte man auf der Höhe des Bollwerks die beiden roten Kompagnien wie an einem Paradetage aufgestellt. » Vive Dieu !« schrie Ludwig XIII., »ich glaube, es fehlt nicht einer. Wohlan, Marquis, Sie halten Wort, Sie nehmen die Mauern zu Pferde ein.« »Meines Dafürhaltens ist dieser Punkt schlecht gewählt worden«, sagte Richelieu mit geringschätzender Miene; »es fördert die Einnahme von Perpignan um nichts und hat viel Leute kosten müssen.« »Meiner Treu, da haben Sie recht«, entgegnete der König, seit der Zusammenkunft, die der Nachricht von dem Tode der Königin-Mutter voranging, den Kardinal zum erstenmal in minder trockenem Tone anredend, »es tut mir leid um das Blut, das hier vergossen werden mußte.« »Sire, bei diesem Angriff wurden nur zwei von unseren jungen Leuten verwundet«, bemerkte der alte Coislin, »und in den Freiwilligen, die uns geführt, haben wir neue Waffengefährten gewonnen.« »Wer sind sie?« fragte der König. »Drei von ihnen haben sich bescheiden zurückgezogen, Sire; doch der Jüngste, den Sie da sehen, war der erste beim Sturm und hat mich auf den Gedanken gebracht, die Einnahme dieser Bastei zu wagen. Die beiden Kompagnien bitten um die Ehre, ihn Ew. Majestät vorstellen zu dürfen.« Cinq-Mars, der sich hinter dem alten Kapitän zu Pferde befand, zog seinen Hut ab, so daß sein junges blasses Gesicht, seine großen schwarzen Augen und seine langen kastanienbraunen Haare völlig zum Vorschein kamen. »Das sind Züge, die mich an jemand erinnern«, sagte der König; »was halten Sie davon, Kardinal?« Dieser hatte auf den neuen Ankömmling einen durchdringenden Blick geworfen und antwortete: »Ich müßte mich sehr irren oder dieser junge Mann ist ...« »Henri d'Effiat«, ergänzte mit lauter Stimme und einer Verbeugung der Freiwillige. »Wie, Sire? Es ist der nämliche, den ich Ew. Majestät angekündigt hatte und der Ihnen durch mich vorgestellt werden sollte: der zweite Sohn des Marschalls.« »Ach!« sagte Ludwig XIII. lebhaft, »es freut mich, ihn durch diese Bastei vorgestellt zu sehen. Es bedeutet Glück, mein Kind, es auf solche Weise zu werden, wenn man zudem noch den Namen unseres alten Freundes trägt. Sie werden uns ins Lager folgen, wo wir Ihnen viel zu sagen haben. Aber was seh' ich? Sie hier, Herr von Thou? Über wen hatten Sie hier ein Urteil zu sprechen?« »Ich glaube, Sire«, antwortete an seiner Statt Coislin, »er hat einige Spanier zum Tode verurteilt, denn er war der zweite auf dem Platze.« »Ich habe niemand geschlagen, mein Herr«, unterbrach ihn von Thou errötend; »das ist nicht mein Handwerk; ich habe hier keine Verdienste, denn ich begleitete nur meinen Freund, Herrn von Cinq-Mars.« »Wir sehen Ihre Bescheidenheit ebenso gern als solche Tapferkeit, und werden diesen Zug nicht vergessen. Kardinal, ist keine Präsidentenstelle vakant?« Richelieu war dem jungen von Thou nicht gewogen, und da sein Haß stets eine geheime Quelle hatte, suchte man die Ursache desselben vergebens. Sie enthüllte sich nur durch ein schreckliches Wort, das ihm entfuhr. Der Beweggrund dieser Feindschaft war eine Stelle in der »Geschichte Frankreichs« des Präsidenten von Thou, des Vaters unseres jungen Parlamentsrates, in der er einen Großoheim des Kardinals, der zuerst Mönch, dann Apostat war und alle menschlichen Laster in sich vereinigte, vor den Augen der Nachwelt brandmarkte. Richelieu hatte sich schon vorher zu Josephs Ohr herabgebeugt und ihm zugeflüstert: »Siehst du den jungen Mann da? Der Vater desselben hat meinen Namen in seiner Geschichte aufgezeichnet; wohlan! Der Name seines Sohnes soll auch in der meinigen aufgezeichnet werden.« Er schrieb ihn auch wirklich später mit Blut hinein. Um nun in diesem Augenblick der Antwort auf die Frage des Königs auszuweichen, stellte er sich als ob er dieselbe überhört hätte und hob um so mehr das Verdienst Cinq-Mars' und seinen Wunsch hervor, ihn bei Hofe angestellt zu sehen. »Ich habe Ihnen im voraus versprochen, ihn zu meinem Gardekapitän zu machen«, sagte der König, »lassen Sie ihn gleich morgen dazu ernennen. Ich will ihn näher kennen lernen und behalte ihm, wenn er mir gefällt, für die Zukunft Besseres vor. Kehren wir zurück; die Sonne ist untergegangen und wir sind weit von unserer Armee entfernt. Befehlen Sie meinen beiden guten Kompagnien, uns nachzufolgen.« Nachdem der Minister mit Weglassung dieses Lobes den gewünschten Befehl hatte erteilen lassen, ritt er an die rechte Seite des Königs, und das ganze Gefolge verließ die den Schweizern zur Bewachung überlassene Bastei, um ins Lager zurückzukehren. Cinq-Mars gesellte sich zu seinem Freunde. »Unsere Helden hier sind schlecht belohnt worden«, sagte er zu diesem; »trugen sie doch nicht eine Gunstbezeugung, nicht eine schmeichelhafte Anrede davon!« »Dagegen«, antwortete der einfache von Thou, »erhalte ich, der ich ziemlich gegen meinen Willen hierher kam, Komplimente. So geht's im Leben; doch der rechte Richter, dessen Augen nicht geblendet wird, ist dort oben.« »Das soll uns auch nicht hindern, morgen schon, wenn es sein muß, unser Leben zu lassen«, sagte der junge Olivier lachend. Elftes Kapitel. Die Täuschungen Um vor dem König zu erscheinen, war Cinq-Mars gezwungen gewesen, das Pferd eines der im Kampfe verwundeten Chevaulegers zu besteigen, da er am Fuße des Walles das seinige eingebüßt hatte. Während der ziemlich langen Zeit, die der Abzug der beiden Kompagnien erforderte, fühlte er, wie ihm jemand auf die Schulter klopfte, und er erblickte beim Umwenden den alten Grandchamp, der ein sehr schönes graues Pferd am Zügel hielt. »Will der Herr Marquis gefälligst ein Pferd besteigen, das ihm gehört?« sagte er. »Ich habe ihm den Sattel und die samtene, goldgestickte Schabracke, die im Graben liegen blieben, angelegt. Ach, mein Gott, wenn ich bedenke, wie leicht es möglich gewesen wäre, daß ein Spanier oder gar ein Franzose sie aufgehoben hätte! Denn in jetziger Zeit gibt es eine Menge Leute, die nehmen, was sie finden, als ob es ihr Eigentum wäre; und dann sagt das Sprichwort auch: Was in den Graben fällt, gehört dem Soldaten. Und wenn ich erst bedenke, daß sie auch diese vierhundert Taler in Gold hätten nehmen können, die der Herr Marquis, ohne ihm einen Vorwurf machen zu wollen, in seinen Pistolenhalftern mit sich führte! Und die Pistolen, was für Pistolen! Ich hatte sie in Deutschland gekauft und sie haben noch einen ebenso vorzüglichen Drücker und sind noch in ebenso gutem Zustande wie damals. Es war doch gewiß genug, das arme kleine schwarze Pferd hinzumachen, das in England geboren wurde, so wahr als ich in Tours in der Touraine; mußte man auch noch kostbare Gegenstände der Gefahr aussetzen, in Feindes Hände zu geraten?« Unter solchen Klagen und Beschwerden war der wackere Mann mit dem Satteln des grauen Pferdes zustande gekommen, die Kolonne hatte lange vorbei zu defilieren, und so ward er denn langsamer in seinen Bewegungen und widmete der Länge der Gurten und den Jungen jeder Schnalle des Sattels eine gewissenhafte Aufmerksamkeit, indem er dadurch Zeit gewann, seine Reden fortzusetzen. »Ich bitte sehr um Verzeihung, mein Herr, wenn ich ein bißchen lange mache: ich habe mir nämlich den Arm ein wenig verstaucht, als ich Herrn von Thou aufhob, der dann gleichermaßen den Herrn Marquis bei seinem derben Fall aufhob.« »Wie! Du bist hierher gekommen, alter Narr?« sagte Cinq-Mars; »das ist nicht deines Amtes; ich befahl dir ja, im Lager zu bleiben.« »O, was das Bleiben im Lager betrifft, so ist das ein ander Ding; ich kann nicht dort bleiben, und fällt ein Schuß, so müßte ich jedenfalls krank sein, wenn ich das Feuer davon nicht sehen sollte. Meines Amtes ist allerdings, für Ihre Pferde Sorge zu tragen und auf einem derselben sollen Sie jetzt wieder sitzen, mein Herr. Glauben Sie, ich hatte nicht, wenn es immer möglich gewesen wäre, die Tage dieses armen kleinen schwarzen Tieres gerettet, das da unten im Graben liegt? Ach, wie lieb war mir das Tierchen, mein Herr! Ein Pferd, das in seinem Leben drei Preise bei Wettrennen gewonnen hat! Wenn ich daran denke, so war dieses Leben zu kurz für alle, die es so zu lieben verstanden wie ich. Es ließ sich den Hafer nur durch seinen Grandchamp reichen und in solchen Augenblicken liebkoste es mich stets mit seinem Kopfe; sin Beweis dafür ist, daß es mir einst das linke Ohrläppchen wegschnappte, das freundliche Tier; es wollte mir aber nicht wehe tun, im Gegenteil. Es war der Mühe wert, zu sehen, wie es vor Zorn wieherte, wenn ihm ein anderer nahe kam, es hat deshalb unserem Jean das Bein gebrochen, das gute Tier; es war mir zu lieb. Als es stürzte, hob ich es auch mit der einen und Herr von Locmaria mit der anderen Hand auf. Ich glaubte anfangs, es und der Herr würden wieder auf die Beine kommen; unglücklicherweise ist jedoch nur einer von ihnen am Leben geblieben und gerade der, den ich nicht kannte. Sie scheinen über das, was ich in bezug auf Ihr Pferd sage, zu lachen, mein Herr; allein Sie vergessen, daß in Kriegszeiten das Pferd die Seele des Kavaliers ist, ja, mein Herr, seine Seele; denn wer setzt die Infanterie in Schrecken? Das Pferd! Doch gewiß nicht der Mann, der, einmal losgelassen, kaum mehr Schrecken anrichtet als ein Bund Heu; wer vollführt Taten, die man bewundert? Wieder das Pferd! Und wenn sich oft sein Herr weit weg wünscht, so sieht er sich ohne sein Dazutun plötzlich siegreich und belohnt, während das arme Tier nur Schläge davonträgt. Wer gewinnt die Preise beim Wettrennen? Das Pferd, das, während sein Herr das Gold in die Tasche steckt und von seinen Freunden beneidet und von allen Herren angesehen wird, als wäre er selbst gelaufen, kein besseres Nachtessen kriegt als gewöhnlich. Wer jagt das Reh und kriegt nicht das kleinste Stückchen davon unter die Zähne? Wieder das Pferd! Während es zuweilen vorkommt, daß es selbst gegessen wird, das arme Tier; und auf einem Feldzug mit dem Herrn Marschall ist es mir sogar vorgekommen ... Aber was haben Sie denn, Herr Marquis? Sie werden ja ganz bleich ...« »Verbinde mir das Bein mit etwas, mit einem Sacktuch oder einem Riemen oder mit was du willst, denn ich fühle einen brennenden Schmerz darin; ich weiß nicht, was es ist.« »Ihr Stiefel ist durchschnitten, mein Herr, und es könnte wohl eine Kugel sein; doch das Blei ist ja dem Menschen befreundet .« »Es tut mir aber sehr weh!« »Ach, wer liebt, der züchtigt auch , mein Herr; ach, das Blei! Man muß dem Blei nichts Schlimmes nachreden; wer ...« Während der gute Mann beschäftigt war, das Bein Cinq-Mars' oberhalb des Knies zu verbinden, wollte er eine ebenso dumme Verteidigungsrede des Bleies beginnen als er dem Pferde eine Lobrede gehalten hatte, wurde aber ebenso wie sein Gebieter genötigt, einem lebhaften und lärmenden Gezanke mehrerer nach dem Abzug aller Truppen ganz in ihrer Nähe zurückgebliebenen Schweizersoldaten sein Ohr zu leihen; sie sprachen unter lebhaftem Gebärdenspiel und schienen sich mit zwei Männern zu beschäftigen, die man in der Mitte von ungefähr dreißig Soldaten erblickte. An das Sattelzeug seines Pferdes sich lehnend und den Fuß immer seinem Bedienten hinhaltend, suchte d'Effiat, aufmerksam zuhörend, ihre Worte aufzufassen; er verstand jedoch kein deutsches Wort und konnte daher ihren Streit nicht erraten. Grandchamp hielt unaufhörlich seinen Stiefel und horchte auch sehr gespannt zu, dann fing er plötzlich an, aus vollem Halse zu lachen und sich die Seiten zu halten, was man noch nie an ihm gesehen hatte. »Hahahaha! mein Herr, da zanken sich zwei Sergeanten darum, welcher von den beiden Spaniern dort gehängt werden solle, denn ihre roten Kameraden haben sich nicht die Mühe genommen, es zu bestimmen; der eine von diesen Schweizern möchte den Offizier, der andere den Soldaten baumeln sehen und nun ist ein Dritter dazugekommen und der hat einen Vergleich zuwege gebracht.« »Und was hat er gesagt?« »Er riet ihnen, beide zu hängen.« »Sachte, sachte«, rief Cinq-Mars, indem er eine Anstrengung machte, zu gehen, jedoch nicht auf seinem Bein stehen konnte. »Setze mich aufs Pferd, Grandchamp.« »Mein Herr, Sie denken doch nicht daran; Ihre Wunde ...« »Tu' was ich dir sage und hernach steig' auch du auf.« Unter Schelten gehorchte der alte Bediente dennoch und eilte dann infolge eines ausdrücklichen Befehls nach der Ebene, um den Schweizern Einhalt zu tun, die sich schon anschickten, ihre Gefangenen an einem Baum aufzuhängen oder ihnen das Aufknüpfen vielmehr selbst überließen, denn mit der Kaltblütigkeit seiner energischen Nation hatte sich der Offizier eigenhändig mit einem Strick eine Schlinge um den Hals gemacht und stieg, ohne dazu aufgefordert zu werden, eine kleine, an den Baum gelehnte Leiter hinauf, um das andere Ende oben anzuknüpfen. Mit eben derselben gleichgültigen Ruhe sah der Soldat zu, wie die Schweizer sich um ihn herum zankten und hielt die Leiter. Cinq-Mars kam noch zur rechten Zeit an, um die Spanier zu retten, nannte sich dem schweizerischen Unteroffizier und sagte, Grandchamp zum Dolmetsch machend, daß die beiden Gefangenen ihm angehörten und er sie in sein Zelt bringen lassen werde, daß er Gardekapitän sei und die Verantwortung schon übernehmen wolle. Der gut disziplinierte Deutsche wagte nicht zu widerreden; nur von seiten des Gefangenen traf man auf Widerstand. Der noch oben auf der Leiter stehende Offizier wandte sich um und sagte wie von einer Kanzel herab redend mit sardonischem Lächeln: »Ich möchte wohl wissen, was du hier vorhast? Wer hat dir gesagt, daß ich länger zu leben wünschte?« »Hierum bekümmere ich mich nicht«, entgegnete Cinq-Mars, »es kann mir einerlei sein, was nachher aus Ihnen werden soll; ich will in diesem Augenblick nur einen Akt der Gewalttätigkeit verhindern, der mir ungerecht und grausam erscheint. Töten Sie sich nachher, wenn Sie wollen.« »Gut gesprochen!« rief der wilde Spanier; »du gefällst mir, du! Ich glaubte anfangs, du wärest hierhergekommen, um hier den Großmütigen zu spielen und mich zu zwingen, erkenntlich zu sein, was ich verabscheue. Wohlan! Ich willige ein, hinabzusteigen, werde dich aber hassen wie zuvor, weil du Franzose bist, das sag' ich dir im voraus; auch danke ich dir nicht, denn du hast nur deine Schuld gegen mich abgetragen, da ich selbst heute morgen diesen jungen Soldaten da, der dich aufs Korn genommen hatte, verhinderte, dich totzuschießen; er hat in den Leonschen Gebirgen nie eine Gemse gefehlt.« »Meinetwegen«, entgegnete Cinq-Mars, »steigen Sie herunter.« Es lag in seinem Charakter, sich gegen andere stets zu benehmen, wie sie sich in ihren Beziehungen zu ihm zeigten, und diese Rauheit stählte auch ihn. »Das ist mir ein stolzer Bursche, Herr«, sagte Grandchamp; »der Herr Marschall hätte ihn an Ihrer Stelle gewiß auf seiner Leiter gelassen. Marsch, Louis, Etienne, Germain, die Gefangenen des Herrn bewacht und ins Lager gefühlt! Eine schöne Erwerbung, die wir da machen; wenn Ihnen das Glück bringt, so soll's mich wundern!« Cinq-Mars, der bei der Bewegung seines Pferdes etwas Schmerz empfand, trabte, um die Fußgänger nicht zu überholen, ziemlich langsam vorwärts. Er folgte von weitem der Kolonne der Kompagnien, die sich vom Gefolge des Königs entfernten, und dachte nur noch, was der Monarch ihm wohl zu sagen hätte. Ein Strahl von Hoffnung ließ ihn in der Ferne das Bild Maries von Mantua erblicken und seine Gedanken bekamen einen Augenblick Nutze. Allein seine ganze Zukunft lag in dem einzigen Worte, dem König gefallen ; er begann bald, sich all das Bittere, was in demselben liegt, vor die Seele zu führen. In diesem Augenblick sah er seinen Freund von Thou auf sich zukommen, der, beunruhigt über sein Zurückbleiben, ihn in der Ebene aufsuchte und herbeieilte, um ihm nötigenfalls seine Hilfe angedeihen zu lassen. »Es ist spät, mein Freund, und die Nacht rückt heran; Sie haben sich lange aufgehalten; ich war Ihretwegen in Sorgen. Wen bringen Sie denn da? Weshalb haben Sie sich noch aufgehalten? Der König wird bald nach Ihnen fragen.« So lauteten die rasch aufeinander folgenden Fragen des jungen Rates, den die Unruhe aus seiner gewohnten Ruhe herausgerissen, wenn es auch der Kampf nicht vermocht hatte. »Ich war ein wenig verwundet und hier bringe ich einen Gefangenen; auch dachte ich an den König. Was kann er von mir wollen, mein Freund? Was muß ich tun, wenn er mich in die Nähe des Thrones ziehen will? Ich werde suchen müssen, ihm zu gefallen? Soll ich Ihnen gestehen, daß ich bei diesem Gedanken in Versuchung komme zu fliehen, und daß ich hoffe, der unseligen Ehre, in seiner Nähe zu leben, nicht teilhaftig zu werden? Gefallen! Wie erniedrigend ist dieses Wort! Gehorchen ist nicht so erniedrigend. Ein Soldat setzt sein Leben in Gefahr und damit ist alles gesagt. Aber welche Geschmeidigkeit, welche Opfer seines Charakters, welche Abfindungen mit seinem Gewissen, welche Entwürdigungen seiner Gedanken in dem Geschick eines Höflings! Ach, von Thou, mein lieber von Thou! Ich bin nicht für das Hofleben geschaffen, das fühle ich, obwohl ich es nur einen Augenblick gesehen habe; mein Herz birgt etwas Wildes, Unzähmbares in seiner Tiefe, das die Erziehung nur oberflächlich geglättet hat. Von der Ferne aus glaubte ich mich geeignet, in dieser allmächtigen Welt zu leben, und geleitet durch einen teuren Plan meines Herzens, habe ich es sogar gewünscht; allein ich bebe beim ersten Schritt schon zurück und beim Anblick des Kardinals ergriff mich ein unwillkürlicher Schauer; die Erinnerung an das letzte seiner Verbrechen, dem ich beigewohnt habe, hinderte mich, ihn anzureden; er flößt mir Abscheu ein, ich werde es nie über mich bringen können. Auch die Gunst des Königs hat etwas, das mich erschreckt, als ob sie mir unheilbringend werden sollte.« »Ich bin sehr froh, Sie so erschreckt zu sehen; es kann Ihnen vielleicht heilsam sein«, entgegnete ihm von Thou, an seiner Seite zum Lager zurückreitend. »Sie werden mit der Macht in Berührung und Verbindung kommen; Sie fühlten dieselbe nicht und werden ihr nun Untertan; Sie werden sehen, was sie ist und welche Hand den Blitzstrahl schleudert. Ach! gebe der Himmel, daß er Sie nicht senge! Sie werden vielleicht jenen Beratschlagungen beiwohnen, wo das Geschick der Nationen bestimmt wird; Sie werden sie sehen, jene Launen, jene Grillen, aus denen die blutigen Kriege, die Eroberungen und Verträge entspringen, ja vielleicht zu der Entstehung derselben beitragen; Sie werden vielleicht den Wassertropfen, der Ströme gebiert, in Ihrer Hand halten. Von oben herab, mein Freund, weiß man die menschlichen Dinge gehörig zu würdigen; man muß die Höhepunkte durchlaufen haben, um die Kleinlichkeit derer kennen zu lernen, die wir hochgestellt sehen.« »Ei! wenn es schon so weit mit mir wäre, so würde ich wenigstens die Lehre, von der Sie mir sprechen, mein Freund, dabei gewinnen; allein dieser Kardinal, dieser Mann, gegen den ich eine Verpflichtung haben soll, dieser Mann, den ich durch sein Werk nur zu gut kenne, was wird er mir sein?« »Ein Freund, ein Beschützer ohne Zweifel«, antwortete von Thou. »Lieber tausendmal den Tod als seine Freundschaft! Ich hasse sein ganzes Wesen, ja sogar seinen Namen; er vergießt das Blut der Menschen mit dem Kreuze des Erlösers.« »Was für schreckliche Dinge Sie da sagen, mein Lieber! Sie richten sich zugrunde, wenn Sie dem König solche Gesinnungen gegen den Kardinal zeigen.« »Gleichviel; mitten unter diesen krummen Pfaden will ich einen neuen, den geraden Weg, einschlagen. Alle meine Gedanken, die Gedanken des rechtlichen Mannes, sollen sich sogar den Blicken des Königs enthüllen, wenn er sie erforschen will, und sollte es mich den Kopf kosten. Ich habe ihn endlich gesehen, diesen König, den man mir als so schwach geschildert; ich habe ihn gesehen und sein Anblick hat mich unwillkürlich gerührt; gewiß ist er sehr unglücklich, aber grausam kann er nicht sein; – er würde die Wahrheit hören ...« »Allerdings, würde aber nicht wagen, ihr den Sieg zu verschaffen«, antwortete der kluge von Thou. »Hüten Sie sich vor dieser Wärme des Herzens, die Sie oft zu schnellen und höchst gefährlichen Handlungen verleitet. Greifen Sie einen Koloß, wie Richelieu, nicht an, bevor Sie denselben gemessen haben.« »Sie reden ja ganz wie mein Erzieher, der Abbe Quillet, Sie, mein kluger und besonnener Freund; allein weder der eine noch der andere von euch kennt mich; Sie wissen nicht, wie überdrüssig ich meines Lebens bin und bis wohin ich meine Blicke erhoben habe. Ich muß steigen oder sterben.« »Wie, auch schon ehrgeizig!« rief von Thou in äußerster Überraschung. Die Zügel seines Pferdes loslassend, verbarg sein Freund den Kopf in beide Hände und antwortete nicht. »Wie, diese selbstsüchtige Leidenschaft des reiferen Alters hat sich Ihrer schon bemächtigt, Henri! Der Ehrgeiz ist die traurigste der Hoffnungen.« »Und dennoch besitzt er mich jetzt völlig, denn ich lebe nur durch ihn, mein ganzes Herz ist von ihm durchdrungen.« »Ach! Cinq-Mars, ich erkenne Sie nicht mehr! Wie ganz anders waren Sie ehemals! Ich verberge es Ihnen nicht. Sie scheinen mir sehr verloren zu haben seit jenen Spaziergängen unserer Knabenzeit, wo das Leben und besonders der Tod des Sokrates unsere Augen mit Tränen der Bewunderung und des Neides füllte, wo wir, zum Ideal der höchsten Tugend uns erhebend, für unsere Zukunft jenes berühmte Unglück, jenes erhabene Mißgeschick wünschten, welche große Männer machen; wo unsere Einbildungskraft sich Gelegenheiten zur Hingebung, und zu Opfern ausdachte; wo wir geglaubt hätten, eine Schlange zu berühren, wenn uns eine menschliche Stimme plötzlich das Wort Ehrgeiz in die Ohren geschrien hätte ...« Von Thou sprach mit der Wärme der Begeisterung und des Vorwurfs. Cinq-Mars ritt, den Kopf in den Händen, neben ihm her, ohne zu antworten; als von Thou schon eine Weile nicht mehr sprach, ließ er die Hände sinken und zeigte dem Freunde ein Paar Augen voll hochherziger Thränen, drückte ihm kräftig die Hand und sagte mit durchdringendem Nachdruck: »Herr von Thou, Sie haben mir die schönsten Gedanken meiner ersten Jugend ins Gedächtnis zurückgerufen; glauben Sie mir, ich bin nicht gesunken, allein eine geheime Hoffnung, die ich nicht einmal Ihnen anvertrauen kann, verzehrt mich; ich verachte so sehr als Sie den Ehrgeiz, von dem ich beseelt scheinen werde und über den die ganze Welt den Stab brechen wird; doch was liegt mir an der Welt! Was Sie betrifft, edler Freund, so versprechen Sie mir, daß Sie nicht aufhören wollen, mich zu achten, was Sie auch von mir sehen werden. Ich schwöre beim Himmel, daß meine Gedanken so rein sind wie er.« »Wohlan!« entgegnete von Thou, »so schwöre auch ich bei dem Himmel, daß ich Ihnen blindlings glaube; Sie wälzen eine Zentnerlast von meiner Seele.« Sie drückten sich noch in stürmischer Herzensergießung die Hand, als sie bemerkten, daß sie beinahe vor dem königlichen Zelte angekommen waren. Der Tag hatte sich völlig geneigt, allein man hätte glauben können, ein milderer Tag breche soeben wieder an, so herrlich glänzend entstieg der Mond dem Meere; kein Wölkchen schwamm an dem klaren südlichen Himmel, der gleich einem blaßblauen Schleier mit silbernen Flittern über der Erde ausgespannt lag; die noch immer durchwärmte Luft war ruhig und nur zuweilen durchsäuselte sie der leise Hauch des vom Mittelländischen Meer herüberkommenden Abendwindes. Die ermüdete Armee ruhte unter ihren Zelten, deren Linie durch die Wachtfeuer bezeichnet wurde, und die belagerte Stadt schien in den nämlichen Schlummer gewiegt; auf ihren Wällen sah man nur die Spitzen der Waffen, welche die Schildwachen trugen, im Mondschein glänzen oder das umherirrende Fackellicht derer, welche die Nachtrunde machten, und nur hie und da ertönten von denselben die düsteren langgezogenen Rufe der Wachen als Mahnung, nicht zu schlafen, ins Lager hinab. Nur in der Umgebung des Königs, doch in ziemlicher Entfernung von ihm, wachte alles. Er hatte sein ganzes Gefolge entfernt und spazierte allein vor seinem Zelte, indem er zuweilen stillstand, um die Schönheit des nächtlichen Himmels zu betrachten und dabei in melancholische Betrachtungen versunken schien. Niemand wagte ihn zu stören, und was von vornehmen Herren im königlichen Quartier blieb, hatte sich dem Kardinal genähert, der ungefähr zwanzig Schritt von dem König entfernt auf einem kleinen, von den Soldaten zu einer Bank gebildeten Rasenhügel saß; hier trocknete er sich die blasse Stirn und verabschiedete, ermüdet von den Sorgen des Tages und der ungewohnten Last einer Rüstung, mit kurzen, aber immerhin aufmerksamen und höflichen Worten die, welche sich noch bei ihm einfanden, um ihm eine gute Nacht zu wünschen; bald war niemand mehr um ihn als Joseph, der mit Laubardemont im Gespräch begriffen war. Der Kardinal schaute sich nach dem König um, ob dieser ihn nicht mehr anreden werde, bevor er sich in sein Zelt zurückbegebe, als sich das Getrappel von Cinq-Mars' Pferden vernehmen ließ; die Wachen des Kardinals riefen ihn an und ließen den jungen Mann ohne sein Gefolge und nur von Thou begleitet seinen Weg fortsetzen. »Sie sind zu spät gekommen, um den König zu sprechen, junger Mann«, sagte mit schneidender Stimme der Kardinal-Herzog, »man läßt Seine Majestät nicht warten.« Die beiden Freunde wollten sich eben entfernen, als sich die Stimme Ludwigs XIII. selbst vernehmen ließ. Der König befand sich in diesem Augenblick in einer jener falschen Stellungen, die das Unglück seines ganzen Lebens veranlaßten. Höchst aufgebracht über seinen Minister, doch sich nicht verhehlend, daß er diesem den Erfolg des Tages verdanke, und zudem genötigt, ihn mit seiner Absicht, die Armee zu verlassen und die Belagerung von Perpignan aufzuheben, bekannt zu machen, kämpfte er mit dem Wunsch, ihn zu sprechen, und der Furcht, seine Unzufriedenheit dadurch in schwächerem Lichte zu zeigen. Ungewiß, was für Gedanken sich im Kopfe seines Gebieters wälzten, und besorgend, er möchte seine Zeit übel wählen, wagte seinerseits auch der Minister nicht, ihn zuerst anzureden, konnte sich aber ebensowenig entschließen, sich zu entfernen; und so fanden sich beide ganz in der Lage zweier schmollenden Verliebten, die eine Erklärung wünschen, als der König freudig die erste Gelegenheit ergriff, sich ihr zu entreißen. Der Zufall war dem Minister unheilbringend; ein schlagender Beweis dafür, an wie schwachen Fäden jene Geschicke hängen, die man große nennt. »Ist es nicht Herr von Cinq-Mars?« fragte der König mit lauter Stimme, »er mag kommen, ich erwarte ihn.« Der junge d'Effiat ritt heran und wollte einige Schritt vom König entfernt absteigen, doch kaum hatte sein Bein den Rasen berührt, so sank er in die Knie. »Um Vergebung, Sire«, sagte er, »ich glaube, ich bin verwundet.« Und das Blut strömte aus seinem Stiefel heraus. Von Thou hatte ihn fallen sehen und sich genähert, um ihn zu unterstützen; Richelieu ergriff diese Gelegenheit, ebenfalls mit erheuchelter Geschäftigkeit herbeizukommen. »Bringt dieses Schauspiel dem König aus den Augen«, rief er, »Sie sehen wohl, der junge Mann stirbt.« »Keineswegs«, sagte Ludwig, den Verwundeten selbst unterstützend, »ein König von Frankreich vermag den Tod in seiner Nähe zu sehen und fürchtet sich nicht vor dem Blute, das für ihn fließt; dieser junge Mann erregt meine Teilnahme, man lasse ihn in die Nähe meines Zeltes tragen und gebe ihm meine Ärzte; ist seine Wunde nicht gefährlich, so soll er mit mir nach Paris kommen, denn die Belagerung ist aufgehoben, Herr Kardinal; ich habe genug davon gesehen; andere Geschäfte rufen mich in den Mittelpunkt des Königreichs; ich lasse in meiner Abwesenheit Sie hier befehligen. Das ist's, was ich Ihnen sagen wollte.« Mit diesen Worten wandte sich der König barsch um und begab sich in sein Zelt, wohin seine Pagen und Offiziere ihm mit Fackeln voranleuchteten. Der königliche Pavillon ward geschlossen und Cinq-Mars von Thou und seinen Bedienten weggetragen, während der Herzog von Richelieu unbeweglich und betroffen noch auf den Platz hinstarrte, wo diese Szene vorgefallen war; er schien vom Blitz getroffen und unfähig, die, welche ihn beobachteten, zu sehen oder zu hören. Abgeschreckt durch den üblen Empfang, der ihm noch jüngst zuteil geworden, wagte Laubardemont nicht, ihm ein Wort zu sagen, und Joseph konnte kaum in ihm seinen alten Gebieter wiedererkennen; er fühlte einen Augenblick Reue, sich ihm so ganz hingegeben zu haben, da er glaubte, der Stern des Ministers sei im Begriff zu erbleichen; als er aber bedachte, daß er von allen Menschen gehaßt und Richelieu seine einzige Hilfsquelle sei, faßte er diesen beim Arm. schüttelte ihn derb und sagte halblaut, aber dennoch grob: »Was da, Ew. Gnaden, sind Sie ein Hase? Marsch, kommen Sie mit!« Und als wolle er ihn mit dem Ellbogen unterstützen, ihn aber in der Tat mit Hilfe Laubardemonts wider Willen fortschleppend, brachte er ihn in sein Zelt wie ein Schulmeister den Schüler, für den er den Abendnebel befürchtet, heimspediert. Dieser frühreife Greis befolgte langsam den Willen seiner beiden Führer, und der Purpur des Pavillons fiel hinter ihm nieder. Zwölftes Kapitel. Die Nachtwache Der Kardinal war kaum in seinem Zelte angekommen, so fiel er, noch in Küraß und Waffenrüstung, in einen großen Lehnstuhl; dort hielt er sich sein Sacktuch vor den Mund und verharrte stieren Blickes in dieser Stellung, seinen beiden schwarzen Vertrauten überlassend, zu erforschen, ob Nachdenken oder Vernichtung ihn banne. Totenblässe lag auf seinem Antlitz und ein kalter Schweiß rieselte ihm von der Stirn. Als er ihn mit einer raschen Bewegung abwischte, warf er sein rotes Priesterläppchen, das einzige geistliche Abzeichen, das ihm blieb, hinter den Stuhl und hielt dann wieder die Hände vor den Mund. Schweigend betrachtete ihn der Kapuziner von der einen, der düstere Magistrat von der anderen Seite, sie schienen in ihrer schwarzen und braunen Kleidung Priester und Notar eines Sterbenden zu sein. Der Mönch begann indes zuerst das Schweigen zu brechen, und zwar mit einer Stimme, deren dumpfer Brustton geeigneter schien, Totengebete herzusagen als Trost zu, erteilen. »Wenn Ew. Gnaden«, hob er an, »sich meiner Ratschläge, die ich Ihnen in Narbonne gab, erinnern will, so werden Sie zugeben, daß meine Ahnung, dieser junge Mann werde Ihnen eines Tages Verdruß verursachen, richtig war.« »Ich erfuhr auch«, fiel ihm der Maître des Requêtes ins Wort, »durch den alten tauben Abbé, der oft von der Marschallin d'Effiat zur Tafel gezogen wurde und alles gehört hat, daß dieser junge Cinq-Mars mehr Energie zeige als man glauben könne, und daß er den Versuch machte, den Marschall von Bassompierre zu befreien. Der Taube, der seine Rolle trefflich spielte, hat mir umständliche Berichte gegeben, die den erlauchten Kardinal befriedigen werden.« »Ich sagte Ew. Gnaden schon«, begann Joseph wieder, denn diese zwei wilden Seïden wechselten wie die Hirten Virgils mit ihren Reden ab, »ich sagte, es wäre wohlgetan, sich dieses kleinen d'Effiat zu entledigen, und bot mich dazu an, wenn Ew. Gnaden belieben sollte; es wäre leicht, ihn in der Gunst des Königs zu stürzen.« »Es wäre sicherer, ihn an seiner Wunde sterben zu lassen«, entgegnete Laubardemont, »wenn Se. Eminenz die Güte haben wollte, mir diesen Auftrag zu erteilen, so stehe ich mit dem zweiten Arzte, der mich von einer Stirnwunde geheilt hat und auch ihn besorgt, auf vertrautem Fuße. Er ist ein kluger, dem Herrn Kardinal-Herzog ganz ergebener Mann, der nur durch das Trischäkspiel ein bißchen in seinem Vermögen zurückgekommen ist.« »Ich glaube«, hob Joseph mit einer bescheidenen, wiewohl mit einiger Bitterkeit gemischten Miene wieder an, »daß, wenn Se. Exzellenz jemand zu diesem nützlichen Projekte gebrauchen sollte, Ihre Wahl eher auf Ihren gewöhnlichen Unterhändler fallen würde, der früher schon Ihren Zwecken mit gutem Erfolg gedient hat.« »Ich glaube ebenfalls einige nennenswerte Fälle aufzählen zu können«, entgegnete Laubardemont, »und zwar ganz neue, wobei die Schwierigkeit sehr groß war.« »Ach, gewiß!« sagte der Pater mit einer halben Verbeugung und der Miene rücksichtsvoller Höflichkeit, »Ihre gewagteste Aufgabe, und die Sie am geschicktesten lösten, war das Todesurteil Urbain Grandiers, des Zauberers; doch mit Gottes Hilfe kann man ebenso gute und ebenso wesentliche Dinge vollführen. Es ist zum Beispiel«, fügte er, gleich einem jungen Mädchen die Augen niederschlagend, hinzu, »es ist kein kleines Verdienst, kühn eine Linie des Bourbonschen Königshauses auszurotten.« »Es war nicht besonders schwer«, erwiderte mit einiger Bitterkeit der Maître des Requêtes, »einen Soldaten der Garde zu wählen, der den Grafen von Soissons ums Leben bringen mußte; aber präsidieren, ein Urteil sprechen ...« »Und es selbst vollziehen«, unterbrach ihn der hitzig gewordene Kapuziner, »ist unstreitig minder schwierig, als von Kindheit auf einen Mann in dem Gedanken zu erziehen, große Dinge mit Verschwiegenheit auszuführen, und, wenn es sein müßte, um der Liebe des Himmels willen eher alle Qualen zu erdulden als den Namen derer zu entdecken, die ihn mit ihrer Gerechtigkeit bewaffnet haben oder mutig auf dem Körper des Erschlagenen zu sterben, wie mein Sendling tat, der beim Degenstich Rinuemonts, des Stallmeisters des Prinzen, nicht einen Schrei ausstieß und gleich einem Heiligen endigte: das war mein Zögling.« »Ein anderes ist befehlen oder sich selbst der Gefahr aussetzen.« »Und setzte ich mich keiner aus bei der Belagerung von La Rochelle?« »Unstreitig der, in einer Kloake zu ersaufen«, antwortete Laubardemont. »Und Ihr«, sagte Joseph, »habt Ihr Euch etwa in die Gefahr begeben, durch die Folterwerkzeuge Eure Finger zu verlieren? Und alles das, weil die Äbtissin der Ursulinerinnen Eure Nichte ist.« »Das war für Eure Franziskanermönche gut, welche die Hämmer hielten; ich aber wurde von diesem nämlichen Cinq-Mars, der eine zügellose Volksmenge anführte, an der Stirn verwundet.« »Wissen Sie das ganz gewiß?« rief Joseph entzückt, »wagte er so den Befehlen des Königs entgegenzutreten?« Die Freude über diese Entdeckung ließ ihn seinen Zorn ganz vergessen. »Unverschämte!« rief der Kardinal, das Schweigen plötzlich blechend und das blutbefleckte Sacktuch von den Lippen nehmend, »ich würde euren blutigen Zank bestrafen, hätte ich nicht mehrere geheime Ruchlosigkeiten von eurer Seite dadurch erfahren. Man hat meine Befehle überschritten; ich wollte keine Folter, Laubardemont; das ist Ihr zweiter Fehler; Sie lenken um nichts und wieder nichts den Haß des Volkes auf mich; ein solches Verfahren war unnütz. Ihr aber, Joseph, versäumt nicht, die Einzelheiten dieses Aufruhrs, bei dem Cinq-Mars beteiligt war, in Erfahrung zu bringen; das kann in der Folge von Nutzen sein.« »Ich bin im Besitz aller Namen und Signalements der dabei Beteiligten«, sagte voller Diensteifer der Geheimrichter, indem er sich mit seiner großen Gestalt und seinem mageren olivenfarbenen Gesicht, das ein knechtisches Lächeln in Falten zog, bis zum Lehnstuhl hinab verbeugte. »Gut, gut«, antwortete der Minister, ihn von sich stoßend, »es handelt sich jetzt noch nicht darum. Ihr, Joseph, macht, daß Ihr vor diesem jungen Eingebildeten, der, ich bin es überzeugt, der Günstling werden wird, in Paris seid; sucht Euch mit ihm zu befreunden, bringt ihn auf meine Seite oder lichtet ihn zugrunde; er soll mir dienen oder fallen. Doch vor allen Dingen schickt sichere Leute an mich ab, und zwar täglich, um mir mündlichen Bericht zu erstatten, gebt fortan keinen schriftlichen mehr. Ich bin sehr unzufrieden mit Euch, Joseph; was für einen erbärmlichen Kurier habt Ihr für die Berichte von Köln gewählt! Er hat mich nicht verstanden und sich zu früh bei dem König gemeldet, so daß wir nochmals mit einer Ungnade zu kämpfen haben. Wenig hätte gefehlt, so würdet Ihr mich völlig zugrunde gerichtet haben. Ihr gebt jetzt acht, was man in Paris tun wird; man wird nicht zögern, eine Verschwörung gegen mich anzuzetteln; das soll aber die letzte sein. Entfernt euch beide und schickt mir erst in zwei Stunden meinen Kammerdiener; ich will allein sein.« So lange die Schritte der beiden Männer hörbar waren, schien Richelieu, die Augen auf den Eingang seines Zeltes geheftet, sie mit zornigen Blicken zu verfolgen. »Elende!« rief er, als er allein war, »geht und erfüllt noch einige geheime Aufträge, dann aber will ich euch selbst vernichten, ihr unlauteren Werkzeuge meiner Macht. Der König wird bald der langsamen Krankheit, die ihn verzehrt, unterliegen; ich werde dann Regent sein, werde selbst König von Frankreich sein und die Launen seiner Schwäche nicht mehr zu fürchten haben; ohne Gnade sollen dann die stolzen Familien dieses Landes fallen; ich will mittels der Rute des Tarquinius hier ein fürchterliches Gleichgewicht herstellen, ich allein werde über ihnen allen stehen; Europa wird zittern, ich ...« Hier zwang ihn das Blut, das von neuem den Mund füllte, das Sacktuch hinzuhalten. »Ach, was sage ich? Ich Unglücklicher! Mir selbst droht ein naher Tod; meine Auflösung ist nicht fern, mein Blut entströmt und mein Geist will noch arbeiten! Weshalb? Für wen? Etwa um des Ruhmes willen? – Das ist ein leeres Wort; um der Menschen willen? – Ich verachte sie. Für wen denn, da ich doch wahrscheinlich innerhalb zwei bis drei Jahren sterben muß? Etwa für Gott? Welch ein Name! ... Ich bin nicht seine Pfade gewandelt, er hat alles gesehen ...« Bei diesen Worten ließ er sein Haupt auf die Brust sinken und seine Augen fielen auf das große goldene Kreuz, das er um den Hals trug; er konnte sich nicht enthalten, sich in seinen Lehnstuhl zurückzuwerfen; allein es folgte ihm, er ergriff es, betrachtete es mit stieren, verzehrenden Blicken und sagte ganz leise: »Fürchterliches Zeichen, du verfolgst mich! Soll ich dich auch anderswo noch finden ... Gottheit und Todesqual! Was bin ich? Was hab' ich getan?« ... Zum erstenmal durchdrang ihn ein eigentümliches und unbekanntes Entsetzen; von einem unbesieglichen Schauer erfaßt, zitterte er, fühlte sich bald eiskalt, bald siedendheiß übergossen und wagte nicht, die Augen aufzuschlagen, aus Furcht, eine grauenhafte Vision zu erblicken; er wagte nicht, jemand herbeizurufen, denn er fürchtete sich vor dem Ton seiner eigenen Stimme und blieb nun in die für ihn so schreckliche Betrachtung der Ewigkeit versunken, während er folgendes Gebet murmelte: »Großer Gott, wenn du mich hörst, so richte mich denn, aber richte mich nicht vereinzelt. Betrachte mich, umgeben von den Menschen meines Jahrhunderts; schau' an das ungeheure Werk, das ich unternommen habe; bedurfte es weniger als eines gewaltigen Hebels, um diese Massen in Bewegung zu setzen? Und zerschmettert dieser Hebel beim Fallen einige unnütze Nichtswürdige, bin ich strafbar dafür? Ich werde den Menschen als böse erscheinen; du aber, höchster Richter, wirst du mich mit dem nämlichen Maßstabe messen? Nein, du weißt, daß unbegrenzte Macht das Geschöpf am Geschöpfe sich vergehen läßt; nicht Armand von Richelieu taucht seine Hände in Blut, sondern der Premierminister. Es geschieht nicht um der persönlichen Beleidigungen willen, sondern um ein System zu befolgen. Aber ein System, ... was bedeutet dieses Wort? War es mir erlaubt, auf solche Weise mit den Menschen zu spielen und sie als Zahlen zu betrachten, die zur Ergänzung und Ausführung einer vielleicht falschen Idee beitragen sollten? Ich stürze die Umgebung des Thrones. Wenn ich, ohne zu wissen, sein Fundament untergraben und seinen Fall beschleunigen würde! Ja, meine erborgte Macht hat mich verführt. O Labyrinth! O Schwachheit des menschlichen Gedankens! Einfacher Glaube! Warum mußte ich deine Bahn verlassen? ... Warum bin ich nicht bloß ein einfacher Priester! Wagte ich nur, mit den Menschen zu brechen und mich ganz Gott zu weihen! Jakobs Himmelsleiter müßte auch wieder in meine Träume herabsteigen.« In diesem Augenblick tönte ein starker Lärm von außen an sein Ohr; man vernahm das Gelächter der Soldaten und wildes Geschrei und Flüche, die sich unter die ziemlich lange sich behauptenden Worte einer schwachen und hellen Stimme mischten; man hätte geglaubt, den Gesang eines Engels, von dämonischem Gelächter unterbrochen, zu hören. Der Kardinal stand auf und öffnete eine Art Fenster aus Leinwand, das auf einer der beiden Leiten seines viereckigen Zeltes angebracht war. Ein seltsames Schauspiel bot sich seinen Blicken dar und aufmerksam, was dabei geredet würde, betrachtete er es eine Weile lang. »Höre nur, höre nur, La Valeur«, sagte einer der Soldaten, »da fängt sie wieder an zu reden und zu singen; sieh' zu, daß sie sich in die Mitte des Platzes, zwischen uns und das Feuer, stelle.« »Du weißt es nicht, du weißt es nicht?« ließ sich ein anderer vernehmen, »Grand-Ferré da sagt, er kenne sie!« »Ja, ich sage dir, ich kenne sie, und beim heiligen Peter von Loudun möchte ich schwören, sie in meinem Dorfe gesehen zu haben, als ich auf Urlaub war, und zwar bei einer Gelegenheit, wo's warm herging, von der man aber schweigt, besonders gegen einen Kardinalisten, wie du bist.« »Ei, weshalb sollte man davon schweigen, großer Strohkopf?« entgegnete ein alter Soldat, seinen Schnurrbart drehend. »Man schweigt und spricht nicht davon, weil es einem die Zunge verbrennt, verstehst du das?« »Nein, das versteh' ich nicht.« »Wohlan, ich auch nicht; aber so haben mir's die Bürger gesagt.« Hier unterbrach ihn ein allgemeines Gelächter. »Hahaha! Ist der ein Esel!« sagte einer, »er hört auf das Gewäsch der Spießbürger.« »Nun ja, wenn du zuhören kannst, was die für Zeug faseln, so hast du mehr Zeit zu verlieren als ich«, versetzte ein anderer. »Du weißt also nicht, was meine Mutter sagte, Gelbschnabel?« entgegnete ernst der älteste unter ihnen, die Augen senkend und eine feierliche und eisenfresserische Miene annehmend, um sich Gehör zu verschaffen. »Ei, wie soll ich das wissen, La Pipe? Deine Mutter muß vor Alter gestorben sein, bevor mein Großvater auf die Welt kam.« »Wohlan, Gelbschnabel, so will ich's dir sagen. Du mußt allererstens wissen, daß meine Mutter eine ehrenwerte Zigeunerin und dem Regiment der Karabiniere La Roques so anhänglich war wie mein Hund Canon da mir; sie trug den Branntwein in einem Fäßchen an ihrem Halse und verstand ihn besser zu trinken als der erste Täufer unter uns; sie hatte vierzehn Männer, lauter Soldaten, und alle starben auf dem Schlachtfelde.« »Das heißt mal ein Weib!« unterbrachen ihn die Soldaten, ihre Achtung bezeugend. »Und in ihrem Leben redete sie mit einem Bürger nie mehr als die paar Worte bei ihrer Ankunft im Logis: Zünde mir mein Licht an und wärme mir die Suppe.« »Nun und was sagte dir denn deine Mutter?« fragte Grand-Ferré. »Wenn's dir so pressiert, so mußt du's auch nicht wissen, Gelbschnabel; sie sagte gewöhnlich in ihrer Unterhaltung: › Ein Soldat ist besser als ein Hund, ein Hund aber ist besser als ein Bürger .‹« »Bravo! Bravo! Gut gesagt!« schrien die Soldaten voll Begeisterung über diese schönen Worte. »Das verhindert aber nicht«, sagte Grand-Ferré, »daß die Bürger, die mir gesagt haben, es verbrenne einem die Zunge, dennoch recht hatten; überdies waren es nicht so ganz Bürger, denn sie trugen Degen und waren aufgebracht, daß man einen Pfarrer verbrannte, und das war ich auch.« »Und was schadete dir das, wenn man auch deinen Pfarrer verbrannte, du großer Einfaltspinsel?« entgegnete ihm ein an die Gabel seines Stutzens gelehnter Sergeant, »nach dem kommt wieder ein anderer, du hättest an seine Stelle einen unserer Generäle setzen können, die ja dermalen aus lauter Pfaffen bestehen; ich, der ich Royalist bin, sage es offenherzig.« »So schweigt doch«, rief La Pipe, »laßt das Mädchen da reden. Die Hunde von Royalisten stören uns immer in unseren Vergnügungen.« »Was sagst du?« entgegnete Grand-Ferré, »weißt du auch nur, was es heißt, Royalist sein, du?« »Ja«, erwiderte La Pipe, »ich kenne euch alle wohl, ihr seid mit den Croquants Croquants, gleichbedeutend mit verächtlicher Kerl, Schlucker, wurden die rebellischen Bauern unter Heinrich dem Vierten und Ludwig dem Dreizehnten genannt. Der Übersetzer für die alten sogenannten Friedensfürsten und gegen den Kardinal und die Salzsteuer; da, hab' ich recht oder nicht?« »Nein doch, nein, alter Rotstrumpf! Ein Royalist ist der, der für einen König ist, das ist's. Und da mein Vater Falkner des Königs war, so bin ich für den König; da hast du's! Und die Rotstrümpfe mag ich nicht, das ist ganz einfach.« »So, du nennst mich einen Rotstrumpf!« entgegnete der alte Soldat, »du wirst mir morgen früh dafür Genugtuung geben. Hättest du den Krieg im Veltlin mitgemacht, so würdest du nicht so sprechen, und hättest du die Eminenz auf ihrem Damm von La Rochelle mit dem alten Marquis von Spinola spazieren sehen, während man ihr Kanonenkugeln nachschickte, so würdest du nichts von Rotstrümpfen sagen, hörst du?« »Was da, wir wollen uns lieber lustig machen statt zanken«, sagten die anderen Soldaten. Die Tapferen, die in solchem Gespräche begriffen waren, standen um ein großes Feuer herum, das ihre Gestalten mehr beleuchtete als der Mond, so schön er auch schien, und in ihrer Mitte befand sich der Gegenstand ihrer Zusammenrottung und ihres Geschreis. Der Kardinal konnte deutlich ein junges, schwarzgekleidetes, mit einem langen weißen Schleier verhülltes Weib bemerken; sie ging barfuß, ein grober Strick war um die zierliche Gestalt geschlungen, ein langer Rosenkranz fiel von ihrem Halse bis fast an ihre Füße nieder, ihre zarten und elfenbeinweißen Hände ließen die Kugeln desselben schnell durch die Finger laufen. Mit einer barbarischen Freude ergötzten sich die Soldaten, ihr kleine Kohlen auf den Weg zu legen, damit sie sich die Füße daran verbrenne; der älteste von ihnen ergriff die rauchende Lunte seiner Stutzbüchse und hielt ihr dieselbe an den Saum ihres Kleides, indem er mit rauher Stimme sagte: »Marsch, Närrin, fang' uns deine Geschichte wieder an, oder ich fülle dich mit Pulver und lasse dich wie eins Mine in die Luft springen; nimm dich wohl in acht, denn diesen Streich hab' ich noch ganz anderen als dir in den alten Hugenottenkriegen gespielt. Marsch, singe!« Das junge Weib blickte die Soldaten mit gemessenem Ernst an, antwortete nichts und zog ihren Schleier vor. »Du benimmst dich falsch«, sagte Grand-Ferré mit bacchantischem Lachen, »du wirst sie zum Weinen bringen; die schöne Hofsprache verstehst du nicht; ich will mit ihr reden, ich.« Und sie beim Kinn fassend, redete er sie in zimperlichem Tone an: »Mein Herzchen, mein allerliebstes Schätzchen, willst du nicht so gut sein und uns das hübsche kleine Geschichtchen, das du soeben diesem Herrn erzähltest, noch einmal zum besten geben; ich würde dich dann bitten, mit mir auf dem Strome der Zärtlichkeit zu fahren, wie die großen Damen in Paris sagen, und ein Gläschen Schnaps mit deinem getreuen Ritter zu trinken, der dich jüngst in Loudun antraf, wo du eben Komödie spieltest, um einen armen Teufel auf den Scheiterhaufen zu liefern ...« Das junge Weib kreuzte die Arme, schaute sich um, und rief mit gebieterischer Gebärde: »Entfernt euch, im Namen des Gottes der Heerscharen, entfernt euch, ihr unreinen Männer; wir haben nichts miteinander gemein. Eure Sprache verstehe ich nicht und ihr würdet die meine nicht verstehen. Geht, verkaufet euer Blut den Fürsten der Erde für soundsoviel Pfennige des Tags und laßt mich meine Aufgabe erfüllen. Führet mich zu dem Kardinal ...« Ein rohes Gelächter unterbrach sie. »Glaubst du«, sagte ein Karabinier Maureverts, »Se. Eminenz, der Generalissimus, werde dich mit deinen nackten Füßen bei sich empfangen? Geh', wasche sie zuvor.« »Der Herr hat gesagt: Jerusalem, hebe dein Kleid auf und durchwandere die Flüsse«, antwortete sie mit fortwährend gekreuzten Armen. »Man führe mich zu dem Kardinal.« Richelieu rief nun mit lauter Stimme: »Man führe mir diese Frau zu und lasse sie in Ruhe!« Alles schwieg: man brachte sie zu dem Minister. »Weshalb«, fragte sie, als sie ihn erblickte, »weshalb bringt ihr mich zu einem gewaffneten Manne?« Ohne ihre Frage zu beantworten, ließ man sie mit ihm allein. Der Kardinal schaute sie mit argwöhnischer Miene an. »Madame«, redete er sie an, »was tun Sie zu solcher Stunde im Lager, und wozu diese bloßen Füße, wenn Sie nicht etwa eine Geisteskranke sind?« »Ich habe ein Gelübde getan, ein Gelübde«, antwortete die junge Nonne mit ungeduldiger Miene, indem sie sich rasch neben ihn hinsetzte, »ich habe auch das getan, nicht zu essen, bevor ich den Mann angetroffen habe, den ich suche.« »Meine Schwester«, sagte der Kardinal erstaunt und mit milderer Stimme, indem er, um sie zu beobachten, näher zu ihr hinrückte, »Gott fordert von einem schwachen Körper und besonders von Ihrem Alter, denn Sie scheinen mir noch sehr jung, solche Strenge nicht.« »Jung? O ja. ich war vor wenig Tagen noch sehr jung: aber seitdem habe ich wenigstens zwei Menschenalter durchgelebt, so viel hab' ich gedacht und gelitten, schauen Sie nur mein Gesicht an.« Und sie zeigte ihm, den Schleier zurückschlagend, ein vollkommen schönes Gesicht, dem schwarze, sehr hübsche Augen Leben verliehen; ohne diese hätte man jedoch ihre Züge für die eines Gespenstes halten können, so blaß war sie; ihre veilchenfarbenen Lippen bebten und ihre Zähne klapperten hörbar vor Schauern. »Sie sind krank, Schwester«, sagte der Minister bewegt, indem er ihre glühende Hand ergriff. Eine Art Gewohnheit, sich von dem Zustande seiner und anderer Gesundheit zu überzeugen, ließ ihn auch hier den Puls des abgemagerten Arms befühlen; er fand die Schläge der Pulsader von einem fürchterlichen Fieber aufgeregt. »Aber«, fuhr er mit vermehrter Teilnahme fort, »Sie haben sich ja durch eine Strenge aufgerieben, welche die menschlichen Kräfte übersteigt; ich habe dergleichen immer getadelt, besonders in einem so zarten Alter. Was konnte Sie nur dazu veranlassen? Sind Sie gekommen, es mir anzuvertrauen? Sprechen Sie ruhig und sein Sie überzeugt, daß Ihnen geholfen werden soll.« »Mich Männern anvertrauen!« entgegnete das junge Weib, »o nein, nie! Sie haben mich alle betrogen, ich werde mich keinem anvertrauen, nicht einmal Herrn von Cinq-Mars, der doch bald sterben muß.« »Wie?« sagte Richelieu, die Stirn runzelnd, aber mit einem bitteren Lächeln, »wie, Sie kennen diesen jungen Mann? Sollte er wohl schuld an Ihrem Unglück sein?« »O nein, er ist sehr gut und verabscheut die Bösen, und das wird ihn zugrunde richten. Überdies«, sagte sie, plötzlich eine harte und wilde Miene annehmend, »überdies sind die Männer schwach, und es gibt Dinge, welche die Frauen ausführen müssen. Als in Israel kein Tapferer mehr gefunden ward, ist Debora aufgestanden.« »Ei, woher wissen Sie alle diese schönen Dinge?« fuhr der Kardinal fort, ihr immer die Hand haltend. »O, das, das kann ich Ihnen nicht erklären«, antwortete die junge Nonne mit einer sehr sanften Stimme und der Miene rührender Offenherzigkeit, »Sie würden mich nicht verstehen; der Teufel hat mich alles gelehrt und mich auch ins Verderben gestürzt.« »Ei, mein Kind, er ist stets unser Verderber und lehrt uns auch nur Schlimmes«, entgegnete Richelieu mit wachsendem Mitleid und der Miene eines väterlichen Beschützers. »Was haben Sie verbrochen, sagen Sie's mir; ich vermag viel.« »Ach!« sagte sie mit der Miene des Zweifels, »Sie vermögen viel über Krieger, über tapfere und edelmütige Männer; unter Ihrem Küraß muß ein edles Herz schlagen; Sie sind ein alter General, der nichts von den listigen Schlichen des Verbrechens weiß.« Richelieu lächelte, dieser Irrtum schmeichelte ihn. »Ich hörte Sie nach dem Kardinal verlangen; was wollen Sie denn nun von ihm? Was suchen Sie hier?« Die Nonne suchte sich zu sammeln und legte sinnend einen Finger an die Stirn. »Ich erinnere mich nicht mehr«, sagte sie, »Sie haben zu viel mit mir gesprochen ... Jene Idee ist mir entfallen und doch war es eine große Idee ... Um ihretwillen hab' ich mich zu dem Hunger verurteilt, der mich aufreibt; ich muß sie ausführen oder ich sterbe. Ach!« sagte sie, mit der Hand in ihr Kleid fahrend und auf ihrem Busen etwas suchend, »das ist sie, die Idee ...« Sie errötete plötzlich und riß die Augen ungewöhnlich weit auf; dann neigte sie sich zu dem Ohr des Kardinals und fuhr fort: »Ich will es Ihnen sagen, hören Sie: Urbain Grandier. mein Geliebter, Urbain hat mir heute nacht gesagt, Richelieu habe ihn ums Leben bringen lassen; nun nahm ich ein Messer in einem Wirtshause und kam hierher, um den Kardinal zu töten; sagen Sie mir, wo er ist.« Erstaunt und erschrocken wich der Kardinal schaudernd zurück. Er wagte nicht, seine Wache herbeizurufen, weil er das Geschrei und die Anschuldigungen dieser Frau befürchtete und dennoch konnte ein Ausbruch dieser Tollheit ihm gefährlich werden. »So soll mich denn diese abscheuliche Geschichte überall verfolgen!« rief er, sie fest anblickend und bei sich selbst ratschlagend, welchen Entschluß er fassen solle. In der Stellung zweier Kämpfer, die sich betrachten, bevor sie sich angreifen, oder wie der stilliegende Spürhund und sein von der Macht des Blickes versteinertes Opfer verharrten sie einander schweigend gegenüber. Laubardemont und Joseph hatten sich inzwischen entfernt und, bevor sie sich trennten, noch einen Augenblick vor dem Zelte des Kardinals miteinander gesprochen, weil sie das Bedürfnis fühlten, sich gegenseitig zu hintergehen; ihr Haß hatte durch ihren Streit von vorhin an Kraft gewonnen und jeder sich entschlossen, den Nebenbuhler in der Gunst des Gebieters zu stürzen. Der Richter begann das Gespräch, auf das sich jeder von ihnen vorbereitet hatte, indem sie sich gleichsam mit einer und derselben Bewegung unter den Arm griffen, mit folgenden Worten: »Ach, ehrwürdiger Vater! Wie sehr haben Sie mich betrübt, indem Sie sich den Anschein gaben, einige leichte Scherzreden, die ich mir soeben erlaubte, übelzunehmen!« »Ei mein Gott! nein, lieber Herr, da bin ich weit entfernt. Die christliche Liebe, wo bliebe die christliche Lebe? Ich lasse mich oft im Reden von einem heiligen Eifer für alles das hinreißen, was das Wohl des Staates ist und unseres gnädigen Herrn, dem ich ganz ergeben bin.« »Aber wer weiß das besser als ich, ehrwürdiger Vater? Doch Sie lassen mir Gerechtigkeit widerfahren, Sie wissen auch, wie ergeben ich dem erlauchten Kardinal-Herzog bin, dem ich alles verdanke. Ach! ich habe in seinem Dienste einen nur zu großen Eifer bewiesen, der mir jetzt zum Vorwurf gemacht wird.« »Beruhigen Sie sich«, sagte Joseph, »er zürnt Ihnen deswegen nicht; ich kenne ihn genau, er begreift, daß man etwas für seine Familie wagt, denn auch er ist sehr anhänglich an seine Verwandten.« »Eben das ist's«, entgegnete Laubardemont, »und das war hauptsächlich meine Aufgabe, denn hätte Urbain gesiegt, so wäre meine Nichte mit ihrem ganzen Kloster verloren gewesen; Sie fühlen das gewiß ebenso wie ich, um so mehr, als sie uns nicht recht verstanden hatte und als sie öffentlich erscheinen mußte sich wie ein Kind benahm.« »Ist's möglich? Beim öffentlichen Gerichtsverfahren! Was Sie mir da sagen, tut mir wahrhaftig leid für Sie! Wie peinlich mußte Ihnen das sein!« »Mehr als Sie sich denken können! Sie vergaß alles, was man ihr hinsichtlich des Vesessenseins sagte, machte tausend Fehler im Latein, die wir verbesserten, so gut wir konnten, und war sogar schuld an einer höchst unangenehmen Szene, die während des öffentlichen Gerichtsverfahrens vorfiel; ja, einer sowohl für mich als für die Richter höchst unangenehmen Szene, indem sie Lärm schlug und dann in Ohnmacht fiel. Ja! wäre ich nicht genötigt gewesen, das kleine Städtchen Loudun schleunigst zu verlassen, so schwöre ich Ihnen, ich hätte ihr noch tüchtig den Text gelesen. Aber sehen Sie, es ist ganz einfach, daß mir an der Sache gelegen ist, denn sie ist meine nächste Verwandte, da mein Lohn, von dem man seit vier Jahren nicht weiß, was aus ihm geworden ist, so schlecht geraten mußte. Die arme kleine Johanna von Belfiel! Ich hatte sie nur Nonne und dann Äbtissin werden lassen, um alles diesem Taugenichts aufzubehalten. Hätte ich seine Aufführung voraussehen können, so würde ich das Mädchen der Welt nicht entzogen haben.« »Sie soll sehr schön gewesen sein«, entgegnete Joseph, »das ist ein köstliches Gut für eine Familie; man hätte sie bei Hof vorstellen können und der König ... hahaha! ... Fräulein von La Fayette ... haha! ... Fräulein von Hautefort! ... Sie verstehen mich ... es wäre sogar jetzt noch möglich, daran zu denken ...« »Ach, wie sehr erkenne ich Ihre Güte wieder an diesem Zuge ... gnädiger Herr, denn wir wissen, daß man sie zur Kardinalswürde designiert hat; wie gütig sind Sie, sich des ergebensten Ihrer Freunde zu erinnern!« Laubardemont sprach noch zu Joseph, als sie sich am Ende der kleinen Lagerstraße sahen, die zum Quartier der Freiwilligen führte. »Gott und seine heilige Mutter beschützen Sie während meiner Abwesenheit«, sagte Joseph stillstehend, »morgen früh reise ich nach Paris ab, und da ich noch mehr als einmal mit diesem kleinen Cinq-Mars zu tun haben werde, so will ich ihn zum voraus schon besuchen und mich nach seiner Wunde erkundigen.« »Hätte man meinem Vorschlag Gehör gegeben, so wären Sie jetzt dieser Mühe überhoben.« »Ach, Sie haben wohl recht!« antwortete Joseph mit einem tiefen Seufzer und gen Himmel gerichteten Augen, »allein der Kardinal ist nicht mehr der gleiche Mann, er hört nicht mehr auf gute Ratschläge und wird uns noch zugrunde richten, wenn er fortfährt, sich so zu benehmen.« Und mit einer tiefen Verbeugung gegen den Richter schlug der Kapuziner den angedeuteten Weg ein. Laubardemont folgte ihm eine Zeitlang mit den Augen und kehrte oder eilte vielmehr, als er sich versichert hatte, daß der Pater sobald nicht umkehren werde, zu dem Zelte des Ministers zurück. »Der Kardinal entfernte ihn«, sagte er bei sich, »er ist also seiner überdrüssig; ich bin im Besitz von Geheimnissen, die ihn zugrunde richten können. Ich werde noch beifügen, daß er dem künftigen Günstling jetzt schon den Hof macht; ich will diesen Mönch in der Gunst des Ministers ersetzen. Der Augenblick ist günstig, es ist Mitternacht; er muß noch anderthalb Stunden allein sein. Eilen wir.« Er kommt beim Zelte der Wachen an, das sich vor dem Pavillon befindet. »Der gnädige Herr hat jemand bei sich«, sagte der Kapitän zögernd, »man kann nicht eintreten.« »Gleichviel, Sie haben mich vor einer Stunde weggehen sehen und es sind Dinge vorgefallen, über die ich Bericht erstatten muß.« »Herein, Laubardemont«, rief der Minister, »schnell herein, aber allein!« Dieser trat ein. Immer noch sitzend, hielt der Kardinal die beiden Hände einer Nonne in einer der seinigen und gab mit der anderen seinem betroffenen Agenten einen Wink, zu schweigen, worauf dieser regungslos stehen blieb, denn er sah das Gesicht der Jungfrau noch nicht; sie sprach mit ungeheurer Geläufigkeit, und die seltsamen Dinge, die sie redete, bildeten einen schrecklichen Kontrast mit ihrer sanften Stimme. Richelieu schien bewegt. »Ja, mit diesem Messer will ich ihn erstechen; es ist ein Messer, das der Dämon Beharith mir im Wirtshause gegeben hat; es ist aber Sisaras Nagel. Es hat ein elfenbeinernes Heft, sehen Sie, und ich habe es mit vielen Tränen begossen. Ist das nicht sonderbar, mein guter General? ... Ich will es dem, der meinen Freund getötet hat, in der Kehle umwenden, wie er selbst mich tun geheißen hat; und dann verbrenne ich seinen Körper, das ist das Wiedervergeltungsrecht, das Recht, welches Gott dem Adam gestattet hat ... Sie scheinen erstaunt, mein braver General ... o, Sie wären es noch viel mehr, wenn ich Ihnen sein Lied hersagen würde ... das Lied, das er mir noch gestern abend gesungen hat, als er mich zur Stunde des Scheiterhaufens besuchte, Sie wissen wohl? ... zu jener Stunde, wo's regnet, zu jener Stunde, wo meine Hände, wie jetzt, zu brennen beginnen; da hat er mir gesagt: Sie haben sich sehr getäuscht, die Magistraten, die roten Magistraten ... ich habe elf Dämonen zu dienstbaren Geistern und besuche dich wieder, wenn die Glocke läutet ... unter einem Traghimmel von purpurfarbenem Samt, mit Fackeln, Pechfackeln, die uns leuchten; ach, das ist wunderschön! Hör' nur, hör', was er singt!« Und nun begann sie nach der Weise des de profundis zu singen: Ich werde Fürst der Hölle sein, Ein eiserner Hammer das Zepter mein, Die brennende Fichte ist mein Thron, Das Gewand von Schwefel trag' ich schon; Doch morgen umschlingt uns der Ehe Band: Komm', Johanna, und reich' mir deine Hand. Nicht wahr, das klingt seltsam, mein guter General? Und ich antwort' ihm dann allabendlich, geben Sie wohl acht, was, o! geben Sie wohl acht ... Der Richter hat gesprochen bei Nacht Und man hat mich ins Grab gebracht. Komm' ... kalt ist der Regen und schaurig der Wind, Komm' zu deiner Verlobten ... geschwind, geschwind, Du sollst nicht schlafen allein, Ich will dir mein Sargtuch leihn. Dann fängt er an zu sprechen und spricht wie die Geister und die Propheten. Er ruft dann: Wehe! wehe dem, der Blut vergossen hat! Sind die Richter der Erde Götter? Nein, sie sind Menschen, die mit Alter und Leiden zu kämpfen haben, und dennoch wagen sie, mit lauter Stimme zu sagen: Dieser Mann sterbe! Todesstrafe! Todesstrafe! Wer hat dem Menschen das Recht gegeben, sie über den Menschen zu verhängen? Etwa die Zahl Zwei? ... Sage, könnte ein einziger Mörder sein? Doch zähle wohl, eins, zwei, drei ... Ha! sind die weise und gerecht, diese ernsten und besoldeten Bösewicht«! O Verbrechen! Dem Himmel ein Grausen! Sähest du sie von oben herab, wie ich, Johanna, so würdest du noch blasser werden! Das Fleisch zerstört das Fleisch! Es, das von Blut lebt, läßt Blut fließen! ... kalt und sonder Grimm! ... wie Gott, der es geschaffen hat!« Das Geschrei, welches das unglückliche Mädchen zwischen dieser mit ungemeiner Zungengeläufigkeit hergesagten Rede ausstieß, erfüllte Richelieu und Laubardemont so mit Entsetzen, daß sie lange unbeweglich blieben. Indessen stieg Johannas Fieber und Wahnsinn fortwährend. »Haben die Richter gezittert? sagte Urbain Grundier zu mir, zittern sie, sich zu irren? Es handelt sich um den Tod des Gerechten. – Die Folter! – Man schnürt seine Glieder mit Stricken, um ihn zum Reden zu bringen; sie schneiden ihm ins Fleisch ein, bis die Haut sich abschält und zusammenrollt wie Pergament; seine Nerven liegen bloß da, rot und glänzend; seine Knochen krachen; das Mark quillt daraus hervor ... Die Richter aber schlafen. Sie träumen von Blumen und dem Frühling. Wie heiß es in dem großen Saale ist! sagte der eine erwachend, der Mann hat nicht sprechen wollen! Ist die Folter beendigt? Und sich endlich barmherzig zeigend, gewährt er ihm den Tod. Den Tod! ... die einzige Furcht der Lebenden! Den Tod! ... die unbekannte Welt! Er sendet ihr eine wütende Seele zu, die ihn dort erwarten wird. O! hat er es vor seinem Schlafe nie gesehen, der pflichtvergessene Schinder?« Von Fieber, Ermattung und Verdruß ohnedies geschwächt, rief der Kardinal, jetzt von Grausen und Mitleid ergriffen: »Ach, um Gottes willen! Machen wir dieser abscheulichen Szene ein Ende; bringen Sie dieses Weib weg, es ist wahnsinnig!« Die Rasende wandte sich und stieß plötzlich ein fürchterliches Geschrei aus. »Ha! der Richter, der Richter, der Richter!« ... rief sie, Laubardemont erkennend. Dieser fiel mit gefalteten Händen vor Richelieu nieder und sagte voll Entsetzen: »Ach, gnädiger Herr, verzeihen Sie mir, es ist meine Nichte, die den Verstand verloren hat; dieses Unglück war mir nicht bekannt, sonst wäre sie schon längst eingesperrt worden. Johanna, Johanna ... vorwärts, Madame, auf Ihre Knie; bitten Sie den Herrn Kardinal-Herzog um Verzeihung ...« »Das ist Richelieu!« rief sie, während Staunen diese junge und unglückliche Schönheit völlig zu lähmen schien; das Rot. welches ihre Züge zuerst belebt hatte, machte einer Totenblässe, ihr Geschrei einem unbeweglichen Schweigen, ihre verstörten Blicke einem entsetzlichen Starren ihrer großen Augen Platz, die beständig auf den betrübten Minister geheftet waren. »Bringt dieses unglückliche Kind schleunigst weg«, sagte dieser außer sich; »sie ist sterbenskrank und ich auch; seit dieser Verurteilung verfolgen mich der Schrecken so viele, daß ich glaube, die ganze Hölle sei gegen mich entfesselt.« Mit diesen Worten stand er auf. Immer schweigend und bestürzt, mit stieren Blicken, offenem Munde und vorwärts gebeugtem Kopf hatte sich Johanna von Belfiel von ihrer doppelten Überraschung, die den Rest ihrer Vernunft und ihrer Kräfte völlig vertilgt zu haben schien, noch nicht erholt. Bei der Bewegung des Kardinals schauderte sie, sich zwischen ihm und Laubardemont zu sehen, schaute abwechselnd den einen und den anderen an, ließ das Messer, das sie hielt, ihrer Hand entgleiten und schritt langsam dem Ausgange des Zeltes zu, indem sie ihr Antlitz ganz mit ihrem Schleier bedeckte und ihre verwirrten Augen mit Entsetzen nach dem ihr folgenden Oheim umwandte, gleich dem erschrockenen Schafe, das auf seinem Rücken schon den brennenden Atem des Wolfes fühlt, der im Begriff steht, es zu packen. So verließen beide das Zelt; doch kaum befanden sie sich im Freien, so bemächtigte sich der wütende Richter der Hände seines Opfers, knebelte sie mit einem Sacktuch und schleppte die Nonne mit sich, was ihm leicht ward, denn sie stieß nicht einen Schrei, nicht einen Seufzer aus, sondern folgte ihm mit auf die Brust gesenktem Haupte und wie in Somnambulismus versunken. Dreizehntes Kapitel. Der Spanier Indes ging eine Szene anderer Art in Cinq-Mars' Zelte vor sich; den Worten des Königs, die der erste Balsam auf seine Wunden waren, folgten die eifrigen Bemühungen der Hofchirurgen; eine schwache Kugel, die leicht ausgezogen wurde, hatte allein seine Verwundung verursacht; die Reise ward ihm gestattet und alles dazu in Bereitschaft gesetzt. Der Kranke hatte bis um Mitternacht teilnehmende Besuche von Freunden erhalten; unter den ersten befanden sich der kleine Gondi und Fontrailles, welche sich ebenfalls anschickten, Perpignan zu verlassen und nach Paris zu gehen; der ehemalige Page Olivier d'Entraigues hatte sich ihnen angeschlossen, um den glücklichen Freiwilligen, den der König ausgezeichnet zu haben schien, sein Kompliment zu machen; da bei der gewöhnlichen Kälte des Monarchen gegen seine ganze Umgebung die wenigen Worte, die er gesagt, von allen als sichere Zeichen einer hohen Gunst angesehen wurden, waren alle gekommen, ihn zu beglückwünschen. Endlich befand er sich allein, auf seinem Feldbett ausgestreckt; von Thou saß neben ihm und hielt seine Hand, und Grandchamp machte seinem Ärger über die vielen Besuche, die seinen verwundeten Herrn, der noch dazu im Begriff wäre, eine lange Reise anzutreten, ermüden müßten, am Fuße des Bettes durch lautes Murren Luft. Cinq-Mars aber genoß endlich jener Augenblicke von Ruhe und Hoffnung, die einigermaßen die Seele und zu gleicher Zeit auch das Blut erfrischen; die Hand, die sein Freund nicht hielt, drückte insgeheim das goldene, auf seinem Herzen ruhende Kreuz statt der angebeteten Hand, die ihm dasselbe gegeben hatte und welche er bald selbst drücken sollte. Er horchte nur mit Blick und Lächeln den Ratschlägen des jungen Beamten und dachte dem Zweck seiner Reise nach, welcher auch der Zweck seines Lebens war, während der ernste von Thou mit ruhiger und sanfter Stimme zu ihm sagte: »Ich werde Ihnen bald nach Paris folgen. Es freut mich mehr, als Sie selbst, daß der König Sie mitnehmen will; es ist dies ein Anfang von Freundschaft, den man schätzen muß da haben Sie recht. Ich habe die geheime Ursache Ihres Ehrgeizes reiflich überdacht und glaube, Ihr Herz erraten zu haben. Ja, Ihre Liebe zu Frankreich, für die es in Ihrer ersten Jugend schlug, mußte an Kraft zunehmen; Sie wollen sich dem König nähern, um Ihrem Lande zu dienen, um jene goldenen Träume unserer früheren Jahre zu verwirklichen. Gewiß, der Gedanke ist groß und Ihrer würdig. Ich bewundere Sie und beuge mich vor Ihnen! Dem Monarchen mit der ritterlichen Hingebung unserer Ahnen, mit einem zu allen Opfern bereiten Herzen voller Redlichkeit sich nahen, die vertraulichen Mitteilungen seiner Seele empfangen und diese mit der Mitteilung des Vertrauens laben, die seine Untertanen in ihn setzen, auf solche Weise den königlichen Kummer mildern, die Wunden des Volkes heilen, indem Sie dieselben seinem Herrn entdecken, und so durch Vermittlung Ihrer Gunst jenes liebevolle Verhältnis des Vaters zu den Kindern wiederherstellen, das seit achtzehn Jahren durch einen Mann mit einem Herzen von Stein unterbrochen wurde; sich für dieses edle Unternehmen allen Schrecken seiner Rache auszusetzen und mehr noch, den niederträchtigen Verleumdungen trotzen, welche den Günstling bis zu den Stufen des Thrones verfolgen; dieser Traum war Ihrer würdig. Verfolgen Sie ihn, mein Freund, lassen Sie sich nie entmutigen; sprechen Sie dem König kühn von dem Verdienst und dem Unglück seiner erlauchten Freunde, die man dem Untergang weiht; sagen Sie ihm furchtlos, daß sein alter Adel sich nie gegen ihn verschworen habe und daß, von dem jungen Montmorency an bis zu dem liebenswürdigen Grafen von Soisson alle nur gegen den Minister, nicht aber gegen den Monarchen gekämpft haben; sagen Sie ihm, daß die alten Familien Frankreichs und seine Familie die nämliche Wiege hatten, daß er die ganze Nation aufrege, wenn er dieselben so fürchterlich heimsuche, und wenn er sie vertilgen würde, seiner Familie Schaden brächte, da diese dem Hauch der Zeit und allen Ereignissen allein ausgesetzt bleibe und einer alten Eiche gleich wäre, die bei jedem Wind erzittert und wankt, wenn der sie umringende und schützende Wald niedergehauen ist ...« »Ja«, rief von Thou mit immer feurigerer Beredsamkeit, »der Zweck ist edel und schön, wandeln Sie unerschütterlich Ihren Weg, verscheuchen Sie sogar jene geheime Scham, jene Scheu, die eine edle Seele empfindet, bevor sie sich zum Schmeicheln entschließt, um, wie es die Welt nennt, ihm den Hof zu machen . Ach! die Könige sind leider an jene beständigen Worte einer falschen Bewunderung ihrer Person gewöhnt, betrachten Sie dieselben als eine neue Sprache, die Sie lernen müssen als eine Ihren Lippen bisher völlig fremde Sprache, die man aber edel sprechen kann, glauben Sie mir, und die schöne und hochherzige Gedanken auszudrücken versteht.« Während der begeisterten Rede seines Freundes konnte sich Cinq-Mars eines flüchtigen Errötens nicht erwehren und drückte sein Gesicht in das Kissen nach der Seite der Zeltleinwand hin, so daß er nicht gesehen werden konnte. Von Thou hielt inne: »Was haben Sie, Henri? Sie antworten nicht; sollte ich mich in Ihnen getäuscht haben?« Cinq-Mars seufzte tief und schwieg noch immer. »Ist Ihr Herz nicht von den Ideen bewegt, für die ich es begeistern zu müssen glaubte?« Der Verwundete schaute seinen Freund minder verwirrt an und entgegnete: »Ich glaubte, lieber von Thou, Sie würden mich nicht mehr mit Fragen behelligen wollen und ein blindes Vertrauen in mich setzen. Welch ein böser Geist treibt Sie denn, meine Seele erforschen zu wollen? Die Ideen, welche Sie haben, sind mir nicht fremd. Wer sagt Ihnen, daß ich mich nicht wirklich mit solchen trage? Wer sagt Ihnen, daß ich nicht den festen Entschluß gefaßt habe, denselben in der Ausführung eine größere Ausdehnung zu geben, als Sie es in bloßen Worten wagen. Die Liebe zu Frankreich, der tugendhafte Haß gegen den Ehrgeizigen, der unser Vaterland bedrückt und seine alte Sitte mit dem Beil des Henkers zerstört, der feste Glauben, daß die Tugend so geschickt sein kann wie das Laster, das sind meine Götter, sind die nämlichen, denen auch Sie huldigen. Wenn Sie aber in einer Kirche einen Menschen knien sehen, fragen Sie ihn denn, welch ein Heiliger oder welcher Engel sein Gebet beschützt und empfange? Was liegt Ihnen daran, wenn er nur zu Füßen des Altars betet, wo auch Sie beten, wenn er nur nötigenfalls als Märtyrer zu fallen weiß? Ei, fragte man unsere Ahnen nach dem geheimen Gelübde, das sie ins gelobte Land führte, als sie mit bloßen Füßen und den Pilgerstab in der Hand zum heiligen Grab wallfahrteten? Sie kämpften, sie starben und die Menschen, vielleicht Gott sogar verlangte nicht mehr; ihr frommer Anführer ließ ihren Körper nicht untersuchen, um zu sehen, ob unter dem roten Kreuz und dem härenen Bußhemd nicht vielleicht ein anderes geheimnisvolles Zeichen verborgen läge; und im Himmel wurden sie ohne Zweifel nicht strenger gerichtet, wenn eine dem Christen erlaubte Hoffnung und ein dem sterblichen Herzen näher liegender Gedanke die Kraft ihrer Entschlüsse auf Erden stählte.« Von Thou lächelte und schlug unter leichtem Erröten die Augen nieder. »Mein Freund«, hob er wieder an, »diese Aufregung könnte Ihnen schaden; lassen wir diesen Gegenstand beiseite; ziehen wir nicht Gott und den Himmel in unsere Gespräche, weil sich das nicht gehört, und nehmen Sie Ihr Leintuch über Ihre Schulter, denn es ist kühl heute nacht. »Ich verspreche Ihnen«, fügte er, seinen jungen Kranken mit mütterlicher Sorgfalt zudeckend, hinzu, »ich verspreche Ihnen, Sie durch meine Ratschläge nicht mehr zu erzürnen.« »Ach!« rief Cinq-Mars ungeachtet des Verbotes zu sprechen, »ich, ich schwöre Ihnen bei dem goldenen Kreuze, das Sie da sehen, und bei der heiligen Maria, lieber zu sterben, als auf eben den Plan, den Sie mir vorgezeichnet haben, zu verzichten; Sie werden sich vielleicht einst genötigt sehen, mich zu bitten innezuhalten; doch es wird dann nicht mehr Zeit dazu sein.« »Gut, gut, schlafen Sie«, wiederholte der Parlamentsrat; »halten Sie dann nicht inne, so helfe ich Ihnen handeln, wohin es mich auch führen mag.« Und ein Meßbuch aus der Tasche ziehend, begann er aufmerksam darin zu lesen; nach einer Weile schaute er sich nach Cinq-Mars um, der noch nicht schlief; er machte Grandchamp ein Zeichen, um der Augen des Kranken willen die Lampe anders zu stellen, doch auch diese neue Sorgfalt hatte nicht besseren Erfolg; mit offenen Augen wälzte sich dieser unruhig auf seinem schmalen Lager. »Ei, ei, Sie sind nicht sehr ruhig«, sagte von Thou lächelnd; »ich will Ihnen aus diesem Andachtsbuch vorlesen, damit Friede sich auf Ihren Geist senke. Ach, mein Freund, hier ist die wahre Ruhe, hier in diesem Trost- und Erbauungsbuche, denn öffnen Sie es wo Sie wollen, so werden Sie stets auf der einen Seite den Menschen in dem einzigen Zustande, der für seine Schwäche paßt, finden: im Gebet und in Ungewißheit seines Schicksals; und auf der anderen Seite Gott selbst zu ihm redend und seiner Gebrechlichkeit sich erbarmend. Welch ein prachtvolles und himmlisches Schauspiel! Welch erhabenes Band Zwischen dem Himmel und der Erde! Leben, Tod und Ewigkeit stehen vor unseren Augen da; öffnen Sie's aufs Geratewohl.« »Ach ja!« antwortete Cinq-Mars, sich wieder mit einer Lebhaftigkeit aufrichtend, die etwas Kindisches an sich hatte, »ja, das will ich, lassen Sie mich's öffnen: Sie kennen ja den alten Aberglauben unseres Landes? Wenn man ein Meßbuch mit dem Degen öffne, so soll die aufgeschlagene Seite links eine Prophezeiung des Schicksals dessen enthalten, der sie liest, und der erste Eintretende, nachdem er mit dem Lesen zu Ende ist, einen mächtigen Einfluß auf die Zukunft des Lesers ausüben.« »Welche Kinderei! Doch meinetwegen. Da ist Ihr Degen; nehmen Sie die Spitze ... wir wollen sehen ...« »Lassen Sie mich selbst lesen«, sagte Cinq-Mars, das Buch vom Rand seines Bettes nehmend. Der alte Grandchamp streckte ernst sein sonnverbranntes Gesicht und seine grauen Haare über den unteren Rand des Bettes, um aufzuhorchen. Sein Gebieter las ..., unterbrach sich beim ersten Satze, fuhr aber mit einem, vielleicht etwas erzwungenem Lächeln bis zum Ende der Seite fort. I. Sie kamen aber in der Stadt Mediolanum an. II. Und der Hohepriester sprach zu ihnen: Neigt euch und betet die Götter an. III. Und das Volk schwieg und schaute auf ihr Antlitz, die wie die Angesichter der Engel erschienen. IV. Gervasius aber ergriff Protasius' Hand und rief mit gen Himmel gehobenen Augen und voll des heiligen Geistes: V. O mein Bruder! Ich sehe des Menschen Lohn, der uns zulächelt; laß mich der erste sterben. VI. Denn sähe ich dein Blut, so würde ich fürchten, Tränen zu vergießen, welche des Herrn, unseres Gottes, unwürdig sind. VII. Protasius aber antwortete ihm und sprach: VIII. Mein Bruder, es ist gerecht, daß ich nach dir sterbe, denn ich bin dir an Jahren überlegen und so auch an Kraft, dich leiden zu sehen. IX. Die Senatoren aber und das Volk knirschten mit den Zähnen. X. Und nachdem die Soldaten sie gegeißelt hatten, fielen ihre Häupter miteinander auf dem nämlichen Stein. XI. Und es geschah, daß der heilige Ambrosius auf dieser Statte die Asche der beiden Märtyrer fand, diese aber verlieh einem Blinden das Gesicht wieder. »Wohlan«, sagte jetzt Cinq-Mars, seinen Freund anblickend, »was antworten Sie mir auf das?« »Gottes Wille geschehe; wir sollen ihn aber nicht erforschen wollen.« »Noch um eines Kinderspiels willen in unseren Entschlüssen wankend werden«, versetzte d'Effiat mit Ungeduld und sich in einen über ihn geworfenen Mantel hüllend. »Erinnern Sie sich der Verse, die wir ehemals hersagten: Justum et tenacem propositi virum ... diese gewichtigen Worte haben sich meinem Kopfe eingeprägt. Ja und stürzte das. Weltall um mich ein, so werde ich unerschütterlich auf seinen Trümmern stehen.« »Stellen wir menschliche Pläne nicht den Plänen des Himmels zur Seite und unterwerfen wir uns seinem heiligen Willen«, entgegnete von Thou ernst. »Amen«, sagte der alte Grandchamp, dessen Augen sich mit Tränen gefüllt hatten, die er schnell abwischte. »In was mischest du dich, alter Soldat: du weinst?« sagte sein Gebieter. »Amen«, ließ sich am Eingange des Zeltes eine näselnde Stimme vernehmen. »Parbleu, mein Herr, tun Sie diese Frage lieber an die graue Eminenz, die hier zu Ihnen kommt«, antwortete der treue Diener, auf Joseph deutend, der sich mit gekreuzten Armen näherte und mit einschmeichelnder Miene verbeugte. »So, also der wird es sein!« murmelte Cinq-Mars. »Ich komme vielleicht ungelegen«, begann Joseph sanft. »Sehr gelegen vielleicht«, sagte Henri d'Effiat, von Thou einen lächelnden Blick zuwerfend. »Was kann Sie um ein Uhr morgens hierherführen, mein Vater? Wohl ein gutes Werk?« Joseph bemerkte, daß ihm ein schlechter Empfang zuteil wurde, und da er nie etwas unternahm, ohne fünf bis sechs Einwendungen für die Leute, an die er sich machte, und ebensoviel Hilfsquellen, um sich aus der Sache zu ziehen, in Bereitschaft zu halten, so glaubte er hier den Zweck seines Besuches entdeckt und fühlte, daß er nicht den Augenblick übler Laune ergreifen müsse, um ein freundschaftliches Verhältnis einzuleiten. Indem er sich daher ziemlich kalt an das Bett des Verwundeten setzte, fuhr er fort: »Mein Herr, ich komme im Auftrag des Kardinal-Generalissimus, mit Ihnen wegen der zwei spanischen Gefangenen zu sprechen, die Sie gemacht haben; er wünscht möglichst schnelle Mitteilungen über sie; ich soll sie sehen und verhören. Ich dachte aber nicht, Sie selbst noch wach zu finden, und wollte nur Ihre Leute bitten, mir dieselben vorzuführen.« Nach einem Austausch erzwungener Höflichkeiten hieß man die beiden Gefangenen, die Cinq-Mars beinahe vergessen hatte, in das Zelt treten. Sie erschienen; der eine ein junger Mann, der eine lebhafte und etwas wilde Physiognomie zeigte, war der Soldat; der andere, der seine Gestalt unter einem braunen Mantel und seine düsteren, in ihrem Ausdruck aber zweideutigen Züge unter dem Schatten seines breitkrämpigen Hutes, den er nicht abzog, verbarg, war der Offizier; er redete allein und zuerst: »Warum heißt Ihr mich mein Stroh verlassen und meinen Schlaf unterbrechen? Beabsichtigt Ihr mir die Freiheit zu geben oder mich zu hängen?« »Keines von beiden«, entgegnete Joseph. »Was hab' ich mit dir zu schaffen, du langbärtiger Kerl? Ich sah dich nicht bei der Erstürmung der Bastei.« Es bedurfte nach diesem liebenswürdigen Eingang einiger Zeit, dem Fremden begreiflich zu machen, daß ein Kapuziner das Recht habe, ihn zu verhören. »Wohlan«, sagte er, »was willst du denn?« »Ich will Euren Namen und Euer Vaterland wissen.« »Meinen Namen sage ich nicht, und was mein Vaterland betrifft, so sehe ich einem Spanier gleich, bin aber vielleicht keiner, denn ein Spanier ist es nie.« Pater Joseph wandte sich gegen die beiden Freunde und sagte: »Ich müßte mich sehr irren, wenn ich den Ton dieser Stimme nicht schon irgendwo gehört hätte; dieser Mann sprach Französisch ohne allen fremdartigen Akzent, doch scheint mir's, er wolle nach der Sitte des Orients in Rätseln zu uns sprechen.« »Des Orients? Richtig«, entgegnete der Gefangene, »ein Spanier ist ein Mann aus dem Orient, ist ein katholischer Türke; sein Blut schleicht entweder träg durch die Adern oder siedet, er ist faul oder unermüdlich; die Gleichgültigkeit macht ihn zum Sklaven, die Hitze grausam; verstockt in seiner Unwissenheit, sinnig in seinem Aberglauben, verlangt er nur ein religiöses Buch, nur einen tyrannischen Herrn; er gehorcht dem Gesetz des Scheiterhaufens, er befiehlt durch das des Dolches und schläft abends in seinem blutigen Elend ein, vom Fanatismus berauscht und von Verbrechen träumend. Wer ist das, mein Herr? ist es der Spanier oder der Türke? Raten Sie. Hahaha, Sie scheinen mich witzig zu finden, weil ich hier eine Verwandtschaft treffe. Wahrlich, meine Herren, Sie erweisen mir viel Ehre und doch könnte sich die Idee, wenn man wollte, weiterspinnen lassen; würde ich zum Beispiel aufs Physische übergehen, könnte ich da nicht sagen: dieser Mann hat ernste Züge, ein längliches Gesicht, ein schwarzes, mandelförmig geschlitztes Auge, harte Augenbrauen, einen düsteren und beweglichen Mund, sonnverbrannte, magere und gerunzelte Wangen, den geschorenen Kopf bedeckt er mit einem turbanartig geknüpften Sacktuch; er bringt den ganzen Tag, ohne eine Bewegung zu machen, ohne ein Wort Zu reden, liegend oder stehend unter einer brennenden Sonne zu und raucht nur einen berauschenden Tabak. Ist das ein Türke oder ein Spanier? Sind Sie zufrieden, meine Herren? Wahrlich, das scheinen Sie mir, Sie lachen und worüber lachen Sie? Ich, der ich Ihnen nur diese Idee vorgeführt habe, ich habe nicht gelacht: sehen Sie, mein Gesicht ist traurig. Ach! Sie lachen vielleicht, weil der düstere Gefangene plötzlich geschwätzig geworden ist und schnell spricht? Ha! das tut nichts; ich könnte Ihnen noch ganz anderes sagen und Ihnen einige Dienste erweisen, meine wackeren Freunde. Würde ich zum Beispiel in Anekdoten hineingeraten, so könnte ich Ihnen sagen, daß ich einen Priester kenne, der vor dem Messelesen den Tod einiger Ketzer angeordnet hatte, und dann wütend, während des heiligen Opfers am Altare unterbrochen zu werden, denen, sie seine Befehle einholten, zurief: Tötet alle, tötet alle ! Würden Sie wohl alle lachen, meine Herren? Nein, nicht alle. Der Herr da zum Beispiel würde sich in die Lippe und den Bart beißen. O! es ist wahr, er könnte antworten, daß er nur klug gehandelt habe und daß man unrecht tat, sein reines Gebet zu unterbrechen. Wenn ich aber hinzufügen würde, daß er sich eine Stunde lang hinter der Leinwand Ihres Zeltes verborgen hatte, um Ihre Gespräche zu belauschen, Herr von Cinq-Mars, und daß er nicht meinetwegen gekommen ist, sondern um eine Schurkerei an Ihnen auszuüben, was würde er dazu sagen? Sind Sie jetzt zufrieden, meine Herren? Kann ich mich nach diesem Possenspiel entfernen?« Der Gefangene hatte alles dieses mit der Geläufigkeit eines Marktschreiers und mit so lauter Stimme vorgetragen, daß Joseph ganz davon betäubt ward. Er stand endlich entrüstet auf und sagte, zu Cinq-Mars gewandt: »Wie können Sie dulden, mein Herr, daß ein Gefangener, der gehängt werden sollte, sich eine solche Sprache gegen Sie erlaubt?« Der Spanier aber würdigte ihn keines weiteren Wortes, sondern beugte sich zu d'Effiat hinab und flüsterte ihm ins Ohr: »Es kann Ihnen nichts an mir gelegen sein, schenken Sie mir die Freiheit; ich hätte sie mir schon verschaffen können, wollte es aber nicht ohne Ihre Einwilligung tun; schenken Sie mir dieselbe oder lassen Sie mich töten.« »Entfliehen Sie, wenn Sie können«, antwortete ihm Cinq-Mars, »ich schwöre Ihnen, das wäre mir sehr lieb.« Und er befahl seinen Leuten, sich mit dem Soldaten, den er in seinem Dienst behalten wollte, zu entfernen. Es war die Sache eines Augenblicks, und jetzt befand sich niemand mehr in dem Zelte als die beiden Freunde, der aus der Fassung gekommene Joseph und der Spanier; dieser letztere über zeigte, seinen Hut abnehmend, ein französisches, jedoch wildes Gesicht; er lachte und seine breite Brust schien sich gewaltiger zu heben. »Ja, ich bin ein Franzose«, redete er Joseph an; »allein ich hasse Frankreich, weil es meinem Vater, der ein Ungeheuer ist, und mir, der ich eines geworden bin, indem ich einst Hand an ihn legte, das Leben gegeben hat; ich hasse seine Bewohner, weil sie mir mein ganzes Vermögen im Spiel abgestohlen haben, und ich seither auch sie bestohlen und getötet habe; ich war zwei Jahre lang Spanier, um mehr Franzosen hinzuwürgen; doch jetzt hasse ich Spanien noch mehr, man soll aber nie erfahren, warum. Lebt wohl, ich will fortan keiner Nation mehr angehören; alle Menschen sind meine Feinde. Fahre fort, Joseph, und du wirst bald sein, was ich bin. Ja, du hast mich früher schon gesehen«, fuhr er fort, ihn heftig bei der Brust packend und umwerfend ... »ich bin Jacques von Laubardemont, der Sohn deines würdigen Freundes.« Mit diesen Worten verließ er rasch das Zelt und verschwand gleich einer in Nebel zerfließenden Erscheinung. Von Thou und die Lakaien, die an den Eingang gerannt waren, sahen ihn mit zwei Sprüngen einen staunenden Soldaten überrennen, entwaffnen und trotz einiger ihm nutzlos nachgesandter Musketenschüsse mit der Schnelligkeit eines Hirsches dem Gebirge zueilen. Joseph machte sich die Unordnung zunutze, um, einige höfliche Worte stammelnd, zu entwischen; die beiden Freunde aber lachten über sein Abenteuer und sein kleinlautes Benehmen am Ende, wie zwei Schüler lachen, wenn sie die Brille ihres Pädagogen von dessen Nase fallen sehen, und schickten sich endlich an, den Schlaf zu suchen, dessen sie beide bedurften und den sie, der Verwundete in seinem Bett und der junge Parlamentsrat im Lehnstuhl, auch bald fanden. Der Kapuziner dagegen schlug den Weg nach seinem Zelte ein und überlegte, wie er sich für dieses alles am besten rächen könnte, als er Laubardemont antraf, der die junge Wahnsinnige an ihren geknebelten Händen nach sich schleppte. Sie erzählten sich gegenseitig ihre fürchterlichen Begegnisse. Es machte Joseph kein geringes Vergnügen, den Dolch in der Wunde des Vaterherzens umzuwenden, indem er Laubardemont das Schicksal seines Sohnes mitteilte. »Sie sind gerade nicht glücklich in Ihrem Innern«, fügte er hinzu, »ich rate Ihnen, Ihre Nichte einsperren und Ihren Erben hängen zu lassen, wenn Sie das Glück haben sollten, ihn wiederzufinden.« Laubardemont lachte satanisch. »Was diese kleine Närrin da betrifft«, sagte er, »so will ich die einem ehemaligen Geheimrichter, der jetzt Schmuggler in Oleron in den Pyrenäen ist, übergeben; er kann dann mit ihr anfangen was er will, sie zum Beispiel zur Magd in seiner posada machen, das kümmert mich wenig, wenn nur der gnädige Herr nichts mehr von ihr erfährt.« Johanna de Belfiel stand währenddes mit gesenktem Haupte da und gab kein Zeichen, daß sie etwas von dem, was geredet wurde, verstehe; jeder Strahl von Vernunft war in ihr erloschen und nur ein einziges Wort auf ihren Lippen geblieben, das sie fortwährend wiederholte. »Der Richter! der Richter! der Richter!« sagte sie fortwährend leise. Endlich schwieg sie. Ihr Oheim und Joseph luden sie fast wie einen Sack Getreide auf eines der Pferde, die zwei Bediente heranbrachten; Laubardemont bestieg das andere und schickte sich an, das Lager zu verlassen, indem er vor Tagesanbruch im Gebirge sein wollte. »Glückliche Reise!« sagte er zu Joseph, »machen Sie gute Geschäfte in Paris und lassen Sie sich Orestes und Pylades bestens empfohlen sein.« »Glückliche Reise!« antwortete dieser, »und Sie lassen sich Kassandra und Ödypus empfohlen sein.« »O! er hat weder seinen Vater getötet noch seine Mutter geheiratet ...« »Ist aber auf gutem Wege zu solchen artigen Späßen.« »Lebt wohl, ehrwürdiger Vater!« »Lebt wohl, mein verehrungswürdiger Freund!« Sagten sie laut; – leise aber für sich: »Leb' wohl, Mörder in der grauen Kutte; ich werde während deiner Abwesenheit das Ohr des Kardinals wieder erreichen.« »Leb' wohl, Bösewicht im roten Rock; geh' und zerstöre eigenhändig deine verfluchte Familie; vergieße dein Blut in den anderen vollends: was davon in dir selbst übrig bleibt, will ich schon über mich nehmen ... Ich reise jetzt. Das ist eine gut ausgefüllte Nacht!« Zweites Buch. Vierzehntes Kapitel. Der Aufstand Welche Schnelligkeit kommt der des Gedankens gleich? Seine Szenen eilten auf Flügeln der Einbildungskraft dahin , ruft der unsterbliche Shakespeare mit dem Chor eines seiner Trauerspiele; stellt euch den König auf dem Ozean vor, begleitet von seiner schönen Flotte, betrachtet ihn, folgt ihm . Mit dieser poetischen Wendung durcheilt er Raum und Zeit und versetzt die aufmerksame Versammlung nach Willkür an die Orte seiner prächtigen Szenen. Wir wollen uns das gleiche Recht zunutze machen, ohne das gleiche Genie zu besitzen; wir wollen uns nicht öfter als er auf den Dreifuß der Einförmigkeit setzen und, die Augen auf Paris und den alten schwarzen Palast des Louvre werfend, plötzlich den Raum von zweihundert Stunden und einen Zeitraum von zwei Jahren durcheilen. Zwei Jahre! Welche Veränderungen sie auf der Stirn der Menschen, in ihren Familien und besonders in jener großen, so oft gestörten Familie der Nationen hervorbringen, deren Bündnisse ein einziger Tag brechen, deren Kriege eine einzige Geburt zur Ruhe bringen, deren Frieden ein einziger Todesfall zerstören kann. Unsere Augen sahen an einem Frühlingstage Könige wieder in ihre Wohnung einziehen; an demselben Tage segelt ein Schiff ab und machte eine zweijährige Rundreise; der Schiffer kehrte zurück; sie saßen auf ihrem Throne. Nichts schien sich während seiner Abwesenheit zugetragen zu haben und doch hatte ihnen Gott hundert Tage ihrer Regierung genommen. Im Jahre 1642 jedoch, dem Zeitpunkt, zu dem wir übergehen, hatte sich für Frankreich nichts geändert außer seinen Befürchtungen und seinen Hoffnungen. Die Zukunft allein hatte eine andere Gestaltung gewonnen. Doch bevor wir zu unseren Personen zurückkehren, ist es notwendig, den Zustand des Königreiches einer allgemeineren Übersicht zu unterwerfen. Die mächtige Einheit der Monarchie ward noch gewichtiger durch das Unglück der Nachbarstaaten; die Empörungen in England, Spanien und Portugal machten die Ruhe, die Frankreich genoß, um so bewundernswerter; Straffords und Olivarez' Sturz oder Wanken ließen den unerschütterlichen Richelieu nur noch größer dastehen. Sechs furchtbare, auf ihren siegreichen Waffen ausruhende Armeen dienten dem Königreich als Wall; die des Nordens hatten mit dem verbündeten Schweden die von Gustav Adolfs Schatten verfolgten Kaiserlichen in die Flucht geschlagen; die, welche Italien vor sich sahen, empfingen in Piemont die Schlüssel der Städte, welche Prinz Thomas verteidigt hatte, und die, welche die Kette der Pyrenäen verdoppelten, behaupteten das empörte Katalonien und lagen noch vor Perpignan, das sie nicht einnehmen durften. Das Innere des Reiches war nicht glücklich, aber ruhig. Ein unsichtbarer Genius schien diese Ruhe erhalten zu haben, denn der tödlich erkrankte König schmachtete in St. Germain an der Seite eines jungen Günstlings, und der Kardinal, hieß es, liege in Narbonne im Sterben. Einige Todesfälle zeugten indes, daß er noch lebe, und von Zeit zu Zeit fielen Männer, wie von einem vergifteten Hauche getroffen, und erinnerten an die unsichtbare Macht. Saint-Preuil, einer der Feinde Richelieus, hatte soeben seinen eisernen Kopf Dieser Name war ihm seiner Tapferkeit und eines nur allzu festen Charakters wegen, welcher letztere sein Verbrechen war, beigelegt. aufs Schafott getragen, und zwar, wie er sich äußerte, als er dasselbe bestieg, ohne Schande noch Furcht . Indessen schien sich Frankreich selbst zu regieren, denn der König und der Minister lebten schon längst getrennt, und von diesen beiden Kranken, die sich gegenseitig haßten, hatte der eine die Zügel seines Staates nie gehalten, und der andere ließ seine Hand nicht mehr daran fühlen; man hörte seinen Namen in öffentlichen und gerichtlichen Verhandlungen nicht mehr nennen, er erschien nicht mehr in der Regierung, zog sich von allem zurück und schlief, gleich der Spinne, im Mittelpunkt seiner Netze. Wenn während dieser zwei Jahre einige Ereignisse und einige Revolutionen vorgegangen waren, so mußte das nur in den Herzen geschehen sein, muhten es einige jener geheimen Veränderungen sein, aus denen in Monarchien ohne Grundlage entsetzliche Zerrüttungen und lange und blutige Mißhelligkeiten entstehen. Um darüber ins klare zu kommen, wollen wir unsere Augen auf das alte schwarze Gebäude des unvollendeten Louvre heften und den Gesprächen seiner Bewohner und ihrer Umgebung unser Ohr leihen. Es war im Dezember; ein strenger Winter lagerte traurig über Paris, in dem das Elend und die Besorgnisse des Volkes einen ungeheuren Grad erreicht hatten; nichtsdestoweniger ward es noch immer von seiner Neugier gestachelt und haschte gierig nach den Schauspielen, die ihm der Hof gab. Seine Armut schien ihm weniger drückend, wenn es die Beunruhigungen des Reichtums betrachtete, seine Tränen minder bitter beim Anblick der Kämpfe; und das Blut der Großen, das in seinen Straßen floß und damals allein des Vergießens würdig schien, veranlaßte es, seine Niedrigkeit zu segnen. Schon hatten einige aufrührerische Szenen, einige schreiende Morde die Entkräftung des Monarchen, die Abwesenheit und das nahe Ende des Ministers fühlen lassen und stachelten, gleich einer Art Prolog zu der blutigen Komödie der Fronde, die Bosheit und fachten sogar die Leidenschaften der Pariser noch stärker an. Diese Unordnung mißfiel ihnen nicht; gleichgültig hinsichtlich der Ursache der sie gar nicht berührenden Streitigkeiten, waren sie es nicht gegen die Individuen selbst und begannen schon, den Aufrührern Wohlwollen oder Haß zu zeigen, nicht gerade der Teilnahme wegen, die sie vielleicht ihrer Klasse bezeigt hätten, sondern einfach deswegen, weil sie wie Schauspieler gefielen oder mißfielen. In einer Nacht besonders waren häufig Pistolen- und Flintenschüsse in der Cité gehört, ja die zahlreichen Patrouillen der Schweizer und der Leibwache, die in den gewundenen Gäßchen der Insel Notre-Dame einige Barrikaden angetroffen hatten, angegriffen worden; Karren, die an die Ecksteine angekettet und mit Fässern beladen waren, hatten die Reitenden am Eindringen in dieses Stadtviertel verhindert, und einige Musketenschüsse hatten Pferde und Menschen verwundet. Die Stadt, mit Ausnahme des Quartiers am Louvre, das in diesem Augenblick von der Königin und Monsieur, dem Herzog von Orleans, bewohnt war, lag noch im Schlafe. Auf diesem letzteren Platze aber kündete alles eine nächtliche Unternehmung sehr ernster Art an. Es war zwei Uhr morgens; es fror, und dichte Dunkelheit herrschte, als eine zahlreiche Versammlung an dem damals kaum gepflasterten Kai stillhielt und langsam und stufenweise den sandigen Boden besetzte, der sich zur Seine hinabzog. Die Rotte schien aus ungefähr zweihundert Mann zu bestehen; sie waren in große Mäntel gehüllt, welche die Scheide der langen spanischen Degen, die sie trugen, auf einer Seite etwas aufhob. Ordnungslos der Länge und Breite nach auf und ab marschierend schienen sie die Ereignisse eher zu erwarten als zu suchen. Viele unter ihnen setzten sich mit gekreuzten Armen auf die Steine der eben begonnenen Brüstung; alle beobachteten das tiefste Schweigen. Nach einigen Minuten jedoch näherte sich langsam ein Mann, der aus einer Tür des Louvres zu kommen schien und eine Blendlaterne trug, deren Lichtseite er jedem einzelnen ans Gesicht hielt und die er dann ausblies, als er den gefunden hatte, den er suchte. Er drückte ihm die Hand und redete ihn mit halblauter Stimme folgendermaßen an: »Nun, Olivier, was hat Ihnen Herr le Grand gesagt? So hieß man zur Abkürzung den Großstallmeister Cinq-Mars. Diese Benennung wird im Laufe unserer Erzählung noch oft vorkommen. Geht es gut?« »Ja, ja, ich habe ihn gestern in St. Germain gesehen; der alte Kater liegt sehr krank in Narbonne, er wird ad patres gehen; wir müssen aber unsere Geschichte rundweg abtun, denn es wäre nicht das erstemal, daß er den Erstarrten spielt. Haben Sie Leute für diesen Abend, mein lieber Fontrailles?« »Seien Sie ruhig. Montrésor wird mit etwa hundert Edelleuten Monsieurs kommen; Sie werden ihn schon erkennen; er wird als Maurermeister verkleidet sein und einen Zollstab in der Hand halten. Vergessen Sie aber vor allen Dingen die Losungsworte nicht; wissen sie sie auch alle, Sie und Ihre Freunde?« »Ja, alle kennen sie, mit Ausnahme des Abbé von Gondi, der noch nicht angekommen ist; aber Gott verzeih' mir, ich glaube, da ist er ja selbst. Wer Teufel hätte ihn wiedererkannt?« Wirklich schlich sich auch ein kleiner Mann in der Uniform der französischen Garde und mit einem kohlschwarzen falschen Schnurrbart zwischen sie. Er hüpfte freudig bald mit dem, bald mit diesem Fuß und rieb sich die Hände. » Vive Dieu ! Alles geht gut; mein Freund Fiesco machte die Sache nicht besser!« – Und sich auf die Zehenspitze stellend, um Olivier auf die Schulter zu klopfen: – »Wissen Sie auch, daß Sie für einen Mann, der beinahe erst aus den Pagenschuhen tritt, recht Taugliches leisten, Herr Olivier d'Entraigues? Finden wir einen Plutarch, so werden Sie zu unseren berühmten Männern gezählt werden. Alles ist gut organisiert, Sie kommen als ein rechter Parteiführer weder zu früh noch zu spät an. Fontrailles, dieser junge Mann wird es weit bringen, das sag' ich Ihnen voraus. Doch eilen wir, in zwei Stunden werden Pfarrgenössige meines Oheims, des Erzbischofs von Paris, zu uns stoßen; ich habe sie recht ins Feuer gejagt, sie werden wie Rasende rufen: Es lebe Monsieur! Es lebe die Regentin! Fort mit dem Kardinal! Tüchtige, mir ganz ergebene Betschwestern haben ihnen die Köpfe so erhitzt. Mit dem König steht es sehr übel. O, alles geht gut, sehr gut. Ich komme von St. Germain, habe Freund Cinq-Mars gesehen; der ist gut, sehr gut, immer fest wie ein Fels. Ha, das nenn' ich mir einen Mann! Wie er sie mit seiner melancholischen und gleichgültigen Miene zum besten gehabt hat! Jetzt ist er Herr des ganzen Hofes. Punktum, es heißt, der König wolle ihn Zum Herzog und Pair machen; es handle sich stark darum, doch zögert er noch; es muß sich durch unsere heutige Bewegung entscheiden, ob es der Wunsch des Volkes ist ! Man muß durchaus den Wunsch des Volkes erfüllen; wir wollen denselben vernehmen lassen. Der wird Richelieus Tod sein, wissen Sie's auch! Der Haß gegen ihn besonders soll sich in dem Geschrei vorherrschend kundgeben, denn das ist das Wesentliche. Das wird endlich unseren Gaston bestimmen, der noch immer schwankt, nicht wahr?« »Ei, was kann er anderes tun?« sagte Fontrailles. »Sollte er heute einen Entschluß zu unseren Gunsten fassen, so wäre das sehr verdrießlich.« »Und weshalb?« »Weil wir überzeugt sein könnten, daß er morgen gegen uns wäre.« »Gleichviel«, entgegnete der Abbe, »die Königin hat Verstand.« »Und auch Herz«, bemerkte Olivier; »das gibt mir Hoffnung für Cinq-Mars, der, wie mich bedünkt, sich zuweilen herausgenommen hat, ihr gegenüber zu schmollen.« »Was Sie doch für ein Kind sind! Wie schlecht kennen Sie noch den Hof! Nichts kann ihn halten als die Hand des Königs, der ihn wie seinen Sohn liebt; und wenn das Herz der Königin noch warm schlägt, so geschieht dies der Erinnerung und nicht der Zukunft zuliebe. Doch es handelt sich jetzt nicht um solch abgeschmacktes Zeug; sagen Sie, mein Lieber, sind Sie auch Ihres jungen Advokaten, den ich hier herumstreichen sehe, recht gewiß? Ist er gut gesinnt?« »Vollkommen gut; er ist ein Royalist durch und durch und würde den Kardinal alle Augenblicke in den Fluß werfen; überdies ist es Fournier von Loudun und das ist genug gesagt.« »Gut, gut, dergleichen Leute sehen wir gern. Doch aufgepaßt, meine Herren, man kommt von der Straße Saint-Honoré her.« »Wer da?« riefen die Vorposten der Rotte den Ankommenden zu, »Royalisten oder Kardinalisten?« » Gaston und le Grand «, antworteten leise die Ankömmlinge. »Das ist Montrésor mit Monsieurs Leuten«, sagte Fontrailles; »wir werden bald beginnen können.« »Ja, par la Corbleu !« sagte einer der Ankömmlinge; »denn die Kardinalisten werden um drei Uhr hier vorüberkommen, wie man uns soeben berichtete.« »Wo wollen sie hin?« fragte Fontrailles. »Es sind ihrer mehr als zweihundert, um Herrn von Chavigny zu begleiten, der, wie es heißt, den alten Kater in Narbonne besuchen will; sie hielten für sicherer, den Weg am Louvre vorbei zu nehmen.« »Wohlan! wir wollen ihnen hübsch das Pfötchen geben«, sagte der Abbé. Er hatte kaum ausgeredet, so ließ sich ein Lärm von Wagen und Pferdegetrappel vernehmen. Mehrere der in Mäntel Gehüllten wälzten einen ungeheuren Stein in die Mitte des Platzes. Die ersten Berittenen sprengten, da sie etwas ahnen mochten, eilig und mit der Pistole in der Hand durch die Menge; der Postillion aber, der die Pferde des ersten Wagens lenkte, fuhr an den Stein und warf um. »Was ist das für ein Wagen, der die Fußgänger erdrückt?« riefen auf einmal alle die Männer in Mänteln. »Das ist recht tyrannisch! Das kann nur ein Freund des Kardinals von La Rochelle Bei der langen Belagerung dieser Stadt hatte man Richelieu diesen Zunamen gegeben, um die Hartnäckigkeit, womit er als Oberbefehlshaber kommandieren und sich das Verdienst der Einnahme von La Rochelle zuschreiben wollte, ins Lächerliche zu ziehen. tun.« »Es ist jemand, der die Freunde des Le Grand nicht fürchtet«, rief eine Stimme am offenen Schlage, von dem sich ein Mann auf ein Pferd schwang. »Weist diesen Kardinalisten den Weg in den Fluß!« rief eine kreischende und durchdringende Stimme. Das war das Signal zu Pistolenschüssen, die von jeder Seite mit wütender Erbitterung ausgetauscht wurden und dieser düsteren, stürmischen Szene das einzige Licht liehen; das Geklirr der Degen und das Stampfen der Pferde verhinderten jedoch nicht, einerseits das Geschrei zu vernehmen: »Nieder mit dem Minister! Es lebe der König! Es lebe Monsieur und Herr le Grand! Nieder mit den Rotstrümpfen !« und andererseits: »Es lebe Se. Eminenz! Es lebe der große Kardinal! Tod den Aufständischen; es lebe der König!« Denn in dieser sonderbaren Zeit stand der Name des Königs in Haß und Liebe immer obenan. Indessen war es den Angreifern gelungen, die beiden Wagen quer über den Kai zu stellen, um sich damit einen Wall gegen Chavignys Pferde zu bilden, und jetzt schickten sie dem Feinde zwischen den Rädern, den Wagenschlägen und unter den Achsen durch einen Hagel von Pistolenschüssen zu, so daß mehrere Reiter stürzten. Der Tumult wütete entsetzlich, als die Tore des Louvre sich plötzlich öffneten und zwei Schwadronen Gardereiter im Trab aus denselben hervorritten; die Mehrzahl trug Fackeln in den Händen, um die, welche sie angreifen wollten, zu beleuchten. Die Szene änderte sich. Sowie einer der Garde in die Nähe eines der zu Fuß Befindlichen kam, sah man den letzteren stillstehen, seinen Hut abziehen, sich zu erkennen geben, und dann zog sich die Garde zurück, oft grüßend, zuweilen mit einem Händedruck. Dieser Zuzug war daher Chavignys Wagen von beinahe gar keinem Nutzen, und diente nur dazu, die Verwirrung noch zu vermehren. Die Garde durcheilte, gleichsam um ihre Gewissenspflicht zu erfüllen, die Rotten der Kämpfenden mit der gutmütigen Mahnung: »Ei, ei, meine Herren, ein wenig Mäßigung!« Hatten aber zwei Edelleute in ihrer Erbitterung tüchtig ausgelegt , so hielt die Garde, welche sie sah, still, um die Hiebe zu beurteilen, und begünstigte zuweilen sogar den, welchen er als zu seiner Partei gehörig ansah; denn wie ganz Frankreich, so hatte auch dieses Korps seine Royalisten und Kardinalisten. Allmählich erhellten sich die Fenster des Louvre, und hinter den kleinen viereckigen Scheiben wurden viele Frauenköpfe sichtbar, die dem Kampfe aufmerksam zuschauten. Der Palast entsandte wiederum zahlreiche Patrouillen Schweizer mit Fackeln; diese Soldaten unterschieden sich durch ihre seltsame Uniform von den anderen. Der linke Arm derselben war blau- und rotgestreift und der seidene Strumpf ihres rechten Beines rot; die linke Seite war blau-, rot- und weißgestreift und der Strumpf weiß und rot. Ohne Zweifel hatte man im königlichen Schlosse geglaubt, diese merkwürdige Truppe vermöge die Massen auseinanderzutreiben; allein man tauschte sich. Diese teilnahmlosen Soldaten befolgten kalt, genau und ohne sie im mindesten zu überschreiten, die gegebenen Befehle, marschierten in zwei geordneten Kolonnen zwischen die bewaffneten Gruppen, die sie in einem Augenblick zerstreuten, trafen mit der vollkommensten Genauigkeit beim Gittertor wieder zusammen und überschritten es in aller Ordnung, wie beim Manöverieren, ohne sich zu erkundigen, ob die feindlichen Parteien, die sie getrennt hatten, wieder zusammengestoßen seien oder nicht. Allein der für einen Augenblick beschwichtigte Lärm brach wieder allgemein los. Man hörte überall Rufe, Flüche und Verwünschungen; es schien, als könne nichts den Kampf zum Schweigen bringen außer die gänzliche Zerstörung der einen oder der anderen Partei, als ein fürchterliches Geschrei oder vielmehr Gebrüll den Tumult auf den höchsten Gipfel trieb. Der Abbé von Gondi war eben beschäftigt, einen Reiter beim Mantel vom Pferde zu zerren und rief: »Da hab' ich meinen Mann! Fontrailles, da werden Sie schöne Dinge sehen; schauen Sie, schauen Sie nur, wie das schon lauft! Das ist allerliebst, wahrhaftig!« – Allein jetzt ließ er seinen Mann fahren und stieg auf einen Stein, um, die Arme mit der Wichtigkeit eines Generals der Armee kreuzend, die Manöver seiner Truppen zu beobachten. Der Tag begann anzubrechen und vom Ende der Insel Saint-Louis her sah man wirklich eine Menschenmasse, Männer, Weiber und Kinder aus der Hefe des Volkes herbeieilen, indem sie mit gen Himmel und gegen den Louvre gerichteten Gebärden ein seltsames Geschrei ausstießen. Mädchen trugen lange Degen, Kinder schleppten ungeheure Hellebarden und damaszierte Piken aus der Zeit der Ligue mit, alte in Lumpen gehüllte Weiber zogen an Stricken Karren voll alter, verrosteter und zerbrochener Waffen nach sich; Handwerker aller Arten, zum größten Teil betrunken, folgten ihnen mit Stöcken, Mistgabeln, Lanzen, Schaufeln, Fackeln, Pfählen, Hacken, Hebestangen, Säbeln und Spießen; sie sangen und heulten wechselweise, machten unter wildem Gelächter das Miauen der Katze nach und trugen gleich einer Fahne an einer Stange einen Kater, der in einen roten Lumpen eingewickelt war und den Kardinal, dessen Vorliebe für die Katzen man allgemein kannte, vorstellen sollte. Öffentliche Ausrufer liefen, rot und keuchend, umher und säten auf Gräben und Straßen lange satirische Geschichten in Versen über die wichtigeren Personen der Zeit, liebten sie an die Brüstungen, die Wehrsteine, die Mauern der Häuser, ja sogar an den Palast selbst; Fleischerknechte und Küchenjungen schlugen mit kurzen, breiten Säbeln auf Kessel, als trommelten sie zum Angriff, und schleppten ein kurz zuvor erwürgtes Schwein, dem das rote Käppchen eines Chorknaben auf dem Kopfe saß, durch den Kot. Junge, kräftige Schlingel in Frauenkleidung und mit dick rot bemalten Nacken schrien mit rasender Stimme: Wir sind Familienmütter, die Richelieu zugrunde gerichtet hat; Tod dem Kardinal! In ihren Armen trugen sie Wickelkinder von Stroh, die sie in den Fluß zu werfen drohten und auch wirklich hineinwarfen. Als diese ekelhafte Rotte die Kais mit ihren Tausenden infernalischer Individuen überschwemmt hatte, brachte sie bei den Kämpfenden eine seltsame und ganz entgegengesetzte Wirkung, als ihr Gönner erwartet hatten, hervor. Beide feindliche Parteien senkten ihre Waffen und trennten sich. Die Partei Monsieurs und Cinq-Mars', empört, sich durch solchen Zuzug unterstützt zu sehen, half den Edelleuten des Kardinals eigenhändig wieder zu Pferd und in die Wagen und den Bedienten derselben die Verwundeten hineintragen, indem sie ihren Gegnern besondere Zusammenkunftsorte nannten, um ihren Streit auf einem entlegenen und ihrer würdigeren Boden abzutun. Sich der Überlegenheit ihrer Zahl und des gemeinen Packs, das sie anzuführen schien, schämend, zerstreuten sie sich, die breitkrempigen Hüte tief über die Augen drückend, sich dichter in ihre Mäntel hüllend und das Tageslicht befürchtend. »Sie haben mit dieser Canaille alles verdorben«, sagte Fontrailles stampfend zu dem ziemlich verlegenen Gondi; »Ihr guter Herr Onkel hat da artige Pfarrkinderchen.« »Die Schuld liegt nicht an mir«, entgegnete Gondi dennoch mit trotzigem Tone, »diese Dummköpfe sind eben eine Stunde zu spät angelangt; wären sie bei Nacht gekommen, so hätte man sie nicht gesehen, – denn ich gestehe, daß das Tageslicht ihnen ein bißchen wehtut –, und man hätte nur die Stimme des Volkes gehört: Vox populi, vox Dei . Außerdem ist das auch nicht so schlimm; ihre Anzahl gibt uns Mittel an die Hand, zu entwischen ohne erkannt zu werden, und am Ende ist ja unsere Aufgabe gelöst, denn wir wollten nicht den Tod des Sünders; Chavigny und die Seinen sind wackere Leute, die mir wert sind; ist er nur ein wenig verwundet, desto besser. Leben Sie wohl, ich werde Herrn von Bouillon besuchen, der aus Italien zurückgekehrt ist.« »Olivier«, sagte Fontrailles, »eilen Sie doch mit Fournier und Ambrosio nach St. Germain; ich will mit Montrésor Monsieur Bericht erstatten.« Alle trennten sich, und was bei diesen Leuten von Bildung die Kraft nicht vermochte, das hatte nun der Ekel über sie vermocht. So endigte dieses Handgemenge, das den Anschein hatte, großes Unglück erzeugen zu können: niemand ward dabei getötet. Die Reiter setzten mit etwas Ritzen mehr und einige sogar um ihre Börsen leichter durch Seitenstraßen ihren Weg neben den Wagen fort; die Angreifer entwischten einer nach dem anderen durch die Volksmasse, deren Aufstand sie veranlaßt hatten. Das aller Anführer bare Gesindel wütete noch zwei Stunden lang unter dem nämlichen Geschrei fort, bis es seinen Rausch ausgetobt hatte und die Kälte das Feuer seines Blutes und seiner Begeisterung zumal auslöschte. An den Fenstern der Häuser des Kais und der Cité aber und längs der Mauern derselben erblickte man das kluge und echte Pariser Volk, das mit düsteren Mienen und dumpfem Schweigen diesen Vorspielen der Unordnung zusah, während das kaufmännische Korps, schwarzgekleidet und mit seinen Schöffen und Vorgesetzten an der Spitze, sich langsam und mutig einen Weg durch die Volksmasse nach dem Palais de Justice bahnte, wo sich das Parlament versammeln sollte, und dort seine Beschwerden über diese schrecklichen nächtlichen Auftritte niederlegte. In den Gemächern Gastons von Orleans war es indessen sehr unruhig gewesen. Dieser Prinz bewohnte den mit den Tuilerien gleichlaufenden Flügel des Louvre, und seine Fenster gingen von der einen Seite auf den Hof und von der anderen auf ein Gewirr kleiner Häuser und enger Straßen, die den Platz beinahe gänzlich bedeckten. Durch den Lärm der Feuerwaffen jählings aufgewacht, war er schleunigst aus dem Bette gesprungen, hatte die Füße in weite Pantoffeln mit hohen Abplatzen gesteckt, einen seidenen, mit Gold gestickten Nachtrock umgeworfen und begann dann in seinem Schlafzimmer auf und ab zu spazieren, indem er von Minute zu Minute einen Lakaien absandte, um sich nach den Vorfällen zu erkundigen, und den Abbé von La Rivière, seinen gewöhnlichen Ratgeber, zu holen befahl, der aber gerade von Paris abwesend war. Bei jedem Pistolenschuß lief der furchtsame Prinz ans Fenster, ohne jedoch etwas anderes als einige Fackeln von Vorbeieilenden sehen zu können; wie sehr man ihm auch versicherte, daß das Geschrei, das er höre, zu seinen Gunsten sei, spazierte er dennoch in der größten Verwirrung unablässig durch die Gemächer; seine langen schwarzen Haare hingen ihm wild um den Kopf und seine blauen Augen traten, vergrößert durch Unruhe und Schrecken, aus ihren Höhlen; er war, als Montrésor und Fontmilles endlich kamen, halb nackt und schlug sich fortwährend auf die Brust, indem er tausendmal wiederholte: » Mea culpa, mea culpa .« »Nun, so kommt doch!« schrie er ihnen von weitem zu, »lauft ihnen entgegen; kommt doch, kommt! Was geht denn vor, was tut man da unten? Wer sind diese Mörder? Was ist das für ein Geschrei?« »Man ruft: Es lebe Monsieur !« Ohne den Anschein zu haben, als höre er es, und die Tür seines Zimmers einen Augenblick geöffnet haltend, damit seine Stimme bis in die Galerien dringe, wo sich die Leute seines Hauses befanden, fuhr er, aus vollem Halse schreiend und unter heftigem Gebärdenspiel fort: »Ich weiß von alledem nichts und habe niemand zu so etwas ermächtigt; ich will nichts hören, will nichts wissen, ich werde mich nie in irgendeinen Plan einlassen; es sind Aufrührer, die all diesen Lärm machen; man rede mir nie davon, wenn man hier gern gesehen sein will; ich bin niemands Feind; ich verabscheue dergleichen Auftritte ...« Fontrailles, der seinen Mann kannte, antwortete nichts und trat mit seinem Freunde ein, zwar ohne sich zu beeilen, damit Monsieur Zeit hätte, sein erstes Feuer zu kühlen. Als dieser ausgeredet hatte und die Tür sorgfältig verschlossen war, begann er: »Wir kommen, Ew. Gnaden tausendmal um Verzeihung zu bitten wegen der Unverschämtheit dieses Volkes, das nicht aufhört, unter Geschrei den Tod Ihres Feindes zu verlangen, und sogar Sie als Regent sehen möchte, wenn wir das Unglück haben sollten, Se. Majestät zu verlieren; das Volk benimmt sich allerdings in seinen Äußerungen stets freimütig; es war aber so zahlreich versammelt, daß alle unsere Anstrengungen es nicht in Schranken halten konnten; es war der Schrei des Herzens in seiner ganzen Wahrheit; es war ein Ausbruch der Liebe, den die kalte Vernunft nicht unterdrücken konnte und der alle Ordnung überschritt.« »Aber was ist denn nur vorgegangen?« entgegnete Gaston ein wenig beruhigt; »was haben sie seit vier Stunden, da ich sie höre, getan?« »Diese Liebe, wie Herr von Fontrailles die Ehre hatte Ihnen zu sagen«, fuhr Montrésor kalt fort, »überschritt so sehr alle Schranken und Grenzen, daß sie uns selbst hinriß und wir uns von jener Begeisterung ergriffen fühlten, die uns beim bloßen Namen Monsieur stets beseelt, was uns denn auch zu Taten veranlaßte, die vorher nicht in unserer Absicht lagen.« »Aber was habt ihr denn getan?« entgegnete der Prinz. »Diese Taten, wovon Herr von Montrésor die Ehre hatte, Monsieur zu sprechen«, antwortete Fontrailles, »sind gerade die, welche ich gestern abend eben hier voraussah, als ich die Ehre hatte, Monsieur von den Vorgängen zu unterhalten ...« »Es handelt sich nicht darum«, unterbrach ihn Gaston, »Sie werden nicht sagen können, daß ich etwas befohlen oder jemand zu etwas ermächtigt hätte; ich mische mich in nichts, ich verstehe nichts von der Regierung ...« »Ich gebe zu«, fuhr Fontrailles fort, »daß Eure Königliche Hoheit nichts befohlen haben, allein Sie erlaubten mir, Ihnen meine Ahnung mitzuteilen, daß diese Nacht gegen zwei Uhr morgens Ruhestörungen vorfallen dürften, und ich hoffte, Ihre Überraschung werde dann weniger groß sein.« Der Prinz, der sich allmählich erholte und sah, daß er die beiden Kämpen nicht einschüchtern konnte, dessen Gewissen ihn überdies erinnerte, was er auch in ihren Augen las, daß er ihnen abends zuvor Einwilligung zu allem erteilt habe, setzte sich auf den Rand seines Bettes, kreuzte die Arme, schaute sie mit der Miene des Richters an und fragte wieder mit Nachdruck: »Aber nochmals, was habt ihr denn getan?« »Ei, fast nichts, Ew. Gnaden«, antwortete Fontrailles, »der Zufall ließ uns in der Menge einige unserer Freunde antreffen, die mit Herrn von Chavignys Kutscher, der sie überfahren wollte, Streit gehabt hatten, was einen etwas lebhaften Wortwechsel, einige etwas handgreifliche Gebärden, einige Schrammen und das Umkehren der Wagen zur Folge hatte, das ist alles.« »Durchaus alles«, wiederholte Montrésor. »Wie, alles!« rief Gaston, in größter Aufregung aufspringend; »ist denn das nichts, den Wagen eines der Freunde des Kardinal-Herzogs anzuhalten. Ich liebe dergleichen Auftritte nicht, das hab' ich Ihnen schon gesagt; ich hasse den Kardinal nicht; er ist unstreitig ein großer Politiker, ein sehr großer Politiker; Sie kompromittieren mich fürchterlich; man weiß, daß Montrésor mein Angehöriger ist; hat man ihn erkannt, so wird es heißen, ich hätte ihn gesandt ...« »Der Zufall«, antwortete Montrésor, »verschaffte mir die Kleidung eines Mannes aus dem Volke, die Monsieur hier unter meinem Mantel sehen kann, und die ich aus dem erwähnten Grunde jeder anderen vorgezogen habe.« Gaston atmete wieder auf. »Sind Sie ganz gewiß, daß man Sie nicht erkannt hat?« fragte er; »Sie fühlen nämlich wohl, mein lieber Freund, wie peinlich mir wäre ... gestehen Sie es selbst ...« »Ob ich dessen gewiß bin, o Himmel!« rief der Edelmann des Prinzen; »ich würde meinen Kopf und meinen Teil am Paradiese verpfänden, daß niemand mich gekannt und bei meinem Namen genannt hat.« »Wohlan!« fuhr Gaston fort, sich wieder auf sein Bett setzend und eine ruhigere Miene, in der sogar eine leise Befriedigung strahlte, annehmend, »so erzählen Sie mir ein bißchen was vorgefallen ist.« Fontrailles übernahm die Erzählung, in der, wie man sich leicht denken kann, das Volk eine große Rolle spielte, Monsieurs Leute dagegen gar keine; und fügte, auf Einzelheiten eingehend, in seiner Rede hinzu: »Man konnte sogar von unseren Fenstern aus sehen, gnädiger Herr, wie ehrbare Familienmütter, von Verzweiflung getrieben, unter Verwünschungen auf Richelieu ihre Kinder in die Seine warfen.« »Ach, das ist entsetzlich!« rief der Prinz entrüstet oder sich wenigstens stellend, als sei er es und glaube an solche Exzesse. »Es ist also wahr, daß er so allgemein verabscheut wird? Man muß aber auch gestehen, daß er es verdient! Wie, sein Ehrgeiz und seine Habsucht sollten die guten Bewohner von Paris, die ich herzlich liebe, so weit gebracht haben?« »Ja, gnädiger Herr«, fuhr der Redner fort; »und hier bittet Sie nicht nur Paris, sondern ganz Frankreich dringend, sich entschließen zu wollen, es von diesem Tyrannen zu befreien; alles ist bereit, es bedarf nur eines Winkes Ihres erhabenen Hauptes, um diesen Zwerg zu vernichten, der den Verfall des königlichen Hauses selbst zu bewerkstelligen suchte.« »Ach, Gott ist mein Zeuge, daß ich ihm diese ernste Beleidigung vergebe«, entgegnete Gaston mit zum Himmel gerichteten Augen; »allein ich kann den Notschrei dieses Volkes nicht länger anhören; ja, ich werde ihm zu Hilfe kommen! ...« »Ach, wir fallen auf die Knie vor Ihnen!« rief Montrésor. sich verbeugend ... »Heißt das«, fuhr der Prinz zurückweichend fort, »insoweit meine Würde nicht gefährdet wird und mein Name nirgends zum Vorschein kommt.« »Ei! gerade den wollen wir«, rief Fontrailles etwas freimütiger ... »Sehen Sie, gnädiger Herr, es sind schon der Namen mehrere bereit, sich unter den Ihrigen zu setzen, und Namen, die sich nicht fürchten zu unterzeichnen; ich will sie Ihnen sogleich nennen, wenn Sie wollen ...« »Aber, aber, aber ...« sagte der Herzog von Orleans, etwas erschrocken, »wissen Sie auch, daß Sie mir da ganz einfach eine Verschwörung vorschlagen? ...« »Pfui doch, pfui doch! Ew. Gnaden, Leute von Ehre, wie wir! Eine Verschwörung! Ach, keineswegs! Eine andere Ligue, allerhöchstens ein kleiner Vertrag, um dem einmütigen Wunsche der Nation und des Hofes eine Richtung zu geben; das ist alles.« »Aber, aber das ist mir nicht klar, denn dies wäre alsdann weder eine allgemeine noch öffentliche Sache, sondern eine Verschwörung; Sie würden nicht gestehen, daß Sie dabei sind.« »Ich? Ew. Gnaden, um Vergebung, der ganzen Welt würde ich es gestehen, weil das ganze Königreich schon dabei ist und ich ein Glied des Königreichs bin.« »Ei! und wer sollte seinen Namen nicht nach dem eines Herrn von Bouillon und Cinq-Mars setzen? ...« »Nach denselben vielleicht, doch vor ihnen?« sagte Gaston, seine Blicke, und zwar forschender als der Höfling es erwartete, auf Fontrailles heftend. Dieser schien einen Augenblick zu zögern. »Wohlan!« hob er dann wieder an, »was würde Monsieur tun, wenn ich ihm Namen sagte, nach welchen er den seinigen setzen könnte?« »Haha! das ist spaßhaft«, entgegnete der Prinz lachend, »wissen Sie, daß es nicht viele gibt, die sich über den meinigen setzen können? Ich kenne nur einen.« »Nun, und wenn es einen gibt, will Ew. Gnaden versprechen, den Namen Gastons darunterzusetzen?« »Ha, Parbleu, von Herzen gern, da laufe ich keinerlei Gefahr, denn ich sehe über mir nur den König, und der ist gewiß nicht von der Partie.« »Wohlan!« sagte Montrésor, »so erlauben Sie, daß wir Sie diesen Augenblick beim Wort nehmen, und geruhen Sie jetzt nur, in zwei Dinge einzuwilligen: Herrn von Bouillon bei der Königin und den Großstallmeister bei dem Könige zu sehen.« »Topp!« entgegnete Monsieur heiter, indem er Montrésor auf die Schulter klopfte, »gleich heute will ich bei der Toilette meiner Schwägerin erscheinen und meinen Bruder bitten, mich nach Chambord auf die Hirschjagd zu begleiten.« Die beiden Freunde verlangten nicht mehr und waren selbst erstaunt über den Erfolg ihrer Bemühungen, denn noch nie hatten sie ihren Gebieter so entschlossen gesehen. Aus Furcht aber, ihn in ein Gleis zu bringen, das ihn von der eben eingeschlagenen Bahn wieder ablenken konnte, beeilten sie sich, die Unterhaltung auf andere Gegenstände zu führen, und entfernten sich dann erfreut, ihm zum Abschied noch ans Herz legend, daß sie auf seine Versprechungen zahlten. Fünfzehntes Kapitel. Der Alkoven Während hier ein Prinz kaum wieder durch seine Umgebung beruhigt worden war und ihr einen Schrecken zeigte, der ansteckend auf sie hätte wirken können, gab eine Person des königlichen Hauses, die infolge der Gleichgültigkeit ihres Gemahls mehr vereinzelt und vermöge ihrer Natur und der Zaghaftigkeit, welche von der Entfremdung alles Glückes herrührt, schwächer war, ihrerseits das Beispiel ruhigsten Mutes und frömmster Ergebung, und bestärkte ihr erschrecktes Gefolge darin: das war die Königin. Kaum eine Stunde schlafend, hatte sie gellendes Geschrei außerhalb der Türen und hinter den dichten Tapeten ihres Zimmers gehört. Sie befahl ihren Frauen, den Eintritt zu ihr zu gestatten, und die Herzogin von Chevreuse stürzte im bloßen Hemde, nur einen großen Mantel über sich geworfen und von vier Gesellschaftsdamen und drei Kammerfrauen gefolgt, beinahe ohnmächtig am Fuße ihres Bettes nieder. Die zarten Füße der Flüchtigen waren nackt und bluteten, da sie sich im Laufen geritzt hatte; sie schrie und weinte wie ein Kind und erzählte unter Schluchzen, daß ein Pistolenschuß durch ihre Laden und Fenster ins Zimmer gedrungen sei und sie verwundet habe; sie beschwor dann die Königin, sie ins Exil zurückzuschicken, wo sie weit ruhiger lebe als in einem Lande, wo man sie ermorden wolle, da sie die Freundin Ihrer Majestät sei. Ihre Haare befanden sich in größter Unordnung und fielen bis auf ihre Füße nieder; sie machten ihre hauptsächlichste Schönheit aus, und die junge Königin war der Ansicht, es könnte in dieser Toilette weniger Zufall liegen als man etwa glauben möchte. »Ei, meine Liebe, was geht denn vor!« sagte sie ziemlich kaltblütig zu ihr, »Sie sehen ja aus wie eine Magdalene, aber in der Jugend derselben und bevor sie Buße tut. Soll der Lärm jemand hier gelten, so gilt er wahrscheinlich mir! Beruhigen Sie sich.« »Nein, Madame, retten Sie mich, beschützen Sie mich; dieser Richelieu verfolgt mich, davon bin ich überzeugt.« Der Lärm der Pistolenschüsse, der sich jetzt deutlicher hören ließ, überzeugte die Königin, daß der Schrecken der Frau von Chevreuse kein eitler sei. »Kommen Sie, Frau von Motteville!« rief sie, »kleiden Sie mich an.« Diese hatte aber den Kopf völlig verloren, öffnete, ohne ihrer Gebieterin Gehör zu schenken, eine jener ungeheuren Laden von Ebenholz, die damals als Schrank dienten, und nahm eine Schatulle mit den Diamanten der Königin heraus, um dieselben zu retten, die anderen Frauen hatten den Fackelschein dicht an einem der Fenster gesehen, glaubten, es sei Feuer im Palaste, und warfen in schleunigster Eile Kleinodien, Spitzen, goldene Vasen, ja sogar Porzellan in Tücher, die sie nachher aus den Fenstern zu werfen gedachten. Zu gleicher Zeit erschien auch Madame von Guémenée, die, etwas besser angekleidet als die Herzogin von Chevreuse, die Sache nichtsdestoweniger noch tragischer genommen hatte; der entsetzliche Schreck, den sie bezeugte, steckte auch die Königin ein wenig an, da sonst der zeremonielle Charakter der Dame allgemein bekannt war. Bleich wie ein Gespenst, trat sie ohne Verbeugung ein und rief ungemein schnell: »Madame, es ist an der Zeit zu beichten, man greift das Louvre an und, wie man mir gesagt hat, kommt alles Volk der Cité angezogen!« Voll Entsetzen verharrte alles im Zimmer eine Weile lang unbeweglich und schweigend. »Wir müssen sterben!« schrie dann die immer noch kniende Herzogin von Chevreuse wieder. »Ach mein Gott! warum bin ich nicht in England geblieben? Ja, beichten wir; ich beichte laut: Ich war verliebt in ..., ich wurde geliebt von ...« »Gut, gut«, sagte die Königin, »ich will es nicht zu Ende hören; es wäre vielleicht keine der geringsten Gefahren für mich, mit welchen Sie sich überdies nicht sehr beschäftigen!« Die Kaltblütigkeit Annas von Österreich und diese zweite strenge Antwort machten die schöne Person etwas ruhiger; sie bemerkte erst jetzt die Unordnung, in der ihre Toilette sich befand, stand verwirrt auf und begab sich in ein anstoßendes Kabinett, um ihren Anzug so gut als möglich auszubessern. »Donna Stephania«, sagte die Königin zu einer ihrer Frauen, der einzigen Spanierin, die sie in ihrer Umgebung behalten hatte, »holen Sie den Gardekapitän, es ist Zeit, endlich Männer um mich zu sehen und die Sache vernünftig mitteilen zu hören.« Sie erteilte diesen Befehl in spanischer Sprache, und da die Damen sie nicht verstanden, wirkte das Geheimnisvolle desselben so auf die Anwesenden, daß bald alle wieder zur Vernunft kamen. Die angeredete Kammerfrau sagte in einem Winkel des Alkovens, wohin sie sich geflüchtet hatte, ihren Rosenkranz her, stand aber auf den Befehl ihrer Gebieterin schnell auf, um ihr Gehorsam zu leisten. Indessen wurden die Anzeichen des Aufruhrs und die Symptome des Schreckens von unten und im Innern des Palastes immer deutlicher. Man hörte im großen Hofe des Louvre das Gestampf der Pferde der Gardereiter, die Befehle der Anführer, das Rollen der Wagen Ihrer Majestät, die man anspannte und nötigenfalls zur Flucht bereit hielt, das Gerassel der eisernen Ketten, die über das Pflaster geschleppt wurden, um für den Fall eines Angriffs Barrikaden zu bilden, eiliges Rennen, das Geklirre der Waffen, Rotten von Männern, die in den Gängen umherliefen, das dumpfe und verworrene Geschrei des Volkes, das bald stärker, bald schwächer tönte und gleich dem Lärm der Wellen und des Windes sich entfernte und wieder näher kam. Die Tür öffnete sich nochmals und jetzt traf eine reizende Person ein. »Ich erwartete Sie, liebe Marie«, sagte die Königin, die Arme nach der Herzogin von Mantua ausbreitend, »Sie beweisen mehr Tapferkeit als wir alle, denn Sie erscheinen ja so geputzt, um sich dem ganzen Hofe zeigen zu können.« »Ich war glücklicherweise noch nicht zu Bett«, antwortete mit gesenkten Augen die junge Prinzessin von Gonzaga, »ich habe den ganzen Tumult und das aufrührerische Volk von meinen Fenstern aus gesehen. O, Madame, Madame, fliehen Sie! Ich beschwöre Sie, sich durch die Geheimtreppen zu retten und uns zu erlauben, an Ihrer Stelle hier zu bleiben; es wäre leicht möglich, daß man eine von uns für die Königin halten würde und«, fügte sie hinzu, indem eine Träne an ihrer Wimper zitterte, »ich höre soeben das Geschrei der Menge, das jemandes Tod verlangt. Retten Sie sich, Madame, ich habe keinen Thron zu verlieren; Sie sind Tochter, Gattin und Mutter von Königen, retten Sie sich und lassen Sie uns hier.« »Sie haben an Schönheit, Jugend, und ich hoffe auch, an Glück mehr als ich zu verlieren, meine Freundin«, antwortete die Königin mit einem wohlwollenden Lächeln, indem sie ihr die schöne Hand zum Kusse reichte. »Bleiben Sie in meinem Alkoven, das ist mir lieb, aber wir werden unser zwei darin sein. Der einzige Dienst, den ich von Ihnen annehme, schönes Kind, ist, mir jene kleine goldene Schatulle, die meine arme Motteville am Boden stehen ließ und mein größtes Kleinod enthält, ans Bett zu bringen.« Indem sie dieselbe dann aus Maries Hand empfing, flüsterte sie dieser ins Ohr: »Schwöre mir, daß, wenn mir ein Unglück begegnen sollte, du diese Schatulle nehmen und in die Seine werfen willst.« »Ich werde Ihnen als meiner Wohltäterin und gleich wie meiner zweiten Mutter gehorchen, Madame«, antwortete sie weinend. Indes verdoppelte sich der Lärm des Kampfes auf den Kais, und die Scheiben des Zimmers strahlten oft von dem Schein der Schüsse wider, deren Knall man hörte. Die Kapitäne der Garde und der Schweizer ließen durch Donna Stephania um die Befehle Ihrer Majestät bitten. »Sie sollen eintreten«, sagte die Königin, »stellen Sie sich auf diese Seite, meine Damen; ich bin in diesem Augenblick Mann und muß es sein.« Dann schob sie ihren Bettvorhang etwas zur Seite und fuhr, an die beiden Offiziere gewandt, fort: »Meine Herren, erinnern Sie sich vor allen Dingen, daß Sie mit Ihrem Kopfe für das Leben der Prinzen, meiner Kinder, haften, Sie wissen das, Herr von Guitaut?« »Ich liege quer vor ihrer Tür, Madame; allein diese Bewegung bedroht weder sie noch Ew. Majestät ...« »Gut, denken Sie erst nach den Prinzen an mich«, unterbrach ihn die Königin, »und beschützen Sie ohne Unterschied alle Bedrohten. Sie verstehen mich, auch, Sie, Herr von Bassompierre; Sie sind Edelmann; vergessen Sie, daß Ihr Onkel noch in der Bastille sitzt, und tun Sie bei den Enkeln des seligen Königs, seines Freundes, Ihre Pflicht.« Der Angeredete war ein junger Mann mit freimütigem, offenem Gesicht. »Eure Majestät mögen sehen, daß ich nur meine Familie, und nicht die Ihrige, vergesse«, antwortete er mit einem leichten deutschen Akzent, indem er seine linke Hand zeigte, an welcher zwei Finger fehlten, die ihm ein Säbelhieb soeben weggenommen hatte. »Ich habe noch eine andere Hand«, fügte er dann mit einer Verbeugung hinzu und entfernte sich mit Guitaut. Bewegt stand die Königin alsobald auf, stellte sich trotz der Bitten der Prinzessin von Guémenée, der Tränen Maries von Gonzaga und des Geschreis der Madame von Chevreuse an das Fenster, öffnete es, und rief, auf die Schulter der Herzogin von Mantua gelehnt: »Was höre ich; in der Tat, man ruft: Es lebe der König! ... Es lebe die Königin!« In diesem Augenblick verdoppelte das Volk, das sie zu erkennen glaubte, sein Geschrei, und man hörte rufen: »Nieder mit dem Kardinal! Es lebe Herr le Grand!« Marie bebte zusammen. »Was haben Sie?« sagte die Königin, die sie beobachtete, zu ihr. Als sie aber nicht antwortete und am ganzen Leibe zitterte, tat die gute und sanfte Monarchin, als bemerke sie es nicht, und erheuchelte, dem Geschrei des Volkes und dessen Bewegungen die größte Aufmerksamkeit leihend, eine Unruhe, die sie schon seit dem ersten an ihr Ohr geklungenen Namen nicht mehr besaß. Als man ihr eine Stunde nachher die Nachricht brachte, daß die Menge nur auf einen Wink ihrer Hand warte, um sich zurückzuziehen, erteilte sie denselben anmutig und mit der Miene der Zufriedenheit, allein ihre Freude war eine höchst unvollkommene, denn ihre Seele war durch mancherlei und besonders durch das Vorgefühl der auf sie fallenden Regentschaft gestört. Je mehr sie sich über das Fenster beugte, um sich zu zeigen, desto mehr sah sie die empörenden Szenen, die der anbrechende Tag nur zu sehr beleuchtete; je notwendiger es ihr erschien, sich ruhig und kalt zu zeigen, um so mehr kehrte Schrecken in ihr Herz zurück, und bei der Heiterkeit ihrer Worte und ihres Antlitzes war ihre Seele betrübt. Allen Blicken ausgesetzt, fühlte sie dennoch, wie sie nur ein Weib sei, und bebte beim Anblick dieses Volkes, das sie vielleicht regieren sollte und das schon eines Menschen Tod zu verlangen und seine Herrscher zu rufen sich erkühnte. Sie winkte ihm daher grüßend zu. Hundertfünfzig Jahre nachher wurde dieser Gruß von einer anderen Prinzessin, die, wie sie, dem österreichischen Blute entstammt und Königin von Frankreich war, wiederholt. Die Monarchie, welche, wie Richelieu sie gemacht hatte, aller Grundlage ermangelte, entstand und starb zwischen diesen beiden Erscheinungen. Die Königin ließ endlich ihre Fenster schließen und beeilte sich, ihr ängstliches Gefolge zu verabschieden. Die dichten Vorhänge fielen über die bunten Scheiben herab, und das Zimmer war nicht mehr von einem unangenehmen Scheine erhellt; große weiße Wachskerzen brannten in den goldenen Armleuchtern, die aus den eingerahmten und mit Lilien verzierten Tapetenstickereien, womit die Wände verziert waren, hervorragten. Sie wollte mit Marie von Mantua allein bleiben, betrat mit ihr den von einem durchbrochenen Geländer gebildeten Alkoven wieder und sank, ermüdet von dem erzwungenen Mute, auf ihr Bett, wo sie die Stirn in ihr Kopfkissen gedrückt, in Tränen zerfloß. Auf dem samtenen Fußschemel kniend, hielt Marie eine ihrer Hände in der ihrigen und lehnte zitternd ihren Kopf daran, ohne zu wagen, das Schweigen zuerst zu brechen; denn bis dahin hatte man in den Augen der Königin noch nie eine Träne gesehen. In dieser Stellung blieben sie einige Minuten lang, dann richtete sich die Königin mühsam auf und redete sie in folgenden Worten an: »Betrübe dich nicht, mein Kind, laß mich weinen; das tut so wohl, wenn man regiert! Bittest du für mich zu Gott, so flehe ihn an, daß er mir die Kraft verleihen möge, den Feind, der mich überall verfolgt und vermöge seines übermäßigen Ehrgeizes die französische Königsfamilie und die Monarchie zugrunde richten wird, nicht zu hassen; ich erkenne ihn in den heutigen Vorfällen wieder, ich sehe seine Hand in diesen öfteren stürmischen Aufständen.« »Wie, Madame! Ist er nicht in Narbonne? Denn Sie reden doch ohne Zweifel von den? Kardinal? Und haben Sie nicht gehört, daß das Geschrei zu Ihren Gunsten und gegen ihn war?« »Allerdings, meine Freundin, ist er dreihundert Stunden von uns entfernt, allein sein unseliger Geist wacht an dieser Tür. Wenn dieses Geschrei ausgestoßen wurde, so hatte er es erlaubt; wenn diese Menschen sich zusammengerottet haben, so war die Stunde, die er zu ihrem Verderben bezeichnet hat, nur noch nicht erschienen. Glaube mir, ich kenne ihn und habe die Kenntnis dieser verdorbenen Seele teuer erkauft; es hat mir die ganze Macht meines Ranges, die Vergnügungen meines Alters, die Liebe meiner Familie, ja das Herz meines Gatten gekostet; er hat mich von der ganzen Welt isoliert, er hält mich jetzt innerhalb einer Schranke von Ehren- und Achtungsbezeugungen eingeschlossen, und vordem hat er zum Ärgernis von ganz Frankreich gewagt, mich in Anklagezustand zu versetzen; man hat meine Papiere untersucht, hat mich verhört; ich mußte mich als eines Fehlers schuldig unterzeichnen, von dem ich nichts wußte, und den König um Verzeihung bitten; kurz ich verdankte nur der Hingebung und vielleicht dem lebenslänglichen Gefängnisse eines treuen Dieners Er hieß Laporte. Weder die Furcht vor der Todesstrafe, noch die Aussicht auf das Gold des Kardinals entlockten ihm ein Wort von den Geheimnissen der Königin. die Erhaltung der von dir in Sicherheit gebrachten Schatulle. Ich lese in deinen Blicken, daß du mich zu ängstlich glaubst; doch täusche dich nicht so wie gegenwärtig der ganze Hof, mein liebes Mädchen, und sei versichert, daß dieser Mann überall ist und selbst unsere Gedanken kennt.« »Wie, Madame, er sollte wissen, was diese Leute unter Ihren Fenstern geschrien haben, und die Namen der Rufenden kennen?« »O, gewiß weiß er es im voraus oder sieht es voraus; er erlaubt es, er begünstigt nur, um mich in den Augen des Königs zu kompromittieren und ihn ewig von mir getrennt zu halten; er will mich vollends erniedrigen.« »Aber der König liebt ihn doch seit zwei Jahren nicht mehr, sondern schenkt seine Liebe einem anderen.« Die Königin lächelte, betrachtete einige Zeit schweigend die kindlichen und reinen Züge der schönen Marie und den offenen Blick, der sich schmachtend zu ihr erhob; sie schob die schwarzen Locken, die diese schöne Stirn verhüllten, zurück und ihre Augen und ihre Seele schienen im Anblick dieser entzückenden, auf einem so schönen Antlitz thronenden Unschuld auszuruhen; sie küßte ihre Wange und entgegnete: »Armer Engel, du scheinst eine traurige Wahrheit nicht zu ahnen: der König liebt nämlich niemand, und die, welche am meisten in Gunst bei ihm zu stehen scheinen, sind der Gefahr, von ihm aufgegeben und dem vorgeworfen zu werden, der alles verschlingt und verzehrt, am nächsten.« »Ach, mein Gott! was sagen Sie da?« »Weißt du, wie viele er schon zugrunde gerichtet hat?« fuhr die Königin mit leiserer Stimme fort, indem sie ihr in die Augen schaute, als wollte sie alle ihre Gedanken darin lesen und ihr die ihrigen eingießen, »kennst du das Ende seiner Günstlinge? Hat man dir nicht von der Verbannung Baradas, von der Saint-Simons, von der Einsperrung ins Kloster des Fräulein La Fayette, von der Schmach der Madame von Hautefort, vom Tode Chalais' erzählt? Alle sind einem Befehle Richelieus an seinen Gebieter zufolge gefallen und ohne diese Gunst, die du für Freundschaft hältst, wäre ihr Leben friedlich dahingeflossen; allein diese Gunst ist todbringend, ist ein Gift. Da, schau' diese Tapetenstickerei an, welche Semele vorstellt; die Günstlinge Ludwigs XIII. gleichen diesem Weibe; ihre Anhänglichkeit verdirbt sie wie dieses Feuer, das blendet und verbrennt.« Die junge Herzogin war jedoch nicht mehr imstande, die Königin anzuhören; sie heftete fortwährend ihre großen schwarzen Augen, die ein Tränenschleier umdunkelte, auf dieselbe; ihre Hände zitterten in denen Annas von Österreich und ihre Lippen bebten konvulsivisch. »Ich bin sehr grausam, nicht wahr, Marie?« fuhr die Königin mit äußerst sanfter Stimme fort, indem sie das Mädchen liebkoste wie ein Kind, dem man ein Geständnis entlocken will, »o ja, ich bin ohne Zweifel recht böse und unser Herz ist sehr voll; Sie können nicht länger an sich halten, mein Kind. Geschwind sagen Sie's mir, woran sind Sie mit Herrn von Cinq-Mars?« Bei diesen Worten brach sich der Schmerz Bahn, und Marie ergoß ihrerseits, immer vor der Königin kniend, in den Schoß dieser guten Frau eine Flut von Tränen, untermischt mit kindlichem Schluchzen und so heftigen Bewegungen ihres Kopfes und ihrer Schultern, daß es schien, als müsse ihr Herz brechen. Die Königin mußte lange warten, bis Marie sich von dieser ersten Aufregung ein wenig erholt hatte, und wiegte sie, gleichsam um ihren Schmerz zu stillen, in ihren Armen, indem sie oft wiederholte: »Mein Kind, bitte, meine Kind, betrübe dich nicht so.« »Ach, Madame«, rief sie endlich, »ich bin recht strafbar gegen Sie, allein ich rechnete nicht auf ein solches Herz! Ich hatte sehr unrecht und werde vielleicht schrecklich dafür bestraft! Aber ach, wie hätte ich wagen dürfen, mit Ihnen zu sprechen, Madame? Nicht das fiel mir schwer, Ihnen meine Seele Zu öffnen, sondern Ihnen zu gestehen, daß ich das Bedürfnis fühlte, in ihr lesen zu lassen.« Die Königin blieb einen Augenblick in Nachdenken versunken, als hätte sie ihr eigenes Innere erforschen wollen, während sie ihren Finger an die Lippen hielt. »Sie haben recht«, entgegnete sie nachher, »Sie haben ganz recht, Marie, das erste Wort ist immer schwer mitzuteilen, und dies veranlaßt oft unser Unglück; doch es muß so sein, da man bei Beseitigung dieser Etikette leicht seiner Würde etwas vergeben könnte. Ach, wie schwer ist es, zu regieren! Heute, da ich Ihr Herz erforschen will, komme ich vielleicht zu spät, um Ihnen eine Wohltat erweisen zu können.« Marie von Mantua senkte den Kopf, ohne zu antworten. »Muß ich Sie zum Sprechen ermutigen«, begann die Königin wieder, »muß ich Sie erinnern, daß ich Sie beinahe gleich einer älteren Tochter an Kindesstatt angenommen habe; daß, nachdem ich Sie an den Bruder des Königs zu vermählen gesucht, ich Ihnen den Thron Polens vorbehalten wollte? Bedarf es mehr, Marie? Ja, es bedarf mehr, ich werde es um deinetwillen tun, und lassest du mich dann nicht in dein Herz schauen, so hab' ich dich schlecht beurteilt. Öffne diese goldene Schatulle; hier ist der Schlüssel dazu; öffne sie kühn, zittere nicht dabei wie ich.« Die Herzogin von Mantua gehorchte zögernd und erblickte in dieser kleinen getriebenen Schatulle ein grob gearbeitetes Messer mit einem eisernen Griff und sehr rostiger Klinge; es lag auf einigen sorgfältig zusammengefalteten Briefen, worauf der Name Buckingham stand. Sie wollte dieselben aufheben, Anna von Österreich hielt ihr jedoch die Hand. »Suche nichts anderes«, sagte sie zu ihr, »dies ist der ganze Schatz der Königin ... Es ist einer, denn es ist das Blut eines Mannes, der nicht mehr lebt, der aber für mich gelebt hat; er war der schönste, der tapferste, der berühmteste der Großen Europas; er bedeckte sich mit den Diamanten der Krone Englands, um mir zu gefallen; er rief einen blutigen Krieg ins Leben und bewaffnete Flotten, die er selbst befehligte, um das Glück zu haben, einmal den zu bekämpfen, der mein Gemahl war; er durchkreuzte Meere, um eine Blume zu pflücken, auf der ich gewandelt war, und lief Todesgefahr, um in Gegenwart zweier Frauen meines Hofes die Füße dieses Bettes zu küssen und mit seinen Tränen zu benetzen. Soll ich mehr sagen? Ja, dir sag' ich es, ich habe ihn geliebt und liebe ihn in der Vergangenheit noch mehr als ein Mensch lieben kann. Wohlan! er hat es nie gewußt, nie erraten; dieses Gesicht, diese Augen blieben ihm gegenüber kalt wie Marmor, während mein Herz glühte und vor Schmerz brach; doch ich war Königin von Frankreich ...« Bei diesen Worten preßte Anna von Österreich heftig Maries Arm. »Wage jetzt, dich zu beklagen«, fuhr sie fort, »daß du mir nicht von Liebe sprechen konntest, und wage zu schweigen, nachdem ich dir solche Dinge anvertraut habe.« »Ach ja, Madame, Ihnen werde ich meinen Schmerz anzuvertrauen wagen, weil Sie mir ...« »Eine Freundin sind, weil ich eine Frau bin«, unterbrach sie die Königin; »meine Furcht hat mich zum Weibe gemacht, hat dir ein Geheimnis mitgeteilt, das der ganzen Welt unbekannt ist; du siehst, die Liebe, die den geliebten Mann überlebt, zeugt auch bei mir von einem weiblichen Herzen ... Rede, sprich dich gegen mich aus, es ist Zeit ...« »Im Gegenteil, es ist nicht mehr Zeit«, entgegnete Marie unter gezwungenem Lächeln; »Herr von Cinq-Mars und ich sind auf immer vereint.« »Auf immer!« rief die Königin; »Sie denken doch nicht daran? Und Ihr Rang, Ihr Name, Ihre Zukunft, ist denn alles verloren? Sie sollten Ihren Bruder, den Herzog von Rethel und alle Gonzagas in diese Verzweiflung stürzen?« »Seit mehr als vier Jahren denke ich daran und bin ich dazu entschlossen; und seit sechs Tagen find wir Verlobte ...« »Verlobte!« rief die Königin die Hände zusammenschlagend; »man hat Sie betrogen, Marie. Wer sollte das ohne den Befehl des Königs gewagt haben? Das ist eine Intrige, die ich wissen will. Ich bin überzeugt, daß man Sie verlobt und getäuscht hat.« Marie sammelte sich einen Augenblick und entgegnete dann: »Nichts war einfacher, Madame, als unsere Neigung zueinander. Ich bewohnte, wie Sie wissen, das alte Schloß Chaumont bei der Marschallin von Effiat, der Mutter Cinq-Mars'! Ich hatte mich dahin zurückgezogen, um meinen Vater zu beweinen, und bald hatte auch er den seinigen zu betrauern. In dieser zahlreichen in Trauer versetzten Familie fand ich nur seinen Schmerz so tief, wie den meinigen; alles was er sagte hatte auch ich schon gedacht, und als wir auf unser Leid zu sprechen kamen, so fanden wir das eine dem anderen ganz ähnlich. Da ich zuerst vom Schmerz heimgesucht worden war, verstand ich die Traurigkeit besser und suchte ihn zu trösten, indem ich ihm sagte, was ich gelitten hatte, so daß er, mich beklagend, sich selbst vergaß. Das war der Anfang unserer Liebe, die, wie Sie sehen, fast zwischen zwei Gräbern entstand.« »Gebe Gott, meine Liebe, daß sie ein glückliches Ende nehme«, sagte die Königin. »Das hoffe ich, Madame, weil Sie für mich beten«, fuhr Marie fort, »überdies lächelt mir jetzt alles; doch damals war ich sehr unglücklich. Eines Tages kam die Nachricht ins Schloß, daß der Kardinal Herrn von Cinq-Mars zur Armee berufe; es war mir, als raubte man mir noch einmal einen der Meinigen und dennoch waren wir uns fremd. Herr von Bassompierre konnte nicht müde werden, von Schlachten und vom Tode auf dem Felde zu reden; ich zog mich jeden Abend ganz verstört zurück und weinte die Nacht durch. Anfangs glaubte ich, meine Tränen flössen noch der Vergangenheit; ich bemerkte indes bald, daß sie der Zukunft galten, und fühle wohl, daß es nicht mehr die nämlichen Tränen sein konnten, weil ich sie zu verbergen suchte. In Erwartung dieser Abreise ging einige Zeit hin; ich sah ihn täglich und beklagte ihn, daß er abzureisen gezwungen sei, weil er mir jeden Augenblick sagte, daß er ewig in seiner Heimatgegend und bei uns hätte leben mögen, wie damals. So blieb ihm der Ehrgeiz bis zum Tage seiner Abreise fern, denn er wußte nicht, daß er ... Ich darf es Ew. Majestät nicht sagen.« Errötend schlug Marie die tränenfeuchten Augen zu Boden und lächelte ... »Geh' doch!« sagte die Königin, »daß er geliebt sei, nicht wahr?« »Und am Abend, Madame, reiste er, von Ehrgeiz beseelt, ab.« »Das hat man in der Tat bemerkt. Doch kurz und gut, er reiste ab«, sagte Anna von Österreich mit etwas geringerer Unruhe; »er hat sich aber seit zwei Jahren wieder gezeigt und Sie haben ihn gesehen? ...« »Selten, Madame«, sagte die junge Herzogin mit etwas Stolz, »und immer in einer Kirche und in Gegenwart eines Priesters, vor dem ich gelobt habe, nur Herrn von Cinq-Mars anzugehören.« »Ist mir das eine Heirat? Und das hat man zu tun gewagt? Ich werde mich danach erkundigen. Aber guter Gott! was für Fehler, was für Fehler in den wenigen Worten, die ich da höre! Lassen Sie es mich überdenken.« Und laut mit sich selbst redend, fuhr die Königin mit gesenktem Kopfe und gesenkten Augen in der Haltung des Nachdenkens fort: »Vorwürfe sind vergeblich und grausam, wenn das Übel geschehen ist. Die Vergangenheit ist nicht mehr unser, denken wir an die übrige Zeit. Cinq-Mars ist allerdings tapfer, geistreich, ja sogar tiefsinnig in seinen Ideen, ich habe ihn beobachtet, er hat in zwei Jahren einen schönen Weg gemacht und ich sehe, daß es für Marie geschah ... Er führt sich gut auf; er ist ihrer würdig, ja, er ist ihrer in meinen Augen würdig, doch nicht in den Augen Europas. Er muß noch mehr steigen; die Prinzessin von Mantua kann keinen geringeren als einen Prinzen heiraten. Er müßte es werden. Ich für mich vermag nichts; ich bin nicht die Königin, ich bin das vernachlässigte Weib des Königs. Nur der Kardinal, ewig der Kardinal ... und er ist sein Feind, ja, dieser Aufstand vielleicht ...« »Ach! ist der Anfang des Krieges zwischen ihnen, ich habe es soeben nur allzugut bemerkt.« »So ist er also verloren!« rief die Königin, Marie umarmend. »Um Vergebung, mein Kind, ich zerreiße dir das Herz; doch wir müssen heute alles überblicken und alles sagen; ja, er ist verloren, wenn er selbst diesen boshaften Mann nicht stürzt, denn der König wird ihn nicht aufgeben; nur allein die Kraft ...« »Er wird ihn stürzen, Madame; er wird es tun, wenn Sie ihm behilflich sind. Sie sind gleichsam die Gottheit Frankreichs; o, ich beschwöre Sie, beschützen Sie den Engel gegen den Teufel; es ist auch Ihre Sache, ist die Sache Ihrer königlichen Familie, ist die Sache Ihrer Nation ...« Die Königin lächelte. »Es ist deine Sache besonders, mein Mädchen, nicht wahr? Und als diese werde ich mich mit ihr mit allen meinen Kräften befassen; meine Macht ist zwar nicht groß, das hab' ich dir schon gesagt; aber wie sie ist, leihe ich dir sie gänzlich; vorausgesetzt jedoch, daß dieser Engel sich nicht zu Todsünden herabwürdige«, fügte sie mit einem ungemein feinen Blick hinzu; »ich hörte diese Nacht seinen Namen von Stimmen aussprechen, die seiner sehr unwürdig sind.« »O Madame, ich möchte darauf schwören, daß er nichts davon wußte!« »Ach, mein Kind, sprechen wir nichts von Staatssachen, du bist darin noch nicht sehr bewandert; laß mich vor meiner Toilettestunde ein bißchen schlafen, wenn ich es kann; meine Augen brennen mich sehr, die deinigen dich vielleicht auch.« Mit diesen Worten neigte die liebenswürdige Königin das Haupt auf ihr Kissen, unter dem die Schatulle verborgen lag, und Marie sah sie bald vor Ermüdung einschlafen. Sie stand dann auf, setzte sich in einen großen gestickten Armstuhl von viereckiger Form, faltete die Hände über ihre Knie und begann über ihre schmerzliche Lage nachzusinnen; getröstet durch den Anblick ihrer sanften Gönnerin, warf sie oft die Augen auf sie, um ihren Schlaf zu überwachen, und sandte ihr insgeheim alle die Segnungen zu, welche die Liebe so verschwenderisch über die ergießt, die sie beschützen, küßte zuweilen die Locken ihrer blonden Haare, als hätte sie durch diesen Kuß alle die ihrem beständigen Gedanken günstigen Gefühle in die Seele der Königin hauchen wollen. Der Schlaf der Königin war andauernd, und Marie blieb in ihr Nachsinnen versunken und weinte. Dennoch erinnerte sie sich, daß sie um zehn Uhr vor dem ganzen Hofe bei der königlichen Toilette erscheinen müsse; sie wollte sich daher mit Gewalt ihren trüben Gedanken entreißen, um ihren Tränen Einhalt zu tun, und ergriff einen großen auf einem mit Email und Schaumünzen eingelegten Tische liegenden Folioband: es war Asträa von Herrn von Urfé , ein Werk zarter Minne , das bei den schönen Prüden des Hofes in hoher Gunst stand. Maries kindlicher aber richtiger Sinn vermochte diesen Schäferliebschaften keinen Geschmack abzugewinnen; sie war zu einfach, um die Schäfer des Vignon zu verstehen, zu geistreich, um Gefallen an ihren Reden zu finden, und zu leidenschaftlich, um ihre Zärtlichkeit zu fühlen. Da dieser Roman jedoch stark in Mode gekommen war, wollte sie sich zwingen, ihm einige Teilnahme zu widmen, und indem sie sich jedesmal innerlich anklagte, so oft sie die Langeweile empfand, welche die Seiten dieses Buches aushauchten, durchlief sie es doch mit Ungeduld, um etwas darin zu finden, das ihr gefallen und sie in Entzücken versetzen könnte; ein Kupferstich veranlaßte sie, in ihrer Lektüre innezuhalten. Er stellte die Schäferin Asträa in Schuhen mit hohen Absätzen, einem Schnürleib und einem ungeheuer bauschigen Reifrock vor, wie sie auf den Zehenspitzen stand, um im Flusse ihren zärtlichen Seladon daherschwimmen zu sehen, der sich aus Verzweiflung über den etwas kalten Empfang am Morgen ertränkt hatte. Ohne sich Rechenschaft von ihrem Geschmack und den in diesem Bilde aufgehäuften Unrichtigkeiten abzulegen, suchte sie, mit ihrem Daumen blätternd, nach einem Worte, das ihre Aufmerksamkeit fesseln sollte, und sah dann das Wort Druide . »Ha, da stoße ich auf einen großen Charakter«, sagte sie bei sich, »ich werde ohne Zweifel einen jener mysteriösen Opferer sehen, deren Altäre, wie man mir gesagt hat, sich in der Bretagne noch aufgerichtet finden sollen; ich werde ihn aber sehen wie er Menschen opfert, und das muß ein schreckliches Gemälde sein; doch lesen wir.« Und bei diesen Worten las Marie mit Widerwillen, gerunzelten Brauen und beinahe zitternd, was folgt: Der Druide Adamas berief auf zartsinnige Weise die Schäfer Pimander, Ligdamont und Clidamant, die gerade zuvor von Calais gekommen waren. – Dieses Abenteuer, sagte er zu ihnen, kann nur durch ein Übermaß von Liebe sein Ende finden. Der Geist, der liebt, verwandelt sich in den geliebten Gegenstand; um euch dieses vorzustellen, zeigen euch meine angenehmen Zauberbilder in diesem Brunnen die Nymphe Sylvia, die ihr alle drei liebt. Der Hohepriester Amasis wird von Montbrison kommen und euch die Zartheit dieser Idee erklären. Geht daher, hübsche Schäfer, wenn eure Wünsche nicht ungezügelt sind, so werden sie euch keine Qualen verursachen; sind sie es, so werdet ihr mit Ohnmächten bestraft werden, gleich denen Seladons und der Schäferin Galathee, die der flatterhafte Herkules in den Bergen der Auvergne verließ und die ihren Namen dem lieblichen Lande der Gallier gab; oder auch werdet ihr von den Schäferinnen des Lignon gesteinigt werden wie der wilde Amidor. Die große Nymphe dieser Höhle hat einen Zauber ausgesprochen ...« Der Zauber der großen Nymphe wirkte so gewaltig auf die Herzogin, daß sie kaum noch Kraft genug hatte, mit matter Hand am Ende des Buches aufzusuchen, daß der Druide Adamas eine sinnreiche Allegorie sei und den Generalleutnant von Montbrison von der Familie der Papon vorstelle; ihre ermüdeten Augen schlossen sich, das große Buch glitt von ihrem Kleide auf das Samtkissen, auf dem ihre Füße lagen und wo nun die schöne Asträa und der schmucke Seladon weich und kaum weniger unbeweglich ruhten, als die durch sie besiegte und tief eingeschlafene Marie von Mantua. Sechzehntes Kapitel. Die Verwirrung An diesem nämlichen Morgen, dessen verschiedenartige Wirkungen wir bei Gaston von Orleans und der Königin gesehen haben, herrschten in einem bescheidenen Kabinett eines großen, dem Palais de Justice nahegelegenen Hauses die Ruhe und das Schweigen des Studiums. Eine kupferne Lampe von gotischer Form kämpfte mit dem anbrechenden Tage um die Herrschaft, warf ihr rötliches Licht auf einen Haufen Papiere und Bücher, die einen großen Tisch bedeckten, und beleuchtete die Büsten l'Hospitals, Montaignes, des Präsidenten und Geschichtschreibers von Thou und des Königs Ludwig XIII.; in einem Kamin, der hoch und groß genug war, daß ein Mann darin hätte stehen und sitzen können, brannte auf ungeheuren eisernen Böcken ein mächtiges Feuer. Auf einem dieser Böcke ruhte der Fuß des studienbeflissenen von Thou, der, bereits aufgestanden und angekleidet, aufmerksam in den neuen Werken von Descartes und Grotius forschte; auf seinem Knie schrieb er Noten über diese philosophischen und poetischen Bücher, die damals in allen Zirkeln gebildeter Männer den Gegenstand der Unterhaltung bildeten; allein in diesem Augenblick zogen die metaphysischen Betrachtungen seine ganze Aufmerksamkeit auf sich; der Philosoph der Touraine entzückte den jungen Rat. In seiner Begeisterung schlug er oft unter Ausrufen der Bewunderung auf das Buch; zuweilen ergriff er eine neben ihm stehende Erdkugel, drehte sie lange unter seinen Fingern und vertiefte sich in die ernstesten Forschungen der Wissenschaft; dann von ihrer Tiefe zu einer noch größeren Höhe sich schwingend, warf er sich plötzlich vor dem Kruzifix auf dem Kamine nieder, weil er an den Grenzen des menschlichen Geistes Gott angetroffen hatte. Bald nachher warf er sich dann in seinen großen Armstuhl, so, daß er fast auf der Rückenlehne saß, hielt seine beiden Hände vor die Augen und verfolgte in seinen Gedanken die Spur von René Descartes' Vernunftschlüssen von folgender Idee der ersten Betrachtung: »Angenommen, wir seien eingeschlafen und es seien alle diese besonderen Umstände, daß wir nämlich die Augen öffnen, den Kopf bewegen, den Arm ausstrecken, bloß leere Täuschungen ...« bis zu dem erhabenen Schlusse der dritten: »Es bleibt mir nur eines zu sagen, das ist, daß gleich wie die Idee meiner selbst, so auch die Idee Gottes von meiner Erschaffung an in mich gepflanzt ist, mit mir geboren wurde und in mir heranreifte. Und gewiß darf man nicht staunen, daß Gott mir bei meiner Erschaffung diese Idee eingeimpft hat, gleichwie der Arbeiter seinen Stempel auf sein Werk drückt.« Diese Gedanken beschäftigten die Seele des jungen Rates ausschließlich, als sich ein großer Lärm unter seinen Fenstern vernehmen ließ; er glaubte, eine Feuersbrunst möchte die Veranlassung dieses andauernden Geschreies sein und schaute schleunig nach dem von seiner Mutter und seinen Schwestern bewohnten Flügel hinüber; aber alles schien dort zu schlafen, und den Kaminen entstieg kein Rauch, der vom Erwachen der Bewohner gezeugt hätte; er dankte dem Himmel dafür und sah, an ein anderes Fenster eilend, wie das Volk, dessen Heldentaten wir bereits kennen, sich den engen Straßen zudrängte. die nach dem Kai führen. Nachdem er diese Rotte von Weibern und Kindern, die lächerliche Fahne, die ihnen vorangetragen wurde, und die argen Verkleidungen der Männer betrachtet hatte, sagte er bei sich selbst: »Es muß ein Volksfest oder eine Karnevalskomödie sein.« Er setzte sich dann von neuem in die Kaminecke, nahm einen Kalender zur Hand und begann mit großer Sorgfalt nachzuschlagen, welchen Heiligen man wohl heute feiere. Er schaute auf die Spalte des Dezembermonats, fand am vierten desselben den Namen St. Barbara und erinnerte sich nun, daß er soeben eine Art kleiner Kanonen und Pulverwagen habe vorbeifahren sehen. Vollkommen befriedigt über die Erklärung, die er sich selbst gab, beeilte er sich, die Idee, die ihn zerstreut hatte, zu verscheuchen und vertiefte sich wieder in sein Lieblingsstudium, indem er nur zuweilen aufstand, um ein Buch aus den Fächern seiner Bibliothek zu holen, das er, nachdem er einen Satz, eine Linie oder bloß ein Wort darin gelesen hatte, neben sich auf einen Tisch oder auf den Boden warf, der schon voller Papiere lag, die er sich wohl hütete, an ihren Platz zu legen, aus Furcht, den Faden seiner Träumereien zu verlieren. Plötzlich kündete man mit raschem Öffnen der Tür einen Namen an, den er vor allen beim Gerichtshofe auszeichnete, und einen Mann, den er durch seine Verhältnisse als Beamter näher hatte kennen lernen. »Ei, durch welch einen Zufall sehe ich um fünf Uhr morgens Herrn Fournier bei mir?« rief er; »gibt es einen Unglücklichen zu verteidigen, einige Familien mit den Früchten seines Talentes zu ernähren? Hat er einen unter uns eingeschlichenen Irrtum zu zerstören, eine Tugend in unseren Herzen zu erwecken? Denn das sind seine gewöhnlichen Werke. Sie kommen vielleicht, mir eine neue Schmach unseres Parlamentes mitzuteilen; ach! die Folterkammern des Arsenals sind mächtiger als die alte Magistratur, die Clovis' Zeitgenossin war; das Parlament hat sich auf die Knie geworfen, alles ist verloren, wenn es sich wenigstens nicht plötzlich mit Männern wie Sie füllt.« »Mein Herr, ich verdiene Ihre Lobsprüche nicht«, sagte der Advokat, mit einem ernsten älteren Manne eintretend, der, wie er, in einen großen Mantel gehüllt war; »ich verdiene im Gegenteil Ihren ganzen Tadel und fühle beinahe Reue, sowie der Herr Graf du Lude hier. Wir kommen, Sie um ein Asyl für heute zu bitten.« »Um ein Asyl! Und gegen wen?« fragte von Thou, indem er sie einlud, sich zu setzen. »Gegen die gemeinste Volksklasse von Paris, die uns zu Anführern verlangt und die wir fliehen; es ist ein abscheuliches Gesindel; Blick, Geruch, Gehör und besonders das Gefühl wird bei der Berührung mit demselben zu sehr verletzt«, sagte Herr du Lude mit komischem Ernste; »das ist zu arg!« »Haha, Sie sagen also, das sei zu arg?« entgegnete von Thou höchst erstaunt, ohne sich jedoch den Anschein zu geben. »Ja«, sagte der Advokat; »wahrhaftig, Herr le Grand geht zu weit, unter uns gesagt.« »Ja, er betreibt die Sache zu schnell; er wird unsere Pläne scheitern machen«, fügte sein Begleiter hinzu. »So, Sie sagen also, er gehe zu weit?« antwortete von Thou, sich das Kinn reibend, immer erstaunter. Schon seit drei Monaten hatte er von seinem Freunde Cinq-Mars keinen Besuch gehabt und ohne sich darüber zu beunruhigen, da er ihn in St. Germain sehr in Gunsten und stets um den König wußte, war er selbst in den Nachrichten vom Hofe sehr zurück. Seinen ernsten Studien hingegeben, erfuhr er die öffentlichen Ereignisse nie, bis er durch den Lärm gezwungen wurde, sich danach zu erkundigen; er war nur aufs notdürftigste von dem Laufe der Welt unterrichtet und verschaffte durch sein naives Staunen seinen vertrauten Freunden oft manches ergötzliche Schauspiel, um so mehr, da er bei einer kleinen weltlichen Eigenliebe den Anschein haben wollte, als verstehe er sich auf die öffentlichen Angelegenheiten, und das Erstaunen, das er bei jeder Neuigkeit empfand, zu verbergen suchte. Diesmal befand er sich wieder im nämlichen Falle und jetzt gesellte sich zu seiner Eigenliebe noch die Freundschaft; er wollte nicht glauben lassen, daß sich Cinq-Mars in diesem Punkte gegen ihn verfehlt habe, und um der Ehre seines Freundes selbst willen wollte er von dessen Plänen unterrichtet scheinen. »Sie wissen wohl, wie es mit unserer Sache steht?« begann der Advokat wieder. »Gewiß, fahren Sie nur fort.« »Bei dem engen freundschaftlichen Verhältnisse, in dem Sie zu ihm stehen, kann Ihnen nicht unbekannt sein, daß sich seit einem Jahre alles organisiert ...« »Gewiß ... Alles organisiert sich ... doch nur weiter ...« »Sie werden mit uns zugeben, mein Herr, daß Herr le Grand unrecht hat ...« »Hm, hm! je nachdem, doch erklären Sie sich, ich werde sehen ...« »Wohlan! Sie wissen, was man bei der letzten Konferenz, deren Ergebnis er Ihnen mitgeteilt haben wird, verabredete?« »Ja, das heißt ... um Verzeihung, ich merke die Sache ungefähr wohl; doch bringen Sie mich ganz auf den Weg ...« »Das ist unnötig, Sie können ohne Zweifel nicht vergessen haben, was er selbst uns bei Marion de Lorme anempfahl.« »Unserer Liste niemand mehr beizusetzen«, ergänzte Herr du Lude. »Ach ja, ja, ich verstehe«, sagte von Thou, »das scheint mir vernünftig, sehr vernünftig, in der Tat!« »Wohlan!« fuhr Fournier fort, »er selbst hat nun diese Verabredung überschritten; denn außer den Schlingeln, die uns dieser vorwitzige Abbé von Gondi zugeführt hat, sah man heute morgen, ich weiß nicht was für einen großsprecherischen Vagabunden, der während der Nacht mit Degen und Dolch auf Edelleute beider Parteien losging und aus vollem Halse schrie: Jetzt hab' ich dich, d'Aubijoux! Du hast mir dreitausend Dukaten abgewonnen, da nimm drei Degenstiche dafür. – Jetzt hab' ich dich, La Chapelle! Du sollst mir statt meiner zehn Pistolen zehn Tropfen deines Blutes lassen. – Und ich sah ihn dann mit eigenen Augen diese und mehrere andere Herren beider Parteien angreifen, und zwar auf ziemlich ehrliche Weise, das muß man sagen, denn er packte sie nie von hinten, sondern stets in der Stellung des Fechtenden an, jedoch mit viel Glück und einer empörenden Unparteilichkeit.« »So ist's, mein Herr, und ich wollte ihm eben meine Meinung sagen«, versetzte du Lude, »als er gleich einem Eichhörnchen in die Menge entwischte, wo ich ihn mit einigen Unbekannten mit sonnverbrannten Gesichtern herzlich lachen sah; ich kann indes nicht zweifeln, daß Herr von Cinq-Mars ihn gesandt hat, denn er erteilte jenem Ambrosio, den Sie kennen müssen, jenem spanischen Gefangenen, jenem Taugenichts, den Ihr Freund als Bedienten angenommen hat, Befehle. Meiner Treu, dergleichen verleidet mir die ganze Sache; ich bin nicht gesonnen, mit dieser Canaille untereinander geworfen zu werden.« »Es verhält sich hier ganz anders, mein Herr, als bei der Geschichte in Loudun«, begann Fournier wieder. »Das Volk lehnte sich nur gegen Gewalttätigkeiten auf, ohne einen wirklichen Aufstand zu beabsichtigen; in jener Gegend war es der gesunde und ehrenwerte Teil der Bevölkerung, die über einen Mord entrüstet, nicht aber durch Wein und Geld aufgeregt und bestochen war. Es war ein gegen einen Henker ausgestoßener Schrei, ein Schrei, dessen Organ man auf ganz ehrenwerte Weise sein konnte, und nicht dieses Brüllen aufrührerischer Heuchelei und eines Volkshaufens ohne Gesinnung, dem Kote von Paris entstiegen und von seinen Kloaken ausgespien. Ich gestehe, daß ich alles, was ich hier sehen muß, mehr als satt habe, und bin ebenfalls gekommen, Sie zu bitten, mit Herrn le Grand darüber sprechen zu wollen.« Von Thou wurde durch diese Mitteilung sehr in Verlegenheit gesetzt und suchte sich vergeblich begreiflich zu machen, was Cinq-Mars wohl mit diesem Volke zu schaffen haben konnte, das nach seiner Meinung einen vergnügten Festtag gefeiert hatte; andererseits hielt er beharrlich mit dem Geständnis seiner Unbekanntschaft mit allem zurück, obwohl er wirklich von gar nichts wußte, denn als er seinen Freund das letztemal gesehen, hatte dieser nur von Pferden und den königlichen Leibställen, von der Fallenjagd und der Wichtigkeit eines Oberjägermeisters in den Staatsangelegenheiten gesprochen, was ihm keine großartigen Pläne, bei denen das Volk beteiligt sein könnte, anzukündigen schien. Endlich wagte er schüchtern, ihnen zu entgegnen: »Meine Herren, ich verspreche Ihnen, Ihren Auftrag auszurichten; unterdessen stelle ich meinen Tisch und meine Betten, so lange Sie wollen, zu Ihrer Verfügung. Allein in bezug auf dieses alles meine Meinung gegen Sie auszusprechen, müßte mir sehr schwer fallen. Doch sagen Sie mir, hat man diesen Morgen nicht St. Barbara gefeiert?« »St. Barbara!« sagte Fournier. »St. Barbara!« rief du Lude. »Richtig, richtig, man hat Pulver verknallt, das ist's, was Herr von Thou sagen will«, entgegnete der erstere lachend. »Haha, das ist possierlich, höchst possierlich! Ja, ich glaube wirklich, es ist heute St. Barbara.« Diesmal war von Thou über ihr Staunen betroffen und zum Schweigen veranlaßt, sie aber, die sahen, daß sie sich nicht verständen, wußten nichts Besseres zu tun als ebenfalls zu schweigen. Noch saßen alle drei stumm da, als sich die Tür öffnete und der ehemalige Lehrer Cinq-Mars', der Abbé Guillet, etwas hinkend eintrat. Seine Miene war sorgenvoll, und sein Wesen und seine Reden hatten nichts von seiner vormaligen Heiterkeit beibehalten, nur sein Blick war lebhaft und sein Reden rasch geblieben. »Um Vergebung, um Vergebung, mein lieber von Thou, wenn ich Sie so früh in Ihren Beschäftigungen störe; das ist zum Verwundern, nicht wahr, von seiten eines Podagristen? Ach, die Zeit eilt eben vorwärts! vor zwei Jahren noch habe ich nicht gehinkt; ich war im Gegenteil auf meiner Reise nach Italien sehr flink; doch es ist wahr, die Furcht macht Beine.« Mit diesen Worten warf er sich auf einen Sitz in einer Fenstervertiefung, winkte von Thou zu sich heran und fuhr leise fort: »Ich muß Ihnen was sagen, mein Freund, da Sie ja in ihr Geheimnis eingeweiht sind; ich habe sie vor vierzehn Tagen verlobt, was sie Ihnen erzählt haben werden.« »Ja, ist's wahr?« sagte der arme von Thou, von der Charybdis in die Szylla fallend, mit neuem Staunen. »Gehen Sie, spielen Sie nicht den Erstaunten, Sie wissen wohl wen«, fuhr der Abbé fort. »Doch, meiner Treu, ich fürchte, etwas zu viel Gefälligkeiten gegen sie gehabt zu haben, obwohl diese beiden Kinder in ihrer Liebe wahrhaft interessant sind; für ihn fürchte ich mehr als für sie; nach dem Aufstände von diesem Morgen zu schließen, glaube ich, er macht Dummheiten. Wir sollten miteinander Rats darüber pflegen.« »Aber«, entgegnete von Thou sehr ernst, »ich weiß auf Ehre nicht, was Sie sagen wollen. Wer macht denn Dummheiten?« »Gehen Sie doch, mein Lieber, wollen Sie schon wieder den Geheimnisvollen gegen mich spielen? Das ist beleidigend«, sagte der gute Mann, indem er böse zu werden begann. »Nein, wahrhaftig! Wen haben Sie denn verlobt?« »Noch einmal? Pfui doch, mein Herr!« »Aber was war denn das für ein Aufstand heute morgen?« »Sie machen sich über mich lustig! – Ich gehe«, sagte der Abbé aufstehend. »Ich schwöre Ihnen, daß ich von allem, was ich heute hören muß, nichts verstehe. Reden Sie von Herrn Cinq-Mars?« »Schon gut, mein Herr, Sie behandeln mich als Kardinalisten, wohlan, trennen wir uns!« rief der Abbé Guillet wütend. Er ergriff seine Krücke und entfernte sich schleunig, ohne auf von Thou zu hören, der ihn bis an seinen Wagen verfolgte und ihn zu beschwichtigen suchte, was ihm jedoch nicht gelang, weil er den Namen seines Freundes vor seinen Bedienten auf der Treppe nicht zu nennen wagte und sich nicht näher erklären konnte. Zu seinem großen Leidwesen mußte er seinen alten Abbé noch ganz im Zorn abfahren sehen. Während der Kutscher seine Pferde peitschte, rief er ihm noch zu: »Auf Wiedersehen morgen!« Der Abbé gab ihm aber keine Antwort. Es war ihm jedoch von Nutzen gewesen, bis auf die Haupttreppe hinabgegangen zu sein, denn er sah scheußliche Gruppen jener Volksklasse, die vom Louvre herkamen, und war nun imstande, besser über die Wichtigkeit ihrer Bewegung vom Morgen urteilen zu können, er hörte, wie rohe Stimmen im Triumphe schrien: »Sie ist dennoch erschienen, die kleine Königin!« »Es lebe der Herzog von Bouillon, der angekommen ist! Er hat hunderttausend Mann bei sich, die auf Flößen auf der Seine kommen. Der alte Kardinal von La Rochelle ist tot.« »Es lebe der König! Es lebe Herr le Grand!« Diese und andere Rufe verdoppelten sich bei der Ankunft eines vierspännigen Wagens, dessen Kutscher und Bediente die Livree des Königs trugen und der vor der Tür des Rates hielt. Er erkannte Cinq-Mars' Equipage, von der Ambrosio abstieg, um die großen Vorhänge zu öffnen, wie die Wagen jener Zeit sie hatten. Das Volk hatte sich zwischen den Wagentritt und die ersten Stufen an der Tür geworfen, so daß es einer wahren Anstrengung bedurfte, auszusteigen und sich von den Weibern des Pöbels loszumachen, die ihm um den Hals fallen wollten und riefen: »So bist du da, mein Herz, mein kleiner Freund! Du kommst also, Schätzchen! Schaut nur, wie hübsch er ist, dieser Liebling, mit seinem großen Halskragen! Ist der nicht besser als der andere mit seinem weißen Schnurrbart? Komm', mein Lohn, bring' uns guten Wein, wie heute morgen.« Errötend drückte Henri d'Effiat die Hand seines Freundes, der sich beeilte, seine Tür zu schließen. »Diese Volksgunst«, sagte er eintretend, »ist ein herber Kelch, den man leeren muß ...« »Mich dünkt«, antwortete von Thou ernst, »Sie trinken ihn bis auf die Hefe.« »Ich werde Ihnen diesen Lärm erklären«, entgegnete Cinq-Mars etwas verlegen. »Jetzt aber, wenn Sie mich lieben, kleiden Sie sich an, um mich zur Toilette der Königin zu begleiten.« »Ich habe Ihnen viel Nachsicht versprochen«, sagte der Rat; »dennoch kann sie nicht länger dauern, aufrichtig gesagt ...« »Noch einmal, ich werde mich ausführlich gegen Sie aussprechen, wenn wir von der Königin zurückkehren. Doch beeilen Sie sich; es ist bald zehn Uhr.« »So will ich Sie denn begleiten«, sagte von Thou, indem er ihn in das Kabinett einfühlte, wo sich der Graf du Lude und Fournier befanden; von Thou begab sich dann in ein anderes Zimmer. Siebzehntes Kapitel. Die Toilette Als der Wagen des Großstallmeisters rasch dem Louvre zu rollte, ergriff Cinq-Mars die Hand seines Freundes und sagte bewegt zu ihm: »Lieber von Thou, ich habe große Geheimnisse in meinem Herzen bewahrt und glauben Sie mir, sie drücken mich sehr; allein zwei Befürchtungen haben mich zum Schweigen gezwungen, nämlich die, Sie durch Ihre Mitwissenschaft ebenfalls zu gefährden und – soll ich es sagen? die Ihres Rates.« »Sie wissen indes wohl«, entgegnete von Thou, »daß ich die erstere nicht achte, und ich hätte gedacht, Sie würden den letzteren nicht verachten.« »Das nicht; aber ich fürchte ihn und fürchte ihn noch; ich will auf meinem Wege nicht aufgehalten werden. Sprechen Sie nicht, mein Freund, sprechen Sie kein Wort, ich beschwöre Sie, bevor Sie gehört und gesehen haben, was vorgeht. Ich führe Sie heim, wenn wir vom Louvre kommen und dort höre ich Sie an, reise aber dann ab, um mein Werk fortzusetzen, denn nichts wird mich erschüttern, ich sag' es Ihnen im voraus und hab' es auch soeben diesen Herren gesagt.« Cinq-Mars' Ton hatte nichts Hartes in sich, wie seine Worte könnten vermuten lassen; seine Stimme war traulich, sein Blick sanft, freundlich und wohlwollend, sein Wesen ruhig und entschlossen; nichts kündete die geringste Aufregung über sich selbst an. Von Thou bemerkte es und beklagte ihn im stillen. »Ach!« sagte er, als sie miteinander aus dem Wagen stiegen, und folgte ihm seufzend die große Treppe des Louvre hinauf. Als sie, durch schwarzgekleidete Türsteher, die einen Ebenholzstab trugen, angekündigt, bei der Königin eintraten, saß sie an ihrer Toilette. Dies war eine Art Tisch von schwarzem Holze, mit Schildkrot, Perlmutter und Kupfer eingelegt und plattiert, was eine unendliche Menge Zeichnungen von ziemlich üblem Geschmacke bildete, den Möbeln allen aber etwas Großartiges verlieh, das man heutzutage noch daran bewundert; ein oben abgerundeter Spiegel, den die Weltfrauen unserer Tage klein und armselig finden würden, war in der Mitte des Tisches aufgestellt; zerstreute Kleinodien und Halsbänder bedeckten diesen. Anna von Österreich, vor dem Spiegel und in einem großen Lehnstuhl von karmesinrotem Samt mit goldenen Fransen sitzend, blieb unbeweglich und ernst, wie auf einem Throne, während Donna Stephania und Frau von Motteville von jeder Seite einigemal ganz leicht mit dem Kamm über das Haar der Königin fuhren, um gleichsam ihre Toilette, die sich doch in sehr gutem Zustande befand, da ihre blonden Flechten schon mit Perlen durchschlungen waren, zu beendigen. Ihr langes Haar hatte einen seltenen Glanz, der schließen ließ, daß es ungemein fein und weich wie Seide anzurühren sein müßte. Der Tag fiel unverschleiert auf ihre Stirn, die sein Licht nicht zu fürchten hatte, und durch ihre überraschende Weiße, welche die Königin gern zur Schau trug, beinahe ebensosehr blendete; ihre grünlich-blauen Augen waren groß und regelmäßig, und ihr frischer Mund hatte jene etwas vorspringende und kirschenförmig gespaltene Unterlippe der österreichischen Prinzessinnen, wie man es heutzutage noch auf allen Bildnissen der damaligen Zeit bemerken kann. Es ist, als hätten ihre Maler sich zur Aufgabe gemacht, den Mund der Königin nachzubilden, um vielleicht den Frauen ihres Gefolges, die ihr gern ähnlich waren, zu gefallen. Die damals bei Hofe übliche schwarze Kleidung, deren Schnitt sogar durch ein Edikt bestimmt wurde, hob noch das Elfenbein ihrer bis zum Ellbogen entblößten und von der reichen Spitzengarnierung der weiten Ärmel umwallten Arme. Große Perlen hingen in ihren Ohren und wiegten sich über ihrem Nacken. So zeigte sich in diesem Augenblicke die Königin. Zu ihren Füßen spielte auf zwei Samtkissen ein vierjähriges Kind mit einer kleinen Kanone, die es zerbrach; es war der Dauphin, der nachmalige Ludwig XIV. Die Herzogin Marie von Mantua saß zu ihrer Rechten auf einem Taburett, die Prinzessin von Guémenée, die Herzogin von Chevreuse und Fräulein von Montbazon, die Fräulein von Guise, von Rohan und von Vendôme, alle schön und strahlend in jugendlicher Anmut, saßen oder standen hinter ihr. In einer Fenstervertiefung sah man, den Hut unter dem Arm, Monsieur in leisem Gespräche mit einem großen, ziemlich dicken Manne mit einem roten Gesicht und festem, kühnem Auge: es war der Herzog von Bouillon. Ein ungefähr fünfundzwanzigjähriger Offizier von schlankem Wuchse und angenehmer Gesichtsbildung hatte soeben dem Prinzen mehrere Papiere überreicht, die ihm der Herzog von Bouillon zu erklären schien. Nachdem sich von Thou vor der Königin verneigt und diese ihm einige höfliche Worte gesagt hatte, wandte er sich an die Prinzessin von Guémenée und redete halblaut und mit herzlicher Vertraulichkeit zu ihr, lieh aber während seines Gespräches allem, was seinen Freund betraf, die größte Aufmerksamkeit und zitterte insgeheim, es möchte dieser sein Schicksal einem minder würdigen Wesen anvertraut haben, als er gewünscht hätte, beobachtete auch die Prinzessin Marie mit jener ängstlichen Aufmerksamkeit und dem Forscherblick, den eine Mutter auf die junge Person wirft, welche sie zur Lebensgefährtin ihres Sohnes wählen möchte; denn er glaubte sie den Unternehmungen Cinq-Mars' nicht fremd. Er sah mit Mißvergnügen, daß ihr äußerst glänzender Putz sie für eitler ansehen ließ als es ihr in diesem Augenblicke ziemte. Sie hatte immerfort auf ihrer Stirn und in ihren Locken die Rubinen zu ordnen, die ihren Kopf schmückten und dem Glanz und der lebhaften Farbe ihres Teints nicht gleichkamen; sie schaute Cinq-Mars oft an; es war aber mehr der Blick der Koketterie als der der Liebe, und ihre Augen hefteten sich oft auf den Spiegel des Toilettentisches, in welchem sie über die Symmetrie ihrer Schönheit wachte. Solche Beobachtungen des Rates begannen ihn zu überzeugen, daß er sich getäuscht habe, als sein Argwohn auf sie fiel, besonders da er noch die Bemerkung machte, daß sie einiges Vergnügen zu empfinden schien, an der Seite der Königin zu sitzen, während die Herzoginnen hinter ihr standen, und sie sich oft ziemlich hochmütig nach denselben umblickte. »In diesem neunzehnjährigen Herzen«, sagte er bei sich, »würde die Liebe allein herrschen und besonders heute; die ist's nicht.« Nachdem die beiden Freunde einen Augenblick leise mit jedem gesprochen hatten, gab die Königin der Frau von Guémenée einen beinahe unmerklichen Wink mit dem Kopfe, und auf dieses Zeichen verließen alle Frauen, mit Ausnahme Maries von Gonzaga, ohne zu reden und unter tiefen Verneigungen das Zimmer, als wäre das im voraus verabredet gewesen. Dann drehte die Königin selbst ihren Lehnstuhl um und sagte zu Monsieur: »Mein Bruder, ich bitte Sie, sich gefälligst neben mich setzen zu wollen. Wir wollen Sie um Ihren Rat bezüglich dessen bitten, was ich Ihnen gesagt habe. Die Prinzessin Marie ist hier nicht überflüssig, ich habe sie gebeten zu bleiben. Wir werden überdies keine Unterbrechung zu befürchten haben.« Die Königin schien freier in Benehmen und Sprache als gewöhnlich, und ihre ernste und zeremonielle Unbeweglichkeit ablegend, lud sie die übrigen Anwesenden durch eine Handbewegung ein, sich ihr zu nähern. Etwas beunruhigt durch diesen feierlichen Beginn setzte sich Gaston von Orleans nachlässig zu ihrer Rechten und sagte, mit gleichgültiger Miene und halbem Lächeln mit seiner Krause und der an seinem Halse hängenden Kette des Heiligengeistordens spielend: »Ich denke wohl, Madame, wir werden die Ohren einer so jungen Person nicht durch eine lange Verhandlung ermüden; sie würde wahrscheinlich lieber von Tanz und Heirat, von einem Kurfürsten oder dem König von Polen sprechen hören.« Marie zeigte eine verächtliche Miene, Cinq-Mars runzelte die Brauen. »Verzeihen Sie«, antwortete die Königin mit einem Blick auf die Herzogin, »ich versichere Sie, daß sie der Politik des Augenblicks eine lebhafte Teilnahme schenkt. Suchen Sie nicht uns zu entwischen, mein Bruder«, fügte sie lächelnd hinzu, »heute halte ich Sie fest! Wir müssen zum allerwenigsten Herrn von Bouillon anhören.« Dieser näherte sich mit dem schon erwähnten jungen Offizier an der Hand. »Ich muß Ew. Majestät vor allen Dingen den Baron von Beauvau vorstellen, der aus Spanien kommt«, sagte er. »Aus Spanien«, sagte die Königin mit sichtlicher Bewegung, »da gehört Mut dazu. Sie haben meine Familie gesehen?« »Er wird Ihnen Mitteilung von ihr sowie von dem Graf-Herzog von Olivarez machen. Was aber den Mut betrifft, so ist es nicht das erstemal, daß er solchen bezeigt; Sie wissen, daß er die Kürassiere des Grafen von Soissons befehligte.« »Wie! und so jung noch, mein Herr! Sie lieben wohl die politischen Kriege sehr?« »Ich bitte Ew. Majestät um Verzeihung, im Gegenteil«, antwortete er, »denn ich diente bei den Friedensfürsten .« Anna von Österreich erinnerte sich, daß die Sieger von La Marfée sich diesen Namen angeeignet hatten, und lächelte. Der Herzog von Bouillon ergriff den Augenblick, um die wichtige Frage, die ihm vorschwebte, in Anregung zu bringen, verließ Cinq-Mars, dem er voll herzlicher Freundschaft die Hand gedrückt hatte, näherte sich der Königin und sagte: »Es ist merkwürdig, Madame, daß diese Epoche noch große Charaktere wie diese hier aus ihrem Schoße erstehen läßt.« Und er deutete auf den Großstallmeister, den jungen Beauvau und von Thou; dann fuhr er fort: »Nur auf diese können wir fortan unsere Hoffnung setzen; sie sind sehr selten, denn der große Gleichmacher hat mit einer langen Sense in Frankreich gemäht.« »Wollen Sie von der Zeit oder von einer wirklichen Person reden?« fragte die Königin. »Von einer nur zu wirklichen, zu lebendigen, allzulange lebenden Person, Madame«, antwortete der Herzog feuriger, »dieser übermäßige Ehrgeiz, dieser kolossale Egoismus lassen sich nicht länger ertragen. Wer ein großes Herz im Busen trägt, ist entrüstet über dieses Joch, und in diesem Augenblick erkennt man mehr als je, wieviel Unglück uns die Zukunft bringen wird. Man muß es sagen, Madame, ja, die Zeit der Schonung ist vorbei; die Krankheit des Königs hat einen sehr ernstlichen Charakter angenommen; der Augenblick zu denken und zu beschließen ist da, denn die Zeit des Handelns ist nicht fern.« Der strenge und barsche Ton des Herrn von Bouillon überraschte Anna von Österreich nicht; sie hatte ihn jedoch stets ruhiger gefunden und wurde etwas bewegt durch die Unruhe, die er bewies; indem sie daher von dem scherzhaften Tone, den sie anfangs annehmen wollte, zu dem des Ernstes überging, entgegnete sie: »Wohlan! Was fürchten Sie, was gedenken Sie zu tun?« »Für mich fürchte ich nichts, Madame, denn die Armee Italiens oder Sedan werden mich stets schützen, aber für Sie selbst und vielleicht für die Prinzen, Ihre Söhne, fürchte ich alles.« »Für meine Kinder, Herr Herzog, für Frankreichs Söhne? Hören Sie's, mein Bruder, hören Sie's? Und Sie scheinen nicht erstaunt?« Die Königin war sehr aufgeregt beim Sprechen. »Nein, Madame«, sagte Gaston von Orleans sehr ruhig, »Sie wissen, daß ich an alle diese Verfolgungen schon gewöhnt bin; ich versehe mich auf alles von seiten dieses Menschen; er ist der Herr, man muß sich darein ergeben ...« »Er ist der Herr«, wiederholte die Königin, »und von wem hat er seine Macht, wenn nicht von dem König? Und welche Hand wird ihn nach dem König noch halten, ich bitte? Wer wird ihn verhindern, in das Nichts zurückzusinken? Sie oder ich etwa? ...« »Er selbst«, unterbrach sie Herr von Bouillon, »denn er will sich zum Regenten ausrufen lassen, und ich weiß, daß er zur jetzigen Stunde mit dem Gedanken umgeht, Ihnen die Kinder wegzunehmen, und den König bittet, sie unter seine Obhut zu stellen.« »Mir die Kinder wegnehmen!« rief die Mutter, den Dauphin unwillkürlich erfassend und in ihre Arme schließend. Zwischen den Knien der Königin stehend, schaute das Kind die Männer, die es umringten, mit einem für sein Alter merkwürdigen Ernst an und legte, als es seine Mutter in Tränen sah, die Hand an das kleine Schwert, das er trug. »Ach, Ew. Gnaden«, sagte der Herzog von Bouillon, sich zu ihm hinabbückend, um ihm zu sagen, was er seiner Mutter zu verstehen geben wollte, »nicht gegen uns müssen Sie Ihr Schwert ziehen, sondern gegen den, der Ihren Thron entwurzelt; er bereitet Ihnen ohne Zweifel eine große Macht, Sie werden ein unumschränktes Zepter haben; allein er hat den Waffenbund, der demselben Stütze war, gebrochen. Dieser Bund war Ihr alter Adel, den er auf einen Zehnteil vermindert hat. Sind Sie einst König, so werden Sie ein großer König fern, ich ahne es; allein Sie werden nur Untertanen und keine Freunde haben, denn die Freundschaft gedeiht nur bei Unabhängigkeit und einer Art Gleichheit, die aus der Kraft entsteht. Ihre Ahnen hatten ihre Pairs , Sie aber werden keine haben. Gott sei Ihnen dann Stütze, gnädiger Herr, denn die Menschen werden es ohne die Institutionen nicht hinreichend sein können. Werden Sie groß, doch möchten besonders nach Ihnen, dem Großen, ebenso Starke kommen wie Sie, denn wenn bei diesem Zustand der Dinge einer strauchelt, so wird die ganze Monarchie in Trümmer stürzen.« Der Herzog von Bouillon besaß eine Wärme im Ausdruck und eine Zuversicht, welche die, die ihn hörten, stets fesselte; seine Tapferkeit, sein richtiger Blick im Kampfe, die Tiefe seiner politischen Ansichten, seine Kenntnis der europäischen Angelegenheiten, sein besonnener und zugleich entschlossener Charakter machten ihn zu einem der fähigsten und achtungswertesten Männer seiner Zeit; ja, er war der einzige, den der Kardinal-Herzog wirklich fürchtete. Die Königin hörte ihn stets mit Vertrauen an und räumte ihm eine Art Herrschaft über sich ein. Diesmal ward sie bewegter als je. »Ach, wollte Gott!« rief sie, »daß die Seele meines Sohnes Sie schon verstehen könnte und sein Arm stark genug wäre, um diesen Ansichten Nachdruck zu verleihen! Doch bis dahin werde ich Ihnen Gehör leihen, ich für ihn handeln; ich muß und werde Regentin sein und dieses Recht nur mit meinem Leben aufgeben. Ist ein Krieg notwendig, so werden wir ihn führen, denn ich will alles, nur nicht die Schande und das Entsetzen, den künftigen Ludwig XIV. diesem gekrönten Untertan zu überliefern. Ja«, sagte sie errötend und den Arm des jungen Dauphins heftig an sich drückend, »ja, mein Bruder und Sie, meine Herren, raten Sie mir; reden Sie; was haben wir zu tun? Soll ich abreisen? Sagen Sie es offen. Als Frau wie als Gemahlin konnte ich weinen, solange meine Lage schmerzhaft war; doch jetzt, sehen Sie, als Mutter weine ich nicht; ich bin bereit, Ihnen, wenn es nötig ist, Befehle zu erteilen.« Nie war Anna von Österreich so schön erschienen wie in diesem Augenblick, und die Begeisterung, die sie durchglühte, elektrisierte alle Anwesenden, die nur eines Wortes aus ihrem Munde harrten, um zu reden. Der Herzog von Bouillon warf schnell einen Blick auf Monsieur, der sich entschloß, das Wort zu ergreifen. »Meiner Treu«, sagte er mit ziemlich entschlossenem Wesen, »wenn Sie Befehle erteilen, meine Schwester, so will ich auf Ehre Ihr Gardekapitän sein; denn auch ich bin der Qualen satt, die mir dieser Elende schon verursacht hat, der mich noch immer zu verfolgen wagt, um meine Heirat zunichte zu machen, der meine Freunde in der Bastille gefangen hält oder von Zeit zu Zeit ein paar von ihnen ermorden läßt; und zudem bin ich entrüstet«, sagte er, sich zusammennehmend und die Augen mit feierlicher Miene niederschlagend, »ja, entrüstet über das Elend, in dem das Volk schmachtet.« »Mein Bruder«, entgegnete lebhaft die Königin, »ich nehme Sie beim Wort, denn so muß man es bei Ihnen machen, und hoffe, wir beide werden stark genug sein; handeln Sie nur wie der Herr Graf von Soissons und überleben Sie dann Ihren Sieg; verbünden Sie sich mit mir, wie Sie es mit Herrn von Montmorency taten, doch überspringen Sie den Graben.« Gaston fühlte das Beißende dieser Ermahnung; er erinnerte sich seines nur allzu bekannten Zuges, als der unglückliche Empörer von Castelnaudary beinahe allein einen breiten Graben übersprang und jenseits desselben und angesichts Monsieurs, der unbeweglich blieb wie seine ganze Armee, siebzehn Wunden, Gefängnis und Tod fand. Bei der Schnelligkeit, womit die Königin sprach, hatte er nicht Zeit zu untersuchen, ob sie diesen Ausdruck sprichwörtlich oder absichtlich gebraucht habe, allein für alle Fälle faßte er den Entschluß, ihn nicht aufzunehmen und ward noch durch sie selbst daran verhindert, indem sie mit einem Blick auf Cinq-Mars wieder anhob: »Doch vor allen Dingen keinen panischen Schrecken; erfahren wir erst recht, woran wir sind. Herr le Grand, Sie kommen vom Könige, haben wir Anlaß zu solchen Befürchtungen?« D'Effiat hatte unablässig Marie von Mantua beobachtet, deren ausdrucksvolle Physiognomie ihre Gedanken für ihn schneller und sicherer wiedergab als Worte: er las den Wunsch darin, ihn reden zu hören und die Absicht, den Prinzen und die Königin zu einem Entschlüsse zu vermögen; eine ungeduldige Bewegung ihres Fußes befahl ihm, der Sache ein Ende zu machen und auf einmal die ganze Verschwörung ins Gleis zu bringen. Seine Stirn wurde blaß und nachdenklicher; er sammelte sich einen Augenblick, denn er fühlte, daß jetzt sein ganzes Geschick in seinen Händen liege. Von Thou betrachtete ihn und bebte, weil er ihn kannte; er hätte nur ein Wort, ein einziges Wort sagen mögen; allein Cinq-Mars hatte den Kopf schon wieder gehoben und antwortete nur: »Ich glaube nicht, Madame, daß der König so krank ist, wie man Ihnen hinterbracht hat; Gott wird ihn uns hoffentlich noch lange erhalten, ja, ich bin dessen sogar gewiß. Er leidet allerdings, und leidet sehr; allein seine Seele ist hauptsächlich krank, und zwar an einem Übel, das nichts heilen kann, an einem Übel, das man seinem größten Feinde nicht wünschen möchte und weshalb er, wenn es bekannt wäre, von der ganzen Welt bemitleidet würde. Dennoch ist das Ende seines Unglücks, ich will sagen seines Lebens, noch weit hinausgerückt. Seine Entkräftung ist rein seelischer Natur; in seinem Herzen geht eine große Revolution vor; er möchte ihrer Herr werden und vermag es nicht; schon lange Jahre fühlte er, wie die Keime eines gerechten Hasses gegen einen Mann, dem er Erkenntlichkeit zu schulden glaubte, sich in ihm mehrten und heranwuchsen, und dieser innerliche Kampf zwischen seiner Güte und seinem Zorne reibt ihn auf. Jedes dahingeflossene Jahr hat einerseits die Arbeiten dieses Mannes und andererseits dessen Verbrechen zu seinen Füßen gelegt. In der jüngsten Zeit sinkt die Schale der letzteren; der König sieht es ein und ist entrüstet darüber; er will strafen, doch plötzlich hält er an sich und beweint den Elenden im voraus. Wenn Sie ihn in diesem Zustande betrachten könnten, Madame, Sie müßten Mitleid mit ihm haben. Ich sah, wie er schon die Feder ergriff, die seine Verurteilung ins Exil unterzeichnen sollte, wie er sie mit kühner Hand eintauchte, sich ihrer bediente, und wozu? Um ein Beglückwünschungsschreiben an den Minister zu richten. Dann freut er sich seiner Herzensgüte als einer des Christen würdigen; verwünscht das oberste Richteramt, das in seine Hände gelegt ist, und verachtet sich als König; er sucht dann Zuflucht im Gebet und vertieft sich in Betrachtungen über die Zukunft; allein erschrocken steht er auf, weil er die Flammen gesehen hat, die dieser Mann verdient, und niemand die seine Verdammung herbeiführenden Geheimnisse besser kennt als er. In einem solchen Augenblick muß man ihn hören, wie er sich einer strafbaren Schwäche anklagt und ruft, daß er selbst gestraft werde, da er nicht zu strafen gewußt habe. Man möchte zuweilen sagen, die Schatten der vielen unschuldigen Opfer befohlen ihm, sie zu rächen, denn sein Arm erhebt sich oft im Schlafe. Kurz, Madame, der Sturm grollt in seinem Herzen, verzehrt aber nur ihn, denn der Blitzstrahl vermag nicht nach außen zu schlagen.« »Wohlan, so lasse man das Gewitter losbrechen!« rief der Herzog von Bouillon. »Der, welcher damit in Berührung kommt, kann den Tod davontragen«, sagte Monsieur. »Aber welch schöne Hingebung!« äußerte sich die Königin. »Wie sehr würde ich ihn bewundern!« sagte Marie halblaut. »Der werde ich sein«, entgegnete Cinq-Mars. »Die werden wir sein«, flüsterte ihm Herr von Thou ins Ohr. Der junge Beauvau hatte sich dem Herzog von Bouillon wieder genähert. »Mein Herr«, sagte er zu ihm, »vergessen Sie das übrige?« »Nein, pardieu, das vergesse ich nicht«, antwortete dieser leise und wandte sich dann an die Königin. »Nehmen Sie das Anerbieten des Herrn le Grand an«, sagte er zu dieser, »er ist besser als Sie und wir imstande, den König zu einer Entscheidung zu vermögen, doch halten Sie sich auf alles gefaßt, denn der Kardinal ist zu gewandt, um einzuschlafen. Ich glaube nicht an seine Krankheit, glaube nicht an sein stilles Zusehen und seine Untätigkeit, die er uns seit zwei Jahren weismachen will: ja ich würde nicht einmal an seinen Tod glauben, bevor ich nicht seinen Kopf ins Meer getragen hätte, wie es bei Ariosts Riesen der Fall war. Versehen Sie sich auf alles, beeilen wir uns in allen Stücken. Ich habe Monsieur soeben einen Blick in meine Pläne tun lassen und will Ihnen in Kürze das Wesentlichste davon mitteilen; ich biete Ihnen nämlich Sedan für Sie, Madame, und Ihre erlauchten Söhne an. Italiens Armee ist mein, ich lasse sie wieder einrücken, falls es nötig sein sollte. Der Herr Großstallmeister ist Gebieter des halben Lagers von Perpignan; alle alten Hugenotten des Südens und von La Rochelle sind auf den ersten Wink bereit zu ihm zu stoßen; alles ist für den Fall, daß Ereignisse eintreten sollten, durch meine Bemühungen seit einem Jahre organisiert worden.« »Ich zögere nicht«, entgegnete die Königin, »mich Ihren Händen zu übergeben, um, wenn dem König ein Unglück zustoßen sollte, meine Kinder zu retten. Allein bei diesem umfassenden Plane vergessen Sie Paris.« »Es ist in allen Punkten unser, das Volk durch Vermittlung des Erzbischofs, ohne daß es dasselbe ahnt, und durch Herrn von Beaufort, der sein König ist; die Truppen durch Ihre und Monsieurs Garden, welcher gefälligst den Oberbefehl übernehmen wird.« »Ich! ich! o, das kann durchaus nicht sein; ich habe nicht Leute genug und brauche einen festeren Zufluchtsort als Sedan«, sagte Gaston. »Er genügt aber doch der Königin«, entgegnete Herr von Bouillon. »Ach, das kann wohl sein, aber meine Schwester riskiert nicht so viel als ein Mann, der das Schwert zieht. Wissen Sie auch, daß unser Beginnen hier ein sehr verwegenes ist?« »Wie! Da wir selbst den König für uns haben?« sagte Anna von Österreich. »Ja, Madame, ja, man weiß nicht, wie lange das dauern kann: man muß seine Sicherheitsmaßregeln ergreifen, und ich tue nichts ohne den Vertrag mit Spanien.« »So tun Sie meinetwegen nichts«, entgegnete die Königin errötend, »denn so viel ist gewiß, daß ich nie werde davon reden hören.« »Ach, Madame, klüger wäre es jedenfalls; da hat Monsieur recht«, sagte der Herzog von Bouillon, »denn der Graf-Herzog von San-Lucar bietet uns siebzehntausend Mann alter Truppen und fünfmalhunderttausend Taler bares Geld an.« »Wie!« rief die Königin erstaunt, »so weit wagte man ohne meine Einwilligung zu gehen? Schon Verträge mit dem Ausland!« »Dem Ausland, meine Schwester! Durften wir vermuten, daß eine spanische Prinzessin sich dieses Wortes bedienen würde?« antwortete Gaston. Anna von Österreich stand auf, nahm den Dauphin bei der Hand und entgegnete, auf Marie gelehnt: »Ja, Monsieur, ich bin Spanierin; allein ich bin die Enkelin Karls V. und weiß, daß das Vaterland einer Königin da ist, wo ihr Thron steht. Ich verlasse Sie, meine Herren, setzen Sie Ihre Beratungen ohne mich fort; ich will künftig nichts mehr wissen.« Sie tat einige Schritte der Tür zu, kehrte aber um, als sie sah, daß Marie zitterte und ihren Augen Tränen entstürzten, und fügte hinzu: »Dennoch verspreche ich Ihnen feierlich das unverbrüchlichste Geheimnis; allein weiter nichts.« Alle standen etwas betroffen da mit Ausnahme des Herzogs von Bouillon, der von seinen Vorteilen nichts einbüßen wollte und daher mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung zu ihr sagte: »Wir sind Ihnen für Ihr Versprechen dankbar, Madame, und verlangen nicht mehr, überzeugt, daß Sie nach dem Gelingen ganz auf unserer Seite sein werden.« Da sich die Königin nicht mehr in einen Wortkrieg einlassen mochte, verneigte sie sich etwas weniger trocken als zuvor und entfernte sich mit Marie, die Cinq-Mars noch einen jener Blicke zuwarf, die alle Bewegungen der Seele abspiegeln. Er glaubte in ihren schönen Augen die ewige und unglückliche Hingebung eines für immer gefesselten Weibes zu lesen und fühlte, daß. wenn er je den Gedanken gehabt hätte, von seinen Unternehmungen zurückzutreten, er sich für den niederträchtigsten der Menschen hätte ansehen müssen. Sobald die beiden Damen aus ihren Augen waren, begann Monsieur wieder: »Da, da, da, hab' ich's Ihnen nicht gesagt, Bouillon, Sie haben die Königin erzürnt; Sie sind auch zu weit gegangen. Man wird mich gewiß nicht beschuldigen, diesen Morgen schwach geworden zu sein; ich habe im Gegenteil mehr Entschlossenheit gezeigt als ich hätte sollen.« »Ich bin voller Freude und voll Erkenntlichkeit gegen Ihre Hoheit«, antwortete Herr von Bouillon mit triumphierender Miene, »jetzt sind wir der Zukunft gewiß. Was gedenken Sie jetzt zu tun, Herr von Cinq-Mars?« »Wie ich Ihnen schon gesagt, mein Herr, ich werde nie zurücktreten, welche Folgen mir auch daraus erwachsen könnten; ich werde zu dem König zurückkehren und mich allem aussetzen, um ihm seine Befehle zu entreißen.« »Und der Vertrag mit Spanien?« »Ja, den werd' ...« Von Thou ergriff Cinq-Mars beim Arm, trat plötzlich vor und sagte mit feierlicher Miene: »Wir haben beschlossen, diesen nach der Zusammenkunft mit dem Könige zu unterzeichnen, denn wenn die gerechte Strenge des Königs gegen den Kardinal Sie solcher Maßregeln überheben sollte, so haben wir gedacht, es möchte besser sein, sich der Entdeckung eines so gefährlichen Vertrages nicht auszusetzen.« Herr von Bouillon runzelte die Stirn. »Wenn ich Herr von Thou nicht kennen würde, so möchte ich dieses für eine Ausrede halten, doch von seiner Seite ...« »Mein Herr«, unterbrach ihn der Rat, »ich glaube, mich mit meiner Ehre verbürgen zu können, alles zu tun, was Herr le Grand tun wird: wir sind unzertrennlich.« Cinq-Mars schaute seinen Freund an und war erstaunt, auf seinem sanften Gesicht den Ausdruck düsterer Verzweiflung zu sehen: er war so betroffen darüber, daß er nicht die Kraft hatte, ihm zu widersprechen. »Er hat recht, meine Herren«, sagte er nur mit kaltem, aber anmutigem Lächeln, »der König erspart uns vielleicht manchen Schritt: hat man ihn zur Seite, so ist man sehr stark, übrigens«, fügte er mit unerschütterlicher Festigkeit hinzu, »fürchten Ew. Gnaden und auch Sie, Herr Herzog, nie, daß ich wanken werde: ich habe alle Brücken hinter mir abgebrochen und muß vorwärts schreiten, entweder fällt die Macht des Kardinals oder mein Kopf.« »Sonderbar! höchst sonderbar!« versetzte Monsieur, »ich bemerke, daß jedermann hier tiefer in der Verschwörung steckt als ich glaubte.« »Keineswegs, Monsieur«, entgegnete ihm der Herzog von Bouillon, »man hat nur zu dem Vorbereitungen getroffen, was Sie hoffentlich anzunehmen geruhen werden. Bemerken Sie, daß nichts Geschriebenes da ist und daß Sie nur zu sprechen brauchen, so ist und war nichts vorhanden; je nach Ihrem Befehl wird dieses alles entweder ein Traum oder ein Vulkan sein.« »Gut, gut, ich bin zufrieden, wenn dem so ist«, sagte Gaston, »beschäftigen wir uns mit angenehmeren Dingen. Wir haben Gott sei Dank noch einige Zeit vor uns; ich für mich gestehe, ich wollte, alles wäre schon zu, Ende; ich bin nicht für starke Aufregungen geschaffen, das greift meine Gesundheit an«, fügte er hinzu, sich Herrn von Beauvaus Arm bemächtigend, »sagen Sie uns, lieber junger Mann, ob die Spanierinnen noch immer hübsch sind. Sie sind als ein sehr galanter Mann bekannt. Mon Dieu ! ich bin überzeugt, man hat da unten von Ihnen gesprochen. – Man sagt, die dortigen Frauen tragen ungeheure Reifröcke und Wulste! Nun, ich bin diesen auch nicht feind. Es läßt dies in der Tat den Fuß kleiner und hübscher erscheinen; ich bin überzeugt, die Frau Don Louis' de Haro ist nicht schöner als Madame von Guémenée, nicht wahr? Marsch, seien Sie aufrichtig, man hat mir gesagt, sie sehe wie eine Nonne aus. Ach! ... Sie antworten nicht, Sie sind verlegen ... hat sie Ihnen ins Auge gestochen? ... oder fürchten Sie etwa unseren Freund, den Herrn von Thou da, zu beleidigen, indem Sie sie der schönen Guémenée vergleichen? Wohlan, sprechen wir von den Gebräuchen! Der König hat einen allerliebsten Zwerg, nicht wahr? man kann ihn in eine Pastete setzen. Wie glücklich ist der König von Spanien! Ich habe noch nie einen so glücklichen König gesehen. Und die Königin, die wird immer auf den Knien bedient, nicht wahr? O, das ist ein prächtiger Brauch; wir haben ihn leider verloren; es ist ein Unglück, ein größeres Unglück, als man glaubt.« Gaston von Orleans hatte den Mut, in solchem Tone noch eine halbe Stunde lang mit dem jungen Mann zu schwatzen, dessen ernsthafter Charakter sich nicht in diese Unterhaltung schicken konnte und der, noch erfüllt von der Wichtigkeit der Szene, von der er eben Zeuge gewesen, diese Flut unnützer Worte nicht beantwortete, sondern mit erstaunter Miene den Herzog von Bouillon ansah, als hätte er ihn fragen wollen, ob denn das der Mann sei, den man an die Spitze des kühnsten Unternehmens, das seit langer Zeit beschlossen worden, zu stellen beabsichtigte; während der Prinz, ohne bemerken zu wollen, daß sein Geschwätz unbeantwortet blieb, diese oft selbst gab und, im Zimmer auf und ab spazierend und den jungen Mann recht eigentlich mitschleppend, fort und fort mit ungeheurer Geläufigkeit auf ihn einsprach. Er fürchtete, es möchte einem der Anwesenden einfallen, die schreckliche Unterredung hinsichtlich des Vertrages wieder aufzunehmen, allein keiner fühlte sich dazu versucht, wenn nicht der Herzog von Bouillon, der indes voll übler Laune schwieg. Cinq-Mars mußte von Thou folgen und mit ihm der Langeweile dieses Geschwätzes entfliehen, ohne daß Monsieur sich stellte, als habe er ihr Weggehen bemerkt. Achtzehntes Kapitel. Das Geheimnis Von Thou war mit seinem Freunde nach Hause zurückgekehrt, hatte die Tür seines Zimmers sorgfältig abgeschlossen und Befehl gegeben, niemand zu ihm zu lassen, und ihn bei den Flüchtlingen zu entschuldigen, wenn er sie abreisen ließe, ohne sie noch zu sehen. Die beiden Freunde befanden sich schon eine geraume Weile in von Thous Kabinett, ohne ein Wort aneinander gerichtet zu haben. Der Rat war in seinen Lehnstuhl gesunken und schien in Nachsinnen vertieft. Cinq-Mars, in der Kaminecke sitzend, erwartete mit ernster und trauriger Miene das Ende dieses Schweigens, als von Thou mit gekreuzten Armen und ihn fest anblickend, mit dumpfer, hohler Stimme zu ihm sagte: »Dahin sind Sie also gekommen! Das also sind die Folgen Ihres Ehrgeizes! Sie werden einen Mann in die Verbannung bringen, ja vielleicht sein Todesurteil veranlassen und eine fremde Armee auf Frankreichs Boden führen; ich werde Sie also als Mörder und Verräter an Ihrem Vaterlande sehen! Auf welchen Wegen sind Sie dahin gelangt? Auf welchen Stufen sind Sie so weit hinabgestiegen?« »Ein anderer als Sie würde nicht zweimal so zu mir reden«, entgegnete Cinq-Mars kalt, »allein ich kenne Sie, und diese Erklärung ist mir erwünscht, ich suchte sie und habe sie herausgefordert. Sie sollen heute meine Seele ganz durchschauen, ich will es. Ich hatte anfangs einen anderen, vielleicht besseren, unserer Freundschaft würdigeren Gedanken, der Freundschaft, welche das zweite auf der Erde ist.« Während er dieses sprach, hob er die Augen zum Himmel, als suchte er diese Gottheit dort. »Ja, das wäre besser gewesen. Ich wollte nichts sagen, es war eine peinliche Aufgabe, allein bis heute war es mir gelungen. Ich wollte alles ohne Sie vollführen und Ihnen das Werk erst als vollendet zeigen; doch, soll ich Ihnen meine Schwäche gestehen? Ich fürchtete, falsch beurteilt von Ihnen, zu sterben, wenn ich sterben muß! Den Gedanken an den Fluch der Welt ertrage ich jetzt wohl, doch den an den Ihrigen nicht; und das hat mich zu dem Entschlusse gebracht, Ihnen alles zu gestehen.« »Wie! und ohne diesen Gedanken hätten Sie den Mut gehabt, sich immer vor mir zu verbergen? Ach, lieber Henri, was hab' ich Ihnen getan, daß Sie solche Sorge für meine Tage haben? Durch welche Schuld verdiente ich, Sie zu überleben, wenn Sie sterben sollten? Sie haben die Kraft gehabt, mich während zweier voller Jahre zu täuschen; Sie ließen mir von Ihrem Leben nur seine Blume sehen; Sie betraten meine Einsamkeit nur mit lachendem Antlitz und jedesmal mit einer neuen Gunst geziert! Ach, das muß entweder recht sträflich oder recht tugendhaft sein!« »Sehen Sie nichts anderes in meiner Seele, als was sie in sich schließt. Ja, ich habe Sie getäuscht, allein es war die einzige ruhige Freude, die ich auf der Welt hatte. Vergeben Sie mir, diese Augenblicke meinem, ach, so glänzendem Lose geraubt zu haben. Ich war glücklich in dem Gedanken, daß Sie mich glücklich wähnten, und machte auch Sie mit diesem Wahn glücklich, und werde erst heute strafbar, wo ich dieses Glück zerstören und mich zeigen will, wie ich bin. Hören Sie mich an, ich will Sie nicht mit einer langen Geschichte ermüden; die eines leidenschaftlich liebenden Herzens ist stets eine ganz einfache. Ich erinnere mich, daß früher einmal – es war, als ich verwundet in meinem Zelte lag – mein Geheimnis mir beinahe entschlüpfte; es wäre vielleicht ein Glück gewesen. Doch was hätte mir guter Rat genützt? Ich hätte ihn nicht befolgt; kurz, ich liebe – Marie von Gonzaga.« »Wie! Die, welche Königin von Polen werden wird?« »Wird sie Königin, so kann sie es erst nach meinem Tode werden. Doch hören Sie, ihretwillen bin ich Höfling geworden, ihretwillen habe ich in Frankreich beinahe regiert, und ihretwillen werde ich unterliegen und vielleicht sterben.« »Sterben! Unterliegen! wenn ich Ihnen Vorwürfe über Ihren Sieg machte! Wenn ich über das Traurige dieses Sieges weinte!« »Ach, wie schlecht kennen Sie mich, wenn Sie meinen, Fortuna könne mich zum besten halten, wenn sie mir lächelt; wenn Sie glauben, ich hätte mein Schicksal nicht bis auf den Grund durchblickt! Ich kämpfe gegen dasselbe an, allein es ist stärker als ich, das fühle ich; ich habe eine Aufgabe unternommen, die menschliche Kräfte übersteigt, und ich werde unterliegen.« »Ei, können Sie denn nicht innehalten? Zu was nützt der Verstand in weltlichen Dingen?« »Zu nichts, als etwa mit Erkennung der Ursachen zugrunde zu gehen, am vorhergesehenen Tage zu fallen. Ich kann nicht mehr zurücktreten. Wenn man einen Feind wie diesen Richelieu sich gegenüber hat, so muß man ihn stürzen oder von ihm zerschmettert werden. Morgen will ich den letzten Schlag wagen; hab' ich mich nicht soeben in Ihrer Anwesenheit dazu verpflichtet?« »Eben diese Verpflichtung möchte ich bekämpfen. Welch ein Vertrauen setzen Sie in die, denen Sie auf solche Weise Ihr Leben überliefern? Haben Sie ihre geheimen Gedanken nicht gelesen?« »Ich kenne sie alle; ich las durch ihren verstellten Zorn hindurch ihre Hoffnung; ich weiß, daß sie zittern, wenn sie drohen; ich weiß, daß sie schon bereit sind, Frieden zu schließen, indem sie mich zum Lösegeld geben, doch es ist meine Sache, sie zu halten und den König zu bestimmen; es muß sein, denn Marie ist meine Verlobte und mein Tod steht in Narbonne geschrieben. Mit voller Willenskraft, mit der Kenntnis meines ganzen Loses habe ich mich so zwischen das Schafott und das höchste Glück gestellt. Entweder muß ich dieses Fortunas Händen entreißen oder sterben. Ich genieße in diesem Augenblick das Vergnügen, alle Ungewißheit vernichtet zu haben: und wie, Sie erröten nicht, mich infolge einer niedrigen Selbstsucht ehrgeizig geglaubt zu haben, wie dieser Kardinal ehrgeizig ist infolge des kindischen Verlangens nach einer Macht, die nie befriedigt wird? Ehrgeizig bin ich, aber weil ich liebe. Ja, ich liebe, und in diesen Worten liegt alles. Doch ich erinnere mich, ich klage Sie ungerecht an; Sie haben meine geheimen Absichten schöner gedeutet, haben ihnen edle Zwecke, hohe politische Begriffe unterschoben; sie sind allerdings schön, sind umfassend, aber, soll ich es Ihnen sagen? diese umfassenden Pläne zur Vervollkommnung der verdorbenen Gesellschaft scheinen mir noch weit unter der Hingebung der Liebe zu kriechen. Ist die Seele ganz von diesem einzigen Gedanken durchweht, so hat sie keinen Platz mehr für die schönsten Berechnungen der allgemeinen Interessen; denn selbst die Höhen der Erde stehen unter dem Himmel.« Von Thou senkte den Kopf. »Was soll ich Ihnen antworten«, sagte er. »Ich verstehe Sie nicht; Sie sprechen der Unordnung das Urteil, Sie wägen die Flamme, berechnen den Irrtum.« »Ja«, entgegnete Cinq-Mars, »weit entfernt, meine Kräfte zu zerstören, hat dieses innere Feuer sie entwickelt, und wie Sie gesagt, ich habe alles berechnet; ein langsamer Gang hat mich an das Ziel geführt, dessen Erreichung ich nahe stehe. Marie hielt mich an der Hand, sollte ich da wankend geworden sein? Angesichts der ganzen Welt hätte ich es nicht getan. Bis dahin ging alles gut; allein eine unsichtbare Schranke hält mich auf, diese Schranke muß gebrochen werden; sie heißt Richelieu. Dies habe ich soeben in Ihrer Gegenwart unternommen, doch beeilte ich mich vielleicht zu sehr, wie ich jetzt glaube. So soll er sich denn freuen; er erwartete mich. Er hat ohne Zweifel vorausgesehen, daß dem Jüngsten die Geduld am meisten mangeln würde; wenn dem so ist, so hat er gut gespielt. Dennoch wäre ich ohne die Liebe, die mich zur Übereilung getrieben hat, stärker als er gewesen und immerhin tugendhaft.« Bei diesen Worten entstand eine plötzliche Veränderung in Cinq-Mars' Zügen; er ward wechselweise rot und wieder blaß, und die Adern seiner Stirn schwollen wie blaue, von einer unsichtbaren Hand gezeichnete Linien. »Ja«, fügte er aufstehend hinzu, indem er seine Hände mit einer Kraft rang, die eine heftige in seinem Herzen verborgene Verzweiflung ankündete, »alle Martern, womit die Liebe ihre Opfer quälen kann, trage ich in meinem Busen. Dieses junge, schüchterne Kind, für das ich Königreiche in Bewegung setzen würde, für das ich mich allem unterzogen, die Jungfrau, für die ich sogar Günstling eines Königs wurde (und die vielleicht nicht fühlt, was ich alles für sie getan habe), kann noch nicht die meine sein. Sie gehört mir nur vor Gott an, und ich bin ihr vor den Augen der Welt fremd; was sag' ich? Ich muß täglich Zeuge der Unterredungen sein, wobei man ratschlägt, welcher Thron Europas der passendste für sie wäre, während ich nicht einmal meine Stimme erheben darf, um meine Meinung zu sagen, so weit entfernt ist man, mich in dieselbe Reihe zu stellen, und man sogar Prinzen von königlichem Geblüt, die noch vor mir kommen, für sie verschmäht. Ich muß mich gleich einem Schuldigen verbergen, um durch Gitter hindurch die Stimme derjenigen zu hören, die mein Weib ist; ich muß mich vor den Augen der Welt vor ihr verbeugen! Ich bin in der Dunkelheit ihr Gemahl, am hellen Tage ihr Diener! Das ist Zu viel; so kann ich nicht leben; ich muß den letzten Schritt tun; er erhebe oder stürze mich!« »Und um Ihres persönlichen Glückes willen wollen Sie einen Staat über den Haufen werfen?« »Das Glück des Staates geht mit dem meinen Hand in Hand. Ich bemerke es im Vorbeigehen, wenn ich den Thron des Tyrannen zerstöre. Der Abscheu, den mir dieser Mann einflößt, ist in mein Blut übergegangen. Als ich mich jenes Mal zu ihm verfügen wollte, war ich auf meinem Wege Zeuge seines größten Verbrechens: er ist der böse Geist des unglücklichen Königs, ich will ihn beschwören; ich hätte der gute Geist Ludwigs XIII. werden können, es war einer der Gedanken Maries, ihr teuerster Gedanke. Allein ich fürchte, in der gequälten Seele des Königs den Sieg nicht davonzutragen.« »Auf was rechnen Sie denn?« fragte von Thou. »Auf den Fall eines Würfels. Wenn sein Wille diesmal einige Stunden andauert, habe ich gewonnen, es ist dies eine letzte Berechnung, an der mein Schicksal hängt.« »Und das Ihrer Marie!« »Sie könnten das glauben?« sagte ungestüm Cinq-Mars. »Nein, nein, wenn er mich aufgibt, so unterzeichne ich den Vertrag mit Spanien und den Krieg.« »Ach, wie abscheulich!« entgegnete der Rat; »welch einen Krieg! einen Bürgerkrieg und das Bündnis mit dem Fremden!« »Ja, ein Verbrechen«, sagte Cinq-Mars kalt; »ei, hab' ich Sie denn gebeten, daran teilzunehmen?« »Grausamer! Undankbarer!« entgegnete sein Freund, »können Sie so zu mir sprechen? Wissen Sie nicht, hab' ich Ihnen nicht bewiesen, daß die Freundschaft in meinem Herzen die Stelle aller Leidenschaften einnimmt? Kann ich denn wohl Ihren Tod, ja auch nur Ihr geringstes Unglück überleben? Doch lassen Sie sich durch meine Bitten erweichen, möchte ich Sie verhindern, Frankreich so schrecklich heimzusuchen! O mein Freund, mein einziger Freund, ich beschwöre Sie auf den Knien, werden wir nicht zu Vatermördern, morden wir unser Vaterland nicht! Ich sage wir, denn nie werde ich Sie allein handeln lassen; erhalten Sie mir die Achtung vor mir selbst, für die ich so sehr gearbeitet habe, beflecken Sie mein Leben und meinen Tod, die Ihnen geweiht sind, nicht.« Von Thou war zu den Füßen seines Freundes gesunken und dieser hatte nicht mehr die Kraft, seine erheuchelte Kälte zu bewahren; er warf sich, ihn aufhebend, in seine Arme, drückte ihn an seine Brust und sagte mit erstickter Stimme: »Ach, warum mich auch so lieben! Was haben Sie getan, Freund? Weshalb mich lieben? Sie, der Sie klug und tugendhaft sind, Sie, den keine unsinnige Leidenschaft und das Verlangen nach Rache blendet, Sie, dessen Seele allein von Religion und Wissenschaft genährt ist, weshalb mich lieben? Was hat Ihnen meine Freundschaft anderes gebracht als Unruhe und Leiden? Soll sie jetzt Gefahren auf Sie laden? Trennen Sie sich von mir. wir sind nicht mehr gleicher Natur; Sie sehen es, das Hofleben hat mich verdorben: ich bin nicht mehr offenherzig, besitze keine Seelenreinheit mehr; ich arbeite an dem Unglück eines Mannes, ich weiß einen Freund zu täuschen. Vergessen Sie mich, verachten Sie mich; ich bin nicht mehr eines Ihrer Gedanken wert, wie sollte ich Ihrer Gefahren meinetwegen würdig sein?« »Indem Sie mir schwören, den König und Frankreich nicht zu verraten«, entgegnete von Thou. »Wissen Sie, daß es sich darum handelt, Ihr Vaterland zu teilen? Wissen Sie, daß, wenn Sie dem Fremden unsere festen Plätze übergeben, er Ihnen dieselben nie mehr zurückgeben wird? Wissen Sie, daß Ihr Name noch von der Nachwelt mit Abscheu genannt werden würde? Wissen Sie, daß die französischen Mütter ihn verfluchen, wenn sie gezwungen werden, ihre Kinder eine fremde Sprache zu lehren? Wissen Sie das? Kommen Sie!« Und er zog ihn zu der Büste Ludwigs XIII. »Schwören Sie vor diesem (und es ist ja auch Ihr Freund!) schwören Sie, diesen heillosen Vertrag nie zu unterzeichnen.« Cinq-Mars schlug die Augen nieder und antwortete, obwohl errötend, mit unerschütterlichem Starrsinn: »Ich habe Ihnen schon gesagt, wenn man mich dazu zwingt, so werde ich unterzeichnen.« Von Thou erblaßte, ließ seine Hand los und schritt zweimal mit gekreuzten Armen und unaussprechlicher Angst durch das Zimmer. Endlich trat er mit feierlichem Wesen vor die Büste seines Vaters hin, schlug ein großes, am Fuß derselben befindliches Buch auf, suchte eine schon bezeichnete Seite und las dann laut: » Meines Dafürhaltens war daher das Todesurteil des Parlaments von Rouen gegen Herrn von Lignebreuf nur gerecht, weil er, als Mitwisser der Verschwörung Cattevilles gegen den Staat, dieselbe nicht angezeigt hatte .« Dann behielt er das offene Buch ehrfurchtsvoll in der Hand, betrachtete das Brustbild des Präsidenten von Thou, aus dessen Memoiren er soeben eine Stelle gelesen hatte, und fuhr fort: »Ja, mein Vater, das war richtig gedacht; ich werde strafbar sein, werde den Tod verdienen; aber kann ich anders? Ich werde diesen Verräter nicht denunzieren, weil das auch verraten hieße, und er mein Freund und unglücklich ist.« Dann ging er auf Cinq-Mars zu, faßte von neuem seine Hand und sagte: »Ich tue hierin schon viel für Sie, doch erwarten Sie nicht mehr von mir, mein Herr, wenn Sie diesen Vertrag unterzeichnen.« Cinq-Mars war im Innersten der Seele ergriffen von dieser Szene, weil er fühlte, was sein Freund alles leiden mußte, indem er ihn von sich stieß. Dennoch nahm er es über sich, einer Träne, die sich aus seinen Augen stahl, Einhalt zu tun, und antwortete, ihn umarmend: »Ach, von Thou, ich finde Sie immer gleich vollkommen; ja, Sie erweisen mir einen Dienst, indem Sie sich von mir entfernen, denn wäre Ihr Los mit dem meinen verbunden gewesen, so hätte ich nicht gewagt, mit meinem Leben nach Belieben zu schalten, und würde gezögert haben, es nötigenfalls zu opfern; aber jetzt tue ich es gewiß und ich wiederhole es Ihnen, ich werde, wenn man mich dazu zwingt, den Vertrag mit Spanien unterzeichnen.« Neunzehntes Kapitel. Die Jagdpartie Die Krankheit des Königs versetzte Frankreich indes in eine Bestürzung, wie sie die schlecht befestigten Staaten bei der Annäherung des Todes ihrer Herrscher stets empfinden. Richelieu war der Mittelpunkt der Monarchie, er regierte nur im Namen Ludwigs XIII. und gleichsam eingehüllt in den Glanz dieses Namens, den er groß gemacht hatte. So unabhängig er von seinem Gebieter war, so fürchtete er ihn nichtsdestoweniger, und diese Furcht beruhigte die Nation hinsichtlich seiner ehrgeizigen Wünsche, deren unerschütterliche Schranke der König selbst war. Aber war der König einmal tot, was würde der herrschsüchtige Minister beginnen? Wo würde dieser Mann, der so viel gewagt, aufhören. Gewöhnt, das Zepter zu handhaben, wer würde ihn verhindern, es immer zu tragen und seinen Namen allein unter die von ihm vorgezeichneten Gesetze zu, schreiben? Diese Furcht regte alle Gemüter auf, das Volk suchte vergeblich auf der Oberfläche des Königreichs jene Kolosse des Adels, zu deren Füßen es sich in politischen Stürmen zu flüchten pflegte, es sah nur noch ihre frischen Gräber; die Parlamente waren stumm, und man fühlte, daß nichts sich dem ungeheueren Anwachsen der Macht dieses Usurpators widersetzen würde. Niemand ließ sich durch die erdichteten Leiden des Ministers wirklich hintergehen. Keiner ließ sich durch den erheuchelten Todeskampf rühren, der nur zu oft die Hoffnung des Volkes getäuscht hatte, und die Entfernung hinderte nicht, auf allem den Finger des schrecklichen Emporkömmlings lasten zu fühlen. Die Liebe des Volkes erwachte auch für den Sohn Heinrichs IV.; man lief in die Kirchen, man betete und weinte sogar viel. Die unglücklichen Könige sind stets geliebt. Ludwigs Schwermut und sein geheimer Schmerz erregte die Teilnahme von ganz Frankreich; und noch lebend, beklagte man sein Hinscheiden schon, als hätte ein jeder gewünscht, er möchte ihm seine Leiden noch anvertrauen, bevor er das große Geheimnis, was so hochgestellte Männer leiden, die in ihrer Zukunft nur ihr Grab sehen, mit sich nehme. In der Absicht, die ganze Nation zu beruhigen, ließ der König die momentane Wiederherstellung seiner Gesundheit bekannt machen und wollte, der Hof möchte sich zu einer Jagdpartie in Chambord, einer königlichen Domäne, wohin ihn sein Bruder, der Herzog von Orleans, zurückzukehren bat, bereithalten. Dieser schöne Aufenthaltsort war die Lieblingsstätte des Königs, ohne Zweifel weil er, in Übereinstimmung mit seiner Person, wie dieser Erhabenheit mit Düsterheit verband. Er brachte oft ganze Monate hier zu, ohne irgend jemand vor sich zu lassen, indem er unablässig geheimnisvolle Papiere las und wieder las und unbekannte Sachen schrieb, die er in einen eisernen Koffer verschloß, zu dem er allein den Schlüssel besaß. Er gefiel sich zuweilen, nur durch einen einzigen Diener bedient zu werden und sich so bei der Abwesenheit seines Gefolges selbst zu vergessen, mehrere Tage lang gleich einem armen Manne oder einem verbannten Bürger zu leben, indem er sich gern Elend oder Verfolgung dazu dachte, um freier als bei dem Gedanken an sein Königreich zu atmen. Seine Idee plötzlich ändernd, wollte er dann zu anderer Zeit in völliger Einsamkeit leben, und hatte er jedem menschlichen Wesen die Annäherung versagt, so eilte er, sich in Mönchskleidung in die gewölbte Kapelle einzuschließen, las dort das Leben Karls V. wieder, glaubte sich in Saint-Just und sang auf sich selbst jene Totenmesse, die ehemals den Tod auf das Haupt des spanischen Kaisers herabschweben ließ. Aber mitten in diesen Gesängen und Betrachtungen sogar ward sein schwacher Geist durch eine Menge entgegengesetzter Bilder verfolgt und zerstreut. Nie waren ihm Welt und Leben schöner erschienen als in der Einsamkeit und nahe dem Grabe. Zwischen seinen Augen und den Seiten, die er zu lesen sich bemühte, zogen glänzende Gefolge, siegreiche Armeen, von Liebe begeisterte Völker; er sah sich mächtig, kämpfend, siegreich, angebetet, und stahl sich ein Sonnenstrahl von den Fensterscheiben bis zu ihm, so erhob er sich schnell vom Fuße des Altars, denn er fühlte sich von einer Lehnsucht nach dem Tageslicht und der freien Luft hingerissen, die ihn solchen dunkeln, dumpfigen Orten entriß: doch kaum zum Leben zurückgekehrt, stellte sich auch Überdruß und Langeweile wieder bei ihm ein, weil die ersten Menschen, denen er begegnete, ihn durch ihre Ehrfurchtsbezeugungen an seine Macht erinnerten. In solch einer Gemütsstimmung glaubte er dann an die Freundschaft und rief sie an seine Seite; allein kaum war er ihres wirklichen Besitzes gewiß, so bemächtigte sich seiner Seele plötzlich eine starke Bedenklichkeit, dem Geschöpfe, das ihn von der Anbetung Gottes einigermaßen abzog, eine allzugroße Anhänglichkeit zu weihen oder noch öfter der geheime Vorwurf, sich von den Staatsgeschäften allzu entfernt zu halten; der Gegenstand seiner momentanen Zuneigungen schien ihm dann ein despotisches Wesen, dessen Macht ihn seinen Pflichten entriß, – er schuf sich eine eingebildete Fessel und beklagte sich innerlich, unterdrückt zu werden; allein zum Unglück seiner Günstlinge besaß er nicht die Kraft, seine Gefühle durch einen Zorn, der sie gewarnt hätte, zu beurkunden und indem er fortfuhr, ihnen Liebe zu bezeigen, schürte er durch diesen Zwang das geheime Feuer seines Herzens und trieb es bis zum Haß; ja. es gab Augenblicke, wo er zu allem gegen sie fähig war. Cinq-Mars kannte die Schwächen dieses Geistes, der sich auf keiner Bahn festhalten, und die Schwäche dieses Herzens, das weder vollständig lieben noch hassen konnte, durch und durch; die Stellung des von ganz Frankreich beneideten Günstlings und der Gegenstand der Eifersucht des großen Ministers sogar war daher auch eine so schwankende und so schmerzhafte, daß er ohne seine Liebe zu Marie seine goldene Kette mit größerer Freude gebrochen hatte, als ein Sträfling in seinem Herzen empfindet, wenn er den letzten Ring fallen sieht, den er zwei Jahre lang mit einer in seinem Munde verborgenen Feder von Stahl durchgefeilt hat. Diese Ungeduld, mit dem Lose, das er so nahe sah, ins reine zu kommen, beschleunigte den Ausbruch dieser geduldig gegrabenen Mine, wie er es seinem Freunde gestanden hatte: allein seine Lage war damals die eines Mannes, der, an der Seite des Lebensbuches stehend, den ganzen Tag die Hand, die seine Verdammung oder seine Wohlfahrt schreiben sollte, darüber hinfahren sieht. Entschlossen, die erste günstige Gelegenheit zu seinem Vorhaben zu wählen, reiste er mit Ludwig XIII. nach Chambord. Diese bot sich dar. Am Morgen des zur Jagd bestimmten Tages ließ ihm der König sagen, er erwarte ihn auf der Lys-Treppe. Es dürfte nicht unnötig sein, dieses staunenswerten Bauwerkes etwas umständlicher zu erwähnen. Vier Stunden von Blois, eine Stunde vom Ufer der Loire entfernt, trifft man in einem sehr tiefen kleinen Tale, zwischen schlammigen Sümpfen und einem Wäldchen von großen Eichen, weit von allen gebahnten Straßen, plötzlich ein königliches oder vielmehr ein zauberisches Schloß an. Man möchte sagen, ein Genius des Orients habe es, gezwungen durch irgend eine Wunderlampe, während einer der tausend Nächte dem Lande der Sonne entwendet und hierher getragen, um es mit den Liebschaften eines schönen Prinzen in dem des Nebels zu verbergen. Dieser Palast liegt gleich einem Schatze vergraben, allein an seinen blauen Kuppeln, seinen eleganten, auf breiten Mauern abgerundeten oder hoch in die Luft strebenden Minaretts, an seinen langen Terrassen, welche die Wälder überragen, an seinen leichten Turmspitzen, mit denen der Wind spielt, von den in den Säulengängen eingeflochtenen Halbmonden an, möchte man sich in den Königreichen von Bagdad oder Kaschmir glauben, wenn die geschwärzten Mauern, ihr Moos- und Efeuteppich und die blasse, trübe Farbe des Himmels nicht ein regnerisches Klima ankündeten. Der dieses Gebäude aufführte, mußte jedenfalls ein Genie sein; er kam aus Italien und hieß Primarticcio; der seine Liebschaften darin verbarg, war ein schöner Prinz, ja ein König und hieß Franz I. Sein Salamander sprüht seine Flammen überallhin, er funkelt tausendfach an den Gewölben wider und seine Flammen glänzen zahllos daran wie die Sterne des Himmels; er trägt mit seiner glühenden Krone die Pfeiler, vergoldet mit seinem Feuer die Fensterscheiben, schlängelt sich durch die Geheimtreppen und scheint überall mit seinen flammenden Blicken den dreifachen Halbmond einer mysteriösen Diana, jener Diana von Poitiers zu verzehren, die zweimal in diesen wollüstigen Wäldern Göttin und zweimal angebetet war. Allein auch die Grundlage dieses seltsamen Monumentes ist gleich ihm voller Eleganz und Heimlichkeit! Es ist eine Doppeltreppe, die sich in zwei ineinander verschlungenen Schneckenlinien von den äußersten Fundamenten des Gebäudes bis über die höchsten Glockentürme hinaufwindet und in eine Laterne oder ein durchbrochenes Kabinett ausläuft, das mit kolossalen, von weitem sichtbaren Lilienblumen gekrönt ist; zwei Männer können zu gleicher Zeit hinaufsteigen, ohne sich zu sehen. Schon diese Treppe allein erscheint als ein kleiner einsamstehender Tempel; gleich unseren Kirchen wird er durch die Arkaden seiner dünnen, durchsichtigen und sozusagen durchbrochenen brodierten Flügel getragen und geschützt. Man sollte meinen, der lenksame Stein hätte sich unter den Fingern des Baumeisters gebogen; er scheint, wenn man so sagen darf, je nach der Laune seiner Phantasie geknetet. Man begreift kaum, wie die Plane dazu entworfen werden konnten und in welchen Ausdrücken die Anordnungen den Arbeitern erklärt wurden; das Ganze scheint ein flüchtiger Gedanke, eine glänzende Träumerei, die plötzlich einen dauerhaften Körper angenommen haben; es ist ein verwirklichter Traum. Cinq-Mars stieg langsam die breiten Stufen hinan, die ihn zu dem König führen sollten und hielt, je näher er kam, desto länger auf jeder Stufe an, sei es nun aus Abneigung, sich zu dem Monarchen zu begeben, dessen neue Klagen er täglich anzuhören hatte, sei es, um seinem Vorhaben nachzusinnen, als plötzlich der Ton einer Gitarre an sein Ohr schlug. Er erkannte das Lieblingsinstrument Ludwigs und seine klagende, schwache und zitternde Stimme, die in den Wölbungen nachklang; er schien eine der selbst komponierten Romanzen zu probieren und wiederholte mehrmals mit zitternder Hand einen unvollkommenen Schlußreim, die Worte vernahm man nicht deutlich, nur einige derselben, wie: verlassen, satt der Welt und schöne Flamme drangen vernehmbar ins Ohr. Horchend zuckte der junge Günstling die Achseln. »Welch ein Kummer überwältigt dich?« summte er vor sich hin; »laß sehen, ob ich noch einmal in diesem eiskalten Herzen lesen kann, das etwas zu wünschen glaubt.« Er trat in das enge Kabinett. Schwarz gekleidet, halb liegend auf einer Chaiselongue und die Ellbogen auf Kissen gestützt, rührte der König schmachtend die Saiten seiner Gitarre; als er den Großstallmeister gewahr ward, hörte er auf zu trillern, hob seine großen Augen mit vorwurfsvollem Blick auf ihn, wiegte eine geraume Weile mit seinem Kopf, bevor er sprach und begann dann mit weinerlichem und ziemlich nachdrücklichem Tone: »Was mußte ich vernehmen, Cinq-Mars; was habe ich über Ihr Betragen erfahren! Wie weh tun Sie mir, indem Sie alle meine Ratschläge vergessen? Sie haben eine sträfliche Intrige angeknüpft; durfte ich solche von Ihnen erwarten, von Ihnen, dessen Frömmigkeit und Tugend mich so ansprachen!« Voll des Gedankens an seine politischen Pläne sah sich Cinq-Mars entdeckt und konnte sich einer augenblicklichen Verwirrung nicht erwehren, antwortete dann aber, vollkommen Herr seiner selbst, ohne Zögern: »Ja, Sire, und das wollte ich Ihnen soeben erklären; ich bin gewöhnt, Ihnen meine Seele ganz zu öffnen.« »Mir erklären!« rief Ludwig XIII., wie unter Fieberschauern rot und blaß werdend, »wie, Sie hätten gewagt, meine Ohren mit solch abscheulichen vertraulichen Mitteilungen zu besudeln, mein Herr? Und Sie sind noch so ruhig, indem Sie von Ihren Verirrungen reden! Gehen Sie, Sie würden verdienen wie ein Rondin zu den Galeeren verurteilt zu werden; Sie haben durch Ihren Mangel an Aufrichtigkeit mir gegenüber eine Majestätsbeleidigung begangen. Lieber wollte ich, Sie wären Falschmünzer, wie der Marquis von Coucy oder an der Spitze der Croquants, als zu tun, was Sie getan haben; Sie entehren Ihre Familie und das Andenken des Marschalls, Ihres Vaters.« Cinq-Mars, der sich verloren sah, nahm die bestmöglichste Haltung und sagte mit ergebener Miene: »Wohlan, Sire, so lassen Sie mich denn verurteilen und zum Tode verdammen, allein ersparen Sie mir Ihre Vorwürfe.« »Sie spotten meiner, kleiner Strohjunker aus der Provinz?« entgegnete Ludwig; »ich weiß ganz wohl, daß Sie in den Augen der Menschen keine Todesstrafe verdient haben, allein vor Gottes Richterstuhl werden Sie gerichtet werden, mein Herr.« »Ei, Sire«, entgegnete der aufbrausende junge Mann, der sich durch die Beleidigung verletzt fühlte, »warum ließen Sie mich nicht, wie ich schon hundertmal in Versuchung kam, in die Provinz zurückkehren, die Sie so sehr verachten! Ich gehe, ich kann das Leben, das ich bei Ihnen führe, nicht länger ertragen; ein Engel würde es hier nicht aushalten. Noch einmal, lassen Sie mich verurteilen, wenn ich strafbar bin oder gestatten Sie mir, in der Touraine verborgen zu leben. Sie selbst haben mich zugrunde gerichtet, indem Sie mich an Ihre Person ketteten; ist es meine Schuld, wenn Sie zu große Hoffnungen in mir nährten, die Sie nachher vernichteten? Ei, weshalb haben Sie mich zum Großstallmeister gemacht, wenn ich nicht weiter gehen sollte? Kurz, bin ich Ihr Freund oder nicht? Und bin ich es, kann ich dann nicht Herzog, Pair, selbst Connétable so gut als Herr von Luynes sein, den Sie so sehr liebten, weil er Ihnen Falken abrichtete. Weshalb habe ich nicht Zutritt im Rate? Ich würde so gut darin reden als alle Ihre alten, in weißen Kragen steckenden Köpfe, ich habe neue Ideen und einen besseren Arm, um Ihnen zu dienen. – Ihr Kardinal ist es, der Sie verhindert, mich dazu zu ernennen, und weil er Sie von mir entfernt, verabscheue ich ihn«, fuhr Cinq-Mars fort, indem er die Faust ballte als stünde Richelieu vor ihm; »ja, ich würde ihn mit eigener Hand töten, wenn es sein müßte.« D'Effiats Augen glühten vor Zorn, er stampfte oft während des Sprechens und wandte, gleich einem schmollenden Kinde, dem König den Rücken, indem er sich an eine der kleinen Säulen der Laterne lehnte. Ludwig, der vor jedem Entschlusse scheu zurücktrat und den das Unwiederbringliche, das nimmer gut zu Machende stets schreckte, ergriff seine Hand. O Schwäche der Macht! Launen des menschlichen Herzens! Durch solch kindisches Aufbrausen, durch solche Jugendfehler regierte dieser junge Mann einen König von Frankreich, gleich dem ersten Politiker jener Zeit. Dieser König glaubte, und zwar mit einigem Rechte, daß ein so aufbrausender Charakter aufrichtig sein müsse, und so erzürnte ihn ein solcher Zorn nicht einmal. Dieser bezog sich überdies nicht auf seine wirklichen Vorwürfe, und daß Cinq-Mars den Kardinal haßte, verzieh er ihm. Der Gedanke der Eifersucht seines Günstlings gegen den Minister gefiel ihm sogar, weil er viel Anhänglichkeit voraussetzte und seine Gleichgültigkeit befürchtete. Das wußte Cinq-Mars und hatte mittels dieses Kunstgriffes entschlüpfen wollen, indem er den König vorbereitete, alles, was er getan, als ein Kinderspiel, als die Folge seiner Freundschaft für ihn zu betrachten; allein die Gefahr war nicht groß, er atmete wieder auf, als der König ihn antwortete: »Es handelt sich nicht um den Kardinal, der mir nicht lieber ist als Sie, sondern um Ihr anstößiges Benehmen, worüber Sie Vorwürfe verdienen und das ich Ihnen nur mit Mühe werde verzeihen können. Ja, mein Herr, ich habe erfahren, daß Sie, statt sich in Andachtsübungen zu versenken, wie ich Sie gewöhnt habe, Sie, wenn ich Sie im Salut oder Angelis glaubte, nach St. Germain reisen und einen Teil der Nacht bei wem zubringen! ... Darf ich es sagen, ohne mich zu versündigen? Bei einer Frau von üblem Rufe, die mit Ihnen nur in einer Verbindung stehen kann, die Ihrem Seelenheil gefährlich ist und die Freigeister bei sich sieht, kurz, bei Marion de Lorme! Was haben Sie hierauf zu, antworten? Reden Sie!« Seine Hand in der des Königs lassend, aber immer an die Säule gelehnt, antwortete Cinq-Mars: »Ist man denn so strafbar, ernste Beschäftigungen gegen noch ernstere zu vertauschen? Wenn ich zu Marion de Lorme gehe, so geschieht es, um die Unterhaltung der Gelehrten zu hören, die sich dort versammeln. Nichts ist unschuldiger als diese Versammlung; man hält darin Vorlesungen, die zuweilen in die Nacht hinein dauern, es ist wahr, die aber, weit entfernt, die Seele zu verderben, dieselbe nur erheben können. Überdies haben Sie mir noch nie befohlen, Ihnen von allem Rechenschaft abzulegen; ich hätte Ihnen das schon längst gesagt, wenn Sie's hätten wissen wollen.« »Ach, Cinq-Mars, Cinq-Mars! wo ist das Vertrauen! Fühlen Sie das Bedürfnis desselben nicht? Es ist dies die erste Bedingung einer vollkommenen Freundschaft wie die unsrige, wie die sein soll, welche mein Herz bedarf.« Ludwigs Stimme war liebevoller geworden, und der Günstling, der über die Achsel nach ihm hinsah, nahm eine minder erzürnte, bloß gelangweilte und im Zuhören ergebene Miene an. »Wie manchmal haben Sie mich schon getäuscht!« fuhr der König fort, »kann ich mich auf Sie verlassen? Sehen Sie nicht Putznarren und Lüstlinge bei dieser Frau? Kommen nicht auch andere Kurtisanen hin?« »Ach, mein Gott! nein, Sire, ich gehe oft mit einem Freunde, einem Edelmann aus der Touraine, namens Réné Descartes, hin.« »Descartes! Ich kenne diesen Namen; richtig, es ist ein Offizier, der sich bei der Belagerung von La Rochelle auszeichnete und der sich auch ins Schriftstellern mischt; er steht im Rufe der Frömmigkeit, geht aber viel mit Desbarreaux um, der ein Freigeist ist. Ich bin überzeugt, Sie finden dort viel Leute, die keine gute Gesellschaft für Sie sind, viel junge Leute ohne Familie, ohne Geburt. Wie, sagen Sie mir, wen haben Sie das letztemal gesehen?« »Mein Gott, ich erinnere mich ihrer Namen kaum«, sagte Cinq-Mars, sich mit emporgerichteten Augen besinnend, »ich frage oft nicht einmal danach ... Erstmalig war da ein gewisser Herr ... Herr Groot, oder Grotius, ein Holländer.« »Das weiß ich, ein Freund Barnevelts; ich gebe ihm eine Pension. Ich hielt ziemlich viel auf ihn, allein der Kard... allein man hat mir gesagt, er sei ein begeisterter Reformierter ...« »Ich sah auch einen Engländer, namens John Milton; es ist ein junger Mann, der aus Italien kommt und nach London zurückkehrt; er spricht beinahe nie.« »Unbekannt, vollkommen unbekannt; allein ich bin überzeugt, daß das auch wieder so ein Reformierter ist. Und die Franzosen, wer waren die?« »Da war der junge Mann, welcher den Cinna geschrieben hat und schon dreimal bei der Academie éminente abgewiesen worden ist; er war böse, daß du Ryer statt ihm hinkam. Er heißt Corneille ...« »Wohlan«, sagte der König, die Arme kreuzend und ihn mit triumphierender und vorwurfsvoller Miene anblickend, »ich frage Sie, was sind das für Leute? Und wollte man Sie in einem solchen Kreise sehen?« Cinq-Mars ward durch diese Bemerkung, die seine Eigenliebe verletzte, betroffen und sagte, sich dem König nähernd: »Da haben Sie allerdings recht, Sire; allein es kann gewiß nicht schaden, eine oder zwei Stunden lang recht gute Sachen anzuhören; überdies kommen auch Männer vom Hofe hin, wie der Herzog von Bouillon, Herr von Aubijour, der Graf von Brion, der Kardinal von La Vallette, die Herren von Montrésor, Fontrailles; dann berühmte Gelehrte, wie Mairet, Colletet, Demarets, Verfasser der Ariane ; Faret, Doujat, Charpentier, der die schöne Cyropädie geschrieben hat; Giry, Besons und Baro, der Fortsetzer der Asträa . Alles Akademiker.« »Ach so, das laß ich mir gefallen, das sind Männer von echtem Verdienste«, entgegnete Ludwig, »da ist nichts dawider zu sagen; man kann in ihrem Umgange nur gewinnen, das sind Leute von gemachtem Rufe, Männer von Gewicht. Jetzt versöhnen wir uns, komm' her, Kind. Ich gestatte Ihnen, zuweilen hinzugehen, aber täuschen Sie mich nicht mehr; Sie sehen, daß ich alles weiß. Da, betrachten Sie das.« Mit diesen Worten zog der König aus einem eisernen, an der Wand stehenden Kistchen ungeheure Papierhefte, mit einer sehr feinen Schrift überschmiert, hervor. Auf dem einen derselben stand Baradas , auf dem anderen d'Hautefort , auf einem dritten La Fayette und endlich auf einem Cinq-Mars . Bei diesem hielt er an und fuhr fort: »Sehen Sie, wie vielmal Sie mich hintergangen haben! Das sind beständige Fehler, über die ich eigenhändig seit den zwei Jahren, da ich Sie kenne, das Register geführt habe, ich habe Tag für Tag unsere Unterhaltungen aufgeschrieben. Setzen Sie sich.« Cinq-Mars setzte sich seufzend und hatte die Geduld, während zwei langen Stunden einen Auszug dessen, was sein Gebieter innerhalb zwei Jahren zu schreiben die Geduld gehabt hatte, anzuhören. Er hielt mehrmals während der Vorlesung die Hand vor den Mund, was wir gewiß alle tun würden, wenn wir diese Gespräche, die man nach dem Tode des Königs in vollkommener Ordnung neben seinem Testamente fand, mitteilen müßten. Wir wollen nur das Ende derselben wiederholen: »Jetzt geben Sie acht, was Sie vor drei Tagen, als am 7. Dezember, getan haben: ich sprach mit Ihnen vom Fluge des Lerchenfalken und der Kenntnisse des Jagdwesens, die Ihnen fehlen; ich sagte Ihnen, wie es in der › Königlichen Jagd ‹, einem Werke König Karls IX., heißt, daß, nachdem der Jäger seinen Hund gewöhnt hat, ein Tier zu verfolgen, er denken muß, dieser habe Lust, in den Wald zurückzukehren, und daß er ihn weder schelten noch schlagen muß, wenn er gut angreifen soll; daß man auch, um einen Hund das Aufspüren gut zu lehren, an keinem Schlupfwinkel noch Abweg vorbeigehen muß, ohne die Nase darein zu stecken. Jetzt geben Sie acht, was Sie mir darauf geantwortet haben (und zwar in verdrießlichem Tone, bemerken Sie das wohl): – Ei, Sire, geben Sie mir lieber Regimenter zu führen als Vögel und Hunde. Ich bin überzeugt, man würde Sie und mich auslachen, wenn man wüßte, mit was wir uns beschäftigten. – Und am 8. ... warten Sie, ja, am 8., während wir in meinem Zimmer miteinander die Vesper sangen, warfen Sie im Zorn Ihr Buch ins Feuer, was eine Gottlosigkeit war, und sagten mir dann, Sie hätten es zufällig fallen lassen; Sünde, Todsünde! Sehen Sie, da habe ich darunter geschrieben: Lüge , unterstrichen. Man täuscht mich nie, ich sagte es Ihnen ja.« »Aber, Sire ...« »Einen Augenblick, einen Augenblick. Am Abend sagten Sie dann über den Kardinal aus, er hätte einen Mann ungerechterweise und aus persönlichem Haß verbrennen lassen.« »Und das wiederhole ich und behaupte ich und werde ich beweisen, Sire; es ist das größte Verbrechen dieses Mannes, über welchen die Ungnade zu verhängen Sie zögern und der Sie unglücklich macht. Ich habe in Loudun alles mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört; Urbain Grandier wurde eher gemordet als zum Tode verurteilt. Bitte, Sire, da Sie hier Ihre eigenhändigen Memoiren haben, so lesen Sie nochmals alle Beweise durch, die ich Ihnen damals gegeben habe.« Die angedeutete Seite suchend und bis zu der Reise von Perpignan nach Paris zurückschlagend, las Ludwig die ganze Erzählung mit Aufmerksamkeit und rief dann: »Welche Abscheulichkeiten! Wie konnte ich dieses alles vergessen! Dieser Mann übt einen Zauber über mich aus; soviel ist gewiß, du bist mein wahrer Freund, Cinq-Mars. Welche Scheußlichkeiten! Sie müssen einen Flecken auf mein Reich werfen. Er hat die Briefe des ganzen Adels und aller Notabilitäten der Gegend an mich aufgefangen. Verbrennen, lebendig verbrennen! Ohne Beweise! Aus Rache! Ein Mann, ein Volk haben meinen Namen umsonst angefleht, eine Familie verflucht mich jetzt! Ach, wie unglücklich sind die Könige!« Als der König mit seinem Lesen zu Ende war, warf er seine Papiere weg und weinte. »Ach, Sire, die Tränen, die Sie da vergießen, sind schöne Tränen!« rief Cinq-Mars mit aufrichtiger Bewunderung, »warum kann nicht ganz Frankreich davon Zeuge sein! Es würde staunen bei diesem Schauspiel und es kaum glauben können.« »Staunen! Kennt mich denn Frankreich nicht?« »Nein, Sire«, entgegnete d'Effiat freimütig, »niemand kennt Sie; und ich selbst klage Sie oft, wie jedermann, der Kälte und einer Gleichgültigkeit gegen alles an.« »Der Kälte! Wenn mich der Kummer tötet; der Kälte! Wenn ich mich ihren Interessen aufgeopfert habe! Undankbare Nation! Alles habe ich ihr geopfert, sogar meinen Stolz, sogar das Glück, sie selbst zu leiten, weil mir bei meinem schwankenden Leben bange für sie war; ich habe mein Zepter einem Manne geliehen, den ich hasse, weil ich seine Hand stärker als die meinige glaubte; ich habe das Leid, das er mir selbst zufügte, ertragen in dem Gedanken, daß er meinem Volke Gutes tue, ich habe meine Tränen getrunken, um die ihrigen zu trocknen und sehe, daß mein Opfer sogar größer war als ich glaubte, denn sie haben es nicht bemerkt; sie haben mich dessen unfähig geglaubt, weil ich schüchtern bin und ohne Kraft, weil ich der meinigen mißtraute; doch gleichviel, Gott sieht und kennt mich.« »Ach, Sire, zeigen Sie sich Frankreich so, wie Sie sind; nehmen Sie Ihre mißbrauchte Macht wieder in Ihre Hand; es wird aus Liebe zu Ihnen tun, was die Furcht ihm nicht entriß; lehren Sie zum Leben zurück und besteigen Sie den Thron wieder.« »Nein, nein, mein Leben geht zu Ende, lieber Freund; ich bin nicht mehr fähig zu den Arbeiten, welche die höchste Gewalt erfordert.« »Ach, Sire, diese Überzeugung allein raubt Ihnen die Kräfte. Es ist endlich Zeit, daß man aufhöre, die Gewalt mit dem Verbrechen zu verschmelzen und ihre Vereinigung Genie zu heißen. Ihre Stimme erhebe sich und verkünde der Erde, daß mit Ihrer Regierung die Regierung der Tugend beginnen wird, und alsobald werden diese Feinde, die das Laster mit so vieler Mühe unter seine Botmäßigkeit bringt, vor einem Worte aus Ihrem Herzen fallen. Man hat noch nicht berechnet, was die redliche Absicht eines Königs von Frankreich alles aus seinem Volke machen kann, aus diesem Volke, dessen Einbildungskraft und warmes Gefühl so schnell zu allem Schönen hinziehen und das man zu jeder Art von Hingebung stets bereit findet. Ihr königlicher Vater leitete uns durch ein Lächeln; was würde nicht eine Ihrer Tränen aus uns machen! Es handelt sich nur darum, zu sprechen.« Während dieser Rede errötete der erstaunte König oft, hustete und gab Zeichen einer großen Verlegenheit, wie jedesmal, wenn man ihm einen Beschluß entlocken wollte; er fühlte auch, daß sich eine Unterhaltung höherer Art einzufädeln beginne, in die sich zu wagen die Schüchternheit seines Geistes ihn verhinderte; er legte daher oft die Hand an die Brust, runzelte die Brauen, als empfände er einen heftigen Schmerz, und suchte mittels der Krankheit der Scheu einer Antwort auszuweichen; allein sei es nun in der Aufwallung oder im Entschlusse, den letzten Schlag zu tun: Cinq-Mars fuhr, ohne sich stören zu lassen, mit einer Feierlichkeit fort, die Ludwig imponierte. Aus seiner hintersten Verschanzung getrieben, entgegnete ihm dieser endlich: »Aber, Cinq-Mars, wie soll ich mich eines Ministers entledigen, der mich seit achtzehn Jahren mit seinen Kreaturen umgeben hat.« »Er ist nicht so mächtig«, antwortete der Großstallmeister, »und auf einen Wink Ihres Hauptes werden seine Freunde zu seinen bittersten Gegnern. Der ganze alte Bund der Friedensfürsten existiert noch, Sire, und nur die der Wahl Ew. Majestät schuldige Achtung hindert den Ausbruch seiner Unzufriedenheit.« »Ach, guter Gott! Du kannst ihnen sagen, daß sie meinethalben nicht an sich halten sollen; ich geniere sie nicht, mich soll man nicht beschuldigen, Kardinalist zu sein. Wenn mein Bruder mir Mittel an die Hand geben will, Richelieu zu ersetzen, so will ich mich ihrer von Herzen gern bedienen.« »Ich glaube, Sire, er wird Ihnen noch heute von dem Herrn Herzog von Bouillon sprechen; alle Royalisten verlangen ihn.« »Ich hasse ihn nicht«, sagte der König, das Ohrkissen seines Lehnstuhls zurechtlegend, »ich hasse ihn gar nicht, obwohl er ein wenig aufrührerisch ist. Wir sind Verwandte, weißt du, lieber Freund«, – und er legte in diesen Lieblingsausdruck mehr Nachlässigkeit als gewöhnlich, – »weißt du, daß er vom heiligen Ludwig von Vater auf Sohn abstammt, und zwar durch Charlotte von Bourbon, die Tochter des Herzogs von Montpensier? Weißt du, daß sieben Prinzessinnen vom königlichen Blute seinem Hause anvermählt worden sind, und acht seines Hauses, deren eine Königin ward, an Prinzen von königlichem Blute verheiratet wurden? O, ich hasse ihn keineswegs; ich habe das nie gesagt, nie.« »Wohlan, Sire!« sagte Cinq-Mars zutraulich, »Monsieur und er werden Ihnen auf der Jagd erklären, wie alles vorbereitet ist, welches die Männer sind, die man an die Stelle seiner Kreaturen setzen kann, welches die Feldherren und Kavallerie-Obersten sind, auf die man gegen Fabert und alle Kardinalisten von Perpignan zählen kann. Sie werden sehen, daß der Minister sehr wenig ihm ganz ergebene Leute hat. Die Königin, Monsieur, der Adel und die Parlamente sind auf unserer Seite und die Sache ist abgetan, sobald sich Ew. Majestät nicht mehr widersetzt. Man hat den Vorschlag gemacht, Richelieu verschwinden zu lassen wie den Marschall von Ancre, der es weniger verdiente als er.« »Wie, Concini?« entgegnete der König, »o nein, das darf nicht sein ... das vermag ich wahrhaftig nicht ... Er ist Priester und Kardinal, wir würden in den Bann getan. Wenn seine Entfernung aber auf andere Weise geschehen kann, so ist's mir schon recht. Du kannst mit deinen Freunden davon sprechen; ich meinerseits werde es auch überdenken.« Sobald Ludwig einmal dieses Wort ausgesprochen hatte, überließ er sich seinem Rachegefühl, als hätte er es eben befriedigt und wäre der Streich schon geführt worden. Cinq-Mars sah das nicht gern, weil er fürchtete, sein Zorn möchte, wenn er sich so Luft mache, nicht von langer Dauer sein. Dennoch glaubte er Ludwigs letzten Worten, als dieser nach endlosen Klagen besonders noch hinzufügte: »Kurz, wirst du glauben, daß seit den zwei Jahren; wo ich meine Mutter beweine, seit dem Tage, wo er mich vor meinem ganzen Hofe so grausam zum besten hielt, indem er mich um ihre Zurückberufung bat, während ihm ihr Tod schon bekannt war, daß ich seit jenem Tage nicht von ihm erhalten kann, sie in Frankreich neben meinen Vätern beerdigt zu sehen? Er hat sogar ihre Asche verbannt!« In diesem Augenblick glaubte Cinq-Mars Geräusch auf der Treppe zu hören; der König errötete ein wenig. »Geh'«, sagte er, »geh' schnell und mache dich zur Jagd fertig; du wirst neben meinem Wagen herreiten; geh' schnell, ich will es, geh'!« Und mit seinen Händen stieß er Cinq-Mars der Treppe und dem Eingange zu, durch den er gekommen war. Der Günstling entfernte sich, allein die Verwirrung seines Gebieters war ihm nicht entgangen. Er stieg langsam die Treppe hinab und suchte die Ursache davon in sich selbst, als er das Geräusch von zwei Füßen hörte, die den einen Teil der Wendeltreppe hinaufstiegen, während er den anderen Teil hinabstieg; er stand still, man stand auch still, er stieg wieder hinauf, es deuchte ihn, als stiege man hinunter; er wußte, daß man zwischen der durchgebrochenen Architektur nicht hindurchsehen konnte und entschloß sich, ungeduldig über dieses Spiel, aber gleichwohl sehr beunruhigt, seiner Wege zu gehen. Er wäre gern an der Eingangstür geblieben, um zu sehen, wer erscheinen würde. Doch kaum hatte er die Tür geöffnet, die nach dem Wachensaal führte, so umringte ihn eine Menge der ihn erwartenden Höflinge und nötigten ihn, sich zu entfernen, um die seinem Amte zukommenden Befehle zu erteilen, oder Achtungsbezeugungen, vertraute Mitteilungen, Gesuche, Vorstellungen, Empfehlungen, Umarmungen und jenen Strom stufenweiser Berichte anzunehmen, die alle auf einen Günstling einstürmen und für die es einer gespannten und stets regen Aufmerksamkeit bedarf, denn eine Zerstreuung kann Veranlassung zu großem Unglück werden. Auf solche Weise vergaß er jenen kleinen Umstand, der auch bloße Einbildung sein konnte, gänzlich, und stieg, sich der Süßigkeit einer Art beständiger Vergötterung hingebend, im großen Hofe, von edlen Pagen bedient und glänzenden Edelleuten umringt, zu Pferde. Bald langte Monsieur, von den Seinen begleitet, an, und noch war keine Stunde verflossen, so erschien auch der König, blaß, schmachtend und auf vier Männer gestützt. Cinq-Mars stieg ab und half ihm eine Art kleiner, ganz niedriger Wagen besteigen, die man Brouette (Handwagen) nannte und dessen willige und äußerst sanfte Pferde Ludwig XIII. selbst lenkte. Die neben den Schlägen herlaufenden Jäger hielten die Hunde an der Koppel, und beim Schall des Hornes stiegen an die hundert junger Edelleute zu Pferde, und alles begab sich nach dem Zusammenkunftsorte der Jagd. Zu diesem war von dem König die Meierei l'Ormage bestimmt worden, und an seine Gebräuche gewöhnt, verbreitete sich der ganze Hof in den Alleen des Parkes, während der König langsam auf einem Nebenwege fuhr, seinen Großstallmeister und vier Personen, die er zu sich herangewinkt hatte, an seinen Wagenschlägen. Diese Lustpartie hatte ein düsteres Ansehen; die großen Eichen des Parkes hatten bei der Annäherung des Winters beinahe alle ihre Blätter verloren, und die schwarzen Äste stachen von dem grauen Himmel ab wie die Arme der bei einer Leiche aufgestellten Leuchter; ein leichter Nebel schien nahen Regen anzudeuten; zwischen dem gelichteten Gehölz und den traurigen Ästen sah man langsam die schwerfälligen Wagen des Hofes rollen, die mit lauter schwarzgekleideten Ein Edikt von 1689 hatte die Hoftracht bestimmt. Sie war einfach und schwarz. Damen, zu der Langeweile verdammt, die Ergebnisse einer Jagd abzuwarten, die sie nicht sahen, angefüllt waren; die Jagdhunde gaben in der Ferne Laut, und das Horn ließ sich zuweilen gleich einem Seufzer hören; ein kalter, scharfer Wind nötigte jedermann, sich so gut als möglich einzuhüllen, und einige Damen, die einen Schleier oder eine schwarze Samtmaske über ihrem Gesicht trugen, um sich vor der Luft zu schützen, welche die Vorhänge ihrer Wagen nicht aufhielten (denn dazumal hatten diese noch keine Fenster), schienen das Kostüm zu tragen, das wir Domino nennen. Alles war matt und traurig, nur einige Gruppen junger, von Jagdlust angefeuerter Leute durcheilten wie der Wind unter Rufen und Hörnerschall eine Allee bis zum äußersten Ende, dann sank alles in düsteres Schweigen zurück, wie nach einer Rakete der Himmel wieder dunkler erscheint. In einem gleichlaufenden Nebenwege mit dem, den der König fuhr, hatten sich einige, in ihre Mäntel gehüllte Höflinge zusammengefunden. Indem sie sich sehr wenig um das Wild zu bekümmern schienen, ritten sie immer ungefähr mit dem Wagen des Königs gleich und verloren diesen nicht aus dem Gesicht, während sie halblaut untereinander sprachen: »Es geht gut, Fontrailles, es geht gut; Viktoria! Der König faßt ihn jeden Augenblick beim Arm. Sehen Sie nur, wie er ihm zulächelt? Jetzt steigt Herr le Grand vom Pferde und nimmt den Sitz an seiner Seite ein. Prächtig, köstlich, diesmal ist der alte Fuchs verloren!« »Ach! das ist noch nichts, haben Sie nicht gesehen, wie der König Monsieur die Hand gedrückt hat? Er hat Ihnen gewinkt, Montrésor, Gondi, sehen Sie nur.« »Ei, sehen Sie nur! Das ist leicht zu sagen, aber ich mit meinen Augen sehe nicht hin, ich sehe nur mit den Augen des Glaubens und den Ihrigen. Nun, was tun sie denn? Wenn ich nur nicht so kurzsichtig wäre! Erzählen Sie mir, was tun sie?« »Der König neigt sich jetzt zum Ohr des Herzogs von Bouillon und spricht mit ihm ... er spricht noch immer, macht lebhafte Gebärden, er will nicht aufhören. O! der wird Minister werden.« »Er wird Minister werden«, sagte Fontrailles. »Er wird Minister werden«, wiederholte Graf du Lude. »Ach, das ist unzweifelhaft!« versetzte Montrésor. »Ich hoffe, er wird mir ein Regiment geben und dann heirate ich meine Base!« rief Olivier d'Entraigues im Pagentone. Kichernd und zum Himmel blickend, begann der Abbé von Gondi nach einer Jagdmelodie zu singen: »Die Stare haben guten Wind, Ton, ton, ton, taine, ton ...« »... Ich glaubte, meine Herren, Sie sehen undeutlicher als ich, oder es geschehen Wunder im Jahre der Gnade 1642; denn Herr von Bouillon ist nicht näher daran, Premierminister zu werden als ich, und wenn ihn auch der König umarmen würde. Er hat große Eigenschaften, wird es aber nicht dazu bringen, weil er ganz aus einem Stück ist; dennoch glaube ich ist dieses Benehmen von Bedeutung für seine große und dumme Stadt Sedan; sie ist ein Herd, ein guter Herd für uns.« Montrésor und die übrigen waren fortwährend aufmerksam auf die Bewegungen des Königs und fuhren fort: »Jetzt ergreift Herr le Grand die Zügel der Pferde und lenkt.« Der Abbé fuhr in der nämlichen Melodie fort: »Und führst du meinen Wagen, Du schöner Postillion; So laß ihn nicht umschlagen, Ton, ton tun, ton taine, ton.« »Ach, Abbé, Ihre Liedchen könnten mich zum Narren machen«, sagte Fontrailles, »haben Sie denn für alle Ereignisse des Lebens eine Melodie.« »Ich kann Ihnen auch Ereignisse liefern, die nach allen Melodien gehen«, entgegnete Gondi. »Meiner Treu, die Melodie von Ihnen dort gefällt mir«, antwortete Fontrailles leiser, »Monsieur wird mich nicht nötigen, seinen verteufelten Vertrag nach Madrid zu bringen, was mir auch nicht leid tut, denn es ist ein ziemlich mißlicher Auftrag: die Pyrenäen sind nicht so leicht zu überschreiten wie man meint, und auf dem Wege trifft man den Kardinal.« »Ei, ei, ei!« rief Montrésor. »Ei, ei!« jubelte Olivier. »Nun, was ist's denn mit dem ei, ei!!« sagte Gondi, »was habt Ihr so Schönes entdeckt?« »Meiner Treu, jetzt hat der König Monsieur die Hand schon wieder gedrückt, gottlob, meine Herren, nun sind wir des Kardinals entledigt; der alte Eber ist gefangen. Wer wird es über sich nehmen, ihn zu spedieren? Man muß ihn ins Meer werfen.« »Das ist noch viel zu gut für ihn«, entgegnete Olivier, »das Todesurteil sollte über ihn gesprochen werden.« »Gewiß«, sagte der Abbé; »und wie! Wir ermangeln doch gewiß keiner Anklagegründe gegen einen Unverschämten, der seinen Pagen zu verabschieden wagte, nicht wahr?« Und sein Pferd anhaltend, ließ er Olivier und Montrésor voran, beugte sich zu Herrn du Lude hinüber, der mit zwei ernsten Personen im Gespräch begriffen war, und sagte zu diesen: »In der Tat, ich komme in Versuchung, meinen Kammerdiener auch in das Geheimnis einzuweihen; noch nie sah man eine Verschwörung so leichtsinnig behandeln. Große Unternehmungen wollen geheimgehalten sein; diese hier wäre bewunderungswürdig, wenn man sich Mühe damit gäbe. Unsere Partie ist schöner als irgendeine, die ich schon in der Geschichte gelesen habe; es wäre Stoff da, drei Königreiche, wenn man wollte, umzustürzen, aber die Unbesonnenheiten werden alles verderben. Es ist wirklich schade und wird mich zu Tode reuen. Ich finde Geschmack an dergleichen Sachen und dieser, die großartig ist, das kann man wahrhaftig nicht leugnen, bin ich mit Leib und Seele zugetan. Nicht wahr, d'Aubijour? Nicht wahr, Montmort?« Während dieser Gespräche fuhren mehrere große, schwerfällige vier- und sechsspännige Wagen in der gleichen Allee ungefähr zweihundert Schritt hinter diesen Herren; die Vorhänge derselben waren auf der linken Seite geöffnet, um den König sehen zu können. In dem ersten Wagen befand sich die Königin, schwarzgekleidet und verschleiert: sie saß allein auf dem Rücksitze. Auf dem Vordersitze befand sich die Marschallin d'Effiat, und zu den Füßen der Königin und etwas auf der Seite saß die Prinzessin Marie auf einem Taburett; ihr Kleid und ihre Füße reichten über den Wagen hinaus und lagen auf einem vergoldeten Tritt, da es, wie schon erwähnt, keine Türen an den damaligen Wagen gab. Auch sie suchte zwischen den Bäumen hindurch die Bewegungen des Königs zu erkennen und beugte sich oft vor, belästigt durch den fortwährenden Vorbeizug der Pferde des Prinzen Palatin und seines Gefolges. Dieser nordische Prinz war vom König von Polen gesandt, um scheinbar große Unterhandlungen zustande zu bringen, im Grunde aber nur, um die Herzogin von Mantua vorzubereiten, den alten König Ladislaus VI. zu heiraten; er entfaltete am französischen Hofe allen Luxus des seinigen, der damals in Paris der barbarische und szythische genannt war, und rechtfertigte diese Namen durch fremdartige, orientalische Kostüme. Der Palatin von Posnanien war sehr schön und trug wie die Leute seines Gefolges einen langen, dichten Bart, den Kopf nach türkischer Art geschoren und mit einer gesteppten Mütze bedeckt, und eine kurze, mit Diamanten und Rubinen reich besetzte Weste; sein Pferd war rot bemalt und mit Federn beladen. In seinem Gefolge hatte er eine Kompagnie der polnischen Garde, in rot und gelb gekleidet, mit großen Mänteln und langen Ärmeln, die sie nachlässig über die Schultern hängen ließen. Die polnischen Herren seines Gefolges trugen Gewänder von Gold- und Silberbrokat, und hinten an ihrem geschorenen Kopfe sah man einen einzigen Büschel Haare flattern, was ihnen ein asiatisches und tatarisches Aussehen gab, das am Hofe Ludwigs XIII. so unbekannt war wie das der Moskowiten. Die Frauen fanden es ein wenig wild und ziemlich abschreckend. Marie von Gonzaga fand sich durch die tiefen Verneigungen und orientalischen Sitten dieses Fremden und seines Gefolges sehr belästigt. So oft er an ihr vorüberritt, glaubte er sich genötigt, ein halb französisches Kompliment an sie zu richten, in welches er ziemlich ungeschickt einige Worte von Hoffnung und Königreich mischte. Sie sah kein anderes Mittel, sich dessen zu entledigen, als mehrmals ihr Sacktuch vor die Nase zu halten und ziemlich laut zu der Königin zu sagen: »In der Tat, Madame, diese Herren haben einen Geruch an sich, der mir Herzweh macht.« »Und doch müssen Sie Ihr Herz ein wenig zu stärken und sich an Sie zu gewöhnen suchen«, antwortete Anna von Österreich etwas trocken. Indem sie aber plötzlich befürchtete, sie betrübt zu haben, fuhr sie heiter fort: »Sie werden sich daran gewöhnen wie wir, und Sie wissen, daß ich, was Gerüche betrifft, sehr wunderlich bin. Herr Mazarin hat mir jüngst gesagt, meine Strafe im Fegefeuer werde darin bestehen, üble Gerüche einatmen und in Linnen von holländischer Leinwand schlafen zu müssen.« Ungeachtet dieser paar heiteren Worte war die Königin doch sehr ernst und verfiel wieder in ihr Schweigen. Sie lehnte sich tiefer in den Wagen zurück, hüllte sich starker in ihr Mäntelchen und nahm scheinbar keinen Anteil an allem, was um sie her vorging, sondern überließ sich einzig dem Wiegen des Wagens. Immerfort mit dem König beschäftigt, sprach Marie halblaut mit der Marschallin von d'Effiat; beide suchten einander Hoffnungen zu machen, die sie nicht teilten, und täuschten sich aus Freundschaft. »Madame, ich wünsche Ihnen Glück, Herr le Grand sitzt neben dem Könige; noch niemand brachte es so weit«, sagte Marie. Dann schwieg sie; lange und traurig rollte der Wagen über das welke und verdorrte Laub. »Ja, ich bemerke es mit großer Freude; der König ist so gütig!« antwortete die Marschallin. Und sie seufzte tief. Wieder folgte ein langes, dumpfes Schweigen; beide schauten sich an und sahen ihre gegenseitigen Tränen. Sie wagten nicht mehr sich anzureden, und Marie, die den Kopf senkte, sah nur noch den braunen kalten Boden, der unter den Rädern wegfloh. Ein trübes Linnen beschäftigte ihre Seele, und obwohl ihre Augen den eisten Hof Europas zu Füßen dessen sah, den sie liebte, erregte alles ihre Furcht, und schaurige Ahnungen stimmten sie unwillkürlich düster. Plötzlich sauste ein Pferd mit Windesschnelle an ihr vorbei; sie schlug die Augen auf und hatte kaum noch Zeit, Cinq-Mars' Gesicht zu sehen. Er blickte sie nicht an, war blaß wie eine Leiche und seine Augen verbargen sich unter seinen gerunzelten Brauen und dem Schatten seines tief in das Gesicht gedrückten Hutes. Zitternd folgte sie ihm mit dem Blicke und sah ihn bei der Gruppe der Reiter anhalten, die den Wagen voraus waren und ihn entblößten Hauptes empfingen. Einen Augenblick nachher begab er sich mit einem derselben in ein Dickicht, schaute von weitem nach ihr hinüber und verfolgte sie mit den Augen, bis der Wagen vorüber war; dann schien es ihr, als übergäbe er jenem Manne eine Papierrolle, worauf er im Gehölz verschwand. Der dicke Nebel, einer jener so häufigen an den Ufern der Loire, verhinderte sie, ihn länger zu sehen. Die Sonne schien wie ein kleiner, blutroter, in ein zerrissenes Leichentuch eingehüllter Mond und verbarg sich binnen einer halben Stunde in einen so dichten Schleier, daß Marie kaum noch die ersten Pferde am Wagen erkennen konnte und die in der Entfernung von einigen Schritten vorbeireitenden Männer ihr wie graue Schatten erschienen. Dieser eisige Dunst wurde bald zu einem durchdringenden Regen; die Königin hieß die Prinzessin an ihre Seite sitzen und verlangte nach Hause; schweigend und im Schritt kehrte man nach Chambord zurück. Bald ließen sich auch die Hörner vernehmen, die zur Heimkehr bliesen und die verirrten Jagdhunde zurückriefen; Jäger, die durch den dichten Nebel den Weg suchten und sich mit lauter Stimme gegenseitig zuriefen, eilten schnell am Wagen vorbei. Marie sah oft nur den Kopf eines Pferdes oder einen dunklen Körper durch den düsteren Dunst des Waldes und suchte vergeblich hie und da Worte zu verstehen. Jetzt aber pochte ihr Herz laut, als man zu wiederholten Malen rief: » Der König fragt nach Herrn le Grand; wo mag sich der Herr Großstallmeister hinbegeben haben ?« » Er hat sich soeben im Walde verloren !« Bei diesen einfachen Worten schauderte sie zusammen, denn ihr betrübtes Gemüt ließ ihnen einen schrecklichen Sinn. Dieser Gedanke verfolgte sie bis ins Schloß und in ihre Gemächer, wo sie sich einzuschließen eilte. Bald hörte sie den Lärm der Heimkunft des Königs und Monsieurs, und dann im Walde einige Flintenschüsse, deren Feuer nicht gesehen wurde. Sie schaute vergeblich durch die kleinen Fensterscheiben, diese schienen jedoch von außen mit einem weißen Tuche bespannt, das nichts erkennen ließ. An dem äußersten Ende des Waldes, gegen Montfrault zu, hatten sich indes zwei Reiter verirrt; um den Weg nach dem Schlosse zu suchen, wollten sie eben an einem Teiche stillhalten, als sich ungefähr acht bis zehn Männer aus dem Dickicht hervor auf sie stürzten und sich, bevor sie Zeit hatten sich zu bewaffnen, an ihre Beine, Arme und die Zügel ihrer Pferde hingen, so daß sie unbeweglich gehalten wurden. Zu gleicher Zeit rief eine rauhe, aus dem Nebel kommende Stimme: »Seid ihr Royalisten oder Kardinalisten? Ruft: Es lebe Herr le Grand! oder ihr seid des Todes.« »Niederträchtige Schurken«, antwortete der erste der Reiter, indem er seine Pistolen hervorzulangen suchte, »ich werde euch hängen lassen, meinen Namen so zu mißbrauchen.« » Dios es el Senor !« rief die erste Stimme. Alsobald ließen alle ihre Beute fahren und entflohen in den Wald; ein wildes Gelächter erscholl, und nur einer nahte sich Cinq-Mars. » Amigo «, redete er ihn an, »erkennen Sie mich nicht? Es ist ein Scherz Jacques', des spanischen Hauptmanns.« Fontrailles beugte sich zu dem Großstallmeister hinüber und sagte ganz leise zu ihm: »Mein Herr, das ist ein unternehmender Bursche; ich rate Ihnen, sich seiner zu bedienen; man muß nichts vernachlässigen.« »Hören Sie mich an«, begann Jacques von Laubardemont wieder, »und reden wir ein bißchen schnell. Ich, ich bin kein Phrasenmacher wie mein Vater. Ich erinnere mich, daß Sie mir einige gute Dienste erwiesen haben, und noch kürzlich waren Sie mir von Nutzen, wie immer, und zwar ohne es zu wissen; denn ich habe bei euren kleinen Aufständen mein Vermögen wieder ein wenig hergestellt. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen einen wichtigen Dienst erweisen; ich befehlige einige Tapfere.« »Welchen Dienst?« entgegnete Cinq-Mars; »lassen Sie hören.« »Ich beginne mit einem Rat. Während Sie diesen Morgen auf der einen Seite der Treppe von dem Könige hinunterkamen, stieg Pater Joseph auf der anderen Seite zu ihm herauf.« »O Himmel! da haben wir das Rätsel seiner plötzlichen und unerklärlichen Veränderung! Ist es möglich! Ein König von Frankreich! Und er ließ uns ihm alle unsere Geheimnisse anvertrauen!« »Wohlan, ist das alles? Sie sagen mir nichts? Sie wissen, daß ich ein altes Geschäft mit dem Kapuziner abzumachen habe.« »Was liegt mir daran!« antwortete Cinq-Mars in tiefes Nachsinnen versunken und mit gesenktem Kopfe. »Ihnen liegt viel daran, denn Sie brauchen nur ein Wort zu sagen, so entledige ich Sie des Kerls, bevor sechsunddreißig Stunden um sind, obwohl er jetzt schon in der Nähe von Paris ist. Man könnte auch noch den Kardinal beifügen, wenn man wollte.« »Lassen Sie mich; ich will keine Dolche«, entgegnete Cinq-Mars. »Ach ja, ich verstehe Sie«, sagte Jacques; »Sie haben recht; Sie wollen lieber, daß man ihn mit dem Degen spediere. Es ist nicht mehr als billig und lohnt sich der Mühe, man ist das dem Range schuldig. Es schickt sich besser, daß große Herren das auf sich nehmen und der Spedierende auf dem Wege ist Marschall zu werden. Ich kann keine Ansprüche machen; man muß nicht zu viel Stolz besitzen, wie große Verdienste man auch in seinem Gewerbe haben kann; ich darf mich nicht an den Kardinal wagen, das ist ein königlicher Bissen.« »Noch an andere«, fügte der Großstallmeister hinzu. »Ach, lassen Sie uns den Kapuziner!« entgegnete eindringlich der Hauptmann Jacques. »Wenn Sie dieses Anerbieten abweisen, so haben Sie unrecht«, sagte Fontrailles, »man bringt deren nicht alle Tage, Vitry hat bei Concini begonnen und man hat ihn zum Marschall gemacht. Wir sehen Leute, die bei Hofe sehr gut stehen und in den Straßen von Paris eigenhändig ihre Feinde getötet haben, und Sie zögern, sich eines Elenden zu entledigen! Richelieu hat seine Schurken, Sie müssen auch die Ihrigen haben; ich begreife Ihre Bedenklichkeiten nicht.« »Quälen Sie ihn nicht«, entgegnete ihm Jacques barsch; »ich kenne das, ich habe als Knabe, bevor ich Vernunftschlüsse zog, gedacht wie er. Ich hatte nicht einmal einen Mönch getötet; aber ich will mit ihm reden, ich.« Und sich an Cinq-Mars wendend: »Hören Sie; wenn man sich in eine Verschwörung einläßt, so will man jemandes Tod oder Untergang wenigstens ... He?« Und er machte eine Pause. »In solchem Falle ist man also mit dem Herrgott entzweit und mit dem Teufel im Bunde ... He?« »Secundo, wie man in der Sorbonne sagt, kostet es, wenn man einmal verdammt ist, nichts weiter, ob man es für viel oder für wenig ist ... He?« » Ergo ist es einerlei, ihrer tausend oder nur einen zu töten. Ich wette, Sie wissen mir hierauf nichts zu antworten.« »Man kann nicht besser sprechen, Doktor der Degenstöße«, antwortete Fontrailles halb lachend, »und ich sehe, daß Sie ein guter Reisegefährte wären. Ich nehme Sie mit nach Spanien, wenn Sie wollen.« »Ich weiß wohl, daß Sie den Vertrag hinbringen müssen«, entgegnete Jacques, »und ich will Sie in den Pyrenäen auf Wegen führen, die allen Menschen unbekannt sind; nichtsdestoweniger wäre es mir aber ein tödlicher Verdruß, wenn ich nicht vorher noch jenem alten Bocke, den wir zurücklassen, wie einen Läufer in der Mitte eines Schachspiels, den Hals umgedreht hätte. Noch einmal, gnädiger Herr«, fuhr er mit einer Miene der Zerknirschung fort, indem er sich von neuem an Cinq-Mars wandte, »wenn Sie Religion haben, so weigern Sie sich nicht länger und erinnern Sie sich der Worte unserer Gottesgelehrten, der frommen Väter Hurtado de Mendoza und Canchez, die bewiesen haben, daß man insgeheim seinen Feind töten kann, weil man durch dieses Mittel zwei Sünden vermeidet; die, sein Leben der Gefahr auszusetzen, und die, sich zu duellieren. Nach diesem tröstlichen Grundsatze habe ich stets gehandelt.« »Lassen Sie mich, lassen Sie mich«, sagte Cinq-Mars wieder mit vor Wut erstickter Stimme; »ich denke an andere Dinge.« »An was, das wichtiger sein könnte?« fragte Fontrailles; »das kann von großem Gewicht in der Wagschale unserer Geschicke sein.« »Ich suche, wie viel das Herz eines Königs darin wiegt«, antwortete Cinq-Mars. »Sie erschrecken auch mich«, entgegnete der Edelmann; »wir verlangen nicht so viel davon.« »Ich sage auch nicht so viel davon, als Sie etwa glauben mögen, mein Herr«, fuhr d'Effiat mit ernster Stimme fort; »sie beklagen sich, wenn ein Untertan sie verrät: das ist's, an was ich denke. Wohlan denn! Krieg! Krieg! Bürgerkrieg, Kriege mit dem Ausland, mögt ihr euch wütend entflammen! Da ich die Flamme in Händen halte, will ich sie an die Minen legen. Es gehe der Staat, es gehen zwei Königreiche zugrunde, wenn es nötig ist! Es soll kein gewöhnliches Unglück sich ereignen, wenn der König den Untertan verrät. Hören Sie mich an.« Und er zog Fontrailles einige Schritte beiseite. »Ich hatte Sie nur beauftragt, für den Fall des Mißlingens bei dem König Vorbereitungen zu unserem Rückzug und zur Hilfe zu treffen. Seine erzwungenen Freundlichkeiten ließen mich ein solches soeben ahnen und ich hatte mich entschlossen, Sie abreisen zu lassen, weil er uns am Ende seiner Unterhaltung seine Abreise nach Perpignan ankündigte. Ich fürchtete Narbonne und sehe nun, daß er sich gleichsam als Gefangener des Kardinals hinbegibt. Reisen Sie und reisen Sie auf der Stelle ab. Ich füge den Ihnen übergebenen Briefen den Vertrag hier bei; er ist unter falschen Namen aufgesetzt, doch hier ist das Gegenstück dazu, das von Monsieur, dem Herzog von Bouillon und mir unterzeichnet ist. Das ist alles was der Graf-Herzog von Olivarez verlangt. Da sind auch noch Blanketts des Herzogs von Orleans, die Sie nach Belieben ausfüllen können. Reisen Sie, in einem Monate erwarte ich Sie in Perpignan und lasse Sedan den siebzehntausend aus Flandern gekommenen Spaniern öffnen.« Und auf den Abenteurer, der ihn erwartete, zugehend, sagte er zu ihm: »Was Sie betrifft, mein Tapferer, so beauftrage ich Sie, da Sie sich doch wichtig machen wollen, diesen Edelmann nach Madrid zu begleiten; Sie sollen reichlich dafür belohnt werden.« Jacques strich seinen Schnurrbart und antwortete: »Es soll Sie nicht reuen, meine Dienste angenommen zu haben! Sie geben einen Beweis von Takt und gutem Geschmack. Wissen Sie, daß die große Königin Christine von Schweden mich zu sich verlangte und mich in der Eigenschaft eines Vertrauten um sich haben wollte? Sie war durch den nordischen Löwen , Gustav Adolf, ihren Vater, beim Donner der Kanonen erzogen worden. Sie liebte den Pulvergeruch und mutwillige Männer; ich wollte ihr aber nicht dienen, weil sie Hugenottin ist und ich gewisse Grundsätze habe, ich, von denen ich nie weiche. So zum Beispiel, schwöre ich Ihnen hier beim heiligen Jakobus von Oleron, den Herrn da so sicher durch die Pässe der Pyrenäen zu führen wie durch diesen Wald, und ihn sowohl als Ihre Papiere, die wir ohne einen Flecken noch Riß zurückbringen werden, gegen den Teufel zu verteidigen, wenn es nötig sein sollte. Was die Belohnung betrifft, so will ich keine, ich finde sie stets in der Handlung selbst. Überdies nehme ich nie Geld an, denn ich bin Edelmann. Die Laubardemont sind ein sehr altes und sehr gutes Haus.« »So leben Sie denn wohl, edler Mann«, sagte Cinq-Mars, »und reisen Sie ab.« Nachdem er Fontrailles noch die Hand gedrückt hatte, verfügte er sich seufzend in das Gehölz, um nach Chambord zurückzukehren. Zwanzigstes Kapitel. Die Vorlesung Kurze Zeit nach dieser Jagdpartie sah man eines Abends an der Ecke der Place Royale vor einem kleinen, ziemlich hübschen Hause viele Wagen halten; eine kleine Tür desselben öffnete sich, Zu der man auf drei steinernen Stufen heranstieg. Die Nachbarn stellten sich mehrmals, trotz der Furcht vor Dieben, unter Klagen über den störenden Lärm zu dieser späten Abendstunde an die Fenster, und die Nachtwächter staunten, standen oft still und entfernten sich erst, nachdem sie bei jedem Wagen zehn bis zwölf mit Stöcken bewaffnete und Fackeln tragende Livreebediente gesehen hatten. Ein junger, von drei Lakaien gefolgter Edelmann trat ein und fragte nach Fräulein de Lorme; er trug einen langen, mit rosenfarbenen Bändern geschmückten Raufdegen; ungeheure Schleifen von der nämlichen Farbe auf seinen Schuhen mit hohen Absätzen verbargen seine Füße, die er nach der damaligen Mode sehr nach auswärts drehte. Er drehte oft seinen kleinen, gekräuselten Schnurrbart in die Höhe und kämmte, bevor er eintrat, seinen leichten ausgespitzten Bart. Als man ihn ankündigte, empfing ihn die ganze Versammlung mit einem Schrei. »Da ist er ja endlich!« rief eine junge, helle Stimme; »unser liebenswürdiger des Barreaux hat lange auf sich warten lassen. Geschwind einen Stuhl, setzen Sie sich an diesen Tisch und lesen Sie.« Die Sprechende war eine ungefähr vierundzwanzigjährige, hochgewachsene Dame, die, ungeachtet sehr krauser schwarzer Haare und einer olivenfarbenen Haut, dennoch schön war. Sie hatte in ihrem Benehmen etwas Männliches, das sie durch ihren einzig aus Männern bestehenden Kreis angenommen zu haben schien; sie faßte dieselben zuweilen derb beim Arm und redete mit einer Freimütigkeit, welche sie auch ihnen mitteilte. Ihre Gespräche waren meist lebhaft und heiter; sie erregten oft Lachen, allein vor lauter Geist schuf sie Munterkeit um sich (wenn man sich so ausdrücken kann); denn so leidenschaftlich auch ihr Gesicht war, schien es doch unfähig sich zu einem Lächeln zu verziehen, und dies und ihre großen blauen Augen unter ebenholzschwarzen Haaren machten sie anfangs zu einer fremdartigen Erscheinung. Des Barreaux küßte ihr mit galantem und ritterlichem Wesen die Hand, dann machte er mit ihr unter fortwährendem Gespräche einen Gang durch den ziemlich großen Salon, in dem ungefähr dreißig Personen versammelt waren, die einen in großen Lehnstühlen sitzend, die anderen unter der Wölbung des ungeheuren Kamins stehend, wieder andere hinter großen, dichten Vorhängen in den Fenstervertiefungen schwatzend. Die einen waren damals obskure, jetzt sehr berühmte Männer; die anderen berühmte, aber für uns, die Nachwelt, sehr obskure Männer. Unter diesen letzteren verneigte er sich tief vor den Herren von Aubijour von Brion, von Montmort und anderen sehr glänzenden Edelleuten, die sich hier als Richter befanden, drückte herzlich und achtungsvoll den Herren von Monteruel, von Sirmond, von Malleville, Baro, Lumbauld und anderen Gelehrten die Hand, die beinahe alle in den Annalen der Akademie, deren Stifter sie waren und die dazumal selbst bald Académie de beaux esprits (Akademie der Schöngeister), bald Académie eminente (hohe Akademie) hieß, als große Männer genannt werden. Dem jungen Corneille aber, der in einer Ecke mit einem Fremden und einem Jüngling sprach, den er der Herrin des Hauses unter dem Namen eines Herrn Poquelin, Sohn des königlichen Kammerdieners und Tapeziers, vorstellte, nickte er nur mit einer Gönnermiene zu. Der eine der mit Corneille im Gespräch Begriffenen war Molière, der andere Milton. Vor der Vorlesung, die man von dem jungen Sybariten erwartete, entstand ein großer Streit zwischen ihm und anderen Poeten oder Schriftstellern jener Zeit; sie sprachen mit großer Lebendigkeit unter sich, tauschten lebhafte Erwiderungen, fühlten eins für einen einfachen Mann, der plötzlich, ohne eingeweiht zu sein, unter sie hineingeraten wäre, unverständliche Sprache und drückten sich unter freundlichen Komplimenten und zahllosen Anspielungen auf ihre Werke herzlich die Hand. »Ach, sieh' da, unser berühmter Baro«, rief der Neuangekommene; »ich habe Ihre letzten sechszeiligen Verse gelesen. Ach, welche Verse! Wie sind sie in das Zarte und Feine eingedrungen!« »Was reden Sie da vom Zarten?« unterbrach ihn Marion de Lorme. »Haben Sie dieses Land je gekannt! Sie sind in den Dörfern Geistesgroß und Schönvers stehen geblieben und kamen nicht weiter. Wenn uns der Herr Gouverneur von Notre-Dame de la Garde seine neue Karte zeigen will, so will ich Ihnen sagen, wo Sie sich befinden.« Scudéry stand mit prahlerischer und pedantischer Miene auf, entrollte auf dem Tische eine Art Landkarte mit blauen Bändern verziert und zeigte selbst die Linien, die er mit roter Tinte hingezeichnet hatte. »Das ist das schönste Stück Clelias «, sagte er; »man findet diese Karte im allgemeinen recht gut, obwohl sie nur eine einfache Kurzweil des Geistes zur angenehmen Unterhaltung unseres kleinen literarischen Zirkels ist. Da es aber seltsame Leute in der Welt gibt, so fürchte ich, es möchten nicht alle, die sie sehen, in gehörigem Gemütszustände sein, die Erklärung anzuhören. Dies ist der Weg, den man von Neu-Freundschaft nach Zärtlichkeit einschlagen muß; und bemerken Sie wohl, meine Herren, daß, wie man z. B. sagt: Cumä auf dem Ionischen Meere, Cumä auf dem Tyrrhenischen Meere, man sagen wird Zärtlichkeit auf der Zuneigung, Zärtlichkeit auf der Achtung, Zärtlichkeit auf der Erkenntlichkeit . Man muß dabei anfangen, die Dörfer Groß-Herz, Großmut, Genauigkeit, Zarte Sorgfalt zu bewohnen.« »Ach, das ist zu hübsch!« unterbrach ihn des Barreaux. »In der Tat, sehen Sie nur, das Dorf ist hier angezeigt, da ist: Zarte Sorgfalt, Freundschafts-Briefchen , dann Liebesbriefchen ! ...« »O, Sinnreicheres kann es nicht geben!« riefen Vaugelas, Colletet und die anderen alle. »Und bemerken Sie«, fuhr der vermöge dieses günstigen Erfolges sich spreizende Verfasser fort, »daß man über Gefälligkeit und Empfindsamkeit gehen muß und man, wenn man diesen Weg nicht einschlägt, Gefahr läuft, sich nach Lauheit und Vergessenheit zu verirren und in den Gleichgültigkeitssee zu fallen.« »Köstlich! köstlich! Im höchsten Grade niedlich!« riefen die Zuhörer alle. »Man kann nicht mehr Witz besitzen!« »Wohlan, Madame!« hob Scudéry wieder an; »ich erkläre hier bei Ihnen, daß diese unter meinem Namen gedruckte Arbeit von meiner Schwester ist; sie ist es, die die Sappho auf so angenehme Weise übertragen hat.« Und ohne darum gebeten zu werden, deklamierte er in pathetischem Tone mehrere Verse, die mit folgendem endigten: »Die Liebe ist ein süßes Weh Und unheilbar im Herzen mein, Doch wenn sie könnte heilbar sein So möcht' ich lieber sterben dran.« »Wie, diese Griechin besaß so viel Geist? Das kann ich nicht glauben«, rief Marion de Lorme; »wie weit überlegen ist ihr Fräulein von Scudéry! Diese Idee gehört ihr an, sie sollte diese reizenden Verse in die Clelia setzen, ich bitte Sie; das wird sich in dieser römischen Geschichte gut ausnehmen!« »Vortrefflich! das ist vorzüglich!« sagten die Gelehrten alle; »Horaz, Aruns und der liebenswürdige Porsenna sind Verliebte von so feiner Lebensart!« Sie bogen sich alle über die Karte der Zärtlichkeit, und ihre Finger kreuzten und stießen sich, während sie den Krümmungen der Liebesflüsse folgten. Der junge Poquelin aber wagte seine schüchterne Stimme und seinen feinen schwermütigen Blick zu erheben und sagte: »Wozu dient das? Glück oder Vergnügen zu verschaffen? Der Herr da scheint mir nicht sehr glücklich, und ich fühle mich auch nicht besonders erfreut.« Er erhielt nur höhnische Blicke zur Antwort und tröstete sich, indem er die Idee zu seinen » Verschrobenen « faßte. Des Barreaux schickte sich an, ein frommes Sonett vorzulesen, das er während seiner Krankheit gemacht zu haben sich entschuldigte; er schien sich zu schämen, einen Augenblick an Gott gedacht zu haben, während sein Donner grollte, und errötete über diese Schwäche; die Herrin des Hauses hielt ihn aber vom Lesen zurück mit den Worten: »Es ist noch nicht an der Zeit, Ihre schönen Verse herzusagen, Sie würden unterbrochen werden; wir erwarten noch den Herrn Großstallmeister und andere Edlen; es wäre eine Todsünde, während eines solchen Geräusches und solcher Störungen einen großen Geist reden zu lassen. Doch da haben wir einen jungen Engländer, der aus Italien kommt und nach London zurückkehrt. Man hat mir gesagt, er arbeite an einem Heldengedicht, ich weiß nicht an was für einem; er wird uns einige Verse davon zum besten geben. Viele dieser Herren der hohen Gesellschaft verstehen Englisch, und was die anderen betrifft, so hat er für diese die Stellen, die er uns vorlesen wird, durch einen alten Sekretär dos Herzogs von Buckingham übersetzen lassen, und hier liegen französische Abschriften davon auf dem Tische.« Mit diesen Worten nahm sie dieselben und teilte sie an ihre Halbgelehrten aus. Man setzte sich und gebot Schweigen. Es bedurfte einiger Zeit, Milton zu bewegen, die Fenstervertiefung, in der er sich mit Corneille sehr gut zu unterhalten schien, zu verlassen und die Vorlesung zu beginnen. Endlich begab er sich zu dem am Tische stehenden Lehnstuhl; er schien von schwächlicher Gesundheit und fiel eher in den Stuhl, als daß er sich setzte. Er stützte seinen Ellbogen auf den Tisch und bedeckte seine großen, schönen, halbgeschlossenen und durch Nachtwachen oder Tränen geröteten Augen mit der einen Hand. Seine Bruchstücke sagte er aus dem Gedächtnisse her; seine mißtrauischen Zuhörer schauten ihn mit einer hochmütigen oder wenigstens mit einer Gönnermiene an; andere durchliefen nachlässig die Übersetzung seiner Verse. Seine anfangs beengte Stimme wurde im Laufe seiner harmonischen Erzählung immer klarer; der Hauch poetischer Begeisterung entführte ihn bald der irdischen Sphäre, und sein gen Himmel gerichteter Blick wurde verklärt, wie der des jungen Evangelisten von Raffaels Pinsel, denn das Licht widerstrahlte darin. Seine Verse schilderten den ersten Ungehorsam des Menschen und flehten zum heiligen Geiste, der ein einfaches und reines Herz allen Tempeln vorzieht, der alles weiß und dem Werden der Zeit anwohnte. Tiefe Stille herrschte bei diesem Anfang, und ein leichtes Gemurmel folgte dem letzten Gedanken. Er hörte nichts, er sah nur durch eine Wolke, er war in der Welt seiner Schöpfung; dann fuhr er fort. Er schilderte den höllischen Geist durch diamantene Ketten an ein Feuer der Rache geschmiedet, die Zeit, welche während des Sündenfalls sich neunmal in Tag und Nacht teilt, die sichtbare Dunkelheit der ewigen Gefängnisse und den flammenden Ozean, auf dem die gefallenen Engel schwebten; mit donnernder Stimme begann er die Rede des Fürsten der Dämonen: »Bist du«, sagte er, »bist du der, den in dem glücklichen Reiche des Tages ein blendendes Licht umgab? O! wie sehr bist du gefallen! ... Komm' mit mir ... Ei! was liegt an dem Felde unserer himmlischen Schlachten? Ist denn alles verloren? Einen unbezähmbaren Willen, den unwankbaren Rachegeist, einen unsterblichen Haß, einen nie zu beugenden Mut bewahren, ist das nicht ein Sieg?« Jetzt kündete ein Lakai mit schallender Stimme die Herren von Montrésor und von Entraigues an. Sie verneigten sich, sprachen, man rückte die Lehnstühle, endlich setzten sie sich. Die Zuhörer benutzten diese Störung, um zehnerlei besondere Unterhaltungen anzuknüpfen, die kaum etwas anderes als Worte des Tadels und Vorwürfe über üblen Geschmack enthielten. Einige im alten Schlendrian eingerostete Herren riefen, daß sie das nicht verständen, daß das ihre Fassungskraft übersteige (wobei sie allerdings nicht glaubten, so wahr zu reden), und zogen sich durch diese falsche Bescheidenheit ein Kompliment, dem Poeten aber eine Beleidigung zu: ein doppelter Vorteil. Einige Stimmen murmelten sogar von Gotteslästerung. Der unterbrochene Poet stützte seinen Kopf in beide Hände und die Ellbogen auf den Tisch, um diesen Lärm von Kritiken und Artigkeiten, die man sich sagte, nicht zu hören. Drei Männer allein näherten sich ihm, nämlich ein Offizier, Poquelin und Corneille, welch letzterer Milton ins Ohr flüsterte: »Verändern Sie das Gemälde; ich rate es Ihnen; Ihre Zuhörer sind diesem nicht gewachsen.« Der Offizier aber drückte dem englischen Dichter die Hand und sagte: »Ich bewundere Sie mit aller Kraft meiner Seele.« Erstaunt schaute der Engländer zu ihm auf und sah in ein geistiges, leidenschaftliches und kränkelndes Gesicht. Er nickte ihm zu und suchte sich zu sammeln, um fortzufahren. Seine Stimme nahm einen dem Ohr sehr wohltuenden Ausdruck an; er sprach von dem keuschen Glück der zwei schönsten Geschöpfe, schilderte ihre majestätische Nacktheit, die Unschuld und Macht ihres Blickes, dann ihr Wandeln zwischen Tigern und Löwen, die zu ihren Füßen spielten, und die Reinheit ihres Morgengebets, ihr zauberisches Lächeln, ihre mutwillige Jugendlust und die dem Dämonenfürsten so schmerzliche Liebe, die ihre Gespräche aushauchten. Süße und ganz unwillkürliche Tränen zitterten in den Augen der schönen Marion de Lorme, die Natur hatte ihr Herz trotz ihres Verstandes ergriffen; die Poesie erfüllte sie mit ernsten, religiösen Gedanken, von denen der Rausch der Vergnügungen sie stets abwendig gemacht hatte; die Idee der mit Tugend vereinten Liebe erschien ihr zum erstenmal in all ihrer Schönheit, und sie saß wie von einem Zauberstab berührt und zur blassen, schönen Bildsäule verwandelt. Corneille, des Dichters junger Freund, und der Offizier waren voll schweigender Bewunderung, die sie nicht auszudrücken wagten, denn ziemlich laute Stimmen übertönten die des überraschten Poeten. »Man kann es nicht länger aushalten«, rief Des Barreaux; »das ist von einer Fadheit, die einen herzlos machen muß.« »Und welcher Mangel an Anmutigem, Feinem und an schöner Flamme!« sagte Scudéry kalt. »Das ist nicht unser unsterblicher d'Urfé!« sagte Baro, der Fortsetzer von dessen Werken. »Wo ist die Ariane , wo ist die Asträa ?« rief seufzend Godeau, der die Anmerkungen dazu schrieb. Solche verbindliche Bemerkungen, die jedoch derart waren, daß der Poet sie nur als im Gemurmel hören konnte, dessen Sinn ihm undeutlich blieb, verlauteten in der Versammlung. Milton sah indes wohl ein, daß er keinen Enthusiasmus errege und sammelte sich, bevor er eine andere Saite seiner Leier anschlug. In diesem Augenblicke kündete man den Parlamentsrat von Thou an, der sich nach einer bescheidenen Verbeugung schweigend hinter den Stuhl des Dichters, an die Seite Corneilles, Poquelins und des jungen Offiziers schlich. Milton nahm seine Gesänge wieder auf. Er schilderte die Ankunft eines himmlischen Gastes in Edens Garten, der mitten im Tage gleich einer zweiten Aurora erschien, das Gefieder seiner göttlichen Flügel schüttelte, die Lüfte mit unaussprechlichem Wohlgeruch erfüllte und dem Menschen die Geschichte der Himmel, die Empörung Luzifers offenbarte, der, mit einer Rüstung von Diamanten angetan, auf einem der Sonne gleich leuchtenden Wagen und von funkelnden Cherubim bewacht, gegen den Ewigen auszog. Immanuel aber erscheint auf dem lebendigen Wagen des Herrn, und die zweitausend Donner seiner rechten Hand rollen mit entsetzlichem Krachen zur Hölle und reißen die verfluchten Armen in den unermeßlichen Trümmern des niedergerissenen Himmels mit sich. Diesmal stand man auf und alles ward unterbrochen, denn die religiösen Bedenklichkeiten hatten sich jetzt mit dem schlechten Geschmacke verbündet; man hörte nur Ausrufe, welche die Gebieterin des Hauses nötigten, ebenfalls aufzustehen, um sich zu bemühen, dieselben nicht zu den Ohren des Poeten kommen zu lassen. Das hielt nicht schwer, denn er war von der Höhe seiner Gedanken völlig hingerissen; sein Geist hatte in diesem Augenblick keine Gemeinschaft mehr mit der Erde, und als er seine Augen wieder auf seine Umgebung richtete, fand er in seiner Nähe vier Bewunderer, deren Stimmen sich deutlicher vernehmen ließen als die der übrigen Versammlung. Dennoch sagte Corneille zu ihm: »Hören Sie! Wenn Sie nach dem Ruhm der Gegenwart streben, so hoffen Sie ihn nicht von einem so schönen Werke. Die reine Poesie wird von sehr wenig Seelen gefühlt, für den großen Haufen muß sie sich mit dem beinahe physischen Interesse des Dramas vereinigen. Ich bin auch in Versuchung gekommen, ein Heldengedicht über Polyeuktus zu schreiben; allein ich werde den Gegenstand beschneiden, werde die Himmel weglassen und es wird nur eine Tragödie werden.« »Was liegt mir an dem Ruhm der Gegenwart?« antwortete Milton; »ich denke nicht an Erfolg, sondern singe, weil ich mich Dichter fühle, ich gehe, wohin mich die Eingebung zieht; was sie hervorbringt, ist stets gut. Und wenn man diese Verse erst hundert Jahre nach meinem Tode lesen sollte, so mache ich sie dennoch.« »Ach, ich bewundere sie, bevor sie nur geschrieben sind«, sagte der junge Offizier; »ich sehe den Gott darin, dessen Bild ich meinem Herzen eingeimpft gefunden habe!« »Und wer ist der, der mich so freundlich anspricht?« fragte der Poet. »Ich bin René Descartes«, antwortete sanft der Offizier. »Wie, mein Herr!« rief von Thou. »Sie wären so glücklich, ein Angehöriger des Verfassers der › Prinzipien ‹ zu sein?« »Ich bin selbst der Verfasser«, entgegnete er. »Sie, mein Herr? Aber ... doch ... verzeihen Sie mir ... aber ... sind Sie nicht Militär?« fragte der Rat voller Staunen. »Ei, mein Herr, was hat der Gedanke mit der Kleidung des Körpers gemein? Ja, ich trage den Degen und war bei der Belagerung von La Rochelle; ich liebe das Kriegsgewerbe, weil es durch das beständige Gefühl des Opfers seines Lebens die Seele in einer Region edler Ideen erhält; dennoch beschäftigt es seinen Mann nicht völlig; man kann seine Gedanken nicht in beständiger Tätigkeit dabei halten; der Friede hemmt sie. Überdies muß man auch befürchten, sie durch einen Schlag aus der Zukunft dunklem Schoße oder durch einen lächerlichen und unzeitgemäßen Zufall unterbrochen zu sehen, und erreicht den Menschen mitten in der Ausführung seines Planes der Tod, so behält die Nachwelt die Idee von ihm, welche er nicht dabei hatte oder nur noch schlecht ausgeführt hatte, und das ist ein verzweiflungsvoller Gedanke.« Von Thou lächelte vergnügt, als er diese einfache Sprache des geistig so hochstehenden Mannes hörte, diese Sprache, die ihm nach der des Herzens die liebste war; er drückte dem jungen Weisen aus der Touraine die Hand und zog ihn mit Corneille, Milton und Molière in ein anstoßendes Kabinett, wo sie sich in jene Unterredungen einließen, welche die ihnen vorangegangene und nachfolgende Zeit gleichsam als verloren betrachten lassen. Schon zwei Stunden lang erfreuten sie sich ihrer gegenseitigen Gespräche, als der Lärm der Musik von Gitarren und Flöten, die Menuetts, Sarabanden, Allemanden und spanische Tänze spielten, welch letztere die junge Königin in die Mode gebracht hatte, einen beginnenden Ball ankündete. Eine überaus junge und schöne Person mit einem großen Fächer, gleich einem Zepter, und von zehn jungen Herren umgeben, betrat mit ihrem glänzenden Gefolge, das sie gleich einer Königin leitete, den kleinen stillen Salon und brachte die schwatzenden Gelehrten vollends aus dem Text. »Leben Sie wohl, meine Herren, ich räume den Platz dem Fräulein von Lenclos und ihren Musketieren«, sagte von Thou. »Ei, meine Herren«, entgegnete die junge Ninon, »machen wir Ihnen Furcht? Habe ich Sie gestört? Sie sehen mir wie Verschwörer aus.« »Wir sind das während unseres Tanzens vielleicht mehr als diese Herren!« sagte Olivier d'Entraigues, der ihre Hand hielt. »O, Ihre Verschwörung ist gegen mich gerichtet, Herr Page«, antwortete Ninon, indem sie nach einem anderen Chevauleger hinüber schaute und einem dritten ihren freien Arm überließ, während die übrigen sich ihren irrenden Blicken in den Weg zu stellen suchten, denn sie ließ ihre leuchtenden Augensterne über sie schweifen, wie man die leichte Flamme von Fackel zu Fackel eilen sieht, die sie nacheinander anzündet. Von Thou machte sich aus dem Staube, ohne daß es jemand einfiel ihn aufzuhalten, und eilte die große Treppe hinunter, als er den kleinen Abbé von Gondi ganz rot, in Schweiß gebadet und keuchend heraufkommen sah, der ihm mit freudiger Miene rasch den Weg vertrat. »Nun, nun! wohin gehen Sie denn? Lassen Sie die Fremden und die Gelehrten gehen, Sie gehören zu den Unseren. Ich komme ein bißchen spät, doch unsere schöne Aspasia wird mir verzeihen. Warum gehen Sie denn fort? Ist alles zu Ende?« »Es scheint mir, ja, weil man tanzt; die Vorlesung ist beendigt.« »Die Vorlesung schon; aber der Eid?« sagte leise der Abbé. »Welch ein Eid?« fragte von Thou. »Ist Herr le Grand denn nicht gekommen?« »Ich hoffte ihn zu sehen; doch denke ich, er ist entweder nicht gekommen oder schon wieder fort.« »Nein, nein, kommen Sie mit«, sagte der Unbesonnene; »Sie gehören zu den Unseren, parbleu! Es ist rein unmöglich, daß Sie nicht dabei sein sollten, kommen Sie!« Von Thou wagte nicht, es ihm abzuschlagen und den Anschein zu erwecken, als verleugne er seine Freunde, selbst bei Lustpartien, die ihm mißfielen, und folgte ihm daher. Der Abbé öffnete und durchschritt zwei Kabinette und stieg dann eine geheime Treppe hinab. Bei jedem Schritte vorwärts hörte man immer deutlicher Stimmen von versammelten Männern. Gondi öffnete noch eine Tür. Ein unerwartetes Schauspiel bot sich hier von Thous Augen. Das Zimmer, in das er eintrat, lag in geheimnisvollem Halbdunkel und schien der Sitz der wollüstigsten Zusammenkünfte; auf der einen Seite sah man ein vergoldetes Bett mit einem gestickten und mit Federn geschmückten Betthimmel, mit Spitzen und Verzierungen bedeckt; alle von Vergoldungen strotzenden Möbel waren mit grauem, reich bordiertem Seidenstoff überzogen, und samtene Kissen lagen auf dichten Teppichen vor jedem Lehnstuhl. Kleine, durch silberne Verzierungen miteinander verbundene Spiegel stellten einen großen Spiegel, eine damals unbekannte Vollkommenheit, vor, und vervielfachten überall ihre funkelnden Flächen. Kein Geräusch von außen konnte in diesen Ort der Lust dringen, allein die Leute, die er hier versammelte, schienen von den Gedanken, die er erwecken konnte, weit entfernt. Eine Menge Männer, die von Thou als Personen vom Hofe und von den Armeen erkannte, drängten sich am Eingang dieses Zimmers und nahmen auch das anstoßende Gemach ein, das geräumiger schien. Mit aufmerksamen Blicken verfolgte er das Schauspiel, das ihm der erste Salon bot. Zehn junge Leute standen hier mit ihren Degen in der Hand, deren Spitze sie dem Boden zukehrten, um einen Tisch gereiht; ihr Gesicht, das sie Cinq-Mars zugewandt hielten, kündete an, daß sie ihm soeben den Eid geschworen hatten; der Großstallmeister stand vor dem Kamin mit gekreuzten Armen und in tiefe Betrachtungen versunken. Neben ihm stand Marion de Lorme ernst und gesammelt; sie schien ihm diese Edelleute vorgestellt zu haben. Sobald Cinq-Mars seinen Freund erblickte, stürzte er, mit einem fürchterlichen Blick auf Gondi, der noch offenstehenden Tür zu, ergriff von Thou bei den Armen und hielt ihn an der Schwelle zurück. »Was tun Sie hier?« fragte er ihn mit erstickter Stimme. »Wer bringt Sie her? Was wollen Sie von mir? Sie sind verloren, wenn Sie eintreten.« »Was tun Sie selbst hier? Was sehe ich in diesem Hause?« »Die Folge dessen, was Ihnen schon bekannt ist; entfernen Sie sich, sag' ich Ihnen; diese Luft ist für alle hier Anwesenden giftgeschwängert.« »Es ist nicht mehr Zeit, man hat mich schon gesehen; was würde man zu meiner Entfernung sagen? Ich würde alle entmutigen und Sie wären verloren.« Dieses Gespräch war halblaut und sehr schnell geführt; beim letzten Worte stieß von Thou seinen Freund vorwärts, trat ein und schritt mit festem Schritt durch das Zimmer und dem Kamin zu. Bebend vor Zorn verfügte sich Cinq-Mars wieder an seinen Platz, senkte einen Augenblick den Kopf, um sich zu sammeln, und erhob ihn dann bald wieder, ein ruhiges Antlitz zeigend und seine durch den Eintritt des Freundes unterbrochene Rede fortsetzend: »So gehören Sie denn zu den Unsrigen, meine Herren; doch so großen Geheimnisses bedarf es jetzt nicht mehr; erinnern Sie sich, daß, wenn ein starker Geist eine Idee erfaßt, er dieselbe trotz aller ihrer Folgen festhalten muß. Ihr Mut wird ein größeres Feld haben als das einer Hofintrige. Danken Sie mir, statt einer Verschwörung gebe ich Ihnen einen Krieg. Herr von Bouillon ist abgereist, um sich in Italien an die Spitze seiner Armee zu stellen; in zwei Tagen verlasse ich noch vor dem Könige Paris und gehe nach Perpignan; kommen Sie alle hin, die Royalisten der Armee erwarten uns dort.« Bei diesen Worten warf er vertrauensvolle und ruhige Blicke um sich; er sah in den Augen aller, die ihn umringten, Freude und Begeisterung strahlen. Bevor er jedoch sein eigenes Herz der ansteckenden Bewegung, die großen Unternehmungen vorangeht, überließ, wollte er sich ihrer noch vergewissern und wiederholte mit ernster Miene: »Ja, Krieg, meine Herren, bedenken Sie das hier noch, ein offener Krieg. La Rochelle und Navarra bereiten sich zum großen Erwachen ihrer Reformierten vor; Italiens Armee wird von der einen Seite einrücken, von der anderen der Bruder des Königs zu uns stoßen; der gefährliche Mann wird umzingelt, erdrückt werden. Die Parlamente werden unseren Nachtrab bilden und dem König eine Bittschrift, eine ebenso starke Waffe als unsere Schwerter, überbringen; nach dem Siege werfen wir uns Ludwig XIII., unserem Herrn und Gebieter, zu Füßen, daß er uns begnadige und verzeihe, ihn von einem blutdürstigen Ehrgeizigen befreit und seinen Entschluß beschleunigt zu haben.« Hier blickte er wieder im Kreise umher und sah abermals in den Blicken und der Stellung seiner Mitverschworenen eine wachsende Zuversicht. »Wie!« hob er wieder an, indem er seine Arme kreuzte und seiner eigenen Bewegung mit Gewalt Einhalt tat, »Sie schrecken vor diesem Entschlusse, der anderen Männern eine Empörung scheinen würde, nicht zurück? Glauben Sie nicht vielleicht, ich hätte die Vollmacht, die Sie in meine Hände gelegt haben, mißbraucht? Ich habe die Sachen weit getrieben, allein es gibt Zeiten, wo die Könige wider ihren Willen bedient werden wollen. Alles ist vorbereitet, Sie wissen es. Sedan wird uns seine Tore öffnen und wir sind der Hilfe Spaniens gewiß. Zwölftausend Mann Kerntruppen werden mit uns bis nach Paris rücken. Ein fester Platz soll indes den Fremden nicht überliefert werden; sie werden alle durch französische Garnisonen besetzt und im Namen des Königs eingenommen werden.« »Es lebe der König! Es lebe die Union! die neue Union, die heilige Ligue!« riefen die jungen Leute der Versammlung alle. »So ist er denn gekommen«, rief Cinq-Mars mit Begeisterung, »so ist er gekommen, der schönste Tag meines Lebens. O Jugend, Jugend, von Jahrhundert zu Jahrhundert die unbedachtsame und leichtsinnige genannt; wessen wird man dich heute beschuldigen? Mit einem zwanzigjährigen Anführer wurde die umfassendste, rechtmäßigste und heilsamste der Unternehmungen beschlossen, zur Reife und zur Ausführung gebracht. Freunde! Was ist ein großes Leben, wenn nicht ein im reiferen Alter ausgeführter Gedanke der Jugend? Die Jugend starrt mit ihrem Adlerblick in die Zukunft, entwirft für dieselbe einen weitläufigen Plan, legt einen Grundstein, und alles, was unser ganzes Dasein tun kann, ist, dem Ziel dieses ersten Vorsatzes nahe zu kommen. Ach! wann könnten große Entwürfe entstehen, wenn nicht, so lange das Herz kräftig im Busen pocht? Der Verstand allein würde nicht dazu hinreichen, er ist nichts als ein bloßes Werkzeug. Ein neuer freudiger Ausbruch folgte diesen Worten, als ein Greis mit weißem Barte aus der Menge hervortrat. »Ei«, sagte Gondi halblaut, »kommt da der alte Ritter von Guise mit seinem langweiligen Geschwätz, das unseren Eifer erkalten wird.« Wirklich drückte auch der Greis Cinq-Mars die Hand und sagte, nachdem er an seine Seite getreten war, langsam und mit ziemlicher Anstrengung: »Ja, mein Kind, und ihr alle, meine Kinder; ich sehe mit Freude, daß mein alter Freund Bassompierre durch euch befreit werden soll und ihr den Grafen von Soissons und den jungen Montmorency zu rächen gedenkt ... Der Jugend aber, so feurig sie ist, steht es zu, auf die zu hören, die viel gesehen haben. Ich habe die Ligue gesehen, meine Kinder, und sage euch, daß ihr diesmal nicht, wie man damals tat, euch die Heilige Ligue, Heilige Union, Beschützer des St. Petristuhles und Pfeiler der Kirche nennen könnet, weil ich sehe, daß ihr auf den Beistand der Hugenotten zählt; ebenfalls könnt ihr nicht einen leeren Thron auf euer großes Siegel von grünem Wachse setzen, weil dieser von einem König besetzt ist ...« »Sie können sagen von zwei Königen«, unterbrach ihn Gondi lachend. »Dennoch ist es von großer Wichtigkeit«, fuhr der alte Guise mitten unter den lärmenden jungen Leuten fort, »dennoch ist es von großer Wichtigkeit, der Sache einen Namen beizulegen, dem sich das Volk anschließt; der › Öffentlicher Wohlfahrtskrieg ‹ ist früher schon gebraucht worden, › Friedensfürsten ‹ erst kürzlich; man muß einen neuen erfinden ...« »Wohlan! › Königskrieg ‹«, sagte Cinq-Mars ... »Ja, das ist's! › Königskrieg ‹«, riefen Gondi und die jungen Leute alle. »Es wäre aber«, begann der alte Anhänger der Ligue wieder, »es wäre wesentlich, unser Unternehmen durch die theologische Fakultät der Sorbonne, welche ehemals sogar die Haut-gourdiers und Sorgueurs Benennungen Angehöriger der Ligue. sanktionierte, gutheißen und ihr zweites Mandat in Kraft treten zu lassen, daß dem Volke nämlich erlaubt sei, seinen Oberen den Gehorsam zu versagen und sie zu hängen.« »Ei, Ritter!« rief Gondi, »es handelt sich nicht mehr um das; lassen Sie Herrn le Grand reden; wir denken jetzt an die Sorbonne nicht mehr als an Ihren heiligen Jacques Clément.« Man lachte, und Cinq-Mars hob wieder an: »Meine Herren, ich habe Ihnen von den Plänen Monsieurs, denen des Herzogs von Bouillon und von den meinigen nichts verheimlichen wollen, weil es nicht mehr als billig ist, daß ein Mann, der sein Leben einsetzt, auch wisse, wie die Karten liegen; allein ich habe Ihnen vor Augen geführt, was im unglücklichsten Falle eintreten könnte, und Ihnen unsere Kräfte nicht umständlich auseinandergesetzt, weil sie nicht einem von Ihnen mehr Geheimnis sind. Oder sollte ich etwa Ihnen, Herr von Montrésor und Saint-Thibal, mitteilen, welche Reichtümer Monsieur zu unserer Verfügung stellt? Sollte ich etwa Ihnen, Herr von Aignan und Herr von Monqui, sagen, wieviel junge Edelleute sich Ihren Kompagnien der Gardereiter und Chevaulegers anschließen wollten, um gegen die Kardinalisten zu kämpfen? Wieviel aus der Touraine und der Auvergne, wo die Güter des Hauses Effiat sind und von wo zweitausend Edle mit ihren Vasallen zu uns stoßen werden! Baron von Beauvau, soll ich Sie wiederholen lassen, welchen Eifer und welche Tapferkeit jene Kürassiere an den Tag legten, die Sie dem unglücklichen Grafen von Soissons, dessen Sache auch die unsere war, liehen und den Sie mitten in seinem Siege durch den ermorden sahen, den er mit Ihnen besiegt hatte? Soll ich diesen Herren die Freude des Grafen-Herzogs bei der Nachricht unserer Anordnungen und die Briefe des Kardinal-Infanten von Olivarez, Graf-Herzog von San-Lucas. an den Herzog von Bouillon mitteilen? Soll ich dem Abbé von Gondi, d'Entraigues und Ihnen, meine Herren, von Paris sprechen, da Sie täglich sein Unglück, seine Entrüstung und sein Bedürfnis, loszubrechen, mit eigenen Augen sehen? Während alle auswärtigen Reiche Frieden verlangen, den der Kardinal, der weder Treu noch Glauben hält, stets zerstört (wie bei dem Vertrag von Regensburg geschah, den er eigenmächtig brach), seufzen alle Klassen des Staates unter seinen Gewalttätigkeiten und fürchten jenen kolossalen Ehrgeiz, der nach nichts Geringerem strebt als nach dem weltlichen und sogar geistlichen Throne Frankreichs.« Ein beifälliges Gemurmel unterbrach Cinq-Mars. Man schwieg einen Augenblick und hörte den Ton der Blasinstrumente und das taktmäßige Getrippel der Füße der Tanzenden. Dieser Schall verursachte eine augenblickliche Zerstreuung und einiges Lächeln unter den jungen Leuten der Versammlung. Cinq-Mars benutzte dieselbe, hob die Augen gen Himmel und rief: »O Jugendfreuden, Liebe, Musik, ihr fröhlichen Tänze, warum füllt nicht ihr allein unsere Muße aus! Warum seid ihr nicht unser einziger Ehrgeiz! Welch großen Rachegefühls bedarf es, um unseren Schrei der Entrüstung inmitten des schallenden Jubels hören zu lassen! Wehe dem, der die Jugend eines Volkes in Trauer stürzt! Wenn die Runzeln die Stirn des Jünglings furchen, so darf man keck sagen, der Finger eines Tyrannen habe sie gegraben. Die Verzweiflung und nicht Bestürzung sind schuld an den übrigen Leiden seines Jugendalters. Seht jeden Morgen jene traurigen, düsteren Studenten mit der gelben Stirn, dem langsamen Gange und der leisen Stimme vorbeiziehen; ist es nicht, als fürchten sie zu leben und einen Schritt der Zukunft näher zu tun? Wer ist denn in Frankreich? Ein Mann zu viel.« »Ja«, fuhr er fort, »zwei Jahre lang bin ich dem hinterlistigen und tiefen Gang seines Ehrgeizes gefolgt. Seine fremdartigen Prozeduren, seine geheimen Kommissionen, seine rechtsförmigen Morde sind Ihnen bekannt; Prinzen, Pairs, Marschälle, alles ward von ihm in den Staub gestürzt; es gibt nicht eine Familie in Frankreich, die nicht eine schmerzliche Spur seiner Heimsuchung aufzuweisen hätte. Er betrachtet uns alle als Feinde seiner Macht und will in Frankreich nur sein Haus, das vor zwanzig Jahren nur eines der kleinsten Lehen in Poitou besaß, aufrechterhalten. Die erniedrigten Parlamente haben keine Stimme mehr; haben die Präsidenten von Mesme, von Novion, von Bellièvre euch gesagt, welch mutigen, aber vergeblichen Widerstand sie leisteten, den Herzog von La Vallette zum Tode zu verurteilen? Die Präsidenten und Räte der obersten Gerichtshöfe sind gefangen genommen, verjagt, ihrer Stellen entsetzt worden, unerhörte Tat! weil sie zugunsten des Königs oder des Publikums gesprochen hatten. Die ersten Stellen an den Gerichtshöfen, wer verwaltet sie? Niederträchtige und verdorbene Menschen, die das Blut und das Gold des Landes aufsaugen. Paris und die Seestädte sind mit Schätzungen belegt, die Landschaft durch Soldaten, Gerichtsdiener und Siegelbewahrer verwüstet und zugrunde gerichtet, die Bauern dahin gebracht worden, daß sie sich mit den durch Pest oder Hunger aufgeriebenen Tieren nähren, deren Streu als Lager benützen: das ist das Werk dieser neuen Justiz. Und ebenso wahr ist, daß diese würdigen Agenten Münzen mit dem Bildnisse des Kardinal-Herzogs schlagen ließen. Hier sind einige von seinen königlichen Stücken.« Mit diesen Worten warf der Großstallmeister ungefähr zwanzig Goldstücke mit dem Bilde Richelieus auf den Teppich. Ein neues Gemurmel des Hasses gegen den Kardinal entstand im Saale. »Und glauben Sie, die Geistlichkeit sei weniger erniedrigt worden und weniger unzufrieden? Nein! Die Bischöfe sind, entgegen allen Staatsgesetzen und der ihren geheiligten Personen schuldigen Achtung, gerichtet worden. Man sah algerische Korsaren von einem Erzbischof befehligt. Unbedeutende Leute sind zur Kardinalswürde erhoben. Der Minister selbst, der das Heiligste nicht achtet, hat sich zum Ordensgeneral von Citeaux, Cluny, Prémontré erwählen lassen, indem er die Mönche, die ihm ihre Stimme versagten, ins Gefängnis werfen ließ. Die Jesuiten, Karmeliter, Franziskaner, Augustiner, Jakobiner sind gezwungen, in Frankreich Generalvikare zu wählen, um mit ihren Oberen in Rom in keiner Verbindung mehr zu stehen, weil er Patriarch von Frankreich und das Haupt der französischen Kirche sein will.« »Er ist ein Abtrünniger, ein Ungeheuer!« riefen mehrere Stimmen. »Man sieht also leicht, auf welchem Wege er ist, meine Herren; er ist im Begriff, die weltliche und geistliche Macht an sich zu reißen; er hat sich dem König gegenüber allmählich in seinem Landeswinkel und auf den festesten Plätzen Frankreichs zusammengezogen, sich der Mündungen der Hauptflüsse, der besten Häfen des Ozeans, der Salinen und aller Verfassungsrechte des Königreichs bemächtigt; aus dieser Bedrängnis müssen wir daher den König befreien. König und Friede soll unser Feldgeschrei sein. Das übrige sei der Vorsehung anheimgestellt.« Cinq-Mars erregte durch diese Rede das Staunen der ganzen Versammlung und sogar von Thous. Niemand hatte ihn bisher, selbst in vertraulichen Unterredungen nicht, lange zusammenhängend sprechen hören, und niemals hatte er auch nur durch ein Wort die geringste Kenntnis der öffentlichen Angelegenheiten und die Fähigkeit, dieselben zu leiten, merken lassen, sondern im Gegenteil selbst vor den Augen derer, die er geneigt machte, seinen Plänen zu dienen, eine große Gleichgültigkeit geheuchelt und ihnen nur eine tugendhafte Entrüstung über die Gewalttätigkeiten des Ministers gezeigt, indem er jedoch seine eigenen Ideen alle in den Hintergrund stellte, um als Ziel seiner Arbeiten seinen persönlichen Ehrgeiz nicht sehen zu lassen; das Vertrauen, das man ihm bewies, beruhte auf seiner Gunst und seiner Tapferkeit. Die Überraschung war daher groß genug, um für einen Augenblick Schweigen zu verursachen, welches aber bald durch jenes Entzücken der Franzosen, der jungen und alten, gebrochen wurde, das diese Nation stets beseelt, wenn man ihr bevorstehende Kämpfe, welcher Art sie auch sein mögen, zeigt. Unter den vielen, die dem jungen Anführer die Hand zu drücken kamen, ließ sich auch der Abbé von Gondi sehen. »Ich habe mein Regiment schon angeworben«, rief er. »Ich habe prächtige Leute.« Dann sich an Marion de Lorme wendend: »Parbleu, Fräulein, ich will Ihre Farben tragen, Ihr flachsblütenfarbenes Band und Ihren Orden vom Schwefelhölzchen . Der Wahlspruch davon ist allerliebst: Wir brennen nur, um andere zu brennen . Ich wollte nur, Sie könnten sehen, was für schöne Taten wir vollbringen werden, wenn das Glück uns zum Handgemenge kommen läßt.« Die schöne Marion, die ihm nicht besonders gewogen war, fing an, über seinen Kopf hinweg mit Herrn von Thou zu sprechen, welche Kränkung den kleinen Abbé stets erbitterte; er verließ sie daher barsch, indem er seine kleine Gestalt aufrichtete und verächtlich seinen Schnurrbart in die Höhe schob. Plötzlich entstand eine Bewegung in der Versammlung, worauf augenblickliche Stille eintrat. Ein zusammengerollter Papierstreifen war auf den Boden und vor Cinq-Mars' Füße gefallen. Er hob ihn auf und entfaltete ihn, nachdem er vorher aufmerksam im Kreise umhergeschaut hatte; man suchte vergeblich, woher das Papier gekommen sein möchte; auf den Gesichtern aller Herzutretenden lag nur der Ausdruck des Staunens und großer Neugier. »Da ist mein Name falsch geschrieben«, sagte er kalt. An Cinq-Mars ! Prophezeiung des Nostradamus . Diese Prophezeiung war drei Monate vor der Verschwörung schon im Publikum bekannt. Da Rotkäppchen durchs Fenster eingeht, Im einundfünfzig Dein Kopf nicht mehr steht Und alles ist zu Ende. »Es ist ein Verräter unter uns, meine Herren«, fügte er, das Papier wegwerfend, hinzu, »doch gleichviel! Wir sind nicht die Leute, die sich durch seine blutigen Wortspiele schrecken lassen.« Dennoch machte es auf die Versammlung einen leidigen Eindruck. Man flüsterte sich nur noch in die Ohren, und jeder schaute seinen Nachbar mißtrauisch an. Einige Personen entfernten sich, die Reihen lichteten sich. Marion de Lorme versicherte einem jeden unablässig, daß sie ihr Gesinde, das man allein verdächtigen konnte, fortjagen wolle. Ungeachtet ihrer Bemühungen herrschte doch von diesem Augenblick an eine gewisse Kälte im Saale. Die ersten Worte von Cinq-Mars' Rede ließen auch über die Absichten des Königs einige Ungewißheit, und diese unzeitige Offenheit hatte die minder festen Charaktere etwas erschüttert. Gondi machte Cinq-Mars darauf aufmerksam. »Hören Sie«, sagte er leise zu ihm, »glauben Sie mir, ich habe die Verschwörungen und Versammlungen sorgfältig studiert, und es gibt dabei rein mechanische Sachen, die man wissen muß; folgen Sie hier meinem Rate; ich bin wahrlich in diesem Teil ziemlich stark geworden, Sie müssen ihnen noch ein Wörtchen sagen und den Geist des Widerspruchs dabei anwenden, das gelingt in Frankreich stets; Sie machen Ihre Leute auf solche Weise wieder warm. Geben Sie sich das Ansehen, sie nicht wider Ihren Willen halten zu wollen, dann bleiben sie.« Der Großstallmeister fand das Rezept gut, trat zu denen hin, welche er als solche kannte, die der Sache am meisten zugetan waren, und sagte zu ihnen: »Übrigens, meine Herren, will ich niemand zwingen, mir zu folgen; es erwarten uns der Tapferen genug in Perpignan, und ganz Frankreich ist unserer Ansicht. Will sich jemand von Ihnen einen Rückzug sichern, so möge er reden; wir werden ihm die Mittel geben, sich schon jetzt in Sicherheit zu bringen.« Keiner wollte von diesem Vorschlage etwas hören, und die Bewegung, die er verursachte, erneuerte nur den Haß, den man dem Minister schwor. Cinq-Mars fuhr indessen fort, einige Personen zu befragen, die er gut wählte, denn er endigte bei Montrésor, welcher rief, er würde sich eher den Degen durch den Leib stoßen als solch einen Gedanken zu haben, und bei Gondi, der, sich stolz auf seinen Fersen drehend, sagte: »Herr Großstallmeister, mein Zufluchtsort ist der erzbischöfliche Palast in Paris und die Insel Notre-Dame; ich werde sie zu einem so festen Platze machen, daß man mich nicht kriegen soll.« »Und der Ihrige«, sagte Cinq-Mars zu von Thou. »An Ihrer Seite«, antwortete dieser sanft und mit niedergeschlagenen Augen, indem er nicht einmal durch die Festigkeit seines Blickes seinem Entschlusse Wichtigkeit verleihen wollte. »Sie wollen es, nun denn! so nehme ich es an«, sagte Cinq-Mars, »mein Opfer ist hierin größer als das Ihrige.« Und zu der übrigen Versammlung gewandt, fuhr er fort: »Meine Herren, in Ihnen sehe ich die letzten Männer Frankreichs; denn nach den Montmorency und Soissons wagen Sie allein noch ein freies und Ihrer alten Freiheiten würdiges Haupt zu erheben. Wenn Richelieu triumphiert, so stürzen die alten Fundamente der Monarchie mit uns zusammen, so wird der Hof allein an der Stelle der Parlamente, der alten Schranken und zugleich mächtigen Stützen der königlichen Macht herrschen; siegen wir aber, so verdankt uns Frankreich die Erhaltung seiner alten Sitten und seiner Verfassung. Übrigens, meine Herren, wäre es ärgerlich, deshalb einen Ball zu verderben; Sie hören die Musik, die Damen erwarten Sie; gehen wir zum Tanze.« »Der Kardinal soll die Violine bezahlen«, fügte Gondi hinzu. Die jungen Leute klatschten lachend Beifall und alle gingen wieder in den Tanzsaal hinauf, als hätten sie sich nur geschwind irgendwo geschlagen. Einundzwanzigstes Kapitel. Der Beichtstuhl Am Tage nach der Versammlung, die bei Marion de Lorme stattgefunden hatte, lag starker Schnee auf den Dächern von Paris und schmolz in seinen Straßen und seinen breiten Bächen, wo er in graulichen, durch die Räder einiger Karren gefurchten Haufen aufgeschichtet lag. Es war acht Uhr abends und die Nacht dunkel; die lärmende Stadt war unter dem dichten Teppich, den der Winter über sie ausgeworfen hatte, in Schweigen begraben. Er verhinderte, das Gerassel der Räder auf den Steinen und das Getrappel der Pferde oder die Schritte der Menschen zu hören. In einer engen Straße, die sich um die alte Kirche von Saint-Eustache schlängelt, spazierte langsam ein in seinen Mantel gehüllter Mann und suchte in der Dunkelheit zu unterscheiden, ob nichts an der Biegung des Platzes erscheine; zuweilen setzte er sich auf einen der Wehrsteine der Kirche, indem er sich unter jenen horizontalen Heiligenstatuen, die aus dem Dache dieses Tempels hervorragen und sich beinahe über der ganzen Breite des Gäßchens gleich Raubvögeln ausdehnen, die im Begriff, auf ihr Opfer herabzuschießen, ihre Flügel zurückgebogen haben, vor dem Schneefall in Sicherheit stellte. Oft auch tat der Greis seinen Mantel voneinander und schlug schnell seine Arme gegen die Brust, kreuzte sie und streckte sie dann aus und schlug sie wieder zusammen, um sich zu wärmen, oder blies in seine Finger, die ein Paar bis an die Ellbogen reichenden büffelledernen Handschuhe schlecht vor Kälte schützten. Endlich bemerkte er einen kleinen Schatten, der sich aus dem Schnee hervorhob und an der Mauer hinschlüpfte. »Ach, Santa-Maria! Was für häzlich Land, diz Land im Nord!« sagte eine zarte, zitternde Stimme. »Ach, die Erzogin di Mantua! Wie gern wär iz nog dort, mein alter Grandchamp!« »Bst, bst! nicht so laut gesprochen«, antwortete barsch der alte Bediente, »die Mauern von Paris haben Kardinalsohren, und besonders die Kirchen. Ist Ihre Gebieterin drinnen? Mein Herr erwartete sie an der Tür.« »Ja, ja, sie ist in die Kirche gegangen.« »Schweigen Sie«, sagte Grandchamp, »der Schall der Turmuhr tönt dumpf, das ist ein böses Zeichen.« »Die Uhr hat die Stunde einer Zusammenkunft geschlagen.« »Für mich schlägt sie die Stunde einer Todesqual. Doch schweigen Sie, Laura, da kommen drei Männer in Mänteln vorüber!« Sie ließen die drei Männer an sich vorbeigehen. Grandchamp folgte ihnen, vergewisserte sich des Weges, den sie einschlugen, und kam dann zurück. Tief seufzend setzte er sich wieder. »Der Schnee ist kalt, Laura, und ich bin ein alter Mann. Herr le Grand hätte wohl einen anderen seiner Diener wählen können, um als Schildwache hier zu bleiben, wie ich muß, während er der Liebe pflegt. Liebesbriefchen und Bänderchen und Bildnisse und andere dergleichen Narreteien herumzutragen sind Dinge für Sie; was aber mich betrifft, so dürfte man mich mit etwas mehr Rücksicht behandeln! Der Marschall hätte das allerdings nicht getan. Die alten Bedienten halten ein Haus in Ehren.« »Ist Ihr Herr schon lange da, caro amico ?« »Ei, cara! caro! lassen Sie mich in Ruhe. Schon eine Stunde lang mußten wir beinahe erfrieren, als ihr beide endlich gekommen seid; ich hätte Zeit gehabt, drei türkische Pfeifen zu rauchen. Tun Sie, was Ihnen zukommt, und sehen Sie bei den anderen Kirchtüren nach, ob nicht jemand Verdächtiges herumstreicht; da nur zwei Schildwachen vorhanden sind, müssen diese brav herumlaufen und ein achtsames Auge auf alles haben.« »Ah, Signor Gesu ! Niemand haben, mit dem man ein freundliches Wort reden kann, wenn es so kalt ist! Und meine arme Gebieterin! Vom Hotel Nevers zu Fuß hierher kommen. Ach, Amore! qui regna amore Liebe! Hier ist Liebe im Spiel! ! »Marsch, Italienerin, mach' rechts in die Flank', sag' ich dir, so höre ich dich mit deiner musizierenden Stimme nicht mehr.« »Ach, Jesus! ist das eine grobe Stimme, lieber Grandchamp! Sie waren in Chaumont in der Turéna viel liebenswürdiger, als Sie mit mir von den schwarzen occhi miei Augen mein. sprachen. »Noch einmal, schweig', Plappermaul, dein Italienisch ist nur gut für Possenreißer und Seiltänzer, um die gelehrten Hunde zu amüsieren.« »Ach! Italia mia ! Grandchamp; hören Sie mir zu und Sie werden die Sprache der Gottheit vernehmen. Wären Sie nur ein galantuomo Edelmann. wie der, welcher das für eine Laura gleich mir gemacht hat! ...« Und sie begann halblaut zu singen: » Lieti fiori e felici, e ben nate erbe Che Madonna pensando premer sole; Piaggia ch'ascolti su dolci parole E del bel piede alcun vestigio serbe . Glückselige Blumen, die zu vielen Malen Die Herrin wandelnd beugt, o lichte Sprossen! Ihr Höhn, wo sich ihr süßes Wort ergossen, Des schönen Fußes Spuren noch sich malen! « Der alte Soldat war wenig an die Stimme junger Mädchen gewöhnt, und wenn überhaupt ein weibliches Wesen ihn anredete, so schwankte der Ton, den er bei der Antwort annahm, stets zwischen linkischer Höflichkeit und übler Laune. Dennoch schien er diesmal dem italienischen Lied zuliebe gerührt zu werden und schob seinen Schnurrbart in die Höhe, was bei ihm ein Zeichen der Verlegenheit und eine Nothilfe war; er ließ sogar einen heiseren, dem Lachen ziemlich ähnlichen Ton hören und sagte: » Mordieu ! das ist ziemlich hübsch! Das erinnert mich an die Belagerung von Casal; doch schweige, Kleine, ich habe den Abbé Quillet noch nicht kommen hören; das beunruhigt mich; er muß vor unseren beiden Leuten angekommen sein und schon lange ...« Laura, die sich fürchtete, allein auf den St. Eustacheplatz geschickt zu werden, entgegnete ihm, sie sei überzeugt, daß der Abbé soeben hineingegangen sei und fuhr fort: » Ombrose selve, ove percote il sole Che vi fa co' suoi raggi alte e superbe . Du Schattenwald, von Sonnenlicht umflossen, Das hehr und stolz dich macht mit seinen Strahlen. Petrarca . « »Hm!« machte brummend der gute Alte, »meine Füße stecken im Schnee und im Ohr hab' ich die Dachtraufe; auf dem Kopf sitzt die Kälte und im Herzen der Tod, und du singst mir nur von Veilchen, von der Sonne, vom Grün und der Liebe; schweig!« Und sich weiter unter die Gewölbbogen der Kirche zurückziehend, ließ er sein altes Haupt und seine weißen Haare auf beide Hände fallen und blieb nachdenklich und unbeweglich. Laura wagte nicht, ihn wieder anzureden. Während ihre Kammerfrau sich zu Grandchamp begeben, hatte die junge und zitternde Marie mit schüchterner Hand die Flügeltür der Kirche aufgestoßen und dort Cinq-Mars angetroffen, der sie stehend und in einer Verkleidung mit Ungeduld erwartete. Kaum hatte sie ihn erkannt, schritt sie schnell vorwärts, indem sie ihre Samtmaske vor ihr Gesicht hielt, und eilte, sich in einen Beichtstuhl zu flüchten, während Henri sorgfältig die Kirchentür, durch die er eingetreten war, abschloß. Er vergewisserte sich, daß man sie nicht von außen öffnen könnte und kniete dann wie gewöhnlich an dem Ort der Buße neben ihr hin. Als er eine Stunde vor ihr mit seinem alten Diener hier angekommen war, hatte er diese Tür offen gefunden, was ihm laut Verabredung als sicherstes Zeichen galt, daß der Abbe Quillet, sein Erzieher, ihn an seinem gewöhnlichen Orte erwarte. keine Sorgfalt, jeder Überraschung vorzugreifen, gebot ihm, diesen Eingang bis zu Maries Ankunft selbst zu bewachen, und obwohl er sich der Genauigkeit seines guten Abbé sehr freute, wollte er seinen Posten doch nicht verlassen, um sich zu ihm hinzubegeben und ihm zu danken. Er war ihm ein zweiter Vater und besaß demzufolge einigen Einfluß auf ihn, und Cinq-Mars behandelte deshalb auch den guten Priester ohne viele Umstände. Die alte Pfarrkirche von Saint-Eustache war in Dunkelheit gehüllt, neben dem ewigen Lichte brannten nur noch vier gelbe Wachskerzen, welche, an den Hauptpfeilern über den Weihkesseln aufgesteckt, einen rötlichen Schein auf den blauen und schwarzen Marmor der öden Basilika warfen. Das Licht drang kaum in die tieferliegenden Orte der Seitenflügel des gottgeweihten Gebäudes. In einer dieser Kapellen, der dunkelsten, befand sich der Beichtstuhl, dessen eisernes, ziemlich hohes und mit dicken Brettern abgeschlagenes Gitter nur die kleine Decke und das hölzerne Kreuz sehen ließ. Hier knieten zu jeder der beiden Seiten Cinq-Mars und Marie von Mantua; sie sahen sich kaum und fanden, daß der seiner Gewohnheit nach zwischen ihnen sitzende Abbé Quillet schon lange auf sie gewartet haben mußte. Durch das kleine Gitterwerk konnten sie den Schatten seiner Priesterkleidung sehen. Henri d'Effiat hatte sich langsam genähert; er kam sozusagen sein Schicksal vollends zu bestimmen und zu bahnen. Nicht vor seinem König sollte er jetzt erscheinen, sondern vor einer höheren Macht, vor der, für welche er sein ungeheures Werk unternommen hatte. Er wollte ihre Treue erproben und zitterte. Er bebte, als er seine junge Verlobte sich gegenüber knien sah; er bebte, weil er sich beim Anblick dieses Engels nicht enthalten konnte, zu fühlen, was für ein Glück er verlieren könnte; er wagte nicht, zuerst zu sprechen, und betrachtete noch einen Augenblick ihren aus dem Halbdunkel hervortretenden Kopf, diesen jungen Kopf, auf dem alle seine Hoffnungen ruhten. Trotz seiner Liebe konnte er, so oft er sie sah, eines gewissen Schreckens nicht Herr werden für ein Kind, dessen Leidenschaft nur ein schwacher Widerschein der seinigen war, und das vielleicht die Opfer alle nicht hinlänglich schätzte, die er ihm gebracht hatte, so viel unternommen zu haben. Um ihretwillen hatte er seinen Charakter schmiegsam zu allen Gefälligkeiten eines Höflings gemacht, sich zu den Intrigen und Leiden des Ehrgeizes verdammt und in die tiefen Berechnungen, die verbrecherischen Entwürfe, die trüben und gewalttätigen Arbeiten eines Verschwörers gestürzt. Bis dahin hatte sie bei ihren heimlichen und keuschen Zusammenkünften jede Nachricht von Fortschritten in seiner Laufbahn mit der Freude und dem Entzücken eines Kindes aufgenommen, ohne jedoch das Ermüdende eines jeden der so schwierigen Schritte zu Ehrenstellen zu würdigen, und ihn mit unschuldiger Naivität stets fragend, wann er endlich einmal Connetable werden würde und sie sich verheiraten könnte, als ob sie gefragt hätte, wann er zum Karussell kommen würde und ob das Wetter schön sei. Bisher hatte er über diese Fragen und diese Unwissenheit gelächelt, die bei einem jungen achtzehnjährigen, für einen Thron geborenen Mädchen verzeihlich waren, das sozusagen nur an natürliche Größe, von der es sich bei seinem Werden schon umringt sah, gewöhnt war; allein jetzt stellte er ernsters Betrachtungen über diesen Charakter an, und als er, der kurz zuvor die imposante Versammlung der Verschwörer, der Repräsentanten aller Klassen des Königreichs, verlassen hatte und in dessen Ohr noch die männlichen Stimmen klangen, welche geschworen hatten, einen weit sich verzweigenden Krieg zu unternehmen, die ersten Worts derjenigen hörte, um deretwillen solch ein Krieg unternommen wurde, fürchtete er zum erstenmal, diese Art Unschuld möchte Leichtsinn sein und nicht dem Herzen entstammen; er beschloß daher, dasselbe zu erforschen. »Gott, wie fürchte ich mich, Henri!« sagte sie, in den Beichtstuhl tretend, »Sie lassen mich ohne Wachen, ohne Wagen hierherkommen; ich zittere immer, von meinen Leuten gesehen zu werden, wenn ich das Hotel Revers verlasse. Muß ich mich denn noch lange gleich einer Schuldigen verbergen! Die Königin war nicht zufrieden, als ich ihr unser Verhältnis gestanden, und so oft sie mit mir darüber spricht, geschieht es mit jener strengen Miene, die Sie an ihr kennen und die mich immer zum Weinen bringt; ich fürchte mich sehr.« Sie schwieg, und Cinq-Mars antwortete nur durch einen tiefen Seufzer. »Wie! Sie sagen nichts zu mir«, hob sie wieder an. »Und das ist Ihre ganze Furcht?« entgegnete Cinq-Mars mit Bitterkeit. »Ich sollte wohl noch größere haben? O, mein Freund, in welchem Tone, mit welcher Stimme sprechen Sie zu mir! Sind Sie böse, daß ich zu spät gekommen bin?« »Zu früh, Madame, viel zu früh sind Sie gekommen für die Dinge, die Sie hören müssen, denn ich sehe Sie weit davon entfernt.« Betrübt über den düsteren und bitteren Ton seiner Stimme begann Marie zu weinen und sagte: »Ach, mein Gott, was hab' ich denn getan, daß Sie mich Madame nennen und mich so hart behandeln?« »Ach, beruhigen Sie sich«, entgegnete Cinq-Mars, zwar immer mit Ironie. »In der Tat, Sie sind nicht strafbar, aber ich bin es, ich bin es allein, jedoch nicht gegen Sie, sondern um Ihretwillen.« »Haben Sie denn Böses getan? Hoben Sie irgend jemandes Tod befohlen? O, nein, das haben Sie nicht, ich bin es überzeugt, Sie sind ja so gut!« »Wie!« sagte Cinq-Mars, »sind Sie nicht bei meinen Plänen beteiligt? Sollte ich ihre Gedanken schlecht verstanden haben, als Sie mich bei der Königin so bedeutungsvoll anblickten? Weiß ich nicht mehr in Ihren Augen zu lesen! War das Feuer, das dieselben beseelte, etwa eine so große Liebe zu Richelieu? Was ist aus jener Bewunderung geworden, die Sie dem versprachen, der wagen würde, dem Könige alles zu sagen. Ist das alles Lüge?« Marie zerfloß in Tränen. »Sie reden immer mit erzwungenem Wesen zu mir«, entgegnete sie ihm, »und das hab' ich nicht verdient. Glauben Sie denn, ich vergesse jene schreckliche Verschwörung, weil ich nicht davon spreche? Finden Sie nicht, ich sei deshalb schon unglücklich genug? Müssen Sie durchaus Tränen bei mir sehen? Da sind sie. Ich vergieße deren genug insgeheim, Henri; glauben Sie mir, wenn ich bei unseren letzten Zusammenkünften vermieden habe, diesen fürchterlichen Gegenstand zu erwähnen, so geschah es nur aus Furcht, zu viel davon zu erfahren; kann ich einen anderen Gedanken haben, als den an Ihre Gefahren? Weiß ich nicht zu gut, daß Sie sich um meinetwillen darein stürzen? Ach, habe ich nicht, während Sie für mich kämpfen, nicht minder peinliche Angriffe zu bestehen? Glücklicher als ich haben Sie nur gegen das Verhaßte zu kämpfen, während ich mit der Freundschaft einen schweren Stand habe; der Kardinal wird Ihnen Männer und Waffen gegenüberstellen, allein die Königin, die sanfte Anna von Österreich, wendet nur zärtliche Ratschläge, Liebkosungen und zuweilen Tränen an.« »Ein rührender und unbesieglicher Zwang«, sagte Cinq-Mars mit Bitterkeit, »um Sie auf einen Thron zu bringen. Ich begreife, daß Sie gegen solche Verlockungen einiger Anstrengung bedürfen; doch vorerst, Madame, ist es wesentlich. Sie Ihrer Gelübde zu entbinden.« »Ach, großer Gott! Was hat sich denn zwischen uns gestellt?« »Über uns und zwischen uns Gott«, antwortete Henri mit ernster Stimme, »der König hat mich betrogen.« Der Abbé machte eine Bewegung im Beichtstuhl. Marie rief: »Das ahnte ich; da haben wir das Unglück, das ich vorausgesehen habe. Bin ich die Veranlassung davon?« »Er hat mich betrogen, indem er mir die Hand drückte«, fuhr Cinq-Mars fort, »er hat mich auf den Rat des schurkischen Joseph verraten, den zu erdolchen man mir das Anerbieten machte.« Der Abbé machte eine Bewegung des Schreckens, wodurch sich die Tür des Beichtstuhles halb öffnete. »Ach, mein Vater, fürchten Sie nichts«, fuhr Henri d'Effiat fort, »Ihr Zögling wird nie solche Streiche führen. Die, welche ich vorbereite, werden von weitem gehört und vom hellen Tage beleuchtet werden; es bleibt mir aber noch eine Pflicht, eine heilige Pflicht zu erfüllen' sehen Sie Ihr Kind, das sich hier vor Ihnen opfert. Ach, ich habe nicht lange für das Glück gelebt und zerstöre es vielleicht jetzt durch Ihre Hand, durch die nämliche, die es geweiht hatte.« Mit diesen Worten öffnete er das Gitter, das ihn von seinem alten Erzieher trennte, der bisher ein überraschendes Schweigen beobachtet hatte und seine Priestermütze über die Stirn schob. »Geben Sie«, sagte Cinq-Mars mit etwas minder fester Stimme zu ihm, »geben Sie diesen Trauring der Herzogin von Mantua zurück; ich kann ihn nicht behalten, wenn sie ihn mir nicht zum zweitenmal gibt, denn ich bin nicht mehr derselbe, den sie zu heiraten versprach.« Der Priester ergriff rasch den Ring und schob ihn durch eines der Vierecke des gegenüber befindlichen Gitters; dieser Beweis von Gleichgültigkeit setzte Cinq-Mars in Verwunderung. »Wie, mein Vater«, sagte er, »auch Sie haben sich verändert?« Marie weinte jedoch nicht mehr, sondern erhob ihre engelgleiche Stimme, die wie der sanfteste Klang der Orgel längs der Säulenhallen des Gotteshauses hin ein leises Echo weckte und sagte: »O, mein Freund, seien Sie nicht mehr zornig, ich verstehe Sie nicht; können wir brechen, was Gott zusammengefügt hat, und sollte ich imstande sein, Sie zu verlassen, wenn ich Sie unglücklich sehe! Wenn der König Sie nicht mehr liebt, so dürfen Sie doch wenigstens überzeugt sein, daß er Ihnen kein Leid zufügen will, da er dem Kardinal, den er nie geliebt hat, niemals Leides tat. Halten Sie sich etwa für verloren, weil er sich vielleicht von seinem alten Diener nicht trennen wollte? Wohlan, so harren wir, bis seine Freundschaft zu Ihnen zurückkehrt; vergessen Sie jene Verschwörer, die mich mit Schrecken erfüllen. Haben diese keine Hoffnung mehr, so danke ich Gott, da ich doch nicht länger für Sie zu fürchten brauche. Was haben Sie denn, mein Freund? Und weshalb uns unnötigerweise betrüben? Die Königin liebt uns, und wir sind beide noch sehr jung, warten wir daher. Die Zukunft zeigt sich uns schön, weil wir vereint und unserer gewiß sind. Erzählen Sie mir, was der König in Chambord zu Ihnen sagte. Ich habe Sie lange mit den Augen verfolgt. Mein Gott! wie endete diese Jagdpartie so traurig für mich!« »Er hat mich verraten, sag' ich Ihnen!« antwortete Cinq-Mars, »und wer hätte das glauben können, als Sie sahen, wie er uns die Hand drückte, wie er sich von seinem Bruder an mich und auch den Herzog von Bouillon wandte und er sich dann von den geringsten Umständen der Verschwörung unterrichten ließ, als man ihm sogar den Tag bezeichnen mußte, wo Richelieu in Lyon verhaftet werden sollte, als er selbst den Ort seiner Verbannung bestimmte (sie wollten seinen Tod, allein das Andenken meines Vaters veranlaßte mich, um sein Leben zu bitten)! Der König sagte, er wolle in Perpignan alles selbst leiten, und doch kam Joseph, jener nichtswürdige Spion, zuvor aus dem Lilienkabinett von ihm! O, Marie, soll ich es Ihnen gestehen, daß in jenem Augenblick, wo ich dieses erfuhr, meine Seele einen furchtbaren Stoß erlitt? Ich zweifelte an allem, und es schien mir fast, der Mittelpunkt der Welt wanke, als ich sah, wie alle Wahrheit aus dem Herzen eines Königs gewichen war. Ich sah unser ganzes Gebäude zusammenstürzen; noch eine Stunde und die Verschwörung scheiterte, ich verlor Sie für immer; doch ein Mittel blieb mir, und das habe ich angewendet.« »Und welches?« fragte Marie. »Der Vertrag mit Spanien lag in meiner Hand, ich hab' ihn unterzeichnet.« »O Himmel! Zerreißen Sie ihn.« »Er ist schon abgegangen.« »Wer ist der Überbringer.« »Fontrailles.« »Rufen Sie ihn zurück.« »Er muß schon den Paß von Oleron überschritten haben«, sagte Cinq-Mars aufstehend. »Alles ist in Madrid, alles in Sedan bereit; Armeen erwarten mich, Marie, Armeen! Und Richelieu steht in ihrer Mitte! Er schwankt, es bedarf nur noch eines einzigen Schlages, um ihn zu stürzen, und Sie sind mein, gehören dem triumphierenden Cinq-Mars auf immer!« »Dem rebellischen Cinq-Mars!« entgegnete sie seufzend. »Jawohl, ja! dem Rebellen, aber nicht mehr Günstling. Der Rebell, der Verbrecher verdient das Schafott, ich weiß es«, rief der junge leidenschaftliche Mann, wieder auf seine Knie fallend, »aber ich bin ein Rebell aus Liebe, Rebell um Ihretwillen, die mein Schwert endlich vollends erobern soll.« »Ach, ist das Schwert, das man in das Blut der Seinigen taucht, nicht ein Dolch?« »Halten Sie ein, aus Erbarmen, Marie; Könige sollen mich aufgeben, Krieger mich im Stiche lassen, ich werde darum nur noch fester sein; aber ein Wort von Ihnen vermag mich zu besiegen, und noch einmal, die Zeit des Überlegens ist für mich vorbei; ja, ich bin Verbrecher, deshalb zögere ich, mich Ihrer noch würdig zu glauben. Lassen Sie ab von mir, Marie, und nehmen Sie den Ring zurück.« »Ich kann nicht«, sagte sie, »denn ich bin Ihr Weib, wer Sie immer sein mögen.« »Sie hören es, mein Vater«, rief Cinq-Mars in seligem Entzücken, »segnen Sie diese zweite Vereinigung; sie ist die aus Hingebung, welche noch schöner ist als die aus Liebe. Marie sei mein, so lange ich lebe!« Ohne zu antworten, öffnete der Abbé die Tür des Beichtstuhles, verließ ihn rasch und befand sich außerhalb der Kirche, bevor Cinq-Mars Zeit hatte aufzustehen und ihm zu folgen. »Wohin gehen Sie, was haben Sie!« rief er. Aber niemand erschien und nichts ließ sich vernehmen. »Rufen Sie nicht, um Himmels willen«, sagte Marie, »oder ich bin verloren; er hat ohne Zweifel jemand in der Kirche gehört.« Allein, verwirrt und ohne ihr zu antworten, stürzte d'Effiat durch die Säulenhalle, und da er seinen Erzieher vergeblich suchte, eilte er an eine Tür, die er verschlossen fand; mit gezogenem Schwert durchlief er nun die ganze Kirche, und als er an den Eingang gelangte, den Grandchamp bewachen mußte, rief er diesen und horchte gespannt. »Laßt ihn jetzt los«, sagte eine Stimme an der Straßenecke, und dann sprengten Pferde im Galopp davon. »Grandchamp, wirst du antworten?« rief Cinq-Mars. »Zu Hilfe, Henri, mein liebes Kind!« antwortete die Stimme des Abbé Quillet. »Ei, woher kommen Sie denn? Sie bringen mich in Gefahr«, sagte der Großstallmeister, sich ihm nähernd. Er bemerkte jedoch, daß sein armer Hofmeister, ohne Hut in dem argen Schneegestöber, nicht imstande war, ihm zu antworten. »Sie haben mich angehalten, geplündert«, rief er, »die Bösewichte, die Mörder! Sie haben mich am Rufen verhindert, indem sie mir den Mund mit einem Sacktuch fest zubanden.« Auf diesen Lärm kam endlich Grandchamp herbei, indem er sich, wie einer, der eben erwacht, die Augen rieb. Die erschrockene Laura lief in die Kirche zu ihrer Gebieterin, die anderen eilten ihr schleunig nach, um Marie zu beruhigen, und umringten dann den alten Abbé. »Die Bösewichte! Sie haben mir die Hände geknebelt, wie ihr seht, es waren ihrer mehr als zwanzig; sie haben mir den Schlüssel zu dieser Kirchtür abgenommen.« »Wie! soeben?« fragte Cinq-Mars, »und weshalb verließen Sie uns?« »Sie verlassen! Die Schurken halten mich schon länger als zwei Stunden.« »Zwei Stunden!« rief Henri erschrocken. »Ach, ich unglücklicher Alter!« rief Grandchamp, »ich schlief, während mein Gebieter in Gefahr schwebte! Das ist das erstemal.« »Sie saßen also nicht bei uns im Beichtstuhl?« fuhr Cinq-Mars voller Angst fort, während die zitternde Marie sich an seinen Arm schmiegte. »Wie!« sagte der Abbé, »haben Sie den Bösewicht nicht gesehen, dem die Schurken meinen Schlüssel einhändigten?« »Nein! Wer war es?« fragten alle auf einmal. »Der Pater Joseph!« antwortete der gute Priester. »Fliehen Sie, Sie sind verloren!« rief Marie. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Das Gewitter In der Mitte jener langen und prächtigen Kette der Pyrenäen, welche die ausgezackte Landenge der Halbinsel bildet, und im Mittelpunkt jener blauen schnee-, wald- und wiesenbedeckten Pyramiden öffnet sich ein Engpaß, ein in das ausgetrocknete Bett eines senkrechten Stromes gehauener Fußsteig; er läuft zwischen den Felsen hinauf, schlüpft unter den Brücken des verdichteten Schnees durch, schlängelt sich am Rand überschwemmter Abgründe hin, um die Berge Urdoz und Oleron zu erklimmen, und arbeitet sich, indem er sich endlich auf ihren unebenen Rücken schwingt, zu ihrem nebelumhüllten Gipfel empor; in einer neuen Gegend, die wieder ihre Berge und Täler hat, zieht er sich rechts hin, verläßt Frankreich und senkt sich nach Spanien hinab. Nie hat das Hufeisen des Maultiers eine Spur in diesen Nebenwegen zurückgelassen; der Mensch kann sich hier kaum aufrecht halten; er braucht eine eisenbeschlagene Fußbekleidung, um nicht auszugleiten, und den dreizackig beschlagenen Stock, der in die Felsspalten eingestemmt wird. In den schönen Sommermonaten führen der Schäfer in seinem braunen Mantel und der schwarze, langbärtige Widder ihre Herden hierher, deren auffallende Wolle wie Schneeflocken an den Spitzen der Gräser hängen bleibt. Auf diesen steilen Höhen hört man nur noch das Geläute der großen Glocken, welche die Hammel an ihrem Halse tragen, und deren ungleiches Zusammenklingen unvermutete Akkorde und zufällige Skalen hervorbringt, die den Reisenden in Staunen setzen und den wilden und schweigsamen Hirten erfreuen. Wenn aber der lange Septembermonat kommt, so entrollt sich ein schneeiges Leichentuch vom Gipfel der Berge bis zu ihrem Fuße und verschont nur diesen tief eingegrabenen Fußsteig, einige durch Ströme geöffnete Schlünde und einige Granitfelsen, deren wunderliche Formen gleich Gebeinen einer begrabenen Welt hervorragen. Dann sieht man leichte Trupps Gemsen heraneilen, welche, die gebogenen Hörner auf den Rücken legend, von Felsen zu Felsen springen, als sollte der Wind sie vor sich herhüpfen lassen, und Besitz von ihrer luftigen Einöde nehmen; Flüge von Raben und Krähen drehen sich unablässig in den Schlünden und über den natürlichen Schächten, die sie zu nebligen Taubenschlägen umwandeln, während der braune Bär, von seiner zottigen Familie begleitet, die um ihn her spielt und purzelt, langsam aus seinem eisumstarrten Schlupfwinkel herabsteigt. Das sind aber weder die wildesten noch die schrecklichsten Bewohner, die der Winter in diese Berge zurückführt; der sicher gewordene Schleichhändler wagt sich sogar eine hölzerne Wohnung am Schlagbaum, den die Natur und die Politik hier aufrichten, zu erbauen; hier, inmitten der Nebel und Winde, werden zwischen den beiden Navarren heimliche Verträge geschlossen und geheimer Tauschhandel getrieben. Auf diesem schmalen Fußsteige sehen wir ungefähr zwei Monate nach den in Paris vorgefallenen und in den letzten Kapiteln erzählten Szenen zwei aus Spanien kommende Reisende um Mitternacht ermüdet und voller Schrecken auf der französischen Abdachung halten. Man hörte Flintenschüsse im Gebirge. »Die Schurken haben uns arg verfolgt!« sagte der eine der beiden, »ich komme nicht weiter! Ohne Sie wäre ich gefangen.« »Und werden es noch samt diesem verdammten Papier, wenn Sie Ihre Zeit in Worten verlieren; da tönt ein zweiter Flintenschuß auf dem Felsen Saint-Pierre de l'Aigle; sie glauben uns auf der Seite des Limaçon; doch weiter unten werden sie sich vom Gegenteil überzeugen. Steigen Sie hinab, es ist ohne Zweifel eine Runde, die nach Schleichhändlern jagt. Vorwärts, hinab.« »Ei, wie kann ich das? Ich sehe nichts.« »Nur zu, fassen Sie mich beim Arm.« »Halten Sie mich; ich gleite mit meinen Stiefeln aus«, sagte der erste Reisende, indem er sich an die Felszacken klammerte, um sich von der Festigkeit des Bodens zu überzeugen, bevor er den Fuß hinsetzte. »Marsch doch, marsch«, versetzte der andere, ihn vorwärtsstoßend, »da haben wir ja einen dieser Schlingel über unserem Kopfe.« Wirklich zeichnete sich auch der Schatten eines mit einer langen Flinte bewaffneten Mannes auf dem Schnee ab. Die beiden Abenteurer verhielten sich unbeweglich. Er schritt vorüber und sie fuhren fort abwärts zu steigen. »Sie erwischen uns!« sagte der, welcher den anderen hielt, »wir sind bemerkt. Geben Sie mir Ihr verteufeltes Pergament; ich trage die Kleidung der Schleichhändler und gebe mich für einen solchen aus, indem ich eine Zuflucht bei diesen suche; doch Sie mit Ihrem goldbetreßten Kleide werden kein Rettungsmittel haben.« »Sie haben recht«, sagte sein Gefährte, auf einer Felsspitze stehen bleibend, und übergab ihm, während er gleichsam über der Mitte des Abhanges hing, eine ausgehöhlte Rolle von Holz. Es knallte wieder ein Fintenschutz und eine Kugel begrub sich pfeifend und zischend in den Schnee unter ihren Füßen. »Zur Warnung!« sagte der erste. »Rollen Sie hinunter und wenn Sie noch lebend unten ankommen, so folgen Sie der Landstraße. Links ist Santa Maria; doch wenden Sie sich rechts, gehen Sie über Oleron und Sie sind auf dem Wege von Pau und gerettet. Marsch, rollen Sie.« Mit diesen Worten stieß er seinen Kameraden um und begann, ohne sich um dessen Schicksal zu interessieren und ohne hinauf- oder hinabsteigen zu wollen, in gerader Linie der Bergseite zu folgen, indem er sich mit der Geschicklichkeit einer wilden Katze an Steine, Geäst und Pflanzen klammerte, und befand sich bald auf einem festen Erdreiche vor einer kleinen Hütte aus durchlöcherten Brettern, zwischen denen hindurch man Licht sah. Der Abenteurer machte die Runde um dieselbe wie ein heißhungriger Wolf um einen Park und sah, indem er sein Auge an eine der Öffnungen hielt, Dinge, die ihn augenscheinlich zum Eintritt bestimmten, denn er stieß ohne Zögern die schwankende Tür auf, die nicht einmal einen kleinen Drücker hatte. Das ganze Hüttchen ward durch seinen Faustschlag erschüttert; er sah jetzt, daß es durch eine Wand in zwei Zellen abgeteilt war. Ein großes Licht von gelbem Wachs erhellte die erstere; in dieser kauerte ein junges, blasses und entsetzlich mageres Mädchen in einem Winkel auf dem feuchten Boden, wo unter den Brettern hindurch der geschmolzene Schnee hereinfloß. Schwarze mit Staub bedeckte, aber sehr lange Haare fielen unordentlich auf sein braunwollenes Kleid; die rote, in den Pyrenäen gebräuchliche Kapuze bedeckte ihren Kopf und ihre Schultern; sie heftete die Augen auf den Boden und spann eine kleine, an ihrem Gürtel befestigte Kunkel ab. Der Eintritt eines Mannes störte sie nicht auf. »He! he! la moza Mädchen. , steh' auf und gib mir zu trinken; ich bin müde und habe Durst.« Das junge Mädchen antwortete nicht und fuhr, ohne die Augen aufzuschlagen, emsig zu spinnen fort. »Hörst du?« sagte der Fremde, indem er sie mit dem Fuße anstieß, »geh', sage deinem Hausherrn, den ich dort drinnen gesehen habe, ein Fremder komme ihn zu besuchen, und gib mir vorerst zu trinken. Ich will hier übernachten.« Mit heiserer Stimme und immerfort spinnend antwortete sie: »Ich trinke den Schnee, der am Felsen schmilzt, oder den grünen Schaum, der auf dem Wasser der Sümpfe schwimmt; wenn ich aber gut gesponnen habe, gibt man mir Wasser aus der Eisenquelle. Wenn ich schlafe, so läuft die kalte Eidechse über mein Gesicht, doch wenn ich ein Maultier gut gewaschen habe, so wirft man mir Heu hin; das Heu ist warm, das Heu ist gut und warm; ich lege es über meine Marmorfüße.« »Was für eine Geschichte schwatzest du mir da vor?« sagte Jacques; »ich rede nicht von dir.« Sie fuhr fort: »Während man einen Mann tötet, muß ich ihn halten. O, wie viel Blut hatte ich schon an den Händen! Gott verzeih' es ihnen, wenn es möglich ist! Ich mußte seinen Kopf und den Kübel voll roten Wassers halten. O Himmel! ich, die ich die Braut Gottes war! Man wirft ihre Körper in den schneebedeckten Abgrund; aber der Geier findet sie und stopft sein Nest mit ihren Haaren aus. Jetzt seh' ich dich voller Leben; doch bald werd' ich dich blutend, blaß und tot sehen.« Der Abenteurer zuckte die Achseln, begann zu pfeifen und stieß die zweite Tür auf, wo er den Mann fand, den er durch die Spalten der Hütte gesehen hatte; dieser trug die kleine blaubaumwollene Mütze der Basken über dem Ohr, war mit einem weiten Mantel bedeckt, saß auf dem Saumsattel eines Maultiers, rauchte, über eine große gußeiserne Pfanne mit glühenden Kohlen gebeugt, eine Zigarre und leerte einen an seiner Seite stehenden Schlauch. Der Glutschein beleuchtete sein dickes, gelbes Gesicht und die Kammer, wo Maultiersättel gleich Sitzen um den brasero herumgereiht waren. Ohne sich stören zu lassen, erhob er den Kopf und sagte: »Aha, bist du's, Jacques? Bist du's wirklich? Wiewohl ich dich vier Jahre lang nicht gesehen habe, erkenne ich dich doch; du hast dich nicht verändert, Schelm, hast immer noch dein großes Taugenichtsgesicht. Setze dich zu mir her und trinken wir einen Schluck.« »Ja, da bin ich wieder; aber wie zum Teufel kommst du hierher, du? Ich glaubte, du seiest Richter, Houmain!« »Und ich! Ich glaubte dich spanischer Hauptmann, Jacques.« »Ach, ich war es allerdings einige Zeit und nachher ward ich Gefangener; aber ich habe mich ziemlich hübsch herausgebissen und das alte Gewerbe, das freie Gewerbe wieder begonnen, den guten alten Schleichhandel.« » Viva! viva! Jaleo «, rief Houmain; »wir Wackeren sind zu allem tauglich. Also! aber ... bist du denn immer durch die anderen Häfen So werden die Wege genannt, die aus Frankreich in die Pyrenäen führen. geschifft? Denn ich habe dich nicht wieder gesehen, seit auch ich zum Gewerbe zurückgekehrt bin.« »Ja, ja, ich bin durchschifft, wo du nicht durchschiffen wirst, geh'!« sagte Jacques. »Und was bringst du?« »Eine unbekannte Ware; meine Maultiere kommen morgen.« »Sind es seidene Schärpen, Zigarren oder Wolle?« »Das sollst du später erfahren, amigo «, antwortete der Raufbold, »gib mir den Schlauch, ich habe Durst.« »Da trink', 's ist echter Valdepenas! Wir sind so glücklich hier wir bandoleros! Ai! Jaleo! Jaleo Ein gewöhnlicher und unübersetzbarer Ausruf oder Fluch. . So trink' doch, die Freunde werden bald kommen.« »Was für Freunde?« sagte Jacques, den Schlauch wieder absetzend. »Beunruhige dich nicht, trinke nur zu; ich will dir das Ding erzählen und dann singen wir miteinander die andalusische Stirana Eine Art Ballade. . Der Abenteurer nahm den Schlauch und tat, als trinke er ruhig. »Wer ist denn nur das Teufelsweib, das ich an deiner Tür gesehen habe?« begann er wieder; »sie sieht wie eine Halbtote aus.« »Nein, nein, sie ist nur verrückt; trink' nur zu, ich werde dir das Ding erzählen!« Und indem Houmain aus seinem roten Gürtel den langen, auf jeder Seite gleich einer Säge gezahnten Dolch zog, bediente er sich dessen zum Umwenden der Glut, die sich frisch entflammte, und begann dann mit ernster Miene: »Vor allen Dingen mußt du wissen, wenn du's noch nicht weißt, daß dort unten (und er zeigte nach Frankreich hin) jener alte Wolf von Richelieu das Kommando führt.« »So, so!« sagte Jacques. »Ja, man nennt ihn den König des Königs . Weißt du's? Dennoch ist da ein junges Männchen, das beinahe so stark ist wie er, und das man Herr le Grand heißt. Dieses gute Männchen befehligt in diesem Augenblick beinahe die ganze Armee von Perpignan und ist vor einem Monat daselbst angekommen; allein der Alte ist immer in Narbonne und das ist ein schlauer Kauz. Was den König anbetrifft, so ist der bald so, bald so (bei diesen Worten drehte Houmain die Hand nach außen und nach innen); ja, so hin und so hin; doch in Erwartung seiner Entscheidung bin ich so hin, das heißt Kardinalist, und habe die Geschäftchen des gnädigen Herrn seit dem ersten, das er mir vor bald drei Jahren gab, immer abgemacht. Ich will dir das erzählen: Er brauchte zu einer kleinen Unternehmung Leute von Geist und Charakter und ließ mich holen, um als Kriminalrichter zu funktionieren.« »Aha! ein hübscher Posten, man hat mir's gesagt.« »Ja, es ist ein Handel wie der unsere, wo man den Strick statt des Fadens verkauft; es ist ein bißchen minder ehrlich, denn man tötet oft; ist aber solider, denn jedes Ding hat seinen Wert.« »Das ist richtig«, entgegnete Jacques. »Ich hatte also den roten Rock an und mußte einem großen schönen Kerl, der Pfarrer in Loudun war und in einem Nonnenkloster gleich einem Wolf im Schafstalle hauste, die Schwefeltaufe geben helfen; er wurde dann auch gut gebraten.« »Hahaha! das ist lustig!« rief Jacques lachend. »Trink' doch«, fuhr Houmain fort. »Ja, ich versichere dir, Jago, ich habe ihn nach der Geschichte in ein kleines, schwarzes Häufchen, wie diese Kohle, schau, wie diese Kohle da an meiner Dolchspitze, verwandelt gesehen. Was es doch Winziges um uns ist! So werden wir beim Teufel gestaltet sein.« »O, keine dergleichen Späße!« sagte der andere sehr ernst. »Sie wissen wohl, daß ich Religion habe.« »Ach, ich sage nicht nein. Das kann wohl sein«, fuhr Houmain im nämlichen Tone fort; »Richelieu ist ja auch Kardinal. Doch gleichviel. Du sollst wissen, daß, da ich Berichterstatter war, es mir was eintrug!« ... »Ach! du kluger Spitzbube!« »Ja, immer ein bißchen! Ich sage dir also, daß er mir fünfhundert Piaster eintrug, denn Armand Duplessis zahlt seine Leute gut; dawider ist nichts zu sagen, außer daß das Geld nicht sein ist; doch wir machen es ja alle so. Auf das hin gedachte ich dieses Geld in unserem alten Handel anzulegen und kam hierher zurück. Meiner Treu, das Gewerbe geht gut. glücklicherweise; es ist bei Todesstrafe verboten und das verteuert die Ware.« »Was seh' ich?« rief Jacques; »ein Blitzstrahl in diesem Monate!« »Ja, die Gewitter beginnen, wir haben schon zwei gehabt. Wir sind mitten in der Wolke drinnen; hörst du das Rollen? Doch das hat nichts zu bedeuten, geh'; trink' nur zu; es ist etwa ein Uhr morgens, wir leeren miteinander den Schlauch und wachen die Nacht durch. Ich sagte dir also, daß ich Bekanntschaft mit unserem Präsidenten, einem argen Schlingel, namens Laubardemont, machte; ich weiß nicht, ob du ihn kennst.« »Ja, ja, ein bißchen«, antwortete Jacques; »es ist ein stolzer Geizhals; aber das ist einerlei. Fahre fort.« »Wohlan, da wir nichts voreinander geheim hielten, teilte ich ihm meine kleinen Handelspläne mit und empfahl ihm, wenn sich eine günstige Gelegenheit zeigen sollte, an seinen Kameraden vom Gerichtshofe zu denken. Er hat auch nicht ermangelt, ich kann mich nicht beklagen.« »So, so!« sagte Jacques; »und inwiefern?« »Erstlich hat er mir vor zwei Jahren seine Nichte, die du an der Tür gesehen hast, zugeführt.« »Seine Nichte!« rief Jacques aufstehend, »und du behandelst sie wie eine Sklavin! Demonio!« »Trink' zu«, fuhr Houmain fort, indem er sachte mit seinem Dolche die Glut aufrührte; »er selbst hat es so gewünscht. Setz' dich wieder.« Jacques setzte sich wieder. »Ich glaube«, fuhr der Schleichhändler fort, »es wäre ihm sogar nicht unlieb gewesen, sie, du weißt wo, zu wissen ... Du verstehst mich? Er hätte sie lieber unter als auf dem Schnee gesehen, wollte sie aber nicht eigenhändig dahin besorgen, weil er ein guter Verwandter ist, wie er sagt ...« »Und ich weiß«, sagte der Neuangekommene; »doch nur fort ...« »Man kann wohl begreifen, daß ein Mann wie er, der am Hofe lebt, nicht eine verrückte Nichte um sich haben mag. Das ist ganz natürlich; wenn ich meine Rolle als Gerichtsperson fortgeführt hätte, würde ich in solchem Falle ebenso gehandelt haben. Aber hier stellen wir, wie du siehst, keine Notabilität vor und so habe ich sie als aiada Magd. angenommen, sie hat mehr Vernunft gezeigt als ich glaubte, obwohl sie fast immer nur ein einziges Wort gesprochen und anfangs die Zimperliche gespielt hat. Jetzt striegelt sie ein Maultier gleich einem Stalljungen; zwar hat sie seit einigen Tagen etwas Fieber, doch das wird sich auf die eine oder die andere Weise legen. Nur sag' es nicht etwa Laubardemont, daß sie noch lebt; er würde glauben, ich hätte sie aus Sparsamkeit als Magd behalten.« »Wie! ist er denn hier?« rief Jacques. »Trink' nur zu«, entgegnete der phlegmatische Houmain, der ihm selbst ein tüchtiges Beispiel bei dieser Mahnung, seiner Lieblingsphrase, gab und mit zärtlicher Miene die Augen halb zu schließen begann. »Das ist, siehst du, das zweite Geschäftchen, das ich mit diesem kleinen, guten Lombard dimon, Dämon, wie du willst, habe. Ich liebe ihn wie meinen Augapfel, und nun wollen wir das Weinchen von Jurançon da auf seine Gesundheit trinken; das ist Wein aus dem Keller des hochseligen Königs Heinrich. Wie glücklich sind wir hier! Spanien zur rechten, Frankreich zur linken Hand, zwischen dem Schlauch und der Flasche! Die Flasche! Um ihretwillen hab' ich alles verlassen!« Und er schlug einer Flasche mit weißem Wein den Hals ab. Nachdem er dann in langen Zügen daraus getrunken hatte, fuhr er fort, während der Fremde ihn durchdringend ansah; »Ja, er ist hier und muß tüchtig an den Füßen frieren, denn seit dem Abend läuft er mit seinen Garden und unseren Kameraden, du weißt, unseren bandoleros , den echten contrabandistas im Gebirge herum.« »Ei, weshalb laufen sie so herum?« fragte Jacques. »Ach, das ist eben das Spaßhafte an der Sache!« antwortete der Trunkenbold. »Um zwei Spitzbuben einzufangen, die in ihrer Tasche sechzigtausend spanische Soldaten auf Papier hierher bringen wollen. Du verstehst vielleicht nicht nur mit halbem Worte, Croquant! He? Nun, und dennoch ist's, wie ich dir sage, in ihrer eigenen Tasche.« »Doch, doch, ich verstehe!« sagte Jacques, die Hand an den Dolch in seinem Gürtel haltend und nach der Tür blickend. »Wohlan jetzt! Sohn des Teufels, laß uns die Tirana singen; nimm die Flasche, wirf deine Zigarre weg und singe.« Bei diesen Worten begann der schwankende Wirt ein spanisches Lied zu singen, und unterbrach dasselbe nur zuweilen, um, sich rückwärts lehnend, Gläser voll Wein in seinen Schlund hinabzustürzen, während der noch immer dasitzende Jacques ihn beim Schein der Kohlenglut düstern Blickes anschaute und überlegte, was er tun wolle. » Yo que soï contrabandista J campo por mi respeto, A todos los desafio, Pues a nadie tengo miedo. Ay jaleo! Muchachas Quien me merca un hilo negro Keine andere Sprache ist imstande, das Energische dieser spanischen Romanze auszudrücken. Man sollte sie von der abwechselnd näselnden und hellen, harten und weichen, lebhaften und nachlässigen Stimme einiger Andalusier vortragen hören, während einer von ihnen leicht die Saiten einer kleinen Gitarre dazu erklingen läßt. Der Takt ist der eines Tanzes und die Gedanken die eines Kriegsliedes. Verdeutscht lautet sie ungefähr so: »Ich, der ich ein Schmuggler bin, ich fürchte mich vor nichts, da bin ich. Ich biete allen Trotz, bewach' mich selbst und jeder achtet mich. ?« Ein blendender Blitzstrahl fuhr durch eine kleine Luke hinein und erfüllte das Gemach mit einem Schwefelgeruch: unmittelbar darauf folgte ein fürchterlicher Donnerschlag; die Hütte zitterte und draußen stürzte ein Balken herab. »O! he! das Haus!« rief der Trinker; »ist der Teufel bei uns! Die Freunde kommen, scheint's mir, nicht?« »Nur fortgesungen«, sagte Jacques, den Saumsattel, auf dem er saß, neben den Houmains rückend. Dieser trank, um sich zu stärken, und fuhr fort: » Mi caballo esta cansado, Y jo me marcho corriendo. Ay! ay! que viene la ronda, A se mueve el tiroteo; Ay! ay! cavallito mio, Ay! saca me deste aprieto. Viva, viva, mi cavallo, Cavallo mio carreto; Ay! jaleo! Muchachas, ay! jaleo ... »Ay, jaleo! Junge Mädchen, wer kauft mir schwarzen Faden ab? Mein Pferd das ist ermüdet und ich, ich lauf' ihm nach. Ay, ay, da kommt die Runde und Schüsse hört man im Gebirg'; Ay, ay, mein Pferdchen, aus der Gefahr mich bring'! Es leb', es leb' mein Pferdchen, mein Pferdchen mit der weißen Stirn! Ay! jaleo! Mädchen jung, ay, jaleo, kaufe Zwirn.« « Als er mit seinem Liede zu Ende war, fühlte er seinen Sitz wanken und fiel rücklings hin; Jacques aber, der sich auf solche Weise seiner zu entledigen gesucht hatte, stürzte der Tür zu, die sich eben öffnete, und sein Gesicht sah das blasse und starre Antlitz der Wahnsinnigen vor sich. Er schrak zurück. »Der Richter!« sagte sie eintretend und fiel der Länge nach auf den kalten Boden. Jacques war schon mit dem einen Fuße über sie weggeschritten, als ein anderes leichenblasses und überraschtes Gesicht erschien, das einem hochgewachsenen Manne angehörte, der mit einem von Schnee bedeckten Mantel bekleidet war. Er schrak nochmals zurück und lachte vor Entsetzen und Wut. Es war Laubardemont, dem bewaffnete Männer folgten; sie schauten sich an. »Ei! ei! Ka ... a ... ma ... ra ... d, Spitzbube«, sagte Houmain, sich mühsam aufraffend, »solltest du zufälligerweise ein Royalist sein?« Als er aber die beiden Männer sah, die einer durch den anderen versteinert schienen, schwieg er, wie sie, da er wohl wußte, daß er betrunken war, und näherte sich taumelnd, um die immer noch zwischen dem Richter und dem Hauptmann ausgestreckt liegende Wahnsinnige aufzuheben. Der erstere ergriff endlich das Wort. »Seid Ihr nicht der, den wir noch soeben verfolgten?« »Der ist's«, sagten die Leute seines Gefolges mit einer Stimme; »der andere ist entwischt.« Jacques wich bis an die zerspaltenen Bretter zurück, welche die schwankende Wand der Hütte bildeten, hüllte sich in seinen Mantel gleich einem Bären, der, durch zahlreiche Hunde in die Enge getrieben, sich an einen Baum stellt, und antwortete, um eine Ablenkung zu bewirken und einen Augenblick zur Überlegung zu gewinnen, mit starker und unheimlicher Stimme: »Der erste, der diese Kohlenpfanne und den Körper dieses Mädchens überschreitet, ist ein Mann des Todes!« Und er nahm einen langen Dolch aus seinem Mantel. In diesem Augenblick wandte der kniende Houmain den Kopf des jungen Mädchens um; ihre Augen waren geschlossen; er zog sie an die Kohlenglut hin, deren Schein sie nun beleuchtete. »Ach, großer Gott!« tief Laubardemont, vor Schreck sich vergessend, »Johanna noch hier!« »Seien Sie ruhig, gnä ... ä ... diger Herr«, sagte Houmain, indem er versuchte, die Augenlider beider langen schwarzen Wimpern zu öffnen und den gleich einem nassen Linnen herabhängenden Kopf aufzurichten; »sei ... en Sie ruhig; we ... erden Sie nicht bö ... öse, sie ist tot, ganz tot.« Jacques setzte, wie auf einen Schlagbaum, den Fuß auf diesen Leib, bog sich mit wildem Lachen vor, schaute Laubardemont ins Gesicht und sagte halblaut zu ihm: »Laß mich entwischen und ich will dich nicht kompromittieren, Höfling; ich will dann nicht sagen, daß sie deine Nichte war und ich dein Lohn bin.« Laubardemont sammelte sich, schaute seine Leute an, die sich mit vorgestreckten Karabinern um ihn drängten, bedeutete sie, sich auf einige Schritte zurückzuziehen und antwortete ihm mit sehr leiser Stimme: »Liefere mir den Vertrag aus und du kannst entwischen.« »Er steckt da in meiner Brusttasche; doch sobald man ihn berührt, werde ich dich mit lauter Stimme meinen Vater nennen. Was wird dein Gebieter dazu sagen?« »Gib ihn mir und ich verzeihe dir deinen Lebenswandel.« »Laß mich entwischen und ich verzeihe dir, mir das Leben gegeben zu haben.« »Immer der nämliche, Räuber.« »Ja, Mörder.« »Was liegt dir an einem Knaben, der Verschwörungen anzettelt?« sagte der Richter. »Was liegt dir an einem Alten, der regiert?« antwortete der andere. »Gib mir das Papier, ich habe geschworen, es aufzufangen.« »Laß es mir, ich habe geschworen, es zurückzubringen.« »Welcher Art kann dein Eid sein und wer der Gott, zu dem du schwörst?« sagte Laubardemont. »Und der deinige«, entgegnete Jacques, »ist er ein Kruzifix aus glühendem Eisen?« Allein Houmain schwankte jetzt zwischen sie hinein und sagte lachend und dem Richter auf die Schulter klopfend: »Ihr braucht lange, euch zu erklären, Freu ... unde; kennt ihr euch vielleicht von früher her? Jacques ist ein gu ... uter Bursche.« »Ich kenn' ihn nicht, nein!« rief Laubardemont mit lauter Stimme, »ich habe ihn nie gesehen.« Während dieser Erklärung stürzte sich Jacques, den der Trunkenbold und der enge Raum der vollgehäuften Kammer beschützten, mit wütender Kraft gegen die schwachen Bretter an, welche die Mauer bildeten, stieß mit einem derben Fußtritt zwei derselben nach außen und schritt zwischen dem nun offenen Raum hindurch. Diese ganze Seite der Hütte brach zusammen, das Bauwerk, alles wankte und der Wind stürmte gewaltsam herein. »Ei, ei! Demonio! santo Demonio! Wohin willst du?« rief der Schleichhändler; »du zerbrichst mein Haus und da geht's nach dem Keller.« Alle näherten sich mit Vorsicht, rissen die noch stehenden Bretter ein und bogen sich über den Abgrund vor. Ein seltsames Schauspiel zeigte sich ihnen: das Gewitter wütete in seiner vollsten Kraft und zwar ein Gewitter der Pyrenäen, ungeheure Blitze zuckten an allen vier Enden des Horizontes, und ihr Feuer folgte sich so rasch, daß man keinen Zwischenraum sah und sie unbeweglich und andauernd schienen; nur das flammende Himmelsgewölbe erlosch zuweilen plötzlich, um sich dann wieder heller und dauernder zu entzünden. Nicht die Flamme schien dieser Nacht mehr fremd, sondern die Dunkelheit. Es war, als entstanden in diesem leuchtenden Himmel augenblickliche Finsternisse, so anhaltend waren die Blitze und so schnell folgten sie sich. Die hohen Gebirgskanten und die weißlichen Felsen zeichneten sich auf dem roten Grunde gleich Marmorblöcken auf einer brennenden ehernen Kuppel ab und stellten mitten in eisumstarrter Gegend speiende Vulkane vor; die sprudelnden Gewässer schienen Flammen zu sprühen, und der Schnee wälzte sich wie eine blendende Lava bergab. In dieser bewegten Masse rang ein Mensch, und seine Anstrengungen brachten ihn dem wirbelnden Wasserstrudel näher; man sah seine Knie schon nicht mehr, vergeblich hielt er einen ungeheuren pyramidenförmigen und durchsichtigen Eisklumpen umschlungen, den die Blitze gleich einem Kristallfelsen leuchten ließen; selbst dieser Eisklumpen schmolz vermöge seiner Unterlage und rutschte langsam den Felsabhang hinab. Unter dem Schneetuche hörte man den Schall der in ungeheure Tiefen stürzenden und anprallenden Granitblöcke. Dennoch hätte man ihn noch retten können, denn ein Raum von kaum vier Fuß trennte ihn von Laubardemont. »Ich sinke unter«, schrie er; »reiche mir etwas, woran ich mich halten kann und du sollst den Vertrag haben.« »Gib ihn mir, und ich reiche dir diese Muskete«, sagte der Richter. »Da ist er«, rief der Raufbold, »weil doch der Teufel mit Richelieu ist.« Und indem er mit der einen Hand seinen schlüpfrigen Haltepunkt losließ, warf er eine hölzerne Rolle in die Hütte. Laubardemont eilte hinein und stürzte auf den Vertrag wie ein Wolf auf seine Beute. Jacques hatte vergeblich seinen Arm ausgestreckt, man sah ihn langsam mit dem ungeheuren und auftauenden Klumpen, der sich bald unter ihm, bald über ihn herabwälzte, hinabrollen und geräuschlos im Schnee einsinken. »Ha, Elender! Du hast mich betrogen!« schrie er; »doch den Vertrag hat man mir nicht abgenommen ... ich hab' ihn dir gegeben ... hörst du's, Vater!« Er verschwand unter der dichten weißen Schneedecke und wo er untergesunken war, sah man nur noch das glänzende Tuch, über das der Blitz, indem er darin erlosch, leuchtende Furchen zog; man hörte nur noch das Rollen des Donners und das Zischen der Wasser, die gegen die Felsen wirbelten, denn die in der halbzertrümmerten Hütte um einen Leichnam und einen Bösewicht »Er lebte und starb mit Räubern. Hatte die göttliche Strafe nicht die Familie dieses Richters ereilt, um einigermaßen den grausamen und erbarmungslos betriebenen Tod des armen Grandiers zu sühnen, dessen Blut nach Rache schreit?« (Patin, Brief LXV, vom 22. Dezember 1651. gruppierten Männer schwiegen vor Entsetzen und fürchteten, der rächende Gott möchte sie mit seinem Blitze zermalmen. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Die Abwesenheit Wer von uns hat nicht schon einen eigentümlichen Reiz darin gefunden, mit den Augen den Wolken des Himmels zu folgen? Wer hat sie nicht schon um die Freiheit ihrer Reisen mitten durch die Lüfte beneidet, sei es, wenn sie massenweise vom Winde dahergewälzt und von der Sonne gefärbt worden oder ruhig, gleich einer Flotte dunkler Fahrzeuge, deren Vorderteile vergoldet sind, einherziehen, sei es, wenn sie als leichte Gruppen ausgesät, schnell und schlank gleich Zugvögeln, durchsichtig wie große dem Schatz des Himmels entfallende Opale am Gewölbe des Weltalls hinschweben? Der Mensch ist ein langsamer Reisender, der diese schnellen Passagiere beneidet; zwar minder schnell als seine Einbildungskraft haben sie doch an einem Tage die Orte alle gesehen, die er aus Erinnerung oder Hoffnung liebt, die, welche Zeugen seines Glücks oder seiner Leiden waren, und jene so schönen unbekannten Länder, wo man alles auf einmal anzutreffen glaubt. Es gibt ohne Zweifel nicht einen Ort der Erde, nicht einen wilden Felsen, nicht eine dürre Ebene, an der wir gleichgültig vorübergehen, die nicht durch die Lebensschicksale eines Menschen eine höhere Weihe erhielten und sich in seiner Erinnerung abmalen, denn gleich verwüsteten Schiffen lassen auch wir, bevor uns der unvermeidliche Schiffbruch ereilt hat, auf jeder Klippe Trümmer unseres Selbst zurück. Wohin ziehen sie, die blauen, schweren Wolken dieses Gewitters der Pyrenäen? Mit seinem flammenden Hauche treibt sie der Wind aus Afrika vor sich her; sie fliegen dahin, sie wälzen sich donnernd übereinander, schleudern Blitze vor sich her, als brauchten sie Fackeln, und schleppen gleich einem Dunstkleide eine lange Regenschleife hinter sich nach. Haben sie sich mit Gewalt den felsigen Engpässen entwunden, die sie einen Augenblick in ihrem Laufe hemmten, so begießen sie im Bearn das malerische väterliche Erbgut Heinrichs IV.; in der Guienne die Eroberungen Karls VII.; in der Saintonge, in Poitou, in der Touraine die Karls V. und Philipp Augusts, und indem sie langsamer über die alte Domäne von Hugo Capet hinziehen, stehen sie grollend über den Türmen von Saint-Germain still. »O Madame!« sagte Marie von Mantua zu der Königin, »sehen Sie, welch furchtbares Gewitter von Süden heraufzieht?« »Sie schauen sehr oft nach dieser Seite, meine Liebe«, antwortete Anna von Österreich, auf den Balkon gelehnt. »Es ist die Sonnenseite, Madame.« »Und die Wetterseite«, sagte die Königin, »Sie sehen es; glauben Sie meiner Freundschaft, mein Kind, diese Wolken können nichts Glückliches für Sie gesehen haben. Ich würde Sie lieber die Augen nach der Richtung von Polen wenden sehen. Schauen Sie, über welch ein schönes Volk Sie herrschen könnten.« In diesem Augenblick sprengte der Prinz Palatin, wahrscheinlich um dem beginnenden Regen zu entgehen, mit einem zahlreichen Gefolge junger Polen auf prächtigen Pferden unter den Fenstern der Königin hin; ihre türkischen, mit Knöpfen von Diamanten, Smaragden und Rubinen besetzten Wämser, ihre grünen und flachsblütfarbenen Mäntel, die hohen Federn ihrer Pferde und ihr abenteuerliches Aussehen ließen sie in einem seltsamen Glanze erscheinen, an den sich der Hof ohne Mühe gewöhnt hatte. Sie hielten einen Augenblick still, und der Prinz grüßte zweimal hinauf, während das leichte Tier, das er ritt, seitwärts ging und die Stirn immer gegen die Prinzessinnen drehte; sich bäumend und wiehernd schüttelte es seine Mähne und schien, den Kopf zwischen die Beine gesteckt, zu grüßen; sein ganzes Gefolge wiederholte im Vorüberreiten das nämliche Manöver. Die Prinzessin Marie hatte sich anfangs zurückgezogen, um die Tränen in ihren Augen nicht sehen zu lassen; allein der glänzende und schmeichelhafte Aufzug lockte sie auf den Balkon zurück und sie konnte sich nicht enthalten, zu rufen: »Wie anmutig doch der Palatin dieses hübsche Pferd reitet! Er scheint nicht daran zu denken.« Die Königin lächelte. »Er denkt an die, welche morgen seine Königin wäre, wenn sie nur leicht mit diesem Kopfe nicken und auf diesen Thron einen huldreichen Blick ihrer großen schwarzen, mandelförmig geschlitzten Augen werfen wollte, statt diesen armen Fremden immer mit jener gewissen schmollenden Miene zu empfangen und, wie gerade jetzt, das Mäulchen hängen zu lassen.« Mit diesen Worten versetzte Anna von Österreich mit ihrem Fächer den Lippen Maries einen leichten Schlag, so daß diese sich nicht enthalten konnte, ebenfalls zu lächeln; allein sogleich machte sie sich einen Vorwurf darüber, senkte den Kopf und sammelte sich, um wieder in ihre Traurigkeit zu versinken, die zu entfliehen begann. Ja, sie mußte, um dieses zu bezwecken, noch die schweren Wolken betrachten, die über dem Schlosse schwebten. »Armes Kind«, fuhr die Königin fort, »du tust, was du kannst, um recht treu zu sein und dich in der Schwermut deines Romans zu erhalten. Du schadest dir durch die schlaflosen Nächte, die du mit Weinen, Nachsinnen oder Schreiben zubringst, und schadest dir, daß du an der Tafel nicht mehr issest; aber ich versichere dich, daß du's zu nichts bringst, als daß du mager wirst, deine Schönheit einbüßest und ein Königreich verscherzest. Dein Cinq-Mars ist ein kleiner Ehrgeiziger, der sich zugrunde gerichtet hat.« Als Anna von Österreich sah, daß Marie ihren Kopf in ihr Sacktuch verbarg, um wieder zu weinen, ging sie auf einen Augenblick in ihr Zimmer, ließ sie allein auf dem Balkon zurück und tat, als suche sie Kleinodien in ihrer Toilette, bald jedoch kam sie langsam und ernst zurück und stellte sich ans Fenster; Marie war ruhiger und schaute traurig auf die Landschaft, die Hügel am Horizont und auf das allmählich sich ausbreitende Gewitter. Mit ernsterem Tone begann die Königin wieder: »Gott hat Ihnen mehr Güte bezeigt, als Ihre Unbesonnenheiten es vielleicht verdienten, Marie; er hat Sie aus einer großen Gefahr errettet: Sie wollten große Opfer bringen, die sich glücklicherweise nicht so erfüllt haben, wie Sie glaubten. Die Unschuld hat Sie vor der Liebe errettet; Sie gleichen einer Person, die, im Wahn ein tödliches Gift zu sich zu nehmen, nur reines und unschädliches Wasser getrunken hat.« »Ach, Madame, was wollen Sie damit sagen? Bin ich nicht schon unglücklich genug?« »Unterbrechen Sie mich nicht«, entgegnete die Königin, »Sie werden Ihre jetzige Lage mit anderen Augen ansehen. Ich will Sie nicht der Undankbarkeit gegen den Kardinal beschuldigen; ich habe zu viel Gründe, ihn nicht zu lieben! Auch war ich ja Zeuge des Entstehens der Verschwörung. Dennoch könnten Sie sich erinnern, meine Liebe, daß er der einzige in Frankreich war, der gegen den Rat der Königin-Mutter und des Hofes Krieg mit dem Herzogtum von Mantua wollte, das er dem Kaiserreich und Spanien entriß und dem Herzog von Nevers, Ihrem Vater, zurückgab; hier in eben diesem Schlosse Saint-Germain wurde der Vertrag unterzeichnet, der den Herzog von Guastalla Am 19. Mai 1632. des Herzogtums entsetzte. Sie waren damals noch sehr jung ... Dennoch konnte Ihnen dies nicht unbekannt bleiben. Und jetzt ist ein junger Mann von zweiundzwanzig Jahren einzig aus Liebe (ich will es glauben, wie Sie) im Begriff, ihn ermorden zu lassen ...« »O, Madame, dessen ist er unfähig. Ich schwöre Ihnen, daß er sich dessen geweigert hat ...« »Ich habe Sie gebeten, Marie, mich reden zu lassen. Ich weiß, daß er groß, mutig und bieder ist: ich will glauben, daß er entgegen dem Brauch unserer Zeit Mäßigung genug besitzt, um nicht so weit zu gehen, einen Greis zu töten, wie es der Ritter von Guise getan hat. Wird er aber so viel Macht haben, das zu verhindern, wenn er ihn mit offener Gewalt fangen läßt? Das können wir so wenig wissen wie er! Gott allein kennt die Zukunft. So viel ist wenigstens gewiß, daß er ihn um Ihretwillen angreift und er, um ihn zu stürzen, den Bürgerkrieg vorbereitet, welch erfolgloser Krieg vielleicht in eben dieser Stunde, wo wir davon reden, ausbricht! Auf welche Art er sich immer wenden möge, er wird nur Unheil bringen, denn Monsieur ist im Begriff, sich von der Verschwörung loszusagen.« »Wie, Madame!« »Hören Sie mich an, sag' ich Ihnen: ich bin davon überzeugt, mehr brauche ich mich nicht zu erklären. Was wird der Großstallmeister tun? Der König ist gegangen, wie er geahnt hat, den Rat des Kardinals einzuholen. Seinen Rat holen heißt, ihm nachgeben! Der Vertrag mit Spanien ist aber unterzeichnet worden; wird er entdeckt, was beginnt dann Herr von Cinq-Mars allem? Zittern Sie nicht so, wir werden ihn retten, werden sein Leben retten, das verspreche ich Ihnen; es ist noch Zeit dazu ... hoffe ich.« »Ach, Madame! Sie hoffen? Ich bin verloren!« rief Marie schwach und halb ohnmächtig hinsinkend. »Setzen wir uns«, sagte die Königin; und indem sie sich am Eingang des Zimmers neben Marie setzte, fuhr sie fort: »Ohne Zweifel wird Monsieur, indem er für sich unterhandelt, für alle Verschworenen unterhandeln, allein die Verbannung, ewige Verbannung wird ihre geringste Strafe sein. Die Herzogin von Nevers und Mantua, die Prinzessin Marie von Gonzaga, die Gattin des Herrn Henri d'Effiat, Marquis von Cinq-Mars, ist also dann auch verbannt!« »Wohlan, Madame, ich werde ihm ins Exil folgen; das ist meine Pflicht, ich bin sein Weib; ich möchte ihn schon darin in Sicherheit wissen!« rief Marie schluchzend. »Achtzehnjähriger Mädchen Träume!« sagte die Königin, Marie haltend. »Erwachen Sie, Kind, erwachen Sie, es ist nötig; ich will keine der Eigenschaften des Herrn von Cinq-Mars leugnen; er hat einen großen Charakter, einen umfassenden Geist, einen ungewöhnlichen Mut; aber er kann Ihnen nichts mehr sein, und glücklicherweise sind Sie weder seine Frau noch selbst seine Verlobte.« »Ich gehöre ihm an, Madame, ihm allein ...« »Doch ohne Einsegnung«, entgegnete Anna von Österreich, »kurz ohne Trauung; kein Priester hätte das gewagt, der Ihrige hat es nicht einmal getan, wie er mir sagte. – Schweigen Sie«, fügte sie hinzu, indem sie ihre beiden schönen Hände auf Maries Munde legte. »Schweigen Sie! Sie wollen mir sagen, Gott habe Ihre Schwüre gehört, Sie können nicht ohne ihn leben, Ihre Geschicke seien unzertrennlich, der Tod allein könne Ihre Verbindung brechen? Reden Ihres Alters, süße Hirngespinste eines Augenblicks, über die Sie, glücklich, sie nicht Ihr Leben lang beweinen zu müssen, einst selbst lächeln werden! Unter allen den jungen, so glänzenden Frauen, die Sie in meiner Umgebung am Hofe sehen, ist nicht eine, die nicht in Ihrem Alter einen schönen Liebestraum gleich dem Ihrigen gehabt, die nicht eines jener Bande geknüpft, die man unauflöslich glaubt, und nicht insgeheim dem Gegenstand ihrer Liebe ewige Treue geschworen hätte. Wohlan, diese Träume sind zerronnen, diese Bande gebrochen, die Schwüre vergessen, und doch sehen Sie dieselben als glückliche Gattinnen und Mütter, von den Ehren ihres Ranges umringt und alle Abende bei mir lachen und tanzen ... Ich errate, was Sie mir noch sagen wollen ... daß diese nicht so herzlich liebten wie Sie, nicht wahr? Wohlan! Sie täuschen sich, mein liebes Kind; sie liebten ebenso herzlich und weinten nicht weniger. Aber hier muß ich Sie jenes große Geheimnis kennen lehren, das schuld an Ihrer Verzweiflung ist, weil Sie nicht wissen, welch ein Übel Sie verzehrt. Unser Dasein ist ein doppeltes, meine Freundin; unser inneres Leben, unser Gefühlsleben, arbeitet heftig in uns, während das äußere Leben wider Willen bei uns vorherrscht. Man ist nie von den Menschen unabhängig, und besonders nicht in einer höheren Stellung: allein glaubt man sich Herrin seines Geschickes; wir brauchen jedoch nur ein paar Personen zu sehen und wir fühlen alle unsere Fesseln wieder, indem wir uns unseres Ranges und unserer Umgebung erinnern. Was sag' ich! Halten Sie sich eingeschlossen und überlassen Sie sich allem, was die Leidenschaften an mutvollen und außerordentlichen Entschlüssen erwecken, an wundervollen Opfern Ihnen aufladen, und es bedarf nur eines Lakaien, der Ihre Befehle einzuholen kommt, um den Zauber zu brechen und Sie ins wirkliche Leben zurückzurufen. Dieser Kampf zwischen Ihren Vorsätzen und Ihrer Stellung ist das, was Sie aufreibt; Sie sind innerlich über sich selbst böse, machen sich bittere Vorwürfe ...« Marie wandte den Kopf ab. »Ja, Sie halten sich für sehr strafbar. Verzeihen Sie sich, Marie; die Menschen alle sind so relative und voneinander abhängige Wesen, daß ich wahrlich nicht wüßte, ob das völlige Zurücktreten von der Welt, das wir bisweilen sehen, nicht gerade um der Welt willen geschieht; die Verzweiflung hat ihr Gesuchtes und die Einsamkeit ihre Koketterie. Man behauptet, die finsteren Eremiten hätten sich nicht enthalten können, sich zu erkundigen, was man von Ihnen sage. Dieses Bedürfnis der allgemeinen Meinung ist eine Wohltat, da sie beinahe immer das Ungehörige in unserer Einbildungskraft bekämpft, und Pflichten, die man nur zu leicht vergißt, zu Hilfe kommt. Man empfindet (und Sie werden das hoffentlich auch noch fühlen), indem man sich seinem vorgezeichneten Lose wieder fügt und nach dem Opfer dessen, was uns von der Vernunft abzog, die Befriedigung eines Verbannten, der in seine Familie zurückkehrt, eines Kranken, der nach einer durch Alpdrücken getrübten Nacht den Tag und die Sonne wiedersieht. Es ist das Gefühl eines sozusagen zu seinem natürlichen Zustande zurückgekehrten Wesens, das die Ruhe verleiht, die Sie in so vielen Augen sehen, die auch ihre Tränen hatten, denn es gibt wenige Frauen, welche die Ihrigen nicht gekannt haben. Sie würden sich für meineidig halten, wenn Sie auf Cinq-Mars verzichteten? Aber es bindet Sie ja nichts; Sie haben Ihre Schuld gegen ihn mehr als abgetragen, indem Sie während mehr als zwei Jahren die königlichen Hände, die Ihnen dargeboten waren, ausschlugen. Ei, was hat er eigentlich getan, dieser so leidenschaftliche Liebhaber? Er hat sich emporgeschwungen, um Sie zu erreichen; doch könnte der Ehrgeiz, der Ihnen hier der Liebe behilflich schien, sich nicht auch selbst behilflich gewesen sein? Dieser junge Mann scheint mir etwas zu durchdacht, etwas zu ruhig bei seinen politischen Schlichen, etwas zu unabhängig bei seinen umfassenden Entschlüssen, bei seinen ungeheueren Unternehmungen, um ihn nur von seiner Zärtlichkeit beseelt zu glauben. Wären Sie statt eines Zieles nur ein Mittel gewesen, was würden Sie dazu sagen?« »Ich würde ihn doch noch lieben«, antwortete Marie, »so lange er lebt, werde ich ihm angehören, Madame.« »So lange ich aber leben werde, ich«, sagte die Königin mit Festigkeit, »werde ich mich dem widersetzen.« Bei diesen letzten Worten prasselten schwere Regentropfen und Schloßen heftig auf den Balkon nieder; die Königin benutzte das, um ihn rasch zu verlassen und in ihre Gemächer zurückzukehren, wo die Herzogin von Chevreuse, Mazarin, Frau von Guémenée und der Prinz Palatin sie seit einem Augenblick erwarteten. Die Königin trat zu ihnen hin; Marie setzte sich hinter einen Vorhang, um ihre roten Augen nicht sehen zu lassen. Sie wollte sich anfangs nicht in die heitere Unterhaltung mischen, dennoch zogen einige Worte ihre Aufmerksamkeit an. Die Königin zeigte der Prinzessin von Guémenée Diamanten, die sie soeben aus Paris erhalten hatte. »Was diese Krone betrifft«, sagte sie dann unter anderem, »so gehört sie nicht mir, der König wollte sie für die künftige Königin von Polen machen lassen, und wer die sein wird, weiß man noch nicht.« Und zu dem Prinzen Palatin gewandt: »Wir sahen Sie vorbeireiten, Prinz, zu wem gingen Sie denn?« »Zur Herzogin von Rohan«, antwortete der Pole. Der zudringliche Mazarin, der alles benutzte, um die Geheimnisse zu erraten und sich durch vertraute Mitteilungen, die er zu entlocken wußte, unentbehrlich zu machen suchte, erwiderte, indem er sich der Königin näherte: »Das kommt ja ganz gelegen, wo wir eben von der Krone Polens sprachen.« Marie, welche zuhorchte, konnte dieses Wort in ihrer Anwesenheit nicht leiden und sagte zu der neben ihr stehenden Frau von Guémenée: »Ist etwa Herr von Chabot König von Polen?« Die Königin hörte dieses Wort und freute sich dieser leisen Regung von Stolz. Um den Keim desselben noch besser zu entwickeln, heuchelte sie bei der Unterhaltung über diesen Punkt, die sich fortspann, eine beifällige Aufmerksamkeit, die sie noch durch ihre Teilnahme daran ermutigte. Da rief die Prinzessin von Guémenée: »Kann man eine solche Heirat begreifen? Sie läßt sich dieselbe nicht ausreden, kurz, dieses nämliche Fräulein von Rohan, das wir alle so stolz fanden, will, nachdem sie den Grafen von Loissons, den Herzog von Weimar und den Herzog von Nemours ausgeschlagen, jetzt einen bloßen Edelmann heiraten. Das ist in der Tat erbärmlich! Wohin soll es noch kommen? Man weiß nicht, was es alles noch werden soll.« Mazarin fügte in zweideutigem Tone hinzu: »Wie, ist es auch wahr? Lieben! Am Hofe! eine wirkliche Liebe! eine tiefe! Läßt sich das glauben?« Währenddessen fuhr die Königin fort, spielend die neue Krone zu schließen und wieder zu öffnen. »Die Diamanten stehen nur schwarzen Haaren gut«, sagte sie, »laßt sehen, geben Sie Ihre Stirn, Marie ... Ach, sie steht Ihnen zum Entzücken«, fuhr sie fort. »Man möchte sie wie für die Prinzessin gemacht glauben«, sagte der Kardinal. »Ich würde mein Blut lassen, daß sie auf dieser Stirn bleiben dürfte«, versetzte der Prinz Palatin. Marie ließ zwischen den Tränen, die noch auf ihren Wangen lagen, ein kindliches und unwillkürliches Lächeln, gleich einem Sonnenstrahl durch Regen, sehen; dann wurde sie plötzlich über und über rot und entfloh eilends in ihre Gemächer. Man lachte. Die Königin folgte ihr mit den Augen, lächelte, reichte ihre Hand dem polnischen Gesandten zum Kusse und entfernte sich, um einen Brief zu schreiben. Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Arbeit Vor Perpignan ging eines Abends etwas Ungewöhnliches vor. Es war zehn Uhr und alles schlief. Die langsamen und beinahe eingestellten Belagerungs-Operationen hatten das Lager und die Stadt schlaff und träge gemacht. Bei den Spaniern beschäftigte man sich wenig mit den Franzosen, da alle Kommunikationen gegen Katalonien hin wie in Friedenszeiten ungehemmt waren; und in der französischen Armee waren alle Gemüter von jener geheimen Unruhe aufgeregt, die große Ereignisse ankündet. Dennoch war dem Anschein nach alles ruhig; man hörte nur den abgemessenen Schritt der Schildwachen; man sah durch die dunkle Nacht nur den roten Glimmer der immer rauchenden Lunte ihrer Flinte, als plötzlich die Trompeten der Musketiere, der Chevaulegers und der Gardereiter beinahe zur nämlichen Zeit zum Satteln und Aufsitzen bliesen. Alle Aufständischen riefen zu den Waffen, und man sah die Sergeanten mit Fackeln und einer langen Pike in der Hand von Zelt zu Zelt eilen, um die Soldaten aufzuwecken, sie in Reih und Glied zu stellen und zu zählen. Lange Pelotons marschierten in dumpfem Schweigen dahin, machten die Runde durch die Straßen des Lagers und stellten sich dann wie zur Schlacht auf; man hörte den Zusammenstoß der schweren Packwagen und den Trab der Schwadronen, die ankündeten, daß die Kavallerie die nämlichen Anordnungen treffe. Nach einer halbstündigen Bewegung hörte der Lärm auf, die Fackeln erloschen und alles kehrte zur Ruhe zurück, nur die Armee blieb in Schlachtordnung aufgestellt. Die im Innern eines der letzten Zelte des Lagers brennenden Fackeln ließen dasselbe gleich einem Stern schimmern, der beim Näherkommen wie eine kleine weiße und durchsichtige Pyramide anzusehen war; auf seiner Leinwand zeichneten sich zwei Schatten ab, die kamen und gingen. Draußen warteten mehrere Männer zu Pferde, drinnen befanden sich von Thou und Cinq-Mars. Wer zu dieser Stunde den frommen und klugen von Thou in solcher Stellung und so bewaffnet gesehen hätte, würde ihn für einen der Anführer der Empörung gehalten haben. Beobachtete man aber seine strenge Haltung und seine düsteren Blicke näher, so mußte man bald bemerken, daß er sie tadelte und sich durch einen außergewöhnlichen Entschluß, der ihm den Abscheu überwinden half, den er vor der Unternehmung selbst hatte, dazu verleiten und dadurch gefährden ließ. Seit jenem Tage, wo Henri d'Effiat ihm sein Herz geöffnet und sein ganzes Geheimnis anvertraut, hatte er deutlich eingesehen, daß jede Vorstellung bei einem so fest entschlossenen Menschen unnütz sei. Er hatte sogar mehr verstanden, als Herr von Cinq-Mars ihm gesagt hatte, und in der geheimen Verbindung seines Freundes mit der Prinzessin Marie eine jener Liebesbande gesehen, deren geheime und häufige Fehler, deren wollüstige und unwillkürliche Hingebungen durch den öffentlichen Segen nicht genugsam gereinigt werden können. Er hatte die unmöglich länger zu ertragende Qual eines Liebenden, des angebeteten Gebieters dieser jungen Person, der täglich verdammt war, gleich einem Fremden vor ihr zu erscheinen, nur zu wohl begriffen. An jenem Tage, wo ihm der Freund eine gänzliche Beichte abgelegt, hatte er alles versucht, um Cinq-Mars zu verhindern, in seinen Plänen bis zum Bündnisse mit dem Ausland zu gehen. Er hatte die ernstesten Erinnerungen und besten Gefühle ohne ein anderes Resultat in ihm hervorgerufen, als den unbesieglichen Entschluß seines Freundes ihm gegenüber nur noch zu stählen. Man wird sich erinnern, daß Cinq-Mars ihn mit den barschen Worten abfertigte: Ei, hab' ich Sie denn gebeten, an der Verschwörung teilzunehmen ? und daß von Thou ihm nur versprechen wollte, ihn nicht zu denunzieren, und alle seine Kräfte gegen die Freundschaft aufgeboten hatte, um ihm zu sagen: Erwarten Sie von meiner Seite mehr nicht, wenn Sie diesen Vertrag unterzeichnen . Dennoch hatte Cinq-Mars den Vertrag unterzeichnet und von Thou war immer noch an seiner Seite. Die Gewohnheit, die Pläne seines Freundes vertraulich zu besprechen, hatte ihm dieselben vielleicht minder verhaßt gemacht; seine Verachtung der Laster des Premierministers, seine Entrüstung über die Knechtung der Parlamente, in denen seine Familie saß, und die Verdorbenheit der Gerichtshöfe, die mächtigen Namen und besonders die edlen Charaktere der Personen, die das Unternehmen leiteten, alles hatte dazu beigetragen, den ersten und schmerzlichen Eindruck in ihm zu mildern. Da er einmal Herrn von Cinq-Mars die Geheimhaltung versprochen hatte, glaubte er alle dazu gehörigen umständlicheren Mitteilungen auch annehmen zu sollen, und seit dem unvermuteten Ereignis bei Marion de Lorme, wo er sich unter die Verschworenen gemischt hatte, sah er sich als durch Ehre an sie gebunden und zu unverbrüchlichem Schweigen verpflichtet an. Seit dieser Zeit hatte er Monsieur, den Herzog von Bouillon und Fontrailles gesehen; sie waren gewöhnt, ohne Furcht vor ihm zu sprechen, und er, sie ohne Ärger anzuhören. Jetzt aber rissen ihn die Gefahren seines Freundes gleich einem unbesieglichen Magnet in ihren Strudel. Er empfand Gewissensbisse, dennoch folgte er Cinq-Mars überall, wo dieser hinging, ohne bei seinem übertriebenen Zartgefühl künftig eine einzige Bemerkung zu wagen, die einer persönlichen Furcht hätte gleichen können. Er hatte sein Leben schweigend hingegeben, und hätte ihrer beider unwürdig gefunden, es zurücknehmen zu wollen. Der Großstallmeister zeigte sich in seinem Küraß, bewaffnet und in weiten Stiefeln. Eine ungeheure Pistole lag mit ihrer angezündeten Lunte auf dem Tische zwischen zwei Fackeln, eine schwere Uhr in ihrem kupfernen Gehäuse vor der Pistole. Mit einem schwarzen Mantel bedeckt, stand von Thou unbeweglich und mit gekreuzten Armen da; Cinq-Mars ging, die Arme auf dem Rücken übereinanderhaltend, auf und ab, indem er von Zeit zu Zeit nach dem seiner Meinung nach zu langsamen Zeiger schaute; er öffnete sein Zelt, sah nach dem Himmel, trat dann wieder ein und sagte: »Ich sehe meinen Stern nicht am Himmelsgewölbe, doch gleichviel! Er ist da, in meinem Herzen.« »Das Wetter ist trübe«, versetzte von Thou. »Sagen Sie lieber, die Zeit eilt vorwärts. Sie läuft, mein Freund, sie läuft, noch zwanzig Minuten und es ist geschehen. Die Armee erwartet diesen Pistolenschuß, um anzufangen.« Von Thou hielt ein elfenbeinernes Kruzifix in der Hand und richtete seine Blicke bald auf das Kreuz, bald gen Himmel. »Die Stunde ist da, um das Opfer zu vollbringen«, sagte er, »es reut mich nicht, aber welche Bitterkeit hat der Kelch der Sünde für meine Lippen! Ich hatte meine Tage der Schuldlosigkeit und geistigen Arbeiten geweiht, und nun stehe ich im Begriff, ein Verbrechen zu begehen und das Schwert zu ergreifen.« Indem er aber Cinq-Mars' Hand kräftig ergriff, fügte er mit der lebhaften Regung eines blind ergebenen Herzens hinzu: »Es geschieht für Sie, für Sie; ich will mich meiner Irrtümer freuen, wenn sie zu Ihrem Ruhme ausschlagen; in meiner Schuld sehe ich nur Ihr Glück. Verzeihen Sie mir eine augenblickliche Rückkehr zu den auf meiner Lebensbahn mir angewöhnten Ideen.« Cinq-Mars schaute ihn starr an und eine Träne rann langsam über seine Wange. »Tugendhafter Freund«, entgegnete er, »möge Ihr Fehler nur auf mein Haupt fallen! Hoffen wir aber, daß Gott, der den Liebenden verzeiht, mit uns sei, denn wir sind Verbrecher! Ich aus Liebe, Sie aus Freundschaft.« Doch indem er plötzlich auf seine Uhr schaute, nahm er die lange Pistole zur Hand und betrachtete wilden Blickes die rauchende Lunte. Seine langen Haare fielen um sein Gesicht wie die Mähne eines jungen Löwen. »Verzehre dich nicht«, rief er, »brenne langsam! Du sollst eine Feuersbrunst entzünden, die alle Wellen des Ozeans nicht auszulöschen vermögen; ihre Flamme wird bald die halbe Welt beleuchten, vielleicht verbreitet sie sich bis an das Holz der Throne. Brenne langsam, köstliche Flamme, die Winde, die dich bewegen werden, sind heftig und furchtbar, sie heißen Liebe und Haß. Erhalte dich, dein Ausbruch wird weithin erschallen und in der Hütte des Armen wie im Königspalast ein Echo finden. Brenne, brenne, armseliges Flämmchen, du bist für mich Zepter und Blitzstrahl.« Von Thou, der noch immer das kleine elfenbeinerne Kreuz in der Hand hielt, sagte leise: »Herr, verzeih' uns das Blut, das vergossen werden soll, denn wir kämpfen gegen den Bösen und Gottlosen!« Dann fuhr er mit lauter Stimme fort: »Mein Freund, die Sache der Tugend wird triumphieren, sie allein wird triumphieren. Es war Gottes Fügung, daß der strafbare Vertrag nicht in unsere Hände gelangte; was Verbrechen bei unserem Unternehmen war, ist ohne Zweifel vernichtet, wir werden ohne den Fremden kämpfen und vielleicht gar nicht kämpfen; Gott wird das Herz des Königs zum besten ändern.« »Die Stunde ist da, die Stunde ist da«, sagte Cinq-Mars, die Augen mit einer Art freudiger Wut auf die Uhr geheftet; »noch vier Minuten und die Kardinalisten im Lager sind vernichtet; wir marschieren nach Narbonne, die Minute ist da ... Geben Sie mir die Pistole.« Bei diesen Worten spannte er rasch den Hahn und ergriff die Lunte. »Ein Kurier aus Paris! Ein Kurier vom Hofe!« rief draußen eine Stimme, und schweißbedeckt, keuchend vor Ermattung, warf sich ein Mann vom Pferde, trat ein und übergab Cinq-Mars ein kleines Briefchen mit den Worten: »Von der Königin, gnädiger Herr.« Cinq-Mars erblaßte und las: » Herr Marquis von Cinq-Mars ! Ich richte diesen Brief an Sie, um Sie zu bitten und zu beschwören, unsere geliebte Pflegetochter und Freundin, die Prinzessin Marie von Gonzaga, zu ihren Pflichten zurückkehren zu lassen, da Ihre Liebe allein sie veranlaßt, den ihr angebotenen Thron Polens auszuschlagen. Ich habe ihre Seele erforscht; sie ist noch sehr jung, und ich habe Anlaß zu glauben , daß sie diese Krone mit weniger Überwindung und Schmerz annehmen würde, als Sie vielleicht glauben mögen . Um ihretwillen haben Sie einen Krieg unternommen, der mein schönes und liebes Frankreich mit Feuer und Schwert heimsuchen wird; ich beschwöre Sie und flehe Sie an, als Edelmann zu handeln und mit edler Verzichtleistung die Herzogin von Mantua der Gelübde zu entbinden, die Sie Ihnen vielleicht getan hat. Geben Sie dadurch Ihrer Seele die Ruhe und unserem teuren Lande den Frieden zurück. Die Königin, die sich nötigenfalls zu Ihren Füßen wirft. Anna .« Cinq-Mars legte ruhig die Pistole wieder auf den Tisch; die erste Bewegung war zwar gewesen, die Mündung derselben gegen sich selbst zu kehren! Er besann sich indes, ergriff schnell einen Bleistift und schrieb auf die Rückseite des nämlichen Briefes: » Madame . Da Marie von Gonzaga mein Weib ist, so kann sie erst nach meinem Tode Königin von Polen werden; ich sterbe aber. Cinq-Mars .« Und als hätte er sich nicht einen Augenblick der Überlegung gönnen mögen, drückte er den Brief stürmisch in die Hand des Kuriers und sagte in wütendem Tone: »Zu Pferd! zu Pferd! Wenn du einen Augenblick länger bleibst, so bist du des Todes!« Er sah ihn abreiten und trat ins Zelt zurück. Allein mit seinem Freunde, blieb er einen Augenblick stehen; er war blaß und stierte mit den Augen wie wahnsinnig zu Boden. Er fühlte sich wanken. »Von Thou!« schrie er. »Was wollen Sie, Freund, lieber Freund? Ich bin bei Ihnen; Sie haben sich soeben groß, sehr groß, erhaben gezeigt!« »Von Thou!« schrie er wieder mit fürchterlicher Stimme und stürzte, das Gesicht gegen den Boden gekehrt, wie ein entwurzelter Baum fällt. Große Gewitter nehmen verschiedenartige Gestaltungen an, und zwar je nach dem Klima, durch welches sie ziehen; die, welche in den Ländern des Nordens eine schreckliche Ausdehnung hatten, ziehen sich, wie man sagt, unter der heißen Zone zu einer einzigen, aber um so furchtbareren Wolke zusammen, die den ganzen übrigen Horizont in seiner Reinheit läßt. Ebenso verhält es sich bei großen Leidenschaften; sie nehmen je nach unseren Charakteren seltsame Gestalten an; aber wie schrecklich sind sie in starken Herzen, die unter dem Schleier gesellschaftlicher Formen ihre Kraft erhalten haben! Vereinigen sich Jugend und Verzweiflung, so läßt sich nicht sagen, zu welcher Wut sie's treiben oder wie groß ihre plötzliche Ergebung sein wird; man weiß nicht, ob der Vulkan den Berg bersten lassen oder plötzlich in seinen Eingeweiden erlöschen will. Der erschrockene von Thou hob seinen Freund auf, das Blut rieselte ihm aus Mund und Nase; er hätte ihn für tot gehalten, wenn nicht Ströme von Tränen seinen Augen entflossen wären; das war das einzige Lebenszeichen. Auf einmal öffnete er jedoch seine Augenlider, schaute sich um und kehrte mit einer außerordentlichen Geistesstärke zur Besinnung und Willenskraft zurück. »Ich lebe unter Menschen«, sagte er, »und muß mein Geschäft mit ihnen ins reine bringen. Mein Freund, es ist halb zwölf Uhr; die Stunde des verabredeten Signals ist vorüber; erteilen Sie statt meiner den Befehl, sich in die Quartiere zurückzuziehen; es war ein falscher Lärm, worüber ich mich heute noch erklären werde.« Von Thou hatte die Wichtigkeit dieses Befehls schon gefühlt, verließ das Zelt und kam auf der Stelle wieder zurück; er fand Cinq-Mars sitzend, ruhig und bemüht, das Blut aus seinem Gesicht zu waschen. »Von Thou«, sagte er, ihn starr anblickend, »entfernen Sie sich, Sie genieren mich.« »Ich verlasse Sie nicht«, antwortete dieser. »Fliehen Sie, sag' ich Ihnen, die Pyrenäen sind nicht weit. Ich kann nicht lange mehr reden, nicht einmal für Sie; wenn Sie aber bei mir bleiben, so sterben Sie, das versichere ich Ihnen.« »Ich bleibe«, sagte von Thou wieder. »So nehme Sie denn Gott in seinen Schutz«, entgegnete Cinq-Mars, »denn ist dieser Augenblick einmal vorüber, so werde ich hinsichtlich Ihres Loses nichts mehr vermögen. Ich lasse Sie hier. Rufen Sie Fontrailles und alle Verschworenen herbei, teilen Sie ihnen diese Pässe aus, sie sollen unverzüglich entfliehen! Sagen Sie ihnen, es sei alles fehlgeschlagen, und drücken Sie ihnen noch meinen Dank aus. Was Sie betrifft, so bitte ich nochmals, fliehen Sie mit ihnen; ich verlange es; doch was Sie auch tun mögen, folgen Sie mir nicht, bei Ihrem Leben. Ich schwöre Ihnen, nicht selbst Hand an mich zu legen.« Mit diesen Worten drückte er seinem Freunde die Hand, ohne ihn anzusehen, und stürzte eilends aus dem Zelte. Indessen wurden einige Meilen von hier andere Gespräche geführt. In Narbonne, in demselben Kabinett, wo wir einst Richelieu mit Joseph die Interessen des Staates leiten sahen, saßen wieder dieselben beiden Männer, die fast noch die nämlichen waren; der Minister durch drei Leidensjahre zwar sehr gealtert, und der Kapuziner ebenso erschrocken über das Resultat seiner Reisen als sein Gebieter ruhig war. In seiner Chaiselongue sitzend und die Beine mit warmen Stoffen eingebunden und umhüllt, hielt der Kardinal auf seinen Knien drei junge Katzen, die sich auf seinem roten Kleide herumbalgten; von Zeit zu Zeit nahm er eine derselben und legte sie auf die anderen, um ihr Spiel fortdauern zu lassen, und lachte dann zu ihren Manövern; auf seinen Füßen lag ihre Mutter gleich einem ungeheuren Muff und einem lebendigen Pelz. Joseph, der neben ihm saß, wiederholte eben die Erzählung dessen, was er im Beichtstuhl gehört hatte, und es durchrieselte ihn noch eiskalt, wenn er an die Gefahr einer Entdeckung oder an die beabsichtigte Ermordung durch Jacques dachte. Er endigte nun mit den Worten: »Kurz, gnädiger Herr, ich kann nicht anders als im Grunde der Seele erzittern, wenn ich mich der Gefahren erinnere, die Eure Eminenz bedrohten und noch bedrohen. Raufbolde boten sich an, Sie zu erdolchen; ich sehe den ganzen Hof Frankreichs, die Hälfte der Armee und zwei Provinzen gegen Sie im Aufstand, das Ausland, Spanien und Österreich, bereit, Truppen zu liefern; überall Schlingen oder Kämpfe, Dolche oder Kanonen! ...« Der Kardinal gähnte ein paarmal und sagte dann, ohne sein Spiel aufzugeben: »Es ist doch ein hübsches Tier solch eine Katze! Sie ist ein Tiger des Salons; welche Geschmeidigkeit, welche außerordentliche Schlauheit! Sehen Sie da die kleine gelbe, die sich stellt, als schlafe sie, damit die andere, die gestreifte da, nicht auf sie acht geben und über ihren Bruder herfallen soll! Und wie der da sie jetzt reißt! Sehen Sie nur, wie er seine Klauen in ihre Weichen einhakt! Er würde sie töten, glaub' ich, würde sie auffressen, wenn er stärker wäre! Das ist höchst ergötzlich! Die hübschen Tiere!« Er hustete und nieste jetzt ziemlich lange, dann fuhr er fort: »Messire Joseph, ich ließ Ihnen sagen, mir erst nach dem Nachtessen von Geschäften zu sprechen; ich habe jetzt Hunger und meine Essensstunde ist noch nicht da; mein Arzt Chicot hat mir Regelmäßigkeit anempfohlen, und ich habe meinen Schmerz auf der Seite. – Ich habe den Abend so eingeteilt«, fügte er mit einem Blick auf die Uhr hinzu; »um neun Uhr bringen wir die Angelegenheit des Herrn le Grand ins reine; um zehn Uhr lasse ich mich im Garten herumtragen, um die Abendluft beim Mondschein zu genießen; dann schlafe ich eine oder zwei Stunden; um Mitternacht kommt der König und um vier Uhr können Sie wieder vorsprechen, um die verschiedenen Haftbefehle, die Verurteilungen und anderes, das ich Ihnen für die Provinzen, Paris oder die Armee Sr. Majestät mitzugeben habe, abzuholen.« Richelieu sagte dieses alles mit dem nämlichen Ton der Stimme und einem einförmigen Ausdrucke, dem man die Schwäche der Brust und den Verlust einiger Zähne anmerkte. Es war sieben Uhr abends, der Kapuziner entfernte sich. Der Kardinal nahm sein Abendessen mit der größten Ruhe zu sich, ließ, als es halb neun schlug, Joseph zu sich rufen und begann, als dieser neben seinem Tische saß: »Das ist also alles, was sie während mehr als zwei Jahren gegen mich beginnen konnten. Es sind arme Leute, in der Tat! Sogar der Herzog von Bouillon, den ich ziemlich hoch anschlug, verliert durch diesen Zug alle Achtung bei mir; meine Augen sind ihm gefolgt und ich frage dich, hat er einen Schritt getan, der eines echten Staatsmannes würdig wäre? Der König, Monsieur und alle anderen haben sich nur die Köpfe gegen mich erhitzt und mir nicht einmal einen Mann weggenommen. Nur dieser kleine Cinq-Mars weiß seinen Ideen gehörige Folge zu geben; alles was er tat war auf überraschende Weise geleitet; man muß ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen, er hatte Anlagen; ohne das Unbeugsame seines Charakters hätte ich ihn zu meinem Zögling gemacht; allein er hat offenen Visiers mit mir gebrochen, das tut mir leid für ihn. Ich habe sie alle zwei Jahre lang im freien Wasser schwimmen lassen; ziehen wir jetzt das Netz an uns.« »Dazu ist es Zeit, gnädiger Herr«, sagte Joseph, der im Reden oft unwillkürlich zusammenschauerte; »wissen Sie, daß die Überfahrt von Perpignan nach Narbonne kurz ist? Wissen Sie, daß, wenn Sie hier eine starke Armee haben, Ihre Truppen im Lager schwach und unzuverlässig sind, daß dieser junge Adel wütend und der König selbst nicht zuverlässig ist?« Der Kardinal schaute nach der Uhr. »Es ist erst halb neun, Monsieur Joseph; ich habe Ihnen gesagt, daß ich mich erst um neun Uhr mit diesem Geschäfte befassen werde. Da aber Gerechtigkeit gehandhabt werden muß, so schreiben Sie unterdessen, was ich Ihnen diktieren werde. Ich habe nämlich ein sehr gutes Gedächtnis und es sind, wie ich in meinen Notizen sehe, noch vier der Richter Urbain Grandiers auf der Welt; dieser Urbain Grandier war ein Mann von echtem Genie ...« fügte er boshaft hinzu. Joseph biß sich in die Lippen. »Alle seine anderen Richter sind elendiglich umgekommen; es bleibt nur Houmain, der als Schleichhändler noch gehangen wird, den können wir ruhig lassen; doch da haben wir jenen scheußlichen Lactance, der mit Barré und Mignon in Frieden lebt. Nehmen Sie eine Feder und schreiben Sie an den Bischof von Poitiers: Gnädiger Herr, Seine Majestät wünscht, daß die Patres Barré und Mignon in ihren Stellen ersetzt und in kürzester Frist nach Lyon gesandt werden, um wie Pater Lactance, der Kapuziner, als einiger sträflicher Absichten gegen den Staat beschuldigt, dort vor ein besonderes Gericht gestellt zu werden.« Joseph schrieb so kaltblütig, wie ein Türke auf den Wink seines Gebieters einen Kopf vom Rumpfe rollen läßt. Indem der Kardinal den Brief unterzeichnete, sagte er zu ihm: »Ich werde Ihnen dann zu wissen tun, auf welche Art ich sie verschwinden lassen will, denn es ist von Wichtigkeit, alle Spuren dieses ehemaligen Prozesses auszuwischen. Die Vorsehung hat meinen Wünschen gut gedient, indem sie alle diese Männer wegraffte; ich vollende ihr Werk. Das ist alles, was die Nachwelt davon wissen soll.« Und er las dem Kapuziner jene Seite seiner Denkwürdigkeiten vor, worin er das Besessensein und die Hexenkünste des Zauberers erzählt. Richelieus Denkwürdigkeiten, XXVIII, S. 189. Während seiner langsamen Vorlesung konnte sich Joseph nicht enthalten, nach der Uhr zu schauen. »Du kannst es kaum erwarten, bis die Reihe an Herrn le Grand kommt«, sagte endlich der Kardinal; »wohlan, gehen wir zu dem über, um dir Vergnügen zu machen. Du glaubst also, ich habe keinen Grund, so ruhig zu sein? Du glaubst, ich habe diese armen Verschwörer zu weit gehen lassen? Nein. Da sind Papierchen, die dich beruhigen würden, wenn dir ihr Inhalt bekannt wäre. In dieser hohlen hölzernen Rolle ist erstlich der in Oleron aufgefangene Vertrag mit Spanien. Ich bin sehr zufrieden mit Laubardemont, er ist ein gewandter Mann!« Das Feuer einer wilden Eifersucht loderte unter Josephs buschigen Braunen. »Ach, Ew. Gnaden wissen nicht, welchem Manne er ihn entrissen hat«, sagte er; »es ist wahr, daß er diesen umkommen ließ, und in dieser Hinsicht hat man sich nicht über ihn zu beklagen; doch genug, es war der Agent der Verschwörung und – sein eigener Sohn.« »Reden Sie die Wahrheit?« fragte der Kardinal mit ernster Miene; »ja, denn Sie würden nicht wagen, mich anzulügen. Wie erfuhren Sie dies?« »Durch die Leute seines Gefolges, gnädiger Herr; hier sind ihre Berichte, sie selbst werden auf Befehl erscheinen.« Der Kardinal untersuchte diese Papiere und fügte hinzu: »Wir werden ihn also auch zur Verurteilung unserer Verschworenen verwenden, und nachher können Sie mit ihm machen was Sie wollen, ich schenke ihn Ihnen.« Freudig fuhr Joseph in seinen köstlichen Angebereien wieder fort und sagte: »Seine Eminenz spricht davon, Leute, die noch bewaffnet und zu Pferde sind, zu verurteilen?« »Nicht alle sind es. Lies diesen Brief Monsieurs an Chavigny: er bittet um Gnade, er ist der Geschichte satt. Er wagte nicht einmal, sich zuerst an mich zu wenden, und trug seine Bitte nur zu den Füßen eines meiner Diener vor. An Herrn von Chavigny. Herr von Chavigny . Ich glaube Sie schon wieder nicht ganz zufrieden mit mir und wahrlich, Sie haben Grund dazu; ich lasse nicht ab, Sie zu bitten, an der Beilegung meiner Angelegenheit mit Se. Eminenz zu arbeiten und diesen Beweis Ihrer wirklichen Anhänglichkeit zu mir zu erwarten, welche, glaube ich, noch größer als Ihr Zorn sein wird. Sie wissen, wie nötig ich habe, daß Sie mich aus der schlimmen Lage, in der ich mich befinde, ziehen. Sie haben das schon zweimal bei Se. Eminenz für mich bewirkt. Ich schwöre Ihnen, es soll das letztemal sein, daß ich Ihnen solche Aufträge gebe. Gaston von Orleans . Am folgenden Tage faßte er dann aber Mut und sandte diesen an mich selbst An Seine Exzellenz, den Kardinal-Herzog. Mein Vetter . Dieser unerkenntliche Herr le Grand ist der strafbarste Mensch der Welt, Ihr Mißfallen auf sich gezogen zu haben; die Gnadenbeweise, die er von Sr. Majestät empfängt, haben mich immer vor ihm und seinen Künsten auf der Hut sein lassen; für Sie aber, mein Vetter, bewahre ich meine Achtung und meine völlige Freundschaft ... Ich bin von wahrer Reue durchdrungen, mich schon wieder gegen die Treue vergangen zu haben, welche ich dem Könige schulde, gnädiger Herr, und ich rufe Gott als Zeuge der Aufrichtigkeit an, mit welcher ich mein Leben lang der treueste Ihrer Freunde mit derselben Leidenschaft sein werde, mit welcher ich bin Mein Vetter Ihr achtungsvoll gewogener Vetter Gaston . und einen dritten an den König. Sein Plan drückte ihn; er vermochte ihn nicht bei sich zu behalten. Doch mit so Geringem beschwichtigt man mich nicht, es bedarf dazu eines ausführlichen Bekenntnisses oder ich jage ihn aus dem Reiche. Ich ließ ihm diesen Morgen schreiben: › Monsieur , Da Gott will, daß die Menschen zu einer offenherzigen und völligen Beichte Zuflucht nehmen, um von ihrer Schuld in dieser Welt freigesprochen zu werden, so weise ich Ihnen hiermit den Weg, den Sie einzuschlagen haben, um Ihrer Strafe zu entgehen. Eure Hoheit hat gut angefangen, es ist nun an Ihr, das Werk auch so zu vollenden. Das ist alles, was ich Ihnen sagen kann.‹ Was den stolzen und mächtigen Herzog von Bouillon, den souveränen Herrn von Sedan und Obergeneral der italienischen Armeen betrifft, so ist der soeben in der Mitte seiner Soldaten durch seine Offiziere ergriffen und in einem Bund Stroh versteckt worden. Es bleiben also nur noch meine zwei jungen Nachbarn. Sie bilden sich ein, das Lager ganz unter ihren Befehlen zu haben und doch bleiben ihnen nur die roten Kompagnien anhänglich, der übrige Teil wird, da er Monsieur angehört, nicht handeln, und meine Regimenter werden sie verhaften. Dennoch habe ich gestattet, daß man sich den Anschein gebe, als gehorche man ihnen. Wenn sie um halb zwölf Uhr das Signal geben, werden sie beim ersten Schritte verhaftet, wo nicht, so liefert der König sie mir noch heute nacht aus ... Reiße nicht so verwundert die Augen auf, er wird sie mir zwischen zwölf und ein Uhr ausliefern, sag' ich dir. Sie sehen, daß alles ohne Sie abgetan wurde, Joseph, wir können Ihrer sehr gut entbehren, und ich sehe nicht, daß wir während dieser Zeit große Dienste von Ihnen empfangen haben; Sie werden nachlässig.« »Ach, Ew. Gnaden, wüßten Sie nur, welcher Mühe es bedurfte, den Weg zu entdecken, den die Boten mit dem Vertrage genommen hatten! Ich erfuhr es nur, indem ich unter diesen zwei jungen Leuten mein Leben wagte ...« Hier begann der in seinem Lehnstuhl ausgestreckte Kardinal mit spöttelnder Miene zu lachen. »Du mußtest dich recht lächerlich ausnehmen und eine arge Furcht in dieser Schachtel drinnen haben, Joseph, es wird wohl das erstemal in deinem Leben sein, daß du von Liebe sprechen hörtest. Hast du diese Sprache gern, Pater Joseph? Und, sage mir, verstandest du sie auch recht deutlich? Ich glaube nicht, daß du dir eine gar schöne Idee davon machst.« Mit gekreuzten Armen und heimlichem Vergnügen schaute Richelieu seinen verblüfften Kapuziner an und fuhr dann in dem persiflierenden Tone eines großen Herrn, den er zuweilen annahm, fort, indem er sich gefiel, die edelsten Ausdrücke über die unreinsten Lippen gehen zu lassen: »Laß sehen, Joseph, setze mir die Liebe nach deinen Begriffen auseinander. Was mag das sein? Denn du siehst doch wohl, daß das noch außerhalb der Romane vorhanden ist; dieser gute junge Mann hat alle diese kleinen Verschwörungen nur aus Liebe angezettelt. Du hast es ja selbst mit deinen unwürdigen Ohren gehört. Wie, sag' einmal, was ist die Liebe? Ich, zum Beispiel, kenne sie nicht.« Sein Mann war vernichtet und starrte mit dem stupiden Auge eines der unedleren Tiere auf den Boden. Nachdem er lange gesucht hatte, antwortete er endlich mit schleppender und näselnder Stimme. »Sie muß irgend ein bösartiges Fieber sein, welches das Gehirn verwirrt; aber ich gestehe in der Tat, gnädiger Herr, daß ich bis jetzt nie darüber nachgedacht habe und immer verlegen war, mit einem weiblichen Geschöpfe zu sprechen; ich wollte, man könnte sie aus der menschlichen Gesellschaft streichen, denn ich sehe nicht ein, zu was sie dienen sollen, wenn nicht, um Geheimnisse zur Entdeckung zu führen, wie die kleine Herzogin oder wie Marion de Lorme, die ich Ew. Eminenz nicht genug anempfehlen kann; sie hat an alles gedacht und unsere kleine Prophezeiung mit vieler Geschicklichkeit mitten unter ihre Verschwörer geworfen. Das Wunderbare hat uns diesmal nicht im Stiche gelassen wie bei der Belagerung von Hesdin Im Jahre 1638 hatte der Prinz Thomas die Belagerung von Hesdin aufheben lassen, was dem Kardinal äußerst unangenehm war. Eine Nonne des Klosters Mont-Calvaire hatte ausgesagt, der Sieg werde auf der Seite des Königs sein, und Pater Joseph hatte damit beabsichtigt, den Glauben zu verbreiten, daß der Himmel das Ministerium beschütze. (Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Kardinals Richelieu.) , es handelt sich jetzt nur noch darum, ein Fenster zu finden, durch welches Sie am Tage der Hinrichtung hineinsteigen können.« »Schon wieder solche Dummheiten, mein Herr«, sagte der Kardinal; »Sie werden mich so lächerlich machen, wie Sie sind, wenn Sie so fortfahren; ich bin zu stark, um mich des Himmels zu bedienen; das soll mir nie mehr vorkommen. Beschäftigen Sie sich nur mit den Leuten, die ich Ihnen übergebe; ich habe Ihnen noch soeben Ihren Teil zugemessen. Wird der Großstallmeister gefangen, so lassen Sie ihn zum Tode verurteilen und in Lyon hinrichten. Ich will mich nicht mehr darein zu mischen haben. Diese Angelegenheit ist viel zu gering für mich, sie ist ein Kieselstein unter meinen Füßen, an den ich nicht so lange hätte denken sollen.« Joseph schwieg; er konnte diesen Mann nicht begreifen, der, von bewaffneten Feinden umgeben, von der Zukunft wie von einer ihm zur Verfügung stehenden Gegenwart und von der Gegenwart wie von einer Vergangenheit sprach, die er nicht mehr fürchtete. Er wußte nicht, sollte er ihn für einen Narren oder für einen Propheten, für unter der Menschheit stehend oder ihr überlegen halten. Seine Überraschung verdoppelte sich, als Chavigny hastig eintrat und, mit seinen starken Stiefeln so heftig an das Taburett des Kardinals stolpernd, daß er Gefahr lief, darüber hinzufallen, mit äußerst bestürztem Wesen rief: »Gnädiger Herr, einer Ihrer Bedienten kommt soeben von Perpignan und hat dort das Lager in Aufruhr und Ihre Feinde zu Pferde getroffen ...« »Sie werden wieder absteigen, mein Herr«, antwortete Richelieu, sich in seinem Lehnstuhl zurechtsetzend, »Sie aber scheinen mir der Ruhe zu ermangeln.« »Aber ... aber ... Ew. Gnaden, sollte man nicht Herrn von Fabert davon benachrichtigen?« »Lassen Sie ihn schlafen und gehen Sie selbst zur Ruhe, wie auch Joseph.« »Gnädiger Herr, noch etwas Außerordentliches! Der König kommt.« »In der Tat, das ist außerordentlich«, sagte der Minister nach der Uhr schauend; »ich erwarte ihn erst in zwei Stunden. Entfernt euch beide.« Man hörte bald den Tritt von Stiefeln und das Geklirre von Waffen, was die Ankunft des Königs anzeigte; beide Flügeltüren wurden geöffnet; die Wachen des Kardinals stießen dreimal ihre Piken auf den Boden, und der König erschien. Er schritt in das Zimmer, die eine Seite auf einen Meerrohrstock, die andere auf die Schulter seines Beichtvaters, des Paters Sirmond, gelehnt, der sich nachher entfernte und ihn mit dem Kardinal allein ließ; dieser war mit der größten Mühe aufgestanden, konnte aber dem König keinen Schritt entgegengehen, weil seine kranken Füße ganz zusammengewickelt waren; er gab einen Wink, dem König behilflich zu sein, sich ihm gegenüber ans Feuer zu setzen. Ludwig XIII. fiel in einen großen, mit Ohrkissen ausgestatteten Lehnstuhl, verlangte und trank ein Glas von dem Elixier, das man eigens für ihn bereitet hatte, um ihn zu stärken und vor den häufigen Ohnmachten zu schützen, die seine Abzehrung ihm verursachten, gab dann einen Wink, daß sich alles entfernen solle und sagte, als er sich mit Richelieu allein sah, mit matter Stimme: »Ich gehe, mein lieber Kardinal; ich fühle, daß ich zu Gott gehe; ich schwäche von Tag zu Tag ab, weder der Sommer noch die Luft des Südens haben mir meine Kräfte zurückgegeben.« »Ich werde Ew. Majestät vorangehen«, antwortete der Minister; »der Tod hat sich meiner Beine schon bemächtigt, wie Sie sehen; solange mir aber noch ein Kopf zum Denken und eine Hand zum Schreiben bleibt, werde ich für Ihren Dienst tauglich sein.« »Und ich bin überzeugt, daß in Ihrer Absicht lag, hinzuzufügen, ein Herz, um Sie zu lieben«, sagte der König. »Kann Ew. Majestät daran zweifeln?« antwortete der Kardinal mit gerunzelter Stirn und sich vor Ungeduld bei diesem Anfang in die Lippen beißend. »Zuweilen zweifle ich daran«, entgegnete der König; »sehen Sie, ich muß offen zu Ihnen reden und mich bei Ihnen über Sie selbst beklagen. Seit drei Jahren habe ich zwei Dinge auf dem Gewissen und Ihnen nie davon gesprochen; doch zürnte ich Ihnen deswegen insgeheim, und wenn etwas fähig gewesen wäre, mich zur Einwilligung in Vorschläge zu bestimmen, die Ihren Interessen entgegen waren, so wäre es diese Erinnerung gewesen.« Es war dies jene Art von Offenherzigkeit, die schwachen Charakteren eigen ist, welche durch Beunruhigung dessen, der über sie herrscht, sich für das Leid entschädigen, das sie ihm nicht völlig antun dürfen, und sich für die Unterjochung durch einen kindischen Streit rächen. Richelieu ersah aus diesen Worten, daß er große Gefahr gelaufen sei, erkannte aber zu gleicher Zeit die Notwendigkeit, ihn sozusagen seinen ganzen Groll beichten zu lassen und häufte, um die Losplatzung dieser wichtigen Geständnisse zu erleichtern, Beteuerungen auf Beteuerungen, welche er am geeignetsten glaubte, den König ungeduldig zu machen. »Nein, nein«, rief dieser endlich, »ich glaube nichts, solange Sie mir nicht die zwei Sachen erklärt haben, die mir immer vor der Seele schweben, von deren einer man mir erst letzthin noch sprach und die ich durch keine Vernunftgründe rechtfertigen kann; ich meine den Prozeß Urbain Grandiers, über den ich nie recht unterrichtet wurde, und die Beweggründe Ihres Hasses gegen meine unglückliche Mutter und selbst gegen ihre Asche.« »Ist es nur das, Sire?« entgegnete Richelieu; »sind das meine einzigen Verfehlungen? Die sind leicht zu erklären. Die erstere Angelegenheit mußte vermöge Ihrer fürchterlichen und empörenden Nebenumstände, die allgemeines Ärgernis erweckten, den Blicken Ew. Majestät entzogen werden. Es war unstreitig eine Kunst, die nicht als strafbar angesehen werden kann, Verbrechen, deren Name die Schamhaftigkeit verletzt und deren Kundbarwerdung der Unschuld gefährliche Geheimnisse offenbart hätte, mit Magie zu benennen; es war eine heilige List, den Augen der Völker solche Unzüchtigkeiten zu entziehen ...« »Genug, genug hiervon, Kardinal«, sagte Ludwig XIII., den Kopf abwendend und errötend die Augen niederschlagend; »ich kann nicht mehr davon hören; ich begreife Sie, solche Schilderungen würden mich verletzen; ich billige Ihre Beweggründe, es ist gut. Man hatte mir das nicht gesagt, man hatte mir diese schrecklichen Laster verborgen. Hatten Sie sichere Beweise dieser Verbrochen?« »Ich hatte sie alle in Händen, Sire; und was die glorreiche Königin Marie von Medicis betrifft, so bin ich erstaunt, daß Ew. Majestät vergessen, wie zugetan ich ihr war. Ja, ich fürchte nicht, es zu gestehen, ihr verdankte ich meine ganze Erhöhung; sie war die erste, welche die Augen auf den Bischof von Luçon, der damals erst zweiundzwanzig Jahre alt war, zu werfen geruhte, um ihn sich zu nähern. Wie sehr habe ich gelitten, als sie mich zwang, sie im Interesse Ew. Majestät zu bekämpfen! Da aber dieses Opfer für Sie gebracht wurde, so fühlte ich nie Bedenklichkeiten und werde nie solche fühlen.« »Sie nicht; aber ich!« sagte der König mit Bitterkeit. »Ei, Sire!« rief der Kardinal, »ging Ihnen nicht der Sohn Gottes Im Jahre 1639 beriet sich der König mit seinem Rate über die Bittschrift seiner verbannten Mutter, nach Frankreich zurückkehren zu dürfen. Richelieu antwortete: »Wer kann zweifeln, daß es einem Könige nicht erlaubt sei, sich um wichtiger Interessen willen von einer Mutter zu trennen? ... Der Sohn Gottes hat keine Schwierigkeit gemacht, sich für etwelche Zeit von seiner Mutter zu trennen und sie einige Tage in Bekümmernis zu lassen. Die Antwort, die er seiner Mutter gab, als sie sich darüber beklagte, lehrt die Könige, daß die, welchen Gott die Sorge für das allgemeine Wohl eines Reiches übergeben hat, diese immer allen persönlichen Verpflichtungen vorziehen müssen.« (Bericht des Herrn von Fontrailles.) hierin mit seinem Beispiel voran? Nach diesem Muster aller Vollkommenheit verfuhren wir bei unserem Rate, und wenn die den kostbaren Überresten Ihrer Mutter gebührenden Monumente noch nicht errichtet sind, so ist Gott mein Zeuge, daß einzig aus Besorgnis, Ihr Herz zu betrüben und Ihnen ihren Tod wieder frisch ins Gedächtnis zu rufen, wir die Arbeiten noch verzögert haben. Doch gesegnet sei dieser Tag, an dem mir gestattet ist, Ihnen darüber zu sprechen! Ich selbst werde, wenn wir sie in Saint-Denis ruhen sehen, die erste Messe daselbst lesen, so die Vorsehung mir Kraft dazu läßt.« Hier nahm der König eine etwas freundlichere, doch immer noch kalte Miene an, und der Kardinal, der einsah, daß er ihn diesen Abend nicht besser zur Überzeugung bringen würde, entschloß sich plötzlich, eine ganz veränderte Richtung einzuschlagen und den Feind keck anzugreifen. Indem er daher fortfuhr, den König fest anzublicken, sagte er kalt: »Haben Sie also deshalb Ihre Einwilligung zu meinem Tode gegeben?« »Ich?« entgegnete der König; »da hat man Sie getäuscht; ich habe wohl von der Verschwörung sprechen hören und wollte Ihnen etwas davon sagen; allein gegen Sie habe ich nichts angeordnet.« »So reden die Verschworenen nicht, Sire; dennoch will ich Ew. Majestät glauben und bin für Sie recht froh, daß man sich getäuscht hat. Aber welche Ratschläge geruhen Sie mir zu erteilen?« »Ich ... wollte Ihnen offenherzig und unter uns sagen, daß Sie wohl tun werden, ein wachsames Auge auf Monsieur zu haben ...« »Ach, Sire, das kann ich jetzt nicht glauben, denn hier ist ein Brief, den er mir für Sie übersandt hat; er scheint eher gegen Ew. Majestät selbst strafbar zu sein.« Erstaunt las der König: »Gnädiger Herr, Ich fühle Verzweiflung, mich nochmals an der Treue, die ich Ew. Majestät schulde, vergangen zu haben; ich flehe Sie alleruntertänigst an, genehmigen zu mögen, daß ich Sie tausendmal um Verzeihung bitte mit einer höflichen Vermeidung der Ergebenheit und Treue Ihres allerergebensten Untertans Gaston. « »Was soll das heißen?« rief Ludwig, »sollten sie gewagt haben, sich auch gegen mich zu bewaffnen?« » Auch !« sagte leise der Kardinal, sich in die Lippen beißend; dann hob er wieder an: »Ja, Sire, auch gegen Sie; das könnte mich diese kleine Papierrolle bis auf einen gewissen Punkt glauben machen.« Und mit diesen Worten zog er ein zusammengerolltes Pergament aus einem ausgehöhlten Holunderholze und entfaltete es vor den Augen des Königs. »Es ist ganz einfach ein Vertrag mit Spanien, den, glaub' ich, Ew. Majestät zum Beispiel nicht unterzeichnet haben. Sie können die zwanzig Artikel davon hier in aller Ordnung lesen. Alles ist bedacht, die sicheren Plätze, die Truppenzahl, die Hilfe an Geld und Mannschaft.« »Die Verräter!« lief Ludwig aufgeregt, »man muß sie ergreifen lassen; mein Bruder sagt sich davon los und bereut es; aber den Herzog von Bouillon lassen Sie verhaften ...« »Gut, Sire.« »Es wird zwar schwer halten, da er sich in der Mitte seiner Armee in Italien befindet.« »Ich stehe mit meinem Kopfe für seine Verhaftung, Sire, aber bleibt nicht noch ein anderer Name?« »Welcher? ... Wie? ... Cinq-Mars?« sagte der König stammelnd. »Eben der, Sire,« entgegnete der Kardinal. »Ich seh' ihn wohl ... aber ... ich glaube, man könnte ...« »Hören Sie«, sagte plötzlich Richelieu mit donnernder Stimme, »heute muß noch alles zu Ende geführt werden, Ihr Günstling ist an der Spitze seiner Partei zu Pferde; wählen Sie zwischen ihm und mir. Liefern Sie den Knaben dem Manne oder den Mann dem Knaben aus, es gibt da keine Mittelstraße.« »Ei, was wollen Sie denn, wenn ich Sie begünstige?« entgegnete der König. »Seinen Kopf und den seines Vertrauten.« »Nein ... das ist unmöglich!« antwortete der König schaudernd und in gleiche Unschlüssigkeit verfallend, in der er sich mit Cinq-Mars gegen Richelieu befand. »Er ist mein Freund so gut wie Sie; mein Herz blutet bei dem Gedanken an seinen Tod. Weshalb konntet ihr euch beide nicht verständigen? Weshalb diese Spaltung? Das hat ihn so weit gebracht. Ihr habt mich zur Verzweiflung gebracht, Sie und er, ihr macht mich zum unglücklichsten der Menschen.« Während Ludwig sprach, verbarg er seinen Kopf in beide Hände und vergoß vielleicht Tränen; allein der unbeugsame Minister heftete seine Augen auf ihn wie auf eine Beute, und benützte, ohne einen Augenblick zur Erholung zu gewähren, im Gegenteil erbarmungslos diese Verwirrung, um weiter zu sprechen. »Also auf diese Weise«, sagte er mit hartem und kaltem Tone, »erinnern Sie sich der Gebote, welche Gott selbst Ihnen durch den Mund Ihres Beichtvaters gegeben hat? Sie sagten mir einst, die Kirche gebiete Ihnen ausdrücklich, Ihrem Premierminister alles zu entdecken, was Sie gegen ihn hören würden, und nie erfuhr ich von Ihnen etwas über meinen beabsichtigten nahen Tod. Durch treuere Freunde mußte ich die Verschwörung vernehmen, ja, die Strafbaren selbst überlieferten sich durch eine Fügung der Vorsehung mir, um mir das Geständnis ihrer Schuld Zu machen. Ein einziger, der Verhärtetste, der Geringste unter allen, widersteht noch, und dieser hat alles geleitet, dieser liefert Frankreich den Fremden aus, stürzt in einem Tage meine zwanzigjährige Arbeit um, veranlaßt die Hugenotten des Südens zum Aufstand, ruft alle Klassen des Staates zu den Waffen, läßt vernichtete Ansprüche wieder aufleben und zündet endlich die durch Ihren Vater ausgelöschte Ligue wieder an; denn sie ist es, täuschen Sie sich hierbei nicht, sie ist es, die ihre Häupter alle gegen Sie erhebt. Sind Sie zum Kampfe bereit? Wo ist denn Ihre Keule?« Vernichtet, antwortete der König nicht und verbarg seinen Kopf immer in seine Hände. Der unerbittliche Kardinal kreuzte die Arme und fuhr fort: »Ich fürchte nur, es möchte Ihnen einfallen, daß ich für mich spreche. Glauben Sie wirklich, ich wisse mich nicht zu beurteilen und es könne mir viel an einem solchen Gegner liegen? In der Tat, ich weiß nicht, was schuld ist, daß ich Sie nicht gewähren ließe und die ungeheure Staatslast nicht in die Hände dieses Jüngelchens lege. Sie können leicht denken, daß ich mich in den zwanzig Jahren, seit ich Ihren Hof kenne, eines Zufluchtsortes versichert habe, wo ich mich gegen Ihren Willen sogleich hinbegeben kann, um die sechs Monate, die mir vielleicht noch zu leben bleiben, dort zu vollenden. Das Schauspiel einer solchen Regierung wäre ein merkwürdiges für mich! Was werden Sie zum Beispiel antworten, wenn alle jene kleinen Potentaten, sobald ich sie nicht mehr niedergedrückt halte, wieder aufstehen, hinter Ihrem Bruder drein kommen und sagen, wie sie zu Heinrich IV. auf seinem Throne zu sagen wagten: Verteilen Sie unter uns alle große Statthalterschaften mit erblichen Titeln und Souveränitätsrechten und wir sind zufrieden Denkwürdigkeiten Sullys, 1595. ! Sie würden es tun, daran zweifle ich nicht, und das ist das Geringste, was Sie denen gewähren können, die Sie von Richelieu befreit haben, und wird vielleicht das Gescheiteste sein, denn um Isle de France zu regieren, das sie Ihnen ohne Zweifel als ursprüngliches Krongut lassen, bedarf Ihr neuer Minister nicht so vieler Papiere.« Bei diesen Worten stieß er zornig gegen den Tisch, der beinahe das ganze Zimmer ausfüllte und mit zahllosen Papieren und Mappen überladen war. Das Übermaß von Kühnheit in dieser Rede vermochte Ludwig seinem dumpfen Brüten zu entziehen; er hob den Kopf und schien einen Augenblick einen Entschluß gefaßt zu haben, aus Furcht einen anderen zu ergreifen. »Wohlan denn, mein Herr«, entgegnete er; »ich stehe Ihnen dafür, daß ich allein regieren will.« »Meinetwegen«, sagte Richelieu; »allein ich muß Sie benachrichtigen, daß die Geschäfte des Augenblicks schwierig sind. Das ist die Stunde, wo man mir meine gewöhnliche Arbeit bringt.« »Ich nehme Sie auf mich«, entgegnete Ludwig, »ich werde die Portefeuilles öffnen, werde die nötigen Befehle erteilen.« »So versuchen Sie's denn«, sagte Richelieu, »ich ziehe mich zurück, und sollten Sie irgendwo Anstoß finden, so rufen Sie mich.« Er klingelte, und im nämlichen Augenblick traten vier handfeste Knechte, als hätten sie nur auf dieses Signal gewartet, ein und trugen seinen Lehnstuhl sammt seiner Person in ein anderes Zimmer, denn er konnte, wie schon gesagt, nicht mehr gehen. Während er durch das Zimmer kam, wo die Sekretäre arbeiteten, sagte er mit lauter Stimme: »Man erwarte die Befehle Sr. Majestät.« Der König blieb allein. In seinem neuen Entschlusse stark und stolz, einmal widerstanden zu haben, wollte er sich unverzüglich an die politische Arbeit machen. Er ging um den ungeheuren Tisch herum und sah so viel Mappen, als man damals Kaiserreiche, Königreiche und Kreise in Europa zählte; er öffnete eines und fand es in Felder abgeteilt, deren Zahl den Unterabteilungen des Landes, dem es bestimmt war, gleich kam, alles befand sich in Ordnung, aber in einer ihn erschreckenden Ordnung, weil jede Note nur die Quintessenz jedes Geschäfts enthielt, wenn man so sagen kann, und nur gerade den Punkt der momentanen Beziehungen zu Frankreich berührte. Dieser Lakonismus war für Ludwig beinahe ebenso rätselhaft wie die mit Zahlen geschriebenen Briefe, die den Tisch bedeckten. Hier war alles für ihn Verwirrung; auf Bann- und Expropriationsedikten der Hugenotten von La Rochelle waren Verträge mit Gustav Adolf und den Hugenotten des Nordens gegen das Reich entworfen; Noten über den General Banner, über Wallenstein, den Herzog von Weimar und Johann von Werth lagen in wirrem Durcheinander mit dem umständlichen Bericht über die in der Schatulle der Königin Vorgefundenen Briefe, dem Verzeichnis der darin enthaltenen Halsbänder und Kleinodien und der doppelten Auslegung, die man jedem Satz ihrer Billete hätte geben können. Auf der Randlinie des einen derselben standen die Worte: Über vier von einem Manne geschriebene Zeilen kann ihm ein Kriminalprozeß angehängt werden. Weiterhin lagen Denunziationen gegen die Hugenotten, die Pläne zu einer Republik, die sie gefaßt hatten, die Einteilung Frankreichs in Kreise unter einem jährlich zu wechselnden Diktator; der Entwurf des Siegels zu diesem Staate lag als Zeichnung beigefügt und stellte einen Engel vor, der sich an ein Kreuz lehnte und in der Hand die Bibel hielt, die er über seine Stirn emporhob. Daneben lag ein Verzeichnis der Kardinäle, die der Papst am nämlichen Tage mit dem Bischof von Luson (Richelieu) dazu ernannt hatte. Unter diesen befand sich der Marquis von Bédemar, Gesandter in Venedig und Verschwörer. Ludwig XIII. erschöpfte seine Kräfte vergeblich, indem er nach einem umständlichen Bericht eines anderen Zeitpunktes und den auf die Verschwörung bezüglichen Papieren suchte, die geeignet sein konnten, ihm den wirtlichen Knoten zu zeigen, sowie das, was man gegen ihn selbst gewagt hatte, als ein kleiner Mann mit olivenfarbenem Gesicht, gekrümmter Gestalt und dem gezwungenen Gang eines Frömmlers in das Kabinett trat; es war ein Staatssekretär namens Desnoyers; er schritt, sich verneigend, vor und sagte: »Kann ich Ew. Majestät von den Angelegenheiten Portugals sprechen?« »Also Spaniens«, entgegnete Ludwig; »Portugal ist ja eine spanische Provinz.« »Portugals«, behaute Desnoyers. »Hier ist das Manifest, das wir soeben erhalten haben.« Und er las: »Wir, Don Juan, durch Gottes Gnaden König von Portugal, der Algarven, der Königreiche jenseits Afrika, Herr des eroberten Guineas, der Schiffahrt und des Handels in Äthiopien, Arabien, Persien und Indien ...« »Was bedeutet das alles«, sagte der König; »wer spricht denn so?« »Der Herzog von Braganza, König von Portugal, der schon vor ein ... schon vor einiger Zeit, Sire, durch einen Mann, namens Pinto, gekrönt wurde. Kaum wieder auf dem Throne, streckte er seine Hand nach dem empörten Katalonien aus.« »Katalonien hat sich auch empört! Hat denn der König Philipp IV. nicht mehr den Graf-Herzog zum Premierminister?« »Im Gegenteil, Sire; er hat sich empört, weil er ihn noch hat. Hier ist die Erklärung der katalanischen Generalstaaten an Se. Katholische Majestät, des Inhaltes, daß das ganze Land die Waffen gegen seine meineidigen und mit dem Bannstrahl belegten Truppen ergreife. Der König von Portugal ...« »Sagen Sie der Herzog von Braganza«, entgegnete Ludwig, »ich kenne einen Aufrührer nicht.« »Also der Herzog von Braganza, Sire«, sagte der Staatsrat kalt, »entsendet seinen Neffen, Don Ignaz de Mascarenas, in das Fürstentum Katalonien, um dieses Land unter seinen Schutz (und vielleicht unter seine Oberherrschaft) zu stellen, die er der soeben erworbenen noch beifügen möchte. Nun stehen aber die Truppen Ew. Majestät vor Perpignan.« »Wohlan, was liegt daran«, sagte Ludwig. »Die Katalonier haben mehr ein französisches als ein portugiesisches Herz, Sire, und es ist noch Zeit, dem König von ... dem Herzog von Braganza diese Vormundschaft zu entziehen.« »Ich Rebellen unterstützen! Sie wagen! ...« »Es war der Plan Sr. Eminenz«, fuhr der Staatsrat fort; »Spanien und Frankreich stehen ohnedies im Krieg miteinander, und Herr von Olivarez hat nicht gezögert, die Hand Sr. Katholischen Majestät unseren Hugenotten zu reichen.« »Gut, ich werde daran denken«, sagte der König; »lassen Sie mich jetzt in Ruhe.« »Sire, die Generalstaaten von Katalonien sind bedrängt, die Truppen Aragoniens marschieren gegen sie an ...« »Wir werden sehen ... In einer Viertelstunde sollen Sie meinen Entschluß wissen«, antwortete Ludwig XIII. Der kleine Staatssekretär entfernte sich mit unzufriedener und entmutigter Miene. Statt seiner trat Chavigny ein, mit dem Portefeuille der britischen Waffen in der Hand. »Sire«, sagte er, »ich bitte Ew. Majestät um Befehle hinsichtlich der Angelegenheiten Englands. Die Parlamente unter dem Vorsitz des Grafen von Essex haben soeben die Belagerung von Glocester aufheben lassen, Prinz Rupert hat in Newbury eine unglückliche und Sr. Britischen Majestät wenig vorteilhafte Schlacht geliefert. Das Parlament verlängert seine Sitzungen und hat die großen Städte, die Seehäfen und die ganze presbyterianische Bevölkerung für sich. König Karl I. verlangt Hilfe, welche die Königin in Holland nicht mehr findet.« »Man muß meinem königlichen Bruder in England Truppen senden«, entgegnete Ludwig. Er wollte jedoch die darauf bezüglichen Papiere nachsehen und fand, indem er die Noten des Kardinals durchlief, daß er auf eine erste Bitte des Königs von England eigenhändig geschrieben hatte: »Muß es lange überdenken und warten: – die Gemeinen sind starr: – König Karl zählt auf die Schotten, die werden ihn verkaufen.« »Muß sich in acht nehmen. Es ist da ein Kriegsmann, der Vincennes besucht und gesagt hat, man sollte die Könige nie anders als auf den Kopf schlagen.« – » Bemerkenswert «, hatte der Kardinal beigefügt, dann aber das Wort durchgestrichen und statt dessen » Furchterregend « hingesetzt. Und weiter: »Dieser Mann hat eine Herrschaft über Fairfax gewonnen; – er spielt den Begeisterten, – wird ein großer Mann sein. – Hilfe abgeschlagen; – verloren Geld.« Auf dieses hin sagte nun der König: »Doch nein, nein, beeilen Sie nichts, ich werde warten.« »Aber, Sire«, entgegnete Chavigny, »die Ereignisse drängen; wenn sich der Kurier um eine Stunde verspätet, so kann der Untergang des Königs von England um ein Jahr befördert werden.« »Ist es schon so weit?« fragte Ludwig. »Im Lager der Independenten predigt man mit der Bibel in der Hand die Republik; in dem der Royalisten streitet man über den Vortritt und lacht.« »Aber ein glücklicher Augenblick kann alles retten!« »Die Stuarts sind nicht glücklich, Sire«, entgegnete Chavigny ehrerbietig, aber in einem Tone, der viel zu denken übrig ließ. »Lassen Sie mich allein«, sagte der König in verdrießlichem Tone. Der Staatssekretär entfernte sich langsam. Jetzt sah Ludwig XIII. seine ganze Lage ein und erschrak über das Nichts, das er in sich selbst fand. Er ließ seine Augen zuerst über die Papierstöße schweifen, die ihn umgaben, ging von einem zum andern, fand überall Gefahren und fand dieselben nie größer als in den Hilfsquellen selbst, die er erfand. Er stand auf und bog oder warf sich vielmehr; einen anderen Platz einnehmend, über eine Karte von Europa; dort fand er im Norden, im Süden, im Mittelpunkt seines Königreiches alle seine Schrecken beisammen; die Revolutionen erschienen ihm wie Eumeniden; unter jeder Gegend glaubte er einen Vulkan rauchen zu sehen; es deuchte ihn, als höre er den Notschrei der Könige, die ihn riefen, und den Wutschrei der Völker; er glaubte, Frankreichs Boden unter seinen Füßen brechen und sich spalten zu hören; es flirrte vor seinen schwachen und ermüdeten Augen, sein kranker Kopf ward von einem Schwindel ergriffen, der das Blut zu seinem Herzen zurückdrängte. »Richelieu!« schrie er mit erstickter Stimme, eine Klingel rührend; »man rufe den Kardinal zurück.« Und er sank ohnmächtig in einen Lehnstuhl. Als der König durch starke Essenzen, die man ihm auf die Lippen und an die Schläfe träufelte, wieder belebt, seine Augen öffnete, sah er einen Augenblick Pagen, die sich aber zurückzogen, sobald er die Augenlider aufschlug, und ihn mit dem Kardinal allein ließen. Der teilnahmlose Minister hatte seine Chaiselongue gleich dem Stuhl eines Arztes neben das Bett seines Kranken, an den Lehnstuhl des Königs hinstellen lassen und heftete seine funkelnden und forschenden Augen auf das blasse Gesicht Ludwigs. Sobald dieser imstande war, ihn anzuhören, begann er mit dumpfer Stimme sein schreckliches Gespräch wieder. »Sie haben mich zurückgerufen«, sagte er; »was wollen Sie?« Auf das Ohrkissen gelehnt, öffnete Ludwig halb die Augen und schaute ihn an. dann schloß er sie aber schleunig wieder. Dieser fleischlose, mit zwei flammenden Augen bewaffnete Kopf, der in einen spitzen weißlichen Bart auslief, dieses Priesterkäppchen und diese Kleider von der Farbe des Blutes und der Flammen, alles trug dazu bei, sich ihn als einen höllischen Geist vorzustellen. »Regieren Sie«, sagte er mit schwacher Stimme. »Aber ... liefern Sie mir Cinq-Mars und von Thou aus?« fuhr der unversöhnliche Minister fort, indem er sich gegen den König vorbeugte, um in seinen erloschenen Augen zu lesen, wie ein gieriger Erbe den letzten Schein des Willens eines Sterbenden bis in das Grab verfolgt. »Regieren Sie«, wiederholte der König, den Kopf abwendend. »So unterzeichnen Sie«, entgegnete Richelieu; »auf diesem Papier steht: Es ist mein Wille, sie tot oder lebendig einzufangen.« Den Kopf immer in den Stuhl zurückgelehnt, ließ Ludwig seine Hand auf das unselige Papier fallen und unterzeichnete. »Jetzt lassen Sie mich in Ruhe, aus Erbarmen; ich sterbe«, sagte er dann. »Das ist noch nicht alles«, fuhr der fort, den man den großen Politiker nennt; »ich bin Ihrer nicht sicher; ich brauche künftig Garantien und Pfänder. Unterzeichnen Sie auch dieses, und ich verlasse Sie. ›Wenn der König den Kardinal besuchen will, sollen die Wachen dieses letzteren die Waffen nicht ablegen; und wenn der Kardinal den König besuchen will, sollen seine Wachen den Platz mit denen Sr. Majestät teilen.‹ Manuskripte Pointis 1642, Nr. 185. Weiter: ›Seine Majestät verpflichtet sich, die beiden Prinzen, seine Söhne, als Geiseln und eine Bürgschaft der Aufrichtigkeit seiner Anhänglichkeit, den Händen des Kardinals zu übergeben.‹« Denkwürdigkeiten Annas von Österreich 1642. »Meine Kinder!« rief Ludwig, den Kopf in die Höhe richtend, »Sie wagen ...« »Wollen Sie lieber, daß ich mich von allem zurückziehe?« sagte Richelieu. Der König unterzeichnete. »Sind wir nun fertig?« sagte er mit tiefem Stöhnen. Sie waren nicht fertig; ein anderer Schmerz war ihm vorbehalten. Die Tür wurde aufgerissen und man sah Cinq-Mars eintreten. Diesmal war es der Kardinal, der zitterte. »Was wollen Sie, mein Herr?« fragte er, die Klingel ergreifend, um Hilfe herbeizurufen. Der Großstallmeister war so blaß als der König, und schritt, ohne Richelieu einer Antwort zu würdigen, mit ruhiger Miene auf Ludwig XIII. zu. Dieser schaute ihn an wie ein Mann, der eben sein Todesurteil vernommen hat. »Sire, Sie müssen einige Schwierigkeit finden, mich verhaften zu lassen, denn ich habe zwanzigtausend Männer, die zu mir stehen«, sagte Henri d'Effiat mit der sanftesten Stimme. »Ach, Cinq-Mars«, entgegnete Ludwig schmerzlich bewegt, »hast du wirklich solche Sachen gemacht?« »Ja, Sire, und darum bringe ich Ihnen auch meinen Degen, denn ohne Zweifel haben Sie mich soeben überliefert«, sagte er, denselben losschnallend und zu den Füßen des Königs legend, der, ohne zu antworten, die Augen niederschlug. Cinq-Mars lächelte traurig aber ohne Bitterkeit, weil er der Erde schon nicht mehr angehörte. Dann schaute er Richelieu mit Verachtung an und sagte: »Ich stelle mich, weil ich sterben will, aber besiegt bin ich nicht.« Der Kardinal ballte wütend die Fäuste, bezwang sich jedoch. »Und wer sind Ihre Mitverschworenen?« sagte er. Cinq-Mars blickte Ludwig XIII. fest an und öffnete die Lippen, um zu reden ... Der König senkte den Kopf und erlitt in diesem Augenblick eine allen Menschen unbekannte Qual. »Ich habe keine«, antwortete endlich Cinq-Mars, der Mitleid mit dem König hatte, und verließ dann das Gemach. Auf der ersten Galerie, wo alle Edelleute und Fabert bei seinem Erscheinen sich erhoben, stand er still, ging dann auf diesen letzteren zu und sagte: »Mein Herr, geben Sie diesen Edelleuten Befehl, mich zu verhaften.« Alle schauten sich an, ohne daß sie wagten, sich ihm zu nähern. »Ja, mein Herr, ich bin Ihr Gefangener ... Ja, meine Herren, ich bin ohne Degen und wiederhole es Ihnen, Gefangener des Königs.« »Ich weiß nicht was ich sehe«, sagte der General, »es sind ihrer zwei, die sich als Gefangene stellen, und doch habe ich nicht Befehl, jemand zu verhaften.« »Zwei?« entgegnete Cinq-Mars, »das kann nur von Thou sein; ach! an dieser Ergebung errate ich ihn.« »Und hatte ich dich nicht auch erraten?« rief dieser, hervortretend und sich in seine Arme werfend. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Die Gefangenen Unter jenen alten Schlössern, die wir von Jahr zu Jahr mit Bedauern aus Frankreich schwinden sehen wie Blumenzierat aus seiner Krone, war ein düster und wild aussehendes auf dem linken Ufer der Saone. Es schien eine furchtbare, vor eines der Tore von Lyon gestellte Wache und hatte seinen Namen von dem ungeheuren Felsen von Pierre-Encise, der sich senkrecht wie eine Art natürlicher Pyramide erhebt und dessen Gipfel, nach der Straße zu umgebogen und gegen den Fluß sich herabsenkend, wie es heißt, sich vormals mit anderen Felsen verband, die man am gegenüberliegenden Ufer sieht, und so gleichsam den natürlichen Bogen einer Brücke bildete; allein Zeit, Wasser und Menschenhände haben nur noch die alten Granitblöcke stehen lassen, die der heutzutage zerstörten Festung als Unterlage dienten. Als weltliche Herren der Stadt hatten die Erzbischöfe von Lyon sie einst erbaut und ihre Residenz daraus gemacht; seither ward sie ein Kriegsplatz und unter Ludwig XIII. ein Staatsgefängnis. Ein einziger kolossaler Turm, in den das Tageslicht nur durch drei lange Schießscharten dringen konnte, beherrschte das Bauwerk, und einige unregelmäßige Gebäulichkeiten umgaben es mit ihren dicken Mauern, deren Linien und Winkel den Formen des ungeheuren und senkrechten Felsens folgten. Hier beabsichtigte der seine Beute gierig hütende Kardinal von Richelieu seine jungen Feinde einzukerkern. Er wollte sie selbst hinführen und ließ Ludwig ihm nach Paris voranreisen. Dann brach er mit seinen Gefangenen von Narbonne auf, schleppte sie als letzten Siegesschmuck nach, schiffte sich auf der Rhone bei Tarascon, beinahe an ihrer Mündung, ein, um gleichsam jenes Vergnügen der Rache, welches die Menschen das der Götter zu nennen wagten, länger zu genießen. Sie fuhren langsam auf Barken, die in des Kardinals Wappen prangten, von den vergoldeten Rudern getrieben, stromaufwärts; Richelieu befand sich in der ersteren, und in der zweiten, die durch eine lange Kette nachgezogen wurde, seine beiden Gefangenen. Wenn die Hitze vorbei war, sah man abends oft die beiden Nachen ihrer Zelte entledigt, in dem einen, blaß und mager, Richelieu auf dem Hinterteil sitzen und in dem nachfolgenden die beiden jungen Gefangenen, mit ruhiger Stirn einer an den anderen gelehnt, stehen und den schnell unter ihnen wegeilenden Wogen des Stromes nachschauen. Ehemals hätten die Soldaten Cäsars, die an diesen nämlichen Ufern lagerten, den unbeugsamen Fährmann der Unterwelt zu sehen geglaubt, wie er die befreundeten Schatten Kastor und Pollux mit sich führte; Christen hätten nicht solche Kühnheit, darüber nachzudenken und hierin einen Priester zu erblicken, der seine beiden Feinde dem Henker zuführt; der Premierminister war es, der vorbeifuhr. Er fuhr in der Tat vorbei und ließ sie unter der Obhut eben jener Stadt, wo die Verschworenen ihn hinrichten zu lassen vorgeschlagen hatten. Er liebte es, mit dem Schicksal ein solches Spiel zu treiben und eine Trophäe aufzupflanzen, wo es sein Grab hatte öffnen wollen. »Er ließ sich«, sagt ein Manuskript jenes Jahres, »in einem Schiffe, worin man ein hölzernes, mit karmesinroten Samtblättern auf goldenem Grunde tapeziertes Zimmer hergerichtet hatte, die Rhone hinaufziehen. In dem nämlichen Schiffe war ein Vorzimmer ähnlicher Art; am Vorderteile und hinten im Schiffe befanden sich eine Menge Soldaten seiner Garde im scharlachroten, mit Gold, Silber und Seide gestickten Reiserock, sowie viele Herren von Stande. Se. Eminenz lag in einem mit purpurroten Taft ausgeschmückten Bette. Der Herr Kardinal Vigni und die Herren Bischöfe von Nantes und Chartres befanden sich mit einer Menge Abbés und Edelleuten in anderen Schiffen. Dem seinen voran öffnete eine Fregatte den Zug und säuberte den Weg, und nach ihr folgte ein Schiff mit Büchsenschützen und den sie befehligenden Offizieren. Kam man in die Nähe einer Insel, so lud man Soldaten aus, die nachsehen mußten, ob keine verdächtigen Leute vorhanden seien, und trafen sie deren keine, so bewachten sie die Ufer, bis zwei nachfolgende Schiffe, mit Adel und wohlbewaffneten Soldaten besetzt, vorbei waren. Dann kam das Schiff Sr. Eminenz, an dessen Hinterteil eine kleine Barke angebunden war, in der sich auch, von Gefreiten der königlichen Garde und zwölf Garden Sr. Eminenz bewacht, die Herren von Thou und von Cinq-Mars befanden. Nach den Schiffen kamen drei Barken, in denen die Kleider und das Silbergeschirr Sr. Eminenz aufbewahrt und von mehreren Edelleuten und Soldaten gehütet waren. An dem Ufer der Rhone, im Dauphiné, marschierten zwei Kompagnien Chevaulegers und ebensoviel am Ufer auf der Seite von Languedoc und Vivarais; ein sehr schönes Regiment Fußvolk zog in die Städte ein, wo Se. Eminenz aussteigen oder übernachten wollte. Es war eine Freude, die Trompeten, die im Dauphiné bliesen, und die, welche ihnen in Vivarais antworteten, sowie die Wiederholung der Echos unserer Felsen zu hören; es war, als spiele alles um die Wette.« – In der Mitte einer Septembernacht, während alles in dem unüberwindlichen Turme der Gefangenen zu schlafen schien, drehte sich die Tür seines ersten Gemaches geräuschlos in den Angeln und auf der Schwelle erschien ein in ein braunes, mit einem Strick umgürtetes Gewand gekleideter Mann, der Sandalen an den Füßen und ein großes Schlüsselbund in der Hand trug; es war Joseph. Ohne vorwärts zu schreiten, schaute er sich behutsam um und betrachtete schweigend das Zimmer des Großstallmeisters; dichte Teppiche lagen auf dem Boden, glänzende Tapeten bekleideten die Mauern des Gefängnisses; ein Bett von rotem Damast war zubereitet, allein der Gefangene befand sich nicht darin; neben einem hohen Kamin in einem großen Lehnstuhl sitzend und in einem langen, grauen Kleide, gleich einem Priestergewande, saß er beim schwankenden Schein einer Lampe gesenkten Hauptes da, die Augen auf ein kleines goldenes Kreuz geheftet; er war in so tiefes Nachdenken versunken, daß der Kapuziner Muße hatte, bis zu ihm hinzugehen und sich dem Gefangenen gegenüber zu stellen, bevor dieser es gewahr ward. Endlich hob er plötzlich den Kopf auf und rief: »Was willst du hier, Elender?« »Junger Mann, Ihr seid aufbrausend«, antwortete mit sehr leiser Stimme der geheimnisvolle Besuch; »zwei Monate Gefängnis hätten Sie ruhiger machen sollen. Ich komme, Ihnen wichtige Dinge mitzuteilen; hören Sie mich an; ich habe viel an Sie gedacht und hasse Sie nicht so stark, wie Sie etwa glauben mögen. Die Augenblicke sind kostbar; ich werde Ihnen alles in wenigen Worten sagen. In zwei Stunden kommt man, Sie zu verhören, zu verurteilen und samt Ihrem Freunde hinzurichten; das kann nicht fehlen, denn es soll alles an einem Tage abgetan werden.« »Das weiß ich«, entgegnete Cinq-Mars, »und ich zähle darauf.« »Wohlan, ich kann Sie noch aus der Sache ziehen, denn, wie schon gesagt, ich habe viel über Ihre Lage nachgedacht und komme nun, Ihnen Dinge vorzuschlagen, die Ihnen angenehm sein werden. Der Kardinal kann keine sechs Monate mehr leben; wir wollen gegeneinander nicht geheim tun, und Offenherzigkeit gegeneinander täte not; Sie sehen, wohin ich Sie um seinetwillen gebracht habe und können hiernach urteilen, wohin ich ihn führen würde, wenn Sie wollten; wir können ihm die sechs Monate, die ihm bleiben, noch beschneiden. Der König liebt Sie und wird Sie mit Entzücken in seine Nähe zurückrufen, wenn er erfährt, daß Sie noch leben; Sie sind jung, Sie werden lange glücklich und mächtig sein; Sie werden mich beschützen und mich zum Kardinal machen.« Das Erstaunen machte den jungen Gefangenen stumm, der eine solche Sprache nicht begreifen konnte und Mühe zu haben schien, von der Höhe seiner Betrachtungen zu denselben herabzusteigen. Alles was er sagen konnte war: »Ihren Wohltäter Richelieu?« Der Kapuziner lächelte und fuhr leise, näher zu ihm hintretend. fort: »In der Politik gibt es keine Wohltat; es gibt Interessen, das ist alles. Ein durch einen Minister verwendeter Mann muß nicht erkenntlicher sein als ein von einem Stallmeister gerittenes Pferd es ist, das anderen vorgezogen wurde. Mein Gang war ihm anständig, das ist mir lieb. Jetzt ist es mir anständig, ihn abzuwerfen. Ja, dieser Mann liebt nur sich selbst; er hat mich betrogen, ich sehe es wohl, indem er meine Erhöhung immer und immer verschob; doch noch einmal: ich habe sichere Mittel, Sie geräuschlos entwischen zu lassen; ich vermag hier alles. Ich lasse an die Stelle der Männer, auf deren Tod er zählt, andere Männer bringen, die er ebenfalls zum Tode bestimmt hat und die hier in der Nähe, im nördlichen Turme, dem Turme der Oubliettes sind, der über das Wasser hinragt. Seine Kreaturen sollen meine Leute ersetzen. Ich sende einen Arzt, einen Quacksalber, der mir angehört, zu dem glorreichen Kardinal, den die geschicktesten Ärzte von Paris aufgegeben haben; wenn Sie sich mit mir verständigen, so soll ihm der ein Universal- und auf ewig heilendes Mittel bringen.« »Entferne dich«, sagte Cinq-Mars, »entferne dich, höllischer Mönch! Kein Mensch ist dir ähnlich; du bist kein Mensch! Du gehst mit verstohlenem und leisem Schritte im Dunkeln, dringst durch Mauern, um bei geheimen Verbrechen den Vorsitz zu führen, du stellst dich zwischen die Herzen der Liebenden, um sie auf ewig zu trennen. Wer bist du? Du gleichst der gequälten Seele eines Verdammten.« »Romantisches Kind!« entgegnete Joseph; »Sie hätten ohne Ihre falschen Ideen große Eigenschaften gehabt. Es gibt vielleicht weder Verdammung noch Seele. Wenn die der Abgestorbenen zurückkämen, um sich zu beklagen, so würden mich deren tausend umwinseln, und nie habe ich ihrer eine, selbst nicht im Traume gesehen.« »Ungeheuer!« sagte Cinq-Mars halblaut. »Das ist wieder so ein Wort«, entgegnete Joseph; »es gibt weder ein Ungeheuer noch einen tugendhaften Menschen, Sie und von Thou, die sich etwas darauf zugute tun, unter die zu gehören, die man tugendhaft nennt, Sie standen im Begriff, um nichts schuld an dem Tode von vielleicht hunderttausend Menschen, von Massen Menschen, und zwar am hellen Tage, zu sein, während Richelieu und ich deren viel weniger, nur je einzeln und nächtlicherweise umbringen ließen, um eine große Macht zu gründen. Wenn man rein bleiben will, muß man sich nicht darein mischen, auf die Menschen zu wirken, oder das Vernünftigste vielmehr ist, zu sehen, was eigentlich vorhanden ist, und sich zu sagen, wie ich mir sage: Es ist möglich, daß es keine Seele gibt; wir sind Söhne des Zufalls, aber in bezug auf andere Menschen haben wir Leidenschaften, die wir befriedigen müssen.« »Ich atme auf«, rief Cinq-Mars; »er glaubt nicht an Gott!« Joseph fuhr fort: »Nun sind aber Richelieu, Sie und ich ehrgeizig geboren; dieser Idee mußte daher alles geopfert werden.« »Unglücklicher! Stellen Sie mich nicht in eine Reihe mit Ihnen!« »Und doch ist es reine Wahrheit«, fuhr der Kapuziner fort; »nur sehen Sie jetzt, daß unser System mehr wert war, als das Ihre.« »Elender! Es geschah aus Liebe ...« »Nein! nein! nein! nein! ... Das ist es nicht. Das sind wieder so Worte; Sie haben es vielleicht selbst geglaubt, es geschah aber um Ihretwillen; ich hörte Sie mit jenem jungen Mädchen sprechen, ihr dachtet nur an euch beide; ihr liebtet einander nicht; sie dachte nur an ihren Rang und Sie selbst an Ihren Ehrgeiz. Man will geliebt sein, um sagen zu hören, daß man vollkommen sei; mein Gott! das ist wieder und immer wieder der heilige Egoismus.« »Grausame Schlange!« sagte Cinq-Mars, »war es nicht genug, uns sterben zu lassen? Weshalb kommst du, noch Gift auf das Leben zu werfen, das du uns nimmst? Welcher Teufel hat dich diese fürchterliche Analyse der Herzen gelehrt?« »Der Haß alles dessen, was mir überlegen ist«, antwortete Joseph mit gemeinem und falschem Lachen; »und das Verlangen, alle, die ich hasse, mit Füßen zu treten, hat mich ehrgeizig und erfinderisch im Auffinden der schwachen Seite eurer Träume gemacht. Im Herzen aller dieser schönen Früchte kriecht ein Wurm.« »Großer Gott! Hörst du's?« rief Cinq-Mars aufstehend und die Arme zum Himmel emporstreckend. Die Einsamkeit seines Gefängnisses, die frommen Unterhaltungen mit seinem Freunde und besonders die Annäherung des Todes, der gleich dem Lichte eines unbekannten Gestirns allen Gegenständen, an die unsere Blicke gewöhnt sind, andere Farben verleiht, die Betrachtungen der Ewigkeit und (sollen wir es sagen!) große Anstrengungen, seine herzzerreißende Reue in unsterbliche Hoffnungen zu verwandeln und jene ganze Liebeskraft, die ihn auf Erden irre geleitet hatte, Gott zuzuwenden, alles hatte in ihm eine seltsame Umgestaltung bewirkt und seine Seele hatte, ähnlich jenen Gewürzen, welche ein einziger Sonnenstrahl plötzlich reift, hellere Einsichten, gesteigert durch den geheimnisvollen Einfluß des Todes, erworben. »Großer Gott!« wiederholte er, »wenn dieser hier und sein Gebieter Menschen sind, bin ich dann auch ein Mensch? Betrachte, o betrachte zweierlei Ehrgeiz nebeneinander, der eine selbstsüchtig und blutig, der andere ergeben und fleckenlos, den ihren, eingehaucht durch Haß, den unseren, eingeflößt durch Liebe. Betrachte, Herr, betrachte, richte und verzeihe! Verzeihe, denn wir waren recht strafbar, einen einzigen Tag auf dem Wege zu wandeln, dem man nur einen Namen auf Erden gibt, welches auch das Ziel sei, wohin er führe.« Joseph unterbrach ihn durch rohes Stampfen und sagte: »Wenn Sie Ihr Gebet beendigt haben werden, so lassen Sie mich wissen, ob Sie mir helfen wollen, und ich rette Sie auf der Stelle.« »Nie, unreiner Bösewicht, nie«, erwiderte Henri d'Effiat, »ich werde mich nicht mit dir zu einem Morde verbinden. Ich schlug solche Anträge aus, als ich mächtig war, und zwar Anträge hinsichtlich deiner.« »Da hatten Sie unrecht; Sie wären jetzt Herr.« »Und welch ein Glück gäbe mir meine Macht, geteilt mit einem Weibe, das mich nicht verstände, nur schwach liebte und mich einer Krone vorzog? Nachdem sie mich aufgegeben, wollte ich die Macht nicht dem Siege verdanken; urteile, ob ich sie vom Verbrechen annehmen würde!« »Unbegreifliche Torheit!« sagte der Kapuziner lachend. »Alles mit ihr, nichts ohne sie; an diesem Wahlspruche hing meine ganze Seele.« »Sie beharren auf Ihrer Weigerung aus Halsstarrigkeit und Eitelkeit, und dies ist für die Dauer unmöglich!« entgegnete Joseph; »es ist gegen die Natur.« »Du, der du alle Hingebung leugnen willst«, begann Cinq-Mars wieder, »verstehst du wenigstens die meines Freundes?« »Sie ist ebensowenig vorhanden; er wollte Ihnen folgen, weil ...« Hier wurde der Kapuziner etwas verlegen und suchte einen Augenblick nach einem Grunde. »Weil ... weil ... er Sie gebildet hat, weil Sie sein Werk sind ... Er ist Ihnen aus Eigenliebe anhänglich, wie ein Verfasser seinem Werke ... Er war gewöhnt, an Ihnen herumzupredigen, und fühlt, daß er keinen Zögling mehr finden würde ... Beständige Gewohnheit hat ihn zu der Überzeugung gebracht, daß sein Leben an dem Ihrigen hänge ... so etwas ist's ... Er begleitet Sie, um nicht von seinem alten Schlendrian zu lassen ... Überdies ist die Sache nicht zu Ende ... er leugnet gewiß, daß er um die Verschwörung gewußt habe.« »Er wird es nicht leugnen!« rief Cinq-Mars ungestüm. »Er wußte also darum; Sie gestehen es«, sagte Joseph triumphierend; »Sie hatten das vor kurzem noch nicht gesagt.« »O Himmel! was hab' ich getan!« seufzte Cinq-Mars, den Kopf in seine Hände verbergend. »Beruhigen Sie sich; er ist trotz dieses Geständnisses gerettet, wenn Sie mein Anerbieten annehmen.« D'Effiat blieb einige Zeit ohne zu antworten ... Der Kapuziner fuhr fort: »Retten Sie Ihren Freund ... die Gunst des Königs, vielleicht die auf einen Augenblick irregeleitete Liebe erwartet Sie ...« »Mensch, oder wer du bist, wenn du etwas in dir hast, das einem Herzen ähnlich ist, so rette ihn«, antwortete der Gefangene; »er ist das reinste der erschaffenen Wesen. Doch laß ihn während seines Schlafes weit von hier bringen, denn wenn er aufwacht, vermagst du's nicht mehr.« »Zu was sollte mir der nützen!« sagte lachend der Kapuziner; »Ihrer und Ihrer Gunst bedarf ich.« Wieder erhob sich Cinq-Mars mit Ungestüm und packte Joseph beim Arme, indem er ihn mit fürchterlicher Miene anblickte, dann sagte er: »Ich erniedrigte ihn, indem ich bei dir für ihn bat; ... komm', Bösewicht«, fügte er hinzu, indem er einen Vorhang aufhob, der das Zimmer seines Freundes von dem seinigen trennte; »komm' und zweifle dann länger an der Hingebung und der Unsterblichkeit der Seele ... Vergleiche die Unruhe deines Triumphes mit der Ruhe unserer Niederlage, die Gemeinheit deiner Regierung mit der Erhabenheit unserer Gefangenschaft und deine blutige Nachtwache mit dem Schlafe des Gerechten.« Der Schein einer einzigen Lampe fiel auf von Thou. Der junge Mann lag noch auf den Knien in einem Betstuhl, über dem ein großes Kruzifix von Ebenholz angebracht war; er schien während des Betens eingeschlafen zu sein; sein rückwärts gebogener Kopf war noch gegen das Kreuz emporgerichtet, seine blassen Lippen umspielte ein ruhiges und göttliches Lächeln, und sein eingesunkener Körper ruhte auf dem Teppich und dem Kissen des Stuhles. »Jesus! wie er schläft!« sagte der Kapuziner betroffen, indem er den himmlischen Namen, den er täglich gewohnheitshalber aussprach, aus Vergessenheit auch in seine schrecklichen Reden mischte. Dann zog er sich plötzlich barsch zurück und hielt, als wäre er durch ein himmlisches Gesicht geblendet, die Hand vor die Augen. »Brr ... brr ... brr ...«, sagte er kopfschüttelnd und sich mit der Hand übers Gesicht fahrend ... »Alles das ist Kinderei; es könnte sich meiner bemeistern, wenn ich daran dächte ... Diese Ideen da können, gleich dem Opium, zum Beruhigen gut sein ... Doch darum handelt es sich nicht; sagen Sie ja oder nein.« »Nein! ...« rief Cinq-Mars, ihn bei der Schulter packend und gegen die Tür schleudernd, »ich will vom Leben nichts hören und bereue nicht, von Thou zum zweitenmal in Lebensgefahr gebracht zu haben; denn mit einem Morde hätte er es nicht erkaufen wollen, und als er sich in Narbonne überlieferte, geschah es nicht, um in Lyon zurückzutreten.« »So wecken Sie ihn denn, hier sind die Richter«, sagte bitter lachend der wütende Kapuziner. In das geräumige Zimmer des Gefangenen trat in diesem Augenblick bei Fackelschein ein Detachement schottischer Wachen ein, dem vierzehn mit langen Röcken bekleidete Richter folgten, deren Züge sich nicht deutlich erkennen ließen. Sie setzten sich schweigend rechts und links von der Tür in Reihen; es waren die von dem Kardinal-Herzog zu diesem düsteren und feierlichen Geschäfte abgeordneten Kommissäre, alles sichere und dem Kardinal von Richelieu vertraute Männer, der sie in Tarascon gewählt und unterrichtet hatte. Er wollte, der Kanzler Séguier solle nach Lyon selbst kommen, um, sagte er in den Instruktionen oder Befehlen, die er durch Chavigny König Ludwig XIII. schickte, um jeden Aufenthalt zu vermeiden, der vorkommen möchte, wenn er nicht da wäre . » Herr von Marillac «, fügte er hinzu, » war beim Prozesse Chalais in Nantes ; Herr von Chateauneuf in Toulouse beim Tode des Herrn von Montmorency; und Herr von Bellièvre in Paris beim Prozesse des Herrn von Biron. Die Macht und die Kenntnisse, die diese Herren beim Gerichtsverfahren haben, ist durchaus notwendig.« Der Kanzler Séguier verfügte sich daher schleunigst dahin, erhielt aber kurz vor dem Verhöre noch den Befehl, nicht dabei zu erscheinen, aus Furcht, es möchte die Erinnerung an die alte Freundschaft zu dem Gefangenen, wenn er ihn unter vier Augen sähe, Einfluß auf ihn üben. Die Kommissare und er hatten vorher noch schnell die niederträchtigen Aussagen des Herzogs von Orleans in Villefranche, in Beaujolais und dann in Vivey Ein Haus, das einem Abt von Esmy, dem Bruder des Herrn von Villeroy, genannt Montrésor, gehörte. , zwei Stunden von Lyon, empfangen, wohin sich zu begeben dieser traurige Prinz Befehl hatte, der in der Mitte seiner Leute, die man ihm aus Mitleid ließ, immer flehte und zitterte, von der französischen und Schweizergarde aber gut bewacht war. Der Kardinal hatte ihm seine Rolle und seine Antworten Wort für Wort vorschreiben lassen, und vermöge dieser Willfährigkeit hatte man ihn der allzu peinlichen Konfrontation mit den Herren von Cinq-Mars und von Thou enthoben. Nachher hatten der Kanzler und die Kommissäre den Herrn von Bouillon bearbeitet und fielen nun, gestärkt durch ihre Vorarbeiten, mit ihrem ganzen Gewicht über die beiden jungen Schuldigen her, die man nicht retten wollte. Die Geschichte hat uns nur die Namen der Staatsräte aufbewahrt, die Pierre Séguier begleiteten, nicht aber die der übrigen Kommissionäre, von denen nur gesagt ist, daß es ihrer sechs vom Parlamente von Grenoble und zwei Präsidenten, waren. Der Berichterstatter, Staatsrat Laubardemont, der sie in allem geleitet hatte, stand an ihrer Spitze. Joseph sagte ihnen oft unter vielen höflichen Verbeugungen etwas ins Ohr, während er dabei mit wildem Hohne auf Laubardemont herabsah. Man kam überein, der Lehnstuhl solle zum Armesünderbänkchen dienen; dann schwieg man, um auf die Antworten des Gefangenen zu hören. Cinq-Mars sprach mit sanfter, ruhiger Stimme: »Sagen Sie dem Herrn Kanzler, daß ich das Recht hätte, mich auf das Parlament von Paris zu berufen und meine Richter zu verwerfen, weil sich unter ihnen zwei meiner Feinde befinden und an ihrer Spitze einer meiner Freunde, Herr Séguier selbst, den ich in seinem Amte erhalten habe. – Doch ich will Ihnen viele Mühe ersparen, meine Herren, indem ich mich der ganzen Verschwörung schuldig bekenne, die von mir allein ausgegangen und geleitet worden ist. Es ist mein Wille, zu sterben. Ich habe also für mich nichts beizufügen; wenn Sie aber gerecht sein wollen, so lassen Sie dem, den der König selbst den redlichsten Mann in Frankreich genannt hat, und der nur um meinetwillen stirbt, das Leben.« »Man führe ihn ein«, befahl Laubardemont. Zwei Wachen begaben sich in von Thous Zimmer und holten ihn herbei. Er trat ein, verneigte sich ernst, umschlang Cinq-Mars mit einem engelgleichen Lächeln auf den Lippen und sagte zu ihm: »So ist er denn endlich da, der Tag unseres Ruhmes, der Tag, wo wir den Himmel und die ewige Seligkeit erwerben werden.« »Wir vernehmen, mein Herr«, sagte Laubardemont, »wir vernehmen aus dem Munde des Herrn von Cinq-Mars selbst, daß Sie um die Verschwörung gewußt haben.« Von Thou antwortete sogleich ohne die mindeste Bestürzung und immer mit halbem Lächeln und gesenkten Augen: »Meine Herren! Ich habe mein Leben mit dem Studium der menschlichen Gesetze zugebracht und weiß, daß das Zeugnis eines Angeklagten den anderen nicht verdammen kann. Ich könnte auch wiederholen, was ich schon gesagt habe, daß man mir nicht geglaubt hätte, wenn ich den Bruder des Königs ohne Beweise denunziert haben würde. Sie sehen daher, daß mein Leben und mein Tod in meinen Händen sind. Als ich aber das eine und den anderen recht ins Auge faßte, erkannte ich deutlich, daß, welches Leben ich auch genießen möchte, es nach dem Tode des Herrn von Cinq-Mars nur ein unglückliches sein könnte; daher gestehe und bekenne ich, daß ich um seine Verschwörung gewußt, aber auch alles getan habe, um ihn davon abstehen zu lassen. Er hat mich für seinen einzigen und treuen Freund gehalten und ich wollte ihn nicht verraten; deshalb verurteilte ich mich selbst kraft der Gesetze, die mein Vater, der mir hoffentlich verzeiht, gesammelt hat.« Bei diesen Worten warfen sich die beiden Freunde einander in die Arme. Cinq-Mars rief: »Freund! Freund! Wie bedaure ich, Ursache deines Todes zu sein! Ich habe dich zweimal verraten, doch du sollst wissen, wie es geschah.« Von Thou aber umarmte und tröstete ihn und antwortete dann mit nach oben gerichteten Augen: »Ach, wie glücklich sind wir, auf solche Weise zu enden! Menschlich gesprochen, könnte ich mich über Sie beklagen; allein Gott weiß, wie sehr ich Sie liebe! Was haben wir getan, daß wir die Gnade des Märtyrertums und das Glück, miteinander zu sterben, verdienen?« Die Richter waren auf solche Milde nicht gefaßt und schauten sich überrascht an. »Ach! gäbe man mir nur einen Speer«, sagte eine heisere Stimme (es war der alte Grandchamp, der sich in das Zimmer geschlichen hatte und dessen Augen rot vor Wut waren), »ich würde den gnädigen Herrn gewiß von diesen Schwarzröcken befreien.« Zwei Hellebardiere stellten sich schweigend neben ihn hin; er schwieg und begab sich, um sich zu trösten, an ein Fenster der Flußseite, wo sich die Sonne noch nicht zeigte, und schien auf das, was im Zimmer vorging, nicht mehr acht zu geben. Laubardemont, der indes fürchtete, die Richter möchten sich erweichen lassen, sagte mit lauter Stimme: »Nach dem Befehl des Herrn Kardinals wird man jetzt die beiden Herren auf die Folter bringen, das heißt, die ordentliche und außerordentliche Frage bei ihnen anwenden.« Cinq-Mars fiel aus Entrüstung in seinen heftigen Charakter zurück, kreuzte die Arme und tat ein paar Schritte auf Laubardemont und Joseph zu, welche diese in Schrecken setzten. Der erstere fuhr unwillkürlich mit seiner Hand an die Stirn. »Sind wir hier in Loudun?« rief der Gefangene. Allein da von Thou zu ihm herantrat, seine Hand ergriff und sie drückte, schwieg er und fuhr dann, die Richter anblickend, in ruhigem Tone fort: »Das scheint mir sehr hart; ein Mann meines Alters und meines Standes sollte nicht solchen Formalitäten unterworfen werden. Ich habe alles gesagt und werde noch alles sagen. Der Tod ist mir lieb, ich wünsche ihn von ganzem Herzen; die Folter ist daher nicht nötig. Seelen wie die unseren lassen sich durch Körperleiden keine Geheimnisse entreißen. Wir sind aus freiem Willen und zu der von uns selbst bestimmten Stunde Gefangene geworden; wir haben nur gesagt, was Sie zu hören brauchten, um uns zum Tode zu verurteilen; weiter werden Sie nichts erfahren; wir haben gesagt, was wir sagen wollten ...« »Was tun Sie, Freund?« unterbrach ihn von Thou ... »Er irrt sich, meine Herren; wir schlagen das Märtyrertum, das Gott uns anbietet, nicht aus; wir verlangen es vielmehr.« »Was bedürfen Sie aber dieser heillosen Martern, um den Himmel zu erwerben?« sagte Cinq-Mars; »Sie, der Sie schon ein Märtyrer, der freiwillige Märtyrer der Freundschaft sind! Meine Herren, ich allein kann wichtige Geheimnisse besitzen, die nur das Haupt einer Verschwörung kennt; legen Sie mich allein auf die Folter, wenn wir doch hier wie die gemeinsten Missetäter behandelt werden müssen.« »Aus Mitleid«, hob von Thou wieder an, »berauben Sie mich der nämlichen Schmerzen, die ihm auferlegt werden, nicht; ich bin ihm nicht so weit gefolgt, um ihn in dieser kostbaren Stunde zu verlassen und nicht alle Anstrengungen zu machen, um ihn in den Himmel zu begleiten.« Während dieses edlen Wettstreites hatte sich ein minder edler Streit zwischen Laubardemont und Joseph entsponnen; in der Besorgnis, der Schmerz möchte dem Gefangenen die Erzählung seiner Unterhaltung mit ihm entlocken, war der Pater nicht der Meinung, die Folter anzuwenden; der andere aber, der seinen Triumph durch die Hinrichtung noch nicht vervollständigt fand, drang ungestüm darauf. Die Richter umringten diese beiden Geheimminister des großen Ministers und hörten zu; da aber mehrere Tatsachen sie vermuten ließen, daß der Kredit des Kapuziners mächtiger als der des Richters sei, neigten sie sich auf des ersteren Seite und entschlossen sich zur Menschlichkeit, als er mit folgenden leise gesprochenen Worten geendigt hatte: »Ich kenne ihre Geheimnisse, wir brauchen sie nicht zu wissen, weil sie unnütz sind und zu weit hinaufreichen. Herr le Grand kann nur den König und der andere die Königin denunzieren, und es ist besser, hiervon nichts zu wissen. Überdies würden sie nicht sprechen; ich kenne sie, sie würden schweigen, der eine aus Stolz, der andere aus Mitleid. Lassen wir sie damit ungeschoren, die Tortur würde sie verletzen, sie würden entstellt und könnten nicht mehr gehen; das verdürbe die ganze Zeremonie; man muß sie in gutem Zustande erhalten, wenn sie öffentlich erscheinen sollen.« Diese letztere Betrachtung überwog; die Richter entfernten sich, um sich zu dem Kanzler zu begeben und mit ihm Beratung zu pflegen. Im Hinausgehen sagte Joseph zu Laubardemont: »Ich habe Ihnen hier Ihr Vergnügen gelassen; jetzt haben Sie noch das der Abstimmung, und dann können Sie drei Angeklagte im nördlichen Turme verhören.« Es waren die drei Richter Urbain Grandiers. Dies sagend, schlug er ein helles Gelächter auf, stieß den verdutzten Maître des Requêtes voraus und verließ das Zimmer zuletzt. Kaum war das unheimliche Tribunal abgezogen, stürzte Grandchamp, von seinen beiden Wachen befreit, auf seinen Gebieter zu, ergriff dessen Hand und sagte: »Ums Himmels willen, kommen Sie auf die Terrasse, gnädiger Herr, ich will Ihnen etwas zeigen; im Namen Ihrer Mutter, kommen Sie ...« Allein fast im nämlichen Augenblick öffnete sich die Tür dem alten Abbé Guillet. »Meine Kinder! meine armen Kinder!« schrie der Greis weinend; »ach, warum hat man mir erst heute erlaubt, zu euch zu kommen? Lieber Henri, Ihre Mutter, Ihr Bruder, Ihre Schwester sind hier verborgen ...« »Schweigen Sie, Herr Abbé«, sagte Grandchamp; »kommen Sie auf die Terrasse, gnädiger Herr.« Allein der alte Priester hielt seinen Zögling zurück, indem er ihn herzlich umarmte und zu ihm sagte: »Wir hoffen, wir haben große Hoffnung auf Begnadigung.« »Ich würde sie ablehnen«, entgegnete Cinq-Mars. »Wir hoffen nur auf die Gnade Gottes«, versetzte von Thou. »Schweigen Sie«, unterbrach sie Grandchamp wieder, »die Richter kommen zurück.« Wirklich öffnete sich auch die Tür der unheilverkündenden Prozession wieder, in welcher aber Joseph und Laubardemont fehlten. »Meine Herren«, rief der gute Abbé, an die Kommissäre gewandt, »ich bin glücklich, Ihnen sagen zu können, daß ich von Paris komme, und daß dort niemand an der Begnadigung aller Verschworenen zweifelt. Ich habe bei Sr. Majestät sogar Monsieur getroffen, und was den Herzog von Bouillon betrifft, so lautet sein Verhör nicht ungün...« »Stille!« rief Herr von Ceton, Leutnant der schottischen Garde; die vierzehn Kommissäre traten vollends ein und nahmen ihre Sitze längs der Wände wieder in Beschlag. Als Herr von Thou hörte, daß man den Kriminalgerichtsschreiber des Landgerichts Lyon aufforderte, das Urteil vorzulesen, brach er unwillkürlich in eine jener religiösen, freudigen Verzückungen aus, wie man sie stets nur bei Märtyrern und Heiligen bei Annäherung ihres Todes sah, und rief, vor diesen Mann hintretend: » Quam speciosi pedes evangelizantium pacem, evangelizantium bona !« Dann ergriff er Cinq-Mars' Hand und fiel, laut Verordnung, entblößten Hauptes auf die Knie, um das Urteil anzuhören. D'Effiat blieb stehen und man wagte nicht, ihn ebenfalls zum Niederknien zu zwingen. Das Urteil lautete folgendermaßen: »Zwischen dem königlichen Generalprokurator, Kläger bei Verbrechen der Majestätsbeleidigung einerseits. Und Messire Henri d'Effiat de Cinq-Mars, Großstallmeister Frankreichs, zweiundzwanzig Jahre alt; und François August de Thou, fünfunddreißig Jahre alt, Geheimrat des Königs, Gefangener im Schlosse Pierre-Encise in Lyon, Verteidiger und Beklagter andererseits: In Betracht, daß der Prozeß wirklich vor den Stuhl des besagten königlichen Generalprokurators gehört und infolge der Erkundigungen, Verhöre und Konfrontationen, welche man über und mit den besagten d'Effiat und von Thou angestellt hat, ihres Leugnens und ihrer Bekenntnisse, sowie der beglaubigten Abschriften von dem mit Spanien gemachten Vertrage, hat die abgeordnete Kammer in Betracht: 1. Daß der, welcher einen Angriff auf die Person der Minister der Könige macht, nach den alten Gesetzen und Konstitutionen der Kaiser als der Majestätsbeleidigung schuldig betrachtet wird; 2. daß die dritte Verordnung König Ludwigs XI. Todesstrafe über jeden verhängt, der eine Verschwörung gegen den Staat nicht entdeckt. Haben die durch Se. Majestät abgeordneten Kommissäre die besagten d'Effiat und von Thou als des Verbrechens der Majestätsbeleidigung schuldig und erwiesen befunden, nämlich: Besagten d'Effiat de Cinq-Mars wegen der von ihm gemachten Verschwörungen und Unternehmungen und der gegen den Staat mit dem Ausland geschlossenen Bündnisse und Verträge; Und besagten von Thou, von besagten Unternehmungen Kenntnis gehabt zu haben. Als Strafe für diese Verbrechen haben sie die Angeklagten aller Ehren und Würden beraubt und verdammt und verurteilen sie, auf einem Schafott, das zu diesem Endzweck auf dem Platz des Terreaux dieser Stadt soll aufgerichtet werden, vom Leben zum Tode gebracht zu werden. Haben erklärt und erklären alle und jede ihrer Güter, bewegliche und unbewegliche, als konfisziert und dem König zufallend und die von ihnen unmittelbar von der Krone empfangenen dieser Domäne wieder zurückzustellen, und sollen vorläufig auf diese die Summe von 60 000 Livres genommen und zu frommen Zwecken verwendet werden.« Nach der Verlesung des Urteils sagte von Thou mit lauter Stimme: »Gott sei gelobt; Gott sei gepriesen!« »Ich habe mich nie vor dem Tode gefürchtet«, versetzte Cinq-Mars kalt. Jetzt erklärte der Form gemäß Herr von Ceton, Leutnant der französischen Garde, ein Greis von sechsundsechzig Jahren, mit sichtlicher Bewegung, daß er die Gefangenen den Händen des Herrn Thomé, Stadtschultheißen von Lyon, übergebe; dann nahm er und nach ihm alle Gardisten schweigend und mit Tränen in den Augen Abschied von ihnen. »Weint nicht«, sagte Cinq-Mars zu ihnen; »Tränen sind da unnütz, betet lieber zu Gott für uns und versichert euch, daß ich den Tod nicht fürchte.« Er drückte ihnen die Hand, und von Thou umarmte sie. Dann entfernten sie sich mit tränenschweren Augen und das Gesicht mit ihren Mänteln bedeckend. »Die Grausamen!« sagte der Abbé Guillet, »um Waffen gegen sie zu finden, mußte man so ein Arsenal der Tyrannen aufstöbern. Wozu ließ man mich in diesem Augenblick eintreten?« ... »Als Beichtvater, mein Herr«, sagte leise ein Kommissär; »denn seit zwei Monaten hat kein Fremder Erlaubnis gehabt, hier einzutreten ...« * * * Sobald sich die Tür wieder hinter den Richtern geschlossen hatte, rief Grandchamp nochmals: »Auf die Terrasse, ums Himmels willen!« Und er zog seinen Gebieter und von Thou hin. Der alte Hofmeister folgte ihnen wankend. »Was hast du in einem solchen Augenblick mit uns vor?« sagte Cinq-Mars ernst, aber voll freundlicher Nachsicht. »Sehen Sie die Kette der Stadt«, entgegnete der treue Diener. Die aufgehende Sonne färbte den Himmel erst seit einem Augenblick. Am Horizont erschien ein blendender gelber Streifen, auf dem sich die Formen der dunkelblauen Berge scharf abzeichneten; die Wellen der Laone waren noch durch einen leichten Dunst verschleiert. Die ersten Strahlen des Morgenlichts färbten bis jetzt nur die höchsten Punkte der prachtvollen Landschaft. In der Stadt waren die Türme des Rathauses und von Saint-Nizier, auf den umliegenden Hügeln das Karmeliter- und St. Marienkloster und die ganze Festung von Pierre-Encise vom vollen Feuer des Morgenrotes vergoldet. Man hörte die Glockenspiele der Kirchen und die friedlichen Frühmetten der Kloster- und Dorfglocken. Nur die Mauern des Gefängnisses blieben stumm. »Wohlan!« sagte Cinq-Mars, »was sollen wir denn sehen? Die Schönheit der Ebenen oder den Reichtum der Städte? Oder etwa den Frieden dieser Dörfer? Ach, meine Freunde, auch hier wohnen überall die nämlichen Leidenschaften und Schmerzen, die uns hierher gebracht haben.« Der alte Abbé und Grandchamp lehnten sich über die Brüstung der Terrasse, um nach der Seite des Flusses zu schauen. »Der Nebel ist zu dicht; man sieht noch nichts«, sagte der Abbé. »Wie lange will unsere letzte Sonne nicht erscheinen!« äußerte sich von Thou. »Bemerken Sie nicht dort unten, am Fuße der Felsen des anderen Ufers, ein kleines weißes Haus zwischen dem Tore von Halincourt und dem Boulevard Saint-Jean?« sagte der Abbé. »Ich sehe nichts«, antwortete Cinq-Mars, »als einen Haufen grauer Mauern.« »Daß der Nebel so dicht sein muß!« hob Grandchamp wieder an, der immer vorwärts gebeugt stand wie ein Seemann, der sich aus das letzte Brett eines Dammes lehnt, um ein Segel am Horizont zu erblicken. »St!« machte der Abbé, »man spricht in unserer Nähe.« Wirklich ließ sich auch in einem kleinen, an die Plattform der Terrasse gelehnten Turm ein verworrenes, dumpfes und unerklärliches Gemurmel vernehmen. Da das Türmchen kaum größer als ein Taubenschlag war, hatten die Gefangenen es bis jetzt kaum bemerkt. »Will man uns schon abholen?« sagte Cinq-Mars. »Pah, pah!« antwortete Grandchamp, »bekümmern Sie sich nicht um das; es ist der Turm der Oubliettes. Seit zwei Monaten streiche ich um die Festung herum und habe wenigstens einmal wöchentlich Leute von hier herab ins Wasser fallen sehen. Denken wir an unsere Angelegenheit; ich sehe ein Licht am Fenster da unten.« Trotz ihrer schrecklichen Lage verleitete eine unbezwingliche Neugier die beiden Gefangenen dennoch, einen Blick auf das Türmchen zu werfen. Es ragte wirklich von einem senkrechten Felsen über einem Schlunde vor, worin sich ein grüner Wasserstrudel, eine Art unnützer Quelle von entsetzlicher Tiefe bildete, da sich ein Arm der Saone zwischen diese Felsen hinein verirrt hatte. Man sah, wie das Rad einer längst eingegangenen Mühle sich rasch darin drehte. Dreimal hörte man ein Knarren, ähnlich dem einer herabgelassenen und plötzlich wieder aufgezogenen Zugbrücke, die an die Steine der Mauer prallt, und dreimal sah man etwas Schwarzes ins Wasser fallen, wodurch sein Schaum hoch aufspritzte. »Barmherzigkeit! Sind das wohl Menschen?« rief der Abbé, sich bekreuzend. »Ich glaubte braune Kutten zu sehen, die in der Luft wirbelten«, entgegnete Grandchamp; »es sind Freunde des Kardinals.« Ein fürchterlicher Schrei erschallte mit einem gräßlichen Fluch aus dem Turm. Die schwere Falltür knarrte ein viertes Mal. Das grüne Wasser empfing zischend eine Bürde, bei der das ungeheure Mühlenrad ächzte; eine seiner breiten Speichen brach, und ein in die wurmstichigen Balken verwickelter Mann erschien außerhalb des Schaumes, den er mit schwarzem Blute färbte, machte zweimal mit dem Rad die Runde und sank dann unter. Es war Laubardemont. Von tiefem Schauder durchdrungen trat Cinq-Mars zurück. »Es gibt eine Vorsehung«, sagte Grandchamp; »Urbain Grandier hatte ihn innerhalb drei Jahren vor Gottes Gericht geladen. Macht, macht, die Zeit ist kostbar; meine Herren bleiben Sie nicht so unbeweglich da; sei er es nun oder nicht, ich wäre nicht darüber erstaunt, denn diese Schurken fressen sich selbst auf wie die Ratten. Doch suchen wir ihnen den besten Nissen zu entziehen! Vive Dieu ! Ich sehe das Signal! Wir sind gerettet; alles ist bereit; eilen Sie auf jene Seite dort, Herr Abbé. Das weiße Sacktuch ist am Fenster; unsere Freunde haben alles in Bereitschaft.« Der Abbé faßte jeden der beiden Freunde an der einen Hand und zog sie nach der Seite der Terrasse, von wo aus sie zuerst ihre Blicke auf die Landschaft geheftet hatten. »Hört mich beide an«, sagte er zu ihnen; »ihr müßt wissen, daß keiner der Verschworenen von dem Zufluchtsort, den ihr ihnen sichertet, Gebrauch machen wollte; sie sind alle, und die Mehrzahl von ihnen verkleidet, nach Lyon geeilt, haben in der Stadt hinlänglich Gold ausgeteilt, um nicht verraten zu werden, und wollen einen Handstreich wagen, um euch zu befreien. Der hierzu gewählte Augenblick ist der, wo man euch zur Hinrichtung führen wird; das Signal zum Beginn soll euer Hut sein, den ihr im entscheidenden Moment aufsetzen müßt.« Jetzt erzählte der gute Abbé halb weinend, halb lächelnd vor Hoffnung, daß er bei der Verhaftung seines Zöglings nach Paris geeilt sei, daß alle Handlungen des Kardinals in ein solches Geheimnis gehüllt seien, daß niemand daselbst den Ort der Gefangenschaft des Großstallmeisters kenne; viele behaupteten, er lebe in der Verbannung, und man habe, als die Versöhnung Monsieurs und des Herzogs von Bouillon mit dem König bekannt geworden sei, nicht mehr gezweifelt, daß auch das Leben der übrigen gesichert sei. Man verbreitete sogar das Gerücht in der Stadt, daß der Kardinal Cinq-Mars und von Thou habe entwischen lassen und sich, nachdem er sie mitten im Lager von Perpignan mutvoll habe verhaften lassen, nun großmütig mit ihrem Los in fremdem Lande beschäftige. Bei dieser Stelle der Erzählung konnte Cinq-Mars nicht umhin, seinen Gleichmut aufzugeben; er drückte die Hand seines Freundes und rief: » Verhaften ! Müssen wir sogar auf die Ehre verzichten, uns freiwillig überliefert zu haben! Muß man denn alles opfern, sogar die Meinung der Nachwelt?« »Das war wieder eine Eitelkeit«, entgegnete von Thou, den Finger auf seinen Mund legend; »doch hören wir den Abbé vollends an.« Letzterer, der nicht zweifelte, die Ruhe dieser beiden jungen Leute entspringe aus der Freude, ihre Flucht gesichert zu sehen, und der bemerkte, daß die Sonne die Morgennebel noch kaum zerstreut hatte, überließ sich zwanglos dem unwillkürlichen Vergnügen, welches alte Leute beim Erzählen neuer Ereignisse, selbst solcher, die betrüben müssen, empfinden. Er schilderte ihnen alle seine vergeblichen Mühen, den Aufenthalt seines Zöglings zu entdecken, welcher dem Hofe und der Stadt, wo man auch in den geheimsten Kreisen seinen Namen nicht auszusprechen wagte, unbekannt war. Er hätte die Einkerkerung in Pierre-Encise nur durch die Königin erfahren, welche geruht habe ihn zu sich zu bescheiden, um ihm den Auftrag zu geben, die Marschallin d'Effiat und alle Verschworenen davon zu benachrichtigen, damit sie einen verzweifelten Versuch wagten, ihren jungen Anführer zu befreien; Anna von Österreich hätte sogar gewagt, erzählte er, viel Edelleute der Auvergne und der Touraine nach Lyon zu schicken, um bei diesem letzten Schlage behilflich zu sein. »Die gute Königin!« sagte er, »sie weinte sehr, als ich sie sah und sagte, sie würde alles geben, was sie besitze, um Sie zu retten; sie machte sich große Vorwürfe über einen Brief, ich weiß nicht, was für einen. Sie sprach vom Wohle Frankreichs, erklärte sich aber nicht. Sie sagte mir, daß sie Sie bewundere und Sie beschwöre, die Rettung anzunehmen und wäre es nur aus Mitleid für sie, die Königin, der Sie ewige Gewissensbisse aufbürden würden ...« »Hat sie weiter nichts gesagt?« unterbrach ihn von Thou, der den erbleichenden Cinq-Mars unterstützte. »Weiter nichts!« antwortete der Greis ... »Und niemand hat Ihnen von mir gesprochen?« fragte der Großstallmeister. »Niemand«, entgegnete der Abbé. »Wenn sie mir nur wenigstens noch geschrieben hätte!« sagte Cinq-Mars halblaut. »So erinnern Sie sich jetzt, mein Vater, daß sie als Beichtvater hierhergeschickt sind«, begann von Thou wieder. Der alte Grandchamp indes lag vor Cinq-Mars auf den Knien, dann zog er ihn bei seinen Kleidern auf die andere Seite der Terrasse und rief mit vor Schluchzen erstickter Stimme: »Gnädiger Herr ..., mein Gebieter ... mein guter Gebieter ... sehen Sie sie? Dort sind sie ..., sie sind es ..., sie sind es ..., sie alle.« »Ei, wer denn, mein alter Freund?« fragte sein Gebieter. »Wer? Großer Gott! Sehen Sie nach jenem Fenster, erkennen Sie sie nicht? ... Ihre Mutter, Ihre Schwester, Ihren Bruder.« Wirklich ließ ihn die jetzt völlig eingetretene Helle in der Entfernung Frauen sehen, die weiße Sacktücher schwenkten; eine von ihnen, eine schwarzgekleidete Dame, breitete die Arme nach dem Gefängnisse aus, zog sich vom Fenster zurück, um gleichsam neue Kräfte zu sammeln, erschien dann, unterstützt von den anderen, wieder und öffnete die Arme oder legte die Hand auf ihr Herz. Cinq-Mars erkannte seine Mutter und seine Familie, und seine Kräfte verließen ihn für einen Augenblick! er lehnte den Kopf auf die Brust seines Freundes und weinte. »Wie vielmal muß ich denn sterben?« sagte er. Dann antwortete er von der Höhe seines Turmes herab durch eine Handbewegung den Winken seiner Familie und sagte darauf zu dem alten Abbé: »Jetzt schnell hinab, mein Vater, Sie werden mir vor dem Richterstuhl der Buße und vor Gott sagen, ob der Rest meines Lebens noch wert sei, daß ich um seiner Erhaltung willen Blut vergießen lasse.« Jetzt bekannte Cinq-Mars in der heiligen Beichte, was Gott, er und Marie von Mantua allein von ihrer geheimen und unglücklichen Liebe wußten. »Er übergab«, sagt Pater Daniel, »seinem Beichtvater das mit Diamanten eingefaßte Bildnis einer großen Dame mit der Bestimmung, die Diamanten zu verkaufen und das Geld davon zu frommen Zwecken zu verwenden.« Herr von Thou aber schrieb, nachdem er ebenfalls gebeichtet hatte, einen Brief an die Prinzessin von Guémenée. »Darauf (erzählt sein Beichtvater) sagte er zu mir: Das ist der letzte Gedanke, den ich in dieser Welt haben will ; machen wir uns jetzt auf den Weg nach dem Paradiese; und indem er mit großen Schritten im Zimmer auf und ab ging, rezitierte er mit lauter Stimme, mit einem unglaublichen Feuer der Seele und einem so gewaltsamen Leben seines Körpers, daß es war als berühre er die Erde nicht und wolle jetzt schon zu einer höheren Region entschweben, den Psalm: Miserere mei Deus usf. Die Wachen wurden stumm bei diesem Schauspiel, und ein Schauer von Ehrerbietung und Entsetzen ergriff sie.« * * * In der Stadt Lyon war indessen alles ruhig, als zum großen Erstaunen ihrer Bewohner durch alle Tore Infanterie- und Kavallerietruppen ankamen, von denen man wußte, daß sie sehr weit von da kantoniert waren. Die französische und Schweizergarde, die Regimenter Pompadour, die Gardereiter Maureverts und die Karabiniere La Roques, alle zogen schweigend durch die Straßen; die Kavallerie, mit der Muskete am Sattelknopfe, stellte sich still um das Schloß Pierre-Encise auf: die Infanterie bildete Spalier an den Ufern der Saone vom Tor der Festung bis zum Platz des Terreaux, welches der gewöhnliche Ort der Hinrichtungen war. »Vier Kompagnien Bürger von Lyon, die man Pennonage nennt und ungefähr elf- bis zwölfhundert an der Zahl waren, wurden«, sagt das Tagebuch Montrésors, »mitten auf dem Platz des Terreaux aufgestellt, so daß sie von jeder Seite einen Raum von etwa zwanzig Fuß einschlossen, in den man niemanden einließ, außer diejenigen, die dazu berechtigt waren. In der Mitte dieses Raumes ward ein Schafott von ungefähr sieben Fuß in der Höhe und neun Fuß im Geviert aufgerichtet, in dessen Mitte sich ein Pfosten von etwa drei Fuß Höhe erhob, vor welchen man einen Block von der Höhe eines halben Fußes anbrachte, so daß die Hauptseite oder das Vorderteil des Schafotts nach dem Schlachthaus des Terreauz gegen die Saone zu gerichtet war; auf der Seite der Dames de Saint-Pierre wurde eine kleine Leiter von acht Sprossen angelegt, die den Zugang zum Schafott bildete.« Über die Namen der Gefangenen war in der Stadt nie etwas verlautet; die unzugänglichen Mauern der Festung ließen nichts hinaus und nichts hinein als nur bei Nacht, und die tiefen Kerker hatten zuweilen jahrelang Vater und Sohn nur vier Fuß voneinander eingeschlossen, ohne daß sie es ahnten. Das Erstaunen über diese auffallenden Zurüstungen war außerordentlich, und die Menge eilte herbei, nicht wissend, ob es sich um ein Fest oder eine Hinrichtung handle. Dieses nämliche Geheimnis, das die Agenten des Ministers gehütet hatten, war auch von den Verschworenen sorgfältig bewahrt worden, denn sie hafteten mit ihrem Kopfe dafür. Montrésor, Fontrailles, der Baron von Beauvau, Olivier d'Entraigues, Gondi, der Graf du Lude und der Advokat Fournier, in Soldaten, Handwerker oder umherziehende Komödianten verkleidet und mit Dolchen unter ihren Kleidern bewaffnet, hatten über fünfhundert, gleich ihnen verkleidete Edelleute und Bedienten hergebracht und unter der Menge verteilt; an der Straße nach Italien standen allenthalben Pferde bereit, und Barken auf der Rhone waren im voraus bestellt worden. Der junge Marquis d'Effiat, der ältere Bruder Cinq-Mars', durchzog, als Karthäuser verkleidet, die Menge, kam und ging unaufhörlich von dem Platze des Terreaux zu dem kleinen Häuschen, wo sich seine Mutter, seine Schwester und die Präsidentin von Pontac, die Schwester des unglücklichen von Thou, aufhielten; er beruhigte sie immer, machte ihnen einige Hoffnung und begab sich dann stets wieder zu den Verschworenen, um sich zu versichern, daß jeder von ihnen zum Handeln bereit sei. Jeder das Spalier bildende Soldat hatte an seiner Seite einen Mann, bereit, ihn zu erdolchen. Die zahllose hinter der Linie der Garden sich drängende Menge stieß diese vorwärts, durchbrach ihre Reihen und gewann ihnen Boden ab. Ambrosio, der spanische Bediente, den Cinq-Mars behalten hatte, nahm den Hauptmann der Pikeniere auf sich und hatte, als katalonischer Musikant verkleidet, Streit mit ihm angefangen, indem er tat, als wolle er nicht aufhören, die Leier zu spielen. Jeder befand sich auf seinem Posten. Der Abbé von Gondi, Olivier d'Entraigues und der Marquis d'Effiat befanden sich in der Mitte einer Gruppe von zankenden Fischverkäuferinnen und Austernhändlerinnen, die ein großes Geschrei verführten und eine von ihnen, die jüngste, die schüchterner war als ihre robusteren Genossinnen, mit Schimpfnamen überhäuften. Cinq-Mars' Bruder näherte sich, um ihren Streit anzuhören. »Ei«, sagte sie zu den anderen, »weshalb sollte Jean de Roux, der ein ehrbarer Mann ist, zwei Christen den Kopf abhauen, da er seines Gewerbes ein Metzger ist? So lange ich seine Frau bin, werde ich das nicht dulden; lieber wollt' ich ...« »Aber du hast unrecht!« antworteten ihre Gefährtinnen: »was tut dir das, ob man das Fleisch, das er abschneidet, ißt oder nicht ißt? Es ist nichtsdestoweniger wahr, daß du hundert Taler dafür bekommst; kannst deine drei Kinder neu davon kleiden lassen. Bist zu glücklich, die Gemahlin eines Metzgers zu sein. Benutze daher, Schätzchen, was Gott dir durch die Gnade Sr. Eminenz zusendet.« »Laßt mich in Ruhe«, entgegnete die erstere, »ich will es nicht annehmen. Ich habe die schönen jungen Leute am Fenster gesehen, sie sehen so sanft aus wie Lämmer.« »Nun ja, tötet man denn nicht Lämmer und Kälber?« versetzte die Frau le Bon. »Toll doch einem so kleinen Ding da so ein Glück zustoßen! 's ist Jammer und Schande! Will's nicht einmal annehmen und kommt es doch zudem von seiten des ehrwürdigen Pater Kapuziners!« »Wie fürchterlich doch die Heiterkeit des Pöbels ist!« rief unbesonnen Olivier d'Entraigues. Die Frauen alle hörten ihn und begannen gegen ihn zu murren. » Des Pöbels !« sagten sie, »und woher ist denn dieser kleine Maurerjunge mit seinen verpflasterten Kleidern?« »Ach!« fiel eine andere ein, »siehst du denn nicht, 's ist ein verkleideter Edelmann? Schau mal seine weißen Hände an; das hat nie gearbeitet.« »Ja, ja, 's ist so ein kleines süßes Herrchen von den Verschwörern: ich hätte große Lust, den Herrn Ritter der Scharwache zu holen, um ihn verhaften zu lassen.« Der Abbé von Gondi, der die ganze Gefahr dieser Lage fühlte, warf sich mit zorniger Miene und allen Manieren eines Tischlers, dessen Kostüm und Schürze er trug, auf Olivier und rief, ihn beim Kragen fassend: »Ihr habt recht, 's ist so ein kleiner Schlingel, der nie arbeitet; seit den zwei Jahren, daß mein Vater ihn in die Lehre getan hat, hat er nichts anderes geschafft als daß er seine blonden Haare kämmte, um den jungen Mädchen zu gefallen. Marsch, geh' nach Hause.« Und nun trieb er ihn mit Püffen durch die Menge, stellte sich an einem anderen Punkte des Spaliers auf und verlangte, nachdem er den unbesonnenen Pagen tüchtig ausgescholten hatte, den Brief von ihm, den er Herrn von Cinq-Mars, wenn dieser entwischt wäre, zustellen zu müssen behauptete. Olivier trug ihn schon zwei Monate in der Tasche herum und gab ihn an den Abbé von Gondi ab. »Er ist von einem Gefangenen an den anderen«, sagte er, »denn der Ritter von Jars hat ihn mir, als er aus der Bastille entlassen wurde, von seiten eines seiner Gefährten der Gefangenschaft versandt.« »Meiner Treu«, versetzte Gondi, »er könnte ein wichtiges Geheimnis für unseren Freund enthalten; ich öffne ihn; daran hätten Sie früher denken sollen.« »Ah pah, er ist vom alten Bassompierre. Wir wollen ihn lesen.« »Mein liebes Kind! Ich vernehme in der Bastille, wo ich mich immer noch befinde, daß Sie sich gegen diesen Tyrannen von Richelieu, der nicht müde wird, unseren guten alten Adel und die Parlamente zu erniedrigen und das Gebäude, auf welchem der Staat ruht, zu untergraben, verschwören wollen. Ich vernehme, daß die Adeligen beschnitten und gegen die Privilegien ihres Standes durch geringe und unbedeutende Leute, die zu ihren Richtern bestellt sind, beurteilt und gegen die alten Bräuche zum Arrière-Bann gezwungen werden ...« »Ah! der alte Schwätzer!« unterbrach ihn der Page hellauflachend. »Er ist nicht so dumm wie Sie meinen; nur hinsichtlich unserer Angelegenheit ein bißchen im Rückstand ...« »Ich kann diesen edelmütigen Vorsatz nur billigen und bitte Sie, mir von allem Benachrichtigung zu übermachen ...« »Ach, die alte Sprache des letzten Jahrhunderts!« sagte Olivier, »er kann nicht schreiben: mir alles melden zu lassen , so sagt man jetzt.« »Um Gott, lassen Sie mich doch lesen«, entgegnete der Abbé, »in hundert Jahren wird man sich auch über unsere Schreibart lustig machen.« Er fuhr fort. »Ich kann Ihnen, meines hohen Alters ungeachtet, ja dennoch meinen Rat erteilen, indem ich Ihnen erzähle, was mir im Jahre 1560 begegnete.« »Ach, meiner Treu, ich habe nicht Zeit, mich so zu langweilen, indem ich das alles lese. Sehen wir, was er am Ende sagt ...« »Wenn ich des Mittagessens bei der Frau Marschallin d'Effiat, Ihrer Mutter, gedenke und mich frage, was aus den Tischgenossen allen geworden ist, so werde ich wahrhaftig betrübt; mein armer Puy-Laurens ist vor Kummer, von Monsieur im Gefängnis vergessen zu werden, in Vincennes gestorben; de Launay im Duell gefallen, und das betrübt mich; denn wenn ich auch über meine Verhaftung nicht gerade zufrieden war, so benahm er sich doch höflich dabei und hab' ich ihn immer für einen Mann von guter Lebensart gehalten. Was mich betrifft, so bin ich für die ganze Lebenszeit des Herrn Kardinals hinter Schloß und Riegel gesetzt; wir waren aber auch dreizehn bei Tische, liebes Kind, und man muß einen alten Glauben nicht verlachen. Danken Sie Gott, daß Sie der einzige sind, dem nichts Unglückliches zugestoßen ist ...« »Fragt sich sehr!« sagte Olivier herzlich lachend, und diesmal konnte auch der Abbé von Gondi, ungeachtet seiner Anstrengungen, seinen Ernst nicht beibehalten. Sie zerrissen den unnützen Brief, um, im Falle er gefunden werden sollte, die Gefangenschaft des armen Marschalls nicht zu verlängern, und näherten sich dem Platze des Terreaux und dem Spalier der Garden, die sie angreifen sollten, wenn der junge Gefangene das Signal mit dem Hut geben würde. Zu ihrer Befriedigung sahen sie alle ihre Freunde auf ihren Posten, und, nach ihrem eigenen Ausdrucke, bereit, die Messer spielen zu lassen. Das Volk, das sich um sie herumdrängte, begünstigte sie, ohne es zu wollen. In der Nähe des Abbés kam ein Trupp weißgekleideter und verschleierter Jungfrauen vorbei, die in die Kirche zur Kommunion wollten. Da die Nonnen, die sie anführten, wie das ganze Volk im Wahne standen, dieses glänzende Gefolge sei zu Ehren einer großen Person bestimmt, erlaubten sie ihnen, sich auf breite, hinter den Soldaten aufgehäufte Steine zu stellen. Hier gruppierten sie sich dann mit der Anmut ihres Alters gleich zwanzig schönen Statuen auf einem einzigen Fußgestell. Man hätte sie für jene Vestalinnen halten können, die im Altertum zu den blutigen Schauspielen der Gladiatoren eingeladen wurden. Sie flüsterten einander ins Ohr, schauten sich um, lachten miteinander und erröteten, wie Kinder tun. Der Abbé von Gondi sah zu seinem Verdrusse, daß Olivier schon wieder aus seiner Verschwörerrolle herausfallen und sein Maurerkostüm vergessen wolle, um leuchtende Blicke auf die Mädchen zu werfen und eine für den Stand, als dessen Angehörigen man ihn ansehen mußte, zu elegante Haltung und zu zivilisierte Gebärden anzunehmen; er näherte sich ihnen schon, indem er mit seinen Fingern seine Locken ringelte, als Fontrailles und Montrésor in der Kleidung von Schweizersoldaten glücklicherweise dazu kamen; eine Gruppe als Seeleute verkleideter Edelleute folgte ihnen mit eisenbeschlagenen Stöcken in der Hand; ihr Gesicht zeigte eine Blässe, die nichts Gutes verkündete. Man hörte Trompeten einen Marsch blasen. »Bleiben wir hier«, sagte einer von ihnen zu seinem Gefolge, »hier gilt's.« Die düstere Miene und das Schweigen dieser Zuschauer stachen seltsam gegen die heiteren und neugierigen Blicke der jungen Mädchen und ihr kindisches Geplauder ab. »Ach, das schöne Gefolge!« riefen sie, »da sind wenigstens fünfhundert Männer mit Kürassen und roten Kleidern auf schönen Pferden, sie haben gelbe Federn auf ihren großen Hüten.« »Das sind Fremde, sind Katalonier«, sagte ein französischer Gardist. »Wen führen sie denn?« »Ah! da kommt eine schöne vergoldete Kutsche! Es ist aber niemand drin.« »Ach, ich sehe drei Männer zu Fuß; wohin gehen die?« »Zum Tode«, sagte Fontrailles mit düsterer Stimme, die alle anderen Stimmen zum Schweigen brachte. Man hörte nur noch die langsamen Tritte der Pferde, die infolge einer jener Stockungen, die bei jedem Zuge vorkommen, stillstanden. Jetzt zeigte sich ein schmerzliches und seltsames Schauspiel. Ein Greis mit der Tonsur schritt mühsam, schluchzend und von zwei jungen Leuten mit anmutigen und interessanten Gesichtern unterstützt, einher; diese reichten sich hinter seinen gekrümmten Schultern die eine Hand, während jeder von ihnen mit der anderen den einen seiner Arme hielt. Der, welcher ihm zur Linken ging, war schwarz gekleidet; er war ernst und schlug die Augen nieder. Der andere, weit jüngere, trug einen glänzenden Anzug. Das Bildnis in Lebensgröße des Herrn von Cinq-Mars ist im Museum von Versailles aufbewahrt. Ein Wams von holländischem Tuche mit breiten, goldenen Spitzen besetzt und bauschigen, gestickten Ärmeln bedeckte ihn vom Hals bis an den Gürtel, ein Kleidungsstück, das dem Schnürleib der Frauen ziemlich ähnlich war, der übrige Teil seiner Kleidung war aus schwarzem, mit silbernen Palmen gesticktem Samt, dazu graue Stiefel mit roten Absätzen, an denen goldene Sporen angeschnallt waren, ein scharlachfarbener Mantel mit goldenen Knöpfen, alles dieses hob die Anmut seiner eleganten und geschmeidigen Gestalt. Er grüßte rechts und links vom Spalier mit trübem Lächeln. Ein alter Bedienter mit weißem Barte folgte gesenkten Hauptes und hielt die Zügel zweier mit Decken belegter Pferde. Die jungen Mädchen schwiegen, konnten aber bei diesem Anblick ihr Schluchzen nicht zurückhalten. »Also diesen armen Greis führt man zum Tode?« riefen sie, »seine Kinder unterstützen ihn.« »Auf die Knie, meine Damen!« befahl eine Nonne. »Auf die Knie!« rief Gondi, »und beten wir, daß Gott sie errette.« Alle Verschworenen wiederholten: »Auf die Knie! Auf die Knie!« Und gaben dem Volke, das ihnen schweigend nachahmte, das Beispiel dazu. »Wir können jetzt seine Bewegungen besser sehen«, sagte Gondi leise zu Montrésor, »stehen Sie auf; was tut er?« »Er wird aufgehalten und spricht, der Seite, wo wir uns befinden, zugewandt; ich glaube, er erkennt uns.« Alle Häuser, Fenster, Mauern, Dächer, die Stufen zu dem Schafott, kurz, alles, was die Aussicht auf den Platz bot, war mit Personen jeden Standes und jeden Alters angefüllt. Das tiefste Schweigen herrschte in der unermeßlichen Menge: die Luft war ruhig, die Sonne glänzend, der Himmel blau. Das ganze Volk horchte in gespannter Erwartung. Man war dem Platze des Terreaux nahe; jetzt ließen sich Hammerschläge auf den Brettern vernehmen, dann die Stimme Cinq-Mars'. Ein junger Karthäuser streckte seinen blassen Kopf zwischen zwei Garden hindurch; alle Verschworenen standen auf, so daß sie über das immer noch kniende Volk emporragten, jeder von ihnen legte die Hand an seinen Gürtel oder in sein Brusttuch, und stellte sich dicht neben den Soldaten hin, den er erdolchen sollte. »Was tut er?« fragte der Karthäuser, »hat er seinen Hut auf dem Kopfe?« »Er wirft seinen Hut weit von sich auf den Boden«, antwortete ruhig der befragte Büchsenschütze. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Fest   »Mein Gott, was ist es doch um diese Welt!« Letzte Worte des Herrn von Cinq-Mars .   Am nämlichen Tage dieses düsteren Schauspiels in Lyon und während der Szenen, die wir soeben gesehen haben, wurde in Paris mit allem Luxus und dem üblen Geschmacke jener Zeit ein prachtvolles Fest gegeben. Der mächtige Kardinal hatte die beiden ersten Städte Frankreichs zu gleicher Zeit mit seinem Prunk und Gepränge erfüllen wollen. Dieses dem König und dem ganzen Hofe gegebene Fest ward unter dem Namen der Eröffnung des Kardinalpalastes angekündigt. Herr des Reiches durch die Kraft, wollte er auch noch Herr der Gemüter mittels der Verführung werden und, müde zu herrschen, hoffte er nun zu gefallen. Das Trauerspiel Mirame sollte in einem eigens für diesen großen Tag eingerichteten Saale aufgeführt werden, was, sagt Pelisson, die Kosten dieses Abends auf dreimalhunderttausend Taler belaufen ließ. Die ganze Garde des Premierministers Der König gab dem Kardinal im Jahre 1628 eine Leibwache von zweihundert Büchsenschützen, im Jahre 1632 vierhundert Musketiere zu Fuß; im Jahre 1638 wurden zwei Kompagnien Gardereiter und Chevaulegers für ihn gebildet. stand unter Waffen; seine vier Kompagnien Musketiere und Gardereiter waren auf den breiten Treppen und beim Eingang der langen Galerien des Kardinalpalastes Er hatte dem König diesen Palast nebst Zubehör, sowie seine prachtvolle Diamantenkapelle, seinen großen silbernen Schrank von getriebener Arbeit und dreitausend Mark wägend, nebst seinem großen herzförmigen Diamant von mehr als zwanzig Karat Gewicht unter Vorbehalt lebenslänglicher Nutznießung zum Geschenk gemacht; Herr von Chavigny nahm dieses im Namen des Königs an. (Geschichte des Paters Joseph.) in Spaliere aufgestellt. Dieses glänzende Pandämonium , in dem die Todsünden in jedem Stockwerk einen Tempel haben, gehörte an diesem Tage nur dem Stolz an, der es von oben bis unten einnahm. Auf jeder Stufe war einer der Büchsenschützen der Garde des Kardinals mit einer Fackel in der einen und einem langen Karabiner in der anderen Hand aufgestellt; die Menge seiner Edelleute wogte zwischen diesen lebendigen Armleuchtern auf und ab, während in dem großen, von mächtigen Kastanienbäumen umgebenen Garten, die heute zu Arkaden umgeschaffen waren, zwei Kompagnien Chevaulegers zu Pferde, mit der Muskete in der Faust, sich auf den ersten Befehl und auf die erste Furcht ihres Gebieters bereit hielten. Von seinen achtunddreißig Pagen begleitet, wurde der Kardinal in seine mit Purpur ausgeschlagene Loge getragen, die sich derjenigen gegenüber befand, in welcher der König hinter grünen Vorhängen, die ihn vor dem Glanz der Lichter schützen mußten, auf einem Ruhebett halb liegend anwesend war. Der ganze Hof war in Logen versammelt und erhob sich bei seinem Erscheinen; die Musik begann eine glänzende Ouvertüre, und das Parterre wurde den Leuten der Stadt und der Armee, die sich zahlreich einfanden, geöffnet. Gegen seine Gewohnheit streckte der Minister seinen fast fleischlosen Kopf über die Tribüne und grüßte die Versammlung mit einer Miene, die freundlich sein sollte. Diese Grimasse wurde nur in den Logen beantwortet; das Parterre blieb still. Richelieu hatte zeigen wollen, daß er das öffentliche Urteil für sein Werk nicht fürchte, und hatte erlaubt, daß man ohne Unterschied jedem, der sich einfinden würde, den Eintritt gestatten solle. Er begann es zu bereuen, allein zu spät. Diese unparteiische Versammlung blieb denn wirklich bei der Hirtentragödie auch so kalt, wie diese selbst war; vergeblich verzehrten sich die mit Edelsteinen bedeckten Theater schäferinnen , erhöht durch große rote Absätze, mit den Fingerspitzen bänderverzierte Schäferstäbe haltend, in langen Tiraden von zweihundert schmachtenden Versen von Liebe; vergeblich wollten vollkommene Liebhaber (denn das war das schöne Ideal der Epoche) vor Hunger in einer einsamen Schlucht verschmachten und beweinten mit schwülstigen Reden den Tod ihrer Geliebten, indem sie Bänder von der Lieblingsfarbe ihrer Schönen in ihre Haare hefteten; vergebens gaben die über die Brustwehr ihrer Logen gelehnten Frauen des Hofes Zeichen von Entzücken und versuchten sogar die schmeichelhaftesten Ohnmachten; das in dumpfem Schweigen brütende Parterre gab kein anderes Lebenszeichen als das beständige Schwanken schwarzer, langhaariger Köpfe. Der Kardinal biß sich in die Lippen und spielte während des ersten und zweiten Aktes den Zerstreuten: das Schweigen, in dem der dritte und vierte Akt verflossen, schlug seinem väterlichen Herzen eine solche Wunde, daß er sich halb über seinen Balkon hervorheben ließ und in dieser unbequemen und lächerlichen Stellung seinen Freunden am Hofe Winke gab, daß sie die schönsten Stellen doch wohl bemerken möchten und dann selbst das Signal zum Beifallklatschen erteilte. Man beantwortete es aus einigen Logen, allein das teilnahmlose Parterre war stiller als je, überließ solche Szenen den oberen Regionen und blieb beharrlich neutral. Der Gebieter Europas und Frankreichs warf dann einen flammenden Blick auf dieses Häufchen Leute, die wagten, sein Werk nicht zu bewundern, fühlte in seinem Herzen den Wunsch Neros aufleben und dachte einen Augenblick, wie glücklich er wäre, wenn dort nur ein Kopf wäre. Plötzlich belebte sich diese schwarze und unbewegliche Masse, und endlose Salven von Beifallklatschen ertönten zum großen Erstaunen der Logen und besonders des Ministers. Er beugte sich vorwärts und grüßte dankend, doch als er bemerkte, daß das Händeklatschen die Schauspieler unterbrach, so oft sie wieder anfangen wollten, hielt er ein. Der König ließ die bis dahin geschlossenen Vorhänge seiner Loge zurückziehen, um zu sehen, was eine solche Begeisterung errege; der ganze Hof lehnte sich über die Brüstung hinaus; man bemerkte dann in der auf der Bühne sitzenden Menge der Zuschauer einen jungen Mann in bescheidener Kleidung, der sich soeben mit Mühe eines Platzes bemächtigt hatte. Aller Blicke waren auf ihn geheftet. Er schien in große Verlegenheit darüber zu geraten und suchte sich mit seinem kleinen schwarzen, zu kurzen Mäntelchen zu bedecken. » Der Cid! Der Cid! « schrie man im Parterre und hörte nicht auf zu klatschen. Erschrocken flüchtete sich Corneille in die Kulissen, und alles sank in Schweigen zurück. Ganz außer sich ließ der Kardinal die Vorhänge seiner Loge schließen und sich wegtragen. In der ersten Galerie kam jetzt eine durch Josephs Bemühungen schon lange vorbereitete Szene zur Ausführung, über welchen Punkt er, bevor er Paris verließ, die Leute vom Gefolge des Kardinals noch tüchtig unterrichtet hatte. Der Kardinal Mazarin rief nämlich, es gehe schneller, Se. Eminenz durch ein großes Fenster zu schieben, das sich nur zwei Fuß über dem Boden erhob und von seiner Loge nach den Gemächern führte; er ließ dasselbe öffnen, und die Pagen schoben den Lehnstuhl hindurch. Alsobald erhoben sich hundert Stimmen, um die Erfüllung der großen Prophezeiung des Nostradamus zu verkünden. Man raunte sich halblaut zu: »Das bonnet rouge (Rotkäppchen) ist der gnädige Herr; quarante onzes , Cinq-Mars; tout finira , von Thou Das Treffende dieses französischen Calembours (Wortspieles) geht in der Übersetzung verloren; wir haben dasselbe in einem der früheren Kapitel deutsch gegeben; zum besseren Verständnis der Auslegung möchte es aber nicht unzweckmäßig sein, hier das Französische beizufügen: Quand bonnet rouge passera par la fenêtre A quarante onzes on coupera la tête Et tout finira . Der Übersetzer. ; welch glückliche Fügung des Himmels! Se. Eminenz beherrscht die Zukunft sowie die Gegenwart!« Auf seinem wandelnden Throne zog der Kardinal nun durch lange und glänzende Galerien und hörte das leise Gemurmel neuer Schmeicheleien; allein gefühllos bei dem Laute dieser Stimmen, die seinen Geist vergötterten, hätte er all ihr Geschwätz für ein einziges Wort, für eine einzige Gebärde jenes unbeweglichen und unbeugsamen Publikums gegeben, und wäre auch dieses Wort ein Ruf des Hasses gewesen; denn das größte Geschrei läßt sich ersticken; wie läßt sich aber das Schweigen rächen? Man verhindert ein Volk, loszuschlagen, wer wird es aber verhindern, zu warten? Verfolgt durch das drückende Gespenst der öffentlichen Meinung glaubte sich der düstere Minister erst in Sicherheit, als er in den Wohngemächern seines Palastes angelangt war und sich inmitten seines zitternden und kriechenden Hofes befand, dessen Lobhudeleien ihn bald vergessen ließen, daß einige Männer gewagt hatten, ihn nicht zu bewundern. Er ließ sich gleich einem Könige in die Mitte seiner geräumigen Gemächer stellen und begann, sich umschauend, aufmerksam die mächtigen und ergebenen Männer zu zählen, die ihn umringten; er zählte sie und bewunderte sich. Die Häupter aller großen Familien, die Kirchenfürsten, die Präsidenten aller Parlamente, die Statthalter der Provinzen, die Marschälle und Obergeneräle der Armeen, der Nuntius, die Gesandten aller Königreiche, die Deputierten und Senatoren der Republiken standen unbeweglich und unterwürfig. Das stumme Europa hörte ihn durch Repräsentanten an. Zuweilen erhob er seine gebieterische Stimme und warf, gleich einem Pfennig unter einen Haufen Armer, ein zufriedenes Wort unter diesen prunkvollen Kreis. Der Bruder des Königs und der Herzog von Bouillon standen auch unter der Menge, aus welcher der Minister sich nicht hervorzuheben geruhte; er äußerte sich, daß er für gut hielte, einige feste Plätze zu schleifen, sprach lange von der Notwendigkeit, die Straßen und Kais von Paris zu pflastern, und sagte Turenne mit ein paar Worten, daß man ihn wahrscheinlich zur Armee Italiens senden werde, um zur Seite des Prinzen Thomas sich seinen Marschallsstab zu holen. Während Richelieu inmitten eines rauschenden Festes in seinem prachtvollen Paläste auf solche Weise die größten und geringsten Dinge Europas in seinen mächtigen Händen schaukelte, benachrichtigte man im Louvre die Königin, daß es an der Zeit sei, sich zu dem Kardinal zu begeben, wo der König sie nach Beendigung der Tragödie erwartete. Die ernsthafte Anna von Österreich wohnte keinem Schauspiel bei, hatte aber nicht ablehnen dürfen, das Fest des Premierministers mit ihrer Gegenwart zu verherrlichen. Sie befand sich in ihrem Betzimmer, schon zum Aufbruch bereit, und mit Perlen, ihrem Lieblingsschmuck, bedeckt; vor einem großen Spiegel mit Marie von Mantua stehend, gefiel sie sich, die Toilette der jungen Herzogin zu beendigen, die selbst, in einem langen rosenfarbenen Kleide, aufmerksam aber verdrießlich und mit etwas schmollender Miene ihren Anzug betrachtete. Die Königin betrachtete in Marie ihr eigenes Werk und dachte, noch beklommener als diese, trotz ihrer genauen Kenntnis des gefühlvollen aber leichtsinnigen Charakters Maries, mit Besorgnis an den Augenblick, wo diese kurz dauernde Ruhe aufhören würde. Seit jener Unterredung in Saint-Germain, seit jenem verhängnisvollen Briefe hatte sie die junge Prinzessin nicht einen Augenblick verlassen und mit aller Sorgfalt den Geist dieses jungen Mädchens auf die von ihr vorgezeichnete Bahn zu führen gesucht; denn der stärkste Zug in dem Charakter Annas von Österreich war eine unüberwindliche Hartnäckigkeit in ihren Berechnungen, denen sie alle Ereignisse und alle Leidenschaften mit geometrischer Genauigkeit hätte unterwerfen mögen; und ohne Zweifel muß alles Unglück ihrer Regentschaft diesem positiven und unbeweglichen Geiste zugeschrieben werden. Cinq-Mars' unheilverkündende Antwort, seine Verhaftung, seine Verurteilung, alles war der Prinzessin Marie verborgen geblieben, derer erster Fehler allerdings eine Regung der Eigenliebe und ein augenblickliches Vergessen gewesen war. Nichtsdestoweniger war die Königin gut und hatte ihre Übereilung, in so entschiedenen Worten zu schreiben, bitter bereut, und alle ihre Anstrengungen waren darauf hinausgegangen, diese Folgen zu schwächen. Indem sie ihre Handlung in ihren Beziehungen auf das Wohlergehen Frankreichs ins Auge faßte, wünschte sie sich Glück, auf solche Weise plötzlich den Keim eines Bürgerkriegs erstickt zu haben, der den Staat in seinen Fundamenten erschüttert hatte; wenn sie sich aber ihrer jungen Freundin näherte und dieses reizende Wesen betrachtete, das sie in seiner Blüte knickte, und das ein Greis auf einem Throne nicht für den Verlust, den es für immer erlitten hatte, zu entschädigen imstande wäre, beklagte sie Marie und bewunderte von Grund der Seele den Mann, den sie so schlecht beurteilt hatte. Sie hoffte noch in diesem Augenblick, daß es allen den in Lyon versammelten Verschworenen gelingen würde, seine Rettung zu bewerkstelligen, und wußte sie ihn einmal in fremdem Lande, so dachte sie, ihrer lieben Marie dann alles sagen zu können. Diese hatte anfangs den Krieg befürchtet; allein da sie nur von den Leuten der Königin umgeben war, die ihr keine anderen als die von ihrer Gebieterin vorgeschriebenen Nachrichten zukommen ließen, so hatte sie erfahren, die Verschwörung sei nicht zur Ausführung gekommen, der König und der Kardinal wären gleich anfangs und fast zu gleicher Zeit nach Paris gekommen; der einige Zeit abwesende Monsieur sei wieder am Hofe erschienen, der Herzog von Bouillon sei vermöge der Abtretung Sedans auch wieder zu Gnaden gekommen, und der Grund, daß der Großstallmeister noch nicht erscheine, liege in dem deutlicher ausgesprochenen Hasse des Kardinals gegen ihn und dem großen Anteil, den derselbe an der Verschwörung genommen habe. Seit zwei Monaten waren sich überdies Bälle und Karussells so schnell gefolgt und so viele gebieterische Pflichten hatten sie in Anspruch genommen, daß ihr, um traurig zu sein und sich zu beklagen, nur die Zeit ihrer Toilette blieb, wo sie beinahe allein war. Sie begann zwar jeden Abend jene allgemeine Betrachtung über die Undankbarkeit und Unbeständigkeit der Menschen; ein tiefer und neuer Gedanke, der nie ermangelte, den Kopf einer jungen Person im Alter der ersten Liebe zu beschäftigen; allein der Schlaf gestattete ihr nie, ihn in die Länge fortzuspinnen, und die Ermüdung des Tanzes schloß ihre großen schwarzen Augen, bevor ihre Ideen Zeit gefunden hatten, sich in ihrem Gedächtnis zu ordnen und ihr klare Bilder der Vergangenheit vor die Seele zu führen. Von ihrem Erwachen an fand sie sich von jungen Prinzessinnen des Hofes umringt und, kaum imstande, zu erscheinen, war sie schon genötigt, sich zu der Königin zu verfügen, wo die ewigen, aber schon minder unangenehmen Huldigungen des Prinzen Palatin sie erwarteten; die Polen hatten Muße genug gehabt, am französischen Hofe jene geheimnisvolle Zurückhaltung und jenes beredte Schweigen zu erlernen, die den Frauen so sehr gefallen, weil sie die Wichtigkeit der Geheimnisse vermehren. Man betrachtete Marie als dem König Ladislaus bewilligt, und sie selbst hatte sich, wir müssen es gestehen, so vertraut mit diesem Gedanken gemacht, daß der durch eine andere Königin besetzte Thron Polens ihr als etwas Unnatürliches vorgekommen wäre; sie empfand zwar keine glückliche Regung, wenn sie des Augenblicks gedachte, wo sie denselben besteigen sollte, hatte aber dennoch die Huldigungen angenommen, die man ihr im voraus deshalb erwies. Auch übertrieb sie, ohne sich's selbst zu gestehen, das vermeintliche Unrecht Cinq-Mars', das die Königin ihr in Saint-Germain enthüllt hatte. »Sie sind frisch wie die Rosen dieses Straußes«, sagte die Königin, »nun, mein liebes Kind, sind Sie bereit? was ist das für eine kleine schmollende Miene? Kommen Sie, lassen Sie mich diesen Ohrring schließen ... Sehen Sie diese Topase nicht gern? Wollen Sie einen anderen Schmuck?« »O nein, Madame, ich denke, ich sollte mich gar nicht schmücken, denn niemand weiß besser als Sie, wie unglücklich ich bin. Die Männer sind sehr grausam gegen uns! Ich sinne immer noch allem nach, was Sie mir gesagt haben, und alles wird mir jetzt deutlich bewiesen. Ja, es ist wohl wahr, daß er mich nicht liebte, denn hätte er mich geliebt, so würde er erstlich auf eine Unternehmung verzichtet haben, die mir so viel Unruhe machte, wie ich ihm gesagt habe; ja, ich erinnere mich sogar, was noch wesentlicher ist«, fügte sie mit wichtiger und feierlicher Miene hinzu, »daß ich ihm sagte, er würde Rebell sein; ja, Madame, Rebell , ich sagt' es ihm in Saint-Eustache. Ich sehe aber, daß Ew. Majestät ganz recht hatte: ich bin sehr unglücklich! Er besaß mehr Ehrgeiz als Liebe.« Bei diesen Worten stahl sich eine Träne des Verdrusses aus ihren Augen und rollte über ihre Wange wie eine Perle auf eine Rose. »Ja, das ist ganz gewiß ...« fuhr sie fort, ihre Armspangen befestigend, »und der größte Beweis hierfür ist, daß er während der zwei Monate, seit er auf seine Unternehmung verzichtet hat, mich wohl hätte wissen lassen können, wohin er sich begeben hat (denn sie sagten mir ja, Sie hätten seine Flucht bewerkstelligt). Und während dieser Zeit weinte ich, erflehte Ihre ganze Macht zu seinen Gunsten; ich bettelte um ein Wort, das mich von einer seiner Handlungen unterrichten sollte; ich dachte nur an ihn, und jetzt noch schlage ich täglich den Thron Polens aus, weil ich bis ans Ende beweisen will, daß ich beständig bin, und daß wir besser sind als die Männer ... Dennoch glaube ich wenigstens, diesen Abend wohl zu dem Feste gehen zu können, da es kein Ball ist.« »Ja, ja, mein liebes Kind, kommen Sie schnell«, entgegnete die Königin, welche dieser kindlichen Sprache, die sie betrübte und deren treuherzige Irrtümer sie selbst veranlaßt hatte, ein Ende zu machen wünschte, »kommen Sie, Sie werden sehen, welche Einigkeit zwischen den Prinzen und dem Kardinal herrscht, und vielleicht vernehmen wir einige gute Nachrichten.« Sie fuhren ab. Als die Königin und Marie die langen Galerien des Kardinalpalastes betraten, wurden sie von dem König und dem Minister, welche, umgeben von einer Menge schweigsamer Höflinge, auf einem schmalen, niederen Tische Schach spielten, kalt empfangen und begrüßt. Alle Damen, die mit oder nach der Königin eintraten, zerstreuten sich in die der Gesellschaft geöffneten Gemächer, und bald erhob sich in einem der Säle eine sehr sanfte Musik, gleich der Begleitung zu tausend besonderen Unterhaltungen, welche sich um die Spieltische herum entwickelten. Jetzt gingen zwei junge Neuvermählte, der glückliche Chabot und die schöne Herzogin von Rohan, mit einer Verneigung an der Königin vorbei; sie schienen die Menge zu meiden und abseits den Augenblick zu suchen, miteinander von sich selbst sprechen zu können. Jedermann empfing sie lächelnd und hatte seine Lust an ihnen. Marie folgte ihnen mit den Augen. »Sie sind dennoch glücklich«, sagte sie zu der Königin, indem sie sich des Tadels erinnerte, den man auf sie hatte werfen wollen. Ohne ihr jedoch zu antworten und in der Befürchtung, ihre junge Freundin möchte durch ein unbedachtsames Wort irgend ein trauriges Ereignis erfahren, stellte sich Anna von Österreich mit ihr hinter den König. Bald kamen Monsieur, der Prinz Palatin und der Herzog von Bouillon zu ihnen und es entspann sich ein freimütiges und heiteres Gespräch. Einen ernsten und forschenden Blick auf Marie werfend, sagte dann der zweite unter anderem: »Prinzessin, Sie sind heute von überraschender Schönheit und Heiterkeit.« Sie ward bestürzt über diese Worte und über die düstere Miene, mit der er sich entfernte, und redete dann den Herzog von Orleans an, der nicht antwortete und sie nicht zu hören schien. Marie schaute die Königin an und konnte Blässe und Unruhe auf ihrem Gesicht bemerken. Niemand wagte indes, sich dem Minister zu nähern, der seine langsamen Züge im Schach überdachte; Mazarin allein stand, auf die Lehne seines Armstuhles gestützt, hinter ihm und folgte den Zügen mit einer knechtischen Aufmerksamkeit, indem er jedesmal, wenn der Kardinal gespielt hatte, Zeichen der Bewunderung von sich gab. Die Beflissenheit des Ministers schien einen Augenblick die Wolke, die seine Stirn bedeckte, zu zerstreuen; er hatte soeben einen Turm vorgerückt, welcher den König Ludwigs XIII. in jene falsche Stellung brachte, welche man matt heißt, eine Lage, wo dieser König von Ebenholz, ohne persönlich angegriffen zu sein, dennoch in keiner Richtung weder vor- noch rückwärts kann. Der Kardinal hob die Augen auf, schaute seinen Gegner an und lächelte, weil er vielleicht einen geheimen Zusammenhang zu erkennen glaubte. Als er dann die erloschenen Augen und das einem Sterbenden ähnliche Gesicht des Königs sah, beugte er sich gegen Mazarins Ohr vor und flüsterte: »Ich glaube, meiner Treu, er reist noch vor mir ab; er ist sehr verändert.« Zu gleicher Zeit überfiel ihn ein langanhaltender und heftiger Husten, wobei er oft einen stechenden und durchdringenden Schmerz fühlte; bei dieser unheilvollen Mahnung brachte er ein Taschentuch an den Mund, das er bald nachher voll Blut wegzog, es aber, um diesen Umstand zu verbergen, unter den Tisch warf, indem er streng um sich sah, als wollte er die Unruhe verbieten. Vollkommen unempfindlich dafür zeigte Ludwig XIII. nicht die leiseste Bewegung und stellte mit seiner fleischlosen und zitternden Hand die Figuren zu einer anderen Partie auf. Diese beiden Sterbenden schienen um ihre letzte Stunde zu losen. In diesem Augenblick schlug eine Uhr Mitternacht. Der König richtete den Kopf auf und sagte: »Ja, ja, heute morgen um die nämliche Stunde hat Herr le Grand, unser lieber Freund, einen bösen Augenblick durchgemacht.« Ein durchdringender Schrei ertönte in seiner Nähe; er schauderte, warf das Spiel um und wandte sich schnell auf die andere Seite. Des Bewußtseins beraubt, lag Marie von Mantua in den Armen der Königin; diese weinte bitterlich und sagte dem Könige ins Ohr: »Ach, Sire, Sie haben ein zweischneidiges Schwert.« Sie verschwendete nun alle ihre Sorgfalt und Zärtlichkeit an die junge Prinzessin, die, von den Damen des Hofes umringt, sich von ihrer Ohnmacht erholte, um einen Strom von Tränen zu vergießen. Sobald sie die Augen wieder aufschlug, sagte Anna von Österreich zu ihr: »Ach, mein liebes Kind, mein armes Kind, Sie sind Königin von Polen.« * * * Die Rückkehr des Ministers wurde während fünf Freudentagen gefeiert, und allabendlich drängten sich die Bewohner von Paris unter den Fenstern des Kardinalpalastes und denen des Louvre; die letzten Aufstände hatten ihnen sozusagen Geschmack an den öffentlichen Bewegungen beigebracht; sie liefen mit einer zuweilen verletzenden und feindseligen Neugier von einer Straße zur anderen, indem sie bald in schweigsamen Prozessionen einherschritten, bald ein schallendes Gelächter aufschlugen und anhaltendes spöttisches Geschrei ausstießen, dessen Bedeutung unbekannt war. Banden junger Männer schlugen sich an den Straßenecken und tanzten im Kreise auf öffentlichen Plätzen, als wollten sie irgend einer unbekannten, fröhlichen Hoffnung und einer unsinnigen Freude, die ihr Herz preßte, Luft machen. Es war bemerkenswert, daß das traurigste Schweigen gerade an den Orten herrschte, welche zufolge der Befehle des Ministers für die Freuden hergerichtet waren. Erhoben sich einige Stimmen, so geschah es nur, um unablässig mit Ironie die Umschriften und Inschriften, mit denen die einfältige Schmeichelei einiger obskuren Schriftsteller die Bildnisse des Ministers umgeben hatten, zu lesen und wieder zu lesen. Das eine dieser Bildnisse war durch Büchsenschützen bewacht, die es jedoch nicht vor den Steinen zu schützen vermochten, die durch unbekannte Hände gegen dasselbe geschleudert wurden. Es stellte den Kardinal-Generalissimus mit einem von Lorbeeren umringten Helm vor. Darüber las man: Großer Herzog! Mit Recht wirst du in Frankreich geehrt Und in Paris gleich Gott Mars verehrt. Diese Inschrift ist heutzutage noch vorhanden. Diese schönen Dinge überzeugten aber das Volk nicht, daß es glücklich sei; und in der Tat verehrte es den Kardinal ebensowenig als den Gott Mars, nahm aber seine Feste als eine willkommene Veranlassung zu Unordnungen auf. Ganz Paris war in Aufruhr, und langbärtige Männer mit Fackeln, Krügen voll Wein und zinnernen Trinkgefäßen, die sie mit großem Lärm anstießen, hielten sich unter den Armen und sangen im Einklang mit rauhen und ungeschliffenen Stimmen einen alten Rundgesang der Ligue: Reprenons la danse, Allons, d'est assez: Le printemps commence, Les rois sont passés. Prenons quelque trève, Nous sommes lassés; Les rois de la fève Nous ont harassés. Allons, Jean du Mayne, Les rois sont passés ... Auf und zum Tanz, Kommt, es ist g'nug: Der Frühling beginnt, Die Könige sind hin. Gebt Waffenstillstand, Denn müde sind wir; Die Könige der Bohne Uns ausmergelten schier. Frisch auf, Jean du Mayne Die Könige sind hin ... Die schrecklichen Banden, die diese Worte heulten, zogen über die Kais und den Pont-neuf, während sie friedliche Bürger, die aus Neugier herangelockt wurden, an die Häuser zurückdrängten. Zwei junge in Mäntel gehüllte Männer wurden gegeneinander gestoßen und erkannten sich beim Schein einer auf dem Fuße der neuerrichteten Bildsäule Heinrichs IV. stehenden Fackel, vor welcher sie sich gerade befanden. »Wie, noch in Paris, mein Herr!« sagte Corneille zu Milton, »ich glaubte Sie in London.« »Hören Sie dieses Volk, mein Herr? Hören Sie's? Was ist das für ein schrecklicher Endreim: Die Könige sind hin! Gewöhnlicher Endreim bei den Gesängen der Bürgerkriege. »Hat noch nichts zu bedeuten, mein Herr; geben Sie nur auf ihre Reden acht.« »Das Parlament ist tot«, rief einer der Männer, »die Herren sind tot; tanzen wir, jetzt sind wir Herren; der alte Kardinal reist ab, dann sind nur noch der König und wir da!« »Hören Sie diesen Elenden, mein Herr?« sagte Corneille, »hierin ist alles gesagt, unsere ganze Zeit liegt in diesem Worte.« »Wie! Und das wäre das Werk jenes Ministers, den man bei Ihnen und selbst bei anderen Völkern den großen nennt? Ich verstehe diesen Mann nicht.« »Ich will es Ihnen sogleich erklären«, antwortete Corneille, »doch vorerst hören Sie noch das Ende dieses Briefes an, den ich heute empfangen habe. Nähern wir uns dieser Laterne unter der Bildsäule des seligen Königs. Wir sind allein, die Menge ist vorbeigezogen, hören Sie: ... Infolge einer jener unvorhergesehenen Umstände, welche die Ausführung der edelsten Unternehmungen verhindern, konnten wir die Herren von Cinq-Mars und von Thou nicht retten. Wir hätten zwar denken sollen, daß sie, durch lange Betrachtungen zum Tode vorbereitet, unsere Hilfe ausschlagen würden; in der Übereilung unserer Maßregeln machten wir auch noch den Fehler, uns allzusehr in der Menge zu zerstreuen, was uns das Mittel benahm, einen plötzlichen Entschluß zu fassen; zu meinem Unglück stand ich hart an dem Schafott und sah unsere unglücklichen Freunde, als sie herankamen; sie unterstützten den armen Abbé Guillet, der bestimmt war, seinen Zögling, den er zur Welt kommen sah, auch sterben zu sehen. Er schluchzte und hatte nur die Kraft, die Hand der beiden Freunde zu küssen. Wir näherten uns alle, bereit, uns beim verabredeten Zeichen auf die Garde zu stürzen; allein ich sah mit Schmerz, wie Herr von Cinq-Mars verächtlich seinen Hut von sich warf. Man hatte unsere Bewegung bemerkt, und die katalonische Garde ward um das Schafott herum verdoppelt. Ich konnte nichts mehr sehen, hörte aber weinen. Nach den drei gewöhnlichen Trompetenstößen verlas der Kriminalgerichtsschreiber von Lyon, zu Pferde und ziemlich nahe beim Schafott, das Todesurteil, dem weder der eine noch der andere mehr Gehör schenkte, denn Herr von Thou sagte während dieser Vorlesung zu seinem Freunde: ›Wohlan, lieber Freund, welcher von uns soll zuerst sterben? Erinnern Sie sich des St. Gervasius und St. Protasius?‹ ›Das überlasse ich Ihrem Gutbefinden‹, antwortete Cinq-Mars. Der zweite Beichtvater ergriff dann das Wort und sagte zu Herrn von Thou: ›Sie sind der Ältere.‹ ›Das ist wahr‹, entgegnete Herr von Thou, wandte sich dann an Herrn le Grand und sagte zu diesem: ›Sie sind der Großmütigere und wollen mir gewiß gern den Weg zur Himmelsglorie zeigen.‹ ›Ach!‹ entgegnete Cinq-Mars, ›ich habe Ihnen den zum Abgrunde geöffnet; doch stürzen wir uns edelmütig in den Tod, und wir landen in der Glorie und Glückseligkeit des Himmels.‹ Hierauf umarmte er ihn und bestieg mit wunderbarer Leichtigkeit das Schafott. Er machte einen Gang über dasselbe und schaute mit zuversichtlicher Miene, die nicht die mindeste Furcht bezeugte, und in einer ernsten Haltung auf die ganze große Versammlung herunter, machte dann noch einmal die Runde und grüßte das Volk nach allen Seiten hin mit majestätischem und liebreizendem Wesen, ohne sich den Anschein zu geben als erkenne er nur einen von uns; dann fiel er auf die Knie, hob die Augen gen Himmel, betete zu Gott und empfahl sich in seine Hände. Als er das Kruzifix küßte, rief der Pater dem Volke zu, es möchte für ihn beten, und Herr le Grand richtete, die Arme öffnend und das Kruzifix immer in den gefalteten Händen haltend, die nämliche Bitte an das Volk. Dann warf er sich vor dem Block auf die Knie, küßte ihn, legte seinen Hals darauf, richtete die Augen gen Himmel und fragte seinen Beichtvater: ›Mein Vater, lieg' ich so recht?‹ Während man ihm dann die Haare abschnitt, sagte er seufzend und mit zum Himmel gerichteten Blicken: ›Mein Gott, was ist es doch um diese Welt? Mein Gott, nimm meinen Tod als Sühne meiner Sünden an.‹ ›Auf was wartest du? Was tust du da?‹ sagte er hernach zu dem Scharfrichter, der neben ihm stand und sein Beil noch nicht aus dem scheußlichen Sacke, den er mit sich gebracht, hervorgeholt hatte. Sein Beichtvater, der sich genähert hatte, gab ihm dann eine Medaille; er aber bat den Pater mit einer unglaublichen Geistesruhe, ihm das Kruzifix vor die Augen, die er nicht verbunden haben wollte, zu halten. Ich erblickte nun die beiden zitternden Hände des alten Abbé Quillet, der das Kruzifix emporhob. In diesem Augenblick stimmte eine helle und reine Stimme, gleich der eines Engels, das Ave maria stella an. Bei dem allgemeinen Schweigen erkannte ich die Stimme des Herrn von Thou, der am Fuße des Schafotts wartete. Das Volk stimmte in den heiligen Gesang ein. Herr von Cinq-Mars umfaßte den Block fester und ich sah ein Beil nach Art der englischen Beile sich erheben. Ein fürchterlicher Schrei des Volkes, der vom Platze, den Fenstern und Türmen widerhallte, benachrichtigte mich, daß es gefallen und der Kopf zur Erde gerollt sei; ich hatte glücklicherweise noch die Kraft, an seine Seele zu denken und ein Gebet für ihn zu beginnen; ich vermischte es mit dem, welches ich unseren unglücklichen und frommen Freund von Thou mit lauter Stimme aussprechen hörte. Ich stand auf den Zehenspitzen und sah, wie er mit einer Schnelligkeit auf das Schafott stürzte, als ob er zu fliegen schien. Der Pater und er sagten die Sterbepsalmen her, er mit der Glut eines Seraphims, als hätte seine Seele den Körper schon der Erde entrückt und dem Himmel zugeführt; dann kniete er nieder, küßte, gleich dem Blute eines Märtyrers, das Blut Cinq-Mars' und ward dann selbst Märtyrer. Ich weiß nicht, ob Gott ihm nicht noch ein besonderes Märtyrertum vorbehalten wollte, denn ich sah mit Grausen, wie der Henker, ohne Zweifel erschrocken über den ersten Streich, den er geführt hatte, ihn oben auf den Kopf traf, wo der unglückliche junge Mann dann seine Hand hinhielt; das Volk stieß ein entsetzliches Gestöhn aus und drang gegen den Henker vor, worauf dieser Elende in seiner Bestürzung einen zweiten Streich führte, der den Verurteilten wieder nur streifte und zu Boden schlug, wo sich der Scharfrichter auf ihn warf, um seinen Kopf vollends abzuschneiden. Ein anderes seltsames Ereignis erschreckte dann das Volk ebensosehr als dieses gräßliche Schauspiel. Der alte Bediente des Herrn von Cinq-Mars hielt dessen Pferd, wie bei einem Leichenzuge; er hatte sich am Fuße des Schafotts hingestellt und schaute starr auf seinen Gebieter bis zu dessen Ende; dann fiel er plötzlich, wie vom nämlichen Beile getroffen, bei dem Schlage, der den Kopf seines Gebieters vom Rumpfe trennte, tot hin. Ich schreibe Ihnen diesen traurigen umständlichen Bericht an Bord einer Galeere nach Genua, wohin Fontrailles, Gondi, d'Entraigues, Beauvau, du Lude, ich und alle Verschworenen sich geflüchtet haben. Wir gehen nach England, um dort die Zeit abzuwarten, wo Frankreich von einem Tyrannen befreit sein wird, den wir nicht zu stürzen vermochten. Ich verlasse auf immer den Dienst des feigen Prinzen, der uns verraten hat. Montrésor . Das also«, fuhr Corneille fort, »war das Ende jener beiden jungen Leute, die Sie noch vor kurzem so mächtig sahen. Ihr letzter Seufzer war der nach der alten Monarchie; hier wird künftig nur noch ein Hof herrschen; die Großen und die Senate Man nannte das Parlament Senat. Es sind noch Briefe mit der Adresse an Herrn von Harlay, Vorsteher des Senates von Paris und Oberrichter des Königreichs, vorhanden. sind vernichtet.« »Und das ist also dieser angeblich große Mann!« entgegnete Milton, »was wollte er denn tun? Er will also in Zukunft Republiken schaffen, da er die Grundlagen Ihrer Monarchie zerstört?« »Suchen Sie nicht so weit«, sagte Corneille; »er hat nur bis an sein Lebensende herrschen wollen. Er hat für den Augenblick, nicht aber für die Zukunft gearbeitet; er hat das Werk Ludwigs XI. fortgesetzt, und weder der eine noch der andere wußten, was sie taten.« Der Engländer begann zu lachen. »Ich glaubte«, entgegnete er, »ich glaubte das echte Genie ginge einen anderen Gang. Dieser Mann hat erschüttert, was er hätte unterstützen sollen, und man bewundert ihn. Ich beklage Ihre Nation.« »Beklagen Sie sie nicht«, rief Corneille lebhaft, »ein Mensch geht vorüber, allein ein Volk erneuert sich. Dieses hier, mein Herr, ist mit einer unsterblichen Energie, die nichts auslöschen kann, begabt; seine Einbildungskraft wird es oft irreleiten, allein eine höhere Vernunft wird am Ende immer wieder die Oberhand über seine Verirrungen gewinnen.« Die beiden jungen und damals schon großen Männer spazierten noch lange unter solchen Gesprächen auf jenem Platze, den die Bildsäule Heinrichs IV. vom Platze Dauphine trennt, und standen dann in der Mitte desselben einen Augenblick still. »Ja, mein Herr«, fuhr Corneille fort, »ich sehe allabendlich, mit welcher Schnelligkeit ein edelmütiger Gedanke in den Herzen Anklang findet, und allabendlich begebe ich mich, glücklich, das gesehen zu haben, nach Hause. Die Erkenntlichkeit veranlaßt die Armen, sich vor dieser Bildsäule eines guten Königs niederzuwerfen; wer weiß, welch anderes Monument eine andere Leidenschaft neben ihm aufrichten würde? Wer weiß, wohin die Liebe des Ruhms unser Volk führen könnte? Wer weiß, ob sich nicht noch an eben dem Orte, wo wir jetzt stehen, eine dem Orient entrissene Pyramide erheben wird?« »Das sind die Geheimnisse der Zukunft«, entgegnete Milton, »ich bewundere wie Sie Ihr leidenschaftliches Volk, fürchte aber für dasselbe selbst; ich verstehe es auch schlecht und erkenne seinen Geist nicht, wenn ich sehen muß, wie es an Männer, gleich dem, der es beherrscht, seine Bewunderung verschwendet. Die Liebe zur Macht ist sehr kindisch, und dieser Mann ist davon verzehrt, ohne die Kraft zu haben, sich ihrer ganz zu bemächtigen. Lächerlich! Er ist Tyrann unter einem Gebieter. Dieser Koloß, der nie im Gleichgewicht steht, ist soeben durch den Finger eines Kindes beinahe umgeworfen worden. Ist das Genie? Nein, nein! Wenn er seine hohen Regionen um einer menschlichen Leidenschaft willen zu verlassen geruht, so soll er wenigstens alles mit Gewalt an sich reißen. Da dieser Richelieu nur nach Macht verlangte, weshalb hat er sich ihrer nicht ganz bemächtigt? Ich werde in meinem Lande einen Mann finden, der noch nicht auf den Schauplatz der Welt getreten ist und den ich ebenfalls von solch elendem Ehrgeize beherrscht sehe; allein ich glaube, der wird weiter gehen. Er heißt Cromwell .«