Julius Wolff Der Rattenfänger von Hameln     Allen lieben Spielleut               Ihr lieben Spielleut allesammt, Ob arm, ob Schätze sparend, Wie Ihr auch heißt, woher Ihr stammt, Ob seßhaft oder fahrend, Ihr Sinner und Erzähler all, Poeten, Troubadoure Und Musikanten überall, Nehmt hin die Aventiure. Die Ihr trompetet und posaunt Und quinkelirt und zimpert, Paukt, trommelt, rasselt und rasaunt Und fingert, knipst und klimpert, Ob Flöte oder Clarinett, Ob Brummbaß oder Geigen, Ob Harfe oder Hackebrett Ihr klingen laßt zum Reigen, Und die Ihr singet hochgemuth – Wie ist doch gottbegnadet, Wer in der eignen Töne Fluth Die frohe Seele badet! Wer von der edlen Zunft ein Glied Der Spieler und der Sänger – Euch widme ich getrost mein Lied Vom Ham'ler Rattenfänger. Ist eine alte Stadtgeschicht, Halb spaßhaft und halb schaurig, Wär' nur das letzte Ende nicht, Ihr Brüder, gar zu traurig. Manch seltne Chronik schlug ich auf, Urkunden, Pergamente, Daß ich erführ' der Dinge Lauf, Sie recht bei Namen nennte. Doch nirgends giebt es im Archiv Für Forscher was und Finder, Als daß ein Pfeifer kam und rief Die Ratten und die Kinder. Ein Spielmann war er, so wie wir, Fuhr durch das Reich die Straßen, Sang, spielte, küßte, so wie wir, Kühn über alle Maßen. Und daraus ich dies Lied ersann, Wie ich mir das so dachte, Jedweder macht es, wie er kann, Ein Schelm, wer's besser machte! Hier sitze ich am Meeresstrand Und höre Wellenrauschen, So mögt, Gesellen, Ihr im Land Nun meiner Märe lauschen. Mit vollen, weißen Segeln zieht Ein Schiff am Horizonte, Daß doch auch so führ' mein Lied, Daß so das Glück ihm sonnte! Ich gab ihm lust'ge Zeichen schon, Die kommen ihm zu Statten, Es führt die Fiedel am Gallion Und in der Flagge Ratten. – Ihr lieben Spielleut, nehmt in Kauf, Was Euch an ihm verdrossen, Und schließt ihm Eure Herzen auf, Dem Hameler Genossen. Es geht die Sage wie ein Sang Von ihm durch's alte Sachsen, Und auf dem Koppelberg ist lang Darüber Gras gewachsen. Ostende, Juli 1875.                           In dem Rathhaussaal zu Hameln Tagt des Raths Wohledle Weisheit. Dicke Mauern, deren Pfeiler Hochgeschwungne Bogen tragen, Gürten die gewölbte Halle. An der Decke ist der Himmel Abgemalt mit Mond und Sternen; Wie die Sonne aus den Wolken Strahlt herab das Gottesauge Deß zum Zeichen, daß auch Alles, Was in diesem Saale vorgeht, Der Allgegenwärt'ge schauet. An der Wandung breit'ster Fläche Ist des heiligen Bonifacii, Dem das alte Stift geweiht ist, Irdische Mission geschildert, Wie die Heiden er bekehret, Hier die Donnereiche fället, Dort von Friesen wird erschlagen. Und in einem andern Felde, Wie Bernhardus, Graf von Bühren, Von Angarien auch genannt wohl, Und Christina, seine Gattin, Mit dem schatzbeladnen Esel Betend stehen und geloben, Eine Kirche da zu bauen, Wo sich Bruder Langohr müde Oder faul zur Ruhe strecke. Hier just blieb der Esel liegen, Und auf so geweihtem Boden Gründeten sie Bonifacio Eine Stätte, die mit Mönchen Aus dem Orden Benedicti Segenspendend er besetzte. Eine kleine Stufe höher, Als des Saales grauer Estrich, Abgesperrt durch eine Schranke, Steht der Sitzungstisch des Rathes, Drauf des Heilands Bild am Kreuze Und das Stadtbuch, der Donat, Hameln's Codex statutorum , Um den Tisch im Halbkreis sitzen Auf den lederüberzognen, Hochgelehnten Polsterstühlen Die zwölf Rathsherrn, und den Vorsitz Führt Herr Wichard Gruwelholt, Hameln's wackrer Bürgermeister. Edle Herren sind die Zwölfe, Graue Häupter der Geschlechter, Männer auch in besten Jahren Sind dabei, die Schwert und Lanze Besser, als die Feder führen; In die Stirne hängt das Haupthaar, Wallt auf steif getüllten Kragen, Der den kräft'gen Hals umschließet Und das bärtige Gesicht. Wamms und Mantel zeigen Wohlstand, Nicht gespart sind Sammt und Seide Auf dem feinen Tuch aus Flandern, Und man sieht, bewußt ist jeder Seines Amtes sich und Werthes In der schwierigen Berathung. Ernste Dinge, schwere Sorgen Stehen auf der Tagesordnung, Und die Wichtigkeit der Sitzung Blickt aus jeder Rathsherrnmiene. Um gemeiner Stadt Vermögen Handelt's heut sich, um den Säckel, Den der Bürgerschaft Erwählte Ihrem braven Monetarius Johann Steneken vertrauten. Eben hat in längrer Rede, Wohl gespickt mit glatten Zahlen, Er vom Stande der Finanzen Ein nicht grade sehr erbaulich Bild dem hohen Rath entwickelt. Näher rückt das Fest Martini, Wo die Stadt dem Herzog Albrecht, Braunschweig's Fürst und Oberlehnsherr Der Vogtei, hat zu bezahlen Vierzig silberne Talente. Sind auch schwere Kriegesschulden Aus der großen Mind'ner Fehde Noch zu tilgen, die um Hameln Einst der Ebersteiner führte Mit dem Bischof Wedekinde, Und die für die Stadt sich schimpflich Wendete und ach! so traurig Mit der Schlacht von Sedemünden. Auch um Herzog Albrecht's Kasse Stand's gewöhnlich nicht zum Besten; Oftmals war die Stadt verpfändet, – So auch jetzt dem Lüneburger – Doch den Pfandschilling zu leisten, Fehlt' es wieder mal dem Lehnsherrn, Und um Brandschatzung zu meiden, Mußte sich der Rath bequemen, An Herrn Otto den Gestrengen" Auch den Pfandschilling zu zahlen. Wie zu tragen solche Lasten, Stritt sich nun der Rechenmeister, Eine spröde Zahlenseele, Scharf und klar wie ein Exempel, Mit Henricus Hogeherte, Der die Zölle und Gefälle Hatte jährlich auszuschreiben Das verdrießlichste der Ämter. Forderte der Monetarius Von dem Zöllner neue Steuern, Weil nicht anders auszukommen, Schalt der Zöllner die Verwaltung Die nicht hauszuhalten wüßte, Hier verschwendete, dort kargte, Aber nie am rechten Orte. Bürgerschaft und Zünfte waren Nicht des Zöllners beste Freunde, Doch im Strauße mit dem Geldmann Steneken, dem Pfennigfuchser, Hatt' er sie auf seiner Seite; »Es geschieht nichts«, hieß es mürrisch, »Für den Schoß, den wir bezahlen, Nirgends sieht man eine Bess'rung Und Verwendung, möchten wissen, Wo das viele Geld mag bleiben.« Also klagten sie und drohten, Hielten Reden auf den Stuben Über ihres Rathes Wirthschaft, Und der Vierundzwanz'ger »Umstand« Paßte scharf ihm auf die Finger. Heute wieder kam's zum Klappen Zwischen jenen beiden Rathsherrn, Und es fielen schwere Worte. Bald der Eine, bald der Andre Sprang vom Stuhl auf im Gefechte; Wenn der Zöllner heftig ausfiel, Braun und blau vor Ärger wurde, Blieb der Geldmann kalt und trocken, Doch mit spitzen Redestacheln Reizte er noch mehr den Gegner. Jeder hatte seinen Anhang Hier am Tische, zu Parteien Schloßen sich die Bundsgenossen, Und es kreuzten sich wie Klingen Ruf und Schelten aller Zwölfe. Mit Herrn Steneken getreulich Hielt es Ludolph Senepmole, War ein Greis, beredt und lebhaft, Und Marquardus de Golterne, Ein geschworner Feind der Zünfte, Welche ihm sein reich gestepptes Wamms aus Bremen nicht verziehen; Bertram Lupus mit der Narbe, Bischöflichen Angedenkens, Brauste auf in jähem Zorne; Tile Scadelant, sein Schwäher, Und sein Vetter Klaus Grobowe Stimmten blindlings immer mit ihm. Auf Herrn Hogeherte's Seite, Der ein Lebemann und selber Großen Aufwand macht' im Hause, Stand nun Giso Senewolde, Edelmüthig von Gesinnung, Doch mit raschem, heißem Blute, Thidericus de Emberne, Stolz und vornehm, aber bissig, Hetzte ihn und gab das Stichwort, Das am meisten jene wurmte Und wie Kipper klang und Wipper; Heftig lärmten Bruno Dives, Amelung de Oldendorpe, Der, wie jedermann bekannt war, Nach dem Ritterschilde strebte, Und Matthias Werengisi, Ein gewalt'ger Mann, der trutzig Sein Baret mit langer Feder Tief sich in die Stirne drückte Und mit Sporen stets einherging. Drohend stieg das Ungewitter, Rothe Zornesadern schwollen, Und ein Stampfen gab's und Toben Daß die Fensterscheiben klirrten. Einer aber hatt' ein Gaudium An dem lichterlohen Brande: Jacob Werner Ethelerus, Hohen Raths gelehrter Schreiber; Außen ließ er sich nichts merken, Wem er Recht gab in der Meinung, Doch er lachte sich ins Fäustchen, Freute sich am Zank und gönnte Jedem recht sein Fett von Herzen, Ja, er hätt' es gern gesehen, Daß sie sich beim Kragen kriegten Und statt scharfer, grober Worte Hageldichte Streiche fielen. Aber kam es auch im Rathe Nicht zum Spruche und Beschlusse, Wie das Geld wohl zu beschaffen, Bis zum Prügeln kam's nun doch nicht; Dem Getöse und Gezänke Macht' ein End' der Bürgermeister, Der mit seines Schwertes Knaufe An die eichne Tafel pochte Und mit Amtes Kraft und Würde Sich nun also ließ vernehmen: »Ehrenfeste und Fürsicht'ge, Günst'ge, liebe Herrn Collegae! Maßen, wie es hat den Anschein, Wir den Gegenstand des Streites Heute nicht zum Austrag bringen, Lasset uns nichts überstürzen Und die leid'ge Geldnothfrage Auf die nächste Sitzung schieben, Sintemalen eine Sache Hoher Wichtigkeit noch heute Zu erledigen uns obliegt. Männiglich bekannt und ruchbar In der Stadt, die wir regieren, Ist die schrecklich große Plage, Die das überhand genomm'ne Grausliche, vermaledeite Ungeziefer uns bereitet. Ratten, Ratten ohne Ende, Mäuse auch wie Sand am Meere Haben zwischen unsern Mauern Überall sich eingenistet, Hausen frech in unsrer Wohnung, In der Küch' und Kemenate, Auf dem Söller wie im Keller, Nagen uns zu Kopf, zu Füßen, Schlüpfen über unsre Betten Selbst, wenn wir darinnen liegen, Daß wir ihre kalten Schwänze Manchesmal im Antlitz fühlen, Naschen uns an Trank und Speise, Stecken ihre garst'gen Schnauzen In die Schüsseln, Krüg' und Töpfe, Fressen sich in alle Schränke, Wühlen sich durch alle Wände. Sind wir doch hier auf dem Rathhaus Nicht mal sicher vor den Bestien, Saht's wohl nicht vorhin, Ihr Herren, Wie sogar vor unsern Augen Ratten durch den Saal hier tanzten, Und doch war's nicht eben still hier. Nichts schlägt an zu Hülf' und Abwehr, Immer schlimmer wird die Plage Immer größer wird der Jammer, Denn sie mehren sich entsetzlich; Eine echte Rattenmutter Hält, Ihr wißt es, jeden Monat Regelmäßig Wochenstube, Bringt zur Welt dann Siebenlinge. Geht's so fort in dem Verhältniß, Fressen Ratten ja und Mäuse Wahrlich bei lebend'gem Leibe Noch die Haare uns vom Kopfe, Und uns bleibt nichts Andres übrig, Als – damit wir in den Kleidern, Die wir tragen, und Geräthen Diese Pest nicht noch verschleppen – Splitternackend auszuwandern Und die Stadt der Brut zu lassen. Nachts, wenn ich so schlaflos liege, Schlaflos, weil in meiner Kammer Hin und her das hopft und trappelt, Und das Sägen, Raspeln, Bohren Von verfluchten Mäusezähnen Mich nicht läßt die Augen schließen, Hab' ich oft im höchsten Zorne Alles, was ich konnt' erreichen, Schuh und Kleidung, Krug und Leuchter Nach den Ecken schon geschleudert, Brachte doch das Teufelsviehzeug Nimmermehr damit zur Ruhe, Aber mich nur in Verzweiflung, Daß ich lag in Schweiß gebadet. Brauche Umfrag nicht zu halten, Ob's nicht ähnlich Euch ergangen, Ob es Einer anders wüßte; (Alle schüttelten die Köpfe) Also komm' ich nun zur Sache. Gestern hat bei mir gemeldet Sich ein Fahrender, ein Spielmann Scheint er mir von äußrem Ansehn, Sagt, daß er von unserm Elend Unterrichtet und bereit sei, Uns mit seiner Kunst zu dienen, Denn ihm sei die Macht gegeben Über alles Ungeziefer, Wolle uns davon befreien, Wenn er mit des Königs Frieden Dürfe in der Stadt verweilen Und wir mit ihm handelseinig Einen Pakt zu schließen willig. Ich beschied ihn her und hieß ihn Auf dem Gange draußen warten, Bis er vorgelassen werde, Wenn's dem hohen Rath gefällig.« Lauter Beifall tönte ringsum Zu des Bürgermeisters Weisheit, Untermischt mit manchem derben Fluche auf die Langgeschwänzten, Welche sich dadurch mit nichten In dem lustigen Turniere Vor der hohen Rathsversammlung Im Geringsten stören ließen. Und es rief Herr Gruwelholt: »Stadtknecht, führt herein den Fremden!« Aus der Dunkelheit des Ganges Schritt durch die gewölbte Pforte Langsam in den Saal der Fremdling Und trat höflich sich verneigend Mitten vor den Tisch des Rathes. War ein Mann von schlankem Wuchse, Auf der markigen Gestalt, Die so leicht und doch so sicher In der kleidsam engen Tracht Sich bewegte, lag die Ruhe Und die Kraft des Selbstvertrauens. Um die freie Stirne wehte Was wie Stolz, und aus den lebhaft Sprechenden, entschiednen Zügen Lauerte verschlagne Klugheit. Um das Antlitz, das gebräunte Mit der leicht gebognen Nase Hingen lange, dunkle Locken, Und auf rother Lippe krümmte Übermüthig sich der Schnurrbart. Wachsam unter schwarzen Brauen Funkelten zwei tiefe Augen, Die mit einem schnellen Blicke Scharf wie eines Falken Seher Über die Versammlung blitzten. »Fremder,« sprach der Bürgermeister, »Sagt uns vörderst Euren Namen, Eure Herkunft, Stand und Alter.« »Weiß nicht, Herr, wo ich geboren, Auf der Heerstraß' ist's gewesen In dem Troß auf einer Kriegsfahrt, Ist wohl dreißig Jahr und länger, Bin ein Bankert, – nicht verschweig' ich's – Kannte Vater nicht und Mutter; War ein Reitersmann der Eine, Aber frei und ritterbürtig, Der im tiefen, nassen Graben Irgend einer Burg mag faulen, Und die Andre mußt' ihr Leben Lassen, als das meine anfing. Doch die Alte, die mich aufzog, Sagte, schön sei sie gewesen, Habe Lieder singen können, Wie kein andrer Mund auf Erden. Was die Alte davon wußte, Hat sie später mich gelehret Und dazu manch weises Sprüchlein, Denn die Kunst und Lust am Singen War mir selber angeboren; So bin ich ein Spielmann worden, Fahre unstet durch die Lande, Lieder hab' ich ungezählte, Eine Heimath hab' ich nicht.« »Und Eu'r Name?« – »Hunold Singuf.« »Hunold Singuf, Ihr getraut Euch, Unsre Stadt vom Ungeziefer, So von Ratten wie von Mäusen Binnen kurzer Frist zu säubern?« »So von Ratten wie von Mäusen, Ja! Herr, wenn mit Königs Frieden Ich in Eurer Stadt darf weilen.« »Und was fordert Ihr zum Lohne?« »Hundert Mark in gutem Silber Hamelenscher Witt' und Wichte.« »Könnt Ihr es nicht bill'ger machen?« Fragte schnell der Rechenmeister. »Keinen Albus dürft Ihr handeln, Ich bin nicht gewohnt zu mäkeln.« »Welche Frist begehrt Ihr, Singuf, Bis zum Tod der letzten Ratte?« Frug Henricus Hogeherte. »Mit dem Vollmond«, sprach der Spielmann, »Kann ich erst mein Werk beginnen. Gestern hatten wir ja Neumond; So von heute an gerechnet Brauch' ich dreimal sieben Tage Bis zum Tod der letzten Ratte; Und wenn nach drei andern Tagen Sich nicht Ratz noch Maus mehr zeiget Dann beding' ich noch ein Badgeld, Eine sondere Verstattung, Doch es sei nicht bare Münze, Auch nicht Geldwerth oder Ehre, Die dem Spielmann nicht gebühre.« »Welche Mittel doch und Wege, Welches Kraut und welchen Zauber Wollt Ihr brauchen?« fragte Lupus. »Herr, das ist nun mein Geheimniß, Laßt mich schalten, laßt mich walten, Was Ihr sehen mögt und hören, Stört mich nicht in meinem Treiben, Schließt um Mitternacht die Häuser, Doch ein Stadtthor laßt mir offen; Einsam seien dann die Gassen, Daß mir Niemand dort begegne; Als Eu'r Gast und Schützling weil' ich In der Stadt mit Königs Frieden, Haltet Eu'r Wort, halt' ich meines, Säubere Euch alle Häuser So von Ratten wie von Mäusen.« – Hundert Mark! – 's ging ihnen nahe Und im Säckel tiefe Ebbe; Was die Zünfte sagen würden, Wenn sie von dem Pakte hörten, Und dann die geheime Klausel Von der sonderen Verstattung, Die er noch nicht nennen wollte Oder konnte, das bedachten Alles die wohlweisen Rathsherrn, Blickten stumm sich gegenseitig In das sorgenvoll gefaltne, Aber wohlgenährte Antlitz. »Hundert Mark in gutem Silber Hamelenscher Witt' und Wichte!« Murmelte der Ein' und Andre, Hundert Mark! ein Sündengeld zwar Doch an Ratten und an Mäusen Waren ja viel hunderttausend, Und wenn sie der Qualen dachten, Die in einer Nacht nur eine, Eine einz'ge Maus in ihrer Stillen Kemenate ihnen Knuspernd, kraspelnd konnt' bereiten, Fühlten sie es heiß und kalt schon Über ihren Rücken laufen, Und es däuchte hundert Mark dann Ihnen eine Bettelgabe, Aus der Stadt gemeinem Säckel Ruh und Schlummer sich zu kaufen Vor den Ratten und den Mäusen Und den lieben Eh'gesponsten. So zur Stetigkeit und Urkund Ward der Pakt geschlossen und dann Zu den Heiligen geschworen, Da man zählte Jahr des Herrn ... Einen Tag vor Sankt Lamberti, Und der Stadt gelehrter Schreiber Jacob Werner Ethelerus Nahm's zu öffentlichem Briefe, Hängte dran das Ingesiegel, Drauf ein Mühlstein in dem Schilde. Den zwei grimme Löwen hielten. Hunold wandte sich zur Thüre In die Dunkelheit des Ganges, War im Augenblick verschwunden. »Geht hinab zum Herrenkeller, Laßt ein Trinken Euch zum Willkomm Auf des Rathes Kosten geben!« Rief ihm nach Herr Hogeherte. Eines edlen Rathes Sitzung Schloß darauf der Bürgermeister, Und die Rathsherrn, froh im Herzen, Daß doch etwas war beschlossen, Schnell versöhnt mit Händeschütteln, Trennten sich nach vielen Grüßen, Wandelten in ihre Häuser Zu den lieben Eh'gesponsten, Zu den Ratten und den Mäusen. Manchem doch ward's von den Herren Um die Stirn ein wenig schwüle, Wenn ihm mit devotem Gruße Auf der Gaß' ein Hudemeister In den Weg kam, und er dachte: Was die Zünfte sagen werden!             Als der Letzte aus der Thüre Trat Herr Wichard Gruwelholt, Stieg herab die Rathhaustreppe, Blieb auf ihren untern Stufen Grübelnd stehn, sah vor sich nieder, Stützte sich auf das Geländer, Das von Eisen war geschmiedet, Und im Augenblicke schien es, Als ob er sich rückwärts wandte, Noch einmal hinauf zu steigen. Doch es blieb bei der Bewegung, Leise nickend jetzt herunter Kam er auch die letzten Stufen Und begab sich auf den Heimweg. Stattlich sah der Herr und fürnehm In der pelzverbrämten Schaube Mit den langen, offnen Ärmeln; Spitze Schnabelschuhe trug er, Die ein Vorrecht der Geschlechter, Doch die bunten, grellen Farben, Die beliebt geworden, mied er, Hatte eine Kleiderordnung Gegen Kostlichkeit und Hoffart Erst vor Kurzem selbst erlassen, Die es jedem Stande vorschrieb, Was für Tracht, für Schmuck und Pelzwerk Ihm erlaubt und ihm verpönt war. Wichard's Linke ruht' am Schwertgriff Und der Rechten Daumen hielt er Vorne in dem breiten Gürtel. Vor dem Würdigen stolzirte, Hellebarde auf der Schulter, Mit gepufftem und geschlitztem Wammse in getheilten Farben, Einer von den Stadttrabanten, Wie's dem Proconsul gebührte. Langsam, mit geneigtem Haupte Schritt er, vom gemeinen Wesen Ging ihm Vieles durch die Sinne; Weiß nicht, ob es augenblicklich Ratten oder Mäuse waren Oder silberne Talente, Ob der Pakt des Rattenfängers Oder ob der städt'sche Säckel, Der doch leicht genug und ledig, Ihm so schwer lag auf dem Herzen. Als er näher kam der Wohnung, Klärten sich die finstern Mienen, Denn dort hofft' er Ruh und Frieden. Mit dem hohen, spitzen Giebel Schon von ferne gastlich winkend Stand das Haus ihm an der Gasse. In den kleinen, runden, grünen Bleigefaßten Fensterruthen Spiegelte die Abendsonne Freundlich ihre goldnen Strahlen. Aus dem ersten Stockwerk ragte Keck ein Erker, dessen Thürmchen War gedeckt mit dunklem Schiefer, Und auf seiner schlanken Spitze Blinkte die metallne Kugel. An geschnitzten Balkenköpfen Hingen viele Schwalbennester, Und dazwischen am Gesimse War ein frommer Spruch geschrieben. Oben in dem Erkerfenster Standen frische Blumensträuße In den blau gemalten Scherben, Goldlack, Nelken und Levkoyen, Die des Bürgermeisters Tochter Zog im Garten hinterm Hause, Wo die hundertjähr'ge Linde Ihre breiten Äste reckte. Eine Laube war gezimmert In der grünen Lindenkrone, Und ein hölzern Trepplein führte Nach dem dämmrungskühlen Plätzchen. Dort saß gern Herr Gruwelholt, Denn da kamen ihm die klügsten Diplomatischen Gedanken, Und nach Tages Last und Hitze Nahm er wohl zum Lautertranke Mit hinauf den großen Schauer Voll Claretwein oder Moraß. Auch Regina saß dort gerne Mit der fleiß'gen Nadelarbeit, Wenn sie sich ein Tüchlein säumte Und mit Gold- und Silberfäden Oder auch mit bunter Seide Ihren Namenszug hineinwob. Zwiegetheilt in ihrer Höhe War des Hauses niedre Thüre Mit dem schweren Messingklopfer; Offen stand die obre Hälfte, Und auf ihrem untern Flügel Lehnte Jungfer Dorothea, Schaute ungeduldig spähend Auf die Gasse und bewegte Oft den Mund im Selbstgespräche: »Was mag das nun wohl bedeuten, Daß er grade heute ausbleibt? Was wird's geben? wird sich wieder Mit dem Secretarius zanken, Dessen glatte, spitze Zunge Ihm so oft schon Ärger machte, Daß ihm's Abendbrod nicht schmeckte Und des Nachts Kolik ihn quälte.« Also grollte sie kopfschüttelnd, Daß die marderfellbesetzte Kogel sich auf's linke Ohr schob. Schaffnerin war Dorothea In dem Haus des Bürgermeisters, Der, seit achtzehn Jahren Wittwer, Küch' und Keller, Schrein und Linnen Und sein Töchterlein Regina Der Erprobten anvertraute. Würdig war sie des Vertrauens Und regierte mustergültig; Ordnung herrschte in der Wirthschaft, Blitzblank, sauber war der Hausrath, Und auch in dem fernsten Winkel Durfte sich kein Stäubchen lagern. Nur an einer harten Klippe Scheiterten auch ihre Mühen, Was sie auch für Kraut und Mittel, List und Sympathie gebrauchte; Hameln's allgemeine Plage Fraß mit scharfen Mausezähnen Kummerbringend ihr am Herzen. Nimmer müßig war die Gute, An den rauhen Händen sah man, Daß sie jedes Ding zur Arbeit Nicht mit spitzen Fingern angriff, Hatte auch gesunde Knochen, Und von früh bis spät rasaunte Unverdrossen sie im Hause, Daß man schon von weitem hörte, Wo sie sich zu schaffen machte. Um das faltenreiche Antlitz, Auf der Lipp' ein stattlich Bärtchen, Wehten oft die grauen Haare Ihr vor Eifer; recht verdrießlich Schien sie manchmal, knurrt' und brummte Immerfort im Selbstgespräche, Aber sah man ihr in's Auge, Das so klar und heiter blickte, Wußte man, daß all ihr Schelten Treu und herzensgut gemeint war. Seit Herrn Wichard's Hochzeitstage War sie schon in seinem Hause, War dem halbverwaisten Kinde Zweite Mutter fast geworden, Und so durfte sie zuweilen Sich ein ehrlich Wort erlauben, Durfte kritteln auch und schmälen Selber mit dem Hochgewalt'gen. Als sie endlich ihn gewahrte, Winkte sie ihm, die gemeßnen, Steifen Bürgermeisterschritte Jetzt ein wenig zu beschleun'gen; Doch Herr Wichard, obschon ahnend, Daß Besondres vorgefallen, Ließ sich nicht aus seinem Tempo Würdevoller Ruhe bringen. Als er im Bereich des Hörens, Rief die Jungfer ihm entgegen: »Seit drei Dutzend Vaterunser Wartet der Herr Schultheiß Eurer Oben in dem Erkerstübchen, Sich mit Euch zu unterreden.« Kerzengrad', die Hellebarde Mit weit ausgestrecktem Arme Gravitätisch präsentirend, Faßte der Trabant jetzt Posto An der Thür, die Dorothea Ihrem Herrn schon längst geöffnet. Kurzen Gegengruß nur fand sie; Der Proconsul schritt bedächtig Über die geräum'ge Hausflur Und erstieg die dunkle Treppe. »Habt ja lange heut' gesessen Auf den hohen Sorgenstühlen! War das alte Stücklein wieder, Gelt? wo Euch zumeist der Schuh drückt? Nun, Ihr konntet meinetwegen Noch ein halbes Stündlein sitzen, Lang ist mir die Zeit nicht worden, Hab' mit Jüngferlein Regina Mich auf's Beste unterhalten, Ist ein fromm, verständig Mädchen Und so herzig und gelehrig, Wünsch' Euch Glück zu solcher Tochter!« Mit so freundlicher Begrüßung Schüttelte die Hand der Schultheiß Bertholdus de Sunneborne Seinem Freund, dem Bürgermeister. »Doch das fromm, verständ'ge Mädchen«, War Herrn Gruwelholt's Entgegnung, »Ist nicht auf den Einfall kommen, Einen Imbiß Euch zu bieten? Schnell, Regina! ist mir selber Doch im Hals die Kehle trocken Von des langen Redens Mühsal, Schaff' ein Krüglein Bacharacher, Solchen lieben Gast zu ehren.« Und in lieblicher Beschämung Hold erröthend schlüpfte jene Aus der Thür, mit größ'rer Eile Das Versäumte nachzuholen. »Sagt, wie geht es«, frug Herr Wichard, »Eurer tugendsamen Hausfrau? Konnt' ihr meinen Gruß dienstwillig Schon seit langer Zeit nicht sagen.« »Nicht zum Besten,« war die Antwort, »Und ich wollte diesen Sommer Mit ihr in das Wildbad fahren, Doch nicht sicher vor Gesindel, Hört' ich, sei es noch im Reiche Trotz der Strenge Kaiser Rudolf's Gegen Friedensbruch und Handstreich; Aber wie verjüngt seit heute Ist Gebhilde, große Freude –« Er brach ab, Regina kehrte Jetzt zurück mit hoher Kanne, Die aus spiegelblankem Zinne Und mit Buckeln schön geziert war, Goß den kühlen Bacharacher Erst dem Gaste, dann dem Vater In ein venetianisch Spitzglas, Nippte mit dem Rosenmunde An dem einen und kredenzte Knixend es dem edlen Hausfreund. Auch des Vaters Blicke ruhten Wohlgefällig auf der Tochter, Und ihr sanft die Wange klopfend Sprach er: »So! und nun, Regina, Laß allein uns beide Alte, Haben Wichtiges zu reden.« »Ja, sehr Wicht'ges,« sprach der Schultheiß, »Und wenn dir die Ohren klingen, Denke, daß zu deinem Lobe Auch ein Wörtlein untern Tisch fällt. – Kann Euch frohe Botschaft melden,« Fuhr er fort, als sie allein dann, »Heribert ist angekommen Von der Dombauhütt' in Straßburg, Ist zum Meister dort gesprochen, Hat's Arcanum auch empfangen, Ellenhard, der Obermeister, Hat ihm von der Massenie Einen Fürderbrief gegeben, Darin werden Fleiß und Kenntniß Unsres Heribert gepriesen; Klingt's doch fast, als ob der Junge Aller freien Künste Meister. Wär's Euch nun genehm, Herr Wichard, Wenn wir in den nächsten Wochen Zur Verlobung unsrer Kinder, Die wir früh versprachen, schritten Und die Lautmerung begingen? Sicher bin ich, meinem Sohne Hat sich nie ein ander Bildniß In das treue Herz geschlichen, Er bestellte tausend Grüße An Regina, hab' sie eben Frisch und warm noch abgeliefert Und dabei dem lieben Mädchen Leise auf den Zahn gefühlet; Hei! wie da die Purpurrosen Ihr auf Stirn und Wangen glühten Und die schönen Augen blitzten! Darf er Euch als Freier kommen?« »Abgemacht! Herr Sunneborne, Abgemacht! und Gott gesegn' es! Recht von Herzen sei willkommen Mir mein lieber junger Eidam! Wir Geschlechter haben's nöthig, Daß wir uns zusammenschließen, Unten gährt's in den Gemeinen.« Und ein treu biderber Handschlag Und ein hell und lustig Klingen Mit dem goldnen Bacharacher War des Bundes Brief und Siegel. An dem großen, kuppelförm'gen, Schwarzglasirten Kachelofen War der Ehrensitz des Hauses. Einem Throne schier vergleichbar, Der Familie altes Erbstück, Stand der grobgeschnitzte Armstuhl, An den Füßen Löwenklauen, Löwenköpfe an den Lehnen, Breit und mächtig und bequem auch, Beinah Raum für Zweie bietend. Darin saß vergnügt der Schultheiß, Und dem rüst'gen Greis gebührte Solch ein Platz vor allen Andern. Silberweiße, dichte Locken Kräuselten sich um die Schläfe, Unter vollen, schönen Brauen Leuchteten ihm helle Augen, Und der Bart um Mund und Wangen, Der am Kinn sich länglich spitzte, Gab dem hohen, schlanken Manne, Ganz in saubres Schwarz gekleidet, Gar ein ritterliches Ansehn. Gegenüber seinem Gaste An dem weinbesetzten Tische Saß der Wirth im runden Sessel, Welchen der gedrungne Körper Wuchtig und behäbig füllte. Denn an breite Schultern schloß sich Des Herrn Wichard kräft'ger Nacken, Drauf ein stattlich Haupt sich wiegte. Aus dem farbevollen Antlitz Blickte eine heitre Würde, Und um Mund und Augenwinkel Spielte oft ein schalkhaft Lächeln. An den beiden treuen Alten, Unbeugsam und zäh wie Eichen, Brauste manch ein Sturm vorüber; In der Jugend hatten Beide Tapfer ihren Mann gestanden, Und auch jetzt im wicht'gen Amte Saß ein jeder fest im Sattel. Unbestechlich war der Schultheiß, Wo es galt, das Recht zu finden, Und das blanke Schwert der Rüge Lag bei ihm in sichern Händen. Auch der Bürgermeister herrschte Streng und weise, doch es neigte Gern sein Herz zu Mild' und Güte. Bei der Bürgerschaft in Achtung Stand er, und nicht leicht vergab er Eins von den verbrieften Rechten Seiner Stadt, die reich und mächtig Wie ein eigner Staat im Reiche Nach der Väter Brauch und Sitte Frei und stolz sich selbst regierte. Ein erinnrungsreiches Leben Hatten Beide in Gemeinschaft Schon mit Lust und Leid genossen, Und es brauchte keines Schwures, Sich der Treu noch zu versichern; Doch in ihren alten Tagen Wollten sie ein Band nun schlingen. Das zwar um zwei andre Herzen Unzerreißbar bald sich legen, Aber auch die eignen fester Noch zusammenknüpfen sollte. Sohn und Tochter zu vermählen War ein Wunsch, der längstens Beiden Heimlich in der Seele keimte, Daß sie später selbst nicht wußten, Wer zuerst ihn ausgesprochen. Jetzt nun saßen sie zusammen, Sprachen von der Kinder Zukunft Und von ihrer eignen Jugend, Und manch fröhlicher Genosse, Manche blühend schöne Jungfrau Alter Zeit ward da erwähnt, Die vielleicht schon lange ruhten, Und doch klangen hier die Gläser Überlebender Gefährten Jenen noch ein treu Gedenken. Sprachen auch von Landes Wohlfahrt, Von dem großen Hansabunde, Von der Stadt und von dem Stifte Und vom Schwalenberger Grafen, Den zuwider aller Satzung Albrecht nach den Ebersteinern Über die Vogtei gestellet, Schieden dann als Freund' und Brüder. Langsam und bedächtig schenkte Nun den Rest des Bacharachers Sich Herr Gruwelholt in's Spitzglas: »Wieder einen Pakt geschlossen! Erst die Ratten, dann die Tochter«, Sprach er für sich, hob das Glas dann Vor die Augen gegen's Fenster: »Bacharacher! schaust ja trübe, Hast bedenklich abgelagert, – Das hat etwas zu bedeuten, Würde Dorothea sagen – Wenn nur Alles glücklich abläuft! 's ist, als ob mir Unheil schwante.« Sprach's und trank die letzten Tropfen Sammt dem trüben Bodensatze. Unterm hohen Lehnstuhl aber Lugt' hervor ein graues Mäuschen, Saß da auf den Hinterpfoten, Putzte sich und machte Männlein; »Kschksch!« rief der Bürgermeister, Und husch! – weg war's kleine Grauchen.                 Schon war Herr de Sunneborne Heimgekehrt zu seinem Hause, Das am Markt ihm stattlich ragte, Als Herr Gruwelholt am Tische Einsam schreibend saß, doch schien's ihm Nicht die liebste Arbeit grade, Denn er hielt nicht viel vom Schreiben. Was gesprochne Worte wogen, Wußt' er, und ein gut Gedächtniß Hatte ihm Natur gegeben, Doch die Pergamente haßt' er. Solche Klexereien, meint' er, Ließen drehen sich und wenden, Könnten auch den bravsten Menschen Unversehns zum Schelmen machen. Immer stand er auf dem Stocke Mit dem Rathstuhlschreiber, der ihm Viel zu viel Geschreibsel machte; Was für Ding' auch zur Verhandlung Vor dem hohen Rathe kamen, Sicher brachte Ethelerus Was Geschriebenes zur Stelle, Tippte mit dem Zeigefinger Auf Kapitel und Artikel, Stritt und legte aus und klaubte An der Worte Sinn und Deutung. Und mit höhnischem Gesichte Widersprach er eigensinnig Und schob seine Kritzeleien, Wie sie es im Rathe nannten, Stets wie Riegel oder Pflöcke Vor die muthigsten Beschlüsse. Dennoch war er unentbehrlich Im Collegium, schlau und findig Half er auch mit seinen Ränken Dem Senat aus mancher Klemme, Und nur Wen'ge gab's in Hameln, Die des Schreibens kundig waren. Zu den Wenigen gehörte Zwar Herr Wichard, doch zuwider War ihm das gelehrte Wesen, Und etwas bedeuten mußt' es, Wenn er sich zum Schreiben setzte. War's vielleicht sein letzter Wille, Den er zu Papiere brachte? Oftmals legte er bei Seite Seinen Federkiel und wischte Sich die Perlen von der Stirne, Ging im Zimmer auf und nieder Und dann seufzend wieder schrieb er. In der Kemenate aber, Deren wohlvergittert Fenster Nach des Hauses Garten blickte, Saßen jetzt die beiden Frauen. Schweigsam war's in dem Gemache, Schön Regina saß am Fenster Und sah nieder in den Garten; Doch die bunten Asternbeete Fesselten nicht ihre Blicke, Und in tiefem Sinnen weilten Ganz wo anders die Gedanken, Bis mit Fragen Dorothea Sie aus ihren Träumen weckte. Diese schaffte an der Kunkel Doch wie festes, dralles Garn sie Auch aus ihrem Flachse spulte, Des Gespräches dünner Faden Riß, kaum angeknüpft, schon wieder. Selten nur erhielt sie Antwort, Und dann leckte sie im Unmuth Immer rascher an die Finger, Die den Faden ründend drehten. Um des Flachses gelben Büschel War der Wockenbrief geschlungen Und mit himmelblauem Bande, Breiter Schleife, langen Enden Festgebunden; auf dem Briefe Waren wunderbare Blumen Und zwei Englein auch gemalet, Die mit dicken, rothen Backen Auf einander losposaunten. Rastlos schnurrte ihre Spindel; Aber kam das Rad zum Stehen, Wenn ein falscher Tritt der Alten Aus dem Takt und Schwung es brachte, Gab es keinen Laut im Stübchen, Als daß unterm Schrein im Winkel Eine Maus am Holze nagte. Dorothea frug schon wieder, Was des Herren Schultheiß Kommen Wohl für Ursach haben möchte, Bis ihr denn Regina sagte, Mit welch liebenswürd'gem Scherze Sie von Beiden aus dem Zimmer Sei heraus complimentiret. »So! also die Ohren klingen, Sprach Herr Sunneborne, Kindchen, Das hat etwas zu bedeuten! Bist nun zwanzig Jahr geworden, Und ich kann dir's nicht verdenken, Daß es dir im Kopf herumgeht, Was von dir sie sprechen könnten.« Also knüpfte Dorothea Wieder an den Redefaden, Und nun fand sie ein Kapitel, Drin wie Keiner sie zu Haus war, That sich auch was drauf zu gute, Und die Uhr war aufgezogen. »Kind!« sprach sie, »wenn Einem fangen Beide Ohren an zu klingen Oder auch nur eins von beiden, Da ist Vieles zu beachten: Wann und wo und wie es anfängt, Ob es eins nur ist, ob beide, Ob das rechte oder linke, Und in welchem es zuerst klingt. Ist's das linke, so bedeutet's Selten Gutes, was geredet, Aber wenn dann auch das rechte Bald drauf einsetzt, hat man Einen Zur Vertheid'gung, der die Unschuld Gegen Ungebühr in Schutz nimmt. Aber wenn das rechte anfängt, So wird Gutes zwar gesprochen, Doch es ist dann schon Vergangnes Oder Sittsamkeit und Tugend, Um deßwillen man gelobt wird. Wenn nun aber beide Ohren Auf einmal zusammen klingen, Ja dann deutet's auf die Zukunft. Gieb genau nun Acht und horche, Welchen Ton das Klingen annimmt: Ist's ein Summen und ein Sausen, Dann droht Unheil uns vom Feinde, Der auf Böses sinnt und Schaden; Ist's ein feines Tiriliren Wie des kleinsten Mückleins Stimme, Kann man ein Geschenk erwarten Oder sonsten eine Freude, – Weiß nicht, meine alten Ohren Sind mir heute auch ganz närrisch, Höre was wie Silberklimpern – Aber – was ich sagen wollte, Aber ist's ein lustig Singen Wie von Harfen und Quinternen In der rechten Mittellage, So als ob man hoch im Himmel Gottes Englein spielen hörte, Kindchen, ja! das ist das Schönste, Dann gedenkt, in Lieb' und Treue Einer still und heiß des Andern; Ist der Eine eine Jungfrau, Kommt der Andre bald als Freier Und kommt dann auch nicht vergebens. Nun besinne dich und horche, Ob dir's klingt und wie sich's anhört.« »Liebe Alte,« rief Regina, »Freilich klingt mir's in den Ohren Und so überlaut und lustig, Daß ich Alles kaum verstanden, Was du mir davon erzähltest.« »Siehst du, Kindchen! siehst, ich sagt' es, Das hat etwas zu bedeuten! Und nun brauch' ich nicht zu fragen: Wie weit ist es denn von Straßburg? Wieviel Tage muß man reisen Von dem Rheine bis zur Weser? Und wie lange – horch! da klopft es, Ein!« – da in der Thüre stand Heribert de Sunneborne. »Alle Heil'gen! alle Heil'gen! Alle – ach! du meine Güte! Ach, da ist er! meine Ahnung! Siehst du, Kindchen! siehst, ich sagt' es, Das hat etwas – doch was sag' ich? Drauß im Garten wartet Lorenz, Daß ich ihm – ja was denn? daß ich « Und schon war sie an der Thüre. Aber Heribert ergriff sie Schnell beim Arm und sagte freundlich »Habt Ihr es denn gar so eilig, Jungfer Dorothea? laßt mich Doch nur guten Tag Euch bieten Und sagt selbst mir gute Märe.« Dann sich zu Regina wendend Grüßt' er herzlich sie und innig, Und Regina, tief erröthend, Schlug die dunklen Wimpern nieder, Fand nicht gleich die rechten Worte Zur Entgegnung, doch sie ließ ihm Ihre Hand, die sanft er drückte. Die Verlegenheit zu enden, Zog er nun hervor ein Päckchen, Kramte allerliebste Sachen, Die er mit aus Straßburg brachte, Vor den Augen aus der Frauen. Jungfer Dorotheen schenkt' er Einen schönen Kamm aus Schildkrot, Einen helfenbeinern Fürspan Und mit Silbergarn durchflochten, Eine Haubenschnur aus Basel. Doch Reginen auf die Locken Drückt' er einen goldnen Stirnreif Feinster genueser Arbeit. Dorothea schlug die Hände Einmal über's andre staunend Ob der Herrlichkeit zusammen, Sträubte sich, das anzunehmen, Nahm's dann doch, und überschwenglich Reich an Worten war ihr Danken. »Ach! was wird der Lorenz sagen!« Rief sie, »dem muß ich doch Alles – Ganz geschwind will ich's ihm zeigen.« Damit nahm sie die Geschenke Und entwischte aus der Kammer. Heribertus und Regina Waren nun allein; ein Blick nur Flog hinüber und herüber, Und beglückt in seine Arme Schloß der Bräutigam die Braut.             Hunold hatt' im braunen Hirsche, Einer Herberg für die Fremden, Rast und Unterschlupf gefunden, Denn er hatt' in seinem Beutel Silbermünzen klingen lassen, Daß der Wirth die Ohren spitzte. Diesem war der flotte Spielmann Bald ein werther Gast geworden, Denn von seinen weiten Fahrten Wußt' er Vieles zu erzählen, Von dem Leben auf den Burgen, Von dem Schmausen in den Klöstern, Von der Pracht der Fürstenhöfe Und dem Treiben ferner Städte. Hatte auch Turney gesehen, Den Buhurt und manches Stechen, Sprach von tjosten und foresten, Von faylieren, kalopieren So lebendig, als ob selber Er im Sattel mitgeritten. Und vom Wildbann und Gejaide, Von der Jagd konnt' er erzählen, Als ob Armbrust nur und Wolfsspieß Seine liebsten Waffen wären, Und als ob er bei der Baize Wär' ein Falkenier gewesen. Auch von schönen Frauen sprach er, Und manch lustig Abenteuer Wußt' er schalkhaft auszuschmücken; Wußte Rath für Vieh und Menschen Mit Purganz und Arzenirung, Konnte selbst das Blut besprechen Und manch alten Schaden heilen. Beim gewohnten Abendtrunke Gab er lust'ge Pfeiferstücklein Auf der Rohrschalmei zum Besten, Konnt' floitiren, tromboniren, Daß der Stadt ergrauter Pfeifer Ihn mit blassem Neide hörte. Und zur Fiedel und Quinterne Sang er lauter neue Lieder, Leiche, Schwänke und Schanzunen, Bispel, Fabliaux und Sprüche, Daß der Frauen Herzen klopften, Die mit unverwandten Blicken Wie gebannt an seinem Munde Und den dunklen Augen hingen. Oftmals huschte auch ein Mäuslein Hinterm Ofen vor und spitzte Seine runden Mauseohren Nach des Spielmanns Sang, womit er Thier' und Menschen an sich lockte. Ihn umgab ein räthselhaftes Und geheimnisvolles Etwas, Was dämonisch fast auf Alle, Die ihn sahn und hörten, wirkte, Wider Willen selbst die Männer Mächtig anzog, doch der Weiber Herz und Sinne schier bestrickte Und im Innersten der Seele Sie ihm hold und eigen machte. Wer von zünft'gen Handwerksmeistern Jetzt zur Schenke kam, der brachte Gegen sonstige Gewohnheit Die Frau Eheliebste mit sich; Aber ledig Volk am meisten, Junggesellen, vollends Mädchen, Die sich von der Eltern Seite Für den Abend losgebettelt, Drängten sich heran zum Sänger. Und selbst von den Stadtgeschlechtern Ward es nicht verschmäht, zu lauschen; Herren traten mit den Damen Und den Fräulein in die Stube, Blieben an der Thüre stehen, Sich nicht unters Volk zu mischen, Und ergötzten sich ein Weilchen, Aber selten nur geschah es. Um die Bank des frohen Wirthes Scharten sich im Kreis die Hörer, Und er hatte großen Zulauf; Hellerbier manch schäumend Krüglein Wanderte herauf vom Keller, Der vielkund'ge Spielmann aber Hatte Abends immer Freibier, Und dann sang er solche Lieder:           »Die Schuhe geflickt und der Beutel gespickt, Grüß' Gott, du wirthliches Dach! Fahrt wohl, ihr Brüder, die ihr mir nickt, Und saget nichts Böses mir nach; Schweigt stille, ihr Mädel, von Abschied und Trauer Ich blase die Feder wohl über die Mauer, Und fliegt sie grad' oder schräg, So geht mein Weg. Sie steckten ans Wamms mir den duftigen Strauß Und schenkten mir noch einmal ein, Dann wandert' ich fürbaß zum Thore hinaus Und war in der Fremde allein. Zurück nach den Thürmen noch blickt' ich vom Stege, Da riefen die Vögel aus Busch und Gehege: Fahr' weiter, Gesell, fahr' zu! Was säumest du? Zog über die Heide und über das Moor, Da wehte der Wind so kalt, Da sang es im Schilfe, da pfiff es im Rohr, Und dann in den düsteren Wald, Da gingen die Bäume die Winke die Wanke, Die Brausen die Brasseln, die Klinke die Klanke, Das schäumte und rauschte der Bach: Mir nach! mir nach! Nun kam ich zur klappernden Mühle in Gang Und dachte: da kehrest du ein Und legst dein Bündel still unter die Bank Und grüßest mit Glück herein! Den Mühlenstein sollst auf's Wasser du schlagen, Trägt's den, so wird es dich auch wohl tragen; Das Mühlrad ging immer rundum: Kehr' um! kehr' um! Ich habe durchfahren das weite Land, Durchfahren dahin, daher, Und was allerwegen vom Glück ich fand, Davon ist das Ränzel nicht schwer, Die Blumen am Wege, am Himmel die Sterne, Die Einen verwelkt, die Andern so ferne, Mein Herz, in der Welt allein, Wer denkt noch dein?«           »Ich freu mich, sprach das Mägdelein, Und will den Sommer fröhlich sein Und lauter guter Dinge; Mein Herze ist von Freuden voll, Daß ich mich wohl gehaben soll Mit einem Edelinge. Lieb Tochter, war der Mutter Rath, Der Knabe sich vermessen hat, Er hat dich hintergangen. Die Rosen haben Dornen all, Wenn er dir zuwirft seinen Ball, So sollst du ihn nit fangen. Frau Mutter, laßt die Rosen stehn, Ich will zu meinem Buhlen gehn Und weiß ihn wohl zu finden; Es klingt sein Lied wie keins im Land, Er fängt mich höflich bei der Hand Im Reien an der Linden. Lieb Kind, nimm dir des Meiers Sohn, Deß Liedel geht aus anderm Ton, Er hat die Truh voll Gulden; Dein Vater bläst das Jägerhorn, Ich hab im Haus nicht Flachs, nicht Korn, Der Ritter hat nur Schulden. Den Dorfknab mag ich nimmer ha'n, Der Ritter hat mir's angethan, Verguldt sind seine Sporen, Mein Freundschaft und mein Heimlichkeit Gehören ihm in Ewigkeit, Ihm hab ich mich verschworen. – O weh, ihr Rosen, welk und blaß, Wie wurdet ihr von Thränen naß, Wie seid ihr nun verzaget. Auf einem Grabe ganz allein Da sitzt ein kleines Vögelein Zur Winterszeit und klaget.«           »Im Dorfe blüht die Linde Und duftet weit und breit, Die kleinen Vöglein singen In lauter Fröhlichkeit, Es spannt sich das vielgrüne Dach Als ihr Gezelt und Wohngemach. Vergangen und vergessen Ist nun des Winters Weh, Es stehn in lichtem Scheine Die Blumen und der Klee, Und auf dem Anger steckt ein Kreis Zu Ridewanz und Heijerleis. Nun fiedelt auf, Herr Spielmann! Ein nagelneues Stück, Drei Schritte geht es vorwärts Und einen Sprung zurück, Es lockt und schaltet der Gesang Wie König David's Harfenklang. Du rother Mund, nun lache! Zum Reien geht's hinaus, Setz' dir aufs Haar ein Kränzel Und reiche mir den Strauß, Dann sag' ich dir, ich weiß wohl was, Macht's Wänglein roth und Äuglein naß.«           »An meiner Thüre du blühender Zweig Frühe beim Morgenrothe, Bist mir ein lieblicher Fingerzeig, Sehnender Freundin Bote. Tausendmal segn' ich den flüchtigen Fuß, Der mit schüchternem Wagen Dich als thaufrischen, wonnigen Gruß Mir auf die Schwelle getragen. Weiß ich es doch, als hätt' ich's gesehn, Wer dich pflückte vom Strauche, Wittre in deinem Dufte ein Wehn Von ihres Mundes Hauche. Und ein sinniger, seliger Mann, Pflanz' ich dich auf am Hute, Sehen mag dich, wer sehen kann, Sehen die Hochgemuthe!«           »Siehst du über jenen Hügeln Hoch den Falken dort? Trüg' er doch auf seinen Flügeln Meine Sehnsucht fort! Oder könnt' ich sie versenken In die tiefe See, Müßte deiner nicht gedenken Mit der Brust voll Weh. Immer hör' ich noch das Rufen Von des Wächters Horn, Klang von fremden Rosseshufen, Und des Ritters Sporn. Seh' noch deines Schleiers Winken, Als ich ritt hindann, Lustig schmetterten die Zinken Dem betrübten Mann. Und auf meinen Lippen brennet Noch dein letzter Kuß; Was uns scheidet, was uns trennet, Ist's nur Berg und Fluß? Ach! es spiegelt in dem Thaue Sich ein bleiches Bild, Deine Augen, holde Fraue, Glänzen sternenmild. Und du breitest deinem Lieben Wohl die Arme aus, Fliegt hinan, vom Mönch geschrieben, Brieflein dir und Strauß. Bin zurück aus weiter Fremde, Unterm Pilgerkleid Trage ich das Panzerhemde, Waffen und Geschmeid. Bin gefahren durch die Lande, Wie du mich verbannt, Bringe von dem Turbanbande Dir den Adamant. Nimmer, Herrin, werd' ich weichen, Bis du mich erhört, Will mich in den Burghof schleichen. Thürmer ist bethört. Öffne, öffne mir die Pforte In verschwiegner Nacht, Wie's verheißen deine Worte, Deines Lächelns Macht. Will auf deinem rothen Munde Finden süßen Trank Und in trautem Liebesbunde Meinen Minnedank.«           »Still ist's im Wald, es rauschet Nur leise murmelnd der Bach, Durch dämmernde Zweige lauschet Singvöglein in's grüne Gemach. Auf Blumenkelchen wiegen Sich Falter im Sonnenschein, Goldblitzende Käfer fliegen Und summen und schläfern dich ein. Wir ruhten unter den Bäumen Im Schatten auf kühlem Moos In süßen, seligen Träumen Von glücklichem Menschenlos. Wir dachten, wir wären alleine, Allein auf der Welt umher, Wir sprachen: der Deine, die Meine Und hatten kein ander Begehr. Da kam Frau Minne gegangen Und sah uns lächelnd an Und hat uns mit Armen umfangen, Das Weib und den seligen Mann. Sie hat uns Blumen gestreuet Und sang uns ein zaubrisches Lied, Wir haben uns ihrer gefreuet Und merkten's nicht, wie sie schied. Frau Minne, wann gehst du wieder Des Weges im stillen Wald? Bück' unter die Zweige dich nieder Und suche nur, findest uns bald.«           »Laß mich dir sagen, laß mich dir singen, Daß ich dich liebe, du herzige Maid, Ach! mich umsauset ein Schwingen und Klingen, Herz will mir springen, Weiß nicht, vor Glück oder Leid. Wenn ich dich sehe, nahe und ferne, Geht mit mir Alles auf Erden rundum, Daß meinen Namen ich gerne verlerne, Himmlische Sterne, Tanzet um's Liebchen herum! Habe geschworen mit Weinen und Lachen: Mein muß sie werden, und mein wird sie doch! Und ob dich Riesen und Drachen bewachen, Auch aus dem Rachen Riß' ich der Hölle dich noch. Sieh! und da bin ich; nun will ich dich drücken, Drücken dich fest an die klopfende Brust, Laß dich von Liebesentzücken berücken, Ging auch in Stücken Welt vor der ewigen Lust!«           »Und wenn ich des Papstes Schlüssel trüg', Und wenn mit des Kaisers Schwert ich schlüg', Ich wüßt' eine Wundermäre; Ich spräche wohl heilig mein Herzenslieb Und schlüge zum Ritter den Tugenddieb, Wenn ich und kein Andrer es wäre. Komm, komm, viellieber Geselle mein, Du wilder Falke, kehr' ein, kehr' ein! Ich weiß einen Himmel auf Erden; Und wenn du auch noch kein Ritter bist, Und wenn auch dein Lieb keine Heilige ist, Da können wir selig werden.«           »Rothhaarig ist mein Schätzelein, Rothhaarig wie ein Fuchs, Und Zähne hat's wie Helfenbein Und Augen wie ein Luchs. Und Wangen wie ein Rosenblatt Und Lippen wie ein Kirsch, Und wenn es ausgeschlafen hat, So schreitet's wie ein Hirsch. Im Köpfchen sitzt ihm ein Kobold, Ein Grübchen in dem Kinn, Ein Herzchen hat es klar wie Gold Und kreuzfidelen Sinn. Wie Silberglöcklein spricht's und lacht's, Wie eine Lerche singt's, Und tanzen kann's und Knixe macht's, Und wie ein Heuschreck springt's. Und lieben thut's mich, Zapperlot! Das weiß, was Lieben heißt, Und küßt es mich – Schockschwerenoth! Ich denk manchmal, es beißt. Doch weiter kriegt ihr nichts heraus, Und fragt ihr früh und spat, Es kratzt mir sonst die Augen aus, Wenn ich noch mehr verrath.«           »Heraus mit der Fiedel, den Bogen gewichst Und die rostige Kehle geschmiert! Sieh doch, wie das Mädel da zappelt und knixt Und sich dreht und sich schämt und sich ziert, Ei! Graukopf, du warst ja doch auch einmal jung Und hattest ein Liebchen im Arm, Nun bist du zu steif für den Siebensprung So geige und singe dich warm. Und schneide mir kein so'n Holzapfelgesicht, Es kann doch nicht jeglicher Wein Wie Honig so süß und so klar wie das Licht Und so süffig wie Buttermilch sein. Der Saure macht lustig, allhup! wohl bekomm's! Na, wenn er ein wenig auch kratzt, Er hat so was Flinkes, was Glattes und Fromm's, Von dem ist noch Keiner geplatzt. Zum Kuckuck mit deinem Nachtwächtergeplärr! Da kann ich's doch besser, du Narr, Du sägest und schabst uns ein Ohrengezerr Und näselst wie unser Herr Pfarr. Mal her mit dem Zeug! jetzt Mädel, paßt auf! Und haltet die Röcke hübsch fest, Den Rechten, den Linken, daran und darauf! Nun springt wie der Has' aus dem Nest. Nun? merkst du was, Alter? jetzt kriegst du wohl Muth? Das fluscht doch ganz anders darein, Bin selber ein Spielmann, das steckt mal im Blut, Die Fiedel macht's doch nicht allein. He! Lieselott, fülle das Krügel mir frisch. Halt! nicht von dem Lustigen, Kind! Das bin ich schon selber; da unter dem Tisch Steht's Kännlein, – der wuchs unterm Wind.«             So lag Hunold in der Herberg Singend, trinkend, musizirend, Um den Vollmond abzuwarten. Tages hielt ihn nichts im Hause, Einsam strich er dann im Freien, Hatte immer ein Gewerbe Und ging jedem aus dem Wege. In den Wald schlug er sich meistens, Stand da horchend unter Bäumen, Denn der Vogelsprache kundig War der vielerfahr'ne Sänger. Auf des Basbergs laub'gem Gipfel Hatt' er sich mit Raths Verwill'gung Einen Vogelherd errichtet, Dahin stieg er jeden Morgen Schon hinan bei Sonnenaufgang, Saß und lauerte und lockte. Waren doch die muntren Vöglein Seine Freunde und Genossen In der Zunft der Sangesbrüder, Und des Waldes lust'ge Spielleut In dem bunten Federhemde Waren Fahrende, die sorglos Wie er selbst, der Vogelfreie, Überall ihr Nestlein bauten, Wo vor Stürmen, Schnee und Regen Sie ein schirmend Obdach fanden. Alle kannt' er sie mit Namen, Ihren Flug und ihre Stimme, Und wo sie am liebsten hausten. Fand er eine Feder liegen, Bückt' er sich und steckt' sie sorgsam An die hohe, spitze Kappe, Wußte gleich, aus wessen Flügel Oder Schwanze sie gefallen. »Dompfaff,« sprach er, »ausgeschlafen? Plusterst ja noch so die Federn, Bist im Augenblick wohl eben Aus dem Neste erst gekrochen? Sonne ist schon aufgegangen, Hörst du's denn nicht Messe läuten Unten in Sankt Bonifacius? Schnell auf deinem rothen Brustlatz Schlag' ein Kreuz und sag' dein Sprüchlein, Und wo ist denn die Frau Pfäffin?« »Etsch!« rief Dompfaff, »etsch! du Spitzbub, Etsch! geh' selber in die Beichte, Hast genug auf dem Gewissen, Kannst auch mal die Sünden abthun, Brauchst die Köpf' nicht zu verdrehen, Dran die langen Zöpfe hängen, Und die frommen Mädchenherzen Nicht mit Liedern zu bethören, Bist mir gar ein lockrer Vogel!« »Dompfaff, mach' dich fort, du Gimpel! Brauchst mir nicht den Text zu lesen, Bist ein Pfaff wie andre Pfaffen.« Kam ein Rotschwanz angeflogen: »Hst! Herr Spielmann, hst! hst! ticktack! Sitzt 'ne Fliege auf der Nase, Kann nicht mal die Fliege fangen Und will uns die Schlingen legen? Hst! Herr Spielmann, ticktack! ticktack! Hst! hst! Fliege auf der Nase!« Schmetterte ein Fink dazwischen: »Pink! pink! Pinkepank der Schmied Sollt' ein braunes Roß beschlagen Einem jungen Reitersmanne; Wie er hämmerte und klopfte, Pink! pink! Pinkepank der Schmied, Saß der Reiter hinterm Blasbalg, Küßt' des Schmiedes schmuckes Weibchen; Kenn' den Reiter, kenn' den Schmied, Pink! pink! Pinkepank den Schmied.« »Na, nur nicht so laut, Herr Fürwitz! Bist ja feist, die Bucheneckern Sind wohl heuer gut gerathen? Nimm in Acht dich, Pinkepanker, Sah heut schon den Habicht fliegen, Wärst für ihn ein fetter Bissen!« Doch der Fink ließ sich nicht irren, Schlug die allerkecksten Weisen, Blies den Reitzug und den Waidmann, Weingesang und Schüttelzwetscher, Gutjahr, Bräutigam und Kienöl, Schwarzgebür und Parakika Und den großen Doppelschlag: »Finkferlinkfinkfink zißspeuzia! Parerlalala zischkutschia! Hoizia! Fritz, Fritz, Fritz rüdidia!« »Amen!« rief der Vogelsteller, »Hast noch nichts verlernt, mein Hähnchen Seitdem dich Henricus Auceps Auf den Finkenherde lockte.« Also pflog er Unterhaltung Mit den lieben Zunftgesellen, Die aus sangesfrohen Kehlen Ohne Instrumente spielten, Sich auf schwanken Zweigen wiegten, Ihn umflatterten, umschwirrten Und mit klugen Äuglein ansah'n. Grasmück kam und Heidelerche, Hänfling, Stieglitz, Specht und Zeisig, Alle grüßten ihn und neckten, Doch für jeden losen Schnabel Hatt' er eine schnelle Antwort. Durch den Wald jetzt klangen Töne, War ein Pfeifen und ein Flöten, – Wär' Frau Nachtigall, die Süße, Nicht von hinnen schon gezogen, Sollt' man denken, sie nur wär' es, Die so tief melodisch anhub; Doch es war des Spielmanns Liebling, War die Amsel, die jetzt stimmte Und mit seelenvollem Klange In der Brust dies Lied ihm vorsang, Daß betroffen Hunold lauschte:           »Ich kenne ein Mädchen, das schaute tief In's Aug' einem lockigen Knaben, Und ob sie wachte, und ob sie schlief, Sie mochte in Armen ihn haben. Sie sprach. ›Du nahmst mir dahin die Ruh, Mein Haupt muß in Sorgen ich lehnen, Denn alle mein Sinnen und Denken bist du Und alle mein Träumen und Sehnen.‹ Ich kenn' auch den Knaben, er wuchs zum Mann, Er spielet und singet zur Geigen, Und ehe der lustige Sommer verrann, Da wurde das Mägdlein sein eigen. Sie sprach: ›Und wenn mich dein Arm umschlingt, Und du drückst mich wieder und wieder, So ist mir, als wenn seine Flügel schwingt Ein Engel vom Himmel hernieder.‹ Wo über dem Bache die Weide hing, Da ruhten sie auf dem Moose, Da war es, wo er sie heiß umfing, Eine blühende, glühende Rose. Sie schmiegte sich an ihn mit zitterndem Leib In der Liebe berauschenden Freuden, Sie lachte, sie weinte, das selige Weib Und wollt' ihm ihr Leben vergeuden. – Verrathen die Liebe, gebrochen die Treu, – Er ließ sie und gab sich aufs Wandern Und pfeifet und fiedelt hinweg sich die Reu Und küsset und koset mit Andern. Verwelkt ist die Rose, entblättert, entlaubt, Es riß sie der Sturm vom Gehege, Zerknickt und zertreten, des Duftes beraubt, So sah ich sie liegen am Wege.«           Schweigsam zog der Spielmann weiter, Bückte sich und pflückt' am Boden Sich ein rothes Heideblümchen, Das er lange sinnend ansah, In den Fingern gar zerdrückte Und dann achtlos wieder wegwarf »Ja so war's; ich seh' wie heute Sie am Bach noch vor mir stehen An dem stürmisch rauhen Abend, Der in jenem Thal mein letzter. Ihre schönen, braunen Haare Wehten ihr um Schläf und Nacken, Und sie wußte, daß es aus war, Frug mich nicht, doch ihre Augen Brannten mir bis in die Seele, Und zum ersten Mal im Leben Wollte mir das Wort versagen. – Was kann ich dafür, wenn einmal Schlechten Ankergrund im Herzen Die Natur mir eingerichtet? Oben fährt es sich ganz lustig, Und manch schmuckes Schifflein tanzte Schon auf meiner Liebe Wellen, Das die stolze Flagge einzog, Wenn es meinen Kurs erst kreuzte; Seht euch vor, ich bin ein Spielmann!« Durch die Bäume fuhr ein Windhauch, Schüttelte vom Morgenthaue Ihm ein kühles Tropfenschauer Auf das Wamms, »Na, was denn?« rief er, »Ist's etwa nicht wahr, ihr Hölzern, Daß ihr darum so verwundert Eure krausen Häupter schüttelt?« Unten aus dem Schlehbusch zirpte Ihm ein Zaunkönig entgegen: »Mausefänger! Herzensdieb! Wenn du pfeifst, so tanzen Alle, Tanzen Mäuse, tanzen Mädchen, Doch es kommt einmal der Tag, da Mädchen singen, Mäuse pfeifen Und du in der Luft mußt tanzen Ohne Boden untern Füßen.« »Daß dich Ratte doch und Wiesel Gleich beim Kragen hätten, Däumling! Müssen doch die kleinsten Wichte Stets die größten Mäuler haben.« In der höchsten Fichte Wipfel Rucksten da zwei wilde Tauben; Hunold lauschte, was der Täubrig Sprach zur Taube seines Herzens: »Täubchen! Schönste doch im Lande Ist des wackern Bürgermeisters Dunkeläugige Regina Mit den langen, schwarzen Zöpfen; Sah sie neulich auf der Linde, Einsam saß sie dort und seufzte, Schaute wohl nach einem Freier; Ist nun aufgeblüht die Rose, Duftend, leuchtend, reif zum Pflücken.« Und die Taube girrte: »Männchen! Freier ist schon angekommen, Schultheiß' Sohn, der Heribertus, Hat beim Alten schon geworben; Als ich gestern flog vorüber, Sah ich Arm in Arm sie stehen. Ja sie blühte wie die Rose, Doch die Rosen haben Dornen, Daran sah ich Thränen blinken, Und schon manchesmal auch hingen Rothe Tröpflein an den Dornen.« Hunold stutzte ob der Märe: »Bürgermeisters schöne Tochter Schaut' ich nimmer; voll in Blüthe, Sprach der Täubrig, steht die Rose? Freilich mit dem Schultheiß hab' ich Niemals gerne was zu schaffen, Hat den Blutbann und die Rüge – Rothe Tröpflein an den Dornen – Ach was! dummer Taubenschnickschnack!« Plötzlich hört' er Flügelrauschen, In der Eichenkrone knackt es, Und ein dürrer Ast fiel nieder Grade hin vor Hunold's Füße, Und ein Rabe krächzte oben: »Stab gebrochen, Meister Hans! Rabenstein und Rad und Galgen Seh' ich deine Wege sperren, Rattenjäger! Hexenmeister! Geh' nicht in den Rath zu Hameln, Fängst dich selbst im kalten Eisen Wie der Fuchs am Dohnenstiege; Rad und Galgen, Rad und Galgen Seh' ich deine Wege sperren, Und wir Raben werden fliegen, Werden dir die Augen hacken, Die Verräther und Verführer, Und die Untreu trifft die Rache.« »Sei verflucht, des Teufels Küster! O die Armbrust an die Wange, Dir des Todes Gruß zu danken! Hat sich Alles denn verschworen, Solch ein Lied mir heut zu singen? Zwitschert doch, ihr Luftgesellen! Schimpft und lügt, geschwätz'ge Zungen! Hab' mich doch aus Noth und Ängsten Immer wieder wett gesungen. Augenzauber, Liedeszauber, Lieb' und Leben darfst du wagen Bis zum letzten Bogenstriche; Komm hervor, mein tröstlich Spielwerk, Mir die Grillen weg zu blasen, Frei und froh mein Herz zu singen. Und ihr flatterhaften Sänger, Stegreifvolk, du federleichtes, Hütet euch! der Merker lauert, Jeder Mißton steht am Kerbholz.« Damit setzt' er die Schalmeie An die Lippen, blies und lockte, Daß es rings im Walde schallte, Und mit rüst'gen Schritten wand er Sich um Stämme und Gesträuche. Als bei seinem Vogelherde Er nun oben angekommen, Hält er Umschau in die Landschaft, Wo in weit gespanntem Bogen Nebeldampfend fließt die Weser. In den Mühlen an dem Strome, Nah dem Ufer festgeankert, Drehn sich breite Schaufelräder; Deutlich durch die Morgenstille Tönt herauf der Schiffer Rufen Von den frachtbeladnen Kähnen Und an Bord der Stoß der Ruder. Röthlich glänzen in dem Frühlicht Vor dem tiefen Blau des Himmels Hügelreih'n und Bergeskuppen Mit den Warten drauf zur Fernsicht; An den Gräsern blitzt und funkelt Thau wie eitel Diamanten, Doch im Schatten an den Hängen Liegt noch Reif wie weißes Spinnweb. Schier vergoldet sind die Wipfel Des schon bunt gefärbten Waldes, In den Seitenthälern aber Wallt ein Duft noch, schleierähnlich; Auch die Stadt in breiter Mulde Sendet Rauch aus allen Essen, Der in reiner, klarer Herbstluft Kräuselnd kerzengrade aufsteigt Und in Wolken bläulich wirbelt. Über das Gewirr der Dächer Ragt empor die Münsterkirche Mit den beiden schlanken Spitzen Und der Thurm Sankt Nicolai; Hie und da erhebt vor andern Sich ein Haus mit seinem Giebel Aus den engen, krummen Gassen, Oft umkreist von Taubenschwärmen; Gaden springen vor und Erker, Und auf bleigedeckten Kuppeln Blinken Wetterhähn' und Knäufe Spiegelhell im Sonnenglaste. Leicht erkennbar ist das Rathhaus An dem steilen Schieferdache, Auch die alten Stiftsgebäude Mit dem Kreuz sind weithin sichtbar. Von jedwedem Thore führet, Fest gemacht mit schweren Ketten, Eine Zugbrück' übern Graben, In geschloßnem Ring als Schanze Dehnt sich um die Stadt die Landwehr, Und da hinten, ganz abseiten Zeigt sich schauerlich und einsam Auf dem Hochgericht der Galgen. Sinnend ruhen Hunold's Blicke Auf dem Bild zu seinen Füßen: »Sollt' man's meinen,« spricht er lächelnd, »Daß die hübsche, wohlverwahrte Stadt, die da so freundlich herschaut, Fast den Mäusen mehr zu eigen, Als den Menschen, die drin wohnen? Was wird dir noch dort beschert sein? Wird gelingen die Beschwörung? Wirst du reich belohnt in Frieden Aus dem offnen Thore gehen? Wirst landflüchtig du von hinnen Einst in Nacht und Nebel weichen, Schwer verwünscht und gar verfolgt auch? Oder läßt du Leib und Leben, Wie der schwarze Galgenvogel Prophezeite, in den Mauern? – Dort das Gärtchen nah am Thore Mit der Geisblattlaube kenn' ich, Wo das blonde Fischermädchen Wohnt mit seinen blauen Augen; Aber dort das Haus am Markte Mit dem hohen Schieferdache Kenn' ich auch, es schaut so düster Zu mir auf wie eine Warnung, Als ob unter jenem Dache Sich mein Schicksal wenden müßte, Und dort Unheil meiner warte. Als ich da die Treppe aufstieg, Stieß ich an die erste Schwelle Mit dem Fuß, daß er mich schmerzte, Eine üble Vorbedeutung! – Aber nur nicht zaghaft, Singuf! Wer nicht wagt, wird nie gewinnen.« Also murmelt er, dann aber Macht er sich bereit zum Fange, Stellt das Garn und Zug und Leine, Setzt die Locker, streut als Köder Auf dem Herde aus die Beeren, Ebereschen und Wacholder; Nach dem Winde sucht er Wittrung, Haucht sich auf die blauen Nägel, Und sich innen zu erwärmen, Thut er aus der Kürbisflasche Einen langen Zug, und endlich Setzt er sich hinein in's Häuschen, Das verdeckt mit Moos und Reisig, Späht und lauscht nun durch die Ritzen, Horcht, ob's in der Luft nicht sausend, Schwirrend über ihn hinwegzieht, Ob nicht Drosselschwärme, lüstern Nach den leuchtend rothen Beeren, Draußen auf die Krakeln bäumen. Still! da kommt ein Schwarm geflogen, Setzt sich auf die dürren Äste, Blickt sich rechtsum, blickt sich linksum, Nach den Beeren, nach dem Hügel, Den das Dach der Hütte bildet, Und der ihm nicht recht geheuer. Scheu und schlau und doch begierig Nach der reichen, leckern Atzung, Hüpft bald der, bald jener Vogel Tief und tiefer auf den Zweigen, Dreht das Köpfchen, wetzt den Schnabel, Und der Vorsicht schon vergessen, Läßt er sich herab zum Herde. Andre folgen, – immer mehr noch – Mit Herzklopfen, triumphirend Harrt, des guten Fanges sicher, Athemlos der Vogelsteller, Zählt und zählet an die Fünfzig Der Bethörten auf dem Herde, Tastet unverwandten Blickes Mit der Hand schon nach dem Schlagseil – Brrr! da hebt sich's in die Lüfte, Eh' er noch den Zug gethan, Und daher im Laube raschelnd Hört er seitwärts Schritte nahen. Wüthend stürmt er aus der Hütte: »Tod und Teufel! welcher Fürwitz Führte Euch mir in's Gehege? Habt mir meinen Fang verdorben, Sprecht, wer seid Ihr? und was schafft Ihr?« Also braust er zornesmuthig, Mit der Hand zur Hüfte fahrend, Als ob dort ein Schwert ihm hinge, Einem Fremden wild in's Antlitz, Der ihn mit den Augen messend Staunend und gelassen dastand. »Seit wann ist es denn verboten Sich im Walde zu ergehen?« Sprach der Fremde stolz und ruhig, »Ich steh' hier auf Heimathsboden, Bin des Schultheiß' Sohn und Steinmetz Heribert de Sunneborne, Können uns ja weiter sprechen.« Und dann schwand er in die Büsche. »Schultheißsohn und Heribert,« Grollte in den Bart der Vogler, »Hört' ich nicht ein Liedlein singen Dort im Wald vom Schultheißsohne Und des Bürgermeisters Tochter? Könnten uns ja weiter sprechen, Sagt' er, – werden's, Steinmetz, werden's! Wenn's nur fein und glimpflich abgeht! Solchen Fang mir zu verderben! Wart', ich tränk' dir's ein! das Badgeld, Das ich mir beim Rath bedungen, Deine Liebste soll mir's zahlen!« Sprach's und kroch in's niedre Häuschen. Doch es wollt' ihm heut nicht glücken Mit dem Fange, und des Sitzens Überdrüßig brach er auf, Schlenderte in trüber Stimmung Durch den Wald, und wie aus Träumen Kam ihm eine alte Weise, Die er leise vor sich summte, Denn er mußte sich besinnen Auf die halbvergessnen Strophen, Bis die Worte ihm allmählig Wieder in's Gedächtniß kamen.                   »Vom Berg unter Buchen rauschte ein Born, Hochgehalten von Manchem als Heilquell, Wenige wußten des Wassers Kräfte, Träume trug's in die Seele des Trinkers. Zwischen Zweien, die netzten die Zunge, Loderten auf Flammen der Liebe, Doch schwanden im Herzen Wort und Treuschwur, Die sie gelobt dem ehe Geliebten. Runen standen am Steine geschrieben, Kein Lebender las, was sie lehrten, Vöglein sangen fröhlich im Walde, Blaue Blumen blinkten im Grase. Einmal kam mit adligem Knappen Des Grafen Gemahl zum glitzernden Quell, Er hob der Herrin den Becher von Holz, Und beide tranken, nicht ahnend den Trug. Sie sahen sich an, von Sehnsucht ergriffen, Ganz vergessen hat sie das Gelübde, An blühenden Busen drückt sie den Buhlen, Koset und küßt ihn im kühlen Schatten. Pfeifend schwirrt ein Pfeil gefiedert, Senne des Grafen sandte den Boten, Jählings getroffen stürzt der Jüngling, Roth rinnt sein Blut in's rieselnde Wasser. Zitternd in Zorn, des Zaubers kundig, Schöpft der Schütze schnell aus dem Bach, Doch wendet vom Wasser sich weigernd die Bleiche, Trinkt keinen Tropfen vom Blutgetränkten. Flehend fällt der Graf ihr zu Füßen, Drängt und droht, sie deutet aufs Blut, Da stößt er den starren Stahl ihr in's Herz, Lautlos sinkt sie in Leid und Liebe. Trauernd trägt man die Todten zu Grabe, Fern bleibt der Burg der stolze Gebieter; Keiner weiß, wo im Wald der Born war, Ranken recken sich über den Runen.«             Um die hundertjähr'ge Linde In des Bürgermeisters Garten Spann sich Alterweibersommer, Flatterte in weißen Fäden Lang gezogen durch die Lüfte. Vor der Thür war Sankt Micheli, Doch des Herbstmonds helle Sonne Brannte noch mit heißen Strahlen Auf die Reben am Gelände Drüben, die die Herrn vom Stifte Weislich schon vor Jahren pflanzten. Dorten mußte sie noch kochen Jenen gelben Saft der Trauben, Den die Herrn Canonici Über alle Maßen liebten, Wenn sie keinen bessern hatten. Doch sie hatten meistens bessern, Und man wußte es ganz sicher, Daß am Tage von Sankt Urban, Welcher Schutzpatron des Weinbau's, Mit dem Probste sie in Andacht Eine fromme Mette hielten, Und höchst brünstige Gebete Und sehr kräftige Gesänge Stiegen dann aus den Gewölben Nicht der Kirche, nein des Kellers Zu dem Heil'gen auf und flehten Laut um ein gesegnet Weinjahr. Das Gehöft des Klosters aber Mit den stattlichen Gebäuden Sah man von der Lindenlaube. Ach! das war ein traulich Plätzchen Um den dicken Stamm des Baumes, Und die breiten Äste hielten's Wie ein Nest in ihrem Schoße Gar geräumig war's, man konnte Mit einander auch zu Dreien Ganz bequem rundum spazieren Auf dem glatten, ebnen Boden, Der aus Tannenholz gefügt war, Mußte man sich hier und dorten Auch vor einem Zweig mal bücken, Der zu tief hinüber ragte. Um die Laube war gezogen Ein durchbrochenes Geländer Als verläßlich starke Brüstung, Daß sich selbst der Bürgermeister Wuchtig darauf stützen durfte, Sprach von oben er nach unten; Übertüncht mit brauner Farbe War das Holzwerk und zum Zierath Abgesetzt mit dunklen Linien. Wo's die Äste nur erlaubten, War auch an den Stamm gelehnet Eine Bank herum gezimmert, Und daneben an den Zweigen Waren Brettlein festgenagelt, Die als kleine Tische dienten. An dem Platze, der die Aussicht Weithin auf die Stadt gewährte, Hatten große, dunkle Ringe Auf dem Brettlein sich gebildet, Denn da pflegte der Herr Wichard Seinen Schauer hinzustellen, Dem er gern hier oben zusprach. Grade nach der andern Richtung War der Lieblingssitz Reginens; In die Ferne, nach den Bergen, Auf den hellen Weserspiegel, Wo die weißen Segel blinkten, Über Änger, Wald und Dörfer Schweiften gerne ihr die Blicke. In des Gartens hochgelegnem Theile, nahe an dem Stadtwall Stand die Linde, von der Laube Sah man über alle Dächer. Selber ward man kaum gesehen, Wie der Vogel in den Zweigen Saß man in dem Laubgezelte; Sah man in den hohen Wipfel, War's ein vielverschlungnes Wirrsal, Und die grüne Dämmrung lockte, Höher noch hinauf zu klimmen, Um sich wie der muntre Fink, Den man hörte, doch nicht sah, Ganz im Laube zu verstecken. Wenn der Wind es sanft bewegte, Lugte wie ein blaues Auge Wohl ein kleines Stückchen Himmel Durch der Wölbung leises Schwanken, Und der Blätter rege Schatten Malten Herzen auf's Getäfel, Die da zitternd, ruhlos tanzten, Nah sich kamen, dann sich trennten, Wie ja auch die Menschenherzen Jetzt sich suchen, jetzt sich fliehen Heimlich zitternd und erbebend. Heute lächelte die Sonne Freundlich auch dem Glück der Liebe. Heribertus und Regina Standen oben in der Laube Der vieläst'gen Lindenkrone, Und es kümmerte sie wenig, Wenn manchmal aus dem Gezweige Sich ein welkes Blättchen löste, Leise knisternd auf die Bank fiel Oder durch den Luftraum kreisend In den Garten niederschwebte. In die Obhut heil'ger Linden Stellten frommen Sinns die Alten Ihre hohen Götterbilder, Sahen scheu hinauf und schwuren Treue sich mit festen Eiden. Auch in dieser Linde Wipfel War zur Stund ein Bild zu schauen, Hehr und herrlich wie die Götter, Die in dunklen Hainen wohnten. Wie des Epheus grüne Ranke An den sturmerprobten Waldbaum Sich mit tausend Fasern klammert, Hielt Regina mit den Armen Und mit Sinnen und Gedanken Ihren Heribert umfangen, Schmiegte sich an den Geliebten, Lehnte sich in seinen Arm auch, Den er wie zu Schutz und Stütze Um die Schulter ihr geschlungen. Also standen sie und schauten Beide in die offne Landschaft, Er in edler Mild' und Mannheit, Bild der Kraft von hohem Wuchse, Sie in voller Jugendschöne Blühend, schwellend, wonneathmend. Über ihren Häuptern grade, Einem Baldachin vergleichbar, Spannte sich ein Zweig der Linde, Und der helle Glanz der Sonne Gab ein Funkeln und ein Blitzen, Wie von goldner Luft umsponnen Waren die zwei Lichtgestalten. Keiner sprach; – wozu auch Worte, Wenn die Herzen voll zum Springen, Wenn es innen jauchzt und jubelt, Singt und klingt in allen Tönen, Die in eines Menschen Seele Das Berauschendste des Daseins Weckt und stimmt zu süßem Schalle Und in Wellen läßt erklingen, Die im Strom der Zeit nicht enden. Aber was in seiner Armuth Nicht der Mund zu künden wußte, Sprachen Sterne, schicksaldeutend, Die ein jeder von den Beiden Sonnenklar an seinem Himmel, In des Andern Antlitz winkend Und verheißungsvoll sah leuchten. Blickten sie sich in die Augen, Ja dann schlug mit hellen Flammen Sich das selige Geheimniß, Das sie im verschwiegnen Busen Treu bewahrten und doch nimmer, Nimmermehr dort bergen konnten, Weg und Steg von Herz zu Herzen; All ihr Wissen war die eigne, All ihr Wollen nur des Andern Hochgemuthe, volle Liebe. »Heribert, so stand ich manchmal,« Brach Regina nun das Schweigen, »Schaute hier von unsrer Linde Nach dem Untergang der Sonne, Wo weit hinter jenen Bergen Fließt der Rhein, deß grüne Wellen Dich auf dem Gerüst des Münsters, Dacht' ich mir, zu Straßburg sahen, Und dann klopfte mir das Herz: ›Wenn er nur nicht fehltritt,‹ sprach ich, ›Und in seiner luft'gen Höhe Ihn nicht Schwindel packt und Grausen.‹ Und dann schärfte sich mein Auge, Und mir war, als säh' ich ferne, Ferne einen Wandrer kommen Von dem Teutoburger Walde, Und der grüßte mich und winkte, Und dann schloß ich beide Augen Und sah dich, sah dich mir nahen.« »Also dachtest du doch meiner?« Sagte Heribert, »und bangtest Um mich, wenn ich an dem Münster Stieg die Leitern auf und nieder?« »Ach! ich dachte ja nichts Andres,« Sprach sie, »und mir träumte einmal: Ich stand unten an dem Münster, Blickte auf und sah dich stehen Oben auf der höchsten Staffel, Und ich rief dich laut beim Namen, Du erschrakst, und weit hinüber Bogst du dich, mich zu erspähen; Da – o schrecklich! – sah ich plötzlich Wie du schwanktest, wollt'st dich halten, Aber griffst nur Luft und stürztest Hoch hinab, ich aber fing dich, Fing dich auf mit offnen Armen, Und mit einem Schrei erwacht' ich.« »Nun, dein Traum ist aus, Geliebte,« Lachte Heribert, »vom Münster Komm' ich hoch herab und finde Mich in deinen Armen wieder, Die du liebend mir geöffnet.« Und er drückte sie in Freuden An sein Herz, und sie umschlang ihn, Und es ruhte Mund auf Munde. »Aber nun bleib' ich ja bei dir«, Fuhr er fort, »auf Nimmerscheiden; Hat der Vater zur Vertruwung Dir den Tag schon angekündigt?« »Meinen Vater«, sprach Regina, »Drückt etwas, er ist so schweigsam Wie sonst nimmer, und er setzte Eine Frist uns und Bedingung, Von der ich es nicht verstehe, Wie sie unser Glück soll hindern Oder einen Tag verzögern. Weißt, ein Fahrender ist kommen, Spielmann auch und Vogelsteller, Der in unsrer Stadt die Ratten Und die Mäuse will vertilgen Mit des Rathes Brief und Urkund, Und der Vater hat beschlossen, Nicht die Lautmerung zu halten, Eh' der Pakt nicht mit dem Fremden Abgelaufen und gelöst ist; Doch zehn Tage nach dem Vollmond, Meint' er, käm' es zur Entscheidung. Vor dem Fremden aber graut mir, Sah ihn heut vorüber streichen, Und mit seinen dunklen Augen Blickte er mich an so seltsam, Daß das Herz mir dabei klopfte.« »Bin ihm heute auch begegnet,« Sagte Heribert, »im Walde Oben auf des Basbergs Gipfel, Drohend waren Blick und Worte, Und wir schieden nicht als Freunde. Aber laß die Sorgen, Liebste, Werde hüten dich und schützen Vor des Falken grimmem Schnabel, Flüchte dich in meine Arme Nun, lieb Vöglein, bist hier sicher.« – Also redeten und kos'ten In der Lindenlaube fröhlich Heribertus und Regina, Sprachen von dem Glück der Zukunft Und von Aufgebot und Brautlauf, Und wie seine liebe Mutter Alles sorglich schon bedachte, Was zur jungen Wirthschaft nöthig, Bis der Abendstern erglänzte Und die gute Dorothea Sie zum Imbiß dann herabrief.         Wenn der Weinglock letztes Läuten, Das den Bürgern aus der Trinkstub, Aus der Herberg und dem Kruge Heimzugehen streng gebietet, Kaum verhallt war, stahl sich Hunold Längs den Häusern durch die Gassen, Daß ihn auf verbotnen Wegen Nicht des Mondes Licht verriethe, Und zum Weserthore schlich er, Wo im rohrgedeckten Hause Fischermeister Rögner wohnte. Von den Mädchen all und Frauen, Die des Spielmanns Weisen lauschten, Dachte Manche freundlich seiner, Mancher hatt' er's angethan Mit den zaubersüßen Klängen, Und gewiß wohl mehr, als Eine Hätte ihm von ihrem Munde Nicht des Liedes Sold geweigert; Keiner aber so von Allen Hatt' er sich in's Herz gesungen Wie der Tochter jenes Fischers. Wenn die andern Mädchen lachten Ob des Spielmanns seltnen Mären, Lachte sie nicht mit und hörte Nicht auf der Gespielen Scherze; Sang er von dem Glück der Liebe, Saß sie still im fernsten Winkel, Aus den Lippen, halb geöffnet, Drängte sich der rasche Athem, Und ihr klopft' es unterm Mieder; Sang er von dem Leid der Liebe, Wurde thaubeglänzt ihr Auge, Und es merkt's im Schatten Keiner, Daß hinab des Mädchens Wangen Heimlich manche Thräne rollte. Um das ganze Wesen Gertrud's Schwebte Duft und Glanz der Jugend; Unbewußt der stillen Anmuth Ihrer Haltung und Erscheinung Hatte die bescheidne Knospe In Natürlichkeit und Freiheit Wunderlieblich sich erschlossen. Schlank und kräftig war ihr Körper, Rasch und rüstig die Bewegung Bei der Arbeit wie beim Spiele Und von angeborner Grazie In des Tanzes lust'gem Reigen Wenn ihr rosig Mädchenantlitz, Leicht gebräunt vom Kuß der Sonne, Unter dicken blonden Flechten So herzinnig, fröhlich lachte, Daß die weißen Perlenreihen Aus den vollen Lippen glänzten, War's kein Wunder, daß so mancher Von den jungen Meisterssöhnen Nach dem Fischermädchen blickte. Wulf, der tapfre Schmied, bemühte Ganz besonders sich um Gertrud, Aber seine tiefe Neigung Fand im unbefangnen Sinne Der Geliebten nicht Erwidrung. Kindesunschuld, Weibesahnung Blickten aus den blauen Augen, Die mit ehrlichem Vertrauen Heiter in das Leben strahlten. Keiner Sehnsucht heiße Wünsche Hatten noch im keuschen Busen Dies Gemüth bisher gefangen, Und wie eine Waldesquelle Spiegelte es Welt und Menschen In Gefühlen sorglos wieder, Die voll Klarheit bis zum Grunde Jeden Lichtstrahl aufzunehmen Stets bereit und offen waren. Um so tiefern Eindruck auf sie Machte die Gestalt des Sängers; Seine Augen, seine Lieder Senkten ihr das zarte Körnlein Stiller Liebe in die Seele; Das schlug Wurzel, trieb und rankte Blühend sich ums Herz der Jungfrau. Wenn im Garten vor dem Hause Sie des Vaters Netze flickte, Summte sie die Melodien Vor sich hin mit leiser Stimme, Und des Fremden Bild und Wesen Kam ihr nicht aus den Gedanken. Eins von seinen Liedern hatte Sich so tief ihr eingeprägt, Daß sie es nach kurzem Suchen Wort für Wort in dem Gedächtniß Wiederfand, und unermüdlich Sang sie's wieder nun und wieder.         »Immer schaust du in die Ferne, Wie die Wolken fliehn, Wie am Himmel goldne Sterne, Goldne Sterne Ihre Bahnen ziehn. Und die hohen Gipfel locken Dich bergauf, bergab, Knabe mit den braunen Locken, Braunen Locken, Nahmst den Wanderstab. Hat ja nimmer dich gelitten In des Vaters Haus, Stürmtest fort mit raschen Schritten, Raschen Schritten, An dem Hut den Strauß. Sprachst zu mir beim Händedrücken: ›Kind, die Welt ist weit!‹ Und ich gab dir bis zur Brücken, Bis zur Brücken Weinend das Geleit. Rosen hab' ich dir gebrochen, Wie der Dorn auch sticht, Was beim Abschied du versprochen, Du versprochen, O vergiß es nicht! Ach! verweht sind Wort und Lieder Und verrauscht das Glück, Brauner Knabe, kehrst du wieder, Kehrst du wieder An mein Herz zurück?«           Hunold's scharfer Blick entdeckte Bald, wie seine Macht und Gaben Dieser Jungfrau Herz umstrickten; Ihm auch in der Seele regte, Wenn er Gertrud sah, sich etwas, Was er sich noch nicht gestehen, Nicht mit Namen nennen mochte, Und was in den Einsamkeiten Tag für Tag ihn doch nicht losließ, Bis es in der Liebe Banden Auch des Sängers Herz geschlagen. Einmal als beim Letztenläuten Sich der Kreis der Hörer trennte, Stand er neben ihr und raunte: »Wart' auf mich im dunklen Gärtchen!« Purpurgluth stieg ihr in's Antlitz, Und sie zitterte und bebte, Eilte heim und – harrte seiner. Hunold kam, kam jeden Abend In des Fischers Geisblattlaube, Wo ihn Arme hold umfingen Und zwei frische, rothe Lippen Selig auf den seinen glühten. Spielmann, spielst ein böses Stücklein Mit dem blonden Fischerkinde! Gilt ein Menschenherz nicht mehr dir, Als die Laute an der Seite, Die du schlägst mit kund'gen Fingern, Daß sie klingt, wie dir's gefalle? Rührst du gleich den Lautensträngen Auch des Herzens goldne Saiten, Daß sie jubeln dann und jauchzen In der Freude Übermaße, Leise singen, klagen, flüstern Wie der Abendwind im Rohre, Und zuletzt mit jähem Aufschrei Schmerzzerrissen, todtgetroffen Von des Sängers Hand, zerspringen? Spielmann! Spielmann! meinst du's ehrlich? Knüpfst ein junges Menschenleben An dein unstet wagend Schicksal, Und im Volke geht die Sage, Treue wohne nicht beim Sänger. Mehr als andern Staubgebornen Zwar ist ihm die Macht gegeben, Weiberherzen zu bezwingen, Und wie Töne aus den Saiten Kann er aus der Seele Tiefen Liebe locken, Sehnsucht wecken; Aber flüchtig wie die Klänge, Kurz wie Worte ist sein Lieben, Wie die Tonart, wie die Weisen Ändern sich ihm Sinn und Wünsche, Herz wie Laute sind ihm Spielwerk. Gertrud aber liebte Hunold, Liebte mit der ganzen Kraft ihn Ihrer ersten heißen Liebe; In der vollen Gluth der Sehnsucht, Die mit jeder Morgenröthe Ihr im Busen neu erwachte Und am langen, langen Tage Wuchs noch, bis die Nacht herabsank, Gab sie dem geliebten Manne Willenlos und ohne Schranken Leib und Seele ganz zu eigen, Wie die Blume, die der Sonne Sich erschließen und mit Freuden Duften muß dem Abendthaue. Und wo war der stärkste Zauber? War es der, der ihm vom Munde In beredten, süßen Worten Und in goldnen Liedern strömte? Oder der, der aus den Augen Ihm so glühend und so mächtig Sich in ihre Seele drängte? Ach! sie wußt' es nicht, sie fühlte Nur ihr ganzes Herz erzittern, Wußte nur, daß sie die Seine, Er der Ihre; außer dieser War ihr keine andre Welt. An dem Abend nach dem Tage Der Begegnung auf dem Basberg Mit des Schultheiß stolzem Sohne War er nicht in froher Stimmung; War's der Groll noch auf den Steinmetz Wegen des mißlung'nen Fanges, Waren es die Vogelstimmen, Oder weil die Zeit des Kampfes Mit den Ratten näher rückte, – Hunold war zerstreut und wortkarg. »In drei Tagen ist es Vollmond,« Sprach er endlich, doch es kam ihm Etwas zögernd von den Lippen. »Kann ich dir dabei nicht helfen? Fragte Gertrud schnell und dringend, Ich weiß auch Bescheid mit Ködern Und mit allen Fängerlisten; Glaube nur, die stummen Fische Sind so klug und scheu im Wasser Wie die Ratten auf dem Lande, Und es heischt Geduld und Vorsicht, Jenen Schlauen beizukommen. Thier ist Thier, und was die Einen In's Gedränge bringt, das liefert Auch die Andern wohl ans Messer, Auf die Lockung und die Fallen Nur kommt's an, die dazu nöthig; Doch du hast verborgne Mittel, Die wir hier zu Land nicht kennen, Und die sorglich du geheim hältst. Weih' mich ein in deine Künste, Will verschwiegen sie bewahren, Und du brauchst mich nicht zum Eifer Noch zu spornen, auf die Mäuse Hab' ich selbst den größten Ärger, Denn mir machen sie vor Andern Müh' und Arbeit und zerfressen Nacht für Nacht des Vaters Netze.« »Kind,« entgegnete ihr Hunold, »Ich gebrauche keine Hülfe, Die mir schädlich und dem Helfer Selbst verderblich werden würde; Ganz allein muß ich's bestehen, Laß durch Nichts dich je verleiten, In den ersten sieben Nächten Nach dem vollen Licht des Mondes In der Stadt mir zu begegnen, Steh' auch nicht am Zaun und horche, Denn du wagtest schier dein Leben; Geh' in's Kämmerlein und leg' dich Schlafen, doch für mich zu beten, Liebchen, hast du auch nicht nöthig.« Gertrud schauderte und schmiegte Sich beklommen dicht an Hunold, Ihn in übergroßer Liebe Fest umklammernd, als ob angstvoll Sie vor drohenden Gefahren Ihn zu schützen sucht' und bangte, Den Geliebten zu verlieren. »Nicht mal für dich beten, Hunold?« Hauchte sie, »o laß dich warnen, Traue nicht den dunklen Mächten, Die dich in den Abgrund ziehen, Aus dem alle treue Liebe Deiner Gertrud dich nicht rettet. Thu' es mir zu Liebe, Hunold, Und laß ab vom finstern Treiben, Bist bewandert und erfahren In so mancherlei Hantirung, Ich bin auch gewöhnt an Arbeit, Stark und flink in allen Dingen, Laß uns ehrlich unsres Lebens Brod und Unterhalt verdienen. Ist auch hier nicht unsres Bleibens, Gerne folg' ich dir in's Weite, Wohin unsres Schicksals Sterne Uns in alle Wege führen; Hast ja meine ganze Liebe, Will im Tod dich nicht verlassen, Für dich schaffen, für dich darben, Aber laß sich nicht der Böse Zwischen unsre Herzen drängen.« »Mädchen! liebes, holdes Mädchen!« Rief der Spielmann, »was bedrückt dich? Glaube doch an meine Liebe, Die ich dir so oft geschworen! Sieh, mein Wort gehört dem Rathe, Und ich lös' es pünktlich, ohne Mich dem Bösen zu verschreiben; In mir selber wohnen Kräfte, Die nicht jedermann zu eigen, Und, ein Erbteil meines Stammes, Manches thun, was Manchen wundert. Hab's auch endlich satt, das Schweifen Einsam, ruhlos in der Irre; Du hast mich verwandelt, Gertrud, Hast den Trotz mir in der Seele Und den wilden Sinn bezwungen, Deine Liebe ist wie Frühling In den Busen mir gezogen, Du nur wohnst in meinem Herzen, Andres nicht als dich ersehn' ich. Ist erst hier mein Werk vollendet, Führ' ich in ein fernes Land dich, Uns dort seßhaft anzusiedeln, Daß du unsres Herdes Feuer Mit getreuen Händen hütest. Meine klingend reiche Löhnung, Die ich mir vom Rath bedungen, Gibt uns Zehrung auf der Reise, Bis wir eine Stätte finden, Wo wir uns das Nestlein bauen Und in Lieb' und trautem Frieden Glücklich unsre Tage fristen.« Und nun plauderte er lockend Ihr vom Glück geheimer Liebe, Schilderte in holden Farben Ihres Bundes frohe Zukunft, Daß sie aller Furcht vergessen Seine Worte athmend lauschte. Und je süßer er die Freuden Ihrer Einsamkeit ihr malte, Desto mehr dämpft' er die Stimme, Bis zum leisen Liebesflüstern Sie herabsank, das beseligt Gertrud trank mit durst'gem Ohre. Plötzlich raschelt' es am Zaune; Gertrud fuhr empor erschrocken, »Ruhig, Liebchen! eine Ratte,« Sagte Hunold, »in zehn Tagen Wird sie nicht mehr dich erschrecken.« In der Laube ward es stille. Hinterm Zaune aber schlüpfte Einer leise nach der Gasse Und verschwand im tiefen Schatten. Niemand, als der Mann im Monde Sah ihn: es war Wulf der Schmied.                       Einmal, als mit seinen Lockern, Seinem Netz und seiner Beute Hunold heim vom Berge kehrte, Sah er übern Tünderanger Auf sich zu geraden Weges Einsam einen Wandrer kommen. Dieser hatte mit dem Hirten, Der nun heimwärts trieb die Herde, Erst gesprochen und schritt langsam Jetzt dem Vogeler entgegen, Dessen Falkenauge prüfend Bald des Raths gewitzten Schreiber In dem Nahenden erkannte. Ethelerus rief dem Spielmann Einen Gruß zu, den ihm dieser Auf das Höflichste zurückgab, Und dann schritten sie ein Weilchen Munter plaudernd mit einander. Der Herr Secretarius lobte Hunold's Fang, frug dies und jenes Von der Kunst des Vogelstellens, Doch ihm brannte augenscheinlich Etwas Andres auf der Seele, Worauf Hunold lauernd paßte, Und nach manchem Umweg rückte Auch der Schreiber sachte näher Und begann, er habe so viel Wunderbares über Hunold, Über seine schönen Lieder, Seine Klugheit und Erfahrung Von den Leuten schon vernommen, Daß es dringend ihn verlange, Aus des Spielmanns eignem Munde Über sein vergangnes Leben Noch ein Mehreres zu hören. »Heute Abend nach der Weinglock«, Sprach er, »kommt zum Herrenkeller Unterm Rathhaus, wo ich freundlich Euch zu einem Trunke lade; Dort ein kleines Hinterstübchen Weiß ich, wo uns Niemand höret, Wenn wir nach dem Letztenläuten Noch ein Kännlein Malvasier Aus dem Mutterfasse zapfen. Einen alten Freund noch bring' ich, Einen Treuen mit zur Stelle, Der Kanonikus im Stifte Und kein Spielverderber, immer Eine wahre Herzensfreude Hat an lustigen Geschichten, Altem Wein und neuen Liedern. He? Ihr kommt doch, Singuf? bitt' Euch!« Hunold blieb nichts Andres übrig, Als in die gebotne Rechte, Für die zugedachte Ehre Dankbar, willig einzuschlagen, Und so trennten sich die Beiden. Nach den letzten Glockenschlägen Ließ vorsichtig in der Herberg Hunold eine kurze Spanne Zeit verstreichen noch, bevor er Nach dem Herrenkeller aufbrach. An der Thür dort harrte seiner Schon ein Stubenknecht und führte Ihn durch tiefe Kellergänge In's gewölbte, kleine Stübchen, Das so traulich und behaglich Wie ein Brautgemach im Hause Und verschwiegen wie das Grab war; Seine dicken Wände hatten Keine Ohren, keine Augen, Ohne Fenster, wie geschaffen War's zu einer frohen Mette Mit dem Kruge, mit dem Liebchen Oder auch wohl zur Verschwörung. Hunold fand den Rathstuhlschreiber Ganz vergnügt mit Isfried Rhynperg, Dem Kanonikus, schon sitzen An dem derben Kreuzbeintische, Der mit schönem Trinkgeschirre Aus gebranntem Thon besetzt war. Hohe Kannen, mächt'ge Humpen Und der dickgebauchte Mischkrug, Um den Wein sich zu verdünnen, Standen da, und durch das Zimmer Wallte Duft vom Traubensafte. Überm Tische von der Decke Hing ein ellenlanges Messer, An der Spitz' ein ehern Glöcklein Und ein Riemen an dem Stiele; Daran ward zum Scherz gezogen, Daß das Glöcklein mahnend tönte, Wenn beim Wein der Gäste einer Mit zu großem Messer aufschnitt Und den Andern Märchen aufband. Ethelerus' hagrer Körper Mit den spitzen, scharfen Zügen Und den röthlich blonden Haaren, Dünn genug schon auf dem Scheitel, Sah als wär's der halbe Schatten Des Kanonikus, der rundlich, Gut genährt vom Klosterfutter, An dem Tische präsidirte. Aber auf dem mächt'gen Körper Saß auch ein gewalt'ger Schädel; Über einer starken Nase Wölbte sich gefurcht und knochig Eine hohe Denkerstirne; Aus dem vollen, rothen Antlitz Sahn zwei große, helle Augen, Und ein Doppelkinn hing stattlich An der dicken Unterlippe, Die gebogen und geschweift war, Als ob durch den häuf'gen Ansatz Nur des Bechers diese Rundung Sich gebildet und geschaffen. Froher Willkomm ward dem Spielmann, Und nachdem gefüllt die Humpen, Stieß der Schreiber an mit Hunold: »Hoch! die Ratten sollen leben!« »Sollen leben? – sollen sterben, Mein' ich!« war des Spielmanns Antwort. »Fangt mir nur nicht an mit Sterben!« Warf mit einem kräft'gen Baße Der Kanonikus dazwischen. »Richtig! also dann die Weiber, Kommt! die Weiber sollen leben! Seid Ihr damit einverstanden?« Rief des Rathes lust'ger Schreiber; »Meinetwegen dann die Weiber! Machen oft uns mehr zu schaffen, Als die Ratten«, lachte Hunold. »Ja! doch soll es eins von beiden Schon mal sein, so will ich lieber Doch das jüngste Weibchen streicheln, Als das Fell der ältsten Ratte, Beißen können sie ja beide«, Sprach der wackre Herr vom Stifte. Hunold schwieg und blickte trinkend In des Humpens tiefen Abgrund. »Nun, wie schmeckt Euch der?« frug Isfried, »Hm?! nicht wahr? ja seht, der liegt Euch Manches Jährchen schon im Keller; Eins erstaunt mich von dem Weine: Daß er von den schlechten Reden, Dem Gewäsche und Gezänke, Das grad' über seinem Kopfe Hier im Haus vom Rath verübt wird, Nicht längst sauer schon geworden.« »Sagt doch, Singuf, wie gefällt Euch Unsres Raths wohledle Weisheit?« Forschte nebenher der Schreiber; »Ja, mit Gunst!« versetzte Hunold, »Als ich während Eurer Sitzung Auf dem Gange draußen harrte, Hört' ich drinnen laute Stimmen, Als ob da ein heiß Scharmützel Mannhaft ausgefochten würde, Und ich dachte: mit der Eintracht Scheint es nicht weit her im Rathe.« »Kann mir's denken, sprach der Stiftsherr, »Wart wohl wieder an der Ecke, Wo der Knüppel liegt beim Hunde?« »Freilich,« lachte Ethelerus, »Kennst ja unsre tapfren Hähne, Wie sie mit geschwollnen Kämmen Auf einander kräh'n und hacken, Und wenn nicht der Rechenmeister, Unser Tausendgüldenkraut, Jeden Pfennig dreimal umdreht, Eh' er ihn dahin läßt springen, Ging's noch flotter aus dem Vollen.« »Bist ein Knicker worden, Jakob, Hast dein Schäfchen längst im Trocknen, Und auf deine alten Tage Fängst du auch noch an zu knausern; Laßt eu'r Geld doch lustig rollen, Wozu habt ihr's denn im Kasten?« »Kasten! hat sich was im Kasten! Der ist leer wie eure Kirche, Wenn der Probst besteigt die Kanzel, Was ja, Gott sei Dank! so selten Kommt im lieben, langen Jahre, Als wie unser Bürgermeister Gruwelholt die Feder ansetzt.« »Hast du immer noch die Pike Auf den Alten? brummt er, oder Ist er freundlicher geworden?« »Manchmal ist er gnädig, manchmal Spielt er den gestrengen Meister Und läßt dann nicht mit sich spaßen; Mich mag er nun gar nicht leiden, Weiß es wohl, doch Eines lob' ich An dem Alten: Mit den Zünften Zu liebäugeln wie die Andern Das verschmäht er fest und standhaft; Denn dies freche Schurzfellpack Ist 'ne wetterwend'sche Sorte, Jeder Schreihals in der Stube, Wenn sie trinken, dünkt sich weise, Denkt, er muß regieren helfen; Bilden sich was ein aufs Handwerk Und sind doch nur eitel Pfuscher, Die sich zanken und beneiden Wie die Hunde um den Knochen Und nur einig sind im Schimpfen Auf den Rath und die Geschlechter.« »Ja der Rath und die Geschlechter«, Höhnte der Kanonikus, »Sind nur selber selten einig, Sind halb Fulda'sch und halb Mindisch, Grad' wie eure Stadt getheilt ist, Und in ihren Köpfen nistet Eine Hoffart und ein Hochmuth, Als wenn jeder nur den Andern Sucht' im Stolz zu übertrumpfen.« »Hast wohl Recht,« sprach Ethelerus, »Wo Gelegenheit ich finde, Tränk' ich's ihnen ein und schlage Ihnen gar zu gern ein Schnippchen; Singuf, eh' Ihr alle Ratten Samt den Mäusen eingefangen, Könnt Ihr sie nicht erst noch alle Ein paar Tage oder Nächte Bei den Rathsherrn einquartieren? Oder wenn Ihr in die Falle Lockt die vielen Hunderttausend, Ist es da nicht einzurichten, Daß sie alle miteinander Ihren Weg durch Bürgermeisters Haus und Hof und Bette nehmen?« »Welch' ein Christenwunsch!« rief Isfried, »Läßt den Ärger deutlich merken, Daß Regina dich verschmähte; Hilft nun doch nichts mehr, Regina Freit den Heribert des Schultheiß.« »Still doch, alte Kesselpauke! Bat ich dich, das auszutrommeln?« Grollt' erröthend Ethelerus Und verbarg im Krug das Antlitz, »Höret, Singuf, nicht auf jenen, Ich ersuch' Euch, hier beim Trunke, Wie Ihr neulich mir versprochen, Und von Euren Wanderfahrten Jetzt ein wenig zu erzählen, Und wie Ihr hierher gekommen; In der Sitzung oben spracht Ihr, Daß Euch unbekannt die Eltern Und in einer Alten Obhut Ihr dann aufgewachsen wäret; Laßt nun weiter von Euch hören.« Hunold füllte aus dem Mischkrug Sich den Humpen, trank und sprach dann: »Wo ich hergekommen, fragt Ihr? Weiß ich's selbst doch kaum zu sagen; Jene Alte, die mich aufzog, Meine Großmutter vermuthlich, Nahm mich Jungen manche Jahre Auf ein unstet, rastlos Wandern. Bettelnd zogen wir im Reiche Hin und her stets, kleine Lieder Mußt' ich zur Quinterne singen; Kräuter suchte sie und Wurzeln, Sagte wahr mit dunklen Sprüchen, Heilte auch an Vieh und Menschen Maledij und sonst Gebresten. Dafür fanden wir ein Obdach Wohl im Stalle bei dem Landvolk Und manch schmalen, schlechten Bissen, Doch zumeist war unser Lager Hinterm Dorfzaun, und beim Hunger Waren wir bekannte Gäste. Vieles schnappt' ich ihr vom Munde, Freie Künste, Vogelsprache Und sonst kleine Heimlichkeiten. Einstmals fuhren wir im Wasgau, Und ein Fähnlein Knechte schwenkte Just um eine Waldesecke Auf uns zu, voran ein Ritter: ›Seht den Igel! seht die Eule!‹ Rief der Eine, und sie lachten, Doch die Alte warf den Kecken Einen wilden Fluch entgegen. ›Spießt die Eule, und den Jungen Nehmt mit auf die Burg!‹ so hieß es, ›Brauchen Einen für die Rüden!‹ Einer von den Knechten rannte Mit dem Spieß die Alte nieder, Auf den Gaul hob mich ein andrer, Und recht gutgemeinte Püffe Sollten mein Geschrei betäuben. Also kam ich auf die Dachsburg, Mußte da die Bracken füttern, Die bald meine besten Freunde, Mußte mit hinaus zur Wildbahn, Die verschoßnen Bolzen suchen, Mich des Nachts auf Kundschaft legen Und mit allerlei Hantirung Knecht und Magd zu Diensten sein. Da gab's Fehde vor der Dachsburg; Angesteckt und ausgeräuchert Ward das Nest nach heißem Sturme, Unser Ritter ward gefangen Mit den Frauen und den Knechten, Die noch lebten, fortgeführt; Ich erhielt mit einem Fußtritt Meinen Laufpaß in das Weite. Stets der Nase nach durch Franken Lief ich fürbaß bis nach Bamberg, Ward dort Troßbub bei dem Bischof Unterm Krummstab lebt sich's lustig; War ein strammer Bursch geworden, Wurde prächtig ausstaffiret Wie ein Edelknecht und Page, Durfte auf die Baize reiten Mit der schönen Provençalin, Die des Bischofs traute Freundin; Oft mit ihr allein auch ritt ich, Mußte ihr dann Lieder singen, Mußt' ihr in den Sattel helfen Und sie aus den Bügeln heben. Als wir einst von langem Ritte Und von vielem Liedersingen Heimgekehrt zum stillen Schloßhof Und ich sie vom Roß herabhob, Schlang sie rasch um mich die Arme, Küßte heiß mich auf den Mund. Doch der Bischof sah's vom Fenster, Andern Tags war ich entlassen.« Ethelerus griff zum Riemen, Der vom Messerstiel herabhing, Und das Glöcklein tönte leise; »Auf das Wohl der Provençalin!« Sprach er lachend, »dieses Eine Hatt' ich nur hier einzuschalten, Kommt, stoßt an! und dann nur weiter!« Hunold trank und fuhr dann fort: »Keinem dritten Herrn noch dienst du, Sagt' ich mir in trotz'gem Muthe, Ward mein eigner Herr und Spielmann. Drei Jahr hielt ich Wort und schweifte Frank und frei durch alle Lande; Bald am Meer, bald vor den Alpen, Bald am Rhein, bald an der Donau Sang ich meine lust'gen Lieder, Hatte immer neue Kleider, Freien Trunk und frohe Minne. Eines durst'gen Tages klopfte Ich an die verschloßne Pforte Kloster Michelstein's im Harzwald, Und da man nicht hurtig aufthat, Fing ich draußen an zu singen. Das verschaffte mir den Einlaß, Herberg und die beste Pflege, Und sieh da! ich blieb im Kloster, Wurde Cantor, sang und spielte Bald zur Litanei der Mette, Bald zum Abendtrunk der Brüder Sang ich meine Liebeslieder, Zwinkerten sich die Geschornen Mit den Augen zu und stießen Leis' sich mit den Ellenbogen, Und der Abt gebot nicht Einhalt, Wenn auch Mitternacht vorüber Und der Bruder Kellermeister Einen Bessern dann noch anstach. Freiheit hatt' ich, wie ich wollte, Bald im Wamms, bald in der Kutte Ging ich aus und ein im Kloster, Und besonders gerne legt' ich Auf den Fang mich der beliebten, Rothgesprenkelten Forellen, Die im klaren Goldbach schwammen. Unser Abt Ulricus trug mir Auf geheime Botengänge, Sandte mich mit manchem Brieflein An die Pröbstin von Wendhusen, Das im Thal liegt an der Bode. Sie war jung und schön und lustig, Und ich selber war viel jünger, Als der Abt von Michelstein. Und da kam's, daß ich allmälig In Herrn Ulrich's warme Stelle Bei der schönen Nonne rückte. Damit meine Botengänge Ohne Unterbrechung blieben, Traf Luitgardis schlaue Fürsorg, Hielt ihn mit latein'schen Brieflein Hin, die schleunig Antwort heischten. Langt' ich an zu später Stunde, Durft' ich Nachts im Kloster bleiben Und schlief nicht auf harter Steinbank.« Jetzt griff der Kanonikus Nach der Schnur am großen Messer, Und die Glocke klang vernehmlich; Einen scharfen Blick warf Hunold Auf den Stiftsherrn: »Nichts für ungut!« Lachte dieser, »doch ich meine, Müssen auch mal wieder trinken; Bei dem fleißigen Erzählen Wird Euch ja die Kehle trocken, Wenn Ihr sie nicht mehr befeuchtet; Also diesmal auf die Pröbstin!« Wieder klapperten die Krüge Dreimal aneinander, Isfried Hielt in bodenlosem Zuge Noch den seinen an den Lippen, Als der Schreiber sprach: »Ich rath' Euch, Nicht darauf zu warten, Singuf, Bis der Stiftsherr ausgetrunken, Und auch nicht es zu versuchen, Mit ihm Strich zu halten, Keinen Kenn' ich, der das je vermochte; Doch ich bitt' Euch, fortzufahren.« »Endlich kam der Abt dahinter,« Nahm das Wort nun wieder Hunold, »Wie sein jüngster Laienbruder Seine Gänge ausgerichtet, Und verwettet schien mein Leben. Burggraf und Gerichtsherr nämlich Auf der Heimburg, nah dem Kloster, War des Abtes ältrer Bruder; Der ließ in den Thurm mich werfen Und mit Holz und Eisen schließen. Statt auf Kultern und Plumiten Lag ich nun auf faulem Stroh. Dein vergessen eine Weile Werden sie nun, dacht' ich, oder Du schaust bald durchs hanfne Fenster Meister Seilers und verwünschte Bald die Pfaffen, bald die Weiber, Die die Einen wie die Andern Nur des Teufels Bölze fiddern. Als ich manche lange Woche Hatt' in Stock und Pflock gelegen, Daß ich kaum ein Glied noch fühlte, Holten sie mich aus dem Loche, Hießen mich das Land verschwören Sieben Jahre und drei Tage Auf fünf Tagreis' in die Runde, Und nach harter Leibesstrafe, Die ich zähneknirschend aushielt, Stießen sie mich aus dem Burghof. – Sollt's, Herr Isfried, Euch gelüsten Wieder nach dem Klang des Messers, So schaut her! ein Messer war es, Was mir dies hier abgeschnitten.« Seine langen Haare streifte Hunold rückwärts, und da sahn sie, Daß das linke Ohr ihm fehlte. »Donner's Wetter!« schrie der Stiftsherr, Und auch Ethelerus ruckte Unwillkürlich mit dem Schemel, Doch die Glocke rührte Keiner. »Ja, wie Ihr jetzt Euch entsetzet, Wich mir Mancher scheu zur Seite. Bis das Haar mir lang gewachsen, Das den Makel dann verdeckte, Sagte Hunold; »füllt den Krug mir, Trinkt mit mir jetzt zum Beweise, Daß Ihr mich drum nicht verachtet.« Und sie hoben auf und tranken. »Wenn Ihr aber glauben solltet,« Fuhr er fort, »daß mich die Strafe Abgeschreckt von den Amouren, Würdet Ihr gewaltig irren. Künftig schlauer zu verfahren, Nicht ertappen mich zu lassen, Nahm ich mir als einz'ge Lehre Aus der Schmach, und nach dem Grundsatz: In der allergrößten Keckheit Liegt die größte Sicherheit auch, Wagte ich in meinem Leben Auch das andre Ohr noch manchmal. Eine schlanke Maid, der Liebe Aus den Augen blitzt und schäkert, Die sich freut, wenn sie geküßt wird, Rund an Wangen, Brust und Schultern, Daß man so den Arm recht voll hat –« »Und zwei stramme Waden, Spielmann, Nicht vergessen!« lachte Isfried, – »Hol's der Kuckuck! darauf trink ich – Malvasier! du feurig süßer, Recht an Frauenlieb' gemahnst du!« Heftig stieß er mit dem Humpen Auf den Tisch, und hoch ihn schwingend Setzte er ihn an die Lippen. »Halt! wir trinken mit!« rief Isfried, »Hoch die Weiber!« – »Doch versteht sich Nur die schönen,« sprach der Schreiber, »Die nicht spröde tun und schüchtern.« Aber Hunold trank den Humpen Diesmal ohne abzusetzen, Und die andern Beiden folgten. Als die stattlichen Gefäße Neu gefüllt, erzählt' er weiter: »Um es endlich kurz zu machen, Laßt nur dies Euch noch berichten. An dem unvergeßlich heißen, Blutigen Spätsommertage Kämpfte ich im Lederkoller, Dienstmann eines schwäb'schen Ritters, Auf dem Marchfeld, wo sein Leben Ottokar der Böhmenkönig Für den Treubruch lassen mußte. Meinen Sold erhielt ich pünktlich, Und so theilt' ich denn auch ehrlich Meine Streiche aus nach Kräften. Von dem Heere nahm ich Urlaub, Denn man wollt' ihn mir nicht geben, Und zog wieder durch die Lande Als ein freier, froher Spielmann. Dann zu Augsburg auf dem Reichstag War ich, wo der Kaiser Rudolf Mit des Böhmenkönigs Ländern Seine Söhne nun belehnte. Auch dem großen Magdeburger Pfingstspiel wohnt' ich bei, wo Speerkrach Tönt' im Rennen; der Turnierdank War ein schönes fahrend Fräulein, Das ein alter Herr aus Goslar Sich gewann und reich beschenkte. Da gab's Lustbarkeit und Kurzweil, Spielmanns Beutel klang und krachte, Und die Kehle blieb nicht trocken. Daher komm' ich nun und hörte Von der großen Plage Hameln's. Eingedenk der feinen Künste, Die ich von der Alten lernte, Schlug ich langsam von der Elbe, Hier und dort nach Laune weilend, Mich zur Weser, kam nach Hameln Endlich, – und das Andre wißt Ihr.« Einen tiefen Zug tat Hunold Aus dem Krug, als er geendet. »Singuf,« sprach der Rathstuhlschreiber, »Eure Wanderschaft erinnert Mich an manches heitre Stücklein, Das wir zwei, ich und der Stiftsherr, Die als fahrende Scholaren Und Bacchanten auch vor Zeiten Lustig durch das Reich gepilgert, Ausgeführt; weiß du noch, Isfried, Als wir auf dem Rennsteig zogen Und nach Ohrdruf mittags kamen, Wo das Eselsfest man abhielt, Und des Esels halben Schwanz du Abschnittst und in's Rauchfaß warfest?« »Und was thatest du, Geselle? Laß uns lieber davon schweigen,« Sprach der Stiftsherr, »mich verlangt es, Aus dem liederfrohen Munde Singuf's jetzt ein Lied zu hören; Vorne, in dem Herrenzimmer Hängt ja eine alte Laute, Wird verstimmt zwar sein vom Alter, Könnt sie doch einmal versuchen, Hol' sie, Jacob! mittlerweile Füllen wir uns frische Krüge.« Als der Schreiber mit der Laute Wiederkehrte, nahm sie Hunold, Klimperte darauf und stimmte, Trank noch einmal und dann sang er:     »Wenn der Stern überm Kirchthurm steht     Mitten in der Nacht, Weiß ich, wo der Weg hingeht     Mitten in der Nacht. Mägdlein, das wartet mein, Wartet mein zum Stelldichein,     Giebt mir in Kauf Alle seine Lieb' und Huld, Ach! du liebe Ungeduld!     Sternlein zieh' auf! Klingling! Ans Fensterlein     Überm Spalier, Klettre wie die Katz hinein     Übers Spalier, Und in meinem Sinn voraus Mal' ich mir die Freude aus,     Freuden zu Hauf, Lös' ihr alle Zöpfelein, Nestel' ihr alle Knöpfelein –     Fensterlein auf! Im Stübchen mit knapper Noth,     Warm ist's und nett, Herzt mich das Mädel halb todt,     Warm ist's und nett. Liebchen, sei gut und fromm, Daß ich zu Athem komm'     Und mich verschnauf', Küß' nicht so laut, mit Gunst! Weckst ja den Nachbar sunst,     Mägdlein, hör' auf!«             »Ha! das muß ich loben, Meister!« Rief der Mönch, deß volles Antlitz, Weil er seinen Malvasier Immer weniger verdünnte Und zuletzt ganz unvermischt trank, Schon wie eine Rose glühte, »Seht, mir lacht das Herz im Leibe, Wenn ich so ein Liedlein höre; Habt Ihr mehr noch? singt noch eines!« »Zur Genüge!« sprach der Sänger.. »Also höret nun das nächste.«         »Wirth, hast du nicht ein volles Faß? Das wollen wir heut anstechen, Hier unter Bäumen auf grünem Gras Giebt das ein lustig Zechen. Der beste Trank, den Einer kennt, Der wird der gute Wein genennt     So hier, so da, So dort, so allenthalben. Wo hab' ich denn den Durst nur her? Er steckt mir in der Kehle, Und wenn das Trinken Sünde wär', Bei meiner armen Seele! Auf Erden ließ' ich's nimmer doch Und tränk' auch in der Hölle noch,     So hier, so da, So dort, so allenthalben. Komm, Pfäfflein, komm, du Reitersmann, Du Waidmann und du Ferge, Ihr Wegemüden, haltet an! Hier rinnt ein Quell vom Berge; Sitzt nieder auf dem grünen Plan, Ersäuft den Wurm im hohlen Zahn     So hier, so da, So dort, so allenthalben. Geh' nicht vorüber, Mägdelein, Du fehlst noch in der Runde, Es fällt in's Herz wie Sonnenschein Ein Gruß von rothem Munde; Komm, jeden Kuß, verschämt und still, Mit Küssen ich dir vergelten will     So hier, so da, So dort, so allenthalben. Ho! Spielmann, Spielmann, schnell herbei! Woher, wohin die Pfade? Hier lebt sich's lustig, fromm und frei, Schau' an die Gottesgnade! Rückt hin, Gesellen, seht! er winkt, Er kommt, nun lacht und singt und trinkt     So hier, so da, So dort, so allenthalben.« »Spielmann, Pfäfflein, Heil euch beiden!« Rief der Schreiber nun und schwenkte Seinen Krug den zwei Gesellen; »Und wo bleibst denn du?« frug Isfried, »So ein Scribifax ist freilich Nicht bei vollem Faß zu brauchen, Als daß er am Hahnen sitze Und den Andern fleißig zapfe.« »Wenn du mittrinkst,« sprach der Schreiber, »Dank' ich aber für den Posten!« »Wenn und aber!« lachte Isfried, »Wenn ein frisches Faß man ansticht, Bin ich aber auch zur Stelle, Und wenn du den Hahnen umdrehst, Drehe aber ich den Krug um     So hier, so da,     So dort, so allenthalben!« »Drei sind aller guten Dinge, Singuf!« meinte Ethelerus, »Also sing' auf nun das Dritte.« Immer lust'ger ward die Weise, Die der Spielmann präludirte; Wie ein Liebchen hielt die Laute Er im Arme, schlug den linken Fuß auf's rechte Knie und lehnte Weit zurück sich auf dem Schemel, Sang in übermüth'ger Laune.         »Und habe ich gestern zu viel getrunken, So trinke ich heute noch mehr, Und bin ich gestern in's Bächlein gesunken, So stürz' ich mich heute in's Meer, Ihr Tropfen und Wellen, heraus und herein, Das Wasser sieht grün aus und gülden der Wein, Ob unter dem Regen, ob unter der Traufe, Lieb Brüderlein, haltet mich über die Taufe:     Willekumm heiß' ich. Hab' ich gestern zu tief in dein Auge gesehn, Heut guck' ich erst recht mal hinein, Wenn ich gestern nicht wußte, wie mir geschehn, Heut weiß ich es: Schatz, ich bin dein! Und wenn du nun denkst, daß du Nein sagen wirst, Wenn ich komme und frage, so sag' ich: du irrst, Du liebst mich ja schrecklich mit Zittern und Beben, Gesteh' es doch, kannst ja nicht ohne mich leben,     Willekumm bin ich. Was soll nun draus werden? ich sollte mich bessern? Ach! Liebchen, ich bin doch so gut! Bei niedlichen Mädchen und niedlichen Fässern Wächst mir wie ein Riese der Muth, Ich wanke nicht, schwanke nicht, fühl' auch kein' Reu, Ich glaube wahrhaftig, ich bleibe dir treu Und thue vielleicht auch, laß mir nur Muße, In deinen Armen zerknirscht einmal Buße,     Willekumm bleib' ich. Und wenn einmal nichts mehr zu haben ist, Kein Bissen, kein Kuß und kein Trunk, Wenn der Todtengräber begraben ist, So thu' ich den letzten Sprung; Und kommt dann der Tod um die Ecke herum Und wackelt und fiedelt Hop-Heidideldum! So sag' ich: Gevatter, ich komme schon eben, Aber hübsch war es doch, Gevatter, das Leben!     Willekumm! sag ich.«         »Hop-Heidideldum! Hop-Heiwillekumm! Gestern in's Bächlein, morgen in's Meer, Was soll nun draus werden heraus und herein? Gevatter sieht grün aus und gülden der Wein, Hop-Heidideldum! Hop-Heiwillekumm!« So sang Isfried, sprang und tanzte, Hob so hoch empor die Knie, Wie's der dicke Bauch erlaubte, Nahm das ellenlange Messer Aus dem Bügel, dran es schwebte Strich damit als Fiedelbogen Auf dem großen, leeren Mischkrug Und sang hopsend immer wieder: »Hop-Heidideldum! Hop-Heiwillekumm!« Jacob Ethelerus stimmte Auch mit ein, und Hunold lachte, Daß er sich mit seinen Händen Beide Seiten halten mußte. Als die beiden tapfern Zecher, Ethelerus und der Stiftsherr, Erst mal Blut geleckt mit Singen, Hielten sie nicht länger an sich, Und der Schreiber sprach: »Jetzt, Isfried, Laß uns unsre alte Mette, Die wir als Schnarenzer sangen, Auch einmal zum Besten geben.« Und mit fürchterlichen Stimmen, Daß es in der Wölbung dröhnte, Sangen sie das Lied und schlugen Mit den Krügen auf dem Tische Auch den Takt, daß die Begleitung Hunold's, die er auf der Laute Balde fand, ganz übertönt ward.     »Durch die Welt mit Sang und Klang Ziehen wir in Scharen Kreuz und quer auf guten Fang, Fahrende Scholaren, Wittern das Vergrabne gleich Wie den Fuchs die Meute, Sind im ganzen Röm'schen Reich Bestbeschrie'ne Leute.     Rillus Rallus     Prillus Prallus     Hier herein und da hinaus,     Schlagt dem Faß den Boden aus! Weh! für uns im Rauche hängt Nichts zu hoch beim Bauern, Und wo sich ein Marder zwängt Durch Stakett und Mauern, Bohren wir uns auch durchs Fach Tags und Nachts um zwölfe Wie der Blitz durchs Scheunendach, Hungrig wie die Wölfe.     Rillus Rallus     Prillus Prallus     Hier herein und da hinaus,     Schlagt dem Faß den Boden aus! Zahn und Klinge sind gewetzt, Ausgepicht die Kehlen, Wo wir uns mal festgesetzt, Fängt's bald an zu fehlen. Erst das Huhn und dann das Ei Oder umgekehret, Uns ist Alles einerlei, Wie's der Herr bescheret.     Rillus Rallus     Prillus Prallus     Hier herein und da hinaus,     Schlagt dem Faß den Boden aus! Die in Seide, die in Flachs, Hold sind uns die Dirnen, Unsre Herzen sind von Wachs, Ehern unsre Stirnen. Statt daß wir am Rosenkranz Paternoster plappern, Springen wir im Ridewanz, Und die Würfel klappern.     Rillus Rallus     Prillus Prallus     Hier herein und da hinaus,     Schlagt dem Faß den Boden aus! Fürchten Tod und Teufel nit, Wissen ihn zu bannen, Fahrender Schüler Schritt und Tritt Führt zu Krug und Kannen. Wir sind geistlich, fromme Kind, Arme, tumbe Knaben, Wenn wir erst mal Bischof sind, Woll'n wir's besser haben.     Rillus Rallus     Prillus Prallus     Hier herein und da hinaus,     Schlagt dem Faß den Boden aus!«     Jetzo mit verschlafner Miene Trat der Stubenknecht in's Zimmer: »Mit Verlaub, Herr Secretarius,« Sprach er, »habt mir anbefohlen, Euch zu melden, wenn des Tages Zweite Stunde sei verronnen.« »Danke, Adam!« sprach der Schreiber, »Isfried, auf! Du mußt in's Kloster, Daß du mir die erste Hora Nicht versäumst, nicht wahr, darüber Wärest du gewiß untröstlich?« »Rillus Rallus!« sagte Isfried. »Kannst du dich allein wohl finden? Oder soll der Adam mitgehn?« »Prillus Prallus! Adam mitgehn,« Lallte Isfried. »Nun so bring' ihn Gut nach Haus, laß ihn nicht fallen,« Sprach zum Stubenknecht der Schreiber Dessen so gelenke Zunge Auch ein wenig schwer geworden, Ob er schon zu seinem Weine Aus dem Muschkendlin mehr Wasser, Als die Andern sich gegossen. Von den Dreien auf den Füßen Stand am sichersten der Spielmann, Und zu diesem sprach der Schreiber: »Singuf, nicht zum letzten Male Haben wir uns heut gesehen, Danke Euch, daß Ihr gekommen, Und wenn Ihr im Rathe oben Einen Freund gebraucht und Helfer, Denkt an mich, ich kann Euch nützen.« Also trennten sich die Zecher; Ethelerus eilte; Hunold Warf noch einen Blick zum Monde: »Also übermorgen!« sprach er Und schritt langsam dann zur Herberg. Arm in Arm mit Adam schwankte Der Kanonikus von dannen, Und vergnüglich summt' und brummt' er: »Hier herein und da hinaus, Schlagt dem Faß den Boden aus!«             Still die Gassen, alle Fenster Dunkel, Schlaf und Frieden breiten Ihre Fitt'ge über Hameln. Keine Leuchte schimmert trübe Von dem Schreibtisch eines Denkers, Der die Nacht zum Tage machte Bei gerollten Pergamenten; Auch nicht Hammer oder Säge Tönt aus eines Schreiners Werkstatt, Der das eiligste der Stücke, Eines Menschen letzte Wohnung, Über Nacht zu zimmern hätte; Müdigkeit und Ruhe senkten Jedes Augenlid in Schlummer. Hoch nur über allen Häusern Aus des Thurmes Glockenstübchen Scheint ein matter Lampendämmer, Wo der Thürmer einsam wachet, Um bei Brand und Ungewitter Mit dem Hilferuf der Glocke Rath und Bürger aufzustürmen. Schlägt die Uhr die volle Stunde, Schiebt er auf die kleine Luke, Und nach jeder Himmelsrichtung Stößt in's Wächterhorn er einmal Und ruft seinen Gruß hernieder. Überm Basberg steht der Vollmond, Aber schnelle Wolken ziehen, Windgetriebne weiße Segel, Fratzenköpfe, Ungethüme, Urweltleiber, Riesenvögel; Drohend ballt sich's jetzt zusammen, Flattert in zerrissnen Fetzen Jetzt gespenstisch rasch vorüber Vor des Mondes heller Scheibe. Bald in Finsterniß gehüllet Schwindet alles Bild dem Auge, Bald ist klares Licht ergossen Weithin über alle Dächer, Drauf die Wolkenschatten tanzen. Um die Ecke pfeift der Wind, Und auf manchem Giebel knarret Eine rost'ge Wetterfahne. Die gestutzten Wasserspeier Recken ihre Drachenköpfe Weit vom Stockwerk in die Gasse. In des Lichtes schnellem Wandel Scheint's, als ob sie augenblicklich Größer und lebendig würden; Züngelt dort der schwarze Wurm nicht? Hebt den Schlangenleib und krümmt sich? Sträubt den Kamm und sperrt den Rachen? Doch schon finster ist es wieder. Auf dem Markt im vollen Licht jetzt Regungslos steht wie ein Steinbild Hunold mit verschränkten Armen, Schaut zum Mond empor und murmelt: »Alter Freund und Fahrtgeselle, Laß mich heute nicht im Stiche, Hilf mir mit den Zauberkräften, Die in deinem Lichte wohnen, Wenn dein Zirkel sich vollendet. Kamst mir manchmal ungelegen, Wenn mit gelbem Neiderblicke Du mir auf die Wege paßtest; Hast mir aber auch schon manchmal Deine Geisterhand gereichet Und mich keck vollbringen lassen, Was ich ohne dich nicht wagte. Diesmal gilt es wieder, Alter! Bei der Schöpfung ew'gem Fluche, Der als Knecht und Leibtrabanten An die Erde dich geschmiedet, Daß du in dem Weltentollhaus Mußt in immer gleichem Ringe Dich um unser Elend drehen, – Mond, beschwör' ich dich zur Stunde: Steh' mir bei zu meinem Werke! Gieß dein Licht auf meinen Scheitel, Hüll' in deinen kalten, feuchten Glast und Schimmer meinen Körper, Daß ich in dem Zaubermantel Deines Scheines steh' und gehe, Und wie du zu dir emporziehst Wassertropfen, Wiesennebel, Blumenathem, Weibertränen, Also laß auch mich heranziehn Alles, was ich will und wünsche, Was ich rufe, was ich denke, Was mein wagend Herz gelüstet.« – Röthlich blitzt' es auf am Himmel, Und ein Funke fuhr im Bogen Grad' vor Hunold's Augen nieder. Schnäuzte sich ein Stern dort oben? Oder war's ein Feuertropfen, Ausgespie'n aus Mondeskrater? Mitternacht schlug es am Thurme, Und der Wächtergruß ertönte:               »Bewahr' uns, Herr, zu dieser Stund Vor aller bösen Geister Bund, Und schütze uns, Herr Jesu Christ, Vor Höllenzwang und Teufelslist, Nimm von uns unsrer Sünden Schuld, O heilger Geist, durch deine Huld, Barmherz'ger Gott, mit deinen Händen Woll' von der Stadt all Unheil wenden.« Jetzt ein Pfiff, ein langgedehnter, Gellend, Mark und Bein erschütternd. Aus der Pfeife Hunold's kam er, Ging in eine tolle Weise Dann mit keckem Aufschwung über, Und es lockte, jauchzte, schrillte, Daß es durch die öden Gassen Schauerlich und spukhaft tönte. Selbst der Wind mit seinem Sausen Hielt den Athem an erschrocken, Setzte dann als Unterstimme Zur Begleitung ein im Takte. Hunold schritt nun langsam vorwärts, Spielte auf der Rohrschalmeie Seine wilde Rattenfuge, Und dann setzt' er ab und sang: »Mäuschen! Mäuschen! Die ihr nun nächtig Still und bedächtig, Warm und behäglich, Fromm und verträglich Hocket im Nest, Die ihr zum Knochen Hungrig gekrochen Oder beim Schmause Wohl in der Klause Feiert ein Fest, Die ihr auf Schränken, Tischen und Bänken, In den Gemächern Und auf den Dächern Trippelnd euch jagt, Die ihr da kraspelt, Feilet und raspelt, Pispert und puspert, Knispert und knuspert, Scharret und naget, Spitzet das Öhrchen, Schärft das Gehörchen, Glättet eu'r Fellchen, Bringt eu'r Gesellchen Mit aus dem Haus; Ringelt die Schwänzchen Lustig zum Tänzchen, Mit meinem Spiele Lock' ich zum Ziele Mäusrig und Maus. Kuchen und Krümel Streu' ich wie Blümel Ohn' Unterlassen Hin auf die Gassen Reichlich und dicht; Zucker zum Naschen Hab' ich in Taschen, Speck auch gebraten Wird sich verrathen, Riecht ihr ihn nicht? Tummelt euch, Mäuschen! Niedliche Mäuschen! Kommet hervor! Mäuschen hervor! Hervor! hervor!«         Wieder nahm er nun die Pfeife, Blies und trillerte und lockte. Immer kecker ward die Weise, Immer dringender die Töne, Schnelle Läufe, wirre Sprünge, Bald ein Winseln, bald ein Schmettern, Dann ein Flehen, dann ein Drohen Klangen aus dem Zauberrohre. Und sieh da! es kommt geschlichen, Scheu und furchtsam, ängstlich prüfend Wagt sich's näher, stutzt dann wieder, Hüpft und schlüpft und zuckt und duckt sich. Huscht dahin, daher im Dämmer. Mäuse sind's, wie graue Punkte, Blitzschnell, schattenhaft und lautlos Gleiten sie da hin und wieder. Von den Brosam, die gestreut sind, Nascht die Eine und die Andre, Fährt dann wieder in den Winkel, Kommt zurück und frißt und folget Dreister schon in der Gesellschaft. Hunold aber bläst sein Stücklein, Und mit jedem seiner Schritte Wächst die Schar auf seinen Spuren. Statt der Pfeife läßt er wieder Seine Stimme jetzt erschallen:       »Ratten im Rattenloch, horchet dem Sang, Höret der Pfeife bestrickenden Klang,     Hurtig zu Haufen     Kommet gelaufen, Rappelt euch auf aus dem dunklen Verlies, Schnuppert und schnüffelt im schlammigen Fließ,     Schwänze, die grauen,     Haarigen, rauhen Rischeln und rascheln im Kies. Hier in dem Mondschein sich's wonnig ergeht, Lustig der Wind um den Rüssel euch weht,     Still und verlassen     Ruhen die Gassen, Muntere Mäuschen nur sind auf dem Platz, Fürchten nicht Falle, nicht Kralle und Katz,     Spielen im Dunkeln,     Äugelein funkeln, Huida! Die fröhliche Hatz! Habt ihr den Wanst durch die Spalte gequetscht, Findet ihr Fraß, daß die Zähne ihr fletscht,     Schmatzet und schmecket,     Schnauzbart gelecket, Holter die Polter Straß' auf und Straß' ab Folget Kopf über, Kopf unter im Trab,     Reicht euch die Tatzen     Tanzende Ratzen, Ratten herauf und herab!«     Jetzt hervor aus allen Ecken Kommt's heran gesetzt, gestoben; Aus den Häusern kommt's und Höfen, Den entlegensten der Gäßchen, Zwängt hervor sich unter Thüren, Aus dem Rinnstein kommt's gefahren, Von den Dächern kommt's gesprungen, Patscht und plätschert in den Pfützen, Hopst und trapst und quieckt und rasselt, Jagt sich, hetzt sich, drängt sich vorwärts, Immer mehr in hellen Haufen, Immer mehr, immer mehr, Es woget und wirbelt Und kribbelt und krabbelt, Unendliche Schwärme Wirr durcheinander Wie Sand am Meere, Vom Winde getrieben, Ratten, Ratten, Zahllose, gierige, Wüste Geschwader, Tausende vor ihm, Tausende hinter ihm, Zur Rechten, zur Linken, Überall, überall. Dazwischen der Mäuse Wimmelnde Scharen Zirpend und rucksend, Tänzelnd und schwänzelnd, Sich überstürzend, Und Hunold mitten, Mitten dazwischen Im wilden Getümmel Flötend und pfeifend Die zaubrische Weise. Kaum kann er schreiten, Unter den Füßen Wird's ihm lebendig, Springt an ihm hoch, Klettert empor An Beinen und Armen Dem trotzigen Manne, Schlüpft ihm in's Wamms, Um Schultern und Kappe; Schütteln muß er Heftig die Glieder, Abzuwehren die Unholden Gäste. Ihm perlet die Stirne, Doch unerschrocken Blasend mit Macht Wandelt er fürbaß, Mit ihm die ganze Grausige Hetze. Endlich sieht er nahe blinken Schon der Weser hellen Spiegel, Athmet auf, und seine Schritte Nun verdoppelnd eilt er vorwärts. Schwellend zwischen seinen Ufern Rollt der breite Strom zum Meere, Und des Mondes Strahlen glitzern In dem windbewegten Wasser, Schlagen auf den dunklen Wellen Einen goldnen Steg hinüber. Hunold bleibt am Ufer stehen, Und mit einem letzten Jauchzen Klinget aus der Pfeife Tönen, Daß ein Echo von den Bergen Geisterhaft herüber spottet. Jetzt noch einmal singt wieder: »Nun Mäuse und Ratten, Ob alt oder jung, Hervor aus dem Schatten, Jetzt gilt es den Sprung; Es blinket und winket Die spiegelnde Fluth, Ertrinket, versinket, Verteufelte Brut! Da lauert die Tücke In goldner Gestalt, Euch zieht auf die Brücke Des Zaubers Gewalt. Es heißet und gleißet Das Mondlicht so roth Und reißet und schmeißet Euch All' in den Tod. Hinunter, Geziefer, Verrathen, verflucht, Nun tiefer und tiefer Zu schwimmen versucht, Nun krauchet und tauchet In Strudel und Graus Und hauchet und fauchet Die Seele euch aus!«       Da hinein mit tollen Sätzen Stürzt sich's in der Weser Fluten, Sinnbethöret wälzt und drängt sich's In den Tod, in's kalte Wasser. Übermächtig wirkt der Zauber, Alle Ratten, alle Mäuse, All die ungezählten Tausend Rennen, schieben, poltern, schießen In ihr eigenes Verderben, Keine Einzige von Allen Bleibt am sicheren Gestade. Und im Wasser giebt's ein Schäumen Und ein Quirlen und ein Brodeln, Rauschend, zischend spritzt und sprudelt Es im zappelnden Gewirre. Aus der Tiefe aufgestiegen Kommt die schupp'ge Brut der Lachse Und nun geht es an ein Kämpfen Zahn um Zahn und Aug' um Auge; Breite Schwänze, spitze Schwänze, Bald von Ratten, bald von Lachsen Ringeln, schlagen aus den Wellen, Denn es ringt auf Tod und Leben Wasserraubthier, Landbewohner, Wuth und Gier auf beiden Seiten. Höhnisch lächelnd steht am Ufer Hunold, nimmt hervor die Pfeife, Bläst zum bittern Todeskampfe Ein frohlockendes Halali. – Endlich ist es still geworden, Hie und da nur glänzt die Flosse, Taucht der Kopf mit offnem Rachen Eines Lachses aus dem Wasser. Ruhig wallt der Fluß die Straße, Auch der Wind ist eingeschlafen, Und des Mondes volles Antlitz Schaut herab in stillem Frieden. Hunold wischt sich von der Stirne Kalten Schweiß und wandelt heimwärts. Als er nahe seiner Herberg, Schlägt es Eins am Glockenthurme, Und es ruft der treue Wächter.           »Gelobet sei in Ewigkeit, Herr Gott, von aller Christenheit, Laß uns in deiner Gnade ruhn Und unsern Feinden Gutes thun, Und laß uns jede Kreatur Als wie dein Kind erachten nur, Begleite uns mit deinem Segen Auf hellen und auf dunklen Wegen.«                Sieben helle Nächte währte Hunold's Treiben, Hunold's Zauber; Pfeifend durch die öden Gassen Schritt er bei des Mondes Lichte, Stets gefolgt von grauen Scharen. Sieben Nächte mußt' es dauern, Sonst war nicht erfüllt der Zauber; Doch mit jeder Nacht geringer Ward die Zahl der Langgeschwänzten, Bald nicht mehr zu singen braucht' er, Die Schalmeie schon genügte. In der siebenten der Nächte Folgte ihm nur eine einz'ge Alte, blinde Rattenmutter, Watschelte behutsam spürend Hinter ihm den Weg des Todes. Doch auch nicht der letzten Ratte Wollte er ihr Recht verkümmern Und floitirte wie den andern Trügerisch ihr vor das Grablied. Nah am Thor, das sieben Nächte Blieb für ihn allein geöffnet, Hielt er an und sprach gewendet Zu der Ratte: »Alte Bestie! Wird dir sauer wohl zu folgen, Kannst nicht hopsen mehr und springen Und mir auf die Schultern steigen; Gerne schenkt' ich dir das Leben, Wirst nicht mehr die Stadt bevölkern, Und wer weiß, wie viele Tausend Deiner Sippe grader Linie, Deiner Kinder Kindeskinder Diesen Weg mit mir gewandelt, Der in kalten Fluthen endigt. Leben darf ich dich nicht lassen, Aber komm, ich mach's bequem dir, Laß dich greifen! will dich tragen, Sanft dich in die Arme nehmen –« »In die Arme! so ist's richtig! Erst die Mädchen, dann die Ratten, Und verführt sind und verloren Beide dann in deinen Armen!« – Aus dem Schatten eines Hauses Trat ein Mann, der scharf und höhnend Diese Worte Hunold zuwarf. »Wer darf wagen,« rief der Spielmann, »Sich mir in den Weg zu stellen?! Hab' ich doch beim Rath bedungen, Daß mir keine Menschenseele Auf der Gasse darf begegnen, Wenn ich Nachts mein Handwerk treibe.« »Hast dir auch beim Rath bedungen, Fischers Gertrud zu betrügen, Geigenbuckler, Hexenmeister?« Hunold's Rechte fuhr zum Dolche; Nach des Unbekannten Kehle Führte er den Stoß, doch seitwärts Wich der Andre, und die Klinge Traf nur ritzend seine Wange. Er entfloh, doch Hunold wüthend Spießte schnell die alte Ratte, Und mit einem grimmen Fluche Schleudert' er sie nach dem Gegner. Andern Morgens stand am Amboß Wulf der Schmied, in seinem Antlitz Eine blutig rothe Schmarre. Keuchend schnob und pfiff der Blasbalg In ein lustig praßelnd Feuer; Aber Wulf mit trotz'gem Muthe Schwang den Hammer, seine Schläge Donnerten so wild und wuchtig, Als ob er den Todfeind selber Statt des Eisens auf dem Amboß Liegen hätte, und er sang:     »Mit Gunst zum Ersten! Eisen in Noth, Füge dich, krümme dich meinem Gebot, Biege dich, schmiege dich, Eisen so roth! Unter dem Pfluge als stählerne Hand Brich die Scholle mir wacker, Rode die Wurzeln, zieh Furchen im Land, Stürze den dampfenden Acker. Sause, brause, Wind in Flammen, Eisen glühe, Funken sprühe, Hammer, Hammer, schmeiß zusammen!     Schmied, schlage hierher! Mit Gunst zum Zweiten! Eisen in Noth, Füge dich, krümme dich meinem Gebot, Biege dich, schmiege dich, Eisen so roth! Sollst einem Roß an den klingenden Huf, Daß es den Reiter in Wettern Trage dahin, wenn des Heerhorns Ruf Bläst zum Sturme mit Schmettern. Sause, brause, Wind in Flammen, Eisen glühe, Funken sprühe, Hammer, Hammer, schmeiß zusammen!     Schmied, schlage hierher! Mit Gunst zum Dritten! Eisen in Noth, Füge dich, krümme dich meinem Gebot, Biege dich, schmiege dich, Eisen so roth! Werde zur Spitze an Lanze und Speer, Fordre den Feind in die Schranken, Schlage ihm Wunden, blutig und schwer, Ohne im Sattel zu wanken. Sause, brause, Wind in Flammen, Eisen glühe, Funken sprühe, Hammer, Hammer, schmeiß zusammen!     Schmied, schlage hierher! Mit Gunst zum Letzten! Eisen in Noth, Füge dich, krümme dich meinem Gebot, Biege dich, schmiege dich, Eisen so roth! Lege dich fest um mein jammerndes Herz Und umpanzre sein Klopfen, Drück es in Stücken, gefühlloses Erz, Laß nicht heraus einen Tropfen. Sause, brause, Wind in Flammen, Eisen glühe, Funken sprühe, Hammer, Hammer, schmeiß zusammen!     Schmied, schlage hierher!«                       Eingeschlossen in den Häusern Auf Befehl gestrengen Rathes Waren für die sieben Nächte Hameln's sämtliche Bewohner. Aber war es auch verboten, Thür und Fenster nur zu öffnen, In den Zimmern Licht zu haben, Oder selbst Geräusch zu machen, – Auch die Ohren zu verstopfen, Konnte doch den guten Leuten Nicht vom Rath befohlen werden; Folglich hörten sie allnächtig Jene fremden Sangesweisen, Und die angeborne Neugier, Stärker noch als Furcht und Grauen, Trieb wohl manche Evastochter An das kleine dunkle Fenster. Doch zu kostbar noch den Meisten War durchsichtig Glas, man half sich Mit Papier, in Öl getränket, Oder dünn geschabtem Horne Und Marienglas, das spärlich Licht wohl in die Räume einließ, Doch den Blick nach außen hemmte. Dennoch ward es balde ruchbar, Was der Rath für Absicht hatte Mit dem fraglichen Verbote, Und vor Ablauf noch der Sperre Kam der Handel mit dem Spielmann Punkt für Punkt und ausgeschmückt noch Mit manch fabelhaftem Zusatz, Nur zu gern geglaubt, zu Tage. Erst geflüstert ging die Kunde Heimlich um, dann laut und lauter Ward gekritzelt und gescholten Auf das nur zu sattelfeste Regiment der Stadtgeschlechter. »Hundert Mark! ist es zu glauben? Hundert Mark in gutem Silber Einem hergelauf'nen Fremden, Fahrenden und Rattenfänger! Haben sie's so dick da oben, Daß sie es mit vollen Händen Sinnlos auf die Gasse werfen? Und die Schosse und Gefälle Wachsen doch mit jedem Jahre, – Ist 'ne Wirthschaft auf dem Rathhaus! Müssen doch mal revidiren, Ob sie voll, ob leer die Kasten, Und der Vierundzwanz'ger Umstand Hielt wohl lange keine Sitzung; Steneken, der Rechenmeister, Läßt nicht gerne Zahlen sehen, Und Henricus Hogeherte Ist zu lange schon im Amte, Fühlt sich gar zu groß und sicher, Schatzt und plündert uns den Beutel, Doch er selbst lebt wie ein Reichsfürst; Und nun gar der Bürgermeister Denkt wohl auch, er sei der Kaiser, Seit die Ebersteiner Grafen Die Vogtei nicht mehr verwalten; Mit dem Schwalenberger scheint er Sehr auf gutem Fuß zu stehen, Der kehrt immer ein beim Alten, Und wenn er dann wieder reitet, Ist ein Lächeln das und Nicken Und ein ewig Händeschütteln, – Möchten wissen, ob der Handdruck Nicht vergoldet ist zuweilen.« Also klang es auf den Gassen Und im Krug und in der Werkstatt, Und daheim bei seiner Hausfrau Nahm kein Blatt vorn Mund der Meister »Die paar Mäuse, meint er unwirsch, Waren auch wohl so zu kriegen, Ohne daß ein Abenteurich Uns den Beutel leichter machte.« »Die paar Mäuse! so! du merkst nicht, Was uns die paar Mäuse kosten, 's ist ein Glück, daß uns der Fremde Von dem Ungeziefer frei macht; Kleinigkeit die hundert Mark Gegen all den großen Schaden, Den uns die paar Mäuse stiften, Die ihr selbst doch nicht für tausend, Nicht für zehnmal tausend wegfangt!« Hielt so Widerpart die Meistrin, Sprach noch mehr gereizt der Meister: »Ja natürlich! du vertheidigst Noch den unverschämten Herrich, Hat er doch euch losen Weibern Mit dem übermüth'gen Singen Schon den Kopf verdreht, daß alle Ihr ihm nachlauft, wenn er aufspielt. Wär' er mit des Königs Frieden Nicht in unsrer Stadt, so kämen Wir dem Fiedler an den Kragen, Doch gieb Acht! Die Zünfte steigen Ihm und dem wohledlen Rathe Ganz gewaltig auf das Dach noch.« Hieß es aber so am Herde, Ging's noch anders auf den Stuben, Wenn sie um die offne Lade In der Morgensprache saßen. Bald von dieser, bald von jener Innung rief der jüngste Meister Zum Gebot die Handwerksbrüder, Die sich dann mit wüsten Reden Auf das Äußerste erhitzten. Doch nach manchem Hin und Wieder Kamen endlich sie zusammen Zu gemeinsamer Berathung In der Metzger großem Zunfthaus Und den Vorsitz im Convente Führte Ludwig Wendehake, Oldermann der Brauergilde. Keinem Andern mocht' es glücken Die aufsässigen Parteien Unter einen Hut zu bringen Und den Eigensinn zu bänd'gen, Der in jedem Einzlen spukte, Als dem Brauer; doch sein Reichthum, Seine Thatkraft auch und Klugheit Schafften ihm beim Volke Ansehn Und Vertrau'n. Was sein war, hatt' er Mit der Arbeit Fleiß erworben; Ging er wohl am Feierabend, Mit bedächtig weiten Schritten Seinen Riesenkörper tragend, So durch seine Hopfenfelder, Kannt' er Gott nur und den Kaiser Über sich; Worthalter war er In der Vierundzwanz'ger Umstand, Und dem Amt war er gewachsen. Zünfte und Geschlechter standen Gar zu häufig auf dem Kriegsfuß Mit einander, und da war es Meister Ludwig Wendehake, Der dann den Vermittler spielte Balde wie ein Bär so grimmig, Balde wie ein Fuchs behutsam. Wachte er auch eifersüchtig Über zünftlerischer Freiheit, That er doch in seinem Ehrgeiz Gerne auch dem Rathe wieder Manchen wichtigen Gefallen, Wenn's drauf ankam, bei den Bürgern Durch sein Wort und seinen Einfluß Irgend etwas durchzusetzen. Wohl erkannt' er die Gefahren, Die aus der entflammten Wuth Auf den fremden Rattenfänger Und dem langgenährten Unmuth Gegen Rath und Bürgermeister, Denen man Leichtsinn im Haushalt, Übermäß'ge Steuerlasten Und dabei Verschwendung vorwarf, Seiner lieben Stadt erwachsen Und zu offener Empörung, Mord und Totschlag führen konnten. Also stellt' er sich, wie immer, Wenn es galt, nun an die Spitze Der Verschwörung, um die Fäden In der Hand doch zu behalten, Und zumeist auf seinen Antrieb Kam die große Zunftversammlung, Eh's zu spät war, noch zu Stande, Wozu alle Zünfte Hameln's Ihre besten Sprecher sandten Und sich auch noch außer diesen Viele Hudemeister drängten. Der Herr Rathstuhlschreiber aber, Der in Ordnung der Geschäfte Wetteherr war bei den Zünften, Und der deshalb im Convente Gleichfalls hätt' erscheinen müssen, Ließ mit Krankheit sich entschuld'gen. Wulf der Schmied war noch nicht Meister, Weil er unbeweibt, doch lud man Ihn mit ein zu der Berathung; Denn obwohl noch jung an Jahren, War er doch ein ganzer Mann schon, Der im Reich und selbst im Ausland Sich wohl umgesehen hatte, In des Handwerks Kunst und Arbeit Es den besten Meistern gleichthat Und der Schmiede seiner Mutter Seit des Vaters Tode vorstand. Auch ein gutes Mundwerk hatt' er Und, was ihm in diesen Tagen Noch verstärkten Anhang schaffte, Er verrieth in seinen Worten Mehr als Alle Groll und Ingrimm Auf den Rath und ganz besonders Auf den fremden Rattenfänger; Aber Wenige nur kannten Seines Hasses Trieb und Stachel. Leicht ward's nicht dem Meister Brauer, Zucht und Ordnung zu erhalten; Man schrie planlos durcheinander Und die jubelvoll begrüßte Einigkeit kam oft in Frage Und Gefahr des offnen Streites. Einer überbot den Andern Mit den wunderlichsten Plänen, Wie dem Fremden man am besten Stellt' ein Bein und auch dem Rathe. Ging' am gründlichsten zu Leibe Dabei ward an dies' und jener Unbequemen alten Satzung Wenigstens mit groben Worten Stark gerüttelt und gemäkelt; Jede Innung aber suchte, Irgend einen kleinen Vortheil Bei der wünschenswerthen Ändrung Für sich selbst herauszuschlagen, Was die andern wieder, neidisch Auf den Vorzug, ihr nicht gönnten. Alle standen gegen Einen, Einer kämpfte wider Alle, Und die jetzt sich scharf befeindet, Waren wieder schnell verbunden, Wenn's den Dritten galt zu ducken. Schreiner Wurmstich wollte lieber Heut' als morgen aus dem Thore Mit Gewalt den Fremden treiben; Metzger Schrader aber machte Eine Handbewegung, welche Seine Absicht mit dem Spielmann Unzweideutig ließ erkennen. »Der ist stichfest,« rief der Beutler Erich Dolenvoigt, »kein Messer Kann ein Loch in's Fell ihm schneiden.« Schneider Furian schimpfte weidlich Auf den Rath und die Geschlechter, Die sich seiner Scher' und Nadel Freilich selten nur bedienten. Heute schmälte er mal wieder Auf die neue Kleiderordnung; Die müß' aufgehoben werden, Meint' er, und zugleich verordnet, Daß sich kein Bewohner Hameln's Außerhalb, in anderm Orte Ein Gewand verfert'gen lasse. »Fehlt dir wohl an Arbeit, Schneider?« Höhnte Kluckenhahn, der Schuster. »Hast nicht Unrecht, Meister Furian,« Sprach der Kürschner Ramdohr finster, »Mit dem Rauchwerk ist es just so, Daß sie's weither kommen lassen.« »Nichts da! was dem Einen recht ist, Ist dem Andern billig,« murrte Grüderich, der Böttchermeister, »Solchen Übergriff verbiet' ich, Daß der einen Zunft vor andern Hier ein Vorrecht eingeräumt wird.« »Hat der Rath dem Rattenfänger Hundert Mark als Lohn versprochen, Zahl' er's ihm aus eignem Beutel, Doch nicht aus gemeinem Säckel«, Sagte Wetzenstein, der Bäcker. »Ganz und gar auch meine Meinung,« Fuhr der lange Harnischmacher Anton Kesselring dazwischen, »Und es soll der Rath in Zukunft Überhaupt nichts mehr bewill'gen Ohne Anfrag bei dem Umstand.« »So ist's recht! der lange Anton Hat mit seinem Wort den Nagel Grade auf den Kopf getroffen«, Rief der Leineweber Schnabel, Und der ganze Chorus jauchzte: »Recht so, Anton! nichts bewill'gen! Nichts dem Rathe! nichts bewill'gen!« Und wild donnerten die Fäuste Auf den Tisch, die Krüge klappten. »Dazu kommen wir am besten, Rief Joachim Poppendieck, Der den Schnitt und Zapfen hatte, »Wenn wir schärfer Aufsicht führen Und nicht dulden, daß der Rath sich Wieder ohne uns versammle; Von den Vierundzwanzig haben Mindestens drei Meister künftig Jeder Sitzung beizuwohnen, Schlag' ich vor, daß man erfahre, Was sie dort zusammenrühren.« Dieser Antrag schien den Meisten Einzuleuchten; sie versuchten Durch erhöhte Forderungen Ihn noch weiter auszudehnen, Schrie'n sich heiser durcheinander Und verwickelten sich endlich In ein Knäul von Widersprüchen, Daß sie selbst nicht recht mehr wußten, Was sie wollten, und dem Brauer Immer schwieriger es machten, Aus der Spreu des Wortgedresches Einen Kern herauszuschälen. Fischermeister Rögner hielt sich Düster schweigsam in dem Lärme; Von den wen'gen Eingeweihten Hatt' er wegen seiner Tochter Manchem Scheelblick auszuhalten, Und gar Wulf als Jüngster mußte Sich schon mehr gefallen lassen. »Wie denn kommst du zu der Schmarre?« Frug ihn Annecke, der Schlosser, »Bist gezeichnet wie vom Bösen, Riß dich da ein Angelhaken Im Gesichte? wollt'st wohl fischen?« »Schlosser schweig!« sprach Wulf, »hast selbst noch Einen Kerb bei mir am Rabisch, Komm mir nicht an meinen Amboß, Schlosserarbeit ist am Schraubstock, Weißt doch, was man Bönhas nennet?« »Alle miteinander still jetzt!« Rief mit seiner Paukenstimme Wendehake, und sie schwiegen. »Hört den Antrag jetzt ihr Meister! Wir verlangen eine Sitzung Mit der Vierundzwanz'ger Umstand, Wie es im Donat verbrieft ist, Und wir wollen, daß die Löhnung Man nicht zahlt dem Rattenfänger Ohne Zustimmung des Umstands; Wir verlangen ferner kürzlich, Daß man eine Rechnung auflegt Von der Stadt gemeinem Säckel. Übrigens verweigern Zünfte Jeden Dienst der Stadt und werden Eh' nicht Schoß und Losung zahlen, Bis die Rechnung revidirt ist. Wird die Fordrung abgewiesen, Wollen wir mit eigner Macht uns In Besitz der Schlüssel setzen Und den Rath vom Stuhle stoßen.« Lärm und Jubel ohne Maßen Folgte auf den kühnen Antrag, Und das Los berief drei Meister, Ihn dem Rathe zu verkünden. So ward heller Sturm geläutet. Weiß nun nicht, wie's im Gewissen Und im Buch des Rathes aussah. Wenn Herr Wichard unterdessen Manche schwere Stunde hatte, War's nicht Schuld, die ihn bedrückte; Doch er liebte Ruh und Frieden In der Bürgerschaft, es kam ihm Ungelegen solche Zwietracht, Und er sorgte um den Eidam. Hameln's Schirmvogt, wer auch immer Dieses hohe Amt bekleidet, War in Fehden oft verwickelt, Und die Stadt war mit den Bürgern Dann allein sich überlassen, Sich den Feind von ihren Mauern Ohne Zuzug abzuwehren. Deshalb plante man im Rathe, Hameln besser zu befest'gen, In der Stadt Umwallung Thürme, Unersteigbar hoch mit Zinnen, Und ein Wighaus mit Wimpergen Fest und sturmfrei aufzuführen. Heribert de Sunneborne Sollt' als Architekt des Rathes Diese starken Werke bauen. Wenn des Schwiegersohns Bestallung War vom Rathe erst vollzogen, Wollte ihm der Bürgermeister In die Eh' die Tochter geben, Doch schon für die nächste Woche War die Lautmerung beschlossen. Alles dies erwog im Geiste Hameln's wackrer Bürgermeister, Und der Aufruhr in den Zünften Kreuzte nun die schönen Pläne. Fast gereute ihn des Paktes Mit dem fremden Rattenfänger, Denn dies war der erste Funken, Draus die Flammen aufgeschlagen. »Wenn's ihm nicht gelungen wäre,« Dacht' er, »wenn noch eine Ratte, Nur ein einzig winzig Mäuslein Noch am Leben wär', vielleicht dann Ließ der Spielmann mit sich handeln.« Er versank in düstres Grübeln, Selbst der edle Bacharacher Konnte ihn nicht mehr erheitern. Eines Abends in der Dämmrung Ging er hin zum Oldermanne Wendehake, doch was Beide Hier verhandelt, blieb Geheimniß. Auch die beiden Stillverlobten, Heribertus und Regina, Fürchteten für ihres Glückes Einkehr unwillkommnen Aufschub. Aber mehr als diese schwebte Gertrud noch in Herzensängsten, Denn der Männer Haß auf Hunold Blieb nicht lange ihr verborgen, Sie war überzeugt, der Feinde Böser Will' und Trachten wäre, Aus dem Wege ihn zu räumen, Und er sei mit blut'gem Anschlag Stets und überall verfolgt schon. Als er abends kam zur Laube, Warf sie sich mit heißen Thränen An die Brust ihm und erzählte, Was ihm selbst schon kein Geheimniß, Denn der Wirth im braunen Hirsche Hatte ehrlich ihn gewarnet, Und die drohend finstern Blicke, Die ihn auf der Gasse trafen, Und manch nachgerufnes Schimpfwort Ließen über seine Lage Den Erfahrnen nicht in Zweifel; Doch nicht an so Schlimmes dacht' er, Wie es Gertrud sah vor Augen. Sie beschwor ihn hoch und theuer, Mit ihr aus der Stadt zu fliehen: »Bist nicht deines Lebens sicher,« Rief sie zitternd, »und ich weiß nicht, Ob ich morgen noch dich lebend Wieder kann in Armen halten; Laß uns nächste Nacht entfliehen! Mit des Vaters Nachen werd' ich Gegen Abend übersetzen Übern Weserstrom und drüben In des Ufers hohem Röhricht Bis zur Dunkelheit mich bergen, Bis du kommst, mich abzuholen.« »Liebchen, nein!« sprach Hunold zärtlich Aber fest, »nicht fliehen werd' ich, Eh' mein Handel mit dem Rathe Abgemacht ist und erfüllet. Mit des Königs Frieden weil' ich In der Stadt hier, wohl beschirmt, Zu den Heil'gen ist's geschworen, Und der Rath muß mich beschützen.« »Kann er's denn?« rief Gertrud ängstlich, »Kann er denn vor Messerstößen, Wenn dich Zwei, Drei überfallen Abends auf der Gass' im Dunkeln, Dich beschützen? was dann nützt es, Wenn er auch die Mörder – Hunold! Ach! nicht auszusprechen wag' ich's.« »So weit ist es noch nicht, Gertrud,« Sagte Hunold, »und die Hunde, Die am lautesten grad' bellen, Beißen nicht.« So halb mit Scherzen, Halb mit ernstem Trost und Zuspruch Sucht' er, ihr die Furcht zu nehmen. Es gelang ihm ohne Mühe; Sie vergaß in seiner Liebe Alles Andre bald, doch als er Schied, da horchte sie noch lange In die Nacht hinein, ob sie nicht Seinen Hilferuf vernehme Ob er auch unangefochten In die Herberg wohl gelangte. Und als Alles still blieb, schlich sie In ihr Kämmerlein und schloß in Ihr Gebet den Heißgeliebten.             Sorglos in der Kemenate Saß Regina einst am Wocken, Spann vom Flachse glatte Fäden Und Gedanken an den Liebsten, Als an allen Gliedern zitternd, Ohne Athem Dorothea Plötzlich in das Zimmer stürzte, Auf den Stuhl sank, schrie und ächzte: »Alle Heil'gen! alle Heil'gen! Kind, ach Gott! ich bin des Todes! Drunt im Keller – grauslich Wunder! Alle Heil'gen! alle Heil'gen!« Dann versagte ihr die Stimme, Und sie schnappte Luft und stöhnte. Aufgesprungen war Regina, Riß vom Schaff ein Maygollin, Füllt' es schnell mit starkem Würzwein, Der mit Pfeffer, Zimt und Näglein Und Muskatnuß auch versetzt war, Hielt's der Alten an die Lippen Und sprach: »Schlucke, liebe Alte, Stärke dich und dann erzähle.« »Ach du lieber Himmel! Kindchen,« Hauchte Dorothea zitternd, Daß das Krüglein in der Hand ihr Mit dem Würzwein bebt' und schwappte, »Unten in dem Keller hab' ich Jetzt den bösen Geist gesehen; Eine Ratte mit fünf Köpfen Und wohl an die hundert Beinen, Wie ein Wagenrad an Größe, Schnob mich an mit Feuerspeien; Glaube, Kind! das ist der Böse, Der dem Hexenmeister beisteht In dem tagesscheuen Werke, – Ach! ich kann nicht mehr – ich sterbe.« »Altchen! hast dich wohl erschrocken, Komm nur zu dir, solche Geister Gehn nicht um bei hellem Tage, Wollen den Kobold bei Lichte Einmal näher uns betrachten, Komm herab, ich gehe mit dir.« »Kindchen, um des Himmels willen! Wage nicht dein junges Leben, Schick' in's Kloster gleich zum Beichtmönch, Um den Teufel auszutreiben, Ruf', den Lorenz mit der Pike, Nimm das Crucifix zu Händen, Schlag' ein Kreuz und bet' ein Sprüchlein.« Aber ein beherztes Mädchen War Regina, rief den Lorenz, Nahm die Leuchte, und nach langem Weigern, Bitten, Warnen, Flehen Stiegen sie hinab zum Keller. An der Spitze schritt Regina, Kicherte und scherzte neckisch, Doch je tiefer sie herabkam, Um so lauter schlug ihr Herzchen, Und ihr Lachen selbst verstummte. Lorenz stieß mit seiner Pike Fest auf jede Treppenstufe, Als ob's mehr ihm drum zu thun sei, Mit dem lauten Waffenlärme Die Gespenster zu verscheuchen, Als sie kämpfend zu bestehen. Hinterdrein schlich, zähneklappernd Einen kräft'gen Segen murmelnd Und sich kreuz'gend, Dorothea. So kam an das tapfre Kleeblatt, Und Regina hob die Leuchte An der Schwelle schon des Kellers, Daß der Raum war hell beschienen. Ja, – wahrhaftig! da! da kroch es Langsam hin entlang der Mauer, Regte zappelnd zwanzig Füße, Hinten, vorne, an den Seiten, Hatte ringsum auch fünf Köpfe, Fünf leibhaft'ge Rattenschnauzen, Und in ein verwickelt Knäuel Waren sichtbar alle Schwänze In einander fest verschlungen. »Pik' ihn, Lorenz!« rief Regina, Doch da war es schon verschwunden, Hatte unter dem Gerümpel In die Mauer sich verkrochen. »'s ist der Böse,« sagte Lorenz, »Und der Spielmann steht im Bunde Mit dem Satan, 's ist kein Zweifel.« »Sagt' ich's denn nicht gleich, Reginchen?« Rief die Alte, »siehst du, Kindchen, Siehst du! wolltest mich verspotten Und bist auch nun blaß geworden; Soll ich dir ein Tränklein brauen? Hänge dir ein Kräutersäckchen Auf die Herzgrub', daß der Schrecken Sich nicht in's Geblüt dir schlage.« Doch Regina ging zum Vater, Ihm das seltne Stück zu melden. Hochauf horchte da Herr Wichard, Und statt mächtig zu erstaunen, Sank er in ein tiefes Sinnen, Schwieg und lächelte und nickte. Endlich sprach er: »Seid ihr sicher, Daß ihr richtig auch gesehen, Euch ein Blendwerk nicht getrogen?« »Vater, wie ich Euch hier sehe, Sah ich es mit diesen Augen, Will's bei allen Heil'gen schwören.« »Dazu kann es vielleicht kommen,« Sprach Herr Wichard, »seid verschwiegen Von dem Fall und übermorgen Haltet euch bereit, zu Rathhaus In der allgemeinen Sitzung, Die ich auf der Zünfte Antrag Anberaumte, zu erscheinen Und das Märlein zu erzählen.« Sprach's und schritt vergnügt zum Schreine, Drin der Bacharacher hauste, Schenkte einen vollen Schauer Sich zum Trost und trank bedächtig: »Spielmann! Spielmann! mich will dünken, Hast noch nicht die hundert Mark Hamelenscher Witt' und Wichte.« Schön Regina kam zur Alten: »Dort'chen, sprach sie, »Vater wurde Ganz vergnügt bei meiner Märe, Sagt, wir sollen's heimlich halten, Keinem Menschen davon sagen Und bereit sein, übermorgen In der Sitzung auf dem Rathhaus Die Geschichte zu erzählen.« »Ich kann schweigen!« sprach die Gute, »Aber Eines, Kindchen, sag' ich, Daß der Vater gar gelächelt Zu der schrecklichen Geschichte, Das hat etwas zu bedeuten, Gieb mal Acht, ob ich nicht Recht hab', Das hat etwas zu bedeuten!« Dorothea ging zum Garten, Wäsche auf den Zaun zu hängen, Und im Nachbargarten harkte Welkes Laub »des Rathes Amme« Wie der weisen Frauen Hameln's Weiseste den Titel führte. »Frau Gevattrin, ein paar Worte!« Rief hinüber Dorothea, »Habt ihr Ratten noch im Keller? Nein? gewiß nicht? ach! wie glücklich Seid Ihr! – ob wir welche haben? Nein! das sag' ich nicht, bewahre! Aber 's ist 'ne eigne Sache, Seht Ihr, – wenn ich reden dürfte, – Aber nein! – o ich kann schweigen! – Frau Gevattrin wollt Ihr's keiner, Keiner Menschenseele sagen? Denkt Euch –« und nun aufgezogen Ward die Schleuse ihrer Rede Und das ganze Abenteuer In der weisen Frau verschwieg'nen, Treuen Busen ausgeschüttet. Man versprach sich nochmal Schweigen, Und dann schied man von einander. Dorothea, sehr erleichtert Nach der glücklichen Entbindung, Eilte spornstreichs in die Küche. Die Frau Nachbarin ließ aber Laub und Harke schnell im Stiche, Lief hinüber zur Frau Base, Trat mit raschem Gruß in's Stübchen: »Frau Gevattrin, ein paar Worte! Habt Ihr Ratten noch im Keller?« Nun schon fünfzehn aus den fünfen Jungfer Dorothea's wurden Und noch grauslicher die Schildrung. So gevatterte das weiter, Und die halbe Stadt bald wußte, In des Bürgermeisters Keller Sitzt der Satan in Gestalt Eines ries'gen Rattenknäuels Mit unendlich vielen Beinen, Hundert Köpfen, tausend Schwänzen, Wahren Elephantenzähnen, Feuerrädern statt der Augen Und gewalt'gen Tigerkrallen. Allen war es ohne Zweifel, Daß das Ungethüm der Böse, Dem der Fiedler sich verschworen, Daß mit seinem Höllenzwange Er beim Rattenfang ihm beisteh'. Wenigstens die altern Weiber Hatten das unwiderleglich Festgestellt, doch bei den jüngern Hatte der gewandte Spielmann Einen Stein im Brett, sie glaubten Nicht so leicht an's Teufelsbündniß. Auch noch andre Freunde hatt' er In der Stadt; die muntern Kinder Hingen sich an ihn, wo immer Er sich blicken ließ, und folgten Lärmend ihm in hellen Haufen Durch die Gassen, schrie'n und baten: »Bundting, Bundting, blas' ein Stücklein!« Also nannten sie den Spielmann, Weil er manchmal statt in dunkler In ganz bunter Tracht einherging. Meist auch that er ihnen willig Den Gefallen, und sie lernten Bald von ihm die leichten Weisen, Sangen gern sie und marschirten Nach dem Takte seiner Pfeife. Ja, sie paßten auf den Weg ihm, Und wenn er vom Berg zurückkam, Standen sie schon vor dem Thore, Liefen jauchzend, freudestrahlend Ihm entgegen, und dann zogen Sie mit Sang und Klang zur Schenke, Bis ihr Liebling durch die Thüre Nun verschwand, sie freundlich grüßend. Ungern litten es die Eltern, Sahn verdrießlich aus den Häusern, Wenn der laute Schwarm vorbeizog, Doch Verbote und selbst Strafen Halfen wenig; ihren Kindern War der liebe, lust'ge Sänger Schnell an's junge Herz gewachsen.                     Welch' Gedränge vor dem Rathhaus! Schulter standen sie an Schulter Auf dem Marktplatz, Männer, Weiber, Junge Burschen, muntre Dirnen; Die Trabanten hatten Mühe, Ein Gasse frei zu halten Für die Herrn vom Rath und Umstand, Die daher mit sehr verschiednem Vorgefühl zur Sitzung kamen. Wie die Stille vorm Gewitter Lag's auf der vielköpf'gen Menge, Nur ein halbgedämpftes Brausen Von Gemurmel und Geflüster War in weitem Kreis vernehmbar. Manchmal aus den einzeln Gruppen Drang hervor ein lauter Wortstreit, Wenn mit heftigen Gebärden Einer von den Zünftlern suchte, Seine Meinung zu verfechten; Eine helle Lache tönte Wieder von der andern Seite, Und des Schneiders Furian Stimme Hörte man von ferne krähen. Kam nun einer von den Rathsherrn, Einer von den Stadtgeschlechtern, Lüpfte in den vordern Reihen Mancher höflich seine Mütze, Doch dahinter gab's dann wieder Manche scharfe Stichelrede, Von Gelächter stets begleitet, Und das Scheltwort »Fladenfresser« Fiel dem edlen Rath zum Hohne. Aber kam ein Hudemeister, Von den Vierundzwanzig Einer, Streckten sich ihm Händ' entgegen, Und es fehlte nicht an Zuruf: »Haltet fest! laßt Euch nicht kirren! Immer Daumen auf den Beutel! Laßt Euch nicht zum Narren haben! Gebt es ihnen! redet, Meister, Von der Leber frisch herunter, Wir sind All' auf Eurer Seite!« Jetzt sprang Wulf auf einen Eckstein: »Brüder!« rief er, »werthe Männer! Nieder mit dem Rattenfänger!« Und die argen Worte fanden Stürmisch Echo und Gejohle. »Bringt ein Hurra auf die Zünfte!« Und nun hurra! hurra! klang es Brüllend, brausend übern Markt hin Von dem einen End' zum andern, »Wollt ihr Heil dem Rath! auch rufen?« Nur ein wieherndes Gelächter War die Antwort, und vom Steine Sprang der kecke Schmied herunter Grade auf den Rathstuhlschreiber, Der im Augenblick vorbeikam. »Gottes Blut!« schrie Ethelerus, »Mensch, wo habt Ihr denn die Augen!?« »That's denn weh, Herr Secretarius? Freut mich, – daß Ihr wieder munter,« Sprach mit übermüth'gem Spotte Wulf, »doch gebt den Tritt nur weiter Oben in dem Rathhaussaale, Sagt, es wär' ein Gruß der Zünfte!« Und schon wieder auf des Rathes Und des Rathstuhlschreibers Kosten Ward gelacht im nächsten Umkreis. In des Amtes Schmuck und Würde, Ihm voran zwei Stadttrabanten, Nahte jetzt der Bürgermeister; Fest und ruhig schritt Herr Wichard Wie ein Mann, der seiner Sache Sicher, keinen Gegner fürchtet. Stille ward es, Niemand fand sich, Ihn mit einem Wort zu kränken. Die Trabanten präsentirten, Und er stieg empor die Stufen. Jetzt kam Hunold; wie ein Sieger Ließ er kalt und stolz die Blicke Durch die bunte Menge schweifen', Die er musterte, wie wenn er Unter Allen Einen suchte. Ob sie auch mit lautem Pfeifen Ihn empfingen, keine Miene Regte sich in seinem Antlitz, Keinen Fuß auch setzt' er schneller Vor den andern; Niemand wagte, Gegen ihn die Hand zu heben; Wie ein Herrschender bezwang sie Seine Haltung und sein Auge; Haß und Furcht umgab den Fremden, Doch im knappgeschnürten Mieder Schlug manch Mädchenherz ihm sehnend. War das wirklich nur ein Spielmann, Der allein die Rathhaustreppe Wie ein Fürst und Held emporstieg Und die erzbeschlagne Thüre Donnernd hinter sich in's Schloß warf? Oben schon im Saal geordnet Nach dem Rang und alten Brauche Auf den hochgelehnten Stühlen Saßen Rath und Bürgermeister; Auf dem Tisch lag der Donat, Hameln's codex statutorum , Und die Vierundzwanzig standen Gegenüber weit im Bogen; Mitten in den Kreis trat Hunold. Als die Sitzung dann eröffnet, Sprach der Bürgermeister also: »Ehrenfeste und Fürsicht'ge, Günst'ge, liebe Herrn Collegae Und der Stadt getreue Bürger Von der Vierundzwanz'ger Umstand! Eh' wir Antrag und Beschwerden Unsrer treuen Zünfte prüfen, Laßt uns dieses Mannes Sache Kurzer Hand zum Austrag bringen.« »Gebt mir's Wort, Herr Bürgermeister!« Rief der Brauer Wendehake. »Sollt es haben, doch zuvörderst Laßt den Fremden selber reden. Hunold Singuf, was begehrt Ihr?« »Edler Herr,« begann der Spielmann, »Meinen freundlichen und will'gen Dienst und Gruß zuvor Euch Allen! Ihr erinnert euch des Paktes, Den vor Wochen Eure Weisheit Mit wohledlen Rathes Beistand Unter städt'schem Brief und Siegel Feierlich mit mir geschlossen. Meinerseits ist er erfüllet; Ich befreit' Euch von der Plage, Die das leid'ge Ungeziefer Euch schon Jahre lang bereitet; Todt sind alle Langgeschwänzten, Keine Maus und keine Ratte Giebt es mehr in Hameln's Mauern, Und ich komme, meinen Sold mir, Den bedungnen auszubitten.« Tiefes Schweigen herrscht' im Saale. »Singuf«, nahm das Wort Herr Wichard, »Seid Ihr sicher, daß sie alle, Alle todt, die Langgeschwänzten? Daß nicht eine sich gerettet?« »Herr, nicht eine! sicher bin ich, Fragt die Lachse in der Weser, Welche feiste Atzung jüngst ich Den Gefräßigen bescheret In den monderhellten Nächten.« Hu! die Lachse! in die Glieder Fuhr's den Rathsherrn, und ein Schütteln Ging da plötzlich durch die Reihen; Lachse hatten sie ja gestern Bei dem frohen Schmaus des Probstes Noch gegessen, und die waren Ungewöhnlich fett gewesen. Jetzt nun wollte sich der Magen Ihnen schier vor Ekel wenden, Dachten sie, womit die Lachse, Die sie speisten, sich gemästet; Spielmann, jetzt hast du verspielet! Der jedoch sprach ruhig weiter: »Habe keinen Eideshelfer, Doch ich nehm's auf mein Gewissen, Diese Hand mit diesem Dolche Hat das Herz der letzten Ratte Scharf und ohne Fehl durchstochen. Könnt Ihr mir nicht Maus noch Ratte Heute mehr lebendig zeigen, Gilt der Pakt von mir erfüllet, Und ich fordre meine Zahlung.« »Stadtknecht, führt herein die Zeugen Meine Tochter, die Regina, Dorothea und den Lorenz.« Lächelnd sprach's der Bürgermeister, Und herein zum Saale traten Vor die Schranke jetzt Regina, Hoch erröthend und die Wimpern Tief gesenkt, sich still verneigend, Dorothea, ängstlich knixend, Und auch Lorenz, sehr verlegen. Diese also ist es, dachte Hunold, als ihm gegenüber Nun Regina stand, von welcher Dort im Wald die Tauben girrten, Des Herrn Steinmetz stolze Liebste! Seine Blicke ruhten lange Sinnend auf der schönen Jungfrau, Und im Saale stieg die Spannung Höher noch auf jedem Antlitz. »Mann, ich stell' Euch hier drei Zeugen«, Sprach Herr Wichard, »und behaupte: Nicht sind todt schon alle Ratten; Eine lebt noch oder fünfe, Wenn's der Böse nicht gewesen, Der mit Euch im schlimmen Bunde, Und den diese Zeugen sahen, Und das Eine wie das Andre Wär' für Euch von schlimmer Deutung. Dorothea, sprich die Wahrheit, Da du es zuerst gesehen, Aber bitte! kurz und bündig.« »Ach Gestrengen! Euer Weisheit Kann ich nicht genug betheuern, Wie mir's alle Glieder lähmet, Wenn ich nur daran gedenke«, Sprach die gute Alte zitternd; »Rechter Hand in unserm Keller, Grade bei dem Zuber, drin ich Eingepökeltes zum Winter Aufbewahre und oft nachseh', Um mit frischer Sole Bötel, Ribbespeer und Speck und Eisbein Regelmäßig zu begießen, Da – da saß es dicht am Zuber Wie ein Wagenrad an Umfang, Hatte an die zwanzig Köpfe, Richt'ge, spitze Rattenköpfe, Hundert Beine, und die Schwänze Waren all' in dickem Knäuel Wie ein Knoten fest verschlungen, Sah mich an mit Feueraugen, Fauchte auf mich los und zischte, Fletschte Zähne, hob die Krallen, Wüthend auf mich los zu fahren, Wär' ich nicht in Eil' entflohen.« »Ja so ist es,« sprach Regina, »Doch ich zählte nur fünf Köpfe, Mir ist's anders nicht erschienen, Als wenn fünf gemeine Ratten, Jede mit dem Kopf nach außen, Sich im Kreis zusammen stellen.« »Als ich mit der Pike zukam, Um's zu spießen,« sagte Lorenz, »Da entwich es und kroch fürbaß Wie 'ne große, garst'ge Spinne.« »Also das ist's!« lachte Hunold; »Ihr wohledlen, weisen Herren, Diesmal war's noch nicht der Böse. 's ist ein echter Rattenkönig; Festgewachsen aneinander Bei den kleinen nackten Jungen Sind die Schwänzlein schon im Neste, Können nicht mehr auseinander, Müssen so ihr ganzes Leben Wie an meiner Hand die Finger Immer fest zusammen bleiben. So ein armer Rattenkönig Kann sich langsam nur bewegen, Muß vom Mitleid sich der Andern Lebenslänglich füttern lassen, Kann nicht wie ein Rattenjüngling Aus dem Kellerloche springen. Als die andern Ratten alle Nun durch mich vernichtet waren, Trieb ihn Hunger aus dem Loche. Ihm auch hätt' ich leichter Mühe Den Garaus gemacht und hätt' ihn In der letzten Nacht getödtet, Wenn nicht gegen unsre Abkunft – Jetzt erhebe ich die Klage – In der siebenten der Nächte Mir ein Unbekannter böslich In den Weg getreten wäre, Der des Zaubers Kraft mir störte; Sucht ihn nur, im raschen Streite Hab' ich kenntlich ihn gezeichnet. Lasset mich, Herr Bürgermeister, Eine Nacht in Euren Keller, Ich gelob' Euch: mit dem Frühroth Bring' ich Euch den Rattenkönig, Wie er leibt und lebt, gefangen, Könnt dann über ihn beschließen, Welche Todesart dem Fünfling Ihr verhänget, ob die Lachse Ihn zum Imbiß haben sollen, Oder ob ich ihn an's Hofthor Soll Euch zum Gedächtniß nageln. Gültig aber bleibt der Handel, Holt hervor Eu'r kupfern Zahlbrett Und die hundert Mark bezahlt mir Hamelenscher Witt' und Wichte. Jetzt auch nenn' ich jene Klausel Die geheime Fordrung, wißt Ihr, Die ich mir im Brief bedungen, Die ich aber damals selber Noch nicht anzugeben wußte: Von den frischen, rothen Lippen Eures Töchterleins Regina Fordr' ich einen Kuß als Badgeld.« »Unverschämter!« rief Herr Wichard, »Keinen Albus sollt Ihr haben, Wenn Ihr meint, Ihr könntet straflos Rath und Bürgerschaft verhöhnen Und ein ehrbar züchtig Mädchen Frech in's Angesicht beleid'gen; Hier liegt Euer Brief zerrissen, Und im Keller sitzt die Ratte; Habt den Pakt uns nicht erfüllet, Fahrt zum Teufel! wir sind fertig!« Aus der Vierundzwanz'ger Reihen Tönte Jubelruf und Beifall. »Ha! Ihr tapfern Zünfte«, lachte Zornroth Hunold, »Ihr erkanntet Im verzwickten Rattenkönig Wohl Eu'r Ebenbild zu deutlich?« Drohend Murren war die Antwort, Und es ballten sich die Fäuste. »Euch, Herr Gruwelholt, zu kränken, Sprach er weiter, »lag mir ferne; Was in Ehren ich gefordert, Kann in Ehren mir auch werden; Wird mir's auch so abgestritten Wie der Sold für meine Arbeit, So verfahrt nach Macht und Möge. Euren Rattenkönig tilg' ich Aus dem Leben noch trotz Eurer, Weil ich mal mein Wort gegeben, Und in Eurer Stadt verweilen Werd' ich ferner nach Belieben.« Also Hunold; stolz sich neigend Kehrte er dem Rath den Rücken, Schritt zum Saal hinaus und schlüpfte Durch das kleine Hinterpförtchen Aus dem Rathhaus auf die Gasse, Wandte sich zum nächsten Thore Und stieg dann empor den Basberg. Auf dem Rathhaus war der Umstand Mit der Wendung ganz zufrieden. Eitelkeit und Schadenfreude Kitzelten die braven Zünftler, Daß durch ihren Druck erreicht war, Jenen Fahrenden zu prellen, Geld zu sparen und dem Rathe Ihre Macht gezeigt zu haben. Diese Anwandlung benutzte Wendehake rasch zur Schwenkung. Während Unruh und Entrüstung Sich des Rathes noch bemächtigt, Machte er den Vierundzwanzig Ihre Lage klar und zeigte, Angesichts der sehr entschloßnen Haltung ihres Bürgermeisters, Die sehr dringende Besorgniß, Ob sie bei der überstürzten Zweiten Fordrung ihres Antrags Nicht vielleicht den Kürzern ziehen Und nach ihrem kaum errungnen Siege eine doppelt schwere Niederlage in dem Kampfe Mit dem Rath erleiden würden, Die wohl gar am letzten Ende Ihren alten Privilegien Manchen Stoß versetzen könnte. Das schlug freilich durch, sie steckten Ihre Köpfe nun zusammen, Tuschelten und brummten, nickten Schüttelten und stimmten endlich Ihrem Führer zu mit Seufzen, Denn sie dachten an die draußen. Da erhob sich der Proconsul: »Jetzt zu Euch, Ihr Herrn vom Umstand!« Leise bebte ihm die Stimme, Und wie ein gereizter Löwe Stand er drohend und gewaltig, Aus den Augen sah man's blitzen: Nun mal 'ran! bin just in Stimmung! Höflich nahm das Wort der Brauer: »Edle und großgünst'ge Herren! Nach gepflog'ner Unterredung Ziehen wir der Zünfte Antrag Auf gemeine Rechnungslegung Heut' zurück; in seiner Gilde Wird ein jeder dafür sorgen, Daß man zu der Stadt Verwaltung Allerseits Vertrauen hege Und die Einigkeit in Hameln Zwischen Rath und Bürgerschaft Immerdar erhalten bleibe.« Aus dem Kreis des Rathes jetzo Kam der Beifall, und die Sitzung Ward in allerschönster Eintracht Von Herrn Gruwelholt geschlossen. Einen triumphirend schlauen Und verständnisvollen Blick nur Wechselte der Bürgermeister Schweigend mit dem Oldermanne. Ihrer Klugheit war's gelungen, Eine drohende Empörung, Unabsehbar in den Folgen, Noch im Anfang zu ersticken. Freilich kostet' es ein Opfer, Das man dem erregten Volke Zur Beschwicht'gung bringen mußte. Kürzesten Prozeß drum machte Wichard mit dem Rattenfänger, Stieß ihn jäh aus seinem Rechte, Warf ihn hin der blinden Menge, Die ihn, durch das Zugeständniß Sehr geschmeichelt, gierig auffing. Nun des Brauers Sache war es, Als des Rufers in dem Streite, Das Gefecht hier abzubrechen Und den Frieden herzustellen. So geschah es Zug um Zug, Und ihr Spiel gewannen Beide. Sicher saß der Rath nun wieder Auf den hochgelehnten Stühlen, Glorreich standen da die Zünfte, Und das Opfer war der Spielmann. Auf dem Rückweg von dem Rathhaus, Wo die Herren ja bekanntlich Klüger sind, als auf dem Hinweg, Sah man manchen Hudemeister Von der Vierundzwanz'ger Umstand An der Seite manches Rathsherrn Friedlich im Gespräche wandeln, Und die Menge, die die Neugier Bis zur Stund' am Platz gehalten, Ging auf Wendehake's Zuspruch Ruhig, doch nur halb befriedigt Vom Erfolge, aus einander. Nur die Frauen und die Mädchen Hatten Mitleid mit dem Spielmann, Hätten gern ihn noch gesehen, Nannten hochmuthsvoll Regina, Weil sie ihm den Kuß verweigert. Aber Schneider Furian keifte: »Sagt' ich's nicht? die Rappelköpfe! Reißen's Maul auf in den Stuben, Aber kommt es dann zum Klappen, Duckt sich das und kriecht zu Kreuze, Vierundzwanzig Hasen sind es! Aber das ist nur die Folge, Daß man nicht die rechten Männer Damals in den Umstand wählte!« Dabei schlug er auf die Brust sich. »Schneider;« sprach der Rathstuhlschreiber, »Eßt ja auch wohl gerne Lachse? Sind jetzt fett, fragt nur den Spielmann, Werden auch wohl billig werden; Seht, so hat doch All' sein Gutes, Aber laßt Euch nicht ertappen, Wenn Ihr wieder heimlich angelt.« Hunold warf sich auf dem Basberg In das Gras mit tiefem Unmuth. »Leicht im Liegen sinnt sich List, Heißt's im alten Liede,« sprach er; Innen kocht' es ihm, und brütend Sann er Wette und Vergeltung. »Willst es ihnen zeigen,« knirscht' er, »Ob du nach der Herrn Belieben Mit dir spaßen läßt und spielen; Mögen sie in Teufels Namen Doch ihr lumpig Geld behalten, Doch den Hochmuth will ich brechen. Zwing' ich das Geschlechterfräulein, Schlage ich der ganzen Sippschaft In's Gesicht; sie sollen sehen, Daß die Bürgermeistertochter An den Hals sich wirft dem Spielmann. Bin auf einen Kuß nicht eben Sehr versessen, aber diesen, Diesen grade muß ich haben! Und ich weiß ihn schon zu kriegen, Kann verlocken und verführen Andres noch, als dumme Ratten.« Kam ein Wiedehopf geflogen, Lief im Grase hin und wieder Mit dem Kopfe mit dem Schwanze Wippt' er wie zum Gruß und schnellte Seinen Federbusch nach vorne, Rief dann: »Hup! hup! hup! Herr Spielmann, Wünsch' Euch Glück zum Habedank, Hup! hup! Habedank im Rathhaus! Habt die Ratten brav gefangen, Kriegt doch keinen hup! hup! Heller, Doch Geduld nur! laßt Euch trösten, Habt wohl heute mehr gefangen, Als den alten Rattenkönig. Hup! hup! hup! Herr Heribert Hat nicht Ursach, Euch zu lieben, Denn ich weiß ein Mägdlein sitzen Mit ganz seltsamen Gedanken, Sah heut' in zwei dunkle Augen, Spielmannsaugen, Zauberaugen, Und die liegen ihr im Sinne, Denkt an Euch, Herr Hunold, hup!« In den Wald dann flog der Bunte. »Desto besser! halbe Arbeit!« Sagte Hunold und erhob sich, Schritt in's Dickicht, sucht' und suchte, Bis er fand, was er gebrauchte. Bilsenkraut war's, das er aushob Aus der Erde; mit dem Messer Schnitzt' er aus der starken Wurzel Einen Menschenleib und ritzte Auf die Brust verschlungne Zeichen, Murmelte geheimen Segen Auf's Gebild und steckt' es zu sich. »So, schön Jüngferlein, nun wahr' dich, Wenn du kannst, vor Zaubers Walten! Wird sich bald ein süßes Gift dir In die blauen Adern schleichen, Wirst dein Herzchen pochen hören, Wirst dich heimlich nach mir sehnen, Und ein wonnig heiß Verlangen Wird dir wie ein lüstern Schlänglein Schmeichelnd um den Busen spielen, Hihihi!« so lacht' er teuflisch.                   Mit dem Singen in der Herberg War's nun aus; die Hörer fehlten, Die sich sonst zum Spielmann drängten. Rath und Bürgerschaft von Hameln Waren einig wider Hunold, Denn erreicht war, was sie wünschten: Geld bekam er von der Stadt nicht, Und die Ratten wie die Mäuse Waren sie ja los geworden. In den ersten freien Tagen Athmeten sie auf vom Joche, Doch – so mächtig ist Gewohnheit Lange war's nicht, da begann man Fast die muntern Langgeschwänzten Zu vermissen, denn man hatte Mit den flinken Hausgenossen Sich schon eingelebt, und plötzlich War es nun so still im Hause, Wie wenn eine Schar von Kindern, Die sich lärmend drin getummelt, Ihren alten Spielplatz räumte. Nimmer tanzt' ein kleines Grauchen Durch's Gemach mehr und ergötzte Mit den Männlein, die es machte, In der Einsamkeit die Hausfrau. Auch das Zirpen, Pfeifen, Knuspern, Das sich abends regelmäßig Wie das Heimchen hinterm Herde Ließ vernehmen, war verstummt nun. Alle Feindschaft, aller Schaden, Den die arge Brut gestiftet, War vergessen, und das Ende Eines Kampfs, der Zeit und Mühe Ohne Unterlaß gefordert, Machte eine Lücke fühlbar, Die des Tages Stunden dehnte. Wenig fehlte, daß allmälig Die vom Übel kaum Erlösten Den Gehaßten und Verfolgten Mitleid und Bedauern schenkten. Die geseufzt, geflucht, gelitten, Die sich freu'n und jubeln sollten, Daß sie aller Noth und Drangsal Nun mit einem Schlage ledig, Nahmen's hin wie Wetterwechsel, Dachten nicht daran, dem Manne, Den sie um den Sold betrogen, Nur mit einem Wort zu danken, Und er selbst, der Rattenfänger, War zu stolz, den Dank zu suchen. Es bekümmerte sich Niemand Um den Fahrenden, man traute Ihm nicht recht mehr, und es wurde Mancherlei von ihm gemunkelt, Was doch nicht mit rechten Dingen Zugehn konnte; zwar die Mädchen Zog es nach wie vor zum Sänger, Doch sie durften nicht mehr abends Sich zum braunen Hirsche schleichen, Selbst den Handwerksknechten ward es Von den Meistern jetzt verboten. Hunold war es tief verächtlich, Wie man ihn, den man doch anfangs Fast wie einen Helden ehrte, Nun so jämmerlich im Stich ließ. Doch am meisten wurmt' ihn Eines: Gertrud war ihm unzugänglich; Nicht mehr in der stillen Laube Fand er nächtlich die Geliebte; Streng bewachte sie der Vater, Der gewarnt war und die Tochter Jeden Abend sorglich einschloß. Eine gute Freundin hatte Von dem sonderbaren Badgeld Ihr erzählt, das sich der Fremde Von Regina's Mund erbeten, Und verstand es nicht, daß Gertrud Ihr das gar nicht glauben wollte Und den Spielmannsschwank nicht herzlich Wie sie selbst belachen konnte. Gertrud aber saß und sann, Wußte nicht, was sie von Hunold Denken sollte, wie es möglich, Daß es ihn nach anderm Munde, Als dem ihren, noch gelüste. Recht wie einen Stich in's Herz Fühlte sie die bittre Kränkung, Und auf das Geschlechterfräulein Kam ihr Eifersucht und Mißgunst. Doch gedachte sie des Schwures, Der ihr seine Treu verbürgte, Schalt sie wieder mit sich selber, Daß an ihres Hunold's Liebe Ihr ein Zweifel kommen konnte; Ihre Angst beschwicht'gend sprach sie: »Ist ein Scherz von ihm gewesen, Hat Regina necken wollen, Weil vorm Rath sie in der Sitzung Wegen jenes Rattenkönigs Gegen ihn als Zeugin auftrat. Aber wie, wenn nun Regina Doch für Ernst den Scherz genommen, Um dem Mann für seine Mühe Wenigstens mit dem erbetnen Kuß zu danken, Rath und Zünfte Durch Gerechtigkeit beschämend? Wär' die endliche Erlösung Von der ungeheuren Plage Mit dem Kuß des schönsten Mädchens Unsrer Stadt zu hoch bezahlet?« So mit Für und Wider quälte Sich in ihrer Liebe Gertrud; Tag und Nacht nicht aus dem Sinne Kam das Badgeld ihr, voll Schwermuth Schlug das Herz ihr zum Ersticken; Ach! und nun von ihm getrennt sein, Ihn nicht sehn, nicht fragen können! Als vergeblich eine Stunde Hunold in der Geisblattlaube Auf sein blondes Lieb gewartet, Ging er in der Nacht verdrossen Zu des Bürgermeisters Wohnung, Schwang sich übern Zaun hinüber In den Garten und drang spürend Bis zum Stamm der alten Linde. Grade vor dem hölzern Trepplein, Das hinauf zur Krone führte, Wo er wußte, daß Regina Tag für Tag darüber hinschritt, Kniet' er nieder, Sprüche murmelnd, Lockerte etwas die Erde Und vergrub den Liebeszauber Den er auf dem Basberg formte Aus des Bilsenkrautes Wurzel. Sorglich jede Spur vertilgend Des geheimnisvollen Werkes Ebnet' er den Weg und streute Trockne Blätter auf die Stätte. Dann vom Garten nach dem Hause Schlich er und hart an der Mauer Niederkauernd blieb er dorten, So lang' ihn der schwarze Schleier Dieser dunklen Nacht bedeckte. Einen andern Rückweg aber Wählte Hunold, als ihn frostig Schüttelte der Hauch des Windes, Der des Tages Nah'n verkündet; Durch verschlungne Gassen irrt' er Und kam dann von einer Seite, Wo er ihn noch nie betreten, Unversehens auf den Marktplatz. Jetzt noch wenig Schritte vorwärts, Halt! – im Wege steht ein Andrer. Hunold Singuf war ein Mann, Trug ein festes Herz im Busen, War geübt in Wehr und Waffen; Was hienieden seines Gleichen, Menschlich, sterblich, schreckt' ihn nimmer. Doch was da im Morgengrauen Wie ein riesenhafter Schatten Aus dem Boden vor ihm aufstieg, Machte ihm das Blut gerinnen. Keinen Fuß breit aber wich er, Denn der vielbefahrne Sänger Kannte wohl den finstern Ritter, Der auf vieler Städte Marktplatz Wacht hielt über Recht und Frieden Mit gezücktem Schwert, – den Roland. Eines Mannes Höhe dreifach Überragend stand der Recke Ganz geharnischt, mit dem Handschuh Der das Zeichen war des Marktrechts, Angethan, den Schild am Arme Und das Schwert, das Schwert, das bloße In der unbeugsamen Rechten. Unbedeckten Hauptes war er Wie der Richter, der den Spruch fällt; Auf den Zügen hart und ehern, Die nicht Leid, nicht Liebe kannten, Lag der unerbittlich strenge, Fürchterliche Ernst des Todes. Diese Augen sah'n den Menschen In das Herz hinein und wußten Um die Schuld auch im Gewissen, Wenn die fest verschlossnen Lippen, Die kein Lächeln je bewegte, Wie das Grab auch ewig schwiegen. Um das stumme, starre Holzbild, Angemalt mit rohen Farben, Das mit Geisterschritt wie Einer, Der von jener Welt zurückkehrt, Aus der Nacht hervortrat, schwebten Blutgeruch und Todesschrecken, Und ein Grausen packte Hunold. In dem Dämmerlichte las er Auf dem Ritterschild die Worte: »Freiheit gewähr' ich, Frieden erklär' ich, Recht verbürg' ich, Missethat würg' ich.« Der hier einsam stand, der Roland, Stand an Kaisers Statt und Königs, Der auf Erden höchster Richter. Mit des Königs Frieden weilte Hunold wohlbeschirmt in Hameln, Niemand durfte an dem Fremden Sich vergreifen, wenn er selber Nicht den Frieden brach im Weichbild; Und nun hatt' er ihn gebrochen. Wegen seines leid'gen Zwistes Mit dem Rathe um das Fanggeld Konnt' er ja das Urtheil schelten, Konnte an die Schranne kommen Und um Recht schrei'n vor dem Stuhle; Aber mit Verrätherkünsten An der Unschuld sich zu rächen, War ein Frevel, der unsühnbar Sich ihm auf die Seele wälzte. Eben kam er graden Weges Von der Unthat, schwarz und tückisch Wie die Nacht, die sie verhüllte; Mit des Zaubers Höllenzwange Hatte gegen Leib und Seele Einer schuldlos reinen Jungfrau Er des Teufels Macht beschworen, Ihre Ehre, ihren Frieden, All ihr Glück wohl seinem Grolle Gegen Rath und Stadt zu opfern Und noch andre brave Herzen In unsäglich Leid zu stürzen. Jetzt hier vor ihm stand der Rächer Mit dem blanken Schwert der Rüge, Und die starren Augen bohrten Sich wie Dolche ihm in's Innre. Friedlos war er, nicht zurück mehr Konnt' er über jene Schwelle, Welche zwischen Schuld und Unschuld Scharf wie eines Messers Schneide Sich versteckt im Pfad der Menschen, Und die Viele erst gewahren, Wenn sie hinter ihnen aufblitzt. Aber Hunold war kein Schwächling, Der auf halbem Wege stehn bleibt; Weder Knie noch Nacken beugt' er Und nahm voll und willig auf sich, Was die That, die rasch beschlossen, Rascher noch vollführt, ihm auflud. Daß es ihn auch, den Verschlagnen, Kühnen eisig überlaufen, Als er just auf diesem Gange Unvermuthet auf den Roland Grade stieß, – war's zu verwundern? Nur zu gut kannt' er den Blutbann, Dachte an die scharfe Frage, An Gericht und Gottesurtheil Und an das Gekrächz der Raben Von der Eiche auf dem Basberg. Nach dem ersten herben Schrecken, Den wohl halb der rasche Anblick, Halb im Morgengrau'n das Frösteln Unwillkürlich ihm erzeugte, Kam der alte Trotz ihm wieder. Mit verschränkten Armen stellt' er Sich dem Roland gegenüber, Sah ihm in's Gesicht und sagte: »Du standst dort, eh' ich geboren, Wirst noch stehn, wenn ich verscharrt bin, Aber jetzt auf meinen Knochen, Mann von Holz, steh' ich noch selber, Und so wenig meine Fiedel Dich zum Tanzen bringt, so wenig Bringt dein Schwert mich um mein Leben; Steh' nur, steh' und droh' und schweige, Ich, ich geh' und sing' und liebe.« Da – Entsetzen! auf dem Haupte Hunold's sträubte jedes Haar sich, – Roland drohte mit dem Schwerte. Deutlich sah er's sich bewegen, Keine Sinnestäuschung war es, Grade auf ihn nieder zuckt' es, Stand dann wieder unbeweglich. Nur ein Windstoß war's gewesen, Der die rost'ge Eisenklinge In der plumpen Hand des Ritters, Wo in der gehöhlten Faust sie Lose steckte, schwanken machte. Hast'gen Schrittes wankte Hunold Durch die Gassen nach der Herberg, Warf erschöpft sich auf sein Lager, Doch der Schlummer, der ihn tröstlich Mit Vergessen sollt' umspannen, Floh ihn lange; spät entschlief er, Und im Traum erschien ihm Gertrud. Als vom Schlafe des Gerechten Hameln's wackrer Bürgermeister An dem Morgen sich erhoben Und nach täglicher Gewohnheit Von dem Fenster schob den Vorhang, Wind und Wetter zu betrachten, Sah er grade gegenüber Seinem Kämmerlein im Hofe An des Nußbaums tiefstem Zweige, Aufgehangen bei den Schwänzen Todt den Rattenkönig baumeln. »Hat er doch noch Wort gehalten!« Sprach Herr Wichard, »willst ihm danken; Ist ihm wohl zuviel geschehen In der Sitzung auf dem Rathhaus; Mit dem Kusse von Regina War's wohl nicht so ernst gemeint, Wußte nicht, daß sie verlobt ist. Wäre ungerecht und hart doch, Wenn der Mann für seine Arbeit, Die er ehrlich uns geleistet, Sollte leer ausgehn, und kann ich Auch die hundert Mark ihm heute Von der Stadt nicht mehr verschaffen, Will ich einen Badeheller Ihm doch selbst und reichlich senden Auch die bitterbösen Worte Muß ich gut zu machen suchen; Weiß ein Mittel, ganz gelegen Kommt mir's, auch der Zünfte wegen, Denken sonst, sie hätten einzig Gunst und Ungunst zu vertheilen.« Sprach es und erschloß die Truhe. Als dann um die Mittagsstunde Hunold niederstieg vom Söller, Ward vom Wirthe ihm gemeldet, Daß der Stadtknecht dagewesen, Welcher diesen straffen Beutel Für den Spielmann hinterlassen Und in Bürgermeisters Namen Ihn zur Lautmerung geladen, Daß er mit Gesang und Spiele Am Verlobungsfest der Tochter Dort die Gäste möcht' erheitern. – Nur ein stumm gedankenvolles Lächeln war des Spielmanns Antwort.             »Habt Ihr's mir, Herr Secretarius, Habt Ihr's mir auch aufgeschrieben?« Lächelnd frug's der Bürgermeister, Lächelnd nickte Ethelerus Und behändigte Herrn Wichard Ein gerolltes Pergamentum, Darauf stand mit feiner Handschrift, Manchen großen Goldbuchstaben Und verwegnen Schnörkelzügen Ein gelehrt verfaßtes Carmen, Das im Sonntagsstaat der Schreiber Eben vor dem Bürgermeister Und den hundert frohen Gästen Laut und würdig vorgetragen. Heut war Hochzeit auf dem Rathhaus; Wichard Gruwelholt verlobte Sein geliebtes Kind Regina Heribert de Sunneborne, Nun bestelltem Rathsbaumeister, Und noch vor dem Weihnachtsfeste Sollte Brautlauf sein, da wollten Sie den Bund der Ehe schließen; Doch die Lautmerung des Paares Ward mit allem Glanz und Aufwand, Wie Geschlechterstolz und Reichthum Ständesmäßig es verlangten, Heut in den geschmückten Räumen Auf dem Rathhaus abgehalten. Auf des Saales grauen Estrich Waren fein geschnittne Binsen Hingestreut, an alle Wände Ringsum Teppiche gehangen Und auf Bänke, Sessel, Schemel Schön gewirkte Rückelaken Ausgebreitet; von den Decken Hingen Kränze und Guirlanden Ausgespannt in weiten Bögen, Und auf langen Tafeln prunkte Blitzend der Tresur des Rathes, Silberschätze, wie kein Reichsfürst Mehr in seiner Hofburg aufwies. Im verschwenderischen Mahle War man eben bei dem Nachtisch, Und die Schüsseln mit Gebrat'nem Und Gespicktem und Gesott'nem Waren abgeräumt, man ließ selbst, Zum Verdruß der lieben Jugend, Nicht einmal den Pfauenbraten Mit dem prächtig langen Schweife Und den Wildschweinskopf mit seinen Krummen, blendend weißen Hauern Auf den Tischen, die besetzt nun Mit Latwergen und Konfekten Von der Kunst des Apothekers. Spezereyen und Galreyen Von Canel, Muskat und Ingber, Quitten, Calmus und Coriander Amarellen, Bibernellen, Möllelin und Nespelin, Honigfladen, Zuckerbackwerk Und verguldte Marzipane Standen zwischen Blumensträußen In den drolligsten Figuren Und so seltsamen Gebilden, Daß die Frauen nur verstohlen Darauf hin zu blicken wagten Und bei der Zertheilung manches Derbe Scherzwort hören mußten. War nun mal so Brauch vor Zeiten, Und beim Wein, der unerschöpflich Aus den Kannen in die Becher Floß, erlaubte man sich Vieles. Firne, süße, rösche Weine, Hippokras, Claret und Morolf Malvasier und Muskateller Wurden eingeschenkt, Herr Wichard Aber hielt's mit seinem Liebling, Mit dem goldnen Bacharacher. Knechte in den Wappenfarben Der Geschlechter und der Stadt Gingen um mit Silberbecken Bei den Gästen, und zur Waschung Gossen sie wohlriechend Wasser Auf die Hände, reichten Tüchlein Auch zum Trocknen; denn die Edlen, Die im Überflusse schwelgten, Denen Wald und Strom und Garten Ferner Länder selbst ihr Bestes Auf die Tafel liefern mußten, Kannten Eins nicht, dessen Mangel Uns vorm köstlichsten Gerichte Auf dem Tische rathlos, hilflos Hungern ließe – eine Gabel. Alles, was zu den Geschlechtern Sich in Hameln rechnen durfte, War zur Lautmerung geladen Und mit prächtigen Gewändern Angethan zum Fest erschienen. Wenn die Männer an dem Leibrock Edles Pelzwerk, Otter, Marder, Zobel selbst und Biber zeigten, Glänzten schier die Frau'n in Seide, In Pfellel, Bliat und Siglat, Palmat, Baldekin und Zindal; Alle Regenbogenfarben, Die mit Gold und Silberborten Noch verzieret, prangten herrlich An den blühenden Gestalten Junger Frau'n und hübscher Mädchen Die mit den Patriziersöhnen Schimpf und Kurzweil unterhielten. Von den Rathsherrn nebst Familien Und der weitesten Verwandtschaft Fehlte keiner bei dem Feste. Der Herr Schultheiß, Frau Gebhilde Und Herr Wichard Gruwelholt Saßen, wie sich das gebührte, Auf den Ehrenplätzen, glücklich Neben dem beglückten Brautpaar. Sechs Stadtpfeifer – denn mehr waren Nach der Satzung nicht gestattet – Spielten Pfeife und Posaune, Geigen, Clarinett und Trommel, Und der Mädchen Zippelzehen Hüpften flott schon in den Schuhen, Sehnten nach dem Tanz sich endlich. Doch die alten Herren saßen Beim Bankett wie festgeschmiedet. Heribert, vor Freude strahlend, Trug feilfarbnen Sammt mit Zobel; Um Regina's schönen Körper Schmiegte sich leibfarbner Atlas; Von dem Silbergürtel nieder Hing ein Täschlein, Ambra duftend, Vor der Brust saß ihr ein Fürspan, Drauf ein Adamant erglänzte, Und im wellig dunklen Haare Lag wie ein goldne Schlange Ihr der genueser Stirnreif; Auf den Sammetschuhen aber War das Gruwelholte Wappen Reich gestickt in Gold und Perlen. Heribert, du darfst wohl jubeln, Darfst dich wohl beneiden lassen Um die königliche Jungfrau; Dieser hohe, schlanke Wuchs, Diese Pracht der Jugendfülle, Die im Glanz der dunklen Augen, In des roten Mundes Schwellen, Jedes Athemzuges Wallen Und in jeglicher Bewegung Reiz und Anmuth sich verkündet, Und des wundervollen Wesens Volle, hochgemuthe Liebe, – Ja wenn Mitgift dir und Bringat Sich zu goldnen Bergen häuften, Was bedeutet das, was gilt das Neben der Geliebten Schönheit! Und auch du, Regina, freu' dich! Sieh ihn an, den du erkoren, Dem du ew'ge Treu gelobtest, – Kennst du unter allen Männern Einen nur, der ihm vergleichbar? Warum senkst du nun die Wimper? Woher stammt der tiefe Seufzer, Der sich aus der Brust dir windet? Heut nicht fröhlich mal, Regina? Noch nicht glücklich? was begehrst du? Redest wenig, lächelst selten, Und was fuhrst du gar zusammen, Als die Thür sich eben aufthat Und herein die Gildemeister Mit Herrn Ethelerus traten? Ach! Regina, ich, dein Dichter, Ich versteh' es, und ein Andrer Weiß es noch, der aber fehlt noch; Fehlt er dir auch schon, Regina? – Jene kamen als Gesandte Aller Zünfte zum Proconsul: Ludwig Wendehak, der Brauer, Erich Dolenvoigt, der Beutler, Und Jobst Grüderich, der Böttger, Angeführt von Ethelerus. Einen hohen Silberhumpen Brachten sie dem Bürgermeister Zum Geschenke als ein Zeichen Anhänglicher Treu und Liebe. Ethelerus war der Sprecher, Der mit selbstverfaßtem Carmen In gesammter Zünfte Namen Feierlichen Glückwunsch aussprach Und – wie schon erwähnt – Herrn Wichard Seine Widmung überreichte. »Füllt ihn mit Johannissegen!« Rief Herr Wichard freudig dankend, »Und aufs Wohl getreuer Zünfte Weih' ich mit dem ersten Trunk ihn; Laßt von Mund zu Mund ihn kreisen, Daß ein jeder mag bewundern Seine feine Kunst und Arbeit Der getriebnen Wappenschilder Und der zierlichen Figuren. Aber Ihr, geliebte Meister, Nehmet Platz an unsern Tischen, Seid willkommen heut und immer!« Als der Jubelruf verklungen, Den des Bürgermeisters Worte In dem ganzen Kreis erregten, Und sich Alle wieder setzten, – Horch! was waren das für Klänge, Nie in Hameln noch vernommen? Spielleut, ihr habt solche Weisen? Doch die Pfeifer lauschten selber Auf die wunderbaren Töne, Und da mitten in der Halle Stand in schmuckem Festgewande, Einen Epheukranz im Haare, Stolz und frei der Rattenfänger. Unbemerkt war er gekommen, Und ein lieblich Vorspiel macht' er Auf der Laute, bis im Saale Tiefe Stille war geworden; Dann begann, mit Zucht und Anmuth Sich verneigend, er dies Lied:             »Nun will ich mit dem reinsten Klang Mein Saitenspiel wohl rühren, Nun soll sich meines Liedes Sang Die höchste Wette küren, Daß Aller Augen auf mich schau'n, Wenn ich die Kunst erprobe Euch holden Mädchen, schönen Frau'n Zu Liebe und zu Lobe. Gegrüßet seid mit allem Preis, Ihr Zarten, Süßen, Losen, Ihr stolzen, schlanken Lilien weiß Und ihr, ihr rothen Rosen! Ihr aller Schuld ein Schirm und Dach, Ein Schild vor allem Leide, Voll milder Güte ein klarer Bach, Eine schimmernde Augenweide. Ihr seid ein edler Würzewein, Der Liebe Ingesiegel, Voll süßer Lust ein goldner Schrein, Der Treue starker Riegel. Wenn ihr euch lieb und hold mir neigt Mit eurem Gruß und Segen, Mir's wunniglich zu Herzen steigt Wie duftiger Maienregen. Und lächelt mir eu'r rother Mund, So bin ich schon eu'r eigen, Und was mir blüht auf Herzensgrund, Das kann ich nicht verschweigen; Minniglich will ich sel'ger Mann Euch in die Augen schauen, So lang' ich singen und sagen kann, Will ich lieben und loben die Frauen.«     Froher Beifall ward dem Sänger, Und man trank Heil für die Schönen. Bruno Dives' junge Gattin Margarethe schritt holdselig Auf ihn zu: »So wohl Euch, Meister!« Sprach sie lächelnd und kredenzt' ihm Einen Becher Muskateller, »Hiermit in dem Namen Derer, Die so preislich Ihr besungen, Will ich Euch, Herr Spielmann, danken, Und ich bitt' Euch, singet mehr noch!« Schier erschrocken war Regina, Als den Spielmann sie erblickte, Und von ihr ersehnt doch kam er Als ein Gast, vor allen Andern Voller Ungeduld erwartet. Als sie sah, wie ihre Freundin Margarethe ihm den Becher Grüßend schwenkte, flog ein Schatten Um die Stirn ihr, und es zuckten Wie in Eifersucht die Brauen. Leise an der Laute wieder Stimmend blickte Hunold endlich Jetzt hinüber zu Regina, Und sein Auge traf in ihres. Alles Blut stieg ihr in's Antlitz; Hunold aber spielt' und sang:             »Zwei Sterne machen mich jung und alt Und haben über mich alle Gewalt Mit ihrem Blitzen und Blinken; Ich weiß auch einen rothen Mund, Ach! daran könnt' ich mich gesund Von allen Schmerzen trinken. Doch eine geht dahin und lacht Und will mich nicht verstehen, Wie der Sommer in seiner Pracht Nichts weiß von des Winters Wehen. Die Vöglein singen das alte Lied, Daß nie von Leide sich Liebe schied, Ich schweige in sehnenden Ängsten. Ich wollte es käme im Abendroth Den Weg mir entgegen der bleiche Tod Und spräche: Nun littst du am längsten! Wohl mag sich freuen am Sonnenstrahl Der Frohe auf Bergesgipfel, Ich liege klagend im schattigen Thal, Und oben glänzen die Wipfel.« Eingetaucht in Schmerz und Wehmuth War das Lied; Regina fühlte Jeden Ton in ihrer Seele Widerhallen, alle Saiten Ihres Innern mächtig schwingen; Zu dem traumgewiegten Herzen Flüsterten von Huld und Mitleid Schmeichelnd die erregten Sinne. Und als hätt' er das errathen, Ließ es jetzt wie Siegesjubel Hunold von den Strängen rauschen Und dazu ein innig Werben, Süß wie Minnedank, ertönen.         »Steige auf, du goldne Sonne, Aus der sturmdurchrauschten Fluth, Lodre, heiße Liebeswonne, Brich hervor, verhaltne Gluth! Ohne Wanken, ohne Schwanken Eine Lust nur und ein Leid Wohnt in Wünschen und Gedanken Und nur eine Seligkeit. Was auf Erden lebt und webet, Und was wandelt durch den Raum, Was die Welle senkt und hebet, Und was singt und klingt im Traum, Alles Wehen, alles Stehen In des Lebens großem Haus, Alles Werden und Vergehen Haucht der Liebe Athem aus. Soll ich leben, muß ich lieben, Und, Geliebte, höre mich: Lieber aus der Welt vertrieben, Als darin sein ohne dich! Wie aus Bahnen laß mich ahnen Aus den Augen mein Geschick, Wie der Liebe leises Mahnen Dulde meinen stummen Blick.«       Bang, in steigender Verwirrung Sah Regina vor sich nieder. Hunold's Stimme rief sie lockend Mit verführerischem Klange, Zog sie mit Gewalt der Sehnsucht, Und durch die geschlossnen Lider Fühlte sie doch seine Blicke Flammensprühend sich umlohen. Aber als das Lied verklungen, Und befreit den Blick sie aufschlug, Schaute sie den Sänger nicht mehr. Hastig trank sie, und in Unruh Lehnte sie an Heribert sich, Kraft und Schutz bei ihm zu suchen In dem Kampfe der Gefühle, Der sie fieberheiß durchtobte. Doch sie fand nicht Halt und Stütze; Heribertus war von Freunden Viel umschwärmt, und jeder heischte Mit dem neuen Rathsbaumeister Und der Bürgermeistertochter Einen Ehrentrunk besonders; Zwingen mußte sich Regina, Red' und Antwort stehn und lächeln, Steuerlos im Sturme trieb sie Auf den hochempörten Wogen Einer Leidenschaft, die wachsend Wie des Meeres Fluth hereinbrach. – In des Festes Glanz und Freuden Schwirrten oft die frohen Gäste Plaudernd, scherzend durcheinander, Wechselten am Tisch die Plätze, Und in immer neuen Gruppen Saßen sie beim Wein zusammen. Da der Schultheiß mit Herrn Wichard Und den ältesten der Rathsherrn, Dort die Mütter und Matronen, Hier die immer heitre Jugend. Amelung de Oldendorpe, Thidericus de Emberne Und der Graf vom Schwalenberge Tranken einig mit einander Aus dem größten der Pokale, Der aus Silber reich geschmiedet, Und den einst der Abt von Fulda Schenkte, als sein Bruder Otto Vogt geworden war in Hameln. Um Herrn Steneken vereinten Sich der Zünfte Abgesandte, Und der lust'ge Rathstuhlschreiber War umringt von einem Kranze Junger Frau'n und hübscher Mädchen Die des alten Junggesellen Witz und spaßige Geschichten Stets ergötzten; sie begehrten Mit dem Spielmann selbst zu reden, Denn er hatt' in ihren Herzen Durch sein Singen und sein Wesen Einen Platz sich schon erobert, Daß sie nicht zu jener Klasse Elend Fahrender ihn zählten, Die verfehmt und ehrlos waren; Ethelerus winkte Hunold, Der im Kreise willig Platz nahm Und von seinen weiten Fahrten Mancherlei berichten mußte. Adelheid de Oldendorpe Frug ihn nach der Tracht der Frauen Fern im Reich und an den Höfen; Ludovika Senewolde Forschte nach des Sängers Herkunft; Und schön Anna Hogeherte Wollte wissen, wen von allen Den berühmten Minnesängern Er gesehn, und welchem Meister Er der Lieder Kunst verdanke; Aber Margarethe Dives Ließ sich's als ihr Amt nicht nehmen, Stets von Neuem ihm den Becher Mit dem besten Wein zu füllen. Jetzt herzu kam der Herr Stiftsprobst: »Ei, ei, ei! Herr Secretarius, Scherzt' er, Vorsicht bei den Frauen! Habt mir meinen lieben Isfried Schrecklich eingeseift mal wieder; Keines Menschen Kraft vermochte Ihn zur Mette aufzurütteln, Und er schnarchte so entsetzlich, Daß ich dacht', es wär sein Letztes.« »Sagt' ich's nicht?« sprach Ethelerus, »Fragt den Spielmann nur, Hochwürden, Der Kanonikus doch meinte, Daß man in dem Stiftskonvente Es ganz anders noch gewohnt sei.« Den Herrn Probst enthob der Antwort Jetzt ein Stücklein, das die Pfeifer Wieder nun zum Besten gaben. In den Kreis dann trat Regina, Die es nicht mehr auf dem Platz hielt; Zwischen Adelheid und Anna; Hunold gegenüber ließ sie Schnell sich nieder, doch die Augen Wagte kaum sie zu erheben. »Sollen wir denn noch nicht tanzen?« Schmollte Anna, »wenn der Spielmann Weiß so schön zum Tanz zu spielen Wie zu singen, möcht' ich wohl ihn Auch auf seiner Fiedel hören.« »O ich merkt' es längst schon, Anna, Hast nicht Ruh mehr auf dem Schemel«, Neckte Adelheid, »und möchtest Dich mit Konrad de Golterne Drehn, so lang der Athem aushält, Doch ich hörte gern ein Lied noch.« »Ja, ein Lied, ein Lied noch, Meister!« Rief es da von allen Seiten. Hunold blickte auf Regina, Die zum Wort die Lippen regte, Aber keines sprach und zitternd Ihn mit tiefem Blicke ansah, Den in heißester Erregung Sie nicht mehr vom Sänger wandte. Hunold schien mit sich zu kämpfen, Und als kost' es Überwindung, Schwankt' und zögert' er, dann aber Wie zu einer That entschlossen, Stand er auf, nahm seine Laute, Trat zurück, griff in die Saiten, Und nach einem kurzen Vorspiel Dunkeler Akkorde sang er:               »Du rote Rose auf grüner Heid', Wer hieß dich blühn? Du heißes Herz in tiefem Leid, Was will dein Glühn? Es braust der Sturm vom Berg herab, Dich knickt er um; Es gräbt die Liebe ein stilles Grab, Du bist dann stumm. Denk nicht an Tod, an Leben denk In Lieb und Lust, Dich selber wirf als dein Geschenk An meine Brust. Ich weiß es ja, daß du mich liebst In Überfluß, O Seligkeit! wenn du mir giebst Den ersten Kuß. Geschrieben steht am Sternenzelt, Du wärest mein; Was fragt die Liebe nach der Welt Und ihrem Schein? Um meinen Nacken schling den Arm, Preß Mund auf Mund, Ruhst anders nicht so süß und warm Im weiten Rund. Versink, vergiß im Wonnerausch Der Erde Zeit, Giebst für den Augenblick in Tausch Die Ewigkeit. Komm! daß du meine Sehnsucht stillst, O Königin! Und wenn du meine Seele willst, So nimm sie hin!«         Von tiefinnerster Bewegung Hingerissen, schlug die Laute Er beim Schluß so übermächtig, Daß mit schrillem Ton die Saiten Auf dem Instrumente sprangen, Und es heftig von sich schleudernd Öffnet' er mit heißem Blicke Auf Regina weit die Arme. Da – begab sich Unerhörtes, Was den Gästen Blut und Athem Stocken macht' im Nu – Regina Hob mit leuchtendem Gesichte Und an allen Gliedern bebend Sich von ihrem Sitz, schritt vorwärts, Warf sich an die Brust dem Sänger Und umschlang ihn liebeglühend. In berauschend langem Kusse Hielt er innig sie umfangen, Und die stolze Lust des Siegers Funkelte in seinen Augen, Als er mit erhobnem Haupte Über die Versammlung blickte. Eh' von Staunen und Entsetzen Die Gesellschaft sich erholte, Stürzte angstvoll Dorothea Jetzt herein, blieb wie versteinert Mit weit aufgerissnen Augen Stehen; keines Wortes mächtig, Hielt sie, wie man bösen Geistern Hält das Kruzifix entgegen, Die geschnitzte Bilsenwurzel Vor den Spielmann hin, der trotzig Auf die Ungerufne starrte. Heribert war aufgesprungen Und entriß die Braut dem Andern Sie mit liebevollem Zuspruch In die treuen Arme schließend. Noch war nicht gelöst das Räthsel; Bald auf Hunold und Regina, Bald auf Dorothea lenkten Fragend sich die Blicke Aller. Und die Alte brachte schluchzend Nun hervor mit vielem Stottern: »Vor der Linde warf ein Maulwurf Auf, und unsre Hühner scharrten Aus dem Hügel diese Wurzel, Jagten schreiend sich im Garten, Bis das Ding ich ihnen abnahm, Sah, daß es ein Liebeszauber, Ein verruchtes Hexenkunststück; Das hat etwas – Unheil ahnend Lief ich her – der ist's gewesen! Seht ihn an, den Gottverfluchten!« Durch den Saal mit lautem Angstruf Flüchteten die Frau'n zusammen, »Waffen! Waffen!« schrie'n die Männer, Stürzten drohend auf den Spielmann, Klingen fuhren aus der Scheide, Und er selber griff zum Dolche. Doch der Schultheiß trat dazwischen, Gruwelholt und Ethelerus Stellten schützend sich vor Hunold, Und es rief der greise Schultheiß: »Halt! ich bann' ihn! greift dem Richter Nicht in's Schwert, der Schuld und Unschuld Mißt und wägt in Kaisers Namen! Stadttrabanten, schließt in Eisen Diesen Mann, werft in den Thurm ihn.«             Nun im Kerker lag der Spielmann. Kein lebendig Wesen nahte Dem Verstrickten; keine Ratte, Nicht einmal ein spielend Mäuschen, Die vorher den Thurm bevölkert, Kürzten ihm die bangen Stunden. Ganz allein mit den Gedanken Und dem Rasseln seiner Ketten Lag er auf des Rathes Gnade. In des Tages Schneckengange Mußt' er nur an Gertrud denken, Die er elend und verlassen Und an aller Lieb' und Treue, Jammervoll verzweifelnd wähnte. Wenn jedoch der letzte Schimmer Von dem trüben Dämmerlichte, Das sich in den Kerker einschlich, Endlich vollends war erloschen Und sich dichte, rabenschwarze Finsterniß rings um ihn ballte, War es ihm, als ob zwei Augen, O zwei fürchterliche Augen Ihn mit einem Blicke ansahn, Den er nicht ertragen konnte, Und dem er umsonst doch auswich; Wie er sich auch dreht' und wandte, Fest die eignen Lider zuschloß, Überall, aus jedem Winkel Blickten diese starren Augen. Fröste schüttelten den Starken, Schweiß bedeckte seinen Körper, In des Hirnes Fieberwahnsinn Stand vor ihm in Nacht und Grausen Der Geharnischte vom Markte, Roland ging ihm nach und drohte, Drohte wieder mit dem Schwerte. Grabgedanken, Todesschauer Kamen über Hunold, vor sich Sah er seines Lebens Ende; Aber welchen Tod zu sterben, Welche Folterqualen waren Zu erdulden ihm bestimmt noch? »Gertrud! Gertrud! giebt es Rettung,« Rief er, »rette deinen Sänger!« Gertrud aber rang mit Schmerzen, Wie ein Menschenherz sie bittrer Nicht empfinden kann; der Morgen Fand sie trostlos auf dem Lager, Und am Tage schlich verwandelt Sie einher in dumpfem Trübsinn. Hunold war ihr untreu worden, Hatte mit der Hölle Mächten Sich verbunden, einer Andern Liebe heimlich zu gewinnen, Hatte ihres Lebens Hoffnung, Ihres Glückes Stern vernichtet, Ihr das junge Herz gebrochen. Doch dem Mann, der sie betrogen, Hielt sie selber noch die Treue, Liebt' ihn noch in der Verzweiflung. Tag und Nacht auf seine Rettung Sann sie; aber welche Wege Standen ihr, der Armen, offen? Ach! des Thurmes dicke Mauern Konnten ihre schwachen Hände Nicht durchbrechen und die Wächter Vor der fest verschlossnen Thüre Nicht bewält'gen, nicht bestechen. Wirre, hoffnungslose Pläne, Aus des Herzens Angst geboren, Stiegen in ihr auf, sie wollte Gnade flehend bald dem Schultheiß, Balde auch dem Bürgermeister Weinend sich zu Füßen werfen, Wollte zu Regina laufen Und von ihr, der sie Verführung Und die meiste Schuld am Unheil Zuschrieb, vorwurfsvoll und drohend Den Geliebten wiederfordern. Selbst an den von ihr Verschmähten, An den Schmied und seinen Beistand Dachte sie, der sie ja liebte; Doch der mußte Hunold hassen, Den beglückten Nebenbuhler. So im nächsten Augenblicke Rissen all die schwachen Fäden, Die sie zur Befreiung ausspann. Nur ein Schritt noch, ein verlorner Blieb ihr, hin zu Ethelerus, Dem Rechtskundigen, Erfahr'nen, Ging sie, ob er Rath nicht wüßte. Des Geliebten Leben retten Sollt' ihr Letztes sein auf Erden, Ohne seine Liebe leben, War zu denken ihr unmöglich.   Ich schreie Und feie Für Freie Und Knecht Mit Grunde Im Munde Zur Stunde Um Recht. Ich frage Und trage Die Klage Als Frohn, Ich zünde Und künde Der Sünde Den Lohn.«             So mit ehern lauter Stimme Rief die Glocke des Gerichtes. Samstags Morgen war's, der Himmel Wölbte sich so blau und heiter, Und die Sonne schien so strahlend, Als ob heut' sie alles Dunkle, Wär's auch noch so fein gesponnen, An den Tag zu bringen hätte. Vor dem Thor auf eines Hügels Flachem, weitgedehnten Rund Stand ein Hagedorn, die Ält'sten Kannten ihn grad so wie heute Schon seit ihrer Kindheit Tagen. Aber älter als der Baum noch Und aus hartem Stein gehauen, Nach der Sonne Aufgang schauend Waren Sitz und Tisch darunter. Das war die Gerichtsstatt Hameln's. Abgesteckt durch Haselgerten War ein Ring mit rothem Faden, Mehr geschützt vor Volkes Andrang, Als durch feste Eisenschranken, Denn geheiligt war die Hegung. In dem Ring, dem Sitz zur Rechten Stand der Kläger mit den Zeugen, Wichard Gruwelholt mit sieben Eideshelfern, die als Gäste Bei der Lautmerung gewesen. Heribertus und Regina Waren schnell versöhnt in Liebe, Denn der Zauber war gebrochen, Und Herr Wichard sah der Zukunft Dieses Paars getrost entgegen. Doch den fremden Rattenfänger Hatte er dem Rath empfohlen, Mit ihm den Vertrag geschlossen, Ihm den Sold versagt und endlich Ihn zur Lautmerung geladen. Diese folgenschwere Kette, Deren letztes Glied des Spielmanns Nahes Ende werden mußte, Lastete ihm auf der Seele, Und der Freunde warmer Zuspruch That ihm wohl; sie mahnten dringend Ihn an die gekränkte Ehre Als Geschlechterherr und Vater Und erleichterten ihm sichtlich Seine reuigen Bedenken. Zu des Richterstuhles Linken War die Bank der sieben Schöffen. Sie auch trafen nacheinander, Herrn vom Rath und Gildemeister, Auf der Stätte ein, der Ersten Einer war Herr Ethelerus; Bald den Einen, bald den Andern, Wie sie kamen, nahm bei Seit' er, Auf sie ein mit Nachdruck redend; Doch sie schüttelten die Köpfe. Hinterm Schöffensitze hielt sich Isfried Rhynperg, in den Zügen Tiefen Ernst; er war gekommen, Um des Glaubens letzte Tröstung Dem verlornen Mann zu spenden. Ganz abseiten, rings gemieden Lag der Henker mit den Knechten. In den Ring jetzt trat der Schultheiß, Grüßte schweigend, sprach mit Niemand, War geharnischt und behandschuht, Hielt den weißen Stab in Händen, Zog sein Schwert und legt' es vor sich Auf den Tisch, ließ dann sich nieder Auf den Stuhl und schlug nach Vorschrift Übers linke Bein das rechte. Nun zum Zeichen, daß Beklagter Auf dem Weg sei zum Gerichte, Klang zum zweiten Mal die Glocke. »Ich lade Zum Pfade Der Gnade Und Huld, Ich zwinge Und bringe Zum Dinge Die Schuld. Ich hege Und lege Zu Wege Den Rath, Ich schlichte Und richte Zu nichte Die That.«       Auf dem Hügel um den Ring Hatten die Bewohner Hameln's Sich zu Tausenden versammelt. Nicht ein müßig Schauspiel galt es, Nur um sich den armen Sünder Anzusehn, wie seit Uralters Manchem hier der Spruch gefällt war Jeder Einzelne, der heute Auf der Schöffen Urtheil lauschte, Fühlte selber sich beleidigt Und begehrte nun Vergeltung; Soviel Harrende zur Stelle, Soviel Kläger auch und Gegner Standen einig wider Hunold; Denn sie frugen sich und meinten, Welches Bürgers Frau und Tochter Sei vor Höllenkünsten sicher, Die selbst ein Geschlechterfräulein In des Spielmanns Arm geliefert. Wie auch Neid und Schadenfreude Über Wohl und Weh der Reichen Sich im Volke manchmal kundgab, Gegen dieses Fremden Unthat Hielten in geschlossnen Reihen Vornehm und Gering zusammen, Allen für die Ehre Hameln's Galt sein Tod als einz'ge Sühne. Und jetzt kam er; Ketten tragend, Von Gewappneten umgeben, Schritt er klirrend durch die Menge, Die ihm scheu und finster auswich. Bleich, doch ungebrochen aufrecht, Einsam, keinen Freund zur Seite Stand er nun im Ring vorm Richter. Jetzt zum Anfang des Gerichtes Klang zum dritten Mal die Glocke. »Ich banne Die Schranne Und spanne Die Bank, Ich drohe, Die Hohe, Mit Lohe Und Strang. Ich härte Dem Schwerte Zu Werthe Den Muth, Ich stehe Und gehe Mit Wehe Ans Blut.«                           Todtenstill ward's, als der Schultheiß Nun mit dem Gerichtsstab klopfte Und er sprach mit lauter Stimme: »Schöffen auf der Bank, ich frage: Ist es jetzt an Jahr und Tag, Weil' und Zeit, Gericht zu hegen?« Antwort kam von Ethelerus: »Ja, es ist so hohen Tages, Und es steht so hoch die Sonne, Daß, wenn Ihr von Gott die Gnade Und vom Kaiser die Gewalt habt, Ihr gerechtes Ding mögt hegen.« »Ist die Bank gespannt? genugsam Auch der Stuhl besetzt zur Hege?« »Ja, der Stuhl ist ganz , wie Nothdurft Es zur rechten Hegung fordert.« »Also bann' ich und gebiet' ich Hiermit des Gerichtes Frieden! Kläger, schreie deine Klage.« Gruwelholt trat vor nun, legte Die geschnitzte Bilsenwurzel Auf den Tisch und sprach: »Ich klage, Klage, klage! dort der Fremde Hat mit diesem Liebeszauber Und verfluchten Hexenkünsten Meiner Tochter Leib und Seele Frevelhaft verführen wollen; Leugnen kann er's nicht, hier stehen Sieben unbescholtne Zeugen, Stabt den Eid uns, wir beschwören's.« Da erhob sich Ethelerus: »Woher wißt Ihr denn so sicher, Daß den Zauber aus der Wurzel Just der Fremde hier geschnitzt hat?« »Daher,« sprach der Bürgermeister, »Daß er nachts, bevor es wirkte, Ist auf meinem Hof gewesen, Denn da hing am frühen Morgen Schon der todte Rattenkönig, Und kein Andrer konnt' ihn fangen.« »Selber war ich Zeuge, Kläger,« Sprach der Richter, »wie der Zauber Auf der Lautmerung die Jungfrau Ganz umstrickte, daß dem Fremden Sie zu eigen werden mußte. – Hunold Singuf,« sprach er weiter, »Schein ist blickend, That ist handhaft, Wie wollt Ihr von solcher Sünde Euch vor Gott und Menschen rein'gen?« Hunold schwieg, stand unbeweglich. »Laßt den Wasenmeister machen, Thut ihm weh mit scharfer Frage!« Sprach ein Schöffe, »Gottesurtheil! Feuerprobe!« riefen andre; »Umgestülpt laßt eine Schüssel Auf den bloßen Leib ihm binden, Rieth ein Dritter, »und darunter Setzet ein lebendig Mäuslein, Gebt mal Acht, wie bald er losdrückt!« Hohnerfüllten Blickes wandte Hunold sich zur Bank, als dächt' er: »Wenn ihr nur ein Mäuslein hättet!« Da erkannt' er in dem Sprecher An der Schmarre im Gesichte Seinen Todfeind Wulf; aufzuckte Ihm der Arm, die Ketten klangen. »Zeugen, wollt den Eid Ihr schwören?« Frug der Richter, – »Ja, wir wollen!« Und der Richter stabte ihnen Gegen die allseh'nde Sonne Nun den Eid; die Sieben legten Hut und Waffen nieder, knieten Auf die Erde hin und schwuren. Wieder sprach jetzt Ethelerus: »Habt Ihr Sieben auch geschworen, Doch behaupt' ich, daß der Spielmann Nicht der Jungfrau Leib und Seele Hat zu Grunde richten wollen. Wie Ihr den bedungnen Sold ihm Für den Rattenfang geweigert, Da erbat er einen Kuß nur Von des Bürgermeisters Tochter, Und als ihm auch der verwehrt ward, Wollt' er mit besondern Künsten Ihn erzwingen; er gebrauchte Zauberkräfte, aber weiter Ging nicht seines Herzens Trachten, Als mit dem Triumph des Kusses Sich an Edlem Rath zu rächen.« »Schöffe Ethelerus,« sagte Ernst und streng der greise Schultheiß, »Was in Menschenherzen vorgeht, Der Allwissende nur weiß es; Er in seiner ew'gen Gnade Möge Wunsch und Willen prüfen, Doch der Richter hier auf Erden Wägt die Schuld und rächt Gescheh'nes. Schöffen auf der Bank, ich frag' Euch: Ist der Mann da vor Euch schuldig, Mit geheimen Hexenkünsten Nach der Bürgermeisters Tochter Herz und Sinn gezielt zu haben?« »Schuldig!« sprachen sechs von sieben, Ethelerus einzig schwieg. Da vom Sitz stand auf der Richter Unterm Hagedorn; mit Würde Nahm er seinen Hut vom Haupte, Und die Tausend auf dem Hügel Fielen alle auf die Knie, Während er das Urtheil kundgab, Nur die Schöffen blieben sitzen. Also sprach Herr Sunneborne: »Singuf, höre deinen Spruch jetzt; Nennst dich Hunold, Unhold bist du! Ich verfehme und verführe Dich in Königsbann und Wette, Friedensbrecher du! ich werfe Aus dem Frieden dich in Unfried, Setze dich aus allen Rechten In das allgemeine Unrecht, So daß Niemand an dir frevelt Und wo Alle Frieden haben, Sollst du keinen Frieden haben, Nicht zu Wasser, nicht zu Lande, Nicht zu Schiffe, nicht zu Klippe, Nicht zu Fuße, nicht zu Rosse, Nicht im Hause, nicht im Grabe. Ich vermaledei' und künde Dich von heut' auf ew'ge Tage Ehrlos, wehrlos, echtlos, rechtlos, Soweit über grüner Erde Sonne auf- und untergehet, Mond scheint, Regen sprüht und Schnee schmilzt, Reif starrt, Donner rollt und Blitz fährt, Schiffe schreiten, Schilde blinken, Feuer brennt und Feder flieget, Wasser geht zur See und Männer Korn sä'n in die braune Scholle, Soweit Kind schreit nach der Mutter, Mutter Kind gebiert, der Himmel Hoch sich wölbt, die Welt gebaut ist, Föhre wächst und Habicht flieget, Und am langen Frühlingstage Unter beiden seinen Flügeln Steht der Wind, der graue Wald Auf den Bergen braust im Sturme, Krummer Bach im Thale rauschet, Rost'ger Spieß trifft, Mann daher kommt, Christenmenschen gehn zur Kirche, Heidenleut' im Tempel opfern, Sterne wandeln, Erde feststeht. – Ich verdamme dich zum Tode, Auf dem Holzstoß sollst du brennen, Deinen Leib soll Feuer fressen, Gott sei deiner Seele gnädig!« »Gnädig!« rief zurück das Echo Durch die stille Morgensonne Und das athemlose Schweigen. Hunold wankte, seine Knie Bebten ihm; da aus der Menge Drängte sich ein Weib und stürzte In den Ring hinein zu Hunold. Gertrud war es; ihre Rechte Auf des Spielmanns Schulter legend Rief sie laut hinan zum Stuhle: »Er ist mein! gebt mir sein Leben! Als mein gutes Recht hier fordr' ich's!« Heldenmüthig stand das Mädchen Plötzlich wie empor gewachsen Über ihres Leibes Größe; Heftig auf und nieder stürmte Ihr die Brust, mit offenen Lippen, Todesangst im stieren Blicke, Sah sie auf den strengen Richter. Lautes Murren brach und rollte Mächtig schwellend aus der Menge. Doch den Stab erhob der Schultheiß: »Ruhe!« donnerte der Alte, »Weh und Waffen, wer den Frieden Des Gerichts zu stören wagte! Wißt, in ihrem guten Rechte Ist die Magd, sie kann das Leben Des Verdammten billig fordern, Und nach König Karl's Gebot Kann ich nimmer ihr es weigern, Doch sie nimmt die Missethat Mit aufs eigene Gewissen. Forderst, Mädchen, du das Leben Und die Freiheit dieses Mannes?« Gertrud nickte bloß. – »Dann, Singuf Bist du frei; in Kaisers Namen Sprech' ich dich der Strafe ledig, Und es darf bei Bann und Buße Niemand sich an dir vergreifen; Doch Urfehde sollst du schwören; Schub und Tag will ich dir geben Bis zum dritten Hahnenkraht; Wer danach dich trifft, der könnte Dich erschlagen ohne Rüge; Willst du dich von hinnen schwören?« »Ja!« sprach Hunold; da umschlang ihn Gertrud, und nach einem langen, Thränenüberströmten Blicke Rief sie: »Fahrewohl auf ewig!« – Eilend schwand sie im Gedränge; Hunold wollte sie wohl halten, Doch ihn fesselten die Ketten, Die man langsam nun ihm abnahm. Gegen die allseh'nde Sonne Stabte ihm den Eid der Richter, Nach dem dritten Hahnenkraht Hameln's Bild und Bann zu meiden. Den Gerichtsstab warf der Schultheiß Auf den Tisch, das Schwert dann steckt' er In die Scheide, und zu Ende War die Hegung, frei der Spielmann. Hin zu seinem guten Engel, Seiner Retterin, zu Gertrud Trieb es ihn auf heißen Sohlen, Ihr auf seinen Knien zu danken Und mit seiner ganzen Liebe Ihr die stolze That zu lohnen. Neu geschenkt war ihm das Leben, Offen lag die Welt jetzt vor ihm, Einen Strich durch das Vergangne! Und nur fort von hier mit Gertrud, Um des oft geträumten Glückes Seligkeit in weiter Ferne Mit des Vaters frommem Segen Zu erringen, zu genießen. O wie schlug das Herz dem Spielmann! O wie trank die Luft der Freiheit Er mit tiefen Athemzügen In dem Sturmschritt zur Geliebten! Doch des Fischers Haus und Garten Waren leer, nicht in der Laube, Nicht im Stübchen fand er Gertrud; Da durchzuckt ihn bange Ahnung, – »Fahrewohl auf ewig!« rief sie, – »Ach! Sie liebt dich ja, und Alles Klärst du ihr nun auf,« so sprach er Zu sich selber, »Alles wendet Sich zum Guten, – fliege, Hoffnung, Wie der Falke über Wolken!« – Schritte nahen; an der Pforte Tritt der alte Fischermeister Ihm entgegen, trägt auf Armen Wassertriefend seine Tochter, Die er aus des Stromes Wellen Aufgefischt, zu spät, als Leiche. – Wie vom Blitz gerührt steht Hunold, Schreckensstarr, das Ungeheure Nicht begreifend, faßt zur Stirne: Gertrud todt! und deinetwegen, Deinetwegen starb sie, glaubte Untreu dich – der Liebeszauber Und Regina's Kuß – o Irrthum, Welch' ein Meisterstück der Hölle! Aus des alten Mannes Armen, Der mit leisem Wimmern machtlos Ganz zusammenbrach im Schmerze, Nimmt der Spielmann die Geliebte, Legt auf Gras und Klee sie nieder; Doch kein Laut, kein Ton der Klage Kommt von seinen bleichen Lippen, Wie er über sie gebeugt liegt. Endlich aber, endlich rafft er Sich empor auf seine Knie, Und mit schrecklichem Gesichte Gertrud's Hand in seine nehmend Droht er mit der Faust zur Stadt hin: »In die Hand der Todten schwör' ich Rache dir, verfluchte Stadt! Hast mein Liebstes mir genommen, Nehmen will ich dir dein Liebstes!«             Sonntag war es; in des Stiftes Weiter, hochgewölbter Kirche War versammelt die Gemeinde. Schüler sangen; auf der Kanzel Stand des Stiftes bester Redner: Isfried predigte; ein Andrer, Ganz ein Andrer war er heute Im Ornat, als dort im Keller Neulich bei dem Malvasier. Freien, unerschrocknen Geistes Herberg war der mächtige Körper; Lust und Leid des Menschenherzens, Weltlich Treiben, geistig Forschen Und des Lebens Kampf und Kurzweil Kannt' und liebte dieser Streiter. Ihm war Redekunst gegeben Wie nur Wenigen vergönnt war, Seine Stimme hallte dröhnend, Klang dann wieder weich und milde; Was er sprach, kam ihm vom Herzen, Und zu allen Herzen ging es. Nicht mit Höllenstrafen droht' er, Nicht mit Schreckensbildern mahnt' er Zu der Tödtung allen Fleisches, War kein Heil'ger, wollt' es nicht sein, Wußte nichts von Pfaffenhochmuth, Ging als Mensch mit andern Menschen. Heute von der Liebe sprach er, Wie Sankt Paulus den Corinthern Caput dreizehn einst geschrieben: »Und ob ich mit Menschenzungen, Ob mit Engelzungen spräche, Hätte aber nicht der Liebe, Wär' ich doch ein tönend Erz nur; Wüßt' ich jegliches Geheimniß, All' Erkenntniß, hätte Glauben, Daß ich Berge rücken könnte, Wär' ich doch nichts ohne Liebe; Wissen, Weissagung, Erkenntniß Höret auf und ist nur Stückwerk, Nimmer höret auf die Liebe; Glaube, Hoffnung, Liebe bleibet, Doch das Größte ist die Liebe.« – Und der Geist der Liebe schwebte Durch die hohen Kirchenhallen. Aber draußen durch die Gassen Ging der böse Feind und säte Unkraut zwischen all den Weizen. Während in der heil'gen Dämmrung Die Gemeinde Knie und Stirne Vor dem Unsichtbaren beugte, Schritt am hellen, lichten Tage Hunold durch die Gassen Hameln's, Und auf der Schalmeie blies er Eine zauberstarke Weise. Doch wen sollten diese Töne Noch verlocken? Maus und Ratte Gab es nirgend in der Stadt mehr, Die erwachsenen Bewohner Waren alle in der Kirche, In den Häusern nur die Kinder, Und die horchten auf und kamen Jubelnd an die Thür gelaufen. Sie erkannten schon von weiten Ihres Lieblings helle Pfeife, Freuten sich, wie sie ihn sahen, Ihren Freund, für dessen Leben Gestern noch die jungen Herzen Bang gezittert, leis' gebetet. Ach! sie wußten, seines Bleibens War nicht länger mehr in Hameln. Heute wohl zum letzten Male Spielt' er ihnen noch ein Stücklein Wie zum Abschied, und so lieblich Hatte er noch nie geblasen. O das klang so süß, so lockend Wie zum Spielen und zum Tanzen, Wie zum Lachen und zum Singen, Und er nickte ihnen Allen So vertraulich, so herzinnig In die hellen Kinderaugen, Und da wollten sie noch einmal Ihren lieben, guten Bundting Durch die Stadt zum Thor geleiten. Aber eingedenk der Strafe, Die den Ungehorsam rächte Gegen das Gebot der Eltern, Ja das Haus nicht zu verlassen, Wagten Wen'ge nur zu folgen. Doch das böse Beispiel wirkte; Es gesellten mehr und mehr sich, Und sie winkten und sie riefen Die Genossen und Gespielen, Die verlegen noch und zweifelnd, Mit dem Fingerchen im Munde An den offnen Thüren standen Und den Andern sehnend nachsah'n. Gar zu lockend klang die Pfeife, Gar zu fröhlich waren Alle, Die schon mit dem Spielmann zogen. Ach! den mächt'gen Zauberklängen Konnten sie nicht widerstehen, Alle, Alle mußten folgen Mit Gewalt, da war kein Halten, Und mit einem flinken Satze Kamen schnell sie nachgesprungen, Freudejauchzend aufgefangen; Hand an Hand gefaßt, die Arme Um die Nacken sich geschlungen Zogen sie dahin und sangen. Welch ein Bild! voran der Spielmann« Bunt gekleidet und geschmückt heut Reich mit Ketten und dem Gürtel, Daran lust'ge Schellen klangen, Und ihm auf den Fersen folgend Kinderscharen, Knaben, Mädchen, Blond und braun, flachsköpfig, lockig, Reich gekleidet oder ärmlich, Manche halb nur angezogen. Wenn die Großen wie im Schleifschritt Nach dem Takte sich bewegten, Trippelten die Kleinsten ängstlich Hinterher, um mitzukommen; Ob auch Manches stolpernd hinfiel Schnell stand's auf, den Ellenbogen Rieb sich's, und dann lacht' es wieder. Immer aber wuchs der Haufen, Immer klang die holde Weise Aus des Spielmanns Rohrschalmeie, Und durch alle Gassen ging es, Schon an's Osterthor gekommen War der Zug; – geht's dahinaus denn? Auch zur Stadt hinaus, ihr Kinder? Aber Hunold winkte lächelnd, Und nun sang er gar zur Fiedel:         »Da hinter dem Berge, da funkelt ein Schloß Mit Höfen und Brücken und Zinnen, Da spreizen sich Pfauen, da wiehert manch Roß, Und herrlich wohnt es sich drinnen; Halb ist es von Marmel, und halb ist es doch Von Zucker und Marzipane, Die Treppen so breit und die Säle so hoch, Vom Thurme weht eine Fahne. Da sprechen die Thiere wie Menschen so klug Da nicken die Blumen und singen, Da giebt es zu essen und Spielzeug genug Zum Lachen und Tanzen und Springen, Die prächtigsten Puppen und Reifen und Ball Und Panzer und Speere und Stecken, Da tummeln sich Vögel im Haus von Krystall Und Fischlein in silbernen Becken. Im prunkenden Saale auf goldenem Thron, Umgeben von lustigen Leutchen, Da sitzt ein blondlockiger Königssohn Mit seinem Prinzessin Bräutchen; Viel schelmische Knaben und Mädchen so schön, Die schlingen und führen den Reigen, Und immer und immer ein lieblich Getön Von Zimbeln und Harfen und Geigen. Da hinter dem Berg, da hinter dem Berg, Da wird euch im Schlosse nichts fehlen, Da wartet euch auf ein niedlicher Zwerg Und bückt sich und frägt nach Befehlen. Bald seht ihr vom Schlosse das blinkende Dach, Euch reuet wohl nimmer die Reise, Kommt, kommet, lieb Kinder, und folget mir nach Ganz heimlich und stille und leise.«         Wie zu Ende war das Liedlein, Sang er wieder es von vorn; Und der Kinder Augen glänzten, Ihre Wangen blühten rosig, Und sie flüsterten und lauschten, Folgten gern dem lust'gen Sänger. Schon am Koppelberge standen Jetzt sie, ihre Herzchen klopften. Und da öffnete der Berg sich, Und in tiefe Dämmrung führte Da ein Weg; der Rattenfänger Schritt voran und blies und lockte, – Hinterdrein die Kinder alle. Und als auch das letzte Kindlein In die düstre Schlucht getreten, Da verschloß der Berg sich wieder; Über Gras und Stein und Sträucher Pfiff der Herbstwind. – Von dem Gottesdienst im Stifte Kehrten heim die Bürger Hameln's, Heim zu ihren leeren Häusern, Leer von Ratten, leer von Mäusen, Leer von den geliebten Kindern.