Henryk Sienkiewicz Die Kreuzritter. Erstes Buch Historischer Roman aus dem XV. Jahrhundert   Nach dem Polnischen übersetzt von E. u. R. Ettlinger. Illustriert von A. Schwormstädt. 2. Auflage. Verlagsanstalt Benziger \& Co. A.G. Einsiedeln – Waldshut – Köln a/Rh. New-York, Cincinnati, Chicago bei Benzinger Brothers. 1901. Alle Rechte und Uebersetzungsrechte vorbehalten Zur Einführung. Wenn man die Werke des großen polnischen Romanciers in ihrer chronologischen Ordnung überblickt, und dabei die in den Jahren 1884 bis 1888 entstandene Roman-Trilogie »Mit Feuer und Schwert«, »Sturmflut« und »Pan Wolodyjowski« als eine geschlossene Schöpfung betrachtet, so wird man gestehen müssen, daß Sienkiewicz in Bezug auf Stoffwahl und Behandlungsart eine geradezu überraschende Verwandlungsfähigkeit besitzt. Denn nachdem er 1880 mit der chronikalischen Erzählung »Tatarische Gefangenschaft« sich zum erstenmal an geschichtliche Stoffe herangewagt und hierauf mit der genannten Trilogie einen großartigen Befähigungsnachweis geliefert hatte, machte er in dem 1890 erschienenen Roman »Ohne Dogma« einen Riesenschritt aus den wilden, kraftstrotzenden Kriegszeiten des 17. Jahrhunderts mit ihren Kosaken- und Schweden-Kämpfen mitten in die nervenschwache Dekadenzepoche des ausgehenden 19. Jahrhunderts und schuf so nacheinander den besten historischen Roman und den besten psychologischen Roman aus der Gegenwart, den die Litteratur seines Volkes kennt. Größere Gegensätze, als diese beiden Werke, sind kaum denkbar. Im Jahre 1894 erschien der Roman »Die Familie Polaniecki«, dessen Abstand von dem vorhergehenden zwar nicht so groß ist, da er nur eine andere, gesündere Spielart des modernen Menschen vorführt und den Rahmen des zeitgenössischen Gesellschaftbildes erweitert zeigt, dafür aber bringt schon das nächste Jahr wieder ein neues protensartiges Kunststück und einen überraschenden Beweis von dem außerordentlichen historischen Sinn und der dichterischen Intuitionskraft Sienkiewicz'. Denn der im Zeitalter Neros spielende Roman » Quo vadis? « ist in gewissem Betracht eine geniale historische Transskription des modernen Themas in »Ohne Dogma«, indem wir hier den überfeinerten und vergrübelten Kulturmenschen der Gegenwart, dort den typischen Vertreter des dekadenten Heiden- und Römertums vor uns haben. In beiden Romanen ist die Darstellung der kompliziertesten Lebens- und Seelenvorgänge, der verfeinertsten Instinkte und Stimmungen so meisterhaft und der Inhalt, wie man fast glauben muß, so dem eigenen Lebensinhalt und Wesen des Dichters selbst verwandt, daß es schwer zu fassen ist, wie er nun abermals den Sprung rückwärts in die Darstellung primitiverer Gefühlsweisen mit solchem Glück unternehmen konnte, wie es in seinem neuesten Roman » Die Kreuzritter « der Fall ist. Der Stoff zu diesem Roman, oder sagen wir besser, die geschichtlichen Bedingungen, die besonderen Situationen und das Zeitkolorit sind der Geschichte des polnischen Volkes im 15. Jahrhundert entnommen, dem Zeitalter des Königs Wladislaw II. und seiner Gemahlin, der hl. Hedwig Vergl. die Fußnote auf Seite 112. , einer Tochter des Königs Ludwig von Ungarn und Polen. Die Epoche ist eine der glänzendsten in der Geschichte des Landes, und ihr Ruhm gipfelt in den siegreichen Kämpfen der unter Wladislaw II. vereinigten litauischen und polnischen Stämme gegen die Ritter des hohen Deutschen Ordens. Der Deutsche Orden, der ähnlich dem älteren Johanniter- und Templerorden in den Tagen der Kreuzzüge aus einem ursprünglichen Hospitalorden sich allmählich zu einem Ritterorden mit dem Zweck der Bekämpfung der Ungläubigen entwickelt hatte, verlegte im Jahre 1309 seinen ehemals in Venedig gelegenen Ordenshauptsitz nach Marienburg an der Nogat. War ihm die europäische Kultur für seine ausgedehnte und einschneidende Wirksamkeit schon lange Dank schuldig, so genoß nunmehr auch das preußische Ordensland längere Zeit hindurch die Früchte des kulturfördernden Wirkens der »Kreuzritter«. Sowohl als deutsche Vormacht gegen die vordringenden Stämme des Nordens und Ostens, wie als Förderer des Handels, der Kunst und Wissenschaft hat der Orden sich bleibende Verdienste erworben. Aber diese Blüte des Ritterstaates begann schon nach wenigen Jahren zu welken. Eine »unleidliche Eroberungssucht« Vergl. Wetter und Welte's Kirchenlexikon, Bd. 3, Sp. 1595. Freiburg, 1884. führte zu langwierigen und erbitternden Kämpfen mit den Litauern und Polen, bis sich der Orden, nach der für ihn unglücklichen Schlacht bei Tannenburg (1410), völlig erschöpft hatte. Das Verhältnis der »Kreuzritter« und ihrer östlichen Grenznachbaren zu einander war allmählich durch eine Reihe von gegenseitig verübten Gewaltthätigkeiten, Racheakten und Verrätereien unhaltbar geworden. Dazu kam, daß der Orden, durch die unter dem Großfürsten Jagiello, dem späteren König Wladislaw II. von Polen, vollzogene Christianisierung Litauens, sich die Grundlagen seiner Existenzberechtigung entzogen sah. Seine Aufgabe war der Kampf gegen Ungläubige gewesen, die es nun nicht mehr gab. Jagiello wurde im Gegenteil ein Schützling des Papstes und konnte von jetzt ab mit vollem Recht die Einmischung des Deutschen Ordens in seine inneren Angelegenheiten als unberechtigt zurückweisen. Das war für den Orden eine heikle Situation, über die sich viele seiner Mitglieder dadurch hinwegsetzten, daß sie die Bekehrung der heidnischen Litauer nicht ernst nahmen. Nun ist es ja allerdings richtig, daß bei vielen Litauern die Bekehrung eine bloß äußerliche war, und die Gebräuche und Sitten der Heiden bei dem ohnehin zum Aberglauben neigenden Sinn des litauischen Volkes fortbestanden. Wenn jedoch auch die Deutschordensritter sich dem Urteil der russischen Schismatiker anschlossen, die aus Verdruß darüber, daß Jagiello die Ehen zwischen schismatisch-griechischen und römischen Christen verboten hatte, die Litauer Heiden nannten, und wenn sie vor allem geringschätzig fragten, was denn überhaupt Jagiello für das Christentum gethan hätte, so war dies in hohem Grade ungerecht und mußte die zwischen den Kreuzrittern und den Litauern ohnehin bestehende Feindschaft nur noch verstärken. »Nicht ganz mit Unrecht, so sagt Schrödl in Welter und Wetzes »Kirchenlexikon« (6. B. Sp. 1264, Freiburg 1889), erwiderte hierauf Jagiello, solche Vorwürfe könne man eher den Deutschen Rittern machen, denn sie hätten seit fünf Jahren für die Bekehrung der Samaiten nichts gethan und bekümmerten sich auch sonst vorzüglich nur um ihre zeitliche Herrschaft; dagegen habe er in Litauen Kathedralen und viele Parrochien und Konventualkirchen errichtet und fundiert; die christliche Religion werde von den Neubekehrten in lobenswerter Weise geübt, es gebe übrigens auch in Preußen noch Aberglauben genug, kännte er jedoch diejenigen seiner Unterthanen gewiß, die nur Scheinchristen wären und heidnischem Aberglauben anhingen, so würde er es ihnen nicht hingehen lassen; im übrigen trage gerade der Deutsche Orden die meiste Schuld daran, wenn für die Sache des Christentums noch viel zu wünschen übrig bleibe, denn nie habe ihm der Orden Ruhe gelassen, um der Förderung der christlichen Religion noch erfolgreicher obliegen zu können.« Als der Dominikaner Johann von Falkenberg auf Anstiften und im Interesse des Deutschen Ordens Mord und Empörung gegen die polnische Nation und Jagiello predigte, wandte sich dieser (1416) mit einer Beschwerde an das Konzil von Konstanz, das die Schrift Falkenbergs mit großer Entrüstung verwarf. Vergl. ebend. Bd. 6, Sp. 1205 Von nun ab begann Ansehen und Einfluß des Ordens rasch zu sinken; er verlor 1457 durch Verrat der eigenen Leute sogar Marienburg und verlegte den Hochsitz nach Königsberg, woselbst der Hochmeister Albrecht von Brandenburg und mit ihm viele Ordensritter offen zum Protestantismus übertraten. Durch listige und gewaltsame Förderung und Einführung der neuen Lehre in seinen Landen wurde der Orden schließlich seinem ursprünglichen Zweck völlig entfremdet. Zu dem Zeitpunkt, in welchem Sienkiewicz uns die »Kreuzritter« vorführt, waren nicht nur Ruhm und Macht des Ordens schon stark im Niedergang begriffen, sondern auch die Disciplin und der ritterliche Geist von ehedem hatten in den ewigen Fehden große Einbuße erlitten. In den Prophezeiungen der hl. Birgitta von Schweden (1302-72) werden dem Orden deshalb schwere Vorwürfe gemacht und sein Schicksal drohend vorausverkündet. So stimmt das Urteil der Geschichte und hervorragender Zeitgenossen über die Kreuzritter aus jener Zeit mit dem Urteil des polnischen Autors, wie es in der Darstellung konkrete Gestalt angenommen hat, im wesentlichen überein, mag Sienkiewicz auch, wie übrigens leicht begreiflich, eine gewisse Einseitigkeit der national-polnischen Stimmung und Auffassung nicht völlig überwunden haben. Die Handlung unseres Romans setzt um das Jahr 1399 ein. Die Königin Hedwig, eine Tochter des Königs Ludwig von Ungarn, seit 1386 in kinderloser Ehe mit Jagiello verbunden, sieht zum erstenmal einem für ihr eheliches Glück und die Zukunft des neuen Königreiches hochbedeutsamen Ereignis entgegen. Die Kunde davon ist weit in die Lande gedrungen, und Tausende froher Menschen strömen schon seit Tagen und Wochen in dem festlich gestimmten Krakau zusammen. Unter den Ankömmlingen befinden sich auch zwei Ritter, Macko von Bogdaniec und dessen Neffe Zbyszko (sprich Sbisko), die in dem Wirtshause in Tyniec mit der masovischen Fürstin Anna Danuta zusammentreffen. Hier begegnet Zbyszko der lieblichen Danusia, einer Tochter des grimmen Jurand von Spychow, um deretwillen er mit den Kreuzrittern in ernste, spannende Verwicklungen und Abenteuer hineingerät. Diese Verwicklungen und Abenteuer nehmen das Hauptinteresse des Romans in Anspruch, während die großen geschichtlichen Wandlungen zwar kräftig und bildmäßig in die Erscheinung treten, aber doch in der Hauptsache nur die Bedingungen abgeben, unter denen die planvoll angelegte Handlung ihren Verlauf nimmt. Sienkiewicz ist eben nicht nur ein mit dem poetischen Handwerkszeug keck ausgerüsteter Geschichtserzähler, sondern eine von den feinsten historischen Instinkten geleitete Künstlernatur. Anstatt geschichtlicher Belehrung über Staatsaktionen und Lebensumstände hervorragender Persönlichkeiten, wodurch der historische Roman eine Zeit lang in gerechten Verruf gekommen, giebt er somit nur historisch bedingte Menschenschicksale und Einzelerlebnisse auf der möglichst echten Grundlage einer gegebenen Zeit und höchstens in Anlehnung an markante Begebenheiten. So kommt es, daß man zum Genuß und Verständnis seiner Schöpfungen keiner besonderen historischen Kenntnisse bedarf. Die notwendigen Voraussetzungen erfährt der Leser aus dem natürlichen Gang der Handlung, und dem übrigen folgt er mit jener schlicht menschlichen Teilnahme und jenem künstlerischen Genießen, die an kein Kopfwissen und an keine geschichtliche Gelehrsamkeit gebunden sind. Karl Muth.   Erstes Buch. Erster Teil. Erstes Kapitel. In Tyniec, in dem zur Abtei gehörenden Wirtshause »Zum wilden Auerochsen« saßen einige Leute und lauschten der Erzählung eines erfahrenen Kriegers, der, aus fernen Landen angelangt, von seinen Abenteuern im Krieg und auf der Reise berichtete. Es war ein bärtiger Mann, in den besten Jahren, breitschultrig und von riesenhaftem Wuchse, seine Haare waren durch eine netzförmige, mit Glasperlen benähte Haube zusammengehalten, er trug ein Lederkoller, auf dem der Panzer ganze Streifen zurückgelassen hatte, darüber einen Gürtel aus Kupferringen, worin ein Messer in einer Hornscheide steckte, und ein kurzes Schwert an der Seite. Dicht bei ihm am Tisch saß ein Jüngling mit langen Haaren, der froh in die Welt hinaus schaute, offenbar sein Gefährte, vielleicht auch sein Knappe, denn er war ebenfalls für die Reise angethan und auf seinem Lederkoller zeigten sich ähnliche Spuren von der Rüstung. Die übrige Gesellschaft bestand aus zwei Landleuten aus der Umgegend von Krakau und drei Städtern in roten, gefältelten Mützen, deren dünne Enden an der Seite bis zu den Ellbogen herabhingen. Der Wirt, ein Deutscher, welcher den Kragen seiner fahlgelben Kapuze bis über das Kinn heraufgezogen hatte, goß ihnen aus einer Kanne nahrhaftes Bier in die Thonkrüge und lauschte aufmerksam den Berichten der Krieger. Noch aufmerksamer aber lauschten die Städter. Die Feindschaft, welche seit der Zeit der Lokietek's Lokietek heißt ein kleiner, ein Elle langer Mensch. Es war der Beiname des Königs Wladislaw, der aber keineswegs ein Zwerg, sondern nur mittlerer Statur war. Anmerkung der Uebersetzerinnen. zwischen den Städtern und den Landedelleuten geherrscht hatte, war beinahe erloschen, und die Bürgerschaft trug ihr Haupt weit höher als dies in späterer Zeit der Fall war. Damals wurde sie noch »des allerdurchlauchtigsten Kuniges und Herren« genannt, ihre Bereitwilligkeit » ad concessionem pecuniarum « wurde auch besonders geschätzt, und daher kam es zuweilen vor, daß in den Wirtshäusern die Edelleute mit den Kaufleuten tranken. Diese wurden sogar gern gesehen. Hatten sie doch stets bares Geld in Händen und zahlten sie doch häufig für die Träger der Wappenschilder. So saßen sie auch jetzt plaudernd beisammen, indem sie von Zeit zu Zeit dem Wirte winkten, auf daß er ihnen die leeren Becher fülle. »Ihr habt wohl schon ein großes Stück von der Welt bereist, edler Ritter,« sagte einer der Kaufleute. »Ja, nur wenige von denen, welche jetzt von allen Seiten in Krakau zusammenströmen, haben schon soviel gesehen,« antwortete der vor kurzem angelangte Ritter. »Und gar viele strömen dort zusammen,« fügte der Bürger hinzu. »Große Festlichkeiten giebt's ja, und große Glückseligkeit herrscht im Königreiche. Man sagt, und ich glaube es auch, daß der König befahl, der Königin Prunkbett mit perlenbesetztem Brokat auszupolstern und den gleichen Baldachin darüber anzubringen. Und allerlei Spiele und Turniere werden veranstaltet, wie sie die Welt bisher noch nie gesehen hat.« »Gevatter Gamroth, Namen oder vielmehr Spitznamen jener Zeit. Anmerkung des Verfassers. unterbrecht den Ritter nicht,« bemerkte der zweite Kaufmann. »Ich unterbreche ihn nicht, Gevatter Eiertreter, Namen oder vielmehr Spitznamen jener Zeit. Anmerkung des Verfassers. ich denke mir nur, er wird auch gern wissen, was man sagt, weil er gewiß selbst nach Krakau reist. Und ich kehre heute nicht mehr in die Stadt zurück, weil die Thore so früh geschlossen werden, und bei Nacht lassen mich die Amphibien, welche in den Hobelspänen entstehen, doch nicht schlafen, also haben wir Zeit für alles.« »Und auf ein Wort gebt Ihr zwanzig zurück, Ihr werdet alt, Gevatter Gamroth.« »Und doch bin ich noch im stande, ein Stück feuchten Tuches unter einem Arm zu tragen.« »Ach was! Vielleicht eines, das so dünn wie ein Sieb ist!« Ein weiterer Streit wurde durch den fremden Kriegsmann unterbrochen, welcher sagte: »Ich werde sicher in Krakau bleiben, weil ich von den Wettkämpfen gehört habe und froh bin, wenn ich meine Kraft innerhalb der Schranken erproben kann – und meinem Bruderssohn hier geht es ebenso, denn obgleich er noch jung und ein rechter Milchbart ist, hat er schon manchen Panzer auf der Welt zu Gesicht bekommen.« Die Gäste schauten den Jüngling an, der fröhlich lächelte und, nachdem er seine langen Haare hinter die Ohren gestrichen hatte, den Bierkrug an die Lippen setzte. Der alte Ritter aber fügte hinzu: »Uebrigens, wenn wir umkehren wollten, wüßten wir gar nicht, wohin wir uns wenden sollten.« »Ei,« fragte einer der Edelleute, »woher seid Ihr denn und wie nennt Ihr Euch?« »Macko aus Bogdaniec nenne ich mich, und dieser junge Mann, der Sohn meines leiblichen Bruders, nennt sich Zbyszko. ›Tepa Podkowa‹ Ein stumpfes Hufeisen. Anmerkung der Uebersetzerinnen. ist unser Wappenschild, und unser Schlachtruf: ›Hagel‹!« »Wo liegt denn Euer Bogdaniec?« »Traun! Fragt lieber, wo es lag, Herr Bruder, denn es ist schon vom Erdboden verschwunden. Noch zur Zeit des Krieges der Grzymalitezyc mit den Naleczy wurde Bogdaniec zu Asche niedergebrannt, und was übrig geblieben war, wurde uns weggenommen; die Knechte aber flohen alle. So blieb nur der leere Grund und Boden, denn auch die Bauern der Nachbarschaft wanderten fort in die Steppe. Mit meinem Bruder, dem Vater dieses Jünglings, habe ich das Haus wieder aufgebaut, aber im folgenden Jahre hat uns das Wasser alles weggerissen. Dann starb mein Bruder, und ich blieb allein mit der Waise. Da sagte ich mir: Hier kann ich es nicht aushalten! Und zu jener Zeit sprach man viel vom Krieg und auch davon, daß Jasko aus Olesnica, den der König Wladislaw zu dem Mikolaj aus Moskorzow nach Wilna sandte, eifrig in Polen Ritter suche. Da ich nun den würdigen Abt Janek aus Tulcza kenne, verpfändete ich ihm meinen Grund und Boden, und für das Geld kaufte ich mir eine Rüstung, ein Pferd, kurz, ich versah mich, wie es üblich ist für den Kriegsdienst, den Knaben, der erst zwölf Jahre alt war, setzte ich auf einen Klepper, und fort ging's zu Jasko von Olesnica!« »Mit dem Jüngling?« »Damals war er noch kein Jüngling, aber stramm ist er schon als Knabe gewesen. In seinem zwölften Jahre legte er zuweilen die Armbrust auf den Boden, stemmte sich mit dem Bauche dagegen und drückte den Schneller derart, daß selbst keiner von den Engländern, die wir bei Wilna gesehen haben, sich hätte rühmen können, er verstehe den Bogen besser zu spannen.« »So stark ist er gewesen?« »Meinen Helm trug er hinter mir her, und als er dreizehn Jahre alt wurde, trug er auch meinen langen Schild.« »Und an Kriegszügen hat es wahrlich nicht gefehlt.« »Witolds wegen. Der Fürst befand sich bei den Kreuzrittern und jedes Jahr unternahm er Kriegsfahrten gegen Litauen und wendete sich nach Wilna. Mit ihm zog allerlei Volk. Deutsche, Franzosen, Engländer, die am besten den Bogen zu spannen verstanden, Böhmen, Schweizer und Burgunder. Sie haben die Wälder durchstreift, Schlösser erbaut, und zuletzt haben sie Litauen mit Feuer und Schwert schrecklich verwüstet, so daß das ganze Volk, welches dies Land bewohnt, es schon verlassen und ein anderes suchen wollte, ja gerne bis ans Ende der Welt oder sogar zu den Kindern des Belial gewandert wäre, nur um fern von den Deutschen zu sein.« »Daß alle Litauer mit Weibern und Kindern fortziehen wollten, hörten wir wohl, doch glaubten wir es nicht.« »Aber ich habe gar viel miterlebt. Ha! wäre nicht Mikolaj aus Moskorzow, nicht Jasko aus Olesnica, und wären wir nicht gewesen – das sage ich, ohne mich zu rühmen – so stünde auch Wilna nicht mehr.« »O, das wissen wir. Ihr habt die Burg ja nicht übergeben.« »Nein, wir haben sie nicht übergeben. Und nun merket wohl auf das, was ich Euch sage, denn ich bin ein erfahrener, des Krieges kundiger Mann. Die Alten sprachen immer von dem bissigen Litauer, und sie sprachen wahr. Sie schlagen sich gut, die Litauer, aber mit den Rittern können sie sich im offenen Felde nicht messen. Ganz anders ist's im dichten Wald – oder auch dann, wenn die Pferde der Deutschen im Morast versinken.« »Die Deutschen sind die besten Krieger!« riefen die Städter. »Und wie eine Mauer stehen sie Mann bei Mann, durch ihre eisernen Rüstungen derart geschützt, daß kaum die Augen durch das Visir zu sehen sind. Dicht aneinander gedrängt, schreiten sie auch vorwärts. Gewöhnlich sind's die Litauer, die losschlagen. Aber dann werden sie wie Sand zerstreut, oder sie müssen als Brücke dienen und werden zertreten. Doch nicht nur Deutsche sind unter den Kreuzrittern zu finden, denn jedes Volk, das es auf der Welt giebt, dient bei ihnen. Und tapfer sind sie! Zuweilen beugt sich ein Ritter herab, streckt die Lanze aus und stößt allein, noch vor der Schlacht, in einen ganzen Kriegshaufen, wie sich ein Habicht auf eine Herde stürzt.« »Christus!« rief Gamroth aus, »welche sind denn die tüchtigsten unter ihnen?« »Es kommt auf die Waffe an. Die Armbrust weiß der Engländer am besten zu handhaben, denn er kann einen Panzer mit dem Pfeile durchbohren und eine Taube auf hundert Schritte weit treffen. Die Böhmen hingegen hauen mit dem Beile furchtbar drein, und den zweischneidigen Hirschfänger weiß niemand besser zu führen als der Deutsche. Der Schweizer zerschlägt gerne den Helm mit der eisernen Keule, aber die besten Krieger sind die, welche aus des Franzmannes Landen kommen. Sie kämpfen zu Pferd und zu Fuß und rufen Dir herausfordernde Worte zu, aber verstehen kannst Du sie nicht, denn ihre Sprache klingt, wie wenn eine zinnerne Schüssel geschüttelt wird, und doch sind sie ein gottesfürchtiges Volk. Sie haben uns durch die Deutschen vorgeworfen, daß wir mit den Heiden und Sarazenen gegen das Kreuz kämpfen, und haben sich verpflichtet, die Wahrheit dieser Behauptung durch einen ritterlichen Zweikampf zu beweisen. Auch ein Gottesgericht soll abgehalten werden zwischen vier von ihren und vier von unsern Rittern, und der zur Zusammenkunft bestimmte Ort ist der Hof Wenzels, des römischen und böhmischen Königs.« Historisch. Anmerkung des Verfassers. Noch größere Neugierde erfaßte nun die Landleute und die Kaufleute, sie streckten ihre Köpfe über die Krüge zu Macko hinüber und fragten: »Wer von unsern Rittern ist denn dabei? Sprecht schnell!« Doch Macko führte zuerst den Krug an die Lippen und trank, dann erwiderte er: »Ei, fürchtet nur nichts für sie. Es ist Jan aus Wloszczow, der Kastellan von Dobrzin, es ist Mikolaj aus Waszmuntow, es ist Jasko aus Zdakow und Sarosz aus Czeckow, lauter hochgepriesene Ritter und tapfere Jungen. Ob nun mit der Lanze, dem Schwert oder der Streitaxt gekämpft wird – das alles ist nichts Neues für sie. Da werden die Leute etwas zu sehen und etwas zu hören bekommen – denn wie ich schon erwähnt habe, dem Franzmann kannst Du die Gurgel zudrücken, und er sagt Dir noch heldenmäßige Worte. So wahr mir Gott helfe und das heilige Kreuz, jene werden unaufhörlich schwatzen, die Unsrigen aber sie besiegen.« »Das wird uns zu großem Ruhme gereichen, wofern nur Gott seinen Segen dazu giebt,« sagte einer der Edelleute. »Und der heilige Stanislaw!« fügte ein zweiter hinzu. Und zu Macko gewandt, bemerkte er in eifrigem Tone: »Nur weiter! Sprecht! Ihr rühmt die Tapferkeit der deutschen und andern Ritter, Ihr sagt, sie könnten die Litauer leicht beugen. Aber Euch zu beugen wäre ihnen sicherlich schwerer geworden! Haben sie nicht eben so gerne auf Euch losgeschlagen? Und was ist mit Gottes Willen dann geschehen? Lobt und preist doch die Unsrigen!« Doch Macko aus Bogdaniec war offenbar kein Prahler, denn er entgegnete bescheiden: »Die welche aus fernen Landen einwandern, nehmen gerne den Kampf mit uns auf, aber wenn sie es einmal gethan haben, schwindet ihr Mut schon einigermaßen, denn wir sind ein zähes Volk, und diese Zähigkeit wird uns häufig vorgeworfen. ›Ihr verachtet den Tod, – sagen unsere Feinde – aber die Sarazenen unterstützt Ihr, und dafür werdet Ihr verdammt sein!‹ Durch diese Lügen ist unser Ingrimm noch gewachsen; der König und die Königin ließen die Litauer taufen, und jeder ist ein Bekenner Christi, wenn schon nicht jeder ihn versteht. Als der Teufel in der Kathedrale in Plock auf die Erde geworfen wurde, befahl sogar unser gnädigster Herr, ein Endchen Licht zu dessen Ehren aufzustellen, und die Priester mußten ihm erst sagen, daß es sich nicht gehöre – das ist ja eine bekannte Geschichte. Was darf man also von einem gewöhnlichen Menschen verlangen? Mancher sagt sich selbst: Befiehlt der Knäs, daß ich mich taufe, so taufe ich mich; befiehlt Christus, daß ich mich an die Stirne schlage, so schlage ich mich an die Stirne; aber weshalb sollte ich den alten heidnischen Teufeln das bißchen Quark nicht gönnen, ihnen die gebratenen Rüben nicht vorwerfen, oder den Schaum vom Biere nicht für sie abgießen? Thue ich es nicht, so können mir die Pferde krepieren, die Kühe räudig werden, ihre Milch kann blutig kommen oder die Ernte kann schlecht ausfallen. Gar viele handeln so, wodurch sie schweren Verdacht auf sich laden. Und doch thun sie es nur aus Unwissenheit und aus Furcht vor den Teufeln. Ehemals war es jenen Teufeln wohl. Sie hatten ihren Forst und große Hütten, auch Pferde zum Reiten, und den Zehnten nahmen sie sich. Doch jetzt ist der Forst ausgehauen, zu essen ist nichts da – die Glocken in den Städten schlagen an, also muß sich der Unflat in den dichtesten Wald verkriechen und dort heult er vor Angst. Kommt nun ein Litauer in das Gehölz, so geschieht es häufig, daß ihn ein Teufel am Schafpelz zerrt und sagt: Gib her! Manche wagen nicht, sich zu widersetzen, wieder andere wollen den Teufeln nichts freiwillig überlassen und suchen sie zu fangen. Einer dieser wackeren Jungen schüttete gedörrte Erbsen in eine Ochsenblase, und sogleich fuhren dreizehn Teufel hinein. Da zog er die Blase zu, befestigte ein Holzpflöckchen daran und brachte sie zum Verkauf nach Wilna zu den Franziskanern, welche ihm gerne zwanzig Skotus dafür gaben, um die Feinde des Namens Christi aus dem Weg zu räumen. Ich selbst habe die Blase gesehen, aus der sich ein furchtbarer Gestank weithin verbreitet hat, denn auf diese Weise zeigen die bösen Geister ihre Furcht vor dem Weihwasser.« »Und wer hat berechnet, daß es ihrer dreizehn gewesen sind?« fragte der bedächtige Kaufmann Gamroth. »Das hat ein Litauer berechnet, welcher es mit ansah, wie sie in die Blase hineinkrochen. Daß sie sich darin befanden, darüber herrscht kein Zweifel, denn dies war an dem Gestank zu erkennen, und deshalb wollte niemand das Holzpflöckchen entfernen.« »Wie wunderlich ist dies, wie gar wunderlich!« rief einer der Edelleute. »Ich habe schon die größten Wunder gesehen, allein davon kann man nicht reden. Gute Leute sind die Litauer, aber auch recht sonderbare. Sie haben zottige Haare, und kaum die Fürsten kämmen sich, von gebratenen Rüben leben sie und ziehen diese allen andern Speisen vor, weil sie meinen, es mache kräftig und mutig. Bei ihnen in ihren Hütten sind auch Haustiere und Schlangen zu sehen, und im Essen und Trinken kennen diese Menschen kein Maß, die verehelichten Weiber werden mißachtet von ihnen, aber die Jungfrauen verehren sie und gestehen ihnen große Rechte zu.« »Ich kann es bestätigen,« fügte Zbyszko hier ein. »Und die meisten Mädchen sind schön. Oder,« fragte er, zu seinem Onkel gewendet, »ist Nyngalla vielleicht nicht schön?« »Wer ist denn diese Nyngalla?« erkundigte sich einer der Städter. »Wie? Habt Ihr noch nichts von Nyngalla gehört?« fragte Macko. »Noch kein Wort hörten wir von ihr!« »Wir sprechen ja von der Schwester des Fürsten Witold, der Gattin Henryks, des masovischen Fürsten.« »Welchen Fürsten Henryk meint Ihr? Es gab einen masovischen Fürsten dieses Namens, der Elektor von Plock war, aber er ist gestorben.« »Das ist eben derselbe. Er wurde durch den Tod abgerufen, weil sein Leben offenbar Gott nicht wohlgefällig war. Denn obwohl er die geistliche Würde bekleidete, schloß er doch eine unrechtmäßige Ehe mit Nyngalla. ›Ich gebe mir selbst den Dispens; der Papst, wenn nicht der von Rom, so doch der von Avignon, wird ihn sicherlich bestätigen,‹ soll er gesagt haben. Der Zorn Gottes war groß, aber Witold konnte sich nicht widersetzen – und die Vermählung ward gefeiert, zum großen Kummer meines Zbyszko hier, welcher selbst, nach deutscher Sitte, die Fürstin Ryngalla zur Herrin seines Herzens erwählt und ihr ewige Treue gelobt hatte ...« »Fürwahr,« warf Zbyszko plötzlich ein, »das ist richtig! Und später hörten wir von den Leuten, daß die Fürstin Ryngalla, nachdem sie eingesehen hatte, daß es sich nicht für sie gezieme, mit dem Elektor zu leben, weil er trotz seiner Vermählung doch nicht auf seine Würde verzichten wollte, und daß über solcher Ehe der göttliche Segen nicht walten könne, ihren Gatten vergiftet habe. Auf diese Kunde hin bat ich einen heiligen Einsiedler in der Nähe Lublins, mein Gelübde zu lösen.« »Ein Einsiedler war es wohl«, bemerkte Macko lachend, »doch ob es ein heiliger gewesen ist, weiß ich nicht, denn wir überraschten ihn an einem Freitag im Walde, als er die Knochen eines Bären mit dem Beile spaltete und das Mark aussaugte, bis es ihm in der Kehle stecken blieb.« »Aber er sagte, Mark sei kein Fleisch, und außerdem habe er sich die Erlaubnis erbeten, Mark zu genießen, weil er dann des Nachts immer wunderbare Traumgesichte habe und vom folgenden Morgen an bis zum Mittag prophezeien könne.« »Na! Na!« versetzte Macko. »Und die schöne Ryngalla ist Witwe und braucht Dich vielleicht in ihrem Dienst.« »Umsonst würde sie ausschicken, denn ich wähle mir selbst eine andere Herrin, der ich bis zum Tode dienen werde, und später werde ich mir auch eine Gattin gewinnen.« »Den Rittergürtel wirst Du Dir zuerst gewinnen.« »Nun ja! Nach der Entbindung der Königin werden doch gewiß Turniere stattfinden? Und da wird der König manchen zum Ritter schlagen. Ich stelle mich jedem. Der Fürst würde mich nimmer aus dem Sattel gehoben haben, wenn mein Pferd sich nicht auf die Hinterbeine gesetzt hätte.« »Es werden aber bessere dort sein als Du.« Hier riefen die Landleute aus der Gegend von Krakau: »Bei Gott! Vor der Königin werden sich solche wie Du nicht herauswagen können, wohl aber Ritter, die in der ganzen Welt berühmt sind. Wie kannst Du Dich mit Leuten messen, mit denen sich weder hier, noch am böhmischen noch am ungarischen Hofe jemand messen kann? Was ist das für ein Gerede? Bist Du denn besser als sie? Und wie alt bist Du denn?« »Achtzehn Jahre!« antwortete Zbyszko. »Dann kann Dich ja jeder zwischen den Fingern zermalmen.« »Wir werden sehen!« Doch Macko warf hier ein: »Ich habe gehört, daß der König die Ritter reichlich belohne, welche aus dem litauischen Kriege zurückkehren. Sagt an, die Ihr von Krakau kommt, ist dies wahr?« »Bei Gott, es ist wahr!« entgegnete einer der Edelleute. »Auch ist die Freigebigkeit des Königs in der ganzen Welt bekannt. Aber in seine Nähe zu gelangen, ist nicht leicht, da es in der Stadt von Gästen wimmeln wird, welche wegen der Entbindung der Königin und der Taufe kommen, um dadurch unsern Herrn zu ehren oder ihm Huldigung darzubringen. Der ungarische König wird dort sein, auch der römische Cäsar, wie man sagt, und verschiedene Fürsten, Wojwoden und Ritter werden erscheinen, weil jeder denkt, daß er nicht mit leeren Händen weggehen wird. Man spricht sogar davon, daß selbst der Papst Bonifazius komme, da er der Gunst und Hilfe unseres Herrn gegen seinen Feind in Avignon bedürfe. Bei dem Andrange wird man nicht leicht Zutritt zum König bekommen, aber wem es dennoch gelingt, Zutritt zu erlangen und wer einen Kniefall vor dem Herrn macht, der wird seiner Verdienste wegen reichlich belohnt werden.« »Dann will ich den Kniefall thun, denn auch ich habe mir schon Verdienste erworben, und wenn der Krieg ausbricht, ziehe ich mit. Kriegsbeute ist mir wohl zu teil geworden, und vom Fürsten Witold erhielt ich Vergütung, Not leide ich also nicht, aber der Abend meines Lebens naht schon heran, und im Alter, wenn die Knochen mürbe werden, hat der Mensch doch gerne einen friedlichen Winkel.« »Gerne sah der König stets die, welche unter Jasko aus Olesnica von Litauen zurückgekehrt sind – und sie alle bekommen satt zu essen.« »Da seht Ihr's! Ich bin aber jetzt erst aus dem Krieg zurückgekehrt. Ihr müßt nämlich wissen, daß die Deutschen den Frieden zwischen dem König und dem Fürsten Witold büßen mußten. Der schlaue Fürst sicherte sich seine Geiseln, und dann ging es los auf die Kreuzritter! Schlösser wurden zerstört, verbrannt, die Ritter aufs Haupt geschlagen und ein großer Teil des Volkes ausgerottet. Mit Swidrygiello zugleich, der zu ihnen geflohen war, wollten sich nun die Deutschen rächen. So kam es wieder zu einem großen Kriegszug. Selbst der Meister Kondrad eilte mit zahlreichem Volk herbei. Wilna ward belagert, von ungeheuren Türmen aus versuchte man, die Burg zu zerstören, durch Verrat versuchte man, hineinzugelangen, aber nichts ward damit erreicht. Und bei dem Rückzuge wurden so viele Krieger hingestreckt, daß kaum die Hälfte zurückkam. Auch gegen Ulryk von Jungingen, des Großmeisters Bruder, der Vogt von Samland ist, zogen wir ins Feld. Aber in Schrecken versetzt durch den Fürsten, floh der Vogt unter lauten Klagen, und durch diese Flucht ward der Frieden wieder hergestellt, die Stadt neu erbaut. Und ein heiliger Ordensbruder, der barfuß auf glühendem Eisen zu gehen vermag, hat prophezeit, daß von nun an, so lange die Welt steht, sich unter Wilnas Mauern keine bewaffneten Deutschen mehr zeigen werden. Aber wessen Hände haben mitgeholfen, daß es so kommen kann und sie sich nicht mehr zeigen werden?« Bei diesen Worten streckte Macko aus Bogdaniec seine großen, ungewöhnlich starken Hände aus, während die andern beistimmend nickten und riefen: »Ja! Ja! In dem, was Ihr sagt, ist ein Fünkchen Wahrheit enthalten.« Das Gespräch wurde durch heftigen Lärm unterbrochen. Er drang zu den Fenstern herein, deren Scheiben man entfernt hatte, denn die Nacht war warm und schön. In der Ferne vernahm man Stimmen, Gesang und das Schnauben von Pferden. Die Anwesenden staunten darüber, weil die Stunde schon vorgerückt war und der Mond hoch am Himmel stand. Der deutsche Wirt lief hinaus in den Hof, aber bevor noch seine Gäste im stande gewesen, die Krüge bis zur Neige zu leeren, kehrte er eilig zurück und rief: »Irgend eine Hofgesellschaft naht heran!« Gleich darauf zeigte sich an der Thüre ein junger Bursche in blauem Oberrock, die gefältelte rote Mütze auf dem Haupte. Er blieb stehen, betrachtete die Anwesenden, und als er den Wirt erblickte, sagte er: »Wischt die Tische dort ab und bringt Lichter herbei. Die Fürstin Anna Danuta wird hier Rast machen.« So sprach er und entfernte sich dann wieder. In der Schenke machte sich eine Bewegung kund, der Wirt rief nach dem Gesinde, und die Gäste schauten voll Verwunderung einander an. »Die Fürstin Anna Danuta,« begann einer der Bürger. »Das ist Kiejstuts Tochter, die Gattin Janusz' von Masovien. Sie hielt sich vierzehn Tage in Krakau auf und fuhr dann nach Zator zum Fürsten Wenzel zu Besuch. Wahrscheinlich befindet sie sich nun wieder auf der Rückreise nach Krakau.« »Gevatter Gamroth,« sagte der zweite Bürger, »laß uns lieber in die Scheune gehen und unser Heulager aufsuchen, allzu hohe Gesellschaft ist das für uns.« »Daß sie bei Nacht fahren, dies wundert mich nicht,« ließ sich Macko vernehmen, »denn bei Tage brennt die Sonne allzu sehr, aber weshalb kommen sie in dies Wirtshaus, da sie doch das Kloster vor Augen haben?« Hier wendete er sich zu Zbyszko mit den Worten: »Sie ist eine leibliche Schwester der schönen Ryngalla!« Und Zbyszko rief: »Juhei! Sicherlich befinden sich viele masovische Jungfrauen bei ihr.« Zweites Kapitel. An der Thüre erschien jetzt die Fürstin, eine Frau in mittleren Jahren, in einem roten Mantel und einem enganliegenden grauen Gewande mit goldenem Gürtel, der vorn durch einen großen Ring am Kleide festgehalten war. Hinter der freundlich lächelnden Herrin zeigten sich einige Hoffräulein, ältere und auch halbwüchsige. Kränze aus Lilien und Rosen schmückten ihre Stirnen, und viele hatten Lauten in den Händen. Wieder andere trugen frische Blumensträuße, die sie wohl unterwegs gepflückt hatten. Bald war die ganze Stube voll, denn nach den Mädchen kamen mehrere Höflinge und Pagen. Heiter und guter Dinge traten alle ein, mit strahlenden Gesichtern, laut sprechend und singend, wie trunken von der schönen Nacht und dem hellen Mondschein. Unter den Höflingen befanden sich auch zwei fahrende Schüler, der eine mit einer Laute, der andere mit der Zither am Gürtel. Eines der Mägdlein, das noch ganz jung, vielleicht zwölf Jahre alt war, trug eine kleine, mit Kupfernägeln beschlagene Laute hinter der Fürstin her. »Gelobt sei Jesus Christus!« sagte die Fürstin, in der Mitte des Gastzimmers stehen bleibend. »Von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen!« antworteten die Anwesenden, sich tief verneigend. »Wo ist der Wirt?« Als dieser der Fürstin Worte vernahm, drängte er sich vor und ließ sich nach deutscher Sitte auf die Knie nieder. »Wir wollen hier rasten und uns stärken,« sagte die Herrin. »Tummelt Euch also, denn wir sind hungrig.« Die Bürger hatten sich bereits entfernt. Zwei Edelleute vom Orte, sowie Macko aus Bogdaniec und der junge Zbyszko verbeugten sich jetzt abermals und wollten die Gaststube verlassen, um die Gesellschaft nicht zu stören, aber die Fürstin hielt sie zurück. »Ihr seid Edelleute, Ihr stört uns nicht. Macht Euch mit unseren Hofherren bekannt. Woher hat Euch Gott geführt?« Nun gaben sie ihre Namen, ihr Geschlecht, ihre Beinamen und die Dörfer an, von denen sie die Namen trugen. Als dann die Fürstin von Macko gehört hatte, woher er kam, klatschte sie in die Hände und rief: »Das trifft sich gut! Erzählt uns von Wilna, von meinem Bruder und meiner Schwester. Kommt Fürst Witold zur Entbindung der Königin und zur Taufe hierher?« »Er wollte kommen, weiß aber nicht, ob es ihm möglich sein wird. Deshalb sandte er durch die Fürsten und Bojaren der Königin vorerst eine silberne Wiege als Geschenk. Mit dieser Wiege sind auch wir, mein Neffe und ich, gekommen und unterwegs haben wir sie bewacht.« »Befindet sich diese Wiege hier? Ich möchte sie sehen. Ganz aus Silber ist sie?« »Ja, ganz aus Silber. Aber sie befindet sich nicht hier. Sie ist schon nach Krakau gebracht worden.« »Und was thut Ihr hier in Tyniec?« »Wir kehrten hierher zurück, zu dem Prokurator des Klosters, unserm Blutsverwandten, um der Obhut des ehrwürdigen Ordens zu übergeben, was wir im Krieg gewannen und was der Fürst uns als Schenkung überließ.« »Möge Gottes Segen darüber walten! Ist es ansehnliche Beute? Doch sagt, warum es noch ungewiß ist, ob mein Bruder kommt?« »Für den Feldzug zu den Tataren rüstet er sich.« »Ich sage Euch, mich quält nur das eine: die Königin hat diesem Feldzuge kein glückliches Ende prophezeit, und was sie prophezeit, trifft immer ein.« Macko lachte. »Ei, unserer gottesfürchtigen Herrin will ich nicht widersprechen, aber mit dem Fürsten Witold zieht unsere ganze ritterliche Streitmacht aus, und es sind tüchtige Burschen, gegen die niemand aufkommt.« »Zieht Ihr nicht mit?« »Ich bin ja nebst den andern mit der Wiege abgesandt worden und habe zudem fünf Jahre lang den Harnisch nicht abgelegt,« entgegnete Macko, auf die vom Panzer im Lederkoller zurückgelassenen Spuren deutend. »Doch, sobald ich genügend der Ruhe gepflegt habe, gehe ich mit, und wenn ich auch selbst nicht mitgehe, so bringe ich doch meinen Bruderssohn Zbyszko dem Herrn Ipytko aus Mielsztyn, denn unter diesem Heerführer ziehen all' unsre Ritter aus.« Die Fürstin Danuta blickte auf die schöne Gestalt Zbyszkos, aber das Gespräch ward durch den Eintritt eines Mönches unterbrochen, der nach der Begrüßung der Fürstin ihr demütig vorhielt, daß sie ihre Ankunft nicht durch einen Boten kund gethan habe, und daß sie sich nicht im Kloster, sondern in diesem gewöhnlichen Wirtshause aufhalte, das ihrer hohen Würde unwert sei. Im Kloster sei doch kein Mangel an Gemächern und Wohnungen, worin jedermann Unterkunft finde, und nun erst die hohe Frau, die Gattin des Fürsten, von dessen Vorfahren und Blutsverwandten die Abtei so viele Wohlthaten erhalten habe. Aber die Fürstin antwortete in heiterem Tone: »Wir sind nur hier eingekehrt, um unsere Glieder wieder einigermaßen zu strecken, und in der Frühe müssen wir uns nach Krakau aufmachen. Bisher schliefen wir bei Tag und fuhren bei Nacht, der Kühle wegen, und obwohl hier bei unserer Ankunft die Hähne schon krähten, wollte ich die gottesfürchtigen Mönche nicht wecken, vornehmlich nicht mit solcher Gesellschaft, welche mehr an Gesang und Tanz als an Ruhe denkt.« Da jedoch der Mönch noch weiter in sie drang, fügte sie hinzu: »Ich bleibe hier. Wir haben jetzt die beste Zeit, einige weltliche Gesänge anzuhören, aber zum Frühgottesdienst gehen wir in die Kirche, um den Tag mit Gott zu beginnen.« »Man wird eine Messe lesen für das Wohlergehen des gnädigen Fürsten und der gnädigen Fürstin,« sagte der Mönch. »Der Fürst, mein Gatte, wird erst nach vier oder fünf Tagen ankommen.« »Unser Herrgott kann auch aus der Ferne seinen Segen verleihen, und mittlerweile möge es uns armen Klosterbrüdern vergönnt sein, Wein hierher zu bringen.« »Wir werden uns dankbar dafür erweisen,« erwiderte die Fürstin. Kaum hatte der Mönch sich entfernt, so rief sie: »Schnell, Danusia, steige auf die Bank und erfreue unser Herz mit dem nämlichen Liede, das Du in Zator gesungen hast.« Als sie dies hörten, trugen zwei Hofherren eine Bank herein. Die fahrenden Schüler setzten sich an die beiden Enden, und das junge Mädchen, welches der Fürstin die mit Kupfernägeln beschlagene Laute nachgetragen hatte, stellte sich hinauf. Ihr Haupt war mit einem Blumenkranze geziert, die Haare hingen aufgelöst über ihre Schultern herab, sie hatte ein himmelblaues Gewand an und rote Schühchen mit langen Spitzen. Wie sie so dastand, sah sie aus wie ein wunderbar schönes Kind auf einem Heiligenbild oder in einem Kripplein in der Kirche. Offenbar war es aber nicht das erste Mal, daß sie so dastand, um der Fürstin vorzusingen, denn nicht die geringste Verwirrung zeigte sich auf ihrem Gesichte. »Singe, Danusia, singe!« riefen die Hofdamen. Nun nahm sie die Laute zur Hand, hob den Kopf in die Höhe wie ein Vogel, der zu singen anfängt, und die Aeuglein zudrückend, begann sie mit ihrem Silberstimmchen: »Wie wär' ich gerne Ein Gänslein klein, Ich flög' in die Ferne Zu Jasio mein!« Die fahrenden Schüler begleiteten sie, der eine auf der Zither, der andere auf seiner großen Laute, die Fürstin, welche weltliche Gesänge über alles liebte, neigte das Haupt bald auf die eine, bald auf die andere Seite, und das Mädchen sang weiter, mit einer zarten, frischen, kindlichen Stimme, die klang wie Vogelgezwitscher im frühlingsgrünen Walde »In Schlesien flög' ich nieder Auf grünem Rain, Die Waise sieh wieder, Jasiulek mein!« Und wieder begleiteten die fahrenden Schüler. Der junge Zbyszko aus Bogdaniec aber, der, von Kindheit an nur an den Krieg und dessen fürchterliche Erscheinungen gewöhnt, in seinem ganzen Leben noch nichts Aehnliches erschaut hatte, berührte den Arm eines neben ihm stehenden Masuren und fragte: »Wer ist das?« »Ein Mägdlein vom Hofe der Fürstin. An fahrenden Sängern, welche den Hof ergötzen, fehlt es nicht, aber sie ist die beliebteste Sängerin, und die Fürstin hört keine andern Gesänge so gerne wie die ihrigen.« »Mich wundert dies nicht. Sie ist ja ein wahrer Engel, und ich kann den Blick nicht von ihr abwenden. Wie wird sie genannt?« »Und das wißt Ihr nicht? Danusia! Jurand aus Spychow, ein mächtiger und tapferer ›Comes‹, welcher zu den Landsassen gehört, ist ihr Vater.« »Ach! Solch ein Wesen haben noch keine menschlichen Augen gesehen.« »Sie wird auch von allen geliebt, sowohl ihres Gesanges als ihrer Schönheit wegen.« »Und wer ist ihr Ritter?« »Sie ist ja noch ein Kind.« Durch den Gesang Danusias ward das Gespräch unterbrochen. Zbyszko blickte sie von der Seite an. Während er ihre hellen Haare, ihr erhobenes Köpfchen, ihre zugedrückten Augen und ihre ganze Gestalt betrachtete, die zugleich von dem Scheine der Wachslichter und von den durch die offenen Fenster fallenden Mondstrahlen beleuchtet wurde, staunte er immer mehr. Ihn dünkte, er habe dies schöne Bild schon einmal gesehen, ob im Traume oder zu Krakau auf einem Kirchenfenster, wußte er jedoch nicht zu sagen. Und abermals den Arm des Hofherrn berührend, fragte er leise: »An Euerm Hofe ist sie?« »Ihre Mutter kam aus Litauen mit der Fürstin Anna Danuta, und diese verheiratete sie an den Grafen Jurand von Spychow. Sie stammte aus einem mächtigen Geschlechte, war anmutig und mild, auch ward sie mehr als alle andern Mädchen von der Fürstin geschätzt. Sie selbst liebte die Fürstin innig, deshalb gab sie ihrer Tochter den gleichen Namen – Anna Danuta. Vor fünf Jahren nun, als bei Zlotorja die Deutschen unsern Hof überfielen, starb sie vor Schrecken. Damals nahm die Fürstin das Kind zu sich, und seit jener Zeit leitet sie dessen Erziehung. Der Vater kommt häufig an den Hof und sieht es mit Vergnügen, daß es seiner Tochter gut geht und daß sie unter dem Schutze der Fürstin steht. Allein so oft er Danusia anschaut, so oft vergießt er Thränen um die verstorbene Gattin, und dann sinnt er nur darauf, Rache an den Deutschen zu nehmen, für das, was sie ihm angethan. In ganz Masovien liebte niemand seine Ehefrau so innig, wie er die seine geliebt hatte – und ihretwegen hat er schon gar viele Deutsche ums Leben gebracht.« Zbyszkos Augen blitzten und die Adern auf seiner Stirne schwollen an. »So ward also ihre Mutter von den Deutschen getötet?« fragte er. »Ja und nein! Sie starb durch den Schrecken. Vor fünf Jahren war ja Frieden im Lande, niemand dachte an Krieg, und jeder konnte ungefährdet seines Weges ziehen. Der Fürst befand sich auf der Reise nach Zlotorja, wo er einen Turm bauen lassen wollte, er fuhr allein mit seinem Hofstaate, ohne Krieger, wie gewöhnlich zur Zeit des Friedens. Da überfielen ihn die Deutschen ohne Kriegserklärung, ohne jede Veranlassung. Aller Gottesfurcht Hohn sprechend, auch nicht bedenkend, daß seine Vorfahren ihnen viele Wohlthaten erwiesen hatten, banden ihn auf ein Pferd und führten ihn mit sich fort. Seine Leute aber wurden vollständig aufs Haupt geschlagen. Lange befand sich der Fürst in Gefangenschaft, und erst als König Wladislaw ihnen mit Krieg drohte, gaben sie Jurand aus Angst frei. Aber bei jenem Ueberfall starb Danusias Mutter, denn ihr Herz zog sich krampfhaft zusammen und stand dann plötzlich still.« »Und Ihr, Herr, seid Ihr dabei gewesen? Wie nennt Ihr Euch? Ich vergaß es.« »Mikolaj aus Dlugolas heiße ich, und Obuch werde ich genannt. Bei dem Ueberfall bin ich zugegen gewesen. Ich habe es mit angesehen, wie ein Deutscher, der Pfauenfedern als Helmzier trug, die Mutter Danusias an dem Sattel festbinden wollte, und wie sie vor seinen Augen starb. Auf mich haben sie mit der Hellebarde geschlagen, ich trage noch ein Merkmal davon.« Bei diesen Worten zeigte er auf eine tiefe, sich unter den Haaren bis zu den Augenbrauen hinziehende Narbe in der Hirnschale. Ein kurzes Schweigen folgte. Zbyszko blickte wieder auf Danusia, dann fragte er: »Und Ihr sagt, Herr, sie habe noch keinen Ritter?« Doch wartete er die Antwort nicht ab, da in diesem Augenblick der Gesang verstummte. Einer der fahrenden Schüler, ein feister, starker Mensch, hatte sich plötzlich erhoben, wodurch sich die Bank auf eine Seite neigte. Danusia schwankte und streckte die Händchen aus, aber ehe sie noch fallen oder herabhüpfen konnte, sprang Zbyszko vor wie eine Wildkatze und fing sie in seinen Armen auf. Die Fürstin, welche zuerst vor Schrecken laut geschrien hatte, lachte sogleich wieder und rief: »Das ist Dein Ritter, Danusia! Sei uns gegrüßt, o Ritter, und gieb uns die liebliche Sängerin zurück.« »Allzu keck war die Art, wie er sie auffing!« ließen sich nun die Stimmen einiger Hofleute vernehmen. Danusia immer noch in seinen Armen haltend, ging Zbyszko indessen auf die Fürstin zu. Das junge Mädchen hatte die eine Hand um seinen Hals geschlungen, während sie mit der andern die Laute emporhob, aus Furcht, das Instrument zu zerbrechen. Obwohl sie etwas erschreckt aussah, spielte dennoch ein Lächeln um ihre Lippen. Als der Jüngling die Fürstin erreicht hatte, stellte er Danusia vor sich hin, er selbst aber kniete nieder, richtete stolz das Haupt auf und sagte mit einer für sein Alter erstaunlichen Kühnheit: »Euern Worten gemäß soll es sein, edle Herrin! Es ist an der Zeit für dieses liebliche Jungfräulein, ihren Ritter zu wählen, an der Zeit auch für mich, eine Herrin zu wählen, deren Schönheit und Tugend ich verehren kann. Mit Eurer Erlaubnis werde ich das Gelöbnis ablegen, ihr unter allen Wechselfällen des Lebens Treue zu bewahren bis zum Tode.« Auf dem Gesichte der Fürstin malte sich eine gewisse Verwunderung, aber weniger über Zbyszkos Worte, als darüber, daß alles so plötzlich kam. Es war zwar keine polnische Sitte, sich dem Dienste einer Herrin zu weihen, aber an der deutschen Grenze, in Masovien, wo häufig Ritter aus fernen Ländern zusammenströmten, kannte man sie besser als in andern Gegenden und ahmte sie sogar häufig nach. Die Fürstin hatte schon früher am Hofe ihres großen Vaters davon gehört, wo alle Sitten des Westens als Gesetz und nachahmungswürdiges Beispiel betrachtet wurden, deshalb erschien ihr das Vorhaben Zbyszkos nicht derart, daß sie oder Danusia dadurch hätte verletzt werden können. Im Gegenteil, sie freute sich, daß Herz und Augen eines Ritters sich dem lieblichen Hoffräulein zuwendeten. Daher sagte sie in heiterem Tone zu dem jungen Mädchen: »Danuska! Danuska! Willst Du ihn zu Deinem Ritter haben?« Und die Kleine mit den herabwallenden Haaren hüpfte in ihren roten Schühchen zuerst dreimal in die Höhe, schlang dann den Arm um den Hals der Fürstin und rief mit dem Entzücken eines Kindes, dem man ein Spielzeug versprochen hat, woran sich sonst nur ältere Leute ergötzen dürfen: »Ja, ja, ich will ihn zum Ritter haben.« Die Fürstin lachte, bis ihr die Thränen in die Augen traten, und mit ihr lachte der ganze Hof. Sich Danusias Armen entwindend sagte sie schließlich zu Zbyszko: »Nun gelobe Dich Deiner Herrin an. Was aber wirst Du ihr geloben?« Und trotz des Gelächters unerschütterlichen Ernst bewahrend, erklärte Zbyszko, ohne sich von den Knien zu erheben: »Ich gelobe ihr, daß ich, in Krakau angelangt, meinen Schild in der Herberge aufhängen und ein Blatt daran befestigen werde, worauf von der Hand eines schriftkundigen Klerikers geschrieben steht, daß Jungfrau Danuta, Jurands Tochter, die schönste und tugendhafteste aller Frauen ist. Und wer dem widerstreitet, mit dem werde ich so lange streiten, bis eines von uns zu Grunde geht – es sei denn, daß ich noch zuvor in Gefangenschaft gerate.« »Gut! Man sieht, Du kennst die ritterlichen Sitten. Und was soll weiter geschehen?« »Da Herr Mikolaj aus Dlugolas zugestanden hat, daß die Mutter dieses Jungfräuleins durch Schuld eines Deutschen mit einem Pfauenbusch auf dem Helme, den letzten Seufzer aushauchte, gelobe ich hiermit, mich auf bloßem Leibe mit einem Hanfstricke zu gürten und ihn, wenn er mich auch tief in die Knochen schneidet, so lange zu tragen, bis ich drei solcher Pfauenbüsche von deutschen Rittern erbeutet und zu den Füßen meiner Herrin niedergelegt habe.« Nun nahm die Fürstin einen feierlichen Ton an und fragte: »Gelobst Du dies zum Scherze?« »Nein, so mir Gott helfe und das heilige Kreuz! Und meine Gelübde will ich in der Kirche vor den Priestern wiederholen.« »Rühmlich ist es, mit den grausamen Feinden unseres Stammes zu kämpfen, doch beklage ich Dich, weil Du so jung bist und gar leicht zu Grunde gehen kannst.« In diesem Augenblick trat Macko aus Bogdaniec, welcher bisher wie ein Mensch, der einer vergangenen Zeit angehört, nur stillschweigend die Achseln gezuckt hatte, näher heran, denn er fühlte sich nun gedrungen, seine Ansicht auszusprechen. »Spart Euer Mitleid, Herrin!« begann er. »Auch in der Schlacht kann jeden der Tod treffen, und für einen Edelmann, mag er nun alt oder jung sein, ist das ein ruhmreicher Tod. Zudem ist mein Bruderssohn in der Kriegskunst wohl erfahren, denn trotz seiner Jugend bestand er schon manches Treffen zu Pferde und zu Fuß, mit der Lanze und dem Beile, mit langem und mit kurzem Schwerte, mit und ohne Schild. Zwar ist es eine neue Sitte, daß ein Ritter sich dem Mägdlein, das er gerne sieht, angelobt, aber daß Zbyszko seiner Herrin drei Pfauenbüsche versprach, daraus mache ich ihm keinen Vorwurf. Er hat die Deutschen schon einmal gelaust, mag er sie noch weiter lausen, und wenn dabei ein paar Schädel bersten, wird sein Ruhm dadurch nur vergrößert werden.« »Wie ich sehe, habe ich es nicht mit dem ersten besten zu thun,« sagte die Fürstin. Sich zu Danusia wendend, fügte sie dann hinzu: »Nimm meinen Platz ein, denn Du bist die wichtigste Person am heutigen Tage. Nur lache nicht, das schickt sich nicht.« Danusia setzte sich an den Platz ihrer Beschützerin, dabei wollte sie sich ein ernsthaftes Ansehen geben, doch ihre blauen Augen schauten lachend auf den knieenden Zbyszko nieder, und sie konnte sich nicht enthalten, vor Freude mit den Füßchen zu baumeln. »Gieb ihm Deinen Handschuh!« gebot die Fürstin. Danusia immer noch in seinen Armen haltend, ging Zbyszko auf die Fürstin zu. Danusia zog den Handschuh aus und reichte ihn Zbyszko, der ihn mit großer Ehrfurcht ergriff. Während er ihn an die Lippen drückte, erklärte er: »An meinem Helme soll er prangen, aber wehe dem, der darnach greift.« Dann küßte er Danusias Hände und Füße und erhob sich. Sein bisheriger Ernst war dahin. Voll Freude darüber, daß ihn von nun an dieser ganze Hof als reifen Mann betrachten werde, schwang er Danusias Handschuh, indem er halb scherzhaft, halb im Ernste ausrief: »Nun ist's vorbei mit Dir, Du mit dem Pfauenbusch! Nun ist's vorbei mit Dir!« In Begleitung von zwei älteren Mönchen trat in diesem Augenblick der Ordensbruder in die Herberge, der schon zuvor dagewesen war. Den Drei folgten Klosterbedienstete mit Lastkörben voll von Krügen mit Wein und den verschiedensten, in der Eile zusammengebrachten Leckerbissen. Die Mönche begrüßten die Fürstin, fragten sie aber dann vorwurfsvoll, weshalb sie nicht in der Abtei eingekehrt sei. Doch die Fürstin erklärte immer wieder, da sie des Tages über der Ruhe gepflegt habe, um in der Kühle der Nacht die Reise fortzusetzen, bedürfe sie eines Obdaches nicht. Nichts liege ihr daher ferner, als den hochwerten Abt und die ehrwürdigen Ordensbrüder stören zu wollen, sie gedenke nur eine kurze Rast in der Herberge zu halten. Nach Austausch vieler höflicher Redensarten einigte man sich dahin, daß sich die Fürstin nicht nur zur Frühmesse, sondern auch zum Morgenimbiß und zur Rast in dem Kloster einfinden solle. Die leutseligen Ordensbrüder luden außer den Masuren auch die Krakauer, sowie Macko aus Bogdaniec ein. Letzterer hegte indessen ohnedies die Absicht, sich in die Abtei zu begeben, um die im Kriege erbeutete Habe oder vielmehr die von dem freigebigen Witold erhaltenen Gaben zum Auslösen von Bogdaniec, das er dem Abte verpfändet hatte, in das Kloster zu bringen. Der junge Zbyszko hörte indessen die Einladung gar nicht. Von dem Wunsche beseelt, sich umzukleiden, um in schöner Gewandung vor der Fürstin und Danusia erscheinen zu können, war er zu den Wagen geeilt, die dem Oheim und ihm gehörten und sich unter der Obhut der Dienerschaft befanden. Aus einem der Gefährte verschiedene Gewandstücke entnehmend, ließ er alles in die Gesindestube bringen. Dort wollte er sich umkleiden. Nachdem er seine Haare eilig geglättet hatte, zog er eine netzförmige Haube darüber, die von einer Bernsteinkette zusammengehalten wurde, nach vorn jedoch mit echten Perlen geschmückt war. Dann legte er eine weißseidene, mit goldenen Greifen bestickte und mit einem zierlichen Saume geschmückte Jacke an. Dies Oberkleid umschloß ein breiter, goldener Gürtel, an dem ein silbernes, mit Elfenbein eingelegtes Dolchmesser hing. All dies war nicht mit Blut beschmutzt, sondern neu und blitzend, wenngleich es einem jungen, friesischen Ritter als Beute abgenommen worden war. Hierauf zog Zbyszko wunderschöne Unterkleider an, von denen die eine Hose der Länge nach grün und rot, die andere violett und gelb gestreift war, während beide gegen oben in buntscheckigen Würfeln endigten. Ein Paar purpurrote Schnabelschuhe vollendeten den Anzug. So geschmückt, schön und strahlend, trat Zbyszko wieder in die gemeinsame Stube. Als er auf der Schwelle stand, machte sein Anblick auf alle Anwesenden einen mächtigen Eindruck. Freude schwellte auch das Herz der Fürstin, die klar sah, wie der wohlgestaltete, junge Ritter um die liebliche Danusia warb. Dies süße Kind aber sprang im ersten Impulse gleich einem Reh auf ihn zu. Doch, sei es nun, daß die Schönheit des Jünglings, sei es, daß die laut werdenden, bewundernden Stimmen des Hofstaates sie einschüchterten, sie blieb mit einem Male stehen, schlug die Augen nieder und drehte errötend und verwirrt ihre Fingerchen hin und her. Allein Danusia war nicht die einzige, die sich Zbyszko näherte. Die Fürstin, die Hofherren und die Hofdamen, die fahrenden Schüler und die Mönche, alle wollten den Jüngling genauer sehen. Die masurischen Mädchen schauten zugleich prüfend und bedauernd auf die glänzende Erscheinung Zbyszkos, eine jede sichtlich schmerzlich davon berührt, daß er sie nicht zu seiner Auserkorenen erwählt hatte – die älteren Frauen bewunderten seine kostbare Gewandung, kurz, rings um ihn her stand ein Kreis von Neugierigen. Zbyszko aber, mit einem herausfordernden Lächeln auf seinem jugendlichen Antlitz, drehte sich unwillkürlich hin und her, damit man ihn besser sehen konnte. »Wer ist das?« fragte einer der Mönche. »Das ist ein Ritter, der Bruderssohn dieses Edelmannes,« erwiderte die Fürstin, auf Macko zeigend, »der sich dem Dienste Danusias gelobt hat.« Der Mönch zeigte keinerlei Verwunderung über diesen Ausspruch, denn ein solcher Dienst verpflichtete zu nichts. Ein Ritter diente häufig einer verheirateten Frau, und in den hervorragenden Geschlechtern, unter welchen die abendländischen Sitten gäng und gäbe waren, hatte thatsächlich eine jede Dame ihren Ritter. Diente indessen ein Ritter einer unverheirateten Frau, so harrte diese nicht bei ihm aus, nein, im Gegenteile, sie nahm meistens einen andern Gatten, während er ihr, sofern er die Tugend der Standhaftigkeit besaß, die Treue bewahrte, auch wenn er sich mit einer andern vermählte. Selbst die große Jugend Danusias setzte die Mönche nicht allzusehr in Staunen, bekleideten doch in jener Zeit sechzehnjährige junge Leute schon das Amt eines Burgvogts. Ja, die hohe Königin Jadwiga zählte bei ihrer Ankunft aus Ungarn erst fünfzehn Jahre, und es gehörte nicht zu den Seltenheiten, daß sich dreizehnjährige Mädchen schon verheirateten. Zbyszko erregte indessen in diesem Augenblicke weit mehr das Interesse als Danusia, und alle lauschten gespannt den Worten des Macko, der, voll Stolz auf den Bruderssohn, erzählte, auf welche Weise der Jüngling zu der prächtigen Gewandung gekommen war. »Es mag wohl jetzt ein Jahr und neun Monate her sein,« so sprach Macko, »da waren wir zu Gast gebeten bei sächsischen Rittern. Unter ihnen befand sich ein Ritter aus dem Stamme der Friesen, die gar weit an dem Meere wohnen, und der hatte einen Sohn bei sich. Letzterer war drei Jahre älter als Zbyszko. Einmal nach dem Mahle hänselte der junge Friese meinen Bruderssohn fortwährend darüber, daß er weder Schnurrbart noch Knebelbart habe. Zbyszko, der stets rasch entschlossen ist, hörte dies nicht lange ruhig an, sondern packte ihn sofort am Kinn und riß ihm alle Barthaare heraus – später aber schlugen wir uns auf Tod oder auf Knechtschaft.« »Wie, Ihr schlugt Euch?« fragte der Herr aus Dlugolas. »Ja. Denn auf der Seite des Sohnes kämpfte der Vater, und ich stritt auf der Seite Zbyszkos: folglich kämpften wir zu vieren, inmitten der Gäste, auf der festgetretenen Erde. Solchergestalt lautete indessen die Abmachung: wer siegte, der sollte die Wagen, die Pferde und die Diener des Besiegten erhalten. Und Gott ließ uns seinen Schutz angedeihen. Wir trugen den Sieg über die Friesen davon, wenn schon mit Aufbietung aller Kraft, denn es fehlte ihnen weder an Tapferkeit, noch an Stärke. Gar beträchtliche Beute war unser Lohn. Nicht weniger als vier Wagen, an jedem ein Paar Klepper, vier kräftige Hengste, etliche Diener und zwei Rüstungen, so auserwählt, wie man sie bei uns kaum kennt, fielen uns zu. Vom Kopf bis zu den Füßen konnten wir uns durch die Beute nach dem Kampfe wappnen, allein, außerdem bedachte uns der Herr Jesus mit gar mancherlei, denn kostbare Gewänder fanden sich in einem zierlich beschlagenen Schrein, und auch die, welche Zbyszko jetzt trägt, waren darin.« Auf diese Worte hin blickten die beiden Krakauer und alle Masuren mit noch größerer Hochachtung auf den Ohm und dessen Bruderssohn, der Herr aus Dlugolas, genannt Obuch, hingegen bemerkte: »Ihr seid nicht saumselig, das sehe ich, vor Euch kann man Respekt haben. Wir glauben jetzt, daß jener Grünschnabel drei Büsche Pfauenfedern erbeutet.« Wohl zog nun ein Lächeln über Mackos Antlitz, doch in seinen ungeschlachten Zügen drückte sich große Habgier aus. Jetzt erschienen wieder Klosterbedienstete mit Lastkörben voll Wein und allerlei Leckerbissen, und ihnen folgten Dienerinnen, die Schüsseln voll Rühreier und Bratwürste trugen. Bald duftete die ganze Stube nach wohlriechendem Schweinefett. In allen Anwesenden regte sich die Lust zum Essen, und flugs eilte man zu Tisch. Doch keines ließ sich nieder, ehe die Fürstin in der Mitte der Tafel Platz genommen hatte. Diese aber befahl Zbyszko und Danusia, sich nebeneinander zu setzen, und sagte hierauf zu Zbyszko: »Wohl ziemt es sich, daß Ihr aus einer Schüssel mit Danusia speist, doch hütet Euch wohl, damit Ihr nicht auf ihre Füße unter dem Tische tretet, wie dies andere Ritter zu thun pflegen, denn sie ist noch zu jung dazu.« Darauf erwiderte Zbyszko: »Dies thue ich nicht, es sei denn in zwei oder drei Jahren, wenn diese Knospe erblüht sein wird, und so mir der Herr Jesus gestattet, ihr weiter zu dienen. Abgesehen davon aber, könnte ich ihr ja gar nicht auf die Füße treten, wenn ich auch wollte, denn ihre Füße berühren noch gar nicht den Boden.« »Das ist wahr!« entgegnete die Fürstin. »Es ist mir indessen lieb, zu sehen, daß Ihr der Sitte Rechnung tragt.« Bald trat tiefes Schweigen ein, da alle mit Essen beschäftigt waren. Zbyszko schnitt die besten Stücke von den Schweinewürsten und reichte sie Danusia, zuweilen jedoch steckte er sie ihr direkt in den Mund. Das holde Kind aber, glücklich darüber, daß ihr ein so prächtig gekleideter Ritter diente, aß mit vollen Wangen, bald ihm, bald der Fürstin zuwinkend und zulächelnd. Nachdem die Schüsseln hinweggeräumt worden waren, gossen die Klosterbediensteten den Männern unaufhörlich, den Frauen in angemessenen Zwischenräumen süßen, herrlich duftenden Wein ein. Die Ritterlichkeit Zbyszkos trat aber dann erst so recht zu Tage, als aus dem Kloster Gefäße, ganz mit Nüssen gefüllt, gebracht wurden. Wie ließen sich die Schmausenden die Walnüsse, besonders aber die Haselnüsse schmecken, eine große Seltenheit damals, weil sie aus weiter Ferne geschickt werden mußten. Mehrere Minuten hindurch ließ sich in der Stube nichts hören als das Krachen der zwischen den Kinnladen zermalmten Schalen. Der aber irrte sich, der glaubte, Zbyszko denke nur an sich. Ihm war hauptsächlich darum zu thun, der Fürstin sowohl wie Danusia seine ritterliche Kraft, seine Enthaltsamkeit zu zeigen und sich nicht durch sichtliche Gier nach dem seltenen Leckerbissen in ihren Augen zu erniedrigen. Wohl nahm er von Zeit zu Zeit eine Handvoll Nüsse, teils Haselnüsse, teils Walnüsse, allein er steckte sie nicht zwischen die Zähne, wie es die andern thaten, sondern zerdrückte sie in seinen eisernen Fingern und reichte dann Danusia den aus der Schale herausgenommenen Kern. Doch nicht genug damit, er sorgte auch für ihre Unterhaltung, denn indem er die geschlossene Hand an die Lippen führte, blies er mit seinem kräftigen Atem die Schalen bis zur Decke. Danusia lachte dermaßen, daß die Fürstin aus Furcht, das Mägdlein könne ersticken, dem jungen Ritter Einhalt gebieten mußte. Selbst erfreut aber über das Vergnügen Danusias, fragte sie: »Nun, Danusia, bist Du froh darüber, einen solchen Ritter zu haben?« »Oh, wie froh!« rief das Jungfräulein. Dann streckte sie ihre rosigen Fingerchen aus, berührte die weißseidene Jacke Zbyszkos, und meinte, indem sie das Händchen rasch wieder zurückzog: »Aber wird er auch morgen noch mein sein?« »Morgen und am Sonntag, und ewig, bis zum Tode!« entgegnete Zbyszko. Das Essen zog sich sehr lange hinaus, denn nach den Nüssen wurden süße Kuchen, voll mit Rosinen, aufgetragen. Etliche von dem Hofstaate wollten tanzen, andere wollten die fahrenden Schüler oder Danusia singen hören; allein Danusias Augen fielen schließlich zu, und ihr Köpfchen schwankte hin und her. Ein oder zweimal raffte sie sich wieder empor, blickte mit großen Augen bald auf die Fürstin, bald auf Zbyszko, ein- oder zweimal rieb sie mit den Händchen die Augenlider – dann aber lehnte sie vertrauensvoll das Köpfchen an die Schulter des Ritters und fiel in tiefen Schlummer. »Schläft sie?« fragte die Fürstin. »Ja, ja, nun könnt Ihr Eure Dame betrachten.« »Sie entzückt mich mehr in der Ruhe als jede andere im Tanze,« bemerkte Zbyszko, der aufrecht und unbeweglich dasaß, um das Mädchen nicht zu wecken. Doch dies war nicht zu befürchten; selbst durch das Spiel und den Gesang der fahrenden Schüler wurde sie nicht wach. Je größer der Lärm wurde – etliche schlugen den Takt, andere klirrten mit den Schüsseln – desto fester schlief sie mit offenem Munde, gleich einem Fische. Sie erwachte erst, als bei dem leisen Krähen der Hähne und bei dem Klange der Kirchenglocken alle mit dem Rufe emporsprangen: »Zur Frühmesse! Zur Frühmesse!« »Laßt uns zu Fuße gehen, zum Ruhme Gottes!« rief die Fürstin. Und die plötzlich munter gewordene Danusia an der Hand ergreifend, verließ sie als Erste die Herberge. Ihr folgte der ganze Hofstaat. Der Morgen brach allgemach an. Gen Osten war der ganze Himmel wie in Licht getaucht, bald grünlich, bald rötlich schimmerte er, und mehr und mehr breiteten sich glänzende, goldene Streifen darüber aus. Der Mond schien sich vor dieser Helle nach Westen flüchten zu wollen. Immer rosiger ward das Firmament, immer heller graute der Tag. Taufrisch, heiter und ausgeruht erwachte die Welt aus ihrem Schlummer. »Gott verlieh uns heiteres Wetter, aber es wird furchtbar heiß werden,« bemerkten die Hofleute der Fürstin. »Das ist nicht so schlimm,« beruhigte sie der Herr von Dlugolas, »wir rasten in der Abtei und kommen gegen Abend nach Krakau.« »Gewiß wieder nach dem Gastmahle. Dort sind ja jetzt täglich Gastmahle, und nach der Entbindung und nach den Ritterspielen werden noch viele stattfinden.« »Ich bin gespannt darauf, wie sich Danusias Ritter halten wird.« »Ei, das scheinen zwei wackere Gesellen zu sein. Habt Ihr gehört, was der eine über jenen Kampf zu vieren erzählte? Vielleicht schließen sie sich unserem Hofe an, denn schaut, sie beraten sich unter einander.« Dies war auch thatsächlich der Fall. Der alte Macko war mit dem, was geschehen, nicht gar sehr zufrieden. Nachdem er sich daher, um besser reden zu können, mit Zbyszko von dem Gefolge entfernt hatte, begann er: »Um die Wahrheit zu sagen, das ist nichts für Dich. Bei mir ist das etwas anderes. Ich dränge mich bis zum König. Im Anschluß an diesen Hof gelingt es mir vielleicht eher. Wohl möglich, daß ich etwas erreiche. Eine Burg oder ein Schloß wäre nicht zu verachten. Nun, nun, wir werden ja sehen. Eins ist sicher, Bogdaniec löse ich aus. Was unsere Väter besaßen, das wollen wir auch besitzen. Aber woher sollen wir die Bauern nehmen? Die, welche der Abt hingeschickt hat, die fordert er zurück – was nützt uns aber das größte Stück Land ohne Bauern? Drum merke auf das, was ich Dir sage. Ob Du Dich nun Danusia gelobt hast oder nicht, Du gehst zu dem Fürsten Witold und mit diesem ziehst Du gegen die Tataren. Findet der Feldzug vor der Entbindung der Königin statt, dann warte weder die Niederkunft, noch die darauffolgenden Ritterspiele ab, denn aus einem solchen Feldzuge wird Dir Nutzen erwachsen. Du weißt, wie freigebig Fürst Witold ist, und Dich kennt er schon. Reichlich wirst Du belohnt werden, so Du Dich tapfer erweisest. Und was noch mehr! Sklaven kannst Du bekommen im Ueberflusse. Tataren giebt es so viel wie Ameisen auf der Welt. Im Falle des Sieges fällt ein ganzes Schock davon auf jeden. – Bei Gott, so an die fünfzig Bauern nehmen und sie in Bogdaniec ansiedeln, das wäre etwas!« fuhr Macko nach einer kurzen Pause fort. »Dann könnte das waldreiche Land ausgerodet werden. Wir beide, wir könnten uns dadurch Reichtümer sammeln. Auf dem Zuge gegen die Tataren kannst Du Dir reiche Beute erringen.« Allein Zbyszko schüttelte das Haupt. »Ach, was Ihr nicht alles wißt! Pferdeknechte, die von Pferdefleisch leben, könnte ich höchstens in Fesseln schlagen. Sind aber die vielleicht an Feldarbeit gewöhnt? Was sollte ich daher mit ihnen in Bogdaniec thun? Und zudem, ich gelobte drei deutsche Pfauenfederbüsche. Kann ich die vielleicht in der Tatarei finden?« »Thöricht handeltest Du, als Du ein Gelöbnis ablegtest, und das Gelöbnis entspricht Deiner Thorheit.« »Und meine Ehre als Edelmann und Ritter? Haltet Ihr die für nichts?« »Wie war es denn mit Nyngalla?« »Nyngalla vergiftete den Fürsten – mich aber hat der Einsiedler von meinem Gelöbnis losgesprochen.« »Dann wird Dich der Abt in Tyniec auch lossprechen. Der Abt kann dies noch besser als der Eremit, denn dieser hat weit eher einem Räuber als einem Mönche geglichen.« »Das will ich aber nicht.« »So! Und wie soll es dann werden?« fragte jetzt Macko mit mühsam unterdrücktem Zorn. »Ihr geht eben selbst zu Witold, denn ich gehe nicht.« »Du Knecht! Wer soll dann dem König die geziemende Ehrfurcht erweisen? Und sorgst Du Dich denn nicht um meine Knochen?« »Auf Eure Knochen kann ein Baum stürzen, und sie zerbrechen doch nicht. Doch selbst, wenn ich mich darob sorgte, ich gehe nicht zu Witold.« »Was gedenkst Du denn zu thun? Ha, Du willst wohl Falkenier oder Sänger an dem masurischen Hofe werden?« »Falkenier zu sein, ist noch nicht das Schlimmste, doch Ihr wollt mich nicht anhören, Ihr wollt brummen, also brummt nur, mir kann es gleich sein.« »Sprich, sag', was Du zu thun gedenkst! Ist Dir denn Bogdaniec gar nichts? Kannst Du vielleicht mit Deinen Krallen ackern, ohne Bauern?« »Ihr bildet Euch ein, das ginge so leicht mit den Tataren; dem ist aber nicht so. Ihr vergeßt, was die Rusini sagten: ›Tataren findet man wohl erschlagen auf dem Felde, allein Sklaven erwischt man nicht, denn in der Steppe erjagt man keine Tataren.‹ Auf welche Art sollte ich sie auch erjagen? Auf den schwerfälligen Hengsten, die wir den Deutschen genommen haben? Seht Ihr nun? Und was kann ich erbeuten? Räudige Schafpelze, sonst nichts. Wie soll ich denn da als reicher Mann nach Bogdaniec kommen? › Comes ‹ Begleiter. Anmerkung d. Ueb. wird man mich nennen.« Macko blickte stumm vor sich nieder. In den Worten Zbyszkos lag viel Wahrheit. Doch nach wenigen Minuten hub der Alte wieder an: »Wenn Dich aber nun der Fürst Witold reich belohnen würde?« »Bah, das will nichts heißen, dem einen giebt er oft zu viel, dem andern nichts.« »So sprich, wohin Du Dich wenden willst!« »Zu Jurand aus Spychow.« Macko schob voll Zorn den Gurt seines ledernen Kollers hin und her, indem er rief: »Mit Blindheit möge Dich der Herr schlagen!« »Leiht mir ein aufmerksames Ohr,« entgegnete Zbyszko ruhig. »Ich habe mit Mikolaj aus Dlugolas gesprochen, und dieser behauptet, Jurand wolle wegen seiner Frau Rache an den Deutschen nehmen. Ihm folge ich, ihm leiste ich Hilfe, Ihr und ich, wir kennen die Art der Deutschen. Für mich ist es daher erstens nichts Schreckhaftes, mit den Deutschen zusammenzutreffen, zweitens erbeute ich über der Grenze eher Pfauenfederbüsche, und drittens erlange ich dort überhaupt große Beute, denn einen Kamm aus Pfauenfedern trägt nicht der erste beste Knecht auf dem Kopfe, folglich vermehrt der Herr Jesus auch die Beute, wenn er die Zahl der Pfauenfederkämme vermehrt. Aber auch abgesehen von dem allem: der dortige Sklave ist kein Tatar. Letzteren aber im Walde anzusiedeln – daß Gott erbarme.« »Hast Du den Verstand verloren, Bursche? Jetzt giebt es doch dort keinen Krieg, und Gott weiß, wann es einen geben wird.« »Oh, was Ihr nicht alles wißt! Ha, ha, die Bären haben mit dem Zeidler Frieden gemacht, und die Nester der wilden Bienen werden nicht mehr zerstört, der Honig wird nicht mehr gefressen! Wohl ist kein großes Kriegsheer aufgestellt, wohl hat der König ein kunstvolles Siegel auf das Pergament gesetzt, allein trotzdem herrscht an den Grenzen noch ein furchtbares Wirrnis. Ist das eine Neuigkeit für Euch? Vieh und Herden verpfänden sie sich, so daß sie sich oftmals einer Kuh wegen die Saaten abbrennen, die Burgen belagern. Und werden nicht fortwährend Burschen und Mädchen entführt, Kaufleute auf der Landstraße gefangen genommen? Erinnert Ihr Euch denn nicht mehr der früheren Zeiten, von denen Ihr mir selbst erzählt habt? Ist es etwa jenem Nalecz schlimm gegangen, der vierzig Ritter, die sich auf dem Wege zu den Kreuzrittern befanden, aufgreifen und in einen unterirdischen Kerker werfen ließ, aus dem er sie nicht eher wieder freigab, als bis ihm der Großmeister einen Wagen voll Goldstücke schickte? Jurand aus Spychow thut auch nichts anderes, und an der Grenze giebt es immer Arbeit.« Während einiger Minuten trat Schweigen ein. Mittlerweile war es völlig Tag geworden. Die lichten Strahlen der Sonne warfen einen güldenen Glanz auf das Felsgestein, auf dem die Abtei stand. »Gott kann überall Glück gewähren,« ergriff schließlich Macko mit besänftigter Stimme wieder das Wort, »bitte ihn, daß er Dich segnen möge.« »Das will ich, denn alles hängt von seiner Gnade ab.« »Und denke an Bogdaniec, denn davon bin ich überzeugt, nicht wegen Bogdaniec, sondern wegen der plappernden Ente willst Du mit Jurand aus Spychow gegen die Deutschen ziehen.« »Redet nicht in solcher Weise, denn sonst gerate ich in Zorn,« erwiderte Zbyszko. »Daß ich die Maid gern sehe, leugne ich nicht. Was will Nyngalla gegen sie bedeuten? Habt Ihr jemals etwas Holderes gesehen?« »Was ficht mich ihre Holdseligkeit an? Am besten ist's, Du vermählst Dich mit ihr, sobald sie erwachsen sein wird. Ist sie doch die Tochter eines mächtigen Grafen.« Ein freudiges Lächeln erhellte Zbyszkos jugendfrisches Antlitz. »Das beabsichtige ich auch. Sie ist meine Gebieterin, sie wird mein Weib. Ei, wenn Ihr Euch auch noch so sehr dagegen auflehnt, so werdet Ihr doch noch die Kinder von ihr und mir auf Euren Armen wiegen.« Daraufhin lächelte auch Macko und erwiderte vollständig besänftigt: »Mögen es ihrer so viele sein, wie Sand am Meere. Im Alter die Freude, nach dem Tode die Seligkeit, dies uns verleihe, o Herr Jesus!« Drittes Kapitel. Die Fürstin, Danusia, Macko und Zbyszko, sie alle waren schon häufig in Tyniec gewesen, aber unter der Schar der Hofleute gab es gar viele, die zum erstenmal die Abtei erblickten. Mit großen, staunenden Augen schauten sie auf den herrlichen Bau, auf die Zinnen, die über Felsen und Abgründe hinliefen, auf die mannigfaltigsten Baulichkeiten, welche teils auf seitwärts gelegenen Hügeln standen, teils innerhalb der Wälle emporragten und von dem Glanze der aufgehenden Sonne vergoldet wurden. Von welchem Reichtum zeugten all diese Bauten, die auf den Hügeln liegenden Gärten, die sorgsam bestellten Felder, welche sich allerorts dem Blicke darboten – sie sprachen von einem aus ewigen Zeiten herrührenden, unerschöpflichen Reichtume, an den die Leute aus dem armen Masovien nicht gewöhnt waren, und der sie daher mit Verwunderung erfüllen mußte. Wohl existierten noch in anderen Teilen des Landes, wie z. B. in Lubusz an der Oder, in Plock in Großpolen und in Mogilno uralte, große Benediktiner-Abteien, allein keine vermochte sich an Größe mit der Abtei von Tyniec zu messen, deren Ländereien an Ausdehnung die eines selbständigen Fürstentums übertrafen, deren Einkünfte den Neid damaliger Könige zu erwecken vermochten. Je näher sie der Abtei kamen, umsomehr wuchs das Staunen der Hofleute. Oftmals glaubten sie den eigenen Augen nicht trauen zu dürfen. Die Fürstin indessen, von dem Wunsche beseelt, sich die Zeit zu verkürzen und die Neugierde der sie begleitenden Hoffräulein zu erregen, bat einen der Mönche, er möge ihnen doch die uralte, furchtbare Sage von Walgierz Wlady erzählen, von der sie in Krakau schon hatte sprechen hören. Unverweilt scharten sich nun die Mägdelein dicht um die Herrin und schritten gemächlich mit dieser der Höhe zu, in dem morgendlichen Sonnenlichte wandelnden Blumen gleichend. »Dem Bruder Hidulf ist Walgierz schon einmal des Nachts erschienen, er möge Euch daher von ihm berichten,« erklärte einer der Mönche, indem er auf einen durch das Alter ergrauten Ordensbruder deutete, der etwas gebeugt neben Mikolaj von Dlugolas einherschritt. »Habt Ihr ihn wirklich mit Euren eigenen Augen gesehen, ehrwürdiger Vater,« fragte die Fürstin. »Ich habe ihn gesehen,« entgegnete düster der Mönch, »denn in einer bestimmten Zeit steht es ihm nach dem Willen Gottes frei, die höllische Unterwelt zu verlassen und sich der Welt zu zeigen.« »Wann pflegt dies zu sein?« Der Mönch blickte auf seine Gefährten und schwieg, herrschte doch der Glauben, der Geist von Walgierz zeige sich dann, wenn die Sitten des Ordens sich verschlechtern, und wenn die Mönche, mehr als es gestattet ist, an weltlichen Besitz, an weltliche Vergnügungen denken. Dies wollte selbstverständlich keiner offen bekennen, da indessen auch angenommen wurde, das Erscheinen des Walgierz deute auf Krieg oder auf irgend ein anderes unglückliches Ereignis, hub Bruder Hidulf nach kurzem Schweigen wieder an: »Sein Erscheinen weissagt nichts Gutes.« »Um nichts in der Welt möchte ich ihn sehen!« rief die Fürstin, sich bekreuzend. »Doch sagt, weshalb ist er denn in der Hölle, wenn er sich, wie ich hörte, nur für das ihm angethane schwere Unrecht rächte?« »Hätte er auch stets tugendhaft gehandelt, so wäre er doch verdammt worden,« entgegnete der Mönch in strengem Tone, »denn er lebte in heidnischen Zeiten und wurde nicht durch die heilige Taufe von der Erbsünde gereinigt.« Bei diesen Worten zogen sich die Brauen der Fürstin schmerzlich zusammen, denn sie gedachte ihres Vaters, dessen Andenken sie treu im Herzen bewahrte. Auch er war als Heide gestorben, und mußte nun wohl in alle Ewigkeit in der Hölle brennen. »Wir lauschen Euren Worten,« erklärte sie jedoch nach kurzer Pause. Und Bruder Hidulf sprach also: »Es lebte in heidnischen Zeiten ein mächtiger Graf, welcher wegen seiner großen Schönheit Walgierz Wlady genannt wurde. Dieses ganze Land, soweit das Auge reicht, gehörte ihm, und bei Kriegsläuften führte er außer dem Fußvolke noch gegen hundert Lanzenreiter mit, denn alle Vogteien, im Westen bis nach Opole, im Osten bis nach Sandomierz waren ihm unterthan. Seine Herden konnte niemand zählen, und in Tyniec besaß er, wie jetzt die Kreuzritter in Marienburg, einen ganz mit Gold gefüllten Turm.« »Ja, das weiß ich, die Kreuzritter besitzen einen solchen Turm,« warf hier die Fürstin Danuta ein. »Und Walgierz war wie ein Riese,« fuhr der Mönch fort, »Eichbäume riß er mit der Wurzel aus, und an Schönheit, im Spiele der Laute und im Gesange kam ihm kein Mensch in der ganzen Welt gleich. Da einmal, als er sich an dem französischen Königshofe befand, ward die Königstochter Helgunde von heftiger Liebe für ihn ergriffen, und sie floh mit ihm nach Tyniec, denn nach dem Willen des Vaters sollte sie zum Lobe des Herrn in ein Kloster gehen. In Tyniec aber hausten die beiden in Unzucht mit einander, kein Priester wollte sie zusammengeben in christlicher Ehe. Zu damaliger Zeit aber lebte in Wislica ein gewisser Wislan Piêkny aus dem königlichen Geschlechte Popiel, und dieser verwüstete während der Abwesenheit von Walgierz Wlady die ganze Grafschaft Tyniec. Doch Walgierz zog nach seiner Rückkehr gegen den Wislaw Piêkny, besiegte ihn und führte ihn als Sklaven nach Tiniec. Er ahnte freilich nicht, daß jede Frau, deren Augen auf Wislaw fielen, bereit sein werde, Vater, Mutter und Ehegemahl zu verraten. So geschah es auch mit Helgunde. Solche Fesseln ersann sie für Walgierz, daß er, ein Riese, der Eichbäume entwurzelte, sich nicht zu befreien vermochte, dann übergab sie ihn dem Wislaw, welcher ihn sofort nach Wislica brachte. Hier schmachtete er im Kerker. Als er aber einstmals zu singen anhub, da hörte ihn Rynga, die Schwester des Wislaw, und Liebe ergriff sie für ihn, und sie befreite ihn aus der Gefangenschaft. Mit dem Schwerte erschlug hierauf Walgierz den Wislaw und Helgunde, überließ ihre Körper den Raben, und zog mit Rynga wieder in Tyniec ein.« »Für welches Unrecht muß er aber dann büßen?« fragte die Fürstin. Doch Bruder Hidulf rief: »Hätte er sich taufen lassen, hätte er Tyniec den Benediktinern übergeben, dann würde ihm der Herr seine Sünden verziehen haben, allein er that dies nicht, deshalb verschlang ihn die Hölle.« »Es gab aber doch schon Benediktiner in diesem Königreiche?« »Nein, dazumal sind noch keine Benediktiner in dem Königreiche gewesen, denn selbst hier lebten noch Heiden.« »Wie hätte er dann die Taufe nehmen oder Tyniec übergeben können?« »Er wollte sich nicht taufen lassen, und deshalb ist er vornehmlich zur ewigen Höllenstrafe verdammt,« warf hier der Mönch würdevoll ein. »Er hat recht, er spricht billig!« ertönten jetzt einige Stimmen. Mittlerweile hatten die Wandernden ihr Ziel erreicht. Vor dem Hauptthore des Klosters wurde die Fürstin von dem Abte an der Spitze zahlreicher Mönche und Edelleute erwartet. Wie dies stets zu sein pflegte, so waren auch jetzt viele weltliche Leute – Oekonomen, Advokaten, Prokuratoren, mannigfaltige Klosterbeamte – anwesend. Eine Menge Landbewohner, sogar mächtige Edelleute, hatten auf Grund eines ausnahmsweise in Polen geltenden Lehensrechtes klösterlichen Besitz in Pacht, und diese als »Vasallen« erschienen gern an dem Hofe des Oberlehensherrn, wurden doch nicht allzu selten am Hochaltare allerlei Wohlthaten erwiesen, Schenkungen erteilt, Erleichterungen gewährt, je nach der Laune des mächtigen Abtes, bei dem oft eine kleine Gefälligkeit, ein passendes Wort die größte Wirkung thaten. Die Aussicht auf die Festlichkeiten in der Hauptstadt hatte auch Vasallen aus entfernteren Gegenden herbeigezogen, und alle, welche keine Unterkunft in Krakau finden konnten, erhielten Obdach in Tyniec. Aus diesem Grunde konnte daher » abbas centum villarum « die Fürstin mit noch größerem Gefolge als gewöhnlich empfangen. Der Abt, ein hochgewachsener, völlig kahlköpfiger Mann, mit einem hageren, klugen Gesichte und einem spärlichen, grauen Schnurrbart, hatte über der Stirn eine tiefe Narbe, die wohl aus seinen jungen, streitbaren Jahren herrühren mochte. Hochmütig schauten die scharfblickenden Augen unter den schwarzen Brauen hervor. Gleich den andern Mönchen war er in eine Kutte gekleidet, aber über dieser Kutte trug er einen schwarzen, rot gefütterten Mantel und um den Hals eine goldene Kette, an der ein gleichfalls goldenes, mit kostbaren Steinen besetztes Kreuz hing. Seine ganze Erscheinung verriet den Hochmut eines Menschen, dem das Befehlen zur zweiten Natur geworden, der voll Selbstvertrauen ist. Wohlwollend, ja sogar fast unterthänig, begrüßte er indessen die Fürstin, deren Gatte aus dem gleichen Geschlechte der masurischen Fürsten stammte, aus dem nicht nur die Könige Wladislaw und Kasimir hervorgegangen waren, sondern auch von mütterlicher Seite die regierende Königin, die reichste Herrscherin der Welt. Das Haupt neigend, überschritt er die Thorschwelle, und mit einer kleinen goldenen Kapsel, die er zwischen den Fingern der rechten Hand hielt, das Zeichen des Kreuzes sowohl über Anna Danuta, sowie über deren ganzes Gefolge machend, sprach er: »Seid gegrüßt, huldreiche Frau, auf der armseligen Klosterschwelle. Möge der hl. Benedikt aus Nursia, der hl. Maurus, der hl. Bonifacius, der hl. Benedikt aus Anian und auch Johannes aus Tolamei – unsere Schutzheiligen, die in dem Glanze der Ewigkeit leben – Euch Gesundheit, Glück verleihen, und mögen sie Euch segnen siebenmal tagtäglich während der Dauer Eures Erdenlebens.« »Taub müßten sie sein, wenn sie den gütigen Worten eines solch großen Abtes nicht Gehör schenken würden,« entgegnete mit herzlichem Tone die Fürstin, »und dies um so mehr, als wir zur Messe kommen, während welcher wir uns unter deren Schutz stellen.« Bei diesen Worten reichte sie dem Abte die Hand, die er, nach höfischer Sitte sich auf ein Knie niederlassend, ritterlich küßte. Dann überschritten sie gemeinsam die Thorschwelle. Mit der Messe hatte man augenscheinlich nur auf sie gewartet, denn in diesem Augenblicke ertönten die Glocken und Glöckchen, Musiker, die zu Ehren der Fürstin an den Kirchenthüren aufgestellt worden waren, bliesen in ihre hellklingenden Trompeten, während andere auf ungeheuere, aus Kupfer geschmiedete, mit Fellen überzogene Kessel schlugen und dadurch einen schallenden Lärm hervorriefen. Auf Anna Danuta, die nicht als Christin geboren worden war, hatte bis jetzt jede Kirche einen großen Eindruck gemacht, die Kirche in Tyniec aber übertraf an Pracht fast alle andern, nur ganz wenige ließen sich mit ihr vergleichen. Dämmerung herrschte in dem Heiligtum, nur an dem Hochaltar zitterten einige Lichtstreifen und vermengten sich mit dem Kerzenscheine, in dem die Vergoldung und das reiche Schnitzwerk sichtbar wurden. Ein Mönch im Ornate celebrierte die Messe. Wohlriechender Weihrauch stieg aus den hin und her geschwungenen Gefäßen in leichten Ringeln in die Höhe. Bald waren Priester und Altar davon eingehüllt, so daß das Geheimnisvolle der Kirche noch erhöht wurde. Die Hände vor dem Antlitz, mit zurückgebeugtem Haupte betete Anna Danuta inbrünstig. Aber als die Orgel erklang, damals noch eine Seltenheit in den Kirchen, als in dem mächtigen Raume herrliche, süße Accorde ertönten, die gleich Engelsstimmen, die gleich Nachtigallensang anzuhören waren, richteten sich die Augen der Fürstin gen oben. Wohl prägte sich auf ihrem Gesichte Frömmigkeit und Bangen aus, aber gleichzeitig auch eine Wonne ohne Grenzen – und wer auf sie schaute, dem erschien sie wie eine Gebenedeite, die in einem wunderbaren Traumgesichte den Himmel geöffnet vor sich sah. Wenn auch die im Heidentume aufgewachsene Tochter des Kiejstut, wie die meisten ihrer Zeitgenossen, im alltäglichen Leben freudig und vertrauensvoll auf Gottes Barmherzigkeit und Hilfe baute, so betete sie doch im Hause des Herrn mit kindlicher Demut und erhob voll Furcht die Blicke zu der geheimnisvollen und unermeßlichen Macht. Aber auch das ganze Gefolge betete voll Hingebung, die Hofdamen hatten sich mit der Fürstin in die Stalla begeben, Zbyszko jedoch kniete inmitten der Masuren vor der Stalla und empfahl sich dem göttlichen Schutze. Immer wieder blickte er auf Danusia, die mit gesenkten Augen neben der Fürstin kniete, und stets sagte er sich dann aufs neue, es lohne sich wohl der Mühe, der Ritter eines solchen Mädchens zu sein. Er hatte ihr indessen auch nicht das erste beste Gelöbnis abgelegt. Wohl trug er unter seiner erbeuteten Jacke einen hänfenen Strick, was wollte aber dies heißen! Noch ganz andere Schwierigkeiten mußten überwunden werden. Jetzt, da ihm der Kopf wieder klar geworden war von dem Bier und von dem Weine, die er in der Herberge getrunken hatte, sann er nach, auf welche Weise er seinen Verpflichtungen nachkommen sollte. Krieg herrschte nicht. Bei den Grenzstreitigkeiten konnte er zwar mit einem Deutschen anbinden und entweder dessen Knochen zerschlagen oder selbst mit dem Kopfe dafür büßen. Das hatte er auch Macko auseinandergesetzt. Nur – das kam ihm jetzt in den Sinn – trug ja nicht jeder Deutsche Büsche aus Pfauen- oder Straußfedern auf dem Helme. Von den Gästen der Kreuzritter hatten nur die Pfauenfederbüsche auf den Helmen, welche dem Grafenstande angehörten, von den Kreuzrittern selbst nur die Komture – und von diesen nicht ein jeder. »Bevor es zu einem Kriege kommt,« so sagte er sich nun, »können Jahre vergehen, also können auch noch Jahre verstreichen, bevor ich die drei Büsche erringe. Da ich selbst noch nicht Ritter bin, darf ich auch keine Ritter zum Kampfe herausfordern. Zwar darf ich es als sicher annehmen, daß ich während der Ritterspiele, die zur Feier der Taufe angesagt sind, den Rittergurt aus den Händen des Königs empfange, aber was beginne ich dann? Ich werde zu Jurand aus Spychow gehen; mit ihm will ich ausziehen und so viel Knechte erschlagen, als es in meiner Macht liegt. Damit muß ich mich begnügen. Doch ach, die Knechte der Kreuzritter tragen keine Pfauenfederbüsche auf den Helmen.« In seiner Bedrängnis wurde es ihm immer gewisser, daß sich ohne Beistand Gottes nichts ausführen lasse, deshalb betete er: »Verleih uns, Jesus, Krieg mit den Kreuzrittern und mit den Deutschen, denn sie sind Feinde dieses Königreiches und aller Nationen, die in unserer Sprache Deinen heiligen Namen anbeten. Segne uns und zermalme jene. Sie ziehen es vor, dem Höllenvogte zu dienen, statt sich Deinem Dienste zu weihen, Haß tragen sie gegen uns im Herzen, weil unser König und unsere Königin ihnen verbot, nachdem die Litauer die heilige Taufe erhalten hatten, mit dem Schwerte Deine christlichen Diener niederzuschlagen. Ich aber, der sündige Zbyszko, thue Buße vor Dir und vor Deinen fünf Wunden. Flehentlich bitte ich um Deine Hilfe. Sende mir zu, sobald wie möglich, drei namhafte Deutsche mit Pfauenfederbüschen auf den Helmen und gestatte mir in Deiner Gnade, sie tödlich zu treffen. Denn ich habe jene drei Büsche Deiner Dienerin, der Tochter des Jurand, dem Jungfräulein Danusia versprochen und auf meine ritterliche Ehre gelobt. Alles hingegen, was ich sonst erbeute in dem Kampfe, das schenke ich getreulich als Zehnten Deinen heiligen Kirchen, damit auch Du, o süßer Jesu, Nutzen und Ruhm durch mich erringst, und damit Du erkennst, daß ich aufrichtigen Herzens und nicht nur so gedankenlos etwas versprach. Und da meine Worte auf reiner Wahrheit beruhen, so stehe mir bei, Amen!« Immer inbrünstiger wurde er in seinem Gebete, und immer wieder neue Gelübde legte er ab. So gelobte er, daß er nach Auslösung von Bogdaniec der Kirche alles Wachs weihe, das sich das Jahr hindurch in den Bienenstöcken ansammle. Sein Oheim Macko werde sich dem nicht widersetzen, beteuerte er in seinem Gebete, und da sich der Herr Jesus sicherlich auf das Wachs für Kerzen unendlich freue, dürfe er wohl auf dessen rasche Hilfe bauen, denn der Herr Jesus wolle doch gewiß so bald wie möglich seine Kerzen erhalten. Diese Ueberzeugung machte ihn froh und heiter. Fast mit Sicherheit rechnete er jetzt nicht nur darauf, daß es zum Krieg komme, sondern daß er auch sein Ziel erlange, wenn kein Krieg ausbreche. Vor Kraft strotzend, hätte er es allein mit einem ganzen Fähnlein aufgenommen, ja, er verstieg sich sogar so weit, daß er Danusia noch zwei Deutsche gelobte. Schließlich gewann indessen die Vernunft den Sieg über den jugendlichen Uebermut, und er sagte sich, er dürfe nicht durch allzu große Wünsche die Geduld Gottes gefährden. Selbstverständlich wuchs aber sein Vertrauen noch mehr, als er, nachdem der ganze Hof nach der Messe der Ruhe gepflogen hatte, beim Frühmahle das Gespräch hörte, das der Abt mit Anna Danuta führte. Einesteils aus Frömmigkeit, andernteils infolge der prächtigen Geschenke, welche der Großmeister der Kreuzritter nicht sparte, hegten die meisten damaligen Fürstinnen und Königinnen große Freundschaft für diesen Orden. Sogar die gottesfürchtige Jadwiga hielt, so lange sie lebte, ihren Gemahl davon zurück, die Kreuzritter seine Macht fühlen zu lassen. Nur Anna Danuta machte darin eine Ausnahme. Ihre Familie hatte durch den Orden solche Kränkungen erfahren, daß sie die Kreuzritter von ganzer Seele haßte. Als sich daher der Abt bei ihr über Masovien erkundigte, beklagte sie sich bitter über den Großmeister. »Wie soll es denn einem Fürstentume ergehen, das solche Nachbarn hat?« erklärte sie. »Wohl ist scheinbar Ruhe, man wechselt Botschaften und Briefe, allein trotzdem weiß man von einem Tage zum andern nicht, was geschehen wird. Kein Grenzbewohner, der sich des Abends zur Ruhe legt, weiß, was seiner harrt, ob er nicht während des Schlafes in Fesseln geschlagen, ob ihm nicht ein Schwert in die Kehle gestoßen, ob ihm nicht die Decke über dem Kopfe angezündet wird. Trotz Eiden, Siegeln und Pergamenten ist man nicht sicher vor Verrat. Was geschah denn in der Nähe Zlotorgas? In Zeiten des tiefsten Friedens wurde der Fürst gefangen genommen. Die Kreuzritter behaupten, die Burgen könnten mit der Zeit furchtbar für sie werden. Allein diese Burgen dienen nur zum Schutze, kein Ueberfall wird von ihnen aus gemacht, und welcher Fürst hätte nicht das Recht, im eigenen Lande Burgen zu errichten oder umzubauen? Hat der Orden jemals Rücksicht auf Schwache genommen, hat er sich jemals durch Macht zurückhalten lassen? Schwachheit verachtet er, Macht sucht er zu Falle zu bringen. Wer ihm Gutes thut, dem lohnt er schlecht. Giebt es sonst noch einen Orden auf der Welt, der solche Wohlthaten von polnischen Fürsten erwiesen bekam, und wie lohnte er es? Da mit dem bittersten Hasse, dort mit Plünderung des Landes, hier mit Krieg und Verrat. Was nützt es, sich darob zu beklagen? Selbst die Klagen des apostolischen Stuhles verhallen ungehört. In ihrer Verstocktheit und Aufgeblasenheit hören die Kreuzritter sogar nicht auf den römischen Papst. Wohl schicken sie jetzt eine Gesandtschaft wegen der Entbindung der Königin und zu der bevorstehenden Taufe, allein sie thun dies nur deshalb, weil sie den Zorn des mächtigen Königs über das, was sie in Litauen vollführt haben, von sich abwälzen wollen. Im innersten Herzen planen sie noch immer die Vertilgung des Königreiches und des ganzen polnischen Stammes.« Der Abt lauschte voll Aufmerksamkeit auf die Worte der Fürstin, sagte hie und da beipflichtend »ja, ja« und erklärte dann: »Ich weiß, daß an der Spitze der Gesandtschaft der Komtur Lichtenstein nach Krakau kommen wird, ein Ordensbruder, der seines vornehmen Standes, seines Mutes und seiner Klugheit wegen hoch geachtet ist. Vielleicht trefft Ihr hier mit ihm zusammen, huldreiche Frau, denn mir wurde die Kunde, daß er unserer Reliquien wegen nach Tyniec zu kommen gedenke, um hier sein Gebet zu verrichten.« Kaum hatte jedoch die Fürstin diese Worte vernommen, so hub sie mit neuem Eifer also an: »Die Leute erzählen – und Gott gebe, daß es sich bewahrheite – es werde binnen kurzem ein großer Krieg entbrennen, in welchem das Königreich Polen mit seinen Verbündeten, also mit allen Nationen, die eine dem Polnischen ähnliche Sprache reden, gegen die Deutschen und die Kreuzritter kämpfen wolle. Es sollen ja darüber Prophezeiungen einer Heiligen vorhanden sein.« »Ihr sprecht von Brigitta,« unterbrach der Abt die Fürstin. »Vor acht Jahren ist sie unter die Heiligen aufgenommen worden. Der fromme Peter aus Alvastern und Matthäus aus Linköping haben die Prophezeiungen aufgeschrieben, in denen ein großer Krieg vorausgesagt wird.« Als Zbyszko diese Worte vernahm, vermochte er sich nicht zu beherrschen, sondern fragte mit einer vor Freude zitternden Stimme: »Und wird dieser Krieg bald ausbrechen?« Allein er erhielt keine Antwort auf diese Frage, denn der Abt, ausschließlich mit der Fürstin beschäftigt, hatte entweder nichts gehört oder that, als ob er nichts gehört habe, die Fürstin aber fuhr fort: »Die jungen Krieger freilich, die sehen mit Freuden einem solchen Kriege entgegen, die alten und bedachtsamen aber sprechen also: ›Nicht die Deutschen fürchten wir, noch ihre Spieße und Schwerter, wenngleich ihre Macht groß ist, wenngleich sie voll Zuversicht sind, nein, nein, wir fürchten die Reliquien der Kreuzritter, gegen die sich nichts ausrichten läßt‹.« Hier hielt Anna Danuta inne, blickte voll Bangen auf den Abt und fügte endlich leise hinzu: »Sie sollen ja, wie allgemein gesagt wird, Holz von dem heiligen Kreuze in Besitz haben. Wie kann man daher mit ihnen Krieg führen?« »Der König von Frankreich überschickte es ihnen,« erklärte der Abt. Ein minutenlanges Schweigen trat ein, dann aber ergriff Mikolaj von Dlugolas das Wort, ein erfahrener Mann, der schon viel in der Welt herumgekommen war. »Ich bin in Gefangenschaft bei den Kreuzrittern gewesen,« sprach er, »und ich habe häufig Prozessionen gesehen, bei denen jene Reliquie umhergetragen worden ist. Aber außer diesem Heiligtume besitzt das Kloster von Olivia eine große Zahl anderer Reliquien, ohne welche der Orden nicht zu solcher Macht gelangt wäre.« »Wie kann man daher im Kriege gegen sie bestehen?« wiederholte die Fürstin seufzend. Daraufhin erwiderte der Abt, seine Stirne runzelnd, nach kurzem Ueberlegen: »Schwierig ist es auch deshalb, im Kriege gegen sie zu bestehen, weil sie Ordensbrüder sind und das Kreuz auf dem Mantel tragen; wenn sie jedoch das Maß der Sünden überschreiten, dann werden diese Heiligen und ihre Reliquien, von Ekel erfüllt, nicht nur nicht ihre Macht erhöhen, sondern sich ganz von ihnen wenden. Möge Gott das christliche Blut schonen, aber wenn es zu dem großen Kriege kommt, so haben wir ja auch in unserem Königreiche Heilige, welche für uns kämpfen werden. In den Prophezeiungen der hl. Brigitta heißt es ja: ›Ich verlieh ihnen die Nützlichkeit von Bienen und setzte sie fest an die Grenze des christlichen Landes. Allein jetzt wenden sie sich gegen mich. Denn sie kümmern sich nicht um die Seele und erbarmen sich nicht des Leibes dieses Volkes, das aus seinem Irrglauben zu dem katholischen Glauben übergegangen ist, das sich zu mir gewendet hat. Gleich Sklaven behandeln sie es; sie lehren es nicht die Gebote Gottes, und da sie es der heiligen Sakramente berauben, verdammen sie es zu noch größeren Höllenqualen, als wenn es im Heidentum verharrt hätte. Kriege führen sie, aber nur zur Stillung ihrer Habgier. Deshalb wird die Zeit kommen, in der ihnen ausgebrochen werden die Zähne, ihnen abgehauen wird die rechte Hand, es wird die Zeit kommen, in der ihnen lahm werden wird der rechte Fuß, damit sie erkennen ihre Sünden‹.« »Das gebe Gott!« rief Zbyszko. Auch die andern Ritter und die Ordensbrüder faßten neuen Mut beim Anhören dieser Prophezeiung, der Abt jedoch wandte sich wiederum zu der Fürstin und fuhr fort: »Deshalb vertrauet auf Gott, huldreiche Frau, denn eher sind ihre Tage gezählt als die Euren, und inzwischen nehmt gütigst die Kapsel entgegen, in welcher sich eine Fußzehe des heiligen Ptolemäus, eines unserer Schutzheiligen, befindet.« Zitternd vor Glück streckte die Fürstin die Hand aus, kniete nieder und nahm voll Freude die Kapsel entgegen, die sie an ihre Lippen preßte. Und auch die Hofherren und die Hofdamen freuten sich mit ihrer Herrin, denn keines von ihnen zweifelte, daß sich durch dieses Geschenk Segen und Glück über alle, über das ganze Fürstentum ergießen werde. Hochbeglückt fühlte sich auch Zbyszko durch die Hoffnung, daß der Krieg sofort nach den Feierlichkeiten beginnen werde. Viertes Kapitel. Es war fast Mittag geworden, als die Fürstin mit ihrem zahlreichen Gefolge aus Tyniec aufbrach, um sich nach Krakau zu begeben. Gar häufig legten in damaliger Zeit die Ritter, welche in einer größeren Stadt oder auf einer Burg irgend eine bekannte Persönlichkeit aufsuchten, völlige Kriegsrüstung an. Der Sitte gemäß wurde diese freilich sofort nach Ueberschreitung der Thorschwelle wieder abgelegt, wozu gewöhnlich die Ankömmlinge von den Herren der Burgen mit den Worten aufgefordert wurden: »Legt die Rüstung ab, edle Gäste, denn Ihr seid bei Freunden!« Nichtsdestoweniger wurde großes Gewicht auf einen kriegerischen Einzug gelegt, der in aller Augen die Bedeutung des Rittertums hob. So erschienen denn auch jetzt Macko und Zbyszko, angethan mit wunderbaren Panzern und Armschienen, samt und sonders von friesischen Rittern erbeutet. Mikolaj aus Dlugolas, der schon weit in der Welt herumgekommen war, der schon unzählige Ritter gesehen hatte und als Kenner von Kriegswaffen galt, sagte sich sofort, daß diese Panzer nur durch Mailänder geschmiedet sein konnten, die berühmtesten Panzerschmiede in der ganzen Welt. Nur die reichsten Ritter konnten sich derartige Rüstungen verschaffen, von denen eine jede als beträchtliches Erbgut angesehen wurde. Jene Friesen mußten daher namhafte Leute gewesen sein, und mit immer wachsender Bewunderung schaute Mikolaj auf Macko und Zbyszko, als deren Bezwinger. Die Helme, welche die beiden trugen, gehörten zwar nicht zu den schlechtesten, waren jedoch auch nichts Besonderes, dagegen erweckten ihre riesenhaften, schön aufgezäumten Hengste großes Staunen, ja vielfach Neid. Stolz saßen Macko und Zbyszko im Sattel und blickten kühn von ihrer Höhe aus den ganzen Hof herab. Jeder von ihnen hielt einen langen Spieß in der Hand, jeder hatte ein Schwert an der Seite und eine Streitaxt im Sattel. Der Bequemlichkeit wegen hatten sie die Schilde in den Wagen zurückgelassen, allein auch ohne sie sahen die beiden aus, als ob sie in die Schlacht, nicht aber in die Stadt zögen. Stets ritten sie in der Nähe der Kalesche, auf deren Vordersitz die Fürstin mit Danusia saß, auf deren Rücksitz die stattliche Hofdame Ofka, die Witwe von Christian aus Jarzabkow, und der alte Mikolaj aus Dlugolas Platz genommen hatten. Danusia schaute nur auf die gepanzerten Ritter, während die Fürstin immer wieder die Kapsel mit der Reliquie des heiligen Ptolemäus an die Lippen führte. »Ich bin unendlich neugierig,« bemerkte sie schließlich, »was sich eigentlich darin befindet, allein ich wage nicht, die Kapsel selbst zu öffnen. Gar leicht könnte ich die Heiligen dadurch erzürnen. Der Bischof von Krakau soll sie öffnen.« »Ei, besser ist es,« ließ sich aber jetzt Mikolaj von Dlugolas bedächtig vernehmen, »ein solch lockendes Kleinod nicht aus den Händen zu lassen.« »Vielleicht habt Ihr recht,« erwiderte nach kurzem Schweigen die Fürstin, dann fügte sie hinzu: »Schon lange hat mir nichts solche Freude bereitet wie das Zusammentreffen mit dem trefflichen Abte. Allein noch größeres Vergnügen bereitet mir dies Geschenk, dient es doch zur Beruhigung meiner Angst vor den Reliquien der Kreuzritter.« »Weise sprach der Abt und gerecht,« ließ sich nun Macko aus Bogdaniec vernehmen. »Gar viele Reliquien hatten sie bei Wilna bei sich, war es ihnen doch vor allem darum zu thun, den Fremden gegenüber zu zeigen, daß der Krieg gegen die Heiden geführt werde. Was aber folgte daraus? Die Unsrigen überzeugten sich nur zu bald, was hauptsächlich not that. In die flache Hand zu speien und mit dem Beile unter dem Ohre tüchtig zuzuhauen, das war nötig, dann fiel der Kopf mitsamt dem Helme. Wohl helfen auch die Heiligen – es wäre eine Sünde, dies zu bestreiten – allein nur den Gerechten stehen sie bei, nur denen, die einer guten Sache wegen und im Namen Gottes in die Schlacht ziehen. Wenn es daher auch zum Kriege mit den Kreuzrittern kommt, wenn alle Deutschen ihnen beistehen, so glaube ich deshalb doch, edle Frau, daß wir sie haufenweise schlagen, denn unser Volk ist größer, und der Herr Jesus verlieh uns stärkere Knochen. Was aber zudem die Reliquien anbelangt – nun, giebt es vielleicht in dem Kloster zum heiligen Kreuze nicht auch Holz vom heiligen Kreuze?« »Das ist richtig, so wahr mir Gott lieb ist. Bei uns bleiben jedoch die Reliquien in den Klöstern, die Kreuzritter nehmen aber die ihrigen, sobald es nötig ist, in den Wagen mit sich.« »Das ist alles einerlei! Für die Macht Gottes giebt es keine Entfernung.« »Ist dies wirklich der Fall?« fragte die Fürstin, sich an den klugen Mikolaj von Dlugolas wendend, und dieser antwortete: »Das kann jeder Bischof bezeugen. Von Rom ist es auch weit, und der Papst regiert doch die Welt – geschweige denn erst Gott!« Diese Worte wirkten beruhigend auf die Fürstin, die nun das Gespräch über Tyniec, über die ungewöhnliche Pracht der Abtei wieder aufnahm. Die Masuren bewunderten überhaupt die Schönheit des ganzen Landes, durch das sie jetzt kamen. Rings umher lagen, dicht gedrängt, wohlhabende Dörfer, dabei Gärten mit Obstbäumen, Lindenhaine mit strohumhüllten Bienenstöcken und Storchennestern auf den Linden. Dann reihte sich wieder auf beiden Seiten der Landstraße ein Getreidefeld an das andere. Im Winde wogte das grüne Aehrenmeer hin und her, und gleich den Sternen am Firmamente schimmerten dunkelblaue Kornblumen und hellrote Mohnblumen daraus hervor. Ganz in der Ferne, hinter dem Ackerlande, zeigten sich finstere Wälder, aber in hellen Sonnenschein getauchte Eichen- und Erlenwäldchen erfreuten hier und dort das Ange, saftig grüne Wiesen, über denen Kibitze kreisten, lagen auf sanft ansteigenden Hügeln dazwischen. Ein fleißiges, arbeitsames Volk mußte dies Fleckchen Erde bewohnen, ein Volk, das die Feldarbeit liebte und friedlich, glücklich dahinlebte in diesem Lande, in dem Milch und Honig zu fließen schien. »Hier merkt man Kasimirs segensreiches Walten,« rief die Fürstin, »hier möchte man leben und nicht sterben.« »Auch der Herr Jesus freut sich über dieses Stückchen Erde,« warf Mikolaj von Dlugolas ein, »und der Segen Gottes ruht sichtlich darauf. Wie wird es aber erst dann werden, wenn auch hier erst einmal die Glocken läuten! Wo ist dann noch ein Winkel auf der Erde, in den ihr Widerhall nicht dringt. O, dann müssen die schlimmen Geister in die düsteren Wälder an der ungarischen Grenze weichen, weil sie den Glockenklang nicht hören können. Das weiß ich gewiß.« »Ja, da ist es doch zu verwundern,« ließ sich Ofka, die Witwe des Christian aus Jarzabkow vernehmen, »daß der höllische Riese Walgierz Wlady, von dem die Mönche erzählt haben, noch immer in Tyniec auftaucht, wo doch siebenmal im Tage die Glocken läuten.« Diese Erwägung versetzte natürlich den Mikolaj einen Augenblick in Staunen, nach kurzem Nachdenken erwiderte er jedoch: »Erstens sind die göttlichen Aussprüche unergründlich, und zweitens ist wohl vorauszusetzen, daß er für jedes Mal besonderen Befehl bekommt.« »Mag das nun sein, wie es will, ich möchte nie dazu raten, in dem Kloster zu nächtigen. Vor Angst würde ich sterben, wenn sich mir ein solch höllischer Bewohner zeigte.« »Ei, ei, das ist noch gar nicht so sicher, denn es wird behauptet, er sei sehr schön.« »Selbst wenn er der anziehendste Mensch wäre, möchte ich mich von keinem Manne küssen lassen, dem Schwefel aus dem Munde kommt.« »Ach, daß Ihr doch selbst dann ans Küssen denken müßt, wenn von Teufeln die Rede ist.« Auf diese Worte der Fürstin hin brachen sowohl Herr Mikolaj wie die beiden Edelleute aus Bogdaniec in Lachen aus, Danusia lachte mit, und auch Anna Danuta wurde von dem Beispiele der Drei angesteckt. Ofka aus Jarzabkow aber wandte sich ärgerlich zu Mikolaj aus Dlugolas und sprach: »Er wäre mir jedenfalls lieber als Ihr.« »Ei, malt den Teufel nicht an die Wand,« entgegnete noch immer lachend der Masur, »der Dämon zeigt sich häufig auf der Landstraße zwischen Krakau und Tyniec, und am häufigsten gegen Abend. Mit einem Male wird er Euch in Schrecken versetzen, mit einem Male wird der Riese vor Euch stehen.« »Vor dem bösen Blick mögen wir bewahrt bleiben!« rief Ofka. In diesem Augenblick indessen hielt Macko von Bogdaniec, der von seinem hohen Hengste aus einen weiteren Umblick hatte als die, welche in der Kalesche saßen, die Zügel an und sagte: »O, so wahr mir Gott lieb ist, was ist das?« »Was denn?« »Ein leibhafter Riese reitet dort auf der Höhe vor uns.« »Ein Wort kann zur Wirklichkeit werden!« bemerkte die Fürstin. »Schwatzt keine Dummheiten!« Nun aber hob sich Zbyszko in den Bügeln und sagte: »Leibhaftig der Riese Walgierz, kein anderer.« Daraufhin faßte der Kutscher die Pferde vor Schrecken fest an und bekreuzigte sich, ohne die Zügel aus den Händen zu lassen, denn auch er sah nun von seinem Bocke aus auf der gegenüberliegenden Höhe einen hoch zu Rosse sitzenden Reiter daher traben. Unwillkürlich stand die Fürstin von ihrem Sitze auf, setzte sich aber dann, wenn schon mit schreckensbleichem Antlitz, gleich wieder nieder, und ohne weiteres barg Danusia ihr Köpfchen in dem Gewande Anna Danutas. Um die Kalesche drängte sich aber nun auch das ganze Gefolge, die Hofherren und die Hofdamen, sowie alle fahrenden Schüler. Die Männer trugen zwar noch immer eine lächelnde Miene zur Schau, aber ihre unruhigen Blicke zeugten von der inneren Erregung, während die jungen, todbleichen Hoffräulein gar nicht versuchten, ihre Furcht zu verbergen. Nur Mikolaj aus Dlugolas bewahrte seinen Gleichmut und versuchte die Fürstin zu beruhigen, indem er sprach: »Fürchtet nichts, erlauchte Frau. Die Sonne ist ja noch nicht einmal untergegangen, und selbst wenn es Nacht wäre, würde Euch der heilige Ptolemäus vor Walgierz zu schützen wissen.« Vorläufig hielt der unbekannte Reiter, als er den lange sich hinstreckenden Höhenrücken erreicht hatte, sein Pferd an und stand regungslos still. Da die Strahlen der untergehenden Sonne gerade auf ihn fielen, konnte man ihn deutlich sehen, und in der That, seine Gestalt schien das menschliche Durchschnittsmaß unendlich zu überragen. Der Zwischenraum zwischen ihm und der fürstlichen Kalesche konnte höchstens dreihundert Schritte betragen. »Weshalb blieb er wohl stehen?« fragte einer der fahrenden Schüler. »Weil auch wir angehalten haben!« entgegnete Macko. »Seht nur, er blickt nach uns, als ob er sich einen heraussuchen wollte,« bemerkte ein zweiter fahrender Schüler. »Wenn ich sicher wäre, daß dies ein Mensch und kein böser Geist ist, würde ich mich ihm nähern und ihm mit der Laute über den Kopf schlagen.« Die Frauen wurden immer hoffnungsloser und begannen laut zu beten. Zbyszko jedoch, der sich im Beisein der Fürstin und Danusias mutig erweisen wollte, erklärte: »Ich reite ihm entgegen. Was liegt mir an Walgierz!« Umsonst rief Danusia schmerzlich und unter Thränen: »Zbyszko, Zbyszko!« – er ritt unentwegt davon mit dem festen Vorsatze, selbst den wahrhaftigen Walgierz zu durchbohren, wenn es sein müsse. »Der fremde Reiter erscheint so riesengroß, weil er auf einer Anhöhe steht,« ergriff jetzt Macko das Wort, der sehr scharfe Augen hatte. »Er ist zwar ein etwas langer Kerl, aber ein ganz gewöhnlicher Mensch – nichts anderes. Topp, auch ich folge dem Zbyszko nach, damit es nicht zum Kampfe zwischen diesem und dem fremden Reiter kommt.« Zbyszko war inzwischen im Trabe vorwärts geritten, wobei er überlegte, ob er sofort den Spieß anlegen oder zuerst in der Nähe beobachten solle, wie es sich eigentlich mit jenem auf der Höhe stehenden Reiter verhalte. Nach reiflichem Ueberlegen beschloß er, zuerst prüfend vorzugehen, und bald überzeugte er sich, wie recht er daran gethan, denn je näher er dem Unbekannten kam, desto mehr verlor dieser in seinen Augen von seiner ungewöhnlichen Größe. Wohl war der Fremde außerordentlich groß und saß auf einem riesigen Pferde, das sogar den Hengst Zbyszkos überragte – allein das menschliche Maß überschritt er nicht. Merkwürdigerweise war er ganz ohne Waffen; auf dem Haupte trug er eine glockenförmige Samtmütze, ein weißleinener, wallender Mantel, unter dem ein grünes Gewand hervorschaute, schützte ihn gegen den Staub. Regungslos verharrte er auf der Höhe mit gesenktem Haupte und betete inbrünstig. Augenscheinlich hatte er nur deshalb sein Pferd angehalten, weil er das Abendgebet sprechen wollte. »Ei, das ist ja ein sonderbarer Kauz!« dachte der junge Bursche bei sich, »das ist doch nicht Walgierz.« Und so nahe ritt nun Zbyszko zu dem Unbekannten heran, daß er ihn leicht mit dem Spieße hätte erreichen können, doch als jener den herrlich gewappneten, jungen Ritter vor sich sah, da lächelte er diesem wohlwollend zu und sprach: »Gelobt sei Jesus Christus!« »In alle Ewigkeit!« »Ist das dort unten nicht der Hof der masurischen Fürstin?« »So ist's!« »Habt Ihr in Tyniec gespeist?« Darauf erhielt jedoch der Fragende keine Antwort, denn Zbyszko geriet in solches Staunen, daß er die Frage gar nicht hörte. Während einiger Minuten stand er wie versteinert da. Er glaubte, seinen eigenen Augen nicht trauen zu dürfen, denn mit einemmale erblickte er ungefähr vierhundert Schritte hinter dem Unbekannten mehrere berittene Krieger, die von einem Ritter in glänzender Rüstung und in einem weißseidenen Mantel mit schwarzem Kreuze angeführt wurden. Ein stählerner Helm mit einem Pfauenbusche gleich einem Kamme bedeckte dessen Haupt. »Ein Kreuzritter!« flüsterte Zbyszko vor sich hin. Keinen Augenblick zweifelte er jetzt mehr daran, daß sein Gebet erhört worden sei, daß Gott in seiner Barmherzigkeit ihm den Deutschen gesandt habe, um den er in Tyniec gefleht hatte, er sagte sich, er müsse Nutzen aus der göttlichen Gnade ziehen, keine Minute dürfe er länger schwanken, und ohne viel zu überlegen, beugte er sich im Sattel vor, legte dem Pferde den Spieß zwischen die Ohren und den Schlachtruf »Hagel, Hagel!« ausstoßend, sprengte er auf den Kreuzritter los. Schon glaubte Zbyszko mit der Lanze die Brust des Gegners durchstoßen zu können, als die Zügel seines Hengstes so stramm angezogen wurden, daß sich das Roß mit allen vieren in die Erde eingrub. Vollständig verblüfft hielt letzterer sein Pferd an. Doch er bückte sich nicht nach seiner Lanze, die im Steigbügel steckte, sondern er hielt Umschau, wie um sich zu vergewissern, ob der Angriff wirklich ihm gelte. »Neige die Lanze!« schrie Zbyszko, indem er sein Roß antrieb, »Hagel, Hagel!« Der Zwischenraum zwischen ihm und dem Kreuzritter verkleinerte sich zusehends. Als dieser indessen bemerkte, daß der Angriff ihm galt, da richtete auch er seine Waffe. Schon glaubte Zbyszko mit der Lanze die Brust des Gegners durchstoßen zu können, als sein Spieß am Schafte von einer kraftvollen Hand gleich dürrem Rohr genickt ward, als die Zügel seines Hengstes von der gleichen Hand so stramm angezogen wurden, daß sich das Roß mit allen vieren in die Erde eingrub und wie festgewurzelt dastand. »Thörichtes Menschlein, was beginnst Du?« ließ sich eine tiefe, drohende Stimme vernehmen. »Auf die Gesandtschaft dringst Du ein, den König beschimpfst Du!« Zbyszko blickte empor und erkannte den gleichen riesenhaften Mann, den man für Walgierz gehalten und der vor wenigen Minuten den Hof der fürstlichen Frau in Schrecken versetzt hatte. »Los auf den Deutschen! Was wollt Ihr, und wer seid Ihr,« rief Zbyszko von neuem, indem er den Griff seines Schwertes faßte. »Weg mit dem Schwerte! Bei Deiner Liebe für Gott, weg mit dem Schwerte – sage ich – denn sonst fliegst Du vom Pferde. Du beleidigst des Königs Majestät, dem Gerichte wirst Du überantwortet.« Und sich den Leuten zuwendend, welche hinter dem Kreuzritter ritten, rief er mit donnernder Stimme: »Herbei! Herbei!« Inzwischen kam auch Macko angeritten. Schlimmes ahnend, blickte er beunruhigt darein. Allein obwohl er einsah, daß Zbyszko geradezu wahnsinnig vorging, und daß ihm aus dieser Sache schlimme Folgen erwachsen konnten, war er doch fest entschlossen, nötigenfalls den Kampf aufzunehmen. Das ganze Gefolge des fremden Ritters und des Kreuzritters bestand ungefähr aus fünfzehn Mann, von denen ein jeder mit einem Spieße oder mit einer Armbrust bewaffnet war. Bei einem Zusammentreffen mit ihnen konnten daher zwei vollständig gewappnete Ritter leicht den Sieg davontragen. Macko überlegte daher auch bei sich, ob es nicht ratsamer sei, einem allenfallsigen Urteilsspruche des Gerichtes zuvorzukommen, indem man diese Leute überritt, um sich dann an irgend einem Orte so lange verborgen zu halten, bis der erste Sturm ausgetobt hatte. Mit einem Böses weissagenden Gesichte, das ihm das Aussehen eines zum Beißen bereiten Wolfes verlieh, hielt er sein Pferd zwischen Zbyszko und dem Fremden an, griff an sein Schwert und fragte: »Wer seid Ihr, und was verleiht Euch das Recht zu solchem Auftreten.« »Mein Recht stammt daher,« entgegnete der Unbekannte, »daß der König mir befohlen hat, ein wachsames Auge über diese Gegend zu halten, und man nennt mich Powala aus Taczew.« Auf diese Worte hin steckten Macko und Zbyszko die schon halb gezückten Schwerter wieder in die Scheiden und senkten das Haupt. Nicht Furcht überkam sie, nein, aber sie neigten das Haupt vor dem weithin bekannten, berühmten Namen, denn Powala aus Taczew, ein mächtiger Edelmann aus hervorragender Familie, der ausgedehnte Ländereien bei Radam besaß, gehörte zu den bekanntesten Rittern in dem Königreiche. Die fahrenden Schüler feierten ihn in ihren Gesängen, besangen ihn als ein Muster an Ehre und priesen seinen Namen zugleich mit den ersten des Landes. In diesem Augenblicke vertrat er zudem die geheiligte Person des Königs, wer sich daher gegen ihn kehrte, der lief Gefahr, seinen Kopf unter dem Beile des Scharfrichters zu verlieren. Seinen Grimm unterdrückend, begann daher auch Macko in ehrfurchtsvollem Tone: »Ruhm und Ehre Euch, o Herr – Ruhm und Ehre Eurer Tapferkeit und Mannhaftigkeit.« »Ruhm auch Euch, o Herr!« entgegnete Powala, »wenngleich ich gewünscht hätte, unter anderen, nicht so erschwerenden Umständen Eure Bekanntschaft zu machen.« »Was meint Ihr damit?« fragte Macko. Allein Powala erteilte keine Antwort, sondern wandte sich zu Zbyszko. »Konntest Du, Menschlein, nichts Besseres beginnen?« rief er. »Auf der offenen Landstraße vergreifst Du Dich an der Gesandtschaft des Königs! Weißt Du, was Dich hierfür erwartet?« »Er ist jung und thöricht, deshalb vermag er sich nicht im Zaume zu halten. Doch Ihr werdet nicht all zu strenge richten, wenn ich Euch die ganze Sache auseinandersetze.« »Nicht ich werde ihn richten. Mir liegt nur ob, ihn in das Gefängnis einzuliefern.« »Weshalb?« ließ sich nun Macko vernehmen, aufs neue finster dareinblickend. »Kraft des königlichen Befehles.« »Er ist ein Edelmann!« rief schließlich Macko nach längerem Schweigen. »So möge er bei seiner ritterlichen Ehre geloben, sich freiwillig dem hohen Gerichte zu stellen.« »Ich gelobe es bei meiner Ehre!« beteuerte Zbyszko. »Es ist gut. Wie ist Dein Name?« Macko nannte den Namen und das Geschlecht. »Wofern Ihr zu dem Hofe der Gattin des Fürsten Janusz gehört, so bittet sie, daß sie Fürsprache für Euch bei dem Könige einlegt.« »Wir gehören nicht zu dem Hofe. Aus Litauen, von dem Fürsten Witold kommen wir. Wollte Gott, wir wären niemals mit dem fürstlichen Hofe zusammengetroffen. Diese Begegnung ward zum Unglück für diesen Burschen.« Und nun erzählte Macko, was sich in der Herberge ereignet hatte, er schilderte das Zusammentreffen mit der Fürstin und sprach von dem Gelübde Zbyszkos. Zuletzt übermannte ihn aber der Zorn über Zbyszkos thörichtes Gebaren, durch das sie in eine solch bedrängte Lage geraten waren, dermaßen, daß er diesem zurief: »Wollte Gott, Du wärest in Wilna geblieben. Was hast Du Dir denn bei Deinem Thun gedacht, Du Raufbold?« »Bah!« entgegnete Zbyszko, »ich betete wegen meines Gelübdes zu dem Herrn Jesus und flehte ihn an, daß er mich auf Deutsche stoßen lassen möge. Reiche Gabe versprach ich ihm dafür. Wie ward mir daher, als ich einen Ritter mit einem Pfauenbusche und in einem Mantel mit schwarzem Kreuze vor mir sah! Eine innere Stimme rief mir zu: Schlag' los auf den Deutschen, ein Wunder ist geschehen. Kurz entschlossen, sprengte ich daher auf ihn ein – wer hätte dies an meiner Stelle nicht gethan?« »Hört mich an,« ergriff nun Powala das Wort. »Ich wünsche Euch nichts Schlimmes, denn ich sehe klar, daß dieser junge Bursche weit eher durch den seinem Alter eigenen Leichtsinn, als durch Böswilligkeit gesündigt hat. Daher wäre ich sofort bereit, seine That nicht weiter zu beachten und ihn ziehen zu lassen, als ob nichts geschehen wäre. Allein ich könnte dies nur in der Voraussetzung thun, daß jener Komtur verspricht, sich nicht bei dem Könige zu beklagen. Stellt daher diese Bitte an ihn. Vielleicht fühlt auch er Mitleid mit dem Menschlein.« »Weit eher stelle ich mich dem Gerichte, als daß ich mich vor dem Kreuzritter beuge!« rief jetzt Zbyszko. »Nein, das thue ich nicht! Es verträgt sich nicht mit meiner Herrenehre.« Ernst schaute daraufhin Powala aus Taczew auf den Jüngling und sagte: »Du handelst unrecht. Es wäre wahrlich besser für Dich, Du wüßtest genauer, was sich für die ritterliche Ehre schickt, als im klaren darüber zu sein, was sich nicht für sie schickt. Mich kennt man allenthalben, allein ich sage Dir, daß wenn ich eine solche That vollführt hätte, ich mich nicht schämen würde, für meine Schuld um Verzeihung zu bitten.« Zbyszko sah wohl die Wahrheit dieser Rede ein, allein nichtsdestoweniger rief er: »Wenn die Erde hier nur ein wenig niedergetreten wird, so ist sie völlig eben. Anstatt dem Deutschen Abbitte zu leisten, ziehe ich es vor, mit ihm zu Pferde oder zu Fuß um den Tod oder um die Knechtschaft zu kämpfen.« »Narr!« warf hier Macko ein. »Mit dem Gesandten willst Du Dich schlagen? Glaubst Du denn, jener werde sich mit Dir armem Schlucker einlassen? – Edler Herr,« wandte er sich hierauf an Powala, »übt Nachsicht mit ihm. Der Bursche ist durch den Krieg völlig verwildert. Es ist daher weit ratsamer, er bleibt dem Deutschen fern, denn er würde ihn nur beleidigen. Ich werde sprechen, ich werde bitten, und sollte der Komtur nach Beendigung der Gesandtschaft mit seinem Beleidiger an irgend einem Platze kämpfen wollen, dann stelle ich mich ihm.« »Das ist ein Ritter aus einem hohen Geschlechte, der sich nicht einem jeden stellt!« erklärte Powala. »Wie? Trage ich vielleicht nicht Gürtel und Sporen? Mir könnte sich selbst ein Fürst stellen.« »Das ist wahr. Laßt Euch aber ihm gegenüber nichts davon merken, daß ich Euch zu einer Fürbitte veranlaßt habe, denn sonst würde er sich nicht mit Euch versöhnen. Nun, möge Euch Gott seinen Schutz angedeihen lassen.« »Ich gehe Dir als leuchtendes Vorbild voran!« rief Macko dem Bruderssohne zu, »aber warte, bis ich Dir winke.« So sprechend näherte er sich dem Kreuzritter. Starr und unbeweglich, wie eine Bildsäule, saß dieser auf seinem, an Größe einem Kamele gleichenden Rosse und blickte voll Gleichgültigkeit umher. Macko hatte sich während seiner langen Kriegszeit im Deutschen geübt; er setzte daher nun den Komtur in dessen Muttersprache auseinander, was geschehen war, schob alle Schuld auf das jugendliche Alter und auf den unklugen Sinn des jungen Burschen, dem kein anderer Gedanke gekommen sei, als daß Gott selbst ihn den Ritter mit dem Pfauenbusche geschickt habe, und bat schließlich um Verzeihung für Zbyszkos Vergehen. Keine Muskel regte sich in dem Gesichte des Komturs. Mit erhobenem Haupte saß er auf seinem Pferde. So starr, so nichtachtend blickte er über Macko hinweg, als ob er nicht einen Menschen, sondern einen Pfahl vor sich habe. Der Edelmann aus Bogdaniec bemerkte dies wohl, und wenn auch seine weiteren Worte immer gleich höflich blieben, bäumte sich doch sein ganzes Innere sichtlich auf. Nur mühsam redete er schließlich; die roten Flecken auf seinen gebräunten Wangen legten Zeugnis für seine Erregung ab. Immer deutlicher trat es zu Tage, wie er mit sich selbst kämpfte, um nicht mit den Zähnen zu knirschen, um nicht rückhaltlos vorzugehen. Powala beobachtete all dies. Von seinem guten Herzen getrieben, beschloß er, ihm zu Hilfe zu kommen. Auch er hatte in jungen Jahren an den ungarischen, österreichischen, burgundischen und böhmischen Höfen gar manches Abenteuer bestanden, das seinen Namen weit und breit berühmt gemacht hatte, und so wandte er sich denn nun auch in deutscher Sprache in versöhnlichem Tone und mit vorsätzlicher Heiterkeit zu Macko und sprach: »Ihr seht, o Herr, daß der edle Komtur die ganze Sache auch nicht eines Wortes wert erachtet. Nicht nur in unserem Königreiche, sondern allenthalben pflegen die Kriegerlein mit Unverstand Streitigkeiten herbeizuführen. Doch solch ein Ritter greift Kindern gegenüber weder zu dem Schwerte, noch droht er ihnen mit dem Gesetze.« Allein auch auf diese Ansprache erteilte Lichtenstein keine Antwort. Seinen fahlgelben Schnurrbart drehend, trieb er sein Pferd au, ohne Macko und Zbyszko weiter zu beachten. In wahnsinnigem Zorne knirschten diese geradezu mit den Zähnen, während ihre Hände unwillkürlich an die Schwerter griffen. »Sieh Dich vor, Hund von einem Kreuzritter,« murmelte der alte Edelmann aus Bogdaniec, »ein feierliches Gelübde will ich jetzt ablegen, und ich werde Dich zu finden wissen, wenn Du kein Gesandter mehr bist.« »Laßt es gut sein,« warf nun Powala ein, trotzdem auch ihm alles Blut heiß zum Herzen schoß, »die Fürstin muß sich jetzt für den jungen Burschen verwenden, sonst steht es schlecht um ihn.« Nach diesen Worten ritt er dem Kreuzritter nach, erreichte ihn und redete während einiger Zeit lebhaft auf ihn ein. Doch sowohl Macko, wie Zbyszko bemerkte, daß der deutsche Ritter eben so hochmütig auf Powala blickte, wie er dies zuvor bei ihnen gethan hatte, und ihr Grimm steigerte sich immer mehr. Schon nach wenigen Minuten kehrte übrigens Powala wieder zu ihnen zurück, allein erst, nachdem sich der Kreuzritter weit genug entfernt hatte, um völlig außer Hörweite zu sein, begann er: »Ich bat für Euch, allein dies ist ein unzugänglicher Mensch. Er erklärte, er werde sich nur dann nicht beschweren, wenn Ihr das erfüllt, was er verlangen wird.« »Was will er?« »Er sprach folgendermaßen: ›Ich halte mich noch kurze Zeit auf zur Begrüßung der masovischen Fürstin, und ich verlange, daß jene beiden absteigen, die Helme abnehmen und auf der Erde, mit entblößtem Haupte, mich um Verzeihung bitten.‹ Schwer ist dies für Männer aus edlem Geschlechte, das begreife ich sehr wohl,« fügte Powala hinzu, indem er prüfend auf Zbyszko blickte, »aber ich rate Euch, die gestellte Bedingung zu erfüllen. Wer weiß, was sonst des jungen Burschen harret: wohl gar das Schwert des Henkers.« Ein peinvolles Schweigen trat ein. Die Gesichter von Macko und Zbyszko sahen mit einem Male wie versteinert aus. »Nun, was gedenkt Ihr zu thun?« fragte Powala. Da antwortete Zbyszko so ruhig und mit solcher Würde, als ob er in einem einzigen Augenblick um zwanzig Jahre gealtert wäre: »Wie dem nun auch sein mag, der Wille des Menschen ist auch eine Macht.« »Was soll das heißen?« »Selbst wenn ich zwei Köpfe hätte, könnte man sie nur von dem Henker abschlagen lassen – meine Ehre kann mir aber ohne meinen Willen niemand beschimpfen.« »Nun, und was sagt Ihr?« wandte sich daraufhin Powala fragend an Macko. »Ich sage,« erwiderte Macko finster, »daß ich diesen Burschen von klein an aufzog ... Auf ihm beruht unser Geschlecht, denn ich bin alt – aber das vermag er nicht zu thun, wenngleich er unrecht hatte.« Und die Liebe zu seinem Bruderssohn brach nun bei ihm mit solcher Kraft hervor, daß er ihn mit seinen starken Armen umfing, während er mit bebenden Lippen fortwährend rief: »Zbyszko, Zbyszko!« Staunen überkam den jungen Ritter bei dieser unerwarteten Liebesbezeugung, und sich der Umarmung des Ohms überlassend, meinte er: »Ei, fürwahr, ich wußte gar nicht, daß Ihr mich so sehr liebt!« »Immer mehr sehe ich, daß Ihr echte Edelleute seid,« warf hier Powala bewegt ein, »und da mir der junge Bursche gelobt hat, sich selbst dem Gerichte zu stellen, werde ich ihn nicht gefangen nehmen. Solchen Rittern wie Euch kann man vertrauen. Seid übrigens guten Mutes. Der Deutsche beabsichtigt kurze Zeit in Tyniec zu verweilen, ich werde daher den König vor ihm sehen, und ich gedenke, diesem den Vorfall in einer Weise darzustellen, daß er nicht gar zu ausgebracht darüber sein wird. Ein Glück ist es indessen, daß es mir gelang, den Spieß zu zerbrechen – ein großes Glück ist es!« »Ei, wenn ich schließlich doch den Kopf lassen muß,« bemerkte hier Zbyszko, »so wünschte ich wenigstens, ich hätte dem Kreuzritter die Knochen zerschlagen.« »Wenn Du auch wohl im stande bist, Deine Ehre zu schützen,« warf hier Powala ungeduldig ein, »so verstehst Du doch nicht, Dich selbst und Deinen Mund im Zaume zu halten.« »Einen Ausspruch zu thun, maße ich mir wohl an!« rief Zbyszko erregt, »die Knochen hätte ich ihm zerschlagen sollen.« Und ohne ihn weiter zu beachten, richtete jetzt Powala wieder das Wort an Macko und sagte: »Glaubt mir, o Herr, Euch bleibt nichts anderes übrig, so sich dieses Menschlein aus der Schlinge herauszuziehen versteht, als ihm eine Haube über den Kopf zu stülpen, wie man es bei den Falken zu thun pflegt. Sonst endigt Euer Bruderssohn keines gewöhnlichen Todes.« »Er könnte gerettet werden, wenn Ihr, o Herr, vor dem Könige verschweigen wollt, was sich ereignet hat.« »Doch, was fangen wir mit dem Deutschen an? Die Zunge kann ich ihm doch nicht festbinden.« »Das ist wahr, das ist wahr!« Düsteren Blickes, fast zögernd, machten sich nun Macko und Zbyszko auf den Rückweg zu der Fürstin. Powala schloß sich ihnen an, und ihm folgten seine Leute, die bis jetzt mit den Mannen des Deutschen geritten waren. Deutlich war in der Ferne zwischen den masovischen Kopfbedeckungen des Kreuzritters glänzender Helm zu sehen, dessen Pfauenbusch vom Winde hin und her bewegt ward. »Welch merkwürdige Natur doch ein solcher Kreuzritter besitzt!« begann schließlich nachdenklich der Ritter von Taczew. »Sobald es ihm schlecht geht, ist er so sanft wie ein Franziskaner. Demütig wie ein Lamm, süß wie Honig, zeigt er sich einem jeden gegenüber, als der nachsichtigste, beste Mensch erscheint er. Kaum ist er sich jedoch seiner Macht bewußt, tritt er aufs hochmütigste auf, erweist er sich erbarmungslos, so daß man glauben könnte, der Herr Jesus habe ihm einen Kieselstein, statt eines Herzens verliehen. Unter den verschiedensten Völkern habe ich doch schon Umschau gehalten, und stets überzeugte ich mich, daß der echte Ritter dessen schonte, welcher der Schwächere war, indem er sich sagte, es könne ihm nicht zur Ehre gereichen, den vor ihm Liegenden völlig darnieder zu treten. Starr und unbeugsam sind die Kreuzritter. Haltet Euere Faust über sie, sonst ergeht es Euch schlimm! Nicht nur Abbitte forderte der Gesandte von Euch, nein, Schimpf wollte er Euch anthun. Gar froh bin ich darüber, daß ihm dies nicht gelang.« »Das wird ihm niemals gelingen!« rief Zbyszko. »Laßt es ihn auch nicht merken, so Euch Sorge bedrückt, denn sonst würde er Euch rücksichtslos verlachen.« Nunmehr waren die Drei wieder zu dem Hofstaate der Fürstin gestoßen. Kaum nahm jedoch der Kreuzritter die beiden Edelleute aus Bogdaniec wahr, so verfolgte er sie mit seinem hochmütigen, verächtlichen Blicke, sie aber thaten, als ob sie ihn nicht beachteten. Zbyszko hielt sich an der Seite Danusias, mit der er fröhlich über Krakau zu plaudern begann, das von der Höhe aus bereits zu sehen war, während Macko einem der fahrenden Schüler erzählte, daß der Herr von Taczew mit einer Hand Zbyszkos Spieß wie dürres Rohr am Schafte geknickt habe. »Weshalb hat er denn dies gethan?« fragte der fahrende Schüler. »Weil Zbyszko ihn, freilich nur zum Spaße, auf den Deutschen anlegte.« Den Schüler dünkte zwar ein solcher Scherz nicht angemessen, doch da er sah, wie leichthin Macko darüber sprach, legte er ihm keine große Bedeutung bei. Die Stimmung des Kreuzritters ward eine immer gereiztere. In der Erwartung, daß ihm Macko und Zbyszko Abbitte leisten würden, sah er sich schmählich getäuscht, seine Augen blitzten mit einemmale zornig auf, und mit der Miene eines schwer Gekränkten verabschiedete er sich von der Fürstin. Da vermochte der Herr von Taczew nicht länger an sich zu halten, sondern rief ihm zu: »Seid getrost, tapferer Ritter. Das Land ist ruhig und niemand wird Euch feindlich überfallen, wennschon ein gewisser junger Bursche zum Spaße ...« »Seltsam sind zwar die Sitten in diesem Lande,« entgegnete Lichtenstein, »allein nicht Schutz suchte ich bei Euch, nein, mir war es um Eure Gesellschaft zu thun. Doch voraussichtlich werden wir uns noch einmal treffen, sei es an dem hiesigen Hofe oder an einem andern ...« Die letzten Worte klangen wie eine unterdrückte Drohung, weshalb Powala feierlich erwiderte: »Das gebe Gott!« So antwortend, neigte er sich leicht, wandte sich achselzuckend ab und sagte halblaut vor sich hin, doch so, daß die ihm Zunächststehenden es hören konnten: »Gelbschnabel! Am liebsten möchte ich Dich mit der Spitze meines Speeres aus dem Sattel heben und während dreier Vaterunser frei in der Luft halten.« Unverweilt begann er hierauf eine Unterhaltung mit der Fürstin, die ihm wohl bekannt war. Anna Danuta fragte ihn, was denn seines Amtes sei, und er setzte ihr auseinander, daß er auf königlichen Befehl die Ordnung in der Umgegend aufrecht zu erhalten habe, die Sicherheit auf der Landstraße sei durch die große Zahl der Gäste gefährdet, die nach Krakau zogen. Gar leicht könnte sich unter ihnen ein Zwist erheben, erklärte er weiter, just eben sei er selbst Zeuge eines solchen gewesen. Er erzählte den ganzen Hergang, wennschon er aber anfänglich daran gedacht hatte, die Fürstin um Fürsprache für Zbyszko zu bitten, verschob er das nun schließlich doch auf eine spätere Zeit und vermied es, dem Streite irgend welche Bedeutung beizulegen, um die frohe Laune der Fürstin nicht zu trüben. Anna Danuta lachte sogar herzlich über den Eifer Zbyszkos, die Pfauenbüsche zu erlangen – die andern jedoch, welche der Erzählung lauschten, erkundigten sich eingehend über den Vorfall und äußerten laut ihre Bewunderung des Herrn von Taczew, der mit einer Hand den Spieß des Zbyszko zerbrochen hatte. Der etwas prahlerisch angelegte Herr von Taczew freute sich jedoch in seinem Herzen über das Lob, das man ihm zollte, und wurde nicht müde, verschiedene seiner Thaten zu schildern, die seinen Namen bekannt gemacht hatten. So erzählte er, daß er einmal am Hofe Philipps des Kühnen von Burgund im Turniere mit einem ardennischen Ritter gekämpft habe. Nach Zertrümmerung der Speere habe er diesen umfaßt, ihn aus dem Sattel gehoben und ihn trotz seines eisernen Panzers auf Speerhöhe in die Luft geschleudert. Eine goldene Kette sei ihm dafür von Philipp dem Kühnen verliehen worden, von dessen Gemahlin aber ein Samtschuh, den er seit jener Zeit am Helme trage. Noch größeres Staunen bemächtigte sich nun aller Hörer, nun Mikolaj von Dlugolas sagte: »In unserer heutigen verzärtelten Zeit giebt es wohl kaum Männer, wie ich sie in meiner Jugend gekannt habe, oder solche, von denen mein Vater mir erzählt hat. Wohl giebt es noch Edelleute, die einen Panzer zerbrechen, eine Armbrust ohne Schneller spannen oder ein eisernes Beil zwischen den Fingern biegen, aber die betrachten sich schon als Athleten und beehren sich über alle andern. Früher konnten dies jedoch auch Mägdlein thun ...« »Ferne sei es mir, dem zu widersprechen, daß früher die Leute kräftiger waren,« warf jetzt Powala ein, »doch auch heute findet man noch manch strammen Burschen. Mir verlieh der Herr Jesus kräftige Knochen, doch nicht zu den kräftigsten rechne ich mich in diesem Königreiche. Kennt ihr einen gewissen Zawisza aus Garbow? Dieser würde mich bezwingen.« »Ich kenne ihn. Seine Schultern sind so breit wie die Schutzwehr des Krakauer Glockenturmes.« »Und Dobko aus Olesnica? Er streckte einmal auf einem Turniere, das die Kreuzritter in Thorn veranstalteten, zwölf Ritter nieder, zum großen Ruhme für uns und für unser Volk.« »Aber einer der Unseren, der Masur Staszko Ciolek Bärenhäuter. Anm. d. Verf. war stärker als Ihr und Zawisz und Dobek. Man erzählt von ihm, er habe mit der Hand einen frischen Stamm so zusammenzupressen vermocht, daß der Saft daraus gelaufen sei.« »Das vermag ich auch!« rief Zbyszko. Und ohne daß ihn jemand um die Probe gebeten hätte, sprang er an den Rand des Weges, riß einen dicken Ast von einem Baume und drückte ihn nach und nach so kräftig vor den Augen der Fürstin und Danusias zusammen, daß der Saft thatsächlich tropfenweise auf den Weg träufelte. »Oho! Jesus, Jesus!« rief bei diesem Anblick Ofka aus Jarzawkow, »laßt ihn nicht in den Krieg ziehen, denn es wäre schade, wenn ein solcher Bursche vor der Hochzeit zu Grunde ginge.« »Ja, es wäre schade!« wiederholte Macko, plötzlich aufs neue finster dareinblickend. Aber die Fürstin lächelte freudig, und selbst Mikolaj von Dlugolas gab seine Zufriedenheit kund, während die übrigen laut Zbyszko rühmten. Wurde doch zu damaliger Zeit die Kraft mehr als jede andere Gabe geschätzt. Fröhlich blickte Danusia, der die Frauen fortwährend »Freue Dich, freue Dich!« zuriefen, auf den Gefeierten. Den überaus stolz darein schauenden Zbyszko suchte indessen Mikolaj von Dlugolas sofort zu einem gewissen Maßhalten zu bringen, indem er also sprach: »Sei nicht gar zu stolz, denn es giebt weit kräftigere Gesellen, als Du einer bist. Ich selbst war zwar nicht Augenzeuge, aber mein Vater hat mir von einem Vorgange erzählt, der sich an dem Hofe des römischen Kaisers Karl ereignet hat. Als einmal der König Kasimir zu Besuche kam mit größerem Gefolge, befand sich auch der starke Staszko Ciolek darunter, der Sohn des Wojwoden Andrzej. Der Kaiser rühmte sich seinem Gaste gegenüber, daß zu seinen Mannen ein Böhme gehöre, der jeden Bären um den Leib packe, um ihn dann mit einer Hand zu erwürgen, ja, er veranstaltete eine Vorstellung, in welcher der Böhme zwei Bären auf diese Weise tötete. Das ließ nun unsern König nicht ruhen, ihn grämte der Gedanke, man könne seine Leute geringer achten als die des Kaisers, und wenige Tage vor der Abreise sprach er daher: ›Wißt, mein Ciolek läßt sich von dem Böhmen nicht beschämen.‹ Daraufhin wurde festgesetzt, daß die beiden nach Verlauf von drei Tagen mit einander ringen sollten. Zur bestimmten Zeit versammelten sich gar viele Edelfrauen und Ritter in dem zum Kampfplatze ausersehenen Schloßhofe. Der Wettstreit dauerte jedoch nicht lange, denn binnen kurzem brach Ciolek dem Böhmen das Kreuz, zermalmte ihm alle Knochen und ließ ihn zum Ruhme des Königs erst als Toten aus den Händen. Historisch. Anmerkung d. Ueb. Doch nicht genug damit! Ciolek, der seit dem Kampfe auch ›Knochenbrecher‹ genannt wurde, trug einmal ganz allein von einem Turme die Glocke, welche so groß war, daß sie sonst kaum von zwanzig Männern von der Stelle gebracht werden konnte.« Historisch. Anmerkung d. Ueb. »Stand er denn damals schon im vorgeschrittenen Mannesalter?« fragte Zbyszko. »Nein, er war noch ganz jung.« Inzwischen war Powala aus Taczew beständig an der Seite der Fürstin geritten. Jetzt neigte er sich zu ihr, schilderte ihr wahrheitsgetreu den schlimmen Vorgang zwischen dem Kreuzritter und Zbyszko und bat sie inständigst, Fürsprache für letzteren einzulegen, der vielleicht schwer für sein unüberlegtes Vorgehen büßen müsse. Die Fürstin, der Zbyszko sehr wohl gefiel, nahm die Mitteilung voll Kummer entgegen und zeigte sich äußerst beunruhigt. »Bei dem Bischof von Krakau bin ich wohlgelitten,« ergriff Powala nach kurzem Schweigen wieder das Wort, »ich kann also bei ihm bitten und bei der Königin. Je mehr Fürsprecher jedoch da sind, desto besser ist es für den Milchbart ...« »Wenn die Königin für ihn eintritt, wird ihm kein Haar auf dem Haupte gekrümmt werden,« erklärte Anna Danuta. »Der König stellt sie sehr hoch wegen ihrer Frömmigkeit und wegen ihrer großen Mitgift, jetzt aber verehrt er sie geradezu, da die Schmach der Unfruchtbarkeit von ihr genommen ist. In Krakau ist aber auch die Fürstin Ziemowit – eine Schwester des Königs, für die er große Liebe hegt, an sie wendet Euch. Selbstverständlich versuche auch ich alles, was in meiner Macht steht, allein jene ist ihm leiblich verwandt, und ich bin nur seine Base.« »Der König ist aber doch sehr eingenommen für Euch, edle Frau.« »Ach, nicht so sehr,« entgegnete in etwas schmerzlichem Tone die Fürstin. »Ich werde mit dem Gliede einer goldenen Kette abgefunden, während jene eine ganze Kette erhält, für mich wird ein Fuchspelz als ganz genügend erachtet, jene aber muß einen Zobelpelz haben. Für keinen Menschen in der Familie hegt der König eine solche Vorliebe, wie für Alexandra. Ich erinnere mich keines einzigen Tages, an dem er sie mit leeren Händen entlassen hätte ...« Unter solchen Gesprächen näherten sich die Reisenden allgemach ihrem Ziele. Auf der Landstraße wurde es stündlich lebhafter. Zahllose Landedelleute, teils in Rüstungen, teils in sommerlichen Gewändern und in Strohhüten, zogen an der Spitze ihrer Knechte in die Stadt. Etliche davon waren beritten, andere fuhren in Wagen, von ihren Frauen und Töchtern begleitet, welche auch die längst angekündigten Turniere sehen wollten. An verschiedenen Stellen war die Landstraße geradezu von Wagen mit Salz, Wachs, Getreide, Fischen, Tierfellen und Holz gesperrt, da es der Abgaben wegen den Kaufleuten nicht gestattet wurde, die Stadt zu umgehen. Gar viele Wagen mit allerlei Stoffen, mit Bierfässern, kurz, mit den mannigfaltigsten Waren beladen, fuhren in die Stadt. Schon wurden die königlichen, die herrschaftlichen und die städtischen Gärten sichtbar, die von allen Seiten Krakau mit seinen Mauern und Kirchtürmen umschlossen. In der nächsten Nähe der Stadt erreichte der Lärm seinen Höhepunkt, und an den Thoren stauten sich Wagen, Reiter und Fußgänger in einer solchen Weise, daß kaum durchzukommen war. »Welch eine Stadt!« rief Macko. »Ein zweites Krakau giebt es nicht mehr auf der Welt!« »Es ist, als ob immer Jahrmarkt darin wäre!« meinte einer der fahrenden Schüler. »Seid Ihr schon einmal früher hier gewesen, Herr?« »Vor langer Zeit. Jetzt aber überrascht mich der Anblick Krakaus dermaßen, daß mich dünkt, ich sähe die Städte zum erstenmal nach einem Aufenthalte in wilder Gegend.« »Krakau soll sich unter König Jagiello unendlich entwickelt haben.« »Das ist wahr. Seit der litauische Großfürst den Thron bestiegen hat, sind unermeßliche litauische und russische Länderstrecken dem krakauischen Handel eröffnet worden. Infolgedessen nahm die Stadt tagtäglich an Wohlhabenheit, an Bevölkerung zu – es entstanden eine Reihe neuer Bauten, und jetzt wird Krakau zu den bekanntesten Städten der Welt gerechnet.« »Nun, nun, die Städte der Kreuzritter sind auch nicht zu verachten,« ließ sich aufs neue der auffällig dicke fahrende Schüler vernehmen. »Ja, wer dahin kommen könnte!« entgegnete Macko. »Welch eine Beute wäre da zu gewinnen.« Powala erwog noch immer in seinem Sinn das Schicksal Zbyszkos, der doch nur durch sein thörichtes Vorgehen eine Schuld auf sich geladen hatte und sich jetzt einfach in den Rachen des Wolfes begab. Der Herr von Taczew besaß, trotz seiner grimmigen und rauhen Außenseite, ein taubenfrommes Herz; er konnte sich des Mitleids mit dem jungen Gesellen nicht erwehren, wußte er doch am besten von allen, was den Schuldigen treffen werde. »Ich sinne und sinne,« wandte er sich aufs neue zu Anna Danuta, »ob man der Königin von dem Geschehnis Kunde geben soll oder nicht. Wenn der Kreuzritter die Klage unterläßt, dann kommt es nicht zur Verhandlung, doch, angenommen, er beklagt sich, dann wäre es angemessener, durch die vorherige Auseinandersetzung einem plötzlichen Zornesausbruch vorzubeugen.« »Sobald der Kreuzritter jemand ins Verderben stürzen kann, thut er es auch,« warf die Fürstin hier ein. »Doch ich werde sofort Zbyszko zu überreden suchen, an meinem Hofe zu bleiben. Vielleicht wird es sich der König doch überlegen, allzu streng gegen einen meiner Hofleute vorzugehen.« Und ohne lange zu zögern, ließ sie Zbyszko zu sich entbieten. Als dieser hörte, um was es sich handle, sprang er sogleich vom Pferde und sich Anna Danuta zu Fuße nähernd, erklärte er sich mit der größten Freude bereit, fortan bei ihrem Hofe zu bleiben, wobei ihm aber seine persönliche Sicherheit weit weniger am Herzen lag, als die Gewißheit, dadurch in der Nähe Danusias verharren zu können. Powala war inzwischen zu Macko geritten. »Wo wollt Ihr wohnen?« fragte er diesen. »In einer mir bekannten Herberge.« »In den Herbergen giebt es längst keinen Platz mehr.« »Dann gehen wir zu einem mir befreundeten Kaufmann, Amylej mit Namen. Vielleicht nimmt er uns auf.« »Hört jetzt meinen Vorschlag: Kommt zu mir als meine Gäste. Euer Bruderssohn könnte zwar mit dem Gefolge der Fürstin im Schlosse wohnen, allein ich halte es für besser, wenn er dem Könige nicht gleich unter die Hände kommt. Gar häufig thut man im ersten Zornesausbruch manches, was man später unterlassen würde. Ihr müßtet ja auch dann alles teilen, was Euch gemeinsam gehört – die Wagen und die Knechte, und dazu ist Zeit nötig. Bei mir jedoch, das dürft Ihr glauben, seid Ihr gut und sicher aufgehoben.« Obwohl beunruhigt darüber, daß Powala die Sicherheit Zbyszkos dermaßen gefährdet erachtete, willigte Macko doch mit großer Freude in den Vorschlag ein, und so ritten sie gemeinsam in die Stadt. Bei dem wunderbaren Anblick aber, der sich ihnen hier bot, vergaßen sowohl sie wie Zbyszko aufs neue für einige Zeit aller Sorgen. Denn was hatten sie bis jetzt in Litauen und an der Grenze gesehen? Einzelne Burgen, und von bedeutenderen Städten nur Wilna, das wohl teilweise schlecht aufgebaut worden war, größtenteils aber noch in Trümmern lag. Hier hingegen reihte sich ein steinernes Handelshaus an das andere, und alle konnten an Pracht mit den litauischen großfürstlichen Burgen wetteifern. Wohl gab es auch zahlreiche Häuser aus Holz in Krakau, allein selbst diese Gebäude erregten Bewunderung durch ihre Höhe und durch ihre aus kleinen, in Blei gefaßten Glasstückchen bestehenden Fenster, auf denen sich die untergehende Sonne in solch roter Glut spiegelte, daß man glauben konnte, es sei Feuer in den Häusern ausgebrochen. In den in der Nähe des Marktes liegenden Straßen standen gleichfalls ganze Reihen von hohen, teils schmalen, teils breiten Bauten, entweder aus Ziegeln oder aus Stein aufgeführt, alle mit gewölbtem Hausflur, Erkern und mit kreuzartigen Verzierungen, sowie häufig mit den Merkmalen der Leiden Christi oder mit dem Bilde der Jungfrau Maria über dem Thorbogen geschmückt. Auf beiden Seiten dieser mit Stein gepflasterten Straßen befanden sich in tiefen Gewölben die prächtigsten, wunderbarsten Warenlager, auf die Macko, gewöhnt an reiche Kriegsbeute, manch gierigen Blick warf. Unendliches Staunen riefen aber bei ihm und Zbyszko die öffentlichen Gebäude hervor, so die Kirche der Jungfrau Maria auf dem Ringe, das Rathaus mit seinem Riesenkeller, wo das Swidnicer Bier verzapft wurde, die anderen Kirchen, das geräumige mercatorium , das für ausländische Kaufleute bestimmt war, der Bau, in dem die städtische Wage stand, die Badehäuser, die Haarschneidekabinette, die Kupfer-, Gold- und Silberschmelze, die Bierbrauereien mit ihren zahllosen Fässern neben dem sogenannten Schrotamte, kurz, all diese Sehenswürdigkeiten, von denen ein der Stadt ungewohnter Mensch, selbst wenn er der wohlhabende Besitzer einer kleinen Burg sein mochte, keine Ahnung haben konnte. Powala führte Macko und Zbyszko in sein, in der Straße Sankt Maria gelegenes Heim, befahl, ihnen eine große Stube herzurichten, übergab sie der Obhut seiner Pagen und eilte sofort in das Schloß, von wo er erst in später Nacht zurückkehrte. Trotzdem brachte er aber noch einige Freunde zum Mahle mit, die sich Trank und Speise wohl schmecken ließen. Der Wirt selbst aber zeigte eine sehr bekümmerte Miene, und als er endlich mit den beiden Edelleuten aus Bogdaniec allein war, sagte er zu Macko: »Ich habe Rücksprache mit einem Kanonikus genommen, der des Schreibens und des Rechtes kundig ist. Und wißt Ihr, was er behauptet: die Beleidigung eines Gesandten fordere ein Halsgericht. Betet daher zu Gott, damit sich der Kreuzritter nicht beschwere.« Wenn nun auch Macko und Zbyszko dem Mahle frohgemut beigewohnt und sogar im Trinken das Maß etwas überschritten hatten, legten sie sich doch jetzt mit kummervollen Herzen zur Ruhe. Macko vermochte nicht einzuschlafen und rief schließlich: »Zbyszko!« »Was wollt Ihr.« »Siehst Du, wenn ich mir so alles überlege, fürchte ich immer mehr, daß es Dir Deinen Kopf kosten wird.« »Glaubt Ihr?« fragte Zbyszko mit der Schlaftrunkenheit der Jugend und schlummerte, vom Ritte ermüdet, sich der Wand zukehrend, ruhig ein. Am nächsten Tage begaben sich die beiden Edelleute aus Bogdaniec gemeinschaftlich mit Powala zur Frühmesse in den Dom, einesteils der Andacht wegen, andernteils aber auch, um den königlichen Hof und die Gäste zu sehen, die sich im Schlosse zusammengefunden hatten. Auf dem Wege traf Powala gar viele Menschen, die ihm bekannt waren, und unter ihnen eine große Anzahl von Rittern, weithin berühmt im In- und im Auslande. Zbyszko schaute voll Bewunderung auf alle, insgeheim das Gelübde ablegend, daß wenn seine Angelegenheit mit Lichtenstein glücklich ablaufen werde, er sich Mühe geben wolle, diesen an Tapferkeit und an allen andern Tugenden gleichzukommen. Einer von diesen Rittern, ein Verwandter des Kastellans von Krakau, kündigte ihnen die Neuigkeit an, daß ein Domherr, der zum Papste Bonifacius IX. mit einem königlichen Schreiben abgesandt worden war, um denselben zur Taufe nach Krakau einzuladen, von Rom mit der Kunde zurückgekehrt sei, der Papst wisse zwar noch nicht, ob er persönlich der Feier beiwohnen könne, doch werde er jedenfalls einen Gesandten bevollmächtigen, in seinem Namen das Kind, welches das Licht der Welt erblicken sollte, über die Taufe zu halten. Der Ritter habe auch dem Wunsche des Papstes Ausdruck verliehen, daß als Beweis von dessen besonderen Liebe für die königlichen Eltern dem Kinde der Name »Bonifacius« gegeben werde. Die baldige Ankunft des Königs Sigismund wurde auch besprochen. Man erwartete ihn mit Bestimmtheit, denn Sigismund kam stets geladen oder ungeladen an, sobald sich ihm die Gelegenheit zu einem Besuche, zu einem Gastmahle oder zu einem Turniere bot, da er in der Welt nicht nur als Herrscher, sondern auch als Sänger und Ritter bekannt sein wollte. Powala, Zawisza aus Garbow, Dobko aus Olesnica, Naszam und noch viele andere erinnerten sich gegenseitig mit Lächeln daran, wie bei den früheren Besuchen des Sigismund der König Wladislaw sie im Geheimen gebeten hatte, im Turniere nicht gar zu heftig anzugreifen, sondern Rücksicht zu nehmen auf den Gast aus Ungarn, dessen in der ganzen Welt bekannte Eitelkeit so groß war, daß ihm jede Niederlage Thränen in die Augen trieb. Voll Interesse unterhielten sich auch die Ritter über Witold. Man erzählte sich Wunder von der Pracht der aus reinem Silber getriebenen Wiege, die von Witold und seiner Frau Anna durch die litauischen Fürsten und Bojaren zum Geschenk überbracht worden war. Es bildeten sich nach und nach, wie gewöhnlich vor der Messe, einzelne Gruppen, die sich allerlei Neuigkeiten mitteilten, und auch Macko schilderte den ihn Umstehenden die Kostbarkeit des Geschenkes und erzählte ausführlich von dem geplanten Kriegszuge Witolds gegen die Tataren, da er von allen Seiten mit Fragen bestürmt wurde. Wie er berichtete, hatten sich die Heere schon gegen den Osten von Rußland gewendet, und wenn der Plan Witolds gelingen sollte, so trug er dazu bei, die Herrschaft des Königs Jagiello fast über die halbe Welt bis zu den Grenzen Persiens und bis zu den Ufern des Arals auszudehnen. Macko, der ja bei Witold gewesen war und daher dessen Absichten genau kannte, wußte alles so beredt auseinanderzusetzen, daß sich der Kreis der Neugierigen um ihn vor der Treppe des Doms immer mehr vergrößerte. Es handelt sich hier, erklärte Macko, einfach um einen Kreuzzug. Witold selbst regiert, obwohl er sich Großfürst nennt, doch Litauen nur im Namen Jagiellos und ist nur Statthalter. Das Verdienst um den Kreuzzug wird also dem König zufallen. Welch ein Lob wird es aber dem kurz getauften Litauer eintragen, und wie förderlich wird es für die Macht Polens sein, wenn die vereinten Heere das Kreuz in solche Gegenden tragen werden, wo der Name des Erlösers nur zum Spotte genannt wird, und wo bis jetzt der Fuß des Polen und des Litauers noch nicht hingekommen ist. Der verjagte Tochtamysz, den die vereinten polnischen und litauischen Heere von neuem auf den verlorenen Thron zu setzen gedenken, wird sich als »Sohn« des Königs Wladislaw bekennen und seinem Versprechen gemäß mit der ganzen Goldenen Horde dem Kreuze huldigen. Voll Spannung lauschten die Hörer diesen Worten, viele aber, die nicht genau wußten, um was es sich handelte, wem Witold helfen, gegen wen der Krieg geführt werden solle, fingen zu fragen an: »Sagt uns erst, gegen wen der Krieg geführt werden soll.« »Gegen Timur den Lahmen!« antwortete Macko. Jetzt trat einen Augenblick Schweigen ein. Wohl hatten die Ritter aus dem Westen schon die Namen der Goldenen, der Blauen und der Assowischen Horden vernommen, aber was wußten sie von den tatarischen Angelegenheiten, von den Streitigkeiten zwischen den verschiedenen Horden? Dagegen gab es kaum einen Menschen in Europa, der nichts von dem schrecklichen Timur dem Lahmen oder Tamerlan gehört hatte, dessen Namen mit nicht geringerem Schrecken genannt wurde wie seiner Zeit der Name Attilas. War doch Tamerlan der »Herr der Welt« und der »Herr der Zeiten« – ein Herrscher über siebenundzwanzig unterjochte Reiche, der Herrscher über das Moskauische Rußland, der Herrscher von Sibirien, der Herrscher von China und Indien, der über Ispahan, über Haleb und über Damaskus regierte, dessen mächtige Hand über die Arabische Wüste bis nach Aegypten reichte und über den Bosporus bis an das Griechische Kaiserreich – war doch Tamerlan – der Zerstörer des Menschengeschlechtes – der Erbauer ungeheurer Pyramiden aus Menschenschädeln – ein Sieger in allen Schlachten, der niemals besiegte »Herr über Seele und Körper«. Als sich Tochtamysz, der von ihm auf den Thron der Goldenen und der Blauen Horde erhoben und als »Sohn« anerkannt worden war, seiner Macht bewußt, sich unabhängig zu machen gesucht hatte, wurde er durch eine einzige Handbewegung des schrecklichen »Vaters« vom Throne gestürzt, und hatte sich, um Hilfe flehend, zu dem litauischen Statthalter geflüchtet. Witold beabsichtigte auch, ihm wieder zu dem Throne zu verhelfen; um dies zu ermöglichen, war es indessen vor allem nötig, sich mit dem weltbeherrschenden Lahmen zu messen. Das war auch der Grund, weshalb sich alle so sehr für den geplanten Kriegszug interessierten, und nach kurzem Schweigen sagte einer der ältesten Ritter, Kazko aus Jaglow: »Ei, wir werden nicht mit dem ersten besten zu thun bekommen.« »Und doch kommt bei uns nicht viel heraus,« bemerkte in weisem Tone Mikolaj aus Dlugolas, »denn ist es für uns nicht gleichgiltig, ob am Ende der Welt ein Tochtamisz oder irgend ein Kutluk über die Söhne des Belial herrschen wird?« »Tochtamisz würde sicherlich Christ werden,« antwortete Macko. »Das ist noch fraglich. Kann man denn den Hundsseelen trauen, die nicht an Christus glauben?« »Um des Namens Christi willen lohnt es sich indessen schon zu sterben,« sagte Powala. »Und der Ritterehre wegen,« fügte ein anderer Ritter hinzu; »ich kenne gar manche unter uns, die mitziehen werden. Herr Zbytko aus Mielsztyn hat eine junge und vielgeliebte Frau, und ist doch schon zu Witold gegangen.« »Daran ist gar nichts Wunderbares,« bemerkte nun Jasko Naszam. »Denn wenn einer auch die größte Sünde auf dem Gewissen hat, so ist doch der Ablaß sicher vor einem solchen Kriege und somit die Rettung jedes Sünders.« »Geschweige des Ruhmes in der Ewigkeit,« ergriff Powala aus Taczew wieder das Wort. »Mir soll es recht sein, wenn der Kriegszug ausgeführt wird, denn, in der That, es ist nicht der erste beste, gegen den wir ziehen werden. Timur besiegte die ganze Welt und herrscht über siebenundzwanzig Königreiche. Welch ein Lob wäre es für unser Volk, wenn wir seine Macht vernichten würden.« »Das will ich meinen!« rief einer der Ritter. »Wenn er auch hundert Königreiche besäße, wir fürchteten ihn nicht. Mögen dies andere thun! Ihr könnt mir glauben, wenn wir nur zehntausend Bogenschützen zusammenbringen, können wir es mit der ganzen Welt aufnehmen.« »Welches Volk soll denn den Lahmen besiegen, wenn nicht das unsrige!« So sprachen die Ritter untereinander, und Zbyszko war jetzt ganz verwundert darüber, daß ihn niemals zuvor die Lust angewandelt hatte, mit Witold in die wilden Steppen zu ziehen. Als er in Wilna gewesen war, da hatte er sich darnach gesehnt, Krakau mit seinem königlichen Hofe zu sehen und an den ritterlichen Spielen teilzunehmen, jetzt aber dünkte es ihn, er könne dabei wenig Ruhm gewinnen. Ihm drohte außerdem ein strenger Urteilsspruch, bei Witold hätte er dagegen vielleicht einen ruhmreichen Tod gefunden. Da mit einemmale ließ der vor Alter mit dem Kopfe zitternde, hundertjährige Kazko aus Jaklow, der jedoch nicht mehr immer Herr seiner Sinne war, sich also vernehmen: »Was überlegt Ihr lange? Ihr seid wirklich thöricht. Hat denn keiner von Euch gehört, daß die Königin ein Wunder erlebte, daß das Bild Christi zu ihr gesprochen hat? Und wenn selbst der Erlöser sich zu solchen Vertraulichkeiten herbeiläßt, weshalb sollte ihr der heilige Geist, die dritte Person der Dreieinigkeit, nicht gewogen sein? Der heilige Geist aber hat ihr die Gabe verliehen, in die Zukunft zu sehen und alles gerade so im voraus zu bestimmen, als ob es vor ihr stattfände. Und die Königin hat sich also vernehmen lassen ...« Hier hielt der Hochbetagte plötzlich inne, griff sich an die Stirn und fuhr dann fort: »Ja, ja, ich vergaß, was sie sagte, aber ich werde mich dessen bald wieder erinnern ...« Mit sichtlicher Anstrengung begann er zu überlegen, die andern aber warteten andächtig, denn es war allgemein die Ansicht verbreitet, daß die Königin die Zukunft voraussehen könne. »Ja, ja,« bemerkte er endlich, »jetzt habe ich es! Die Königin erklärte, daß wenn alle Ritter samt und sonders mit dem Fürsten Witold gegen den Lahmen auszögen, die heidnische Macht zerstört würde. Man könne aber nicht alle Ritter entbehren wegen der Verderbtheit der christlichen Fürsten. Es sei nötig, die Grenzen zu schützen vor den Böhmen, vor den Ungarn und vor den Kreuzrittern, denn man dürfe niemand trauen. So aber nur ein Teil der Polen mit Witold auszieht, wird ihn Tamerlan oder einer von dessen Heerführern besiegen, da der Lahme über eine ungeheure Heeresmacht verfügt.« »Jetzt herrscht aber doch Frieden an den Grenzen,« bemerkte einer der Ritter, »und der Orden selbst will dem Witold Heeresfolge leisten. Die Kreuzritter müssen dies ja thun, denn erstens wäre es eine Schmach für sie, wenn sie anders handelten, und zweitens liegt ihnen auch daran, dem heiligen Vater zu beweisen, daß sie zum Kampfe gegen die Heiden bereit sind. Wie allgemein behauptet wird, soll ja Kuno von Lichtenstein nicht nur der Taufe wegen, sondern auch um dieser Beratungen willen, hier weilen.« »Da ist er!« rief plötzlich Macko aus. »Fürwahr er ist's!« stimmte Powala, sich umschauend, bei, »fürwahr er ist's. Er weilte nur kurz bei dem Abte in Tyniec.« »Es hat ihm wohl keine Ruhe dort gelassen,« bemerkte Macko finster. Mittlerweile kam Kuno von Lichtenstein an den Sprechenden vorüber. Er erkannte jedoch weder Macko noch Zbyszko, da er sie zuvor bloß im Helme gesehen hatte, der selbst beim offenen Visiere nur einen kleinen Teil des Gesichtes freiließ. Im Vorbeigehen nickte der Kreuzritter dem Powala aus Taczew zu, um dann, von seinen Pagen gefolgt, die Treppen des Domes mit langsamen, majestätischen Schritten zu ersteigen. Den Beginn der Messe verkündigend, ertönten nun laut die Glocken, deren Klang eine Schar von Dohlen und Tauben emporscheuchte, die in den Türmen nisteten. Macko und Zbyszko traten gemeinsam mit den andern in die Kirche, beide nicht wenig beunruhigt durch die rasche Wiederkehr Lichtensteins. Doch während der ältere Edelmann seine Erregung nur schwer bemeistern konnte, wurde die Aufmerksamkeit des jüngeren bald vollständig durch den königlichen Hof in Anspruch genommen. Nie im Leben hatte er etwas Glänzenderes als diese Kirche und diese Versammlung gesehen, die bedeutendsten Männer des Königreiches, berühmt im Rate und im Kriege, waren hier versammelt. Ein Teil derer freilich, durch deren Weisheit die Ehe des Großfürsten von Litauen mit der wunderbar schönen und jugendlichen, polnischen Königin zu stande gekommen war, hatte schon das Zeitliche gesegnet, aber gar mancher von ihnen lebte noch und wurde mit ganz besonderer Ehrfurcht betrachtet. Der junge Ritter konnte sich nicht satt sehen an der imponierenden Erscheinung des Jasko aus Teczyn, des Krakauer Kastellans, der kraftvolle Strenge mit Milde und Gerechtigkeit zu vereinigen wußte; er bewunderte den klugen und ernsten Blick anderer Räte oder die charakteristischen Gesichtszüge der Rittersleute mit den über der Stirn gerade geschnittenen Haaren, welche dann in langen Locken auf Schultern und Rücken herabfielen. Etliche von ihnen trugen Netze, etliche nur Bänder, welche die Haare zusammenhielten. Die ausländischen Gäste – die Gesandten des römischen Königs, die böhmischen, ungarischen und rakuser Gesandten und ihr Gefolge erregten das größte Aufsehen durch die Pracht ihrer Gewänder. Die litauischen Knäse und Bojaren hatten trotz der sommerlichen Hitze ihre pelzverbrämten Röcke angethan. Die russischen Knäse in weiten, aber steifen, goldgestickten Gewändern, nahmen sich mit den Kirchenmauern als Hintergrund wie byzantinische Bilder aus. Aber mit der größten Spannung erwartete Zbyszko den Eintritt des Königs und der Königin, und er drängte sich so weit wie möglich zu der Stalla vor, hinter welcher, in der Nähe des Altars, zwei Kissen aus rotem Samt zu sehen waren, weil das Königspaar gewöhnlich die Messe auf den Knien zu hören pflegte. Die Versammlung mußte nicht lange warten. Durch die Thüre der Sakristei erschien zuerst der König, allen genau sichtbar. Seine schwarzen Haare, von denen einige etwas verwirrt über die Stirn hingen, fielen zu beiden Seiten lang herab, waren aber hinter die Ohren geschoben. Die dunkle Farbe seines glatt rasierten Gesichtes mußte auffallen, ebenso seine gebogene, spitze Nase. Um die Mundwinkel zogen sich tiefe Falten; mit seinen kleinen, schwarzen und glänzenden Augen blickte er lebhaft umher, als ob er sich, bevor er den Altar erreichte, über die Zahl der in der Kirche Anwesenden vergewissern wolle. Seine Züge hatten einen gutmütigen Ausdruck, aber gleichzeitig auch etwas Gespanntes, und seine hastigen, unsicheren Bewegungen bezeugten, daß er sich vor boshaften Bemerkungen fürchte. Er war daher sichtlich bemüht, stets auf seiner Hut zu sein und der Würde Rechnung zu tragen, die ihm ein unverhofftes Glück hatte zu teil werden lassen. Daß ihn indessen die geringfügigste Ursache zum Aufbrausen bringen könnte, das war nicht schwer zu erraten, und niemand mochte daran zweifeln, daß dieser Fürst, seinerzeit durch die Hinterlist der Kreuzritter aufs höchste erbost, ihrem Gesandten hatte zurufen können: »Du kommst zu mir mit dem Pergamente, und ich zu Dir mit dem Speere.« Durch seine tiefe und wahre Frömmigkeit ward indessen jetzt seine angeborene Heftigkeit in Schranken gehalten. Nicht nur die neu getauften litauischen Fürsten, sondern auch die seit Generationen christlichen, polnischen Edelleute wurden immer erbaut durch den Anblick des Königs in der Kirche. Stets schob er von Zeit zu Zeit das Kissen hinweg, um, der größeren Buße wegen, auf den nackten Steinen zu knien; gar häufig hob er die Hände flehend empor und hielt sie so lange nach oben, bis sie von selbst vor Ermüdung zurückfielen. Er hörte wenigstens drei Messen täglich und hörte sie alle voll Inbrunst. Das Ertönen des Glöckchens bei der Wandlung erfüllte seine Seele mit Wonne. Nach Beendigung der Messe verließ er gewöhnlich die Kirche, wie vom Schlafe erquickt, beruhigt und besänftigt, und nur zu bald hatten es die Hofleute herausgefunden, daß diese Zeit die geeignetste war, wenn man seine Verzeihung erlangen oder ein Geschenk erhalten wollte. Auch Jadwiga trat durch die Thüre der Sakristei ein. Als die in der Nähe der Stalla stehenden Ritter ihrer ansichtig wurden, knieten sie unwillkürlich nieder, ihr die Ehren wie einer Heiligen zollend. Zbyszko folgte dem Beispiele, denn niemand in der ganzen Versammlung zweifelte daran, daß Jadwiga, die seit Jahren das strengste Bußleben führte, eine Heilige sei, daß mit deren Bildern zukünftig die Kirchenaltäre geschmückt werden würden. Von Mund zu Mund ging unter den Edlen und unter dem Volke der Ruf von ihren Wunderthaten. Allgemein wurde behauptet, die Berührung ihrer Hand heile die Kranken. Menschen, welche des Gebrauches ihrer Glieder beraubt gewesen waren, hatten ihre Gesundheit wieder gewonnen, nachdem die Königin ihre Hand auf sie gelegt. Glaubwürdige Zeugen berichteten, daß sie mit eigenen Ohren gehört hatten, wie einmal Christus am Altare zu ihr gesprochen habe. Die auswärtigen Monarchen verehrten sie auf den Knien, selbst die trotzigen Kreuzritter beugten sich vor ihr und fürchteten sich, sie zu kränken, ja, Papst Bonifacius IX. nannte sie eine Heilige und eine auserwählte Tochter der Kirche. In der ganzen Welt bewunderte man ihre Thaten und dachte mit Staunen daran, wie dies wunderbar schöne Kind des angiovinischen Hauses Aus dem Hause Anjou. Anm. d. Uebers. und der polnischen Piasten, wie die Tochter des mächtigen Ludwig, welche an dem glänzendsten Hofe erzogen worden war, auf ihr persönliches Glück verzichtet hatte, verzichtet hatte auf ihre erste, jungfräuliche Liebe, um als Königin sich mit einem »wilden« litauischen Fürsten zu vermählen, damit sie in Gemeinschaft mit ihm das letzte heidnische Volk Europas dem Kreuze zugänglich mache. Was die vereinigten Kräfte der Deutschen, was die Macht der Orden, was die Kreuzzüge, was all das vergossene Blut lange nicht zu stande hatten bringen können, dazu genügte ein einziges Wort von ihr. Niemals hatte der apostolische Titel ein jüngeres, schöneres Haupt umstrahlt, niemals war bis jetzt in einer Person solche Frömmigkeit und solche Aufopferung vereinigt, niemals noch war Frauenschönheit mit solcher Engelsgüte und ruhigen Ergebenheit gepaart gewesen. Von Sängern an allen Höfen Europas wurde Jadwiga gepriesen. Aus den fernliegendsten Ländern pilgerten die Ritter nach Krakau, um die polnische Königin zu sehen. Ihr eigenes Volk, dem sie durch ihre Vermählung mit Jagiello so viel Macht und Ruhm verliehen hatte, liebte sie wie seinen Augapfel. Nur eine große Sorge hatte sie und ihr Volk bis jetzt darnieder gedrückt. Dieser von ihm Auserwählten war von Gott Jahre hindurch die Nachkommenschaft versagt geblieben. Als aber auch endlich dieser Fluch von ihr genommen war, verbreitete sich die Nachricht wie ein Blitz vom Baltischen bis an das Schwarze Meer und bis an die Karpathen und erfüllte alle Völker des großen Reiches mit Dankbarkeit. Selbst an den auswärtigen Höfen, den Hof der Kreuzritter ausgenommen, wurde die Kunde mit Freude begrüßt. In Rom ward ein Tedeum gesungen. In den polnischen Ländern aber wurzelte die Ansicht immer fester, daß alles unverzüglich geschehe, um was die heilige Frau Gott bitte. So wallfahrte man immer häufiger zu ihr. Kranke flehten sie an, für ihr Gesunden zu beten, Abordnungen aus den verschiedensten Ländern und Kreisen stellten sich bei ihr ein, um sie zu veranlassen, ihnen beizustehen, und je nach Bedarf für sie Regen bei Trockenheit, schönes Wetter zur Ernte, glückliche Heueinfuhr, reichliches Ergebnis beim Honigsammeln, gute Beute beim Fischen, erfolgreiche Jagd zu erbitten. Die gefürchtetsten Ritter auf den Grenzschlössern und Burgen, die, nach damaliger Sitte, dem Raube und dem Kriege oblagen, schoben auf eine Mahnung von ihr die gezückten Schwerter wieder in die Scheiden, ließen ihre Kriegsgefangenen ohne Lösegeld frei, gaben die erbeuteten Herden zurück und reichten sich die Hände zur Versöhnung. Alle Unglücklichen, alle Armen drängten sich an den Pforten des königlichen Schlosses. Mit ihrer reinen, unschuldsvollen Seele übte sie einen ungeheuren Einfluß auf die Herzen der Menschen aus; stets war sie darauf bedacht, das Los ihrer Unterthanen zu erleichtern, den Stolz und Hochmut der Ritter und Herren zu vermindern, die Strenge der Richter zu mildern. Gleich der Verkündigerin des Glückes, gleich einem Engel der Gerechtigkeit und des Friedens waltete sie über das ganze Land. Und deshalb erwarteten auch alle, klopfenden Herzens, den Tag des Segens. Nach der Aussage des Fürstbischofs Wysz von Krakau, welcher als der erfahrenste Arzt im ganzen Reiche und als der berühmteste im Ausland galt, stand die Niederkunft noch nicht so bald bevor, und wenn schon Vorbereitungen getroffen wurden, so geschah dies nur, weil es eine althergebrachte Sitte war, mit den Feierlichkeiten so zeitig wie möglich zu beginnen. Noch hatte die Königin ihre frühere Schlankheit bewahrt, doch stand sie etwas vorgebeugt da. Ihre Kleidung war fast allzu einfach. An einem glänzenden Hof erzogen und die schönste von allen Fürstinnen jener Epoche, hatte sie sich ehemals gerne mit kostbaren Stoffen, Perlen, goldenen Spangen und Ringen geschmückt, aber seit einigen Jahren schon kleidete sie sich in Nonnengewänder, und während einiger Zeit verschleierte sie sogar ihr Gesicht, aus Furcht, die eigene Schönheit könne weltliche Gedanken in ihr erwecken. Als Jagiello, voll Freude über ihren Zustand, das Schlafgemach mit Goldstoff, Byssus und Kleinodien zieren lassen wollte, erklärte sie, sie habe ja längst allem Glanz entsagt, denke nur daran, daß sie bei der Entbindung vielleicht dem Tode nahe sei und daß sie in stiller Demut, fern von allem Prunk, die Gnade hinnehmen müsse, welche ihr Gott zu teil werden lasse. Die Ersparnisse an Gold und Kleinodien wurden nun für die Akademie verwendet, und auch dazu, einige neugetaufte litauische Jünglinge an ausländische Universitäten zu schicken. Die Königin willigte schließlich darein, ihr Nonnenkleid abzulegen, und von der Zeit an, da ihre Hoffnungen zur Gewißheit wurden, verschleierte sie auch ihr Gesicht nicht mehr, weil sie glaubte, daß sich ein Bußgewand jetzt nicht für sie eigne. Und nun blickten aller Augen voll Liebe auf dies wundervolle Antlitz, das keiner Zieraten von Gold oder von Edelsteinen bedurfte. Langsam schritt die königliche Frau von der Thüre der Sakristei zum Altar hin, den Blick emporgerichtet, in der einen Hand das Gebetbuch, in der andern den Rosenkranz haltend. Zbyszko schaute auf dies lilienweiße Gesicht, die blauen Augen, die engelreinen Züge, in denen sich süßer Frieden, unendliche Güte ausdrückten, und sein Herz fing an, heftig zu klopfen. Er wußte, daß er nach dem Gebot Gottes verpflichtet war, sowohl seinen König als auch seine Königin zu lieben, und er liebte sie in seiner Weise, aber jetzt überkam ihn plötzlich eine Liebe, die nicht auf Befehl, sondern von selbst entsteht und Ehrfurcht, Demut und Opfermut in sich schließt. Jung und heißblütig wie er war, ergriff ihn auch das Verlangen, seine Verehrung, seine Treue irgendwie zu betätigen, irgendwohin zu eilen, den Kampf mit jemand aufzunehmen, etwas zu erobern und seinen eigenen Hals dabei zu Markt zu tragen. »Ich werde mit Fürst Witold in den Krieg ziehen,« sagte er sich, »denn wie kann ich der heiligen Herrin dienen, wenn es in der Nähe keine Gelegenheit zum Kampfe giebt?« Daß er ihr auch auf andere Art dienen könne, als mit dem Schwerte, der Lanze oder dem Beile, kam ihm gar nicht in den Sinn, dagegen war er bereit, mit aller Macht auf Timur den Lahmen loszugehen. Sogleich nach der Messe wollte er sich zu Pferde setzen, wollte er seine Kraft erproben. Auf welche Weise, wußte er aber selbst nicht. Er fühlte nur, daß seine Hände zuckten, und daß es ihn von ganzer Seele darnach verlangte, etwas Großes zu vollbringen. Er vergaß auch wieder vollständig der Gefahr, die ihm drohte, sogar Danusias vergaß er, und als sie ihm durch die Kinderchöre, welche plötzlich ertönten, wieder in den Sinn kam, sagte er sich unwillkürlich, seine Neigung für sie sei etwas ganz anderes. Danusia hatte er Treue gelobt, ihretwegen sollten drei Deutsche mit dem Leben büßen, und sein Wort wollte er halten, aber die Königin stand ja hoch über allen andern Frauen, und als er darüber nachdachte, wie viele Tote er ihr wohl zu Füßen legen müsse, sah er ein ganzes Heer von Panzern, Helmen, Strauß- und Pfauenfedern vor sich, ja, ihn überkam die Ueberzeugung, daß er nicht genug thun könne. »Langsam schritt die königliche Frau von der Thüre der Sakristei zum Altare hin, den Blick emporgerichtet ...« Indessen wendete er die Augen nicht von ihr, und in überströmender Empfindung fragte er sich, wie er sie durch ein besonderes Gebet ehren könne, da er glaubte, für eine Königin müsse man anders beten als sonst. Er war im stande, die Worte: Pater noster, qui es in coelis, sanctificetur nomen tuum « herzusagen, denn dies hatte ihn ein Franziskaner in Wilna gelehrt, aber das ganze Vaterunser konnte er nicht mehr auswendig. Und nun wiederholte er unablässig die Worte: »Gieb unserer geliebten Herrin Gesundheit und Glück, erhalte sie am Leben und wache sorgsamer über sie als über alle andern Wesen.« Inbrünstiger wurde wohl in der ganzen Kirche nicht gebetet, und doch kam dies Gebet von den Lippen eines Jünglings, über den vielleicht bald ein harter Urteilsspruch und Strafe verhängt werden sollte. Nach Beendigung der Messe sagte sich Zbyszko, wenn es ihm vergönnt wäre, der Königin zu nahen, müsse er vor ihr niedersinken und ihre Knie umfassen, wenn auch er und die ganze Welt darüber zu Grunde ginge, doch nach der ersten Messe kam die zweite, dann die dritte, worauf sich die Herrin in ihre Kemenate begab, denn gewöhnlich fastete sie bis zum Mittag und nahm absichtlich nicht teil an den fröhlichen Mahlzeiten, bei denen man zur Belustigung des Königs und der Gäste Hofnarren und Gaukler aller Art auftreten ließ. Jetzt kam der alte Edelmann aus Dlugolas zu Zbyszko und berief ihn vor die Fürstin. »Du wirst bei dem Frühstück mir und Danusia aufwarten, als mein Hofkavalier,« sprach die Fürstin. »Möge es Dir nun gelingen, durch irgend einen Scherz des Königs Wohlgefallen zu erringen. Und falls der Kreuzritter Dich erkennt, wird er Dich vielleicht nicht anklagen, wenn er sieht, daß Du mich am Tische des Königs bedienst.« Zbyszko küßte der Fürstin die Hand, dann wendete er sich zu Danusia, und wiewohl mehr an Krieg und Schlachten, als an höfische Sitten gewöhnt, wußte er offenbar dennoch, was einem Ritter geziemt, wenn er in der Frühe die Dame seines Herzens erblickt; denn er wich etwas zurück, auf seinem Gesichte malte sich der Ausdruck der Verwunderung und er rief, ein Kreuz schlagend: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes.« Und die blauen Augen zu ihm erhebend, fragte Danusia: »Weshalb schlägt Zbyszko ein Kreuz? Die Messe ist ja schon vorüber.« »Weil Deine Anmut, schöne Herrin, während der Nacht so groß geworden ist, daß sie mir wunderbar erscheint.« Doch Mikolaj aus Dlugolas, der als bejahrter Mann keinen Gefallen an den neuen ritterlichen Sitten fand, zuckte die Achseln und sagte: »Unnütz verlierst Du Deine Zeit und schwatzest ihr etwas von Schönheit vor! Einer kleinen Kröte, die noch nicht einmal erwachsen ist.« Ergrimmt schaute ihn Zbyszko an. »Hütet Euch, sie ›Kröte‹ zu nennen,« rief er, vor Zorn erbleichend, »und wisset dies: wenn Ihr weniger Jahre zähltet, ließe ich sofort die Erde hinter der Burg gleichtreten und dann müßte Euer oder mein Blut fließen.« »Stille, Du Hitzkopf! Einen Rat möchte ich Dir heute noch geben!« »Stille!« sagte auch die Fürstin. »Statt an die eigene Sicherheit zu denken, willst Du noch Streit suchen? Mir wäre lieber, ich hätte für Danusia einen gesetzteren Ritter gefunden. Aber hiermit erkläre ich Dir: wenn Du Unruhe stiften willst, gehst Du fehl. Solcher Leute bedarf man hier nicht.« Nun schämte sich Zbyszko, daß er sich vor der Fürstin derart hatte hinreißen lassen, und er bat sie um Verzeihung. Insgeheim nahm er sich jedoch vor, falls Herr Mikolaj aus Dlugolas einen erwachsenen Sohn habe, diesen zum Zweikampf herauszufordern, denn die Strafe für die »Kröte« durfte jenem, seiner Ansicht nach, nicht erlassen werden. In den königlichen Gemächern wollte er sich mittlerweile benehmen, wie die liebe Unschuld, und niemand wollte er herausfordern, ausgenommen, daß seine Ritterehre es erheischte. Trompetenschall verkündigte, daß das Frühstück bereit war, und Danusia an der Hand führend, begab sich die Fürstin Anna in die königlichen Zimmer, vor denen die weltlichen Würdenträger und die Ritter, ihrer harrend, standen. Die Gattin des Fürsten Ziemowit war schon zuvor eingetreten, da ihr, als der leiblichen Schwester der Königin, einer der ersten Plätze am Tische gebührte. Bald wimmelte es in den Gemächern von fremden Gästen und den geladenen einheimischen Würdenträgern und Rittern. Der König saß am obersten Ende des Tisches, neben sich hatte er den Bischof von Krakau und auf der andern Seite den Abgesandten des Papstes. Die folgenden Plätze wurden von den beiden Fürstinnen eingenommen. Neben Anna Danuta machte sich in einem großen Lehnstuhl der ehemalige Erzbischof Jan von Gnesen breit, ein von den schlesischen Piasten abstammender Fürst, der Sohn Boleslaws III., des Fürsten von Oppeln. Zbyszko hatte von diesem schon am Hofe Witolds gehört, und als er jetzt hinter der Fürstin und Danusia stand, erkannte er ihn sofort an seinen Haaren, die, in dichten Ringeln herabfallend, seinen Kopf einem Weihwedel ähnlich machten. An den Höfen der polnischen Fürsten hatte er auch den Uebernamen »Weihwedel« und sogar die Kreuzritter nannten ihn »Kropidlo«. »Kropidlo« heißt Weihwedel, ironisch aber auch »Prügel« und war Beiname einiger schlesischen Fürsten. Anm. d. Uebers. Er war bekannt wegen seines heiteren Temperamentes und seiner leichten Sitten. Nachdem er gegen den Willen des Königs das Pallium für das Erzbistum Gnesen erlangt hatte, wollte er mit bewaffneter Hand Besitz davon ergreifen, ward aber seiner Würde entsetzt und verjagt, worauf er sich mit den Kreuzrittern verband, welche ihm das elende Bistum Kamenz in Pommern verliehen. Als er dann schließlich einsah, daß es vorteilhaft ist, mit einem mächtigen König in gutem Einvernehmen zu stehen, suchte er den Herrscher zu versöhnen und kehrte in die Heimat zurück, um es hier ruhig abzuwarten, bis ein Bischofsitz frei und ihm von der Hand des gütigen Herrn übertragen werde. In späterer Zeit wurden seine Hoffnungen denn auch erfüllt, und mittlerweile bemühte er sich, durch allerlei Kurzweil das Herz des Königs zu gewinnen: zu den Kreuzrittern fühlte er sich aber stets hingezogen. Und da er am Hofe Jagiellos von den Würdenträgern und Rittern nicht gerne gesehen ward, suchte er meist die Gesellschaft Lichtensteins und setzte sich mit Vorliebe bei Tische neben ihn. Dies war auch jetzt geschehen. Der hinter dem Lehnstuhl der Fürstin stehende Zbyszko befand sich daher so nahe bei dem Kreuzritter, daß er ihn mit der Hand hätte berühren können. Auch zuckten unwillkürlich seine Finger, aber er suchte sich zu beherrschen und ließ keine schlimmen Gedanken aufkommen. Trotzdem konnte er sich nicht enthalten, von Zeit zu Zeit forschende Blicke auf den etwas kahlen, blonden Kopf Lichtensteins zu werfen, auf dessen Hals, Schultern und Arme, um zu ermessen, ob er bei einem Zusammentreffen in der Schlacht oder im Zweikampfe viel Arbeit und Mühe mit ihm hätte. Und ihn dünkte, er könne es mit ihm aufnehmen; denn wiewohl die Schultern des Kreuzritters mächtig genug unter dem enganliegenden dunkelgrauen Tuchgewande hervortraten, war dieser gleichwohl nur ein Schwächling im Vergleich zu einem Powala, zu einem Paszko Zlodziej aus Biskupice, im Vergleich zu den beiden berühmten Sulimczyki, zu Kazon aus Kozichglowy und zu vielen andern Rittern, die am königlichen Tische saßen. Auf all diese schaute Zbyszko mit staunender Bewunderung und mit Neid, doch seine Hauptaufmerksamkeit wendete sich dem Könige zu, welcher die Blicke nach allen Seiten umherschweifen ließ, während er unablässig seine Haare hinter die Ohren strich, wie wenn er ungeduldig darüber wäre, daß das Frühstück noch nicht begonnen hatte. Während eines kurzen Momentes weilten seine Augen auch auf Zbyszko, und dann überkam den jungen Ritter ein gewisses Angstgefühl, ja, bei dem Gedanken allein schon, daß er wohl einmal dem erzürnten Antlitz des Königs gegenüberstehen und sich verantworten müsse, empfand er eine furchtbare Erregung. Jetzt zum erstenmal dachte er daran, daß man ihn zur Verantwortung ziehen und strafen könne, denn bisher war ihm alles wie in weite Ferne entrückt und so unbestimmt erschienen, daß er sich keine Sorgen darüber gemacht hatte. Aber der Deutsche ließ sich auch nicht träumen, daß jener Ritter, welcher ihn auf der Landstraße so verwegen angegriffen hatte, ganz nahe war. Indessen hatte das Mahl begonnen. Man trug eine Weinsuppe auf, die mit Eiern, Zimt, Gewürznelken, Ingwer und Safran bereitet war und deren Duft das ganze Zimmer erfüllte. Zugleich fing der an der Thüre sitzende Hofnarr Charuszek an, den Gesang der Nachtigall nachzuahmen, was den König sichtlich erheiterte. Ein anderer ging dann zugleich mit der aufwartenden Dienerschaft um den Tisch herum, blieb unbemerkt hinter den Gästen stehen und ahmte das Summen der Bienen so trefflich nach, daß mancher den Löffel aus der Hand legte und sich der Fliegen zu erwehren suchte. Bei diesem Anblick brachen die andern in lautes Gelächter aus. Zbyszko bediente emsig die Fürstin sowie Danusia, und als nun auch Lichtenstein sich auf den kahlen Kopf schlug, vergaß er wiederum der Gefahr und lachte derart, daß ihm die Thränen über die Wangen liefen. Und der neben ihm stehende junge litauische Fürst Jamont, der Sohn des Statthalters von Smolensk, stimmte so herzlich mit ein, daß er beinahe die Speisen aus den Schüsseln verschüttet hätte. Seinen Irrtum schließlich einsehend, zog der Kreuzritter seinen Geldbeutel hervor und sagte zu dem Bischof Kropidlo auf deutsch einige Worte, welche dieser, zu dem Narren gewendet, übersetzte: »Der edle Herr spricht so zu Dir: ›Du bekommst zwei Geldstücke, aber summe nicht so nahe, denn man verjagt die Bienen und schlägt auf die Drohnen los‹.« Rasch verbarg der Narr die ihm dargereichten Geldstücke, und sich die den Hofnarren eingeräumte Freiheit zu Nutzen machend, entgegnete er: »Die Drohnen haben sich in der Gegend von Dobrzyn Der Grund und Boden von Dobrzyn ward kraft des gesetzwidrigen Vertrages mit Wladislaw Opolczik durch die Kreuzritter in Besitz genommen. angesiedelt, weil es dort viel Honig giebt. Schlage Du auf sie los, König Wladislaw.« »Da hast Du auch von mir einen Groschen, denn Du hast gut geantwortet,« sagte Kropidlo, »doch vergißt Du, daß der Bienenwärter immer den Hals bricht, wenn die Strickleiter zerreißt. Auch haben sie Stacheln, diese Marienburger Drohnen, welche Dobrzyn besetzten, und gefährlich ist's, sich ihrem Bienenstock zu nähern.« »Ach was!« rief Zindram aus Maszkowice, der Krakauer Schwertträger, »man kann sie dennoch vertreiben!« »Womit?« »Mit Pulver!« »Oder man kann mit dem Beile den Bienenstock zerhauen!« sagte der riesenhafte Paszko Zlodziej aus Biskupice. Zbyszkos Herz zog sich krampfhaft zusammen, denn er glaubte, diese Worte müßten den Krieg verkündigen. Und Kuno Lichtenstein verstand sie ganz wohl, da er sich lange in Thorn und in Chelin aufgehalten, die polnische Sprache dort vollständig erlernt hatte und sich ihrer nur aus Hochmut nicht bediente. Jetzt aber, gereizt durch die Worte Zindrams aus Maszkowice, sah er diesen mit seinen grauen Augen durchdringend an und sagte: »Wir werden sehen!« »Bei Plowce haben unsre Vorfahren manches gesehen und wir bei Wilna,« erwiderte Zindram. » Pax vobiscum! « rief Kropidlo. » Pax! Pax! Sobald der Priester Mikolaj aus Kurow dem kujawischen Bistum entsagt und unserer huldreicher König es mir verleiht, halte ich Euch so schöne Predigten von der Liebe zwischen den christlichen Völkern, daß Ihr ganz tugendhaft und zerknirscht sein werdet. Was ist denn dieser Haß, wenn nicht ignis , und zudem ignis infernalis ... ein furchtbares Feuer, das man nicht mit Wasser, sondern nur mit Wein löschen kann. Gebt Wein her! Und gehen wir zum Höllengott, wie der hochselige Bischof Zawisza aus Kurozwek zu sagen pflegte.« »Und mit dem Höllengott zur Hölle, wie der Teufel sagte,« fügte der Hofnarr Charuszek hinzu. »Der Teufel soll Dich holen!« »Wunderschön wäre es, wenn er Euch holte! Zwar hat man bis heute noch keinen Teufel mit einem Weihwedel gesehen, aber ich glaube, daß wir noch alle diese Freude haben werden.« »Zuerst muß ich Dich aber noch besprengen. Gebt Wein her, es lebe die Christenliebe!« »Die wahre Christenliebe!« wiederholte mit Nachdruck Kuno Lichtenstein. »Wie?« rief hier der Krakauer Bischof Wysz, sich stolz emporrichtend. »Leben wir denn nicht seit Ewigkeit in einem christlichen Staate? Sind denn hier die Kirchen nicht älter als in Marienburg?« »Ich weiß es nicht,« erwiderte der Kreuzritter. Der König war immer besonders gereizt, wenn sein Christentum in Frage gezogen ward, und da er glaubte, der Kreuzritter habe vornehmlich auf ihn angespielt, bedeckten sich seine hervortretenden Backenknochen mit roten Flecken und seine Augen blitzten. »Was meint Ihr denn?« erwiderte er in barschem Tone. »Bin ich etwa kein christlicher König?« »Wohl, das Königreich wird ein christliches genannt, aber die Sitten sind heidnisch geblieben,« antwortete der Kreuzritter kalt. Nun erhoben sich drohend die Ritter: Marcin aus Wrocimowice, der das Abbild einer halben Ziege im Wappen trug, Florian aus Korytnica, Bartosz aus Wodziuka, Domarat aus Kobylany, Powala aus Taczew, Paszko Zlodziej aus Biskupice, Zindram aus Maszkowice, Jasca aus Targowisko, Krzon aus Kozichglowy, Zygmunt aus Bobowa und Staszko aus Charbimowice, lauter mächtige Fürsten, die sich schon in vielen Schlachten und Turnieren ausgezeichnet hatten. Die einen waren bleich, die andern rot vor Zorn geworden, und zähneknirschend schrien sie wirr durcheinander. »Wehe uns! Denn er ist unser Gast und kann nicht zum Zweikampfe herausgefordert werden.« Und Zawisza Sulimczyki, der Berühmteste unter den Berühmten, das wahre Urbild eines Ritters, wandte sich mit finsterer Miene zu Lichtenstein und sagte: »Ich erkenne Dich nicht wieder, Kuno! Wie magst Du, als Ritter, ein herrliches Volk verhöhnen, zumal Du weißt, daß Dich, den Abgesandten, keine Strafe treffen kann?« Doch Kuno kümmerte sich wenig um die drohenden Blicke und erwiderte in bedächtigem, eindringlichem Tone: »Ehe unser Orden nach Preußen kam, führte er Krieg in Palästina, aber sogar auch dort, bei den Sarazenen, wurden die Gesandten geehrt. Ihr allein ehrt sie nicht – und darum nannte ich Eure Sitten heidnische.« Auf diese Worte hin wurde der Tumult nur noch größer. Rings um den Tisch ließen sich wieder die Rufe vernehmen: »Wehe! Wehe!« Doch ward alles still, als der König, auf dessen Antlitz sich Zorn und Aerger malten, nach litauischer Sitte einige Male in die Hände klatschte. Und nun erhob sich der alte Jasko Topor aus Teczyn, der ernste, grauhaarige Kastellan von Krakau, der vermöge seines Amtes und seiner Würde allein schon Schrecken erweckte, und sprach: »Edler Ritter von Lichtenstein, wenn Euch als Abgesandter irgend eine Schmach widerfahren ist, so sprecht, und es soll strenge Gerechtigkeit geübt werden.« »In keinem andern christlichen Lande wäre mir Derartiges geschehen,« entgegnete Kuno. »Gestern auf dem Wege nach Tyniec überfiel mich einer von Euern Rittern, und wennschon er an dem Kreuz auf meinem Mantel leicht hätte erkennen können, wer ich bin, trachtete er mir doch nach dem Leben.« Als Zbyszko diese Worte vernahm, ward er totenbleich. Unwillkürlich richtete sich sein Blick auf den König, dessen Gesicht einen furchtbaren Ausdruck angenommen hatte. Jasko aus Teczyn aber sagte in höchster Verwunderung: »Kann dies möglich sein?« »Fragt nur den Herrn aus Taczew, welcher Zeuge des ganzen Vorfalls gewesen ist.« Aller Augen richteten sich nun auf Powala, welcher während eines kurzen Momentes mit gesenktem Haupte, düster vor sich hinschauend, dastand und dann sprach: »Es ist so, wie er sagt!« Als die Ritter dies hörten, riefen sie: »O der Schande! Wenn doch die Erde sich unter einem solchen Menschen aufthun würde!« Und vor Scham schlugen sie sich mit den Fäusten an die Brust und an die Schenkel, wieder andere aber schoben die Zinnschüsseln auf dem Tische hin und her, ohne zu wissen, wohin sie die Blicke wenden sollten. »Warum hast Du ihn denn nicht erschlagen?« wütete der König. »Weil sein Haupt dem Gerichte verfallen ist,« antwortete Powala. »Habt Ihr ihn gefangen genommen?« fragte der Kastellan Topor aus Teczyn. »Nein, er ist ein Edelmann und gab sein Ritterwort, daß er sich stellen werde.« »Aber er wird sich nicht stellen,« rief Kuno, spöttisch den Kopf zurückwerfend. In diesem Augenblick rief eine jugendliche Stimme in tieftraurigem Tone dicht hinter dem Kreuzritter: »Verhüte Gott, daß ich die Schande dem Tode vorzöge! Ich habe es gethan, ich, Zbyszko aus Bogdaniec!« Bei diesen Worten erhoben sich die Ritter und wollten auf den unglücklichen Zbyszko zustürzen, sie wurden aber durch das grimmige Kopfschütteln des Königs zurückgehalten, der aufsprang und mit vor Wut erstickter, heiserer Stimme schrie: »Schneidet ihm den Hals ab, schneidet ihm den Hals ab! Der Kreuzritter mag dann den Kopf des jungen Mannes seinem Herrn, dem Meister zu Marienburg schicken!« Und dem neben Zbyszko stehenden litauischen Ritter, dem Sohne des Statthalters von Smolensk, rief der König laut zu: »Halte ihn fest, Jamont!« Voll Schrecken über den Zorn des Königs legte Jamont die zitternde Hand auf Zbyszkos Schulter. Aber dieser wandte ihm sein bleiches Antlitz zu und sagte: »Ich fliehe nicht!« Da erhob der weißhaarige Kastellan von Krakau, Topor von Teczyn, die Hand zum Zeichen, daß er zu sprechen wünsche, und als nun eine tiefe Stille eintrat, sagte er: »Allergnädigster König! Möge sich der Komtur überzeugen, daß nicht Dein Wille, sondern unser Gesetz den mit dem Tode bestraft, der sich an der Person des Gesandten vergreift. Sonst könnte man ja glauben, daß es kein christliches Gesetz in diesem Reiche gebe. Morgen soll Gericht über den Schuldigen gehalten werden!« Die letzten Worte sprach er mit erhobener Stimme, und offenbar nicht einmal dem Gedanken Raum gebend, daß man ihm nicht Gehör schenken könne, gebot er Jamont: »Führt ihn ins Gefängnis! Und Ihr werdet Zeugnis ablegen, Ihr, der Herr aus Taczew,« fügte er zu diesem gewendet hinzu. »Ich will genau berichten, worin die ganze Schuld des Jünglings besteht. Wahrlich kein reifer Mann unter uns hätte sich jemals zu einer solchen That hinreißen lassen,« erwiderte Powala, düster auf Lichtenstein schauend. »Ihr sprecht wahr!« bekräftigte sogleich ein anderer Ritter – »er ist ja noch ein Knabe! Weshalb also hat man uns alle beschimpft?« Ein tiefes Schweigen folgte, und unwillige Blicke richteten sich auf den Kreuzritter. Mittlerweile hatte Jamont den Angeklagten weggeführt, um ihn den Händen der Bogenschützen zu übergeben, welche am Burgthore die Wache hielten. Sein inniges Mitleid mit dem Jüngling ward noch verstärkt durch den ihm angeborenen Haß gegen die Kreuzritter. Aber als Litauer gewöhnt, dem Willen des Großfürsten blindlings zu gehorchen und selbst bestürzt über dessen Zorn, begann er unterwegs in seiner Weise, dem jungen Ritter freundschaftlich zuzureden und sagte: »Weißt Du, was ich Dir rate? Hänge Dich sofort auf. Der König ist erbost – also wird man Dir den Kopf abhauen. Warum solltest Du ihn nicht wieder guten Mutes machen? Hänge Dich auf, Kamerad! Bei uns ist dies Sitte!« Noch halb betäubt vor Scham und Schrecken, schien Zbyszko anfangs die Worte des Knäs nicht recht zu begreifen, aber schließlich verstand er sie und blieb voll Verwunderung stehen. »Was sagst Du?« »Hänge Du Dich auf. Wozu solltest Du Dich erst aburteilen lassen? Den König machst Du dadurch wieder guten Mutes,« wiederholte Jamont. »Hänge Du Dich auf!« rief der junge Ritter. »Im Grunde bist Du noch ein Heide, obwohl Du getauft bist, denn Du weißt nicht einmal, daß es bei den Christen Sünde ist, so etwas zu thun.« Der Knäs zuckte die Achseln. »Es würde ja nicht aus freiem Willen geschehen. Also lasse Dir den Kopf abschlagen, wenn Du dies vorziehst.« Wohl fuhr es Zbyszko durch den Sinn, daß er den Bojaren für solche Worte zum Zweikampfe, zu Fuß oder zu Pferd, mit dem Schwerte oder mit dem Beile herausfordern müsse, doch unterdrückte er dies Verlangen sofort wieder. Sagte er sich doch, daß ihm schwerlich Zeit dafür bleibe. Daher senkte er traurig das Haupt und schweigend ließ er sich den Händen der Bogenschützen übergeben. Im Saale wurde indessen die allgemeine Aufmerksamkeit von andern Ereignissen in Anspruch genommen. Als Danusia sah, was vorging, erschrak sie dermaßen, daß ihr der Atem in der Brust stockte. Ihr Antlitz war totenbleich, ihre Augen traten vor Entsetzen weit hervor, regungslos wie ein Wachsbild in der Kirche schaute sie auf den König. Und als sie schließlich hörte, ihrem Zbyszko solle der Kopf abgehauen werden, als er festgenommen und fortgeführt wurde, da ergriff sie unendliches Leid. Ihr ganzes Gesicht und ihre Lippen begannen zu zucken, nichts half, weder die Furcht vor dem König, noch daß sie sich mit den Zähnchen in die Lippen biß – zuletzt brach sie in so lautes, schmerzliches Schluchzen aus, daß aller Augen sich auf sie richteten, und selbst der König sagte: »Wer ist das?« »Allergnädigster König!« rief die Fürstin Anna, »das ist die Tochter Jurands aus Spychow, die Herrin jenes unseligen Ritters. Er versprach ihr drei Pfauenbüsche von den Helmen der Deutschen, und da der Komtur eine derartige Helmzier trug, glaubte er, dieser werde ihm von Gott selbst gesandt. Nicht aus Böswilligkeit hat er dies gethan, o Herr, sondern nur aus Unverstand, deshalb sei ihm gnädig und strafe ihn nicht, auf den Knien bitten wir Dich darum!« Bei diesen Worten erhob sie sich, und Danusia an der Hand nehmend, eilte sie mit ihr auf den König zu. Er wich etwas zurück, aber beide knieten vor ihm nieder und Danusia rief, während sie mit den Händchen die Füße des Herrschers umschlang: »Gnade für Zbyszko, König, Gnade!« Und in leidenschaftlicher Erregung, in der höchsten Angst, verbarg sie ihr helles Köpfchen in dem weiten grauen Gewande des Königs, indem sie dessen Knie küßte und dabei zitterte wie Espenlaub. Die Fürstin Anna Zicmowit kniete auf der andern Seite und hielt die gefalteten Hände demütig zum König empor, in dessen Antlitz sich Sorge und Verwirrung ausdrückten. Zwar schob er seinen Lehnstuhl etwas zurück, doch stieß er Danusia nicht gewaltsam von sich, sondern bewegte nur beide Hände, als ob er eine Fliege von sich abwehren wolle. »Laßt mich in Frieden!« rief er. »Der Jüngling hat eine große Schuld auf sich geladen, denn der Schimpf trifft das ganze Königreich. Sein Haupt muß fallen!« Doch die kleinen Hände schlangen sich immer fester um seine Knie, und die kindliche Stimme klang immer trauriger: »Gnade für Zbyszko, König, Gnade für Zbyszko.« Alsdann ließen sich auch die Ritter vernehmen: »Des Mädchens Vater, Jurand aus Spychow, der berühmte Ritter, ist ein Schrecken für die Kreuzritter.« »Und jener Jüngling hat sich schon bei Wilna sehr verdient gemacht,« fügte Powala hinzu. Aber der König blieb unerschütterlich, obgleich er selbst durch Danusias Bitten gerührt war. »Laßt mich in Frieden!« sagte er abermals. »Nicht mir hat er Böses angethan, und nicht ich kann ihn begnadigen. Mag ihm der Gesandte des Ordens verzeihen, dann verzeihe auch ich ihm, wenn nicht, so falle sein Haupt.« »Verzeiht ihm, Kuno!« rief Zawisza Sulimczyki, der Schwarze. »Sogar der Meister wird Euch nicht darob tadeln!« »Gnade für ihn, Herr,« riefen beide Fürstinnen. Kuno drückte die Augen zu und erhob stolz sein Haupt, wie wenn er darüber frohlocke, daß sowohl die beiden Fürstinnen als auch so namhafte Ritter sich zu einer Bitte an ihn verstanden. Im nächsten Augenblick jedoch veränderte sich sein Gesichtsausdruck vollständig, er senkte den Kopf, faltete die Hände auf der Brust, sein Stolz verwandelte sich in Demut und in gedämpftem, sanftem Tone sprach er: »Christus, unser Erlöser, vergab dem Sünder am Kreuze und seinen Feinden ...« »So spricht ein wahrer Ritter!« rief Bischof Wysz. »Ja, ein wahrer Ritter!« »Weshalb sollte ich ihm nicht verzeihen, da ich nicht nur ein Christ, sondern mich ein Ordensbruder bin?« fuhr Kuno fort. »Ich verzeihe ihm von ganzem Herzen als Diener Christi und als Ordensbruder.« »Ehre sei ihm!« rief Powala von Taczew. »Ehre und Ruhm!« stimmten die andern bei. »Aber,« begann der Kreuzritter wieder, »ich bin ja Gesandter hier bei Euch, und in mir ist die hohe Würde des ganzen Ordens verkörpert. Wer daher mich, den Gesandten, beleidigt, der beleidigt den Orden, und wer den Orden beleidigt, der beleidigt Christus selbst. Deshalb kann ich die Kränkung, Gott und den Menschen gegenüber, nicht verzeihen – wenn aber Eure Gesetze sie ungestraft hingehen lassen, soll es allen christlichen Magnaten kund gethan werden.« Nach diesen Worten trat ein dumpfes Schweigen ein. Man vernahm nur Zähneknirschen, die schweren Atemzüge unterdrückter Wut und das Schluchzen Danusias. Als der Abend anbrach, waren alle Herzen Zbyszko zugeneigt. Sogar diejenigen Ritter, welche des Morgens bereit gewesen waren, ihn auf einen Wink des Königs hin mit dem Schwerte zu durchbohren, suchten jetzt ein Mittel ausfindig zu machen, wodurch sie ihm helfen könnten. Die beiden Fürstinnen beschlossen, sich mit der Bitte an die Königin zu wenden, sie möge Lichtenstein veranlassen, von der Klage abzustehen, oder sie möge im Notfalle an den Großmeister des Ordens schreiben, auf daß er Kuno befehle, die Sache fallen zu lassen. Dieser Weg schien umso sicherer zu sein, als Jadwiga eine solche Verehrung gezollt ward, daß der Großmeister sich den Zorn des Papstes und den Tadel aller christlichen Fürsten zugezogen hätte, wenn er nicht auf ihre Bitte eingegangen wäre. Auch durfte man dies kaum annehmen, da Konrad von Jungingen ein friedliebender Mensch und weit milder war als seine Vorgänger. Unglücklicherweise aber verbot Wysz, der Bischof von Krakau, welcher der Leibarzt der Königin war, aufs strengste, die Sache auch nur mit einem Worte vor ihr zu erwähnen. »Jedes Todesurteil macht ihr Kummer,« sagte er, »sogar wenn ein Straßenräuber der gerechten Strafe verfällt, nimmt sie es sich zu Herzen, wie wäre es also erst jetzt, da es einem Jüngling an das Leben geht, welcher sicherlich ihr Mitleid verdient. Jede Sorge könnte ihr schaden, ihre Gesundheit ist jedoch von größerer Bedeutung für das Königreich, als die Häupter von zehn Rittern zusammengenommen.« Schließlich erklärte der Bischof, wer es wage, seinen Worten entgegenzuhandeln und die Herrin zu beunruhigen, der ziehe sich den Zorn des Königs zu. Durch diese Erklärung erschreckt, standen die beiden Fürstinnen von ihrem Vorhaben ab und beschlossen, den König so lange anzuflehen, bis er Gnade ergehen lasse. Jetzt waren auch alle Hofleute und Ritter auf Zbyszkos Seite. Powala von Taczew verkündete, er werde offen die ganze Wahrheit bekennen, doch sei er bereit, Zeugnis für den Jüngling abzulegen und dessen That als knabenhafte Unbesonnenheit darzustellen. Nichtsdestoweniger stimmten alle mit dem Kastellan Jasko aus Teczyn überein, welcher die Meinung kundgab, man müsse die Gesetze walten lassen, falls der Kreuzritter auf seinem Willen beharre. Im tiefsten Innern waren aber die Ritter um so mehr empört gegen Lichtenstein, und manche sagten ganz unverhohlen: »Gesandter ist er, und vor die Schranken kann er nicht gefordert werden, aber bei Gott, er soll keines natürlichen Todes sterben, wenn er dereinst nach Marienburg zurückkehrt.« Und dies war keine eitle Drohung, denn nach ihrer Gürtung durften die Ritter keine leeren Versprechungen machen, und wer ein Gelöbnis gethan, mußte es vollbringen oder dabei zu Grunde gehen. Erbitterter als alle andern zeigte sich aber der grimmige Powala. Hatte er doch ein geliebtes Töchterchen im Alter Danusias und schnitten ihm doch deren Thränen besonders ins Herz. Er besuchte den Angeklagten noch am nämlichen Tage im unterirdischen Gefängnisse, hieß ihn guten Mutes sein und erzählte ihm, wie die beiden Fürstinnen für ihn gefleht, und Danusia um ihn geweint habe. Als Zbyszko hörte, daß das junge Mädchen seinetwegen einen Fußfall vor dem König gethan hatte, ward er bis zu Thränen gerührt. Er fuhr sich mit der Hand über die Augen und kaum wissend, wie er seine Dankbarkeit ausdrücken sollte, sagte er: »O möge Gott sie dafür segnen und mir bald gestatten, gegen ihre Feinde zu kämpfen. Zu wenig habe ich ihr versprochen, ich hätte ihr geloben sollen, so viele Pfauenbüsche zu erobern als sie Jahre zählt. Und wenn nur unser Herr Jesus mich aus dieser Bedrängnis erlöst, will ich ihr gegenüber nicht kargen ...« Voll Dankbarkeit richtete er bei diesen Worten den Blick gen Himmel. »Dein Oheim,« sagte der Herr von Taczew, »ist zu Lichtenstein gegangen, und ich will es auch thun. Ihn um Verzeihung zu bitten, wäre keine Schande für Dich, denn Du hast Dich schwer versündigt. Und nicht Lichtenstein, sondern den Gesandten bittest Du ja um Verzeihung. Bist Du bereit dazu?« »Ja; ich bin bereit dazu, weil ein solcher Ritter wie Euer Gnaden mir sagt, daß sich dies gezieme. Aber falls er erwartet, daß ich ihm kniend Abbitte leiste, wie er es auf dem Wege von Tyniec verlangte, so möge man mir das Haupt abschlagen. Der Oheim bleibt am Leben, und der Oheim wird es meinen Feind entgelten lassen, sobald dieser nicht mehr Gesandter ist.« »Wir wollen abwarten, was er Macko antwortet,« sagte Powala. Doch als Macko den Kreuzritter verließ, befand er sich in der düstersten Stimmung. Er begab sich unverzüglich zum König, zu dem ihn der Kastellan geleitete. Jagiello, der sich inzwischen wieder beruhigt hatte, empfing ihn gütig, und da Macko niederkniete, befahl er ihm aufzustehen, indem er fragte, was sein Begehr sei. »Allergnädigster Herr,« sagte Macko, »wo Schuld ist, da muß auch Strafe sein, denn sonst gäbe es keine Gerechtigkeit auf der Welt. Doch ist es meine Schuld, daß ich die angeborene Heftigkeit des Jünglings nicht zu unterdrücken suchte, sondern auch noch lobte. So habe ich ihn erzogen, und im Krieg ist er aufgewachsen von Kindheit an. Ich allein trage die Schuld, denn zuweilen sagte ich ihm: ›Zuerst schlage recht darein, und dann sieh' zu, wen Du getroffen hast.‹ Für den Krieg war es am besten so, in das Hofleben dagegen kann er sich nun nicht schicken. Aber der Junge ist wie lauteres Gold, er ist der letzte seines Stammes, und ich beklage ihn unendlich ...« »Mich selbst hat er beschimpft, das Reich hat er beschimpft, soll ich ihn dafür mit Honig einschmieren?« rief der König. Macko schwieg. Irgend etwas schnürte ihm plötzlich die Kehle zusammen, und erst nach einer Weile hub er mit bewegter Stimme und in abgerissenen Tönen wieder an: »Wie sehr ich ihn liebe, wußte ich bisher nicht einmal – erst jetzt bin ich mir klar darüber geworden – seit das Unglück über uns hereingebrochen ist. Aber ich bin alt – und er ist der Letzte unseres Stammes. Wenn er stirbt, wird auch unser Geschlecht erlöschen. Gnädigster Herr und König! Erbarme Dich unserer!« Hier kniete Macko abermals nieder, und seine im Krieg so oft erprobten Hände emporstreckend, rief er unter Thränen: »Wir verteidigten Wilna, und Gott gab uns reichliche Beute, doch wem soll ich sie nun hinterlassen? Wenn der Kreuzritter verlangt, daß eine Strafe über den Schuldigen verhängt werde, so mag es denn so sein, aber gestattet, daß ich mein Haupt für den Bruderssohn hingebe. Was ist mir das Leben ohne ihn? Er ist noch jung, er kann sein Erbgut einlösen und für eine Nachkommenschaft sorgen, wie Gott dem Menschen geboten hat. Der Kreuzritter frägt auch nicht einmal darnach, wessen Haupt fällt, wenn mir eines fällt. Und wenn meines fällt, dann wird nicht das ganze Geschlecht von der Schande getroffen werden. Freiwillig in den Tod zu gehen wird jedem schwer, aber wenn man es recht erwägt, ist es besser, daß ein Einzelner zu Grunde geht, als daß ein ganzes Geschlecht zu Grunde geht.« Bei diesen Worten umschlang er die Knie des Königs. Dieser aber blinzelte mit den Augen, was stets bei ihm ein Zeichen von Rührung war, und schließlich sagte er: »Es ziemt mir nicht, daß ich einen gegürteten Ritter verurteile. Dies darf nicht sein! Dies darf nicht sein!« »Es hieße der Gerechtigkeit Hohn sprechen,« warf der Kastellan ein. »Der Schuldige ist dem Gesetze verfallen, und das Gesetz ist kein Ungeheuer, das nicht weiß, wessen Blut es leckt. Bedenkt auch, daß Euer Geschlecht sich mit Schmach bedecken würde, wenn Euer Brudersohn das Opfer annähme, denn nicht nur ihn, sondern auch seine Nachkommen würde man dann für ehrlos halten.« Darauf entgegnete Macko: »Er würde mein Opfer nicht annehmen. Könnte ich aber meine Absicht ohne sein Wissen durchsetzen, dann würde er mich rächen, wie auch ich ihn rächen will.« »Sucht auf den Kreuzritter einzuwirken, damit er die Klage fallen läßt,« bemerkte der Herr aus Teczyn. »Ich bin schon bei ihm gewesen.« »Nun,« fragte der König, sich neugierig vorbeugend, »was sagte er?« »Er sagte mir folgendes: ›Auf der Landstraße von Tyniec hättet Ihr mich um Verzeihung bitten sollen, aber damals habt Ihr nicht gewollt, und jetzt will ich nicht‹.« »Und weshalb thatet Ihr es nicht?« »Weil er uns gebot, vom Pferde zu steigen und auf den Knien um Vergebung zu bitten.« Der König strich seine Haare hinter die Ohren und wollte etwas erwidern, doch in diesem Augenblicke trat ein Hofkavalier mit der Meldung ein, daß der Ritter von Lichtenstein um Gehör bitte. Als er dies hörte, schaute Jagiello zuerst auf Jasko aus Teczyn, dann auf Macko, befahl ihnen jedoch zu bleiben, wohl in der Hoffnung, daß es ihm bei dieser Gelegenheit gelingen werde, die Angelegenheit durch sein königliches Ansehen gütlich beizulegen. Mittlerweile trat der Kreuzritter ein, verneigte sich vor dem König und sprach: »Allergnädigster Herr! Hier ist die Anklageschrift über die Beschimpfung, welche mir in Eurem Reiche zugefügt ward.« »Vor dem Kastellan mögt Ihr offen Klage führen,« erwiderte der König, auf Jasko aus Teczyn zeigend. Der Kreuzritter aber erwiderte, indem er dem König gerade ins Gesicht blickte: »Ich kenne weder Euere Gesetze noch Euere Gerichtsbarkeit, das eine weiß ich aber, daß der Abgesandte des Ordens nur vor dem König selbst Klage führen darf.« Die kleinen Augen Jagiellos funkelten. Voll Ungeduld ergriff er die Klageschrift und übergab sie Jasko aus Teczyn. Dieser entfaltete sie und begann zu lesen, aber je länger er las, desto kummervoller und trauriger ward sein Gesicht. »Herr,« sagte er schließlich: »Ihr setzt diesem Jüngling derart zu, wie wenn er Euerm ganzen Orden gefährlich wäre. Ihr Kreuzritter fürchtet Euch wohl gar schon vor den Kindern?« »Wir Kreuzritter fürchten niemand,« entgegnete der Komtur hochmütig. Da fügte der alte Kastellan leise hinzu: »Selbst Gott nicht!« Powala aus Taczew versuchte am nächsten Tage vor dem Kastellangericht alles, was in seiner Macht stand, um die Schuld Zbyszkos zu mildern. Aber vergebens schützte er dessen Jugend und Unerfahrenheit vor, vergebens behauptete er, sogar ein reifer Mann, welcher das Gelübde gethan, seiner Herrin drei Pfauenbüsche zu Füßen zu legen und Gott um Beistand angefleht hatte, würde es als göttliche Fügung ansehen, wenn er plötzlich eine solche Helmzier erblicke. Die eine Thatsache konnte der edle Ritter jedoch nicht leugnen, daß ohne sein Dazwischentreten Zbyszkos Lanze die Brust des Kreuzritters unfehlbar getroffen hätte. Auf Kunos Geheiß war nämlich der Panzer vorgezeigt worden, den er an jenem Tage getragen, und es zeigte sich, daß er aus dünnem, schmiegsamem Eisenblech war, sonst nur bei festlichen Gelegenheiten benutzt wurde, und daß Zbyszko in Anbetracht seiner außerordentlichen Kraft ihn durchbohrt und den Gesandten ums Leben gebracht hätte, wenn er nicht daran verhindert worden wäre. Darüber befragt, ob er die Absicht gehabt, den Kreuzritter zu töten, leugnete Zbyszko dies nicht. »Ich rief ihm von weitem zu,« sagte er, »er möge die Lanze vorhalten, denn selbstverständlich hätte er sich nicht lebend den Helm vom Kopfe reißen lassen, und hätte er mir von weitem zugerufen, daß er Gesandter ist, wäre er unbehelligt geblieben.« Diese Worte gefielen den Rittern, welche sich aus Mitgefühl für den Jüngling zahlreich versammelt hatten. »Das ist wahr!« sagten viele, »weshalb hat er nicht gerufen?« Aber das Antlitz des Kastellans blieb düster und ernst. Nachdem er den Anwesenden Schweigen geboten hatte, verstummte er selbst einen Augenblick, dann heftete er die durchdringenden Augen auf Zbyszko und fragte: »Vielleicht schwörst Du beim Kruzifix, daß Du den Mantel und das Kreuz nicht sahst?« »Durchaus nicht,« antwortete Zbyszko, »hätte ich das Kreuz nicht gesehen, so würde ich gedacht haben, es sei einer unserer Ritter, und einen der Unserigen hätte ich ja nicht angegriffen.« »Und wie könnte sich ein anderer Kreuzritter in der Nähe Krakaus aufhalten, wenn er nicht Gesandter oder im gesandtschaftlichen Gefolge wäre?« Darauf schwieg Zbyszko, weil er nichts zu sagen wußte. Für alle war es nur allzu klar, daß ohne das Dazwischentreten des Herrn von Taczew jetzt vor dem Richter statt des Panzers des Gesandten zur ewigen Schmach des polnischen Volkes der Gesandte selbst mit durchbohrter Brust läge. Sogar die, welche Zbyszko von ganzem Herzen zugethan waren, begriffen daher, daß der Urteilsspruch nicht günstig für ihn lauten könne. In der That sagte denn auch der Kastellan nach kurzem Schweigen: »Dieweil Du in jugendlichem Ungestüm nicht erwogen hast, wen Du angreifst und es sonder Arglist thatest, wird unser Erlöser dies erwägen und Dir verzeihen, aber empfiehl Dich der heiligen Jungfrau, Unglücklicher, denn vor dem Gesetze bist Du schuldig.« Als Zbyszko diese Worte vernahm, erbleichte er, obgleich er Aehnliches erwartet hatte, aber gleich darauf schob er seine langen Haare zurück, bekreuzte sich und sagte: »Der Wille Gottes geschehe! Wenn ich auch Schweres zu tragen habe!« Hierauf wendete er sich zu Macko und zeigte mit den Augen auf Lichtenstein, als ob er ihn an etwas mahnen wolle, und Macko nickte mit dem Kopfe zum Zeichen, daß er ihn verstehe. Auch Lichtenstein verstand diesen Blick und diese Bewegung, und trotzdem er ein ebenso mutiges wie rachsüchtiges Herz hatte, überlief ihn doch während eines kurzen Augenblicks ein Schauder vom Kopf bis zu den Füßen, so furchtbar und Unheil verkündend sah das Antlitz des alten Kriegers in diesem Moment aus. Der Kreuzritter sah ein, daß es sich nun zwischen ihm und diesem Ritter um Leben und Tod handle, er sah ein, daß er ihm nicht entrinnen könne, daß sie miteinander kämpfen mußten, sobald er nicht mehr Gesandter war, und wenn es auch in Marienburg sein sollte. Mittlerweile begab sich der Kastellan in das anstoßende Zimmer, um dem in der Schrift geübten Gerichtsschreiber den Urteilsspruch über Zbyszko zu diktieren. Manche von den Rittern näherten sich unterdessen dem Kreuzritter mit den Worten: »So mag das jüngste Gericht dem Verurteilten gnädig sein.« Aber Lichtenstein kümmerte sich nur um Zawisza, weil dieser wegen seiner Kriegsthaten, wegen seiner Kenntnisse der Rittergesetze und wegen der Strenge, womit er diese aufrecht zu erhalten suchte, in der ganzen Welt bekannt war. In Betreff der verwickeltsten Angelegenheiten, bei denen es sich um die Ritterehre handelte, kam man aus fernen Gegenden zu ihm, und niemand wagte, sich ihm zu widersetzen, nicht allein darum, weil ein Zweikampf mit ihm ein Ding der Unmöglichkeit war, sondern auch darum, weil er als »Spiegel der Ehre« betrachtet ward. Ein Wort des Lobes oder des Tadels aus seinem Munde verbreitete sich rasch unter den polnischen, ungarischen, böhmischen und deutschen Rittern und genügte, um den guten oder schlechten Ruf eines Ritters zu begründen. Ihm nun näherte sich Lichtenstein, und wie wenn er sich wegen seiner Rachsucht rechtfertigen wolle, sagte er: »Allein nur der Großmeister samt dem Kapitel könnte ihm Gnade erweisen – ich aber vermag dies nicht.« »Wo unsere Gesetze Kraft haben, steht Euerem Meister keine Macht zu, einzig nur unser König kann den Schuldigen begnadigen,« erwiderte Zawisza. »Als Gesandter mußte ich die Strafe beantragen.« »Wurdest Du nicht zuerst Ritter und dann erst Gesandter, Lichtenstein?« »Willst Du damit sagen, daß ich nicht ehrenhaft gehandelt habe?« »Du kennst unsere Rittergesetze und weißt, daß sie dem Ritter gebieten zwei Tieren nachzuahmen: dem Löwen und dem Lamm. Welchem von diesen Tieren hast aber Du in diesem Handel nachgeahmt?« »Nicht Du bist mein Richter.« »Du fragst, ob Du nicht ehrenhaft gehandelt hast, deshalb sage ich Dir, was ich denke.« »Schlimmes sagst Du mir, und das kann ich nicht hinunterwürgen.« »An Deiner eigenen Bosheit wirst Du dann ersticken, nicht an der meinen.« »Aber Christus wird es mir anrechnen, daß die Würde des Ordens mir mehr am Herzen liegt, als Dein Lob.« »Er wird richten über uns alle.« Hier ward das Gespräch durch den Eintritt des Kastellans und des Gerichtsschreibers unterbrochen. Obwohl alle schon im voraus gewußt hatten, daß das Urteil ungünstig lauten werde, trat dennoch plötzlich eine angstvolle Stille ein. Der Kastellan ließ sich an dem Tische nieder, und nachdem er das Kruzifix in die Hand genommen hatte, befahl er Zbyszko niederzuknieen. Der Gerichtsschreiber begann das in lateinischer Sprache abgefaßte Urteil vorzulesen. Weder Zbyszko noch die anwesenden Ritter verstanden es, aber alle errieten, daß es ein Todesurteil war. Als der Gerichtsschreiber geendigt hatte, schlug sich Zbyszko an die Brust: »Gott sei mir armen Sünder gnädig!« rief er aus. Dann erhob er sich und fiel Macko um den Hals. Schweigend küßte dieser die Stirne des Jünglings. Am Abend desselben Tages verkündete der Herold unter lautem Trompetenschall an den vier Ecken des Marktplatzes den Rittern, Gästen und Bürgern, daß der edelgeborene Zbyszko aus Bogdaniec von dem Kastellangericht zur Enthauptung verurteilt worden war. Doch Macko bat um Aufschub der Exekution, und dies ward ihm um so leichter, als den Verurteilten jener Epoche stets eine gewisse Zeit bewilligt ward, ihre Angelegenheiten zu ordnen, sich mit ihren Familien ins Einvernehmen zu setzen und mit Gott zu versöhnen. Selbst Lichtenstein drang nicht auf rasche Urteilsvollstreckung, weil er sich sagte, nun dem beleidigten Orden Genüge geschehen sei, dürfe er den mächtigen Monarchen nicht reizen, zudem man ihn auch als Vertreter des Bezirkes von Dobrzyn, nicht nur als Teilnehmer an den Tauffeierlichkeiten gesandt hatte. Die Rücksicht auf die Gesundheit der Königin gab indessen vor allem den Ausschlag. Von einer Exekution vor der Entbindung wollte der Bischof Wysz nichts hören, weil er die Unmöglichkeit einsah, etwas Derartiges vor der Herrin zu verheimlichen, und wußte, daß diese dadurch allzu sehr erregt, ja schwer geschädigt werden könne. Auf diese Weise ward des Zbyszko Leben um einige Wochen, vielleicht auch um etwas mehr, verlängert, so daß er seine letzten Anordnungen zu treffen und Abschied von den ihm Befreundeten zu nehmen vermochte. Macko besuchte ihn täglich und tröstete ihn, so gut er es verstand. Gar häufig sprachen die beiden voll Betrübnis von dem unvermeidlichen Tode Zbyszkos, und ihre Betrübnis ward noch größer, wenn die Rede darauf kam, daß ihr Geschlecht wohl aussterben werde. »Es geht nicht anders, Ihr müßt Euch ein Weib nehmen,« sagte Zbyszko eines Tages. »Viel lieber möchte ich unsere Blutsverwandten aus der Ferne herbeirufen,« entgegnete Macko niedergeschlagen. »Wie kann ich jetzt, da man Dir den Hals abschneiden will, an eine Vermählung denken? Und wenn ich mich auch schließlich dazu verstünde, würde ich es doch nicht thun, bevor ich Lichtenstein meine Forderung geschickt und meiner Rache Genüge gethan habe, dessen kannst Du sicher sein.« »Gott lohne Euch dafür! So habe ich wenigstens diese Genugthuung! Aber ich wußte, daß Ihr mich nicht verlassen werdet. Wie wollt Ihr gegen ihn vorgehen?« »Sobald er nicht mehr Gesandter ist, wird es Krieg oder Frieden bei uns geben – verstehst Du? Falls es zum Kriege kommt, fordere ich ihn noch vor der Schlacht zum Zweikampfe heraus.« »Auf festgetretener Erde?« »Auf festgetretener Erde, zu Pferde oder zu Fuß. Um Leben oder Tod, nicht um Gefangenschaft wird es sich da handeln. Kommt es aber nicht zum Kriege, dann reite ich nach Marienburg, schlage die Burgthore mit der Lanze ein, und lasse den Trompeter durch Trompetenschall verkünden, daß ich Lichtenstein zum Kampfe auf Leben und Tod fordere. Da kann er sich nicht verstecken.« »Das ist sicher, daß er sich dann nicht verstecken kann. Und Ihr werdet ihm etwas zu raten aufgeben. Wie gerne möchte ich dabei sein!« »Ihm etwas zu raten aufgeben? Ja! Zawisza gegenüber würde ich es nicht wagen, Paszko und Powala gegenüber ebenso wenig, aber ohne mich selbst zu loben, mit zweien wie der, nehme ich es vollständig auf. Mag des Kreuzritters Mutter sich vorsehen! Ist jener Friesenritter vielleicht nicht stärker gewesen? Und habe ich ihm nicht den Helm von oben bis unten durchhauen, bis das Beil stecken blieb? In seinem Kiefer blieb es stecken – oder ist es nicht so gewesen?« Zbyszko atmete erleichtert auf und sagte: »So wird der Tod mir leichter werden.« Und beide seufzten tief. Mit zitternder Stimme hub dann der alte Edelmann wieder an: »Härme Dich nicht zu sehr. Fürs jüngste Gericht wird man Deine Knochen nicht zusammenlesen müssen. Einen Sarg aus Eichenholz habe ich Dir machen lassen. Nein, wie ein Bauer oder wie ein Neugeadelter wirst Du nicht zu Grunde gehen. Und in einem Rocke wie ihn die Bürger tragen, sollst Du nicht enthauptet werden. Das gebe ich nicht zu. Mit Amylej habe ich schon verabredet, daß Du einen ganz neuen und so kostbaren Rock haben sollst, daß er sogar dem König als Pelzfutter genügen würde. Und auf eine Messe für Dich soll es mir auch nicht ankommen. Nein, fürchte nichts.« Darob freute sich Zbyszko und sich auf die Hand seines Oheims herabneigend, sagte er abermals: »Möge Euch Gott dafür lohnen.« Trotz dieses tröstlichen Zuspruches überkam ihn aber zuweilen eine schmerzliche Sehnsucht, und als Macko ihn wieder besuchte, fragte er sogleich, ohne sich und ihm Zeit zur Begrüßung zu lassen, während er durch das Gitterfenster in der Mauer blickte: »Und wie ist es draußen im Freien?« »Golden leuchtet die Sonne und erwärmt so, daß die ganze Welt darüber erfreut ist.« Daraufhin hob Zbyszko beide Arme empor, und den Kopf zurückwerfend rief er: »Ach, allmächtiger Gott! Nun ein Pferd unter mir zu haben und über die weiten Felder reiten zu können! Weh thut es doch, wenn man so jung zu Grunde gehen muß. Furchtbar weh!« »Wie oft gehen die Leute samt ihren Pferden zu Grunde,« entgegnete Macko. »Ja, wenn sie selbst schon viele umgebracht haben.« Nun fragte er nach den Rittern, welche er am Hofe des Königs gesehen hatte, nach Zawisza, nach Farnrej, nach Powala aus Taczew, nach Lis aus Targowisko und nach allen andern. Er wollte wissen, wie sie sich die Zeit vertrieben, mit welchen Waffenspielen sie sich beschäftigten. Dann hörte er aufmerksam den Bericht Mackos an, welcher erzählte, wie sie sich schon in der Frühe in voller Rüstung zu Pferde setzten, wie sie Stricke zerrissen, wie sie sich mit dem Messer, mit dem Beile und mit Bleigeschossen übten und schließlich auch, welche Schmausereien sie veranstalteten, welche Gesänge sie sangen. Mit ganzer Seele und ganzem Herzen wünschte nun Zbyszko, an all dem teilnehmen zu können, und als er erfahren hatte, daß Zawisza sich gleich nach der Taufe hinunter ins Ungarland und zu den Türken aufmachen wolle, rief er unwillkürlich aus: »Daß ich doch mit ihm mein Glück versuchen dürfte! Ginge ich dann zu Grunde, so wäre es wenigstens im Kampfe gegen die Heiden.« Doch des Gefangenen Wünsche konnten nicht erfüllt werden und mittlerweile traten neue Ereignisse ein. Von Zbyszkos Jugend und Schönheit gerührt, hatten die beiden masovischen Fürstinnen dessen traurige Lage nicht vergessen. Endlich beschloß die Fürstin Alexandra Giemowitow einen Brief mit einer Fürbitte an den Großmeister zu schicken. Zwar konnte dieser das vom Kastellan gesprochene Urteil nicht umstoßen, aber er konnte sich wenigstens selbst beim König für den Jüngling verwenden. Und selbst wenn Jagiello nicht Gnade für Recht ergehen ließ, weil es sich um einen Angriff auf den Gesandten handelte, war es gleichwohl nicht zu bezweifeln, daß die Vermittlung des Meisters ihm lieb sein werde. So zog denn neue Hoffnung in das Herz der beiden Frauen ein. Die Fürstin Alexandra, welche eine Vorliebe für die verfeinerten Ordensritter hatte, ward von diesen ungewöhnlich geschätzt. Aus Marienburg kamen häufig reiche Gaben und Briefe an sie, worin sie der Meister eine verehrungswürdige, gottselige Wohlthäterin und vortreffliche Fürsprecherin des Ordens nannte. Ihr Wort galt viel, und es war große Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß sie keine abschlägige Antwort erhalten werde. Es handelte sich nur darum, den geeigneten Boten zu finden. Mußte dieser doch alles aufbieten, um den Brief so rasch wie möglich abzuliefern und die Antwort zu überbringen. Der alte Macko übernahm den Auftrag ohne langes Bedenken, und der Kastellan erklärte sich bereit, die Urteilsvollstreckung bis zu einem bestimmten Termin hinauszuschieben. Von neuem Mut erfüllt, war Macko noch den nämlichen Tag geschäftig, sich zur Abreise zu rüsten, dann begab er sich zu Zbyszko und teilte ihm die frohe Nachricht mit. Im ersten Augenblick bezeigte dieser tatsächlich eine solche Freude, wie wenn die Thüre seines Gefängnisses schon offen stünde. Plötzlich aber ward er nachdenklich, sein Gesicht verfinsterte sich und er sagte: »Wie kann man von jenen Deutschen etwas Gutes erwarten! Auch Lichtenstein hätte den König um Gnade bitten können, – denn er hätte dabei nur gewonnen und sich vor unserer Rache geschützt, – aber gerade deshalb that er es nicht.« »Er ist ergrimmt darüber, daß wir ihn auf der Landstraße von Tyniec nicht um Verzeihung baten. Doch von dem Ordensmeister Kondrad sprechen die Leute nur Gutes. Und gesetzt auch, wir erreichen nichts, was verlierst Du dann dabei?« »Ihr habt recht!« entgegnete Zbyszko, »aber beugt Euch nur nicht zu tief vor ihm.« »Weshalb sollte ich mich vor ihm beugen? Den Brief der Fürstin Alexandra trage ich hin – das ist alles.« »Da Ihr so gut seid, möge Euch Gott dort beistehen!« Plötzlich schaute er den Oheim scharf an und sagte: »Und wenn mir der König verzeiht, dann ist Lichtenstein mein, nicht Euer. Nicht Ihr dürft ihn dann fordern. Vergeßt das nicht!« »So lange Dir der Kopf nicht fest auf dem Nacken sitzt, ist eine Herausforderung unnütz. Und thörichte Gelübde hast Du schon genug abgelegt,« versetzte der Alte erregt. Dann umarmten sie sich, und Zbyszko blieb allein. Sein Herz war bald von Furcht, bald von Hoffnung erfüllt, als aber die Nacht kam, und ein furchtbarer Sturm losbrach, als das vergitterte Fenster von den grellen Strahlen des Blitzes erleuchtet ward, und die Mauern unter den heftigen Donnerschlägen erzitterten, als schließlich ein starker Windstoß die schwach leuchtende Kerze an seinem Lager auslöschte und tiefe Dunkelheit ihn umgab, da verlor Zbyszko wieder allen Mut, und die ganze Nacht konnte er kein Auge schließen. »Ich werde dem Tode nicht entgehen, und alles ist vergeblich,« dachte er. Am folgenden Tage besuchte ihn die edle Fürstin Anna, Janusz's Gattin; Danusia, die ihre Laute am Gürtel trug, kam mit ihr. Zbyszko kniete zu ihren Füßen nieder und trotz seiner Erschöpfung nach der schlaflosen in Angst und Unruhe verbrachten Nacht hätte er nicht um alles seiner Ritterpflicht vergessen, hätte er nicht um alles verschwiegen, welche Bewunderung er für Danusias Schönheit empfand. Aber die Fürstin schaute ihn traurig an und sagte: »Spare Deine Bewunderung, denn wenn Macko keine günstige Antwort bringt oder gar nicht zurückkehrt, wirst Du, Armer, binnen kurzem weit Schöneres im Himmel bewundern.« Heiße Thränen flossen über ihre Wangen, während sie an das unsichere Los des Ritters dachte, und auch Danusia weinte bitterlich. Zbyszko beugte abermals das Knie vor ihnen, denn auch sein Herz ward weich beim Anblick dieser Thränen. Zwar war sein Gefühl für Danusia nicht das eines Ehemannes für sein Weib, doch empfand er, daß er sie von ganzer Seele liebte, und daß sich in seinem Herzen etwas rege, das ihn zu einem andern, weniger heftigen, weniger gewalttätigen und kampflustigen Menschen mache, zu einem Menschen, den eine tiefe Sehnsucht zu der anmutigen Geliebten hinzog. Auch ihn überkam jetzt unendliches Leid darüber, daß er sie verlassen mußte, und unwillkürlich drückte er aus, was er ihr insgeheim gelobt hatte. »Die Pfauenbüsche lege ich nicht zu Deinen Füßen nieder, Du Arme! – Aber wenn ich vor dem Angesicht Gottes stehe, dann will ich folgendermaßen sprechen: ›Erlaß mir, Herr, meine Sünden und gieb alles Gute, das auf der ganzen Welt vorhanden ist, keinem andern menschlichen Wesen, als der Jungfrau Danusia aus Spychow‹!« »Nur wenig Zeit ist vergangen, seit Ihr Euch kennen lerntet und jetzt – gebe Gott, daß wir nicht vergeblich hoffen,« sagte die Fürstin. Nun gedachte Zbyszko all dessen, was sich in der Gaststube zu Tyniec zugetragen hatte, und seine Erschütterung ward immer größer. Schließlich bat er Danusia, ihm das nämliche Lied zu singen, daß sie damals gesungen hatte. Dann hob er sie samt der Bank, auf die sie sich gestellt hatte, empor und trug sie zur Fürstin. Und obwohl Danusia nicht zum Gesang aufgelegt war, richtete sie sofort das Köpfchen in die Höhe, drückte die Aeuglein zu, gleich einem Vögelchen, und begann: »Wie wär' ich gerne Ein Gänslein klein, Ich flög' in die Ferne Zu Jasio mein.« »In Schlesien flög' ich nieder Auf grünen Rain, Die Waise sieh' wieder ...« Doch plötzlich flossen große Thränen unter ihren Lidern hervor – und sie konnte nicht weitersingen. Da nahm Zbyszko sie in seine Arme wie ehemals im Gasthaus zu Tyniec und mit ihr in der Zelle umhergehend, sagte er unablässig voll Entzücken: »Nicht nur die Herrin seh' ich in Dir – wenn Gott mich rettet, wenn Du herangewachsen bist, und wenn Dein Vater es gestattet, dann nehme ich Dich, Mädchen, zur Frau! Heisa ...« Die Arme um seinen Hals schlingend, verbarg Danusia das verweinte Gesicht an seiner Schulter. Sein wilder Schmerz aber ward größer und größer. Aus dem tiefsten Innern des jungen Slaven brach dies Gefühl unaufhaltsam hervor und äußerte sich in dem ungefügen Gesang: »Ja, Dich nehme ich, Mädchen, Dich nur wähl' ich allein.« Zu derselben Zeit trat ein Ereignis ein, dem gegenüber alles andere ohne Bedeutung war. Am Abend des 21. Juni verbreitete sich in der Burg die Nachricht von der plötzlichen Erkrankung der Königin. Die herbeigerufenen Aerzte blieben mit dem Bischof Wysz während der ganzen Nacht in ihrer Kemenate, und mittlerweile ward von den dienenden Frauen verkündet, daß der Herrin Zustand eine vorzeitige Niederkunft befürchten lasse. Der Krakauer Kastellan Jasko Topor aus Teczyn sandte noch in derselben Nacht Eilboten an den abwesenden König. Am frühen Morgen schon drang die Kunde in die Stadt und Umgegend. Es war ein Sonntag, ein Schwarm von Andächtigen füllte die Kirchen, in denen die Priester Gebete für die Königin anordneten. Nach dem Gottesdienst begaben sich die fremden Ritter, welche zu den bevorstehenden Festlichkeiten gekommen waren, und die Edelleute zugleich mit einer Deputation von Kaufleuten nach der Burg. Auch die Zünfte und Bruderschaften zogen mit ihren Fahnen herbei. Vom Mittag an umringten unzählige Volksscharen den Wawel-Berg, unter denen die königlichen Bogenschützen die Ordnung aufrecht erhielten, indem sie allen Ruhe und Stille anempfahlen. Die Stadt war fast gänzlich verödet, durch die leeren Straßen zogen nur von Zeit zu Zeit einige Bauern aus der Umgegend, die gleichfalls von der Krankheit der verehrten Herrin gehört hatten und sich nun der Burg zuwendeten. Am Hauptthore erschienen schließlich der Bischof und der Kastellan, neben ihnen die Domherren der Kathedrale, die königlichen Räte und Ritter. Letztere eilten hin und her, mischten sich unter das Volk und mit geheimnisvollen Mienen wiederholten sie noch einmal den strengen Befehl, daß man sich jeden Ausrufes enthalte, weil dies der Leidenden schaden könne. Darauf verkündeten sie allen und jedem, daß die Königin von einer Tochter genesen sei. Diese Nachricht erfüllte die Herzen mit Freude, vornehmlich da man zugleich auch erfuhr, daß trotz der vorzeitigen Entbindung weder für die Mutter noch für das Kind irgend eine Gefahr vorhanden sei. Die Menge zerstreute sich allmählich, weil vor der Burg jede laute Aeußerung untersagt war, sich aber jeder sehnte, seinem Herzen Luft zu machen. Froher Gesang und Freudengeschrei erscholl denn auch bald auf den zum Markte führenden Straßen. Daß ein Mädchen zur Welt gekommen war, darob grämte man sich nicht. »Ist es etwa ein Unglück gewesen,« sagten manche, »daß der König Louis keinen Sohn hatte und daß Jadwiga auf den Thron gelangte? Durch ihre Heirat mit Jagiello ist die herrschaftliche Gewalt verstärkt worden. So wird es auch jetzt sein. Eine solche Erbin, wie unsere Königstochter, kann man weit suchen, da weder der römische Cäsar, noch einer der anderen Herrscher sich eines solchen Reiches rühmen dürfen, und da sie weder über so viel Grund und Boden noch über eine solche Ritterschaft gebieten. Um die Hand der Prinzessin werden sich die mächtigsten Monarchen der Erde bewerben, vor ihr werden sich Könige und Königinnen beugen, sie werden nach Krakau kommen, der Kaufmannschaft wird Nutzen daraus erwachsen, und dabei wollen wir nicht einmal davon reden, daß irgend ein neues Reich, das böhmische oder ungarische mit unserem Königreich vereinigt werden kann.« Besonders die Kaufleute äußerten sich so, und mit jedem Augenblick ward der Jubel allgemeiner. In den Privatwohnungen und Gasthäusern wurden Schmausereien veranstaltet. Auf dem Markte wimmelte es von Laternen- und Fackelträgern. Die Landleute aus der Umgegend, von denen immer mehr nach der Stadt zogen, schlugen ihr Lager bei ihren Wagen auf. Die Juden standen lebhaft gestikulierend vor der Synagoge von Kasimierz. Bis spät in die Nacht, fast bis zum Morgengrauen war es so laut auf dem Markte, besonders beim Rathause und bei den Lagerfeuern, wie zur Zeit der großen Jahrmärkte. Man teilte sich gegenseitig die Nachrichten mit, sandte deshalb in die Burg und drängte sich dann dicht um die mit frischer Kunde Zurückkehrenden. Daß der Bischof Peter das Kind noch in derselben Nacht getauft habe, war eine schlimme Nachricht, denn daraus ging hervor, daß es sehr schwach sein mußte. Erfahrene Frauen jedoch berichteten von Fällen, in denen Kinder, die bei der Geburt halbtot gewesen, erst nach der Taufe zum Leben erwacht seien. So erfüllte wieder neue Hoffnung die Herzen, zumal der Name, den man der Neugeborenen gegeben, ein glückverheißender war. Man sagte sich, weder ein Bonifacius noch eine Bonifacia könne sofort nach der Geburt sterben, da sie dazu bestimmt seien, Gutes zu stiften. Welches Kind sei aber im stande, in der ersten Zeit Gutes oder Schlimmes zu thun? Am folgenden Tage kamen indessen ungünstige Nachrichten über das Befinden von Mutter und Kind aus der Burg und die ganze Stadt geriet in Bestürzung. Die Kirchen waren so gedrängt voll wie im Ablaßjahre. Allerlei feierliche Gelübde wurden abgelegt. Man sah Landleute, welche ein Viertel Getreide, ein Lamm oder einen Hahn, getrocknete Schwämme oder Nüsse zum Opfer herbeibrachten. Auch die Ritter, Kaufleute und Handwerker spendeten Opfergaben. Zu den wunderthätigen Heiligen wurden Boten geschickt. Die Astrologen forschten eifrig in den Sternen. In Krakau wurde eine feierliche Prozession angeordnet, woran sich alle Zünfte und Brüderschaften beteiligten. Die ganze Stadt war mit Fahnen geschmückt. Auch eine Prozession von Kindern ward feierlich abgehalten, denn man glaubte, daß Gott die Fürbitte dieser unschuldigen Wesen zuerst erhören werde. Und immer neue Scharen aus der Umgegend strömten durch die Thore herein. So verging ein Tag nach dem andern, während die Glocken beständig läuteten, die Kirchen gedrängt voll waren, Prozessionen und Andachten rasch aufeinander folgten. Als nun eine Woche vorüber war und die hohe Kranke sowie das Kind noch lebten, zog neuer Mut in aller Herzen ein. Es erschien den Leuten wie ein Ding der Unmöglichkeit, daß Gott so frühzeitig die Herrin zu sich nehmen sollte, welche schon so viel zu seiner Ehre gethan hatte, und deren großes Werk dann unvollendet geblieben wäre, daß er jetzt schon die Glaubensbotin zu sich nehmen sollte, welche ihr eigenes Glück zum Opfer gebracht hatte, um das letzte Heidenvolk in Europa zum Christentum zu bekehren. Die Gelehrten erinnerten sich, daß sie unendlich viel für die Akademien gethan, die Geistlichen gedachten ihrer Frömmigkeit, die Staatsmänner sagten sich, wie sehr sie für den Frieden zwischen den christlichen Monarchen, die Rechtsgelehrten wie sehr sie für die Gerechtigkeit gewirkt hatte. Die Armen erinnerten sich, wie barmherzig sie gewesen, und allen wollte es nicht in den Sinn, daß ein Leben, das dem Königreiche, ja der ganzen Welt so nötig war, vor der Zeit dahingerafft werden könne. Am 13. Juli verkündete die Totenglocke, daß das Kind gestorben war. Wieder war die Stadt gedrängt voll. Angst und Unruhe ergriff die Leute, und abermals umringten sie die Burg, um nach dem Befinden der Königin zu fragen. Doch diesmal kehrte niemand mit guten Nachrichten zurück. Im Gegenteil, der Gesichtsausdruck der im Schlosse ein und ausgehenden Herren ward mit jedem Tage düsterer. Man erzählte sich auch, daß der Priester Stanislaus aus Skarbimierz, Magister der freien Künste in Krakau, die Königin nicht mehr verlasse, und daß diese täglich kommuniziere. Weiter erzählte man sich, bei jeder Kommunion sei ihre Kemenate von einem himmlischen Scheine erfüllt. Manche sahen den Schein sogar durch das Fenster, doch der Anblick erfüllte die der Herrin treuergebenen Herzen mit Schrecken. Betrachteten sie es doch als ein Zeichen, daß die Kranke dem irdischen Leben schon entrückt war. Wieder andere hingegen glaubten nicht an einen so furchtbaren Ausgang, und trösteten sich mit der Hoffnung, daß der gerechte Gott es mit einem Opfer bewenden lasse. Am Freitag den 17. Juli, in der Frühe, verbreitete sich das Gerücht, daß die Königin ihrem Ende entgegen gehe. Wer nur konnte, begab sich so rasch wie möglich zur Burg. Wieder war die Stadt vollständig verödet, nur die Gebrechlichen und Krüppel blieben zurück, denn sogar die Mütter mit den kleinen Kindern eilten den Thoren zu. Die Kaufgewölbe wurden nach einander geschlossen, niemand dachte an eine Mahlzeit, alle Geschäfte hatten aufgehört. Den Wawel umringte eine dichte Menschenmenge, voll Bestürzung und Angst, aber in düsterem Schweigen. Um 1 Uhr des Nachmittags ertönte die Glocke auf dem Turme der Kathedrale. Was dies zu bedeuten hatte, wußten die harrenden nicht, und das Haar sträubte sich auf ihrem Haupte. Aller Augen richteten sich gegen den Turm, auf die immer stärker anschlagende Glocke, deren wehmütige Klänge bald durch das Geläute der Franziskanerkirche, der heiligen Dreifaltigkeitskirche und der Marienkirche nachgeahmt wurden. Schließlich begriff man, was diese klagenden Töne bedeuteten, und Schrecken und Bestürzung erfüllten nun die Seelen dieser Menschen. Schien doch die eherne Stimme tief in ihr Innerstes zu dringen. Plötzlich zeigte sich auf dem Turm eine schwarze Fahne mit einem Totenkopfe in der Mitte, unter dem zwei kreuzweise übereinandergelegte Knochen zu sehen waren. Jeder Zweifel schwand nun dahin. Die Königin hatte ihre Seele Gott empfohlen. Vor der Burg erscholl lautes Weinen, und die Klagen von hunderttausend Menschen vermischten sich mit den wehmütigen Klängen der Glocken. Einige der Trauernden warfen sich zur Erde, wieder andere zerrissen ihre Kleider oder zerfleischten ihre Gesichter, manche schauten wie erstarrt auf die Burgmauern, viele ließen nur ein dumpfes Stöhnen hören, unzählige aber streckten die Arme gegen die Kirche und die Kemenate der Königin aus, indem sie Gott um Barmherzigkeit und um ein Wunder anflehten. Doch ließen sich auch Stimmen von Leuten vernehmen, welche durch die Verzweiflung sogar zur Gotteslästerung hingerissen wurden. »Weshalb ist uns die geliebte Herrin entrissen worden? Wozu dienten dann unsere Prozessionen, unsere inbrünstigen Gebete? Unsere Gelübde, unsere Opfergaben aus Silber und Gold waren willkommen, und all dies soll für nichts gewesen sein? Wieviel hast Du uns genommen und nichts dafür gegeben!« Und Jesu! Jesu! Jesu! stöhnten gar manche, deren Augen fortwährend von Thränen überflossen. All' diese Menschen wollten in die Burg eindringen, um noch einmal in das geliebte Antlitz der Herrin zu blicken. Man gestattete es nicht, versprach ihnen aber, daß der Leichnam binnen kurzem in der Kirche aufgebahrt werde, und daß dann jeder ihn sehen und am Sarge beten könne. Voll Trauer kehrten sie nun in die Stadt zurück, indem sie untereinander von den letzten Augenblicken der Königin, von dem bevorstehenden Leichenbegängnisse und den Wundern sprachen, welche an ihrer Leiche, sowie an ihrer Grabstätte geschehen würden, und die von allen mit Sicherheit erwartet wurden. Auch war vielfach die Rede davon, daß die Königin wohl heilig gesprochen werde Förmlich ist dies nicht geschehen. Doch führt sie bei den polnischen Geschichtsschreibern den Titel »Heilig«, sowie auch Migne sie am 28. Februar nennt und beifügt, daß man ihr Fest jedesmal am 28. Febr. begehe. D. Red. , denen aber, welche daran zweifelten, drohte man voll Zorn mit dem Papste. Die Stadt und das ganze Land waren in tiefe Trauer versenkt, und jedermann, nicht nur das gemeine Volk, sagte sich, mit dem Tode der Königin sei der günstige Stern für das Reich erloschen. Sogar unter den vornehmen Herren zu Krakau gab es solche, welche düster in die Zukunft blickten. Sich selbst und andern begann man die Frage vorzulegen, was nun geschehen werde. Ob Jagiello jetzt noch ein Anrecht auf die Herrschaft über das Königreich habe oder zurückkehre in sein Litauen und sich mit dem großfürstlichen Throne begnüge? Manche behaupteten im voraus – und wie es sich später zeigte, nicht ohne Grund, – daß er zurücktreten werde, daß die Krone in diesem Falle große Ländereien einbüßen müsse, daß dann die Litauer neue Einfälle machen und die ergrimmten Einwohner des Königreiches blutige Vergeltung üben würden. Der Orden, der römische Cäsar, der ungarische König würden dann an Macht gewinnen und dem Reiche, das jetzt noch eines der mächtigsten auf der ganzen Welt war, würde Untergang, Schmach und Schande drohen. Die Kaufleute, denen das weite litauische und russische Land offen stand, legten aus Angst vor dem drohenden Verluste fromme Gelübde ab, damit Jagiello im Reiche bleibe, aber in dem Falle wurde ein baldiger Krieg mit dem Orden prophezeit. War es doch eine bekannte Thatsache, daß nur die Königin bis jetzt einen solchen Krieg verhindert hatte. Und die Leute erinnerten sich, daß sogar Jadwiga einst voll Entrüstung über die Geldgier und Habsucht der Kreuzritter, gleich einer Seherin verkündet hatte: »So lange ich lebe, so lange halte ich die Hand und den gerechten Zorn meines Gatten von Euch ab, aber bedenkt, daß Euch nach meinem Tode die Strafe für Euere Sünden treffen wird!« In ihrem Hochmut, ihrer Verblendung, fürchteten die Ordensritter den Krieg zwar nicht, weil sie darauf rechneten, daß nach dem Tode der Königin der Ruf von deren Heiligkeit den Zuzug von Kriegern aus den westlichen Gebieten nicht verhindern werde, und ihnen dann Tausende aus Deutschland, Burgund, aus dem Frankenlande und aus anderen fernen Ländern zu Hilfe kommen würden. Immerhin war aber der Tod Jadwigas ein so weittragendes Ereignis, daß der Gesandte des Ordens, ohne die Rückkunft des abwesenden Königs abzuwarten, sich eilig nach Marienburg begab, um dem Großmeister und dem Kapitel zuerst die wichtige, ja, in gewisser Hinsicht unheilverkündende Nachricht mitzuteilen. Von den übrigen Gesandten brachen einige gleich nach Ritter Lichtenstein auf, während andere Boten zu ihren Monarchen schickten. In dumpfer Verzweiflung langte Jagiello in Krakau au. Im ersten Schmerze erklärte er den Herren vom Hofe, ohne die Königin wolle er das Herrscheramt nicht länger ausüben, sondern sich nach seinem Erbgut in Litauen zurückziehen. Dann verfiel er in eine Art Erstarrung, er wollte keinerlei Entscheidung treffen, er beantwortete keine Frage, zuweilen aber wütete er gegen sich selbst, weil er abgereist und bei dem Tode der Königin fern gewesen war, weil er sich nicht von ihr verabschieden, ihre letzten Worte und Wünsche nicht hatte hören können. Vergebens stellten ihm Stanislaw von Skarbimierz und Bischof Wysz vor, daß die Erkrankung der Königin ganz unerwartet gekommen sei, und daß er aller menschlichen Berechnung nach Zeit genug gehabt hätte, zurückzukehren, wenn die Entbindung nicht verfrüht gewesen wäre. Dies gewährte ihm keine Beruhigung und linderte seinen Schmerz auch nicht. »Ohne sie bin ich nicht mehr der König, der Herrscher,« erwiderte er, »sondern nur ein reuiger Sünder, der keinen Trost kennt.« Dann warf er sich mit dem Gesicht zu Boden und niemand vermochte mehr ein Wort aus ihm herauszubringen. Unterdessen beschäftigte man sich eifrig mit den Vorbereitungen zum Leichenbegängnisse der Königin. Neue Menschenscharen strömten aus allen Teilen des Königreiches herbei, Edle und Leute aus dem Volke, vornehmlich aber Arme, welche auf reiche Spenden während der, einen ganzen Monat andauernden Feierlichkeiten hofften. Der in der Kathedrale ausgestellte Leichnam der Königin war derart aufgebahrt, daß der obere Teil des Sarges erhöht stand. Man hatte dies absichtlich so eingerichtet, damit das Volk in das Antlitz der Königin schauen konnte. In der Kathedrale wurde beständig Gottesdienst abgehalten. Tausende von Wachskerzen brannten am Katafalke, und mitten in diesem Schimmer, zwischen Blumen, lag » Sie «, friedlich lächelnd, einer weißen Rose gleich, die Hände fromm über dem lorbeergeschmückten Gewande gefaltet. Das Volk sah eine Heilige in ihr, Besessene, Krüppel, kranke Kinder wurden zu ihr geführt, und plötzlich ließ sich im Mittelpunkte der Kirche der Aufschrei einer Mutter vernehmen, welche in dem Gesichte ihres Kindes eine schwache Röte, das Zeichen wiederkehrender Gesundheit gewahrte, dann der eines Paralytikers, der seine gelähmten Glieder wieder gebrauchen konnte. Ein ehrfurchtsvoller Schauer erfüllte alle Herzen, die Kunde von diesen Wunderthaten verbreitete sich durch die Kathedrale, die Burg, die Stadt, und zog immer größere Scharen siecher Menschen herbei, welche sich hier Hilfe und Rettung versprachen. Zbyszko war jetzt vollständig vergessen, denn wer hätte bei einem so furchtbaren Unglück an einen einfachen Jüngling und an dessen Gefangenschaft in der Schloßbastei denken können. Er war durch den Gefangenwärter von der Krankheit der Königin in Kenntnis gesetzt worden, er hatte auch das Getümmel des Volkes vor der Burg vernommen, und als er dann die lauten Klagen, das Geläute hörte, warf er sich auf die Knie nieder, und seines eigenen Schicksals eingedenk, beweinte er von ganzer Seele den Tod der vergötterten Herrin. Ihn dünkte, mit ihrem Dahinscheiden sei auch für ihn alles zu Ende, ihn dünkte, die ganze Welt müsse nun zu Grunde gehen. Der Lärm, den die Vorbereitungen zur Leichenfeier hervorbrachten, das Geläute der Glocken, der Gesang der Prozessionen und das Getümmel der Menge drang bis in seine Zelle. Acht Tage währte dies. Während dieser Zeit ward er immer trauriger, verlor er die Lust zu essen, zu schlafen und ging in seinem Gefängnisse umher wie ein wildes Tier in seinem Käfig. Auch die Einsamkeit lastete schwer auf ihm, da oftmals ein Tag verging, ohne daß der Gefangenwärter ihm Speise und frisches Wasser brachte, so sehr waren alle mit der Leichenfeier der Königin beschäftigt. Seit dem Tode Jadwigas hatte ihn niemand besucht, weder die Fürstin, noch Danusia, noch Powala aus Taczew, welcher ihm ehemals so viel Mitgefühl bezeigt hatte, noch der Kaufmann Amylej, der Bekannte Mackos. Voll Bitterkeit sagte sich Zbyszko, nun, da Macko abwesend sei, denke niemand mehr an ihn. Zuweilen ging ihm der Gedanke durch den Kopf, daß man ihn und Recht und Gerechtigkeit vergessen habe, und daß er elend in diesem Gefängnisse verschmachten müsse. Dann betete er inbrünstig um den Tod. Schließlich, als seit der Leichenfeier ein Monat und mehr vergangen war, begann er an der Rückkehr Mackos zu zweifeln. Hatte dieser doch versprochen, sich zu sputen und sein Pferd nicht zu schonen. Marienburg lag ja auch nicht am Ende der Welt. In drei Monaten konnte man hingelangen und wieder zurücksein – vornehmlich wenn man sich beeilte. »Aber vielleicht beeilte er sich nicht!« sagte sich Zbyszko voll Kummer, »vielleicht hat er sich unterwegs ein Weib gesucht und geleitet sie voll Freude nach Bogdaniec, ich aber muß in meinen jungen Jahren alles der Barmherzigkeit Gottes anheimstellen. Zuletzt verlor er jedes Maß für Zeitberechnung, er sprach auch nicht mehr mit seinem Wärter, und mir die Sommerfäden an dem Eisengitter seines Fensters ließen ihn erkennen, daß der Herbst herangekommen war. Stundenlang saß er nun auf seinem Lager, die Ellenbogen auf den Knien, die Finger in den ihm jetzt weit über die Schultern herabhängenden Haaren vergraben, und im Halbschlafe in einer gewissen Erstarrung, hob er sogar auch dann das Haupt nicht mehr, wenn der Wärter, der ihm Speise brachte, eine Frage an ihn richtete. Doch eines Tages drehte sich knirschend die Thüre in ihren Angeln, und von der Schwelle her ertönte eine wohlbekannte Stimme. »Zbyszko!« »Oheim!« schrie Zbyszko von seiner Pritsche aufspringend. Macko umarmte ihn, dann nahm er das blonde Haupt des Jünglings in seine Hände und küßte ihn. Zbyszkos Herz aber war so voll von Leid, Bitterkeit und Sehnsucht, daß er an der Brust des Oheims weinte wie ein kleines Kind. »Ich glaubte schon, Ihr würdet nicht zurückkehren,« sagte er schluchzend. »Dazu hätte auch nicht viel gefehlt!« versetzte Macko. Erst jetzt erhob Zbyszko das Haupt und nachdem er den Oheim aufmerksam betrachtet hatte, rief er aus: »Was ist mit Euch vorgegangen?« Und voll Verwunderung schaute er auf das abgemagerte, eingesunkene, totenbleiche Antlitz des alten Kriegers, auf dessen gebeugte Gestalt, aus die ergrauten Haare. »Was ist mit Euch vorgegangen?« wiederholte er. Macko ließ sich auf die Pritsche nieder und seufzte schwer. »Was mit mir vorgegangen ist?« fragte er schließlich. Kaum war ich über die Grenze gelangt, als die Deutschen im Walde mit Pfeilen auf mich schossen. Es waren Raubritter, verstehst Du? Noch jetzt kann ich kaum zu Atem kommen, wenn ich daran denke. Aber Gott sandte mir Hülfe, sonst würdest Du mich jetzt nicht vor Dir sehen.« »Wer ist Euch zu Hülfe gekommen?« »Jurand aus Spychow,« entgegnete Macko. Ein kurzes Schweigen folgte. »Zuerst überfielen sie mich« – berichtete dann Macko – »dann überfiel er sie. Nur die Hälfte von ihnen entkam. Er nahm mich dann in seine Burg, und dort, in Spychow, rang ich drei ganze Wochen mit dem Tode. Aber Gott ließ mich nicht sterben, und wenn es mir auch noch schwer ward, bin ich doch zurückgekehrt.« »So seid Ihr gar nicht in Marienburg gewesen?« »Wie hätte ich dort hingelangen können? Sie rissen mir alles weg und nahmen nur den Brief samt den anderen Sachen. Ich kehrte zurück und wollte die Fürstin Alexandra um einen zweiten bitten, aber ich verfehlte sie – und ob ich sie jetzt noch treffe, weiß ich nicht – denn bald mache ich mich nach jener Welt auf.« Bei diesen Worten spie er in die Hand und sie gegen Zbyszko ausstreckend zeigte er ihm dunkle Blutspuren. »Siehst Du?« sagte er und nach einer Weile fügte er hinzu: »Der Finger Gottes ist hierin zu sehen!« Tief bedrückt schwiegen beide einige Zeit, dann fragte Zbyszko: »Also speist Du häufig Blut?« »Wie sollte dies anders sein, wenn mir eine Pfeilspitze eine halbe Spanne weit zwischen den Rippen stecken geblieben ist. Da würdest Du auch Blut speien, dessen kannst Du sicher sein! Bei Jurand befand ich mich schon besser, aber jetzt bin ich wieder furchtbar ermattet, denn der Weg war lang, und ich ritt schnell.« Macko umarmte ihn, dann nahm er das blonde Haupt des Jünglings in seine Hände und küßte ihn. »Warum habt Ihr Euch auch so beeilt?« »Ich wollte ja die Fürstin Alexandra aufsuchen und um einen zweiten Brief bitten. Jurand von Spychow sprach folgendermaßen zu mir: ›Macht Euch auf den Weg,‹ sagte er, ›und kehret dann mit dem Briefe nach Spychow zurück. Ich halte einige Deutsche bei mir gefangen,‹ sagte er weiter, ›einen von diesen gebe ich auf sein Ritterwort frei, damit er den Brief zum Meister bringe.‹ Um sich wegen seines Weibes Tod an den Deutschen zu rächen, hält Jurand immer einige bei sich im Burgverließ, und er freut sich dann, wenn er des Nachts hört, wie sie stöhnen und wie ihre Kette klirren, denn er ist von Haß und Wut gegen sie erfüllt. Verstehst Du?« »Ich verstehe; mich wundert nur, daß Ihr den ersten Brief verlort, denn da Jurand die noch erwischt hat, welche Euch überfielen, muß sich doch der Brief bei ihnen gefunden haben.« »Alle hat er aber nicht erwischt. Ungefähr fünf von ihnen entkamen. So hat es nun einmal unser Schicksal gefügt.« Macko hustete, spie abermals Blut und stöhnte vor Schmerz. »Ihr seid schwer getroffen,« sagte Zbyszko, »wie kam dies? Schossen sie denn aus dem Hinterhalt?« »Die Pfeile fielen so dicht, daß man auf einen Schritt weit nichts zu sehen vermochte. Und ich trug keine Rüstung, weil einige Kaufleute mir gesagt hatten, die Gegend sei ganz sicher, und es war furchtbar heiß.« »Welcher Straßenräuber führte sie denn an? Ein Kreuzritter?« »Kein Ordensritter, aber ein Deutscher, Chelminezyk aus Lentz, der als Wegelagerer und Räuber bekannt ist!« »Was ist mit ihm geschehen?« »Bei Jurand liegt er in Ketten. Aber er selbst hält auch zwei edle Masuren gefangen, an denen er sich rächen will.« Wieder verfiel Macko in Schweigen. »Ach, Du lieber Jesu!« sagte schließlich Zbyszko, »Lichtenstein wird am Leben bleiben und der aus Lentz ebenfalls, wir aber müssen elendiglich zu Grunde gehen, ohne uns gerächt zu haben. Mein Kopf wird fallen, und Ihr werdet sicherlich den Winter nicht überleben.« »Bah! Nicht einmal bis zum Winter wird es währen. Wenn ich nur Dich retten könnte!« »Habt Ihr hier schon jemand gesprochen?« »Bei dem Kastellan von Krakau bin ich gewesen, denn als ich erfuhr, daß Lichtenstein abgereist ist, dachte ich, dies käme Dir zu gut.« »So ist Lichtenstein abgereist?« »Gleich nach dem Tode der Königin begab er sich nach Marienburg. Bei dem Kastellan bin ich also gewesen, aber er sagte folgendes: ›Nicht darum soll Euer Bruderssohn gerichtet werden, weil wir uns bei Lichtenstein in Gunst setzen wollen, sondern einzig nur darum, weil der Urteilsspruch so lautet, und ob Lichtenstein hier ist oder nicht, kommt gar nicht in Frage. Selbst wenn er stürbe, würde dies nichts ändern, denn – sagt der Kastellan – das Gesetz muß Gerechtigkeit walten lassen, das Gesetz ist nicht wie ein Oberrock, bei dem man das Oberste zu unterst wenden kann. Der König – sagt der Kastellan – hat die Macht, den Schuldigen zu begnadigen, aber sonst niemand.‹« »Und wo ist der König?« »Nach der Leichenfeier reiste er bis ins Russische hinein.« »Dann giebt es keinen Rat!« »Nein, keinen! Der Kastellan sagte auch: ›Die Fürstin Anna bittet für ihn und er jammert mich, doch was ich nicht kann, das kann ich nicht‹!« »Die Fürstin Anna ist also noch hier?« »Möge Gott ihr für ihre Fürsprache lohnen! Das ist eine gute Frau! Sie befindet sich noch hier, weil Jurands Tochter erkrankte, und die Fürstin sie liebt wie ihr eigenes Kind.« »Ach, gerechter Gott! Danusia ist erkrankt? Was ist ihr zugestoßen?« »Weiß ich es denn? Die Fürstin sagt, jemand müsse sie berufen haben.« »Gewiß Lichtenstein! Niemand anders als Lichtenstein!« »Mag sein! Aber was kannst Du ihm thun? – Nichts!« »Deshalb also hatten alle meiner vergessen – sie ist krank!« Bei diesen Worten ging Zbyszko mit großen Schritten in seiner Zelle umher, schließlich ergriff er Mackos Hand, küßte sie und sagte: »Möge Gott Euch für alles lohnen, denn ich bin schuld, wenn Ihr bald die Augen schließt, aber da Ihr nun doch einmal so weit in die preußischen Lande geritten seid, thut auch noch dies eine für mich, falls Ihr noch nicht vollständig von Kräften gekommen seid. Geht zum Kastellan und bittet ihn, er möge mich auf mein Ritterwort für zwölf Wochen wenigstens freigeben – dann kehre ich zurück, dann soll man mich richten. Aber daß wir ungerächt zu Grunde gehen, das darf nicht sein. Wisset also – nach Marienburg reite ich, und Lichtenstein, den Gesandten, fordere ich zum Zweikampfe heraus. Einer von uns, er oder ich muß fallen.« Macko rieb sich die Stirn. »Hingehen soll ich? Ja, ich gehe. Doch wird der Kastellan Deinen Wunsch erfüllen?« »Mein Ritterwort gebe ich. Zwölf Wochen nur, mehr Zeit ist nicht vonnöten.« »Wie Du schwatzest! Zwölf Wochen! Wie aber, wenn Du verwundet wirst und nicht zurückkehrst? Was werden sie denken?« »Und sollte ich auch an vielen Wunden bluten, ich würde doch zurückkehren. Aber fürchtet nichts. Und wißt Ihr, vielleicht kommt während dieser Zeit der König aus Rußland zurück, und vielleicht ist er dann geneigt, Barmherzigkeit an mir zu üben.« »Das ist wahr,« entgegnete Macko. Doch gleich darauf fügte er hinzu: »Der Kastellan hat mir noch weiter gesagt: ›Wir vergaßen Eures Bruderssohnes durch den Tod der Königin, aber jetzt müssen wir ein Ende machen‹.« »Ei, erlaubt mir,« erwiderte Zbyszko guten Mutes, »er weiß doch, daß ein Edelmann sein Wort hält, und ob man mir jetzt den Kopf abschlägt oder nach Michaeli, wird ihm ganz einerlei sein.« »Gut, noch heute gehe ich zu ihm.« »Heute geht zu Amylej und gönnt Euch ein wenig Rast. Er soll Euch irgend einen Balsam auf die Wunde legen, und morgen begebt Euch dann zum Kastellan. Nun also mit Gott!« »Mit Gott!« Sie umarmten sich, und Macko wandte sich der Thüre zu, aber an der Schwelle blieb er stehen und runzelte die Stirn, wie wenn ihm Plötzlich ein Gedanke käme. »Du trägst den Rittergürtel ja noch nicht; wenn Dir nun Lichtenstein sagt, mit einem Ungegürteten wolle er nicht kämpfen – was thust Du dann?« Zbyszko sah plötzlich finster darein, aber nur für einen Augenblick, dann sagte er: »Und wie ist es denn im Kriege? Wählt sich da ein Gegürteter nur Gegürtete aus?« »Krieg ist Krieg, und ein Zweikampf ist wieder etwas anderes.« »Das ist wahr – aber wartet – da muß Rat geschafft werden. Seht Ihr, nun weiß ich auch, wie: der Fürst Janusz wird mich gürten. Wenn die Fürstin und Danusia ihn darum bitten, wird er es thun. Und unterwegs, in Masovien, will ich dann auch den Sohn Mikolajs aus Dlugolas herausfordern.« »Weshalb denn?« »Wißt Ihr denn nicht, daß Mikolaj, welcher am Hofe der Fürstin ist, Danusia ›Kröte‹ genannt hat?« Voll Verwunderung blickte ihn Macko an, und in dem Bestreben, die Sache deutlicher zu erklären, fuhr Zbyszko fort: »Das kann ich nicht verzeihen, und Mikolaj würde ich doch nicht herausfordern, weil er wohl schon achtzig Jahre zählt.« Darauf entgegnete Macko: »Höre, Bursche! Um Deinen Kopf ist es mir leid, aber nicht um Deinen Verstand, denn Du bist so dumm wie ein Schaf!« »Worüber seid Ihr nun erzürnt?« Macko gab keine Antwort und wollte sich entfernen, doch Zbyszko eilte auf ihn zu: »Wie befindet sich Danusia jetzt? Ist sie wieder gesund? Ereifert Euch doch nicht um nichts. Ihr habt wahrlich keinen Grund dazu.« Und abermals neigte er sich auf des alten Mannes Hand herab. Dieser zuckte die Achseln, entgegnete jedoch etwas besänftigt: »Die Tochter Jurands befindet sich besser, verläßt aber ihre Kemenate noch nicht. Leb' wohl!« Zbyszko blieb allein. Er fühlte sich wie neugeboren an Seele und Körper. Daß er nun vielleicht noch drei Monate vor sich haben werde, daß er ins weite Land hinaus reiten, seinen Feind aufsuchen und mit ihm um Leben und Tod kämpfen könne, war ihm ein angenehmer Gedanke und erfüllte sein Herz mit Freude. Wie herrlich mußte es sein, auf einem Rosse in die Welt hinaus zu jagen, sich im Kampfe hervorzuthun, und so nicht ungerächt zu Grunde zu gehen. Dann mochte kommen, was da wollte – jetzt blieb ihm doch noch eine lange Zeit. Und wenn die Frist abgelaufen war, kehrte der König vielleicht aus Rußland zurück und vergab ihm die Schuld, vielleicht brach der Krieg aus, von dem schon längst die Rede gewesen – vielleicht sagte auch der Kastellan selbst, wenn er nach drei Monaten den Sieger des stolzen Lichtenstein erblickte: »Wandere nur frei in den Wäldern umher.« Denn Zbyszko fühlte klar, daß außer dem Kreuzritter niemand Haß gegen ihn hegte, und daß sogar der strenge Burgvogt ihn gewissermaßen nur aus Zwang zum Tode verurteilt hatte. So ward er denn immer hoffnungsfreudiger, da er nicht daran zweifelte, daß ihm die Frist von drei Monaten bewilligt werde. Im Gegenteile, er rechnete darauf, daß man sie noch verlängern werde, weil er überzeugt war, der alte Herr aus Teczyn könne auch nicht einmal dem Gedanken Raum geben, daß ein Edelmann sein Wort nicht halte. Als nun Macko am folgenden Tage in die Abenddämmerung ins Gefängnis kam, stürzte Zbyszko, welcher ihn voll Ungeduld erwartet hatte, ihm entgegen und fragte: »Ist's bewilligt.« Macko sank ermattet auf die Pritsche, holte tief Atem und sagte dann: »Der Kastellan sprach so zu mir: »Wenn es sich um Hab und Gut handelt, gebe ich Eurem Bruderssohn acht oder vierzehn Tage auf sein Ritterwort frei, länger aber nicht.« Zbyszko war so überrascht, daß er einige Zeit kein Wort hervorbringen konnte. »Zwei Wochen nur!« rief er dann. »In einer Woche kann ich ja nicht einmal zur Grenze gelangen. Was soll das heißen? Ihr habt wohl dem Kastellan nicht gesagt, weshalb ich nach Marienburg will?« »Nicht ich allein, auch die Fürstin Anna hat für Dich gebeten.« »Nun, und was geschah?« »Was geschah? Der Alte sagte ihr, daß er Dein Haupt nicht gerne fallen sehe, und daß er Dich beklage. ›Ich wünschte,‹ sagte er, ›ich hätte irgend ein Gesetz ausfindig gemacht – bah – irgend einen Vorwand meine ich, um ihn freilassen zu können, aber was ich nicht kann, kann ich nicht. Es wäre schlimm für das Königreich – sagte er weiter – wenn die Leute anfangen würden, der Gerechtigkeit ins Gesicht zu schlagen, um ihre Freunde zu schonen, und ich würde es nicht thun, wenn es sich auch um einen Blutsverwandten – oder sogar um meinen Bruder handelte.‹ Solche Menschen sind nicht zu erweichen. Und weiter sprach der Kastellan: ›Wir haben nicht nötig, besondere Rücksicht auf die Kreuzritter zu nehmen, doch fern sei es von uns, Schmach und Schande auf uns zu laden. Was würden sie und ihre Gäste denken, welche ihnen uns der ganzen Welt zuströmen, wenn ich einen zum Tode verurteilten Edelmann freiließe, weil er Lust bezeigt, in die Weite zu reiten, um jemand zum Kampfe herauszufordern? Würden sie nicht glauben, daß man ihm die Strafe erlassen habe, und daß keine Gerechtigkeit in unserem Lande herrsche? Lieber sehe ich ein Haupt fallen, als daß ich den König und das Reich dem Untergange weihe. Darauf entgegnete die Fürstin, ihr komme eine solche Gerechtigkeit seltsam vor, wenn selbst die Blutsverwandte des Königs nicht im stande sei, einen bedauernswerten Menschen freizubitten, allein der Alte versetzte: ›Der König selbst kann Gnade üben, doch auch er kann nicht gegen das Gesetz verstoßen.‹ Nun entzweiten sie sich ernstlich, denn die Fürstin ließ sich vom Zorne hinreißen. ›Laßt ihn wenigstens nicht im Gefängnisse verschmachten!‹ sagte sie. Und der Kastellan erklärte: ›Gut! morgen lasse ich das Schafott auf dem Marktplatze aufschlagen.‹ Hierauf trennten sie sich. Und Dich, Unglücklicher, kann nur unser Herr Jesus retten!« Ein langes Schweigen folgte. »Wie,« ließ sich endlich Zbyszko mit dumpfer Stimme vernehmen, »so bald soll es sein?« »In zwei oder drei Tagen. Da giebt es keinen Rat, keinen. Was, ich konnte, habe ich gethan. Ich fiel zu den Füßen des Kastellans nieder, ich bat um Erbarmen, doch er beharrte auf seiner Meinung. ›Macht irgend ein Gesetz, einen Vorwand ausfindig!‹ wiederholte er. Ich bin auch bei dem Priester Stanislaw aus Skarbimierz gewesen, damit er mit dem Sakrament zu Dir komme. Die Ehre soll Dir wenigstens zu teil werden, daß Dir der Beichtvater der Königin die Beichte abnimmt. Doch traf ich ihn nicht zu Hause, er befand sich bei der Fürstin Anna.« »Vielleicht war er auch bei Danusia?« »Ach was! Dem Mädchen geht es ja besser. Morgen vor Tagesanbruch gehe ich nochmals zu ihm.« Zbyszko setzte sich nieder, stützte die Ellbogen auf die Knie und neigte den Kopf so tief herab, daß sein Gesicht vollständig von den Haaren verhüllt war. Der alte Mann betrachtete ihn lange Zeit schweigend, dann aber rief er leise: »Zbyszko, Zbyszko!« Der Jüngling erhob das Haupt, doch drückte sich in seinem Antlitz mehr Bitterkeit und Ingrimm als Schmerz aus. »Nun?« »Höre mich an, denn vielleicht kann ich doch noch ein Rettungsmittel ausfindig machen.« Bei diesen Worten rückte er näher zu Zbyszko heran und begann fast im Flüstertone: »Du hörtest doch, daß einst Fürst Witold von unserem jetzigen König festgenommen, zu Krewo im Gefängnisse saß und in Frauenkleidern daraus entkam. Eine Frau steht uns zwar nicht hilfsbereit zur Seite, aber nimm meinen Rock, meine Kapuze, und fort mit Dir – verstehst Du? Daß Du nicht hinfällig aussiehst, werden sie gar nicht bemerken. Das ist gewiß! Draußen ist es dunkel, und ins Gesicht werden sie Dir auch nicht leuchten. Sie sahen mich wohl, als ich kam, aber genau betrachtete mich niemand. Sei nur still und höre mich an: morgen werden sie mich dann finden – doch was thut das? Mögen sie mir den Kopf abschlagen! Dir kann es dann zum Troste dienen, daß ich doch in zwei oder drei Wochen dem Tode verfallen bin. Und sobald Du draußen bist, setzest Du Dich aufs Pferd und reitest geradewegs zum Fürsten Witold. Du sagst ihm, wer Du bist, und bezeugst ihm Deine Verehrung. Dann wird er Dich freundlich aufnehmen, und Dir wird es sein, als ob Du zu den Füßen Gottes säßest. Die Leute sagen, das Kriegsheer des Fürsten sei durch die Tataren vernichtet worden. Ob das richtig ist, weiß ich nicht, aber es kann sein, denn die hochselige Königin hat dies prophezeit. Wenn es wahr ist, wird der Knäs Ritter nötig haben und Dich gerne sehen. Und bleibe nur bei ihm, denn auf der ganzen Welt giebt es keinen besseren Dienst. Verliert ein anderer König eine Schlacht, dann ist's aus mit ihm, aber der Fürst Witold ist so klug und gewandt, daß er nach einer verlorenen Schlacht nur noch mächtiger dasteht. Auch ist er freigebig und ist uns außerordentlich zugethan. Sage ihm alles genau, wie es war. Sage ihm, Du hättest gegen die Tataren mit ihm ausziehen wollen, wärest aber nicht im stande dazu gewesen, weil Du im Gefängnisse saßest. Gott wird geben, daß Du Grund und Boden und daß Du Bauern von ihm bekommst – dann wird er Dich wohl als Ritter gürten und sich beim König für Dich verwenden. Er wäre ein guter Fürsprecher – oder nicht?« Rasch riß Danusia von ihren blonden Haaren unter dem Rautenkranze hervor den weißen Schleier und umhüllte damit fast das ganze Haupt Zbyszkos. Zbyszko hörte schweigend zu, während Macko, gleichsam von seinen eigenen Worten hingerissen, fortfuhr: »Nein, es ist Dir nicht bestimmt, jetzt schon zu sterben! Du wirst nach Bogdaniec zurückkehren. Und bist Du dort, so mußt Du sogleich ein Weib nehmen, damit unser Geschlecht nicht untergehe. Erst wenn Du Nachkommenschaft hast, magst Du Lichtenstein zum Kampfe herausfordern, doch zuvor hüte Dich Deiner Rache Genüge zu thun, sonst könntest Du irgendwo in Preußen überfallen werden, gerade wie ich. – Nicht mehr zu helfen wußte ich mir – nimm jetzt meinen Rock, meine Kapuze und gehe mit Gott!« Macko erhob sich bei diesen Worten und stand im Begriffe, sich auszukleiden, doch Zbyszko sprang auf und hinderte ihn daran, indem er sagte: »Das, was Ihr von mir verlangt, thue ich nicht, so wahr mir Gott helfe und das heilige Kreuz!« »Warum?« fragte Macko voll Verwunderung. »Weil ich es nicht thue!« Macko ward bleich vor Erregung und Zorn. »Wollte Gott, Du wärst nie geboren!« »Auch dem Kastellan habt Ihr schon gesagt, daß Ihr bereit seid, Euch für mich zu opfern.« »Woher weißt Du das?« »Der Herr aus Taczew erzählte es mir.« »Und was folgt daraus?« »Was daraus folgt? Hat Euch nicht der Kastellan gesagt, daß dann die Schande auf mich und das ganze Geschlecht fiele? Und würde ich nicht noch mehr Schande auf mich laden, wenn ich von hier entwiche und Euch der Rache des Gesetzes überließe?« »Welche Rache? Welche Strafe kann mich noch treffen, da ich ohnedies sterben muß? Um Gottes willen nimm doch Vernunft an!« »Um so weniger kann ich thun, was Ihr wünscht! Möge Gott mich züchtigen, wenn ich Euch jetzt verlasse, da Ihr alt und krank seid. Pfui! der Schande! ...« Wieder folgte ein tiefes Schweigen. Nichts war zu hören, als die schweren pfeifenden Atemzüge Mackos, sowie die Rufe der Bogenschützen, welche an den Thoren Wache hielten. Draußen senkte sich schon die Nacht hernieder. »Höre,« begann schließlich Macko mit gebrochener Stimme wieder, »es war keine Schande für den Fürsten Witold, auf diese Weise aus Krewo zu fliehen – es wird auch für Dich keine sein.« »Ja, seht Ihr,« entgegnete Zbyszko in traurigem Tone, »der Fürst Witold ist ein großer Fürst, er hat die Krone aus der Hand des Königs empfangen, er ist ein reicher Herrscher – ich aber bin nur ein armer Edelmann – ich habe nichts als meine Ehre.« Und wie von seiner Erregung übermannt, rief er dann aus: »Begreift Ihr denn nicht? Ich liebe Euch so sehr, daß ich Euer Haupt nicht für das meine hingebe.« Da erhob sich Macko; unsicheren, schwankenden Schrittes ging er mit ausgebreiteten Armen auf Zbyszko zu, und wenn schon die Leute jener Zeit nicht weichherzig, ja, hart wie Stahl waren, rief er plötzlich mit herzzerreißender Stimme: »Zbyszko!« ... Am folgenden Tage sah man, wie die Gerichtsschergen auf dem Marktplatze die Balken für das Schafott zusammentrugen, welches dem Hauptthore des Rathauses gegenüber errichtet werden sollte. Die Fürstin aber berief Stanislaw aus Skarbimierz und andere gelehrte Domherren, welche sowohl das geschriebene Recht, wie das übliche Recht inne hatten, zu einer Beratung. Durch einen Ausspruch des Kastellans war sie dazu angeregt worden, hatte dieser doch erklärt, er sei bereit, Zbyszko freizugeben, wenn sich ein Rechtsspruch finden lasse, auf den er sich stützen könne. Lange, bis zum Anbruch des Tages, währte diese Beratung, zu der sich schließlich auch der Priester Stanislaw einfand, obschon er Zbyszko schon zum Tode vorbereitet und ihn mit den Sterbesakramenten versehen hatte. Die Stunde der Exekution rückte immer näher. Schon am frühen Morgen zog eine große Menschenmenge auf den Markt. Daß der Kopf eines Edelmannes fallen sollte, das erregte die Neugierde noch weit mehr, als wenn es sich um die Hinrichtung eines gewöhnlichen Menschen gehandelt hätte. Zudem herrschte prächtiges Wetter. Das Gerücht von der Jugend und der Schönheit des Verurteilten erregte ganz besonders das Interesse der Frauen. So sah denn auch der Weg, der zu der Burg führte, durch die große Anzahl geputzter Bürgerinnen wie mit Blumen besät aus. An allen Fenstern auf dem Markte, in den Häusern und in den vorspringenden Gewölben sah man Frauenköpfe mit Hauben, mit goldnen und samtnen Stirnbändern geschmückt, sah man junge Mädchen, deren frei herabwallende Haare Rosen und Lilienkränze zierten. Auch die Räte der Stadt fehlten nicht, obwohl sie die Sache ganz und gar nichts anging. Wohl um sich ein gewisses Ansehen zu geben, kamen sie und stellten sich hinter den Rittern, in der nächsten Nähe des Schafottes auf. In voller Zahl hatten sich letztere eingefunden, war es ihnen doch darum zu thun, ihr Mitgefühl für den Jüngling an den Tag zu legen. Immer wieder drängte die Menge vor, welche hauptsächlich aus kleinen Kaufleuten bestand, sowie aus Handwerkern, in den Farben ihrer Zünfte gekleidet. Unzählige junge Burschen und Kinder trieben sich fortwährend unter der Menschenmenge umher, wurden, unerträglichen Fliegen gleich, von den Erwachsenen zurückgestoßen, pflanzten sich aber stets aufs neue auf jedem freien Plätzchen auf. Weit aber über die Häupter all dieser Versammelten ragte das mit neuem Tuch ausgeschlagene Schafott empor. Drei Personen standen darauf. Der Scharfrichter, breitschulterig und Schrecken erregend in seinem roten Gewande mit gleichfarbiger Kapuze, das scharfe, doppelt geschliffene Schwert in der Hand, und seine zwei Gehilfen mit entblößten Armen und Stricken im Gürtel. Zu ihren Füßen standen ein Pflock, sowie ein ebenfalls mit Tuch ausgeschlagener Sarg. Von den Türmen der Marienkirche ertönten die Glocken. Die ganze Stadt erfüllten sie mit ihrem metallnen Klange, Schwärme von Dohlen und Tauben scheuchten sie auf. Abwechselnd schweiften die neugierigen Blicke der Schaulustigen von dem zur Burg führenden Wege zu dem Schafott mit dem Scharfrichter, dessen glänzendes Schwert in der Sonne blinkte, oder zu den Rittern, welche den Bürgern stets großen Respekt, unendliches Interesse einflößten. Diesmal gab es aber auch viel zu sehen, denn die berühmtesten Kämpen umstanden das Gerüst. Man bewunderte die Breite der Schultern und den Ernst von Zawisza, dessen krause Haare lang herabwallten, man bewunderte die stämmige, vierschrötige Gestalt und die krummen Beine von Zindram aus Maszkowice, sowie den riesigen, fast übermenschlichen Wuchs von Paszko Zlodziej aus Biskupice, man staunte das Furcht erregende Antlitz von Wojciech aus Wodzinek ebenso an wie die Schönheit von Dobek aus Olesnica, welcher bei einem Turniere in Thorn über zwölf deutsche Ritter als Sieger hervorgegangen war, man zeigte sich Sygmund aus Bobawa, der sich in gleicher Weise gegen die Ungarn in Koszyce behauptet hatte, man zeigte sich Krzona aus Kozichglow und den in allen Waffenkünsten erfahrenen Lis aus Dargowisko, nicht zu vergessen Staszko aus Charbimowice, welcher zu Fuß ein Pferd einholen konnte. Allgemeines Aufsehen erregte auch Macko aus Bogdaniec, der, bleich wie der Tod, von Florian aus Korytrica und Marcin aus Wrocimowice gestützt ward und für den Vater des Verurteilten galt. Die größte Neugierde erregte jedoch Powala aus Taczew. In der ersten Reihe der Ritter stehend, hielt er auf seinen mächtigen Armen Danusia empor, ganz weiß gekleidet, einen grünen Rautenkranz auf dem hellen Haare. Keines der Umherstehenden konnte begreifen, was das bedeuten, weshalb dies junge Geschöpf die Hinrichtung mit anschauen sollte. Einige erklärten es sich damit, daß dies wohl die Schwester des Verurteilten sei, andere glaubten in ihr die Gebieterin seines Herzens zu sehen. Doch auch diese staunten über die weiße Gewandung, über die Anwesenheit des holden Kindes in nächster Nähe des Schafottes. Wie schön war das kleine Mädchen mit seinem jugendfrischen Antlitz, über dessen Wangen aber jetzt große Thränen rannen. Mitleid und Rührung regten sich in aller Herzen. In der dicht gedrängten Menge fing man über die Halsstarrigkeit des Kastellans, über die Strenge des Gesetzes zu murren an, und dieses Murren wurde immer lauter, immer drohender. Da und dort erhoben sich schon Stimmen, die verlangten, man solle das Blutgerüst niederreißen, dann müsse die Hinrichtung verschoben werden. Immer lebhafter, immer lärmender wurde es unter der erregt hin und herwogenden Menschenmenge. Die Rede ging von Mund zu Mund, daß wenn der König anwesend wäre, er sicherlich den Jüngling begnadigen würde, der kein Verbrechen begangen habe. Doch plötzlich trat tiefe Ruhe ein. Laute Rufe verkündigten das Herannahen der Bogenschützen und der königlichen Hellebardiere, von denen der Verurteilte zum Schafott geführt werden sollte. Bald ward auch der Zug auf dem Markte sichtbar. Ihn eröffneten die barmherzigen Brüder, welche schwarze, bis zur Erde wallende Kutten und schwarze Kapuzen mit Ausschnitten für die Augen trugen. Das Erscheinen dieser düsteren Gestalten machte einen solchen Eindruck auf das Volk, daß alles rings umher verstummte. Ihnen folgte eine Abteilung Bogenschützen, auserwählte Litauer, die zur königlichen Leibwache gehörten, mit Wamsen aus ungegerbtem Elentierleder bekleidet. Die Hellebardiere bildeten den Schluß des Zuges. Zwischen dem Gerichtsschreiber, welcher das Urteil verlesen sollte, und dein Geistlichen Stanislaw aus Skarbimierz, der ein Kruzifix in den Händen hielt, schritt Zbyszko. Aller Augen richteten sich auf ihn, aus allen Fenstern beugten sich Frauengestalten weit vor. Zbyszko war angethan mit seiner erbeuteten weißen Jacke, reich mit goldenen Greifen bestickt, reich mit goldenen Fransen geziert, und als ihn die Menge in diesem prächtigen Gewände dahinschreiten sah, dünkte es ihr, sie sehe einen jungen Fürsten oder den Abkömmling eines großen Geschlechtes. Seinem hohen Wuchse, der Breite der Schultern und der Brust, den kräftig ausgebildeten Gliedern nach hätte man ihn für einen reifen Mann halten können, auf dieser Mannesgestalt aber saß der Kopf eines Kindes. Der erste Flaum sproßte auf den Lippen des Jünglings, der einem schönen, königlichen Pagen glich, dessen goldblonde, über der Stirn geradegeschnittene Haare weit über den Nacken herabfielen. Bleichen Antlitzes, aber gleichmäßig, elastisch schritt er dahin. Zuweilen blickte er wie traumverloren auf die Menge, zuweilen erhob er die Augen zu den Kirchtürmen, zu dem Dohlenschwarme und zu den schwingenden Glocken, die ihm die letzte Stunde einläuteten. Zeitweise malte sich auf seinem Gesichte Staunen darüber, daß diese Feierlichkeiten ihm galten, daß die Glocken seinetwegen ertönten, daß die Frauen um seinetwillen schluchzten. Auf dem Markte angelangt, fiel sein Blick auf das Schafott, auf die in Rot gekleidete Gestalt des Scharfrichters. Er zuckte zusammen und machte das Zeichen des Kreuzes, der Geistliche aber reichte ihm das Kruzifix zum Kusse. In diesem Augenblicke fiel ihm ein Strauß Mohnblumen zu Füßen. Zbyszko beugte sich nieder, hob ihn auf und lächelte der Spenderin, einem jungen Mädchen zu, das nun in lautes Weinen ausbrach. Der Jüngling jedoch richtete sich hoch auf. Zweifellos bestrebte er sich angesichts dieser Menschenmenge, angesichts dieser Frauen und Mädchen, welche ihm aus den Fenstern mit ihren Tüchern zuwinkten, mutig in den Tod zu gehen, den Eindruck eines tapfern Ritters zu hinterlassen. Mit einer raschen Bewegung warf er seine Haare zurück, hob das Haupt und schritt stolz wie ein Sieger dahin, dem nach beendigtem Turniere der Preis zuerkannt ist. Nur langsam kam indessen der Zug vorwärts, weil die stets anwachsende Menge den Weg versperrte. Umsonst ließen die litauischen Bogenschützen stets von neuem den Ruf ertönen »Platz, Platz«, die Ermahnung verhallte ungehört, das Gedränge wurde immer dichter. Obwohl die damalige Krakauer Bürgerschaft aus zwei Drittel Deutschen bestand, wurden doch fortwährend wilde Flüche über die Kreuzritter laut. »Eine Schmach ist's, eine Schmach! Die Erde möge diese Kreuzritter verschlingen, denn ihretwegen werden Kinder zum Richtplatze geführt. Schimpflich ist dies für den König, für das ganze Königreich!« Als die Litauer die drohende Haltung des Volkes bemerkten, nahmen sie die straff gespannten Bogen von den Schultern und harrten des Befehles, um auf die Menge zu zielen. Der Hauptmann ließ jedoch die Hellebardiere, die mit ihren Waffen leichter den Weg bahnen konnten, an die Spitze des Zuges treten, der auf diese Weise schließlich Ort und Stelle erreichte. Die das Blutgerüst umstehenden Ritter wichen zurück, ohne Widerstand zu leisten. Schon waren die Hellebardiere bis zu dem Schafotte vorgedrungen, schon wollte Zbyszko mit dem Geistlichen und dem Ratsschreiber das Gerüst ersteigen, da geschah etwas ganz Unerwartetes, der Kreis der Ritter teilte sich, Powala schritt, mit Danusia auf dem Arme hervor, und schrie mit solch donnernder Stimme »Halt«, daß der ganze Zug, wie in die Erde gewurzelt, stille hielt. Weder der Hauptmann, noch einer der Söldner wagte es, diesem edlen, gegürteten Ritter Widerpart zu leisten, der täglich im Schlosse verweilte und gar häufig in vertraulichem Gespräche mit dem König gesehen ward. Schließlich ließen auch andere, nicht minder angesehene Ritter den Ruf »Halt, Halt!« ertönen, der Herr von Taczew aber näherte sich Zbyszko und übergab ihm die liebliche Danusia. Der Jüngling, mutmaßend, daß dies der Abschied sein sollte, nahm das holde Geschöpf in seine Arme und preßte es an die Brust – Danusia aber schmiegte sich nicht an ihn, umschlang nicht mit ihren Händchen seinen Hals, nein, rasch riß sie von ihren blonden Haaren, unter dem Rautenkranze hervor den weißen Schleier und umhüllte damit fast das ganze Haupt Zbyszkos, indem sie gleichzeitig mit der ganzen Kraft ihrer kindlichen Stimme schluchzend rief: »Mein ist er, mein ist er!« »Dein ist er!« bestätigten die Ritter in lautem Tone. »Zum Kastellan!« Und von allen Seiten erklang aus der Menge der Ruf: »Zum Kastellan! Zum Kastellan!« Der Beichtvater richtete die Augen gen Himmel, der Ratschreiber wich zur Seite, der Hauptmann und die Hellebardiere senkten die Waffen, sie alle, alle begriffen, um was es sich handelte. Es existierte eine alte Sitte, mächtig wie das Gesetz, bekannt und verbreitet in Podhale und bei den Krakauern, daß, wenn auf einen zum Tode Verurteilten ein unschuldiges Mädchen ihren Schleier warf, zum Zeichen, daß sie ihn zu ihrem Gatten erkiese, dieser freigegeben werden mußte. Den Gebrauch kannten die Ritter, es kannten ihn die Bauern, es kannten ihn die Polen unter den Städtern – und es wußten auch von ihm die Deutschen, die seit längerer Zeit in den polnischen Burgen und Städten wohnten. Der alte Macko, den die Rührung zu übermannen drohte, die Ritter, die ohne weiteres die Bogenschützen zurückstießen, umringten Zbyszko und Danusia, die bewegte, frohe Menge rief unaufhörlich: »Zum Kastellan, zum Kastellan!« Der Menschenschwarm wälzte sich plötzlich vorwärts gleich einer riesigen Meereswelle. Der Scharfrichter und seine Gehilfen stiegen bald darauf von dem Gerüste herab. Dies steigerte noch die Erregung. Bei allen stand es fest, daß in der Stadt ein drohender Aufruhr ausbrechen werde, wenn Jasko aus Teczyn sich jetzt dem altherkömmlichen, geheiligten Gebrauche widersetzen würde. Gleich einem Lavastrome stürzte sich das Volk auf das Blutgerüst. In einem Nu war alles Tuch abgerissen und in Fetzen umhergestreut. Bretter und Balken vermochten den starken Armen, den Beilschlägen nicht zu widerstehen. Das Gerüst schwankte, krachte, stürzte zusammen, so daß alsbald keine Spur mehr davon auf dem Markte zu sehen war. Und Zbyszko, noch immer Danusia in den Armen haltend, kehrte zu dem Schlosse zurück – dieses Mal jedoch in der That wie ein siegreicher Triumphator. Denn ihm zur Seite schritten, strahlend vor Freude, die ersten Ritter des Königreiches, vor ihm und hinter ihm hunderte von Frauen, Männern und Kindern, rufend, singend, die Hände gegen Danusia ausstreckend, die Tapferkeit, die Schönheit preisend. An den Fenstern klatschten die reichen Bürgersfrauen mit ihren weißen Händen laut Beifall, in aller Augen glänzten Freudenthränen. Ein wahrer Regen von Rosen- und Lilienkränzen, ein wahrer Regen von Bändern, ja, sogar von vergoldeten Gürteln und netzartigen Hauben fiel zu den Füßen der seligen jungen Menschenkinder nieder. Zbyszko, strahlend wie die Sonne, das Herz überquellend von Dank, hob jeden Augenblick seine weiß gekleidete Herrin empor, zuweilen küßte er leidenschaftlich deren Hände. Und jedesmal bei diesem Anblick wurde die Menge derart gerührt, daß sich gar viele Liebende in die Arme fielen und sich gegenseitig beteuerten, sie würden sich auch befreien, so eines von ihnen zum Tode verurteilt wäre. Wie zwei geliebte Kinder wurden Zbyszko und Danusia von den Rittern, von den Bürgern, überhaupt von der ganzen Menge geleitet. Der alte Macko, der stets von zwei Rittern gestützt ward, kam fast von Sinnen vor Freude und wunderte sich nur darüber, daß ihm das Rettungsmittel für seinen Bruderssohn nicht in den Sinn gekommen war. Powala aus Taczew erzählte inmitten des allgemeinen Lärmes mit seiner mächtigen Stimme den Rittern, wieso man auf dieses Mittel gekommen sei, oder, richtiger gesagt, daß man sich bei der Beratung der Fürstin mit Stanislaw aus Skarbimierz und anderen Kundigen des geschriebenen und des üblichen Rechtes, der alten Sitte erinnert habe. Die Ritter staunten über die Einfachheit des Mittels und versicherten sich gegenseitig, daß gewiß deshalb keiner von ihnen an diesen Gebrauch gedacht habe, weil er in der von vielen Deutschen bewohnten Stadt lange nicht ausgeübt worden war. Alles hing jedoch von dem Kastellan ab. Die Ritter und das Volk zogen daher weiter zum Schlosse, in welchem in der Abwesenheit des Königs der Krakauer Herr wohnte. Der Gerichtsschreiber, der Priester Stanislaw aus Skarbimierz, Zawisza Farurej, Zindram aus Maszkowice und Powala aus Taczew begaben sich zu ihm, um ihm über den Vorgang zu berichten, um ihn an seinen Ausspruch zu erinnern, er würde ohne weiteres den Verurteilten freisprechen, wenn er diese Handlungsweise durch ein Gesetz oder durch das übliche Recht begründen könne. Jetzt dürfe er Zbyszko begnadigen, erklärten die Bittstellenden, die altherkömmliche Sitte müsse berücksichtigt werden. Der Herr von Taczew antwortete darauf, diese Sitte sei zwar weit mehr für das gemeine Volk oder für die Räuber aus Podhale als für Edelleute geeignet, allein er hege zu viel Achtung vor dem Gesetze, als daß er die Macht der uralten Gebräuche nicht anerkennen sollte. Rasch bedeckte er hierauf mit der Rechten den silberweißen Bart, um das zufriedene Lächeln zu verbergen, das seine Lippen umspielte, und begab sich mit der Fürstin Anna Danuta auf die untere Terrasse. Einige Priester und Ritter folgten ihnen. Als Zbyszko den Kastellan erblickte, hob er Danusia empor. Der Krakauer Herr legte seine runzlige Hand auf deren goldblondes Köpfchen, ließ sie eine Weile darauf ruhen und neigte dann ernst und voll Güte sein ehrwürdiges Haupt. Die Menge verstand dieses Zeichen. Die Mauern des Schlosses erzitterten von den Rufen: »Gott schütze Dich! Gott gebe Dir ein langes Leben! Du bist ein gerechter Herr! Bleibe uns erhalten und richte uns!« Auch zum Heile Zbyszkos und Danusias erklangen laute Rufe. Die beiden eilten auf die Terrasse und warfen sich zu den Füßen der guten Fürstin Anna Danuta nieder. Ihr verdankte Zbyszko das Leben, denn sie hatte bei der Beratung mit dem Gelehrten den alten Gebrauch zu Sprache gebracht, sie hatte Danusia angewiesen, was sie zu thun habe. »Es lebe das junge Paar!« rief mit einem Male Powala aus Taczew, auf die Knieenden schauend. »Es lebe!« ertönte der hundertstimmige Ruf der Menge. Da wandte sich der ehrwürdige Kastellan zu der Fürstin und sagte: »Jetzt gleich, hochwerte Frau, muß die Verlobung stattfinden, denn so heischt es die Sitte.« »Gegen die Verlobung habe ich nichts einzuwenden,« antwortete die Fürstin, »allein die Hochzeit darf ohne die Zustimmung des Vaters, Jurand aus Spychow, nicht gefeiert werden.« Zweiter Teil. Erstes Kapitel. Bei dem Kaufmann Amylej berieten sich Macko und Zbyszko lange, was zu thun sei. Der alte Ritter sah einem baldigen Tode entgegen, und da der Franziskaner Pater Cybek, der sich auf Wunden verstand, ein baldiges Ende vorausgesagt hatte, war es sein sehnlichster Wunsch, nach Bogdaniec zurückzukehren, damit man ihn bei seinen Vätern auf dem Kirchhofe zu Ostrawic bestatte. Gleichwohl hatten nicht alle »Väter« dort die ewige Ruhe gefunden. Mackos Geschlecht war ehemals ein zahlreiches, kriegerisches gewesen, dessen Schlachtruf »Hagel« lautete, das ein stehendes Hufeisen mit einem Kreuze zwischen den Stollen im Wappen führte und sich dadurch vor den andern Edelleuten auszeichnete, welche kein Recht hatten, einen Wappenschild zu tragen. Im Jahre 1331, in der Schlacht bei Plowce waren in einem Sumpfe vierundsiebenzig Ritter aus Bogdaniec von den deutschen Armbrustschützen niedergeschossen worden. Wojciech blieb allein übrig – als Erbe eines ausgedehnten Grund und Bodens, der zuvor einem großen zahlreichen Geschlechte gehört hatte. Fünf Jahre später vermählte er sich und ward Vater von zwei Söhnen, Jasko und Macko. Durch einen Auerochsen fand er den Tod auf der Jagd. Die Söhne wuchsen unter der Obhut der Mutter auf, welche in zwei Kriegsläuften an den Deutschschlesiern die früher zugefügte Unbill rächte, im dritten jedoch unterlag. Zuvor hatte sie aber durch die Hände von Gefangenen eine kleine Burg in Bogdaniec erbauen lassen, so daß Jasko und Macko, oder wie sie durch die früheren Herrengüter genannt wurden, die Herren, zu großen, Ansehen gelangten. Zum Manne gereift, nahm Jasko sich Jagienka aus Morcacew zum Weibe, die ihm Zbyszko gebar. Macko aber blieb unvermählt, beaufsichtigte die Ländereien und den Bruderssohn, soweit ihm dies die Kriegszüge gestattete«. Aber als in der Zeit der einheimischen Kämpfe zwischen den Guzymaliten und den Naleczy die kleine Burg zum zweitenmal niedergebrannt wurde, die Bauern aber aus dem Lande mußten, versuchte der alleinstehende Macko umsonst, sie abermals aufzubauen. Mehrere Jahre hindurch sich vergebens abmühend, überließ er schließlich den heimatlichen Boden dem ihm blutsverwandten Abte, er selbst aber zog mit dem noch sehr jungen Zbyszko nach Litauen. Niemals verlor er indessen Bogdaniec ganz aus den Augen. Nach Litauen war er nur deshalb gezogen, um, mit Beute bereichert, die Heimstätte zurückkaufen zu können, die er dann mit Gefangenen bevölkern wollte. Die Burg aber gedachte er neu aufzubauen, um sie Zbyszko zum Sitze anzuweisen. Jetzt besonders nach der glücklichen Rettung des Jünglings regten sich diese Pläne wieder lebhaft in seinem Sinne, und er beriet sich eingehend bei dem Kaufmann Amylej mit dem Bruderssohne darüber. Die Mittel, um Bogdaniec auszulösen, besaßen sie nun reichlich. Von der Beute und von dem Lösegeld, das die in ihre Gefangenschaft geratenen Ritter erlegen mußten, sowie durch die Geschenke Witolds waren sie in den Besitz von viel Hab und Gut gelangt. Großen Vorteil gewährte ihnen auch der Kampf auf Tod und Leben mit den zwei friesischen Rittern. Die Rüstungen allein, die sie ihnen abgenommen hatten, konnten als kleines Vermögen gelten, außer denselben gewannen sie aber ja auch Wagen, Pferde, Leute, Geld und alle möglichen kostbaren Waffen. Vieles von dieser Beute, darunter auch zwei Stücke prächtigen, flandrischen Stoffes, welche die bedächtigen, reichen Friesen mit sich auf den Wagen führten, kaufte sofort Amylej. Macko verkaufte auch die ihm gehörige, wertvolle, eroberte Rüstung, ging er doch von der Ansicht aus, daß sie ihm, in Anbetracht seines nahen Todes, keinen Nutzen gewähren werde. Der Waffenschmied, der sie erstand, veräußerte sie schon an dem darauffolgenden Tage wieder an den eine halbe Ziege im Wappen führenden Marcin aus Wrocimowice mit großem Nutzen, weil die Panzer aus Mailand stammten, und die Erzeugnisse der Mailänder Waffenschmiede damals über alle andern gestellt wurden. Zbyszko bedauerte indessen den Verkauf der Rüstung von ganzer Seele. »Wenn Gott Euch die Gesundheit wieder verleiht,« sagte er zu dem Ohm, »wo wollt Ihr dann eine zweite wie diese hier, finden?« »Dort, wo ich auch die erste gefunden habe,« erwiderte Macko, »aber ich werde dem Tode nicht mehr entrinnen. Die Eisenspitze zwischen meinen Rippen hat sich gespalten und sitzt fest. Was ich mit der Hand fühlte und mit den Nägeln herausziehen wollte, drückte ich nur noch tiefer hinein, und jetzt giebt es keine Hilfe mehr.« »Bärenfett solltet Ihr trinken, und das gleich zwei Kessel voll.« »Bah, der Pater Cybek sagt auch, daß es gut wäre, wenn sich die Splitter auf irgend eine Weise herausarbeiten würden, allein woher kann ich das Fett bekommen? In Bogdaniec freilich, da braucht man nur die Axt zu nehmen und bei den Bienenstöcken in der Nacht zu lauern.« »Na, da müßt Ihr eben nach Bogdaniec. Nur dürft Ihr nicht unterwegs sterben.« Der alte Macko schaute den Bruderssohn voll Rührung an. »Ich weiß, wo Du am liebsten wärest,« meinte er. »Am Hofe des Fürsten Janusz oder bei Jurand aus Spychow, um mit ihm gegen die Kreuzritter zu ziehen.« »Das leugne ich nicht. Gerne würde ich mit dem fürstlichen Hofe nach Warschau oder nach Ciechanow reisen, allein hauptsächlich deshalb, um länger mit Danusia zusammen zu sein. Nichts bin ich mehr ohne sie, denn sie ist nicht nur meine Herrin, sie ist auch die Heißgeliebte. Ich möchte sie so gern sehen, daß wenn ich nur an sie denke, es mich mit aller Gewalt zu ihr zieht. Zu ihr würde ich mich aufmachen, selbst wenn es sich um das heilige Land handelte; jetzt aber habe ich zuvörderst Pflichten gegen Euch. Ihr habt mich nicht verlassen, ich verlasse Euch nicht. Ihr wollt nach Bogdaniec – also auf nach Bogdaniec!« »Du bist ein guter Bursche!« rief Macko. »Gott strafe mich, wenn ich Euch gegenüber jemals anders werde. Denkt aber jetzt daran, daß die Wagen schon bereit stehen. In einen davon ließ ich für Euch Heu streuen. Außerdem schenkte uns Amylej auch ein treffliches Federbett, doch fürchte ich, es könnte Euch zu heiß darauf werden. Wir reisen zusammen mit der Fürstin und dem ganzen Hofe, damit es Euch nicht an Pflege gebreche. Später trennen wir uns, jene wenden sich nach Masovien, und wir ziehen in die Heimat. Gott verleihe uns seinen Schutz dazu!« »Nur noch so lange möchte ich leben, bis ich die Burg neu aufgebaut habe!« rief Macko, »denn ich bin überzeugt, Du wirst nach meinem Tod nicht allzuviel an Bogdaniec denken.« »Weshalb sollte ich nicht daran denken?« »Weil Dir der Krieg, weil Dir die Liebe im Kopfe stecken werden.« »Und steckte Euch nicht selbst der Krieg im Kopfe? Gerade eben habe ich mir ganz genau ausgemalt, was ich zu thun haben werde. Hört, zu allererst baue ich die Burg auf und lasse einen tiefen Graben rings um die Wälle ziehen.« »Daran dachtest Du?« fragte Macko gespannt. »Nun, und wenn die Burg steht, was gedenkst Du dann zu thun, sprich!« »Sobald die Burg fertig gebaut ist, begebe ich mich an den fürstlichen Hof in Warschau oder in Ciechanow.« »Nach meinem Tode?« »Wenn Ihr vorher sterbt, nach Euerem Tode. Doch zuvor lasse ich Euch würdig zur Erde bestatten! Wenn Euch aber der Herr Jesus gesunden läßt, dann bleibt Ihr in Bogdaniec zurück. Mir hat die Fürstin versprochen, daß ich von dem Fürsten zum Ritter gegürtet werde. Das muß ich erreichen, denn sonst würde Lichtenstein sich mir nicht stellen.« »Brichst Du von dort nach Marienburg auf?« »Nach Marienburg oder in das gelobte Land, wenn Lichtenstein nur dort zu treffen wäre.« »Darob tadle ich Dich nicht. Dein Tod oder der seine!« »Gebt acht, bald überbringe ich Euch nach Bogdaniec dessen Handschuh, dessen Gürtel – hegt nur keine Furcht!« »Wenn Du Dich nur vor einem Ueberfall zu schützen weißt.« »Ich mache einen Fußfall vor dem Fürsten Janusz, damit er mir einen Geleitsbrief an den Großmeister gebe. Jetzt herrscht überall Ruhe. Mit dem Geleitsbriefe begebe ich mich nach Marienburg. Dort ist immer ein ganzer Haufen Ritter zu Gaste. Und wißt Ihr was? – Zuerst kommt Lichtenstein an die Reihe, dann werde ich Umschau halten, welche Ritter Pfauenbüsche auf dem Helme tragen – und einen nach dem andern fordere ich zum Kampfe. Gebe nur der Herr Jesus auch seinen Segen dazu, daß ich mein Gelübde vollbringen kann.« Bei diesen Worten lachte Zbyszko hell auf über seine eigenen Gedanken, und er sah aus wie ein Knabe, der verkündet, welche Ritterthaten er ausführen will, sobald er herangewachsen ist. »Ei,« sagte Macko, den Kopf schüttelnd, »wenn Du drei Ritter aus angesehenem Geschlechte den Garaus gemacht, hast Du Dein Gelübde erfüllt. Aber dann nimmst Du ihnen gewiß auch ihre Sachen ab! Du lieber Gott!« »Ach was drei!« rief Zbyszko aus, »schon im Gefängnisse sagte ich mir selbst, daß ich Danusia gegenüber nicht knausern werde. So viele müssen es sein als ich Finger an der Hand habe – nicht drei.« Macko zuckte die Achseln. »Ihr mögt Euch wundern, es nun glauben oder nicht, aber ich gehe sicherlich von Marienburg zu Jurand von Spychow. Weshalb sollte ich ihm nicht meine Verehrung bezeigen, da er doch Danusias Vater ist? Und mit ihm werde ich die Kulmer Deutschen überfallen. Ihr sagtet ja selbst, in ganz Masovien gebe es keinen Menschen, der einen solchen Ingrimm auf die Kreuzritter hat wie Jurand.« »Und wenn er Dir Danusia nicht giebt?« »Warum sollte er sie mir nicht geben? Er will sich an seinen Feinden rächen, ich mich an den meinigen. Und weiß er vielleicht einen, der besser ist als ich? Wenn die Fürstin die Ehe befürwortet, wird er nichts dagegen einzuwenden haben.« »Eines habe ich nun schon bemerkt,« sagte Macko, »Du willst alle Leute aus Bogdaniec mitnehmen, damit Du ein Gefolge und das Ansehen eines Ritters hast, aber dann würde es ja an Händen fehlen, die den Boden bebauen. So lange ich lebe, gebe ich es also nicht zu; doch nach meinem Tode wirst Du sie alle mitnehmen.« »Unser Herrgott wird mir für ein Gefolge sorgen, und da Janko von Tulcza mein Blutsverwandter ist, wird es mir nicht daran fehlen.« In diesem Augenblick öffnete sich die Thüre, und wie zum Zeichen, daß Gott in der That dem Zbyszko für ein Gefolge sorgen werde, erschienen plötzlich zwei untersetzte Männer mit dunkler Gesichtsfarbe, von denen ein jeder einen gelben Kaftan, wie er bei den Juden gebräuchlich war, weite Pluderhosen trug und ein rotes Käppchen auf dem Haupte hatte. An der Thüre stehen bleibend, legten sie die Finger an Stirne, Mund und Brust und verneigten sich bis zur Erde. »Wer sind diese Abtrünnigen?« fragte Macko, »was seid Ihr für Leute?« »Euere Sklaven.« erwiderten die Eingetretenen mit fremdländischem Accent. »Wie? Woher seid Ihr? Wer hat Euch hierher geschickt?« »Uns schickt Herr Zawisza als Geschenk für diesen jungen Ritter, damit wir ihm als Sklaven dienen.« »Guter Gott! Also zwei Leute mehr!« rief Macko voll Freude, »Und welchem Volke gehört ihr an?« »Wir sind Türken!« »Türken?« wiederholte Zbyszko. »Also werde ich zwei Türken im Gefolge haben. Habt ihr jemals Türken gesehen, Oheim?« Und auf sie zuspringend drehte er sie im Kreise umher und betrachtete sie wie ganz eigenartige, überirdische Geschöpfe. Macko aber sagte: »Gesehen habe ich noch keine Türken, doch ich hörte, daß der Herr aus Garbow Türken im Dienste hat, die er als Gefangene mit sich nahm, als er an der Donau unter dem deutschen Kaiser Sigismund kämpfte. – Aber wie, Ihr seid ja hundsföttige Heiden!« »Der Herr ließ uns taufen,« sagte einer der Gefangenen. »Hattet ihr keine Mittel, Euch loszukaufen?« »Von weit her, vom asiatischen Gestade, aus Grusso kommen wir.« Zbyszko, der sich immer gerne vom Krieg erzählen ließ, vornehmlich wenn es sich um die Thaten des hochberühmten Zawisza aus Garbow handelte, begann nun die beiden darüber auszuforschen, wie sie in Gefangenschaft geraten waren. Allein die Berichte der Gefangenen enthielten nichts Außergewöhnliches. Vor drei Jahren hatte Zawisza eine Schar Krieger in einem Hohlwege überfallen. Ein Teil davon wurde aufgerieben, ein Teil gefangen genommen und dann verschenkt. Zbyszko und Macko wußten sich nicht zu lassen vor Freude über das ansehnliche Geschenk, vornehmlich da es in jener Zeit an Leuten mangelte und man den Ritter reich nannte, der über viele gebot. Mittlerweile erschien Zawisza selbst, in Gesellschaft von Powala und Paszko Zlodziej aus Viskupice. Da sie alle an Zbyszkos Befreiung mitgewirkt hatten und froh waren, ihm dies zeigen zu können, brachte ihm jeder zum Abschied eine Gabe als Andenken. Der freigebige Herr aus Taczew gab ihm eine kostbare, mit goldenen Fransen benähte Pferdedecke, Paszko ein ungarisches Schwert, das zehn Greywna Eine Silbermünze, deren Wert achtundzwanzig polnische Groschen beträgt. Anmerk. der Uebersetzerinnen wert war. Diesen beiden Rittern folgten noch Lis aus Targowisko, Farnrej und Krzon aus Kozichglowy mit Martin aus Wrocimowice; zuletzt kam Zindram aus Maszkowice, ein jeder mit vollen Händen. Zbyszko begrüßte sie mit überströmendem Herzen, fühlte er sich doch doppelt glücklich, nicht nur der Geschenke wegen, sondern auch darüber, daß die berühmtesten Ritter im ganzen Reiche solche Freundschaft für ihn an den Tag legten. Sie aber fragten besonders danach, wie es sich mit der Reise und der Wunde Mackos verhalte, indem sie als erfahrene, wenngleich junge Leute, verschiedene Salben und Arzneien empfahlen, die bei der Heilung von Wunden schon Wunder gewirkt hätten. Doch Macko bat sie nur um Schutz für Zbyszko, weil er selbst bald in das Jenseits eingehen werde. Das Leben sei nicht leicht, wenn man einen Eisensplitter zwischen den Rippen habe, sagte er. Er beklagte sich auch darüber, daß er fortwährend Blut speie und nichts essen könne. Eine Quart ausgehülster Nüsse, zwei Spannen von einer Wurst, eine Schüssel mit einer Eierspeise – das sei seine ganze tägliche Nahrung. Der Pater Cybek habe ihm schon einige Male zur Ader gelassen, weil er es glaubte, daß dadurch das Fieber gebrochen werde und die Eßlust zurückkehre – allein auch dies habe nichts geholfen. Gleichwohl war er so erfreut über die seinem Bruderssohn dargebrachten Geschenke, daß er sich in diesem Augenblick weniger krank fühlte, und als der Kaufmann Amylej ein Faß Wein in die Stube bringen ließ, um so angesehene Gäste zu ehren, begann er mit ihnen zu zechen. Nun wurde Zbyszkos Befreiung und sein Verlöbnis mit Danusia eifrig besprochen. Die Ritter glaubten, Jurand aus Spychow werde sich dem Willen der Fürstin nicht widersetzen, besonders wenn Zbyszko Rache für dessen Gattin nehmen und die Danusia angelobte Helmzier noch erobern werde. »Was nun Lichtenstein anbelangt,« sagte Zawisza, »so weiß ich nicht, ob er sich Dir stellen wird, da er Ordensbruder ist und zudem die Würde eines Starosten bekleidet. Die Leute aus seinem Gefolge sagen sogar, wenn er es abwarten könne, werde er mit der Zeit sogar Großmeister.« »Lehnt er aber den Kampf ab, so geht er seiner Ehre verlustig,« ließ sich Lis aus Tarzowisko vernehmen. »Ihr irrt Euch,« entgegnete Zawisza. »Er ist ja kein weltlicher Ritter, und den Ordensrittern steht es nicht frei, sich zum Zweikampfe zu stellen.« »Und doch kommt es häufig vor, daß sie sich stellen.« »Weil die Gesetze des Ordens nicht befolgt werden. Aber zum Kampf auf Leben und Tod wird ein Kreuzritter, vornehmlich ein Komtur sich nicht stellen.« »Ha! Im Kriege wenigstens wird er Dir nicht entgehen!« »Aber man sagt ja, es komme nicht zum Kriege, weil die Kreuzritter jetzt unser Volk fürchten,« bemerkte Zbyszko. Darauf entgegnete Zindram aus Maszkowice: »Lange wird dieser Friede nicht dauern. Aber mittlerweile müssen wir uns vielleicht mit Timur dem Lahmen messen, Fürst Witold trug ja von Edyga eine empfindliche Schlappe davon, das ist gewiß.« »Das ist gewiß! Und der Wojwode Spytek ist gar nicht zurückgekehrt,« bestätigte Paszko. »Auch eine Anzahl von litauischen Fürsten blieb auf dem Felde.« »Die hochselige Königin hatte vorausgesagt, daß es so kommen werde,« bemerkte der Herr aus Taczew. »Ha! Und wir werden thatsächlich noch gezwungen uns auf Timur zu werfen.« Das Gespräch wendete sich nun auf den litauischen Kriegszug gegen die Tataren. Darüber herrschte kein Zweifel, daß Fürst Witold kein kaltblütiger, sondern ein unvorsichtiger Anführer war. Er hatte eine furchtbare Niederlage bei Worskla erlitten, wo eine Menge russischer und litauischer Bojaren, samt einigen Rittern, die zu der polnischen Hilfstruppe gehörten, und sogar auch Kreuzritter gefallen waren. Die Niederlage der Litauer konnte für das ganze Reich Jagiellos verhängnisvoll werden, weil niemand genau wußte, ob die durch ihren Sieg über Witold ermutigten Tataren nicht in das Großfürstentum einfallen würden. In solchem Falle mußte das Königreich auch in den Krieg verwickelt werden. So waren denn die Ritter, welche wie Zawisza, Farurej, Dobko und sogar wie Powala gewohnt waren, auf Abenteuer und Kämpfe an fremden Höfen auszugehen, jetzt in Krakau geblieben, weil sie nicht wußten, was die nächste Zeit bringen werde. Denn falls Tamerlan, der siebenundzwanzig Länder beherrschte, das mongolische Reich in Unruhe versetzte, konnte die Gefahr unermeßlich werden. Und es gab Leute genug, welche voraussagten, daß es so kommen werde. »Wenn es nötig sein sollte, werden wir uns mit dem Lahmen selbst messen,« sagten die Ritter. »In unserer Heimat wird ihm nicht alles so leicht fallen, wie in all den Ländern, welche er erobert und verwüstet hat, denn die andern christlichen Fürsten werden uns ja auch zu Hülfe kommen.« Darauf bemerkte Zindram aus Maszkowice, welcher einen ganz besondern Haß gegen die Kreuzritter hegte, voll Bitterkeit: »Die Fürsten, das weiß ich nicht! Aber die Kreuzritter sind gewiß entschlossen, ein Bündnis mit den Tataren einzugehen und gegen uns auf der feindlichen Seite zu kämpfen.« »Oh, das wird einen Krieg geben!« rief Zbyszko aus. »Gegen die Kreuzritter darf ich also kämpfen!« Allein dem widersprachen die andern Ritter. Ihrer Ansicht nach kannten die Kreuzritter zwar keine Schonung ihrer östlichen Nachbarn, aber daß sie den Heiden gegen die christlichen Völker beistehen würden, war doch nicht anzunehmen. Uebrigens befand sich Timur auf einem Kriegszuge irgendwo in weiter Ferne in Asien, und der tatarische Feldherr Edyga hatte so viele Leute in der Schlacht verloren, daß ihm wahrscheinlich der eigene Sieg Schrecken einflößte. Die Ritter standen gerade im Begriffe, sich zu entfernen, als ein Hofherr der Fürstin mit einem Falken auf der Hand eintrat. Nachdem er sich vor den Rittern verneigt hatte, wendete er sich mit eigentümlichem Lächeln zu Zbyszko: »Die hohe Frau befahl mir, Euch zu sagen,« begann er, »daß sie heute noch in Krakau übernachten und erst morgen in der Frühe aufbrechen werde.« »Es ist gut!« erwiderte Zbyszko, »aber weshalb denn? Ist jemand erkrankt?« »Nein; doch hat die Fürstin einen Gast aus Masovien.« »Ist der Fürst selbst angelangt?« »Nicht der Fürst, aber Jurand aus Spychow,« entgegnete der Hofherr. Als Zbyszko dies hörte, geriet er in die größte Bestürzung, und sein Herz klopfte eben so heftig wie damals, als ihm das Todesurteil verlesen worden war. Zweites Kapitel. Jurands Ankunft setzte die Fürstin Anna nicht in Erstaunen, weil es häufig vorkam, daß ihn während seiner kriegerischen Unternehmungen, seiner Kämpfe mit den benachbarten deutschen Rittern plötzlich eine tiefe Sehnsucht nach Danusia überkam. Dann erschien er ganz unerwartet entweder in Warschau oder in Ciechanow oder an irgend einem anderen Orte, wo sich der Hof des Fürsten Janusz gerade befand. Wehmütige Empfindungen schwellten stets sein Herz beim Anblick seines Kindes. Ward doch Danusia mit der Zeit ihrer Mutter so ähnlich, daß er jedesmal glaubte, die Verstorbene vor sich zu sehen, wie er sie einst bei der Fürstin Anna in Warschau kennen gelernt hatte. Dann konnte man zuweilen glauben, sein starres Herz, das sich sonst nur rachsüchtigen Empfindungen hingab, müsse brechen vor Leid. Gar oft redete ihm die Fürstin zu, seine Burg zu verlassen, an deren Mauern das Blut unzähliger Erschlagenen klebte, und am Hofe bei Danusia zu bleiben. Der Fürst selbst, welcher Jurands Mut und Bedeutung wohl zu schätzen wußte, sich aber andererseits auch von der Sorge befreien wollte, welche ihm durch die fortwährenden Zusammenstöße an der Grenze bereitet wurde, bot ihm das Amt eines Schwertträgers an. Doch umsonst. Gerade der Anblick Danusias riß die alte Wunde von neuem auf. Schon nach wenigen Tagen verlor Jurand stets die Lust am Essen, der Schlaf floh ihn, und er vermied jedes Gespräch. Alles in ihm schien sich zu empören, sein Blut geriet in Wallung, schließlich verschwand er vom Hofe und kehrte in sein sumpfiges Spychow zurück, um Leid und Groll wieder in Blut zu ersäufen. Dann pflegten die Leute zu sagen: »Wehe den Deutschen! Es sind keine Lämmer, aber Jurand stürzt sich auf sie wie der Wolf auf die Lämmer.« Nach Ablauf einer gewissen Zeit verbreitete sich in der That häufig die Kunde von der Gefangennahme der freiwilligen ausländischen Krieger, welche sich an der Grenze bei den Kreuzrittern angesammelt hatten, und man hörte von verbrannten Schlössern, von aufgegriffenen Bauern und von Zweikämpfen auf Leben und Tod, aus welchen der schreckliche Jurand immer als Sieger hervorging. Bei der ungezügelten Natur der Masuren und der deutschen Ritter, denen von seiten des Ordens das an Masovien grenzende Land samt den Burgen verliehen worden war, hörten auch dann, wenn die masovischen Fürsten scheinbar Frieden mit dem Orden geschlossen hatten, die Kämpfe niemals ganz auf. Selbst um die Bäume im Walde zu fällen oder die Saat zu ernten, zogen die Bewohner mit Armbrust und Speer bewaffnet aus. Die Leute lebten in beständiger Sorge um den kommenden Tag, sie mußten fortwährend zum Kampfe bereit sein, denn überall zeigte sich Härte und Grausamkeit. Niemand begnügte sich damit, sich selbst zu schützen, zu verteidigen, sondern man vergalt Raub mit Raub, Brandstiftung mit Brandstiftung, feindliche Ueberfälle mit Ueberfällen. Gar oft, wenn die Deutschen behutsam am Waldessaum dahinschlichen, um irgend eine Burg zu überrumpeln, um die Bauern und das Vieh fortzuführen, thaten die Masuren zur gleichen Zeit das Gleiche. Häufig trafen sie zusammen und schlugen solange auf einander, bis sie kampfunfähig waren, oftmals forderten sich auch nur die Anführer zum Kampfe auf Leben und Tod heraus, und dann ward der Sieger unumschränkter Herrscher über das Gefolge des Besiegten. An den Warschauer Hof gelangten denn auch viele Klagen über Jurand, der Fürst hingegen beklagte sich über die häufigen Einfälle der deutschen Ritter in fremde Gebiete. Da nun von beiden Seiten Gerechtigkeit verlangt wurde, aber keine der beiden Parteien sich dem Gesetze fügen wollte oder konnte, gingen alle Räubereien, Brandstiftungen und Ueberfälle ungestraft vorüber. Wenn sich Jurand, über Rachegedanken brütend, in seinem sumpfigen, mit Schilf bewachsenen Spychow aufhielt, drohte seinen deutschen Nachbarn so viel Unheil, daß schließlich ihre Furcht die Oberhand über ihren Haß gewann. Die an Spychow grenzenden Felder wurden nicht bebaut, wilder Hopfen und Haselnußsträucher schossen in den Wäldern empor, die Wiesen waren mit allerlei unnützen Gewächsen bedeckt. Mehrere deutsche Ritter, welche das in ihrem Vaterlande herrschende Faustrecht rücksichtslos ausübten, versuchten, sich in der Umgegend von Spychow anzusiedeln, aber jeder zog es nach einiger Zeit vor, das ihm zu Lehen gegebene Land samt dem Vieh, samt den Bauern zu verlassen, um nicht in der Nähe dieses rachsüchtigen, unerbittlichen Mannes leben zu müssen. Zuweilen verbanden sich die Ritter und zogen mit einander gegen Jurand aus, aber dies endigte für sie stets mit einer Niederlage. Nun verfiel man auf die verschiedenartigsten Mittel. So berief man einen durch seine Kraft und Stärke bekannten Ritter, der unweit Jurands hauste und aus allen Fehden siegreich hervorgegangen war, damit er letzteren zum Kampfe auf festgetretener Erde fordere. Aber als sie sich in den Schranken gegenüberstanden, verließ den Deutschen der Mut wie durch Zauber beim Anblick des schrecklichen Masuren, und er wandte sein Pferd zur Flucht. Jurand aber stieß ihm die Lanze in den unbeschützten Rücken, so daß der fremde Ritter von diesem Tage an seiner Ehre und seines Ruhmes verlustig ging. Von nun an ward Jurand noch mehr von seinen Nachbarn gefürchtet, und sobald ein Deutscher auch nur von ferne den von Spychow aufsteigenden Rauch gewahrte, bekreuzte er sich und sprach rasch ein Gebet zu seinem Schutzheiligen im Himmel, denn es ging die Rede, Jurand habe, um seiner Rache willen, seine Seele bösen Geistern verschrieben. Ueber Spychow verbreiteten sich die ungeheuerlichsten Dinge. Man erzählte sich, durch den klebrigen Morast, zwischen Binsen, Froschlattich und Wassertümpeln führe ein so schmaler Pfad zur Burg, daß zwei Reiter nicht im stande seien, neben einander zu bleiben, sondern sich hintereinander durcharbeiten müßten. Zu beiden Seiten des Weges aber könne man die gebleichten Gebeine der deutschen Ritter liegen sehen, während sich des Nachts auf Spinnenfüßen die Köpfe der Ertrunkenen dort ergingen, um unter Winseln und Klagen die sich nähernden Menschen samt den Pferden in die Tiefe zu ziehen. Auch behaupteten viele, die Palissaden der Burg seien mit Menschenschädeln geschmückt. Wohl war es richtig, daß in den unterirdischen Gewölben in Spychow immer einige Gefangene schmachteten, und schließlich erregte der Name Jurands noch größere Furcht als all jene erfundenen Dinge von Gerippen und Ertrunkenen. Kaum hatte Zbyszko Jurands Ankunft erfahren, als er sich mit dem Hofherrn auf den Weg machte, wenn schon er dem Zusammentreffen mit dem Vater Danusias in einer gewissen Erregung entgegensah. Daß er Danusia zu seiner Herrin erwählt, sich ihr angelobt hatte, konnte ihm niemand verwehren, aber jetzt war er ja durch die Fürstin mit Danusia verlobt worden. Was wohl Jurand darüber sagen mochte! Ob er seine Einwilligung geben werde oder nicht? Und wie würde es werden, wenn er ihn als Vater mit rauhen Worten zurückwiese und die Heirat niemals zuließe? Diese Fragen erfüllten Zbyszkos Herz mit banger Furcht, denn Danusia galt ihm mehr als alles andere auf der Welt. Einzig nur der Gedanke flößte ihm Mut ein, daß Jurand ihm jenen Ueberfall auf Lichtenstein als Verdienst, nicht als Fehler anrechnen werde, da auch der Gedanke, Danusias Mutter zu rächen, ihn dazu angetrieben hatte und er beinahe deshalb das eigene Leben eingebüßt hätte. Unterwegs begann er den ihn geleitenden Hofherrn auszuforschen, welcher seinetwegen zu Amylej gekommen war. »Wohin führt Ihr mich?« fragte er. »Auf das Schloß?« »Auf das Schloß allerdings. Jurand hält sich mit dem Hofe der Fürstin dort auf.« »Sagt mir doch, was das für ein Mensch ist, damit ich weiß was ich mit ihm reden soll.« »Was soll ich Euch sagen? Er ist ganz anders als andere Leute. Man sagt, früher sei er heiter gewesen, das heißt, ehe ihm das Blut zu Galle geworden ist.« »Ist er ein kluger Mann?« »Arglistig ist er, denn andre schindet er und sich selbst giebt er nicht, wie er ist. Wohl hat er nur ein Auge, denn das andere haben ihm die Deutschen mit Pfeilen ausgeschossen, aber mit dem einen kann er einem Menschen bis ins innerste Herz sehen. Niemand ist im stande, es mit ihm aufzunehmen. Nur die Fürstin liebt er, ihr Hoffräulein hat er zur Gattin genommen und jetzt erzieht sie seine Tochter.« Zbyszko holte tief Atem. »Sagt mir nur, ob er sich dem Wunsche der Fürstin nicht widersetzt!« »Ich weiß, was Ihr wissen wollt, und was ich hörte, werde ich Euch sagen. Die Fürstin redete mit ihm von Euerm Verlöbnis, denn es wäre nicht richtig gewesen zu schweigen, aber was er darauf antwortete – ist mir unbekannt.« So sprechend, gelangten sie zum Thore. Der Hauptmann der königlichen Bogenschützen, der nämliche, welcher Zbyszko damals zum Schafott geleitet hatte, begrüßte ihn jetzt mit einem freundlichen Kopfnicken. An der Wache vorüber kamen sie bis zum Schloßhofe und wendeten sich dann rechts nach einem Seitengebäude, worin die Fürstin wohnte. Der Hofherr fragte einen Pagen, den sie am Eingänge trafen: »Wo befindet sich Jurand aus Spychow?« »In der gewölbten Kemenate bei seiner Tochter.« »Das ist hier!« sagte der Hofherr, auf eine Thüre zeigend. Zbyszko bekreuzte sich, und den Vorhang an der offenen Thüre zur Seite schiebend, trat er mit klopfendem Herzen ein. Aber er gewahrte Jurand und das junge Mädchen nicht sogleich, da es in der niedrigen gewölbten Kemenate ziemlich dunkel war. Erst nach einer Weile erblickte er das helle Köpfchen Danusias, die auf dem Schoße ihres Vaters saß. Der Eintritt Zbyszkos wurde nicht bemerkt, er blieb daher am Vorhange stehen, räusperte sich und sagte schließlich: »Gelobt sei Jesus Christus!« »Von Ewigkeit zu Ewigkeit!« erwiderte Jurand, sich erhebend. Jetzt sprang Danusia dem jungen Ritter entgegen, und seine Hand ergreifend, rief sie aus: »Zbyszko! Mein Vater ist angekommen!« Zbyszko küßte ihre Hand, dann trat er mit ihr zu Jurand und sagte: »Ich komme, Euch zu begrüßen. Ihr wißt doch, wer ich bin?« Dann verneigte er sich tief und machte eine Bewegung, als ob er Jurands Knie umfassen wolle, doch dieser ergriff seine Hand, drehte ihn gegen das Licht und betrachtete ihn schweigend. Zbyszko, der indessen seine Kaltblütigkeit wieder erlangt hatte, schaute jetzt neugierig empor und sah die mächtige Gestalt eines Mannes mit flachsblondem Haare und Bart, pockennarbigem Gesichte und stahlgrauem Auge. Ihn dünkte, dessen Blick durchbohre ihn, wodurch er abermals in Verwirrung geriet, sodaß er schließlich nicht mehr wußte, was er sagen sollte, und nur, um dem beunruhigenden Schweigen ein Ende zu machen, fragte: »So seid Ihr Jurand aus Spychow, Danusias Vater?« Ohne ein Wort zu erwidern, ihn aber fortwährend anschauend, deutete dieser nach der Bank aus Eichenholz, worauf er selbst wieder Platz nahm. Da wurde Zbyszko ungeduldig. »Wisset,« sagte er, »daß es mir peinlich ist, hier zu sitzen wie vor meinem Richter!« Jetzt erst ergriff Jurand das Wort. »Du willst Lichtenstein zum Zweikampf fordern?« »Was sollte ich denn sonst vorhaben?« antwortete Zbyszko. In den Augen des Herrn von Spychow blitzte ein seltsames Feuer auf, und sein strenges Gesicht wurde etwas freundlicher. Einen Blick auf Danusia werfend, fragte er weiter: »Und um ihretwillen?« »Ja, um ihretwillen! Mein Ohm könnte Euch erzählen, daß ich gelobte, die Federbüsche von den Helmen der Deutschen herunterzureißen. Doch nicht nur drei Büsche will ich ihr bringen, sondern mindestens soviele, wie ich Finger an beiden Händen habe. Auch Eurer Rache für Danusias Mutter werde ich dadurch einigermaßen Genüge thun.« »Wehe ihnen!« rief Jurand aus. Zbyszko indessen, der gewahrte, daß Jurand es sehr wohl aufnahm, wenn er seinem Haß gegen die Ordensritter Ausdruck verlieh, fuhr fort: »Nein, ich werde ihnen nichts erlassen, gerade weil ich ihretwegen schon einmal beinahe mein Leben eingebüßt hätte.« Hier wendete er sich zu Danusia und fügte hinzu: »Sie aber hat mich gerettet.« »Ich weiß es,« antwortete Jurand. »Und Ihr seid nicht unwillig darüber?« »Du hast sie zur Herrin erkoren, also war sie im Recht, denn dies ist ein althergebrachter ritterlicher Brauch.« Einen Augenblick bedachte sich Zbyszko, dann jedoch sagte er in sichtlicher Erregung: »Merket wohl. Mit ihrem Schleier hat sie mir das Haupt umhüllt ... Und alle Ritter hörten es, und der Franziskaner, welcher mit dem Kruzifixe neben mir stand, hörte es, wie sie sagte: ›Mein ist er!‹ Gewiß ist auch, daß ich bis zum Tode keiner andern angehören werde, so wahr mir Gott helfe!« Bei diesen Worten kniete er nieder, und um zu zeigen, daß er die ritterlichen Sitten kenne, küßte er mit großer Ehrerbietung die Füße der auf der Banklehne sitzenden Danusia, dann erhob er sich, und zu Jurand gewendet, fragte er: »Habt Ihr jemals eine Zweite wie sie gesehen?« Doch Jurand schlug plötzlich seine gewaltthätigen, mörderischen Hände über dem Haupte zusammen, und die Augen zudrückend, sprach er in dumpfem Tone: »Wohl sah ich eine, aber die Deutschen haben sie getötet.« »Hört mich an!« rief nun Zbyszko voll Feuer. »Uns beiden ist dieselbe Schmach zugefügt worden, wir beide dürsten nach Rache. Jene Elenden schossen ja auch eine Schar der Unsrigen aus Bogdaniec, deren Pferde im Sumpfe stecken geblieben waren, mit ihren Pfeilen nieder. Wahrlich, einen Bessern als mich könnt Ihr für Euer Werk nicht finden. Derartige Kämpfe sind mir nichts Neues. Fragt nur den Ohm. Lanze und Streitaxt, das lange und das kurze Schwert weiß ich zu führen, und alles gilt mir gleich. Hat Euch der Oheim schon von den Friesen erzählt? Die Deutschen werde ich wie Lämmer abschlachten! Und was meine Herrin anbelangt, so gelobe ich Euch hiermit knieend, daß ich ihretwegen mit dem teuflischen Starosten kämpfen will, und daß ich ihr nicht entsagen würde, wenn man mir auch große Reichtümer, ja, wenn man mir die ganze Welt als Preis dafür böte. Und gäbe man mir auch eine Burg mit Glasfenstern – wenn ich Danusia nicht mein eigen nennen dürfte, so verließe ich diese Burg und wanderte der Heißgeliebten nach bis ans Ende der Welt.« Das Gesicht in den Händen verborgen, saß Jurand lange Zeit da, aber endlich fuhr er, wie aus einem Traum erwachend, empor und sagte in düsterem, traurigem Tone: »Du gefällst mir, Bursche, doch gebe ich Dir meine Tochter nicht, denn Dir ist sie nicht bestimmt, die Aermste.« Als Zbyszko dies hörte, verstummte er. Mit weit aufgerissenen Augen blickte er auf Jurand, ohne ein Wort hervorbringen zu können. Danusia kam ihm indessen zu Hilfe. Zbyszko war ihr lieb, und es war ihr angenehm, als erwachsenes Mädchen, nicht mehr als Kind betrachtet zu werden. Ihr gefiel das Verlöbnis, ihr gefielen die zarten Dienste, die ihr der junge Ritter erwies; als sie daher vernahm, daß sie all dessen wieder beraubt werden solle, sprang sie rasch von ihrem Sitze herab, und ihr Gesichtchen auf den Knieen des Vaters verbergend, rief sie: »Väterchen, Väterchen! Du wirst sehen, wie ich weine!« Offenbar liebte Jurand sein Kind über alles, denn er legte sanft seine Hand auf dessen Haupt. Aller Ingrimm, alle Strenge waren jetzt aus seinem Gesichte verschwunden, nur eine tiefe Trauer malte sich darin. Indessen hatte Zbyszko seine Kaltblütigkeit wieder erlangt, und er sagte: »Wie? Dem göttlichen Gebote wollt Ihr Euch widersetzen?« »Ist es der Wille Gottes, so bekommst Du sie zum Weibe, aber meine Zustimmung kann ich Dir nicht geben. Wenn ich es vermöchte, würde ich mir zu gern Deinen Wunsch erfüllen.« Bei diesen Worten hob Jurand Danusia empor, und, sie auf den Arm nehmend, eilte er der Thüre zu, als aber Zbyszko ihm in den Weg treten wollte, wandte er sich nochmals zu ihm und sagte: »Ob Deiner Ritterdienste bin ich Dir nicht gram, aber frage nichts mehr, denn ich kann Dir nicht Rede stehen.« Damit verließ er die Kemenate. Drittes Kapitel. Am folgenden Tage suchte Jurand weder Zbyszko zu meiden, noch stellte er ihm ein Hindernis in den Weg, Danusia die verschiedenen Dienste zu erweisen, die ihm seine Ritterpflicht auferlegte. Im Gegenteile – Zbyszko bemerkte trotz des Schmerzes, der ihm das Herz zerriß, daß der finstere Herr aus Spychow ihn zuweilen voll Wohlwollen, voll Wehmut betrachtete, gerade als ob es ihn schmerze, eine so grausame Antwort erteilt zu haben. Jurand bemühte sich sogar sichtlich, soviel wie möglich mit dem jungen Edelmanne zusammenzusein, um ein Gespräch mit ihm anknüpfen zu können. Während der Reise, nach dem Aufbruche aus Krakau, mangelte es nicht an Gelegenheit dazu, geleiteten doch beide die Fürstin zu Pferde. Der gewöhnlich unendlich schweigsame Jurand zeigte sich sogar zuweilen erstaunlich gesprächig; sobald jedoch Zbyszko die geheimnisvollen Gründe zu erforschen suchte, die ihn und Danusia trennten, brach Jurand das Gespräch plötzlich ab, sein Gesicht verfinsterte sich, und er blickte unruhig auf Zbyszko, als ob er fürchte, er könne sich diesem gegenüber verraten. In der Voraussetzung, die Fürstin sei in alles eingeweiht, ergriff der junge Ritter einen geeigneten Moment, um von ihr die ersehnte Antwort zu erlangen, allein auch sie vermochte ihm nicht viel zu sagen. »Das alles ist ein Geheimnis,« bemerkte sie. »Jurand hat selbst einmal mit mir darüber gesprochen, er bat mich aber gleichzeitig, ihn nicht weiter zu befragen, denn er wolle nicht nur nicht, er dürfe auch nicht darüber reden. Vermutlich bindet ihn irgend ein Eid, wie dies ja häufig der Fall zu sein pflegt. Gott gebe wenigstens, daß sich mit der Zeit alles zum Guten wende.« »Was soll ich auf der Welt thun ohne Danusia!« rief nun Zbyszko. »Ohne sie wäre es mir zu Mute wie dem Hunde nach den Schlägen, wie dem Bären in der Grube. Keine Freude, keine Lust gäbe es für mich. Nein, nur Kummer, nur Seufzen. Gleich jetzt würde ich mit dem Fürsten Witold gen Tawan ziehen, um den Tod im Kampfe gegen die Tataren zu finden, allein ich muß vor allem den Ohm in die Heimat geleiten und dann den Deutschen, mitsamt den Köpfen, die gelobten Pfauenbüsche abreißen. Vielleicht erschlagen die Feinde mich – denn wozu soll ich leben, wenn ich Danusia einem andern überlassen muß?« Daraufhin richtete die Fürstin ihre gütigen blauen Augen auf ihn, indem sie verwundert fragte: »Und würdest Du dies gutwillig zugeben?« »Ich? Niemals, solange ich noch einen Atemzug in der Brust habe. Es sei denn, daß mir die Hand verdorre, und ich das Schwert nicht mehr zu ziehen vermöge.« »Nun also, was willst Du denn?« »Kann ich vielleicht gegen den Willen des Vaters ankämpfen?« »Gerechter Gott, ist dies denn noch nie vorgekommen?« murmelte die Fürstin vor sich hin. Dann aber, sich zu Zbyszko wendend, fügte sie hinzu: »Als ob der Wille Gottes nicht mächtiger wäre als der des Vaters! Und was sagte Jurand? ›Sobald dies der Wille Gottes sein wird‹, sprach er, ›bekommt er sie zum Weibe‹.« »Das gleiche sagte er auch mir!« rief Zbyszko. »Ist es der Wille Gottes,« sprach er, »so bekommst Du sie zum Weibe.« »Siehst Du nun?« »Ach, daß ich auf Euere Gnade bauen darf, huldreiche Frau, das ist mein einziger Trost!« »Ich bin Dir wohl gesinnt, und Danusia läßt nicht von Dir. Gestern erst sagte ich zu ihr: ›Danusia, wirst Du je von Zbyszko lassen?‹ Da antwortete sie: ›Außer Zbyszko will ich keinem angehören.‹ Jung ist Danusia freilich, allein was sie sagt, das hält sie auch, denn das Mägdlein ist edel geboren und nicht hergelaufener Leute Kind. Die Mutter ist ebenso gewesen!« »Dem Himmel sei Dank!« rief Zbyszko. »Nur vergiß nicht, daß auch Du treu zu ihr halten mußt, denn gar viele junge Burschen sind flatterhaft, sie schwören der einen Treue, um sich gleich darauf in eine andere zu verlieben, wenn sie nicht wie an einem Seile festgehalten werden. Ich rede die Wahrheit! Es kommt oft so weit, daß sie nach jedem Mädchen seufzen, wie das Pferd nach dem Futter wiehert.« »Der Herr Jesus möge mich strafen, wenn ich dies thue!« erklärte Zbyszko voll Eifer. »Denke also an das, was ich Dir gesagt habe. Sobald Du den Oheim heimgeleitet haben wirst, kehrst Du an unsern Hof zurück. Dort giebt es für Dich sicherlich Gelegenheit, Dir die Sporen zu verdienen, und dann wird sich Gottes Willen offenbaren. Danusia wird während dieser Zeit reifer werden, und sie wird zum liebenden Weibe erblühen, denn jetzt liebt sie Dich zwar innig – anders kann ich nicht sagen – aber doch nicht in der Weise, wie erwachsene Mädchen zu lieben verstehen. Vielleicht neigt sich Dir Jurands Herz immer mehr zu, denn nach meinem Ermessen ist er Dir nicht gram. Du kannst auch nach Spychow gehen, um gemeinsam mit Jurand gegen die Deutschen zu ziehen, vielleicht trifft es sich, daß Du ihm irgend einen Dienst zu erweisen vermagst und ihn dadurch vollständig auf Deine Seite bringst.« »Das alles erwog ich längst bei mir, gnädigste Fürstin, jetzt aber, da Ihr mir die Erlaubnis dazu gebt, drängt es mich, es auszuführen.« Dieses Gespräch spornte Zbyszkos Thatendurst noch mehr an. Aber schon auf dem ersten Fütterungsplatze verschlimmerte sich der Zustand des alten Macko in einem Maße, daß eine längere Rast erforderlich ward, damit der Kranke wenigstens wieder etwas zu Kräften komme für die Weiterreise. Die gütige Fürstin Anna Danuta überließ ihm zwar alle Heilmittel und Arzneien, die sie bei sich führte, sie selbst aber, so erklärte sie, dürfe nicht länger verweilen. Die beiden Edelleute aus Bogdaniec mußten sich daher von ihr und ihrem Hofstaate verabschieden. In seiner ganzen Länge warf sich Zbyszko zuerst der Fürstin und dann Danusia zu Füßen, indem er dieser nochmals treue Ritterdienste gelobte und ihr versprach, sobald wie möglich nach Ciechanow oder nach Warschau zu kommen, schließlich nahm er sie in seine starken Arme, hob sie empor und sagte mit bewegter Stimme: »Gedenke mein, Du meine holde Blume, gedenke mein, Du Heißgeliebte!« Danusia dagegen umschlang ihn mit ihren Armen wie eine jüngere Schwester den älteren Bruder umschlingt, drückte ihr Stumpfnäschen an seine Wange und erklärte immer wieder, während große Thränen über ihre Wangen rannen: »Ohne Zbyszko gehe ich nicht nach Ciechanow, ohne Zbyszko gehe ich nicht nach Ciechanow!« Von all dem war Jurand Zeuge, allein er zeigte keinerlei Zorn darüber. Im Gegenteile, er verabschiedete sich sehr wohlwollend von dem Jüngling, ja, als er bereits zu Pferde saß, wandte er sich nochmals zu ihm und sagte: »Gott befohlen! Trage mir die Kränkung nicht nach!« »Wie könnte ich Euch eine Kränkung nachtragen, da Ihr doch der Vater Danusias seid!« entgegnete Zbyszko herzlich. Und als er sich tief vor Jurand neigte, drückte ihm dieser kräftig die Hand und ließ sich also vernehmen: »Der Herr verleihe Dir in allem Glück! Verstehst Du mich?« Nach diesen Worten machte er sich auf den Weg. Der junge Ritter begriff sofort, was dieser gütige Ausspruch, was diese letzten Worte für ihn bedeuten sollten, er kehrte daher zu dem Wagen zurück, worin Macko lag und bemerkte: »Seht Ihr nun? Er würde einwilligen, wenn nicht irgend etwas ihn daran hinderte. Ihr seid doch in Spychow gewesen und habt einen scharfen Verstand, Ihr müßtet es daher herausbringen, was das ist.« Macko erteilte indessen keine Antwort. Sein Zustand hatte sich zusehends verschlimmert, war doch das Fieber, welches ihn schon seit frühem Morgen quälte, in solch hohem Grade gestiegen, daß er Zbyszko, den er nicht erkannte, wie erstaunt anstarrte und dann fragte: »Hörst Du die Glocken läuten?« Zbyszko erschrak sehr, denn ihm schoß es durch den Kopf, daß ein Kranker, der Glockengeläute zu hören glaube, dem Tode nahe sei. Er sagte sich, wenn der Alte sterbe ohne den Zuspruch eines Geistlichen, werde er, wenn auch nicht in die Hölle, so doch mindestens in das Fegefeuer kommen, daher beschloß er, ihn weiter bringen zu lassen, um so rasch wie möglich eine Pfarre zu erreichen, wo Macko die letzte Oelung erhalten konnte. So brachen sie denn auf und fuhren die ganze Nacht hindurch. Zbyszko setzte sich zu dem Kranken, der auf Heu gebettet im Wagen lag, und wachte bei ihm bis zum hellen Morgen. Von Zeit zu Zeit reichte er ihm von dem Weine, den ihnen der Kaufmann Amylej mit auf den Weg gegeben hatte, und der durstige Macko trank gierig, was ihm sichtlich Erleichterung verschaffte. Nach dem zweiten Quart kehrte sogar sein Bewußtsein wieder zurück und nach dem dritten schlief er so fest ein, daß Zbyszko sich zuweilen über ihn beugte, um sich zu überzeugen, ob er noch lebe. Der Gedanke allein schon, daß es vielleicht bald zu Ende mit dem Ohm sein werde, bereitete Zbyszko tiefen Schmerz. Bis zur Zeit seiner Gefangenschaft in Krakau hatte er sich selbst niemals Rechenschaft darüber abgelegt, wie sehr er diesen Oheim liebte, der ihm Vater und Mutter ersetzte. Jetzt aber wußte er dies nur zu wohl, und zugleich sagte er sich, das; er nach dessen Tode vollständig vereinsamt sein werde; hatte er doch keine Blutsverwandten außer jenem Abte, dem Bogdaniec verpfändet war, keine Freunde, kurz keinen Menschen, auf dessen Hilfe er jemals rechnen durfte. Als der Morgen dämmerte, fuhr er aus diesen Gedanken empor. Ein heller, aber kalter Tag brach an. Macko befand sich offenbar besser, denn er atmete gleichmäßiger und ruhiger. Doch erst als die Sonne schon eine gewisse Wärme verbreitete, erwachte er, öffnete die Augen und sagte: »Mir ist leichter zu Mute. Wo sind wir?« »Ganz nahe bei Olkusz ... Ihr wißt doch, wo die Silberbergwerke sind, deren Ergebnisse der Schatzkammer zufließen.« »Wenn man doch alles haben könnte, was die Erde birgt! Oh, da könnte Bogdaniec wieder aufgebaut werden.« »Man sieht, daß es Euch besser geht,« antwortete Zbyszko lachend. »Wahrlich für eine Burg aus Stein würde das Geld reichen ... Doch nun wollen wir bis zur Pfarre fahren, dort wird man uns gastlich aufnehmen, und Ihr könnt dann auch beichten. Alles steht in Gottes Hand, aber es ist doch gut, wenn man mit seinem Gewissen im Reinen ist.« »Ich bin ein sündiger Mensch und bin froh, wenn ich in Frieden dahinfahren kann,« versetzte Macko. »Mir träumte heute nacht, daß mir der Teufel die Haut von den Sohlen gezogen hätte. Allein Gott ist mir gnädig, denn jetzt ist mir leichter geworden. Hast Du ein wenig geschlafen?« »Wie hätte ich schlafen können! Ueber Euch mußte ich ja wachen!« »So lege Dich jetzt einige Zeit nieder, sobald wir ankommen, wecke ich Dich.« »Ich kann nicht schlafen!« »Was hindert Dich daran?« Mit großen Augen schaut Zbyszko auf den Oheim. »Die Liebe! Was denn sonst? Von dem ewigen Schmachten und Seufzen habe ich geradezu Stiche in der Seite bekommen. Doch wenn ich mich auch nur eine kurze Zeit aufs Pferd setze, wird mir besser werden.« Er sprang vom Wagen herab und bestieg sein Roß, das ihm von einem Türken vorgeführt ward. Unterdessen preßte Macko vor Schmerz die Hände an seine Wunde, augenscheinlich dachte er aber dabei gar nicht an sein eigenes Leiden, denn er schüttelte heftig den Kopf, schnalzte mit der Zunge und sagte schließlich: »Das wundert mich in der That, ich kann mich nicht genug wundern, wieso Du so sehr nach Liebe dürstest, denn weder Dein Vater noch ich war so.« Statt aller Antwort richtete sich Zbyszko im Sattel hoch auf, stemmte die Arme in die Seiten, warf den Kopf empor und hub mit voller Brust zu singen an. »Meine Thränen, ach sie rinnen bei Tag und bei Nacht, Wohin ist sie entschwunden, die Maid, der ich stets gedacht? Umsonst ist mein Klagen, umsonst ist mein Leid, Ich sehe sie nimmer, die wonnige Maid. Hei!« Und das »Hei« drang tief in den Wald hinein und rief einen Widerhall, ein Echo hervor, das allmählich im Dickicht wieder ausklang. Macko aber, dem seine Wunde fortwährend Schmerzen verursachte, sagte seufzend: »Früher sind die Leute klüger gewesen, verstehst Du mich? – Nichtsdestoweniger hat es auch früher Thoren gegeben,« fügte er indessen nach kurzem Sinnen hinzu. Mittlerweile hatten sie den Wald verlassen, vor ihnen lagen die Hütten der Bergleute, in der Ferne aber erblickten sie das von König Kasimir gegründete Olkusz mit seinen zackigen Mauern und mit seinem Pfarrturme, den Wladislaw Lokietek erbaut hatte. Viertes Kapitel. Der Domherr der Pfarrgemeinde nahm Macko die Beichte ab und bot ihm und Zbyszko so dringend Nachtherberge bei sich an, daß die beiden erst in der Frühe des folgenden Tages wieder aufbrachen. Bei Olkusz wandten sie sich der Richtung nach Schlesien zu, an dessen Grenzen sie sich bis nach Großpolen halten mußten. Auf beiden Seiten des Weges zog sich größtenteils dichter Wald hin, aus dem nach einbrechender Dämmerung häufig das donnerähnliche Gebrüll der Auerochsen und Büffeln erscholl. Des Nachts aber blitzten die Augen von Wölfen aus dem Dickicht hervor. Eine weit größere Gefahr jedoch, als von den wilden Tieren, drohte dem Wanderer und dem Kaufmann auf dieser Straße von seiten der Räuber, sowie von seiten der Ritter aus Schlesien, deren Burgen sich da und dort an der Grenze erhoben. Wohl waren viele dieser Burgen durch polnische Hände zerstört worden, immerhin mußte man jedoch auf seiner Hut sein und durfte es nie unterlassen, nach Sonnenuntergang Waffen zu tragen. So unbehelligt fuhren aber jetzt die Reisenden dahin, daß Zbyszko dieser Ruhe überdrüssig wurde, und erst als sie nur noch eine Tagreise von Bogdaniec entfernt waren, vernahmen sie plötzlich in der Nacht Schnauben und Pferdegetrappel hinter sich. »Was für Leute mögen uns wohl nahe sein?« rief Zbyszko. Macko, der gerade nicht schlief, schaute zu den Sternen empor und antwortete als erfahrener Mann: »Die Morgendämmerung bricht an, die Nacht geht zur Neige. Räuber werden es daher wohl schwerlich sein, denn vor dem Tageslichte bergen sie sich hinter ihren Mauern.« Zbyszko ließ nichtsdestoweniger den Wagen anhalten, stellte seine Leute, welche den Ankommenden die Spitze bieten sollten, quer über den Weg und wartete, vor die Front reitend, was da geschehen werde. Aber erst nach geraumer Zeit unterschied er in der Dämmerung etliche zwanzig Reiter. Einer von ihnen ritt den andern mehrere Schritte voraus. Nichts schien ihm ferner zu liegen, als sich verbergen zu wollen, schmetterte er doch mit kräftiger Stimme ein Lied in die Morgenluft. Zbyszko vermochte zwar nicht die Worte zu verstehen, nur das fröhliche »Juchhe«, das der Unbekannte fast nach jeder Strophe wiederholte, drang deutlich an sein Ohr. »Einer von den Unsrigen!« sagte er sich. Gleichwohl aber rief er: »Halt!« »Ruhe! Ruhe!« gebot eine Stimme in scherzhaftem Ton. »Was seid Ihr für Leute?« »Wo kommt Ihr denn her?« »Weshalb folgt Ihr uns nach?« »Weshalb verstellt Ihr uns den Weg?« »Antworte, denn die Armbrust ist gespannt.« »Ich bin gespannt, schießt nur!« »Gebt eine vernünftige Antwort, sonst kommt Ihr ins Elend.« Dem Gebot Zbyszkos ward indessen nicht entsprochen, sondern der fröhliche Gesang ertönte: Ein Elend mit dem andern Elend Am Scheideweg zum Tanze geht. Juchhe, Juchhe, Juchhe! Was taugt für beide der Tanz? Schön ist's zu tanzen, wenn auch groß das Elend. Juchhe, Juchhe, Juchhe! Staunend lauschte Zbyszko dem Liede, das indessen plötzlich abgebrochen wurde, weil der Sänger die Frage stellte: »Und wie steht es mit dem alten Macko? Lebt er noch?« Daraufhin erhob sich Macko in dem Wagen, indem er rief: »Dem Herrn sei Dank, das sind von den Unsrigen.« Zbyszko aber, sein Roß vorwärts treibend, bemerkte: »Wer fragt nach Macko?« »Euer Nachbar, Zych aus Zgorzelic. Schon acht Tage lang reite ich hinter Euch her und erkundige mich bei allen Leuten, wohin Euere Fahrt geht.« »Herbei, herbei! Ohm! Zych aus Zgorzelic ist hier!« rief Zbyszko. Dann begrüßte er freundlich den Ankömmling, denn Zych war in der That ihr Nachbar und dazu ein guter, wegen seines Frohsinns allgemein beliebter Mensch. »Nun, wie befindet Ihr Euch?« fragte Zych, indem er Macko die Hand schüttelte. »Geht's noch immer so fröhlich bei Euch zu, oder ist es aus damit?« »Ach, bei mir ist es mit dem Frohsinn vorbei! Doch sehe ich frohe Menschen gern. Lieber Gott, wenn ich nur erst wieder in Bogdaniec wäre.« »Was ist's mit Euch? Ich hörte ja, daß die Deutschen auf Euch geschossen haben?« »Sie schossen auf mich. Das Eisen steckt mir noch zwischen den Rippen.« »Gerechter Gott! Was läßt sich da thun? Habt Ihr noch nicht versucht, Bärenfett zu trinken?« »Ihr seht, daß jeder zu Bärenfett rät,« rief Zbyszko. »Laßt uns nur erst in Bogdaniec sein. Dann werde ich des Nachts an die Bienenstöcke gehen.« »Vielleicht wird Jagienka Bärenfett haben, und ist dies nicht der Fall, so werde ich anderswo darnach fragen lassen.« »Wer ist Jagienka, die Eurige hieß doch Malgochna?« fragte Macko. »Ach, Malgochna! Am heiligen Michael wird es drei Herbste, daß Malgochna in der Erde ruht. Sie war ein kraftstrotzendes Weib. Der Herr sei ihrer Seele gnädig. Jagienka ist an ihre Stelle getreten, trotzdem sie noch sehr jung ist. Ueber dem Grabe erhebt sich ein Hügel, So wie die Mutter, so ist auch die Tochter. Juchhe, Juchhe, Juchhe. Zu Malgochna sprach ich: ›Klettere nicht auf die Tanne, da Du fünfzig Jahre alt bist‹. Sie hörte nicht und kletterte hinauf. Mit einem Male brach der Ast und dann gab es einen Krach. Ich sage Euch, sie grub sich ganz in die Erde ein, und nach drei Tagen that sie den letzten Atemzug.« »Der Herr sei ihr gnädig,« sagte Macko. »Wenn ich denke, wenn ich denke, wie sich die Burschen verkriechen mußten, wenn sie die Hände in die Seite stemmte. Und was für eine gute Wirtschafterin sie war! Also von einer Tanne stürzte sie herab? Nein, seht mir nur!« »Wie ein Tannenzapfen fiel sie zur Erde. Ach, das war ein Kummer. Denkt nur, nach dem Begräbnis habe ich mich vor Kummer so betrunken, daß man drei Tage hindurch mich nicht wecken konnte. Man glaubte, ich werde auch alle viere von mir strecken, und später habe ich so geweint, daß meine Thränen einen Eimer gefüllt hätten. Zur Wirtschaft ist indessen Jagienka auch befähigt. Sie muß mit allem allein fertig werden.« »Ich erinnere mich ihrer kaum. Sie war nicht größer, als ich fortzog, als eine Streitaxt und konnte unter einem Pferde hindurchgehen, ohne an dessen Bauch zu stoßen. Bah, das ist schon lange her, jetzt muß sie ausgewachsen sein.« »Am Tag der heiligen Agnes wurde sie fünfzehn Jahre. Fast ein Jahr habe ich sie nicht mehr gesehen.« »Und was habt Ihr getrieben? Woher kommt Ihr?« »Aus dem Kriege. Glaubt Ihr, daß ich gern fortgezogen bin, da Jagienka doch allein zurückgeblieben ist?« Trotzdem sich Macko recht krank fühlte, horchte er doch neugierig auf, als vom Kriege die Rede war und fragte: »Wart Ihr vielleicht mit dem Fürsten Witold bei Worskla?« »Ja, ich bin mit ihm gewesen,« erwiderte fröhlich Zych aus Zgorzelic. »Nun, unser Herrgott zeigte sich ihm nicht gnädig, wir erlitten durch Edyga eine entsetzliche Niederlage. Die Tataren kämpfen nicht im Handgemenge, wie dies jeder christliche Ritter thut, sondern sie schießen Dich aus der Ferne in den Hals. Da könnt Ihr machen, was Ihr wollt! Doch hört nur! In unserm Heere prahlten die Ritter maßlos und sprachen also: ›Wir werden weder die Lanzen werfen, noch die Schwerter aus der Scheide ziehen, denn nur Gewürm wird vor uns herkriechen‹, so prahlten sie, aber dann, als es galt, das Eisen schwirren zu lassen, da rächte sich dies schwer – denn wie stand es nach dem Scharmützel? Kaum einer von zehn blieb am Leben. Wollt Ihr dies glauben? Mehr als die Hälfte der Krieger, siebzig litauische und russische Fürsten blieben auf dem Felde, ganz abgesehen von den Bojaren und den verschiedenen Edelleuten; kurz, zwei Wochen reichten kaum hin, um die gefallenen Mannen zu zählen.« »Das hörte ich,« fiel hier Macko ein. »Und unseren Hilfstruppen lähmten die Ritter auch die Kraft?« »Bah, sogar auch den neun Kreuzrittern, denn auch die mußten dem mächtigen Witold dienen. Und die Unsrigen tragen die Schuld, denn die, das wißt Ihr ja, sind da nicht vorsichtig, wo alle andern vorsichtig sind. Der Großfürst vertraute zu sehr unseren Rittern und wollte keine andere Wache um sich wie allein die Polen. Ha! ha! Die Schutzwehr um ihn ist gefallen, ihm selbst geschah nichts. Es fielen der Herr Spytko aus Mielsztyn, der Schwertträger Bernat, der Mundschenk Mikolaj, und Prokop, Przelaw, Dobrogost, Jasko aus Lazewice, Pilik Mazur, Warsz aus Michowo, der Wojwode Socha, Jasko aus Dabrewa, Pietrko aus Milaslaw, Syzzepiecki, Oderski und Famko Lagoda. Wer könnte die alle zählen! Und manche von ihnen waren mit solch zahllosen Eisenspitzen gespickt, daß sie nach dem Tode Igel glichen und man lachen mußte, wenn man sie anschaute.« Und hier brach er in der That nicht nur in ein Lachen aus, als ob er die heiterste Geschichte erzählte – sondern er hub auch plötzlich wieder zu singen an: »Ah, dann weißt du, was ein Tatar ist, Wenn er die Haut dir tüchtig zerfetzt hat ...« »Und weiter, was geschah dann?« fragte Zbyszko. »Dann wich der Großfürst zurück, aber seine Willenskraft erstarkte, wie das bei ihm gewöhnlich der Fall ist. Je größer die Bedrängnis wird, desto rascher schnellt er, wie die Haselnußstaude, wieder empor. In einem Satz befanden wir uns an der Furt beim Tawan, um sie zu schützen. Zu uns stieß hierauf noch eine Handvoll neuer Ritter aus Polen. Nun, das schadete nichts, das war ganz gut. Des andern Tages aber kam Edyga mit einem Haufen angerückt. Hei, jetzt ging's lustig zu! Er will über den Fluß, wir aber geben ihm eins auf das Maul. Da konnte er viel ausrichten! Wir versetzten ihm tüchtige Hiebe und fingen nicht wenig Tataren. Ich selbst nahm fünf Gefangene, die ich jetzt mit nach Zgorzelic führe. Am Tage könnt Ihr wahrnehmen, welche Hundsschnauzen sie haben.« »In Krakau war die Meinung verbreitet, der Krieg werde sich in das Königreich ziehen.« »Da müßte Edyga thöricht sein. Er wußte es genau, was er von unsern Rittern zu halten habe, er wußte aber ebensowohl, daß die tapfersten Ritter zu Hause geblieben sind, weil der König es nicht gerne gesehen hat, daß Witold den Krieg auf eigene Faust unternahm. Ei, er ist klug – der alte Edyga! Beim Tawan merkte er sofort, daß die Streitmacht des Fürsten sich vergrößert hatte, und er schlug sich durch und zog sich bis ans Ende der Welt zurück.« »Und Ihr kehrtet heim?« »Ich kehrte heim, denn dort giebt es nichts mehr zu thun. In Krakau aber ließ ich mir sagen, daß Ihr nur einen kurzen Vorsprung vor mir gewonnen hättet.« »Woher wußtet Ihr aber, daß wir es seien?« »Das wußte ich bestimmt, hielt ich doch an allen Fütterungsplätzen Nachfrage. Hei,« fuhr er fort, sich zu Zbyszko wendend, »hei, mein Gott, wie warst Du noch klein, als ich das letzte Mal Dich sah, und jetzt bist Du, so viel ich wenigstens in der Dunkelheit bemerke, ein wahrer Auerochs. Du verstehst es gewiß längst die Armbrust zu spannen ... An Kriegsläufte scheinst Du gewohnt zu sein.« »Von klein auf wurde ich zum Kriege erzogen. Der Ohm soll Euch sagen, ob es mir an Erfahrung gebricht.« »Das brauche ich mir nicht erst von dem Ohm bestätigen zu lassen. Ich habe in Krakau den Herrn aus Taczew gesprochen, der mir von Dir erzählte. Vielleicht will Dir aber jener Masur die Maid nicht geben, und ich wäre nicht so sehr darauf erpicht, denn mir will scheinen ... Ja, Du vergißt jener Maid, wenn Du nur ein einziges Mal meine Jagienka siehst. Dann wird es Dir gar nicht schwer fallen.« »Ihr täuscht Euch! Selbst wenn ich zehn solcher wie Euere Jagienka sehen sollte, vergesse ich das Mädchen nicht.« »Sie hat die Anwartschaft auf Maczydoly, wo eine Mühle ist, und als ich wegging, grasten auf den Wiesen zehn gute Stuten mit Hengsten. Mehr als ein Ritter wird sich wegen Jagienka vor mir neigen. Das kannst Du mir glauben.« Zbyszko wollte antworten: »Ich aber thue es nicht,« allein Zych aus Zgorzelic hub aufs neue zu singen an: »Die Kniee will ich vor euch beugen, Auf daß sie, Jagna, mein wird.« »Euch steht der Sinn doch stets nach Scherz und Gesang!« bemerkte Macko. »Traun, was glaubt Ihr, daß die seligen Geister im Himmel thun?« »Sie singen!« »Also, da seht Ihr. Die Verdammten aber vergießen Thränen. Ich ziehe es indessen vor, mich zu den Singenden und nicht zu den Weinenden zu halten. Der heilige Petrus aber wird einst folgendermaßen sprechen: ›Wir müssen ihn in das Paradies eingehen lassen, denn er ist nicht im Zaume zu halten und würde in der Hölle singen. Das schickt sich aber nicht.‹ Doch schaut, der Tag bricht an.« Es tagte in der That. Schon nach wenigen Minuten wurde es in der weiten Ebene, auf der sie dahinzogen, völlig hell. Auf dem kleinen, inmitten der Ebene liegenden See waren etliche Leute mit dem Fischfange beschäftigt. Sobald sie indessen die bewaffneten Mannen erblickten, warfen sie ihr Geräte weg, sprangen aus dem Wasser, nahmen Hacken und Stangen zur Hand und stellten sich, zum Kampfe bereit, in drohender Stellung auf. »Sie halten uns wohl für Räuber!« rief Zych lachend. »Heda, Ihr Fischer, wem seid Ihr unterthan?« »Dem geistlichen Abte aus Tuleza.« »Unserem Blutsverwandten,« rief Macko, »Ihm, dem Bogdaniec verpfändet ist. Das müssen also seine Wälder sein, die er vor Turzam gekauft haben soll.« »Ach, was gekauft!« versetzte Zych. »Er kämpfte darum mit Wilk aus Brzezowa, und zweifellos war er siegreich. Es ist jetzt ein Jahr her, daß sie sich dieses Gefildes wegen, beritten, mit Lanze und langem Schwerte ausgerüstet, treffen wollten. Wie der Kampf endigte, weiß ich nicht, denn ich war abwesend.« »Nun, wir sind Heimatsgenossen, der Abt und wir, er wird sich durch uns nicht bereichern wollen, vielleicht läßt er sogar etwas an der Schuld nach.« »Vielleicht. Nur keinen Streit mit ihm. Dann wird er sich freigebig erweisen. Er ist ein ritterlicher Kämpe, dieser Abt, für ihn ist es nichts Neues, das Haupt mit dem Helm zu bedecken. Und dazu ist er gottesfürchtig, und sehr schön hält er die Andachten ab. Ihr müßt Euch doch erinnern ... dermaßen singt er bei der Messe, daß davon die Schwalben aus ihren Nestern unterm Dache aufgescheucht werden. Nun, den Ruhm Gottes verbreitet er dadurch.« »Weshalb sollte ich mich nicht erinnern! Selbst wenn er noch zehn Schritte vom Altar entfernt steht, kann er die Lichter ausblasen. – War er inzwischen einmal in Bogdaniec?« »Gewiß. Er ist dort gewesen. Fünf neue Bauern mit den Frauen siedelte er in den ausgerodeten Wälder an. Und bei uns, in Zgorzelic, ist er auch gewesen, denn er taufte Jagienka. Gar häufig besucht er sie und nennt sie nicht anders wie Töchterchen.« »Gebe Gott, daß er mir die Bauern überlasse!« rief Macko. »Traun, was liegt einem solch ungeheuer Reichen an fünf Bauern, und wenn auch noch Jagienka ihn darum bittet, wird er es sicherlich thun.« Das Gespräch verstummte nun auf einige Augenblicke, denn die Morgenröte wurde lichter und lichter, bis plötzlich hinter den dunkeln Wäldern so strahlend die Sonne emporstieg, daß alles rings umher in ihrem Lichte erglänzte. »Gelobt sei Jesus Christus!« lautete der Gruß der Ritter, die, sich bekreuzend, das Morgengebet sprachen. Zych kam früher als die andern damit zu Ende. Er schlug sich mehrere Male auf die Brust und wandte sich dann folgendermaßen zu den Gefährten: »Nun kann ich Euch doch gut sehen. Ei, wie habt Ihr Euch verändert ... Ihr, Macko, müßt vor allem erst wieder gesunden ... Jagienka wird für Euch sorgen, denn auf Eurem Gehöfte fehlt es an pflegekundigen Frauenhänden. Schau, schau, daß Euch aber auch ein solches Ding zwischen den Rippen stecken muß ... Das läßt sich schwer heilen. So, nun laß Dich anschauen!« wandte er sich hierauf zu Zbyszko. »Herr, Du mein Gott! Dich habe ich als ein winziges Kerlchen in der Erinnerung, das am Pelzzipfel dem Holzhauer auf den Rücken kletterte, und nun, traun, was für ein Ritter bist Du geworden! Vom Kopf bis zu den Füßen ein ganzes Herrlein, aber dabei ein breitschultriger Bursche ... So einer, wie Du, kann's mit jedem Bären aufnehmen.« »Ach was, mit einem Bären!« rief jetzt Macko. »Viel jünger war er noch, als ihn ein Friese ›Milchbart‹ nannte; dies gefiel ihm aber ganz und gar nicht, und ohne weiteres riß er jenem mit der Hand alle Barthaare aus, so ...« »Ich weiß es,« unterbrach Zych den Sprechenden. »Es ist zwischen Euch zum Kampfe gekommen, und Ihr habt es Euerm Feinde schon heimgezahlt. Das alles hat mir der Herr aus Taczew berichtet: Einen großen Gewinn trug der Friese davon, Man begräbt ihn mit leerer Tasche. Juchhe, Juchhe!« Während des Gesanges ruhten seine Augen voll Bewunderung auf Zbyszko, der wieder seinerseits die große, kräftige Gestalt Zychs, dessen hageres Gesicht mit der ungeheuern Nase und den runden lachenden Augen neugierig musterte. »Oh,« erklärte der junge Ritter endlich, »mit einem solchen Nachbarn kann es uns nicht schlimm ergehen, wofern Gott meinen Ohm gesunden läßt.« »Am besten versteht man sich mit einem frohen Nachbarn, denn Frohsinn läßt keinen Hader aufkommen,« rief Zych. »Jetzt aber hört, was ich Euch als guter Christ sage. Gar lange seid Ihr nicht mehr in Eurer Heimat gewesen, wie werdet Ihr daher Bogdaniec finden? Ich rede jetzt nicht von der Bewirtschaftung – denn der Abt versteht zu wirtschaften ... Ein ganzes Stückchen Wald ließ er ausroden und siedelte neue Bauern an. Aber da er fast immer abwesend ist, steht die Speisekammer sicherlich leer, und im Hause wird es, traun, ebenso an Geräten fehlen, wie an Strohbündeln zum Schlafen – ein Kranker bedarf aber der Fürsorge. Deshalb, wißt Ihr was? Begebt Euch mit mir nach Zgorzelic. Mir liegt daran, daß Ihr einen, daß Ihr zwei Monate bleibt, und während dieser Zeit kann Jagienka an Bogdaniec denken. Beratet Euch nur mit ihr, dann wird Euch der Kopf nicht schmerzen. Zbyszko soll sich der Bewirtschaftung annehmen, den geistlichen Abt aber bringe ich zu Euch nach Zgorzelic, damit Ihr sofort mit ihm ins reine kommt ... Eurer, Macko, wird das Mädchen wie eines Vaters warten, für Kranke ist weibliche Pflege besser als jede andere. Nun, zu was entschließt ihr Euch? Erfüllt meine Bitte!« »Es ist eine bekannte Sache, welch guter Mensch Ihr seid, wie gut Ihr stets wart,« entgegnete Macko, sichtlich gerührt, »aber seht Ihr, wenn ich denn doch durch diese verdammte Eisenspitze sterben muß, die mir zwischen den Rippen steckt, so möchte ich das auf meinem eigenen Grund und Boden. Denn, wenn man auch krank ist, kann man sich doch um manches kümmern, nach manchem fragen und manches erledigen. Wen der Herr ins Jenseits beruft, dem ist nicht mehr zu helfen. Ob ihm nun gute Pflege, ob ihm geringe Pflege zu teil wird, er muß dem Rufe folgen. An Beschwerden sind wir durch den Krieg gewöhnt. Selbst ein Erbsenbündel ist dem angenehm, der einige Jahre auf der nackten Erde schlief. Doch für Eure Güte danke ich Euch von Herzen, und so ich Euch nicht mehr dafür lohnen kann, wird Euch Zbyszko mit Gottes Hülfe dafür lohnen.« Zych aus Zgorzelic, welcher thatsächlich wegen seiner Güte und seiner Hilfsbereitschaft weithin bekannt war, hörte jedoch nicht auf, den Verwundeten mit Bitten zu bestürmen. Macko aber blieb fest und erklärte stets von neuem, er wolle auf seinem eigenen Gehöfte sterben, wenn er denn doch aus dieser Welt scheiden müsse. Lange Jahre hindurch sei es ihm nicht vergönnt gewesen, Bogdaniec wieder zu sehen, jetzt aber seien sie nicht mehr weit davon entfernt, nichts könne ihn daher zurückhalten, wenn schon er vielleicht nur seine letzte Nacht daselbst zubringen werde. Gott, der Herr, sei gnädig, er gewähre ihm vielleicht seinen Wunsch, auf heimatlicher Erde die Augen zu schließen. Bei diesen Worten trocknete er die Thränen, welche über seine Wangen flossen, dann schaute er umher und fügte hinzu: »Wenn dies die Wälder des Wilk aus Brzozowa sind, dann erreichen wir schon gegen Mittag die Heimat.« ... auf dem flinken Renner sprengte ein Mädchen auf ihn zu, das wie ein Mann zu Pferde saß, die Armbrust in der Hand hielt, den Jagdspeer über die Schultern trug. »Des Wilk aus Brzozowa! Die Wälder sind ja gegenwärtig im Besitze des Abtes,« warf Zych ein. Daraufhin flog ein Lächeln über das Antlitz des kranken Macko, und er bemerkte nach kurzem Sinnen: »Wenn sie der Abt im Besitze hat, dann werden sie vielleicht dermaleinst uns gehören.« »Ei, ei, vor wenigen Minuten sprach er vom Tode,« rief Zych fröhlich, »und jetzt hofft er auf einmal vom Abte die Wälder zu erhalten.« »Nicht für mich hoffe ich das, sondern für Zbyszko.« Zych wollte antworten, doch er hielt plötzlich inne. Ein Hornsignal tönte aus dem Walde wie aus weiter Ferne zu ihnen herüber. Alle lauschten gespannt. »Wer mag hier jagen?« rief Zych. »Seien wir auf unserer Hut.« »Vielleicht der Abt. Sehr willkommen wäre es mir, wenn wir mit ihm zusammentreffen würden.« »Verhaltet Euch still!« wandte sich nun Zych zu dem Gefolge. »Bewegt Euch nicht von der Stelle.« Diesem Befehle wurde sofort Folge geleistet. Näher und näher klang das Hornsignal, und jetzt, mit einem Male hörte man Hundegebell. »Ruhig gestanden!« wiederholte Zych. »Sie kommen –« Zbyszko schwang sich inzwischen vom Pferde, indem er rief: »Reicht mir die Armbrust! Möglicherweise wird ein wildes Tier auf uns gejagt. Rasch, rasch!« Schnell riß er einem Knechte die Armbrust aus der Hand, stützte sie auf die Erde, stemmte sich mit dem Bauche dagegen, beugte sich vor, drückte den Bügel zum Bogen zusammen, packte mit den Fingern beider Hände die Sehne, spannte sie wie der Blitz auf den eisernen Schneller, legte den Pfeil auf und hielt die Waffe vor sich, gegen den Wald gerichtet. »Er hat sie gespannt! Ohne Kurbel hat er sie gespannt!« flüsterte Zych, von Staunen über diese unvergleichliche Kraft ergriffen. »Hoho! Das ist ein Riesenbursche!« murmelte Macko voll Stolz. Mittlerweile kam das Hornsignal und das Hundegekläffe immer näher. Auf der rechten Seite des Waldes wurde schweres Stampfen, das Krachen von Aesten und Sträuchern hörbar, bis plötzlich aus dem Dickicht, wie ein Sturmwind, ein alter zottiger Auerochse hervorbrach, den ungeheuren Kopf tief gesenkt, mit blutunterlaufenen Augen und weit heraushängender Zunge, Schrecken erregend, furchtbar anzuschauen. Das Gehölze auf der andern Seite der Straße zu erreichen suchend, setzte das Tier zum Sprunge an, fiel dabei auf die Vorderfüße, erhob sich jedoch rasch wieder und wollte gerade in das gegenüberliegende Dickicht eindringen, da schwirrte plötzlich, Unglück verheißend, die Sehne einer Armbrust, ein Pfeil sauste durch die Luft, der Auerochse bäumte sich wild auf, zuckte zusammen und stürzte, laut brüllend, wie von einem Blitzstrahle getroffen, zur Erde. Zbyszko bewaffnete sich mit der Lanze und spannte aufs neue die Armbrust, dann näherte er sich, zum Schusse bereit, dem sich umherwälzenden Tiere, das mit seinen zottigen Beinen die Erde ringsum aufgewühlt hatte. Nach einem kurzen Blick auf den Auerochsen wandte er sich zu dem Gefolge und rief ihm zu: »Das hat genügt, um ihm den Garaus zu machen.« »Du bist aber einer!« ließ sich jetzt Zych vernehmen, indem er sich Zbyszko näherte, »ein einziger Schuß genügte?« »Bah, das Tier kam ja ganz nahe, und so hat der Schuß eine furchtbare Wirkung gethan. Schaut nur her, nicht nur die Spitze, sondern der halbe Pfeil ist in die Schaufel eingedrungen.« »Die Jäger müssen ganz in der Nähe sein; sicherlich nehmen sie das Tier für sich in Anspruch.« »Ich gebe es ihnen nicht!« entgegnete Zbyszko. »Es ist auf der Heerstraße erlegt, und die Straße ist keines Herrn.« »Wenn jedoch der Abt jagen sollte?« »Selbst wenn es der Abt ist, darf er mir meine Beute nicht nehmen.« Mittlerweile stürzte eine Meute Hunde aus dem Walde, die sich zuerst auf das Tier warfen, sich aber dann sofort unter einander zu bekriegen begannen. »Jetzt werden auch die Jäger kommen!« rief Zych. »Oh, schaut nur! Einer von ihnen sprengt den anderen weit voran, doch sie sehen das Tier nicht. Hopp, hopp, hierher, hierher! Hier liegt es, hier!« Mit einem Male verstummte er jedoch, bedeckte die Augen mit der Hand und bemerkte nach kurzem Schweigen: »Gerechter Gott, was ist das? Bin ich geblendet, weil mich dünkt ...« »Der auf dem Rappen« – warf Zbyszko rasch ein. Doch Zych rief plötzlich: »Beim Herrn Jesus! Jawohl, das ist Jagienka!« Und sofort begann er zu rufen: »Jagna! Jagna!« Dann sprang er vorwärts, doch Zbyszko, der wie rasend dahinflog, überholte ihn, und seinen Augen bot sich der merkwürdigste Anblick in der Welt: auf dem flinken Renner sprengte ein Mädchen auf ihn zu, das wie ein Mann zu Pferde saß, die Armbrust in der Hand hielt, den Jagdspeer über den Schultern trug. Die von dem wilden Ritte aufgelösten Haare umfluteten einen schlanken Hals und ein Gesicht, das an Farbe mit der Morgenröte wetteiferte. Als die Reiterin den jungen Ritter erreicht hatte, hielt sie das Roß an, und während eines Augenblickes spiegelte sich aus ihrem Antlitz wechselsweise Zweifel, Staunen, Freude – schließlich jedoch schien sie Augen und Ohren Glauben zu schenken, denn sie rief mit einer zarten, fast noch kindlichen Stimme: »Vater, geliebtes Väterchen!« Blitzschnell glitt sie vom Pferde, und als auch Zych zur Begrüßung abstieg, warf sie sich an seinen Hals. Geraume Zeit hindurch hörte Zbyszko nur Küsse und die beiden Worte: »Väterchen! Jagula! Väterchen! Jagula!« in freudigem Entzücken wiederholen. Von beiden Seiten näherte sich das Gefolge. Macko fuhr in seinem Wagen herbei, und noch immer ertönten die Rufe: »Väterchen! Jagula!« und noch immer lagen sich Vater und Tochter in den Armen. Erst nach geraumer Zeit machte sich Jagienka frei und fragte: »So seid Ihr aus dem Kriege zurückgekehrt? Seid Ihr auch gesund geblieben?« »Aus dem Kriege komme ich zurück. Meine Gesundheit blieb ungeschädigt. Doch wie steht's mit Dir, wie steht's mit den jüngeren Bürschlein? Ich denke, daß sie wohl sind, wie? Denn sonst würdest Du doch nicht im Walde umher schweifen. Was thust Du übrigens hier, liebstes Mägdlein?« »Das seht Ihr doch. Ich jage,« antwortete lächelnd Jagienka. »In fremden Wäldern?« »Der Abt gab mir die Erlaubnis. Er schickte mir sogar zu dem Behufe Knechte und Hunde.« Hier wendete sie sich an ihre Leute. »Scheucht die Hunde hinweg,« befahl sie, »denn sie verderben das Fell. O, wie froh, wie froh bin ich, daß ich Euch wiedersehe,« beteuerte sie hierauf dem Vater von neuem. »Bei uns ist alles wohlauf.« »Und bin ich vielleicht nicht froh?« antwortete Zych. »Reich mir Dein Mäulchen.« Und abermals küßten sie sich, als ob dies kein Ende nehmen wolle. »Wir legten einen beschwerlichen Weg zurück, um diese Bestie zu erjagen. Abgesehen davon, daß zwei der Jägersleute stürzten, waren auch die Pferde ganz erschöpft. Das ist aber auch ein mächtiger Auerochse, seht nur! Drei Pfeile habe ich auf ihn abgeschossen, dem dritten erlag er.« »Der letzte Pfeilschuß tötete ihn. Der Pfeil kam aber nicht von Dir. Dieser Ritter hier schoß ihn ab.« Jagienka strich die Haare zurück, die ihr über die Augen fielen, und schaute scheu und nicht allzu wohlwollend auf Zbyszko. »Weißt Du, wer das ist?« fragte Zych. »Nein, das weiß ich nicht.« »Ich glaube es, daß Du ihn nicht kennst. Wie ist er auch gewachsen. Aber vielleicht erinnerst Du Dich des alten Macko aus Bogdaniec?« »Bei Gott, das ist Macko aus Bogdaniec!« rief Jagienka. Unverweilt eilte sie auf den Wagen zu und küßte Macko die Hände. »So seid Ihr es wirklich?« »Ich bin es, und im Wagen muß ich fahren, weil ich von den Deutschen verwundet worden bin!« »Wieso von den Deutschen? Das geschah doch gewiß in dem Kriege mit den Tataren. Ich weiß davon, denn mehr als einmal habe ich den Vater gebeten, mich mit sich zu nehmen.« »Wohl zog er gegen die Tataren aus, aber wir waren nicht dabei, wir gingen mit den Litauern in den Krieg, sowohl ich wie Zbyszko.« »Wo ist aber jetzt Zbyszko?« »Siehst Du denn nicht, daß dies Zbyszko ist?« bemerkte Macko lächelnd. »Das ist Zbyszko?« rief das Mädchen, den jungen Ritter aufs neue anschauend. »Freilich!« »Gieb ihm zur Begrüßung einen Kuß!« meinte Zych fröhlich. Jagienka wandte sich lebhaft zu Zbyszko, plötzlich aber fuhr sie zurück und erklärte, die Augen mit den Händen bedeckend: »Nein, das will ich nicht!« »Wir kennen uns doch von klein auf!« ließ sich Zbyszko vernehmen. »Ach ja, wir kennen uns gut. Ich erinnere mich wohl, ich erinnere mich! Vor acht Jahren ungefähr, da kamt Ihr mit Macko zu uns, und das verstorbene Mütterlein setzte uns Nüsse mit Honig vor. Kaum waren aber die Alten aus der Stube, da hieltet Ihr mir die Faust unter die Nase, die Nüsse aber verspeistet Ihr allein.« »Das würde er jetzt nicht mehr thun!« rief Macko. »Bei dem Fürsten Witold ist er gewesen, im Schlosse in Krakau war er, die höfischen Sitten kennt er jetzt.« Aber Jagienka schien etwas anderes durch den Kopf zu gehen, denn, sich zu Zbyszko wendend, fragte sie: »Ihr habt also den Auerochsen getötet?« »Ja.« »Ich möchte doch sehen, wo die Spitze steckt.« »Ihr könnt das nicht sehen, denn der Pfeil steckt fast vollständig unter der Schaufel.« »Beruhige Dich, er spricht die Wahrheit!« ergriff Zych das Wort. »Wir alle sahen es, daß er das Tier tötete, ich aber habe noch etwas ganz anderes wahrgenommen. Ich war Zeuge, wie er in einem Nu die Armbrust ohne Kurbel spannte.« Zum drittenmale blickte Jagienka auf Zbyszko, diesmal jedoch voll Bewunderung. »Ihr spanntet die Armbrust ohne Kurbel?« fragte sie. Zbyszko bemerkte sofort an dem Ton ihrer Stimme, daß sie ihm mißtraute. Er stemmte daher sofort die Armbrust abermals zur Erde, spannte sie in einem Nu so stark, daß der Bogen krachte, und ließ sich dann, wohl zum Beweise, wie gut er höfische Sitte kenne, auf ein Knie nieder, um der Maid die Armbrust zu überreichen. Statt die Waffe entgegenzunehmen, errötete indessen Jagienka, ohne zu wissen weshalb, und nestelte an dem Kleide, das sich während des tollen Rittes im Walde verschoben hatte. Fünftes Kapitel. Am Tage nach ihrer Ankunft in Bogdaniec hielten Macko und Zbyszko Umschau auf ihrem alten Besitztum und überzeugten sich binnen kurzem, daß Zych aus Zgorzelic recht gehabt hatte, als er behauptete, daß sie anfänglich mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen haben würden. Mit der Bewirtschaftung des Feldes ging es noch einigermaßen. Mehrere Hufen Ackerlandes waren von den früher ansässigen Bauern oder von den durch den Abt neu angesiedelten bebaut worden. Dereinst pflegten in Bogdaniec weit größere Länderstrecken bestellt zu sein, allein seit der Zeit, in welcher durch die Schlacht bei Plowce das Geschlecht der »Grade« fast gänzlich vernichtet worden war, fehlte es an Arbeitskräften, und nach den Einfällen der Deutsch-Schlesier, sowie nach den Kämpfen der Grzymaliten mit Naleczy entstanden auf den ehemals so fruchtbaren Gefilden von Bogdaniec zum größten Teile Wälder. Macko war dem allem ratlos gegenüber gestanden. Vergeblich hatte er Jahre hindurch versucht, freie Bauern aus Krzesnia herbeizuziehen. Diese zogen es aber vor, auf ihrem eigenen »Hufen« zu sitzen, statt fremden Ackerboden zu bestellen. Mit einigen heimatlosen Leuten war es ihm indessen besser gelungen, aus verschiedenen Kriegen hatte er auch Gefangene mitgebracht, die sich Weiber nahmen, die sich Hütten bauten – und auf diese Weise entstand aufs neue ein Dorf. So schwer war ihm dies aber alles geworden, daß Macko sofort ganz Bogdaniec verpfändete, sobald sich ihm die Gelegenheit dazu bot. Dabei ging er auch von zwei Voraussetzungen aus. Dem mächtigen Abte, so rechnete er, würde es erstens leichter fallen, das Land zu bebauen als ihm, und zweitens konnte er mittlerweile gemeinsam mit Zbyszko im Kriege Geld und Beute gewinnen. Der Abt wirtschaftete mit großer Umsicht. Die Arbeitskräfte in Bogdaniec vermehrte er um fünf Bauernfamilien, den Viehstand und die Zahl der Pferde vergrößerte er, und ließ nicht nur Speicher, sondern auch Vieh- und Pferdeställe aus Reisig errichten. Dagegen kümmerte der Abt sich nicht viel um die Gebäude, da er nur selten in Bogdaniec weilte, und Macko, der zuweilen geglaubt hatte, er werde bei seiner Heimkehr die Burg mit Wällen und Gräben umzogen finden, traf alles so an, wie es bei seinem Weggange gewesen war, vielleicht höchstens mit dem Unterschiede, daß einige der Pfeiler etwas schief standen, daß die Mauern niedriger erschienen, weil sie sich ein wenig gesenkt hatten. Der Herrenhof bestand aus einer ungeheuern Halle, zwei geräumigen Stuben, aus Kammern und aus einer Küche. In den Stuben waren Fenster aus Schweinsblase, in der Mitte einer jeden, aus dem aus Lehm gebildeten Fußboden, standen Feuerherde, deren Rauch durch eine Spalte in der Decke seinen Ausgang fand. Diese völlig geschwärzte Decke diente in besseren Zeiten gewöhnlich auch als Rauchkammer, denn an den in das Gebälk geschlagenen Haken hingen dann Schweinskeulen, Keulen von Wildschweinen, von Bären, Elentieren, Hirsch- und Rehrücken, das Hinterteil von Ochsen und ganze Reihen Würste. In Bogdaniec freilich waren diese Haken jetzt leer, leer waren auch die in die Wände eingelassenen hölzernen Schäfte, auf welchen in andern »Höfen« Schüsseln aus Zinn oder Thon zu stehen pflegten. Nur die Wände unter den Schäften waren nicht mehr kahl, weil auf Zbyszkos Befehl hin die Leute sowohl die Panzer wie die Helme, kurze und lauge Schwerter daran aufgehängt hatten, nicht zu vergessen die Piken, die Bogen, die Lanzen, die Schilde, die Wappen und die Pferdedecken. Wohl mochte der Rauch nun mit der Zeit die Waffen schwärzen, so daß es häufiger nötig ward, sie zu putzen, aber dagegen hatte man sie auch rascher zur Hand, und der Wurm konnte dem Holze an den Lanzen, den Bogen und den Beilen nichts anhaben. Die kostbaren Gewänder ließ der fürsorgliche Macko jedoch in die Kammer bringen, in der er schlief. In den vorderen Stuben standen in der Nähe der Fenster Tische aus Fichtenholz gezimmert und ebensolche Bänke, auf denen sich die Herren und die Knechte gemeinsam zum Speisen niederließen. Wenn nun aber auch die Leute durch die langen Kriegsjahre jede Bequemlichkeit entbehren gelernt hatten, gebrach es doch in Bogdaniec an Brot, Mehl und an den verschiedenen andern Vorräten, vornehmlich aber auch an Geschirr. Die Bauern trugen freilich herbei, was in ihren Kräften stand; außerdem rechnete Macko darauf, daß ihm die Nachbarn behilflich sein würden – und er täuschte sich nicht, wenigstens nicht in Betreff von Zych aus Zgorzelic. Am Tage nach der Heimkehr saß der alte Edelmann just auf einen Baumstumpf vor dem Hause, um das herrliche Herbstwetter zu genießen, als Jagienka mit Wangen wie ein rotbäckiges Aepfelchen auf ihrem Rappen in den Vorhof sprengte. Ein Knecht, der in der Nähe des Zaunes Holz spaltete, wollte ihr vom Pferde helfen, allein sie sprang wie der Blitz zur Erde und eilte, ein wenig atemlos von dem schnellen Ritte, auf Macko zu. »Gelobt sei Jesus Christus! Ich bringe Euch Grüße vom Vater, der sich nach Eurer Gesundheit erkundigen läßt.« »Nicht besser ist es mir, als es mir unterwegs ging,« antwortete Macko, »allein man schläft doch in seinen eigenen vier Wänden.« »Ihr müßt aber ja große Beschwerden leiden, und ein Kranker bedarf der Pflege.« »Wir sind hart gewöhnt. Freilich im Anfange muß man jeder Bequemlichkeit entbehren, allein es fehlt auch an Nahrungsmitteln. Ich gab indessen Befehl, einen Ochsen und zwei Schafe zu schlachten, dann haben wir genug Fleisch. Die Frauen der Bauern brachten übrigens Mehl und Eier, doch immerhin nur wenig, und vor allem gebricht es uns an dem gewöhnlichsten Geräte und Geschirr.« »Zwei Wagen ließ ich für Euch voll laden. Auf dem einen kommen Polster für Euch beide zum Schlafen, Geräte und Geschirr, auf dem andern allerlei Nahrungsmittel. Und was habe ich nicht alles für Euch bestimmt! Fladen und Mehl, und Speck, und getrocknete Pilze, und ein Fäßchen Bier, und Honig, kurz, von allem, was wir im Hause haben, erhaltet Ihr etwas.« Macko, dem jede Zufuhr willkommen war, streckte die Hände aus, strich Jagienka über das Haar und sagte: »Gott lohne es Dir und Deinem Vater. Sobald die Wirtschaft wieder in gutem Stande ist, geben wir alles zurück.« »Was fällt Euch denn ein!« »Nun, so möge Euch Gott reichlich dafür lohnen. Der Vater erzählte mir, wie gut Du zu wirtschaften verstehst. Du herrschst nun fast ein Jahr allein über Zgorzelic.« »Je nun! Wenn Euch noch irgend etwas nötig ist, schickt jemand, jedoch nur einen, der weiß, um was es sich handelt, denn das ist doch thöricht, daß bisweilen ein Abgesandter kommt und nicht weiß, weshalb er geschickt wird.« Nach diesen Worten sah Jagienka etwas zaghaft umher, und Macko, der dies bemerkte, fragte lächelnd: »Nach wem schaust Du umher?« »Nach keinem Menschen.« »Ich sende Zbyszko zu Euch. Er möge Zych und Dir in meinem Namen danken. Gefällt Dir Zbyszko? Wie?« »Ei, ich habe ihn noch nie angesehen.« »So thue das jetzt, denn just kommt er.« In der That kam Zbyszko von der Tränke, zu der die Pferde geführt worden waren, zurück und verdoppelte seine Schritte, als er Jagienka gewahr wurde. In ein Gewand von Elentierhaut gekleidet, eine runde Mütze auf dem Haupte, wie sie unter dem Helme getragen zu werden pflegte, mit über der Stirn gerade geschnittenen, in goldenen Ringeln frei über die Schulter herabwallenden Haaren, die von keiner Netzhaube gehalten wurden, näherte er sich dem jungen Mädchen hoch aufgerichtet, stattlich, einem Schildknappen aus edlem Hause zu vergleichen. Jagienka wich unwillkürlich zu Macko zurück, wie um zu zeigen, daß sie nur zu ihm gekommen sei, allein Zbyszko begrüßte sie fröhlich, ergriff ihre Rechte und führte diese trotz des ihm geleisteten Widerstandes an die Lippen. »Weshalb küßt Ihr mir die Hand?« fragte sie. »Bin ich denn ein Diener des Herrn?« »Wehrt Euch nicht, das ist nun so einmal der Brauch.« »Und selbst wenn er Dir auch noch die andere Hand küßte,« warf Macko ein, »wäre es nicht zu viel für das, was Du gebracht hast.« »Was brachte sie denn?« rief Zbyszko, der, trotzdem er seine Blicke umherschweifen ließ, nichts sah, als das Mädchen und dessen an dem Zaune festgebundenen Rappen. »Die Wagen sind noch nicht eingetroffen, aber sie kommen,« entgegnete Jagienka. Nun begann Macko aufzuzählen, was ihnen alles zugeschickt werde, als er indessen die beiden Polster erwähnte, erklärte Zbyszko: »Wenn ich auch gern auf gereinigten Häuten liege, danke ich Euch doch, daß Ihr meiner gedacht habt.« »Nicht ich that dies, sondern der Vater,« bemerkte Jagienka errötend. »Wenn Ihr aber lieber auf Häuten, als auf Polstern schlaft, so thut Euch keinen Zwang an.« »Ich ziehe Häute vor. Mehr als einmal pflegte ich im Kriege, nach einem Kampfe, einen erschlagenen Kreuzritter unter dem Kopfe zu haben, wenn ich schlief.« »Wenn Ihr aber einmal von den Kreuzrittern getötet werdet? Seid Ihr denn sicher, daß dies nie geschieht?« Statt aller Antwort lachte Zbyszko laut auf, Macko aber entgegnete: »Danke dem Schöpfer, Mädchen, daß Du ihn nicht kennst! Nichts, nichts hat er gethan, als auf die Deutschen eingehalten, daß es nur so sauste. Mit der Lanze, mit dem Schwerte, mit allem möglichen schlug er zu, und wenn er nur einen Kreuzritter von weitem erblickte, stürzte er sich auf ihn, selbst wenn man ihn mit aller Gewalt zurückhalten wollte. Vor Krakau band er sogar mit dem Gesandten Lichtenstein an, und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre er deshalb um seinen Kopf gekommen. So ist dieser Bursche! Und von zwei Friesen kann ich Dir erzählen, von denen wir so viel Knechte und Beute gewonnen, daß wir mit der Hälfte Bogdaniec auslösen könnten.« Ausführlich schilderte nun Macko den Kampf mit den Friesen und kam dann auf andere Abenteuer, die sie bestanden, auf andere Thaten, die sie ausgeführt hatten, zu sprechen. Er berichtete, wie sie sowohl innerhalb der Wälle wie auf offenem Felde mit den hervorragendsten Rittern aus den entferntesten Ländern zusammengestoßen waren. Was erzählte er nicht alles! Sie kämpften mit Deutschen, sie kämpften mit Franzmännern, sie kämpften mit Engländern und mit Burgundern. So stürmisch ging es gar häufig in dem Streite zu, daß Pferde, Leute, Waffen und die Deutschen mit ihren Federbüschen geradezu einen einzigen Knäuel zu bilden schienen. Und was sie nicht alles gesehen hatten! Schlösser der Kreuzritter mit roten Ziegeldächern, litauische Burgen, aus Holz erbaut, Kirchen, wie es um ganz Bogdaniec keine gab, Städte und ungeheure Wüsteneien mit ihren Heidentempeln, durch die des Nachts der Wind heulte, und viele, viele andere Herrlichkeiten. Wo es aber auch zum Kampfe gekommen sein mochte, hei, da war Zbyszko stets der erste gewesen, ihn hatten die berühmtesten Ritter bewundert. Auf dem Baumstumpfe neben Macko sitzend, lauschte Jagienka mit offenem Munde dieser Erzählung, indem sie ihr Köpfchen, gerade als ob es in einer Schraube wäre, bald zu Macko bald zu Zbyszko drehte. Auf dem jungen Ritter aber ruhten ihre Blicke stets mit der größten Bewunderung. Als Macko schließlich zu Ende gekommen war, atmete sie tief auf und rief: »Daß doch Gott einen solchen Menschen erschaffen hat!« Zbyszko aber, der während der ganzen Erzählung das junge Mädchen fast forschend betrachtet hatte, dachte augenscheinlich jetzt an etwas ganz anderes, denn er rief mit einem Male: »Und auch ein so schönes Mädchen!« Darauf erwiderte Jagienka halb ärgerlich, halb schmerzlich: »Ihr seid viel schöner als ich.« Ohne sich indessen einer Lüge schuldig zu machen, konnte ihr Zbyszko erwidern, daß er noch nicht viele gesehen habe, die sich ihr vergleichen ließen, war doch Jagienka das Bild von Jugend, Gesundheit und Kraft. Der alte Abt pflegte nicht mit Unrecht zu sagen, sie sei schön wie die Holderblüte und schlank wie die Tanne. Und schön war alles an ihr: ihre schlanke Gestalt, die breiten Schultern, die roten Lippen, die blauen, scharfblickenden Augen. Sie war auch weit sorgfältiger gekleidet als damals im Walde, ihren Hals schmückten rote Perlen, sie trug ein grünes, mit Pelz gefüttertes, nach vorn geöffnetes Obergewand, mit einem Unterkleid aus gestreifter Leinwand, ihre Füße staken in neuen Schuhen. Sogar dem alten Macko fiel die prächtige Kleidung auf, und indem er das junge Mädchen aufmerksam betrachtete, fragte er: »Weshalb hast Du Dich geschmückt wie zum Kirchgange?« Statt jeder Antwort rief sie aber: »Die Wagen kommen, die Wagen kommen!« Kaum waren diese vorgefahren, sprang sie darauf zu, und Zbyszko folgte ihr. Das Abladen währte bis Sonnenuntergang, zur großen Genugthuung Mackos, der jeden einzelnen Gegenstand persönlich in Augenschein nahm und für jeden Jagienka aufs neue pries. Es dämmerte schon vollständig, als das junge Mädchen sich zum Weggehen anschickte. Das Pferd ward vorgeführt, und ehe sie auch nur ein Wort des Widerspruchs erheben konnte, hatte Zbyszko sie umfaßt und in den Sattel gehoben. Eine tiefe Röte überzog ihr Antlitz, sie wendete sich von ihm ab und sagte mit einer etwas gepreßten Stimme: »Was seid Ihr für ein kräftiger Bursche!« Er hingegen, der durch die Dunkelheit weder ihr Erröten, noch ihre Verlegenheit zu bemerken schien, lächelte fröhlich und fragte: »Fürchtet Ihr Euch nicht vor wilden Tieren? Es ist ja schon Nacht.« »Auf einem der Wagen liegt mein Speer, holt mir ihn.« Zbyszko eilte zu dem Wagen, holte die Waffe und überbrachte sie Jagienka. »Lebt wohl!« »Lebt wohl!« »Der Herr lohne Euch alles! Morgen oder übermorgen komme ich nach Zgorzelic um mich bei Zych und bei Euch für Euer nachbarliches Thun zu bedanken.« »Ihr kommt also! Wie froh werde ich darüber sein. Vorwärts!« Und das Pferd antreibend, war sie binnen kurzem im Dickicht verschwunden. Zbyszko trat nun zu seinem Ohm. »Es ist wohl Zeit für Euch, ins Haus zurückzukehren.« Ohne sich indessen von dem Baumstumpfe zu erheben, rief Macko: »Hei! Welch ein Mädchen! Bei ihrem Kommen scheint alles in Sonnenlicht getaucht zu sein.« »Das ist wahr!« »Und zu kleiden weiß sie sich, und zu wirtschaften versteht sie, trotzdem sie kaum fünfzehn Jahre zählt.« »Nun!« rief Zbyszko, »der alte Zych liebt sie auch wie seinen Augapfel.« »Und er sagte, Moczydoly falle ihr zu, und dort auf den Wiesen weideten viele Stuten und Hengste.« »In den Wäldern von Moczydoly befinden sich wohl große Sümpfe?« »In denen zahllose Biberbaue sind.« Aufs neue trat Schweigen ein. Macko warf einen prüfenden Blick auf Zbyszko, dann fragte er: »Ueber was sinnst Du? An was denkst Du?« »Ach, seht Ihr. Jagienka erinnert mich so sehr an Danusia, daß mir das Herz weh thut.« »Kehren wir in das Haus zurück!« bemerkte jetzt der alte Edelmann. »Es ist spät geworden.« Und sich mühsam erhebend, stützte er sich auf Zbyszko, der ihn in die Kammer geleitete. Schon am folgenden Tage begab sich Zbyszko nach Zgorzelic, dem Drängen Mackos folgend, welcher den Bruderssohn auch veranlaßte, um die Bedeutung des Besuches zu erhöhen, zwei Knechte mitzunehmen und sich selbst in den höchsten Staat zu werfen. Damit sollte Zych, dem man darthun wollte, wie sehr man ihm zu Dankbarkeit verpflichtet sei, ganz besonders geehrt werden. Zbyszko hatte sich auch in der That wie zu einem Feste gekleidet, trug er doch die prächtige weiße Atlasjacke, mit goldenen Fransen geziert und mit goldenen Greifen bestickt. Singend und mit offenen Armen empfing ihn Zych, Jagienka hingegen, die gerade in die Stube trat, blieb wie angewurzelt auf der Thürschwelle stehen, und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre ihr beim Anblick des Jünglings die Weinflasche aus den Händen gefallen, denn so wie er, dünkte ihr, könne nur ein Königssohn erscheinen. Mit ihrer sonstigen Kühnheit war es vorbei, still setzte sie sich nieder und rieb nur von Zeit zu Zeit die Augen, als ob sie eben aus dem Schlafe erwache. Der junge Ritter aber, dem es an Erfahrung gebrach, glaubte nicht anders, als daß sie aus einem ihm unbekannten Grunde ihn nicht gern hier sehe, und unterhielt sich infolgedessen ausschließlich mit Zych, dem er für seine nachbarliche Hilfsbereitschaft dankte und dem er sein Staunen über den Herrenhof in Zgorzelic aussprach, dem thatsächlich in nichts der in Bogdaniec verglichen werden konnte. Allenthalben ließ sich hier Wohlstand, ja Reichtum erkennen. Die Scheiben der Stubenfenster bestanden aus Horn, welches so dünn und so glatt geschnitten war, daß es an Durchsichtigkeit fast dem Glase gleichkam. In der Mitte der Stuben befanden sich keine Herde, sondern es erhoben sich hohe Kamine, an deren Vorsprüngen Geweihe angebracht waren. Der reinlich gescheuerte Fußboden bestand aus Lärchenholz, an den Wänden hingen Waffen und eine Menge Schüsseln, glänzend wie die Sonne, abgesehen von dem schöngeschnitzten Löffelbrett mit einer Reihe von Löffeln, unter denen zwei silberne waren. Da und dort hingen auch Teppiche, teils im Krieg erbeutet, teils von wandernden Händlern gekauft. Unter den Tischen lagen ungeheure fahlgelbe Felle von Bisam, Auerochsen und Ebern. Voll freudigen Stolzes zeigte Zych seinen Reichtum und betonte dabei jeden Augenblick aufs neue, daß dies alles Jagienka bewirtschafte. Er führte Zbyszko auch in eine Seitenkammer, duftend nach Harz und Kräutern, in welcher an der Decke ganze Bündel Felle von Wölfen, Füchsen, Mardern und Bibern hingen. Dann zeigte er ihm das Käsehäuschen, den Aufbewahrungsort von Wachs und Honig, die Tonnen mit Mehl, den Aufbewahrungsort von gut gebackenem Brot, Flachs und getrockneten Pilzen. Auch in die Speicher führte er ihn, in die Viehställe, in die Pferde- und Schweineställe, in die Schuppen für die Wagen, für die Geschirre, für die Jagdgeräte, für die Fischnetze, und so sehr wußte er seinen Wohlstand Zbyszko vor Augen zu führen, daß dieser seinem Staunen unumwundenen Ausdruck verlieh. »Leben, nicht sterben möchte man in Eurem Zgorzelic!« rief er. »In Moczydoly herrscht beinahe der gleiche Wohlstand,« bemerkte Zych. »Du kennst doch Moczydoly! Es liegt ganz nahe bei Bogdaniec. Früher stritten sich sogar unsere Väter wegen der Grenzen und schickten sich Forderungen zum Kampfe. Aber ich werde nicht streiten.« Dann hielt er Zbyszko sein Glas mit Met entgegen und fragte: »Willst Du vielleicht etwas singen?« »Nein,« sagte Zbyszko, »ich bin gespannt darauf, Euch zu hören.« »Siehst Du, Zgorzelic werden die kleinen Bären bekommen, vorausgesetzt, daß sie deshalb nicht einander zerreißen.« »Was für kleine Bären?« »Na, die Bürschlein, Jagienkas Brüder.« »Nun, die werden nicht nötig haben, an ihren Pfoten im Winter zu saugen.« »Aber weshalb trinkst Du nicht? Jagienka schenke ihm und mir ein.« »Ich esse und trinke soviel ich kann.« »Wenn Du nicht mehr kannst, schnallst Du den Gurt ab. Ein schöner Gurt! Ihr müßt aus Litauen reiche Beute mitgebracht haben?« »Wir können nicht klagen,« entgegnete Zbyszko, die Gelegenheit benützend, um zu zeigen, daß die Besitzer Bogdaniecs auch nicht zu unterschätzende Edelleute seien. »Einen Teil der Beute verkauften wir in Krakau und erhielten vierzig Mark Silber dafür.« »Bei Gott dem Herrn, dafür kann man sich ja ein Dorf kaufen.« »Es war eine mailändische Rüstung, welche der Ohm verkaufte, weil er sich selbst für verloren hielt, und daher ...« »Ich weiß! Nun, da lohnt es sich, nach Litauen zu gehen. Ich wollte seiner Zeit auch gehen, aber ich fürchtete mich.« »Weshalb? Vor den Kreuzrittern?« »Ach, wer fürchtet sich vor den Deutschen! So lange sie Dich nicht totschlagen, ist kein Grund vorhanden, sich zu fürchten, und wenn sie Dich totschlagen, hast Du keine Zeit mehr dazu.« »Ich fürchtete mich vor den Heidengöttern, das heißt vor den Teufeln. In den Wäldern hausen wahrscheinlich so viele wie Ameisen.« »Wo sollen sie denn sonst hausen, da die Heidentempel niedergebrannt worden sind? Früher schwelgten sie in Reichtum und jetzt leben sie von Pilzen und Ameisen.« »Hast Du sie auch schon gesehen?« »Ich selbst sah noch keine, aber ich hörte, daß sie von andern gesehen wurden. Mancher von ihnen streckt zuweilen hinter einem Baume eine zottige Tatze hervor und hält sie hin, damit man ihm etwas geben soll.« »Macko sagte uns das Gleiche,« warf hier Jagienka ein. »Freilich! Dir und mir hat er davon unterwegs erzählt,« fügte Zych hinzu. »Nun, das ist nicht zu verwundern. Bei uns ertönt doch zuweilen ein Lachen aus den Sümpfen, trotzdem das Land längst zum Christentum übergegangen ist, und wenngleich die Priester daher auch darüber schelten, ist es doch angebracht, für die Hausgeister des Nachts in irgend einen Winkel eine Schüssel mit Essen zu stellen, denn sonst kratzen sie an den Wänden, daß man kein Auge schließen kann ... Jagienka, mein Töchterchen, gehe und stelle eine Schüssel auf die Schwelle!« Jagienka brachte eine Schüssel voll Klößchen mit Käse und stellte sie auf die Schwelle, Zych aber fuhr fort: »Die Geistlichen schreien, strafen! Der Ruhm des Herrn Jesus wird aber durch ein paar Klöße nicht geschmälert, und wenn der Hausgott satt und zufrieden ist, dann schützt er vor Feuer und vor Diebstahl. – Willst Du jedoch nicht Deinen Gurt ablegen und ein wenig singen?« wandte er sich hierauf fragend an Zbyszko. »Nein, Ihr müßt singen, denn ich sehe wohl, daß Ihr längst Lust dazu verspürt, oder vielleicht auch die Jungfrau Jagienka.« »Wir werden der Reihe nach fingen,« rief Zych fröhlich. »Wir haben einen Knecht im Hause, der ganz nett zum Gesange auf einer hölzernen Pfeife zu quitschen versteht. Ruft mir ihn!« Der Weisung ward Folge geleistet, der Knecht kam, setzte sich auf einen dreibeinigen hölzernen Schemel, steckte die Pfeife in den Mund und schaute, die Finger auf dem Instrumente ausbreitend, prüfend auf die Anwesenden, wie um sich zu vergewissern, wen er begleiten solle. Da jedoch keines den Anfang machen wollte, erhob sich zuerst ein lebhafter Streit. Endlich gebot Zych dem Töchterlein, mit gutem Beispiel voran zu gehen, und trotzdem sich Jagienka scheute, vor Zbyszko zu singen, stand sie doch von der Bank auf, steckte die Hände unter die Schürze und sang: »Flügel hätt' ich so gerne Wie ein Gänslein klein, Nach Schlesien in die Ferne Flög' ich zu Jasio mein.« ... Zbyszko machte anfänglich große Augen, dann sprang er mit gleichen Füßen empor und rief mit lauter Stimme: »Wer hat Euch dies Lied gelehrt?« Jagienka sah ihn staunend an: »Das singen doch alle. Was ist mit Euch?« Zych indessen, der glaubte, Zbyszko habe zu viel getrunken, wendete sich zu diesem und meinte: »Schnalle Deinen Gürtel auf, dann wird Dir gleich leichter werden.« Doch auf Zbyszkos Antlitz spiegelten sich die widersprechendsten Empfindungen. Endlich jedoch ward er seiner Erregung Herr und sagte zu Jagienka: »Verzeiht! Mir kam plötzlich etwas in den Sinn. Singt weiter.« »Vielleicht stimmt Euch aber mein Gesang traurig?« »Ei, kein Gedanke!« erwiderte Zbyszko mit etwas bebender Stimme. »Ich könnte Euch die ganze Nacht zuhören.« So sprechend, setzte er sich wieder nieder und die Augen mit der Hand beschattend, verfiel er in tiefes Sinnen. Jagienka sang nun auch die zweite Strophe, doch kaum damit zu Ende gekommen, gewahrte sie eine große Thräne, die sich zwischen den Fingern Zbyszkos hervorstahl. Rasch eilte sie nun auf ihn zu, nahm neben ihm Platz und stieß ihn mit dem Ellenbogen an. »Nun?« flüsterte sie, »was ist Euch? Ich will nicht, daß Ihr weint. Sprecht, was ist Euch?« »Nichts, nichts!« entgegnete Zbyszko seufzend, »es lohnt sich nicht, darüber zu reden ... Es kam so über mich. Nun ist mir schon wieder leichter.« »Möchtet Ihr vielleicht süßen Wein trinken?« »Bei meiner Treu, Mädchen!« rief nun Zych, »weshalb redet Ihr Euch mit ›Ihr‹ an? Sage ›Du‹ zu ihm und nenne ihn Zbyszko, und Du, Zbyszko, nennst sie Jagienka. Ihr kennt Euch doch von Jugend an.« Und sich wieder zu der Tochter wendend, meinte er: »Daß er Dich einmal geprügelt hat, das schadet nichts. Jetzt wird er es nicht mehr thun.« »Nein, das werde ich nicht mehr thun!« erklärte Zbyszko heiter. »Sie aber soll mir jetzt dafür Prügel geben, wenn sie Lust dazu hat.« Daraufhin ballte Jagienka, in der Absicht, ihn recht lustig zu stimmen, die Hand zur Faust und gab sich lachend den Anschein, als ob sie Zbyszko schlagen wolle. »Da hast Du es, für meine zerschundene Nase, da hast Du es, da hast Du es!« »Wein her!« rief nun der Besitzer von Zgorzelic fröhlich. Jagienka eilte in die Vorratskammer und erschien gleich darauf wieder mit einem steinernen Krug voll Wein, zwei schönen, von einem Breslauer Goldschmied gearbeiteten, in Silber getriebenen Bechern und einigen weithin duftenden Käschen. Zych, der nicht mehr ganz nüchtern war, wurde bei diesem Anblick von Rührung übermannt; er ergriff den Krug, stellte ihn auf seinen Schoß und ohne Zweifel glaubend, dies sei Jagienka, fing er also zu reden an: »Ei, Du mein Töchterlein! O ich armer Verwaister! Was soll ich bedauernswerter Schlucker in Zgorzelic thun, wenn Du mir genommen wirst, was soll ich thun?« »Und binnen kurzem werdet Ihr sie hergeben müssen!« rief Zbyszko. Zychs Rührung hielt indessen nicht lange an, denn er brach gleich wieder in Lachen aus. »Ha! ha! Das Mädchen ist erst fünfzehn Jahre alt, und es zieht sie schon zu den Burschen!« »Väterchen! Du wirst sehen, daß ich fortgehe,« erklärte Jagienka. »Nein, bleibe, mit Dir ist gut sein.« Dann blinzelte er Zbyszko geheimnisvoll zu. »Zwei schon haben sich hier eingestellt, der eine der junge Wilk, ein Sohn des alten Wilk aus Brzozowa, der andere Cztan aus Rogow. Wenn sie Dich hier erwischen, dann fallen sie Dich ebenso wütend an, wie sie sich wechselseitig anfallen.« »Topp, es gilt!« rief Zbyszko. Dann wandte er sich zu Jagienka, und sie der Aufforderung Zychs zufolge mit Du anredend, fragte er: »Und welchen wählst Du?« »Keinen.« »Wilk ist ein jähzorniger Bursche!« warf Zych ein. »Möge er sich bei andern sein Mütchen kühlen!« »Und Cztan?« Jagienka lachte. »Cztan,« sagte sie hierauf, sich zu Zbyszko wendend, »dem fällt wie einem Schaf das Haar so zottig bis zur Nase, daß er kaum aus den Augen zu sehen vermag, und er ist so fett wie ein Bär.« Bei diesen Worten schlug sich Zbyszko an die Stirn, als ob ihm plötzlich etwas einfiele, und er sagte: »Nun, das ist nur gut; ich möchte Euch nämlich um etwas bitten. Habt Ihr vielleicht Bärenfett im Hause? Dem Ohm soll es zum Heilmittel dienen, und in Bogdaniec fehlt es daran.« »Wir hatten wohl,« entgegnete Jagienka, »aber die Bürschlein haben es in den Vorhof getragen, um die Bogen damit zu schmieren. Und den Rest, nun den haben die Hunde gefressen. Jetzt thut es mir leid.« »Blieb nichts übrig?« »Alles ist rein aufgeleckt!« »Ei, da läßt sich eben nichts anderes thun, als im Walde nach anderem zu fahnden.« »Stelle eine Treibjagd an, an Bären fehlt es nicht, und wenn Ihr die Jagdgeräte haben wollt, können wir sie Euch geben.« »Weshalb sollte ich lange warten? Ich gehe des Nachts zu den Bienenstöcken.« »Nimm fünf von unseren Knechten mit. Es sind tüchtige Bursche unter ihnen.« »Mit einem solchen Haufen ist's nichts. Damit verscheucht man nur die wilden Tiere.« »Wie gedenkt Ihr es zu machen? Wollt Ihr die Armbrust mitnehmen?« »Was sollte mir im dunkeln Walde die Armbrust nützen? Wir haben ja jetzt nicht Vollmond. Ich nehme eine vielzackige Heugabel mit, ein gutes Beil und gehe morgen allein.« Jagienka schwieg einige Zeit; auf ihrem Gesichte drückte sich jedoch sichtliche Unruhe aus. »Im vorigen Jahre,« begann sie endlich wieder, »ging der Jäger Bezduch von uns weg und wurde von einem Bären zerrissen. Es ist immer eine gefährliche Sache, sich allein des Nachts in den Wald zu wagen, denn sieht der Petz gar einen einzelnen Menschen bei den Bienenstöcken, dann stellt er sich sofort auf die Hinterbeine.« »Wenn er davonlaufen würde, könnte man ihn ja nicht packen!« rief Zbyszko. Jetzt erhob sich plötzlich Zych, der ein wenig geschlummert hatte, und begann zu singen: »Kuba stets von der Arbeit kommt, Mir, Maczek, nur die Lustbarkeit frommt; Frühmorgens mit der Sichel wir ziehn in die Au, Doch im Korn allein nur nach Kascha ich schau. Juchhe, Juchhe!« »Siehst Du,« wandte er sich hierauf an Zbyszko, »es sind ihrer zwei: Wilk aus Brzozowa und Cztan aus Rogow ... Aber Du ...« Da trat Jagienka, wohl aus Furcht, Zych könne in seinen Worten zu weit gehen, rasch auf Zbyszko zu und fragte: »Und wann willst Du gehen? Morgen?« »Morgen nach Sonnenuntergang.« »Und zu welchen Bienenstöcken?« »Zu den unsrigen, in Bogdaniec, nicht weit von Euren Grenzhügeln, nahe bei den Sümpfen von Rudzik. Man sagte mir, dort werde ich sicherlich mit einem Bären zusammenstoßen.« Sechstes Kapitel. Zbyszko traf alle Vorbereitungen, wie er gesagt hatte, denn Mackos Zustand verschlimmerte sich sichtlich. Anfänglich hielt diesen die Freude aufrecht über den Einzug in die Heimat, aber schon am dritten Tage änderte sich dies und der Schmerz in der Seite verschlimmerte sich dermaßen, daß sich der Kranke niederlegen mußte. Zbyszko ging zuerst bei Tag in den Wald, besichtigte die Bienenstöcke, entdeckte ganz in der Nähe der Sümpfe eine deutliche Spur und beredete sich mit dem Zeidler Wawrek, welcher des Nachts gewöhnlich, zusammen mit einigen grimmigen Hunden aus Podhale, in einer Hütte zu schlafen pflegte, just aber wegen der herbstlichen Kühle in das Dorf übergesiedelt war. Beide rissen gemeinsam die Hütte ab, führten die Hunde hinweg, bestrichen da und dort die Baumstämme mit Honig, um durch den Geruch das Tier anzulocken, dann kehrte Zbyszko nach Hause zurück und traf die weiteren Vorbereitungen zu seinem Unternehmen. Er kleidete sich der Wärme wegen in einen Oberrock von Elendsleder, der jedoch keine Aermel hatte, das Haupt bedeckte er mit einer festen Mütze aus Eisendraht, um sich dagegen zu schützen, daß ihm der Bär die Kopfhaut zerreiße, und schließlich bewaffnete er sich mit einer gut geschmiedeten, doppelzinkigen Heugabel und mit einem stählernen, breiten Beil, das einen weit längeren eichenen Stiel hatte, als die Beile, deren sich die Zimmerleute zu bedienen pflegen. Als der Abend anbrach, befand er sich schon an Ort und Stelle. Nachdem er einen geeigneten Platz ausgesucht hatte, ließ er sich, das Zeichen des Kreuzes machend, nieder und harrte auf das, was kommen werde. Die rötlichen Strahlen der untergehenden Sonne schimmerten zwischen den Aesten hervor. Ueber den Wipfeln der Föhren flatterten Krähen, krächzend und mit den Flügeln schlagend; hin und wieder schoß ein Hase einer Quelle zu und veranlaßte dadurch ein Rascheln der goldgelben Sträuche und der gefallenen Blätter; bisweilen huschte ein Marder durch die Buchen. Im Dickicht war noch immer das Gezirpe der Vögel zu hören, das jedoch allmählich verstummte. Allein selbst beim Sonnenuntergang trat im Walde keine Ruhe ein. Bald kamen Rudel von Wölfen lärmend und heulend an Zbyszko vorüber, bald trabten Elentiere in langen Reihen vorbei, eines den Kopf dicht an dem Schwanze des andern haltend. Die dürren Zweige krachten unter ihren Hufen, jene aber, noch von den rötlichen Sonnenstrahlen getroffen, strebten den Sümpfen zu, wo sie sich des Nachts ruhig und sicher fühlten. Schließlich vergoldete die Abendröte das ganze Firmament, die Wipfel der Föhren schienen wie in Feuer getaucht zu sein, und eine tiefe Ruhe lagerte sich über alles. Der Wald versank in Schlaf. Dunkelheit breitete sich über die Erde aus und stieg zu der leuchtenden Abendröte empor, welche allmählich verblaßte, um dann ganz zu erlöschen. »Jetzt, solange die Wölfe nicht heulen, wird es ruhig werden,« dachte Zbyszko. Er bedauerte gleichwohl, daß er die Armbrust nicht mitgebracht hatte, denn er hätte vielleicht mit Leichtigkeit einen Wolf oder ein Elentier erlegen können. Inzwischen drang von den Sümpfen her noch einige Zeit hindurch immer wieder ein dumpfer Ton, der wie schweres Stöhnen und Seufzen lautete. Mit einem gewissen Mißbehagen schaute Zbyszko nach dieser Richtung hin, war es doch auch ihm bekannt, daß der Bauer Radzik, welcher dort irgendwo in einer Lehmhütte gewohnt hatte, plötzlich mit seiner ganzen Familie verschwunden war, als ob ihn die Erde verschlungen hätte. Etliche Leute behaupteten, er sei von Räubern überfallen worden, andere dagegen wollten in der Nähe des Häuschens seltsame Spuren gesehen haben, die weder von Menschen noch von Tieren herrühren konnten, und diese Leute schüttelten den Kopf, ja, sie überlegten, ob es nicht wohl ratsam sei, den Geistlichen aus Krzesnia zu berufen, damit er die Hütte weihe. Dazu kam es freilich nicht, denn es fand sich niemand, der hier wohnen wollte, und das Häuschen, oder vielmehr der Lehm, mit dem die Reisigwände beworfen waren, wurde nach und nach von dem Regen ausgewaschen, von da an stand aber die Gegend in üblem Rufe. Der Zeidler Wawrek, der während des Sommers hier in einer kleinen Hütte nächtigte, kümmerte sich zwar nichts darum, allein gerade deshalb wurde auch viel über ihn gesprochen. Zbyszko, mit einer Heugabel und einem Beil bewaffnet, fürchtete sich zwar nicht vor wilden Tieren, allein es erfaßte ihn sofort ein gewisses Unbehagen bei dem Gedanken an unsichtbare Gewalten, und er war sehr froh darüber, als schließlich jene Töne verstummten. Immer dunkler ward die Nacht. Kein Luftzug regte sich mehr, sogar das gewöhnliche Rauschen in den Wipfeln der Föhren ließ sich nicht mehr vernehmen. Eine solche Ruhe herrschte, daß wenn von Zeit zu Zeit da und dort ein Tannenzapfen zur Erde fiel, der Klang weithin tönte, eine so lautlose Stille umgab Zbyszko, daß er seinen eigenen Atem hören konnte. Lange Zeit saß der junge Ritter unbeweglich auf seinem Platze und wartete auf den Bären. Nach und nach aber schweiften seine Gedanken ab; er gedachte Danusias, die mit Anna Danuta in ferne Gegenden fuhr. Lebhaft sah er sie vor sich, wie er sie in die Arme genommen hatte, als er sich von ihr und von der Fürstin verabschiedete, er erinnerte sich, wie ihr die Thränen über das Antlitz rannen, er erinnerte sich ihrer zarten Gesichtsfarbe, ihres goldhaarigen Köpfchens, ihres Kränzleins aus Kornblumen, ihres Gesanges, ihrer roten spitzen Schuhe, die er beim Abschied geküßt hatte. An seinem geistigen Auge zog all das vorüber, was sich seit der Zeit ereignet hatte, seit er und Danusa sich näher getreten waren, und ein solcher Schmerz über die Trennung, ein solches Sehnen nach dem geliebten Mädchen ergriff ihn, daß diese Gefühle alles andere aus seinem Gedächtnis verdrängten. Er vergaß, wo er war, er vergaß des Bären und sagte sich immer und immer wieder: »Ich werde zu Dir wandern, denn ohne Dich hat das Leben für mich keinen Wert!« Ja, das wollte er thun, er mußte nach Masovien reisen, in Bogdaniec würde er zu Grunde gehen, das fühlte er. Und Jurand kam ihm in den Sinn und dessen auffälliger Widerstand, und er sagte sich, er müsse sich auch zu diesem begeben, um die geheimnisvollen Gründe zu erforschen, die sich seinem Werben hindernd entgegen stellten, die aber vielleicht durch eine Forderung zum Kampfe auf Leben und Tod beseitigt werden konnten. So lebhaft stürmten diese Gedanken auf ihn ein, daß ihm war, als ob Danusia ihm die Hände entgegenstrecke und rufe: »Zbyszko, komm, komm!« Weshalb sollte er diesem Rufe nicht Folge leisten? Nein, er schlummerte nicht, und doch sah er die Geliebte so deutlich vor sich, wie es nur im Traume möglich war. Wie wenn es Wirklichkeit wäre! Ja, da fährt Danusia jetzt neben der Fürstin dahin und läßt ihre Finger über die Laute gleiten und singt! Doch sie denkt an ihn. Sie weiß, daß sie ihn bald wiedersehen wird, und vielleicht blickt sie umher, ob er nicht hinter ihnen im Galopp daherreite. Aber es ist nicht so – er befindet sich im finsteren Walde. Hier fuhr Zbyszko aus seinem Sinnen empor, aber nicht deshalb, weil er sich plötzlich erinnerte, wo er sich befand, sondern hauptsächlich darum, weil er ein Geräusch zu vernehmen glaubte. Er faßte die Heugabel fest in die Hand, neigte das Haupt vor und lauschte gespannt. Das Geräusch dauerte an, und während einiger Zeit war es ganz deutlich zu vernehmen. Die dürren Aeste krachten wie unter äußerst vorsichtigen Schritten, die gefallenen Blätter und Sträuche knisterten ... Irgend etwas Lebendiges näherte sich. Zeitweise ließ indes das Geräusch nach, gerade als ob ein Tier durch die Bäume zurückgehalten werde, um gleich darauf so sachte und behutsam wieder anzuheben, daß Zbyszko es nur durch angestrengtes Horchen vernehmen konnte. Stets aufs neue aber ließen sich Schritte unterscheiden und immer wieder fragte sich Zbyszko vor Staunen, was das wohl sein könne, das so leise durch den Wald schleiche. Vielleicht fürchtet sich »der Alte« vor den Hunden, welche in der hier gestandenen Hütte gehalten wurden, sagte er sich nach kurzem Ueberlegen, oder vielleicht mag es auch ein Wolf sein, der mich wittert. Mittlerweile hörten die Schritte auf. Zbyszko vernahm deutlich, daß irgend ein Wesen zwanzig oder dreißig Schritte vor ihm Halt machte – gerade als ob es sich niederkauere. Immer wieder strengte er seine Sehkraft an – allein, wenn er auch die Baumstämme trotz der Dunkelheit zu unterscheiden vermochte, er konnte nichts Auffälliges entdecken. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als geduldig zu warten. Und er mußte so lange warten, daß er abermals von Staunen ergriffen ward. Der Bär wird doch kaum zu den Bienenstöcken kommen, um zu schlafen, sagte er sich, ein Wolf aber würde mich längst gewittert haben und mich nicht bis früh morgens unbehelligt lassen. Mit einem Male lief ihm ein Frösteln über den ganzen Körper. Wie, so dachte er, wenn irgend ein Gespenst aus den Sümpfen emporgestiegen wäre, um sich ihm von hinten zu nähern? Oder was sollte er thun, wenn ihn die feuchtkalten Hände eines Ertrunkenen packen würden, wenn ihn ein Vampyr mit seinen grünen Augen zu durchbohren suchte, was sollte er beginnen, wenn plötzlich ein lautes Lachen hinter ihm ertönte, oder wenn ein Kopf auf Spinnenfüßen mit einem geisterhaften Antlitz hinter einer Tanne hervortreten würde? Er fühlte, wie sich ihm unter seiner Mütze von Eisendraht die Haare sträubten – da plötzlich ertönte das Geräusch vor ihm lauter und deutlicher als zuvor. Der junge Kämpe atmete erleichtert auf. Ohne Zweifel hatte ihn das Ungeheuer im Kreise umgangen, um sich ihm nun von vorn zu nähern. Das war ihm sehr erwünscht. Von neuem faßte er die Heugabel fest in die Hand, erhob sich leise und wartete gespannt. Mit einem Male fuhr ein Rauschen durch die Wipfel der Föhren, von den Sümpfen her wehte ein leichter Luftzug, ein übler Geruch zog in die Nase des Harrenden. Jetzt konnte kein Zweifel mehr herrschen, Meister Petz rückte heran. Alle Furcht war von Zbyszko gewichen. Den Kopf vorbeugend, strengte er Augen und Ohren übermenschlich an. Schwere Tritte wurden deutlich vernehmbar, der üble Geruch verstärkte sich, und nach wenigen Sekunden ertönte ein lautes Schnauben und Brummen. Wenn es nur nicht zwei sind! dachte Zbyszko. Aber in diesem Augenblick gewahrte er den unförmigen Körper eines großen dunkeln Tieres, das von den Sümpfen kommend, ihn noch nicht gewittert haben mochte, weil es durch den Geruch des auf die Stämme gestrichenen Honigs angezogen wurde. »Willkommen, Großväterchen!« rief Zbyszko, unter den Tannen hervortretend. Der Bär stieß ein kurzes Gebrüll aus; zweifellos erschreckte ihn die unerwartete Erscheinung, allein er war schon zu nahe gekommen, um sich durch die Flucht zu retten. Ohne weiteres erhob er sich auf den Hinterfüßen und streckte die Vordertatzen wie zu einer Umarmung aus. Darauf hatte Zbyszko gewartet; er nahm einen Anlauf, sprang wie der Blitz vor, um dann mit aller Gewalt seiner kräftigen Arme dem Tiere die Heugabel in die Brust zu stoßen. Ein schaudererregendes Gebrüll erfüllte jetzt den ganzen Wald. Der Bär, die Heugabel mit seinen Tatzen ergreifend, strengte sich vergeblich an, sie herauszuziehen, die scharfen Zinken saßen fest. Durch dies Bemühen vergrößerte daher das Tier nur den entsetzlichen Schmerz, und als es versuchte, seinem Gegner näher zu kommen, trug es abermals dazu bei, daß die Heugabel noch tiefer in seine Brust drang. Zbyszko aber, der sich nicht klar darüber war; ob er die Heugabel tief genug eingestoßen hatte, ließ den Stiel nicht los. So standen sich Mensch und Tier zerrend und zausend gegenüber. Voll Wut und Verzweiflung brüllte der Bär laut auf. Zbyszko war nicht im stande, das Beil zu erfassen, so lange er nicht das Ende des zugespitzten Stieles der Heugabel in die Erde zu stoßen vermochte, der Bär hingegen, als ob er verstünde, um was es sich handle, zerrte unaufhörlich mit den Vorderpfoten die Heugabel und mit ihr Zbyszko hin und her – und trotz der Qual, welche ihm bei jeder Bewegung die tiefeinbiegenden Zinken verursachten, widersetzte er sich so Zbyszkos Absicht. In solcher Weise zog sich der Kampf in die Länge, und Zbyszko fühlte immer deutlicher, daß seine Kräfte erlahmten. Gleichzeitig sagte er sich aber auch, daß er verloren wäre, sobald er stürzen würde. So nahm er sich denn nochmals zusammen, bot seine ganze Kraft auf, stemmte die Füße fest auf die Erde, bog sich, um nicht nach rückwärts zu stürzen, so weit vor, daß sein Rücken vollständig gekrümmt war und murmelte voll Wut durch die aufeinander gepreßten Zähne: »Einer von uns muß zu Grunde gehen, ich oder Du.« Und es erfaßte ihn schließlich ein solcher Zorn, ein solcher Grimm, daß er eher sich selbst geopfert hätte, als die Bestie freigegeben. Doch siehe da, er strauchelte mit einem Male über eine Baumwurzel und würde sicherlich zu Boden gestürzt sein, wenn nicht in diesem Augenblicke eine zweite dunkle Gestalt vor ihm aufgetaucht wäre, wenn nicht eine zweite Heugabel die Bestie getroffen und ihm eine Stimme zugerufen hätte: »Das Beil!« »Einer von uns muß zu Grunde gehen, ich oder Du.« In der Hitze des Kampfes überlegte Zbyszko nicht erst, woher ihm die unerwartete Hilfe komme, sondern er ergriff das Beil und versetzte dem Bären einen wuchtigen Schlag. Die Heugabeln zerbrachen krachend unter der gewaltigen Schwere des in Konvulsionen sich krümmenden Tieres, das sich wie vom Blitz getroffen röchelnd auf der Erde wälzte. Aber schließlich hörte dies Röcheln auf. Die herrschende Stille ward nur durch das laute Atmen Zbyszkos gestört, der sich an eine Tanne lehnte, da seine Füße den Dienst zu versagen drohten. Gleich darauf erhob er jedoch das Haupt, erblickte eine neben ihm stehende Gestalt und fuhr erschreckt zusammen, sagte er sich doch, dies könne kein menschliches Wesen sein. »Wer ist hier?« fragte er schließlich unruhig. »Jagienka!« erwiderte eine zarte weibliche Stimme. Zbyszko, von Staunen ergriffen, glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen. Allein jeder Zweifel mußte bald weichen, denn Jagienka ließ sich von neuem vernehmen: »Ich schlage jetzt Feuer an ...« Sofort ertönte das Zusammenschlagen des Feuersteines, die Funken sprühten, und bei ihrem flimmernden Scheine gewahrte Zbyszko die weiße Stirn, die dunkeln Brauen und die gespitzten Lippen des Mädchens, das den glimmenden Zunder anblies. Und als er sich sagte, daß dies junge Mädchen in den Wald gekommen war, um ihm beizustehen, daß er ohne dessen Hilfe elend zu Grunde gegangen wäre – da floß sein Herz über von Dankbarkeit. Ohne seine Handlungsweise lange zu erwägen, umfaßte er Jagienka und küßte sie auf beide Wangen. Ihr aber fielen Zunder und Feuerstein aus den Händen. »Verhalte Dich ruhig, hörst Du?« gebot sie mit etwas gedämpfter Stimme, allein trotzdem entzog sie ihm ihr Antlitz nicht, nein, im Gegenteil, sie näherte wie unwillkürlich ihren Mund den Lippen Zbyszkos. Dieser gab sie indessen frei und sagte: »Gott wird Dir lohnen. Ich weiß nicht, was ohne Dich aus mir geworden wäre!« Nun ließ sich Jagienka, die sich niederkauerte, um in der Dunkelheit Feuerstein und Zunder wieder zu finden, also vernehmen: »Ich fürchtete für Dich, weil Bezduch, trotzdem er wie Du mit der Heugabel und mit dem Beile auszog, von den Bären zerrissen ward. Gott verhütete dies. Was hätte aber auch Macko angefangen, er, der ja so schon nur schwer zu atmen vermag. Nun, ich bewaffnete mich mit der Heugabel und folgte Deiner Spur.« »Demnach schlichst Du zwischen den Tannen hindurch?« »Ja, ich.« »Und ich glaubte, es sei der Böse.« »Mich überkam auch keine geringe Furcht, denn gar unheimlich ist es in dunkler Nacht bei den Sümpfen von Rudzik.« »Weshalb hast Du denn nicht gerufen?« »Ach, ich fürchtete, Du könntest mich wegjagen.« So sprechend, fing sie wieder von neuem an, Feuer zu schlagen. Dann legte sie auf den glimmenden Zunder ein Stückchen dürrer Rinde von einem Flachsstengel, das sofort in helle Flammen aufging. »Ich habe zwei kleine scheite Holz bei mir,« rief sie hierauf, »Du aber mußt rasch einige dürre Aeste sammeln, dann werden wir gleich ein gutes Feuer haben.« In der That knisterte auch schon nach wenigen Minuten ein lustiges Feuer, dessen Schein den in einer großen Blutlache liegenden schmutzig-braunen Körper des Bären grell beleuchtete. »Ei, welch mächtiges Tier!« rief Zbyszko mit einer gewissen Selbstgefälligkeit. »Aber sieh nur, der Kopf ist fast ganz gespalten. Ach, Herr Jesus!« Nach diesen Worten bückte sie sich und fuhr mit der Hand in das zottige Fell des Ungetüms, um sich zu überzeugen, ob das Tier fett sei. Gleich darauf erklärte sie mit frohem Gesicht: »Auf wenigstens zwei Jahre hinaus werdet Ihr Fett haben.« »Die Heugabeln sind aber ganz entzwei. Schau nur her!« »Das ist einmal ein Unglück! Was soll ich nun zu Hause sagen?« »Was ist denn, was hast Du denn?« »Ach, das Väterchen hätte mir nicht erlaubt, des Nachts in den Wald zu gehen. Ich mußte daher warten, bis sich alle schlafen gelegt hatten. Erzähle keinem Menschen, daß ich hierher gekommen bin,« fügte sie nach kurzem Schweigen hinzu, »man könnte mich sonst verspotten.« »Nach Hause werde ich Dich aber begleiten. Wie leicht könnten Dich Wölfe überfallen, und Du hast jetzt keine Heugabel mehr.« »Ja, das ist mir recht.« Noch eine geraume Zeit plauderten sie bei dem getöteten Bären, an dem lustig prasselnden Feuer stehend, und glichen in ihrer jugendlichen Schöne zwei holden Waldgeschöpfen. Zbyszko blickte sinnend auf das liebliche, von der Flamme des Feuers hell beleuchtete Antlitz Jagienkas und sagte plötzlich voll unwillkürlicher Bewunderung: »Ein zweites Mädchen wie Du giebt es auf der ganzen Welt nicht mehr. Du solltest mit in den Kampf ziehen.« Da schaute ihm Jagienka tief in die Augen und erwiderte fast traurig: »So sagen alle, doch verlache mich darob nicht!« Siebentes Kapitel. Jagienka ließ einen ganzen Topf Bärenfett aus. Macko trank anfänglich mit Lust davon, war es doch frisch, nicht angebrannt und duftete nach Angelicakraut, ein Heilmittel, welches dem Mägdlein bekannt war und von dem es etwas in den Topf geworfen hatte. Allmählich stärkten sich auch die Lebensgeister Mackos wieder, sodaß er neue Hoffnung faßte, zu gesunden. »Das ist mir nötig gewesen,« erklärte er, »denn wenn der Mensch fett wird, dann arbeitet sich vielleicht der verfluchte Eisensplitter heraus.« Wenn ihm aber nun auch mit der Zeit das Bärenfett weniger mundete, trank er es doch aus Vernunft. Jagienka redete ihm auch zu. »Ihr werdet wieder gesunden,« erklärte sie. »Denkt nur, Zbeludow aus Ostrog, dem ein Glied seines Panzerhemdes tief in den Nacken eingedrungen war, ward auch durch Bärenfett gerettet. Sobald sich jedoch die Wunde öffnet, muß Biberfett aufgelegt werden.« »Und habt Ihr welches?« »Gewiß! Wenn Ihr jedoch ganz frisches haben wollt, gehe ich mit Zbyszko an einen Biberbau. An Bibern fehlt es nicht. Schaden könnte es aber auch nicht, wenn Ihr irgend einen Heiligen, welcher der Schutzpatron der Verwundeten ist, etwas geloben würdet.« »Daran habe ich auch schon gedacht, nur weiß ich nicht recht, welchem. Der Heilige Jerzy ist der Schutzheilige der Ritter: er steht den Kriegern in ihren Abenteuern bei, überhaupt wenden sich die Kämpen in jeder Not an ihn, und es wird behauptet, er kämpfe oft in eigener Person auf seiten der Gerechten, um mit Gottes Hilfe die Schuldigen zu strafen. Aber die, welche selbst gern kämpfen, geben sich selten dazu her, Wunden zu heilen, und außerdem giebt es vielleicht auch andere, denen sie nicht in das Gehege kommen wollen. Jeder Heilige hat im Himmel sein besonderes Amt – das ist ja bekannt! Und der eine darf sich niemals in die Angelegenheiten des andern mengen, denn daraus könnte nur Zwietracht entstehen. Wäre es aber vielleicht schicklich, wenn die Heiligen im Himmel Streit anfingen oder sich bekämpften? Es giebt freilich auch noch andere große Heilige wie zum Beispiel Kosma und Damian, zu welchen die Aerzte beten, damit die Krankheiten nicht aus der Welt verschwinden, weil sie ja sonst nichts zu essen hätten. Dann die heilige Apollonia für die Zähne und der heilige Liborius für den Stein – aber davon ist keiner etwas für mich! Ich frage den Abt, der wird mir sagen, an wen ich mich wenden soll. Nicht alle Kleriker wissen unter den Heiligen Bescheid und können in einer solchen Sache Rat erteilen, wenn sie auch einen geschorenen Kopf haben.« »Aber weshalb gelobt Ihr nicht dem Herrn Jesus selbst etwas?« »Das ist ja sicher, daß er über alle gesetzt ist, trotzdem kann ich aber dies nicht thun. Wenn mir zum Beispiel Dein Vater ohne irgend welchen Grund einen Bauern erschlagen würde, könnte ich vielleicht mit meiner Klage sofort zum König nach Krakau gehen. Was würde mir der König antworten? Er würde so zu mir sprechen: ›Wohl regiere ich das ganze Königreich, allein weshalb kommst Du wegen Deines Bauern zu mir? Sind denn nicht dafür die Verwalter da? Warum gehst Du nicht auf die Burg zu meinem Kastellan und Stellvertreter?‹ Der Herr Jesus aber regiert sogar die ganze Welt, verstehst Du – für die einzelnen Angelegenheiten sind jedoch die Heiligen da.« »Ich will Euch etwas sagen,« bemerkte jetzt Zbyszko, der mittlerweile hinzugetreten war, »gelobt doch unserer verstorbenen Königin eine Wallfahrt nach Krakau zu ihrem Grabe, so sie für Euch Fürbitte einlegen wird. Sind denn dort nicht schon vor unsern Augen Wunder geschehen? Weshalb wollt Ihr Euch an fremde Heilige wenden, wenn unsere Herrin allen andern vorzuziehen ist?« »Traun, wenn ich nur wüßte, ob sie auch bei Wunden etwas nützen kann!« »Nun, wenn sie auch nichts für Wunden thun kann! Aber kein Heiliger wird sie auch nur schief ansehen, und so er sie schief ansieht, wird ihm unser Herrgott eins versetzen, denn sie ist keine gewöhnliche Heilige, sondern die polnische Königin.« »Welche die heidnischen Länder dem Christentum zugänglich gemacht hat. Du hast klug gesprochen,« entgegnete Macko. »In dem Rate der Himmlischen nimmt sie gewiß eine hohe Stellung ein, und sicher ist, daß keiner der andern Heiligen gegen sie aufkommt. So wahr als ich gesund sein soll, handle ich nach Deinem Rat.« Auch Jagienka fand den Rat gut, ja Zbyszkos Klugheit erregte ihre höchste Bewunderung. Noch am gleichen Abend legte Macko ein feierliches Gelöbnis ab, das Bärenfett aber trank er von da mit noch größerer Hoffnungsfreudigkeit, indem er von Tag zu Tag seiner Gesundung entgegensah. Nach Verlauf einer Woche verlor er indessen wieder allen Mut. Er behauptete, das Fett gäre sofort in ihm, und unter der Haut an der letzten Rippe bilde sich etwas wie eine Geschwulst. Am zehnten Tage ward es noch schlimmer; die immer mehr um sich greifende Geschwulst rötete sich, Macko ward schwächer und schwächer, so daß er abermals dachte, dem Tode verfallen zu sein. In einer der Nächte weckte er plötzlich Zbyszko. »Zünde rasch einen Kienspan an,« rief er, »denn mit mir hat's eine Aenderung gegeben, ob zum Guten oder zum Schlimmen, das weiß ich nicht.« Zbyszko sprang mit gleichen Füßen empor, blies in dem Kamin der nebenanliegenden Stube das Feuer an, hielt den Kienspan hinein und fragte zurückkehrend: »Was ist mit Euch?« »Was mit mir ist? Irgend etwas Spitziges hat das Geschwür durchstochen. Gewiß der Splitter. Fassen kann ich ihn wohl, aber nicht herausziehen. Ich fühle, wie er unter meinen Nägeln klirrt.« »Das ist der Splitter der Eisenspitze, nichts anderes. Packt ihn nur fest und zieht ihn heraus.« Macko, vor Schmerz ächzend, wand sich hin und her. Trotzdem aber griff er mit den Fingern immer tiefer in die Wunde, versuchte stets aufs neue den harten Gegenstand zu erfassen, so daß es ihm schließlich auch in der That gelang, den Splitter herauszureißen. »O Herr Jesus!« »Habt Ihr ihn?« fragte Zbyszko. »Ja, aber mich schauert. Der kalte Schweiß ist mir ausgebrochen. Doch sieh, da ist er.« Mit diesen Worten zeigte er Zbyszko einen länglichen Splitter mit einer schlecht geschmiedeten Eisenspitze, der nun seit Monaten sich in seinem Körper befunden hatte. »Gott sei gepriesen und die Königin Jadwiga, denn jetzt werdet Ihr gesunden.« »Leichter ist's mir wohl, der Schmerz aber, der ist fürchterlich,« sagte Macko, an dem Geschwür drückend, aus dem eine Menge Eiter und Blut floß. »Wenn sich all die unreinen Säfte entleeren, dann muß der Mensch von der Krankheit genesen. Doch jetzt ist es nötig, Biberfett auf die Wunde zu legen; Jagienka behauptete dies wenigstens.« »Morgen machen wir uns auf, um einen Biber zu fangen.« Schon am nächsten Tage hatte sich Mackos Befinden unendlich gebessert. Nach einem erquickenden Schlafe erwachte er sehr spät und verlangte sofort zu essen. Gegen Bärenfett empfand er indessen geradezu einen Abscheu, deshalb zerschlug man ihm zwanzig Eier in einen Tiegel – gegen mehr hatte Jagienka vorsichtshalber Einsprache erhoben – und er verzehrte sie gierig mit einem halben Laib Brot. Dazu trank er ein Maß Bier. Nachdem er jedoch sich also gestärkt hatte, gebot er, Zych herbeizuholen, denn, so erklärte er, ihm sei gar lustig zu Mute geworden. Unverzüglich schickte Zbyszko einer seiner Türken zu Zych, der schon deshalb des Nachmittags angeritten kam, weil die jungen Leute an dem Ostapange-See auf die Biberjagd gehen wollten. Als dann Macko und Zych beim Meth zusammensaßen, da ging es anfänglich gar fröhlich zu, des Lachens und des Scherzens wollte es kein Ende nehmen. Schließlich aber kamen die beiden Alten auf Zbyszko und Jagienka zu sprechen, und ein jeder lobte sein Herzenskind. »Das ist ein Bursche, der Zbyszko,« hub Macko an, »einen zweiten wie den giebt es überhaupt nicht auf der Welt. Tapfer ist er und behend und gewandt wie ein Luchs. Seht Ihr! Als man ihn in Krakau zum Tode führte, da heulten die Mädchen an den Fenstern dermaßen, als ob ihnen jemand den Buckel mit einer Pfrieme verhauen hätte. Und was für Mädchen waren das! Töchter von Rittern und von Burgvögten, ganz abgesehen von den wunderschönen Bürgertöchtern.« »Ob das nun die Töchter von Burgvögten gewesen sind voll wunderbarer Schönheit – über meine Jagienka gehen Sie doch nicht,« warf Zych aus Zgorzelic ein. »Als ob ich gesagt hätte, sie überträfen diese! Ein liebevolleres Wesen als Jagienka ist ja kaum zu finden!« »Ich sage auch nichts gegen Zbyszko. Der spannt doch die Armbrust ohne Kurbel.« »Und den Bären hat er allein erlegt. Wißt Ihr aber auch auf welche Weise? Er spaltete ihm mit einem einzigen Hieb den Kopf.« »Den Kopf spaltete er ihm wohl, doch getötet hat er ihn nicht allein. Jagienka kam ihm dabei zu Hilfe.« »Sie half ihm? ... davon sagte er mir ja nichts.« »Weil er es ihr versprach ... denn das Mädchen schämte sich, weil sie des Nachts in den Wald gegangen ist. Andere hätten Ausflüchte ersonnen, sie aber kann die Wahrheit nicht verschweigen. Ernst gesprochen, es wäre mir nicht lieb, wenn das jemand wüßte ... Ich wollte sie auch schelten, allein sie sprach also: Ich kann allein mein Kränzlein hüten, das ja auch Ihr, Väterchen, zu behüten sucht. Fürchtet nichts, Zbyszko weiß, was er seiner Ehre als Ritter schuldig ist.« »Das ist gewiß. Doch heute sind sie wieder zusammen gegangen.« »Aber sie kehren gegen Abend zurück. Des Nachts jedoch, da ist der Teufel los und in der Dunkelheit ist ein Mädchen leichter zu bethören.« Macko schwieg eine Weile nachdenklich, dann sagte er wie zu sich selbst: »Und bei alledem sehen sie sich gern.« »Freilich! Wenn er sich nur nicht einer andern angelobt hätte!« »Ach, Ihr wißt doch, das ist ritterliche Sitte ... Wer in der Jugend nicht seine Herrin hat, den betrachten die andern als einen einfältigen Tropf. Er gelobte ihr drei Pfauenbüsche, und die muß er sich erobern, denn das erfordert seine ritterliche Ehre. Auch dem Lichtenstein muß er sich stellen, von den andern Gelöbnissen kann ihn der Abt entbinden.« »An einem der nächsten Tage trifft der Abt hier ein,« bemerkte Zych. »Glaubt Ihr?« fragte Macko, dann hub er von neuem an: »Uebrigens, was nützt ihm ein Gelöbnis, da Jurand ihm geradeheraus sagte, er gebe ihm das Mädchen nicht! Ob er sie einem andern versprochen hat, ob er sie dem Dienste Gottes weihen will, das weiß ich nicht – daß er sie ihm aber nicht gebe, das sagte er geradeheraus ...« »Von mir hörtet Ihr aber doch schon,« warf jetzt Zych ein, »daß der Abt Jagienka wie sein eigenes Kind liebt. Jüngsthin hat er so zu ihr gesprochen: ›Blutsverwandte habe ich nur von mütterlicher Seite, aber von dem Erbe wird mehr für Dich herauskommen, als für sie‹.« Daraufhin schaute Macko unruhig, ja mißtrauisch auf Zych und bemerkte gleich darauf: »Unsere Beeinträchtigung werdet Ihr doch nicht wollen ...« »Auf Jagienka geht Moczydoly über!« erklärte Zych beschwichtigend. »Sofort?« »Wenn es sein muß, sofort. Einer andern würde ich es nicht überlassen, aber ihr übergebe ich es gern.« »Bogdaniec gehört zur Hälfte Zbyszko, und so mir der Herr die Gesundheit wiederschenkt, werde ich das Gut bewirtschaften, daß es sich sehen lassen kann. Gefällt Euch Zbyszko?« Auf diese Frage hin blinzelte Zych lustig mit den Augen und bemerkte: »Schlimm genug ist's, daß Jagienka sich sofort abwendet, sobald irgend jemand von ihm spricht.« »Und wenn Ihr von einem andern redet?« »Ich darf nur einen andern erwähnen, dann kehrt sie sich sofort um und fragt: ›Was habt Ihr gesagt‹?« »Ei, da seht Ihr nun! Gebe Gott, daß er um dieses Mädchens willen die andere vergesse. Ich bin doch alt, aber mir fiele das nicht schwer ... Nehmt Ihr noch einen Trunk Met?« »Ja, schenkt nur ein.« »Nun, was den Abt anbetrifft ... das ist ein einsichtsvoller Mensch! Auch unter den Aebten giebt es, wie Ihr wißt, ganz weltliche Leute, aber wenn er auch nicht immer bei den Mönchen sitzt, ist er doch ein Geistlicher, und ein Priester weiß stets besseren Rat als ein gewöhnlicher Mensch zu erteilen, denn er kennt die Schrift und ist mit dem heiligen Geist vertraut. Daß Ihr dem Mädchen Moczydoly sofort überlassen würdet, da habt Ihr recht. Wenn mir aber der Herr Jesus die Gesundheit wiederverleiht, werde ich dem Wilk aus Brzozowa so viele Freibauern abspenstig machen, als ich kann. Auf Weihnachten mögen sie sich bei Wilk empfehlen und zu mir kommen. Oder steht ihnen das nicht frei? Mit der Zeit baue ich dann die Burg in Bogdaniec wieder neu auf; ein stattliches Kastell aus Eichenholz soll erstehen, ringsum von Gräben umzogen ... Zbyszko und Jagienka mögen vorläufig mit einander auf die Jagd gehen ... Meiner Ansicht nach läßt der Schnee nicht mehr lange auf sich warten ... So gewöhnen sie sich aneinander – und sicherlich wird der Bursche die andere vergessen. Ja, ja, sie sollen miteinander jagen. Doch weshalb noch lange hin- und herreden! Würdet Ihr ihm Jagienka geben oder nicht?« »Ich würde sie ihm geben. Längst haben wir uns doch schon darüber geeinigt, daß die beiden zusammengehören, daß Moczydoly und Bogdaniec einmal auf die Enkelchen übergehen.« »Hagel!« rief Macko fröhlich. »Gott gebe, daß sie sich wie Hagel vermehren. Der Abt wird sie uns taufen.« »Wenn er nur damit fertig wird!« scherzte Zych in lustigem Tone. »So fröhlich habe ich Euch aber schon lange nicht mehr gesehen.« »Weil mir das Herz vor Freude hüpft ... Von der Eisenspitze bin ich befreit, und was Zbyszko anbelangt, an dem wird nichts scheitern. Gestern, als Jagienka zu Pferde stieg, seht Ihr, da hub ein Sturm an ... Und ich sagte zu Zbyszko: ›Was thust Du nun‹? Sofort aber zäumte er sein Roß. Außerdem habe ich auch wohl bemerkt, daß sie anfänglich nur wenig miteinander sprachen, jetzt aber verdrehen sie sich fast die Hälse, so viel schwatzen sie. Es wird schon werden ... es wird schon werden! ... Doch Ihr trinkt ja nicht!« »Ich nehme noch einen Schluck!« »Auf das Wohl von Zbyszko und Jagienka!« Achtes Kapitel. Der alte Edelmann täuschte sich nicht, als er behauptete, Zbyszko und Jagienka seien gern zusammen. Doch nicht nur das, eines sehnte sich sogar nach dem andern. Unter dem Vorwande, den kranken Macko zu besuchen, stellte sich Jagienka, entweder mit dem Vater oder allein, immer häufiger in Bogdaniec ein, während Zbyszko zu jeder Zeit, selbstverständlich aus Dankbarkeit, Zgorzelic heimsuchte. Mit jedem kommenden Tag entwickelte sich daher zwischen ihnen ein traulicherer Verkehr, eine innigere Freundschaft. Der junge, wunderbar schöne Zbyszko flößte aber auch dem Mägdlein große Bewunderung ein, und wenn sie ihn mit einem Cztan aus Rogow oder mit einem Wilk aus Brzozowa verglich, ihn, der sich nicht nur schon im Kriege hervorgethan, an ritterlichen Spielen teilgenommen hatte, sondern auch in den königlichen Gemächern sich zu bewegen wußte, da dünkte ihr, er sei der wahre höfische Ritter, er stehe keinem Königssohne nach. Zbyszko seinerseits wurde stets aufs neue durch die herrliche, kraftstrotzende Erscheinung Jagienkas in Staunen versetzt. Wohl dachte er in Treuen an Danusia, jedesmal aber, wenn er unverhofft, sei es im Walde, sei es im Hause, mit jener zusammentraf, sagte er sich unwillkürlich: »Hei, sie ist wie eine junge Hindin.« Hielt er sie aber gar in den Armen, um sie auf das Pferd zu heben, so ergriff ihn eine plötzliche Unruhe, ein Rieseln lief ihm durch alle Glieder, um dann einer Mattigkeit Platz zu machen, die ihn wie der Schlaf lähmte. Die von Natur sehr stolze Jagienka, die stets nur dazu bereit war, zu spotten und zu lachen und mit jedem anzubinden, ward dem schönen Jüngling gegenüber immer demütiger, ja, sie las ihm alle seine Wünsche an den Augen ab. Wie dankbar erkannte er aber auch dies an! Das Zusammensein mit ihr ward ihm immer mehr zum Bedürfnis. Wohlgemut schickten sie sich zur Biberjagd an. Sie bewaffneten sich mit der Armbrust, setzten sich zu Pferd und ritten über Moczydoly, welches die zukünftige Mitgift Jagienkas bilden sollte, bis an den Waldessaum, wo sie die Pferde einem Knechte übergaben, um von hier aus zu Fuße weiter zu gehen; war es doch ein Ding der Unmöglichkeit, durch das Dickicht oder über die Sümpfe zu reiten. Unterwegs wies Jagienka auf einen dichten Wald, der sich hinter einer großen, mit Sumpfgewächsen bedeckten Wiese hinzog, und sagte: »Dieser Wald gehört Cztan aus Rogow.« »Dem, der Dich gern zum Weibe nehmen möchte?« Sie fing an zu lachen. »Er würde mich schon nehmen, wenn ich mich nehmen ließe.« »Du wirst Dich schon vor ihm schützen können, da Dir Wilk beisteht. Wie ich gehört habe, sollen sie ja wie Hunde fortwährend die Zähne gegen einander fletschen. Ich möchte nur wissen, weshalb sie sich noch nicht auf Leben und Tod gefordert haben.« »Weil das Väterchen, als es in den Krieg zog, also zu ihnen sprach: ›Wenn Ihr Euch schlagen werdet, dann kommt mir keiner von Euch mehr unter die Augen.‹ Was sollten sie daher machen? Und dann! Was schnauben beide vor Wut, wenn sie in Zgorzelic zusammentreffen, später aber trinken sie in der Schenke gemeinsam so lange, bis sie unter den Tisch fallen.« »Das sind einfältige Burschen!« »Warum denn?« »Nun, wenn Zych nicht zu Hause war, hätte doch der eine oder der andere in Zgorzelic einfallen und Dich mit Gewalt entführen können.« Jagienkas blaue Augen funkelten mit einem Male. »Glaubst Du denn, daß ich mir dies gefallen ließe? Als ob es in Zgorzelic keine Knechte gäbe, als ob ich den Speer und die Armbrust nicht zu führen wüßte! Sie sollen es nur einmal probieren, die beiden! Schön würde ich einen jeden nach Hause jagen, um dann noch selbst Nogow, oder Brzozowa anzugreifen. Das Väterchen wußte, daß es ruhig in den Krieg ziehen konnte.« Bei diesen Worten blickte sie so wild um sich her und schüttelte so drohend die Armbrust, daß Zbyszko lachend erklärte: »Ei, ei. Du solltest ein Ritter und nicht ein Mädchen sein!« Sie aber beruhigte sich sofort wieder und entgegnete: »Ja, ja, Cztan schützte mich vor Wilk, und Wilk vor Cztan. Zudem stand ich auch unter der Obhut des Abtes, und den Abt zu reizen, ist nicht geraten.« »Ach was, alle fürchten sich vor dem Abte, aber ich – und ich sage die Wahrheit, so wahr mir der heilige Jerzy beistehen soll – fürchtete mich weder vor dem Abte noch vor Zych, weder vor den Zgorzelicer Knechten noch vor Dir, wenn ich Dich haben möchte.« Auf diese Worte hin blieb Jagienka plötzlich stehen, schaute den Sprechenden prüfend an, und fragte langsam und in seltsam weichem Tone: »Möchtest Du mich haben?« Mit glühenden Wangen und weit geöffnetem Munde harrte sie dann auf seine Antwort. Doch er hatte augenscheinlich nur davon gesprochen, was er an Stelle von Wilk oder von Cztan thun würde. So schüttelte er denn nach kurzem Schweigen sein goldblondes Haupt und erklärte: »Wozu soll es dienen, wenn ein Mädchen sich den Burschen widersetzt, da sie einmal heiraten muß? Findet sich kein dritter Bewerber, bleibt Dir ja doch nichts anderes übrig, als einen der beiden zu wählen. Oder vielleicht nicht?« »In der Weise solltest Du nicht mit mir reden!« warf das Mädchen traurig ein. »Weshalb denn nicht? Ich bin lange von hier fort gewesen, ich weiß daher nicht, ob es in der Nähe von Zgorzelic jemand giebt, welcher Dir besser gefallen würde.« »Ach,« meinte nun Jagienka, »laß mich in Frieden.« Schweigend gingen sie weiter. Nur langsam kamen sie durch das Gehölz, das immer dichter wurde, weil Bäume und Sträucher mit wildem Hopfen bewachsen waren. Zbyszko, voranschreitend, bahnte den Weg, indem er teils das Gestrüpp auseinander riß, teils die hindernden Aeste zurückbog. Jagienka, der Jagdgöttin ähnlich, folgte ihm mit der Armbrust auf der Schulter. »Hinter diesem Gehölze werden wir an einen reißenden Bach kommen,« bemerkte das Mädchen nach einiger Zeit, »doch kenne ich eine Stelle, wo eine Furt ist.« »Meine Lederschuhe reichen bis zu den Knien, wir werden also trocken hinüber gelangen,« antwortete Zbyszko. Bald darauf standen sie an dem Bache. Mit Leichtigkeit fand Jagienka die Furt, kannte sie doch die Wälder von Moczydoly ganz genau. Es zeigte sich indessen bald, wie stark das Bächlein durch den Regen angeschwollen war, denn die ganze Furt stand unter Wasser. Da nahm Zbyszko, ohne lange zu fragen, das Mädchen auf die Arme. »Laß mich, ich kann allein hinüber gehen!« rief Jagienka. »Faß mich um den Hals!« lautete indessen Zbyszkos Antwort. Behutsam schritt er über die überschwemmte Furt, vorsichtig mit dem Fuße immer wieder probierend, ob er auch sicheren Boden unter sich habe. Jagienka aber schmiegte sich jetzt, wie er es gewünscht hatte, dicht an ihn an. Ehe sie jedoch das andere Ufer erreichten, sagte sie plötzlich: »Zbyszko!« »Ja, was willst Du?« »Ich nehme weder Cztan, noch Wilk!« Fest hielt er sie inzwischen in seinen Armen, ließ sie dann achtsam auf das Geröll herabgleiten und erwiderte nach einer Weile etwas verwirrt: »Möge Dir Gott das zu teil werden lassen, was das Beste für Dich ist. Dann wird es Dir nicht schlimm ergehen.« Sie befanden sich jetzt nicht mehr sehr weit von dem Ostapange-See. Jagienka ging nun voran. Von Zeit zu Zeit wandte sie sich um und legte, ihrem Begleiter Schweigen gebietend, den Finger auf den Mund. Aus feuchtem, morastigem Grunde führte sie ihr Weg zwischen Gestrüpp und grauen Weiden hindurch. Von rechts her drang ein merkwürdiges Geräusch zu ihnen, das nur von Vögeln herrühren konnte und welches Zbyszko mit Staunen erfüllte, da um diese Zeit die Zugvögel gewöhnlich schon nach dem Süden gezogen waren. »Dort ist eine nie zufrierende Stelle,« flüsterte Jagienka, »wo sich Enten aufhalten. Aber auch der See gefriert selbst bei der größten Kälte nur längs des Ufers. Sieh nur, welch ein Dunst hier aufsteigt.« Zbyszko schaute durch das Gestrüpp. Sein Blick fiel auf eine graue Nebelwand, die den See vor ihren Blicken verbarg. Abermals legte Jagienka den Finger auf den Mund; schon nach wenigen Sekunden hatten sie ihr Ziel erreicht. Behutsam kroch das Mädchen unter eine alte Weide, deren Aeste fast in das Wasser hingen. Zbyszko folgte dem Beispiele Jagienkas. Geraume Zeit hindurch verhielten sich die beiden völlig still. Durch den dichten Nebel vermochten sie nichts zu unterscheiden, nur über ihren Köpfen ertönte in regelmäßigen Zwischenräumen das klagende Piepen der Kiebitze. Schließlich jedoch erhob sich ein Wind; die Gesträuche, das gelb gefärbte Laub der Weiden rauschten, der Nebelschleier senkte sich langsam und die leicht bewegte, völlig verödete Oberfläche des Sees ward sichtbar. Der Jüngling ergriff mit der einen Hand die Zöpfe, mit der andern preßte er das Wasser heraus ... »Ist nichts zu sehen?« flüsterte Zbyszko. »Nichts. Verhalte Dich ruhig!« Der Luftzug ließ jedoch bald wieder nach, eine tiefe Stille trat ein. Da mit einem Male zeigte sich auf der Oberfläche des Wassers ein dunkler Kopf, ein zweiter ward sichtbar und endlich, endlich tauchte ganz in der Nähe der Lauernden ein großer Biber, einen frischgebrochenen Zweig im Maule, vom Ufer ins Wasser. Die Schnauze in die Höhe haltend, den Zweig mit sich ziehend, schwamm er zwischen den Wasserlinsen und den Enten umher. Zbyszko, der näher am Stamm lag als Jagienka, bemerkte plötzlich, wie diese vorsichtig den Arm hob und das Haupt weit vorsteckte: augenscheinlich zielte sie auf das Tier, welches, die Gefahr nicht ahnend, die es bedrohte, kaum einen Pfeilschuß von dem kahlen Ufer entfernt, hin und her schwamm. Da schwirrte die Sehne einer Armbrust und gleichzeitig ertönte der Ruf Jagienkas: »Wir haben ihn, wir haben ihn!« Zbyszko fuhr blitzesschnell empor und blickte durch die Aeste auf das Wasser: der Biber tauchte unter, erschien wieder auf der Oberfläche und zeigte, sich überschlagend, seinen hellen glänzenden Bauch. »Gut getroffen! Bald wird es aus sein!« sagte Jagienka. Und sie hatte Recht, die Bewegungen des Tieres wurden immer matter und matter, so daß es nach Verlauf eines Vaterunsers leblos auf dem Rücken lag. »Ich hole ihn!« rief nun Zbyszko. »Nein, das geht nicht. Hier am Ufer ist der Morast unermeßlich tief. Wer die gangbaren Stellen nicht genau kennt, versinkt unrettbar.« »Wie sollen wir aber das Tier bekommen?« »Schon am Abend wird es in Bogdaniec sein. Zerbrich Dir Deinen Kopf nicht darüber. Für uns aber ist es Zeit zur Heimkehr.« »Du hast aber gut gezielt!« »Bah, das ist nicht der erste!« »Andere Mädchen fürchten sich sogar davor, die Armbrust anzusehen, aber mit Dir möchte ich mich das ganze Leben hindurch im Walde umhertreiben!« Als Jagienka dies Lob vernahm, errötete sie vor Freude, allein sie erwiderte nichts, sondern schlug sofort den Rückweg durch das Gestrüpp ein. Zbyszko stellte allerlei Fragen über die Baue der Biber, Jagienka aber erzählte ihm, daß sowohl in Moczydoly wie in Zgorzelic unendlich viele Biber seien und wie diese Tiere auf den Hügeln, auf allen Wegen herumschwärmten. Plötzlich griff sie mit der Hand an die Seite. »Ach!« rief sie, »nun habe ich meine Pfeile an jener Weide zurückgelassen. Warte einen Augenblick!« Und ehe er antworten konnte, daß er zurückgehen wolle, sprang sie wie ein Reh davon, so daß sie in wenigen Minuten seinen Augen entschwunden war. Der junge Ritter wartete und wartete; er vermochte sich nicht auszudenken, weshalb sie solange nicht zurückkehrte. »Vielleicht hat sie einen Pfeil nach dem andern verloren und muß jeden einzelnen suchen,« sagte er sich, »doch am besten ist's, ich folge ihr nach. Es könnte ihr etwas zugestoßen sein.« Kaum war er indessen einige Schritte gegangen, als das Mädchen vor ihm stand, die Armbrust in der Hand, lachend, mit geröteten Wangen, den Biber über den Schultern. »Um Gottes willen!« rief Zbyszko. »Wie hast Du das Tier herausgezogen?« »Wie? Ich kroch ins Wasser, das ist alles! Für mich ist dies nicht das erste Mal gewesen; Dich aber wollte ich es nicht thun lassen, weil Du die gangbaren Stellen nicht kennst.« »Und ich wartete hier wie ein rechter Tölpel! Welch schlaues Mädchen Du bist!« »Nun, was hätte ich sonst thun sollen?« »So hast Du die Pfeile gar nicht liegen lassen?« »Ach nein, ich wollte Dich nur vom Ufer fern halten.« Aber um dem Gespräche eine andere Wendung zu geben, sagte sie gleich: »Winde meine Zöpfe aus, denn ich fühle die Nässe, bis auf die Haut.« Der Jüngling ergriff mit der einen Hand die Zöpfe, mit der andern preßte er das Wasser heraus, indem er sagte: »Am besten wäre es, sie aufzuflechten, dann würde sie der Wind rasch trocknen.« Davon wollte sie jedoch nichts wissen. Sie fürchtete das Gestrüpp, durch welches ihr Weg führte. Zbyszko trug jetzt den Biber über der Schulter, Jagienka schritt voraus. »Nun wird Macko rasch gesunden,« erklärte sie. »Es giebt nichts Besseres, als das Bärenfett als innerliches Heilmittel und das Biberfett, um es auf die Wunden zu legen. Schon nach zwei Wochen wird er wieder zu Pferde steigen können.« »Das gebe Gott!« entgegnete Zbyszko. »Darauf harre ich schon längst wie auf eine Erlösung. Den Kranken wollte ich nicht verlassen, und doch verdrießt es mich, hier sitzen zu müssen.« »Es verdrießt Dich, hier sitzen zu müssen?« fragte Jagienka. »Weshalb denn?« »So hat Dir Zych nichts von Danusia gesagt?« »Wohl hat er mir von ihr erzählt. Ich weiß, sie hat Dich mit ihrem Schleier umhüllt. Ich weiß es. Er sagte mir auch, jeder Ritter müsse gewisse Gelöbnisse erfüllen, wolle er seiner Herrin in Treue dienen. Doch er behauptete, das sei von keiner Bedeutung ... ein solches Gelöbnis ... weil zuweilen sogar verheiratete Männer irgend einer Herrin dienen. Und mit Danusia, Zbyszko, wie ist's mit ihr? Sprich! Wie ist's mit Danusia?« Bei diesen Worten trat sie ganz nahe auf ihn zu und schaute ihm mit großen, angstvollen Augen prüfend in das Antlitz. Ohne sich jedoch irgend welchen Gedanken über die zaghafte Stimme des Mädchens, über dessen erschreckten Blick zu machen, entgegnete der junge Ritter: »Danusia ist nicht nur meine Herrin, sondern sie ist mir die Liebste auf der ganzen Welt. Noch mit keinem Menschen habe ich darüber gesprochen, Dir aber sage ich es, denn Dich betrachte ich wie meine Schwester, kennen wir uns doch von Kindheit auf. Um Danusias willen ginge ich über neun Flüsse und über neun Meere, zu den Deutschen und zu den Tataren, denn eine zweite wie sie giebt es nicht mehr auf der ganzen Welt. Möge der Ohm in Bogdaniec bleiben, mich treibt es zu ihr ... Was ist mir Bogdaniec ohne die Geliebte, was gilt mir aller Viehstand, Hab und Gut, was gilt mir der Reichtum des Abtes ohne sie? Das Roß besteige ich nun und ziehe in den Krieg, und so mir Gott beisteht, erfülle ich mein Gelöbnis, es sei denn, daß ich zuvor selbst darniedergeworfen werde.« »Das alles wußte ich nicht ...« warf Jagienka fast tonlos ein. Zbyszko aber begann ihr nun zu erzählen, wie er in Tyniec zum ersten Male Danusia gesehen und wie er sich sofort ihrem Dienste geweiht habe. Alles berichtete er dann, was hierauf geschehen war, er sprach von seiner Gefangennahme, von seiner Rettung durch Danusia, von Jurands abweisendem Ausspruch, von dem Abschiede, von der ihn verzehrenden Sehnsucht und schließlich von der unaussprechlichen Freude darüber, daß ihn nach Mackos Gesundung nichts mehr davon abhalte, zu der Geliebten zu wandern und das Gelöbnis zu erfüllen, das er abgelegt hatte. Mittlerweile waren sie wieder an dem Waldessaum und an der Stelle angelangt, wo der Knecht mit den Pferden ihrer harrte. Jagienka bestieg sofort ihr Roß und erklärte zu Zbyszko gewendet: »Nimm Du den Knecht mit Dir, damit er Dir den Biber trage. Ich kehre nach Zgorzelic zurück.« »Wie, Du gehst nicht mit mir nach Bogdaniec? Zych ist ja dort.« »Nein. Der Vater könnte doch zurückgekehrt sein und mich nötig haben.« »Nun, so möge Dir Gott für den Biber lohnen.« »Mit Gott ...« Einen Augenblick darauf befand sich Jagienka allein. Ueber die Heide den Heimweg einschlagend, schaute sie immer wieder so lange nach Zbyszko zurück, bis er hinter den Bäumen verschwunden war, dann aber barg sie plötzlich das Gesicht in den Händen, gerade als ob sie sich vor den Sonnenstrahlen schützen wolle. Noch war aber keine Minute verstrichen, da rannen heiße Zähren über ihre Wangen und fielen, eine nach der andern, Perlen gleich, auf den Sattel, auf die Mähne ihres Rosses. Neuntes Kapitel. Nach der Unterredung mit Zbyszko zeigte sich Jagienka drei Tage lang nicht in Bogdaniec, am vierten indessen erschien sie mit der Nachricht, daß der Abt in Zgorzelic angelangt sei. Diese Kunde brachte eine gewisse Erregung in Macko hervor. Zwar besaß er hinreichende Mittel, nun den Pfandschilling zu bezahlen, ja, er hatte ausgerechnet, daß ihm noch genug blieb, um mehr Ansiedler heranzuziehen, um einiges Vieh und manches andere, zur Landwirtschaft Notwendige anzuschaffen, aber zuvörderst hing alles von der Gnade des reichen Verwandten ab. Konnte dieser doch die Bauern, welche er selbst zur Ansiedelung veranlaßt hatte, je nach Bedürfnis mit sich fortführen oder auch zurücklassen, und dadurch den Wert des Gutes entweder erhöhen oder vollständig vernichten. Daher forschte Macko das junge Mädchen sehr eingehend nach dem Abte aus, er wollte wissen, wie er angekommen war, ob er heiter oder finster aussehe, auf welche Weise er von ihnen spreche und wann er nach Bogdaniec kommen werde – sie aber beantwortete seine Fragen sehr vorsichtig, indem sie ihn aufzurichten und über alles zu beruhigen suchte. Sie berichtete, der Abt sei wohl und vergnügt mit einem ansehnlichen Gefolge eingetroffen, worunter sich außer bewaffneten Knechten auch einige vagierende Kleriker, sowie fahrende Schüler befanden, er singe mit Zych und lausche gern nicht nur geistlichen, sondern auch weltlichen Gesängen. Sie fügte hinzu, er habe mit großer Besorgnis nach Macko gefragt und die Erzählung Zychs von Zbyszkos Erlebnissen in Krakau aufmerksam angehört. »Was Ihr zu thun habt, wißt Ihr selbst am besten,« sagte das kluge Mädchen schließlich, »doch glaube ich, es schickt sich, daß Zbyszko sogleich aufbricht, um den älteren Verwandten zu begrüßen, und es nicht abwartet, bis dieser nach Bogdaniec kommt.« Dieser Rat gefiel Macko. Er befahl daher, Zbyszko herbeizurufen, und sagte ihm: »Kleide Dich schön und geh' dann, des Abtes Füße zu umfassen und ihm Deine Verehrung zu bezeigen, damit auch er Dich liebgewinnt.« Zu Jagienka gewendet bemerkte er: »Ich würde mich nicht wundern, wenn Du eine Thörin wärst, denn dafür bist Du ein Weib, aber daß Du Verstand hast, dies wundert mich. Sage mir nun, wie ich den Abt am besten bewirten, und womit ich ihn erfreuen kann, wenn er kommt.« »Was die Speisen anbelangt, so sagt er selbst, wozu er Lust hat – er ißt gern gut, und viel Safran muß bei allem sein, dann ist er zufrieden.« Macko griff sich an den Kopf, als er dies hörte. »Woher soll ich Safran für ihn nehmen?« »Ich habe mitgebracht,« versetzte Jagienka. »O wenn doch solche Mädchen auf freiem Felde wüchsen,« rief Macko erfreut aus. »Den Augen bist Du wohlgefällig, und sparsam bist Du und klug und freundlich gegen jedermann. Ei! Wäre ich noch jung, Dich und keine andere würde ich zum Weibe nehmen.« Da blickte Jagienka wie von ungefähr auf Zbyszko und leise seufzend fuhr sie fort: »Auch Würfel und Becher und ein Stück Tuch habe ich mitgebracht, denn nach jedem Mahle ergötzt er sich gerne mit den Würfeln.« »Diese Gewohnheit hatte er schon früher, und dabei pflegte er immer furchtbar heftig zu werden.« »Heftig ist er gar oft. Zuweilen wirft er den Becher ärgerlich auf den Boden und eilt zur Thüre hinaus. Aber dann kehrt er lachend zurück und wundert sich selbst am meisten über seinen Zorn. Nun, Ihr kennt ihn ja! Fügen muß man sich ihm, doch giebt es keinen bessern Menschen auf der Welt!« »Und wer sollte sich ihm nicht fügen, da er auch vermöge seines Verstandes alle andern überragt!« So plauderten sie miteinander, während Zbyszko sich im Nebenzimmer ankleidete und schmückte. Als er dann hereintrat, sah er so schön aus, daß Jagienka vollständig geblendet war, gerade wie damals, als er zum erstenmal in seiner weißen »Jacke« nach Zgorzelic gekommen war. Aber diesmal empfand sie tiefes Leid bei dem Gedanken, daß das Herz dieses Jünglings nicht ihr gehörte, und daß er eine andere liebte. Macko indessen betrachtete ihn voll Vergnügen, denn er sagte sich, der Abt werde sicherlich Wohlgefallen an Zbyszko finden und bei den Unterhandlungen dann keine Schwierigkeiten machen. Dieser Gedanke bereitete ihm so große Freude, daß er beschloß, seinen Bruderssohn zu begleiten. »Laß einen Wagen für mich rüsten – laß Heu darin aufschütten,« sagte er zu Zbyszko, »wenn ich mit einer Pfeilspitze zwischen den Rippen von Krakau bis nach Bogdaniec fahren konnte, kann ich jetzt gewiß ohne Pfeilspitze bis nach Zgorzelic fahren.« »Wenn Ihr nur nicht allzusehr dabei leidet,« sagte Jagienka. »Ei, es schadet mir nichts, denn ich fühle mich kräftig genug. Und wenn ich auch ein wenig leide, wird doch der Abt sehen, wie gern ich ihn begrüße, und dann wird er sich um so freigebiger zeigen.« »Eure Gesundheit ist mir aber lieber als seine Freigebigkeit,« rief Zbyszko aus. Doch Macko blieb hartnäckig und ließ sich nicht von seinem Vorhaben abbringen. Unterwegs stöhnte er zwar ein wenig, doch gab er dabei seinem Bruderssohn fortwährend gute Lehren, wie er sich in Zgorzelic betragen sollte, besonders empfahl er ihm, sich dem mächtigen Blutsverwandten gegenüber demütig und gehorsam zu zeigen, weil dieser nicht den geringsten Widerstand ertragen könne. In Zgorzelic angelangt, trafen sie Zych und den Abt in der Vorhalle. Die beiden schauten in die schöne Landschaft hinaus und thaten sich mit Wein gütlich. Hinter ihnen, auf einer Bank an der Wand, saßen sechs Leute aus dem Gefolge in einer Reihe, darunter zwei fahrende Schüler und ein Pilger, der sich durch seinen gekrümmten Stab, den ausgehöhlten Kürbis am Gürtel und durch die auf den Mantel genähten Muscheln besonders auszeichnete. Daß die andern Kleriker waren, sah man an der Tonsur, doch trugen sie weltliche Kleidung, einen Gürtel aus Ochsenhaut und ein Schwert an der Seite. Beim Anblick Mackos, der zu Wagen gekommen war, eilte Zych lebhaft auf ihn zu, der Abt hingegen, offenbar seiner geistlichen Würde eingedenk, blieb ruhig an Ort und Stelle und begann mit den Klerikern zu sprechen, zu denen sich noch andere gesellten, welche durch die offene Thüre der Stube heraustraten. Zbyszko und Zych faßten den Kranken unter den Arm und geleiteten ihn in die Vorhalle. »Meine Gesundheit kann ich noch nicht loben,« sagte Macko, dem Abt die Hand küssend, »aber ich bin gekommen, um Euch, meinem Wohlthäter, meine Verehrung zu bezeigen, für die Bewirtschaftung von Bogdaniec zu danken und um Euern priesterlichen Segen zu bitten, denn einem sündigen Menschen ist er vonnöten.« »Ich hörte, Ihr hättet Eure Gesundheit wiedererlangt und der hochseligen Königin ein Gelöbnis gethan?« »Ich wußte nicht, an welchen Heiligen ich mich wenden sollte, deshalb wendete ich mich zu ihr.« »Daran thatet Ihr wohl!« rief der Abt eifrig, »sie ist weit besser als andere Heilige, mag dies bestreiten, wer es wagt.« Zorn und Aerger malten sich auf seinem Antlitz, seine Wangen färbten sich dunkelrot, seine Augen funkelten. Zych, der wie die andern Anwesenden seine Heftigkeit kannte, lachte laut auf und rief: »Wer an Gott glaubt, muß Euch beistimmen.« Der Abt aber betrachtete die Anwesenden nach der Reihe, worauf er plötzlich in ein Gelächter ausbrach. Mit einem Blick auf Zbyszko fragte er dann: »Dies ist also Euer Bruderssohn und mein Verwandter?« Zbyszko beugte sich herab und küßte seine Hand. »Ich sah ihn, als er noch klein war, jetzt hätte ich ihn nicht erkannt,« sagte der Abt. »Nun, laß Dich anschauen.« Mit durchdringenden Blicken betrachtete er ihn vom Kopf bis zu den Füßen und schließlich bemerkte er: »Nur allzu schön ist er! Das ist ein Jungfräulein, kein Ritter!« Macko erwiderte: »Die Deutschen luden dies Jungfräulein zum Tanze, aber der's zum Tanze führte, sank hin und stand nicht mehr auf.« »Und die Armbrust kann er ohne Kurbel spannen,« rief plötzlich Jagienka. Der Abt wandte sich zu ihr: »Was hast Du hier mitzureden?« Da errötete sie dermaßen, daß sogar ihr Hals und ihre Ohren wie in Glut getaucht waren, und sie entgegnete in der höchsten Verwirrung: »Weil ich ... gesehen habe ...« Mittlerweile hatte sich Macko mit Hilfe Zychs auf die Bank niedergelassen, und als dieser befahl, Wein zu bringen, entfernte sich Jagienka hastig. Nun wendete der Abt seine Augen wieder auf Zbyszko und sprach folgendermaßen: »Genug des Scherzes! Nicht um Dich zu kränken, habe ich Dich einem Jungfräulein verglichen, sondern nur, weil ich in besonders guter Laune war, und auch Deiner Schönheit wegen, um welche Dich manches Mädchen beneiden könnte. Weiß ich doch, daß Du Lob verdienst. Ich hörte von Deinen Thaten bei Wilna, ich hörte von jenen Friesen und von Deinen Erlebnissen in Krakau. Zych erzählte mir alles, verstehst Du?« Bei diesen Worten schaute er Zbyszko durchdringend an, und nach einer Weile begann er wieder: »Da Du gelobt hast, drei Pfauenbüsche zu erwerben, mußt Du auch darnach ausziehen. Denn die Verfolgung unserer Feinde ist eine lobenswerte und Gott wohlgefällige That. Aber was Du auch sonst noch gelobt haben magst, so wisse, daß ich Dich von Deinem Schwur entbinden kann, denn einer solchen Befugnis darf ich mich wohl rühmen.« »Ei!« rief Zbyszko aus, »welche Macht kann einen Menschen von einem Schwur entbinden, den er dem Herrn Jesus abgelegt hat?« Als Macko diese Worte vernahm, blickte er voll Angst auf den Abt, doch war dieser sichtlich in vortrefflicher Laune, denn er ward nicht zornig, sondern drohte Zbyszko nur schalkhaft mit dem Finger und sagte: »Seht nur den klugen Jungen! gieb wohl acht, daß Dir nicht zustößt, was einem deutschen Ketzer zugestoßen ist.« »Und was ist ihm zugestoßen?« fragte Zych. »Auf dem Scheiterhaufen wurde er verbrannt.« »Aus welchem Grunde?« »Weil er behauptete, ein weltlich gesinnter Mensch könne ebenso gut die göttlichen Geheimnisse ergründen wie ein Geistlicher.« »Dafür ist er hart bestraft worden.« »Aber nur wie recht und billig war, da er sich an dem heiligen Geist versündigte!« donnerte der Abt. »Was denkt Ihr selbst darüber? Kann ein weltlich Gesinnter in die göttlichen Geheimnisse eindringen?« »Keiner vermag dies!« ließen sich die fahrenden Kleriker einmütig im Chore vernehmen. »Auch Ihr ›Spielleute‹ müßt stille sein!« sagte der Abt, »denn Ihr seid keine Geistlichen, wenn schon Eure Häupter geschoren sind.« »Weder Spielleute sind wir, noch Landstreicher, sondern einzig nur Euer Gnaden Hofkavaliere,« erwiderte einer von ihnen, der gerade aufmerksam nach einem großen Faß blickte, woraus der Geruch von Malz und Hopfen drang. »Schaut diesen an! Er spricht, wie wenn er sich in einem Fasse befände,« rief der Abt. »Ei Du komischer Kauz! Weshalb schaust Du denn in jenes Faß hinein? Dein Latein findest Du nicht auf dem Grunde.« »Mein Latein suche ich auch nicht darin, sondern nur Bier, doch sehe ich keines.« Der Abt wendete sich jetzt zu Zbyszko, der voll Verwunderung auf diese Hofherren blickte, und sagte: »Dies sind » Clerici scholares «, und jeden verlangt darnach, seine Bücher wegzuwerfen, die Laute zu nehmen und damit durch die Welt zu ziehen. Ich sammle sie um mich und sorge für ihren Unterhalt, denn was soll ich machen? Taugenichtse sind es und echte Landstreicher, doch verstehen sie zu singen, haben auch einen Begriff vom Gottesdienst, so daß der Kirche doch ein gewisser Nutzen erwächst, und im Notfalle gewähren sie mir Schutz, denn manche unter ihnen sind tapfere Bursche. Dieser Pilger hier sagt, er sei im heiligen Lande gewesen, aber Du würdest ihn vergeblich fragen, an welchem Meere oder in welcher Gegend, da er es nicht weiß; ebenso wenig kennt er den Namen des griechischen Kaisers und die Stadt, worin dieser wohnt.« »Ich wußte es ganz gut,« versetzte der Pilger mit heiserer Stimme, »aber als mich auf der Donau das Fieber schüttelte, vergaß ich alles wieder.« »Am meisten wundere ich mich über die Schwerter,« sagte Zbyszko, »denn an fahrenden Klerikern habe ich bis jetzt noch keine gesehen.« »Es ist ihnen nicht untersagt, Waffen zu tragen, da sie die Weihen noch nicht empfangen haben,« entgegnete der Abt, »und daß ich auch ein Schwert bei mir führe, darüber darf man sich nicht wundern. Den Wilk aus Brzozowa forderte ich letztes Jahr zum Kampf auf festgetretener Erde, wegen der Wälder, durch welche Ihr nach Bogdaniec kamt; doch stellte er sich nicht.« »Wie hätte er sich einem Geistlichen stellen können?« unterbrach ihn Zych. Da geriet der Abt in Zorn, er schlug mit der Faust auf den Tisch und rief: »Wenn ich in der Rüstung stecke, bin ich kein Geistlicher, sondern nur ein Edelmann. Und er stellte sich nicht, weil er es vorzog, mich mit Bewaffneten in Tulcza zu überfallen. Das ist der Grund, weshalb ich ein Schwert an der Seite trage. » Omnes leges omniaque iura vim vi repellere cunctisque sese defendere permittunt. « Alle Gesetze, alle Rechte gestatten, der Gewalt Gewalt entgegenzusetzen und sich selbst zu verteidigen. Anmerkung der Uebersetzerinnen Das ist der Grund, weshalb ich auch ihnen Schwerter gab.« Als sie den lateinischen Spruch vernahmen, verstummten Zych, Macko und Zbyszko, und gerade weil sie kein einziges Wort verstanden, neigten sie sich tief vor der Weisheit des Abtes, er aber sah noch eine Weile mit zornigen Blicken im Kreise umher und sagte schließlich: »Wer bürgt mir denn dafür, ob er mich nicht auch hier überfällt?« »Mag er nur kommen!« riefen die fahrenden Kleriker, indem ein jeder die Hand an den Griff seines Schwertes legte. »Mag er einen Einfall versuchen! Langweile ich mich doch schon, weil es keine Gelegenheit zum Kampfe giebt.« »Dies wird er nicht thun!« sagte Zych. »Eher kommt er, um sich Euch zu unterwerfen. Auf die Wälder hat er schon verzichtet, aber um seinen Sohn handelt es sich jetzt. Wißt Ihr ... Aber erleben wird er das nicht!« Mittlerweile hatte sich der Abt wieder beruhigt und sagte: »Den jungen Wilk sah ich, als er mit Cztan aus Rogow im Gasthaus zu Krzesnia zusammensaß. Sie erkannten mich nicht sogleich, weil es dunkel war und da machten sie fortwährend Anschläge wegen Jagienka.« Hier wendete er sich an Zbyszko: »Und wegen Dir!« »Und was verlangen sie von mir?« »Sie verlangen nichts von Dir, nur ist es nicht nach ihrem Sinne, daß noch ein Jüngling in der Nähe von Zgorzelic weilt. Deshalb sprach Cztan also zu Wilk: ›Wenn ich ihm die Haut einmal gerbe, wird sie so bald nicht mehr glatt sein!‹ Und Cztan sagte: ›Vielleicht fürchtet er uns, wenn er uns aber auch nicht fürchtet, zerschmettere ich ihm doch die Knochen im Leibe.‹ Und dann beteuerte einer dem andern, daß Du Furcht vor ihnen hegst.« Als sie diese Worte hörten, schaute Macko auf Zych, Zych auf diesen, und ein schalkhafter Ausdruck malte sich in ihren Zügen. Keiner von ihnen wußte zu sagen, ob der Abt wirklich ein solches Gespräch mit angehört, oder es nur erfunden hatte, um Zbyszko anzuspornen, doch begriffen beide, und vornehmlich Macko, der ja Zbyszko am besten kannte, daß es auf der ganzen Welt kein besseres Mittel gab, um des Jünglings Interesse für Jagienka zu erhöhen. Und wie absichtlich fügte der Abt noch hinzu: »In der That, es sind recht tüchtige Burschen.« Zbyszko zeigte keinerlei Erregung, aber mit einer Stimme, die ganz fremd klang, fragte er Zych: »Und morgen ist Sonntag, nicht wahr?« »Ja!« »Und Ihr geht wohl zur Messe?« »Getroffen!« »Wohin? Nach Krzesnia?« »Das liegt am nächsten. Wohin sollten wir sonst gehen?« »Gut.« Zehntes Kapitel. Zbyszko folgte Zych und Jagienka, die sich in Gesellschaft des Abtes und seiner Kleriker nach Krzesnia begaben, und als er sie eingeholt hatte, gesellte er sich zu ihnen, denn er wollte dem Abte zeigen, daß er sich weder vor Wilk aus Brzozowa noch vor Cztan aus Rogow fürchtete und nicht daran denke, sich vor ihnen zu verstecken. Nur war er im ersten Moment überrascht von der Schönheit Jagienkas. Sie trug ein rotes Tuchgewand, mit Hermelin besetzt, rote Handschuhe und eine goldgestickte Mütze, unter der zwei Zöpfe auf die Schultern herabfielen. Diesmal saß sie nicht wie ein Mann zu Pferde, sie thronte auf einem hohen Sattel mit einer Lehne und einem Bänkchen für die Füße, welche unter dem langen in gleichmäßige Falten gelegten Rocke kaum zu sehen waren. Zych, welcher dem Mädchen gestattete, zu Hause einen Schafspelz und kalblederne Stiefel zu tragen, wünschte vornehmlich, daß alle vor der Kirche Versammelten erkannten, hier habe man es mit einem Jungfräulein aus mächtigem Rittergeschlechte, nicht aber mit der Tochter des ersten besten Edelmanns oder Neugeadelten zu thun. Deshalb ließ er auch ihr Pferd von zwei jungen Burschen führen, deren Röcke oben weit und faltig, unten eng anliegend waren, in der Art, wie sie gewöhnlich von den Pagen getragen wurden. Dicht hinterher gingen vier Hofleute, hinter diesen die Kleriker des Abtes mit Schwertern und Lauten am Gürtel. Zbyszko staunte über dies große Gefolge, besonders aber über Jagienka, die aussah wie ein Bild, und über den Abt, der ihm in seinem roten Gewande mit den ungeheuern Aermeln erschien wie irgend ein reisender Fürst. Am einfachsten von allen war Zych, der Glanz und Pracht an andern liebte, dem es aber für sich selbst nur um ein bescheidenes, frohes Leben und um Gesang zu thun war. Nach ihrem Zusammentreffen ritten der Abt, Jagienka, Zbyszko und Zych in einer Reihe. Anfänglich befahl der Abt seinen Spielleuten geistliche Lieder zu singen, indessen schien er bald genug davon zu haben, denn er begann sich mit Zbyszko zu unterhalten, der lächelnd des Geistlichen mächtiges Schwert betrachtete, das so groß war, wie der zweischneidige Hirschfänger der Deutschen. »Ich sehe,« sagte der Abt mit ernster Würde, »Du wunderst Dich, daß ich ein Schwert trage, wisse also, daß die Synoden den Geistlichen das Tragen eines Schwertes gestatten und sogar auch das Tragen von Ballisten und Katapulten auf der Reise, und wir sind ja immer auf der Reise. Wenn übrigens der Heilige Vater den Geistlichen das Tragen der Schwerter und des roten Gewandes untersagte, so dachte er gewiß nur an jene aus niederem Stande, denn den Edelmann hat Gott für Waffen erschaffen, und wer ihn derselben berauben wollte, der würde dem Willen des Ewigen entgegenhandeln.« »Ich habe es schon mit angesehen, wie der masovische Fürst Henryk sich innerhalb der Schranken in einen Kampf einließ,« bemerkte Zbyszko. »Nicht darob ist er zu tadeln, daß er sich in einen Kampf einließ,« entgegnete der Abt, den Finger erhebend, »wohl aber darob, daß er sich verheiratete und noch dazu unglücklich, denn er nahm fornicariam et bibulam mulierem , welche, wie man sagt, Bacchum von ihrer Jugend an adorabat und zudem auch adultera war, wodurch diese Ehe nicht gut ausgehen konnte.« Hier hielt er sogar sein Pferd an und begann abermals in noch würdevollerem, belehrendem Tone zu sprechen: »Wenn Du Lust hast, Dich zu vermählen, oder uxorem zu wählen, mußt Du darauf achten, daß sie gottesfürchtig ist, gute Sitten hat, sparsam, schmuck und häuslich ist, was Dir nicht nur die Kirchenväter raten, sondern was Dir auch noch ein gewisser heidnischer Weiser Namens Seneca anempfiehlt. Und wie kannst Du es wissen, ob Du es gut getroffen hast, wenn Du das Nest nicht kennst, aus welchem Du Dir die Lebensgefährtin geholt hast? Denn ein anderer großer Weiser sagt: Pomus nam cadit absque arbore. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Anm. d. Uebers. ... Wie der Ochse, so die Häute, wie die Mutter, so die Tochter ... Und daraus kannst Du, sündiger Mensch, die Lehre ziehen, daß Du Deine Ehegattin nicht in der Ferne, sondern in der Nähe suchen sollst, denn wenn Du eine böse, buhlerische bekommst, mußt Du zuweilen um sie weinen wie jener Philosoph, als ihm sein zanksüchtiges Weib im Zorn aquam sordidam über das Haupt goß.« » In sæcula sæculorum, amen !« riefen die fahrenden Kleriker einstimmig, welche dem Abte immer auf diese Weise antworteten, ohne darauf zu achten, ob ihre Antwort auch einen Sinn hatte. Dicht aneinander gedrängt lauschten alle den Worten des Abtes, über seine Beredsamkeit und seine Schriftgelehrtheit staunend, er aber wendete sich absichtlich nicht unmittelbar an Zbyszko, sondern mehr an Zych und Jagienka, als ob es ihm besonders um deren Erbauung zu thun gewesen wäre. Indessen begriff Jagienka offenbar, um was es sich handelte, denn unter ihren langen Wimpern hervor schaute sie aufmerksam auf den Jüngling, welcher die Stirne runzelte und das Haupt senkte, wie wenn er eifrig über das nachdenke, was er gehört hatte. Nach einer Weile setzte sich das ganze Gefolge wieder in Bewegung, doch alle waren jetzt verstummt, und erst als Krzesnia schon zu sehen war, tastete der Abt nach seinem Gürtel, zog ihn zurecht, so daß der Griff seines Schwertes leicht zu fassen war, und sagte: »Der alte Wilk aus Brzozowa kommt gewiß auch mit ansehnlichem Gefolge.« »Wohl möglich,« bestätigte Zych, »aber die Knechte haben erzählt, er sei schwer erkrankt.« »Einer meiner Kleriker hörte, daß er uns nach dem Gottesdienste zur Schenke folgen wolle.« »Ohne Herausforderung wird er dies schwerlich thun, vornehmlich nicht nach der heiligen Messe.« »Gott gebe, daß er in sich gehe! Ich fange mit niemand gerne Streit an, und eine Kränkung ertrage ich geduldig.« Hier wendete er sich nach seinen Spielleuten um und sagte: »Laßt Euere Schwerter in der Scheide, bedenkt, daß Ihr Diener des Herrn seid, und erst wenn jene zu den Waffen greifen, geht auf sie los.« Zbyszko, der neben Jagienka ritt, suchte sie indessen über das auszuforschen, was ihm am wichtigsten vorkam. »Cztan und den jungen Wilk werden wir unfehlbar in Krzesnia treffen,« sagte er. »Zeige sie mir, sobald Du sie in der Ferne siehst, damit ich sie kenne.« »Gut, Zbyszko,« entgegnete Jagienka. »Vor dem Gottesdienst und nach dem Gottesdienst werden sie Dich gewiß aufsuchen. Und was werden sie dann thun?« »Dann werden sie mir schönthun, so gut sie es verstehen.« »Heute aber sollen sie Dir nicht schönthun, verstehst Du?« Und wieder entgegnete sie fast demütig: »Gut, Zbyszko!« Ihr Gespräch wurde durch den Schall des hölzernen Klöppels unterbrochen, denn eine Glocke war in Krzesnia noch nicht vorhanden. Bald darauf hatten sie ihr Ziel erreicht. Aus der vor der Kirche auf den Beginn der Messe harrenden Menge traten sofort der junge Wilk aus Brzozowa und Cztan aus Rogow hervor; doch Zbyszko hinderte sie, ihre Absicht auszuführen, sprang vom Pferde, und bevor sie noch herangelangen konnten, umfaßte er Jagienka und hob sie vom Sattel herab. Dann nahm er ihre Hand, und herausfordernd auf jene beiden schauend, geleitete er sie nach der Kirche. In der Vorhalle wurden sie indessen aufgehalten. Cztan und Wilk waren an den Weihkessel geeilt, hatten ihre Hände benetzt und streckten sie dem jungen Mädchen entgegen. Aber Zbyszko that dasselbe und sie berührte dessen Finger, bekreuzte sich und trat mit ihm zugleich in die Kirche. Nun dachte sich nicht nur der junge Wilk, sondern auch Cztan aus Rogow, der keinen besonders scharfen Verstand hatte, daß all dies absichtlich geschehen war – und die beiden ergriff ein so heftiger Zorn, daß sich ihnen die Haare sträubten. Soweit blieben sie indessen ihrer Sinne mächtig, daß sie aus Furcht vor der Strafe Gottes in dieser Stimmung nicht in die Kirche gehen wollten. Wilk stürzte sofort zur Vorhalle hinaus und lief wie wahnsinnig über den Kirchhof und zwischen den Bäumen umher, ohne zu wissen wohin. Cztan lief hinter ihm her, wußte aber ebensowenig, warum er dies that. Erst an einer Biegung des Gottesackers hielten sie an, wo große Steine für das Fundament eines Glockenstuhles umherlagen, der hier aufgestellt werden sollte. Wilk, der mit aller Gewalt den Groll zu ersticken suchte, der ihm die Brust beinahe zersprengte, ergriff einen der Steine und begann ihn mit aller Macht zu schütteln, Cztan sah dies und streckte ebenfalls seine Hand darnach aus, worauf beide ihn mit wahrer Wut durch den ganzen Kirchhof bis zum Thore des Gotteshauses wälzten. Die Leute betrachteten sie erstaunt, in der Meinung, sie hätten irgend ein Gelübde abgelegt und wollten auf diese Art beim Bau des Glockenstuhles helfen. Aber diese Anspannung aller Kräfte gewährte ihnen offenbar Erleichterung, so daß beide wieder zum Bewußtsein kamen, jedoch bleich vor Erschöpfung, schwer atmend und einander mit unsicheren Blicken anschauend, da standen. Cztan aus Rogow brach zuerst das Schweigen. »Was nun?« fragte er. »Was nun?« wiederholte Wilk. »Wollen wir sogleich auf ihn losgehen?« »Wie kannst Du in der Kirche auf ihn losgehen?« »Nicht in der Kirche, aber nach der Messe!« »Er ist mit Zych zusammen – und mit dem Abte. Und hast Du vergessen, daß Zych sagte, im Falle es zum Kampfe komme, werde er uns beide aus Zgorzelic hinauswerfen? Wäre das nicht, so hätte ich Dir längst die Knochen entzwei geschlagen.« »Oder vielleicht ich Dir!« versetzte Cztan, seine mächtigen Fäuste schüttelnd. Ihre Augen begannen in unheilverkündender Weise zu funkeln, doch begriffen beide auch sofort wieder, daß ein einträchtiges Zusammengehen jetzt vorteilhafter für sie wäre als je. Wohl hatten sie schon miteinander gekämpft, doch versöhnten sie sich dann immer wieder, denn, wenngleich ihre Liebe zu Jagienka sie innerlich schied, konnten sie doch nicht ohne einander leben, und einer sehnte sich immer nach dem andern. Zudem hatten sie nun einen gemeinschaftlichen Feind, und beide fühlten, daß es ein furchtbar gefährlicher Feind war. Daher fragte Cztan nach einer Weile: »Was ist zu thun? Wollen wir ihm eine Herausforderung zum Kampfe nach Bogdaniec schicken?« Wilk, der Klügere von beiden, wußte diesmal auch nicht, was zu thun war. Zum Glück kamen ihm die Klöppel zu Hilfe, die verkündeten, daß der Gottesdienst begann. Deshalb erwiderte er: »Was zu thun ist? Gehen wir zur Messe, und dann wird geschehen, was Gottes Wille ist!« Und Cztan aus Ragow freute sich über diese vernünftige Antwort. »Unser Herr Jesu erleuchtet uns vielleicht,« sagte er. »Und verleiht uns seinen Segen!« meinte Wilk. »Denn er ist gerecht.« Sie traten in die Kirche, und nachdem sie voll Andacht die Messe gehört hatten, faßten sie wieder Mut. Auch verloren sie die Besinnung nicht, als sich Jagienka nach dem Gottesdienst in der Vorhalle wieder von Zbyszko das Weihwasser reichen ließ. Am Thor des Kirchhofes verneigten sie sich vor Zych, Jagienka und sogar vor dem Abte, obgleich dieser ein Feind des alten Wilk aus Brzozowa war. Zbyszko blickten sie zwar von der Seite an, doch wagte keiner, ihm die Zähne zu weisen, wennschon ihnen das Herz in der Brust vor Schmerz, Zorn und Eifersucht hämmerte, da Jagienka ihnen niemals noch so wunderschön erschienen war. Erst als das glänzende Gefolge den Rückweg antrat, als der fröhliche Gesang der Kleriker schon aus der Ferne herüber drang, wischte sich Cztan den Schweiß von seinem bärtigen Gesichte und schnaubte wie ein Pferd, Wilk aber rief zähneknirschend: »In die Herberge! In die Herberge! Und wehe ihm und mir!« Sich dann erinnernd, was ihnen zuvor Erleichterung gewährt hatte, ergriffen sie den Stein wieder und wälzten ihn voll Zorn an den früheren Platz zurück. Indessen ritt Zbyszko neben Jagienka her, indem er dem Gesange der Spielleute lauschte, doch kaum waren sie einige hundert Schritte weit gekommen, als er sein Pferd anhielt und sagte: »Traun! Ich wollte eine Messe für des Oheims Gesundheit lesen lassen, doch habe ich es vergessen, deshalb muß ich zurückkehren.« »Kehre nicht zurück!« rief Jagienka, »von Zgorzelic aus können wir hinsenden.« »Ich muß zurückkehren. Und wartet nicht auf mich!« »Mit Gott!« rief der Abt. »Zieh hin!« Frohe Genugthuung malte sich auf seinem Gesichte, und als Zbyszko aus ihren Augen verschwunden war, stieß er Zych, ohne daß Jagienka es merkte, ein wenig an und sagte: »Merkt Ihr nun?« »Was meint Ihr?« »So gewiß wie das Amen im Vaterunser vorkommt, so gewiß kämpft er in Krzesnia mit Wilk und Cztan, aber dies wollte ich und dazu habe ich ihn veranlaßt.« »Ich kenne die beiden als tolle Burschen. Sie werden ihn verwunden, und was nützt das?« »Was es nützt? Wenn er wegen Jagienka kämpft, wie kann er dann noch an die Tochter Jurands denken? Von nun an wird Jagienka seine Herrin sein – nicht jene. So aber will ich es, denn er ist mein Blutsverwandter und gefällt mir!« »Und sein Gelübde?« »Davon werde ich ihn entbinden. Hörtet Ihr nicht, daß ich ihm dies versprach?« »Ihr wißt für alles Rat zu schaffen,« antwortete Zych. Der Abt freute sich über dies Lob. Er ritt nun zu Jagienka heran und fragte: »Weshalb so ängstlich, so bekümmert?« Da neigte sie sich tief auf den Sattel herab, ergriff die Hand des Abtes und drückte sie an ihre Lippen. »O mein Pate, wollt Ihr nicht einige der Spielleute nach Krzesnia senden?« »Wozu? Damit sie sich in der Herberge recht betrinken?« »Aber vielleicht könnten sie irgend einen Kampf verhindern!« Der Abt schaute ihr tief in die Augen und plötzlich sagte er in schroffem Tone: »Und wenn sie ihn nun dort erschlügen?« »Dann mögen sie auch mich erschlagen!« rief Jagienka aus. All die Bitterkeit, all das Leid, das sich in ihrer Brust seit dem Gespräch mit Zbyszko angesammelt hatte, machte sich jetzt Luft und sie brach in einen Strom von Thränen aus. Als der Abt dies sah, umschlang er das junge Mädchen mit den Armen, sodaß seine weiten Aermel sie fast ganz verhüllten, und begann in leisem Tone: »Aengstige Dich nicht, mein Töchterchen. Zum Streite wird es vielleicht kommen, aber jene Leute sind auch von adeligem Stamme, daher werden sie ihn nicht überfallen, sondern nur nach ritterlicher Sitte zum Kampfe fordern, und da weiß er sich selbst Rat zu schaffen, wenngleich er dann mit beiden kämpfen muß. Und was die Tochter Jurands anbelangt, von der Du gehört hast, so sage ich Dir nur soviel, daß das Holz für das Brautbett jenes Mädchens noch in keinem Walde gewachsen ist.« »Da er jene lieber hat, kümmere ich mich nicht um ihn!« antwortete Jagienka unter Thränen. »Weshalb weinst Du dann?« »Weil ich seinetwegen in Sorge bin!« antwortete Jagienka. »Das ist ja der wahre Altweiberverstand,« sagte der Abt lachend. Und sich zum Ohr Jagienkas herabbeugend, begann er wieder: »Das merke Dir, Mädchen: wenn er Dich auch nimmt, wird er sich doch zuweilen in einen Kampf einlassen, denn dafür ist er ein Edelmann.« Hier neigte er sich noch tiefer herab und fügte hinzu: »So wahr Gott im Himmel ist, er nimmt Dich – binnen kurzem!« »Wie wäre dies möglich?« erwiderte Jagienka. Doch lächelte sie unter Thränen und blickte den Abt an, als ob sie ihn fragen wollte, woher er dies wisse. Unterdessen war Zbyszko in Krzesnia angelangt und ritt sofort zum Priester, denn er wollte in der That eine Messe für die Gesundheit Mackos lesen lassen; nach Erledigung dieser Angelegenheit aber begab er sich in die Herberge, wo er den jungen Wilk aus Brzozowa, sowie Cztan aus Rogow zu finden hoffte. In der That traf er die beiden und außer ihnen noch viele andere Gäste, Edelleute, Neugeadelte, Freibauern und auch einige deutsche Possenreißer, die verschiedene Kunststücke ausführten. Im ersten Augenblicke konnte er indessen niemand unterscheiden, da die Fenster der Schenke mit den Scheiben aus Ochsenblase nur ein schwaches Licht durchließen, und erst als der Aufwärter ein Scheit Holz in den Kamin warf, erblickte er in einem Winkel die bärtige Schnauze Cztans und das grimmige, erregte Gesicht Wilks aus Brzozowa. Da näherte er sich ihnen langsam, indem er sich gewaltsam einen Weg durch die Leute bahnte, und bei ihnen angelangt, schlug er dermaßen mit der Faust auf den Tisch, daß die ganze Stube dröhnte. Sie aber erhoben sich schleunigst und drehten rasch ihre Ledergürtel herum, doch bevor sie noch ihre Schwerter ergriffen hatten, warf Zbyszko seinen Handschuh auf den Tisch und sprach in dem unter Rittern bei Herausforderungen üblichen näselnden Tone folgende Worte, die niemand überraschten: »Wenn einer von Euch beiden oder einer der andern hier versammelten Ritter bestreitet, daß Danuta, die Tochter Jurands aus Spychow, die schönste und tugendhafteste Jungfrau auf der ganzen Welt ist, dann fordere ich ihn zum Kampfe zu Pferd oder zu Fuß, und ich werde nicht aufhören, bis er um Gnade bittet oder den letzten Atemzug thut.« Wilk und Cztan waren starr vor Staunen und nicht minder erstaunt wäre der Abt gewesen, wenn er dies gehört hätte. Während eines kurzen Augenblicks konnten sie kein Wort hervorbringen. Was war dies für eine Jungfrau? Für sie beide handelte es sich doch nur um Jagienka! Und wenn diesem Heißsporn nichts an Jagienka lag, was wollte er dann von ihnen? Weshalb hatte er sie vor der Kirche derart in Harnisch gebracht? Weshalb war er hierhergekommen, und weshalb suchte er Streit mit ihnen? Von all diesen Fragen war ihnen so wirr im Kopfe, daß sie mit weitgeöffnetem Munde dastanden, Cztan aber riß die Augen dermaßen auf, wie wenn er keinen Menschen, sondern irgend ein Wundertier vor sich hätte. Aber der scharfsinnigere Wilk, welcher die ritterlichen Sitten ein wenig kannte und wußte, daß sich mancher Ritter der einen Frau angelobte und sich mit einer andern vermählte, dachte sich, in diesem Falle könne es ebenso sein, und wenn sich eine solche Gelegenheit biete, Jagienka zu dienen, müsse man sogleich Nutzen daraus ziehen. Daher trat er hinter dem Tische hervor und sich Zbyszko mit unheilverkündender Miene nähernd, fragte er: »Wie, Du Großmaul, ist nicht Jagienka, die Tochter Zychs, die allerschönste?« Hinter ihm trat Cztan hervor, und die Leute drängten sich dicht an ihn heran, denn alle sagten sich, daß diese Sache traurig ausgehen müsse. Elftes Kapitel. Zu Hause angelangt, schickte Jagienka sofort einen Knecht nach Krzesnia, um sich zu erkundigen, ob in der Herberge irgend ein Streit stattgefunden habe, oder ob jemand zum Zweikampf gefordert worden sei. Aber dieser Knecht, der einen Skotus zur Wegzehrung erhalten hatte, begann mit den Dienern des Priesters zu zechen und dachte nicht mehr an die Rückkehr. Ein zweiter, nach Bogdaniec abgesandter, der Macko den Besuch des Abtes ankündigen sollte, kam sofort nach Erledigung seines Auftrages mit der Botschaft zurück, daß er Zbyszko gesehen habe, als er mit dem alten Edelmann Würfel spielte. Dies beruhigte Jagienka einigermaßen, zumal sie die Erfahrung und Gewandtheit Zbyszkos kannte und eine Herausforderung für ihn minder fürchtete, als irgend ein unheilvolles Zusammentreffen in der Schenke. Sie zeigte auch Lust, sich mit dem Abte nach Bogdaniec zu begeben, doch dieser war dagegen, weil er mit Macko wegen der Verpfändung des Gutes und über andere, noch wichtigere Angelegenheiten zu sprechen wünschte, wobei er Jagienka nicht als Zeugin haben wollte. In der Nacht brach er auf. Da er Kunde von Zbyszkos glücklicher Rückkehr erhalten hatte, geriet er in vortreffliche Laune und er ließ seine Kleriker derart singen und lärmen, daß es weithin durch den Wald schallte und in Bogdaniec die Bauern aus ihren Hütten herausschauten, um zu sehen, ob es vielleicht brenne, oder ob der Feind einen Einfall gemacht habe. Doch der vorausreitende Pilger beruhigte die Leute, indem er ihnen bedeutete, daß hier ein hoher geistlicher Würdenträger komme; da neigten sie sich tief vor diesem und einige machten das Zeichen des Kreuzes, er aber ritt in stolzer Befriedigung weiter, weil er sah, wie sie ihn verehrten, und er freute sich über die schöne Gotteswelt, sein Herz war erfüllt von Wohlwollen für die Menschen. Macko und Zbyszko, welche den Gesang und den Lärm gehört hatten, kamen dem Abte bis zum Thore entgegen. Einige der Kleriker waren schon mit dem Abte in Bogdaniec gewesen, manche aber, die erst seit kurzem zu dem Gefolge gehörten, hatten das Gut noch niemals gesehen. Diesen ward das Herz schwer beim Anblick des elenden Hauses, das mit dem geräumigen Herrenhof in Zgorzelic nicht zu vergleichen war. Einigermaßen tröstete sie jedoch der über dem Strohdach emporsteigende Rauch, und vornehmlich schöpften sie wieder Mut, als ihnen beim Eintritt in die Stube der Geruch von Safran und verschiedenen Fleischspeisen entgegendrang und sie zugleich zwei Tische mit Zinnschüsseln erblickten, die zwar noch leer, aber so groß waren, daß sie jedes Ange erfreuen mußten. Auf einem kleineren Tische blinkten die für den Abt bestimmten Schüsseln aus lauterem Silber, sowie wundervoll getriebene Humpen, die alle mit anderen Schätzen von den Friesen erbeutet worden waren. Macko und Zbyszko luden die Gäste sofort zu Tische, doch der Abt, welcher schon vor dem Aufbruch aus Zgorzelic gut gespeist hatte, lehnte ab, zumal ihn etwas anderes beschäftigte. Vom ersten Moment seiner Ankunft an blickte er aufmerksam, ja mit einer gewissen Erregung auf Zbyszko, wie wenn er erforschen wolle, ob wirklich ein Kampf stattgefunden habe, als er aber die Ruhe in des Jünglings Antlitz wahrnahm, ward er offenbar ungeduldig und konnte schließlich seine Neugierde nicht länger bezwingen. »Gehen wir ins Nebenzimmer,« sagte er, »und laßt uns Rat halten. Widersetzt Euch nicht, sonst gerate ich in Zorn!« Hier wendete er sich zu den Klerikern und rief mit Donnerstimme: »Ihr aber bleibt mir still sitzen und horcht mir nicht an der Thüre.« Bei diesen Worten öffnete er die Thüre zu dem kleinen Nebenzimmer, durch welche er sich kaum durchdrängen konnte. Zbyszko und Macko traten hinter ihm ein. Nachdem jeder auf einer Truhe Platz genommen hatte, wendete sich der Abt zu dem jungen Ritter: »Du bist nach Krzesnia zurückgekehrt?« fragte er. »Ja!« »Und weshalb?« »Für des Oheims Gesundheit ließ ich eine Messe lesen, das war alles!« Der Abt rückte ungeduldig auf der Truhe hin und her. »Ah!« dachte er, »demnach hat er weder mit Cztan noch mit Wilk gekämpft, vielleicht ist er nicht mit ihnen zusammengetroffen und vielleicht hat er sie gar nicht aufgesucht. Ich habe mich also getäuscht.« Aber er war so ärgerlich darüber, daß er sich getäuscht, daß seine Voraussetzung ihn betrogen hatte, daß sein Gesicht dunkelrot wurde und er förmlich schnaubte vor Zorn. »Reden wir nun von den Geschäftsangelegenheiten!« sagte er nach einer Weile. »Habt Ihr Geld? Wenn nicht, so ist das Gut mein.« Nun erhob sich Macko schweigend, denn er wußte genau, wie man mit dem Abte verfahren mußte, öffnete die Truhe, worauf er saß, nahm einen offenbar schon bereit liegenden Beutel mit Münzen daraus hervor und sagte: »Wir sind zwar keine wohlhabenden Leute, aber etwas Geld haben wir, und was sich gebührt, das bezahlen wir wie es in der ›Schrift‹ steht und wie ich es selbst mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes beglaubigt habe. Und wenn Ihr auch für die Gerätschaften und das Vieh Bezahlung verlangt, werde ich sie nicht verweigern, sondern thun, was Ihr verlangt, und Eure Füße, mein Wohlthäter, will ich dann noch umfassen.« Während er sprach, neigte er sich tief herab und Zbyszko folgte seinem Beispiele. Der Abt, welcher auf Widerspruch und Feilschen gefaßt gewesen war, sah durch dieses Verfahren seine Pläne einigermaßen vereitelt, und es machte ihm wenig Freude, da er vorgehabt hatte, noch verschiedene Bedingungen zu stellen, wozu er jetzt wohl keine Gelegenheit mehr fand. Er gab daher die »Schrift«, das heißt den Pfandschein, worauf Macko sich mit einem Kreuze unterzeichnet hatte, zurück und sagte: »Was redet Ihr da von einer Bezahlung?« »Ich will nichts umsonst nehmen,« entgegnete der schlaue Macko, der wohl wußte, sein Nutzen werde um so größer sein, je mehr er sich weigere. In der That verfinsterte sich des Abtes Gesicht sofort. »Seht mir die beiden an! Von einem Blutsverwandten wollen sie nichts umsonst nehmen! Sie sind zu stolz dazu! Eine Wüstenei habe ich aber nicht in Besitz genommen, deshalb gebe ich Euch auch keine Wüstenei zurück, und wenn ich diesen Beutel wegwerfen will, werfe ich ihn weg,« »Dies werdet Ihr nicht thun!« rief Macko. »Dies werde ich thun! Was liegt mir an dem Unterpfand! Was liegt mir an Euerm Gelde? Eine Vergünstigung wollte ich Euch erzeigen, und wenn mich nun die Lust anwandelt, Euch alles zum Geschenk zu überlassen, so könnt Ihr nichts dagegen einwenden.« So sprechend, ergriff er den Beutel und schleuderte ihn auf den Fußboden, so daß das Gold heraus rollte. »Gott lohne Euch dafür! Gott lohne Euch, mein Vater und Wohlthäter!« rief Macko, der nur auf diesen Augenblick gewartet hatte. »Von einem andern würde ich dies nicht annehmen, aber von einem Blutsverwandten, einem Geistlichen nehme ich es gern.« Doch der Abt blickte noch einige Zeit drohend auf ihn und Zbyszko und schließlich sagte er: »Ich weiß wohl, was ich zu thun habe, wenn ich auch leicht zornig werde, daher behaltet, was Euch auf diese Weise zu teil geworden ist, denn ich kündige Euch jetzt schon an, daß Ihr keinen Skotus mehr von mir zu sehen bekommt.« Da schlug ihm der Abt abermals auf die Schulter: »Dies Mädchen ... dies Mädchen nimmst Du!« »Wir erwarten dies auch nicht.« »Aber wisset, daß Jagienka erhält, was ich hinterlasse.« »Auch den Grund und Boden?« fragte Macko in seiner naiven Weise. »Auch den Grund und Boden!« donnerte der Abt. Mackos Gesicht verzog sich ein wenig, doch beherrschte er sich und sagte: »Ei, wozu denn an den Tod denken? Möge Euch unser Herr Jesus hundert Jahre oder auch mehr schenken, und Euch die hohe Bischofswürde verleihen!« »Vielleicht kommt es dazu! Ich bin ja nicht schlimmer als die andern.« »Nicht schlimmer, sondern besser!« Diese Worte wirkten beruhigend auf den Abt ein. »Nun, Ihr seid ja meine Blutsverwandten, und sie ist nur meine Tauftochter,« sagte er, »aber ich habe sie und Zych schon lange liebgewonnen. Einen besseren Menschen als Zych giebt es auf der ganzen Welt nicht, und auch kein besseres Mädchen als Jagienka. Wer könnte ihnen etwas nachsagen?« Und er sah mit herausfordernden Blicken umher, doch Macko widersprach nicht und beeilte sich sogar, ihm zu bestätigen, daß im ganzen Königreiche kein angenehmerer Nachbar zu finden sei. »Und was das Mädchen anbelangt,« fügte er hinzu, »so könnte ich meine leibliche Tochter nicht mehr lieben als ich sie liebe. Ihr danke ich es, daß ich wieder gesund geworden bin, und bis zu meinem Tode werde ich ihr dies nicht vergessen.« »Verdammt wäret Ihr auch, wenn Ihr es vergäßet, sowohl der eine als der andere,« erwiderte der Abt, »und ich zuerst würde Euch verfluchen. Ein Unrecht will ich Euch aber nicht zufügen, weil Ihr mir verwandt seid, und deshalb habe ich ein Mittel ausgedacht, damit das, was ich hinterlasse, sowohl Jagienka als auch Euch zu teil werde, versteht Ihr?« »Gebe Gott, daß es so komme, wie Ihr wünscht,« entgegnete Macko. »Du lieber Jesus! Zu Fuß würde ich dann gerne vom Grabe der Königin in Krakau bis zum Kahlenberg wandern, um vor dem heiligen Kreuze zu beten.« Der Abt freute sich über Mackos Offenherzigkeit und lächelnd sagte er: »Das Mädchen hat ein Recht, wählerisch zu sein, denn sie ist schön, aus vornehmem Geschlechte, und ein reicher Brautschatz wird ihr zu teil werden. Doch wenn ich ihr jemand als Freiersmann vorschlage, wird sie ihn nehmen, weil sie mich liebt und weiß, daß ich ihr nicht schlecht rate.« »Am besten wäre es, wenn ihr ein Freiersmann von Euch vorgeschlagen würde!« bemerkte Macko. Aber der Abt wendete sich zu Zbyszko: »Und was meinst Du?« »Nun, ich denke gerade so wie der Oheim.« Das edle Gesicht des Abtes hellte sich immer mehr auf: er schlug Zbyszko mit der Hand auf die Schulter, daß es laut schallte, und fragte: »Weshalb hast Du denn vor der Kirche weder Cztan noch Wilk zu Jagienka herankommen lassen? Sprich!« »Weil sie nicht denken sollten, daß ich mich vor ihnen fürchte, und weil auch Ihr es nicht denken solltet.« »Und das Weihwasser hast Du ihr auch gereicht?« »Ja!« Da schlug ihm der Abt abermals auf die Schulter: »Dies Mädchen ... dies Mädchen nimmst Du!« »Dies Mädchen nimmst Du!« rief auch Macko wie ein Echo. Doch Zbyszko strich seine Haare unter die Mütze und antwortete ruhig: »Wie kann ich sie nehmen, da ich mich Danusia, der Tochter Jurands, an dem Altar zu Tyniec angelobt habe?« »Drei Pfauenbüsche hast Du ihr versprochen, die magst Du für sie zu erobern suchen. Jagienka aber kannst Du sofort zum Weibe nehmen.« »Nein,« entgegnete Zbyszko, »damals, als Danusia ihren Schleier über mich warf, gelobte ich, daß ich sie zum Weibe nehme.« Alles Blut stieg dem Abte zu Kopf, sein Gesicht nahm eine bläuliche Farbe an, und die Augen traten weit hervor. Er näherte sich Zbyszko und sagte mit einer durch den Zorn halb erstickten Stimme: »Dein Gelübde ist wie Spreu, und ich bin der Wind – verstehst Du?« Dabei blies er ihm so stark auf den Kopf, daß die Mütze wegflog und seine Haare auf Schultern und Arme herabfielen. Doch Zbyszko runzelte die Stirne und dem Abte offen in die Augen schauend, erwiderte er: »An mein Gelübde bindet mich meine Ehre, und ich allein bin der Hüter meiner Ehre.« Dem nicht an Widerspruch gewöhnten Abte ging förmlich der Atem aus, und er ward für eine Weile der Sprache beraubt, als er dies vernahm. Nun folgte ein unheilverkündendes Schweigen, das schließlich von Macko unterbrochen wurde. »Zbyszko!« rief er aus, »besinne Dich doch! Was geht mit Dir vor?« Der Abt aber erhob den Arm, und auf den Jüngling zeigend, schrie er: »Was mit ihm vorgeht? Ich weiß, was mit ihm vorgeht. Ein Hasenherz hat er, nicht das eines Ritters, eines Edelmannes. Vor Cztan und Wilk fürchtet er sich, das geht mit ihm vor.« Zbyszko, der keinen Augenblick seine Kaltblütigkeit verlor, zuckte sorglos mit den Achseln und antwortete: »Ach was! Zu Krzesnia habe ich ihnen ja die Schädel beinahe eingeschlagen.« Mit weit aufgerissenen Augen blickte nun der Abt Zbyszko einige Zeit an. Zorn und Staunen kämpften um die Oberhand miteinander und gleichzeitig sagte ihm sein natürlicher Verstand, daß er aus diesem Kampfe mit Wilk und Cztan vielleicht Nutzen für seinen Plan ziehen könne. Nachdem sein Zorn ein wenig verraucht war, fuhr er daher Zbyszko an: »Weshalb sagtest Du nichts?« »Weil ich mich schämte! Ich dachte, sie würden mich zum Kampfe zu Pferde oder zu Fuß fordern, wie dies bei Rittern gebräuchlich ist, aber das sind Straßenräuber, keine Ritter. Zuerst riß Wilk ein Brett vom Tische los, dann Cztan ein zweites, und damit gingen sie auf mich los. Was sollte ich also machen? Ich ergriff die Bank, und das übrige wißt Ihr!« »Sie leben doch noch?« fragte Macko. »Sie leben noch, nur besinnungslos sind sie geworden. Doch kamen sie in meiner Gegenwart wieder zu Atem.« Als der Abt dies hörte, rieb er sich die Stirn, und von seinem Sitze aufspringend, rief er: »Höre, was ich Dir noch zu sagen habe!« »Was habt Ihr mir zu sagen?« fragte Zbyszko. »Wenn Du für Jagienka kämpfest und ihretwegen den Leuten die Knochen entzwei schlägst, bist Du in Wahrheit ihr Ritter, nicht der Ritter jenes Mädchens, und mußt sie folglich zum Weibe nehmen.« Bei diesen Worten stemmte er die Hände in die Seiten und schaute Zbyszko triumphierend an, aber dieser lächelte nur und sagte: »Oh, ich weiß wohl, weshalb Ihr mich auf jene Burschen gehetzt habt, aber Ihr seid vollständig fehlgegangen!« »Wieso fehlgegangen? Sprich!« »Weil ich sie aufforderte, zu bezeugen, daß Danusia, die Tochter Jurands, die schönste und tugendhafteste Jungfrau auf der Welt ist, sie aber sich für Jagienka in die Schanze schlugen und es deshalb zum Kampfe kam!« Als er dies vernahm, blieb der Abt eine Weile völlig regungslos und wie erstarrt auf einer Stelle stehen. Plötzlich drehte er sich um, stieß mit dem Fuße die Thüre des kleinen Nebenzimmers auf, stürmte in die Stube hinein, nahm den gekrümmten Stab aus der Hand des Pilgers und begann damit seine Spielleute durchzuprügeln, indem er zornerfüllt schrie: »Zu Roß, Ihr Gaukler! Zu Roß, Ihr Jammerseelen! Keinen Fuß setze ich mehr in dies Haus. Zu Roß, wer an Gott glaubt! Zu Roß!« Und auch hier die Thür aufstoßend, lief er in den Hof hinaus, und die bestürzten Kleriker gingen hinter ihm her. So stürzten alle zusammen in den Schuppen, wo sie die Pferde sofort zu satteln begannen. Vergeblich eilte Macko dem Abte nach, vergeblich bat und flehte er, vergeblich schwur er bei Gott, daß er keine Schuld trage – es half nichts. Der Abt wetterte, verfluchte das Haus, die Bewohner, den Grund und Boden, und als sein Pferd vorgeführt ward, sprang er rasch hinauf, ohne sich der Steigbügel zu bedienen, und ritt im Galopp davon, wobei der Wind seine weiten Aermel aufblähte, sodaß sie aussahen wie riesenhafte rote Vögel. In Angst und Schrecken jagten die Kleriker hinter ihm her, gleich einer Herde, die nicht hinter dem Hirten zurückbleiben will. Macko schaute ihm einige Zeit nach, bis sie im Walde verschwanden, dann kehrte er langsam in die Stube zurück und sagte zu Zbyszko, traurig das Haupt schüttelnd: »Da hast Du etwas Schönes angerichtet.« »All dies hätte nicht vorfallen können, wenn ich zeitig weggeritten wäre, und daß ich es nicht that, daran seid Ihr schuld!« »Wieso bin ich schuld?« »Ei, weil ich Euch, den Kranken, nicht verlassen wollte.« »Und wie wird es nun werden?« »Jetzt mache ich mich auf den Weg.« »Wohin?« »Nach Masovien zu Danusia, und die Pfauenbüsche erobere ich mir bei den Deutschen.« Macko schwieg einen Augenblick, dann sagte er: »Die Schrift übergab er mir ja, aber die Schuld ist auch im Pfandbuche eingetragen. Und er wird uns jetzt keinen Skotus schenken.« »Mag er thun, was er will. Ihr habt ja Geld, und ich brauche unterwegs keines. Man wird mich überall aufnehmen und dem Pferde Futter geben, und habe ich nur einen Panzer auf dem Leibe, ein Schwert zur Hand, so kümmere ich mich um nichts!« Macko erwog jetzt im Stillen das Geschehene. Nichts war nach seinem Sinne, nichts nach seinem Herzen gegangen. Wiewohl er aber von ganzer Seele wünschte, daß Jagienka Zbyszkos Weib werde, begriff er doch, daß dies eine vergebliche Hoffnung war. Auch dachte er, daß es wegen des Abtes, auch wegen Zych und Jagienka und schließlich wegen der Kämpfe mit Cztan und Wilk besser sei, wenn Zbyszko sich entferne, um nicht die Ursache weiterer Händel, weiterer Streitigkeiten zu sein. »Ha,« sagte er schließlich, »gegen die Kreuzritter mußt Du ohnedies ausziehen, wissen wir uns also nicht anders Rat zu schaffen, so brichst Du sofort auf. Möge alles geschehen, wie es unser Herr Jesus will. Aber ich werde sogleich nach Zgorzelic fahren, vielleicht kann ich Zych und den Abt versöhnen. Besonders um Zychs willen beklage ich den Zwist.« Hier blickte er Zbyszko scharf an und fragte plötzlich: »Und Du, beklagst Du ihn nicht um Jagienkas willen?« »Möge ihr Gott Gesundheit verleihen und alles Gute zu teil werden lassen!« antwortete Zbyszko. Dritter Teil. Erstes Kapitel. Einige Tage wartete Macko geduldig auf Nachricht aus Zgorzelic, vornehmlich darüber, ob der Abt sich wieder beruhigt habe, bis er schließlich dieser Ungewißheit überdrüssig ward und beschloß, sich zu Zych zu begeben. Alles, was geschehen war, war ohne seine Schuld geschehen, indessen wollte er wissen, ob Zych auch gegen ihn Groll hege, denn was den Abt anbelangte, so zweifelte er nicht daran, daß dessen Zorn von nun an schwer auf Zbyszko und auf ihm lasten werde. Gleichwohl wollte er alles thun, was in seiner Macht stand, um seinen Verwandten zu besänftigen und den gestörten Frieden wieder herzustellen. So überlegte er denn schon unterwegs, was er in Zgorzelic sagen wolle, um das Mißverständnis aufzuklären und die alten nachbarlichen Beziehungen aufrecht zu erhalten. Doch seine Gedanken schweiften immer ab, und er war froh, als er anlangte und Jagienka allein traf. Sie empfing ihn ebenso freundschaftlich wie sonst, verneigte sich und küßte ihm die Hand, sah aber ein wenig traurig aus. »Ist Dein Vater zu Hause?« fragte er. »Er ist mit dem Abte auf die Jagd gegangen. Wann sie zurückkehren, weiß ich nicht.« So sprechend, führte sie ihn in die Stube, wo sie schweigend einige Zeit beisammen saßen. Dann nahm sie zuerst wieder das Wort: »Ihr langweilt Euch wohl, seitdem Ihr allein in Bogdaniec seid?« »Ja,« erwiderte Macko. »Und Du weißt also schon, daß Zbyszko wieder in die Ferne gezogen ist?« Jagienka seufzte leise. »Ich weiß es,« sagte sie. »Ich wußte es schon am nämlichen Tage, und ich glaubte, er werde bei uns eintreten, um noch ein Abschiedswort zu sagen, aber er ist nicht gekommen.« »Wie hätte er anders handeln können?« entgegnete Macko, »der Abt hätte ihn ja dann in Stücke zerrissen, und auch Dein Vater würde ihn nicht freundlich aufgenommen haben.« Sie aber schüttelte den Kopf und sagte: »O ich hätte es nicht zugelassen, daß er von jemand gekränkt worden wäre.« Obwohl nun Macko nicht weichherzig war, rührte ihn dies tief; er zog Jagienka zu sich heran und rief: »Gott sei mit Dir, Mädchen! Deine Kümmernisse sind auch die meinen, denn ich sage Dir nur das eine, daß weder der Abt noch Dein leiblicher Vater Dich mehr lieben kann, als ich Dich liebe. Wie gerne würde ich an der Wunde sterben, welche Du geheilt hast, wenn er Dich nähme und keine andere.« Für Jagienka aber war jener Augenblick gekommen, da man Kummer und Leid nicht länger in sich zu verschließen vermag, und sie antwortete: »Ich werde ihn niemals wiedersehen, und wenn ich ihn wiedersehe, wird er Jurands Tochter an seiner Seite haben, zuvor aber werde ich mir die Augen ausweinen.« Und sie verhüllte ihr Gesicht mit der Schürze, in ihren Augen standen helle Thränen. Aber Macko entgegnete: »Sei nur ruhig! Wohl ist er in die Ferne gezogen, weil er nicht anders konnte, doch Gott in seiner Gnade wird uns beistehen, so daß er nicht mit Jurands Tochter zurückkehrt.« »Weshalb sollte er ohne sie zurückkehren?« fragte Jagienka unter ihrer Schürze hervor. »Weil ihm Jurand die Tochter nicht geben will.« Nun zeigte Jagienka plötzlich ihr Gesicht wieder und sagte lebhaft: »Er erzählte es mir! Aber ist es auch wahr?« »So wahr wie Gott im Himmel ist!« »Und warum?« »Kein Mensch weiß es! Vielleicht ist er durch irgend etwas gebunden, vielleicht durch ein Gelübde, und dem ist nicht abzuhelfen. Zbyszko gefiel ihm, zumal er sich anheischig gemacht hatte, mit Jurand Rache an dessen Feinden zu nehmen, aber auch dies half nichts. Umsonst war auch die Brautwerbung der Fürstin Anna. Weder auf Bitten, noch auf Vorstellungen, noch auf Befehle wollte Jurand hören. Er sagte, er könne nicht anders. Nun, offenbar ist ein Grund vorhanden, daß er nicht anders kann, auch ist er ein starrsinniger Mensch, welcher das, was er einmal gesagt hat, aufrecht erhält. Also verliere Du nicht den Mut, Mädchen, und bleibe standhaft. Um seine Pflicht zu erfüllen, mußte der Knabe in die Ferne ziehen, denn die Pfauenbüsche hat er jener andern in der Kirche eidlich versprochen. Sie hat ihn mit ihrem Schleier bedeckt, zum Zeichen, daß sie ihn zum Gatten nehmen wolle, sonst hätte sein Haupt fallen müssen – dafür ist er ihr Dank schuldig – das ist nicht zu leugnen. Wenn es Gottes Wille ist, wird sie nicht die Seine werden, aber tatsächlich hat sie ein Recht auf ihn. Zych ist ihm nun gram, der Abt wird sich gewiß auf furchtbare Art rächen und ich selbst bin unwillig über den Burschen, aber alles in allem genommen, was sollte er machen? Da er jenem Mädchen verpflichtet ist, mußte er sich auf die Fahrt begeben. Er ist doch ein Edelmann. Und ich sage Dir nur dies: Wenn ihn die Deutschen nicht tüchtig durchhauen, so kommt er wieder zurück, wie er ausgezogen ist, und nicht allein zu mir, seinem alten Oheim, nicht nur nach Bogdaniec kehrt er zurück, sondern auch zu Dir, weil Du ihm lieb geworden bist.« »Ich ihm lieb geworden?« wiederholte Jagienka. Zugleich aber trat sie dicht zu Macko heran, und ihn mit dem Ellbogen anstoßend fragte sie: »Woher wißt Ihr das? Nun? Es ist gewiß nicht wahr!« »Woher ich es weiß?« antwortete Macko. »Ich sah ja, wie schwer es ihm ward, in die Ferne zu ziehen. Und es war so. Als beschlossen wurde, daß er ziehen solle, und ich ihn fragte: ›Ist es Dir nicht leid um Jagienkas willen‹? sprach er: ›Möge Gott ihr Gesundheit verleihen und alles Gute zu teil werden lassen!‹ Und dann begann er zu seufzen und zu ächzen wie der Blasebalg eines Schmiedes!« »Das ist gewiß nicht wahr!« sagte Jagienka ganz leise – »doch erzählt mir weiter.« »Es ist wahr, so gewiß ich Gott liebe! Da er Dich jetzt kennt, wird ihm die andere nicht mehr so gut gefallen, denn Du weißt ja selbst, daß auf der ganzen Welt kein so kraftstrotzendes, schönes Mädchen mehr zu finden ist wie Du. Fürchte nichts – durch den Willen Gottes fühlt er sich zu Dir hingezogen – vielleicht mehr als Du zu ihm.« »O wenn es doch so wäre!« rief Jagienka aus. Und sich plötzlich bewußt werdend, was ihren Lippen unwillkürlich entflohen war, bedeckte Sie ihr wie in Glut getauchtes Gesicht mit ihren Händen, Macko aber lächelte, strich seinen Schnurrbart und sagte: »Ei, daß ich doch jung wäre! Aber bleibe Du nur stark, denn ich sehe schon, wie es kommen wird. Er macht sich auf die Fahrt, um sich die Sporen am masovischen Hofe zu verdienen, da von dort die Grenze nicht weit ist und ein Zusammentreffen mit einem Kreuzritter leicht herbeigeführt werden kann. Wohl weiß ich, daß es auch unter den Deutschen tapfere Ritter giebt, daher wird er wohl nicht mit heiler Haut aus dem Kampfe hervorgehen, aber ich denke mir, daß mancher ihm gegenüber den Kürzeren zieht, weil der Schelm im Kampfe sehr gewandt ist. Du weißt ja, wie er sich mit Cztan aus Rogow und Wilk aus Brzozowa gerauft hat, obgleich man sagt, daß es tüchtige Burschen sind und so wild wie Bären. Die Pfauenbüsche wird er wohl bringen, aber Jurands Tochter wird er mir nicht zuführen, denn auch ich habe mit diesem gesprochen und weiß, wie die Sache sich verhält. Nun, und was wird dann geschehen? Dann kehrt er hierher zurück, denn wohin sollte er sich wenden?« »Ach, ob er wohl je zurückkehrt?« »Na, harrst Du nur aus, so wirst Du gut dabei fahren. Und erzähle Deinem Vater und dem Abte das, was ich Dir sage, damit ihr Zorn über Zbyszko etwas nachläßt.« »Aber was soll ich denn sagen? Das Väterchen ist eher betrübt als ärgerlich, aber in der Gegenwart des Abtes ist es gefährlich, auch nur von Zbyszko zu reden. Wie hat er mir und dem Vater zugesetzt, weil wir einen unserer Mannen zu Zbyszko geschickt haben.« »Einen Euerer Mannen habt Ihr zu ihm gesandt?« »Ja, wißt Ihr, bei uns lebt ein Böhme, welchen der Vater bei Boleslawicz gefangen nahm, ein guter und treuer Knecht. Hlawa wird er genannt. Väterchen überließ mir ihn zur Bedienung, weil er sagt, er sei ein Edelmann, und ich habe ihn jetzt passend ausgerüstet und zu Zbyszko gesandt, damit er ihm treu diene, ihn bei unglücklichen Zufällen beschütze, und damit er es verkünde, wenn geschehen würde, was Gott verhüten möge. Ich habe ihm auch eine Geldkatze mit auf den Weg gegeben, und er schwur mir bei seinem ewigen Heil, er werde Zbyszko bis zum Tode treu dienen.« »Mein liebes Mägdlein! Gott lohne Dir dafür! Und hatte Dein Vater nichts dagegen einzuwenden?« »Was hatte er nicht alles dagegen einzuwenden! Anfangs wollte er es nicht gestatten, aber als ich ihn kniefällig darum bat, ließ er mich gewähren. Mit dem Väterchen hat man niemals einen schweren Stand, doch als der Abt davon erfuhr, schimpfte und wetterte er, und wir verlebten einen trüben Tag. Erst am Abend erbarmte sich der Abt meiner Thränen, und er schenkte mir sogar einen Rosenkranz. Aber ich leide gern, wenn ich nur Zbyszko ein größeres Gefolge verschaffen kann.« »So wahr ich Gott liebe, ich weiß nicht, ob ich ihm mehr zugethan bin oder Dir, aber er wird ohnedies ein ansehnliches Gefolge mit sich führen – und Geld habe ich ihm auch gegeben, obgleich er es nicht zugeben wollte. Nun, Masovien liegt ja nicht hinter den Bergen.« Das Gespräch wurde durch Hundegebell, laute Rufe und Hörnerschall unterbrochen. Als sie dies hörte, sagte Jagienka: »Da kommt der Abt mit meinem Vater von der Jagd zurück. Gehen wir in die Vorhalle, denn es ist besser, wenn Euch der Abt zuerst von weitem als ganz unvermutet im Zimmer sieht.« So sprechend geleitete sie Macko in die Vorhalle, von der aus sie dann im Hofe einen Troß von Menschen, auch viele Pferde und Hunde erblickten und die auf der Jagd erlegten Elentiere und Wölfe auf dem Schnee liegen sahen. Der Abt, welcher Macko schon erschaut hatte, bevor er noch vom Pferde gestiegen war, faßte nach dem Jagdspieß an seiner Seite, aber nicht um Gebrauch von dieser Waffe zu machen, sondern um auf diese Weise unverhohlen seinem Haß gegen die Bewohner von Bogdaniec an den Tag zu legen. Doch Macko schwenkte seine Mütze, wie wenn er gar nichts wahrnehme, und Jagienka bemerkte in der That nichts, da sie voll Verwunderung ihre beiden Freier unter dem Gefolge gewahrte. »Cztan und Wilk!« rief sie aus. »Sie müssen mit dem Vater im Walde zusammengetroffen sein.« Bei ihrem Anblick war es Macko, als ob die alte Wunde von neuem schmerze. Der Gedanke schoß ihm plötzlich durch den Kopf, einer von ihnen könne Jagienka, und als ihre Morgengabe Moczydoly, sowie des Abtes Gut, Wälder und Geld erhalten. Kummer und Aerger überkamen ihn, zumal jetzt etwas Neues seine Aufmerksamkeit fesselte. Obwohl Wilks Vater erst vor kurzem von dem Abte zum Kampfe herausgefordert worden war, sprang der junge Kämpe jetzt herbei, um letzterem vom Pferde zu helfen und der Abt stützte sich mit sichtlichem Wohlgefallen auf Wilks Schulter. »Vielleicht hat sich der Abt mit dem alten Wilk dadurch ausgesöhnt, daß er dem Mädchen die Wälder und sein Gut als Brautschatz mitgiebt,« dachte Macko. Aus diesen unangenehmen Gedanken riß ihn die Stimme Jagienkas, welche in demselben Augenblick sagte: »Die Wunden, welche Zbyszko ihnen schlug, sind jetzt wieder geheilt, aber wenn sie auch jeden Tag hierherkommen, für mich sind sie nicht vorhanden!« Macko blickte sie an – das Gesicht des jungen Mädchens war von Zorn gerötet, und ihre blauen Augen funkelten vor Unwillen, obschon ihr wohl bekannt war, daß Wilk und Cztan nur um ihretwillen jenen Angriff in der Schenke gemacht hatten und um ihretwillen verwundet worden waren. Doch Macko sagte: »Du wirst thun, was der Abt Dich heißt!« Und sie entgegnete: »Der Abt thut, was ich will.« »Lieber Gott,« dachte Macko, »und solch ein Mädchen wird von dem dummen Zbyszko verschmäht!« Zweites Kapitel. Der dumme Zbyszko hatte Bogdaniec in der That mit schwerem Herzen verlassen. Zuvörderst war ihm nicht wohl zu Mute ohne den Oheim, von dem er seit Jahren nicht getrennt gewesen und an den er so gewöhnt war, daß er jetzt gar nicht wußte, wie er sich auf seiner Kriegsfahrt ohne ihn behelfen solle. Dann ging ihm auch die Trennung von Jagienka nahe, denn obgleich er sich selbst sagte, daß er nun zu Danusia kommen werde, die er von ganzer Seele liebte, hatte er sich doch immer so glücklich bei Jagienka gefühlt, daß er jetzt erst empfand, welchen Frohsinn sie um sich her verbreitete, wie öde und leer ihm alles vorkam ohne sie. Er wunderte sich selbst über seinen Kummer, er fühlte sich sogar deshalb beunruhigt. Wenn er sich nach Jagienka gesehnt hatte, wie ein Bruder nach seiner Schwester, wäre es kein Unrecht gewesen. Er fühlte jedoch, daß ihn darnach verlangte, sie zu umfassen und auf das Pferd zu heben oder sie vom Sattel herabzunehmen, um sie durch den Bach zu tragen, daß ihn darnach verlangte, ihr das Wasser aus den Zöpfen zu winden, mit ihr durch die Wälder zu streifen, sie anzuschauen und mit ihr zu plaudern. Die Gewohnheit wirkte dabei so mächtig, und all diese Erlebnisse waren ihm eine solche Wonne gewesen, daß er sich jetzt vollständig in der Erinnerung verlor. Auch vergaß er ganz, daß er sich auf dem Weg nach Masovien befand, dagegen stand ihm fortwährend der Moment vor Augen. da Jagienka ihm im Walde zu Hilfe gekommen war, als er mit dem Bären gerungen hatte. Ihn dünkte, dies sei erst gestern gewesen, und erst gestern sei es gewesen, daß sie zur Biberjagd an den Ostapange-See gingen, damals hatte er ja nicht bemerkt, wie sie sich des Bibers wegen mutwillig in Gefahr begab, jetzt aber dünkte ihn, daß er sie vor sich sehe – und wieder überkam ihn ein Zittern, gerade wie vor einigen Wochen, als Jagienkas Gewand im Winde flatterte. Dann gedachte er auch des Tages, da sie sich prächtig gekleidet zur Kirche nach Krzesnia begeben hatte, er erinnerte sich, wie er sich gewundert hatte, daß solch ein Mädchen, das ihm anfangs so einfach erschienen war, jetzt gleich einem Hoffräulein aus vornehmem Geschlechte daherritt. All dies bewirkte, daß ein eigentümlicher Schwindel ihn erfaßte, daß ein seliges Wonnegefühl, Trauer und Verlangen sein Herz erfüllten, und während er noch darüber nachsann, daß sie vollständig in seiner Gewalt gewesen war, während er darüber nachsann, wie sie sich zu ihm hingezogen gefühlt, wie sie ihm in die Augen geblickt hatte, und wie sie ihm vollständig zu eigen gewesen war, konnte er kaum auf dem Pferde bleiben. »Wenn ich sie jetzt irgendwo träfe und wenigstens Abschied nehmen und sie mit meinen Armen umfassen könnte, würde mir leichter ums Herz werden,« sagte er sich, aber alsbald empfand er auch, daß er sich täusche, denn schon bei dem Gedanken an einen derartigen Abschied lief es wie Feuer durch seine Adern, obwohl die Nacht kalt war. Schließlich erschrak er über seine eigenen verwegenen Gedanken, und er suchte sie von sich abzuschütteln, wie man Schneeflocken vom Mantel schüttelt. »Zu Danusia begebe ich mich ja, zu meiner geliebten Herrin!« sagte er sich. Und zugleich erkannte er, daß dies eine andere Liebe war, eine ruhigere Liebe, die weniger sein ganzes Sein und Wesen durchdrang. Allmählich, je mehr seine Füße in den Steigbügeln erstarrten und der rauhe Wind ihm das Blut kühlte, wendeten sich seine Gedanken Danusia zu, ihr – ja ihr war er in der That Dank schuldig. Wäre sie nicht gewesen, so hätte ja sein Haupt auf dem Markte zu Krakau fallen müssen, da sie in Gegenwart der Ritter und Bürger ausrief: »Mein bist Du!« entriß sie ihn den Händen des Henkers, und seitdem gehörte er ihr an, wie der Sklave seinem Herrn. Nicht er hatte sie erwählt, sondern sie hatte ihn erkoren, daran konnte selbst Jurand nichts ändern. Sie allein hätte ihn verabschieden können, wie die Herrin den Diener verabschieden kann, gleichwohl hätte er sie aber auch dann nicht verlassen, weil ihn sein eigenes Gelübde band. Auch wußte er, sie werde ihn nicht von sich scheuchen, sondern eher den masovischen Hof verlassen und ihm folgen bis ans Ende der Welt. Und während er darüber nachsann, verherrlichte er sie unwillkürlich in seinem Innern, Jagienkas Bild hingegen ward in den Hintergrund gedrängt, als ob es ausschließlich ihre Schuld gewesen wäre, daß ihn zuweilen ein süßes Verlangen nach ihr überkam, und daß sein Herz sich im Zwiespalt befand. Daß Jagienka den alten Macko geheilt hatte, daß ohne ihr Dazwischenkommen der Bär ihm selbst in jener Nacht vielleicht die Haut vom Leibe gerissen hätte, kam ihm jetzt gar nicht in den Sinn. Absichtlich redete er sich in einen gewissen Zorn gegen Jagienka hinein, weil er meinte, daß er sich auf diese Weise Danusia gegenüber verdient mache, und weil er sich in seinen eigenen Augen rechtfertigen wollte. Ein Reitersmann, der ein zweites, reichbeladenes Pferd am Zügel führte, weckte ihn aus seinen Gedanken. Es war der Böhme Hlawa. »Gelobt sei Jesus Christus!« sagte er, sich tief verneigend. Zwar hatte ihn Zbyszko schon in Zgorzelic gesehen, doch er erkannte ihn jetzt nicht und erwiderte: »Von Ewigkeit zu Ewigkeit! Wer bist Du denn?« »Euer Knecht, edler Herr!« »Wieso mein Knecht? Dies sind meine Knechte!« entgegnete Zbyszko, auf die beiden Türken, die er von Sulimczyk Zlawisza zum Geschenk erhalten, und auf zwei kräftige Bursche zeigend, die zu Roß saßen und die Hengste des Ritters am Zügel führten, »Wer hat Dich hierher geschickt?« »Die Jungfrau Jagienka Zych aus Zgorzelic!« »Die Jungfrau Jagienka?« Zbyszko, der sich soeben erst im Innern förmlich gegen sie aufgelehnt hatte, dessen Herz noch von Groll gegen sie erfüllt war, versetzte: »Kehre nach Hause zurück und danke Deiner Herrin in meinem Namen für ihre Gewogenheit, denn Du kannst nicht bei mir bleiben.« Aber der Böhme schüttelte den Kopf: »Ich kehre nicht zurück, Herr! Euer bin ich jetzt, und ich habe geschworen, Euch zu dienen bis zum Tode.« »Wenn ich Dich von ihr zum Geschenk erhalten habe, bist Du mein Diener!« »Euer Diener, Herr!« »Und ich befehle Dir, zurückzukehren.« »Ich aber habe geschworen, und wennschon ich bei Boleslawicz zum Gefangenen gemacht wurde, wennschon ich als Knecht dienen muß, bin ich doch auch ein Edelmann.« Nun geriet Zbyszko in Zorn: »Packe Dich fort! Wie, Du kannst mir doch nicht gegen meinen Willen dienen? Packe Dich fort, sonst lasse ich die Armbrust spannen.« Der Böhme band ruhig einen mit Wolfspelz gefütterten Mantel auf, überreichte ihn Zbyszko und sagte: »Die Jungfrau Jagienka sendet Euch auch dies.« »Willst Du, daß ich Dir die Knochen entzwei schlage?« fragte Zbyszko, seine Lanze aus der Hand eines Knechtes nehmend. »Und hier ist auch eine Geldkatze, die Euch zu Gebot steht!« fügte der Böhme hinzu. Zbyszko hatte schon die Lanze angelegt, doch nun erinnerte er sich, daß dieser Mann wohl ein Gefangener, aber aus adeligem Geschlechte war, und daß er offenbar nur deshalb hatte bei Jagienka bleiben müssen, weil er nichts besaß, um sich loszukaufen, daher ließ er die Lanze wieder sinken. Der Böhme aber neigte sich tief bis zu seinen Füßen herab und sagte: »Erzürnt Euch nicht, Herr! Da Ihr mir nicht befehlt, bei Euch zu bleiben, will ich einige hundert Schritte oder noch etwas mehr hinter Euch reiten, aber begleiten werde ich Euch, denn dies habe ich bei meinem Seelenheil geschworen.« »Und wenn ich Dich totschlagen oder fesseln lasse?« »Wenn Ihr mich totschlagen laßt, wird es nicht meine Sünde sein, und wenn Ihr mich fesseln laßt, werde ich es aushalten, bis gute Leute mich befreien oder die Wölfe mich auffressen.« Zbyszko gab keine Antwort – er trieb sein Pferd an, und auch seine Leute setzten sich in Bewegung. Mit der Armbrust auf der Schulter, dem Beile im Arm, ritt der Böhme hinter ihnen her. Er hatte das zottige Fell eines Auerochsen um sich geschlagen, denn ein scharfer Wind wehte und führte dichte Schneeflocken mit sich. Das Unwetter nahm mit jedem Augenblick zu. Trotz ihrer Schafpelze waren die Türken wie erstarrt vor Kälte, Zbyszkos Diener schlugen sich in die Hände, und da er selbst nicht warm genug gekleidet war, warf er hie und da einen verstohlenen Blick auf den mit Wolfspelz gefütterten Mantel, der ihm von Hlawa gebracht worden war, und schließlich gebot er einem der Türken, ihm den Mantel zu reichen. Und als er sich dicht hineingehüllt hatte, fühlte er bald eine wohlthuende Wärme, welche den ganzen Körper durchdrang. Den besten Dienst leistete ihm die Kapuze, welche seine Augen und einen großen Teil seines Gesichtes bedeckte, so daß er den Wind kaum mehr spürte. Nun sagte er sich unwillkürlich, daß Jagienka doch ein seelengutes Mädchen sei – und er hielt sein Pferd an, weil ihn die Lust überkam, den Böhmen nach ihr und nach allem auszuforschen, was sich mittlerweile in Zgorzelic zugetragen hatte. Er winkte daher dem Boten Jagienkas und richtete an ihn die Frage: »Weiß denn der alte Zych, daß Dich die Jungfrau zu mir gesandt hat?« »Er weiß es!« entgegnete Hlawa. »Und er hat sich nicht widersetzt?« »Ja, er hat sich widersetzt!« »Erzähle mir ganz genau, wie es gewesen ist.« »Der Herr rannte in der Stube herum und die Jungfrau hinter ihm her. Er war sehr ärgerlich und schrie, aber das Mädchen gab keinen Laut von sich – doch als er sich zu ihr umwandte, fiel sie zu seinen Füßen nieder, ohne ein einziges Wort zu äußern. Schließlich sagte der Herr: ›Du bist wohl taub geworden, daß Du gar nichts auf meine Vorstellungen erwiderst? Sprich Dich wenigstens aus, denn am Ende muß ich es ja doch gestatten. Aber wenn ich es gestatte, reißt mir der Abt den Kopf herunter!‹ Als nun die Jungfrau sah, daß sie ihren Willen durchsetzen werde, dankte sie unter Thränen. Der Herr machte ihr Vorwürfe, daß sie ihn überredet hatte, und klagte darüber, daß sie in allem ihren Willen durchsetzen wolle, zuletzt aber sagte er: ›Versprich mir, daß Du Dich nicht heimlich hinausstiehlst, um Dich von ihm zu verabschieden, dann gebe ich meine Einwilligung, sonst aber nicht!‹ Da wurde die Jungfrau sehr betrübt, aber sie versprach es – und der Herr war sehr froh darüber, weil er und der Abt eine furchtbare Angst gehabt hatten, ihr könne die Lust kommen, Euer Gnaden noch einmal zu sehen ... das war aber noch nicht alles, denn die Jungfrau wollte, daß ich mich mit zwei Pferden zu Euch aufmache, und der Herr untersagte es, das Jungfräulein wollte Euch den Wolfspelz und die Geldkatze schicken, der Herr untersagte es. Doch was nützen solche Verbote? Wenn es ihr in den Sinn käme, das Haus anzuzünden, so würde der Herr es schließlich auch erlauben. So bin ich denn mit zwei Pferden, mit dem Wolfspelz und der Geldkatze zu Euch gekommen.« »Welch gutes Mädchen!« sagte sich Zbyszko im Innern. Nach einer Weile fragte er: »Und hatten sie mit dem Abte nicht ihre liebe Not?« Der Böhme lächelte wie ein verständiger Mann, welcher alles wahrnimmt, was um ihn her vorgeht, und erwiderte: »Die beiden verheimlichten es vor dem Abte, und was weiter geschah, weiß ich nicht, weil ich zeitig wegritt. Der Abt bleibt immer der Abt – zuweilen schreit er auch das Jungfräulein Jagienka an, aber dann betrachtet er sie unverwandt, um zu ergründen, ob er sie beleidigt hat. Ich war selbst einmal dabei, als er mit ihr zankte, gleich darauf jedoch an seine Truhe ging, eine Kette herausnahm, wie selbst in Krakau keine schönere zu finden ist, und sagte: »Hier, nimm!« Ja, auch mit dem Abte wird sie sich zu helfen wissen, denn der eigene Vater hat sie nicht lieber als er.« »Gewiß, so ist es!« »So wahr Gott im Himmel ist!« Ein kurzes Schweigen folgte, und weiter ritten sie, inmitten des Sturmes und des Schneegestöbers. Da hielt Zbyszko sein Pferd an, denn plötzlich ließ sich eine klagende, durch das Rauschen des Waldes kaum hörbare Stimme vernehmen: »Christen, errettet einen Diener Gottes aus seiner Bedrängnis!« Beinahe gleichzeitig erblickten sie einen Mann in halb geistlicher, halb weltlicher Tracht, der ihnen entgegeneilte und vor Zbyszko stehen bleibend, ausrief: »Wer Du auch seist, Herr, hilf Deinem Nebenmenschen in seiner schweren Not!« »Was ist geschehen? Ist Euch etwas zugestoßen?« fragte der junge Ritter. »Ich bin ein Diener Gottes, wenngleich ich nicht die Weihen empfangen habe, und mir ist das Unglück zugestoßen, daß mein Pferd, welches zwei Laden mit Heiligtümern trug, sich heute früh losriß. Allem, ohne Waffen bin ich zurückgeblieben, der Abend naht heran und bald werden sich die wilden Tiere im Walde vernehmen lassen. Ich gehe zu Grunde, wenn Ihr mich nicht rettet!« »Wenn Du durch meine Schuld zu Grunde gingest, wäre ich ja für Deine Sünden verantwortlich,« entgegnete Zbyszko. »Aber woran erkenn' ich, daß Du die Wahrheit sagst, und daß Du nicht irgend ein Landstreicher oder ein Beutelschneider bist, wie sich deren so viele herumtreiben?« »Meine beiden Schreine sollen Dir den Beweis liefern, Herr! Gar mancher würde gern einen Beutel voll Dukaten für das geben, was sich darin befindet. Du aber wirst umsonst etwas daraus bekommen, wenn Ihr mich und meine Schreine mitnehmt.« »Du sagst, Du seist ein Diener Gottes und weißt nicht einmal, daß man nicht auf irdischen, sondern nur auf himmlischen Lohn rechnen darf, wenn man jemand aus der Not hilft? Aber wieso hast Du die Laden bei Dir behalten, wenn das Pferd, das sie trug, Dir entlaufen ist?« »Weil das Pferd, ehe ich es fand, offenbar von den Wölfen auf einer Waldwiese zerrissen worden war, die Laden aber zurückblieben und ich sie hierher an den Weg schleppte, um zu warten, bis gute Menschen sich meiner erbarmen würden.« Und als ob er zugleich den Beweis liefern wollte, daß er die Wahrheit redete, zeigte er auf zwei unter einem Fichtenbaum liegende Schreine. Zbyszko betrachtete den Unbekannten mit mißtrauischen Blicken, zumal dessen Sprache zwar richtig war, aber doch den Ausländer verriet. Gleichwohl wollte er dessen Bitte um Hilfe nicht abschlagen und gestattete ihm, sich mit den beiden Laden, welche auffallend leicht waren, sich auf das herrenlose Pferd zu setzen, das der Böhme ihm zugeführt hatte. »Möge Gott Deine Siege mehren, tapferer Ritter!« sagte der Unbekannte. Und das jugendliche Gesicht Zbyszkos näher ansehend, fügte er hierauf halblaut hinzu: »Und Deine Barthaare gleichfalls.« Dann ritt er neben dem Böhmen her. Während einiger Zeit vermochten sie nichts zu reden, weil der Sturm zu heftig tobte und ein starkes Rauschen durch den Wald ging, aber als es stiller geworden war, vernahm Zbyszko folgendes Gespräch der hinter ihm Reitenden. »Darüber will ich nicht mit Dir streiten, ob Du in Rom gewesen bist, aber jedenfalls siehst Du aus, wie ein Biersaufer,« sagte der Böhme. »Hüte Dich vor ewiger Verdammnis!« entgegnete der Unbekannte, »denn Du sprichst mit einem Menschen, der am letzten Osterfest harte Eier mit dem heiligen Vater verspeist hat. Sprich mir auch nicht bei solcher Kälte von Bier, oder wenigstens von gewärmtem, aber wenn Du irgendwo eine Flasche mit Wein bei Dir hast, so gieb mir zwei Schluck oder drei, dann sollst Du Ablaß für einen Monat Fegfeuer von mir bekommen.« »Du hast die Weihen nicht erhalten – ich hörte ja, daß Du davon sprachst – wie kann ich also Ablaß für einen Monat Fegfeuer von Dir bekommen?« »Nein, die Weihen habe ich nicht, aber mein Kopf ist geschoren, denn dazu habe ich die Erlaubnis erhalten und außerdem führe ich Ablaßzettel und Reliquien bei mir.« »In diesen hölzernen Schreinen?« fragte der Böhme. »Ja, in diesen hölzernen Schreinen. Ach, wenn Ihr alles sehen würdet, was ich habe, so würdet Ihr auf Euer Antlitz niederfallen und mit Euch würden alle Fichtenbäume im Walde samt den wilden Tieren niederknien.« Aber der Böhme, der zwar noch jung, aber doch klug und erfahren war, sah den Verkäufer der Ablaßzettel mißtrauisch an und ließ sich also vernehmen: »Und die Wölfe haben also Dein Pferd aufgefressen?« »Ja, ja sie haben es aufgefressen, weil sie sich wie die Teufel daraufstürzten, aber dann sind sie auch zerplatzt. Einen der zerplatzten Wölfe habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen. Wenn Du Wein hast, so gieb her, denn obgleich der Wind nachgelassen hat, bin ich starr vor Frost, weil ich so lange am Wege saß.« Doch der Böhme gab ihm keinen Wein, und wieder ritten sie schweigend weiter, bis der Reliquienhändler von neuem begann: »Wohin begebt Ihr Euch?« »In ferne Lande. Einstweilen aber nach Sieradz. Geht Ihr mit uns?« »Ich muß wohl. Im Stalle kann ich mich dann ausschlafen, morgen schenkt mir der gottesfürchtige Ritter vielleicht dies Pferd – und dann eile ich weiter.« »Woher bist Du?« »Unter preußischer Herrschaft stehe ich, bei Marienburg bin ich zu Hause.« Als Zbyszko dies hörte, wandte er sich um und winkte dem Unbekannten, er möge sich nähern. »Bei Marienburg bist Du zu Hause?« fragte er. »Kommst Du von dort?« »Ja, von Marienburg!« »Aber zweifellos bist Du kein Deutscher, da Du unsere Sprache so gut sprichst. Wie nennt man Dich?« »Ich bin ein Deutscher und werde Sanderus genannt. Eure Sprache spreche ich, weil ich in Thorn geboren bin, wo alles Volk so spricht. Später wohnte ich in Marienburg, aber dort war es gerade so. Sogar die Ordensbrüder verstehen Eure Sprache.« »Und seid Ihr schon lange aus Marienburg weg?« »Herr, ich bin im heiligen Lande gewesen, dann in Konstantinopel und in Rom, von dort kehrte ich durch Frankreich nach Marienburg zurück. Von Marienburg begab ich mich nach Masovien, um die heiligen Reliquien feilzubieten, welche fromme Christen ihres Seelenheiles wegen gerne kaufen.« »Bist Du in Plock gewesen? Oder vielleicht in Warschau?« »Ich bin hier und dort gewesen. Möge Gott den beiden Fürstinnen Gesundheit verleihen! Nicht umsonst wird die Fürstin Alexandra auch von den preußischen Machthabern verehrt, denn sie ist eine gottesfürchtige Frau – und die Fürstin Anna, Januszs Gattin, ist nicht minder vortrefflich.« »Hast Du in Warschau den Hof gesehen?« »Nicht in Warschau, sondern in Ciechanow, wo das Fürstenpaar mich als Diener Gottes gastfreundlich aufnahm und mich freigebig mit einem Zehrpfennig versah. Aber ich ließ ihnen auch Reliquien zurück, welche den Segen Gottes auf sie herabrufen werden.« Zbyszko stand schon im Begriff, nach Danusia zu fragen, aber plötzlich überkam ihn eine unbestimmte Scheu, und ein gewisses Schamgefühl hielt ihn davon ab, denn er sagte sich, das hieße einen Unbekannten von niederem Stande, einen Menschen, der zudem verdächtig aussah und ein gewöhnlicher Betrüger sein konnte, zum Vertrauten seiner Liebe machen. Nach kurzem Schweigen fragte er daher: »Was für Reliquien führst Du denn mit Dir in der Welt herum?« »Ablaßzettel und Reliquien biete ich feil, und die Ablaßzettel sind verschieden: es giebt solche für ewige Zeit und für fünfhundert, dreihundert, zweihundert Jahre und für kürzere Zeit, auch ganz billige, damit die armen Leute sie kaufen können, um sich dadurch die Höllenqualen zu verkürzen. Ich habe Ablaßzettel für die früheren und für die künftigen Sünden, aber denkt nicht, Herr, daß das Geld, welches ich einnehme, mir gehört. Ein Stückchen Schwarzbrot und ein Schluck Wasser, das ist alles, was ich brauche. Den Rest von dem, was ich zusammenbringe, sende ich nach Rom, auf daß mit der Zeit ein neuer Kreuzzug unternommen werden kann. Zwar gehen viele Schwindler auf der Welt herum, deren Ablaßzettel und Reliquien und Siegel und Zeugnisse gefälscht sind – und diese verfolgt der Heilige Pater mit Fug und Recht durch Steckbriefe, mir aber hat der Prior von Sieradz eine schwere Kränkung zugefügt, und sehr ungerecht ist er gegen mich gewesen – denn meine Siegel sind ganz echt. Betrachtet nur das Wachs, Herr, und sagt selbst, ob es nicht wahr ist!« »Und was that der Prior von Sieradz?« »Ach Herr, gebe Gott, daß ich unrecht hatte, wenn ich behauptete, der Prior sei durch die ketzerische Lehre Wikless angesteckt worden. Wenn Ihr Euch aber nach Sieradz begebt, wie mir der Knecht von Euer Gnaden sagte, will ich mich dem Prior gar nicht zeigen, um ihn nicht zur Sünde und zur Lästerung der heiligen Reliquien zu verleiten.« »Dies soll, kurz gesagt, wohl heißen, daß er Dich für einen Betrüger und Beutelschneider hält?« »Herr, wenn er mich dafür hielte, so würde ich ihm dies aus reiner Nächstenliebe verzeihen, ja, ich habe ihm sogar schon verziehen, aber er hat meine heilige Ware gelästert, wofür er, wie ich fürchte, ohne Rettung ewig verdammt bleiben wird.« »Was für eine heilige Ware hast Du denn?« »Eine Ware, von der man nicht mit bedecktem Haupte sprechen sollte, da ich aber diesmal die Ablaßzettel bereit halte, gebe ich Euch, Herr, die Erlaubnis, die Kapuze aufzubehalten, weil der Wind wieder anfängt zu blasen. Kauft dafür einen Ablaßzettel, sobald wir Rast machen, und die Sünde wird Euch nicht angerechnet werden. Was habe ich nicht alles feil! Ich habe den Huf des Eseleins, auf welchem die Flucht nach Aegypten unternommen wurde. Bei den Pyramiden ist dieser Huf gefunden worden, der König von Aragonien hat mir fünfzig Dukaten in gutem Golde dafür geboten. Aus den Flügeln des Erzengels Gabriel besitze ich eine Feder, welche er bei der Verkündigung verlor; ich habe zwei Köpfe von den Wachteln, welche den Israeliten in die Wüste herabgesandt wurden; ich habe das Oel, worin die Heiden Johannes braten wollten – und eine Sprosse der Leiter, von der Jakob träumte – und Thränen von der Aegyptischen Maria und ein wenig Rost von den Schlüsseln des hl. Petrus. Aber alles vermag ich nicht aufzuzählen, erstens weil ich ganz erstarrt vor Kälte bin und Dein Knappe, Herr, mir keinen Wein geben will, und zweitens darum, weil ich bis in die späte Nacht nicht damit fertig würde.« Nach einiger Zeit brachten denn auch die Knechte ein neues Brett herbei und Sanderus begann zu schreiben. »Das sind wertvolle Reliquien, wenn sie echt sind,« bemerkte Zbyszko. »Wenn sie echt sind? Nimm die Lanze aus der Hand des Knechtes, Herr, und stoße zu, denn offenbar ist der Teufel in der Nähe und giebt Dir solche Gedanken ein. Herr, halte ihn Dir durch die Lanze vom Leibe! ... Und wenn Du kein Unglück auf Dich herabbeschwören willst, so kaufe bei mir einen Ablaßzettel für diese Sünde – sonst wird innerhalb dreier Wochen das Wesen sterben, das Du am meisten auf der Welt liebst.« Zbyszko erschrak über diese Drohung, denn unwillkürlich kam ihm Danusia in den Sinn, und er sagte daher: »Ich bin es ja nicht, der an der Echtheit Deiner Reliquien zweifelt, sondern der Prior der Dominikaner in Sieradz.« »Betrachtet doch nur einmal das Wachs der Siegel, Herr – Wer weiß ob der Prior jetzt noch am Leben ist, denn Gottes Strafe bleibt nie lange aus.« Doch als sie in Sieradz anlangten, zeigte es sich, daß der Prior noch am Leben war. Zbyszko wandte sich sogar an ihn um zwei Messen, die eine für Macko, die andere der Pfauenbüsche wegen lesen zu lassen, auf deren Eroberung er bedacht war. Der Prior, einer der Ausländer, die damals in Polen lebten, war in Cilli geboren, hatte sich aber durch seinen vierzigjährigen Aufenthalt in Sieradz die Polnische Sprache vollständig zu eigen gemacht und war ein ausgesprochener Feind der Kreuzritter. Als er Zbyszkos Absicht erfuhr, sagte er: »Gott wird wohl noch eine schwere Strafe über die Kreuzritter verhängen. Und Dir rate ich nicht ab, das auszuführen, was Du Dir vorgenommen hast, erstens weil Dein Eid Dich bindet und zweitens weil die Polen sich nicht genug für das rächen können, was die Kreuzritter in Sieradz gethan haben.« »Was haben sie denn gethan?« fragte Zbyszko, welcher sich immer freute, wenn er etwas von den widerrechtlichen Thaten der Kreuzritter vernahm. Da faltete der greise Prior die Hände und fing an laut für die ewige Ruhe der Seelen zu beten. Hierauf ließ er sich auf einen Sessel nieder, drückte eine Weile die Augen zu, wie wenn er alte Erinnerungen heraufbeschwören wolle, und begann folgendermaßen: »Durch Wincenty aus Szamotor wurden sie hierhergeführt. Damals war ich zwölf Jahre alt und gerade aus Cilli angekommen. Mein Oheim Petzoldt hatte mich von dort mit hierher genommen. Des Nachts nun fielen die Kreuzritter in die Stadt ein und steckten sie in Brand. Von der Schutzwehr aus sahen wir, wie sie Männer, Frauen und Kinder köpften, wie sie Säuglinge in die Flammen warfen ... Ja, ich sah es sogar mit an, wie sie auch Geistliche totschlugen, da sie in ihrer Wut niemand schonten. Der Zufall wollte es, daß der Prior Mikolaj aus Elbing den die Krieger anführenden Komtur Hermann kannte, daher ging er mit den älteren geistlichen Brüdern dem blutgierigen Ritter entgegen und vor ihm niederknieend, flehte er ihn in deutscher Sprache an, er möge sich seiner christlichen Nebenmenschen erbarmen. Doch der Komtur entgegnete: »Ich verstehe Euch nicht!« und befahl, die Menschen weiter zu schlachten. Damals tötete man auch die Klosterbrüder und mit ihnen meinen Oheim. Mikolaj aber ward einem Pferde an den Schwanz gebunden. Frühmorgens war kein einziger Lebender mehr in der Stadt außer den Kreuzrittern und mir. Denn ich hatte mich oben an der Kirchenglocke hinter einem Brett versteckt. Bei Plowce wurden sie von Gott für all dies bestraft, aber nun lauern sie beständig auf den Untergang unseres christlichen Reiches und sie werden so lange lauern, bis Gottes Arm sie ganz zerschmettert hat.« »Bei Plowce sind fast alle Männer meines Stammes zu Grunde gegangen,« erwiderte Zbyszko, »aber ich beklage es nicht, weil Gott dem König Lokietek einen so großen Sieg verliehen hat und zwanzigtausend Deutsche gefallen sind.« »Du wirst wohl noch größere Schlachten und noch größere Siege erleben!« sagte der Prior. »Amen!« entgegnete Zbyszko. Dann kam die Rede auf andere Dinge. Der junge Ritter fragte den Prior nach dem Reliquienhändler, den er unterwegs getroffen hatte, und erfuhr, daß sich viele solche Schwindler auf den Straßen umhertrieben, um leichtgläubige Leute zu bethören. Auch sagte ihm der Prior, durch eine päpstliche Bulle sei den Bischöfen geboten worden, diese Händler zu verfolgen und sofort Gericht über jeden zu halten, der nicht die richtigen Schriften und Siegel aufweisen könne. Weil nun die Zeugnisse jenes Landstreichers dem Prior verdächtig erschienen waren, hatte er ihn der Jurisdiktion des Bischofs überliefern wollen. Würde der Reliquienhändler damals die Echtheit seiner Ablaßzettel bewiesen haben, so wäre er straflos davongekommen, doch er hatte vorgezogen, sich durch die Flucht jeder Verantwortung zu entziehen. Vielleicht hatte er vornehmlich die Verzögerung seiner Reise befürchtet, jedenfalls war er aber durch sein Verschwinden nur noch verdächtiger erschienen. Als Zbyszko im Begriff stand, sich zu entfernen, lud der Prior ihn ein, im Kloster zu übernachten, allein der Jüngling konnte nicht darauf eingehen. Er wollte an die Schenke eine Tafel hängen lassen, mit einer Herausforderung zum Kampfe »zu Fuß oder zu Pferd« an alle Ritter, welche es bestritten, daß die Jungfrau Danuta, Jurands Tochter, das schönste und tugendhafteste Mädchen im Königreiche sei – und eine solche Herausforderung an die Klosterpforten anzubringen, wäre durchaus nicht thunlich gewesen. Auch verstand sich weder der Prior noch einer der Klosterbrüder dazu, die Herausforderung zu schreiben, wodurch der junge Ritter in große Verlegenheit geriet und nicht wußte, wie er sich Rat schaffen solle. Erst als er die Schenke betrat, kam ihm der Gedanke, sich um Beistand an den Ablaßverkäufer zu wenden. »Der Prior ist durchaus nicht klar darüber, ob Du ein Taugenichts bist!« erklärte der junge Ritter dem Händler, »denn er sagt: ›Weshalb sollte jener Mann das bischöfliche Gericht fürchten, wenn seine Zeugnisse nicht gefälscht sind‹?« »Den Bischof fürchte ich auch nicht,« antwortete Sanderus, »sondern einzig nur die Mönche, welche sich nicht auf die Siegel verstehen. Jetzt wollte ich mich nach Krakau begeben, aber ich besitze kein Pferd und muß daher warten, bis mir jemand eines schenkt. Mittlerweile sende ich ein Schreiben ab, auf das ich mein eigenes Siegel drücken will.« »Ei, wenn Du der Schrift kundig bist, so ist dies ein Beweis, daß Du nicht zu den einfältigen Menschen zählst. Und wie übersendest Du Deinen Brief?« »Durch irgend einen Pilgrim oder einen fahrenden Bruder. Es wallfahren ja manche Leute ans Grab der Königin nach Krakau.« »Könntest Du mir nicht die Herausforderung schreiben?« »Herr, ich will alles, was Ihr verlangt, schreiben – ganz schön und ganz richtig, selbst wenn es auf einem Brette sein müßte.« »Ein Brett wird am besten sein, weil man es nicht zerreißen kann und es mir auch später von Nutzen sein wird.« Nach einiger Zeit brachten denn auch die Knechte ein neues Brett herbei und Sanderus begann zu schreiben. Was er schrieb, konnte Zbyszko zwar nicht lesen, gleichwohl befahl er, die Herausforderung sofort an dem Thore zu befestigen und darunter sein Schild aufzuhängen. Die beiden Türken mußten dies abwechselnd bewachen. Wer dann mit der Lanze darauf schlug, gab damit das Zeichen, daß er die Herausforderung annahm. Indessen schien es in Sieradz offenbar an Leuten zu fehlen, welche an solchen Sachen Gefallen fanden, denn weder an diesem Tage noch am folgenden Morgen erklang der Schild auch nur ein einziges Mal. Etwas niedergeschlagen brach der Jüngling um die Mittagszeit wieder auf. Bevor er aber Sieradz verließ, kam Sanderus zu ihm und sagte: »Herr, würdet Ihr den Schild in dem Gebiet der preußischen Machthaber heraushängen, so müßte Euch der Knappe schon jetzt die Riemen der Rüstung festziehen.« »Wie wäre dies möglich! Ein Kreuzritter darf sich ja als Ordensbruder keine Herrin erkiesen, der er in Liebe dient. Dies ist ihm verboten.« »Ob es ihnen verboten ist, weiß ich nicht, ich weiß nur, daß sie sich auch ihre Herrinnen erwählen. Das ist wahr, daß ein Kreuzritter sich nicht zum Zweikampf stellen kann, ohne Aergernis zu geben, weil er geschworen hat, daß er, gemeinschaftlich mit allen andern, nur für den Glauben kämpfen werde. Außer den Ordensbrüdern halten sich aber auch fremde weltliche Ritter dort auf, welche den preußischen Herren stets zu Hilfe kommen. Die warten nur auf eine Gelegenheit, sich mit irgend jemand im Kampfe zu messen, und besonders die französischen Ritter zeigen immer Lust dazu.« »Traun! Ich habe sie bei Wilna gesehen und will's Gott, werde ich sie auch in Marienburg sehen. Die Pfauenbüsche an den Helmen der Ritter muß ich erobern, denn ich habe es gelobt, verstehst Du?« »Kauft mir zwei oder drei Tropfen von dem Schweiße ab, den der heilige Georg beim Kampfe mit dem Drachen vergossen hat. Mehr als alle andern ist einem Ritter diese Reliquie von Nutzen. Gebt mir dafür das Pferd, auf dem ich hierherritt, wie Ihr befahlt, dann lege ich Euch auch noch einen Ablaßzettel für das Christenblut hinzu, welches Ihr im Kampfe vergießen werdet.« »Laß mich in Frieden, sonst werde ich böse. Von Deiner Ware werde ich nichts nehmen, ehe ich weiß, daß sie echt ist.« »Nun, Herr, wie Ihr gesagt habt, begebt Ihr Euch ja an den masovischen Hof zum Fürsten Janusz. Fragt also dort darnach, wie viele Reliquien mir abgekauft wurden – auch von der Fürstin selbst – und von den Rittern und von den Jungfrauen bei den Hochzeiten, denen ich angewohnt habe.« »Bei welchen Hochzeiten?« fragte Zbyszko. »Vor dem Advent finden ja immer viele statt. Und ein Ritter nach dem andern vermählte sich, denn die Leute sprechen davon, daß ein Krieg zwischen dem polnischen König und den preußischen Herren aus dem Gebiete von Dobrzyn ausbrechen werde. Da sagt sich denn mancher: ›Gott weiß, ob ich am Leben bleibe!‹ und deshalb will er zuvor im glücklichen Besitz seines Weibes sein.« Die Kunde von dem Kriege machte einen tiefen Eindruck auf Zbyszko, aber noch tieferen Eindruck machte das, was Sanderus von den verschiedenen Ehebündnissen berichtet hatte. Daher fragte er: »Welche Mägdlein sind es, die sich vermählt haben?« »Hoffräulein der Fürstin. Ich weiß nicht, ob ein einziges übrig geblieben ist, denn ich hörte, wie die Fürstin sagte, sie müsse sich neue zu ihren Diensten heranziehen.« Als Zbyszko dies hörte, schwieg er eine Weile, dann aber fragte er abermals mit ganz veränderter Stimme: »Und hat sich die Jungfrau Danuta, Jurands Tochter, deren Namen auf der Tafel steht, auch vermählt?« Sanderus zauderte mit der Antwort, erstens deshalb, weil er nichts sicher wußte, und zweitens, weil er sich sagte, wenn er den Ritter in Ungewißheit lasse, werde er ein gewisses Uebergewicht über ihn erlangen und könne ihn dadurch besser ausnützen. Längst schon hatte er bei sich erwogen, ob er sich nicht zu diesem Kämpen halten solle, dessen Wohlhabenheit nicht nur das ansehnliche Gefolge, sondern auch das ganze Auftreten verriet. Sanderus verstand sich auf das Gefolge und auf die Ausrüstungen der Ritter. Die große Jugend Zbyszkos schien ihm auch eine Gewähr dafür zu leisten, daß sich dieser sehr freigebig erweisen und mit dem Gelde leicht um sich werfen werde. Dafür bürgten ja auch die kostbare Mailänder Rüstung und die mächtigen Kriegsrosse, die der erste beste nicht besitzen konnte. Demzufolge kam er daher zu der Ueberzeugung, das Anschließen an ein solches Herrlein werde ihm sowohl Gastfreundschaft auf den Höfen verschaffen, wie Sicherheit auf den Wegen bieten, und ihm mehr als eine Gelegenheit zum günstigen Verkaufe des Ablasses verbürgen, ganz abgesehen von dem reichlichen Essen und Trinken, um was es ihm ja vor allem zu thun war. Als er daher Zbyszkos Frage vernahm, runzelte er zuerst die Stirne, zog die Brauen in die Höhe, als ob ihn das Denken anstrenge, und erwiderte erst dann in wichtigem Tone: »Das Jungfräulein Danusia, Jurands Tochter ... Woher ist sie denn?« »Jurands Tochter, Danusia, ist aus Spychow.« »Ich habe wohl alle gesehen, aber gerade derer, nach welcher Ihr fragt, kann ich mich nicht erinnern.« »Ein gar junges Ding ist sie noch, und sie spielt die Laute und singt zur Ergötzung der Fürstin.« »Aha, ein gar junges Ding ist sie noch, und auf der Laute weiß sie zu spielen! Gar viele junge Dinger habe ich gesehen. Ist sie nicht dunkel wie Achat?« Zbyszko holte tief Atem. »Nein, das ist sie nicht! Die, welche ich meine, hat zart gerötete Wangen, ist weiß wie Schnee und blond.« Darauf erwiderte Sanderus: »Die eine, die dunkle, ist bei der Fürstin geblieben, all die andern aber sind schon Eheweiber geworden.« »Du sagtest aber doch, Du habest ›fast alle‹ gesehen, nicht nur eine einzige. Beim allmächtigen Gotte, Du willst wohl, daß ich Dein Gedächtnis durch irgend etwas auffrische!« »Laß mir nur drei oder vier Tage Zeit, dann werde ich mir alles wieder in die Erinnerung rufen können – am liebsten aber hätte ich ein Pferd, damit es die geweihte Ware trage, mit der ich handle.« »Das sollst Du bekommen, so Du die Wahrheit sprichst.« Jetzt ließ sich aber der Böhme, welcher diesem Gespräch von Anfang an zugehört hatte, verächtlich lächelnd, also vernehmen: »Die Wahrheit wird an dem masovischen Hofe zu Tage kommen.« Sanderus schaute den Sprechenden einen Augenblick an, dann sagte er: »Glaubst Du denn, ich fürchte mich vor dem masovischen Hofe?« »Ich behaupte nicht, daß Du Dich vor dem masovischen Hofe fürchtest, ich sage Dir nur eins: weder sofort, noch in drei Tagen, wirst Du Dich auf dem Pferde aus dem Staube machen, und zeigt es sich, daß Du lügst, dann kommst Du auch nicht auf den eigenen Füßen davon, denn dann läßt sie Dir Seine Gnaden entzwei brechen.« »So wahr ich lebe!« rief Zbyszko. Sanderus sagte sich sofort, unter solchen Umständen sei es am besten, recht vorsichtig zu sein, und warf daher ein: »Wenn ich lügen wollte, hätte ich sofort erklärt: die ist längst vermählt, oder: die ist noch nicht vermählt. Was habe ich aber geantwortet? Ich sagte nichts als: ich erinnere mich ihrer nicht. Wenn Du daher Verstand hättest, würde Dir meine Antwort ein Beweis für meine Tugend sein.« »Mein Verstand hat mit Deiner Tugend nichts Gemeinsames. Selbst ein Hund zeichnet sich zuweilen durch irgend eine Tugend aus.« »Wenn Du meine Tugend schmähst, schmähst Du Deinen Verstand; wer aber im Leben die andern anknurrt, der heult gar häufig nach dem Tode.« »Ganz gewiß. Aus Tugend wirst Du freilich nach dem Tode nicht heulen, sondern höchstens knirschen, vorausgesetzt, daß Du Deine Zähne nicht schon zu Lebzeiten im Dienste des Teufels eingebüßt hast.« So zankten sich die beiden eine geraume Zeit hindurch, denn Hlawa hatte eine gewandte Zunge und blieb dem Deutschen keine Antwort schuldig. Zbyszko erteilte indessen den Befehl zum Aufbruch, und unverzüglich setzten sich alle in Bewegung, nachdem sie zuvor bei erfahrenen Leuten den Weg nach Leczyc erfragt hatten. Nicht weit von Sierads gelangten sie in dichte, finstere Wälder, die eine große Strecke Landes bedeckten. Aber inmitten derselben kamen sie auf eine Heerstraße, welche teilweise frisch aufgeschüttet, teilweise an schadhaften Stellen durch Einrammung runder Pfähle fahrbar gemacht worden war, Einrichtungen, die noch aus der Regierungszeit des Königs Kasimir herrührten. Wohl wurden nach seinem Tode, während der wilden Streitigkeiten der Naleczy und der Grzymalitezye die Landstraßen schlimm verheert, allein unter der friedfertigen Herrschaft Jadwigas regten sich wieder allenthalben geschickte Hände, die in den Sümpfen Spaten und Schaufel, in den Wäldern die Axt führten. Noch vor Ende ihres Lebens leitete der Kaufmann seine Frachtwagen von einer bedeutsamen Stadt zur andern, ohne die Angst hegen zu müssen, sie könnten in einen Graben stürzen oder im Sumpfe stecken bleiben. Wohl mochte man von wilden Tieren oder von Räubern auf den Fahrten überfallen werden, allein gegen die Bestien schützten bei Nacht die Pechpfannen, bei Tag die Armbrust, und Ueberfälle von Räubern waren weit seltener als in den angrenzenden Ländern. Was hatte daher der zu fürchten, welcher bewaffnet und mit einem Gefolge reiste? Zbyszko empfand auch weder vor Räubern noch vor gewappneten Rittern die geringste Angst, er dachte nicht einmal an sie; ihn beunruhigten ganz andere Dinge – seine Gedanken weilten an dem masovischen Hofe. Befand sich Danusia noch am Hofe der Fürstin, war sie vielleicht schon das Weib irgend eines masovischen Ritters geworden, darüber grübelte er, diese Fragen beschäftigten ihn vom frühen Morgen bis in die späte Nacht. Zuweilen dünkte es ihm unglaublich, daß sie seiner vergessen habe – gleich darauf kam es ihm aber dann wieder in den Sinn, daß vielleicht Jurand aus Spychow sich an den Hof begeben und die Tochter mit irgend einem Nachbarn oder Freund verheiratet habe. Hatte dieser denn nicht schon in Krakau erklärt, Danusia werde ihm, Zbyszko, niemals angehören, ließ sich daher aus dieser Erklärung nicht darauf schließen, daß sich Jurand durch einen Eid gebunden, daß er sein Versprechen eingelöst hatte? Je mehr Zbyszko über diese Vorgänge grübelte, desto klarer wurde ihm eins: er werde Danusia nicht mehr als Mädchen antreffen. Und stets von neuem rief er dann Sanderus zu sich, um ihn auszuforschen, um ihn zu befragen. Aber dieser erhöhte durch seine Aussprüche nur noch die Spannung. Bald versicherte er, sich der Tochter Jurands und ihrer Hochzeit zu erinnern – bald steckte er den Finger in den Mund, sann und sann und meinte schließlich: »Möglich, daß es auch eine andere gewesen ist.« Selbst der Wein, der, wie er behauptete, stets sein Gedächtnis stärkte, blieb dieses Mal ohne Wirkung, der Händler erinnerte sich an nichts, und er hielt fortwährend den jungen Ritter zwischen tödlicher Furcht und Hoffnung. Drittes Kapitel. So setzte denn Zbyszko seine Fahrt in beständiger Sorge, in Kümmernis und Ungewißheit fort. Weder an Bogdaniec noch an Zgorzelic gedachte er unterwegs, ihm lag nur im Sinne, was ihm jetzt zu thun obliege. Vor allem handelte es sich darum, an dem masovischen Hofe die Wahrheit zu erfahren, er hastete daher immer weiter, indem er auf den Höfen, in den Herbergen und in den Städten stets nur des Nachts und hauptsächlich aus Schonung für die Pferde sich eine kurze Rast gönnte. In Leczyc angelangt, befahl er wiederum, die Tafel mit der Forderung an dem Thore aufzuhängen, denn er war mit sich eins geworden, daß Danusia, einerlei ob sie noch in jungfräulichem Stande oder verheiratet sei, die Herrin seines Herzens bleiben und er zu ihrem Ruhme kämpfen müsse. Aber in Leczyc gab es kaum jemand, der die Forderung lesen konnte, jene Ritter aber, denen sie schriftbewanderte Kleriker vorgelesen hatten, zuckten, die fremde Sitte verachtend, mit den Achseln und meinten: »Ein gar thörichter Kämpe ist hier angelangt, denn wie soll man ihm zustimmen oder widersprechen, wenn man das Mädchen noch mit keinem Auge gesehen hat?« Mit jedem Tage steigerte sich Zbyszkos Unruhe, seine Qual. Niemals hatte er ja aufgehört, Danusia zu lieben, allein sowohl in Bogdaniec wie in Zgorzelic war er so sehr unter dem Zauber Jagienkas gestanden, daß ihr vor allem seine Gedanken gehörten, nun aber, da er diese nicht mehr sah, kam ihm jene Tag und Nacht nicht aus dem Sinn. Im Traume sah er sie vor sich, mit wallendem Gelocke, die Laute in der Hand, in roten Schuhen, ein Blumenkränzlein auf dem Haupte. Sie streckte ihm die Hände entgegen, aber Jurand riß sie hinweg. Erwachte dann Zbyszko des Morgens, so sehnte er sich mit allen Fibern des Herzens nach der Heißgeliebten, nach ihr, die ihm durch die unerträgliche Angst, er könne sie verlieren, nur noch teurer wurde. Ach, sie war ja noch ein willenloses Wesen, ein Kind! Wie durfte er ihr daher zürnen, wenn sie ihm die Treue gebrochen hatte! Nur Jurand, nur der Fürstin Anna Danuta zürnte er darob, gedachte er aber gar des Ehegemahls Danusias, dann pochte ihm das Herz in der Brust in wilden Schlägen, und drohend schaute er auf die Wagen, auf denen die Knechte die mit Decken geschützten Rüstungen und Waffen führten. Das stand aber bei ihm fest – selbst wenn Danusia das Weib eines andern geworden sein sollte, wollte er ihr nach wie vor dienen, wollte er ihr die Pfauenfederbüsche zu Füßen legen. Doch auch dieser Entschluß verursachte ihm weit mehr Schmerz als Freude, wußte er doch nicht, wie sich ihm die Zukunft gestalten werde. Tröstlich war ihm allein die Aussicht auf einen gewaltigen Krieg. Wenn schon er an dem Verluste Danusias nicht zu Grunde gegangen wäre, erschien ihm doch ein Leben ohne sie unfaßbar, fühlte er doch, daß der Krieg für ihn Vergessenheit alles Leids bringen, daß er ihn von Sorge und Kümmernis befreien werde. Und der Krieg lag gewissermaßen in der Luft. Man wußte zwar nicht, woher die Nachrichten über den Krieg stammten, denn zwischen dem König und dem Orden herrschte Frieden – allein nichtsdestoweniger sprach man von nichts anderem, wohin auch Zbyszko kam. Die Leute hatten das Vorgefühl, daß es zu einem Kriege kommen müsse, und gar mancher erklärte offen: »Wozu hätten wir uns mit den Litauern verbunden, wenn es nicht gegen die Kreuzritter gehen sollte? Einmal muß man es ihnen doch zeigen, länger dürfen wir uns doch nicht von ihnen bis aufs Blut peinigen lassen!« Und im ganzen Königreiche bereitete man sich zum Kampfe vor, würdevoll, ohne Ueberhebung, wie es sich geziemte zu einem Streite auf Leben und Tod, nichtsdestoweniger jedoch mit der starren Beharrlichkeit eines Volkes, welches lange genug Unbill ertragen hat und schließlich sich zur furchtbaren Vergeltung rüstet. Allenthalben, wohin Zbyszko kam, traf er mit Leuten zusammen, welche die feste Ueberzeugung hegten, daß es in allernächster Zeit, an einem oder dem andern Tage losgehen werde, eine Ueberzeugung freilich, die ihn mit Staunen erfüllte, denn wenn er auch, gleich den andern, an den Ausbruch eines Krieges glaubte, hielt er ihn doch nicht für so nahe bevorstehend. Es kam ihm nicht in den Sinn, wie oft in solchen Fällen die Menschen an ein Ereignis glauben, weil sie es herbeiwünschen. Er maß daher den Aussprüchen anderer mehr Glauben bei, als seinem eigenen Urteile, er freute sich von Herzen, wenn er bei jedem Schritte auf das geschäftige Treiben stieß, das jedem Kriege voranzugehen pflegt. Allerorts traf man zuvorderst Fürsorge, Pferde und Waffen herbeizuschaffen, allenthalben wurden Speere, Schwerter, Beile, Wurfspieße, Helme, Panzer und Lederwerk für Sattelzeug der Pferde aufgehäuft. In den Schmieden bearbeitete man Tag und Nacht das Eisenblech, aus dem schwere, starke Panzer geschmiedet wurden. Die verweichlichteren Ritter aus dem Westen hätten sich darin kaum zu bewegen vermocht, die urkräftigen »Erben« von Groß- und Kleinpolen jedoch trugen sie mit Leichtigkeit. Aus den Truhen in den Erkern zogen die Alten vermoderte Beutel mit Goldmünzen hervor, um die Jungen zum Kriege auszurüsten. Ja, ein Vater von zweiundzwanzig Söhnen, der mächtige Edelmann Bartosz aus Bielawa, bei dem Zbyszko einmal nächtigte, verpfändete einen großen Teil seiner Güter an das Kloster in Lowicz, um aus dem Erlöse zweiundzwanzig Panzer, ebensoviele Helme, kurz, die für den Krieg nötigen Ausrüstungen zu erstehen. War es daher zu verwundern, wenn Zbyszko, trotzdem er in Bogdaniec nichts davon gehört hatte, nach und nach zu der festen Ueberzeugung gelangte, es komme demnächst zu einem Kriegszuge nach Preußen. Wie dankte er Gott dafür, daß er schon so herrlich ausgerüstet war! In der That erregte er auch überall die größte Bewunderung. Für den Abkömmling eines Wojwodengeschlechtes wurde er gehalten, und wenn er den Fragenden auseinandersetzte, er sei nur ein einfacher Edelmann, bei den Deutschen könne man aber eine solche Rüstung beständig haben, man müsse nur gehörige Schwertstreiche dafür austeilen, dann wurden die Herzen aller mit gewaltiger Kriegslust erfüllt. Gar mancher aber, welcher beim Anblick der Rüstung seine Begehrlichkeit nicht zu zügeln vermochte, verlegte Zbyszko den Weg, indem er erkläre: »Wohlan, laß uns um sie kämpfen.« Allein der junge Ritter, nur von dem Wunsche beseelt, rasch vorwärts zu kommen, ließ sich darauf nicht ein, sondern befahl dem Böhmen, die Armbrust zu spannen. Ja, sogar das Aushängen der Tafel mit der Forderung an den Herbergen wurde aufgegeben, denn der junge Ritter nahm gar bald wahr, daß seine Handlungsweise umsoweniger begriffen wurde, je weiter er sich von der Grenze entfernte, und daß der größte Teil der Menschen ihn für einen Thoren hielt. Je näher er Masovien kam, desto weniger wurde über den Krieg geredet. Wohl glaubte man auch hier an den Ausbruch eines Feldzuges, über den Zeitpunkt war man sich aber nicht klar. Da der Hof sich in Ciechanow aufhielt, das Fürst Janusz nach einem früheren Einfall der Litauer umgebaut, oder vielmehr neu aufgebaut hatte, weil nur die Burg stehen geblieben war, herrschte in Warschau völlige Ruhe. Hier wurde Zbyszko von dem Burgvogte Jasko Socha aufgenommen, dem Sohne des bei Worskla gefallenen Wojwoden Abraham. Jasko kannte Zbyszko schon von Krakau her, wo er mit Anna Danuta gewesen war, er bewirtete daher den jungen Ritter mit großem Vergnügen. Kaum aber hatte sich letzterer mit Speise und Trank gelabt, als er sich sofort nach Danusia erkundigte, um zu erfahren, ob auch sie sich, wie die andern Hoffräulein der Fürstin, am Ende schon vermählt habe. Auf diese Frage wußte indessen Socha keine Antwort. Der Fürst sei schon frühzeitig im Herbste mit seiner Gemahlin und dem ganzen Hofe nach Ciechanow übergesiedelt, so berichtete der Starost, nur ihn selbst hatte man mit einem Häuflein Bogenschützen zum Schutze Warschaus zurückgelassen. Wie er vernommen, gehe es in Ciechanow hoch her, man feire dort, wie dies gewöhnlich vor dem Advent der Fall sei, Feste und Lustbarkeiten, wer sich aber von den Hoffräuleins vermählt habe oder wer übrig geblieben sei, darüber wisse er, als ein beweibter Mann, keinen Bescheid. »Gleichwohl glaube ich nicht,« fuhr er fort, »daß sich die Tochter Jurands vermählt hat, denn letzterer war, so viel ich weiß, nie in Ciechanow, und ohne den Vater wird wohl kaum eine Hochzeit gefeiert werden. Zudem weilen bei dem fürstlichen Paare auch Ordensbrüder, zwei Komture aus Johannisburg und Syczytna und gleichzeitig mit ihnen verschiedene andere fremdländische Gäste und schon deshalb wird sich Jurand nicht dort eingestellt haben, weil sein Anblick sofort die Wut der Weißmäntel hervorgerufen haben würde. In Jurands Abwesenheit hat aber doch wohl keine Hochzeit stattgefunden! So Du es wünschest, entsende ich einen Eilboten, dem ich schleunigste Rückkehr anempfehle und lasse Erkundigungen einziehen, obwohl ich, so wahr ich lebe, überzeugt bin, daß die Tochter Jurands in jungfräulichem Stande auf Deine Ankunft harrt.« »Für Eure Freundschaft möge Euch Gott lohnen, allein ich gedenke, mich morgen wieder auf den Weg zu machen. Die Pferde haben dann genügend gerastet, ich aber finde keine Ruhe, ehe ich die Wahrheit ausfindig gemacht habe. Gott lohne Euch aber tausendfach, denn Eure Worte haben mir Erleichterung verschafft.« Socha gab sich indessen nicht zufrieden. Er forschte die Edelleute aus, die sich zufällig auf dem Schlosse befanden, er forschte die Söldner aus, ob nicht vielleicht die Kunde von der Vermählung der Tochter Jurands zu ihnen gedrungen sei. Kein einziger wußte jedoch etwas davon, wenngleich sich etliche darunter befanden, welche nicht nur in Ciechanow gewesen waren, sondern auch verschiedenen Hochzeitsfeierlichkeiten angewohnt hatten. Es müßte denn sein, so meinten sie, daß die Heirat in den letzten Wochen oder in den jüngsten Tagen geschlossen worden sei. Zbyszko ging indessen mit weit ruhigerem Gemüte schlafen. Auf seinem Lager liegend sann er darüber nach, ob er nicht am folgenden Tage Sanderus fortjagen solle, allein nach reiflicher Ueberlegung beschloß er, dies nicht zu thun, da ihm der Händler durch seine Kenntnis der deutschen Sprache in dem Unternehmen gegen Lichtenstein von Nutzen sein konnte. Daß ihn Sanderus betrügen werde, das glaubte Zbyszko nicht, und wenn auch sein Unterhalt ein sehr kostspieliger war, aß und trank er doch in der Herberge für vier, so zeigte er sich auch dienstbeflissen und von einer gewissen Anhänglichkeit für seinen neuen Herrn. Zudem zeichnete er sich durch die Kunst des Schreibens aus, eine Kunst, die er nicht nur vor dem Böhmen, sondern selbst vor Zbyszko voraus hatte. Diese Erwägungen bewirkten, daß Sanderus von dem jungen Ritter die Erlaubnis erhielt, mit ihm nach Ciechanow zu ziehen. Gar froh war jener darüber, denn erstens sparte er unendlich dabei, und zweitens hoffte er, größeres Vertrauen zu erwecken und seine Ware leichter anbringen zu können, wenn er sich unter dem Gefolge eines so edlen Herrn befinde. Noch einmal rasteten sie des Nachts in Nasielsk, dann zogen sie nicht allzu schnell, nein, ganz gemächlich weiter, und erblickten gegen Abend die Burgmauern von Ciechanow. Zbyszko kehrte in der Herberge ein, um sich zu wappnen, um nach ritterlicher Sitte im Helme, den Speer in der Hand, in die Burg einzuziehen. Nachdem er den gewaltigen erbeuteten Hengst bestiegen hatte, machte er das Zeichen des Kreuzes in der Luft und ritt vorwärts. Noch war er aber keine zehn Schritte weit gekommen, als der hinter ihm reitende Böhme sich dicht zu ihm gesellte und sagte: »Euer Gnaden, irgendwelche Ritter kommen hinter uns her. Sollten es nicht Kreuzritter sein?« Zbyszko wandte sein Roß und erblickte, kaum hundert Schritte von sich entfernt, hinter seinem glänzenden Gefolge, zwei völlig gewappnete Ritter auf mächtigen pommerschen Rossen in weißen Mänteln mit schwarzen Kreuzen, die Helme mit wallenden Pfauenfederbüschen geschmückt. »Kreuzritter, beim allmächtigen Gotte!« rief er, sich unwillkürlich im Sattel vorbeugend und die Lanze an das Ohr seines Rosses anlegend. Der Böhme aber spie, als er dieses wahrnahm, sofort in die Hände, damit ihm das schwere Beil nicht daraus entgleite. Das Gefolge Zbyszkos stellte sich ebenfalls in Bereitschaft. Die Leute hatten schon vielen Kämpfen beigewohnt und kannten daher die Gebräuche, es handelte sich bei ihnen auch nicht um persönliche Anteilnahme, sondern ihnen lag die Abmessung des Platzes ob, wenn der Kampf zu Pferde ausgefochten werden sollte, oder die Feststampfung der mit Schnee bedeckten Erde, wenn die Streitenden sich zu Fuß entgegentreten wollten. Der Böhme jedoch, als Edelmann, hätte an dem Kampfe teilnehmen können, allein auch er erwartete, daß Zbyszko seinem Angriffe eine Herausforderung vorangehen lasse, wie erstaunt war er deshalb, als sein junger Gebieter die Lanze anlegte, bevor dies geschehen war. Doch Zbyszko besann sich noch zur rechten Zeit eines besseren. Urplötzlich zogen jene unglückseligen Tage an seinem geistigen Auge vorüber, die er durch sein wahnwitziges Thun vor Krakau, durch seinen thörichten Ueberfall auf Lichtenstein über sich heraufbeschworen hatte. So senkte er denn die Lanze wieder, übergab sie dem Böhmen und ritt, ohne das Schwert zu ziehen, den Ordensrittern entgegen. Als er in deren Nähe kam, bemerkte er noch einen dritten Ritter, der ebenfalls Pfauenfederbüsche auf dem Helme trug, sowie einen vierten, unbewaffneten, mit auffallend langen Haaren, der ihm ein Masur zu sein schien. Bei diesem Anblick sagte sich der junge Ritter unwillkürlich: »Während der Gefangenschaft gelobte ich meiner Herrin nicht nur drei Federbüsche, sondern so viele als ich im stande sein würde, eigenhändig den Gegnern zu entreißen. Jetzt könnte ich mir leicht drei verschaffen, doch wie, wenn dies Gesandte wären?« Und von der Voraussetzung ausgehend, daß die fremden Ritter zu einer an den masovischen Hof bestimmten Gesandtschaft gehörten, seufzte er tief auf und ließ sich also laut vernehmen: »Gelobt sei Jesus Christus!« »In alle Ewigkeit!« antwortete der ungewöhnlich langhaarige, unbewaffnete Reiter. »Gott schenke Euch Glück!« »Und auch Euch, o Herr!« »Ehre und Ruhm sei dem heiligen Georg!« »Auch unser Schutzheiliger ist er! Seid gegrüßt, o Herr, auf der Reise.« Nachdem sie sich vor einander verneigt hatten, erklärte Zbyszko, wer er sei, welches Wappen er führe, wie sein Kriegsruf laute, woher er komme, und daß er an den masovischen Hof ziehe, woraufhin der langhaarige Ritter kund gab, er nenne sich Jedrek aus Kropiwnic und geleite die Gäste des Fürsten: den Bruder Godfryd, den Bruder Rotgier, sowie den Herrn Fulk de Lorche aus Lothringen, welcher, gerade bei den Kreuzrittern weilend, den Fürsten von Masovien, besonders aber die Fürstin, als Tochter des berühmten »Kiejstut«, mit eigenen Augen zu sehen wünschte. Von den fremden Rittern, die während dieser Zeit hoch aufgerichtet auf ihren Pferden saßen, senkte einer nach dem andern bei Nennung seines Namens grüßend das mit einem eisernen Helme bedeckte Haupt. Denn nach der glänzenden Rüstung Zbyszkos urteilend, dachten sie nicht anders, als daß der Fürst ihnen irgend einen hervorragenden Kämpen, vielleicht einen Blutsverwandten oder gar den eigenen Sohn zur Begrüßung entgegengeschickt habe. Jedrek aus Kropiwnic hub nun aber von neuem an: »Der Komtur, oder vielmehr wie wir sagen, der Starost aus Johannesburg, weilt als Gast bei dem Fürsten und hat ihm erzählt, daß nicht nur diese drei Ritter gar zu gern auch zu Gast bei ihm sein möchten, sondern vor allem der Ritter aus Lothringen, welcher aus weiter Ferne kommend, die feste Ueberzeugung hegte, daß jenseits der Grenze des Gebietes der Kreuzritter gleich die kriegerischen Sarazenen wohnten. Der Fürst, ein gar leutseliger Herr, schickte mich gleich an die Grenze, damit ich seine Gäste sicher zwischen den Burgen hindurch geleite.« »Also ohne Euern Schutz hätten jene nicht ungefährdet reisen können?« »Unser Volk ist furchtbar auf die Kreuzritter erbost. Gastfreundschaft gewährt man einem jeden, und einem Gaste fügt niemand eine Kränkung zu, aber auf der Heerstraße ergreift man zu gern die Gelegenheit, den Weißmänteln entgegenzutreten. Freilich giebt es auch solche, die auf nichts anderes sinnen, sei es aus Rache, sei es zum eigenen Ruhme, den Gott jedem verleihen möge.« »Wer hat unter Euch den größten Ruhm erlangt?« »Einer, der so gewaltig ist, daß die Kreuzritter ihn mehr fürchten als den Tod. Er nennt sich Jurand aus Spychow.« Bei Nennung dieses Namens pochte das Herz des jungen Ritters zum Zerspringen – unverweilt beschloß er jedoch, Jedrek aus Kropiwnic auszuforschen. »Das weiß ich,« warf er daher ein, »ich hörte schon von ihm. Ihr meint doch jenen, dessen Tochter, ehe sie sich vermählte, Hoffräulein bei der Fürstin war.« Nach diesen Worten richtete er, geradezu den Atem anhaltend, den forschenden Blick auf den masovischen Ritter, welcher voll Verwunderung erwiderte: »Wer hat Euch dergleichen gesagt? Das ist ja noch ein ganz junges Ding. Wohl kommt es vor, daß auch solche eine Ehe schließen, allein Jurand hat seine Tochter noch nicht weggegeben. Vor ungefähr sechs Tagen, als ich in Ciechanow war, habe ich sie selbst bei der Fürstin gesehen. Wohin sollte sie auch im Advent gehen?« Als Zbyszko dies vernahm, mußte er mit aller Gewalt an sich halten, um dem Masuren nicht um den Hals zu fallen und ihm zuzurufen: »Gott lohne Euch diese Worte«; er bezwang sich indessen und sagte: »Wie ich hörte, wollte Jurand sie doch schon vermählen.« »Die Fürstin wollte sie vermählen, nicht Jurand. Was vermochte aber jene gegen den Willen des Vaters auszurichten? Von einem Ritter aus Krakau war die Rede, der das Mägdlein zu seiner Herrin erkoren, der die Liebe des Jungfräuleins gewonnen hat.« »So liebt sie ihn?« schrie Zbyszko auf. Daraufhin blickte Jedrek prüfend auf den jungen Ritter, indem er lächelnd meinte: »Ei, seht doch! Wie erregt werdet Ihr durch die Kunde von diesem Mägdlein!« »Ich frage nach mir Befreundeten, zu denen ich ziehe.« Von Zbyszkos Antlitz waren zwar durch den verhüllenden Helm kaum die Augen, die Nase und ein kleiner Teil der Wangen zu sehen, aber eine solch tiefe Röte überzog mit einemmale Nase und Wangen, daß der neugierige und stets zu Spott ausgelegte Masur die Aeußerung that: »Euere Nase ist sicherlich von der Kälte so rot wie ein Osterei geworden.« »Gewiß!« antwortete der junge Ritter, durch diese Aeußerung in noch größere Verwirrung versetzt. Schweigend ritten nun die beiden während einiger Zeit neben einander hin, aber die dampfenden Rosse schnaubten hörbar und die fremden Ritter schwatzten laut. Schließlich jedoch brach Jedrek aus Kropiwnic das Schweigen, indem er fragte: »Wie nennt Ihr Euch? Ich habe Euch nicht recht verstanden.« »Zbyszko aus Bogdaniec.« »Wenn Ihr es wäret! Der Name dessen, welcher die Tochter Jurands zu seiner Herrin erkoren hat, lautete ähnlich.« »Glaubt Ihr vielleicht, daß ich es leugne?« warf Zbyszko rasch und stolz ein. »Dazu ist keine Ursache vorhanden. Gerechter Gott, so wäret Ihr jener Zbyszko, dessen Haupt das Mägdlein mit seinem Schleier bedeckte! Nach der Heimkehr aus Krakau sprach man am ganzen Hofe von nichts anderem wie von Euch, und mehr als einem wurden die Augen feucht, als er davon hörte. Also Ihr seid es? Hei, das wird eine Freude am Hofe geben, denn auch die Fürstin ist Euch sehr zugethan.« »Der Herr segne sie und lohne Euch die günstigen Nachrichten. Denn als mir gesagt wurde, das Mägdlein habe sich vermählt, da wußte ich nicht, was ich vor Leid beginnen solle.« »Weshalb hätte sie sich vermählen sollen? Für gar manchen ist zwar das die Richtige, ein solches Mädchen, dem dereinst Spychow zufallen wird. Obgleich sich aber viele tüchtige Gesellen am Hofe befinden, hat ihr doch keiner zu tief in die Aeuglein geschaut, denn ein jeder ehrte des Mägdleins That und Euer Gelöbnis. Die Fürstin hätte auch nichts dergleichen gestattet. Hei! Das wird eine Freude geben! Freilich, das Jungfräulein hatte gar manchen Spott zu leiden! Wenn ihr aber jemand sagte: ›Dein Ritter kehrt nicht zu Dir zurück,‹ dann rief sie fast stets, mit dem Füßlein auf die Erde stampfend: ›Er kehrt zurück, er kehrt zurück,‹ mehr als einmal brach sie jedoch in Thränen aus, so jemand behauptete, eine andere werde ihr vorgezogen.« Von tiefer Rührung wurde Zbyszko durch diese Worte erfaßt, gleichzeitig regte sich aber auch grimmer Zorn in ihm über das Gerede der Leute, und er rief: »Wer mich in solcher Weise beschuldigt, den fordere ich zum Kampfe.« Nun fing Jedrek aus Kropiwnic laut zu lachen an. »Das ist ja lauter Altweiber-Geschwätz!« erklärte er. »Wollt Ihr vielleicht ein altes Weib fordern? Ihr werdet mit Euerem Schwert doch nichts gegen die Spindel ausrichten können.« Der junge Kämpe, gar froh darüber, daß ihm Gott einen so heiteren und wohlgemuten Gefährten zugesellt hatte, wurde nicht müde, sich über Danusia zu erkundigen, denn, ob er nun nach den Sitten an dem masovischen Hofe, ob er nach dem Fürsten Janusz oder nach der Fürstin fragte, stets wußte er das Gespräch so zu wenden, daß er wieder über das geliebte Mägdlein reden konnte. Als ihm indessen sein Gelöbnis in den Sinn kam, erzählte er Jedrek, was er unterwegs über den Krieg gehört hatte, wie man allenthalben Vorbereitungen treffe, und schließlich fragte er jenen,, ob man in Masovien auch an seinen baldigen Ausbruch glaube. Doch der Erbe von Kropiwnic erklärte, er halte den Krieg, trotz der Behauptung der Leute, es müsse demnächst zu einem Zusammenstoß kommen, nicht für so nahe bevorstehend. Er habe sogar gehört, wie der Fürst selbst einmal zu Mikolaj aus Dlugolas sagte, die Kreuzritter zögen doch etwas die Hörner ein; wenn daher der König das Gebiet von Dobrzyn zurückverlange, dessen sie sich widerrechtlich bemächtigt hätten, würden sie es entweder zurückgeben, oder wenigstens so lange ihre Entschließung hinausziehen, bis sie besser gerüstet seien, denn des Königs Macht fürchteten sie sehr. »Uebrigens,« so fuhr er fort, »ist der Fürst vor kurzem in Marienburg gewesen, wo er in der Abwesenheit des Meisters von dem Großmarschall empfangen wurde, der ihm zu Ehren Ritterspiele veranstaltete, jetzt aber weilen bei dem Fürsten die Komturen, und dort reiten noch neue Gäste.« Hier schwieg er eine Weile, dann fügte er hinzu: »Die Leute behaupten indessen, die Kreuzritter weilten nicht ohne Grund bei uns sowohl wie bei dem Fürsten Ziemowit aus Plock. Ihr Zweck sei, unseren Fürsten entweder davon abzuhalten, im Kriegsfalle den König von Polen zu stützen, oder ihn, beim Scheitern dieses Planes, zu überreden, sich wenigstens völlig unthätig zu verhalten. Doch das wird ihnen kaum gelingen.« »Gott gebe, daß ihnen das nicht gelingen wird. Oder möchtet Ihr vielleicht zu Hause sitzen bleiben? Euer Fürst ist doch dem König von Polen verpflichtet. Daß Ihr ruhig zuschaut, das glaube ich nicht.« »Das thun wir auch nicht!« warf Jedrek aus Kropiwnic ein. Abermals richtete Zbyszko einen prüfenden Blick auf die fremden Ritter und auf die Pfauenfederbüsche. »So ziehen jene wohl auch aus dem angeführten Grunde zu Euch?« fragte er. »Bei den Ordensbrüdern ist dies wohl möglich, doch wer kann dies sicher wissen?« »Und der Dritte?« »Der kommt wohl nur aus Neugierde.« »Ein angesehener Ritter scheint er zu sein.« »Freilich. Drei reichbeladene, mit Eisen beschlagene Wagen kommen hinter ihm her und sein Gefolge besteht aus neun Mannen. Wollte Gott, man würde einmal mit einem solchen zusammenstoßen! Der Mund wässert einem darnach.« »Jetzt könnt Ihr wohl nichts anfangen?« »Wie wäre dies möglich! Der Fürst stellte sie ja unter meinen Schutz. Ehe sie Ciechanow erreicht haben, darf ihnen kein Haar auf dem Haupte gekrümmt werden.« »Und so ich sie zum Kampfe herausforderte, so ich ihnen feindlich entgegenträte?« »Dann müßtet Ihr zuerst mit mir kämpfen, denn so lange ich lebe, werde ich ein derartiges Thun zu vereiteln suchen.« Als Zbyszko diese Worte vernahm, schaute er gar freundlich auf den jungen Edelmann und sagte: »Ihr wißt, was ritterliche Ehre heißt. Mit Euch werde ich mich nicht messen, denn ich bin Euch gut gesinnt. In Ciechanow aber, das gebe Gott, werde ich schon einen Vorwand zum Losgehen gegen die Deutschen finden.« »In Ciechanow könnt Ihr thun, was Euch gefällt. Dort wird es sicherlich nicht ohne Ritterspiele abgehen. Ihr könnt daher leicht Gelegenheit zum Anbinden finden, wenn der Fürst und die Komture die Erlaubnis dazu erteilen.« »Ich führe auch eine hölzerne Tafel mit mir, auf welcher folgendes geschrieben steht: ›Jeder, der nicht anerkennt, daß Danusia, die Tochter Jurands, das tugendhafteste und schönste Mägdlein auf der ganzen Welt ist, den fordere ich zum Kampfe.‹ Aber seht ... gar viele Leute zucken nur lächelnd die Achseln darüber.« »Das ist eben eine fremde und, um die Wahrheit zu sagen, thörichte Sitte, die man bei uns höchstens an den Grenzen kennt. Dann und wann hat zwar jetzt der Lothringer irgend einen Edelmann mit der Aufforderung angehalten, seine Herrin mehr als jede andere zu preisen, es verstand ihn aber niemand, und ich hätte es auch nicht zum Kampfe kommen lassen.« »Wie? Er befahl, seine Herrin zu preisen? Gerechter Gott, das muß ja ein ganz thörichter Mensch sein.« So sprechend, blickte er prüfend auf den fremden Ritter. Er wollte sich wohl überzeugen, ob dieser wirklich wie ein thörichter Mensch aussehe, allein er mußte sich eingestehen, daß Fulk de Lorche ganz und gar nicht den Eindruck eines Tölpels machte. Unter dem halbgeöffneten Visiere schauten sanfte Augen hervor, wurde ein jugendliches, etwas trauriges Antlitz sichtbar. Zbyszko fiel auch sofort der Strick auf, den der Lothringer nicht nur dreimal um den Hals geschlungen trug, sondern der auch längs der Rüstung bis zum Knöchel lief und hier in einen dreifachen Knoten geschlungen war. »Weshalb trägt er diesen Strick?« fragte Zbyszko. »Ich vermochte dies nicht zu erforschen, weil sie unsere Sprache nicht verstehen. Nur der Bruder Rotgier weiß einige Worte zu sagen, das ist aber auch alles. Vermutlich hat indessen jener junge Ritter ein Gelübde abgelegt, so lange den Strick zu tragen, bis er irgend eine kühne, ritterliche That ausgeführt hat. Bei Tage trägt er ihn über der Rüstung, des Nachts auf dem bloßen Leibe.« »Sanderus!« rief Zbyszko plötzlich. »Zu Euer Gnaden Diensten!« antwortete der Deutsche, näher tretend. »Befrage diesen Ritter, wer die tugendhafteste und schönste Jungfrau auf der Welt ist.« »Wer ist die tugendhafteste und schönste Jungfrau auf der Welt?« fragte Sanderus. »Ubryka de Elner!« antwortete Fulk de Lorche, tief aufseufzend und die Augen gen Himmel richtend. Als Zbyszko diese Lästerung vernahm, stockte ihm der Atem in der Brust und ein solcher Ingrimm erfaßte ihn, daß er sofort sein Roß antrieb. Bevor er indessen ein Wort über die Lippen zu bringen vermochte, ritt Jedrek zwischen ihn und den Fremden, indem er erklärte: »Hier wird Euch der Kampf verwehrt.« Ohne jedoch diese Worte zu beachten, wandte sich Zbyszko aufs neue zu dem Reliquien-Verkäufer mit dem Befehle: »Sag ihm in meinem Namen, seine Herrin gleiche einer Eule.« »Mein Herr läßt Euch sagen, wohledler Ritter, Euere Herrin gleiche einer Eule!« ließ sich Sanderus wie ein Echo vernehmen. Da ließ Fulk de Lorche die Zügel los, zog den eisernen Handschuh von der Rechten und warf ihn vor Zbyszko auf den Schnee. Letzterer aber neigte das Haupt gegen den Böhmen, zum Zeichen, daß dieser den Handschuh mit der Spitze des Speeres aufheben möge. Eine dunkle Zornesröte überzog nun das Antlitz Jedreks, der sofort Zbyszko zurief: »Solange der Fremde unter meinem Schutze steht, das sage ich Euch, dürft Ihr nicht miteinander kämpfen. Ich verbiete es ihm und Euch.« »Nicht ich habe ihn zum Kampfe gefordert, sondern er mich.« »Weil Ihr seine Herrin einer Eule verglichen habt. Deshalb mußte ich Euch entgegentreten. Ei doch, ich verstehe es auch, mit jemand anzubinden.« »Nichts liegt mir ferner, als mit Euch kämpfen zu wollen.« »Das müßtet Ihr aber, denn diesen dort zu schützen, habe ich mit einem Eide gelobt.« »Wie soll es aber nun werden?« fragte Zbyszko hartnäckig. »Ciechanow ist nicht mehr fern.« »Was wird sich aber der Deutsche denken?« »Laßt ihm durch Euern Sprecher zu wissen thun, daß der Kampf zwischen Euch erst dann stattfinden darf, wenn sowohl der Fürst wie der Komtur die Erlaubnis dazu erteilt haben.« »Ei, wenn aber diese Erlaubnis nicht gegeben werden sollte?« »Das wird sich alles zeigen. Genug des Geredes!« Zbyszko sah nun doch ein, daß er sich fügen müsse, daß Jedrek aus Kropiwnic den Kampf nicht gestatten dürfe. Abermals rief er daher Sanderus, damit dieser dem lothringischen Ritter auseinandersetze, der Kampf könne erst dann stattfinden, wenn sie an Ort und Stelle angekommen seien. Als de Lorche die Worte des Deutschen vernahm, neigte er zustimmend das Haupt, streckte Zbyszko die Hand entgegen, faßte dessen Rechte und drückte sie nach ritterlicher Sitte dreimal kräftig, zum Zeichen, daß sie sich zu irgend welcher Zeit, an irgend welchem Orte doch noch treffen wollten. Dann zogen alle in scheinbarer Eintracht gen Ciechanow weiter, dessen stumpfer Turm schon an dem rötlich schimmernden Himmel sichtbar ward. Noch war es lichter Tag, als jedoch die Ritter die Thore der Burg erreicht hatten, als die Zugbrücke herabgelassen wurde, dunkelte es schon völlig. Ein freundlicher Empfang und reichliche Bewirtung wurde ihnen von seiten des Zbyszko bekannten Mikolaj aus Dlugolas zu teil, dem Anführer der Burgbesatzung, die aus einem Häuflein Ritter und gegen dreihundert trefflichen kurpischen Bogenschützen bestand. Bald nach der Begrüßung vernahm Zbyszko zu seinem tiefen Schmerze, daß der Hof nicht anwesend war. Der Fürst hatte zu Ehren der Komture aus Szczytno und Johannesburg eine große Jagd in der kurpischen Waldwildnis veranstaltet, an der auch zur Erhöhung des prächtigen Schauspiels die Fürstin und deren ganzes Gefolge teilnahmen. Von den ihm bekannten Frauen traf daher Zbyszko nur Otke an, die Witwe von Krzych aus Jarzabkow, welche jetzt die Stelle einer Beschließerin im Schlosse bekleidete. Das Wiedersehen mit ihr gewährte ihm viel Freude, und auch sie war ihm sehr zugethan. Seine Liebe zu Danusia, sein Zusammenstoß mit Lichtenstein hatten ihr höchstes Interesse erregt. Nach ihrer Rückkehr aus Krakau war sie auch nie müde geworden, einem jedem, ob er es nun hören wollte oder nicht, davon zu erzählen, und eben dadurch hatte sie unter den jüngsten Männlein und Weiblein am Hofe großes Ansehen gewonnen. Sie ließ daher auch nichts unversucht, um den jungen Ritter über die Abwesenheit Danusias zu trösten, indem sie sagte: »Ihr erkennt das Mägdlein nicht mehr, das hat die Kinderjahre hinter sich. Die Knospe hat sich entfaltet. Kein Gewand will ihr mehr passen. Nein, Danusia ist nicht mehr so, wie sie einst war. Euch liebt sie auch auf eine ganz andere Weise als früher. Wenn ihr jetzt jemand den Namen Zbyszko ins Ohr raunen würde, wäre es gerade, als wenn man sie mit Riemen peitschte! Ja, das ist das Schicksal von uns Weibern. Dagegen giebt es kein Mittel. Das ist eben der Wille Gottes ... Und Euer Ohm, sagt, ist er gesund? Ach, weshalb seid Ihr nicht früher gekommen? Ja, so ist unser Geschick. Was Sehnen heißt, das weiß allein das Weibervolk auf der Welt. Dem Himmel sei Dank, das Jungfräulein hat sich wenigstens nicht die Glieder gebrochen. Tagtäglich ist es auf den Turm geklettert und hat aus die Heerstraße geschaut ... Eine jede von uns sehnt sich nach einem liebenden Herzen ...« »Ich raste nur so lange, bis mein Pferd gefüttert ist,« ergriff Zbyszko schließlich das Wort, »dann mache ich mich wieder auf den Weg. Selbst wenn ich die ganze Nacht reiten müßte: ich will zu ihr.« »Thut das, thut das. Nur nehmt einen Führer mit, damit Ihr in den Wäldern nicht irre geht.« Trotz der Abendmahlzeit, die Mikolaj aus Dlugolas für seine Gäste richten ließ, erklärte Zbyszko, er werde sofort wieder aufbrechen, und bat um einen Führer. Während nun aber die ermüdeten Ordensbrüder, an den ungeheueren Kaminen sitzend, in denen ganze Fichtenstämme prasselten, die Absicht kund gaben, erst am folgenden Tage weiter ziehen zu wollen, entschloß sich de Lorche, sobald er wußte, um was es sich handle, gemeinsam mit Zbyszko den nächtlichen Ritt zu unternehmen. Er hoffte dadurch, noch rechtzeitig zur Jagd, die er sehen wollte, an Ort und Stelle einzutreffen. Ohne weiteres trat er hierauf auf Zbyszko zu, ergriff dessen Rechte und drückte sie wiederum kräftig dreimal nacheinander. Viertes Kapitel. Doch auch jetzt wurde ein Kampf zwischen ihnen vereitelt. Mikolaj aus Dlugolas hatte durch Jedrek aus Kropiwnic alles erfahren, was vorgegangen war. Infolgedessen verlangte er von den beiden Rittern das Wort, den Kampf erst dann zum Austrag zu bringen, wenn der Fürst und der Komtur die Erlaubnis dazu erteilt haben würden, andernfalls, so drohte er, werde er die Thore der Burg schließen lassen. Da nun aber Zbyszko vor allem Danusia so rasch wie möglich wiedersehen wollte, wagte er es nicht, sich dem Ansinnen zu widersetzen. De Lorche wiederum war kein blutdürstiger Mensch, wennschon er sich bereitwillig schlug, sobald sich ihm die Gelegenheit dazu bot. So gelobte er denn auch, ohne irgend welche Schwierigkeit zu machen, auf seine ritterliche Ehre, die Erlaubnis des Fürsten abzuwarten, dem er um nichts in der Welt zu nahe treten wollte. Dazu kam auch noch, daß dem Lothringer, der fortwährend von den Ritterspielen hatte singen und sagen hören, ein solch glänzendes Fest, eine solch prächtige Schaustellung nur erwünscht sein konnte, um vor versammeltem Hofe, vor Würdenträgern und Frauen seine Waffenkünste zu zeigen – hoffte er doch durch einen siegreichen Kampf auf eine größere Ausbreitung seines Ruhmes, hoffte er doch dadurch leichter die goldenen Sporen zu erringen. Abgesehen davon aber widersetzte er sich einem Aufschub schon deshalb nicht, weil es ihm auch sehr darum zu thun war, Land und Leute kennen zu lernen – vornehmlich aus dem Grunde, weil Mikolaj aus Dlugolas, der ein ganzes Jahr bei den Deutschen in Haft gewesen war und sich sehr gut mit den Fremden zu verständigen vermochte, Wunderdinge von den glänzenden fürstlichen Jagden, die man in den westlichen Gebieten noch nicht kannte, zu erzählen gewußt hatte. Um Mitternacht befand er sich schon gemeinsam mit Zbyszko auf dem Wege gen Przasnysz. Ihr wohlbewaffnetes Gefolge zog mit ihnen, sowie verschiedene Mannen, mit Pechpfannen ausgerüstet, zum Schutze gegen Wölfe, die des Winters in zahllosen Rudeln umherstreifend, selbst der streitbarsten ritterlichen Schar gefährlich werden konnten. Die dichten Gehölze jenseits von Ciechanow grenzten unweit von Przasnysz an die riesige kurpische Waldwildnis, die sich gen Westen zu den undurchdringlichen Wäldern von Podlachien, bis tief nach Litauen hinzogen. Vor nicht gar langer Zeit hatten die barbarischen Litauer, das Gebiet der gefürchteten Kurpen umgehend, fortwährend Einfälle in Masovien unternommen und waren im Jahre 1337 bis nach Ciechanow gelangt, das sie völlig zerstörten. Voll Spannung lauschte de Lorche der Erzählung des greisen Führers Macko aus Turoboje. Sein Herz hatte vor Begierde gebrannt, sich mit den Litauern zu messen, welche von ihm wie von den andern westlichen Rittern für Sarazenen gehalten worden waren. Seine Fahrt in diese Länder betrachtete er wie einen Kreuzzug, auf dem er Ruhm, auf dem er ewiges Seelenheil zu erringen hoffte, ja er hatte sich unterwegs der festen Hoffnung hingegeben, der Kampf mit den Masuren, mit diesem halb heidnischen Volke, werde ihm völligen Ablaß gewähren. Kaum glaubte er daher seinen Augen trauen zu dürfen, als er, in Masovien angelangt, die Kirche in den Städten, die Kreuze auf den Türmen, die Geistlichen, die Ritter mit den heiligen Zeichen auf den Waffen wahrnahm, als er zu einem Volke kam, das zwar, wild und aufbrausend, sich jederzeit zu Kampf und Streit bereit zeigte, das aber zu dem Christentum übergetreten und ganz und gar nicht raubsüchtiger war als die Deutschen, mit denen sich der junge Ritter auf der Fahrt befand. Er wußte daher selbst nicht mehr, was er von den Kreuzrittern denken sollte; als er nun gar noch hörte, daß jenes Volk seit vielen Jahren Christus verehre und als er schließlich vernahm, daß die Litauer schon zu Lebzeiten der verstorbenen Königin getauft worden waren, da kannte sein Staunen, zugleich aber auch sein Kummer keine Grenzen. Ohne Säumen forschte er nun Macko aus Turoboje darüber aus, ob sich in den Wäldern, die sie durchziehen würden, nicht wenigstens Drachen befanden, denen die Menschen Jungfrauen darbringen mußten und die er bekämpfen konnte. Allein die Antwort Mackos raubte ihm auch diese Hoffnung. »Viel wildes Getier, wie Wölfe, Bisons, Auerochsen und Bären treibt sich in den Wäldern umher, sodaß man seine liebe Not damit hat,« erklärte der Masur. »In den Sümpfen halten sich wohl auch böse Geister auf, von Drachen habe ich aber noch nie etwas gehört; wenn sich solche zeigten, dann würden wir ihnen keine Jungfrauen opfern, sondern in geschlossener Schar gegen sie ziehen. Und, traun, wenn es Drachen gäbe, hätten ihnen die Kurpen längst die Haut in Streifen vom Leibe gezogen!« »Was ist das für ein Volk?« fragte de Lorche. »Könnte ich vielleicht gegen diese Kurpen ziehen?« »Wohl könnt Ihr mit ihnen kämpfen, aber es wird nicht zu Euerm Heile gereichen,« entgegnete Macko. »Uebrigens ziemt sich dies auch nicht für Ritter, denn jene sind ein Bauernvolk.« »Auch die Schweizer nennt man ein Volk von Bauern! Sind denn die Kurpen schon zum Christentum übergetreten?« »Es giebt nur Christen in Masovien – die Fürsten und alles Volk sind Christen, Ihr saht doch die Bogenschützen auf der Burg? Nun, das sind Kurpen, denn bessere Bogenschützen als diese giebt es in der ganzen Welt nicht.« »O doch! Die Engländer und Schotten, mit denen ich am burgundischen Hofe zusammentraf.« »In Marienburg habe ich auch die gesehen. Tüchtige Bursche sind dies alle, doch Gott möge sie davor schützen, daß sie sich mit den Kurpen messen müssen! Bei den Kurpen erhält ein siebenjähriges Kind nur dann zu essen, wenn es sich seine Nahrung von dem höchsten Wipfel der Fichte herabschießt.« »Wovon ist die Rede?« fragte Zbyszko plötzlich, nachdem mehrere Male das Wort »Kurpen« an sein Ohr gedrungen war. »Von den kurpischen und englischen Bogenschützen. Dieser Ritter hier behauptet, die Engländer sowohl wie die Schotten seien als Bogenschützen über alle andern zu stellen.« »Bei Wilna habe ich sie kennen gelernt. Hei, fürwahr, ich hörte ihre Pfeile um die Ohren sausen. Aus aller Herren Länder waren dort Ritter versammelt, welche sich rühmten, mit uns hätten sie leichtes Spiel. Gar bald verloren sie aber die Lust dazu, denn mehr als zweimal versuchten sie es nicht, mit uns anzubinden.« Schmunzelnd verdolmetschte Macko dem Herrn de Lorche die Worte Zbyszkos. »An verschiedenen Höfen hörte ich davon reden,« bemerkte der Lothringer. »Allenthalben lobte man die Tapferkeit Eurer Ritter, dagegen verargte man es ihnen, daß sie die Heiden gegen die Kreuzritter zu schützen suchen.« »Wir schützen ein Volk, das sich taufen lassen wollte, gegen Ueberfälle und Ungerechtigkeit. Die Deutschen wollen es im Heldentum beharren lassen, um einen ständigen Vorwand zum Kriege zu haben.« »Gott wird darüber richten!« warf de Lorche ein. »Und vielleicht in nicht gar zu langer Zeit!« bemerkte Macko aus Turoboje. Kaum hatte indessen der Lothringer gehört, daß Zbyszko bei Wilna gewesen war, so wurde er nicht müde, Macko über alle Einzelheiten zu befragen, war doch die Kunde von den dort stattgefundenen ritterlichen Fehden und Kämpfen durch die ganze Welt gedrungen. Vornehmlich jener Kampf, in dem sich vier polnische und vier französische Ritter gegenüberstanden, hatte die Phantasie der Kämpen des Westens stark erregt. War es daher zu verwundern, daß de Lorches Achtung vor Zbyszko, als vor einem Menschen, der an solch ruhmreichen Kämpfen teilgenommen hatte, immer mehr wuchs, daß er sich darob freute, sich mit einem solchen Ritter messen zu können. Infolgedessen ritten die beiden in scheinbarem Einvernehmen weiter. An den Haltestellen erwiesen sie sich alle möglichen Höflichkeiten und tranken sich wechselseitig mit dem Wein zu, von welchem de Lorche einen großen Vorrat auf den Wagen mit sich führte. Als indessen schließlich aus dem Gespräche zwischen dem Lothringer und Macko hervorging, daß Ulrika de Elner keine Jungfrau, sondern eine vierzigjährige verheiratete Frau und Mutter von sechs Kindern war, steigerte sich Zbyszkos Entrüstung aufs höchste. Jener wunderliche Fremde hatte es also gewagt, so sagte er sich, »ein altes Weib« mit Danusia zu vergleichen, es über diese zu stellen. Ein solcher Mensch konnte doch unmöglich bei klarem Verstande sein, ihm würden daher eine dunkle Zelle und Stockprügel weit zuträglicher sein, als eine Fahrt in die weite Welt, und dieser Gedanke allein hielt ihn zurück, seiner Entrüstung sofort Ausdruck zu verleihen. »Glaubt Ihr nicht, daß der Lothringer den Verstand verloren hat?« fragte er den greisen Führer. »Vielleicht sitzt auch, wie der Wurm in der Nuß, ein Teufel in ihm, der sich des Nachts auf uns stürzt. Jedenfalls müssen wir ein wachsames Auge auf jenen Ritter haben.« Wenn nun aber auch Macko aus Turoboje anfänglich den Worten Zbyszkos nur ungläubig lächelnd Gehör schenkte, schaute er doch schließlich etwas ängstlich auf den Lothringer, indem er bemerkte: »Wohl trifft es sich zuweilen, daß einer oder der andere von einem Teufel, ja von mehr als hundert Teufeln besessen ist. Und wird es diesen allgemach zu enge, dann suchen sie sich freilich bei einem andern Menschen einen angenehmeren Aufenthalt aus. Am schlimmsten fährt man aber mit einem Teufel, den man von einem alten Weibe über den Hals geschickt bekommt.« Plötzlich wandte er sich hierauf zu de Lorche und sagte: »Gelobt sei Jesus Christus!« »Auch ich preise ihn!« erwiderte de Lorche mit sichtlichem Staunen. Auf Mackos Antlitz spiegelte sich große Zufriedenheit. »Nun werdet Ihr Euch überzeugt haben,« sagte er wieder zu Zbyszko gewendet. »Wenn der lothringische Ritter vom Bösen besessen wäre, würde ihm Schaum auf den Mund getreten, oder er würde zu Boden geworfen worden sein, als ich ihm plötzlich so scharf zu Leibe ging. Wir können ruhig weiter ziehen.« Und das thaten sie auch. Von Ciechanow nach Przasnysz war es nicht allzu weit. Während des Sommers hätte ein Bote auf gutem Pferde den Weg zwischen den beiden Plätzen leicht in zwei Stunden zurücklegen können. Jetzt aber kamen die beiden Ritter mit ihrem Gefolge trotz des guten Führers nur langsam vorwärts, wie dies in dunkler Nacht und bei den im Wald liegenden Schneemassen nicht anders zu erwarten war. Sie erreichten daher, trotzdem sie um Mitternacht ausgebrochen waren, erst um die Morgendämmerung den fürstlichen Jagdhof, welcher nahe bei Przasnysz am Rande des Waldes lag. Vor dem aus Holz erstellten, langgestreckten Bau mit Fensterscheiben aus runden Glasstückchen befanden sich ein Ziehbrunnen und zwei Schuppen für die Pferde. Rings um den Jagdhof standen Hütten, die rasch aus Fichtenzweigen errichtet worden waren, und Zelte aus Fellen. Weithin war der Glanz des vor den Zelten lodernden Feuers sichtbar, um welches Treiber in Schafpelzen, in Pelzen von Füchsen, Wölfen und Bären standen. Dem Herrn de Lorche dünkte es, er sehe zweibeinige wilde Bestien vor dem Feuer, denn die Mehrzahl jener Leute trug Mützen, aus Tierköpfen verfertigt. Etliche der Männer stützten sich auf Speere, andere auf ihre Armbrust, verschiedene waren damit beschäftigt, Stricke in ungeheuere Netze zu ziehen, mehrere brieten am Feuer mächtige Stücke von Auerochsen und Elentieren, die augenscheinlich als Morgenimbiß dienen sollten. Der Schnee glitzerte in dem Schein der Flammen. Grell beleuchtet wurden auch zuweilen die wilden Gestalten, die zeitweise von dem Rauche des Feuers, von dem Dunste und Brodem der saftigen Fleischstücke gänzlich verhüllt waren. Im Hintergrunde stiegen, rötlich schimmernd, riesige Fichtenstämme empor, zwischen denen sich eine weitere Schar von Männern aufhielt. Die große Zahl der aufgebotenen Mannen setzte den eines solchen Jagdgetriebes ungewohnten Lothringer in höchstes Staunen. »Eure Fürsten scheinen sich ja wie zu einem Kriegszuge ausgerüstet auf die Jagd zu begeben.« »Ihr könnt nun sehen,« antwortete Macko aus Turoboje, »daß es ihnen weder an Jagdgeräten, noch an Leuten fehlt. Die meisten sind fürstliche Treiber, doch fehlt es auch nicht an solchen, welche sich des Marktes wegen in dieser Wildnis eingefunden haben.« »Was soll ich beginnen?« warf jetzt plötzlich Zbyszko ein. »In dem Jagdhof schläft noch alles.« »Ei nun, wir warten geduldig auf das Erwachen,« entgegnete Macko. »Ich werde doch nicht an das Thor klopfen und den Fürsten, unsern Herrn, erwecken!« So sprechend führte er sie an das Feuer, vor dem ihnen Kurpen Felle von Auerochsen und Bären ausbreiteten, dann wurden die Ankömmlinge rasch mit dampfendem Fleische bewirtet. Kaum hatten jedoch die Kurpen die fremde Sprache vernommen, so traten sie zusammen und starrten unentwegt auf den Deutschen. Als sie aber gar von Zbyszkos Mannen vernahmen, daß jener Ritter von »weit überm Meere« herstamme, da drängten sie sich so nahe an den Lothringer heran, daß der Herr aus Turoboje sein ganzes Ansehen aufbieten mußte, um den Fremdling vor allzu großer Neugierde zu schützen. De Lorche, der zu seinem Staunen bemerkte, daß sich inmitten der Männerschar auch Frauen befanden, die fast alle mit Pelzen bekleidet waren und sich durch ihren schönen Wuchs, ihre blühende Gesichtsfarbe auszeichneten, fragte sofort den greisen Führer, ob sich denn auch Weiber an der Jagd beteiligten. Macko verneinte dies, erklärte aber, daß die Frauen sich teils aus Neugierde den Treibern anschlössen, teils des Marktes wegen, auf dem sie städtische Waren kauften und die Erträgnisse ihrer Wälder verkaufen konnten. Dies war auch thatsächlich der Fall. Das fürstliche Gehöfte bildete selbst zur Zeit der Abwesenheit des Fürsten den Mittelpunkt für die Verkaufsstellen der Städter und Wäldler. Die Kurpen verließen gar ungern ihre Wälder, war es ihnen doch nur wohl, wenn die Wipfel der Bäume über ihren Häuptern rauschten. Infolgedessen führten die Bewohner von Przasnysz nicht nur ihr berühmtes Bier an den Waldesrand, sondern auch das in den Windmühlen der Stadt oder in den Wassermühlen Ungarns gemahlene Mehl, das in jener Wildnis schwer zu bekommende und sehr begehrte Salz, eiserne Geräte, Lederwerk, kurz alle möglichen Erzeugnisse menschlichen Fleißes. Dagegen erhielten sie im Tausche Felle, kostbare Pelze, getrocknete Pilze, Nüsse, heilsame Kräuter oder Stücke von Bernstein, an denen es unter den Kurpen nicht mangelte. Stets ging es daher sehr lebhaft auf dem Jahrmarkte zu, der während der fürstlichen Jagden noch an Ausdehnung gewann, weil dann die Stadtbewohner ebenso häufig durch Neugierde, wie durch die zwingende Notwendigkeit des Handels in die Waldwildnis getrieben wurden. Nachdem de Lorche die Antwort Mackos vernommen hatte, beobachtete er ununterbrochen die hohen Gestalten der Jäger, welche, in einer gesunden, von Harzgeruch erfüllten Luft lebend und sich, wie fast alle damaligen Bauern vornehmlich von Fleisch nährend, schon mehr als einmal die ankommenden Fremdlinge durch ihre Größe, durch ihre Kraft in Staunen versetzt hatten. Von Ungeduld gequält, vermochte Zbyszko hingegen kaum am Feuer still zu sitzen. Er verwandte kein Auge von dem Thore und von den Fenstern des fürstlichen Gebäudes. Nur eines dieser Fenster war indessen beleuchtet, augenscheinlich das der Küche, denn zwischen den Spalten der ganz ungenügend schließenden Scheiben drang dichter Rauch heraus. Alle andern waren dunkel oder schimmerten in dem Glanze des anbrechenden Tages, der immer lichter wurde und auf den schneebedeckten Wald einen silbernen Schein warf. Zeitweise traten aus einem oder dem andern niedrigen Seitenpförtchen Diener, in die fürstlichen Farben gekleidet, heraus, um mit den an Trägerstangen hängenden Eimern oder Kübeln Wasser am Brunnen zu schöpfen. Ein jeder dieser Leute antwortete auf die Frage, ob denn alles noch schlafe, daß der ganze Hofstaat, ermüdet von der stattgefundenen Jagd, länger als sonst der Ruhe pflege, daß aber schon der Morgenimbiß zur Stärkung vor dem Aufbruche bereitet werde. Der aus der Küche aufsteigende Geruch von Fett und Safran verbreitete sich auch thatsächlich mit einem Male bis zu den um das Feuer Lagernden. Einen Einblick in den hell erleuchteten Flur gewährend, öffnete sich dann plötzlich knirschend das Hauptthor, und ein Mann trat auf die Schwelle, in dem Zbyszko auf den ersten Blick einen der fahrenden Schüler erkannte, die er seiner Zeit in dem fürstlichen Gefolge in Krakau gesehen hatte. Ohne irgendwelche Rücksicht auf Macko aus Turoboje oder auf de Lorche zu nehmen, sprang nun Zbyszko so eilig auf das Thor zu, daß der darüber erstaunte Lothringer fragte: »Was ist denn diesem jungen Ritter zugestoßen?« »Nichts ist ihm zugestoßen,« erwiderte Macko aus Turoboje. »Er liebt eines der Mägdlein, die zum Hofstaate der Fürstin gehören, und möchte es so rasch wie möglich sehen.« »Ah!« rief de Lorche aus, indem er beide Hände aufs Herz drückte und, die Augen gen Himmel erhebend, einmal ums andere so tief seufzte, daß sich Macko insgeheim fragte: »Ob er wohl nach seiner alten Geliebten so seufzt, oder ob er wohl nicht völlig bei Verstand sein mag?« Er geleitete indessen den Lothringer in den Jagdhof und betrat gemeinsam mit ihm die geräumige Halle, die mit Geweihen von Auerochsen, Elentieren und Hirschen geschmückt war und durch die Flamme der dürren, in dem mächtigen Kamine brennenden Holzscheite erhellt ward. In der Mitte der Halle stand ein mit einem groben Tuche bedeckter Tisch, auf dem bereits die zum Essen nötigen Schüsseln prangten. Nur wenige Hofherren waren bis jetzt anwesend. Zbyszko unterhielt sich mit ihnen, und Macko aus Turoboje stellte ihnen den Herrn de Lorche vor. Da sie aber nicht gut deutsch sprechen konnten, mußte jener dem Lothringer nach wie vor Gesellschaft leisten. Allmählich vermehrte sich die Zahl der Hofleute, größtenteils kräftige, blondhaarige Männer von etwas ungeschlachtem Aeußern, aber von hohem Wuchse und mit breiten Schultern. Sie waren schon vollständig zur Jagd ausgerüstet. Die, welche Zbyszko kannte und von dessen Krakauer Erlebnissen wußten, begrüßten ihn wie einen alten Freund mit sichtlichem Wohlwollen. Die andern betrachteten ihn mit der Bewunderung, die man einem Menschen zollt, über dessen Nacken schon das Schwert des Scharfrichters gezückt gewesen war. Immer wieder wurden die Worte laut: »Gewiß, die Fürstin befindet sich hier und Jurands Tochter ist hier; gleich wirst Du das arme Ding zu sehen bekommen. Selbstverständlich gehst Du aber mit uns auf die Jagd.« Inzwischen waren zwei Gäste, Kreuzritter, eingetreten, Bruder Hugo de Danveld, der Starost aus Ortelsburg, oder vielmehr aus Szczytno, dessen Verwandter dereinst die Marschallswürde bekleidet hatte, und Zygfryd de Löwe, der Vogt von Johannesburg, aus einem um den Orden hochverdienten Geschlechte stammend. Ersterer, der trotz seines ziemlich jugendlichen Alters schon sehr feist war, fiel durch die listige Miene seines Gesichtes auf, und machte mit seinen wulstigen feuchten Lippen vollständig den Eindruck eines Schlemmers, letzterer hingegen zeichnete sich durch seine Wohlgestalt und durch seine zwar strengen, aber edlen Züge aus. Zbyszko dünkte es, er habe Danveld schon bei dem Fürsten Witold gesehen, und er glaubte sich zu erinnern, daß jener von Henrik, dem Bischof von Plock, im Turniere vom Pferde geworfen worden sei. Doch gleich darauf wurde er durch den Eintritt des Fürsten Janusz aus seinem Sinnen gerissen, vor welchem sich die Kreuzritter und die Hofherren grüßend neigten und dem sich de Lorche, die Komture und Zbyszko sofort näherten. Er erwiderte die Begrüßung höflich, aber mit einem gewissen Ernste auf seinem bartlosen, schlichten Gesichte, das von auf der Stirne kurz geschnittenen und auf beiden Seiten bis auf die Schultern herabwallenden Haaren umrahmt war. Plötzlich ertönten vor den Fenstern die Hörner zum Zeichen, daß sich der Fürst zu Tisch setze, sie ertönten ein-, zwei-, dreimal, mit der dritten Fanfare öffnete sich die auf der rechten Seite der Halle gelegene große Thüre und auf der Schwelle zeigte sich die Fürstin Anna und mit ihr ein reizendes, goldhaariges Mägdlein, die Laute über der Schulter. Als Zbyszko es sah, trat er vor, legte die Hände wie bittend am Munde zusammen und sank auf die Knie, das verkörperte Bild der Verehrung, der Bewunderung. Bei diesem Anblick erhob sich ein Murmeln in der Halle. Das Verhalten Zbyszkos rief bei den Masuren nicht nur Staunen hervor, sondern bei etlichen sogar Aergernis. »Wahrlich,« sagten sich die älteren Leute, »diese Sitte hat er wohl bei fremden Rittern jenseits des Meeres oder wohl gar bei den Heiden kennen gelernt, denn unter den Deutschen hat sie sicherlich nie geherrscht.« Die Jüngeren hingegen dachten bei sich: »Das ist nicht zu verwundern; dem Mägdlein dankt er ja sein Leben.« Im ersten Augenblick erkannten aber weder die Fürstin noch Jurands Tochter den jungen Ritter, der mit dem Rücken gegen das Feuer kniete, so daß sich sein Gesicht vollständig im Schatten befand. Die Fürstin glaubte sogar, irgend einer der Hofherren habe sich ihrem erlauchten Gemahl gegenüber eines Fehlers schuldig gemacht und bitte um ihre Fürsprache, Danusia aber, die schärfere Augen besaß, trat plötzlich, ihr blondes Köpfchen vorbeugend, einen Schritt vor, indem sie mit ihrer zarten Stimme den Ruf ausstieß: »Zbyszko! Zbyszko!« Und ohne daran zu denken, daß der ganze Hofstaat sowie die ausländischen Gäste Zeugen ihres Gebarens waren, sprang sie gleich einem Rehe auf den jungen Ritter zu, schlang ihre Arme um dessen Hals, schmiegte sich an ihn und küßte ihm, ganz außer sich vor Freude, solange Augen Mund und Wangen, bis die Masuren in ein schallendes Gelächter ausbrachen und die Fürstin sie an ihrem Halskragen wieder zu sich heranzog. Wie aus einem Traum erwachend blickte nun Danusia erschreckt umher. Dann versteckte sie sich hinter der Fürstin und barg ihr errötendes Antlitz in deren faltenreichem Gewande. Zbyszko umfaßte jetzt die Füße der hohen Frau. Diese jedoch hob ihn sofort empor, begrüßte ihn aufs herzlichste und fragte unverweilt, ob Macko gestorben sei oder noch lebe und ob er, wenn er noch lebe, auch nach Masovien komme. All diese Fragen beantwortete der junge Ritter ganz mechanisch, neigte er sich doch fortwährend von einer Seite zur andern, in dem Bestreben, Danusia zu sehen, die einmal um das andere ihr Köpfchen aus dem Gewande der Fürstin hervorstreckte, um es dann wieder rasch in dessen Falten zu verbergen. Bei diesem Schauspiel hielten sich die Masuren die Seiten vor Lachen, ja, sogar der Fürst konnte sich des Lachens nicht erwehren. Da nun aber die dampfenden Schüsseln aufgetragen wurden, erklärte die frohgelaunte Fürstin zu Zbyszko gewandt: »Du sollst uns dienen, viel lieber Knecht! Doch nicht nur beim Mahle sollst Du uns Deine Dienste weihen, nein, Gott gebe es, fürs ganze Leben.« »Du aber, kleiner Quälgeist,« rief sie hierauf Danusia zu, »Du kommst jetzt hervor, sonst reißest Du mir noch das ganze Gewand ab.« Diesem Gebote leistete Danusia sofort Folge. Verschämt und tief errötend trat sie vor, und als sie ihre kindlichen Augen scheu und doch neugierig auf Zbyszko richtete, da erstrahlte sie in so wunderbarer Schönheit, daß nicht nur das Herz des jungen Ritters vor Bewunderung überfloß, sondern daß ihr alle anwesenden Männer insgeheim huldigten. Herr de Lorche streckte vor Staunen beide Arme empor und fragte hastig: »Beim heiligen Jakob aus Compostella, wer ist diese Jungfrau?« Daraufhin erhob sich der Starost aus Szczytno, der bei seiner Feistigkeit auch noch klein war, auf die Zehen und flüsterte dem Lothringer ins Ohr: »Die Tochter des Teufels!« Mit den Augen blinzelnd schaute de Lorche auf den Redenden, dann runzelte er die Stirne und sprach näselnd also: »Unwürdig ist es eines Ritters, die Schönheit zu schmähen.« »Ich trage die goldenen Sporen, und ich bin ein Ordensritter!« entgegnete Hugo de Danveld voll Hochmut. So groß war die Ehrfurcht vor den gegürteten Rittern, daß der Lothringer unwillkürlich das Haupt senkte, gleich darauf jedoch antwortete: »Und ich bin ein Blutsverwandter des Fürsten von Brabant.« » Pax! Pax! « rief nun der Kreuzritter: »Ehre und Ruhm sei dem mächtigen Fürsten, dem Freunde des Ordens, aus dessen Hand Ihr, o Herr, in Bälde die goldenen Sporen erhalten möget! Nicht die Schönheit des Mägdleins will ich bestreiten, doch hört erst, wer dessen Vater ist.« Dies auseinanderzusetzen vermochte er indessen nicht mehr. Fürst Janusz ließ sich in diesem Augenblick am Tisch nieder und da ihm zuvor der Vogt von Johannesburg über die hohen Blutsverwandten des Herrn de Lorche berichtet hatte, gab er letzterem ein Zeichen, neben ihm Platz zu nehmen. Die Sitze gegenüber waren für Anna Danuta und Danusia bestimmt, hinter deren Lehnstühlen Zbyszko, wie damals in Krakau, zum Dienste bereit stand. Danusia beugte zwar das Köpfchen so tief wie möglich auf ihre Schüssel, denn sie schämte sich noch immer vor den Anwesenden, hielt aber das Haupt ein wenig zur Seite geneigt, damit Zbyszko ihr Gesicht sehen konnte. Und voll Sehnsucht, voll Entzücken schaute dieser auf ihr goldhaariges Köpfchen, auf die rosenroten Wangen, auf ihre jungfräuliche Gestalt in dem eng anschließenden Gewande, an der nichts mehr an die eckigen Formen des Kindes erinnerte. Staunend empfand der junge Ritter, daß er plötzlich Danusia auf eine ganz andere Weise liebe wie früher, daß eine ganz neue Liebe ihm die Brust schwelle. Noch brannten ihm ihre Küsse auf Augen, Mund und Wangen. Wie anders war dies sonst gewesen! Wie eine Schwester den Bruder, so hatte sie ihn früher geküßt, und er hatte ihre Zärtlichkeiten wie die eines geliebten Kindes erwidert. Jetzt aber ergriff ihn die gleiche Erregung, in die ihn das Zusammensein mit Jagienka zu versetzen pflegte. Ein Zittern überkam ihn, er fühlte sich wie gelähmt, aber in seinem Innern loderte eine Glut gleich einer Flamme, die mit Asche bedeckt ist. Danusia war zur Jungfrau erblüht, das ließ sich nicht mehr bezweifeln, und da vor ihr fortwährend von Liebe gesprochen ward, glich sie einer Blütenknospe, welche, durch die Sonne erwärmt, sich immer prächtiger entfaltet. Sie wußte nun, was Liebe war, sie fühlte und dachte ganz anders wie früher. Der Zauber, der Reiz, die von ihr ausgingen; wirkten ebenso belebend und berauschend wie die Flamme des Feuers, wie der Duft der Rose. All dies empfand Zbyszko sehr wohl, vermochte sich aber keine Rechenschaft darüber zu geben, denn er befand sich wie in einem Traume. Er dachte ebensowenig daran, daß er bei Tische aufwarten müsse, als daß er bemerkte, wie die Hofleute ihn beobachteten, sich mit dem Ellenbogen anstießen, auf ihn und auf Danusia mit den Fingern zeigten und unaufhörlich lachten. Weder das vor Staunen fast starr gewordene Antlitz des Herrn de Lorche nahm er wahr, noch die hervorstehenden Augen des Kreuzritters aus Szczytno, die dieser fortwährend auf Danusia gerichtet hielt und die im Scheine des Kaminfeuers so rot und funkelnd wie die Augen eines Wolfes aussahen. Erst dann kam er wieder zur Besinnung, als die Trompeten abermals erklangen, zum Zeichen, daß man zur Jagd aufbrechen müsse, und als die Fürstin Anna Danuta, sich zu ihm wendend sagte: »Du reitest mit uns. Das wird Dir doch Freude bereiten, und Du kannst dem Mägdlein von Liebe sprechen, was ich auch gar gern höre.« Nach diesen Worten entfernte sie sich mit Danusia, da sich beide zur Jagd umkleiden mußten. Zbyszko eilte ins Freie, wo man schon die mit Reif bedeckten, wiehernden Pferde für das Fürstenpaar, die Gäste und die Hofleute bereit hielt. Doch ging es nicht mehr so lebhaft her wie zuvor, weil die Treiber sich mit den Netzen schon auf den Weg gemacht hatten und in die Waldwildnis eingedrungen waren. Die Feuer glimmten nur noch. Ein klarer aber kalter Tag brach an. Der Schnee knirschte unter den Tritten, und von den durch einen leisen Luftzug bewegten Bäumen fielen glänzende Eisstückchen herab. Der Fürst ließ nicht lange auf sich warten. Rasch stieg er zu Pferd. Hinter ihm ritt ein Knecht mit der Armbrust und einem so langen und schweren Speere, daß ihn nur wenige hätten werfen können. Der Fürst handhabte ihn indessen mit Leichtigkeit, besaß er doch auch wie die andern masovischen Piasten eine außergewöhnliche Kraft. Diesem Geschlechte gehörten sogar Frauen Cymbarka, welche mit Ernst dem Eisernen von Habsburg vermählt war. an, die, sich mit ausländischen Großen vermählend, während des Hochzeitsmahles breite eiserne Schwerter mit den Fingern zusammenbogen. In der Nähe des Fürsten Janusz hielten sich zwei Mannen, um ihm, wenn es notthun sollte, Hilfe zu leisten. Diese waren unter allen Edeln aus dem Gebiete von Warschau und Ciechanow ausgewählt worden und sahen durch ihren hohen Wuchs, durch ihre stämmigen Glieder und breiten Schultern so furchterregend aus, daß Herr de Lorche sie voll Staunen betrachtete. Mittlerweile war auch die Fürstin mit Danusia erschienen, beide in Kapuzen aus weißen Wieselfellen gehüllt. Die nicht aus der Art geschlagene Tochter Kiejstuts verstand weit besser den Bogen als die Nadel zu führen, und so trug man denn auch ihr eine schön gearbeitete, aber etwas leichtere Armbrust nach. Auf den Schnee kniend, hielt Zbyszko die flache Hand aus, auf welche die Fürstin, das Pferd besteigend, den Fuß setzte, dann hub er Danusia, ganz so empor, wie er dies bei Jagienka in Bogdaniec gethan hatte. Wenige Sekunden darauf setzte sich alles in Bewegung. In langer, schlangenförmiger Reihe zog das Gefolge, rechts vom Jagdhofe abbiegend, schillernd und schimmernd, gleich einem farbigen Streifen am Rande eines dunklen Stoffes, am Saume des düsteren Waldes dahin, um dann allmählich in dem Dickicht zu verschwinden. Erst nach geraumer Zeit – sie befanden sich schon ziemlich tief im Walde – wandte sich die Fürstin abermals zu Zbyszko und fragte: »Weshalb redest Du nichts? So sprich doch mit ihr.« Allein trotz dieser Aufforderung schwieg der junge Ritter noch eine ganze Weile. Eine plötzliche Schüchternheit hatte sich seiner bemächtigt, und es dauerte länger als ein oder zwei Vaterunser, bevor er also anhub: »Danuska!« »Was ist Dein Begehr, Zbyszko?« »Ich liebe Dich so ...« Umsonst nach Worten ringend, hielt Zbyszko plötzlich inne. Wohl war er wie ein fremdländischer Ritter vor dem Mägdlein auf die Knie gesunken, wohl bemühte er sich jetzt, ihr seine Verehrung durch schön gesetzte Worte zu beweisen, allein vergeblich strengte er sich an, der höfischen Sitte gerecht zu werden. Mit seinem von Liebe überströmenden Herzen vermochte er nur ganz schlicht zu reden und so setzte er denn schließlich hinzu: »Ich liebe Dich so sehr, daß mir der Atem stockt.« Das von der Kälte rosig angehauchte Gesichtchen Danusias strahlte vor Glück und unter ihrer Kapuze aus Wieselfellen mit ihren blauen Augen zu dem Geliebten emporschauend, antwortete sie eilig: »Und ich Dich, Zbyszko!« Rasch senkte sie aber dann sofort wieder die Augen, denn nun wußte sie, was Liebe ist. »Hei, Du mein süßes Schätzelein, hei. Du mein Mägdlein, hei!« rief nun Zbyszko, abermals von Glück und Rührung dermaßen übermannt, daß er nichts weiter zu sagen wußte. Allein die gütige und dabei ein wenig neugierige Fürstin kam ihm von neuem zu Hilfe. »Erzähle ihr doch,« begann sie, »wie Du Dich nach ihr sehntest, und kommen wir in ein tiefes Waldesdickicht, kannst Du sie auf ihr Mäulchen küssen. Ich gebe Dir die Erlaubnis dazu, denn ein Kuß ist der beste Ausdruck für Deine Liebe.« Ohne lange Umschweife zu machen, schilderte er ihr nun, wie ihn die Pflege des Ohms in Bogdaniec zurückgehalten hatte, wie er aber trotz seiner Anhänglichkeit an diesen, trotz seines Verkehrs mit den Nachbarn, von einer verzehrenden Sehnsucht nach ihr ergriffen worden war. Wenn nun aber auch der arglistige Schalk Jagienkas mit keinem Worte gedachte, wich er doch nicht von der Wahrheit ab, denn jetzt liebte er die reizende Danusia in einer Weise, daß er sie gern in die Arme genommen, sie vor sich auf das Pferd gesetzt und sie an seine Brust gedrückt hätte. Er wagte aber nicht, dies zu thun. Sobald sie indessen die erste dichte Waldesstelle erreicht hatten, die sie, seiner Ansicht nach, vor den hinter ihnen reitenden Hofherren und Gästen verbarg, neigte er sich zu Danusia, umfaßte sie und drückte sein Gesicht tief in die Kapuze aus Wieselfellen, um in solcher Weise seine Liebe zu bethätigen. Doch da im Winter die Haselnußstauden bekanntlich keine Blätter haben, waren Hugo de Danveld, Fulk de Lorche und alle Hofleute Zeugen seiner That. »Vor der Fürstin hat er sie geliebkost!« sprach nun einer zu dem andern. »Sicherlich wird ihnen die hohe Frau baldigst das Hochzeitsfest ausrichten lassen müssen.« »Ein feuriger Bursche ist er,« meinte ein zweiter, »doch in den Adern von Jurands Tochter fließt auch heißes Blut.« »Stein und Zunder sind die beiden, wenngleich das Mägdlein wie die liebe Unschuld aussieht,« ließ sich ein dritter vernehmen. »Hegt nur keine Sorge, da wird's Funken sprühen! Er klebt ja an ihr wie eine Klette in der menschlichen Haut!« Alle lachten, der Kreuzritter aus Szczytno aber wandte sein Gesicht mit tückischem Blick dem Herrn de Lorche zu und fragte: »Wünschet Ihr nicht, o Herr, daß Euch irgend ein Merlin durch seine Zauberkünste in jenes Ritterlein Für die tugendhafte Igerna, die Gemahlin des Fürsten Gorlas, entbrannte der Ritter Uter in heißer Liebe. Mit Hilfe Merlins nahm er die Gestalt Gorlas an und aus seiner Verbindung mit Igerna entstammt König Artus. verwandelt?« »Und Ihr, o Herr?« entgegnete de Lorche. Daraufhin zog der Kreuzritter, in dem sich augenscheinlich Eifersucht regte, ungeduldig den Zügel seines Pferdes fester an und rief: »Bei meiner Seele!« Dann blickte er ängstlich forschend auf den Lothringer, fürchtete er doch, ein Lächeln auf dessen Antlitz wahrzunehmen. Ueber die Tugend der Kreuzritter herrschte keine allzu gute Meinung, und besonders Hugo de Danveld stand in ganz schlechtem Rufe. Er war vor wenigen Jahren als Gehilfe dem Vogte von Sambia zuerteilt worden. Die Klagen gegen ihn hatten sich aber derart gehäuft, daß man ihm, trotz der Strenge, mit der in Marienburg ähnliche Dinge behandelt wurden, die Führung der Burgbesatzung in Szczytno übertrug. In geheimen Aufträgen an den Hof des Fürsten Janusz entsandt, hatte er kaum die schöne Tochter Jurands erblickt, als er von der heftigsten Liebe zu ihr ergriffen ward. Da de Danveld jedoch wußte, welchem Geschlechte das Mädchen entstammte, da der Name Jurands schon allein dazu diente, die entsetzlichsten Erinnerungen in ihm wachzurufen, vermischte sich das heiße Verlangen mit einem Gefühle des wildesten Hasses. Fulk de Lorche begann ihn aber unverweilt über die Geschehnisse auszufragen: »Ihr nanntet das schöne Jungfräulein, ›Tochter des Teufels‹!« hub er an. »Weshalb nanntet Ihr es so?« Danveld schilderte die Begebenheit in Zlotorja, er erzählte, wie während des Wiederaufbaus der Burg der Fürst mitsamt dem Hofstaate gefangen genommen worden, wie dabei Danusias Mutter zu Grunde gegangen war, und wie von dieser Zeit an Jurand sich auf die grausamste Weise an allen Ordensrittern zu rächen suche. Vor etwa zwei Jahren war es zwischen de Danveld und Jurand zu einem Zusammenstoß gekommen, und als jener dem Schauder erregenden »Eber aus Spychow« zum ersten Male gegenüber stand, pochte ihm das Herz so, daß er zwei seiner Blutsverwandten, seine Leute und alle Beute im Stiche ließ und wie sinnlos einen ganzen Tag hindurch bis nach Szczytno floh, wo er vor Furcht lange Zeit krank darnieder lag. Nach seiner Genesung beschied ihn der Großmarschall des Ordens vor ein Rittergericht. Da aber de Danveld beteuerte, sein Pferd sei scheu geworden und sei mit ihm von dem Kampfplatze gejagt, wurde durch den Urteilsspruch zwar seine Unschuld erklärt, aber gleichzeitig ihm auch der Weg zu den höheren Aemtern des Ordens verschlossen. All diese Erlebnisse verschwieg der Kreuzritter wohlweislich dem Herrn de Lorche gegenüber, statt dessen erging er sich aber in solch schweren Klagen über Jurands Grausamkeit, sowie über die dreiste Verwegenheit des polnischen Volkes, daß der Lothringer ganz verblüfft ward. »Wir befinden uns aber doch,« warf er nach kurzem Schweigen ein, »bei den Masuren und nicht bei den Polen?« »Die gehören alle einem Volke an,« antwortete der Starost, »wenn sie auch unter besonderen Fürsten stehen. Und alle gleichen sich in ihrer Ehrlosigkeit, alle gleichen sich in ihrem Hasse gegen die Ordensbrüder. Gott gebe, daß das deutsche Schwert den ganzen Stamm vertilge.« »Ihr sprecht wahr und gerecht, o Herr! Denn wie konnte dieser Fürst, dessen ganze Erscheinung doch einen so wohlthuenden Eindruck macht, es wagen, auf Eurem Grund und Boden eine Burg gegen Euch zu errichten. Von einem solchen Unding habe ich selbst unter den Heiden niemals gehört.« »Die Burg errichtete er wohl gegen uns, allein Zlotorja liegt auf seinem, nicht auf unserem Gebiete.« »Lob und Preis sei Christus dafür, daß er Euch den Sieg verliehen hat. Doch wie endigte der Krieg?« »Einen Kriegszug hatten wir damals nicht unternommen.« »Und Euer Sieg bei Zlotorja?« »Gott erwies uns eine ganz besondere Gnade. Der Fürst hatte keine Mannen um sich gesammelt. Nur die Hofleute und die Frauen waren in der Burg.« Voll Staunen vernahm de Lorche diese Rede, doch er vermochte nichts mehr zu sagen, weil die ganze Jagdgesellschaft auf einem großen, ausgerodeten, mit Gestrüpp und Schnee bedeckten Platze angelangt war, auf welchem der Fürst vom Pferde stieg und alle andern seinem Beispiel folgten. Fünftes Kapitel. Die erfahrenen Forstleute ordneten unter der Leitung des Oberjägermeisters die Jäger in eine lange Reihe am Waldessaume, so daß sie, selbst halb versteckt, vor sich einen weiten, freien Raum hatten, wodurch ihnen die Handhabung der Armbrust und des Bogens erleichtert wurde. Die zwei Schmalseiten des Platzes waren mit Netzen bespannt, hinter welchen sich im Walde die Leute bargen, denen es oblag, die Tiere den Schützen zuzutreiben, oder wenn ihnen dies nicht gelang und die Tiere sich in den Netzen verwickelten, diese mit dem Speere zu töten. Die unzähligen Scharen von Kurpen, die in einem ungeheuern Kreis günstig aufgestellt worden waren, sollten alle lebenden Tiere aus dem Waldesdickicht auf den freien Platz jagen. Hinter den Jägern war ein zweites Netz gezogen, damit jedes Tier, das die Reihe durchbrach, aufgehalten und in den verhängnisvollen Maschen getötet werden konnte. Der Fürst stand in der Mitte der Reihe in einer kleinen Vertiefung, welche sich über die ganze Breite des Platzes zog. Der Oberjägermeister hatte diesen Platz für ihn ausgewählt, weil er wußte, daß die größten Tiere der Waldwildnis in diese Vertiefung getrieben werden würden. Der Fürst selbst hatte die Armbrust in der Hand, und dicht neben ihm stand, an einen Baum gelehnt, der schwere Speer. Einige Schritte hinter ihrem Herrn befanden sich die beiden »Schützer«, in ihrer riesenhaften Größe den Baumstämmen des Waldes vergleichbar. Außer mit den Beilen, die sie auf den Schultern trugen, waren sie mit bereits gespannten Armbrusten bewaffnet, um sie dem Fürsten im Notfalle zu überreichen. Weder die Fürstin noch Jurands Tochter stieg von dem Pferde ab. Der Fürst gestattete dies niemals, war es doch leichter, sich vor den wütenden Bisons und Auerochsen in Fällen der Gefahr zu Pferde als zu Fuß zu retten. So bat denn auch de Lorche, trotzdem er von dem Fürsten aufgefordert worden war, sich zu seiner Rechten zu stellen, zum Schutze der Damen zu Pferde bleiben zu dürfen, und hielt, einer schmalen Klinge ähnlich, unweit der Fürstin hoch zu Roß, in der Hand die ritterliche Lanze, über welche, als eine für die Jagd wenig geeignete Waffe, die Masuren verstohlen lachten. Zbyszko, der seinen Speer unverweilt in den Schnee gestoßen und die Armbrust von der Schulter genommen hatte, blieb bei Danusias Pferde stehen. Zuweilen blickte er zu ihr empor, zuweilen flüsterte er ihr etwas zu, dann wieder umfaßte er ihre Füße und küßte ihre Knie, scheute er sich doch nicht mehr, seine Liebe vor aller Welt zu zeigen. Erst dann verhielt er sich ruhig, als der Oberjägermeister, der hier in der Wildnis es sogar wagte, über den Fürsten zu brummen, ihm aufs strengste zu schweigen befahl. Mit einem Male erklangen fern, fern aus der Tiefe der Wälder die Hornsignale der Kurpen, denen sofort der kurze laute Schall der Jagdhörner antwortete. Dann trat fast völlige Stille ein. Nur zeitweise ertönte das Gekrächze eines Eichelhähers auf den Wipfeln der Tannen, oder einer der als Treiber aufgestellten Leute krächzte wie ein Rabe. Angestrengt hielten die Jäger ihren Blick auf den freien Platz geheftet, auf welchem der Wind das mit Reif bedeckte Gestrüpp und die blätterlosen Gesträuche bewegte. Ein jeder harrte voll Spannung, was für ein Tier wohl zuerst in Schußweite kommen werde. Alle aber versprachen sich eine reiche, ergiebige Jagdbeute, weil die Wälder von Auerochsen, Bisons und Ebern wimmelten. Die Kurpen hatten außerdem auch mehrere Bären aus ihren Lagern aufgestört, welche nun wild und hungrig in den Wäldern umhertrappten, instinktmäßig witternd, daß ihnen binnen kurzem ein Kampf bevorstehe, bei dem es sich nicht um ruhigen Winterschlaf, sondern um Leben und Tod handelt. Die Jäger mußten indessen lange warten, weil die Leute, welche die Tiere auf den ausgerodeten Platz in den engeren Kreis treiben sollten, eine gewaltige Strecke Waldes in so weiter Entfernung umstanden, daß zu den Ohren der Harrenden nicht einmal das Bellen der Hunde drang, die nach dem Ertönen der Hornsignale von der Koppel gelassen worden waren. Nur ein Hund der Meute, den man augenscheinlich früher freigelassen, oder der sich ungefesselt umhergetrieben hatte, lief, die Nase an der Erde, quer über den Platz, um schließlich zwischen den Jägern hindurch wieder davonzurennen. Dann trat abermals so lange vollständige Ruhe ein, bis mit einem Male die hinter den Netzen stehenden Treiber wie die Raben krächzten zum Zeichen, daß nun die Jäger auf ihrer Hut sein müßten. Noch wenige Minuten, und am Saume des Waldes zeigte sich ein Rudel Wölfe, diese wachsamsten aller Tiere, die daher auch als die ersten versuchten, aus dem sie umschließenden Kreise zu entkommen. Inmitten des freien Platzes angelangt und auch hier die Menschen witternd, verschwanden sie rasch wieder, indem sie sich offenbar einen andern Ausweg aus dem Dickicht bahnen wollten. Eine schwarze Kette bildend, tauchten gleich darauf mächtige Eber auf dem schneebedeckten Platze auf, von weitem einer Viehherde ähnlich, welche, dem Lockrufe der fürsorglichen Hausfrau folgend, mit gespitzten Ohren den Ställen zustrebt. Schnüffelnd und aufhorchend blieben sie plötzlich stehen, machten Kehrt, horchten wieder auf, näherten sich, die Treiber witternd, behutsam und grunzend den Jägern, bis mit einem Male das Knirschen der eisernen Schneller der Armbruste, das Zischen der Pfeile ertönte und die weiße Schneedecke mit dem ersten Blute befleckt ward. Mit durchdringendem Gequieke stoben die Eber wie von einem Blitzstrahle getroffen auseinander: einige rannten blindlings davon, andere stürzten dem Netze zu, mehrere liefen vereinzelt hin und her, etliche mengten sich unter die anderen Tiere, die sich inzwischen auf der Waldeslichtung angesammelt hatten. Immer deutlicher ertönten jetzt die Hornsignale, Hundegekläff ward laut, sowie das verworrene Gemurmel einer sich nähernden großen Menschenschar. Aber auch die Zahl der vierfüßigen Waldbewohner, die von allen Seiten, weit und breit, aufgescheucht worden waren, mehrte sich in einer solchen Weise, daß schließlich der freie Platz dicht gefüllt war. Etwas Aehnliches konnte weder in fremden Ländern, noch in andern polnischen Gebieten vorkommen, da es dort nicht solche Waldwildnisse gab wie in Masovien. Wenn nun auch die Kreuzritter häufig in Litauen gewesen waren, wo es zuweilen vorkam, daß das Anstürmen von Auerochsen eine ganze Söldnerschar in Verwirrung Von ähnlichen Vorkommnissen erzählt Wigand aus Marburg. gesetzt hatte, erfüllte sie doch dieses Schauspiel ebenso wie den Herrn de Lorche mit dem größten Staunen. Einem Kraniche ähnlich bei der Fürstin und den Hofdamen Wache haltend, hatte der Lothringer sehnlichst dem Beginne der Jagd entgegengesehen, denn er fror nicht nur tüchtig in seiner eisernen Rüstung, sondern er fing auch schon an, sich zu langweilen, da er sich ja nicht verständlich machen konnte. Nun aber sah er mit einem Male ganze Rudel von leichtfüßigen Rehen, von fahlgelben Hirschen und von Elentieren mit ihren unförmigen Geweihen, voll Schrecken, sinnlos vor Angst, dahinstürmen, umsonst einen Ausweg suchend. Die Fürstin, in der sich, als Tochter von Kiejstut, bei diesem Anblick das väterliche Blut regte, schoß Pfeil auf Pfeil auf die buntscheckige Schar ab, jedesmal vor Freude jubelnd, wenn ein Hirsch oder ein Elentier sich zuerst hoch aufbäumte, um dann, zu Tode getroffen, rücklings auf den Schnee zu stürzen. Aber auch ein Hoffräulein nach dem andern hielt jetzt das Gesicht an die Armbrust, denn alle, samt und sonders, wurden von der Jagdlust ergriffen. Zbyszko allein bildete eine Ausnahme. Mit den Armen auf den Knien Danusias lehnend, das Haupt auf beide Hände gestützt, schaute er ihr in die Augen, sie hingegen versuchte, halb lächelnd, halb verschämt, ihm die Lider mit den Fingern zu schließen, gerade als ob sie seinen Blick nicht zu ertragen vermöge. Nun aber wurde die Aufmerksamkeit des Herrn de Lorche durch einen gewaltigen, an Genick und Schaufeln grauen Bären erregt, der ganz in der Nähe der Jäger unvermutet aus dem Gestrüppe hervorbrach. Der Fürst schoß sofort die Armbrust gegen ihn ab, sprang dann unverweilt mit dem Speere auf ihn zu und tötete das Tier, das sich, furchtbar brüllend, auf die Hinterpfoten erhob, so rasch und gewandt vor den Augen des ganzen Hofstaates, daß keiner der beiden »Schützer« das Schwert gebrauchen mußte. Unwillkürlich sagte sich nun der junge Lothringer, daß wohl wenige der Herren auf den Höfen, in denen er unterwegs Rast gemacht hatte, sich einen derartigen Zeitvertreib erwählen würden, und daß mit einem solchen Fürsten, mit solchem Manne anzubinden, es wohl dereinst dem Orden schwer fallen würde. Und wenige Augenblicke darnach war de Lorche Zeuge, wie durch andere Jäger ganz auf die gleiche Weise ein grimmiger, mächtiger Eber mit großen weißen Hauern zu Tode getroffen ward, ein Tier, größer und gewaltiger als all' die, auf welche in den Gehölzen Nieder-Lothringens oder in den deutschen Wäldern Jagd gemacht wurde. Ein ähnliches Vertrauen in die eigene Kraft, eine so geschickte Führung des Speeres hatte der Lothringer noch nie zuvor bei Jägern gesehen. Wie dies aber gewöhnlich zu sein pflegt, ließen sich die Kraft und die Gewandtheit darauf zurückführen, daß alle die inmitten der unermeßlichsten Wälder ansässigen Menschen vom zehnten Jahre an Armbrust und Speer handhaben mußten und sich dadurch die größte Fertigkeit erwarben. Der freie Platz war schließlich mit den Kadavern aller möglichen Tiere bedeckt. Von keiner Seite wurde indessen daran gedacht, die Jagd zu beendigen, sollte diese doch jetzt erst recht gefährlich und somit besonders aufregend werden. Von den Treibern gejagt, zeigten sich nämlich mit einem Male eine große Schar von Auerochsen und Bisons. Nicht getrennt, wie dies im Walde der Fall zu sein pflegte, sondern untereinander vermengt, trabten sie daher, weit eher Furcht erregend, als von Furcht oder Schrecken verblendet. Sie überstürzten sich auch nicht; nein, in ihrer ungeheuren Kraft zogen sie siegesgewiß dahin, überzeugt daß sie alle Hindernisse überwinden und einen Ausgang finden würden. Die Erde dröhnte geradezu unter der Schwere ihrer Tritte. Die Spitze des Zuges bildeten die bärtigen Bullen. Mit zur Erde gesenkten Köpfen hielten sie zuweilen an, als ob sie darüber nachdächten, auf welcher Seite sie entkommen könnten. Gleich einem unterirdischen Getöse entrang sich ihren ungeschlachten Lungen ein dumpfes Gebrüll, ihre Nüstern dampften, und mit den Vorderfüßen den Schnee aufwerfend, schienen sie mit ihren blutrünstigen, von der Mähne fast ganz bedeckten Augen nach dem Feinde zu spähen. Mittlerweile stießen die hinter den Netzen verborgenen Treiber laute Rufe aus, denen von allen Seiten hunderte von Stimmen in donnerähnlichem Geschrei antworteten. Die Hörner, die Pfeifen erklangen. Bis in seine tiefste Tiefe ward der Wald von dem Lärm erschüttert. Doch nicht genug daran! Mit entsetzlichem Geheule jagten die kurpischen Hunde, der Spur folgend, auf die Lichtung. Bei diesem Anblick wurden besonders die Weibchen, welche ihre Jungen bei sich hatten, nahezu rasend. Während sich die Tiere bis jetzt ruhig zu der Herde gehalten hatten, zerstreuten sie sich nun plötzlich in wahnsinniger Flucht über den ganzen Platz. Einer der Auerochsen, ein fahlgelber, gewaltiger Bulle, an Größe die Bisons überragend, raste in schwerfälligen Sprüngen auf die Reihe der Jäger zu. Dann aber machte er plötzlich gegen die rechte Seite der Lichtung Kehrt, blieb jedoch gleich darauf, in geringer Entfernung die Pferde inmitten der Bäume wahrnehmend, stehen und schien sich, brüllend und die Erde mit den Hörnern aufwühlend, zum Sprunge, zum Kampfe zu rüsten. Bei diesem Entsetzen erregenden Anblick schrien die hinter den Netzen stehenden Treiber noch lauter auf, aus der Reihe der Jäger aber ertönte der Schreckensruf: »Die Fürstin, die Fürstin! Rettet die Herrin!« Zbyszko riß seinen in dem Schnee steckenden Speer an sich und sprang an den Waldessaum. Ihm folgten etliche Litauer, bereit zum Schutze der Fürstin das eigene Leben zu lassen. Da knirschte die Armbrust in deren Hand, ein Pfeil fuhr zischend über den gesenkten Kopf des Tieres hinweg und drang tief in dessen Genick ein. »Bleibt zurück!« rief Anna Danuta, »kommt nicht ...« Ihre weiteren Worte verklangen indessen ungehört, denn ein solch entsetzliches Gebrüll wurde laut, daß sich die Pferde vor Schrecken aufbäumten. Wie ein Sturmwind raste der Auerochs auf die Fürstin zu. Doch siehe da, im Galoppe kam der tapfere Herr de Lorche einher gesprengt und warf sich, tief über das Pferd gebeugt, mit der Lanze wie bei einem ritterlichen Turniere zum Stoße ausholend, dem Tiere entgegen. Die Anwesenden waren Zeugen, wie die Lanze blitzesschnell in das Genick des Bullen eindrang, wie sie sich dann aber sofort gleich einem Haken bog und in kleine Stücke zerbrach. Da mit einem Male verschwand der mit riesigen Hörnern versehene Kopf des Tieres fast vollständig unter dem Bauche von Herrn de Lorches Roß, und bevor noch irgend jemand einen Entsetzensschrei ausstoßen konnte, flog der treffliche türkische Renner mitsamt dem Reiter vogelschnell in die Luft. Auf die Seite stürzend, schlug das Pferd mit den im letzten Todeskampfe zuckenden Beinen wild um sich, wobei es sich in die eigenen hervorquellenden Eingeweide verwickelte, während Herr de Lorche in nächster Nähe bewegungslos wie ein eiserner Keil auf dem Schnee lag. Einige Minuten lang schien der Auerochs zu schwanken, ob er sich nicht abwenden und auf das andere Pferd stürzen solle, doch da er sein erstes Opfer dicht vor sich hatte, griff er dieses aufs neue an. Der beklagenswerte Renner diente zur Zielscheibe seiner Wut. Er zermalmte dessen Kopf, er bohrte die ungeheuren Hörner in den offenen Bauch. Von allen Seiten ritten die Mannen aus dem Gefolge zur Rettung des fremden Ritters herbei. Zbyszko aber, dem es hauptsächlich darum zu thun war, die Fürstin und Danusia zu schützen, stieß als erster den spitzen Speer unter die Schaufel des Auerochsen. Er that dies jedoch mit einer solchen Kraft, daß ihm der Speer bei einer plötzlichen Wendung des Bullen aus der Hand entglitt, und er selbst auf das Gesicht in den Schnee stürzte. »Er ist verloren! Er ist verloren!« schrien die zu Hilfe eilenden Masuren auf, als sie sahen, wie der Kopf des Tieres sich auf Zbyszko senkte, der dadurch auf der Erde festgehalten wurde. Jetzt stürmten auch die beiden riesigen Schützer des Fürsten herbei, allein ihre Hilfe wäre zu spät gekommen, wenn nicht zum Glücke der Böhme Hlawa, der ja auf Wunsch Jagienkas über Zbyszko wachen sollte, einen Vorsprung vor ihnen gewonnen hätte. Das breite Beil mit beiden Händen fassend, versetzte der Böhme dem Auerochsen einen wuchtigen Hieb in das Genick dicht bei den Hörnern. So gewaltig war der Schlag, daß der Bulle, wie vom Donner gerührt, mit durchhauenem Genicke krachend zur Erde stürzte, bei seinem Falle Zbyszko unter sich begrabend. Blitzesschnell befreiten die beiden »Schützer« den jungen Ritter von dem schweren Tiere, während die Fürstin und Danusia von den Pferden sprangen und angsterfüllt herbeieilten. Bleich und über und über sowohl von dem eigenen wie von dem Blute des Auerochsen bedeckt, richtete sich Zbyszko ein wenig in die Höhe. Er versuchte, sich zu erheben. Allein schwankend fiel er auf die Knie, und sich mit den Händen stützend, vermochte er nur das eine Wort hervorzubringen: »Danuska ...« Dann trat Blut auf seine Lippen, Dunkelheit umnachtete ihn. Wohl umschlang ihn Danusia mit ihren Armen, allein sie vermochte nicht, ihn aufrecht zu erhalten und rief verzweifelt um Hilfe. Ihrem Rufe wurde von allen Seiten Folge geleistet. Man rieb Zbyszko mit Schnee, man flößte ihm Wein ein und bettete ihn schließlich, wie es der Jägermeister Mrokota aus Mocarzewa anordnete, auf einen Mantel, um das Blut mittels zarter Waldschwämme zu stillen. Das breite Beil mit beiden Händen fassend, versetzte der Böhme dem Auerochsen einen wuchtigen Hieb in das Genick dicht bei den Hörnern. »Wenn er nur die Rippen und nicht das Rückgrat gebrochen hat, wird er wieder zu sich kommen!« erklärte der Jäger, sich zu der Fürstin wendend. Inzwischen waren die Hoffräulein gemeinsam mit einigen Jägern um Herrn de Lorche bemüht. Sorgsam untersuchte man dessen Rüstung, um zu sehen, ob sich nicht irgendwo ein Loch oder wenigstens eine schadhafte Stelle vorfinde, allein außer den Spuren des Schnees konnte nichts entdeckt werden. Augenscheinlich hatte der Bulle seine ganze Wut an dem Pferde ausgelassen, das entsetzlich zugerichtet, leblos, tot auf der Erde lag. Ohne eine Wunde davongetragen zu haben, war Herr de Lorche nur durch den schweren Sturz ohnmächtig geworden, durch den er sich auch, wie es sich später herausstellte, das Gelenk der rechten Hand verrenkt hatte. Kaum hatte man ihn daher von dem schweren Helm befreit, kaum waren seine Lippen mit Wein benetzt worden, so schlug er die Augen auf und flüsterte, als sein Blick auf die beiden jungen schönen Mädchen fiel, die sich bekümmert über ihn beugten, in deutscher Sprache: »Gewiß bin ich im Paradiese und die Englein umstehen mich.« Wenn nun aber auch die jungen Mädchen nicht verstanden, was er sagte, waren sie doch glücklich darüber, daß er wieder das Bewußtsein erlangte. Sie lächelten ihm daher zu und richteten ihn mit Hilfe der Jäger empor. Stöhnend vor Schmerz in seiner rechten Hand, stützte er sich mit der Linken auf einen der »Engel«, blieb aber dann unbeweglich stehen, weil er sich nicht sicher auf den Füßen fühlte. Den noch immer etwas verschleierten Blick umherschweifen lassend, gewahrte er den fahlgelben Körper des Auerochsen, der in der Nähe einen noch gewaltigeren Eindruck machte, er gewahrte Danusia, er gewahrte Zbyszko, welchen jene, sich über ihn beugend, mit ihren Armen umschlungen hielt. »Dieser Ritter hier ist mir wohl zu Hilfe gekommen?« fragte er nach kurzem Schweigen. »Lebt er noch?« »Er hat schwere Verletzungen davongetragen!« entgegnete einer der Hofherren, welcher der deutschen Sprache mächtig war. »Nicht gegen ihn, sondern für ihn werde ich von nun an kämpfen!« erklärte jetzt der Lothringer. In diesem Augenblicke trat die Fürstin von Zbyszko hinweg auf ihn zu, um ihm ihre Bewunderung über sein kühnes Vorgehen auszusprechen. Sie selbst wie auch die andern Frauen habe er vor dräuender Gefahr, ja vor dem Tode gerettet, erklärte sie, und dadurch sei ihm nicht nur ritterlicher Ruhm gewiß, sondern jetzt und immerdar werde er dafür gepriesen werden. »In unserer heutigen verweichlichten Zeit,« fügte sie hinzu, »steht es gar schlimm mit der Tapferkeit der Ritter, welche die Welt durchziehen. Weilt daher recht lange bei uns als Gast, oder siedelt ganz nach Masovien über, denn meiner Huld seid Ihr gewiß, und die Liebe der Menschen erringt Ihr Euch leicht durch heldenmütige Thaten.« Das nach Ruhm dürstende Herz des Lothringers floß bei diesen Worten geradezu über vor Wonne, und als er sich auch noch zum Bewußtsein brachte, daß solch mutige, ritterliche Thaten zu den Seltenheiten gehörten, daß er sich das ihm gespendete Lob in jenen fernen polnischen Landen errungen hatte, von denen man die wunderbarsten Mären im Osten erzählte, da fühlte er vor Freude kaum noch Schmerzen in dem verletzten Arme. Wenn ein Ritter an dem brabantischen oder burgundischen Hofe zu erzählen vermochte, er habe auf der Jagd das Leben der masovischen Fürstin gerettet, dann wandelte er fürderhin im Strahlenkranze der Ehre und des Ruhmes dahin, darüber konnte kein Zweifel herrschen. Von diesem Gedanken getragen, wollte er vor der hohen Frau auf die Knie fallen und ihr treuen Dienst geloben, allein die Fürstin war schon wieder mit Danusia um Zbyszko bemüht. Für wenige Minuten hatte dieser aufs neue das Bewußtsein gewonnen. Er lächelte Danusia zu, fuhr mit der Hand an die mit kaltem Schweiß bedeckte Stirn und verlor abermals die Besinnung. Als die erfahrenen Jäger bemerkten, wie sich seine Hände zusammenkrampften, wie er mit offenem Munde dalag, hielten sie ihn für verloren. Die noch erfahreneren Kurpen aber, von denen fast ein jeder die Spuren von Bärentatzen, von Eberhauern oder von Hörnern der Auerochsen an sich trug, behaupteten, die Hörner des Tieres seien zwischen den Rippen des jungen Ritters eingedrungen, er habe eine, höchstens zwei seiner Rippen gebrochen, das Rückgrat müsse indessen unversehrt geblieben sein, denn sonst hätte er sich selbst nicht auf einen Augenblick emporrichten können. Sie wiesen auch darauf hin, daß Zbyszko an einer Stelle gestürzt war, auf welcher der Schnee hochgetürmt lag, ein Umstand, dem er hauptsächlich seine Rettung verdanke, weil er, unter der Schwere des Tieres immer tiefer in den Schnee sinkend, davor bewahrt blieb, daß ihm Brust und Rückgrat völlig eingedrückt wurden. Unglücklicherweise hatte sich der Arzt des fürstlichen Paares, Pater Wyszoniek, von der Jagd ferngehalten, trotzdem er gewöhnlich dabei zu sein pflegte, weil er gerade in der Zeit mit der Herstellung von Oblaten beschäftigt war. Als dies dem Böhmen zu Ohren kam, machte er sich spornstreichs auf den Weg zu ihm, während Zbyszko von einigen Kurpen auf dem Mantel in den Jagdhof getragen ward. Danusia wollte zu Fuß neben ihm hergehen, diesem Vorhaben widersetzte sich jedoch die Fürstin, weil der Weg sehr weit und infolge des tiefen Schnees sehr beschwerlich war. Man schickte sich indessen an, dem Leidenden zu Pferde zu folgen. Der Starost Hugo de Danveld beeilte sich, Danusia in den Sattel zu helfen, dann ritt er, sich mit ihr dicht hinter den Leuten haltend, die Zbyszko trugen, neben ihr her und sagte ihr auf polnisch in eindringlichem Tone, aber doch so, daß er nur von ihr gehört werden konnte: »Ich habe in Szezytno einen wunderthätigen, heilenden Balsam, den ich von einem Einsiedler in dem hereynischen Walde erhielt. Wenn Ihr es wünscht, soll davon längstens in drei Tagen in Euern Händen sein.« »Gott möge Euch dafür lohnen!« antwortete Danusia. »Der Herr gedenkt jeder barmherzigen That! Doch welchen Dank darf ich von Euch erhoffen?« »Wie soll ich Euere Güte vergelten?« Der Starost schwieg einige Minuten, um dann zaudernd zu antworten: »Eine Frau wird Euch den heilenden Balsam bringen. Später wollen wir dann von Euerem Danke reden.« Sechstes Kapitel. Nach einer eingehenden Untersuchung der Wunden Zbyszkos stellte der Pater Wyszoniek zwar fest, daß sich jener nur eine Rippe gebrochen habe, allein er erklärte trotzdem, er vermöge sich in den ersten Tagen nicht für dessen Wiederherstellung zu verbürgen, weil er nicht wissen könne, ob sich das Herz des Kranken nicht gedreht habe, ob dessen Leber nicht völlig weggerissen sei. Auch Fulk de Lorche mußte sich gegen Abend infolge eines großen Schwächeanfalles niederlegen, ja, des andern Tages verursachte ihm sogar die geringste Bewegung heftige Schmerzen. Gemeinsam mit den andern Hoffräulein wartete die Fürstin und Danusia der Kranken und bereitete ihnen nach der Vorschrift des Paters Wyszoniek allerlei Salben und Tränklein. In Zbyszkos Befinden trat keine Besserung ein, und besonders die Blutspuren, die sich immer wieder auf seinen Lippen zeigten, beunruhigten den Pater Wyszoniek aufs höchste. Der Kranke blieb indessen vollständig bei Besinnung. Als er im Laufe des Tages von Danusia vernahm, wer ihm das Leben gerettet habe, ließ er trotz seiner großen Entkräftung den Böhmen zu sich entbieten, um diesem zu danken und ihn zu belohnen. Unwillkürlich gedachte er dabei Jagienkas, die ihm den getreuen Mann zugeschickt hatte, ohne deren liebevolle Fürsorge er wohl elend zu Grunde gegangen wäre. Dieser Gedanke lastete schwer auf ihm, weil er fühlte, daß er all das Gute, welches ihm durch das Mägdlein zu teil geworden, niemals mit Gleichem vergelten, nein, daß er ihm nur Kummer und Schmerz bereiten werde. Was half es, wenn er sich auch stets sagte: »Ich kann mich doch nicht in zwei Hälften teilen,« sein Gewissen regte sich immer wieder, und die Antwort des Böhmen vermehrte noch die innere Unruhe. »Ich schwur meiner jungfräulichen Gebieterin bei meiner Ehre als Edelmann, daß ich über Euch wachen werde!« erklärte Hlawa. »So that ich denn auch nur meine Pflicht, ohne auf eine Belohnung zu rechnen. Meiner Herrin, nicht mir, müßt Ihr, o Herr, für Euere Rettung danken.« Schwer atmend, entgegnete Zbyszko nichts. Nach kurzem Schweigen hub jedoch der Böhme abermals an: »So Ihr wünscht, daß ich nach Bogdaniec eile, trete ich sofort den Weg dahin an. Vielleicht möchtet Ihr gern den alten Herrn sehen, denn Gott allein weiß, wie es mit Euch gehen wird.« »Wie hat sich Pater Wyszoniek ausgesprochen?« fragte Zbyszko. »Pater Wyszoniek glaubt, er könne sich erst zur Zeit des Neumondes bestimmt über Euern Zustand äußern. Bis zum Neumond aber sind es noch vier Tage.« »Hei! Weshalb willst Du dann nach Bogdaniec? Entweder sterbe ich, ehe der Ohm hier sein kann, oder ich werde genesen.« »Wollt Ihr vielleicht ein Schreiben nach Bogdaniec senden? Sanderus ist der Schrift kundig. Dann wird man dort wenigstens etwas von Euch wissen und eine Messe für Euch lesen lassen.« »Laß mich in Frieden, denn ich fühle mich sehr schwach. Sollte ich sterben, kehrst Du nach Zgorzelic zurück und meldest dort, was geschehen ist. An einer Messe für mich, wird es dann nicht fehlen. Werde ich wohl hier oder in Ciechanow begraben werden?« »Entweder in Ciechanow oder in Przasnysz. Im Walde lassen sich nur die Kurpen begraben, über deren Gräber die Wölfe heulen. Ich hörte indessen von dem Gefolge, der Fürst beabsichtige, in längstens zwei Tagen mit dem ganzen Hofe nach Ciechanow zurückzukehren, um sich später von dort nach Warschau zu begeben.« »Man wird mich aber sicherlich nicht allein hier zurücklassen!« rief der Kranke. Und er täuschte sich nicht. Da Pater Wyszoniek gegen die Ueberbringung Zbyszkos nach Przasnysz Einsprache erhob, bat Anna Danuta noch im Laufe des gleichen Tages den Fürsten, er möge ihr erlauben, mit Danusia und den andern Hoffräulein den Arzt bei der Pflege des Verletzten zu unterstützen und daher noch länger in dem Jagdhofe zu verweilen. Kaum hatte indessen Herr de Lorche, der sich schon nach zwei Tagen bedeutend besser fühlte, in Erfahrung gebracht, daß die »Damen« blieben, so erklärte er sofort, er werde ihnen Gesellschaft leisten, um sie auf dem Rückwege, oder bei einem Ueberfalle der »Sarazenen« vor Gefahr zu schützen. Woher diese »Sarazenen« kommen sollten, diese Frage legte sich freilich der tapfere Lothringer nicht vor. Im fernen Westen wurden zwar auch die Litauer so genannt. Von diesen konnte aber doch der Tochter Kiejstuts, der Schwester Witolds und der Base des mächtigen »Krakauer Königs« Jagiello keine Gefahr drohen! Trotz allem aber, was Fulk de Lorche in Masovien über die getauften Litauer und über die Vereinigung der zwei Kronen auf dem Haupte eines Herrschers zu Ohren gekommen war, hatte er schon viel zu lange unter den Kreuzrittern verweilt, schenkte er deren Worten noch zu viel Glauben, um nicht den Litauern das Schlimmste zuzutrauen. Inzwischen trat ein Ereignis ein, welches auf das Verhältnis des Fürsten Janusz zu den bei ihm als Gäste weilenden Kreuzrittern seinen Schatten warf. Am Tage vor dem Aufbruche aus dem Jagdhofe trafen die Brüder Gottfried und Rotgier ein, die bis jetzt in Ciechanow zurückgeblieben waren, und mit ihnen kam ein gewisser Herr de Fourey, als Ueberbringer schlimmer Nachrichten für die Kreuzritter. Es war nämlich gar mancherlei geschehen. Bei dem kreuzritterlichen Starosten in Lubow hielten sich verschiedene fremde Gäste auf. Zu diesen gehörten, außer dem Herrn de Fourey selbst, Herr de Bergow und Herr Majneger, beide Geschlechtern entstammend, die sich hohe Verdienste um den Orden erworben hatten. Sie alle hörten fortwährend von den Kämpfen mit Jurand aus Spychow. Anstatt sich aber dadurch abschrecken zu lassen, beschlossen sie, den berühmten Helden an den Kampfplatz zu locken, wollten sie sich doch selbst davon überzeugen, ob er in der That so Grausen erregend sei, wie von ihm die Rede ging. Der Starost widersetzte sich freilich anfänglich diesem Vorhaben, indem er auf den zwischen dem Orden und dem masovischen Fürstenpaare herrschenden Frieden hinwies. Schließlich ließ er jedoch, wohl von der Hoffnung getragen, auf solche Weise von dem gefürchteten Nachbarn befreit zu werden, nicht nur alles geschehen, sondern gestattete ihnen auch, bewaffnete Kriegsknechte mitzuführen. Unverweilt sandten nun die Ritter eine Herausforderung an Jurand, der sich auch sofort bereit erklärte, unweit Spychows, an der Grenze Preußens, mit zwei seiner Gefährten gegen die drei Ritter unter dem Vorbehalte kämpfen zu wollen, daß letztere die Reisigen entlassen würden. Da nun aber die Ritter weder auf diese Bedingung eingehen, noch sich aus der Nähe Spychows entfernen wollten, überfiel sie Jurand, schlug die Knechte in die Flucht, brachte dem Herrn Majneger einen tödlichen Lanzenstich bei und nahm den Herrn de Bergow nicht nur gefangen, sondern ließ ihn in einen der unterirdischen Kerker in Spychow werfen. De Fourcy allein rettete sich. Drei Tage irrte er in den masovischen Wäldern umher. Zufällig erfuhr er dann von Pechsiedern, daß in Ciechanow Ordensbrüder weilten, und er beschloß, sich zu diesen zu begeben. Gemeinsam mit ihnen wollte er Klage bei dem erlauchten Fürsten erheben, gemeinsam mit ihnen gedachte er dessen Schutz zu erflehen, um die Befreiung des Herrn de Bergow zu erwirken. Diese Kunde trübte das gute Einvernehmen zwischen dem Fürsten und den Gästen. Nicht allein die beiden neu angelangten Brüder, sondern auch Hugo de Danveld und Zygfryd de Löwe forderten ungestüm von dem Fürsten, daß er dem Orden sofort Genugthuung verschaffe, das Grenzgebiet vor den gewaltthätigen Ueberfällen Jurands schütze und diesen für alle begangenen Unthaten gehörig bestrafe. Vornehmlich Hugo de Danveld verlangte in fast drohendem Tone blutige Rache, erregte doch stets die Erinnerung an die Abrechnung, die er selbst noch mit Jurand zu halten hatte, Scham und Schmerz in ihm. »Laßt uns die Klage vor den Großmeister bringen!« rief er. »Und wenn Eure fürstliche Durchlaucht uns keine Genugthuung verschafft, werden wir sie durch jenen selbst auch dann erringen, wenn sich sogar ganz Masovien auf seiten des verruchten Räubers stellen sollte.« Nun aber geriet der von Natur so milde Fürst in gewaltigen Zorn. »Wofür begehrt Ihr Genugthuung?« rief er. »Wenn Jurand Euch zuerst überfallen, Dörfer verbrannt, Herden hinweggetrieben und Leute getötet hätte, würde ich ihn sicherlich sofort vor Gericht laden und ihm Strafe zuerkennen. Ihr habt ihn aber selbst herausgefordert. Und Euer Starost hat ein Gefolge bewaffneter Kriegsknechte zugelassen. Was that aber Jurand? Wohl nahm er die Herausforderung an, er verlangte jedoch gleichzeitig die Entlassung der Mannen. Soll ich ihn etwa dafür strafen oder vor Gericht fordern? Ihr selbst habt mit dem gefürchteten Kämpen angebunden, vor dem alle zittern, Ihr selbst habt mutwillig die Gefahr auf Euer Haupt herabbeschworen – was wollt Ihr daher von mir? Kann ich ihm vielleicht die Abwehr verbieten, wenn es Euch beliebt, ihn mit bewaffneter Hand zu bedrohen?« »Nicht der Orden band mit ihm an, nur die Gäste, die fremden Ritter haben ihn gefordert!« warf Hugo ein. »Für die Gäste ist der Orden verantwortlich, ganz abgesehen davon, daß jenen Gästen Kriegsknechte aus der Lubaner Besatzung zuerteilt worden waren.« »Sollte der Starost vielleicht seine Gäste einfach hinschlachten lassen?« Jetzt wandte sich der Fürst zu Zygfryd und sagte: »Hütet Euch davor, Ungerechtes zu fordern und Gott durch Eure Winkelzüge zu erzürnen.« Aber Zygfryd antwortete streng: »Der Herr de Bergow muß aus seinem Kerker befreit werden, denn seit undenklichen Zeiten gehören Männer aus seinem Geschlechte dem Orden an und große Verdienste haben sie sich um die Kreuzritter erworben.« »Majnegers Tod muß gerächt werden!« fügte Hugo de Danveld hinzu. Als der Fürst dies vernahm, strich er die Haare auf beiden Seiten zurück, erhob sich von seinem Sitze und schritt mit unheilverkündendem Antlitz auf den Deutschen zu. Doch augenscheinlich von dem Gedanken ausgehend, daß er mit seinen Gästen spreche, bezwang er sich nochmals und sagte, die Hand auf Zygfryds Schulter legend, in maßvollem Tone: »Hört mich aufmerksam an, mein Starost! Ihr tragt das Kreuz auf dem Mantel, so antwortet mir denn auf Euer Gewissen, bei diesem Kreuze! War Jurand im Recht oder war er nicht im Recht?« »Herr de Bergow muß aus dem Kerker befreit werden!« entgegnete Zygfryd de Löwe. Während einiger Minuten herrschte tiefes Schweigen, dann rief der Fürst: »Gott verleihe mir Langmut und Geduld.« Zygfryd aber fuhr mit einer harten, einem schneidenden Schwerte ähnlichen Stimme fort: »Diese Beschimpfung, welche uns, als unsern Gästen zugefügt, betroffen hat, giebt uns nur einen neuen Anlaß zur Klage. Nirgendwo, seit dem Bestehen des Ordens, weder in Palästina noch in Siebenbürgen, noch inmitten der bis jetzt heidnisch gebliebenen Litauer, ist uns von irgend einem namhaften Helden so viel Schlimmes zugefügt worden, wie von diesem Räuber aus Spychow. Eure fürstliche Durchlaucht! Nicht für eine Schandthat fordern wir Genugthuung und Strafe, sondern für tausende, nicht für einen Ueberfall, sondern für fünfzig, nicht für das Blut, das einmal, nein, das Jahre hindurch vergossen ward. Eine Flamme vom Himmel sollte dafür das verruchte Nest der Bosheit und Grausamkeit verzehren! Wessen Klagen schreien um Rache zu Gott? Die unseren! Wessen Thränen? Die unseren! Umsonst verlangen wir Gerechtigkeit, umsonst fordern wir strenges Gericht. Ungehört verhallen unsere Worte!« Auf diese Rede hin antwortete Fürst Janusz kopfschüttelnd: »Hei! Gar häufig sind die Kreuzritter früher in Spychow zu Gast gewesen, und erst dann zeigte sich Jurand Euch feindlich, als durch Eure Grausamkeit ihm das geliebte Weib durch den Tod entrissen ward. Zudem aber, wie viele Male habt Ihr schon selbst mit ihm angebunden, um ihn, wie auch jetzt, dafür zu züchtigen, daß er Eure Ritter siegreich bekämpfte? Wie viele Male überfielt Ihr ihn wie Räuber, wie viele Male habt Ihr die Armbrust im Walde auf ihn abgeschossen? Freilich überfiel er Euch dann auch, von Rache getrieben – doch habt Ihr es, haben es die Ritter, die in Euern Landen seßhaft sind, jemals anders gemacht? Wer hat das friedfertige Volk in Masovien überfallen, wer hat die Herden hinweggetrieben, die Dörfer niedergebrannt, Männer, Weiber und Kinder gemordet? Und welche Antwort erhielt ich aus Marienburg, als ich mich bei dem Meister darob beschwerte: ›An der Grenze herrscht gewöhnlich Aufruhr!‹ Laßt mich in Frieden! Euch geziemt es wahrlich nicht, Klage zuführen. Euch, die Ihr mich in Friedenszeiten, da ich ohne Waffen und Wehr war, auf meinem eigenen Grund und Boden überfielt. Euch, die Ihr mich jetzt noch in Euern unterirdischen Kerkern schmachten ließet, wenn Ihr nicht den Zorn des Krakauer Königs gefürchtet hättet. So bezahltet Ihr mich, der ich dem Geschlechte Eurer Wohlthäter entstamme. Laßt mich in Frieden, denn Ihr könnt nicht von Genugthuung sprechen!« Voll sichtlicher Ungeduld lauschten die Kreuzritter diesen Worten, war es ihnen doch höchst peinlich, daß der Fürst in Gegenwart des Herrn de Fourcy die Vorfälle bei Zlotorja berührte. Vornehmlich Hugo de Danveld schien darauf bedacht zu sein, dem Gespräche eine andere Wendung zu geben, und begann folgendermaßen: »Eure fürstliche Durchlaucht hat sich einen Irrtum zu schulden kommen lassen. Nicht um die Furcht vor dem Krakauer König handelt es sich hier, sondern um eine Genugthuung. Unser Meister aber kann für gesetzlose Zustände an den Grenzen nicht verantwortlich gemacht werden, denn soviele Königreiche es auch auf der Welt giebt, überall an den Grenzen stiften unruhige Geister Aufruhr.« »Auf diese Weise sprichst Du und verlangst doch, daß Gericht über Jurand gehalten werde. Was wollt Ihr denn eigentlich?« »Genugthuung und Bestrafung.« Seine knöchernen Hände faltend sagte der Fürst nun abermals: »Der Herr verleihe mir Langmut und Geduld!« »Möge Eure fürstliche Durchlaucht bedenken,« ergriff Danveld von neuem das Wort, »daß unsere kampflustigen Ritter nur weltliche und nicht dem deutschen Stamme entsprossene Mannen bedrängen. Eure jedoch heben die Hand gegen den Deutschen Orden auf, wodurch sie sich gegen den Heiland schwer vergehen. Welche Strafen, welche Marter sind aber groß genug für solche, die gegen den Gekreuzigten sündigen?« »Höre!« rief der Fürst. »Führe den Namen Gottes nicht beständig im Munde, denn Ihn täuschest Du nicht.« So sprechend, ergriff er den Kreuzritter an den Schultern und schüttelte ihn dermaßen, daß dieser, erschreckt, mit viel sanfterer Stimme fortfuhr: »Wenn unsere Gäste zuerst in Jurands Gebiet eingedrungen sind, wenn sie die Reisigen nicht entlassen haben, so lobe ich sie nicht darob. Dies fragt sich aber noch, wie es sich auch fragt, ob Jurand die Forderung angenommen hat.« So sprechend, warf er dem Herrn de Fourcy, unmerklich mit den Augen blinzelnd, einen bedeutsamen Blick zu, wohl um diesen zur Verneinung der Frage zu veranlassen. Allein de Fourcy entgegnete rasch, ohne das Zeichen zu bemerken oder bemerken zu wollen: »Jurand erklärte sich bereit, mit zwei seiner Gefährten gegen uns drei zu kämpfen, sobald wir die Kriegsknechte entlassen haben würden.« »Seid Ihr dessen gewiß?« »Auf meine Ehre! Ich und de Bergow wären auf die Bedingungen eingegangen, Majneger aber widersetzte sich unserm Vorhaben.« »Starost aus Szezytno!« ließ sich jetzt der Fürst vernehmen, »Ihr wißt besser als die andern, daß Jurand die Forderung nicht abgewiesen hat. Wer aber von Euch diesen zu einem Kampfe zu Fuß oder zu Pferd fordern will,« wandte er sich hierauf an alle, »dem erteile ich die Erlaubnis dazu. Wenn es Euch gelingen würde, Jurand zu töten oder in Eure Gewalt zu bringen, käme Herr de Bergow ohne Lösegeld aus der Gefangenschaft. Mehr verlangt jedoch nicht von mir, denn mehr gestehe ich Euch nicht zu.« Nach diesen Worten trat tiefes Schweigen ein. Weder Hugo de Danveld, noch Zygfryd de Löwe, weder Rotgier noch Godfryd waren trotz ihrer anerkannten Tapferkeit geneigt, mit dem gefürchteten Gebieter von Spychow einen Kampf auf Tod und Leben zu wagen. Dazu hätte sich vielleicht ein fremder, aus fernen Landen stammender Kämpe wie de Lorche oder de Fourcy verstanden, ersterer war jedoch nicht anwesend, und letzterer stand noch zu sehr unter dem Eindrucke der jüngsten Erlebnisse. »Einmal habe ich ihn gesehen,« murmelte er vor sich hin, »aber niemals möchte ich ihm wieder gegenüberstehen.« Zygfryd de Löwe aber ließ sich also vernehmen: »Die Ordensbrüder dürfen sich nur dann zum Zweikampfe stellen, wenn sie die besondere Erlaubnis des Meisters und des Großmarschalls dazu erhalten haben. Uns ist es aber nicht um die Erlaubnis zum Kampfe zu thun, uns liegt vor allem daran, daß de Bergow aus der Haft entlassen werde, daß Jurand mit dem Kopfe für seine Thaten büße.« »Nicht Euch gebührt es, in diesen Landen Recht zu sprechen!« »Schon viel zu lange haben wir die schlimme Nachbarschaft geduldig ertragen. Doch unser Meister wird uns Gerechtigkeit verschaffen.« »Wohl steht er über Euch, aber nicht über Masovien.« »Hinter dem Meister stehen die Deutschen und der römische Kaiser.« »Und hinter mir steht der polnische König, dem noch weit mehr Länder und Völker unterthan sind.« »Will Eure fürstliche Durchlaucht dem Orden den Krieg erklären?« »Wollte ich Krieg führen, so würde ich Euch nicht in Masovien erwarten, sondern gegen Euch ziehen. Doch unterlaß Deine Drohungen, denn ich hege keine Furcht.« »Was soll ich dem Meister melden?« »Euer Meister hat mir keine Frage vorgelegt. Sage ihm, was Du willst.« »So werden wir uns denn selbst Gerechtigkeit verschaffen müssen!« »Nimm Dich in acht!« rief nun der Fürst mit einer vor Wut entstellten Stimme, indem er dem Kreuzritter mit der geballten Hand drohte, »nimm Dich in acht! Wohl gestattete ich Dir, Jurand zum Zweikampfe zu fordern, doch planst Du, mit dem Kriegsheere des Ordens in das Land zu fallen, dann schlage ich los, und als Gefangener, nicht als Gast wirst Du hier weilen.« Seine Geduld war offenbar erschöpft. Mit aller Gewalt schleuderte er seine Kopfbedeckung auf den Tisch und warf, aus der Stube eilend, die Thüre krachend hinter sich zu. Bleich vor Zorn blieben die Kreuzritter zurück, und Herr de Fourcy blickte verstört von einem zum andern. Hugo de Danveld aber sprang fast mit Fäusten auf Herrn de Fourcy zu. »Was soll das Zugeständnis bedeuten,« schrie er, »daß Ihr Jurand zuerst gefordert habt?« »Ich habe die Wahrheit gesprochen.« »Ihr hättet alles leugnen sollen.« »Zum Kampfe zog ich aus und jede Lüge liegt mir fern.« »Brav habt Ihr gekämpft, das muß ich sagen.« »Und Ihr? Seid Ihr denn nicht vor Jurand nach Szezytno geflohen?« » Pax !« rief nun de Löwe. »Dieser Ritter ist der Gast des Ordens.« »Seine Aussage fällt ja gar nicht ins Gewicht,« warf nun auch Godfryd ein. »Ohne Gericht kann Jurand nicht gestraft werden, und vor Gericht würde ja doch alles an den Tag kommen.« »Was ist jetzt zu thun?« warf Rotgier ein. Ein kurzes Schweigen trat ein, dann ergriff der strenge und halsstarrige Zygfryd de Löwe das Wort. »Man muß dem Bluthunde einmal Ernst zeigen,« erklärte er. »De Bergow darf nicht länger in Ketten schmachten. Wir bieten die Besatzung von Szezytno, von Insburk und von Lubow auf, wir rufen den Kulmer Adel zu Hilfe und ziehen gegen Jurand. Es ist an der Zeit, ein Ende mit ihm zu machen.« Nun aber kreuzte der schlaue Danveld, der es verstand, ein jedes Ding von zwei Seiten zu beleuchten, die Hände über dem Haupte, runzelte sinnend die Stirn und bemerkte: »Ohne Erlaubnis des Meisters ist an ein solches Unternehmen nicht zu denken.« »Wenn wir unser Ziel erreichen, wird uns der Meister darob loben!« bemerkte Godfryd. »Und wenn es uns nicht gelingt, wenn der Fürst die Lanzenträger gegen uns schickt? Was dann?« »Davor wird er sich hüten. Es herrscht Frieden zwischen dem Orden und ihm.« »Freilich herrscht Frieden. Wir aber brechen ihn dann. Und unsere Besatzungen werden gegen die Masuren nicht aufkommen.« »Schließlich muß aber der Meister für uns eintreten und damit ist der Krieg erklärt.« »Nein, nein,« ließ sich hieraus de Danveld nach kurzem Sinnen vernehmen, »dem ist nicht so. Wenn wir Erfolg haben, wird sich der Meister wohl insgeheim freuen, er wird Gesandte an den fürstlichen Hof schicken und die Verhandlungen so führen lassen, daß wir straflos ausgehen. Falls wir jedoch eine Niederlage erleiden, wird der Orden weder für uns einstehen, noch den Krieg erklären. Dazu müßten wir einen andern Meister haben. Hinter dem Fürsten steht der polnische König und mit dem bindet der Meister nicht an.« »Dessenungeachtet haben wir uns des Gebietes um Dobrzyn bemächtigt, als Beweis dafür, wie wenig wir uns vor Krakau fürchten.« »Weil wir scheinbar ein Recht dazu hatten ... denkt an Opolczik. Nun, wir nahmen das Land ja nur als Pfand, aber auch das ...« Hier blickte er sich vorsichtig um und fügte dann leise hinzu: »Ich hörte in Marienburg, daß auf dieses Pfand sofort Verzicht geleistet würde, wenn andernfalls ein Krieg drohen sollte.« »Ach,« meinte Rotgier ungeduldig, »ich wollte, Markward Salzbach wäre hier, oder Szomberg, der die Brut Witolds erwürgt hat, die wüßten uns Rat zu schaffen wegen Jurand. Bedenkt Witold! Der Statthalter Jagiellos! Der mächtige Fürst! Und trotzdem entging Szomberg der Strafe. Er erwürgte Witolds Kinder und ward nicht zur Rechenschaft dafür gezogen! Wahrlich, uns mangelt es an Leuten, die sofort für alles Rat wissen.« Als Hugo de Danveld diese Worte vernahm, versank er, das Haupt in die Hand stützend, längere Zeit in tiefes Sinnen. Dann, mit einem Male, leuchteten seine Augen und er hub also an: »Gesegnet sei der Augenblick, in dem Ihr den Namen des tapferen Szomberg nanntet.« »Weshalb? Ist Euch ein guter Gedanke gekommen?« fragte Zygfryd de Lowe. »Sprecht schnell!« riefen Rotgier und Godfryd. »So hört denn!« antwortete Hugo. »Jurand hat ein einziges Kind, eine Tochter, die er wie seinen Augapfel liebt.« »Ja, wir kennen sie. Nicht nur er, sondern auch die Fürstin Anna Danuta ist dem Mädchen zugethan.« »Gewiß. Hört mich an! Wie wäre es, wenn wir versuchten, das Mädchen in unsere Gewalt zu bekommen? Jurand würde für dessen Auslösung nicht nur de Bergow, sondern sich selbst und Spychow dazu zum Opfer bringen.« »Bei dem Blute des heiligen Bonifatius, das in Dockum vergossen ward!« rief Godfryd, »ganz so würde es kommen, wie Ihr sagt!« Dann aber verstummten alle für eine geraume Zeit, wie erschreckt über einen so waghalsigen, gefährlichen Plan. Schließlich wandte sich Rotgier an Zygfryd de Löwe. »Euer Verstand ist ebenso groß wie Eure Erfahrung. Was haltet Ihr von dem allem?« »Ich glaube, daß die Sache der Ueberlegung wert ist.« »Aber die Fürstin hat ja das Mädchen stets um sich,« fuhr Rotgier fort, »liebt sie es doch gleich einer eigenen Tochter. Bedenkt, welch ein Lärm sich erheben wird.« Hugo de Danveld lachte. »Ihr habt selbst behauptet,« warf er ein, »daß Szomberg die Brut Witolds vergiftet oder erwürgt habe. Nun, welche Strafe ist ihm dafür geworden? Bei jeder Veranlassung wird Lärm geschlagen. Wenn wir aber Jurand in Ketten unserem Meister zuführen, ernten wir sicher Lob, wartet unsrer keine Strafe.« »Ei,« ließ sich nun de Löwe vernehmen, »gar günstig ist freilich jetzt die Gelegenheit zu einem Ueberfalle. Der Fürst verläßt den Jagdhof, auf dem nur Anna Danuta mit den Hoffräulein bleibt. Doch wie läßt sich der Ueberfall auf einem fürstlichen Herrenhofe in Friedenszeiten rechtfertigen? Wenn dies noch Spychow wäre! Denkt an Zlotorja! Ganz das Gleiche kann sich abermals ereignen! Bei allen Königen, bei dem Papste werden aufs neue Klagen über die Gewaltthätigkeit des Ordens geführt werden, wieder wird sich der verfluchte Jagiello in wilden Drohungen ergehen, und der Meister, nun, ihr kennt ihn ja! Gern bemächtigt er sich zwar alles dessen, was er bekommen kann, aber einem Kriege mit Jagiello, dem geht er aus dem Wege. Ja, in ganz Masovien, in ganz Polen wird man gegen uns wüten.« »Inzwischen bleichen aber die Gebeine Jurands am Galgen!« entgegnete Hugo de Danveld. »Und zudem, wer hat Euch denn davon gesprochen, daß das Mägdlein aus dem Jagdhofe entführt, von der Seite der Fürstin hinweggerissen werden soll?« »Aus Ciechanow könnt Ihr es aber doch nicht entführen, aus Ciechanow, wo sich außer den Edelleuten dreihundert Bogenschützen befinden?« »Nein! Kann aber Jurand nicht plötzlich erkranken und etliche Boten zu dem Mägdlein entsenden? Daß es die Fürstin unter solchen Umständen ziehen läßt, das unterliegt keinem Zweifel. Und wenn die Maid unterwegs verschwindet, wer wagt es, Euch oder mir zu sagen: ›Du hast sie geraubt‹?« »Ei,« warf de Löwe ungeduldig dazwischen, »so bewerkstelligt doch, daß Jurand erkrankt und nach dem Mägdlein schickt!« Mit triumphierendem Lächeln erklärte Hugo de Danveld darauf: »Ich kenne einen Goldschmied, der, wegen Diebstahls aus Marienburg vertrieben, seinen Wohnsitz in Szezytno aufgeschlagen hat und der jedes Siegel täuschend nachzuahmen versteht. Auch gebiete ich über Leute, welche, trotzdem sie uns untergeben sind, aus dem masurischen Volke stammen. Versteht Ihr mich endlich?« »Ich verstehe alles!« erklärte Godfryd eifrig. Dann drückte er die Augen zusammen, als ob er etwas in weiter Ferne schauen wolle und fuhr fort: »Ich sehe Jurand mit dem Stricke um den Hals an dem Danziger Thore in Marienburg stehen, ich sehe, wie ihn unsere Knechte mit den Füßen stoßen.« Siebentes Kapitel. Vor ihrer Abreise nach Szczytno stellten sich die vier Brüder und de Fourcy bei dem Fürsten und der Fürstin ein, um sich zu verabschieden. Wohl herrschte dabei keine allzufreundliche Stimmung, allein der Fürst, welcher der alten polnischen Sitte gemäß die Gäste nicht mit leeren Händen entlassen wollte, schenkte jedem der Brüder einen schönen Marderpelz und eine Menge Silbermünzen. Als es zu der Verabschiedung von der Fürstin kam, trat in dem Augenblick, da Zygfryd de Löwe ihr die Hand küßte, Hugo von Danveld zu Danusia, und sagte: »Eine Abgesandte wird sich hier einstellen und Euch, Jungfräulein, einen heilenden Balsam aus dem hercynskischen Walde bringen.« De Fourcy hatte dies Gespräch beobachtet, und bestrickt von der zauberhaften Schönheit Danusias, fragte er, als er sich mit seinen Gefährten schon unterwegs nach Szczytno befand: »Wer ist das schöne Hoffräulein, mit dem Ihr vor der Abreise spracht?« »Die Tochter Jurands!« entgegnete der Kreuzritter. »Ich versprach ihr, Balsam für den jungen Ritter zu senden, dem sie, wie Ihr wißt, angelobt ist,« erklärte er, »und der mit dem Auerochsen gekämpft hat. Wenn sich dann ein Lärm erhebt wegen der Entführung des Mädchens, wer will uns dann die Schuld beimessen, da wir ihr sogar aus Barmherzigkeit ein Heilmittel gesandt haben?« »Das ist alles gut,« rief de Lowe, »es handelt sich aber darum, jemand Verläßliches zu finden.« »Ich schicke eine zuverlässige, mir ergebene Frau mit dem Balsam an sie ab. Ihr befehle ich, Augen und Ohren offen zu halten. Wenn dann unsere Leute, zum Scheine von Jurand kommend, sich einstellen, werden sie den Weg schon geebnet finden.« »Es wird jedoch schwer fallen, die Leute zu finden,« wendete de Löwe ein. »Nein. Das Volk bei uns spricht die gleiche Sprache wie hier zu Lande. Es befinden sich zudem in der Stadt – traun – sogar unter unsern Knechten, Leute, welche sich ihrer Verurteilung in Masovien durch die Flucht entzogen haben – Räuber, Diebe – die aber thatsächlich keine Furcht kennen, die zu allem bereit sind. Diesen stellte ich, für den Fall, daß sie ihre Absicht erreichen, eine große Belohnung in Aussicht, für den Fall des Mißlingens aber den Strick.« »Schau, schau! Und falls sie Verrat üben sollten?« »Die üben keinen Verrat, denn in Masovien ist schon für jeden der Pflock bereit, und über einem jeden hängt der Urteilsspruch. Wohl aber ist es nötig, sie mit neuen Gewändern zu versehen, damit sie für eine in Wahrheit von Jurand geschickte Gesandtschaft gelten können – und was die Hauptsache ist: der Brief mit dem Siegel des Jurand.« »Es muß eben alles gut eingefädelt werden,« meinte Rotgier. »Vielleicht beabsichtigt aber Jurand, sich wegen des letzten Zusammenstoßes zu dem Fürsten zu begeben, um sich über uns zu beklagen und sich selbst zu rechtfertigen. Möglicherweise eilt er von Ciechanow zu der Tochter auf den Jagdhof und es kommt dann soweit, daß unsere, zu der Tochter Jurands geschickten Leute, sich diesem selbst anvertrauen.« »Die Leute, welche ich schicke, sind mit allen Hunden gehetzt. Die werden schon wissen, in welche Gefahr sie sich begeben, so sie sich Jurand anvertrauen. Deren Kopf zum Pfande, daß an ein solches Zusammentreffen nicht zu denken ist.« Nun aber ergriff Godfryd, der jüngste unter den Rittern, das Wort und meinte: »Ich begreife weder Euere Vorsicht noch Euere Furcht, es könne ruchbar werden, daß das Mädchen auf unsere Veranlassung hin entführt worden sei. Haben wir sie erst einmal in unserer Gewalt, dann müssen wir doch jemand zu Jurand schicken und ihm sagen lassen: ›Deine Tochter ist bei uns – willst Du, daß sie die Freiheit erlangt, so liefere de Bergow aus oder ergieb Dich selbst.‹ Was soll man denn anders thun? Freilich wird es dann bekannt, daß wir das Mädchen aufgreifen ließen.« »Das ist richtig!« rief der Herr de Fourcy, der wenig Geschmack an der ganzen Sache zu finden schien. »Weshalb etwas verbergen wollen, was ans Tageslicht kommen muß?« Hugo de Danveld aber wandte sich lächelnd an Godfryd. »Jurand kennt uns besser als Ihr. Man wird folgendermaßen zu ihm reden: ›Deine Tochter steht unter dem Schutze Szombergs, und wenn Du Dich auch nur rührst – denke an die Kinder des Witold‹.« »Und daraufhin?« »Daraufhin wird de Bergow freigelassen, und auch der Orden wird von Jurand befreit.« »Traun!« rief Rotgier, »alles ist so gut ausgedacht, daß unsere Unternehmung sicher glücken wird.« Und schweigend ritten sie weiter. Vor ihnen aber schritt, zwei oder drei Büchsenschüsse entfernt, ihr Gefolge, um den Weg zu ebnen, der fußhoch mit Schnee bedeckt war, da es in der Nacht heftig geschneit hatte. An den Bäumen hingen zwar noch dicke Eiszapfen, der Tag aber war neblig, und es war so warm, daß die Pferde mit Schweiß bedeckt waren. Ueber dem Gehölze, den Wohnstätten der Menschen zu, flogen Schwärme von Krähen, die Luft mit ihrem Gekrächze erfüllend. Sinnend dahinreitend, blieb Herr de Fourcy ein wenig hinter den Kreuzrittern zurück. Er war seit mehreren Jahren Gast derselben, hatte an den Kämpfen gegen Samogitien teilgenommen, wo er sich durch seine Tapferkeit auszeichnete, und beabsichtigte nun, in den Orden einzutreten, da er bei ihm eine Aufnahme fand, wie sie nur die Kreuzritter im stande waren, einem fremden Kämpen zu gewähren. Bis jetzt hatte er sich bald in Marienburg aufgehalten, bald irgend einen befreundeten Komturen besucht, stets darauf bedacht, auf seinen Fahrten Ergötzung und Abenteuer zu finden. Seit er vor kurzem in Lubow mit dem reichen de Bergow zusammengetroffen war, seit man ihm eingehend über Jurand gesprochen, hatte er seine Lust nicht zügeln können, sich mit einem Manne zu messen, der rings um sich her Schrecken verbreitete. Die Ankunft des siegreichen Majneger hatte nur dazu gedient, die Ausführung des Unternehmens zu beschleunigen. Der Komtur von Lubow hatte ihnen die Kriegsknechte dazu gestellt, er hatte indessen den drei Rittern soviel, sowohl von der Grausamkeit, wie auch von der List und der Treulosigkeit Jurands erzählt, daß jene dessen Aufforderung, die Reisigen zu entlassen, nicht berücksichtigten. Sie fürchteten bei ihrem Unternehmen umzingelt, geschlagen oder in die dunklen Kerker von Spychow geworfen zu werden. Jurand aber, der sofort vermutete, daß es sich hier nicht nur um einen ritterlichen Kampf, sondern auch um Raub und Plünderung handle, hatte sie angegriffen und ihnen eine furchtbare Niederlage beigebracht. De Fourcy sah Bergow mit seinem Pferde zusammenbrechen, er sah Majneger, von einer Lanze durchbohrt, niedersinken, er hörte die Kriegsknechte vergeblich um Barmherzigkeit flehen. Ja, er selbst vermochte sich kaum zu retten. Tagelang irrte er in den Wäldern umher, wo er vor Hunger gestorben oder von wilden Tieren zerrissen worden wäre, wenn er nicht Ciechanow erreicht hätte, wo sich die Brüder Godfryd und Rotgier befanden. Aus dem ganzen Kampfe trug er das Gefühl der Beschämung, der Demütigung, ja des Hasses gegen den Ueberwinder davon. Tiefes Herzeleid, tiefer Schmerz erfüllten ihn wegen de Bergow, der ihm als Freund sehr nahe stand. Aus innerster Ueberzeugung schloß er sich dem Vorgehen der Ordensritter an, als sie Klage erhoben auf Buße und auf Freilassung des unglücklichen Gefährten, und als die Klage erfolglos geblieben war, da gab es für ihn im ersten Augenblicke nichts, was er nicht vollführt hätte, um an Jurand Rache zu nehmen. Jetzt aber regten sich bei ihm plötzlich allerlei Bedenken. Als er hörte, was Hugo de Danveld sagte, ergriff ihn unendliches Staunen. Nachdem er im Laufe der Jahre den Kreuzrittern nähergetreten war, sah er nur zu gut ein, daß man sie bei den Deutschen, überhaupt im Westen, falsch beurteilte. Freilich kannte er in Marienburg gerecht und streng denkende Ritter, und nur zu häufig beklagten diese die Zügellosigkeit, die Zuchtlosigkeit der Brüder, den Mangel an Disziplin bei ihnen – und de Fourcy mußte ihnen in allem recht geben. Allein wegen der großen Tapferkeit, die alle Ordensritter auszeichnete, bewunderte er sie dennoch aufrichtig. Er hatte sie bei Wilna gesehen, wo sie Brust an Brust mit den polnischen Rittern kämpften, bei der Belagerung der Burgen, die mit übermenschlicher Ausdauer von den polnischen Hilfstruppen verteidigt wurden, er sah sie unter den Streichen der Beile und Schwerter fallen, im gemeinsamen Ansturm und im Einzelkampfe. Wohl zeigten sie sich unbarmherzig und grausam gegen die Litauer, allein sie kämpften gleichzeitig wie die Löwen – und im Strahlenkranze des Ruhmes wandelten sie dahin. Nun aber dünkte es de Fourcy, daß Hugo de Danveld auf eine Weise redete, sich in einer Weise gebärdete, die jeden edeldenkenden Ritter in tiefster Seele empören mußte – und seine Begleiter wandten sich darob nicht einmal in Abscheu von ihm ab, sondern sie legten jedem seiner Worte ein besonderes Gewicht bei. Er konnte sich nicht mehr zurechtfinden und schließlich fragte er sich, ob er zu einem solchen Plane die Hand bieten dürfe. Wenn es sich nur um die Entführung des Mädchens wegen der Auslieferung de Bergows gehandelt hätte, würde er sich ohne weiteres an dem Unternehmen beteiligt haben. Die Kreuzritter sannen jedoch auf noch ganz andere Dinge. Sie wollten durch die Entführung des Mädchens nicht nur die Freigebung de Bergows erzwingen, sondern auch Macht über Jurand gewinnen – sie hofften, durch Danusia letzteren in ihre Gewalt zu bekommen, um ihn dann zu ermorden und sicherlich mit ihm zugleich auch das Mädchen, damit ihre Grausamkeit, ihr schändliches Verbrechen verborgen bliebe. Bedrohten sie das Mädchen denn nicht schon mit dem Lose der Kinder von Witold für den Fall, daß Jurand sich zu widersetzen wagte? »Keines der beiden werden sie freigeben,« sagte sich de Fourcy, »und doch tragen sie das Kreuz und müßten mehr als alle anderen auf ihre Ehre, auf ihre Pflichten bedacht sein.« Seine ganze Seele bäumte sich in diesem Augenblick gegen all die Schändlichkeiten auf, allein da er sich doch noch vergewissern wollte, ob sein Verdacht begründet sei, wandte er sich aufs neue an Danveld und fragte: »Wie ist's? Gebt Ihr das Mädchen frei, wenn Jurand sich Euch stellt?« »Wenn wir sie losgeben würden, müßte sich ja die ganze Welt davon überzeugen, daß wir beide aufgreifen ließen,« entgegnete Danveld. »Traun, was gedenkt Ihr mit dem Mädchen anzufangen?« Daraufhin neigte sich Danveld gegen den Sprechenden und erwiderte mit einem bösen Lächeln: »Wornach fragt Ihr? Darnach, was wir früher oder was wir später mit ihr anfangen werden?« Jetzt wußte de Fourcy, was er wissen wollte. Während eines Augenblickes kämpfte er mit sich selbst, dann aber hob er sich ein wenig im Bügel und sagte so laut, daß alle vier Ritter ihn hören konnten: »Der fromme Bruder Ulrych von Jungingen, der ein Schmuck, eine Zierde des Ritterstandes ist, sprach einmal also zu mir: ›Unter den älteren Brüdern in Marienburg befinden sich noch würdige Kreuzritter, aber die, welche auf den Grenz-Komtureien sitzen, bringen dem Orden nur Schande‹. Und wie steht es mit Eurer Ritterehre? Nicht durch schmähliche Thaten dient Ihr dem Erlöser. Wißt daher, daß ich nicht die Hand zu Eurem Plane biete, ja daß ich ihn auch zu vereiteln suchen werde.« »Was wollt Ihr vereiteln?« »Daß Ihr voll List, voll Grausamkeit, also geradezu schmählich handelt.« »Und wie wollt Ihr uns daran hindern? Im Kampfe mit Jurand habt Ihr Euer Gefolge und Eure Habe eingebüßt. Ihr hängt von der Gnade der Kreuzritter ab und müßt Hungers sterben, wenn sie Euch kein Stückchen Brot mehr hinwerfen. Deshalb laßt einen jeden von uns vieren wissen – wie Ihr unsern Plan vereiteln wollt.« »Wie ich ihn vereitle?« wiederholte de Fourcy. »Ich kann an den Hof zurückkehren und die Fürstin warnen, ich kann dafür sorgen, daß in der ganzen Welt Euer Vorhaben ruchbar wird.« Daraufhin blickten die Brüder einander an, und innerhalb einer Sekunde veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Hauptsächlich Hugo de Danveld schaute längere Zeit fragend auf Zygfryd de Löwe, wandte sich aber dann abermals zu dem Herrn de Fourcy: »Ihr überhebt Euch,« bemerkte er, »Ihr gewinnt Euren Lebensunterhalt durch den Orden, und Ihr wollt Euch ihm widersetzen und uns des Verrates zeihen?« »Verrätern will ich nicht dienen.« »Ei, ei, sieh da, hütet Euch, Eure Drohung auszuführen. Wißt, daß der Orden seine Gegner zu treffen weiß.« Nun aber zog de Fourcy, den diese Worte noch mehr aufstachelten, sein Schwert, faßte es fest in die Rechte, legte die Linke über die Spitze und rief: »Bei dieser Spitze, welche nun die Form des Kreuzes hat, bei dem Haupte des heiligen Dyonisius, meines Schutzpatrones, und bei meiner ritterlichen Ehre schwöre ich, daß ich den masurischen Fürsten und den Großmeister warnen werde.« Daraufhin ließ sich Danveld mit einer seltsam dumpfen und veränderten Stimme also vernehmen: »Der heilige Dyonisius möge seinen abgeschlagenen Kopf unter dem Arme halten, wenn jedoch einmal der Eure fällt ...« »Wollt Ihr mir drohen?« warf de Fourcy ein. »Nein, ich schlage sofort zu!« entgegnete Danveld. Und mit diesen Worten stieß er dem Ritter das Messer mit solcher Kraft in die Seite, daß es bis an den Griff in dessen Körper drang. De Fourcys Mund entrang sich ein entsetzlicher Schrei, er versuchte während einiger Sekunden sein Schwert mit beiden Händen zu schwingen, allein es entfiel ihm, denn nun stachen gleichzeitig die andern drei Ritter so lange mitleidslos mit ihren Waffen auf ihn ein, bis er vom Pferde stürzte. Dann folgte tiefes Schweigen. Aus zahllosen Wunden blutend wälzte sich de Fourcy auf dem Schnee, in den er die konvulsivisch zuckenden Finger eingrub. Unter dem bleifarbenen Himmel aber ertönte das Gekrächze der Krähen, welche über die stillen Wälder den Wohnsitzen der Menschen zuflogen. Erst nach längerer Pause begannen die Mörder miteinander zu flüstern. »Unser Gefolge hat nichts bemerkt,« erklärte leise Danveld. »Nichts,« erwiderte de Löwe, »die Leute sind schon zu weit voraus. Ich vermag niemand mehr zu sehen.« Jetzt ertönte auf dem gebahnten Wege Pferdegetrappel, und Hugo de Danveld rief rasch entschlossen: »Wer dies auch sein mag, er muß sterben.« De Löwe aber, der den schärfsten Blick unter ihnen hatte, trotzdem er der älteste war, erklärte: »Ich kenne ihn. Es ist jener Knappe, welcher den Auerochsen mit dem Schwerte tötete. Ja, ich habe recht, er ist es.« »Verbergt Eure Schwerter, damit er nicht stutzig wird,« warf nun Danveld ein. »Ich will aufs neue als erster auf ihn losgehen, Ihr könnt dann folgen.« Der Böhme war mittlerweile auf acht oder zehn Schritt nahe gekommen, dann hielt er plötzlich sein Pferd an. Er erblickte den Toten im Blute schwimmend, er sah das reiterlose Pferd, und Staunen malte sich auf seinem Antlitz. Doch nur eine Sekunde währte dies, gleich darauf aber wandte er sich an die Brüder und sagte in einem Tone als ob er nichts gesehen hätte: »Ich grüße Euch, tapfere Ritter.« »Wir kennen Dich,« entgegnete Danveld, sich langsam nähernd. »Was ist Dein Begehr?« »Mich sendet der Ritter Zbyszko aus Bogdaniec, dessen Waffen ich trage, und der, von einem Auerochsen auf der Jagd verwundet, sich nicht selbst bei Euch einstellen konnte.« »Was will Dein Herr von uns?« »Mein Herr gebot mir, so zu Euch zu sprechen: ›Fälschlich klaget Ihr Jurand von Spychow an, seine ritterliche Ehre schmälert Ihr ihm, nicht wie echte Ritter habt Ihr gehandelt, nein, wie kläffende Hunde: deshalb fordert er den, welcher so voll Tücke gesprochen hat, zum Zweikampfe zu Fuß oder zu Roß, auf Leben und Tod, und er ist bereit, ihn an irgend einem Ort zu treffen, den Ihr bestimmt, sobald ihn Gott in seiner Gnade und Barmherzigkeit von seinen Leiden genesen läßt‹.« »Sage Deinem Herrn, daß die Ordensritter zum Kampfe sich nur mit der ausdrücklichen Erlaubnis des Großmeisters oder des Marschalls stellen dürfen, bei denen wir in Marienburg die Zustimmung einholen werden.« Abermals blickte der Böhme auf den Leichnam des Herrn de Fourcy, denn zu diesem war er hauptsächlich geschickt worden. Zbyszko wußte ja, daß die Ordensritter sich nicht zum Zweikampfe stellen, da er indessen gehört hatte, daß sich unter ihnen ein weltlicher Ritter befinde, wollte er sich mit diesem messen, da er dadurch hoffte, Jurand für sich zu gewinnen. Nun aber lag jener Ritter, hingeschlachtet wie ein Tier, inmitten der vier Kreuzritter. Der Böhme begriff nicht recht, was vorging, da er jedoch von Jugend auf an große Gefahren gewöhnt war, befand er sich stets auf der Hut. Er bemerkte auch sehr wohl, daß sich ihm Danveld während des Sprechens immer mehr näherte, während die andern seitwärts auf ihn zukamen, gerade als ob sie ihn umzingeln wollten. Seine Aufmerksamkeit verdoppelnd, verwandte er kein Auge von Danveld, war doch seine Lage schon dadurch eine äußerst gefährdete, weil er in der Eile vergessen hatte, Waffen mitzunehmen. Danveld war ihm mittlerweile immer näher gekommen und hub von neuem an: »Ich versprach, Deinem Herrn heilenden Balsam zu senden, allein schlecht hat er mich dafür bezahlt. Folglich sage ihm ...« Hier erhob er die Rechte bis zur Schulter des Böhmen: »Folglich sage ihm, daß ich, schaue her, in solcher Weise antworte.« Bei diesen Worten versuchte er sein Schwert in die Kehle des Knappen zu stoßen, allein seine Absicht wurde vereitelt. Eine jede seiner Bewegungen war von dem Böhmen beobachtet worden, der jetzt mit eiserner Hand die Rechte des Angreifers umklammerte und sie in ihren Gelenken derartig bog und drehte, daß die Knochen krachten. Dann, sich tief auf sein Pferd herabbeugend, jagte er unter dem Schmerzensgebrüll des Verletzten davon, ohne daß ihn die anderen daran hätten hindern können. Wohl versuchten Rotgier und Godfryd, ihn zu verfolgen, allein sie kehrten bald wieder zurück, in Schrecken versetzt durch das Stöhnen und Schreien Danvelds. De Löwe stützte ihn mit seinen Armen, er aber mit totenbleichem und doch auch wieder bläulichem Gesichte fuhr fort, dermaßen zu brüllen, daß das mit den vorausgeschickten Wagen reitende Gefolge die Pferde anhielt. »Was ist Euch?« fragten Rotgier und Godfryd. De Löwe befahl ihnen jedoch, so rasch wie möglich einen Wagen herbeizuschaffen, denn Danveld konnte sich offenbar nicht mehr im Sattel halten. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, besinnungslos fiel er zurück. Sobald der Wagen bereit stand, wurde der Verletzte auf Stroh gebettet. So rasch wie möglich strebte man hierauf der Grenze zu. De Löwe trieb zur Eile an, war es ihm doch klar, daß nach den Vorgängen, ganz abgesehen von der Fürsorge für Danveld, keine Zeit verloren werden durfte. Bei letzterem auf dem Wagen sitzend, rieb er dessen Gesicht von Zeit zu Zeit mit Schnee, allein es gelang ihm lange nicht, den Ohnmächtigen zur Besinnung zu bringen. Erst in der Nähe der Grenze öffnete Danveld die Augen und blickte staunend umher. »Wie ist Euch?« fragte de Löwe. »Ich empfinde keinen Schmerz mehr, allein meine Hand ist völlig gefühllos geworden.« »Sie ist erstarrt, deshalb haben auch die Schmerzen aufgehört. In der warmen Stube werden sie zurückkehren. Doch danket Gott, daß Ihr im Augenblicke Linderung fühlt.« Auch Rotgier und Godfryd näherten sich jetzt dem Wagen. »Das Unglück ist geschehen,« rief ersterer, »was werden wir nun beginnen?« »Wir sagen,« erklärte Danveld mit schwacher Stimme, »der Knappe habe de Fourcy getötet.« »Von neuen Schandthaten, von neuen Missethaten können wir berichten!« fügte Rotgier bei. Achtes Kapitel. In größtem Galoppe war indessen der Böhme in den Jagdhof gejagt, wo er dem Fürsten, der noch dort verweilte, sofort alles berichtete, was sich ereignet hatte. Zum Glücke wußten es etliche unter den Hofleuten, daß der Knappe ohne Waffen ausgezogen war. Einer von ihnen hatte ihm, halb im Scherze, sogar noch nachgerufen, er solle sich doch in Eisen wappnen, sonst würden ihn die Deutschen zusammenhauen, allein, fürchtend die Ritter könnten die Grenze erreichen, hatte er sich so wie er ging und stand, im Schafspelze aufs Pferd geworfen, um ihnen nachzusetzen. Jener Zeuge zerstreute auch alle Zweifel des Fürsten darüber, wer de Fourcy ermordet haben mochte. Eine solche Empörung, ein solcher Zorn erfaßte ihn darob, daß er im ersten Augenblicke den Kreuzrittern nachsetzen lassen wollte, um sie zur Bestrafung in Ketten dem Großmeister zuzuführen. Bald besann er sich aber eines bessern, indem er mit Recht erwog, daß die Schuldigen schon über der Grenze sein mußten. »Ich sende ein ausführliches Schreiben an den Großmeister, erklärte er, »damit er wenigstens erfährt, welch unerhörte Dinge sie hier treiben. Böse Thaten läßt sich der Orden zu schulden kommen. Gar schlimme Gerüchte waren längst schon über ihn verbreitet, nun aber thut jeder Komtur auf eigene Faust Uebles. Der Herr sei mir gnädig, allein auf die Schuld muß die Strafe folgen.« Sinnend hielt er kurze Zeit mit Reden inne, nach einigen Minuten hub er jedoch von neuem an: »Das eine konnte ich nicht verstehen, weshalb sie den Gast erschlagen haben – und wenn ich nicht wüßte, daß der Bursche keine Waffen getragen hat, würde ich auf ihn Verdacht werfen.« »Traun!« entgegnete der Pater Wyszoniek, »weshalb hätte dieser Bursche de Fourcy erschlagen sollen? Er hatte ihn ja noch niemals gesehen, und wenn er auch nicht waffenlos gewesen wäre, wie hätte er ganz allein fünf Leute und ihr bewaffnetes Gefolge angreifen können?« »Ganz richtig!« erklärte der Fürst. »De Fourcy muß ihnen auf irgend eine Weise Widerpart gehalten haben, oder vielleicht weigerte er sich, die Unwahrheit zu sagen, wie sie verlangten, denn auch hier sah ich schon, daß sie ihm zuwinkten, er möge beteuern, Jurand habe zuerst begonnen.« Und der Oberjägermeister bemerkte: »Wenn er dem Hunde, dem Danveld, die Hand zerschmetterte, muß dieser Knappe ein starker, verwegener Bursche sein.« »Er sagt, er habe gehört, wie die Knochen des Deutschen krachten,« antwortete der Fürst, »und wenn man erwägt, wie er sich schon früher im Walde hervorthat – so ist dies nicht unwahrscheinlich. Offenbar sind Diener und Herr recht hitzige Kämpen. Wäre Zbyszko nicht gewesen, so hätte sich der Auerochse auf das Pferd gestürzt, der Lothringer und er haben viel zu der Fürstin Rettung beigetragen ...« »Daß Zbyszko ein hitziger Jüngling ist, das ist gewiß!« bestätigte der Pater Wyszoniek – »jetzt hat er sich, obwohl er kaum zu atmen vermag, der Sache Jurands angenommen und jene Ritter gefordert ... Solch einen Eidam braucht Jurand gerade.« »Was dies anbelangt, so hat sich Jurand in Krakau anders darüber ausgesprochen, aber ich glaube nun, er wird sich nicht mehr widersetzen,« sagte der Fürst. »Unser Herr Jesus wird es so lenken!« ließ sich in diesem Augenblick die Fürstin vernehmen, welche gerade eingetreten war und einen Teil des Gespräches mitangehört hatte. »Jetzt kann sich Jurand nicht mehr widersetzen, wenn Gott Zbyszko wieder gesunden läßt. Aber auch von unserer Seite soll ihm eine Belohnung zu teil werden.« »Die beste Belohnung für ihn wird Danusia sein. Ich glaube nun auch, daß er sie bekommt, und zwar aus der alleinigen Ursache, weil die Weiber sich damit befassen und sogar ein Jurand nichts gegen diese auszurichten vermag.« »Ist es denn keine gerechte Sache, die ich durchführen will?« fragte die Fürstin. »Daß Zbyszko unbesonnen gewesen ist, will ich nicht leugnen, aber einen treuern Menschen giebt es auf der ganzen Welt nicht. Und Danusia ist ihm darin gleich. Sie weicht gegenwärtig keinen Schritt von ihm und sucht ihm alles an den Augen abzulesen, und er lächelt ihr unter Schmerzen oft zu, so daß mir selbst zuweilen die Thränen in die Augen treten. Für eine gerechte Sache spreche ich! Diese Liebe ist unseres Beistandes wert! Blickt nicht auch die Mutter Gottes freundlich auf solche Liebe herab?« »Wenn nur auch Gott seinen Segen dazu giebt, dann wird das Glück vollkommen sein!« erwiderte der Fürst. »Aber wahr ist, daß dieses Mädchens wegen beinahe sein Haupt gefallen wäre und ihn jetzt wieder fast der Auerochse zerrissen hätte.« »Sage nicht dieses Mädchens wegen!« rief die Fürstin lebhaft aus. »Denn niemand anderes als Danusia hat ihn in Krakau gerettet.« »Das ist richtig, doch ohne sie hätte er Lichtenstein nicht angegriffen, um ihm die Federn vom Helme zu reißen und hätte auch für de Lorche nicht sein Leben aufs Spiel gesetzt. Was nun die Belohnung anbelangt, so sagte ich ja schon, daß sie beiden zu teil werden solle und in Ciechanow will ich darüber beschließen.« »Nichts wünscht sich Zbyszko so sehr, wie den Rittergürtel und die goldenen Sporen.« Der Fürst lachte gutmütig und antwortete: »So möge das Mädchen sie ihm überbringen! Ich aber will abwarten, bis die Schwäche nachläßt, damit dann alles sich nach dem herkömmlichen Gebrauche vollziehen kann. Mögen ihm Gürtel und Sporen sogleich überbracht werden, denn je früher er erfährt, daß sein Wunsch erfüllt wird, desto besser ist es.« Als die Fürstin dies hörte, umarmte sie ihren Ehegemahl in Gegenwart der Hofherren, dann küßte sie ihm mehrmals die Hand; schließlich sagte er lachend: »Nun, da ist Dir ja ein guter Gedanken gekommen!« »Der heilige Geist hat doch auch den Weibern einigen Verstand verliehen.« »Rufe mir jetzt das Mädchen.« »Danuska! Danuska!« rief die Fürstin. An der Thüre des Nebenzimmers erschien im nächsten Augenblick Danusia, deren gerötete Augen von Schlaflosigkeit zeugten. In der Hand trug sie eine Schüssel voll dampfender Grütze, welche ihr von einem alten Hoffräulein kurz zuvor übergeben worden war, ein Mittel, das der Pater Wyszoniek auf Zbyszkos schmerzende Seite legen sollte. »Komm her zu mir, Kleine,« sagte Fürst Janusz. »Stelle die Schüssel hin und komm!« Und da sie sich schüchtern näherte, denn der »Herr« flößte ihr immer eine gewisse Angst ein, zog er sie voll Güte zu sich heran und strich ihr sanft über das Gesicht, indem er sagte: »Dich hat viel Ungemach getroffen, Du armes Kind!« »Ja, o ja!« antwortete Danusia. Ihr Herz war betrübt, die Thränen waren immer bereit, und so begann sie sofort zu weinen, aber ganz leise, um den Fürsten nicht zu erzürnen, er aber fragte: »Weshalb schluchzest Du so?« »Weil Zbyszko krank ist!« erwiderte sie, ihr Gesicht in den Händen verbergend. »Fürchte nichts, er wird gesunden. Nicht wahr, Pater?« »Ei! durch den Willen Gottes ist er der Hochzeit näher als der Bahre!« entgegnete der gute Pater Wyszoniek. Und der Fürst sagte: »Warte! ich gebe Dir ein Heilmittel für ihn, das ihm entweder Erleichterung oder völlige Genesung bringt.« »Haben denn die Kreuzritter den Balsam geschickt?« rief Danusia lebhaft, die Hände vom Gesicht entfernend. »Der Balsam, welchen die Kreuzritter schicken, ist mehr für die Hunde geeignet, als für den Ritter, welchen Du liebst. Aber ich gebe Dir etwas anderes.« Bei diesen Worten wandte er sich zu den Hofherren und rief: »Mag einer gehen, um die Sporen und den Gürtel zu holen!« Nach einer Weile, als ihm das Verlangte gebracht wurde, sagte er zu Danusia: »Bring dies zu Zbyszko und teile ihm mit, daß er sich von dieser Zeit an als gegürtet betrachten solle. Wenn er dahinscheidet, wird er vor Gott als miles cinctus stehen, und wenn nicht, so kann alles weitere in Ciechanow oder in Warschau abgemacht werden.« Von Dankbarkeit hingerissen, umschlang Danusia des Fürsten Knie, dann nahm sie die ritterlichen Ehrenzeichen in die eine Hand, die Schüssel mit der Grütze in die andere und eilte rasch der Stube zu, worin Zbyszko lag. Die Fürstin, welche ihre Freude mitgenießen wollte, folgte ihr. Zbyszko war schwer krank, doch als er Danusia erblickte, wandte er ihr sofort sein bleiches, von Schmerz entstelltes Antlitz zu und fragte: »Ist der Böhme zurückgekehrt, mein Täubchen?« »Was liegt an dem Böhmen!« antwortete das junge Mädchen. »Ich bringe Dir eine weit bessere Nachricht. Zum Ritter gürtet Dich der ›Herr‹, und sieh nur, was er Dir durch mich sendet.« Bei diesen Worten legte sie den Gürtel und die goldenen Sporen vor Zbyszko hin. Seine Wangen röteten sich vor Freude und Verwunderung, er sah bald auf Danusia, bald auf die Ehrenzeichen, dann drückte er die Augen zu und sagte: »Wie ist dies möglich? Wie kann er mich zum Ritter gürten?« Da in diesem Augenblick die Fürstin eintrat, richtete er sich ein wenig empor, um ihr zu danken. Er bat sie um Verzeihung, daß er ihr nicht zu Füßen fallen konnte, denn er hatte sofort erraten, daß er ihrer Fürbitte sein Glück zu danken habe. Sie aber befahl ihm, sich ruhig zu verhalten, und mit Danusias Hilfe legte sie sanft sein Haupt wieder in die Kissen zurück. Mittlerweile trat auch der Fürst, gefolgt von dem Pater Wyszoniek, dem Oberjägermeister und einigen andern Hofherren in das Zimmer. Fürst Janusz gab schon an der Thüre ein Zeichen mit der Hand, damit Zbyszko sich nicht bewege, und nachdem er an dessen Lager Platz genommen hatte, begann er folgendermaßen zu sprechen: »Hört mich an! Niemand hat Ursache, sich darüber zu wundern, wenn edle, tapfere Thaten belohnt werden. Denn wenn die Tugend keine Anerkennung fände, dann würde auch die Schlechtigkeit der Menschen nicht bestraft werden. Und weil Du Dein Leben in die Schanze schlugst und uns mit Schädigung Deiner eigenen Gesundheit vor großer Trauer bewahrtest, deshalb räumen wir Dir das Recht ein, Dich mit dem Rittergürtel zu gürten, so daß fortan nur Ehre und Ruhm Deinem Namen anhaften.« »Allergnädigster Herr,« erwiderte Zbyszko, »und hätte ich auch zehnmal mein Leben in die Schanze geschlagen, ich würde es nicht bereuen.« Er verstummte tief bewegt und in diesem Augenblick legte ihm die Fürstin die Hand auf die Lippen, weil Pater Wyszoniek ihm das Reden verboten hatte. Der Fürst aber fuhr fort: »Ich glaube, Du kennst Deine Ritterpflicht und wirst Dich dieser Ehrenzeichen würdig zeigen. Unserm Erlöser mußt Du dienen, dem Gesalbten des Reiches mußt Du treu sein, ungerechten Kampf vermeiden und die Unschuld in ihrer Bedrängnis verteidigen, wobei Dir Gott und sein heiliges Kreuz beistehen mögen!« »Amen!« sagte der Pater Wyszoniek. Der Fürst aber erhob sich, machte das Zeichen des Kreuzes über Zbyszko und sagte beim Weggehen: »Sobald Du genesen bist, begiebst Du Dich sofort nach Ciechanow, wohin ich auch Jurand kommen lasse.« Neuntes Kapitel. Drei Tage später traf die schon angekündigte Frau mit dem hereynischen Balsam ein und zugleich mit ihr kam auch der Hauptmann der Bogenschützen aus Szczytno mit einem von den Brüdern unterschriebenen und mit Danvelds Siegel versehenen Briefe, worin die Kreuzritter Himmel und Erde zu Zeugen der Schmach anriefen, die ihnen in Masovien zugefügt worden sei, und unter Androhung der schwersten Strafe strenges Gericht wegen der Ermordung ihres Gefährten und Gastes verlangten. Der Brief enthielt auch eine von Danveld diktierte Anklage, denn er forderte in teils demütigen, teils drohenden Worten die gebührende Buße für seine schwere Verletzung und die Verhängung des Todesurteils über den jungen Böhmen. Aber der Fürst zerriß diesen Brief vor den Augen des Hauptmanns, warf ihn vor dessen Füße und rief: »Um mich zu gewinnen, schickte der Meister diese Ritter hierher, aber sie haben nur meinen Zorn erregt. Sagt ihnen daher von mir, ich wisse, daß sie selbst ihren Gast getötet haben und den jungen Böhmen töten wollten, dies werde ich dem Meister schreiben und auch hinzufügen, er möge andere Gesandte schicken, falls er wünsche, daß ich bei einem Kriege mit dem Krakauer König nicht Partei ergreife.« »Allergnädigster Herr,« antwortete der Hauptmann, »ist dies die einzige Antwort, die ich den mächtigen Brüdern überbringen soll?« »Wenn Euch dies nicht genügt, so sagt ihnen, daß ich sie für niederträchtige Hunde, nicht für wahre Ritter halte.« Damit endigte die Unterredung. Der Hauptmann schickte sich zur Abfahrt an, und der Fürst brach noch am nämlichen Tage nach Ciechanow auf. So blieb denn nur die Frau mit dem Balsam zurück, den der mißtrauische Pater Wyszoniek nicht anwenden wollte, zumal der Kranke in der vorhergegangenen Nacht gut geschlafen hatte, und des Morgens zwar noch etwas ermattet aber doch fieberfrei erwacht war. – – – – – – – – – Pater Wyszoniek nahm es beinahe schon als sicher an, daß der Kranke genesen werde, als plötzlich ein unvorhergesehenes Ereignis alle Berechnungen und Hoffnungen zu nichte machte. Von Jurand kamen Boten mit einem an die Fürstin gerichteten Briefe, der schlimme, traurige Nachrichten enthielt. In Spychow war ein Teil von Jurands Burg abgebrannt, er selbst bei seinen Rettungsversuchen von einem brennenden Balken verletzt worden. Der Pater Kaleb, welcher in seinem Namen schrieb, berichtete zwar, daß Jurand wieder genesen werde, daß aber auch dessen eines, bisher gesundes Auge jetzt durch die Flammen Schaden genommen habe, so daß er der Sehkraft beinahe beraubt sei und ihm völlige Erblindung drohe. Aus diesem Grunde forderte Jurand die Tochter auf, sofort nach Spychow zu kommen, da er sie noch sehen wolle, bevor völlige Dunkelheit ihn umgebe. Auch wünschte er, daß sie fortan bei ihm bleibe. Da jeder Blinde, der sich durch Almosen das Leben friste, ein Kind bei sich habe, das ihn an der Hand führe und ihm den Weg zeige, sehe er die Notwendigkeit nicht ein, weshalb er dieses einzigen Trostes beraubt werden und unter Fremden sterben solle. Der Brief enthielt auch eine warme Danksagung für die Fürstin, welche Danusia ja wie eine leibliche Mutter auferzogen habe, und schließlich gelobte Jurand, daß er trotz seiner Blindheit einmal noch nach Warschau kommen werde, um der Herrin zu Füßen zu fallen und um die Gnade zu bitten, daß er Danusia behalten dürfe. Als der Pater Wyszoniek der Fürstin diesen Brief vorgelesen hatte, vermochte sie einige Zeit kein Wort hervorzubringen. Sie hatte die Hoffnung gehegt, Jurand, welcher fünf- oder sechsmal im Jahre seine Tochter besuchte, werde zu den nahen Festtagen kommen, und könne dann sie durch ihren eigenen Einfluß und durch des Fürsten Janusz Fürbitte seine Zustimmung zu einer baldigen Hochzeit erlangen. Aber dieser Brief vereitelte nicht nur ihre Absichten, sondern raubte ihr zugleich auch Danusia, die wie ein eigenes Kind von ihr geliebt wurde. Unwillkürlich kam ihr der Gedanke, daß Jurand vielleicht das Mädchen mit einem seiner Nachbarn vermählen wolle, um dann den Rest seiner Tage bei seiner Tochter zu verleben. Daß Zbyszko sich nach Spychow begeben konnte, daran war gar nicht zu denken, denn seine Wunden fingen erst jetzt an zu heilen, und zudem, wer vermochte vorauszusagen, wie er in Spychow aufgenommen werde? Wußte doch die Herrin, daß Jurand ihm früher rundweg die Tochter verweigert, erinnerte sie sich doch, wie er ihr selbst gesagt hatte, aus Gründen, die Geheimnis bleiben müßten, werde er niemals in die Verbindung willigen. So gebot sie denn mit schwerem Herzen, den ältesten der Boten herbeizurufen, um Näheres über das Unglück in Spychow und zugleich auch etwas über Jurands Absichten von ihm zu erfahren. Doch wunderte sie sich, als auf ihren Befehl hin ein Mann erschien, der ihr völlig unbekannt war, nicht aber der alte Tolima, welcher den Schild hinter Jurand herzutragen pflegte und gar häufig mit ihm gekommen war. Jener Abgesandte erzählte ihr indessen, daß Tolima, der beim letzten Kampfe mit den Deutschen furchtbar verletzt worden sei, in Spychow mit dem Tode ringe, daß Jurand von schweren Leiden heimgesucht sei und um unverzügliche Rückkehr der Tochter bitte, da er immer weniger sehe und binnen kurzem vielleicht gänzlich erblinden werde. Der Bote bat sogar inständig, daß er sogleich, sobald die Pferde verschnauft hätten, mit dem jungen Mädchen aufbrechen dürfe, aber da der Abend schon angebrochen war, erhob die Fürstin Einsprache dagegen, vornehmlich um Zbyszko und Danusia, sowie sich selbst durch einen voreiligen Abschied das Herz nicht noch schwerer zu machen. Zbyszko, den man von allem benachrichtigt hatte, lag wie betäubt da, und als die Fürstin eintrat und auf der Schwelle schon händeringend ausrief: »Da giebt es keinen Rat, denn er ist ihr Vater!« wiederholte er wie ein Echo: »Da giebt es keinen Rat!« und schloß die Augen gleich einem Menschen, welcher hofft, daß ihn der Tod bald von jeder Qual befreie. Aber der Tod kam nicht, wennschon Zbyszkos Leid immer größer ward und ihm immer traurigere Gedanken durch den Sinn zogen, gleich den Regenwolken, welche, vom Sturm getrieben, den Sonnenschein verhüllen. Denn wie die Fürstin begriff auch Zbyszko, daß Danusia, einmal in Spychow angelangt, für ihn so gut wie verloren war. Hier am Hofe waren ihm alle gewogen, während Jurand sich vielleicht weigerte, ihn bei sich aufzunehmen, zumal wenn er sich durch ein Gelübde oder durch irgend einen andern nicht minder wichtigen Grund gebunden fühlte. Und schließlich, wie hätte er sich nach Spychow begeben können, da er krank war und sich kaum auf seinem Lager bewegen konnte? Vor einigen Tagen, als ihm durch des Fürsten Gnade der Rittergürtel und die goldenen Sporen unverhofft zuteil geworden waren, hatte er geglaubt, die übermächtige Freude werde ihn gesund machen, und er hatte inbrünstig gebetet, sich bald erheben und sich mit den Kreuzrittern messen zu dürfen, aber jetzt verlor er wieder alle Hoffnung, denn er sagte sich, wenn Danusia ihm fehle, werde ihm auch die Lust am Leben und die Kraft fehlen, gegen den Tod anzukämpfen. Wenn nun der nächste Tag kam und der übernächste, wenn der heilige Abend und die Festtage herannahten, war er allein, ob die Glieder ihn auch schmerzten, ob ihn auch ein Schwächeanfall überkam, war er allein, und die sonnige Helle, welche von Danusias Wesen ausging und wodurch sie jedes Auge erfreute, war auf einmal verschwunden. Welch süßer Trost war es, sagen zu können: ›Hast du mich lieb?‹ und dann zu sehen, wie Danusia lachend und doch verschämt ihr Gesicht mit den Händchen bedeckte, oder sich zu ihm herabbeugte und erwiderte: ›Dich, Dich Zbyszko, liebe ich allein!‹ Von jetzt an konnten nur Krankheit, Schmerz und bange Sehnsucht seine Gefährten sein, das Glück aber wandte sich von ihm und kehrte nimmer zurück. Thränen traten in Zbyszkos Augen und rollten langsam über seine Wangen, während er, zu der Fürstin gewendet, sagte: »Allergnädigste Herrin, verläßt Danusia mich jetzt, so werde ich sie in meinem ganzen Leben niemals wiedersehen.« Und die tief erschütterte Fürstin antwortete: »Wahrlich, es wäre kein Wunder, wenn Du aus Kummer sterben würdest. Doch unser Herr Jesus ist barmherzig.« Um ihn einigermaßen zu trösten, fügte sie jedoch nach einer Weile hinzu: »Wenn aber Jurand vor Dir stürbe, so würde die Vormundschaft dem Fürsten und mir übertragen, und dann bekämst Du das Mädchen sofort.« »Wenn er vor mir stürbe!« wiederholte Zbyszko. Aber plötzlich kam ihm offenbar ein neuer Gedanke, denn er richtete sich auf und begann mit völlig veränderter Stimme: »Allergnädigste Herrin ...« Doch er wurde von Danusia unterbrochen, welche weinend hereinkam und schon an der Schwelle rief: »Weißt Du es schon, Zbyszko? O wie jammert mich mein Vater, aber wie jammerst auch Du mich, Du Armer!« Als sie nun zu Zbyszko herantrat, da umschlang er sie mit dem gesunden Arm und sagte in schmerzlichem Tone: »Wie kann ich ohne Dich leben, geliebtes Mädchen! Nicht darum habe ich über Flüsse gesetzt, bin ich durch weite Wälder gedrungen, nicht darum gelobte ich mich Dir an und diente Dir, damit ich Dich jetzt verliere. Ach, was helfen Kummer, was helfen Thränen! Doch selbst mit dem Tod ist meine Liebe nicht zu Ende, denn wenn auch der Rasen sich über mir wölbte, so würde doch meine Seele Deiner nicht vergessen, auch nicht im Reiche unseres Herrn Jesu, auch nicht bei unserem himmlischen Vater in der ewigen Ruhe ... Ich weiß, hier ist schwer Rat schaffen, und doch müssen wir Rat schaffen, müssen wir etwas wagen. Meine Glieder sind wie gelähmt, und ich leide furchtbare Schmerzen, aber falle Du der Herrin zu Füßen, weil ich es nicht vermag – und bitte um Erbarmen für uns.« Als Danusia des Geliebten Worte vernahm, sank sie vor der Fürstin nieder und deren Knie umfassend, verbarg sie ihr helles Köpfchen in der Herrin dunklem Gewande. Diese aber richtete einen mitleidigen und zugleich verwunderten Blick auf Zbyszko. »Wie kann ich Euch helfen?« fragte sie. »Lasse ich das Kind nicht zu dem kranken Vater, so lade ich Gottes Zorn auf mich.« Zbyszko sank wieder in die Kissen zurück und vermochte einige Zeit nichts zu erwidern, weil ihm der Atem ausgegangen war. Langsam schob er dann auf der Brust eine Hand zu der andern heran und faltete sie wie zum Gebete. »Ruhe ein wenig,« sagte die Fürstin, »und sobald Du kannst, erkläre mir, um was es sich handelt. Du aber, Danuska, erhebe Dich.« »Ja, ich muß ruhen, aber Du erhebe Dich nicht, Danusia, und bitte zugleich mit mir!« ließ sich Zbyszko vernehmen. Dann begann er mit schwacher Stimme und in abgerissenen Worten: »Allergnädigste Herrin! ... Schon in Krakau war ja Jurand gegen mich ... er wird auch jetzt noch gegen mich sein, aber wenn Pater Wyszoniek mich mit Danusia trauen würde – dann mag sie nach Spychow ziehen, weil keine Macht der Welt mir sie dann mehr rauben kann.« Diese Worte kamen der Fürstin so unerwartet, daß sie von ihrem Sitze aufsprang, sich dann wieder niederließ und wie wenn sie nicht recht begriffen hätte, wovon die Rede war, ausrief: »Bei den Wundenmalen unseres Herrn! ... Der Pater Wyszoniek ...« »Allergnädigste Herrin! ... Allergnädigste Herrin!« bat Zbyszko in eindringlichem Tone. »Allergnädigste Herrin!« flehte auch Danusia, abermals der Fürstin Knie umfassend. »Wie wäre dies möglich, ohne die Einwilligung des Vaters?« »Gottes Gebote sind die mächtigsten!« antwortete Zbyszko. »Man muß diese Gebote ehren!« »Wer ist denn der Vater, wenn es der Fürst nicht ist? ... Wer ist denn die Mutter, wenn Ihr es nicht seid, gnädigste Herrin!« »Mein gütiges Mütterchen!« setzte Danusia hinzu. »Daß ich ihr eine Mutter war und noch bin, ist richtig!« sagte die Fürstin. »Auch habe ich Jurand einst die Gattin zugeführt. Und wenn die Trauung einmal stattgefunden hat, dann ist nichts mehr an der Sache zu ändern. Sicherlich wird Jurand sehr aufgebracht sein, aber er hat ja dem Fürsten, seinem Herrn, gegenüber auch Verpflichtungen. Uebrigens dürfte man es ihm nicht sofort sagen, sondern erst, wenn er die Tochter einem andern geben, oder für immer ins Kloster schicken will. Und falls er wirklich ein Gelübde gethan hat – nun, so wird ihm ja keine Schuld beizumessen sein. Gegen den Willen Gottes vermag niemand etwas auszurichten ... Und vielleicht ist es der Wille Gottes!« »Anders kann es nicht sein,« rief Zbyszko. Aber die Fürstin sagte tief bewegt: »Warte, laß mich erst zu mir selbst kommen. Wäre der Fürst hier, so würde ich sogleich zu ihm gehen und fragen: ›Soll ich ihm das Mädchen geben oder nicht?‹ ... Aber ohne ihn bangt mir davor ... so daß mir der Atem in der Brust stockt, und wir haben doch nicht viel Zeit, weil Danusia morgen aufbrechen soll! ... Ach, lieber Jesu! Mag sie sich denn als Eheweib auf die Reise machen – dann wirst Du ja zufrieden sein. Nur bin ich noch nicht recht zu mir selbst gekommen – und welche Angst habe ich. Fühlst Du keine Angst, Danuska, sprich?« »Wird mein Wunsch nicht erfüllt, so sterbe ich!« fiel hier Zbyszko ein. Das junge Mädchen erhob sich, und da es stets vertraulich mit der gütigen Herrin verkehren durfte, ja sogar von ihr verhätschelt ward, schlang es die Arme um ihren Hals und umarmte sie zärtlich. Doch die Fürstin erklärte: »Ohne den Pater Wyszoniek kann ich noch nichts bestimmen. Geh und hole ihn.« Danusia eilte zum Pater Wyszoniek. Zbyszko aber wendete der Fürstin sein bleiches Antlitz zu und sagte: »Was der Herr Jesus über mich verhängt hat, das muß ich tragen, doch den Trost, den Ihr mir spendet, allergnädigste Fürstin, möge Gott Euch lohnen.« »Preise mich nicht zu früh,« erwiderte die Fürstin, »denn wir wissen noch nicht, wie alles sich gestalten wird. Du mußt mir auch bei Deiner Ehre geloben, daß Du Dich der Abreise des Mädchens nicht widersetzen wirst, wenn die Trauung vollzogen ist. Und Gott verhüte, daß Du Fluch und Unheil auf Dich und sie ladest.« »Bei meiner Ehre!« wiederholte Zbyszko. »Sei dessen eingedenk! Und ihrem Vater gegenüber soll Danusia vorerst schweigen. Es ist besser, wenn ihm die Kunde nicht unverhofft zukommt. Von Ciechanow aus lassen wir ihn auffordern, er möge sich mit Danusia bei uns einstellen, und dann bringe ich ihm die Nachricht bei, oder ich bitte den Fürsten, es zu thun. Wenn er sieht, daß die Sache nicht mehr zu ändern ist, wird er sich zufrieden geben. Er ist Dir niemals gram gewesen.« »Nein, er ist mir nie gram gewesen, und im Innern freut er sich vielleicht, wenn er hört, daß Danusia die Meine ist. Denn falls er wirklich ein Gelübde gethan hat, kann ihm niemand eine Schuld beimessen, weil ja alles hinter seinem Rücken geschieht.« Der Eintritt des Paters und Danusias unterbrach das Gespräch. Die Fürstin zog ihn sofort zu Rate und erzählte ihm mit wahrem Feuereifer von Zbyszkos Vorhaben, er aber hatte kaum vernommen, um was es sich handelte, als er sich bekreuzte und voll Verwunderung sagte: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes! Wie kann ich dies thun? Wir haben ja Advent!« »Bei Gott! Das ist wahr!« rief die Fürstin aus. Ein kurzes Schweigen folgte – nur die betrübten Mienen aller Anwesenden zeigten, wie tief sie von den Worten des Pater Wyszoniek getroffen wurden. Nach einer Weile fuhr er fort: »Hätte ich Dispens, so würde ich mich nicht widersetzen, denn ich beklage Euch tief. Nach Jurands Einwilligung würde ich nicht fragen, weil die gnädige Herrin die Trauung gestattet und für die Zustimmung des Fürsten, unseres Herrn bürgt – denn für das masovische Volk sind diese beiden ja Vater und Mutter. Aber ohne den Dispens kann ich es nicht thun. Traun! Wäre der Fürstbischof Jakob aus Kurdwanow hier, der würde mir den Dispens wohl nicht verweigern – obgleich er strengen Sinnes ist, ganz anders als sein Vorgänger, der Bischof Mamphiolus, der zu allem › bene! bene! ‹ sagte.« »Der Bischof Jakob aus Kudwanow ist dem Fürsten und mir sehr zugethan,« warf die Herrin ein. »Darum glaube ich, er würde den Dispens nicht verweigern, zumal dringende Gründe zu der Trauung vorhanden sind. Das Mädchen muß abreisen und dieser Jüngling ist krank und wird möglicherweise sterben ... Hm! in articulo mortis . Aber ohne Dispens ...« »Ich könnte den Bischof Jakob später um nachträglichen Dispens bitten. Von der strengen Seite kenne ich ihn nicht, auch wird er mir diese Bitte wohl nicht abschlagen. Ich bürge sogar dafür, daß er sie mir nicht abschlägt.« Daraufhin sagte der Pater Wyszoniek, welcher ein guter, weichherziger Mensch war: »Die Worte der Gesalbten Gottes sind schwerwiegende Worte – der Fürstbischof flößt mir zwar Angst ein, aber dies sind schwerwiegende Worte! – Vielleicht könnte der Jüngling auch etwas für die Kathedrale zu Plock stiften. – Ich weiß nicht, was ich thun soll. – Ohne Dispens wird es eine Sünde sein, und ich lade die Sünde auf mich. Hm! Unser Herr Jesus ist freilich barmherzig, und wenn jemand nicht um des eigenen Vorteiles willen sündigt, sondern nur aus Mitleid für die Leiden anderer, wird ihm um so eher verziehen. – Aber eine Sünde wird es sein, und wenn nun der Bischof nicht nachsichtig ist?« »Der Bischof ist aber nachsichtig!« rief die Fürstin Anna. Pater Wyszoniek, dem es vor allem am Herzen lag, Zbyszko und Danusia zu Hilfe kommen zu können, da er diese von ihrer Kindheit an kannte und sie sehr liebte, teilte schließlich die Meinung der Fürstin und zu ihr gewendet, sagte er: »Ich bin zwar ein Geistlicher, aber ich bin auch ein Diener des Fürsten. Was befiehlt mir die allergnädigste Herrin?« »Ich will Euch nichts befehlen – ich bitte nur!« antwortete die Fürstin. Da erhob der Pater Wyszoniek den Blick und die Hände gen Himmel. »So mag es denn geschehen, Euerm Willen gemäß!« Auf diese Worte hin zog Freude in aller Herzen ein. Zbyszko richtete sich wieder in seinen Kissen auf, und die Fürstin, Danusia, sowie der Pater Wyszoniek setzten sich an seinem Lager nieder und hielten Rat, wie es bei einer so wichtigen Sache nötig war. Sie beschlossen, das Geheimnis zu wahren, auf daß keine lebende Seele etwas davon erführe, sie beschlossen ferner, daß auch Jurand nichts davon hören dürfe, bis die Herrin selbst ihm in Ciechanow alles mitteilen könne. Dem Pater Wyszoniek oblag es dann, für die Fürstin einen Brief an Jurand zu schreiben und ihn aufzufordern, nach Ciechanow zu kommen, wo es bessere Heilmittel für seine Leiden gebe und er und seine Tochter weniger vereinsamt seien. Schließlich ward bestimmt, daß Zbyszko und Danusia noch beichten und des Nachts, wenn alle Leute schlafen gegangen waren, getraut werden sollten. – – – – – – – – – Zbyszko dachte zuerst daran, den böhmischen Knappen als Trauzeugen zu nehmen, doch kam er wieder von dieser Absicht zurück, weil ihm plötzlich einfiel, daß Hlawa ihm von Jagienka gesandt worden war. Während eines kurzen Augenblickes sah er sie im Geiste so lebhaft vor sich, daß ihn dünkte, er sehe ihr gerötetes Antlitz, ihre verweinten Augen und er höre ihre flehenden Worte: »Thue mir dies nicht an! Vergelte mir nicht Gutes mit Bösem, um meiner Liebe willen, kränke mich nicht so!« Und plötzlich ergriff ihn tiefes Mitleid mit ihr, denn er fühlte, daß sie viel zu leiden haben werde, nirgends Trost finden könne, und daß ihr weder die Bewerbung von Cztan und Wilk, noch die reichen Gaben des Abtes Ersatz zu bieten vermochten. Daher sagte er ihr im Geiste: »Gott verleihe Dir nur Gutes und Schönes, Mädchen, aber obwohl ich Dir gerne den Himmel herabholen möchte, weiß ich Dir doch nicht zu helfen.« Und die Ueberzeugung, daß es nicht in seiner Macht stand, ihr zu helfen, gewährte ihm zuletzt Erleichterung, und seine innere Ruhe kehrte zurück, sodaß sich seine Gedanken wieder ausschließlich mit Danusia und der Trauung beschäftigen konnten. Da er jedoch die Hilfe des Böhmen nicht entbehren konnte, aber jetzt entschlossen war, ihm nichts von dem zu enthüllen, was geschehen sollte, ließ er ihn zu sich rufen und sagte ihm: »Ich werde heute beichten und das Abendmahl nehmen, kleide mich daher so schmuck und schön, wie wenn ich mich in die königlichen Gemächer begeben müßte.« Der Böhme erschrak ein wenig und blickte ihn erstaunt an, doch Zbyszko, welcher sofort seine Gedanken erriet, setzte hinzu: »Fürchte nichts, man beichtet ja nicht bloß, wenn man den Tod herannahen fühlt. Zu den kommenden Festtagen wird sich zudem der Pater Wyszoniek mit der Fürstin nach Ciechanow begeben und wir müßten dann wegen eines Geistlichen bis nach Przasnysz senden.« »Und Euer Gnaden begleitet die Fürstin nicht?« »Wenn ich gesund werde, begleite ich sie, aber dies liegt in Gottes Hand.« Nun beruhigte sich der Böhme, eilte an eine Lade und holte jene erbeutete weiße, mit Gold benähte Jacke, welche der junge Ritter gewöhnlich bei großen Festlichkeiten trug, sowie einen schönen Teppich, um des Kranken Lager zu bedecken. Dann richtete er Zbyszko mit Hilfe der beiden Türken empor, wusch ihn, kämmte seine langen Haare, band ihm eine scharlachrote Stirnbinde um, und schließlich als er fertig war, stützte er ihn mit den Kissen, indem er erfreut über seiner Hände Werk ausrief: »Wenn Euer Gnaden tanzen könnten, so könnte man Hochzeit feiern!« »Ja, jetzt müßte man sie noch ohne Tanz feiern,« entgegnete Zbyszko lächelnd. Unterdessen sann auch die Fürstin in ihrer Kammer nach, wie Danusia gekleidet werden solle. Echt weiblich geartet, legte sie dieser Angelegenheit große Bedeutung bei, und um nichts in der Welt hätte sie gestattet, daß ihre geliebte Pflegetochter sich im Alltagsgewand trauen lasse. Die Dienerinnen, denen sie sagte, Danusia müsse die Farbe der Unschuld tragen, wenn sie das Abendmahl nehme, hatten in der Truhe nicht lange nach einem weißen Kleide zu suchen, hingegen mangelte es an einer passenden Kopfbedeckung. Ein trauriges Gefühl überkam die Fürstin, als sie dies vernahm, und sie klagte laut darüber. Zbyszko und Danusia wiederholten nacheinander des Geistlichen Worte: »Ich ... nehme ... Dich!« »Wie könnte ich für Dich, Du Verwaiste, den Rautenkranz in diesem Walde finden?« sagte sie. »Weder ein Blümchen noch ein Blatt ist mehr zu sehen, nur etwas Moos schimmert noch unter dem Schnee hervor.« Danusia, die schon mit aufgelösten Haaren dastand, war ebenfalls sehr niedergeschlagen, da auch ihr viel an einem Kranze lag, nach einer Weile jedoch zeigte sie auf eine an der Wand hängende Guirlande aus Immortellen und sagte: »Diese Ranken könnte man binden, denn etwas anderes werden wir nicht bekommen und Zbyszko nimmt mich auch in solchem Kranze.« Anfangs wollte die Fürstin nicht auf diesen Vorschlag eingehen, weil ihr ein Immortellenkranz wie eine schlimme Vorbedeutung erschien, da indessen auf dem ganzen Jagdhofe keine andern Blumen aufzutreiben waren, willigte sie schließlich ein. Mittlerweile erschien der Pater Wyszoniek, der Zbyszko schon Beichte gehört hatte, und begab sich mit dem jungen Mädchen, das nun gleichfalls beichten sollte, in die Schloßkapelle. Die Nacht sank hernieder. Auf Befehl der Fürstin ging die Dienerschaft nach dem Abendbrot zur Ruhe. Binnen kurzem ging das Feuer auf den Herden in den Gesindestuben zu Asche über und erlosch, im ganzen Waldhof ward alles stille. Nur in dem Gemache, wo die Fürstin, der Pater Wyszoniek und Zbyszko weilten, waren die Fenster noch hell erleuchtet und warfen rötliche Lichter auf den Schnee im Vorhofe. Nach Mitternacht nahm die Fürstin Danusia an der Hand und führte sie in Zbyszkos Stube, wo der Pater Wyszoniek schon mit dem Ciborium bereit stand. Auf dem Herde brannte ein mächtiges Feuer aus Buchenholz und bei dessen hellem, aber ungleichmäßigen Lichte erblickte Zbyszko das infolge der schlaflosen Nacht etwas bleich aussehende junge Mädchen mit einem Immortellenkranze auf dem Haupte, in einem steifen, weißen, bis zur Erde reichenden Gewande. In ihrer tiefen Erregung hatte sie die Augenlider fast geschlossen, und ihre Arme sanken schlaff am Körper herab. So erinnerte sie an eine Gestalt auf einem gemalten Kirchenfenster. Ihr Wesen hatte etwas so Ueberirdisches, daß Zbyszko bei ihrem Anblick von der höchsten Verwunderung ergriffen ward, weil ihn dünkte, das Weib, das er sich erwählt, sei keine Sterbliche, sondern ein der Erde entrücktes Wesen. Dieser Eindruck ward noch verstärkt, als sie mit gefalteten Händen zur Kommunion niederkniete, den Kopf zurückbeugte und die Augen vollständig schloß. Wie eine Abgeschiedene erschien sie ihm jetzt, und bange Sorge zog in sein Herz ein. Indessen währte dies nicht lange. » Ecce Agnus Dei « ließ sich die Stimme des Geistlichen vernehmen, Zbyszko suchte sich zu sammeln und seine Gedanken wandten sich Gott zu. In der Stube vernahm man nichts als die feierlichen Worte des Pater Wyszoniek: » Domine – non sum dignus ,« das Knistern der Holzspäne und das wehmütige Zirpen der Heimchen auf dem Herde. Draußen vor den Fenstern aber erhob sich ein Sturmwind, der brausend durch den schneebedeckten Wald fuhr, aber bald wieder nachließ. Während Zbyszko und Danusia noch einige Zeit in Schweigen verharrten, nahm Pater Wyszoniek den Kelch und trug ihn in die kleine Hauskapelle zurück. Nach einiger Zeit kehrte er wieder, aber nicht allein, sondern in Begleitung des Herrn de Lorche, und als er das Erstaunen in den Mienen aller Anwesenden bemerkte, legte er den Finger auf den Mund, wie wenn er irgend einem unvorhergesehenen Ausruf zuvorkommen wollte. Dann sagte er: »Ich dachte, es werde besser sein, wenn wir zwei Trauzeugen haben, darum habe ich diesen Ritter eingeweiht, und er hat mir bei seiner Ehre und bei den Aachener Reliquien geschworen, das Geheimnis zu bewahren, so lange es nötig sei.« Herr de Lorche kniete zuerst vor der Fürstin, dann vor Danusia nieder, hierauf erhob er sich und stand lange unbeweglich und schweigend da, während vom Feuer her rötliche Lichtchen auf die glänzende Rüstung fielen, die er trug. Er war wie überwältigt von Entzücken, denn auch ihm erschien das weißgekleidete Mädchen mit dem Immortellenkranze wie ein Engel auf dem gemalten Fenster eines gotischen Domes. Der Geistliche führte Danusia an Zbyszkos Lager, und die Stola über die Hände der beiden legend, begann er die übliche Ceremonie. Die Fürstin vergoß Thränen der Rührung, doch im Innern war sie jetzt vollständig ruhig. Sagte sie sich doch, sie thue gut daran, diese schönen und unschuldigen Kinder zu vereinigen. Herr de Lorche kniete zum zweitenmal nieder, und wie er sich so mit beiden Händen auf sein Schwert stützte, glich er einem Ritter, der eine Vision zu erblicken vermeint – Zbyszko und Danusia wiederholten nach einander des Geistlichen Worte: »Ich ... nehme ... Dich!« – und als Begleitung dieser leise geflüsterten süßen Worte knisterten die Buchenscheite, zirpten die Grillen auf dem Herde. Nach Beendigung der Ceremonie sank Danusia zu den Füßen der Fürstin nieder. Diese segnete die beiden, und das junge Paar dem Schutze des Himmels empfehlend, sagte sie: »Freuet Euch nun, daß Ihr Euch auf ewig angehört!« Da streckte Zbyszko seinen Arm nach Danusia aus, sie schlang ihre Hände um seinen Hals, und eine Weile hörte man, wie sie sich, Mund an Mund gedrückt, zuflüsterten: »Du bist mein, Danusia!« – »Du bist mein, Zbyszko!« Aber plötzlich ließen Zbyszkos Kräfte nach, die Erschütterung übermannte ihn und in die Kissen zurücksinkend, atmete er schwer. Doch ward er nicht bewußtlos, und er lächelte Danusia zu, als sie ihm den kalten Schweiß auf der Stirn trocknete, während er unablässig flüsterte: »Mein bist Du, Danuska!« worauf sie jedesmal ihr Köpfchen mit den lang herabwallenden Haaren zu ihm niederbeugte. Durch diesen Anblick ward Herr de Lorche dermaßen gerührt, daß er erklärte, er habe noch in keinem Lande so zärtliche, gefühlvolle Herzen gesehen, und daher gelobe er feierlich, zu Fuß oder zu Pferd mit jedem Ritter oder Ungeheuer zu kämpfen, die es wagten, sich dem Glück des jungen Paares hindernd in den Weg zu stellen. Die Fürstin, welche sich keine Trauung ohne Festlichkeit denken konnte, holte Wein herbei und alle labten sich daran. Eine Stunde der Nacht nach der andern ging dahin. – Zbyszko, welcher seine Schwäche überwunden hatte, zog Danusia wieder zu sich heran und sagte: »Durch unsern Herrn Jesus bist Du nun mein, und niemand kann Dich mir rauben, aber daß Du fortgehst, thut mir weh', Du mein geliebtes Täubchen.« »Ich komme ja mit dem Väterchen nach Ciechanow,« erwiderte Danusia. »Wenn Du nur nicht krank wirst ... oder Dir sonst etwas zustößt ... Gott schütze Dich vor jedem Ungemach! Nach Spychow mußt Du Dich begeben, das weiß ich wohl! Gott und unserer allergnädigsten Herrin habe ich es zu danken, daß Du mein bist, denn keine irdische Gewalt kann jetzt die Trauung mehr ungeschehen machen.« Die geheimnisvolle Trauung in nächtlicher Stille und der Gedanke an den bevorstehenden Abschied bewirkten, daß eine seltsame Trauer nicht nur Zbyszko, sondern auch alle andern überkam. Das Gespräch stockte häufig, von Zeit zu Zeit drohte auch das Feuer auf dem Herde zu erlöschen, und alles versank in Dunkelheit. Dann warf der Pater Wyszoniek wieder Holz auf die Kohlen, und da die dürren Scheite knisterten und krachten wie frisches Holz, so daß es beinahe wehmütig klang, fragte er: »Büßende Seele, was verlangst Du?« Doch nur die Grillen antworteten ihm. Aber die Flamme stieg hoch empor, sie beleuchtete die übernächtigen Gesichtszüge der hier in der Dunkelheit Versammelten, spiegelte sich in der prächtigen Rüstung des Herrn de Lorche und warf ihren hellen Schein auf das weiße Gewand und auf den Immortellenkranz Danusias. Draußen begannen jetzt die Hunde wieder zu bellen, gegen die Seite des Waldes zu schlugen sie an, wie wenn sie Wölfe witterten. Und je weiter die Nacht vorrückte, je häufiger stockte das Gespräch, bis schließlich die Fürstin sagte: »Lieber Jesu! wenn solche Stimmung nach einer Trauung herrscht, wäre es besser, schlafen zu gehen; da wir aber doch nun einmal bis zum frühen Morgen wachen müssen, so spiele uns vor Deiner Abreise noch etwas auf der Laute, liebes Kind – mir und Zbyszko spiele noch etwas.« Von Ermattung und Schlaftrunkenheit beinahe überwältigt, war Danusia nur zu gern bereit, sich durch Gesang und Spiel wieder etwas zu beleben, daher entfernte sie sich, um die Laute zu holen, und nach einer Weile damit zurückgekehrt, setzte sie sich an Zbyszkos Lager nieder. »Was soll ich spielen?« fragte sie. »Was sonst,« antwortete die Fürstin, »als jenes Lied, das Du in Tyniec sangst, als Du Zbyszko zum erstenmal sahst!« »Hei! Wie gut erinnere ich mich des Liedes – solange ich lebe, werde ich es niemals vergessen,« sagte Zbyszko. »Und so oft ich es irgendwo hörte, sind mir die Thränen in die Augen gekommen.« »So will ich dies Lied singen!« erklärte Danusia. Sogleich begann sie zu präludieren und wie gewöhnlich das Köpfchen ein wenig zurückwerfend, hub sie an: »Wie wär' ich gerne Ein Gänslein klein, Ich flög' in die Ferne Zu Jasko mein. In Schlesien flög ich nieder Auf grünen Rain, Die Waise sieh wieder, Jasienko mein!« ... Aber plötzlich brach sie ab, ihre Lippen zitterten und unter den geschlossenen Lidern hervor drangen die Thränen unaufhaltsam. Einen Augenblick noch bemühte sie sich, dieselben zurückzuhalten, doch vergeblich, und schließlich weinte sie so schmerzlich, wie damals, als sie Zbyszko im Gefängnis zu Krakau das Lied vorgesungen hatte. »Danuska! Was fehlt Dir?« fragte Zbyszko. »Weshalb weinst Du? Welch eine Hochzeit ist dies!« rief die Fürstin aus. »Weshalb weinst Du? Sprich!« »Ich weiß es nicht,« sagte Danuska schluchzend. »Mir ist so traurig zu Mute! ... So weh ums Herz! ... Ich soll Zbyszko und Euch, gnädige Herrin ...« Nun bemühten sich alle, sie zu trösten, ihr auseinanderzusetzen, daß ihre Abwesenheit nicht lange dauern werde und daß sie zu den Festtagen gewiß mit ihrem Vater nach Ciechanow kommen könne. Zbyszko schlang den Arm um sie, preßte sie an seine Brust und küßte ihr die Thränen von den Wangen – gleichwohl vermochten sie alle den Druck nicht abzuschütteln, der auf ihnen lastete, und so ging die Nacht dahin. Da ließ sich plötzlich von dem Vorhofe her ein lautes durchdringendes Geräusch vernehmen, so daß alle zusammenfuhren. Von ihrer Bank aufspringend rief die Fürstin: »Guter Gott! Es sind die Pferde! Sie werden schon zur Tränke geführt.« Pater Wyszoniek blickte zum Fenster hinaus, durch dessen kleine runde Glasscheiben ein graues Dämmerlicht hereinfiel, und sagte: »Die Nacht ist vergangen und der Tag bricht an. Ave Maria, gratia plena .« Dann verließ er die Stube, und als er nach wenigen Augenblicken zurückkehrte, bemerkte er: »Es tagt, doch wird es ein trüber Tag werden; Jurands Leute führen ihre Pferde zur Tränke. Und für Dich ist es an der Zeit, aufzubrechen, Du Arme!« Als sie dies hörten, schluchzten die Fürstin sowie Danusia laut auf. Sie und Zbyszko drückten nun unverhohlen ihre Empfindungen aus, so wie zuweilen Leute aus dem Volke ihre Empfindungen ausdrücken, wenn ihnen eine Trennung bevorsteht. »Ach, was helfen uns noch Harm und Klagen, Mein Lieb, ade! wir müssen es tragen! Und ob es auch schmerzt die Seele mein, Du trautes Herz, geschieden muß sein! Geschieden muß sein.« In diesen schmerzlichen Worten lag etwas Feierliches, sie lauteten halb wie ein Wehruf, halb wie ein Klagegesang, der, aus dem tiefsten Innern emporströmend, den Thränen gleicht, die aus den Augen rinnen. Zbyszko preßte Danusia zum letztenmal an seine Brust und hielt sie lange umfangen, so lange, bis er sich nicht mehr aufrecht zu halten vermochte und die Fürstin sie von ihm wegzog, damit sie sich zur Reise ankleide. Mittlerweile war es vollständig Tag geworden. Auf dem ganzen Jagdhofe ward es lebendig, Knechte und Mägde gingen ihren Geschäften nach. Da trat der böhmische Knappe in das Zimmer Zbyszkos, um nach dessen Befinden zu fragen und etwaige Befehle entgegen zu nehmen. »Ziehe mein Lager zum Fenster heran,« gebot der Ritter. Der Böhme that dies mit Leichtigkeit. Er staunte zwar höchlich, als Zbyszko befahl, das Fenster zu öffnen, gehorchte aber auch diesem Befehle und deckte seinen Herrn mit einem Schafpelz zu. Zbyszko blickte hinaus. Im Vorhofe stand ein Schlitten, um den sich Bewaffnete, Jurands Leute, auf ihren reifbedeckten, schnaubenden Pferden scharten. Die Bäume des Waldes schienen fast vollständig unter dem Schnee vergraben zu sein, von den Zäunen, Wegen und Zugängen war nichts mehr zu sehen. Danusia, die schon ganz in Pelz gehüllt war und eine Schaube aus Fuchspelz trug, kam noch einmal in die Stube zu Zbyszko, fiel ihm um den Hals und sagte beim Abschiede: »Wenn ich Dich auch verlasse, bin ich doch die Deine!« Und er küßte ihre Hände, ihre Wangen und ihre Augen, die unter dem Pelz kaum zu sehen waren, und sagte: »Gott schütze Dich! Gott geleite Dich! Mein bist Du nun, mein bis zum Tode!« Und da man sie wieder gewaltsam von ihm trennte, richtete er sich auf, so gut er konnte, lehnte sein Haupt an das Fenster und schaute hinaus. Da sah er durch den fallenden Schnee, gleichsam durch einen Schleier, wie Danusia sich in den Schlitten setzte, wie die Fürstin sie lange umarmt hielt, wie die Hofdamen sie küßten und wie Pater Wyszoniek das Zeichen des Kreuzes über sie machte. Vor der Abfahrt blickte sie noch einmal zu ihm empor und winkte mit der Hand. »Gott sei mit Dir, Zbyszko!« »Gott gebe, daß ich Dich in Ciechanow wiedersehe!« Aber der Schnee fiel in dichten Flocken herab, es war, als ob er alles verhüllen, alles ersticken wolle, und die letzten Worte klangen so gedämpft, daß es beiden dünkte, als ob ihre Rufe schon aus weiter Ferne kämen. »Wenn ich Dich auch verlasse, bin ich doch die Deine.«