Gustav Schwab Schiller's Leben in drei Büchern Zweiter, durchgesehener Druck. Ausgabe zum 100jährigen Gedächtnißtage der Geburt Schiller's 1859. Stuttgart. Verlag S. G. Liesching. Gedruckt bei K. Fr. Hering \& Comp. Aus dem Vorworte zum ersten Druck Die Veranlassung zu diesem Versuche einer gedrängten und doch möglichst vollständigen Biographie des großen Lieblingsdichters der Deutschen hat meine Mitwirkung bei der Enthüllung seines Standbildes gegeben, der ein wiederholtes Studium seiner Werke vorangehen mußte, das sich sehr natürlicher Weise auch nachher fortgesetzt hat. Der Plan meiner Darstellung soll, wie ich zu hoffen wage, durch sie selbst klar werden. Die Hauptquellen und Hülfsmittel, welche zu benützen waren, sind größtentheils so bekannt, daß ich hier ihr Verzeichniß, das man bei andern Biographen Schillers, am vollständigsten in H. Dörings neuestem Abrisse von Schillers Leben findet, nicht wiederholen will. Nur so viel sey bemerkt, daß aus den Quellen, soweit sie mir zugänglich waren, von mir immer unmittelbar geschöpft worden ist, daß ich zu dem Ende namentlich die verschiedenen Briefwechsel Schillers der genauesten Durchsicht unterworfen habe, und daß die Lebensbeschreibungen Dörings, Carlyle's, Hoffmeisters und Hinrichs', die von entschiedenem, wenn auch sehr verschiedenartigem Verdienste sind, von mir zwar vielfältig, aber hauptsächlich nur dann unmittelbar benützt worden sind, wenn mir einzelne Quellen für mein Studium nicht zu Gebote standen, oder, wenn ich besonders treffende Ansichten aus ihnen hervorzuheben, manchmal auch Behauptungen, denen ich nicht beipflichten konnte, zu widersprechen hatte. Daß es mir nicht einfallen konnte, die größeren kritisch-historischen Werke der beiden letztgenannten Schriftsteller durch meine Arbeit überflüssig machen zu wollen, brauche ich wohl nicht erst zu sagen. Wo ich es für passend erachtete, habe ich stets unter dem Texte durch die nöthigen Citate auf meine Quellen und Subsidien verwiesen. Nicht wenig Neues ist übrigens theils aus übersehenen gedruckten Notizen und Urtheilen hinzugekommen, theils aus mündlichen und brieflichen Mittheilungen von Zeitgenossen des großen Dichters an den Biographen, theils auch endlich aus Urkunden und aus bisher unbekannten, oder unvollständig mitgetheilten Briefen Schillers, die zusammen gleichzeitig mit gegenwärtiger Lebensbeschreibung veröffentlicht werden. Urkunden über Schiller und seine Familie; mit einem Anhange von fünf neuen Briefen u.s.w. von G. Schwab . Stuttgart, S.G. Liesching 1840. Daß der Verfasser seine eigenen Erfahrungen auf dem Gebiete der Poesie zur Erklärung und Beurtheilung mancher Phänomene in der Entwicklungsgeschichte des Dichters zu benützen sich erlaubt hat, wird man ihm, da es mit der nöthigen Bescheidenheit geschehen ist, nicht verübeln. Für die Jugendgeschichte meines Helden zog ich eine von den meisten meiner Vorgänger entweder ganz übersehene oder nur aus dritter Hand und daher unvollständig benützte Schrift mit gehöriger Vorsicht zu Rache. Sie führt den Titel: »Schiller der Jüngling, oder Scenen und Charakterzüge aus seinem frühern Leben. Stendal, bei Franzen und Grosse, 1806.« Döring nennt als deren Verfasser K. W. Oemler. Dieselbe wimmelt zwar von Unrichtigkeiten; wo sie aber ihre Gewährsmänner nennt oder errathen läßt, worunter Moser in Ludwigsburg, der Jugendfreund Schillers, und Beil in Mannheim die wichtigsten zu seyn scheinen, durfte ihren Angaben, die zuweilen anderswo vergebens Gesuchtes und nicht Unwichtiges enthalten, unbedenklich Glauben geschenkt werden. Ihr Gegenstück von demselben Verfasser »Schiller, oder Scenen und Charakterzüge aus seinem spätem Leben« stand mir nicht zu Gebote. Die ebenfalls nicht unergiebige »Skizze einer Biographie« u. s. w. (Leipzig bei Karl Tauchnitz 1805) soll, nach Dörings Versicherung, J. G. Gruber zum Verfasser haben. Ihr Vorbericht aber ist mit P. unterzeichnet, Styl und Behandlungswelse des Gegenstands erinnern durchweg an die Schrift »Schiller der Jüngling.« Während der Correctur des dritten Buches erschien der dritte und letzte Band von Eduard Boas ' Nachträgen zu den sämmtlichen Werken Schillers, und konnte so leider nur noch theilweise von mir benützt werden. Ist in diesem zweiten Drucke nach Möglichkeit geschehen. In diesem dritten Bande des Herrn Boas erhalten wir auch Schillers ältestes, bekannt gewordenes Gedicht, eine Schilderung des menschlichen Lebens, vom Jahr 1775. Für seine Jugendgeschichte sind folgende Strophen nicht unwichtig: Trägt der Knabe seine ersten Hosen, Steht schon ein Pedant im Hinterhalt, Der ihn hudelt, ach! und ihm der großen Römer Weisheit auf den Rücken malt. Beut uns Jugend ihre Rosenhände. Welche Güter bringt die Zaub'rin dar? Mädchen, Schulden, Eifersucht, am Ende Hörner oder die Pistolen gar. Sind wir Männer, kommt ein andrer Teufel, Ehrgeiz heißt er, oft auch heißt er Weib. Nahrungssorgen quälen, so wie Zweifel Einen Narrenschädel , unsern Leib. Die erste dieser drei Strophen zeichnet uns Schillers Lehrer Jahn zu Ludwigsburg, der in dieser Biographie als Präceptor bezeichnet worden ist, Auch noch im ersten Buche des neuen Drucks. was er auch in der That war; nur führte er schon im Jahr 1773 (s. Urkundenbuch S. 39) den Professorstitel. Die zweite und dritte Strophe muß uns in dem Urtheile bestärken, daß Schillers Unbefangenheit in einem Institut, in welchem unreife Knaben mit überreifen in beständiger Berührung standen, sehr frühzeitig gestört worden ist. Bei Boas lernen wir nun auch ein merkwürdiges, Theatermanuscript des Fiesko, die Bühnenbearbeitung von 1784, (III. 47 – 227) kennen. »Das Stück ist nicht blos umgearbeitet, sondern das glühende Erz, aus dem es besteht, ist vom Dichter in eine ganz andere Form gegossen worden.« Hier findet der Leser den von uns Seite 177 erwähnten Schluß des Fiesko, nach welchem dieser nicht stirbt, sondern in Verrina's Armen auf den Thron des Doge verzichtet. Auch die anstößige Scene zwischen Verrina und seiner Tochter auf dem Sopha (vergleiche diese Biographie Seite 220 ist, höchst wahrscheinlich auf Wolfg. Heriberts von Dalberg Rath, hier gänzlich geändert. Zugleich erfahren wir, daß die erste Auflage des Stücks (Mannheim, Schwan 1784) wirklich »dem Herrn Professor Abel in Stuttgart gewidmet« ist. Somit ist die andere Nachricht, welche den Fiesko Herrn v. Dalberg dedicirt seyn läßt, wohl ein Irrthum, den mein zweiter Druck vergebens zurecht zu legen bemüht war. Der Don Carlos in Prosa, den uns Boas mittheilt, ist von Schillers altem Bekannten, D. Albrecht, nach des Erstern Tode, schon im Jahr 1808 durch den Druck bekannt gemacht worden. (Vergl. Jördens IV, 469.) Außerdem gibt uns Boas (III, 436 ff.) eine kostbare Reliquie in einem von Schiller für das Theater im Jahr 1796 zum Don Carlos hinzugedichteten Monolog, der dem Publikum die dunkle Handlungsweise des Malthesers erläutern sollte. Er ist im Tone des Wallenstein geschrieben. Eine neue Schwierigkeit erwächst durch die Mittheilung aus Haug's schwäbischem Magazin, Jahrgang 1780, Stück I, S. 53 (Boas III, 451) wo es heißt: »Herr Schiller , ein geschickter Zögling der Militärakademie, hat am 10. Januar im Examinationssaal, vor dem durchlauchtigsten Herzog und Hof, eine öffentliche deutsche Rede gehalten »von den Folgen der Tugend.« Diese Rede besitzen wir jetzt, seit dem Dezember 1839, durch die Mittheilung des Freiherrn F. von Böhnen, eines Verwandten der Herzogin Franziska, abgedruckt aus dem von Schiller eigenhändig geschriebenen, mit allegorischer Zeichnung, Sammteinband und goldenen Buchstaben verzierten Original. Nach diesem Originale nun wurde die Rede von dem fünfzehnjährigen Schiller schon am 10. Januar 1775 und nicht am 10. Januar 1780 gehalten. Vergl. Biogr. Redezausg. S. 481. Octavausg. S. 38. 39. Note (wo statt F. von Böhnen durch einen Druckfehler F. von Böhner steht). Wie ist der Verstoß bei dem Augen- und Ohrenzeugen Balthasar Haug zu erklären? Ich führe diesen Widerspruch als Beispiel an, wie schwer die Kritik in manchen Fällen dem Biographen werden mußte, wodurch denn auch die vielen Berichtigungen im ersten Buche der Sedezausgabe ihre Entschuldigung finden dürften. Dem Octavdrucke sind sie bereits einverleibt. Boas (III, 9) hält die auch von mir erwähnte Redezausg. S. 332, Oktavdruck S. 277. Einzeichnung Schillers in das Album der Schwarzburg: Auf diesen Höhen sah auch ich Dich, freundliche Natur – ja dich! für eine heitere Persiflage des gespreizten Dilettantismus, der mit Naturbegeisterung prunkt; früher meinte er, dieser Reim sey das schlaffe, abgezwungene Erzeugniß eines leeren, poesieentblößten Augenblicks. Ich kann die einfachen Worte für keines von beiden halten. Sobald man unter der freundlichen Natur nicht die Gegend versteht, sondern die Natur als Person, als Göttererscheinung, die den in Büchern vergrabenen Stubengelehrten, als welchen sich Schiller zuweilen schildert, auf diesen Höhen überraschte, so fällt alle Trivialität weg. Die Zweifel, welche mir gegen das S. 243 Zweiter Druck S. 204. mitgetheilte komische Gedicht Schillers (die Waschdeputation) aufstiegen, verschwinden vor der Notiz bei Jördens IV, 468, aus der erhellt, daß das Gedicht zum erstenmal in der Rheinländischen Zeitung im Jahr 1803, und nach einer richtigern Abschrift in der Neuen Berlin. Monatschrift 1804, also zweimal noch zu Schillers Lebzeiten gedruckt worden ist, ohne daß dieser protestirt hätte. Dagegen muß ich mich wohl entschließen, den etymologischen Versuch, kraft dessen der Name Schillers vom Schillerwein abgeleitet wird (Biogr. Redezausg. S. 4. f. Octavausg. S. 6), wieder aufzugeben. Schilcher und Schiller , sind von Alters her über ganz Deutschland verbreitete Namen, die allerdings ursprünglich nichts anders als einen Schieler bezeichnen. Jörg Schilcher , bei späteren Schiller , war einer der besseren Meistersänger des fünfzehnten Jahrhunderts; in diesem und dem folgenden Seculum wurde Vieles »in des Schillers Ton« gedichtet, fast so viel, als im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert in Friedrich Schillers Tone. Hier mag auch niedergelegt werden, was für die Lebensbeschreibung zu kleinlich erschien, daß Schwaben lange vor seinem Friedrich Schiller auch (um 1588) einen Wolfgang Schiller aus Stuttgart besaß, der freilich nur ein obskurer Magister war; und daß der Pfarrer, welcher den Vater des Dichters getauft hat, Hegel hieß. Folgendes merkwürdige Urtheil eines Franzosen, Herrn von Bonneville, über Schiller vom Jahr 1786 ist dem Verfasser auch zu spät in die Hände gekommen: »C'est un jeune écrivain qui parait fait pour étonner un Jour son siècle de la vigueur de son génie. Sa destinée intéresse tout etre qui pense .« Aus Franz Horns schriftlichem Nachlasse. – » Il y plus, cette tragédie est l'ouvrage du génie, comme tout ce que Scheller (Schiller) nous donne «– sagt endlich der Moniteur von 1792 in einem enthusiastischen Berichte aus Frankfurt a. M. über den dort eben aufgeführten Fiesko, den er unter anderem auch »le plus beau triomphe du républicanisme en théorie et dans le fait « nennt. Vielleicht hätte der Biograph auch der Ehre erwähnen sollen, die dem nächsten Vaterlande Schillers durch Aufrichtung der Statue wiederfahren ist, welche Deutschland dem Dichter gesetzt hat. Das Ereigniß däuchte ihm aber noch zu frisch. – Hier sey denn auch erwähnt, daß die Frau Großherzogin von Weimar dem Andenken der großen Dichter Weimars mehrere Zimmer des dortigen Schlosses geweiht hat. Das Schillerszimmer ist vor kurzem durch den Maler Neher, einen Landsmann Schillers aus Württemberg, fertig geworden. Jedes der Hauptfelder, in welches das Zimmer getheilt ist, nimmt einen bedeutsamen Moment eines Schiller'schen Drama's ein, welchem andere Scenen aus Schillers Gedichten in kleineren darüber angebrachten Feldern beigegeben sind. Diese Freskogemälde zeichnen sich, nach einem Berichte der allgemeinen Zeitung Weimar, 23. April 1840. durch kräftige Zeichnung und frische Farbengebung aus, und manche sind sehr ergreifend in ihrer Wirkung. Dürfte das Gesammtgemälde des auf den nachstehenden Blättern entworfenen Dichterlebens sich den gleichen Eindruck versprechen! Gomaringen, den 21. Mai 1840, G. Schwab. Vorerinnerung zum zweiten Drucke Die Oktavausgabe war im Drucke ziemlich vorgeschritten, als obiges Vorwort geschrieben wurde, und stimmt soweit mit der Sedezausgabe überein. Im spätern Theil ist nur hier und da ein kleiner Beisatz, welcher durch immer neu zu Tage kommende Notizen nöthig wurde, theils im Texte, theils in Noten hinzugekommen. Die bedeutendste Beigabe ist das französische Bürgerdiplom mit den zugehörigen Aktenstücken, das jetzt S. 388–391 dieses Drucks in genauer Abschrift zu lesen ist. Auch am Styl hat der Verfasser auf's sorglichste nachgebessert, wie eine Vergleichung mit der Sedezausgabe, von der Mitte des zweiten Buches an, darthun muß. Wesentlicheres zu ändern erlaubte weder die Zeit, noch die Rücksicht auf die Besitzer der eben erst unter das Publikum gekommenen Sedezausgabe, noch die Stimmung des vom Geschick in diesem Augenblicke gelähmten Verfassers. Ganz am Schlusse dieses neuen Abdrucks hat der Verfasser noch von einem kleinen Lustspiele Schillers Kunde erhalten, das der Dichter im Körner'schen Hause zu Dresden, als Scherz im Familienkreise, verfaßt hat. Das Original besitzt ein Handschriftensammler, dem dasselbe, weil darin Persönlichkeiten auf eine Art berührt sind, die es zur öffentlichen Bekanntmachung nicht eignen, nur unter der Bedingung cedirt worden ist, das Lustspiel nicht zu publiciren. Mit Recht kommt er diesem Vorbehalte gewissenhaft nach, und der Biograph kann deßwegen über jene bisher ganz unbekannte Reliquie Schillers nicht einmal in gegenwärtiger Vorerinnerung berichten. Nicht verschwiegen bleibe eine kleine Entdeckung, die dem Verf. durch Herrn Pfarrer Carl Moser, den Enkel des Pfarrers Philipp Ulrich Moser , der Schillers Lehrer zu Lorch war, als Berichtigung kürzlich mitgetheilt wurde. Dieser hatte nämlich keinen Sohn, welcher Carl hieß; von seinen drei Söhnen war Christoph Ferdinand der Jugendfreund Schillers, und mit ihm theilte der letztere den Jugendunterricht. Es ist klar, daß Schiller, dem ohne Zweifel sein Carl Moor schon frühzeitig im Kopfe steckte, dem Gespielen diesen poetischen Namen nur geliehen hat. Der jüngere Sohn Philipp Ulrichs, der als Pfarrer zu Gültlingen auf dem Schwarzwalde noch lebende, im 80sten Lebensjahre stehende Vater des Herrn Carl Moser, Herr M. Philipp Heinrich Moser, weiß sich Schillers von seinem elterlichen Hause zu Lorch her noch wohl zu erinnern, denn er ist nur zwei Jahre jünger als Schiller. Der alte Pastor Moser zu Lorch war ein würdiges Motiv zu des Dichters Räubern, ein jüngerer Freund Johann Albrecht Bengels, ernst und fromm, aber milde gegen Andersdenkende, und ohne Manier in seinem Betragen. Wenn er zu Dettingen bei Heidenheim, wo er seit 1767 Pfarrer war, über die Straße ging – so erzählten seine Töchter dem Enkel – so blieb Jung und Alt stehen, und bückte sich vor der ehrwürdigen Gestalt, »als wäre es ein Prälat.« Wahrscheinlich flößte seine würdevolle Persönlichkeit dem jungen Schiller jene nachhaltige Neigung zum geistlichen Beruf ein. Pfarrer Moser in Lorch war ein guter Orientalist und Verfasser eines hebräischen Lexicons, das sein noch lebender Sohn Philipp Heinrich gefeilt und zum Drucke gefördert hat. Christoph Ferdinand, der Pseudo-Carl Schillers, war mit diesem nie in Ludwigsburg auf der Schule. Ob er später dort sich aufgehalten und nach Mannheim und Weimar mit Schiller korrespondirt hat, ist nicht ausgemittelt und könnten die an ihn vermeintlich gerichteten Briefe an Hoven oder an einen andern Freund daselbst geschrieben seyn. Die älteste Tochter des Lorcher Pfarrers erinnerte sich Schillers auch noch: »er sey ein zwar etwas bleich aussehender und geschnäderter (schwäbisch, für zartgebauter, jedoch gesunder und munterer Knabe gewesen.« Der Jugendfreund Schillers wurde Pfarrer zu Lautern und Wippingen bei Blaubeuren, nachher zu Herbrechtingen, wo er um 1800 starb. Der frühvollendete Philosoph G. F. Bockshammer war sein Schwiegersohn. Philipp Ulrich Moser , der Lehrer Schillers, starb, nach dem Lebenslaufe, den wir Schillers Freunde verdanken, am 6. August 1792. Erfreulich wäre es, wenn durch diese Biographie hier und da eine weitre theure Erinnerung an den großen deutschen Dichter aus dem Dunkel, in welchem sich noch immer manches bergen mag, hervorgelockt würde. G., den 55, Dezember 1840. G. S. Erstes Buch. Das Geschlecht des Dichters. 1550-1723 Die berühmtesten deutschen Dichter bringen keinen Glanz des Geschlechtes mit: bei Wenigen wird noch der Groß- oder Urgroßvater genannt, meistens aber verliert sich schon mit dem Vater der Name in unaufgehellte Dunkelheit, und der Gefeierte selbst steht in jener Größe da, welche ein römischer Cäsar mit dem bekannten Worte gestempelt hat: »dieser Mann scheint mir aus sich selbst geboren.« Wenn man sich jedoch die Mühe nähme, den Familien unserer großen Männer rückwärts nachzugehen, so ist darum, daß man in keine Paläste tritt, nicht zu fürchten, daß man in Schlupfwinkel geraten würde, deren ein Lebensbeschreiber, dem die Ehre seines Helden am Herzen liegt, sich zu schämen hätte. Vielmehr dürfte man zuletzt sich in irgend einem ehrlichen deutschen Dorfe befinden, wo in den Geschlechtsregistern ein reines Blut und ein unbefleckter Name von Jahrhundert zu Jahrhundert rückwärts jenen freien Ahnen sich nähert, die zwar nicht mit erblichen Geschlechtsnamen prangten, aber deren starker Arm einst die Römer aus den Wäldern des Vaterlandes verjagt hat. So kühne Hoffnung dürfen wir von Erforschung des Geschlechtes schwäbischer Dichter freilich nicht hegen. Die Kirchenbücher der württembergischen Dörfer namentlich gehen wohl insgesamt nicht bis zur Reformation herab, sehr viele sind nach der Nördlinger Schlacht von den Kaiserlichen zerstört worden. Doch ist es dem Verfasser dieser Lebensbeschreibung durch die Gefälligkeit zweier Pfarrämter gelungen, den Mannsstamm Schillers mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit bis ins siebente Glied rückwärts und in die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts zu verfolgen. Schillers Vater, Johann Kaspar Schiller , ist zwei Stunden nördlich von der Ghibellinenstadt Waiblingen und in ihrem Oberamte, zu Bittenfeld (nicht Bitterfeld) einem altwürttembergischen Pfarrdorfe von etwa tausend Einwohnern am 27. Oktober des Jahres 1723 geboren: dessen Vater, der Großvater des Dichters, hieß Johannes Schiller , war Schultheiß des Dorfes und Bäcker, und am 20. Oktober 1682 zu Bittenfeld geboren; heirathete am 30. Oktober 1708 eine Bewohnerin des Dorfes Altdorf, Eva Margaretha Schatzin, und starb am 11. Juni 1733. Der Vater des Johannes, der Urgroßvater des Dichters, hieß, wie der Enkel, Johann Kaspar Schiller , war Mitglied des Gerichts und, wie sein Sohn, ein Bäcker. Seine Gattin hieß Anna Katharina. Er starb 37 Jahre 8 Monate alt am 4. September 1687. Dieser ist im Tauf- und Kopulationsbuche Bittenfelds nicht zu finden, und er soll von Großheppach nach Bittenfeld gezogen seyn. Urkundliche Mittheilung des Pfarramts Bittenfeld. Wir wenden uns also nach diesem stattlichen Dorfe des weinreichen Remsthals, das gleichfalls im Waiblinger Oberamte und eine kleine Meile südöstlich von der Stadt Waiblingen gelegen, etwa 1400 Einwohner zählt und durch die Zusammenkunft der Helden Marlborough, Prinz Eugen und Markgraf Ludwig von Baden im dortigen Wirthshause zum Lamm am 9. Junius des Jahrs 1704 eine geschichtliche Illustration erhalten hat. Wirklich entdecken wir hier ^ einen Hans Schiller, geboren den 13. März 1650, dessen Alter bis auf 2 Monate mit der Altersangabe Hans Kaspars zu Bittenfeld übereinstimmt, und der weder im Kopulationsbuche noch im Todtenbuche Großheppachs zu finden ist. Die kleinen Differenzen können denjenigen, der die Ungenauigkeit alter Kirchenregister aus der Erfahrung kennt, nicht irre machen. Höchst wahrscheinlich ist Hans Schiller von Großheppach der Urgroßvater des Dichters. Der Vater des Hans hieß Ulrich Schiller , wie es scheint, geboren den 2. Juni 1617; Ulrichs Vater war Georg Schiller , geboren den 15. May 1587; Georgs Vater Jakob Schiller , zu dessen Geburt die Kirchenbücher nicht mehr hinaufreichen, der aber um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts geboren seyn wird. Jakobs uns unbekannter Großvater muß im besten Mannesalter den Bauernkrieg der Gegend erlebt haben, und als im Jahr 1514 »der arme Kunrad« auf dem Kappelberg, eine Stunde von Heppach, sich verschanzte, kann ein Schiller Zeuge gewesen seyn. Von Jakob Schiller bis Friedrich von Schiller sind es sieben Generationen. Hans Schiller hatte einen Bruder Jerg und mehrere Schwestern. Der Name Schiller kommt auch sonst in den Kirchenbüchern Großheppachs sehr häufig vor und mehrere dieses Namens werden als Gerichtsschreiber und Schultheißen aufgeführt. Urkundliche Mittheilung des Pfarramts Großheppach. Zu Marbach selbst, dem Geburtsorte des Dichters, findet sich ein Zweig jenes Geschlechts: einem Johann Kaspar Schiller , Bürger und Bäcker, wurde dort im Jahr 1727 ein Christoph Friedrich und im J. 1731 ein Johann Friedrich Schiller geboren. Urkundliche Mittheilung des Diakonats Marbach. Der letztere, ein Taufpathe unsres Schiller, ist der auf Balthasar Haugs Autorität hin öfters für Schillers Bruder gehaltene und zuweilen (noch 1838) mit unsrem Dichter verwechselte entfernte Verwandte desselben, der in London Mehreres und unter Anderm auch Robertsons Geschichte von Amerika (2te Aufl. 1801) übersetzt hat, später Buchdrucker in Mainz wurde und zuletzt angeblich noch nach Schillers Tode Buchhändlersgenosse in Mannheim war; wonach Hoffmeister und H. Döring zu berichtigen sind. Januar 1840 Durch diese Genealogie, welche das Geschlecht des Dichters mit großer Wahrscheinlichkeit mitten aus einem Rebenthale aufsprossen läßt, wird auch ein Licht auf die Bedeutung seines Geschlechtsnamens geworfen. Schiller heißt nämlich im Remsthale, wie in andern Weingegenden, am Neckar, am Niederrhein, in Ungarn, seit Jahrhunderten ein Wein, dessen Farbe schielt, der weder weiß noch dunkelroth ist und aus gemischten Traubensorten gewonnen wird; denn schielen heißt in den süddeutschen Dialekten schillen . In einem andern Weindorfe jenes Thales ist eins der ausgebreitetsten Geschlechter das der » Unger ,« was unwillkürlich an die Ungertrauben erinnert; sollte nicht auch Schillers Urvater zu Heppach im Remsthale seinen Namen vom Schillerwein , den er baute, erhalten haben? So sind wir wenigstens nicht genöthigt, den ersten Schiller zu einem Strabo oder Pätus zu machen, römische Familiennamen, die einen Schieler bezeichnen. 1723 bis 1759. Johann Kaspar Schiller , des Dichters Vater, wird nach den Zeugnissen verschiedener Zeitgenossen als einfach, kraftvoll, gewandt, thätig fürs praktische Leben, dabei rasch und rauh, geschildert; nur Eines nennt ihn einen im Grunde abentheuerlichen, schiefen, stets, über Entwürfen brütenden Kopf. Nach der Schilderung eines noch lebenden Hausfreundes war er von kleiner, wohl proportionirter Statur, kräftig und lebendig, seine Stirne gewölbt, sein Auge lebhaft; er hatte eine strenge, militärische Dressur, die sich auch auf die Religionsübungen des Hauses erstreckte, während seine innern Ueberzeugungen etwas von der kühlen Aufklärung des Zeitalters an sich trugen. Wissenschaftliche Studien im strengeren Sinne hatte er nicht gemacht, obgleich die verklärende Freundschaft oder Bewunderung für den Dichter, seinen Sohn, selbst dem Vater Beschäftigung mit der Dichtkunst und eine natürliche Anlage zu derselben, viele Belesenheit in der Weltgeschichte, Studium der Philosophie, der Mathematik, der Militärgeschichte und namentlich des dreißigjährigen Krieges zuschreibt. Dies Alles beschränkte sich wohl auf Liebhabereien, Lektüre, oder der alte Schiller wird mit seinem Verwandten Johann Friedrich Schiller S. oben. Der Verf. wird sich über diesen nicht ganz unmerkwürdigen Mann an einem andern Orte verbreiten. verwechselt. Im Jahre 1745, als ein Jüngling von 22 Jahren, war dieser Johann Kaspar, der seinen Vater in einem Alter von nicht vollen 10 Jahren verloren hatte, mit einem bayerischen Husarenregimente als Feldscherer in die Niederlande gegangen, und wurde hier auch als Unteroffizier zu kleinen kriegerischen Unternehmungen gebraucht. Der Aachener Friede des Jahres 1748 gab ihn seinem Vaterlande Württemberg zurück, und er heirathete am 22. Jul. 1749 Urkundlich. die Mutter des Dichters zu Marbach, einem unfern von Ludwigsburg anmuthig auf einem Rebenhügel am Neckar gelegenen Landstädtchen. Die Wundarzneikunst nährte ihn hier nur kümmerlich. Er gab sie daher mit dem Ausbruche des siebenjährigen Krieges auf und wurde Fähnrich und Adjutant bei dem damaligen Regimente Prinz Louis, das ein Theil des Hülfskorps war, welches in einigen Feldzügen jenes Krieges mit dem österreichischen Heere focht. Als in Böhmen dieses Korps durch ein ansteckendes Fieber heimgesucht wurde, besorgte Schiller, den seine Mäßigkeit gesund erhielt, da es an Wundärzten fehlte, die Kranken und vertrat bei'm Gottesdienste die Stelle des Geistlichen durch Verlesung von Gebeten und Leitung des Gesanges. In der Folge stand er bei einem andern Regimente in Hessen und Thüringen, und kehrte nach beendigtem Kriege in das Quartier zu Ludwigsburg zurück, wo er landwirthschaftlichen Beschäftigungen oblag und Gründer einer glücklich gedeihenden Baumschule wurde. Herzog Carl von Württemberg übertrug ihm bald eine größere Anstalt dieser Art, die auf der Solitude, dem schönen herzoglichen Waldschlosse bei Stuttgart, errichtet worden war. Hier lebte er in der spätern Zeit ununterbrochen, von seinem Fürsten geachtet und zuletzt mit dem Majorstitel geschmückt, dem Gartenbau und der Baumzucht, die er als Kenner trieb und Pflegte, und über welche er, mit Beihülfe fremder Redaktion,, auch Bücher geschrieben hat. Von seinen Untergebenen war er wegen seiner Biederkeit und Unparteilichkeit geliebt, aber auch um seiner strengen Ordnungsliebe willen gefürchtet. Gattin und Kinder bewiesen ihm die ehrerbietigste Hochachtung und die innigste Liebe. Er erlebte noch den vollen Ruhm seines Sohnes, und langte mit vor Freude zitternden Händen nach den Manuskripten, die aus der Fremde an die Verlagshandlung gesendet, vor allen Dingen dem glücklichen Vater mitgetheilt wurden. 1723 bis 1759. Bis ins hohe Lebensalter gesund, wurde er im dreiundsiebenzigsten Lebensjahr an den Folgen eines vernachläßigten Katharr's nach achtmonatlichem Leiden am 7. September 1796 von der Seite seiner Gattin genommen. Ueber seinen Tod schrieb der Sohn an die geliebte Mutter Worte, die ein unsterbliches Denkmal seiner Gesinnung sind: »Auch wenn ich nicht einmal daran denke, was der gute verewigte Vater mir und uns Allen gewesen ist, so kann ich mir nicht ohne wehmüthige Rührung den Beschluß eines so bedeutenden und thatenvollen Lebens denken, das ihm Gott so lange und mit solcher Gesundheit fristete, und das er so redlich und ehrenvoll verwaltete. Ja wahrlich, es ist nichts Geringes, auf einem so langen und mühevollen Laufe so treu auszuhalten, und so, wie er, noch im dreiundsiebenzigsten Jahre mit einem so kindlichen reinen Sinn von der Welt zu scheiden. Möchte ich, wenn es mich gleich alle seine Schmerzen kostete, so unschuldig von meinem Leben scheiden, als Er von dem seinigen! Das Leben ist eine so schwere Prüfung, und die Vortheile, die mir die Vorsehung in mancher Vergleichung mit ihm gegönnt haben mag, sind mit so vielen Gefahren für das Herz und für den wahren Frieden verknüpft! ... Unsrem theuren Vater ist wohl, und wir Alle müssen und werden ihm folgen. Nie wird sein Bild aus unserm Herzen erlöschen, und der Schmerz um ihn soll uns nur noch enger unter einander vereinigen.« Vom Vater des Dichters wenden wir uns zur Mutter, die uns wichtiger ist, weil sie zu seinem Wesen und seiner Bildung mehr beigesteuert zu haben scheint. 1640 bis 1759. Elisabetha Dorothea Kodweiß ward zu Marbach, fünf Stunden von Stuttgart und eine Meile von Ludwigsburg entfernt, am 13. Dezember 1732 Urkundlich. geboren. Ihr Vater war Georg Friedrich Kodweiß, nicht Johann Friedrich, wie ihn, einem Schreibfehler des Marbacher Taufbuchs nach, Schillers Biographen hier und da nennen. Dieser mütterliche Großvater des Dichters war am 4. Juni 1698 geboren; er war ein ehrsamer Bürger und Bäcker, Sohn und Enkel zweier Johann Kodweiß, beide Bäcker, der ältere auch Bürgermeister von Marbach (geb. den 5. April 1640). Weiter rückwärts erscheint das Geschlecht in den mangelhaften Kirchenbüchern der am 17. Jul. 1693 eingeäscherten Stadt Marbach nicht. Urkundliche gefällige Mittheilung des Diakonats Marbach. Eine Familiensage leitet dasselbe von einem herabgekommenen Adelsgeschlechte von Kottwitz (nicht Kattwitz) ab, und läßt es aus Norddeutschland nach Schwaben einwandern. Schillers Muttervater hatte sich als Wirth und Holzmesser ein kleines Vermögen rechtlich erworben, dasselbe aber bei einer großen Neckarüberschwemmung eingebüßt. Mit Unrecht wird also Schillers Mutter das Kind wohlhabender Landleute genannt, und durch ein seltsames Mißverständnis; denselben eine guteingerichtete Wirtschaft in Cannstadt und Ludwigsburg zugeschrieben. Vielmehr mußte der herabgekommene Mann zuletzt seine Zuflucht zur Thorwartsstelle zu Marbach in einem noch jetzt vorhandenen Hause nehmen, das damals eine armselige Hütte war, die unser Dichter als Knabe, wenn er den Großvater von Ludwigsburg her besuchte, aus Scham nicht von vorn betreten mochte, sondern in die er vom Stadtgraben aus hinterwärts hineinschlüpfte. Gefällige Mittheilung des Herrn Oberamtsrichters Rooschütz zu Marbach. 1732 bis 1759. Schillers Mutter war schlank, ohne eben (wie häufig erzählt wird) groß zu seyn, in der Jugend hochblond, das Gesicht durch Sommerflecken gezeichnet, die Augen etwas kränklich, die Züge von sanftem Wohlwollen und Empfindung beseelt; die Stirne breit. Mit gewöhnlichem Verstande Versicherung von Hausfreunden. verband sie Innigkeit des Gefühls, wahre Frömmigkeit, Sinn für Natur, Anlage zur Musik und selbst zur Poesie, daher sie im Kreise ihrer Gespielinnen als Mädchen wohl für eine Schwärmerin galt. Das Spiel der Harfe soll sie leidenschaftlich geliebt haben, und den Gatten, der ihre erste Liebe war, begrüßte sie im achten Jahre ihrer damals noch kinderlosen Ehe am ersten Tage des Jahres 1757 mit den einfachen Strophen, die, als von Schillers Mutter gedichtet, wohl im Gedächtnisse seiner Verehrer aufbewahrt werden dürfen: O hätt' ich doch im Thal Vergißmeinnicht gefunden Und Rosen nebenbei! Dann hätt' ich Dir gewunden Im Blüthenduft den Kranz zu diesem neuen Jahr, Der schöner noch als der am Hochzeittage war. Ich zürne, traun, daß itzt der kalte Nord regieret, Und jedes Blümchens Keim in kalter Erde frieret! Doch eines frieret nicht, es ist mein liebend Herz, Dein ist es, theilt mit dir die Freuden und den Schmerz. So anspruchlos diese Verse sind, so zeugen sie doch von einer Fertigkeit im Versbau und einem Sinne für den Rhythmus, welche nicht zweifeln lassen, daß die Anlage zur äußerlichen Form der Poesie bei Schiller ein Erbstück der Mutter war, zu deren Lieblingsbüchern Klopstocks damals kaum erschienene Messiade, Uz und Gellert gehörten. Sonst unterrichtete sie sich gerne in der Naturgeschichte, und sie, die bestimmt war, die Mutter eines berühmten Mannes zu werden, vertiefte sich auch am liebsten in die Lebensbeschreibungen berühmter Männer. Schillers Mutter überlebte den Gatten sechs Jahre, welche sie theils in dem württembergischen Landstädtchen Leonberg, unweit von der Solitude, theils bei ihrer Tochter Louise in der Nähe von Heilbronn zubrachte. Sie starb Anfang Mai's 1802. Von ihrem Tode schreibt der Sohn: »Möge der Himmel der theuern Abgeschiedenen Alles mit reichen Zinsen vergelten, was sie im Leben gelitten und für die Ihrigen gethan. Wahrlich sie verdiente es, liebende und dankbare Kinder zu haben, denn sie war selbst eine gute Tochter für ihre leidenden und hülfsbedürftigen Eltern, und die kindliche Sorgfalt, die sie selbst gegen die letztern bewies, verdient es wohl, daß sie von uns ein Gleiches erfuhr.« Aus der Ehe der Schillerschen Eltern entsprossen vier Kinder, drei Töchter und als zweites Kind der Sohn. Die älteste Tochter, Elisabethe Christophine Friederike (geb. den 4. September 1757) Wittwe des Hofraths Reinwald zu Meiningen, lebt noch dermalen (1839), und konnte sich mitten im Greisenalter »des völligen Gebrauchs ihrer Sinne und einer Heiterkeit der Seele« rühmen, »die gewöhnlich nur die Jugend beglückt.« Auch das dritte Kind, Dorothee Louise , Gattin des vor Kurzem verstorbenen Stadtpfarrers Frankh zu Möckmühl im Würtembergischen, überlebte den Bruder; die jüngste Tochter Nanette , oder, wie Schiller selbst sie nennt, Nane , eine »liebe und hoffnungsvolle Schwester« des Dichters, durch Geist und jungfräuliche Schönheit ausgezeichnet, starb schon im achtzehnten Jahre (1796), als gerade ihr Bruder »einige Vorkehrungen treffen wollte, die ihr Glück vielleicht gegründet hätten.« Schiller bei den Eltern. 1759ff. Johann Christoph Friedrich Schiller ward nicht den 10., wie bis heute einstimmig gesagt wird, sondern den 11. November Marbacher Taufbuch. 1759 zu Marbach geboren. Die Mutter hatte, nach einem sehr glaubwürdigen Zeugnisse, ihren Gatten, der damals Lieutenant im Infanterieregimente des Generalmajors Romann war, in dem Lager besucht, wo er bei den gewöhnlichen Herbstübungen des württembergischen Militärs sich aufhalten mußte, und in seinem Zelte fühlte sie die ersten Anzeichen ihrer nahen Entbindung. So hätte beinahe Schiller das Licht der Welt zuerst in einem Lager erblickt; doch gelang es der Mutter noch, in ihr elterliches Haus, Damals noch nicht das Thorwartshaus, sondern das jetzt vom Bäcker Fischer bewohnte Haus, bei einem großen Brunnen auf der Straße nach Murr von wo aus sie den Gatten besucht hatte, nach Marbach zurückzukehren, wo sie eines Knaben genaß, den der Vater »dem Wesen aller Wesen« empfahl, »daß es demselben an Geistesstärke zulegen möchte, was Er aus Mangel an Unterricht nicht erreichen konnte.« Eine uralte Sage läßt an der Stelle dieser Stadt, wo jetzt die lustigen Rebenhügel prangen, im wilden Walde der Urzeit einen Riesen hausen, welcher ein leibhaftiger Heidengott – Mars oder Bacchus – gewesen, und von ihm leitet sie den Namen der Stadt ab. Ein geistiger Riese war es auch jetzt, der in der Riesenstadt geboren ward, und die Poesie hat sich dieser sinnbildlichen Beziehung bemächtigt. Schiller kam als unscheinbares und schwächliches Kind zur Welt. Die Mutter war krank und konnte ihn nicht stillen, daher ihre Schwester, Margaretha Stolpp, welche dem Vater Schiller zum Besitze seiner Gattin geholfen hatte, den Knaben aus Pietät an die Brust nahm. Schiller erkannte dieß mit dankbarem Gemüthe, und als er im Jahr 1793 im Vaterlande war, besuchte er von Ludwigsburg aus die gute Tante, zu der er sich auch in seinen Kinderjahren vor der Strenge des Vaters manches Mal geflüchtet hatte, zu wiederholten malen. Alles neue mündliche Notiz des Sohnes der Margaretha, des noch lebenden 83jährigen Christian Stolpp zu Marbach, vormaligen k. österr. Proviantmeisters. Indessen erwuchs das Kind, anfangs ferne von der Aufsicht eines strengen Vaters, auf dem Arm einer zarten Mutter, langhalsig, sommerfleckig, rothlockig, wie diese, und entfaltete sich unter heitern und harmonischen Eindrücken. Schiller selbst zählte die späteren Besuche in dem großelterlichen Hause zu seinen freundlichsten Jugenderinnerungen. 1763 ff. Es dauerte gegen vier Jahre, bis der Vater mit dem Hubertsburger Frieden (1763) aus dem siebenjährigen Kriege heimgekehrt, seinen bleibenden Wohnsitz wieder im Vaterlande nahm. So lange blieb der Knabe Fritz im Hause der genügsamen Großeltern unter der ausschließlichen Pflege der Mutter. Die Erziehung des zärtlichen, von den Kinderkrankheiten schwer heimgesuchten Kindes wurde mit größter Liebe und Aufmerksamkeit besorgt, und krampfhafte Zufälle, an welchen das Kind wiederholt litt, überwand glücklich seine gute Natur. An der geistigen Ausbildung des Sohnes soll auch außer dem heimgekehrten Vater ein mütterlicher Oheim des Dichters, und ein Arzt und Hausfreund Antheil genommen, jener dem kleinen Fritz den ersten Unterricht im Schreiben, in der Naturgeschichte und der Geographie ertheilt, dieser ihn spielend über den Bau der Welt und des menschlichen Körpers belehrt haben. Schon im vierten oder fünften Jahre war der Kleine auf Alles aufmerksam, was der Vater im Familienkreise vorlas, eilte von seinen liebsten Spielen zu Bibelandacht und Gebet herbei, und war mit den blauen, gen Himmel gerichteten Augen, den hochblonden Locken um die helle Stirne, und den gefalteten Händchen, wie ein Engelskopf anzuschauen. So schilderte ihn die ältere Schwester. Auch später unter Kameraden, ging Schiller nie ohne Nachtgebet zur Ruhe; doch konnte er das laute Beten seiner Schlafgenossen nicht recht leiden: »es bedarf keines solchen Geplärres,« sprach er. Mündliche Nachricht. Folgsamkeit, sittlicher Zartsinn, Nachsicht gegen Geschwister und Gespielen zeichneten schon den Knaben aus. Den ununterbrochensten Einfluß auf Gemüth und Geist übte bei ihm die Mutter. An Sonntagsnachmittagen, wenn sie mit den beiden Kindern aus dem Hause, das seit des Vaters Rückkehr die Eltern für sich bewohnten, nach der nahen Großelternhütte wandelte, pflegte sie ihnen das kirchliche Evangelium des Tages auszulegen, und rührte einst am Ostermontage durch die Erzählung von Christus und den zwei nach Emmaus wandernden Jüngern die beiden Geschwister zu heißen Thränen. Zu anderer Zeit unterhielt sie die Kinder mit Zaubermähren und Feengeschichten, und später, so wie die Fassungskraft des Knaben es erlaubte, führte sie ihn auch in die Hallen der deutschen Dichtkunst ein, so weit ihr selbst diese zugänglich waren. Klopstocks Messiade, Opitzens Gedichte, Gerhards herrliche, geistliche Lieder, denen sich das Dichtergemüth des Sohnes mit Vorliebe zuwandte, Gellerts fromme Gesänge, die dem Knaben auch bald sehr theuer waren, wurden gelesen: nur als der üppige Auswuchs der schlesischen Schule, Hofmannswaldau , an die Reihe kam, und der Knabe in einem Sonett die Geliebte dieses Dichters »den Brustlatz kalter Herzen, der Liebe Feuerzeug, den Blasebalg der Seufzer, das Löschpapier der Thränen, die Sandbüchse der Pein, das Schlafstühlchen der Ruhe, und der Phantasie Klystier« mußte nennen hören, wandte er sich mit lächelndem Widerwillen von dem Buche ab und rief: »ich will kein Klystier!« und wenn die gewöhnlichen Neujahrsgratulanten der Landstädte und Dörfer mit ihren Verschen anrückten, so sagte er wohl: »Mutter! es ist ein Hofmannswaldau draußen!« 1765 ff. Der Schauplatz des hier zuletzt Erzählten ist nicht mehr Marbach. Denn im Jahr 1765 wurde Schillers Vater, jetzt Hauptmann im Generalmajor von Stein'schen Infanterieregimente, von seinem Herzog als Werbeoffizier nach der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd geschickt, und durfte seinen Aufenthalt im Dorf und Kloster Lorch , als nächstem württembergischem Gränzorte, nehmen. Dadurch wurde der Knabe im sechsten Jahre aus dem lachenden Neckarthale Er scheint schon vorher von Marbach nach Cannstadt gebracht worden zu seyn. in die ernste Stille eines von Nadelhölzern umstellten Wiesengrundes versetzt. Das Dorf Lorch liegt am Fuße des Hügels, den, schon auf der Staffel eines Tannengebirges, die Klostergebäude krönen, vor deren Mauern auf einem Vorsprung eine uralte Linde Wache hält: der Hohenstaufen mit einem Gefolge von Bergen blickt nach dem Kloster herüber, das zahlreiche Gräber jenes erlauchten Geschlechtes umschließt; in der Tiefe schlängelt sich der Remsfluß freundlicheren Gegenden und segensreichen Nebenpflanzungen zu. In dieser Einsamkeit, an der das Herz des Dichters noch in späten Jahren hing, wurde jetzt Schillers Erziehung in Gemeinschaft mit einem Freunde des Hauses, dem Ortspfarrer Moser, Philipp Ulrich Moser , geb. zu Sindelfingen den 3. Jul. 1720, Pfarrer zu Hausen an der Würm 1750, zu Lorch 1757-1767, zu Dettingen und Heuchlingen 1767. Er lebte noch im J. 1790. Steinalte Leute zu Lorch, welche von ihm confirmirt wurden, wissen (1840) noch zu erzählen, »daß er ein strenger Mann gewesen, der den jungen Leuten scharf nachgesehen, und sie nach Befund auf dem Rathhause habe wissen lassen, wie viel ein Pfund Heller koste,« d. h. diese übliche Strafsumme ihnen nicht selten auferlegt. »Davon habe er viel Verdruß und wenig Dank gehabt und sey weiter gezogen.« Gefällige Mittheilung des Pfarramtes zu Lorch. einem wackern Manne, besorgt, der nur wenig Jahre älter war, als Schiller der Vater. Von ihm erhielt der kleine Fritz den ersten Unterricht in der lateinischen und griechischen Sprache, und Schiller hat seinem Lehrer durch den Charakter des Pastors Moser in den Räubern ein dankbares Denkmal gesetzt. Mit dem Sohne dieses würdigen Geistlichen, Carl Moser , schloß der Knabe die erste Jugendfreundschaft, deren Spuren sich noch im reifen Alter des Dichters vorfinden. Auch seine lang in der Seele fortglimmende Neigung zum Studium der Theologie scheint aus den Eindrücken zu stammen, die er im Pfarrhause zu Lorch aufgenommen hatte. Oft sah man ihn mit einer schwarzen Schürze statt des Kirchenrocks umbunden, ein Käppchen auf dem Kopfe, von einem Stuhle herab der Mutter und Schwester sehr ernsthaft predigen, und seine kindischen aus Bibelsprüchen zusammengereihten Vorträge zeigten schon eine Spur logischen Zusammenhangs. Schillers gründlichster Biograph findet in diesem Spiele schon die tiefste Bestimmung der Natur träumend errathen. »Schiller ist wirklich dem Wesen nach ein Prediger geworden, aber nicht von der Kanzel, sondern von der Schaubühne herab, nicht vor einer confessionellen Gemeinde, sondern ein Prediger vor der großen Menschenfamilie.« Hoffmeisters Leben Schillers. 1. Bd. S. 10. Von der Entwicklung seines sittlichen Charakters wird schon aus dieser frühesten Periode nur Gutes gemeldet. Er ging gerne in Kirche und Schule, und nur die Natur konnte ihn zuweilen zu kleinen Diebstählen an der Schulzeit verführen, die dem strengen Vater verborgen bleiben mußten; aber auch auf die Spaziergänge begleitete ihn sein gutes Gemüth und seine Menschenliebe, und mit gränzenloser Freigebigkeit verschenkte er an Arme, was er besaß. Versunken in Naturgenuß stand einst der achtjährige Knabe mit seinem Jugendfreund im Walde und rief: »O Karl, wie schön ist es hier! Alles, alles was ich habe, könnte ich hingeben, nur diese Freude möchte ich nicht missen!« Er wurde beim Wort genommen: unter der Last eines Reisigbündels schlich ein Kind in Lumpen durch den Wald. »Das arme Kind!« rief der kleine Schiller voll Mitleiden, kehrte seine Taschen um, und gab, was er hatte: zehen Kreuzer, und eine alte silberne Schaumünze, ein Geburtstagsgeschenk seines Vaters, von der er sich recht ungern trennen mochte. Ein andermal stellte er sich dem Vater ohne Schnallen an den Schuhen dar, und gestand, daß er dieselben einem armen Jungen zum Sonntagsschmucke gegeben, weil er sich selbst mit seinen Sonntagsschnallen begnügen könne. Und an Kameraden verschenkte er nicht nur Dinge, über die er frei verfügen konnte, sondern, wenn ihre Armuth sein Mitleiden recht rege machte, Bücher, ja Kleidungsstücke und Bettlaken, so daß selbst der Vater mit fühlbaren Züchtigungen einschreiten mußte, deren Vollziehung jedoch zuweilen die sanftere Mutter sich erbat. Im Uebrigen waren Gehorsam und Folgsamkeit Grundzüge seines Charakters. Die Natur war der Lieblingsaufenthalt des Knaben; oft wünschte er in der schönen Gegend der Sonne mit lautem Gesang, der überhaupt seine jugendlichen Schritte im Freien fast immer melodisch begleitete, eine gute Nacht, und wenn er sich der herrlichen Farbenmischung an den Wolken erfreute, rief er wohl gar Stuttgarts Maler laut auf, es zu versuchen und diese Farben auch so aufzutragen. Einer seiner Lieblingsspaziergänge war der Kalvarienberg der katholischen Nachbarstadt Gmünd, in welche Stadt der Vater beinahe täglich wanderte, um seinem unglücklichen Werberberuf nachzugehen; und nicht selten weilte er in den dunkeln Hallen der uralten, schmucklosen, düstern Kirche Lorchs bei den Gräbern der Hohenstaufen. »Diese religiösen und geschichtlichen Eindrücke in des Kindes Gemüth aufgenommen, waren vielleicht die ersten Fäden des magischen Gewebes der tragischen Darstellung, die der Genius in seiner Seele anlegte.« Der Vater erklärte ihm dazu die Geschichtsdenkmale der Gegend; der Sohn durfte ihn in die Uebungslager, zu den Förstern im Walde und reisend auf das schöne Lustschloß Hohenheim begleiten. Auf solche Weise nährten wechselnde Lebensbilder seine Phantasie, und ein einfaches Hausleben kräftigte dabei sein Inneres. Denn »schlichte Sitte, Ehrgefühl und zarte Schonung der Frauen im Familienkreise waren die Lebenselemente, in denen der Knabe aufwuchs.« Selbst der rauhe Vater zeigte der Mutter und den Töchtern gegenüber jenes Zartgefühl, das die edle Berichterstatterin, von der wir diese Worte entlehnt haben, als eine ursprüngliche Stimmung der Organisation betrachtet, als eine der Eigenschaften, der man am ersten Erblichkeit zuschreiben kann. So war denn dieses Zartgefühl, verbunden mit Wahrheitsliebe und Gewissenhaftigkeit, auch bei Schiller ein elterliches Erbtheil. Aber jene feinere Behandlung des Knaben und das Beispiel zarter Familienliebe wirkte bei diesem weder leibliche noch geistige Verzärtelung. Sein kühner Geist wagte es schon frühe, über die Gränzen des Elternhauses hinauszuschweifen, und es regte sich bei Zeiten in ihm jener Weltbürgersinn, der ihn als dramatischen Dichter so edel, frei und stolz machte. Die Tagebücher des neunjährigen Knaben ergingen sich in der Länderbeschreibung und Geschichte Persiens und den Thaten Alexanders, und wenn er von Schiffern und Reisenden erzählen hörte, konnte er oft begeistert ausrufen: » Vater, ich muß in die Welt! Auf einem Punkte der Welt bin ich; die Welt selbst kenne ich noch nicht .« Und der Mutter, die ihn ermahnte, im Vaterlande zu bleiben und sich redlich zu nähren, erwiederte er mit glühenden Wangen: »Vaterland, Vaterland! haben wir denn ein anderes als die ganze Welt? Wo es Menschen gibt, da ist das Vaterland. Und verlasse ich dann meine Eltern und Freunde, wenn ich zum Beispiel in Ispahan bin, mich dankbar ihrer erinnere, und alles das, was ich mein Glück nenne, mit ihnen theile?« In dieser Sehnsucht verschlang er die Reisen des Columbus, die Eroberungen des Kortes, die Weltumseglung Dampierre's. Sein Geist schien zu ahnen, zu welchen Wanderungen durch das Ideengebiet der Menschheit er selbst aufbewahrt sey. Auch in einigen Handlungen kühner Furchtlosigkeit bildete sich der kecke Unternehmungsgeist vor, der den Mann als Dichter und Denker beseelte. Bei einem Besuche in Hohenheim wurde der kleine Friederich sehr lange gesucht. Er war in dem Hause, in welchem der Vater abgestiegen war und das einen Theil der fürstlichen Gebäude ausmachte, die das Schloß umgaben, aus einem Salonfenster gestiegen und hatte eine Entdeckungsreise über die Dächer unternommen. Eben war er im Begriffe, den Löwenkopf, in welchen eine der Dachrinnen auslief, näher zu besichtigen, als der erschrockene Vater ihn entdeckte und ihm laut zurief. Der Knabe aber blieb so lange regungslos auf dem Dache, bis der Zorn des Vaters sich gelegt hatte und ihm Straflosigkeit zugesichert war. Ein andermal – noch mochte Schiller nicht über sieben Jahre zählen – fehlte der Kleine um das Abendessen, als eben ein finsteres Gewitter am Himmel stand und die Blitze schon die Lust durchkreuzten. Im ganzen Hause wurde er vergebens gesucht, und mit jedem Donnerschlage vermehrte sich die Angst der Eltern. Endlich fand man ihn nicht weit vom väterlichen Hause im Wipfel der höchsten Linde, die er unter dem Krachen des ganz nahen Donners jetzt erst zu verlassen Miene machte. »Um Gottes willen, wo bist du gewesen,« rief ihm der geängstete Vater entgegen. »Ich mußte doch wissen, woher das viele Feuer am Himmel kam!« entgegnete der muthige Knabe. – Ist es nicht, als hätte er sich schon am frühen Lebensmorgen im Arsenal der Schöpfung umsehen wollen, um dereinst von ihr jene Flammenblitze zu entlehnen, mit welchen er im Reich der Geister die lang entweihte Bühne und von der Bühne aus die Welt der Freiheit und Sittlichkeit zu reinigen unternahm? In seinen Arbeiten zeigte Schiller von früher Jugend auf unermüdliche Beharrlichkeit, und ein Geschäft, das einmal von ihm vorgenommen war, mußte, trotz der nicht seltenen Vorwürfe des Vaters, oft heimlich, mit Unterbrechung des Schlafes, selbst bei Lampenschein beendet werden. In diesen Ernst mischte sich indessen wohl auch einmal der Humor. Unter den kleinen Kunstschätzen, die der Vater, vielleicht als Familiengut der muthmaßlich aus Sachsen abstammenden Gattin besaß, war auch ein Oelgemälde, das die Eroberung Magdeburgs durch Tilly vorstellte, das größte und beste in der Sammlung. Der Eroberer war darauf abgebildet, wie er, den rechten Arm in die Seite gestützt, durch die Straßen reitet und mit blutgierigem Blicke den Schauplatz der Zerstörung mustert. Gruppen wehklagender Frauen, fliehender Greise und Kinder, wüthender Mordbrenner, umgeben von brennenden und einstürzenden Häusern, faßten das den Feldherrn darstellende Mittel des Bildes ein. Der kleine, sechsjährige Schiller nahm sich dieses Gemälde, dessen viele ausdrucksvolle Gesichter seine Aufmerksamkeit anzogen, aufs Korn und übte an ihm das erstemal in seinem Leben die Kunst freier, poetischer Umgestaltung. Es ward von ihm in eben so viele kleine Theile zerschnitten und zerstückelt, als es Gegenstände enthielt. Tilly selbst erhielt zu verdienter Strafe seiner Grausamkeit ein geschwärztes Mohren-, oder Teufelsgesicht, und führte, auf Papier geklebt, einen Reihen von Rossen und Soldaten an. Die Einwohner Magdeburgs, Männer, Weiber und Kinder bildeten einen zweiten Reihen und füllten ein anderes Papier, Greise und alte Mütter beschloßen den Zug; aber auf einem dritten Bogen waren die einzelnen Theile der Personen muthwillig unter einander geworfen: Kinderköpfe saßen auf dem Rumpfe eines alten Mannes, auf dem Leib eines den Säbel ziehenden Kroaten ein verschämter Mädchenkopf; ein schmucker Offizier endete in das Haupt eines sich bäumenden Rosses. Diese Umgestaltung eines theuer gehaltenen Bildes in hogarthische Carricaturen wurde übrigens dem jungen Dichter vom strengen Vater wenig verdankt.   Im Jahr 1768 verließ die Schiller'sche Familie Lorch, (wo der Vater in ziemlich beschränkten Umständen gelebt hatte, da er hier während drei ganzer Jahre nicht den mindesten Sold Dieser Gehalt bestand überhaupt nur aus 19 monatlichen Gulden. Die Schiller'schen mußten daher damals von der Unterstützung einiger Verwandten in Ludwigsburg leben. Mündliche Notiz. empfing, sondern von seinem Vermögen zehren mußte. Auf eine nachdrückliche Vorstellung bei dem Herzoge ward er endlich von seinem Posten als Werbeoffizier abgerufen und der Garnison Ludwigsburg einverleibt, wo er den rückständigen Sold in Terminen ausbezahlt erhielt. Der neunjährige Fritz Schiller wurde nun in die lateinische Schule Ludwigsburgs geschickt, und neben dem Latein auch im Griechischen und Hebräischen, als den unerläßlichen Erfordernissen des künftigen Theologen – denn diesen Beruf hatte der Knabe nun gewählt – jedoch in diesen beiden Fächern ziemlich spärlich unterrichtet, aber im Griechischen durch eigenen Fleiß vorwärts gebracht. Sein Lehrer, Magister Johann Friedrich Jahn, ein noch vielen Württemberg wohlbekannter Schulmann, denn er regierte die Ludwigsburger Schule bis gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts, wird mit zu viel Strenge als ein kalter, rauher, murrsinniger Polterer geschildert; er war es nicht mehr und nicht weniger, als die meisten Präceptoren jener Zeit, – ein fermer Lateiner, und nichts weiter. So trocken denn auch Ovid, Virgil und Horaz behandelt werden mochten, im Latein machte Schiller doch gute Fortschritte, und im Landexamen, jener noch bestehenden allgemeinen Schreckensprüfung In Schillers Anthologie singt, im Liede »die Winternacht« höchstwahrscheinlich er selbst (S. 270): »Wie ungestüm dem grimmen Landexamen Des Buben Herz geklopft; Wie ihm, sprach itzt der Rektor seinen Namen, Der helle Schweiß aufs Buch getropft!« der unmündigen Candidaten der Theologie im Württemberger Lande, die damals vier bis fünf Jahre hintereinander auf dem Stuttgarter Gymnasium vorgenommen wurde, erhielt er (1769 – 1772) das Zeugniß eines hoffnungsvollen Knaben und seine Fortschritte wurden mir das letztemal als etwas langsamer bezeichnet, wo ohne Zweifel Kränklichkeit seinen Fleiß hemmte. 1768 ff. Von einem Jugendfreunde – dem erst im jüngsten Jahrzehend verstorbenen königl. bayerischen Medizinalrathe von Hoven – wird Schiller in dieser Periode als ein, der Einschränkung ungeachtet, in welcher er vom Vater gehalten wurde, sehr lebhafter, ja beinahe muthwilliger Knabe geschildert. Die jüngern Gesellen fürchteten den Tongeber bei ihren Spielen und selbst den ältern und stärkern imponirte seine Furchtlosigkeit, die sich neckend, aber immer gutmüthig, sogar an Erwachsene wagte, wenn sie ihm zuwider waren. An wenigen vertrauten Freunden hing er fest und mit Aufopferung. In der Klasse einer der besten Schüler, ward er doch hauptsächlich durch große Ehrfurcht vor dem Vater, dem er nie genug thun konnte, zum Fleiß angetrieben. 1770 ff. Schillers Charakter erhielt etwas Aengstliches, als er im Jahr 1770 bei dem Abzuge des Vaters auf Solitude dem strengen Jahn in Wohnung und Kost übergeben wurde, und Vater und Lehrer schüchterten ihn mit steten Ermahnungen, und wegen seines linkischen Benehmens wohl auch mit Püffen und Ohrfeigen ein. Am wenigsten verfing bei ihm in dieser Zeit der Religionsunterricht. »Der Knabe hat noch gar keinen Sinn für Religion!« klagte der mürrische Pädagog von Zeit zu Zeit den betrübten Eltern. Aber auf welchem Weg und in welcher Gestalt wurde ihm auch diese beigebracht! Schiller hatte Frömmigkeit mit der Muttermilch eingesogen, Gellerts Lieder wußte er auswendig, an Luthers und Paul Gerhards Liedern hatte er sich mit Lust erquickt. »Ein feste Burg ist unser Gott –« von Jenem, von Diesem das durch des großen Friedrichs Spott geächtete » Nun ruhen alle Wälder – « und »Befiehl du deine Wege« – waren Lieblingslieder Schillers geworden. Nun sollte er auf einmal das kauderwälsche Lied » In dulci jubilo , nun singet und seyd froh –« auswendig lernen, und der Katechismus wurde ihm selbst vom Geistlichen unter der drohenden Peitsche eingetrieben. Während so die Lehrer ihn mit einer leblosen Dogmatik plagten, las der Knabe unter dem Tische seine alten frommen Lieder, und zu Hause sah man ihn oft die Bibel auf dem Schooße; die Psalmen hatte er mehrmal durchgelesen, ein Freund überraschte ihn, als er ein Kapitel aus dem Propheten Jesaias perorirte, und in den Räubern finden sich Spuren, daß der Prophet Ezechiel mit seinen erhabenen Gesichten seiner Seele tief eingeprägt war. Unter anderm scheint die Unbeholfenheit der Lehrer selbst das Hohelied als Lehrmittel gebraucht zu haben und sie wurden durch die vorlaute Frage des Knaben, »ob denn dieses Lied wirklich der Kirche gesungen sey,« überrascht und geärgert. Die Antwort wurde dem Vater hinterbracht, und der kleine Ketzer, zur Rede gestellt, fragte: »hat denn die Kirche Zähne von Elfenbein?« da regte sich auch im Vater der versteckte Oppositionsgeist der Aufklärung. Lachend mußte er sich umkehren, und murmelte vor sich hin: »Mitunter hat sie Wolfszähne!« 1768. In Ludwigsburg sah der neunjährige Knabe zum erstenmal ein Theater, glänzend, wie die Regierung eines prachtliebenden Herzogs es erwarten ließ. Die Wirkung, die es auf ihn hervorbrachte, wird als mächtig geschildert. Alle seine jugendlichen Spiele kehrten sich dieser neuen Welt zu; bis in sein vierzehntes Jahr führte er dramatische Scenen mit ausgeschnittenen Puppen auf, und Plane zu Trauerspielen fingen seine junge Seele zu beschäftigen an. Auch die Geschichte, die damals in den Geist der Jugend durch die Lesung der alten Autoren gleichsam nur eingeschwärzt wurde, führte ihm große und warm empfangene Gestalten zu: Solon, Diogenes, Sokrates, Plato, Archimedes, Seneca von den Weisen und Gelehrten; nicht Cäsar, sondern Brutus von den großen Männern; Cyrus, Alexander, Hamilcar und Hannibal unter den Feldherrn spielten in seinen Gedanken und Gesprächen eine Rolle; und nie las er die Geschichte vom Sturze des Karthagers Hanno ohne den zürnenden Ausruf: »man hätte dem biedern alten Manne folgen sollen!« 1769. Zum ersten Versuch in der Reimkunst begeisterte den zehnjährigen Schiller der Lohn von zwei Kreuzern, den er, unter Androhung der Peitsche, für sein rüstiges Katechismussprechen in der Kirche vom Geistlichen sich verdient hatte. Mit einem Freunde, der die gleiche Belohnung erhalten hatte, pilgerte er auf's Land und erhielt die saure Milch, die er auf dem alten, benachbarten Schlößchen Harteneck vergebens gesucht hatte, nach langem Fragen im nächsten Dorfe Neckarweihingen, in reinlicher Schüssel mit silbernen Löffeln, und für die kleine Baarschaft noch Johannistrauben dazu. Auf dem Heimwege kehrte sich Schiller auf der Anhöhe, die den Ueberblick über beide Orte gestattete, um, und seine Lippen ergoßen sich in einen gereimten pathetischen Fluch über den Ort, der sie hungrig entlassen, und in einen Segen über den andern, der sie so milde gespeist hatte. 1772. Die Ablegung seines Glaubensbekenntnisses, die in Württemberg gewöhnlich gegen das vierzehnte Jahr bei der evangelischen Jugend stattfindet, fiel bei Schiller gewiß nicht in das Jahr 1770 oder gar früher, sondern nicht eher, als er (im Jahr 1772) seinen Kurs in der lateinischen Schule zu Ludwigsburg geendet hatte, und die Eltern können dieser Feierlichkeit sehr wohl von der Solitude aus, wo der Vater schon über die herzogliche Baumschule gesetzt war, beigewohnt haben, denn eine schnurgerade Kunststraße führte damals von dem Lustschlosse in 2–3 Stunden nach jener Residenz. Vielleicht war die Mutter auch in Ludwigsburg wohnen geblieben. Sie, die noch immer still und unbemerkt über der Seele ihres Sohnes wachte, soll diesen den Tag vor der Confirmation auf der Straße herumschlendernd bemerkt und ihm über seine Gleichgültigkeit gegen die wichtige Handlung des folgenden Tages Vorwürfe gemacht haben. Gerührt zog sich der Knabe zurück und überreichte nach wenigen Stunden, der einen Sage zu Folge, der Mutter ein deutsches, der andern zu Folge dem Vater ein lateinisches Gedicht, das seine religiösen Empfindungen in Worte kleidete. Schillers Neigung war noch immer dem Studium der Theologie zugewandt und er stand nun im Begriffe, in eine der vier niedern Klosterschulen des Landes einzutreten, und hier in mönchischer Kleidung und Zucht, welche diesen Bildungsanstalten noch aus der katholischen Zeit geblieben waren, Horen singend und Vesper lesend, vier Jahre lang sich auf das Universitätsstudium unter strengem Unterrichte vorzubereiten. Aber es war im Rathe der Vorsehung anders mit ihm und seinem Dichtergenius beschlossen. Schiller in der Carlsakademie zu Stuttgart. 1773ff Der Herzog Carl von Württemberg, ein Herr von ausgezeichnetem Geiste, raschem Urtheil, umfassendem Gedächtnisse, lebhafter und unsteter Einbildungskraft, einem starken Willen im Dienste der Leidenschaft und einer lang ungebändigten Sinnlichkeit, hatte, nachdem er Jugend und Mannesalter an Glanz und Genuß aller Art verschwendet, aus großer Liebe zu wissenschaftlicher Bildung, deren Mangel er an sich mit unbestimmter Pein zu empfinden schien, dem Streben seines rastlosen Geistes in reiferen Jahren ein edleres Ziel gesteckt. »Ermüdet von Sinnenlust, Kunstgenüssen des Auslandes, und den phantastischen Einfällen, die eine übertriebene Liebe zum Luxus eingab, suchte er an der Seite einer guten, deutschen Frau (der Gräfin Franzisca von Hohenheim, die er später zu seiner rechtmäßigen Gemahlin erhob) in der Gründung einer idealischen Landwirthschaft, in der Förderung aller Zweige des Wissens, auch durch Errichtung eines Erziehungsinstituts Beschäftigung, die der Innerlichkeit des Lebens, zu der das herannahende Alter drängt, zusagte.« Die Carlsakademie, die aus diesem Triebe nach edlerm Ruhme hervorging, hatte übrigens auf dem Lustschlosse Solitude im Jahr 1770 einen nur geringen Anfang genommen, als militärisches Waisenhaus für vierzehn Soldatenkinder, die im Tanz, Gesang und andern Künsten unterrichtet wurden, um dereinst den Freuden des damals noch üppigen und prachtvollen Hofes zu dienen. Aber schon nach einem Jahr, als die Zahl der Zöglinge sich schnell vermehrt hatte, wurde sie zur »militärischen Pflanzschule« erhoben, und jetzt auch schon den Ausländern geöffnet. Der Kreis der Lehrgegenstände erweiterte sich mit der Begeisterung des Herzogs für sein Werk: Mathematik, Geschichte und Erdkunde, Religion, Latein und Mythologie wurden von einem vermehrten Lehrerpersonal vorgetragen; doch waren die Lehrfächer anfangs noch nicht streng fixirt. Die Zöglinge selbst waren in zwei Klassen oder vielmehr Kasten getheilt: Kavaliers oder Offizierssöhne, und gemeine Eleven, meist Soldatenkinder, doch auch hier und da der »Sohn eines rechtschaffenen Bürgers« aus den Haupt- und Landstädten. Die erste Klasse war vorläufig für das Militär bestimmt, der größte Theil der Eleven den Künsten, der Malerei, Bildhauerei, Architektur, Stukkatur, Musik, Gärtnerei, aber auch den Handwerken gewidmet, denn es gab selbst eine Abtheilung von Schneidern und Schustern. In den Unterrichtsstunden bestanden vier Abtheilungen. Für den Ehrgeiz der Zöglinge wurde durch Preismedaillen und einen, später gedoppelten, Orden, für Zucht und Ordnung durch ein streng militärisches Regiment gesorgt. Die Offizierssöhne trugen hellblaue kommistüchene Westen mit Ermeln, Kragen- und Ermelaufschlag von schwarzem Plüsch, Beinkleider von weißem Tuch, einen kleinen Hut, zwei Pavilloten an jeder Seite, ohne Puder, dazu lange, falsche Zöpfe nach bestimmtem Maße. Der Paradeanzug hatte mehrere Abstufungen und zum größten Putze trug alles Umformen. Der Werth, welcher auf diesen Schmuck vom Herzoge selbst gelegt wurde, wird durch sein Urtheil über einen Zögling bezeichnet, das, freilich nur von einem Spaßvogel dem fürstlichen Gründer in den Mund gelegt, lautete: »Ich sag', der N. N. ist der beste Zögling der Anstalt, sowohl in der Vergette , als in der Conduite. « Oberaufseher und Aufseher, aus der Zahl der Sergeanten, waren, was pedantische Aufsicht betrifft, exemplarische Männer, und der oberste unter ihnen, mit Namen Nies , von Schiller oft genannt, führte das Kommando mit einer Betriebsamkeit und einem Kleinlichkeitsgeiste, daß man in seiner Nähe kaum athmete. Harte Strafen züchtigten Nachläßige und Widerspenstige; und einmal wollten verstockte Zöglinge bei'm Befehle körperlicher Züchtigung das Schreckenswort vernommen haben: »bis Blut kommt!« Von dieser Strenge hörte indessen Vieles auf, als das Institut unter dem Namen »Militärakademie« im J. 1774 eine höhere Richtung erhielt, Offiziere vorgesetzt, Professoren angestellt, Fakultätsfächer und Lehrstunden bestimmt wurden. Einen höheren Schwung nahm vollends die Anstalt, als sie gegen Ende des J. 1775 nach Stuttgart in die schönen Gebäude hinter dem Schlosse verlegt wurde, die noch ihren Namen tragen. Allmählig waren jetzt regelmäßige Kurse in der Rechtswissenschaft und Arzneikunde, dann ein umfassenderer Vortrag in der Religionslehre, und von den Künsten die Kupferstecherkunst mit gründlichem Unterrichte hinzugekommen. Auch wurden Fremde und Einheimische gegen ein Kostgeld aufgenommen, und jetzt wurde die Anstalt nicht nur von Stadtstudierenden zahlreich besucht, sondern auch aus allen Weltgegenden strömten Jünglinge zu ihr, um in der mit Lehrern trefflich besetzten, berühmten Akademie sich zu bilden. Deutsche aller Stämme, Franzosen, Schweizer, Russen, Polen, Engländer, Italiener, Dänen, Schweden, Holländer, West- und Ostindier fanden sich an diesem Heerde der Kultur zusammen. Der Gründer erhielt die Anstalt aus eigenen Mitteln, durch seine Aufsicht, seine täglichen Besuche, seine Theilnahme an den Unterrichtsstunden als Zuhörer und Frager, seine Leutseligkeit und Strenge in Belohnungen und Strafen. Er liebte die Zöglinge so herzlich, daß, nach der Versicherung eines noch lebenden Augenzeugen, die herzogliche Kutsche, in welcher Carl selbst mit seiner Franziska fuhr, sich nicht selten von innen und außen mit Eleven bepackt von der Solitude nach Stuttgart schleppte. Aber die ernste, militärische Zucht dauerte fort. Subordination war das Grundgesetz des Instituts, der Stock, die Degenklinge und die Trommel beinahe die einzigen äußerlichen Aufforderungsmittel zu den Studien. In Parade ward in die Unterrichtsstunden gezogen, in Parade zum Mahl, in Parade zu Bette, zusammen taktmäßig und steif traten die Jünglinge in die Lehrzimmer, das Commandowort: Marsch, halt, links um, schwenkt euch! rief sie zu der Beschäftigung mit den Wissenschaften. Die strengste Verläugnung ihrer Individualität, die Erstickung der hervorstechendsten, wenn nicht zu dem ganz auf's praktische Leben angelegten Erziehungsplane passenden Talente, die Gefangennehmung des eigenen selbstständigen Sinnes und die gänzliche Unterwerfung des Willens unter den des Stifters wurde von den Zöglingen verlangt und im Durchschnitt auch geleistet. »Alles, was wir sind , alles, was wir werden , ist das erhabene Werk euer Herzoglichen Durchlaucht,« sprach, schon in Gegenwart Schillers, am dritten Stiftungstage der militärischen Pflanzschule in öffentlicher Rede ein »junger, gelehrter und liebenswürdiger Kavalier«, der jedoch das, was er seitdem geworben, nicht ganz auf seines Herzogs Rechnung, ohne eigene Imputation, zu schieben hatte. Wie diese berühmte Anstalt eine Frucht der Begeisterung und Pedanterei in seltsamer Mischung war, so trug sie auch gemischte Früchte. Große Künstler, Gelehrte, Krieger, Geschäftsmänner, ja einige der ersten Köpfe Europa's Außer Schiller: Cuvier und Kielmeyer. wurden in ihr gebildet, aber auch verdorbene Halbgenie's, frivole Freigeister, kleinliche Tyrannen. Gründliche Wissenschaftlichkeit und seichte Aufklärung, edle Thätigkeit und unruhige Gewaltthätigkeit, selbstbewußte Kraft und eitle Selbstüberschätzung verbreiteten sich mit ihren Zöglingen in einem Doppelstrome befruchtend und verderbend über das Land, in dessen Schoße sie entstanden war, und wohl auch über dasselbe hinaus. Während die Carlsakademie, später von Kaiser Joseph zur hohen Schule erhoben, im Farbenglanze der Uniformen blühte, schlich der verlebte Geist früherer Jahrhunderte in dickem Blute langsam durch die Adern der alten Erziehungsinstitute des Landes, und wie dort der Corporalsstock hinter den Coulissen regierte, so bewegte sich in den Klosterschulen und dem theologischen Stifte zu Tübingen die schwarze Kutte und der geistliche Talar nach der schwerfälligen Mönchsregel. Dennoch war dieser verjährte Zwang nicht so lästig und hemmend für den aufstrebenden Geist, als jener moderne illustrirte Despotismus. In den alten Gelehrtenschulen Württembergs verfolgte er den Jüngling nur in die öffentlichen Gebetsstunden, in die Collegien und etwa zu Tische. Am Arbeitspulte war dieser so ziemlich Herr über seine Gedanken, und der freien Entfaltung seiner Naturanlagen war nicht dieselbe Zwangsjacke angelegt wie dem Körper. Es ist erlaubt zu fragen, was aus Schiller geworden wäre, was die Welt mit diesem hochbegabten Geist empfangen hätte, wenn er, seiner früheren Neigung entsprechend, nicht in der Carlsakademie, sondern in den württembergischen Klöstern seine erste wissenschaftliche Bildung empfangen hätte. Einer seiner Jugendfreunde zweifelt nicht, daß unser Dichter, wenn er nicht zum Erlernen von Wissenschaften genöthigt worden wäre, für die er entweder gar keinen Sinn hatte, oder denen er nur durch die größte Selbstüberwindung einigen Geschmack abgewinnen konnte, sich zu einem Theologen gebildet haben würde, der durch bildereiche Beredsamkeit, und durch richtige Anwendung einer tiefen Philosophie auf die Religion Epoche gemacht hätte. Wir können so bescheidene Erwartungen, welche den Genius auf die Kanzel und den theologischen Lehrstuhl beschränken wollten, keineswegs theilen. Vielmehr glauben, wir, daß auch in dieser Laufbahn sich Schiller nicht mit der Anpassung seines Geistes ans Gegebene und Positive, oder gar mit der rhetorischen Form begnügt hätte, sondern daß er in der Wissenschaft, wie er es in der Poesie gethan hat, auf ungewohnten Bahnen der höchsten Wahrheit zustrebend, als Denker dasselbe geworden wäre, was er als Dichter geworden ist: der Mitschöpfer einer neuen Periode. Diese seine Ansicht findet der Verf. vorliegender Biographie durch ein Urtheil Fichte's bestätigt, welcher im J. 1795 gegen Wilh. v. Humboldt äußerte, daß wenn Schiller zur Einheit in seinem Systeme käme, was allein von ihm abhinge, von keinem andern Kopf so viel, und schlechterdings eine neue Epoche zu erwarten wäre. – Zweiter Druck, Januar 1840. Gewiß ist, daß er dem Studium der Kantischen Philosophie um ein Jahrzehend früher auf diesem Wege zugeführt worden wäre, und wer weiß, ob nicht sein tiefsinniger Geist, ohne Störung und Versuchung in stillen Klostermauern Jahre lang auf das höchste Objekt des Wissens geheftet, einem Schilling und Hegel, welche dieselbe Laufbahn zehn oder fünfzehn Jahre später betraten, die Palme vorweggenommen hätte. Aber nicht aufs Erkennen allein, aufs Schaffen war unser großer Landsmann vom Lenker der menschlichen Geschicke angewiesen, und nicht zum Gründer einer philosophischen Schule sollte ihn die einsame Zelle, sondern zum ersten dramatischen Dichter der neuem Zeit eine zwar widerliche und, harte, aber lebendiger Anschauungen volle Schule, und darin Pein, Irrthum, Zweifel, Leidenschaft mit ihren Verirrungen und endlich die Flucht ins Leben hinaus, und ein heißer Kampf mit der Aussenwelt bilden. Der Herzog Carl von Württemberg, in der Schöpfung seiner militärischen Pflanzschule begriffen, ließ, um die fähigsten jungen Leute kennen zu lernen, von Zeit zu Zeit bei den Lehrern Umfrage halten, und so wurde ihm denn in Ludwigsburg unter andern vorzüglichen Schülern auch der Sohn seines Dieners Schiller genannt. Sogleich erging an den Vater der Antrag des Herzogs, den Knaben in die Pflanzschule aufnehmen und dort auf fürstliche Kosten erziehen lassen zu wollen. In der Schiller'schen Familie verursachte dieses großmüthige Anerbieten die größte Bestürzung, denn Vater und Mutter waren dem Lieblingsplane des Sohnes, sich dem geistlichen Stande zu widmen, keineswegs abhold gewesen, und namentlich hatte die sanftere Mutter sehnlich gewünscht, den geliebten, einzigen Sohn auf dem sittlich gefahrloseren Pfade der vaterländisch theologischen Bildung ruhig fortschreiten zu sehen. Der Vater wagte daher eine freimüthige Vorstellung an den Herzog, des Inhalts, daß der Knabe schon alle Vorbereitungsstudien zum geistlichen Stande gemacht habe, und der Herzog schien zufrieden gestellt: bald aber wiederholte sich sein Begehren zweimal hinter einander, die Wahl des Studiums wurde dem Sohne freigestellt, eine bessere Versorgung, als es im geistlichen Stande möglich wäre, versprochen. Der Ausspruch des Gebieters, des Wohlthäters der Familie konnte nicht mehr überhört werden, und mit mißmuthigem Herzen wanderte der noch nicht vierzehnjährige Jüngling Mitte Januars 773 mit 43 Kreuzern in der Tasche und »15 Stück unterschiedlichen lateinischen Büchern« im Ranzen, Urkundlich aus dem Vaterhause in die Pflanzschule, und wählte hier das Studium der Rechtswissenschaft, weil es, nach der Meinung der Eltern, die beste Versorgung versprach. Die erste Nachricht, wie es dem Knaben in den neuen Fesseln behagte, erhalten wir aus seinem eigenen Munde. »Lieber Carl!« so schrieb Schiller ein halbes Jahr nach seiner Aufnahme an seinen Jugendfreund Moser, der damals in Ludwigsburg lebte, am 12. Juli 1773, komm selbst, sieh, prüfe und urtheile! dein Friedrich ist sich nie selbst überlassen! den Einmal festgesetzten Unterricht muß er anhören, prüfen und repetiren, und Briefe an Freunde zu schreiben steht nicht in unserem Schulreglement. Sähest du mich, wie ich neben mir Kirsch's Lexikon liegen habe und vor mir das dir bestimmte Blatt beschreibe, du würdest auf den ersten Blick den ängstlichen Briefsteller entdecken, der für dieses geliebte Blatt eventualiter einen niegesehenen Schlupfwinkel in einem geistesarmen Wörterbuche sucht.« Außerdem berichten uns zwei akademische Jugendgenossen über Schillers Eintritt und anfänglichen Aufenthalt in dieser Anstalt, in welcher er, als nicht Sohn eines aktiven Offiziers, nicht unter den Kavalieren, sondern unter den Eleven seinen Platz nahm. Der eine, der nachmalige Generallieutenant von Scharffenstein, ein geborner Elsäßer, schildert uns die komische Gestalt, welche der neue Ankömmling in der ordonnanzmäßigen Kleidung des Instituts machte: »lang für sein Alter, Beine beinahe ganz mit den Schenkeln von Einem Kaliber, sehr langhalsig, blaß, mit kleinen rothumgrenzten Augen, nicht der reinlichste in seiner Toilette, – ein ungeleckter Kopf voll Papilloten mit einem enormen Zopf« – so wird uns Schiller von dem überrheinischen Kameraden gezeichnet. Der andere, von Hoven, schon von Ludwigsburg her sein Gespiele, erzählt uns, wie der junge Zögling in den gelehrten Sprachen, in welchen er schon zu Ludwigsburg einen sehr guten Grund gelegt, bedeutende Fortschritte machte; wie denn auch bei der Preisvertheilung am 14. Dezember 1773, welche in Gegenwart des Herzogs vorgenommen wurde, mit dem ersten Preis in der griechischen Sprache »Johann Christoph Friedrich Schiller von Marbach« in den Listen aufgezählt wurde und dort noch zu finden ist. Schillers Gelehrsamkeit im Griechischen erstreckte sich übrigens vom 14ten bis zum 24sten Lebensjahre nicht über das neue Testament, laut seines eigenen Geständnisses (an W. v. Humboldt, vom 26. Okt. 1795). Französische Schriftsteller lernte er bald ohne Schwierigkeit lesen, in der Geographie, Geschichte, Mathematik machte er ebenfalls gute Fortschritte, und das Studium der Philosophie zog ihn gleich anfangs mächtig an. Nur mit der Rechtswissenschaft, die er mit dem Jahr 1774 (also im fünfzehnten Lebensjahre!) zu studieren anfing, wollte es ihm nicht gelingen, er blieb hinter seinen Mitschülern zurück und wurde von den Lehrern für talentlos gehalten. Nur der Scharfblick des Herzogs sah richtiger und urtheilte einst über den im Examen Stockenden: »laßt mir Diesen nur gewähren; aus Dem wird etwas!« Schiller selbst hatte das Gefühl, daß er auf diesem Wege nicht vorwärts kommen könne. »Daß du eher zum Zweck kommen würdest, als ich,« schrieb er an seinen Freund Moser (18. Oktober 1774), »ahnete ich jetzt erst, als ich durch Erfahrung einsehen lernte, daß dir, einem freien Menschen, ein freies Feld der Wissenschaften geöffnet war. Dem Himmel sey es gedankt, daß in unsern Kriminalgesetzbüchern nicht auch, neben der Strafe des Felddiebstahls, eine Pön auf Diebstahl in entlegenen wissenschaftlichen Feldern gesetzt ist, denn sonst würde ich Armer, der ganz heterogene Wissenschaften treibt und im Garten der Pieriden manche verbotene Frucht naschet, längst mit Pranger und Halseisen belohnt worden seyn.« Je drückender ihm die Sklaverei erschien, desto trotziger gebärdete sich sein jugendlicher Geist. »Du wähnst,« heißt es in einem Briefe an denselben Freund vom 20. Februar 1775, »ich soll mich gefangen geben dem albernen, obgleich im Sinne der Inspektoren ehrwürdigen Schlendriane? So lange, wie mein Geist sich frei erheben kann, wird er sich in keine Fesseln schmiegen. Dem freien Mann ist schon der Anblick der Sklaverei verhaßt – und er sollte die Fesseln duldend betrachten, die man ihm schmiedet? O Carl, wir haben eine ganz andere Welt in unserem Herzen, als die wirkliche ist; – wir kannten nur Ideale, nicht das, was wirklich ist. Empörend kommt es mir oft vor, wenn ich da einer Strafe entgegen gehen soll, wo mein inneres Bewußtseyn für die Rechtlichkeit meiner Handlungen spricht. – Die Lektüre einiger Schriften von Voltaire hat mir gestern noch sehr vielen Verdruß verursacht.« Schon am 10. Januar 1775 hatte der junge Schiller auf der Solitude sich vor dem Herzog Carl und seiner Freundin, der Gräfin Franzisca von Hohenheim, an der letzteren Geburtstag in einer ihm aufgetragenen Festrede einigermaßen über die Lektüre Voltaire's durch die Worte gerechtfertigt: »So hat sich der unvollkommne Geist eines Lamettrie, eines Voltaire auf den Ruinen tausend verunglückter Geister eine Schandsäule errichtet, ihres Frevels unsterbliches Denkmal!« S. »Schillers erste bis jetzt unbekannte Jugendschrift. Amberg. 1839.« S. 17. Der Inhalt dieser so eben von einem Verwandten der Gräfin von Hohenheim, der nachmaligen Herzogin Franziska, dem Freiherrn F. von Böhner, veröffentlichten ächten Festrede Schiller's, des fünfzehnjährigen Knaben, ist höchst merkwürdig. Sie handelt von der »Tugend in ihren Folgen betrachtet« und enthält in einer bald stammelnden, bald männlich beredten und dichterischen Sprache manche Gedanken, die der Dichter als Jüngling und Mann in Liedern ausgeprägt und der Denker in seinem ganzen Leben nie aufgegeben hat. Zweiter Druck. Jan. 1840 Daß die Erzieher und Lehrer Voltaire's Schriften nicht gern in den Händen des sechzehnjährigen Knaben sahen, war nun eben keine Probe von Tyrannei. Andererseits würde diesem Unrecht geschehen seyn, wenn man ihn darum auf dem Wege des Unglaubens und Leichtsinns hätte sehen wollen. Vielmehr war Schiller bis jetzt noch frommen Regungen ganz hingegeben, oft mit Gebet beschäftigt, theilnehmend an Andachtsstunden der Stillen, mit Sehnsucht dem verlassenen Studium der Theologie zugekehrt, und auf sein Inneres mit jenem ernsten Blicke gerichtet, den er im spätern Denken und Dichten auf die ganze Welt warf. In der Selbstschilderung, zu welcher ihm im Jahr 1774 der Herzog Veranlassung gab, als er den Zöglingen Schilderungen von sich und allen Genossen ihrer Abtheilung zur Aufgabe machte, gestand er ein, daß er in manchen Stücken noch fehle, »daß er eigensinnig, hitzig, ungeduldig sey;« er schrieb sich aber auch getrost wiederum »ein aufrichtiges, treues, gutes Herz zu,« und erklärte, »daß er sich weit glücklicher schätzen würde, wenn er dem Vaterlande als Gottesgelehrter dienen könnte.« Ueber Kameraden ließ er sich nur da hart aus, wo er »Ehrerbietung gegen Vorgesetzte an Niederträchtigkeit grenzen« sah. Die bessern von diesen schilderten ihn bei dieser Gelegenheit als »lebhaft, lustig, voll Einbildungskraft und Verstand;« wieder als »bescheiden, schüchtern und mehr in sich vergnügt als äußerlich.« Den einen fiel auf, daß er beständig Gedichte lese, andere ahnen schon, daß seine eigene Neigung auf Poesie und zwar auf tragische gehe. Wieder einer giebt ihm das launige Zeugniß, daß er gewiß »ein guter Christ, aber nicht sehr reinlich sey.« Schillers erste Regungen der Poesie. 1774 ff. Die metrischen Übersetzungen lateinischer Dichter, in welchen Schiller sich übte, die Bewunderung und die ersten Nachahmungen Klopstocks, selbst der fromme Kindergedanke, der Messiade einen Moses im Epos gegenüber zu stellen, können noch nicht als ein Erwachen seiner Muse betrachtet werden. Auch der Mangel an Interesse für das Studium der Rechtswissenschaft und das fleißige Lesen der Classiker möchten wir nicht als einen Hauptanstoß zur Erweckung seines Dichtergenie's betrachten. Richtiger urtheilt sein Jugendfreund Scharffenstein, wenn er den ersten Ursprung von Schillers Poesie in unterdrückter Kraftäußerung zu finden glaubt, und darauf aufmerksam macht, daß die ersten Produkte, die dem ungestümen Knaben die Neigung des Genossen erworben, nicht, wie sonst gemeiniglich in diesem Alter aufgetreten wird, von weicher, sentimentaler Art waren, sondern ein starkes mit den Conventionen bereits in Fehde begriffenes Gemüth verkündigten Ein festes Benehmen des Freundes gegen den Intendanten besang Schiller in einer Ode, die er für sein Meisterstück hielt. Von dieser Epoche schrieb sich der innige Anschluß der zwei Freunde und der völlige Austausch ihres Innern her. Diese Freundschaft war eine geraume Zeit Lieblingsgegenstand der ersten Lieder Schillers, von denen sich leider nichts erhalten hat. Um die gleiche Zeit bildete sich auch eine Art ästhetischer Vereinigung zwischen Schiller, Hoven, Scharffenstein und dem späterhin bekannt gewordenen Gelehrten Petersen. Jeder sollte etwas machen, und man träumte schon vom drucken lassen. Während Hoven einen Roman à la Werther, Petersen ein weinerliches Schauspiel, Scharffenstein ein Ritterstück nach Art des Götz zu schreiben sich unterfingen, suchte Schiller nach einem tragischen Stoffe (er hatte Gerstenbergs Ugolino schon im Jahr 1773 gelesen). Gern hätte er, nach seiner eigenen spätern Aeußerung »Rock und Hemde um einen solchen Stoff gegeben,« und fand ihn endlich im Selbstmord eines Studenten. Sein Stück hieß » Der Student von Nassau. « Die Jünglinge standen im süßen Wahne der Autorschaft und recensirten sich gegenseitig aufs vortheilhafteste, bis eine grobe, nicht ohne Witz erfundene Posse eines französisch gebliebenen Kameraden von Mömpelgard ihre Eitelkeit tüchtig und plump mitnahm und dem kindischen Beginnen ein Ziel setzte. »Trotz ihrer Abgeschlossenheit,« sagt Hoffmeister, »spürten unsere Jünglinge die neue Aera, welche in der deutschen Literatur begonnen hatte.« Göthe war der Gott dieser Gesellschaft. Denn zu der Zeit, da Schiller mit seiner Knabenhand nach dem Blitze zu langen wagte, den er kurz darauf als Jüngling mit blutrothem Strahle der Welt in den Räubern entgegenschleuderte, hatte der größte deutsche Dichter ihr die Schönheit im kecken Spiegel der Wahrheit schon zehn Jahre lang entgegengehalten. Wer hätte damals aus den ersten rohen Versuchen unseres jungen Dichters, wer auch noch später, trotz aller Bewunderung, aus jenem Gorgonenbilde, in welchem er, mit der Begeisterung der Indignation, der Gesellschaft ihre eigene drohende Auflösung zeigte, den Schluß zu ziehen gewagt, daß derselbe Genius dereinst neben Göthe sich stellend, das Bild der Schönheit im ruhigen Spiegel der Anmuth und Würde, im Spiegel der vollendeten Sittlichkeit auffangen werde? Die Kühnheit Göthe's, dessen Werther er frühzeitig verschlungen, und dessen Götz von Berlichingen bald nach Gerstenbergs Ugolino in Schillers Hände kam, erregte indessen neben der Bewunderung einen gewissen Aerger in der Seele des Jünglings, denn er soll ihn manchmal das arrogante Genie genannt haben und er gestand in der Folge selbst, daß er den großen Mann zu rasch und nach gefaßten Vorurtheilen beurtheilt . Etwas später als mit Göthe's Dichtungen wurde Schiller mit dem Genius Shakspeare's bekannt. Einer seiner Lehrer, der nachmalige Prälat von Abel, ein edler, liebreicher Mann, dessen Andenken im Herzen vieler Schüler lebt, die binnen 56 Jahren in Stuttgart, Tübingen und im Kloster Schönthal zu seinen Füßen saßen, der sich auch um Schillers Bildung mehrfache Verdienste erwarb und dem dieser die zärtlichste Zuneigung bewahrte, las in der Unterrichtsstunde eine Stelle aus jenem Dichter vor. Schiller fuhr wie von einem elektrischen Schlag erschüttert, auf, und horchte wie bezaubert. Nach der Stunde erbat er sich vom Professor das Buch und später verschaffte ihm sein Freund von Hoven die Wieland'sche Uebersetzung Shakspeare's, und zwar, im jugendlichem Scherze, gegen ein Lieblingsgericht. »Gleich dem gewaltigen, felsenentstürzenden Strom ergriff dieser mächtige Geist sein ganzes Wesen, und gab seinem Talente die entschiedene Richtung zum Dramatischen.« Doch ist Schillers späteres Geständniß höchst merkwürdig und seine Empfindung hat gewiß mehr als Ein junger Leser des Briten getheilt: »Als ich in einem sehr frühen Alter diesen Dichter zuerst kennen lernte,« sagte er, Ueber naive und sentimentale Dichtung. Ausg. in Einem Bande von 1830. S. 1236, b. »empörte mich seine Kälte, seine Unempfindlichkeit, die ihm erlaubte, im höchsten Pathos zu scherzen... Durch die Bekanntschaft mit neueren Poeten verleitet, in dem Werke den Dichter zuerst aufzusuchen, seinem Herzen zu begegnen, mit ihm gemeinschaftlich über seinen Gegenstand zu reflektiren, war es mir unerträglich, daß der Poet sich hier gar nirgends fassen ließ, und mir nirgends Rede stehen wollte. Mehrere Jahre hatte er schon meine ganze Verehrung, und zwar mein Studium, ehe ich sein Individuum lieb gewinnen lernte. Ich war noch nicht fähig, die Natur aus der ersten Hand zu verstehen.« J. L. Greiner hat schon auf diese Stelle aufmerksam gemacht. Nach Verlauf eines Jahres entstand jetzt ein Trauerspiel, »Cosmus von Medici.« Von Hoven versichert, daß es ächt tragische Scenen und vorzüglich schöne Stellen enthalten habe; mehrere derselben wurden später in die Räuber aufgenommen. Neben den genannten Dramen war der Julius von Tarent, von Leisewitz, damals ein Lieblingsstück Schillers. Außerdem las er auch in dieser Zeit fleißig historische Werke, vorzüglich den Plutarch; von Philosophen aber Mendelsohn, Sulzer, Lessing, und vor allen seinen damaligen Liebling, den edlen Moralisten Garve, dessen Anmerkungen zu Verguson er beinahe auswendig wußte. Seine Muttersprache studierte er vorzüglich aus Luthers Bibelübersetzung. 1775. Diese Studien nahm Schiller mit nach Stuttgart hinab, wohin die militärische Pflanzschule in jenen schönen vierflügeligen Kasernenbau zu Ende des Jahrs 1775 verlegt wurde. Nicht so getreu sollte er seiner widerwillig getriebenen Berufswissenschaft bleiben. Zur Erweiterung der Anstalt gehörte nämlich auch die Aufnahme der Medicin unter die Lehrfächer. Der Herzog, dem zu viele Zöglinge in seiner Akademie die Rechte zu studieren schienen, ließ umfragen, welche wohl Lust hätten, das Studium der Heilkunde zu ergreifen. Unter diesen letztern, stellte sich auch, entweder freiwillig, oder auf eine Unterredung des Herzogs mit dem Vater, unser Schiller. Er wählte, nach Scharffenstein, diesen Beruf nicht eigentlich aus Vorliebe, »es war mehr ein Raptus, oder weil er ihn für liberaler und freier hielt, oder hauptsächlich weil die bei dieser Fakultät angestellten Lehrer ihm besser behagten.« Ingeheim leitete ihn auch schon die Rücksicht auf seine Lieblingsneigung, die Poesie; denn er dachte, Seelenlehre, Menschennaturkunde und verwandte Kenntnisse könnten ihm bei seiner Kunst als Dramatiker, theils als Dienerinnen, theils als Helferinnen von Nutzen seyn. Die Familie scheint diesen Wechsel nicht gerne gesehen, und Schillers Seele selbst scheint er einigen Kampf gekostet zu haben. Für die Richtung seines Geistes war der Tausch offenbar höchst wichtig; vor manchen Rohheiten wäre vielleicht sein Jugendleben ohne ihn bewahrter geblieben, aber eine Fülle von psychologischen und physiologischen Studien bereicherte durch diesen Beruf seinen Dichtergeist. Auch urtheilte er frühzeitig, »daß sein Feuer für die Dichtkunst erlöschen würde, wenn sie seine Brodwissenschaft bliebe, und er ihr nicht blos die reinsten Augenblicke widmete,« und noch in späteren Jahren war er der Meinung, »daß es auch für den Dichter gut sey, irgend ein wissenschaftliches Fach absolvirt zu haben, sey es nun, welches es wolle.« Schiller war erst sechzehn Jahre alt, als er die neue Wissenschaft ergriff, die er bald um Vieles anziehender fand, als er sich selbst vorgestellt hatte. Boerhave's und Hallers Werke und die Dissertationen und Kollegienhefte des großen Lehrers der praktischen Arzneikunde zu Göttingen, Brendels, waren dabei seine Führer. Aber wider seinen Willen überraschte ihn mitten im Lernen die Poesie, und er benützte jede freie Minute, sich mit der Literatur und Dichtkunst und, als mit ihrem Hülfsmittel, der Geschichte zu beschäftigen. Klopstock wurde jetzt auf's Neue von ihm vorgenommen, aber schon wagte er seine Gesänge zu kritisiren, ja eine mißfällige Ode sogar durchzustreichen, und ein richtiger ästhetischer Takt leitete ihn dabei. Außer ihm blieben seine Lieblinge Göthe, Gerstenberg, Haller und Lessing, wozu sich auch noch Uz und Wieland gesellten. Das älteste Gedicht, das sich von Schiller erhalten hat, stammt aus dem Jahre 1776, also nicht mehr von der Solitude. Es ist eine Rhapsodie auf den Abend, und enthält neben wenig eigenthümlichen Bildern und Gedanken, welche schon den Dichter versprechen, Erinnerungen aus Uz, Klopstock und den Psalmen. Der Anfang ist das schönste: Die Sonne zeigt, vollendend gleich dem Helden, Dem tiefen Thal ihr Abendangesicht – (Für andre ach! glückseligere Welten, Ist das ein Morgenangesicht!) – Nächstdem rührt das Gefühl, das den Dichter noch viel später mit gleicher Stärke begeisterte, »das paradiesische Naturgefühl« – Für Könige, für Große ist's geringe, Die Niederen besucht es nur. O Gott! du gabest mir Natur – Theil' Welten unter sie, nur, Vater, mir Gesänge! Balthasar Haug, der Vater des Epigrammendichters, Professor an der Carlsschule, theilte es, mit Verbesserung einiger Sprachfehler und Reimlicenzen (er ließ deren genug stehen), in seinem schwäbischen Magazine mit, und fügte die Bemerkung hinzu: »Dieses Gedicht hat einen Jüngling von sechszehn Jahren zum Verfasser. Es dünket mich, derselbe habe schon gute Autores gelesen, und bekomme mit der Zeit os magna sonaturum« – einen Mund, der dereinst hohe Dinge tönen wird. Ein zweites Gedicht, »der Eroberer«, führte derselbe Haug im Jahre 1777 mit der Bemerkung ein: »Von einem Jünglinge, der allem Ansehen nach Klopstocken liest, fühlt und beinahe versteht. Wir wollen seinen Feuereifer beileibe nicht dämpfen; aber Non sens , Undeutlichkeit, übertriebene Metathesen; – wenn einst vollends die Feile dazu kommt, so dürfte er mit der Zeit doch seinen Platz neben – einnehmen, – und seinem Vaterlande Ehre machen.« Dieß Gedicht hat weniger Persönlichkeit als das erstere, es ist mit Stoff und Form ganz aus Klopstocks Nachahmung hervorgegangen. »O, damals war ich noch ein Sklave von Klopstock!« rief Schiller später selbst aus; und Petersen schilt das Gedicht »den Erguß einer orientalischen Geistesergrimmung, mit Erinnerungen aus der Messiade und den Propheten, voll wilden Feuers und roher, brausender Kraft, aber auch voll Schwulst, Unverständlichkeit und Unsinn.« Ueber die Art und Weise, wie er schon damals dichtete, ist uns eine merkwürdige Aeußerung desselben Freundes, der sein poetischer Gewissensrath war, aufbehalten: »Man wähne ja nicht, daß Schillers frühere Dichtungen leichte Ergießungen einer immer reichen, immer strömenden Einbildungskraft oder gleichsam Einlispelungen einer freundlichen Muse gewesen seyen. Mitnichten! Erst nach langem Einsammeln und Aufschichten erhaltener Eindrücke, erworbener Vorstellungen, angestellter Beobachtungen; erst nach vielen Bilderjagden und den mannigfaltigsten Befruchtungen seines Geistes, erst nach vielen mißlungenen und vernichteten Versuchen hob er sich etwa im Jahre 1777 so weit, daß scharfsichtige Prüfer mehr aus einzelnen kleinen Aeußerungen, als aus größeren Arbeiten den bedeutenden künftigen Dichter in ihm ahnten, so wie er auch selbst nicht früher als um diese Zeit sich der Inwohnung und schaffenden Wirkung des Dichtergeistes gewiß wurde.« Dem genannten Freunde, dann seinem Jugendgespielen von Hoven, und dem als Tonkünstler und Componist später berühmt gewordenen Zumsteeg theilte er sich mit seinen dichterischen Versuchen am offensten mit. Von seinem Freunde Scharffenstein hatte er sich, empfindlich, wie Dichter sind, in Folge einer allzu offenherzigen Kritik, zurückgezogen. Hoven empfing zugleich die vertrautesten Mittheilungen über die philosophischen Ansichten des Freundes, und jedes vollendete Gedicht wurde sogleich von Zumsteeg componirt. Fortwährend wurde aber auch das Dichten dem Jüngling durch die lästigste Aufsicht und ein feindseliges Mißtrauen seiner Vorgesetzten schwer gemacht. Weinend fand man ihn einst vor seiner Bibliothek stehen, als ihm sein Shakspeare und andere, nicht in den Studienplan des Instituts passende Werke von den Aufsehern hinweggenommen worden waren. Die Zöglinge waren so scharf beobachtet, daß selbst die Mittheilungen unter Freunden sehr schwer war, daß sie sich nicht aus einem Schlafsaal in den andern begeben, und nie sich gruppenweise versammeln durften. So mußte denn oft das Puder- oder Waschzimmer, eine abgelegene Allee im Akademiegarten, ein Durchgang im Hofe das Lokal abgeben, wo Schiller einzelnen Vertrauten Proben aus seinen Gedichten mittheilen konnte, während ein ausgestellter Freundesposten Wache hielt. Sein Verhalten zur Akademie. Dennoch machte sich Schiller, wie sein Freund von Hoven versichert, während des Aufenthalts im Institute keines Vergehens gegen die strengen Gesetze schuldig, so viel Selbstüberwindung es ihn kostete, sich immer in die Ordnung zu fügen. Zuweilen freilich brauste sein feuriges Temperament, dem pädagogischen Eigensinne seiner Erzieher und der methodischen Härte der Inspektoren gegenüber, plötzlich auf, doch wußte er den Streit gewöhnlich durch einen witzigen, oft sarkastischen Einfall, den nicht jene stumpfen Aufseher, wohl aber die Mitzöglinge zu ihrer Belustigung verstanden, schnell abzubrechen. Um ungestört dichten zu können, nahm er manchmal Zuflucht zu einer erheuchelten Krankheit, wo ihm dann gestattet wurde, während die Zöglinge nur bis zu einer bestimmten Stunde des Abends Licht brennen durften, im Krankensaale sich einer Lampe zu bedienen. Wenn dann ein Aufseher oder gar der Herzog selbst, der den Acker der Wissenschaft durch das Auge des Herrn fett machen wollte, den Saal visitirte, so bedeckte schnell ein medicinisches Werk das angefangene Manuscript. Die Peiniger seines Talentes entdeckten indessen auch diesen Kunstgriff, und als ihm in einer solchen erdichteten Unpäßlichkeit als zweckmäßigste Kur von den Inspektoren starke Pensa aus seiner Brodwissenschaft zugemuthet wurden, übermannte ihn der Unmuth, und er warf dem Ueberbringer die zerrissene Aufgabe mit den Worten vor die Füße: »Ich muß bei der Wahl meiner Studien den freien Willen haben!« Er wurde für diesen Ausbruch seines Freiheitssinns für einige Zeit degradirt, und mußte sich nur um so schweigender in's Joch schmiegen. Zuweilen gelang ihm jedoch in unbewachten Abendstunden die Flucht in eine heitere Gesellschaft, zu Freunden und Verwandten in die Stadt. Aber ein schon im Jahre 1775 mit einigen seiner besten Kameraden entworfener Plan, sich durch Entweichung aus der Akademie immerwährende Freiheit zu verschaffen, mißlang gänzlich, ohne daß derselbe jedoch verrathen worden wäre. »Die Inspektoren,« scherzte er nach einigen Jahren darüber, »würden von dieser Flucht keine Zeitrechnung eingeführt haben!« Aus seinem Kerker heraus blickte Schiller mit neugierigen und sehnsüchtigen Augen nach der Bühne der wirklichen Welt, wo er (nach einem Briefe vom 25. September 1776) »ganz andere Dekorationen, Souffleurs und Akteurs« zu ahnen begann, als er und seine Mitgefangenen sie sich in ihrer Idealwelt dachten. »Mich interessirt,« schrieb er, »Alles, was ich von freien, selbstständigen Männern über eine Laufbahn erfahre, die ich bald selbst betreten werde! Nicht so ganz von wirklichen Erfahrungen entblößt, wünschte ich in die wirkliche Welt überzutreten. Denn Alles, was ich bisher von ihr weiß, folgerte ich aus dem Handeln und Wandeln in derselben, worüber mich die Geschichte, die treue Leiterin und Führerin auf meiner wissenschaftlichen Laufbahn, mehr als alles Geschwätz mancher Erzieher über Lebens- und Erziehungs-Prinzipe, belehrt.« In recht trüben Augenblicken fühlte er sich ganz verlassen von den Menschen, denn »die Vierhundert, die ihn umgaben,« erschienen ihm dann »wie ein einziges Geschöpf.« Auch bemerkte er im reiferen Alter, daß die Vielseitigkeit der Ausbildung, die sich viele andere Zöglinge in der Akademie erworben, gerade für ihn verloren gegangen sey. »Ein Commandowort konnte den innern Kreislauf seiner Ideen nicht fesseln.« In Wahrheit aber übte gewiß die Umgebung von so vielen Jünglingen allen Standes und der verschiedensten Nationen einen ihm selbst wohl unbewußten, bildenden Einfluß auf seinen Dichtergeist, und auch der Vortheil ist nicht gering anzuschlagen, daß er aus einer so großen Anzahl von Altersgenossen eine seltene Auswahl geistreicher, talentvoller, charakterguter Freunde durch das beginnende Leuchten seines Talents, wie durch seine Herzensgüte um sich zu vereinigen im Stande war. Zu seinen vertrauten Freunden gehörten außer den genannten noch der berühmt gewordene Bildner und Schöpfer der Schiller'schen Büste, der im hohen Greisenalter (1840) lebende Dannecker , und der als königl. württembergischer Geheimerrath verstorbene Lempp . »Bei der Wahl dieser Freunde, sah er,« nach Hovens Zeugniß, »eben so sehr, ja beinahe mehr, auf die Güte des Herzens und Haltung im Charakter, als auf ausgezeichnete Geistestalente. Wen er für gemein, unzuverlässig, niedrig, bösartig hielt, den verachtete er; und wenn er nähere Berührungen nicht vermeiden konnte, so betrug er sich gegen ihn mit zurückschreckender Kälte; beschränkte Menschen ertrug er; Beschränktheit, mit Dünkel gepaart, ward von ihm geneckt, während eben diese, mit Güte des Herzens verbunden, gegen die Neckereien Anderer an ihm immer einen Beschützer fand.« Der Herzog behandelte den jungen Schiller mit besonderer Auszeichnung, und weil der Vater als Hauptmann eine adelige Charge begleitete, ward dem Sohne die hohe Ehre zu Theil, gleich den adeligen Cavalieren, mit gepuderten Haaren bei feierlichen Paraden erscheinen zu dürfen. Wahrscheinlich war diesem die Distinktion so verhaßt, wie jeder andere Zwang. Der künftige Dichter war ein Sohn der Natur und der Freiheit: nur ungerne fügt sich ein solcher in die conventionellen Fesseln, die dem Manne früh genug die Laufbahn im Staate anzulegen pflegt. Schiller aber war dazu verurtheilt, schon die Knabenjahre in einem Treibhause zuzubringen, das in peinlicher Miniatur alle Formen und selbst alle Naturwidrigkeiten des Staates an den Zwergbäumchen seiner Pflege zur frühesten Reife brachte. Medicinische Studien und theologische Zweifel. Mit dem Eintritt in's Studium der Medicin und der Naturwissenschaften kam eine fremde Bewegung in das ohnedieß stürmende, aber doch von einer gewissen Seite bisher noch ruhige Gemüth des Jünglings. Er hatte den Segen einer frommen Erziehung genossen. Eine vertraute Freundin sagt von ihm: »Welche religiöse Zweifel auch späterhin Schillern bedrängen mochten, das Gemüth, die Innerlichkeit, die bei jedem guten und reinen Menschen am Ende das Band zwischen Himmel und Erde machen, waren früh in ihm geweckt und gebildet. Durch seinen großen Geist verklärt, sollten sie einst nicht allein ihm Befriedigung und Ruhe geben, sondern auch ihn fähig machen, Gottes Wege auf Erden in großen Bildern den Menschen darzustellen.« Aber diese anerzogenen Glaubenssätze und Gefühle mußten, was ihr Wesentliches betrifft, im Feuer gehärtet, ihre Wahrheit mußte durch wissenschaftliche Forschung, durch die Anläufe der Leidenschaft, durch die Erfahrungen des Lebens versucht, erprobt, geläutert werden, und den Anfang zu diesem großen und gefährlichen Prozesse machten seine Berufsstudien in der Akademie. Im Jahre 1775 hatte er sich für die Medicin entschieden, und schon im zweiten Jahre dieses Studiums sich mit seiner ganzen Geisteskraft so tief darein versenkt, daß ihm das Lob der Lehrer, welche seine Antworten und Bemerkungen weit höher achteten, als den mechanischen Fleiß der Andern, nicht genügte, sondern daß er viel höhere Forderungen an sich selbst stellte. »Er beschloß,« nach der Versicherung eines Jugendfreundes, »so lange nichts anderes, was die Medicin betreffe, zu lesen, zu schreiben, oder auch nur zu denken, bis er sich das Wissenschaftliche seines Berufes ganz zu eigen gemacht hätte.« In demselben Jahre nun erschienen im schwäbischen Magazine von ihm »Morgengedanken am Sonntage,« welche der Herausgeber Haug mit der Bemerkung begleitete, daß sie das Gebet eines warm, schön und rührend betenden Dichters seyen, »den Schicksale in Sachen der Religion und Wahrheit so geläutert haben, daß er seinen Zustand und die Notwendigkeit eines Entschlusses für die Wahrheit fühlte.« Aber die Schicksale des achtzehnjährigen Jünglings lagen nicht hinter ihm, sondern vor ihm; die Entscheidung für die Wahrheit war bei ihm die Aufgabe eines ganzen Dichter- und Denkerlebens, und was dem redlichen Herausgeber des schwäbischen Magazins als ein Resultat des Glaubens erschien, das waren die Trümmer der überlieferten Glaubenslehre, welche der Zweifel des jugendlich empörten Geistes bald darauf für den Augenblick von sich stieß. In jenen Morgengedanken entfaltete er vor Gott »das heiße Verlangen seiner Seele nach Wahrheit,« und die bangen Zweifel der umnachteten. Er sieht den schrecklichen Abgrund vor sich, und dankt der göttlichen Hand, die ihn wohlthätig zurückzog. Er fühlt sich zu trüben Tagen aufbehalten, wo der Aberglaube zu seiner Rechten rast, und der Unglaube zu seiner Linken spottet. Aus Zweifelsucht, Ungewißheit, Unglauben möchte er sich in die Wahrheit retten. Um die Ruhe, die heilige Stille steht er, in der sie uns am liebsten besucht. Und diese Wahrheit erkennt er bis jetzt noch in Jesus , den Gott gesandt hat. »Hab' ich Wahrheit, so hab' ich Jesum; hab' ich Jesum, so hab' ich Gott; hab' ich Gott, so hab' ich Alles.« Dieses Kleinod, diesen Trost will er sich durch die Weisheit der Welt nicht rauben lassen. Jedes herzfesselnde Erdenglück, jede betäubende Weltfreude mag ihm Gott nehmen, wenn er ihm nur die Wahrheit läßt. Um diese bittet er auch für die Irrenden. Mit ihnen will er hinüber gebracht seyn, wo kein Zweifel mehr unsere Herzen quält, wo Gott als Vater und Jesus als Abglanz seiner Herrlichkeit erkannt wird. Dieses ist ein Ton, der in solcher Einfalt weder vor noch nach in der Seele des Dichters angeklungen hat, und, wenn das Datum nicht widerstritte, so wäre man versucht, zu glauben, der ganze Aufsatz sey eine Stylübung oder eine dramatische Studie. Nun aber läßt sich kaum zweifeln, daß derselbe wirklich beim Schallen der Glocke geschrieben ist, die den Jüngling in den Tempel rief, wo er sein Bekenntniß befestigen sollte; vielleicht war es ein Beichtgebet vor dem Genusse des Abendmahls. Den Schluß bildet ein Gedicht im Tone Gellerts, ganz verschieden von den gleichzeitigen Versuchen des Dichters. Die Wissenschaft riß ihn bald in ganz andere Bahnen hinein. Um ein Examen über die theoretischen Disciplinen, der Arzneikunde bestehen zu können, widmete er sich wirklich, seinem Entschlusse getreu, ganz seinem erwählten Berufe. Nach Verlauf von drei Monaten konnte er in seiner neuen Berufswissenschaft eine Prüfung bestehen, von welcher er die größten Lobsprüche seiner Lehrer ärntete. Und schon im folgenden Jahre (1778) legte er seinem Lehrer eine leider nie gedruckte und dadurch verloren gegangene Abhandlung, »Philosophie der Physiologie« betitelt, vor, welche bald darauf von ihm in's Lateinische frei übergetragen wurde. Am neunten Jahrstage der Akademie (14. Dec. 1779) erhielt Schiller drei Preise, in der praktischen Medicin, der materia medica und der Chirurgie. 1780. Im Jahre 1780 war es, daß Johann Andreas Streicher, ein junger Mann, der sich später durch die edelste Aufopferung als einer der treuesten Freunde Schillers auswies, und bald auf der Lebensbühne des Dichters erscheinen wird, diesen zum erstenmale sah. Seine Schilderung ist wichtig, weil sie uns zeigt, was begonnene Kraftentwicklung und daraus fließendes Selbstgefühl aus dem früher so schüchternen und linkischen Jünglinge gemacht hatten. Dieser war in einer der öffentlichen Prüfungen, die alljährlich in der Akademie in Gegenwart des Herzogs gehalten wurden, eben Opponent bei einer medicinischen, in lateinischer Sprache durchfochtenen Disputation gegen einen Professor. Die röthlichen Haare, die gegen einander sich neigenden Kniee, das schnelle Blinzeln der Augen, wenn er lebhaft opponirte, das öftere Lächeln während des Sprechens, besonders aber die schöngeformte Nase, und der tiefe, kühne Adlerblick, der unter einer sehr vollen, breitgewölbten Stirne hervorleuchtete, prägten sich dem Schilderer bleibend ein, so daß er die ganze Scene nach achtundvierzig Jahren, wäre er Zeichner und nicht Musiker gewesen, auf's lebendigste hätte darstellen können. Bei der Abendtafel entdeckte er wieder denselben Jüngling, mit welchem sich der Herzog auf's gnädigste unterhielt: er lehnte sich auf seinen Stuhl und sprach in dieser Stellung sehr lange mit ihm. »Schiller aber behielt gegen seinen Fürsten dasselbe Lächeln, dasselbe Augenblinzeln, wie gegen den Professor, dem er vor einer Stunde opponirte.« 1778 ff. Die Zwischenzeit zwischen dem Jahre 1778 und Schillers Austritt aus der Akademie (1780) füllte neben der Conception und Ausarbeitung der Räuber im letzten Jahre, von welchem demnächst zu sprechen ist, die Elaboration der Probeschrift, welche Schiller im December 1789 in Gegenwart des Herzogs und in lateinischer Sprache vertheidigte, und wodurch er sich vor seinem Austritte aus der Akademie Befähigung zur ärztlichen Praxis erwarb. Sie handelt über den Zusammenhang der Menschen Natur des Menschen mit seiner geistigen. Er widmete dieselbe dem Herzog, dessen unvergeßlichen, mündlichen Unterricht er in der Zueignung rühmte. Diese Abhandlung ist als das geistige Resultat seiner Berufsstudien zu betrachten. Es erhellt aus ihr, wie Hoffmeister bemerkt hat, »daß Schillers philosophisches Talent viel früher reifte, als sein poetisches.« Geistreich und scharfsinnig entwickelt derselbe Schriftsteller, der seinem Leben Schillers einen Auszug jenes Schriftchens einverleibt hat, in Bezug auf die Apologie der Sinnlichkeit, welche dasselbe enthält, daß die Beweise für die Abhängigkeit des Körpers vom Geiste, die an einem in Idealen schwelgenden Jünglinge befremden könnten, Anstrengungen eines großen Verstandes seyen, welcher seinen Idealisirtrieb habe zur Erfahrung zurückzwingen und eine einseitige Richtung der Natur durch die Erfahrung verbessern wollen, so daß die medicinischen Studien dazu gedient hätten, ein realistisches Element in seinem Denksysteme einheimisch zu machen. Ein Theil dieser Operation ist indessen auch auf das junge, durch klösterliche Absperrung in Wallung gebrachte Blut des Verfassers zu schreiben, das bei jener Dissertation hier und da die Feder belebt zu haben scheint; ein Gedanke, der sich uns besonders aufdringt, wenn wir den Commentar zu dieser Abhandlung, der in einer Reihe lyrischer Gedichte, welche jenem Aufsatze fast auf dem Fuße folgten, und in einigen Abschnitten der Räuber enthalten ist, mit ihr vergleichen. Die Art und Weise, wie Schiller »als Philosoph die Triebe, Kräfte, Neigungen, Gefühle gegen den moralischen Rigorismus in Schutz nimmt, und daß er die Entwicklung des Menschengeschlechts auch immer von rohen, Menschen Anfängen ausgehen läßt« – mag diese einseitige Ansicht immerhin auf eine schon in der Jugend gefaßte Grundüberzeugung gebaut seyn, so hat sie doch eine gar andere Gestalt in dem reifen Denker und Dichter gewonnen und wenig mehr gemein mit dem thierischen Ungestüm, mit welchem sich der Trieb in seinen Jugendarbeiten gebärdet. Es ist in der That begreiflich, warum Schiller selbst von jener ruhiger gehaltenen Abhandlung, so viele Vorzüge der Gedanken und des Styls ihr mit Recht zugeschrieben werden mögen, in seinen spätem Jahren nie mehr sprechen mochte, und sie gewissermaßen verleugnet zu haben scheint. Uebrigens ist es ergötzlich anzusehen, wie sehr die gehoffte Autorschaft den Jüngling kitzelt, so daß er selbst in dieser Inaugural-Abhandlung nicht umhin konnte, die ungeborenen Räuber zweimal zu citiren. §. 15, Life of Moor, Tragedy by Krake. Act. V. Sc. I. und, was bisher übersehen wurde, §. 19: »Ein durch Wollüste ruinirter Mensch wird leichter zu Extremis gebracht werden können, als der, der seinen Körper gesund erhält. Dieß eben ist ein abscheulicher Kunstgriff derer, die die Jugend verderben, und jener Banditenwerber muß den Menschen genau gekannt haben, wenn er sagt: »Man muß Leib und Seele verderben.« – Das letztere sind Worte Spiegelbergs in den Räubern: »Du richtest nichts aus, wenn du nicht Leib und Seele verderbst!« Räuber, Act II. Sc. III. Die Räuber. 1780. Zunächst aus dem Kampfe mit der äußern Welt, dann ans dem Kampfe mit der Sünde, zuletzt aus dem Kampfe mit der unbändigen Macht seiner eigenen Naturanlage, und der ihn manchmal fast überwältigenden Reflexion ist der Genius des gewaltigen Dichters, dessen Lebensbild wir schildern wollen, siegreich hervor gegangen. Mit den Sterblichen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel, zuletzt, wie Jakob, mit Gott selbst hat er gerungen, und ist mit ungelähmter Hüfte aus dem Ringkampfe hervorgegangen. – Da das Manuscript der Räuber fast ganz während Schillers Aufenthalt in der Akademie fertig geworden ist, so muß dieß erste Produkt seiner Muse auch eher besprochen werden, als des Dichters Austritt aus jener Anstalt, obgleich erst der Regimentsmedicus und nicht der Zögling der Carlsschule es in die Welt hinausgehen ließ. Ueber die innere Entstehung dieses Gedichts ist zuerst sein Verfasser selbst zu hören, der sich vier Jahre später (1784) in der rheinischen Thalia folgendermaßen darüber aussprach: »Ich schreibe als Weltbürger, der keinem Fürsten dient. Früh verlor ich mein Vaterland, um es gegen die große Welt auszutauschen, die ich nur eben durch die Fernröhre kannte . Ein seltsamer Mißverstand der Natur hat mich in meinem Geburtsorte zum Dichter verurtheilt. Neigung für Poesie beleidigte die Gesetze des Instituts, worin ich erzogen ward, und widersprach dem Plan seines Stifters. Acht Jahre rang mein Enthusiasmus mit der militärischen Regel. Aber Leidenschaft für die Dichtkunst ist feurig und stark, wie die erste Liebe: was sie ersticken sollte, fachte sie an. Verhältnissen zu entfliehen, die mir zur Folter waren, schweifte mein Herz in eine Idealwelt aus. Aber unbekannt mit der wirklichen, von welcher mich eiserne Stäbe schieden, unbekannt mit den Menschen, denn die Vierhundert, die mich umgaben, waren ein einziges Geschöpf, der getreue Abguß Eines und ebendesselben Models, von welchem die plastische Natur sich feierlich lossagte – unbekannt mit den Neigungen freier, sich selbst überlassener Wesen, denn hier kam nur Eine zur Reife, die ich jetzt nicht nennen will: jede übrige Kraft des Willens erschlaffte, indem eine einzige sich convulsivisch spannte; jede Eigenheit, jede Ausgelassenheit der tausendfach spielenden Natur ging in dem regelmäßigen Tempo der herrschenden Ordnung verloren –; unbekannt mit dem schönen Geschlechte – die Thore dieses Instituts öffnen sich, wie man wissen wird, Frauenzimmern nur, ehe sie anfangen, interessant zu werden, und wenn sie aufgehört haben, es zu seyn–; unbekannt mit Menschen und Menschenschicksal mußte mein Pinsel nothwendig die mittlere Linie zwischen Engel und Teufel verfehlen, mußte er ein Ungeheuer hervorbringen, das zum Glück in der Welt nicht vorhanden war, dem ich nur darum Unsterblichkeit wünschen möchte, um das Beispiel einer Geburt zu verewigen, welche die naturwidrige Vermischung der Subordination und des Genius hervorgebracht.« Hier sind ein paar Worte von uns geändert worden. Zur Entschuldigung diene, was Hoffmeister I, 74 sagt. »Ich meine die Räuber . Dieß Stück ist erschienen. Die ganze sittliche Welt hat den Verfasser als einen Beleidiger der Majestät vorgefordert. Seine ganze Verantwortung sey das Klima, unter dem er geboren ward. Wenn von allen den unzähligen Klagschriften gegen die Räuber eine einzige mich trifft, so ist es diese, daß ich zwei Jahre vorher mich anmaßte, Menschen zu schildern, ehe noch einer mir begegnete.« So viel Wahres diese edle Selbstanklage enthält, die mit dem früheren Wahne des Dichters, daß er in den Räubern »nur die Natur gleichsam wörtlich abgeschrieben,« in grellem Widerspruche steht, so ist sie doch übertrieben und ungerecht. Der ungeheure Eindruck, den dieses Stück in ganz Deutschland hervorbrachte, beweist, daß es kein so unnatürliches Produkt, oder vielmehr, daß seine Unnatur selbst damals eine furchtbare Wahrheit war. Schiller hatte die Welt nur aus einer Fernröhre, aber die damalige Welt aus dieser richtig gesehen: oder eigentlich der Weltzustand seiner Zeit spiegelte sich in der hohen Carlsschule. Wenn die Räuber »der Angstruf eines Gefangenen nach Freiheit« waren, so glaubte damals die halbe Welt in den gleichen Fesseln zu schmachten, und jener »Unwille einer starken Seele« der sich in dem Stücke hörbar gemacht hat, jener Schmerzenslaut über Unterdrückung, fand ein so einstimmiges Echo nur darum in der Gesellschaft, weil die bürgerliche Ordnung wirklich krank und unterhöhlt, und theilweise die Auflösung und der Einsturz bevorstehend war. Nicht Karl Moor, die Zeit und Mitwelt selbst war der verlorne Sohn der dramatischen Parabel. Alle fühlbaren Mängel dieses Melodrama's, alle Monstrositäten der Anlage, Uebertreibungen der Handlung, der Charaktere, Rohheiten und Frechheiten der Sprache wurden nicht nur als Verirrungen eines großen, sich in dieser Mißgeburt dennoch verherrlichenden Genie's, einer ungeheuren Phantasie und Geisteskraft verziehen, sondern sie wurden vor Allem vergessen über dem Ton der Gerichtsposaune, die aus diesem Stück über die lebende Generation hintönte, an welcher binnen eines halben Menschenalters das alles in Erfüllung gehen sollte, was in dem engen Raume dieses Stückes zusammengedrängt war; denn das Geschlecht, an welches der Dichter mit seinen Räubern sich richtete, verging nicht, ehe ein Nachbarstaat und bald die Welt sich mit jenen Räubern füllte, deren »Handwerk Wiedervergeltung und deren Gewerbe Rache war.« Jener Parlamentsrath, der geschworen hatte, das Volk müßte noch so weit gebracht werden, daß es Heu fresse, Räuber . Act II. Sc. II. Franz: »In meinem Gebiete soll's so weit kommen, daß Kartoffeln und dünnes Bier ein Traktament für Festtage werden, und wehe dem, der mir mit feurigen Backen unter die Augen tritt, Blöße der Armuth und sclavische Furcht sind meine Leibfarbe; in diese Livrey will ich euch kleiden!« , und seine Mörder, die ihn, ein Bund Heu auf dem Rücken, ein Band von Nesseln um den Hals, und einen Distelstrauß in der Hand nach Paris auf die Schlachtbank trieben und seinen Durst mit gepfeffertem Weinessig stillten – waren beides nicht Ungeheuer, von dem wirklichen Leben aus Schillers idealen Räubern entlehnt? Zwölf Jahre nach dem Erscheinen seiner Tragödie erhielt ihr Verfasser das neufränkische Bürgerdiplom des Pariser Nationalconvents. Diese Cassandrenweissagung der Revolution ist es, welche dem wilden Stücke unausgegohrener Dichterkraft den jubelnden Beifall eines gährenden Geschlechtes erwarb, während der Widerstand und die Besonnenheit einen Ruf des Entsetzens oder nüchterne Laute der Warnung hören ließen. Der Zusammenhang in des Dichters Erstlingsstück mit der Weltlage macht auch den Ausruf jenes Fürsten begreiflich, den nach Eckermann, Göthe, der Badgast, in dem engen Mühlwege zum offenen Geständnisse brachte: »Wäre ich Gott gewesen, im Begriffe, die Welt zu erschaffen, und ich hätte in dem Augenblicke vorausgesehen, daß Schillers Räuber würden darin geschrieben werden, ich hätte die Welt nicht geschaffen;« das heißt doch nichts anders, als: wenn die Welt nur mit der Revolution bestehen kann, so wäre sie besser ungeschaffen geblieben. Allerdings würde Schiller von allen Freunden der Ordnung einen schweren Vorwurf verdient haben, wenn er in Deutschland der Prediger und nicht blos der Prophet jener Staatsumwälzung gewesen wäre. Welch' ein Feuer hätte er zehen Jahre später mit dem Blitz und Donner seines Talentes vom Rhein aus anzünden helfen können, wenn er, der aus dem nächsten Vaterland einst Verbannte, wie andre Werkzeuge der Selbstsucht und der Verblendung, sich in das Lager des Feindes geworfen hätte, wenn er ein Organ der Leidenschaft, und nicht der göttlichen, ruhigen Wahrheit hätte werden, wenn er der Anarchie hätte dienen wollen, wie er der Freiheit in der Schönheit gedient hat! Denn nicht mit Unrecht hat sein Freund Scharffenstein von ihm geurtheilt: »Wäre Schiller kein großer Dichter geworden, so war für ihn Nach seinem wirklichen Bildungsgange; was unsere Annahme, daß er bei einer andern Jugendbildung ein Vordenker seiner Nation geworden wäre, nicht widerspricht. keine Alternative, als ein großer Mensch im aktiven, öffentlichen Leben zu werden.« Von den innern Veranlassungen zu den Räubern gehen wir zu den äußern über. Die Neigung zur dramatischen Dichtkunst war, wie wir gesehen haben, frühzeitig in Schiller rege geworden. Selbst die strenge Anstalt, welche ihn hermetisch vor der Poesie verschließen sollte, hatte dieselbe unterhalten. Schon im ersten Jahre seines Aufenthalts in der Pflanzschule wurde auf der Solitude am dritten Jahrestage der Militärakademie der Geizige von Molière, und das Jahr darauf eine andere Comödie, der Deserteur von Mercier in französischer Sprache vor dem Herzoge von den Eleven aufgeführt. Aehnliches geschah wohl auch in Stuttgart, Wenigstens erzählt uns Petersen, daß jährlich in einem Saale der Carlsschule theatralische Vorstellungen von den Zöglingen gegeben werden durften, wobei einige derselben auch die weiblichen Rollen zu übernehmen hatten. Da trat denn auch Schiller als Clavigo in Göthe's Schauspiele dieses Namens auf, obgleich, charakteristisch genug, Beaumarchais sein Liebling war; aber je produktiver sein Genius sich bald darauf zeigte, je weniger hatte er die Gabe der Nachahmung: Schiller, der künftige Schauspieldichter, fuhr als Schauspieler auf seinem Stuhle in Clavigo`s Rolle wie besessen herum, und wurde, durch diese heftige Mimik, sein unangenehmes Organ und seine schreiende Deklamation ein Gegenstand des Gelächters. Von seinen eigenen dramatischen Versuchen der frühern Zeit ist schon erzählt worden. Den lyrischen Stoff zu den Räubern, seinen Grimm gegen die willkührliche Beschränkung durch zweckwidrige Staatseinrichtungen und Herkömmlichkeiten, (die Akademie war ihm sein Staat und sein Kerker) trug er schon lange mit sich im Busen herum, aber, weil zum Drama geschaffen, schüttete er denselben nicht in Lieder aus, sondern sein Geist erwartete einen äußern Anstoß, seinen ganzen Groll in objektive Handlung zu verwandeln. »Die Räuber,« sagt Scharffenstein, »schrieb er zuverlässig weniger um des literarischen Ruhmes willen, als um ein starkes, freies, gegen die Conventionen ankämpfendes Gefühl der Welt zu bekennen.« In jener Stimmung äußerte er oft gegen seinen Freund: »Wir wollen ein Buch machen, das aber durch den Schinder absolut verbrannt werden muß!« Die Veranlassung von außen kam endlich. Das schwäbische Magazin von Balthasar Haug, in welchem Schiller die Erstlinge seiner Muse niedergelegt hatte, enthielt die Erzählung eines durch seinen verstoßenen Sohn geretteten Vaters. Schnell war vom Dichter der Plan zu seinem »verlorenen Sohne« im Geist entworfen, ein Titel, der jedoch nicht der bleibende war, sondern an dessen Stelle, nach Art der Classiker, bei welchen oft der Chor die Überschrift zum Stücke hergab, der andre Titel »die Räuber« trat, als der Freiherr von Dalberg eine Umschmelzung des Trauerspiels für das Theater (im August 1781) verlangt hatte. Die Arbeit wurde mit großen Unterbrechungen, unter beständiger Furcht, entdeckt zu werden, im Krankensaale, bei der Nachtlampe – wie oben des jungen Schillers Weise zu dichten geschildert worden ist – allmählich vollendet. Nur wenige Freunde erhielten davon Kunde und Mittheilungen. Hier und da steckte auch wohl ein jüngerer Zögling ehrerbietig und scheu den Kopf in das Kabinet des schaffenden Giganten, und ein solcher erinnert sich noch heute den bei einer Flasche Bier über dem Manuscripte seiner Räuber brütenden Dichter belauscht zu haben. Von Zeit zu Zeit vergnügte er seine Freunde mit der Vorlesung eben fertig gewordener Scenen, und einst wurde er in ihrem Kreise von einem Aufseher überrascht, als er glühend und wie in Verzweiflung die Worte deklamirte, die Franz Moor zum Pastor Moser sagt: »ha! was? kennst du keine drüber? Besinne dich nochmals! Tod, Himmel, Ewigkeit, Verdammniß schwebt auf dem Laute deines Mundes!« In diesem Augenblicke öffnete der Inspektor die Thüre. »Ei, so schäme man sich doch,« rief er aus, »wer wird denn so entrüstet seyn, und fluchen ?« Damit zog er sich zurück; die anwesenden Zöglinge lachten in die Faust, und Schiller rief ihm mit einem bittern Lächeln nach: »ein confiscirter Kerl!« Dieß ist ein Ausdruck, dem wir auch in dem eisten Drama Schiller's begegnen. Eine Kritik der Räuber liegt nicht im Plane dieser Blätter, auch hat Schiller's neuester Lebensbeschreiber, Hoffmeister, eine gründliche Beurtheilung geliefert, auf welche wir, ohne ein Plagiat zu begehen, nur einfach verweisen können. Das Schauspiel selbst ist ohnedem aller Welt gegenwärtig, und obgleich Schiller selbst, auf einer hohen Kunststufe angelangt, dasselbe, wie alle seine früher Stücke, nicht mehr lieben konnte und es nicht mehr zur Aufführung gebracht wissen wollte, obgleich er im Angesichte seines Wallenstein, die dramatische Laufbahn eine ihm ganz unbekannte, wenigstens unversuchte nannte, und Alles, was er im Dramatischen zur Welt gebracht, für nicht sehr geschickt hielt, ihm Muth zu machen, so werden doch die Räuber ein Bühnenstück und ein Lieblingswerk der deutschen Jugend bleiben. »Das war vor fünfzig Jahren, wie jetzt,« sagt Göthe bei Eckermann, »und wird auch wahrscheinlich nach fünfzig Jahren nicht anders seyn. Was ein junger Mensch geschrieben hat, wird auch wieder am besten von jungen Menschen, genossen werden. Und dann denke man nicht, daß die Welt so sehr in der Cultur und gutem Geschmack vorschritte, daß selbst die Jugend schon über eine solche rohere Epoche hinaus wäre; wenn auch die Welt im Ganzen fortschreitet, die Jugend muß doch immer wieder von vorne anfangen und als Individuum die Epoche« der Weltcultur durchmachen.« Das Glücklichste an den Räubern war ihre Erscheinung im rechten Moment. In Hyperbeln der Gesinnung und Weltansicht, in Witzen, in Bildern, in Gegensätzen voll Schneide, – wie viele Stümper haben darin den jugendlichen Dichter seitdem übertroffen! Noch heutzutage wiederholen sich, den Umständen angepaßt, dieselben Deklamationen, ohne daß Jemand darauf hört. Auch gleichzeitige, selbst ältere Schriftsteller, wie Schubart, hatten einen ähnlichen Ton angestimmt, und doch in den Wind geredet. Wer aber hat dem Dichter der Räuber das Geheimniß abgelernt, zur gelegensten Zeit ein so hinreissendes Wort (wenn auch weniger als halbwahr) zu sprechen, und bei allem Mangel an Kunst, Mangel an Erfahrung, Mangel an Kenntnissen, Mangel an wahrer Empfindung durch den bloßen Sturm seiner Leidenschaft die Gefühle der Mitwelt so gewaltig aufzuregen? Schiller selbst sah auf das erste Werk seiner Jugendkraft zuerst mit stolzem Gefühle zurück. »Das einzige Schauspiel, auf württembergischem Boden gewachsen!« rief er in seiner Selbstkritik der Räuber aus. Und doch hätte nicht wohl ein Fremder strenger in der Beurtheilung des Stückes seyn können, als Schiller eben in seiner Selbstrecension war, und keine fremde Kritik hat so derb und so wahr gesprochen, wie er von sich in folgendem Endurtheil: »Wenn man es dem Verfasser nicht an den Schönheiten anmerkt, daß er sich in seinen Shakspeare vergafft hat, so merkt man es desto gewisser an den Ausschweifungen. Das Erhabene wird durch poetische Verblümung durchaus nie erhabener, aber die Empfindung wird dadurch verdächtiger. Wo der Dichter am wahrsten fühlte und am durchdringendsten bewegte, sprach er wie unser einer. Im nächsten Drama erwartet man Besserung, oder man wird ihn zur Ode verweisen ... Seine Bildung kann schlechterdings nur anschauend gewesen seyn (d.h. nicht bewußt künstlerisch; daß er keine Kritik gelesen, vielleicht auch mit keiner zurecht kommt, lehren mich seine Schönheiten und noch mehr seine kolossalischen Fehler. Er soll ein Arzt bei einem württembergischen Grenadierbataillon seyn, und wenn das ist, so macht es dem Scharfsinn seines Landesherrn Ehre. So gewiß ich sein Werk verstehe, so muß er starke Dosen in Emeticis ebenso lieben als in Aestheticis, und ich möchte ihm lieber zehn Pferde als meine Frau zur Kur übergeben.« Schillers Austritt aus der Akademie. Beruf. Leben in der Stadt. 1780. Wir sind in den letzten Worten diesem Abschnitte vorausgeeilt. Mit dem Antritte seines zweiundzwanzigsten Lebensjahres, nach Vertheidigung der erwähnten Probeschrift, war Schiller im Dezember 1780 bei dem in Stuttgart garnisonirenden Grenadierregiment Augé als Regimentsarzt »ohne Porte-epée « mit der monatlichen Besoldung von 18 fl. Reichswährung angestellt. Sein Freund Scharffenstein, der, früher aus der Akademie getreten, ihn nach anderthalb Jahren zum erstenmal wieder auf der Parade sah, war über die komische Figur, die der neue Regimentsdoktor machte, nicht wenig erstaunt. In die steife, abgeschmackte, altpreußische Uniform eingepreßt; an jeder Kopfseite drei steife, vergipste Rollen; der kleine militärische Hut, kaum den Wirbel bedeckend; um so dicker der lange Zopf, und der schmächtige Hals (den der Dichter auch seinem alter ego Carl Moor geliehen hatte) in eine sehr schmale, roßhaarene Binde eingezwängt; der den weißen mit Schuhwichse befleckten Kamaschen unterlegte Filz den cylinderförmigen Beinen einen größeren Durchmesser gebend, als die in knappe Beinkleider eingepreßten Schenkel hatten. Ohne die Kniee beugen zu können, bewegte sich der ganze Mann wie ein Storch. Weniger idealisirend, als der früher aufgeführte, schildert derselbe Freund mit plastischem Sinne (er war Dilettant in der bildenden Kunst) des Dichters Gestalt uns ungefähr so: Schiller war von langer, gerader Statur, lang gespalten, langarmig, seine Brust war heraus und gewölbt, sein Hals sehr lang; er hatte aber etwas Steifes und nicht die mindeste Eleganz in seiner Tournure. Seine Stirne war breit, die Nase dünn, knorplich, weiß von Farbe, in einem merklich scharfen Winkel hervorspringend, sehr gebogen, auf Papageienart, und spitzig. (Nach Danneckers Versicherung hatte sie sich Schiller mit der Hand selbst so gezogen.) Die rothen Augenbrauen über den tiefliegenden dunkelgrauen Augen neigten sich bei der Nasenwurzel nahe zusammen, was ihm pathetischen Ausdruck gab, die Lippen waren dünn, die Unterlippe vorragend, energisch, von der Begeisterung im Gefühle vorgetrieben; das Kinn stark, die Wangen blaß, eher eingefallen als voll, sommerfleckig, die Augenlieder etwas entzündet, das buschige Haupthaar dunkelroth, der ganze Kopf eher geisterartig als männlich, aber bedeutend auch in der Ruhe, und ganz Affekt, wenn Schiller deklamirte. Weder die Gesichtszüge noch die kreischende Stimme vermochte er zu beherrschen. »Dannecker,« fügt Scharffenstein hinzu, »hat diesen Kopf unverbesserlich aus Marmor gehauen.« Die Eleven der Anstalt, aus der Schiller trat, hielten sich so ziemlich alle für bedeutende Geister, und in einem (ungedruckten) Briefe tröstet Schiller Hovens Vater (einen erst ums Jahr 1826 im zweiundneunzigsten Lebensjahre zu Stuttgart verstorbenen Oberoffizier) beim Tod eines jüngern Sohnes mit dem Ueberleben seines ältern »seines großen Sohnes.« Dennoch neigten sich diese großen Männer damals alle schon vor Schiller. »Ich erstaunte,« sagte Scharffenstein, »und mein Geist beugte sich vor der imponirenden Superiorität und den Fortschritten, die ich bei Schiller antraf.« 1781 Die Freilassung aus der Akademie steigerte das Selbstgefühl und den Uebermuth des jungen Sängers. Er bezog in einem Hause, das dem Neugierigen in Stuttgart noch gezeigt wird und am Enthüllungstage seines Standbildes mit einer Inschrift geschmückt war, in der jetzigen Eberhardsstraße, oder, wie es damals hieß, auf dem kleinen Graben, ein Parterrezimmerchen mit dem gleichzeitig aus der Akademie getretenen Lieutenant Kapff, der später in Ostindien starb. Ungedruckte, sehr glaubwürdige Nachrichten schildern diesen letztern als einen verdorbenen Menschen, der unglücklich auf die Sitten des plötzlich entfesselten Jünglings einwirkte, und ihr, wie noch einiger Genossen Leben als ein zügelloses, rohes, nicht selten unordentlicher Lust wild ergebenes. Wie in der Poesie, so suchte damals derjenige, der später in der Kunst der Verkünder des heiligen Maßes wurde, auch im Leben die Freiheit in der Schrankenlosigkeit. Selbst die Stimme der Freundschaft geht diese gefährliche Periode seines Jugendlebens nicht ganz mit Stillschweigen vorüber; anstatt sie weiter zu enthüllen, bedienen wir uns ihrer schonenden Worte: »Sinnentaumel, jugendliche Thorheit übten, nach der so lang entbehrten Freiheit ihre Macht, und Finanzverlegenheiten, ihre natürliche Folge, führten oft sehr trübe Stimmungen für unsern Freund herbei. In einer Stadt, die zu allen Lebensgenüssen einlud, in der das frühere Beispiel des Herrschers das Band der Sitte, besonders in der Hofwelt, sehr locker gemacht hatte, und wo die Familien, in denen alte Zucht und Ordnung herrschte, sich in strenger Zurückgezogenheit hielten, mußten dem Jünglingsalter manche Klippen drohen. Die Nähe der Familie, die auf der Solitude wohnte, und an der er immer mit herzlicher Liebe hing, der Wunsch, ihre Erwartungen nicht zu täuschen, besonders eine Warnung im weichen Liebestone der Mutter, hielt den jugendlichen Leichtsinn in Schranken und stellte das Gleichmaß wieder her. Auch erhielt im Umgang mit aufstrebenden Jugendfreunden, zu denen sich Haug und Petersen gesellten, die Geistigkeit immer die Oberhand über das sinnliche Leben.« Schillers Leben, von Fr. v. Wolzogen, I., 39. 40. Das Haus in welchem Schiller wohnte, gehörte einer Hauptmannswittwe; nach Scharffenstein war diese ein gutes Weib, das, ohne im mindesten hübsch und sehr geistvoll zu seyn, doch etwas Gutmüthiges, Anziehendes und Pikantes hatte. Jene ungedruckten Nachrichten schildern sie als eine häßliche, magere, sittenlose Frau; die Stunde ist noch nicht gekommen, auch hierüber die Urtheile noch lebender Zeitgenossen zu protokolliren. Diese Person nun wurde, in Ermanglung jedes andern weiblichen Wesens, Schillers Laura, denn der Dichter hatte jenen Trank im Leibe, der den Faust Göthe's in jedem Weibe Helena erblicken ließ. »Schiller entbrannte,« sagt Scharffenstein, »und absolvirte übrigens diesen ohnehin nicht lange dauernden platonischen Flug ganz gewiß ehrlich durch.« Sein Berufsfach trieb Schiller anfangs mit Ernst und nicht als Nebensache. Aber er hatte sich das Prognostikon ganz richtig gestellt. Er wollte auch hier Kraftstücke liefern, die jedoch weder geriethen, noch zum besten beurtheilt wurden. Das degoutirte ihn, sagt sein Freund, völlig vom Handwerke. Der Druck der Räuber (Mannheim, Schwan und Dalberg.) 1781. Die Räuber sollten edirt werden; eine hochwichtige Angelegenheit, wie Scharffenstein erzählt, bei der es manche Debatten gab. Zuerst wurde über eine Vignette deliberirt, und eine solche ohne Mühe gefunden: ein aufsteigender zorniger Löwe mit dem Motto: in Tyrannos, was gratis von einem Kameraden aus den Kupferstechern radirt wurde. Von Hoven und Petersen waren in dieser Angelegenheit besonders thätig. Der letztere, dem Schiller sein Stück mitgetheilt hatte, und von ihm »keine schale und superficielle Anzeige des Guten und Fehlerhaften, sondern eine eigentliche Zergliederung, nach dramatischer Behandlung, Verwicklung, Entwicklung, Charakteren; Dialog, Interesse u.s.w., kurz eine Recension nicht unter sechs Bogen« verlangt hatte, sollte auch für die Herausgabe des Werkes besorgt seyn. Wie Horaz im Scherze versichert, daß ihn, den berupften Kalmäuser, die freche Armuth getrieben habe, Verse zu machen, so schreibt Schiller seinem Freunde lachend, »der erste und wichtigste Grund, warum er die Herausgabe wünsche, sey jener allgewaltige Mammon, dem die Herberge unter seinem Dache gar nicht anstehe.« Wenn der schwäbische Poet Stäudlin für einen Bogen seiner Verse einen Dukaten von einem Tübinger Verleger bekommen habe, warum sollte er für sein Trauerspiel von einem Mannheimer nicht ebensoviel oder mehr erhalten? »Was über fünfzig Gulden abfällt, ist dein. Du mußt aber nicht glauben, daß ich dich dadurch auf einem interessirten Wesen ertappen wollte, (ich kenne dich ja!) sondern das hast du treu und redlich verdient, und kannst es brauchen!« Ein zweiter Grund war ihm das Urtheil der Welt, denn er mochte »natürlicherweise auch wissen, was er für ein Schicksal als Autor, als Dramatiker zu erwarten hätte.« Drittens endlich glaubte er damals in der Welt einmal keine andere Aussicht zu haben, als in einem Berufsfache zu arbeiten; er suchte »sein Glück und seine Beschäftigung in einem Amte, wo er seine Physiologie und Philosophie durchstudieren und nützen könnte.« Poesie und Tragödie wollte er deßwegen, damit sie ihm später bei einer Professur der Medicin nicht mehr hinderlich würden, »hier schon wegräumen.« So schrieb Schiller, während er und sein Kumpan Kapff des Geldes wirklich sehr benöthigt waren. Nun gings, erzählt weiter Scharffenstein in seiner lebendigen Weise, an den Akkord mit einem subalternen Buchdrucker, der, dem Dinge nicht trauend, es nicht anders, als auf Schillers Unkosten übernahm. Dieser aber, wie wir aus einem andern Berichte wissen, mußte den Betrag dazu borgen. Die erste Edition, »fast Fließpapier, sah aus wie die Mordgeschichten und Lieder aus Reutlingen, die von Hausirern herumgetragen werden. Unbeschreibliche Freude machten die ersten Exemplare; inzwischen, da der Kram, der in Gottes Namen und ohne alle Kundschaft veranstaltet worden war, wenig Abgang hatte, sah Schiller nachgerade den Wachsthum des Haufens mit komisch bedenklichen Augen an.« Seine Auslagen zu ersetzen und sein Werk ins Ausland zu bringen, schrieb er vor beendigtem Drucke an den Buchhändler Schwan zu Mannheim, und schickte ihm die sieben ersten fertigen Bogen. Dieser, nach Schubarts Schilderung, ein zum ruhigen Gefühle der Schönheit und Wahrheit gestimmter Mann, dem für gute Bücher, Leseanstalten, Aufsätze, Errichtung gelehrter Gesellschaften, Förderung des deutschen Sing- und Schauspiels die Pfalz und Deutschland viel Dank schuldig war, nahm sich des hoffnungsvollen Dichters thätig an. Er lief voll Enthusiasmus über das kühne Werk, wie er selbst an Schiller (unterm 11. August 1781) schrieb, gleich zu einem hohen Gönner, dem Reichsfreiherrn Wolfgang Heribert von Dalberg, den später Kaiser Leopold bei der Krönung zu Frankfurt zum ersten Reichsritter schlug, und dem das Mannheimer Theater, dessen Intendant er bis zum Jahr 1803 blieb, eine Pflanzschule der ersten Schauspieler Deutschlands, wo damals Bock, Beil und Iffland, dieser in erster Jugend, blühten, seine Stiftung und Erhaltung verdankte. Diesem »rechtschaffenen und braven Herrn,« den Schwan nur nicht für gut umgeben hielt, las er, »brühwarm« das Bruchstück vor, und rieth nun Schiller, mit Dalberg wegen »Theatralisirung« der Räuber, wie Schiller spricht, zu unterhandeln. Dalberg nämlich scheint, durch Schwan angeregt, ohne von Schiller veranlaßt worden zu seyn, diesen aufgefordert zu haben, sein Stück für die Mannheimer Bühne umzuarbeiten. Wir besitzen Schillers Antwort, ohne Datum, noch. Nach dieser findet sich seine Schriftstellersbescheidenheit durch die stolzen Prädikate, die ihm in jener schmeichelhaften Zuschrift beigelegt worden, »auf die schlüpfrigste Spitze gestellt,« weil ihnen das Ansehen eines Kenners beinahe das Gepräge der Unfehlbarkeit aufzudrücken schien. Doch erklärte der Dichter in der »tiefsten Ueberzeugung seiner Schwäche,« daß er jene Lobsprüche als »eine bloße Aufmunterung seiner Muse ansehen könne.« Er versichert, »seit er einen dramatischen Genius in sich fühle, sey es sein Lieblingsgedanke gewesen, sich dereinst zu Mannheim, dem Paradies der Muse, zu etabliren.« Aber nicht nur diesen Plan machen seine Verhältnisse zu Württemberg, sondern selbst eine Reise dorthin seine ökonomischen Umstände unmöglich, während er doch dem Gönner gar zu gerne noch einige fruchtbare Ideen für das Mannheimer Theater mittheilen möchte. Hätte Schiller diese weise Zurückhaltung doch fortwährend beobachtet! Er mußte zu seinem Lebenskummer erfahren, daß nicht alles Gold ist, was glänzt. Der gute Schwan hatte das durchschossene Exemplar der Räuber dem Dichter mit bescheidenen Anmerkungen zurückgeschickt, und ihm zugleich gemeldet, daß er das Stück dem Intendanten der Regensburger Schaubühne, dem Reichshofrath v. Berberich vorgelesen, und daß der Direktor jener Bühne auch schon angefangen habe, das Stück für das dortige Theater zu bearbeiten; nur weil der Verfasser (ohne Zweifel an Schwan) Hoffnung zu veränderter Auflage mache, wolle er damit warten. Den Verlag der Räuber scheint Schwan stillschweigend abgelehnt zu haben. Schiller wurde durch Schwans Ausstellungen, wie es scheint, etwas nachdenklich. Auch mochte das Werk, wie es nun gedruckt vor ihm lag, in seiner socialen Bedenklichkeit, und vielleicht auch seiner ästhetischen Mißgestalt, seinem Urheber selbst verdächtig erscheinen. Er schickte im Oktober 1781 dem Freiherrn von Dalberg »den verlorenen Sohn oder die umgeschmolzenen Räuber « zu und glaubte mit dieser Umschmelzung etwas Schweres vollbracht zu haben; »mit weniger Anstrengung des Geistes, und gewiß mit mehr Vergnügen wollte er ein neues Stück, und selbst ein Meisterstück schaffen.« Er hatte besonders das Bedürfniß gefühlt, den widerlichen, ermüdend und verdrießlich raisonnirenden Bösewicht Franz , bei welchem er an theatralische Vorstellung gar nicht gedacht hatte, nicht nur der Bühne, sondern auch der Menschheit etwas näher zu rücken. Auch sonst war manches geändert worden. Doch konnte er die von ihm selbst gefürchtete Tendenz des Stückes nicht umwandeln, und dasselbe in einer Vorrede, die mit nicht ganz gutem Gewissen geschrieben ist, nur mit moralischem Bombast entschuldigen. An seinem Karl Moor, der offenbar im innersten Kern er selbst war, hing er mit stiller, inniger Liebe, »Der Räuber Moor,« schreibt er an Dalberg, »dürfte auf dem Schauplatz Epoche machen; einige wenige Spekulationen weggerechnet, ist er ganz Handlung, ganz anschauliches Leben.« Es war sehr natürlich, daß Schiller durch den Gedanken begeistert wurde, sein Stück auf der Mannheimer Bühne vorgestellt zu sehen. In Stuttgart hatte er dazu, auch abgesehen von allen andern Verhältnissen, keine Hoffnung; dort bestand damals gar keine ordentliche Schaubühne. Schikaneder, der in den 79er Jahren nach Stuttgart gekommen war, durfte seine Operetten, Lust- und Trauerspiele nicht einmal im Opernhause geben; erst den herangewachsenen Kunstzöglingen der Akademie wurde dieses zu deutschen kleinen Opern eingeräumt, bis das (1802 abgebrannte) neue Theater gebaut war, aus dem wiederum nur Singspiele von ehemaligen Zöglingen der Schule aufgeführt wurden, unter welchen nur Hallers Talent einen doch nicht viel mehr als provincialen Ruf erwarb. In Mannheim dagegen war ein berühmtes Theater, dessen Mitglieder fast alle m der Schule von Eckhof gebildet waren. Der Dichter freute sich deßwegen auch »wie ein Kind« auf die Darstellung seines Räubers Moor durch den Schauspieler Böck . »Ich glaube,« schreibt er an Dalberg (25. Dezember 1781), »meine ganze dramatische Welt wird dabei aufwachen und im Ganzen einen größern dramatischen Schwung geben (nehmen?, denn es ist das erstemal in meinem Leben, daß ich etwas wehr als Mittelmäßiges hören werde.« 1782. Eine mit Dalberg fortgesetzte Correspondenz war hin und her bemüht, das Stück bühnengerecht zu machen. Namentlich fühlte der Dichter, daß »die Simplizität, die uns der Verfasser des Götz von Berlichingen so lebhaft gezeichnet« seinem Stücke ganz fehle, daß es aber deßwegen in der modernen Zeit spielen müsse . In andern Beziehungen wollte er sich alle mögliche, vorgeschlagene und nicht vorgeschlagene Veränderungen gefallen lassen, nur die Versetzung seines Stücks in die Epoche des Landfriedens und unterdrückten Faustrechtes, die es nach der einmal entworfenen Anlage und der Vollendung des Stückes »zu einem fehlervollen und anstößigen Quodlibet, zu einer Krähe mit Pfauenfedern machen« würde, widersetzte er sich lange mit »der eifrigen Fürsprache eines Vaters für sein Kind.« Es mußte dem Dichter entsetzlich seyn, daß das Drama aus einer Zeit herausgerissen wurde, von welcher es eigentlich eine Kritik, auf welche es ein Angriff war. Hoffmeister Jedenfalls bedingte er sich das von Herrn Schwan aus, daß er das Stück wenigstens nach der ersten Anlage drucken lassen sollte. Auf dem Theater verlangte er keine Stimme. Glücklich hatte es ihn gemacht, daß Herr von Gemmingen, der Verfasser des »deutschen Hausvaters,« sich die Mühe genommen, sein Stück vorzulesen. Er möchte »diesen Mann versichern, daß er eben diesen Hausvater ungemein gut gefunden, und einen vortrefflichen Mann und sehr schönen Geist im Verfasser bewundert habe. Doch was könne diesem an dem Geschwätz eines jungen Candidaten liegen?« Schiller unterwarf sich dennoch seinem Theaterkritiker. »Die Zeit wurde verändert,« – sagt er in seiner Selbstrecension – »Fabel und Charaktere blieben. So entstand ein buntfarbiges Ding, wie die Hosen des Harlekin, alle Personen sprechen nun viel zu studiert, jetzt findet man Anspielungen auf Sachen, die ein paar hundert Jahre nachher geschahen oder gestattet werden durften.« Auch Amalia mußte sich, zum Aerger des Dichters, selbst umbringen. Mit diesen Veränderungen kam das Stück als Theaterausgabe in den Druck und ging der Ausführung entgegen. Schillers erste Lyrik 1781 ff. Wären die lyrischen Gedichte Schillers, welche gleichzeitig mit den Räubern entstanden und großentheils unmittelbar nach dem Drucke dieses Stücks ans Licht traten, als selbstständige Werke der Poesie zu betrachten, so könnte die Kunstkritik nur ein verwerfendes Urtheil über sie aussprechen. Dieselben sind zum größten Theile in der »Anthologie« enthalten, welche von dem jungen Dichter in Verbindung mit einigen Freunden im Jahr 1781 veranstaltet worden und im Jahr 1782 »gedruckt in der Buchdruckerei zu Tobolsko,« in Wahrheit bei J. B. Metzler in Stuttgart, erschienen ist. Die Veranlassung gab der verunglückte schwäbische Poet Gotthold Friedrich Stäudlin Geb. zu Stuttg. 1760, Kanzleiadvokat daselbst. Er gab den Schwäbischen Musenalmanach von 1782–1787 heraus. durch seinen Musenalmanach, zu welchem Schiller selbst fürs Jahr 1782 einen Beitrag geliefert hatte. Plötzlich aber entzweiten sich beide, und die Anthologie sollte nun den mittelmäßigen farblosen Musenalmanach »zermalmen.« Der junge Dichter fand jedoch, nach Scharffensteins Versicherung, wenig Anhang. »Seine Fahne hatte etwas Unheimliches, Energisches, das sentimentale, weichliche poetische Rekruten eher abschreckte, als anzog.« Die mit M., O., P., v. R., Wd. und Y unterschriebenen, wahrscheinlich auch einige andere, im Ganzen ungefähr vierzig Gedichte der Anthologie sind von Schiller, das übrige sind ziemlich geistlose Epigramme, Zoten und Oden einiger andern Akademisten. Des Grafen von Zuccato aus Parenzo in Istrien, Ferd. Pfeifer's aus Pfullingen, Petersen's u. A. Schiller selbst hat die meisten dieser lyrischen Jugend-Produkte verdammt und nur einen Theil derselben in die Sammlung seiner Gedichte, und auch diese nur als »Produkte eines wilden Dilettantismus,« das heißt als solche, die auf Kunstbildung keinen Anspruch machen, aufgenommen. Die meisten werden in Mangel an Geschmack, in aufgedunsenen Redensarten, im Gemengsel heterogener Bilder nur durch die ungemein rohe prosaische Zueignung an den Tod übertroffen; manche haben, vom Brodstudium des Dichters her, einen höchst widerlichen medicinischen Beigeschmack und anatomischen Geruch; in den Liedern an Laura ist viel überwallendes, unreines Blut, und selbst »der Venuswagen,« eine unförmliche Rhapsodie gegen die Wollust, welche nicht in der Anthologie steht, sondern abgesondert schon im Jahr 1781 bei Metzler erschien und einige schöne, selbst rührende Stellen mitten unter Bombast und »Klingklang« enthält, zeigt ebensoviel Spuren von Lüsternheit als Entrüstung. Welche vollendete Blumen des Liedes hat Göthe's Poesie im gleichen Jugendalter hervorgetrieben, neben welchen diese Auswüchse von einem gebildeten Auge nicht ertragen werden können! Kein Wunder, daß dem Dichter, so bald der gereinigte Schönheitssinn in seinem Geiste zu herrschen anfing, nur acht Jahre später die der Anthologie einverleibte Operette Semele recht in der Seele zuwider war, und er (30. April 1789) an eine Freundin in Weimar schrieb: »daß Sie der Semele erwähnen, hat mich ordentlich erschreckt. Mögen es mir Apoll und seine neun Musen vergeben, daß ich mich so gröblich an ihnen versündigt habe.« Ueberdies war weder die Form, in welcher die Begeisterung in diesen lyrischen Gedichten auftrat, noch ihre Sprache etwas eigentlich Neues und Originelles. Die Sturm- und Drangsperiode, wie die unordentlichen Ausbrüche eines negativ wirkenden, nationalen Freiheitsgelüstes in der Literatur jener Zeit genannt werden, thut sich auch in diesen ersten Versuchen Schillers kund und erscheint in ihnen als nichts Ursprüngliches, sondern, so weit jene Töne lyrisch seyn wollen, Angelerntes. So zuversichtlich uns von mehreren Seiten versichert wird, daß Schiller keine nähere Verbindungen mit Schubart gehabt, den er nur ein oder einigemal auf der Festung aus Theilnahme an seinem Schicksal besucht habe, ja daß er erst auf seiner Flucht nach Mannheim sich ernstlich mit einem Hefte ungedruckter Gedichte Schubarts beschäftigt, so zeigt doch die auffallende Aehnlichkeit der stürmischen Gedankenbewegung, der erhaschten Gegensätze, der grellen Bilder, der übertriebenen Sprache, welches Vorbild ihm bei vielen derselben vorgeschwebt; und wenn selbst der Styl in den Räubern nicht selten an Schubarts Chronik erinnert, wenn er sein »Gedicht auf die schlimmen Monarchen«, dieses Seitenstück zu Schubarts Fürstengruft, in jenes Blatt einrücken lassen: so ist kaum zu glauben, daß ihm Schubarts Gedichte nicht längst sollten bekannt gewesen seyn und daß er auf der Flucht sich zum erstenmal an ihnen erbaut hätte. Wenn nun weder die Form dieser lyrischen Jugendgedichte Schiller's classisch, noch ihr Gehalt und Ton neu zu nennen ist, Einer der frischesten Klänge tönt in dem letzten Gedichte »die Winternacht,« in welchem der Friedrich gewordene Fritz spricht, das also wohl (s. oben) von Schiller selbst ist. Mit dem wohlthätigen Bewußtseyn der herrlichsten Erfüllung verweilen wir hier bei der letzten Strophe, mit welcher die ganze Anthologie schließt, wo der Dichter von den zerplatzten Saifenblasen der Jugendpläne redend, ausruft: »Hauch immer zu, und laß die Blasen springen! Bleibt nur dieß Herz noch ganz! Und bleibt mir nur, errungen mit Gesängen, Zum Lohn ein teutscher Lorbeerkranz.« und wenn wir so ziemlich dem Kritiker beistimmen müssen, der, was Schiller damals dichtete, für gespannt, unnatürlich und nicht selten voll Ziererei erklärt, und bemerkt, daß er, ohne für sein Eigenthümliches noch die rechten Worte zu haben, gewissermaßen nach allen Seiten hin zu wandeln versuchte, sich aber für's erste mit längst gebahnten Wegen begnügte; Franz Horn's Poesie u. Bereds. d. D. III, 345. so wird unser Urtheil sich doch bedeutend modificiren, sobald wir jene lyrischen Gedichte nicht als selbstständige Organismen, sondern zum Theil gleichsam als die Feilspäne betrachten, welche dem cyklopischen Arbeiter unter Schärfung des geschmiedeten Donnerkeils, unter Dichtung der Räuber, von der schaffenden Hand stäubten. Wir werden dann immer noch das Korn jener, auch unförmlichen, aber genialen Poesie in ihnen erkennen: in den »Phantasien und Liedern an Laura« setzt sich, die Blutwallungen abgerechnet, die ganz der Subjectivität des Dichters gehören, Amaliens Gestalt und Moor's Liebe zu ihr in allerlei Variationen fort, in »Rousseau,« in den »schlimmen Monarchen« concentrirt sich auf's neue die Opposition gegen Vorurtheil und Knechtschaft, die den schnaubenden Athem der Räuber bildet, das »Monument Moor's, des Räubers« ist eine Rekapitulation und Apologie seiner Idee, »Kastraten und Männer« ist ein zweites Räuberlied, und in der »Bataille« hallt die Räuberschlacht wieder. Auch sind diese Jugendgedichte nur im Geleite jenes Drama's unter das Publikum geschlüpft und haben sich bald wieder verloren, so daß die Anthologie, welche sie enthielt, frühzeitig zu den seltenen Büchern zu rechnen war. Aufführung der Räuber in Mannheim. 1782 Während Schiller die Anthologie für den Druck rüstete, nahte endlich die erste Vorstellung der Räuber in Mannheim. Im December 1781 unterhandelte der Dichter mit seinem Gönner, dem Intendanten, über die Zeit der Generalprobe und äußert schon den Entschluß, bei der Aufführung zu erscheinen. Das Geburtsfest der Gräfin Franziska von Hohenheim, das am 10. Januar, dem ungefähren Aufführungstage, begangen werden sollte, und wo kein Militär wegbleiben durfte, schien indessen zwischen seine Hoffnung zu treten. Auf seinen bescheidenen Wunsch wurde die Aufführung verschoben. Endlich, am 13. Jänner 1782, las man an den Straßenecken Mannheims den Theaterzettel: »Die Räuber, Trauerspiel in sieben Handlungen. Für das Mannheimer Theater vom Verfasser, Herrn Schiller, neu bearbeitet ... Das Stück spielt in Deutschland, in dem Jahre, wo Maximilian den ewigen Landfrieden in Deutschland verkündigte. Wird präcise um 5 Uhr angefangen.« Dein Zettel war eine auf Dalberg's Rath von Schiller verfaßte Verständigung über das Stück angehängt, worin Karl und Franz Moor's Charaktere angedeutet und das liebe Publikum angewiesen wurde, seine Leidenschaften unter die Gesetze der Religion und des Verstandes zu beugen: »Der Jüngling sehe mit Schrecken dem Ende der zügellosen Ausschweifungen nach, und auch der Mann gehe nicht ohne Unterricht aus dem Schauspiel, daß die unsichtbare Hand der Vorsicht auch den Bösewicht zu Werkzeugen ihrer Gerichte brauche, und den verworrensten Knoten des Geschick's zum Erstaunen auflösen könne.« Die Furcht vor Mißverständnissen hatte diese Worte eingegeben: im Uebrigen war das Gedicht weder mit derlei Absichten geschrieben, noch mit solchen Wirkungen begleitet. Es war ein Werk der Jünglingsideale und des Jünglingstrotzes, gereift in einer wechselschwangern Zeitatmosphäre, der Ruf eines poetischen Wettervogels, der von Unzufriedenen und von Hoffenden wohl verstanden wurde. Bald darauf brüllte das Räuberlied auf allen deutschen Universitäten und lockte dem nicht minder mit der Ahnungsgabe des Genius ausgestatteten Herder einen Ruf des Entsetzens ab. Schiller selbst hatte sich, ohne Urlaub von seinem Regimentschef zu nehmen, aus Stuttgart entfernt, um sein Schauspiel zu sehen. »Welcher kräftige Jüngling,« schrieb er an seinen Freund Moser in Ludwigsburg, »würde nicht wünschen, das Kind seiner ersten Liebe zu sehen; und wünsche ich etwas anderes zu sehen, als jenes jugendliche, ernste Kind, welches sein Daseyn wo nicht einem kräftigen Jünglinge, doch einer jugendlichen, ernsten Beschäftigung eines Jünglings zu danken hat?« Der Entschluß war nicht ganz ohne Gefahr, denn ein früheres Urlaubsgesuch war nicht bewilligt und dem jungen Arzte, dem das Gerücht vorwarf, »daß er sein eigentliches Fach , die Medicin vernachlässige und Comödiant zu werden trachte,« in einer herzoglichen Resolution angedeutet worden, seinem Dienste gemäß überall sich zu betragen und keinesweges, wie bisher, Anlaß zur Unzufriedenheit mit ihm zu geben, widrigenfalls er es sich selbst zuzuschreiben haben würde, wenn die Ergreifung unangenehmer Maßregeln nöthig werden würde.« In Mannheim waren indessen aus der ganzen Umgegend von Heidelberg, Dannstadt, Frankfurt, Mainz, Worms, Speier, die Leute zu Roß und zu Wagen herbeigeströmt, um das Stück, dem ein großer Ruf vorangegangen war, von den bedeutendsten Künstlern des damaligen Deutschlands aufführen zu sehen. Die Darstellung dauerte von fünf Uhr Abends bis nach zehn Uhr. Ueber diese mag derjenige Augenzeuge zuerst sprechen, der das größte Interesse aufmerksamer Beobachtung hatte, der Dichter selbst. Dieser versichert (in einer fingirten Theatercorrespondenz aus Worms, vom 15. Januar 1782), daß Herr von Dalberg unübersteiglich scheinende Hindernisse besiegt habe, um das unregelmäßige Stück dem Publikum aufzutischen. Dann rechtfertigt er die zum Vortheil der Maschinisten und Schauspieler geschaffenen sieben Aufzüge. »Alle Personen,« sagt er, »erschienen neu gekleidet; zwei herrliche Dekorationen waren ganz für das Stück gemacht, Herr Danzy hatte auch die Zwischenakte neu aufgesetzt, so daß nur die Unkosten der ersten Vorstellung hundert Thaler betrugen. Das Haus war ungewöhnlich voll, so daß eingroße Menge abgewiesen wurde.« – »Im Ganzen that das Stück die vortrefflichste Wirkung. Herr Böck, als Räuberhauptmann, erfüllte seine Rolle, soweit es dem Schauspieler möglich war, immer auf der Folter des Affekts gespannt zu liegen. In der mitternächtlichen Scene am Thurm hör' ich ihn noch, neben dem Vater knieend, mit aller pathetischen Sprache den Mond und die Sterne beschwören.– Sie müssen wissen, daß der Mond, wie ich noch auf keiner Bühne gesehen, gemächlich über den Theaterhorizont lief, und nach Maßgabe seines Laufs ein natürliches, schreckliches Licht in der Gegend verbreitete. – Schade nur, daß Herr Bock für seine Rolle nicht Person genug hat. Ich hatte mir den Räuber hager und groß gedacht. Herr Iffland , der den Franz vorstellte, hat mir am vorzüglichsten gefallen. Diese Rolle, die gar nicht für die Bühne ist, hatte ich schon für verloren gehalten, und nie bin ich noch so angenehm betrogen worden. Iffland hat sich in den letzten Scenen als Meister gezeigt. Noch höre ich ihn in der ausdrucksvollen Stellung, die der ganzen laut bejahenden Natur entgegenstand, das ruchlose Nein sagen, und dann wiederum, wie von einer unsichtbaren Hand berührt, ohnmächtig umsinken: »»Ja, ja, droben einer über den Sternen!«« Sie hätten ihn sollen sehen auf den Knieen liegen und beten, als um ihn schon die Gemächer des Schlosses brannten – wenn nur Herr Iffland seine Worte nicht so verschlänge und sich nicht im Deklamiren so überstürzte! Deutschland wird in diesem jungen Mann noch einen Meister finden . Herr Beil , der herrliche Kopf, war ganz Schweizer. Herr Meyer spielte den Hermann unverbesserlich, auch Kosinsky und Spiegelberg waren sehr gut getroffen. Madame Toskani (als Amalie) gefiel, mir zum mindesten, ungemein. Ich fürchtete anfangs für diese Rolle, denn sie ist dem Dichter an vielen Orten mißlungen . Toskani spielte durchaus weich und delikat, auch wirklich mit Ausdruck in den tragischen Situationen, nur zu viel Theateraffektation und ermüdende weinerlich klagende Monotonie. Der alte Moor konnte unmöglich gelingen, da er schon von Haus aus durch den Dichter verdorben ist .« Diese Theaterkritik seines eigenen Stücks durch den Dichter, ergänzt uns sein Freund Streicher. Nach seiner Versicherung machten die drei ersten Akte die Wirkung nicht, die man im Lesen davon erwartete, aber die letzten drei befriedigten auch die gespanntesten Forderungen. Böck's kleine Figur ließ das Feuer des Spiels vergessen, Iffland aber schien ganz eins mit seiner Rolle und ragte hoch über alle hervor. Er war damals 26 Jahre alt, von Körper etwas schmächtig, im Gesichte blaß und mager; seiner Jugend ungeachtet war sein Spiel auch in den kleinsten Schattirungen so durchgeführt, daß es ein nicht zu verlöschendes Bild in jedem Auge, das ihn sah, zurückließ. Von der ganzen Aufführung urtheilte Schiller (an Dalberg 17. Januar 1782): »Beobachtet habe ich sehr Vieles, sehr Vieles gelernt; und ich glaube, wenn Deutschland einst einen dramatischen Dichter in mir findet , so muß ich die Epoche von der vorigen Woche zählen.« Auch hatte diese Vorstellung so begeisternd auf den Dichter gewirkt, daß er einen Augenblick daran dachte, selbst Mitglied des Mannheimer Theaters zu werden, und diesen Gedanken den Schauspieler» Böck und Beil äußerte. Der letztere erwiederte ihm prophetisch: »Nicht als Schauspieler, sondern als Schauspieldichter werden Sie der Stolz deutscher Bühnen werden.« Folgen. 1782. Als Schubart, den wir in mehr als Einer Beziehung den Vorläufer Schiller's nennen dürfen, im Jahr 1774 die ersten Blätter seiner deutschen Chronik in Augsburg zu drucken angefangen, hatte er am Schlusse seiner Anzeige gesagt: »Und nun werf' ich mit jenem Deutschen, als er London verließ, meinen Hut in die Höhe und spreche: o England, von deiner Laune und Freiheit nur diesen Hut voll.« Da erhub sich der damalige Bürgermeister Augsburgs, von Kuhn, im Senate und sprach: »Es hat sich ein Vagabund eingeschlichen, der begehrt für sein heilloses Blatt einen Hut voll englischer Freiheit! Nicht eine Nußschale voll soll er haben!« Auch unserm Dichter wurde auf die Freiheitspetition, die in seinen Räubern enthalten war, die Nußschale verweigert. Freilich hatte das Stück ein Aufsehen erregt, das für die bürgerliche Gesellschaft beängstigend zu werden anfing. Im Monate der Aufführung selbst waren die achthundert Exemplare der ersten Austage vergriffen, »auf unreife Knaben und Jünglinge hatte das Stück oft wie ein Absud von Tollheit gewirkt, und manchen, welche der Zuchtruthe zu früh entlaufen waren, den leeren Kopf mit phantastischem Räuberspucke angefüllt.« In einer großen Handelsstadt (in Leipzig) war eine Knabenverschwörung entstanden, welche sich die Räuber zu einem Streifzug in den Böhmerwald zum Vorbilde genommen. Räuberdramen und Banditenromane überschwemmten Deutschland. Endlich sah auch die Polizei eine Kriegserklärung gegen die menschliche Gesellschaft in dem Stücke, und nach wiederholter Aufführung des Schauspiels wurde diese untersagt. Dem Herzog Carl von Württemberg, welcher Aufklärung, Geist und Wissenschaft allerdings, aber nur innerhalb der engsten Gränzen des Staates und unter steter Bevormundung seines Oberhauptes befördert wissen wollte, mußte das ganze Stück ein Gräuel seyn. Gehässige Anspielungen auf den Herzog, seine nächsten Umgebungen und seine Leidenschaften konnten aus den Räubern wenigstens ohne Mühe herausgedeutet werden. Schon einige Gedichte, namentlich eines auf den Tod eines Offiziers, Der Offizier war der in Württembergs Geschichte wohlbekannte Rieger , und das Gedicht findet sich jetzt bei Boas I. 62 f. das ihm verschiedene Seiten der fürstlichen Existenz zu verletzen schien – wie Schillers Schwägerin sich ausdrückt – hatte des Herzogs Mißfallen erregt, während er bisher nicht ohne Lust das emporstrebende Talent des Zöglings seiner Akademie bemerkt hatte, und dessen wachsender Ruhm ihm an und für sich nur schmeicheln konnte; wie er denn nach Schiller's eigener Bemerkung sich sogar in einigen Handschreiben, die sein Verhältniß zum Herzoge veranlaßte, durch die damalige, gedankenstrichreiche Schreibart des jungen Dichters unwillkührlich zur Nachahmung hinreißen ließ. Nach der Aufführung der Räuber trübte sich in diesem Bezüge der Horizont immer mehr. »Noch hatte,« schreibt Frau v. Wolzogen, »der fürstliche Erzieher seinen Zögling nicht aufgegeben, noch hoffte er sein Talent auf eine vorgeschriebene Bahn zu leiten; er ließ ihn zu sich kommen, warnte ihn auf väterliche Art vor Verstößen gegen den bessern Geschmack, wie er solche häufig in seinen Produkte finde; Der Herzog hatte vollkommen Recht. wobei Schiller nicht ungerührt bleiben konnte. Aber dem Befehle, ihm alle seine poetischen Produkte zu zeigen. Genüge zu leisten, war Schillern unmöglich, und seine Weigerung wurde natürlicher Weise nicht wohl aufgenommen. Kein einsichtiger und wohlwollender Vermittler fand sich, und eine off'ne, freie Discussion war in diesem Verhältnisse nicht leicht möglich.« Schiller's erste Reise nach Mannheim war glücklicher Weise unentdeckt geblieben. Aber ein anderer Umstand sollte den Herzog plötzlich an die Räuber erinnern. In den beiden Ausgaben des Stückes, in der dritten Scene des zweiten Aktes, fand sich in der Rede Spiegelberg's nach den Worten: »auch gehört dazu noch ein eigenes Nationalgenie, ein gewisses Spitzbubenklima ,« die Stelle: »und da rath' ich dir, reis' du in's Graubündtner Land , das ist das Athen der heutigen Gauner .« Schwerlich war dieß ein »damals in Schwaben gebräuchlicher Volksausdruck,« wohl aber waren die Schwaben, Volk und Regierung, auf die Schweizer überhaupt, und umgekehrt, nicht sonderlich gut zu sprechen; die schweizerischen Regierungen lagen mit den württembergischen Censurbehörden beständig im Streite, und die gegen Württemberg gerichteten Schriften wurden dafür in der Schweiz gedruckt. So scheint die Feder des Dichters von einer kleinen Nationalrancune geführt worden zu seyn. Die Graubündtner nahmen dies übel auf, und man beschwerte sich von dort aus im Hamburger Korrespondenten über die Stelle. Nun fand sich in Ludwigsburg ein niedrig denkender Mensch, wie es scheint ein persönlicher Feind Schiller's, der Garteninspektor Walter (Verfasser eines noch jetzt sehr verbreiteten Gartenbuches), welcher sich durch eine Angeberei das Bürgerrecht in Graubündten zu verdienen hoffte. Er setzte sich mit dem Verfasser des Artikels im Correspondenten in briefliche Verbindung und rühmte sich gegen denselben in seiner ungebildeten Sprache, wie folgt: »Ich hatte nicht sobald Ihre Apologie vor Bünden gelesen, so machte ich sogleich Anstalt, daß es auch mein Souverain bekam. Dieser verabscheute das Betragen sehr, ließ solchen vor sich rufen, wäschte solchen über die Maßen , bedeutete ihm bei der größten Ungnade, niemals weder Komödien noch sonst was zu schreiben ! sondern allein bei seiner Medicin zu bleiben.« Walter verdient unter den Verräthern des Geistes so gut seine Stelle, wie jener niederträchtige Beamte, der den unglücklichen Schubart nur fünf Jahre früher von Ulm nach Blaubeuren in die Falle gelockt hatte. Auch fürchtete sich Schiller fortan vor einem ähnlichen Schicksale. Sein Freund, der Tonkünstler Zumsteeg , war der erste, der ihn, durch Verhältnisse und Connexionnen bei mächtigen Familien eingeführt, von der Gefahr unterrichtet hatte, in welcher er schwebe. Nach dem strengen Verweise des Herzogs schrieb er an einen Freund in Mannheim, wahrscheinlich an den Schauspieler Beil : »Ich denke längst in den Angelegenheiten, wobei man mich jetzt unter eine, den Geist fesselnde Kuratel setzen möchte, mündig gewesen zu seyn; das Beste ist, daß man solchen plumpen Fesseln ausweichen kann; mich wenigstens sollen sie nie drücken, und ich eile nächstens, in der gewissen Ueberzeugung, eine Freistatt zu finden, in Ihre Arme .« Noch bestimmter spricht er sich in einem Brief an einen andern, uns unbekannten Freund aus: »Ich muß eilen, daß ich von hier wegkomme; man möchte mir am Ende gar in Hohenasperg , wie dem ehrlichen Schubart , ein Logis anweisen. Man redet von besserer Ausbildung, die ich bedürfen soll. Es kann seyn, daß man mich in Hohenasperg anders bilden würde; aber man lasse mich nur immerhin bei meiner jetzigen Ausbildung, die ich gern im geringeren, aber mir gefälligeren Grade besitzen will; denn so verdanke ich sie doch meinem freien Willen und der – Zwang verachtenden – Freiheit.« Und später noch schreibt Schiller: »Die Räuber kosteten mich Familie und Vaterland. Mitten im Genusse des ersten verführerischen Lobes, das unverhofft und unverdient aus entlegenen Provinzen mir entgegen kam, untersagte man mir in meinem Geburtsorte, bei Strafe der Festung zu schreiben.« Vergebens hatte sich Schiller mit der Bemerkung vertheidigt, »daß er die den Graubündtnern mißfällige Rede nicht als eine Behauptung aufgestellt, daß er sie dem schlechtesten von allen Räubern in den Mund gelegt«; es blieb bei der Weisung, daß er alles weitere in Druck geben seiner Schriften, wenn es nicht medicinische wären, zu unterlassen und sich aller Verbindung mit dem Auslande zu enthalten, sich blos auf seinen Beruf als Arzt und auf die Stadt, worin er lebe, einschränken sollte. Dieser harte Befehl traf den Jüngling gerade, und deßwegen um so härter, im Strudel neuer Unternehmungen und Plane. In Rousseau hatte er gelesen, »daß der Charakter des Fiesko einer der merkwürdigsten sey, welche die Geschichte aufzuweisen habe,« und er hatte dieses Charakters schon in seiner medicinischen Probeschrift gedacht. »Entschieden,« sagt Hoffmeister, »wurde die Wahl dieses dramatischen Stoffes hauptsächlich dadurch, daß dieser Gegenstand der Grundidee seiner Räuber so nahe lag .« Er machte zu diesen neuen Stücken, während er gleichzeitig an einer medicinischen Doktorsdissertation arbeitete, gerade die eifrigsten historischen Studien, und wenn es auch nicht möglich ist, was Scharffenstein behauptet, daß er das Schauspiel schon halbfertig aus der Carlsakademie gebracht habe, so zweifelte er doch gegen Dalberg (1. April 1782) nicht, »daß er zu Ende dieses Jahres die Verschwörung von Genua vollendet sehe, woran er schon einen großen Theil vorausgearbeitet habe.« Dieser Stoff verdrängte in seiner Seele den Götz von Berlichingen, an dessen Umarbeitung er sich gerne gewagt hätte, wenn er es hätte können, ohne Göthe zu beleidigen. Neben seiner neuen dramatischen Arbeit hatte Schiller, als das Verbot des Herzogs an ihn erging, sich eben auch mit Professor Abel und seinem Freunde Petersen zur Herausgabe des »württembergischen Repertoriums,« das an die Stelle von Haug's »schwäbischem Magazin« treten sollte, vereinigt, und es erschienen von dieser Zeitschrift drei Hefte, in welchen sich von Schiller selbst, unter verbergenden Chiffern, ein Aufsatz über das gegenwärtige deutsche Theater, ein anderer, der Spaziergang unter den Linden, eine Novelle, die Selbstrezensionen der Räuber aus der Anthologie, sowie einige andere Beurtheilungen befinden. Bei Hoffmeister findet man Ausführlicheres darüber. Unter diesen Beschäftigungen überraschte ihn das Verbot des Herzogs und bestürmten ihn Unannehmlichkeiten aller Art. Durch den Selbstverlag der Anthologie war die Schuld des Räuberdrucks auf 200 Gulden erhöht worden, sein mäßiger Gehalt als Regimentsmedicus deckte kaum die täglichen Bedürfnisse; von einer wiederholten Reise nach Mannheim zur zweiten Aufführung der Räuber (25. Mai 1782), wohin ihn Freundinnen seiner Muse begleiteten, und wo ihm Bewunderung und Liebe entgegenflog, kam er an der Grippe krank und äußerst verstimmt in seine Vaterstadt zurück, und schrieb, kaum genesen, an seinen Gönner Dalberg (4. Juni 1782), daß durch diese glücklichste Reise seines Lebens »Stuttgart und alle schwäbischen Scenen ihm unerträglich und eckelhaft geworden. Unglücklicher kann bald Niemand seyn, als ich. Ich habe Gefühl genug für meine traurige Situation, vielleicht auch selbst Gefühl genug für das Verdienst eines besseren Schicksals, und für beides nur eine Aussicht. Darf ich mich Ihnen in die Arme werfen, vortrefflicher Mann? Ich weiß, wie schnell sich ihr edelmüthiges Herz entzündet, wann Mitleid und Menschenliebe es auffordern; ich weiß, wie stark Ihr Muth ist, eine schöne That zu übernehmen, und wie warm Ihr Eifer, sie zu vollenden. Meine neuen Freunde in Mannheim, von denen Sie angebetet werden, haben es mir mit Enthusiasmus vorhergesagt, aber es war diese Versicherung nicht nöthig, ich habe selbst, da ich das Glück hatte, eine Ihrer Stunden für mich zu nutzen, in Ihrem offenen Anblick weit mehr gelesen. Dieses macht mich nun auch so dreist, mich Ihnen ganz zu geben , mein ganzes Schicksal in Ihre Hände zu liefern, und von Ihnen das Glück meines Lebens zu erwarten. Noch bin ich wenig oder nichts . In diesem Norden des Geschmacks werde ich ewig niemals gedeihen, wenn mich sonst glücklichere Sterne und ein griechisches Clima zum wahren Dichter erwärmen würden.« Er hoffte von seinem Gönner Hülfe durch einen oder zwei Briefe an den Herzog; und da Dalberg »weniger Schwierigkeit in der Art ihn zu Mannheim zu employiren, als in dem Mittel, ihn von Stuttgart weg zu bekommen« zu finden scheine, so gab er ihm in einer Beilage drei Gründe an die Hand, durch welche er bei seinem Fürsten »seine Entschwäbung« bewirken sollte, indem diese vor der Hand nur als ein temporärer Aufenthalt beim Mannheimer Nationaltheater dargestellt würde. Schiller erhielt auf diesen hingebenden Brief eine »gnädige« aber nicht befriedigende Antwort. Am 15. Juli schrieb er dem Freiherrn wieder, und erzählt ihm, daß er wegen seiner letzten Reise nach Mannheim vierzehn Tage in Arrest gesperrt worden, und daß er mit seinem Landesherrn deßwegen eine persönliche Unterredung gehabt. »Wenn E. E. glauben, daß sich meine Aussichten, zu Ihnen zu kommen, möglich machen lassen, so wäre meine einzige Bitte, solche zu beschleunigen. Warum ich dieses jetzt doppelt wünsche, hat eine Ursache, die ich keinem Brief anvertrauen darf ...« Weiter meldet ihm nun Schiller, daß sein Fiesko bis in die Mitte des August fertig werde. Dann folgt die merkwürdige Stelle: »die Geschichte des Spaniers Don Carlos verdient allerdings den Pinsel eines Dramatikers, und ist vielleicht eines von den nächsten Sujets, das ich bearbeiten werde.« Man sieht daraus, daß Schiller seinem kalten und ungetreuen Gönner wenigstens Eins verdankte – die Idee zum Don Carlos. – Jener Brief scheint unbeantwortet geblieben zu seyn. Inzwischen wurde des Dichters Lage immer drückender und die Ungnade des Herzogs, der ihm vor seinem Arrest den Degen persönlich abzugeben befohlen, immer entschiedener. Sein Dichtergenius, der den Vorschlag, seinen Fürsten durch ein Lobgedicht zu versöhnen, mit Widerwille« von sich wies, konnte es in dieser Lage nicht mehr aushalten. Aber auch auf Schiller's Charakter wirkte das Mißverhältniß des Geschickes zu seinem Rufe nicht vortheilhaft, und selbst in dieser Beziehung darf von seiner Flucht in die Welt, die sich nun vorbereitete, und von aller Noth, die mit derselben begleitet war, gesagt werden: »Es war ihm zum Heile, es riß ihn nach oben.« Ein unbekannter, bisher wenig beachteter Zeitgenosse schildert die Stimmung unseres Dichters in dieser Periode als eine menschenfeindliche, und wendet auf ihn dessen eigene Worte an: »die schonende Delikatesse des Umgangs machte einem gebieterischen, entscheidenden Tone Platz, der um so empfindlicher schmerzte, weil er nicht auf den äußerlichen Abstand, worüber man sich mit leichter Mühe tröstet, sondern auf eine beleidigende Voraussetzung der persönlichen Erhabenheit gegründet war.« Je gekränkter er sich vom Schicksale fühlte, um so stolzer wurde der junge Dichter; eine Schaar Bewunderer, aus unbedingten Freunden gebildet, umgab ihn, und was nicht in diesen Ton einstimmte, schien ihm, weil es nicht im Augenblicke für ihn war, wider ihn zu seyn. Sein Ruhm, meinte er, sollte alle Hindernisse, selbst die des äußerlichen Fortkommens, auf einmal besiegen. Um dieser Wirkung nachzuhelfen, wurden sogar jene kleinlicheren Mittel, durch welche die Ruhmsucht den eigenen Namen auf die Bahn zu bringen weiß, nicht verschmäht. So interessant, ja so uneigennützig Schiller's anonyme Selbstkritiken in mancher Beziehung erscheinen, so ganz er sich von seinen Werken mochte isoliren können, sobald er sie der Oeffentlichkeit übergeben hatte, so scheinbar kalt und parteilos sein Urtheil über sich selbst, wie das eines fremden Kunstrichters lautete, so wurde dieß ganze Verfahren doch gewiß hauptsächlich von dem Bestreben veranlaßt, von sich, als literarischer Person, reden zu machen, und hinter der Maske der Unparteilichkeit verbarg sich Eigenliebe genug, und Absicht wie Gabe, bei einer Abrechnung von Tadel und Lob, den Ueberschuß des letztern gehörig geltend zu machen. Anonyme Selbstrezension der Anthologie (Bei Boas, II, 322) »Acht (Gedichte) an Laura gerichtet, in einem eigenen Tone, mit brennender Phantasie und tiefem Gefühl geschrieben, unterscheiden sich vorteilhaft von den übrigen. Aber überspannt sind sie alle und verrathen eine allzuunbändige Imagination; hie und da bewerfe ich auch eine schlüpfrige, sinnliche Stelle in platonischen Schwulst verschleiert. Das Gedicht an Rousseau, die Elegie auf einen Jüngling u.s.w. enthalten starke, kühne und wahr poetische Züge. Zärtlich, weich und gefühlvoll sind die Kindsmörderin, der Triumph der Liebe (wahrscheinlich auf ... Veranlassung der Nachfeier der Venus von Bürger geschrieben) an mein Täubchen, an Minna u.s.w. In einigen andern, als z. B. dem Fragment au einen Moralisten, vorzüglich den Kastraten und Männern, der Vergleichung, und einigen Sinngedichten fällt ein schlüpfriger Witz und Petronische Unart auf. Einige darunter sind launig und satirisch ... doch sehr oft ist der Witz auch gezwungen und ungeheuer. Im Ganzen sind fast alle Gedichte zu lang, und der Kern des Gedankens wird von langweiligen Verzierungen überladen und erstickt ... Dessen ungeachtet hat diese Sammlung manche ihrer Schwestern in Schatten gestellt, und zu wünschen wäre es immer, daß Deutschland mit keiner schlechtern heimgesucht würde ... Diese Anthologie scheint sich jedoch, wenn sie die Absicht hätte, jedermänniglich zu gefallen, schlimm betrogen zu finden: denn der darin herrschende Ton ist durchaus zu eigen, zu tief, zu männlich, als daß er unsern zuckersüßen Schwätzern und Schwätzerinnen behagen könnte.« Ausserdem daß Alles, was hier gesagt ist, besser von einem Andern gesagt worden wäre, sieht man auch in dieser Selbstbeurtheilung, wie in Sachen der Poesie es so etwas ganz andres ist um's Wissen , als um's Können . Daneben benützte er sein Repertorium, wie gleichzeitig die Anthologie, nicht nur sich selbst hervorzuheben, sondern literarische Feindschaft auf nicht ganz ungehässige Weise zu üben. So scheute er sich z. B. nicht, einen seiner edelsten Lehrer, vielleicht für eine unbedeutende Zurechtweisung Rache nehmend, auf eine hämische und ungutmüthige Weise in einer literarischen Beurtheilung zu verletzen. Wäre der Dichter lang in dieser geistig gedrückten Lage geblieben, so hätten jene Unarten, welche bald in der hohen Schule der Weltweisheit verwischt wurden, die er in doppeltem Sinne, im praktischen wie im theoretischen durchzumachen sich genöthigt sah und gedrungen fühlte, leicht zu einem Charakterfehler verwachsen können, den er freilich mit vielen Literaten getheilt hätte, welche Uebermuth, Selbstlob und unedle Rache bis zum Ekel üben, ohne daß sie darauf denken, diese Jugendsünden durch unsterbliche Werke in Vergessenheit zu bringen. Die Vorsehung sorgte durch das erziehende Schicksal dafür, daß an dem großen Geiste keine entstellende Makel haften blieb. In dem Augenblicke, wo, wie er selbst später schrieb, noch der Ausspruch der Menge sein schwankendes Selbstgefühl lenkte, wo das warme Blut des Jünglings durch den freundlichen Sonnenblick des Beifalls munterer floß, wo tausend einschmeichelnde Ahnungen künftiger Größe seine schwindelnde Seele umgaben, und der göttliche Nachruhm in schöner Dämmerung vor ihm lag, hatte sie beschlossen, ihn zu enttäuschen, und reichte ihm anstatt des Taumelkelches der Lust und des Ruhms den Wermuthsbecher der Noth und der Entbehrung. Schillers Flucht. 1782. Seit achtzehn Monaten hatte Schiller unter den jungen Bewunderern seiner Muse an dem Tonkünstler Andreas Streicher, einem gebornen Stuttgarter, der nur zwei Jahre jünger war, als der Dichter, einen zärtlichen und aufopferungsfähigen Freund gewonnen, und »durch seine reizende und anziehende Persönlichkeit, die gegen ihn nirgends etwas Scharfes und Abstoßendes blicken ließ,« dessen ganze Seele eingenommen. Diesem vertraute er unverhohlen den Widerwillen an, mit welchem er nach der letzten Mannheimer Reise sich Stuttgart wieder genähert hatte; er machte ihn auch zum Vertrauten von Dalbergs wahren oder vermeintlichen Versprechungen, er schwelgte mit ihm in der lange nicht aufgegebenen Hoffnung, daß der am pfälzischen Hofe, welcher im besten Einvernehmen mit dem württembergischen stand, viel vermögende Mann, der auch dem Herzoge schon einen italienischen Hofpoeten von Mannheim zugesandt, seinen Landesherrn darüber besänftigen werde, daß bei Aufführung der Räuber das Stuttgarter Theater übergangen worden; er schüttete seinen Unmuth über die getäuschte Erwartung, wie über die demüthigenden Weisungen des Herzogs in den Busen des Freundes aus. Endlich theilte er ihm den Entschluß mit, noch einmal heimlich nach Mannheim zu reisen, und von dort aus dem Herzog schriftlich darzulegen, wie durch das ergangene Verbot seine ganze Existenz vernichtet sey, und ihn um die Bewilligung einiger Punkte zu bitten, die er für sein besseres Fortkommen unerläßlich glaubte. Die Hoffnung der Gewährung stützte sich auf des Herzogs freundliches Verhältniß zu Schiller's Vater, und auf die auch dem Sohne so oft bezeugte Gnade und Zufriedenheit seines Fürsten, unter dessen Augen er zum Knaben und Jünglinge herangereift, von dem er erzogen worden war, zu dem er weniger in einem Dienstverhältnisse, als in der Stellung eines Sohnes zum Vater zu stehen glaubte. Mißlang aber auch dieser letzte Versuch, so konnte er freilich nicht mehr nach Stuttgart zurückkehren. Dann aber erwartete er wenigstens von Dalberg, welcher in ihm nicht mehr den herzoglichen Unterthan zu scheuen hätte, mit offenen Armen empfangen und sofort – ein Dichter, wie Er – als Theaterdichter in Mannheim angestellt zu werden. Auch ein Gefährte zur Flucht war gefunden. Sein Freund Streicher hatte für folgendes Frühjahr eine Reise nach Hamburg projektirt, um bei Bach die Musik zu studieren; er verlegte dem Dichter zulieb seinen Plan mit der Mutter Einwilligung vorwärts. Der Vater Schiller durfte um die Sache nicht wissen, um nöthigenfalls sein Officierswort verpfänden zu können, daß er von dem Vorhaben des Sohns nicht gewußt. Aber Schillers Mutter ward, mit Hülfe der ältern Schwester, die ganz auf Seiten des Bruders war, von Allem unterrichtet. Die Ausführung dieses Entschlusses wurde durch die Umstände erleichtert und beschleunigt. Schon zu Anfange des Monats August erblickte man in Stuttgart und der Umgegend nichts als Vorbereitungen zu dem feierlichen Empfange des Großfürsten Paul von Rußland, und der Nichte des Herzogs Carl, seiner schönen jungen Gemahlin. Um die Mitte Septembers trafen diese hohen Gäste ein und benachbarte Fürsten mit einer Anzahl von Fremden warteten ihrer. Die Prachtliebe des Herzogs entfaltete sich in ihrem ganzen Glanze; aus den Marställen drängten sich Züge der herrlichsten Pferde, und prangten, vor die glänzendsten Equipagen gespannt; aus allen Jagdrevieren des Landes waren sechstausend Hirsche in den von Wachtfeuern umstellten Wald, der das Lustschloß Solitude umgibt, zusammengetrieben worden; sie sollten eine Anhöhe hinauf gejagt und gezwungen werden, sich in einen See zu stürzen, in welchem sie aus einem eigens dazu erbauten Lusthause von den erlauchten Fürsten nach Bequemlichkeit erlegt werden konnten. Allen solchen Herrlichkeiten verschloß sich das Gemüth unseres Dichters; er sah in ihnen nur die Mittel, seinem Kerker unbemerkt zu entfliehen. Die ganze Kraft seines Geistes war auf das neue Drama Fiesko gedrängt, das noch vor der Reise vollendet werden sollte. Nächte durch arbeitete er – denn ausser dem Plane war kaum die Hälfte des Stückes niedergeschrieben – aber am Morgen erheiterten sich seine von Schlaflosigkeit erhitzten Augen, wenn er ein schönes Stück vollendeter Arbeit übersah und seinem künftigen Reisegefährten neue Scenen oder einen in der Nacht entstandenen Monolog vorlesen konnte. Unter den zu Stuttgart angekommenen Fremden war auch der Freiherr von Dalberg und die Gattin des Regisseurs Meier vom Mannheimer Theater. Schiller wartete dem ersten auf und sah auch die letztere öfters, aber er schwieg gegen beide. Er wollte, da sein Entschluß gefaßt war, nicht durch Zweifel belästigt, nicht durch Beweise eines ungewissen Erfolgs widerlegt werden. Mit der Mannheimer Freundin und Streicher besuchte er – denn die Zeit drängte – auch das Elternhaus auf der Solitude noch einmal. Die Hausfrau erschien bedrückt vom Entschlusse des Sohnes, über welchen sie sich nicht äussern durfte, der unbefangene Vater zählte mit Wichtigkeit die bevorstehenden Festlichkeiten auf. Der Sohn verließ die Gesellschaft mit der Mutter und kehrte nach einer Stunde ohne sie mit rothen Augen zurück. Die große Lustjagd sollte, mit Schauspiel und Beleuchtung auf dem Schlosse, am 17ten September vor sich gehen. Dieß entschied über den Reiseplan der Jünglinge. Sie zogen die Nachricht ein, daß an diesem Tage Schillers alte Grenadiere, die ihn gut von Angesicht kannten, die Thorwache nicht haben würden, und so ward die Abreise von Stuttgart auf den Abend des 17ten September festgesetzt. Die bürgerliche Kleidung, hinter welche sich der Regimentsarzt verstecken wollte, Wäsche und einige Bücher, darunter Haller und Shakspeare, waren allmählig von dem Freunde aus Schillers Wohnung hinweg gebracht worden; am letzten Vormittag um zehn Uhr sollte auch alles übrige gerüstet seyn. Aber der Dichter behielt sein Recht bis zur letzten Stunde. Als Schiller von seinem letzten Lazarethbesuche acht Uhr Morgens zurückgekehrt war, fielen ihm beim Zusammensuchen der Bücher Klopstocks Oden in die Hände; eine Lieblingsode regte ihn auf; in dem entscheidenden Augenblicke fing er an zu dichten, statt zu packen und der eingetretene und treibende Freund mußte vor allen Dingen die Ode und das frisch gedichtete Gegenstück anhören. Am Nachmittag endlich war Alles in Ordnung; ein paar geladene aber gichtbrüchige Pistolen wurden, die eine in den Koffer, die andere in den Wagen gelegt; drei und zwanzig Gulden steckte Schiller, acht und zwanzig Streicher in die Taschen; zwei Koffer und ein kleines Clavier saßen hinter dem Wagen und um zehn Uhr Nachts rollte dieser von Streichers Wohnung ab und dem Eßlingerthore zu, dem dunkelsten von Allen, wo ein bewährter Freund Schillers, (war es Scharffenstein oder Kapff?) – als Lieutenant die Wache hatte. – Halt – Wer da – Unterofficier heraus! schallte es unheimlich am Thore. »Doctor Ritter und Doctor Wolf, beide nach Eßlingen reisend« – war die Antwort der Flüchtlinge, die nun ungehindert an der lichtlosen Wachtstube des Officiers, deren Fenster weit offenstanden, vorbei und mit beklommenen Herzen in's Freie und auf Umwegen der ludwigsburger Heerstraße zu fuhren. Wie die erste Anhöhe hinter ihnen lag, kehrte ihnen erst Unbefangenheit und Sprache wieder. Es war Mitternacht, als sie links von Ludwigsburg eine hohe Röthe am Himmel erblickten, und sobald der Wagen in die Linie der Solitude kam, glänzte ihnen auf eine Meile Entfernung das Schloß mit allen Nebengebäuden im Schimmer der Beleuchtung wie eine Feenwohnung entgegen. In der reinen Luft war Alles so scharf umgränzt, daß Schiller seinem Gefährten die Elternwohnung zeigen konnte. Ein unterdrückter Seufzer, ein leises »o meine Mutter« begleitete seine rasche Bewegung im Wagen. Ankunft in Mannheim. Roth. Frankfurt und Oggersheim. 1782 Gegen zwei Uhr Morgens hatten sie die Station Enzweihingen erreicht. Hier war es, daß während der Rast sich die Reisenden an Schubarts handschriftlichen Gedichten ergötzten, und Schiller seinem Freunde »die Fürstengruft« vorlas, die der unglückliche Gefangene mit der Beinkleiderschnalle der nassen Kerkerwand eingegraben hatte. Nach acht Uhr Morgens athmeten die Fliehenden leichter; die pfälzische Gränze war erreicht. Das düstere Gemüth Schillers erheiterte sich. »Sehen Sie,« rief er, zu seinem Begleiter gekehrt, »sehen Sie, wie freundlich die Pfähle und Schranken mit Blau und Weiß angestrichen find! Ebenso freundlich ist auch der Geist der Regierung!« Abends neun Uhr waren die Reisenden in Schwezingen, und da Mannheim, als Festung, ihnen für diesen Tag verschlossen war, wurde hier übernachtet, und am andern Morgen die beste Kleidung aus den Koffern hervorgezogen, um sich durch scheinbaren Wohlstand Achtung zu verschaffen. Ihre Herzen waren voll Hoffnung: die Theaterdirection, die so viel Vortheil von den Räubern gezogen, konnte ihren Dichter nicht entbehren; Fiesko mußte noch in diesem Jahre aufgeführt werden; eine freie Einnahme, oder ein beträchtliches Honorar deckte nun auf lange alle Bedürfnisse. Aber in Mannheim verbarg der Theaterregisseur Meier sein Staunen nicht, da er den jungen Dichter, den er in Feste und Zerstreuungen versunken, zu Stuttgart in Gesellschaft seiner Frau dachte, als Flüchtling vor sich stehen sah. Der Weltmann widersprach nicht, nur bestärkte er den jungen Freund, dem er mit seinem Begleiter für eine nahe Wohnung sorgte, und den er zu Tische behielt, in dem Vorhaben, noch heute eine Vorstellung an den Herzog einzusenden, dessen Festlaune benützt werden müsse. Nach dem Essen setzte sich Schiller im Nebenzimmer an den Schreibtisch und entwarf eine Zuschrift au den Herzog Carl, deren unzweifelhaftes Concept wir jetzt besitzen. »Das Unglück eines Unterthanen und eines Sohnes« schrieb er, »kann dem Fürsten und Vater niemals gleichgültig seyn. Ich habe einen schrecklichen Weg gefunden, das Herz meines gnädigsten Herrn zu rühren, da mir die natürlichen bei schwerer Ahndung untersagt worden sind.« Der Briefsteller erinnert nun seinen Herrn an das bekannte Verbot und erklärt, daß die Verzweiflung ihn auf die Flucht getrieben. Er glaubte es »seinen Talenten und der Welt, die sie schätzte, schuldig zu seyn, eine Laufbahn fortzusetzen, auf welcher er kein gewöhnliches Glück zu machen, und seinem durchlauchtigsten Erzieher, der ersten Quelle seiner Bildung, Ehre zu erwerben, die gewisseste Aussicht hatte.« »Da ich bisher,« fährt er fort, »nach dem Urtheil Anderer mich als den ersten und einzigen Zögling E. H. D. kannte, der die Augen der großen Welt angezogen hatte, so fürchtete ich mich um so weniger, meine Gaben in Ausübung zu bringen, und setzte allen Stolz, alle Kräfte darauf, dasjenige Werk zu seyn, das den Meister lobte. Daß ich eine Laufbahn verlassen soll, welche mir ausserdem, daß sie mein Einkommen um ein Großes vermehrt , den Weg der Ehre öffnet, fiel mir allzuhart, als daß ich nicht das Letzte gewagt haben sollte, das Herz meines durchl. Fürsten und Vaters zu rühren. Ich mußte befürchten, in Strafe zu fallen, wenn ich das Verbot übertreten und E. H. D. schreiben würde, darum bin ich hierher geflüchtet, fest überzeugt, daß nur das Bild meines Unglücks dazu gehört, das Herz E. H. D. zur Gnade zu lenken ...« Die Hauptgedanken dieses Briefes hatte Schiller einem früheren schon am 1sten September abgefaßten Schreiben entlehnt, das er an seinen Fürsten entworfen, aber wie es scheint, nicht abgeschickt hatte, und dessen Concept uns nun gleichfalls gerettet ist. Aus der Stelle, die seine pecuniären Hoffnungen berührte, ersieht man, in welchen Täuschungen der Dichter sich bei seiner Ankunft in Mannheim noch wiegte. Dieses Schreiben wurde einem Briefe an seinen Regimentschef, den General Augé, der die Hauptpunkte enthalten mochte, welche Streicher als Inhalt des Schreibens an den Herzog selbst anführt, beigelegt und au diesen abgesendet. Nach zwei erwartungsvollen Tagen traf die mündliche Antwort des Herzogs durch einen Brief des Generals ein, »daß, da Se. Herzogl. Durchlaucht bei Anwesenheit der hohen Verwandten jetzt sehr gnädig wären, Schiller nur zurückkommen solle;« eine ziemlich trostlose Aeußerung, die auf spätere Anfragen einfach wiederholt wurde. Den Tag nach Schillers Eintreffen in Mannheim war auch Madame Meier von Stuttgart zurückgekommen; diese sorgte recht mütterlich für den Dichter. Ihre Angst, daß ihm nachgesetzt oder seine Auslieferung verlangt werden könnte, schlug Schiller mit seiner festen und gerechten Zuversicht auf die Großmuth seines Herzogs nieder. Doch fand man es rathsam, daß der Flüchtling sich nicht öffentlich zeigte, und auf seine Wohnung und das Meiersche Haus beschränkt blieb. In dem letztem bereitete sich jetzt die Vorlesung des Fiesko vor, und eines Nachmittags versammelten sich gegen vier Uhr ausser Iffland, Beil, Beck, mehrere Schauspieler; man setzte sich um einen großen runden Tisch, der Verfasser schickte eine kurze Erzählung der Geschichte voran und begann zu lesen. Sein treuer Freund Streicher feierte schon im Stillen den Triumph, wie überrascht diese Leute, die den Dichter mit unverwandten Augen ansahen, über die vielen schönen Stellen gleich in den ersten Scenen seyn würden; er erwartete den tiefsten Eindruck. Aber der erste Akt, unter größter Stille gelesen, ärntete kein Zeichen des Beifalls; kaum war er zu Ende, als Beil sich entfernte und die Gesellschaft sich über die Historie des Fiesko, oder über Stadtneuigkeiten unterhielt. Auf die gleiche Weise erging es dem zweiten Akt, und weiter gedieh die Vorlesung nicht. Erfrischungen und ein Bolzenschießen, zu dem auf den Vorschlag eines Schauspielers Anstalt getroffen wurde, machten ihr ein Ende. Alles verlief sich und nur Iffland blieb mit den Freunden zurück. Meier aber zog den jungen Freund Schillers, der sich von seiner innerlichen Entrüstung gar nicht erholen konnte, in's Nebenzimmer, und fragte: »Sagen Sie mir jetzt ganz aufrichtig, wissen Sie gewiß, daß es Schiller ist, der die Räuber geschrieben?« Auf die zwiefache betheuernde Bejahung dieser wiederholten Frage, und eine staunende Gegenfrage antwortete der Schauspieldirektor: »Ich fragte – weil der Fiesko das allerschlechteste ist, was ich je in meinem Leben gehört, und weil es unmöglich ist, daß derselbe Schiller, der die Räuber geschrieben, etwas so Gemeines, Elendes sollte gemacht haben.« Und dabei blieb er. »Wenn Schiller wirklich die Räuber und Fiesko geschrieben, so hat er alle seine Kraft an dem ersten Stück erschöpft, und kann nun nichts mehr als lauter erbärmliches, schwülstiges, unsinniges Zeug hervorbringen.« Aeusserst verstimmt, nahm Schiller zeitig mit seinem Gefährten Abschied; erst zu Hause lüftete er seinen Aerger, über Neid, Kabale, Unverstand der Schauspieler klagend. Wenn er nicht als Schauspieldichter angestellt, wenn sein Trauerspiel nicht angenommen werde, so erklärte er sich entschlossen, selbst als Schauspieler aufzutreten, indem eigentlich doch Niemand so deklamiren könne, wie er . Am andern Morgen suchte Streicher Herrn Meier wieder auf, der ihn mit dem Ausruf empfing: »Sie haben Recht! Fiesko ist ein Meisterstück, und weit besser bearbeitet, als die Räuber. Aber wissen Sie auch, was Schuld daran ist, daß ich und alle Zuhörer es für das elendeste Machwerk hielten? Schillers schwäbische Aussprache, und die verwünschte Art, wie er Alles deklamirt! Er sagt Alles in dem nämlichen, hochtrabenden Tone her, ob es heißt: er macht die Thüre zu, oder ob es eine Hauptstelle seines Helden ist!« Mit der frohen Botschaft, daß das Trauerspiel vor den Ausschuß und bald auf die Bretter kommen werde, eilte, alles andre verschweigend, der Freund zum Freunde. Indessen wurde, da Baron Dalberg noch immer in Stuttgart verweilte, dem Rathe der Freunde gemäß, die immer noch ein Auslieferungsgesuch von Stuttgart fürchteten, nach wochenlangem Verweilen in Mannheim von den beiden Genossen eine Reise über Darmstadt nach Frankfurt beschlossen und zwar eine Fußreise, da ihr kleines Capital kaum noch für zwölf Tage reichte, und Schiller aus verschiedenen Gründen sich an die Eltern nicht wenden konnte. Streicher aber schrieb an seine Mutter um einen Zuschuß von dreißig Gulden. Das Unentbehrlichste in der Tasche, schlugen die Reisenden nach Tische den Weg über die Rheinbrücke ein und trafen am andern Abend in Darmstadt ein, wo die Reveille um Mitternacht den armen, dem Rollen der Trommel eben erst entflohenen Dichter unangenehm aus seinen Träumen rüttelte. Der heitere Morgen setzte die müden Füße der Freunde wieder in Bewegung: Schiller fühlte sich während des ganzen Marsches unwohl; nicht mehr ferne von Frankfurt mußte er sich, matt und erblaßt, unter Waldgesträuch in's Gras niederlegen. Streicher setzte sich neben ihn auf einen abgehauenen Baumstamm und hütete mit banger Freundessorge den schlummernden Dichter. Zwei Stunden lang störte die Ruhenden Niemand; endlich weckte ein den einsamen Fußsteig gehender Werbeofficier mit höflichem Gruße den Schläfer, der gestärkt erwachte. Beim Austritte aus dem Walde winkte ihnen das alterthümliche Frankfurt, und war in einer Stunde erreicht. Die Armuth wies den Freunden ihre Wohnung in Sachsenhausen an, wo der Mainbrücke gegenüber Kost und Wohnung mit dem Wirthe Tag für Tag bedungen wurde. Das erste, was Schiller vom Schlafe gestärkt am andern Morgen unternahm, war ein Brief an Dalberg, den er, wie sein Freund Streicher sagt, »mit gepreßtem Gemüth und nicht mit trockenen Augen« schrieb. »... Sobald ich Ihnen sage,« steht in diesem Brief, »ich bin auf der Flucht, so hab' ich mein ganzes Schicksal geschildert. Aber noch kommt das Schlimmste dazu. Ich habe die nöthigen Hülfsmittel nicht, die mich in den Stand setzten, meinem Mißgeschick Trotz zu bieten, ... Ich ging leer hinweg, leer in Börse und Hoffnung. Es könnte mich schamroth machen, daß ich Ihnen solche Geständnisse thun muß; aber ich weiß, es erniedrigt mich nicht. Traurig genug, daß ich auch an mir die gehässige Wahrheit bestätigt sehen muß, die jedem freien Schwaben Wachsthum und Vollendung abspricht.« Und nun bittet er den Gönner freimüthig um Unterstützung; er kann seinen Fiesko vor drei Wochen nicht theaterfertig liefern, weil sein Herz so lange beklemmt war, weil das Gefühl seines Zustandes ihn gänzlich von dichterischen Träumen zurückriß. Nun verspricht er sein Stück nicht nur fertig, sondern auch würdig auf jenen Termin zu liefern, bittet aber auch um gütigen Vorschuß des Preises, denn er hat noch 200 fl. nach Stuttgart zu bezahlen; das macht ihm mehr Sorge, als wie er sich durch die Welt schleppen soll; er hat so lange keine Ruhe, bis er sich von der Seite gereinigt hat. Am Ende bittet er nur um einen Vorschuß von 100 Gulden. »Schnelle Hülfe ist Alles, was ich jetzt noch denken und wünschen kann.« In seltsamem Vorgefühle der Antwort zeichnete er » mit entschiedener Achtung ,« so ziemlich das Wenigste, was man einem vornehmen Herrn geben kann, »als seiner Excellenz wahrster Verehrer Friedrich Schiller .« Die schwerste Last war mit diesem Schreiben von seinem Herzen gewälzt. – Sein Auge, erzählt Streicher, wurde feuriger, seine Gespräche wurden belebter, seine Gedanken, bisher immer mit seinem Zustande beschäftigt, wendeten sich jetzt auch auf andere Gegenstände. Auf der Mainbrücke übersahen die Freunde mit Lust die abgehenden und ankommenden Schiffe; der heiterste Abendhimmel spiegelte sich im gelben Strom. »Schiller's überströmende Einbildungskraft gab dem geringsten Gegenstand Bedeutung und wußte die kleinste Nähe an die weiteste Entfernung zu knüpfen.« Mit der Heiterkeit des Gemüths kehrte dem ganz vom Geiste Abhängigen auch die Eßlust wieder; vor allem aber das Bedürfniß zu produciren. Nach einer leichten Abendmahlzeit ließ sich aus seinem Schweigen, aus seinen aufwärts gerichteten Blicken wahrnehmen, daß er über etwas Ungewöhnlichem brüte. Sein Freund betrachtete ihn mit einer heiligen Scheue und verhielt sich so still als möglich. Erst am andern Abend entdeckte ihm Schiller, daß seit der Abreise von Mannheim seinen Geist ein bürgerliches Trauerspiel » Louise Millerin « beschäftige; und schon nach vierzehn Tagen waren ganze Scenen von »Kabale und Liebe« niedergeschrieben. Den Plan zu diesem Stücke hatte er, nach der Versicherung seiner Schwägerin, schon im Militärarreste zu Stuttgart entworfen. Dort sind jedenfalls die Motive des Stücks zu suchen und leicht zu finden. Am dritten Morgen, bei Besichtigung der Stadt Frankfurt, besuchten die Freunde auch einige Buchläden. In einem derselben fragte Schiller, der die Maske des Dr. Ritter seit der Barriere von Stuttgart nicht abgelegt hatte, nach dem Absatze der Räuber. Die Antwort fiel so günstig aus, daß der Verfasser, in freudiger Ueberraschung, sein Incognito brach, und von dem Buchhändler mit staunenden, zweifelnden Augen gemessen wurde. Getröstet kehrte der Glückliche nach Hause. »Muth und Selbstgefühl,« sagt seine Schwägerin, »waren ihm zurückgekehrt, und die Ahnung, daß sein Name die Bühnen Europa's füllen werde, trug ihn, gleich einer sanft einhüllenden Wolke, über die düstre Gegenwart hinweg.« Inzwischen war die Post einigemal vergeblich besucht worden, und erst am fünften Tage streckte man ihnen das an Dr. Ritter überschriebene Paket entgegen. Es waren Freundesbriefe aus Stuttgart, die zur größten Vorsicht riethen, begleitet von einem Briefe Meiers. Nur diesen nahm Schiller unerbrochen nach Sachsenhausen zurück und wollte hier allein die angenehme Nachricht, die er erwartete, herauslesen. Zu Ende mit dem Schreiben blickte er gedankenvoll durch das Fenster hinab auf die Mainbrücke, und nur sein verdüstertes Auge, seine veränderte Farbe kündigten die getäuschte Hoffnung an. Endlich sprach er. Dalberg leistete den Vorschuß nicht, weil Fiesko in dieser Gestalt für das Theater unbrauchbar sey; bevor er sich weiter erklären könne, müsse erst die Umarbeitung vorgenommen seyn. Der Freund bewunderte in diesem kritischen Augenblicke die Mäßigung und den Anstand Schillers über eine solche Versagung. »Er bewies auch hierin sein reines, hohes Gemüth. Er ließ nicht die geringste Klage hören; kein hartes oder heftiges Wort kam über seine Lippen! ja nicht einmal eines Tadels würdigte er die erhaltene Antwort.« Noch immer baute er einige Hoffnung auf seinen Fiesko; um wohlfeiler leben zu können, beschloß er sich Mannheim und den dortigen hülfreichen Freunden wieder zu nähern. Aber die armen Wanderer waren nach Frankfurt gebannt; »denn bei jedem Griff in den Beutel war schon sein Boden erreicht.« Die von Streichers Mutter erbetene Hülfe war auch noch nicht eingetroffen. In der Noth suchte Schiller ein ziemlich langes, bald darauf verloren gegangenes Gedicht »Teufel Amor,« hervor, mit welchem er selbst sehr zufrieden schien und das der Freund schon aus wiederholter Vorlesung kannte. Damit ging Schiller zu einem Buchhändler, vielleicht demselben, der ihn gestern bewundert hatte: – aber er kam ganz mißmuthig zurück, denn er hatte fünfundzwanzig Gulden verlangt und der Krämer nur achtzehn geboten; Schiller aber wollte lieber Noth leiden, als seine Poesie an einen Knicker, der sie nicht schätzte, wegwerfen. Endlich kamen die dreißig Gulden für Streicher an, als der Reichthum der Verbrüderten nur noch in Scheidemünze bestand. Der aufopfernde Freund verzichtete auf seinen Hamburger Plan; schon am andern Morgen fuhren beide auf dem Marktschiffe nach Mainz, bewunderten am andern Tage als Fußwanderer »den ächt deutschen Eigensinn, mit welchem Rhein und Main auch vereinigt die blaue und gelbe Farbe getrennt halten,« stärkten sich in Nierenstein mit dem Wein der Ritterromane, dessen Ruf sie größer fanden als seinen Geschmack, und dessen Kraft sie als einen wahren »Herzenströster« erst erkannten, als er ihre müden Füße im Freien wieder beflügelte, und kamen endlich, die letzte Station zu Wagen, in Worms an. Hier beschied sie am andern Morgen ein Brief Meiers nach Oggersheim in die Herberge zum Viehhof, wo sie Nachmittags mit dem Meier'schen Ehepaar und zwei Verehrern des Dichters zusammentrafen. Schiller erhielt von Meier die Versicherung, daß der Fiesko unbezweifelt aufgenommen werde, so bald er um mehrere Scenen abgekürzt, und der fünfte Akt ganz beendigt sey. Sein auf Dalberg gesetztes Vertrauen sah der Getäuschte somit durch neue Ausflüchte vereitelt. Dennoch ließ er keine Spur von Empfindlichkeit blicken. »Mit der freundlichen, männlichen Art, die ihm im Umgange ganz gewöhnlich war,« leitete er das Gespräch auf Bestimmung des Orts, wo er das Stück am ruhigsten ausarbeiten könnte, und Oggersheim selbst, nur eine Stunde von Mannheim gelegen, wurde dazu am tauglichsten befunden. Die von Madame Meier dem Reisenden behändigten Briefe von Stuttgart empfahlen noch immer die möglichste Verborgenheit. Schiller wurde deßwegen sofort auf's Neue umgetauft, vor dem Wirthe mit Doktor Schmidt angeredet und als solcher installirt, indem Kost und Wohnung auch hier auf den Tag bedungen ward. Der Abend trennte die Gesellschaft. Am andern Morgen kam Koffer und Clavier aus Mannheim. Die nächsten acht Tage verließ Schiller, ganz mit seinem bürgerlichen Trauerspiele beschäftigt, das seinem Dichtergeiste keine Ruhe ließ, nur auf Minuten das Zimmer. Sein Freund versüßte ihm die langen Herbstabende mit Clavierspiel, denn er wußte von Stuttgart her, daß die Musik alle Affekte in ihm in Bewegung zu setzen vermochte. Wie erwünscht war es ihm, »seine Begeisterung unterhalten, und das Zuströmen der Gedanken dem Dichter erleichtern zu können,« Schiller aber richtete schon am Mittagstische mit der bescheidensten Zutraulichkeit die Frage an ihn: »Werden Sie nicht heute Abend wieder Clavier spielen?« Gleich der Entwurf des neuen Stückes war auf die eigentliche Persönlichkeit der Mannheimer Schauspieler angelegt, und die Freunde freuten sich im Voraus, wie naiv-drollig Herr Beil den Musicus Miller darstellen werde. Inzwischen trat dem Dichter der Plan immer bestimmter hervor, und er ruhte nicht, bis die Gestalt des Ganzen zum Voraus entschieden war. Erst nach Wochen konnte er die gewünschten Veränderungen im Fiesko vornehmen, ohne daß er jedoch über den Schluß mit sich einig zu werden vermochte; denn in der Geschichte ertrinkt der Held durch einen untragischen Zufall. Nur die Nothwendigkeit trieb ihn nach einem Monate zur Vollendung.   Der Aufenthalt in Oggersheim hatte wenig Angenehmes für den Dichter; die flache Gegend sagte dem an Gebirge gewöhnten Württemberger nicht zu; sein rauher Wirth quälte Frau und Tochter, die sanft und freundlich waren, mit seiner heftigen Gemüthsart. Nur der Krämer des Orts, Derain mit Namen, besaß einige Bildung; er trieb Politik, Literatur und Aufklärung des Landvolkes zum Nachtheile seines Handels, um den er sich, bei einigem Vermögen, wenig bekümmerte; sein Gemüth war von der edelsten Art, und eine große Bescheidenheit machte seinen Umgang angenehm. Dieser Mann war durch einige Blätter der verworfenen Recension des Fiesko und der Skizzen zur Millerin, welche der Wirthin in die Hände fielen, auf den jungen Fremden aufmerksam geworden, denn die Frau hatte dem Handelsmanne, bei welchem sie durch ein geliehenes Buch manchmal Trost für ihre häuslichen Leiden suchte, die Manuscripte, deren Sprache ihr ganz neu war, mitgetheilt; er aber brachte den Fund zu seinem Freunde, dem Kaufmann Stein in Mannheim, der eine sehr reizende, und in der schönen Literatur bewanderte Tochter hatte. Streicher war an dieses Haus empfohlen und das schöne Mädchen schmeichelte ihm sein Geheimniß ab, in das sofort auch Herr Derain gezogen wurde, der die Bekanntschaft des jungen, und doch schon so berühmten Mannes, unter Gelobung der tiefsten Verschwiegenheit machen zu dürfen bat. Seine Freundschaft war für Schiller in den trüben, nebligen Novemberabenden eine wahre Erquickung, und dauerte auch in den nächstfolgenden Jahren noch fort. Das Gericht über Fiesko. 1782. Endlich war, in den ersten Tagen des November, Fiesko für das Theater umgearbeitet, und ihm der tragische Schluß gegeben, der sich am nächsten an die historische Wahrheit anschloß. Kurz zuvor hatte Streicher, da mit dem Oktober die kleine Baarschaft zu Ende ging, um den Rest seines Hamburger Reisegeldes an die Mutter geschrieben. Das alles sollte Dalbergs Honorar ersetzen. Ruhig und zufrieden ging deßwegen Schiller nach der Stadt, um Herrn Meier das fertige und in's Reine geschriebene Manuscript einzuhändigen, denn er glaubte nun dem Ende seiner Bedrängnisse entgegen zu sehen. Da jedoch auf Meiers Mittheilung acht Tage lang keine Nachricht von Dalberg einlief, so entschloß er sich, an diesen kalten Gönner, der sich seither so wenig um den Dichter der Räuber bekümmert hatte, daß er ihm erst seinen Aufenthaltsort melden mußte, am 16. November von Oggersheim aus zu schreiben und ihm zu sagen, »wie er seit acht Tagen in der größten Erwartung lebe, wie Se. Excellenz den Fiesko befänden!« – » Es sollte ein ganzes, großes Gemälde des wirkenden und gestürzten Ehrgeizes werden .« Damit mochte der Theaterdirektion, meinte er, dem Schauspieler und Zuschauer schon ein Ziemliches zugemuthet seyn. Freilich: dürfte er das Stück ohne Rücksicht auf den Theaterzweck, nach seinem Sinne herausgeben, so würde es durch die Herausnahme einer einzigen Episode in ein einfacheres Theaterstück zusammenschmelzen. – Am Schlüsse des Briefes bat er, wenn nicht um eine Entscheidung über die Theaterfähigkeit, doch um das Urtheil des Dramaturgisten .   Am Abende dieses Tages, als Schiller mit seinem Gefährten über die Schwelle des Meier'schen Hauses zu Mannheim trat, fand er die dortigen Freunde in der größten Bestürzung. Vor kaum einer Stunde war ein württembergischer Officier bei ihnen gewesen, der sich angelegentlich nach dem Dichter erkundigt hatte. Allen schwebte Schubarts Schicksal vor der Seele, und während die Gefahr besprochen wurde, klingelte es an der Hausthüre; Schiller rettete sich mit Streicher durch eine Tapetenthüre in das anstoßende Cabinet. Ein Bekannter des Hauses tritt ein, und meldet erschrocken, daß der Officier auch auf dem Kaffeehause sehr sorglich nach Schillern gefragt, er ihm aber darauf zur Antwort gegeben habe, daß Schiller längst nach Sachsen abgereist sey. Die Geflüchteten kamen aus ihrem Verstecke hervor, aber nach Oggersheim zurückzukehren, schien so wenig rathsam, als in Mannheim zu bleiben. Endlich schaffte eine besonnene Frau Rath. Madame Courioni , die Aufseherin im Palais des Prinzen von Baden, erbot sich mit der anmuthigsten Güte, die Freunde, so lange die Gefahr dauerte, dort zu verbergen. Hier wurde ihnen ein geschmackvolles Asyl angewiesen, und sie befanden sich in einem Zimmer, das mit Lebruns Alexanderschlachten in Kupferstichen geziert war, ganz vortrefflich. Am andern Morgen wagte sich Streicher aus dem Palast, und erfuhr durch den für die Freunde treulich besorgten Meier, daß der Officier keine Aufträge an das Gouvernement gehabt, und schon am vorigen Abend abgereist sey. Erst nach Schillers Entfernung löste ein Brief seines Vaters das Räthsel. Der Fremde war ein akademischer Freund Schillers; der Lieutenant und Adjutant von Koseritz (nicht Kosewitz) Im württembergischen Militär erscheinen zwei Herrn von Koseritz: der ältere, wahrscheinlich hier gemeinte, starb als Generallieutenant, der jüngere als Oberst oder Oberstlieutenant; natürlicher Sohn eines Herrn von K. war der berüchtigte Verschwörer Lieutenant Koseritz, der, begnadigt, seine Schande nach Amerika trug, und dort gestorben ist. der auf einer Reise den alten Bekannten argloser Weise aufsuchen wollte. Die Lage des durch eine, zwar unnöthige, Angst gewarnten Dichters schien indessen so unsicher, daß unter Zustimmung aller anwesenden Freunde von ihm beschlossen wurde, sobald der Fiesko angenommen wäre, nach Sachsen, oder eigentlich Franken, zu reisen, wo die Vorsehung für eine neue Zufluchtsstätte des Landesflüchtigen gesorgt hatte. Eine edle Dame, die Freifrau von Wolzogen, von deren drei auf der Akademie studirenden Söhnen sich der älteste, Wilhelm von Wolzogen, später auf's innigste an den Dichter anschloß, war mit dem jungen Schiller schon in Stuttgart näher bekannt geworden, und nahm auch jetzt innigen Antheil an seinem Schicksal. Sie lebte, Mutter von vier Söhnen und einer Tochter, in beschränkten Glücksumständen, auf ihrem Familiengute Bauerbach, eine Stunde von Meiningen, wo sie sich ein kleines Haus gekauft hatte, da das Gut mit der Herrschaftswohnung dem ältern Bruder zugefallen war. Als Schiller dieser mütterlichen Freundin nach seinem Arreste den Vorsatz, von Stuttgart zu entfliehen, anvertraut hatte, bot diese ihm schon damals die Verborgenheit ihres einsame» Aufenthalts in dem abgeschiedenen Waldthale an, von welcher der bedrängte Dichter jetzt Gebrauch zu machen, und sich an Frau von Wolzogen deßwegen zu wenden beschloß. »Während das Wohl ihrer eigenen Söhne in des Herzogs Hand lag, wagte sie viel, wenn sie den Verfolgten in ihr Haus aufnahm, aber ihre großmüthige Freundschaft berechnete nicht.« Sobald der Dichter diesen Entschluß gefaßt hatte, regte sich die schmerzliche Sehnsucht, die Seinigen noch einmal zu sehen, in der Seele des Verbannten. Sichtbar ist die Bewegung in dem Briefchen, das er am 19. November der Post anvertraute: »Beste Eltern,« schrieb er, »da ich gegenwärtig zu Mannheim bin, und in fünf Tagen auf immer weggehe, so wollte ich mir und Ihnen noch das Vergnügen bereiten, uns noch zu sprechen. Heute ist der 19., am 21. bekommen Sie diesen Brief, wenn Sie also unverzüglich von Stuttgart weggehen, so könnten Sie am 22. zu Bretten im Posthause seyn, welches ungefähr halbwegs von Mannheim ist, und wo sie mich antreffen. Ich denke, Mama und die Christophine könnten am füglichsten, und zwar unter dem Vorwande, nach Ludwigsburg zu Wolzogen zu gehen, abreisen. Nehmen Sie. die Fischerin Wolzogen auch mit, Die Fischerin Wolzogen gibt keinen Sinn, Schiller hat entweder geschrieben: die Fischerin und Wolzogen , oder: die Fischer und die Wolzogen , Wer ist nun diese Fischer oder Fischerin, die Schiller vielleicht zum letztenmale so gern gesprochen hätte? Fischer war der Wittwenname der Hauptmannsfrau, bei der er in Stuttgart zuletzt gewohnt hatte, der Name Laura's . Wir entscheiden nichts. weil ich beide auch noch, vielleicht zum letztenmale, die Wolzogen Die Brüder Wolzogen. Er dachte dabei an Bauerbach. ausgenommen, spreche (d. h. sprechen möchte. Ich gebe Ihnen ein Carolin Reisegeld, aber nicht bälder Schiller, durch seine Meisterwerke ein Gesetzgeber unserer Sprache, entwöhnte sich sehr spät der schwäbischen Provincialismen, wie auch seine vier ersten Dramen beweisen. als zu Bretten. An der schnellen Befolgung meiner Bitte will ich erkennen, ob Ihnen noch theuer ist – Ihr ewig dankbarer Sohn Schiller .« Ob diese Zusammenkunft, zu welcher der gute Sohn und Bruder den letzten Pfennig hergeben wollte, bewerkstelligt worden ist, bezweifeln wir. Streicher schweigt ganz davon. Inzwischen war nach fünf Tagen noch keine Antwort von Dalberg da, und erst gegen Ende Novembers folgte der lakonische Entscheid: »daß dieses Trauerspiel auch in der vorliegenden Umarbeitung nicht brauchbar sey, folglich dasselbe auch nicht angenommen oder etwas dafür vergütet werden könne.« Schiller fühlte sich in allen seinen Hoffnungen durch diese Abweisung betrogen, ja zerschmettert. Es war klar: der engherzige Höfling, der den Dichter für sein Theater gerne ausgebeutet hätte, zog sich mit dem Augenblicke von ihm zurück, als ihn Schillers Ungnade bei seinem Hofe, und der Ruf eines Rebellen, den sich der Dichter in höheren Kreisen erworben hatte, bei Fürsten und Standesgenossen compromittirien konnte; er war zu feige, dieß dem Dichter rund herauszusagen, und zu geizig, ihn trotz seines Reichthums, aus eigenen Mitteln zu unterstützen. Der Mißhandelte aber war zu edel und zu stolz, um sein Gefühl über eine solche Behandlung zu verrathen. Er begnügte sich gegen den Ueberbringer der abschlägigen Antwort, Herrn Meier, zu äußern: er habe es sehr zu bedauern, daß er nicht schon von Frankfurt aus nach Sachsen gereist sey. Ein Jahr später erhielt er aus den Theaterprotokollen die genugthuende Ueberzeugung, daß im Ausschusse der größte Schauspieler auf seiner Seite gewesen war. Hier fand sich Ifflands Vorschlag eingezeichnet, »obwohl dieses Stück für das Theater noch einiges zu wünschen lasse, auch der Schluß desselben nicht die gehörige Wirkung zu versprechen scheine, so sey dennoch die Schönheit und Wahrheit der Dichtung von so ausgezeichneter Größe, daß die Intendanz hiermit ersucht werde, dem Verfasser als Beweis der Anerkennung seiner außerordentlichen Verdienste eine Gratification von acht Louisd'or verabfolgen zu lassen.« – Streichers Reisegeld war verbraucht, und auch der Gedanke peinigte den Unglücklichen, daß dieser Freund in sein böses Schicksal verflochten, daß er aufgeopfert sey, denn im Augenblick war an keinen Ersatz zu denken. Was Schiller für sich selbst thun konnte, war, daß er auf der Stelle dem Buchhändler Schwan seinen Fiesko antrug. Dieser bewunderte die Dichtung; aus Furcht vor den Nachdruckern jedoch glaubte er den gedruckten Bogen nicht höher honoriren zu können, als mit einem Louisd'or. Aber auch dieses Honorar scheint nicht auf der Stelle flüssig geworden zu seyn, denn da die Freunde sich in Oggersheim aufgezehrt, und der Dichter in der Noth selbst seine Uhr verkauft hatte, mußten sie die letzten vierzehn Tage auf Borg leben, und es ward beschlossen, daß Streicher schon jetzt nach Mannheim ziehen sollte, wo er vor der Hand sich fortzubringen gedachte; so daß Schiller die letzten traurigen acht bis zehn Tage allein zu Oggersheim verblieb. Für den Fiesko, welchen er seinem Lehrer Abel in Stuttgart widmete, Diesem scheint die später auf andern Autoritäten hin erwähnte Nachricht, daß der gedruckte Fiesko dem Baron von Dalbera, gewidmet worden, zu widersprechen. Entweder war die Dedication an Abel nur schriftlich, oder stand sie vor der Theaterausgabe, welche dem öffentlichen Drucke vorausgegangen zu seyn scheint. erhielt er mit eilf Louisd'or nur gerade soviel als zur Tilgung seiner Wirthshausschuld, zur Anschaffung unentbehrlichen Geräthes und zur Bauerbacher Reise nothdürftig hinreichte. Um sich nicht auf der Mannheimer Post zeigen zu dürfen, sollte Schiller von Meier und einigen Freunden in Oggersheim abgeholt werden. Diese fanden ihn über dem Packen seiner wenigen Habseligkeiten beschäftigt, und, nachdem alles entschieden war, unerwartet ruhig und gefaßt. Bei einer Flasche Wein, die er reichen ließ, erwärmten sich die Herzen, dann fuhr man in tiefem Schnee nach Worms, wo sie im Posthause von einer wandernden Truppe die Ariadne auf Naxos aufführen sahen. Die Mannheimer Schauspieler lachten über diese Armseligkeit, denn der Theaterdonner wurde mittelst eines Sackes voll Kartoffeln hervorgebracht, den man in einen großen Zuber ausschüttete. Schiller aber erblickte den Tempel der Muse überall, und sah, in sich verloren, mit ernstem, tiefem Blick auf das Theater, als hätte er Aehnliches nie gesehen, oder sollte es zum letztenmale schauen. Nach dem Abendessen schieden die Mannheimer Freunde und mit ihnen Streicher von dem Dichter, jene unbefangen und redselig, wie sie denn auch nachher über seine leichtsinnige und unbegreifliche Flucht ohne Schonung urtheilten, und zu spät daran dachten, durch welche Bequemlichkeiten ihm die harte Winterreise hätte erleichtert werden können. Sie, die an seinem Ruhm auf den Brettern gezehrt, wollten jetzt nicht begreifen, daß Schiller lieber Poet seyn mochte, als ein Arzt mit guter Praxis. Erst Iffland brachte sie auf würdigere Gedanken. Streicher hatte für seinen geliebten Freund beim Abschied keine Worte; keine Umarmung wurde gewechselt; ein starker, langer Händedruck war das einzige Zeichen der Liebe, mit dem sie schieden. Aber noch nach fünfzig Jahren erfüllte es jenen mit Trauer, wenn er an den Augenblick zurückdachte, in welchem er ein wahrhaft königliches Herz, Deutschlands edelsten Dichter allein und im Unglück hatte zurücklassen müssen. Aufenthalt in Bauerbach. 1782 Als Schiller an einem Decemberabende des Jahres 1782 unter den Ruinen des alten Schlosses Henneberg aus tiefem Schnee die Lichter der zerstreuten Häuser schimmern sah, die das Dörfchen Bauerbach bilden, fühlte er sich, nach einem Briefe an Schwan (8. December), »wie ein Schiffbrüchiger, der sich mühsam aus den Wellen gekämpft hat,« und ganz in der Verfassung, seiner Seele zu leben; er wollte den Winter über nur Dichter seyn, dann aber ernstlich und für immer zum Studium der Medicin zurückkehren. Eben so glücklich und vergnügt schrieb er seinem Freunde Streicher unter gleichem Datum: »Das Haus meiner Wolzogen ist ein recht hübsches und artiges Gebäude, wo ich die Stadt gar nicht vermisse... Ich kam Abends hierher (Sie müssen wissen, daß es von Frankfurt aus fünfundvierzig Stunden war), zeigte meine Briefe auf, und wurde feierlich in die Wohnung der Herrschaft abgeholt, wo man Alles aufgeputzt, eingeheizt und schon herbeigeschafft hatte. Gegenwärtig kann und will ich keine Bekanntschaften machen, weil ich entsetzlich viel zu arbeiten habe. Die Ostermesse mag sich Angst darauf seyn lassen.« So genügsam hatte den guten Dichter das Elend gemacht; denn in der That war er aus dem gesegneten Schwaben und den lachenden Ebenen der Pfalz in die karge Natur unwirthlicher Berge versetzt, in eine Gegend, die, wie sein nachmaliger Schwager Reinwald in Meiningen sich ausdrückt, mehr der Stelle gleicht, wo Irions Rad sich immer an Einem Orte umdreht, als einer Dichterinsel. – »Aber der Hauch der Freiheit,« schreibt Schillers Schwägerin, »war Schillern wohlthätig, und seine Phantasie gefiel sich in den Bildern der Einöde zwischen den schroffen Felsabhängen, über denen die dunkeln Wälder hingen.« 1783. Vor allen Dingen dachte er darauf, seine Mannheimer Angelegenheiten zu ordnen. Schwan sollte den Druck seines Fiesko beschleunigen, und zu dem Ende in vierzehn Tagen Vorrede und Zuschrift haben; eine Anweisung an Streicher sollte die Zeche auf dem Viehhofe, so wie andere ausgelegte Kleinigkeiten berichtigen. Sobald sich seine Aussichten verschönerten, wollte er an diesen Freund thätig denken. So zeigte er sich in allen seinen Verhältnissen höchst ehrenhaft. »Ein halbes Jahr,« erzählt uns seine Biographin, »lebte er größtentheils mit sich und der Natur, unbekannt und unerkannt von Seiten des Geistes, in den rauhen Umgebungen. Ein einziger Freund in Meiningen, Reinwald, der in der Folge sein Schwager wurde, kannte die Lage des geheimnißvollen Fremdlings; dieser, als Bibliothekar, versorgte ihn mit Büchern, und besuchte ihn auch zuweilen. Mit dem Verwalter des Guts spielte er Schach und machte oft Spaziergänge mit ihm. Auf einer dieser Wanderungen durch die Wälder hatte er eine sonderbare Ahnung, die ihm immer merkwürdig blieb. Auf dem unwegsamen Pfade durch den Tannenwald, zwischen wildem Gestein, ergriff ihn das Gefühl, daß hier ein Todter begraben liege. Nach wenigen Momenten fing der ihm folgende Verwalter die Erzählung von einer Mordthat an, die auf diesem Platze vor Jahren an einem reisenden Fuhrmanne verübt wurde, dessen Leichnam hier eingescharrt sey.« – Lotte von Wolzogen und der Dichter. 1783. So lebte Schiller, nur in der farbigen Region der Dichtung Lust und Abwechslung findend, auf seiner literarischen Wartburg, in poetische Arbeiten und Entwürfe vertieft, doch nicht ganz ohne Sehnsucht nach der geselligen Welt. Zwar hatte er sich in dieser arg betrogen gefunden, und die Erfahrungen, die er gemacht, hatten ihm gegen Streicher in dem angeführten Briefe die bittere Aeußerung abgepreßt: »wenn man die Menschen braucht, so muß man ein H...t werden, oder sich ihnen unentbehrlich machen, Eines von Beiden oder man sinkt unter.« Und dennoch verlangte ihn in seiner Einsamkeit bald wieder nach diesen Menschen. Als daher im Januar 1783 seine mütterliche Freundin, Frau von Wolzogen, mit ihrer Tochter Charlotte von Stuttgart, wo sie ihrer Söhne wegen wohnte, auf kurze Zeit nach Sachsenmeiningen kam, und auch einige Tage in Bauerbach verweilte, flog ihr sein ganzes Herz entgegen, und als sie sich wieder auf ein anderes Gut in der Gegend entfernt hatte, schrieb er ihr unter anderem am 4. Januar: »Seit Ihrer Abwesenheit bin ich mir selbst gestohlen. Gs geht uns mit großen lebhaften Entzückungen wie demjenigen, der lang in die Sonne gesehen. Sie steht noch vor ihm, wenn er das Auge längst davon weggewandt. Er ist für jede geringere Strahlen verblindet. Aber ich werde mich wohl hüten, diese angenehme Täuschung auszulöschen. Auf die Bekanntschaft Ihres Freundes freue ich mich als auf einen zu machenden Fund. Sie glauben nicht, wie nöthig es ist, daß ich edle Menschen finde. Diese müssen mich mit dem ganzen Geschlechte wieder versöhnen, mit welchem ich mich beinah' überworfen hätte. Es ist ein Unglück, meine Beste, daß gutherzige Menschen, so leicht in das entgegengesetzte Ende geworfen werden, den Menschenhaß , wenn einige unwürdige Charaktere ihre warmen Urtheile betrügen. Gerade so ging es mir. Ich hatte die halbe Welt mit der glühendsten Empfindung umfaßt, und am Ende fand ich, daß ich einen Eisklumpen in den Armen habe.« Der Freund, auf den er sich freute, scheint ein Prediger in Walldorf, dem Stammgute der Familie, gewesen zu seyn, wo sich Frau von Wolzogen bei ihrem Bruder, dem Oberhofmeister von Marschalk aufhielt und von Schiller bald darauf besucht wurde. Als er wieder zu Hause war, schrieb er ihr am 10. Januar: »Es ist schrecklich, ohne Menschen, ohne irgend eine mitfühlende Seele zu leben; aber es ist auch ebenso schrecklich, sich an irgend ein Herz zu hängen, wo man, weil doch auf der Welt nichts Bestand hat, nothwendig einmal sich losreißen und verbluten muß. Ich falle in eine düstere Laune und muß abbrechen.« Diese leidenschaftliche Stimmung des Jünglings gegen eine alte Frau müßte unnatürlich erscheinen, wenn wir nicht wüßten, daß eine keimende Neigung zu der liebenswürdigen Tochter, die schon in diesem Briefe zutraulich »die gute Lotte« von ihm genannt wird, dahinter verborgen war. Nur daraus erklärt sich auch das feindliche Mißtrauen, das sich vorübergehend seiner plötzlich gegen die edle Freundin bemächtigen konnte, so daß er, als Frau von Wolzogen wieder einen Augenblick in Bauerbach erschienen war, vier Tage nach jenem zärtlichen Briefe aus Bauerbach entwichen, von einem uns unbekannten Orte, H... aus, den 14. Jänner in einem währen Räubersparoxysmus an seinen Freund Streicher nach Mannheim schreiben konnte: »So bin ich doch der Narr des Schicksals! Alle meine Entwürfe sollen scheitern! Irgend ein kindsköpfischer Teufel wirft mich wie seinen Ball in dieser sublunarischen Welt herum. Hören Sie nun! Ich bin, wenn Sie diesen Brief empfangen, nicht mehr in Bauerbach. Erschrecken Sie aber nicht; ich bin vielleicht besser aufgehoben! ... Lieber Freund, trauen Sie Niemand mehr, die Freundschaft des Menschen ist das Ding, das sich des Ruhmes nicht verlohnt. Wehe dem, den seine Umstände nöthigen, auf fremde Hülfe zu bauen. Gottlob das letztere war diesmal nicht. Die gnädige Frau versicherte mich zwar, wie sehr sie gewünscht hätte, ein Werkzeug im Plane meines künftigen Glückes zu seyn – aber – ich werde selbst so viel Einsicht haben, daß ihre Pflichten gegen ihre Kinder vorgingen , und diese müßten es unstreitig entgelten, wenn der Herzog von W. Wind bekäme. Das war mir genug. So schrecklich es mir auch ist, mich wiederum in einem Menschen geirrt zu haben, so angenehm ist mir wieder dieser Zuwachs an Kenntniß des menschlichen Herzens. Ein Freund – und ein glückliches Ungefähr rissen mich erwünscht aus dem Handel. Durch die Bemühung meines sehr erprobten Freundes bin ich einem jungen Herrn von Wrmb So schreibt Streicher. Bei Frau v. Wolzogen heißt er Wurmb. bekannt geworden, der meine Räuber auswendig kann, und vielleicht eine Fortsetzung liefern wird. Er war beim ersten Anblick mein Busenfreund. Seine Seele schmolz in die meinige. Endlich hat er eine Schwester...! Hören Sie, Freund, wenn ich nicht dieses Jahr als ein Dichter vom ersten Range figurire, so erscheine ich wenigstens als Narr, und nunmehr ist das für mich Eins. Ich soll mit meinem Wrmb diesen Winter auf sein Gut, ein Dorf im Thüringer Walde, dort ganz mir selbst und der Freundschaft leben, und, was das beste ist, schießen, lernen; denn mein Freund hat dort hohe Jagd. Ich hoffe, daß das eine glückliche Revolution in meinem Kopf und Herzen machen soll ...« Dieser Brief voll Kavaliersgedanken, der mit Schillers Charakter in vieler Beziehung nicht übereinstimmt, scheint, nach einem Gelage mit seinem improvisirten Freunde Wrmb geschrieben, und glücklicher Weise verflogen Stimmung und Plane wie der Schaum im Champagnerglase. Die Eifersucht, die ihn plötzlich in der Schwester des Thüringer Barons einen Engel und in diesem selbst auch einen Boten des Himmels, und nicht wieder »fremde Menschenhülfe« erblicken ließ, führte die Feder dabei. Sein neuester Biograph, Hoffmeister, macht die sehr treffende Bemerkung zu dieser Geschichte, daß heroische Gemüther eigentlich für das Unglück gemacht sind und in glücklichen Verhältnissen verlieren. So zeigte auch Schiller in Mannheim eine festere und ruhigere Haltung als in Bauerbach. Inzwischen war alles bald wieder ins Gleiche gebracht; vielleicht hatte der Baron selbst durch sein Betragen dafür gesorgt, dem verblendeten Dichter die Augen zu öffnen, wiewohl dieser ihn auch später von Mannheim aus (12. September 1783) »seiner ewigen Achtung« versichern ließ. Noch vor dem 25. Januar war Schiller wieder in Bauerbach und schmiedete, in Eintracht mit seiner alten Freundin, einen ostensibeln Brief an Wilhelm von Wolzogen, der die Nachforschung nach Schillers Aufenthalt irre leiten sollte, von Frankfurt am Main datirt war, und in welchem stand: »Ich reise nach Amerika, und dies soll mein Abschiedsbrief seyn.« Ein anderer Brief war angeblich von Hannover aus an Frau von Wolzogen in demselben Sinne geschrieben, daß er gelesen würde. In diesem Briefe fand sich, unter vielem sinnreich und wahrscheinlich Erlogenem, wie z. B. scheinbaren Beziehungen auf Laura, doch etwas, das Schillern, viel mehr als die Lust, im frei gewordenen Amerika mit siedenden Adern einige Sprünge zu machen, Ernst war: »Sie haben mich,« schreibt er, »in Ihrem letzten Briefe gebeten, den Herzog in Schriften zu schonen, weil ich doch (meinen Sie) der Akademie viel zu verdanken hätte. Ich will nicht untersuchen, wie weit dem so ist, aber mein Wort haben Sie, daß ich den Herzog von Württemberg nie verkleinern werde; im Gegentheil hab' ich seine Partei gegen Ausländer schon hitzig genommen.« Schwerlich hätte diese überzuckerte Pille ihre Wirkung gethan, wenn der Herzog die Briefe aufgefunden hätte. Uebrigens war er großmüthig genug, auf keinerlei Weise jemals die geringste Vorkehrung treffen zu lassen, um seinen entflohenen Zögling wieder in seine Gewalt zu bekommen und zu bestrafen. »Ich habe,« schrieb Schillers Vater am 8. December 1782 an Schwan nach Mannheim, »hier noch nicht das Geringste bemerkt, daß Seine Herzogl. Durchlaucht sich entschließen sollten, meinen Sohn aufsuchen und verfolgen zu lassen. Auch ist dessen Posten längst wieder besetzt, ein Umstand, der merklich zu erkennen gibt, daß man meinen Sohn entbehren kann.« In demselben Briefe zürnt der alte Schiller auf eine recht väterliche Weise über die Flucht seines Sohnes: »Er hat sich selbst,« sagt er, »durch sein unzeitliches Weggehen, wider seiner wahren Freunde Rath, in seine gegenwärtige Lage versetzt, und es wird ihm an Leib und Seele gut seyn, wenn er sie empfindet, und dadurch für die Zukunft klüger gemacht wird. Ich befürchte jedoch nicht, daß er Mangel am Nothdürftigen leiden sollte, denn in solchem Falle würd' ich ihn nicht lassen können.« Zu Ende Januars hatte Frau von Wolzogen Bauerbach mit ihrer Tochter wieder verlassen; Schiller sandte ihr am 1. Februar 1783 einen herzlichen Brief nach, aus welchem wir zugleich erfahren, daß auch an seine Eltern eben ein Brief fort gewandert, welchen er sie durch mündliche Erzählung zu ergänzen bittet. Aber gerade während der Abwesenheit von Mutter und Tochter befestigte sich die Neigung, zu der letztern im Herzen des in der Abgeschiedenheit für solche Eindrücke besonders empfänglichen Dichters und die Eifersucht schürte fortwährend an der kleinen Flamme. Er erfuhr, daß ein Fremder aus Stuttgart Absichten auf das Fräulein habe, und von der Mutter selbst, daß dieser Herr sich nicht abhalten lasse, mit ihr nach Meiningen zu reisen. Ein ausführliches Schreiben an Frau von Wolzogen vom 27. März läugnet gar nicht, daß ihn die Gleichgültigkeit, womit die Mutter diesen Umstand berührt, in die äußerste Befremdung setze. »Wenn sich Herr von ... mit Ihnen in M. einfinden sollte, so ist es durchaus unmöglich, daß ich Ihre Ankunft erwarten kann. Lassen Sie sich diese Nachricht nicht bestürzen, liebe Freundin, und gönnen Sie mir ruhiges Gehör. Ganz Meiningen weiß, daß sich ein Württemberger in Bauerbach aufhält, daß dieser ein sehr guter Freund von Ihnen ist, und daß er sich mit Schriften beschäftigt ... Man war schon lange begierig, diesem verkappten » Ritter « auf die Spur zu kommen; man hat sogar wegen einiger Aeußerungen des vorigen Herzogs auf den wahren gerathen. Nehmen Sie nun dieses Alles zusammen und lassen Sie besagten Herrn nach M. kommen ... Ich gebe Ihnen zu bedenken, ob eine Person, die, so wie jener Herr, von unserm Thun und Lassen unterrichtet ist, die mehr als tausend andere neugierig ist, und vorzüglich neugierig auf meine Schicksale ist ... bei der ausgestreuten Erdichtung stehen bleiben werde ... ob er der Mann ist, der in das Geheimniß gezogen werden darf? Ich erkläre Ihnen entschlossen und offenherzig, daß ich das Letztere niemals zugeben werde. Ich will ihm durchaus nichts von seinem Werthe benehmen, denn er hat wirklich einige schätzbare Seiten; aber mein Freund wird er nicht mehr, oder gewisse zwei Personen müßten mir gleichgültig werden, die mir so theuer wie mein Leben sind. « Und nun erklärt er, wenn die Sache nicht zurückgetrieben werden kann, sie verlassen zu müssen. »Ist der Fall unvermeidlich, so bitte ich Sie inständig, es mir bei Zeiten wissen zu lassen, daß ich mich in Betracht meiner Baarschaft darnach richten kann ... Die Mannheimer verfolgen mich mit Anträgen um mein ungedrucktes Stück, und Dalberg hat mir auf eine verbindliche Art über seine Untreue Entschuldigungen gemacht .« Er will nach Berlin, wohin ihm Adressen in Menge zu Gebote stehen. War es ein Wunder, daß Frau von Wolzogen, welche blind seyn mußte, wenn sie das Feuer in diesem Briefe nicht hätte brennen gesehen, jetzt nicht mehr blos aus verzeihlicher Besorgniß für ihre Söhne, sondern auch aus pflichtmäßiger Sorge für ihre Tochter, die Entfernung des jungen Schriftstellers aus ihrem Hause wünschen mußte? Zwar, der Freier kam nicht nach Meiningen, und Schiller blieb in Bauerbach. Inzwischen verhehlte die gute Pflegemutter selbst ihm ihre Unruhe in Briefen nicht; auch scheint ihm, auf einen sonderbaren und leidenschaftlichen Brief an seine Schwester Christophine, diese auf eine Weise geantwortet zu haben, daß der Wunsch der Frau von Wolzogen, Schillern entfernt zu sehen, noch immer wahrscheinlich blieb. Absichtlich oder unabsichtlich hatte Schiller die Antwort der Schwester bei seinem Freunde Reinwald in Meiningen liegen lassen; diesen rührte der Brief, in welchem er »so viel reifes Denken, und herzliche, besorgte Wohlmeinung« gegen seinen Freund entdeckte, so innig, daß er, die Schwester zu beruhigen, in Correspondenz mit ihr trat (27. Mai 1783). »Mir ist es selbst Räthsel,« schreibt er, »warum sie (Fr. v.  W.) so sehr Verachtung fürchtet, und daß sie auf die Veränderung von unsers Freundes Aufenthalt dringen soll; viele Umstände scheinen dem letztern zu widersprechen, es müßte denn seyn, daß sie aus Beweggründen der Sparsamkeit handelte ... Hier residirt ein Herzog, den der Ihrige nicht im Geringsten deßhalb züchtigen kann, wenn er jemand da wohnen läßt, dem der württembergische Hof ungünstig ist. Welche Verantwortung kann da der Fr. v.  W. auf den Hals fallen?« Indessen gibt Reinwald zu, daß Schiller Gelegenheit finden sollte, menschliche Charaktere viel zu kennen, weil er sie auf der Bühne schildern soll, und daß er sich durch Gespräche über Natur und Kunst, durch freundschaftliche, innige Unterhaltung sollte aufheitern können, wenn durch Denken und Niederschreiben das Mark seines Geistes vertrocknet sey. »Ich wünsche daher sehnlich, daß er künftigen Herbst in einer großen Stadt, wo ein gutes deutsches Theater ist, z. E. in Berlin verweilte, doch unter dem Schutze gelehrter und rechtschaffener Männer, die ihn vor der Ausgelassenheit bewahrten, die an diesem Orte herrscht. Wien hat zwar weniger verderbte Sitten und mehr Teutschheit, aber der Fehler ist da, daß man mit dem Gelde gut umzugehen verlernt.« So gut der treffliche Schreiber dieses Briefes verwundbare Seiten und Schwächen seines Freundes gekannt zu haben scheint, so durchschaute er doch nicht den Beweggrund, »warum der Herr Bruder zum Weggehen gar nicht inklinirte,« und glaubte nur, »seine Wohlthäterin habe ihn von der Seite seines guten und dankbaren Herzens eingenommen.« Er hatte es also nicht verstanden, wenn ihm Schiller schon am 27. November geklagt hatte: »Einsamkeit, Mißvergnügen über mein Schicksal, fehlgeschlagene Hoffnungen, und vielleicht auch die veränderte Lebensart haben den Klang meines Gemüths, wenn ich so reden darf, verfälscht, und das sonst reine Instrument meiner Empfindung verstimmt. Die Freundschaft und der Mai sollen es, hoff' ich, aufs Neue in Gang bringen. Ein Freund soll mich mit dem Menschengeschlechte, das sich mir auf einigen häßlichen Blößen gezeigt hat, wieder aussöhnen.« Während Reinwald, der durch fortgesetzten Briefwechsel mit Schillers Schwester zuletzt ihr Herz gewann und des Dichters Schwager wurde, in Beziehung auf die Herzensangelegenheit dieses Letztern ganz im Dunkeln war, sorgte Schiller selbst dafür, daß seine immer heftiger werdende Leidenschaft nicht zweifelhaft blieb. Am 8. Mai schrieb er an Frau von Wolzogen ganz lakonisch: »Fräulein Lotte ist, wie es zu Meiningen verlautet, Braut mit H. von ..., ich gratulire also per Abschlag.« Bald darauf zog seine Geliebte mit der Mutter in Bauerbach durch eine Allee von Maien und die Ehrenpforte von Tannen ein, welche der Dichter von ihren Bauern hatte aufführen lassen. Einige Tage später, am 25. Mai, beantwortete er einen unerwarteten Brief Wilhelms von Wolzogen. »Hier zum erstenmale ,« sagt er von Bauerbach, »habe ich es in seinem ganzen Umfange gefühlt, wie gar wenig Zulüftung es fordert, ganz glücklich zu seyn. Ein großes, ein warmes Herz ist die ganze Anlage zur Seligkeit, und ein Freund ist ihm Vollendung ... Sonderbar finde ich die Wege des Himmels auch hier. Acht Jahre mußten wir bei einander seyn, uns gleichgültig seyn. Jetzt sind wir getrennt, und werden uns wichtig. Wer von uns beiden hätte auch nur von fern die verborgenen Fäden geahnet, die uns einmal so fest an einander zwingen sollten und ewig ... Sie, mein Bester, haben den ersten Schritt gethan, und ich erröthe vor Ihnen. Immer verstand ich mich weniger darauf, Freunde zu erwerben, als die Erworbenen fest zu halten. – Sie haben mir Ihre Lotte anvertraut, die ich ganz kenne. Ich danke Ihnen für diese große Probe Ihrer Liebe zu mir ... Glauben Sie meiner Versicherung, bester Freund, ich beneide Sie um diese liebenswürdige Schwester . Noch ganz wie aus den Händen des Schöpfers, unschuldig, die schönste, reichste, empfindsamste Seele, und noch kein Hang des allgemeinen Verderbnisses am lauteren Spiegel ihres Gemüths ... Wehe demjenigen, der eine Wolke über diese schuldlose Seele zieht! – Rechnen Sie auf meine Sorgfalt für ihre Bildung, die ich nur darum beinahe fürchte zu unternehmen, weil der Schritt von Achtung und feurigem Antheil zu andern Empfindungen so schnell gethan ist . – Ihre Mutter hat mich zu einem Vertrauten in einer Sache gemacht, die das ganze Schicksal Ihrer Lotte entscheidet. Sie hat mir auch Ihre Denkungsart über diesen Punkt entdeckt ... Ich kenne den Herrn von ... Einige Kleinigkeiten haben uns unter einander mißstimmt; dennoch, glauben Sie es meinem aufrichtigen, unbestochenen Herzen, er ist Ihrer Schwester nicht unwerth . Ein sehr guter und edler Mensch, der zwar gewisse Schwachheiten, auffallende Schwachheiten an sich hat, die ich ihm aber mehr zur Ehre als zur Schande rechnen möchte. Ich schätze ihn wahrhaft, obschon ich zur Zeit kein Freund von ihm heißen kann. Er liebt Ihre Lotte, und ich weiß, er liebt sie als ein edler Mann, und Ihre Lotte liebt ihn, wie das Mädchen, das zum erstenmale liebt . Mehr brauch' ich Ihnen nicht zu sagen. Ausserdem hat er andre Resourcen, als sein Porte-Epée, und ich bürge dafür, daß er sein Glück in der Welt machen kann.« Wie liebenswürdig streiten Liebe, Edelmuth, Wahrheitsliebe und Eifersucht in diesem merkwürdigen Briefe! Ein entsetzlicher Gedanke war es ihm, daß diese angebetete Lotte in einer Pension verkümmern sollte, in welcher die Herzogin von Gotha sie erziehen zu lassen den Anfang gemacht hatte, für ihn, dem alles conventionelle Leben damals ein Gräuel däuchte, den man »zwischen Spandau und einer Assemblée wählen lassen dürfte,« dem alle Prärogativen so zuwider waren, daß er an seiner mütterlichen Freundin nur den Adelsbrief eines schönen Lebens anerkannte, und »den haßte, den sie mitgebracht.« Schillers Leben von Fr. v. Wolzogen, I, 126, 134. – »Mein Herz ist zwischen Ihnen und unsrer Lotte,« schreibt er am Morgen des 28. Mai, »und begleitet sie bis ins Zimmer der Herzogin ... Heute wünsche ich Ihnen die Stimme des Donners, die Festigkeit eines Felsen und die Verschlagenheit der Schlange im Paradies ... Sagen Sie die ganze Pension ab, so will ich alle Jahr eine Tragödie mehr schreiben, und auf den Titel setzen: Trauerspiel für Lotte .« Eigentlich wollte er noch viel mehr thun. Hätte seine Leidenschaft Gehör gefunden, so wäre er bereit gewesen, um ein Schäferleben nicht alle Jahre eine Tragödie weiter zu schreiben, sondern selbst die Poesie herzugeben. »Es war eine Zeit,« sagte er seiner Freundin am 30. Mai, »wo mich die Hoffnung eines unsterblichen Ruhms so gut als ein Gallakleid ein Frauenzimmer gekitzelt hat. Jetzt gilt mir alles gleich, und ich schenke Ihnen meine dichterischen Lorbeere in dem nächsten Boeuf à la Mode , und trete Ihnen meine tragische Muse als eine Stallmagd ab. Wie klein ist doch die höchste Größe eines Dichters gegen den Gedanken glücklich zu leben. Mit meinen vormaligen Planen ist es aus, beste Freundin, und wehe mir , wenn das auch von meinem jetzigen gelten sollte. Daß ich bei Ihnen bleibe, und wo möglich begraben werde, versteht sich ... Nur das ist die Frage, wie ich bei Ihnen auf die Dauer meine Glückseligkeit gründen kann. Aber gründen will ich sie oder nicht leben , und jetzt vergleiche ich mein Herz und meine Kraft mit den ungeheuersten Hindernissen, und ich weiß es, ich überwinde sie.« Schiller selbst nennt diesen Brief einen tollen Brief; der Himmel »lächelte gnädig Nein und ließ den Wunsch zusammt der Pein vorübergehen,« wie ein jüngerer Geistesverwandter des Dichters sagt. Lotte wurde zwar nicht die Beute des gefürchteten Edelmannes, dessen »Anmaßung« nicht nur dem Dichter, sondern auch dem Mädchen Unwillen eingeflößt zu haben scheint; aber auch die Neigung des Poeten blieb unbemerkt, und mit nichts anderem als freundschaftlichem Gefühl erwiedert. Nach einigen Jahren gab Lotte ihre Hand einem andern Manne und wurde nach ihrer ersten Niederkunft den Ihrigen durch den Tod entrissen. Poetische Arbeiten und Aussichten in Bauerbach 1783. Besonnener als in dem Herzen des Dichters sah es während dieser ganzen Zeit in seinem Geiste aus. In der Mitte Januars schon war die »Louise Millerin« fertig geworden, und schon wieder beschäftigten ihn neue Entwürfe. Dalberg hatte, wie wir gesehen haben, zuerst seine Aufmerksamkeit auf Don Carlos – (Schiller schrieb sehr lange, hartnäckig das spanische Idiom mit dem portugiesischen verwechselnd, Dom Karlos ) – gelenkt, der junge Dichter aber diesen Wink nur im Vorübergehen ins Auge gefaßt. Jetzt ließ er sich von seinem Freunde, dem Bibliothekar Reinwald die bekannte historische Novelle Saint Reals über diesen unglücklichen Fürsten geben, und der Gegenstand begeisterte ihn so sehr, daß er auf der Stelle den Gedanken zu einer neuen Tragödie faßte, die sich in seinem Kopfe mit andern dramatischen Stoffen, Imhof und Maria Stuart , stritten, wie denn auch Conradin von Schwaben in seinem Geiste aufgestiegen war, dessen sich später seine Bewunderer und Nachahmer in längst vergessenen Stücken bemächtigten. Reinwald war ihm jetzt, wie einst in Stuttgart Petersen, auch in Beziehung auf seine Muse ein willkommener Freund und Herzensrath. Durch Hypochondrie und immerwährende Kränklichkeit höchst reizbar und empfindlich gemacht, war dieser Mann seinem Kerne nach doch ganz vortrefflich, und auch, was Geist und Kenntnisse betrifft, würdig von Schiller hochgehalten zu werden, wie er um seines Herzens willen von demselben geliebt wurde. Diesem vertraute Schiller während seines Aufenthalts zu Bauerbach alle poetischen Nöthen und Freuden. Ihm klagte er, wie ihn die von einer Seite so wohlthätige Einsamkeit, von der andern Seite doch auch wieder in der Produktion hemme und beschränke. Er war der Meinung, »daß das Genie, wo nicht unterdrückt werden, doch entsetzlich zurückwachsen, zusammenschrumpfen kann, wenn ihm der Stoß von außen fehlt.« – »Mühsam,« äußerte er sich gegen den Freund, »und wirklich oft wider allen Dank muß ich eine Laune, eine dichterische Stimmung hervorarbeiten, die mich in zehen Minuten bei einem guten denkenden Freunde selbst anwandelt, oft auch bei einem vortrefflichen Buch oder im offenen Himmel. Es scheint, Gedanken lassen sich nur durch Gedanken locken, und unsere Geisteskräfte müssen wie die Saiten eines Instruments durch Geister gespielt werden. Wie groß muß also das Originalgenie seyn, das weder in seinem Himmelsstrich und Erdreich, noch in seinem gesellschaftlichen Kreis Aufmunterung findet, und aus der Barbarei selbst hervorspringt!« (21. Februar.) Durch Reinwalds Vermittlung hatte er wegen seines bürgerlichen Trauerspiels Druckunterhandlungen mit dem Buchhändler Weygand angeknüpft, ein Handel, der sich aber auch zerschlug. Der Freund in Meiningen hatte die Idee, ihn nach Pfingsten mit nach Gotha und Weimar zu nehmen, wohin ihn Freunde und Verwandte zogen. Dort hätte er ihn bei den ersten Geistern eingeführt: Göthe und Wieland hätten ihn mit ihrem Rath unterstützt, ihm einen neuen Lebensplan vorgezeichnet, ihn in die förderndsten Verbindungen gebracht, und zwei verdrießliche, durch Krankheit sehr getrübte Jahre wären dem Dichter erspart geblieben. Es sollte nicht so kommen. »Was den Dichter von dieser Reise abhielt,« sagt uns Streicher, »war die Sirenenstimme, die sich vom Theater zu Mannheim wieder vernehmen ließ.« Drei Monate, nachdem Schiller in Oggersheim so schnöde mit seinem Fiesko von Dalberg abgewiesen worden war, hatte dieser die Stirne, sich brieflich bei jenem wieder zu melden und zwar in solchen Ausdrücken, daß Schiller scherzend an Meier in Mannheim schrieb, es müsse ein dramatisches Unglück dort vorgegangen seyn, weil er von Dalberg einen Brief erhalten. Allerdings wandte sich dieser Herr an Schiller unbedenklich wieder, sobald er seiner bedurfte . Er hatte die Trauerspiele Lanassa und Shakspeare's Julius Cäsar unter der Scheere, und fühlte wohl, wie trefflich ihm Schillers Dienste hierbei zu Statten kommen würden. Der politische Eindruck der Räuber in Deutschland war verwischt und in dieser Beziehung die Vokation des Dichters nicht mehr gefährlich, und von den Schauspielern, die den Plan der Louise Millerin von Streicher begeistert aus einander setzen hörten, wurde er nach diesem Stücke sehr lüstern gemacht. Anfangs stutzte Schiller. »Ich kenne ihn ziemlich,« schrieb er am 27. Mai an Reinwald, »und meine Louise Millerin hat verschiedene Eigenschaften an sich, welche auf dem Theater nicht wohl passiren ... Ehe ich mich in einen Weygand-artigen Handel mit Dalberg einlasse, will ich die Sache lieber gar nicht in Bewegung bringen.« Zugleich schreibt er seinem Freunde, »daß er nunmehr entschlossen und fest auf einen Don Carlos zu arbeite. Ich finde, daß diese Geschichte mehr Einheit und Interesse zum Grunde hat, als ich bisher geglaubt, und mir Gelegenheit zu starken Zeichnungen und erschütternden oder rührenden Situationen giebt. Der Charakter eines feurigen, großen und empfindenden Jünglings, der zugleich der Erbe einiger Kronen ist – einer Königin, die durch den Zwang ihrer Empfindung bei allen Vortheilen ihres Schicksals verunglückt – eines eifersüchtigen Vaters und Gemahls, – eines grausamen heuchlerischen Inquisitors und barbarischen Herzogs von Alba, sollten mir, dächte ich, nicht wohl mißlingen.« Alles war, wie man sieht, mit Einem Schlag in Schillers Geiste vorbereitet, und nur auf den Marquis Posa harrte der Plan noch. Zum Behufe der Vorstudien erbittet sich Schiller von Reinwald Brantoma's Geschichte Philipps II. Auf ihre nächste Zusammenkunft sollte eine Scene von Don Carlos fertig seyn, die Reinwald zu richten hätte. Schon sechs Tage nach dieser Unterhaltung mit Reinwald, war (3. April) die Antwort an Dalberg fertig, kalt, gemessen, aber nicht verneinend, und ohne Empfindlichkeit. »... E. E. scheinen, ungeachtet meines kürzlich mißlungenen Versuchs, noch einiges Zutrauen zu meiner dramatischen Feder zu haben. Ich wünsche nichts, als solches zu verdienen; weil ich mich aber der Gefahr, Ihre Erwartung zu hintergehen, nicht neuerdings aussetzen möchte, so nehme ich mir die Freiheit, Ihnen Einiges von dem Stücke vorauszusagen. Außer der Vielfältigkeit der Charaktere und der Verwicklung der Handlung, der vielleicht allzufreien Satire und Verspottung einer vornehmen Narren- und Schurkenart, hat dieses Trauerspiel auch diesen Mangel, daß Komisches mit Tragischem, Laune mit Schrecken wechselt, und, obschon die Entwicklung tragisch genug ist, doch einige lustige Charaktere und Situationen hervorragen. Wenn diese Fehler für die Bühne nichts Anstößiges haben, so glaube ich, daß Sie mit dem Uebrigen zufrieden seyn werden. Fallen sie aber bei der Vorstellung zu sehr auf, so wird alles Uebrige, wenn es auch noch so vortrefflich wäre, für Ihren Endzweck unbrauchbar seyn, und ich werde es besser zurückbehalten ... Gegenwärtig arbeite ich an meinem Don Carlos . Ein Sujet, das mir sehr fruchtbar scheint, und das ich E. E. zu verdanken habe.« Und zu diesem Don Carlos kehrte er nun wieder mit ganzer Seele, aber mit einer mehr lyrischen als dramatischen Stimmung zurück. Am 14. April 1783, früh in der Gartenhütte, schreibt er seinem Freunde Reinwald: »In diesem herrlichen Hauche des Morgens denk' ich Sie, Freund, – und meinen Carlos. Meine Seele fängt die Natur in einem entwölkten blankeren Spiegel auf, und ich glaube, meine Gedanken sind wahr. Prüfen Sie solche.« Nun führt eine scharfsinnige, tiefsinnige, ja spitzfindige Meditation in dem Briefe den Gedanken aus, daß jede Dichtung nichts anderes sey, als eine enthusiastische Freundschaft oder platonische Liebe zu einem Geschöpf unseres Kopfes. Selbst die Liebe sey ein solcher glücklicher Betrug; nicht für das fremde, uns ewig nie eigen werdende Geschöpf erschrecken, erglühen, zerschmelzen wir, sondern wir leiden dies Alles nur für das Ich, dessen Spiegel jenes Geschöpf ist. »Ich nehme selbst Gott nicht aus. Gott, wie ich mir denke, liebt den Seraph so wenig als den Wurm, der ihn unwissend lobet. Er erblickt sich , sein großes unendliches Selbst, in der unendlichen Natur umhergestreut. In der allgemeinen Summe der Kräfte bewahret er augenblicklich sich selbst, sein Bild sieht er aus der ganzen Oekonomie des Erschaffenen vollständig, wie aus einem Spiegel zurückgeworfen und liebt sich in dem Abriß« ... »Der ewige innere Hang, in das Nebengeschöpf überzugehen, dasselbe in sich hineinzuschlingen, ist Liebe ... Verwechslung eines fremden Wesens mit dem unsrigen.« – Nun »das, was wir für einen Freund , und was wir für einen Helden unserer Dichtung empfinden, ist eben das ... Ein großer Dichter muß wenigstens die Kraft zur höchsten Freundschaft besitzen ... Wir müssen die Freunde unserer Helden seyn, wenn wir in ihnen zittern, aufwallen, weinen und verzweifeln sollen ... Der Dichter muß weniger der Maler seines Helden – er muß mehr dessen Mädchen, dessen Busenfreund seyn.« Und so trägt denn auch Schiller den Carlos an seinem Busen, – er schwärmt mit ihm durch die Gegend um – um Bauerbach herum. »Carlos hat von Shakspeare's Hamlet die Seele – Blut und Nerven von Leisewitz' Julius – und den Puls von mir.« Wann ist ein Irrthum beredter und verführerischer vertheidigt worden? denn daß es ein Irrthum sey, beweist die Schöpfungsweise Shakspeare's, Göthe's, des spätern Schiller selbst – und gewiß auch der Schöpfungsakt der ewigen Liebe, soweit wir ihn begreifen können. Noch dankt in jenem herrlichen Briefe Schiller dem Freunde für seinen letzten Brief, der ihm in seinem Herzen ein unvergeßliches Denkmal gesetzt habe. »Sie sind der edle Mann, der mir so lange gefehlt hat, der es werth ist, daß er mich mit sammt allen meinen Schwächen und zertrümmerten Tugenden besitze, denn er wird jene dulden, und diese mit einer Thräne ehren.« Zweiter Aufenthalt in Mannheim. 1783. Wenn es eine Sirenenstimme war, die den Dichter nach Mannheim rief, so folgte er ihr wenigstens widerstrebend. Er sah seine Entfernung nur als eine Reise an, die nicht länger dauern sollte, als es die Aufführung seiner Dramen nöthig machte, und Frau von Wolzogen begünstigte diese Ansicht. Auch gab er sein Ehrenwort, »sich in Mannheim nicht selbst anzubieten, und in keinem Falle den ersten Schritt zu einem festen Engagement zu thun.« Von seiner Wohlthäterin schied er nach siebenmonatlichem Aufenthalte wie von einer leiblichen Mutter, von der geliebten Lotte, die an demselben Tage Bauerbach verlassen zu haben scheint, wie von einer Schwester. Die Reise ward in der Mitte Juli's angetreten. Daß sein halbes Leben in Bauerbach zurück blieb, beweisen die Briefe, die er auf der Reise und in Mannheim als Seufzer zurückschickte. Der Verdacht, daß er seine mütterliche Freundin auf immer verlassen könnte, erschien ihm als eine Gotteslästerung; je tiefer er die Welt kennen lernt, je mehr er unter Menschen geht, desto tiefer gräbt sie sich ihm in sein Herz; in diesem trägt er sie, wie er sich selbst in der Hand Gottes getragen wünscht; zu Frankfurt, unter dem schrecklichen Gewühl von Menschen fällt ihm die Hütte im Garten zu Bauerbach ein – o daß er wieder dort wäre! Herzlich grüßt er auf der Wanderung »die liebe, gute Lotte.« Endlich, am 28. Juli kommt er matt und erschöpft in Mannheim an, wo Meier Kost und Logis, gut und wohlfeil, neben dem Schloßplatz ein Zimmer mit vortrefflicher Aussicht, für ihn ausgemacht hatte; aber er findet die Sachen bei seiner Ankunft nicht gar zum Besten. Dalberg war von einer Reise nach Holland noch nicht zurück; Iffland sollte erst in einigen Tagen von Hannover heimkommen; seine erstaunten Freunde lassen es sich klar merken, daß nach ihrer Meinung Schiller nichts als sein Vergnügen bei seinem Mannheimer Aufenthalte zur Absicht habe. Alles erschien ihm leer und verdächtig; was hier vorkam und noch vorkommen konnte, verlor »entsetzlich« bei Vergleichung mit seinem stillen glücklichen Leben in Bauerbach. Hätte er es möglich machen können, daß er sechshundert Gulden jährlich zöge, so hätte man ihn in Bauerbach begraben dürfen. »Die liebe gute Lotte,« schloß sein Brief an die Pflegemutter, »küssen Sie in meinem Namen (wenns erlaubt ist).« So sprach aus dem Dichter die erste, reine Jugendliebe. Auch die Freundschaft trat vor dieser zurück und er bemerkte wohl kaum die Ueberraschung, die seinem treuen Freunde Streicher, der von allen Unterhandlungen mit Dalberg nichts wußte, bereitet ward, als er, zur gewöhnlichen Stunde bei Herrn Meier eintreffend, seinen Augen kaum trauen konnte, daß es der in weiter Entfernung gemeinte Schiller sey, der mit der heitersten Miene und dem blühendsten Aussehen – der Frucht schuldlosen Familienlebens – ihm entgegentrat. Noch am Tage seiner Ankunft in Mannheim schrieb er auch an seine Eltern und an seinen Freund Wilhelm von Wolzogen in Ludwigsburg, dem er eine Zusammenkunft in Heilbronn vorschlug. Die vierzehn ersten Tage waren beinahe ganz fruchtlos für ihn; Dalberg noch immer fort, einige Schauspieler in Urlaub, die mehrsten Familien auf's Land ausgeflogen, aller Lebensgenuß durch eine unerträgliche trockene Hitze verdorben. Die Anwesenheit der Churfürstin und des Herzogs von Zweibrücken machte, daß auf dem Theater nur Alltagskomödien vorkamen, wovon diese Liebhaber waren. Zerstreuung und Hitze erlaubten dem Dichter auch nicht zu arbeiten. Dalbergs Ankunft endlich, die am 10. August erfolgte, schien sehr viel für ihn verändern zu wollen. Schiller traf ihn auf dem Theater, wo der Baron, schon von seiner Ankunft unterrichtet, ihm auf die verbindlichste Art zuvorkam, und ihn mit großer Achtung behandelte. Er wollte von seiner Zurückreise nichts wissen, und ließ sich noch sonst allerlei gegen den Dichter merken, wofür dieser keine Ohren zu haben sich beredete. Denn »der Mann ist ganz Feuer,« versicherte er seine Freundin, »das plötzlich losgeht, aber eben so schnell wieder verpufft.« Die Aufführung des Fiesko wurde ihm schon jetzt zugesagt: seine »Louise Millerin,« welche Schiller bis jetzt nur dem Buchhändler Schwan vorgelesen hatte, an den er sich am meisten angeschlossen, wurde am Mittwoch den 13. August in großer Gesellschaft, wobei Dalberg den Vorsitz führte, gelesen; auch wollte letzterer ihm zu Gefallen die Räuber und einige große Stücke spielen lassen, um die Stärke der Schauspieler darnach zu beurtheilen. »Meine Räuber sollen mich freuen!« schrieb Schiller. Allmählig heiterte sich sein Lebenshimmel wieder auf; bei Schwan fand er Briefe von Wieland , die, wie Schiller sagt, bewiesen, daß dieser »warm für ihn fühlte und groß von ihm urtheilte.« Bald prophezeite Wieland auch öffentlich: »Sobald Schiller nur eine feste Richtung hat und in sich selbst zu einer gewissen Ruhe gekommen seyn wird, wird er unfehlbar einer der ersten Männer seiner Zeit seyn.« In Oggersheim empfingen ihn seine alten Wirthsleute auf eine Art, die ihn sehr rührte. »Es ist etwas Freudiges, von fremden Leuten nicht vergessen zu werden.« Endlich machte ihm sein Vater brieflich Hoffnung, ein Stelldichein in Breiten, wo er es gewünscht hatte, zu veranstalten. Und nun kam ihm Dalberg selbst mit dem Antrag entgegen, daß er in Mannheim bleiben sollte, indem er ihm frei stellte, auf wie lange Schiller mit dem Theater akkordiren und was er für seine Verwendung bei demselben fordern wollte. Dieser hatte seine Freundin in Bauerbach schon darauf vorbereitet, daß er wohl den Winter über in Mannheim bleiben könnte, dennoch »zweifelte er heftig bei sich selber, und schon behielt ein allmächtiger Hang zu dem stillen, herrlichen Leben in Bauerbach bei ihm die Oberhand,« als ein Brief seiner Freundin ihm die unerträgliche Nachricht brachte, daß Y* (der frühere Bewerber Lottens) zwei Monate dort zubringen würde. »Sie wissen, meine Beste!« sagt er darüber zu Frau von Wolzogen am 11. September, »daß mich die Ankunft dieses Herrn selbst aus Bauerbach vertrieben haben würde, wenn ich noch dort gewesen wäre; wie vielmehr mußte sie mich jetzt von meiner Reise zurückhalten? Ich entschied also für die Anerbietungen Dalbergs, und vor ungefähr drei Wochen, wo ich bei ihm an der Tafel war, wurden wir richtig.« In Folge dieser Uebereinkunft machte sich Schiller anheischig, vom 1. September 1783 bis zum letzten August 1784 in Diensten des Theaters zu bleiben, mit der Erlaubniß, die heißeste Sommerszeit anderswo zuzubringen. Das Theater sollte von ihm in dieser Zeit drei neue Stücke bekommen, den Fiesko, die Louise Millerin, und ein drittes, das er innerhalb dieser Vertragszeit zu fertigen versprach. Dafür erhielt er eine fixe Besoldung von 300 fl., wovon ihm 100 fl. auf der Stelle ausbezahlt wurden; außerdem sollte er von jedem Stücke, das er auf die Bühne brachte, die ganze Einnahme der Vorstellung erhalten, und dennoch das Stück nach Gefallen verkaufen oder drucken lassen können. Darauf verzichtete er später und erhielt dafür ein Fixum von 500 fl. in Allem. So glaubte er endlich die unfehlbare Aussicht zu haben, einen beträchtlichen Theil seiner Einnahme auf Tilgung seiner Schulden verwenden, sich aus der Verwirrung reißen und »der ehrliche Mann bleiben« zu können. Diese freudigen Hoffnungen lähmte jedoch, noch ehe der Kontrakt ganz abgeschlossen war, ein kaltes Fieber, das ihn drei Wochen lang mit täglichen Anfällen aufs Krankenlager warf, und das ihm lange eine peinliche Mattigkeit und Schwäche des Kopfes zurück ließ. Während dieser Unpäßlichkeit raubte ihm ein Gallenfieber, das seit den acht Wochen seines Aufenthalts in Mannheim wüthete, so daß von den 20,000 Einwohner 600 erkrankten, den Theaterregisseur Meier , einen Freund, dem er viel schuldig zu seyn dankbar bekannte. Schiller war noch Arzt genug, um die schlimmen Folgen der Mittel, welche der Theaterarzt verordnet hatte, voraus zu sagen. Er selbst befand sich in den besten Händen, wurde in seiner Mietwohnung wie ein Kind des Hauses gepflegt, und, weil sein Kopf sehr angegriffen war, einem andern Arzt übergeben. Mitten in der Krankheit war er mit treuem Eifer für Dalberg thätig. Er fand die Anmerkungen desselben über seinen Fiesko, besonders den Tadel seiner Frauencharaktere sehr wahr; er bekennt, daß er an den zwei ersten Scenen des zweiten Aktes mit einer Art von Widerwillen gearbeitet, und in der Umarbeitung fallen dieselben weg. »Die blühende Sprache ist auf der Bühne mehr als auffallend – sie ist lächerlich, und solche lange Monologe ermüden. Der fünfte Akt wird eine Hauptveränderung leiden.« Sein Gönner benützte nun auch den Dichter auf alle Weise. »Aus krankem Gehirne« mußte er Urtheile und Kritiken über Theaterstücke »herauszimmern«. Bei Gelegenheit einer solchen Beurtheilung sprach er ein Wort, das sich alle jungen Kritiker merken sollten: »Immer däucht es mich eine Freiheit zu seyn, wenn ein jugendlicher Kopf die Arbeiten des reifern Mannes – auch sogar bei gleichen Fähigkeiten – richten soll.« Während sein Körper von den immer sich wiederholenden Fieberanfällen, die erst um die Mitte Septembers ausblieben, um im Oktober wiederholt zu erscheinen, so geschwächt war, daß er einmal vierzehn Tage lang fast nur von Wassersuppe lebte, hatte Schiller eine Fluth von Geschäften vor sich, und nahm sich muthig vor, mit aller Anstrengung fleißig zu seyn und sich in mehreren Fächern zugleich zu versuchen. Zeichen der Liebe und Anerkennung hielten in dieser traurigen Zeit seine »von Gram gedrückte Seele« Worte Schiller's an Reinwald. aufrecht. Am 11. Sept. kamen freundliche Briefe von seiner Familie; die guten Eltern freuten sich, ihn einigermaßen versorgt zu sehen und so nahe bei sich zu haben; auch von einer Frau, die er nicht nennt, und der er seine Silhouette durch einen Landsmann geschickt hatte, – wir dürfen an Laura denken – erwartete er wohlwollende Antwort: zu seinem Geburstage hatte ihm ein Freund sechs Bouteillen Burgunder geschickt, den er um seiner Gesundheit willen mit herrlichem Erfolge mäßig genoß, denn aus dem Wein machte er sich damals äusserst wenig, und trank, schon in der Akademie, mit mehr Vergnügen Bier. Das Schwan'sche und Dalberg'sche Haus waren ihm zum Umgange die liebsten; die Frauenzimmer in Mannheim erschienen ihm unbedeutend, Schwan's Tochter, die er am 15ten Nov. in einem Brief an Frau von Wolzogen zum Erstenmale mit Auszeichnung nennt, und eine Schauspielerin, ausgenommen; doch sind ihm die Wittwe Meier und ihre Schwester, »ein hübsches Mädchen, beide Stuttgarterinnen, besonders in seiner Krankheit, wo jene ihm sein Krankenessen auf's billigste kochte, sehr lieb geworden.« Ein katholischer Geistlicher, Namens Trunk, »ein lebendig herumgehender Beweis, wie viel Böses die Pfaffen zu stiften im Stande sind,« besuchte den Kranken auch öfters. Zu früh für seine Gesundheit, zu Anfang Oktobers führte ihn Schwan nach Speyer, zur Staatsräthin de la Roche, in der er fand, was der Ruf von ihr ausbreitete, die sanfte, gute, geistvolle Frau, die zwischen fünfzig und sechszig alt ist, und das Herz eines neunzehnjährigen Mädchens hat. Das zweitemal, wo er eine Abendstunde lang ganz in Gesellschaft eines Landsmannes ihres einsamen Umgangs genoß, »ging er mit Bezauberung von ihr.« »Ich weiß und bin stolz darauf, daß sie mit mir zufrieden war.« Am 13ten Nov. endlich, während er an seine Freundin in Bauerbach schrieb, pochte es an sein Zimmer und mit einem andern Bekannten trat »zu seinem fröhlichen Schrecken,« gestiefelt und gespornt, sein lieber Lehrer und Freund Abel herein, der auf der Reise nach Frankfurt einen vollen Tag bei ihm blieb. »Wie herrlich mir in den Armen meiner Landsleute und einiger Freunde die Zeit floß! Wir konnten vor lauter Erzählungen und Fragen kaum zu Athem kommen. Sie haben bei mir zu Mittag und zu Abend gegessen (sehen Sie, ich bin schon ein Kerl, der Tafel hält), und bei dieser Gelegenheit waren meine Burgunderbouteillen wie vom Himmel gefallen. Um sie herumzuführen, bin ich heute und gestern wieder ausgegangen. Schadet nichts, wenn ich jetzt auch später gesund werde, habe ich ja doch ein unbeschreiblich Vergnügen gehabt.« Dieß schadete auch nicht. Gefährlicher war für die Gesundheit seines Geistes, wie seines Leibes, der Verkehr mit den Schauspielern, dem er sich nicht ganz entziehen konnte, obwohl er damals nur mit Böck, »dem Besten an Kopf und Herzen, und einem wirklich soliden Manne,« recht vertraulich umging. Diese lustigen Leute rißen den jungen Freund in manche Vergnügungen hinein; Verlockung und Reue blieben nicht aus, und das Andenken an gewisse Verirrungen »schlug seinem Herzen Wunden, deren Schmerz noch in den Narben« zückte. Aber die Erinnerungen von Bauerbach schützten und retteten ihn, und er bekannte seiner Freundin, »daß sie viel, unendlich viel an seinem Herzen gebessert und denjenigen zu einem guten Menschen gemacht, der, wenn er schlecht wäre, Gelegenheit hätte, Tausende zu verderben.« In der Stunde der Versuchung schrieb er: »Flehen Sie Gott um Schutz für mein Herz und meine Jugend. Ihre Freundschaft soll mein allmächtiges Gegengift gegen alle Versuchung seyn.« Aufführung des Fiesko. 1784. So kam das Jahr 1784 heran. Am ersten Tage desselben schildert er seiner Pflegemutter »seine äußerst angestrengte Situation.« Um mit Anstand in Mannheim zu leben, und die Summe Geld, die er sich zu Bezahlung seiner Schulden vorgesetzt, heraus zu schlagen, zugleich die Ungeduld des Theaters und die Erwartung des Publikums zu befriedigen, hatte er während seiner Krankheit fortdauernd mit dem Kopfe arbeiten, und starke Portionen China hatten seine wenigen Kräfte so hinhalten müssen, daß ihm dieser Winter vielleicht auf Zeitlebens einen Stoß versetzt.« Endlich war die Zeit gekommen, wo sein Fiesko für das Theater umgeformt, und bei Eröffnung des Mannheimer Carnevals, nach seiner eigenen Anordnung gegeben werden sollte, und er wurde am 17. Januar nach mehreren Proben, die dem Verfasser durch Unlenksamkeit der Statisten manchen Aerger verursachten, aber auch Aufheiterung bereiteten, auf's Prächtigste aufgeführt. Auch ihm ging, wie den Räubern, eine gedruckte Zurechtweisung des Publikums voran, die nichts Empfehlenderes zu sagen wußte, als daß J. J. Rousseau den Fiesko im Herzen getragen, und die den Helden des Stücks mit folgenden Worten schildert: »Fiesko, ein großer, furchtbarer Kopf, der unter der täuschenden Hülle eines weichlichen, epikurischen Müssiggangs in stiller, geräuschloser Dunkelheit, gleich dem gebärenden Geist auf dem Chaos, einsam und unbehorcht eine Welt ausbrütet, und die leere, lächelnde Miene eines Taugenichts lügt, während Riesenplane und wüthende Wünsche in seinem brennenden Busen gährten –, Fiesko, der lange genug mißkannt, endlich einem Gott gleich hervortritt, das reiche, vollendete Werk vor erstaunende Augen stellt, und ein gelassener Zuschauer dasteht, wenn die Räder der großen Maschine dem gewünschten Ziel unfehlbar entgegenlaufen; – Fiesko, der nichts fürchtet, als seines Gleichen zu finden – der stolzer darauf ist, sein eigenes Herz zu besiegen, als einen furchtbaren Staat; – Fiesko, der zuletzt den verführenden schimmernden Preis seiner Arbeit, die Krone von Genua, mit göttlicher Selbstüberwindung hinwegwirft, und eine höhere Wollust darin findet, der glücklichste Bürger, als der Fürst seines Volkes zu seyn.« Der historische Genueser Fiesko sollte nach dieser Erklärung, »allerdings nichts als den Namen und die Maske zu seinem Fiesko hergeben; dieser ist größer als der wahre.« Zugleich ersieht man aus der Deklaration, daß der fünfte Akt gänzlich geändert war, und, von der Geschichte ganz abweichend, Fiesko als großmüthiger Republikaner endigte. Trotz dieses euripideischen Prologs, welcher den rechten Eindruck vorbereiten sollte, und besonders auch, wie bei den Räubern, die Moral des Stücks etwas ängstlich in Schutz nahm, trotz aller Berücksichtigung des Publikums, durch Auslassung gedehnter Scenen und Verkürzung schleppender Monologe, und obgleich Fiesko durch Böck, Verrina durch Iffland, der Mohr durch Beil vortrefflich dargestellt waren, und manche Scenen die lauteste Bewunderung erregten – vermochte sich doch das Publikum im Ganzen für die Aufführung nicht zu erwärmen, nicht weil eine Verschwörung in jenen ruhigen Zeiten zu gewaltig war (dieß hätte eher reizen sollen), auch nicht bloß, weil man beim Fiesko ähnliche Erschütterungen wie bei den Räubern erwartete, sondern vielmehr aus den Gründen, die der schlichte Musicus Streicher, aus Gelegenheit der Einwürfe Dalbergs und der Schauspieler vortrefflich zusammenfaßt: »daß bei den Räubern weniger Einwendungen gemacht wurden, davon war der überwältigende Stoff, so wie die ergreifende Wirkung der meisten Scenen die Ursache. Bei Fiesko war der Inhalt schon an und für sich kälter, die schlauen Verwicklungen erwärmten nicht; die langen Monologe, so meisterhaft sie auch waren, konnten nicht mit Begeisterung aufgefaßt und gesprochen werden, indem sich größtentheils nur der Ehrgeiz darin malte, und zu befürchten war, daß die Zuschauer ohne Theilnahme bleiben würden. Man gestand nicht gern, daß die Anstrengung des Darstellers mit dem zu erwartenden Beifalle nicht im Verhältniß stehen möchte.« Nach der Aufführung des Fiesko schien Wieland Recht zu haben, der in seinem ersten Briefe an Schiller geschrieben, »er hätte mit den Räubern anfangen und nicht endigen sollen.« Schiller selbst suchte, was verzeihlich, die kältere Aufnahme seines Stücks in äußeren Umständen. »Den Fiesko verstand das Publikum nicht;« schrieb er später an Reinwald; »Republikanische Freiheit ist hier zu Lande ein Schall ohne Bedeutung, ein leerer Name – in den Adern der Pfälzer fließt kein römisches Blut. Aber zu Berlin wurde es vierzehnmal in drei Wochen gefordert und gespielt. Auch zu Frankfurt fand man Geschmack daran. Die Mannheimer sagen, das Stück sey viel zu gelehrt für sie.« Uns däucht, die Mannheimer hatten den natürlichen Geschmack. – Gedruckt wurde der Fiesko bei Schwan 1784, und dem Baron von Dalberg gewidmet. Kabale und Liebe. 1784. Kaum hatten sich Dichter und Zuschauer, jener von der Arbeit, diese von der etwas getäuschten Erwartung erholt, als »Louise Millerin«, die schon früher eine Vorlesung unter Dalbergs Vorsitz erfahren hatte, und für theaterfähig erklärt worden war, durch Abkürzungen zur Aufführung vorbereitet wurde. Schillers Freunde waren nun schon ängstlich geworden, und der außerordentliche Beifall, den während der Bearbeitung jenes Stücks Ifflands »Verbrechen aus Ehrsucht, « ein Stück, dem Schiller diesen Namen gab, geärntet hatte, machte sie nicht wenig besorgt für »Kabale und Liebe«, wie Iffland, durch einen Gegendienst, Schillers Millerin umgetauft. Nur der Dichter selbst war, als am 9. März 1784 die Aufführung vor sich ging, ohne Sorgen. »Ruhig, heiter, aber in sich gekehrt, und nur wenige Worte wechselnd,« erzählt uns Streicher, »erwartete er in einer gemietheten Loge, in die er auch seinen Freund eingeladen, das Aufrauschen des Vorhangs. Aber als nun die Handlung begann, wer vermöchte den tiefen, erwartenden Blick, das Spiel der Unter- gegen die Oberlippe, das Zusammenziehen der Augenbraunen, wenn etwas nicht nach Wunsch gesprochen wurde, den Blitz der Augen, wenn auf Wirkung berechnete Stellen diese hervorbrachten – wer könnte dieß beschreiben!« Am Schlusse des ersten Aktes entschlüpfte ihm das Wörtchen: »es geht gut!« Als der zweite Akt, voll Feuer und mit ergreifender Wahrheit dargestellt, zu Ende und der Vorhang niedergelassen war, erhoben sich alle Zuschauer von den Sitzen, und brachen in stürmischen Beifall aus. Auch der überraschte Dichter stand auf, und verbeugte sich gegen das Publikum, mit der edlen Haltung des Bewußtseyns, sich selbst Genüge gethan zu haben, und mit der Zufriedenheit, welche die Anerkennung des Verdienstes gewährt. Auszeichnung. Reisen. 1784. Dieser Anerkennung war eine andere, für ihn nicht minder wichtige vorangegangen. Um die Mitte Januars war er zum Mitgliede der kurfürstlich-deutschen Gelehrtengesellschaft gewählt, und diese Wahl am 11. Februar bestätigt worden. Schiller, der noch am 1. Januar seiner Schwester, auf den Wunsch des Vaters, die Wiederkehr in's Vaterland zu erbitten, schriftlich erklärt hatte, daß seine Ehre leiden würde, wenn er ohne Connexion mit einem andern Fürsten, ohne Charakter und dauernde Versorgung sich nach seiner gewaltsamen Entfernung in Württemberg wieder blicken lassen würde, betrachtete dieß Ereigniß als einen großen Schritt zu seinem Etablissement. »Jetzt bleib' ich,« schrieb er seiner Freundin in Bauerbach, und seinem Jugendfreunde Zumsteeg in Stuttgart: »Kurpfalz ist mein Vaterland; denn durch meine Aufnahme in die gelehrte Gesellschaft, deren Protektor der Kurfürst ist, bin ich nationalisirt und pfalz-bayrischer Unterthan. Mein Klima ist das Theater, in dem ich lebe und webe, und meine Leidenschaft ist glücklicher Weise auch mein Amt.« Scherzend nannte er diese Leidenschaft wohl auch eine Narrheit, und bei Beurtheilung eines schiefen Lebensverhältnisses schreibt er: »Gottlob, so gibt es noch außer mir Narren, und größere. Ich wollte nur Pfarrer werden, – und bleibe hängen am Theater.« Der begeisterte Beifall, durch welchen er nun in Mannheim von der Bühne aus als vaterländischer Dichter begrüßt worden war, berauschte indessen unsern Dichter nicht so, daß er die Sehnsucht der kränklichen Mutter nach dem Sohne und den Wunsch der ältesten Schwester, ihn zu sehen, unerwiedert hätte lassen können. Wenige Tage nach der ersten Aufführung von Kabale und Liebe eilte er zu Pferde nach Bretten , der Geburtsstadt Melanchthons, dessen Vaterhaus noch steht, und umarmte dort die beiden Lieben. Nach diesem geheimen, unbeschreiblichen Genusse riß ihn das Leben wieder in seine Wirbel. Dem Wunsche der Eltern, sich nach einer dauernden Anstellung umzusehen, schien es förderlich, wenn er in Gesellschaft von Iffland und Beil, die zu Ende Aprils von dem Regisseur Großmann in Frankfurt auf Gastvorstellungen eingeladen waren, die Reise dahin machte, und den Kreis der Freunde seiner Poesie erweiterte. Großmann »bewirthete sie,« wie Schiller seinem Freunde Reinwald, dem er langes Stillschweigen abzubitten hatte, in einem ausführlichen Briefe (Mannheim, 5. Mai) erzählt, »unter andern auch mit Kabale und Liebe.« Den guten Erfolg von Ifflands » Verbrechen aus Ehrsucht « meldete er von Frankfurt aus (1. Mai) Herrn von Dalberg und dem Regisseur der Mannheimer Bühne, Rennschüb, und versichert, daß Alles für die Mannheimischen Schauspieler enthusiasmirt sey, und Großmanns Gesellschaft neben der ihrigen verschwinde, ja daß Iffland und Beil unter den besten Schauspielern Frankfurts, wie der Jupiter des Phidias unter Tüncherarbeiten hervorragten. Der Aufenthalt in Frankfurt wurde übrigens dem mäßigen Dichter zur Last. »Wir werden von Fresserei zu Fresserei herumgerissen, und kaum daß ich einen nüchternen Augenblick erwische.« Die beste Ausbeute dieses kleinen Ausflugs war für ihn die Bekanntschaft des Doktors Albrecht und seiner Gattin, welche auch Reinwalds Freunde waren. »Gleich in den ersten Stunden ketteten wir uns fest und innig aneinander,« schreibt Schiller an Reinwald über Albrechts Frau, »unsere Seelen verstanden sich ... Ein Herz, ganz zur Theilnahme geschaffen, über den Kleinigkeitsgeist der gewöhnlichen Cirkel erhaben, voll edlen, reinen Gefühls für Wahrheit und Tugend, und selbst da noch verehrungswerth, wo man ihr Geschlecht sonst nicht findet. Nur, mein Bester, schreiben Sie ihr, über ihre Lieblingsidee zu siegen, und vom (d. h. nicht auf's Theater zu gehen.« Er glaubte, daß bei sehr guten Anlagen zur Schauspielerin, sie sich bei einer solchen Truppe, auf Gefahr ihres Herzens, »ihres schönen, einzigen Herzens« doch nicht ausbilden könnte, und – »unsere vereinigten Bitten retten der Menschheit vielleicht eine schöne Seele, wenn wir sie auch um eine große Actrice bestehlen .« Man kann die letzteren Worte nicht ohne Rührung lesen, wenn man bedenkt, welche Unparteilichkeit und welcher sittliche Drang dazu gehörte, wenn ein enthusiastischer Freund des Theaters so urtheilen sollte. Die Freundin befolgte den Rath nicht, und ging später auf das Theater. Dramatische Berufsarbeiten. 1784. »Es kann geschehen,« äußert sich Schiller gegen seinen Reinwald vom 5. Mai 1784, »daß ich zur Aufnahme des hiesigen Theaters ein periodisches dramaturgisches Werk unternehme, worin alle Aufsätze, welche mittelbar oder unmittelbar an das Geschlecht des Drama, oder an die Kritik desselben gränzen; Platz haben sollen.« Ehe dieser Plan ausgeführt wurde, machte Schiller noch einen mißlungenen Versuch zu seinem alten Berufe, der Medicin, zurückzukehren. Dieser Entschluß erklärt sich ans dem Ueberdrusse, den das Junggesellenleben, ohne Ordnung, ohne weibliche Fürsorge bei ihm erzeugte. Kleidung, Wohnung, unvermeidliche Ehrenausgaben verschlangen seinen kleinen Gehalt. »Sie glauben nicht,« sagt er zu Reinwald, »wie wenig Geld sechs bis achthundert Gulden in Mannheim, und vorzüglich im theatralischen Cirkel ist – wie wenig Segen, möchte ich sagen, in diesem Gelde ist ... Gott weiß, ich habe mein Leben hier nicht genossen, und noch einmal so viel, als an jedem andern Orte verschwendet. Allein und getrennt! Ungeachtet meiner vielen Bekanntschaften dennoch einsam und ohne Führung, muß ich mich durch meine Oekonomie hindurchkämpfen ... tausend kleine Bekümmernisse, Sorgen, Entwürfe, die mir ohne Aufhören vorschweben, zerstreuen meinen Geist, zerstreuen alle dichterischen Träume, und legen Blei an jeden Flug der Begeisterung.« Wirklich sah es in seiner Haushaltung betrübt aus. »Es würde,« sagt Streicher, »eine sehr belustigende, und des Pinsels eines Hogarths würdige Aufgabe seyn, das Innere des Zimmers eines von immerwährender Begeisterung trunkenen Musensohns recht getreu darzustellen; denn es würde sich hier durchaus nichts Bewegliches, und selbst das nicht, was sonst immer dem Auge entzogen wird, an seinem Platze finden.« Ganz ähnlich schildert Scharffenstein Schiller's frühere Haushaltung in Stuttgart. Unter diesen drückenden Umständen hat der »Göttersohn«, wie sein Freund ihn in der Bewunderung nennt, den Fiesko und Kabale und Liebe umgearbeitet, und den ersten Akt des Don Carlos gedichtet. Als es ihm nun zu viel wurde, und er immer noch unentschieden zwischen dem letztern, schon begonnenen Drama und einem andern Stoffe für die neue Theateraufgabe schwankte, kam ihm Dalbergs Rath, das Studium der Medicin wieder zu ergreifen, höchst erwünscht. Dieser war den kränklichen und zögernden Poeten bereits wieder satt, und hatte deßwegen seinen Hausarzt an Schiller mit jenem wohlmeinenden Vorschlage abgesandt. Der Befragte erzählte dieß seinem Freunde Streicher mit argloser Freude; dieser aber war über die Zumuthung, eine Feder wegzuwerfen, aus der drei Trauerspiele geflossen waren, welche alle andern der damaligen Zeit übertrafen, entrüstet. Der überdrüssige Dichter ließ sich jedoch nicht irre machen. Mit aufwallender Dankbarkeit schrieb er dem Gönner, »daß dieser schöne Zug seiner edeln Seele ihm blinden Gehorsam abnöthige; baß er schon lange nicht ohne Ursache befürchtet, daß früher oder später sein Feuer für die Dichtkunst erlöschen würde, wenn sie seine Brodwissenschaft bliebe und er derselben nicht bloß die reinsten Augenblicke widmen dürfte.« Er bat deßwegen um die Erlaubniß, ein Jahr lang für die Bühne weniger thätig seyn zu dürfen, um das Versäumte in seinem Fache nachzuholen; die bedungene Unterstützung möchte man ihm fortwährend reichen, und Dienste, die er der Mannheimer Bühne erst nach Verfluß dieses Jahres zu leisten gedachte, als schon geleistet gelten lassen. So hatte es Wolfgang Heribert von Dalberg nicht verstanden: er wollte den Dichter für immer und ohne allen Reukauf los werden. Die mit Sehnsucht und Ungeduld erwartete Entschließung des Intendanten fiel kalt verneinend aus, wie Streicher, der das frühere Betragen Dalbergs nicht so gutmüthig vergessen konnte, seinem Freunde vorausgesagt hatte. Auch dieser Schmerz diente dem starken Geiste des Dichters zur Kräftigung. Er kehrte zur Bühne zurück, und beschloß seine ganze Zeit dieser, und insbesondere seinem Don Carlos zu widmen. Am 26. Juni las er zum Eintritt in die deutsche Gesellschaft einen Aufsatz über die Frage: »was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken?« Derselbe ist unter dem Titel »die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet« in seine Werke aufgenommen, und neuerdings von Hoffmeister sorgfältig zergliedert und im rechten Verhältnisse zu seiner fortschreitenden Geistesbildung dargestellt, insbesondere auf die darin enthaltene Idee aufmerksam gemacht worden, »daß das ästhetische Gefühl und folglich auch die Kunst, in einem harmonischen Spiele und mittleren Zustand der sittlichen und geistigen Kräfte des Menschen liege,« eine Idee, auf welche er später seine ganze Theorie des Schönen erbaute.« Hoffmeister I, 236 Schiller vertheidigte in diesem Aufsatze die Schaubühne von ihrer edelsten Seite, als eine Gehülfin der Religion und der Gesetze. »Welche Verstärkung,« sagt er, »für diese, wenn sie mit der Schaubühne in Bund treten, wo Anschauung und lebendige Gegenwart ist, wo Laster und Tugend, Glückseligkeit und Elend, Thorheit und Weisheit in tausend Gemälden faßlich und wahr an dem Menschen vorübergehen, wo die Vorsehung ihre Räthsel auflöst, ihren Knoten vor seinen Augen entwickelt, wo das menschliche Herz auf den Foltern der Leidenschaft seine leisesten Regungen beichtet, alle Larven fallen, alle Schminke verfliegt, und die Wahrheit unbestechlich wie Rhadamanthus Gericht hält. Die Gerichtsbarkeit der Bühne fangt an, wo das Gebiet der weltlichen Gesetze sich endigt ... aber ihr Wirkungskreis dehnt sich noch weiter aus. Auch da, wo Religion und Gesetz es unter ihrer Würde achten, Menschenempfindungen zu begleiten, ist sie für unsere Bildung noch geschäftig (durch die Züchtigung der Thorheit). Zugleich ist die Schaubühne mehr als jede andere öffentliche Anstalt des Staats eine Schule der praktischen Weisheit, ein Wegweiser durch das bürgerliche Leben, ein unfehlbarer Schlüssel zu den geheimsten Zugängen der menschlichen Seele.« Aber »nicht bloß auf Menschen und Menschencharakter, auch auf Schicksale macht uns die Schaubühne aufmerksam, und lehrt uns die große Kunst, sie zu ertragen.« Und nicht genug; »sie lehrt uns auch gerechter gegen den Unglücklichen zu seyn, und nachsichtsvoller über ihn richten. Sie ist endlich der gemeinschaftliche Kanal, in welchen von dem denkenden, bessern Theile des Volks das Licht der Weisheit herunterströmt, und von da aus in mildern Strahlen durch den ganzen Staat sich verbreitet.« Was in dieser Rechtfertigung seines neuen Berufes von Schiller gesagt wird, ist wahr, auch wenn es gleich nicht der höchste Standpunkt ist, auf welchen die Poesie gestellt werden muß, und auf welchen sie Schiller nachher selbst stellte, als eine Herrin der Schönheit, nicht bloß als eine Dienerin der Pflicht. Er nannte später die religiösen und moralischen Wirkungen der Poesie und der Bühne nicht mehr Zweck, nicht mehr Dienst, aber er läugnete sie nicht als natürliche Folge . Zugleich zeigt dieser Aufsatz, mit welchem heiligen Eifer Schiller sein neues Amt im Dienste der Menschheit angetreten hat. – Der Baron von Dalberg war gewohnt, jährlich dramaturgische Preisfragen zur Beantwortung aufzugeben, in welchen sich die Mitglieder der Mannheimer Bühne Rechenschaft über ihre Kunst und ihr Spiel ablegen sollten; die Aufsätze wurden in der Ausschußversammlung der Schauspieler vorgelesen, und dann empfing Dalberg die Manuscripte, und entschied mit Zuziehung der deutschen Gesellschaft und einiger dramaturgischen Schriftsteller. Schiller erkannte in der Theilnahme an dieser Anstalt eine sehr angenehme und fruchtbare Uebung für seine freien Augenblicke, und erfuhr durch sie als dramatischer Schriftsteller mannigfache Belehrung. Zugleich machte die deutsche Gesellschaft jährliche Preisfragen bekannt und unserem Dichter wurde die vorläufige Durchsicht eingegangener Aufsätze übertragen. Unter diesen wurde Schiller durch die Handschrift seines Jugendfreundes Petersen Johann Wilhelm Petersen, Bibliothekar zu Stuttgart, geb. zu Bergzabern im Elsaß l758, studirte auf der Carlsschule und wurde 1789 Professor der Diplomatik und Heraldik an derselben. Er starb 1815. Der Aufsatz führte den Titel: »Ueber die Epochen der deutschen Sprache« und wurde dem 2ten Bande der »Schriften der Mannh. deutschen Gesellschaft« einverleibt. überrascht: alle traulichen Abende, alle Gespräche, alle Entwürfe der Stuttgarter Vergangenheit traten plötzlich vor seine Seele: »Ich mußte in der Pfalz exuliren,« schreibt er seinem Freunde, mit der Meldung, daß er ihm ein Accessit mit 25 Dukaten durchgesetzt habe, »ich mußte Mitglied dieser Gesellschaft werden, um dir vielleicht darin dienen zu können!« Aus jener Beschäftigung mit den Aufsätzen der Mannheimer Schauspieler entwickelte sich nun allmählig der Plan Schiller's zu einer dramaturgischen Monatschrift , die eine Geschichte des Mannheimer Theaters, eine Uebersicht seiner Einrichtung und seines Geschmacks, Schilderung seines Personals, Verzeichniß der gegebenen Stücke, Kritik des Spiels, fortlaufendes Monatsrepertorium, Aufsätze, Gedichte und die Preisaufgaben der Intendanz nebst deren Entscheidung enthalten sollte. Die Correspondenz, welche Schiller mit Dalberg im Juni 1784 wegen dieses Planes führte, läßt keineswegs auf besondere Geneigtheit dieses letztem schließen; die Empfindlichkeit des Dichters ist in seinen Briefen sehr fühlbar, und er unterzeichnet dieselben kalt, bald mit vollkommenstem Respekt, bald nur mit vollkommenster Achtung. Endlich wurde am 2. Julius der Plan zu der Mannheimer Dramaturgie dem Intendanten vorgelegt; aber die Sache scheiterte an dem Geize seines Gönners, welcher die jährliche Gratifikation von fünfzig Dukaten aus der Theaterkasse zu leisten sich nicht entschließen konnte. Entscheidung für Don Carlos. Rheinische Thalia. 1784 Schiller fand seinen Trost für die Vereitlung eines Lieblingsplanes da, wo er ihn suchen sollte, in der Produktion. Sein versöhnliches Gemüth verschmerzte auch bald die Kränkung, die ihm Dalberg durch die Zurückweisung seiner Idee angethan. Als dieser im August 1784 von Mannheim abwesend war, verwünschte er den Sommer, der den klugen Rathgeber aus seiner Sphäre gezogen, und fühlte seinem Genius einen leidigen Zwang auferlegt. Er vermißte die elastische Feder, die seine Phantasie und Schöpfungskraft in Schwung bringen und erhalten sollte, und sah mit Vergnügen die Blätter fallen und den Herbst kommen, der ihm den Vertrauten seiner poetischen Gedanken zurückbringen sollte. Denn nachdem er sich einige Zeit mit den Gedanken an einen Conradin, an einen zweiten Theil der Räuber, an eine Bearbeitung von Shakspeare's Macbeth und Timon für die deutsche Bühne getragen, so war er jetzt endlich für Don Carlos entschieden. Er »ist ein herrliches Sujet,« schreibt er an Dalberg den 24. August, »vorzüglich für mich. Carlos, Philipp, die Königin und Alba öffnen mir ein unendliches Feld. Ich kann mir es jetzt nicht verbergen, daß ich so eigensinnig, vielleicht so eitel war, um in einer entgegengesetzten Sphäre zu glänzen, meine Phantasie in die Schranken des bürgerlichen Kothurns einzwängen zu wollen, da die hohe Tragödie ein so fruchtbares Feld, und für mich, möchte ich sagen, da ist ; da ich in diesem Fache größer und glänzender erscheinen, und mehr Dank und Erstaunen wirken kann, als in keinem andern, da ich hier vielleicht nicht erreicht , in andern übertroffen werden könnte.« Noch am 7. Juni war dieser poetische Durchbruch bei dem Dichter nicht erfolgt. Damals schrieb er noch an Dalberg: »Carlos würde nichts weniger als ein politisches Stück, sondern eigentlich ein Familiengemälde in einem fürstlichen Hause; und die Situation eines Vaters, der mit seinem Sohne so unglücklich eifert, die schrecklichere Situation eines Sohnes, der bei allen Ansprüchen auf das größte Königreich der Welt ohne Hoffnung liebt, und endlich aufgeopfert ist, müßten, denke ich, interessant ausfallen.« Als Schiller diese Worte schrieb, hatte er das volle, Bewußtseyn seiner Kraft und seiner Bestimmung; es lautete wie Prahlerei, aber es war die Wahrheit, die er aussprach, und der Erfolg hat seine Prophezeihung bestätigt. In diesem Gefühl seiner Weihe ging er an die Arbeit, die sein Freund Streicher mit Bewunderung vorrücken sah. Seine Gespräche verbreiteten sich nicht allein über den Plan selbst, sondern auch über die ganz neue Art von Sprache, die er dabei gebrauchen müsse, die er mit all' dem Rhythmus und Wohllaut ausstatten wollte, wofür er ein so empfindliches Ohr hatte. »Froh bin ich,« schrieb er an Dalberg, »daß ich nunmehr Meister über den Jamben bin: es kann nicht fehlen, daß der Vers meinem Carlos sehr viel Würde und Glanz geben wird.« Seine Freude über den Erfolg dieses Versmaßes war so groß, daß er kaum die Abendstunde erwarten konnte, in welcher er dem Jugendfreunde, wie einst in Stuttgart, das, was er den Tag über fertig gebracht hatte, vorlesen konnte. Dieser fand »jeden Vers vortrefflich, jedes Wort, jeden Ausdruck erschöpfend; alles war groß, alles schön, jeder Gedanke von Adel.« Er beschwor den Dichter, sich bei ähnlichen Gegenständen nie mehr zur Prosa herabzulassen. Glückliche Zeit, wo der Jambe das edle, aus dichterischem Vollblut erzeugte Roß war, dessen Künste dem zuschauenden Naturkind Ehrfurcht und Bewunderung einflößte – wer muß nicht mit Wehmuth auf dich zurückblicken, der jetzt denselben Vers, als abgelebte Mähre, seit Jahrzehenden von jedem dramatischen Stümper in die Schwemme reiten sieht! Im August war in die Versammlung des spanischen Hofes, die der Geist des Dichters zusammenberufen, der Botschafter noch nicht eingetreten, den das männlicher gewordene Selbst und die tiefere Weltbetrachtung des Dichters, seiner weicheren Natur gegenüber, die in Don Carlos dargestellt ist, an das werdende Stück abordnete. Bald aber fand sich auch der Marquis Posa ein, und »wider die natürliche Anlage des Stücks hob sich, der vorherrschenden Empfindung des Dichters entsprechend, diese Gestalt allmählig zur bedeutendsten Person der ganzen Tragödie empor.« Hoffmeister I, 249. 253. Doch selbst mitten in dieser begeisternden Arbeit, an Jupiters Tisch eingeladen, und in seinem Himmel lebend, wurde der Dichter schmerzlich an die ungleiche »Theilung der Erde« unter die Menschen erinnert. Noch immer hatte er seine, durch den Druck der Räuber contrahirte Stuttgarter Schuld nicht bezahlen können. Sein Bürge, hart vom Gläubiger bedrängt, war auf der Flucht von diesem in Mannheim ergriffen und verhaftet worden und Schiller in der größten Noth, wie er die Summe herbeischaffen sollte. Der Edelmuth eines achtungswerthen Mannes, bei welchem Streicher wohnte, des Baumeisters Anton Hölzel, welcher nicht reich, nicht einmal wohlhabend war, schaffte – da die Zeit, sich an seine Eltern zu wenden, für Schiller zu kurz war – die Mittel herbei und rettete den Bedrängten aus der Haft, wie den kummervollen Dichter aus der Verlegenheit. Schiller, der jetzt ernstlich darauf dachte, der nicht abgewälzten, sondern neu aufgelegten Last ledig zu werden und seine Einkünfte etwas zu vermehren, nahm den Plan einer Zeitschrift wieder auf, die aber, neben den Vorstellungen des Mannheimer Theaters, auch Gegenstände der Wissenschaft berücksichtigen sollte. Im deutschen Museum vom 12. December 1784 wurde die Rheinische Thalia angekündigt, die »jedem Gegenstande offen stehen sollte, der dem Menschen im Allgemeinen interessant ist und unmittelbar mit seiner Glückseligkeit zusammenhängt. Alles, was fähig ist, den sittlichen Sinn zu verfeinern, was im Gebiete des Schönen liegt, Alles, was Herz und Geschmack veredeln, Leidenschaften reinigen und allgemeine Volksbildung bewirken kann,« war in ihrem Plane begriffen. In dieser Ankündigung war es, daß er von seinem fürstlichen Erzieher auf das Publikum provocirte, und sich ihm, mit den Worten, die wir früher schon angeführt haben, in die Arme warf. »Nunmehr sind alle meine Verbindungen aufgelöst,« sagt er. »Das Publikum ist nur jetzt Alles, mein Studium, mein Souverain, mein Vertrauter. Ihm allein gehöre ich jetzt an. Vor diesem, und keinem andern Tribunal werd' ich mich stellen. Dieses nur fürcht' und verehr' ich. Etwas Großes wandelt mich an bei der Vorstellung, keine andere Fessel zu tragen, als den Ausspruch der Welt; an keinen andern Thron zu appelliren, als an die menschliche Seele.« »Zwischen dem Publikum und ihm eine Freundschaft zu knüpfen« war nach seinem Schlußgeständnisse eine vorzügliche Absicht bei der Herausgabe der Thalia. Diesem neuen Freunde nun legte er allmählig in den vier ersten Heften der Thalia die ersten drei Akte des ihm unter der Hand zu wahrhaft epischer Breite gedeihenden Don Carlos vor in einer Gestalt, die ihn für die Bühne freilich unbrauchbar machte, deren Ueberbleibsel aber uns Eduard Boas , »als eine wahre Fundgrube für Dramatiker und Bühnenkünstler« und einen unerwarteten Sammelplatz der Charaktere des Stücks für den Layen, mit dankenswerther Sorgfalt hergestellt hat. Jener »frühere Entwurf gestattet uns einen Blick in die geistige Werkstatt des Dichters, wo wir sein Stück entstehen und wachsen sehen, wie Gold und Krystalle tief im geheimnißvollen Schoos der Gebirge.« Eduard Boas Nachträge zu Schillers sammtlichen Werken, II, S. IX, 310 ff. 1785. Wieland beurtheilte in einem Briefe vom 8. März 1785 die Probescenen aus dem ersten Hefte der Thalia mit folgenden Worten: »Herrn Schiller's größter Fehler, – ein Fehler, um den ihn mancher deutsche Schriftsteller zu beneiden Ursache hat – ist wirklich nur, daß er noch zu reich ist, zu viel sagt, zu voll an Gedanken und Bildern ist, und sich noch nicht genug zum Herrn über seine Einbildungskraft und seinen Witz gemacht hat. Sein allzugroßer Ueberfluß zeigt sich auch in der Länge der Scenen: ich erschrecke, wenn ich überrechne, wie groß sein Stück werden und wie lang es spielen muß, da der erste Akt schon fünfthalb Bogen ausfüllt. Fühlen, wenn es genug ist, und aufhören können, auch das ist schon eine große Kunst. Das größte Stück des Sophokles hat kaum so viel Verse, als Herrn Schiller's erster Akt.« Schiller wehrte sich gegen dieses und ähnliches Urtheil. Am Schluß des zweiten Akts erklärte er entschieden: »Der Carlos könne und solle kein Theaterstück werden,« und er war noch 1788 dieser Meinung. Später jedoch zur Einsicht gekommen, daß ein Drama erst auf der Bühne wahrhaft lebendig werde, paßte er auch dieses Stück der hergebrachten Theaterform enger an, und opferte manche schöne Stelle, manchen Charakterzug, Ebendas. S. 311. die bisher im Mausoleum der Thalia schlummerten. Indessen ist auch so die Breite des Stücks noch sehr fühlbar, und wer über seiner Vorstellung einen Theil der Nacht durchsitzt, empfindet, wie scherzweise gesagt worden ist, a posteriori die Mängel seiner Anlage. Ehe wir von dem begonnenen Don Carlos scheiden, sey uns ein Wort des Bedaurens gestattet, daß unser nationalster Dichter beim ersten freieren Aufschwunge seines tragischen Talentes dem Spanier den deutschen Konradin aufgeopfert hat, und daß derjenige unsrer Zeitgenossen, der von einer gerechten Nachwelt dereinst auch im Heiligthum der dramatischen Muse mit Göthe und Schiller verehrt werden wird, beim ersten Akte dieses hohen, heimathlichen Trauerspiels stehen geblieben ist. In demselben Jahre, da Schiller sich mit dem Gedanken Konradins trug, hatte ein großer, deutscher Maler diesen mit Friedrich von Oestreich im Gefängnisse zu Neapel Schach spielend, in dem Augenblicke, wo ihnen das Todesurtheil gebracht wird, dargestellt. Das Bild ist noch jetzt eine Zierde des Schlosses Friedenstein in Gotha. Er verweilte sinnend auch bei der Scene, wo Konradin, nachdem sich beide Freunde, wie Pylades und Orestes, um den Tod gestritten und Friedrich endlich zuerst enthauptet worden, den Kopf des Freundes aufnahm, an die Brust drückte, küßte und sprach: tausend, tausend Dank für deine treue Liebe und Freundschaft! Und wie er dann, von menschlicher Entrüstung übermannt, wild sich an Karl von Anjou wandte und in die Scheltworte ausbrach: du H – bube, weißt du nicht, was du heute für Unrecht thust? – »davon wäre,« schrieb Wilhelm Tischbein aus Rom am 15. November 1783, An Merk, siehe dessen Briefe S. 408 ff. vergl. 415. 437. 512. »auch ein schönes Bild zu machen, als er im Zorn dasteht und den König schilt. Aber es wäre abscheulich zu sehen, weil der Todte dabei liegt.« Was die Malerei nicht leisten konnte, Schiller's Poesie würde es geleistet haben, und das hinter der Scene Verborgene hätte die Schilderung eines Boten in ein unvergängliches Gemälde zusammengefaßt. Liebe, Freundschaft, Beruf und bürgerliche Stellung des Dichters. Abschied von Mannheim. 1784ff. Am 19. Januar 1784, hatte Schiller an seinen Freund, den Componisten Zumsteeg in Stuttgart, der, selbst kürzlich verheirathet, ihn aufforderte, seinem Beispiele zu folgen, geantwortet: »Wie könnte wohl ein so sanftes Geschöpf, wie das Weib ist, den Gang durch's Leben – das meinige ist ohnedieß jetzt schon dem ersten Theile des verkettetsten und buntesten Romanes ähnlich – hazardiren, mit einem ungestümen, sonderbaren Kopfe, wie der meinige ist? Nein, lieber Zumsteeg, rathe mir nicht zu einer Inconsequenz meiner bisherigen Handlungsweise, und laß mich mein Schicksal, trotz des warmen Blutes, das in meinen Adern stürmen mag, und trotz meines Herzens, das, weil es empfänglich ist, auch mittheilend seyn könnte, allein tragen ... Du weißt ja, daß ich über diesen Gegenstand auf meine eigene Art philosophire.« Des Dichters Herz feierte jedoch noch in diesem Jahre einen ersten und bald einen zweiten Triumph über diese spitzfindige Philosophie. Keine Sophismen vermochten die Erinnerung an Bauerbach in seiner Seele unwirksam zu machen, und fünf Monate nach jenen Ausbrüchen der hagestolzen Laune fühlte er sich von der entgegengesetzten angewandelt und schrieb (7. Juni) an seine Pflegemutter: »Sie werden lachen, liebste Freundin, wenn ich Ihnen gestehe, daß ich mich schon eine Zeitlang mit dem Gedanken trage, zu heirathen. Nicht, als wenn ich hier schon gewählt hätte; im geringsten nicht, ich bin in diesem Punkte noch so frei wie vorhin – aber eine öftere Ueberlegung, daß nichts in der Welt meinem Herzen die glückliche Ruhe und meinem Geiste die zu Kopfarbeiten so nöthige Freiheit und stille, leidenschaftlose Muße verschaffen könne, hat diesen Gedanken in mir hervorgebracht. Mein Herz sehnt sich nach Mittheilung und inniger Theilnahme. Die stillen Freuden des häuslichen Lebens würden, müßten mir Heiterkeit in meinen Geschäften geben, und meine Seele von tausend wilden Affekten reinigen, die mich ewig herumzerren. Auch mein überzeugendes Bewußtsein, daß ich gewiß eine Frau glücklich machen würde, wenn anders innige Liebe und Antheil glücklich machen kann – dieses Bewußtseyn hat mich schon oft zu dem Entschluß hingerissen. Fände ich ein Mädchen, das meinem Herzen theuer genug wäre! Oder könnte ich Sie beim Wort nehmen, und Ihr Sohn werden! Reich würde freilich Ihre Lotte nie – aber gewiß glücklich.« Schiller ließ diesen Brief liegen, und fügte erst am 15. Juni bei: »ich überlese ihn jetzt und erschrecke über diese thörichte Hoffnung – doch, meine Beste, so viele närrische Einfälle, als Sie schon von mir hören mußten, werden auch diesen entschuldigen. Leben Sie wohl, und empfehlen mich tausendmal Ihrer lieben Lotte.« Mit dieser Erklärung ersparte der scherzende Bewerber eine abschlägige Antwort, und die Sache beruhte. Bemerkenswerth ist, daß der Dichter, welcher auf dem Gebiete der Poesie bisher vergebens gerungen hatte, weibliche Liebenswürdigkeit anspruchlos darzustellen, und mit seinen Frauencharakteren selbst sich unzufrieden zeigte; dessen Amalie, Louise, Leonore mehr oder weniger doch alle nur empfindsame Romanheldinnen waren: – daß er im Leben für den einfachen Zauber reiner Weiblichkeit gleich bei seiner ersten, ernstlichen Wahl den natürlichsten Takt bewies, und sein Herz eine Lotte wählte, genau so lieblich passiv, so in den holden Gränzen der weiblichen Natur ausgeprägt, wie in der Dichtung ein Göthe Werthers Lotte zu schaffen vermocht hat. »Sie war von ruhigem Charakter,« sagt ihre Schwägerin, »in dem Besonnenheit und Empfindung im Gleichgewicht lagen.« Sonderbar! Schiller mußte ein solches Weib lieben, aber darzustellen vermochte er es nicht, vielleicht nie. Um dieselbe Zeit, wo sein Herz so sehnlich nach Gegenliebe verlangte, erbarmte sich des Vereinsamten und Gedrückten wenigstens die Freundschaft auf eine unerwartete und stärkende Weise. »Vor einigen Tagen,« schreibt Schiller in dem eben angeführten Brief an die Frau von Wolzogen, »widerfährt mir die herrlichste Ueberraschung von der Welt. Ich bekomme ein Paket aus Leipzig, und finde von ganz fremden Personen Briefe voll Wärme und Leidenschaft für mich und meine Schriften. Zwei Frauenzimmer, sehr schöne Gesichter, waren darunter. Die Eine hatte mir eine Brieftasche gestickt, die gewiß in Geschmack und Kunst eine der schönsten ist, die man sehen kann. Die Andere hatte sich und die drei andern Personen gezeichnet, und alle Zeichner in Mannheim wundern sich über die Kunst. Ein dritter hatte ein Lied aus meinen Räubern in Musik gesetzt. Sehen Sie, meine Beste, so kommen zuweilen ganz unverhoffte Freuden für Ihren Freund, die desto schätzbarer sind, weil freier Wille und eine reine, von jeder Nebenabsicht reine Empfindung und Sympathie der Seelen die Erfinderin ist ... Ein solches Geschenk ist mir größere Belohnung, als der laute Zusammenruf der Welt, die einzige süße Entschädigung für tausend trübe Minuten;... und wenn ich mir denke, daß in der Welt vielleicht mehr solche Zirkel sind, die mich lieben,... daß vielleicht in hundert und mehr Jahren, wenn auch mein Staub schon lange verweht ist, man mein Andenken segnet und mir noch im Grabe Thränen und Bewunderung zollt – dann freue ich mich meines Dichterberufs, und versöhne mich mit Gott und meinem oft harten Verhängniß.« Der Componist des Liedes war C. G. Körner, der Vater Theodor Körner's und seitdem der vertraute Freund Schillers, nur drei Jahre älter als der Dichter, der damals ganz einer glücklichen wissenschaftlichen Muße lebte, ehe er als Oberappellationsrath in Dresden angestellt wurde, und der zu Berlin als Geh. Oberregierungsrath in hohem Alter (1831) verstorben ist. Die Frauen waren Körners Braut Minna Stock und ihre Schwester Dorn, der vierte, kaum zwanzigjährige Freund war L. F. Huber, der im Jahr 1804 als bayerischer Landes-Direktionsrath zu Ulm verstarb, der nachmalige Gatte der Tochter Heyne's, der Schriftstellerin Therese Huber. Hätten diese neuen Freunde, sagt Streicher, doch sehen können, wie glücklich diese Aufmerksamkeit Schillern machte, welche Ruhe, welche Zufriedenheit dadurch in sein Wesen kam. Allmählig wurde die Hoffnung in ihm rege, daß dieselben wohl keine Verwendung unterlassen würden, um ihn aus seinem drückenden Zustande zu erlösen und in bessere Verhältnisse zu bringen. Diese Erwartung täuschte ihn auch nicht, und alle Verehrer Schillers nennen seinen Freund Körner nicht nur als den ersten Begründer seines äußern dauernderen Lebensglücks, sondern auch als den Hauptbeförderer der Fortbildung seines Dichtergeistes, indem er es war, durch welchen Schiller zuerst in einen erweiterten Lebenskreis und in den Umgang mit den edelsten Zeitgenossen hineingezogen wurde. Mit seiner Reise nach Leipzig und Dresden beginnt ein neuer Abschnitt seines Dichterlebens. Demselben gingen jedoch andre Ereignisse voran, die nicht unerwähnt bleiben dürfen. Während Schiller ohne Rast an Don Carlos und am ersten Hefte der Thalia arbeitete, wurde er durch den Besuch seiner ältesten Schwester Christophine erfreut, die ihm seinen Freund, den Rath und Bibliothekar Reinwald von Meiningen als Bräutigam zuführte. Wir lassen hier wieder den Augenzeugen Streicher sprechen: »Die blühende kräftige Jungfrau schien entschlossen, ihr künftiges Schicksal mit einem Manne zu theilen, dessen geringe Einkünfte und wankende Gesundheit wenig Freude zu versprechen schienen. Jedoch waren ihre Gründe so edler Art, daß sie auch in der Folge es nie bereute, das Herz ihrem Verstande und einem vortrefflichen Gatten geopfert zuhaben.« Bald nach der Abreise der Schwester lernte Schiller eine sehr liebenswürdige Familie kennen. Ein Herr von Kalb , damals Offizier in französischen Diensten, als welcher er den nordamerikanischen Befreiungskrieg mitgemacht, nahm mit seiner geistreichen und feingebildeten Gemahlin und deren Schwester seinen Aufenthalt in Mannheim. Auch diese Familie zog die Herzogin Amalie von Weimar später in ihren Geisterkreis: Knebels Nachlaß I, 189. 200. Oder war Kalb ein Weimaraner? (Vergl. Merks Briefe S. 335.) Für Schiller war der Umgang mit diesen seltenen Menschen ebenso genußreich als belehrend, indem Herr von Kalb in Beurtheilung der Weltbegebenheiten die klarste Ansicht mit Scharfsinn und umfassenden Kenntnissen verband, die Dame aber mit Gegenständen der Literatur innig vertraut, und eben mit der Dichtung eines Romans beschäftigt, poetisch erregt war, wie Schiller selbst. Streicher war als Musiker in dieses Haus eingeführt, und erzählte viel von Schillers Arbeiten und namentlich von Don Carlos. Frau von Kalb konnte es kaum erwarten, bis ihr das Glück zu Theil werden sollte, die ihr mit so viel Enthusiasmus angerühmte prachtvolle Sprache aus des Dichters eigenem Munde zu vernehmen. Endlich saß Schiller ihr, mit dem ersten Akt in der Hand, eines Nachmittags gegenüber. Aber wieder ging es wie mit Clavigo in Stuttgart, wie mit Fiesko in Meiers Hause zu Mannheim. Der Dichter las mit seinem unseligen Pathos, und die lauschende Zuhörerin verrieth ihre Empfindung nicht durch das leiseste Zeichen. Um ihre aufrichtige Meinung vom Dichter gebeten, brach sie endlich, nach langem Ausweichen, in lautes Lachen aus, und sagte: »lieber Schiller, das ist das allerschlechteste, was Sie noch gemacht haben!« »Nein, das ist zu arg!« erwiederte dieser, warf seine Schrift voll Aerger auf den Tisch, nahm Hut und Stock und rannte davon. Die Dame ergriff das zurückgelassene Papier, und ehe sie die erste Seite beendigt, mußte der Bediente forteilen. »Geschwind, geschwind,« rief sie, »lauf' er zu Herrn Schiller: ich lasse ihn um Verzeihung bitten, ich hätte mich geirrt; es sey das Allerschönste, was er noch geschrieben habe!« Schiller gab der Bitte, wieder zu kommen, nicht sogleich Gehör. Aber am andern Tage gestand ihm die redliche Freundin, wie seine heftige, stürmische Art, vorzulesen, den Eindruck seiner Dichtungen störe und verhindere. Der Dichter gewann diese Familie so lieb, daß er, als Kabale und Liebe, am 18. Januar 1785 (zum Aerger des Dichters herzlich schlecht) wieder aufgeführt wurde, sogar seinem Hofmarschall Kalb einen andern Namen geben wollte, und sich nur durch die richtige Bemerkung der Freunde selbst abhalten ließ, daß gerade dieß die Vermuthung herbeiführen müßte, als sey der bisherige Name auf Jemand aus ihrer Familie gemünzt. – Zu Anfang des Jahres 1785 verbreitete sich in Mannheim das Gerücht, der Herzog Carl August von Weimar, der geistvolle jugendliche Freund der Dichtkunst und der Dichter, der Vertraute Göthe's, werde die landgräfliche Familie im benachbarten Darmstadt besuchen. Die Kalb'sche Familie feuerte das Verlangen unseres Dichters, bei dieser, aus Kennern des wahrhaft Schönen sich bildenden Zusammenkunft sich als denjenigen zeigen zu dürfen, der werth wäre, dem schönen Bunde in Weimar beigesellt zu werden, nicht wenig an, und mit ihren und Dalbergs Empfehlungsbriefen trat er bald, seinen Don Carlos unter dem Arm, in den hohen Kreis zu Darmstadt ein, und das fürstliche Wohlwollen vergönnte ihm die Vorlesung des ersten Aktes. Dank den Belehrungen seiner Mannheimer Freundin machte diese den günstigsten Eindruck auf die erlauchte Gesellschaft. Namentlich erinnerte sich Schiller noch spät immer mit Vergnügen an die liebenswürdige Landgräfin und den aufmunternden Antheil, den sie bei dieser Vorlesung zeigte. Nach einer langen Unterredung mit dem Herzoge kehrte Schiller als Weimaranischer Rath nach Mannheim zurück. So wenig, wie Streicher lächelnd bemerkt, dieses einsylbige Wörtchen den Verdiensten des schon damals fast Alles überragenden Dichters neuen Glanz verleihen konnte, so hatte es dennoch, wenigstens für die Gegenwart, die Wirkung eines Talismans. Das Verlangen der Eltern, daß der Sohn durch dauernde Versorgung einem Fürsten angehören möchte, schien erfüllt, den Stuttgarter Tadlern, die in ihm einen verachteten Flüchtling sahen, war der Mund gestopft, und selbst in Mannheim benahm der Rathstitel den Briefen an Dalberg die gar zu unterthänige Form, und gab dem Theaterdichter den Muth, freier und bestimmter den Anmaßungen der Schauspieler entgegen zu treten, in der Thalia, die seit dem März 1785 herauskam, ihnen kälter und schärfer die Wahrheit zu sagen, das Toben seines ehemaligen Freundes, Herrn Böck, zu verachten, »ihn,« wie ein Brief Schillers an den Intendanten sich ausdrückt, »zu einer heilsamen Bescheidenheit zurückzuführen und die Komödiantensalbe von ihm abzuwischen.«   Uebrigens löste sich jetzt sein Verhältniß zu der Mannheimer Bühne. Da ihm diese Anstellung nicht die geringste Verbesserung seiner öconomischen Umstände in Aussicht stellte, er auch gegen das Theater, das keine seiner Erwartungen erfüllte, gleichgültiger geworden und mit der Mehrzahl der Mitglieder in Streitigkeiten verwickelt war, die von ihrer Seite mit plumpen Waffen geführt wurden, so leitete er nicht nur mit seinen neuen Leipziger Freunden, mit welchen er seit jenen Geschenken in ununterbrochener Correspondenz stand, sondern auch mit Schwan das Nöthige ein, um seinen bisherigen Aufenthalt noch im Frühjahre verlassen zu können. Gleichzeitig mit der Erscheinung des von den Schauspielern so übel aufgenommenen ersten Heftes der Thalia wurden zu Anfange des März 1785 von ihm alle Anstalten gemacht, Mannheim zu verlassen, und da die gewünschten Wechsel aus Leipzig eingetroffen waren, wurde dieser Entschluß auch wirklich am Ende desselben Monats ausgeführt. Die letzten Abendstunden vor der Abreise brachte er mit seinem Freunde Streicher zu. Er sprach mit diesem von der traurigen Ueberzeugung, die er in den letzten schweren zwei Jahren gewonnen, daß in Deutschland, wo das Eigenthum des Schriftstellers und Verlegers bis jetzt vogelfrei erklärt sey, und bei der geringen Theilnahme höherer Stände an den Erzeugnissen deutscher Literatur, der beste Dichter ohne besoldeten Nebendienst oder andre Unterstützung von den Früchten seines Talentes nicht leben könne. Von nun an sollte daher nicht mehr die Dichtkunst, am wenigsten das Drama sein einziger Lebenszweck seyn; nur in der glücklichsten Stimmung wollte er der Muße Gehör geben, dafür aber mit allem Eifer sich auf die Rechtswissenschaft werfen, deren Theorie er, unterstützt von den reichen Hülfsmitteln der Leipziger Universität, in einem Jahre zu absolviren seinen Talenten und seiner Beharrlichkeit zutraute. Und so gaben sich denn die beiden, zum zweitenmal, und dießmal für immer, scheidenden Freunde die Hände drauf, so lange keiner an den andern schreiben zu wollen, bis Schiller Minister und Streicher Kapellmeister seyn würde. Die Theilung war etwas ungleich entworfen; der gute Streicher aber stand so tief bewundernd unter seinem Freunde, daß er den Uebermuth, der in diesen Worten lag, nicht einmal empfunden zu haben scheint. Schiller würde mit ziemlich leichtem Herzen Mannheim den Rücken gekehrt haben, wenn nicht eben dieses Herz dort zurück geblieben wäre. Die Tochter seines Freundes, des Buchhändlers Schwan, ein liebenswürdiges, geistvolles Mädchen, hatte, wie es scheint, eine dauerhafte Anziehung auf den Dichter ausgeübt, wie uns Frau v. Wolzogen, die Schwägerin Schillers, berichtet. »Im neunzehnten Jahre besorgte sie das Hauswesen ihres Vaters, der eben seine Gattin verloren, als Schiller nach Mannheim kam. Margaretha Schwan war ein sehr schönes Mädchen, mit großen ausdrucksvollen Augen und von sehr lebhaftem Geiste, welcher sie mehr zur Welt, Literatur und Kunst, als zur stillen Häuslichkeit hinzog. Im gastfreien Hause des Vaters, welches ein Vereinigungspunkt für Gelehrte und schöne Geister war, gewann sie schon in früher Jugend eine ausgezeichnete Bildung, lernte aber auch die Kunst, diese Vorzüge geltend zu machen. Schiller, im Familienzirkel aufgenommen, schien auf sie Eindruck zu machen, obgleich er ernst und zurückhaltend in seinem Betragen war.« Er las ihr Scenen aus seinen Stücken vor, so ausdrucksvoll er vermochte; aber der Vater war bei diesen Unterhaltungen immer gegenwärtig. Allmählig schien sich das Herz einzumischen, »und beide junge Leute mochten sich mit dem Gedanken an eine Verbindung für's Leben tragen.« Schiller verließ Mannheim mit einem schönen Andenken seiner jungen Freundin, und ein Briefwechsel wurde verabredet. Rückblick auf Schillers bisheriges Leben und Dichten. 1759 bis 1785. Auf der ersten Hauptstation eines ernsten Pilgerlaufes nach hohem Ziele angekommen, wenden wir uns um und überblicken den zurückgelegten Weg. Es gibt für die Betrachtung desselben zweierlei Standpunkte. Wer in den Naturbegebenheiten und äußeren Ereignissen eines Menschenlebens nur eine Kette von Nothwendigkeiten sieht, durch welche in der Gestalt eines freien Individuums der Weltgeist sich hindurcharbeitet und einen Vorschritt in seiner Entwicklung macht, wird auch ein Dichterleben anders beurtheilen, als wer, im Verhältnisse der Schicksale zur Freiheit, der Wirksamkeit eines bewußten Urgeistes nachforscht und in der Biographie des Dichters an Fügungen und Vorsehung glaubt. Indessen werden sich beide Ansichten doch darin vereinigen und von einer atomistischen und materialistischen Betrachtungsweise unterscheiden, daß sie in Allem, was dazu diente, den Mann zu dem zu machen, der er geworden ist, und, nach dem Begriffe, den das Bewußtseyn der Geschichte von ihm aufgestellt hat, werden sollte oder mußte, einen Weltplan anerkennen, den der Gang seines Gesammtlebens befolgt hat: denn weder der Pantheist, noch der Christ will ein Dualist seyn, und für keinen von beiden gibt es einen Zufall. Verzeihe der Leser dem schlichten Lebensbeschreiber diese kurzen Nennungen in die Schulsprache, von der er schnell wieder abzulenken im Begriffe ist. Er hat sich ihr nur überlassen, sofern er das Bedürfniß fühlte, sich über seinen eigenen Standpunkt zu rechtfertigen, und glaublich zu machen, daß wenn er, ohne Zweifel derzeit noch mit den Meisten seiner Leser, die providentielle Ansicht theilt, wenigstens nicht bewußtlos im Reiche der Vorstellung verweilt, wie die Gegner es nennen. –   Mit Recht wird die Sitte und Denkart des väterlichen Hauses, in welchem Schiller seine Kindheit verlebte, als wohlthätig für die Gesundheit seiner Seele gerühmt. Der Vater, praktisch und streng, war bestellt, über dem Verstande des Knaben zu wachen, und für die ernste, classische Schulbildung zu sorgen, die feste Grundlage, auf welcher selbst das Genie am dauerhaftesten baut. Zugleich wurde jener durch ihn nachhaltig zur Ehrfurcht und zum Gehorsam gewöhnt, der Muthwille beschränkt, die übermäßige Hingebung des Gemüths an weichliche Eindrücke nicht geduldet und so sein Charakter frühzeitig in sittlichen Gränzen geformt. Die Mutter dagegen, ohne glänzenden Verstand, aber milde, fromm, dichterisch bewegt, und um den Sohn früher beschäftigt als der Vater, mußte, außerdem, was von ihr natürliche Mitgift in der Anlage seines Geistes und Herzens war, auf das Gemüth und die Phantasie des Kindes wirken und zog es mit den Sprüchen und Bildern des Glaubens, mit Mährchen, Geschichten und Gedichten groß. Aus ihrem sanften Auge blickte den Knaben, der nicht zu isthmischer Arbeit, nicht zum Siegerwagen des Kapitols, sondern zum Lorbeer Apollo's bestimmt war, schon in der Wiege Melpomene an. Zugleich wartete sie mit zarter Pflege der Gemüthstugenden ihres Kindes, der Andacht, der Menschenliebe, der Nachsicht, der Aufopferungsfähigkeit. Der Grund war im Elternhause gelegt; aber was die Vorsehung darauf bauen wollte, konnte nicht hier aufgeschlagen werden. Ein Leben, das den Genius barg, an dem sich so viele Geister und Gemüther aufrichten und erbauen sollten, mußte zur Selbstthätigkeit unter schärferer Zucht reifen, und, durch Widerwärtigkeit zum Widerstande aufgereizt, mitten unter Zweckwidrigkeiten seinen Zweck kennen und erstreben lernen. Eine Pflanze mit so mächtiger Keimkraft mußte schwererem Boden übergeben werden, der sie vor Wind und Witterung von außen schützte, und welchen durchbrechend sie in sich selbst erstarkte. So sehen wir denn Schiller, noch ehe er in's Jünglingsalter trat, der mäßigen Strenge des Vaters, der sanften Mutterpflege entzogen, in die Carlsschule versenkt und eingezwängt. Und in dieser Einsamkeit, unter dieser Zucht, die ihn zu einem Brodstudium zwang, das ihn anfremdete, und von dem Lebenstranke der Poesie, den er eben zu kosten begonnen hatte, mit der Ruthe des Geisterbanners, wie Tiresias Homers Schatten, zurückscheuchte; hier entfaltete sich, von keiner fördernden Erziehung mehr begünstigt, die Urkraft, die Dichterkraft in ihm, und in der Oede seines Kerkers schuf er endlich, von Zorn und Begeisterung bewegt, ein Drama, das eine Welt, wenn auch nicht die wahre und wirkliche, doch eine Welt enthielt. So mußte die Entdeckungslust, die den kleinen Knaben schon im Elternhause peinigte, ihre Befriedigung in den Mauern eines Militärinstituts finden. Wir haben gezeigt, daß Schillers erste lyrische Gedichte nicht einmal die Vorläufer, daß sie nur der Abfall seiner Poesie waren. Auch die Medicin, mit ihrem Gefolge von physiologischen Kenntnissen, die Geschichte, mit ihren psychologischen Aufschlüssen, die Philosophie mit ihren Zweifeln mußte in dieser ersten Periode nur als Nahrungsmittel seines Dichtergeistes dienen. Mag sich immerhin in jener Zeit schon ein System seines Geistes in Schillers theoretischer Bildung finden, wir bekümmern uns darum nicht. Die Ideen von Humanität und Freiheit waren unserem Schiller mit vielen zeitgenössischen Denkern gemein; sie konstituiren den Dichter noch nicht. Nur was er davon zu einem Lebensbilde in der Dichtung zu vereinigen vermochte; nur was durch ihn in's Fleisch und Blut der Poesie überging, und dadurch so gewaltig auf Zeit und Mitwelt wirkte, geht uns an, die wir vor Allem den großen Poeten in ihm betrachten wollen. Deßwegen verweilen wir bei einem Rückblicke auf seine Leistungen nicht bei seinen lyrischen, der Selbstständigkeit entbehrenden Versuchen, nicht bei seinen Abhandlungen und Reflexionen, sondern bei dem ersten Werke seines Dichtergenie's, bei den Räubern . Die Lebensbeschreibung hat zu zeigen versucht, wodurch dieses Stück sein ungeheures Glück bei dem Publikum gemacht hat: denn Keiner, der Schillers spätere Meisterstücke versteht und mit Redlichkeit bewundert, wird den ganzen Eindruck desselben seinem künstlerischen Werthe beimessen. Und doch wäre es nicht möglich gewesen, mit den Zeitelementen allein, durch welche das Drama sich als den Ruf eines Propheten angekündigt hat, solche Wirkungen hervorzubringen, wenn der Seher nicht zugleich auf einen großen Dichter hätte schließen lassen. Wodurch leistete nun das unförmliche Produkt der rohen Kraft die Bürgschaft für die Poesie des Verfassers? Vor allen Dingen durch die große Energie der Farben, in welchen das ganze Leben des Schauspiels prangt, und durch die ungemeine Lebendigkeit, mit welcher Natur und Unnatur in demselben auftreten. Seit Götz von Berlichingen über die Bühne geschritten war, hatte man in Deutschland dergleichen nichts mehr gesehen. In dem Schiller'schen Stücke ist freilich nicht Alles innere und äußere Wahrheit, Vieles nur Fratze und Carrikatur; aber selbst diese regt und bewegt sich, scheint, schimmert, handelt. Und der Theil des Drama's, welcher prophezeite, schauerliche Wirklichkeit ist, hat die Zukunft, die doch nur vom Genius geahnt und errathen werden kann, wahrhaftig noch getreuer dargestellt, als Göthe im Götz die Vergangenheit, die doch mit Verstand und Fleiß erkundet werden konnte. Diese seitdem längst vergangene, jedoch erfüllte Zukunft aber ist in demjenigen Theile des Schauspiels enthalten, der noch heute wahr und theilweise natürlich erscheint, und welchem, über alle sentimentale Lüge und Verzerrung hinweg, der gesunde Leser noch jetzt mit Begierde zueilt, – in den Räuberscenen. Carl Moor selbst ist nur in diesen wahr, handelnd und empfindend; als Philosoph, als Moralist ist er uns unerträglich; es sey denn, daß man – wie uns glücklich und mit Geist bewiesen worden ist, daß Schiller Kant's Critik der Urtheilskraft, dessen Theorie des Schönen, in der Seele trug, ehe er dieselbe gelesen – auch auf Carl Moors Monolog gegen den Schluß des vierten Akts einiges Gewicht legen wollte, in welchem selbst der Critik der praktischen Vernunft von Schiller vorgeeilt und für die Unsterblichkeit der Seele Kant's moralischer Beweis geführt worden ist. Ernstlichere Aufmerksamkeit verdienen Worte, die mit erschütternder Wahrheit Zustände schildern, welche im Jahre 1781 jung waren und im Jahre 1840 gewachsen und erstarkt sind, ohne zu veralten. Akt I. Sc. 2 Roller: So unrecht hat der Spiegelberg eben nicht! Ich hab' auch meine Plane schon zusammengemacht, aber sie treffen endlich auf Eins. Wie wär's, dacht' ich, wenn Ihr Euch hinsetztet, und ein Taschenbuch oder einen Almanach, oder so was Aehnliches, zusammensudeltet, und um den lieben Groschen rezensirtet, wie's wirklich (d.h. gegenwärtig Mode ist? Schufterle: Zum Henker! Ihr rathet nach meinen Projekten. Ich dachte bei mir selbst, wenn du ein Pietist würdest und wöchentlich deine Erbauungsstunden hieltest? Grimm: Getroffen! Und wenn das nicht, geht, ein ()Fußnote im Buch fehlerhaft. Re Atheist . Wir könnten die Vier Evangelien auf's Maul schlagen, ließen unser Buch durch den Schinder verbrennen; und so ging's reißend ab . Akt II. Sc. 3. Spiegelberg: Einen honetten Mann kann man aus jedem Weidenstotzen formen, aber zu einem Spitzbuben will's Grütz' – auch gehört dazu ein eigenes Nationalgenie, ein gewisses, daß ich so sage, Spitzbubenklima. Razman: Bruder, man hat mir Italien gerühmt. Spiegelberg: Ja ja! Man muß Niemand sein Recht vorenthalten. Italien weist auch seine Männer auf; und wenn Deutschland so fort macht, wie es bereits auf dem Wege ist, und die Bibel vollends hinaus votirt, wie es die glänzendsten Aspekten hat , so kann mit der Zeit auch noch aus Deutschland was Gutes kommen. Von Charakteren sind Spuren allerdings auch außerhalb der Räuberscenen zu finden im Daniel , im Pastor Moser (sein Auftritt ist ein psychologisches Meisterstück); bei'm sonst mißlungenen Franz , Den Franz Moor hat nicht nur A. W. Schlegel , sondern Schiller selbst als eine Nachahmung Richards des Dritten bezeichnet und gar übel in seiner Selbstrezension (bei Boas II. 9ff.) mitgenommen. in einzelnen Scenen; aber Männer aus Einem Gusse, welche consequent in Gesinnung und Handlung durch's ganze Gedicht schreiten, sind doch nur Schweizer, Roller, Grimm und Spiegelberg; vor allen aber der erste . Wenn Schiller nichts als diesen Charakter erdacht und ausgeführt hätte, wäre er ein Dramatiker aller Zeiten. Welche Destination in den Worten: » Franz heißt die Kanaille?« welch' genialer Zusammenhang dieser Frage mit Schweizers Handlungsweise am Schlusse des vierten Akts und seinem Selbstmord in der ersten Scene des fünften! Und wie hebt es so natürlich diesen Charakter, daß er keine Rachethat auf die Nemesis geschoben wissen will, daß ihm nichts willkommener ist, als der Auftrag edler Rache. Diese Räuber sind auch von keinem andern Dichter entlehnt, sie sind in ihrer verwilderten Größe dem Gedanken Schillers und keinem andern entsprungen; ihre originellen lebensvollen Gestalten entschädigen für manche Abgeschmacktheit, die sie begehen, manche kolossale Albernheit, die aus ihrem Munde geht, und die beide weniger wohl damit gerechtfertigt werden können, daß diese Räuber einem andern Geschlechte, als dem unsern, sondern daß sie zur Hälfte einem frühreifen Genius, zur andern einem unreifen Knabengehirn angehören. Denn daß der Räuber Moor als Student in Leipzig vierzigtausend Dukaten Schulden contrahirt, daß auf ein »Bursch heraus« 1700 Studenten sich auf die Beine machen, daß den Brandlärm der von den Räubern angezündeten Stadt vierzig Gebirge brüllend wiederhallen, daß am Leichnam eines Gehenkten nicht nur drei Raben, wie in den altschottischen Balladen, sondern zu dreißigen zehren , daß, worauf auch jüngst aufmerksam gemacht worden ist, Roller eine Flasche Branntwein hinabstürzt, was kein Russe kann, und daß achtzig Räuber gegen siebenzehnhundert Soldaten in offener Feldschlacht kämpfen; das Alles gehörte wohl keinem Geschlechte, keiner Zeit und keiner Natur an! Doch verlassen wir die Räuber, und heften unsern Rückblick wieder auf das Leben des Dichters. Wir haben gesehen, wie dieser aus der Akademie gerade so viel Ruhm, so viel Unbotmäßigkeit, so viel Anbetung von Seiten eines Kameradengefolges und Selbstgefälligkeit von seiner Seite, so viel Unglauben und Sinnlichkeit mitnahm, um, bei vortrefflichen Eigenschaften des Gemüths und den höchsten des Geistes, auf irgend eine Weise durch Trotz, Eigenliebe, Mißvergnügen oder Rohheit zu verderben. In allen diesen Beziehungen war seine Flucht, so unbesonnen sie schien, als eine Schickung zu betrachten. Sie führte ihn zuerst unter Menschen, lehrte ihn das Leben, aber auch die Noth kennen und ertragen, die vermeinte Freiheit schmecken, das Theater, von seinem Zauber entkleidet, hinter den Coulissen studieren: er findet, daß die Welt dermalen noch weniger an riesigen Verbrechen als an Engherzigkeit und Gemeinheit leidet, seine großen Sünder- und Sündenideale schrumpfen entmuthigt zu Genrebildern zusammen. Nothwendig muß dieß auf seine Poesie zurückwirken. Sein Fiesko freilich ist davon noch nicht berührt; ist er doch ganz in Stuttgart entstanden, in der Atmosphäre der Akademie und der Räuber, die fühlbar genug ist. Auch in ihm vibrirt noch jene Saite der Prophetenharfe, und hier und da schrillt noch das Sturmglöckchen der Zeit hindurch. Akt V. Sc. XVI. Fiesko: Sey – mein – Freund. Verrina: Wirf diesen häßlichen Purpur weg, und ich bin's! – Der erste Fürst war ein Mörder und führte den Purpur ein, die Flecken seiner That in dieser Blutfarbe zu verstecken. Im Ganzen aber stellen wir den Fiesko ziemlich unter die Räuber; er ist weder ein Werk der unreifen Begeisterung, noch der besonnenen Kunst, er ist ein Facit der Berechnung; aber dem Rechenexempel geht leider die langweilige Probe voran, und man muß durch eine Reihe sinnreicher und spitzfindiger Scenen hindurchgehen, bis uns ein Resultat überrascht, wie der achtzehnte Auftritt des zweiten Aufzugs, wo der Löwe Fiesko den Nobili die Verschwörung entgegenbrüllt. Mit den diplomatischen Finessen stehen dann alte Rohheiten oder Unbeholfenheiten aus der Akademie in seltsamem Kontrast. Welcher Feinfühlende empfindet nicht einigen Widerwillen vor Bertha auf dem Sopha, oder vor Fiesko, wenn er Juliens Toilette macht, und wer muß nicht lächeln, wenn dieser am Palaste des alten Andreas steht und auf sein Schellen der Doge von Genua in Person auf dem Altan erscheint und hinabruft: »Wer zog die Glocke?« Auf diesen letztern Verstoß hat schon Franz Horn aufmerksam gemacht. – Eine schlimme Mißgeburt ist insbesondere der Mohr. Im Ernste können solche Gesinnungen nie geäußert, solche Worte nie gesprochen seyn; die Unnatur ist allzugreifbar. So nehmen ihn denn die Schauspieler zum Voraus als Karrikatur, sie machen aus ihm einen Bouffon, oder lassen ihn Sprünge machen wie einen schwarzen Affen! So verkünstelt indessen das Ganze ist, so reich ist es an einzelnen großen Zügen, an Scenen, an Gedanken, denen das Siegel des künftigen Meisters aufgedrückt ist. Fiesko's Charakter trägt Spuren einer Liebe und Begeisterung des Dichters, die nicht aus der Berechnung des Ganzen entsprungen sind; und wie in den Räubern Schweizer ein ächtes Dichterprodukt ist, so erscheint uns Verrina als ein solches, wenn auch minder neu und originell. Dieser Charakter beweist, daß Schiller das römische Alterthum aus den letzten Zeiten der Republik mit der Phantasie und dem Herzen eines Poeten studiert hatte, und daß sein eigener Charakter wirklich, wie sein Freund Scharffenstein versichert, etwas von der Stoa an sich trug. Verrina's frühes Wort in der ersten Scene des dritten Aufzugs: » Fiesko muß sterben !« weicht keinem der größten Worte des reifen Schiller. Schweizer in den Räubern und Verrina im Fiesko rechtfertigen noch heutzutage, abgesehen von spätem Erfolgen des Dichters, den Beifall des Publikums bei Schillers erstem Auftreten im Kothurn vollständiger, als Carl Moor und Fiesko selbst. Doch gilt auch von diesen mit allen ihren Uebertreibungen und Mängeln, verglichen mit andern dramatischen Produkten der gelehrten und kritischen Bildung, Göthe's keckes Wort: »Schiller mochte sich stellen wie er wollte, er konnte gar nichts machen, was nicht immer bei weitem größer herauskam, als das Beste dieser Neueren; ja wenn Schiller sich die Nägel beschnitt, war er größer als diese Herren.« Es gilt dies besonders von der großartigen Weise, mit der er die beiden ersten Hebel der Tragödie, Furcht und Mitleiden, zu handhaben wußte. Obgleich in Kabale und Liebe zum bürgerlichen Trauerspiele herabgestimmt, und in den Scenen der Geigerstube hier fast allein wahrer und großer Dichter, wußte er doch auch in den widernatürlichen Scenen geschraubter und grausamer Empfindsamkeit, ungeheurer Bosheit und teuflischer Spitzbüberei mit jenen Leidenschaften einen solchen Effekt hervorzubringen, daß selbst der besonnenste und durch die Fortentwicklung der ästhetischen Urtheilskraft aufgeklärteste Kritiker, in den 9. Mai des Jahrs 1784 zurück, und auf die Zuschauerbänke des Mannheimer Theaters durch ein Wunder versetzt, sich mit jenen Tausenden erhoben und in den Sturm des Beifalls eingestimmt hätte. Dieses Stück, in welchem der Dichter Stuttgarter Erfahrungen und Anschauungen benützte und mit großer Wahrheit seine noch immer unwahren Ideale an ihnen emporranken ließ, war auch weit begreiflicher angelegt als der Fiesko, und kehrte in dieser Beziehung, durch die Natürlichkeit der Verwicklung und das Gemeinverständliche der freilich nicht sehr wahrscheinlichen Katastrophe zur Ueberschaulichkeit der Räuber zurück. Die Charaktere des Stadtmusikus und seiner Frau, die einzige ächte Menschennatur im Stücke, und theilweise der Charakter der Favoritin, bilden hier, allerdings auf ganz andere Weise als Schweizer und Verrinn in den früheren Dramen, das Unterpfand des Dichtergenius. Jene zwei erstern sind zwar unzweifelhaft einheimischen Motiven des Württembergers, ja des Stuttgarters, abgesehen, aber schwerlich hätte Schiller sie vollenden können, wenn er nicht am Wandelstocke in die Welt und unter das Volk hinausgezogen wäre und Monate hindurch in der Wirthsstube zu Oggersheim verlebt hätte. – So wirkte denn beides, Natur und Unnatur, zusammen, diesen Erstlingsgeburten des Dichtergeistes eine unerhörte Aufnahme auf der Bühne und im Zimmer zu verschaffen. Der Leser und Zuschauer fühlte sich von der Leidenschaft des Dichters, wie von einem Fieber, angesteckt, da er mit diesem in derselben Zeitatmosphäre von Irrthümern und Wahrheiten, Erfahrungen und Ahnungen lebte, und das Element, in dem er selbst athmete, mit einemmale zu einem Bilde von Leben und Handlung verkörpert, sich gegenüber gestellt sah. Er fand alles begreiflich; ihn befremdete der Veitstanz der Gefühle und Gedanken nicht, in welchen der Verfasser, oft ohne durch das Pathos seines Stoffes veranlaßt zu seyn, zu gerathen pflegte: er jubelte, wenn die Helden herbei und davon »rannten,« wenn Amalie zu den Räubern »kroch,« um den Tod von ihnen zu erflehen, wenn jetzt Fiesko, jetzt der Präsident von Walter »mit verdrehten Augen« im Kreise herumsuchten. – Alles, wodurch weiter begreiflich wird, warum so unvollkommene Kunstwerke eine so ungeheure Wirkung machen konnten, hat Hoffmeister in seinem Leben Schillers mit viel Scharfsichtigkeit zusammengestellt, und wir verweisen auf seine ausführliche Darstellung, in welcher die Nachweisung der lyrischen Natur aller Haupthelden Schillers, in denen immer nur er selbst sich spiegelte, uns besonders gelungen scheint. »Schiller legte in das Literarische immer das volle Gewicht seiner bedeutenden Persönlichkeit. Es ist kein vereinzeltes Talent, was sich bei seinem Produciren thätig zeigte, sondern der ganze Mensch eilt uns aus seinen Werten entgegen, und spricht wieder den ganzen Menschen in uns an. Nur ein sittliches Verhältniß zu seinem poetischen Stoffe sowohl, als zu seinen Lesern schien ihm das rechte zu seyn, und alle seine Charaktere, wenigstens in der ersten Periode, sind mit ethischem Griffel gezeichnet. Das Intellektuelle und Aesthetische bewegte sich ihm nur ans dem Boden des Sittlichen.« Wir mußten, um die drei Erstlingsstücke des Dichters, welche die früheste Hauptperiode seines Dichterlebens umfassen, in der Beurtheilung nicht von einander trennen zu dürfen, seinen Lebensschicksalen vorauseilen, und haben jetzt zu diesen hinter die Aufführung von Fiesko und Kabale und Liebe zurück zu kehren. Wäre Schiller sogleich nach seiner Flucht ununterbrochen in Mannheim geblieben, so wäre er durch den allzufrühen Beifall des Publikums ohne Zweifel abermals, wie einst durch die Räuber zu Stuttgart, in Gefahr gesetzt worden, auf dem Wege der Kunst ganz zu verirren. Da benutzte das Geschick den Geiz des Intendanten, riß ihn aus dem Theaterleben und dem gehofften Applaus des Mannheimer Publikums hinweg und verpflanzte ihn ins einsame Bauerbach zu edlen, natürlichen, das erstemal auch zu gesellig feingebildeten Menschen, die ihre Bildung nicht auf Kosten des Herzens erhalten hatten. Noch immer versagte ihm das Schicksal, das ihn langsam und selbstständig zur Kunst erziehen wollte, ganz ebenbürtige oder gar überlegene Geister zu Führern und Richtern auf seiner Bahn und bei seinen Arbeiten, aber es gab ihm, was einstweilen genügte, einen gelehrten, besonnenen, redlichen, sittlichen Freund, der, was der Dichter schuf, Scene um Scene liebend in Empfang nahm, und auf seinen Lebensgang mit Fürsorge, auf seinen Charakter durch Wachsamkeit einzuwirken geschäftig war. Noch mehr: in Bauerbach, wo ihn die erste wahre Liebe heimsuchte, lernte der junge Mann zum erstenmal, seit das Bild seiner Mutter durch die Ferne zurückgetreten war, ächte Frauen in der Nähe kennen, von welchen er, nach jenen drei Stücken zu urtheilen, keinen Begriff gehabt zu haben scheint. Er wußte nicht, wie solche denken und empfinden, am allerwenigsten wie sie sich äußern; er meinte von der Naivetät der Weiblichkeit sey das Hervortreten des Bewußtseyns nicht ausgeschlossen; er hatte keine Ahnung davon, daß reine Jungfrauen und tugendhafte Frauen die Worte Unschuld und Wollust, wie sie aus Amalia's und Louisens Munde sprudeln, auf der Bühne so wenig als im Leben über die Lippen bringen und ihren Abscheu vor der Sünde nur durch die That bewähren dürfen. Innerlich geläutert, mit sittlichen Erfahrungen, die als ein Saatkorn für künftige Entwicklung in Geist und Herz aufgenommen waren, mit Entwürfen, welche der Schönheit, wenigstens der äußern Form nach, entschiedener zustrebten, wenn auch die wilde Leidenschaftlichkeit, ohne die bei dem Dichter damals keine Begeisterung möglich war, noch immer der ruhigen Würde der Kunst unzugänglich blieb, kehrt er nach Mannheim zurück, und wir sehen ihn dort wirken und arbeiten. Das Theater ist ihm jetzt ungefährlicher geworden. Er wagt es zu beherrschen, er überwirft sich mit Schauspielern, die er jüngst bewundert hatte, die aber seine Erkenntniß jetzt hinter sich gelassen hat; und dieser Schlendrian macht ihm mehr Kummer, als die Liebe und der Beifall der Zuschauer, die ohnedem nicht so weit gehen, ihm eine sorgenvolle Lage zu erleichtern, ihm Freude und Aufmunterung gewährt. Doch auch hier droht ihm die Liebe des Publikums wieder Gefahr. Sein Don Carlos ist angefangen und wird bewundert: die Großen der Welt beginnen sich um ihn zu bekümmern; die Zuneigung einer schönen und geistreichen Buchhändlerstochter verspricht ihm endlich ein angemessenes Lebensglück. Aber die Vorsehung genehmigt die Pläne des Zufalls und der Jugendneigung nicht, sie bleibt taub für das Klatschen der jubelnden, leicht entzückten Menge; die Kunst des Dichters ist noch lange nicht sicher genug, den blinden Beifall einer ungebildeten, bald richtig fühlenden, bald irrenden Masse ertragen zu können, sie ist ebensowenig reif, in der Gemächlichkeit des bürgerlichen Lebens fortzugedeihen. Deßwegen müssen die Geschenke und Briefe aus Leipzig erscheinen, das Theater muß dem Dichter zum Ekel werden, und dem Jubel des Publikums wie dem Verdrusse mit den Schauspielern entzogen, wird der Dichter und Mensch auf eine andere Lebensbühne gerufen. Zweites Buch. Schiller in Leipzig und Dresden. 1785. Eine Wohnung nicht zu ebener Erde, und nicht unter dem Dach, ein Schlafzimmer, das zugleich Arbeitszimmer seyn kann, und ein Besuchzimmer dazu, beides wo möglich nicht mit der Aussicht auf einen Kirchhof (denn er liebt die Menschen und also auch ihr Gedränge); Commode, Schreibtisch, Bett und Sopha, ein Tisch und einige Sessel: – wenn das in Leipzig zu haben ist, so braucht (nach seinem Briefe an den neugewonnenen Freund Huber aus Mannheim vom 25 – nicht 15 – März 1785) unser Dichter zu seiner Bequemlichkeit nichts weiter. Kann er mit dem fünffachen Kleeblatte von Freunden nicht zusammenspeisen, so will er die Table d'hôte im Gasthof aufsuchen; denn er fastete lieber, als daß er nicht in Gesellschaft (großer, oder auserlesen guter) speisete. Nur nicht allein wohnen, nur keine eigene Oekonomie! das ist nun einmal schlechterdings seine Sache nicht. Es kostet ihn weniger, eine ganze Verschwörung und Staatsaktion durchzuführen, als seine Wirthschaft. Wenn ein zerrissener Strumpf ihn an die wirkliche Welt mahnt, so wird seine Seele getheilt, und er stürzt aus seinen idealischen Welten! Außer den oben genannten Erfordernissen brauchte Schiller (nach eben jenem Briefe) zu seiner geheimen Glückseligkeit nur noch einen rechten wahren Herzensfreund, der ihm stets wie sein Engel zur Hand wäre, dem er seine aufkeimenden Ideen in der Geburt mittheilen könnte, und nicht erst durch Briefe oder lange Besuche zutragen mußte. »Ich kenne mich besser, als vielleicht tausend anderer Mütter Söhne sich kennen; ich weiß wie viel, und oft wie wenig ich brauche um ganz glücklich zu seyn. Es fragt sich also: kann ich in Leipzig diesen Herzenswunsch in Erfüllung bringen? Wenn es möglich ist, daß ich Eine Wohnung mit Ihnen beziehen kann, so sind alle meine Wünsche darüber gehoben. Ich bin kein schlimmer Nachbar, wie Sie sich vielleicht vorstellen möchten... Können Sie mir dann noch außerdem die Bekanntschaft von Leuten zu Wege bringen, die sich meiner kleinen Wirthschaft annehmen mögen, so ist Alles in Richtigkeit.« Der Leipziger Freund scheint seinen Wünschen entsprochen zu haben, obgleich wir nicht wissen, in welcher Ausdehnung. Genug, Schiller trat Ende März oder Anfang Aprils die Reise von Mannheim aus an, aber es war, wie er seinem alten Freunde Schwan aus Leipzig vom 24. April berichtet, die fatalste, die man sich denken kann. Morast, Schnee und Gewässer peinigten ihn wechselsweise, und trotz unaufhörlicher Vorspann verzögerte sich die Ankunft am Ziele doch um zwei Tage gegen die Berechnung. Ob Schiller seinen Körner sogleich anwesend getroffen, bleibt zweifelhaft. Er nennt unter unzähligen Bekanntschaften nur »Weiße (den Verfasser des Kinderfreunds), Oeser (den kunstreichen Freund Göthe's), Hiller (den Musikdirektor und Componisten), den Professor Huber, Jünger (den Theaterdichter) und den Schauspieler Reineke.« Außer diesen Männern werden noch der Buchhändler Göschen, später Schillers freigebiger Verleger, und der seltsame Moritz, der ihm auch in der Folge näher trat, als neue Bekanntschaften Schillers genannt, und der letztere gedenkt in seinem Hauptwerke einer traulichen Unterredung mit dem Dichter aus jener Zeit. In den ersten Tagen vergaß er über den Mannigfaltigkeiten, die durch seinen Kopf gingen, sich selbst. Recht genießen konnte er auch, da es gerade Meßzeit war, Niemand, denn die Aufmerksamkeit auf Einzelne verlor sich in dem Getümmel. Seine angenehmste Erholung war, Richters Caffeehaus zu besuchen, wo er immer die halbe Welt Leipzigs beisammen fand und seine Bekanntschaften mit Einheimischen und Fremden erweiterte. »Man hat mir,« schreibt er weiter an Schwan, »von verschiedenen Seiten her verführerische Einladungen nach Berlin und Dresden gemacht, denen ich wohl schwerlich widerstehen werde. Es ist so eine eigene Sache mit einem schriftstellerischen Namen, bester Freund! Die wenigen Menschen von Werth und Bedeutung, die sich einem auf diese Veranlassung darbieten, und deren Achtung einem Freude gewährt, werden nur allzusehr durch den fatalen Schwarm derjenigen aufgewogen, die wie Geschmeißfliegen um Schriftsteller herum summen, einen wie ein Wunderthier angaffen, und sich obendrein gar, einiger vollgekleksten Bogen wegen, zu Collegen aufwerfen. Vielen wollt' es gar nicht zu Kopf, daß ein Mensch, der die Räuber gemacht hat, wie andere Muttersöhne aussehen solle. Wenigstens rundgeschnittene Haare, Das Natürlichste erschien noch damals affektirt und unbegreiflich. Es war fast noch, wie hundert Jahre früher zu Molières Zeit, der es als das non plus ultra von Lächerlichkeit aufführte, daß sein Harpagon vom Sohne verlangt, – er könnte wohl auch aus Sparsamkeit ohne Perrücke gehen, les cheveux crus . Courierstiefel und eine Hetzpeitsche hätte man erwartet.« Er gedachte nun dem Beispiele der Leipziger Familien zu folgen und den Sommer eine Viertelstunde von der Stadt auf dem Dorfe Gohlis, das schon Flemming in seinen Gedichten verherrlicht hat, und nach dem der Weg durch das berühmte Rosenthal führt, zu verleben, dort am Don Karlos und der Thalia zu arbeiten, und – sich unvermerkt zur Medicin zu bekehren. Ja, zur Medicin! Aber warum? Welche Bürgschaft giebt er seinem Freunde Schwan für diesen raisonnabeln Entschluß? »Jetzt oder nie muß es gesagt seyn. Nur meine Entfernung von Ihnen giebt mir den Muth, den Wunsch meines Herzens zu gestehen. Oft genug, da ich noch so glücklich war, um Sie zu seyn, oft genug trat dieß Geständniß auf meine Zunge; aber immer verließ mich meine Herzhaftigkeit, es herauszusagen.« Kurz, er hat Schwans liebenswürdige Tochter, bei dem freien Zutritt in des Vaters Hause, ganz kennengelernt; die freimüthige, gütige Behandlung, deren ihn beide würdigten, verführten sein Herz zu dem kühnen Wunsche, Schwans Sohn seyn zu dürfen. Seine bis jetzt unbestimmten und dunkeln Aussichten fangen an sich zu seinem Vortheile zu verändern, und er wird mit jeder Anstrengung seines Geistes dem gewissen Ziel entgegengehen. Zwei Jahre rechnet er bis zur Erfüllung seines Wunsches, und Ein Jahr hat er schon in der Stille geliebt (in dieser Frist jedoch auch um Lotte von Wolzogen gefreit, 7. Juni 1784). Der Herzog von Weimar war der erste Mensch, dem er sich öffnete, und er freute sich der Wahl des Dichters. »Von ihrer Entscheidung,« schließt er, »der ich mit Ungeduld und furchtsamer Erwartung entgegensehe, hängt es ab, ob ich es wagen darf, selbst an Ihre Tochter zu schreiben.« Diese besonnenere Werbung machte kein größeres Glück, als vor zehen Monaten die unbesonnene. Schwan, ohne auch nur die Tochter mit Schillers Antrage bekannt zu machen, ertheilte diesem eine abschlägige Antwort, die er mit der Eigenthümlichkeit des Mädchens rechtfertigte, deren Charakter sie nicht zu der Gattin des Bewerbers geeignet mache. Schiller brach nun allen brieflichen Verkehr mit Margarethen ab, was diese sich nicht zu erklären wußte und wodurch das gute Kind nicht wenig betrübt wurde. Uebrigens soll ihre Richtung im folgenden Leben bewährt haben, daß Schwan richtig gesehen und als Freund gegen Schiller gehandelt. Schillers Leben von Fr. v. Wolzogen. I, 208. Die Verbindung des Letzteren mit dem Hause blieb auch wirklich bestehen; Vater und Tochter fanden im nächsten Jahr in Leipzig die freundlichste Aufnahme bei Schiller; noch im Jahre 1788 schrieb dieser an Schwan, daß sein Gedächtniß unauslöschlich in seinem Gemüthe lebe, und als er, schon verheirathet, nach Schwaben reiste, besuchte Margarethe das Schiller'sche Paar, wie es scheint, in Heidelberg. Das Wiedersehen bewegte den Dichter, und seine Frau fand die Nebenbuhlerin recht liebenswürdig. Margarethe verheirathete sich, und starb im sechs und dreißigsten Jahre, an den Folgen einer Niederkunft, wie Lotte von Wolzogen. »Gleich allen edlern männlichen Naturen,« setzt die tiefempfindende Schriftstellerin, die uns diese Nachrichten aufbewahrt hat, hinzu, »behielt Schiller immer ein liebevolles Andenken an die Frauen, die ihm zärtliche Gefühle eingeflößt. Diese Erinnerungen bewegten ihn jederzeit und er sprach selten davon. Immer war ihm die Liebe etwas Ernstes – eine Gottheit – der Jüngling, der mit Psyche sich vermählt, nicht der leichtsinnig flatternde Knabe.« Das Anschauen einer fremden bewegten Welt und die Verbindungen vertrauter Freundschaft wirkten, nach derselben Berichterstatterin, wohlthätig auf Schillers Gemüthsstimmung in Leipzig. Körner, einer ansehnlichen Familie daselbst entsprossen, und von allen Vortheilen einer wissenschaftlichen und liberalen Erziehung begünstigt; seine Braut Minna Stock, schön, geistreich und liebenswürdig, im engen Familienkreise von einer trefflichen Mutter mit einer ihr ähnlichen Schwester erzogen; Huber durch Geist und Neigung diesem Cirkel eng verbunden – diese Menschen zusammen mußten auf die ästhetische und die gemüthliche Bildung des Dichters den heilsamsten Einfluß ausüben. Musik, im Hause Stocks, eines braven Zeichnenkünstlers, fleißig geübt, durch Körners schöne Baßstimme belebt, diente zur angenehmsten Unterhaltung, und wechselte mit dem gemeinschaftlichen Lesen der besten Dichter und Schriftsteller. Für diesen edeln Freundeskreis war ohne Zweifel von Schiller, der vielleicht anfangs mit Huber zusammen, später in einem der kleinsten Studentenzimmer in Leipzig gehaust hatte und im Sommer wirklich nach Gohlis gezogen war, in ländlicher Einsamkeit, das Lied an die Freude gedichtet, Hoffmeister I, 275. Hinrichs erzählt I, 34 als Sage folgende Veranlassung zu diesem Liede: Schiller hörte auf einem Morgenspaziergange durch das Rosenthal in der Nähe der Pleiße aus dem Gebüsche leise Worte. Er trat näher hinzu und vernahm das Gebet eines Jünglings, der halbentkleidet in den Fluß springen wollte, und zu Gott um Verzeihung für diese Sünde flehte. Bestürzt durch den Anblick eines Zeugen erwiederte er auf Schillers Fragen: »Zwei Wege sind mir freigelassen mein Leben zu enden; entweder muß ich eines schmählichen Hungertods sterben, oder aus freiem Entschluß eine schnellere und minder qualvolle Todesart wählen.« Er erzählte ihm dann, daß er ein Studiosus der Theologie sey und seit einem halben Jare nur trocken Brod gegessen. Schiller gab (wie einst als Knabe), was er von Geld bei sich trug und nahm ihm das Versprechen ab, acht Tage nicht an die Ausführung seines Entschlusses zu denken. Einige Tage darauf erhob sich der Dichter als Hochzeitgast bei einer ansehnlichen Familie Leipzigs unter den fröhlichen Gästen, erzählte den Vorfall auf eine begeisternde Weise, nahm den Teller und ärntete von den Anwesenden eine reichliche Spende für den Unglücklichen, der dadurch in den Stand gesetzt wurde, seine Studien zu beendigen, und mit der Zeit ein Amt anzutreten. Voll Freude über das Gelingen dieser That soll Schiller sein Lied gesungen haben. Die herben Critiken über dieses Gedicht findet man bei Hoffmeister und Hinrichs ausführlich angeführt und beurtheilt. dieser, trotz Bürgers, Jean Pauls und anderer Critiker gegründetem Tadel, dennoch »unsterbliche,« ja der Nation vielleicht gerade durch seine Fehler, welche mehr der Organisation des deutschen Kopfes als Schillers insbesondere angehören, ewig theure Rundgesang, »der bald in Leipzig und in Dresden gewöhnlich den Schluß jeder fröhlichen, sinnigen oder phantastisch aufgeregten Mitternachts-Gesellschaft machte, wo der Champagner sich gern mit der trunkenen Begeisterung des Gedichtes mischte.« Bl. für lit. Unterh. 1836. S. 1188. In jene Zeit fiel Körners eheliche Verbindung mit seiner geliebten Braut. Sein neues Amt (er war zum Appellationsrath in Dresden ernannt worden) rief diesen in die Residenz; auch Hubern zogen Dienst und Neigung dorthin, und Schiller, nach einigen zu Gohlis köstlich und dichterisch verlebten Monaten, folgte seinen Freunden, deren Liebe und Umgang er nicht mehr entbehren konnte. Dieß geschah zu Ende des Sommers 1785. Von seinem dresdner Aufenthalte sind uns leider bis jetzt wenig Nachrichten erhalten und eine Hauptquelle seiner Biographie, Schillers Correspondenz, erscheint für einige Jahre ganz versiegt; ein Beweis, daß der Verkehr mit seinen Herzensfreunden und mit der Muse sein Inneres befriedigend ausfüllte. Studien und Arbeiten. 1785 bis 1787 Die reizende Lage Dresdens am großen Elbstrom und die anmuthige Umgebung kann nicht ohne Einfluß auf Schillers Dichtergeist geblieben seyn. Auch wissen wir, daß er die meiste Zeit dort im Umgange mit der Natur zugebracht. Am Ufer der Elbe, bei Loschwitz, in einem von Reben umschlossenen Thale besaß Körner einen Weinberg mit einem angenehmen Wohnhause, in welchem der Dichter in der Familie seines Freundes lebte. Ein Gartensaal auf der Anhöhe, wo die Weinpflanzung an ein Fichtenwäldchen gränzt, war ihm eingeräumt. Hier arbeitete er an seinem Don Carlos und gab dem schon gedichteten Theile des Drama's eine ganz neue Gestalt. Der Entwurf zu dem Fragment gebliebenen Schauspiele, der Menschenfeind, die Materialien zum Abfall der Niederlande, der Band von Geschichten der merkwürdigsten Revolutionen und Verschwörungen, die Idee zum unvollendeten Geisterseher, durch Cagliostro's abentheuerliche Gaukelspiele hervorgerufen, – das Alles, nebst einigen lyrischen Gedichten, entstand und sammelte sich hier und in Dresden. War nun der Dichter des Sinnens und Schaffens müde, so wandte er sich an die Natur. Eine seiner liebsten Erholungen war dann, auf einer Gondel den Strom hinabzufahren, und charakteristisch ists, daß, wie einst der Knabe zu Lorch in einem Lindenwipfel die Wolkenwerkstatt der Blitze belauschte, so jetzt der Mann am liebsten seine Wasserfahrt bei Gewittern anstellte, wenn der Strom sich schäumend erhob und die ganze Natur im Kampfe lag. Ein schmetternder Donnerschlag soll ihm hier ein Bravo! an die Natur abgelockt haben, das in den Räubern von Effekt gewesen wäre. Weniger scheint ihn das gesellige Leben, in welches Fremde aus allen Weltgegenden Bewegung brachten, berührt zu haben, und die Kunstsammlungen und wissenschaftlichen Anstalten, der Umgang mit Künstlern und Künstlerinnen der Hauptstadt warfen ihm keinen bedeutenden Gewinn ab. Ja, messen wir einem strengen Worte Schillers selbst Glauben bei, so fehlte ihm das Interesse und der Sinn für die bildenden Künste. Schillers Briefwechsel mit Humboldt S. 449. Hoffmeister I, 280. Ueberhaupt scheute jetzt sein nach Innen gekehrtes Auge alle Zerstreuung und Zersplitterung, die von Außen drohte, und recht launig machte er, als schon an den ersten Akten des Don Carlos bei Göschen in Leipzig gedruckt wurde und den Dichter die Vollendung des Werkes drängte, seinem Unmuth über eine verdrießliche Unterbrechung in komischen Versen Luft. Die Körnersche Familie hatte eine Herbstfahrt gemacht, und die Appellationsräthin, unter der Voraussetzung, daß Schiller mitfahre, den Keller und alle Schränke verschlossen. So saß der Zurückgebliebene über seinem Trauerspiel ohne Speise und Trank und unter seinen Fenstern plätscherte eine große Hauswäsche. Da dichtete er in lustiger Verzweiflung »die Bittschrift eines niedergeschlagenen Trauerspieldichters an die Körner'sche Waschdeputation,« welche mit dem Humor, der im Schwabenlande und unter seinen Sängern noch auf den heutigen Tag zu Hause ist, so verwandt klingt, daß man einem Schwaben, der seines Landsmanns Leben schreibt, es verzeihen wird, wenn er es hersetzt: Aus Dörings älterem Leben Schillers S. 112 ff. und Boas I, 66. Dumm ist mein Kopf und schwer wie Blei, Die Tabaksdose ledig, Der Magen leer – der Himmel sey Dem Trauerspiele gnädig! Ich kratze mit dem Federkiel Auf den gewalkten Lumpen; Wer kann Empfindung, wer Gefühl Aus vollem Herzen pumpen? Feu'r soll ich gießen aufs Papier Mit angefrornem Finger – O Phöbus, hassest du Geschmier, So wärm' auch deinen Jünger! Die Wäsche klatscht vor meiner Thür, Es plärrt die Küchenzofe, Und mich, mich führt das Flügelthier Zu König Philipps Hofe. Ich steige muthig auf das Roß, In wenigen Sekunden Seh' ich Madrid; am Königsschloß Hab' ich es angebunden. Ich eile durch die Gallerie Mit schnellem Schritt, belausche Dort die Prinzessin Eboli Im süßen Liebesrausche. Jetzt sinkt sie an des Prinzen Brust Mit wonnevollem Schauer, In ihrem Auge Götterlust Und in dem seinen Trauer. Schon ruft das schöne Weib: Triumph! Schon hör' ich – – Tod und Hölle! Was hör' ich? – Einen nassen Strumpf Geworfen in die Welle. Und hin ist Traum und Feerei, Prinzessin, Gott befohlen! Der Henker mag die Dichterei Bei'm Hemdewaschen holen. Schiller , Haus- und Wirthschaftsdichter. Eine andere Version dieser ganzen Geschichte und ganz anders lautende Verse des Gedichtes finden sich in der »Skizze, Friedr. Schiller,« Leipzig bei Tauchnitz 1805 (S. 35), aus der sie wahrscheinlich Hinrichs (II, 158) hat. Dieß muß einigen Zweifel gegen das Ganze erregen. S., Febr. 1840. Dermalige Philosophie Schillers. Der junge Mann, der im Vollgefühle poetischer Produktionskraft so harmlos, und wir dürfens hinzusetzen, so demüthig zu scherzen wagte, war indessen kein so unbefangen dichtender Natursohn mehr, als er in der eben aufgeführten Scene erscheinen mochte. Nicht nur hatte er, wie äußerlicher beobachtende Freunde längst erkannt und »die Räuber« vor der Welt bestätigt hatten, mit der bürgerlichen Convenienz seine Lanze gebrochen, sondern es hatte sich auch in seinem Innern der Zwiespalt zwischen Glauben und Wissen schon seit geraumer Zeit aufgethan; das speculative Bewußtseyn hatte dem gemeinen, wie man heutzutage spricht, in seiner Seele schon vor Monaten, ja vielleicht vor Jahren die erste Schlacht geliefert, und einen Sieg gewonnen, dessen glänzendste Frucht auf dem Gebiete der Dichtung unstreitig eben jener Don Carlos war, in dessen Besitznahme durch den Geist ihn die Wäsche seiner Hausfrau zu Dresden unterbrach. Der ausführliche und vollständige Bericht über diesen Kampf ist in den »philosophischen Briefen« enthalten, welche zuerst im dritten Hefte des ersten und im siebenten Hefte des zweiten Bandes der rheinischen Thalia erschienen sind, die somit ihrer reiferen Gestaltung nach, Hoffmeister weist aus einer Note der Anthologie nach, daß »die Briefe des Julius an Raphael,« was ihre erste Anlage betrifft, sich nach Stuttgart und ins Jahr 1781 zurückdatiren. A.a.O. I, 45. in Mannheim begonnen und in Leipzig oder Dresden vollendet worden zu seyn scheinen. Ueber die Personen Julius und Raphael darf man nicht grübeln; sie sind nur die Hypostasirung der sich unter einander verklagenden oder entschuldigenden philosophischen Gedanken des Jünglings, die in so weit eins und mit einander verschworen sind, daß sie beide in ihm den frommen, überlieferten Glauben des Elternhauses, der Schule und des Hörsaales bekämpfen; und die geheimen Bundesgenossen des speculirenden Dichters, die sich zum Schein einander bekriegen, sind zwei vornehme Freunde des Ringenden: hinter Julius versteckt, ein alter Bekannter von der Akademie her – Benedikt Spinoza , hinter Raphael (wie er zuletzt spricht) der erst in Sachsen hinzugetretene Immanuel Kant . Aus dem verworrenen Schlachtgeschrei tönen aber vernehmliche Worte des Genius heraus, die uns mit Staunen und Hochachtung vor dem speculativen Geiste des Verfassers erfüllen. Es sind ungefähr folgende Gedanken, die sich aus dem chemischen Processe von vielen Schlacken als reines Metall (doch nicht als das Gold der Wahrheit) absondern. Zuerst spricht Julius aus dem jungen, ringenden Geiste. Der Glaube ist ihm gestohlen, der ihm Frieden gab. Sein Freund Raphael, sein Lehrer in der Philosophie, hat ihn verachten gelehrt, wo er anbetete. Er glaubt nicht mehr, daß die Lehre, welche die Besten unter den Menschen bekennen, welche so mächtig siegt und so wunderbar tröstet, darum wahr seyn müsse. Er glaubt niemand mehr, als seiner eigenen Vernunft, es giebt nichts Heiliges als die Wahrheit, und was die Vernunft erkennt, ist Wahrheit. »Ich habe alle Meinungen aufgeopfert, gleich jenem verzweifelten Eroberer alle meine Schiffe in Brand gesteckt, da ich an dieser Insel landete, und alle Hoffnung zur Rückkehr vernichtet.« Schon vorher hat er bekannt, daß diese Vernunft ihm Zweifel gegen die Erschaffung der Welt und seiner Person und gegen die Unsterblichkeit der letzteren aufgedrungen, daß, wenn Gott vollkommen seyn wolle, die Welt von Ewigkeit seyn müsse. »Schrecklicher Irrgang meiner Schlüsse! Ich gebe den Schöpfer auf, sobald ich an einen Gott glaube. Wozu brauche ich einen Gott, wenn ich ohne einen Schöpfer ausreiche?« Und welches System hat nun diese spinozistisch gewordene Vernunft aufgebaut? »Das Universum ist ein Gedanke Gottes. Nachdem dieses idealische Geistesbild in die Wirklichkeit hinübertrat, und die geborene Welt den Riß ihres Schöpfers erfüllte – erlaube mir diese menschliche Vorstellung – so ist der Beruf aller denkenden Wesen, in diesem vorhandenen Ganzen die erste Zeichnung wiederzufinden, die Regel in der Maschine, die Einheit in der Zusammensetzung, das Gesetz in dem Phänomen aufzusuchen und das Gebäude rückwärts auf seinen Grundriß überzutragen. Die große Zusammensetzung, die wir Welt nennen, bleibt mir jetzo nur merkwürdig, weil sie vorhanden ist, mir die mannichfachen Aeußerungen jenes Wesens symbolisch zu bezeichnen. Alles in mir und außer mir ist nur Hieroglyphe einer Kraft, die mir ähnlich ist. Die Gesetze der Natur sind die Chiffern, welche das denkende Wesen zusammenfügt, sich dem denkenden Wesen verständlich zu machen – das Alphabet, vermittelst dessen alle Geister mit dem vollkommensten Geiste und mit sich selbst unterhandeln.« Seit dieser Entdeckung ist Alles um ihn her bevölkert. Wo er einen Körper entdeckt, da ahnt er einen Geist, wo er Bewegung merkt, da räth er auf einen Gedanken; Wo kein Todter begraben liegt, wo kein Auferstehen seyn wird, redet noch die Allmacht durch ihre Werke zu ihm, und so versteht er die Lehre von einer Allgegenwart Gottes. Einige Verlegenheit zeigt Julius, wenn er von dieser metaphysischen Identitätslehre von Gott und der Welt ins ethische und gemüthliche Gebiet hinübergehen soll, eine Schwierigkeit, die der Spinozismus auch in der neuesten Zeitform nicht überwunden hat. Das Streben nach Vollkommenheit, das er bei allen Geistern wahrnimmt, erkennt der denkende Dichter in dem gemeinschaftlichen Trieb derselben, ihre Thätigkeit auszudehnen, alles, was sie als gut oder reizend erkennen, sich zu eigen zu machen. »Welchen Zustand wir wahrnehmen, in diesen treten wir selbst. In dem Augenblicke, wo wir sie denken, sind wir die Eigenthümer einer Tugend, Urheber einer Handlung, Erfinder einer Wahrheit, Inhaber einer Glückseligkeit. ... Unser eigener Zustand ist es, wenn wir einen fremden empfinden; die Vollkommenheit wird auf den Augenblick unser, worin wir uns eine Vorstellung von ihr erwecken; unser Wohlgefallen an Wahrheit, Schönheit und Tugend löst sich endlich in das Bewußtseyn eigner Veredlung, eigner Bereicherung auf.« Mit Recht sieht Hoffmeister in diesen spekulativen Träumen (»deren Hauptresultate wir auch in unsern Tagen, mit der Anmaßung der absoluten Wahrheit, haben wiederkehren sehen«) die glänzendste, geistreichste Darstellung des Pantheismus. Doch vollendet der Verfasser diese Bahn nicht ganz. »Wir haben Begriffe von der Weisheit des höchsten Wesens,« sagt er, »von seiner Güte, von seiner Gerechtigkeit – aber keinen von seiner Allmacht. Seine Allmacht zu beweisen, helfen wir uns mit der stückweisen Vorstellung dreier Successionen: Nichts, sein Wille , und Etwas . Es ist wüste und finster – Gott ruft: Licht! – und es wird Licht. Hätten wir eine Realidee seiner wirkenden Allmacht, so wären wir Schöpfer, wie Er. « Der gemüthliche Theil dieses Systems, Liebe überschrieben, ist auch der unklarste, und höchst wahrscheinlich derjenige, der schon vom Jahr 1781 und aus Stuttgart stammt, denn in ihm finden sich die Citate aus der Anthologie. Er erklärt die Liebe, dieses schönste Phänomen der beseelten Schöpfung, den allmächtigen Magnet in der Geisterwelt, die Quelle der Andacht und der erhabensten Tugenden, für den Wiederschein jener einzigen Kraft, des Vollkommenheitstriebes, für eine Anziehung des Vortrefflichen, gegründet auf einen augenblicklichen Tausch der Persönlichkeit, eine Verwechselung der Wesen. Aehnliche Gedanken haben wir in dem Bauerbacher Briefe an Reinwald, vom 14. April 1783 gelesen (Buch I. S. 140). »Wenn ich hasse, so nehme ich mir etwas; wenn ich liebe, so werde ich um das reicher, was ich liebe. Verzeihung ist das Wiederfinden eines veräußerten Eigenthums – Menschenhaß ein verlängerter Selbstmord; Egoismus die höchste Armuth eines erschaffenen Wesens.« Von nun an werden die Gedanken verworrener, besonders wo Julius von der Liebe zur Aufopferung übergeht. Hier tritt nun der Zweifel an der Unsterblichkeit deutlich hervor. »Rücksicht auf eine belohnende Zukunft schließt die Liebe aus. Es muß eine Tugend geben, die auch ohne den Glauben an Unsterblichkeit auslangt, die auch auf Gefahr der Vernichtung, das nämliche Opfer wirkt.« Den Glauben an Unsterblichkeit schilt er einen Egoismus, der auf Zinsen leiht, die in einem andern Leben fällig sind. Der Mann, der für eine Wahrheit stirbt, und in dessen ahnender Seele das vollständige Ideal der großen Wirkung, die sie haben wird, emporsteigt – ein solcher Mensch bedarf ihm der Anweisung auf ein anderes Leben nicht. Ob Schiller diese Gedanken haltbar tröstlich gefunden, ob er dieses System für den Hafen der Seelenruhe gehalten, in dem sich sein eigenes Lebensschiff vor Anker legen könne, werden wir im Verlaufe unserer Biographie zu untersuchen Gelegenheit finden. Nachdem Julius in Gott , als der Substanz, und in der Natur, als dem Abbilde dieser Substanz, dem Prisma des göttlichen Einen Lichtstrahls, zum Abschlusse seines Systems gekommen, ist auch er schon weit entfernt, in diesem Glaubensbekenntnisse seiner Vernunft Ruhe zu finden. »Möglich, daß das ganze Gerüste seiner Schlüsse ein bestandloses Traumbild gewesen.« Die menschliche Vernunft macht einen Kalkul, wie der Weltentdecker Columbus, »wenn sie das Unsinnliche mit Hülfe des Sinnlichen ausmißt, und die Mathematik der Schlüsse auf die verborgene Physik des Uebermenschlichen anwendet. Noch fehlt die letzte Probe zu ihren Rechnungen , denn kein Reisender kam aus jenem Lande zurück, seine Entdeckung zu erzählen.« Und alsdann schließt er: »Vier Elemente sind es, woraus alle Geister schöpfen: ihr Ich, die Natur, Gott und die Zukunft. Alle mischen sich millionenfach anders – aber Eine Wahrheit ist es, die, gleich einer festen Achse, gemeinschaftlich durch alle Religionen und alle Systeme geht –: »Nähert euch dem Gotte, den ihr meinet!« Julius hatte gestanden, daß er keine philosophische Schule gehört und wenig gedruckte Schriften gelesen. Nun erhebt sich Raphael zum Schlußworte, er, der wenigstens Eine Schrift weiter gelesen hat, als sein Freund, das neueste Orakel der Zeit, – die Kritik der reinen Vernunft . Oder wo sonst her können, bei aller ihrer Eigenthümlichkeit, der letzten Quelle nach, seine besänftigenden Sprüche stammen? Der Brief Raphaels ist zwar (vergl. Hoffmeister II, 35) erst im Jahr 1789 verfaßt, oder eigentlich gedruckt hinzugekommen; da aber eben derselbe Gewährsmann nachweist, daß diese philosophischen Briefe der Freundschaft Körners manches schuldig zu seyn scheinen, so dürfen wir wohl annehmen, daß die erste Bekanntschaft Schillers mit Kants Kritik der reinen Vernunft, wahrscheinlich durch Körners Vermittlung, in die Zeit von Schillers Aufenthalt zu Leipzig und Dresden, also zwischen 1785 und 1787 zu setzen ist, und damals zuerst (noch vor Vollendung des Don Carlos) das Kant'sche System, wenn gleich nur vom Hörensagen, bei ihm angesetzt hat. Hoffmeister selbst macht darauf aufmerksam, daß der letzte Brief Raphaels mit dem Buchstaben »K.« (Körner) unterzeichnet ist. Schwerlich hat ihn Körner, der allerdings im Jahre 1789 von Schiller getrennt war, geschrieben, sondern Schiller will dem Freunde wohl nur die durch ihn im früheren persönlichen Umgange zu Leipzig und Dresden in seine Seele gepflanzten Ueberzeugungen vindiciren. Wenigstens trägt die Form dieses Briefes das Gepräge des Schillerschen Geistes und Styls. Das tiefere, selbstständige Studium der Kant'schen Philosophie ist darum bei unserm Dichter noch keineswegs vor 179l zu setzen, wo, wie wir sehen werden, Kant von ihm erst aus den Quellen studirt wurde. »Daß ein System wie das deinige,« sagt Raphael zu Julius, »die Probe einer strengen Kritik nicht aushalten konnte, darf dich nicht befremden. Alle Versuche dieser Art, die dem deinigen an Kühnheit und Weite des Umfangs gleichen, hatten kein anderes Schicksal... Der erste Gegenstand, in dem sich der menschliche Forschungsgeist versuchte, war von jeher das Universum... Sokrates rief die Philosophie seiner Zeiten vom Himmel zur Erde herab. Aber die Gränzen der Lebensweisheit waren für die stolze Wißbegierde seiner Nachfolger zu enge. Neue Systeme entstanden aus den Trümmern der alten... Einigen gelang es sogar, den Resultaten ihres Nachdenkens einen Anstrich von Bestimmtheit, Vollständigkeit und Evidenz zu geben. Es gibt mancherlei Taschenspielerkünste, wodurch die eitle Vernunft der Beschämung zu entgehen sucht, in Erweiterung ihrer Erkenntnisse die Grenzen der menschlichen Natur nicht überschreiten zu können. Bald glaubt man neue Wahrheiten entdeckt zu haben, wenn man einen Begriff in die einzelnen Bestandtheile zerlegt, aus denen er erst willkürlich zusammengesetzt war. Bald dient eine unmerkliche Voraussetzung zur Grundlage einer Kette von Schlüssen, deren Lücken man schlau zu verbergen weiß, und die erschlichenen Folgerungen werden als hohe Weisheit angestaunt. Schiller spricht hier heute noch für die Vielen, denen die trostlose Unfehlbarkeit in den Schlüssen der Begriffsphilosophie unsrer Zeit nicht einleuchten will, und die sich dafür von den Adepten des Begriffs über die Achsel ansehen lassen müssen. Bald häuft man einseitige Erfahrungen, um eine Hypothese zu begründen, und verschweigt die entgegengesetzten Phänomene, oder man verwechselt die Bedeutung der Worte nach den Bedürfnissen der Schlußfolge. Und dieß sind nicht etwa blos Kunstgriffe für den philosophischen Charlatan, um sein Publikum zu täuschen. Auch der redlichste, unbefangenste Forscher gebraucht oft, ohne es sich bewußt zu seyn, ähnliche Mittel, sobald er einmal aus der Sphäre heraustritt, in welcher allein die Vernunft sich mit Recht des Erfolgs ihrer Thätigkeit freuen kann.« Zum Schlusse warnt Raphael seinen Julius, seine Kräfte nicht im Streben nach einem unerreichbaren Ziele zu verschwenden. Die höchste Bestimmung des Menschen sey nicht, den Geist des Weltschöpfers in seinem Kunstwerke zu ahnen. »Zwar weiß auch ich für die Thätigkeit des höchsten Wesens kein erhabeneres Bild als die Kunst . Aber das Universum ist kein reiner Abdruck eines Ideals, wie das vollendete Werk eines menschlichen Künstlers... In dem göttlichen Kunstwerke ist der eigenthümliche Werth jedes seiner Bestandtheile geschont, und dieser erhaltende Blick, dessen er jeden Keim von Energie, auch in dem kleinsten Geschöpfe würdigt, verherrlicht den Meister eben so sehr, als die Harmonie des unermeßlichen Ganzen. Leben und Freiheit im größten, möglichen Umfange, ist das Gepräge der göttlichen Schöpfung.« Von da bis zu einem Beweise der Unsterblichkeit hatte Raphael nicht weit. Vielleicht hielt ihn nur der kritische Skepticismus seines neuen Meisters zurück. Dafür ruft er seinem Julius (d.h. Schiller sich selber) zu, nicht fremde Größe im Schöpfer Im Titular-Schöpfer; denn auch hier ist, wie der Zusammenhang zeigt, der Gott Spinoza's gemeint. träge anzustaunen. »Dem edlern Menschen fehlt es weder an Stoff zur Wirksamkeit, noch an Kräften, um selbst in seiner Sphäre Schöpfer zu seyn. Und dieser Beruf ist auch der deinige.« Solcher Ueberwindung des Spinozismus, die in einer andern Zeit und für einen anders geführten Menschen durch das geoffenbarte Wort, zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts aber, wo man Jesum höchstens als einen guten Mann Wieland schreibt unterm 27. Okt. 1783 an J. H. Merk (s. dessen Briefwechsel S. 403): »Ich möchte lieber, daß die Leute meine Existenz gar läugneten, als daß sie mir, wie die Theologen, einen Charakter geben, dessen sich jeder ehrliche Kerl schämen würde. Mein einziger Trost ist, wenn ich im Evangelio lese, daß ein so guter Mensch, wie Jesus Christus war, sich eben so übel und noch übler mitspielen lassen mußte.« Diese Herren sahen also in Jesus Christus wirklich nur ihres Gleichen! gelten ließ, und auf Schillers Lebensbahn vorerst nur durch Kants Kritik möglich war, verdanken wir den Glauben des Dichters an die menschliche Freiheit, seinen erhöhten Produktionsmuth, und zunächst, als die erste reifere Frucht seines Genius, den Don Carlos , wie er in Dresden umgestaltet ward. Freundschaft. Neue Neigung, getäuscht. 1785 bis 1787. In Körner hatte Schiller endlich den rechten Freund und Geistesgenossen erhalten, und man würde diesen viel zu niedrig anschlagen, wenn man ihn nur als an Streichers Stelle getreten betrachten wollte. Der letztere, zwar durch Mutterwitz und unverdorbene Naturanlage, wie durch unschätzbare sittliche Eigenschaften höchster Achtung werth, stand doch seiner ganzen Persönlichkeit nach, an Geistesgepräge und Bildung, so weit unter seinem bewunderten Freunde, daß kein Bund zu gleichen Bedingungen möglich war, was wohl das erste Buch dieser Biographie ohne ausdrückliche Erläuterung anschaulich gemacht hat. Auch würden wir, wenn Streicher Schillers Freund nur halb in dem Sinne gewesen wäre, wie der angebetete junge Dichter das Ideal Streichers war, vom Bande dieser Freundschaft nicht erst aus dem Munde dieses Letztern etwas vernommen haben. Vielmehr gehörte der Musicus zu den Naturen, deren Tribut sich auch das gutmüthigste Genie doch gewissermassen nur gefallen läßt, und die den Lohn ihrer Aufopferung mehr in ihrem eigenen Bewußtseyn finden müssen, als in dem Herzen desjenigen, dem sie mit der größten Selbstverläugnung dienen. Unter den akademischen Freunden Schillers im engern Sinne fanden sich welche, deren Freundschaft, nach Werth und Wärme, die Probe gehalten hat; aber so lange sie mit ihm zusammenlebten, war weder ihr noch sein Geist und Charakter formirt genug, daß ihr Einfluß auf sein inneres Leben ein wesentlicher hätte seyn können. Reinwald endlich, so heilsam seine Verbindung mit Schiller für diesen letztern war, konnte doch als kränklicher Stubengelehrter nicht das Herz eines Dichters so ausfüllen, noch seine Phantasie so beschäftigen, wie von einer die Seele beherrschenden Freundschaft verlangt wird. Bei Körner dagegen waren alle Bedingungen zu einem solchen Geisterbunde gegeben. Von seiner Seite war durch Schiller das überwiegende Gewicht seines Genius in die Wagschale gelegt worden; deßwegen hatte sich auch Körner zuerst, und zwar zu seinen Füßen, eingestellt. Als sie sich aber zusammengefunden, da häufte sich auch von Seiten Körners so mancherlei in der andern Schale: Geburt und damit zusammenhängende Weltbildung und freie Bewegung, häusliches Glück als ein Asyl für den Freund, harmonische Ausbildung des Geistes, geregeltere Studien, endlich ein gemachter Charakter, an welchem Schiller selbst sich halten konnte – so daß sich fortan beide Wagschalen in ihrer Freundschaft das Gleichgewicht hielten. Wollen wir Schillers eigene Gedanken über die Freundschaft hierherziehen, so hatte er endlich nicht die gleichtönende, aber die harmonische Seele gefunden, er hatte an einem Freunde Vortrefflichkeiten entdeckt, auf welche er nach dem von ihm aufgestellten Gesetze der Liebe, ein Eigenthumsrecht geltend machen durfte. Als Schiller schon auf Jahre dieser erprobten Verbindung zurück zu blicken im Stande war, schrieb er in einem spätern Briefe an zwei Freundinnen (seine künftige Frau und Schwägerin) vom 20. Nov. 1788: »daß Ihnen Körners Briefe sein Wesen vergegenwärtigt haben, freut mich sehr. Es ist kein imposanter Charakter, aber desto haltbarer und zuverlässiger auf der Probe. Ich habe sein Herz noch nie auf einem falschen Klang überrascht; sein Verstand ist richtig, uneingenommen und kühn; in seinem ganzen Wesen ist eine schöne Mischung von Feuer und Kälte.« Und in einem noch spätern Briefe an seine Geliebte (Lotte von Lengefeld) vom 4. Dez. 1788: »Es ist mir gar lieb, zu hören, daß mein guter Körner Ihre Eroberung gemacht hat. Ich wollte, wir hätten ihn hier. Mein Herz und Geist würden sich an ihm wärmen, und er scheint jetzt auch eine wohlthätige Geistesfriktion nöthig zu haben. Sie haben sehr recht, wenn Sie sagen, daß nichts über das Vergnügen gehe, Jemand auf der Welt zu wissen, auf den man sich ganz verlassen kann. Und dieß ist Körner für mich. Es ist selten, daß sich eine gewisse Freiheit in der Moralität und in Beurtheilung fremder Handlungen oder Menschen mit dem zartesten moralischen Gefühl und mit einer instinktartigen Herzensgüte verbindet, wie bei ihm. Er hat ein freies, kühnes und philosophisch aufgeklärtes Gewissen für die Tugenden Anderer, und ein ängstliches für sich selbst. Gerade das Gegentheil dessen, was man alle Tage sieht, wo sich die Menschen Alles, und den Nebenmenschen Nichts vergeben. Freier als er von Anmaßung ist Niemand; aber er braucht einen Freund, der ihn seinen eigenen Werth kennen lehrt, um ihm diese so nöthige Zuversicht zu sich selbst, das, was die Freude am Leben und die Kraft zum Handeln ausmacht, zu (*?) geben. Er ist dort in einer Wüste der Geister. Die Kursachsen sind nicht die liebenswürdigsten von unsern Landsleuten.« Die letzten Worte dieses spätem Briefes gehören auch hierher, sofern sie beweisen, daß Schiller, abgesehen vom Umgange mit seinen Freunden, sich in Dresden nicht heimisch fühlte. Inzwischen hatte auf das nicht unbefangene Urtheil über die Kursachsen vielleicht auch ein besonderes Mißgeschick Einfluß, das seinem Herzen in dieser Hauptstadt begegnen mußte. Die erste Nachricht von dieser Neigung und ihrem Schicksal verdanken wir der Frau von Wolzogen (I, 22). Vollständiger hat uns jetzt Dr. Heinrich Döring aus K. A. Böttigers Nachlaß und den öffentlichen Mitteilungen der im Jahr 1838 in bittrer Armuth zu Hamburg verstorbenen Künstlerin, Frau Sophie Albrecht, über das ganze Verhältniß unterrichtet, und wir bedienen uns zum Theil seiner Worte. Schiller, der so lange auf dem Lande nur der Natur, dem Studium und der Poesie gelebt, scheint sich in der spätern Zeit seines Dresdener Aufenthaltes der großen Gesellschaft wieder hingegeben zu haben. Er lebte Tage über in der Zerstreuung, und benutzte oft erst die Nächte zu literarischen Arbeiten, wodurch er, schon früher angegriffen, vielleicht den Grund zu seiner späteren Kränklichkeit legte. Auch schöne Mädchen zogen jetzt die Augen des entfesselten Dichters wieder auf sich. Schon in einem Briefe vom 1. Juni 1786 schreibt er an einen Schauspieldirektor Koch in Berlin: »Als wir uns hier trennten, ist mir von einem Mädchen, das Sie gesehen haben, der Kopf so warm geworden, daß ich Ihre Adresse in Berlin darüber vergessen habe. Wir sind ja allzumal Sünder, und Sie werden ja wohl auch an die Zeiten zurückdenken, wo Sie von ein paar Augen aus dem Concept gebracht wurden.« Aber eine ernstlichere, ja glühende Leidenschaft sollte sich des Dichters in dem letzten Jahre, das er in Dresden zubrachte, bemächtigen. Unsre Leser erinnern sich aus dem ersten Buche des herzlichen, freundschaftlichen Verhältnisses, das sich im Mai 1784 zwischen Schiller und dem Albrechtschen Ehepaar, während der erstere in Frankfurt zu Besuche war, entsponnen hatte. Sophie Albrecht , die Schiller damals mit aller Gewalt von der Bühne abhalten wollte, hatte dem besorgten Freunde zum Trotz diese Laufbahn doch betreten, und nun, nach dritthalb Jahren, war sie eine gefeierte Künstlerin, und eine der ersten Zierden des Dresdner Theaters. Schiller, der alte Hausfreund, hatte sich auch jetzt wieder bei ihr eingestellt und sich in ihren schmucken Apartements wie häuslich niedergelassen. Seine Freundin pflegte zahlreiche Besuche von der eleganten Welt beiderlei Geschlechts zu empfangen. Eines Abends, als Schiller eben sich bei der Künstlerin eingefunden, erschien dort, nach der Aufführung der Ariadne auf Naxos, die Wittwe eines pensionirten sächsischen Officiers, Der Name ist seitdem genannt worden. Bei den nachfolgenden Einzelnheiten aber bleibt er besser weg. begleitet von ihren beiden erwachsenen Töchtern. Die ältere von diesen, Julie, eine hohe blauäugige Blondine, machte einen plötzlichen, tiefen Eindruck auf den Dichter. »Er stand vor ihr,« sagt Döring, »mit einer wortlosen Andacht des Gefühls und wehrte nicht der Flamme, die heimlich und verzehrend in seiner Brust aufloderte.« Das Aufflammen seiner Leidenschaft war der Freundin nicht entgangen. Als der Besuch sich entfernt, überließ sie sich der kleinen weiblichen Freude, den Verzückten über seinen Zustand zu necken. Schiller läugnete hartnäckig; aber so wie er auf einer öffentlichen Redoute, im Winter von 1786 auf 1787, Gelegenheit fand, näherte er sich dem Fräulein. Der Mutter, erzählt Frau von Wolzogen, schien die Eroberung eines schon damals als ausgezeichnet anerkannten Dichters zu schmeicheln, und die Gewalt der Reize ihrer Tochter zu verbürgen. Nach den ergänzenden Nachrichten soll die Pension der Wittwe zu ihrem Luxus nicht hingereicht, und die gewissenlose Mutter die Schönheit ihrer Töchter zu unerlaubtem Gewinne benützt haben. Männer aus allen Standen wurden angelockt, und werthvolle Geschenke wurden ihnen auf ziemlich unverschämte Weise abgepreßt. Auch der unerfahrene leidenschaftliche Jüngling war bald von diesem Zaubernetze umstrickt. Das arme Mädchen folgte in ihrer Handlungsweise den Eingebungen der Mutter. Ob Julie je wirklich etwas für den Dichter empfunden, bleibt ungewiß. Sinnlichen Augen konnte die damalige Erscheinung des Dichters nicht behagen. »Schillers gewöhnliche Kleidung,« so schildert ihn Sophie Albrecht, »bestand in einem dürftigen, grauen Rocke, und der Zubehör entsprach in Stoff und Anordnung keineswegs auch nur den bescheidensten Anforderungen des Schönheitssinnes. Neben diesen Mängeln der Toilette machte seine reizlose Gestalt und der häufige Gebrauch des Spanioltabaks einen ungünstigen Eindruck, Wer am 8. Mai 1839 unter Schillers Statue stand, über sich des Dichters verklärte Riesengestalt, dem wird es schwer, durch obige Worte seinen Heros »in den Rauch des irdischen Wesens« zu hüllen und der menschlichen Nichtigkeit einen so schweren Tribut zu bezahlen. Inzwischen erinnert die Schilderung der alten Freundin lebhaft an das Gemälde, das Horaz von einem Manne entwirft, dessen Aeußeres auch vernachlässigt war, – – – – nicht ganz für die feinen Nasen der heutigen Welt; man kann fein lachen, daß Staffeln Bäurisch entstellen das Haar, daß das Kleid ihm schlottert, und klappend Hängt am Fuße der Schuh. Doch ist es ein Trefflicher: bessern Mann nicht findest du wo. Doch birgt ein erhabener Geist sich Hinter dem lässig behandelten Leib! (Satir. 1.3.) Und nach der Versicherung eines Scholiasten war der so Geschilderte – der größte römische Dichter; es war Virgil! Auch erschien nicht jedermann Schillers Gestalt und äußerliches Wesen damals so unangenehm. Wir verweisen in dieser Hinsicht auf die unten anzuführende Schilderung seiner Schwägerin. Wer ihn wahrhaft liebte und bewunderte, der gewann an dem Herrlichen Alles lieb. »An dem Manne ist Alles liebenswürdig,« pflegte ein Jenenser Schüler von ihm zu sagen, »selbst sein Schnupftabaksfleckchen unter der Nase kleidet ihn hold,« (Bei Heinrich Voß, Briefe II, 59. Die in unserem Text unterstrichenen Worte scheinen die Auffassung Thorwaldsens von dem Bilde des Dichters zu rechtfertigen; aber ein classischer Zeuge schreibt dem Verf. (28. Nov. 1839): »Nie habe ich an Schiller, er mochte gehen, stehen oder sizen, solche kopfhängerische Senkung des Hauptes, solch verdrießliches Gesicht erblickt. Huic Deus os sublime dedit coelumque tueri Jussit et erectos ad sidera tollere vultus . Aber hierin fehlen fast alle Bildnisse Schillers; nur Danneckers kolossale Büste hat ihn mir so vergegenwärtigt, wie er leibte und lebte.« Der Wahrheit die Ehre vor Allem. den das tiefgesenkte, immer sinnende Haupt noch vermehrte.« Nur auf seiner schönen Stirne und in dem glänzenden Auge sprachen erhebende Zeichen von den großen Gedanken, die eben damals in den stillen Nächten das Manuscript seines Don Carlos füllten. Wenigstens quälte Julie den entbrannten Dichter durch berechnete Sprödigkeit, auch als er längst Erlaubniß erhalten hatte, ihr Haus zu besuchen, und während er durch werthvolle Geschenke, selbst in baaren Summen, die seiner Garderobe sehr widersprachen, und von Göschen durch Vorschüsse auf den Don Carlos herbeigeschafft wurden, ihre Neigung zu gewinnen suchte, spottete sie heimlich seiner. Ja, die falsche Geliebte hatte ihrem Verehrer »die Weisung gegeben, daß, wenn er Licht in einem gewissen Zimmer sehe, er nicht ins Haus kommen dürfe, weil sie da in Familiengesellschaft sey. Seine Freunde wußten, daß sie dann von der Mutter begünstigte Anbeter empfing. Der Kampf zwischen Vernunft und Leidenschaft begann; aber ein Zauberblick der Liebe riß ihn wieder hin.« Endlich drangen die Freunde auf seine Entfernung, und Schiller ging, mit dem halben Gefühle der Einsicht in eine Verirrung, der erfahrenen Täuschung und Enttäuschung, im Sommer 1787 nach Weimar.« Leben Schillers von Frau von Wolzogen I, 229 ff. Sie gibt den Frühling an. Machte Schiller vielleicht einen Umweg? Die Trennung soll dem Mädchen viele Thränen gekostet haben, denn wahrscheinlich war sie nicht ganz freiwillige Betrügerin. Schiller selbst schied von der Geliebten mit einer Art von Stammbuchblatt, Wenn das Datum richtig ist. Das Gedicht ist ächt und stammt von der, an die es gerichtet ist. Vergl. Dörings älteres Leben Schillers S. 120. welches nicht ganz geeignet ist, uns glauben zu machen, daß er den Betrug, der mit ihm gespielt worden, durchschaut habe, das aber für uns den Uebergang zu einem Wort über die fernere Gestaltung seiner Liederpoesie machen soll. Am 2. Mai 1787. Ein treffend Bild von diesem Leben, Ein Maskenball, hat dich zur Freundin mir gegeben. Mein erster Anblick war – Betrug. Doch unsern Bund, geschlossen unter Scherzen, Bestätigte die Sympathie der Herzen. Ein Blick war uns genug; Und durch die Larve, die ich trug, Las dieser Blick in meinem Herzen, Das warm in meinem Busen schlug. Der Anfang unsrer Freundschaft war nur – Schein, Die Fortsetzung soll Wahrheit seyn. In dieses Lebens buntem Lottospiele Sind es so oft nur Nieten, die wir ziehn. Der Freundschaft stolzes Siegel tragen viele, Die in der Prüfungsstunde treulos fliehn. Oft sehen wir das Bild, das unsre Träume malen. Aus Menschenaugen uns entgegenstralen: Der, rufen wir, der muß es seyn! Wir hoffen es, – und es ist Stein! Den edlen Trieb, der weichgeschaffne Seelen Magnetisch an einander hängt, Der uns bei fremden Leiden uns zu quälen, Bei fremdem Glück zu jauchzen drängt – Der uns des Lebens schwere Lasten tragen, Des Todes Schrecken selbst besiegen lehrt, Durch den wir uns der Gottheit näher wagen, Und leichter sich In Dörings Abdruck steht hier »selbst,« was aber die Construktion ganz stört. Das Obige ist Conjektur. das Paradies entbehrt – Den edlen Trieb, du hast ihn ganz empfunden, Der Freundschaft seltnes, schönes Loos ist dein. Den höchsten Schatz, der Tausenden verschwunden, Hast du gesucht – hast du gefunden, Die Freundin eines Freunds zu seyn. Auch mir bewahre diesen stolzen Namen, Ein Platz in deinem Herzen bleibe mein. Spät führte das Verhängniß uns zusammen, Doch ewig soll das Bündniß seyn. Ich kann dir nichts als treue Freundschaft geben, Mein Herz allein ist mein Verdienst; Dich zu verdienen will ich streben – Dein Herz bleibt mir, wenn du das meine kennst. Beginn der zweiten Lyrik Schillers. 1787 Dieß Gedicht beweist, wie edel und rein, von Seiten Schillers selbst, jenes Verhältniß immer war und geblieben ist. Sonst rühren aus dieser Periode, außer einigen minder bedeutenden Reliquien, nur drei lyrische Gedichte her, das schon besprochene Lied an die Freude, die Freigeisterei der Leidenschaft, und die Resignation. Von allen drei zusammen urtheilt eine Stimme, die wir achten, »daß sie zu dem Mächtigsten, Ergreifendsten gehören, was Schiller gedichtet hat, und daß die Gedichte der dritten Periode gegen diese immer grünen Zweige der unmittelbaren wahrsten Empfindung meistens minder frisch und blätterreich seyen; daß in ihnen Denken und Fühlen in eins aufgehe.« Mit dieser Ansicht ist der Verfasser gegenwärtiger Lebensbeschreibung, was insbesondere das zweite Gedicht betrifft, keineswegs einverstanden, und auf seiner Seite steht hier Schiller selbst, dessen Kunsturtheil der spätern Periode doch gewiß angeschlagen werden darf. Wie hätte dieser die Freigeisterei der Leidenschaft um wenigstens neun rednerische Strophen verkürzen und in dem »Kampf« überschriebenen Gedichte seiner Sammlung auf sechse reduciren können, wenn der Gedanke in diesem Liede wirklich ganz ins Gefühl aufgegangen gewesen wäre? Der Ton desselben ist in der That von dem in den Liedern der Anthologie herrschenden wenig verschieden, und wenn Schiller in seiner Sammlung nicht selbst das Jahr 1786, in welchem es im Druck erschienen ist, beigesetzt hätte, so müßte man die fingirte Zeit, »als Laura vermählt war 1782,« zugleich für die wahre Entstehungszeit halten. Die eigentliche Veranlassung des Gedichtes kennt man nicht, und denkt daher bald an das Verhältniß mit Margarethe Schwan, bald an die Leidenschaft zu dem sächsischen Fräulein. Wohl mit Unrecht; Hoffmeister II, 56 Note. Aber nicht nur die Form, sondern auch der Inhalt, eine Poetische Opposition gegen die Ehe, führen viel mehr auf eine frühere Denk- und Empfindungsweise des Dichters zurück, und in die von einem Kritiker aufgestellte Parallele mit der Liebe des Don Carlos können wir uns auch nicht ganz finden. Schiller selbst leitete dieß Gedicht und die »Resignation« mit folgenden Worten im zweiten Hefte der rheinischen Thalia ein, in welcher sie, so wie das Lied an die Freude, mit der anthologischen Chiffer Y unterzeichnet, Hoffmeister I, 281. erschienen; »Ich habe um so weniger Anstand genommen, die zwei folgenden Gedichte hier aufzunehmen, da ich von jedem Leser erwarten kann, er werde so billig seyn, eine Aufwallung der Leidenschaft nicht für ein philosophisches System und die Verzweiflung eines erdichteten Liebhabers nicht für das Glaubensbekenntniß des Dichters anzusehen.« Wir beruhigen uns bei diesen Worten und glauben nicht, daß sie dießmal ihm von der Behutsamkeit und seiner bürgerlichen Stellung als herzoglich Weimar'scher Rath eingegeben seyn können. Als er zwischen den Jahren 1800 und 1804 seine Gedichte sammelte, hatte er ja keine solche Rücksichten mehr zu nehmen und doch wurde die Freigeisterei der Leidenschaft fast um zwei Drittel verkürzt. Auch in Beziehung auf die Resignation messen wir daher der Versicherung Schillers, daß sie kein Glaubensbekenntnis des Dichters, also nicht die Gesammterfahrung eines bedrängten Lebens sey, sondern selbst auch um eine Aufwallung der Leidenschaft, gerne vollen Glauben bei. Daß diese beiden Gedichte noch vor dem Druck in hundert Abschriften in Deutschland umhergingen, und man bald weder Abschrift noch Druck bedurfte, weil sie sich so tief in das Herz und Gedächtniß der deutschen Jugend geprägt hatten, daß man sie nicht mehr auf dem Papier zu suchen brauchte, und daß die bald scheltende, bald seufzende Kritik nichts gegen die Flammen der Jünglinge vermochte, die alle für Schiller glühten, Blätter für lit. Unterh. 1836. S. 1198 ff. beweist für die absolute Vortrefflichkeit jener Lieder so wenig, als die gränzenlose Bewunderung und der jubelnde Beifall, welcher die Erscheinung der Räuber auf dem Theater von Seiten der Jugend begleitete, für ein Urtheil der Kunst gelten konnte. Es giebt keinen durch die moderne Zeit gebildeten und vor ihr nicht gewaltsam abgeschlossenen Menschengeist, dem nicht einmal in der Jugend der Streit der physischen Weltordnung mit der moralischen als ein unaufgelöstes, ja unlösbares Räthsel vorgeschwebt hätte. Diesen unausweislichen Zweifeln hat Schiller in dem Gedichte »Resignation« das Wort geredet, und darum erhält es bis auf den heutigen Tag fast von jedem Menschenleben unter den Gebildeten in einer gewissen Periode eine mehr oder minder feierliche und begeisterte Beitrittserklärung. Die Beweggründe dieses Beifalls sind aber doch in der That der Poesie selbst ziemlich fremd. Die noch so allgemeine Zustimmung der Jugend möchte eben so wenig für die poetische Mächtigkeit dieses Gedichtes beweisen, als der Abscheu, den hier und da das reifere Alter, mit eben so dogmatischer Zuversicht, gegen dasselbe äußert. Noch erinnere ich mich lebendig einer Unterredung, die in den ländlichen Alleen des Schloßgartens von Fontenay aux roses , unweit Paris, im April 1827 ein angesehener, geistreicher Mann der Restauration mit mir über die Bildung der deutschen Jugend anknüpfte, und in welcher dieser mit dem Ausdrucke einer nicht erkünstelten Entrüstung von dem Gedichte Schillers la resignation , noch mehr aber von der Gewohnheit sprach, dieses und ähnliche Blasphemien der Jugend Deutschlands in die Hände zu geben. Ich war mit ihm gekommen, und fuhr mit ihm in seinem Wagen nach Paris zurück; aufgereizt durch meine Apologie, nicht der Grundsätze, sondern des Gedichtes und Dichters, rief er auf einem Schauplatze revolutionärer Greuel, dem wir vorüberfuhren, nachdem wir seit jenem Gespräche wenig Worte mit einander gewechselt – plötzlich aus: Discite justitiam moniti et non temnere Divos! Diesem redlichen Eiferer war der Dichter der Resignation als ein Gottesläugner erschienen. S. Ein wahrer Fortschritt dichterischen Lebens ist doch nur in dem Lied an die Freude wahrzunehmen, das in so fern allein den entschiedenen Namen des Liedes verdient, als es von allen bisherigen Gedichten Schillers, mit Ausnahme des Räuberlieds, das einzige ist, das wahrhaft sangbar befunden, und mehrfach, unter andern von Zelter und Zumsteeg, komponirt worden ist. Was der letztere sonst von frühern Gedichten Schillers als Jüngling in Musik zu sezen versuchte, darüber hat die Zeit den Stab gebrochen. Mit diesem Liede hat Schiller viele böse Angewöhnungen der Reflexion und Rhetorik abgelegt, ohne jedoch seine Lyrik jenen außerpoetischen Mächten ganz zu entziehen: denn mit Recht wird auch diesem Gedichte vorgeworfen, daß es mit Ideen und abspringenden Bildern überladen sey, auch die ganze Moral des Dichters, ja noch mehr als diese, umfasse. Aber doch herrscht eine Begeisterung in demselben, die kein polemischer Hader mit eignen oder fremden Vorurtheilen lähmt und zerstört, und die sich jedem Singenden, er mag so kritisch gestimmt seyn als er will, zu Zeiten schon mitgetheilt hat. Und so ist denn nicht zu bezweifeln, daß Schiller in der lyrischen, so gut wie in der dramatischen Poesie einen bedeutenden Fortschritt an den neuen Heerd seiner Dichterbildung mitgenommen habe. Erster Eintritt in Weimar. »Ich bin jetzt, wonach ich mich so oft gesehnt habe, in Weimar und wähne in Griechenlands Ebenen zu wandeln. Der Herzog ist ein vortrefflicher Fürst, ein wahrer Vater der Künste und Wissenschaften, von denen ich hier auch keine einzige verwaist getroffen habe, du müßtest denn das steife Ceremoniell der Höfe in die ernste Reihe der Künste und Wissenschaften aufnehmen wollen. d.h.: Nur das Hofceremoniell ist als Wissenschaft in Weimar nicht anzutreffen. Er denkt dabei an den Hof des Herzogs Karl zu Ludwigsburg. Du kennst die Männer, auf welche Deutschland stolz seyn kann: einen Herder, Wieland und andere; und Eine Mauer umschließt mich jezt mit ihnen. Wie vieles Treffliche hat nicht Weimar! – Ich denke hier, wenigstens im Weimarischen, mein Leben zu beschließen, und endlich einmal ein Vaterland wieder zu erhalten.« So schrieb Schiller bald nach seiner Ankunft in Weimar an einen Freund zu Ludwigsburg, und sprach freudig eine Ahnung aus, die in Erfüllung gegangen ist. Er war durch seine Freundin, Frau von Kalb, welche ihren bisherigen Aufenthalt zu Mannheim mit Weimar vertauscht hatte, dorthin eingeladen worden und im Juli 1787 daselbst eingetroffen, nachdem er seine Geliebte zu Dresden, wenn die Fabel wahr ist, mit dem schwärmerischen Versprechen abgefunden, entweder zu sterben, oder bald nach Dresden zurückzukehren. Durch seinen Besuch in Weimar war ein längst gehegter Plan zur Ausführung gekommen; denn schon am 24. Mai 1786 hatte sein alter Freund Schwan, der auf einer Rückreise von Leipzig nach Mannheim Weimar berührte, einen Brief des Dichters an Wieland mitgenommen, in welchem dieser klagte, wie sein gutes Glück bisher nicht gewollt habe, daß er den Wunsch verwirklichte, ihn persönlich kennen zu lernen, und daß diese Freude noch in der Zukunft für ihn aufbehalten liege. Was inzwischen Schiller vom Fürsten und Hofe zu Weimar rühmt, lernte er erst allmählig und zum Theil ziemlich spät kennen. Früher war er im Kreise der dortigen schönen Geister aufgenommen und willkommen geheißen. Göthe zwar war damals noch in Italien; Herder zog ihn, doch ohne Wärme, an; mit väterlicher Zuneigung kam ihm Wieland zuvor: Schiller hoffte schöne Stunden bei ihm. »Wieland ist jung, wenn er liebt,« schrieb er damals an einen Freund. Fr. v. Wolzogen I, 223. Ueber das literarische Leben am Hofe zu Weimar mag die Schilderung einer scharf zeichnenden, beredten Feder an unserer Statt sprechen. Theodor Mundt, K. F. v. Knebels Leben, in dessen von Varnhagen u. Mundt herausgegebenem Nachlasse, I. XXI ff. »In Weimar wehte seit Jahrzehenden eine Luft, die einem dichterischen Gemüth wohlthuend entgegenkommen mußte. In stiller Pflege regte sich hier ein geistiges Gedeihen, das immer bedeutsamer in das Leben des übrigen Deutschlands übergriff, und unter den Schutz einer großgesinnten, geistvollen Frau gestellt war, die das nicht geringere Talent, Talente auf die rechte Art zu begünstigen und um sich zu versammeln, mit so seltenem Erfolg auszuüben verstand. Aus einem kleinen, zusammengedrängten Blüthenpunkt in Deutschland sollte ein Gipfel der Nationalcultur erreicht werden, der, nach der unglücklichen historischen Organisation der Deutschen, freilich nur ein literarischer war. – In einer frühen Zeit des deutschen gesellschaftlichen Lebens war Herzogin Amalie eine feine und anmuthige Gestalt, die mit einer ungewöhnlichen Gründlichkeit der Bildung, Geschmack, Sinn für das Schöne und Grazie in den Lebensformen vereinigte, wie es in Deutschland, besonders unter den Frauen, noch etwas selten Gesehenes war. Von ihrem Liebling Wieland hatte sie viel gelernt und angeeignet. Einen thätigen und umsichtigen Geist bewährte sie schon in ihrem neunzehnten Jahr, wo sie als Wittwe des Herzogs Ernst August Constantin die vormundschaftliche Regierung für ihren Sohn übernahm und mit einem praktischen Sinn, der ihr unter größern Verhältnissen eine weltgeschichtliche Wirksamkeit hätte verschaffen können, die glücklichsten Anstalten für das materielle Wohl und die geistige Bildung und Veredlung ihres Ländchens traf. Von Wieland, den sie zum Erzieher ihres Sohnes Carl August gewählt hatte, erlernte sie selbst noch in spätern Jahren das Griechische, und mit dem Lateinischen war sie so vertraut, daß sie mehrere Elegieen des Properz übersetzte, die noch handschriftlich vorhanden sind. Der Kreis der ausgezeichnetsten Männer, die sie durch den Reiz ihrer Persönlichkeit gewiß nicht minder als durch ihren verstehenden und eindringenden Geist um sich versammelte und festhielt, erweiterte sich bald immer glänzender. (Knebel war im Jahr 1773 nach Weimar gekommen.) Herder kam im Jahre 1776, etwas früher Göthe, nachdem kurz zuvor der nachherige Großherzog Carl August die Zügel der Landesregierung übernommen. Schiller war der Späteste, der sich diesem auserlesenen Verein anschloß. Andere Geister, wie Böttiger, Musäus, Bode, Seckendorf, Einsiedel fanden sich abwechselnd hinzu und rundeten den schönen Kreis aus. Diese Verhältnisse schienen zugleich einigermaßen wichtig für die Begriffe von den Ständeunterschieden in Deutschland; denn das geistige Verdienst hatte hier auch in seiner Beziehung zur Gesellschaft eine Geltung zu gewinnen angefangen, die bis dahin ihm nichts allgemein Zugestandenes war, und man sah es in eine vertraute Nähe zu Fürsten und Thron treten, in der es auf die siegreichste Weise die Vermittelung sonst noch so scharfgetrennter Lebensverhältnisse unternahm.« Was uns übrigens Schillers Schwägerin von dem anfänglichen Verhalten unsers Dichters zu diesem Kreise erzählt, A. a. O. I, 224. beweist, daß der Schilderer, der uns eben verlassen, sehr Recht hat, wenn er hinzufügt, daß aus solchen Verhältnissen dennoch mehr hätte werden können, als wirklich daraus wurde, und daß der aristokratische Geist dieser Zeit noch zu mächtig war. Nach der Versicherung dieser Biographin »wirkte die weimarische Welt im Ganzen mehr bildend als belebend auf Schiller. Der Ton der Gesellschaft war kritisirend, mehr ausweichend als entgegenkommend. Von rheinländischer Liberalität und schwäbischer Herzlichkeit war wenig zu finden. Im Hause der Herzogin Amalia war man mit Studien und Zurüstungen zur italienischen Reise beschäftigt, der Herzog, viel abwesend, scheint damals keinen besondern Antheil an Schiller bezeigt zu haben, und der eigentliche Hofcirkel war abgeschlossen. Die vorzüglichsten Geister übten so großen Einfluß, daß überall Literatur Gegenstand der Unterhaltung war; aber im Grunde ward mehr darüber geschwatzt als gedacht, und das eigentliche Leben, dessen Schiller bedurfte, um sich heiter zu erhalten, fehlte.« Wirklich zeigen auch die lebensvollen prächtigen Briefe des Herzogs Carl August und die ebenso anmuthigen als natürlichen seiner Mutter, der Herzogin Amalie, an Knebel, jene gar keine Spuren von Schiller, diese weder vor dem 20. Dez. 1790 noch nach demselben irgend eine Spur: doch geht so viel daraus hervor, daß im Laufe des Jahres 1787 die Herzogin und ihr Sohn beide häufig von Weimar abwesend, und der leztere auch durch Kränklichkeit gestört war. Aber die Herzogin Amalie blieb überhaupt vermöge ihrer Geistesrichtung dem Genius Schillers fremd. »Seitdem ich wieder in Deutschland bin,« (d. h. seit dem Schlusse des Jahres 1789,) schreibt sie an Knebel aus Weimar vom 7. Februar 1791, »habe ich leider gefunden, daß die deutsche Literatur nicht an Geschmack und Feinheit zugenommen, sondern vielmehr verloren hat; das Wenige, was ich davon gesehen habe, ist kaum zu verdauen.« Eben damals aber machte Schillers dreißigjähriger Krieg das allgemeinste Aufsehen, und die Herzogin selbst kannte diesen, und hatte vom »Kalender Schillers« einige Wochen zuvor gesprochen. Indessen scheinen die Herrschaften doch freundliche Blicke schon im Jahr 1787 auf Schiller geworfen zu haben, denn dieser schreibt muthmaßlich aus derselben Zeit, obgleich das Datum fehlt, an seinen Freund nach Ludwigsburg etwas gnadentrunken: »Unbeschreiblich glücklich bin ich, wenn anders die Bekanntschaft mit Großen der Erde ein Glück zu nennen ist. Doch, ich habe ja nicht große, ich habe weise und gute Menschen gesehen; ich habe gefunden, daß Künste und Wissenschaften, Weisheit und Tugend, auch von den Thronen herab Kenner und Verehrer finden. Die Herzogin Amalie von Weimar (du kennst sie gewiß auch, sie, die geistvolle Dame und gepriesene ehemalige Regentin) – ich habe sie gesehen – habe mich mit ihr unterhalten dürfen; und – rathest du wohl, wer mir den Zutritt zu ihr verschaffte? – Göthe war es. Kopfschüttelnd stehst du da, und ich gebe deinem Kopfschütteln meinen Beifall, denn es lehrt mich, künftig nie Menschen rasch und nach gefaßten Vorurtheilen zu beurtheilen. Göthe ist wahrlich ein guter Mensch, und mag er auch Manches gegen sich haben, so kommt doch dieses nicht aus ihm selbst.« Nur wenige Lebensbeschreiber Schillers haben meines Wissens von diesem Briefe Gebrauch gemacht, dessen Aechtheit, obgleich er nicht in die geschicktesten Hände gerathen war, kaum bezweifelt werden kann. Freilich scheint derselbe einen Widerspruch zu enthalten. Noch ein Dreiviertelsjahr später (2. Mai 1788) wurde, nach Schillers eigner Versicherung, Göthe erst aus Italien erwartet, und doch war unser Dichter in dem Cirkel der Herzogin Amalie damals, wie es scheint, schon lange eingeführt. »Die verwittwete Herzogin,« sagt er, »ist eine Dame von Sinn und Geist, in deren Gesellschaft man nicht gedrückt ist.« Wie lassen sich diese widerstreitenden Aeußerungen vereinigen? Entweder ist Schiller mit Göthe (den er vorher nur einmal, noch in der Akademie, von ferne gesehen hatte) und mit der Herzogin Amalie schon vor seiner Reise nach Weimar, in Frankfurt oder in Darmstadt zusammengetroffen, wovon man aber nicht die mindeste geschichtliche Spur hat, und wogegen seine Aeußerungen, nachdem er später in Rudolstadt den berühmten Dichter von Angesicht zu Angesicht gesprochen, zu zeugen scheinen; oder aber Göthe hat aus der Ferne an Schillers literarischer Erscheinung schon einigen Antheil genommen und ihm den Zutritt zu der Herzogin auf brieflichem Wege bewirkt. Und für diese Empfehlung dankte dann Schiller dem großen Mann in jenem Brief an seinen Freund und Landsmann im Herzen und von Herzen. Wie dem auch sey, er war in den prunklosen Zimmern zu Tieffurth , dem romantischen Dorfe an der Ilm, wo, eine Viertelmeile von Weimar, in dem herzoglichen Lustschloß und Park, so viel Geist, Bildung und Herzensgüte leuchtete, schon damals kein Fremdling mehr. Dennoch versichert uns seine Schwägerin, daß Schillers Stimmung im Ganzen eine trübe war, und daß er sich, vielleicht aus eigener Schuld, sehr isolirt fand. Nur bei Wieland und bei Frau von Kalb, die ihn wohl mit anderen Hoffnungen nach Weimar gerufen hatte, war ihm wohl; hier und da genoß er auch einen heitern Abend mit Riedel, dem Erzieher des Kronprinzen, und einem jezt verschollenen Schriftsteller Namens Schulz; in einem wöchentlichen Club der Familien Bode, Bertuch und Anderer sah er auch größere Gesellschaft und unterhielt sich hier mit einer Partie Whist; mit dem Geheimen Rathe Schmid, der früher mit Klopstock verbunden war, führte er oft interessante Gespräche über Richardsons Clarisse, welche beide Männer sehr hoch hielten. Ein verbindliches Gedicht Schillers an Schmids Tochter findet man bei Boas I, 67. Das Theater beschäftigte damals seinen Geist wenig. »Sein guter Genius hatte indessen für eine neue Richtung des Lebens gesorgt. Am Ende des Oktobers machte er eine Reise nach Meiningen zu seiner dort an seinen Freund Reinwald verheiratheten ältesten Schwester, und zu der treuen Freundin Frau von Wolzogen, die sich eben der Anwesenheit ihres Sohnes erfreute. Diese Reise führte ihn in neue Verhältnisse.« Fr. v. Wolz. I, 225. ff. Ausflug nach Rudolstadt. Die Familie von Lengefeld. A. a. O. I, 227 ff. 1787. Zu Rudolstadt, am Ufer der sanft gekrümmten Saale, in einem reizenden dreifachen Thal mit seinen großgezeichneten blauen Gebirgen und nahen waldumkränzten Anhöhen, lebte eine Frau von Lengefeld mit ihrer ältern Tochter Caroline, damals Gattin des Rudolstadtischen Hofraths Freiherrn von Beulwitz, und ihrer jüngeren Tochter Charlotte, in der kleinen, in jener Zeit todten und einförmigen Residenz, fern von den Reizen und Wechseln des geselligen Lebens. Der Vater, ein rühmlichst bekannter Forstmann, einst, zu Ende des siebenjährigen Krieges zu Leipzig einer Unterredung mit Friedrich dem Großen und vortheilhafter Anträge von diesem gewürdigt, hatte, am linken Bein und rechten Arm seit dem zwanzigsten Jahre gelähmt, diesem Rufe nicht folgen zu dürfen geglaubt, und in dieser Einsamkeit der sorgfältigern Erziehung seiner zwei Töchter gelebt. Er fand bei seiner Gattin, die gleichfalls besser erzogen und empfänglich für alles Schöne war, in diesem heiligen Geschäfte die gewünschte Unterstützung. Während die Töchter ihr Herz und Gemüth durch ansprechende Bücher zu bilden bemüht waren, so daß Schiller späterhin oft scherzend gegen sie behauptete, man werde es ihnen noch immer anmerken, daß sie mit dem Grandison aufgewachsen seyen, machte der Vater auf zweierlei Weise ihr Leben in der Phantasie unschädlich: durch sorgsame Ausbildung ihres Körpers in muntern Spielen und durch die Entwicklung ihres Verstandes, in den seine klare und weite Weltansicht nicht auf dem Wege des Unterrichts, sondern in heitern Tischgesprächen anregend überging. »Sie lernten den Geist erkennen und schätzen, der alle Erscheinungen auf ihren Ursprungs auf ihren Grund zurückführt. Die Welt, die sie sich hinter ihren blauen Bergen dichteten, gewann im Lichtblick seines Verstandes feste Umrisse. Sie lernten zeitig ahnen, was sie suchen sollten. Ein Gefühl des wahren Werthes der Menschen, der männlichen Würde insbesondere, faßte Wurzel in ihnen, denn die verehrte Gestalt des Vaters, welche Festigkeit in Grundsätzen der Ehre und schönen Sitte ausdrückte, war ihr reines Abbild.« Diesen Vater hatte den Töchtern der Tod entrissen, als Caroline dreizehn und Charlotte zehn Jahre alt war. Der älteren Tochter bot sich schon im sechzehnten Jahre ein Heirathsantrag dar; die jüngere war zu einer Hofdamenstelle in Weimar bestimmt. Damit sie sich Fertigkeit in der französischen Sprache und den nöthigen Weltton aneignen könnte, hatte die Mutter eine Zeit lang in der welschen Schweiz gelebt. In der (goldkörnerreichen) Sammlung von Göthe's Briefen an Lavater, herausgeg. v. Heinr. Hirzel (Leipz. Weidmann 1833), findet sich S. 156 folgendes Billet: »Frau von Langefeld (lies Lengefeld) mit ihren beiden Töchtern und Hrn. v. Beulwitz aus Rudolstadt werden dir, l. Bruder, kraft dieses empfohlen, und das Maaß des Guten, was du ihnen geben willst und kannst, deinem Gefühle und den Umständen überlassen, in denen sie Dich antreffen werden.« »Weimar den 7. Apr, 83. »G.« Die Familie war mit den Wolzogen zu Bauerbach verwandt, und als sie im Mai 1784 aus dem Alpenlande zurückkehrten und auf der Solitude mit Frau v. Wolzogen einen Besuch bei Schillers Eltern abgestattet, erschien dieser selbst bei ihnen in Mannheim, wie sie eben abreisen wollten. »Seine hohe, edle Gestalt,« erzählt die ältere Tochter, Frau v. Wolzogen a. a. O. S. 227. seitdem Schillers Schwägerin und in ganz Deutschland als geistreiche Schriftstellerin geehrt, »frappirte uns; aber es fiel kein Wort, was lebhafteren Antheil erregte. Die mannigfachen und großen Gegenstände, von denen wir so eben geschieden waren, füllten unsre Seele... So sahen wir Schiller zum erstenmal, wie aus einer Wolke wehmüthiger Sehnsucht, die uns nur schwankende Formen erblicken ließ.« Nach der Heimkehr aus der Schweiz lebte die Mutter mit den Töchtern in dem kleinen Saalethal, in welchem die ältere durch Verheirathung zu bleiben bestimmt war. Die jüngere Tochter, Charlotte v. Lengefeld, hatte nach der Schilderung ihrer Schwester, »eine sehr anmuthige Gestalt und Gesichtsbildung. Der Ausdruck reinster Herzensgüte belebte ihre Züge, und ihr Auge blitzte nur Wahrheit und Unschuld. Sinnig und empfänglich für alles Gute und Schöne im Leben und in der Kunst; hatte ihr ganzes Wesen eine schöne Harmonie. Mäßig, aber treu und anhaltend in ihren Neigungen, schien sie geschaffen, das reinste Glück zu genießen. Sie hatte Talent zum Landschaftzeichnen, einen seinen und tiefen Sinn für die Natur, und Reinheit und Zartheit in der Darstellung. Auch sprach sich jedes erhöhte« Gefühl in ihr oft in Gedichten aus, unter denen einige, von der Erinnerung an lebhaftere zärtliche Herzensverhältnisse eingegeben, voll Grazie und sanfter Empfindung sind.« Das Glück dieser jüngern Schwester war die herzlichste Sorge, ja die einzige Lebenshoffnung der ältern, da diese sich in einer Stimmung befand, die sie ihr eigenes Glück ganz aufgeben hieß. In der Schweiz durch unvorsichtiges Baden in dem kalten Genfersee von einer Nervenkrankheit befallen, glaubte sie nur auf ein kurzes Leben rechnen zu dürfen. Dieß Leben widmete sie ganz der Schwester, da das Gemüth dieser letzteren durch eine erwiederte Neigung, deren Hoffnungslosigkeit den Geliebten über die See nach einem andern Welttheile getrieben hatte, seit einiger Zeit wund und bewegt war. Diese Schwester aber war von der Vorsehung unserm Schiller aufgehoben, und was in Bauerbach für seinen Charakter und seinen Genius zu frühe war, sollte den gereifteren Mann hier im ebenso abgeschiedenen, aber lieblicheren Thale mit verjüngter Huld und Anmuth überraschen und auf sein ganzes Leben hinaus dauernd beglücken. Jetzt endlich sollte auch an ihm in Erfüllung gehen, was der geistliche Dichter, der einer der Lieblinge seiner frommen Jugend war, in den rührend schlichten Worten singt, in welchen sein Geist die Paare sieht, die in des Himmels Rath einander bestimmt sind, hier ein trefflicher Sohn, dort eine edle Tochter, die getrennt und sich gegenseitig unbekannt einander zuwachsen. Eines ist des andern Kron', Eines ist des andern Ruh', Eines ist des andern Licht, Wissens aber beide nicht. »Keine Kunststraße führte damals noch in das kleine Thal; ein Fremder,« erzählt Frau v. Wolzogen, »war ein Phänomen, hinter den grünen Bergen. Da kamen an einem trüben Novembertage des Jahres 1787 zwei Reiter die Straße herunter. Sie waren in Mäntel eingehüllt; wir erkannten unsern Vetter, Wilhelm v. Wolzogen, der sich scherzend das halbe Gesicht mit dem Mantel verbarg; der andere Reiter war uns unbekannt und erregte unsere Neugierde.« Der Vetter nannte den berühmten Namen Schiller , erzählte, daß er von der Freundin in Bauerbach komme, und bat um die Erlaubniß, ihn Abends in die Familie einführen zu dürfen. In diesem Kreise fühlte sich Schiller bald wohl und frei; sein Herz schloß sich in dem Umgange mit Frauen, die unbefangen und voll Herzenswärme alles Geistige umfaßten, schnell auf. Ohne schriftstellerische Eitelkeit verbarg er doch den Wunsch nicht, daß die neuen Freundinnen auch seinen Don Carlos kennen lernen möchten, und freute sich, als die Briefe von Julius an Raphael einen Anknüpfungspunkt für das Gespräch bildeten. Ihm ward so heimathlich, daß noch an jenem Abende der Gedanke, sich dieser Familie anzuschließen, in ihm aufzudämmern schien, und er beim Abschiede den Plan aussprach, den nächsten Sommer in diesem schönen Thale zu verleben. Die beiden Freunde, die zusammen gekommen waren, sollten in der Folge zusammen hier das Glück ihres Lebens finden. Wilhelm v. Wolzogen (nachmals der zweite Gatte Carolinens) hatte das Bild der holden Anverwandten schon in der Akademie in das Herz aufgenommen. Er bereitete sich jetzt zu einer Reise nach Paris vor, wo er Architektur studiren wollte, aber wünschte nichts sehnlicher, als einst in der Nähe der Freundinnen leben zu können; und der Dichter schied mit dem gleichen Verlangen. Rückkehr nach Weimar. Entschiedene Neigung. 1788. Am 20. Dezember befand sich Schiller wieder an der Ilm und meldete seiner Freundin, Frau v. Wolzogen zu Bauerbach, daß er an den Lengefeld in Rudolstadt eine sehr hochachtungswerthe und liebenswürdige Familie gefunden. »Ich kann,« sagte er, »nicht anders, als Wilhelms guten Geschmack bewundern, denn mir selbst wurde so schwer, mich von diesen Leuten zu trennen, daß nur die dringendste Nothwendigkeit mich nach Weimar ziehen konnte. Wahrscheinlich werde ich aber diese Nachbarschaft nicht unbenutzt lassen und, so bald ich auf einige Tage Lust habe, dort seyn.« In Weimar vergrub er sich, mit den Niederlanden beschäftigt, bald wieder unter Folianten und alte staubige Schriftsteller, und zehrte, nach seiner Versicherung, von der Erinnerung der zehn fröhlichen Tage, die er in Bauerbach zugebracht, aber gewiß noch viel mehr von dem Abende, den er zu Rudolstadt verlebt. Unverkennbar zeigt ein Brief, welchen er im Januar des Jahres 1788 an seinen Freund Körner nach Dresden schrieb, die aufkeimende Neigung zu Charlotte v. Lengefeld. »Ich bedarf eines Mediums, durch das ich die andern Freuden genieße. Freundschaft, Geschmack, Wahrheit und Schönheit werden mehr auf mich wirken, wenn eine ununterbrochene Reihe feiner, wohlthätiger, häuslicher Empfindungen mich für die Freude stimmt und mein ernsteres Wesen wieder durchwärmt. Ich bin bis jetzt, ein isolirter, fremder Mensch, in der Natur herumgeirrt und habe nichts als Eigenthum besessen. Ich sehne mich nach einer bürgerlichen und häuslichen Existenz. Ich habe seit vielen Jahren kein ganzes Glück gefühlt, und nicht sowohl, weil mir die Gegenstände dazu fehlten, sondern darum, weil ich die Freuden mehr naschte als genoß, weil es mir an immer gleicher und sanfter Empfänglichkeit mangelte, die nur die Ruhe des Familienlebens giebt.« Die Gedanken, mit welchen er sich hier trug, machten ihm allmählig auch den Aufenthalt zu Weimar angenehmer. Sein Kreis von interessanten Bekanntschaften hatte sich hier erweitert, er war nun auch mit Bertuch durch den Club bekannt geworden. Am vollständigsten spiegelt sich seine Lage in einem Briefe an seinen treuen Freund Schwan zu Mannheim vom 2. Mai 1788. »Die Ruhe und Leichtigkeit Ihrer Existenz,« schreibt Schiller an den Hofkammerrath und Buchhändler, »die in Ihrem Briefe athmet, hat mir sehr viele Freude gemacht, und ich, der ich noch im ungewissen Meere, zwischen Wind und Wellen, umgetrieben werde, beneide Ihnen diese Gleichförmigkeit, diese Gesundheit des Leibes und der Seele. Mir wird sie erst später als eine Belohnung für noch zu überstehende Arbeit zu Theil werden. Ich bin nun fast drei Vierteljahre hier. Nach Vollendung meines Carlos hab' ich endlich diese längst projektirte Reise ausführen können. Wenn ich aufrichtig seyn soll, so kann ich nicht anders sagen, als daß es mir hier ungemein wohl gefällt, und der Grund davon ist leicht einzusehen: die möglichste bürgerliche Unangefochtenheit und Freiheit, eine leidliche Menschenart, wenig Zwang im Umgang, ein ausgesuchter Cirkel interessanter Menschen und denkender Köpfe, die Achtung, die auf literarische Thätigkeit gelegt wird; rechnen Sie noch dazu den wenigen Aufwand, den ich an einem Ort, wie Weimar, zu machen habe, – warum sollt' ich nicht zufrieden seyn?«   »Mit Wieland bin ich ziemlich genau verbunden, und ihm gebührt ein großer Antheil an meiner jetzigen Behaglichkeit, weil ich ihn liebe und Ursache habe zu glauben, daß er mich wieder liebt. Weniger Umgang hab' ich mit Herdern , ob ich ihn gleich als Menschen, wie als Schriftsteller, hoch verehre. Der Eigensinn des Zufalls trägt eigentlich die Schuld; denn wir haben unsere Bekanntschaft ziemlich glücklich eröffnet. Auch fehlt es mir an Zeit, immer nach meiner Neigung zu handeln. Mit Boden kann man nicht genau Freund seyn. Ich weiß nicht, ob Sie hierin denken, wie ich.«   Andres aus diesem Hauptbriefe, von dem auch oben schon etwas gegeben worden, soll später mitgetheilt werden. Schwan hatte dem Dichter sein und Schubarts Bild im Kupferstiche geschickt; er fand das letztere weniger treffend, wiewohl dieß »sowohl an seinem schlechten Gedächtniß, als an der Lohbauer 'schen Zeichnung liegen könne.«... »Ihre lieben Kinder,« fährt er fort, »grüßen Sie von mir recht sehr. Im Wieland'schen Hause wird mir noch oft und viel von Ihrer ältesten Tochter erzählt: sie hat sich da in wenigen Tagen sehr lieb und werth gemacht. Also steh' ich doch noch bei ihr in einigem Andenken? In der That, ich muß erröthen, daß ich es durch mein langes Stillschweigen so wenig verdiene.« Nach dieser liebenswürdigen Erinnerung an die alte Liebe wendet er sich Stuttgart und überhaupt seiner ersten Heimath, Schwaben, zu: »daß Sie in mein liebes Vaterland reisen und dort meinen Vater nicht vorbeigehen wollen, war mir eine sehr willkommene Nachricht. Die Schwaben sind ein liebes Volk, das erfahr' ich je mehr und mehr, seitdem ich andere Provinzen Deutschlands kennen lernte. Meiner Familie werden Sie sehr werth und willkommen seyn. Wollen Sie sich mit einem Pack Complimente von mir dahin beladen? Küssen Sie meinen Vater von mir, und Ihre Tochter soll meiner Mutter und meinen Schwestern meinen Gruß bringen.« Die vertraute Bekanntschaft Schillers mit Wieland trug ihm Früchte für diesen und das Publikum im deutschen Merkur, den der berühmte Mann bekanntlich vom Jahre 1773 bis weit über Schillers Tod hinaus (1810) herausgegeben hat. Schon am Schlusse des Jahres 1787 erklärte Wieland, Schiller werde künftig vielleicht jedes Monatsstück mit einem Aufsatze von seiner Hand zieren, die schon in ihren ersten Versuchen den künftigen Meister verrathe, und nun, da sein Geist den Punkt der Reife erreicht habe, die Erwartungen rechtfertige, die sich das Publikum von dem Verfasser des Fiesko von Genua und des Don Carlos zu machen Ursache gehabt. »Da ich selbst,« schließt er, »vom Mittagspunkte des Lebens schon einige Jahre herabsteige und täglich mehr Gelegenheit habe, an mir selbst zu erfahren, wie wahr das Virgil'sche facilis descensus Averni Seine eigentliche Fahrt in den Avernus verschob indessen Wieland bekanntlich noch um ein Vierteljahrhundert. in mehr als Einem Sinne ist, so gereicht es mir zu nicht geringer Ermunterung, diesen vortrefflichen jungen Mann meiner Seite zu sehen, und mit solcher Unterstützung darf ich sicher hoffen, den deutschen Merkur seinem ersten gemeinnützigen Zwecke in Kurzem auf eine sehr merkliche Weise näher zu bringen.« Aus Grubers Leben Wielands bei Hoffmeister II, 60. Schiller ließ wirklich seine eigene Zeitschrift, die Thalia, von der 1787 gar nichts und 1788 nur das fünfte Heft mit der Fortsetzung des Geistersehers erschien, zurücktreten; dagegen beschenkte er den deutschen Merkur in den Jahren 1788 und 1789 mit den Göttern Griechenlands , den Künstlern , einem Fragmente der niederländischen Geschichte, den Briefen über Don Carlos , und andern prosaischen Aufsätzen, die neben den Beiträge von Göthe, Herder und Kant ihre würdige Stelle einnehmen. Unser Freund lebte in Weimar ganz anders und viel regelmäßiger, als zu Dresden. Er verließ sein Zimmer nur wenig und gönnte sich nur selten einen Spaziergang in dem lieblichen, vom Felsenbette der Ilm durchbrochenen Parke; aber er arbeitete nie bis in die späte Nacht, sondern legte sich gewöhnlich um zehn Uhr zu Bette. Seine Mittagsmahlzeit war äußerst frugal; Abends begnügte er sich mit Butterbrod und einer Flasche Bier; alle vier Wochen erschienen Hufeland, Riedel und Schulz bei ihm auf sokratische Gespräche, einen Sardellensalat und eine Flasche Petit Bourgogne. Dennoch reichte auch bei so mäßiger Lebensweise noch immer seine Baarschaft nicht zu seinem Unterhalte hin, und in einem Briefe des Jahres 1795 (22. August, Freitag Abends) an Göthe erinnert er sich, wie er einmal vor sieben Jahren in Weimar saß und ihm alles Geld bis etwa auf zwei Groschen Porto ausgegangen war, ohne daß er wußte, woher neues zu bekommen. »In dieser Extremität denken Sie sich meine angenehme Bestürzung, als mir eine längst vergessene Schuld der Literaturzeitung an demselben Tage übersendet wurde. Das war in der That Gottes Finger.« Noch im Winter 1788 sollte er Charlotten v. Lengefeld in Weimar wieder sehen. Um diese, die noch immer über den verschwundenen Geliebten trauerte, zu erheitern, veranlaßten Mutter und Schwester einen mehrmonatlichen Aufenthalt in dieser Residenz, wohin sie auch die Aussicht auf die Hofdamenstelle führte. Unverhofft, wie einst die glühend geliebte Julie zu Dresden, stand der Gegenstand sanfterer, aber dauernder Neigung plötzlich – auf einer Redoute wieder vor ihm. Fr. v. Wolz. I, 377. Der Dichter hielt sich, nach dem Berichte der Schwägerin, in gehöriger Entfernung, wie ihn die Umstände und das eigene Zartgefühl lehrten. Indessen entspann sich doch zwischen beiden, schon in Weimar, ein Umtausch von Gedanken, den Schiller in kleinen Briefen und Billets fortsetzen durfte, aus welchen die allmählige Zunahme seiner ernstlichen Neigung ersichtlich ist. Ebend. I, 244-252. Bald versichert er sie, wie gerne er die Comödie für das größere Vergnügen versäume, um sie zu seyn; er sagt ihr und sich, wie lange sie nun schon hier sey, und wie wenig er sich dennoch ihren Aufenthalt zu Nutze gemacht; er freut sich auf seinen zweiten Besuch in Rudolstadt, der ihn für das Versäumte wo möglich schadlos halten soll, wie man sich ans wenige Dinge freut; er möchte sie von seiner ehrerbietigsten Achtung überzeugen – und plötzlich fügt er, mit einem ganz andern Gefühle, als dem der Ehrerbietung hinzu: »Eben zieht mich ein Schlitten ans Fenster, und wie ich hinaussehe, sind Sie's. Ich habe Sie gesehen, und das ist doch etwas für diesen Tag.« Wiederum schreibt er: »Sie können sich nicht herzlicher nach Ihren Bäumen und schönen Bergen sehnen, mein gnädiges Fräulein, als ich – und vollends nach denen in Rudolstadt, wohin ich mich jetzt in meinen glücklichsten Augenblicken im Traume versetze.« Und dann verliert er sich in Betrachtungen über Einsamkeit und edle Menschen. »Eine schöne Natur wirkt auf uns, wie eine schöne Melodie. Ich habe nie glauben können, daß Sie in der Hof- und Assemblee-Luft sich gefallen; ich hätte eine ganz andere Meinung von Ihnen haben müssen, wenn ich das geglaubt hätte.« Dann heißt es einige Linien später: »Die Tage haben für mich einen schönern Schein, wo ich hoffen kann, Sie zu sehen.« Und vor dem Abschiede seufzet er: »Sie werden gehen, liebstes Fräulein, und ich fühle, daß Sie mir den besten Theil meiner jetzigen Freuden mit hinwegnehmen.« Darauf nennt er die bisherige Möglichkeit, sie alle Tage zu sehen, schon einen Gewinn für sich; endlich bietet er ihr seine Freundschaft an und entschuldigt das stolze Wort. »Lassen Sie das kleine Samenkorn nur aufgehen; wenn die Frühlingssonne darauf scheint, so wollen wir schon sehen, welche Blume daraus werden wird.« Ach, er muß ihr, wie er selbst recht gut fühlt, so oft zusammengebunden und zerknickt erschienen seyn; um etwas weniges für besser hält er sich aber doch, als er während der kurzen Zeit ihrer Bekanntschaft in ihren Augen erscheinen konnte. »Eine schönere Scene, hoffe ich, wird etwas Besseres aus mir machen, und der Wunsch, Ihnen etwas seyn zu können , wird dabei einen sehr großen Antheil haben. Auch in Ihrer Seele werde ich einmal lesen , und ich freue mich im voraus, bestes Fräulein, auf die schönen Entdeckungen, die ich darin machen werde.« Aus den Worten: » Sie wollen also, daß ich an Sie denken soll ,« dürfen wir wohl schließen, daß schon jetzt Schillers Neigung nicht ganz unerwiedert geblieben war; auch verspricht er ihr darauf, daß seine Phantasie so unermüdet seyn soll, ihm ihr Bild vorzuführen, als wenn sie in den acht Jahren, welche er sie an die Musen verdingt hat, sich nur für dieses Bild geübt hätte. Hoffmeister betrachtet es als gewiß, daß das Gedicht: »Einer Freundin ins Stammbuch« an Lotte v. Lengefeld gedichtet und ihr ins Stammbuch nach Rudolstadt mitgegeben worden ist. Die Schilderung, welche uns Frau v. Wolzogen von der trauernden, sanften Jungfrau entwirft, will jedoch keineswegs zu den Worten passen: » Froh taumelst du im süßen Ueberzählen Der Blumen, die um deine Pfade blüh'n. Der Glücklichen, die du gemacht, der Seelen, Die du gewonnen hast, dahin ! Sey glücklich in dem lieblichen Betruge! Nie stürze von des Traumes stolzem Fluge Ein trauriges Erwachen dich herab.« Wäre nur die erste Hälfte des Gedichtes, wo von dem Herzensadel der Freundin, vom Talisman der Unschuld und der Tugend, vom holden Zauber nie entweihter Jugend die Rede ist, so würden wir weniger Grund zum Zweifel haben. Allerdings aber trägt das Gedicht in Schillers Sammlung die Jahreszahl 1788. Es scheint zum erstenmale 1795 gedruckt worden zu seyn. Humboldts Anfrage bei Schiller darüber (Brfw. S. 143) spricht auch nicht für die Annahme Hoffmeisters. Nach Rudolstadt schickte der Dichter Charlotten noch zwei Briefe, den ersten vom 11. April, den zweiten, gleichzeitig mit dem an seinen Freund Schwan gerichteten, am 2. Mai 1788, nach. In jenem klagt er über die Vergnügungen der Geselligkeit, wie man sie in Weimar und an solchen Orten findet, welche gar oft durch Langeweile und Zwang, den nothwendigen Uebeln der leidigen Assembléen, gebüßt werden. Wie beneidet er sie um ihren Familienkreis. »Man sollte lieber nie zusammengerathen – oder nie mehr getrennt werden !« Oft beunruhigt es ihn, wenn er daran denkt, daß das, was jetzt seine höchste Glückseligkeit ausmacht, Ihr vielleicht ein nur vorübergehendes Vergnügen gab. Und doch findet er darin schon eine wesentliche Uebereinstimmung mit der Guten, daß – wie sie ihm selbst einmal gesagt – ländliche Einsamkeit im Genusse der Freundschaft und schönen Natur auch ihre Wünsche ausfüllen könnte: denn sein Ideal von Lebensgenuß kann sich mit keinem andern vertragen, – Aus diesem Briefe erfahren wir auch noch, daß Schiller um diese Zeit einen seiner intimsten Freunde, der ihn dieser Tage in Weimar besuchte, nach Gotha begleitet hat. Endlich wird Charlotte mit sehr bescheidenen Worten gefragt, ob sie seiner auch wegen einer Wohnung bei Rudolstadt gedacht. Die nothwendigsten Meubles müßte er auch dabei haben, und auch die Kost; doch diese wird er sich auch aus der Stadt holen lassen können. Der zweite Brief dankt für diese Bestellung. »Der Ort, die Lage, die Einrichtung im Hause, Alles ist vortrefflich. Sie haben aus meiner Seele gewählt. Eine fürstliche Nachbarschaft hätte mir meine ganze Existenz verdorben... Meinem Lieblingswunsche steht also nichts mehr im Wege, als die Unsicherheit der Jahreszeit... Zehn Tage sind mein längster Termin; dann adieu Weimar!« Ehe wir ihn jedoch nach Volkstädt bei Rudolstadt begleiten, haben wir das wichtigste Werk der zunächst hinter uns liegenden Lebensjahre des Dichters kurz in Beziehung auf dessen Fortbildung und Vollendung abzuhandeln. Denn jetzt endlich ist der Don Carlos nicht nur vollständig im Druck erschienen, Don Carlos, Infant von Spanien. Leipzig (bei Göschen) m. Kupfern. 1787. er ist auch schon zweimal in Mannheim über die Bühne gegangen. Don Carlos. 1783 bis 1788. »Ich danke Ihnen,« schreibt Schiller am 2. Mai 1788, in dem mehrfach von uns ausgezogenen Briefe an Schwan, »für die Nachrichten, die Sie mir von dem Schicksale des Don Carlos auf Ihrer Bühne gegeben haben. Aufrichtig zu sprechen, große Erwartungen habe ich mir überhaupt von keiner Vorstellung des Don Carlos gemacht, und ich weiß auch, warum. – Es ist nicht mehr als billig, daß sich die theatralische Göttin für die wenige Galanterie, die mich bei'm Schreiben für sie beseelte, an mir gerächt hat. Indessen, wenn mein Don Carlos auch ein so verfehltes Theaterstück ist, so halt' ich doch dafür, daß unser Publikum ihn noch zehnmal wird aufführen sehen können, eh' es das Gute begriffen und ausgeschöpft hat, was seine Fehler aufwiegen soll. Ich glaube, erst alsdann, wenn man das Gute eines Dinges eingesehen hat, ist man berechtigt, das Urtheil über das Schlimme zu sprechen. Indessen höre ich, daß die zweite Vorstellung besser ausgefallen sey, als die erste. Entweder rührt das von den Veränderungen her, die Dalberg in dem Stücke gemacht hat, oder es kömmt daher, daß das Publikum bei'm zweitenmale Dinge verstehen lernte, die es bei der ersten Vorstellung nicht verstand. Uebrigens kann niemand mehr überzeugt seyn, als ich, daß der Carlos, aus Ursachen sowohl, die ihm Ehre, als die ihm Unehre bringen, keine Spekulation für die Schaubühne ist. Schon allein seine Länge könnt' ihn davon verbannen. Ich hab' ihn wahrlich auch nicht aus Zuversichtlichkeit oder Eigenliebe auf die Bühne genöthigt; aus Eigennutz eher. Wenn bei der ganzen Sache meine Eitelkeit eine Rolle spielte, so war es darin , daß ich dem Stücke innern Gehalt genug zutraute, um sein schlechtes Glück auf den Bühnen niederzuwägen.« Dreierlei erhellt aus dieser Briefstelle: daß der Don Carlos bei seiner ersten Aufführung keine günstige Aufnahme gefunden; daß Schiller gar wohl wußte, warum, und die Mängel seines Stückes wenigstens sehr bestimmt fühlte; daß er sich aber der Vorzüge noch viel bestimmter bewußt war, und aus den Untiefen mit seinem Geist in die Tiefen des Stückes sich rettend, hier sich dem Tadel des Publikums und der an den seichten Stellen herum sondirenden Kritik unzugänglich wußte. Nichtsdestoweniger schmerzte ihn, ohne ihn zu entmuthigen, der Mangel an Theatererfolg. Es wird dieß nicht nur in dem Briefe an Schwan bemerklich; sondern, wie er früher, als die Schauspieler ihm Kabale und Liebe »in Lumpen zerrissen,« Schiller an Dalberg vom 19. Januar 1785. und Hr. Böck auf öffentlicher Bühne mit Gebrüll, mit Schimpfwörtern, mit Händen und Füßen gegen ihn ausschlug, An dens. den 19. Lenzmonat 1785. – von Komödiantensalbe zu sprechen anfing, so rühmte er nun, an demselben Tage, an welchem er seinem Freunde Schwan schrieb, Charlotten v. Lengefeld, daß sie jetzt im Maimonat zu Weimar ganz an die liebe Natur verwiesen seyen; »die Komödie, ihre armselige Stellvertreterin im Winter , habe sie verlassen, und der Frühling mit allen schönen Sachen, die er mitbringe, sey dafür da.« Schiller war indessen nicht so ungerecht, daß er nicht, wie wir sahen, die Ursache der Mißgunst zum Theil in den Fehlern des Stückes gesucht hätte; nur fand er hier nicht immer die eigentlich wunde Stelle. In den Briefen über Don Carlos, die im Julius und Dezember 1788 zuerst im deutschen Merkur erschienen, sagt er zum Beispiel. Ausg. v. 1830, S. 772. »der Hauptfehler war: ich hatte mich zu lange mit dem Stücke getragen; ein dramatisches Werk aber kann und soll nur die Blüthe eines einzigen Sommers seyn.« Dieß ist gewiß falsch: ein Gedicht, sey es die kleinste Liederseele oder die Idee zu einem großen Drama, kann von der Empfängniß an gerechnet Jahre lang im Geiste des Dichters, als im Mutterleibe, herumgetragen werden, wenn es nur schnell geboren wird, wenn der Dichter nicht zu anhaltend die Geburtshülfe des Verstandes anwenden muß, unter der das Kind der Begeisterung, die Poesie, oft unwillkührlich umgestaltet wird. Der Don Carlos nun war eine solche langsame und schwere Geburt; dauerte sie doch von 1783, wo der Gegenstand nicht erst in seine Dichterseele fiel, sondern zuerst ihm unter die Feder kam, bis 1787, fünf volle Jahre, und mit der Zugabe der wichtigen Briefe sogar sechs. Dessenungeachtet war der Carlos ein unermeßlicher Fortschritt, den der Genius des Dichters gethan. Ein Ueberblick über die Entstehung des Stücks wird uns wenigstens zeigen, was Schiller allmählig gewollt und wie er es geleistet hat, wobei uns glücklicherweise sein eigenes Urtheil vielfältig leiten kann, besser als die Unzahl kritischer Urtheile, von welchen immer wieder eines dem andern widerspricht, Sie sind am vollständigsten zusammengestellt in der jetzt vollendeten Schrift von H. F. W. Hinrichs: »Schillers Dichtungen nach ihren historischen Beziehungen und nach ihrem inneren Zusammenhange,« zwei Theile in drei Abtheilungen; Leipzig bei Hinrichs, 1837-1839. Hier findet man Alles, was von Wieland bis auf Theodor Mundt über Don Carlos geurtheilt worden ist; von jenen beiden S. 171 ff. und 165 f.; von Göthe S. 169, A. W. Schlegel S. 168 f., Wilh. v. Humboldt S. 168, 223, 243 f., Zelter S. 170, Schiller selbst S. 175 ff., 219, 225 f., 230, 232, Hegel S. 171, Tieck S. 165, 221, 237, Menzel S. 171. Heine S. 170 f., Hoffmeister S. 189 ff., 218, 231, 241, 243, Gutzkow S. 171. Diesem Werke ist im ersten und zweiten Bande je eine Abhandlung oder Einleitung vorausgeschickt, deren erste namentlich viel Vortreffliches, insbesondere eine schöne Parallele zwischen Göthe und Schiller enthält; das Buch selbst theilt nicht nur eine Fülle von biographischen Einzelheiten und Urtheilen zu Schillers Leben und über die Entstehungsweise der einzelnen Gedichte, so wie historische Notizen und Ausführungen zu den Schiller'schen Dramen mit, sondern ist reich an einzelnen hellen Blicken in seinen Stoff. Das Ganze aber beherrscht der Geist einer philosophischen Schule auf eine Weise, die uns ordinären Vorstellungsmenschen höchst unwahr und unnatürlich erscheint. Der Verfasser ist nämlich bemüht, Schillers gesammte Poesie, die lyrische wie die dramatische, in Ein Gedankensystem des absoluten Geistes, dessen Freiheit seine Nothwendigkeit ist, zu verwandeln, für welchen die Seele des Dichters nur die Laute gewesen wäre, auf der er spielte, wie nach dem alten Inspirationsbegriffe die Seele der Propheten das Instrument des heiligen Geistes war. Bei dieser Behandlungsweise werden im lyrischen Theile Knabenversuche aus der Akademie, poetischer Pruritus aus der Kaserne, flüchtige Gelegenheitsgedichte, mit den vollendetsten Gesängen und Romanzen: Gedichte voll Lehrgehaltes mit den freien Schöpfungen der Phantasie, als gleichgeltender Zähler eines Bruches angenommen, dessen Nenner immer nur der Weltgeist, nicht Schillers eigener, freier, schöpferischer Wille ist; und in den zwei Theilen, welche Schiller dem Dramendichter gewidmet sind, bilden die unsichern Strebungen des Jünglings wie die sichersten Kunstwerke des reifen Mannes, eins wie das andere, die gleich massiven Stufen zum Tempel seines Ruhmes. Nicht Schillers Werke haben sich nach dieser Ansicht aus seinem großen individuellen Geiste heraus, sondern an seinen Werken, als prädestinirten Evolutionen des absoluten Geistes, hat sich Schillers eigener Geist herangebildet. wiewohl sie nicht alle übergangen werden können. Zuerst schwebte dem Dichter, wie wir im ersten Buche gesehen haben, das Objekt dieser Tragödie in ahnungsvollen Bildern ganz unbestimmt vor, wie in einer der schwungreichsten Oden eines römischen Lyrikers, dieser Götter, Halbgötter und Menschen wie Schattenbilder vor seiner Seele auf- und niedersteigen sieht, ohne daß er den Wink der Muse, welche Gestalt er als Hauptbild seines Liedes festhalten soll, sogleich versteht; allmählig aber tritt ein Schemen um den andern in den Hintergrund und Eine Lichtgestalt, die Gestalt des Cäsar Augustus, beharrt vor seinem Dichtergeiste. So dämmerten vor der Seele Schillers das Bild eines feurigen, großen, empfindenden Jünglings, der zugleich der Erbe einiger Kronen ist, das des Despoten Philipp, das einer Königin, die durch den Zwang ihrer Empfindung bei allen Vortheilen ihres Schicksals verunglückt, das eines grausamen heuchlerischen Inquisitors, das eines barbarischen Herzogs Alba nach und neben einander vor der Seele auf; allmählig aber trat der Fürstensohn Don Carlos in den Vordergrund und mit ihm zugleich die Idee des Stücks, der Kampf der ewigen Wahrheit gegen das Vorurtheil und gegen die Tyrannei in Sachen des Glaubens und der bürgerlichen Freiheit. Als aber diese Idee einmal gefunden war, befand sich der weiche und Charakter entbehrende Don Carlos zu schwach zum alleinigen Träger derselben, und nun tauchte wie von selbst noch ein zweites lichteres, compakteres Wesen im Geiste des Dichters auf, stellte sich verdunkelnd neben den ersten Helden und ergriff im Gedichte immer entschiedener, immer ausschließlicher die Zügel der Handlung. Es war der Marquis Posa. Dieß letztere aber geschah sehr allmählig, und wir müssen den Dichter selbst darüber hören. In den Briefen über Don Carlos sagt er: S. 72. »Es kann mir begegnet seyn, daß ich in den ersten Akten andere Erwartungen erregt habe, als ich in den letzten erfüllte ... St. Reals Novelle, vielleicht auch meine eigenen Aeusserungen darüber im ersten Stücke der Thalia mögen dem Leser einen Standpunkt angewiesen haben, aus dem es jetzt nicht mehr betrachtet werden kann. Während der Zeit nämlich, daß ich es ausarbeitete, welches, mancher Unterbrechungen wegen, eine ziemlich lange Zeit war, hat sich – in mir selbst Vieles verändert. An den verschiednen Schicksalen, die während dieser Zeit über meine Art, zu denken und zu empfinden, ergangen sind, mußte nothwendig auch dieses Werk Theil nehmen. Was mich zu Anfange vorzüglich in demselben gefesselt hatte, that diese Wirkung in der Folge viel schwächer, und am Ende nur kaum noch. Neue Ideen, die indeß bei mir aufkamen, verdrängten die frühern; Carlos selbst war in meiner Gunst gefallen, vielleicht aus keinem andern Grunde, als weil ich ihm in Jahren zu weit voraus gesprungen war , diese Stelle hätte Herrn Hoffmeister gegen den Tadel von Hinrichs (II, 189), daß jener den Don Carlos und Posa für Schillern selbst erkläre, schon allein sichern sollen. Eine andre, aus dem Drama selbst, spricht eben so laut dafür, was wenigstens den Don Carlos betrifft. In dem neunten Auftritte des ersten Aufzugs sagt dieser zum Marquis: – Ich bin Ein drei und zwanzigjähriger Jüngling, – Prinz, Und Spanier, und feurig kocht mein Blut Und feuriger begehren unsre Weiber, Doch, Rodrigo, – sieh, unaussprechlich groß Ist die Empfindung – unter dem Bekenntniß Hebt sich mein Busen königlich empor – Rein bin ich noch, rein wie aus Mutterleibe, Was vor mir Tausende gewissenlos In schwelgenden Umarmungen verpraßten, Des Geistes beste Hälfte, Männerkraft, Hab' ich dem künft'gen Herrscher aufgehoben. Als Schiller zu Bauerbach diese Zeilen dichtete (vergl. B. I, S. 163), hatte er 23 Jahre kaum hinter sich, und die Liebe zu Lotte v. Wolzogen hatte ihn selbst zu dem reinen Jünglinge gemacht, als welchen er hier seinen Helden schildert (B. I, S. 175). Den schlagendsten Beweis liefern endlich die Aeusserungen Schillers gegen Reinwald (B. I, S. 165), welche Hinrichs freilich, man weiß nicht mit welchem Rechte, recusirt. und aus der entgegengesetzten Ursache hatte Marquis Posa seinen Platz eingenommen. So kam es denn, daß ich zu dem vierten und fünften Akte ein ganz anderes Herz mitbrachte. Aber die ersten drei Akte waren in den Händen des Publikums, die Anlage des Ganzen war nicht mehr umzustoßen – ich hätte also das Stück entweder ganz unterdrücken müssen (und das hätte mir doch wohl der kleinste Theil meiner Leser gedankt), oder ich mußte die zweite Hälfte der ersten so gut anpassen als ich konnte.« Der Mangel an Zusammenhang zwischen diesen beiden Hälften fällt noch viel mehr in die Augen, wenn man die erste Hälfte nimmt, wie sie in der Thalia erschien. Hier erfahren wir schon aus der Vorrede, daß vorerst noch der Conflikt zwischen Vater und Sohn dem Dichter die Hauptsache war und die Figur des Königs Philipp ursprünglich im Vordergrunde stand. »Die Geschichte des unglücklichen Don Carlos und seiner Stiefmutter,« heißt es hier, »ist von den interessantesten, die ich kenne; aber ich zweifle sehr, ob sie so rührend als erschütternd ist. Rührung, glaube ich, ist hier ganz nur Verdienst des Dichters, der unter den vielerlei Arten der Behandlung gerade diejenige zu wählen weiß, welche die widrige Härte des Stoffs zu weicher Delikatesse herabstimmt und mildert. Eine Leidenschaft, wie die Liebe des Prinzen, deren leiseste Aeusserung Verbrechen ist, die mit einem unwiderruflichen Religionsgesetz streitet und sich ohne Aufhören an der Grenzmauer der Natur zerschlägt, kann mich schaudern, aber schwerlich weinen machen. Eine Fürstin wiederum deren Herz, deren ganze weibliche Glückseligkeit einer traurigen Staatsmanns hingeschlachtet worden, die durch die Leidenschaft des Sohnes und des Vaters gleich unmenschlich gemißhandelt wird, kann mir wohl Murren gegen Vorsicht und Schicksal, Zähneknirschen gegen weltliche Conventionen abnöthigen, aber wird sie mir auch Thränen entlocken? – Wenn dieses Trauerspiel schmelzen soll, so muß es, wie mich däucht, durch die Situation und den Charakter König Philipps geschehen. Auf der Wendung, die man diesem giebt, ruht vielleicht das ganze Gewicht der Tragödie ... Es mag zwar ein gothisches Ansehen haben, wenn sich in den Gemälden Philipps und seines Sohnes zwei höchst verschiedene Jahrhunderte anstoßen, aber mir lag daran, den Menschen zu rechtfertigen, und konnt' ich das wohl anders und besser, als durch den herrschenden Genius seiner Zeiten? Der ganze Gang der Intrigue wird, wie ich mir einbilde, schon in diesem ersten Aufzuge verrathen seyn. Wenigstens war das meine Absicht, und ich halte es für das erste Requisit meiner Tragödie. Beide Hauptcharaktere laufen hier schon mit derjenigen Kraft und nach derjenigen Richtung aus, welche den Leser errathen läßt, wo und wann und wie heftig sie in der Folge wider einander schlagen.« So ist also bis jetzt doch die Tragödie immer noch – woran Schiller auch später, als er dieß Gewebe schon zerstört hatte – mit den Ausdrücken noch festhielt, ein bürgerliches Trauerspiel im Königshause . In seinem Eifer aber, die Charaktere recht auseinander zu halten, treibt er es gleich in der ersten Scene des ersten Akts (älterer Rezension) zwischen Carlos und Domingo, und selbst in der Scene zwischen Carlos und seiner Mutter so weit, daß die natürliche Folge davon hätte seyn sollen, daß die letztern beide auf der Stelle der Inquisition ausgeliefert wurden. Das Uebrige, wodurch sich die ersten Akte in der Thalia von der spätern Rezension unterscheiden, sind lyrische und epische Ausführungen, rohe Ausbrüche der Leidenschaft, gehäufte Bilder und Zerrbilder, Metaphern und andre Übertreibungen des Ausdrucks, welche der Mäßigung gebietende und versuchende Jambe Ich kann mich unmöglich mit der Ansicht Mundts vereinigen, daß Schiller zum Glücke seiner Poesie das Rhetorische und Prunkrednerische seines Ausdrucks vermieden haben würde, wenn er den Jamben nicht mit dem Bewußtseyn aufgenommen hätte, daß er der prosaischen Rede am natürlichsten entspreche und gleichkomme, und wenn er in der Prosaform seiner ersten Dramen nur mit geläuterter Durchbildung und Ausschmelzung fortgefahren wäre. Jene Unnatur ist vielmehr in Schillers ersten Dramen, gerade was den Ausdruck betrifft, noch viel unleidlicher, als im Don Carlos. Und bei dem andern unmittelbaren Nachfolger Lessings im Gebrauche des reimlosen Jamben, bei Göthe, ist so wenig als bei Lessing selbst ein rhetorischer Schwulst fühlbar. Wenn also Schiller durch seine metrischen Dramen wieder die deklamatorische Unnatur der neuesten deutschen Schaubühne begründet haben soll, so dürfte ein Theil dieses Unwesens gewiß nur die Nachahmer, ein andrer Theil aber Schillers Kothurn treffen, sofern dieser auch ohne die metrische Form zum Stelzengange hinneigte. Ich bin vollkommen überzeugt, daß der Jambe bei Schiller eher eine Milderung in diesen Gang gebracht hat. Daß Göthe gleichfalls die gebundene Form, ganz wie es die Griechen thaten, fürs Drama und für jede Poesie im engern Sinne forderte, erhellt aus seinem Briefwechsel mit Schiller. vergebens aus der ersten Gestalt des Stückes zu verbannen gerungen hat, und in welchen die rohe Prosa der Räuber und Fiesko's den Damm des Verses wieder durchbricht. Ausserdem finden sich in diesem ersten Texte auch noch die ungemessensten Deklamationen gegen Pfaffengewalt und Pfaffenbetrug, ohne Zweifel rhetorische Resultate der Herzensergießungen des von seinen Amtsbrüdern verfolgten, katholischen Geistlichen Trunk . B. I. S. 136. Je tiefer aber Schiller in das Trauerspiel hineindrang, desto mächtiger drängte sich Don Carlos und mit ihm die neue Idee des Stückes, mit dieser aber endlich der Marquis Posa voran, und der früher so begünstigte Philipp mußte warten, bis diesen neuen Hauptpersonen des Dramas ihre poetische Existenz gesichert war. Die Leidenschaft des Sohnes zur Mutter tritt plötzlich in den Hintergrund, oder sie tritt doch in den Dienst der Menschenrechte und der Gewissensfreiheit. Der Zusammenstoß zweier Jahrhunderte, der nur ein Rechtfertigungsmittel andrer poetischer Zwecke seyn sollte, wird nun die Hauptsache des Stücks, und Don Philipp ein vorübergehendes, Carlos ein dauerndes Werkzeug der neuen Humanität und des kosmopolitischen Republicanismus. Ueber diese neue Wendung des ganzen Planes giebt uns Schiller selbst in den Briefen die beste Auskunft in folgender Stelle: Achter Brief, S. 780. »Und was wäre also die sogenannte Einheit des Stücks, wenn es Liebe nicht seyn soll, und Freundschaft Der Briefsteller glaubt nämlich bewiesen zu haben, daß Carlos nie der eigentliche Freund Posas, sondern nur das Werkzeug seiner menschheitbeglückenden Ideen war. nie seyn konnte? Von jener handeln die drei ersten Akte, von dieser die zwei übrigen; aber keine von beiden beschäftigt das Ganze. Die Freundschaft opfert sich auf und die Liebe wird aufgeopfert, aber weder diese noch jene ist es, der dieses Opfer von der andern gebracht wird. Also muß noch etwas drittes vorhanden seyn, das verschieden ist von Freundschaft und Liebe – und wenn das Stück eine Einheit hat, wo anders, als in diesem dritten, könnte sie liegen?« »Rufen Sie sich, lieber Freund, eine gewisse Unterredung zurück, die über einen Lieblingsgegenstand unsers Jahrzehends Des Jahrzehends, das mit 1789 endigte. – über Verbreitung reinerer, sanfterer Humanität, über die höchst mögliche Freiheit der Individuen, bei des Staates höchster Blüthe, kurz über den vollendetsten Zustand der Menschheit, wie er in ihrer Natur und in ihren Kräften als erreichbar angegeben liegt – unter uns lebhaft wurde, und unsre Phantasie in einen der lieblichsten Träume entzückte, in denen das Herz so angenehm schwelgt. Wir schlossen damals mit dem romanhaften Wunsche, daß es dem Zufalle, der wohl größere Wunder schon gethan, in dem nächsten Julianischen Cyclus gefallen möchte, unsre Gedankenreihe, unsre Träume und Ueberzeugungen mit eben dieser Lebendigkeit, und mit eben so gutem Willen befruchtet, in dem erstgebornen Sohne eines künftigen Beherrschers von – oder von – auf dieser oder der andern Hemisphäre wieder zu erwecken. Was bei einem ernsthaften Gespräche bloßes Spielwerk war, dürfte sich, wie mir vorkam, bei einem solchen Spielwerke, als die Tragödie ist, zu der Würde des Ernstes oder der Wahrheit erheben lassen. Was ist der Phantasie nicht möglich? Was ist einem Dichter nicht erlaubt? Unsere Unterredung war längst vergessen, als ich unterdessen die Bekanntschaft des Prinzen von Spanien machte; und bald merkte ich diesem geistvollen Jünglinge an, daß er wohl gar derjenige seyn dürfte, mit dem wir unsern Entwurf zur Ausführung bringen könnten. Gedacht, gethan! Alles fand ich mir, wie durch einen dienstbaren Geist, dabei in die Hände gearbeitet; Freiheitssinn mit Despotismus im Kampfe, die Fesseln der Dummheit zerbrochen, tausendjährige Vorurtheile erschüttert, eine Nation, die ihre Menschenrechte wieder fordert, republikanische Tugenden in Ausübung gebracht, hellere Begriffe im Umlauf, die Köpfe in Gährung, die Gemüther von einem begeisterten Interesse gehoben – und nun, um die Constellation zu vollenden, eine schön organisirte Jünglingsseele auf dem Throne, in einsamer, unangefochtener Blüthe unter Druck und Leiden hervorgegangen. Unglücklich mußte er seyn; aus dem Schooße der Sinnlichkeit und des Glücks durfte er nicht genommen werden; die Kunst durfte noch nicht Hand an seine Bildung gelegt, die damalige Welt ihm ihren Stempel noch nicht aufgedrückt haben. Aber wie sollte ein königlicher Prinz aus dem sechzehnten Jahrhundert, Philipps des Zweiten Sohn, ein Zögling des Mönchsvolks... zu dieser lieberalen Philosophie gelangen? Sehen Sie, auch dafür war gesorgt. Das Schicksal schenkte ihm einen Freund (oder Nichtfreund, wie Schiller sonst in diesen Briefen will, einen Freund in den entscheidenden Jahren, wo des Geistes Blume sich entfaltet, Ideale empfangen werden, und die moralische Empfindung sich läutert... den irgend ein verborgner Weiser seines Jahrhunderts diesem schönen Geschäfte zugebildet hat... Unter beiden Freunden bildet sich ein enthusiastischer Entwurf, den glücklichsten Zustand hervorzubringen, der der menschlichen Gesellschaft erreichbar ist, und von diesem Entwurfe, wie er in Conflict mit der Leidenschaft tritt, handelt das gegenwärtige Drama.« Achter Brief, S. 781. Es will »Wahrheiten, die Jedem, der es gut mit seiner Gattung meint, die heiligsten seyn müssen, und die bis jetzt nur das Eigenthum der Wissenschaften waren, in das Gebiet der schönen Künste herüberziehen, mit Licht und Wärme beseelen, und, als lebendig wirkende Motive, in das Menschenherz gepflanzt, in einem kraftvollen Kampfe mit der Leidenschaft zeigen. Es giebt uns den Montesquieu auf ein Trauerspiel angewandt.« Zehnter Brief, S. 782. Endlich, wo Schiller die Schwärmerei bei der Größe des Marquis erklärt und gestanden hat, »daß Carlos verunglückt, weil sein Freund sich nicht begnügte, ihn auf eine gemeine Art zu erlösen,« behauptet er, »mit einer nicht unwichtigen Erfahrung aus der moralischen Welt zusammenzutreffen. Es ist diese: daß die moralischen Motive, welche von einem zu erreichenden Ideale von Vortrefflichkeit hergenommen sind, nicht natürlich im Menschenherzen liegen, und eben darum, weil sie erst durch Kunst in dasselbe hineingebracht werden, nicht immer wohlhätig wirken, gar oft aber durch einen sehr menschlichen Uebergang einem schädlichen Mißbrauche ausgesetzt sind. Durch praktische Gesetze, nicht durch gekünstelte Geburten der theoretischen Vernunft , soll der Mensch bei seinem moralischen Handeln geleitet werden. Schon allein dieses, daß jedes solche moralische Ideal oder Kunstgebäude doch nie mehr ist als eine Idee , die, gleich allen andern Ideen, an dem beschränkten Gesichtspunkte des Individuums Theil nimmt, dem sie angehört, und in ihrer Anwendung also auch der Allgemeinheit nicht fähig seyn kann, in welcher der Mensch sie zu gebrauchen pflegt, schon dieses allein müßte sie zu einem sehr gefährlichen Instrumente in seinen Händen machen: aber noch weit gefährlicher wird sie durch die Verbindung, in die sie nur allzuschnell mit gewissen Leidenschaften tritt, die sich mehr oder weniger in allen Menschenherzen finden: Herrschsucht, Eigendünkel und Stolz!« Und nun wird die Anwendung auf Marquis Posa gemacht. Diese Selbstgeständnisse Schillers überheben uns jeder andern Darlegung seiner Idee, Es erhellt unwidersprechlich aus ihnen, daß Wilhelm v. Humboldt und Hoffmeister Jener in der Vorerinnerung zu seinem Briefwechsel mit Schiller S. 32; dieser I, S. 294. vollkommen Recht haben, wenn sie die kosmopolitische Idee für die wahre Idee des Stückes halten, so hart sie von der spekulativen Weltansicht darüber angelassen werden. Hinrichs I, S. 188 - 214, Was ist aber nach der Ansicht dieses Denkers die Idee des Schiller'schen Trauerspiels? Keine andre als die des christlichen Glaubens, als des Glaubens der Welt , des wahren Glaubens, nicht des subjektiven Glaubens. Diese politisch- religiöse Idee ist, nach ihm, das bewegende Princip der Handlung: die Religion, wie sie sich im absoluten Staate verherrlicht. Schiller hat nach ihm aus richtigem Gefühl die Zeit gewählt, wo die Monarchie auch historisch die besondern Interessen immer mehr überwand. Der Don Carlos verherrlicht die reine Monarchie , welche durch Unterjochung der Feudalherrschaft entstand. Dieß war die That Philipps II. von Spanien . Nach Hrn. Hinrichs wäre also Schillers Trauerspiel eigentlich in so weit auf die Verherrlichung dieses tyrannischen Despoten abgesehen. Jedoch »die Monarchie erfordert, daß im Staate kein Eigenwille herrsche, sondern der allgemein vernünftige Wille des Rechts, Dieser ist der Wille des Monarchen; da aber die Kirche sein religiöses Gewissen in Besitz nahm, wurde der Staat mit dem Monarchen von der Kirche abhängig,« und darin hat Philipp Unrecht. Die Monarchie wurde durch die Kirche zur Despotin, und die Kirche selbst, so fern sie ihren göttlichen Inhalt verweltlichte, kam dadurch mit sich selbst in Widerspruch. Das ist die alte Kirche . Carlos und Posa kämpften für die neue Kirche , die das Weltliche in Einheit und Uebereinstimmung mit dem göttlichen Willen zum Princip erhebt, wodurch die Einheit und Verknüpfung des Göttlichen und Weltlichen, die in der alten Kirche äußerlich und gewaltsam war, innerlich und frei wird, indem sie lehrt, daß jene Einheit die Gewißheit des Menschen von sich selbst, der Geist, sey . So veranschaulicht denn auch der Don Carlos nichts andres, als das Hegel'sche Grunddogma, zu welchem die Räuber, Kabale und Liebe und selbst der Fiesko nur einen Anlauf genommen hatten, »In Fiesko hatte der Staat sich noch nicht über die besonderen Interessen des Standes erhoben. Dieß geschieht erst in Don Carlos mit der Erbfolge . Der Fürst von Geburt ist zugleich Monarch des Staats, Monarch von Gottes Gnaden.« – »Da im Don Carlos nichts Partikuläres mehr gilt, so tritt in ihm mit dem Zweck zugleich der Endzweck, mit dem Staate die Religion, der Glaube hervor .« Von den Räubern bis zum Carlos machte nach Hrn. Hinrichs ganzer Darstellung in seinem 2ten Bande der absolute Geist in Schillers Geist einen Spaziergang in nuce durch die ganze Weltgeschichte und die ganze Socialphilosophie. Da obiger Ansicht fast jede Zeile in dem Drama und Schillers ausdrückliche Erklärungen widersprechen, so ist nichts Anders anzunehmen, als daß, während der Dichter ein republicanisches Trauerspiel zu schreiben glaubte, wenigstens ein Drama, das einen Republicaner auf den Thron zu setzen gedachte, der absolute Geist seine Feder im Sinne der absoluten Monarchie auf eine Weise gelenkt hat, die weder der Schreiber merkte, noch der Leser merkt. Eben so deutlich ist, besonders aus der zuletzt angeführten Stelle, daß wirklich, wie Hoffmeister sagt, »die Kant'sche Moralphilosophie poetisch vom Dichter begründet werden wollte.« A.a.O., S. 298 Und so bleiben wir auch mit ihm der Meinung, daß Don Carlos und Marquis Posa die beiden sittlichen Lebensprincipien Schillers vorstellen, ersterer das Princip der schönen Menschlichkeit, letzterer das Princip der Freiheit. Hieraus ergeben sich freilich ästhetische Folgerungen, die dem Stücke selbst, zumal was Charakterzeichnung betrifft, nicht günstig sind. Man findet sie bei Hoffmeister I, S. 302. Und dennoch hat das Drama gerade durch jene Ideen, die seinen Personen die rechte Individualität und dem Werke selbst den Charakter eines lebendigen Kunstwerks verweigern, sein Glück bei dem Volke, ja bei den Völkern gemacht, und es ist noch immer der Liebling der civilisirten Welt, wo nicht auf dem Theater, so doch auf dem Lesepult. Abermals hat in einer Conception des Dichters seine Divinationsgabe sich erprobt, sie hat, wie einst in den Räubern, das geistige Ferment, das die Zeit durchsäuerte, nur in seinen reineren, edleren Elementen erkannt, und sein Sehergeist hat im Don Carlos Vieles ausgesprochen, was nach Jahren der Zeitgeist von der Tribune herab verkündigte und im Staatsleben zur Reife zu bringen bemüht war. Die Rede des Marquis Posa an den König, die wie Ein schimmernder Wasserstrahl in die Höhe springt, hat sich in der Nationalversammlung zu Paris in die buntesten, von Gegenständen und Personen mannichfach gefärbten Strahlen gebrochen, und wenn dem Verfasser dieser Biographie in seiner Abgeschiedenheit der Moniteur von 1789 zur Hand wäre, so würde es ihm ein leichtes seyn, die glänzendsten Parallelen der Wirklichkeit mit dem voranschreitenden Gedichte, wie früher mit den Räubern, zu ziehen. Der beschränkte Menschenblick sieht mit finstrer Trauer, daß das kosmopolitische Streben in der Weltgeschichte einen andern, einen umgekehrten Lauf genommen, als in dem Geiste des Dichters. In diesem kämpfte es sich von den Räubern bis zum Don Carlos aus den dunkeln und maßlosen Gefühlen des Mißbehagens und der Leidenschaft, die im Aerger auf nichts als Umsturz denken, zu den hellen und gemäßigten Forderungen der Vernunft empor, die auf Fortschritt und Reform gehen. In der Zeitgeschichte aber begann jenes Streben, einzelne Eruptionen abgerechnet, mit der geordneten und sanfteren Reflexion, und schlug in den blinden Trieb, in Leidenschaft, Verwirrung und Wuth um. Auf die gesetzgebende Versammlung folgte der Nationalconvent, nicht, wie in Schillers dichtendem Geiste, jene auf diesen. Und so hat denn die ungeheure Vergangenheit der Gegenwart den mühsam hinaufgewälzten Stein des Sisyphus doch nur herabgerollt und in der Tiefe liegend hinterlassen. – Wenn wir aber den Don Carlos nur als Poesie, so weit er als deren freie That angesehen werden kann, nicht als Zeiterzeugniß und Zeitereigniß betrachten, so rühren die mannigfaltigen Mängel, die Schiller selbst in seinen Briefen über das Stück theils aufzudecken, theils zu bemänteln sich abmüht, wie das Verhältnis des Marquis zu Don Carlos, Hierüber s. Schillers zweiten Brief bis zum achten , und Hoffmeister I, 306-309. der Charakter und die Handlungsweise beider, besonders aber die Unbegreiflichkeiten in der lezten Intrigue Posa's S. Schillers eilften Brief und Hoffmeister 309 f. hauptsächlich daher, daß der Dichter anstatt Eine große Idee ganz zum Vorwurfe der Tragödie zumachen, und hier seinen Genius schaffen zu lassen, zu vielerlei nebeneinander gewollt hat. Die Räuber waren ein Werk des Instinkts, Fiesko ein Werk der Berechnung, Kabale und Liebe ein Werk der Leidenschaft, »Lessing macht zu Shakspeares Romeo und Julie die schöne Bemerkung, daß die Liebe selber diese Tragödie geschrieben habe. Aehnlich könnte man von Kabale und Liebe sagen, daß eifersüchtige Liebe dieß Stück gedichtet.« Hinrichs II, 112. Don Carlos hätte das erste Kunstwerk des Dichters werden können, aber es wurde durch jenen zersplitterten Willen ein Werk allzuzerstreuter Absichtlichkeit. Er wollte den Kampf eines neuen Jahrhunderts mit dem alten schildern, wollte Denkfreiheit und Menschenrechte des achtzehnten Jahrhunderts philosophisch verfechten, wollte bei dieser Gelegenheit sich's zur Pflicht machen, in Darstellung der Inquisition, die prostituirte Menschheit zu rächen, und wollte doch zugleich wieder eine unselige, durch die Religion aller civilisirten Völker verpönte Leidenschaft darstellen; und diese verschiedenen Willen sollten sich in einer Mannigfaltigkeit von Charakteren und Situationen brechen – wie konnte da, bei noch so viel Kraft und Besonnenheit, innerliche Einheit und äußerliche Uebersicht zu Stande kommen? Kein Wunder, daß der Dichter sich selbst verlor, in die handgreiflichsten Widersprüche gerieth, und in der Darstellung, wie ein edler Hoffmeister hat (I, 310) einen solchen Widerspruch nachgewiesen. Akt II, Sc. 4 behauptet Don Carlos von der Königin: »Noch hab' ich nichts von ihrer Hand gelesen« und Akt IV, Sc. 5 sagt derselbe, unter seinen Briefen sey auch einer von ihr – »den sie damals, »Als ich so tödtlich krank gelegen, nach »Alkala mir geschrieben.« Diesen Widerspruch vertheidigt Hinrichs mit folgenden Worten (II, 233): »Hoffmeister treibt den äußersten Verstand aufs äußerste , wenn er sogar urtheilt, daß die ganze Tragödie an der Handschrift der Königin scheitre, die Don Carlos einerseits nothwendig kennen müsse, andrerseits nothwendig nicht kennen dürfe . Schiller verwahrt sich in seinen Briefen über Don Carlos überall gegen solche »vernünftige Berechnung,« die er als unpoetisch von der Hand weist. Und Göthe sagt: »Der Verstand darf gar nicht in die Tragödie entriren, als bei Nebenpersonen zur Desavantage der Helden.« Göthe und Schiller würden eine solche Anwendung ihrer dramaturgischen Ansichten schwerlich gelten lassen; sie wollten gewiß nicht, daß in einem Drama der absolute Unsinn gleiche Berechtigung erhielte mit dem absoluten Sinn , und daß ein Dichter behaupten dürfte, seine Heldin habe eine bestimmte Handlung begangen und nicht begangen . Bewunderer Schillers von jenseits des Kanals versichert, so dunkel und schwerverständlich wurde, wie Lykophrons Alexandra. Don Carlos, a dramatical poem from the german of Schiller. By John Wyndham Bruce, Esq. Mannheim, Schwan and Goez. London: Black and Armstrong. 1837. Preface. p. V. Am nachtheiligsten wirkte diese Gespaltenheit in verschiedene Zwecke auf die erhabene Gestalt des Marquis Posa, der unstreitig mehr persönliches Leben und mehr praktisches Ansehen erhalten hätte, auch über den Vorwurf der Schwärmerei, den Schiller selbst vorhersah, viel sicherer erhaben geblieben wäre, wenn der Dichter über andern und zum Theil früheren Absichten eher Zeit gehabt hätte, seinem Betragen und seinen Worten den Charakter der Thatkraft zu verleihen, den die Worte Alba's über die bei dem Karthäusermönche vorgefundenen Briefe Posa's durchaus erfordert hätten. Ein Mann, der die Absicht hatte, »alle nordischen Mächte für die Freiheit der Flamänder zu bewaffnen, in dessen Kopf ein ausgeführter Plan des ganzen Krieges fertig war, der Spanien auf immer von den Niederlanden trennen sollte; der nichts übersehen, Kraft und Widerstand berechnet, alle Kräfte des Landes, alle Maximen, alle Bündnisse angegeben hatte« – dieser Mann hatte, so lang er in her Tragödie lebte, hier und da anders handeln, und noch häufiger anders sprechen müssen. Auch der Don Carlos, den ein solcher Mann gewürdiget das Werkzeug seiner Plane zu seyn, hätte ein andres Gepräge tragen müssen, als der allzu weibische Jüngling, dessen Ideal Schiller aus unreiferen Jahren mitgebracht, und der im Stande war, die Worte einer Dirne mit dem Ausrufe zu erwiedern: Unglaublich! wie? ein solches Mädchen hatte Madrid, und ich, – und ich erfahr' es heute Zum erstenmal? Dieß sagt Carlos , nachdem Eboli ihm erklärt hat, daß »der Seelen entzückender Zusammenklang – ein Kuß – der Schäferstunde schwelgerische Freuden nur Einer Blume Blätter seyen.« Und so spricht die Prinzessin vor ihrem Falle! Es ist sehr begreiflich, wie zwei Kritiker dieses Stück zweierlei Perioden Schillers anweisen konnten. Dasselbe ruht mit seinen drei ersten Akten in Schillers lyrisch-dramatischer Jugendperiode, und thut mit allen seinen Personen (insbesondere mit Posa, Philipp und der Königin, zuletzt mit Carlos selbst) in den zwei letzten Akten einen wahren Riesenschritt in die männliche Kunstbildung des Genius hinein. Und es ist am Ende gerade diese wunderbare Verwandlung, welche während des Stückes mit den Charakteren desselben vorgeht, die uns von der Allmacht des genialen Willens überzeugt, der den Dichter fühlbar vorwärts und dem Ziel entgegen reißt. Von den drei ersten Akten, zumal in ihrer ursprünglichen Gestalt, gilt nun auch hauptsächlich Wielands Tadel, welcher die psychologische Wahrheit an den Charakteren vermißt und findet, daß sie schöne Carrikaturen seyen; welcher schwülstige, zur Unzeit witzige, oder sonst unschickliche Gedanken und Ausdrücke rügt, in Don Carlos eher einen Wilden, als einen Zögling Karls V. sieht, und den Rodrigo, der die Mißhandlung des Knaben Carlos um seinetwillen zugeben und ansehen konnte, den Elendsten unter allen Nichtswürdigen, die jemals Athem geholt haben, schilt; denn der übrige Theil dieses Urtheils, daß Schiller noch zu reich sey, zu viel sage, zu voll sey an Gedanken und Bildern, ist an der Arbeit eines jungen Mannes mehr Lob als Tadel. Gewiß waren es jene ersten Akte, welche Göthe'n den Ausspruch abnöthigten, »daß die Erscheinung des Don Carlos nicht geeignet gewesen sey, ihn dem Dichter näher zu führen,« und die zwei letzten, welche ihn zur Anerkennung vermochten, »daß sich Schiller schon im Don Carlos einer gewissen Mäßigkeit beflissen, daß er im Begriffe gestanden, sich zu beschränken, dem Rohen, Uebertriebenen, Gigantische» zu entsagen; daß ihm schon das wahrhaft Große und dessen natürlicher Ausdruck gelang.« Auch das harte Wort Zelters, »daß von den Hauptrollen keiner recht schuldig, und keiner eigentlich unschuldig sey, weil sie zu dumm seyen, oder zu superklug, wie der einfältig weise Posa, der den Kohl fett machen will, und sehr gut daran gethan hätte, noch einige Jahre zu reisen,« auch dieses Wort über das »mühsame Stück unseres edlen Schiller« kann doch, wenn etwas Wahres daran ist, nur auf die früher verschuldete unvollkommene Anlage des Ganzen sich gründen. Schiller selbst, der liebenswürdige, bescheidene Schiller, blickte in späterer Zeit, als er es wieder für das Theater bearbeitete, mit unbefangenem Auge auf das Trauerspiel seiner ersten Mannesjugend zurück und sprach: »Es ist ein sicherer theatralischer Fonds in dem Stück; es enthält Vieles, was ihm die Gunst verschaffen kann; es war freilich nicht möglich, es zu einem befriedigenden Ganzen zu machen.« Die Ausgabe des Don Carlos, die wir jetzt in den Gesammtwerken finden, ist eine Arbeit der späteren Jahre des Dichters. Er unterdrückte darin manche »trunkene Gedanken und spritzende Pechfackelflammen« und verwandelte den metrisch falsch gebrauchten Namen Ródrigo größtentheils in Roderich. »Ein gediegenes poetisches Kunstwerk in höherem Sinne konnte indessen das Stück seiner ganzen Anlage nach doch nicht werden.« Wie es von 1784 an vor den Augen des deutschen Publikums, durch die Mittheilungen in der Thalia, allmählig wurde, arbeitete gleichsam die ganze Zeit mit, insbesondere »tausend und wieder tausend deutsche Jünglinge; und wie man sich ehedem als Hamlet und Werther gefallen hatte, so gefiel man sich jetzt als feuriger Infant, dem man jedoch etwas Posa beimischte, um die Composition solider zu machen.« In dieser Gestalt, die das Stück noch in der Ausgabe von 1787 hat, »bleibe es für die Nachwelt, was es war, eine großartige und geniale, aber ungemessene und unkorrekte Aeußerung der Zeit , die sich hier in tausend Stücken, die sie will und die sie nicht will , ausspricht.« Aus dem mehrfach angeführten Aufsatz der Blätter für lit. Unterhalt. 1836 (S. 120l), in welchem ich eine Freundeshand zu erkennen glaube, die seit kurzem ruht. Was wir weiter über dieses Drama sagen möchten, sey auf den Ueberblick dieser Periode des großen Dichterlebens verspart. Aufenthalt in Volkstädt. 1788. Nach diesen schwierigen, doch für den poetischen Lebenslauf des Dichters unentbehrlichen Untersuchungen, begleitet der Leser gewiß von dem Ambos der Dichtung hinweg, die kein so leichtes und anmuthiges Geschäft ist, als die Wirkungen ihrer schönsten Resultate glauben machen, den Poeten gern in die Zurückgezogenheit des ländlichen Thales, wo seine Neigung wohnt. Eine halbe Stunde von Rudolstadt, frei vor dem Dorfe Volkstädt gelegen, steht das kleine Haus, in welchem Schiller im Maimonat 1788 seine Frühlingswohnung bezog. Aus seinem Zimmer, so lautet die Beschreibung der Schwägerin, Fr. v. Wolzogen I, 262 ff., für den ganzen Abschnitt. übersah er die Ufer der Saale, die sich in einem sanften Bogen durch die Wiesen krümmt und im Schatten uralter Bäume dahinfließt. Die gegenüber am jenseitigen Ufer des Flusses sich erhebenden waldigen Berge, an deren Fuß freundliche Dörfer liegen, und das hoch und schön gelegene Schloß von Rudolstadt an der andern Seite geben diesem Platze den Reiz der Mannigfaltigkeit, zugleich einer Einsamkeit, aus der man nur anmuthige Gegenstände überschaut. Auf einer kleinen Anhöhe, dem Hause gegenüber, die ein Wäldchen krönt, hat ein kunstliebender Verehrer Schillers Geheimer Kammerrath Werlich von Rudolstadt. Vgl. »die Büste Schillers auf Schillershöhe.« Rudolstadt 1833. ein Monument für ihn errichtet, wozu Dannecker seine kolossale Büste zu einem Bronzeabguß verehrte. Hier, wo das ehemals Unbehaun'sche Wohnhaus, Schillers einstige Miethwohnung, steht, erkaufte jener von den Besitzern der am Fuße des Berges gelegenen schönen Porcellanfabrik im Juli 1828 ein Stück Berglandes und arrondirte es durch weitere Käufe; bald entstanden Wege zwischen Felsen, Erhöhungen, Einebnungen; schöne Gesträuche, Rosen und andre Blumen erblühten, ein Schilfhaus ward errichtet. Ruheplätzchen erhoben sich; in die schöne Felsengruppe wurde die Inschrift, »Schiller 1788,« eingehauen, und in einer natürlichen, nur wenig erweiterten Nische des Gesteins am 9. Mai 1830, Schillers vielbegangenem Todestage, die Bronzebüste des Dichters beim Gesange der Rudolstädter Liedertafel im Angesichte von mehr als 2000 Zuschauern aus der Stadt und Umgegend aufgestellt und enthüllt. Das Gestein ist mit Gesträuchen und Grasblumen bewachsen, und neuangepflanzte, in die Felsenriffe und in die Nische hineingezogene Epheuranken geben dem Ganzen einen Anstrich, als wenn die Natur selbst diesen Platz zu dem bestimmten Zwecke vorbereitet hätte. Ueber der Nische zieht sich ein Felssturz von sechs Fuß Höhe mit ebener Stirne hin, an welcher eine goldene Lyra, aus Sternen gebildet, weit in die Gegend hinaus leuchtet. »Oft wird dieser schöne Platz Daß Schiller hier seinen »Spaziergang« gedichtet, ist irrig. Er entstand 1795 in Jena, im Okt., s. Schiller an Humboldt (Brfw. S. 227). denen, die Schillern noch persönlich gekannt, und den jüngern, seinem Geiste befreundeten Bewohnern zum Vereinigungsplatze dienen, und Göthes sinnvolle Worte bewähren: Die Stelle, die ein guter Mensch betrat, Sie bleibt geweiht für alle Zeiten.« Wir müssen für die vorliegende Periode Schillers meist die treue Beobachterin seines neuen Glückes sprechen lassen: »In unserem Hause,« fährt Frau von Wolzogen fort, »begann für Schillern ein neues Leben. Lange hatte er den Reiz eines freien freundschaftlichen Umganges entbehrt; uns fand er immer empfänglich für die Gedanken, die eben seine Seele erfüllten. Er wollte auf uns wirken, uns von Poesie, Kunst und philosophischen Ansichten das mittheilen, was uns frommen könnte, und dies Bestreben gab ihm selbst eine milde, harmonische Gemüthsstimmung. Sein Gespräch floß über in heitrer Laune. – Ein Waldbach, der sich in die Saale ergießt, und über den eine schmale Brücke führt, war das Ziel, wo wir ihn erwarteten. Wenn wir ihn im Schimmer der Abendröthe auf uns zukommend erblickten, da erschloß sich ein heiteres ideales Leben unserem innern Sinne. Hoher Ernst und anmuthige geistreiche Leichtigkeit des offenen, reinen Gemüths, waren in Schillers Umgang immer lebendig, man wandelte wie zwischen den unwandelbaren Sternen des Himmels und den Blumen der Erde in seinen Gesprächen.« ... »Auf diesem milden Lichtpfade geistiger Freundschaft« sollte Schiller das Herz Charlottens gewinnen. Die ältere Schwester, damals Gattin des Herrn von Beulwitz, Er starb als Rudolstädt'scher Geheimer-Rath. begegnete mit ihrem immerwährenden Bedürfnisse eines Lebens in Ideen der ganzen Stimmung des Dichters. Die nächsten Umgebungen förderten diese Neigung, ihr Gemahl hatte viele Kenntnisse und wissenschaftliche Ausbildung. Zu ihrer beinahe täglichen Gesellschaft gehörte der Baron Gleichen mit seiner Braut, nach Karolinens Zeugniß einer der edelsten und liebenswürdigsten Menschen. Sein Sohn ist Gatte von Schillers jüngstem Kind, Emilie. »Ausbildung des Geistes war sein innigstes Bedürfniß, und die reinste wohlwollendste Gesinnung stellte sich in seinem ganzen Leben wie in seiner ausgezeichnet schönen Gestalt dar. Er hatte viel Sinn für bildende Kunst; wir zeichneten und malten zusammen... Sein ganzes Wesen war Religion, Achtung vor dem Gewissen, Abweisung alles Unrechts und zarte Schonung jedes Verhältnisses. Dennoch konnte dieser treffliche Mensch nicht zur Einigkeit mit sich selbst kommen. Er studirte alle philosophische Systeme, um über die ewigen Fragen der Menschheit Antwort zu finden. Sein Glaube wurde von seinem Scharfsinne gestört; er lebte immer im Zweifel. Unsere Gespräche betrafen meistens Gegenstände der Metaphysik, ich wünschte Ueberzeugung für meinen Freund.« So wurde Schiller von der bei ihm sich eben jetzt recht festsetzenden Spekulation, selbst wider Willen, im Athem gehalten; er mußte sich ergeben, so oft er auch, im Augenblicke nach andern Richtungen strebend, bat, die Metaphysik nur einige Tage ruhen zu lassen. Gleichen fand in der Kant'schen Philosophie späterhin, wie Schiller selbst, Beruhigung, und die Erziehung der Söhne seines Freundes, des Fürsten von Rudolstadt, entzog ihn seinem überwiegenden Hange zur Spekulation. Der Fürst und sein Bruder, Prinz Carl, lebten, als liebenswürdige Jünglinge, viel im Lengefeld'schen Kreise, und bewahrten immer eine herzliche Freundschaft für Schiller. Ob der Dichter selbst je dem großen und in Deutschland in seiner Art einzigen Volksfeste, dem sogenannten Rudolstadter Vogelschießen, beigewohnt, auf des Fürsten Veranstaltung daselbst Schütze wurde, und als er den ihm dargereichten, mit altem Rheinwein gefüllten Becher, der Sitte gemäß, leerte, und Kanonenschüsse zu Ehren des neuen Schützen fielen, zum Fürsten gewandt, die Worte sprach: »Gnädigster Herr! Ich wünsche Ihnen alle Kronen der Erde, denn ich sehe, Ihre Unterthanen sind sehr glücklich!« – diese ganze Erzählung muß beruhen bleiben, da die Nachricht an chronologischen Widersprüchen Die jedoch vielleicht zu lösen wären, wenn die Begebenheit in einen Vakanzaufenthalt Schillers von Jena aus fiel. Februar 1840. leidet, und Schillers Lebensbeschreiberin derselben nicht erwähnt. Glaublicher ist, was weiter gemeldet wird, daß Schiller die Natur der Umgegend liebend genossen, und das Stammhaus der Grafen zu Schwarzburg, wie die benachbarte hohe byzantinische Ruine des Klosters Paulinzelle wiederholt besucht habe, In der dritten Sektion von Georg Wigands »malerischem und romantischem Deutschland,« welche Thüringen umfaßt, findet man mit Ludw. Bechsteins blühendem und belehrendem Texte außer den Abbildungen von Meiningen (Text S. 22 - 34), Weimar (S. 189 - 196) und Jena (S. 146 - 151) auch Rudolstadt (S. 134 - 140), Paulinzelle (S. 121 - 124), Schloß Schwarzburg (S. 128 ff.) und das Schwarzathal (S. 124 - 134) und er soll Jedem, der in jenen Gegenden reiste, noch in Weimar den Rath gegeben haben: »die Natur auf Schwarzburgs hohen Bergen zu belauschen!« Der Weg dahin ist, wie alle Wege durch das Saalethal, auch von Rudolstadt aus sehr malerisch; ein enges düsteres Thal windet sich, nachdem man an Stadt und Ruine Blankenburg Bei Wigand abgebildet und beschrieben S. 116 - 120. vorüber ist, in Kreisformen durch das Gebirge; in seiner Mitte rauscht tosend die Schwarza, bald über hellen kiesigen Boden, bald über Felsenmassen und Erdschollen hinweg, die sich wie ein verfallenes Menschenwerk in ihrem kleinen Bette emporthürmen. Düstre Fichten und Tannen, nackte, Einsturz drohende Felsen, Schlünde und Haiden beschäftigen vier Stunden lang das Auge. Nicht fern vom Eingange des Thals erhebt sich eine Felsenpyramide, von der Schiller gesagt haben soll, »daß sie ein Denkmal abgeben könne und er auch hier den Fürsten verewigt wissen möchte.« Die Schwarzburg liegt »wie eine Königin in sich faltenden Gewändern von verschiedenem Grün« auf einem hohen Berg am Ende des Thales, an der forellenreichen Schwarza. Von diesem Standpunkte gesehen erscheint reizend und einladend in der Uebersicht, was im Einzelnen finster und abschreckend aussah. Nicht weit vom Schlosse findet sich der Gasthof, in dessen Fremdenbuch Schiller die berühmten Worte schrieb: »Auf diesen Höhen sah auch ich Dich, freundliche Natur – ja dich!« Von diesem Ausfluge kehren wir nach Volkstädt zurück, in das Studierzimmer des Dichters. Dieser arbeitete dort an seiner Geschichte des Abfalls der Niederlande , und las den Schwestern die einzelnen Abschnitte vor, wie sie vollendet waren. Zu jenem Gegenstande hatten ihn die Studien über den Don Carlos geführt. Auch der Geisterseher beschäftigte ihn, und das philosophische Gespräch in diesem Romane, das Schiller später unterdrückte, und in welchem als Grundgedanke erscheint, daß Zweck und Mittel nur Begriffe menschlicher Thätigkeit und Bestrebungen seyen, daß alle Teleologie der Natur ein täuschendes Spiel unserer Einbildungskraft, und deßwegen der Mensch durch die theoretische Beschränktheit seiner Vernunft, sowie durch die Unzuverlässigkeit des Glückes, ganz theils auf das Wirken im Augenblicke, theils auf das Genießen desselben hingewiesen sey Vergl. Hoffmeister II. 45 ff. »Schiller ordnete also, wie alle Edelsten unseres Geschlechts, das Handeln dem Erkennen über .« – dieses ganz in Kant'sche Ideen getauchte Gespräch hält Karoline v. Wolzogen »vielleicht für einen Nachklang ihrer spekulativen Unterhaltungen.« Schillers erste Bekanntschaft mit den Griechen. Die Götter Griechenlands. Die Künstler. 1788. Zu Weimar und in dem holden weiblichen Kreise zu Rudolstadt wurde Schiller auch, am letztern Orte als lernender Lehrer, seit seinen Schulstudien, die doch selbst in der Akademie nicht viel über die Elemente der griechischen Sprache hinausgegangen waren, wieder, und zwar zum erstenmale, obwohl nur durch Uebersetzungen, gründlicher in die Welt des hellenischen Alterthums eingeführt, und »das Leben und Weben in diesen Urgebilden wurde auch ein Wendepunkt für seinen eigenen Geist.« In dieser Zeit schrieb er an seinen Freund Körner: »Ich lese jetzt fast nichts als Homer; die Alten geben mir wahre Genüsse. Zugleich bedarf ich ihrer im höchsten Grade, um meinen eigenen Geschmack zu reinigen, der sich durch Spitzfindigkeit, Künstlichkeit und Witzelei sehr von der wahren Simplicität zu entfernen anfing.« Dieses Lesen im Homer geschah in Gesellschaft der Freundinnen, denen Schiller Abends regelmäßig die Odyssee vorlas; »und es war ihnen, als rieselte ein neuer Lebensquell um sie her.« Darauf kamen die griechischen Tragiker, freilich nur aus des Paters Brumoy französischer Uebersetzung, an die Reihe. Aber auch so ergriff »diese große Darstellung der Menschheit in ihrer Allgemeinheit und ewigen Naturwahrheit,« sagt Schillers Schwägerin, »uns im tiefsten Innern, und entzückte uns so sehr, daß wir viele Stellen der Tragödien übersetzten, um nur diese Reden, Gefühle und Bilder vermittelst unserer Sprache inniger in Herz und Seele aufzunehmen.« Schiller versprach ihnen, ihre Lieblingsstücke zu verdeutschen, und wahrscheinlich hat dieses Versprechen die deutsche Bearbeitung der Iphigenie in Aulis von Euripides veranlaßt, welcher die Kritik etwas zu viel Ehre anthut, wenn sie dieselbe ausführlich beurtheilt. Sie ist aus einer wörtlichen lateinischen Übersetzung und zwei französischen Uebertragungen entstanden, und erschien zuerst im sechsten und siebenten Hefte der Thalia (1789); auch bei den etwas später übersetzten Scenen aus den Phönizierinnen desselben Dichters Uebrigens trieb ihn das Herz zu dieser Arbeit. »Eine Scene aus den Phönizierinnen des Euripides hätte uns (ihm und Karolinen) bald Thränen gekostet,« schrieb er an Lottchen. Fr. v. W. I, 301. ließ sich, nach einer im Vaterlande Schillers ziemlich verbreiteten und geglaubten Sage, Schiller den Text von einem Stuttgarter Freunde und alten Lehrer, dem gelehrten Philologen Professor Nast, Joh. Jak. Heinrich Nast , geb. 1751, gest. 1822, Professor an der Hohen-Carlsschule, später am Gymnasium zu Stuttgart, zuletzt Pfarrer in Plochingen, bekannt durch seine Römischen Kriegsalterthümer. in wörtliche Prosa übersetzen, und bearbeitete diese zu fünffüßigen Jamben. Schiller wurde durch diese Studien ruhiger, klarer, seine Erscheinung, wie sein Wesen, anmuthiger, sein Geist den phantastischen Ansichten des Lebens, die er bis dahin nicht ganz hatte verbannen können, abgeneigter. Die oben angefühlten Worte an Körner bewiesen, wie gut er wußte, was ihm Noth that, und wie viel er von den Alten für die vom wahren Gehalt unzertrennliche Form seiner Poesie, vom Eindringen in Wesen und Gestalt derselben, erwartete. Dennoch wirkten diese zu allererst nicht so auf seinen Geist, wie er solches jetzt schon wünschte und wie es später geschah; sondern sie verbündeten sich zunächst mit der skeptischen Tendenz seiner bisherigen Philosophie, um das Material seiner Überzeugungen von dem anerzogenen Glauben, dessen göttlichen Gehalt leider sein Herz auf dem in seiner Zeit allein gebahnten Wege sich nicht anzueignen vermochte, vollends und mit etwas gewaltsamem Trotze loszureißen. Einigen Antheil an dieser Stimmung des Dichters hatte ohne Zweifel Wielands Umgang, von welchem Schiller jetzt eben herkam, und den er den Tempel der Venus Amathusia in verführerischen Reimen schon längst hatte bekränzen sehen. Am 2. Juni hatte ihm dieser Priester der griechischen Musen und Grazien nach Volkstädt geschrieben: »Sie sind also in Ihrem selbstgewählten Patmos glücklich angelangt, mein liebster Schiller! und gefallen sich da? Quod felix faustumque sit! und mögen Ihnen auch, wie dem heiligen Johannes Theologus,– nur nicht ganz in seiner Manier – hohe Offenbarungen daselbst zu Theil werden.« Jene hohe Offenbarung ließ nicht auf sich warten; wahrscheinlich noch in demselben Jahre wanderten von Volkstädts schöner Höhe die Künstler zu Wieland, und erschienen in seinem Merkur im März 1789. Aber in den Göttern Griechenland's , welche er, noch vor jenen ernsteren classischen Studien, unter Wielands Augen in Weimar gedichtet, hatten die überwältigenden Eindrücke des reizendsten, lebendigsten Polytheismus über den erstarrten Theismus seines Zeitalters, der neben seinem bornirten Gott nur eine von diesem geschiedene todte Natur erkannte, einen jauchzenden und dithyrambischen Triumph gefeiert. Vergl. Hoffmeisters treffliche Entwicklung II, 81 ff. In ihnen hatte Wieland schon im März des Jahrs 1788, nach der Meinung und zum Schrecken orthodoxer Zeloten, aber auch zum Schmerze redlicher Frommen, eine wahre Apokalypse des Satanas von demselben Dichter publicirt. Noch ist dieses Gedicht der Anstoß vieler Christen, wie es auf der andern Seite für gar Manchen, der dem Gotte seines Katechismus sich entwachsen meint, und doch über das verneinende Ergebniß nicht weiter hinaus zu philosophiren vermag, das äußerste Ziel für ihn erreichbaren Unglaubens oder Glaubens bildet, an welchem er höchlich zufrieden ausruht. Und so kommt es, daß die rohesten Stellen dieses Gedichts, Wohin tret' ich! diese traur'ge Stille Kündigt sie mir meinen Schöpfer an? Finster – wie er selbst, ist seine Hülle, Mein Entsagen, was ihn feiern kann. Nach der Geister schrecklichen Gesetzen Richtete kein heiliger Barbar , Dessen Augen Thränen nie benetzen. Zarte Wesen, die ein Weib gebar... Fremde, nie verstandene Entzücken Schaudern mich aus jenen Welten an. Und für Freuden, die mich jetzt beglücken. Tausch' ich neue, die ich missen kann ! Freundlos, ohne Bruder, ohne Gleichen usw. die Schiller selbst später ausgemerzt hat, vielleicht ein eben so großes, nur theilweise anderes Publikum finden, als die edelsten Kunstleistungen des Dichters, und gewiß ein größeres, als sein esoterischer, heiliger Schönheitslehrhymnus auf die Künstler . Als Stimmführer des gekränkten Glaubens erhob sich ein Dichter, der schon vor Schiller einen nicht leise ausgesprochenen, durch das Echo eines Dichter bundes noch verstärkten Namen hatte, Friedrich Leopold Graf zu Stolberg . Aber er that es nicht auf die rechte Sängerweise, daß er Lied mit Lied bekämpft hätte, sondern durch einen Journal-Artikel im Augusthefte des deutschen Museums von 1788, welcher »Gedanken über Schillers Gedicht: die Götter Griechenlands« überschrieben war. Die bittersten Stellen dieses selten gewordenen Aktenstückes, das nahezu neun große Oktavseiten füllt, lauten wie folgt: »Poesie, welche die Wahrheit anfeindet, mag als Dichtkunst bewundern, wer da will; ich habe immer zu groß von der Poesie gedacht, um sie für Tausendkünstelei zu halten, um zu glauben, daß sie nach einer Bewunderung streben könne, zu welcher sich Verachtung und Abscheu gesellen. ... »Die Philosophen, welche sich rühmten, daß sie das Schwarze weiß, und das Weiße schwarz machen könnten, nannten sich Sophisten. Ihr Name ist ein Schimpfwort geworden. Wie sollen wir Dichter nennen, welche, wie Schiller, des göttlichen Feuers theilhaftig wurden und es so anwenden? »Ein solcher Mißbrauch betrübt mich ebensosehr, als mich ihr wahrer Gebrauch entzückt. Bis zu Wonnethränen hat mich Schillers Rundgesang (an die Freude gerührt. Bei zwei andern lyrischen Gedichten Ohne Zweifel ist das eine hier gemeinte Gedicht die Resignation , das andre die Freigeisterei aus Leidenschaft . dieses Mannes empfand ich, was ich bei diesem Lobe der Götter Griechenlands empfinde. Hat der Dichter zwo Seelen, wie jener junge Meder beim Xenophon zu haben wähnte? Bläst er aus Einem Munde kalt und warm , wie der Wanderer in der Höhle des ehrlichen Faunus? »Ich möchte lieber der Gegenstand des allgemeinen Hohnes seyn, als nur Ein solches Lied gemacht haben, wenn auch ein solches Lied mir den Ruhm des großen und lieben Homers zu geben vermöchte. Wenn ein unmündiges Publikum mich für das Gift, welches ich ihm im Becher der Musen gereicht hätte , vergötterte, so würde ich mir selber ein muthwilliger Knabe scheinen, welcher seinen Pfeil gegen die Sonne losschnellt, weil sie sich von ihm nicht greifen läßt. »Hier ist die letzte 25ste Strophe: »»dessen Strahlen mich darnieder schlagen«« u.s.w. Diese Strophe erinnert an jene Zeile von Blumauer, welche als besonders freimüthig, so übermäßig gepriesen worden: Nimm mir den Glauben oder den Verstand! Es thut mir wehe, einen Mann zu sehen, dem sich nur diese schreckliche Alternative Im Text, durch offenbaren Druckfehler: »Alternation.« zeigt, aber die Aeußerung dieses Gedankens kann ich so wenig freimüthig finden, als die Ausfälle, welche einige Wiener'schen Dichter izt gegen den Pabst thun . »Wenn ich auch Schillers Rundgesang auf die Freude nie gelesen hätte, so würde ich doch gewiß seyn, daß ein Mann von seiner glühenden Empfindung Momente müsse gehabt haben, sel'ge Momente, in welchen seine Seele dahin schmolz bei der Empfindung des Allgegenwärtigen, Allliebenden. »Die Vorstellungen, welche unsere Religion sich von dem Gott macht, der sich Vater nennt ..., vom Sohne Gottes, welcher unser Bruder ward ..., für die Menschen lebt und für die Menschen stirbt, uns eine Sittenlehre schenkt, gegen welche alle Sittenlehren nichts sind ..., die Lehre der Unsterblichkeit ans Licht bringt, sie durch seine Auferstehung, welche uns den Zweck seines Lebens und Todes entsiegelt, bestätigt; diese Vorstellungen, sage ich, ... müßten ihm, auch wenn er das Unglück hätte, nicht daran zu glauben, doch wohl edler und wohlthätiger scheinen, als die Spiele der griechischen Phantasie, deren Götterlehre die größte Abgötterei mit dem traurigsten Atheismus verband ... »Jenes Unding, was die Alten Schicksal nannten, trat an die Stelle Gottes, den wir Vater nennen. »Dieser Kindschaft entsagen zu wollen, um, wenn das möglich wäre, wieder zu glauben, daß Bacchus mit frechen Mänaden schwärme, und Venus mit Gnade auf den Dienst ihrer unzüchtigen Priesterinnen herabschaue, ist der abenteuerlichste Wunsch, dem sich ein Mensch überlassen kann, ein Wunsch, dessen Aeußerung sich nicht von dem Begriffe der Lästerung trennen läßt . Die Entschuldigung des Scherzes findet in Absicht auf das Heilige nicht Statt, am wenigsten eines solchen Scherzes, welcher nicht etwa bunte Seifenblasen in die Luft bläst, sondern Maulwurfshaufen mit blinder Wuth aufwirft, gleich jenen göttlichen Kindern der Erde, welche den Ossa auf den Olymp, auf den Ossa den Pelion thürmten, um – den Himmel zu stürmen .« Die schönste Apologie der »Götter Griechenlands« hat Gustav Pfizer im Schillersalbum in den Worten gedichtet: Du klagtest um die Götter Griechenlands Und war denn Raum für sie in deinem Busen? Sie sind dahin – es blieb manch edles Bild Zurück von den verschwundenen Gestalten; Da hast du kühn der Dichtung goldnen Schild Den Götterleichen schirmend vorgehalten, Um jene Wesen klaget dein Gedicht, Die in der Schönheit Formen sichtbar waren; Sie riefst du an – und wußtest selber nicht, Wie ganz ein Priester du des Unsichtbaren. » Fr. Leop. Graf zu Stolberg .« »Stolbergs Fehdebrief gegen die Götter Griechenlands,« berichtet Frau von Wolzogen, »that uns sehr weh; um so mehr, da seine Gedichte zu denen gehörten, die unsere Jugend verschönert hatten. Es war hart von dem so edeln Manne, eine poetische Ansicht und momentane Dichterlaune vor das strenge Forum der Orthodoxie zu ziehen, wo er gewiß war, Plattheit und Beschränktheit als Mitarbeiter zu finden, und unserm Freund auch in der Meinung gutmüthiger Schwachheit zu schaden. Er ließ sich wahrscheinlich von momentaner Empfindung, die die Folgen nicht ermaß, hinreißen. Was kann man einem Menschen Schrecklicheres Schuld geben, als ein Gottesläugner zu seyn? Es zerstört seine ganze Menschheit in Vernunft und Empfindungen. Die letzte Strophe dieses Gedichts dünkte uns gerade sehr rührend durch die Sehnsucht nach dem Höchsten und Ewigen, die sie ausspricht: Dessen Strahlen mich darnieder schlagen Werk und Schöpfer des Verstandes! dir Nachzuringen, gib mir Flügel, Wagen Dich zu wägen – oder nimm von mir, Nimm die ernste, strenge Göttin wieder, Die den Spiegel blendend vor mich hält! Ihre sanftre Schwester sende nieder, Spare jene für die andre Welt .« Hatte Stolberg, vier Jahre nachher Kryptokatholik, Vgl. Voß und Stolberg von Dr. C. A. F. Schott. S. 188. auf eine pfäffische Weise, wie ihm vorgeworfen wird, angegriffen, so äußerte sich dagegen Wieland, der offenkundige Satyr, auf eine etwas bestialische, nachdem der empfindlich bewegte Schiller den Gedanken einer Erwiederung gegen ihn hatte laut werden lassen. »Mir ist lieb,« schreibt ihm Wieland vom 15. Sept., »daß Sie den platten Grafen Leopold für seine selbst eines Dorfpfarrers im Lande Hadeln unwürdige Querelen über Ihre griechischen Götter ein wenig heimschicken wollen. Ich hatte gehofft, der Mann würde sich seines Herrgotts in einer tüchtigen Ode, oder doch in einem archilochischen Jamben annehmen; aber er wird, wie es scheint, immer prosaischer, und es ist wirklich erbärmlich zu sehen, was er für Schlüsse macht. Aber so rächt sich die Philosophie an den Poeten, die von Jugend an ohne sie auszukommen sich gewöhnt haben.« Das Gedicht fand auch, was die edlere und vernünftigere Waffengattung war, einige poetische Erwiderungen, von welchen »das Lob des einzigen Gottes« den Namen Kleist an der Stirne trägt, und von Franz von Kleist, dem wenigst berühmten der drei Dichter dieses Geschlechtsnamens, herrührt. Diesem Gegenstücke gönnte Wieland selbst, wahrscheinlich aus Gründen der Klugheit, einen Platz im Augusthefte des Merkur von 1789. Daß Schiller in der spätern Sammlung der Gedichte die anstößigen Stellen umgestaltete, zeugt, wie sehr ihm daran lag, die bessere Ueberzeugung und das Heilige in keinem Menschenherzen zu beleidigen. Schon während des Rudolstädter Lebens vermied er dieß sorgsam. Frau von Lengefeld die Mutter gehörte der alten, frommen Zeit an, »sie band den Glauben ihres liebenden Herzens an strenge dogmatische Formeln und Vorstellungsarten; und so gab es oft kleine Streitigkeiten; aber auf dem Boden allgemeiner Güte und Liebe fand man sich immer wieder zusammen.« Einer englischen Bibel , mit welcher Schiller seine künftige Schwiegermutter damals beschenkte, schrieb der Dichter die Zeilen ein, die gegen diejenigen zeugen, welche, so oft sie einen Grundstein christlicher Ueberzeugung weiter dem Glaubensgebäude der jetzigen Menschheit zu entziehen bemüht sind, sich mit triumphirender Miene auf Schiller, als das Orakel des Volkes, berufen. Obgleich sie einem seiner ältesten Gedichte (aus der Anthologie) angehören, und dem neuen Zwecke, dem sie dienen sollten, nur angepaßt worden sind, so sprach er eben durch ihre Wiederholung doch eine fortdauernde Ueberzeugung aus: Nicht in Welten, wie die Weisen träumen, Auch nicht in des Pöbels Paradies, Nicht in Himmeln, wie die Dichter reimen, Aber wir begegnen uns gewiß. So schrieb Schiller, die Bibel in der Hand. Wer will behaupten, daß sein Bruch mit dem Schöpfer unwiderruflich gewesen? Auf eine keineswegs feindselige Weise sprach der Dichter seine durch die Coalition des Alterthums mit der kritischen Philosophie in seinem Geiste gebildete Ansicht, von der Erziehung des Menschengeschlechts durch die Kunst, in dem tiefsinnigen Lehrgesange die Künstler aus, welcher in Rudolstadt im Herbste 1788 begonnen und in Weimar im Februar 1789 vollendet wurde. Zwei selten zusammen gehende Kritiker, Hoffmeister und Hinrichs, Jener II, 91 ff; dieser I, 120 ff. stimmen in der gleichen und dießmal auf ziemlich gleiche Ansicht gestützten Bewunderung dieses herrlichen Gedichtes, das, wie der Raum eines Tempels, immer größer vor unsern Augen wird, je länger wir uns darin umschauen, überein. Jener bemerkt, daß, wenn die Götter Griechenlands noch rückwärts schauen, eine polemische Ideenrichtung abschließend, die Künstler dagegen das Gesicht vorwärts gewandt haben, indem sie die Keime beinahe aller Grundansichten über das Schöne und die Kunst entfalten, welche Schiller später in seinen ästhetischen Abhandlungen auseinander setzte. Dann verfolgt Hoffmeister den kulturhistorischen Gang des Gedichtes, und die Stadien, die es, doch ohne streng verstandesmäßige Anlage, in ihren Uebergängen leise verwischt, befolge. Hinrichs aber sucht, ohne dießmal die schroffe Seite seines Systems herauszukehren, die allgemeinste Vernunftidee des Gedichtes auf. »Die Künstler,« sagt er, »sind die Glücklichen, die das Seyn zum Scheine, zum Schönen erheben und verklären. Sie sind, indem sie das Aeußerliche dem Gedanken versöhnen, die wahren Befreier von der Sinnlichkeit, die sie nicht ertödten, sondern mit dem Geiste befreunden. Der Gedanke ist im Schönen mit dem sinnlichen Stoffe vermählt. Das Schöne und die Kunst ist daher die Morgenröthe des Geistes, weil der Gedanke das Element desselben ist. Die Kunst zeigt früher als die Erkenntniß und Wissenschaft, was die Wahrheit ist. Im Schönen ist die Idee sinnlich da; das Schöne ist nicht ein bloßes Bild, ein Bild des Sinnlichen, sondern ein Sinnbild, sein Inhalt ist der Gedanke. Urania, die Himmlische, läßt sich zum Irdischen herab, und versöhnt dem Menschen, was ihm widerwärtig scheint. Sie erhebt ihn durch die schöne Einheit und Harmonie über den Zwiespalt des sinnlichen Verstandes. Die Künstler sind auch die Erstgeborenen des Geistes. Sie ringen den Geist von der Natur los, und machen sie ihm gemäß. Daran zündet sich die Erkenntniß, das Wissen an; die Wissenschaft geht von der Kunst aus, und kehrt in ihrer Vollendung wieder zu derselben zurück. In dieser höchsten Darstellung wird die Wissenschaft selbst zur Kunst: Der Schätze, die der Denker aufgehäufet, Wird er in euren Armen erst sich freu'n. Wenn seine Wissenschaft der Schönheit zugereifet, Zum Kunstwerk wird geadelt seyn.« Soweit kann man mit der spekulativen Ansicht ganz einverstanden seyn: nur werde nicht vergessen, daß Schiller, über allen diesen Entwicklungen des Geistes in der Zeit, einen über Raum und Zeit schwebenden lebendigen Gedanken und einen heiligen Willen geglaubt und festgehalten hat, das heißt einen persönlichen Gott , von dem er, selbst in der Zeit seiner tiefsten Skepsis, nicht ganz lassen konnte. Wie hätte er sonst diesem ernsten, wahrhaften Glaubensbekenntnisse die Worte einverleibt: »Als der Erschaffende von seinem Angesichte Den Menschen in die Sterblichkeit verwies, Und eine späte Wiederkehr zum Lichte Auf schwerem Sinnenpfad ihn finden hieß « –? Bei aller Herrlichkeit dieses Gedichtes blieb es indeß ein bloßer Lehrgesang , und Schiller selbst betrachtete später diese und ähnliche Poesieen nur als Baurisse, nach denen er künftige freie Dichtungen aufführen wollte. Aber diese Risse stammten aus seinem Innersten. Gewiß sind es Fragmente der Künstler und Aehnliches, von welchen Schiller an Lottchen von Lengefeld damals nach Kochberg, einem Landgut in der Nähe von Rudolstadt, schrieb: »Es freut mich, wenn Sie diejenigen Stücke von mir, die mir selbst lieb sind, lieb gewinnen und sich gleichsam zu eigen machen; dadurch werden unsre Seelen immer mehr und mehr an einander gebunden werden. Ich sehe diese Stücke als die Garants unserer Freundschaft an; es sind abgerissene Stücke meines Wesens , und es ist ein entzückender Gedanke für mich, sie in das Ihrige übergegangen zu sehen, sie in Ihnen wieder anzuschauen und als Blumen, die ich pflanzte, wieder zu erkennen.« Und beiden Schwestern sagt er: »Daß ich mich in meiner Vermuthung nicht betrogen habe, das gestrige Gedicht (die Künstler) würde Sie interessiren, freut mich ungemein; es beweist mir, daß Ihre Seele Empfindungen und Vorstellungsarten zugänglich und offen ist, die aus dem Innersten meines Wesens gegriffen sind. Dieß ist eine starke Gewährleistung unserer wechselseitigen Harmonie, und jede Erfahrung, die ich über diesen Punkt mache, ist mir heilig und werth.« Und Carolinen versicherte er, »daß er mit diesem Gedichte vollkommen zufrieden sey und sich selbst loben müsse.« Er gestand damals, noch Nichts so vollendet gemacht, aber auch zu Nichts sich so viel Zeit genommen zu haben. Fr. v. Wolz. I, 300. 304. Hinrichs I, 123. Diese Aeußerungen stammen meist aus dem Anfange des Novembers. Nicht so leichtes Spiel, wie bei den Schwestern, hatte Schiller mit den Künstlern, später (im Febr. 1789) bei Wieland, mit welchem er über eine Stelle des Gedichts in eine kleine »Fehde« gerieth. Das Gespräch führte sie weit in gewisse Mysterien der Kunst. Aber kaum war Wieland eine halbe Stunde fort, so durchlas Schiller seine Künstler: einige vorher sehr werth gehaltene Strophen ekelten ihn jetzt an, und er dichtete 14 neue dazu, »die er nicht in sich gesucht hätte, d. h. deren Inhalt bisher nur in ihm geschlafen.« Schiller bei Fr. v. Wolz. I, 384. Opponirte Wieland hier, so hatte ihn der junge Dichter um so entschiedener durch seine Briefe über Don Carlos, die zum Theil durch Wieland's Recension hervorgerufen waren, gewonnen. »Ich habe dieses Stück,« schreibt er, schon unterm 28. Julius 1788, »welches man eine kritische Geschichte der Genesis Ihres Don Carlos nennen könnte, mit unbeschreiblichem Vergnügen und neuer Bewunderung Ihres Geistes gelesen; sie ist zugleich ein Muster einer Apologie und Kritik, jene ohne irgend einen geheimen Einfluß der Parteilichkeit gegen sich selbst, diese so scharfsinnig und tiefgedacht, daß wenige Leser des Don Carlos sie lesen werden, ohne sich zugleich belehrt und beschämt zu finden.« Verlauf der Tage zu Rudolstadt. Schiller Göthe'n gegenüber. 1788. »Man glaubt hier,« fährt Wieland aus Weimar in seinem Briefe fort, »Sie amusirten sich sehr gut in Ihrer Retraite, und legt einen Theil des Verdienstes, Ihnen diesen secessum angenehm gemacht zu haben, auf die schönen oder doch auf Eine schöne Rudolstädterin. Desto besser!« Inzwischen war die Stimmung des Dichters in seiner Einsamkeit doch oft auch eine trübe, er fürchtete zuweilen einen Cirkel von Fröhlichen durch seinen schwerfälligen Humor zu stören, und schrieb an seine Freundin Caroline von B. »Die Wandelbarkeit der Laune ist leider ein Fluch, der auf allen Musensöhnen ruht.« Aber er erwartete von seinem neuen Verhältnisse auch Erlösung von diesem Fluche: »Rudolstadt und diese Gegend überhaupt soll, wie ich hoffe, der Hain der Diana für mich werden; denn seit geraumer Zeit geht mir's, wie dem Orest in Göthens Iphigenia, den die Eumeniden herumtreiben; den Muttermord freilich abgerechnet, und statt der Eumeniden etwas anderes gesetzt, das am Ende nicht viel besser ist. Sie werden die Stellen der wohlthätigen Göttinnen bei mir vertreten, und mich vor den bösen Unterirdischen beschützen.« Einen großen Schmerz erfuhr Schiller in diesem Sommer durch den Tod seiner mütterlichen Freundin Frau von Wolzogen zu Bauerbach. Die treffliche Frau hatte im Frühjahr eine schmerzhafte Operation mit vieler Standhaftigkeit und glücklich überstanden, ihr Alter aber scheint die Folgen nicht ausgehalten zu haben. Wilhelm von Wolzogen, ihr Sohn, hatte die Rudolstädter noch vor seiner nahen Abreise nach Paris besucht; er hatte die größte Hoffnung, seine damals noch kränkelnde Mutter werde vollkommen genesen. Nach vier Wochen kam die Nachricht ihres Todes. »Noch ganz betäubt, liebster Freund,« so schreibt Schiller den 10. Aug. 1788 an den trauernden Sohn, »setze ich mich, Ihnen zu schreiben. Ja gewiß, eine theure Freundin, eine vortreffliche Mutter haben Sie und ich in ihr verloren. Ich darf die vielen Augenblicke der Vergangenheit, wo ich ihre schöne, liebevolle Seele habe kennen lernen, nicht lebendig in mir werden lassen, wenn ich die ruhige Fassung nicht verlieren will, in der ich Ihnen schreiben möchte. Aber ihr Andenken wird ewig und unvergeßlich in meiner Seele leben; und alle Liebe, die ich ihr schuldig war, und alle herzliche Achtung, die ich für sie hegte, soll ihr ewig gewidmet bleiben. Mein und unser aller Trost ist dieser, daß sie durch diesen sanften und geschwinden Tod vielem Leiden entgangen ist, das ihr unausbleiblich bevorstand. Ihrer Kinder und ihrer Freunde Herz würde weit mehr dabei gelitten haben, wenn sie ein hoffnungsloses und martervolles Leben hätte fortleben müssen... Lassen Sie uns das einen Trost seyn, da wir beide fühlen, daß ein schmerzvolles halbes Daseyn ein traurigeres Loos ist, als der Tod... Alle Liebe, die mein Herz ihr gewidmet hatte, will ich ihr in ihrem Sohne aufbewahren und es als eine Schuld ansehen, die ich ihr noch im Grabe abzutragen habe.« Dann erwähnt er auch noch derjenigen, die er früher so oft seine gute Lotte genannt hatte: »Beruhigen Sie Charlotten; dieser Schlag wird sie sehr hart getroffen haben.« Warum soll es verschwiegen bleiben, was dem aufmerksamen Leser sich doch aufdringt, daß dieser Brief von dem süßesten Trost an den Gräbern der Unsrigen, von der Fortdauer nach dem Tode und dem Wiederfinden der Geliebten in einem andern Leben, schweigt? Vielleicht war Schiller nie so ferne von jenem Gedanken, als in diesen Augenblicken, in welchen er mit Geist und Empfindung ganz in das Diesseits der griechischen Welt vertieft war. Aber die starken Geister unserer Zeit, welche nicht nur besser wirken, sondern am Ende gar besser lieben zu können glauben, wenn sie den Ausblick in eine jenseitige Welt sich und andern verrammeln, dürfen kein Siegesgeschrei bei'm Anblicke dieses Bundesgenossen erheben. Wir werden ihm in entscheidenderen Momenten seines Lebens begegnen, wo er den Anker seiner Hoffnung so gut in die Ewigkeit versenkt, als jeder andre – Christ, in Augenblicken, wo er sich dieser Ueberzeugung vergebens zu erwehren strebt, Ein solcher ist schon oben hervorgehoben worden, mit der engl. Bibel. und selbst in solchen, wo er sie mit den Waffen seines Tiefsinns zu vertheidigen bemüht ist. – Unsre Erzählung naht sich einem Augenblicke, der entscheidend für das Leben des Dichters hätte werden können, aber doch nicht geworden ist. Göthe kam, von seiner italienischen Reise zurückkehrend, durch Rudolstadt, und Schiller sah ihn im Lengefeld'schen Hause. »Wie alle rein fühlenden Herzen,« sagt Frau v. Wolzogen, »hatten uns dieses Dichters Schöpfungen mit Enthusiasmus erfüllt. Alle unsere erhöhteren, ächt menschlichen Empfindungen fanden durch ihn ihre eigenthümliche Sprache; Göthe und Rousseau waren unsre Hausgötter. Auch floß des erstern so liebenswürdige Persönlichkeit, die wir bei unsrer Freundin Frau v. Stein (zu Weimar kennen gelernt, mit dem Dichter in unserm Gemüth in Eins zusammen, und wir liebten ihn, wie einen guten Genius, von dem man nur Heil erwartet. Wir hatten Schillern die Rezension des Egmont fast nicht verzeihen können.« Diese Beurtheilung des Egmont aber, die im Jahr 1788 in der Allgemeinen Literaturzeitung erschienen ist, war gerade eine glänzende Probe von dem kritischen Talente Schillers, und lieferte den Beweis, wie tief sein schöpferischer Geist zugleich mit dem Urtheil in die Geisteswerke Anderer, und zwar der größten Genien, einzudringen vermochte. Ein großer Theil des dort ausgesprochenen Tadels ist nicht widerlegt und wohl unwiderleglich. S. auch Hoffmeister II, 292-294. Die Freundinnen, die hier also ganz auf der Seite Göthes waren, sahen der Zusammenkunft beider Dichter mit der höchsten Spannung entgegen. Sie wünschten nichts mehr als eine Annäherung, die aber nicht erfolgte. Bei seinem entschiedenen Ruhme und seiner äußern Stellung hatten sie von Seiten Göthes ein Entgegenkommen, von ihrem Freunde Schiller hatten sie mehr Wärme in seinen Aeußerungen erwartet. Sie schoben Göthes Kälte auf seine schmerzliche Sehnsucht nach Italien; aber sie hatte wohl einen andern Grund, und Göthe hat irgendwo auch offen gestanden, daß ihm Schillers damalige Tendenz, wie sie in seinen Hauptwerken und besonders in seinen frühern Dramen sich dargelegt, nicht behagen konnte, ja, daß sie ihn abstoßen mußte, ihn, der auf seiner letzten Reise vollends bemüht gewesen war, alle ästhetischen und socialen Paradoxien abzulegen und das Große und Schöne nur in dem Wahren und Natürlichen zu suchen. Wir müssen hier aus dem Gedächtnisse citiren. Die Stelle findet sich entweder in Kunst und Alterthum, oder in der Morphologie. Man vergleiche übrigens, um die gegenseitige Abstoßung beider Individualitäten bei ihrem ersten Zusammentreffen recht begreiflich zu finden, Hinrichs vortreffliche und erschöpfende Parallele zwischen beiden Dichtern a.a.O. I, XV-LIII. So standen sich also die beiden Genien das erstemal kalt und unzugänglich einander gegenüber. Den Freundinnen Schillers mochte das Athmen dabei vergehen. Endlich gab Göthe doch einiges Zeichen von Interesse. Er ergriff das Heft des Merkur, welches die Götter Griechenlands enthält, und das von ungefähr auf dem Tische lag, steckte es, nachdem er einige Minuten hineingesehen, ein, und bat es mitnehmen zu dürfen. Schillers Aeußerungen gegen seine Rudolstädter Freunde stimmten ganz mit dem überein, was er seinem Körner über diese Zusammenkunft schrieb: »Im Ganzen genommen, ist meine in der That große Idee von Göthe nach dieser persönlichen Bekanntschaft nicht vermindert worden; aber ich zweifle, ob wir einander je sehr nahe rücken werden. Vieles, was mir jetzt noch interessanter ist, was ich noch zu wünschen und zu hoffen habe, hat seine Epoche bei ihm durchlebt. Sein ganzes Wesen ist schon von Anfang her anders angelegt, als das meinige, seine Welt ist nicht die meinige, unsere Vorstellungsarten scheinen wesentlich verschieden. Indessen schließt sich aus einer solchen Zusammenkunft nicht sicher und gründlich. Die Zeit wird das Weitere lehren.« An diese illustre Bekanntschaft reiht sich eine bescheidenere, welche indessen Schillers Lebensbeschreiberin zu melden nicht verschmäht. Auch den Volksfreund Rudolph Zacharias Becker, den Verfasser des Noth- und Hülfsbüchleins und Herausgebers des allgemeinen Anzeigers der Deutschen, der als Rudolstädtischer Hofrath zu Gotha lebte und dort eine Buchhandlung besaß, lernte Schiller im Lengefeld'schen Hause kennen. Der merkwürdige und um Deutschland verdiente Mann faßte eine herzliche Zuneigung zu Schiller, die er der Familie durch die thätigste Theilnahme noch nach dem Tode des Dichters bewies. Der Volksschriftsteller und der Dichter begegneten sich in Seelenstärke, höherem Interesse an der Menschheit, ächter Freiheitsliebe und in ihrer, wiewohl höchst verschiedenen, Wirksamkeit für die deutsche Nation. Rückkehr nach Weimar. 1788. Indessen kam die Stunde der Trennung heran. An seinem Geburtstage, den Schiller mit aller Welt am 10. November feierte, dankte er für den freundlichen Antheil der Schwestern und sagt von dem Tage: »Mir wird er immer vor vielen andern merkwürdig seyn, weil Ihre Freundschaft in diesem Jahre für mich aufblühte. Ich hoffe, er ist auch nicht der letzte, den ich unter Ihnen erlebe;... ich denke mit Verwunderung nach, was in Einem Jahre doch Alles geschehen kann. Heute vor einem Jahre waren Sie für mich so gut als gar nicht in der Welt – und jetzt sollte es mir schwer werden, mir die Welt ohne Sie zu denken.« Und nun erscheint schon ein Augenblick, wo die Freundschaft, die Liebe ihn zur Forderung der Unsterblichkeit nöthigt, und in feierlicher Geburtstagsstimmung ruft er aus: »Denken auch Sie immer wie heute, so ist unsre Freundschaft unzerstörbar, wie unser Wesen.« Der Scheidende nahm eine Blumenvase, eigentlich einen Potpourri, zum Andenken mit. »Sie haben aus meiner Seele gestohlen, was mich freut. Sie haben mir den Rudolstädter Sommer in dieser Vase mitgegeben. Adieu! Adieu!« In Weimar war sein erster ruhiger Augenblick (14. November) wieder für die geliebten Wesen, und er ruft ihnen sein Lebewohl nach Erfurt nach, wohin sie am Tage zuvor gleichzeitig mit Schiller verreist waren: »Ich kann mir nicht einbilden, daß alle die schönen, seelenvollen Abende, die ich bei Ihnen genoß, dahin seyn sollen; daß ich nicht mehr, wie diesen Sommer, meine Papiere weglege, Feierabend mache und nun hingehe, mit Ihnen mein Leben zu genießen. – Alles ist mir hier fremd geworden; ein Interesse an den Dingen zu schöpfen muß man das Herz dazu mitbringen, und mein Herz lebt unter Ihnen. Ich scheine mir hier ein abgerissenes Wesen; in der Folge, glaube ich wohl, werden mir einige meiner hiesigen Verbindungen wieder lieb werden, aber meine besten Augenblicke werden doch diejenigen seyn, wo ich mich des schönen Traums von diesem Sommer erinnere, und Plane für den nächstfolgenden mache.« In Rudolstadt wurde er nicht weniger vermißt. Denn Charlotten v. Lengefeld war durch ihn neue Lebenshoffnung und Freude im Herzen aufgegangen, und auch Caroline v. Beulwitz hatte sich wieder mehr dem wahren Genusse des Lebens im Glück einer neubeseelenden Freundschaft zugewendet. Fr. v. Wolz. I, 271 f. Noch am 14. November eilte Schiller zu Wieland, und fand da vielerlei Dinge vor, die seine Gegenwart verlangten, die den Merkur betrafen, und durch welche er in Verbindung mit einem uns unbekannten Plane Wahrscheinlich ein projektirtes Journal. Vergl. F. v. Wolzogen I, 345. den Freundinnen nahe zu bleiben und ihnen zu gehören hoffte. Von Herder hörte Schiller, daß er in Rom sehr aufgesucht, sehr geschätzt werde; der Sekretär der Propaganda, Borgia, der auch Göthen gut kenne, habe ihn einigen Kardinälen als »den Erzbischof von Weimar« vorgestellt. Von diesen Nachrichten war unsrem Dichter die liebste, daß Herder bald wieder kommen wolle. Göthe war aus dem Ministerium getreten und hatte alle Geschäfte abgegeben, doch hieß es, er werde in Weimar bleiben. Man sprach von ihm, wie Schiller den Freundinnen erzählt, mit ungemeiner Achtung. »Er soll weniger Härten haben, als ehemals.« Unser Dichter war jetzt ganz mit dem Euripides beschäftigt. Man klagte in Weimar viel über ihn, daß er seiner Gesundheit durch vieles Arbeiten und zu Hause Sitzen schaden werde. »Aber so sind die Leute! Sie können es einem nicht vergeben, daß man sie entbehren kann. Und wie theuer verkaufen sie einem die kleinen Freuden, die sie zu geben wissen! Wenn die völligste Indifferenz gegen Clubs und Cirkels und Caffeegesellschaften den Menschenfeind ausmacht, so bin ich's wirklich in Rudolstadt geworden.« (19. Nov.) »So viele treffliche Menschen reißt der Strom der Gesellschaften und Zerstreuungen mit sich dahin, daß sie erst dann zu sich selbst kommen, wenn sich die Seele aus dem Schwall von Nichtigkeiten nicht mehr emporarbeiten kann. Es sieht vielleicht misanthropisch aus; aber ich kann mir hier nicht helfen, ich bin Kleists Meinung: Ein wahrer Mensch muß fern von Menschen seyn.« (20. Nov.) Die Liebe und Freundschaft hatte sein Geselligkeitsbedürfniß, das bei'm Einzug in Leipzig vor drei Jahren noch so groß gewesen war, für den Augenblick absorbirt. Die Schwestern lobte er, daß sie sich durch den Plutarch über diese platte Generation erheben, und sich so zu Zeitgenossen einer bessern, kraftvolleren Menschenart machen. Die Geschichte des Königs von Preußen empfahl er ihnen und sich zum Lesen und verlangte die Gedanken der Freundinnen darüber. Im Momente beschäftigten ihn Dinge, die »sein Herz nur flach berührten,« der Geisterseher und dergleichen. Er sah mit Sehnsucht der Epoche entgegen, wo er seine Beschäftigungen für sein Gefühl besser sollte wählen können. Der 22. November war der Geburtstag Lottchens v. Lengefeld. Schiller beschloß diesen Tag auf eine gar angenehme und wohlthätige Art. Er genoß in heiterer Stille sich selbst. Seit seiner Rückkehr nach Weimar war er von Arbeiten, die ihm noch gar nicht recht ans Herz wollten, gespannt und zusammengedrückt. Dieß war der erste Tag, wo er sein Wesen wieder in einer lebendigen Bewegung fühlte: er überließ sich süßen dichterischen Träumen: alte erwärmende Ideen wachten wieder bei ihm auf. Er war – in der schönern Welt, Wo aus nimmer versiegenden Bächen Lebensfluthen der Dürstende trinkt, Und gereinigt von sterblichen Schwächen Der Geist in des Geistes Umarmungen sinkt. Diese Verse, mit welchen der Dichter Charlotten v. Lengefeld, »als der Heiligen dieses Tages,« dankt, Fr. v. Wolz. I, 323. standen, wie sein eignes Zeugniß lautet, damals in den Künstlern. Da sie von dem Versmaße dieses Gedichts gänzlich abweichen, und auch nicht einmal den Gedanken nach darin zu finden sind, so schließen wir daraus mit Recht, daß jenes Gedicht eine wesentliche Umarbeitung vor dem Druck erfahren habe, und sie sind Reliquien der ersten Version. Gegen den Schluß dieses Monats hatte Schiller Nachrichten von seinem Freunde Wilhelm v. Wolzogen aus Paris. »Wer Sinn und Lust für die große Menschenwelt hat, muß sich in diesem weiten Element gefallen,« schreibt Schiller darüber; »wie klein und armselig sind unsre bürgerlichen und politischen Verhältnisse dagegen! Aber freilich muß man Augen haben, die von großen Uebeln, die unvermeidlich mit einfließen, nicht geärgert werden. Der Mensch, wenn er vereinigt wirkt , ist immer ein großes Wesen, so klein auch die Individuen und Details ins Auge fallen. Aber eben darauf, dünkt mir, kommt es an, jedes Detail und jedes einzelne Phänomen mit diesem Rückblick auf das große Ganze, dessen Theil es ist, zu denken, oder, was eben so viel ist, mit philosophischem Geiste zu sehen. Wie holpericht und höckericht mag unsere Erde von dem Gipfel des Gotthards aussehen! aber die Einwohner des Monds sehen sie gewiß als eine glatte, schöne Kugel . Dieser Gedanke ist die Seele eines Liedes, die seitdem ihren schönen Leib in einem Gedichte Rückerts gefunden hat, das entstanden ist, lang ehe dieser Dichter Kunde von Schillers Aeußerung haben konnte. Wer dieses Auge nun entweder nicht hat, oder es nicht geübt hat, wird sich an kleinen Gebrechen stoßen, und das schöne große Ganze wird für ihn verloren seyn. Paris dürfte auch dem philosophischen Beobachter vielleicht einen widrigen Eindruck geben, aber einen kleinen gewiß nie; denn auch die Verirrungen eines so fein gebildeten Staates sind groß. Was für eine prächtige Erscheinung ist das römische Reich in der Geschichte, auch bei seinem Untergang! – Mir für meine kleine stille Person erscheint die große politische Gesellschaft aus der Haselnußschale, woraus ich sie betrachte, ungefähr so, wie einer Raupe der Mensch vorkommen mag, an dem sie hinaufkriecht. Ich habe einen unendlichen Respekt vor diesem großen drängenden Menschenocean; aber es ist mir auch wohl in meiner Haselnußschale. Mein Sinn, wenn ich einen dafür hätte, ist nicht geübt, nicht entwickelt, und so lange mir das Bächlein Freude in meinem engen Cirkel nicht versiegt, so werde ich von diesem großen Ocean ein neidloser und ruhiger Bewunderer bleiben.« An Karoline von B., Fr. v. Wolz. I, 327 - 329. Die oben von uns ausgezogenen Ideen sind sehr verwandt mit dem, was der Dichter, durch den Umgang mit Moritz aufgeregt, der um diese Zeit nach Weimar gekommen war, ein paar Wochen später, im Dezember, an dieselbe Freundin schreibt. Ueber ein Lieblingsthema von mir, davon auch im Juli, Spuren enthalten sind, über das Leben in der Gattung, das Auflösen seiner selbst im großen Ganzen, und die daraus unmittelbar folgenden Resultate , über Freude und Schmerz, über Tugend und Liebe, über den Tod, hat er (Moritz) außerordentlich klare und erwärmende Begriffe.« F. v. Wolz. I, 344. Und noch viel später hat Schiller jene Gedanken in dem Distichon zusammengefaßt: Vor dem Tod erschrickst du! du wünschest unsterblich zu leben? Leb' im Ganzen, wenn du lange dahin bist, es bleibt. In diesen Glauben stimmt auch Göthe ein, und das Leben in der Gattung ist seitdem ein unermüdlich besprochenes Thema und in der neuesten Zeit von den Vertheidigern des Diesseits gleichsam als Unsterblichkeitssurrogat dem Glauben an die individuelle Fortdauer untergeschoben worden. Mag es die neueste Theorie damit halten wie sie will, so hat sie wenigstens kein Recht, diejenigen, welche an der letztern Ueberzeugung noch festhalten, für Egoisten zu erklären, die sich von dem Wirken für die Gattung lossagen. Derjenige unsres Geschlechtes, dessen ganz und gar der Gattung gewidmetes Leben und dessen Martertod für die Gattung wenigstens sich nicht in Mythe verwandeln läßt, hat darum nicht weniger uneigennützig für sie gewirkt und gelitten, daß er es nur gethan hat, weil er für eine Gattung unsterblicher Einzelwesen zu leben und zu sterben das Bewußtseyn hatte. Von Göthe ist es notorisch, daß er mit seiner Begeisterung für das Gattungsleben den unerschütterlichsten Glauben an die Monadennatur der Seele verblieb, und er hat mit Lorenzo von Medici gesagt, »daß alle diejenigen auch für dieses Leben todt sind, die kein ander hoffen.« Eckermann I, 121. Schiller war unstreitig in seinen Ueberzeugungen schwankender, und in der Zeit, als er jene zwei Briefe schrieb, wahrscheinlich dem Glauben an persönliche Unsterblichkeit ferner als vor und nach; aber doch wollte er sicherlich seinen Gedanken nicht und nie so verstanden haben, als ob das Ganze, der Geist der Gattung, das allein wahrhaft Persönliche wäre; und wie fern er vollends von dem Aberglauben war, in der Menschengesellschaft als Staat seinen Gott zu suchen und mit dem Staate einen Götzendienst zu treiben, dafür mögen die nachstehenden Worte seines Novemberbriefes von 1788 an Caroline v. Beulwitz zeugen: »Und dann,« schreibt er, durch seine Bemerkungen über Paris weiter geführt, »dann glaube ich, daß jede einzelne ihre Kraft entwickelnde Menschenseele mehr ist, als die größte Menschengesellschaft, wenn ich diese als ein Ganzes betrachte. Der größte Staat ist ein Menschenwerk ; der Mensch ist ein Werk der unerreichbaren großen Natur. Der Staat ist ein Geschöpf des Zufalls; aber der Mensch ist ein nothwendiges Wesen; und durch was sonst ist ein Staat groß und ehrwürdig, als durch die Kräfte seiner Individuen? Der Staat ist nur eine Wirkung der Menschenkraft, nur ein Gedankenwerk ; aber der Mensch ist die Quelle der Kraft selbst und der Schöpfer des Gedankens.« Fr. v. Wolz. I, 330. Carl Philipp Moritz , der geistreiche und bizarre Mann, den man sehr bezeichnend den Schauspieler eines fremden Lebens genannt, nur zwei Jahre älter als Schiller, beschäftigte die Aufmerksamkeit des Dichters mehr als vorübergehend, und ihr Einfluß war ein gegenseitiger. Moritz war, im harten Weiter dieses Jahrs, ohne Geld und Kleider, aus Italien in Weimar angekommen, wo ihn Göthe bei sich wohnen ließ, und ihm Mittel zur Weiterreise nach Berlin verschaffte. Sein Anton Reiser, eine Art von Selbstbiographie in Romansform, war damals etwa zur Hälfte erschienen. Schiller sah ihn von Zeit zu Zeit. »Ich kenne ihn,« sagt er, »schon aus einer Zusammenkunft in Leipzig, ich schätze sein Genie; sein Herz kenne ich nicht; sonst sind wir übrigens keine Freunde.« (4. Dez.) Einige Tage drauf fand er sich von Moritz sehr angenehm unterhalten, weil sie auf Schillers Lieblingsideen geriethen: »Von Göthe ist Moritz nun ganz durchdrungen und enthusiasmirt. Dieser hat ihm auch seinen Geist mächtig aufgedrückt, wie er überhaupt Allen zu thun pflegt, die ihm nahe kommen. 1788 bis 1789. Aber ich finde, daß er auf Moritz gut gewirkt hat. Moritz hat viel Tiefe des Geistes und Tiefe der Empfindung; er arbeitet stark in sich, wie schon sein Reiser beweist, der einen Menschen voraussetzt, der sich gut zu ergründen weiß. Seine Ideen bringt er zu einer anschaulichen Klarheit. Was ihn interessirt, ist ernsthaft und von Gehalt. Er scheint sehr an sich selbst zu verbessern. Ich fürchte nur, er wählt sich Muster, nach denen er sich bildet, und so vortrefflich auch seine Wahl seyn wird und schon ist, so ist doch Nachahmung ein niedrer Grad von Vollkommenheit. Von Göthe spricht er mir zu panegyrisch. Das schadet Göthen nichts, aber ihm.« Vier Wochen später hatte er die Schrift dieses Gelehrten über bildende Nachahmung des Schönen flüchtig durchlesen. »Das Buch,« sagt Schiller, »ist schwer zu verstehen, weil es keine feste Sprache hat, und sich mitten auf dem Wege philosophischer Abstraktion in Bildersprache verirrt, zuweilen auch eigene Begriffe mit anders verstandenen Wörtern verbindet. Aber es ist vollgedrängt von Gedanken.« Darin tadelt er daraus die übertriebene Behauptung, »»daß ein Produkt aus dem Reiche des Schönen ein vollendetes rundes Ganzes seyn müsse; fehlte nur ein einziger Radius zu diesem Cirkel, so sinke es unter das Unnütze herab.«« »Nach diesem Ausspruch,« sagt Schiller, »haben wir kein einziges vollkommenes Werk, und sobald auch keines zu erwarten... Es scheint, daß er keinen Dichter erkennt, als Göthen und allenfalls noch einen, H.. (Herder? vielleicht; da doch Göthe (von H.. mag ich gar nicht reden) bei diesen Forderungen sehr zu kurz kommen würde. Aber Moritz rechnet den Egmont sogar unter diese vollendeten Produkte, welchen Göthe selbst hoffentlich nicht für vollkommen hält .« Es ist merkwürdig, mit welchen scharfen Blicken Schiller dieses Halbgenie von allen Seiten betrachtet, und den literarischen Freibeuter bei vielem Guten doch in ihm erkennend, sich seine Fehler recht deutlich macht, um ja nie in dieselben zu verfallen. Außer jenem damals schon berühmten Manne ging in diesem Winter an Schiller auch sein Landsmann Schubart der Sohn Ueber diesen Ludwig Schubart s. » Pahls Denkwürdigkeiten aus meinem Leben und meiner Zeit« (Tüb. Fues 1840) S. 425-429. vorüber (11. Dec. 1788), der von Berlin nach Mainz reiste, wo er bei der preußischen Gesandtschaft angestellt war. Schiller nennt ihn einen Dichter, aber keinen geborenen, sonst einen guten, redlichen Charakter, »der besonders viel vom schwäbischen Provinzialcharakter an sich hat. Er hat den Tag vor seiner Abreise den Carlos in Berlin aufführen sehen, der auf Befehl des Königs mit vielem Pomp schlecht gegeben worden ist. Die Scene des Marquis mit dem König soll gut gespielt worden, und Sr. Maj. sehr ans Herz gegangen seyn.« »Ich erwarte nun,« fügt Schiller launig hinzu, »alle Tage eine Vokation nach Berlin, um Herzbergs Stelle zu übernehmen und den preußischen Staat zu regieren.« Dieser Scherz beweist übrigens, wie ganz er sich mit seinem Posa identificirt hatte. Daß seine Antagonisten Engel und Ramler als Theaterdirektoren nicht einmal so viel Festigkeit besaßen, um ihren Geschmack bei der Wahl der Stücke zu behaupten, und daß Engel den Schauspielern die Rollen im verhaßten Don Carlos auslegen und einlernen helfen müsse, daran weidete er sich. Vom weiteren Umgange mit Geistern, die Zeit oder Raum von ihm trennte, findet sich in Schillers damaliger Korrespondenz auch einige Spur. Er freut sich auf die Muße, sich Montesquieus Geist der Gesetze recht in den Kopf zu prägen, und bewundert seine Kunst, mit steter Rücksicht auf gewisse allgemeine Principien, als Grundsäulen seines Systems, die Resultate vieler Lektüre und eines philosophischen Denkens in kurze geistreiche Reflexionen voll Gehalt zusammenzudrängen. An Ossians Geist wird die feine Bescheidenheit, und das leichte Hinschweben über die eignen Thaten, die er uns nur in den Folgen merken läßt, gerühmt. Von Zeitgenossen liebt Schiller Jakobi's (des Dichters) niedliche und sanfte Seele, dessen edler Charakter in Alles einfließt, was er hervorbringt. Gibbons Genie und kräftiger Pinsel läßt ihn doch die schöne Leichtigkeit der Franzosen vermissen, und er findet in ihm die Kürze der Alten etwas affektirt. Von diesen Alten selbst hielt ihn Horaz durch die Satiren in Wielands Uebersetzung mit seinem feinen Reize fest. Fast scheint es, Schiller habe die Annäherung an Göthe gescheut, als drohete auch seiner geistigen Eigenthümlichkeit von ihr eine Gefahr. An einem Tage, wo er sich viele Besuche vorgenommen hat, will er endlich auch (12. Dec.) zu Göthe gehen: »Göthe ist so gar selten allein, und ich möchte ihn doch nicht gern bloß beobachten, sondern mir auch etwas für mich aus ihm nehmen. Der Herzog ist die Abende fast immer da, und den Vormittag belagern ihn Geschäfte.« Aber am 28. December hatte Schiller den großen Meister doch erst Einmal besucht. Sonst sind seine Briefe voll Klagen über die entsetzliche Kälte, von welcher die alten Leute noch auf den heutigen Tag zu erzählen wissen. »In diesem grimmkalten Winter,« schreibt er an Lottchen (11. Dec.), »habe ich Sie schon öfters bedauert. Ich weiß, wie ungern Sie sich in Ihr Zimmer einsperren lassen, und daß freie Luft und heiterer Himmel gewissermaßen zu Ihrem Leben gehört. Die schönen Berge werden jetzt traurig um Rudolstadt liegen, aber auch in dieser traurigen Einförmigkeit immer groß – und daß ich sie nur vor meinem Fenster hätte! Mir macht dieses winterliche Wetter mein Zimmer und meinen stillen Fleiß desto lieber und leichter, und läßt mich die Entbehrungen, die ich mir auflegen muß, desto weniger empfinden.« Arbeiten. Euripides. Der Geisterseher. 1788 bis 1789. Dieser stille Fleiß übte sich mit Lust und Wärme an der Uebersetzung des Euripides, mit einiger Winterkälte am Geisterseher, dem er, noch im December, »kein großes Interesse abgewonnen hatte.« »Mein Euripides gibt mir noch viel Vergnügen,« spricht er, »und ein großer Theil davon kommt auch auf sein Alterthum. Den Menschen sich so ewig selbst gleich zu finden, dieselben Leidenschaften, dieselben Collisionen der Leidenschaften, dieselbe Sprache der Leidenschaften! Bei dieser unendlichen Mannigfaltigkeit immer doch diese Aehnlichkeit, diese Einheit derselben Menschenform! Oft ist die Ausführung so, daß kein anderer Dichter sie besser machen könnte; zuweilen aber verbittert er mir Genuß und Mühe durch viele Langeweile. Im Lesen ginge sie noch an; aber sie übersetzen zu müssen, und zwar gewissenhaft! Oft macht mir das Schlechtere die meiste Mühe. Im nächsten Monat werden Sie wohl die Früchte meines jetzigen Fleißes zu lesen bekommen. Wieland gebe ich eine Uebersetzung vom Agamemnon des Aeschylus in den Merkur; das ist aber erst gegen den März. Auf den will ich alle Mühe verwenden, weil dieses Stück eines der schönsten ist, die je aus einem Dichterkopfe gegangen sind.« (4. Dec.) Seine Arbeit am Geisterseher führte ihn auf allgemeine Gedanken über den Roman und das Drama: »Der Vorzug der Wahrheit, den die Geschichte vor dem Roman voraus hat, könnte sie schon allein über ihn erheben. Es fragt sich nur, ob die innere Wahrheit, die ich die philosophische und Kunstwahrheit nennen will, und welche in ihrer ganzen Fülle im Roman oder in einer andern poetischen Darstellung herrschen muß, nicht eben so viel Werth hat, als die historische. Daß ein Mensch in solchen Lagen so empfindet, handelt und sich ausdrückt, ist ein großes wichtiges Faktum für den Menschen, und das muß der dramatische oder Romandichter leisten. Die innere Uebereinstimmung, die Wahrheit wird gefühlt und eingestanden, ohne daß die Begebenheit wirklich vorgefallen seyn muß. Man lernt auf diesem Weg die Menschen und nicht den Menschen kennen, die Gattung, und nicht das sich so leicht verlierende Individuum. In diesem großen Felde ist der Dichter Herr und Meister; aber gerade der Geschichtschreiber ist oft in den Fall gesetzt, diese wichtigere Art von Wahrheit seiner historischen Richtigkeit nachzusetzen, oder ihr mit einer gewissen Unbehülflichkeit anzupassen, welches noch schlimmer ist. Ihm fehlt die Freiheit, mit der sich der Künstler mit schöner Leichtigkeit und Grazie bewegt, und am Ende hat er weder die eine noch die andere befriedigt.« Wie viele Gedanken mußte Schiller erobern, welche die Erben seines Nachdenkens jetzt längst besitzen und genießen! Gegen Mitte Januars 1789 wich die grausame Kälte, und Schiller schrieb am 26. dieses Monats: »Endlich habe ich mich doch wieder mit der Natur zusammengefühlt, und, nach einem lebendigen Begräbniß auf meinem Zimmer von fast vierzehn Tagen, wieder im Freien geathmet. Mein Herz war leer und mein Kopf zusammengedrückt – ich hatte diese Stärkung höchst nöthig.« Die liebliche Luft und der geöffnete Boden versetzt ihn in den Rudolstädter Sommer zurück, und jetzt erschien ihm selbst die Beschäftigung mit dem Geisterseher, die früher sein Inneres nur oberflächlich berührt hatte, wenigstens momentan als eine angenehme. Da entstand jenes ganz in Kant getauchte philosophische Gespräch, welches er damals nöthig zu haben glaubte, um die freigeisterische Periode, die er seinen Prinzen durchwandern ließ, dem Leser vor Augen zu stellen. »Bei dieser Gelegenheit habe ich nun selbst einige Ideen bei mir entwickelt, die Sie darin wohl errathen werden (denn Gott Derselbe Gott, den das System des Prinzen entbehren zu können glaubt: »Meine Moralität und Glückseligkeit bedürfen nicht des Glaubens an ein vernünftig geordnetes Ganze, an eine unendliche Gerechtigkeit und Güte, an eine persönliche Fortdauer – also keiner Religion.« Schiller hat übrigens dieses System hauptsächlich dadurch verdammt, daß er seinen Bekenner verzweifeln und – katholisch werden läßt. bewahre mich, daß ich ganz so denken sollte , wie der Prinz in der Verfinsterung seines Gemüths ); auch glaube ich, wird Ihnen die Darstellung durch die Klarheit gefallen. Jetzt bin ich eben bei der schönen Griechin; und um mir ein Ideal zu holen, werde ich die nächste Redoute nicht versäumen. Ich möchte gern ein recht romantisches Ideal von einer liebenswürdigen Schönheit schildern; aber dieß muß zugleich so beschaffen seyn, daß es – eine eingelernte Rolle ist, denn meine liebenswürdige Griechin ist eine abgefeimte Betrügerin. Schicken Sie mir doch in Ihrem nächsten Briefe ein Portrait, wie Sie wünschen, daß sie seyn soll, wie sie Ihnen recht wohl gefiele, und auch Sie betrügen könnte. Auch Lottchen bitte ich darum! Ich erfahre dann bei dieser Gelegenheit Ihre Ideale von weiblicher Vortrefflichkeit (nicht von der stillen nämlich, sondern von der erobernden) ... Sie sehen, daß ich Alles anwende, um mir meine gegenwärtige Beschäftigung lieb zu machen .« Drei Dinge lehrt uns dieser Brief: daß es zu viel behauptet ist, wenn man sagt, die Ansichten des Prinzen seyen damals auch beinahe die Ansichten Schillers gewesen; daß das Ideal der schönen Betrügerin im Geisterseher nicht von der Fräulein Julie von A. in Dresden entlehnt war, wie vermuthet wird; und daß dieser Geisterseher nicht Schillers volle Liebe hatte. Das letztere erhellt noch deutlicher aus einer andern Briefstelle (12. Febr. 1789), in welcher zwischen »einem Roman oder einer Erzählung, wo man jedem Schritte, den der Dichter im menschlichen Herzen thut, ruhig und aufmerksam nachgeht,« und »dem Interesse einer Farce, wie der Geisterseher doch eigentlich nur ist,« unterschieden wird. »Der Leser des Geistersehers muß gleichsam einen stillschweigenden Vertrag mit dem Verfasser machen, wodurch der letztere sich anheischig macht, seine Imagination wunderbar in Bewegung zu setzen, der Leser aber wechselseitig verspricht, es in der Delikatesse und Wahrheit nicht so genau zu nehmen.« Nach diesen Aeußerungen wird man sich nicht mehr wundern, daß der Roman, der eine Art von psychologischem Räthsel war, das sich der Dichter aufgegeben, von Schiller nicht vollendet worden ist. Er erschien zuerst Leipz. 1789. Diese Dichtung schildert uns eine religiöse Verirrung auf einem Wege, den die Geschichte des menschlichen Herzens, wenn je, gewiß nur ausnahmsweise betreten hat, mit einem Hokus-pokus, der uns jetzt, wo jeder Physikant viel glänzendere Kunststücke machen könnte, etwas armselig erscheint. Hoffmeister hat dieselbe sorgfältig zergliedert, und vergegenwärtigt sich, in dem Gemälde der Jugendzeit des Prinzen, Schillers eigenen, in früheren Jahren erduldeten Religionszwang und jene Erziehung, in welcher er auch den spanischen Prinzen aufwachsen läßt. Geistesunmündigkeit, Befreiung von der Autorität, Zweifelsucht, sittlichreligiöser Unglaube und endlich Aufgeben seiner selbst bei innerem Unfrieden und äußeren Bedrängnissen jeder Art sind die Perioden dieser tragischen Geschichte. Der Kritiker glaubt, daß Schiller in so fern eine neue Gattung des Romans durch den Geisterseher aufgebracht, als das Wunderbare, Geheimnißvolle, Unbegreifliche, worin sich die Geschichte bewegt, als ein Symbol des Übersinnlichen behandelt ist. Auch hat dieser Roman nicht nur eine, keineswegs unbedeutende Fortsetzung (durch C. F. Follenius), sondern in einem Jugendwerke eines unsrer größten lebenden Dichter, dem William Lovell (1795), einen gattungsverwandten Nachfolger erlebt. Und Ludwig Tieck versichert uns, daß der Geisterseher der Torso eines vortrefflichen Romans sey. Mit diesen Zeugnissen möge er hier beruhen. Die Professur in Jena. Verlobung. Heirath. 1788 bis 1789. Schon in Rudolstadt, im Freundesumgange, war unter den verschiedenen Zukunftsplanen Schillers auch eine Professur der Geschichte zur Sprache gekommen; sie paßte zu seinen schriftstellerischen Arbeiten (seine Geschichte des Abfalls der Niederlande war im Erscheinen) wie zu seinen Vorsätzen, und die äußern Umstände waren der Aussicht, eine solche zu erhalten, nicht ungünstig. Jetzt führte der Abgang Eichhorns von Jena nach Göttingen die Möglichkeit näher herbei, und Schiller gab (28. Dec.) seinen Freundinnen eine Nachricht, welche leider eine seiner schönsten Hoffnungen, die Rückkehr zu ihnen, für eine Zeit lang zu Grunde richten sollte. »So sehr es im Ganzen mit meinen Wünschen übereinstimmt, so wenig bin ich von der Geschwindigkeit erbaut, womit es betrieben wird. Ich selbst habe keinen Schritt in der Sache gethan, habe mich aber übertölpeln lassen; und jetzt, da es zu spät ist, möchte ich nicht gerne zurücktreten. Man hatte mich vorher sondirt, und gleich den Tag darauf wurde es an unsern Herzog nach Gotha geschrieben, der es an dem dortigen Hofe gleich einleitete. Jetzt liegt es schon in Koburg, Melningen und Hildburghausen, und ist vielleicht in drei Wochen entschieden.« Schon vor einigen Tagen hatte ihm der nachmalige Geheimerath von Voigt die schriftliche Erklärung der Regierung mitgetheilt, daß Schiller seine Einrichtung machen möchte, weil alles so gut als im Reinen sey. »Also die schönen paar Jahre von Unabhängigkeit, die ich mir träumte, sind dahin; mein schöner künftiger Sommer ist auch fort; und dieß Alles soll mir ein heilloser Katheder ersetzen! ... Ich rechne darauf, daß Sie mir in diesem Sommer eine himmlische Erscheinung in Jena seyn werden, weil ich das erste Jahr zu viel zu thun und zu lesen habe, um noch etwas Zeit für die Wünsche meines Herzens übrig zu behalten. Dafür verspreche ich, die folgenden Jahre Ihnen diesen Liebesdienst weit zu machen. Ist für mich nur erst ein Jahr überstanden, so liest sichs alsdann im Schlafe, und ich habe meine Seele wieder frei.« Göthe war in dieser Sache überaus gütig gewesen, und zeigte viel Theilnahme an dem, wovon er glaubte, daß es zu Schillers Glück beitragen würde. Von Knebel, der unsern Dichter nicht sonderlich anzuziehen schien, meldet er, »daß derselbe vermutlich just, als er es von Göthe erfuhr, in seiner theilnehmenden Laune gewesen;« – »denn ich höre, daß es ihn sehr freuen soll. Ob es mich glücklich macht, wird sich erst in ein paar Jahren ausweisen. Doch habe ich keine üblen Hoffnungen. Werden Sie mir nun auch gut bleiben, wenn ich ein so pedantischer Mensch werde, und am Joch des gemeinen Besten ziehe? Ich lobe mir doch die goldne Freiheit! In dieser neuen Lage werde ich mir selbst lächerlich vorkommen. Mancher Student weiß vielleicht schon mehr Geschichte, als der Herr Professor. Indessen denke ich hier, wie Sancho Pansa über seine Statthalterschaft: Wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch Verstand; und habe ich erst meine Insel, so will ich sie regieren wie ein Daus! Wie ich mit meinen Herren Collegen, den Professoren, zurecht komme, ist eine andere Frage.« Doch – »mit den dortigen Menschen,« schreibt Schiller am 4. Jan. 1789, »denke ich schon leidlich auszukommen. Eigentlich gerathe ich auch mit keinem in Kollision, weil ich nicht hingehe um Geld zu verdienen, und höchstens zwei Collegien lese.« Unter solchen Hoffnungen und Sorgen kam das Frühjahr heran, und im April schickte der Dichter den Schwestern ein Exemplar von seinem philosophischen Doktordiplom, damit sie doch auch etwas zu lachen hätten, wenn sie ihn in einem so lateinischen Rocke erblickten. »Uebrigens ist es ein theurer Spaß, denn er kostet mir 50 Thaler.« 1789. In demselben Monate erschien Bürger auf einige Tage zu Weimar und Schiller war viel in seiner Gesellschaft. Sein erstes Urtheil über diesen Dichter ist nicht ohne Vorurtheil und legte, wie es scheint, den Grund zu seinem letzten. Er heißt ihn zwar einen geraden, guten Menschen, findet aber in seinem Aeußern und in seinem Umgange nichts Anziehendes. Auch in dem letztem verliere sich, wie in seinen Gedichten, der Charakter der Popularität zuweilen ins Platte. »Das Feuer der Begeisterung scheint in ihm zu einer ruhigen Arbeitslampe herabgekommen zu seyn. Der Frühling seines Geistes ist vorüber, und es ist leider bekannt genug, daß Dichter am frühesten verblühen.« Doch verschmähte der unsrige nicht, mit Bürger einen kleinen Wettkampf einzugehen, dem wir die Uebersetzung der Stücke aus Virgils Aeneide in freien Wielandischen Stanzen verdanken, und Bürgers Urtheil über Stolbergs Schwachsinnigkeit in Betreff der Götter Griechenlands acceptirte er mit Beifall. »Noch ein Fremder ist hier,« fügt Schiller der Erzählung über Bürger hinzu, »aber ein unerträglicher, der Capellmeister Reichardt aus Berlin. Er komponirte Göthens Claudine von Villabella, und wohnt auch bei ihm. Der Himmel hat mich ihm auch in den Weg geführt, und ich habe seine Bekanntschaft ausstehen müssen. Wie ich höre, muß man sehr gegen ihn mit Worten auf seiner Hut seyn.« Den letzten Brief an seine Freundinnen in Rudolstadt schrieb Schiller unter dem Rollen des Donners am 30. April; in der andern Woche reiste er ab mit schwerem Abschiede von den schönen, freundlichen Musen, denen er auf zwei oder drei Jahre, um sich seines Fachs zu bemächtigen, absterben zu müssen glaubte, und deren weiblich rachsüchtiges Gemüth – wie er scherzend sprach – ihm Sorgen machte. Am 4. Mai hatte er schon eine Vorlesung in Jena gehalten. Fr. v. Wolz. II, 10. Wenn dieß Datum richtig ist, woran kaum zu zweifeln, so irrt Hoffmeister II, 137, wenn er behauptet, daß Schiller seine Vorlesungen erst gegen Ende Mai's eröffnet habe. Sein Lehramt begann unter günstigen Auspizien; über vierhundert Zuhörer strömten herbei und machten ihm Muth; seine Stimme hielt sich gut und füllte den Hörsaal ohne Anstrengung aus. Die ersten Briefe athmeten Zufriedenheit mit der neuen Lage, und die Freunde in Rudolstadt hatten alle Ursache, sich der Stellung des theuren Mannes im äußern Leben zu erfreuen. Auch die Anerkennungen von außen mußten ihn ermuthigen: Hufeland brachte ihm von einer großen Reise Empfehlungen aus Berlin, ja selbst von Kant aus Königsberg; Gedike »der Universitätsbereiser« gedachte sein; Engel schien ihm günstiger zu werden. – Mit dem Griesbach'schen Hause kam er in genaue Verbindung. »Ich weiß nicht,« schreibt er, »wodurch ich mir den alten Kirchenrath gewogen gemacht habe; aber er scheint es mit mir recht sehr gut zu meinen, und über wissenschaftliche Dinge spreche ich gerne mit ihm.« In den Häusern von Schütz und Reinhold lebte er, was in Beziehung auf den letztern wie eine Ahnung klingt, »noch in den Flitterwochen, und ließ sich schöne Dinge sagen.« Nur das Frauenzimmer zu Jena däuchte ihm wenig zu taugen; das hübscheste Gesicht auf einem Ball war auch das leerste und seelenloseste. Im Ganzen fühlte Schiller sein Leben hier anfangs behaglicher als zu Weimar, das Gefühl zu Hause zu seyn machte ihm ein ungewohntes Vergnügen, und, weil zu einem Ganzen gehörend, hing er auch mit der umgebenden Welt mehr zusammen. Er las nur zweimal in der Woche, Dienstag und Mittwoch Abends von 6 bis 7 Uhr, in Griesbachs Auditorium, und gewann zur Vorbereitung und zu schriftstellerischer Arbeit fünf unentbehrliche Tage. Im Julius sahen den Dichter die geliebten Freundinnen von Rudolstadt auf der Durchreise nach Lauchstädt eines Abends zu Jena in Griesbachs Garten. Aber es war für ihn nur ein Traum und kein ganz fröhlicher, denn nie hatte er der Schwester Carolinens so viel sagen wollen und weniger gesagt. Er schickte ihr deßwegen nach Lauchstädt (24. Juli) eine unterdrückte Stelle seines Don Carlos nach: – Schlimm, daß der Gedanke Erst in der Worte todte Elemente Zersplittern muß, die Seele sich im Schalle Verkörpern muß, der Seele zu erscheinen. Den treuen Spiegel halte mir vor Augen, Der meine Seele ganz empfängt, und ganz Sie wiedergiebt: dann, dann hast du genug, Das Räthsel meines Lebens aufzuklären! Fr. v. Wolz. II, 18. In einem Brief an Humboldt (l. Febr. 1796) citirt Schiller dieses Apokryphon so: – O schlimm, daß der Gedanke Erst in der Sprache todte Elemente Zerfallen muß, die Seele zum Gerippe Absterben muß, der Seele zu erscheinen; Den treuen Spiegel gib mir, Freund, der ganz Mein Herz empfängt und Ganzes wieder scheint. (l. und ganz es wiederscheint.) Nach der Entfernung der Geliebten erschien ihm auch auf einmal sein Daseyn in Jena als ein freudenloses, zu dessen Ertragung unglaublich viel Muth gehörte: »Hier ist auch gar kein Mensch, an den ich mich als Freund anschließen könnte. Ich bin wie Einer, der an eine fremde Küste verschlagen worden und die Sprache des Landes nicht versteht. Meinem Herzen fehlt es ganz und gar an einer beseelenden Berührung, und, durch keinen Gegenstand um mich her geübt, der mir theuer wäre, verzehrt sich mein Gefühl an wesenlosen Idealen.« Ein halbverabredeter Besuch Schillers in Lauchstädt, wohin die Schwestern eine Freundin zur Badekur begleitet hatten, fand unmittelbar nach Ankunft dieses Briefes Statt. Der Plan mit seinem Freunde Körner in Leipzig zusammenzutreffen, gab den Schein der Absichtslosigkeit. Ohne Zweifel war Caroline v. Beulwitz der gute Genius, der wirksam war, den Augenblick herbeizuführen, der den liebenden Herzen das Geständniß ablockte. Ein langes, schmerzhaftes Stillschweigen brach endlich. Charlotte v. Lengefeld bekannte dem Dichter ihre Liebe und versprach ihm ihre Hand. Der Schritt war ohne Wissen von Lottchens Mutter geschehen; um ihr nicht unnöthige Sorge zu machen, sollte sie es nicht eher erfahren, als bis ein kleiner, fixer Gehalt Schillers Existenz in Jena gesichert hätte; diesen aber erwarteten die Liebenden mit Zuversicht vom Herzoge von Weimar. »Meine Schwester,« – so rechtfertigt Schillers Schwägerin den Schritt – »fühlte die Unmöglichkeit ohne Schiller zu leben. Einem andern Verhältniß, das sich ankündigte, war sie durchaus abgeneigt. Schillers ganzes Herz, alle seine Hoffnungen für das Leben hingen an dieser Aussicht. Bei unsern einfachen Gewohnheiten, entfernt von Ansprüchen an äußern Glanz, sah ich eine sorgenlose Zukunft für meine Schwester, und freute mich lebhaft der Hoffnung auf ein öfteres Zusammenleben mit meinem Freunde, in einem so nahen Verhältnisse.« Ein Ausflug nach Leipzig, um wirklich mit Schillers Freunde Körner zusammenzukommen, wurde von den Verlobten, mit der dritten im Bunde, Caroline v. B., ausgeführt. Sie fühlten bei diesem flüchtigen Zusammenseyn, wie würdig dieser Mann war, des Dichters Freund zu seyn, und wurden auch ihm sehr weich. Zu Leipzig scheint in Schillers Ohr die erste Kunde von den lauteren und erschütternden Ereignissen der französischen Revolution gedrungen zu seyn. Ein Bekannter las den Freunden mit Enthusiasmus den Sturm auf die Bastille vor. In jenem Augenblicke erschien »diese Zertrümmerung eines Monuments finstrer Despotie als ein Vorbote des Sieges der Freiheit über die Tyrannei;« die Frauen überließen sich dem Ausdruck der Freude, und das eben geschlossene Herzensbündniß des Dichters schien ein Strahl der Morgenröthe zu erhellen, die, eine Sonne von Licht und Heil versprechend, wie auf die Beschwörungsformel Posa's, am Horizonte des Völkerlebens zu leuchten begann. Nur Schiller selbst blieb ernst, und seine Ansicht dieser Begebenheiten war freudlos und ahnungsvoll. Er hielt die Franzosen für kein Volk, dem ächt republikanische Gesinnungen eigen werden könnten, und auch später, wenn sich seine Freundinnen des Geistes und der schönen Reden der Nationalversammlung erfreuten, äußerte er, es sey unmöglich, daß von einer Gesellschaft von sechshundert Menschen etwas vernünftiges beschlossen werde. Fr. v. Wolz. II, 23, 61, 65. Die Liebenden schieden unter Schillers Versprechen, die Ferien in Rudolstadt zubringen zu wollen. In den glücklichen Briefen des Dichters an Charlotte herrscht jetzt das zutrauliche Du, und giebt ihnen eine Farbe wohlthuender Sicherheit. »In einer neuen, schönern Welt schwebt meine Seele,« schreibt er (25. Aug.), »seitdem ich weiß, daß du mein bist, theure, liebe Lotte, seitdem du deine Seele mir entgegen trugst. Mit bangen Zweifeln ließest du mich ringen, und ich weiß nicht, welche seltsame Kälte ich oft in dir zu bemerken glaubte, die meine glühenden Geständnisse in mein Herz zurückzwang. Ein wohlthätiger Engel war mir Caroline, die meinem furchtsamen Geheimniß so schön entgegenkam. Ich habe dir unrecht gethan, theure Lotte. Die stille Ruhe deiner Empfindung habe ich verkannt und einem abgemessenen Betragen zugeschrieben, das meine Wünsche von dir entfernen sollte. O du mußt sie mir noch erzählen, die Geschichte unserer werdenden Liebe. Aber aus deinem Munde will ich sie hören. Es war ein schneller und doch so sanfter Uebergang!« Lottchen sah, mit der Genügsamkeit weiblicher Seelen, ruhig der Zukunft entgegen; das aber vermochte der glühende Schiller nicht. In ungebornen Fernen blühten seine Freuden, die Gegenwart um ihn her war leer und traurig, und nur der glückliche Wahnsinn der Dichtkunst vermochte ihn ihr zu entreißen. A.a.O. II, 25. Aber selbst die Liebe konnte aus der Seele des Dichters die Spekulation nicht verscheuchen, die ihm nicht selten, seit er Kantianer geworden, selbst den Naturgenuß störte, obgleich »Lottchens Liebe, wie eine Glorie um ihn schwebend, wie ein schöner Duft ihm die ganze Natur überkleidet hat.« »Ich komme von einem Spaziergange zurück,« sagt er am Abend des 12. Septembers. »Nie hab' ich es noch so sehr empfunden, wie frei unsere Seele mit der ganzen Schöpfung schaltet – wie wenig sie doch für sich selbst zu geben im Stande ist, und Alles, Alles von der Seele empfängt. Nur durch das, was wir ihr leihen, reizt und entzückt uns die Natur.« Wir wissen, wie stehend dieser Gedanke in Schillers Seele geworden ist. Ein Jahr später äußerte er ganz dasselbe gegen seinen Landsmann Conz. S. Hoffm. II, 277. Dießmal aber begeisterte er ihn, während er den Leser vielleicht niederschlägt; denn Schiller sagte sich: »Wie oft ging mir die Sonne unter, und wie oft hat meine Phantasie ihr Sprache und Seele geliehen! aber nie, nie als jetzt hab' ich in ihr meine Liebe gelesen.« Aber auch der Natur gibt er wieder ihre Ehre. »Bewundernswerth ist mir doch immer die erhabene Einfachheit und dann wieder die reiche Fülle der Natur. Ein einziger und immer derselbe Feuerball hängt über uns – und er wird millionenfach verschieden gesehen von Millionen Geschöpfen, und von demselben Geschöpf wieder tausendfach anders. Er darf ruhen, weil der menschliche Geist sich statt seiner bewegt – und so liegt Alles in todter Ruhe um uns herum, und nichts lebt als unsere Seele . Und wie wohlthätig ist uns doch wieder diese Identität, dieses gleichförmige Beharren in der Natur! Wenn uns Leidenschaft, innrer und äußrer Tumult lange genug hin und her geworfen, wenn wir uns selbst verloren haben, so finden wir sie immer als die nämliche wieder, und uns in ihr . Auf unsrer Flucht durch das Leben legen wir jede genossene Lust, jede Gestalt unsers wandelbaren Wesens in ihre treue Hand nieder, und wohlbehalten giebt sie uns die anvertrauten Güter zurück, wenn wir kommen und sie wieder fordern. – Unsre ganze Persönlichkeit haben wir ihr zu danken; denn würde sie morgen umgeschaffen vor uns stehen, so würden wir umsonst unser gestriges Selbst wieder suchen.« Wie wenig sentimental war die wahre Liebe in der starken Seele des Denkers und Dichters! Sie störte ihn nicht in den grübelnden Forschungen seines Idealismus; sie führte ihn nur noch tiefer hinein, und die Unterhaltung über die Resultate seiner Spekulation bietet er in den ersten Liebesbriefen vertrauensvoll der Braut statt Kuß und Umarmung! Seine Vorlesungen aber durcheilte er auf den Fittigen der Liebe, je näher es der Vakanz zuging. »Meine Studenten freuen sich ordentlich, wie schnell es geht. Ganze Jahrhunderte fliegen hinter uns zurück. Morgen bin ich schon mit dem Alcibiades fertig, und es geht mit schnellen Schritten dem Alexander zu, mit dem ich aufhöre.« Die Antrittsrede über das Studium der Universalgeschichte, womit Schiller seine historischen Vorlesungen in Jena eröffnet hatte, erschien im Novemberhefte des Deutschen Merkur. Die Ferien führten ihn endlich der heimlichen Braut in die Arme nach Rudolstadt; er bezog seine Wohnung in Volkstädt wieder, brachte Morgen und Nachmittage im Lengefeld'schen Hause zu, arbeitete an seinen Vorlesungen, an der Thalia, am Geisterseher, und durchschweifte in Erinnerung und Hoffnung die herbstliche Gegend, Hoffmeister setzt die Besuche auf der Schwarzburg und in Paulinzelle in diese Zeit. Es ist nicht zu entscheiden. nicht selten von den Schwestern und ebenso oft von poetischen Stimmungen und Plänen begleitet. Das Ende Oktobers rief ihn nach Jena zurück, und »Briefe, der Trost getrennter Liebe, flogen wieder hin und her.« Sein Kopf war heiter; er spürte den Muth in sich, um auszudauern. Aber allmählig fühlte er, in Beziehung auf die alles Andere verschlingende Hoffnung, auf seine Vereinigung mit Lotte, doch immer drückender das Aussichtslose seiner Lage. »Welcher böse Genius gab mir ein, hier in Jena mich zu binden,« ruft er der Geliebten am 10. Nov. 1789 zu; »ich habe nichts, gar nichts dadurch gewonnen, aber unendlich viel verloren, mir heillose Bekanntschaften aufgebürdet, Verhältnisse, die mir zuwider sind! Meine einzige Hoffnung ist auf den Coadjutor gesetzt. Versichert er bestimmt und nachdrücklich, daß er für mich handeln will, so lege ich bei dem nächsten Anlaß meine jenaische Professur nieder.« Der Coadjutor, der berühmte Carl Theodor v. Dalberg, nachmals Primas und in der Napoleonischen Zeit Großherzog von Frankfurt, Bruder von Wolfgang Heribert, der edle Mäcen deutscher Talente, scheint damals nur erst unbestimmt von Schillers Unterstützung gesprochen zu haben. Schiller dachte darum auch daran, im Preußischen etwas anzuspinnen, oder nach Wien zu gehen, mit der Absicht, dort etwas durchzusetzen. »Wie traurig, daß man von Dingen außer sich abhängt! Wenn ich mir denke, daß wir an mehr als Einem Platze mit dem, was ich durch meine Schriftstellerei erwerbe, vortrefflich leben könnten!« Der Coadjutor, meint er, könnte ihm in Mannheim, bei der dortigen Akademie, oder in Heidelberg, ein Etablissement verschaffen. »In Mannheim,« sagt er zu beiden Schwestern gewendet, »würde ich Sie auch recht gern sehen, es ist ein lieblicher Himmel und eine freundlichere Erde – die ich alsdann erst mit Freude betreten würde. Aber bei diesem Mannheim fällt mir ein, daß Sie mir doch manche Thorheit zu verzeihen haben, die ich zwar vor der Zeit, eh' wir uns kannten, beging, aber doch beging! Nicht ohne Beschämung würde ich Sie auf dem Schauplatz herumwandeln sehen, wo ich als ein armer Thor, mit einer miserabeln Leidenschaft im Busen, herumgewandelt bin.« Das letzte Wort in dieser Stelle macht uns stutzen. Die ruhige Neigung zu Margaretha Schwan, die heiße, aber schuldlose Jugendliebe zu Lotte von Wolzogen kann er doch nicht mit jenem ehrenrührigen Namen brandmarken. Welche Thorheiten hätte ihn auch diese oder jene Liebe begehen lassen? Offenbar spielt Schiller hier auf Verirrungen an, die uns unbekannt sind, die der Welt verschwiegen geblieben sind, und nur er selbst, der sittliche Mensch voll Wahrhaftigkeit, der Braut nicht verschweigen wollte. An seinem Geburtstage, d. h. dem 10. November, Schiller irrte mit Jedermann. Wir weisen urkundlich in den Nachträgen zu dieser Schrift nach, daß der 11. November sein Geburtstag war, nicht der 10te. wo er alles dieses schrieb, hatte er sein erstes Collegiengeld eingenommen, von einem Bernburger Studenten, was ihm »doch lächerlich vorkam. Zum Glück war der Mensch noch neu, und noch verlegener, als der junge Professor; er retirirte sich gleich wieder.« Jenem drohten nun auch gar Händel mit dem akademischen Senate. Schiller war, ohne allen Gehalt , nicht als Professor der Geschichte, sondern nur der Philosophie berufen, was er bisher nicht gewußt hatte. Man hätte meinen sollen, er sey implicite auch jenes gewesen. Aber der Titular des erstem Faches klagte, und der Pedell riß den Titel seiner Rede von dem Buchladen weg, wo er angeschlagen war. »Welche Erbärmlichkeiten!« ruft Schiller entrüstet; aber er war doch entschlossen, so lächerlich ihm dieß Verhältniß war, sich nicht zu viel geschehen zu lassen. Diese elende Zänkerei (die inzwischen beigelegt worden zu seyn scheint) verdarb dem Dichter Laune und Freude. Die stille, ruhige Seele seiner Braut wirkte übrigens wohlthätig auf die stürmischen und wechselnden Vorstellungen von seiner Lage; »ein Hauch der Liebe und Freude beschwichtigte überhaupt in seinem Gemüthe alle widrigen Gefühle bald,« und er hoffte das beste auch für seine äußre Lage, von Lottchens und der Mutter Reise nach Weimar. Der Herzog sagte auch wirklich einen Jahresgehalt von 200 Reichsthalern für eine außerordentliche Professur, so wie es die Umstände erlaubten, mit vieler Bereitwilligkeit und auf eine Weise, die den Dichter innig rührte, zu; und nun wandte sich Schiller mit einer edeln und offenen Erklärung an Frau v. Lengefeld, aus Jena vom 18. Dez. 1789, und legte das ganze Glück seines Lebens in ihre Hände. »Ich habe,« sagt er, »nichts zu fürchten als die zärtliche Bekümmerniß der Mutter um das Glück ihrer Tochter; und glücklich wird sie durch mich seyn, wenn Liebe sie glücklich machen kann. Und daß dieses ist, habe ich in Lottchens Herzen gelesen.« Bei dieser ganzen Verhandlung war eine edle Weimaranerin, Freundin beider Verlobten, Frau v. Stein, hülfreich. Durch sie erfuhr die Mutter, daß der Coadjutor, gutmachend, was sein Bruder an Schiller gesündigt hatte, dem Dichter, sobald er Churfürst würde, einen Gehalt von 4000 fl. zudachte und ihm den ganz freien Gebrauch seiner Zeit dabei überlassen wollte. Die also beruhigte Mutter sagte zu, und der Vereinigung der Liebenden stand nichts mehr im Wege. Die letzten Monate floßen dem Dichter in heiterer, hoffnungsvoller Sehnsucht dahin. Während des Weimarschen Aufenthaltes seiner Braut machte Schiller auch die erste, sogleich freundliche, doch vorerst nur vorübergehende Bekanntschaft Wilhelms v. Humboldt, an dessen zweite Begegnung im Jahr 1792 sich eins der innigsten Lebensverhältnisse knüpfte. Hiernach ist aus Humboldts Briefwechsel mit Schiller S. 3 die Angabe der Fr. v. Wolz. II, 58 zu beschränken. Humboldt führte Caroline v. D. heim, die Freundin der Lengefeld'schen Schwestern, welche sie nach Lauchstädt ins Bad begleitet hatten. Auch diese Verbindung hatte sich in Weimar entschieden. Durch die neue Freundin hatte Schiller zuerst die große Zuneigung des Coadjutors zu ihm erfahren, auf welche wir ihn schon früher und jetzt am meisten bauen sehen. Schiller nennt sie Lottchens zweite Schwester. Von literarischen Arbeiten legte unser Freund damals großes Gewicht auf die Abhandlung vor den Memoiren über Völkerwanderung u.s.w., eine Arbeit, die ihm Anfangs nichts versprach, unter der Feder aber sich in einer glücklichen Stimmung des Geistes so veredelte, daß er noch nichts von diesem Werthe gemacht, noch nie so viel Gehalt des Gedankens in einer so glücklichen Form vereinigt und nie dem Verstande so schön durch die Einbildungskraft geholfen zu haben glaubte. Fr. v. Wolz. II, 39. Die Freunde waren in Hoffnung glückselig und dachten sich schon bei ihrem edeln Beschützer Karl v. Dalberg in der schönen Gegend von Mainz ein herrliches Leben. Wilhelm v. Humboldt wollte sich auch in der Nähe festsetzen und Caroline v. B. sich oft mit den Freunden in Besuchen vereinigen. Dalberg (kam er nach Weimar? war es in Erfurt?) hörte diesen Träumen oft lächelnd zu, dann sprach er mit verfinsterten Zügen: »Kinder, denkt euch nichts Gewisses! Ein Sturm kann das Alles umstürzen!« Der Staatsmann ahnte die Zerstörung des Friedens und seiner Aussichten. A. a. O. II, 60. In diesem Winter wurde Kotzebue's Menschenhaß und Reue als Neuigkeit zuerst in Weimar gegeben. Schiller kannte das große Publikum und prophezeite dem neuen Poeten viel Glück. Zu derselben Zeit lernten die Freundinnen in Weimar auch den liebenswürdigen Dichter Salis kennen, dessen Persönlichkeit ganz mit seiner Poesie im Einklange stand. So hat der Verfasser dieser Biographie den hohen Greis auch noch an seinem Lebensabende gefunden (im Herbst 1825), ernst, gefühlvoll und doch kräftig, keine Spur von jener weibischen Schwäche und Charakterlosigkeit, welche Göthen von den Empfindsamen sagen machte, daß er nie Etwas auf sie gehalten, und daß, kommt die Gelegenheit, nur schlechte Gesellen aus ihnen werden. Salis brachte ein Schreiben Wolzogens aus Paris, das Schillers Ahnungen bestätigte. Die Greuelscenen hatten begonnen; die Freude der Schwestern über den Sturm der Bastille ward schrecklich niedergeschlagen, und sie mußten für die Existenz ihres Freundes zittern. Was ihnen in der Nähe wehe that, war, daß noch immer kein Verhältniß zwischen Schiller und Göthe entstehen wollte, so wohlwollend der letztere in allen »realen« Beziehungen gegen jenen sich zeigte. Göthe selbst hat, sich lange Zeit nach Schillers Tode ohne Rückhalt über sein damaliges Verhältniß zu dem Dichter folgendermaßen ausgesprochen: Morphologie I. Thl., 1. Heft, S. 90 ff. »Nach meiner Rückkehr aus Italien, wo ich mich zu größerer Bestimmtheit und Reinheit in allen Kunstfächern auszubilden gesucht hatte, unbekümmert, was während der Zeit in Deutschland vorgefallen, fand ich neuere und ältere Dichterwerke in großem Ansehen, von ausgebreiteter Wirkung, leider solche, die mich äußerst anwiderten, ich nenne nur Heinses Ardinghello und Schillers Räuber. Jener war mir verhaßt, weil er Sinnlichkeit und abstruse Denkweisen durch bildende Kunst zu veredeln und aufzustutzen unternahm, dieser, weil ein kraftvolles, aber unreifes Talent gerade die ethischen und theatralischen Paradorien, von denen ich mich zu reinigen gestrebt, recht im vollen hinreißenden Strome über das Vaterland ausgegossen hatte. Hiernach ist das frühere Citat aus dem Gedächtnisse zu berichtigen. Beiden Männern von Talent verargte ich nicht, was sie unternommen und geleistet, denn der Mensch kann sich nicht versagen, nach seiner Art wirken zu wollen...; das Rumoren aber im Vaterlande dadurch erregt, der Beifall, der jenen wunderlichen Ausgeburten allgemein, so von wilden Studenten als der gebildeten Hofdame gezollt ward, der erschreckte mich, denn ich glaubte all mein Bemühen eitel verloren zu sehen; die Gegenstände, zu welchen, die Art und Weise, wie ich mich gebildet hatte, schienen mir beseitigt und gelähmt... Die reinsten Anschauungen suchte ich zu nähren und mitzutheilen, und nun fand ich mich zwischen Ardinghello und Franz Moor eingeklemmt. Moritz bestärkte sich mit mir leidenschaftlich in' diesen Gesinnungen. Ich vermied Schillern , der, sich in Weimar aufhaltend, in meiner Nachbarschaft wohnte. Die Erscheinung des Don Carlos war nicht geeignet, mich ihm näher zu führen; alle Versuche von Personen, die ihm und mir nahe standen, lehnte ich ab.« Sie kamen doch zusammen. Gut Ding brauchte lange Weile. – Das neue Jahr, das dem Bräutigam den Hofrathstitel 1790. aus Meiningen brachte, war erschienen, und am 20. Februar Schiller selbst giebt den 22. Febr. an. (Boas II, 453.) 1790 wurde Schiller ganz in der Stille mit Charlotte v. Lengefeld in der Kirche von Wenigenjena durch den Pastor Schmidt getraut. Die Mutter war von Rudolstadt gekommen und freute sich des Glücks ihrer Kinder von ganzer Seele. Ehe Schiller kopulirt wurde, fragte ihn der Prediger, welches Formular er bei der Trauung gebrauchen sollte. »Das alte , das gewöhnliche« – erwiederte der Dichter – »mit dem Kraut und den Disteln auf dem Felde. Zum fünften wollen wir auch hören das Kreuz, das Gott auf den ehelichen Stand gelegt hat. Also sprach Gott zum Weibe:... Du sollt mit Schmerzen Kinder gebären... Und zu Adam sprach er:... Verflucht sey der Acker um deinetwillen, mit Kummer sollt du dich darauf nähren dein Leben lang. Dorn und Distel soll er dir tragen, und sollst das Kraut auf dem Felde essen. Alte lutherische Agende. Meine Schwiegermutter wird dabei seyn, und der ist unstreitig das alte Formular das liebste.« Gewiß versteckte sich hinter diese zarte Aufmerksamkeit das eigene Gefühl des Dichters, das in einem der heiligsten Augenblicke des Lebens über alle Erwerbnisse der Philosophie den Sieg davon trug, und in Einfalt sich zum Glauben der Väter flüchtete. – In dem Augenblicke, wo Schiller mit seiner Braut an den Altar tritt, vergegenwärtigen wir uns seine Gestalt, geleitet von der vertrauten Freundin, welche die Promnestria dieses Bundes war und dem geliebten Schwager auch damals zur Seite stand. Sie schildert ihn am Schlusse ihrer Biographie in folgenden Worten: Fr. v. Wolz II, 290 ff. »Schillers große, in richtigem Verhältniß gebaute Gestalt, mit etwas militärischer Haltung, was ihm aus der Akademie geblieben war, gab seiner Erscheinung etwas Edles, dem selbst die Schüchternheit wohl anstand. Der wohl gerundete Kopf ruhte auf einem schlanken, etwas starken Halse; die hohe, weite Stirn trug das Gepräge des Genius; zwischen breiten Schultern wölbte sich die Brust; der Leib war schmal, und Füße und Arme standen zu dem Ganzen in gutem Verhältniß. Seine Hände waren mehr stark als schön und ihr Spiel mehr energisch als graziös. Die Farbe seiner Augen war unentschieden zwischen blau und lichtbraun. Der Blick unter dem hervorstehenden Stirnknochen und den blonden, ziemlich starken Augenbraunen, warf nur selten und im Gespräche belebt, Lichtfunken; sonst schien er, in ruhigem Schauen, mehr ins eigene Innere gekehrt, als auf die äußern Gegenstände gerichtet, doch drang er, wenn er auf andre fiel, tief ins Herz. Seine Nase war gebogen und ziemlich groß, ein etwas unsanfter Uebergang an der Spitze sichtbar; sein Haar, lang und fein, fiel ins Röthliche; die Hautfarbe war weiß, das Roth der Wangen zart. Er erröthete leicht; das Kinn hatte eine angenehme Form und trat etwas hervor. Die Unterlippe, stärker als die obere, zeigte besonders das Spiel seiner momentanen Empfindung. Sein Lächeln war sehr anmuthig, wenn es ganz aus der Seele kam, und in seinem lauten Lachen, das sich verbergen zu wollen schien, lag etwas rein Kindliches. Schillers Stimme war nicht hell noch vollklingend, doch ergriff sie, wenn er selbst gerührt war oder überzeugen wollte. Etwas vom schwäbischen Dialekt hat er immer beibehalten. Sein Gang hatte gewöhnlich etwas Nachläßiges, aber bei innerer Bewegung wurde der Schritt fester. Seine Kleider waren einfach, aber gewählt, besonders viel hielt er auf feine Wäsche. Aller Cynismus in Kleidung und Umgebung war ihm, seit er, was frühe geschah, auf sich zu achten anfing, zuwider.« Philosophische Fortbildung. 1785 bis 1789. Ehe wir den dreißigjährigen Dichter ins häusliche Leben begleiten, sey abermals ein Blick in sein Inneres geworfen, wo die produktive, die eigentliche Dichterkraft in dieser Periode zu ruhen schien, Wie wenige Gedichte seit dem Don Carlos bis 1789 entstanden, ist gesagt worden. Von 1790 bis 1784 wurde vollends kein einziges Originalgedicht fertig, und nur die Uebersetzungen aus Virgil fallen in diese Zeit. Vergl. Körners Nachrichten von Schillers Leben. In Schillers Werken, Ausg. von 1830. S. 1296, a. und das spekulative Denken in voller Thätigkeit war. Daß er ganz auf dem Wege nach der kritischen Philosophie sich befand, haben wir aus einzelnen seiner Äußerungen, aus Stellen seiner Werke hinlänglich gesehen. Hier und da, wo sich sein Geist selbst im Denken als Erfinder zeigte, übersprang wohl auch ein Ideenblitz die Stadien dieser Bildung, und die Ahnung des Schülers eilte selbst dem systematischen Gange des Meisters voraus. Solche Fulgurationen seines Geistes hat sowohl Hoffmeister in seinem Werke, als auch der Verfasser dieser Schrift herausgefunden und hervorgehoben. Wenn man aber darum den Dichter als Denker, nicht in der Potenz, sondern in der Wirklichkeit seiner Leistungen, zum Meister statt zum Lehrling machen, und Kant, dem Philosophen, als ebenbürtig zugesellen wollte, so würde man mit der Wahrheit zugleich seinem Genius Unrecht thun. Denn wenn ihn die Natur so ganz und entschieden zum Denker bestimmt gehabt hätte, so würde sie selbst es nimmermehr zugelassen haben, daß ihr Werk in einen ganzen Dichter umgeprägt worden wäre, der Denker hätte in ihm dem Poeten nicht dienen dürfen, er hätte geherrscht, und dieser wäre zum Halbdichter herabgesunken. Auch hätte, wie wir im ersten Buche dieser Biographie zu zeigen versucht haben, ein ganz anderer Bildungsgang dazu gehört, Schiller zum leitenden Denker seiner Zeit zu machen. Wie es nun steht, hat sein genialer Wille die herrlichste Poesie der bedrohlichen Denkkraft glücklich abgetrotzt. Ueberhaupt aber ist es offenbar, daß Schiller, seit er mit den Schriften Kants, dermalen nur durch Belehrung von Freunden, bekannt wurde, in seiner Vernunftbildung streng der zeitlichen und geschichtlichen Entwicklung dieses Systems gefolgt ist. Von allen jenen blendenden Ideen Raphaels, vom philosophischen Gespräche des Prinzen im Geisterseher, von den brieflichen Gedankenäußerungen über philosophische Gegenstände, von den spekulativen Episoden und Einkleidungen der historischen Arbeiten endlich – gehört die schöne und zweckmäßige Verarbeitung und der Glanz der Darstellung unsrem Dichter, der Ideengehalt aber, einige vorwitzige Blicke des Genies ausgenommen, dem Schöpfer der kritischen Philosophie. Diese Behauptung wird Jeder bekräftigen, der Kants drei Kritiken durchstudirt hat. Auch war jener lächerliche Hochmuth, in welchem sich je der schwächere Schüler gebärdet, als wäre er der Erfinder des Systems, welches nach zu denken ihm endlich gelungen ist, von niemand ferner, als von dem bescheidenen und einsichtigen Schiller, selbst als er sich längst unmittelbar an Kants Schriften gewendet hatte. Man hat über den Nachtheil, welchen Schillers Dichtergeiste die Kant'sche Philosophie gebracht, viel gesprochen, und Göthe hat ein offenes und wahres Wort darüber hinterlassen, auf das auch wir kommen müssen. Einen Vortheil aber hat, außer den unermeßlichen Diensten, welche seinem Dichtergenius viel später die Kritik der Urteilskraft geleistet, schon die Kritik der reinen Vernunft, deren Inhalt auch ungelesen für ihn längst transspirirt hatte, seinem dichterischen Wirken gebracht: die entfernte Kunde von derselben hat ihn von dem traurigen, freiheitlähmenden Egoismus der Spinozistischen Ansicht, wie wir oben gesehen, befreit, und er hätte ohne dieses Correktiv sicherlich den Don Carlos zu dichten nicht vermocht, sein Geist hätte sich nie zur Begeisterung eines Posa entzündet, dessen Beredtsamkeit an alle Nationen spricht, man mag ästhetische Skrupel wider ihn haben, welche man will. Nicht so glücklich wirkte die erste Bekanntschaft mit der kritischen Philosophie auf seine religiösen Ueberzeugungen. Da der Verf. über diese sich anderswo verbreiten wird, so sollen sie in gegenwärtiger Schrift auch forthin nur berührt werden, so weit es für eine Biographie unumgänglich nothwendig ist. Ueberdieß giebt die Schrift »Schiller im Verhältniß zum Christentum von Rudolph Binder« (2 Bde. Stuttg. Metzler 1839) eine treffliche Uebersicht über den Gegenstand. Hier trat an die Stelle der Mystik des Unglaubens, welcher sich die idealeren Anhänger Spinozas von jeher in die Arme geworfen haben, eine nüchterne Spekulation des Zweifels, welche die höchsten Bedürfnisse unsres Wesens bald mit Begierde ergriff, bald, und noch öfter mit Widerwillen zurückstieß. Aus einer solchen Richtung erklären sich seine widersprechenden Aeußerungen über Gott und Unsterblichkeit. Dieser Widerspruch ist hauptsächlich an Kants Kritik der reinen Vernunft, oder vielmehr an der Ahnung davon, großgezogen worden; ihr Wiederhall läßt sich in der Antwort Raphaels an Julius, im Gespräche des Prinzen, in den Göttern Griechenlands, in einigen Stellen der Künstler, und in einzelnen vertraulichen Aeußerungen des Privatlebens vernehmen. Der Zweifel mildert sich, ja er verschwindet theilweise, so wie Schiller, wieder anfangs nur durch Andre, mit der Kritik der praktischen Vernunft bekannt wird, in welcher der große Vernunftzauberer, wie schon oft bemerkt worden, durch eine Hinterthüre den alten Glauben wieder hereinlockte, den er durch das Hauptthor seines Systems hinausgewiesen hatte. Die Kritik der reinen Vernunft war im Jahre 1781 erschienen und zu Schillers entfernterer Kenntniß etwa im Jahre 1785 gekommen. Mit ihr nahm der Materialismus, so wie das System der absoluten Immanenz, Abschied von seinem Geiste. Hoffnung, vom Zweifel geschlagen, beherrschte seitdem seine Seele; aber mit der zweiten Kritik, die 1787 erschien und 1789 ganz gewiß von Schiller dem Inhalte nach gekannt war, gewann die Hoffnung wieder die Oberhand. Und als, ohne Zweifel in den ersten Monaten dieses letztern Jahrs, eine junge Frau zu Weimar, die in den Kreis seiner näheren Bekannten gehört haben muß, ihren Gatten im ersten Jahre einer glücklichen Ehe durch den Tod verloren, sprach Schiller in einem zu ihrem Trost verfaßten Gedichte, welche dessen ästhetischer Gehalt von der Sammlung seiner lyrischen Gedichte ausschloß, das uns aber für den Gang seiner Ueberzeugung von unschätzbarem Werthe ist, in glühenden Worten, aber geringen Versen, wie folgt: Boas I, 80-82. Ist das Gedicht auch ächt? Ist es, falls es wirklich von Schiller herrührt, nicht zum Theil ursprünglich ein Brouillon aus der Akademie, in der Noth von ihm hervorgesucht? Denn wie sollte der Sänger der »Künstler« so kunstlos im Jahr l789 geverselt haben? März 1840. Geister können nicht wie Staub vergehn, Nein! du wirst den Gatten wiedersehn. Jammre nicht, daß jener Leib vermodert, Staub wird Staub, der Himmelsfunke lodert Aus der Asche, wo er sich verlor, Herrlicher zur Flamme bald empor. Oder wären diese heißen Thränen Nach Unsterblichkeit, dieß bange Sehnen, Dieses ew'ge Streben der Natur, Fortzudauern, Traum und Täuschung nur? Kein Atomenstäubchen geht verloren, Wird im Kreislauf immer neu geboren, Und mein Geist, ein Strahl des ew'gen Lichts, Sollt' erlöschen? würd' auf ewig – Nichts? Und der Frevler dürfte ohn' Erröthen Frech den Biedermann mit Füßen treten? Beide würden der Verwesung Raub, Wären gleich vor Gott, wie Staub und Staub? Und der Wunsch, in seligen Gefilden Meines Geistes Kräfte auszubilden, Wär' ein Traum? – Nein! so giebts keinen Gott, So ist Weisheit Wahnsinn, Unschuld Spott. Alsdann flucht der Dichter dem Tag, wo ein schadenfrohes Wesen ihn auf die Welt, den Schauplatz des Jammers, rief, wo dem Weisen Oft im Lenz des Todes Fessel klirrt, Und der Bösewicht zum Greise wird; Einer Welt, wo sich auf allen Gängen Todesbilder mir entgegendrängen, Einer Welt, wo jede Spanne Land Ein Geschöpf begräbt, das einst empfand. Wie viel Wesen lebten, litten, rangen, Starben, seit die Welt hervorgegangen? Jedes Stäubchen, o wie fürchterlich! War einst Nerve, zitterte, wie ich Vor Vernichtung – und der Schöpfer hörte, Des Geschöpfes Jammer, und zerstörte Es auf ewig? – nein, so ist kein Gott, So ist Glaube Wahnsinn, Tugend Spott. Ja, befriedigen wird Gott dieß Sehnen, Ja, es kommt ein Tag, wo alle Thränen Unser Vater, der sie zählt, vergilt, Wo die Nacht des Schicksals sich enthüllt. Wir dürfen glauben, daß, wenn dieses Lied wirklich von Schiller herrührt, Wiederholte Zweifel drängen sich uns gegen das Ende des Liedes auf, wo die Auferstehung des Fleisches geschildert wird, eine dem Dichter wohl schon vor 1781 fremde Vorstellung. März 1840. wofür besonders die vierte und fünfte Strophe sammt der sechsten sprechen möchten, von welchen die eine ihren Ursprung aus Raphaels Briefen, und die andre ihn aus Kants praktischer Vernunft zu verrathen scheint, es auch den Ausdruck seiner Ueberzeugung, wie sie sich damals gebildet hatte, enthält. Noch war nicht die Zeit, wo ein ehrlicher Mann von »verschiedenen Standpunkten aus« heute so und morgen anders sprechen konnte: dieß hieß damals noch heucheln ; nicht die Zeit, wo man andre trösten zu dürfen meinte mit Gründen, an die man selbst nicht glaubte: dieß hieß täuschen . Der Lehrdichter haftete in jenen Tagen noch für die subjektive Wahrheit dessen, was er singend predigte. – So hätte denn dem Dichter seinen Schöpfer und seine Unsterblichkeit, die ihm Spinoza ganz genommen und die Kritik der reinen Vernunft nur gezeigt hatte, damit er wieder daran zweifelte – der moralische Beweis der praktischen Vernunft für diese Periode seines Denkens ganz zurückgegeben. Die Kritik der Urteilskraft, die den Denker zwar erst gänzlich zu Kant, aber auch zuerst wieder, wenn gleich sehr langsam, auf die Bahnen des Dichters leitete, war im Jahre 1789 noch nicht erschienen. Häusliches Leben und Beruf in Jena. 1790. »Es lebt sich doch ganz anders,« schrieb Schiller an seinen Freund Körner in den ersten Monaten nach seiner Heirath, »an der Seite einer lieben Frau, als so verlassen und allein – auch im Sommer. Jetzt erst genieße ich die schöne Natur ganz und lebe in ihr. Es kleidet sich wieder um mich herum in dichterische Gestalten, und oft regt sichs wieder in meiner Brust. Mein Daseyn ist in eine harmonische Gleichheit gerückt; nicht leidenschaftlich gespannt, aber ruhig und hell gehen mir diese Tage dahin... Ja, ich hoffe, ich werde wieder zu meiner Jugend zurückkehren; ein inneres Dichterleben giebt mir sie zurück.« Auch mit dem äußern Leben söhnte er sich aus. »Ich lebe die glücklichsten Tage,« sagt er seinem Vater (10. März 1790), »und noch nie war mir so wohl wie jetzt in meinem häuslichen Kreise. Unsere ökonomische Einrichtung ist über alle meine Wünsche gut ausgefallen, und die Ordnung, der Anstand, den ich um mich herum erblicke, dient sehr dazu, meinen Geist aufzuheitern... Meine Frau ist ganz eingerichtet zu mir gekommen, und Alles, was zur Haushaltung gehört, hat meine Schwiegermutter gegeben.« Boas II, 455 f. In Jena gewährte dem jungen Paare das Griesbach'sche und Paulussche Haus, das letztere auch durch den Gesang der Frau, eine anmuthige Unterhaltung, und der musikalische Schiller wurde durch das Lied von Gluck: »einen Bach, der fließt,« in die angenehmsten Phantasieen versetzt. Auch mit Schütz und Hufeland stand er in freundlichem, mit Reinhold damals noch in genauem Verhältniß; der letztere erschloß ihm Kants Philosophie immer mehr. Wanderungen in die liebliche Gegend und Reisen nach Rudolstadt brachten Wechsel und Heiterkeit in das Leben dieses glücklichen Jahres. Lottchen bereitete ihm den Thee, und hörte ihn dazu im anstoßenden Auditorium lesen, als er eben seine Vorlesung über die Tragödie (den Oedipus zu Kolonos) begann. »Ich finde gar viel Vergnügen an dieser Arbeit,« erzählt er der Schwägerin am 15. Mai 1790, »ich entdecke viele Erfahrungen, die die Ausübung der tragischen Kunst mir verschafft hat, und von denen ich selbst nicht wußte, daß ich sie hatte. Zu diesen suche ich den philosophischen Grund, und so ordnen sie sich unvermerkt in ein lichtvolles zusammenhängendes Ganze, das mir viel Freude verspricht.« Die zu dem Ende gelesene Poetik des Aristoteles, statt ihn niederzuschlagen und einzuengen, stärkte und erleichterte ihn: »Er dringt mit Festigkeit und Bestimmtheit auf das Wesen, und über die äußern Dinge ist er so lax als man seyn kann. Was er vom Dichter fordert, muß dieser von sich selbst fordern, wenn er irgend weiß, was er will... Man merkt ihm an, daß er aus einer sehr reichen Erfahrung und Anschauung herausspricht, und eine ungeheure Menge tragischer Vorstellungen vor sich hatte. Auch ist in seinem Buche absolut nichts Spekulatives, keine Spur von irgend einer Theorie; es ist Alles empirisch; aber die große Anzahl der Fälle, und die glückliche Wahl der Muster, die er vor Augen hat, gibt seinen Aussprüchen einen allgemeinen Gehalt und die völlige Qualität von Gesetzen.« Beim Lesen der Quellen zu seinem »dreißigjährigen Kriege« stritten sich zwei Ideen, die zu einem Drama über Wallensteins Abfall und Tod, und die zu einem Epos Gustav Adolph in des Dichters Seele. Den späten aber herrlichen Sieg des erstern fährt die Welt noch fort zu feiern. Wäre Schiller gesund geblieben, so würde die Ausführung wohl früher zu Stande gekommen seyn. 1790 bis 1793 Die Liebe ließ Schillern vergessen, daß mit der Hoheit seines Innern so manche literarische und amtliche Umgebungen in Jena, glänzende Ausnahmen, zu welchen auch er selbst gehörte, abgerechnet, so wie seine eigene ökonomische Lage in schneidendem Kontraste standen. Beides hat uns ein Landsmann, der damals einen jungen Adeligen zu Jena überwachte, ein scharfer Beobachter und geistvoller Darsteller, von dem nur nicht zu vergessen ist, daß er den Schatten vor dem Lichte sah und schilderte, in sehr bestimmten Umrissen gezeichnet. Morgenbl. 1837. Nr. 84 ff. Der Verf. ist unzweifelhaft Ludw. Fried. Göritz, geb. zu Stuttg. den 29. März 1764, gest. um 1825 als Decan und Stadtpfarrer zu Aalen. »Eine größere Verschiedenheit,« bemerkt dieser, »in Manier, Kleidung, wissenschaftlicher und sittlicher Cultur wird schwerlich in London und Paris angetroffen werden, als (damals in Jena. Vom Wilden in Sitte und Unreinlichkeit bis zur widerlichen Ueberfeinerung in Sitten und Kleidung, von der beschränktesten Ansicht der Wissenschaften bis zur edelsten Uebersicht und zur heitersten Ansicht traf man alle Mittelstufen, gleichsam als ewige Formen, als Repräsentanten in Jena an.« Dann malt er uns einige Porträts von Collegen, welche um Schiller auf dieser Universität herumliefen: der ausgehungerte Doctor Legens der Mathematik a Gerstenbergh , in unreinlichen Lumpen auf seinem Adel als Steckenpferde reitend, dann von den Studenten aus Barmherzigkeit in ein Gallakleid gesteckt, das ihm wieder vom Leibe faulte, bis die weißseidenen Strümpfe mit schwarzen wollenen zerlöcherten vertauscht waren, und er im Federhut und betreßten Scharlachrock, einen schwarzen Strumpf um den Hals, und ein zerrissenes schmutziges Hemd auf dem Leib, einherging; – der Adjunkt der philosophischen Fakultät, Haller, der orientalische Sprachen docirte und an eine Aufwärterin verheirathet war, der gedrückteste Knirps unter der Sonne, von unerschöpflicher Hiobsgeduld, im abgeschabenen, weißen altgeschnittenen Rock, wo das Hemd im Nacken hervorsah; die schwarzrothe Weste den bedenklichen Zustand der schwarzzeugenen Beinkleider und die kurzen Schenkel zur Hälfte bedeckend; das schwarze Borstenhaar in eine Vergette geschnitten und zur Höhe gekehrt, hinten in den Haarbeutel gefaßt; ein Quastenstock, der, in der Mitte mit der Hand gefaßt, ihm bis über die Nase ging; in Schuhen, die, um einen Zoll zu lang, mit den Zehen gehalten, spazieren rutschend, und, wenn er grüßte, den Hut an sich hinunterziehend, daß dieser auf den Bauch zu liegen kam; – ein anderer Professor, ein Titular-Geheimrath und gelehrter Arzt, von der Frau aus Eifersucht auf Haus und Garten consinirt, selbst von der Kirche abgehalten und in die Bibliothek, die zugleich Speisekammer und schmutzige Kinderstube war, eingesperrt; – wieder ein Docent, der sich erbot, Vorlesungen über Kants Kritik zu halten, wenn ihm jemand das Buch leihen wolle: – ein anderer, der ankündigen wollte gratis leget und schrieb: frustra leget. – . Aus allen Theilen Deutschlands, fährt er fort, waren Professoren mit ihren Frauen in Jena versammelt, und auf diese Weise allerlei Provinzialsitten mit dem seinen Ton verschmolzen. Der Landsmann Schillers hatte des Morgens erwachsene Töchter mit großen Stücken Brod in der Hand angetroffen, da wo er Abends von einem Bedienten mit kreuzweis gelegten Wachslichtern die Treppe hinunter begleitet wurde. Wir können es nur bedauern, daß der Schilderer, bei seiner genauen und feinen Beobachtungsgabe, uns nicht auch die edlen Persönlichkeiten eines Griesbach, Hufeland, Paulus, Gros und anderer, unsrem Schiller befreundeten oder verwandten Naturen vorgeführt hat. Indessen macht er uns von Schillers amtlicher Haltung die würdigste Beschreibung. Die wenige Zeit, in welcher dieser öffentliche Vorlesungen über die Geschichte hielt, wurde er von den Studenten, die, selbst die roheren, ein tieferes Gefühl für das Bessere hatten, als man gewöhnlich glaubt – »weil viele Menschen erst in der bürgerlichen Gesellschaft schlecht und gemein werden« – vortheilhaft ausgezeichnet. Während sonst die böotische Sitte herrschte, den Professor beim Anfang eines Cursus mit allgemeinem Stampfen zu empfangen und zu entlassen, unterblieb dieses pöbelhafte Zeichen des Beifalls bei seinem Ein- und Austritte ganz. Und diese Achtung hatte sich Schiller nicht durch servile Nachgiebigkeit gegen die Studiosen erworben. Als über einen Kuß, den sich ein angetrunkener Student vor einem Gasthofe von einer jungen liebenswürdigen Gräfin, die auf ihren Gatten im Magen wartete, ziemlich graziös erbat, ohne ihn zu erhalten, dieser relegirt wurde, und darüber bei der nächsten Gelegenheit ein wilder Burschenaufruhr losbrach, stürmte eine trunkene und exaltirte Schaar das Haus des Prorektors Ulrich. Es erschienen Fußjäger und Husaren zu Jena, und die Burschen zogen in corpore aus. Als sie darauf um Amnestie und Erlaubniß zur Rückkehr baten, wurde im akademischen Senate darüber deliberirt, ob man den Studenten entgegengehen und sie empfangen solle. Dagegen war Schiller durchaus, wollte das Ansehen und die Würde des akademischen Senats streng behauptet und nichts den Studenten nachgegeben wissen. Aber der Eigennutz der Professoren, deren Collegia stark besucht wurden, siegte: der ehrwürdige Dr. Döderlein, an der Spitze mehrerer Professoren, ging den Burschen entgegen, und sämmtliche Bürgerschaft holte sie zu Roß und zu Fuß ein. Relata refero . Vielleicht veranlaßt die Aufnahme dieser Erzählung in unser Buch eine erwünschte Reklamation. Daß Schiller als außerordentlicher Professor (er erhielt das Ordinariat erst im März 1798) im Senate gesessen haben soll, ist etwas verdächtig. Im Jahre 1791 hielt Schiller auch Vorträge über die Geschichte der europäischen Staaten und der Kreuzzüge, und hatte hier den berühmten Creuzer zum Schüler. Seine Vorlesungen zeichneten sich durch Kraft, Feuer und lichtvolle Ideen aus, aber das rhetorische Pathos vermochte nicht ganz, die Lücken der Kenntnisse zu verhüllen. Von des Dichters Privatleben entwirft uns der Berichterstatter aus Schwaben ein sehr bescheidenes Bild. Die Unbefangenheit und Frugalität in Hinsicht auf Essen und Trinken ging in seinen Augen oft sehr weit. Einst hatte der Dichter Besuch von dem nachmaligen General und Adjutanten des Königs von Sachsen, dem damaligen Gardehauptmann v. Funck (dem Geschichtschreiber Kaisers Friedrich II.). Schiller lud im Garten des Erzählers, wo eben Kegelschieben war, den Fremden zum Abendessen ein. Der Hofmeister und sein Eleve hatten die Kost bei Schiller, wußten aber von der Einladung nichts. Da wurden ein paar ungleiche alte Tische zusammengestellt, ein Tischtuch darüber geworfen, und es erschien ein Stück Fleisch mit ein wenig Salat als die ganze Gastmahlzeit, und dabei war Jedermann ganz unbefangen, unerachtet es sogar an hinlänglichem Geschirr und an Servietten fehlte. Wem sollte der größte Dramendichter, wem der Lehrer Deutschlands bei diesem Mahle nicht so ehrwürdig erscheinen, als der Diktator Curius Dentatus bei seinen Rüben? Er bildet freilich einen Contrast gegen unsre neueste Zeit, wo nicht selten ein junger Mann einen Rang unter den literarischen Notabilitäten einzunehmen glaubt, sobald er sich auch mir dem Rocke nach als Fashionable herausgeputzt hat. Das scharfe Auge dieses Beobachters haftete auf unsrem Schiller mit einem sehr nüchternen Blicke, und derselbe erzählt ohne Schonung von den in Wahrheit unbedeutenden Schwächen des jungen Ehepaares. »Eine sinnliche und nach sinnlichen Freuden haschende, Zerstreuung liebende Gattin,« sagt der Haus- und Tischgenosse aus jener Zeit, »hätte nicht für Schiller getaugt. Er schien mir oft ein zu strenger und unbilliger Richter ihrer Handlungen zu seyn.« Aber selbst die von ihm so sanft und demüthig geschilderte Hausfrau entgeht der bittern Lauge seiner Bemerkungen nicht ganz. Da wir im Leben unsres Dichters, der Natur der Sache nach, fast immer, wo er nicht selbst unser Gewährsmann ist, aus begeisterten Lobrednern oder doch aus den Quellen befreundeter Zeugen, deren Liebe alles zu glauben, zu dulden und zu vertragen geneigt seyn muß, zu schöpfen haben, so dürfte uns der Blick des Luchses als Zuschauer und der kühle Verstand als Referent auch einmal willkommen seyn. Dennoch können wir uns nicht entschließen, von seinen Mittheilungen in der vorliegenden Beziehung Gebrauch zu machen, obwohl andre Biographen es gethan haben. Theils betreffen jene Anekdoten gar zu nichtige Dinge, theils lassen sich die einzelnen Angaben gerade da, wo die Zeitbestimmung von Wichtigkeit wäre, nirgends mit Sicherheit einreihen, da Göritz sechs Jahre lang in Jena war; theils endlich wird ihre Genauigkeit von gewichtigen Augenzeugen, deren Briefe an den Erzähler dieses Lebens gerichtet, vor ihm liegen, sehr entschieden angefochten. Wie glücklich im Wesentlichen Schillers innere Lage war, haben wir oben gesehen; Ueber das Glück seiner Gattin höre man diese selbst bei Boas II, 459. auch die äußere gestaltete sich durch erwünschte Ereignisse noch besser, als die Seinigen zu hoffen gewagt hatten. Die Herausgabe der »Memoiren« und die Fortsetzung der Thalia sicherten ihm eine für seine Bedürfnisse hinlängliche Einnahme. Dabei blieb ihm Zeit zu Recensionen für die Allg. Lit. Zeitung, zu der er seit 1787 Beiträge lieferte. Dann hatte ihn der Buchhändler Göschen, ein edler und uneigennütziger Mann, aufgefordert, eine Geschichte des dreißigjährigen Krieges für einen historischen Almanach zu schreiben; einen deutschen Plutarch, der jedoch nie verwirklicht wurde, behielt er den folgenden Jahren auf. In einem gar traulichen Briefe an seinen Vater gibt Schiller diesem Rechenschaft von seiner schriftstellerischen Thätigkeit (29. Dec. 1790): »Ich habe,« schreibt er, »freilich viel Arbeit, aber es fehlt mir dazu nicht an freudigem Muth, und der Himmel segnet sie. Die Niederländische Geschichte kann so schnell nicht fortgesetzt werden, weil andere Arbeiten dazwischen kamen, aber so viel später sie erscheint, so viel reifer und vollendeter soll sie werden.« »Es ist mir überaus lieb, daß mein historischer Kalender in Schwaben sehr verbreitet wird. Eine Reputation im historischen Fach ist mir des Herzogs wegen nicht gleichgültig. Auch vor seine Ohren muß es endlich kommen, daß ich ihm im Auslande keine Schande mache, und wenn er dadurch zu einer bessern Gesinnung von mir wird vorbereitet seyn, dann ist es Zeit, daß ich mich selbst an ihn wende.« Seine Einnahmen waren in dieser Zeit ansehnlich, denn seit 1789 erhielt er, wie ein früherer Brief vom 4. Febr. 1790 dem Vater gelegentlich meldet, für wichtige Arbeiten nicht unter drei Louisd'or vom Bogen. Im September des Jahrs 1790 richtete sich Schiller in reinen Geistesangelegenheiten an den Coadjutor und erhielt (Mainz vom 11. Sept.) die Antwort: »Ich wage es nicht zu bestimmen, was Schillers allumfassender, allbelebender Genius unternehmen soll. Nur sey mir erlaubt der stille Wunsch, daß Geister, mit Riesenkräften ausgerüstet, sich selbst fragen möchten: wie kann ich der Menschheit am nützlichsten seyn? Dies Forschen, dünkt mich, führt am sichersten auf den Weg zur Unsterblichkeit und lohnt mit himmlischem Bewußtseyn.« Schiller war über die äußerlich teleologische Wirksamkeit, wie wir gesehen haben, damals schon vermöge seines philosophischen Systemes als Dichter und Schriftsteller so hinaus, die Kunst war ihm schon so sehr Selbstzweck geworden, daß ihm eine so vage Antwort, voll der edelsten Absicht, unmöglich genügen konnte. Er wiederholte also seine Frage, wie es scheint, bestimmter, und erhielt von dem Gönner (Erfurt 2. Nov.) Andeutungen über den Beruf des Geschichtschreibers, so weit er mit dem dramatischen Dichter zusammenfällt oder von ihm divergirt. Dem erstern wird darin der aufmerkende, prüfende, sammelnde Forschungsgeist, dem letztern der Genius der höchsten lebendigen Darstellung vindicirt. »Nur darin treffen beide mit allen Geisteswerkmeistern überein, daß jeder seinen eigenen Brennpunkt haben muß, durch den er seinem Werke Einheit gibt und die Theile in ein Ganzes schmelzt.« Schiller vereinigt nach Dalbergs Ueberzeugung beides, Bildungskraft und die Ausdauer des Fleißes. Doch wünschte er, daß derselbe » in ganzer Fülle dasjenige leiste und wirke, was nur Er leisten kann, und das ist das Drama. « Fr. von Wolz. II, 54-57. Schillers historische Schriften. 1787 bis 1796. Die Beurtheilung der Leistungen des großen Nationalschriftstellers in diesem Fache verbietet selbst in der kürzesten Skizzirung der Umfang dieser Blätter, und außerdem hält sich der Verfasser, der wohl in ästhetischer und in allgemeiner Beziehung sich ein bescheidenes Wort erlauben darf, nicht für berechtigt, ohne tiefere Studien in der Geschichte und Einsicht in das Wesen der Geschichtsforschung, auch nur ein flüchtiges Urtheil zu fällen. Er verweist daher seine Leser, was einen Ueberblick über Schillers historische Produktionen betrifft, von der präludirenden, nach Ludwig Tiecks vollgültigem Urtheile vortrefflichen geschichtlichen Novelle: »Der Verbrecher aus verlorner Ehre,« wozu Schiller schon in Mannheim den vaterländischen Stoff aus seines Lehrers Abel Joh. Friedr. v. Abel, zu Vaihingen im Württemb. am 9. Mai 1751 geboren, wurde Professor an der Karlsakademie 1772, zu Tübingen 1790, Prälat, Generalsuperintendent und Vorsteher des theol. Seminars zu Schönthal 1812; starb zu Stuttgart 1829. Munde aufnahm und verarbeitete, bis zu den Denkwürdigkeiten des Marschalls Vieilleville, auf Hoffmeisters gründliche Analyse und auf dessen Endurtheil, welches er weder zu bekämpfen noch zu bekräftigen wagt. Hoffmeister II, 155-224. Diese Werke sind (außer der von Hoffmeister beurtheilten histor. Novelle): die Abhandlung: »Was heißt und zu welchem Ende studirt man Universalgeschichte?« November 1789. »Etwas über die erste Menschengesellschaft nach dem Leitfaden der mosaischen Urkunde,« veranlaßt durch Kants »muthmaßlichen Anfang der Menschengeschichte.« Im 11ten Hefte der Thalia, 1790. »Die Sendung Moses« im 10ten Hefte der Thalia nach einer Schrift von Bruder Decius (Reinhold) ausgearbeitet. »Die Gesetzgebung des Lykurgus« im 11ten Heft. Universalhistorische Zeitgemälde zu der von Schiller mit verschiedenen Mitarbeitern veranstalteten allgemeinen Memoirensammlung nach Art der in London damals erscheinenden Sammlung der sich auf die französische Geschichte beziehenden Memoiren (Jena 1790-1806, 33 Bände; anfangs war Schiller dabei allein, vom vierten Bande der ersten, und vom dritten der zweiten Abtheilung an verband er sich mit Woltmann, Paulus und andern; seit 1796 hatte er gar keinen Antheil mehr daran). Die in Abhandlungen beigegebenen Zeitgemälde sind folgende: 1) Ueber Völkerwanderung, Kreuzzüge und Mittelalter. 2) Uebersicht des Zustandes von Europa zur Zeit des ersten Kreuzzuges, Fragment geblieben, »wegen der damaligen Krankheit ihres Verfassers.« (War Schiller im J. 1789 wirklich krank? Hoffm. 3) Universalhistorische Uebersicht der merkwürdigsten Staatsbegebenheiten zu den Zeiten Kaiser Friedrichs I. Diese drei Stücke führten die erste Abtheilung der Memoiren (Mittelalter) ein; die acht ersten Bände der zweiten Abtheilung (Memoiren der neuern Zeit) wurden eingeführt durch 4) die Geschichte der Unruhen, welche der Regierung Heinrichs IV. vorangingen, bis zum Tode Carls IX. »Vorrede zu der Geschichte des Maltheserordens nach Vertot, von N. M. bearbeitet.« (1792.) Von den beiden großen Productionen fällt die unvollendete »Geschichte des Abfalls der Niederlande« (warum unvollendet? Hoffm. II, 157 f.) in die Jahre 1787 und 1788 (der erste und einzige Band erschien zu Leipzig 1788; umgearbeitet ebend. 1801); die »Geschichte des dreißigjährigen Krieges« in das J. 1790 (zuerst als historischer Kalender für Damen herausgegeben auf das Jahr 1791, dann Leipzig 1780-92 drei Theile; verbessert 1802 Schon im Jahr 1787 hatte er, in Verbindung mit mehrern Schriftstellern von der »Geschichte der merkwürdigsten Rebellionen und Verschwörungen« den ersten Theil herausgegeben, der nur wenig von Schiller enthält. Schillers letzte historische Arbeit sind die »Denkwürdigkeiten aus dem Leben des Marschalls von Vieilleville,« die er im Jahr 1797 ausarbeitete, um die Horen in der Noth flott zu machen. Auf sie besonders bezieht sich mithin eine der obigen Bemerkungen Humboldts. Diese Notizen sind sämmtlich aus Hoffmeister ausgezogen, und aus Döring ergänzt. 1787 bis 1796. Was wohl am unangefochtensten in diesem Urtheile bleiben wird, ist die Bemerkung, daß Schillers historischer Standpunkt, wie sein poetischer, der allgemein menschliche, daß Menschenfreiheit, Menschenwürde, Menschenrecht die herrschenden Ideen seiner Geschichtsdarstellung seyen, denen als sein zweites Prinzip die Humanität zur Seite gestellt ward, welche ihm als die Blüthe der Freiheit galt. Die ganze Weltgeschichte ist ein ewig wiederholter Kampf der Herrschsucht und der Freiheit um ihr streitiges Gebiet, sagt er im Abfall der Niederlande. Schiller, Ausgabe in einem Bande. S. 796, b. Und hier findet Hoffmeister die Stelle, wo das sittlich-tragische Interesse mit dem Geschichtlichen, wo der Historiker und der Dramatiker eins sind. Anfechtbarer ist die Parallele Schillers mit Tacitus. Wir verweilen jedoch nicht länger bei diesem Urtheile, sondern, um dem Leser doch etwas Ganzes zu geben, fügen wir die Ansicht Wilhelms von Humboldt, des Freundes, der am tiefsten und liebevollsten in des Dichters Seele geblickt hat, über Schiller den Geschichtschreiber hinzu. Briefwechsel zwischen Schiller und Wilhelm von Humboldt. Cotta 1830. S. 55 ff. »Schillers historische Arbeiten werden vielleicht von Einigen nur als Zufälligkeiten in seinem Leben, und als durch äußere Umstände hervorgerufen angesehen... (Aber) wer, wie Schiller durch seine innerste Natur aufgefordert war, die Beherrschung und freiwillige Uebereinstimmung des Sinnenstoffes durch und mit der Idee aufzusuchen, konnte nicht da zurücktreten, wo sich gerade die reichste Mannichfaltigkeit eines ungeheuren Gebietes eröffnet; wessen beständiges Geschäft es war, dichtend den von der Phantasie gebildeten Stoff in eine Nothwendigkeit athmende Form zu gießen, der mußte begierig seyn zu versuchen, welche Form, da das Darstellbare es doch nur durch irgend eine Form ist, ein durch die Wirklichkeit gegebener Stoff erlaubt und verlangt. Das Talent des Geschichtschreibers ist dem poetischen und philosophischen nahe verwandt, und bei dem, welcher keinen Funken beider in sich trüge, möchte es sehr bedenklich um den Beruf zum Historiker aussehen. Dies gilt aber nicht bloß von der Geschichtschreibung, sondern auch von der Geschichtforschung. Schiller pflegte zu behaupten, daß der Geschichtschreiber, wenn er alles Faktische durch genaues und gründliches Studium der Quellen in sich aufgenommen habe, nun dennoch den so gesammelten Stoff erst wieder aus sich heraus zur Geschichte construiren müsse, und hatte darin gewiß vollkommen recht, obgleich allerdings dieser Ausspruch auch gewaltig mißverstanden werden kann. Eine Thatsache läßt sich eben so wenig zu einer Geschichte, wie die Gesichtszüge eines Menschen zu einem Bildniß bloß abschreiben. Wie in dem organischen Bau und dem Seelenausdruck der Gestalt, gibt es in dem Zusammenhange selbst einer einfachen Begebenheit eine lebendige Einheit, und nur von diesem Mittelpunkt aus läßt sie sich auffassen und darstellen. Auch tritt, man möge es wollen oder nicht, unvermeidlich zwischen die Ereignisse der Darstellung die Auffassung des Geschichtschreibers, und der wahre Zusammenhang der Begebenheiten wird am sichersten von demjenigen erkannt werden, der seinen Blick an philosophischer und poetischer Nothwendigkeit geübt hat... Im Sammeln der Thatsachen, im Studium der Quellen, soweit es ihm vergönnt war in sie hinabzusteigen, war Schiller sehr genau und sorgfältig. Auch bei seinen poetischen Arbeiten versäumte er nie, sich die historische oder Sachkunde, welche sie erforderten, zu verschaffen. Wenn ihm etwas in dieser Art mißlang, so lag es gewiß nicht an der Emsigkeit seines Strebens, sondern am Mangel von Hülfsmitteln, an seiner Kränklichkeit und andern zufälligen Umständen. Nur muß man einzelne faktische Unrichtigkeiten nicht immer als Instanzen gegen die Allgemeinheit dieser Behauptung ansehen. Er eignete sich bei diesen Studien zu poetischen Arbeiten natürlich vorzugsweise das Ganze des Eindrucks an. Mit welcher Liebe er sich dem Geschichtsfache widmete, geht aus einem seiner Briefe an Körner hervor. »Das Interesse, welches die Geschichte des peloponnesischen Krieges für die Griechen hatte, muß man jeder neuern Geschichte, die man für die Neuern schreibt, zu geben suchen. Das eben ist die Aufgabe, daß man seine Materialien so wählt und stellt, daß sie des Schmucks nicht brauchen, um zu interessiren. Wir Neueren haben ein Interesse in unserer Gewalt, das kein Grieche und kein Römer gekannt hat, und dem das vaterländische Interesse bei weitem nicht bei kommt (gleich kommt) Das letzte ist überhaupt nur für unreife Nationen wichtig, für die Jugend der Welt. Ein ganz anderes Interesse ist es, jede merkwürdige Begebenheit, die mit Menschen vorging, dem Menschen wichtig darzustellen. Es ist ein armseliges, kleinliches Ideal, für eine Nation zu schreiben; einem philosophischen Geiste ist diese Grenze durchaus unerträglich. Dieser kann bei einer so wandelbaren, zufälligen und willkürlichen Form der Menschheit, bei einem Fragmente (und was ist die wichtigste Nation anders?) nicht stille stehen. Er kann sich nicht weiter dafür erwärmen, als soweit ihm diese Nation oder Nationalbegebenheit als Bedingung für den Fortschritt der Gattung wichtig ist.« Körners Nachrichten, in Schillers Einb. Ausg. S. 1294, a. Nur wo er historische Arbeiten blos für äußere Zwecke, wie für die Horen, übernehmen mußte, wurden sie ihm lästig. Sonst war, auch gerade in dieser spätern Zeit, die Lust zur Geschichte nicht in ihm erloschen. Er sprach mir noch, als ich ihn das letztemal im Herbst 1802 sah, mit leidenschaftlicher Wärme von dem Plane einer Geschichte Roms, den er sich für höhere Jahre aufsparte, wenn ihn vielleicht das Feuer der Dichtung verlassen hätte.« Diesem Urtheile Humboldts sey die Ansicht eines Freundes gegenübergestellt, der, ganz in geschichtlichen Forschungen lebend, und vom Verfasser dieser Biographie über seine Ansicht befragt, ihm ungefähr Folgendes erwiederte: »Mir scheint die kritische Philosophie nicht günstig auf Schillers historisches Talent eingewirkt zu haben. Jene idealistische Weltansicht, welche sich zum Voraus in Gegensatz gegen die reale Wirklichkeit bringt, die, ihrer Herkunft nach unvernünftig, erst durch den Menschen vernünftig gemacht werden muß, kann für die Auffassung der Geschichte nicht günstig seyn. So fehlt denn auch bei Schiller das Bewußtseyn jenes höheren Zusammenhangs der Begebenheiten im Geiste Gottes; er weiß nichts von der Wirklichkeit der Idee in Personen und Zeitrichtungen; nur in einzelnen Begebenheiten, nicht im Ganzen, sieht er eine That »›der großen Natur.‹« Die Geschichte ist ihm größtentheils eine von Menschen gemachte, und seine Kunst besteht hauptsächlich darin, die psychologischen Motive darzustellen, welche den Berechnungen und Unternehmungen zu Grunde lagen, wobei ihn der Dramatiker bald das Rechte treffen läßt, bald ihn in ganz irrige Combinationen verwickelt. Sein »›Abfall der Niederlande‹« hat große Vorzüge vor dem »›dreißigjährigen Kriege;‹« er ist viel gründlicher und quellenmäßiger, während es bei dem letztern auffallend ist, daß Wallenstein im Drama viel mehr der historischen Wahrheit gemäß erscheint, als in der geschichtlichen Darstellung. Zwar beruht die neuere richtigere Auffassung jenes Krieges auf damals unzugänglichen Quellen, aber die Hauptquelle, Khevenhiller mit seinen zwölf Bänden, hatte Schiller, scheint sie jedoch nicht gründlich genug benützt zu haben.« Conz versichert uns (Eleg. Zeit. 1823, S. 35): Schiller sey gewohnt gewesen, was er den Tag zuvor, oder auch wenige Stunden vor der Composition aus seinen Folianten sich zurecht gelesen, sogleich zu verarbeiten. Bei dem schnellen Ueberblicke, den er besaß, bei der Macht der Darstellung, die ihm eigen war, habe dies seiner Arbeit weniger nachtheilig werden können, als es bei minder von der Natur begabten Schriftstellern der Fall hatte seyn müssen: doch haben geistvolle Schriftsteller bemerkt, daß »der dreißigjährige Krieg« die Spuren einer solchen zu flüchtigen und rhapsodischen Bearbeitung an vielen Orten nur allzusichtbar an sich trage. »Nichts destoweniger,« schloß der Freund, »hat Schiller eine große verhältnißmäßige Bedeutsamkeit als Vater einer ganzen Gattung von Historiographie, der reflektirenden und rhetorischen. Diese Richtung hat sich weit verbreitet, und er hat, was die Darstellung und Auffassung betrifft, gewissermaßen eine Schule gebildet, aus der Weltmann, Rotteck und viele andere hervorgegangen sind. Lange glaubte man, wer geschmackvoll Geschichte schreiben wolle, müsse sich nach Schiller bilden. Zu seinen besten Leistungen gehören übrigens seine Aufsätze über die Kreuzzüge und das Mittelalter und über den Zustand Europa's zur Zeit des ersten Kreuzzugs; sie können für jene Zeit als klassisch gelten, namentlich ist die Entwicklung des Lehenswesens das Klarste, was man bis jetzt in der populären Geschichtsliteratur über diesen Gegenstand hat.« Wäre der Aeußerung eines der ersten jetzt lebenden Geschichtschreiber, welche der Verfasser dieser Biographie aus mündlicher Tradition kennt, Aechtheit zuzuerkennen, so hätte Schiller es nach dessen Ausspruche bei seiner Geschichtschreibung auch darin verfehlt, daß er jenen dramatischen Brennpunkt, wie Dalberg spricht, mit dem historischen verwechselte, und daß eine Geschichte für ihn als Darsteller ihr Interesse verlor, sobald der dramatische Effekt zu Ende war. Auch hierüber maßt sich der Erzähler dieser Biographie keinen Spruch an, läugnet aber nicht, daß ihm dieses Wort einleuchtete, als er zu einem Spezialzwecke nach Schillers dreißigjährigem Kriege gegriffen, überzeugt, dort die wichtigen Ereignisse am Bodensee unter Horn, Wiederhold und insbesondere die für den Schluß des Krieges entscheidenden Aktionen bei Bregenz unter Wrangel von seiner beredten Feder beschrieben zu sehen. Zu seiner nicht geringen Verwunderung fand er von dem Allem kein Wort, sondern Wrangeln hier zuletzt an der Donau, und den Krieg in Böhmen beendigt, und war genöthigt, seine Aufschlüsse sich in der allgemeinen Zeitung des 17ten Jahrhunderts, bei Merian , zu suchen. Endlich bekräftigt diese Ansicht Schillers eigenes Geständniß, der schon am 10. Dec. 1788 an seine Freundin Caroline von B., als Körner seinen Beruf zum Historiker bezweifelt hatte, ganz unbefangen schrieb: »Ich werde immer eine schlechte Quelle für einen künftigen Geschichtsforscher seyn, der das Unglück hat, sich an mich zu wenden. Aber ich werde vielleicht auf Unkosten der historischen Wahrheit Leser und Hörer finden, und hie und da mit jener ersten philosophischen (Wahrheit) zusammentreffen. Die Geschichte ist überhaupt nur ein Magazin für meine Phantasie, und die Gegenstände müssen sich gefallen lassen, was sie unter meinen Händen werden. Fr. v. Wolz, I, 341. Dieß hindert nicht, daß nicht die beredte und poetische Schilderung jenes dreißigjährigen Kampfes durch Schiller, laut Wielands Versicherung, einst so viele Leser gehabt, als es in dem ganzen Umfang unserer Sprache Personen gab, die auf einigen Grad von Cultur des Geistes Anspruch zu machen hatten, Am 29. Dez. 1790 schreibt Schiller, daß über 7000 Exemplare davon verkauft seyen. Boas II, 458. so wenig es umgekehrt von Mangel an Cultur zeigt, wenn diese Arbeit, gegen die Verbreitung anderer Werke Schillers gerechnet, heutzutage nur noch eine mäßige Anzahl von Lesern findet. Und wie für uns selbst die eigentliche Frucht von Schillers Studien im Euripides nicht jener, jetzt nach so viel kunstmäßigeren Behandlungen derselben Stücke in der metrisch herrlich vorangeschrittenen Muttersprache, nothwendig bis mangelhaft und veraltet erscheinende Uebersetzungsversuch, sondern die durch die Versenkung in die Leidenschaft der feindseligen Brüder erzeugte Braut von Messina ist, so können wir als die reife Frucht von Schillers Studien über den dreißigjährigen Krieg nicht die nach dem Wunsche Göschens unternommene Schilderung dieses Krieges in einem Damenkalender, sondern nur den durch das Posimur des Genius hervorgerufenen Wallenstein begrüßen. Noch allerlei ungeborne Liederseelen und größere Gedichtsentwürfe mußten indessen diesen Studien weichen, welche Schillers Geist für das Höchste bildeten und vorbereiteten: eine Hymne an das Licht, eine Theodicee, eine Oper aus Wielands Oberon, ein episches Gedicht aus dem Leben Friedrichs des Großen, in Oktavreimen, die man singen könnte, wie die griechischen Bauern die Iliade, wie die Gondolieri in Venedig Tasso's Stanzen. Vergl. Dörings älteres Leben S. 145 ff. Aber zu dem Allem war nicht die Zeit jetzt, wo er philosophisch mit sich noch nicht im Reinen, wo das Feld seines Geistes noch nicht mit dem Pfluge des Systems völlig umgearbeitet und für die Saat der höchsten Kunstpoesie zubereitet war. Krankheit. 1790 bis 1791 Auch im häuslichen Leben sollte es dem Dichter nur so lange gut gehen, als unumgänglich nothwendig zu seinem geistigen Tagewerk auf Erden war. Zuerst betrübten ihn, noch vor der Hochzeit, traurige Nachrichten von Hause. Seine Mutter war schon im Jahre 1789 sehr krank gewesen. Im Januar des Jahres 1790 glaubte er diese Leiden mit der Quelle gehoben. »Seine Seele war von Rührung und Dank gegen die gütige Vorsicht bewegt;« denn es hatte sein Herz zerrissen, daß die theuerste Mutter das Glück ihres Sohnes, die bevorstehende Verbindung mit Lottchen von Lengefeld nicht mehr erleben sollte. Im Februar wurde er aufs neue beunruhigt und verschrieb, der gute Doktor Med., von Jena aus, der Mutter Chinarinde, falls ein schleichendes Fieber hinzugetreten wäre. Die Kranke scheint sich sehr langsam erholt zu haben, denn noch spätere Aeußerungen Schillers sprechen mit Besorgniß von ihr. Inzwischen wurde seine eigene Gesundheit in ihren Grundfesten erschüttert. »Ein harter Schlag traf ihn und die Seinen,« erzählt Frau von Wolzogen, »in dieser sich so glücklich gestaltenden Zeit. Während eines Besuchs, den er dem Coadjutor in Erfurt machte, ward er bei'm Abendessen, nach einem Concert im Stadthause, wozu uns jener eingeladen, von einem heftigen Fieber angefallen.« Doch schien nur eine Erkältung der Grund zu seyn; kaum aber nach Jena zurückgekehrt, wurde er aufs neue darniedergeworfen und eine Brustkrankheit ergriff ihn, die nach der Versicherung der Schwägerin seinen körperlichen Zustand für seine ganze Lebenszeit zerrüttete. Die augenblickliche Gefahr fand die herbeigeeilte Freundin zwar durch seinen Hausarzt Starke abgewendet, aber Rückfälle waren zu fürchten. Jetzt zeigte sich die allgemeine Hochachtung und Liebe, die Jena für den Dichter im Stillen gehegt. Die edelsten Zuhörer erboten sich voll Jugendeifer zu Pflege und Nachtwachen. Gustav von Adlerskron, ein in Jena Familienverhältnisse halber unter angenommenem Namen studirender Jüngling, wurde durch die umsichtige Wartung Schillers Hausfreund; Hardenberg, der später gefeierte, herrliche Novalis, damals schon durch Talent für die Dichtkunst ausgezeichnet, kam durch die innigste Theilnahme dem Meister vertraulich nahe. Schiller, dem er vom Vater gebracht worden, sollte den Jüngling (welch ein Auftrag für einen Dichter!) von der Poesie ab und den Brodstudien zuweisen, und seine nothgedrungenen Ermahnungen hatten anfangs Erfolg. Aber andere Umgebungen und der Tod seiner Braut kehrte den Jüngling frühzeitig von allem irdischen Glück ab und versenkten ihn in Fichte's Idealismus, dessen religiöspoetische Apotheose durch den wunderbaren Sänger gefeiert wurde. Schiller genas; aber beängstigende Brustkrämpfe waren von dieser Krankheit zurückgeblieben, und wer ihn damals sah, erschrack an ihm: sein Körper war abgemagert, sein Gesicht bleich und verfallen; nur in das noch immer helle Auge schien sich das Leben zurückgezogen zu haben. Die öffentlichen Vorlesungen mußten unterbrochen werden; er versammelte in seinem Zimmer so viele Zuhörer, als es fassen konnte; zu Privatvorträgen über Aesthetik. Fr. v. Wolz. II, 78. Kritik der Urteilskraft. Entschiedener Kantianismus. 1791 bis 1794. Genauere Zeitangaben fehlen uns über diese Krankheit. Schon vor seiner Erkrankung hatte sich Schiller von der Geschichte als einem Ziele seiner Thätigkeit verabschiedet, und philosophisch-ästhetischen Betrachtungen zugewendet, wie denn aus seinen Vorlesungen über den Oedipus auf Kolonos die beiden 1792 gedruckten Aufsätze »über den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen,« und »über die tragische Kunst« hervorgegangen sind, das erste, was er über philosophische Aesthetik bekannt machte. Auffallend war es, daß er den Freund, der ihn zuerst zu Jena durch seine Gespräche näher an das Heiligthum des Königsberger Weisen hingeführt, seitdem durch schmerzende Kälte zurückstieß, worüber Reinhold in vertraulichen Briefen sich bitter beklagte, An Baggesen, die uns leider nicht zur Hand sind. Wir halten uns, was diese Quelle betrifft, ganz an Hoffmeister II, 253-256. ja endlich sich selber (28. März 1792) sagen mußte: »Ich weiß nun, daß mich Schiller zwar nicht haßt, aber auch nicht lieben kann; zwar nicht verachtet, aber auch nicht schätzt. Seine Einsilbigkeit und Kälte hat mir zu wehe gethan, als daß ich mich derselben länger hätte aussetzen können, und ich komme nun seit einigen Monaten nicht mehr zu ihm.« Und so blieb das Verhältniß, bis Reinhold 1794 nach Kiel abging. Wir grübeln umsonst über die Ursache dieser Abstoßung, die nicht allein in Reinholds Mangel an ästhetischer Bildung liegen kann. Konnte Schiller schon gegen einen alten und, wie wir bald sehen werden, hoch um ihn verdienten Freund so seyn, so war er gegen Unbekannte und Fremde, besonders in späterer Zeit, wenn sie ihn nicht interessirten, ganz verschlossen, und Personen, die er gering schätzte, behandelte er sogar mit einer schneidenden Kälte. Niemand darf ihm solches verargen, wer einem berühmten Manne, der noch dazu kränkelt, nicht zumuthen will, sich von der Liebe und Verehrung Anderer umbringen zu lassen. Jene Krankheit schreibt Wieland der anhaltenden Winterarbeit an der Fortsetzung des dreißigjährigen Krieges zu. Hoffm. II, 239. Genesen beschäftigte Schiller sich hauptsächlich mit der Uebersetzung aus Virgils Aeneide, und als er sich erstarkt fühlte, warf er sich mit unermüdlichem Eifer auf das Studium Kants, und zwar auf die erst vor Jahresfrist (1790) erschienene Kritik der Urtheilskraft. »Du erräthst wohl nicht, was ich jetzt lese und studire?« schreibt er am 3. März 1791 an seinen Körner. »Nichts schlechteres – als Kant. Seine Kritik der Urteilskraft, die ich mir selbst angeschafft habe, reißt mich hin durch ihren neuen, lichtvollen, geistreichen Inhalt, und hat mir das größte Verlangen beigebracht, mich nach und nach in seine Philosophie hineinzuarbeiten. Bei meiner wenigen Bekanntschaft mit philosophischen Systemen würde mir die Kritik der Vernunft und selbst einige Reinhold'sche Schriften für jetzt noch zu schwer seyn und zu viel Zeit wegnehmen. Weil ich aber über Aesthetik schon selbst viel gedacht habe, und empirisch noch mehr darin bewandert bin, so komme ich in der Kritik der Urtheilskraft weit leichter fort und lerne gelegenheitlich viele Kant'sche Vorstellungsarten kennen, weil er sich in diesem Werke darauf bezieht und viele Ideen aus der Kritik der Vernunft in der Kritik der Urtheilskraft anwendet. Kurz ich ahne, daß Kant für mich kein so unübersteiglicher Berg ist, und ich werde mich gewiß noch genauer mit ihm einlassen.« Dieser Brief beweist freilich, daß Schiller bis dahin noch nichts von Kant gelesen hatte. Daß er aber genug von ihm gehört, zuerst von Körner, der offenbar selbst Kantianer war, dann von Reinhold, darf als erwiesen betrachtet werden. Wollte er doch seine Theodicee »nach Kantschen Prinzipien« dichten! Und am 1. Januar 1792 war sein Entschluß unwiderruflich gefaßt, die Kantsche Philosophie nicht eher zu verlassen, bis er sie ergründet habe, wenn ihn dieß auch drei Jahre kosten könnte. »Uebrigens habe ich mir schon sehr vieles daraus genommen und in mein Eigenthum verwandelt. Nur möchte ich zu gleicher Zeit gerne Locke, Hume und Leibnitz studiren.« Noch am 15. Okt. 1792 »steckte er bis über die Ohren« in Kants Kritik der Urtheilskraft. »Ich werde nicht ruhen, bis ich diese Materie durchdrungen habe, und sie unter meinen Händen etwas geworden ist. « Wäre Schiller kein geborner Dichter gewesen, so hätte dieser Eifer die Poesie auf immer bei ihm verdrängen müssen; nun aber förderte er sie zuletzt nur, wenn ihr gleich die Philosophie eine starke Legirung, jedoch eben dadurch den rechten Kurs bei der Nation gab. Rückfall. 1791. Die Kantianer, welche Reinholds Vorlesungen nach Jena gezogen, sammelten sich jetzt auch um Schiller und fanden sich bei ihm zu philosophischen Gesprächen ein, darunter der uns seitdem trefflich geschilderte Erhard, und ein Baron Herbart, den noch im Mannesalter Liebe zur Philosophie aus Steiermark nach Jena gezogen. Aber Anfälle von schweren Brustkrämpfen störten dieses heitere geistige Leben, und auf einem Besuche in Rudolstadt führte den Dichter ein harter Anfall dem Tode nahe. Er verlangte die Freunde der Familie zu sehen, damit sie lernten, wie man ruhig sterben könne. Mit männlicher Fassung hieß er die Seinigen sich beruhigen und das Unvermeidliche ertragen. An seinem Bette saß die Schwägerin, und las ihm Stellen aus Kants Kritik der Urtheilskraft, die auf Unsterblichkeit deuten, vor. »Den Lichtstrahl aus der Seele des ruhigen Weisen, und den tröstenden Glauben meines Herzens,« schreibt sie, »daß solch ein Wesen in der Blüthe seiner Kraft nicht enden, und uns nicht für immer entzogen werden könne, – nahm er ruhig auf.« » Dem allwaltenden Geiste der Natur müssen wir uns ergeben, « sagte er, »und wirken, so lange wirs vermögen.« Als ihm die Sprache schwer zu werden anfing, griff er nach dem Schreibzeuge und schrieb – »Sorget für eure Gesundheit, man kann ohne das nicht gut seyn.« Noch verwahrt die Freundin diese rührenden Worte der Liebe. Es ist unläugbar, daß das Studium von Kants Kritik der Urtheilskraft den Glauben an den persönlichen Gott und an Unsterblichkeit, dem wir ihn zwei Jahre früher genähert sahen, bei Schiller eher wieder in den Hintergrund treten ließ, und das System der bloßen Immanenz Gottes in der Welt seiner Seele wieder vorführte, sonst hätte er die Todesmahnung in anderer Haltung aufgenommen. Die Worte, welche er seiner Geistesfreundin erwiederte, – es könnte sie nicht nur ein Spinozist, es könnte sie auch ein Encyklopädist gesprochen haben. Im April 1827 ging der Verfasser dieser Biographie im Krankensaale des Pariser Invalidenhauses, von einem Arzte begleitet, an dem Bette eines zwei und neunzigjährigen Kapitäns vorüber, der von Steinschmerzen gemartert, seinem Ende entgegensah. »Je meurs de douleurs, messieurs,« rief er uns mit fester Stimme zu: »mais que faire? La nature le veut: il faut obéir.« Erholung. Karlsbad. Erfurt. Heimkehr. 1791. Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen! Und Einen Herbst zu reifem Gesange mir,     Daß williger mein Herz, vom süßen         Spiele gesättiget, dann mir sterbe! Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orcus nicht;     Doch ist mir einst das Heil'ge, das am         Herzen mir liegt, das Gedicht , gelungen: Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt! Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel     Mich nicht hinabbegleitet; Einmal         Lebt' ich, wie Götter, und mehr bedarf's nicht. Dieß Lied, das den Parzen ein Dichter zusingt, der als Schillers Schüler begann und als Meister längst abgeschlossen hat, Friedrich Hölderlin. Gedichte, S. 82. ist ohne Zweifel auch für die Stimmung unsres Dichters auf seinem Krankenlager der rechte Ausdruck. Und wenn ihm auch kein Herbst gegönnt war, so sollte doch die Welt um seinen Sommer nicht kommen, und das Heilige, das ihm am Herzen und im Geiste lag, sollte ihm gelingen, wie es wenigen gelungen ist. Der Arzt hatte die Hoffnung nie verloren; die Krämpfe ließen auf seine Mittel nach, und Schiller sagte, mit sehr heitrem Blicke, zu seiner Frau und ihrer Schwester: »Es wäre doch schön, wenn wir noch länger zusammen blieben.« Er glaubte wieder an ein längeres Leben, machte Plane zu Arbeiten, las viel in den schlaflosen Nächten, unter anderm den Tasso in Heinses Uebersetzung, und, wie einst in der Kindheit, so wanderte er in seinen Gesprächen mit den Schwestern über die ganze bekannte Erde, durch alle Zonen. Damals fing bei ihm zuerst die Unordnung in Schlaf und Wachen an; er behauptete eher einschlafen zu können, wenn er unter leichtem Geschäfte sich vom Schlummer übermannen ließ. Damit die Pflegenden, Gattin und andre Hausbewohner, die Nacht über ausruhen konnten, opferten die Hausjungfern gern ein paar Stunden Schlaf, und unterhielten den wachen Kranken mit Kartenspiel. Ende Julius ging der langsam Genesende, um seine geschwächten Verdauungswerkzeuge zu stärken, ins Carlsbad, wo er seinen Verleger Göschen traf, und an österreichischen Kriegern als Motiven für seinen Wallenstein studirte, und von wo aus er in Eger das Rathhaus, mit einem Bilde Wallensteins, und das Haus in Augenschein nahm, wo dieser sein Ende gefunden. Den September verlebte er in Erfurt und besprach mit Dalberg eifrig jenes Drama. Nach Jena zurückgekehrt setzte er, trotz Wielands zärtlicher Abmahnung, seine Arbeiten am dreißigjährigen Kriege, seine Uebertragungen aus der Aeneide und seine ästhetischen Studien fort. Ein geistreicher Kreis von Hausfreunden trug viel zur Erheiterung bei. Professor Fischenich (als Geh. Oberjustizrath 1831 zu Berlin gestorben), Niethammer, Hr. v. Stein, der Sohn der Weimaraner Freundin, v. Fischart und sein Hofmeister Göritz, waren die tägliche Tischgesellschaft. Ein Brief Schillers an seinen Vater vom 26.-28. Oktober 1791 (bei Boas II, 463) beweist, mit welch zärtlichen Gedanken er an den Seinen hing. »Eben, liebster Vater, komme ich mit meiner lieben Lotte von Rudolstadt zurück, wo ich einen Theil der Ferien zubrachte, und finde Ihren Brief. Herzlichen Dank für die fröhlichen Nachrichten, die Sie mir darin von der zunehmenden Gesundheit unsrer l. Mutter geben, und von Ihrem allseitigen Wohlbefinden. Die Ueberzeugung, daß es Ihnen wohl geht, und daß von den liebsten Meinigen keines leidet, erhöht mir die Glückseligkeit, die ich an der Seite meiner theuren Lotte genieße.« Von seiner eigenen schweren Krankheit schweigt der gute Sohn. Er erzählt nur das Erfreuliche, und, indem er Mutter und Schwester den Damenkalender mit dem Anfange des dreißigjährigen Krieges zuschickt, berichtet er, daß ihm dieser in vier Monaten neben seinen Vorlesungen ausgearbeitete Aufsatz mit 80 Louisd'or bezahlt worden ist, daß der Verleger (Göschen) aber auch auf einen Absatz von 7000 Exemplaren rechne. »Den 28., heute, ist Ihr Geburtstag, liebster Vater,« sagt das Ende des Briefs, »den wir beide mit innigster Freude feiern, daß uns der Himmel Sie gesund und glücklich bis hieher erhalten hat. Möge er ferner über Ihr theures Leben und Ihre Gesundheit wachen, und Ihre Tage bis in das späteste Alter verlängern, daß Ihr dankbarer Sohn es ausführen könne, Freude und Zufriedenheit über den Abend Ihres Lebens zu verbreiten, und die Schulden der kindlichen Pflicht an Sie abzutragen.« Die wiederkehrende Gesundheit Schillers wurde von den Freunden auf mancherlei Weise gefeiert. Ja, bei einem Abendessen, das Göritz und sein Eleve der Gesellschaft gab, wurde diese so heiter, daß alle Brüderschaft mit einander tranken, und Frau v. Wolzogen, Schillers Frau, Herr v. Stein, Im Morgenblatt, a.a.O., heißt es zwar »Madame Stein,« muß aber nothwendig heißen: »Madame Schiller und Hr. v. Stein,« die Zwischenworte scheint der Setzer ausgelassen zu haben, der auch aus Professor Fischenich hartnäckig einen Fischreich machte. Fischenich, Schiller, Göritz und sein Zögling sich den ganzen Abend unter einander dutzten, so daß man am andern Tage Mühe hatte, die Vertraulichkeit wieder in Vergessenheit zu bringen. »Die Studentenbrüderschaft von Göritz ist ganz unwahr.« Briefliche Mitteilung der Frau von Wolzogen an den Verfasser vom 25. Januar 1840. Schiller selbst gerieth in der Muße der Genesung auf allerlei spaßhafte Einfälle, und selbst eine Reminiscenz des akademischen Lebens zu Stuttgart schien in ihm auf eine seltsame Weise zu erwachen. Er verfiel darauf – daß sich die sämmtlichen männlichen Freunde eine Uniform machen lassen sollten, deren Farbe wenigstens aus der Akademie stammte. Es mußte ein blauer Frack mit himmelblauem Futter und silbernen Knöpfen seyn. Gesagt, gethan: Schiller, Fischenich und Göritz trugen das abgeschmackte Habit, und der letztere brachte es noch mit ins Würtemberger Land. Nur Stein hatte sich mit der Hofuniform, die ihm zu tragen oblag, entschuldigt. Schillers Todesfeier zu Hellebeck. 1791. Während so Schiller und seine Freunde sich in ihres Herzens Freude gebärdeten, wie Kinder (spielten doch auch Scipio, Lälius und Lucilius der Dichter vor Tische Plumpsack mit den Servietten! Scholien beim Cruquius zu Horazens erster Satire des zweiten Buchs. Es geschah auf dem Lande, und Cicero sagt von ihnen (vom Redner 2, 6.), daß sie dort »unglaubliche Kindereien zu treiben gewohnt gewesen seyen.« So setzten sie sich z.B. zusammen ans Meeresufer, lasen Muscheln und Schnecken und spielten damit, – die größten Staatsmänner und der größte Dichter des damaligen Roms. ) – gelangte ins ferne Ausland, durch seine wiederholte Krankheitsanfälle veranlaßt, die Nachricht von Schillers Tode, und der Irrthum führte einen höchst tröstlichen Wendepunkt in des Dichters ökonomischer Lage herbei. Eine Hauptrolle bei diesem Zwischenspiel übernahm ein begeisterter Verehrer Schillers und später selbst namhafter Dichter. Wie es vor zwölf Jahren noch Göthokoraxe oder Götheselstern gab, so konnte man vor fünfzig Jahren und später in Deutschland und selbst über der Gränze Schillerspapageyen genug zählen. Von diesen wohl zu unterscheiden sind aber jene edleren Enthusiasten für beide Männer, denen es an wahrem Gefühl und an Einsicht in ihre Größe keineswegs fehlte, und deren Urtheil nur die zur Leidenschaft gewordene Liebe für den Genius bis zu einem Uebermaße von Bewunderung steigerte, das, an Anbetung grenzend, zuweilen ins Lächerliche fiel. Unter die letzteren gehört, was Schillern betrifft, der Däne Jens Baggesen . Der Verfasser dieses Buchs begegnete dem Sänger das zweitemal an der Quelle seines Dichterrufes, zu Lauterbrunnen im Berneroberland, im Herbst 1824. Er war im Alter ein liebenswürdiger Enthusiast geblieben, und stieß von Lust und Natur trunken, begeistert auf die Gesundheit »seiner lieben Schwaben« an. Sein phantastischer Enthusiasmus für den Dichter wird nicht mehr belächelt werden, sobald man sich vergegenwärtigt, welche edle That durch ihn herbeigeführt worden ist. Baggesen hatte im Jahre 1790, mit seiner jungen Frau aus der Schweiz, einem Lande, das er später in seiner Parthenais so begeistert schilderte, zurückkehrend, einige Tage in Weimar und Jena verweilt, mit Reinhold einen Bund fürs Leben geschlossen, und auch Schillers Persönlichkeit hatte einen unvertilgbaren Eindruck auf sein Herz zurückgelassen. In Kopenhagen angekommen, theilte er seine Begeisterung für Schillers Werke dem Minister, Grafen Ernst v. Schimmelmann, dem Herzog Christian Friedrich von Holstein-Augustenburg und deren Gemahlinnen, seinen Wohlthätern und Freunden, mit. »Wenn dieser Prinz uns nicht gewiß ist,« schrieb er über den Herzog an Reinhold, »so können alle jetzige und künftige Posa's sich mit ihren Planen nach dem Tollhause begeben.« Im Juni 1791 war zwischen diesen Verehrern Schillers eine kleine Reise nach Hellebeck verabredet, wo »am donnernden Weltmeer« des Dichters Lied an die Freude an dem entzückenden Orte gesungen werden sollte, und wohin Baggesen die Schiller'schen Werke schon vorausgeschickt hatte. Alles war bereit; der junge Däne mit seiner Gattin wollte die Schimmelmann'sche Familie in Seelust abholen, als ein Billet der Gräfin ankam, das die Reise abstellte –: Schiller sey gestorben . Baggesen stürzte wie vom Blitz getroffen in die Arme seiner Sophie. »Ihm war, als hätte die Menschheit einen ihrer ersten Erzieher verloren.« »Trösten Sie mich über den Verlust von Mirabeau und über den noch empfindlicheren von Schiller,« schrieb er auf der Stelle an Reinhold, ... »o warum mußte dieser Raphael vor seiner Transfiguration sterben!« Dann setzte er sich mit seiner Frau in den Wagen und fuhr im Sturm und Regen nach Seelust zum Grafen Schimmelmann. »Wir haben nach Hellebeck gehen wollen,« sprach der Graf, »um in aller Munterkeit Schillers Ode an die Freude zu singen – jetzt wollen wir trotz dem schlechten Wetter hingehen und sie in aller Wehmuth von Ihnen vorlesen hören.« Es wurde angespannt und man fuhr fort. Der Minister Schubert im Haag mit seiner Gemahlin, die diesem Kreise angehörten, waren mit von der Gesellschaft. In Hellebeck, sechstehalb Meilen nördlich von Kopenhagen, am »naturgrößesten Ort,« am Meeresufer, dem Kullen, dem höchsten Felsen Schwedens gegenüber, saßen bei aufgeklärtem Himmel sechs sich liebende, fürs Gute begeisterte Menschen, und Baggesen fing an in tiefer Trauer zu lesen: »Freude, schöner Götterfunken!« Klarinetten, Hörner und Flöten, von ihm und dem Grafen heimlich bestellt, fielen ein, und hingerissen sang die ganze Gesellschaft im Chore mit. Als alles fertig schien, fuhr Baggesen fort: Unser todter Freund soll leben, Alle Freunde stimmet ein! Und sein Geist soll uns umschweben. Hier in Hellas Himmelhain. Chor. Jede Hand emporgehoben! Schwört bei diesem freien Vergessen wir nicht, daß man 1791 schrieb, und der Wein ohne Zweifel Franzwein war. Wein: Seinem Geiste treu zu seyn Bis zum Wiedersehn dort oben. Aller Augen schwammen in Thränen; vier Knaben und eben so viel Mädchen erschienen, weiß als Hirten und Hirtinnen gekleidet, mit Blumenkränzen, und führten einen Reigentanz auf. So blieben die, recht im Künstlersinne Schillers, Leidtragenden drei Tage beisammen. Lieblingsscenen seines Don Carlos, die Götter Griechenlands, Stücke aus dem Abfall der Niederlande, die Künstler, wurden gelesen, und der herbe Schmerz löste sich in sanfte Rührung auf. – Als nun der Todtgeglaubte von Karlsbad und Erfurt nach Jena zurückgekehrt war, machte Reinhold es sich zum ersten Geschäfte, dem Dichter Baggesens Brief mitzutheilen; »und ich zweifle,« schreibt er seinem Freunde, »ob irgend eine Arznei heilsamer auf ihn gewirkt habe.« Die Nachricht von der Hellebecker Todesfeier war nach Jena gekommen, als eben in Schillers Hause Klub war. Schillers Frau zog Reinhold bei Seite. »Wenn Sie Baggesen schreiben,« sagte sie, »so sagen Sie ihm, – sagen Sie ihm – schreiben Sie ihm –« ein Thränenfluß erstickte ihre Stimme. »Ich kann ihm nichts Rührenderes schreiben,« erwiederte Reinhold, »als was ich jetzt sehe und höre.« Baggesen, »von des unsterblichen und ungestorbenen Schillers Auferstehung« durch den Jenaer Freund benachrichtigt, war doch nicht ruhig, so lange er ihn nicht vollkommen hergestellt wußte. »Wenn das Gebet das wäre,« schreibt er, »wofür es unser wahnsinniger Engel Lavater ausgiebt, alle Kranken in Karlsbad und in der Umgegend würden dann gesund geworden seyn, so viel Segen hätte ich vom Himmel auf diesen Ort heruntergebetet.« Dem Prinzen von Augustenburg las er einen Brief Reinholds vor, worin stand, daß sich Schiller vielleicht ganz erholen könnte, wenn er nicht, wie auch dieser selbst, im Fall einer Krankheit unschlüssig wäre, ob er seinen fixen Gehalt von 200 Thalern in die Apotheke oder in die Küche schicken sollte. Und auf der Stelle wurde das nachfolgende Schreiben an Reinhold nach Jena eingeschlossen. Brief des Herzogs von Augustenburg und des Grafen Schimmelmann an Schiller. 1791. Den 27. Nov. 1791. »Zwei Freunde, durch Weltbürgersinn mit einander verbunden, erlassen dieses Schreiben an Sie, edler Mann! Beide sind Ihnen unbekannt, aber beide verehren und lieben Sie. Beide bewundern den hohen Flug Ihres Genius, der verschiedene Ihrer neuern Werke zu den erhabensten unter allen menschlichen Hier ist das sinnlose Wort Zwecken getilgt worden, das beim Abdrucke gewiß nur aus dem von den Verfassern Anfangs wiederholten und dann ausgestrichenen Worte Werken entstanden ist. stempeln konnte. Sie finden in diesen Werken die Denkart, den Sinn, den Enthusiasmus, der das Band ihrer Freundschaft knüpfte, und gewöhnten sich bei ihrer Lesung an die Idee, den Verfasser derselben als Mitglied ihres freundschaftlichen Bundes anzusehen. Groß war also auch ihre Trauer bei der Nachricht von seinem Tode, und ihre Thränen floßen nicht am sparsamsten unter der großen Zahl von guten Menschen, die ihn kennen und lieben. Dieses lebhafte Interesse, welches Sie uns einflößen, edler und verehrter Mann, vertheidige uns bei Ihnen gegen den Anschein von unbescheidener Zudringlichkeit! Es entferne jede Verkennung der Absicht dieses Schreibens; wir faßten es ab mit einer ehrerbietigen Schüchternheit, welche uns die Delicatesse Ihrer Empfindungen einflößt. Wir würden diese sogar fürchten, wenn wir nicht wüßten, daß auch in der Tugend edlen und gebildeten Seelen ein gewisses Maß vorgeschrieben ist, welches sie ohne Mißbilligung der Vernunft nicht überschreiten darf. Ihre durch allzuhäufige Anstrengung und Arbeit zerrüttete Gesundheit bedarf, so sagt man uns, für einige Zeit eine große Ruhe, wenn sie wieder hergestellt und die Ihrem Leben drohende Gefahr abgewendet werden soll. Allein Ihre Verhältnisse, Ihre Glücksumstände verhindern Sie, sich dieser Ruhe zu überlassen. Wollen Sie uns wohl die Freude gönnen, Ihnen den Genuß derselben zu erleichtern? Wir bieten Ihnen zu dem Ende auf drei Jahre ein jährliches Geschenk von tausend Thalern an. Nehmen Sie dieses Anerbieten an, edler Mann! Der Anblick unserer Titel bewege Sie nicht, es abzulehnen; wir wissen diese zu schätzen. Wir kennen keinen Stolz als nur den , Menschen zu seyn, Bürger in der großen Republik, deren Gränzen mehr als das Leben einzelner Generationen, mehr als die Gränzen eines Erdballs umfassen. Sie haben hier nur Menschen, Ihre Brüder, vor sich, nicht eitle Große, die durch solchen Gebrauch ihrer Reichthümer nur einer etwas edlem Art von Stolz fröhnen. Es wird von Ihnen abhängen, wo Sie diese Ruhe Ihres Geistes genießen wollen. Hier bei uns würde es Ihnen nicht an Befriedigung für die Bedürfnisse Ihres Geistes fehlen, in einer Hauptstadt, die der Sitz einer Regierung, zugleich eine große Handelsstadt ist, und sehr schätzbare Büchersammlungen enthält. Hochachtung und Freundschaft würden von mehreren Seiten wetteifern, Ihnen den Aufenthalt in Dänemark angenehm zu machen; denn wir sind hier nicht die einzigen, welche Sie kennen und lieben. Und wenn Sie nach wiederhergestellter Gesundheit wünschen sollten, im Dienste des Staates angestellt zu seyn, so würde es uns nicht schwer fallen, diesen Wunsch zu befriedigen. Doch wir sind nicht so klein eigennützig, diese Veränderung Ihres Aufenthalts zu einer Hauptbedingung zu machen. Wir überlassen dieses Ihrer eigenen freien Wahl. Der Menschheit wünschen wir einen ihrer Lehrer zu erhalten, und diesem Wunsche muß jede andere Betrachtung nachstehen.« Eindruck und Antwort. 1791. Dieser Brief, der für die Empfindung des Lesenden nicht altert, der, wieder und immer wieder gelesen, jedesmal wie eine frische, überraschende That der lautersten Liebe an unserem Herzen anklopft – mit welchem Gefühle muß er von Schiller genossen worden seyn! Er kam am 9. Nov. 1731 bei Reinhold in Jena an. Ein chronol. Irrthum der Fr. v. Wolz. ist von Hoffmeister berichtigt worden II, 276, Note. »In der ersten Wärme des Dankgefühls,« meldet uns die vortreffliche Frau, der wir vor zehen Jahren die erste Mittheilung dieses kostbaren Aktenstückes aus dem Archive der Menschheit verdankten, – in der ersten Aufwallung »glaubte sich Schiller stark genug, eine Reise nach Dänemark unternehmen zu können und versprechen zu dürfen.« Der Herzog antwortete: »... Ihr Betragen in dieser Angelegenheit ist ganz Ihrer würdig und vermehrt die Hochachtung, welche ich schon bisher für Sie hegte. Nichts kommt jetzt meiner Sehnsucht bei, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen, und ich sehe dem Augenblick mit verdoppelter Ungeduld entgegen, in welchem ich Sie als Mitbürger meines Vaterlandes werde begrüßen können.« Der Gesundheitszustand Schillers, für den Moment selbst durch die Rührung verschlimmert, erlaubte diese Versetzung, oder auch nur eine Reise in das nördliche Clima nicht. Der Prinz von Holstein wurde der Welt im kräftigsten Mannesalter entrissen; aber »vom Grabe edler Verstorbenen geht ein lebendiger Hauch aus für die Nachwelt.« Worte der Fr. v. Wolz. II, 96. Schiller hatte ihm in den Horen seine »Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen« widmen dürfen. Ernst Heinrich Graf v. Schimmelmann , der Sohn eines vom pommer'schen Krämer zum Großhändler, dann in Dänemark zum Diplomaten emporgestiegenen und nach Struensees Tode in den Grafenstand erhobenen Vaters, geboren zu Dresden 1747 und als Minister des Auswärtigen ein Jahr nach der Veröffentlichung dieses Briefes (1831) im 84sten Lebensjahr gestorben, hat vierzig Jahre lang das Bewußtseyn auch dieser guten That auf Erden genossen. Unter anderm Vortrefflichen ist die Emancipation der Sclaven in den dänischen Colonien und die Abschaffung des Negerhandels das Werk dieses Staatsmannes, »der keinen andern Stolz kannte, als den ein Mensch zu seyn.« S. über ihn Convers.-Lexicon der neuesten Zeit Bd. IV, S. 161. f. Ein fortgesetzter Briefwechsel mit der Gräfin Schimmelmann, in dem sich die herrliche Seele dieser ausgezeichneten Frau, so wie die ihres Gemahls darstellt, erhielt zwischen Schiller und seinen Wohlthätern eine geistige Verbindung. Fr. v. Wolz. II, 95. Ist nichts davon der Oeffentlichkeit übergeben? Hoffentlich geschieht es in dem von den Schiller'schen Erben angekündigten Nachlasse des Dichters. Die Antwort Schillers auf jenes großmüthige Anerbieten, an Baggesen aus Jena vom 16. Dec. 1791 datirt, welche wir dem Briefwechsel Baggesens mit Reinhold verdanken, muß dort oder bei Hoffmeister gesucht werden, Bagges. Th. I, S. 423 ff. Hoffm. II, 279-281. denn sie füllt bei dem letztern fünf große und enge Octavseiten. Der Dichter schreibt »überrascht und betäubt,« nicht mit dem kranken Kopf, sondern ganz mit dem Herzen. »Ja, mein Freund,« sagt er, »ich nehme das Anerbieten mit dankbarem Herzen an, nicht weil die schöne Art, womit es gethan wird, alle Nebenrücksichten bei mir überwindet, sondern darum, weil eine Verbindlichkeit, die über jede mögliche Rücksicht erhaben ist, es mir gebietet . Dasjenige zu leisten, was ich nach dem mir gefallenen Maß von Kräften leisten und seyn kann, ist mir die höchste und unerläßlichste aller Pflichten ... Der großmüthige Beistand Ihrer erhabenen Freunde setzt mich auf einmal in die Lage, so viel aus mir zu entwickeln, als in mir liegt.« »Von der Wiege meines Geistes an,« fährt er später fort, »bis jetzt, da ich dieses schreibe, habe ich mit dem Schicksal gekämpft, und seitdem ich Freiheit des Geistes zu schätzen weiß, war ich dazu verurtheilt, sie zu entbehren. Ein rascher Schritt vor zehn Jahren schnitt mir auf immer die Mittel ab, durch etwas anderes als schriftstellerische Wirksamkeit zu existiren. Ich hatte mir diesen Beruf gegeben, ehe ich seine Forderungen geprüft, seine Schwierigkeiten übersehen hatte. Die Nothwendigkeit, ihn zu treiben, überfiel mich, ehe ich ihm durch Kenntnisse und Reife des Geistes gewachsen war. Daß ich dieses fühlte, daß ich meinen Idealen von schriftstellerischen Pflichten nicht diejenigen engen Gränzen setzte, in welche ich selbst eingeschlossen war, erkenne ich für eine Gunst des Himmels, der mir dadurch die Möglichkeit des höhern Fortschritts offen hielt; aber in meinen Umständen vermehrte sie nur mein Unglück. Unreif und tief unter dem Ideale, das in mir lebendig war, sah ich jetzt alles, was ich zur Welt brachte; bei aller geahneten möglichen Vollkommenheit mußte ich mit der unzeitigen Frucht vor die Augen des Publikums eilen, der Lehre selbst so bedürftig, mich wider meinen Willen zum Lehrer der Menschen aufwerfen. Jedes unter so ungünstigen Umständen nur leidlich gelungene Produkt ließ mich nur desto empfindlicher fühlen, wie viele Keime das Schicksal in mir unterdrückte. Traurig machten mich die Meisterstücke anderer Schriftsteller, weil ich die Hoffnung aufgab, ihrer glücklichen Muße theilhaftig zu werden, an der allein die Werke des Genius reifen. Was hatte ich nicht um zwei oder drei stille Jahre gegeben, die ich frei von schriftstellerischer Arbeit blos allein dem Studiren, blos der Ausbildung meiner Begriffe, der Zeitigung meiner Ideale hätte widmen können! Zugleich die strengen Forderungen der Kunst zu befriedigen und seinem schriftstellerischen Fleiß auch nur die nothwendige Unterstützung zu verschaffen, ist in unserer deutschen literarischen Welt, wie ich endlich weiß, unvereinbar. Zehn Jahre habe ich mich angestrengt, beides zu vereinigen; aber es nur einigermaßen möglich zu machen, kostete mir meine Gesundheit. Das Interesse an meiner Wirksamkeit, einige schöne Blüthen des Lebens, die das Schicksal mir in den Weg streute, verbargen mir diesen Verlust, bis ich zu Anfang dieses Jahres – Sie wissen wie? – aus meinem Traume geweckt wurde. Zu einer Zeit, wo das Leben anfing, mir seinen ganzen Werth zu zeigen, wo ich nahe dabei war, zwischen Vernunft und Phantasie in mir ein zartes und ewiges Band zu knüpfen, wo ich mich zu einem neuen Unternehmen im Gebiete der Kunst gürtete, nahte sich mir der Tod. Diese Gefahr ging zwar vorüber, aber ich erwachte nur zum andern Leben, um mit geschwächten Kräften und verminderten Hoffnungen den Kampf mit dem Schicksal zu erneuern. So fanden mich die Briefe, die ich aus Dänemark erhielt.« Durch den edelmüthigen Antrag der beiden Männer erlangte er endlich »die so lange und heiß gewünschte Freiheit des Geistes und die vollkommen freie Wahl seiner Wirksamkeit.« Wenn er auch die verlorene Gesundheit nicht wieder gewänne, »so wird künftig Trübsinn des Geistes seiner Krankheit nicht mehr neue Nahrung geben.« »Ich sehe,« schreibt er, »heiter in die Zukunft – und, gesetzt es zeigte sich auch, daß meine Erwartungen von mir selbst nur liebliche Täuschungen waren, wodurch sich mein gedrückter Stolz an dem Schicksal rächte, so soll es wenigstens an meiner Beharrlichkeit nicht fehlen, die Hoffnungen zu rechtfertigen, die zwei vortreffliche Bürger unsers Jahrhunderts auf mich gegründet haben.« Dann folgt der Reiseplan, und die Schilderung des Eindrucks, den der Vorgang von Hellebeck, welchen der Dichter erfahren, als er kaum anfing, sich wieder zu erholen, auf ihn hervorgebracht. »Es waren nektarische Blumen, die ein himmlischer Genius dem kaum Erstandenen vorhielt.« Nie, so lang er ist , will er Baggesen den freundlichen, wichtigen Dienst, den ihm dieser, » wiewohl ohne Absicht ,« bei seinem Wiedereintritt ins Leben geleistet habe, vergessen. Daß jener reelle Dienst unmittelbar von Baggesen herrührte, scheint Schiller, bei der achtungswerthen Selbstverläugnung des erstern, nie erfahren zu haben. Aesthetische Studien und Schriften. 1792 bis 1796. Von der Ueberraschung geheilt, wurde Schiller sichtlich heiterer und gesunder; nur Erkältung bei einer Schlittenfahrt verursachte ihm abermals Unterleibskrämpfe. Das Geheimniß der Pension seinen Eltern, seinem Körner und dem Herzoge von Weimar zu verbergen, war ihm unmöglich. So verbreitete es sich, selbst durch die Zeitungen, was ihm, der Bescheidenheit seiner großmüthigen Freunde wegen, leid that. Mit dieser Zeit beginnt Schillers neue geniale Thätigkeit, vorerst in selbstständiger Bearbeitung Kantischer Ideen und deren Anwendung auf Kunsttheorie, ja sogar auf politisches und geselliges Leben, sichtbar. Durch die Schriften dieses Faches ist er, obwohl mehr mittelbar, als unmittelbar, hauptsächlich ein Lehrer seiner Nation und der Menschheit geworden. Dennoch glaubte er selbst, da sein Geist ihn schon jetzt zur Ausführung des Wallenstein drängte, sich mehr zur Schöpfung als zur Forschung berufen. »Eigentlich ist es doch nur die Kunst selbst, wo ich meine Kräfte fühle,« schreibt er an Körner im Laufe des Jahres 1792; »in der Theorie muß ich mich immer mit Principien plagen; da bin ich blos Dilettant. Aber um der Ausübung selbst willen philosophire ich gern über Theorie. Die Kritik muß mir jetzt selbst den Schaden ersetzen, den sie mir zugefügt hat. Und geschadet hat sie mir in der That; denn die Kühnheit, die lebendige Gluth, die ich hatte, ehe mir noch eine Regel bekannt war, vermisse ich schon seit mehreren Jahren. Ich sehe mich jetzt erschaffen und bilden, ich beobachte das Spiel der Begeisterung, und meine Einbildungskraft verträgt sich mit minderer Freiheit, seitdem sie sich nicht mehr ohne Zeugen weiß. Bin ich aber erst so weit, daß mir Kunstmäßigkeit zur Natur wird, wie einem wohlgesitteten Menschen die Erziehung, so erhält auch die Phantasie ihre vorige Freiheit wieder zurück, und setzt sich keine andere, als freiwillige Schranken.« Schon im März 1792 hatte er, wie ein Brief an Körner bezeugt, mit diesem den Plan zu den Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen verabredet, in der Art, daß sie wirklich einen Briefwechsel zwischen beiden bilden, daß beide auf denselben Zweck hinarbeiten und eine gleichförmige Sprache führen sollten. Im Frühjahr 1792, als er seinen Freund, von Professor Fischenich begleitet, in Dresden besuchte, eine Freude, die auch wieder durch Krankheitsanfälle getrübt wurde, besprach er mit diesem ohne Zweifel die Materie des breitern: im Oktober hoffte er bald den Anfang machen und ihn mit seinen Untersuchungen und Entdeckungen unterhalten zu können, und wollte die verabredete Correspondenz einleiten. Wir dürfen also wohl annehmen, daß die Ideen zu diesen Briefen eben jetzt in Schillers Geiste verarbeitet wurden. Jenen fünfjährigen philosophischen Studien Schillers verdanken wir alle jene tiefsinnigen Aufsätze, welche theils in der neuen Thalia, theils später in den Horen zuerst bekannt gemacht wurden und der Sammlung seiner Schriften großentheils einverleibt sind. Döring , älteres Leben S. 140 f. Hoffmeister II, 292 ff. III, 2l ff. 55 ff. 98 ff. Wir werden sie im dritten Buch aufzählen. Schiller selbst urtheilte in späterer Zeit sehr streng über diese Produkte der »metaphysisch kritischen Zeitperiode, welche besonders in Jena herrschte und auch ihn damals ergriffen habe;« er dürfe und wolle diesen Versuchen keinen höhern Werth geben, als daß sie eine Stufe seines Nachdenkens und Forschens bezeichnen und eine vielleicht nothwendige Entladung der metaphysischen Materie, die wie das Blatterngift in uns allen steckt und heraus muß. Schiller an Rochlitz. Er war bei diesem Urtheile vielleicht von Göthe influenzirt. Dieser versichert wenigstens in seiner Morphologie, daß sie sich über jene Materie immer, wiewohl streitend, unterhielten. »Schiller predigte das Evangelium der Freiheit, ich wollte die Rechte der Natur nicht verkürzt wissen. Aus freundschaftlicher Neigung gegen mich, vielleicht mehr als aus eigener Ueberzeugung, behandelte er in den ästhetischen Briefen die gute Mutter nicht mit jenen harten Ausdrücken, die mir den Aufsatz über Anmuth und Würde so verhaßt gemacht hatten. Weil ich aber, von meiner Seite hartnäckig und eigensinnig, die Vorzüge der griechischen Dichtungsart, der darauf gegründeten und von dort herkömmlichen Poesie nicht allein hervorhob, sondern sogar ausschließlich diese Weise für die einzig rechte und wünschenswerthe gelten ließ, so ward er zu schärferm Nachdenken genöthigt, und eben diesem Conflikt verdanken wir die Aufsätze über naive und sentimentale Poesie. Beide Dichtungsweisen sollten sich bequemen, einander gegenüber stehend, sich wechselsweise gleichen Raum zu vergönnen. – Schiller legte hiedurch den ersten Grund zur ganzen neuen Aesthetik . Denn hellenisch und romantisch , und was sonst noch für Synonymen möchten aufgefunden werden, lassen sich alle dorthin zurückführen, wo vom Übergewicht reeller oder ideeller Behandlung die Rede war. Bei Döring a. a. O. S. 142. f. Der Tadel Göthes endet in ein Lob, das die Höhe dieser Untersuchungen Schillers, mögen sie noch so viele Phasen durchlaufen haben, hinlänglich bezeichnet. Auch sind diese Schriften für die Welt eine Fundgrube der tiefsinnigsten Theoreme im Gebiete der Aesthetik, und der reichsten Gedanken in dem des übrigen wissenschaftlichen und selbst des socialen Lebens geworden. Eine Andeutung davon, im Auszuge seines Auszuges, hat der Verfasser am 8. Mai unter Schillers Statue versucht, und da der Raum jede weitere Analyse verbietet und dieselbe durch Hoffmeisters erschöpfende Auszüge und geistreiche Beurtheilungen überflüssig wird, so mögen jene Worte hier deren Stelle vertreten. »Dieses tiefe und doch heitere Auge,« sprach der Redner im Angesichte der enthüllten Statue, »sah nur, und verlangte darum auch unerbittlich die Schönheit, die lebende Gestalt; die Form, aber die Form, bei der auch der Inhalt zählt; es sah in der Schönheit jene Freiheit, die eine Harmonie von Gesetzen ist; deßwegen lehrte auch sein Wink die Stürmischen, daß man nur durch die Schönheit zur Freiheit wandle, daß das Gemeine durch Sittlichkeit ausgelöscht, und durch Schönheit veredelt werden muß; denn er erblickte das Schöne nur im Zusammenhange mit dem moralischen Adel unseres Wesens. Die Natur erschien diesem aufgeschlossenen Blicke als »eine beständige Göttererscheinung, die uns erquickend umgibt,« der Mensch in seiner mannigfaltigen Verkehrung als eine gewesene Natur, die auf dem Wege der Vernunft und Freiheit durch ächte Gesittung zur Natur zurückgeführt werden soll. – Und o ihr beredten Lippen, welche Fülle von Wahrheiten, in ewiger Frische jeder Gegenwart Nahrung und Heilkraft bietend, senkte sich auf euch von dieser Denkerstirne, aus diesem Dichterauge! Welche Scheu zügelte euch, auch wenn ihr die Lehre mit der Dichtung vertauschtet, durch den Mißbrauch schulgerechter Formen euch am guten Geschmacke zu versündigen! In wie klaren Worten rechtetet ihr mit dem Jahrhundert, ohne seinem Bedürfniß und seinen Neigungen die Stimme streitig zu machen, ja mitten im Kampfe bekennend, daß, der durch euch spreche, nicht gerne in einem andern Jahrhundert leben, und für ein anderes gearbeitet haben möchte. Dieser Mund ermuthigte eine Jugend, die seitdem zum Theil in öffentlichen Geschäften ergraut ist, ihr Zeitbürgerthum über dem Staatsbürgerthum nicht zu vergessen, und wiederum verlangte er von dem Menschen in der Zeit, sich zum Menschen in der Idee zu veredeln, vom Individuum, sich zur Gattung zu steigern, vom Staate aber, den zeitlichen Menschen zu seinen Idealen emporzubilden. Er warnte eine tobende Mitwelt, die physische Möglichkeit der Freiheit zu verschmähen, wo die moralische fehlte. – Ein Seufzer, der noch nicht verhallen darf, ward ihm durch die Zeit abgepreßt, in der die Kunst, die Tochter der Freiheit, von der Nothdurft der Materie ihr Gesetz empfangen soll, von dem herrschenden Bedürfniß, das die gesunkene Menschheit unter sein tyrannisches Joch beugt, von dem Nutzen, dem Idol der Zeit, dem alle Kräfte frohnen und alle Talente huldigen sollen. Aber wenn auch der Gesang dieses Mundes uns in's Reich des Ideales flüchten hieß, so wollte doch sein Wort nicht dulden, daß der denkende Geist, indem er im Ideenreich nach unverlierbaren Besitzungen strebe, ein Fremdling in der Sinnenwelt werde, und über der Form die Materie verliere. Das unvertilgbare Gefühl sollte neben dem unbestechlichen Bewußtseyn gelten; vom alles trennenden Verstand tief er zurück zur alles vereinenden Natur. Zu dem jungen Freunde der Wahrheit und Schönheit, der, das edle Streben in seiner Brust, gegen den Widerstand der Zeit ringen will, spricht er: »»Lebe mit deinem Jahrhundert, aber sey nicht sein Geschöpf; leiste deinen Zeitgenossen, was sie bedürfen, nicht was sie loben; gib der Welt, auf die du wirkst, die Richtung zum Guten: so wird der ruhige Rhythmus der Zeit die Entwicklung bringen. Diese Richtung hast du ihr gegeben, wenn du, lehrend, ihre Gedanken zum Nothwendigen und Ewigen erhebst, wenn du, handelnd oder bildend, das Nothwendige und Ewige in einen Gegenstand deiner Triebe verwandelst.« Ein edler Gast bei dem Feste vom 8. Mai. der sich selbst scherzweise einen Wallonen aus Wallensteins Lager heißt, der gelehrte Belgier Baron v. Reiffenberg , nennt in seinen freimüthigen Souvenirs d'un pélerinage en l'honneur de Schiller (Brüssel und Leipzig bei Muquardt 1839) diese Rede einen discours très-éloquent, malgré un peu d'emphase (S. 447). Da nun der Kern derselben nicht nur aus Schillers Gedanken, sondern, und zwar recht absichtlich, aus seinen eigensten Worten besteht, so muß der Redner das Lob seines Vortrags dem großen Helden jenes schönen Tages, mit sammt dem Tadel, zu Füßen legen. Besuche aus Schwaben; Abschied eines Freundes. Viele Männer unseres Schwabenlandes von mittlerem Alter erinnern sich von ihren Tübinger Studentenjahren her recht wohl eines mit Fett gepolsterten Kopfes, dem die Wangen zu Mund und Augen kaum Platz ließen. Der ganze dicke Leib rührte sich nur schwerfällig, und die Lippen brachten, in Gesellschaft oder auf dem Katheder, Töne hervor, die mit Mühe sich zum Artikulirten steigerten. Aber wenn der Mann ins Feuer kam und die blauen Augen freundlich zu leuchten begannen, so lösten sich die Worte allmählig verständlicher von der sich überschlagenden Zunge: seine Bemerkungen, gewürzte Scherze, sprühende Funken Geistes, selbst tiefere Gedanken und gelehrte Untersuchungen ließen sich unterscheiden, und mau konnte dem stammelnden Lehrer der Beredtsamkeit das Zeugniß des alten Poeten nicht versagen: »In uns waltet ein Gott, sein regend Bewegen erwärmt uns.« Es war der Professor der Poesie und Eloquenz zu Tübingen, der schwäbische Dichter Carl Philipp Conz . Am 27. Sept. 1825, als eben Conz am Geburtstage unsres Königes seine letzte Festrede auf dem Katheder herauswürgte, trat auf der Durchreise ein nahmhafter Künstler mit dem Verfasser in den Hörsaal der Tübinger Aula, hörte verwundert zu, und fragte endlich, wer der Mann mit den stolpernden Lippen sey. Auf den Namen Conz rief der Maler erschrocken! »Was? doch nicht etwa ein Bruder von dem berühmten Dichter Conz ?« Dieser, mit Schiller schon in seinen Jugendjahren und selbst von Lorch her bekannt, stattete im Jahr 1792 dem berühmten Landsmann, als ein damals wohl besser proportionirter Mann von dreißig Jahren, einen Besuch in Jena ab, und hat nach andern dreißig Jahren schätzbare Mitteilungen darüber gemacht. Zeitung für die elegante Welt. Jahrg. 1823. Nr. 3, 4, 5, 6, 7. Conz war am 28. Okt. 1762 zu Lorch geboren, studirte zu Tübingen, wurde dort 1789 Repetent und, nach Versehung zweier Diakonate, im Jahr 1804 ordentlicher Professor der klassischen Literatur, der Eloquenz 1812. Er starb 1828. Nachdem er einige Züge aus Schillers Stuttgarterleben in seinem Gedächtniß aufgefrischt, zeigt er uns den Dichter zu Jena in seinem Hause, an seinem Tische, auf Spaziergängen. »Er war,« erzählt uns Conz, dessen Bericht wir ins Kurze ziehen wollen, »die Humanität selbst, so wie seine treffliche Gattin ein Muster edler Gefälligkeit und Bescheidenheit. Sie führten damals keine eigene Haushaltung, sondern ließen sich mit dem (längst berühmten) Niethammer, damals Doktor Legens, Göriz und seinem Zöglinge von einem ältern Frauenzimmer des Hauses, das sie bewohnten, die Kost reichen. Die Tafel war einfach frugal, und durch Schillers sokratischen Ernst und Scherz gewann sie die beste Würze. Er sprach nicht viel, aber, was er sprach, gediegen, mit Würde, mit Anmuth; er liebte den gemäßigten Scherz. Ein Feind des Leeren, gleichförmig und heiter, wenn ihn Anfälle seiner Kränklichkeit nicht verstimmten, wie er war – hörte man nur selten einen Ausdruck von ihm, der an den glühenden, brausenden Schiller, wie er sich in seinen früheren Schriften oft darstellte, jetzt erinnert hätte. Einmal nur konnte er, über die niederträchtige That eines damals in Jena angesehenen Mannes, die während des Essens erzählt ward, lebhaft entrüstet, aber doch noch mit edler Haltung, und selbst lächelnd sagen: »Es ist zu verwundern, daß solche Menschen nicht im Gefühl ihrer Nichtswürdigkeit augenblicklich verwesen!« – »Seine Brust ist verschlossen wie ein Archiv,« sagte er von des Kirchenraths Griesbach Verschwiegenheit in Geschäftssachen. Ein milder Ernst und die Sehnsucht nach dem Ideellen begleitete ihn selbst zum Antheil an harmlosen Ergötzlichkeiten, zum Billard, zum Taroke, selbst zum Kegelschub. So hob er einmal, vom Kugelspiele sich wegwendend, die Augen zum schönen Abendhimmel empor und entgegnete wehmüthig auf die Bemerkung: »ein trefflicher Abend!« die ein Mitspielender machte: »Ach, man muß doch das Schöne in die Natur erst hineintragen!« Glücklich, wer wie Knebel, im harmlosen Reiche »der Vorstellung« lebend, bei dem Anblicke in Gold und Purpur getauchter Bergspitzen, von keiner spekulativen Philosophie geängstet, ausrufen kann: »Das kommt aus der Ewigkeit!« Vergl. Knebels Leben von Th. Mundt S. LVII. Schiller lebte und webte damals, erzählt Conz, ganz in Kants Schriften. In den abendlichen, geselligen Unterhaltungen, zu welchen sich mehrere jüngere Lehrer der Hochschule einfanden, war jene Philosophie der Gegenstand, über den immer am lebhaftesten gesprochen und gestritten wurde, und Schiller wußte mit seinem feurigen Geist und eindringenden Scharfsinne dem Gespräch oft das größeste Interesse zu geben. Von dichterischen Arbeiten fand der Landsmann seinen Freund nur mit Übersetzungen beschäftigt, und bei seinem ersten Besuche las er ihm, noch frisch von der Freude über das Gelungene, von den fast nassen Druckbogen eines Thaliaheftes die ersten Proben seiner Verdeutschung aus Virgil vor. Er betrachtete damals, an seine Borussiade denkend, diesen Versuch zugleich als Studium, um der Kunstgriffe im Technischen voraus schon mehr Meister zu seyn. Indessen lag ihm der Entschluß, die dramatische Laufbahn wieder zu betreten, doch noch näher, und er sprach mit Begeisterung davon. » Es brenne ihn recht in der Seele – waren seine Worte– bald wieder mit einem neuen Drama aufzutreten, und er sey selbst begierig darauf; es müsse sich, ahne er, nach Form und Gestalt ganz unterscheiden von seinen vorigen. Seit er die Griechen studirt, schwebe ihm ein ganz neues Ideal von Trauerspiel vor.« So rüstete er sich in seinem Innern zu einer neuen schriftstellerischen Epoche, die nach seiner Rückkehr aus dem Vaterlande (1794) und seit seiner engen Verbindung mit Göthe ihren Anfang nahm. – Bis hierher der Württemberger Conz. Seine Erzählung verwischt bei unsrem Leser vielleicht die trüben und zum Theil schiefen Eindrücke, welche die Beobachtungen eines andern Landsmanns in der Seele zurückgelassen haben könnten. In demselben Jahre, in welchem Schiller diesen Besuch aus dem Vaterlande erhielt, erwartete er einen für ihn selbst noch wichtigern und willkommenern. »Heute,« schrieb er – wir kennen das nähere Datum nicht Aber muthmaßlich ist der Brief schon vom Oktober 1791. – an seine Schwägerin, »heute habe ich einen Brief von Hause erhalten, worin die angenehme Nachricht steht, daß meine Mutter sich anfängt zu erholen. Herzlich hat sie mich erfreut. Ich hoffe noch einmal sie wieder zu sehen und ihr einige frohe Tage zu schenken. Auch dich und Lottchen muß sie noch sehen, und mein Vater euch seine Artigkeiten ins Gesicht sagen.« 1792 bis 1793. Diese Hoffnung wurde jetzt, im Sommer 1792, theilweise erfüllt. Die Mutter, von der schweren Krankheit genesen, erfreute den geliebten Sohn aufs innigste durch ihren und seiner fünfzehnjährigen Schwester Nanette Diese hatte er schon im Januar 1790 sich von den Eltern erbeten. Boas II, 451. Besuch. Die letztere hatte die schönsten Geistesanlagen. Stellen aus des Bruders Gedichten zu deklamiren war ihre größte Freude, und ihren norddeutschen neuen Anverwandten machte sie mit der schwäbischen Naivetät große Freude. Wurde Schiller auf diese Weise durch Besuche aus der Heimath erfreut, so mußte er dafür einen seiner wertheren Jenaer Freunde, seinen philosophischen Glaubensgenossen Fischenich, verlieren, der in diesem Jahre als Professor der Rechte nach Bonn abging. Er ward später nach Berlin versetzt, und starb im Jahr 1831 als K. preuß. Geheimeroberjustizrath. Hoffmeister II, 263 f. – Der Brief steht ganz bei Demselben II, 264-266. Am 11. Februar berichtete ihm unser Dichter, oder dießmal eigentlich, wie oft, unser Denker , ausführlich aus Jena, und erfreute sich der guten Aufnahme, welche die Kant'sche Philosophie durch ihn bei Lehrern und Lernenden finde. »Bei der studirenden Jugend wundert es mich übrigens nicht sehr; denn diese Philosophie hat keine andere Gegner zu fürchten, als Vorurtheile , die in jungen Köpfen doch nicht zu besorgen sind ... Die völlige Neuheit Ihres Evangeliums in Bonn muß sehr begeisternd für Sie seyn. Hier hört man auf allen Straßen Form und Stoff erschallen, man kann fast nichts Neues mehr auf dem Katheder sagen, als wenn man sich vornimmt, nicht Kantisch zu seyn. So schwer dieses unser einem ist, so habe ich es doch wirklich versucht. Meine Vorlesungen über Aesthetik Ein privatissimum. Hoffm. II, 286. haben mich ziemlich tief in diese verwickelte Materie hineingeführt, und mich genöthigt, mit Kants Theorie so genau bekannt zu werden, als man seyn muß, um nicht mehr bloß Nachbeter zu seyn . Wirklich bin ich auf dem Weg, ihn durch die That zu widerlegen, und seine Behauptung, daß kein objektives Prinzip des Geschmackes möglich sey, dadurch anzugreifen, daß ich ein solches aufstelle. Ich bin, seitdem Sie weg sind, der Philosophie sehr treu geblieben, ja, weil alle andere Zerstreuungen durch schriftstellerische Arbeiten aufgehört haben, so habe ich mich der Theorie des Geschmackes ausschließlich gewidmet. Ich habe Kant studirt und die wichtigsten andern Aesthetiker noch dazu gelesen. Dieses anhaltende Studium hat mich auf einige wichtige Resultate geführt, von denen ich hoffe, daß sie die Probe der Kritik aushalten werden.« Auch von Schillers geselligem Leben erfahren wir Einiges aus diesem Briefe. »Für meinen Umgang,« sagt er, »habe ich an meinem neuen Landsmann M . Gros, Der nachmalige berühmte Lehrer des Naturrechts, Christ. Heinr. v. Gros, Erzieher Sr. Maj. des Königs Wilhelm von Württemberg, geb. zu Sindelfingen im Württembergischen den 10. Nov. 1765, ordentl. Professor der Rechte zu Erlangen 1796, zu hohen Richterstellen nach seinem Vaterlande berufen 1817, seit 1820 K. W. Geheimerrath u.s.w. Er starb zu Stuttgart den 9. Nov. 1840. der bei dem Prinzen von Wirtemberg Hofmeister gewesen ist, eine sehr gute Eroberung gemacht. Es ist ein sehr heller Kopf, der besonders in der Kant'schen Philosophie vortrefflich zu Hause ist. Von den hiesigen Schwaben, Paulus selbst mit eingeschlossen, kommt ihm an Sagacität keiner gleich. Von Reinhold hält er nicht viel, besucht auch seine Collegien nicht. Er studirt Jurisprudenz und wird nächsten Sommer nach Göttingen gehen.« Mit seiner Gesundheit war es nach diesem Briefe noch immer das Alte, weder besser noch schlimmer; doch schien die Fieberperiode glücklich vorüber. Thätigkeit söhnte ihn mit der traurigen Existenz aus, zu der sein kranker Körper ihn verurtheilte. Mitten unter seinen philosophischen Studien flammte das politische Interesse noch einmal bei Schiller auf, als der Proceß des unglücklichen Ludwigs XVI. verhandelt wurde. Der Verfasser der Räuber und Fiesko's wollte noch einmal, und zwar unmittelbar, der Sache der bürgerlichen Freiheit dienen, indem er den König vertheidigte. »Weißt du,« schreibt er an Körner im December 1792, »Niemand, der gut ins Französische übersetzte, wenn ich etwa in den Fall käme, ihn zu brauchen? Kaum kann ich der Versuchung widerstehen, mich in die Streitsache wegen des Königs einzumischen, und ein Memoire darüber zu schreiben. Mir scheint diese Unternehmung wichtig genug, um die Feder eines Vernünftigen zu beschäftigen, und ein deutscher Schriftsteller, der sich mit Freiheit und Beredsamkeit über diese Streitfrage erklärt, dürfte wahrscheinlich auf diese richtungslosen Köpfe einen Eindruck machen. Wenn ein Einziger aus einer ganzen Nation ein öffentliches Urtheil sagt, so ist man wenigstens auf den ersten Eindruck geneigt, ihn als Wortführer seiner Classe, wo nicht seiner Nation, anzusehen, und ich glaube, daß die Franzosen gerade in dieser Sache gegen fremdes Urtheil nicht ganz unempfindlich sind. Außerdem ist gerade dieser Stoff sehr geschickt dazu, eine solche Vertheidigung der guten Sache zuzulassen, die keinem Mißbrauch ausgesetzt ist. Der Schriftsteller, der für die Sache des Königs öffentlich streitet, darf bei dieser Gelegenheit schon einige wichtige Wahrheiten mehr sagen, als ein Anderer, und hat auch schon etwas mehr Kredit. Vielleicht räthst du mir an, zu schweigen; aber ich glaube, daß man bei solchen Anlässen nicht indolent und unthätig bleiben darf... Es, gibt Zeiten, wo man öffentlich sprechen muß, weil Empfänglichkeit dafür da ist, und eine solche Zeit scheint mir die jetzige zu seyn.« Die Ereignisse eilten diesem edeln Gedanken des Dichters, der vielleicht im Zusammenhange mit diesen Planen noch im December 1792 an eine Reise nach Paris dachte, zuvor. Der Kopf des Königes fiel, und Schiller behielt keine persönliche Erinnerung aus dieser Schreckenszeit, als das französische Bürgerdiplom, das, wie er aus den Zeitungen erfuhr, unterzeichnet von Roland Briefwechsel von Schiller und Göthe IV, S. 131. und zwei andern Mitgliedern des Nationalconvents, ihm zugesendet, erst nach fünf Jahren durch Campe. Compe steht bei Fr. v. Wolz. II, 98; es ist Campe gemeint (Schiller an Göthe vom 2. März 1798). in seine Hände kam. Soeben (Oktober 1840) kommen die merkwürdigen hierher gehörenden Dokumente, durch eine sehr gütige Mittheilung aus Weimar, in unsre Hände; da dieselben dem Publikum bisher gänzlich unbekannt waren, so fügen wir sie, als eine werthvolle Zugabe, und als Gegenstück zum deutschen Reichsadelsdiplom, diesem zweiten Drucke unsrer Biographie bei. Der unkenntliche Name Gille (oder Giller?) macht es nun auch erklärlich, warum das Diplom so spät erst seinen Weg zu der gemeinten Adresse fand. Paris, le 10. Octobre 1792, l'an 1\<sub\>r\</sub\> de la République Française. J'ai l'honneurs de Vous adresser ci-joint, Monsieur, un imprimé revêtu de sceau de l'Etat, de la loi du 26. Août dernier, qui confère le titre de Citoyens français à plusieurs Etrangers. Vous y lirez la Nation vous a placé au nombre des amis de l'humanité et de la société, auxquels Elle a dèféré ce titre. – L'Assemblée Nationale, par un Décret du 9. Septembre, a chargé le Pouvoir exécutif de Vous adresser cette Loi; j'y obéis, en Vous priant d'être convaincu de la satifaction que j'éprouve d'être, dans cette circonstance, le Ministre de la Nation, et de pouvoir joindre mes sentimens particuliers à ceux que vous témoigne un grand Peuple dans l'enthousiasme des premiers jours de sa liberté. Je Vous prie de m'accuser la réception de ma Lettre, afin que la Nation soit assurèe que la Loi Vous est parvenue, et que Vous comptez également les Français parmi vos Frères.               le Ministre de l'Interieur               de la République Française.                (gez.) Roland.               M. Gille (Schiller) Publiciste allemand. Loi Qui confère le titre de Citoyen Français à plusieurs Etrangers. Du 26. Août 1792, l'an quatrième da la liberté. L'Assemblée Nationale, considérant que les hommes qui, par leurs écrits et par leur courage, ont servi la cause de la liberté, et préparé l'affranchissement des peuples, ne peuvent être regardés comme étrangers par une Nation que que ses lumières et son courage ont rendue libre; – Considérant que, si cinq ans de domicile en France suffisent pour obtenir à un étranger le titre de citoyen Français, ce titre est bien plus justement dû ceux qui, quelque soit le sol qui'ils habitent, ont consacré leurs bras et leurs veilles à défendre la cause des peuples contre le despotisme des roi, à bannir les préjugés de la terre, et à reculer les bornes de connaissances humaines; Considérant que, s'il n'est pas permis d'espérer que les hommes ne forment un jour devant la loi, comme devant la nature, qu'une seule famille, une seule association, les amis de la liberté, de la fraternité universelle, n'en doivent pas être moins chers à une Nation qui a proclamé sa renonciation à toutes conquêtes, et son désir de fraterniser avec tous les peuples; Considérant enfin qu'un moment où une convention nationale va fixer les destinées de la France et préparer peut-être celle du genre humain, il appartient à un peuple généreux et libre, d'appeler toutes les lumières et de déférer le droit de concourir à ce grand acte de raison, à des hommes qui par leurs sentimens, leurs écrits et leur courage s'en sont montrés si éminemment dignes: Déclare déférer le titre de citoyen Français au docteur Joseph Priestly, à Thomas Payne, à Jérémie Bentham, à William Wilberforce, à Thomas Clarkson, à Jacques Mackintosh, à David Williams, à N. Gorani, à Anacharsis Cloots, à Corneille Pauw, à Joachim-Henri Campe, à N. Pestalozzi, à George Washington, à Jean Hamilton, à N. Maddisson, à Fr. Klopstock, et à Thadée Koscuisko. Du même jour. Un membre demande que le sieur Gille (Schiller), publiciste allemand, soit compris dans la liste de ceux à qui l'Assemblée vient d'accorder le titre de citoyen Français; cette demande est adoptée. Au nom de la nation, le conseil exécutif provisoire mande et ordonne à tous les Corps administratifs et Tribunaux, que les présentes ils fassent consigner dans leurs régistres, lire, publier et afficher dans leurs départemens et ressorts respectifs, et exécuter comme loi. En foi de quoi nous avons signé ces présentes, auxquelles nous avons fait apposer le sceau de l'Etat. A Paris, le sixième jour du mois de septembre mil sept cent quatre-vingt-douze, l'an quatrième de la liberté. – Signé:Clavière Contresigné: Danton. Et scellées du sceau de l'Etat Certifié conforme à l'original L.S. (gez.) Danton. A Paris de l'imprimerie nationale exécutive du Louvre. 1792. Aus technischen Gründen wird diese Fußnote im Text wiedergegeben. Re. Reise nach Schwaben. In der Mitte des Jahres 1793 schrieb Schiller an seinen Freund Körner: »Die Liebe zum Vaterlande ist sehr lebhaft in mir geworden.« Im August brach er in einem eigens für die ganze Reise gemietheten Wagen Boas II, 462. mit seiner Gattin auf und eilte Würtemberg zu. Der Weg wurde über Heidelberg, nach einer andern Angabe auch über Mannheim genommen, das Schiller aber als eine, wegen der kriegerischen Ereignisse jenseits des Rheines bedrohte Festung, bald wieder verlassen habe. Da ihm der Besuch seines alten Vaterlandes noch nicht gesichert war, wandte er sich in Schwaben zuerst nach der damaligen Reichsstadt Heilbronn Die nachfolgenden Einzelheiten über Schillers Aufenthalt in Hellbronn verdankt der Biograph der gefälligen brieflichen Mittheilung des Herrn Stadtschuldheißen Titot von Heilbronn, und den Schiller'schen Brief ebendemselben, aus dem Heilbronner Intelligenzblatt Nr. 7, Beilage vom 23. März 1839. und stieg im Gasthofe zur Sonne ab, wo er sich die ersten Tage leidend und fast immer zu Bette befand. Kaum hatte er sich ein wenig erholt, so schrieb er am 20. August 1793 an den regierenden Bürgermeister der Stadt Heilbronn, Gottlob Moriz Christian v. Wacks , einen erst ganz kürzlich im Heilbronner Archive wieder aufgefundenen Brief. »Es kann Euer Hochwohlgeboren,« heißt es in diesem Schreiben, »nichts Unerwartetes seyn, wenn eine Stadt, die unter dem Einfluß einer aufgeklärten Regierung und im Genuß einer anständigen Freiheit blühet, und mit den Reizen einer schönen, fruchtbaren Gegend viele Kultur der Sitten vereinigt, Fremde herbeizieht und ihnen den Wunsch einflößt, dieser Wohlthaten eine Zeit lang theilhaftig zu werden.« »Da ich mich gegenwärtig in diesem Falle befinde und Willens bin, meinen Aufenthalt allhier bis über den Winter zu verlängern, so habe ich es für meine Schuldigkeit gehalten, Ew. Hochwohlgeboren gehorsamst davon zu benachrichtigen und mich und die Meinigen dem landesherrlichen Schutz eines hochachtbaren Magistrats zu empfehlen.« Zum Schlusse verspricht der Briefsteller, sobald seine Gesundheit es erlaube, dem Herrn Amtsbürgermeister persönlich seinen Respekt zu bezeugen. Dieser, damals ein Greis von 73 Jahren, auch in Schubarts Selbstbiographie seiner Humanität wegen gerühmt, entzog, obgleich von dem Herzoge Carl von Württemberg mit dem Titel eines württembergischen Regimentsrathes beehrt, seinen Schutz dem edeln Verbannten doch nicht, und nahm sich Schillers sehr freundlich an. Die Rathsherren von Heilbronn wußten die Ankunft eines solchen Gastes zu schätzen, und in das Rathsprotokoll findet sich, jenes Gesuch betreffend, unter dem 20. August 1793 der Beschluß eingetragen: »Wird willfahrt, und soll dem Herrn Hofrath durch eine Kanzleiperson (d.h. einen Senator) vergnügter Aufenthalt gewünscht werden.« Bald verlegte Schiller, des unruhigen Quartiers im Gasthof müde, seine Wohnung in das Haus des Assessors und Kaufmanns Rueff am Sulmerthor. Sein Gesundheitszustand besserte sich sichtlich, er bestieg zu wiederholten Malen den schönen Wartberg und freute sich hier der herrlichen Aussicht auf sein heimathliches Schwaben. Eltern, Schwester und Jugendfreunde umarmte er zum erstenmal in Heilbronn; auch seine Schwägerin Caroline, die, nach aufgelöster erster Ehe, sich damals in der Nähe von Stuttgart bei einer Freundin aufhielt, eilte herbei. So verlebte der Dichter die angenehmsten Tage in der schwäbischen Reichsstadt, und seine Schwägerin erinnert sich namentlich merkwürdiger Gespräche, die er mit dem berühmten Arzte Eberhard Gmelin über thierischen Magnetismus daselbst pflog. Von Heilbronn aus schrieb er dem Herzoge Carl von Württemberg im Sinn des dankbaren ehemaligen Zöglings, den widrige Verhältnisse aus seinem Vaterlande entfernt. Der Herzog, gichtkrank, und schon vom herannahenden Tode geschreckt, weßwegen sein Schweigen nicht so übel ausgelegt werden darf, antwortete nicht; aber er äußerte öffentlich: »Schiller werde nach Stuttgart kommen und von ihm ignorirt werden.« Am 24. Oktober starb der Herzog. Schiller brach (ob jetzt erst oder schon im September ist noch zweifelhaft) von Heilbronn auf und zog ins eigentliche Vaterland, in die Heimath seiner Jugend, nach Ludwigsburg , wo er dem Vater näher war, der auf der Solitude, jetzt als Major, noch immer die Oberaufsicht über die fürstlichen Gärten und Pflanzschulen führte. Vorzüglich zog ihn dorthin sein Jugendfreund von Hoven, in dessen Umgang und Pflege er Beruhigung und Unterhaltung in reichem Maße fand. Hoven Hoven bei Fr. v. Wolz, II, 104 f. aber erblickte in seinem Freund erstaunt »einen ganz andern Mann. Sein jugendliches Feuer war gemildert; er hatte weit mehr Anstand in seinem Betragen, an die Stelle der vormaligen Nachläßigkeit war eine anständige Eleganz getreten, und seine hagere Gestalt, sein blasses, kränkliches Aussehen vollendete das Interessante seines Anblicks. Leider war der Genuß seines Umgangs häufig, fast täglich, durch seine Krankheitsanfälle gestört; aber in den Stunden des Besserbefindens – in welcher Fülle ergoß sich da der Reichthum seines Geistes, wie liebevoll zeigte sich sein weiches, teilnehmendes Herz, wie sichtbar drückte sich in allen seinen Reden und Handlungen sein edler Charakter aus! Wie anständig war jetzt seine sonst etwas ausgelassene Jovialität, wie würdig waren selbst seine Scherze! Herr v. Hoven erzählte im Jahr 18l5 zu Nürnberg dem Verf. dieses Lebens einige Akademiescherze Schillers, die allerdings von gehörigem Kaliber waren. Kurz er war ein vollendeter Mann geworden.« Trotz seiner Kränklichkeit studirte und arbeitete er auch während dieser Zeit. Kants Kritik der Urtheilskraft lag, wenn er auch wegen Unpäßlichkeit das Bett hüten mußte, oder gar, wie er oft scherzen konnte, von Arzneigläsern sich umlagert sah, immer nicht unweit jenes Belagerungsgeschützes, und lächelnd erzählte er einmal seinem Freunde v. Hoven bei einem Morgenbesuche, sein Bedienter, der bei ihm die Nacht über habe zu wachen gehabt, hätte, um sich auf seinem Posten munter zu erhalten, beinahe die ganze Kritik der Urteilskraft in Einem Zuge durchgelesen. Conz a. a. O., S. 42. – Von Schillers Dankbarkeit gegen Hoven zeugt sein Brief vom 10. Okt. 1792 (Hovens Leben. Nro. VI. S. 379.) Fast täglich, meist in der Nacht, schrieb er einige Stunden an seinem Wallenstein, der anfangs in Prosa verfaßt war; wenn er sich weniger aufgelegt fühlte, an den ästhetischen Briefen, die hier, wie uns Conz versichert, im ersten Entwürfe niedergeschrieben und auch abgesendet wurden. Sie erschienen in der Folge, unter Fichte's Einflüssen umgearbeitet, in den Horen. Mehrere, die das erste Manuscript mit dem Abdrucke vergleichen konnten, worunter Conz selbst war, wollten behaupten, die einfachere Darstellung im ersten Entwurfe sey ansprechender gewesen. Eine andere Frucht seiner Ludwigsburger Herbstmuße war seine geistreiche Rezension über Matthissons Gedichte, deren Verfasser, eben durch Ludwigsburg gekommen, Schillers Bekanntschaft gemacht hatte. Die Ansichten über malerische Poesie darin dankten ihre Entstehung einer Unterredung mit einem seiner Stuttgarter Freunde, dem kunstsinnigen Rapp, Dem Geh. Hofrath v. Rapp, Kaufmann zu Stuttgart, Dannecker's Schwager. Die Angabe ist von Conz, wurde mir aber vom sel. Rapp, meinem mütterlichen Oheim, wiederholt bestätigt. der selbst ausübender Liebhaber der Landschaftsmalerei war. Ausgearbeitet scheint übrigens dieselbe erst später zu seyn. Bei allen diesen Arbeiten fand Schiller noch Zeit, eine Handlung herablassender Liebe zu vollbringen. Aus herzlicher Dankbarkeit gegen seinen alten Jugendlehrer, Jahn, dessen Stab die Ludwigsburger Schule noch immer regierte, verschmähte der große Dichter, der berühmte Mann es nicht, hier und da von ihm eine Lehrstunde im gewöhnlichen Schulzimmer zu übernehmen, und vierzehnjährige Knaben sahen den Dichter des Don Carlos vor und neben sich im Schulstaub auf der Bank sitzen, den Kopf auf die Hand gestützt und ein Bein, übers andre geschlagen. Da lehrte er bald Logik und Rhetorik, bald Geschichte, und bei dem letztem Vortrage – nach Schröckhs Abriß – konnte der seltene Lehrer, sonst still und ruhig, sich oft plötzlich bewegt und lebendig in die Höhe richten. Mündliche gefällige Mittheilung des Herrn Archivraths Schönleber und des Herrn Apothekers Hausmann, die beide damals Ludwigsburger Schüler waren. Ungern verließ Schiller Ludwigsburg, um das benachbarte Stuttgart zu besuchen und eine Familienangelegenheit dort ins Reine zu bringen. Der alte Widerwille erwachte vorübergehend in ihm: »Ich hasse Stuttgart, Stuttgart soll mich nicht bei Tag erblicken!« sagte er zu seinem Jugendfreunde Elwert, mit welchem er einst den Katechismus gesprochen. Mündliche Mittheilung. Und wirklich soll er das erstemal bei Nacht nach Stuttgart gefahren und in wenigen Stunden wieder zurückgekommen seyn. Doch verlebte er, wie wir von seiner Schwägerin und sonst wissen, einige Tage in jener Residenz. Damals modellirte der berühmte Dannecker die herrliche Büste seines Jugendfreundes, welche das Atelier des greisen Künstlers noch immer ziert, und die er bei seinen Lebzeiten sich nicht entschließen kann aus den Händen zu lassen. Der anhaltende und frohe Umgang mit diesem werthen Freunde erweckte in Schiller großes Interesse für die bildende Kunst. In dieselbe Zeit fällt zu Tübingen, wo er seinen lieben Lehrer Abel besuchte, auch Schillers Bekanntschaft mit den damaligen Besitzern der Johann Georg Cotta'schen Buchhandlung, Johann Friedrich Cotta und Christ. Jakob Zahn, welche zu einem dauernden Freundschafts- und Geschäftsverhältnisse mit dem ersteren führte. Cotta zeigte sich großsinnig für die deutsche Literatur, und seine Anerbietungen übertrafen Alles, was bis jetzt für deutsche Schriftsteller geschehen war. Schiller schätzte seinen Verstand, seine Umsicht, seine außerordentliche Thätigkeit, und vertraute seinem Charakter. Er wurde in seinen Hoffnungen nicht getäuscht. Der Dichter verdankte den Verträgen mit der Cotta'schen Buchhandlung seine Unabhängigkeit, und seine Erben danken ihnen den festen Grund ihres Wohlstandes. Zahn, gleichfalls ein vielseitig gebildeter Mann und geistreicher Gelehrter, dessen Name mit dem Namen des Freiherrn v. Cotta auch unter dem württembergischen Verfassungsvertrage steht, so wie beide Männer nach einander den Vicepräsidentenstuhl der zweiten Kammer lange Zeit eingenommen, hat später seinen Beitrag zur Popularisirung Schillers durch die köstliche Melodie des Reiterliedes geliefert. Mit Cotta wurde der Plan zu den Horen entworfen, und das Ideal einer deutschen Zeitung besprochen, zu deren Redaktion Schiller jedoch später vom Verleger vergeblich eingeladen ward. Seine Tübinger und Stuttgarter Freunde hätten ihn gar zu gerne dem Vaterlande wiedergegeben, und spätere entschiedene Anträge bewiesen, wie ernstlich sie gewirkt hatten. Dankbarkeit, und Liebe zur Gattin hielten ihn in Jena fest. In Tübingen machte Schiller auch die erste Bekanntschaft Fichte's , der aus der Schweiz nach Jena reiste, um dort den Katheder zu besteigen. »Von dem französischen Freiheitswesen,« erzählt des Dichters Schwägerin, »welches auch in Württemberg damals einigen Anhang hatte, war Schiller kein Freund. Er hielt die französische Revolution für eine Wirkung der Leidenschaften... Die eigentlichen Principien, sagte er, die einer wahrhaft glücklichen, bürgerlichen Verfassung zum Grunde gelegt werden müssen, sind noch nicht so gemein unter den Menschen; sie sind (indem er auf Kants Kritik der Vernunft, die eben auf dem Tische lag, hinwies) noch nirgends anders, als hier. Die französische Republik wird eben so schnell aufhören, als sie entstanden ist; die republikanische Verfassung wird in einen Zustand der Anarchie übergehen, und früher oder später wird ein geistvoller, kräftiger Mann erscheinen, er mag kommen woher er will, der sich nicht nur zum Herrn von Frankreich, sondern auch vielleicht von einem großen Theil Europa's machen wird.« Wenn diese Worte nicht unwillkürlich einigermaßen dem Erfolg angepaßt worden sind, so hat Schiller auch in ihnen seinen Prophetenberuf beurkundet. In Ludwigsburg änderte der Dichter seine Götter Griechenlands, las fast alle Abende aus Voßens Homer vor und zeigte große Verehrung für den Uebersetzer. Göthe's Iphigenia erklärte er für das einzige Stück, das er, im Gefühle kein ähnliches machen zu können, beneide. Von seinen Räubern und den frühern Dramen fing er zu schweigen an; es schien, als wünschte er sie ungedruckt. Während er im Vaterlande war, starb, wie oben gemeldet worden, der Herzog Carl, und wurde von ihm wie ein Freund betrauert. Schiller konnte sich trotz der Bitte des Vaters zu keinem Glückwünschungsschreiben an den Nachfolger entschließen, so viel man von dessen Herzensgüte erwartete. Er wollte auch den Schein vermeiden, als freute er sich über Carls Tod. »Da ruht er also,« sagte er, bei der Gruft zu Stuttgart mit seinem Freunde Hoven vorübergehend, »dieser rastlos thätig gewesene Mann! Er hatte große Fehler als Regent, noch größere als Mensch; aber die ersten wurden von seinen großen Eigenschaften überwogen, Im Text (Fr. v. Wolz, II, 108) steht »übertragen,« was ein offenbarer Druckfehler ist. und das Andenken an die letzteren muß mit dem Todten begraben werden. Darum sage ich dir, wenn du, da er nun dort liegt, jetzt noch Jemand nachtheilig von ihm sprechen hörst, traue diesem Menschen nicht; es ist kein guter, wenigstens kein edler Mensch.« Aus Schillers Gefühl herrlich gesprochen. Er erfüllte, was er als fünfzehnjährig am 10. Jan. 1775 dem Herzog gelobt hatte: »Thränen des Danks auf Ihre Asche, mein Vater.« (Vergl. Schillers erste Jugendschrift, herausgeg. von F. Freiherrn von Böhnen, Amberg 1839. Seite 19.) Was das Wichtigste von Schillers Aufenthalt im Vaterlande war und nicht ohne entschiedenen Einfluß auf seine Individualität bleiben konnte, war das süße Glück der ersten Vaterfreude, das ihm am 14. Sept. 1793 Aus den verschiedenen Angaben wird nicht ganz klar, ob Schiller damals schon zu Ludwigsburg war, oder noch in Heilbronn weilte. Das erstere ist wahrscheinlicher, denn sein Arzt, v. Hoven, wohnte in Ludwigsburg. zu Theil wurde. Bei der schwer und lange dauernden Niederkunft leistete Hoven tröstliche und hülfreiche Dienste. Schillers Freude über die endlich erfolgte glückliche Entbindung, erzählte Jener, war die des gefühlvollen Mannes über die Rettung einer zärtlich geliebten Frau, und das Entzücken des Vaters über seinen erstgebornen Sohn. Carl Friedrich von Schiller, gegenwärtig K. Württemb. Oberförster zu Rottweil »Es war ein erhebender Anblick,« sagt Conz, »den hohen Mann in den einfachwahren Ausdrücken väterlicher Lust an seinem Goldsohn, wie er ihn oft nannte, zu beobachten, und, wie ich öfter das Glück hatte, Zeuge davon zu seyn.« Zufällig oder absichtlich war ihm in jener Zeit Quintilian in die Hände gekommen. Er studirte aufmerksam des Römers herrliche Grundsätze über Erziehung und versicherte, den Sohn nach diesen Maximen aufziehen zu wollen. Ja, er versprach dem Landsmann in sein neu begründetes Museum für römische und griechische Literatur einen Aufsatz über Quintilian, der jedoch nie geschrieben wurde. Da der Sohn ein Wasserkind war, machte er den Eltern anfangs nicht wenig Sorge, aber am 8. November meldet Schiller dem Großvater, daß ihm an Pflege und Wartung nichts abgehe, und er, trotz kleiner Unpäßlichkeiten und ein bischen Magerkeit abgerechnet, sehr munter sey und sich eines guten Appetits erfreue. Boas II, 461. In diesem Briefe wird der Arzt Hiren genannt, was falsch gelesen ist, und ganz gewiß Hoven heißen soll. Von sich selbst meldet der Dichter in demselben Schreiben, daß er die ganze Woche über fleißig gewesen, und es ihm von der Hand gegangen. »Es ist mir immer himmlisch wohl, wenn ich beschäftigt bin und meine Arbeit mir gedeiht.« Und in diesem himmlischen Gefühle geistigen Wohlseyns kehrte der kränkelnde, hinfällige Dichter, froh, daß ihm »die Vorsehung« gegönnt, die Eltern eine Weile zu haben und in ihrer Nähe zu leben, zuerst in sein schwäbisches Hauptquartier nach Heilbronn, und endlich im Mai 1794 nach Jena zurück, um die dritte Periode seines Daseyns, die Periode des vollendeten dichterischen Kunstlebens im hellen, geistigen Bewußtseyn der geläuterten Erkenntniß und erhöhten Kraft zu durchlaufen. Rückblick. 1785 bis 1794. Das Leben des herrlichen Dichters liegt in seinem zweiten Abschnitte von dreien hinter uns. Im ersten Buche hatten wir es mit der Kindheit seines Genius zu thun; im zweiten überschauen wir die Bahn, die seine Jugend durchlaufen hat; wir begleiten ihn auf die Ringschule, zum Kampfe mit Form und Stoff, zur Entstehung des Don Carlos; dann sehen wir den schon erstarkteren, noch nicht zufrieden mit der halbgebildeten Kraft, demüthig bei der Geschichte, bei der Philosophie in die Schule gehen. Es sind Meisters Lehrjahre, in welchen sein Geist, geärgert durch das Bewußtseyn, bisher selbst in seinen glänzendsten Proben doch oft nur geredet zu haben, wie ein Kind, und klug gewesen zu seyn wie ein Kind, und kindische Anschläge durchgeführt zu haben, mit künstlerischem Kraftwillen still an sich arbeitete, und abthat, was kindisch war, bis er, zum Manne geworden, mit jenen Meisterwerken hervortreten konnte, welche fast jeden Schritt in der dritten Periode seines Dichterlebens bezeichnen. Die Vorsehung , von ihm selbst mit dem Gemüthe auch in der Zeit erkannt und dankbar angebetet, in welcher seine Forschung an ihr zu zweifeln schien, die Vorsehung hatte, für die beiden Hauptgeschäfte dieses Lebensabschnittes, sowohl für das Ausbrüten seines letzten und imposantesten Jugendwerkes, des Don Carlos, als für die tiefsinnigen Vorarbeiten zu seinem vollendetern männlichen Wirken, alles Nöthige bestimmt und angeordnet. Aus dem für seinen Geist nahrungslos und unfruchtbar gewordenen Mannheimer Boden mit der Wurzel herausgerissen, war der Dichter nach Leipzig, in das Gewühl einer größern Welt, und doch wieder in einen engen Kreis verwandter Seelen verpflanzt worden, und hatte im begonnenen Don Carlos nichts als seine Jugendideale mitgebracht, vermehrt um das Bild einer hohen königlichen Frau, zu welchem das Geschick ein Urbild in der Wirklichkeit seinem Geist und Herzen nahe gestellt hatte. Frau v. Kalb soll dem Dichter bei seiner Königin im Don Carlos vorgeschwebt haben. In Dresden mußte ihm die sorgenfreie Zurückgezogenheit des Landlebens Zeit zu den historischen Studien, die sein ihm unter der Hand sich umgestaltender Stoff fortwährend erforderte, wie Muße zur Ausführung und Vollendung des Ganzen gewähren; die große und feine Welt der Residenz mußte dem Stücke das Colorit seiner höheren Sphäre und den würdigen, gehaltenen Styl, durch welchen es sich auszeichnet, verleihen helfen; endlich mußte selbst eine vorübergehende, aber brennende Leidenschaft seine Seele in die Stimmung setzen, die hoffnungslose Liebe des Infanten mit jener lebendigen Glut darzustellen, welche voll Wahrheit in ihr athmet. Wir haben den Don Carlos entstehen sehen mit seinen Ungleichheiten, Mängeln und Incohärenzen, die niemand besser gekannt und geschildert hat, als der Dichter selbst, aber auch mit seinen blendenden Schönheiten, mit der in ihm concentrirten Beredtsamkeit des freiheitsdurstigen Jahrhunderts, mit der Macht seiner Effekte, mit dem schimmernden Firniß einer herrlichen, von stolzesten Jamben getragenen Diktion. Mag dieser Ueberzug von Rebeglanz ein Fehler seyn, er ist ein so nationaler Fehler, daß das Stück – wie Schillers Dramen überhaupt – in Deutschland ohne diesen Glanz nicht so allgemein gefallen könnte; er ist ein Fehler, wenn Shakspeares nationaler Witz ein Fehler ist, der sich auch hindrängt, wo er nicht hingehört, und doch ihm im In- und Auslande vielleicht mehr Bewunderer verschafft hat, als der geniale Kern seiner Weltpoesie selbst. Was die Charaktere betrifft, so halten wir zwar für die eigentliche Bürgschaft des dramatischen Genius im Stücke und für die größte künstlerische Gestalt, in welcher sich schon die Mäßigung, Besonnenheit und Selbstverläugnung eines ganz großen Meisters verherrlicht hat, den König Philipp. Aber für den Eindruck, den das Drama macht, wie für die Absicht des Dichters, ist er doch nur die Folie zum Don Carlos und Posa. Und mag man diese Charaktere noch so sehr tadeln, mag man jenen einen Schwächling und diesen einen Schwärmer schelten: zusammengenommen sind sie doch so lebendig und gewaltig, und, zwar nicht spanisch , – aber so durch und durch deutsch , daß der Dichter auch in ihnen eine vollkommen nationelle Wahrheit und Wirklichkeit, in Schwachheit und Größe, dargestellt, und dadurch im Vaterlande und außerhalb desselben, bei allen Nachbarn, die etwas vom germanischen Blute in den Adern haben, die mächtigste Wirkung gethan hat. Oder war nicht etwa die Nation, im Stand ihrer Erniedrigung, als Napoleon die Deutschen so verächtlich als Ideologen behandelte, dem Don Carlos am Hofe Philipps gleich? Und als der geschlagene Eroberer fluchend dem Rheine zueilte und im Grimm ausrief: »die Deutschen haben das Fieber!« – war es nicht die erhabene Gestalt Posa's, die begeistert hinter ihm die Geißel schwang? Und kehren nicht auch in unsrer ernsten Zeit in den edleren Charakteren unsres öffentlichen Lebens die Figuren eines Carlos und Posa in unzähligen Mischungen immer wieder, werden wir nicht durch Worte brütenden Edelsinns oft genug an jenen, und durch Werke begeisterter Aufopferung von Zeit zu Zeit an diesen erinnert? Ja, haben nicht alle liebenswürdigeren Persönlichkeiten unsres deutschen Vaterlandes etwas von den Zügen der beiden Freunde in ihrer geistigen Physiognomie? So ist es der deutsche Gehalt des Stückes, der ihm die Liebe des Inlands, die Bewunderung des Auslands erworben hat und sichert, der die Widersprüche, der das komische Walten des Zufalls in diesem Trauerspiele, welcher den Infanten in das Zimmer der Prinzessin Eboli, wie in die Laube des Figaro einführt, der dieß und noch vieles Andre in Vergessenheit senkt; es ist sein deutsches Wesen, das ihm nach fünfzig Jahren den lauten Zuruf auf der Bühne erhält, und das ihm in Frankreich an Benjamin Constant einen Nachbildner, in England an Lord John Russel, dem Wigh, einen Nacheiferer, und an John Bruce, dem Hochtory, einen Dollmetscher seines Geistes gewonnen hat. Als der Don Carlos vollendet war, und Schiller im gewaltigen Bewußtseyn dastand, einen mächtigen Schritt über dieses Stück im Stücke selbst hinausgethan zu haben; und als gerade dieses Bewußtseyn ihm die Nothwendigkeit vorhielt, weiter in den Tiefen der Geschichte und der Philosophie zu forschen; als zugleich ein dunkles Gefühl ihn nach größerer Selbstbeschränkung durch die Form verlangen ließ: da mußte eine verunglückte Neigung ihn von Dresden wegtreiben und Freundeshand lenkte seine Schritte nach dem Hafen, wo er sich zu neuen und kühneren Geistesfahrten ausrüsten sollte, nach Weimar, an die Stätte hellenischer Bildung, unter den Schutz eines Kunst pflegenden und Dichter liebenden Fürsten, in den Kreis der ersten Geister seiner Nation. Und weil er jetzt sich auf dem rechten Boden befand, auf dem sein Genius endlich gedeihen und reife Früchte tragen konnte, so sorgte das Schicksal dafür, daß der umgetriebene Dichter endlich auch ein festes Hauswesen gründen könnte; er empfing von seinem Fürsten eine Stellung, und aus der Hand einer geistreichen und begeisternden Freundin die geliebte, sanfte, seelenvolle Lebensgefährtin, die sein von mannichfacher Sorge beschwertes Gemüth aufrecht erhielt, und seinen am Geist erkrankten Körper pflegte. Nicht in Bauerbach durfte einseitige Neigung an ein gleichgültiges Herz, nicht in Mannheim unreife Ruhmsucht an eine schöngeistige Männin, nicht in Dresden blinde Leidenschaft an eine gefallsüchtige Schönheit ihn fesseln. Aus dem Schoße der Natur, der Frömmigkeit, der Freundschaft und des edelsten Familienlebens empfing er im lieblichen und stillen Rudolstadt zur Gattin »das zarte Weib,« das nicht im fremden Kreise der Gelehrsamkeit, sondern »in stiller Thätigkeit, in Uebung ihres hohen, heiligen Berufs, in liebender Brust« ihr ganzes Lebensglück an seiner Seite fand und das seinige schuf. »Selig der Mann,« rief Schiller aus, als dieser Bund schon ein alter war, »selig der Mann, der ein solches Kleinod zu schätzen weiß, und die Freundin seines Herzens bei Arbeiten und häuslichen Beschäftigungen sucht, um sich an ihren anspruchlosen Talenten von seinem mühevollen Streben zu erheitern.« Fr. v. Wolz. II, 215. Worte Schillers, am 18. März 1801 gesprochen. Ebener und leichter däuchte ihm jetzt, seit dieser Stern ihm leuchtete, der Pfad seines Denkerlebens durchs Dunkel und Dickicht der Geschichtsforschung und der Reflexion, durch die finstern Schlüchte des Zweifels, durch die Nächte tiefsinniger Dichtungen, noch ehe er in dem Aether der heitern Kunst, im frischen, freien Felde des Schaffens wieder zu Tage kam. Und als eine schwere Krankheit noch vor dem Abschlusse, ja vor dem rechten Beginne des kurzen Tagewerks, das ihm auf Erden vergönnt war, das Glück seines Lebens und Dichtens vernichten zu wollen schien, da zeigte sichs, daß sie nur gesendet war, großmüthige Freunde zu erwecken, ihn durch sie von nagenden Sorgen zu befreien, und seinem Geist in einem kränkelnden Körper das Wirken, so lange es Tag war, wenigstens möglich zu machen. Hoffend und an der Seele gestärkt besucht er sein Vaterland Schwaben, umarmt die alten Eltern, athmet Jugendluft, erquickt sich am Freundesumgang, und kehrt am Schlusse dieser zweiten Lebensperiode, den Erstgebornen auf dem Arm, die Gattin an der Hand und seinen Wallenstein im Busen, an den häuslichen Herd der Liebe, und in die Werkstatt unsterblicher Schöpfungen zurück. Drittes Buch. Schiller, Humboldt und Göthe. 1794. Bis hieher hat es dem Biographen unsres großen Dichters an äußern Begebenheiten seines Lebens nicht gefehlt, und der Stoff selbst sorgte für die Unterhaltung des Lesers. Mit der dritten Periode seiner Bildung, welche die Vollendung durch die Kunst in sich begreift, wird es von außen allmählig stiller, aber im Innern drängt sich nun bald That an That, und kommt als leuchtende Dichtung zum Vorscheine. Und doch ging dieser Proceß nicht so schnell vor sich, als uns der Schluß des zweiten Buches, der uns Schillern schon ganz vertieft in seinen Wallenstein zeigte, erwarten ließ. Seine Durchbildung durch die Philosophie war noch nicht vollendet. Sieben Jahre, seit dem ersten Gedanken an den Don Carlos bis zur aufgedämmerten Idee des Wallenstein, hatte Schiller um das hohe Himmelskind, um die ächte Poesie geworben; aber als er nach dem langen Labansdienste die Braut endlich heimgeführt glaubte, da war es nicht die holde strahlende Rahel, es war die blöde, unschöne Lea, die Reflexion, die ihm beigesellt worden war. Sieben neue Jahre begann er, seit 1791, den mühseligen Dienst um die Geliebte des Herzens aufs Neue; aber die untergeschobene Genossin hielt ihn fest mit den Armen umstrickt: er vertiefte sich von Jahr zu Jahr in neue Forschungen auf dem Gebiete der Aesthetik selbst, und erst im Jahre 1798 betrat der Wallenstein, das Kind der lautern Poesie, die Bühne, und von nun an war seine Lebensgefährtin, ohne daß er dem Gedanken treulos geworden wäre, die Schönheit selber, die heilige Kunst. Diese schwierige Bahn mußte Schiller durchlaufen, weil er zum Nationaldichter bestimmt war, zum Dichter eines Volkes, das den Durchgang durch reflexive und ideale Einseitigkeit von dem Poeten, der nach seinem Herzen seyn, den es bewundern und lieben sollte, recht eigentlich verlangte; ein Bildungsgang, den der große Genius unbedingter Poesie, Göthe, zwar zum Guten und Schönen zu lenken bestimmt war, aber nicht zu frühe abbrechen durfte. Deßwegen hatte auch das Geschick dem philosophirenden Hange Schillers auf seinem Pfade zur Poesie einen Dämon beigegeben, der ihn in dieser Richtung so lange erhalten sollte, als es nöthig war, den Denkerdichter, wie man ihn wohl genannt hat, in ihm auszubrüten. Dieser Geist der Reflexion und Reflexionspoesie war Wilhelm v. Humboldt , abgesehen von seinen Verdiensten um Sprachwissenschaft und Philologie, ein höchst geistvoller, aber abstrakter Idealist und entschiedener Kantianer. Bald nach Schillers Rückkehr nach Jena im Mai 1794, mit dem September desselben Jahres, entspann sich der, anderthalb Jahre hindurch nie unterbrochene, Briefwechsel mit diesem Freunde, mit welchem der Dichter vorher nur vereinzelte Schreiben gewechselt hatte, ein Verkehr, der die vollständigste und ausführlichste Nachricht von dessen innerem Leben während dieser achtzehn Monate giebt. Die überwiegende Mehrzahl der Briefe ist von Humboldt; aber man erfährt auch so unendlich viel und Wesentliches über den Poeten, über sein Forschen und Dichten, weil der Spiegel, in welchem er sich beschaut hat, und in welchem wir ihn hier erblicken dürfen, Humboldts nicht nur hochgebildeter, sondern auch seinem dichtenden Freunde verwandter, in die philosophischen Tiefen der Poesie eindringender, den Dichter, den er bewundert, studirender Geist ist. Humboldt selbst bezeichnet den Hauptzeitraum dieses Briefwechsels als ohne Zweifel den bedeutendsten in der geistigen Entwicklung Schillers. »Er beschloß,« sagt seine Einleitung, »den langen Abschnitt, wo Schiller seit dem Erscheinen des Don Carlos von aller dramatischen Thätigkeit gefeiert hatte, und ging unmittelbar der Periode voraus, wo er, von der Vollendung des Wallenstein an, wie im Vorgefühle seiner nahen Auflösung, die letzten Jahre seines Lebens fast mit eben so vielen Meisterwerken bezeichnete. Es war ein Wendepunkt, aber vielleicht der seltenste, den je ein Mensch in seinem geistigen Leben erfahren hat. Das angeborene schöpferische Dichtergenie durchbrach, gleich einem angeschwollenen Strome, die Hindernisse, welche ihm eine zu mächtig angewachsene Ideenbeschäftigung und zu deutlich gewordenes Bewußtseyn entgegensetzten. Den glücklichen Erfolg dieser Krise verdankte Schiller der Gediegenheit seiner Natur und der rastlosen Arbeit, mit der er auf den verschiedensten Wegen der einzigen Aufgabe nachstrebte, die reichste Lebendigkeit des Stoffes in die reinste Gesetzmäßigkeit der Kunst zu binden.« Derselbe Freund Schillers sagt auch nur die Wahrheit, wenn er nachweist, daß der Genius desselben aufs engste an das Denken in allen seinen Tiefen und Höhen geknüpft war, daß er recht eigentlich auf dem Grunde einer Intellectualität hervortritt, die Alles, ergründend, halten, und Alles, verknüpfend, zu einem Ganzen vereinigen möchte. Und sicherlich ist es auch »dieser tiefe Antheil des Gedankens,« der ihn zum Lieblinge der denkendsten Nation der Erde stempelt. Die große Mehrzahl der Deutschen liebt Schillern gerade um der in seiner Poesie überwiegenden Reflexion willen; unsre Landsleute entbehren die reinste, bewußtlose Schönheit gern über dem wunderbaren Reize, den für sie der Anblick jener unermüdlichen Thätigkeit hat, die bald als ein Spiel, bald als ein Ringen erscheint; der Deutsche hat nicht den Dichter am liebsten, der ihm die Poesie als leichtgewonnene Geliebte entgegenführt, sondern den, der nach tiefem Sinnen die Formel findet, mit deren Hülfe die in einen Drachen Verzauberte erlöst wird und vor dem staunenden Auge sich in Schönheit verwandelt. Ja, der Aufwand von Kraft, der bei diesem Wagestücke fühlbar wird, ist ihm oft sogar lieber, als die Poesie, die daraus entspringt. So – während Schiller mit übermenschlicher Anstrengung den steilen Pfad hinanklimmt, auf dessen Gipfel ihm als Ziel die künstlerische Schönheit winkt, zu welcher von der entgegengesetzten Seite ein müheloser Weg über die Hochebene führt, den freilich nur wenigen glücklichen Wanderern jener höchste Instinkt zeigt, der auch in der Poesie die seltenste Himmelsgabe ist – so blickt der staunende Zuschauer weniger auf jenes Ziel, als auf die Riesenschritte dessen, der es auf dem schwierigsten Wege erstrebt; der Wanderer selbst ist der Gegenstand seines Interesses, und sein Anblick macht den Eindruck des Erhabenen, über welchem man das Schöne wo nicht vergißt, doch, wenn es von dem Dichter auch nicht als Ziel erfaßt würde, eher entbehren könnte. Da der Verfasser die Briefwechsel Schillers mit Humboldt und Göthe zur Zeit ihres Erscheinens öffentlich beurtheilt hat, so kann mancher Leser hier auf Bekanntes stoßen, wobei zu bemerken ist, daß der Biograph es nur von sich selbst entlehnt hat. So rüstig nun Wilhelm v. Humboldt mit Schiller nach jenem höchsten Ziele der Kunst emporklimmt, so macht es doch manchmal den Eindruck, als stände auch er stille unter jener bewundernden Schaar, welche sich mit dem Anblicke des herrlichen Strebens begnügt und um seinetwillen ihren ringenden Liebling vergöttert. Dieß ist besonders dann der Fall, wenn er schon frühere Produktionen seines Freundes übermäßig hoch stellt und z.B. bereits in der »Resignation« das eigenthümlichste Gepräge Schillers in der unmittelbaren Verknüpfung einfach ausgedrückter, großer und tiefer Wahrheiten und unermeßlicher Bilder, wie in der ganz originellen, die kühnsten Zusammenstellungen begünstigenden Sprache findet. Am sichtbarsten lähmte dieser, unsrem Dichter nicht nur innerlich vom Schöpfer, sondern jetzt auch äußerlich beigegeben Reflexionsgeist seine Produktionskraft, durch die unaufhörliche Wiederholung und Anwendung der idealistischen Formel Kants, daß der Idee keine Erfahrung und keine Natur jemals angemessen sey. – Schon lange seitwärts stehend, die Arme verschränkt, und mit unmuthigem Blicke sah deßwegen auch der andere Lebensbegleiter, den das Geschick unsrem großen Dichter aufgespart hatte, sah Göthe , welcher, durch eine seltene Vereinigung geistiger Anlagen, zugleich der gesunde Menschenverstand und der poetische Naturgeist unserer Literatur war, diesem transscendentalen Treiben zu. Wir müssen ihn selbst erzählen hören. Morphologie, Bd. I, Heft 1, S. 90-96. »Die Kant'sche Philosophie,« sagt Göthe, »welche das Subjekt so hoch erhebt, indem sie es einzuengen scheint, hatte Schiller mit Freuden in sich aufgenommen; sie entwickelte das Außerordentliche, was die Natur in sein Wesen gelegt; und er, im höchsten Gefühle der Freiheit und Selbstbestimmung, war undankbar gegen die große Mutter, die ihn gewiß nicht stiefmütterlich behandelte. Anstatt sie selbstständig, lebendig, vom Tiefsten bis zum Höchsten gesetzlich hervorbringend zu betrachten, nahm er sie von der Seite einiger empirischen menschlichen Natürlichkeiten. Gewisse harte Stellen (in »Anmuth und Würde«) sogar konnte ich direkt auf mich deuten; sie zeigten mein Glaubensbekenntniß in einem falschen Lichte; dabei fühlte ich, es sey noch schlimmer, wenn es ohne Beziehung auf mich gesagt worden; denn die ungeheure Kluft zwischen unsern Denkweisen klaffte nur desto entschiedener.« »An keine Vereinigung war zu denken, selbst das milde Zureden eines Dalberg, der Schillern nach Würden zu ehren verstand, blieb fruchtlos, ja, meine Gründe, die ich jeder Vereinigung entgegensetzte, waren schwer zu widerlegen. Niemand konnte läugnen, daß zwischen zwei Geistesantipoden mehr als ein Erddiameter die Scheidung mache, da sie denn beiderseits als Pole gelten mögen, aber eben deßwegen nicht in eins zusammenfallen können.« So dachte Göthe schon seit 1788. Auch als Schiller nach Jena gezogen war, hatte er ihn dort lange Zeit nicht gesehen. Erst in den periodischen Sitzungen einer naturforschenden Gesellschaft, welche Batsch gegründet, fand er einstmals Schillern, und der Zufall wollte, daß beide zugleich herausgingen. »Ein Gespräch knüpfte sich an,« fährt Göthe fort, »er schien an dem Vorgetragenen Theil zu nehmen, bemerkte aber sehr verständig und einsichtig, und mir sehr willkommen, wie eine so zerstückelte Art die Natur zu behandeln, den Laien, der sich gern darauf einließe, keineswegs anmuthen könne.« »Ich erwiederte darauf, daß sie den Eingeweihten selbst vielleicht unheimlich bleibe, und daß es doch wohl noch eine andere Weise geben könne, die Natur nicht gesondert und vereinzelt vorzunehmen, sondern sie wirklich und lebendig, aus dem Ganzen in die Theile strebend darzustellen. Er wünschte hierüber aufgeklärt zu seyn, verbarg aber seine Zweifel nicht; er konnte nicht eingestehen, daß ein Solches, wie ich behauptete, schon aus der Erfahrung hervorgehe.« »Wir gelangten zu seinem Hause, das Gespräch lockte mich hinein, da trug ich die Metamorphose der Pflanzen (Göthe meint seine physiologisch-botanische Theorie) lebhaft vor, und ließ, mit manchen charakteristischen Federstrichen, eine symbolische Pflanze vor seinen Augen entstehen. Er nahm und schaute das Alles mit großer Theilnahme, mit entschiedener Fassungskraft; als ich aber geendet, schüttelte er den Kopf und sagte: das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee! Ich stutzte, verdrießlich einigermaßen: denn der Punkt, der uns trennte, war dadurch aufs strengste bezeichnet. Die Behauptung aus Anmuth und Würde fiel mir wieder ein, der alte Groll wollte sich regen; ich nahm mich aber zusammen und versetzte: das kann mir sehr lieb seyn, daß ich Ideen habe, ohne es zu wissen, und sie sogar mit Augen sehe.« »Schiller, der viel mehr Lebensklugheit und Lebensart hatte, als ich (? ?), und mich auch wegen der Horen, die er herauszugeben im Begriffe stand, mehr anzuziehen als abzustoßen gedachte, erwiederte darauf als ein gebildeter Kantianer, und als aus meinem hartnäckigen Realismus mancher Anlaß zu lebhaftem Widerspruch entstand, so ward viel gekämpft und dann Stillstand gemacht; keiner von beiden konnte sich für den Sieger halten, beide hielten sich für unüberwindlich.« Noch im späten Alter nannte Göthe die Zeit, wo Schiller mit Humboldt briefwechselte, wo »ein so außerordentlich begabter Mensch sich mit philosophischen Denkweisen herumquälte, die ihm nichts helfen konnten,« eine unselige. Eckermann I, 88. Indessen war der erste Schritt gethan. »Schillers Anziehungskraft war groß,« fährt Göthe in jener ersten Erzählung fort; »er hielt alle fest, die sich ihm näherten; ich nahm Theil an seinen Absichten und versprach zu den Horen manches, was bei mir verborgen lag, herauszugeben; seine Gattin, die ich von Kindheit auf zu lieben und zu schätzen gewohnt war, trug das Ihrige bei zu einem dauernden Verständniß; alle beiderseitigen Freunde waren froh: und so besiegelten wir durch den größten, vielleicht nie ganz zu schlichtenden Wettkampf zwischen Objekt und Subjekt, einen Bund, der ununterbrochen gedauert und für uns und Andere manches Gute gewirkt hat.« Wie oft Schiller diesen Bund pries und segnete, werden wir in der Folge sehen. Aber auch Göthe sah, lange nach Schillers Tode, mit Rührung und Dankbarkeit darauf zurück. »Ich weiß wirklich nicht,« schreibt er an einen Freund, Briefwechsel zwischen Göthe und Schultz, Bonn 1836. S. 26. »was ohne die Schiller'sche Anregung aus mir geworden wäre. Der Briefwechsel giebt davon merkwürdiges Zeugniß. Meyer war schon wieder nach Italien gegangen, und meine Absicht war, ihm 1797 zu folgen. Aber die Freundschaft zu Schiller, die Theilnahme an seinem Dichten, Trachten und Unternehmen hielt mich, oder ließ mich vielmehr freudiger zurückkehren, als ich, bis in die Schweiz gelangt, das Kriegsgetümmel bis über die Alpen näher gewahr wurde. Hätte es ihm nicht an Manuscript zu den Horen und Musenalmanachen gefehlt, ich hätte die Unterhaltungen der Ausgewanderten nicht geschrieben, den Cellini nicht übersetzt, ich hätte die sämmtlichen Lieder und Balladen, wie sie die Musenalmanache geben, nicht verfaßt; die Elegien wären wenigstens damals nicht gedruckt worden, die Xenien hätten nicht gesummt, und im Allgemeinen wie im Besondern wäre gar Manches anders geblieben.« Die Gründung der Horen. Der Bund mit Göthe geschlossen. 1794. Diese Worte Göthe's haben uns von selbst auf die Horen geführt, und wir müssen nun ein paar Schritte rückwärts machen, und die Genesis unsres Dioskurenbundes auch von Schiller'scher Seite feststellen. Schiller war, wie wir aus der Erzählung seiner Schwägerin wissen, aus Schwaben nach Jena zurückgekehrt, voll von dem entworfenen und nun reif gewordenen Plane, die besten Schriftsteller Deutschlands zu einer Zeitschrift zu vereinigen, die Alles übertreffen sollte, was jemals von dieser Gattung existirt hatte. Die Thalia war mit dem Jahrgange 1793 geendet worden, für das neue Journal in Cotta ein unternehmender Verleger gefunden. Während Abends vertraute Freundschaft, in lebendigem Ideenwechsel, ihm das Leben anmuthig und reich an mannigfaltigen Blüthen des Geistes machte, und die Zeit oft bis spät in die Nacht den Freunden – Wilhelm v. Humboldt mit seiner Frau hielt sich jetzt eben in Jena auf – unter philosophischen und ästhetischen Gesprächen verstrich, wurden den Tag über nach allen Weltgegenden Briefe auf Werbung für die Horen ausgesandt. Diese Zeitschrift sollte laut ihrer Ankündigung eine literarische Association der vorzüglichsten Schriftsteller der Nation bilden An Kant, Garve, Klopstock, Göthe, Herder, Engel, Gotter, I. H. Jakobi, Matthisson ward gleichzeitig geschrieben; Pfeffel, Fr. Schulz, Schütz, Hufeland, Schlegel, Genz, der Coadjutor und Andere waren auch dabei, Fichte und Woltmann hatten sich mit dem Herausgeber aufs genaueste verbunden. und das bisher getheilte Publikum vereinigen, sie sollte sich über Alles verbreiten, was mit Geschmack und wissenschaftlichem Geiste behandelt werden kann, und also sowohl philosophischen Untersuchungen, als poetischen und historischen Darstellungen offenstehen. Nur strenge Gelehrsamkeit, Staatsreligion und Politik sollten ausgeschlossen seyn. Das Blatt wollte sich der schönen Welt zum Unterricht und zur Bildung, der gelehrten zu einer freien Forschung der Wahrheit und zu einem fruchtbaren Umtausche der Ideen widmen. Bemüht, die Wissenschaft selbst durch den innern Gehalt zu bereichern, hoffte man zugleich den Kreis der Leser durch die Form erweitert zu sehen. Mit solcher Ankündigung nun wagte der Unternehmer sich auch in der nächsten Nähe, nachdem er sich vorläufig mit Fichte, Humboldt und Woltmann zur Herausgabe vereinigt hatte, an den großen Göthe und schrieb ihm am 13. Juni 1794: »Beiliegendes Blatt enthält den Wunsch einer Sie unbegränzt hochschätzenden Gesellschaft, die Zeitschrift, von der die Rede ist, mit Ihren Beiträgen zu beehren, über deren Rang und Werth nur Eine Stimme unter uns seyn kann. Der Entschluß, diese Unternehmung durch Ihren Beitritt zu unterstützen, wird für den glücklichen Erfolg derselben entscheidend seyn, und mit großer Bereitwilligkeit unterwerfen wir uns allen Bedingungen, unter welchen Sie uns denselben zusagen wollen ... Je größer und näher der Antheil ist, dessen Sie unsre Unternehmungen würdigen, desto mehr wird der Werth derselben bei demjenigen Publikum steigen, dessen Beifall uns der wichtigste ist.« Auf diese, auch in der Form sehr ehrerbietig vorgebrachte Einladung erwiederte Göthe unterm 24. Juni ruhig, aber freundlich: »Euer Wohlgeboren eröffnen mir eine doppelt angenehme Aussicht, sowohl auf die Zeitschrift, welche Sie herauszugeben gedenken, als auf die Theilnahme, zu der Sie mich einladen. Ich werde mit Freuden und mit ganzem Herzen von der Gesellschaft seyn.« Was er Zweckmäßiges ungedruckt besitzt, theilt er gerne mit; manches ins Stocken Gerathene, hofft er, »wird eine nähere Verbindung mit so wackern Männern wieder in einen lebhaften Gang bringen.« Er erwartet eine interessante Unterhaltung davon, sich über die Grundsätze zu vereinigen, nach welchen man die eingesendeten Schriften zu beurtheilen hat, so wie über Gehalt und Form zu wachen, um diese Zeitschrift vor andern auszuzeichnen, und sie bei ihren Vorzügen wenigstens eine Reihe von Jahren zu erhalten. Endlich schließt er mit der Hoffnung, bald mündlich darüber sprechen zu können. An demselben Tage, an dem er sich Göthen genaht, wagte sich Schiller mit einem Briefe auch an den hohen Meister Kant. Hier fügte er der Einladung zur Theilnahme und der Bitte, sich in einer freien Stunde der Herausgeber zu erinnern, seinen Dank für die Aufmerksamkeit bei, die der Philosoph seiner Abhandlung über Anmuth und Würde geschenkt, und für die Nachsicht, mit der er ihn über seine Zweifel zurecht gewiesen. Er versichert ihn, daß nur die Lebhaftigkeit seines Verlangens, die Resultate der Kant'schen Sittenlehre einem noch scheuen Publikum annehmlich zu machen, ihm auf einen Augenblick das Ansehen eines Gegners geben konnte, wozu er in der That sehr wenig Geschicklichkeit und noch weniger Neigung habe. Ueber diesen Streit zwischen Kant und Schiller lese man »Julius Müller, Die christliche Lehre von der Sünde,« I, S. 24. 25. bes. die Note. Kant hatte Schillern in der Rel. innerhalb der Gränzen etc. 1stes Stück S. 10 ff. geantwortet. Schließlich bittet er Kant, die Versicherung seines lebhaftesten Dankes für das wohlthätige Licht anzunehmen, das er seinem Geiste angezündet, eines Dankes, der, wie das Geschenk, auf das er sich gründet, ohne Gränzen und unvergänglich sey. Kant antwortete nicht so prompt wie Göthe; seine Erwiederung ließ bis zum 30. März des folgenden Jahres auf sich warten, sie war aber auch um so herzlicher. »Hochzuverehrender Herr,« schrieb er, »die Bekanntschaft und das literarische Verkehr mit einem gelehrten und talentvollen Mann, wie Sie, theuerster Freund, anzutreten und zu cultiviren, kann mir nicht anders als sehr erwünscht seyn. Ihr im vorigen Sommer mitgetheilter Plan zu einer Zeitschrift ist mir, wie auch nur kürzlich die zwei ersten Monatsstücke, richtig zu Händen gekommen. Die Briefe über die ästhetische Menschenerziehung finde ich vortrefflich und werde sie studiren, um Ihnen meine Gedanken hierüber dereinst mittheilen zu können.« Für seinen eigenen »geringen« Beitrag erbat sich aber Kant einen etwas langen Aufschub, »weil,« fügte er hinzu, »da Staats- und Religionsmaterien jetzt einer gewissen Handelssperre unterworfen sind, es aber außer diesen kaum noch, wenigstens in diesem Zeitpunkt, andere, die große Lesewelt interessirende Artikel giebt, man diesen Wetterwechsel noch eine Zeit lang beobachten muß, um sich klüglich in die Zeit zu schicken... Und nun, theuerster Mann! wünsche ich Ihren Talenten und guten Absichten angemessene Kräfte, Gesundheit und Lebensdauer, die Freundschaft mit eingerechnet, mit der Sie den beehren wollen, der jederzeit mit vollkommener Hochachtung ist Ihr ergebenster treuer Diener – I. Kant.« Göthe, der kälter geantwortet, hielt um so reichlicher Wort. Vier Wochen nach seinem ersten Briefe ließ er schon eine nützliche und angenehme Sendung an die »Jenaischen Freunde « abgehen, bat um Schillers freundschaftliches Andenken, und versicherte ihn, daß er sich auf eine öftere Auswechslung der Ideen mit ihm recht lebhaft freue. Unmittelbar vor oder nach diesen Zeilen war jenem auch ein Besuch Göthe's in Jena zu Theil geworden. Sie besprachen sich, wie Schillers Aeußerung gegen Körner lautet, »ein Langes und Breites über Kunst und Kunsttheorie, und theilten einander die Hauptideen mit, zu denen sie auf ganz verschiedenen Wegen gekommen waren. Zwischen diesen Ideen fand sich eine unerwartete Übereinstimmung, die um so interessanter war, weil sie wirklich aus der größten Verschiedenheit der Gesichtspunkte hervorging. Ein jeder konnte dem Andern etwas geben, was ihm fehlte, und etwas dafür empfangen. Seit dieser Zeit haben diese ausgestreuten Ideen bei Göthen Wurzel gefaßt, und er fühlt jetzt ein Bedürfniß, sich an mich anzuschließen, und den Weg, den er bisher allein und ohne Aufmunterung betrat, mit mir fortzusetzen. Ich freue mich sehr auf einen für mich so fruchtbaren Ideenwechsel.« Solche Hoffnungen gründeten sich hauptsächlich auf einen herzlichen Brief von Göthe, den Schiller nach einer kleinen Sommerreise zu seinem Freunde Körner nach Dresden in Jena antraf, und in welchem der ältere Dichter dem jungem mit Vertrauen entgegenkam. Schiller hatte sich nämlich dem von ihm bewunderten Genius kaum genähert, als er auch das Senkblei philosophischer Forschung in die Tiefen dieses Geistes warf. So hieß es denn in dem ersten, etwas keckeren Schreiben an Göthe vom 23. August: »Die neulichen Unterhaltungen mit Ihnen Ohne Zweifel gehörten dazu auch die von Göthe berichteten über die Morphologie. haben meine ganze Ideenmasse in Bewegung gebracht, denn sie betrafen einen Gegenstand, der mich seit etlichen Jahren lebhaft beschäftigt. Ueber so Manches, worüber ich mit mir selbst nicht recht einig werden konnte, hat die Anschauung Ihres Geistes, (denn so muß ich den Totaleindruck Ihrer Ideen auf mich nennen) ein unerwartetes Licht in mir angesteckt. Mir fehlte das Objekt, der Körper, zu mehreren spekulativen Ideen, und Sie brachten mich auf die Spur davon. Ihr beobachtender Blick, der so still und rein auf den Dingen ruht, setzt Sie nie in die Gefahr, auf den Abweg zu gerathen, in den sowohl die Spekulation als die willkürliche und bloß sich selbst gehorchende Einbildungskraft sich so leicht verirrt. In Ihrer richtigen Intuition liegt Alles und weit vollständiger, was die Analysis mühsam sucht ... Lange schon habe ich, obgleich aus ziemlicher Ferne, dem Gang Ihres Geistes zugesehen, und den Weg, den Sie sich vorgezeichnet haben, mit immer erneuter Bewunderung bemerkt. Sie suchen das Nothwendige in der Natur, aber Sie suchen es auf dem schwersten Wege, vor welchem jede schwächere Kraft sich wohl hüten wird. Sie nehmen die ganze Natur zusammen, um über das Einzelne Licht zu bekommen ... Von der einfachen Organisation steigen Sie, Schritt vor Schritt, zu der mehr verwickelten hinauf, um endlich die verwickeltste von Allen, den Menschen, genetisch aus den Materialien des ganzen Naturgebäudes zu erbauen. Dadurch, daß Sie ihn der Natur gleichsam nacherschaffen, suchen Sie in seine verborgene Technik einzudringen. Eine große und wahrhaft heldenmäßige Idee ... Sie können niemals gehofft haben, daß Ihr Leben zu einem solchen Ziele zureichen werde, aber einen solchen Weg auch nur einzuschlagen, ist mehr werth, als jeden andern zu endigen.« ... Schiller zeigt ihm dann, wie sehr ihm der Weg verkürzt wäre, wenn er als Grieche oder nur als Italiener von der Wiege an mit einer auserlesenen Natur und idealisirenden Kunst umgeben gewesen wäre; in eine nordische Schöpfung mit griechischem Geiste geworfen mußte Göthe die seiner Einbildungskraft schon aufgedrungene schlechtere Natur nach dem besseren Muster, das sein leitenden Begriffen gemäß bildender Geist sich erschuf, corrigiren. »So ungefähr,« fährt Schiller in seinem Briefe fort, »beurtheile ich den Gang Ihres Geistes; ob ich Recht habe, werden Sie selbst am besten wissen. Was Sie aber schwerlich wissen können (weil das Genie sich immer selbst das größte Geheimniß bleibt), ist die schöne Uebereinstimmung Ihres philosophischen Instinktes mit dem reinsten Resultate der spekulirenden Vernunft. Beim ersten Anblicke zwar scheint es, als könne es keine größeren Opposita geben als den spekulativen Geist, der von der Einheit, – und den intuitiven, der von der Mannigfaltigkeit ausgeht. Sucht aber der Erste mit keuschem und treuem Sinne die Erfahrung und sucht der letzte mit selbstthätiger freier Denkkraft das Gesetz, so kann es gar nicht fehlen, daß nicht beide einander auf halbem Wege begegnen werden.« Dieses philosophische Horoskop, das die Reflexion dem Genie stellte, erhielt Göthe gerade zu seinem Geburtstage. An dem Sonnenstrahle der liebevollsten Kritik schmolz das Eis des verschlossenen Weltmannes und verhärteten Realisten. Seine Antwort war eben jener herzliche Brief, der unsern Schiller so sehr erquickte. »Zu meinem Geburtstag,« schreibt Göthe am 27. August zurück, »hätte mir kein angenehmer Geschenk werden können als Ihr Brief, in welchem Sie mit freundschaftlicher Hand die Summe meiner Existenz ziehen und mich durch Ihre Theilnahme zu einem emsigem und lebhaftem Gebrauch meiner Kräfte aufmuntern. Reiner Genuß und wahrer Nutzen kann nur wechselseitig seyn, und ich freue mich, Ihnen gelegentlich zu entwickeln, was mir Ihre Unterhaltung gewährt hat, wie ich von jenen Tagen an auch eine Epoche rechne, und wie zufrieden ich bin, ohne sonderliche Aufmunterung auf meinem Wege fortgegangen zu seyn, da es nun scheint, als wenn wir, nach einem so unvermutheten Begegnen, mit einander fortwandern müßten. Ich habe den redlichen und so seltenen Ernst, der in Allem erscheint, was Sie geschrieben und gethan haben, immer zu schätzen gewußt, und ich darf nunmehr Anspruch machen, durch Sie selbst mit dem Gange Ihres Geistes, besonders in den letzten Jahren, bekannt zu werden. Haben wir uns wechselseitig die Punkte klar gemacht, wohin wir gegenwärtig gelangt sind, so werden wir desto ununterbrochener gemeinschaftlich arbeiten können. Alles, was an und in mir ist, werde ich mit Freuden mittheilen. Denn da ich sehr lebhaft fühle, daß mein Unternehmen das Maß der menschlichen Kräfte und ihre irdische Dauer weit übersteigt, so möchte ich Manches bei Ihnen deponiren, und dadurch nicht allein unterhalten, sondern auch beleben.« Kaum drei Tage später sandte Göthe Blätter, »die er nur einem Freunde schicken darf, von dem er hoffen kann, daß er ihm entgegenkomme,« und nachdem ihm Schiller durch eine neue Parallele, die er zwischen ihren beiden Köpfen sehr zu Gunsten seines genialen Freundes zieht, gedankt, und »dem Königreiche, das jener zu regieren hat, seine nur etwas zahlreiche Familie von Begriffen« gegenüberstellt, »die er herzlich gern zu einer kleinen Welt erweitern möchte,« wird er von Göthe am 4. September schon ganz freundlich nach Weimar eingeladen. »Nächste Woche geht der Hof nach Eisenach, und ich werde vierzehn Tage so allein und unabhängig seyn, als ich sobald nicht wieder vor mir sehe. Wollten Sie mich nicht in dieser Zeit besuchen? bei mir wohnen und bleiben? Sie würden jede Art von Arbeit ruhig vornehmen können. Wir besprächen uns in bequemen Stunden, sähen Freunde, die uns am ähnlichsten gesinnt wären, und würden nicht ohne Nutzen scheiden. Sie sollten ganz nach Ihrer Art und Weise leben, und sich wie zu Hause möglichst einrichten ... Vom 14. an würden Sie mich zu Ihrer Aufnahme bereit und ledig finden.« Die Antwort Schillers, in welcher er mit Freuden die gütige Einladung nach Weimar annahm, läßt uns einen traurigen Blick auf seinen zerrütteten Gesundheitszustand thun, den wir über der wachsenden Blüthe seines Geistes zu vergessen pflegen. Er bittet, in keinem Stücke der häuslichen Ordnung auf ihn zu rechnen, da ihn leider seine Krämpfe gewöhnlich nöthigen, den ganzen Morgen dem Schlafe zu widmen, weil sie ihm Nachts keine Ruhe lassen, und es ihm überhaupt nie so gut wird, auch den Tag über auf eine bestimmte Stunde sicher zählen zu dürfen. Göthe soll ihm deßwegen erlauben, ihn in seinem Haus als einen völlig Fremden zu betrachten, auf den nicht geachtet wird; er soll dadurch, daß Schiller sich ganz isolirt, diesen der Verlegenheit entziehen, jemand Anders von seinem Befinden abhängen zu lassen. »Die Ordnung,« schreibt er, »die jedem andern Menschen wohl macht, ist mein gefährlichster Feind, denn ich darf nur in einer bestimmten Zeit etwas Bestimmtes vornehmen müssen , so bin ich sicher, daß es mir nicht möglich seyn wird.« Wirklich war sein Körper damals hinfällig und einem Schatten ähnlich. Als Göthe und Heinrich Meyer einst im sogenannten Paradiese bei Jena dem Spazierenden begegneten, schien ihnen sein Gesicht dem Bilde des Gekreuzigten zu gleichen, und der Geheimerath äußerte nachher, er glaube, daß Schiller keine vierzehn Tage mehr leben werde. Hoffm. II, 3, nach Böttiger und Eckermann. Der letztere läßt aber durch einen komischen Druckfehler (II, 335) unsern Schiller aus Schweden statt aus Schwaben zurückkehren. Göthe's freundlichem und liebenswürdigem Einfluß auf unsers Dichters Lebensweise verdankten, nach der Versicherung seiner Biographin, Fr. v. Wolz. II, 117 f. wörtlich. seine Familie und seine Freunde es wirklich, daß dieser wieder mehr Vertrauen zu seiner Gesundheit gewann, und sich regelmäßiger dem Schlafe und der gewöhnlichen Ordnung des Tages, gegen welche wir ihn so eben protestiren hörten, überließ. Die Freude an der Unterhaltung mit Göthe bewog ihn jetzt öfter zu einem wohlthätigen Ausfluge nach Weimar, und die anmuthige scherzhafte Weise, mit welcher der Freund den Eigenheiten des krankhaften Zustandes bald auswich, bald nachgab, diente oft, diesen zu beseitigen oder zu mildern. Zu dem ersten Besuche in Weimar wurde der Dichter von Humboldt begleitet. Er las hier Göthen seine Abhandlung vom Erhabenen und die Recension über Matthisson vor. Göthe zeigte seine Sammlungen. Schiller vertiefte sich in die Anschauung des außerordentlichen Mannes. Die Fortführung der Horen. 1794 bis 1798 Bei seiner Rückkehr nach Jena am Ende Septembers, als er eben die Ideen zu entwirren sich Zeit nehmen wollte, die Göthe wieder in ihm angeregt hatte, und den Aufgang dieser Aussaat abwarten, fand er einen Brief ihres Verlegers aus Stuttgart, der voll Eifers und Entschlossenheit war, das große Werk der Horen bald zu beginnen. Schiller hatte ihm absichtlich noch einmal alle Schwierigkeiten und mögliche Gefahren dieses Unternehmens vorgestellt; Cotta fand aber, nach Erwägung aller Umstände, daß keine Unternehmung versprechender seyn könne, und glaubte eine genaue Abrechnung mit seinen Kräften gehalten zu haben. Auf seine unermüdete Thätigkeit in Verbreitung des Journals, so wie auf seine Pünktlichkeit im Bezahlen durften die Freunde zählen. Er erbat sich für seinen Associé, einen jungen Gelehrten, »der sich Zahn nennt, und zu der Handelscompagnie in Calw gehört,« S. Buch II, S. 395 f. eine consultative Stimme im Ausschusse der Societät, welche Schiller im Interesse des Journals selbst für zugestehlich hielt, und auch Göthe einräumte. Nach vierzehntägiger Conferenz fanden sich die beiden edeln Freunde, Schiller und Göthe, über die Prinzipien einig; die Kreise ihres Empfindens, Denkens und Wirkens coincidirten theils, theils berührten sie sich; »daraus,« schreibt Göthe am 1. Okt., »wird sich für Beide gar mancherlei Gutes ergeben.« Er fuhr fort für die Horen zu denken, und hatte angefangen für sie zu arbeiten; besonders sann er auf Vehikel und Masken, wodurch und unter welchen sie dem Publikum Manches zuschieben könnten. Zum Redakteur en Chef wurde Schiller dadurch erhoben, daß er alle Expeditionen allein zu unterschreiben hatte. Dennoch hatten Herausgeber und Verleger die Rechnung, wie man sagt, ohne den Wirth gemacht. Schiller wußte nicht, wie viele Vorbereitungen und Vorräthe zur immer gleichen lockenden Ausstattung einer Zeitschrift gehören; häufiger war Ebbe als Fluth; »Was kann heiterer seyn, als die Briefe (zwischen Schiller und Göthe) mit der pompösen Ankündigung der Horen anfangen zu sehen, und bald darauf Redaktion und Theilnehmer ängstlich um Manuskript verlegen.« Göthe an Schultz, bei Hoffm. III, 283. man mußte sich nicht selten zu Lückenbüßern, zu Aufsätzen entschließen, die in den öffentlich verkündigten Plan des Journals nicht ganz paßten. Auch das Publikum zeigte sich weit kaltsinniger und unempfänglicher, als sie sich's gedacht hatten, und bald klagte der Verleger über Mangel an Absatz. So mußten sich die Dichter mit dem Gebrauche von allerlei Mittelchen beflecken, welche zu ihrer sonstigen Würde, insbesondere zu Schillers streng sittlichen Grundsätzen, nicht recht passen wollten. Das folgende aus »Chr. Gottfr. Schütz, Darstellung seines Lebens (?).« II, 419; bei Hoffmeister. Es wurde mit Schütz, dem berühmten Herausgeber der allgemeinen Literaturzeitung, die Abrede getroffen, daß alle drei Monate, und vom ersten Stücke des ersten Jahrganges schon in der ersten Woche des Januars 1795, eine weitläufige Recension der neuen Monatschrift, bezahlt von Cotta und verfaßt von Mitgliedern der Gesellschaft, erscheinen sollte. Die Anzeige sollte, nach Schillers brieflicher Verhandlung, so vortheilhaft, als mit einer strengen Gerechtigkeit bestehen kann, geschehen, und anfangs war es auf zwölf jährliche Beurtheilungen dieser Art abgesehen. Nur sollte – so viel Schamgefühl hatte man noch – der Recensent eines Stückes, an diesem bestimmten Stücke nicht mitgearbeitet haben, und überhaupt sollte ein anständiges Verfahren beobachtet werden. Der Wunsch, die Zeitschrift emporzubringen, hatte Schillers sonst so gehorsames Gewissen ganz übertäubt. »Cotta wird die Kosten der Recensionen tragen, und die Recensenten werden Mitglieder unserer Societät seyn,« schreibt er, quasi re bene gesta , an Göthe am 6. Dezember; »wir können also so weitläufig seyn als wir wollen, und loben wollen wir uns nicht für die lange Weile, da man dem Publikum doch Alles vormachen muß.« Von einer solchen bestellten Anzeige sagt dann Schiller zu Göthe, der Haruspex zum Kollegen, lachend (28. Jan. 1795): »Endlich habe ich die merkwürdige Recension der Horen von J. im Manuskript gelesen. Für unsern Zweck ist sie ganz gut, und um vieles besser, als für unfern Geschmack ... Gegen mich hatte er einiges auf dem Herzen, was er mir nicht zeigen wollte, um keiner Collusion sich schuldig zu machen. Es soll mir lieb seyn, wenn er dadurch auf eine geschickte Art den Ruf der Unparteilichkeit behauptet.« Bald ging Schiller noch weiter. Nicht nur die entschiedensten Mitarbeiter, wie z. B. der jüngere Schlegel, recensirten die Horen, sondern er selbst arbeitete einiges an der großen Hauptausposaunung, die zu Ende des Jahres 1795 veranstaltet wurde, eine Recension, die er lachend »eine rechte Harlekinsjacke« nannte. Wenn das Journal nicht, wie gehofft worden war, gedieh und aufgenommen wurde, wenn wir den Seufzer hören müssen, daß die Horen in Berlin kein besonderes Glück machen, so kann man sich bei solchen Umtrieben einigermaßen über das Mißlingen trösten, und man empfindet neben dem Bedauern eine gerechte Schadenfreude, daß auf den fröhlichen »Advent der Horen,« welche am 24. Januar 1795 im ersten gedruckte» Hefte zu Jena einliefen, Schiller an Göthe I, 101. sich bald mehr als Eine Leidenswoche einstellte, und daß Göthe noch dreißig Jahre später seufzte: »Was habe ich mit Schiller an den Horen und Musenalmanachen nicht für Zeit verschwendet! Ich kann nicht ohne Verdruß an jene Unternehmungen zurückdenken, wobei die Welt uns mißbrauchte,« Bei Eckermann I, 172 f. – und wir die Welt, hätte er hinzusetzen dürfen. Die Nemesis stellte sich gar zeitig ein. Anfangs waren so viele Bestellungen gemacht worden, daß Cotta sich einen recht großen Absatz versprach; aber im dritten Jahre hatte er kaum die Kosten wieder, und wollte sie zwar auch noch das Jahr 1798 über vegetiren lassen, Schiller jedoch sah »keine entfernte Möglichkeit,« sie fortzusetzen, weil es ganz und gar an Mitarbeitern fehlte, auf die man sich verlassen konnte. Er hatte, nach seinem eigenen Geständnisse, ohne eigentlichen reellen Geldgewinn ewige Sorge und kleinliche Geschäfte bei dieser Redaktion gehabt, und mußte sich endlich durch einen entschlossenen Schritt davon befreien. »Eben habe ich,« schreibt er daher mit Laune an seinen Freund Göthe am 26. Januar 1798, »das Todesurtheil der drei Göttinnen Gunomia, Dike und Irene förmlich unterschrieben. Weihen Sie diesen edeln Todten eine fromme, christliche Thräne. Die Kondolenz aber wird verbeten.« Die Freunde beschlossen beim Aufhören keinen Eclat zu machen, sondern, da sich die Erscheinung des zwölften Stücks 1797 in langsamem Todeskampfe ohnehin bis in den März verzögerte, die Guten von selbst einschlafen zu lassen. »Sonst hätten wir,« setzt Schiller scherzend bei, »in dieses zwölfte Stück einen tollen politisch-religiösen Aufsatz können setzen lassen, der ein Verbot der Hören veranlaßt hätte; und wenn Sie mir einen solchen wüßten, so ist noch Platz dafür.« Schillers Aufsätze für die Horen. 1794 bis 1796 Uebrigens verdankte Deutschland dieser Zeitschrift die gediegensten Aufsätze Schillers, die seinen Uebergang von der Philosophie durch die Aesthetik zur Poesie bezeichnen. In der neuen Thalia wären (1792 und 1793) schon die Abhandlungen »über verschiedene ästhetische Gegenstände,« »über den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen,« »über die tragische Kunst,« »über Anmuth und Würde,« »über das Pathetische,« erschiene». In den Hören fuhr er auf diesem Wege fort. Dieselben brachten nacheinander die »Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts« und »über schmelzende Schönheit« (dritte Abtheilung der Briefe), die Abhandlung »von den nochwendigen Gränzen des Schönen,« über »die Gefahr ästhetischer Sitten,« »über das Naive,« »die sentimentalischen Dichter,« (beides zusammen später »über naive und sentimentalische Dichtung« betitelt), »über den moralischen Nutzen ästhetischer Sitten.« Die Beurtheilungen von Göthe's Egmont, Bürgers und Matthissons Gedichten, sowie die Gedanken »über den Gebrauch des Gemeinen und Niedrigen in der Kunst,« erschienen theils früher, theils später in der allgemeinen Literaturzeitung. Hoffmeister hat diese Schriften in ihrem Zusammenhange durch einen gründlichen Ueberblick beleuchtet, und insbesondere die ästhetischen Briefe sorgfältig zergliedert. III, 21–46. 65–98. 98–123. Er glaubt mit Recht, daß unsere ganze deutsche Literatur nichts aufzuweisen habe, was mit den neun ersten jener Briefe verglichen werden könnte. Diesen Eindruck machten sie, wie er bemerkt, auch auf Göthe. »Das mir übersandte Manuscript,« sagt sein Brief an Schiller vom 26. Okt. 1794, »habe sich sogleich mit großem Vergnügen gelesen; ich schlürfte es auf Einen Zug hinunter. Wie uns ein köstlicher, unsrer Natur analoger Trank willig hinunterschleicht, und auf der Zunge schon durch gute Stimmung des Nervensystems seine heilsame Wirkung zeigt, so waren mir diese Briefe angenehm und wohlthätig; und wie sollte es anders seyn, da ich das, was ich für Recht seit langer Zeit erkannte, was ich theils lobte, theils zu loben wünschte, auf eine so zusammenhängende und edle Weise vorgetragen fand!« Er behielt sie noch einige Tage, um sie mit einem Freunde nochmals zu genießen. Ja, er fühlte sich eigentlich von nun an Eins mit Schiller. »Wir wollen,« sagt er, »getrost und unverrückt so fort leben und wirken, uns in unserm Seyn und Wollen als ein Ganzes denken, um unser Stückwerk nur einigermaßen vollständig zu machen. «Als er sie zum zweitenmale las, fand er nicht nur, wie das erstemal, völlige Uebereinstimmung mit seiner Denkweise, sondern er beobachtete sie auch in praktischem Sinne genau, ob er nicht etwas fände, was ihn als handelnden Menschen von seinem Wege ableiten könnte; aber auch da fand er sich nur gestärkt und gefördert. Da wir somit diese Briefe als den Lebenscodex eines großen Geisterpaars ansehen dürfen, so können wir nur mit Mühe der Versuchung widerstehen, unsern Zeitgenossen einige weitere Züge dieses »Trankes,« von dem wir ihnen schon im zweiten Buche einen Vorschmack gegeben haben, zuzutrinken, um sie zum Genusse eines lange nicht genug besuchten Heilquelles einzuladen. Aber der Umfang dieser Schrift erlaubt es nicht, und wir verweisen die Leser auf die Quelle selbst, oder doch auf des genannten Biographen übersichtliche Auszüge. Von ihm entlehnen wir auch die Bemerkung, daß diese Briefe überhaupt, so vortrefflich sie sind, von allem eher handeln als von der Erziehung des Menschengeschlechtes. Die Einleitung enthält ein Gemälde der Verwilderung der niedern, der Erschlaffung der civilisirten Klassen der menschlichen Gesellschaft, und läßt dann die moderne Zeit vor unsern Augen entstehen, in welcher nur die Gattung gewinnt, der Einzelne aber ihr Sklave und Opfer ist. Schiller tritt in ihnen als Rechtsanwalt der lebendigen Triebe der Willenskräfte gegen die einseitige Begriffsmäßigkeit der Vernunft auf, und verficht, was er in »Anmuth und Würde« gegen Kants Rigorismus geltend gemacht, gegen die Tendenz des Jahrhunderts. Das zureichende Mittel zur Veredlung jener vorhandenen Triebe, Gefühle und Willenskräfte sucht er dann, freilich mit einer Einseitigkeit anderer Art, in der Schönheit und Kunst, und bei dieser Gelegenheit porträtirte er den Künstler in Göthe. In der zweiten und dritten Abtheilung der Briefe stellte er sofort seine eigene in »Anmuth und Würde« versprochene Metaphysik des Schönen auf, und suchte namentlich im dritten Abschnitte der Schönheit eine feste Grundlage im menschlichen Gemüthe zu geben. Den größten Mangel in der ganzen Darstellung findet Hoffmeister, mit vollem Rechte, wie uns däucht, in der Uebergehung des religiösen Momentes, und eben deßwegen diese ästhetischen Ansichten, so ausgezeichnet sie in anderer Beziehung seyn mögen, im Mittelpunkte ihres Wesens doch nur kalt und todt. Der kleine Aufsatz über das Erhabene (1797) ist eine Fortsetzung dieser Briefe, und erst nach der Horenzeit entstanden; er zeigt, wie die ästhetische Erziehung erst durch den Hinzutritt des Erhabenen zur Schönheit vervollständigt werde, und welches Gewicht demselben, sowohl dem mathematisch als dem dynamisch Erhabenen, in Beziehung auf die Veredlung der Menschheit beizulegen sey. Auch er gehört zu dem Klarsten, was Schiller geschrieben. Ueber Schillers Styl als Prosaiker lese man Hoffmeister III, S. 88 ff., insbesondere S. 121 ff. »Wenn man ihn recht genießen will, m»ß man ihn laut lesen.« »Jedes Wort ist gewählt, jeder Satz hat einen wissenschaftlichen Hintergrund, und doch fließt der Vortrag leicht und frei von Anfang bis zu Ende.« Eine ganz neue Zugabe ist, wie der genannte Beurtheiler sie charakterisirt, die »tiefe und ergiebige« Ansicht, daß auch die Verwirrung in der äußern Natur und die Widersprüche in der Menschenwelt eine Quelle des Erhabenen für uns seyen. Freilich wird Schillers durch und durch Kantische Ansicht von der Unbegreiflichkeit der Weltgeschichte weder dem Philosophen unserer Zeit, noch dem Christen zusagen; der Aesthetiker verbaut sich hier den Gesichtskreis ganz auf dieselbe Weise, wie früher der Historiker gethan hat. Die Zergliederung der übrigen Aufsätze, welche der Theorie des Schönen angehören, überlassen wir, gedrängt durch den Raum, Schillers kritischem Biographen. Nur bei dem großen Denkmale seines dichterischen Forschergeistes »über naive und sentimentalische Dichtung« (vollendet im November 1795), sey es erlaubt, an der Hand dieses guten Führers, noch einen Augenblick zu verweilen. Vergl. Hoffm. II!, 61–93. In dem Briefwechsel mit Humboldt sehen wir diese Schrift gleichsam aus der Seelentiefe des Dichters allmählig auftauchen. Ihren ersten Ursprung weist Hoffmeister in den Zweifeln Schillers über die Zulässigkeit seiner eigenen ganzen Dichtungsweise nach. Dichten, wie die Griechen und Göthe, war ihm unmöglich. Ist nun seine Poesie dennoch eine ächte? Ist sein Bewußtseyn innerer Verwandtschaft mit den Griechen eine Lüge? Oder wie, wenn die alte Dichtung nicht die ausschließlich und einzig ächte Form wäre? Wenn es möglich wäre, seiner Dichtung eine rechtmäßige Stellung neben der griechischen zu verschaffen? Weicht doch nicht nur er, weichen doch alle modernen Dichter von den Griechen ab! Es ist in ihnen Etwas, das sie mit einander gemein haben, was ganz und gar nicht griechischer Art ist, und wodurch sie große Dinge ausrichten. Und dieses Etwas ist ein Vorzug, eine Realität und keine Schranke. Immerhin mögen manche, wie Göthe, eine Portion Griechheit beigemischt haben; diese Annäherung an den griechischen Geist wird doch nie Erreichung, sie nimmt vielmehr immer etwas von jenem modernen Wesen an. Gerade herausgesagt, ein Produkt ist immer ärmer an Geist , je mehr es Natur ist. Wie nun? Sollten die modernen Dichter ihr eigenthümliches Gebiet, das Gebiet des Geistes nicht behaupten dürfen, nicht das Ideal bearbeiten dürfen, anstatt der Wirklichkeit? Aus diesen Gedanken erwuchs jene berühmte Abhandlung, die in der Aesthetik Epoche machte, und von der auch Göthe zeugt: »der Begriff von classischer und romantischer Poesie, der jetzt über die ganze Welt geht und so viel Streit und Spaltungen verursacht, ist ursprünglich von mir und Schiller ausgegangen. Ich hatte in der Poesie die Maxime des objektiven Verfahrens, und wollte nur dieses gelten lassen. Schiller aber, der ganz subjektiv wirkte, hielt seine Art für die rechte, und, um sich gegen mich zu wehren, schrieb er den Aufsatz über naive und sentimentalische Dichtung. Er bewies mir, daß ich selber, wider Willen, romantisch sey, und meine Iphigenie, durch das Vorwalten der Empfindung, keineswegs so klassisch und im antiken Sinne sey, als man vielleicht glauben möchte. Die Schlegel ergriffen die Idee und trieben sie weiter, so daß sie sich denn jetzt über die ganze Welt ausgedehnt hat, und nun jedermann von Classicismus und Romanticismus redet, woran vor fünfzig Jahren Niemand dachte.« Göthe zu Eckermann am 21. März 1830. II, 203 f. Bei Hoffm. III, 63 f. Vergl. unsre Schrift Buch II, S. 378. Soviel über jene Schrift mag für unsern Zweck in dieser Biographie genügen. Leser, die sich genauer unterrichten möchten, finden nicht nur das ganze Baugerüste, sondern auch eine unparteiische und sogar strenge Kritik derselben, so wie der verwandten Abhandlungen, in Hoffmeisters gründlichem Werke. Die Lyrik der Horenzeit. Lebens- und Arbeitsweise des Dichters. 1794 bis 1795 Wer sich mit Schiller in diesen gedoppelten Schacht der Philosophie und der Aesthetik vertieft hat, dem wird bange für seine Schöpfungskraft und seine Poesie. Von einem geistreichen Zeitgenossen, dessen attische Erscheinung die Jetztwelt noch mit Liebe unter den Lebendigen sucht und findet, ist ganz neulich unser Dichter mit Pindar verglichen und Quintilians Schilderung des letztern auf ihn angewendet worden. Jakobs in dem Jubelprogramm auf seinen Collegen Fr. Kries (Gotha 2. Febr. l839. p. 39), wo es im zierlichsten Latein heißt: »Auf Schiller möchte ich anwenden, was Quintilian von Pindar rühmt, der die Hoheit seines Dichterschwunges, und die üppigste Fülle der Gedanken und Worte an ihm bewundert.« Auch das Bild, unter welchem uns Horaz den griechischen Hymnendichter malt, ist auf Schillern anwendbar. Seine Natur- und Dichterkraft gleicht, in den Werken seiner frühen Jugend vornämlich, nicht weniger jenem Bergstrome, der von Regengüssen über das gewohnte Ufer genährt, schäumend von den Höhen herabstürzt und mit tiefem Fall aus der Schlucht hervorbricht. Aber im Gebiete der Wissenschaft angelangt scheint auf einmal der Strom bis auf die Spur verloren. Zur Beängstigung der Augen, die jenem stolzen Dichterlaufe gefolgt sind, verschlingt seinen Strudel, wie den Alphéus, der Boden und sein suchender Trieb gräbt sich ein Bett unter der Erde. Schon scheint er ganz dem Abgrund anzugehören, als auf einmal das melodische Brausen sich wieder vernehmen läßt, und sein Wasserstrahl in einem Silberblicke von Liedern aus der Tiefe emporsprudelt. Mit einem Freudenrufe begrüßt der Leser die ersten Gedichte Schillers in den Horen, und mit einer fast ängstlichen Neugierde verfolgt er ihre Entstehungsgeschichte in den Briefwechseln des Dichters mit Humboldt und Göthe. Ehe wir jedoch dieser Entwicklung in angemessener Kürze folgen, mag die Lebens- und Arbeitsweise des Dichters hier an der schicklichsten Stelle beobachtet werden. Ein von Göthe hochgehaltener und vielleicht von ihm ausgerüsteter Berichterstatter erzählt uns von England herüber Thomas Carlyle, Leben Schillers, aus dem Englischen, eingeleitet von Göthe, Frankf. 1830. S. 183 f. »In Schillers Lebensweise zu Jena waren Einförmigkeit und Einfachheit die hervorstechendsten Eigenschaften; die einzige Ausschweifung, die er sich erlaubte, war sein Eifer für die Wissenschaften, eine Sünde, die er sich sein ganzes Leben lang am ersten zu Schulden kommen ließ. Viel hatte seine Gesundheit von seiner Gewohnheit, des Nachts zu arbeiten, gelitten; aber noch immer war der Reiz dieser Gewohnheit zu groß für seine Selbstverläugnung; und er konnte dieselbe nicht anders unterlassen, als bei heftigen Krankheitsanfällen. Das höchste Entzücken war für ihn jene schaffende Glut der Begeisterung, jener schöne Wahnsinn, welcher den Dichter zu einem neuen, edleren Geschöpfe macht, ihn in lichtere, mit Pracht und Schönheit geschmückte Regionen emporträgt, und alle seine Fähigkeiten durch das volle Bewußtseyn ihrer geübten Kraft ergötzt. Um dieß Vergnügen in seinem ganzen Umfange zu genießen, war Schillern zuletzt die Stille der Nacht, die einen gleich feierlichen Einfluß über die Gedanken wie über den Erd- und Luftkreis ausübt, Schon der Knabe Schiller hatte das Lied: »Nun ruhen alle Wälder,« in welchem der oben ausgesprochene Gedanke so malerisch ausgedrückt ist, besonders lieb gewonnen. S. Buch I, S. 25. S. unerläßlich geworden. Deßhalb pflegte er auch jetzt, wie in früherer Zeit, die gewöhnliche Ordnung der Dinge zu verkehren; bei Tage las er, erquickte sich an dem Anblick der Natur, unterhielt sich mündlich oder schriftlich mit Freunden; doch bei Nacht studirte er. Und da nur zu oft sein Körper ermattet und erschöpft war, gewöhnte er sich, ungeduldig über solche niedre Hindernisse, an schädliche Reizmittel, die wohl für den Augenblick Kraft verliehen, aber nur, um dieselbe schneller und sicherer aufzureiben.« An diese Schilderung mag sich die mündliche, ganz entsprechende Mittheilung von einem noch lebenden Augenzeugen anreihen. Ein Geschäft, das unsrem Schiller nicht weniger am Herzen lag, führte den Erzähler im Sommer 1795 nach Jena zu dem Dichter. Ehe er diesen noch aufgesucht, begegnet er auf dem Markte einem langen, langhalsigen Manne mit gesenktem Hier also wieder ein Zeugniß für die Neigung des Hauptes. Kopf, die Füße in Stulpenstiefel gesteckt, den Leib mit einem grauen Oberrock mehr behangen als bekleidet. Folge seiner Krankheit. Daß Schiller sich damals nicht mehr nachläßig trug, wissen wir aus dem Munde v. Hovens und seiner Schwägerin. Es war Schiller. Der Beruf des Fremden und sein Unternehmen hatten ihn bald in dessen Hause eingeführt und ihm den freundlichsten Empfang bereitet. Ihm erschien Schillers Organisation damals schon im Innersten angegriffen, und seine Lebensweise, die wenigstens nicht gründlich durch Göthes oben erwähnten wohlthätigen Einfluß geordnet worden war, ganz und gar nicht natürlich. Er stand sehr spät, oft erst gegen Mittag, zuweilen sogar erst Nachmittags vom Schlafe auf. Dann trank er, anstatt zu speisen, eine Tasse Chokolade, und arbeitete bis zum Abend, und, wenn er allein war, bis tief in die Nacht. Nicht selten aber empfing er auch Abends Gesellschaft bei sich zu Hause, und zwar die auserlesenste. Diese blieb beim einfachen Thee und Butterbrod, im lebendigsten Gespräche, oft bis gegen Mitternacht beisammen. Schiller nahm am geistigen Verkehre hier den lebhaftesten, aber immer höchst bescheidenen Antheil. Wenn dann die Gäste sich in sinkender Nacht verloren hatten, setzte er sich erst mit seiner Frau zu Tische und aß auf gut Schwäbisch zu Abend. Manchmal aber überfiel seine Natur auch mitten im Gespräche der Schlaf, und zwar ohne alle Vorboten von Schläfrigkeit; er sank im Stuhle plötzlich zusammen und mußte von den Seinigen schlafend zu Bette getragen werden. Ein solcher Abend ist dem Greise, der dieß aus den Erinnerungen junger Jahre berichtet, noch in besondrem Gedächtnisse. Es wurde an demselben in Schillers Abendzirkel gerade eine neue Erscheinung der Literatur lebhaft debattirt. Das waren Fichte's »Beiträge zur Berichtigung der Urtheile über die französische Revolution,« ein Buch, dessen Anonymität der Verfasser so streng respektirt wissen wollte, daß er einen Bücherverleiher, welcher der Schrift in seinem Kataloge Fichte's Namen beigesetzt hatte, sogar vor Gericht belangte. Diese Schrift erregte an Schillers Theetisch großen Streit, um welchen sich der Dichter, der keinen Stuhl genommen hatte, sondern bald da, bald dort in einer Ecke des Zimmers lehnte, nicht viel zu bekümmern schien. Unser Gewährsmann für diese Scene, damals ein junger Mann von 27 Jahren, stritt sich mit andern notabeln Schriftstellern Jena's besonders über das merkwürdige Kapitel des Buchs vom Recht eines Volkes zu einer Revolution. Er erlaubte sich gegen diejenigen, welche diese Ueberschrift und den ganzen Abschnitt in Schutz nahmen, die bescheidene Exception: ihm komme es lächerlich vor, hier von einem Rechte sprechen zu wollen. Eine Revolution sey einem Gewitter zu vergleichen; wenn dieß einmal sich zusammengezogen, werde Niemand fragen, ob dasselbe ein Recht gehabt habe, in ein Haus einzuschlagen, auf welchem sich kein Blitzableiter befand. Dieser aber sey bei heitrem Himmel anzubringen. Wer das Dach erst während des Wetters besteigen wollte, der könne sich nicht beklagen, wenn ihn der Blitz unter der Ausführung so verspäteter Vorsichtsmaßregeln treffe. Bei diesen Worten fühlte der Sprecher einen leichten Schlag auf der Schulter. Schiller war aus seiner Ecke hinzugetreten und sprach: »Der junge Mann da dürfte wohl so Unrecht nicht haben. Ich will mit Freund Fichte wirklich über jenes Kapitel expostuliren!« Ein andermal, und dieß war im Laufe des Tages und nicht in größerer Gesellschaft, trat Schiller mit einem bunt durchcorrigirten Concepte ins Zimmer. »Ich habe da etwas gemacht, es ist aber noch nichts Ganzes – ich weiß nicht, ob es etwas ist,« sprach er zu den Anwesenden. Und nun fing er an zu lesen: »Ein Regenstrom aus Felsenrissen, Er kommt mit Donners Ungestüm, Bergtrümmer folgen seinen Güssen, Und Eichen stürzen unter ihm – « Es waren die begeistertsten Strophen aus der »Macht des Gesanges.« Und hiermit wären wir wieder in der lyrischen Werkstätte des Dichters angelangt, und wollen einen Theil der Gespräche, die er mit seinen Geistesvertrauten über der Arbeit führte, belauschen. »Im ersten Jahre seiner Rückkehr nach Jena,« sagt W. v. Humboldt, Briefwechsel, Vorerinnerung S. 73. »beschäftigten ihn noch ausschließlich die ästhetischen Briefe und gelegentliche historische Arbeiten. Dann blühte die Poesie, zuerst nur in kleineren lyrischen und erzählenden Gedichten, ihm auf.« Die Horen und die fast gleichzeitige Unternehmung des Musenalmanachs, von dessen Herausgabe schon im Oktober 1794 zwischen Göthe und Schiller die Rede ist, spornten zu solcher frischen Aeußerung seiner Produktionskraft. Er hatte diese Kraft nach seiner reflektirenden Weise genau ins Auge gefaßt. Er fühlte, wie wir in einer Herzensergießung an seinen neuen Freund Göthe schon vom 31. August 1794 lesen, daß sein Verstand eigentlich mehr symbolisirend als intuitiv wirke, und glaubte so, als eine Zwitterart zwischen dem Begriff und der Anschauung, zwischen der Regel und der Empfindung, zwischen dem technischen Kopf und dem Genie zu schweben. »Dieß ist es,« sagt er, »was mir, besonders in frühern Jahren, sowohl auf dem Felde der Spekulation als der Dichtkunst ein ziemlich linkisches Aussehen gegeben; denn gewöhnlich übereilte mich der Poet, wo ich philosophiren sollte, und der philosophische Geist, wo ich dichten wollte... Kann ich dieser beiden Kräfte in so weit Meister werden, daß ich einer jeden durch meine Freiheit ihre Gränzen bestimmen kann, so erwartet mich noch ein schönes Loos; leider aber, nachdem ich meine moralischen Kräfte recht zu kennen und zu brauchen angefangen, droht eine Krankheit meine physischen zu untergraben. Eine große und allgemeine Geistesrevolution werde ich schwerlich Zeit haben, in mir zu vollenden, aber ich werde thun, was ich kann, und wenn endlich das Gebäude zusammenfällt, so habe ich doch vielleicht das Erhaltenswerthe aus dem Brande geflüchtet.« 1795. Mit so ernsten und leider gerechtfertigten Todesgedanken ging er an das lebensvollste Geschäft des Dichters, an die Liederpoesie. Den »ersten Ausritt ins Gebiet der Dichtkunst, nach einer so langen Pause,« wie Göthe sich ausdrückt, Briefw. Nr. 98. I, S. 210. unternahm Schiller im Sommer 1795, nachdem sich Humboldt ungemein neugierig gezeigt, wie er den Uebergang von der Metaphysik zur Poesie gemacht habe; das wunderbare Phänomen, daß seinem Kopfe beide Richtungen in einem so eminenten Grade eigenthümlich erscheinen, sey ohnehin schon an sich nicht leicht zu fassen. Die lyrischen Erstlinge dieser reifem Zeit waren »die Macht des Gesanges,« »der Tanz,« »der Pegasus,« »die Antike,« »der Weltverbesserer« und andere Epigramme, Eine Charakterisirung der Schiller'schen Epigrammenpoesie unternimmt Hoffmeister III, 179 ff., bes. 228 ff. endlich »das Reich der Schatten,« in der Sammlung seiner Gedichte »das Ideal und das Leben« genannt. Schiller selbst übersandte das letztere Gedicht diesem Freunde mit einer gewissen lächelnden Feierlichkeit und im vollen Bewußtseyn des Werthes. »Wenn Sie diesen Brief (vom 9. August) erhalten, liebster Freund, so entfernen Sie Alles, was profan ist, und lesen in geweihter Stille dieses Gedicht. Haben Sie es gelesen, so schließen Sie sich mit Ihrer Frau ein, und lesen es Ihr vor... Ich gestehe, daß ich nicht wenig mit mir zufrieden bin, und habe ich je die gute Meinung verdient, die Sie von mir haben, so ist es durch diese Arbeit.« Für den jetzt schon im Gange befindlichen Almanach war es ihm zu gewichtig. Doch wollte er auch für diesen, da er im Zuge sey, noch Einiges hinwerfen; »überhaupt bin ich,« schreibt er, »entschlossen, die nächsten zehen Monate nichts als Poeterei zu treiben.« Hatte schon die andern Gedichte Wilhelm v. Humboldt mit Bewunderung und Jubel aufgenommen, »die Macht des Gesanges« mit dem tiefsten Eindrucke; so schrieb er beim Empfange des Reichs der Schatten am 21. August: »Wie soll ich Ihnen für den unbeschreiblich hohen Genuß danken, den mir Ihr Gedicht gegeben hat. Es hat mich seit dem Tage, an dem ich es empfing, ganz besessen, und ich fühle lebhaft, daß es mich noch sehr lang und anhaltend beschäftigen wird: solch einen Umfang und solch eine Tiefe der Ideen enthält es, und so fruchtbar ist es, woran ich vorzüglich das Gepräge des Genies erkenne, selbst wieder neue Ideen zu wecken. Es zeichnet jeden Gedanken mit einer unübertrefflichen Klarheit hin, in dem Umriß eines jeden Bildes verräth sich die Meisterhand, und die Phantasie wird unwiderstehlich hingerissen, selbst aus ihrem Innern hervor zu schaffen, was Sie ihr vorzeichnen.« Hierauf verbreitet er sich in einer ausführlichen, bis ins Einzelnste gehenden Kritik über das Gedicht und seine Schönheiten. Auf den Coadjutor Dalberg, der auch den Tanz und andere »schöne Blumen seiner Dichtkunst« in diesen neuen Lieferungen bewunderte, machte das hohe Lehrgedicht denselben Eindruck: »In Ihrem Reich der Schatten,« schrieb er ihm, Fr. v. Wolz. II, 138 f. Aber das Datum »Erfurt 5. April 1795« kann nicht richtig seyn. »wohnen die guten Menschen in den besten Augenblicken des Lebens; aber Schillers hoher Genius ist der erste, der dieses Reich mit ätherischen Farben malte.« Die Masse verstand übrigens das Gedicht nicht; sie hielt es für eine Schilderung des Todtenreiches. Und noch immer ist es, der Natur der Sache nach, nur das geistige Eigenthum Weniger. Von Göthe besitzen wir keine Aeußerung über dasselbe. Fast jeden andern Dichter hätte Humboldts Lob wo nicht berauscht, doch im schon gewonnenen Selbstgefühle bestärkt. Aber der unbestechliche Schiller antwortet (21. August) nur so viel: »Ihre Briefe, lieber Freund, sind mir ein rechter Trost, und ob ich gleich von dem liebevollen Begriffe, den Sie sich von mir bilden, den Antheil abziehen muß, den Ihre Freundschaft daran hat, so dienten sie mir doch zu einer fröhlichen Ermunterung, deren ich weit öfter bedarf, als entraten kann. Der Wunsch und die Hoffnung, es Ihnen recht zu machen, hat mich auch bei diesen poetischen Arbeiten belebt und gestärkt, und wird es auch künftig thun. Uebrigens kenne ich nun bald meine Stärke sowohl, als meine Schranken im poetischen Felde. Diese letztere werden mir wohl das Dramatische verbieten , aber auf das Epische werde ich dafür ernstlicher losgehen, nicht auf die große Epopöe, versteht sich.« Mit solcher Demuth stand der größte deutsche Dramatiker – schon damals verhältnißmäßig nächst Göthe der größte – vor der gewaltigen Aufgabe, die jetzt seine Kunsterkenntniß an ihn stellte. Die Räuber, Kabale und Liebe, Fiesko, Don Carlos selbst – Alles betrachtete er als einen abgeschlagenen Sturm auf die Zinnen der dramatische» Poesie. Schon war der Wallenstein concipirt; die Sturmleiter in der Hand, stand der Krieger aufs Neue vor der Bastion, warf einen Blick hinauf und wollte verzagen. Kleinere Stücke, »Natur und Schule,« »das verschleierte Bild,« »die Theilung der Erde« und Aehnliches, auch viele Distichen, von Humboldt, Dalberg und Göthe fortwährend mit Liebe begrüßt, entstanden jetzt theils für die Horen, theils für den Almanach. Humboldt, den jene Aeußerungen ängstigen mochten, wünscht seinem Freund eine lebendigere, große Stadt an der Stelle von Jena zum Aufenthalt, er würde ihn gern unabhängiger sehen. Selbst die Hören ärgern ihn manchmal; dabei muß er ihn bewundern, daß er mitten in seiner Krankheit, die ihn von Zeit zu Zeit heimsuchte, eine so schöne und fruchtbare Geistesstimmung, wie sie seine Gedichte beweisen, sich bewahren kann! Bald darauf kam ihm Schillers bekanntes Lied »die Ideale« (So willst du treulos von mir scheiden –), zu Gesichte. So blind war doch der Freund nicht, daß er auch hier, wo die Poesie im Namen der Prosa sang und der »Beschäftigung« die Palme reichte, unbedingt gelobt hätte. »Das Gedicht hat nicht ganz den Effekt auf mich gemacht, als Ihre übrigen Stücke, und meine Frau hat mir dasselbe von sich gesagt.« Sonderbarer Weise behagte das Gedicht Göthe'n, wie denn er, Humboldt, Körner und Herder, jeder einen andern Liebling unter Schillers neuen Stücken hatte. Die Ideale vertheidigte Schiller gegen Humboldt ziemlich lebhaft, doch gestand er, daß das Lied zu subjektiv, zu individuell wahr sey, um als eigentliche Poesie beurtheilt werden zu können. Darauf entstanden im September »die Würde der Frauen,« »der Abend,« »Schlußgedicht,« sämmtlich von Humboldt bewundert und charakterisirt. Sie alle aber verdunkelte die im Oktober gedichtete »Elegie« (jetzt »der Spaziergang«) die auch auf Göthe'n, dem sie Schiller vorgelesen hatte, »sehr wirkte.« »Wohin man sich wendet,« sagt Humboldt, »wird man durch den Geist überrascht, der in diesem Stücke herrscht, aber vorzüglich stark wirkt das Leben, das dieß unbegreiflich schön organisirte Ganze beseelt. Ich gestehe offenherzig, daß unter allen Ihren Gedichten, ohne Ausnahme, dieß mich am meisten anzieht, und mein Inneres am lebendigsten und höchsten bewegt. Es stellt die unveränderliche Strebsamkeit der Menschen, der sicheren Unveränderlichkeit der Natur zur Seite, führt auf den wahren Gesichtspunkt, beide zu übersehen, und verknüpft somit alles Höchste, was cm Mensch zu denken vermag. Den ganzen großen Inhalt der Weltgeschichte, die Summe und den Gang alles menschlichen Beginnens, seine Erfolge, seine Gesetze und sein letztes Ziel, Alles umschließt es in wenigen, leicht zu übersehenden, und doch so wahren und erschöpfenden Bildern. Fast in keinem Ihrer übrigen Gedichte sind Stoff und Form so mit einander amalgamirt, erscheint Alles so durchaus als das freie Werk der Phantasie.« Göthe in seinem Briefwechsel mit Schiller läßt sich, bei seiner lakonischen Manier, nicht über das Einzelne heraus, über die Gesammtheit der neuern Produktionen Schillers fällt er jedoch ein sehr günstiges Urtheil. Nach einem Besuche bei Schiller und ohne Zweifel, nachdem er dessen Elegie angehört, schreibt er ihm (zwischen dem 3. und 10. Oktober): »Ihren Gedichten hab' ich auf meiner Rückkehr hauptsächlich nachgedacht; sie haben besondere Vorzüge, und ich möchte sagen, sie sind nun, wie ich sie vormals von Ihnen hoffte . Diese sonderbare Mischung von Anschauen und Abstraktion, die in Ihrer Natur ist, zeigt sich nun in vollkommenem Gleichgewicht, und alle übrigen poetischen Tugenden treten in schöner Ordnung auf. Mit Vergnügen werde ich sie gedruckt wieder finden, sie selbst wiederholt genießen, und den Genuß mit andern theilen.« Schiller selbst läugnete gegen Humboldt (29. Nov.) nicht, daß er sich auf die Elegie (den Spaziergang) am meisten zu gut thue. Das sicherste empirische Criterium von der wahren poetischen Güte eines Produkts däucht ihm dieses zu seyn, daß es die Stimmung, worin es gefällt, nicht erst abwartet, sondern hervorbringt, also in jeder Gemüthslage gefällt. »Und das ist mir,« sagt er, »noch mit keinem meiner Stücke begegnet, außer mit diesem. Ich muß oft den Gedanken an das Reich der Schatten, die Götter Griechenlands, die Würde der Frauen u. s. w. fliehen; auf die Elegie besinne ich mich immer mit Vergnügen, und mit keinem müssigen, sondern wirklich schöpferischen, denn sie bewegt meine Seele zum Hervorbringen und Bildern (?). (Ja; er will wohl sagen: Bilder produciren.) Der gleichförmige und ziemlich allgemein gute Eindruck dieses Gedichts auf die ungleichsten Gemüther ist ein zweiter Beweis. Personen sogar, deren Phantasie in den Bildern, die darin vorzüglich herrschen, seine Uebung hat, wie z. B. meine Schwiegermutter, sind auf eine ganz überraschende Weise davon bewegt worden. Herder, Göthe, Meyer, die Kalb, hierin Jena Hederich, den Sie auch kennen, sind Alle ganz ungewöhnlich davon ergriffen worden. Rechne ich Sie und Körner und Ihre Frau dazu, so bringe ich eine beinahe vollständige Repräsentation des Publikums heraus. Ich glaube deßwegen, daß, wenn es diesem Stücke an einem allgemeinen Beifall fehlt, bloß zufällige, selbst in den Personen, die es ungerührt läßt, zufällige Ursachen daran schuld sind. Mein eigenes Dichtertalent hat sich, wie Sie gewiß gefunden haben werden, in diesem Gedichte erweitert: noch in keinem ist der Gedanke selbst so poetisch gewesen und geblieben, in keinem hat das Gemüth so sehr als Eine Kraft gewirkt.« In's Einzelne des Baues übergehend, erklärt er sodann seinen Entschluß, für den Versbau so viel als möglich zu thun. »Ich bin hierin der roheste Empiriker, denn außer Moritz' kleiner Schrift über Prosodie erinnere ich mich auch gar nichts, selbst nicht auf Schulen, darüber gelesen zu haben. Besonders sind mir die Hexameter und Pentameter, die mich nie genug intercessirt hatten, ganz fremd in Rücksicht auf Theorie und Kritik. Deßwegen erschien auch auf die Xenien damals folgendes Antixenion das der Verfasser dieses Buchs nur ans mündlicher Tradition kennt: In Weimar und Jena macht man Hexameter wie der, Aber die Pentameter sind noch viel excellenter. Indessen glaube ich doch, daß die Empirie zuweilen gegen die Regel Recht hat.« Der erste Musenalmanach. 1795. Alle diese Thätigkeit war durch die Horen und den Almanach hervorgerufen. Der Plan zu dem letztem wurde von Schiller schon im Sommer 1794 entworfen und bei seinem Besuche in Weimar Göthen mitgetheilt. Im Oktober dieses Jahres hatte er auch schon einen jungen Buchhändler aus Neustrelitz, Herrn Michaelis (jetzt zu Tübingen als Professor emeritus lebend), gewonnen, und der Almanach sollte für 1796 zur Herbstmesse 1795 erscheinen. Die spätern Musenalmanache Schillers 1797 – 1801 kamen sämmtlich bei Cotta in Tübingen heraus. »Auf Ihre Güte,« schreibt er darüber (20. Okt. 1794) an Göthe, »zähle ich dabei sehr. Mir ist diese Entreprise, dem Geschäfte nach, eine sehr unbedeutende Vermehrung der Last, aber für meine ökonomischen Zwecke desto glücklicher, weil ich sie auch bei eine schwachen Gesundheit fortführen und dadurch meine Unabhängigkeit sichern kann.« Dieser Sache nahm sich Göthe sogleich an; er that schon jetzt den Vorschlag ein Büchelchen Epigramme ein- oder anzurücken. »Getrennt bedeuten sie nichts; wir würden aber wohl aus einigen Hunderten, die mitunter nicht producibel sind, doch eine Anzahl auswählen können, die sich aufeinander beziehen und ein Ganzes bilden. Das nächstemal daß wir zusammenkommen, sollen Sie die leichtfertige Brut im Neste beisammen sehen.« (26. Okt. 1794.) Damit sind aber nur erst Göthe'sche Distichen, auf »die schönen Bettinen und Lazerten« in Italien, und noch nicht die Xenien gemeint. Am 21. Mai des folgenden Jahres stellte sich nun der Almanachsverleger mit einem freundlichen Empfehlungsschreiben Schillers bei Göthe in Weimar. Schiller wünschte von seinem Freunde Beiträge von kleinen Gedichten, Romanzen und dergleichen, was Stoff zu Vignetten gäbe, die vielleicht Unger skizziren würde. Der Almanach sollte bei dem letztern elegant gedruckt werden. Im Michaelismesse 1795 erschien das Büchlein, dessen Druck Humboldt, von Tegel, seinem Landgute, aus, in Berlin besorgt zu haben scheint. Im December schickte der Musenalmanach Göthe'n durch Schiller ein kleines epigrammatisches Honorar. »Es wird nicht hinreichen die Zechinen zu ersetze», die über den Epigrammen daraufgegangen sind,« sagte er dabei lächelnd zu dem einstigen Wanderer durch Italien. Nach Humboldts Versicherung aus Berlin, um dieselbe Zeit, wurde der Almanach dort »entsetzlich gekauft,« und man fand ihn in allen Häusern. »Die Vernünftigen sind natürlich ganz und entschieden für ihn; aber dieser gibt es mir wenige. Bei den Uebrigen muß man sich begnügen, wenn sie seinen offenbaren Vorzug über seine Brüder anerkennen. – Unter Ihren Stücken höre ich die Ideale am meisten, den Tanz am wenigsten loben. An der Würde der Frauen hörte ich Mangel an eigentlichem Plan und Notwendigkeit des Zusammenhangs tadeln, in der Macht des Gesanges die letzten Strophen den ersten schlechterdings nachsetzen, und was des Geschwätzes mehr ist. « – Schiller rächte sich an diesem Geschwätz in einigen Xenien. Daß der Musenalmanach durch den schnellen und großen Absatz eine dauernde Unternehmung und Einnahme zu werden versprach, war unserem Dichter besonders deßwegen zu gönnen, weil er schon im Anfange des Jahres 1795 einen vortheilhaften Ruf nach Tübingen entschieden abgelehnt hatte. »Meine Landsleute,« heißt es in einem Briefe an Göthe vom 19. Febr., »haben mir die Ehre angethan, mich nach Tübingen zu vociren, wo man sich jetzt sehr mit Reformen zu beschäftigen scheint. Aber da ich doch einmal zum akademischen Lehrer unbrauchbar gemacht bin, so will ich lieber hier in Jena, wo ich gern bin und womöglich leben und sterben will, als irgend anderswo müssig gehen. Ich Hab' es also ausgeschlagen, und mache mir daraus kein Verdienst; denn meine Neigung entschied schon allein die ganze Sache, so daß ich gar nicht nöthig hatte, mich der Verbindlichkeiten zu erinnern, die ich unserm guten Herzog schuldig bin, und die ich ihm am liebsten vor allen andern schuldig seyn mag. Für meine Existenz glaube ich nichts besorgen zu dürfen, so lange ich noch einigermaßen die Feder führen kann; und so lasse ich den Himmel walten, der mich noch nie verlassen hat .« Schiller schwankt zwischen Epos und Drama. 1795. Im Herbste 1795 sehen wir unsern Dichter sinnend an einem Scheidewege seines großen Berufes stehen. Als die Elegie, die er selbst für die größte poetische That dieses Jahres erklärte, fertig war, da gedachte er, einem lange gehegten Wunsche nachgebend, sich in einer neuen Gattung zu versuchen, und eine romantische Erzählung, wozu er den rohen Stoff schon hatte, in Versen zu machen. Den Stoff bewältigen zu können hoffte er, scheute jedoch den große» Zeitaufwand, als ein Opfer, das, möglicher Weise für eine bloße Grille dargebracht, doch vielleicht zu groß wäre. Auf der andern Seite möchte er sogleich gern an seine »Maltheser« gehen, einen dramatischen Vorwurf, der sich ihm seit längerer Zeit neben dem Wallenstein dargeboten hatte. In den nächsten vier Monaten, vom December an gerechnet, sey er bei den Horen nicht besonders nöthig, könnte also sehr weit kommen, wo nicht ganz und gar mit jenem Trauerspiele fertig werden. Es sollte mit Chören verbunden seyn, und so knüpfte es sich schon eher an seine jetzige lyrische Stimmung an. Eine einfache heroische Handlung sollte den Inhalt bilden; und eben solche Charaktere, die zugleich lauter männliche wären; dabei wäre es Darstellung einer erhabenen Idee, wie er sie liebt. »Denken Sie, lieber Freund,« so schließt er seine Consultation Humboldts vom 5. October, »denken Sie noch einmal recht streng über mich nach, und schreiben mir dann Ihre Meinung. Poesie wird auf jeden Fall mein Geschäft seyn; die Frage ist also bloß, ob episch (im weiten Sinne des Worts) oder dramatisch ?« Ihm erwiderte der poetische Gewissensrath am 15. Oktober: »Es ist eine schwierige Aufgabe, liebster Freund, bei sich selbst zu entscheiden, ob der eigenthümliche Charakter Ihres Dichtungsvermögens mehr der dramatischen oder mehr der epischen Poesie angemessen ist. Zu allen Schwierigkeiten, die der Beantwortung jeder Frage dieser Art im Wege stehen, gesellt sich bei Ihnen noch die reiche Mannigfaltigkeit Ihres Genie's, dem Alles in so eminentem Grade zu gelingen scheint, und der zufällige Umstand, daß Ihre dramatischen Produkte aus einer so viel früheren und verschiedenen Periode Ihres Lebens sind. Da Sie es indeß verlangen, so will ich dreist ein Urtheil auszusprechen versuchen. Nur müssen Sie es mir zu Gute halten, wenn ich mehr einer gewissen Divinationsgabe, als einem sicheren Raisonnement folge.« Dieses Urtheil weitläufig motivirt, gibt er endlich in nachstehender Weise ab: »Nehme ich die dramatische (hier doch eigentlich die tragische oder besser heroische) Poesie nach dem Begriff, der mir neuerlich durch die Göthe'schen Ideen am geläufigsten geworden ist, als die lebendige Darstellung einer Handlung und eines Charakters, als eine Schilderung des Menschen in einem einzelnen Kampf mit dem Schicksal; so finde ich die Eigenthümlichkeit, die Sie charakterisirt, hier in ihrem wahren Gebiete, da hier die Hauptwirkung durch das Gefühl des Erhabenen geschieht. Alles drängt sich hier dem Moment der Entscheidung entgegen, die Kraft des Geistes und des Charakters muß sich bis zur höchsten Anspannung sammeln, um die Macht des Schicksals zu überwinden, und sich ganz in sich selbst zurückziehen, um ihr nicht zu unterliegen. Diesen Zustand in seiner ganzen Größe zu schildern, fordert die höchste und reinste Energie des Genie's. Das Verhältniß des Menschen zum Schicksal darzustellen, ist eigentlich die Darstellung einer Idee; je selbstthätiger und freier hier das Genie wirkt, je größeren Ideengehalt es in das Gefühl zu verweben weiß, desto größer ist die Wirkung. Diese hervorzubringen, halte ich Sie geschaffen; wenn Sie Ihren Gegenstand glücklich wählen, so wird Sie hier Keiner erreichen .« Er zeigt ihm dann, daß die lyrische Stimmung ihm nur förderlich seyn könne. »Auf der andern Seite aber,« fährt er weiter fort, »setzt auch das Dramatische gerade Ihnen große Schwierigkeiten entgegen. Neben dem Erhabenen beruht seine Wirkung auch größtentheils auf dem Rührenden; es fordert mannigfaltig bewegte Leidenschaften und sein nuancirte Empfindungen. Wie viel Sie auch hier durchaus vermögen, haben Sie zur Genüge gezeigt (im Carlos). Nur ist aber hier die Frage, nicht sowohl ob Sie hier der Natur wirklich treu sind, sondern mehr, ob Sie ihr treu zu seyn scheinen? denn darin, dünkt mich, liegt gerade der Unterschied. Ich habe im vergangenen Winter einmal die weiblichen Charaktere des Don Carlos sehr genau untersucht, und bin nirgends auf etwas gestoßen, was ich nicht wahr nennen möchte (?!); aber es bleibt ihnen ein schwer zu bestimmendes Etwas, ein gewisser Glanz, der sie von eigentlichen Naturwesen unterscheidet ... Charaktere, die Göthe'n unglaublich gelingen , Götzens Frau, Götz selbst, Klärchen, Gretchen, würden Ihnen große Schwierigkeiten machen. Dennoch aber, so fest ich auch glaube, daß Ihre Stärke nicht in dieser Gattung der Tragödien, sondern nur in jenen einfachen und heroischen ganz sichtbar seyn würde , so sehr wünschte ich doch, daß es Ihnen möglich wäre, den Versuch durch alle Gattungen durchzumachen. Es ist das anziehendste Schauspiel, das ich mir denken kann, zu sehen, wie sich die Welt in einer Seele, wie die Ihrige ist, spiegelt; zu sehen, wie Sie Ihre Charaktere aus einem idealischen Kreise herbeiführen, und ihnen doch eine so lebendige Wirklichkeit geben. Indeß gestehe ich gern, daß dieser Reiz fremdartig ist, und nicht eigentlich als ein Vorzug der Kunst angesehen werden kann ... Verglichen mit der dramatischen halte ich die epische Poesie nicht so fähig, Ihre ganze Stärke zu entwickeln. An sich braucht das eigentlich Epische überhaupt (nicht aber die große Epopöe) eine leichtere, lachendere, mehr malende Phantasie, als Ihnen, in Vergleichung mit der Tiefe der Ihrigen, eigen scheint. Gewiß würden Sie auch hier mit großer Würde auftreten, aber Sie würden eine Ihnen selbst nachtheilige Wahl treffen.« Endlich erkennt Humboldt in den »Göttern Griechenlands« und ähnlichen Gedichten eine episch-didaktische Gattung, die Schiller geschaffen hat, und ahnt die episch-lyrische, die er in seinen (freilich nur so genannten ) Balladen schaffen wird. Dieses ganze Consilium ist ein Meisterstück; es enthält in seiner ersten Hälfte den herrlichsten Commentar zu dem aristotelischen Ausspruche: » durch Furcht und Mitleid ;« und verschleiert in seiner zweiten, nachdem es Schillers wahre, tragische Größe ins Licht gestellt, seine Mängel so, daß sie doch kenntlich genug durchschimmern. Der alte Göthe hat freilich unumwundener davon gesprochen, zu einer Zeit, wo es nicht mehr kränken konnte. Bei Eckermann I, 88 f. 197. 308. 381. II, 88. 315. 347. Die Ueberzeugung, daß Schiller für die einfach heroische Gattung bestimmt sey, ließ seinen Freund Humboldt für die Maltheser gegen den Wallenstein sprechen, der allerdings an sich bei weitem größer und tragischer und auch gewiß in demjenigen Kreise sey, für welchen Schiller die Bestimmung habe. Und auch Göthe versichert, daß, wenn Schiller ihn vor seinem Wallenstein gefragt hätte, ob er ihn schreiben solle, er ihm sicherlich abgerathen hätte – »denn,« sagte er, »ich hätte nie denken können, daß aus solchem Gegenstände überall ein so treffliches Theaterstück wäre zu machen gewesen. Man soll daher nie Jemanden fragen, wenn man etwas schreiben will.« Bei dems. I, 303. Ehe Schiller antworten konnte, warnte ihn Humboldt noch in einem zweiten Briefe, nicht einer Rüge Körners nachzugeben und aus seiner Eigenthümlichkeit einen Uebergang in die allgemeine elastische Bahn zu versuchen. Sein Dichtercharakter sey gerade Erweiterung des Dichtercharakters überhaupt. Schiller dankte dem Freunde für sein gründliches Gutachten, als Antwort auf jene Gewissensfrage, ohne sich vorerst entschieden zu erklären; vielmehr vertiefte er sich mit ihm, wie wir schon oben gesehen, in jene Prolegomenen zu der Schrift über naive und sentimentalische Dichtung. Mit dem 5. November 1795 kam Göthe nach Jena und blieb dort, um Schillers Geburtstag begehen zu helfen. Sie saßen, nach Gewohnheit, von Abends um fünf Uhr bis Nachts zwölf, auch ein Uhr beisammen und plauderten unter anderm auch viel über griechische Literatur und Kunst. Bei dieser Gelegenheit entschloß Schiller sich ernstlich, das Griechische, von dem er nur noch die Wörter ohne die Regeln kannte, zu treiben, sah sich nach einer guten Grammatik und einem solchen Wörterbuch, auch einer Schrift über die Methode um, gedachte auf der Stelle den Homer vorzunehmen, und damit den Xenophon zu verbinden. »Langsam freilich wird diese Arbeit gehen,« sagt er dem Freunde in Tegel, »da ich nur wenige Zeit darauf verwenden kann; aber ich will sie so wenig als möglich unterbrechen, und ausharren. An die Maltheser hatte er noch nicht kommen können, da ihn der Aufsatz über das Naive und sein Gegenstück bisher beschäftigte, auch zweiundvierzig Bogen der Hören mit eigenen und fremden Beiträgen auszufüllen, keine kleine Mühe machte. Eine Unpäßlichkeit des immer kränkelnden Dichters unterbrach zuerst diese ernsthaften Gedanken, und als die Heiterkeit der Stimmung und seine unbegreifliche Thätigkeit zurückgekehrt waren, lenkte eine Kleinigkeit die Freunde auf Andres ab und gab Veranlassung, ein großes, muthwilliges Feuer anzuzünden. Ohne diesen Einfall, über den wir sogleich berichten wollen, hätte Schiller, nachdem er im Geiste das ganze Feld der Poesie in naive und sentimentalische, und diese letztere wieder in Satire, Elegie und Idylle getheilt, sich schaffend an die Idylle gewagt, zu der er in seinem »Reiche der Schatten« nur die Regeln erkannte. Er hatte ernstlich im Sinne, da fortzufahren, wo dieses Gedicht aufhört, aber darstellend und nicht lehrend . Herkules ist in den Olymp eingetreten; hier endigt letzteres Gedicht. Die Vermählung des Herkules mit der Hebe würde der Inhalt der Idylle seyn; eine solche wäre eigentlich das Gegenstück der hohen Komödie, deren Stoff auch das Pathos ausschließt, aber die Wirklichkeit ist. Der Stoff dieser Idylle wäre das Ideal. »Denken Sie sich den Genuß, lieber Freund,« schließt er begeistert diese Mittheilung an Humboldt, »in einer poetischen Darstellung alles Sterbliche ausgelöscht, lauter Licht, lauter Freiheit, lauter Vermögen– keine Schatten, keine Schranke, nichts von dem Allem mehr zu sehen. Mir schwindelt ordentlich, wenn ich an diese Aufgabe, wenn ich an die Möglichkeit ihrer Auflösung denke. Eine Scene im Olymp darzustellen, welcher höchste aller Genüsse! Ich zweifle nicht daran, wenn mein Gemüth um erst ganz frei und von allein Unrathe der Wirklichkeit recht rein gewaschen ist; ich nehme dann meine ganze Kraft und den ganzen ätherischen Theil meiner Natur noch auf einmal zusammen, wenn er auch bei dieser Gelegenheit rein sollte aufgebraucht werden. Fragen Sie mich aber nichts. Ich habe bloß noch ganz schwankende Bilder davon.« Aber hinter dem trunkenen Monologe der erwachenden Dichterkraft lauschte schon Mephistopheles. Unvermerkt lenkte der schadenfrohe Geist den Poeten von seinen Entschlüssen ab und durch einen leichtfertigen Gedanken vom Gebiete der Idylle hinüber auf das der Satire. Die Xenien. 1796. »Seitdem Göthe hier ist,« schreibt Schiller an seinen Freund am Abende des 4. Januar 1796, nach Tegel, »haben wir angefangen Epigramme von Einem Distichon im Geschmacke der Xenien des Martial zu machen. In jedem wird nach einer deutschen Schrift geschossen. Es sind schon seit wenig Tagen über zwanzig fertig, und wenn wir etliche hundert haben, so soll sortirt und etwa ein Hundert für den Almanach beibehalten werden. Zum Sortiren werde ich Sie und Körner vorschlagen. Man wird schrecklich darauf schimpfen, aber man wird sehr gierig darnach greifen, und an recht guten Einfällen kann es natürlicher Weise unter einer Zahl von Hundert nicht fehlen. Ich zweifle ob man mit einem Bogen Papier, den sie etwa füllen, so viele Menschen zugleich in Bewegung setzen kann, als diese Xenien in Bewegung setzen werden.« Der Gedanke schien wirklich von den bösen Geistern in der Luft herzurühren und weder in Göthe's noch in Schillers Seele unmittelbar entstanden zu seyn. Jener sagt zu Schiller am 23. Dezember 1795: »Den Einfall, auf alle Zeitschriften Epigramme, jedes in einem einzigen Disticho, zu machen, wie die Xenia des Martial sind, der mir dieser Tage zugekommen ist, müssen wir cultiviren und eine solche Sammlung in Ihren Musenalmanach des nächsten Jahres bringen. Wir müssen nur viele machen und die Besten aussuchen. Hier ein Paar zur Probe,« Darauf ruft Schiller aus (29. Dec.): »Der Gedanke mit den Xenien ist prächtig und muß ausgeführt werden! Die Sie mir heute schicken, haben mich sehr ergötzt, besonders die Götter und Göttinnen darunter. Solche Titel begünstigen einen guten Einfall gleich besser. Ich denke aber, wenn wir das Hundert voll mache» wollen, werden wir auch über einzelne Werke herfallen müssen; und welcher reichliche Stoff findet sich da! Sobald wir uns nur selbst nicht ganz schonen, können wir Heiliges und Profanes angreifen. Welchen Stoff bietet uns nicht die Stolbergische Sippschaft, Racknitz, Ramdohr, die metaphysische Welt, mit ihren Ichs und Nicht-Ichs, Freund Nicolai, unser geschworner Feind, die Leipziger Geschmacksherberge, Thümmel, Göschen als sein Stallmeister, und dergleichen, dar!« Diese Sprache läßt sich entschuldigen, wenn man bedenkt, daß Schiller durch die Kälte und Geringschätzung, mit welcher die Hören, ein Unternehmen, für das er sich begeistert hatte, von manchen Seiten aufgenommen wurden, erbittert seyn mußte. Anfangs war auch Alles nicht so schlimm gemeint, obgleich uns schon in jener Briefstelle wehe thun muß, daß Schiller es auch auf Göschen abgesehen hatte, dem er in früherer Zeit doch so vieles verdankte, und dessen Verlag er sich, vielleicht mit einiger Beschwerung seines Gewissens, entzogen hatte. War doch die erste Idee, wie Schiller später selbst versichert, An Göthe vom 1. Aug. 1796. eigentlich nur eine fröhliche Posse, ein Schabernack auf den Moment berechnet, und so mochte es recht seyn; und wäre der Muthwille bei Geisselung der Werke, mit Vermeidung aller bloßen Persönlichkeiten, stehen geblieben, so könnte man immerhin den, in dieser Ausdehnung gar nicht ausgeführten Plan, »Alles, was beide Schriftsteller in ihrem weiten Wirkungskreise gegen ihre Zeitgenossen auf dem Herzen hatten, bei dieser Gelegenheit scharf und entschieden auszusprechen, über alles Abgelebte und Veraltete, über alles Engherzige und Gemeine zu Gerichte zu sitzen,« Hoffm. III, 174. sogar löblich und heilsam nennen. Und wer das Talent hätte, wer sich aufopfern und mit der halben Welt verfeinden möchte, dem dürfte noch heutzutage das Recht nicht streitig gemacht werden, auch unserer Gegenwart lachend die Wahrheit zu sagen, und einige hundert Brandraketen gegen die Thorheiten des Jahrhunderts zu schleudern. Auch war Schiller ursprünglich sehr dafür, »daß nichts Criminelles berührt und überhaupt das Gebiet des frohen Humors so wenig als möglich verlassen werde. Aber schenken wollen wir den Herrn auch nichts.« An Göthe 11. Januar 1796. Als sich indessen die beiden Duumvirn unserer Literatur zusammengesetzt hatten zu richten, da konnte es nicht fehlen, daß nicht bald auch eine Proscriptionsliste entworfen wurde. Mancher alte Freund wurde der neuen Coalition geopfert, mancher Feind dem neuen Freunde zu lieb gegenseitig gelinde behandelt. Mit Stolberg z. B. betrachtete sich Schiller in gerechter Fehde begriffen, und glaubte keine Schonung nöthig zu haben: »und das wollen Sie wohl selbst nicht,« fügt er dictatorisch hinzu. » Schlosser (Göthe's Freund) wird,« sagt er, »nie genauer bezeichnet, als eine allgemeine Satire ans die Frommen erfordert. Ausserdem kommen diese Hiebe auf die Stolbergsche Sekte Ihnen sind viele Epigramme, die man alle bei Boas findet, gewidmet; das witzigste auf des Grafen F. L, zu Stolberg Reise durch Deutschland, 3. Bd., 84. Brief.: Nach Calabrien reist er, das Arsenal zu besehen, Wo man die Artillerie gießt zu dem jüngsten Gericht. Persönliche Rache nahm Schiller an Fr. Stolberg durch das Xenion: Ersatz. Als du die griechischen Götter geschmäht, da warf dich Apollo Von dem Parnasse, dafür gingst du ins Himmelreich ein. einer solchen Verbindung vor, daß jeder mich als den Urheber sogleich erkennen muß... Wieland soll mit der »zierlichen Jungfrau in Weimar« Bücket euch, wie sichs geziemt, vor der zierlichen Jungfrau von Weimar, Schmollt sie auch oft, wer verzeiht Launen der Grazie nicht? Auf Wieland geht auch der in Erfüllung gegangene Wunsch: Möge dein Lebensfaden sich spinnen, wie in der Prosa Dein Periode, bei dem leider die Lachesis schläft! wegkommen, worüber er sich nicht beklagen kann. Uebrigens erscheinen diese Odiosa erst in der zweiten Hälfte des Almanachs, so daß Sie bei Ihrem Hierseyn noch herauswerfen können, was Ihnen gut dünkt . Um Iffland nicht wehe zu thun, will ich in dem Dialog mit Shakspeare lauter Schröder'sche und Kotzebue'sche Stücke bezeichnen.« Göthe an Schiller vom 3l. Juli 1786. Reichardt , ihren falschen Freund, beschlossen beide mit einander »mit Karnevalsgipsdragéen auf seinen Büffelrock zu begrüßen, daß man ihn für einen Perückenmacher halten soll.« Briefw. v. G. u. S. II, 14. 16. 21. Und als Baggesen, einst der Bewunderer und Wohlthäter des Dichters, einst Schillers »theurer hochgeschätzter und vortrefflicher Freund,« dem er »so nahe bleiben wollte, als das Schicksal Entfernten vergönnt,« zu dem er sagte: »ewig der Ihrige« Schiller an Baggesen. Jena d. 16. Dec. 1791. – als dieser Baggesen es wagte, ein Epigramm auf die Epigramme des Musenalmanachs spucken zu lassen, vergleicht ihn Schiller »mit einem begossenen Hunde,« und empfiehlt dem besonders angegriffenen Göthe »den Avis zu bestem Gebrauche.« Schiller an Göthe vom 23. Juli 1796. Göthe erwidert, es solle ihm »übel bekommen.« (28. Juli.) Göthe seinerseits gab seinen alten Freund und »lieben Bruder« Lavater preis. In drei Epigrammen. Der Prophet. Schade, daß die Natur nur Einen Menschen aus dir schuf, Denn zum würdigen Mann war, und zum Schelmen der Stoff. Das Amalgama. Alles mischt die Natur so einzig und innig, doch hat sie Edel- und Schalkssinn hier, ach! nur zu innig gemischt. Der erhabene Stoff. Deine Muse besingt, wie Gott sich der Menschen erbarmte, Aber war das Poesie, daß er erbärmlich sie fand? (nicht Klopstocks Messiade soll hier gemeint sein, sondern Lavaters Jesus Messias; doch hatte Göthe auch alte griefs gegen Klopstock, der ihm und seinem Herzog zu Anfang der achtziger Jahre unberufene Vorwürfe wegen angeblicher Bacchanalien gemacht. S. Leidlich kam Jean Paul, Hieltest du deinen Reichthum nur halb so zu Rathe wie Jener Seine Armuth, du wärst unserer Bewunderung werth. vortrefflich Garve Hör' ich über Geduld dich, edler Leidender, reden, O, wie wird mir das Volk frömmelnder Schwätzer verhaßt weg; nächst Reichardt am schlimmsten, Nicolai, Dyk, Jakob, Manso; fein oder boshaft wurden Platner, Schlichtegroll, Ramler, Voß, Eschenburg, Adelung, Reinhold, ziemlich derb Campe, Ramdohr, Heydenreich, Salzmann, Baggesen, Claudius, R. Z. Becker (der nach Schillers Tode christliche Rache übte), am schlimmsten die deutschen Ueberläufer zur französischen Republik mitgenommen. Mit Schütz und andern wurde nach dem Grundsatze gehandelt: eine Hand wäscht die andere. In der Allgemeinen Lit. Zeitung wurde auch fünf ganzer Jahre über die Xenien kein Wörtchen gesprochen Zuerst war der Witz auf wenige preisgegebene Menschen beschränkt gewesen, und mehr beißend als bissig. Wie jedoch eine epidemische Krankheit anfangs sich nur an Constitutionen macht, die schon zum Voraus unterhöhlt waren, allmählig aber sich auch auf die gesunden ausdehnt und immer tödtlicher wird: so griff der Epigrammenstoff unserer Dichter, je länger er verarbeitet wurde, desto ansteckender um sich und zog immer mehr, auch unbescholtene, Namen Von dem schlechtem Theil der Xenien, worin verdiente Männer unwürdig behandelt wurden, ist mit Recht gesagt worden, daß sie aus einer Empfindlichkeit entstanden seyen, welche billig nur Dichterlingen eigen seyn sollte. in seinen Kreis; der Haß wurde fressender, der Ton der Xenien giftiger, der Inhalt feindseliger und vernichtender. Ein Brief, den der Verfasser dieser Biographie in Händen hat, enthält den Beweis, daß ein Mann, dem Schiller eine entschiedene Wendung seines Lebensglückes mitverdankte, und der sein inniger Freund war, auf die Anklage verschmähter Liebe hin, in seinen theuersten Verhältnissen durch die Xenien tief gekränkt wurde, aber großmüthig sein Leben lang schwieg. Manche Epigramme blieben ungedruckt; eine ganze Reihe »homerischer Parodien,« mußten, weil sie sich an das Ganze nicht anschließen wollten, herausgeworfen werden; das einzige, was sich davon erhalten hat, ist das würdige und schöne Schlußxenion: An die Freier. Alles war nur ein Spiel. Ihr Freier lebt ja noch Alle; Hier ist der Bogen und hier ist zu dem Ringen der Platz. Der Bogen wurde freilich von manchem Gegner aufgehoben und zu spannen versucht, aber nicht eben von den geschicktesten. Jördens zählt vierzehn und Eduard Boas dreizehn Gegenschriften auf, darunter die merkwürdigsten von Jenisch, Gleim, Claudius, Manso, Nicolai; die wüthendste war von einem Magister Dyk, gegen welchen die Herren Verfasser der Xenien nun selbst gerne die Polizei aufgerufen hätten, wenn es angegangen wäre. Schiller an Göthe, 6. Dec. 1796. II, S. 279 ff. Aber – »ihr halt Blut gesät, Und seht erstaunt, daß Blut ist aufgegangen!« Die Sensation, welche die martialische Justiz dieser Epigramme machte, war durch ganz Deutschland ungeheuer, alles nahm Partei für oder wider. Zu den heftigsten Gegnern der Xenien gehörte Herder. Die Geschonten freuten sich über die Demüthigung ihrer Feinde: F. A. Wolf, Eberhard, selbst ein Schwager Nicolai's lachten in die Faust; aber sonst galt von den Dichtern, was die Schrift von Ismael sagt: »ihre Hand wider Jedermann, und Jedermanns Hand wider sie.« Der Herzog von Gotha war wegen Schlichtegrolls, den er hoch hielt, entrüstet; in Kopenhagen war man ganz grimmig und die Gräfin Schimmelmann, die Schillers wie Baggesens Freundin war, wußte nicht, mit wem sie es halten sollte. Auch schien ungewiß, über wen man mit seinem Aerger herfallen sollte, über Göthe oder über Schiller; nach der allgemeinen Meinung wurde diesem »die miserable Rolle des Verführten« zugeschoben; Göthe »hatte doch noch den Trost des Verführers.« Schiller an Göthe vom 18. Nov. 1796. Die Muse selbst erinnerte sich der Vaterschaft bei den meisten dieser ungezogenen Jungen nicht mehr, denn es war »zwischen Göthe und Schiller förmlich beschlossen worden, ihre Eigenthumsrechte an den einzelnen Epigrammen niemals auseinander zu setzen, sondern es in Ewigkeit beruhen zu lassen.« Schiller an Humboldt 1. Febr. 1796. Nach dieser Aeußerung wird Wilhelm Wackernagel die in der Vorrede seines »Deutschen Lesebuchs« (Th. II, S. XV, 2te Ausg.) gewünschte Belehrung schwerlich erhalten können. Erster Druck . Doch soll sich eine Notiz von Schillers Frau vorgefunden haben, welche den einzelnen Xenien ihre Vaterschaft definitiv sichert. Zweiter Druck . Nov. 1840. Dieselben Epigramme laufen deßwegen zum Theil in den Werken beider Dichter, und man müßte sie Kinder der Liebe nennen, wenn sie nicht – die Votivtafeln und wenige andere ausgenommen – Kinder des Hasses wären. Der »Thierkreis« ist nach Göthe's Zeugniß Bei Eckermamn I, 195. von Schiller, und Göthe las ihn immer mit Bewunderung. Ueberhaupt nannte er die Xenien Schillers scharf und schlagend, seine eigenen dagegen unschuldig und gering. Schiller hat keineswegs die besten in seine Werke aufgenommen. Insgesamt sind sie von sehr ungleichem Werthe nach Gehalt und Form; manchen ist der nächste beste Kittel umgehängt, viele erscheinen unwitzig, einige kränken das deutsche Nationalgefühl. Göthe blieb ohne Gewissensbisse, er freute sich, daß die Xenien den Kopenhagnern einen faktischen Beweis für die Existenz des Teufels lieferten; an Schillern aber rächte sich das hier und da verletzte sittliche Zartgefühl: vergebens sagte er sich vor, daß die Einheit bei einem Produkte, wie die Xenien, blos in einer gewissen Grenzenlosigkeit und alle Messung überschreitenden Fülle gesucht werden könne, daß zwar das Meiste wilde Satire, aber doch auch untermischt mit poetischen und philosophischen Gedankenblitzen sey; am Ende soll er doch in seinem Garten in Jena (der schmale Weg dorthin war von den Studenten Xeniengasse getauft worden) geäußert haben: » Respice finem ! das hätte ich besser bedenken sollen ... (Zwar) unsere Literatur bedarf einer wohlthätigen Revolution ... die Xenien sind aus der Erinnerung an Bahrdts Ketzeralmanach entstanden. (Aber) Ich lebe gern im Frieden; ich habe mir einigermaßen selbst den Krieg erklärt – man wird mich verkennen. Warum duldete ich doch den Anhang der Genien in meinem Almanach! Ich mochte ihn doch erst nicht.« Hinrichs I, 192, 212. Die größte Strafe, in der leider die Welt zugleich gestraft wurde, war, daß Schillers übrige Poesie während dieser Polemik fast ganz feierte. Die »angenehme und zum Theil genialische Impudenz und Gottlosigkeit,« Humb. S. 415. wie er die Xenienstimmung gegen Humboldt charakterisirte, hatte die züchtige Muse vertrieben, und während die Epigrammatisten am 1. Februar schon im dritten Hundert der Xenien waren, und auf tausend abzielten, entstand im ganzen Jahre 1796 von größeren Gedichten Schillers fast nur die »Klage der Ceres.« Ausführliches über die Genien siehe bei Hoffm. III, 173-178. 212-228, und Hinrichs I, 190-214. Noch im November jammerte er darüber, »auch nicht den Saum des Kleides einer Muse erblickt zu haben, ja selbst zur Prosa sich untüchtig zu befinden.« Familienverluste. Philosophische und religiöse Stimmung des Dichters. 1796. In diesem Jahre wurde das häusliche Leben Schillers durch mancherlei Trübsale heimgesucht. Von der Solitude bei Stuttgart, wo die Familie seiner Eltern fortwährend lebte, kamen ihm im Frühjahre 1796 beängstigende Nachrichten zu. Ein epidemisches Fieber, indem während der Kriegszeit dort befindlichen österreichischen Lazarethe wüthend, hatte, wie uns Frau von Wolzogen erzählt, die jüngste Tochter Nanette ergriffen, und in der Blüthe der Jugend hingerafft. »Sie war,« sagt die Freundin, »ein holdes Mädchen, voll Verstandes und glühender Phantasie. Der Wunsch, ihres Bruders Trauerspiele darzustellen, hatte sie so leidenschaftlich ergriffen, daß ich selbst Schillern bat, diesem nachzugeben, ihr Talent zu prüfen, und, wenn es wirklich etwas Außerordentliches verspräche, sie diese Laufbahn ergreifen zu lassen. Obgleich er dem Schauspielerleben sehr abgeneigt war, so konnte doch, bei den damaligen Verhältnissen in Weimar, manche Klippe dieses Standes vermieden werden. Er versprach mir, die Sache zu bedenken; und so hatte ich die Freude, die letzten Lebensmonate dieses guten Kindes mit freundlicher Hoffnung auf Erfüllung ihrer Wünsche zu erheitern. »Am 21. März 1796 schrieb Schiller über sie an den Vater, der seitdem auch erkrankt war: »So tröstlich es mir war, liebster Vater, von Ihrer zunehmenden Besserung zu hören, so herzlich betrüben mich die Nachrichten von dem Zustand meiner guten Nanette. Ach, vielleicht haben wir sie schon verloren, indem ich dies schreibe! Ich gestehe, daß ich das Schlimmste fürchte, weil sie schon vor dem Anfall dieser Krankheit nicht ganz gesund gewesen ist. Wie schmerzt es mich, so entfernt von Ihnen zu leben, und so ganz außer Stande zu seyn, Ihre Beschwerden und Leiden mit Ihnen, mit der lieben Mama und den armen Schwestern zu theilen und so viel möglich zu erleichtern. Hier kann ich nichts als wünschen und bitten, daß der Himmel noch Alles gut lenken möge . Wie dauert mich unsere gute, liebe Mutter, auf die alles Leiden so zusammenstürmen muß! Aber was für eine Wohlthat von Gott ist es auch wieder, daß die gute liebe Mutter noch Stärke des Körpers genug hat, um unter diesen Umständen nicht zu erliegen und Ihnen noch so viel Beistand leisten zu können. Wer hätte es vor sechs und sieben Jahren gedacht, daß sie, die so ganz hingefallen und erschöpft war, Ihnen Allen jetzt noch zur Stütze und Pflege dienen würde. In solchen Zügen erkenne ich eine gute Vorsicht, die über uns waltet, und mein Herz ist aufs Innigste davon gerührt . Wie ängstlich sehe ich Ihrem nächsten Briefe entgegen, liebster Vater, der mir von Nanettens Zustand wahrscheinlich die entscheidende Nachricht bringt. Nie werde ich es ertragen, eine so liebe und so hoffnungsvolle Schwester zu verlieren, zu deren künftigen Aussichten ich gerade jetzt einige Vorkehrungen treffen wollte, die ihr Glück vielleicht gründeten. Vergl. Buch I, S. 12. Dies bezieht sich wahrscheinlich auf die Theaterplane mit der Schwester. Ich wiederhole meine Bitte nochmals auf das Nachdrücklichste, liebster Vater! Thun Sie alles, was Sie können, zu Wiederherstellung Ihrer eigenen Gesundheit und zu Stärkung unserer guten Mutter und Schwestern. Schenkt uns der Himmel die Freude, daß es sich mit Nanette wieder bessert, so verändern Sie, sobald es nur die Kräfte der Kranken und Ihre eigenen zulassen, den Wohnort, und besuchen auf eine Zeit lang mit der ganzen Familie ein gesundes Bad, sowohl um sich zu zerstreuen, als sich körperlich zu stärken. Der Himmel erhalte Sie und mache es mit uns Allen besser , als wir gegenwärtig hoffen können. Meine Frau ist herzlich bekümmert um die liebe Nanette, und grüßt Sie voll Theilnahme und Liebe. Der kleine Karl ist gottlob recht wohl und auch mit mir geht es jetzt recht leidlich.« Boas II, 466 ff. Die folgenden Briefe theils aus Boas a. a. O., theils bei Frau v. Wolz. II, 160-168. Die Schwester starb, und die Krankheit, die den Vater, dessen körperlicher Zustand auch schon bedenklich schien, ergriffen hatte, war dasselbe bösartige Fieber, an welchem bald auch die zweite Tochter Louise erkrankte, so daß die Mutter allein stand. »Verschlimmert es sich mit der Louise,« schreibt der betrübte Bruder am 25. April der Schwester in Meiningen, »oder gar auch noch mit dem lieben Vater, so wäre die arme Mutter ganz und gar verlassen. Der Jammer ist unaussprechlich. Kannst du es möglich machen, glaubst du, daß deine Kräfte es aushalten, so mache doch ja die Reise dorthin. Was sie kostet, bezahle ich mit Freuden. Reinwald könnte dich begleiten, und wenn er es nicht wollte, so lange hierher zu mir kommen, wo ich brüderlich für ihn sorgen würde. Ueberlege, meine liebe Schwester, daß Eltern in solchen Extremitäten den gerechtesten Anspruch auf kindliche Hülfe haben. Gott – warum bin ich jetzt nicht gesund – und so gesund, als ich es bei der Reise vor drei Jahren war! Ich hätte mich durch nichts abhalten lassen, hinzueilen! Aber, daß ich über ein Jahr fast nicht aus dem Hause gekommen , macht mich so schwächlich, daß ich entweder die Reise nicht aushalten, oder doch selbst krank bei den guten Eltern hinfallen würde. Ich kann leider nichts für sie thun, als mit Geld helfen, und Gott weiß, daß ich das mit Freuden thue.« Auf diesen Brief brach die gute Schwester von Meiningen nach Schwaben auf. »Der Himmel segne dich für diesen Beweis deiner kindlichen Liebe,« rief ihr Schiller am 6. Mai nach. »Seitdem ich dich dort weiß, bin ich um vieles ruhiger; bisher konnte ich nicht anders als mit Schrecken an die traurige Lage der lieben Eltern und Schwester denken... Nur um das Einzige bitte ich dich: verhindere, daß die lieben Eltern nicht aus ängstlicher Sparsamkeit eine heilsame Maßregel zu ihrer Gesundheit versäumen. Ich habe einmal für allemal erklärt, daß ich die Kosten davon mit Freuden tragen will. Was also etwa an Geld nöthig, kannst du dir von Cotta in Tübingen auszahlen lassen.« Dem Schwager Reinwald dankte er noch besonders für die Bereitwilligkeit, seine Frau nach der Solitude reisen zu lassen, wodurch ihm eine schwere Last von der Seele genommen wurde. An die Mutter hatte er wiederholt geschrieben, und der Schwester schrieb er wieder am 9. Mai: »Was hat unsere gute Mutter nicht an unsern Großeltern gethan, und wie sehr hat sie ein Gleiches von uns verdient! Du wirst sie trösten, liebe Schwester, und mich wirst du herzlich bereit finden zu Allem, wozu du mich auffordern wirst.« Von seiner Frau schreibt er: »Sie ist seit einiger Zeit selbst nicht wohl, und erst heute haben wir Gewißheit, daß sie sich in andern Umständen befindet; sie ist schon am Ende des siebenten Monats der Schwangerschaft.« Von seinem Knaben: »Karl ist gesund und fröhlich. Täglich macht das liebe Kind uns mehr Freude. Was gäbe ich darum, wenn ich ihn unsrer lieben Mutter nur auf einen Tag bringen könnte! Gewiß würde das ihren Kummer in etwas lindern. Grüße die lieben Eltern aufs herzlichste, und sag' ihnen, daß ihr Sohn ihre Leiden fühlt. Der guten Louise schenke Gott bald ihre Gesundheit wieder.« Die Krankheit des Vaters dauerte Monate lang; seine Auflösung kam nicht unerwartet, ja sie mußte endlich gewünscht werden; aber wie tief sein Tod den guten Sohn betrübte, zeigen die Briefe Schillers an die Mutter und den Schwager. »Daran zu denken,« schreibt er der ersteren, ohne Datum, etwa Mitte Septembers (der Vater war am 7. gestorben), »daß Etwas, das uns so theuer war, und woran wir mit den Empfindungen der frühen Kindheit gehangen und auch im späten Alter mit Liebe geheftet waren, – daß so Etwas aus der Welt ist, daß wir mit allem unfern: Bestreben es nicht mehr zurückbringen können, daran zu denken ist immer etwas Schreckliches.« Weitres s. B. I, S. 9... »Vor fünf und sechs Jahren hat es nicht geschienen, daß Ihr, meine Lieben, nach einem solchen Verluste noch einen Freund an einem Bruder finden, daß ich den lieben Vater überleben würde. Gott hat es anders gefügt, und er gönnt mir noch die Freude, Euch etwas seyn zu können . Wie bereit ich dazu bin, darf ich Euch wohl nicht mehr versichern. Wir kennen einander Alle auf diesen Punkt und sind des lieben Vaters nicht unwürdige Kinder.« Mit der größten Sorgfalt unterhält er sich nun mit der Mutter über ihren künftigen Aufenthalt, und räth ihr, die Wintermonate in dem der Solitude benachbarten Städtchen Leonberg zuzubringen, aufs Frühjahr aber nach Meiningen mit der jungem Schwester zu kommen, dort jedoch (mit einer leisen Anspielung aus Reinwalds Hypochondrie) »eine eigene Wirthschaft zu treiben.«... Giebt der Herzog keine Pension, so könnte sie vielleicht auf der Stelle kommen. »Alles, was Sie zu einem gemächlichen Leben brauchen, muß Ihnen werden, beste Mutter, und es ist nun hinfort meine Sache, daß keine Sorge Sie mehr drückt. Nach so viel schwerem Leiden muß der Abend Ihres Lebens heiter oder doch ruhig seyn, und ich hoffe, Sie sollen im Schooße Ihrer Kinder und Enkel noch manchen frohen Tag genießen.« Bei des Vaters Lebzeiten hatte sich der berühmte Sohn mit kindlicher Liebe zu dessen Schriftstellern und der Unterbringung seiner Gartenbücher Schillers eigene Ideen über schöne Gartenkunst findet man zusammengestellt bei Hoffmeister III, 94 – 97. an den jungen Verleger des ersten Musenalmanachs herbeigelassen, hatte ihm 24 Carolin Honorar verschafft, und nicht geruht, bis Ende Novembers 1794 der erste Band gedruckt war; Boas II, 465. auch jetzt verlangte er Alles, was der theure Vater an Briefschaften und Manuskripten hinterlassen; er wollte suchen, seinen letzten Wunsch zu erfüllen, was auch der lieben Mutter Nutzen bringen sollte. Dem Schwager schreibt er am 14. September, um von ihm die Erlaubniß eines verlängerten Aufenthaltes bei der Mutter für Christophinen auszuwirken, was um so nöthiger sey, da die Post noch immer stocke und die Kriegsereignisse auf der fränkischen, schwäbischen und pfälzischen Gränze abgewartet werden müssen, »Wie sehr diese Abwesenheit deiner Frau dich drücken muß, fühle ich mit dir; aber wer kann gegen eine solche Kette unvermeidlicher Schicksale! Leider verflicht sich die allgemeine und öffentliche Unordnung auch in unsre Privatbegebenheiten auf die fatalste Weise.« – Von dieser trefflichen Schwester war das Mögliche für die Seinen geschehen; den Vater hatte sie bis zum letzten Athemzuge treu und besonnen gepflegt; gegen einen Ueberfall der Franzosen ihn und das Haus mit ungewöhnlicher Geistesgegenwart geschützt. Schiller fühlte sich nicht nur durch brüderliche Liebe, sondern durch innige Dankbarkeit und Achtung an sie gebunden. In diesen schwarzen Tagen fiel ein Lichtstrahl auf das Trauerhaus. Ein braver Theologe des Vaterlands, Namens Franckh, M. Johann Gottlieb Franckh, geboren zu Stuttgart 20. Dez. 1760; Pfarrer zu Cleversulzbach 1799; Stadtpfarrer zu Möckmühl bei Neuenstadt an der Linde 1805; im letzten Decennium gestorben. damals wohl Vikar in der Nachbarschaft, hatte, durch sein edles Betragen an dem Krankenlager des alten Schiller, seine rechtschaffene Gesinnung gegen die Familie an den Tag gelegt, bewarb sich um die Hand der jüngern Tochter Louise, welche glücklich von der Krankheit genesen war, und wurde von Schiller schon im ersten Briefe an die Mutter als der künftige Schwager begrüßt, den er im Voraus seiner Freundschaft und herzlichen Ergebenheit versichern ließ. Die Heirath selbst verzog sich noch einige Jahre. Schillern aber war zwischen der Schwester und des Vaters Tod am 11. Juli 1796 sein zweiter Sohn; Ernst, geboren worden. S. und G. Briefwechsel II, S. 139. Ernst v. Schiller ist jetzt K. Preuß. Appellationsrath zu Cöln. Da sich Schillers treue Seele und sein liebevolles Gemüth in den glücklicher Weise aus dieser Zeit uns reichlich erhaltenen Briefen so rührend hell abspiegelt, so wollten wir Auszüge nicht sparen und nicht unterbrechen. Nun aber dürfen wir wohl die Geschichte seines Geistes befragen, welchen innern Trost er diesen Schlägen des Schicksals entgegen zu setzen hatte. Seine Philosophie sprach damals ganz anders, als sein Herz in wiederholten, von uns hervorgehobenen Stellen seiner Briefe spricht. Mit dem tieferen Studium Kants schien er sich immer fester in die Skepsis und den Ekel an allem Positiven verrannt und auch den Glauben des genügsamsten Rationalismus aufgegeben zu haben. Im frühesten Jugendunterrichte mit harten Dogmen, wie es scheint, gequält, Briefliche Mittheilung von Fr. v. Wolzogen an den Verfasser vom 25. Januar 1840. – Der religiöse Jugendunterricht in Schillers Vaterlande stützte sich damals ganz auf den Anthropomorphismus des alten Testaments, die Person des Erlösers aber war ein doketischer Schemen, der erst am Kreuze Fleisch und Blut erhielt. Nur so lernte ihn Schiller in den Schul- und Confirmationsstunden kennen. S. und deßwegen bald vom Zweifel überfallen, hatte Schiller, höchst wahrscheinlich durch eine unzeitige Jugendbekanntschaft mit dem Wolffenbüttler Fragmentisten ein unvertilgbares Mißtrauen gegen die Urkunden des Christenthums zu seinen historischen Studien mitgebracht und in ihnen verstärkt. Je weniger er durch seine literarische Thätigkeit hier an den Quell geführt wurde, aus der ihm das himmlische Lebensbild unsres Religionsstifters hätte entgegenstrahlen können, desto hartnäckiger beharrte er bei seinem Unglauben, und sprach, während er die Erscheinung des Christenthums für das wichtigste Faktum der Weltgeschichte erklärte, auf jene Jugendeindrücke ohne tiefere Prüfung gesteift, doch zugleich von den »ungetreuen Händen, durch welche sie uns überliefert worden.« Ja, noch in spätern Jahren gestand er, »daß er in Allem, was historisch ist, den Unglauben zu jenen Urkunden gleich so entschieden mitbringe, daß ihm Zweifel an einem einzelnen Faktum noch sehr raisonnabel vorkommen. Ihm sey die Bibel nur wahr, wo sie naiv ist; in allem Andern, was mit einem eigenen Bewußtseyn geschrieben sey, fürchte er einen Zweck und späteren Ursprung.« Einen Augenblick blitzte ihn der Geist unsres Glaubens in einem andern Lichte an, aber nicht aus der Sonne desselben unmittelbar, sondern nur aus einem Spiegel, nicht aus der Bibel, sondern nur – aus Göthe's Bekenntnissen einer schönen Seele im Wilhelm Meister. Nachdem er sich künstlerisch an diesem fünften Buche des Romans, wie vor und nach an den andern Büchern, Sehr zweckmäßig findet man Schillers sämmtliche Urtheile über Göthe's Meister gesammelt bei Boas III, 456 ff. geweidet und erlabt hatte, spricht er zu Göthe (17. August 1795): »Ich finde in der christlichen Religion virtualiter die Anlage zu dem Höchsten und Edelsten, und die verschiedenen Erscheinungen derselben im Leben scheinen mir blos deswegen so widrig und abgeschmackt, weil sie verfehlte Darstellungen dieses Höchsten sind. Hält man sich an den eigentlichen Charakterzug des Christenthums, der es von allen monotheistischen Religionen unterscheidet, so liegt er in nichts Anderem, als in der Aufhebung des Gesetzes, des Kant'schen Imperativs, an dessen Stelle das Christenthum eine freie Neigung gesetzt haben will. Es ist also, in seiner reinen Form, Darstellung schöner Sittlichkeit oder der Menschwerdung des Heiligen, und in diesem Sinn die höchste ästhetische Religion; daher ich es mir auch erkläre, warum diese Religion bei der weiblichen Natur so viel Glück gemacht, und nur bei Weibern noch in einer erträglichen Form angetroffen wird.« Das bewundernde Nachdenken über die Darstellung des Heiligen durch Göthe hatte ihn wirklich der heiligen Wahrheit ganz nahe gebracht, so nahe, daß er sogar einige Stellen anzustreichen wagte, »an denen, wie er fürchtete, ein christliches Gemüth eine zu leichtsinnige Behandlung tadeln könnte,« und daß er »den Uebergang von der Religion überhaupt zu der christlichen, durch die Erfahrung der Sünde, meisterhaft gedacht« fand. Aber eben diese Erfahrung hatte seine Philosophie ja schon längst abgeschworen und verläugnet; ihm war durch sie »der sogenannte Sündenfall vielmehr das glücklichste Ereigniß geworden, denn von diesem Abfalle vom Instinkte datire sich die Freiheit des Menschen, also auch die Möglichkeit der Moralität.« Auch in der Geschichte sah seine philosophische Weltansicht nichts weniger als ein kommendes Reich Gottes, und während er in seinen historischen Studien die Anerkennung eines höheren, ordnenden Waltens, wo sie sich ihm aufdrang, immerhin, wenn auch nicht aufsuchte, doch noch nicht verschmähte, ja eine teleologische Verknüpfung der Dinge, die erhabene Ordnung eines gütigen Willens ahnte, und selbst zu erkennen schien; so gab er doch, immer tiefer in den kritischen Idealismus hineingezogen, auch dieses Bewußtseyn später wieder auf, und in der Abhandlung »über das Erhabene« sagt er: »Wer die große Haushaltung der Natur mit der dürftigen Fackel des Verstandes beleuchtet und immer nur darauf ausgeht, ihre kühne Unordnung in Harmonie aufzulösen, der kann sich in einer Welt nicht gefallen, wo mehr der tolle Zufall als ein weiser Plan zu regieren scheint, und bei weitem in den mehrsten Fällen Verdienst und Glück mit einander im Widerspruch stehen. Er will haben, daß in dem großen Weltlauf Alles wie in einer guten Wirtschaft geordnet sey, und vermißt er, wie es nicht wohl anders seyn kann, diese Gesetzmäßigkeit, so bleibt ihm nichts Anderes übrig, als von einer künftigen Existenz und von einer andern Natur Befriedigung zu erwarten, die ihm die gegenwärtige und vergangene schuldig bleibt. Wenn er hingegen gutwillig aufgiebt, dieses gesetzlose Chaos von Erscheinungen unter eine Einheit der Erkenntniß bringen zu wollen, so gewinnt er von einer andern Seite reichlich, was er von dieser verloren giebt.« Dieser Gewinn ist die Idee der Freiheit, welche die Vernunft aus eigenen Mitteln nimmt, und unter der sie »in eine Einheit des Gedankens zusammenfaßt, was der Verstand in keine Einheit der Erkenntniß verbinden kann;« durch diese »ihnen dargebotene Idee der Freiheit können sich Menschen von erhabener Gemüthsstimmung für allen Fehlschlag der Erkenntniß für entschädigt halten.« Vergl. Rudolph Binders treffliche Zusammenstellung in seiner Schrift »Schiller im Verhältniß zum Christenthum« II, 65-78. So schien die Philosophie mit einem Hauche den letzten Glauben an eine prästabilirte Harmonie zwischen Natur und Geist, an Vorsehung und Jenseits aus seiner Seele weggeblasen zu haben, wie er denn auch schon früher die Idee der Unsterblichkeit nur »als einen Beruhigungsgrund für unsern Trieb nach Fortdauer, also für unsre Sinnlichkeit« dargestellt hatte. Und noch am 9. Juli 1796 giebt er in einem Briefe an Göthe zu verstehen, daß »eine gesunde und schöne Natur keine Gottheit und keine Unsterblichkeit brauche.« Was jedoch nicht so ganz ernstlich gemeint war. Vergl. meine Rezension der Binder'schen Schrift in den theologischen Studien und Kritiken. 1840. III, 632 f. Traurige Prahlerei der Spekulation! Während sein System so dachte und schrieb, klammerte sich Schillers eigene, gewiß geistig gesunde und schöne Natur, so oft das Schicksal einen Schlag gegen ihn führte, an den alten Glauben an, und berief sich, in Augenblicken, wo Niemand heuchelt oder Phrasen macht, auf den »Himmel,« auf die »gütige Vorsicht,« auf »Gott« und seine Fügung, ja beim Tode der Mutter, wie wir schon gesehen,« Vergl. Buch I, S. 12. auf »Ewigkeit und Vergeltung.« Nicht lange nach des Vaters Tode stieg der erste Umriß der » Glocke « in Schillers Geiste auf. In diesem Gedicht aber fanden die Worte eine Stelle, die sein Herz und sein Glaube ihm, seinem Systeme zum Trotz, eingegeben hat: Noch köstlicheren Samen bergen Wir trauernd in der Erde Schooß, Und hoffen, daß er aus den Särgen Erblühen soll zu schönrem Loos. Diese Zeilen, die dem Dichter in und außer Deutschland hunderttausende von Herzen gewonnen haben, können nicht eine Eingebung der Akkommodation, der Mitleidslüge seyn. Vielmehr sind in Schillers populärster Poesie die Ueberbleibsel der christlichen Überzeugungen niedergelegt, die sich aus dem Glaubensschiffbruche des achtzehnten Jahrhunderts in der Masse der Nation erhalten hatten. Konnte er, der strenge Idealist und Zweifler, sich so wenig dieser Gedanken erwehren, daß er sie, die er in den Momenten der Spekulation von sich stieß, in der Begeisterung des dichterischen Schaffens seinem Volke unaufgefordert immer wieder darbot: wie tief müssen jene Hoffnungen und Trostgründe der Religion in den Bedürfnissen und im Wesen der Menschennatur gegründet seyn! Abschied von der Philosophie. Das Gartenhaus. 1795 bis 1797. Neben der Spekulation ging indessen mit dem Dichter schon lange eine geheime Uebersättigung an ihrer Weisheit herum. Schon am Schlusse des Jahres 1795 beneidete er Göthe'n um seine poetische Stimmung, die ihm erlaubte, recht in seinem Wilhelm Meister zu leben. »Ich habe mich,« sagt er, »lange nicht so prosaisch gefühlt als in diesen Tagen, und es ist hohe Zeit, daß ich für eine Weile die philosophische Bude schließe. Das Herz schmachtet nach einem betastlichen Objekt.« S. an G. d. 17. Dez. 1795. Auch fühlte er vor den äußersten Consequenzen des Idealismus, wie sie damals in Fichte hervortraten, dessen Persönlichkeit ihn überdieß nicht anzuziehen schien, Briefw. mit G. I, S. 174 f. Vergl. Hoffm. III, 79 ff., wo aber bei einigen Thatsachen durch einen Irrthum Fichte mit Weishuhn verwechselt wird. einen unüberwindlichen Widerwillen, und Göthe's realistischer Einfluß machte sich, zum Vortheile seiner Produktionskraft, überhaupt allmählich geltend. »Es ist erstaunlich,« schrieb er am 21. März 1796 an seinen Freund Humboldt, »wie viel Realistisches schon die zunehmenden Jahre mit sich bringen, wie viel der anhaltende Umgang mit Göthe und das Studium der Alten, die ich erst nach dem Carlos habe kennen lernen, bei mir nach und nach entwickelt hat.« Göthe'n aber lag Fichte's Art zu philosophiren nicht nahe, und Schiller wollte keinen Schritt über Kant hinausgehen. Schon lange S. an G. vom 28. Okt. 1794. zwar, als er noch ganz in diesem Systeme befangen war, hatte er anerkannt, »daß das Gesetz der Veränderung, vor welchem kein göttliches (?) und kein menschliches Werk Gnade findet, auch die Form dieser Philosophie, so wie jede andere zerstören werde,« aber für die Fundamente derselben fürchtete er nicht dasselbe Schicksal, »denn so alt das Menschengeschlecht ist, und so lange es eine Vernunft gibt, hat man sie stillschweigend anerkannt, und im Ganzen darnach gehandelt.« »Mit der Philosophie unseres Freundes Fichte ,« fährt er sodann fort, »dürfte es nicht diese Bewandtniß haben. Schon regen sich starke Gegner in seiner eigenen Gemeine, die es nächstens laut sagen werden, daß Alles auf einen subjektiven Spinozismus hinausläuft... Nach den mündlichen Aeußerungen Fichte's ist das Ich auch durch seine Vorstellungen erschaffend, und alle Realität ist nur in dem Ich. Die Welt ist ihm nur ein Ball, den das Ich geworfen hat, und den es bei der Reflexion wieder fängt!! Sonach hätte er seine Gottheit wirklich deklarirt, wie wir neulich erwarteten .« Früher hatte er günstiger über Fichte geurtheilt und gemeint »sein überlegenes Genie werde Alles zu Boden schlagen.« (An Hoven d. 21. Nov. 1794. Auch auf dem Gebiete der Aesthetik entfernte er sich immer mehr von jeder unfruchtbaren Abstraktion. Im Beginne des Jahres 1796 (4. Jan.) war er mit Humboldt darüber einig, »daß die Ausbildung des Individuums nicht sowohl in dem vagen Anstreben zu einem absoluten und allgemeinen Ideal, als vielmehr in der möglichst reinen Darstellung und Entwickelung seiner Individualität bestehe, »ja,« fügte er hinzu, »jede Individualität ist in dem Grade idealisch, als sie selbstständig ist, das heißt, als sie innerhalb ihres Kreises ein unendliches Vermögen einschließt, und dem Gehalt nach Alles zu leisten vermag, was der Gattung möglich ist.« In diesen Kampf mit seiner Reflexion sehen wir den Dichter vertieft, während Göthe, der bei ihm war, neben ihm Lärm ins Haus machte, und ihm selbst der Kopf von einem Aderlaß eingenommen war. Aber er hielt den Gedanken fest, und noch mehrere Wochen später drückt er gegen Humboldt seine Freude darüber aus, daß dieser in Veurtheilung des Charakterwerthes sich so ernstlich und nachdrücklich gegen das einförmige Allgemeine erklärt, und für die Individualität streitet. Diese Idee ist ihm »von einer unabsehbaren Consequenz für alles Moralische und Aesthetische.« Und so ging es vorwärts mit ihm. 1797. Das Jahr 1797 eröffnete sich unter den günstigsten Auspizien und voll Produktionslust, obwohl »in diesen drückenden düstern Wintertagen alles später reift und die rechte Gestalt sich schwerer findet.« S. an G. 11. Jan. 1797. Er sah auch seinen Freund Göthe, nachdem dieser eine analytische Periode der Theilung und Trennung durchgemacht, und seine mit sich selbst zerfallene Natur durch Kunst und Wissenschaft wiederherzustellen gesucht habe, ausgebildet und reif, zu einer zweiten Jugend zurückkehren, welche die Frucht mit der Blüthe verbindet, welche die Jugend der Götter und unsterblich, wie diese, ist. (17. Jan.) Damals dichtete Schiller am Wallenstein, was wir absichtlich noch übergehen. Die erste Bedingung eines glücklichen Fortgangs dieser Arbeit war eine leichtere Luft und Bewegung. Er war daher entschlossen, mit den ersten Regungen des Frühjahrs den Ort zu verändern und sich wo möglich in Weimar ein Gartenhaus, wo heizbare Zimmer sind, auszusuchen. »Das ist mir,« schreibt er an Göthe den 11. Januar, »jetzt ein dringendes Bedürfniß, und kann ich diesen Zweck zugleich mit einer größern und leichtern Communication mit Ihnen vereinigen, so sind vor der Hand meine Wünsche erfüllt.« Göthe, dessen Briefe immer zutraulicher und herzlicher wurden, Er erweist Schillern jetzt auch eine Aufmerksamkeit, wie sie nur unter vertrauten Freunden statt finden kann. »Hier ein Naturprodukt,« schreibt er am 20. Juli 1796, »das in dieser Jahrszeit geschwind verzehrt werden muß. Ich wünsche, daß es wohl schmecken und bekommen möge.« Es war ein Fisch, der Schillern, seiner Schwiegermutter und Schlegels, die dazu geladen waren, »ganz vortrefflich geschmeckt hat.« nahm sich auch dieser Angelegenheit aufs wärmste und thätigste an. Schiller arbeitete indessen fort, sah aber klar, daß er dem Freunde nicht eher etwas zeigen könne, als bis er über Alles mit sich im Reinen sey. »Mit mir selbst,« sagt er am 24. Jan., »können Sie mich nicht einig machen, aber mein Selbst sollen Sie mir helfen mit dem Objekte einstimmig zu machen. Was ich Ihnen also vorlege, muß schon mein Ganzes seyn, ich meine just nicht mein ganzes Stück, sondern meine ganze Idee davon. Der radikale Unterschied unserer Naturen läßt überhaupt keine andere, recht wohlthätige Mittheilung zu, als wenn das Ganze dem Ganzen sich gegenüberstellt; im Einzelnen werde ich Sie zwar nicht irre machen können, weil Sie fester auf sich selbst ruhen als ich, aber Sie werden mich nicht über den Haufen werfen können.« Das Gartenprojekt führte sich inzwischen nicht in Weimar, sondern in Jena aus, Vergl. den Briefw. mit Göthe; Fr. v. Wolz. II, 174. Dörings neues Leben Schillers S. 216. Carlyle S. 184. Im letztern finden sich einige Zeitverstöße. Namentlich war die Benennung »Xeniengasse« ein Anachronismus der akademischen Jugend. nachdem Schillers Verlangen darnach immer größer geworden war. »Jetzt wird meine Sehnsucht, Luft und Lebensart zu verändern, so laut und so dringend, daß ich es kaum mehr aushalten kann,« schreibt er an Göthe den 17. Februar. »Wenn ich mein Gartenhaus einmal besitze, und keine große Kälte mehr nachkommt, so mache ich mich in vier Wochen hinaus. Eher komme ich auch mit meiner Arbeit nicht recht vorwärts, denn es ist mir, als könnte ich in diesen verwünschten vier Wänden gar nichts hervorbringen.« Wenige Tage später war von ihm der Schmidt'sche Garten mitsamt dem Hause, wie es scheint, um 1200 Rthlr., erkauft worden. »Es ist vor der Hand mir ein leichtes Sommerhaus, und wird wohl auch noch ein hundert Thaler kosten, um nur im Sommer bewohnbar zu seyn; aber diese Verbesserung meiner Existenz ist mir alles werth.« Der Garten liegt vom Jenaischen Marktplatze an gerechnet, südwestlich vor der Stadt, zwischen dem Engelgatter und dem Neu-Thore, an einer Schlucht, durch welche sich der Leutrabach um die Stadt schlängelt. Das Gartenhaus, vor welchem auch der Verfasser dieser Biographie an der Seite Ernsts von Schiller, zehen Jahre nach des Dichters Tode, in schmerzlichen Gedanken gestanden ist, war bald wohnlicher gemacht, freundlich und anspruchlos. Das Haus hatte im obern Stock eine weite herrliche Aussicht. Der Garten heißt jetzt, wegen des daselbst eingerichteten Observatoriums, der Garten der Sternwarte. Hoffm. III, 275. Auf der Höhe des Berges, an dem sich der Garten hinaufzieht, wo man das Saalethal und die Tannengebirge des nahen Forstes überblickt, erbaute sich Schiller, der »die Hauswirthschaft sehr liebte, aber das Knarren der Räder nicht hören mochte,« ein seitdem wieder abgebrochenes zweites Häuschen mit einem einzigen Zimmer. Es war sein Lieblingsaufenthalt, und ein großer Theil seiner Dichtungen wurde fortan dort geschaffen. »Da schmückt' er sich die schöne Gartenzinne, Von wannen er der Sterne Wort vernahm, Das dem gleich ew'gen, gleich lebend'gen Sinne Geheimnißvoll und klar entgegen kam. Dort, sich und uns zu köstlichem Gewinne, Verwechselt' er die Zeiten wundersam. Nun sank der Mond und zu erneuter Wonne Vom klaren Berg herüber schien die Sonne,« Göthe's Prolog zu Schillers Glocke. Auf der, diesem Gartenhäuschen gegenüber liegenden Anhöhe ward er hier wohl nicht selten durch die erleuchteten Fenster von den Jenensern in der nächtlichen Arbeit belauscht. Neben sich hatte er, um sich munter zu erhalten, eine Tasse Kaffee oder Weinchocolade, zuweilen auch eine Flasche alten Rheinweins oder Champagner stehen. Da hörte man ihn denn oft durch die Nachtstille sich die eben geschaffenen Verse recitiren, sah ihn bald in lautem Selbstgespräch in der Stube auf und niedergehen, bald sich wieder in den Sessel werfen und schreiben, zuweilen aus dem neben ihm stehenden Pokal einen flüchtigen Zug thun. Nach der Schwägerin Versicherung trank er bei'm Schreiben nie Wein , oft Kaffee, der ermunternd auf ihn wirkte. Fr. v. Wolz. II, 294. Auch in seiner Winterwohnung, abgesondert vom Gewühle der Menschen, im Griesbach'schen Hause am Stadtgraben, hinten hinaus, fand man ihn zuweilen bis früh um vier, auch fünf Uhr am Schreibtische; im Sommer bis gegen drei Uhr. Aber hier zu verweilen ward ihm, bei peinigender Kränklichkeit und herankommendem Frühlinge, jetzt ganz unerträglich. Am 2. Mai 1797 kann er endlich an Göthe schreiben: »Ich begrüße Sie aus meinem Garten, in den ich heute eingezogen bin. Eine schöne Landschaft umgibt mich, die Sonne geht freundlich unter und die Nachtigallen schlagen. Alles um mich herum erheitert mich, und mein erster Abend auf dem eigenen Grund und Boden ist von der fröhlichsten Vorbedeutung.« 1796 bis 1797. Schillers geselliges Leben hatte sich in der letzten Zeit auch recht angenehm gestaltet. Besuche seines Schwagers Reinwald und seines Freundes Körner erfreuten ihn. »Bringe immer das ganze Geräthe deiner Launen mit, lieber Reinwald:« schreibt er, ohne Datum, dem Schwager, Boas II, 482. »Ein Hypochonder wird mit dem andern Geduld haben. Doch ist bei mir, das sey zu Eurem Trost gesagt, die Hypochondrie mehr im Unterleib und in der Brust, als im Gemüth, welches bei allen Unfällen, die über mich ergingen, Dank sey dem guten Gott, noch leidlich frei geblieben ist.« Oft erheiterte sich seine trübe Stimmung im Umgange mit den geistreichen Männern, welche die Universitätsstadt Jena damals in ihren Mauern vereinigte. Mit Fichte zwar kam er erst in nähere Berührung, als es galt, sich des Bedrängten anzunehmen, was der hohe und edle aber unfügsame Charakter dieses Philosophen nicht eben erleichterte. Schellings, des neuen Ankömmlings, tiefer Geist und offenes Gemüth machten ihm diesen bald sehr werth; mit ihm und dem vieljährigen philosophischen Glaubensgenossen Niethammer verbrachte er alle Wochen einen heiteren Abend bei einer Lhombre-Partie. Die ältern Freunde blieben immer treugesinnt. Schon im Jahre 1796 war der Jugendfreund Schillers und seiner Schwägerin Caroline, Wilhelm von Wolzogen, der in Paris manchem Sturme der Revolution getrotzt hatte, und nach Stuttgart zurückgekehrt war, der zweite Gatte dieser aus früher Jugend ihm theuren Anverwandten geworden. Sie waren zusammen nach Bauerbach gereist, als das französische Heer, Schwaben überschwemmend, nach Franken vordrang, und hatten sich endlich vor dem Gewitter nach Rudolstadt und Jena geflüchtet. Wolzogen wurde als Kammerrath und Kammerherr vom Herzoge von Weimar angestellt, und so lebte das Freundepaar seit dem August 1796 wieder in des Dichters Nähe. Auch Wilhelm von Humboldt mit seiner Gemahlin kehrte im Herbste dieses Jahres von Berlin nach Jena zurück, und sein Bruder Alexander, »dessen lebhafter Geist die Riesenschritte, die er in der Erkenntniß der Natur machen würde,« schon damals andeutete, hatte sich ihnen zugesellt. Im Sommer des Jahrs 1797 verließ die Humboldt'sche Familie Jena und trat eine Reise nach Italien an, so daß selbst der Briefwechsel zwischen den beiden Freunden Schiller und W. v. Humboldt nur in großen Unterbrechungen sich fortsetzte. Der Genius der Resterion war von unserem Helden geschieden, der Schutzgeist der Produktion ergriff ihn mächtig bei der Hand und zog ihn aus der Tiefe der Spekulation ins lichte Gebiet der Erscheinungswelt und der Dichtung empor. Das Balladenjahr. 1797. Der epische Drang sollte nicht objektlos bleiben. Er führte den Dichter zur Ballade. Ein Wetteifer mit Göthe, sagt Körner, veranlaßte Schillers erste Balladen. Die Ballade Eberhard der Greiner (1782) ist ein Schulversuch. Beide Dichter theilten sich in die Stoffe, die sie gemeinschaftlich ausgesucht hatten. »Dieses ist einmal das Balladenjahr!« rief Schiller selbst am 22. September vergnügt aus, als er schon viele Stoffe verarbeitet vor sich liegen hatte. Mit manchen blieb es auch bei der bloßen Idee, wie mit einer Romanze über Don Juan und einer Ballade über den Amlet (Hamlet) des Saxo Grammaticus. Briefw. mit G. III, S. 95. 121 ff. Von Don Juan sagt Göthe: »Die allgemein bekannte Fabel, durch eine poetische Behandlung, wie sie Ihnen zu Gebot steht, in ein neues Licht gestellt, wird guten Effekt machen.« (Mai 1797.) Vielleicht schreckte ihn die Bekanntheit und frühere Verarbeitung dieser Stoffe ab, die für den schaffenden Dichter immer etwas Widerwärtiges hat. Dagegen freute er sich, wenn ihm der Zufall einen unbekannten Stoff in die Hände spielte. Der erste dieser Art war »Der Taucher,« von welchem Göthe am 10. Juni ihm schreibt: »leben Sie recht wohl und lassen Ihren Taucher je eher je lieber ersaufen.« Diese Ballade entstand zu derselben Zeit mit Göthe's »Gott und die Bajadere.« »Es ist nicht übel,« schreibt dieser, »da ich meine Paare in das Feuer und aus dem Feuer bringe, daß Ihr Held sich das entgegengesetzte Element aussucht.« Das Motiv zu dem Gedichte Ein ähnliches Motiv hat ein altfranzösisches Volkslied; französisch bei Chamisso, Leben I, 258; deutsch bei Uhland, Gedichte (XIII.) S. 493. war Nicolaus der Fisch, der Taucher eines sicilianischen Königs, die Fundgrube desselben noch unentdeckt. Athanasius Kirchners Erzählung in seinem Buche über die unterirdische Welt scheint Schiller nicht gekannt zu haben. Ueber die Quellen von Schillers Balladen s. Schmidt's Taschenbuch deutscher Romanzen; Götzingers deutsche Dichter; und aus ihnen Hoffmeister III, 291 ff., ebendaselbst die äußerst glückliche Charakterisirung der einzelnen Balladen. Wir folgen dem Letzten, so weit wir beistimmen können. Um den Klippenfisch, den Hammer, den Hay und den stachlichten Rochen aufmarschiren lassen zu können, hatte Göthe dem Freunde zwei Fischbücher geliehen. Den Strudel der Charybde konnte der Dichter »nur bei einer Mühle studiren,« aber am Rheinfall fand Göthe, auf seiner Schweizerreise im Herbst, die Schöpfung des Dichtergenius verwirklicht und legitimirt. »Die Ballade selbst stellt uns den Kampf des Menschen mit einer furchtbaren Naturkraft vor Augen, und trägt daher den Charakter des Erhabenen.« Bald nachher, Mitte Juni's, entstand »der Handschuh« aus einer Anekdote, die der Dichter in St. Foix' historischen Versuchen über Paris, mit dem ursprünglichen Ausgange fand, daß der Ritter de Lorges der Dame den Handschuh au nez geworfen. Daraus machte Schiller sein plastisches Bild, in dem Göthe ein artiges Nach- und Seitenstück zum Taucher erkannte, das durch sein eigenes Verdienst das Verdienst jener Dichtung erhöhe; hier sey es die reine That, ohne Zweck oder vielmehr im umgekehrten Zwecke, was so wohl gefalle. Schiller selbst nannte das Gedicht, als ideenlos, keine Ballade, sondern nur eine Erzählung. Am 23. Juni hoffte Schiller seinem Freunde schon wieder eine neue Ballade senden zu können, und sie folgte auch wirklich am 26. Es war der Ring des Polykrates, »ein Gegenstück zu Ihren Kranichen,« schreibt er an Göthe; denn dieser war es, der den letztern Stoff damals bearbeiten wollte. »Der Ring des Polykrates,« antwortet Göthe am andern Tag, in einem in der Sammlung verschobenen Brief, »ist sehr gut dargestellt. Der königliche Freund, vor dessen, wie vor des Zuhörers Augen Alles geschieht, und der Schluß, der die Erfüllung in Suspenso läßt, alles ist sehr gut. Ich wünsche, daß mein Gegenstück ebenso gelingen möge!« Die Alten glaubten, wie Hoffmeister trefflich zu diesem Gedichte entwickelt, daß sich in dem Leben eines jeden Menschen Glück und Unglück das Gleichgewicht halten müssen; selbst der größten Macht sey ein entsprechendes Leid beigesellt; wer die ganze Fülle des Glücks in sich vereinigen wolle, der trete aus den Schranken der Menschheit und ziehe sich den Neid und die Rache der selbst vielfach bedürftigen und beschränkten Götter zu. »Dieses, jeden Uebermuth mäßigende, demüthige Lebensgefühl hat Schiller aus der Weltanschauung des Herodot heraus zart und wahr dargestellt.« Anfang Juli entstand die »Nadowesische Todtenklage,« der Göthe einen ächten realistisch-humoristischen Charakter zuerkannte, welcher wilden Naturen so wohl ansteht. Er hielt es für ein Verdienst der Poesie, den Kreis ihrer Gegenstände immer zu erweitern, und Hoffmeister erinnert bei diesem Urtheile mit Recht an das weite Feld, das der treffliche Freiligrath seitdem dieser Dichtungsweise geöffnet hat. Göthe mißbilligte das Grauen, das Humboldt an dem Lied empfand und das nur dem rohen Stoffe gelte; und noch lange nach des Dichters Tode bewunderte er, gegen Eckermann, die große Kunst, mit welcher Schiller das Objektive zu fassen wußte, wenn es ihm als Ueberlieferung vor die Augen kam. Er rechnete das Gedicht zu den allerbesten des Dichters, und wollte, er hätte ein Dutzend in dieser Art gemacht. Sie waren auch projektirt, folgten aber nicht. Der Stoff war aus »Thomas Carver's Reise durch Amerika« genommen. »Die Kraniche des Ibykus« überließ Göthe, in der Mitte Juli's, Schillern zur Ausführung und wünschte, »daß sie ihm bald nachfliegen möchten,« als auch er im Begriffe war »in des Südens Wärme« nach der Schweiz und, was unausgeführt blieb, nach Italien zu ziehen. Schiller aber, durch die Herausgabe der Agnes von Lilien, die ein Werk seiner Schwägerin war, das diese rühmlich in die Literatur einführte, und Andres in Anspruch genommen, gewann erst später Muse zu dieser Arbeit und stieß auf unerwartete Schwierigkeiten, so daß er die Ballade erst am 16. August, noch ohne die letzte Feile, dem Freunde nach Frankfurt nachschicken konnte. Dieser betrachtete sich als Mitvater des poetischen Kindes, und half das Gedicht von Frankfurt aus in zwei großen Briefen vom 22. und 23. August völlig nach der Idee, worauf er seine Ausführung bauen wollte, gestalten. Auf seinen Rath wurde aus den Kranichen, als Zugvögeln, ein großer Schwarm, die sowohl über den Ibykus, als über das Theater wegfliegen; auf seinen Rath wurde nach dem 14. Verse ein weiterer eingerückt, der die Gemüthsstimmung des Volks darstellt; auf seine Veranstaltung an die allzu kahle Exposition einige Verse gewendet und dem Ibykus die jetzt so effektvollen Worte in den Mund gelegt. Ihm war darum zu thun, »aus diesen Kranichen ein langes und breites Phänomen zu machen, welches sich wieder mit dem langen, verstrickenden Faden der Eumeniden gut verbinden würde!« Dieses schrieb Göthe dem Dichter an einem Tage, an welchem zu Frankfurt ein etwas gedrückter, kränklich aussehender, aber liebenswürdiger und mit Bescheidenheit, ja ängstlich offener junger Mann bei ihm gewesen war, ein Dichter, der Schillers Schule verrieth, und dem er besonders den Rath gab, kleine Gedichte zu machen, und sich zu jedem einen menschlich interessanten Gegenstand zu wählen. Das war Friedrich Hölderlin , der sich später stark genug fühlte, seinen eigenen Weg zu gehen. Schiller hatte vor kurzem (30. Juni) von ihm zu Göthe gesprochen: »Es freut mich, daß Sie meinem Freunde und Schutzbefohlenen nicht ganz ungünstig sind ... Aufrichtig, ich fand in diesen Gedichten (Hölderlins) viel von meiner eigenen sonstigen Gestalt, und es ist nicht das erstemal, daß mich der Verfasser an mich erinnerte. Er hat eine heftige Subjektivität, und verbindet damit einen gewissen philosophischen Geist und Tiefsinn. Sein Zustand ist gefährlich , da solchen Naturen so gar schwer beizukommen ist. Indessen finde ich in diesen neuen Stücken doch den Anfang einer gewissen Verbesserung, wenn ich sie gegen seine vormaligen Arbeiten halte: denn kurz, es ist Hölderlin, den Sie vor wenigen Jahren bei mir gesehen haben. Ich würde ihn nicht aufgeben, wenn ich nur eine Möglichkeit wüßte, ihn aus seiner eigenen Gesellschaft zu bringen, und einem wohlthätigen und fortdauernden Einfluß von Außen zu öffnen. Er lebt jetzt als Hofmeister in einem Kaufmannshause zu Frankfurt, und ist also in Sachen des Geschmacks und der Poesie auf sich selber eingeschränkt, und wird in dieser Lage immer mehr in sich selbst hineingetrieben.« Uebrigens war dieser poetische Landsmann unserem Schiller sehr werth, und er stellte ihn einem eben gegenwärtigen Fremden in Jena mit den Worten vor, indem er Hölderlin dazu bei der Hand nahm: »das ist mein liebster Schwabe!« (Das Letzte aus mündlicher Mittheilung.) Hölderlin war damals ein sehr schöner Jüngling von 26 Jahren. Die Umnachtung seines Geistes begann in seinem 33sten Jahre, jetzt (Nov. l840.) zählt er, leiblich ganz gesund, 70 Jahre. Schiller nahm Göthe's Winke mit dem Dank auf, der ihnen gebührte. Es war ihm recht fühlbar geworden, »was eine lebendige Erkenntniß auch beim Erfinden so viel thut.« Ihm waren die Kraniche »nur aus Gleichnissen bekannt,« und so übersah er »den schönen Gebrauch, der sich von diesem Naturphänomen machen läßt.« »Mit dem Ibykus habe ich,« schreibt er am 7. September, »nach Ihrem Rath wesentliche Veränderungen vorgenommen; die Exposition ist nicht mehr so dürftig, der Held der Ballade interessirt mehr, die Kraniche füllen die Einbildungskraft auch mehr, und bemächtigen sich der Aufmerksamkeit genug, um bei ihrer letzten Erscheinung durch das Vorhergehende nicht in Vergessenheit gebracht zu seyn.« Ein ausführlicher Commentar rechtfertigt sodann das Wenige, worin er Göthen nicht folgen kann. Darauf wurde die Romanze noch an Böttiger gegeben, um von ihm zu erfahren, ob sich nichts darin mit altgriechischen Gebräuchen im Widerspruch befinde. Böttiger war befriedigt, und gestand zu Schillers Belustigung, daß er nie recht begriffen habe, wie sich aus dem Ibykus etwas machen ließe. Und nun lief das mit so viel Fleiß und Besonnenheit vollendete Werk der Dioskuren vom Stapel. Zu dem großen Kunstwerke hatten dem Dichter die dürftigen Notizen des Suidas, ein Epigramm des Antipater von Sidon, ein beiläufiges Wort des Plutarch verholfen, und der Eumenidenchor des Aeschylus hatte ihm den Athem der göttlichen Rache eingeblasen. Während Schiller in solcher Gesundheit des Geistes arbeitete, litt sein Körper an einem Katarrhfieber und hartnäckigen Husten, der ihn das ganze Jahr nicht mehr verließ, und dieses Uebel griff ihm den Kopf mehr an, als alle Krämpfe. Dazu lag ihm »die Schererei des Almanachs« (für 1798) auf dem Halse. Dennoch wollte er wieder ernstlich an den Wallenstein gehen, rüstete Kleinigkeiten für den Musenalmanach, und sehnte sich, »die Glocke,« die »immer noch nicht gegossen war,« wieder vorzunehmen. Göthe's Briefe waren für ihn »reich beladene Schiffe, die jetzt eine seiner besten Freuden ausmachten.« Dieser war inzwischen bis nach Schillers Heimath gekommen und hoffte von der schwäbischen Luft »Ergiebigkeit« für seine Muse, worin er sich auch nicht täuschte: denn in Stuttgart concipirte er die unvergleichlichen Müllerlieder. Göthe schreibt seinem Freund aus dieser heimathlichen Residenz (den 30. August 1797) ausführlich, wie er, »nachdem er im Bauche des römischen Kaisers eines der schlimmsten Wanzenabentheuer bestanden,« die Stadt recognoscirte, deren Anlage, so wie besonders die Alleen, ihm wohl gefielen. Er hatte an »Herrn Rapp einen sehr gefälligen Mann und schätzbaren Kunstliebhaber gefunden, der ein recht hübsches Talent zur Landschaftscomposition, auch gute Kenntniß und Uebung habe.« Sie gingen zusammen zu Rapps Schwager, Professor Dannecker, wo ihn unter andern Modellen der Originalausguß von Schillers Büste Hierunter ist die erste, kleinere Büste zu verstehen. Die berühmte, colossale entstand erst nach Schillers Tode. S. den vom Verfasser dieser Lebensbeschreibung aus seines Oheims, Danneckers Munde aufgefangenen Artikel über den Künstler im Conversationslexikon, wo aber statt 1797 zu lesen ist 1793. frappirte, die »eine solche Wahrheit und Ausführlichkeit hat, daß es wirklich Erstaunen erregt. Der Marmor ist darnach angelegt, und wenn die Ausführung so geräth, so ist es ein sehr bedeutendes Bild.« Außerdem würdigte Göthe zu Stuttgart den vortrefflichen Stuccator Isopi, den Maler Hetsch, den Kupferstecher Johann Gotthard Müller, die Kupferstichsammlung des Consistorialraths Rueff, und erfreute sich in Rapps Garten an seinem Kunstverstand und an Danneckers Lebhaftigkeit. Als er bemerken konnte, daß sein Verhältniß zu diesen beiden Männern im Wachsen war, entschloß er sich, ihnen den Hermann vorzulesen, was er dann (zwischen dem 4. und 7. Sept.) an Einem Abend in Rapps Hause mit Effekt vollbrachte. Man verzeiht wohl dem gebornen Stuttgarter, der 37 Jahre seines bisherigen Lebens in jener Stadt zugebracht hat, den Auszug dieser Einzelheiten, die Schiller selbst ja so begierig vernahm. Wohl erinnert sich der Verfasser, damals fünf Jahre alt, wie in seinem Elternhause mit Feierlichkeit die Worte gesprochen wurden: »Heute Abend kommt Göthe zu Onkels, und liest vor.« Der Knabe verstand diese Worte nur halb: bald dachte er sich den Göthe, von welchem mit solcher Ehrfurcht geredet wurde, als einen gewöhnlichen Menschen und Vorleser, bald wieder als einen Gast aus der überirdischen Welt, der durch die Riegelwände hereinkommen und ein Manifest des Himmels verlesen werde. Bei Cotta in Tübingen angekommen, rühmte er sein heiteres Zimmer und den schmalen, aber freundlichen Ausblick ins Neckarthal zwischen der alten Kirche und dem akademischen Gebäude. An Cotta lernte er einen Mann »von strebender Denkart und unternehmender Handlungsweise« kennen, der für einen solchen »so viel Mäßiges, Sanftes und Gefaßtes, so viel Klarheit und Beharrlichkeit hat, daß er ihm eine seltene Erscheinung ist.« Auch machte er die Bekanntschaft anderer sehr schätzbaren Männer unter den Professoren, »die sich alle in ihrer Lage gut zu befinden scheinen, ohne daß sie gerade einer bewegten akademischen Cirkulation nöthig hätten.« Die großen Stiftungen Tübingens bewunderte er; sie »scheinen den großen Gebäuden gleich, in die sie eingeschlossen sind; sie stehen, wie ruhige Kolossen auf sich selbst gegründet, und bringen keine lebhafte Thätigkeit hervor, die sie zu ihrer Erhaltung nicht bedürfen.« So spiegelte sich in dem hellen Auge seines großen Freundes, was ihm Gutes, Schönes und Charakteristisches in Schillers Vaterlande begegnete, und er warf diesem ein herzerfreuliches Bild davon in die Adoptivheimath zurück. »Ihr Brief hat große Freude gemacht,« antwortet ihm Schiller auf die letzten Nachrichten aus Schwaben. »Ich wäre sehr begierig gewesen, den Eindruck, den Ihr Hermann auf meine Stuttgarter Freunde gemacht, zu beobachten. An einer gewissen Innigkeit des Empfangens hat es sicher nicht gefehlt, aber so wenig Menschen können das Nackende der menschlichen Natur ohne Störung genießen.« Schiller hatte indessen, nachdem schon früher der »Ritter von Toggenburg,« dessen Bewunderung wir andern überlassen, dessen auch im Briefwechsel mit Göthe gar nicht erwähnt wird, und dessen Quelle unbekannt ist, entstanden war, den Stoff zum »Eisenhammer,« den er wahrscheinlich aus einer französischen Fundgrube ans Licht gebracht hat, aufgefunden, und rasch für den Almanach bearbeitet, den ihm diese Ballade nicht unwürdig zu beschließen schien. »Sie sehen,« sagt er dem fernen Göthe am 22. September, »daß ich auch das Feuerelement mir vindicire, nachdem ich Wasser und Luft bereist habe. Der nächste Posttag liefert es Ihnen, nebst dem ganzen Almanach, gedruckt.« Hoffmeister macht auf die von Schillers übrigen Balladen abweichende Erzählungsform in diesem Gedicht aufmerksam; so wie auf die leidenschaftliche Lust, welche der Dichter damals für die Darstellung äußerer Erscheinungen gefaßt hatte, und die man aus der vortrefflichen Schilderung des Eisenwerks ersieht. Als Göthe im Rheinfalle den Strudel des Tauchers erkannt hatte, schrieb ihm Schiller zurück: »Vielleicht führt Sie auch Ihre Reise an meinem Eisenhammer vorbei: und Sie können mir sagen, ob ich dieses kleinere Phänomen richtig dargestellt habe.« Der genannte Kritiker rügt auch noch einen bedeutenden Fehler der Composition: daß nämlich der Auftrag der Gräfin an Fridolin, die Messe zu hören, im Verlaufe des Gedichts in einen bloßen Zufall verwandelt wird, wodurch ein Widerspruch in die Motive kommt und der Eindruck der Dichtung auf den Leser getrübt wird. Dennoch bleibt Göthe's Urtheil wahr: »Sie haben kaum etwas mit so glücklichem Humor gemacht (als den Eisenhammer).« Mit Hoffmeister reihen wir diesen Arbeiten des »Balladenjahres« auch die Balladen des folgenden Jahres an. Den Stoff der »Bürgschaft,« die Schiller am 4. September 1798 an Göthe abgehen ließ, hatte ihm, wie er selbst sagt, Hyginus zugeführt. Daher rührte der ungewohnte Name Möros, dessen Genosse bei Hygin Selinuntios heißt, während die bekanntern Namen des Freundepaares bei Cicero und andern Schriftstellern Damon und Phintias lauten, bei Valerius Maximus oder seinen Abschreibern aber der letzte Pythias heißt. »Ich bin neugierig,« schreibt Schiller, »ob ich alle Hauptmotive, die in dem Stoffe lagen, glücklich herausgefunden habe.« Von den zurückhaltenden Motiven der Ballade, dem angeschwollenen Strom, den (höchst glücklich erfundenen) Räubern, dem erschöpfenden Durste, den zwei Wanderern, und dem entgegenkommenden Philostratus, – hat schon Göthe gegen das dritte, den Durst, eingewendet, wie es physiologisch nicht ganz zu billigen seyn möchte, daß einer, der an einem Regentage ins Wasser gefallen ist, bis auf die Haut naß, vor Durst umkommen will. »Aber auch das Wahre abgerechnet und ohne an die Resorption der Haut zu denken, kommt der Phantasie und der Gemüthsstimmung der Durst hier nicht ganz recht.« Schiller ließ jedoch das, auch sonst krankende Motiv, da Göthe nichts Besseres zu finden wußte, stehen. Die Kritiker tadeln noch andre Einzelheiten des Gedichtes, insbesondere die sentimentalen Schlußworte des Tyrannen, und diese mit Recht, zumal, da sie, nach Hygin und Schiller, der ältere Dionysius, der bluttriefende Unmensch, sprechen soll. Die Ballade ist, nach Hoffmeister, wohl deßwegen so beliebt und besonders auch bei der Jugend so einheimisch, weil sie bei ihrem raschen Gang und ihrer plastischen Lebendigkeit die ideale Macht des Gemüthes, des Himmels, über Natur und Hölle so rührend und herrlich offenbart, und die Idee der Freundestreue verherrlicht. Aber Freundschaft und Treue scheinen ihm in der Dichtung sich wechselseitig zu schaden und den Eindruck zu schwächen. Sehr treffend bezeichnet übrigens der Kritiker die herrliche Darstellung der Ballade als ein »wanderndes und sich immer verwandelndes Bild.« In Möros' Bürgerstolz und Pflichtgefühl und andrerseits seiner zärtlichen Freundschaft spricht sich ihm der ganze Schiller nach seiner heroischen und humanen Natur aus. Zugleich gedichtet, und am gleichen Tage an Göthe abgeschickt, wurde »der Kampf mit dem Drachen,« aus Vertots Geschichte des Johanniterordens sehr getreu bearbeitet, voll beschreibender Prachtstriller oder Bravourarien, mit spannendem Anfange, prägnantem Schluß, und mit der, von der Schilderung der That unabhängigen, Tendenz, den christlich- mönchisch-ritterlichen Geist in der Ballade auszusprechen. Dieses complicirte Wollen schadet dem Gedichte, wiewohl es Göthe mit den Worten lobend abfertigt: »bei dem christlichen Drachen finde ich nichts zu erinnern, er ist sehr schön und zweckmäßig.« So eifrig und ernstlich arbeiteten die beiden großen Dichter einander in die Hände, und so langsam gingen sie vorwärts. Die besten Dichter werden es noch immer so machen. Aber die meisten isoliren sich aus Scheu und Hochmuth, dichten ohne Gewissensrath eilig und allein, und lassen so schnell als möglich drucken. Werden dann die guten Gedanken, die poetischen Bilder und Empfindungen unter der ungefeilten und ungeleckten Mißform nicht erkannt und gewürdigt, so klagen sie über Beschränktheit des Publikums, verstecken sich, und verkommen unter immer wieder getäuschter Hoffnung dereinstiger Anerkennung. Ueber den poetischen Charakter der Schiller'schen Balladen, als Gattung betrachtet, mögen Andre urtheilen. Der Verfasser dieser Biographie, auf ähnlichem Felde beschäftigt, hat, über der Praxis, keine vollbewußte theoretische Ansicht. Der Wallenstein. 1795 bis 1798. Wir haben gesehen, daß Schiller die erste Anlage zu dieser Tragödie schon im Jahr 1793 mit nach Schwaben genommen und einen Anfang derselben im Frühjahre 1794 nach Jena zurückgebracht hatte. Seitdem ruhte der Stoff, selbst unter den großen Unterbrechungen, die seinen ganzen Fleiß, die ganze Thätigkeit seines Geistes und selbst oft seine ganze Begeisterung in Anspruch nahmen, nie völlig in seiner Künstlerseele, welche sich endlich ganz in ihn ergießen sollte. Doch stritten sich, wie es scheint, noch im Jahr 1795 die »Maltheser« um die Priorität in seinem Geiste, bis im Beginne des folgenden Jahres sein Entschluß sich für den Wallenstein entschied. Ich habe,« sagt er zu Göthe (18. März 1796), »an meinen Wallenstein gedacht, sonst aber nichts gearbeitet. Die Zurüstungen zu einem so verwickelten Ganzen, wie ein Drama ist, setzen das Gemüth doch in eine gar sonderbare Bewegung. Schon die allererste Operation, eine gewisse Methode für das Geschäft zu suchen, um nicht zwecklos herumzutappen, ist keine Kleinigkeit. Jetzt bin ich erst an dem Knochengebäude, und ich finde, daß von diesem, wie in der menschlichen Struktur, auch in der dramatischen Alles abhängt. Ich möchte wissen, wie Sie in solchen Fällen zu Werke gegangen sind. Bei mir ist die Empfindung anfangs ohne bestimmten und klaren Gegenstand; dieser bildet sich erst später. Eine gewisse musikalische Gemüthsstimmung geht vorher, und auf diese folgt bei mir erst die poetische Idee.« Die Xenien störten diese Empfindung; erst im Oktober nahm Schiller den Wallenstein wieder vor, aber »er ging noch immer darum herum, und wartete auf eine mächtige Hand, die ihn ganz hineinwirft.« Die Jahreszeit drückte ihn, und oft meinte er, mit einem heitern Sonnenblick müßte es gehen. Im November wandte er sich dem fleißigen Quellenstudium des Stoffes zu, und gewann in der Oekonomie des Stückes nicht unbedeutende Fortschritte. »Je mehr ich,« spricht er am 13. Nov., »meine Ideen über die Form des Stücks rectificire, desto ungeheurer erscheint mir die Masse, die zu beherrschen ist, und wahrlich ohne einen gewissen kühnen Glauben an mich selbst würde ich schwerlich fortfahren können.« Das sah er bald ein, daß ihm der Wallenstein den ganzen Winter und wohl fast den ganzen Sommer kosten konnte, »weil er den widerspenstigsten Stoff zu behandeln habe, dem er nur durch ein heroisches Ausharren etwas abgewinnen kann.« – »Da mir außerdem noch so manche selbst der gemeinsten Mittel fehlen, wodurch man sich das Leben und die Menschen näher bringt, aus seinem engen Daseyn heraus und auf eine größere Bühne tritt, so muß ich, wie ein Thier, dem gewisse Organe fehlen, mit denen, die ich habe, mehr thun lernen, und die Hände gleichsam mit den Füßen ersetzen. In der That verliere ich darüber eine unsägliche Kraft und Zeit, daß ich mir eigene Werkzeuge zubereite, um einen so fremden Gegenstand, als mir die lebendige und besonders die politische Welt ist, zu ergreifen.« Noch immer war er nicht gewiß, ob der Stoff sich zur Tragödie auch nur qualificire, ob er nicht nur »ein würdiges dramatisches Tableau« daraus machen, aber »die Maltheser« vorher ausarbeiten sollte (18. Nov.). Zehn Tage darauf war ihm so ziemlich klar, was er wollte, sollte und hatte, und es galt nur noch das Ausrichten. »Es will mir ganz gut gelingen,« sagt er, »meinen Stoff außer mir zu halten, und nur den Gegenstand zu geben. Beinahe möchte ich sagen, das Sujet interessirt mich gar nicht, und ich habe nie eine solche Kälte für meinen Gegenstand mit einer solchen Wärme für die Arbeit in mir vereinigt. Den Hauptcharakter, so wie die meisten Nebencharaktere, traktire ich wirklich bis jetzt mit der reinen Liebe des Künstlers; blos für den nächsten nach dem Hauptcharakter, den jungen Piccolomini, bin ich durch meine eigene Zuneigung interessirt, wobei das Ganze übrigens eher gewinnen als verlieren soll.« Der Stoff erschien ihm immer noch undankbar und unpoetisch, »er wollte nicht ganz pariren; im Gange waren noch Lücken; manches wollte sich gar nicht in die engen Gränzen einer Tragödienökonomie hineinbegeben.« 1796. Die Katastrophe fand er für eine tragische Entwicklung so ungeschickt. »Das eigentliche Schicksal thut noch zu wenig, und der eigene Fehler des Helden noch zu viel an seinem Unglück.« Doch tröstete er sich mit Macbeth. Mitte Decembers 1796 war er emsig in der Arbeit. Göthe fand es in der Regel, daß es mit dem Wallenstein so gehe, wie Schiller schreibt. »Ich habe desto mehr Hoffnung darauf, da er sich nun selbst zu produciren anfängt, und ich freue mich, den ersten Akt nach dem neuen Jahre anzutreffen.« Das Werk rückte indessen mit lebhaftem Schritte weiter. Es war dem Dichter nicht mehr möglich, so lange er anfangs gewollt, die Vorbereitung und den Plan von der Ausführung zu trennen. Der Anstoß durch die mächtige Hand des Genius war erfolgt. »Sobald die festen Punkte einmal gegeben waren, und ich überhaupt mir einen sichern Blick durch das Ganze bekommen, habe ich mich gehen lassen; und so wurden, ohne daß ich es eigentlich zur Absicht hatte, viele Scenen im ersten Akt (d. h. in Wallensteins Lager) gleich ausgeführt. Meine Anschauung wird mit jedem Tage lebendiger und eines bringt das andere herbei.« Am Dreikönigstag hoffte er den ersten Akt Göthe'n überschicken zu können. »Denn ehe ich mich weiter hineinwage, möchte ich gerne wissen, ob es der gute Geist ist, der mich leitet. Ein böser ist es nicht, das weiß ich wohl gewiß, aber es gibt so viele Stufen zwischen beiden.« Bis jetzt war er, »nach reifer Ueberlegung, bei der lieben Prosa geblieben, die diesem Stoff auch viel mehr zusagt.« 1797. Im neuen Jahre machte die Arbeit Riesenschritte, denn schon am 1. März schreibt Göthe: »Leben Sie wohl und führen Sie nur auch, wachend oder träumend, Ihre Piccolomini's auf dem guten Wege weiter .« Am 4. April hatte der Dichter ein detaillirtes Scenarium des Wallenstein entworfen, um sich die Uebersicht der Momente und des Zusammenhangs auch durch die Augen mechanisch zu erleichtern. Das Studium der Griechen, des Philoktet, der Trachinierinnen, Stücke, die er eben gelesen, überzeugte ihn immer mehr, »daß der ganze cardo rei in der Kunst, eine poetische Fabel zu erfinden, Das hat schon Horaz gesagt: – – – – »Wer mächtig die Fabel gewählt hat, Dem entzieht sich Beredtsamkeit nicht, noch Licht in der Ordnung.« Brief an die Pisonen V. 40. liegt. Der Neuere schlägt sich mühselig und ängstlich mit Zufälligkeiten und Nebendingen herum, und über dem Bestreben, der Wirklichkeit recht nahe zu kommen, beladet er sich mit dem Leeren und Unbedeutenden, und darüber läuft er Gefahr, die tiefliegende Wahrheit zu verlieren, worin eigentlich alles Poetische liegt. Er möchte gern einen wirklichen Fall vollkommen nachahmen, und bedenkt nicht, daß eine poetische Darstellung mit der Wirklichkeit eben darum, weil sie absolut wahr ist, niemals coincidiren kann.« Auf Göthe wirkten diese Worte. »Sie haben ganz recht,« antwortete er, »auf dem Glück der Fabel beruht freilich Alles; die meisten Leser und Zuschauer nehmen doch nichts weiter mit davon, und dem Dichter bleibt das ganze Verdienst einer lebendigen Ausführung, die desto stetiger seyn kann, je besser die Fabel ist. Wir wollen auch künftig sorgfältiger, als bisher, das, was zu unternehmen ist, prüfen.« Im April noch machte Schiller cabbalistische und astrologische Studien zum Wallenstein und Seni, und war nicht ohne Hoffnung, diesem Stoff »eine poetische Dignität zu geben.« Zugleich fuhr er fort, seine tiefsinnigen Gedanken über Charaktere mit dem Freunde auszutauschen. Wenn er seinen Garten bezogen hätte, wollte er die Fabel des Wallenstein ganz niederschreiben. Eine besondere Liebe zu dem Werke ergriff ihn aufs Neue, aber jede Mittheilung hielt er, als das Fertigmachen störend, zurück. Mitten unter dem Gartenbauwesen arbeitete er fort und studirte den Aristoteles, »der ein wahrer Höllenrichter für alle ist, die entweder an der äußern Form sklavisch hängen, oder die über alle Form sich hinwegsetzen.« Er war aber froh, daß er ihn nicht früher gelesen, ehe er über die Grundbegriffe klar geworden. Die Balladen verursachten, wie vorher die Xenien, einen Stillstand in dem Trauerspiel, so daß Göthe am 22. August, von Frankfurt aus, mahnen mußte: »An Wallenstein denken Sie wohl gegenwärtig, da der Almanach besorgt seyn will, wenig oder gar nicht? Lassen Sie mich doch davon, wenn Sie weiter vorwärts rücken, auch etwas vernehmen.« Diese Theilnahme Göthe's wirkte immer belebend und befruchtend auf Schiller. Schon am 21. Juli hatte er dem Freunde geschrieben: »Die schönste und die fruchtbarste Art, wie ich unsere wechselseitigen Mittheilungen benutze und mir zu eigen mache, ist immer diese, daß ich sie unmittelbar auf die gegenwärtige Beschäftigung anwende, und gleich produktiv gebrauche ... Und so hoffe ich, soll mein Wallenstein und was ich künftig von Bedeutung hervorbringen mag, das ganze System desjenigen, was bei unserem Commercio in meine Natur hat übergehen können, in concreto zeigen und enthalten.« »Jetzt,« berichtet Schiller seinem Göthe am 2. Oktober, »da ich den Almanach hinter mir habe, kann ich mich endlich wieder zu dem Wallenstein wenden. Indem ich die fertig gemachten Scenen wieder ansehe, bin ich im Ganzen zwar wohl mit ihnen zufrieden, nur glaube ich einige Trockenheit darin zu finden, die ich mir aber ganz wohl erklären und auch wegzuräumen hoffen kann. Sie entstand aus einer gewissen Furcht, in meine ehemalige rhetorische Manier zu fallen, und aus einem zu ängstlichen Bestreben, dem Objekte recht nahe zu bleiben. Nun ist aber das Objekt schon an sich selbst etwas trocken, und bedarf mehr als irgend eines der praktischen Liberalität; es ist daher hier nöthiger als irgendwo, wenn beide Abwege, das Prosaische und das Rhetorische, gleich sorgfältig vermieden werden sollen, eine recht rein poetische Stimmung zu erwarten.« »Ich sehe zwar noch eine ungeheure Arbeit vor mir, aber so viel weiß ich, daß es keine faux-frais seyn werden; denn das Ganze ist poetisch organisirt, und ich darf wohl sagen, der Stoff ist in eine reine, tragische Fabel verwandelt. Der Moment der Handlung ist so prägnant, daß Alles, was zur Vollständigkeit desselben gehört, natürlich, ja in gewissem Sinn nothwendig darin liegt, daraus hervorgeht. Es bleibt nichts Blindes darin, nach allen Seiten ist es geöffnet. Zugleich gelang es mir, die Handlung gleich vom Anfang in eine solche Präcipitation und Neigung zu bringen, daß sie in stetiger und beschleunigter Bewegung zu ihrem Ende eilt. Da der Hauptcharakter eigentlich retardirend ist, so thun die Umstände alles zur Krise, und dies wird, wie ich denke, den tragischen Eindruck sehr erhöhen.« Aber immer, mitten in der eifrig-langsamen Arbeit hatte er noch über den »vielen und ungestaltbaren« Stoff zu klagen. Gewiß wäre derselbe auch unter der Behandlung in unendliche Breite zerflossen, wenn er nicht, seit dem November 1797, Hand ans Werk gelegt hätte, die prosaische Sprache des Wallenstein in eine poetisch-rhythmische zu verwandeln. »Ich habe noch nie,« sagt er zu Göthe am 24. Nov., »mich so augenscheinlich überzeugt, als bei meinem jetzigen Geschäft, wie genau in der Poesie Stoff und Form, selbst äußere , zusammenhängen. Ich befinde mich unter einer ganz andern Gerichtsbarkeit als vorher; selbst viele Motive, die in der prosaischen Ausführung recht gut am Platz zu stehen schienen, kann ich jetzt nicht mehr brauchen: sie waren blos gut für den gewöhnlichen Hausverstand, dessen Organ die Prosa zu seyn scheint; aber der Vers fordert schlechterdings Beziehungen auf die Einbildungskraft, und so mußte ich auch in mehreren meiner Motive poetischer werden. Man sollte wirklich Alles, was sich über das Gemeine erheben muß, in Versen, wenigstens anfänglich concipiren, denn das Platte kommt nirgends so ins Licht, als wenn es in gebundener Schreibart ausgesprochen wird.« Damit verbindet er eine andere Bemerkung: »Es scheint, daß ein Theil des poetischen Interesse's in dem Antagonism zwischen dem Inhalt und der Darstellung liegt. Ist der Inhalt sehr poetisch bedeutend, so kann eine magere Darstellung und eine bis zum Gemeinen gehende Einfalt des Ausdrucks ihm recht wohl anstehen, da im Gegentheil ein unpoetischer gemeiner Inhalt, wie er in einem größern Ganzen oft nöthig wird, durch den belebten und reichen Ausdruck poetische Dignität erhält.« Geschwind und aus dem Stegreif antwortet ihm Göthe schon am folgenden Tage, daß er »nicht allein seiner Meinung sey, sondern noch viel weiter gehe.« » Alles Poetische sollte rhythmisch behandelt werden! Das ist meine Ueberzeugung; und daß man nach und nach eine poetische Prosa einführen konnte, zeigt nur, daß man den Unterschied zwischen Prosa und Poesie gänzlich aus den Augen verlor. Es ist nicht besser, als wenn sich jemand in seinem Park einen trockenen See bestellte und der Gartenkünstler diese Aufgabe dadurch aufzulösen versuchte, daß er einen Sumpf anlegte. Diese Mittelgeschlechter sind nur für Liebhaber und Pfuscher, so wie die Sümpfe für Amphibien. Indessen ist das Uebel in Deutschland so groß geworden, daß es kein Mensch mehr sieht, ja, daß sie vielmehr, wie jenes kröpfige Volk, den gesunden Bau des Halses für eine Strafe Gottes halten. Alle dramatischen Arbeiten, (und Es verlohnte der Mühe, im Manuscript des Göthe'schen Briefes nachzusehen, ob hier nicht außer statt und steht. S. vielleicht Lustspiel und Farce überhaupt) sollten rhythmisch seyn, und man würde alsdann eher sehen, wer was machen kann. Jetzt aber bleibt dem Theaterdichter weiter nichts übrig, als sich zu akkommodiren, und in diesem Sinne konnte man Ihnen nicht verargen, wenn Sie Ihren Wallenstein in Prosa schreiben wollten; sehen Sie ihn aber als ein selbständiges Werk an, so muß er nothwendig rhythmisch werden .« »Auf alle Fälle sind wir genöthigt, unser Jahrhundert zu vergessen, wenn wir nach unserer Ueberzeugung arbeiten wollen: denn so eine Salbaderei in Principien, wie sie im Allgemeinen jetzt gelten, ist wohl noch nicht auf der Welt gewesen, und was die neuere Philosophie Gutes stiften wird, ist noch erst abzuwarten.« Diese Zeugnisse der zwei unerreichten Dichter Deutschlands können die Wächter und Bewahrer der strengen rhythmischen Form ihren Schmälerern und Verächtern entgegenhalten. Freilich fühlte Schiller (1. Dec. an Göthe) auch wohl, daß die Jamben, obgleich sie den Ausdruck verkürzen, doch eine poetische Gemüthlichkeit unterhalten, die einen ins Breite treibt. Sein erster Akt war so groß, daß man die drei ersten Akte von Göthe's Iphigenia hineinlegen konnte, ohne ihn ganz auszufüllen, was er mit der Ausdehnung entschuldigte, welche die Exposition verlangt, während die fortschreitende Handlung von selbst auf Intensität leitet. Es kam ihm vor, als ob ihn ein gewisser (Göthe'scher) epischer Geist angewandelt habe, der jedoch vielleicht das einzige Mittel gewesen, diesem prosaischen Stoff eine poetische Natur zu geben. Den ersten Akt (das Lager) hatte er, als statistischen oder statischen, ruhigen Anfang dazu benutzt, die Welt und das Allgemeine, worauf sich die Handlung bezieht, zu seinem eigentlichen Gegenstande zu machen. »So erweitert sich der Geist und das Gemüth des Zuhörers und der Schwung, in den man dadurch gleich anfangs versetzt wird, soll die ganze Handlung in der Höhe erhalten.« Göthe war begierig, was es noch für einen Ausgang mit Schillers Wallenstein nehmen werde, und sagte ihm (2. Dec.) vorher, daß er am Ende doch genöthigt seyn würde, einen Cyclus von Stücken aufzustellen. Bald darauf entschloß sich Schiller zu seiner Wallensteinischen Trilogie, wie man die drei Stücke, freilich sehr uneigentlich, genannt hat. Unsers Dichters Natur nahm an seiner Dichterarbeit, wie er (8. Dec.) sagt, ein pathologisches Interesse, d.h. diese hatte viel Angreifendes für ihn. »Glücklicherweise,« setzt er hinzu, »alterirt meine Kränklichkeit nicht meine Stimmung, aber sie macht, daß ein lebhafter Antheil mich schneller erschöpft und in Unordnung bringt. Gewöhnlich muß ich daher einen Tag der glücklichen Stimmung mit fünf oder sechs Tagen des Drucks und des Leidens büßen. Dies hält mich erstaunlich auf, doch gebe ich die Hoffnung nicht auf, den Wallenstein noch in dem nächsten Sommer in Weimar spielen zu sehen, und im nächsten Herbst tief in meinen Malthesern zu sitzen.« Sich neben dem Wallenstein mit diesem andern Stoffe, der eine Welt für sich ausmachte, zu beschäftigen, war für den produktiven Geist unseres Dichters – ein Ausruhen. Er erholte sich in Einer Schöpfung von der andern. In diesen Dezembertagen hatte er die Liebesscenen zwischen Max und Thekla im zweiten Akte des Wallenstein vor sich und dachte dabei, nicht ohne Herzensbeklemmung, an die Schaubühne und an die theatralische Bestimmung des Stücks. Er spricht in dieser Beziehung den Mangel dieser Episode klarer aus, als der strengste Kritiker gethan hat. »Die Einrichtung des Ganzen erfordert es,« sagt er, »daß die Liebe nicht sowohl durch Handlung, als vielmehr durch ihr ruhiges Bestehen auf sich und ihre Freiheit von allen Zwecken, der übrigen Handlung, welche ein unruhiges planvolles Streben nach einem Zwecke ist, sich entgegensetzt und dadurch einen gewissen menschlichen Kreis vollendet. Aber in dieser Eigenschaft ist sie nicht theatralisch , wenigstens nicht in demjenigen Sinne, der bei unsern Darstellungsmitteln und bei unserm Publikum sich ausführen läßt. Ich muß also, um die poetische Freiheit zu behalten, so lange jeden Gedanken an die Aufführung verbannen.« 1798. Das Jahr 1798 begrüßte Schiller mit dem an sich selbst gerichteten Wunsche, daß ihm in demselben die Freude beschert seyn möge, das beste aus seiner Natur in einem Werke zu sublimiren, wie Göthe es mit der seinigen gethan. An Göthe vom 2. Jan. Bald darauf hatte er seine Arbeit, von einer fremden Hand reinlich geschrieben, vor sich; sie selbst erschien ihm dadurch fremd und machte ihm wirklich Freude. »Ich finde augenscheinlich,« rühmt er sich bescheiden gegen Göthe am 5. Jenner, »daß ich über mich selbst hinausgegangen bin, welches die Frucht unseres Umgangs ist ; denn nur der vielmalige continuirliche Verkehr mit einer so objektiv mir entgegenstehenden Natur, mein lebhaftes Hinstreben darnach und die vereinigte Bemühung, sie anzuschauen und zu denken, konnte mich fähig machen, meine subjektiven Gränzen so weit auseinanderzurücken. Ich finde, daß mich die Klarheit und die Besonnenheit, welche die Frucht einer spätern Epoche ist, nichts von der Wärme einer früheren gekostet hat. Doch es schickte sich besser, daß ich das aus Ihrem Munde hörte, als daß Sie es von mir erfahren. Alle sittlich feineren Geister gleichen sich doch in irgend etwas! »Hoc te ex aliis audire malo,« sagt Cicero zu Atticus (V,17), in einer Sache, wo er sich rühmen darf und muß. – Ich werde es mir gesagt seyn lassen, keine andere als historische Stoffe zu wählen; frei erfundene würden meine Klippe seyn . Es ist eine ganz andere Operation, das Realistische zu idealisiren, als das Ideale zu realisiren. Es steht in meinem Vermögen, eine gegebene, bestimmte und beschränkte Materie zu beleben, zu erwärmen, und gleichsam aufquellen zu machen, während die objektive Bestimmtheit eines solchen Stoffes meine Phantasie zügelt und meiner Willkür widersteht.« Göthe'n dauerte inzwischen das Reflektiren zu lange. Er wünschte (6. Jan.) dem Freunde Glück zum fertigen Theile, er erkannte, daß das günstige Zusammentreffen ihrer beiden Naturen beiden schon manchen Vortheil verschafft, und daß, wenn Er Schillern zum Repräsentanten mancher Objekte diente, Schiller ihn von der allzustrengen Beobachtung der äußern Dinge und Verhältnisse auf sich selbst zurückgeführt , ihn die Vielseitigkeit des innern Menschen mit mehr Billigkeit anzuschauen gelehrt , ihm eine zweite Jugend verschafft, ihn wieder zum Dichter gemacht habe. Und dennoch hat sich folgendes Epigramm hervor gewagt: »Viel kratzfüßelnde Bücklinge macht dem gewaltigen Göthe Schiller; dem schwächlichen nickt Göthe's olympisches Haupt« A. W. v. Schlegel . Es verdient, dem Verfasser zu Ehren, nicht vergessen zu werden. Jetzt aber wünscht er vor allen Dingen baldiges Fertigwerden des Wallenstein, und unter wie nach der Arbeit gegenseitige rechte Durcharbeitung der dramatischen Forderungen. » Sind Sie künftig in Absicht des Plans und der Anlage genau und vorausbestimmend , so müßte es nicht gut seyn, wenn Sie, bei Ihren geübten Talenten und dem innern Reichthum nicht alle Jahr ein paar Stücke schreiben wollten.« Göthe hielt es nämlich für nothwendig, daß der dramatische Dichter oft auftrete, die Wirkung, die er gemacht, immer wieder erneure und, wenn er das Talent habe, darauf fortbaue. Vorübergehend hatte inzwischen unsern Dichter der mephistophelische Gedanke durchzuckt, wenn einmal das Publikum kirre wäre, etwas recht Böses zu thun, und eine alte (dramatische) Idee mit Julian dem Apostaten auszuführen. Briefw. zw. S. u. G. IV, S. 9 f. Vielleicht greift hier oder dort ein Dichter unserer Zeit lüstern nach diesem Vermächtnisse. Auch an ein Seedrama d. h. ein Stück, das auf einer wüsten, von Europäern wenig besuchten Insel spielen, und alle Abentheuer, Interessen und Schicksale einsamer Weltumsegler in sich fassen sollte, hatte Schiller zwischen seinen Arbeiten am Wallenstein gedacht, und man hat Andeutungen darüber unter seinem Nachlasse entdeckt, die uns Hoffmeister mitgetheilt hat. III, 359-360 und aus ihm Boas III, 448. Im März wurde der dritte Akt des Wallenstein fertig. Im April aber rang er wieder mit dem »Gedankenbilde« des Stückes, freute sich jedoch der Ahnung, daß Göthe mit dem Wallenstein im Ganzen zufrieden seyn werde, und auch Göthe hatte die besten Hoffnungen. »Die Anklage,« antwortet er (7. April), »ist von der Art, daß Sie, wenn das Ganze beisammen ist, die ideale Behandlung mit einem so ganz irdisch beschränkten Gegenstände in eine bewundernswürdige Uebereinstimmung bringen werden.« In dieser Zeit war Iffland in Weimar. Schiller hatte einst in Mannheim an ihm emporgeblickt, und ihm große Tage prophezeit. Jetzt musterte der Genius das Talent mit Kenneraugen, und mäßigte sogar die Bewunderung Göthe's, indem er die Grenzen, innerhalb welchen das Naturell den Mimen trug, und außerhalb deren Alles an ihm mehr Geschicklichkeit, Verstand, Calcul und Besonnenheit sey, scharf zu ziehen bemüht schien. Briefw. zw. S. u. G. IV, S. 168 ff. 175. 178. 187. Als Jüngling hatte er Alles bewundert, wo Etwas zu bewundern war; im reifen Alter schlug der Kritiker vielleicht das große Etwas doch zu klein und niedrig an. Aufführung des Lagers. 1798. Während nun Schiller im Juli sein Gartenhäuschen in Jena unter ein Strohdach brachte, wurde der Tempel seiner Melpomene zu Weimar durch den Architekten Thouret Herr von Thouret, Vorstand und Professor der Kunstschule und Ritter des württemb. Kronordens, lebt und wirkt zu Stuttgart und hat sich um das Denkmal Schillers wesentliche Verdienste erworben. unter Göthe's Oberaufsicht aufs geschmackvollste zu dekoriren angefangen. Briefw. IV, S. 237. 239. 270. 276. Es ging den Sommer über rasch und sollte, nach Göthe's Versicherung, recht artig werden. Der Ueberdruß, den man an Ifflands Stücken, wie beim langen Angaffen eines Alltagsgesichts, zu empfinden anfing, ließ Schillern einen günstigen Moment für seinen Wallenstein hoffen. Im September war er mit dem »Lager,« das jetzt einen Prolog bildete, beschäftigt. Derselbe sollte, »als ein lebhaftes Gemälde eines historischen Moments und einer gewissen soldatischen Existenz ganz gut auf sich selber stehen können.« Am 4. Oktober ging er an Göthe ab, und war somit das Erste, was vom Wallenstein ihm unter die Augen trat. Göthe hatte seine große Freude daran, er hatte schon früher die ihm allein bekannte Anlage vortrefflich genannt, und fand ihn jetzt gerathen, wie er angelegt war. Die Kritik in Deutschland wollte dem subjektiven Schiller noch lange nach seinem Tode nicht etwas so rein und meisterlich Objektives zutrauen; zum wenigsten die allerdings erst nachträglich eingeschobene Kapuzinerpredigt sollte von Göthe seyn. Dieser aber hatte dem Freunde dazu nur den Abraham a Sancta Clara geliehen, im ganzen Lager nur hier und da »wegen des Theatereffekts einen kleinen Pinselstrich aufgehöht,« und, nach seiner Versicherung bei Eckermann Eckermann II, 346. nur die zwei Linien zu Anfang des Stücks, »Ein Hauptmann, den ein andrer erstach. Ließ mir die zwei glückliche Würfel nach,« zu besserer Motivirung dem Bauern in den Mund gelegt, und nach dem Briefwechsel Briefw. IV, S. 325. 335. für die erste Aufführung ein einleitendes Soldatenlied, das Schiller noch mit ein paar Versen vermehrte, hinzugefügt. So wurde der Prolog gedruckt und sofort einstudirt. Bei einer spätern Aufführung weigerte sich Herr Becker, ein nahmhafter Schauspieler, einen gemeinen Reiter im Lager zu spielen. Göthe ließ ihm aber sagen, wenn er die Rolle nicht spielen wolle, so wolle Er, Göthe, sie selber spielen. »Das wirkte,« sagte Göthe zu Eckermann; »denn sie kannten mich beim Theater und wußten, daß ich in solchen Dingen keinen Spaß verstand, und daß ich verrückt genug war, mein Wort zu halten und das Tollste zu thun. Ich hätte die Rolle gespielt und würde den Herrn Becker heruntergespielt haben, denn ich kannte die Rolle besser als er.« Eckermann I, 122 f. Einige Anspielungen auf Zeitbegebenheiten wurden zu besserer Wirkung auch eingeschaltet. Das neuerbaute, freundliche Theater (das die Flammen im Jahr 1825 zerstört haben) wurde mit der Vorstellung eingeweiht. Göthe, Schiller und Frau von Wolzogen, die dies berichtet, Fr. v. Wolz. II, 176 ff. waren bei der letzten Probe allein gegenwärtig, und überließen sich ganz dem hinreißenden Vergnügen, die eigenthümliche Dichtung in ihrem vollen Leben zu sehen. Der Wallone erschien ihnen wie eine homerische Gestalt, eine plastische Darstellung des neuern Kriegslebens. Schiller war gerührt über die Freude der Freunde. Die Vorstellung selbst (am 18. oder 19. Okt.) übertraf die kühnsten Erwartungen. Der Prolog wurde von dem Schauspieler Vohs in dem Costüm, das späterhin Max Piccolomini trug, mit Innigkeit, Anmuth und Würde gesprochen. Genast als Kapuziner, Leißring als erster Jäger entzückten durch ihr gelungenes Spiel. Döring, zweites Leben, S. 219 f. An die Stelle des Constabels war ein Stelzfuß getreten. Die Gelehrten aber urtheilten anders als Göthe und das Publikum. Wieland fand das Lager höchst unmoralisch; Er fällte überhaupt ein sehr ungünstiges Urtheil über den Wallenstein (an Böttinger 10. März 1799.) Jean Paul wurde auf die ersten Vorstellungen desselben verdrießlich, und Herder gar über die »sittlichen und ästhetischen Fehler des Stückes« vor Aerger krank. Göthe dagegen freute sich, daß Alles so vergnügt und heiter geschieden sey und pries den angenehmen Tag. Und Ludwig Tieck, kein parteiischer Freund Schillers, nennt das Lager »trefflich, unvergleichbar. Alles lebt und stellt sich dar, nirgends Uebertreibung, nirgends Lückenbüßer, so der ächte, militärische, gute und böse Geist jener Tage, daß man Alles selbst zu erleben glaubt; kein Wort zu viel noch zu wenig; es gehört freilich (was A. W. Schlegel getadelt hattet) nicht zur Handlung selbst, von welcher es sich auch durch Sprache und Reimweise absondert; es ist Schilderung eines Lagers und der Stimmung desselben, ein Gemälde ohne Handlung, in niederländischer Manier, Styl und Haltung, ganz anders als die Tragödie.« Auch Frau von Staël, die das Stück während ihres Aufenthalts in Deutschland aufführen sah, bewunderte den kriegerischen Eindruck desselben. Als man es in Berlin vor den Offizieren gab, die sich zum Kriege anschickten, erscholl von allen Seiten das laute Geschrei des Enthusiasmus. Diese und andere Urtheile, nebst seinem eigenen, findet man ausführlich bei Hinrichs; III, S. 33 - 42. Nicht versagen können wir es uns, die monarchisch-metaphysische Apologie des Reiterlieds bei diesem Kritiker unsern Lesern vorzulegen (Hinrichs III, 41 f.): »Frei seyn ist (den Soldaten in Wallensteins Lagers) Soldat seyn. – In dem Reiterliede wird das Selbstgefühl dieser Abstraktion der Freiheit laut. Wegen der Abstraktion der Willkür hat dies Lied Aehnlichkeit mit dem Räuberliede, aber der Unterschied ist, daß hier die Freiheit nicht mehr der Wirklichkeit gegenüber , sondern in der Wirklichkeit abstrakt ist. Die Soldaten (die Soldateska Wallensteins!!) dienen einem rechtlichen Zweck, sind der Ordnung des Lebens gegenüber keine Bande, wie die Räuber, sondern gehören vielmehr zur Ordnung ; wenn es im Kriege auch momentan zur Unordnung kommt, so ist doch diese nicht Zweck, wie dies in den Räubern der Fall ist, Wallenstein ist kein Räuberhauptmann wie Karl Moor, sondern ist Feldhauptmann. In dem Reiterlied ist der Boden für die Freiheit das Feld der Ehre, in dem Räuberliede die Unehre; der Kampf der Soldaten ist Pflicht, der Angriff der Räuber ein Verbrechen. Ein Freikorps in der Armee ist was anders als eine Bande; jenem ist die Freiheit gegeben, es ist freigelassen, während diese sich die Freiheit genommen hat. « – Der thörichte Schiller, der meinte, er schildere »Raub, Elend, Frechheit roher Horden,« wie er im Prologe redet, der aus seinem »Lager« Wallensteins »Verbrechen« erklären wollte, und nicht wußte, daß er loyale, nur momentan freigelassene übrigens zur Ordnung gehörende, einem rechtlichen Zweck dienende Truppen eines K. K. Feldhauptmanns zeichne! Nach Jena von der Aufführung des Lagers zurückgekehrt, arbeitete Schiller unverdrossen am noch übrigen Hauptstücke, aber die Umsetzung seines Textes in eine angemessene, deutliche und maulrechte Theatersprache war eine sehr aufhaltende Arbeit, und die Vorstellung der Wirklichkeit und des Theaterpersonals stumpfte allen poetischen Sinn ab. Am 6. Nov. verließ er den Garten, und zog sich auf sein »Kastell« in die Stadt zurück. Hier ging er bald an den Theil des Wallenstein, den er für den poetisch wichtigsten hielt, an die von dem geschäftigen Wesen der übrigen Staatsaktion völlig getrennte Liebe. Mit Recht fürchtete er abermals, daß das überwiegende menschliche Interesse dieser großen Episode leicht etwas an der schon feststehenden ausgeführten Handlung verrücken möchte: »denn ihrer Natur nach gebührt ihr die Herrschaft.« Die Piccolomini sollten nicht eher aus seiner Hand in die der Weimaraner Schauspieler kommen, als bis wirklich auch das dritte Stück, Wallensteins Tod, ganz ihm aus der Feder wäre, was mit Apollo's Gunst in den nächsten sechs Wochen geschehen sollte. Auch das astrologische Motiv machte ihm noch viel zu schaffen. Briefw. IV, S. 365 ff. 373 ff. 377. Als es nun von Göthe gebilligt und gerettet war, da rief Schiller gerührt und vergnügt am 11. Dec. aus: »Es ist eine rechte Gottesgabe um einen weisen und sorgfältigen Freund, das habe ich bei dieser Gelegenheit aufs neue erfahren. Ihre Bemerkungen sind vollkommen richtig, und Ihre Gründe überzeugend. Ich weiß nicht, welcher böse Genius über mir gewaltet, daß ich das astrologische Motiv im Wallenstein nie recht anfassen wollte, da doch eigentlich meine Natur die Sachen lieber von der ernsthaften als leichten Seite nimmt!« Mit erleichtertem Herzen setzte sich der Dichter am 24. Dec. an den Schreibtisch, um dem Freunde zu melden, daß er von einer recht glücklichen Stimmung und wohlausgeschlafenen Nacht sekundirt, die Piccolomini bis auf die Scene im astrologischen Zimmer vollendet, und, nachdem er drei Copisten zugleich beschäftigt, sie so eben an den tribulirenden Iffland nach Berlin abgesandt. »So ist aber auch schwerlich,« sagt er, »ein heiliger Abend auf dreißig Meilen in der Runde vollbracht worden, so gehetzt nämlich und so qualvoll über der Angst, nicht fertig zu werden.« Am letzten Jahrestage 1798 erhielt auch Göthe endlich aus Schillers Hand »die Piccolomini« ganz, aber »ganz erschrecklich gestrichen,« indem der Dichter, zu Gunsten der Aufführung aus der schon verkürzten Edition noch 400 Jamben ausgestoßen hatte. Ueber die Bearbeitung der Piccolomini fürs Theater s. Hoffmeister IV, 4. »Möchte es,« schreibt er, »eine solche Wirkung auf Sie thun, daß Sie mir Muth und Hoffnung geben können, denn die brauche ich.« Göthe versparte seine Aeußerung aufs Mündliche, nur von den zärtlichen Scenen schreibt er am 2. Jan. 1799, daß sie gut gerathen seyen, und von der Einleitung der Astrologie in denselben, daß sie äußerst glücklich sey. Aufführung der Piccolomini. 1799. Am 30. Januar 1799, dem Geburtstage der Herzogin von Weimar, fand die erste Aufführung der Piccolomini statt. Göthe und Schiller, der am 4. Januar mit seiner Familie ein durch Göthe niedlich für ihn eingerichtetes Absteigequartier im Schlosse zu Weimar bezogen hatte, quälten sich ab, den verbannten Vers auf dem Theater zu rehabilitiren, Auch den Don Carlos hatte Schiller in Prosa umsetzen müssen, ehe er das erstemal in Leipzig gegeben werden konnte, und nach diesem Manuscripte wurde er zuerst auch in Berlin, Dresden u. s. w. aufgeführt. Diese Notiz und die ganze Handschrift verdanken wir Ed. Boas (III, 228 ff.). indem sie den Schauspielern, die sich ganz vom rhythmischen Gange entwöhnt hatten, das Deklamiren begreiflich machten und die jüngern skandiren lehrten. Mit Mühe wurden die Rollen besetzt, mit Genauigkeit unter Meyers Mitwirkung die Dekorationen angeordnet, mit Aengstlichkeit das Costüm zusammengesucht. Aus einer alten Rüstkammer zu Weimar war, zu Schillers großer Freude, Hut, Stiefel und Wamms eines schwedischen Obristen hervorgezogen worden; in dem Schlosse zu Jena hatte Göthe eine eiserne Ofenplatte entdeckt, auf welcher die Jahreszahl von Wallensteins Abfall stand; sie mußte mit den darauf abgebildeten Figuren eine Richtschnur für die Kleidung der übrigen Personen abgeben, und insbesondere wurde Questenberg, »die alte Perücke,« Dieser kleine Anachronismus in Wallensteins Lager wurde, auf Göthe's Bedenken, von Schiller vor der ersten Aufführung in einen »spanischen Kragen« verwandelt. (Briefe. IV, 329.) Aber die Perücke erhielt sich im Druck und Spiel. darnach kostümirt. Für Wallensteins Barett wurden Reiherfedern in der Theatergarderobe zusammengesucht, ihm auch auf Göthe's Rath ein rother Mantel gegeben, damit er von hinten den Andern nicht so gleich sähe. Wiederholte Proben wurden gehalten. »So ist denn endlich der große Tag angebrochen, auf dessen Abend ich neugierig und verlangend genug bin,« schreibt Göthe in einem Billet am Morgen des dreißigsten an seinen Freund, und lädt ihn zum Mittagsmahle ein. Schon früh Morgens war eine Menge Menschen aus der Nachbarschaft, zumal von Jena, herbeigeströmt. Man drängte sich ins Theater, und konnte den Anfang kaum erwarten. Die Vorstellung gelang vollkommen, und es wehte, wie Schillers Schwägerin sagt, ein höherer Geist in ihr, der sich aus dem kleinen Weimar durch ganz Deutschland verbreitete. Schiller genoß lebhaft die Arbeit von sieben Jahren. Göthe's freundlicher Antheil, die allgemein erhöhte Stimmung der Gesellschaft, gaben ihm einen lebendigen Genuß seiner selbst. Die ersten Darsteller von Max und Thekla (Vohs und Dem. Jagemann) konnten als Muster gelten, wiewohl viele die letztere zu fest und kalt finden wollten; Schiller gab ihr Beifall, weil sie »Wallensteins starkes Mädchen« besonders hervorgehoben hatte. Graff spielte den Wallenstein trefflich und erzählt uns, In Schillers Album S. 88. daß Schiller selbst ihn denselben habe spielen lehren. Er übertraf darin viele Nachfolger, namentlich Iffland, der sich in dieser Rolle ganz vergriff. Hinrichs III, 53. Wie meisterlich den Wallenstein der jetzt (Nov. 1840) noch geschiedene Eslair in seinen jüngern Jahren dargestellt, wissen noch viele. Die Länge der Aufführung Damals spielten noch zwei Akte des Tods in den Piccolomini. Hoffm. IV, 4. 5. hatte manche Zuschauer ermüdet; aber Schiller war mit der Darstellung ganz zufrieden, und soll in seines Herzens Freude den Schauspielern zu dem Mahl im zweiten Akte noch einige Flaschen Champagner unter dem Mantel selbst hinaufgetragen haben. Am 2. Februar wurde das Stück wiederholt, und die Aufführung ging noch um vieles besser als die erste. In Folge derselben wurde der in Weimar anwesende Dichter an die herzogliche Tafel gezogen. Mit Aerger erfuhr Schiller bald darauf, daß Wallensteins Lager, das er noch nicht aus den Händen gegeben, in Copenhagen sey, und dort bei Schimmelmanns vorgelesen, ja an des Grafen Geburtstag aufgeführt worden. Er hatte einen Freund »Ubique,« hinter dem man Böttiger sucht, im Verdacht, und bat Göthen, das Theatermanuscript der Piccolomini zu sich ins Haus zu nehmen, »weil es doch ein fataler Streich wäre, wenn die Sachen in der Welt herumliefen.« Ein junger Dichter, der seitdem einen sehr ehrenvollen Platz in unserer Literatur eingenommen hat, J. D. Gries, durfte es daher als eine besondere Gunst betrachten, daß ihm auf einer Reise nach Göttingen Schiller, damals Göthe's Gast in Weimar, das Manuscript von Wallensteins Tod mit der einzigen, heilig gehaltenen Bedingung, nichts daraus abzuschreiben, nach Hause gab. Gegen denselben äußerte Schiller auch, daß er im Gordon eine Art Chor in das Stück einführen wollen. Schriftliche Mittheilung meines verehrten Freundes Gries. S. Durch das theatralische Wesen, den mehrern Umgang mit der Welt, das anhaltende Zusammenseyn mit Göthe fühlte sich Schiller viel verändert. Wenn er erst der Wallenstein'schen Masse los seyn würde, wollte er sich als einen ganz neuen Menschen fühlen. Nach der Aufführung vernahm er gar verschiedenartige Urtheile über sein Stück, namentlich scheint die beiden Freunde ein Brief Körners darüber nicht erbaut zu haben. »Es weiß sich kein Mensch,« sagte Göthe, »weder in sich selbst noch in andre zu finden, und muß sich eben sein Spinnengewebe selbst machen, aus dem er wirkt. Das Alles weist mich immer mehr auf meine poetische Natur zurück. Man befriedigt bei dichterischen Arbeiten sich selbst am meisten, und hat noch dadurch den besten Zusammenhang mit andern.« Was Schiller zu seiner Rechtfertigung öffentlich sagen wollte, aber nie gesagt hat, schüttete er im Mai dieses Jahres in den Busen eines ungenannten Freundes zu Weimar aus. Schillers Briefwechsel von Döring III, S. 107. Dörings neues Leben S. 221. »Der historische Wallenstein,« sagte er diesem, »war nicht groß, der poetische sollte es nie seyn. Der Wallenstein in der Geschichte hatte die Präsumtion für sich, ein großer Feldherr zu seyn, weil er glücklich, gewaltig und keck war; er war aber mehr ein Abgott der Soldateska, gegen die er splendid, königlich und freigebig war, und die er auf Unkosten der ganzen Welt in Ansehen erhielt. Aber in seinem Betragen war er schwankend und unentschlossen, in seinen Planen phantastisch und excentrisch, und in der letzten Handlung seines Lebens, der Verschwörung gegen den Kaiser, schwach, unbestimmt, ja sogar ungeschickt. Was an ihm groß erscheinen, aber nur scheinen konnte, war das Rohe und Ungeheure, also gerade das, was ihn zum tragischen Helden schlecht qualificirte. Dieses mußte ich ihm nehmen, und durch den Ideenschwung, den ich ihm dafür gab, hoffe ich ihn entschädigt zu haben.« – »Es lag weder in meiner Absicht, noch in den Worten meines Textes, daß ich Octavio Piccolomini als einen so gar schlimmen Mann, als einen Buben darstellen sollte. In meinem Stücke ist er das nie; er ist sogar ein ziemlich rechtlicher Mann nach dem Weltbegriff, und die Schändlichkeit, die er begeht, sehen wir auf jedem Welttheater von Personen wiederholt, die, so wie er, von Recht und Pflicht strenge Begriffe haben. Er wählt zwar ein schlechtes Mittel, aber er verfolgt einen guten Zweck. Er will den Staat retten, er will seinem Kaiser dienen, den er nächst Gott als den höchsten Gegenstand seiner Pflichten betrachtet. Er verräth einen Freund, der ihm vertraut, aber dieser Freund ist ein Verräther seines Kaisers, und in seinen Augen zugleich ein Unsinniger.« – »Auch meiner Gräfin Terzky möchte etwas zu viel geschehen, wenn man Tücke und Schadenfreude zu den Hauptzügen ihres Charakters machte. Sie strebt mit Geist, Kraft und einem bestimmten Willen nach einem großen Zweck, ist aber freilich über die Mittel nicht verlegen. Ich nehme keine Frau aus, die auf dem politischen Theater, wenn sie Charakter und Ehrgeiz hat, moralischer handelte.« – Im März berichtete Iffland an Schiller über die Aufführung der Piccolomini in Berlin. Sie war gerade so ausgefallen, wie Schiller gemuthmaßt; man konnte fürs erste damit zufrieden seyn. Wallensteins Tod. 1799. »Das dritte Stück wird durchbrechen, wie ich hoffe,« schreibt Schiller am 7. März vertrauensvoll an Göthe. »Ich habe es endlich glücklicherweise arrangiren können, daß es auch fünf Akte hat, und den Anstalten zu Wallensteins Ermordung ist eine größere Breite sowohl als theatralische Bedeutung gegeben. Zwei resolute Hauptleute, die die That vollziehen, sind handelnd und redend eingeflochten; dadurch kommt auch Buttler höher zu stehen, und die Präparatorien zu der Mordscene werden furchtbarer.« Göthe fand die zwei ersten jetzt umgearbeiteten Akte »fürtrefflich;« sie machten beim ersten Lesen auf ihn eine so lebhafte Wirkung, daß sie gar keinen Zweifel zuließen. »Wenn sich der Zuschauer bei den Piccolomini's,« sagt er, »aus einem gewissen künstlichen und hier und da willkürlich scheinenden Gewebe nicht gleich herausfinden, mit sich und Andern nicht völlig Eins werden kann, so gehen diese neuen Akte nun schon gleichsam als naturnothwendig vor sich hin. Die Welt ist gegeben, in der das Alles geschieht, die Gesetze sind aufgestellt, nach denen man urtheilt, der Strom des Interesses, der Leidenschaft findet sein Bette schon gegraben, in dem er hinabrollen kann.« Mit »wahrem Antheil und inniger Rührung« hat er diese Akte in der Frühe des 9. März gelesen. Schiller aber hoffte, voll Freude über dieses Urtheil, daß die drei letzten Akte, wenn er sie auch nicht ganz so genau auszuführen Zeit hätte, wenigstens dem ganzen Effekte nach nicht hinter den ersten zurückbleiben werden. Schillers Arbeit, in sicherer Begeisterung, ging so schnell, daß der Freund in Weimar schon am 16. März recht herzlich zum Tode des theatralischen Helden gratuliren konnte. Schiller hatte sich schon lange vor dem Augenblicke gefürchtet, den er doch so sehr wünschte: vor dem Augenblicke, wo er seines Werkes los seyn würde. Er versicherte, sich in seiner jetzigen Freiheit schlimmer zu befinden, als in der bisherigen Sklaverei. »Die Masse, die mich bisher anzog und festhielt, ist nun auf einmal weg, und mir dünkt, als wenn ich bestimmungslos im luftleeren Räume hinge. Zugleich ist mir, als wenn es absolut unmöglich wäre, daß ich wieder etwas hervorbringen könnte; ich werde nicht eher ruhig seyn, bis ich meine Gedanken wieder auf einen bestimmten Stoff mit Hoffnung und Neigung gerichtet sehe.« Andre Dichter hören mit Lust, daß es auch dem größten Dichter nach Vollendung eines Hauptwerkes zu Muthe war, wie es ihnen jedesmal in solchem Falle zu Muthe ist. Die Antwort Göthe's auf Wallensteins Tod wurde leider mündlich abgegeben. Sie läßt sich denken. Bis an sein Lebensende stellte er das Stück über die Piccolomini. Die letztern waren ihm gleichsam nur des Hergangs der Sache willen da, nur als Expositionsstück. Sie werden auch, wie er bemerkte, auf dem Theater nicht wiederholt, aber Wallensteins Tod wird immerfort gern gesehen. Eckermann. Das erstemal wurde dieß Schlußstück zu Weimar in der Mitte Aprils und wieder im Sommer vor dem Könige von Preußen und seiner Gemahlin, es erhellt nicht genau Wann, aufgeführt. Schiller wurde der liebenswürdigen Königin Louise vorgestellt, und fand, daß sie sehr geist- und gefühlvoll in den Sinn seiner Dichtungen eingegangen. In Berlin war es am 17. Mai gut gegeben und aufgenommen worden. Auch in Rudolstadt wurde der Wallenstein im August unter vielem Zulaufe dargestellt. Der Geist des alten Feldherrn führte sich außerdem noch als ein würdiges Gespenst auf, wie Schiller lächelnd erzählte; er half ihm Schätze heben. Am 27. August wurde er durch ein schweres Packet sehr angenehm überrascht, und sah durch den Wallenstein einen Geldstrom in seine Besitzungen geleitet. Schiller an Göthe V, S. 173. Urtheile über den Wallenstein. »Schillers Wallenstein ist so groß, daß zum zweitenmal nichts ähnliches vorhanden ist.« Dieses Urtheil Göthe's, Eckermann I, S. 381. Hiermit stimmt überein, was Göthe schon 1808 gegen Falk äußerte: »Es ist mit diesem Stücke, wie mit einem ausgelegenen Weine: je älter sie werden, desto mehr Geschmack gewinnt man an ihnen. Ich nehme mir die Freiheit, Schiller für einen Dichter und sogar für einen großen zu halten, wiewohl die neuesten Imperatoren und Diktatoren gesagt haben, er sey keiner.« (Aus Falk bei Hoffm. IV, 72.) von dem älteren Dichter über dem Grabe des jüngeren zwei und zwanzig Jahre nach des Letztern Tode ausgesprochen, übertönt gewaltig jeden Tadel und fast jedes Lob. Doch sey dem Biographen vergönnt, auch in Tiecks Urtheil noch einzustimmen. »Wallensteins mächtiger Geist,« sagt dieser, Hinrichs III, 77. »trat unter die Tugendgespenster des Tages. Der Deutsche vernahm wieder, was seine herrliche Sprache vermöge, welchen mächtigen Klang, welche Gesinnungen, welche Gestalten ein ächter Dichter wieder hervorzurufen habe. Dieses tiefsinnige, reiche Werk ist als ein Denkmal für alle Zeiten hingestellt, auf welches Deutschland stolz seyn darf, und ein Nationalgefühl, einheimische Gesinnung und großer Sinn strahlt uns aus diesem reinen Spiegel entgegen, damit wir wissen, was wir sind und was wir waren.« Die weitern Anerkennungen und Desiderien dieses und andrer Kritiker findet der Leser bei Hoffmeister und Hinrichs ausführlich und gründlich zusammengestellt und mit den Ansichten der beiden Denker vermehrt. Hoffm. IV, 1-72. Hinrichs III, 77-137. Dazu Fr. v. Wolz. II, 179 f. Carlyle S. 186-220. Besondre Aufmerksamkeit dürften Hoffmeisters Ausstellungen verdienen, der sich unumwunden gegen die den ganzen Wallenstein durchwuchernde Schicksalsidee ausspricht. Noch im Jahre 1792 hatte sie Schiller verworfen; aber das Studium der Griechen führte sie ihm wieder zu und das Balladenjahr lehrte ihn sie ausprägen; für den Wallenstein fand sie im astrologischen Aberglauben bei Göthe Schutz, und fortan trat das Verhängniß zum freien Antriebe des Helden hinzu, die Schicksalsidee organisirte das ganze Kunstwerk und erdrückte Alles. Sämmtliche Personen haben ein zu klares Bewußtseyn vom Schicksal: Sehr wahr. Man denke nur an die Worte Wallensteins (Tod, Akt I, Sc. 7): »Und ich erwart' es, daß der Rache Stahl« u. s. w., und an Buttlers Worte (Akt. IV, Sc. 9): »Sein böses Schicksal ist» u. s. w. dieses aber, welches das Sterbliche am Menschen zerstören, das Göttliche jedoch hervortreten lassen soll, bereitet eine entmuthigende, allgemeine Niederlage. Und doch ist dieses Schicksal nur in das Thema hineingekünstelt. Hätte Schiller sich ganz dem Göthe'schen Styl überlassen, so wäre er auch ganz zu dem realistischen Wallenstein geführt worden, auf den es in Wallensteins Lager angelegt war; Humboldt'sche Ideen dagegen zogen ihn zu den Griechen und dem Schicksale hinüber; so unternahm er es, ein Sujet und ein Princip zu verbinden, die durchaus widerstreitend sind. Mithin zeigt uns Hoffmeister den Dichter getheilt zwischen dem realistischen Göthe und dem idealistischen Humboldt, zwischen dem Genius und dem Dämon; ein Zwiespalt, dessen Bewußtseyn sich, wie die frühere Darstellung zeigt, auch uns aufgedrungen hat. Diese Vorwürfe hängen übrigens so genau mit Hoffmeisters Theorie der modernen Tragödie zusammen, daß sie ihr zu lieb offenbar zu weit gehen, wenn der Beurtheiler nun behauptet, Schiller, da die Schicksalsidee erst seit 1795 sich in seinem Geiste festgesetzt, würde vor 1792 in seiner Tragödie wohl nur wider die gesellschaftliche Ordnung gekämpft haben. Erst mit den Gräueln der Revolution zogen sich allmählig seine Freiheitsideen, wenn wir diesen Kritiker hören, ins Sittliche zurück, und seine politischen Ansichten nahmen eine auffallende Umbiegung. Das mag wahr seyn; aber was daraus gefolgert wird, ist gewiß nicht wahr. Nein, das Grundmotiv seines Wallenstein war nicht Auflehnung eines durch geistige Kraft und äußere Stellung übermächtigen Mannes gegen die gesellschaftliche Ordnung , und sein dadurch herbeigeführter Untergang; Wallenstein sollte nicht der manngewordene Posa seyn. Nein, er vereinigt nicht kosmopolitisch-philanthropische Ideen mit einer von Rachsucht gepeitschten Ehrbegierde; kommen solche vor, so hat sie ihm der Dichter mit Bewußtseyn als heuchlerisches Geschwätz in den Mund gelegt. O nein; die sittlich politische Ueberzeugung verwandelte nicht den politisch gedachten Helden in einen andern; Es hatte sich zwar von 1791 bis 1794 der Embryo eines Wallenstein in Schillers Geiste angesetzt, aber wir wissen durchaus nichts von seiner Gestalt; im jetzigen ist keine Spur davon; dieser ist eine neue Geburt. nie hat Schiller – seine Worte bezeugens – für Wallenstein, als seinen subjektiven Helden, Partei genommen, noch weniger wollte er später die gesetzliche Ordnung vertheidigen, und die orthodox-politischen Tugenden und Rechtspflichten verherrlichen. Wenn Wallenstein seine Sache als schlecht fühlt, so läßt ihn der Dichter so fühlen, weil sie absolut schlecht ist, und deßwegen spricht der Prolog von seinem »Verbrechen.« Derselbe Prolog aber sagt auch unparteiisch, daß am ernsten Ende des achtzehnten Jahrhunderts um der Menschheit große Gegenstände, um Herrschaft und um Freiheit gerungen werde. So spricht kein officiöser Herold des unbedingten Gehorsams. Schillers Muse war keine Republikanerin mehr, aber sie war auch nicht absolutistisch geworden. Begnügen wir uns daher mit seinem, bei aller subjektiven Schicksalsfärbung doch großen, objektiven Zeit- und Charaktergemälde, Welche prophetische, d. h. mögliche Fälle voraus zeichnende, Wahrheit in Wallensteins Lager und in der Generalstafel der Piccolomini dargestellt ist, wird man inne, wenn man z. B. die Schilderungen aus dem Königs- und dem Feldherrnlager des spanischen Prätendenten, des dermaligen Don Carlos, in den letzten Märzbeilagen der Allgem. Zeitung von 1840 liest. wie es Schiller selbst angesehen wissen wollte: Noch einmal laßt des Dichters Phantasie Die düstre Zeit an euch vorüber führen, Und blicket froher in die Gegenwart, Und in der Zukunft hoffnungsreiche Ferne ... Auf diesem finstern Zeitgrund malet sich Ein Unternehmen kühnen Uebermuths Und ein verwegener Charakter ab. Ihr kennet ihn, den Schöpfer kühner Heere, Des Lagers Abgott und der Länder Geißel, Die Stütze und den Schrecken seines Kaisers, Des Glückes abentheuerlichen Sohn, Der, von der Zeiten Gunst emporgetragen, Der Ehre höchste Staffel rasch erstieg. Und ungesättigt immer weiter strebend, Der unbezähmten Ehrsucht Opfer fiel. Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte; Doch Euren Augen soll ihn jetzt die Kunst, Auch Eurem Herzen menschlich näher bringen: Denn jedes Aeußerste führt Sie , die Alles Begränzt und bindet, zur Natur zurück; Sie sieht den Menschen in des Lebens Drang Und wälzt die größre Hälfte seiner Schuld Den unglückseligen Gestirnen zu. So gewiß in der Sprache, so gewiß war Schiller im Geiste seit dem Don Carlos allerdings ein Anderer geworden; er hätte aber nicht, wie er selbst von sich sagt, einen neuen Menschen im Drama angezogen, wenn er wieder in subjektive Absichtlichkeit mit dem Wallenstein heruntergesunken wäre und abermals außerpoetischen Zwecken zu dienen angefangen hätte. Die Mannichfaltigkeit der objektivsten Charaktere, das gediegene Zeitgepräge und der Totaleindruck des Ganzen sprechen gleich sehr gegen jede solche Anschuldigung. Die Gebrechen der Planlosigkeit im Einzelnen hat Schiller vor sich selbst und dem Freunde gehörig aufgedeckt. Der Winkel, in welchen sich seine Subjektivität zurückgezogen, ist ebenfalls von ihm selbst verrathen worden: es ist das idealisch romantische Liebesgeflüster von Max und Thekla, das die Haupt- und Staatsaktion stört. Aber möchte Deutschland, möchte die Welt diese Störung entbehren? Entwaffnet ihre Lieblichkeit nicht die strengste Kritik? Jene Liebe beruht freilich auf einer falschen Idealisirung, sie beruht auf einer Unwahrheit, und, wenn man tiefer blicken wollte, auf einer Unsittlichkeit. Schiller vermißt im Homer und den Tragikern die schöne Weiblichkeit und die schöne Liebe, er sieht überall nur Mütter, Töchter, Ehefrauen, nirgends die selbstständige weibliche Natur. Briefwechsel mit Humboldt S. 363. Aber es stände seiner Thekla gut an, wenn sie eine bessere Tochter wäre. »O meine Mutter! – Ich kann es ihr nicht ersparen!« ist ein hartes Wort, fast so grausam, als die Selbstsucht ihres Max, der tausend Heldenherzen zwecklos mit seinem eigenen auf dem Altare der Leidenschaft opfert, wofür sein Wort: »Wer mit mir geht, der sey bereit zu sterben –« keine Entschuldigung enthält. Die tragischen Frauencharaktere müssen Schillern doch nicht in ihrem vollen Leben aus den deutschen und französischen Uebersetzungen vor die Seele getreten seyn, sonst hätte er in der Kindesliebe einer Elektra und Iphigenia, der heiligen Geschwisterliebe einer Antigone, der aufopfernden Gattenliebe einer Alcestis gewiß zugleich das Ideal der Menschheit erblickt, wenn anders unter weiblicher Idealität nicht blos eine idealistische Schwärmerei, eine objekt- und thatenlose Tugend, eine pflichtenlose Liebe zu verstehen seyn soll. Etwas fehlt den antiken Weibern freilich: aber dieses Etwas ist ein Anderes und Tieferes, als die Geschlechtsliebe, so verklärt dieselbe auch von den modernen Dichtern behandelt worden seyn mag. Als ein inhaltloses Abstraktum aber erschien einem der durchdringendsten Geister unsrer Zeit Schillers Thekla. »Thekla ist ganz und gar nur die tragische Gurli,« schrieb Rahel; II, 67, 2. Dezember 1812. »beide ohne Knochen, Muskeln und Mark; ganz ohne menschliche Anatomie; so bewegen sie sich auch, wo gar keine menschlichen Glieder sind. Mir aber zum Erstaunen mit dem Beifall des ganzen deutschen Publikums... Eben daran ergötzen sich die Leute, diese bei natürlicher Gliederung nicht hervorzubringenden Bewegungen zu sehen, und bei diesem ihrer Moral schmeichelnden Schauspiele der gesunden menschlichen Organisation zu vergessen.« Unsere Kunstkritik muß zu diesem harten Urtheil eigentlich ja sagen; aber unsre Nationalität, nicht nur die deutsche, die ganze germanische, kann es nicht. So weit unser Stamm reicht, d. h, in der ganzen Christenheit, wird diese Episode des Wallenstein bewundert. »Gewiß, ihrem Gehalte nach,« sagt die deutsche Kritik, »gehört sie zu dem herrlichsten, was je ein in die Seelenschönheit Eingeweihter veröffentlicht hat. Diese unglückliche Liebe hat schon tausend Herzen glücklich gemacht. Immer von neuem beleben sich Max und Thekla zum Liebes- und Herzensideal für jedes nachwachsende Geschlecht.« Hoffm. III, 51. Diese gescholtene Unnatur – es ist doch wieder relative, es ist deutsche Natur; denn welcher Deutsche hat nicht so geliebt, und Solches geliebt, und kann es bereuen? Auch der deutsche Tieck kann nicht anders, er muß sagen: »Die ganze Verwerflichkeit der düster verworrenen Plane spiegelt sich in dieser reinen Liebe und wahren Natur . Max und Thekla stellen in ihrem reinen Kreise die edle, schöne Menschlichkeit selbst dar, wie sie ein Bestandtheil des innern Wesens unsres Dichters war.« Bei Hoffm. III, S. 45. So unorganisch also im Drama und so unleiblich an sich dieses Liebeszwischenspiel seyn mag: wir wollen es im Wallenstein dulden, wir müssen es lieben, und es wird das herrliche, objektive Lebensbild des ganzen Stückes so wenig, als die Schicksalsidee dieß thut, uns verkümmern. Man denke sich nur einen Krieg, um das Divinatorisch-wahre dieser mächtigen Tragödie in elektrischen Schlägen zu empfinden. Selbst jene Rahel, deren fünfsinniger Realismus sich gegen die Geistergestalt und Geisterstimme Thekla's, Augen und Ohren verschloß, griff im Kriegsjahr 1809 zum Wallenstein, der drei Tage auf ihrem Tische gelegen. Und als sie ihn wieder gelesen hatte, rief sie aus: »Wie paßt jetzt jedes Wort, jede Tragödie in der Tragödie! Wie versteh' ich jetzt Welthändel und Dichter erst! Es giebt großartigere Geistesschwingungen; was einen zu bedenken zwingt, daß von je die Welt in Gährung stand; und nicht schlecht hat der Dichter den um uns noch wüthenden dreißigjährigen Krieg gegriffen!« Rahel I, 416 f. den 9. Mai 1809 (an Schillers Todestag). In den frühern Stücken des Dichters zerbrach das Objekt unter den Händen des Subjekts. Der Wallenstein aber ist so objektiv, als ein Stück Schillers es seyn kann, ohne kalt zu seyn. Ein Strahl seiner Subjektivität bricht durch alle seine Dramen: aber das ganze Licht seiner Persönlichkeit erwärmt, durchleuchtet und durchschimmert den Wallenstein; eben dadurch wird er unsterblich seyn, und ein edler Dichter aus Weimars Schule rief nicht umsonst dem Vereine für Schillers Denkmal zu: Soll dieses Maal von ew' ger Dauer seyn, So mauert in den Grund den Wallenstein. Literarische Berührungen Schillers. 1795. bis 1799 Von seinen Schöpfungen auszuruhen, wollen wir uns nach unsres Dichters gelehrten und häuslichen Verhältnissen bis in dieser Zeit umsehen. Die literarischen Antipathien desselben haben wir großentheils aus den Xenien kennen gelernt; über freundlichere oder doch gemischte Beziehungen giebt uns sein Briefwechsel Aufschluß. Voran begegnen uns hier Herder und Jean Paul . Des erstern Ansichten von Philosophie und Poesie bildeten eine Scheidewand zwischen ihm und Schiller, die nur wenige Pforten für den geistigen Verkehr offen ließ. Der letztre fand, Briefwechsel mit Göthe II, 52 f. daß er bei Herders Schriften immer mehr, was er zu besitzen glaubte, verliere, als daß er an neuen Realitäten dabei gewänne. Jener wirkte auf Schillern dadurch, daß er immer aufs Verbinden ausging und zusammenfaßte, was andre trennen – mehr zerstörend als ordnend. In der Poesie schien ihm besonders seine unversöhnliche Feindschaft gegen den Reim viel zu weit getrieben. Zwar glaubte auch Schiller, Briefwechsel mit Humboldt 426 ff. daß der Reim mehr an Kunst erinnere als die antiken Sylbenmaße, daß es eine Unart desselben sey, fast immer an Menschenhand, an den Poeten (den Macher) zu erinnern; aber dennoch involvire jenes Erinnern an Kunst, wenn es nicht eine Wirkung der Künstlichkeit oder gar der Peinlichkeit sey, eine Schönheit; ja mit dem höchsten Grade poetischer Schönheit (in welche naive und sentimentale Gattung zusammenfließen) vertrage sich der Reim recht gut. Was nun Herder dagegen aufbrachte, schien ihm weit nicht bedeutend genug. Der Ursprung des Reims mochte noch so gemein und unpoetisch seyn: Schillers Meinung war, man müsse sich an den Eindruck halten, und dieser lasse sich durch kein Raisonnement wegdisputiren. An Herders Confessionen über die deutsche Literatur verdroß ihn auch, noch außer der Kälte für das Gute, die seltsame Art von Toleranz gegen das Elende. »Es kostet ihn,« klagt jener, »eben so wenig, mit Achtung von einem Nicolai, Eschenburg u. A. zu reden, als von dem Bedeutendsten, und auf eine sonderbare Art wirft er die Stolberge und mich, Kosegarten und wie viel Andre in Einen Brei zusammen. Seine Verehrung gegen alles Verstorbene und Vermoderte hält gleichen Schritt mit seiner Kälte gegen das Lebendige.« In Schillers Widerwillen gegen Herders Metakritik stimmte sogar Göthe ein. »Die Apostel und Jünger dieses neuen Evangeliums behaupten,« sagt er spottend, Briefwechsel V, S. 65. »daß in der Geburtsstunde der Metakritik der Alte zu Königsberg auf seinem Dreifuß nicht allein paralysirt worden, sondern sogar wie Dagon herunter und auf die Nase gefallen sey.« a name="page 553" title="cal/uhermann" id="page553"\> Ueber Jean Paul haben wir schon ein Urtheil in den Xenien gesehen. Die erste geistige Bekanntschaft mit demselben machte Schiller durch den Hesperus, den ihm im Sommer 1795 Göthe zugeschickt hatte. »Das ist ein prächtiger Patron, der Hesperus,« schreibt jener zurück, An G. 12. Juni, G. an S. 18. Juni 1795. »den Sie mir neulich schickten. Er gehört ganz zum Tragelaphengeschlecht (zum Geschlechte der Bockshirsche), ist aber dabei gar nicht ohne Imagination und Laune, und hat manchmal einen recht tollen Einfall, so daß er eine lustige Lektüre für die langen Nächte ist.« Göthe freute sich darüber, daß »Schillern der neue Tragelaph nicht ganz zuwider sey: es ist wirklich Schade für den Menschen, er scheint sehr isolirt zu leben, und kann deßwegen bei manchen guten Partien seiner Individualität nicht zu Reinigung seines Geschmacks kommen. Es scheint leider, daß er selbst die beste Gesellschaft ist, mit der er umgeht.« Den Mann selbst, als er nach Weimar und Jena gekommen, fand Schiller, wie er ihn erwartet: »fremd, wie einer, der aus dem Mond gefallen ist, voll guten Willens, und herzlich geneigt, die Dinge außer sich zu sehen, nur nicht mit dem Organ, womit man sieht.« (28. Juni 1796.) Auch Göthe hatte ihn für »ein complicirtes Wesen, das man bald zu hoch, bald zu niedrig anschlage,« erklärt. Beider Dichter Urtheile lauten, wie man sieht, ziemlich oben herab. Die zwei Meister, schon fast in der Xenienlaune, meinten bereits, Herrn der literarischen Republik zu seyn und Ehren und Würden in ihr vergeben zu können. Mit ihrer Constituirung durch die Kunst beschäftigt, erkannten sie eine Größe nicht, die zu dieser ausschließlichen Verfassung nicht passen wollte. Fichte fügte sich auch nie ganz in jenen Staat. Schiller klagt über seine Empfindlichkeit gegenüber von seiner Kritik, die ihm Verworrenheit der Begriffe Schuld gegeben (6. Juli 1795). Auch Göthe fand in seinen berühmten Axiomen nur die Aussprüche einer Individualität, denn nur sämmtliche Menschen erkennen ihm die Natur, und nur sämmtliche Menschen leben das Menschliche (Mai 1798). Bei Schiller hatte der Widerwille mit der Zeit zugenommen. Fichte kam nach langem Schmollen im August 1798 zu ihm und zeigte sich äußerst verbindlich; so konnte er nun freilich nicht den Spröden spielen; er wollte suchen dieß Verhältniß, das schwerlich weder fruchtbar noch angenehm werden könne, da ihre Naturen nicht zusammenpassen , wenigstens heiter und gefällig zu erhalten. Aber es ging nicht recht. Noch im Sommer 1799 sah er »bei diesem Freunde eine Unklugheit auf die andre folgen,« und fand den armen Verfolgten, der »dem Fürsten von Rudolstadt zumuthete, daß er ihm durch Einräumung eines herrschaftlichen Quartiers öffentliche Protektion geben, und umsonst und um nichts sich bei allen anders denkenden Höfen compromittiren sollte, incorrigibel in seinen Schiefheiten.« Günstiger war Schillers Stimmung für Schelling , obgleich Göthe ihn für nicht ganz redlich halten wollte, und fand, daß er das, was den Vorstellungsarten, die er in Gang bringen möchte, widerspricht, gar bedächtig verschweige, und sich von der Idee seinen Vorrath von Phänomenen verkümmern lasse; Briefwechsel IV, S. 120 f. ein Vorwurf, der freilich mehr als Einen Systemschöpfer trifft. Schiller aber entdeckte in Schelling »sehr viel Ernst und Lust,« und freute sich der Wärme, die er ihm zeigte (Oktober 1798). Aeltere Bekannte aus einer in Göthes und Schillers Augen abgethanen Literaturperiode wurden mit Gleichgültigkeit oder Spott behandelt. Als im Sommer 1796 Lavaters Bruder nach Jena gekommen war, und für diesen selbst gehalten wurde, kümmerte sich Schiller wenig darum, Göthe lachte über den Propheten , während ihm Blumenbach, der in Gesellschaft eines Mumienkopfs nach Weimar gekommen, sehr interessant war. Der Tod Garve's , den Schiller einst ehrte, wurde von ihm mit Gleichgültigkeit aufgenommen; Voß , als er in Reichardts Gesellschaft, »recht vom Teufel geholt,« in die Nähe kam, ward ziemlich feindselig von beiden Dichtern angesehen, und in seinem Almanach auf 1799 fand Schiller »wirklich einen völligen Nachlaß seiner poetischen Natur. Er und seine Compagnons erscheinen auf einer völlig gleichen Stufe der Platitüde, und in Ermangelung der Poesie waltet bei Allen die Furcht Gottes.« Aber auch die junge, die Schlegel 'sche Schule, die sich im Schooße der Horen und Almanache gebildet hatte, wollte besonders unserm Dichter weder gefallen noch pariren. Anfangs hießen die Schlegel gute Acquisitionen und treffliche Köpfe. Der jüngere, Friedrich, kam im August 1796 dem Bruder nach, »machte einen recht guten Eindruck, verspricht viel.« Jedoch schon in den Xenien werden die Gebrüder als etwas rebellisch behandelt; in den witzigen Epigrammen, in welchen in der Unterwelt, der alte Johann Elias Schlegel (nicht Lessing) nach seinen jungen Nepoten fragt, ob und wie sie noch in der Literatur walten, erhält er zur Antwort: Boas II, 165. Freilich walten sie noch, und bedrängen hart die Trojaner, Schießen manchmal auch wohl blind in das Blaue hinein. Und Schiller lachte ins Fäustchen, als A. W. Schlegel immer wieder nach den jungen Nepoten fragte, und sie nicht herauskriegte. Im Mai 1797 wird schon über »die böse Absicht und die Partei der Herren« geklagt, und unser Dichter bricht los: »Es wird doch zu arg mit diesem Herrn Friedrich Schlegel. So hat er kürzlich dem Alexander Humboldt erzählt, daß er die Agnes (von Lilien) im Journale Deutschland rezensirt habe, Roman der Frau von Wolzogen, in der Meinung, sie sey von Göthe. und zwar sehr hart. Jetzt aber, da er höre, sie sey nicht von Ihnen, so bedaure er, daß er sie so streng behandelt habe. Der Laffe Nach der ersten Veröffentlichung dieser und anderer Stellen kann man sich über A. W. v. Schlegels neuere Angriffe auf Schiller nicht mehr so sehr wundern. Es wären rechtmäßige Schläge – wenn sie schlagend wären. meinte also, er müsse dafür sorgen, daß Ihr Geschmack sich nicht verschlimmere. Und diese Unverschämtheit kann er mit einer solchen Unwissenheit und Oberflächlichkeit paaren, daß er die Agnes wirklich für Ihr Werk hielt.« Göthe sprach ziemlich geringschätzig von A. W. Schlegel, aus Veranlassung seines Prometheus, wobei man, beiläufig gesagt, erfährt, daß der alte Herr in seinem acht und vierzigsten Jahre noch nicht wußte, was Terzinen seyen. Briefwechsel IV, S. 113. 116. Als es schien, Schlegels wollten nach Dresden ziehen, grämten sich unsre Dichter nicht darob. Endlich sprach Schiller zu Göthe (Juli 1798) über beide: »Einen gewissen Ernst und ein tieferes Eindringen in die Sachen, kann ich den beiden Schlegeln, und dem jüngern insbesondere, nicht absprechen. Aber diese Tugend ist mit so vielen egoistischen und widerwärtigen Ingredienzien vermischt, daß sie sehr viel von ihrem Werth und Nutzen verliert. Auch gestehe ich, daß ich in den ästhetischen Urtheilen dieser beiden eine solche Dürre, Trockenheit und sachlose Wortstrenge finde, daß ich oft zweifelhaft bin, ob sie wirklich auch zuweilen einen Gegenstand darunter denken. Die eigenen poetischen Arbeiten des ältern bestätigen mir meinen Verdacht. Denn es ist mir absolut unbegreiflich, wie dasselbe Individuum, das Ihren Genius wirklich faßt, und Ihren Hermann z. B. wirklich fühlt, die ganz antipodische Natur seiner eigenen Werke, diese dürre und herzlose Kälte auch nur ertragen, ich will nicht sagen, schön finden kann. Wenn das Publikum eine glückliche Stimmung für das Gute und Rechte in der Poesie bekommen kann, so wird die Art, wie diese beiden es treiben, jene Epoche eher verzögern als beschleunigen; denn diese Manier erregt weder Neigung, noch Vertrauen, noch Respekt, wenn sie auch bei den Schwätzern und Schreiern Furcht erregt; und die Blößen, welche die Herren sich in ihrer einseitigen und übertreibenden Art geben, wirft auf die gute Sache einen fast lächerlichen Schein.« Fr. Schlegels Lucinde machte ihm den Kopf taumelig. »Dieses Produkt charakterisirt seinen Mann,« schreibt er an den Freund am 19. Juli 1798, »besser als Alles, was er sonst von sich gegeben, nur daß es ihn mehr ins fratzenhafte malt ... Er bildet sich ein, eine heiße unendliche Liebesfähigkeit mit einem entsetzlichen Witz zu vereinigen, und, nachdem er sich so constituirt hat, erlaubt er sich Alles, und die Frechheit erklärt er selbst für seine Göttin.« Das Athenäum würdigte Schiller ziemlich unbefangen, aber die Xenienausfälle auf Humboldt und andere fand er jetzt, nach dem Kanon des Dichters Persius Pers. Sat. IV, 25. auf den Mantelsack der voranschreitenden Jüngeren blickend, naseweis, unartig und undankbar. In dieser Stimmung war Schiller, als der Freund der Schlegel, der herrliche Tieck, nach Jena kam. »Tieck aus Berlin hat mich besucht,« sagt jener über ihn am 24. Juli 1799 zu Göthe; »ich bin begierig, wie Sie mit ihm zufrieden sind. Mir hat er gar nicht übel gefallen; sein Ausdruck, ob er gleich keine große Kraft zeigt, ist fein, verständig und bedeutend, auch hat er nichts Kokettes noch Unbescheidenes. Ich hab' ihm, da er sich einmal mit dem Don Quixotte eingelassen, die spanische Literatur sehr empfohlen, die ihm einen geistreichen Stoff zuführen wird, und ihm, bei seiner eigenen Neigung zum Phantastischen und Romantischen, zuzusagen scheint. So müßte dieses angenehme Talent fruchtbar und gefällig wirken, und in seiner Sphäre seyn.« Wir sehen hier wieder dieselbe Miene, wie im Urtheil über Jean Paul. Es wird Einer mit einem neuen Kron- oder Staatsamte der Kunst und Poesie belehnt. Aber der Fremdling, der hier erschien, war ein Königssohn, und die Muse hatte ihm ein eigenes Reich aufgehoben. Göthe, mit der Zurückhaltung eines Philosophen aus der Schule der alten Akademiker, schrieb gleichzeitig: »Tieck hat mit Hardenberg (Novalis) und Schlegel bei mir gegessen; für den ersten Anblick ist es eine recht leidliche Natur. »Freund, sey stolz! der erhabne, der Genius spendet ein Lob dir! Göthe bezeugt, du sey'st wirklich ein leidlicher Mensch,« A. W. v. Schlegel . Er sprach wenig aber gut, und hat überhaupt hier ganz wohl gefallen.« Diese ganze wegwerfende Behandlung der romantischen Schule durch beide Dichter ist mehr eine Folge ihrer Stellung, als ihrer unbefangenen Ueberzeugung. Die großen Verdienste der Brüder Schlegel waren bleibend, und sind jetzt besser anerkannt. Unter den vielen Namen, welche die Correspondenz Schillers erwähnt, überrascht uns angenehm der Name seines Jugendfreundes Zumsteeg in Stuttgart, von welchem Schiller im December 1797 einen Brief erhalten hatte. Er schrieb ihm darin, was ihn von Schiller's und Göthe's Gedichten im Musenalmanach am meisten erfreut habe; »und er hat,« fügt Schiller hinzu, »was wir lange nicht gewohnt sind, zu erfahren, – das Bessere herausgegriffen.« Häuslicher Jammer. Uebersiedlung nach Weimar. 1799. Mit der Erwähnung dieses alten Herzensfreundes kehren wir auch wieder in Schillers Hause ein. Hier war die Frau im Herbst 1799 mit ihrer ältesten Tochter Caroline Jetzt an den Bergrath Junot in Thüringen verheirathet. niedergekommen, die am 15. Oktober getauft ward. Auf diese Niederkunft folgte ein Nervenfieber, das den Gatten und alle Angehörigen in die schmerzlichste Sorge versetzte. Ihre Phantasien gingen Schillern durchs Herz, und er brachte manche schlaflose Nacht an ihrem Bette zu. Als die Gefahr vorüber schien und das Fieber fast ganz aufgehört hatte, war immer die Besinnung noch nicht da, und öfters traten heftige Accesse von Verrückung des Gehirns ein. Die Geschicklichkeit des Hausarztes Starke, Schillers sorgsame, zarte Pflege, die Wartung der guten Mutter, und der treuen, immer gleich hülfreichen Hausfrau und Freundin Griesbach Nach ihrem Zeugnisse war Schiller ein unvergleichlicher Krankenpfleger. H. Voß S. 41 f bewirkten indessen nach langen Wochen eine vollkommene Genesung. Längst hatten Schillers Aerzte, bei seinem unverkennbaren Lungenleiden, die Bergluft von Jena für gefährlich erklärt, und schon vor der Krankheit seiner Frau stand sein Entschluß fest, nach Weimar, wenigstens für die Winter, sich hinüber zu siedeln. Zugleich wollte er der musenlosen Einsamkeit, der trockenen Gelehrsamkeit, dem Schauplatze der Spekulation, die ihn so lange geängstigt hatte, entfliehen. »Die wenigen Wochen meines Aufenthalts zu Weimar und in der größern Nähe Eurer Durchlaucht« – so hatte er schon am 1. September 1799 an seinen Herzog geschrieben – »haben einen so belebenden Einfluß auf meine Geistesstimmung geäußert, daß ich die Leere und den Mangel jedes Kunstgenusses und jeder Mittheilung, die hier in Jena mein Loos sind, doppelt lebhaft empfinde. So lange ich mich mit Philosophie beschäftigte, fand ich mich hier vollkommen an meinem Platz; nunmehr aber, da meine Neigung und meine verbesserte Gesundheit mich mit neuem Eifer zur Poesie zurückgeführt haben, finde ich mich hier in eine Wüste versetzt. Ein Platz, wo nur die Gelehrsamkeit, und vorzüglich die metaphysische, im Schwange gehen, ist den Dichtern nicht günstig; diese haben von jeher nur unter dem Einfluß der Künste und eines geistreichen Umgangs gedeihen können. Da zugleich meine dramatischen Beschäftigungen mir die Anschauung des Theaters zum nächsten Bedürfnisse machen, und ich von dem glücklichen Einfluß desselben auf meine Arbeiten vollkommen überzeugt bin, so hat alles dieß ein lebhaftes Verlangen in mir erweckt, künftighin die Wintermonate in Weimar zuzubringen.« Da seine ökonomischen Mittel eine doppelte Einrichtung nicht erlaubten, bat er nun seinen Landesherrn um die gnädige Beistimmung zu dieser Ortsveränderung. Der Herzog kam dem Dichter, der seit dem März 1798 Professor Ordinarius in Jena war, gütig entgegen, bestimmte ihm einen Gehalt von jährlich tausend Thalern So Göthe bei Eckermann I. 308. Aber zuverlässige Nachrichten belehren mich, daß diese Angabe irrig ist. Oktober 1840. und erbot sich, ihm das doppelte zu geben, im Fall er durch Krankheit verhindert seyn sollte, zu arbeiten. Schiller lehnte dieses letzte Anerbieten ab und machte nie davon Gebrauch. »Ich habe das Talent,« sagte er, »und muß mir selber helfen können.« In Weimar sorgte Göthe vor allen Dingen für ein Quartier; er hätte den Freund gar zu gern in der Nähe des Schauspielhauses gehabt. Das durch Gespenster berüchtigte gräflich Werther'sche Haus war zu vermiethen; »es wäre wohl der Mühe werth, das Gebäude zu entzaubern,« sagt Göthe. Endlich wurde durch die Bemühung der Frau von Kalb eine Wohnung ausgemittelt. Als nun aber Schiller nach seiner Frau Genesung, am 4. December wirklich nach Weimar hinübergezogen war, stürzte er sich, im Eifer für die Kunst und in der Sorge für seine Familie, die sich in den letzten Jahren wiederholt vergrößert hatte, in Arbeit auf Arbeit, und Göthe scheint Eckermann I, 308 f. es zu bedauern, daß er von der, wahrscheinlich durch ihn, den treuen Freund, eingeleiteten Großmuth seines Fürsten nicht einen umfassenderen Gebrauch gemacht. »Der Existenz wegen,« sagt Göthe, »mußte er jährlich zwei Stücke Als Göthe früher dem Freund eine solche Thätigkeit prophezeite, dachte er nicht an dessen Gesundheit. schreiben, und, um dieses zu vollbringen, trieb er sich, auch an solchen Tagen und Wochen zu arbeiten, in denen er nicht wohl war; sein Talent sollte ihm zu jeder Stunde gehorchen und zu Gebote stehen. Schiller hat nie viel getrunken, er war sehr mäßig; aber in solchen Augenblicken körperlicher Schwäche suchte er seine Kräfte durch etwas Liqueur oder ähnliches Spirituose zu steigern. Dieß aber zehrte an seiner Gesundheit, und war auch den Produktionen selbst schädlich. Denn was gescheidte Köpfe an seinen Sachen aussetzen, leite ich aus dieser Quelle her. Alle solche Stellen, von denen sie sagen, daß sie nicht just sind, möchte ich pathologische Stellen nennen, indem er sie nämlich an solchen Tagen geschrieben hat, wo es ihm an Kräften fehlte, um die rechten und wahren Motive zu finden. Ich habe vor dem kategorischen Imperativ allen Respekt, ich weiß, wie viel Gutes aus ihn, hervorgehen kann, allein man muß es damit nicht zu weit treiben, denn sonst führt diese Idee der ideellen Freiheit sicher zu nichts Gutem.« Maria Stuart. Die Glocke. Das neue Jahrhundert. Sogleich nach Vollendung des Wallenstein, lange noch in Jena, hatte Schiller, um jener Geistesöde, die wir mit seinen eigenen Worten geschildert haben, zu entgehen, nach einem neuen Stoffe gegriffen, einem Stoffe, den er sich vor 16 Jahren schon in Bauerbach angesehen. Er hatte sich nun wirklich an die Regierungsgeschichte der Königin Elisabeth von England gemacht, und den Proceß der Maria Stuart schon im April 1799 zu studiren angefangen. Soldaten, Helden, Herrscher hatte er herzlich satt; er freute sich auf einen leidenschaftlichen und menschlichen Vorwurf. »Ein paar tragische Hauptmotive,« schreibt er seinem Freunde damals, »haben sich mir gleich dargeboten und mir großen Glauben an diesen Stoff gegeben, der unstreitig sehr viele dankbare Seiten hat.« Immer mehr überzeugte er sich nun unter der schon begonnenen Dichtung, die im Juni mitten in ihrem ersten Akte war, und ihn »keinen Tag ohne Linie« ließ, von der tragischen Qualität des Gegenstandes, worunter besonders gehört, daß man die Katastrophe gleich in den ersten Scenen sieht, und, indem die Handlung des Stücks sich davon wegzubewegen scheint, ihr immer näher geführt wird. »Meine Maria,« setzt er bei, »wird keine weiche Stimmung erregen; es ist meine Absicht nicht; ich will sie immer als ein physisches Wesen halten, und das Pathetische muß mehr eine allgemeine tiefe Rührung, als ein persönliches und individuelles Mitgefühl seyn. Sie empfindet und erregt keine Zärtlichkeit, ihr Schicksal ist nur, heftige Passionen zu erfahren und zu entzünden. Blos die Amme fühlt Zärtlichkeit für sie.« Ende Juli's war der erste Akt fertig, ja am vorletzten Tage dieses Monats »war er schon ganz ernstlich im zweiten Akte bei seiner königlichen Heuchlerin,« und der August schloß denselben. Die Niederkunft seiner Frau und deren schwere Krankheit trat zwischen diese Arbeiten. Noch vorher, nachdem er den dritten Akt angefangen, riß er sich mit Gewalt von Maria los, um sich in eine lyrische Stimmung für den immer noch fortgehenden Musenalmanach zu versetzen, machte sich deßwegen äußere Zerstreuung, und unternahm eine achttägige Reise nach Rudolstadt. Zugleich war ihm der Gedanke an eine neue Art Xenien, für Freunde und würdige Zeitgenossen gekommen, von dem ihn jedoch die Betrachtung zurückschreckte, daß der Tadel ein dankbarerer Stoff sey, als das Loben, und Dante's Himmel auch viel langweiliger, als seine Hölle. An der neuen Zeitschrift Göthe's, den Propyläen, hatte Schiller auch bald thätigen Antheil genommen, und entwickelte dadurch seinen ihm selbst zweifelhaften Sinn für bildende Kunst. In Göthe's »Sammler« erscheinen Schillers Kunstansichten in der Gestalt des Philosophen. Schillers Leben in Weimar war, die sich immer wiederholenden Krankheitsfälle abgerechnet, heiter und mannichfaltig bewegt. Gleich in den ersten Tagen wohnte er, mit dem Herzog und der Herzogin, der Vorlesung des Mahomet durch Göthe in dessen Hause bei. Die beiden Freunde waren fast täglich beisammen; ein Glas Punsch erwärmte die langen Winternächte in Göthe's behaglichen und heiter erleuchteten Zimmern; zuweilen fanden sie sich auch bei Hofe und in des Herzogs eigenem Gemache zusammen. Cotta hatte die Aufmerksamkeit gehabt, dem kranken Schiller ein schlafmachendes Mittel zu senden, das ihm Göthe ernstlich anempfahl. Am letzten Jahresabend beeilte sich unser Dichter, »einen seiner Helden noch unter die Erde zu bringen, denn die Hexen des Todes nahten sich ihm schon.« Wer es ist, sagt er nicht; seine Gedichte, soweit sie die Jahreszahl 1799 tragen, enthalten keine Ballade, nur die Glocke, der Spruch des Confucius, die Worte des Wahns erscheinen aus dieser Zeit. So wird jener Held wohl der Mortimer seyn, und mithin war das Trauerspiel mit dem Jahresschlusse schon am vierten Auftritte des vierten Aktes. Die Glocke ist das Lied vom Leben, wie Hinrichs schön sagt. I, 68. Vergl. Hoffm. III, 97 ff. Sie wird durch alle Zeiten hallen, wenn gleich A. W. Schlegel vor Jahren die scharfsichtige Entdeckung gemacht hat, daß ihr der Klöpfel fehlt. Lange hatte Schiller, wie seine Schwägerin erzählt, dieses Gedicht in sich getragen, und manchmal davon gesprochen, als einer Dichtung, von der er besondere Wirkung erwarte. Schon bei seinem Aufenthalt in Rudolstadt (1788) ging er oft nach einer Glockengießerei vor der Stadt spazieren, um von diesem Geschäft eine Anschauung zu gewinnen. Er hatte also das Gedicht viel länger als seinen Wallenstein im Geiste ausgebrütet. »Die Glocke,« sagte Göthe, »müsse nur um so besser klingen, als das Erz länger im Fluß erhalten, und von allen Schlacken gereinigt sey.« Die lateinische Inschrift des Liedes findet sich auf der großen Glocke im Münster zu Schaffhausen. Götzinger, bei Hoffm. a. a. O. Schiller hatte sie aus der Enyclopädie von Krünitz genommen. Der Glockenhall ist die musikalische Begleitung dieses Liedes, das ein Lieblingsgedicht der Deutschen geworden ist. »Jeder findet rührende Lebenstöne darin, und das allgemeine Schicksal der Menschen geht innig aus Herz.« Zu einem köstlichen Scherze hat die Glocke dem humoristischen Hermann Hauff Anlaß gegeben, in seiner »Postdiluvianischen Kritik,« Skizzen I, S. 45 ff. Schiller und Göthe waren »Neun und neunziger« d.h. sie nahmen an (worüber bekanntlich großer Streit war), daß das Jahrhundert mit 1799 zu Ende gehe. Schiller hatte die Idee zu einer Säcularfeier hingeworfen, so daß man Weimar durch eine Reihe von Festen auf 14 Tage zu einer großen Stadt machen sollte. Leo von Seckendorf, der junge Dichter, entwarf mit andern Hausfreunden Pläne, aber es fehlte an Lust und Mitteln, sie auszuführen. Schiller selbst fand endlich eine stille, ernste Feier angemessener; war doch, nach seiner eigenen Schilderung, das Jahrhundert im Sturm geschieden. So beging er die letzte Stunde desselben in ernstem Gespräche mit seinem Freund Göthe. »Lassen Sie,« schrieb dieser an Schiller den 1. Jan. 1800, den Anfang wie das Ende seyn, und das Künftige, wie das Vergangene.« Der heitere Freund brachte ihm, was er Literarisches zu schicken hatte, auf allerlei komische Weise zu; bald war ein humboldt'scher Brief um eine Stange Siegellack, bald ein Aushängebogen des neuesten Musenalmanachs um eine Flasche Kölnischen Wassers gewickelt. In die ersten Wochen des Jahres fiel die Bearbeitung des Macbeth, welche Schiller, so wenig er auch das Englische verstand, doch nach dem Original fertigte, und am 15. Febr. wurden die Piccolomini vor einem halben Tausend von Zuschauern gegeben. Die beiden Dichter beschauten sich in dieser Zeit miteinander die Mondsberge durch das Teleskop, sehnsüchtig, wie Schweizeralpen. »Es gab eine Zeit,« sagte Göthe, »wo man den Mond nur empfinden wollte; jetzt will man ihn sehen.« Die Vollendung der neuen Tragödie Schillers geschah in aller Stille. Noch im Mai konnte dieser eine Abendvorlesung des größten Theiles der »Maria« halten, bei welcher er seinen Freund Göthe eigentlich nicht anwesend wünschte, weil er ihm die ganze zweite Hälfte des Stückes, die jener noch nicht kannte, lieber auf einmal vorlegen möchte, »und bei dem verzettelten Lesen das Beste verloren geht.« Die Vorlesung der vier ersten Akte fand wirklich in Schillers Hause vor einer kleinen Gesellschaft, von der auch die Schauspielerin Demoiselle Jagemann war, statt. Schiller unterhielt die Gäste so anziehend und geistreich, daß das Lesen bis nach Tische, wo bei Constantiawein, einer Gabe des Verlegers, auf das Gelingen des fünften Aktes getrunken worden war, ja bis nach Mitternacht verschoben wurde. Die Vorlesung gab das Ganze unverkürzt und durch gesellige Reden unterbrochen. Kein Wunder, daß die Mainacht zum Maimorgen wurde, und die Gesellschaft erst bei Sonnenschein aus einander ging. Ueber dieß und alles nächst folgende siehe Hinrichs III, 141 ff., wo man auch die Details über die Aufführung findet. Daß die Maria vorher auf andern Theatern gegeben worden, ist kaum glaublich. Während der Arbeit häufig durch Fremde gestört, wünschte Schiller manchmal im Scherz, es möchte ihm ein Potentat Gefährliches zutrauen, und ihn einige Monate lang auf eine Bergfeste mit schöner Aussicht einsperren, jedoch gut halten. Da sollten erst Werke aus Einem Guß entstehen! Den fünften Akt zu vollenden, begab sich der Dichter nach Ettersburg, dem Lustschlosse des Herzogs, wo er ihn zu Ende brachte, als schon die Proben der ersten Aufzüge begonnen hatten, und der Tag der Aufführung nicht mehr ferne war. Denn im Juni konnte das Stück für das Theater präparirt werden, und beide Dichter besprachen den kühnen Gedanken, eine Communion aufs Theater zu bringen, gegen welchen im voraus protestirt wurde, so daß Göthe veranlaßt ward, den Verfasser zu ersuchen, die Funktion zu umgehen. »Ich darf jetzt bekennen,« fügte er hinzu, »daß es mir selbst dabei nicht wohl zu Muthe war.« So tief steckte das Christenthum, oder doch die Ehrfurcht davor, selbst in diesem ostensibeln Heiden. Schiller hingegen wollte nicht begreifen, wie diese Scene das religiöse Gefühl beleidigen könnte, und Herder meinte sogar, es sollte sie erwecken! Nach Klingemann (Kunst und Natur Bd. I, S. 153) hatte Herder vielmehr gleichfalls gegen diese Scene protestirt. Maria Stuart wurde am 14. Junius, an einem heißen Abende jenes glühenden Sommers, der in Schwaben einen großen Schwarzwaldbrand herbeiführte, im überfüllten Hause gegeben, und spielte vier Stunden lang, nicht ganz zur Zufriedenheit des Publikums, obwohl Göthe mit der Aufführung content gewesen zu seyn scheint, und durch das Stück außerordentlich erfreut war. Die öffentliche Stimme hatte und hat mancherlei auszusetzen. Die Königinnen brauchten lange zum An- und Umkleiden. Die Vohs hatte die Rolle ganz verfehlt, und weder die Dulderin noch die Herrin, sondern nur die Fromme wiedergegeben. Vohs, der Gatte, spielte untadelig; das Uebermaß der Leidenschaft lag im Charakter der Rolle; die Jagemann war als Elisabeth ausgezeichnet, aber beiden Königinnen fehlte die imposante Gestalt. Schillern selbst überraschte das auffallende Mißlingen der Haderscene, denn Maria erschien gedemüthigt, und Elisabeth triumphirend. Leicester ließ viel zu wünschen übrig, er war mehr Theaterbösewicht als Hofmann. Unter den übrigen Personen zeichnete sich die Wolff als Hanna Kennedy und Graff als Shrewsbury aus, die andern, den durch und durch gezierten Grafen Bellièvre ausgenommen, störten wenigstens nicht. Es dürfte nicht uninteressant seyn, über diese Tragödie einen Schottländer, sonst einen fast unbedingten Verehrer Schillers, der den Wallenstein über Alles schätzt, und findet, daß es Schillern mit demselben auch da gelungen sey, wo das Gelingen keine leichte Sache war, über dieses Drama, das auf dem Boden der englisch-schottischen Geschichte spielt, sich aussprechen zu hören. »Maria Stuart,« sagt Thomas Carlyle, Leben Schillers. S. 225. »hat große Schönheiten, und würde den Ruhm eines geringeren Genie's begründet haben; doch dem seinen konnte sie nichts Wesentliches hinzufügen. Im Vergleich mit Wallenstein ist die ihr zum Grunde liegende Idee beschränkt, und ihre Resultate sind nur gewöhnlich. Hier finden wir keine treu geschichtlichen Schilderungen; ebensowenig lernen wir die Sitten und Gebräuche des Landes daraus kennen. Das Bild des englischen Hofes steht nicht lebendig vor unsern Augen. Elisabeth gleicht mehr der französischen Medicis, als der staatsklugen, gefallsüchtigen, eigensinnigen, herrschsüchtigen, und doch im Ganzen redlich guten Königin Elisabeth. So reich sich auch wiederum in dieser Tragödie Schillers Genius bewährt; so bringt sie doch verhältnißmäßig weniger Wirkung, besonders bei uns Engländern, hervor.« Nur Maria gefällt diesem Kritiker. Günstiger urtheilte Frau von Staël, welche das Stück für Schillers rührendstes und planmäßigstes erklärte. Auch A. W. Schlegel findet es mit großer Kunstfertigkeit und eben so großer Gründlichkeit angelegt und ausgeführt, als den Wallenstein, die Wirkung unfehlbar, Mariens letzte Scenen wahrhaft königlich, die religiösen Eindrücke würdig-ernst behandelt. Sonst war das Urtheil in Deutschland weniger günstig. In manchen Stellen schien der Dichter ins Sententiöse und Rhetorische zurückgefallen; an die Zankscene, an die Abendmahlsscene stieß sich mancher; an Elisabeths schamlose Unweiblichkeit gegenüber von Mortimer hätte man sich wenigstens stoßen sollen. Herder – nach Böttigers Mitteilung – stieß sich wirklich daran. Man fand die Tragödie nach Form und Abrundung des Stoffes gelungener, als den Wallenstein, aber, trotz Mortimers Gluth, kälter. Tieck mißbilligt die historische Alteration des Charakters der Maria. Im Ganzen wird das Trauerspiel wohl gegeben, wohl bewundert, aber nicht geliebt. Viel Gutes über das Stück bei Hinrichs III, 164–l76. Das Andere ist wieder die bekannte Metaphysik. Vielleicht jedoch hat das Stück dazu gedient, durch seine prachtvolle Schilderung der katholischen Kirche, dennoch die Eroberungen des Dichters auszudehnen. Man darf wohl bedauern, daß es die einfach großen Maltheser aus Schillers Geiste verdrängt hat. Aber Schiller besaß, außer dem Hange zur Grausamkeit im Drama, die ihm nach Göthe noch von den Räubern her anhing, als Dramatiker einen seltsamen Hang zur Staatsintrigue, zur Macherei, einen Hang, den er im Don Carlos verworren, im Wallenstein natürlich, Im Wallenstein charakterisirt sich diese Tendenz in den Worten Octavio's (Picc. V, I.): »Mit leisen Schritten schlich er seinen bösen Weg, So leis und schlau ist ihm die Rache nachgeschritten.« Wenn Schiller je eine Nebenabsicht beim Wallenstein und bei der Maria Stuart hatte, so war es die, in der Poesie zugleich »der Staatskunst mühevolles Werk« zu verherrlichen. in der Maria Stuart vielleicht überkünstlerisch befriedigte, von dem sich auch in dem Plane des Warbeck, des Demetrius, und der »Kinder des Hauses« Spuren finden, und vor dem die schlicht erhabene Großheit seines Wesens zurücktreten mußte. – Das Jahr 1800 war für Schiller ein leidensvolles Jahr; schon im Frühling ergriff ihn ein Katarrhfieber, das ihm selber bedenklich vorkam. Es fand sich nach seinem Tode von seiner eigenen Hand eine Uebersicht dessen, was er bis 1802 von schriftstellerischen Arbeiten in jedem Jahre vollendet, und von den Ereignissen seines häuslichen Lebens. In dieser stand: »Anno 1800 war ich sehr krank.« Frau v. Wolzogen II, 201. So war die Maria Stuart unter Schmerzen vollendet worden. Zu Ende des Jahres wurde diese Tragödie in Berlin gegeben, und die beiden größten Schauspieler Deutschlands, Fleck und Iffland, traten zusammen darin auf. Die Jungfrau von Orleans. Geistige Differenzen mit Herder und Schelling. Schillers ars poetica. Nach der Aufführung dieses Stückes befand Schiller sich aufs Neue unwohl. Die Barometerhöhe, die Göthe's Gesundheit so wohl that, hatte seine Krämpfe aufgeregt und die alte Schlaflosigkeit war wiedergekehrt. Aber sein rastloser Geist lebte schon in einem neuen Stoffe. Der Julius war noch nicht verflossen, als er, mit dem Schlusse seiner bis über den zwanzigsten Bogen gedruckten, lyrischen Gedichte fertig, auch schon wieder das Schema einer Tragödie zu Papier geworfen, mit welchem er, ohne den Namen zu nennen, seinen in Jena abwesenden Freund Göthe bei der Rückkehr zu überraschen gedachte. »Mein Stück führt mich,« sagt er ihm, »in die Zeiten der Troubadours, und ich muß, um in den rechten Ton zu kommen, auch mit den Minnesängern mich bekannter machen. Es ist an dem Plan dieser Tragödie noch gewaltig viel zu thun, aber ich habe große Freude daran, und hoffe, wenn ich mich bei dem Schema länger verweile, in der Ausführung alsdann desto freier fortschreiten zu können.« Die erste Veranlassung zu dieser Arbeit gaben ihm mehrere Urkunden, welche den Urtheilspruch der Jeanne d'Arc und ihre Widerlegung enthielten, und die im Jahre 1790 durch das Mitglied der französischen Akademie der Inschriften, Delaverdy, im Auszuge bekannt gemacht worden waren. Einen Auszug dieser Notizen, die 28 Schriften umfassen, findet man in Passavants Untersuchungen über den Lebensmagnetismus, zweite Aufl. S. 173-176. Zu diesem füge man den von J. Voigt mitgetheilten Bericht eines Augenzeugen (1834); auch bei Hinrichs III, 196 ff. Er wollte dadurch den Revisionsproceß mit den poetischen Akten des romantischen Zeitalters vornehmen, und nachdem sich von jeher so viele Dichter und Dichterlinge an der Jungfrau versündigt, sie in die Rechte ihrer Zeit wieder einsetzen. Mit dem neuen Jahre waren drei Akte fertig S. an G. V, S. 3; wonach Hinrichs zu berichtigen ist, der den Anfang der Arbeit in das Jahr 1801 setzt. und Schiller schreibt im Februar an Göthe: »Ich habe Ihnen von meiner Jungfrau schon so viel Einzelnes, Zerstreutes verrathen, daß ich es fürs Beste halte, Sie mit dem Ganzen in der Ordnung bekannt zu machen. Auch brauche ich jetzt einen gewissen Sporn, um mit frischer Thätigkeit zum Ziele zu gelangen.« Was fertig war, wurde nun am 11. Februar bei Göthe gelesen. Im März war Schiller ohne seine Familie in Jena und arbeitete dort an seiner Aufgabe, die, obgleich er das Sujet einzig, den Stoff beneidenswerth, der Iphigenie der Griechen ähnlich nannte, ihm doch nicht wenig zu schaffen machte. »Was mein eigenes Thun betrifft, so kann ich noch nicht viel Gutes davon sagen,« schreibt er, »die Schwierigkeiten meines jetzigen Pensums spannen mir den Kopf noch zu sehr an; dazu kommt die Furcht, nicht zu rechter Zeit fertig zu werden; ich hetze und ängstige mich, und es will nicht recht damit fort. Wenn ich diese pathologischen Einflüsse nicht bald überwinde, so fürchte ich, muthlos zu werden.« Doch geschah mit jedem Tage etwas, und er gedachte, so lang er noch über seinen, wie es scheint verkauften oder vermietheten Garten disponiren konnte, das heißt bis Ostern, in Jena zu bleiben, und in dieser Zeit die rohe Anlage des ganzen Stücks vollends hinzuwerfen, so daß ihm in Weimar nur noch die Rundung und Polirung übrig bleibe. Dazwischen ärgerte er sich über Herders »Adastrea,« als ein bitterböses Werk, das ihm wenig Freude gemacht habe. »Der Gedanke an sich,« schreibt Schiller an Göthe vom 20. März, »war nicht übel, das verflossene Jahrhundert in etwa einem Dutzend reich ausgestatteten Heften vorüberzuführen; aber das hätte einen andern Führer erfordert, und die Thiere mit Flügeln und Klauen, die das Werk ziehen, Anspielung auf die Vignette der Adastrea. können bloß die Flüchtigkeit der Arbeit und die Feindseligkeit der Maximen bedeuten. Herder verfällt wirklich zusehends, und man möchte sich zuweilen im Ernst fragen, ob Einer, der sich jetzt so unendlich trivial, schwach und hohl zeigt, wirklich jemals außerordentlich gewesen seyn kann. Es sind Ansichten in dem Buch, die man im Reichsanzeiger zu finden gewohnt ist. Und dieses erbärmliche Hervorklauben der frühern und abgelebten Literatur, um nur die Gegenwart zu ignoriren, oder hämische Vergleichungen anzustellen!« Der vorletzte Akt der Jungfrau, den Schiller in Jena angefangen und fertig mit nach Weimar bringen zu können hoffte, war die Ausbeute seines dortigen Aufenthaltes, den er mit Anfang Aprils verließ, »zwar mit keinen großen Thaten und Werken beladen, aber doch auch nicht ohne alle Frucht.« »Es ist,« sagt er, »doch immer so viel geschehen, als ich in eben so vieler Zeit zu Weimar würde ausgerichtet haben. Ich habe also zwar nichts in der Lotterie gewonnen, habe aber doch im Ganzen meinen Einsatz wieder.« Vom geselligen Leben in Jena hatte er, einige Gespräche mit Niethammer und Schelling abgerechnet, wenig profitirt. Aber einem Streite mit dem letztern verdanken wir eine goldene Theorie der Dichtkunst, in einem Brief an Göthe vom 27. März. Er bekriegte nämlich diesen Philosophen wegen einer Behauptung in seiner Transscendentalphilosophie, daß in der Natur von dem Bewußtlosen angefangen werde, um es zum Bewußtseyn zu erheben, in der Kunst hingegen man vom Bewußtseyn ausgehe zum Bewußtlosen. »Ihm ist zwar,« meint Schiller, »hier nur um den Gegensatz zwischen dem Natur- und Kunstprodukt zu thun, und insofern hat er ganz recht. Ich fürchte aber, daß diese Herren Idealisten ihrer Ideen wegen allzuwenig Notiz von der Erfahrung nehmen; und in der Erfahrung fängt auch der Dichter nur mit dem Bewußtlosen an, ja, er hat sich glücklich zu schätzen, wenn er durch das klarste Bewußtseyn seiner Operationen nur so weit kommt, um die erste dunkle Totalidee seines Werkes in der vollendeten Arbeit ungeschwächt wieder zu finden. Eine ähnliche Wahrheit hatte Schiller schon vor vier Jahren sich von Göthe abstrahirt. »Sie gewöhnen mir immer mehr« schrieb er an diesen im Jahr 1797 (Hoffm. III, S. 278) »die Tendenz ab (die in allem Praktischen und besonders Poetischen eine Unart ist) vom Allgemeinen zum Individuellen zu gehen und führen mich umgekehrt von einzelnen Fällen zu großen Gesetzen fort.« Ohne eine solche dunkle, aber mächtige Totalidee, die allem Technischen vorhergeht, kann kein poetisches Werk entstehen, und die Poesie, däucht mir, besteht eben darin, jenes Bewußtlose aussprechen und mittheilen zu können, d. h. es in ein Objekt überzutragen . Der Nichtpoet kann so gut als der Dichter von einer poetischen Idee gerührt seyn, aber er kann sie in kein Objekt legen, er kann sie nicht mit einem Anspruch auf Nothwendigkeit darstellen. Ebenso kann der Nichtpoet so gut als der Dichter ein Produkt mit Bewußtseyn und mit Nothwendigkeit hervorbringen, aber ein solches Werk fängt nicht aus dem Bewußtlosen an, und endigt nicht in demselben. Es bleibt nur ein Werk der Besonnenheit. Das Bewußtlose mit dem Besonnenen vereinigt macht den poetischen Künstler aus. Man hat in den letzten Jahren über dem Bestreben, der Poesie einen höhern Grad zu geben, ihren Begriff verwirrt. Jeden, der im Stande ist, seinen Empfindungszustand in ein Objekt zu legen, so daß dieses Objekt mich nöthigt, in jenen Empfindungszustand überzugehen, folglich lebendig auf mich wirkt, heiße ich einen Poeten, einen Macher. Aber nicht jeder Poet ist darum dem Grade nach ein vortrefflicher. Der Grad seiner Vollkommenheit beruht auf dem Reichthum, dem Gehalt, den er in sich hat und folglich außer sich darstellt, und auf dem Grad von Nothwendigkeit, die sein Werk ausübt. Je subjektiver sein Empfinden ist, desto zufälliger ist es; die objektive Kraft beruht auf dem Ideellen. Totalität des Ausdrucks wird von jedem dichterischen Werk erfordert, denn jedes muß Charakter haben, oder es ist nichts; aber der vollkommene Dichter spricht das Ganze der Menschheit aus. Es leben jetzt mehrere so weit ausgebildete Menschen, die nur das ganz Vortreffliche befriedigt, die aber nicht im Stande wären, auch nur etwas Gutes hervorzubringen. Sie können nichts machen , ihnen ist der Weg vom Subjekt zum Objekt verschlossen; aber eben dieser Schritt macht mir den Poeten. Ebenso gab und giebt es Dichter genug, die etwas Gutes und Charakteristisches hervorbringen können, aber mit ihrem Produkt jene hohen Forderungen nicht erreichen, ja nicht einmal an sich selbst machen. Diesen nun, sage ich, fehlt der Grad , jenen fehlt aber die Art , und dieß, meine ich, wird jetzt zu wenig unterschieden. Daher ein unnützer und niemals beizulegender Streit zwischen beiden, wobei die Kunst nichts gewinnt; denn die erstern, welche sich auf dem vagen Gebiet des Absoluten aufhalten, halten ihren Gegnern immer nur die dunkle Idee des Höchsten entgegen; diese hingegen haben die That für sich, die zwar beschränkt, aber reell ist. Aus der Idee aber kann ohne die That gar nichts werden.« Als Schiller am 3. April nach Weimar zurückgekehrt war, erhielt er Göthe's Antwort von Oberrosla, seinem vor nicht langer Zeit erkauften Landgute, aus: Dieser Brief Göthe's hat sich mit dem falschen Datum vom 6. März 1800 als Nr. 705 unter die Briefe des Jahres 1800 verloren. Er kann frühestens vom 30. März 1801 datirt seyn, und ist, wie die Vergleichung zeigt, Antwort auf den obigen Brief Schillers Nro. 784. Möchten die Besitzer des Briefwechsels nachsehen! »Ich bin nicht allein Ihrer Meinung, sondern ich gehe noch weiter. Ich glaube, daß Alles, was das Genie als Genie thut, unbewußt geschehe. Als Belege zu dieser Wahrheit dient der berühmte mehrmals gedruckte Brief Mozarts an einen Baron vom Jahre 1791. Die dort geschilderte Art und Weise seines musikalischen Schaffens läßt einen tiefen Blick in die geheime Werkstätte des Genie's thun. – Schiller wollte nicht ganz so weit gehen, und schalt die Schlegel, die es thaten. S. Hoffm. IV. S. l35 und Briefw. zw. S. u. G. V, 284. Der Mensch von Genie kann auch verständig handeln, nach gepflogener Ueberlegung, aus Ueberzeugung; das geschieht aber Alles nur so nebenher. Kein Werk des Genies kann durch Reflexion und ihre nächsten Folgen verbessert, von seinen Fehlern befreit werden; aber das Genie kann sich durch Reflexion und That nach und nach dergestalt hinaufheben, daß es endlich musterhafte Werke hervorbringt. Jemehr das Jahrhundert Genie hat, desto mehr ist das einzelne (Genie) gefördert. Was die großen Anforderungen betrifft, die man jetzt an den Dichter macht, so glaube ich auch, daß sie nicht leicht einen Dichter hervorbringen werden. Die Dichtkunst verlangt im Subjekt, das sie ausüben soll, eine gewisse gutmüthige, ins Reale verliebte Beschränktheit, hinter welcher das Absolute verborgen liegt. Die Forderungen von oben herein zerstören jenen unschuldigen produktiven Zustand und setzen, für lauter Poesie, an die Stelle der Poesie etwas, das nun ein für allemal nicht Poesie ist, wie wir in unsern Tagen leider gewahr werden. Dies ist mein Glaubensbekenntniß, welches übrigens keine weitere Ansprüche macht.« Wie viel philosophisches Geschwätz unsrer Tage wird mit diesem einfachen Zwiegespräche geschlagen! Uns dünkt, das Jahrhundert kann es wohl brauchen, daß man dem alten und altklug gewordenen Kinde wiederhole, was seine Genien an der Wiege desselben über die Schöpfungsweise wahrer Dichter einander zugeflüstert haben. Aufführungen der Jungfrau von Orleans. 1802 Schiller hoffte während der Abwesenheit Göthe's sein tragisches Geschäft so weit als möglich fördern zu können und in etwa vierzehn Tagen am Ziele zu seyn. Am 15. April kam dieser in Weimar an; »an dem Tage,« sagt er, »der solche Epoche macht,« d.h. wo er die Jungfrau von Orleans fertig in die Hände bekam. Schon am 20. April schickte er sie gelesen zurück mit dem Wörtchen: »Nehmen Sie mit Dank das Stück wieder. Es ist so brav, gut und schön, daß ich ihm nichts zu vergleichen weiß.« Kaum hatte Schiller das Stück aus Göthe's Händen zurück, als es der Herzog von Weimar verlangte. Er gab es nicht sogleich wieder her, äußerte aber gegen Schillers Frau und Schwägerin, daß es eine unerwartete Wirkung auf ihn gemacht. Dennoch glaubte er, die Jungfrau könne (besonderer Theaterverhältnisse wegen) nicht gespielt werden, und nach langer Berathung mit sich selbst beschloß auch Schiller, sie nicht sogleich in Weimar aufs Theater zu bringen. Er hatte sie an Unger in Berlin gut verkauft, und dieser rechnete darauf, sie als vollkommene Novität zur Herbstmesse zu bringen; dann schreckte den Dichter auch die Empirie des Einlernens, des Behelfens, der Zeitverlust der Proben, endlich, da er sich schon wieder mit zwei neuen dramatischen Sujets trug, der Verlust der guten Stimmung. Erst im Frühjahr 1802 sollte das Stück in Lauchstädt gegeben werden, und Schiller wollte hingehen und die Proben selber dirigiren. »Die ganze jugendliche Welt,« schrieb Göthe noch am 5. Juli 1802, »wünscht und hofft, Sie zu sehen; diese früher erregte Hoffnung ist unter den jungen Leuten sehr groß.« Ein Katarrhfieber vereitelte diese Hoffnung; ob das Stück dort aufgeführt worden, wissen wir nicht. Ein befreundeter Dichter durfte der Vorlesung des ungedruckten Drama's beiwohnen. Diesem hat Streichers Buch kürzlich jenen Abend lebhaft ins Gedächtniß zurückgerufen; denn das eintönige Pathos und die schwäbische Sprache, die dem armen Fiesko in Mannheim beinahe den Hals gebrochen hätten, wirkten auch hier auf störende Weise. Im Gespräche trat der Dialekt bei weitem nicht so auffallend hervor. Briefliche Mittheilung. Gegen den Herbst 1801 reisten Schillers nach Dresden, Fr. v. Wolz, II, 223 ff. und Karoline v. Wolzogen, deren Gatte damals in Petersburg und Moskau war, begleitete sie. Heitere Wochen wurden auf dem Weinberge Körners verlebt, der sein Wohnhaus den Freunden eingeräumt hatte. Von Jugenderinnerung umweht, in einer schönen und vertrauten Natur, unter innigem Freundesgespräche fühlte sich Schiller sehr heiter. Den kleinen Gartensaal, die Wiege des Carlos, sah er mit Vergnügen wieder, und es schien den Freunden, als beschäftigte ihn die Braut von Messina. Er mied die Unterredung darüber nicht, und oft wurde im Scherz gefragt, ob die Prinzen von Messina bald einreiten würden. Sobald es ihm aber mit der Ausarbeitung Ernst wurde, schwieg er darüber. In Dresden erfreute er sich, durch Göthe's und Meyers Kunstansichten erweckt, des Anschauens der Antiken, bewunderte den Torso, überließ sich mit Rührung dem Anblicke der Vestalinnen, deren ruhige Gestalten er bei Fackelschein betrachtete. Wehmüthig und wie im Vorgefühle, daß er nicht wieder kommen werde, schied er von dieser Hauptstadt und seinen dortigen Freunden. Die Aufführung der Jungfrau von Orleans rief ihn nach Leipzig, wo er im Hôtel de Bavière abstieg. Die in den wichtigsten Rollen sehr gelungene Darstellung erregte in ihm ein lebhaftes Gefühl von der Macht seines Talentes, das hier auch einen äußerlichen Triumph feierte. Das Haus war ungeachtet des heißen Tages zum Erdrücken voll, die Aufmerksamkeit höchst gespannt. Kaum rauschte nach dem ersten Akte der Vorhang nieder, als ein tausendstimmiges: es lebe Friedrich Schiller! wie aus Einem Munde erscholl, und Paukenwirbel und Trompetengeschmetter sich in den Jubelruf mischte. Der Dichter dankte aus seiner dunkeln Loge mit einer Verbeugung so bescheiden, daß ihn nur wenige gewahr wurden. Nach der Beendigung des Stücks strömte daher Alles herbei, ihn zu sehen. Der weite Platz vor dem Schauspielhause bis hinab nach dem Rannstädter Thore war dicht gedrängt voll Menschen. Als er aus dem Hause trat, war Augenblicks eine Gasse gebildet. »Das Haupt entblößt!« erschallte es von allen Seiten, und so ging der Dichter durch die Schaar seiner Bewunderer, die mit abgenommenen Hüten ihn begrüßten, hindurch, während hinter ihm Väter ihre Kinder in die Höhe hielten und riefen: »Dieser ist es!« Am andern Morgen besuchte ihn einer von diesen Bewunderern im Gasthofe und fand ihn sehr heiter. Er sprach unbefangen von dem neuen Schritte, den er in dieser Tragödie gethan, und sehr freimüthig über die Erscheinungen in Poesie, Philosophie und Religion, indem er sich auf seine bekannten Epigramme berief. Als der Fremde auf die Abgötterei schalt, die Göthe mit sich treiben ließe, erwiederte er: »Es könnte seyn, daß ein großer Geist wohl auch menschlich wäre; aber übrigens thut man ihm doch sehr Unrecht. Nicht jeder kann, wie er möchte. Was will er machen, wenn das Unkraut mit dem Waizen wächst?« Dann sprach er von seiner Methode bei der Arbeit. »Alles, was er darzustellen sich vorgenommen hätte, versicherte er, werde von ihm erst völlig im Kopf ausgearbeitet, ehe er eine Zeile niederschreibe. Fertig sey ihm ein Werk, welches sein völliges Daseyn im Geiste habe. Was er niedergeschrieben, besonders metrische Arbeiten, pflegte er sich selbst laut vorzulesen, wobei es ihm wohl begegnen könne, daß er unerwartet nicht blos zu lesen, sondern zu deklamiren anfange.« Von Leipzig kehrte Schiller nach Weimar zurück, wo Johanna von Orleans erst im folgenden Jahre auf die Bühne gebracht wurde. In Berlin ward am Neujahrstag 1802 das neuerbaute Schauspielhaus mit der Jungfrau eröffnet. Zelter schrieb darüber an Göthe: »Wenn Schiller seine Jungfrau von Orleans jetzt sehen will, so muß er nach Berlin kommen. Die Pracht und der Aufwand ist mehr als kaiserlich; der vierte Akt (der Krönungszug) ist hier mit mehr denn 800 Personen besetzt, und, Musik und alles Andre mit inbegriffen, von so eklatanter Wirkung, daß das Auditorium jedesmal in Ekstase darüber geräth. Die Kathedrale mit der ganzen Dekoration, welche in einem langen Säulengange besteht, durch den der Zug in die Kirche geht, ist in gothischem Styl.« Zu dieser Pracht bemerkt Tieck: Hinrichs III, 182 f. »Der Aufzug der Jungfrau ist freilich der Wendepunkt ihres Schicksals, ihre höchste, irdische Verherrlichung, unmittelbar vor ihrer tiefsten Erniedrigung; aber dessen ungeachtet konnte Schiller es nicht billigen, wie dieses Außerwesentliche in Berlin so die Hauptsache geworden ist, daß alle Worte des Dichters nach diesem Aufzuge nur matt klingen, und auch den besten Zuschauer langweilen müssen.« Urtheile über das Stück. 1801 bis 1802. »Dich schuf das Herz, du wirst unsterblich leben!« Mit dieser Prophezeihung entließ Schiller seine Jungfrau in die Welt; und wirklich rührt und besticht keines seiner Dramen das Herz, wie dieses. Die Urtheile der Kritik, günstige und ungünstige, findet man bei Hinrichs fast vollständig zusammengestellt. III, 221 ff. Man wußte erst gar nicht, was man aus der Tragödie eigentlich machen sollte. Man hatte ein historisch-psychologisches Stück erwartet, und fand eine Gottbegeisterte, das Werkzeug einer höhern Macht, was an und für sich jetzt erwiesen auch das historischere ist. Daß der Beisatz »romantische Tragödie,« welchen Schiller dem Titel gegeben hatte, die Beurtheiler überraschte, kann man sich denken. Auch dürfte an dem, was in der Jungfrau und in der Braut von Messina romantisch seyn soll, das Kunsturtheil den gerechtesten Anstoß nehmen. Die Schlegel'sche Schule, sonst von Schiller bekämpft und vielleicht gerade deßwegen mit Widerwillen behandelt, weil sie seinen Geschmack doch im Geheimen zu influenziren anfing, zog ihn auf einmal unerwartet in andre Bahnen hinein. Auch er wollte phantastisch, auch er wollte romantisch werden. Das aber mußte ihm mißlingen. Seine Natur war aufs Heldenmäßige und rein Menschliche angelegt: heroisch und human war ihr Wahlspruch, wie Hoffmeister in der ganzen Beurtheilung des Dichters erschöpfend nachweist. Fürs Phantastische und Geisterhafte, für diesen Fremdling aus der andern Welt, fehlte ihm das Organ, ihn ganz zu schauen; das Zauberwort, ihn in die Sichtbarkeit zu bannen. Die Scene mit dem schwarzen Ritter in der Johanna, der Schluß dieses Stücks, die katholischen Weihrauchwolken in der Braut von Messina, unter den lyrischen Gedichten das Mädchen aus der Fremde, des Mädchens Klage, an Emma, Sehnsucht, Thekla eine Geisterstimme – sind solche angekünstelte Scenen und Lieder. Es sind weder Begriffe noch Bilder und Gefühle, wie der Schnee weder Speise noch Trank ist; an der Wärme der Empfindung, oder am Sonnenstrahle des Geistes zerschmelzen sie zu einem Nichts, oder verflüchtigen sich in Nebelgestalten. Weil aber das Bewußtseyn des deutschen Volkes selbst sich unaufhörlich in der Schwebe zwischen Idealismus und Realismus befindet, so haben auch diese schwankenden Produkte in des Dichters Vaterland gar viele Freunde. Die meisten lassen es z. B. dahingestellt, ob in »Thekla, eine Geisterstimme« das Paradies des Glaubens gemeint sey, oder das der Kunst: sie nebeln mit ihrer Phantasie traumselig zwischen beiden Gebieten dahin. Die Mitwelt reflektirte auf andern Tadel. Man fand Plan und Anlage, besonders den die Handlung schon eröffnenden Prolog, sonderbar. Gegen der Jungfrau Schweigen auf des Vaters Beschuldigungen erhoben sich auch Zweifel; die Erscheinung des schwarzen Ritters wird dramaturgisch, wohl auch mit Recht, getadelt, und A. W. Schlegel nannte die Absicht Schillers dabei zweideutig; Tieck findet Johanna's Liebe zu Lionel unbegreiflich; wir auch, aber nur, weil sie sich in keinen bessern, keinen bedeutender vom Dichter gehaltenen Helden verliebte; denn im Stücke ist Lionel eine Null. Schlegel heißt auch die Verknüpfung des Stückes lose; den Talbot mißglückt; die Scene mit Montgomery nicht dramatisch, sondern episch und homerisch; diese Scene hat auch Hegel gründlich getadelt; derselbe Philosoph schilt an Johanna's Charakter, daß ihr Gemüth gegen ihr besseres Wollen zur Leidenschaft abirre und sich nach innen und außen herstellen oder untergehen müsse. Dieser innere Zwiespalt als tragischer Hebel habe etwas Peinliches, ja Aergerliches. Am meisten Anfechtung erfuhr die Alteration des historischen Schlusses der Fabel, worin man eine Unfähigkeit entdecken wollte, das Drama Gottes zu begreifen. Im Uebrigen fand man die Charaktere sorgfaltig angelegt und ausgeführt, Johanna voll Demuth in ihrer Menschlichkeit, voll Hoheit in ihrem Berufe, liebenswürdig-anhänglich an ihren König; Agnes Sorel, noch neben der übermenschlichen Heldin, interessant und liebenswerth, was nur ein großer Dichter bewerkstelligen konnte; den König Carl für Schwäche und Sorglosigkeit entschädigt durch Empfänglichkeit für Liebe und Freundschaft, für alles Große und Schöne; Dunois tapfer und keck, als Sohn der Liebe nur von Liebe bezwungen; Burgund dem Irrthum durch Seelenadel entrissen; Talbot eisern, Lahire tapfer und bescheiden; selbst Lionel sollte einen bestimmten Umriß haben. Man fand, daß der Dichter diesem Stücke die größte Sorgfalt gewidmet und mit sichtbarer Liebe daran gearbeitet. Die Scene, in welcher Johanna den Burgund bewegt, wurde bewundernswürdig gefunden und ist es. Ein übersehenes, ernstliches Wort über dieß Drama ist das Wort Rahels, I, 292. 23. Juni 1806. die in ihrer rauhen, aber wahrhaftigen Art sagt: »Ueber Christenheit und Religion weiß ich noch manches; und in wiefern sie (auf der Bühne) auftreten kann. In jedem Fall ist es ein ganz anderes Stückchen, als die gute und auch beliebte Jungfer Orleans; dieß Sujet meinte Schiller; und das Mädchen griff er.« Eine schellingisirende Recension von Aug. Apel für die allgem. Literaturzeitung wollte unsrem Schiller nicht behagen. Schütz, der Herausgeber, forderte den Dichter darauf zu einer öffentlichen Selbstkritik heraus. »Vor zehn Jahren,« antwortete ihm Schiller (am 22. Januar 1802), »hätte ich es ohne Bedenken gethan, weil ich damals noch einen größern Glauben an eine Kunsttheorie und Aesthetik hatte, als jetzt. Gegenwärtig erscheinen mir die beiden Operationen des poetischen Hervorbringens und der rhetorischen Analysis wie Nord- und Südpol von einander geschieden, und ich müßte fürchten, ganz von der Produktion abzukommen, wenn ich mich auf die Theorie zu sehr einlassen wollte. Diese ist zwar absolut nothwendig und wesentlich bei der Production selbst; aber da ist sie praktisch und mehr für den Poeten, als den Aesthetiker. Und was ist denn, wenn wir die neuesten Erfahrungen hören, für die Poesie gewonnen worden, seitdem die Aesthetik so angebaut wird?« Spuren jener praktischen Kritik sind uns glücklicherweise in einigen Briefen Schillers über die Jungfrau erhalten. An Wieland schrieb er mit Übersendung des Stückes am 17. Okt. 1801: »Sie werden mir zugeben, daß Voltaire sein Möglichstes gethan, einem dramatischen Nachfolger das Spiel schwer zu machen. Hat er seine Pucelle zu tief in den Schmutz herabgezogen, so hab' ich die meinige vielleicht zu hoch gestellt. Aber hier war nicht anders zu helfen, wenn das Brandmal, das er seiner Schönen aufdrückte, sollte ausgelöscht werden.« Die ausführlichere Zuschrift an einen Unbekannten in Weimar Schillers auserlesene Briefe von H. Döring III, 242 ff. (November 1801) enthält eine förmliche Apologie gegen die meisten Einwürfe. »Vergessen Sie nur nicht,« heißt es hier, »daß ich mich ein volles Jahr mit dem Stoffe herum trug, eh ich zur Ausarbeitung schritt, und daß ich mir die Zeit dazu nahm... Ich hatte Anfangs dreierlei Pläne bei der Bearbeitung dieses Stoffes, und gestattete es die Zeit und das kurze drängende Leben, so würde ich die beiden andern gleichfalls ausführen. Besonders lockend war mir der Gang des Stückes, wo ich ein treues Gemälde der damaligen ruchlosen Sitten und vor allen der gedankenlosen Ausgelassenheit am üppigen Hofe des Dauphins mit den Angriffen der Engländer und mit der Entschlossenheit des begeisterten Mädchens ganz anders contrastirt hätte, als jetzt, wo ich den Dauphin nur schwächlich, und in dieser Schwächlichkeit liebenswürdig schildern durfte. Dann würde auch die Johanna in Rouen verbrannt worden seyn. Hätte sich der Dichter für diesen Plan entschieden, so würden wir ein Seitenstück zum Wallenstein erhalten haben, das diesen wahrscheinlich durch Einheit des Gedankens und Plans weit übertroffen hätte. Habent sua fata libelli ! – Gewiß, es kostete mir keinen geringen Kampf, als ich mit den ersten vier Akten fast ganz fertig war, von der Geschichte in das romantische Feld der Möglichkeit überzuschweifen. – Der König war damals der Schutzgott des dritten Standes, des Bürgers und Landmanns, gegen den Uebermuth und die stolze Gewalt des Adels und der hohen Vasallen. Darum mußte er der Schäferin Johanna im milden Lichte eines Retters erscheinen, und ich glaube darin einen Zug der weiblichen Natur getroffen zu haben, daß Johanna, die sich das Reich als Abstraktum gar nicht denken kann, bei allen ihren Anstrengungen sich den guten liebenswürdigen König nur (l. immer) als letzten Zweck dachte.– Nennen Sie es immerhin eine epische Episode, die Scene mit dem Walliser Montgomery. Sie gehört zur Breite eines historischen Stücks (??), das die Ketten der Einheit sprengte. Wer seinen Homer kennt, weiß wohl was mir dabei vorschwebte (Il. 21, 134 ff.). Eben um des Alterthümlichen willen wählte ich auch den Senarius des alten Trauerspiels... Montgomery sollte auf allen Bühnen durch ein Frauenzimmer gespielt werden. – Das hartnäckige Schweigen der Johanna, als sie vor allem Volk von ihrem Vater der Zauberei bezüchtigt wird, ist in ihrer visionären Schwärmerei vollkommen gegründet. Dazu kommt die Vorstellung, sie dürfe aus Pflicht dem Vater nicht widersprechen. Außer dem allgemeinen Vorurtheile der bezauberten Welt im Mittelalter, dem Pfaffenwitz und Eigennutz so viel Vorschub that, wirket beim Vater die gemeine Natur, in der es überall liegt, bei außerordentlichen Erscheinungen lieber an ein übermenschlich böses, als gutes Principium zu denken, allen Handlungen böse Motive unterzuschieben. Dazu ist Thibaut ein schwarzgallichter Mensch, mit dem auch Johanna früher kein Wort spricht. Doch ist sie seine Tochter, und es ist psychologisch, daß gerade von einem solchen Vater eine solche Seherin und Prophetin erzeugt werden konnte. Der Himmel entsühnt Johannen durch dasselbe Zeichen, wodurch er vorher ihre Schuld bekräftigte... Es ist noch nicht genug beachtet, wie von jeher der Donner das Augurium der ungebildeten Sinnlichkeit war. Auch hier macht sich Schillers vielleicht unbewußte Abneigung gegen die biblischen Urkunden auf kantianische Weise Luft. – Der schwarze Ritter soll dazu dienen, uns mit einem neuen Bande an die romantische Geisterwelt zu knüpfen, da hier immer zwei Welten mit einander spielen. Sollte es Jemanden zweifelhaft seyn, daß damit der Geist des kurz vorher verschiedenen Talbot gemeint sey, der ja als Atheist der Hölle angehört? Der Biograph gesteht, dieß nicht gemerkt zu haben. – Immer sind die Menschen, wenn sie auf der höchsten Spitze standen, ihrem Falle am nächsten gewesen. Das widerfährt von dieser Scene an auch der Johanna. Die Jungfrau muß, da sie ein Wort spricht, das die Nemesis beleidigt, und wobei sie ihren Auftrag vom Himmel weit überschreitet: »Nicht aus den Händen leg' ich dieses Schwert, Als bis das stolze England untergeht« für solchen Uebermuth nothwendig büßen. Die Strafe folgt ihr in der Verliebung auf dem Fuße nach. Sie begehrt mit Geistern zu streiten. Ein neuer Frevel gegen die heilige Scheu. Eine einzige Berührung des Geistes lähmt sie. Nur die geprüfte Tugend erhält die kanonisirende Palme.« Mit dieser Selbstvertheidigung, die nicht jedermann überzeugen wird, verlassen wir das Stück. Schillers Tischreden. 1801. Göthe hat, so gut wie Luther, seinen Hausfreund gefunden, der die Tischreden des großen Mannes aufzeichnete. Wer ergänzt sich nicht mit Lust und Liebe den Dichter durch den Menschen, indem er beide in Eckermanns klarem Spiegel erblickt? Für Schiller hat dieses Geschäft, doch nur auf kurze Zeit, eine weibliche Hausgenossin übernommen. Christiane v. Wurmb, Cousine von Schillers Frau, in der Folge die Gattin des Gymnasialdirektors Abelen in Osnabrück, brachte die Wintermonate des Jahres 1801 in Schillers Hause zu. Der schöne Verstand und die ernste Richtung des zwanzigjährigen Mädchens interessirten den Dichter lebhaft, und ihre ausgezeichnet schöne Stimme, die sie in Weimar ausbilden sollte, gereichte ihm zu großem Vergnügen. Frau u. Wolzogen theilt aus dem Tagebuch dieser Jungfrau eine Reihe sinniger Blätter voll Erinnerungen aus Schillers Gesprächen mit, II, 203-223. aus welchen einige charakteristische Proben diesem Leben nicht fehlen sollen. »Den 15. Febr., als ich mit Schiller allein Thee trank.« »Die ganze Weisheit des Menschen sollte allein darin bestehen, jeden Augenblick mit voller Kraft zu ergreifen, ihn so zu benutzen, als wäre es der einzige, letzte. Es ist besser mit gutem Willen etwas zu schnell thun, als unthätig bleiben.« »Den 1. März, als ich mit ihm aus der Komödie ging.« »Wenn man dreißig Schauspiele sähe, und man fragte sich bei jeder vollendeten Vorstellung: Was hat der Dichter damit sagen wollen? Was war seine Absicht, sein Zweck? Was war Gutes oder Schlechtes daran? Wie hat er dieses oder jenes gehalten? Wenn man sich so von jeder Scene Rechenschaft gäbe, so wäre es keine Frage, daß man am Ende das einunddreißigste selbst verfertigen könnte. Und zu was für einem großen Grade von Vollkommenheit könnte der Mensch kommen, wenn er es mit Allem, was ihm begegnete, und was in seiner Seele vorginge, so machte.« »Den 5. März, als ich ihm Kaffee einschenkte.« »Billigkeit ist eine schöne, aber seltene Tugend. Oft fehlen die sanftesten Herzen am meisten dagegen. Weil sie mit Innigkeit und Treue an der leidenden Partei hängen, so flößt ihnen Alles, was dagegen ist, einen unwillkürlichen Widerwillen ein, und dieses ist ein Stein, an dem so oft die Menschheit scheitert.« »Den 6. März, bei Tisch.« »Der Mensch ist verehrungswürdig, der den Posten, wo er steht, ganz ausfüllt. Sey der Wirkungskreis noch so klein. er ist in seiner Art groß. Wie unendlich mehr Gutes würde geschehen, und wie viel glücklicher würden die Menschen seyn, wenn sie auf diesen Standpunkt gekommen wären.« »Den 9. März, als ich ihm ganz allein den Thee in seiner Stube bereitete, und er aufhörte zu arbeiten.« »Es ist schwer und gehört ein Grad von Cultur und Vollkommenheit dazu, die Menschen so zu nehmen und nicht mehr von ihnen zu verlangen, als in ihren Kräften steht. Es giebt Gemüther, die nie an diesen Stein des Anstoßes gerathen; sie sind nicht zum tiefen Denken gewöhnt, sie nehmen, genießen und geben, weil es der Zufall so will. Ist dagegen bei andern Naturen der erste, jugendliche Traum verraucht, wo Alles in freundlichem Lichte erscheint, wo man Alles umfassen möchte, wo man wähnt, alles, was da ist, sey um unsertwillen da, – ist dieser süße Blick verschwunden, dann erscheint uns sogleich Alles ernster; der Mensch erscheint uns in anderer Gestalt. Wo wir sonst liebten, bewunderten, anbeteten – da sehen wir oft mit freiem Blick die trüben Quellen. Es gehört ein Grad von Verstand, und ein weiches, unverdorbenes Herz dazu, daß die Menschenliebe siege.« »Den 15. März, als sein kleiner Sohn mich fragte, was im Winde sey.« »Man sollte es sich zur heiligsten Pflicht machen, dem Kinde nicht zu früh einen Begriff von Gott beibringen zu wollen. Der Verfasser dieser Biographie verkannte als jugendlicher Erzieher diese Pflicht, und fragte sein ältestes Kind, als es drei Jahre alt war, beim Anblick eines herrlich blühenden Gartens, ob es auch wisse, wer das Alles gemacht. »Ja,« antwortete das Mädchen leise und bedeutungsvoll. – »Nun wer?« – »die Großmama!« war die Antwort. Dadurch kam der Vater auch auf Schillers Gedanken, solang es noch Zeit war. Die Forderung muß von Innen heraus geschehen, und jede Frage, die man beantwortet, ehe sie aufgeworfen ist, ist verwerflich. Man sagt dem Kinde öfter im sechsten, siebenten Jahre etwas vom Schöpfer und Erhalter der Welt, wo es den großen, schönen Sinn dieser Worte noch nicht ahnen kann, und so sich seine eigenen verworrenen Vorstellungen macht. Entweder verhindert man durch dieses zu frühe Erklären den schönen Augenblick des Kindes ganz, wo es das Bedürfniß fühlt, zu wissen woher es kömmt, und wozu es da ist – oder kommt er ja, so ist das Kind schon so kalt durch seine vorhergegangenen Ideen geworden, daß man ihm nie wird die Wärme einflößen können, die es gefühlt haben würde, wenn man ihm Zeit bis zu diesem entscheidenden Augenblicke gelassen hätte. Und das Kind hat vielleicht seine ganze Lebenszeit daran zu wenden, um jene irrigen Vorstellungen wieder zu verlieren, oder wenigstens zu schwächen.« »Den 18. März, als er mich in meiner Stube nähend fand.« »Es ist ein eigen seltsam Ding um die gelehrten Frauen! Wenn sie einmal den ihnen angewiesenen Kreis verlassen, so durchfliegen sie mit schnellem, ahnendem Blicke unbegreiflich rasch die höhern Räume. Aber dann fehlt ihnen die starke, anhaltende Kraft des Mannes, der eiserne Muth, jedem Hinderniß ein ernstes Ueberwinden entgegen zu setzen, und fest und unaufhaltsam in jenen Regionen fortzuschreiten. Das schwächere Weib hat seinen ersten schönen Standpunkt verloren, und wird entweder zur eitlen Thörin oder unglücklich.« »Den 21. März, als ich den Wunsch geäußert, so wie die Jagemann singen zu können.« »Man sollte beinahe glauben, daß Neid der menschlichen Natur eigen sey, doch versteht sich, nicht jener gemeine niedrige, welcher so tief herabwürdigt. Schon die Bewunderung einer Kunst, eines Talents, oder was es sey, führt gewöhnlich den leisen Wunsch mit sich, es auch zu besitzen. Und durch gute Erziehung ist dies gewiß ein großes Mittel, die menschlichen Kräfte zu einer gewissen Vollkommenheit zu erheben.« »Den 22. März, beim Souper.« »Wie hoch könnte Kunst und Wissenschaft gestiegen seyn, würde sie nicht oft durch Sklavenseelen um Gold und Gunst feil geboten.« »Den 25. März, als ich Thee einschenkte.« »Wie selten benutzen und ergreifen die Menschen aus Leichtsinn die köstlichen Augenblicke mit voller heißer Seele, die nur einmal kommen und unbenützt einen tiefen Stachel in der Seele zurücklassen,« »Den 3. April, als ich mich fürchtete, in Rudolfstadt zu singen.« »Ernster, guter Wille ist eine große, die schönste Eigenschaft des Geistes. Der Erfolg liegt in einer höhern, unsichtbaren Hand. Nur die Absicht giebt dem Aufwande von Kräften Werth. Und so erheben wir uns über Lob und Tadel der Menschen.« »Den 5. April.« »Daß feste Grundsätze und Tugend unter den Menschen wirklich und kein Traum seyen, beweist der Umstand, daß so viele alle Kräfte aufbieten, uns, wenn auch nur durch den Schein derselben, zu blenden.« »Den 7. April.« »Es ist ein ungeheures namenloses Gefühl, wenn das Innere seine eigene Kraft erkennt, wenn es klarer und immer klarer in ihm wird, und unser Geist sich fest und stark erhebt. In uns fühlen wir Alles, die Kraft strebt zum Himmel empor und findet um sich kein Ziel.« »Den 8. April.« »Es sind die kleinern engen Gemüther, die so gern jeden verdienten Kummer mit dem Namen eines unerbittlichen Schicksals bezeichnen.«   Von diesen Erinnerungen sagt Göthe: Eckerm. II, 11. d. 11. September 1828. »Schiller erscheint hier, wie immer, im absoluten Besitz seiner erhabenen Natur; er ist so groß am Theetisch, wie er es im Staatsrath gewesen seyn würde. Nichts genirt ihn, nichts engt ihn ein, nichts zieht den Flug seiner Gedanken herab; was in ihm von großen Ansichten lebt, geht immer frei heraus, ohne Rücksicht und ohne Bedenken. Das war ein rechter Mensch, und so sollte man auch seyn!« Wirksamkeit, Leben, Begegnisse und Freunde in Weimar. 1802. Das Jahr 1802 eröffnete Schiller mit einem Briefchen an seinen Freund Göthe, in den alten Gesinnungen gegen diesen und mit guter Hoffnung. Die beiden Dichter waren jetzt ganz unzertrennlich. Eine Abendgesellschaft, die sich wöchentlich in Göthe's Hause versammelte, aus gleichgestimmten und wohlwollenden Menschen bestehend, erheiterte unsern Dichter sehr. Die Gesellschaft spielte Ritter und Fräulein, und die Ritter, (Göthe, Schiller und Meyer) hatten die Pflicht, die Vorzüge ihrer Damen zu besingen. Als Kotzebue bei einem Aufenthalte in Weimar in diesem Cirkel keine Aufnahme fand (im Herbst 1802), stiftete er einen zweiten, und wollte, Göthe'n, von dem er sich persönlich beleidigt fühlte, zum Trotz, den Dichter Schiller zum Patron desselben machen. Dieser sollte auf dem Weimar'schen Stadthause gekrönt werden. Scenen aus Don Carlos und der Jungfrau sollten die Festlichkeit einleiten; Sophie Mereau die Glocke recitiren, Kotzebue selbst, nachdem er als Vater Thibaut geschäfert, als Glockengießer eine Glockenform von Pappendeckel entzwei schlagen; mit seinem letzten Streiche sollte die Form zerspringen und Schillers sichtbar gewordene Büste von Frauenhänden mit dem Lorbeer geschmückt werden. Der gefällige Wieland hatte seine Anwesenheit zugesagt, Schiller war eingeladen, hatte aber bei Göthe geäußert: »ich werde mich wohl krank schreiben.« Der Oppositionsplan scheiterte zuerst an Heinrich Meyers Weigerung, als Conservator die in der Bibliothek aufgestellte (kleinere) Büste Schillers von Dannecker herzugeben, und noch entschiedener an der Erklärung des Bürgermeisters, den Stadthaussaal nicht zum Theater umschaffen zu wollen. Eine Dame Weimars besang den tragischen Ausgang der Komödie von der Glocke in drolligen Versen ... Die edle Form zerspringt im Sand, Sie wird Discordia genannt. Falk über Göthe;« ausführlich bei Hinrichs I, 78-81. Nach Göthe's Bericht wurde später die Glocke wirklich öfters mit allem Apparate des Gusses und der sonstigen Darstellung gegeben, und die ganze Theatergesellschaft wirkte mit, was seitdem auf andern deutschen Theatern wiederholt worden ist. – Hoffm. IV, 119 ff. »Seit Schiller in Weimar lebte, stand ihm besonders die Bühne vor Augen – erzählt Göthe – Ueber das deutsche Theater, Mbl. 1815; in Dörings älterem Leben Schillers, S. 192 ff. und er beschloß, seine Aufmerksamkeit auf die Vorstellungen derselben scharf und entschieden zu richten. Und einer solchen Schranke bedurfte der Dichter: sein außerordentlicher Geist suchte von Jugend auf die Höhen und Tiefen; seine Einbildungskraft, seine dichterische Thätigkeit führten ihn ins Weite und Breite; und so leidenschaftlich er auch hiebei verfuhr, so konnte doch bei längerer Erfahrung seinem Scharfblicke nicht entgehen, daß ihn diese Eigenschaften auf der Theaterbahn nothwendig irre führen mußten.« Darauf erinnert Göthe daran, wie sich der Wallenstein vor seinem Genie immer mehr ausgedehnt, wie er zuletzt in drei Theile getheilt, und seit der Aufführung immer wieder verändert worden, damit nur die Hauptmomente im Engern wirken möchten; wie der Don Carlos, schon früher für die Bühne zusammengezogen, bei einer späteren Redaktion zu theatralischem Zwecke muthig, ja unbarmherzig behandelt, doch nicht in den Raum von drei Stunden eingeschlossen werden konnte. Selbst seine frühesten Stücke – Göthe nennt sie »Produkte genialer jugendlicher Ungeduld über schweren Erziehungsdruck« – versuchte er jetzt »dem geläuterten Geschmacke anzuähnlichen, und pflog hierüber mit sich selbst in langen schlaflosen Nächten, dann aber auch an heitern Abenden mit Freunden einen liberalen und umständlichen Rath.« Sie fanden jedoch das Mißfällige hier zu innig mit Gehalt und Form verwachsen, und so mußten sie der Folgezeit, wie sie einmal aus einem gewaltsamen Geist entsprungen waren, überliefert werden. Was man an eigenen Werken gethan, könnte man auch an fremden thun, dachte jetzt Schiller, und so entwarf er den Plan, in Gesellschaft übereindenkender Freunde frühere dramatische Leistungen der Jetztwelt und ihrer Bühne durch angemessene Behandlung näher zu bringen. Um sein »deutsches Theater« auf ächt deutschem Boden zu gründen, war seine Absicht zuerst, Klopstocks Hermannsschlacht zu bearbeiten. Als er seine ideellen Forderungen hier gar nicht befriedigt fand, Es ist ein kaltes, herzloses, ja fratzenhaftes Produkt, ohne Anschauung für den Sinn, ohne Leben und Wahrheit, und die paar rührenden Situationen, die sie enthält, sind mit einer Gefühllosigkeit und Kälte behandelt, daß man indignirt wird.« S. an G. 30. Mai 1803. – Schiller war zu sehr im Parteistreite begriffen, um durch alle Fehler Klopstocks Größe zu erkennen. Andre thaten es; selbst Franzosen. De Serre (der nachmals berühmte Minister der Restauration) vertheidigte unsern Klopstock (als Napoleonischer Präsident des Gerichtshofs zu Hamburg im Sept. 1811) gegen einheimische Verunglimpfungen, mit dem unwilligen Zusätze, »man müsse reinen Herzens seyn, um über ihn zu reden.« Niebuhr , der dieß erzählt (Lebensnachrichten, Hamburg, Perthes, 1838. I, 499), traf selbst die richtige Mitte in Klopstocks Beurtheilung (I, 524 f.) wurde das Stück bei Seite gelegt, und Lessings Stücke, Emilia Galotti, die ihm übrigens zuwider war, Minna von Barnhelm und Nathan wurden vorgenommen. Das letztere Drama erscheint nach seiner und der Kunstfreunde Redaktion noch immer auf den Bühnen. Göthe's Egmont war von Schiller schon bei Ifflands Anwesenheit in Weimar (l796) grausam verkürzt worden; Klärchens Verbannung litt der Dichter nicht. Auch Stella verdankte unsrem Schiller ihre Erscheinung auf dem Theater; Iphigenie wurde im laufenden Jahre (1802) gemeinschaftlich von beiden Dichtern für die Bühne zubereitet; zu gleicher Zeit wurde Gozzi's Turandot dem Theater von Schiller überliefert, und dort schon im Januar aufgeführt. Damals kam auch Fr. Schlegels Alarkos auf die Bretter, und Schiller that mit Göthe das möglichste für dieses »seltsame Amalgam des Antiken und Neuestmodernen.« Noch in seinem letzten Lebensjahre war er bei der Vorstellung des »Götz von Berlichingen« (Sept. 1804), der »Laune des Verliebten« und »der Mitschuldigen« (März 1805) beiräthig und thätig. – Seine letzte Arbeit war eine Anpassung von Shakspeares Othello für die Bühne. Boas III, 40. – Er hatte auch den Gedanken, ein besonderes Männertheater zu errichten; und die Idee der Direktion einer größern Bühne beschäftigte ihn oft. »Das Theater,« sagte er, »und die Kanzel sind die einzigen Plätze für uns, wo die Gewalt der Rede waltet;« und in seinem Sinne sollte das Theater immer der Kanzel gleichen, die Menschen geistiger, stärker, liebreicher machen, sie vom Egoismus befreien. Auch den Schauspielern wandte er sich in dieser Zeit wieder gütig zu. An Abenden, wo sie eins seiner Stücke mit Glück oder zum erstenmal dargestellt hatten, pflegte er die Hauptakteurs auf das Stadthaus einzuladen, wo die Zeit unter fröhlicher Unterhaltung verging. Gewöhnlich aber saß er Abends allein bei der Arbeitslampe bis über Mitternacht, wie in Jena, und Göthe bewunderte seine Lebenszähheit, die solcher Anstrengung nicht früher unterlegen ist, und ihm gewiß bei vorsichtigerer Lebensweise ein höheres Alter vergönnt hätte. Der Ankauf eines kleinen, aber bequemen und hinter schattigen Bäumen auf der Esplanade freundlich gelegenen Hauses vollendete Schillers Zufriedenheit in Weimar. Die ersten Zeiten dieser Ortsveränderung wurden ihm jedoch durch manches verbittert; besonders durch die Nachricht von dem schweren Krankenlager und dem Tode seiner guten Mutter in Schwaben. »Aus einem Brief, den ich vor einigen Tagen erhielt« – so klagt er seinem Freund Göthe, der damals die Universitätsbibliothek zu Jena einrichtete, am 12. Mai 1802 – »erfuhr ich, daß an demselben Tag, wo ich mein neues Haus bezog, die Mutter starb. Man kann sich nicht erwehren, von einer solchen Verflechtung der Schicksale schmerzlich angegriffen zu werden.« Seine Mutter hatte in der letzten Zeit bei ihrer jetzt mit dem M. Franckh, damals Pfarrer zu Cleversulzbach, unweit von Weinsbergs Weibertreue, verheiratheten Tochter Louise gewohnt. Jetzt haust auf diesem Pfarrhofe einer der liebenswürdigsten jungem schwäbischen Dichter. Eduard Mörike, geb. zu Ludwigsburg den 8. September 1804. In seinen Gedichten. (St. u. T. Cotta, 1838. S. 113) findet sich folgende Aufschrift: Auf das Grab von Schillers Mutter. Cleuersulzbach im Mai. Nach der Seite des Dorfs, wo jener alternde Zaun dort      Ländliche Gräber umschließt, wall' ich in Einsamkeit oft, Sieh den gesunkenen Hügel! es kennen wenige Greise      Kaum ihn noch, und es ahnt Niemand ein Heiligthum hier. Jegliche Zierde fehlt, und jedes deutende Zeichen;      Dürftig breitet ein Baum schützende Arme umher, Wilde Rose! dich find' ich allem statt anderer Blumen,      Ja, beschäme sie nur! brich als ein Wunder hervor! Tausendblättrig öffne dein Herz! entzünde dich herrlich      Um begeisternden Duft, den aus der Tiefe du ziehst! – Eines Unsterblichen Mutter liegt hier bestattet; es richten      Deutschlands Männer und Frau'n eben den Marmor ihm auf. Wie Schiller seine Mutter betrauerte, wie er ihr einen Blick in die Ewigkeit nachschickte, haben wir im ersten Buche gesehen. Ueber der Mutter Krankheit vergl. Schiller an Hoven Nro. 12 (Hovens Leben S. 388.) Schmerz und Freude Ungefähr um dieselbe Zeit sang er in fremdem Namen einem Freunde bei der Hochzeit zu: Ewig, wie du selber bist. Freu' dich deiner Beute, Wenn die Sonne nicht mehr ist, liebe noch wie heute! (Boas I,79. wirkten auf die gleiche Weise in seiner Seele: sie gaben ihr eine Richtung nach oben, und fachten die Glaubensflamme immer wieder in ihr an. Auch die geschwisterlichen Bande zog er auf diesen Verlust wieder fester an. »O liebe Schwester,« schrieb er an Christophine, »so sind uns nun beide liebende Eltern entschlafen, und dieses älteste Band, das uns ans Leben fesselte, ist zerrissen! Es macht mich sehr traurig und ich fühle mich in der That verlassen, ob ich gleich mich von geliebten und liebenden Wesen umgeben sehe, und Euch, ihr guten Schwestern, noch habe, zu denen ich in Kummer und Freude fliehen kann. O laß uns, da wir drei nun allein noch von dem väterlichen Hause übrig sind, (uns) desto näher an einander schließen! Vergiß nie, daß du einen liebenden Bruder hast; ich erinnere mich lebhaft an die Tage unserer Jugend, wo wir uns noch Alles waren. Das Leben hat unsere Schicksale getrennt, aber die Anhänglichkeit, das Vertrauen muß unveränderlich bleiben.« Sonst fühlte sich Schiller in Weimar sehr glücklich, und gab sich in den kurzen Stunden der Erholung von seinem Dichterberufe ganz den harmlosen Familienfreuden hin. Mit seinen Knaben spielte er Löwe und Hund; manchmal fand ihn ein Hausfreund, wie jener Gesandte Heinrich den Vierten, auf vier Füßen in dem Zimmer herumkriechend. Bei Tische saß er beständig zwischen zweien seiner Kinder; wo er konnte, liebkoste er sie und scherzte mit ihnen. Sie hatten ihn auch unbeschreiblich lieb; und während der lange Mann nichts that, die Anrückenden zu erleichtern, kletterten sie an ihm hinan, sich einen Kuß zu erobern. Heinr. Voß, 54 f. Auch in den geselligen Verhältnissen fand sich der Dichter befriedigt. Hier herrschte die schönste geistige Freiheit. Fr. v. Wolz. II, 184 ff. »Der Herzog wußte gastfreundlich den Genius zu bewirthen, indem er ihm ungestörten Selbstgenuß vergönnte, und wenn er als Weltmann zuweilen über poetische Ansichten absprach, so gönnte er doch den Musen ihre Freiheit.« Die Herzogin fühlte eine innige Zuneigung zu Schillers Werken, und dieser rühmte mit Rührung das gütige Benehmen der hohen Frau. Auch in dem Zauberkreise der Herzogin Mutter, in welchem alles Lästige und Beschränkte der Verhältnisse wegfiel, war er, so oft es seine Gesundheit erlaubte, und Wieland, der gefeierte Genius ihres Hauses, blieb unsrem Dichter immer befreundet. Mehrere anmuthige, jugendliche Gestalten erfreuten Schillern. Die Prinzessin Caroline, Tochter des Herzogs, (als Erbgroßherzogin von Meklenburg 1816 früh gestorben), ein himmlisches Gemüth, das mit Geisterliebe alles Schöne und Gute begrüßte, zog ihn besonders an; an Amaliens von Imhof aufblühendem Talent hatte er große Freude. Die reinste Gesinnung und das Mäßige, Mildernde eines klaren Verstandes erhielt ihm Heinrich Meyern nächst Göthe werth. Herrn v. Einsiedel, einen heitern, liebenswürdigen Mann, sah er sehr gerne; der Geheimerath von Voigt, ein Geschäftsmann voll Jünglingssinn für Kunst und Wissenschaft, blieb des Dichters thätiger Freund. Weder mit Herder, aus Gründen, die wir kennen, noch mit Jean Paul, dessen Produkte durch ihre Formlosigkeit seinem Kunstgeschmack beleidigten, ohne daß er seinen hohen Geistesflug verkannte, entstand ein inniges Verhältniß. Böttigers Gelehrsamkeit schätzte Schiller, doch wünschte er ihm von Herzen eine glückliche Reise, als er nach Berlin wollte (Dec. 1803). Die Gefangenschaft Kotzebue's in Siberien hatte menschlichen Antheil für diesen erregt; er zeigte, wie wir gesehen, große Verehrung für Schillern, der ihm freundlich, doch ohne Annäherung, begegnete, aber von ihm sagte: »Er ist doch wie ein Windball, auf dem nie ein Eindruck zurückbleibt.« Mit Göthe bestand, wie wir längst gesehen, das innigste Verhältniß, heiße man es nun Geistes- oder Herzensfreundschaft. »Es war einzig,« sagt der Alte zu Eckermann, »weil wir das herrlichste Bindungsmittel in unsern gemeinsamen Bestrebungen fanden, und es für uns keiner sogenannten besondern Freundschaft bedurfte.« Und ein andermal spricht er: »Es waltete bei meiner Bekanntschaft mit Schillern durchaus etwas dämonisches ob; wir konnten früher, wir konnten später zusammengeführt werden; aber daß wir es gerade in der Epoche wurden, wo ich die italienische Reise hinter mir hatte, und Schiller der philosophischen Spekulation müde zu werden anfing, daß Schiller so viel jünger war, und im frischesten Bestreben begriffen, da ich an der Welt müde zu werden begann, war von Bedeutung und für beide von größtem Erfolg.« So erkannte Göthe das Walten der Vorsehung in dieser Verbindung. Er gestand, daß er Schillern Vieles, namentlich seine Achilleis und manche Balladen verdanke. Auch blickte er, in vielem sich überlegen fühlend, in manchem doch an Schiller empor: »der Deutsche verlangt einen gewissen Ernst,« sagt er, »eine gewisse Größe der Gesinnung, eine gewisse Fülle des Innern, weßhalb denn auch Schiller von Allen so hoch gehalten wird.« Und ein andermal legt er dem Freunde sogar etwas von der Christusnatur bei und sagt: »sein Charakter wirkte wie der Charakter Jesu veredelnd auf Jeden, der sich ihm näherte.« Eckerm. I, 141. 196. 2l9. u.a.a.D., das letzte aus dem Gedächtniß citirt. Wolzogen und seine Gattin waren nächst Göthe Schillers eigentliches Lebenselement. Jener, von der Akademie her sein Freund, erheiterte ihn durch seine vielseitige Weltansicht, die der Dichter gerne seiner eigenen Abgeschlossenheit zu gute kommen ließ. Schiller freute sich der Wirkung seiner Dichtung auf eine so klare Vorstellungskraft und ein durch das Leben erprobtes Gemüth. »Wenn es bei dem durchdringt,« pflegte er zu sagen, »da ist es gewiß tüchtig.« So lebten sie in vertrauter Freundschaft, geborgen vor lästigem Andrange, sicher bei vernünftiger Einrichtung. Zwar war Schillers Lage noch immer von der Art, daß er den Seinen eine sorgenfreie Zukunft erst sichern mußte, aber die Pläne gingen seiner Phantasie nicht aus, und daneben handelte er als Familienvater mit großer Besonnenheit. Dalbergs schwankende Verhältnisse machten es in neuerer Zeit diesem edeln Gönner selbst bedenklich, unsres Dichters Existenz an die seine zu knüpfen. Auch fiel der Churfürst und Erzkanzler des Reichs wirklich in das Netz des Unterdrückers, zu dem Schiller nie Neigung und Vertrauen für die Menschheit faßte; denn seiner »freien Seele war der Hauch der Tyrannei zuwider.« Er konnte sich für diesen Eroberer nicht begeistern. »Wenn ich mich nur für ihn interessiren könnte,« sagte er – »aber ich vermags nicht; dieser Charakter ist mir durchaus zuwider – keine einzige heitere Aeußerung, kein Bonmot vernimmt man von ihm.« Jamais pour éclaireir ta royale tristesse La coupe des festins ne te versa l'ivresse. Lamartine. In Weimar glich Schillers Lebensweise noch ganz der in Jena; noch immer liebte er die einsamen Spaziergänge in den Laubgängen des Parks, wo man ihn oft die Schreibtafel in der Hand bald stille stehen, bald mit ungleichen Schritten weiter gehen sah. Sein Lieblingsplätzchen war der Felsengang bei dem unter Göthe's Direktion erbauten »römischen Hause,« wo er oft im Dunkel des mit Buchen und Cypressen bewachsenen Gesteines saß, und dem Gemurmel der Quelle lauschte. Von seinem einfachen Familienleben ließ der Dichter, der ohne Anspruch an alle Aeußerlichkeiten war, und dessen Studirstube ein Landsmann aus Tübingen im J. 1802 so bescheiden und unordentlich fand, wie jedes Gelehrtenzimmer, Mündliche Mittheilung. auch nicht ab, als der Herzog von Weimar aus eigener Bewegung im Sept. 1802 den Reichsadel für ihn auswirkte, wobei den Herzog und seine Gemahlin der Wunsch beseelte, ihn und seine Frau bei allen Gelegenheiten in ihrer Nähe zu sehen. Der radikale Haß gegen den Adel hatte unsern Dichter längst verlassen, aber sein philosophischer Ernst gegenüber von zeitlicher Ehre nicht. Einige Bedenklichkeiten furchten seine Stirne bei dem Antrag, und als es entschieden war, schrieb er an Humboldt: »Sie werden gelacht haben, als Sie von unserer Standeserhöhung hörten. Es war ein Einfall von unserem Herzog, und da es geschehen ist, so kann ich es um der Lolo Der familiäre Name seiner Frau, für Lottchen. Geradeso hatte, als A. 1798 sein gütiger Herzog das neufränkische Bürgerdiplom sich für die herzogl. Bibliothek ausgebeten hatte, Schiller, der gute Familienvater, Vorsorge getroffen, daß, wenn eines seiner Kinder sich einmal in Frankreich niederlassen und das Bürgerrecht reklamiren wollte, es hier zu finden wäre. (An Göthe den, 9. März 1798). und der Kinder willen mir auch gefallen lassen.« (17. Februar 1803). Und seinem Schwager, dem Pfarrer Franckh, hatte er nach Schwaben geschrieben (29. Okt. 1802): »die Zeitungen haben mir den Adel von Wien aus zuerkannt; ich selbst aber habe noch Nichts von dorther erhalten. Indessen mag an dem Gerüchte etwas Wahres seyn, denn ich habe Ursache zu vermuthen, daß mein Herzog mir damit ein Geschenk machen wollte.« Schiller stand in seiner sittlichen und geistigen Größe so unbeneidet da, daß sich in der Welt auch nicht einmal ein Scherz darüber vernehmen ließ, als der Bürger der französischen Republik nun auch ein deutscher Edelmann geworden war. Dem großen Schiller seinen Adel vorrechnen zu wollen, wäre so armselig, als ihm denselben anzurechnen. Von allen Contribuenten zu Schillers Statue hat nur Einer seine Gabe mit den charakteristischen Worten begleitet: »Für das Hofrath von Schiller 'sche Denkmal.« Unsre Leser werden das in mehr als Einer Hinsicht merkwürdige Aktenstück, welches durch Friedr. Cast's historisch-genealogisches Adelsbuch des Königreichs Württemberg (Stuttg. 1836. S. 467 ff.) veröffentlicht worden ist, nicht ungerne hier sehen. Auszug aus dem Adelsdiplom Schillers. d. d. Wien, 7. Septbr. 1802. Wir Franz der Andere, von Gottes Gnaden u. s. w. u. s. w. – Wann Uns nun allerunterthänigst vorgetragen worden ist, daß der rühmlichst bekannte Gelehrte und Schriftsteller Johann Christoph Friedrich Schiller von ehrsamen deutschen Voreltern abstamme, wie denn sein Vater als Offizier in herzoglich württembergischen Diensten angestellt war, auch im siebenjährigen Kriege unter den deutschen Reichstruppen gefochten hat, und als Oberstwachtmeister gestorben ist, er selbst aber in der Militärakademie zu Stuttgart seine wissenschaftliche Bildung erhalten, und, als er zum ordentlichen Lehrer auf der Akademie zu Jena berufen worden, mit allgemeinem und seltsamem Beifall Vorlesungen, besonders über die Geschichte, gehalten habe; ferner daß seine historischen sowohl, als die in den Umfang der schönen Wissenschaften gehörigen Schriften in der gelehrten Welt mit gleichem ungetheiltem Wohlwollen aufgenommen worden seyn, und unter diesen besonders seine vortrefflichen Gedichte selbst dem Geiste der deutschen Sprache einen neuen Schwung gegeben hätten; auch im Auslande würden seine Talente hoch geschätzt: so daß er von mehreren ausländischen Gelehrten-Gesellschaften als Ehrenmitglied aufgenommen worden sey; seit einigen Jahren aber als herzoglich sächsischer Hofrath und mit einer Gattin aus gutem adeligen Hanse verehelicht, sich in der Residenz Seiner des Herzogs zu Sachsen-Weimar Liebden aufhalte, es auch der lebhafte Wunsch Seiner Liebden sey, daß gedachter Hofrath sowohl wegen dessen in ganz Deutschland und im Auslande anerkannten ausgezeichneten Rufes, als auch sonst in verschiedenen auf die Gesellschaft, in welcher derselbe lebe, sich beziehenden Rücksichten, noch eine besondere Ehrenauszeichnung genieße; Wir daher gnädig geruhen möchten, denselben sammt seinen ehelichen Nachkommen in des heiligen röm. Reichs Adelstand mildest zu erheben, welche allerhöchste Gnade er lebenslang mit tiefschuldigstem Danke verehren werde, welches derselbe auch wohl thun kann, mag und soll: So haben Wir demnach in gnädigster Rücksicht auf die ehrerbietigsten Wünsche Seiner des Herzogs zu Sachsen-Weimar Liebden, wie auch auf oben angeführte ausgezeichnete seltene Verdienste, mit wohlbedachtem Muthe, gutem Rathe und rechtem Wissen ihm, Johann Christoph Friedrich Schiller, die kaiserliche Gnade gethan, und ihn sammt seinen ehelichen Leibeserben und derselben Erbeserben beiderlei Geschlechts, in gerader Linie absteigenden Stammes, in des heiligen römischen Reichs Adelstand gnädigst erhoben, eingesetzt und gewürdigt, auch der Schaar, Gesell- und Gemeinschaft anderer adeliger Personen dergestalt zugeeignet, zugefüget und verglichen, als ob sie von ihren vier Ahnen, väterlicher und mütterlicher Seits, in solchem Stande hergekommen und geboren wären. Thun das, erheben, setzen und würdigen sie in des heil. röm. Reichs Adelstand aus römischkaiserl. Machtvollkommenheit, meinen, setzen und wollen u.s.w. u.s.w. Gebieten darauf allen und jeden Kurfürsten, Fürsten, geistlichen und weltlichen Prälaten, Grafen, Freien, Herren, Rittern, Knechten, Landmarschällen u.s.w. und sonst allen andern Unsern und des Reichs Unterthanen und Getreuen, was Würden, Standes und Wesens die seyen, ernst- und festiglich mit diesem Briefe, und wollen, daß sie oftgenannten Johann Christoph Friedrich von Schiller, seine ehelichen Leibeserben und derselben Erbeserben beiderlei Geschlechts in gerader Linie absteigenden Stammes, für und für in ewige Zeiten als Unsern (Unsere?) und des heiligen römischen Reichs rechtgebornen (ne?) Lehens- und Turniergenossen, adelige Personen, erkennen, ehren und würdigen, an oberzählten Unsere (Rn?) kaiserliche (en?) Gnaden, Würden, Vortheilen, Freiheiten, Rechten und Gerechtigkeiten, Erhebung in des heiligen römischen Reichs Adelstand, adelige (en?) Wappen-Kleinode (en?) und Benamsung nicht hindern, noch irren, sondern sie deren allen u.s.w. u.s.w. – eine Pön von 50 Mark löthigen Goldes vermeiden u.s.w. u.s.w.) Mit Urkund dieses Befehls, besiegelt mit Unserem kaiserlichen Insiegel, bei gegeben ist zu Wien, den siebenten Tag im Monat September, nach Christus, Unsers lieben Herrn und Seligmachers, gnadenreicher Geburt, im achthundert und zweiten Unserer Reiche, des römischen wie auch des hungarischen und böhmischen im eilften Jahre. Franz . vdt. F. zu Colloredo-Mansfeld. Ad Mandatum Sac. Caes. Majestatis proprium. Peter Anton Frhr. v. Frank . Die Richtigkeit obiger Abschrift aus dem Originale bezeugt Stuttgart, den 29. Mai 1818. (L. S.) Königl. Württemberg, immatr. Notar Christian Gottfried Weber . Die Braut von Messina. Lyrische Gedichte. Schiller und Calderon. Aus technischen Gründen wird diese Fußnote im Text wiedergegeben. Re. 1802 bis 1803. In die Werkstatt Schillers, während der Produktion seines neuen Trauerspiels, können wir den Leser nicht einführen, da die brieflichen Mittheilungen hier fast ganz schweigen. Schon Ende Januars 1802 fühlte er sich von dem neuen Stoffe angezogen, der fruchtbar und vielversprechend schien. Aber es war noch »der Moment der Hoffnung und der dunkeln Ahnung.« Erst am 18. August 1802 sagt uns ein Brief des Dichters an Göthe: »Ich bin in diesen letzten Tagen nicht ohne Succeß mit meinem Stück beschäftigt gewesen, und ich habe noch bei keiner Arbeit so viel gelernt, als bei dieser. Es ist ein Ganzes, das ich leichter übersehe, und auch leichter regiere; auch ist es eine dankbarere und erfreulichere Aufgabe, einen einfachen Stoff reich und gehaltvoll zu machen, als einen reichen und zu breiten Gegenstand einzuschränken.« Am letzten Abende des Jahrs 1802 las er der Familie und der anwesenden Schwiegermutter, was vom Stücke fertig war, vor, und versprach voll Heiterkeit, jeden Sylvesterabend mit einer neuen Tragödie zu feiern. Mit dieser Arbeit trat er ins neue Jahr hinüber. Seine Thätigkeit war ganz auf Einen Punkt gerichtet; auch war es ein mißliches und nicht erfreuliches Geschäft, bis die vielen in den vier ersten Akten zurückgelassenen Lücken ausgefüllt waren. Er durfte nicht hoffen, auf des Erzkanzlers Geburtstag (8. Febr.) fertig zu werden, um ihm, der sich mit einem schönen Neujahrspräsent eingestellt hatte, seine Aufmerksamkeit bezeugen zu können. Ein Geburtstag sollte aber doch dadurch gefeiert werden, der des Herzogs von Meiningen, an welchem das Stück noch im Februar fertig und wirklich auch vorgelesen wurde. Der Dichter hatte sich von dieser Vorlesung eine mäßige Erwartung gemacht, weil er sein Publikum nicht dazu auswählen konnte, ward aber durch eine recht schöne Theilnahme belohnt. »Furcht und Schrecken,« meldet er Göthe'n, der nicht zugegen gewesen war, »erwiesen sich in ihrer ganzen Kraft, auch die sanftere Rührung gab sich durch schöne Aeußerungen kund; der Chor erfreute allgemein durch seine naiven Motive und begeisterte durch seinen lyrischen Schwung, so daß ich, bei gehöriger Anordnung, mir auch auf den Brettern eine bedeutende Wirkung von dem Chore versprechen kann.« Was Göthe zu dem neuen Drama sagte, erfahren wir nirgends; nur indirekt hat er sich gegen den Chor in demselben ausgesprochen. Die erste Leseprobe wurde noch in der letzten Woche des Februars gehalten, und ging gut von Statten. Die Aufführung blieb auf den Sommer verschoben. Inzwischen hatte Schiller seine alten Papiere über die Maltheser wieder vorgenommen und es stieg eine große Lust in ihm auf, sich gleich an dieses Thema zu machen. »Das Eisen ist jetzt warm und läßt sich schmieden.« Dennoch ließ er es erkalten, und Ende Mai's 1803 finden wir den Dichter wieder über lyrischen Arbeiten. In dieser Gattung waren, seit er in Weimar lebte, im J. 1800 die Gedichte »an Göthe,« »die Antiken in Paris,« »die deutsche Muse;« im Jahr 1801, »der Antritt des neuen Jahrhunderts,« »Hero und Leander,« »Sehnsucht,« »das Mädchen von Orleans;« im Jahr 1802, »die Gunst des Augenblicks,« »dem Erbprinzen von Weimar,« »Thekla, eine Geisterstimme,« »die vier Weltalter,« »Cassandra,« Schiller sagt auch am 11. Febr. 1802, er habe die »Cassandra in ziemlich glücklicher Stimmung angefangen .« »an die Freunde,« »Parabeln und Räthsel« entstanden. Das Jahr 1803 fügte zwei Punschlieder,« den »Pilgrim,« den »Grafen von Habsburg,« den »Jüngling am Bach,« und eben jetzt »das Siegesfest« hinzu, eines der erhabensten Gedichte, ein rechtes Tragödienlied. Sonderbarer Weise hatte Schiller es ganz ernstlich zu einem Kränzchens- und Gesellschaftsliede bestimmt, um den platten Ton der Freimaurerlieder zu verbannen. »Ich wollte also,« sagte er zu Göthe, »gleich in das volle Saatenfeld der Ilias hineinfallen, und mir da holen, was ich nur schleppen konnte.« Zu einem Sommersliede ist aber dieses hohe Lied der Vergänglichkeit wahrhaftig zu ernst und zu groß. Von allen diesen Gedichten hatte sein Freund Göthe die Räthsel am freundlichsten aufgenommen. Er sagte: »sie haben den schönen Fehler, entzückte Anschauungen des Gegenstandes zu enthalten, worauf man fast eine neue Dichtungsart gründen könnte.« (2. Februar 1802.) Im Jahre 1803 wurde Schiller von Gries besucht, als eben der erste Theil von Schlegels Uebersetzung des Calderon erschienen war. Er fand den Dichter von diesem Werke ganz begeistert. »Wie manchen Fehlgriff,« sagte Schiller, »hätten Göthe und ich uns ersparen können, wenn wir den Calderon früher gekannt hätten.« Briefliche Mittheilung meines Freundes Gries, von dessen Uebersetzung Calderons so eben der zweite durchgesehenen Ausgabe sechster Band (Berlin, Nicolai) die Presse verläßt. Dst. 1840. Dieses Urtheil war um so unverdächtiger, da er Schlegeln, wie wir ja wissen, durchaus nicht liebte. Aber Göthe war nicht damit einverstanden. »Calderon,« sagt er zu Eckermann, »so groß er ist, und so sehr ich ihn bewundere, hat auf mich gar keinen Einfluß gehabt, weder im Guten noch im Schlimmen. Schillern aber wäre er gefährlich gewesen, er wäre an ihm irre worden, und es ist daher ein Glück, daß Calderon erst nach seinem Tode in Deutschland in allgemeine Aufnahme gekommen. Calderon ist unendlich groß im Technischen und Theatralischen; Schiller dagegen weit tüchtiger, ernster und größer im Wollen, und es wäre daher Schade gewesen, von solchen Tugenden vielleicht etwas einzubüßen, ohne doch die Größe Calderons in anderer Hinsicht zu erreichen.« Eckermann I, 218. Im Frühling dieses Jahres ging auch Schillers Bearbeitung des »Parasit« aus dem Französischen mit Glück über die Bühne. Das Picard'sche Stück »der Neffe als Onkel« konnte wegen Abwesenheit der Hauptschauspieler nicht einstudirt werden. Am 3. Juli wurde endlich die Braut von Messina zu Lauchstädt aufgeführt, und Jupiter Tonans schien selber seinen seltsamen Bund mit der altkatholischen Mutter Kirche in dem Drama gut zu heißen. Der Hofschauspieler Graff erzählt uns Folgendes: Im Schillersalbum 1837. Johann Jakob Graff, geboren zu Münster im Gregorienthale im Oberelsaß, 23. Sept. l768; seit 1793 Mitglied des Weimar'schen Hoftheaters. – Er nennt fälschlich den 11. Juli. »Es war an einem sehr heißen Sommertage, als wir während unsres theatralischen Aufenthalts in Lauchstädt zum erstenmale die Braut von Messina aufführten. Unser lieber Schiller, unter dessen Leitung wir seine Stücke gaben, hatte uns dießmal dahin begleitet. Seine Gegenwart, sein Ruf vermehrte die Neugierde, wieder ein neues Stück von ihm zu sehen, und führte uns von der Umgegend Lauchstädts, besonders von Halle, eine zahllose Menge von Zuschauern herbei. Unser Schauspielhaus war gedrängt voll. Mit einer wahren Feierlichkeit und Andacht begann unsere Vorstellung; mit jedem Akt steigerte sich der Beifall. Ich sprach den ältern Chorführer. In dem Augenblick, als ich im vierten Akt kaum die Stelle zu sprechen anfing: »Wenn die Wolken gethürmt den Himmel schwärzen, Wenn dumpftosend der Donner hallt, Da, da fühlen sich alle Herzen In des furchtbaren Schicksals Gewalt« – brach wirklich über dem Hause ein fürchterlicher Donner los, so daß das ganze Haus erzitterte; dieß ergriff mich in dem Momente, daß ich mit aller Kraft meines Organs jene Verse herausdonnerte. Den Eindruck, den diese Stelle, und die kräftige Mitwirkung meiner Mitspielenden bis zum Schluß, und am Schlusse des Stückes selbst, machte, kann ich nicht beschreiben; es war eine beinahe fürchterliche Stille in dem vollen Hause, man hörte keinen Athem und sah nur todtenbleiche Gesichter. Nach der Vorstellung kam unser Schiller auf die Bühne und begrüßte Jeden der Vorstellenden aufs freundlichste. Auch auf mich ging er zu und sprach in einem liebreichen, etwas näselnden Tone die Worte: »Dießmal kam Ihnen der Donner recht zu Passe; schwerlich wird die Stelle jemals wieder mit dem Ausdrucke gesprochen werden!« Etwas prosaischer als der Schauspieler beobachtete und berichtete der Dichter selbst die Scene, der seiner Frau schrieb, »daß während der Komödie ein schweres Gewitter ausbrach, wobei die Donnerschläge und besonders der Regen so heftig schallte, daß eine Stunde lang man fast kein Wort der Schauspieler verstand und die Handlung nur aus der Pantomime errathen mußte. Es war eine Angst unter den Schauspielern, und ich glaubte jeden Augenblick, daß man den Vorhang würde fallen lassen müssen. Dennoch wurde es zu Ende gespielt, und unsre Schauspieler hielten sich noch ganz leidlich. Lustig und fürchterlich zugleich war der Effekt, wenn bei den gewaltsamen Verwünschungen des Himmels, welche die Isabella im letzten Akt ausspricht, der Donner einfiel.« Dann erzählt er die Geschichte mit dem Chor wie Graff und lobt seinen » geste extempore ,« der das ganze Publikum ergriff. Der Regen ließ an der schön gemalten Decke des Theaters häßliche Spuren zurück. Schiller gefiel sich im ungewohnten Müßiggange zu Lauchstädt, hätte aber einen solchen Zustand nicht länger als acht oder zwölf Tage aushalten mögen. In diesem Spätjahre widerfuhr ihm noch sonst Angenehmes. Gustav IV. von Schweden, den unsre Zeit nicht mehr im Purpurmantel, und nicht mehr über Edelsteine verfügend zu sehen gewohnt war, schenkte dem Dichter des Wallenstein einen Brillantring, und die Kaiserin von Rußland bezeugte Begierde, die Braut von Messina zu erhalten, die er, nebst dem Don Carlos in der neuesten Ausgabe, für sie rüstete. »Wir Poeten;« sagt er, »sind selten so glücklich, daß die Könige uns lesen, und noch seltener geschieht's, daß sich ihre Diamanten zu uns verirren.« Die Braut von Messina wurde später zu Weimar auch aufgeführt, und Mad. Wolff zeigte hier zuerst ihr glänzendes Talent als Isabella. Auch in Berlin wurde das Stück bald und prachtvoll gegeben. Von den Kritikern war nur Humboldt voll ziemlich ungetrübter Bewunderung über dasselbe und nannte von Rom aus (22. Oktober 1803) den Dichter einen unendlich glücklichen Menschen, dem es gelungen sey, so bestimmt einen selbst gezeichneten Weg zu verfolgen und seine Produktionskraft ewig in sich rege zu erhalten. »In Rücksicht der strengen Form kann keines Ihrer Stücke,« schreibt er, »sich mit der Braut messen. In ihr ist Alles poetisch, Alles folgt streng auf einander, und es ist überall Handlung. Auch über den Chor, (den Schiller in der Vorrede ausführlich gerechtfertigt hatte) bin ich einstimmig mit Ihnen. Er ist die letzte Höhe, auf der man die Tragödie dem prosaischen Leben entreißt, und vollendet die reine Symbolik des Kunstwerks.« Dennoch wagt schon Humboldt es, den Gebrauch zu tadeln, den Schiller von dem Chore macht, daß nämlich dieser, dessen Bestimmung sey, den Stoff zu intellektualisiren, den handelnden Personen zu nahe stehe, und in sich den Reichthum nicht habe, den er haben könnte. Es fehle ihm also zugleich an Ruhe und an Bewegung. Daß der Chor Partei mache, tadeln sowohl Humboldt als Schlegel. Auch die übrige Kritik, und jetzt so ziemlich jedermann, ist über die Mängel des Stückes einig. Nach Tieck hat sich unsere Bühne noch nie so weit verirrt, als dies in Schillers Braut von Messina geschehen ist. Es bleibe ein unbegreiflicher Irrthum des Dichters, auf diese Weise, die das Schicksal aufhebe, statt es zu ergänzen und zu erklären, den Chor der Alten uns ersetzen zu wollen. Und Seume, sonst ein absoluter Schillerianer, sagte: »Das Schlechteste, was Schiller gemacht hat, ist die erste Hälfte der Mutter in der Braut von Messina und sein Chor daselbst. Dies mag ihm der Geist der Humanität vergeben. Mir ist es unbegreiflich, wie so etwas aus seiner Seele kommen konnte.« Auch Hegel erklärt sich gegen den Chor, den nur Hinrichs dem Dichter gegen den Meister, aber nach des Meisters Methode, zu vindiciren sucht. III, 255 ff. Vergl. II, XL. f. Schiller scheint mit dieser Tragödie an der Klippe gescheitert zu seyn, vor der er sich selbst einmal gewarnt hatte, am »erfundenen Stoff.« Das Stück ist nie ins Volk hinabgedrungen. Auf der Bühne aber macht es durch seine einzelnen großen Schönheiten, die einfache Darstellung der ungeheuren Leidenschaft, die rührenden Vermittlungsscenen, Beatrice's Monolog, die letzten Auftritte, Don Cesars Ende, den Tiefsinn und Gedankenreichthum der Chöre, die antike Mäßigung und Würde der Sprache, immer noch einen tiefen Eindruck. In jener Dichtung riesenmäßig dehnendem Hohlspiegel sammelt wachsend Haß und Liebe sich. Und wirft verstärkt ein übermenschlich Bild heraus. Doch mangelt reines Ebenmaß der Größe nie, Nicht schweift die Gier in wilde Mißbewegung aus, Nicht mit verzerrter Miene Grinsen spricht der Zorn, Schön bleibt ein weinend, ein verzweifelnd Angesicht. Und so entläßt euch selber das Entsetzliche, Das euch, gemeinverwirklicht, als Gorgonenhaupt Entgegenstarren würde, durch des Dichters Kunst Befriedet, mit dem Jammerschicksal selbst versöhnt. Dann, wenn euch seiner Chöre welterklärend Wort Nach Haus entläßt mit langem Seelenwiderhall, Nicht götterlos ins Leben tretet ihr hinaus; Ihr glaubet wieder an der Dichtung Wesenheit, Und ernster geht ihr weltlichem Berufe nach, Denn euch im Geiste keimet Ueberweltliches. Mit diesen Worten versuchte in einem Prolog für die Stuttgarter Bühne (1833) der Verfasser dieser Biographie den Eindruck des Trauerspiels zu schildern. Frau von Staël und andere Gelehrte im Verkehre mit Schiller. Herders Tod. 1803. Gegen den Schluß des Jahres 1803 kam die geistvolle Kundschafterin deutschen Lebens und deutscher Kunst aus Frankreich auf ihrem Zuge durch Deutschland nach Weimar, von Frankfurt her. »Wenn sie nur deutsch versteht,« schrieb Schiller vor ihrer Ankunft an Göthe (30. Nov.), »so zweifle ich nicht, daß wir über sie Meister werden; aber unsre Religion in französischen Phrasen ihr vorzutragen, und gegen ihre französische Volubilität aufzukommen, ist eine zu harte Aufgabe.« Göthe war in Jena, wo er anfangs in Geschäften so tief untergesunken wühlte, daß ihm zu Muthe war, wie Schillers Taucher – absichtlich geblieben, um ihr auszuweichen. Er bat seinen Freund dringend, ihn in Weimar zu vertreten. »Will Madame de Staël mich besuchen, so soll sie wohl empfangen seyn. Weiß ich es vier und zwanzig Stunden voraus, so soll ein Theil des Loderischen Quartiers möblirt seyn, sie soll einen bürgerlichen Tisch finden, wir wollen uns wirklich wirklich scheint ein Druckfehler des Briefwechsels. Vielleicht schrieb Göthe: täglich oder weidlich oder dergleichen etwas. sehen und sprechen, und sie soll bleiben, so lange sie will. Was ich hier zu thun habe, ist in einzelnen Viertelstunden gethan, die übrige Zeit soll ihr gehören; aber in diesem Wetter zu fahren, zu kommen, mich anzuziehen, bei Hof und in Societät zu seyn, ist rein unmöglich, so entschieden, als es jemals von Ihnen in ähnlichen Fällen ausgesprochen worden.« (13. Dec.) Schiller stellte das Alles dem Herzoge vor, machte Göthe's Gründe möglich geltend und meinte, der Frau von Staël selbst müßte es lieber seyn, den großen Mann ohne den Train der Zerstreuungen zu sehen. Die Tochter Necker's kam. »Frau v. Staël,« berichtet Schiller über sie nach Jena an Göthe den 21. Dezember, »wird Ihnen völlig so erscheinen, wie Sie sie sich a priori schon construirt haben werden; es ist alles aus Einem Stück und kein falscher pathologischer Zug an ihr. Dies macht, daß man sich trotz des immensen Abstands der Naturen und Denkweisen vollkommen wohl bei ihr befindet, daß man Alles von ihr hören und ihr Alles sagen mag. Die französische Geistesbildung stellt sie rein und in einem höchst interessanten Lichte dar. In Allem, was wir Philosophie nennen, folglich in allen letzten und höchsten Instanzen, ist man mit ihr im Streit und bleibt es trotz alles Redens. Aber ihr Naturell und Gefühl ist besser als ihre Metaphysik, und ihr schöner Verstand erhebt sich zu einem genialischen Vermögen. Sie will Alles erklären, einsehen, ausmessen; sie statuirt nichts Dunkles, Unzugängliches, und wohin sie nicht mit ihrer Fackel leuchten kann, da ist nichts für sie vorhanden. Darum hat sie eine horrible Scheu vor der Idealphilosophie, welche nach ihrer Meinung zur Mystik und zum Aberglauben führt, und das ist die Stickluft, wo sie umkommt. Für das, was wir Poesie nennen, ist kein Sinn bei ihr; sie kann sich von solchen Werken nur das Leidenschaftliche, Rednerische und Allgemeine zueignen, aber sie wird nichts Falsches schätzen, nur das Rechte nicht immer erkennen. Sie ersehen aus diesen paar Worten, daß die Klarheit, Entschiedenheit und geistreiche Lebhaftigkeit ihrer Natur nicht anders als wohlthätig wirken können. Da sogar ich bei meiner wenigen Fertigkeit im Französischreden ganz leidlich mit ihr fortkomme, so werden Sie bei Ihrer größern Uebung eine sehr leichte Communication mit ihr haben.« Welch ein Prüfer der Geister war unser Schiller! Wer diese Worte gelesen hat, kennt die Staël, und wenn er keine Zeile der Delphine, der Corinne, ihrer Werke über Deutschland und über die Revolution gelesen hätte. Man vergleiche mit Schillers Porträt Rahel über die Staël I, 182 f. und Chamisso's Leben I, 266. 272 f. 274 ff. 323 f. Magers Geschichte der franz. Nationalliteratur II, 1. S. 74-95. Endlich E. M. Arndts Erinnerungen (Leipz. Weidmann 1840) S. 162. »Sie war dem Leibe nach nicht schön gebildet, für ein Weib fast zu stark und männlich gebaut. Aber welch ein Kopf thronte auf diesem Leibe! Stirn, Augen, Nase herrlich und vom Licht und Glanz des Genius funkelnd, Mund und Kinn weniger schön. Bei so vielem Witz und Geist, als aus ihren Augen blitzte und von ihren Lippen sprudelte, ein bezaubernder Ausdruck von Verstand und Güte. Verstand? Jedem Vogel sah sie sogleich an seinem Schnabel an, welchen Ton sie mit ihm zu singen habe.« 1803 bis 1804. Wir wollen nun sehen, wie Frau von Staël Schillers Zuneigung erwiedert, wie sie ihn sich im Geiste zu recht gelegt hat. »Das erstemal,« sagt sie in ihrem Werk über Deutschland, Sur l'Allemagne. Paris 1820. Tom I, p. 244. »sah ich Schillern bei dem Herzog und der Herzogin von Weimar, in einer eben so geistreichen als imponirenden Gesellschaft. Er konnte das Französische sehr gut lesen, aber gesprochen hatte er es nie. Ich nun vertheidigte mit Wärme die Ueberlegenheit unsres dramatischen Systems über alle andern; er verschmähte es nicht, mich zu bekämpfen, und unbekümmert um die Schwierigkeiten und Stockungen, in die er durchs Französischsprechen gerieth, ohne Scheu vor der Meinung der Zuhörer, die der seinigen entgegen war, – fand er Worte in seiner innersten Ueberzeugung. Anfangs bediente ich mich, um ihn zu widerlegen, französischer Waffen, der Lebendigkeit und des Spottes. Bald aber entdeckte ich in dem, was Schiller sagte, mitten durch die Hemmnisse des Wortes so viel Ideen; diese Charaktereinfalt, die einen Mann von Genie einen Kampf unternehmen ließ, in dem es seinen Gedanken an Worten fehlte, machte einen solchen Eindruck auf mich; ich fand ihn so bescheiden und so unbesorgt, was seine eigenen Erfolge betraf, so stolz und erregt in der Verteidigung dessen, was er für Wahrheit hielt:– daß ich ihm von diesem Augenblick an bewunderungsvolle Freundschaft weihte.« In die Länge wurde die unermüdliche neue Freundin mit ihrem »Ideenhunger« und ihren kalten Deklamationen aus der Phädra Fr. v. Wolz. II, 258. denn doch lästig. »Madame v. Staël,« sagt ein Billetchen Schillers an Göthe ohne Datum, »will noch drei Wochen hier bleiben. Trotz aller Ungeduld der Franzosen wird sie, fürchte ich, doch an ihrem eigenen Leib die Erfahrung machen, daß wir Deutsche in Weimar auch ein veränderliches Volk sind, und daß man wissen muß zu rechter Zeit zu gehen.« Ja am Ende fiel ihm bei ihr nicht nur das Danaidenfaß, sondern sogar der Oknos mit seinem Esel ein. Göthe scheint doch erst in Weimar mit ihr bekannt geworden zu seyn, Benjamin Constant war ihr Begleiter; und einmal sagte Schiller boshaft von ihr: »Von Fr. v. St. habe ich nichts gehört, ich hoffe, sie ist mit Herrn B. C. beschäftigt.« Der letztere zeigte übrigens große Achtung vor Schillers Werken und Sinnesart. Seine (spätere) Bearbeitung des Wallenstein ist jetzt vergessen. Man sehe darüber Carlyle S. 221 Note; Rahel I, 417 f. Beide führten interessante Gespräche mit einander. Jene Aeußerungen augenblicklichen Mißmuths vermochten auch den günstigen Eindruck, den die berühmte Frau im Ganzen auf den Dichter gemacht hatte, nicht zu verwischen. »Frau v. Staël ist eben hier,« schrieb Schiller am 5. Januar 1804 an seine Schwester Reinwald,« Ungedruckter Originalbrief, durch die Güte des Herrn Oberamtsrichters Rooschüz dem Verfasser mitgetheilt. »und belebt durch ihren geistreichen und interessanten Umgang die ganze Societät. Sie ist in der That ein Phänomen in ihrem Geschlecht, an Geist und Beredtsamkeit mögen ihr wenige Männer gleich kommen, und bei allem dem ist keine Spur von Pedanterei und Dünkel. Sie hat alle Feinheiten, welche der Umgang der großen Welt giebt, und dabei einen seltenen Ernst und Tiefe des Geistes, wie man sonst nur in der Einsamkeit ihn erwirbt.« Gegen den März scheint der fremde Gast, durch welchen Schiller, nach seiner eigenen Versicherung, bei allen Vorzügen ihrer Nation, »in seiner Deutschheit bestärkt worden war, die Residenz Weimar verlassen zu haben. Fast zu gleicher Zeit mit der Staël erschien am Weimaraner Geisterhorizont ein Phänomen, das damals noch lange nicht in seiner Erdnähe angekommen war, aber von den bewaffneten Geistesaugen unsrer beiden Seher sofort in seiner Bahn und Bedeutsamkeit entdeckt und angekündigt wurde. Hegel kam nach Jena. Göthe hatte mit ihm, Fernow und Schelver Ende Novembers 1803 recht angenehme Stunden verlebt und sagt darauf zu Schiller: »Bei Hegeln ist mir der Gedanke gekommen, ob man ihm nicht, durch das Technische der Redekunst, einen großen Vortheil schaffen könnte. Es ist ein ganz vortrefflicher Mensch; aber es steht der Klarheit seiner Aeußerungen gar zu viel entgegen.« Darauf erwiederte Schiller (30. November): »Mit Vergnügen sehe ich, daß Sie mit Hegeln näher bekannt werden. Was ihm fehlt, möchte ihm wohl nun schwerlich gegeben werden können, aber dieser Mangel an Darstellungsgabe ist im Ganzen der deutsche Nationalfehler und compensirt sich, wenigstens einem deutschen Zuhörer gegenüber, durch die deutsche Tugend der Gründlichkeit und des redlichen Ernstes. Suchen Sie doch Hegeln und Fernow einander näher zu bringen; ich denke, es müßte gehen, dem Einen durch den Andern zu helfen. Im Umgang mit Fernow muß Hegel auf eine Lehrmethode denken, um ihm seinen Idealismus zu verständigen, und Fernow muß aus seiner Flachheit herausgehen.« Göthe setzte diesen Vorschlag sofort ins Werk. Auch Rehberg, der Publicist, aus Hannover, kam um diese Zeit durch Weimar; Schiller rühmte seine Achtung vor dem deutschen Wesen und seine Neigung dazu, wußte aber nicht zu sagen, ob er ein Organ habe, die idealistische Denkungsweise aufzunehmen. Thibaut ging zu gleicher Zeit an Schiller vorüber. In Jena sah Göthe den Ankömmling Voß, muß sich aber erst wieder zu ihm und seinem Kreise gewöhnen und seine Ungeduld an Voßens Sanftmuth (?) bezähmen lernen. »Der arme Vermehren (ein Schlegelianer) ist gestorben,« meldet Göthe am 2. December 1803 dem Freund. »Wahrscheinlich lebte er noch, wenn er fortfuhr mittelmäßige Verse zu machen. Die Postexpedition ist ihm tödtlich geworden.« Im Januar 1804 kam auch Johannes v. Müller nach Weimar; es erhellt nicht, ob er Schillern aufgesucht; mit Göthe war er viel zusammen. Seinem Freunde v. Hoven, damals Professor in Würzburg, hatte Schiller den Weg zu einer Professur der Medicin in Jena bahnen wollen, an Himly's Stelle. Aber diese scheint nicht wieder besetzt worden zu seyn. Schiller an Hoven Nr. 10-17. (Hovens Leben S. 380-396). Als die Staël in Weimar kaum eingetroffen und Göthe noch in Jena war, starb Herder, ohne daß Schiller in seinem Briefe vom 18. December an den Freund dieses Todesfalles erwähnte. Daß aber der Tod, wie immer, seine mildernde und versöhnende Gewalt auch über das frühere, doch nicht ohne Leidenschaft gefällte Urtheil ausübte, erhellt aus dem (bisher ungedruckten) Brief an seine Schwester Christophine (vom 5. Jan. 1804): »Hier ist kürzlich auch Herder gestorben, der ein wahrer Verlust nicht nur für uns, sondern für die ganze literarische Welt ist.« Auch der Tod »des guten Herzogs von Meiningen« betrübte ihn nach diesem Briefe herzlich. »Ich hatte ihn in den letzten Zeiten wahrhaft lieb gewonnen, und er verdiente auch als ein guter Mensch Achtung und Liebe... Möge nur der Himmel uns und Allen, die uns lieb sind, Leben und Gesundheit fristen. Es giebt noch allerlei in der Welt zu thun, und ich möchte es wenigstens erleben, meine Kinder so weit gebracht zu sehen, daß sie sich gut durch die Welt helfen können.« So schrieb Schiller sechszehn Monate vor seinem Tode. Es war ihm diesen Winter »leidlich gegangen.« »Aber,« sagt er, »der Winter macht mich immer besorgt, und ich kann mich hier nicht immer so zu Hause halten, wie in Jena.« Wilhelm Teil. 1804. Das erste Gastgeschenk, das Göthe seinem Freunde Schiller, bald nach der Schließung ihres Dichterbundes, gemacht hatte, waren »die Kraniche des Ibykus.« Das zweite, das er ihm, kurz vor der Trennung ihres Bündnisses durch den Tod des jüngeren Genossen, übergab, war der »Wilhelm Tell.« Als Göthe im Spätjahr 1797 sich bei seinem Freunde, Prof. Heinrich Meyer, der von der italienischen Reise zurückkehrte, zu Stäfa, Züricher Kantons, in der Schweiz aufhielt, und ein labyrinthischer Spaziergang von dem unfruchtbaren Gipfel des Gotthardts bis zu den herrlichen Kunstwerken, die Meyer mitgebracht, sie durch eine verwickelte Reihe von interessanten Gegenständen, welche dieses sonderbare Land enthält, hindurchführte, – wir reden mit den Worten Göthe's An Sch. Stäfa 14. Oktober 1797. – hatte sich zwischen allerlei prosaischen Stoffen auch ein poetischer hervorgethan, der diesem großen Meister viel Zutrauen einflößte. »Ich bin fast überzeugt,« sagt er, »daß die Fabel vom Tell sich werde episch behandeln lassen, und es würde dabei, wenn es mir, wie ich vorhabe, gelingt, der sonderbare Fall eintreten, daß das Mährchen durch die Poesie erst zu seiner vollkommenen Wahrheit gelangte, Mit einiger Ueberraschung stößt man hier, im Jahr 1797, auf einen Quell der neuesten philosophischen Begriffsterminologie – bei'm Vater Göthe. Eine andere Phrase hatte Schiller anticipirt, wenn er (S. 508, 5. Januar 1798) findet, daß er »augenscheinlich über sich selbst hinausgegangen sey ,« Ein drittes Schlagwort der Schule, das beliebte Wort » Dignität « ist an derselben Quelle (S. 501 und 504) zu suchen. – Die Tellsfabel s. aus Ideler bei Hinrichs III, 231 f. anstatt daß man sonst, um etwas zu leisten, die Geschichte zur Fabel machen muß. – Das beschränkte, höchst bedeutende Lokal, worauf die Begebenheit spielt, habe ich mir wieder recht genau vergegenwärtigt, so wie ich die Charaktere, Sitten und Gebräuche der Menschen in diesen Gegenden, so gut, als in der kurzen Zeit möglich, beobachtet habe, und es kommt nun auf gut Glück an, ob aus diesem Unternehmen etwas werden kann.« Das leuchtete, für Göthe'n, unsrem Schiller ein. Er fand die Idee sehr glücklich; aus der bedeutenden Enge des gegebenen Stoffs, meinte er, werde da alles geistreiche Leben hervorgehen: »Es wird daran liegen, daß man durch die Macht des Poeten recht sehr beschränkt und in dieser Beschränkung innig und intensiv gerührt und beschäftigt wird. Zugleich öffnet sich aus diesem schönen Stoffe wieder ein Blick in eine gewisse Weite des Menschengeschlechts, wie zwischen hohen Bergen eine Durchsicht in freie Fernen sich aufthut.« Neun Monate später war Göthe bereits mit der Motivirung der ersten Gesänge seines Epos beschäftigt. Er wollte in dem Tell eine Art von Demos vorstellen, und bildete ihn deßhalb als einen kolossal kräftigen Lastträger, rohe Thierfelle und sonstige Waaren durchs Gebirge herüber und hinüber zu tragen sein Leben lang beschäftigt, und, ohne sich weiter um Herrschaft und Knechtschaft zu bekümmern, sein Gewerbe treibend, nur die unmittelbarsten persönlichen Uebel abzuwehren fähig und entschlossen. In diesem Sinne war er den reichen und höhern Landleuten bekannt, und harmlos übrigens auch unter den fremden Bedrängern. Göthe's Landvogt war einer von den behaglichen Tyrannen, welche herz- und rücksichtslos auf ihre Zwecke hindringen, übrigens aber leben und leben lassen, dabei auch humoristisch gelegentlich dieß oder jenes verüben, was entweder gleichgültig wirken, oder auch wohl Nutzen oder Schaden zur Folge haben kann.« Bei Hinrichs III, 285 f. Göthe pflegte aber nicht zu bilden, wenn die Mittel nicht schon bei der Hand waren; und da er über diese erst hätte denken müssen, so blieb der Stoff liegen. Als sie ins neue Jahrhundert längst eingetreten, vertiefte sich Schiller in jene oft genug von dem Freunde ihm geschilderten Felsenwände der Schweiz, und hob, mit Göthe's Bewilligung, den Schatz, wo ihn dieser bezeichnet. »Beide (Schillers dramatischer und Göthe's epischer Tell) konnten recht gut neben einander bestehen. Ich war zufrieden, daß Schiller den Hauptbegriff eines selbstständigen, von den übrigen Verschworenen unabhängigen Tell benutzte. In der Ausführung aber mußte er, der Richtung seines Talents zu Folge, so wie nach den deutschen Theaterbedürfnissen einen ganz andern Weg nehmen, und mir blieb das Episch-ruhig-grandiose noch immer zu Gebot, so wie die sämmtlichen Motive, wo sie sich auch berührten, in beiden Bearbeitungen durchaus eine andere Gestalt annehmen.« Göthe bei Hinrichs III, 290. Diesem Stoffe mußten die angefangenen oder überdachten Stücke, die Maltheser , der falsche Demetrius (1801), der Warbeck (1802), die schon vor der Braut von Messina zurückgetreten waren, sowie die 1803 concipirten »Kinder des Hauses,« ein dramatisches Gemälde der Pariser Polizei unter Ludwig XIV., weichen: denn es drängte Schillern, der Freiheit, der er in den Räubern und im Fiesko sein erstes blutiges Opfer dargebracht, für die er im Don Carlos ihre wärmsten Anhänger bluten lassen, ein heiliges, gerechtes und, bis auf des Wüthrichs verdienten Tod, blutloses Opfer in seinem letzten Lebenstagewerke darzubringen. Aber nur, weil der politische Stoff zugleich hoch poetisch war, entschied er sich für ihn. Es ließ sich freilich denken, daß er die tief realen Gestalten des Göthe'schen Tell nicht, wie sie waren, belassen, sondern in seinen Idealismus übersetzen würde, denn »seine eigentliche Produktivität,« sagt Göthe, »lag im Idealen, und es läßt sich sagen, daß er, hierin so wenig in der deutschen als in einer andern Literatur seines Gleichen hat. Von Lord Byron hat er noch das Meiste. Ich hätte gern gesehen, daß Schiller den Lord Byron erlebt hätte, und da hätt' es mich wundern sollen, was er zu einem so verwandten Geiste würde gesagt haben. Eckermann I, 306. Hier ist nun auch die Stelle für des alten Heroen Grundwerte über unsern Dichter, »Durch Schillers alle Werke,« sprach er zu Eckermann, Ebend. 307 ff. den 18. Januar 1827. »geht die Idee der Freiheit, « Hinrichs verallgemeinert dieß metaphysisch dahin, daß Schiller als der Dichter der Freiheit seine hohe Aufgabe, den Cyclus der Freiheit des (absoluten) Geistes poetisch gestaltet zu haben, von den Räubern bis zum Wilhelm Tell durch alle seine Stücke fortschreitend herrlich gelöst habe. Somit blieb ihm nichts übrig, als zu sterben, was er auch gethan hat. Kurz und auch deutlich zusammengedrängt findet man diesen Gedanken bei jenem Kritiker III, 309-314. und diese Idee nahm eine andre Gestalt an, so wie Schiller in seiner Cultur weiter ging, und selbst ein anderer wurde. In seiner Jugend war es die physische Freiheit, die in seine Dichtungen überging; in seinem spätern Leben die ideelle. Daß nun die physische Freiheit Schillern in seiner Jugend so viel zu schaffen machte, lag zwar theils in der Natur seines Geistes, größerntheils aber schrieb es sich von dem Druck her, den er in der Militärschule hatte leiden müssen. Dann aber, in seinem reifern Leben, wo er der physischen Freiheit genug hatte, ging er zu der ideellen über, und ich möchte fast sagen, daß diese Idee ihn getödtet hat; denn er machte dadurch Anforderungen an seine physische Natur, die für seine Kräfte zu gewaltsam waren.« Daß Schiller jene rohe, physische Freiheit nicht mehr wollte, hatte er längst bewiesen, und man hätte es, ohne jene ängstliche Verwahrung in der Glocke, seinen Werken geglaubt: daß er aber immer noch auch die reale Freiheit, nur auf eine idealische Weise, verlangte, hat er in seinem Tell dargethan. Entzweiung roher Kräfte, blinde Wuth der tobenden Parteien, Unterdrückung der Gerechtigkeit, schamlose Befreiung des Lasters, Entweihung des Heiligen, Lösung des Anker's, an dem die Staaten hängen – mit Einem Worte Revolution galt ihm für etwas Abscheuliches, Unbesingbares: aber ein frommes Volk, das, sich selbst genug, nicht »fremden Gutes begehrt und, menschlich selbst im Zorn« bleibend, nur unwürdig erduldeten Zwang abwirft, das nannte er unsterblich und des Liedes werth, das zeigte er uns in dem Bilde, als in einem Spiegel, vor welchem jede Gewalt Mäßigung lernen kann. Der Tell war von dem Dichter ergriffen worden, als kaum erst die Braut von Messina aus seinem Geiste entlassen war. Im August 1803 nannte er gegen Humboldt den Stoff noch sehr widerstrebend. Als die Vorstellung von Shakspeare's Julius Cäsar einen großen Eindruck auf ihn gemacht hatte, bezog er diesen sogleich auf seinen Wilhelm Teil, und sprach: »mein Schifflein wird auch dadurch gehoben. Es hat mich gleich gestern in die thätigste Stimmung versetzt!« Mit dem Eingang in den Tell war Göthe zufrieden. Während des Aufenthalts der Staël entstand das Grütli, und wurde der erste Akt fertig. »Unter allen den widerstreitenden Zuständen, die sich in diesem Monat häufen,« sagt Schiller (im Januar 1804), »geht doch die Arbeit leidlich vorwärts, und ich habe Hoffnung, mit Ende des kommenden Monats ganz fertig zu seyn.« Ueber den ersten Akt schrieb Göthe sogleich: »Das ist denn freilich kein erster Akt, sondern ein ganzes Stück und zwar ein fürtreffliches, wozu ich von Herzen Glück wünsche und (wovon ich) bald mehr zu sehen hoffe. Meinem ersten Anblick nach ist Alles so recht, und darauf kommt es denn wohl bei Arbeiten, die auf gewisse Effekte berechnet sind, hauptsächlich an.« Dann macht er einige kleine Ausstellungen, namentlich über eine damals von Schiller falsch gefaßte Stelle vom Kuhreigen, und schließt: »Leben Sie recht wohl und fahren Sie fort, uns durch Ihre schöne Thätigkeit wieder ein neues Lebensinteresse zu verschaffen. Gruß und Heil!« (13. Januar 1804.) Mitte Februars war Schiller mit seiner nie stockenden Arbeit dem Ziele nah, und bald übersendet er's dem Freunde, indem er »unter gegenwärtigen Umständen nichts weiter dafür zu thun weiß.« Der Anblick des Stücks hatte Göthe'n sehr vergnügt. Bald waren die Rollen ausgetheilt, und noch vor Ostern 1804 Nicht schon im Februar, wie Fr. v. Wolz. (II, 258) und Döring (2tes Leben S. 249) irrig behaupten. Vergl. den Briefwechsel Sch. u. G. am 17. März wurde das Stück zu Weimar gegeben, aber Schiller war Krankheits halber nicht dabei zugegen. Ueber Rollenvertheilung, Anordnung und Costum höre man Göthe'n , über die Scene mit den barmherzigen Brüdern, an der sich Leute, die selbst über die Luft stolpern, ärgern konnten, lese man Schillern , beide bei Hinrichs III, 289-290. Nach Göthe's Versicherung hat Schiller im Tell die Ueberlieferung sorgfältig studirt und sich alle Mühe mit der Schweiz gegeben. »Im Angesicht von Tells Kapelle, am Ufer des Vierwaldstetten-Sees, unter freiem Himmel, die Alpen zum Hintergrunde,« sagt A. W. Schlegel, der den Tell für das vortrefflichste Stück Schillers hält, »hätte diese herzerhebende, altdeutsche Sitte, Frömmigkeit und biedern Heldenmuth athmende Darstellung verdient, zur halbtausendjährigen Gründung schweizerischer Freiheit aufgeführt zu werden.« Dramaturgie III, 413. Nach Schlegel ist er hier ganz zur Poesie der Geschichte zurückgekehrt, »die Behandlung ist treu, herzlich, und bei Schillers Unbekanntschaft mit der Schweizerischen Natur und Landessitte von bewundernswürdiger örtlicher Wahrheit.« Sitten und Charaktere konnte er zur Noth aus Tschudi und aus Johann v. Müllers Schweizerischen Geschichten studiren, und ein realistischer Dichter hätte vielleicht tiefer aus diesen Quellen geschöpft. Aber woher hat Schiller die Natur, die sich im Tell so abspiegelt, daß Jeder, der jenes Stück früher gelesen hat, wenn er nun die Gegenden sieht, schon einmal im verklärten Traume sie geschaut zu haben meint? Die kann ihm der Genius doch nicht im offenbaren Gesichte gezeigt haben. Wenn uns nicht Alles täuscht, so ist Ebels ältestes Werk, dessen »Schilderung der Gebirgsvölker der Schweiz (1798-1802),« das sehr gründliche Mittheilungen über Natur, Volkssitte, und Sprachidiotismen dieses Landes enthält, und mit seinen spätern Handbüchern wenig gemein hat, sein Wegweiser gewesen. Dieß Buch, obgleich es sich nicht über den Schauplatz des Tell erstreckt und hauptsächlich nur Appenzell und Glarus umfaßt, erscheint als ein im voraus geschriebener Commentar zu der Dichtung. Daß Göthe, wie er bei Eckermann I, 305 sagt, » Alles was in Schillers Tell von Schweizerlokalität ist, ihm erzählt habe ,« ist nicht möglich, und daher nicht wörtlich zu nehmen. Ueber die Fehler des herrlichen Drama's ist man jetzt so einig, wie über seine Schönheiten, vor denen jene mit aller Kritik verschwinden. Die Gestalt des die Tragödie handelnd nur durchschreitenden Helden ist unvergleichlich, und die Nachwelt hat ihn in Eßlair verkörpert gesehen. Das Romanfräulein, die Tiraden Melchthals über das Licht, die Rohheit Tells gegen Parricida, ein apologetischer Mißgriff, zu dem den Dichter Frauenrath verführt haben soll, Göthe bei Eckermann II, 315: 16. März 1831. diese und manche andere Schwächen, wer sieht sie nicht, aber wer sieht sie noch – gegen das Gute, Wahre und Schöne gehalten, das durchs ganze Stück geht? Das Lob des Einzelnen bei Hinrichs III, 299-303, und der Tadel 303-307. Göthe kommt ins Feuer, wenn er zu Eckermann spricht: Eckerm. I, 196 ff. 18. Jan. 1825. »Schillers Augen waren sanft, alles Uebrige an ihm war stolz und großartig. Und wie sein Körper, war sein Talent. Er griff in einen großen Gegenstand kühn hinein, und betrachtete und wendete ihn hin und her, und handhabte ihn so und so. Er sah seinen Gegenstand gleichsam nur von außen an, eine stille Entwicklung aus dem Innern war nicht seine Sache. Sein Talent war mehr desultorisch. Deßhalb war er auch nie entschieden, und konnte nie fertig werden. Er wechselte oft noch eine Rolle kurz vor der Probe. Und wie er überall kühn zu Werke ging, so war er auch nicht für vieles Motiviren. Ich weiß, was ich mit ihm bei'm Tell für Noth hatte, wo er geradezu den Geßler einen Apfel vom Baum brechen und vom Kopf des Knaben schießen lassen wollte. Dieß war nun ganz gegen meine Natur und ich überredete ihn, diese Grausamkeit doch wenigstens dadurch zu motiviren, daß er Tells Knaben mit der Geschicklichkeit seines Vaters gegen den Landvogt groß thun lasse, indem er sagt, daß er wohl auf hundert Schritte einen Apfel vom Baum schieße. Schiller wollte anfänglich nicht daran, aber er gab doch endlich meinen Vorstellungen und Bitten nach, und machte es so, wie ich's gerathen. – Daß ich dagegen oft zu viel motivirte, entfernte meine Stücke vom Theater, Schillers Talent war recht fürs Theater geschaffen. Mit jedem Stück schritt er vor und ward vollendeter. – Er war ein prächtiger Mensch, und bei vollen Kräften ist er von uns gegangen.« Schillers letztes Lebensjahr. 1804 bis 1805. Schiller, der sein neuestes Drama noch nicht gesehen hatte, reiste im Frühjahr 1804 nach Berlin. Hier hatte Iffland das Stück politisch bedenklich gefunden, und es dem Cabinet zur Einsicht überliefert. Es wurde aber mit großem Beifall aufgenommen, und in acht Tagen dreimal gegeben. »Der Apfel,« schrieb Zelter an Göthe, »schmeckt uns nicht schlecht, und die Casse verspricht sich einen guten Handel.« Sonst lobte er die Aufführung nicht besonders; es ginge so langsam, daß er fürchtete, sie kämen gar nicht damit zu Stande. Iffland war der Einzige, der wirklich schön spielte. Hinr. III, 290. Dieser empfing Schillern mit alter, warmer Freundschaft, und that Alles, um den Schöpfungen seines Freundes in der Darstellung die möglichste Vollkommenheit zu geben. Auch der Wallenstein wurde aufgeführt, und Schiller bewunderte, besonders in den weichen, ahnungsvollen Stellen, Ifflands Spiel. Fleck, der für den Wallenstein geschaffen schien, war leider schon todt. In der jungen Militärwelt regte sich bei dem Stück eine Begeisterung, die ihre Früchte erst später trug. Das hohe Königspaar zeigte warmen Antheil, und die Königin Louise, die sich den Dichter vorstellen ließ, deutete freundlich an, daß sie es gerne sehen würde, wenn Schiller sich an Berlin fesseln würde. Es wurden ihm wirklich von dem preußischen Gouvernement großmüthige Anerbietungen gemacht, die den König und den Dichter gleich ehrten. Es ward ihm ein Jahrgehalt von mehrern Tausend Thalern, ein Platz in der Akademie, und der Gebrauch einer Hofequipage angeboten. Das Nähere seiner Weigerung s. bei Fr. v. Wolz. II, 263 f. wo wir auch erfahren, daß Schiller fortwährend vom Fürsten Primas edelmüthig unterstützt wurde. Aber Schiller konnte sich nicht entschließen. In Berlin drängte sich ihm eine große, mannichfaltige Weltanschauung auf, und er betrachtete die Bildungsstufe, auf welche der große Friedrich sein Volk gehoben, als dessen schönstes Monument. Das Bedeutende aus allen Cirkeln kam dem Dichter mit Antheil und Wohlwollen entgegen, besonders erfreute er sich der Bekanntschaft des genialen Prinzen Louis, den uns Rahel in seinem vollen, so früh fürs Vaterland in unglücklicher Schlacht vergeudeten Leben geschildert hat. Auch öffentliche Triumphe, im Theater und auf der Straße, feierte Schiller hier. Varnhagens Denkwürdigkeiten II, 63. Er selbst nahm dieß Alles mit dem gewohnten, stillen Sinne auf; aber es ward ihm dadurch ein lebendiges Gefühl seiner schaffenden Kraft. Nach Weimar zurückgekommen, machte der bescheidene Mann, nach dem Maßstabe der dortigen Verhältnisse, keine weiteren Ansprüche. Aber der Herzog, im edeln Stolz, ein so ausgezeichnetes Talent sich zu erhalten, that aus eigener Bewegung, was möglich war, um Schillern eine sorgenfreie Zukunft zu versichern. Die Niederkunft seiner Gattin führte ihn im Juli 1804 nach Jena, da sie zu ihrem alten Hausarzt Starke ein ausschließliches Vertrauen hegte. Eine Spazierfahrt durch das freundliche Dornburger Thal zog ihm eine Erkältung zu, und während die Entbindung seiner Frau von einer gesunden Tochter Emilie von Schiller, an den Baron von Gleichen, den ältesten Sohn des liebenswürdigen Hausfreundes der Lengefeld'schen Familie verheiratet, und auf dessen Gute Bonnland in Baiern lebend im untern Zimmer leicht und glücklich erfolgte, litt er im obern die bittersten Qualen an einer Unterleibsentzündung. »Ich habe,« schreibt er nach Weimar an Göthe den 3. Aug., »freilich einen harten Anfall ausgestanden, und es hätte leicht schlimm werden können, aber die Gefahr wurde glücklich abgewendet; alles geht nun wieder besser, wenn mich nur die unerträgliche Hitze zu Kräften kommen ließe. Eine plötzliche große Nervenschwächung in solch einer Jahreszeit ist in der That fast ertödtend, und ich spüre seit den acht Tagen, daß mein Uebel sich gelegt, kaum einen Zuwachs von Kräften, obgleich der Kopf ziemlich hell und der Appetit wieder ganz hergestellt ist.« Alle Jahre projektirte Schiller eine Reise nach Franken, die aber nie ausgeführt wurde. Bei dieser Gelegenheit hoffte er auch vergebens, seine Schwester Louise, die Pfarrerin in Cleversulzbach, in ihrer Kinderstube einmal zu überraschen, und ihnen von seinen »kleinen Närrchen« zu erzählen oder sie gar zu bringen. Inzwischen wurde der Schwager auf die Stadtpfarrei Möckmühl befördert, ein Ereigniß, an dem der treue Bruder noch sechs Wochen vor seinem Tode den innigsten Antheil nahm. »Ja wohl ist es eine lange Zeit, gute, liebe Louise, daß ich dir nicht geschrieben habe,« sagt er am 27. März 1805, »aber nicht vor Zerstreuungen habe ich dich vergessen, sondern weil ich in dieser Zeit so viel harte Krankheiten ausgestanden, die mich ganz aus meiner Ordnung gebracht haben. Viele Monate hatte ich allen Muth, alle Heiterkeit verloren, allen Glauben an meine Genesung aufgegeben. In einer solchen Stimmung theilt man sich nicht gerne mit, und nachher, da ich mich wieder besser fühlte, befand ich mich meines langen Stillschweigens wegen in Verlegenheit, und so wurde es immer aufgeschoben. Aber nun, da ich durch deine schwesterliche Liebe wieder aufgemuntert worden, knüpfe ich mit Freuden den Faden wieder an, und er soll, so Gott will, nicht wieder abgerissen werden... Wie betrübt es mich, liebe Schwester, daß deine Gesundheit so viel gelitten hat, und daß es dir mit deiner Niederkunft wieder so unglücklich gegangen. Vielleicht erlauben dir eure jetzigen Verhältnisse, diesen Sommer ein stärkendes Bad zu gebrauchen... Sorge ja recht für deine Wiedergenesung... Auch deiner Kinder wegen wünschen wir euch zu dem neuen Aufenthalt Glück. Auf dem Lande muß es gar schwer seyn, die Kinder für eine bessere Bestimmung zu erziehen, da es sowohl an Lehrern als an einer schicklichen Gesellschaft fehlt. – Von unserer Familie wird dir meine Frau weitläufiger schreiben. Unsre Kinder haben diesen Winter alle die Windblattern gehabt, und die kleine Emilie hat viel dabei ausgestanden. Gottlob, jetzt steht es wieder ganz gut bei uns, und auch meine Gesundheit fängt wieder an, sich zu befestigen . Ach! er verwechselte die immer blühendere Gesundheit seines Geistes mit der leiblichen! Tausendmal umarme ich dich, liebe Schwester, und auch den lieben Schwager, den ich näher zu kennen von Herzen wünschte. Küsse deine Kinder in meinem Namen. Möge euch Alles recht glücklich von Statten gehen, und recht viel Freude zu Theil werden. Wie würden unsere lieben Eltern sich eures Glückes gefreut haben, und besonders die liebe Mutter, wenn sie es noch hätten erleben können. Adieu, liebe Louise. Von ganzer Seele dein treuer Bruder Schiller .« Bei Boas II, 487-490. So hatte die große Seele bei allen Sorgen des Genius noch Raum für die kleinsten Sorgen der Geschwisterliebe. Während sein Körper hinwelkte, trug sein Dichtergeist fortwährend Blüthen, und neue Knospen wollten ansetzen. Im J. 1804 entstand von lyrischen Gedichten das »Berglied,« »der Alpenjäger,« »Wilhelm Tell;« von dramatischen »die Huldigung der Künste,« auf Göthe's freundliches Dringen zum Empfange der liebenswürdigen jungen Erbprinzessin, der Großfürstin von Rußland, in wenigen Tagen geschrieben. Dieser Prolog brachte im Theater die edelste Rührung hervor. Die Erbprinzessin weinte vor Wehmuth und Freude. H. Voß, S. 29 f. Dann ging er an den falschen russischen Demetrius, von dem schon 1801 die Rede war. Am 12. Juli 1801 spricht Göthe von Schillers unterschobenem Prinzen. – Oder sollte Warbeck damit gemeint seyn? Ueber den Demetrius s. auch Boas III, 45. Der letzte Winter. Innres Leben des Dichters. 1805. Schillers physische Kräfte hatten seit dem Krankheitsanfall in Jena sichtlich abgenommen: seine Gesichtsfarbe war verändert und fiel ins Graue, so daß er die Schwägerin, die dieß erzählt, oft erschreckte. »Leider gehts uns Allen schlecht,« schreibt Schiller aus seinem Hause als einem Lazareth an Göthe (14. Januar 1805), »und der ist noch am besten dran, der (wie ich) durch die Noth gezwungen, sich mit dem Kranksein nach und nach hat vertragen können. Ich bin recht froh, daß ich den Entschluß gefaßt und ausgeführt habe, mich mit einer Uebersetzung (Racine's Phädra) zu beschäftigen. So ist doch aus diesen Tagen des Elends wenigstens etwas entsprungen, und ich habe indessen doch gelebt und gehandelt. Nun werde ich die nächsten acht Tage dran wagen, ob ich mich zu meinem Demetrius in die gehörige Stimmung setzen kann, woran ich freilich zweifle. Gelingt es nicht, so werde ich eine neue, halbmechanische Arbeit hervorsuchen müssen.« So vom zerrüttenden Gewühle des bittern Schmerzens, wie die Muse seines Freundes singt, kaum wieder aufblickend, arbeitete er mit keuschem Künstlersinn an seiner Aufgabe fort. Mit den Seinigen ward oft von ihm über den Demetrius gesprochen; den Plan hatte er entworfen, und jetzt begann er wirklich die Bearbeitung der einzelnen Scenen. Die Verbindung der herzoglichen Familie von Sachsenweimar mit dem russischen Kaiserhause war natürlich manchesmal der Gegenstand der häuslichen Gespräche. Da sagte er denn eines Abends, von seinem Demetrius feiernd: »Ich hätte eine sehr passende Gelegenheit, in der Person des jungen Romanow, der eine edle Rolle spielt, der Kaiserfamilie viel Schönes zu sagen –« dann schwieg er. Am folgenden Tage den Gedanken wieder aufnehmend, sprach er: »Nein, ich thue es nicht; die Dichtung muß ganz rein bleiben.« Der Plan des Demetrius, wie er jetzt ist, kann überladen genannt werden. Schiller hätte ihn ohne Zweifel vielfach modifizirt. Von den fertigen Scenen ist die Klosterscene und Marfa's Monolog das schönste; von den schon auftretenden Charakteren versprachen nächst Marfa Demetrius und Marina das meiste. Im Ganzen erscheint die Anlage des »Warbeck« anziehender, lichter und origineller. Von den »Kindern des Hauses« existiren, wie von den Malthesern, zwei Plane. Das Stück wäre dem Objekte nach ein Rückschritt Schillers gewesen. Göthe hatte inzwischen die drei ersten Akte der Phädra mit vielem Antheil gelesen, und die beste Hoffnung davon; er fand die Diction vorzüglich gut gerathen, und corrigirte nur hier und da einen Hiatus oder verwandelte zwei kurze Sylben in einen Jambus. Schon lange hatte er, selbst unwohl, dem Dichter »Wohlseyn und Stimmung« gewünscht. Ein paar Zeilen von Göthe vermochten unsern verzagenden Freund aufzurichten, und seinen Glauben zu beleben, »daß die alten Zeiten zurückkommen können.« 1805. Aber das Pochen des Todes wurde zu laut. »Die zwei harten Stöße, die ich nun in einem Zeitraum von fünf Monaten auszustehen gehabt,« heißt es in einem Billet vom 22. Februar, »haben mich bis auf die Wurzeln erschüttert, und ich werde Mühe haben, mich zu erholen. Zwar mein jetziger Anfall scheint nur die allgemeine epidemische Ursache gehabt zu haben, aber das Fieber war so stark, und hat mich in einem schon so geschwächten Zustand überfallen, daß mir eben so zu Muthe ist, als wenn ich aus der schwersten Krankheit erstünde; und besonders habe ich Mühe, eine gewisse Muthlosigkeit zu bekämpfen, die das schlimmste Uebel in meinen Umständen ist.« In diesen trüben Tagen erheiterte ihn von Aussen ein poetischer Sonnenblick, aus der Dialektspoesie des Schwaben, Hebels zu Carlsruhe, und des Franken, Grübels zu Nürnberg. An Göthe V, S. 306, ohne Datum. Wenn sich der Wind legte, wollte er sogar wagen, das Haus zu verlassen und den Freund zu besuchen. Schon bereitete sich die große Reise vor, die alle Lebenden erwartet, als ihn die Reiselust der frühesten Jugend wieder anwandelte. Er gedachte das Meer zu schauen, und suchte in Gedanken den kürzesten Weg; das liebe, kleine, grüne Thal von Bauerbach in seiner Waldumgebung lag ihm freundlich vor der Phantasie, auch das wünschte er schon lange wieder zu sehen; endlich, wie Virgil zuletzt noch den Schauplatz seiner nationalen Dichtung besuchte, so fühlte auch er, im letzten Frühlinge seines Lebens, ein oft wiederkehrendes Verlangen, die Heimath Tells mit seiner Schilderung zu vergleichen. Dahin richteten sich nun auch die Plane der Seinigen. Er hörte sie an, aber sagte mehrmals: »Alle Projekte, die ihr für mich macht, laßt nur nicht über zwei Jahre sich hinauserstrecken! Fr. v. Wolz. II, 269 ff. So wenig verließ ihn die Ahnung eines kurzen Lebens. Dieser Frühling machte ihm auch Herders »Ideen zur Geschichte der Menschheit,« die ihm früher nicht lebendig geworden waren, lieb. »Ich weiß nicht, wie es mir ist,« sagte er zur Schwägerin, »dieß Buch spricht mich jetzt auf eine ganz neue Weise an!« Immer inniger wurde die Ehrfurcht, mit welcher ihn gegen das Ende seines Lebens auf der einen Seite die unendliche Tiefe der Natur, auf der andern die welthistorische Wirkung der Lehre Christi, und die reine, heilige Gestalt ihres Stifters erfüllte. Ebendas. II, 306 Einmal, als er die Schwägerin im Livius lesen sah, bemerkte er: »da der Glanz und die Hoheit des Lebens, die nur in der Freiheit der Menschen erblühen konnten, untergegangen war, so mußte nothwendig Neues entstehen. Das Christenthum hat die Geistigkeit des Daseyns erhöht, und der Menschheit ein neues Gepräge aufgedrückt, indem es der Seele eine höhere Aussicht eröffnet .« Schiller hätte nicht so sprechen können, wenn er, am Ziele seines Lebens – wie er dieses voraus empfand – jene Aussicht für eine Täuschung gehalten hätte. »Der Sinn des Wahren lebte in ihm,« nach der Versicherung seiner Geistesvertrauten, Zuschrift der Frau v. Wolz. an den Verf. dieser Lebensbeschreibung, vom 25. Jenner 1840. »immer wieder auf, wie auch der Genius im Gestalten und Bilden sich verirren und verlieren konnte. Er hatte Worte der Herzensdemuth, der wahren Religion; von Liebe, von Gott sprach er nur in den reinsten Momenten. Glauben sollen kann man ja keinem Denkenden zumuthen – Glauben finden war ihm immer wohlthätig. Beispiele immediater Gotteshülfe in unverschuldeter Noth erkannte er mit Rührung; die Lehre des Erlösers ehrte er immer als höchsten Ausspruch in der Menschheit. Ja, der Ruf des Herrn drang an sein Herz.« Hier erinnern wir auch an jenes ältere Wort Schillers (in der Abhandlung über Anmuth und Würde, Einbändige Ausg. S, 1160, a) : »Majestät hat nur das Heilige. Kann ein Mensch uns dieses repräsentiren, so hat er Majestät, und wenn auch unsre Knie nicht nachfolgen, so wird doch unser Geist vor ihm niederfallen. Aber er richtet sich schnell wieder auf, so bald nur die kleinste Spur menschlicher Schuld an dem Gegenstand seiner Anbetung sichtbar wird. – Wer mir in seiner Person den reinen Willen darstellt, vor dem werde ich mich, wenns möglich ist, auch noch in künftigen Welten beugen.« Einer der spätesten und lichtesten Aussprüche des großen Geistes über seine Poesie und Philosophie ist in dem letzten Briefe an Wilhelm von Humboldt enthalten, der am 2. April 1805 geschrieben ward. »Noch hoffe ich,« heißt es hier, »in meinem poetischen Streben keinen Rückschritt gethan zu haben; einen Seitenschritt vielleicht, indem es mir begegnet seyn kann, den materiellen Forderungen der Welt und der Zeit etwas eingeräumt zu haben. Die Werke des dramatischen Dichters werden schneller als alle andern von dem Zeitenstrom ergriffen, er kommt, selbst wider Willen, mit der großen Masse in eine vielseitige Berührung, bei der man nicht immer rein bleibt. Anfangs gefällt es, den Herrscher zu machen über die Gemüther, aber welchem Herrscher begegnet es nicht, daß er auch wieder der Diener seiner Diener wird, um seine Herrschaft zu behaupten; und so kann es leicht geschehen, daß ich, indem ich die deutschen Bühnen mit dem Geräusch meiner Stücke erfüllte, auch von den deutschen Bühnen etwas angenommen habe.« Und von der Philosophie sagt er: »die speculative Philosophie, wenn sie mich je gehabt hat, hat mich durch ihre hohle Formeln verscheucht, ich habe auf diesem kahlen Gefilde keine lebendige Quelle und keine Nahrung für mich gefunden; aber die tiefen Grundideen der Idealphilosophie bleiben ein ewiger Schatz, und schon allein um ihretwillen muß man sich glücklich preisen, in dieser Zeit gelebt zu haben.« Dann wirft er auf den Zustand der poetischen Literatur einen Blick. Sein Widerwille gegen die romantische Schule läßt ihn hier alles schwärzer sehen, und er seufzt: »Um die poetische Produktion in Deutschland sieht es kläglich aus, und man sieht wirklich nicht, wo eine Literatur für die nächsten dreißig Jahre herkommen soll. Auch nicht ein einziges neues Produkt der Poesie weiß ich Ihnen seit langer Zeit zu nennen, was einen neuen Namen an der Spitze trüge, und was einem Freude machte. Dagegen regt sich die unselige Nachahmungssucht der Deutschen mehr als jemals, eine Nachahmung, die bloß in einem identischen Wiederbringen und Verschlechtern des Urbilds besteht. Solche Nachahmungen hat auch mein Wallenstein und meine Braut von Messina vielfach hervorgebracht, aber man ist auch nicht einen Schritt weiter gefördert.« Schillers letztes Billet an Göthe ist vom 24. April 1805 und schließt mit dem Abschiedsworte: »Leben Sie recht wohl und immer besser!« Die zu Ende gehenden Lebenstage des edeln Dichters heiterte nicht wenig die Liebe auf, mit welcher sich Heinrich Voß, der auch zu kurzem Erdenleben bestimmte Sohn des lange lebenden Johann Heinrich, ihm näherte und mit kindlicher Innigkeit widmete. Der junge Mann, damals 25 Jahre alt, war im Sommer 1804 von Jena herüber gekommen, und bald täglich bei Göthe und Schiller. Seine Mitteilungen aus dieser letzten Zeit des Dichters sind von unschätzbarem Werthe. Mitteilungen über Göthe und Schiller in Briefen von Heinrich Voß, herausgegeben von Abraham Voß. Heidelb. Winter 1834. Er schildert uns jeden Sonnenblick von Lust, den er an dem geliebten Meister bemerkt. »Schiller war,« schreibt er nach der Krankheit des Dichters, am 22. August 1804, »eine Zeit lang unwohl; aber seit vorgestern erholt er sich sichtbar. Gestern besuchte ich ihn, und blieb auf seine Bitte zum Abendessen; da war er kindlich froh und heiter. Es ist eine Freude, den Mann von seinem Leben erzählen zu hören, besonders, wenn er in seine komische Laune fällt. Da hat er etwas gar Anmuthiges in seiner Miene; ich möchte es ein ernsthaftes Lachen nennen, welches seine majestätische Physiognomie von dem zu großen Ernste etwas herabstimmt und mildert. Der Mann ist ganz Wohlwollen, seine ruhige heitere Seele ist für Alles empfänglich, was einem Herzen nur wohlthun kann; er sagt ja in einem Gedichte: alle Menschen sollen leben – und das ist die fortdauernde Stimmung seines Gefühls: Liebe und Hingebung für jedes mitfühlende Wesen. Ich halte den Dichter Schiller sehr hoch, aber den Menschen viel höher, und die meisten Male, wenn ich bei ihm bin, denke ich nicht an den durch Talente, sondern durch Liebenswürdigkeit ausgezeichneten Menschen.« Zu Göthe war seine Ehrfurcht größer, zu Schiller die Liebe gränzenlos. Oft fand er ihn ausserordentlich heiter, und vor Weihnachten 1804 war er auf der Redoute mit Schiller, Riemer und andern Freunden bei einigen Flaschen Champagners »überaus selig,« Schiller war da in der Verfassung, »in welcher er das Lied von der Freude gedichtet haben muß.« Wirklich ist »sein Hauptcharakter Liebe und Wohlwollen gegen alle Wesen, die er an sein Herz drücken möchte.« Am andern Tag, in der Loge, versprach er die Gesellschaft in seinem Hause zu bewirthen. »Aber unter uns wollen wir seyn, damit wir nicht gestört werden,« fügte er mit schalkhafter Miene auf Frau und Schwägerin leise hinzu. 1805. Doch nicht nur in den Momenten der geselligen Lust war der gute Voß Schillers Gefährte, auch in den Leidenstagen wich er nicht von seiner Seite, und gegen Ende Januars 1805, als Göthe und Schiller zugleich krank waren, wachte er zwei Nächte bei Göthe und zwölf bei Schiller. »Göthe ist ein etwas ungestümer Kranker,« erzählte er, »Schiller aber die Sanftheit und Milde selber. Wie litt der Mann, als ich zum erstenmal bei ihm wachte, und wie männlich und heiter ertrug er es! Bis um 12 Uhr blieb die Frau auf. Da wurde Schiller unruhig und bat sie hinunterzugehen, um sich Ruhe zu gestatten. Als sie noch etwas zögerte, bat er dringender, und was mich anfangs bei ihm befremdete, mit heftigem Ungestüm. Kaum war die Frau die Treppe hinunter, da sank Schiller mir bewußtlos in die Arme. Aus Schonung für die Frau hatte er sich Gewalt angethan. Auch an den folgenden Tagen, wo er noch an heftigen Schmerzen in den Eingeweiden litt, war er jedesmal getröstet, wenn eines von seinen Kindern kam, besonders wenn ihm sein jüngstes, sechsmonatliches, gebracht wurde, welches er dann mit einer Innigkeit, die sich nicht beschreiben läßt, anblickte. Und so hat er mir während seiner Krankheit gesagt, was er so gerne gesteht, daß er nur seiner Kinder wegen, die nicht vaterlos seyn dürften, zu leben wünsche.« Die weitere Geschichte dieser Krankheit siehe bei Voß S. 45-49. Letzte Krankheit und Tod. Dieser Abschnitt und der folgende gründen sich auf eine von uns versuchte Harmonie zwischen den Nachrichten von Göthe, Fr. v. Wolzogen, Voß, dem Verf. der Skizze, v. Froriep, Carlyle und Döring. Es finden sich selbst bei den Augenzeugen namhafte Differenzen, und dem scharfsinnigen Zweifel eines künftigen Jahrtausends bleibt unbenommen, nach Einsicht der Akten das Urtheil zu fällen, daß der ganze Hergang wohl eine Mythe seyn dürfte, und Schiller, wenn er überhaupt gelebt habe, zwar auch gestorben sey, und begraben worden, man aber durchaus nicht bestimmen könne, wie . 1805. Auch gegen seine Schwägerin hatte Schiller auf dem letzten Spaziergange, den er mit ihr durch den Park von Weimar machte, geäußert: »Wenn ich nur noch so viel für die Kinder zurücklegen kann, daß sie vor Abhängigkeit geschützt sind; denn der Gedanke an eine solche ist mir unerträglich!« Zugleich war ihm sehr viel daran gelegen, daß seine Söhne etwas lernten. Den Unterricht und ihre Fortschritte beobachtete er genau, und machte nach eines jeden Eigenthümlichkeit für ihre künftige Existenz Pläne, deren Genehmigung er der Vorsehung überlassen mußte. An Humboldt hatte er am 2. April geschrieben: »Daß ich Anträge gehabt, mich in Berlin zu fixiren, wissen Sie, und auch, daß mich der Herzog von Weimar in die Umstände gesetzt hat, mit Aisance hier zu bleiben. Da ich nun auch für meine dramatischen Schriften mit Cotta und mit den Theatern gute Akkorde gemacht, so bin ich in den Stand gesetzt, etwas für meine Kinder zu erwerben, und ich darf hoffen, wenn ich nur bis in mein fünfzigstes Jahr so fortfahre, ihnen die nöthige Unabhängigkeit zu verschaffen. Sie sehen, daß ich Sie ordentlich wie ein Hausvater unterhalte, aber ein solches Häuflein von Kindern, als ich um mich habe, kann einen wohl zum Nachdenken bringen.« Mittwoch den ersten Mai kündigte sich die letzte Krankheit Schillers als ein Katarrhfieber an, wie man solche bei ihm schon gewohnt war. Er selbst fühlte sich nicht bedenklicher krank, als sonst, empfing Freunde, ließ sich gern unterhalten. Cotta's Besuch auf dessen Durchreise nach Leipzig erfreute ihn, aber die Geschäfte wurden bis auf seine Rückkunft verschoben. Er schien im Januar kränker gewesen zu seyn. Damals hatte er sich wieder ganz erholt, wurde kindlich fröhlich, zählte die Bissen, die er aß, freute sich, daß er wieder so kräftig speisen könne, ließ die kleine Karoline in der Kaffeestunde »schmarotzen,« nahm den Säugling Emilie auf den Arm, küßte sie, und sah sie mit einem Blicke voll verschlingender Innigkeit an, recht als wenn er sein unendliches Glück im Besitz dieses holden Kindes zu Ende denken wollte. Er fuhr wieder fröhlich spazieren, ahnte an den noch unbelaubten Bäumen den Frühling, machte Reisepläne ans adriatische Meer – nach Cuxhafen – zu den gastfreien Dithmarsen. Zwölf Tage vor seinem Tode war er noch bei Hofe gewesen. »Ich half ihn schmücken,« sagt Voß, »und freute mich seines gesunden Aussehens und seiner stattlichen Figur im grünen Gallakleide.« So schien alles berechtigt, wieder zu hoffen. Zwei Tage darnach war er zum letztenmal im Schauspiele, »das ihm noch glücklich ein holdes Lächeln abgewann.« Als am Schlusse des Stückes Voß, seiner Gewohnheit gemäß, in seine Loge hinaufging, um ihn nach Hause zu führen, hatte er ein heftiges Fieber, daß ihm die Zähne klapperten. So wie er nach Hause kam, wurde ein Punsch gemacht, durch den er sich zu erholen pflegte. Aber am folgenden Morgen lag er zwischen Schlafen und Wachen auf dem Sopha ausgestreckt, und rief dem jungen Freunde mit hohler Stimme entgegen: »da liege ich wieder!« Seine Kinder kamen und küßten ihn. Er bewies keine Theilnahme, äußerte kein Zeichen des väterlichen Dankes. Der gute Voß erbot sich wieder zu Nachtwachen; doch blieb Schiller lieber allein mit seinem treuen Diener, und den Tag über hatte er Frau und Schwägerin am liebsten um sich. Am meisten schmerzte ihn die Unterbrechung des Demetrius, und den Monolog der Marfa fand Herr von Wolzogen, der erst nach Schillers Tode von Leipzig und der Großfürstin zurück kam, auf seinem Schreibtisch. Es waren wahrscheinlich die letzten Zeilen, die er geschrieben. Starke, sein Jenenser Hausarzt, war mit den Herrschaften in Leipzig. Schiller beruhigte aber die Aengstlichkeit der Seinigen mit der Versicherung, daß er durchaus nach dessen Methode behandelt werde. Bis zum sechsten Tage blieb sein Kopf ganz frei; er sann über seine Krankheit nach und glaubte eine Methode gefunden zu haben, die seinen Zustand verbessern müsse. An Anstalten für die Zukunft der Seinen, wenn er nicht mehr da wäre, dachte er nicht. Am sechsten Mai, Montag Abends, fing er an, oft abgebrochen zu sprechen, doch nie besinnungslos. Sein Blick auf die Gegenwart war klar, nur Heterogenes mußte entfernt werden. »Thut es doch gleich hinaus,« sagte er von einem Blatte des Freimüthigen, »daß ich mit Wahrheit sagen kann, ich habe es nie gesehen. Gebt mir Mährchen und Rittergeschichten, da liegt doch der Stoff zu allem Großen und Schönen!« Aber er konnte das Vorlesen nicht mehr ertragen. An diesem Tag etwa besuchte ihn Voß wieder. Die Augen lagen tief im Kopfe; jede Nerve zuckte krampfartig. Das Mädchen brachte Citronen herein. Er griff hastig nach einer, legte sie aber gleich mit matter Hand wieder hin. Von da an stellten sich Fieberphantasien andauernd ein. Er soll viel von Soldaten und Kriegsgetümmel phantasirt haben, Andere setzen diese Phantasie erst am Donnerstag, z.B. Skizze S. 57. als zeigten ihm seine Träume prophetisch die Schrecken, die Weimar das Jahr darauf, nach der Schlacht bei Jena, von der französischen Plünderung auszustehen hatte. Diese Scenen findet man berührt von Heinr. Voß S. 77 ff. und lebendig erzählt von einem Augenzeugen, von Reinbeck, in seinen Reiseplaudereien II, 19-60. Auch der Name Lichtenbergs , in dem er noch nicht lange gelesen hatte, oder Leuchtenburgs , einer schönen Veste, die er längst besuchen wollte, kam ihm öfters auf die Lippen. Am Abende des siebenten Tages wollte er mit der Schwägerin wie gewöhnlich ein Gespräch anknüpfen, über Stoffe zu Tragödien, über die Art, wie man die höhern Kräfte im Menschen erregen müsse. Sie antwortete zögernd, um ihn ruhig zu erhalten. Er fühlte es, und sagte: »Nun, wenn mich Niemand mehr versteht, und ich mich selbst nicht mehr verstehe, so will ich lieber schweigen.« Vor kurzem hatte er ein Gespräch über den Tod mit den nachdenklichen Worten beschlossen: »Der Tod kann kein Uebel seyn, weil er etwas Allgemeines ist.« Auch jetzt schien ihn der Gedanke an die Ewigkeit zu beschäftigen; vor dem Erwachen aus einem Schlummer rief er: »Ist das eure Hölle, ist das euer Himmel?« dann sah er sanft lächelnd in die Höhe, als begrüßte ihn eine tröstende Erscheinung. Damals vielleicht sagte er: »Jetzt ist mir das Leben so klar; so vieles hell und erklärt!« Skizze, S. 58. Carlyle S. 281. Aber was dieser (mit der Skizze S. 57 und 59) vom Abschiednehmen und von letzten Verordnungen Schillers sagt, wäre von den Augenzeugen seines Todes gewiß nicht verschwiegen worden. Er aß etwas Suppe und sprach zu der Abschied nehmenden Freundin: »Ich denke diese Nacht gut zu schlafen, wenn es Gottes Wille ist.« Der Diener, der die Nächte bei ihm zubrachte, sagte, daß er viel aus Demetrius recitirt; einigemal hab' er auch Gott angerufen , ihn vor einem langsamen Hinsterben zu bewahren. Der Morgen des achten Mai war ruhig. Aus dem Schlummer erwacht, verlangte er nach seinem jüngsten Kinde. Es wurde gebracht; er wandte sich mit dem Kopf um, faßte es bei der Hand und sah ihm mit unaussprechlicher Wehmuth ins Gesicht. Dann fing er an, bitterlich zu weinen, steckte den Kopf ins Kissen und winkte, daß man das Kind wegbringen sollte. Als die Schwägerin gegen Abend kam, vor sein Bett trat und fragte, wie es gehe, drückte er ihr die Hand und sagte: »Immer besser, immer heiterer,« und sie fühlte, daß er es in Bezug auf seinen innern Zustand sprach. Er verlangte in die Sonne zu sehen, der Vorhang wurde geöffnet; mit heiterem Blicke schaute er in den schönen Abendstrahl, und die Natur empfing seinen Scheidegruß. Unter dem gleichen Verlangen war 106 Jahre früher auch ein deutscher Dichter im gleichen Alter mit Schiller gestorben. Der Freiherr von Canitz, zu Berlin an der Brustwassersucht im 45sten Lebensjahre erkrankt, hatte ein bejahrtes Fräulein, eine Verwandte seiner zweiten Frau, bei sich zur Wartung. Diese bat er Freitags den 11. August 1699 mit anbrechendem Tage, nachdem er sich vorher ganz hatte ankleiden lassen, daß sie ihn, damit er frische Luft schöpfen könnte, ans Fenster führen möchte. Er öffnete es, betrachtete die eben aufgehende Sonne mit unverwandten und freudigen Augen und rief: »Ey, wenn das Anschauen dieses irdischen Geschöpfes so schön und erquickend ist, wie viel mehr wird mich der Anblick der unaussprechlichen Herrlichkeit des Schöpfers selbst entzücken!« Mit diesen Worten sank er, vom Steck- und Schlagflusse befallen, dem ihn aufhaltenden Fräulein todt in die Arme. Canitz Gedichte nebst dessen Leben von J. A. König. Leipz. u. Verl. 1727. S. CLXX. Noch in der letzten Nacht saß er aufrecht im Bett und sprach mit großer Kraft, besonders über die bevorstehende Reise seiner Frau ins Bad. Am neunten Mai, Donnerstag Morgens, trat Besinnungslosigkeit ein; er sprach unzusammenhängende Worte, meist in Latein. Ein verordnetes Bad nahm er ungern, aber ergeben, wie er immer war. Der Arzt hatte ein Glas Champagner verordnet; es war sein letzter Trunk. Brustbeklemmungen stellten sich ein; er sah die Seinen mit starrem und irrem Blicke an. Gegen drei Uhr Nachmittags trat vollkommene Schwäche ein; der Athem fing an zu stocken. Um vier Uhr forderte er Naphta, aber die letzte Sylbe erstarb auf seinem Munde. Er versuchte zu schreiben, brachte aber nur drei Buchstaben hervor, in denen jedoch noch der Charakter seiner entschiedenen Schriftzüge kenntlich war. Seine Gattin kniete am Bette, er drückte ihr noch die dargebotene Hand. Die Schwägerin stand mit dem Arzt am Fuße des Bettes und legte gewärmte Kissen auf die erkaltenden Füße. Jetzt fuhr es wie ein elektrischer Schlag über sein Gesicht; das Haupt sank zurück; die tiefste Ruhe verklärte sein Antlitz; seine Züge waren die eines sanft Schlafenden. Nach einigen Nachrichten erfolgte der Tod 6 Uhr Abends. »Er hatte früh das strenge Wort gelesen, Dem Leiden war er, war dem Tod vertraut. So schied er nun, wie ei so oft genesen.« Eindruck in Weimar und auf Göthe. Begräbniß. Schnell verbreitete sich die Schreckensnachricht durch Weimar. Der Abend, an dem der Dichter starb, war ein Theaterabend. Kein Schauspieler wollte spielen, und Mlle. Jagemann setzte es durch, daß das Theater geschlossen blieb. So Fr. v. Wolz. II, 279. Nach andern geschah dieß am Sonnabend. Der Anblick des Trauerhauses, welchem Beweise der herzlichsten Theilnahme von allen Seiten zuströmten, war herzzerreißend; der Jammer der Gattin unbeschreiblich. Karl, der älteste Knabe, eilf Jahre alt, lag auf dem Boden, und wehklagte, vom fürchterlichsten Schmerz zerrissen. Der kleine, neunjährige Ernst saß in der Ecke, die Hände gefaltet, und weinte ruhiger. Das ältere Töchterchen, Karoline, ein Kind von fünftehalb Jahren, wußte nicht, was das Ganze zu bedeuten hatte. »Der gute Papa ist todt,« sagte sie ganz ruhig, und erst als sie das Weinen der Mutter bemerkte, verbarg sie weinend ihr Gesicht in der Mutter Schooß. Voß 52 f. Aus demselben das Folgende, 60 ff. Wir sehen uns jetzt nach Göthe, dem vertrautesten Kenner und Freunde des Geistes um, der so eben die Welt verlassen hatte. Sie waren zu Anfang dieses Jahres beide zu gleicher Zeit krank darniedergelegen und konnten sich damals weder sehen noch schreiben. Schiller hatte sich zuerst erholt. Kaum konnte er wieder ausgehen, so besuchte er »seinen lieben Göthe.« Voß war bei diesem Wiedersehen zugegen, und es rührte ihn jedesmal, so oft er daran dachte. Sie fielen sich um den Hals und küßten sich in einem langen, herzlichen Kusse, ehe Einer von ihnen ein Wort hervorbrachte. Keiner sprach von seiner Krankheit, beide genossen nur der Freude, wieder vereinigt zu seyn. In den letzten Tagen Schillers war Göthe selbst wieder unwohl und ungemein niedergeschlagen. Einmal fand ihn Voß im Garten, Thränen in den Augen. Am Morgen des Neujahrstages 1805 hatte Göthe an den Freund ein Gratulationsbillet gerichtet. Als er es wieder durchlas, fand er geschrieben: »der letzte Neujahrstag« statt »der wiedergekehrte« oder dergleichen. So Voß S. 59. In dem vorhandenen Billet (Briefw. VI, S. 285) heißt es: »Hier zum neuen Jahr, mit den besten Wünschen, ein Pack Schauspiele.« Wahrscheinlich war Göthe'n in die Feder gekommen: »Hier zum letzten neuen Jahr –.« Erschrocken zerriß er's und begann ein neues. Bei der ominösen Zeile angekommen, hatte er Mühe, nicht wieder vom letzten zu schreiben. Denselben Tag erzählte er dieß einer Freundin, und »ihm ahne,« sagte er, »daß entweder Er oder Schiller in diesem Jahre scheiden werde.« Bei jenem Gang im Garten berichtete Voß ihm vieles von Schiller. »Das Schicksal ist unerbittlich und der Mensch wenig,« antwortete Göthe abbrechend. Als nun Schiller gestorben war, berieth man sich mit großer Sorglichkeit, wie es Göthe'n beizubringen wäre. Niemand hatte den Muth, es ihm zu melden. Heinrich Meyer war bei ihm, als endlich draußen die Nachricht eintraf, Schiller sey todt. Meyer, hinausgerufen, mochte nicht wieder ins Zimmer zurück, und ging lieber, ohne Abschied zu nehmen. Die Einsamkeit, in der sich Göthe befindet, die Verwirrung, die er überall wahrnimmt, läßt ihn wenig Tröstliches erwarten. »Ich merke es,« sagt er endlich, »Schiller muß sehr krank seyn.« Die übrige Zeit des Abends war er in sich gekehrt. In der Nacht hörte man ihn weinen. Am Morgen sagte er zu einer Freundin: »Nicht wahr, Schiller war gestern sehr krank?« Bei dem » sehr « fing die Freundin zu schluchzen an, »Er ist todt?« fragte Göthe mit Festigkeit. »Sie haben es selbst ausgesprochen,« antwortete sie. »Er ist todt!« wiederholte Göthe, und bedeckte sich die Augen mit den Händen. Am andern Morgen schien der Jammer erst recht bei den Bewohnern Weimars eingekehrt. Die unbekanntesten Menschen, die sich begegneten, theilten sich ihren Schmerz durch Gruß und Mienen mit. Es war, als ob Jeder das Nächste verloren hätte. Keiner hatte im Hause Ruhe. Alles irrte auf den Straßen und im Parke umher. Derselbe Eindruck des Schreckens ging durch ganz Deutschland. Der Verfasser dieser Lebensbeschreibung war damals ein Knabe von dreizehn Jahren. Er brachte von Stuttgart aus die Ferien und Feiertage dieses Frühjahrs in Ludwigsburg, dem Jugendaufenthalte Schillers, in dem gastlichen Hause der Verwandten eines Gespielen zu. Die Wohnung hatte ein Hinterhaus mit Gartensaal, wo die Kunst eines ältern Genossen, der auf der Schwelle der Hochschule stand, mit sammt den Stücken ein Theater geschaffen, auf dem wir Kinder in einem Geschmacke, der zwischen den Kreuzfahrern und der Jungfrau von Orleans mitten durch ging, zu spielen pflegten. In der Wohnstube lag in Taschenformat eine Neuigkeit, Schillers Tell, aufgeschlagen, von dem auch wir Knaben nippen durften, und unsre Phantasie träumte von nichts als Schweizerseen und Alpenhintergründen. Mitten in diesen Genüssen kam die Nachricht, Schiller sey todt. Welcher Schrecken auf allen Gesichtern! Wie durchzuckte uns Jungen der mitempfundene Schmerz! Mit hängenden Köpfen schlichen wir im Hause herum, und durch den ewigen Regen jenes trübseligen Maimonats nach dem Hinterhause, wo die schönen grünen Waldkoulissen uns wie verwelkt ansahen. Wir mochten nicht mehr Theater spielen Die Sektion des Leichnams wurde im Beiseyn des Hausarztes der Frau v. Wolzogen, des Doktors Herder, eines der Söhne des berühmten Herder, vorgenommen. Man hatte den linken Lungenflügel destruirt, die Herzkammern fast ganz verwachsen, die Leber verhärtet, die Gallenblase außerordentlich ausgedehnt gefunden. Schiller, eine Skizze. S. 58. Jetzt erinnerte sich die Schwägerin, daß ihr Schiller, als er das letztemal mit ihr ins Theater fuhr, gesagt: »sein Zustand sey seltsam; in der linken Seite, wo er seit langen Jahren immer Schmerz gefühlt, fühle er nun gar nichts mehr.« Herder versicherte, auch genesen von diesem Fieber, würde er, nach dem Zustande der Lunge, nicht über ein halbes Jahr gelebt und schwere Beängstigungen erduldet haben. Für Gall wurde ein getreuer Abdruck seiner Schädels genommen. Das Leichenbegängniß war dem Range des Verstorbenen gemäß angeordnet und fand in der Mitternachtsstunde »Da hör' ich schreckhaft mitternächt'ges Läuten, Das dumpf und schwer die Trauertöne schwillt. Ist's möglich, soll es unsern Freund bedeuten, An dem sich jeder Wunsch geklammert hält? Den Lebenswürd'gen soll der Tod erbeuten? Ach! wie verwirrt solch ein Verlust die Welt! Ach! was zerstört ein solcher Riß den Seinen! Nun weint die Welt, und sollten wir nicht weinen!« Göthe . vom 11. auf den 12. Mai statt. Aber zwölf junge Männer höheren Standes Darunter die Gelehrten Stephan Schütz und Heinr. Voß, die Künstler J. Jagemann und J. Klauer, der jetzige Geheime Hofrath Helbig und bei jetzige Hofrath und Bürgermeister C. Schwabe. L. F. v. Froriep , Obermedizinalrath zu Weimar, im Schillersalbum S. 77. nahmen die Leiche den gewöhnlichen Trägern ab und trugen sie auf sanften Freundesarmen zur Ruhestatt. Hinter dem Sarge gingen, keiner dem Andern bekannt, der Professor Froriep von Halle und der auf die Trauernachricht eben erst von Naumburg herbeigeeilte Schwager des Dichters, Wilhelm v. Wolzogen. Der Himmel war umwölkt, aber die Nachtigallen sangen volltönend durch die Mainacht. Als die Bahre vor der Gruft in dem alten Landschaftskassengewölbe niedergestellt wurde, zerriß der Wind plötzlich die dunkle Wolkendecke; der Mond trat mit ruhiger Klarheit hervor und beleuchtete den Sarg. So wie dieser in die Gruft gebracht war, verfinsterte sich der Himmel wieder. Der Sarg war mit Schillers Namen bezeichnet. Als ein neuer Kirchhof in Weimar angelegt wurde, bot die Stadt einen Platz für des Dichters sterbliche Ueberreste an. Beim Oeffnen des Sarges, der in einem feuchten Gewölbe geruht hatte, zeigte sich eine große Zerstörung; doch fanden geschickte Anatomen und Aerzte die Ueberreste zusammen, und der Schädel sollte auf der fürstlichen Bibliothek verwahrt werden. Der König Ludwig von Bayern (der in zwei Gedichten (I, 213. III, 239) seine innige Liebe zu dem Dichter ausgesprochen hat) vermochte, getrieben von seinem Gefühle, den Großherzog, diese Idee aufzugeben. Man machte einen Abguß, und die ungetrennten Ueberreste Schillers wurden in der fürstlichen Gruft verwahrt, wo jetzt der Großherzog zwischen den beiden Dichtern ruht, (Vergl. Fr. v. Wolz. II, 307-309.) Schillers Wittwe starb zu Bonn 1826. Seine vier Kinder, alle verehelicht, leben. Nur Ein Enkel pflanzt seinen Namen fort. Die Personalien der Familie findet man in Casts Adelsbuch des Königreichs Württemberg, Stuttg. 1839. S. 466 ff. Es war die Nacht vom Sonnabend auf den Sonntag. Am Sonntagnachmittag wurde in der Kirchhofskirche Mozarts Requiem von der Kapelle aufgeführt, und der Generalsuperintendent Voigt hielt eine Rede. Die Kinder waren mit in der Kirche; die kleine Emilie lachte während der Trauerrede und bewegte die Herzen der Anwesenden mehr als alle Worte. »Voß, hast du auch den Papa mit weggetragen,« fragte die vierjährige Karoline jenen am Sonntag, »hast du ihn zum lieben Gott gebracht, hat er den Papa freundlich aufgenommen?« Nicht lange darauf nahm Heinrich Voß die Kinder, ging mit ihnen spazieren, zeigte ihnen die Wolkengebilde, und ihre Phantasie sah Dörfer und Städte. »Da sehe ich ein großes Schloß!« rief Ernst. Karoline sah die Wolke lang an. »Ja!« rief sie endlich, »es ist das Haus vom lieben Gott, aber Papa wohnt mit darin.« Man erwartete eine Todtenfeier auf dem Theater. Aber Göthe war nicht dafür. Er bezeichnete den Wunsch der Schauspieler gegen Zelter (1. Juni 1805) »als eine Sucht der Menschen, aus jedem Verlust und Unglück wieder einen Spaß herauszubilden.« Den Schauspielern mag dieß wehe gethan haben. Das Gefühl, das die Weigerung eingab, war dennoch ächt. Für eine Todtenfeier auf dem Theater zu Weimar mußte der Verlust in die Ferne gerückt seyn. Sobald es Zeit war, dichtete Göthe den unsterblichen »Prolog zu Schillers Glocke.« – »Ich dachte mich selbst zu verlieren,« schrieb der kaum genesene weiter an Zelter, »und verliere einen Freund und in demselben die Hälfte meines Daseyns.« Unsre Darstellung hat das Lebensverhältniß beider Dichter zu einander in ihren eigenen Worten zu schildern versucht. Möge sie für die Wahrhaftigkeit dieser Aeußerung Zeugniß ablegen. Die Theilnahme gegen die Schiller'sche Familie beschränkte sich nicht auf Beileidsbezeugungen. Die Großfürstin erklärte, für die Erziehung der Söhne sorgen zu wollen und that es aufs großmüthigste; der Fürst Primas setzte der Wittwe einen reichen Jahrgehalt aus, und Cotta erfüllte seine Verbindlichkeiten gegen die Erben auf eine Weise, wie sie nur ein treuer Freund erfüllt. Vor die Nation aber trat Göthe und sprach: »Wir dürfen Ihn wohl glücklich preisen, daß Er von dem Gipfel des menschlichen Daseyns zu den Seligen emporgestiegen, daß ein schneller Schmerz ihn von den Lebendigen hinweggenommen. Die Gebrechen des Alters, die Abnahme der Geisteskräfte hat Er nicht empfunden; – Er hat als Mann gelebt und ist als ein vollständiger Mann von hinnen gegangen. Nun genießt Er im Andenken der Nachwelt den Vortheil, als ein ewig Tüchtiger und Kräftiger zu erscheinen; denn in der Gestalt, wie der Mensch die Erde verläßt, wandelt er unter den Schatten, und so bleibt uns Achill als ewig strebender Jüngling gegenwärtig. Daß Er frühe hinwegschied, kommt auch uns zu Gute. Von seinem Grabe her stärkt uns der Anhauch seiner Kraft, und erregt in uns den lebhaftesten Drang, das, was Er begonnen, mit Eifer und Liebe fort- und immer wieder fortzusetzen.« Skizze S. 135 f. Rückblick. 1794 bis 1805. So liegt denn das große Dichterleben früh vollendet, aber doch abgeschlossen vor uns. Die Vorsehung Gottes – andre sagen der Weltgeist – hat, nach vollbrachter Pflege durch Wahrheit und Güte, den Genius seine reifsten Früchte auf dem Altare der Schönheit niederlegen lassen. Im Beginne dieser letzten Periode konnte man den Dichter der Poesie abgestorben glauben, wie er auch kurz zuvor physisch todt gesagt worden war: aber er lag nur in seiner philosophischen Verpuppung, und unser Auge war noch mit Bedauern auf die Verkleidung seines Wesens geheftet, während er den selbstgeschaffenen Kerker schon verlassen hatte und sich als farbenreicher Schmetterling im Aether der Dichtung wiegte. Die ersten Spuren der vorgegangenen Verwandlung werden an der Prosa des Dichters sichtbar, als eben sein Begleiter auf dem stürmischen Meere der Spekulation (wenn uns erlaubt ist, in ein anderes Bild überzuspringen) von ihm zu scheiden im Begriffe stand, und als auf das Geheiß »der Dämonen,« wie der Unglaube, der nur ein sich sträubender Glaube war, es ausdrückt, der Schutzgeist der Poesie, der das Dichterschiff in den Hafen lenken sollte, sich zur Vollbringung seines Auftrags, anschickte. Der Styl Schillers, immer noch erhaben, feierlich und prächtig, wo es galt so zu seyn, wurde doch in den letzten ästhetischen Schriften so ruhig und klar, daß schon aus ihm die künstlerische Durchbildung, die sich der Produktion wieder näherte, geahnt werden konnte. Und in seinen Briefen aus jener Zeit, nicht den ostensibeln, denen Hoffmeisters Tadel immerhin gelten mag, »Schiller ist am schwächsten im Briefstyl,« sagt Hoffmeister III, 123 in dem trefflichen Abschnitt »Schiller als philosophischer Schriftsteller und Prosaiker überhaupt.« Göthe dagegen sagte zu Eckermann I, 198: »Seine Briefe sind das schönste Andenken, das ich von ihm besitze, und sie gehören mit zu dem Vortrefflichsten, was er geschrieben . Seinen letzten Brief bewahre ich als ein Heiligthum unter meinen Schätzen.« Und vorher I, 145: »Schillers Styl ist am prächtigsten und wirksamsten, sobald er nicht philosophirt, wie ich noch heute an seinen höchst bedeutenden Briefen gesehen .« sondern in den sorglos an seine Freunde gerichteten ist er, wo er sich ganz gehen läßt, unübertrefflich. Durch die Horen und Almanache drohte der freien Schöpfungsweise unseres Dichters, wie wir mit Aengstlichkeit sehen, noch einmal Gefahr, und Göthe selbst bedauerte die Zeit, die er mit Schillern hier verschwendet. Eckermann I, 172. Auch wollte die versuchte Dyarchie über die deutsche Literatur nicht glücken. Wo unsre Heroen die Natur in andern Geistern beherrschen zu können vermeinten, ging es nicht; sie wehrte sich, sie producirte Neues, wider den Willen der vermeinten Lenker; und so wird es allen kritischen Schulen gehen. Gewiß waren die beiden Männer dazu bestimmt, das dummgewordene Salz unserer Literatur zu verdrängen und ihre Schätze an dessen Stelle zu setzen. Aber dieß sollte vielmehr durch ihre Werke, als durch ihre Kritik geschehen, und geschah. Göthe war das zu Tage liegende Steinsalz. Bei Schiller lief die Soole durch die Gradierhäuser der Philosophie. Zuletzt aber lag das Kunstprodukt in so reinen, so vollkommenen, so formgerechten Crystallen vor uns, wie das ursprünglich vom Geiste der Natur geschaffene, ja manches daran war durchsichtiger und von ätherischerem Glanze. Auch stand Schiller am Ziele seiner Laufbahn nicht hinter dem Genossen Göthe zurück, der freilich so glücklich war, ohne Kämpfe und Irrgänge, in frühester Jugend inne geworden zu seyn, daß das Ideal der Schönheit Einfalt und Stille sey .« Göthe an den Buchhändler Reich, aus Frankfurt den 20. Febr. 1770; jetzt (1840) vor 70 Jahren. (Bei Hirzel S. 165.) Und so bewunderten wir nun zuerst an Schiller in seinem dritten Stadium die Erzeugnisse der »Ideenpoesie.« Es sind jene lyrischen und didaktischen Gedichte, an denen die Philosophie noch mitgeschaffen hat, die den Kampf der Wahrheit mit der Schönheit veranschaulichen, ein Kampf, der ihnen – wie seinen Dramen der Kampf der Freiheit mit dem Schicksal, und der Idee mit der Wirklichkeit – »eine vorwärts strebende Rastlosigkeit, einen Schwung des Gedankens verleiht, wodurch sie beinahe aus der Sphäre ihrer poetischen Gattung heraustreten und die herkömmlichen Formen zersprengen, aber nur um so mächtiger, als Offenbarungen eines neuen geistigen Gehaltes, ergreifen.« S. »Schillers Dichtergenius und Lebensschicksale,« von Gustav Pfizer, und das Weitere, was in diesem vortrefflichen Texte zu dem Stahlstiche von Schillers Statue gesagt ist. Einen Augenblick sehen wir den Dichter am Scheidewege zwischen Epos und Drama sinnend stehen. Aber er pflückt die links am Wege blühende Ballade, und schreitet rechts dem Drama zu. Jüngst noch hatte er in »pathologischer Stimmung« muthlos gesungen: Wie reich war diese Welt gestaltet, So lang die Knospe sie noch barg, Wie wenig, ach, hat sich entfaltet, Dieß wenige wie klein, wie karg! Und kurze Zeit darauf sah man ihn sich und der Welt im Wallenstein den üppigsten Dichterfrühling schaffen, ja jährlich oft zwiefach kehrte der Lenz wieder, der uns Alle in Erstaunen setzt, so daß wir, je länger wir diese Schöpfungen betrachten, desto überzeugter ausrufen müssen: »Wie Vieles hat sich entfaltet, und dieß Viele wie erhaben und wie reichlich!« Von nun an »übte er den großen, geduldigen Sinn, das Ideal der Seele ins nüchterne Wort auszugießen,« und aus der Werkstätte seines Geistes gingen jene Kunstwerke hervor, die den empfänglichen Leser mit der »hohen Gleichmüthigkeit und Freiheit, verbunden mit Kraft und Mäßigung,« entlassen, die der Dichter als Kritiker postulirte. Es war noch derselbe schaffende Geist, als welchen er sich vor zehn und zwanzig Jahren der Nation angekündigt hatte, aber das Stückwerk war abgethan; die Form hatte den Stoff überwältigt. Dieselbe Kraft, die einen Schweizer, Verrina, Philipp lebend vor unsere Augen gestellt, die einem Karl Moor in einzelnen, einem Fiesko, Carlos und Posa in vielen Momenten wesenhaftes Daseyn verliehen, brachte jetzt jene Wallenstein, Buttler, Wrangel, Schrewsbury, Paulet, Philipp von Burgund, Tell und seine Mithelden, jene Terzky, Maria, Elisabeth, Marfa, kurz jene Charaktere hervor, die immer athmen, immer handeln, die leibhaftig und geistig leben, wenn man auch nicht immer damit zufrieden ist, wie sie es thun; sie schuf daneben auch jene wesenloseren, aber doch so rührenden und reizenden Gestalten eines Max, einer Thekla, einer Johanna, die wie gewohnte Geistererscheinungen Dieß bleiben sie, auch wenn man ihnen den romantischen Zauber abspricht. in das sichtbare Leben der Deutschen seit manchen Jahrzehenden hereinragen, und in deren ätherischem Umgange seit der Väter Zeiten die vaterländische Jugend aufwächst. Will man sich den ungeheuren Fortschritt, oder eigentlich den Ueberschritt, den der Dichter von der rohen und halbgebildeten Natur in die durch den Geist gebildete und verklärte Natur, in die Kunst hinübergethan hat, recht vergegenwärtigen, so darf man nur seine Behandlung der verschiedenen Leidenschaften in den beiden frühern Perioden mit seiner Darstellung derselben in dieser letzten Periode vergleichen. Wenn man Carl Moor und Don Carlos mit Max und selbst mit Mortimer, wenn man Amalia mit Thekla, wenn man die beiden Walter mit den beiden Piccolomini, wenn man Franz Moor mit Elisabeth, wenn man den Major Walter mit Don Cesar, die Nobili im Fiesko mit Mittler und Marfa, Fiesko selbst mit Oktavio zusammenstellt; so wird man staunen, aus welchem hellen und getreuen Spiegel jetzt erst Liebe, Haß, Eifersucht, Rache und Ehrgeiz zurückstrahlen und welch ein vollendeter Dichter der Leidenschaft unser Schiller auf der Höhe seiner Poesie geworden ist. In seinen beiden größten Werken, dem Wallenstein und dem Tell, hatte er endlich zu der deutschen Gesinnung, von der sie durchdrungen sind, auch den deutschen Stoff gefunden, und mit allen ihren Idealismen, ihrem, übrigens gemilderten, Pathos, und gemilderten Sentenzenreichthum, heimeln diese Stücke die Deutschen rührend an, und jeden, der die Deutschen kennt und der sie liebt. Die ganze Welt aber gewinnt Schiller, als der Dichter der Freiheit – »der Freiheit, in den verschiedensten Gestalten und unter den mannigfaltigsten Gesichtspunkten aufgefaßt. Er schildert und feiert sie als den Trieb und das Recht der Individuen und der Nationen, ihren Willen und die unverkümmerte Entwicklung ihres Daseyns nach außen im Kampfe zu behaupten, und er ahnt und erkennt ihren höchsten Triumph in der hohen und reinen Klarheit des Geistes, der mit sich selbst und der Welt zufrieden, über die Fesseln der Außenwelt sich erhoben, und in vollendeter Sittlichkeit, Bildung und Kunst, »»in des Sieges hoher Sicherheit jeden Zeugen menschlicher Bedürftigkeit ausgestoßen hat.« G. Pfitzer a. a. O. Das alles geschieht in diesem dritten Stadium seiner Wirksamkeit, unbeschadet der Poesie . Gedanke, That, Gefühl, Beredtsamkeit – Alles fällt ihm jetzt in solcher Fülle nur zu, weil Er der Poesie zugefallen ist, Alles bemeistert er nur mit so sicherem und besonnenem Geiste, weil er sich, als Dichter, ganz und ausschließlich in den Dienst der Muse begeben hat. Er ist kein Knecht der Gesellschaft, kein Knecht der Geschichte, kein Knecht der Reflexion mehr; er steht auf einer Höhe, von der aus er dem einstigen Genossen seiner philosophischen Forschung zurufen konnte: » Ich möchte behaupten, daß es kein Gefäß giebt, die Werke der Einbildungskraft zu fassen, als eben diese Einbildungskraft, und daß auch Ihnen die Abstraktion und die Sprache Ihr eigenes Anschauen und Empfinden nur unvollkommen hat ausmessen und ausdrücken können .« Schiller an Humboldt den 27. Juni 1798. Briefwechsel S. 438 f. Es ist dieß eines der offenbarungsvollsten Worte des Genius, ein Wort, in welchem vielleicht ein neues System oder die Anschauungsweise einer andern Welt verborgen liegt. Weder das Gute, noch das Wahre, noch das Gut-Wahr-Schöne oder Heilige ist in Schiller bei diesem Musendienste zu kurz gekommen. Er war der beste Gatte, der beste Vater, Sohn, Bruder und Freund, der liebreichste Nachbar der Menschen. Kein gemeines, kein unreines Lebensverhältniß gab ein ästhetisches und moralisches Aergerniß und brachte seinen Schönheitsdienst in Verdacht. Er ließ sich in allem seinem Denken und Thun von seinem Gewissen strafen, Vergl. diese Schrift Buch I, S. 9. Buch III, S. 465 f. er überwachte in seinem ganzen persönlichen Verhalten die Schönheit in ihrer Wirkung auf die Pflicht. »Es ist wirklich der Bemerkung werth, daß die Schlaffheit über ästhetische Dinge immer sich mit der moralischen Schlaffheit verbunden zeigt, und daß das reine strenge Streben nach dem hohen Schönen, bei der höchsten Liberalität gegen Alles, was Natur ist, den Rigorism im Moralischen bei sich führen wird.« Schiller an Göthe den 2. März 1798. Nie opferte er die innere Ehre der äußern auf. Und wenn man ihn einen Heiden schelten will, weil er mit seinem Jahrhunderte seitwärts stand von dem Sohne des Menschen, in welchem unsre Zeit durch alle Umwege und Zweifel den Gott wieder zu suchen begonnen hat, so gehörte er doch zu denjenigen Heiden, »die von Natur thun des Gesetzes Werk, und sind ihnen selbst ein Gesetz, damit, daß sie beweisen, des Gesetzes Werk sey beschrieben in ihrem Herzen.« Auch zeigen seine Seufzer auf dem Todtenbette, daß er die wesentliche Unterlage des Christenthums, den Glauben an den persönlichen Gott, aus den Kämpfen seines Forschens und innern Lebens gerettet oder ihnen abgerungen. Ja, in den letzten Tagen der vollen Geisteskraft hatte er sich schon vor der Majestät des Heiligen gebeugt, den eine ungünstige Zeitbildung ihm am frühesten und fernsten aus den Augen gerückt hatte. Ein geistiges Gesammtbild von Schiller entwirft uns Fr. v. Wolz. II, 282-307. Nichts ging zu Grunde bei seinem geweihten Dichterberufe, als sein Körper, der sich viel zu früh an den Nachtwachen aufgerieben hat und an den unsterblichen Werken seines Geistes gestorben ist. Schillers ganzes leibliches Leben in dieser Periode war ein langsames Verwelken; aber wer konnte es vor dem Blüthenglanze bemerken, den er in dieser letzten glorreichen Periode seines Wirkens rings um sich verbreitet hat? Kaum daß der Lebensbeschreiber Zeit gefunden, der Abnahme seiner Körperkräfte in Zwischenräumen zu erwähnen. Gewiß war auch der Leser mit der ewigen Frische dieses Dichtergeistes bis an sein Ende beschäftigt, und hat ihn nur so gesehen, wie sein großer Freund ihn geschildert, und wie der Biograph seine Gestalt den Seelen einprägen möchte: Es glühte seine Wange roth und röther Von jener Jugend, die uns nie verfliegt, Von jenem Muth, der früher oder später Den Widerstand der dumpfen Welt besiegt, Von jenem Glauben, der sich stets erhöhter Bald kühn hervordringt, bald geduldig schmiegt, Damit das Gute wirke, wachse, fromme, Damit der Tag des Edeln endlich komme. Doch hat er, so geübt, so vollgehaltig, Das breterne Gerüste nicht verschmäht. Hier schildert er das Schicksal, das gewaltig Von Tag zu Nacht die Erdenachse dreht, Und manches tiefe Werk hat reichgestaltig Den Werth der Kunst, des Künstlers Werth erhöht. Er wendete die Blüthe höchsten Strebens, Das Leben selbst an dieses Bild des Lebens.   Zusätze und Berichtigungen. Zu S. 1 ff. die Notizen über Schillers Geschlecht hat die Kritik bereits als zu geringfügig angegriffen. Dagegen bemerken wir, daß die Allgemeine Zeitung (Ausserordentl. Beilage Nro. 83 und 84. zum 22. Febr. 1837) es nicht verschmäht hat, ebenso genaue und ins Einzelne gehende Nachrichten über Göthe's Abstammung von einem Hufschmied und dessen Sohn, einem Schneider, der ganzen Welt mitzutheilen, und Jedermann hat sie gewiß mit Interesse gelesen. S. 9. L. 4 v. o. st. »Katharr's« »Katarrh's.« – 17. Zur Note. Weitres berichtet die Vorrede zu diesem zweiten Druck. – 27. L. 12 v. u. Es ist nicht ausgemacht, ob dieser Fluch »gereimt« war. – 39. Note. L. 4 v. o. st. »F. von Böhner« l. »F. von »Böhnen.« – 51. Zu L. 11-25. Nach der Versicherung eines Zeitgenossen durfte Schiller nicht zur Auszeichnung sich des Puders bedienen, sondern er theilte diese Ehre mit allen – rothhaarigen Zöglingen der Akademie. – 69. L. 4 f. »in einem ( ungedruckten ) Briefe tröstet Schiller Hovens Vater« u. s. w. – Dieser Brief ist jetzt gedruckt, unter den 18 Briefen Schillers, welche den Anfang zu der höchst interessanten Selbstbiographie v. Hovens (Nürnberg Schrag, 1840) bilden, und zwar als Nro. 1. S. 373-375. Hier heißt es wörtlich: »Ihr anderer Sohn, ich darf keck sagen, Ihr großer Sohn.« – 81. Note. L. 2 v. o. st. »Saifenblasen« l. »Seifenblasen.« – 88. Zur Note. Das Gedicht bei Boas ist ein anderes; das hier gemeinte steht in der Anthologie. – 116. Note. L. 3 st. »als Oberst« l. »ist Oberst.« S. 117. Zur Note beizufügen: »unsre Conjectur scheint sich zu bestätigen. Denn schon am 25. Mai begleiteten ihn oder wollten ihn begleiten , gleichfalls nach Mannheim , zur Vorstellung seiner Räuber »Frau von Wolzogen« und »Frau Hauptmann Vischerin.« (So, mit einem V ist der – Name hier geschrieben.) Schiller an Hoven a. a. O. Nr. 3. S. 377. – 152. L. 7 und 8 v. o. l. »er hätte mit den Räubern endigen und nicht anfangen sollen.« – 152. L. 8 u. 9 v. u. sind die Worte: »und dem Baron von Dalberg gewidmet« als unrichtig zu streichen. – 198. L. 4 v. u. st. »ihrer« l. »Ihrer«. – 252. L. 5 v. o. st. »fünf volle Jahre« l. »fünf Jahre hindurch.« – 280. L. 1 v. u. st. »von demselben Dichter« l. »von dem Dichter der Künstler. « – 306. L. 4 v. o. st. »Lekture« l. »Lektüre.« – 333. L. 18 v. o. st. »welche« l. »welches.« – 356. L. 8 v. o. st. »kehrte« l. »kehrten.« – 369. L. 3 v. o., ist, bei dem Briefe des Herzogs von Augustenburg und des Grafen Schimmelmann an Schiller, an die Stelle des muthmaßlichen Datums: den 27. Nov. 1791 mit großer Wahrscheinlichkeit zu setzen: den 2. Nov. 1791 . Frau von Wolzogen giebt den 27. Nov. 1792 an, wobei die Jahreszahl und die Tagszahl verschrieben oder verdruckt seyn muß. Da der Brief am 9. Nov. 1791 in Jena ankam, ist er nach der natürlichsten Conjektur am 2. Nov. 1791 geschrieben, und dieses Datum ist falsch gelesen worden. – 389. L. 15 u. 23 v. o. st. » vous « l. » Vous. « L. 28 v. o. st. »Interieur« l. »Intérieur.« – 390, L. 14 v. o. st. » de connaissances « l. » des connaissances. « – 390, L. 22 v. o. st. » un moment « l. » au moment. « – 449. L. 13 v. o. st. »eine« l. »einer.« – 517. L. 14 v. o. st. »*« l. »**«.