Moritz Gottlieb Saphir Album geselliger Thorheiten Inhalt Saphirs Leben. Das Picknick auf dem Strozzischen Grund, »bloß beim Klavier«. Das Pfänderspiel in der Paniglgasse und der Humorist vom Thurn. Der Grasenthusiast in der musikalisch-deklamatorischen Gelsen=Akademie. Die Whist mit mit vier Honneurs, drei Kindern, zwei Möpsen und einer Lichtschere. Naturgeschichte der Mädchenjahre. Meine Leiden durch die Weibertreu Von Weinsberg. Va banque, der Visite de reconnaissance! Va banque , Stammbuch und Album! Va banque , den Thränen! Der deutsche Litteraturwald. Soll man zu früh oder zu spät in Gesellschaft gehen? Höchst rührender, nichts desto minder höchst menschlicher und nichts desto minder höchst einleuchtender Vorschlag, Plan und Bauriß zu einem »Gegen-Tierquälereiverein«, wie er sein soll im ganzen Umfange der idealistischen Vollkommenheit. Die Kunst, einzuschlafen, oder: Die Kunst, sich selbst Langeweile zu machen. Seifengedanken während des Rasierens. Taschenkoder und Spruchbüchlein eines schlichten Praktikers. Taschengedanken- und Gedankentaschenspielerei. Sympathie, Antipathie, Allopathie, Homöopathie, Hydropathie, oder: Auf wie vielerlei Weise kann man zu dem Menschen sagen: Gibs Geld her! Dur- und Molltöne aus dem großen Konzerte des Lebens und des Schicksals, zum Besten der drei Blinden: »Liebe, Glück und Gerechtigkeit«. Wachskerzen, Talgkerzen, Räucherkerzen, Himmelskerzen, Hochzeitskerzen, Grabeskerzen, Apollokerzen, Millykerzen, Stearinkerzen, oder: Woher kommt es, daß wir jetzt immer mehr Kerzen und immer weniger Lichter haben? Naturkraft, Jugendkraft, Willenskraft, Geisteskraft, Liebeskraft, Glaubenskraft, Geldeskraft, Schnellkraft, Spannkraft, Federkraft, Maschinenkraft, Menschenkraft, Pferdekraft, Wasserkraft, Dampfkraft, oder: Wieviel außerordentliche Kräfte bedarf jetzt der Mensch, um ganz gewiß stecken zu bleiben? Die sieben alten Weisen als sieben moderne Narren. Stimmengewalt Luft, Feuer, Wasser, Erde, oder: Die Vier Erdenelemente und noch ein Himmelstausendelement. Konditorei des Fokus. Nagelneue Variationen auf die vier Weh (W) des Lebens: Wein, Weiber, Witz und Wahrheit. Die ägyptische Finsternis bei Gasbeleuchtung und der Ochs in der Laterne. Vorlesung eines Zuckerrohres über den gänzlichen Mangel aller Romantik, gehalten in einer Gesellschaft von jungen Runkelrüben. Saphirs Leben. Moritz Gottlieb Saphir , geboren am 8. Februar 1795 zu Lovas-Bereny bei Pest, von seinen jüdischen Eltern zum Studium des Talmud angehalten und früh in rabbinischem Witz geübt, entfloh 1808 von Hause, lebte in Prag, dem Handelsstand angehörig, und kehrte 1814 nach Pest zurück, wo er sich zuerst journalistischer Thätigkeit widmete. Von 1823 bis 1824 waltete er in Wien seines Amtes als Theaterkritiker in so rücksichtsloser Weise, daß er nach Jahresfrist ausgewiesen wurde. Nach längeren Irrfahrten kam er 1825 nach Berlin, wo er 1826– 29 die »Berliner Schnellpost für Litteratur, Theater und Geselligkeit« sowie 1827– 29 den durch seinen Reichtum an gelungenen Wortspielen und bitterm Spott gleich beliebten wie gefürchteten »Berliner Courier« herausgab. In einem Aufsehen erregenden literarischen Streit mit den angesehensten Berliner Schriftstellern Fouqué, Förster, Wilibald Alexis, Gubitz u. a. wußte Saphir zwar die Lacher auf seine Seite zu ziehen, sah sich aber dennoch bald darauf veranlaßt, Berlin eben wegen dieses Streites zu verlassen. Er zog nach München, wo er zwar wieder viel Beifall, aber auch heftigen Widerspruch erfuhr, ja er wurde sogar wegen Beleidigung des Intendanten festgenommen und später für kurze Zeit ausgewiesen. In München gründete er die Zeitschriften: »Bazar für München und Bayern« (1830–33) und, nach kurzem Aufenthalt in Paris, den »Deutschen Horizont« (1831 – 33) und den »Korsar«. Er trat 1832 zum Protestantismus über, erhielt bald darauf den Titel eines Hoftheater-Intendanturrats, wandte sich 1834 wieder nach Wien, wo er die »Theaterzeitung« (in Gemeinschaft mit Bäuerle) und seit 1837 die Zeitschrift »Der Humorist« herausgab. In weiten Kreisen wurde er auch durch seine humoristischen Vorträge bekannt, die er auf längeren Kunstreisen in allen größeren Städten Deutschlands hielt. Er starb in Wien am 5. September 1858. Wiewohl Saphir durch Tiefe des Geistes nicht ausgezeichnet war und vielmehr oft nur die Oberfläche der Erscheinungen wahrnahm, so glänzte er doch durch eine so virtuose Gabe des Wortwitzes, wie kaum ein andrer Schriftsteller vor ihm. Seine geistigen Taschenspielerkunststücke werden auch jetzt noch viele Leser ergötzen und erfreuen, wie sie es vor Jahrzehnten gethan haben; und so mögen denn einige Proben derselben durch unsre Sammlung weitesten Kreisen bekannt werden. Das Picknick auf dem Strozzischen Grund, »bloß beim Klavier«. Die kleine Holdenburg war eine allerliebste Frau und ist nun eine allerliebste Witwe. Ich machte ihre Bekanntschaft auf dem Eilwagen. Ehen werden im Himmel geschlossen, Liebschaften im Tanzsaal, Bekanntschaften im Volksgarten und Bekanntschaften im Eilwagen. Im Eilwagen erfuhren wir sogleich, wie wir miteinander fahren werden. Sie hatte wunderschöne Zähne, superbe rabenschwarze Augen und ganz vortreffliche kleine Zuckerkipfel bei sich, drei Dinge, die mich sehr an sie anzogen. Ich versprach ihr, sie oft zu besuchen, allein sie wohnte auf dem Strozzischen Grund, und der Strozzische Grund ist für jemanden, der in der Stadt wohnt, ein so entfernter Grund zu einem Besuche, daß ich vielmehr bald von diesem Gedanken von Grund aus zurückkam. Schöne Witwen und bekannte Melodien haben ein gleiches Los; wenn sie uns einfallen, gehen sie uns oft einige Tage im Kopf herum. Eines Tages fiel mir die schöne Witwe mit den Rabenlocken, mit den Feueraugen und mit den Zuckerkipfeln ein, ich wußte selbst nicht woher, und ich wollte der Sache auf den Strozzischen Grund kommen. Die Witterung war diesem Unternehmen günstig, das heißt, es war so entsetzlich schlechtes Wetter, daß gewiß alle Witwen in der Welt zu Hause waren. Der Himmel machte ein Gesicht, als wenn auf allen Geigen, mit denen er voll hängt, sich Dilettanten vor ihm hören ließen, und die Erde machte ein Gesicht, als müßte sie zu »Menschenhaß und Reue« ins Theater gehen und darüber referieren; da dachte ich, wenn Himmel und Erde solche Gesichter machen, so kann die schöne Witwe gegen mein Gesicht auch nichts haben, und flog auf den Flügeln der Ungeduld, das heißt auf einem Fiaker, nach dem Strozzischen Grund. Eine Kaffeekanne, zwei Basen, zwei Strümpfe, ein Mops und ein Muff wurden in der Überraschung von der schönen Witwe über den Haufen geworfen: »Nicht möglich. Soll ich den Ofen einschlagen?!« – »Schlagen Sie ein!« erwiderte ich und hielt ihr die Hand hin. Nun ging's an ein Vorstellen, es waren, wie gesagt, zwei Basen und ein Mops, lauter Strozzische Grundische. Alice, so wollen wir die schöne Witwe nennen, war sehr liebenswürdig. Wenn die Basen, die Strümpfe, der Mops und ich nicht zugegen gewesen wären, sie hätte mir gefährlich werden können! Auf einmal schlug sie die Hände ineinander und jauchzte laut auf: »Sie schickt mir ein guter Engel!« Ich bin zwar noch nie für einen Engel Boten gelaufen, allein ich ließ es dabei bewenden. »Übermorgen«, fuhr sie fort, »ist bei Frau von Zirpewachtel großes Picknick, und Sie müssen mein Herr sein!« – »Meine Holde«, erwiderte ich, »es heißt: ›und er soll dein Herr sein‹, nicht aber: ›und ich soll dein Herr sein!‹« – »Nichts da, keine Widerrede! Sie müssen mit mir, sonst, sonst, – morgen mittags holen Sie mich ab, ich stelle Sie dann der Frau von Zirpewachtel vor, und übermorgen bringen Sie mich hin,« – Gegen des Geschickes Mächten Ist kein ew'ger Bund zu flechten! Am andern Mittag führte mich Alice durch eine Gedärmverwicklung von Kreuz- und Querstraßen, über eine gewundene Treppe in den dritten Stock eines zwei Stock hohen Hauses in den Empfangssaal der Frau von Zirpewachtel, Frau von Zirpewachtel erhob sich, und sie war so lang, daß es einige Minuten dauerte, bis sie ganz erhoben war; sie stand vor mir wie die Ahnfrau aller Kölnerwasser-Flaschen; und aus dieser enghalsigen Flasche gluckste sie ein: »Ich freue mich unendlich u.s.w.« heraus. Ich bat sie, sich zu setzen, welches auch geschah, und mir war es, als ob sich der Landshuter Turm niedersetzte. Sie erzählte mir, daß ein paar liebe Freunde und Bekannte morgen bei ihr ein Picknick haben, »bloß beim Klavier!« Ich stellte vor, daß ich mit Vergnügen teilnehme, zwar nicht »bloß beim Klavier«, auch beim Tisch, allein ich sei ein miserabler Junggeselle, der weder kochen noch braten kann. Frau von Zirpewachtel meinte, das wüßte sie, allein viel braucht man ja nicht, denn es sei ein Picknick »bloß beim Klavier«, ich könnte mein Teil in Barem beisteuern, und zehn Gulden Münze wären hinreichend. Ich spürte, wie meine Brieftasche Krämpfe bekam, allein was war zu thun, ich lächelte wie ein gespießter Maikäfer, gab meine zehn Gulden her und sagte: »Eine wahre Bagatelle für ein Picknick bloß beim Klavier.« Darauf stellte mir Frau von Zirpewachtel ihre zwei Töchter vor, die eine war eine schwarze Blondine, und die andere eine gelbe Brünette. Sie sprachen immer alle auf einmal, und alle beide eins und dasselbe. Sie waren sehr schwer zu unterscheiden, denn die eine war so lang wie die Mutter, so daß sie zusammen zwei in die Ewigkeit fortlaufende Parallellinien bildeten, diese hieß Luzchen; die andere war aber ganz klein und kompakt, sie war bloß der Klavierauszug der Mama und hieß Nantchen. Sie sagten mir beide zugleich, daß sie mich ganz abscheulich fürchten; ich aber sagte: »Das wird sich bei Ihnen über kurz oder lang schon verlieren.« Somit endete die Vorstellungs-Zeremonie, und ich empfahl mich. Beim Empfehlen sagte mir die Frau von Zirpewachtel: »Ach, ein paar Kapäundel könnten Sie doch auch besorgen!« Und so ließen wir uns an dem Strick der gewundenen Treppe wieder herab in das freundliche Leben. »Und es freue sich, wer da atmet im rosigen Licht!« Ich ging zurück in die Stadt, um zehn Gulden ärmer und um die Sorge »auf ein paar Kapäundel« reicher. Ich fragte Alice, ob die »Kapäundel« auch »bloß beim Klavier« verwendet werden. Sie aber nannte mich einen gottlosen Spottvogel. Die ganze Nacht beunruhigten mich schwere Träume, bald kamen die zehn Gulden im Leichentuche und rangen die Hände, bald zogen drohende »Kapäundel« an mir vorüber; ich sah, wie sich ein »Kapäundel« an das Klavier setzte und einen Straußischen Walzer zu Tode fingerte, ein anderes »Kapäundel« sang die große Arie aus dem »Titus«, und ein drittes »Kapäundel« tanzte mit Frau von Zirpewachtel einen Kotillon. Kurz, es waren tolle, beängstigende Träume. Des Morgens früh besorgte eine meiner Kousinen die »Kapäundel«, die sogleich nach dem Strozzischen Grund wanderten. Die Strozzischen Mitglieder des Picknicks waren schon versammelt, als ich und meine Dame eintraten. Die lange Frau von Zirpewachtel, mit Blumen, Schleifen und Tüchern behangen, sah aus wie ein wandelnder Maibaum, oben auf dem Frisurgipfel bammelte ein goldner Turmknopf, und ich erwartete jeden Augenblick, einige Knaben aus der Société würden den Baum erklettern, um den obersten Preis zu gewinnen. Frau von Zirpewachtel kam uns entgegen und neigte sich von den Höhen herab, um der kleinen Witwe einen Kuß zu applizieren. Die beiden Zirpewachtel-Infantinnen, die lange und die kurze, sprangen mir entgegen und riefen a tempo: »Ach, ach, das ist schön, liebster Herr von S., daß Sie endlich da sind!« Ich war ganz gerührt von der Schönheit meines Daseins, und nun umknöchelte die Hausfrau mit ihrer Hand die meinige und schob mich der verehrten Strozzischen Gesellschaft vor: »Herr von S .,« Die Frauenzimmer um den Theetisch schnellten wie die Zitterfische in die Höhe, wackelten mit dem Kopfe, blinzelten mit den Augen, und schnellten wieder auf ihre Plätze zurück, und saßen unbeweglich da. Ich verneigte mich stumm wie ein Schlagbaum, der heruntergezogen wird. Als ich mich umsah, glaubte ich mich in ein zoologisches Kabinett und in einen Kreis ausgestopfter Wesen versetzt. Um den Theetisch, auf welchem vielleicht in vergangenen Jahrhunderten Thee war, oder auf dem in zukünftigen Jahrhunderten Thee sein wird, sahen die Picknick-Vorsteherinnen, wovon die eine ein langes Papier, das Verzeichnis der Einsender und Einsendungen, in der Hand hatte. Es war die Frau von Repstörndl, bürgerliche Siebmachersfrau. Ich nahte mich ihr, und eine Stimme wie eine Spitzmaus, die Mezzavoce singt, drang mir, ich weiß nicht, ob aus ihrem Munde oder aus ihrer Nase, entgegen: »Hier, mein lieber S.., hier stehen Ihre Kapäundel; aber Sie dürfen nicht bös sein, sie sind gar nichts nutz; wenn Sie nicht bessere Witze machen als Kapäundel, so ist's traurig!« Dabei lachte sie einen einzigen Lacher aus, ohne daß weiter auf ihrem Antlitz eine Spur davon zurückblieb. Ich neigte mich anmutig nieder und sagte: »Entschuldigen Sie, meine verehrte Frau von Repskörndl, ich mache keine Witze, und ich habe auch diese Kapäundel nicht gemacht.« Das kleine Nantchen, welches sich indessen des kleinen Fingers meiner linken Hand ganz fest bemächtigt hatte, lachte eine kleine Oktave und schrie: »Ach, Sie sind aber schlimm!« Da kam eine von den Schicksalsgöttinnen des Picknicks auf den zwar sehr naheliegenden, aber dabei außerordentlich entfernten Gedanken: »Aber Herr von S.., wollen Sie nicht eine Schale Thee, wir haben schon alle getrunken!« – »Wenn Sie bloß alle und nicht allen getrunken haben, so bitt' ich!« Nantchen knackte meinen kleinen Finger, und ich rief: »Ach nein, Sie sind aber schlimm!« Da erhob die Frau von Zirpewachtel ihre Stimme, daß sie so hoch wurde wie sie selbst: »Ach nein, der Herr von S.. trinkt keinen Thee, hat mir die Frau von Holdenburg gesagt, er wird nachher Wein trinken.« Ich schnitt ein Gesicht, als hätt' ich den Wein schon getrunken, und sagte lächelnd: »Nein, ich trinke keinen Thee.« – »Vielleicht ißt der Herr von S.. ein Stückchen Gugelhupf oder ein Eierplätzchen?« sagte eine dritte Schicksalsgöttin, die Frau von Grützmacher, mit einem Gesichte, so lang wie die Laxenburger Allee, und mit einer großen Nase wie das Chausseehaus in dieser Allee, aber bei dem allen schien sie mir ihres Einfalles wegen sehr liebenswürdig; da sah ich wieder, daß der menschliche Geist mehr ist als Schönheit, und schloß von der Frau von Grützmacher auf mich selbst und begriff, wie mich die Frauen so außerordentlich liebenswürdig finden. Ich sah sie so zärtlich an, daß jeder Blick aussah wie Liquor anodini , und sie warf mir einen zurück, der aussah wie extractum cinamomi , und ich war so hungerig, daß ich auf die Mischung dieser Blicke gerne geschrieben hätte: fiat pill. gr. iij. und sie verschlungen hätte; denn ich sah mich ringsumher um, allein nicht ein böser Schatten von Gugelhupf flog über die öde Heide, und Eierplätzchen? »O fahrt wohl, ihr Ideale! goldgewebte Träume!« Die Frau von Zirpewachtel sagte: »Ach nein, die Frau von Holdenburg sagte mir, Herr von S.. ißt kein Backwerk oder so was.« Ich fühlte, wie mein Magen ob dieser Lüge schamrot wurde, allein ich lächelte und sprach resigniert: »Nein, ich esse nie Backwerk, und ›so was‹ schon gar nicht!« Nantchen drehte meinen kleinen Finger wieder aus seinen Fugen und sagte: »Aber nein, wie Sie schlimm sind!« – »Nun«, fing die Hausfrau an, »wollen wir den Tisch abräumen, das junge Volk will tanzen.« Der Tisch war aber so abgeräumt, als hätte ein französisches Regiment bloß freundschaftlich drin garnisoniert; ja ich habe eine Ahnung, daß dieser Tisch gar nie aufgeräumt war. Ich betrachtete mir nun das junge Volk! Es waren ungefähr achtzehn Wesen, die nur durch ihre Kleidung verrieten, ob sie zum »jungen Mannsland« oder zum »jungen Weibsland« gehörten. Bloß die Toilette der Männer war jung, denn die schwarzen Röcke waren noch voller Flaumen. Die Mädchen zusammen sahen aus, als ob sie »lebendige Tuschkasten« spielten. Ein einziger Herr schien der König des Festes, Amuseur, Danseur, Arrangeur u.s.w. zu sein; um ihn drehte sich die ganze Menagerie herum. Sie hießen ihn nur »unser lieber Falzbeindl«. Er trug einen hellblauen Frack, ein gelbes Gilet mit einer roten Unterweste, zimtfarbne Beinkleider, die aber wahrscheinlich durch betrübende Erfahrungen so in sich gingen, daß sie unten sich so ferne als möglich von der verderblichen Erde zurückzogen, und Schuhstiefel mit Bändern, die immer mitgewichst worden sein mußten und steif von den Stiefeln wegstanden. Er hatte kurzes, etwas weißes Haar, glatt geschnitten, und bloß ein Büschel flatterte wie eine verirrte Taube um den Taubenschlag um das rechte Ohr herum. In der Hand hielt er ein rotkattunenes Schnupftuch, welches er beim Tanz zwischen seine Hand und seine Tänzerin einlegte. Es war das belebende Prinzip des Picknicks. Der Tanz begann; »bloß beim Klavier!« Es war aber auch ein Klavier! Ich glaubte anfangs, ich sei das Klavier, so verstimmt war es. Es sah aus wie ein vorgeschützter Zuschneidetisch, Mehrere Saiten waren viel klüger als ich, denn sie waren schon lange vor dem Picknick abgesprungen. Monsieur Falzbeindl setzte sich an die Klaviertruhe, und alles rief entzückt: »Ach, Monsieur Falzbeindl wird spielen!« Nantchen, die meinen kleinen Finger indessen auch zu einem vollkommenen Falzbeindl in ihrer Hand gefalzt hatte, fragte mich: »Haben Sie Monsieur Falzbeindl noch nicht auf dem Klavier gehört?« – »Ich habe ihn bloß jetzt auf dem Sessel gehört!« – erwiderte ich, »Aber nein«, sagte sie, »wie kann man gar so schlimm sein!« – Da schlugen einige Klänge an mein Ohr, als ob eine Tonleiter zusammenbräche und die Späne davon herumflögen, Monsieur Falzbeindl hatte sich aber ans Klavier gemacht und falzbeindelte die himmlischen Straußischen Elisabethenwalzer herunter, daß es eine Freude war! Die verstimmten Saiten, die Holztöne, das Ächzen der Tasten, die mißhandelten Takte, das Haar an meinem Schnurrbarte sträubte sich in die Höhe, Nantchen geriet in ordentliche Verzückung, Frau von Repskörndl kehrte den Kopf links und schielte rechts über. Frau von Grützmacher ließ den Kopf rechts hinüber und blinzelte links. Alles schwamm in stiller Seligkeit, und Monsieur Falzbeindl hing quer auf seinem Stuhl, half jeder Note mit dem Oberleibe nach und balancierte jeden Ton auf der Nasenspitze. Das junge Volk begann zu tanzen. Der Stubenboden war klassischer Boden, römischer Boden, er hatte sieben Hügel. Sie tanzten alle und kamen mir vor wie die Schiffe im Sturm, bald waren sie hoch oben, bald tief unten. Mich erfaßte auch ein Sehnen. »Über Thal und Berg zu schweifen!« Ich faßte die Frau von Zirpewachtel an wie einen aufgerichteten Aalfisch und schleuderte mich hinein in das Gebirge, und mir war es, als ob jemand mir die Goetheschen Worte zuriefe: »Da wählet der Kenner der Höhen und Tiefen Lust und Entsetzen und grimmige Pein!« Frau von Zirpewachtel ragte über alle in die Höhe, als ob ein Blitzableiter mittanzte. Ich riß sie leidenschaftlich hin und her, und die Falzbeindlische Musik hatte das Angenehme, daß man nie merkte, ob man aus dem Takte kam. Endlich war sie ermüdet, und ich ließ sie wie ein Ausrufungszeichen auf ihren Platz fallen. Das »junge Volk« hatte ein wenig ausgetobt, und Falzbeindl schwitzte Tropfen von einer Oktave im Umfange. Aber er sollte heute nicht zur Ruhe gehen! »Unser Falzbeindl soll singen!« hieß es allgemein. »Herr von S .. hat Falzbeindl noch nicht singen gehört!« – »Ja, ich werde bitten«, sagte ich ganz zerknirscht; da ließ Falzbeindl den Kopf auf die Brust fallen und schloß die Äuglein wie ein Kakadu, wenn man ihm den Kopf kratzt, sah wieder auf mich und lispelte: »Der Erlenkönig von Schubert.« »Das ist hübsch! das ist hübsch!« hieß es allgemein. Nantchen fragte mich: »Kennen Sie den Erlenkönig?« – »Ich kenne ihn nicht persönlich«, antwortete ich, »aber aus der Beschreibung!« Falzbeindl präludierte, es sollt E-moll werden; weiß der liebe Himmel, was es war! – Bei den Worten: »Mich reizt deine schöne Gestalt!« floß ein regenbogenfarbner Blick von Falzbeindl auf Frau von Repskörndl. Endlich hörte ich das »ächzende Kind«, hörte die »Mühe und Not«, und, verzeihe mir der Himmel die Sünde! ich war froh, als das »Kind tot« war. Ich und Herr Falzbeindl waren auch tot, und wir sind doch keine Kinder, Falzbeindls Stimme war eine Mischung von Zwillichtenor und Drillbaß; bei jedem Tone, den er ansetzte, stieß er mit dem Bauch in die Luft. Er war zum Entzücken, und der Snozzische Grund widerhallte auch von »Bravo! Bravo!« Der arme Falzbeindl! Noch hatte er keine Ruhe! Frau von Repskörndl setzte sich zum Klavier, und Monsieur Falzbeindl mußte einen Kotillon aufführen. Falzbeindl, der gesellschaftliche Räuberhauptmann, war schon ganz gedünstet, dennoch stellte er sich mit einer unbeschreiblichen Resignation an die Spitze des Kotillons als Anführer und Feldherr. »Den Kotillon«, schrie Frau von Zirpe- Wachtel, »muß alles mittanzen!« – Es war ein Kotillonlandsturm! Ich bekam ein Fräulein von Trampelgunde, eine kleine, dicke Figur, die sich von oben und unten in sich selbst zurückzog, mit einem gelben Kleide, und eine hochrote, einzelne, ungeheuere, steife Blume im Haare, so daß sie mir vorkam wie der gehörnte Siegfried. Sie hing an mir wie eine Ratze; sie tanzte so, daß man sagen konnte, ihre Sohlen berührten kaum den Boden, denn sie tanzte nur auf der Schneide der beiden Füße, auf den äußern Rundheiten, so daß, wenn sie stand, die beiden stachen Fußsohlen gegeneinander über standen und sich über die Schultern ansahen. Falzbeindl verrichtete Heldenthaten! Er schnellte wie ein bezaubertes Fischl durch die Reihen seiner Truppen; er bar, beschwor, stehle, drohte, ächzte, zappelte, er bot Himmel und Erde auf, um seine angegebenen Figuren mit uns durchzuführen, allein seine Mühe und sein Schweiß waren verloren. Wir flogen hin und her und durcheinander wie ein Sack Ratten, der losgebunden wird. Ein allgemeines Geschrei: »Ach, die Trampelgunde hat die Figur verdorben!« – »Die Luze macht alles konfus!« – »Herr von Tischlichtl bringt alles auseinander!« – »Aber die Frau von Grützmacher verdirbt ja alles!« u. s. w. währte während des ganzen Kotillons, und dazwischen immer die um Hilfe rufende Stimme des unglückseligen Steuermanns Falzbeindl: »Aber meine Gnädigsten! Luze rechts! Nante links! Aber nein, Sie daher! Herr von S .. übers Kreuz! Frau von Z. die linke Hand! Damen vor! Herren zurück! Aber meine Gnädigen! Lieber Himmel! Sie quer! Sie dort hinüber! O mein tausend, mein tausend! Sie lassen aus! Ich bitte, ich bitte! Kotillon! jetzt à place! Ach nein! Aber ich bitte! Nante! Sie dort, hierher! Es ist entsetzlich! Marie! mit der rechten Hand! Das ist ja Ihre Linke! Ist denn das Ihre Rechte! O Himmel! noch einmal! à place!« so ging das Zetergeschrei des armen Falzbeindl den ganzen Kotillon durch, er wurde immer heiserer, und als er zu mir kam und krächzte: »Nun, Herr von S ... mit Fräulein Trampelgunde, die Alleefigur!« Ich bebte zusammen! »Bist du es, Hermann, mein Rabe?« fragte ich und setzte mich an die Spitze der Alleefigur. Ich und Trampelgunde an der Spitze der Allee sahen aus wie eine Pappel mit einer Stechapfelstaud'! Diese Alleefigur muß eigentlich italienischen Ursprungs gewesen sein; ich glaube, Falzbeindl hat sie von einer Schüssel Maccaroni, die in sich selbst verschlungen ist, abgelernt. Man ging immer um sich selbst herum und zog die andern mit, und wenn man den Umgang um sich selbst vollendet hatte, so begann man wieder und umging sich von neuem. Auf natürlichem Wege kam diese Alleefigur nur dann zu Ende, wenn jemand so glücklich ist, daß ihn dabei der Schlag rührt. Sonst geht sie ins Unendliche, und ich glaube, ich und Trampelgunde, wir gingen noch um uns selbst herum, wenn nicht ein anderes schauderhaftes Ereignis diese Figur unterbrochen und den Kotillon beschlossen hätte. Ein Fräulein von Kiknitz nämlich, mit sehr hübschen blonden Locken, war etwas lang, und ihr mußte bei dem Durchschlüpfen in dem Kotillon vielmal an dem künstlichen Haargebäude gerüttelt worden sein, so daß es nach und nach locker wurde, und nun plötzlich, als sie auch auf gut Falzbeindlisch um sich selbst herumging, stieß ihr Nachbar mit dem aufgehobenen Arme an das lose Wesen von Lockengeschöpf und – es fiel – ein Opfer des geselligen Umganges! Die blonden Locken mit der blauen stiefmütterlichen Guirlande lagen zu ihren Füßen, und ihr eigenes Haar wurde plötzlich ganz schamrot! Sie bückte sich selbst, um »die Verlornen zu finden!« Aber die rötliche Finderin glitt aus, und sie lagen beide da, die ganze Alleefigur wollte nachhelfen, und sie stürzten alle über die Gefallenen her und fielen auch quer über, Trampelgunde, die Sohlenränderige, purzelte auch über sie hin und zog mich als Schlußstein nach sich. Da lag ich, wie ein Querbalken auf den Trümmern eines Heustadels. Ich glaubte, das gehörte noch zu der Alleefigur, und rief: »Frau von Zirpewachtel, jetzt kommen Sie in die Höhe!« Indessen hatte Fräulein von Kikiritz den günstigen Moment benützt und hatte am Boden das blonde Haarkapsel wieder aufgesetzt. Die Alleefigur wollte aufstehen, das konnte aber ohne meine persönliche Einwilligung nicht geschehen, denn ich lag auf ihnen wie ein großer Briefbeschwerer. Trampelgunde, der ich unmittelbar überlegen war, schrie wie aus einem kochenden Kessel: »Aber Herr von S .., um Gotteswillen, stehen Sie auf!« Ich wollte mir das Ding erst langsam überlegen, denn es ließ sich viel dagegen und dafür sagen. Stand ich auf, so begann vielleicht die Alleefigur von neuem; Trampelgunde, von deren Füßen es sich am Rande verstand, daß sie nicht geh'n und nicht steh'n konnte, wurde mir wieder zu teil, und ich mußte wieder mit ihr um mich herumgehen. Bleibe ich aber liegen, so bleibt die Gesellschaft auch liegen, es ersticken einige Alleebäume, wir haben dann mehrere Tote auf dem Platze, das brächte doch einiges Leben in die Gesellschaft. So dachte und erwog ich mit Bedacht, und unter mir stöhnte das gesamte ehrsame Strozzische Picknick! Und wiederum rief Trampelgunde: »Ach, stehen Sie doch aus, Herr von S .., ich ersticke ja!« Ich aber fuhr fort in meinen Betrachtungen und Erwägungen, »Sie alle«, so dachte ich, »alle, wie sie unter dir ächzen, haben ihr Leben schon genossen, sie haben Thee getrunken, Gugelhupf gegessen und Eierplätzchen, ich aber liege noch da mit einem jungfräulichen Magen. Sie haben gelebt und gegessen, sie können nun schon absegeln aus dem großen Picknick des Lebens. Frau von Zirpewachtel hat ihr Leben verwirkt, weil sie mir keinen Thee zukommen ließ; Falzbeindl hat an Goethe und Schubert den Tod verdient; Trampelgunde hat sich wie die Drud an mein junges Dasein gehängt u. s. w., sie haben den Tod verdient; ich werde allein überbleiben, und vielleicht etwas zu essen finden, und dann beschreiben: les derniers jours de pique-niques auf dem Strozzischen Grund, und – « hier stöhnte der ganze Strozzische Grund unter mir, ich fühlte ein menschliches Gefühl in meiner Brust, beschloß, Gnade vor Recht ergehen und die liebenswürdige Gesellschaft leben zu lassen. Ich stand auf, und nach mir erhoben sich die gestürzten Titanen alle vom Boden und zuletzt das Fräulein von Kitiritz, die ganz zerdrückt wurde und aussah wie ein flacher Eierkuchen. Aber das arme Fräulein war heute vom Schicksal zu grausamen Dingen auserkoren! Sie hatte, wie gesagt, die Kopftoilette am Boden vorgenommen, aber unglückseligerweise das ganze Haargebäude verkehrt aufgesetzt, die langen Locken hingen ihr am Rücken hinab, und über der Stirne prangte der vielfach gewundene Zopf! Sie sah desperat aus! Ich war boshaft genug, ihr schnell zuzurufen: »Kehren Sie sich schnell um, mein Fräulein, so ist alles in Ordnung!« Sie, ganz bewußtlos, kehrte sich rasch um und trug die herrliche Reversseite der Parterrefrisur zur Schau. Da kam meine liebenswürdige Witwe Holdenburg auf den himmlischen Einfall, der Sache durch einen genialen Gedanken eine andere Wendung zu geben. Sie rief: »Jetzt, meine Herren, zum Souper!« Mein Magen war ganz Ohr! Ich nahte mich der süßen Holdenburg und sagte ihr mit einem Blick, der nicht weniger hungrig war als ich selbst: »Zum Souper? Du sprichst ein großes Wort gelassen aus!« Die drei Zirpewachtels fegten herum, die Repskörndl machte hoffnungsvolle Augen, die Grützmacher sah aus wie ein Rätselalmanach, und Falzbeindl riß den Mund auf, als sollte die »Alleefigur« durchgehen. Ich aber betrachtete die Trampelgunde wehmütig und dachte: »Wenn die auch mit soupiert,' dann Gnade Gott der hungrigen Menschheit.« Zum Souper! Alles lief durcheinander, Frau von Repskörndl kommandierte aus dem Verzeichnis, was kommen sollte. »Frau von Tischlichtl, Ihr Bouillon!« Auf einer kleinen Tasse erschienen anspruchslos und bescheiden fünf oder sechs Schalen Bouillon, und die Tischlichtl entschuldigte sich, daß sie die Anzahl der verehrten Gäste nicht wußte, »aber«, sagte sie, »es ist eine delikate Bouillon!« In einem Nu waren die paar Schalen unsichtbar geworden: »Wie Geister kamen sie und schwanden!« Ich hätte gerne eine Schale erobert, und zu einem solchen Kreuzzug wäre wirklich ein Gottfried von Bouillon nötig gewesen; allein es war vergebens; dabei schrie Nantchen immer: »Plehti (plaît-il)?« Ich antwortete: »Oui, et crethi!« Sie sah mich befremdet an und schmunzelte: »Aber nein, diese Schlimmheit!« – Die Bouillon war vorüber, und die Repskörndl rief: »Frau von Hertel, jetzt kommt Ihr Bretzenhecht!« Alle versammelten Angesichter klärten sich bei diesen Worten auf! Falzbeindl griff mit allen zehn Fingern in der Luft herum, als ob er schon auf dem Bretzenhecht einen Walzer spielte! Frau von Hertel sagte: »Es ist zwar keiner von den größten, aber ich habe ihn mit Sardellen zurichten lassen!« Sie sprang auf und lief dem schüchternen Bretzenhecht entgegen. Da lag er auf einer länglichen Schüssel, ein Schattenriß von einem Bretzenhecht; er war so klein, daß ich anfangs die Sardellen für den Hecht hielt, und ein bißchen Sauce war dabei, als wenn der kleine Bretzenhecht einen leisen Schweiß gehabt hätte. »Ach, was für ein liebes Tierchen!« schrie die Frau von Zirpewachtel, begann ihn zu versuchen, und: »Dreimal gehn die Backen auf und nieder, Den Bretzenhecht sieht kein Mensch mehr wieder!« Ich hatte Nantchen früher schon gefragt: »Hier ist der »Bretzen«, wo ist denn der »Hecht«?« Sie säuselte: »Aber nein, Sie werden immer schlimmer!« Sie lief um die Bretzenhechtschüssel, welche indessen, wie Mohammeds Sarg, leer inmitten der Gesellschaft schwebte, brachte mir sie und sagte wieder: »Plehti!« und ich erwiderte wiederum: »Oui, ma chère, et crethi!« – »Aber«, sagte sie, »was ist denn das, crethi?« – »Ei«, erwiderte ich, »es ist ein gesellschaftliches Sprichwort: crethi und plehti; wenn Sie plehti sagen, sage ich daher immer crethi.« Sie gab mir einen kleinen Schlag auf die Wange: »Sie Schlimmer, Sie!« Indessen war der Traum des Bretzenhechtes ausgeträumt, und die Frau von Repskörndl schrie: »Jetzt, Frau von Strieglak, jetzt kommt Ihr Beuschel!« Da floß ein leiser Seufzer aus einem Winkel durch das Zimmer, und der Seufzer klang wie »Brot!« Und ein anderer anonymer Seufzer stoß aus einem andern Winkel: »Ach, nur einen Tropfen Bier!« Frau von Zirpewachtel erhob sich wie eine Lärmstange und sagte: »Ich muß um Entschuldigung bitten, die Frau von Harzmeusel, welche Brot und Bier hätte geben sollen, hat plötzlich absagen lassen, aber es wird sogleich dennoch kommen!« Die zwei Bier- und Brotseufzer verhallten wehmütig; allein ein dritter, unbändiger, tollkühner Seufzer floß wieder durch das Zimmer, und dieser lautete wie: »Wein!« Bestürzt sahen sich alle über diese Frechheit des Gedankens an. »Wer war das!« rief ich aus, »ich glaube gar, ich war es selbst!« Nantchen drehte meinen Finger, als ob er ein Flaschenstöpsel gewesen wäre, und sagte: »Phleti? – »Oui, ma cère, et crethi! Kennen Sie Schillers Worte des Wahns?« – »Ach, Sie sind schlimm! Was sind das für Worte?« – »Hören Sie nur! Drei Worte hört man, bedeutungsschwer,     Im Munde der Durst'gen und Satten, Sie schallen vergeblich, ihr Klang ist leer,     Sie kommen uns hier nicht zu statten; Verscherzt ist dem Menschen des Picknicks Frucht, Solang' er die Schatten zu haschen sucht! Solang' er glaubt, daß er frisches Brot,     Daß er Semmel und Kipfel wird kriegen, – An Semmeln und Kipfel» ist große Not,     Auch Brot sieht man nirgends hier liegen, Und hast du keines dir mitgebracht, So bekommst du keines die ganze Nacht! Solang' er glaubt, daß das bairische Bier     Sich dem Durst'gen vereinigen werde, – Dich durstet vergebens stundenlang hier,     Nichts ist aus dem Tisch, auf dem Herde; Du bist ein Fremdling, so wandre aus Und suche daneben ein Bierschenkhaus! Solang' er glaubt, daß in diesem Kreis     Die Flasche Wein je wird erscheinen, – Kein ird'scher Mensch vom Weine was weiß,     Wir können nur raten und meinen, Du sprichst hier vergeblich ein wichtiges Wort, Doch der Durst'ge wandle ins Wirtshaus fort! Drum, edle Seele, entreiß dich dem Wahn,     Und den himmlischen Glauben bewahre, Daß wir Brot und Bier und Wein auch nicht sahn,     Das ist ja das Schöne, das Wahre! Sie sind nicht da draußen, in Küch' und im Haus, Doch hast du sie bei dir, so gib sie heraus!« Nante sagte: »O, da« ist schlimm!« Indessen war das Beuschel der Frau von Striezlak verzehrt worden; ob es Ideal, ob es Wesenheit war, ich konnte es nickt erforschen. Frau von Zirpewachtel kam mit sechs oder sieben Semmeln in die Stube, und die ganze Menschheit flog ihr entgegen und riß sie ihr vom Herzen. Falzbeindl machte den Mund auf, daß ein kleiner Querflügel darin Platz gehabt hätte: Eine ganze Semmel werf' ich hinein, Verschlungen schon hat sie der schwarze Mund! Ich nahte mich auch, allein Zirpewachtel hatte keine Semmel mehr, bloß zwei leere, lange Arme, und es kam mir vor, als ob sie wie in der Teilung der Erde sagen wollte: »Willst du in meinem Himmel mit mir leben, So oft du kommst, er soll dir offen sein!« Allein die Himmelsseligkeit in ihrem Arme schien mir zu armselig, und ich zog mich nach diesem vergeblichen Raubzug um eine Semmel wieder auf meinen Witwensitz zu Nante zurück! Da rief die Repskörndl: »Jetzt kommen Herrn von S.. seine Kapäundl!« Mir fiel ein Stein vom Herzen, denn dachte ich: »Où peut-on être mieux qu'au sein de da famille?!« Ich sah dem Postzuge meiner Kapäundl mit sehnsüchtigem Magen entgegen, allein statt vier Kapäundeln kamen drei; »ach«, dachte ich, »eines ist im Wasser eingegangen!« Frau von Zirpewachtel tranchierte, und in einem Nu waren die drei Toten zu Scharpie geschnitten und an die löbliche Gesellschaft verteilt. Mir brachte die Frau von Zirpewachtel ein halbes entfleischtes Gerippe, eine Kapäundlrückendarre, Ich stimmte die nadewessische Totenklage an, machte mich über das Bein her, und ich muß ausgesehen haben wie das nagende Gewissen! Wieder stöhnten einige Unglückliche: »Nur einen Tropfen Bier!« Lautlose Stille folgte diesen Seufzern aus dem Tartarus. Mich überfiel ein genialer Gedanke; in der Küche, die zugleich Garderobe war, sah ich im Eintreten einen Wasserkübel. »Dahin möcht' ich mit dir, mein Kapäundl, ziehn!« Es war nicht leicht, dahin zu kommen; die Küche lag wieder auf einem römischen Hügel. Dunkel war's auch, ich aber voll Sehnsucht sang: »Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg, Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg!« Ich war das Maultier und zwar ein Tier mit dürrem Maul, und ich gelangte glücklich in die Küche, Da blühte mein Glück! Die Götter sind edel und großmütig. Fritz, mein Bedienter, war da, um auf mich zu warten. Er hatte sich einen Kalbsbraten und eine Flasche Wein aus meiner Küche samt Brot mitgenommen. Als ich hinauskam, sagte er ganz gutmütig! »Euer Gnaden erbarmen mir, essen Euer Gnaden hier und trink'ns ein'n Schluck Wein; Euer Gnaden schauen ja ganz erbärmlich aus!« Ich umarmte den treuen Diener, verschlang einige Oktavbissen von dem Kalbfleisch und wollte eben einen tüchtigen Zug aus der Flasche thun, als die Frau von Zirpewachtel herausstürzte, die Flasche an sich riß und ausrief: »Ich habe ja gesagt, es ist Wein genug da!« und stürzte mit der Flasche ins Zimmer. Mein Bedienter wollte ihr nachstürzen, ich aber hielt ihn zurück und sagte: »Da drinnen sind auch noch Unglückliche!« Ich trank einen großen Napf voll Wasser aus und ging wieder zurück ins Zimmer. Da waren indessen alle Spuren von der Erfindung des Essens und Trinkens verschwunden, nur die schwankenden Gestalten gaben Kunde, daß getäuschte Hoffnungen dem Magen sehr weh thun. Es war Zeit zum Aufbruche. Ich beredete die Frau von Holdenburg, endlich zu gehen. Die Zirpewachtel war ganz seelenvergnügt, daß alles so vollauf und so in Ordnung vor sich ging, und lud mich zu einem sogenannten »Hackelbutz« (bei dem die Überreste eines großen Essens in einem engen Kreise verzehrt werden) ein. Ich bat um Entschuldigung, da ich mir heute den Magen überladen habe. Wir gingen gegen zwei Uhr morgens von dannen. In der Garderobe hatte indessen die Magd eine furchtbare Verwirrung angerichtet. Sie hatte nämlich nur einfache Nummern gemacht, aber sie wußte doch nicht, was geschehen sollte. Da ich einer der letzten war, so hätte ich meinen Mantel leicht bekommen können, allein er war gar nicht da; es hatte sich seiner schon ein anderer bemächtigt; es war nur noch ein kleiner, kurzer, himmelblau-tüchener Spenzer da, von welchem die Magd behauptete, es wäre ganz gewiß mein Mantel. Ich zog ihn in Gottes Namen an, und in einem Anzuge wie ein halbgeschälter Delphin begleitete ich die Holdenburg nach Hause. In einem der kleinen engen Seitengäßchen des Strozzischen Grundes sah ich plötzlich meinen Mantel am Boden liegen. Ich wollte ihn aufheben, allein siehe da, der kleine Monsieur Wildschnitzel, auch ein Mitglied des Picknicks, lag in ihn eingewickelt ohnmächtig da. Wahrscheinlich hatte ihn der Hunger entkräftet, und er unterlag der großen Anstrengung, meinen langen Mantel mitzuschleppen. Ich hob ihn auf, nahm ihn auf den Arm und trug ihn in ein naheliegendes, offenes Wirtshaus; hier labten wir ihn mit Brot und Bier, ich gab ihm seinen Spenzer, er mir meinen Mantel, ich führte die Holdenburg nach Hause, und sie sagte mir im Abschiednehmen: »Wir haben uns doch köstlich unterhalten!« – Das Pfänderspiel in der Paniglgasse und der Humorist vom Thurn. Der Mensch, das heißt der Mann, das heißt der ledige Mann, soll seine Sachen, das heißt seine Halskrägen, alle selbst kaufen. Dieser Satz aus der Moralphilosophie der Liebe hat sich bei mir erwiesen. Ich konsumiere jährlich viel Halskrägen und lege wirklich das ganze Jahr nichts zurück als eben meine Halskrägen. Es glaubten schon viele Humoristen, der Humor bestände darin, seinen Halskragen zurückgelegt zu tragen, und siehe da, kaum hatten sie ihren Halskragen zurückgelegt, so hatte ihr Humor Hals und Kragen zurückgelegt! Also ich kaufte meine Halskrägen in der – Straße. Da saß sie und säumte ein Tuch. Es war nicht die Modiste selbst, nicht Lucina selbst, sondern eine ihrer Priesterinnen, eine der dienenden Grazien in dem Tempel der modischen Göttin. Da saß sie, – sie mag Pamela heißen – da saß sie und säumte. Ich begehrte mit jenem warmen flanellenen Lächeln, welches ebensogut für geheime Ironie als für unendliche Schafmäßigkeit genommen werden kann, ein halb Dutzend Halskrägen. Sie säumte fort; ich ergriff sofort sie und die Gelegenheit beim Kinn und wurde bedeutend witzig, indem ich sagte: »Sie sind sehr saumselig!« – Darauf lachte ich ein Erkleckliches und wartete auf den Eindruck, den diese Witzkugel auf das Modistenherz machte. Allein Pamela war hochgebildet und also ein abgesagter Feind des Witzes. Ein Buch lag auf dem Nahtisch, ich schlug es auf, es war »Emilia Galotti«. – »Ach«, sagte ich, »lesen Sie auch so gerne Räubergeschichten?« – Sie aber warf einen nichtssagenden Blick auf mich und eine durchbohrende Nadel auf die Erde, stand auf und zeigte mir stumm mehrere Muster von Halskragen. Ich fuhr fort, bezaubernd zu sein. »Nicht nur diese Kragen, sondern auch Sie sind ein Muster: selig, wem Sie wie ein Kragen um den Hals fallen!« Ich wollte noch weiter unwiderstehlich sein, allein Pamela unterbrach mich mit den Worten: »O, ich habe keine Zeit zu Ihren Dummheiten!« – Diese Klarheit der Idee bei dieser Präzision des Ausdrucks vollendete meine Niederlage! Der Mensch kann alles, was er will, wenn er nur will, was er kann! Ein Schriftsteller kann eine Modiste gewinnen, wenn er nur will, und ich wollte. Sie hatte bald sehr viel Zeit zu meinen Dummheiten, so viel Zeit, daß ich bald nicht genug Dummheiten zur Zeit hatte. Pamela hatte außer einigen hundert Wünschen nur noch zwei Wünsche, erstens: ein Gedicht zu ihrem Geburtstage; zweitens: ich sollte mit ihr einmal eine Freundin in der Paniglgasse besuchen, wo sich mehrere Freundinnen, die alle vom Nadelgelde des Luxus lebten, oft zu einem Pfänderspiele versammelten. Mit dem Gedicht ging's gut; ich entschuldigte mich, daß ich den vierten Reim zu einem Sonette nicht fand, ich habe nur drei Reime: Nadel, Adel, Tadel; ich sann lange nach, endlich rief sie aus: »Ich hab' den vierten Reim: Stadl!« – Ich fiel ihr um den Hals und sagte entzückt: »Dieser Stadl räumt dir einen der ersten Plätze unter Deutschlands Dichterinnen ein!« – Wir näheten also den Stadl an den Tadel, den Tadel an die Nadel und die Nadel an den Adel an, und das Gedicht war fertig. »Nun«, sagte die Stadlmuse, »nun gehst du auch mit mir in die Paniglgasse!« Ich sagte zu und ging mit hinaus. Lieber Leser, hast du schon einmal Pfänder gespielt? Du lächelst? Du Schalk! Ich seh' es dir an, du hast schon einmal Pfänder gespielt! Bist vielleicht gar »in den Brunn gefallen?« Erröte nicht, man will bestimmt wissen, daß Cäsar leidenschaftlich Pfänder spielte und Xenophon das Spiel: »Rette sich, wer kann« gespielt habe. Was Cäsar und Xenophon thaten, darf ich auch thun. Ich habe in meiner Jugend – »längstvergangene Zeit, erste Person, anzeigende Art« – viel Pfänder gespielt und daher die Bemerkung gemacht, daß jeder Mensch ein anderes komisches Gesicht schneidet, wenn er Suppe ißt, wenn er Billard spielt, und wenn er küßt. Ich freute mich im Grunde herzlich auf das Pfänderspiel in der Paniglgasse, denn ich wußte, da wird recht altmodisch geküßt werden. Die Prüderie unserer aufgeklärten Mädchen hat das ehrliche Pfänderspiel ganz um seinen Charakter gebracht. Früher glich die Auslösung der Pfänder einer kleinen Kanonade, man hörte die Küsse in der Nebengasse. Wir stiegen eine schmale, matt beleuchtete Stiege empor, wanden uns durch einen engen Gang und gelangten endlich in den Tempel des Pfänderspiels, in eine kleine, reinliche, ziemlich große Stube, in welcher um einen länglichen Tisch ungefähr sechs bis acht Mädchen und ebenso viele Männer saßen. Alle sprangen auf und riefen: »Sie bringt ihn!« Darauf wurde Pamela von allen Mädchen besonders geküßt, und die Mädchen untereinander küßten sich ad libitum. Hier mache ich en passant die Bemerkung, daß alle Mädchen, bevor sie jemanden lieben, etwas lieben, sei es eine Katze, einen Papagei oder – eine Freundin. Die Neigung, mit welcher zwei Mädchen aneinander hängen, ist nur die Vor- und Musterzeichnung, welche nachher auf einen andern Gegenstand übertragen wird. Habt ihr schon Männer gesehen, die sich untereinander stets küssen? Bei den Mädchen aber sind das lauter Generalproben, Studien, so wie Künstler zuerst an Modellen ihre Rollen einstudieren; diese Küsse sind bloß Ventilzüge, um die gesteigerte Temperatur zu entladen. Wenn ich zwei so zärtliche Freundinnen sehe, die sich in Küssen verzehren, denke ich immer: das sind Nasch- und Brandbriefchen unter falscher Adresse! Es sind Noten ohne Text. Doch ich komme zurück in die Paniglgasse, wo schon alle Vorkehrungen zu einer endlosen Pfänderspielerei getroffen wurden. Ich will erst eine kleine Personalschilderung des gesetzgebenden und ausübenden Körpers vorausschicken. Frau Brandt, die Hausfrau, Inhaberin einer modistischen Kunstschule. Sie war eine Frau zwischen 16 und 54; aber so viel war gewiß, daß sie nicht unter 16 war. Sie sah aus wie eine Phantasieblume, denn in der Natur gab es solche Blüten nicht. Sie trug das Haar à la Titus, aber dieses Haar spielte ein ganzes Prisma von Farben und sah zuweilen aus wie eine Malerpalette. Die Gestalt war ganz Geist, denn Fleisch war gar nicht da, bloß Geist, und was nicht Geist war, war Bein. Sie kam mir vor wie eine angezogene Nähnadel unter dem Mikroskop. Der erste Mann ihrer Liebe, der zuerst anbiß, starb bald darauf infolge dieses Imbisses, und ein kleiner Amor, genannt »Gustl«, war das hinterlassene Werk des Verblichenen, und wenn er sagte: »Das ist Fleisch von meinem Fleisch«, so setzte sie dazu: »Und Bein von meinem Bein!« Gustl war 9 Jahre alt und wurde von der Mutter bloß »mein Genie« genannt. Wenn der Leser sich einen kleinen Rangen mit rotem Haar, mit langen Schürhakenhänden, mit aufgeschlitzter Nase, mit stets offenem Mund und einer schnarrenden Fistelstimme denkt, wenn er diesem Ideal einen gelben Rock, bis unter das Kinn zugeknöpft, verleiht und einen Ärmel, der anstatt des Schnupftuches eine Glanzrolle spielt, so hat der Leser ein Bild vor sich, wie die jungen Genies aussehen. Sodann waren da: Luise Pfannendorfer, die Weißnäherin, Antonie Zwiebl, die Hemdknöpfelmacherin, Tini Zwickmauser, die Faltlerin, Nani Leinzgerber, die Handschuhnäherin, und noch einige, die ich nimmer weiß. Von den Männern nenne ich: Mai Kirschlinger, étudiant en Schneiderkunst; Pepi Gränzmacher, Hörer der Gelbgießerei; Toni Leimsuster, Greislereibeflissener von Erdberg, und Karl Takelhuber, supernumerärer Lackiereradjunkt vom Thurn. Von dem letzten hatte mir Pamela schon Wunderdinge erzählt, wie witzig und komisch er ist, und wie sie ihn alle nur den »Humorist vom Thurn« nennen. Mit Stolz bemerkte ich, daß Pamela eine Art von imposanter Macht in der Gesellschaft war. Es war die Gewalt der Bildung, die Obermacht der Belesenheit! Pamela wußte den Monolog: »Lebt wohl, ihr Berge«, und den andern: »Eilende Wolken, Segler der Lüfte«, auswendig; Pamela deklamierte die »Pfarrerstochter von Taubenhain« und wußte mehrere Stellen aus »Menschenhaß und Reue«, »Ahnfrau« und »Tassos Tod« zu citieren; sie war bei großen Thränenstücken die erste im zweiten Parterre und die bekannteste »Weinerin« auf acht Bänken in der Runde. Sie war eine lebendige Thränendrüse; sie weinte, wenn sie den Totenzettel las; sie weinte, wenn ein Mädchen ihren Geliebten verlor; sie weinte, wenn ein Kanarienvogel sich mauserte; sie weinte, wenn sie das Hinterteil eines Chemisettes verschnitt; sie weinte, wenn sie von einer Totentruhe träumte; sie weinte, wenn sie den Stellwagen nach Dornbach versäumte; sie weinte, wenn man vom Dreißigjährigen Krieg erzählte; sie weinte, wenn man ihrem Hündchen die Pfote einzwickte u. s. w. Kurz, sie war ein Thränenkrug in Form einer Modistin. Diese Sentimentalität gab ihr ein vollkommenes Übergewicht über alle. Sie installierte mich sogleich als ihren Moritz; womit ich denn als ein integrierender Teil ihres Selbsts sogleich als ein förmliches Mitglied des Pfänderspielvereines betrachtet wurde. Man verlor auch keinen Augenblick Zeit, sondern Frau Brandl, das Beinautomat, stellte sogleich die Stühle in einen Kreis und sagte: »Nun, Kinder, wollen wir anfangen.« Frau Brandl präsidierte, und Gustl, das Genie, saß auf einem Schemel zu ihren Fußen. Wir setzten uns alle. »Bunte Reihe, bunte Reihe!« schrie Jakelhuber, der Humorist vom Thurn; ich kam zwischen Pamela und Toni Zwickmauser zu sitzen, und es wird daher nötig sein, daß ich die letztere auch ein wenig bei meinem Leser einführe. Toni Zwickmauser, die Faltlerin, war klein, aber was man in der Lokalphilosophie punket nennt. Die Natur wußte, daß sie nie einen Halsschmuck tragen wird, und setzte deshalb den Kopf sogleich an den Rumpf, ohne das überflüssige Bindezeichen des Halses. Was aber die Natur am Halse verkürzte, das ersetzte sie an den Händen, welche bis zu der Erde prolongiert wurden. Die Zwickmauser konnte, wenn sie gut aufgelegt war, mit Bequemlichkeit eine ganze Vorstadt umarmen. Sie hatte kleine Äuglein, die immer nach Luft schnappten, und eine kleine Knorpelanspielung auf eine Nase, die aber unverständlich blieb, welche über einen sehr breitwilligen Mund, wie ein Lämmchen über einem offenen Abgrund, hing. Von diesem Mund war die Unterlippe mit sich selbst in Zwiespalt geraten, so daß sie sich von dem wachthabenden Dienst auf der Brandstatt der Zähne zur Hälfte zurückzog. Mit dieser Annehmlichkeit der Gestalt verband sie die liebenswürdige Eigenschaft, als ein Gegenstück zu Pamela, stets zu lachen! Sie lachte immer dreimal, erst, bevor sie wußte, warum, bloß mit den andern; dann über die Sache, dann noch einmal als Nachdonner oder Echo. Sie lachte über alles und über nichts. Wenn sie lachte, zwinkerte sie Augen und Mund so zusammen, daß das ganze Gesicht wie ein gefaltetes Jabot aussah, in welchem die ersten Anfangsgründe ihres Näschens wie ein Perlmutterknöpfchen saßen. Dabei rief sie immer: »S'is himmlisch!« und zwickte einen bei jedem »s'is himmlisch!« wie ein Hummer in die Seite oder in den Arm. Das war meine Nachbarschaft in der bunten Reihe! Das Spiel begann, und man war lange nicht darüber einig, was gespielt werden sollte. Es war ein Geschrei durcheinander: »Der Kirmesbauer!« Es fuhr ein Bauer ins Holz, Es fuhr ein Bauer ins Kirmesholz, Es fuhr ein Bauer ins Holz! – »Nein! stirbt der Fuchs, so gilt der Balg!« – »Nein! Schenken und Logieren!« – »Nein! Jakob kömmt!« – »Nein! Okele Rinkele, jeder in sein Winkele!« – »Nein! Lirum Larum Löffelstiel, Jakob Michel, such dein Ziel!« – »Nein! Moquierstuhl!« – »Nein! par odre du Mufti!« – »Nein! Munkezen, Munkezen!« – »Nein! stumme Musik!« – »Nein! guten Tag, Herr Nachbar!« – »Nein! ein Schiff ist aus Holland gekommen!« – »Nein! das Advokatenspiel!« – »Nein! Schranken auf, Schranken zu, Maus, Maus, wer bist du?« – »Nein! Brüderchen, wer klopft?« – »Nein! Ihr Diener, Herr Eberhard, Sie haben einen blauen Bart!« – »Nein! schau dich um, der Plumpsack geht um! – »Nein, nein! Ja, ja! Ja! Nein!« So ging es fort; Pamela weinte schon, die Zwickmauser lachte und versetzte mir einige gefaltete Zwicke in den Arm. Endlich drang der Humorist Takelhuber durch: »Ähnlichkeit und Unterschied!« »Ja, ja, ja! Ähnlichkeit und Unterschied!« Akklamation, allgemeine Freude, Pamela trocknete die Thränen, Zwickmauser stopfte das Lachen, und mein Arm feierte Zwickement suspendu. Also das Spiel begann. Takelhuber schrie: »Rechts gibt man eine Person, links eine Sache.« Richtig. »Ach«, hieß es nun unter allen Mädchen, »ich weiß nicht, was ich geben soll!« Es dauerte eine halbe Stunde, bis alles ringsherum fertig war, und nun kam es an die öffentliche Mitteilung. Frau Brandl begann: »Ich habe geschenkt bekommen Herrn Saphir und Linsen mit Abschrödel; ach Gott, ich weiß nicht, was ich sagen soll, ich weiß keinen Unterschied!« »Es nutzt nichts, es nutzt nichts, Sie müssen sagen!« Allgemeine Gärung. »Nun wegen meiner, Herr Saphir und Linsen mit Abschrödel sind sich darin ähnlich, daß sie sehr gut sind, Unterschied ab« weiß ich nicht.« Da schrie Gustl aus seiner Versenkung herauf: »Mutter, Mutter, ich weiß einen Unterschied: die Linsen kann man essen, und den Herrn Saphir kann man nicht essen!« »Bravo, bravo!« Allgemeiner Jubel. Die Frau Brandl ruft: »Sag' ich's nicht, er wird ein Genie!?« Nun kam die Reihe an Max Kirschlinger, den ètudiant en Schneiderismus. »Ich habe geschenkt bekommen Mamsell Zwickmauser und einen Pantoffel; gleich sind sie sich darin, daß sie beide ein nötiges Möbel sind. Der Unterschied ist, der Unterschied, ja der Unterschied – « Da schrie Gustl wieder: »Der Unterschied ist, daß die Zwickmauser ein Stückel Rasen hat, der Pantoffel aber gar keine!« »Richtig, bravo!« Allgemeiner Jubel, die Mutter heult Freudenthränen: »Gustl, mein Gustl, mein einzig Genie!« Nun kam die Reihe an Toni Zwickmauser. »Ich hab' bekommen, hi hi hi den Sänger Pöck und hi hi hi einen hi hi hi einen Zwetschkenröster! Der Unterschied ist, daß Pöck hi hi hi! singen kann und der Zwetschkenröster hi hi hi! kann nicht singen hi hi hi! und gleich, gleich, gleich sind sie, hi hi hi! gleich weiß ich gar nichts hi hi hi!« Allgemeine Stockung, Gustl konnte auch nicht aushelfen. »Ein Pfand! ein Pfand!« Toni legte das erste Pfand auf den Pfänderaltar nieder, es war ein Krapfen, den sie sich mitgebracht hatte. Jetzt kam Takelhuber: »Ich habe die Pamela bekommen und einen Rosenstrauß; gleich sind sie darin: sie ist eine Rose und das ist auch ein Rosenstrauß. Der Unterschied ist der, da sind mehrere Rosen, Pamela ist eine einzige Rose!« »S'is himmlisch!« schrie Zwickmauser mit einem obligaten Zwick, und ein einstimmiges »Einzig!« belohnte die zarte Idee; selbst Pamela warf einen Regulaquinqueblick auf den triumphierenden Jean Paul vom Thurn, und an mich kam die Reihe: »Ich habe die Frau von Brandl bekommen und eine Lichtschere; gleich sind sie sich darin, daß sie beide putzen, jene die Menschheit, diese die Kerzenheit; unähnlich, unähnlich – « Da unterbrach mich plötzlich das Genie vom Fußschemel: »Die Lichtputzen muß man fleißig ausklopfen, die Mutter aber nur selten!« »S'is himmlisch!« mit einer Zwickfermate, unauslöschlicher Beifall. So ging das Ding herum, einmal, zweimal, dreimal, dann wurde ein anderes »Ratespiel« gespielt. Einer mußte nämlich hinausgehen, die Gesellschaft wählt ein Wort, der Ratende kann jedem drei Fragen vorlegen: wie, wann und wo lieben Sie es? und aus den Antworten mußte er es erraten. Pepi Gränzmacher, der Hörer der Gelbgießerei, kam an die Reihe; er ging hinaus, die Gesellschaft wählte das Wort »Spiegel«, er kam herein und begann bei Frau Brandl: »Wie lieben Sie es?« – Viereckig, – »Wo lieben Sie es?« – Im Zimmer. – »Wann lieben Sie es?« – Wann ich's brauch'! – »Süperb geantwortet!« rief alles. – Gränzmacher stand lange da wie eine nachdenkende Zitterpappel, endlich rief er: »Ich hab's! a Zahnbürsten!« – »Ein Pfand! ein Pfand!« Jetzt ging Karl Leimsufter hinaus, der »Spiegel« wurde beibehalten. »Wie lieben Sie es?« fragte er Antonie Zwiebl beim Eintreten. Nach einer langen Pause sagte sie: Wie? achteckig. – »Wo lieben Sie es?« – Wo? über mein Bett. – »Wann lieben Sie es?« – Früh Morgen. – Lange Pause, endlich sagte er mit siegvollem Gelächter: »Ein Handtuch, ein Handtuch!« – »Nichts, nichts, ein Pfand!« Nun mußte Leinzgerber Nani hinaus. Es wurde »Auge« gewählt; sie kam herein, auf mich gerade zu: »Wie lieben Sie es!« – Ohne Butter. – »Wo lieben Sie es?« – Im Schweizerkäse. – »Wann lieben Sie es?« – Alle Augenblick. – »Ah, ich weiß schon: Maccaroni, Maccaroni!« – »Nichts da, ein Pfand, ein Pfand!« Nun mußte ich hinaus. Ich kam herein und fragte die Frau Brandl: »Wie lieben Sie es?« – Wie eine fidele Haut. – »Wo lieben Sie es?« – Auf der Hand. – »Wann lieben Sie es?« – Wann es nicht beißt. – »Aha, das ist Ihr Mops!« – »Ach nichts, nichts, das sind Sie selbst, ein Pfand, ein Pfand!« So ging es noch lange, bis eine Anzahl Pfänder beisammen waren und es Zeit war sie auszulösen. Pamela hatte mir schon gesagt, daß der »Humorist vom Thury« einen »Pik« – wie sie es nannte – auf mich habe. Ich konnte mich nicht erinnern, wodurch ich Jakelhubers Zorn erregt haben sollte. Allein Jakelhuber gehörte nun einmal zu meinen Feinden. – Er war eigentlich ein Wachsbleicher. Späterer Trieb bestimmte ihn, zu studieren, allein es erging ihm wie dem »ph« in der neuen Rechtschreibung: es wurde nämlich aus der »Fisik«, aus der »Filosofie« und aus der »Filologie« hinausgeworfen. – Er fand sich dadurch aus seinem Beruf ganz herausgeworfen und ging in sein Wachstum zurück. Hier fand er seinen Stoff biegsamer und nachgiebiger, allein durch Versehen blieb einmal etwas zu viel an ihm kleben, wie das bei dem Wachs zu sein pflegt, und sein Herr fand sich bewogen, ihn von einem Geschäfte zu entfernen, das unwillkürlich eine Anhänglichkeit an fremde Gegenstände mit sich führt. Darauf verlegte sich Jakelhuber auf freie Künste, wurde Markeur in einem Kaffeehause, wo einige Litteraten täglich eine heiße Tasse Kaffee und jährlich ein aufgewärmtes Bonmot verzehrten. Hier profitierte er an Humor und Witz, und da er sah, daß man fremde Einfälle für die seinigen ausgeben kann, hielt er eines Tages sechs Kaffeelöffel für sechs Einfälle und eignete sie sich auch zu. Die Gerechtigkeit aber, die zwar goldne Einfälle, aber keine silbernen Löffel entwenden läßt, bewies Jakelhuber, daß das Sichaneignen fremden Eigentums bloß ein Vorzug im Reiche der Ideen, aber nicht in dem Reiche der Wirklichkeit ist. – Es wurde ihm günstige Gelegenheit geboten, einen zweijährigen, ungestörten Monolog über »Sein« oder »Mein« zu halten und darüber nachzudenken, ob es besser sei, vermittelst einer Feder fremder Gedanken sich zu bemächtigen, oder vermittelst des Fünffingerkrautes eine unglückliche Leidenschaft zu Kaffeelöffeln zu fassen, die schon früher durch gesetzliche Bande an einen beglücktern Gegenstand gefesselt sind. Nach Beendigung dieses zweijährigen Monologes wurde Jakelhuber herausgerufen, er warf sich wieder auf Transcendental-Wissenschaft, wurde Lackierer, und am Sonntage lebte er dem Humor, las Zeitungen, machte Witze, rupfte Guitarre, lackierte alte Rätsel und Scharaden neu auf und wußte sie richtig in Journalen als Lachstoff anzubringen. Daß ein Mann, der Witze wichst, Guitarre rupft und alte Bonmots neu lackiert, bald nur der »Humorist vom Thury« genannt wurde, wird jeder natürlich finden, der unsere humoristischen Lackierer kennt, und ebenso natürlich, daß ein solcher Mann mein Feind sein mußte. Pamela sagte mir sogleich: »Jakelhuber hat einen ›Pik‹ auf dich, er wird dich gewiß stets sticheln!« Ich aber erwiderte: »Holde Pamela! ein Jakelhuber mehr oder weniger, was wiegt das auf der großen Wagschale? Ich sage mit jenem Franzosen: Ce n'est qu'un Jakelhuber de plus! « – Und so gingen wir denn ruhig an das Auslösen der Pfänder. Pepi Gränzmacher hatte den Hut mit den Pfändern in der Hand, und die Auslösung begann. »Was thut das Pfand, was ich hab' in meiner Hand?« – »Schinken schneiden!« schrie Gustl. »S'is himmlisch!« schrie Zwickmauser. Das Pfand gehörte der Antonie Zwiebl. Sie stellte sich an die Thür und schrie wie besessen: »Ich schneide, schneide Schinken, Wen ich lieb hab', werd' ich winken!« Mein Herz bebte, ein ganzer Frühling voll Winterrettich ging durch mein Herz, eine Ahnung lüpfte mir den Schnurrbart, allein – der Blitz ging vorüber – der Greislerei-Beflissene war der Gewinkte – er floh hin – es schnalzte. – Es war geschehen, ich atmete leichter. »Was thut dies Pfand, das ich hab' in meiner Hand?« – »Satzaufgeben!« – »Nein, seinen Schatten küssen!« – Endlich drang Gustl mit seiner Drosselarie durch: »Sich auf den Kopf stellen!« – Leimsuster suchte einen Nagel in den Dielen und stellte sich auf den Nagelkopf. »Bravo! bravo!« Allgemeine Bewunderung. So ging es fort, »Ein Glas Bier trinken, ohne die Nase ins Glas zu stecken,« – »Trauben lesen,« – »Statue machen« u. s. w. Mit mir meinte es das Schicksal grausam! Mein Pfand wurde verdammt: »den Thron der Lieb' zu bilden!« – Ich war sehr begierig, wie ich diesen bilden sollte, und es wurde mir erklärt, ich müßte mich auf Händen und Füßen niederlassen und ein Paar bestimmen, die sich auf meinen Rücken niedersetzen. – Eine saubere Proposition! Indessen, was war zu thun? Ich ließ mich mit einer Behendigkeit nieder, wie der Elefant in der Menagerie, und bestimmte, daß Jakelhuber und Leinsgerber, die Handschuhnäherin, das Liebespaar machen sollten. Das edle Paar bestieg mich, als ob ich ein Mietkamel gewesen wäre, mit einer Behaglichkeit und Solidität, als ob sie eine Sommerwohnung auf meinem Rücken beziehen wollten. Ich aber, ein Bösewicht von Haus aus, ich beschloß, Rache an dem feindlichen Humoristen zu nehmen, und im Augenblicke, als sie sich so bequem machten, als ob sie auf meinem Rücken auf Wartegeld säßen, streckte ich mich plötzlich ganz flach aus; das edle Paar purzelte natürlich zu Boden, und Jakelhuber zerschlug sich die Nase. So rächt sich ein Deutscher! Jakelhuber, mit dem humoristischen Zirkumflex auf der Nase, war wütend, allein ich entschuldigte mich mit meinem Krampf, den ich gewöhnlich bekomme, wenn hinter meinem Rücken geküßt wird. Ein zweites Mal wurde mir bestimmt, dreimal zu niesen, dreimal zu köckern und dreimal zu krähen. Ich vollbrachte alles mit einer Sonorität und mit einer Grazie, daß selbst Jakelhuber sagte: »Nun, es ist zwar nicht neu, aber es passiert!« Nun kamen die Rätsel und Scharaden, und da war der Ort, wo Jakelhuber glänzte und ich in meines Nichts durchbohrendem Gefühle da stand. Er war unerschöpflich, zehn Grenadiere hatten ihn nicht zum Schweigen gebracht. Er begann: »Vorne wie ein Lamm, Mitten wie ein Lamm, Hinten wie ein' Sichel, Rate, lieber Michel!« Gustl schrie: »Nix sagen, nix sagen, ich muß wissen! Ich weiß schon, kikiriki! kikiriki! ein Hahn! ein Hahn!« Frau Brandl neigte sich und weinte eine Harzthräne auf das rote Haupt des kleinen Genies! – Jakelhuber fuhr fort: »Es hat den Kopf von einem Krebs; die Mitte von der Kuh, den Schwanz von einer Maus, das Ganze liebst du.« »Nun«, wandte er sich zu mir, »Sie wissen ja alles, was ist das?« Ich sann lange nach und gestand meine Unwissenheit. Alle rieten, Brandl riet: Zwirnknäul! Zwickmauser riet: Regenbogen! Kirschlinger riet: Griessterz! Da lächelte der Humorist vom Thury triumphierend und sagte: »Soll ich's Ihnen zeigen, was es ist?« – »Ja, ja!« Er fiel über Pamela, küßte sie und rief: »Ein Kuß: K von Krebs, U von Kuh, S von Maus!« Gustl klatschte jauchzend in die Hände und rief: »Man kann auch sagen: Kopf von Kirschlinger, Kopf von Kirschlinger!« »S'is himmlisch, hi hi hi!« lachte die Zwickmauser und applizierte mir einen ungeheuren Zwick in die Seite. Da ließ ich mein Licht leuchten: »Warum schreit der Esel immer JA?« – Alles schwieg, Jakelhuber war sehr gespannt, und ich fuhr fort: »Weil er ein Esel ist, sonst würde er schreien: Sie A!« – Gustl fuhr wie ein Erdzeisel in die Höh' und jauchzte! – Jakelhuber wurde rot wie ein Zinnoberlack, und die Lust, mich an geistreichen Rätseln zu überflügeln, spornte ihn zu Unerhörtem an; er begann: »Was sind das für Leut', die sich immer rüsten, nie rasten und stets rosten?« Kein Mensch wußte es; da sagte er mit einem durchbohrenden Blick auf mich: – »Die Humoristen!« – Pamela weinte an Leib und Seele, Zwickmauser lachte an Händen und Füßen, und Jakelhuber strahlte im Lichte süßer Rache. Ich ließ mich auch nicht spotten. »Was ist der Unterschied zwischen einem Humoristen und Lackierer?« Totenstille? Nur Gustl schnalzte mit der Zunge und stach Steckrübchen mit den Fingern. »Weiß niemand? – Also: beim Lackierer kommt erst der Wichs, dann der Glanz, bei dem Humoristen umgelehrt!« Gustl schnalzte und rief: »Spüren's was?« Jakelhuber verbiß seinen Grimm und ging zu Scharaden über: »Es ist ein einsilbiges Wort, Im Winter liegt's am Ort, Im Sommer geht es fort.« »Was ist das, Herr Saphir?« Ich sann lange nach und sagte endlich: »Nankingbeinkleider!« Jakelhuber lächelte höhnisch und sagte: »Sie haben nicht das geringste Talent zum Erraten, es ist Eis!« – »Richtig, Eis!« riefen alle, »das ist sehr witzig!« – Das Rätselspiel ging auch zu Ende, und ein neues: »Was thut das Pfand, Das ich hab' in meiner Hand?' erscholl. »Eine Vorlesung halten, eine humoristische Vorlesung! Eine Vorlesung!« Ich war einer Nervenlähmung nahe! Da kam das Pfand, es gehörte Jakelhuber!! »S'is himmlisch!« zwickmauserte meine Nachbarin. Jakelhuber machte einige Umstände, allein er gab dem allgemeinen Drange nach. Ein Tisch wurde gebracht, zwei Leuchter mit Kerzen. Jakelhuber setzte sich in Positur, zog ein Heft aus der Tasche und begann. Totenstille herrschte im Zimmer. Pamela hatte sich zu meiner Rechten an mich angeheftet, als ob ich eine Musterzeichnung wäre, und links hatte sich die Zwickmauser in mich eingezwickt. Jakelhuber bereitete sich zu seiner Vorlesung vor, räusperte, hustete, rückte auf dem Sessel und begann endlich mit jener nachlässigen Grazie, wie sie im Thury wild wächst, und mit einer unwiderstehlichen Zeiselbärstimme: »Variationen über Spieß, Speis und Spaß, in Wichs-, Wuchs- und Wachsleinwand. »Meine freundlichen Hörer und Hörerinnen! Indem ich beginne zu beginnen, beginnen Sie mich begönnen, diese zur Begünstigung gesteigerte Begönstigung zeigt sie mir als könnende Gönner, als gönnende Kenner! Jeder Beginn ist ein Spieß, auf dem man die Aufmerksamkeit der Hörer aufspießt; aber so wie der Spieß nur dann ist ein Spieß, wenn er ist da zur Speis und nicht bloß zum Spaß, so ist jeder Beginn, das heißt jeder Anfang eigentlich nur ein »fang an!« vom Hörer, sonst ist nichts an dem Fang!« (Hier unterbrach allgemeiner Beifall den schwitzenden Jakelhuber. Mar Kirschlinger sagte zu Nani Leinzgerber: »Ganz in Schander von Saphir!« Und die Brandl sagte leise zu Toni Leimsuster: »Der Saphir ärgert sich, daß ihm der alles so abgelernt hat!«) »Meine freundlichen Hörer und Hörerinnen! Was ist das Leben? Ein Spieß! Beim Armen kommt das ganze Jahr kein Braten daran; der Reiche aber hat alle Tage einen anderen! Das Leben ist ein Spieß, das Schicksal dreht den Menschen auf ihm am Feuer des Schicksals, und die fetten Thränen fallen in das prasselnde Feuer, bis er vom Schicksal gebräunt auf den Tranchierteller des Totenbrettes kommt und vom Spieß des Lebens zur Speis der Würmer wird, die nicht Spaß machen!« Pamela weinte bitterlich. Luise Pfannendorfer sagte zu Gränzmacher: »Und das Gemüt! bei dem Witz so viel Gefühl! da muß sich der Saphir verstecken!« Ich hörte das, drückte ihr die Hand und sagte: »Ach Luise, wo kann ich mich verstecken?« »Von diesem Spieß kommt der Mensch in die Leinwand, in die Totenleinwand, in die Wachsleinwand, in die Leinwand, in der man nicht mehr wächst, sondern wo nur Wachs über uns brennt, und aller irdische Glanzwichs abgestreift ist! »Das Wachs, meine freundlichen Hörer, spielt im Leben eine große Rolle, denn kommt nicht alles drauf an, wie man gewachsen ist? Je schöner der Wuchs eines Mädchens, desto eher leuchtet das Wachs zu ihrem Brautfeste, und je weniger Wichs kriegt sie. Je schöner die Weiber gewachsen sind, desto weniger sind ihnen die Männer gewachsen! Darum sind unsere bartlosen Rezensenten so frech, weil ihnen keiner gewachsen ist! Ein junges Mädchen, das im Wachsen ist, ist ein Rosenstock und zugleich ein Wachsstock; wenn sie größer werden, wird's eine Wachsfackel, da darf man nicht lange mehr fackeln! Ein Weibsbild ist schön, wenn es ist wie ein Wachsbild! Es bildet sich im Wachsen und wächst in der Bildung, dann macht das Bild einen solchen Eindruck, daß man macht davon aus Wachs einen Abdruck, man poussiert sie und bossiert sie, und sie wird umringt von Wachspoussierer und Wachsbossierer!« »Scharmant! scharmant!« – »S'is himmlisch!« – »Ganz Saphir!« – »Bravo! bravo!« Ein furioses Händeklatschen ging herum, alles überschüttete ihn mit Komplimenten, und Gustl schrie: »Wichs, Wachs, Wuchs, Weichsel, Wachset, Wauchsel etc.« Jakelhuber war glücklich zu Ende, ging in seinem Sieg an mir vorüber und sah mich mitleidig an. Ich war für den Abend ein geschlagener Mann! Selbst Pamela warf einen Blick mit zärtlichen Schrauben auf Jakelhuber! Das ist die Macht des Geistes! Die Zauberkraft des Witzes! O Pamela! Das Pfänderspiel dauerte noch immer fort, und Jakelhuber war nun Hahn im Korbe, ich spielte eine erbärmliche Nebenrolle. Ein neues Pfand verurteilte mich, eine Blumensprache zu erfinden. »Aber so«, sagte Jakelhuber, »daß es allgemein verständlich ist, und nicht im schwüligsten Stil.« Ich versprach, mich ganz zu seiner Verständigung auszudrücken, und begann folgende Blumensprache im Thury. Aloe Oe! Aglei Sein Se a dabei? Aurikel Kommens nur, lieber Nickel! Baldrian Schau mi an! Butterklee Kan'Idee!! Curcum Das bringt a Viech um! Diptam Fragens die Frau Mahm. Distelfackel Kennst du den Lackel? Erdbeer Schatzerl, kommens her! Granat Gehst außi ausm Krautsalat. Hagebutten d'Hand von der Butten! Johannisbeeren Spaenzeln möcht' er gern! Königkerzen Sonst hobens kane Schmerzen? Lotwurz Se sein a Zwiderwuarz! Moos Schnecken in der Sauce! Polei Hörens auf, i schrei'! Quitten Da muß i bitten! Rosenblatt Seins stat! Rosenstengel Fahrn mer, mein Engel! Sellerie Sali, halt mi! Steinbirn Wons wos gspürn! ! Türkischer Weizen Thuns Ihnen nit spreizen Viola matronalis Gebens acht, wenn's hal is! Winde Kecker Zahnd, verschwinde! Weichsel Gengens zum Teuxel! Ysop Judithel, hopp! Zibeben Hörens auf von Fried' geben! Pamela weinte still an meinem Herzen, so gerührt war sie von diesem Selam; sie sagte mit weicher Stimme: »Moritz, du bist doch gemütlich!« – Ich aber war ganz persisch gestimmt und sagte daher auf spanisch: »Que flos no es da amor un concepto feliz!« (Calderon) (Welche Blume ist nicht ein süßer Einfall der Liebe!) »Ach«, sagte Pamela, »was heißt das auf deutsch?« Und ich erwiderte: »A jed's Pflanzl hat sei G'stanzl!« – Sie schluchzte, und ihre Thränen rollten in meine Westentasche, wo sie ein Bonbon von Mittag erweichten. Jakelhuber schien nicht zufrieden, daß ich bei Pamela wieder einen Stein im Brett hatte, und er schlug vor, er wolle improvisieren. »S'is himmlisch!« schrie die Zwickmauser und zwickte ein Improvisatorium in meinen rechten Arm, und die ganze Gesellschaft wiederholte das ihnen fremde Wort: »Improvisinieren!« – »Improsinisiwieren!« – »Inprprimsermosiwieren!« – »Insinprovisinieren!« – »Inpronisisinieren!« u. s. w. Die Vorbereitungen zu dem Improvisatorium dauerten ziemlich lange. Die Aufgaben wurden in einem Hute gesammelt. Es befanden sich fast lauter empfindsame, lyrische Themata darunter: Gedicht an den Schoßhund der Frau Brandl. – Das Zeiserl auf dem Stickrahmen. – Liebeserklärung an ein Lungenbratel. – Die Thränen um einen ungetreuen Liebhaber. – Das Herz, wenn es zerbrochen ist. (?) – Die Verzweiflung um den Tod. (?) – Dahinreißung! – Ich gab das Thema auf: » Warum wächst der Mensch von unten hinauf, und nicht von oben herab? « – Das Los entschied, es wurde gezogen: »Das Herz, wenn es zerbrochen ist.« Jakelhuber begann zu arbeiten. Er stellte sich wie ein Eisbock inmitten des Zimmers, schürzte sich die Rockärmel auf, dehnte sich, fuhr sich mit den Nägeln rechts und links in die Haare, hustete, räusperte, lüftete sich die Halsbinde, zog sich die Weste zurecht, wiegte den Kopf rechts und links hin und her wie ein saufender Kakadu, feuchtete sich mit der Zunge die Ober- und Unterlippen an wie ein zahnendes Kind, streckte endlich beide Hände aus wie ein Wegzeiger, machte noch einen Huster, holte mehrmal tief Atem und fing an: »Du –« hier blieb er etwas stecken, faßte sich bald: »Nein, nicht du, ich bitte, »O du, mein Herz, mach nur kein Gepumper, Das rechte Aug' und das linke Ohr wird mir auf Ehre schon tumper, Wie es thut schlagen, Kann ich Ihnen wahrhaftig mit Worten gar nicht sagen, Mein Herz, das ist schon grausam in mir zerbrochen, Da liegen die Scherben, – Da liegen die Scherben, Scherben, liegen die Scherben. – « (Hier trat die Figura repetitionis ein, da er nicht mehr weiter wußte, und Gustl schrie: »Die Mutter thut kochen Strudel mit Gerben!« – Er schlug sich mit den Fäusten vor die Stirne und schrie: »Wenn mich Herr Saphir anschaut, kann ich nichts!« Pamela drehte mich mit dem Rücken zur Gesellschaft, Jakelhuber ließ nun eine neue Ladung los.) »Mein Herz, das ist schon grausam in mir zerbrochen, Da liegen die Scherben, Sie hat mich beim ›Schaf‹ in der vorigen Wochen Mit Blicken zerstochen, Und, o Menschen, Menschen, heuchlerische Krokodilenbrut, Schon gut! Den Wolken, den Winden Will ich's verkünden, Das sie's verbreiten, Wie sie mich kujoniert so vor allen Leuten, Eilende Wolken, Segler der Lüfte, O Gott geb', daß ich kein Spektakel stifte; Denn Herz, o mein Herz, o dies Herz Hat Schmerz Schon seit vorigen Weihnachten bis zum März! Es ist zerbrochen, aus meinem Grab ruf' ich ihr nach: Weh! Adie!« Hier schnappte er zusammen wie ein Taschenmesser, Pamela stürzte sich mit einer Thränenflut über ihn, und Frau Brandl fiel über ihn her wie ein Fläschchen Kölner Wasser. Die ganze Akademie der nätherischen Wissenschaften war mit ihm beschäftigt (ie spritzten ihn mit kaltem Wasser an, sie rieben ihm die Schläfe), sie rissen ihm die Halsbinde auf, sie riefen ihm ins Ohr: »Jakelhuber, lieber Jakelhuber, teuerster Humorist!« – Pamela vergaß sich und rief, ganz von Thränen erweicht: »Teuerster Lackierer und Humorist, ich will dich nimmer kujonieren; vergiß das ›Schaf‹.« – Da schlug er die Augen auf und »atmete wieder im rosigen Licht!« Ich aber saß noch immer mit dem Rücken gegen die Szene gekehrt, und als Pamela mir sagte: »Sehen Sie denn nicht, es hat die Nerven angegriffen!« – erwiderte ich tückisch: »Er kann nichts, wenn ich hinsehe.« – Der Bund zwischen mir und Pamela war gebrochen, ich seufzte und sagte zu meinem Herzen: »Es geht ein finsterer Jakelhuber durch dieses Haus!« Die Zwickmauser merkte das Ding und schloß sich mir mit einer rippenzerschmetternden Zärtlichkeit an. Ich wäre ihr gerne um den Hals gefallen, allein ich unterließ es wegen Alibi des Halses. Es war gegen zwei Uhr nach Mitternacht. Ich warf einen meiner Lilablicke auf Zwickmauser und fragte sie mit bebender Stimme: »Liebst du mich, Zwickmauser meiner Seele?« – Sie erhob ihre langen Arme wie ein Telegraph und gluckte: »Wie kannst noch fragen, Tschapperl!« – »O, dann gib mir einen halben Krapfen, oder ich verhungere!« – Sie hatte nämlich einen halben Krapfen in ihrem Ridikül; sie nahm ihn heraus, gab mir die Hälfte, und die andere Hälfte hielt sie in der Hand. Ich umfing sie wie eine Rettungsmaschine und flüsterte zärtlich: »O meine teuerste Hälfte, ganz muß ich dich haben!« – Allein sie hatte die andere Hälfte in diesem Augenblicke in den Mund gesteckt und »Er fiel ins Bodenlose.« »Ach«, sagte ich, »Zwickmauser, hast du in deinem stillen Kämmerlein keine Semmel, kein Brot, komm, laß uns glücklich sein!« Alles empfahl sich, Pamela und Jakelhuber waren die ersten, die zusammen die Gesellschaft verließen. Die Zwickmauser wohnte in der Kotgasse, ich führte sie nach Hause. – Da der Zweck dieses Aufsatzes nicht ist, Reiseabenteuer zu Wasser und zu Lande zu schreiben, so füge ich bloß bei, daß mir Toni Zwickmauser aus ihrem Fenster einen Apfel und eine halbe Semmel herunterwarf und mir zurief: »Da hast du einen Apfel, eine halbe Semmel und mein Herz!« – »Ich danke«, rief ich hinauf, »werde alles mit Dank zurückstellen!« Am andern Tage schickte mir Pamela drei seidene Taschentücher, die sie von mir zu säumen hatte, zurück und dazu folgendes Billet: »Ir Bedragen gesdern wahr unter der Gridig! Der neit auf andern Schenie hat Ihnen die larfe won die Masge abgezohgen. Ich habe Ihnen nie gelihbt! bloß Ihr Widz und Ihr Muntwerg hat mein Herz geteuscht. Wenn Sie mich begegnen, so werde ich thun, als hät ich Ihnen nie gekennt; und hoffe von Ihnen auch das Gegentheil, denn mein Jakelhuber – ich sahge ausdrüglich mein Jakelhuber – verstehd in einem gewissen Bunkt keinen Schpas nicht. Atje, ihre gewesene Pamela.« Der Grasenthusiast in der musikalisch-deklamatorischen Gelsen =Akademie. Herr von Graupenschieber ist ein Grasenthusiast. Frau von Graupenschieber ist eine Grasenthusiastin, Fräulein Alwine von Graupenschieber ist eine dilettierende Grasenthusiastin, die kleinen männlichen Graupenschieberchen sind angehende Grasenthusiastchen, der Hauslehrer, Herr Wenzeslaus Lautsch, ist ein Pflichtsgrasenthusiast, und sogar das Stubenmädchen Walburga Silberheitel ist eine Grasenthusiastin. Das Allodialvergnügen der Graupenschieberschen Familie bestand darin, sich ins Gras zu setzen, sich im Grase zu wälzen, im Grase zu essen, zu trinken, im Grase Pfänder zu spielen, im Grase zu zwicken und im Grase zu schlafen. Kurz, wenn weiland Ovid die Graupenschiebersche Familie gekannt hätte, er hätte sie in seinen Metamorphosen zu Heuschrecken verwandelt; denn gewiß ist es, aus jedem einzelnen Graupenschieberexemplar hätte die Natur zehn Heuschrecken machen können, und es wäre noch ein halber Graupenschieber und ein halber Laubfrosch übriggeblieben! Sie hatten auch alle einen Grasgeruch; wenn Herr Graupenschieber ins Zimmer trat, konnte eine gesunde Normalnase sogleich wittern, wie draußen das Gras steht, und wenn Frau von Graupenschieber um die Zeit des frischen Heumachens durch die Straßen ging, glaubten alle Pferde, es ginge eine duftende, eben gemähte Heuwiese vorüber, und wieherten sie grasenthusiastisch an. Da meine Leser nun auf einige freundschaftliche Stündchen mit mir und mit Graupenschiebers ins Gras beißen müssen, so will ich eine kleine Charakteristik unserer gemeinschaftlichen Freunde entwerfen. Herr von Graupenschieber war früher ein Romantiker, sein Geschäft zog ihn an den Busen der Natur; er war Naturforscher durch Schicksal, Botaniker aus Bestimmung, er war – Dürrkräutler! Wenn ich kein Humorist wäre, ich möcht' ein Dürrkräutler sein! Die Dürrkräutlerei ist aller Dichtkunst Anfang! Was ist jeder Mensch anderes als ein Dürrkräutler? Er sammelt im Schweiße seines Angesichtes Blümchen und würzige Kräuter auf der Lebensflur, um sie zu trocknen, zu dörren, um im Alter sie mit der Erinnerung aufzugießen und sich an ihrem Aroma gesund zu trinken! Das Herz eines jeden Menschen ist am Ende seiner Tage eine Dürrkrautlerei! Darin liegt die getrocknete Rose der Liebe, die getrocknete Blume der Hoffnung, das abgeblaßte Vergißmeinnicht, das verdorrte Tausendschönchen u. s. w. Graupenschieber hatte aber so lange Kräuter gesammelt und gedörrt, bis er aus diesen Dürrkräutern das frische Kräutlein der Münze, das Tausendguldenkräutlein, hervorsprießen sah: er wurde reich, sehr reich, er wurde ein Krautjunker! – Er gab sein Geschäft auf und widmete sich – der Musik! Er spielte Violine und – sang; dabei bildete er sich in einer Dürrbüchlerei, in einer Leihbibliothek, zum belesenen Mann. Graupenschieber sah, daß kein Kräutlein auf dem Felde, keine Saite auf der Violine und kein Büchlein in der Bibliothek allein stehe, so dachte er sich: »Es ist nicht gut, daß der Graupenschieber allein sei, und ich will ihm eine Gehilfin geben!« Und er sah sich um in den Pflänzlein und Kräutlein des Michelbeurischen Grundes und ersah sich eines der dürrsten Kräutlein, ein Hopfenstänglein im weiblichen Garten, die hoch aufgeschossene, ehrsam, magere Pfründnerstochter Margareta Zandl, zur Gesponsin, und er fragte sie: »Willst du mit mir teilen die grünen Freuden und die dürren Leiden dieses Lebens?« Und sie hüstelte: »Ja!« Darauf fragte er sie wieder: »Willst du mein eigen sein, wie du leibst und lebst, und willst mir zuhören, wenn ich Violin spiele?« Und sie seufzte wieder: »Ja!« So ward Graupenschieber vermählt! Aus dieser Ehe ging zuerst Alwine hervor, welcher in mehreren Abteilungen mehrere Graupenschieberchen nachfolgten. Jetzt, indem wir mit ihnen im Grase eine Zeitlang zusammen zubringen wollen, ist Alwine in jenem Alter, wo jedes weibliche Herz das Gras der Liebe wachsen hört, und Alwine hatte ein feines, ein geübtes Ohr. Sie besaß alle dürrkräutlerische Schwärmerei des Vaters und alle mathematische Magerkeit der Mutter. Sie war so mager, daß ein bißchen kühner Stil behaupten könnte: sie war gar nicht, sie sei eigentlich die personifizierte mathematische Linie. Dabei hatte sie einen grünen Teint und eine entschiedene Vorliebe für grüne Kleider und grüne Bänder. Kurz, man konnte sie füglich den gedörrten Genuß der Hoffnung heißen. Zudem trieb sie auch die Kunst ihres Vaters und spielte Violine! Wenn sie im Grase saß und Violin spielte, und man stand nur ein bißchen ferne, so fah man sie im grünen Grase gar nicht, und man hörte nur eine Violine, die, wie von sich selbst gespielt, die dämonischsten Töne von sich gab. Zu den drei jungen männlichen Graupenschiebers wurde Herr Lautsch als Lehrer angenommen. Es war eine kleine, stämmige Figur, auf dem dicken Haupte einige glatt anliegende, schwarze Härchen, und zwischen zwei Backen wie die Winterrettiche strengte sich ein rotes und blaues Näschen wie ein Stiefmütterchen an, durchzubrechen. Dieses botanische Näschen kam aber nur dann zum Vorschein, wenn Lautsch lächelte, dann schoben sich die Backen etwas abseits, und das Näschen in der Klemme atmete freier. Dabei hatte Lautsch die Gewohnheit, mit dem Zeigefinger der linken Hand stets in die linke Backe zu bohren, gleichsam als ob er da einen artesischen Brunnen graben wollte. Auch Lautsch war musikalisch, er bluhs Klarinette! Lautsch und Alwine schienen sich zu lieben. – Den Schlußstein zu diesem Familiengemälde liefert das Stubenmädchen Walburga Silberheitel. Ihre Mutter war Sattlersgesellfreundin und selbstausübende Wollschlagerin. Frühzeitig widmete sie ihre Walli den schönen Künsten, sie gab sie in die Erziehungsanstalt zu einer ledigen Zimmermalerswitwe, wo sie den ersten Anstrich von Bildung erhielt, bis sie durch eine geistige Hinneigung zu einem Turmwächter eine höhere Richtung bekam. Sie lernte von ihm, der früher als supernumerärer Marketender auf Wartegeld mit nach Frankreich ging, französisch, und so ausgerüstet mit allen Kenntnissen, die zur stubenmädlerischen Karriere nötig sind, kam sie zu Graupenschieber, um Alwinens Gesellschafterin, die Begleiterin eines Schattens zu werden; sie wich nicht von Alwinens Seite, das war ihre einzige Schattenseite! Sie war schön, sehr schön und grausam; grausam? nein, warum sollte sie grausam sein. Im neunzehnten Jahrhundert? Wahnsinn! Ich aber wurde durch einen eigenen Zufall in die Graupenschiebersche Familie hineingeschoben. Als ich in dem Briel wohnte, hatte ich vor meinem kleinen Landhäuschen einen fetten, üppig-grünen Grasplatz, auf welchem bequem einige Beduinen und sechs Kamele ein Beilager feiern konnten. Eines Nachmittags öffnete ich das Fenster, und siehe da! es hatte sich eine kleine Kolonie Grasenthusiasten auf diesem Grasplätze angesiedelt; es war die Familie Graupenschieber. Sie fielen wie eine Heuschreckenwolke auf diese Smaragdwiese nieder und bedeckten sie. Es war eine gewisse nomadische Naivität in der ganzen Karawane; das Recht der Natur: »Der Mensch darf überall grasen, wo die Vorsehung Gras wachsen ließ!« sprach so deutlich aus dieser Ansiedlung heraus, daß ich als eigentlicher Grund- und Lehnsherr dieses grünsamtnen Graupenschiebersofas mein Recht nicht geltend machte und die ganze, große, schöne Heuwiese den Ankömmlingen zur freien Weide überließ. Es war ein Glück, daß die Wiese niet- und nagelfest war, denn wenn sie mobil gewesen wäre, die Graupenschiebers hätten sie mir glatt weg- und aufgerochen! Denn man konnte im buchstäblichen Sinne des Wortes sagen: »Die Graupenschiebers trieben ihre Nasen auf die Weide!« – Sie bohrten alle ihre Nasen ins Gras, als wollten sie dieselben darin einkühlen. Der Herr Lautsch, dessen kleines Penseenäschen sich kaum über das Niveau der Backen hinauswagte, hatte am meisten Plage mit dem Versuche, seine Nase auch in die Mutter Erde zu stecken. Als ich die Familie so auf dem Bauche mit den Nasenspitzen in der Erde liegen sah, glaubte ich, sie seien alle Brahminen. Allein, wie es im Leben oft geschieht, daß, während man seine Nase irgendwo hineinsteckt, sich ein Ungewitter hinter unserm Rücken zusammenzieht, so ging es auch da. Während ungefähr ein Dutzend Graupenschiebernasen sich in die Erde bohrten, stieg über dem Dutzend Graupenschieberrücken ein schwarzes Ungewitter empor, ein schnell erwachender Sturmwind ließ die herabhängenden Wolken platzen und sich über die Grasenthusiastengesellschaft entladen. – Nun hatten sie zwar ihre Nasen im Trocknen, allein der Mensch hat außer der Nase in seiner Aversseite auch noch Gegenstände auf der Reversseite, die er nicht gerne durchweichen läßt; auf einmal riß sich das Dutzend Nasen aus der Erde und streckte sich gen Himmel und empfand, daß der Regen auch wie auf die Nase gefallen war. Da sich in der Kolonie einige Kinder und einige Frauenzimmer befanden, so eilte ich, der ganzen Gesellschaft durch meinen Bedienten mein Häuschen zum Schutz anbieten zu lassen. In zwei Minuten war mein Salon von Graupenschiebers voll. Alwine Graupenschieber sah aus wie der naßgewordene Geist einer verstorbenen Grasmücke, die zwei kleinen männlichen Graupenschieberchen trugen auf ihren Nankinghöschen einen grünen Abdruck der Wiese avant la lettre mit, in den weithinschattenden Haubenbändern der Frau Graupenschieber saßen mehrere Heuschrecken und machten Pläne für die Zukunft, und Walburga Silberheitel suchte aus der alten Garderobe ihrer französischen Sprache eine kleine Boa heraus und sagte mir mit einem vielsagenden, wollschlagerischen Lächeln: »Ah, que vous êtes du civil, ma bonne!« Gut, dachte ich mir, daß ich deine Bonne bin, und machte bonnemine ! In fünf Minuten waren die Graupenschieber in meinem Salon so heimisch, als ob er eine Heuflur gewesen wäre. Alwine lag auf dem Sofa hingegossen wie ein nasser Seidenfaden, und die kleinen Grashüpfer nahmen meinen Erd- und Himmelglobus ganz naiv zum Ballonspiel. Herr Graupenschieber aber machte alle Augenblicke das Fenster auf, steckte die Nase hinaus, schnupperte und rief immer: »Ach, wie gut riecht das Gras!« Der Regen hatte nach und nach aufgehört, und Graupenschieber schickte, wie Noah aus der Arche, erst den Raben Lautsch aus, um zu sehen, ob das Gras schon trocken sei, allein der Rabe Lautsch kam zurück, weil er noch keinen trocknen Boden fand; nach einer halben Stunde sendete Graupenschieber aber die Taube Silberheitel aus, und sie flatterte zurück mit einem Bündel Gras im Munde, ein Zeichen, daß die Sündflut aufgehört hatte und das Gras wieder genußbar sei auf Erden. Da rafften sich die Graupenschieber zusammen und dankten mir für Obdach und Kaffee. Ich mußte mit Hand und Ehrenwort versprechen, einmal mit Graupenschiebers eine Partie ins Gras zu machen und zwar in Graupenschiebers »Familienwagen«. Beim Abschiede umarmte und küßte mich die ganze Grasmenschenschaft. Als Alwine an mir emporrasselte, kam es mir vor, als hätte man mir einen Wetterableiterdraht vom Kopf bis in die Erde angelegt; auch Walburga applizierte mir einen Mundsemmelkuß und lispelte: »J'espère à votre visitation, ma bonne!« Auch der Rabe Lautsch küßte mich, und als sein kleines Violettnäschen meine berührte, kam mir meine Nase wie Alexander der Große und sein Näschen wie Diogenes vor, der nicht aus der Tonne wollte. In meinem Salon fanden sich nachher einige Dutzend Heuschrecken, Würmer, Käfer und andere Ehrenbürger des grünen Grases. Meine zwei Globen kamen noch so ziemlich gut weg, bloß Spanien bekam ein Loch, und die Jungfrau bekam einige Kirschkuchenflecken. Ich aber hatte das ganze Graskontagium eingesogen und ließ mich zwei Stunden in die Luft hängen. Nach langem Zögern und vielen Ermahnungen mußte ich mich endlich entschließen, die »Partie ins Gras«, meinem gegebenen Worte gemäß, mitzumachen, und ich begab mich zu Graupenschiebers, um meinen Platz in dem Familienwagen einzunehmen und in Weidlingambach ins Gras zu beißen. Da stand er, der Familienwagen des Herrn von Graupenschieber! Es war ein erhabenes, ein rätselvolles Wesen! Wie soll ich ihn schildern?! »Ein Gebäude steht da, von uralten Zeiten, Es ist kein Tempel, es ist kein Haus, Ein Reiter kann hundert Tage reiten, Er umwandert es nicht, er reitet's nicht aus!« Da stand er vor mir, in seinen gigantischen Umrissen, mythisch, hyperbolisch und doch demokratisch tölpelhaft! Der Wagen sah aus wie Hamletswolke, sah aus wie ein Kamel und doch wiederum wie ein Walfisch; man konnte ihn für einen Schüttboden halten und doch auch für eine Fregatte; wenn man ihn beobachtete, nahm er die Miene eines Luftballons an, und wenn man ihm genau in die Augen sah, gab er sich das Ansehen einer Menageriehütte! Chemiker hielten ihn für einen Gasometer, wahrend Hydrauliker meinten, es sei eine Wasserleitung, und Architekten darauf bestanden, daß es eine Ziegelhütte! Ich stand vor diesem mystischen Kasten wie der Jüngling vor dem verschleierten Bilde zu Sais. Endlich kam es mir vor, als ob es eine erfinderische Verschmelzung eines deutschen, ehrlichen Galgens mit der französischen, heuchlerischen Guillotine wäre. Um den Wagen herum standen schon alle Graupenschiebers mit einem Nachbarschaftsupplement. Es war dieses die Frau von Rogenbrösel mit ihrer Tochter Mitzi und ihr Anbeter Herr von Blauhappel, Magister der Bleistiftmacherkunde. Rogenbrösel Mutter war eine kräftige Gestalt, eine deutsche Eiche, und Mitzi, die Eichel, fiel nicht weit vom Stamme, sie war ebenfalls von reckenhafter Individualität und von deutlichem, kernigem Gepräge. Sie war dick ohne alle Umstände, dick ohne Unterschleif, dick von erster Hand. Hübsch war sie aber, recht hübsch, und das ist etwas, etwas viel. Blauhappel aber war nichts als ein – Gelächter! Er lachte immerfort, er war ein lachender Bleistift. Er sah immerfort aus, als kitzelte ihn ein unsichtbarer Strohhalm im rechten Nasenflügel. So standen wir um den »Familienwagen« herum und bestiegen die vier breiten Treppen, die auf vier verschiedenen Seiten in den innern Schiffsraum dieser Maschine führten. – Der Wagen war für neun Personen. Wir aber waren fünf Männer, zwei Gugelhupf, fünf Frauen, drei gebratene Gänse, ein Schriftsteller und acht Plutzer. Außerdem noch ein großer Korb und ein kleiner Korb, zwei Violinkästen, ein Kutscher, ein Mops und elf Regen- und Sonnenschirme. Der »Familienwagen« aber stand fest, unerschütterlich und erhaben da, wie die Tugend! Nach und nach fing Graupenschieber an, die Maschine zu füllen; die Tugend nahm uns alle auf. Als die Frau Rogenbrösel den Wagen erkletterte, seufzte die Tugend laut auf und dröhnte fürchterlich; nach ihr kam die Silberheitel und rief mir zu: »Ma bonne, vous après me!« Ich aber sah, wie die junge Rogenbrösel, le Gugelpupf à la main , einstieg, dachte: »Hier ist ein Magnet, der stärker zieht!« und ließ mich neben der Rogenbrösel wie ein Fallschirm nieder; mir nach schlüpfte Sylphide-Alwine, die Graupenschieber-Aerienne, und lehnte sich wie ein Seufzerzapfen an meine linke Seite. Ich saß also zwischen der ersten Idee von einem Frauenzimmer und zwischen der vollkommensten Ausführung desselben. Ich neigte mich immer zum Vollkommenen, die erste Idee war meine letzte Idee. Mir gegenüber saß »Blauhappel qui rit !« und lächelte den Wagenboden durch. Auf seiner Stirne stand geschrieben: »Ridendo bleistiftmachere quid vetat?« Nach einer geraumen Stunde war die Füllung vollendet, und das Familienungetüm setzte sich in Bewegung. Die zwei Pferde, welche gewiß auch Grasenthusiasten waren, die sich aber in ihrem Enthusiasmus noch nicht bis zum »Hafer« emporgeschwungen, standen mit angespannter Aufmerksamkeit fest, und als der Phaethon die ermahnende Peitsche erhob, um sie zu erinnern, daß der Mensch im Leben vorwärts streben müsse, sahen sie sich erst nach dem vor der Thüre liegenden Bündel Heu um, und dann nach dem Kutscher, und ihr wehmütiger Blick schien zu sagen: »Mußt du in die Weite schweifen? Sieh', das Gute liegt so nah'!« Allein der Kutscher hatte keinen Respekt vor Citationen, er hieb noch einmal auf die zwei friedlichen Pilger los, sie machten eine Kraftanstrengung – baf! Die plötzliche Gewalt machte, daß ein Strang sogleich riß und die Tugend zehn Schritte rückwarts rumpelte! Die Explosion war so heftig, daß die Nachbarschaft glaubte, es sei ein Erdbeben! Nach einer halben Stunde war das zarte Familienbanb zwischen Familienroß und Familienwagen wieder geknüpft, und nun ging es wirklich vorwärts; aber mit aller Bedächtigkeit, wie es sich für gesetzte Pferde, welche schon ausgetobt haben, geziemt. Indessen wurden im Wagen verschiedene Umgestaltungen vorgenommen; die Rogenbrösel fing ein bißchen zu transpirieren an, und indem sie einen Arm auf meine Schulter legte wie einen Querbalken, legte sie den Gugelhupf mir auf den Schoß. Von der andern Seite deponierte die mathematische Alwine ihren Ridikül, in welchem sich mehrere Vorratskammern befanden, und ihr großes Wollentuch dito auf meinen Schoß; der Pinscher des Herrn Lautsch legte sich wie eine Wärmflasche auf meine Beine, und das junge Graupenschieberchen fand Gefallen daran, sich auf den Boden des Wagens zu setzen und sein dickes Köpfchen auf meinen Knien ausruhen zu lassen. Daß ich bei diesen Umständen nicht erfrieren konnte, wurde mir zu meiner Beruhigung bald klar. Aber der Thermometer sollte noch steigen. Fräulein Silberheitel, die mein Hintermann war, fand sich angezogen, mit uns zu sprechen, und steckte ihren Kopf über meine linke Schulter, auf der andern Seite lehnte Frau von Rogenbrösel ihren linken Arm auf den Arm der jungen Rogenbrösel, der auf meiner Schulter lag, und so mag denn summa sumarum, direkt und indirekt, ein Gewicht von ein paar Zentnern auf meinen demütigen Schultern gelegen haben. Ich schwitzte große Tropfen und legte in der Verzweiflung meine rechte Hand zur Erleichterung aus die Sitzlehne um die Rogenbrösel herum. »Da entbrennt in Roberts Brust, Des Jägers, gift'ger Groll!« Blauhappel würbe eifersüchtig. Jeder seiner Blicke war ein gespitzter Bleistift! Ich flüsterte der Rogenbrösel ins Ohr: »O Rogenbrösel, ist Blauhappel eifersüchtig?« Sie aber gab mir mit dem Arm einen sanften Druck auf die Schulter – sie war vier Wochen lang nachher geschwollen – und erwiderte: »Manchmal, wenn er nichts zu thun hat; machen Sie sich nichts daraus!« Ich wußte auch nicht, was ich mir aus Blauhappels Eifersucht hätte machen sollen? Ich sah also die Rogenbrösel an mit einem Blick, o mit einem Bück, ein einziger solcher Blick vernichtet zehn Blauhappels! Auf einmal ein Ruck! Ein Sturz! Geschrei! Ums Himmelswillen! Die Tugend lag im Chausseegraben! Und alle Bewohner der Tugend im Familienwagen mit! Es war eine schöne Wirtschaft! Wie es kam, daß dieser voluminöse »Familienwagen« stürzte, blieb ein Rätsel. Wahrscheinlich erblickten die Pferde rechts in dem Chausseegraben einen kleinen Anflug von Heu, und »Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme!« Es bleibt in der Welt so vieles, was geschehen ist, ein Rätsel; zum Beispiel: wie im Piräus ein Bräuhaus errichtet wurde; wie das zivilisierteste Volk der Pariser die zivilisiertesten Beutelschneider sein kann; wie die allerliberalsten Redner Deutschlands auf ihrem kleinen Gütchen ihre Unterthanen am ärgsten schinden konnten; wie Strauß und Lanner an jedem Finger ungeheure Demantringe tragen, wie Grillparzer, Tieck und Uhland nie derlei aufzuweisen hatten! – Wenn dieses alles auf der Welt geschehen kann, warum soll nicht einmal ein »Familienwagen« rätselhafterweise in einen Graben stürzen können? Zum Beweise, daß es geschehen konnte, geschah es! Die Maschine lag nicht so eigentlich, als sie sich vielmehr halb in den Graben lehnte, halb noch auf der Höhe erhielt, wie die neue Philosophie, die zwischen ihrer überschwenglichen Höhe und unergründlichen Tiefe auf der Nase liegt. Aber die Anwohnerschaft lag im Graben, ganz und komplett! Nachdem ich mich überzeugt hatte, daß mir selbst nichts geschehen ist, dehnte sich meine Nächstenliebe gleich so weit aus, mich um alle andern gar nicht zu bekümmern, sondern dieses Schauspiel zu betrachten, und ich hätte Lust gehabt, wie jener Maler, der sich an den Mastbaum binden ließ, um den Sturm zu malen, mich an die emporragende Wagendeichsel anbinden zu lassen, um diese vereinigte Graupenschieber- und Rogenbröselgruppe recht zu übersehen. So mag es in Friedrichs Lager nach dem Überfall bei Hochkirchen ausgesehen haben! Ich kam auf die junge Rogenbrösel zu fallen, das war kein harter Fall; es kam mir vor, als wäre ich auf einen elastischen Diwan gefallen; Alwine Graupenschieber fiel mir auf die Nase, allein ich spürte sie kaum, ich balancierte sie auf meiner Nase wie ein Jongleur eine Pfauenfeder. Neben mir lag Blauhappel, wie ein in Ohnmacht liegender Bleistift, aber er lachte, und auf seinem Leibe lagen die zwei jungen Graupenschieber, ein umgestürzter Proviantkorb und der Pinscher. Hinter uns lag, wie ein gestürzter Berg, Frau Rogenbrösel und schnaubte glühenden Odem, so daß ich alle Augenblicke erwartete, der Berg würde anfangen, Feuer zu speien. Sie fiel unglücklicherweise auf einen Korb mit Bierplutzern, und ihr rechter Arm zerquetschte die ganze Saat der Gugelhupfe! Herr von Graupenschieber hing mit einem Fuß im Wagen, und mit dem Oberleibe lag er im Graben, allein seine erste Frage war: »Ums Himmelswillen! ist den Plutzern nichts geschehen?« Da »antwortetest du, ehrwürdiges Lautschchen«: »Es sind einige zerbrochen!« Und darauf »wieder fraget der würdige Graupenschieber im buntgeblümten Leinrocke«: »Von die großen oder von die kleinen?« Und züchtiglich entgegnet der fleißige Lehrer der Jugend: »Von die kleinen!« »Gottlob, nur von die kleinen!« ruft Graupenschieber aus, »und ist meiner Frau nichts geschehen?« – »Nein«, rief ein junges Graupenschieberchen aus, »der Mama ist nix geschehen, aber die Gugelhupfe sein hin!« Alles machte Anstalt, sich zu erheben, nur ich nicht! Quo sors nos trahet etc. Was ist alle Philosophie? Mit ruhiger Fassung da liegen bleiben, wo einen das Schicksal hinwirft! Ich machte gar keine Anstalt, aufzustehen, im Gegenteil, ich nahm die Korrektur meines übermorgigen Blattes heraus, um sie allda zu machen, und fragte Blauhappel zu diesem Behufe: »Haben Sie nicht zufällig einen Bleistift bei sich?« Wählend dem war die übrige Gesellschaft bemüht, die Frau Rogenbrösel, die, wie Marius auf den Trümmern Karthagos, auf den Plutzerruinen lag, emporzuwinden, welches nach einer angestrengten Mühe von einer ganzen Viertelstunde auch bewerkstelligt wurde. Ich hatte indessen meine Korrektur gemacht und fragte Herrn Blauhappel, wie man sie am besten in die Druckerei befördern könnte, denn ich möchte gerne hier die zweite Korrektur erwarten. Auf einmal fühlte ich mich am Ohre gefaßt, es war Fräulein Silberheitel, die in Ohnmacht lag; als sie aber sah, daß ich mich nicht in fremde Ohnmächten mische, daß ich sie wohl mit ihrer Ohnmacht liegen sah, allein dachte: »Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht trennen«, da fand sie es geraten, zu erwachen u»d mein Ohr als Rettungsast zu ergreifen, um sich daran emporzurichten, und rief: » Ah, ma bonne, aidez moi en haut! « (»Helfen Sie mir in die Höhe!«) Ich erwiderte ganz phlegmatisch: » Aide toi! « oder auf österreichisch: »Du bist sehr öd!« Sie suchte sich aus den rinnenden Bierflaschen und Plutzerscherben herauszuarbeiten, da faßt es den Lautsch an: »Da ergreift's ihm die Seele mit Himmelsgewalt, Und es blitzt aus den Augen ihm kühn. Und er sieht erröten die schöne Gestalt, Und sieht sie erbleichen und sinken hin, Da treibt es ihn an, den Preis zu erwerben, Und stürzt sich hinunter in Bier und in Scherben!« Lautsch machte es sich sehr bequem; da zwischen ihm und Silberheitel ich mit meiner festen Position lag, so überkletterte er uns geradezu, er stieg die Stufen ordentlich über Rogenbrösel, mich und Alwine hinauf und zog die Silberheitel aus den Bierdardanellen empor. – Endlich mußte ich auch aufstehen, es war schon alles wieder arrangiert! Der »Familienwagen« stand wieder in seiner imposanten Größe da, er hatte keinen Schaden genommen, bloß bei dem dritten Meridian von seinem zweiten Sitz hatte die Seitenwand eine Beule bekommen, etwa eine deutsche Meile im Umfange. Ich sprang noch einmal in den Graben zurück, um die kleinen Überreste da ängstlich aufzulesen. Ich raffte einige Gugelhupfbröckchen noch zusammen, ein Stückchen verlornes Butterbrot, einen halben Bierplutzer, in welchem sich noch etwas vorfand, auch eine kleine Scheibe Schlackwurst, welche aus Rogenbrösels Ridikül herausfiel, nahm ich heißhungrig auf und stoppelte alle diese armseligen Bruchstücke geschickt in meine Tasche. »Was machen Sie da?« fragte Herr Graupenschieber. »Ich redigiere!« antwortete ich und suchte weiter nach den fremden Brosamen im Chausseegraben. Endlich stieg ich wieder ein, die gefallene und wieder aufgerichtete Tugend setzte sich in Bewegung, wir stimmten ein fröhliches Lied an: »Welche Lust gewählt das Reisen!« und gelangten nach drei Stunden in der fettesten Wiese in der Umgebung von Weidlingambach an, stiegen aus und steckten sogleich das Lager ab. Nicht weit von Weidlingambach wurde einer der üppigsten Grasplätze ausersehen, um unsere Soirée récréative auf demselben zuzubringen. In zehn Minuten hatten wir einen momentanen Traktat mit den hier heimischen Gelsen geschlossen und gegenseitige freie Ausübung unserer Gebräuche proklamiert. Das Biwak im Grase war malerisch. Herr Graupenschieber hatte sich mit dem Grase bereits ganz amalgamiert, er wühlte in dem grünen Heuschusse wollüstig herum, während die dürre Alwine mit einer Heuschrecke um die Wette hüpfte. Rogenbrösel Mutter und Tochter lagen wie zwei gut ausgestopfte Diwanpolster da, Lautsch und Blauhappel schlüpften aber wie die Eidechsen von einer Dame zur andern und schnitten, so was man sagt, die Kour. Ich hatte meine Blicke fest auf den einen großen Korb gerichtet, aus dessen Innerm sich eine Armee von Gänsen, Hühnern, Enten und Semmeln entwickelte; Frau Graupenschieber verrichtete Hebammendienst bei diesem Korbe und brachte alle Augenblicke ein neues gebratenes oder gebackenes Pfand der Eßliebe ans Tageslicht. Und wie sie sucht mit dem Finger, Auf thut sich der weite Zwinger, Und es tritt aus dem geflochtnen Haus Ein »Schlegel« heraus, Und die Graupenschieber sucht wieder, Da öffnet sich traut Das zweite Thor, Daraus schaut Mit braunem Antlitz Ein »Gansel« hervor. Wie Lautsch das Gansel erschaut, Brüllt er laut, Und streckt aus dem Gras' Empor seine Nas', Und recket die Zunge; Und im Kreise scheu, Wälzt er sich herbei, Grimmig schnurrend, Drauf streckt er sich murrend Zum Schlegel nieder! Und die Graupenschieber sucht wieder, Da speit das geflochtene Haus Zwei »bachne Handel« auf einmal heraus, Und Blauhappel mit Kampfbegier Stürzt auf das Händeltier Und packt es mit grimmigen Tatzen! Und der Lautsch mit Gebrüll Richtet sich auf, da wird's still, Und herum in dem Kreis, Von Hunger heiß, Lagern sich die Graupenschieberschen Fratzen. Herr Graupenschieber hatte indessen die Bierkrüge in Schlachtordnung gestellt: »Wir hatten sechzehn Plutzer aufgebracht, Jedlerseer Volk!« Und die Schlacht begann. Im Vordertreffen aß Graupenschieber mit seinem Ehesechzehntel und dem Faksimile einer Tochter. Im Mitteltreffen hieben die Rogenbrösel ein, und Blauhappel deckte das Hintertreffen; ich aber sagte zu Lautsch: »Wir drei, Lautsch, Silberheitel und ich, wir fressen im Gedränge!« Eine tiefe Stille herrschte ringsum. Die Natur feierte ein bewunderndes Schweigen, nur aus den nahen Bergen tönte ein Echo, das Zusammenknacken der arbeitenden Zähne, zurück; den Gelsen blieb das Maul vor Erstauuen offen, und eine Wolke, die abendwärts zog, donnerte links, als wollte sie den Göttern verkünden, daß die heiligen Tiere mit Begierde ihr Futter picken! – Keine Silbe entfloh unsern Lippen: »Das Schweigen ist der Gott der Essenden!« Indessen kletterten die zwei kleinen Graupenschieber auf mir herum und legten auf meinen Schultern ein Depot von abgenagten Beinen an, während sie meine weiße Pantalon mit Butter, Gras und Bier kolorierten. Dabei legten sie auf der einen Seite im Grase einen Bierkanal zwischen Lautsch und Alwine und auf der andern Seite, zwischen mir und Rogenbrösel, eine Butterbahn an und rutschten weidlich auf diesen zwei neuen Erfindungen zum Nachteil der Pferde und zum Vorteil der Ochsen herum. Rogenbrösels Tochter ging von einem Dichter zum andern über, nachdem sie den Schlegel bis ans Ende durchgemacht hatte, warf sie ihre einnehmende Zärtlichkeit wieder auf mich; sie hatte noch einen Gänseflügel in der Hand, es zog mich magisch zu ihr hin, und ich sang: »O hätt' ich Flügel!« u.s.w. Sie wurde immer freundlicher, und ich beschloß, ihr ein Liebesbutterbrot zu schreiben. – Ich strich auf eine ungeheure Brotscheibe die Butter ganz dick auf und schrieb mit meinem Zahnstocher auf dieses neue Papier. Dabei fiel mir ein, daß es gar nicht übel wäre, wenn ich meinen »Humoristen« auf Butter redigierte und herausgäbe! Der Leser brauchte nur zu dem Blatte zu riechen, um zu wissen, ob die Artikel frisch sind! Und dann, wären auch die Artikel schlecht, so könnte man doch das Blatt selbst genießen! Wie herrlich wäre ein solches Butterblatt! Das neue Jahr eines solchen Blattes wäre der Mai, wenn die Maibutter beginnt! Dann würde ich ankündigen: »An die Bewohner von Weidlingambach! »Frischer, schmalzblümerlgelber, mandelkernfester Maibutter-Humorist! »Der erste Mai wird gefeiert! Er ist ein Festtag, ein Feisttag! Alle Wiesen werden neu begrünt, alle Kühe werden durch neuen Naturstoff anziehend gemacht!« Die Deckel fliegen von den Melknäpfen! Die Riegel werden von den Ställen zurückgeschoben! Die Butterfässer erhalten neue, glänzende Mitarbeiter! Es ist ein rührender Anblick! »Der Humorist, der schon seit 25 Wochen Butter geliefert, liefert Butter wie keine Butter, Butter, wie man sie weder in Hochroterden und im roten Stadel hat, Butter wie Öl, Butter wie Balsam, Butter wie Ananas! Meine Kühe, die meine Butter liefern, sind keine gewöhnlichen Kühe, es sind eigene Kühe, es sind Kühe von Edukation! Meine Kühe geben das ganze Jahr Maibutter, Maibutter mitten im Winter! »Meine Kühe sind Abkömmlinge von Pharaos sieben magern Kühen, welche die fetten verschlangen! Meine Kühe geben Butter, die nicht nur Butter, sondern zugleich auch Topfen und zugleich auch Käse ist! Meine Kühe, echt vaterländische Weidlingambacher Kühe, liefern auch Schweizerkäse, Chesterkäse, Parmesan, Emmenthaler, Groner, Primsen und Quargel! Von solchen Kühen stammt meine Butter, stammt mein Blatt! Also pränumeriert! Wenn ihr auf siebenzig Jahr Butterhumoristen voraus pränumeriert, so geb' ich euch im einundsiebenzigsten Jahrgang die Butter ganz umsonst! Wer auf 25 Jahrgänge pränumeriert, bekommt alle Butter, die ich noch von 6 Monaten übrighabe. Sie riecht zwar gewaltig übel, allein einem geschenkten Gaul u.s.w. u.s.w.« Indem ich so darüber nachdachte, hatte Rogenbrösel schon meinen ersten Butterbrotliebesbrief im buchstäblichen Sinne ganz verschlungen! Ich schnitt ein zweites Stück Brot zu einem Billet-doux , strich fingerdick die Butter darauf und schrieb wieder. Ich schrieb also auf das Butterbrot: »Rogenbrösel meines Herzens! »Klopstock sagt in Schillers ›Rinaldo Rinaldini‹: ›Geht den Frauen zart entgegen!‹ – Kann man zarter entgegenkommen als mit einem Briefchen auf Butter? Lieb Herz, sei weich wie sie, ich bin die Brotwissenschaft, sei du die Butter auf meiner Lebensbahn! u.s.w.« Der kleine Graupenschieber war der Postillon d amour , allein, was geschieht? Auf dem Wege leckte er den Liebesbrief ab und brachte der Rogenbrösel leeres Brot! Während wir uns so unterhielten, machte Herr Graupenschieber Anstalt, die musikalische Akademie zu eröffnen. – Er stimmte seine Geige und Lautsch seine Klarinette, auch Alwine packte ihre Violine aus. Es stand mir ein Hochgenuß bevor. Indessen hatten sich alle Gelsen der Umgegend versammelt, und wir waren in einer summenden und surrenden Gelsenwolke eingeschlossen. Frau Rogenbrösel hatte auf dem Gesicht und auf den Schultern von den Gelsenstichen eine ganze Kette von roten Rosenhügeln, und Blauhappel war beschäftigt, diese Gelsenbeulen mit Bier zu waschen. Die junge Rogenbrösel forderte mich auf, sie völlig mit grünen Blättern und Zweigen zu behängen, so wie die Kutscher es mit den Pferden zu thun pflegen. Ich pflasterte die auch mit aller Aufmerksamkeit der Liebe mit grünen Blättern, die ich erst alle mit den Bierneigen anfeuchtete. Mamsell Silberheitel war die einzige, welche in offenen Kampf mit den Gelsen trat. Sie fuhr, eine zweite Johanna d'Arc, in die Feinde hinein, sie fing einzelne auf, sie jagte sie in Scharen, sie war unermüdlich. Die jungen Graupenschiebers aber machten sich das Privatvergnügen, die fettesten und ansehnlichsten Gelsen lebendig zu fangen, sie ganz zart bei den Flügelenden anzufassen und sie ihrem Hofmeister, Herrn Lautsch, von rückwärts in den offenstehenden Rücken hineinspazieren zu lassen. Ich aber versammelte die Gelsen um mich und redete sie folgendermaßen an: »Verehrteste Gelsen! edle Mücken! Schätzenswerteste Insekten! Insonders weitverbreitetes Geschmeiß!« »Was summt ihr mich an? Was brummt ihr mich an? Was stecht ihr? Was beißt ihr? Was macht ihr für ein Gesurre? Hat einer von euch eine elende Komödie geschrieben, die ich in ihrer ganzen Erbärmlichkeit enthüllte? Hat einer von euch schlecht Komödie gespielt, und ich habe es frei gesagt? Hat einer von euch einen miserablen Almanach herausgegeben, und ich habe gesagt, er ist miserabel? Hat einer von euch sonst ein schlechtes Buch geschrieben, und ich hab' es lächerlich gemacht? Ist einer unter euch? »If any, speak, for him have I offended!« So sprecht! »I pause for a reply.« »Also Gelsen, Countrymen and Lovers! hear me for my cause; and be silent that you may hear. »Also, edle Gelsen, schämt euch, daß ihr euch zusammengelset wie eine Rotte und surrt und summt, ihr macht euch lächerlich! Hochgeschätzte Gelsen, kämpft mit gleichen Waffen, ergreifet die Feder und schreibt gegen mich, so handelt ein Edelmann! Es trete eine heraus von euch, ihr Gelsen, ihr Neinlichen, verleumderischen Summer, ihr Wirtshaus- und Kaffeehausinsekten, summt nicht so erbärmlich, sondern schreibt. Ist keine Gelse unter euch, die schreiben kann? »If there be any in this assembly, to him I speak!« »O Gelsen, Gelsen, wann werdet ihr anfangen, vernünftige, ordentliche Menschen zu werden?! O, man kann als Gelse auch seinen Platz ausfüllen, aber man muß als Gelse keinen Schnabel wie ein Adler machen! »Also noch einmal, werteste Mücken, schnurrt und surrt nicht, sondern schreibt, ehrlich, redlich, mit gleichen Waffen, thut nicht vornehm, denn ihr mögt euch aufblasen, wie ihr wollt, man weiß doch, ihr seid Mücken, Gelsen; eure Kunst besteht in meuchlerischen Stichen, in heimtückischem Gesurre und Geschnurre.« – Und die Gelsen surrten und schwirrten wie zuvor und wimmelten durcheinander. Da trat eine Gelse heraus aus dem großen Haufen und forderte mich zu einem litterarischen Zweikampf auf. Ich ging ihn ein, mit der Voraussetzung, daß wir rein auf litterarischem und artistischem Fechtboden bleiben. Die Gelsen zogen einen Kreis um uns, und der literarische Probestreit begann: Ich: Ich finde, daß Ihr deutscher Stil sehr schwülstig ist und Ihre Bilder oft ins Lächerliche gehen, zum Beispiel u. s. w. Die Gelse: O, Sie haben einen fuchsroten Schnurrbart! (Alle Gelsen jubeln: »Ha! die hat ihn gut abgefertigt!«) Ich: Eine Kunstansicht muß gehörig motiviert sein, nicht flach und mit lauter Phrasen überhängt in die Welt hineingeschwatzt werden. Die Gelse: Sie haben eine häßliche und widerliche Nase! (Alle Gelsen klatschen in die Hände: »Bravo! bravo! bravo! Mit der kommt er nicht auf!«) Ich: Der Witz ist eine schöne Waffe, aber diese Waffe muß immer blank und rein sein, nie unsittlich, nie unflätig, denn ein gesitteter Mensch nimmt selbst eine Perle nicht aus dem Kehricht auf! Die Gelse: Sie werden einmal eine Ohrfeige bekommen! (Alle Gelsen wiehern vor Gelächter: »Himmlisch! himmlisch! die trumpft ihn ab!«) Ich: In den großen Ozean der Litteratur strömen viele kleine Bächlein, sie alle machen das Weltmeer; darum trachte auch das kleinste Bächlein, auf seinen kleinen Wogen irgend einen Widerstrahl der Kunst- und Schönheitssonne in dieses Weltmeer hineinzutragen und nicht bloß mit seinen Fluten die Schneid- und Sägemühlen der Klatschlitteratur zu treiben und zu ernähren u. s. w. Die Gelse: Sie haben eine Physiognomie wie ein Aff'! Eine abscheuliche Visage! (Alle Gelsen sind entzückt, rufen: »Vivat! So muß eine Gelse reden! Vivat, Gelse!«) Ich trat bescheiden zurück und bekannte mich überwunden! »Mit Gelsen kämpfen Götter selbst vergebens!« Die Gelsen alle freuten sich auch über den brillanten Witz, über den edlen Eifer, über die seine Grazie und über die echt ritterlich-litterarische Würdigkeit der siegreichen Gelse und führten sie im Triumph davon. Während ich diese kleine Episode mit den Gelsen hatte, ging die musikalische Akademie vor sich. Und sie geigten und er blies! Graupenschieber und Alwine geigten und Lautsch blies! Was sie gegeigt, und was er geblasen, das mögen die Weidlingambacher Gelsen wissen! Alwine sagte zwar, es wäre ein »Drio samt Boberi« (Potpourri),ich glaube aber, es waren Variationen über das Thema: »Mich zwickt's in den Gedärmen«, für zwei Violinen und eine Klarinette komponiert. Graupenschieber besah eine Bogenführung zum Krampfkriegen! Er fuhr von einem Ende desselben bis ans andere Ende über die E-Saite, wie ein Schlittschuh, und brachte einen Ton heraus, einen Ton – »O, könnt' ich ihn zu Gericht stellen, diesen Ton!« Lieber Leser, hast du schon einmal eine lyrische Katze belauscht, wenn sie in einer romantischen Hundstagsnacht aus einer idyllischen Dachlücke die schmelzendsten Eingeweidetöne durch die erschrockenen Lüfte hinmiaut? Liebe Leserin, hast du schon einmal eine wahnsinnige Messerspitze über die aufgeritzte Brust eines irdenen Tellers mit dem zerreißendsten Fistelklang hinkratzen gehört? Alle diese Töne sind weiche, elegische, milde Mandelöltöne gegen die Muttersprache der Graupenschieberschen Geigen! Und als nun gar Lautsch in diese Töne hineinblies, wie der Wind einer geplatzten Hausenblase, als diese Klarinettentöne sich mit diesen Geigentönen vermischten, wie Hundegeheul mit Eulengekreisch, da, da, da wünschte ich, ein Caligula in anderer Manier, der ganzen Menschheit nur ein Ohr, ein einziges Ohr, um das alles mit anzuhören! Aber gleich nach der Wonne, diese Künstler gehört zu haben, kommt sogleich das Entzücken, sie gesehen zu haben. Graupenschieber père kämpfte, während er spielte, zugleich mit einer Gelse, die sich auf seine Nase setzte; er fuhr immer mit dem Bogen nach der Nase, um diese Ansiedlerin auf dem Berge zu vertreiben, und sie setzte sich immer wieder hin. Graupenschieber spielte also nicht nur Violine, sondern man konnte auch sagen: »Er spielte Nase!« – Neben ihm saß Graupenschieber fille und frottierte die Violine. Alwine war so mager, daß man fast nur die Violine sah, und in einiger Entfernung glaubte man, die Violine spiele sich von selbst. Sie hatte eine besondere Passion, in der Applikatur zu spielen, und ihre Finger fuhren wie die soliden Zahnstocher auf den Saiten herum. – An Alwinens Mundwinkeln hing noch ein nachgelassenes Fragment von einem Butterbrot, um welches sich ein ganzer Schwärm von Verlegergelsen versammelte. Sie suchte diese zudringlichen Gäste durch Zucken mit den Lippen und mit dem Munde zu verjagen und schnitt solche Gesichter und Grimassen, daß eine Gelse sich wirklich davonmachte, um sich, wie sie sagte, nicht zu versehen. – Am komischsten sah Lautsch aus, wenn er blies. Sein Näschen, das ohnehin wie ein I-Tüpfelchen über seinem Munde stand, zog sich, wenn er die Backen zum Blasen voll nahm, ganz bescheiden bis in die innerste Schlucht dieser Backen zurück und wurde nur wieder, wenn er den Wind aus den Nacken ausließ, auf einen Augenblick, wie ein auftauchendes Wasserveilchen, sichtbar. – Die ganze Gesellschaft lag im Grase und streckte lauschend, wie die Laubfrösche, die Köpfe in die Höhe. Madame Graupenschieber konnte die Virtuosität ihres Mannes nicht genug bewundern, und sie sagte zu der Frau Rogenbrösel: »Mein Mann hat gar keinen Meister gehabt, er hat das alles aus sich selber gelernt, alles aus dem Grammaire!« – »Ja!« erwiderte Frau Rogenbrösel, »der Künstler muß einem von Mutterleib aus kommen, ich sag' immer: nur natural, nur natural!« – »Und«, fuhr Madame Graupenschieber fort, »meine Alwine ist g'rad auch so kein' Idee von Talent, bloß Scheine, Schenie!« Rogenbrösel Tochter war indessen auf meiner Schulter selig entschlummert, sie mußte träumen, sanft und wonnig träumen, denn sie schnarchte fürchterlich! Ich glaubte, es spiele in ihrer Kehle ein Lautsch die Klarinette! O Leser, »hast du die Liebe nie schnarchen gehört, nie hast du die Liebe gehört!« Sie schnarchte an meinem Herzen, als hätte sie mein Herz zur lebenslänglichen Kammerschnarcherin ernannt. Während mich Rogenbrösel auf der einen Seite mit den geheimsten Gedanken ihrer Seele anschnarchte, wand sich Fräulein Silberheitel durch das Gras zu mir heran wie eine Eidechse, um mir ihre Gefühle mitzunäseln: »Ah, ma bonne, comme Lautsch souffle la clarinette!« – »Ah, oui «, erwiderte ich und sah dabei auf die schnarchende Rogenbrösel, »quelle souffleuse!« Indessen war in Blauhappels Brust die Eifersucht entbrannt, er schob sich zu mir heran und fragte: »Wissen Sie, daß Mamsell Rogenbrösel meine Zukünftige ist?« Dabei streckte er mir die Hand wie fünf gespitzte Bleistifte entgegen. »Wie?« sagte ich, »diese Gegenwärtige ist Ihre Zukünftige?« »Ja«, sagte er, »und wenn sie schlummern will, so kann sie an meinem Herzen schlummern!« »Wie?« fuhr ich auf, »an Ihrem Herzen soll sie schlummern, und an meinem Herzen soll sie schnarchen? – Wo der Mensch schlummert, da soll er auch schnarchen; folglich, wo der Mensch schnarcht, da soll er auch schlummern!« Die Silberheitel näselte mir ins Ohr: »Oh, ma bonne, Mr. Blauhappel est très jalousie à la Rogenbrösel!« Ich rüttelte die Rogenbrösel auf wie einen Federsack; als sich nach und nach ihr Schnarchen in ein leises Murmeln und endlich ganz verlor und sie die Äuglein aufschlug, sagte ich ihr: »Fräulein Rogenbrösel, es ist nicht jeder Sterblichen gegönnt, an dem Herzen eines großen Dichters, ich meine: an dem großen Herzen eines Dichters zu schnarchen.« »Du hast geschnarcht, dein Lohn ist abgetragen!« und damit lehnte ich sie an Blauhappels Schultern, der unter dieser Last zusammenbrach und ins Gras hinsank. Die Nacht brach indessen ein; der Familienwagen nahte sich durch das Dunkel wie eine ungeheure, ahnungsreiche Zukunft; wir alle rafften uns und die leeren Körbe auf und zogen paarweise in die Arche ein. Ich aber machte mich in der Dämmerung wieder an Fraulein Rogenbrösel an und bat sie, sich zu mir in den Hintergrund des Wagens zu setzen; denn, dachte ich: »Wer weiß, was in des Wagens Hintergründe schlummert!« Auf der andern Seite applizierte sich die Silberheitel zu mir; der Wagen setzte sich in Bewegung, und wir traten den großen Rückzug an! Noch vor Nußdorf ergab sich Fräulein Rogenbrösel der süßen Gewohnheit des Schnarchens hin, so daß Graupenschieber sagte: »In Nußdorf donnert es schon!« und ich sagte, wie Pitt im Unterhause: »Gut, Ihr ruft den Donner auf mein Haupt herab, so soll es für mich donnern!« Fräulein Silberheitel lehnte sich an meine Seite schmachtend an, wie ein umgesunkenes Lineal, und lispelte, in Schwärmerei aufgelöst, indem sie mir die Hand drückte und in den Mond hineinsah: »J'aime la chandelle de la luna, vous pas?« – Mir fiel Odry ein: »A la clair de la lune Je tombai dans un trou Quil est doux pour sa brune De casser le cou!« Endlich gelangten wir bei dem Hotel Graupenschiebers an; ich machte ein französisches Kompliment und hörte nur noch, wie Graupenschieber der Rogenbrösel noch eine zweite Partie in das Gras bei Purkersdorf vorschlug. Guten Appetit! Genrebilder, Jokoses und Sentimentales. Die Whist mit mit vier Honneurs, drei Kindern, zwei Möpsen und einer Lichtschere. Ich war in einer sehr bösen Laune. Es steckte mir etwas in allen Gliedern, entweder eine kleine Krankheit oder eine große Dummheit, und ich wußte nicht, sollte ich zum Arzt oder zum Schreibtisch gehen. Woher die böse Laune kam? Das muß man eine schöne Frau, einen reichen Mann und einen armen Redakteur nie fragen. Diese drei Naturreiche in dem Menschenreiche – wozu sogar der Naturarme: der Redakteur, gehört – sind so eigentlich dazu gemacht, stets böse Laune zu haben. Die schönen Frauen, weil ein schöner Himmel nie schöner ist, als wenn er ein bißchen blitzt und donnert, und weil bunte Tauben nie schöner sind, als wenn sie zürnend das bunte Gefieder auffächern. Reiche Leute überhaupt, weil sie an der goldnen Ader leiden. Arme Redakteurs endlich sind die wahren Essigmütter, Schwabennester und Rattenkönige der üblen Laune. Erstens schon darum, weil jeder Redakteur auch ein sie, ein Femininum in sich einschließt: die Redaktion nämlich, und also schon an und für sich Launen, diese Bandwürmer des schönen Geschlechtes, in sich beherbergen muß. Drittens endlich – eben aus übler Laune sag' ich nicht, wie ich sollte: zweitens – drittens endlich, ja, drittens endlich bin ich jetzt in böser Laune, daß ich mich selbst genötigt habe, unerklärliche Dinge – böse Launen nämlich, erklären zu wollen. Genug – ich war in böser Laune und hatte fest beschlossen, mit ihr heute abend allein und zu Hause zu bleiben, denn mit bösen Launen und mit bösen Frauen muß man nicht unter Menschen gehen, wenn man nicht zu diesen Bösen noch ausgelacht sein will. Ich sagte also zu meinem Joseph: »Heute Abend bleib' ich zu Hause; du wirst Thee, Erdäpfel mit Butter uud Hering bereiten, mir einen ›Wegweiser durch Wien‹, eine ›Karte vom Rhein‹ und den ›Katalog der Düsseldorfer Galerie‹ auf den Tisch legen und einen Strick zum etwaigen Aufhängen an die Mauer hängen!« Ich wollte nämlich dem Spleen ein englisches Fest geben, er sollte glauben, ich bin ein reisender Engländer, und ich wollte mich eigentlich in diese dicksichtige, trägblutige, zähgeistige, dichtnebelige Gemütsverfassung eindachsen und einbibern. Es war schon alles so schön eingeleitet, da kam ein Brief. Wenn ich sage: ein Brief, so verstehe ich darunter ein papiernes Sechseck, in sich zusammengekrümmt, geknittert, gefaltet und ineinander geschoben wie ein gordischer Knoten, und auf dem Goldblättchen, welches diese Blattzwiebel zusammengesiegelt hielt, sprang ein Pferd über eine Barriere mit der Umschrift: »Hindernisse muß man überwinden.« Die Sendung kam von der Alservorstadt, von der »Frau Randhoferin, verwitwete Partikuliererin«. Der Brief enthielt nichts als eine dringende Einladung zu einer Partie Whist. Frau Randhoferin war successive Witwe zweier Männer geworden, und hatte aus diesem Successivkrieg nichts gerettet als das, was jeder Sieger aus jedem Kriege rettet: die Lust zu fernem Kriegen und Siegen. Siegerin aber blieb sie in beiden Kriegen, das heißt, sie blieb auf dem Platze, während die zwei Männer das Feld und das Leben räumten! Ihr erster Mann war ein zurückgelegter »Zwetschkenfabrikant«, wie sie ihn gerne und mit Selbstgefälligkeit nannte, weil sie es war, die ihn vermochte, zuerst seinen aufblühenden Zwetschkenhandel und dann sich selbst an den Nagel zu hängen, das heißt, an sie, die ein Nagel zu seinem Sarge wurde. Sie hatte von diesem, den sie abwechselnd: »mein seliger Erster« und »mein seliger Zurückgelegter« nannte, zwei hinterlassene Zwetschken: Binchen (Sabine) und Röschen, zwei Zwetschken, auf denen noch der frische Jugendreif lag, und deren Kern aus seligen zurückgelegten zehntausend Gulden Heiratsgut per Zwetschke bestand. Der zweite Mann der Frau Randhoferin war einer jener Glücklichen, die das beste Geschäft haben: gar keines, und den unantastbarsten Charakter: keinen; wenn man zu diesen beiden Eigenschaften ein sicheres Kapital von zehntausend Gulden Konventionsmünze mischt und alles bei einer gelinden Faulheit und einer mäßigen Selbstliebe aufkochen läßt, so hat man in kurzer Zeit einen substanzlosen »Privatier«. Ein solcher Privatier hat nichts zu thun, als zu liegen und zu essen, er liegt nämlich auf seinem Kapital und ißt seine Interessen. Ein solcher Glücklicher war ihr zweiter Mann, den sie stets nur: »mein seliger Zweiter«, oder: »mein seliger Privatmann«, oder auch brevi manu: »mein Privatseliger« nannte. Auch dieser Zweite machte sich zeitig von hinnen, segnete dieses und alles Zeitliche und ging ein zu seinen Vätern, wovon der eine noch lebte und Großhändler war. Auch dieser »selige Zweite« hinterließ der Frau Randhoserin zwei Töchter als Koupons seines Privatlebens, Johanna und Dore, mit der Testamentsklausel, daß die Nutznießung des Kapitals ihr bleibe, bis die beiden Töchter geholt werden, und zwar von sittsamen, gewerbetreibenden Männern. Es lag also im Interesse der Frau Randhoferin, um diese zwei hinterlassenen Schatzkästlein von ihrem seligen Zweiten lauter Männer zu versammeln, die kein Gewerbe treiben, zum Beispiel Musikanten, Dichter, Schauspieler, Redakteure und anderes zweideutiges Volk. Für die Kontumaz- und Heiratsabsperrung der beiden Töchter sorgte Frau Randhoferin; allein sie selbst war noch sehr geneigt, ihre eigenen körperlichen Reste und die ihres »ersten Seligen« und »zweiten Seligen« dazu an einen »dritten Unseligen« an Hymens Altare hinzugeben. Sie meinte erstens: »Aller guten Dinge sind drei.« Ob sie nun unter diesen »guten Dingen« die Männer selbst oder den Tod dieser Männer verstand, steht mir und uns nicht zu, zu beurteilen; denn auch ein Humorist darf wie ein Zivilrichter keinen animus injuriandi supponieren. Zweitens dachte sie: »Einmal ist keinmal« sagt das Sprichwort, folglich ist »zweimal einmal« und noch folglicher auch »zweimal keinmal«, und einmal muß man doch heiraten! Drittens und, wie mir scheint, der triftigste Anlaß und die ratio sufficiens ihres Entschlusses war ein juridischer Skrupel über das jenseitige Gericht, eine antizipierte Gewissenhaftigkeit und Fürsorge für ihre einstigen Richter dorten. Denn gesetzt, wenn ihre beiden Seligen dorten befragt würden: »Wie war Frau Randhoferin als Gattin im Leben?« so könnte es doch sein, daß eine Geteiltheit der Stimmen eintreten könnte, und wie sollte da entschieden werden? Also tres faciunt Collegium ; sie müßte also auch einen dritten Seligen bei Gericht sitzen haben, um dem schwankenden Pol den Ausschlag zu geben. Frau Randhoferin war noch in den besten Jahren, denn die Witwen nennen stets die Jahre, die zwischen den beiden Ehen liegen, die besten, so wie sie es für beide Männer, für den vergangenen als auch für den futur conditionel , wirklich auch sind. Was die persönliche Schönheit und Gestalt der Frau Randhoferin betraf, so ersetzte die Quantität die Qualität auf jeden Fall. Wenn sie zuweilen das Grab eines ihrer Seligen besuchte, und das geschah immer bei jenem, dessen Töchter sie eben mißhandelte, so glaubte man von ferne, es wäre die Pyramide des Grabmales. Sie war in Hinsicht ihrer irdischen Konstitution eine Konservative mit zeitweiligen Neuerungen! Es ist anzunehmen, daß – wenn sie den Gram um zwei gestorbene Gatten nicht gehabt hätte – sie ganz mager geblieben wäre. Allein da sie selbst ganz und gar ein Gram war, da sie diesen Gram stets nährte, und alles, was man nährt, dick wird, so ist es kein Wunder, daß diese Witwe in specie , so wie die Witwen in genere , eine Anlage zum Dickwerden hatte. Bei alledem konnte man nicht sagen, daß sie das Haupt hoch trägt, denn es liegt vielmehr so tief zwischen den beiden Speckschultern wie eine halbe Mandel in der Fleischpastete. Übrigens ist es eine bekannte Sache, daß jedes und auch das häßlichste Frauenzimmer alle Gaben und Zuthaten und sozusagen dasselbe ganze Spezereigewölbe an Schönheitsmitteln besitzt wie das allerschönste, nur sind sie nicht am rechten Orte placiert. Zum Beispiel schwarze Haare, blaue Augen, rote Lippen, weiße Zähne, lange Wimpern, eine gebogene Nase, rundes Kinn, spitze Finger, breite Schultern, schmale Füße u. s. w, sind so die einzelnen Medikamente zu der Hausapotheke Schönheit. Nun aber finden sich bei den Häßlichsten alle diese Formen, Farben und Größen, nur sind sie nicht am rechten Orte, und die Natur hat in aller Eile eine kleine Verwirrung angerichtet; daraus entstanden nun: schwarze Zähne, blaue Lippen, rote Augen, weiße Haare, runde Nase, spitzes Kinn, schmale Schultern, breite Füße u. s. w. Es wäre also unrecht, eine Person häßlich zu nennen, die alle Zeichen der Schönheit besitzt, wenn diese auch nicht geographisch und topographisch richtig angesiedelt sind. Die hinterlassenen Werke des »seligen Zweiten«, Johanna und Dore, waren sich sehr unähnlich, und nie sind zwei an Inhalt und Einband so entgegengesetzte Exemplare aus einer Verlagshandlung in die Welt getreten, als diese zwei Schwestern. Johanna war schön, sanft, klug und hatte echt humoristische Augen, das heißt Augen, in denen himmelblaue Gemütlichkeit und zuweilen eine ganze Herzensweltgeschichte aufleuchtete; und Dore war weder schön, noch sanft, noch klug, sie hatte nicht nur keine humoristischen Augen, sondern der oberflächliche Beschauer hätte sogar an der Existenz ihrer Augen ganz und gar gezweifelt, so in sich versunken, zogen sie sich aus den Wirren und Irren dieses Lebens in ihre Höhlen zurück. Ich war ein alter Bekannter und Hausfreund des »seligen Zweiten«, kannte die beiden Mädchen noch in ihrem Flügelkleide, und nie ist einem eine lange Bekanntschaft nachteiliger als die, welche man bei Mädchen aus so früher Zeit datiert. Indessen besuchte ich in meiner frommen Gemütlichkeit, die befugt, Witwen und Waisen zu lieben, die Frau Randhoferin und ihre zwei Tochter von Zeit zu Zeit. Die Frau Randhoferin besaß eine einzige Schönheit: eine schöne Hand; diese Hand und die des Schicksals lagen zwar lange und schwer auf den zwei vorausgeschickten Relaismännern, allein sie hatte doch noch wenig von ihrer angeborenen Schönheit eingebüßt, und sie spielte also eine Hauptrolle bei der Frau Randhoferin. Wenn ich kam, küßte ich stets ihr und Johannen die Hände, Hände von zwei ganz verschiedenen Jahrgängen. Sie, die Mutter, ließ ihre Hand, das einzige Vermächtnis ihrer gütigen Mutter Natur, lange in oder auf der Hand des Küssenden ruhen, und überhaupt war es immer die Hand, welche sich stets mit in die Konversation mischte, entweder mit Lichtputzen oder mit Tischabstäuben oder mit Lockenzurechtschiebung oder am liebsten mit und beim Kartenspiel. Beim Whistspiel, da hat die Hand freie Hand, sich zu produzieren, beim Abheben, Mischen, Taillieren, Stichedecken, Karten zusammennehmen u. s. w. Außer Karten geben wußte aber auch diese Hand vom Geben gar nichts, am wenigsten vom Tafel geben oder vom Souper geben. Wenn also eine Einladung zu Frau Randhoferin zu einer Whistpartie kam, so stand in meiner Phantasie ein vierhändiger Abend da, mit zwei alten und zwei jungen Händen, aber die nichts mitbringen und nichts in die unseren legen, als sich selbst, und eine Whistpartie mit noch zwei Sibyllen aus der Alservorstadt und sonst nichts, nichts, gar nichts für Hunger und Durst und für sonstige unerläßliche Leidenschaften des menschlichen Lebens. Bloß Johanna stand mit ihren blauen Augen in dem Hintergrunde dieses Bildes und sprach: »Zwei Blumen blühen für den weisen Finder; sie heißen Hoffnung und Genuß. Genießen mußt du nichts, aber hoffe, hoffe!« Und ich ging und hoffte. Das Gesellschaftszimmer der Frau Randhoferin war beleuchtet, das heißt, aus zwei Leuchtern, die zwischen Pakfong und Messing ein gelblichtes juste milieu hielten, brannten zwei Lichter, wovon das eine schon gestern sein Licht hatte leuchten lassen müssen und sozusagen schon etwas abgestumpft war, und das andere eben erst aus der Lichter-Erziehungsanstalt in die Welt trat und zum erstenmal an der atmosphärischen Luft sich entzündete. Da in jeder Gesellschaft sich große und kleine Lichter befinden müssen, so liebe ich es vorzüglich, wenn eine lange Kerze und ein kurzes Stümpfchen nebeneinander auf dem Tische stehen. Die lange Kerze kommt mir dann immer wie eine lange französische Gouvernante vor, die ihr kleines Püppchen bewacht und dabei sich selbst im eigenen Feuer verzehrt und zerrinnend herabschmilzt. Ich küßte die Randhoferische Hand, welche weiter unten, wo die Hand an den Vorderarm anschließt, schon einige kleine Randzeichnungen des großen Faltenwurfzeichners: »Vierzigstes Jahr!« an sich trug, und dachte dabei an die Hand Johannas, die mir eben einen Sessel zwischen sich und die Mutter hinschob, den ich auch sogleich einnahm. »Wir haben schon auf Sie gewartet!« sprach Madame Randhoferin; »hier Herr Gröbel und Madame Ritzinger.« Ich machte mein Antrittskompliment, und die Partie Whist begann. Herr Gröbel war einer jener auserlesenen Menschen, die davon leben, daß sie einem die Haut abziehen und den andern damit bekleiden, das heißt, er war ein Kürschner. Er hatte manchem Affen einen Bären auf den Kragen gesetzt und manchen Hasen in Fuchspelz gehüllt. Er war ein sehr dicker Mann mit ganz kleinen, stumpfen, fetten Fingerchen und mit dem Sprichworte: »Ei du mein Zobelchen!« Madame Ritzinger war eine Quartiervermieterin und hatte weiter keine Kennzeichen, als daß sie etwas hart hörte und sehr laut schrie. Mich selbst kennt der Leser, und so kennt der Leser die ganze Whistpartie mit allen ihren Reizen und Annehmlichkeiten. Für Leser aber, die mich nicht kennen, füge ich das Nötigste über mich hier bei, nämlich: daß ich die Gewohnheit habe, beim Whistspiel alle Karten laut zu nennen, sowohl die, welche ich spiele, als auch die, welche die andern spielen. Eine Gewohnheit, die eben nicht zu den Annehmlichkeiten des Whistspielens gehött. Wir saßen so: Dieser viereckige Tisch war die Quadratur unseres kleinen Zirkels. Der Tisch war ein rechtwinkliges Viereck. Für mich aber war der Winkel, wo Johanna zwischen mir und Herrn Gröbel – wie Figura zeigt – wie ein Vergißmeinnicht zwischen einer Bohnenstange und einem Wolfspelz saß, der wahre, rechte und allerrechteste Winkel. An beiden Enden des Tisches standen die zwei Kerzen, an meiner Seite Pipin der Kurze und vis-à-vis Philipp der Lange. Die Karten wurden gebracht, und Madame Randhoferin bemächtigte sich des Geschäfts, sie zu mischen, um dabei ihre Hand mit im Spiele zu haben. Dieses Geschäft war aber nicht so leicht abgemacht, als man glaubt. Die Karten nämlich, welche nicht von unten hinauf, sondern von oben herab dienten, brachten den Frühling ihrer Tage und sozusagen ihre goldene Jugend in einem Kaffeehause zu. Von da gingen sie, wie ein bereits gekanntes Bonmot, in das populäre Leben eines Weinhauses über, aus diesem Getümmel der Welt gingen auch sie nicht ohne irdische Flecken heraus, als sie von da durch die dritte Hand in die der Randhoferin kamen. Diese Karten aber hatten in dem Laufe ihres wechselvollen Daseins und eben dadurch eine solche gegenseitige Anhänglichkeit aneinander gefaßt, daß man sie nur mit Mühe trennen konnte, und es dauerte oft eine ganze Weile, bis sich Carreau-Bube von der Herz-Dame losriß. Vom Schicksal mürbe gemacht, verloren sie auch viel von der angebornen Festigkeit ihres Charakters und nahmen eine Gemütsweichheit und Schlaffheit an, welche beim Geben und Mischen bedeutende Hemmungen hervorbrachte. Mit Zeit, Geduld und mit einer Nachbarin wie Johanna überwindet man manches! Endlich war das Mischen überstanden, und das Spiel begann. Vorher noch ein Streit. Madame Ritzinger . Wie hoch spielen wir? Ich . Wie es gefällig ist. Madame Ritzinger . Es ist mir alles eins. Herr Gröbel . Ei du mein Zobelchen! Wie Sie wollen. Madame Randhoferin . Nein, sagen Sie! Ich . Ich hab'gar nichts zu sagen. Madame Ritzinger . Man spielt ja nicht, um zu gewinnen. Herr Gröbel (lacht bedeutend). Madame Randhoferin . Nicht gar zu hoch. Ich . Nein, nicht gar zu hoch. Madame Ritzinger . So sagen Sie. Ich . Ich? O, ich überlasse es Ihnen. Madame Randhoferin . Was meinen Sie, Herr Gröbel? Herr Gröbel ! Ich? Ei du mein Zobelchen! ich meine, was Sie meinen. Madame Randhoferin . Was meinen Sie, Madame Ritzinger. Madame Ritzinger . Ich? Ich meine, was der Herr Saphir meint. Madame Randhoferin . Was meinen Sie, Herr Saphir? Ich . O, ich meine, was die Damen meinen. Madame Randhoferin . Nicht zu hoch. Madame Ritzinger . Nein, nicht zu hoch. Madame Randhoferin . Ich meine, den Fisch um einen schwarzen Groschen. Was meinen Sie, Herr Saphir? Ich . O ja, ich meine, das ist ein sehr frugales Auskommen; o ja, ein schwarzer Groschen um den Fisch, will ich sagen, den schwarzen Fisch um einen Groschen, nein, den Fisch um einen schwarzen Groschen, ganz recht, vortrefflich, richtig! Auch das war also abgemacht, und das Spiel begann. Inzwischen hatten sich von Herrn Gröbel zwei junge Zobelchens, ein Junge von acht und ein anderer von neun Jahren, und ein Mädchen der Madame Ritzinger, ein Kind von sieben Jahren, eingefunden und hatten an den andern drei Tischecken Posto gefaßt, und in ihrer Begleitung kamen ihre zwei Hausmöpse: »Billi« und »Fidel«, mit, welche sich auf dem Schoße der Madame Ritzinger und des Herrn Gröbel ansiedelten und mit den Vorderfüßen auf den Tisch hinaufsprangen, als wollten sie auf dem Tisch um einen schwarzen Groschen mitspielen. Es ist noch zu wissen nötig, daß Madame Randhoferin kurzsichtig war und zuerst jedesmal fragte: »Was ist gespielt worden?« dann die gespielte Karte vom Tische nahm, sie vor die Augen führte, sie laut benannte und wieder niederlegte. Wenn der Leser nun den ganzen Schauplatz, die zwei- und vierfüßigen Helden der Whistpartie, die Kinder und die Kerzen kennen gelernt hat, so bleibt ihm nichts übrig, als auch noch die Lichtschere in Augenschein zu nehmen, welche diesen Kerzen beigegeben wurde. Wenn man behaupten wollte, sie war aus Silber, so würde der Eisenhändler mit Recht auf böswillige Kritik klagen, denn unstreitig waren ihre Bestandteile aus dem eisernen Zeitalter, obwohl sie schon die silberne Hochzeit mit dem einen Leuchter gefeiert hatte. Ich sage: die Hochzeit, denn sie war mit einer eisernen Kette an den Leuchter angekettet, so daß man stets, wenn man das zweite Licht putzen wollte, den Leuchter mitsamt der Lichtschere zu diesem verwickelten Geschäfte hinüberführen mußte. Durch das lange und undankbare Geschäft, etwas zur Aufklärung beitragen zu wollen, war besagte Lichtschere mit ihrem Gewissen selbst zerfallen, sie fand in sich selbst keinen moralischen Halt mehr und fiel in einen Zwiespalt auseinander, so daß, wenn man das Licht putzte, die Schnuppe entweder auf das Licht oder auf den Tisch fiel und man dann noch immer die Naturlichtschere: die zwei Finger, zu Hilfe nehmen mußte, um diese Schnuppe in ihr eigentliches Gemach wieder einzuführen. Dabei hatte sie in irgend einer Affaire einen Fuß verloren, und der eine Finger des Putzenden fand keinen Anhalt an der einbeinigen Lichtschere. Und nun ist der Leser in vollem Lichte über die ganze Szene! Das Spiel begann. Ich hatte die Vorhand. Ich spielte Treff-Drei aus und rief nach meiner Gewohnheit laut dabei aus: »Treff-Drei!« Madame Randhoferin fragte zugleich: »Was spielen Sie?« nahm die Karte vor die Augen und rief: »Treff-Drei!« Madame Ritzinger rief: »Was sagt Madame Randhoferin?« Ich schrie: »Sie sagt: Treff-Drei!« – »Treff-Drei?« wiederholle Madame Ritzinger und gab Treff-Neun, worauf ich laut sagte: »Treff-Neun!« Herr Gröbel aber lachte: »O du mein Zobelchen! Treff-Neun?« und gab Treff-Dame, worauf ich fagte: »Treff-Dame!« Madame Randhoferin fragte: »Was ist gespielt worden? Treff-Neun? Wer gab Treff-Neun? Wer hat denn ausgespielt?« Darauf nahm sie alle drei Karten vor die Augen und fragte: »Ist die Dame zu nehmen?« Ich fragte ironisch, indem ich Johanna die Hand drückte: »Welche Dame?« Madame Ritzinger fragte: »Was sagt Madame Randhoferin?« Ich schrie: »Ob die Dame zu nehmen ist?« – »Ob die Dame zu nehmen ist? Freilich ist die Dame zu nehmen!« Darauf warf Madame Randhoferin Treff-König zu und wollte die Karten einziehen, allein auch die kleine Ritzinger wollte die Karten einziehen, wogegen aber seinerseits der Mops Einspruch that, der auch schon seine Pfoten nach der Lever ausstreckte. Endlich zog Madame Ritzinger die Lever an sich, nachdem sie ihrem kleinen Ebenbilde einen starken und dem Mopse einen zarten Klaps angehängt hatte. So ging die Unterhaltung lebhaft und angenehm vor sich. Jede Lever wurde zuerst einzeln ausgerufen, besprochen, hinund hergezogen, ein Kind oder eine Hand mischte sich darein, und ein Klaps endigte die interessante Debatte. Von Zeit zu Zeit rief Madame Randhoferin mir zu: »Putzen Sie das Licht, ich bitt' Sie!« Das war leicht gesagt, aber schwer erfüllt; ich mußte dazu meine Karten aus der Hand legen, den Leuchter zum andern führen, die unanfaßbare Lichtschere mit List und Gewalt bei einem Ende erwischen und dann erst mit einem pfiffigen Manöver mich, die Lichtschere und die gefallene Schnuppe aus der Affaire ziehen. Herr Gröbel machte, wenn es ihm zu dunkel wurde, Versuche in der Experimentalphysik der Naturlichtschere, putzte das Licht mit den Fingern, wovon oft ein schwarzer Verdacht sodann auf die von ihm ausgespielte Karte überging. Ich sah den Moment kommen, wo er mit seinen Stumpffingern das Licht auslöschen wird, und hatte auf diesen Fall eine Haupt- und Staatsaktion vorbereitet. Richtig! Madame Randhoferin hatte eben den Herz-König mit dem Herz-Buben eingestochen, als Herr Gröbel das Licht putzte und es auslöschte. In diesem Momente hatte ich auch das meinige gelöscht, und die ganze edle und liebenswürdige Partie saß im Stockfinstern. Mit Vergnügen bemerkte ich durch mein Gehörorgan, daß alle meine Mitspieler zuerst darauf bedacht waren, ihre Kasse in Sicherheit zu bringen und mit der einen Hand sie zu bedecken! Indem ich mich damit beschäftigte, meiner Herz-Dame zur Linken eine süße Levee von den Lippen zu pflücken, riefen alle einstimmig: »Licht! Licht!« Die Kinder fingen zu kichern an, zwickten die Möpse, diese heulten; der Lärm dauerte eine Minute, bis Johanna auf Befehl Licht bringen mußte und Kinder, Möpse, Karten und Kasse wieder in Ordnung gebracht wurden. Wir hatten von halb sieben bis zehn Uhr richtig ganze zwei Robber gespielt! Die große Zusammenrechnung kam, ich hatte dreizehn schwarze Groschen an Madame Randhoferin und Herr Gröbel neun dito an Madame Ritzinger zu bezahlen; woraus ersichtlich ist, daß Kürschner und Poeten Lebensart haben und galant gegen Frauenzimmer sind. Indessen hatten die drei Kindlein in meinem Hute gekocht! Sie hatten nämlich mitunter auch Küche gespielt, Brotkrumen, Wasser u. dgl. genommen und meinen Hut zur Küche gemacht. Die Möpse wollten auch an Aufmerksamkeit nicht zurückbleiben und zernagten meine Handschuh, die aus dem Hute auslogiert und auf die Erde geworfen wurden. Madame Randhoferin tröstete mich über den Verlust von dreizehn schwarzen Groschen und sagte mit bedeutungsvollen, hoffnunggebenden Mienen: »Unglück im Spiel, Glück in der Liebe!« »Ach!« sagte ich neu belebt, »glauben Sie, daß ich mir in der Liebe dreizehn schwarze Groschen hereinbringen werde?« Unterdessen war es spät geworden, ich mußte dreizehn schwarze Groschen, fünf graue Stunden und zwei blaue Augen im Stiche lassen, um Madame Ritzinger nach Hause zu begleiten. Es war ein Katzensprung! von der Alstervorstadt bis nach der St. Marrer Linie! Ich wollte einen Wagen nehmen; das litt sie durchaus nicht, es käme ihr gerade recht, eine kleine Bewegung zu machen, und sie wüßte, ich bin sehr galant! Das sind Folgen eines guten Rufes! Ich brachte sie wohlbehalten in ihre Heimat und versprach ihr, sie recht oft zu besuchen, denn sie meinte: »es sei ein kleiner Spaziergang!« Naturgeschichte der Mädchenjahre. 1. Die Luftschlösserjahre. – 2. Die Kartenhäuserjahre, – 3. Die Versorgungsjahre. – 4. Die Strohhüttenjahre. – 5. Die Verzweiflungsjahre. – 6. Die »Hol's der Teufel!«-Jahre. 1. Die Luftschlösserjahre. Bis zum sechzehnten Jahre sind alle Mädchen Engel. Von dem Lichte, welches Umgebung und äußere Verhältnisse in ihnen und um sie verbreiten, hängt es ab, ob sie Engel des Lichtes oder Engel der Finsternis werden. Ein Mann hat um diese Zeit seine Flegeljahre, allein bei dem weiblichen Geschlechte verschmelzen diese Jahre in einen Gemütszustand von Dämmerung, in ein Nebeln und Schwebeln, und das Herz eines Mädchens in diesem Zeitraum gleicht unsern lyrischen Produkten, in welchen Gefühl und Unsinn, hysterische Blässe und rosafarbne Dünkelhaftigkeit nebeneinander wohnen. Erst mit dem sechzehnten Jahre tritt das weibliche Herz aus der Stiftshütte von Träumen und aus dem Spinnhause nicht verstandener Gefühlsfäden in die Schule des Lebens, in eine Schule, in welcher leider das Examen erst dann vor sich geht, wenn das Leben kein Diplom und keine Preise mehr zu verteilen hat. Mit dem sechzehnten Jahre der Tochter fängt die eitelste und gefallsüchtigste Mutter, so gerne sie erst selbst für nicht viel über sechzehn Jahre gelten möchte, doch an, einzugestehen, daß »das Kind erstaunlich groß und unbegreiflich früh reif« wird. Von diesem Augenblicke treten die Mädchen ihre Luftschlösserwelt an, und indem sie von Phantasie und Einbildung große Summen aufnehmen, fangen sie ihren Bau an und bauen, wie die meisten Bauherren, größtenteils auf eine Masse von Einwohnern, die teils neben-, teils nacheinander diese Schlösser bewohnen sollen. Jedes Ruhekissen, auf das sie ihr nachdenkliches Köpfchen hinlegen, wird zum ersten Stockwerke dieser himmelansteigenden Schlösser, und jeder Held aus dem eben gelesenen Roman macht die geflügelte Besatzung dieser Schlösser aus. Vom sechzehnten bis zum neunzehnten Jahre sind die Luftschlösserjahre. Wehe dem Mann, der sich den Bauenden naht, wenn er nicht Demanten als Ziegelsteine, Rang und Würden als Stukkatur, glänzende Aussichten als Fensterscheiben und Ruhm, Größe, Glanz als pompejanische Wandgemälde zu diesen Luftschlössern liefern kann! Am aufgetürmten, schwindelhohen Luftschlosse sitzt die schöne, junge, hoffnungsblühende Erbauerin und präludiert und singt: »In meinem Schößlein ist's gar fein, Komm, Ritter, kehr bei mir ein.« Aber ach, wir haben keine Ritter mehr, wir haben bloß Reiter; und diese irrenden Ritter springen höchstens über eine zwei Fuß hohe Barriere, aber nicht über die Barrieren der Konvenienz, und daher kommt es, daß kein Reiterritter in das Luftschloß sprengt und es von seinem Wolkenkuckkucksheim in die wirkliche Welt herüberbaut und die Erbauerin mit demselben. So bleiben denn die schönsten Luftschlösser unbewohnt, und, meine lieben Leserinnen, in einem Luftschlosse ist es kalt und öde und unheimlich zu wohnen, besonders für ein junges Mädchen und ganz allein! Wie oft werden in diesen drei Jahren die Luftschlösser umgeändert, überbaut, mit andern Pfeilern und Säulen verziert und in andere Luftregionen verpflanzt, aber nirgends will der Schloßherr aus der Erde springen, und keine Wirklichkeit macht das Phantom bewohnbar! Endlich mit dem neunzehnten Jahre fängt die Phantasie an, nach etwas Haltbarerem als Luftbaumaterialien zu greifen, und es beginnen: 2. Die Kartenhäuserjahre. Diese Häuser werden doch nicht ganz auf nichts gebaut, wenn sie auch nicht auf festem Grund und Boden aufgeführt werden, so ist es doch ein dichter Gegenstand, auf dem sie errichtet werden. Die Mädchen fangen an, mehr in die Breite als in die Höhe zu bauen; sie sehen schon mehr auf den Platz, den sie brauchen, als auf den Raum, den sie einnehmen möchten. Man fügt sich etwas williger dem Stoffe, der einem zu Gebote steht. Man gibt hier zu und läßt dort nach. Es stürzt ein Kartenhaus nach dem andern ein; wenn die geschäftige Baumeisterin zu hoch hinaus will, so hält es nicht, das ganze Gebäude fällt ineinander, und es müssen andere Karten zu einem solidern Hause geholt werden. Da lernen die Mädchen behutsamer bauen; sie sehen, daß man nirgends anstoßen, nicht ungeheuer von sich blasen und recht sachte und obachtsam zu Werke gehen muß, wenn man ein solches Kartenhaus aufführen will! Sie lassen sich die Mühe nicht verdrießen, einen Bauplan zehn- und zwanzigmal zu erneuen, wenn ein Windstoß, ein böser Luftzug den Bau zehn- und zwanzigmal über den Haufen geworfen hat. So ein Kartenhaus ist freilich solider und wohnlicher als ein Luftschloß; allein es sind doch nur Kartenhäuser; wenig Männer werden versucht, ihr ganzes Leben in einem Kartenhause zu wohnen! Da ist wohl Glätte von außen und buntes Bildwerk von innen, aber es ist nicht fest gefügt, nicht hub- und hebfest, nichts auf festem Grund, die Männer verweilen lachend einen Augenblick bei der noch immer schönen Erbauerin solcher Kartenhäuser, aber sie werden keine Einwohner bekommen. Das dreiundzwanzigste Jahr kommt heran und mit ihm: 3. Die Hausmannsjahre. Die Luftschlösser waren bei der undankbaren Welt nicht assekuriert, und die Kartenhäuser waren auf Sand gebaut; das Leben wird aber immer sorglicher, die Jahre kälter, die Gesinnung schwalbenmäßiger, häuslich, in den flatternden Zipfel der Jugend ist nur noch ein Stückchen Frühling mit sparsamen roten Fäden eingemerkt, und alles ruft aus dem Mädchenherzen: »Ehe, kehr ein, denn es will Abend werden!« Und da, auf diesem Wendepunkt des Krebses, fangen die Mädchen an, sich bloß Versorgungshäuser zu bauen. Die Besorgung über die Versorgung fängt an, und die Bauwut ist von der schwindelnden, bunten Höhe der Luftschlösser bis in die mausfarbene Region eines kleinen häuslichen Lebens versunken, wo eigener Herd und Küche den Grundriß ausmachen. In diesen Jahren von fünfundzwanzig bis achtundzwanzig, da fangen die Paradiesvögel, die vom Tau der Hoffnung lebten und ohne Füße zwischen Himmel und Erde flatterten, allmählich an, die zarten Füßchen auszustrecken, um auf der lieben prosaischen Erde, wo die Männer wachsen, festen Boden zu fassen. Leider fangen in diesen Jahren schon an, die Freierschwalben sich zum Abzug aus den herbstlichen Tagen zu rüsten; die Männer, die eine häusliche Versorgung lieben, tragen Bedenken, ob Wesen, die einige Jahre in Luftschlössern und einige Jahre in Kartenhäusern, möbliert mit dem kostbaren Geräte ihrer Einbildung, zu wohnen gewohnt waren, lange und reell zufrieden bleiben würden in dem einfachen Versorgungshause eines bescheidenen Loses, und so nahet denn oft das achtundzwanzigste Jahr unter Zagen und Bangen, unter Harren und Hoffen, unter Sehnen und Täuschen heran, und da beginnen: 4. Die Strohhüttenjahre. Vom achtundzwanzigsten bis zum einunddreißigsten Jahre sind die drei parforce-romantischen Jahre, wo die Mädchen endlich auf Luftschloß, Kartenhaus und Versorgung verzichten, aus der Not eine Tugend und aus der Heiratsucht eine bloße Lieb-, Schmacht- und Sehnsucht machen! Sie wollen nichts als ein liebendes Herz und eine »Strohhütte«! In frühern Zeiten fanden sich bei den Mädchen diese Strohhüttenphantasien nur im Paroxysmus des frühen Jugendfiebers ein. Da waren es bloß die Schneeglöckchen unter den Mädchen, die zarten Mägdlein, welche vor dem Frühling aus der Gefühlsdecke in die romantische Welt hineinwuchsen, die, großgezogen an Fouqués blauflämmlicher Minne, an Lafontaines taubenfütterndem Insichsehnen und an Claurens butterflüssiger Dahingebung, dieses Sehnen und Drängen nach dem Lande, wo die Strohhütten blühen, in sich verspürten. Jetzt aber finden wir diese Strohhütten nicht mehr am Eingange in die Mädchenjugend, sondern am Ausgange, und die Mädchen flüchten sich nur dann hinein, wenn sie schon zu lange leeres Stroh gedroschen haben. Dann werden bloß Herz, Gefühl, Liebe, Austausch der Gesühle, inniges Erkennen u.s.w. als die reellen Güter der Ehe betrachtet, und man will ja weiter nichts als ein liebendes Herz, um sich an-, und eine Strohhütte, um sich einzuschließen! Aber ach, du mein lieber Himmel! Strohhütten findet man zu achtundzwanzig Jahren wohl im Notfalle noch manchmal, aber liebende Herzen sind in dieser Gegend sehr selten! Die »liebenden Herzen« bekommt man bloß am Morgen des Lebens auf dem Wochenmarkt der Männer! Liebende Herzen muß man zum Gabelfrühstück nehmen und nicht zur Abendsuppe! Und so kommt denn das einunddreißigste Jahr und mit ihm: 5. Die Verzweiflungsjahre. Das Schrecklichste der Schrecken ist ein Mädchen, das schon daran verzweifelt, ob es einen Mann bekommt, und doch à tout prix einen haben will! Wie jeder Mensch fürchterlich ist, der von Menschen oder vom Schicksal bis zur Verzweiflung getrieben wird. In diesen Verzweiflungsjahren muß man ihnen aus dem Wege gehen, wenn man nicht angefallen sein will. Da sind sie fürchterlich, da gilt Gewalt und Faustrecht und Überfall! »Ein Mann!« ist die Losung, das Feldgeschrei; was er ist, wer er ist, wie er ist, was er hat, ob er was hat, das thut alles nichts zur Sache. Von den Hilfszeitwörtern »Sein« und »Haben« ist es ihnen genug, wenn er nur ist und sie ihn nur hat. Ich rate allen Männern, den Mädchen in den Verzweiflungsjahren nicht nahezukommen, denn auf jeden Fall setzt es einen harten Kampf! Diese Verzweiflungsjahre dauern bis ins sechsunddreißigste, dann an diesem Eckstein, an dieser kalten, steinernen, eckigen Grenzsäule aller Hoffnungen beginnen: 6. Die »Hol's der Teufel!«-Jahre. Im sechsunddreißigsten, da, nach jahrelangem Ringen, Hoffen, Zweifeln, kommt die eiserne, notwendige, nicht mehr zu umgehende Entsagung!!! – Nach einem furchtbaren Kampfe unterschreiben sie in sich, an sich die furchtbar schmerzliche Abdikationsakte und sagen endlich: »Hol's der Kuckuck!« Wie Marius auf den Trümmern von Karthago sitzen sie auf den Ruinen von allen Luftschlössern, Kartenhäusern, Versorgungshäusern und Strohhütten, hinter ihnen raucht die Schädelstätte aller ihrer Wünsche und Hoffnungen auf, und vor ihnen liegen die langgestreckten Pampas, die ungeheuren Grasebenen ihrer Zukunft, und hier, auf diesem Bileamspunkte ihres Lebens, hier entsagen sie, reißen sie alle Erwartungen aus ihrem Heizen und werfen sie wie deukalionisches Gebein hinter sich und rufen aus: »Hol's der Kuckuck!« Aber mit diesem Resignationsruf schwören sie blutigen Haß allen Männern und grimmige Rache allen Frauen und Mädchen! Sie weihen ihr Leben nun ganz wie die Pampasindianer der blutigen, wilden, schonungslosen Menschenjagd in den Pampas ihrer künftigen Jahre! Sie schleifen ihre Lippen um zu Sicheln und ihre Zungen zu Schwertern! Sie metzeln alle Männerliebe, alle Mädchentreue, alle Frauentugend nieder! Sie zerfleischen alles, was liebt, geliebt hat und lieben wird, mit den Zähnen; sie waschen sich in dem Blute aller, die heiraten, geheiratet haben oder heiraten wollen; sie waten in dem vergossenen guten Ruf von Mädchen, Frauen und Witwen; sie scharren tote Skandale aus dem Grabe der Vergessenheit! Gott behüte jeden guten Namen, jedes gute Mädchen, jede treue Liebe, jedes redliche Verhältnis vor den Mädchen in diesen Jahren!! Meine Leiden durch die Weibertreu von Weinsberg. Ich hätte mein Lebtag nicht gedacht, daß mich die »Weiber von Weinsberg« je beunruhigen werden! Allein wenn ein Herz einmal vom Fatum bestimmt ist, durch Frauen zu leiden, so steht die letzte Gefallene aus dem Mägdekrieg auf, und die fromme Ährenleserin Ruth steigt aus ihrem Grabe, um uns zu peinigen. Ich denke, der Mensch ist zu dem ewigen Umgang mit Frauen geboren, denn es heißt: »Der Mensch ist zum Leiden geboren!« Die Frauen sind also wie die Dichtkunst: man muß dazu geboren sein! »Ein Kind, im Februar geboren«, – so heißt es in der »Karten- und Monatssibylle« – »hat ein unruhiges Geblüt, wird durch Frauenvolk viel erprobt, bekommt fünf Frauen und erreicht alles, was er wünscht, am Ende.« – Ich bin ein Kind, im Februar geboren, und wenn ich vier Frauen bekommen soll, so muß sich das Schicksal sehr tummeln; allein für das Glück, daß ich alles, was ich wünsche, am Ende erreiche, küss' ich der Frau Sibylle die Hand! Heißt das an meinem Ende, oder am Ende des Wunsches? Aber daß ich durch »Frauenvolk« viel erprobt wurde, ist notorische, historische Wahrheit. Kommen jetzt sogar noch die Frauen von der »Weibertreu« zu Weinsberg und rütteln an dem eisernen Schlafrocke meines winterlichen Herzens! Die Geschichte ist so: Ich saß und dachte an gar nichts, und ob sich nicht ein gutes Lustspiel aus diesem Stoff machen ließe. Am allerwenigsten aber dachte ich an irgend eine Fabel oder an die »Weibertreu«. Da fällt mir ein Zeitungsblatt in die Hand, in welchem mitgeteilt wird, daß sich ein Frauenverein gebildet hat, um den Frauen für Weibertreu in Weinsberg ein Monument zu setzen; dabei stand noch eine Art Bemerkung: »Daß wir vielleicht einst mehrere strumpfstrickende Schriftstellerinnen in Stein ausgehauen und verewigt sehen werden.« Ich, in meiner reinen, schuldlosen Seele, denke daran, daß es wirklich Verdienst ist, manche Schriftstellerinnen auszuhauen, ob nun in Stein ober Papier, das kommt darauf an, welches Material man eben hat, und in dieser patriarchalischen Einfalt meines Herzens nehme ich meinen teuren Kollegen, den Rotstift, den Generalredigierer und Herausgeber aller modernen Journale, – streiche diesem Artikel auf beiden Seiten die Wangen rot, ein rötlicher Fingerzeig an meinen Setzer, diesen Artikel, vermöge des magnetischen Rapports und redigierenden Handauflegens, von jener Zeitung in meine Zeitung überzuzaubern; und vermittelst dieser einfachen Vorrichtung, die vielfache Nachahmung findet, befand sich jener Artikel tags darauf im »Humoristen« Nr. 132, im »Bunterlei«, wo ich ihn mit Vergnügen selbst wieder als eine Neuigkeit las. Ich glaubte nun der »Weibertreu« genug gethan zu haben. Ich dachte des schönen Augusttages, an welchem ich mit gar holden Schwäbinnen auf dem schönen Berge zu Weinsberg herumwandelte und den herrlichen Neckarkreis übersah, und meine Lippen flossen über von Weibertreu und Huldigungen, und wie die liebenswürdige K... aus Heilbronn selbst einen leisen Zweifel über die etwaige Möglichkeit einer solchen That in unserer Zeit aussprach, und dachte so fort da – da – da – Da bekam ich an einem schönen Morgen spät abends folgendes Schreiben von weiblicher Hand, mit dem Bemerken: »Zur Aufnahme im Humoristen.« »Mein Herr Redakteur! Es mag ein wahres Glück für die Geschichte gewesen sein, daß Sie in den Zeiten, Tagen und Augenblicken, als sich die Weiber von Weinsberg so treu bewährten, nicht in Weinsberg vermählt lebten; – fast fürchte ich, daß die Frauenvereine von Württemberg nun keinen Anlaß gehabt hätten, der Treue ein Monument zu bauen, – wenigstens würde den die Geißel der Satire über unser Geschlecht schonungslos Schwingenden keine für das Kostbarste angesehen haben. – Dies als kurze Erwiderung für die ungefällige Aufnahme der unser Geschlecht so sehr mißhandelnden Zeilen in Nr. 132 des »Humoristen«, Seite 528 des »Bunterlei«, und zwar um so mehr, da es Ihnen weder an Zartheit des Gefühls, noch an Unterscheidungskraft fehlt und Sie uns bald in den Himmel erheben, bald in den Staub werfen, je nachdem Ihre Laune die Handlungen Ihrer Geliebten beurteilt. Eine für alle.« Lieber Leser! Setze dich in meine Stellung und beurteile meine Lage! Mir das zu sagen! Ich könnte, wenn ich nicht gar so zartfühlend wäre, die unbekannte Schreiberin sehr beschämen, wenn ich ihr aufrichtig gestehen wollte, daß ich eigentlich selbst einer der Männer war, welchen die Weinsberger Weiber aus der Festung trugen. Ich erinnere mich noch recht gut, es war eine liebe Frau, blaue Augen, blonde Haare, und ich saß recht gut auf ihren lieben, weichen, runden, alabasternen Schultern. Als sie mich zum Stadtthore hinaustrug, sagte sie: »Gib acht, lieber Moritz, daß du dir den Kopf nicht anstoßest!« worauf ich ihr erwiderte: »Sei ruhig, liebe Afra, du weißt, es muß alles nach deinem Kopfe gehen.« – Neben mir trug die Frau des Redakteurs der dazumaligen »Weinsberger Damen-Zeitung« ihren Mann auf dem Rücken; meine Frau fragte sie: »Wie geht's dir?« und sie antwortete, indem sie ihrem Manne nach dem Kopfe griff: »Schlimm, ich fühle gar keinen Kopf mehr!« Ich erzähle diese Details bloß deshalb, um meine ungenannte Eiferin von der Wahrheit meiner Aussage zu überzeugen. Sehen Sie, meine wertgeschätzte Unbekannte, ich, der ich doch dabei gewesen bin, mir scheint noch immer, es war ein kleiner Mißgriff in der ganzen Sache; denn ich glaube mich erinnern zu können, daß mich nicht meine Frau, sondern die Frau meines Nachbars, des Weinsberger Lotto-Kollekteurs, auf die Schultern packte, und daß ich im Gedränge meine Frau sah, die den Lotto-Kollekteur aufgesteckt hatte. Sehen Sie, so ging's vielleicht mit allen! Allein ich will nichts gesagt haben! Irren ist menschlich! O, meine teure Unbekannte, ich könnte Ihnen noch einige Züge aus jener Geschichte mitteilen, die ich als Augenzeuge mit ansah. Nur eins wissen Sie; hören Sie! – Ich saß gerade beim »güldenen Spätzle« in der »Sulmgasse«, es war 1140 um 3 Uhr Nachmittag. Dazumal reiste Theophrastus Paracelsus gerade durch unsere Stadt, mit dem Arkanum für die Weibertreu. Es bestand in einem einzigen großen Schlüssel, welcher eine zweifache Wirkung hervorbrachte: wenn die Frau außer dem Hause war und der Mann inwendig zusperrte, so konnte er im Hause ruhig sein; wenn die Frau im Hause war und er auswendig zusperrte, so konnte er außer dem Hause ruhig sein. – Dieses einfache Mittel ist jetzt leider verloren gegangen. – Wir saßen also und tranken einen leichten Kannstätter. Da läßt Kaiser Konrad der Dritte in die Stadt hinein sagen: Er wolle die Weiber ausziehen lassen, aus der Stadt nämlich, und jede Frau dürfte ihr Teuerstes auf dem Rücken mitnehmen. Ich hielt sogleich eine Anrede: »Teure Freunde! Lassen wir in Gottesnamen die Frauen aus der Stadt ziehen, dann sind wir ›freie Bürger und Herren dieses Bodens!‹ – Allein mein Patriotismus fand kein Gehör! Alles lief durcheinander; da sagte Paracelsus: »Wißt ihr was, nehmt jeder das letzte neue Kleid, den letzten modernen Hut von eurer Frau, laßt ihn um keinen Preis aus der Hand, und die Frauen müssen also, um ihr Teuerstes zu retten, euch selbst mittragen.« Und dieses Rates Herrlichkeit entriß uns Konrads verfolgenden Dragonern! Ein jeder Mann wickelte sich den kostbarsten Shawl, die Lieblingsgewänder seiner Frau um den Leib und ließ nicht von ihnen, und so mußten sich alle Frauen entschließen, die Männer selbst mitzutragen! O, ich könnte noch Anekdoten von der »Weinsberger Weibertreu« erzählen, allein ich bin ein ruhiges Blut, ich lehne mich nie gegen alte Weltgeschichten und gegen alte Weltweiber auf, denn die haben die Zungen von Jahrhunderten für sich! Die geistreiche Einsenderin möge also ersehen, daß ich, gottlob! nicht in Weinsberg zurückgeblieben bin. Wenn ich gegen die Errichtung eines Monumentes für die »Weibertreu« bin, so geschieht das aus Achtung des weiblichen Geschlechtes, und ich werde schon wieder verkannt! Wem setzt man ein Denkmal? Dem Außerordentlichen! dem ungeheuer Seltenen! Man setzt Schiller ein Denkmal, weil es keinen mehr gibt! Soll man der »Weibertreu« ein Denkmal setzen, weil es keine mehr gibt? Ist denn wirklich die Treue der Frauen so selten geworden, daß man einem Beispiel von Treue ein Monument setzen muß? – Diese Frage ist völliger Ernst! Es liegt in der Errichtung jenes Monumentes eine wahre Anklage, eine steinerne Verleumdung! Es ist erstaunlich, wie aus dem zarten Sinne zarter Frauen eine solche Idee hervorgehen kann! Seit wann setzt man der Erfüllung einer Pflicht ein Denkmal? Seit wann wird einer That ein Denkmal errichtet, deren Unterlassung die Menschheit als eine Schändung ihres Götteradels zu betrachten ein Recht hat? Am Ende wird man jedem Menschen, dem es aus besonderer Großmut beliebig sein wird, eines der zehn Gebote nicht zu übertreten, ein Denkmal setzen! »Die Zeit ist aus ihren Fugen getreten; wehe mir, daß ich geboren bin, sie einzurichten!« Fürchten Sie nichts, meine Unbekannte, ich kann die Zeit leider nicht einrichten, ich muß mich begnügen, sie bloß auszurichten. – Sie werden also aus dem Ganzen ersehen, daß ich im Scherze wohl gerne und oft das weibliche Geschlecht mit meiner Satire heimsuche, allein daß, wo es den geharnischten Ernst gilt, niemand mehr Achtung und Verehrung vor dem weiblichen Geschlechte hat, als eben ich. Und ich schmeichle mir, wenn wir heute einen Weinsberger Fall erlebten, Sie, ja Sie selbst würden mich huckepuck auf dem Rücken davon tragen und ausrufen: »Gottlob, ich hab' ihn im Rücken!« Daß Sie mir sagen, ich schreibe gerade so, wie meine Laune die Handlungen meiner Geliebten beurteilt, ist hart; denn meine Geliebte ist nicht von der Handlung! Sie unterzeichnen: »Eine für alle«, aber dennoch werde ich nie alle für eine vergöttern oder alle für eine verletzen. Leben Sie wohl, und wenn Sie mir im Namen des ganzen Geschlechts wieder was zu sagen haben, so schreiben Sie: Alle für einen. Va banque, der Visite de reconnaissance! Nie hat die Sitte – wir wollen einmal einen Gebrauch so nennen – etwas Abgeschmackteres erfunden als die »Visite de reconnaissance!« Wie übersetzt man das? Ein Erkenntlichkeitsbesuch? eine Dankabstattung? ein Wiedererkennungsbesuch? Wenn man kein Esser von Profession, kein Trinker von Passion, kein Spieler von Herzen und kein Tänzer von Metier ist, wozu soll man noch eine Visite de reconnaissance machen? Man wird eingeladen, um abends zu Mittag zu essen. Das kostet erst ein Paar Handschuh, einen Wagen und – entsetzlicher Gedanke! – wenigstens vier Stunden Zeit! Vier Stunden Zeit! Was das für ein Kapital ist, das weiß nur der, welcher nichts besitzt als die Zeit, und dem deshalb die Zeit nie lang wird, als nur dann, wenn man sie ihm ums Himmelswillen verkürzen will! Vier Stunden Zeit! Und wie sind sie ausgefüllt und wattiert, diese vier Stunden! Alle Augenblick etwas anderes für den Magen und nie etwas anderes für den Geist! Man wechselt alle Minuten die Teller und alle Stunde einen Gedanken aus! Will man den Wund aufmachen, um etwas zu reden, so nimmt einem der Bediente schnell das Etwas zum Essen fort. Will man rechts sein Ohr auf ein Gespräch neigen, so muß man links das Salz hinreichen. Will man links ein trauliches Wörtchen sprechen, so muß man rechts das Glas anfüllen. Will man gar nichts reden, so fragt die Hausfrau um Neues, um Theater, um Konzerte und um alle Hausunterhaltungen, die stattgehabt haben und haben werden. Will man ja einmal etwas Zusammenhängendes sprechen, so wird man alle Augenblicke von einem »Essen Sie doch!« – »Schenken Sie doch ein!« – »Ich bitte um die Montardière!« unterbrochen. Spricht man viel, so kann man nichts essen und gilt für einen Schwätzer, spricht man nichts,so gilt man für einen faden Patron. Wenn's hoch kommt, hat man das Glück, ein Glas roten Wein umzustoßen oder einen Löffel voll rote Rüben auf das Tischtuch fallen zu lassen, der Nachbarin mit dem Ellenbogen ihre Gabel in die Zunge zu treiben, einen Schluck Wein unrecht in die Kehle zu bekommen, eine Gräte zu schlucken und andere tausend kleine Tafelunfälle zu erleben, die man à la Camera brevi manu abmacht, die aber an großen Tafeln zu den allervertracktesten Unglücksfällen des Lebens gehören! Hat man endlich drei Stunden gesessen und den Repetiermagen erprobt, so steht man auf und macht dreißig oder vierzig tiefere oder flachere Verbeugungen, lehnt sich an eine Thürpfoste und verdaut in die Gesellschaft hinein, dann macht man wieder einige Verbeugungen, empfiehlt sich deutsch oder französisch, steckt mehreren Dienern und Fackelträgern die Belohnung für das Amusement in die Hand und zeichnet sich wie Hamlet in seine Schreibtafel ein: »Nächsten Sonntag muß ich da eine Visite de reconnaissance machen.« Dafür, daß ich vier Stunden Zeit mich zum Möbel gebrauchen ließ, daß ich dem Wirt und der Wirtin helfen mußte, ihre Gäste zu unterhalten (denn eigentlich werden alle Gäste doch nur wieder für die Gäste gebeten), dafür muß ich einen Besuch machen, um mich zu bedanken! Und dennoch gibt es Menschen, deren Lebenslauf nichts ist als eine Abwechslung von einer » Visite d'appétit « und einer » Visite de reconnaissance «! Aber einen unendlichen Vorteil bringt diese Sitte der Visite de reconnaissance : wenn man sie nämlich einmal versäumt, wird man nicht mehr eingeladen! O himmlische Folge irdischer Gesittung! Ich sehe aber eine Zeit kommen, wo besonders Menschen von Geist und Kunst sich sattsam und hoch genug schätzen werden, um das Recht ihrer geistigen Erstgeburt nicht um eine Schüssel Linsen hinzugeben; wo der Austauschhandel: »Gib mir Geist und Kunst, und ich gebe dir Pudding und steirischen Kapaun!« nicht angenommen werden wird; wo Menschen, die nichts haben als ihr Talent und ihren Genius, diese nicht als Flötenuhren und Spielaufsätze hinstellen werden unter die Reihe von Fasanen und Trüffeln und anderen Wildbretmarktdelikatessen; dann, dann, ja dann wird das goldne Zeitalter kommen, wo man dafür, daß man sich einladen ließ, eine Visite de reconnaisance bekommen muß und bekommenn wird! Allein solange es noch Würdenträger des Geistes, der Kunst und des Talentes gibt, die ihren Genius gerne hinaustreiben auf den Naschmarkt der Société; die ihre Göttergabe als Tafelstückchen und Bänkelsängerei und Schaubrote loslegen und produzieren für ein paté de foie und für eine mit Wachs beleuchtete Puppengesellschaft, solange diese Selbstentwürdigung noch grassiert unter den Geniusbegabten, so lange wird die » Visite d'appetit ,« und die » Visite de reconnaissance « ihren lächerlichen Zepter noch schwingen. Ich aber rufe aus: » Va banque, der Visite der reconnaissance !: Va banque , Stammbuch und Album! Stammbuch! Album! Das Album ist das moderne Stammbuch; das Stammbuch ist das antike Album! Jetzt ist die Zeit der Albums! Musikalische, theatralische, graphikalische Albums! Eine ganze Sündflut von Albums bricht über uns herein! Schillers Album! Was heißt: Schillers Album? Ein Papierschiff, in welchem sich kleine Dichter an den Rockschoß eines großen Dichters anhängen, um mit ihm in die Zukunft hineingeschleppt zu werden! Schillers Album! Eine gedruckte Ausrede der lebendigen Eitelkeit, um unter dem Respekt, welchen man den Toten schuldig ist, wasserdicht und feuersicher in die Lesewelt hineinzukutschieren. Schillers Album! Ein Leichenschmaus für litterarische Würmer, die sich auf diesem Feste zu Tische laden. Weg mit den Albums, weg mit den Stammbüchern! – Va banque! Ein Stammbuch! Ich bekomme Nervenzufälle, wenn ich das Wort höre! »Wollen Sie sich nicht in mein Stammbuch schreiben?« Das war einmal die Wutfrage aller sentimentalen Mädchen, aller Gesellschafterinnen, aller gebildeten Kommis, aller Geschäftsreisenden. Wenn man wohin kam, wurde das Stammbuch ausgepackt. Da stand die Freundin, die Kousine, die Lehrerin, die Großtante, die Klaviermeisterin, der Sprachlehrer, ein Hausfreund, ein Leibdichter, ein Akteur, eine Musterstickerin u, s, w. Da las man: »Wandle auf Rosen und Vergißmeinnicht.« Wenn's auch übers Kreuz sollt' sein, Mein Name muß ins Stammbuch 'nein!« »Dieses Stammbuch ist ein schöner Baum, Gib mir als ein Blatt darauf auch Raum!« »Wenn die Sonne vom Himmel gerissen, Wirst du meine Freundschaft vermissen!« »Die Maus in der Falle, Die Kuh in dem Stalle, Das Schaf auf der Wiese Blökt freudig: Luise!« »Un Cœur qui soupire, N' a pas ce qu'il désire.« »Adore un dieu, sois sage et aime-moi!« »Sii felice Il cour me lo dice.« Und tausend andere solche Kraftsprüche. Wenn man nur einen Namen hat so groß wie eine Haselnuß, so hat man keine Ruh', bis man auch seine Kakelfüße in das seidene Namensfaulbett hineingesteckt hat. Und nun jetzt gar die Albums! Ein Charlatan und Farceur, ein Bauchredner erbeutet sich mit Feuer und Schwert ein Album mit den Namen berühmter Notabilitäten, läßt es dann drucken und wird ein berühmter Schriftsteller! Musikalisches Album! Litterarisches Album! Schrecken der Musiker, Geißel der Litteraten! – Wer Teufel hat alle Augenblicke ein Sonett, ein Madrigal, ein Impromptu bei der Hand? Wer Teufel kann Witz und Einfälle aus dem Ärmel schütteln? Ein Schriftsteller kann jetzt ohne solchen Vorrat gar nicht unter die Leute gehen! Wer Teufel hat stets eine musikalische Boutade, ein melodisches Epigramm, ein singbares Variatiönchen, ein tönendes Gedankchen, ein harmonisches Sentenzchen in den Schreibfingern? Ohne diesen Taschenkompositionsapparat darf ein Komponist gar nicht mehr in Gesellschaft gehen! Da liegt man in einem solchen Album wie ein melancholischer Hering, man liegt wer weiß neben wem, wer weiß mit wem! Va banque , Stammbuch! – Va banque , Album! Va banque , den Thränen! Es gab eine schöne Zeit, eine himmlische Zeit, eine Zeit, wo ich an Märchen, an Knecht Ruprecht, an Liebestreu' und an Thränen glaubte! Nur Thränen, Thränen waren mir die Beglaubigungsurkunde der Wahrheit, die beeidigten Zeugen der Empfindung, die Rechtsbeistände jedes edlen Gefühls! Ach, ich wußte dazumal nicht, was Thränen sind; ich glaubte, sie seien ein Vorzug des wahren Schmerzes, des heiligen Unglücks, der innigen Liebe; ich glaubte, sie strömten gerade aus dem Herzen in die Augenwinkel; ich war ein Ignorant! Jetzt weiß ich aber, daß die Thränen bloß aus der Mündung der Thränenröhrchen kommen, daß sie ins Auge treten durch Verstopfung des Thränenkanals; jetzt weiß ich, daß auch die Hyäne und der Schakal Thränen vergießen, und die Heuchelei auch, und die Bosheit auch, und der Neid auch, und der Wahnwitz auch, und daß die Thränen nichts sind als willige, stets dienstfertige Augendienerinnen und Allerweltsgeschäftsträger! Va banque , den Thränen! Und kennt denn der Mensch, und sieht er denn jene Thränen, welche die echten Boten des zerdrückten Herzens, der eingesunkenen Brust, der zermalmten Empfindung, der zu Grabe getragenen Hoffnungen, der ausgebrannten Wünsche, der betrogenen Hingebungen und des vernichteten Schamgefühls sind?! Kennt er denn und sieht er denn jene Thränen, die in finsterer Nacht aus dem verschwiegenen Kissen vergossen werden? Jene heißen, ätzenden Thränen, die stehender Gram mit der hohlen Hand verhüllt?! Jene salzreichen Thränen, welche oft beim vollen Becher mit Champagnerschaum heimlich geschlürft werden? Jene Thränen, die ein edler, aufbäumender Stolz im gezwungenen Aufgeben dieses Stolzes in der Wimper zerdrückt? Jene Thränen, welche im Verborgenen die Wangen von tausend und abermal tausend in ihren edelsten Empfindungen Getäuschten die blassen Wangen furchen? Nein, diese Thränen sieht und kennt der Mensch nicht! Er kennt nur die Thränen, welche Leidenschaft und Aufregung, nasser Jammer und all die offenen Schäden des Schicksals auf dem lauten Markte des Lebens vergießen! Weil der Mensch aber die wahren Thränen nicht sieht und die Thränen, die er sieht, nicht wahr sind, darum: Va banque , den Thränen! Da ist ein blitzendes Auge, ein Feuerrad im flammenden Umschwung, es füllt sich mit Thränen, sie strömen über das schöne Antlitz in rollenden Perlen herab! Das schöne Weib weint, sie weint entsetzlich! Sie weint unstillbar! Warum weint sie? Der Herr Gemahl ist ein Tyrann! Er mißhandelt sie! Wie mißhandelt er sie? Er will ihr zu Weihnachten den Hut um neunzig Gulden nicht kaufen! Da wiederum rinnen große Thränen über ein blühendes Angesicht; die klaren Tropfen strömen stets von neuem aus der unversiegbaren Quelle! Welch ein Unglück traf dieses liebliche Haupt? Welch ein Jammer drückt diese empfindsame Brust? Der Vater will nicht, daß sie einen Ball besuche, auf dem einige leichtfertige Gäste die schlichte Tugend zum Tanz aufziehen. Da perlen große Tropfen über ein erglühtes Antlitz! Es sind Thränen der Freude über den Korb, den eine Freundin erhielt! Da weint ein ernster Mann, ein bejahrter Mann weint und knirscht mit den Zähnen! Welch ein Unglück muß dieses Haupt ergriffen haben?! Sein Freund erhielt das Amt, um welches er sich gleichzeitig beworben! Hier vergießt eine Theaterprinzessin Thränen, ganze Bäche rollen auf ein Zeitungsblatt in ihrer Hand herab, es sind »Thränen der Wonne«! In diesem Blatte steht: »Sie übertraf sich selbst« – »Sie errang die höchste Stufe« – »Sie ist die Priesterin der Muse« u. s. w. Wiederum vergießt sie Thränen, ganze Bäche rollen auf ein Zeitungsblatt in ihrer Hand, es sind »Thränen des unsäglichen Schmerzes«! In diesem Zeitungsblatte stand: ihre Kunstschwester »errang die Palme« u. s. w. Da stießen die gesalzensten Thränen auf den riesigsten Knoten der reizendsten Krawatte des elegantesten Jünglings! Welch einen Schmerz hat diese Brust erfahren? Die Königin des Balles hat einem andern Jüngling, mit einem andern Knoten an einer andern Krawatte, den Vorzug gegeben! Da geht gebückt ein graues Haupt, eine langentbehrte Thräne preßt sich aus seinem tiefen Augenwinkel! Was mag dieses greise Haar für Jammer erfahren haben? Die Tänzerin, die gestern im Ballett solche reizende Pirouettes machte, hat den schmachtenden Schäfer von ihrer Thüre gewiesen! Va banque, den Thränen! Es gibt nichts so Kleinliches, nichts so Geringfügiges, nichts so Albernes, nichts so Heuchlerisches, nichts so Unwürdiges, worüber nicht schon alle Menschen, zu allen Zeiten, allerlei Thränen vergossen haben und noch vergießen! Es ist nichts auf Erden so gemißbraucht, so schändlich gemißbraucht worden als eben die Thränen! Nichts auf Erden ist so gleich und so gerne und so vollauf bereit, Falschheit und Bosheit und jede leise Regung des Herzens mit falschem Zeugnis zu unterstützen, als eben die Thränen! Va banque , den Thränen! Mit erheuchelten Thränen wird das Herz des Mächtigen unter Wasser gesetzt; mit erheuchelten Thränen wird ein großes Publikum zur Rührung gestimmt; mit erheuchelten Thränen wird das eiserne Herz, die eiserne Tugend erschüttert; mit erheuchelten Thränen wird Vergebung und Versöhnung erwinselt; mit erheuchelten Thränen wird Entsagung und Aufopferung vorgelogen; mit erheuchelten Thränen wird Treue und Liebe ersäuft; mit erheuchelten Thränen werden Herzen und Legate gewonnen! Va banque , den Thränen! Geht von mir, ihr Botenläufer und Lohnlakais aus allen Gasthöfen und Schlupfwinkeln der menschlichen Leidenschaften! Geht von mir, ihr Larventräger und Komödiantinnen aus dem Lust- und Trauerspiel des Lebens! Geht von mir, ihr Glasperlen und bunte Kügelchen aus der großen Galanterie und Quinquailleriehandlung der menschlichen Kunstempfindungen, ihr täuscht mich nicht mehr, ich kenne euch, ich durchschaue euch! Va banque , den Thränen! Der deutsche Litteraturwald. Der Wald ist dick, der Wald ist groß, Er hegt gar viel in seinem Schoß, In seinen großen Räumen Von Tieren und von Bäumen, Von Vögeln und Gesträuchen, Nur wenig Löw'n und Eichen! Im Walde wird gar viel gebrummt, Im Walde wird gar viel gesummt, Von Ästen und von Zweigen Will alles laut sich zeigen, Und mindestens dünkt jeder So hoch sich wie die Zeder! Es rauscht und braust und wird nicht matt, Es rauscht im Stamm, es rauscht im Blatt. Ein jedes Sträuchlein flüstert, Wenn's hell ist und wenn's düstert, Und glaubt, in seinem Dichten Sei herrlich es wie Fichten. Das Moos, das an dem Boden kreucht, Mit dünnem Sang den Wald durchkreucht, Singt lyrisch und pathetisch, Und episch und auch ethisch, Und zählt sich zu den Mannen, Gewachsen wie die Tannen! Sein Haupt erhebt der schlaffe Schwamm, Den Mund nimmt voll er aus dem Schlamm, Singt Lieder und Sonette Mit Riedgras um die Wette, Und glaubt, er dufte Grazie, Wie morgens die Akazie. Das Schilf seufzt ohne Unterlaß, Das Auge hat's vom Regen naß, Es hüstelt von Empfindung, Von Schmerz und Herzentbindung Und wagt es, sich zu messen Mit klagenden Cypressen. Der Haselstrauch ereifert sich Und krümmt sich gar erbärmlich, Und speit aus Mund und Nasen Die windgefüllten Phrasen, Um sich hinauf zu winden Zum Gipfel schlanker Linden! Der Ampfer sieht gar sauer drein, Er möcht' gar gern empfindsam sein, Er singet unablässig Von seinem Liebesessig, Von Tau und Thränenperlen, Als war' er Fürst der Erlen! Der Brombeer predigt gar Moral, Direkt wächst sie im Himmelssaal, Sie will mit weisen Lehren Die Welt ringsum beehren, Möcht' sich in Würde kleiden, Wie graues Haupt der Weiden! Das Holz mit faulem Angesicht, Es dünket sich ein echtes Licht, Weil immer, wenn es dunkelt, Sein fauler Leib erfunkelt, Will es empor sich qualmen Zum Glanze edler Palmen! Und schweigt das Moos- und Pilzgeschlecht, Dann hört man erst die Bestien recht, Es singen, dichten, blasen Die Dachse, Biber, Hasen, Es singen ohn' Ermatten Die Mäuse und die Ratten! Das Wiesel schreibt die Epopö', Der Bock besinget Lieb' und Eh', Der Hamster schreibt satirisch, Der Iltis wird gar lyrisch, Der Maulwurf, sonst so mystisch, Wird plötzlich humoristisch. Und ist auch dies Geschrei verpufft, Dann fängt es an aus heiler Luft, Es schweigt nun auch nicht länger Das wilde Heer der Sänger; Es stimmen ihre Leier Der Gimpel und der Geier! Der Kuckuck singt: »Ich bin! ich bin!« Der Kiebitz singt, die Kiebitzin, Der Spatz dann à la Heine Singt: »Süße Spätzin meine!« Und Rab' mit heis'rer Kehle Bespöttelt Philomele! Drum weil's so ist, und weil's so war, Sind in dem Wald die Eichen rar, Drum lassen sie sich suchen, Die Zedern, Palmen, Buchen, Weil sie nicht gern gedeihen, Wo Pilze stehn in Reihen! Drum weil's so war, und weil's so ist, Die Nachtigall verstummt zur Frist, Drum werden auch stets rarer Die Lerchen und Kanarer, Weil sie nicht wollen weilen, Wo Bär und Uhu heulen! Soll man zu früh oder zu spät in Gesellschaft gehen? Eine Lebensfrage. »Man versammelt sich um – Uhr.« Das ist leicht gesagt, aber eine diplomatische Note ist nicht so unbestimmt und läßt nicht so viel Raum zu allenfallsigen Deutungen, Erweiterungen, Restriktionen und Reservationen als dieses »Man versammelt sich um – Uhr!« Gesetzt, die angegebene Versammlungsstunde sei »acht Uhr«, wann ist's dann Bonton, gentlemanlike, in die Gesellschaft zu gehen? Ist es besser, die erste Schwalbe zu sein, die noch keinen Sommer macht, aber doch das Gefühl erweckt: »Aha, die Schwalben kommen schon, nun wird's bald heiß werden!« oder ist es ratsamer, ein nachzügelnder Kranich zu sein, der einige Zeit nach dem großen Kranichzug geflogen kommt, und der unbemerkbar, aber auch ungenierter seinen Streifzug vollenden kann? »Man versammelt sich um acht Uhr!« Nun aber versammelt sich eine echte Gentlemanlikegesellschaft fortwährend, sie fängt an, um acht Uhr sich zu versammeln, und versammelt sich ununterbrochen bis zwölf Uhr, sie versammelt sich so lange zusammen, bis sie bereits wieder anfängt, sich auseinander zu sammeln. Der letzte, der in die Versammlung geht, stößt auf der Treppe schon auf einen Mann, der aus der Versammlung kommt; was heißt also: »Man versammelt sich um acht Uhr?« Ein wahrer, echter Gentlemanliker – man erlaube mir, dieses Wort zu machen – ein Gentlemanliker comme il faut kommt immer eine Viertelstunde, nachdem er weggegangen ist, und entfernt sich eine Viertelstunde, bevor er gekommen ist. Was ist aber überhaupt ein Gentlemanliker? Wie muß ein deutscher Gentlemanliker beschaffen sein? Welches sind die Zeichen, die uns sagen, ob er ein Gentlemanliker von Halbblut, Vollblut u. s. w. ist? Ein deutscher Gentlemanliker muß zu Fuß gehen, als ob er reite; reiten, als ob er schwimme; im Wagen sitzen, als ob er tanze; tanzen, als ob er eben in Gesellschaft säße, und in Gesellschaft sitzen, als ob er sich eben aufs Bett strecken wollte. Ein deutscher Gentlemanliker spricht englisch wie französisch, französisch wie italienisch, italienisch wie deutsch, und deutsch wie spanisch! Ein deutscher Gentlemanliker riecht vom Fuß bis zum Knie nach seinem Hund, vom Knie bis zur Brust nach seinem Pferde, von der Brust bis zur Nase nach seiner Pfeife, von der Nase bis über die Ohren nach seiner Amour, und von den Ohren bis übers Gehirn nach gar nichts! Ein deutscher Gentlemanliker hat immer eine Reitgerte in der Hand, ein Lorgnon im Auge, eine Fadaise im Munde, sein Geld im Kopf und seinen Kopf in der Tasche. Ein deutscher Gentlemanliker spricht mit Gelehrsamkeit von seiner Zigarre, mit Selbstbewußtsein von seinem Salonstock, mit Salbung von seinem Schneider und mit Geringschätzung von allem, wozu man Verstand braucht. Ein deutscher Gentlemanliker zieht nie einen neuen Rock am Feiertage an, trägt nie ein Parapluie und gibt nie dem Bedienten etwas fürs Hinableuchten. Ein deutscher Gentlemanliker trägt immer einen zerknitterten Hut und einen abgeschabten Mantel und schenkt nie einen alten Rock an arme Leute! Ein deutscher Gentlemanliker spielt in Gesellschaft nur, um auszuhelfen, tanzt nur, wenn ihn was besonders interessiert, und spricht nur, wenn er gerade nicht weiß, was er sagen soll. Ein deutscher Gentlemanliker ist nie artig gegen Damen, bietet nie einer Dame oder einem alten Manne seinen Platz an, wenn sie stehen müssen, kommt ins Theater immer während des Aktes, stochert sich bei der Suppe schon die Zähne, geht sich selbst alle Tage zwei Stunden um den Bart, gibt nie einem Armen auf der Gasse etwas, weil es nicht gentlemanlike ist, auf der Straße in die Tasche zu greifen, spricht von allen Künsten und versteht gar keine, ist überall zu Hause und nur bei sich zu Hause fremd, ist nie hungrig und speist immerfort, ist ein Mäcen von allen Künstlerinnen und mißhandelt seine Domestiken. Wenn man also ein Geutlemanliker sein will, wann muß man in Gesellschaft gehen? Kommt man früh, so zucken die Bedienten im Vorzimmer die Achsel und stecken einem mit einem halben Lächeln die Garderobenummer »Nr. 1« in die Hand. Zu welchen Leidseligkeiten führt dieses »Nr. 1«! Erstens dient dann unser Oberrock oder Mantel als Unterlage zu einem Chimborasso von nachher darauf aufgetürmten Kleidern, und seine grämlichen Falten sagen uns noch lange nachher, in welchem Drucke er gelebt hat. Zweitens, wenn man dann etwas früher sich entfernen will und man gibt dem Bedienten die Marke »Nr. 1«, erbleicht er, sieht uns mit einem errötenden Blick an, denn wie soll er nun diese Nummer von allen auf sie aufgetürmten Röcken, Mänteln, Pelzen u. s. w. befreien! Nach dieser Unannehmlichkeit kommt die, daß, wenn man früh kommt, uns im Hineingehen ein Bedienter mit einem Tisch entgegenläuft und anstößt, ein zweiter nach einem Kandelaber greift und uns auf den Fuß tritt, ein dritter noch mit dem Lichtanzünder herumwandelt und uns auf den Kopf tröpfelt u. s. w. In den noch leeren Zimmern überfällt es uns unheimlich; der Hauswirt ist noch damit beschäftigt, die Blumen zurechtzustellen, die Hauswirtin hat noch an ihrem Boudoir zu nesteln, und nun müssen sich beide ausschließlich – mit dem Neuangekommenen beschäftigen! Die Verlegenheit drückt sich in allen drei Gesichtern deutlich aus. Diese Verlegenheit wird mit jedem Neueintretenden vermehrt! Denn solange die Gesellschaft klein ist, muß man vom Wirt oder von der Wirtin gegenseitig vorgestellt werden, und jede neue Vorstellung ist eine neue Unbequemlichkeit. Und sodann in der Konversation und im Schachspiele sind die ersten Züge die langweiligsten, die nichtssagendsten! Da muß man aus allen Kräften arbeiten, um das liebe Gesprächsschifflein vom Stapel laufen zu lassen, überdies nehmen sich eine Person oder zwei, drei, in einem großen beleuchteten Saale sehr matt und sehr nüchtern aus! Auf der andern Seite aber, welche Fatalitäten, wenn man spät in die Gesellschaft kommt! Im Vorzimmer wimmelt es von Bedienten, und selbst diese Domestiken machen schon ihre Glossen; ja, einige zischeln: »Der kommt bloß zum Essen!« Die Hausbedienten sind schon in den Zimmern beschäftigt; kaum kann man seinen Rock unterbringen und erfährt nur mit Mühe die Stunde, wann der Wagen zu bestellen ist. Tritt man in den vollen Salon, da wenden sich plötzlich hundert Augen, mit und ohne Brillen, nach dem neuen Opfer der geselligen Suada. Da stecken sie die Kopfe zusammen: »Wer ist denn das wieder? – Ich kenne ihn nicht. – Aha, ist der auch da? – Nun ist's komplett!« – Und nun füllen sie die große Lücke ihrer Unterhaltung mit der Scharpie aus dem zerzupften Hereingetretenen aus. Das ist aber nur der Anfang der Verlegenheit. In dem ersten Zimmer kennt man niemand, man sucht den Hauswirt, um ihn zu grüßen, wer weiß, wo der ist! Man will sich der Dame vom Hause vorstellen, die sitzt im sechsten Zimmer auf einem Sofa, umschanzt von einem drei-, vierfachen Frauenzimmerverhau. Zuerst die alte Garde, dann die Galerie des Mittelalters, dann erst die frischen, jüngsten Ausgaben der reizenden Mädchenwelt. Eine Regimentsfahne aus der Mitte einer feindlichen Schwadron zu holen, ist nichts gegen die Aufgabe, durch diese lebendigen Jerichomauern durch der Dame vom Hause ein anständiges Kompliment zu applizieren! Endlich ist es uns gelungen! Wir haben eine kleine Bresche benutzt und haben unsere Verbeugung auf Schußweite angebracht; da streckt die Jugend die Hälse lang, das Mittelalter sieht uns inquisitorisch an, und die alte Garde fragt manchmal ganz laut: » Qui est-il donc ?!« Das ist noch nicht alles! Wir finden in dem Kreise der Damen eine Bekannte, wir machen ihr eine stumme Verbeugung, die ganze Serie der Damen neben und hinter dieser Dame glaubt, man grüßt sie, erwidert es entweder freundlich oder vornehm verwundert, man muß nun auch diese Damen grüßen, die wieder Nachbarinnen haben, und so ins Unendliche. Ist man endlich fertig und hat seine stummen Komplimente alle abgesetzt, so weiß man nicht, was anzufangen; alle Spieltische sind schon besetzt, alle Frauenzimmer abonniert! Der Bediente bringt uns Thee, er ist schon kalt; wir stellen uns an einen Spieltisch, um zuzusehen, die Dame bekommt schlechte Karten, man bringt Unglück, man entfernt sich! Kurz, Leid und Freud' ist fast immer gleich, man mag zu früh, man mag zu spät in Gesellschaft gehen! Höchst rührender, nichts desto minder höchst menschlicher und nichts desto minder höchst einleuchtender Vorschlag, Plan und Bauriß zu einem »Gegen-Tierquälereiverein«, wie er sein soll im ganzen Umfange der idealistischen Vollkommenheit. Die vorwärts eilende Bildung beschäftigt sich nun hauptsächlich mit dem »Wohl der Tierwelt«! Das ist ein gewaltiger Bildungsschritt! Denn es zeigt von einer umfassenden und geistreichen Ein- und Ansicht der Dinge, daß sich unsere Zeit nicht mehr mit dem »Wohle der Menschenwelt« beschäftigt, und daß die Zeit ihre Zeit nicht vergeblich verschwendet. »Man soll kein armes Tier quälen!« Dieser Spruch sollte zwar von Eheherren gegen ihre Frau, von Frauen gegen ihre Stubenmädchen, von Direktoren gegen ihr Kunstpersonal und andere gelten. Allein wir wollen von dieser Barmherzigkeit nur bei wirklichen Tieren, nicht bei dem » animal bipes implume « Gebrauch machen, und da die Zeit da ist, in welcher die Männer ihren Pferden mehr Liebe schenken als ihren Frauen, ihren Hunden mehr Sorgfalt und Menschlichkeit angedeihen lassen als ihren Dienern, und Kunstdirektoren an Pferde, Affen, Elefanten mehr verschwenden als an Künstler und Künstlerinnen, so ist ein »Gegen-Tierquälereiverein« das zeitgemäßeste Unternehmen. Ich habe einige Statuten zu einem solchen Verein in seiner ausgedehntesten, umfassendsten Bedeutung, in seiner idealistischen Vollkommenheit entworfen und teile einige der Hauptparagraphe hier mit: 1) Vor allem, und um bei der »Tierquälerei« im engen Familienkreise anzufangen, müssen wir unsere Sorgfalt auf jene kleinen Tiere richten, die uns am nächsten gehen, und welche oft ein desto grausameres Schicksal erleiden müssen, je mehr diese Qual in den geheimsten Falten der menschlichen Verhältnisse vor sich geht! Wir reden hier von jenen kleinen, gemütlichen Wesen, welche in neuester Zeit zuerst durch Nicolais »Reise in Italien« zu einer Bedeutung gelangten, dann durch Goethes »Flohlehre« berühmt und durch Bertolotti endlich Mitglieder aller philosophischen und wissenschaftlichen Fakultäten wurden, von den – Flöhen nämlich. Welchen Qualen diese Geschöpfe ausgesetzt sind, welch einen grausamen Tod sie sterben müssen, und oft gerade durch jene Wesen, welche das weichste Herz haben sollten; ist weltbekannt! Jetzt, da durch die Homöopathie die Blutegel zu Hyänen und die Flöhe zu Blutegeln promoviert werden, jetzt nehmen diese Dunkelmänner eine höhere Stellung ein und müssen in den Rechten der Menschheit beschützt werden! Der »Gegen-Tierquälereiverein« wird also besonders sein Augenmerk auf die Flöhe richten und zu diesem Behufe besondere »Flohvögte« anstellen, welche in allen Familien darauf zu sehen haben, daß die häuslichen Flöhe nicht über die Maßen gepeinigt werden, welche dem weiblichen Personale moralische Vorstellungen zu machen haben, daß Strafe zwar sein muß, daß aber alle Folter- und Marterprozesse abgeschafft sind, die Hinrichtung der Flöhe also, wenn sie auf frischer That ertappt worden sind, ohne alle Gnade stattfinden muß, alles Hetzen, Treiben und langsam Töten auch verboten ist. Auch ist bei jedem Floh der animus injuriandi erst zu beweisen; in Fällen, wo die zarte Jugend oder die Unzurechenbarkeit der Flöhe erwiesen ist, oder andere erleichternde Nebenumstände eintreten, muß die peine capitale oder die Todesstrafe gemildert, zum Beispiel in Verbannung u. s. w. umgeändert werden. Auch werden sie jedem, der sich das jus gladii eines solchen Geschöpfes herausnimmt, einschärfen, den Flöhen vor ihrem Tode so viel Zeit zu gönnen, um ihre Familienangelegenheiten zu ordnen. 2) In Hinsicht der »Mäuse und Ratten« hat der Verein darauf zu sehen, daß die Methode, sie durch Hunger zum Geständnis oder zum Tode zu bringen, gänzlich abgeschafft werde. Auch das »Absonderungssystem« ist grausam; die Menschlichkeit erfordert, daß jeder Maus oder Ratte ein gesundes, luftiges, lichtfreies Lokal angewiesen werde. Die Mäusefallen müssen vom »Vereine« untersucht werden, ob sie keine Spitzen, Nägel oder andere schmerzverursachende Dinge in sich haben, damit das unschuldige Geschöpf nicht gequält werde. Rattengift ist durchaus gegen das Gesetz der Milde und des Mitleids, und es ist jedem Hausgesinde durch moralische Vorstellungen einzuflößen, jede Maus oder Ratte im Betretungsfalle an eine seidene Schnur anzubinden, sie ins Freie zu führen, wenn nicht zu schlechtes Wetter ist, und ihnen die Freiheit zu schenken. 3) Ein besonderes Gesetz erheischt die »Fliegenwelt!« Das Denkmal der Barbarei: die »Fliegenklatsche«, muß ganz abgeschafft werden und auch der Gebrauch des etwas menschlichem Fliegenwedels nur in besondern Fällen, bei Kranken u. s. w., gestattet werden. Das sogenannte Fliegenfangen mit der Hand darf nur in Glaceehandschuhen stattfinden. Gegen Leimruten jedoch spricht die Menschlichkeit ganz laut. Die Fliegen sind durch Vernunftgründe und annehmbare Vorstellungen zu Räson zu bringen, und wenn einige unter ihnen sich halsstarrig und verstockt zeigen, sind sie angewiesen, nach Nordamerika auszuwandern, und zu diesem Behuf wird der »Verein« stets ein segelfertiges Schiff in Hamburg liegen haben. 4) Besondere Rücksicht und Liebe verdienen die »Hunde!« besonders aber die »tollen Hunde!« Diese sind nicht mehr totzuschlagen, sondern der »Verein« gründet ein »Irrenhaus für Hunde«, wo jeder Hund psychisch behandelt wird; wo erst untersucht wird, an welcher Gemütskrankheit der Hund leidet; ob er toll aus Liebe, aus Eifersucht, aus Zorn – verrückt wurde, ob der Hund wirklich toll oder bloß dichterisch ist, ob er melancholisch, hysterisch u. s. w. ist. Auch das Einfangen der herrenlosen Hunde ist gegen das Zartgefühl aller ältern Mamsells, die mit Hunden auf der Straße gehen. Anstatt des Einfangens wird der »Verein« ein Mittel ausfindig machen, durch Redensarten, durch sanfte Musik, durch schöne Zeichnungen die Ausmerksamkeit der herrenlosen Hunde auf sich zu ziehen und sie dergestalt dem geselligen Verbande wiederzugeben. Auch wird der »Verein« darauf sehen, daß alle Möpse, Spitze, Pintscher u. s. w., welche bei alten Mamsells Herz und Polster ausfüllen, nicht gar zu sehr durch ihre Liebkosungen und Küsse gemartert und des Lebens überdrüssig werden; auch wird der »Verein« dafür sorgen, jedem »Schoßhund«, den das grausame Geschick trifft, auf dürren und spitzigen Knien ruhen zu müssen, ein weiches Kissen anzuschaffen. Bei »Rezensentenhunden« wird der »Verein« darauf sehen, daß sie stets ein Halsband mit dem Namen der Redaktion darauf tragen, daß aber dieses Halsband elastisch sei, da diese Gattung Hunde einen immer weiteren Hals bekommt. 5) In Hinsicht der »Wanzenvertilgung« wird der »Verein« besonders auf das Prinzip der reinen Menschlichkeit sehen und jenes Rachegespenst, welches mit Feuer und Flammen ganz fanatisch gegen diese Blutsauger minorum gentium zu Felde zieht, ganz zu vertilgen suchen! Scheiterhaufen und Autodafee sind nicht mehr an der Zeit, und auch die Wanzen sind der großen Emanzipation des Herzens teilhaftig. Man suche jede einzelne Wanze von der Immoralität und unästhetischen Beschaffenheit ihres Lebenswandels zu überzeugen und sie zu einem nützlichen Mitgliede der Menschheit zu machen, wozu der Verein einen Preis von fünfzig Dukaten auf die Beantwortung der Preisfrage aussetzt: »Wie sind die Wanzen von den Verirrungen ihres Geschmackes und ihres Lebenswandels zurückzubringen uud zu nützlichen, ehrsamen und gebildeten Wesen in der Kette der Wesen umzuschaffen?« 6) In Hinsicht der »Krebsenkochung« hat der »Verein« besondere Mittel ergriffen. Das Lebendigsieden ist grausam und empört die menschliche Natur. Es ist daher den Krebsen vor dieser Prozedur ein betäubendes Mittel zu geben, oder sie sind zuerst in kaltem Wasser zu ersäufen, welches ihre Schmerzen mildert. 7) Insonders aber wird der »Verein« ein mitleidig-menschliches Augenmerk auf die gequälten »Schriftstellertiere« haben. Den Buchhändlern wird alles Schinden derselben mit zärtlichen Vorstellungen untersagt, und den Nachdruckern wird das Gesetz der Blutsauger, der Vampire u. s. w. alle Tage dreimal vorgelesen. Die Kunst, einzuschlafen, oder: Die Kunst, sich selbst Langeweile zu machen. Es gibt eine große Kunst: sich gut auszuschlafen; aber es gibt eine noch größere, noch schwierigere Kunst: einzuschlafen. Das ist eine Kunst, die man im buchstäblichen Sinne des Wortes nur im Schlafe lernen kann, und wenn man über diese Kunst ganze Nächte lang wacht, so lernt man sie erst recht nicht! Die Kunst, einzuschlafen, ist eigentlich nichts als die Kunst, sich selbst Langeweile zu machen! Es gibt keinen großem Beweis von der Eigenliebe und von der Eitelkeit der Menschen, als wenn sie sagen: ich kann bei Nacht nicht einschlafen! Das ist nichts als ein Beweis, wie gut sie sich mit sich selbst unterhalten, wie amüsant und geistreich sie ihre eigenen Gedanken finden. Wenn man in großer Gesellschaft ist, so läuft man oft alle Augenblick Gefahr, sogleich einzuschlafen; ist man aber allein, abends, im Bette, mit niemandem beschäftigt als mit sich, hört man nichts als das, was man sich selbst sagt, in Gedanken oder in Monologen, da ist man entsetzlich wach und munter! O unbegreifliche Selbstliebe und Selbstgefallung! Im Schlaf gehen die Geschäfte des Herzens und der Lunge nach wie vor fort; das Herz mag also des Tages über gute oder schlechte Geschäfte gemacht haben, der Schlaf ändert nichts, und dennoch kann ein bewegtes Herz es schwer zum Einschlafen bringen! Allein ein ganz gesundes Herz schläft gar nicht – es schnarcht nur zuweilen! Also die Kunst, einzuschlafen, erfordert: erstens, daß man kein Herz habe; das Herz ist die Unruhe im Menschen, und mit Unruhe in sich kann man nicht einschlafen. Zweitens, daß man nichts denke: denn Denken ist ein Andrang von lebensschädlichen und organismuszerstörenden, bösen Einflüssen nach dem Kopfe, und zum leicht und bald Einschlafen gehört eine bequeme, der geistigen und leiblichen Ruhe zuträgliche Leerheit des Kopfes. Drittens, daß man nichts besitze, daß man weder im Herzen, noch im Kopfe, noch in dem Koffer etwas habe, überhaupt, daß man in der ganzen Welt nichts besitze; denn der Besitz, jeder Besitz, es sei nur der eines Dukatens, oder eines Hauses, oder eines Herzens, oder auch nur eines Talentes – dieses gefährliche Schieß- und Mordgewehr – hebt die freie Wirksamkeit der Seele nach innen auf, richtet sie auf die Außenwelt und zerstört allen Schlaf. Um zu jeder Zeit leicht und schnell einschlafen zu können, gehört vor allem, daß man gar kein Vermögen, weder in barem Gelde noch in Grundstücken, habe und doch auch kein Börsenspekulant sei; daß man nichts und niemand auf der ganzen Welt liebe, für niemand Sorge trage und sich um keines Menschen Wohl und Weh' zu bekümmern habe; daß man sich gar keines Talentes bewußt sei, daß man die sichere Überzeugung habe: »Morgen früh, wenn ich aufstehe, bin ich ein so dummer Kerl und ein so talentloses Wesen, wie es nur eines unter der lieben Sonne geben kann.« Wenn man bei allem diesen nichts gegessen hat, bloß ein Glas Zuckerwasser trank, sich leicht bedeckt, eine weiche Matratze hat und – nicht lesen kann, dann kann man sich der Hoffnung überlassen, leicht einzuschlafen. Wieviel Mittel gibt es nicht und zählt nicht Jean Paul her, um schnell einzuschlafen: Die Fensterscheiben zählen, das Einmaleins lernen; die Punkte in den Tapeten berechnen, eine gewisse Melodie solange immer von neuem summen, mit dem Finger um das Antlitz herumfahren u. s. w., u. s. w. Aber es geht diesen Mitteln wie allen Hausmitteln: sie sind alle recht gut, aber sie nützen alle nichts! Es ist ein großes Unglück, daß sich die Menschen so gut mit sich selbst unterhalten! Man ist so seelenvergnügt, wenn man keinen andern Zuhörer hat als das – Kopfkissen! Das Kopfkissen gähnt uns nicht ins Angesicht, das Kopfkissen hört uns geduldig zu, und wer am besten zuhört, ist der beste Gesellschafter! Von was spricht der Mensch mit dem Kopfkissen? Von sich! Von sich! Von sich! Kann man bei einem so interessanten Gespräche einschlafen? Das wäre eine Beleidigung an sich, und sich selbst beleidigt kein Mensch sobald! Ich kenne Schriftsteller, die mit dem Vorlesen ihrer Schriften ganze Gesellschaften eingeschläfert haben; sie lesen sich ihre Werke aber selbst alle Nacht vor, und es kommt ihnen kein Schlummer in die Augen! Ich kenne andere, die eine Sucht zum Anekdotenerzählen haben: wenn sie dieselben in Gesellschaften erzählen, so schlummert der auftragende Bediente im Gehen plötzlich ein, die Natur selbst fängt zu gähnen an, und Todesschlaf herrscht ringsum; dieselben wiederholen sich diese Anekdoten alle Nacht allein im Bette und unterhalten sich dabei so köstlich, daß sie nicht einzuschlafen im stande sind! Ich komme also darauf zurück, daß die leidige Selbstliebe der Feind ist, warum viele Menschen nicht einschlafen können. Ich kenne Menschen, die, wenn man ihnen auf der Straße begegnet, eine solche narkotische Einwirkung machen, daß man sich an das erste beste Haus anlehnen und schlummern muß, bis sie vorüber sind, und diese Menschen klagen auch, daß sie nicht einschlafen können! Sie müssen also notwendigerweise nachts ganz aus sich heraustreten und sich für ein anderes Individuum halten. Man sagt, um bald einzuschlafen, müsse man das Licht auslöschen; Unsinn! In Gegenden, wo gar kein Licht herrscht, hört man auch die Klage: »Ich kann gar nicht einschlafen.« Das Licht ist kein Hindernis des Schlafes, denn der erste Mensch ist sogleich nach Erschaffung des großen und des kleinen Lichtes eingeschlafen! Daß aber der erste Mensch so bald und so leicht einschlief, ist ein Beweis für meinen Ausspruch: Man muß gar kein Vermögen besitzen, niemand lieben, nichts wissen, nicht lesen können und – unverheiratet sein, um bald und schnell einzuschlafen. Daß aber das Licht am Einschlafen nicht schadet, beweist der Umstand, daß manche Menschen gerade in der Gesellschaft der größten Lichter am ehesten einschlafen! Ja, daß das Licht durchaus dem Einschlafen zuträglich ist, geht auch daraus hervor, das man tausend und tausend Dinge, Prozesse, Untersuchungen u. s. w. je eher einschlafen läßt, je greller das Licht ist, in welchem sie erscheinen! Ich glaube, gerade im Finstern kann man gar nicht einschlafen, denn schlafen heißt die Sinnesempfindungen unterbrechen, aufhören machen; und gerade im Finstern werden die Sinnesempfindungen am meisten wach gehalten. Ich für meinen Teil, ich finde nie mehr Lust, zu schlafen, als bei einer Illumination, bei einem Feuerwerke, und die Feuerspritzen sind an manchen Orten nie von einem tiefern Schlaf befallen, als bei einem hellen Brande. Ein Betrunkener schläft sogleich ein, und der ist doch lichterloh illuminiert! Je leichter die Phantasie des Menschen ist, desto eher schläft er ein; je farbloser sie ist, desto weniger; darum schläft die Jugend viel, das Alter wenig! Ich weiß, das ist eine falsche Anwendung, allein ich rede jetzt aus dem – Schlaf und will versuchen, mich – in den Schlaf zu reden, denn ich schreibe diesen Aufsatz nämlich im Bett. – Ich glaube, man fühlt es ihm an – daß ich nicht schlafen kann! Ich habe doch nichts, weder Dukaten, noch Liebe, besitze auch kein Talent, bin unverheiratet, kurz ich bin Eigentümer aller Erfordernisse zum Schlaf, und – kann doch nicht schlafen!! Wie? Sollte ich auch Wohlgefallen an meiner eigenen Gesellschaft finden? Nicht möglich! Ich habe mir etwas aus meinen Schriften vorgelesen und bin doch nicht eingeschlafen! Da dacht' ich, das sind alte Sachen, die wirken nicht so, frische Mittel sind wirksamer, und schreibe mir frisch dieses Opiat. Allein schon sind alle Leser um mich eingeschlafen, und ich bin noch so munter, so wach! Es ist entsetzlich! Dreimal hab' ich mir das Geschriebene schon vorgelesen, und kein Schlaf kommt in mein Auge! Ich bin nicht im stande, mir Langeweile zu machen. Ich muß heute Nacht schon durchwachen, du aber, lieber Leser, eingeschlafen bist du schon, schlaf also gut aus! Seifengedanken während des Rasierens. Während des Rasierens hat man, wenn auch nicht die besten, doch gewiß die wahrsten Gedanken; denn man ist nur dann wahr, wenn einem das Messer an der Kehle sitzt! * Nicht nur das Herz hat sein Bewußtsein, sondern auch der Kopf. Gute Gedanken wie gute Thaten, wenn sie auch nicht anerkannt werden, geben ein herrliches Bewußtsein. * Jeder Wunsch, den der Mensch hat, ist ein Flügel an seinem Herzen; er trägt ihn entweder aufwärts zum Himmel, oder abwärts zur Hölle. Das Unglück im Leben ist, daß die Gimpel sich Adlerflügel wachsen lassen. * Jean Paul sagt: Witz ist der angeschaute Verstand, darum sind jetzt alle unsere Journalisten witzig; denn einen schnellen Verstand kann man nicht anschauen, den Journalisten aber bleibt der Verstand alle Augenblicke stehen, da können sie ihn recht anschauen!! * Wenn man früher große Reisen machte, so brachte man einen leeren Beutel und einen vollen Kopf zurück. Durch unsere Eisenbahnen wird man von der größten Reise einen vollen Beutel und einen leeren Kopf zurückbringen. * Ein Lotterielos ist die Exerzierschule der Hoffnung und des Heiratens; jeder einzelne glaubt, seine Nummer wird doch nicht immer ungezogen bleiben. * Große Männer, hohe Ideen und hohe Berge sind sich dann gleich, daß, wenn wir sie erstiegen haben, wir erst sehen, daß sie oben flach sind. * Wenn man ein Kalb alle Tage ein paar Stunden lang auf den Schultern trägt und damit alle Tage fortfährt, so kann man zuletzt den ganzen Ochsen auch tragen; daher ist es begreiflich, wie so mancher Erzieher seinen Zögling noch als Mann ertragen kann. * Witz und Verstand sind Blutsverwandte, anscheinlich halten sie zusammen, im stillen verfolgen sie sich. * Unter den Menschen sind gewöhnlich die Engelsköpfchen am flatterhaftesten, sie haben die Flügel nicht einmal an den Schultern, sondern sogleich hart an den Engelsköpfchen. * Unsere Journalisten haben neben dem Tintenfaß noch ein Weinfaß oder Bierfaß stehen; aus dem Tintenfaß kleckt ihnen alles, aus dem Bierfaß kleckt ihnen gar nichts. Die Wahrheit schöpfen sie aus dem Tintenfaß wie aus dem Bierfaß, immer nur eine – Halbe. * Von den Toten soll man nichts als Gutes sagen. Den Schriftstellern gönnt man nur darum Unsterblichkeit, um ihnen nie etwas Gutes nachsagen zu müssen. * Kleine Seelen sterben an den Wunden, die ihnen das Schicksal schlägt, große Seelen sterben an den Narben dieser Wunden, und sind denn nicht am Ende die vollsten und die süßesten Herzen wie die vollsten Traubenkörner am zerrissensten? * Wenn bei einer Ehefrau Feuer im Dache ist, das heißt im Kopfe, so sind alle Vernunftgründe dagegen wie die Löscheimer, sie kommen voll an und gehen leer zurück. * Die Menschen sind wie die Zeitungen; wenn eine schlechte That geschieht, ein Frevel, eine schauderhafte That, davon reden sie lange und ausführlich; wenn eine gute That geschieht, so wird sie kaum erwähnt. * Das Licht ist die Schwester des Verstandes, die Finsternis die Gebieterin der Sinne und die Dämmerung die Vertraute des Herzens. * In der Ehe hat der Mann nur einen dreispitzigen weiblichen Seufzer-Reim: Schneider! Kleider! Leider! Und die Frau einen dito männlichen Seufzer-Reim: Ihm ist nur wert Zigarre oder Pferd Und – – was ihm nicht gehört! * Die Satire gehört ins Schreibzimmer, die Laune ins Speisezimmer, die Höflichkeit ins Besuchzimmer, der Witz ins Gesellschaftszimmer und die Wahrheit – ins Schlafzimmer! * Kein Mensch lebt davon, daß der andere etwas weiß, viel Tausende leben davon, daß die andern nichts wissen: wenn man also die Unwissenheit befördert, so ist das nichts als reine Nächstenliebe und Sorgfalt für einen großen Nahrungszweig. * »Die Falten auf der Stirne sind Särge ohne Deckel«, sagt ein genialer Humorist. Ja, in jeder solcher Falte liegen teuere Tote begraben; allein die ganz kleinen Sorgenstiche, die ganz dünnen, dünnen Linien aus dem Baurisse des Grames auf dem menschlichen Antlitz, erfüllen uns mit mehr Wehmut als die tiefen Furchen und Einschnitte, so wie der Anblick eines Kindersarges uns mit mehr Wehmut erfüllt als die großen Särge der Erwachsenen. Taschenkodex und Spruchbüchlein eines schlichten Praktikers. Sei jeden Augenblick bereit, alle Menschen auszulachen; denn sei überzeugt, alle Menschen sind jeden Augenblick bereit, dich auszulachen; und da alle Menschen um viel Menschen mehr sind als du, so steh alle Tage ein paar Stunden vor tags auf, um alle Menschen auszulachen. * Wenn dir ein vornehmer Mann etwas verspricht, so lerne ein Handwerk und – verlaß dich drauf. * Wenn du schön bist, so schau alle Tage viermal in den Spiegel, zweimal dir zuliebe, einmal, um zu sehen, wie du aussiehst, wenn du in den Spiegel siehst, und einmal, weil jeder Mensch doch einmal des Tages in den Spiegel sehen soll; bist du aber häßlich, so schau alle Tage fünfmal in den Spiegel, zweimal aus Buße, einmal, damit du nicht vergessen sollst, wie du aussiehst, und wieder zweimal, damit du ja nicht in Versuch kommst, zu glauben, ein Frauenzimmer liebe dich deines Geistes wegen. * Wenn an einer Table d'hôte die Schüssel an dich kommt, so geniere dich nicht und suche, solange du kannst, nach dem besten Bissen; denn sei versichert, wenn die Schüssel an den Nachbar kommt, so sucht er sich gewiß den besten Bissen aus. * Wenn du viel gearbeitet hast und sehr ermüdet bist, so geh abends nicht ins Theater; denn sei versichert, du wirst ohnehin schlafen. * Wenn deine Frau dir schmeichelt, so greife schnell in die Tasche; denn sei versichert, sie will etwas. * Wenn ein Mann dir schmeichelt, so verzeih ihm nur gleich im stillen; denn sei versichert, er will dich betrügen oder er hat dich betrogen. * Wenn ein Bekannter dir begegnet und laut ausruft: »Ach, mein Teuerster!« so komm ihm nur gleich mit der Frage entgegen: »Ich bitt' Sie, haben Sie nicht fünf Gulden bei sich?« denn sei versichert, er wollte dich um dasselbe fragen. * Wenn du von einem Rezensenten gelobt sein willst, so mache ihm ein Geschenk; denn sei versichert, so was hilft immer. * Wenn du einem Rezensenten etwas schenkst, so schenke ihm bares Geld; denn sei versichert, da triffst du seinen Gusto gewiß! * Wenn du einen Künstler lobst, so lob ihn nie auf Kredit; denn sei versichert, wenn er einmal gelobt ist, vergißt er dich! * Wenn du den Kopf zum Fenster hinaussteckst, so thue es nie, ohne die Obrigkeit zu preisen; denn sei versichert, wer über dir wohnt, würde dir, wenn keine Aussicht wäre, gewiß gerne einen Topf Wasser über den Kopf gießen, auch wenn er gar nicht weiß, wer und was du bist. * Im Theater kokettiere immer mit fünfundzwanzig Frauenzimmern auf einmal; denn sei versichert, zehn kokettieren mit dir, um sich über dich lustig zu machen, fünf, um ihre Nachbarin auf den »eingebildeten Laffen« aufmerksam zu machen, fünf aus Eitelkeit, zwei aus Dummheit und drei aus Instinkt, alle fünfundzwanzig aber noch einmal aus Langeweile, und alleweil bleibt doch etwas kleben! * Trau der ganzen Welt so wie dir; denn sei versichert, der Mensch soll sich selbst nicht trauen. * Wenn du in der Gunst des Publikums steigst, so denke an Eulenspiegel und weine; denn sei versichert, du wirst wieder heruntersteigen. * Wenn dir ein Frauenzimmer sagt: »Du hast mein Herz erschüttert!« so glaub's und – bau nicht darauf; denn sei versichert, auf einen Boden, der einmal erschüttert ist, soll man nicht bauen. * Wenn du alle Augenblicke erinnert wirst, daß du eine Frau hast, so thut sie dir weh; denn sei versichert, man wird nur an jene Gliedmaßen von selbst erinnert, die einem weh thun! * Ein gutes Gewissen schläft auch auf einem Baumstrunk! D'rum schaff dir keine Baumstrunkhandlung an; denn sei versichert, sie bleiben dir über den Hals! * Kaufe nie etwas zu einem »festgesetzten Preis«; denn sei versichert, wenn der Preis ehrlich wäre, hätte man ihn nicht festgesetzt. * Wenn du einem Frauenzimmer unter den Hut sehen willst, und es senkt den Kopf, als ob es etwas auf der Erde suche, so grüble nicht weiter; denn sei versichert, wenn es schön wäre, es würde zum Himmel hinauf gesehen haben, ob es nicht regnet. Taschengedanken- und Gedankentaschenspielerei. Die Kunst, zu leben, ist nichts als die Kunst der Taschenspielerei: die Kunst, aus andern Taschen in seine zu spielen; die Kunst, die Leute in den Sack und ihr Geld in die Tasche zu stecken. Die Taschen des Menschen sind seine Laster. Bei den Spartanern wurde nichts gestohlen, und warum? Weil sie keine Taschen in ihren Kleidern hatten. Wenn die Spartaner, wie wir, zwei Westentaschen, zwei Hosentaschen, drei Fracktaschen und fünf Oberrocktaschen gehabt hatten, sie hätten auch mehr gestohlen. Eine jede Tasche ist ein genähtes Fragezeichen an den Schneider: »Wozu hast du mich gemacht?« ein Ausrufungszeichen an den Besitzer: »Ach Gott!« und ein großer Gedankenstrich an das Schicksal, welcher sagt: »Das übrige kannst du dir denken!« Eine jede leere Tasche ist nichts als das zueignende Fürwort: »Mein« mit Leinwand überzogen, und jede volle Tasche ist nichts als ein großes Bewußtsein in Taschenformat! Mit den meisten Taschen ist es wie mit dem Mond, sie sind alle Monat einmal voll, einmal leer, und wenn gar kein Geld, keine Münze und kein Schein in der Tasche ist, das sind die Mondfinsternisse, aber die sichtbaren! Mit den vielen Taschen geht's uns jetzt wie mit den vielen Wörterbüchern: je mehr wir haben, desto weniger finden wir den Artikel drin, den wir eigentlich suchen. Ein Mensch mit allen seinen Taschen jetzt ist wie das Konversations-Lexikon. Sucht man das Geld in der Westentasche, sagt sie: siehe »Brusttasche«, kommt man zur Brusttasche, sagt sie: siehe »Brieftasche«, kommt man zur Brieftasche, so heißt's: »ein Weiteres über diesen Gegenstand schlage man im Münzwesen nach!« Wir haben alle Hände voll zu thun, um die leeren Taschen auszufüllen, mit den leeren Händen nämlich. Warum trägt der reiche Mann seine Hand in der Tasche, und warum der arme Mann? Bei dem reichen Mann bittet das Geld in der Tasche, es nicht hinauszustoßen in die Welt unter Arme und Hilflose, und da gibt der reiche Mann gerne die Hand darauf; – bei dem armen Mann bittet das kein Geld um Verschwiegenheit, und der arme Mann ist so gut und hält's unter der Hand! Es ist eine homöopathische Kur, wenn man einer leeren Tasche eine leere Hand einzunehmen gibt. Aber in den Taschen selbst, welch ein Unterschied, welche Abstufungen von der Brusttasche bis zur Patrontasche, von der Uhrtasche bis zur Maultasche! Die Brusttasche trägt der Mensch auf der linken Seite, gerade über dem Herzen! Wenn nur die Tasche auf der Brust recht voll ist, so darf die Brust unter der Tasche recht leer sein, man darf doch von der Brust weg reden; das ist dann ein leichtes Leben, wenn einem da so recht schwer auf der Brust ist! In der Brusttasche ist's gerade wie in der Brust selbst! Wie vielen Menschen liegt das Herz mehr in der Brusttasche als in der Brust selbst; man könnte sagen, das Herz ist ihnen aus der Brust in die Tasche gefallen. Das Geld wohnt in ebenso verschiedenen Weisen in der Tasche des Menschen, als die Gefühle in der Brust der Menschen. Bei manchen Menschen zum Beispiel steht die Liebe als Schildwache in der Brust und wartet sehnlichst auf Ablösung, bei andern liegt sie als feste Garnison, und bei noch andern steckt sie bloß als Baugefangene in den tiefsten Kasematten; so ist es auch mit dem Geld in der Brusttasche: bei manchen Menschen ist's als Taschenspielstück da, sie sind Künstler darin, das Geld schnell verschwinden zu lassen, und bei andern ist es bloß lebenslänglicher Arrestant! In der Brust des Menschen, der sein Herz in der Brusttasche hat, liegt eine große Vorliebe zu Bruststücken, aber sie müssen von gekrönten Häuptern und auf Metall geprägt sein! Der Mensch liebt den Menschen überhaupt mehr als Bruststück, denn in Lebensgröße; drum wenn die Männer ein weibliches Herz gewinnen wollen, so machen sie sich selbst zu Bruststücken, indem sie niederknien und so die Füße einziehen. Die Frauenzimmer glauben dann, sie hätten gar keine Füße und könnten ihnen nicht davonlaufen. Allein die Männer knien bloß deshalb lange, um dann ausgeruhte Füße zum Davonlaufen zu haben. Das erste, was die Frauenzimmer wissen, ist, wie schön sie sind; das erste, was sie lernen, wie stark sie sind; das erste, was sie erfahren, wie schwach sie sind; das erste, woran sie vergessen, wie alt sie sind, und das erste, worauf sie sich wieder erinnern, ist, daß sie das vergessen haben! Und doch wohnen alle edlern, sanftem Gefühle nur im Frauenherzen; bei den Frauen ist die Liebe die Ruhe des Herzens, bei den Männern die Robot des Herzens! Die männliche Wange wird nur rot durch das Wort, die weibliche schon durch den Gedanken! Die Frau sucht in der Liebe nach Worten für ihre Empfindung, der Mann sucht nach Empfindungen für seine Worte; die Frau besitzt ihr Herz bloß einmal, und der Mann bekommt das Original. Jeder Mann hingegen betrachtet sein Herz wie ein Memorial, er hat stets ein Duplikat davon vorrätig. Selbst der Sturm des Hasses zerstört nur Männerherzen, so wie jeder Sturm bloß in Wäldern Verheerungen anrichtet, nie aber in Blumen, Wenn der Mann seine Frau nicht liebt, so mißhandelt er ihren Kanarienvogel; wenn aber die Frau den Mann noch so sehr haßt, so kann sie es doch nicht verschmerzen, wenn er den Kaffee kalt werden läßt. Überhaupt ist der Rückschritt von Zorn und Haß sowie von jeder Verstimmung des Herzens zur reinen Stimmung bloß bei den Frauen leicht, nicht aber bei den Männern, so wie eine Flöte leicht zu stimmen ist, aber eine Pauke schwer. Betrachten wir den Umstand, wie viele Taschen ein Mann in jede Gesellschaft mitbringt, und daß die Frauen keine mitbringen, so sind in der Konversation, so zu sagen, die Männer schon vom Schneider angewiesen, mehr einzustecken als die Frauen. Welches war in der Welt die erste Tasche? Gewiß die Plaudertasche; denn diese Tasche existierte schon im Paradiese, also noch bevor es gar Kleider gegeben hat. Hätte Eva mit der Schlange nicht geplaudert, hätte ihr die Schlange keinen Apfel geboten, und wir wären noch alle im Paradiese. Die Plaudertaschen und die Posttaschen haben durch nichts so verloren als durch die Eisenbahnen; wenn man früher mit so einer Plaudertasche von Wien nach Brünn reiste, hatte sie Zeit und Muße genug, uns ihre ganze Lebensgeschichte zu erzählen; jetzt, auf der Eisenbahn, kommt sie kaum dazu, uns von ihren Kinderjahren zu erzählen! Man sagt, das Leben ist eine Reise; jawohl, früher lebte und reiste man lange, jetzt reist und lebt man schnell. Es wäre recht gut, wenn das Leben eine Reise wäre, aber jede Frau müßte eine Postmeisterin sein, denn dann wohnten sie alle eine Station auseinander, und dann wäre Ruh' im Leben. Es gibt Menschen, die bloß Postillons sind, sie gehen nie einen Schritt weiter als die zwei oder drei Meilen, die sie zu machen gewohnt sind; dann gehen sie immer wieder zurück und blasen immer wieder dasselbe Stück! Jeder Mensch ist sein ganzes Leben lang ein Postillon; er führt sich selbst von einer Station zur andern, von einer Liebe zur andern, von einem Wunsch zum andern, von einer Hoffnung zur andern; er fährt immer voll aus und reitet immer leer zurück! Er verspricht sich selbst ein Trinkgeld und sagt zu sich: »Schwager, fahr gut!« Auf der Station vertrinkt er's und bringt nichts mit zurück! Humoristische Vorlesungen Sympathie, Antipathie, Allopathie, Homöopathie, Hydropathie, oder: Auf wie vielerlei Weise kann man zu dem Menschen sagen: Gibs Geld her! Gehalten im Josephstädter Theater zum Besten der verunglückten Pester. Mit Ihrer gütigen Erlaubnis, meine hochverehrten Hörer und Hörerinnen, werde ich Sie durch diese meine Vorlesung, ganz in die Lage jener Unglücklichen zu versetzen suchen, für welche Sie mir Ihre edle und freundliche Teilnahme schenken. Meine Vorlesung nämlich wird erst Ihre etwaige Erwartung aufs Eis führen, da wird sie einen gewaltigen Stoß bekommen, und nach diesem Eisstoß kommt sogleich das ungeheure Wasser, wovor selbst der dritte Stock nicht sicher ist: rette sich, wer schwimmen kann! Jedoch findet ein großer Unterschied zwischen jenem Wasser und diesem statt, jenes Wasser hat Tausende hingerissen, dieses Wasser wird keinen einzigen hinreißen; dort fanden viele und hier nur wenige Einfälle statt, das ist aber nicht zu verwundern, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, wenn man weiß, daß dort alles auf Sand gebaut war, ich aber baue auf edle Herzen, und das ist ein fester Grund. Schon einmal, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, haben Sie mir Ihre gefällige Aufmerksamkeit zum Besten der Abgebrannten in Wiener-Neustadt geschenkt, heute schenken Sie mir dieselbe zum Besten der Überschwemmten. Ihre Güte hat also bei mir die Feuer- und Wasserprobe bestanden, und diese meine Leseprobe ist zugleich Ihre Gold- und Geduldprobe. Aus doppeltem Grunde lese ich gerne zum Besten anderer vor Ihnen: 1) weil man nie besser liest, als wenn man für das Beste vor den Besten liest, und 2) weil man dann nicht von dem Vorleser sagen kann: er liest nicht zum besten! Alles ergreift jetzt die Gelegenheit, alles zum besten zu haben, und alle Künste, Wissenschaften und Systeme sind nichts als gute, bessere und allerbeste Variationen auf das Thema: »Liebe Menschheit, gib das Geld hei!« Nicht nur bei dieser leider zu traurigen Veranlassung, sondern auch sonst im Leben sind zum Beispiel alle Konzertzettel doch nichts als gedruckte Pistolen mit der Inschrift: »Liebe Menschheit, gib das Geld her!« es wird von allen Seiten blind geladen, dann geht's los. Die meisten blitzen ab! – Die so überhandnehmenden musikalisch – deklamatorischen Konzerte, das sind die Pistolen mit zwei Läufen, das Publikum lauft am Ende auch fort, das ist der dritte Lauf. In 50 Jahren, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, wird es zum Beispiel gar keine Räuber mehr geben; wenn ein Reisender durch einen Wald fahren wird, werden sechs Räuber mit einem Konzertzettel kommen und werden ihn höflich einladen zu einer musikalisch-deklamatorischen Akademie, zum Besten einer heruntergekommenen Räuberfamilie, mit folgendem Programm: 1) Arie aus »Robert der Teufel«: »Ach, das Geld ist nur Schimäre«, vorgetragen von einem dreijährigen Räuberchen, welches seit fünf Jahren auf einer Kunstreise begriffen ist. 2) Monolog aus »Hamlet«: Gehört das Geld sein oder nicht sein, das ist die Frage!« vorgetragen von einem Mordkünstler! 3) Humoristische Vorlesung einer geladenen Flinte über das ungeladene Thema: »Schieß mir Geld vor!« – Sämtliche mitwirkende Räuber haben aus Rücksicht für den Unternehmer ihre Partien und ihren Anteil übernommen. Überhaupt, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, sind alle neuen Systeme und Erscheinungen in Kunst und Wissenschaft nichts als ebenso viele Umlaute der Ausrufung: »Gibs Geld her!« Sympathie, Allopathie, Homöopathie, Hydropathie sind nichts als neue Fragezeichen: Wie soll der Mensch das Geld hergeben? Meine heutige Vorlesung, der Versuch, Wasser mit Wasser zu heilen, reihet sich diesen Systemen ebenfalls an. Das Wasser, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, gleicht gewissermaßen dem Verstande. Man sagt: Kriegsnot, das heißt Überfluß an Krieg, Feuersnot, Überfluß an Feuer, Hungersnot, Überfluß an Hunger, allein Wassersnot heißt ebensogut Mangel an Wasser als Überfluß an Wasser; grade wie bei dem Verstande, Überfluß an Verstand ist ebenso ein Unglück als Mangel an Verstand, und es gäbe oft Gelegenheiten, Konzerte zu veranstalten zum Besten der Verunglückten durch Verstandesüberfluß. Es ist sonderbar, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, man bauet barmherzige Anstalten für jene, welche Mangel an Verstand haben, da braucht man große Lokale, warum bauet man keine barmherzigen Anstalten für jene Unglücklichen, welche Überfluß an Verstand haben, da braucht man nur ein ganz kleines Lokal. Aber, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, ist es denn mit dem Glücke nicht ebenso? Ist nicht Überfluß an Glück eben ein solches Unglück als Mangel an Glück? Glück und Gold müssen einen Zusatz von harten Metallen haben, wenn sie fest und dauernd sein sollen! Stehendes Unglück ist ein stehender Sumpf, in dem das menschliche Herz verwest, beständige Glücksfälle sind wie Wasserfälle, in denen das menschliche Herz versteinert. Das menschliche Leben ist ein Baum, sein Blatt will ein anderes Wetter, seine Blüte will ein anderes Wetter, und seine Frucht will wieder ein anderes Wetter. Es ist eine traurige Bemerkung, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, das Glück geht wie ein Pilger durchs Leben, allein und einsam, und klopft nur an einzelne Thüren an. Das Unglück aber zieht durch die Welt wie eine Karawane, wie ein Kranichenzug. Auch auf der Erde stehen die Glückssterne allein und entfernt auseinander, die Unsterne aber viel und dicht beisammen, so wie am Himmel die leuchtenden Morgen- und Abendsterne allein durch den Himmel wandeln, das Regengestirn aber und die Nebelsterne stehen in Massen zusammen! Ein einzelner aus Millionen gewinnt das große Los, ein einziger aus Millionen beerbt einen Onkel aus Ostindien, ein einziger aus Millionen macht eine glückliche Heirat, aber die Pest rafft Millionen hin, Feuer, Wasser, Vulkane zerstören das Glück von Tausenden. Und dennoch vergessen wir es unserem Nebenmenschen in Jahren nicht, wenn er ein Glück gemacht hat, ein Fremder und ein Unglück aber sind uns nur in den ersten drei Tagen interessant. Es gibt nur ein Unglück, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, welches alle Menschen ohne Ausnahme von Grund aus erschüttert – ein Erdbeben! Ein jedes neue System ist ein neues Unglück. Was heißt ein System? mehrere gleichartige Begriffe in einen einzelnen Zusammenhang gebracht; oder deutlicher erklärt: mehrere einzelne zerbrochene Sessel, auf welchen niemand allein sitzen kann, in eine lange Bank zusammengenagelt, auf welcher alle miteinander nicht sitzen können. Die Homöopathie ist ein neues System. Die Allopathie sagt zu ihren Patienten: »Gibs Geld her mit Scheffeln.« Die Homöopathie sagt: »Gibs Geld her mit Löffeln.« Die beste Auskunft über Allopathie und Homöopathie gibt die vierte Auflage des Brockhausschen Konversations-Lexikons. Bei der Rubrik Allopathie heißt es: suche Homöopathie, und bei Homöopathie heißt es: suche Allopathie; sie sind beide mit Recht gesucht, die Homöopathie sowohl als die Allopathie, obwohl sie nicht im Leben, wie im Konversations-Lexikon, jene, die sie suchen, sich gegenseitig zu schicken. Die Philosophie, das Jus und die Medizin sind die drei Grundstücke des menschlichen Geistes. Die Philosophie ist ein Wald, je tiefer man eindringt, desto finsterer und unsicherer. Das Jus ist ein Obstgarten, in dem die Bäume Früchte tragen; und die Medizin ist ein Kartoffelfeld, die Früchte liegen in der Erde! Der Allopath sagt zu seinem Kranken: »Friß Vogel oder stirb!« Der Homöopath sagt zu seinem Kranken: »Iß Vogel nicht oder stirb!« Und der Hydropath sagt: »Trink Vogel oder stirb!« In der Allopathie sind die Kranken wie die schlecht verwalteten Theaterkassen: sie nehmen viel ein, aber es gibt nicht viel aus. In der Homöopathie sind die Kranken wie die reisenden Geschäfts-Kommis: sie nehmen wenig ein, aber sie erhalten sich von den Diäten. Die Allopathie gibt Medizin, die Homöopathie gibt Versicherungen; die Allopathie braucht Apotheken, aber die Homöopathie braucht Hypotheken. Unsere Schriftsteller, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, sind fast alle Homöopathen, sie wollen die kranke Zeit kurieren und geben ihr solche Mittel, von denen eine gesunde Zeit krank werden muß. Die Mehrzahl jedoch unserer Schriftsteller sind nicht nur Homöopathen, sondern auch Hydropathen, jede Buchhandlung ist ein Gräfenberg und jeder Buchhändler ein Prießnitz. Allopathie, Homöopathie und Hydropathie sind die drei Mahlmühlen der Medizin. Allopathie die Windmühle, Homöopathie die Pulvermühle und Hydropathie die Wassermühle. Allopathie und Homöopathie zusammen machen die Zwickmühle. Im Genre der Hydropathie, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, wäre ein litterarisches Gräfenberg für schreibkranke Schriftsteller eine wohlthätige Anstalt. Ein Schriftsteller, der an der Schreibsucht leidet, müßte folgendermaßen kuriert werden: Des Morgens gießt man ihm erst einen gestandenen Roman von der Frau von Chézy über den Kopf, gleich darauf bringt man ihm zwölf Seidel frische Journale bei, dann wird er in nasse Makulaturmatratzen aus Preisnovellen eingewickelt und tüchtig durchgewalkt, dann führt man ihn in ein Bad aus Briefen von Verstorbenen und Lebendigen, sodann bekommt er ein Douchebad aus Musenalmanachen und Albums, dann kommt er unter die dramatische Brause, und vor dem Schlafengehen trinkt er vier Gläser moderne Humoristik. Wenn der Patient diese Kur sechs Wochen aushält, ist er kuriert und schreibt sein Lebtag nicht wieder. Woran liegt es aber, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, daß man jetzt so viel allopathische, homöopathische und hydropathische Kuren hat und gar keine sympathische? Das kommt daher, weil sich jetzt unsere Männer und Frauen ohne alle Sympathie die Kur machen. Bei den Frauen, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, findet die Homöopathie den meisten Anklang, weil sie, was Scherz und Ernst auch gegen sie sagen mag, auf jeden Fall eine geistreiche Erscheinung bleibt und die Frauen im allgemeinen alles Geistreiche schneller und lebhafter erfassen als die Männer. Die Homöopathen mögen daher wie die geistreichen Männer viel geliebt werden, aber vielleicht auch wie jene selten geheiratet, weil sie beide – wenig verschreiben. Die Liebe, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, ist eine allopathische Krankheit, die von der Ehe homöopathisch kuriert wird. Was heißt denn eine »Heirat aus Liebe?« das heißt: »Heirat, und aus Liebe.« Unsere Liebhaber sagen zu den Töchtern reicher Eltern: »Mädchen, nimm mein Herz hin!« das ist wieder eine Variation auf das Thema: »Vater, gib dein Geld her!« Plato sagt: »Wenn sich zwei Herzen lieben, so haben sie sich schon einst in einer andern Welt geliebt und haben sich hier bloß wiedergefunden.« Das ist ein Finden, bei dem der redliche Finder nicht immer belohnt wird; allein, wie kommt es, daß man in einer andern Welt gewiß nur ein Herz geliebt hat, und hier mehrere wiederfindet? Dieses Wiederfinden, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, erinnert an eine bekannte Anekdote. Es fand einmal jemand einen Dukaten; als er ihn zum Wechsler brachte, sagte dieser: »Der Dukaten ist nicht vollwichtig, Sie müssen zwölf Kreuzer daran verlieren,« – Einige Zeit darauf fand er wieder einen Dukaten, er ließ ihn aber liegen und sagte: »Ich heb' dich nicht auf, soll ich wieder zwölf Kreuzer verlieren?« so geht es vielen mit den vielen Herzen, die sie wiederfinden, sie lassen es am Ende liegen, indem sie ausrufen: »Soll ich wieder zwölf Kreuzer verlieren?« Der Mensch, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, ist das widersinnigste Geschöpf in der Natur, der unedelsten Triebe schämt er sich nicht, den Mund und den Magen speist er öffentlich, sein Herz aber, seine Liebe, seine Sehnsucht zu nähren, das schämt er sich und sucht das Geheimnis, gerade im Gegensatze mit der gewiß zarten Blumenwelt. Die Lilie erschließt ihren weißen Schoß und die Rose ihren glühenden Busen frei dem Hauch der Liebe, die Wurzel aber, mit der sie speist und trinkt, verschließt sie schamhaft in der Nacht der Erde. So unterscheiden sich auch in der Liebe die Männer von den Frauen. Die Frauen, diese Phantasieblumen der Putzmacherin Natur, verhüllen ihre glückliche Liebe in stille Schwärmerei und ihre unglückliche Liebe in durchsichtige Wehmut. Die Männer aber verhüllen ihre glückliche Liebe in undurchdringlichen Egoismus und ihre unglückliche Liebe in undurchdringlichen Tabakdampf. Die Männer nennen die Frauen ihre Gottheit, aber die Opfer soll man ihnen selbst bringen, und in Hinsicht der Opfer sind die Frauenzimmer oft umgekehrte Isaaks. Isaak erkaufte sein Opfer mit einem Schaf, viele Frauenzimmer müssen ihr Schaf noch mit einem Opfer erkaufen! Unter den Männern gibt es mehr falsche Liebhaber und mehr falsche Freunde, unter den Frauenzimmern gibt es bloß mehr falsche Thränen und mehr falsche Ohnmachten. Die falschen Liebhaber, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, sind wie die schlechten Wettergläser, sie stehen auf Veränderlich, zeigen auf Beständig, steigen auf Blutwärme und sinken unter Null. – Die falschen Freunde sind wie die Ferngläser, auf der einen Seite vergrößern sie ihren Gegenstand bei Nahe, und auf der andern Seite verkleinern sie ihn bei weitem. – Die falschen Ohnmachten der Frauen sind auch nichts als Bittschriften mit geschlossenen Augen und sagen im Grunde wieder nichts anders als: »Lieber Mann, gibs Geld her!« Die falschen Frauenthränen aber sind bald zu erkennen; wenn die Frauen weinen und schweigen, so sind das stille Wasser, sie sind tief und quellen aus dem Herzen; wenn die Frauen aber weinen und reden, dann hat es nichts zu bedeuten, denn Frauenthränen mit langen Reden und Kölner Wasser mit langen Empfehlungen sind niemals echt! – Frauen, die weinen und sprechen auf einmal, sind Wolken, die unter dem Regen donnern, beides schadet nicht. Überhaupt sind im menschlichen Leben die Frauen die Wolken, die Männer der Wind, der ihnen nachjagt. Jedes einzelne Frauenzimmer und jedes einzelne Wölkchen dienet nur dazu, unsern Lebenshimmel zu verschönern, seine Einförmigkeit zu unterbrechen und seinen Reiz zu erhöhen; wenn aber viele Frauen und viele Wolken zusammenkommen, wenn sie sich gegenseitig entleeren, dann ist das Ungewitter fertig. Von den Frauenzimmern und den Wolken sind die schwarzen und die brünetten die Blitz- und Feuerwolken; die gelben und blonden, die näselnden und schmollenden, sie grollen ganz still fort, bis sie uns das Haupt gewaschen haben; die grauen sind die Donnerwolken; die edlen, die lautern, die erhabenen der Frauen, das sind die hochgehenden Wolken, sie kommen dem Himmel am nächsten, durch sie fällt Mondenschein und Sternenlicht milder auf die Erde, durch sie allein vermag das Aug' in die Sonne zu schauen, und wenn diese hochgehenden Wolken regnen, so sind es segensreiche Thränen. Diese Wolken sind die Töchter der Sonne, und wer die Töchter haben will, der muß der Mutter klar ins Auge sehen können! So, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, ist auch die schönste, die herrlichste Frau im Leben: »die Wohlthätigkeit«, die Tochter des Unglücks, und wir müssen der Tochter halber uns mit dem Unglück befreunden. Und wächst denn nicht im ganzen Leben jedes Glück an der Grenze eines Unglücks, jede Freude am Rande eines Kummers, jedes Blümchen an den Lippen eines Abgrundes und das Leben selbst am Saume des Grabes? Die Züge der wahren Menschheit sind nicht aus dem Glücke zu erkennen, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, denn das Glück ist ein Porträtmaler, es schmeichelt; die Züge der wahren Menschheit erkennt man nur aus dem Unglücke, denn das Unglück ist ein Steckbrief, der den Menschen verfolgt, und Steckbriefe zeichnen gräßlich, aber wahr! Die Freude sieht auf dem menschlichen Antlitze aus wie ein weltliches Lied, der Schmerz aber wie ein Gebet; in den Freudenthränen spiegelt sich bloß die Erde ab, in den Schmerzensthränen aber der Himmel! Das ganze Unglück der Welt, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, kommt von drei schlechten Einrichtungen der Welt her: 1) Daß man die Häuser von unten hinauf bauet und nicht von oben hinab. 2) Daß in unsern Lust- und Trauerspielen der letzte Akt nicht zuerst spielt. 3) Endlich, daß die Menschen ihre Leichenreden und Leichensteine erst nach dem Tode bekommen, und nicht sogleich, wenn sie geboren werden. Bedenken Sie, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, wenn unsere Hausherren anfingen, von oben hinab zu bauen, so würden sie sogleich sehen, daß ihnen der Bau zu hoch kommt; wenn der Hausherr, bevor sein Haus gebaut ist, schon auf dem Dache desselben stände, so bekäme er eine Übersicht über das Ganze; überhaupt müssen die Hausherren schon vor dem Bau auf dem Hause stehen, denn bevor sie noch bauen, nehmen sie doch schon Gelder darauf auf, und bis sie von Grund aus zum Hause kommen, gehen sie vom Hause aus zu Grund. Jeder Hausherr ist das Jahr hindurch viermal eine Variation auf das gewohnte und bewährte Tema: »Liebe Partei, gib unparteiisch dein Geld her«, oder: »Der Mensch muß immer höher hinauf!« und jeder Einwohner ist das ganze Jahr nichts als eine stets gesteigerte Erwartung. Wie angenehm wäre es nicht, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, wenn in unsern Lustspielen der letzte Aufzug zuerst käme! Ich will damit nicht sagen, daß die andern Akte dadurch besser würden, sondern, daß sie überhaupt dann gar nicht kämen; denn in einem Lustspiele sollte man in den ersten Akten den Knoten schürzen und in dem letzten Akte ihn lösen; in unsern Lustspielen aber handelt es sich nie um einen Knoten, sondern nur um Schürzen! Das Schlimmste aber, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, ist das Dritte, daß die Menschen ihre Leichenreden und Leichensteine erst nach dem Tode erhalten und nicht nach ihrer Geburt! – Man sollte jedem Menschen sogleich wie er geboren wird seinen Leichenstein vor die Thüre setzen, ganz mit der Inschrift, die er nach seinem Tode bekäme. Eine Stadt von solchen Leichensteinen wäre eine große Schule der Moral, sie würde das Leben nicht zum Gottesacker, sondern zum Acker Gottes machen und jedes Haus zum Friedhof; an diesen Leichensteinen sollte man die Kinder lesen lernen, so würden sich die Menschen gewöhnen, im Leben das zu werden, was von ihnen nach dem Tode gesagt worden ist! Ein jeder Mann würde alle Tage von sich lesen: »Hier liegt der edle, gerechte, wohlthätige Herr so, so; sein Herz war lauter, sein Wandel gerecht, er war der Erde und des Himmels wert, Friede seiner Asche!« – Jede Frau würde von sich lesen: »Hier ruht die Blume der Frauen, das edelste Herz, die getreueste Geliebte, die zärtlichste Gattin, die liebevollste Mutter u. s. w. u. s. w,«; dann würden sich alle Lebendigen vor sich selbst als Tote schämen und so leben, daß sie ihrer Grabschrift wert werden. Überhaupt sollte man jedem Manne am Tage seiner Heirat einen Leichenstein setzen mit der Inschrift: »Hier unter diesem Leichenstein Ging dieser Mann zu Prüfung ein, Er wartet auf die ewige Ruh', Er drückt erst ein, dann beide Augen zu!« Früher, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, heiratete man aus Sympathie, jetzt heiratet man aus Homöopathie, Sympathie und Antipathie. Die Homöopathie gibt den Kranken jene Mittel, welche bei gesunden Menschen dieselbe Krankheit hervorbringen. Wenn also zwei Menschen eine gegenseitige Antipathie gegen sich haben, so muß diese Antipathie dadurch geheilt werden, daß sie sich heiraten, denn die Heirat bringt bei gleichgiltigen Menschen eine Antipathie hervor. Das Gesetz der Herzenshomöopathie heißt also: »Liebe aus Sympathie und heirate aus Antipathie.« – Hufeland sagt: »Die Sympathie besteht in der Wechselwirkung zweier Dinge oder Wesen, die Antipathie aber besteht in der Atmosphäre, die sich um ein gewisses Wesen bildet, und die wir nicht ertragen können.« Die zarteste Sympathie besteht also zwischen Schuldnern und Gläubigern, denn diese stehen in beständiger Wechselbeziehung, wenn aber der Wechsel fällig ist, bildet sich um den Gläubiger eine Atmosphäre, die der Schuldner nicht ertragen kann. Die Sympathie des Gläubigers ist also nur eine Variation auf das Thema: »Gib mir mein Geld schon!« und die Antipathie des Schuldners eine Variation auf das Thema: »Laß mir dein Geld noch!« Die Menschen, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen sagen oft: »Ich weiß nicht, warum? aber gegen diesen Menschen habe ich eine Antipathie!« Aber selten sagt jemand: »Ich weiß nicht, warum? aber für diesen Menschen habe ich eine Sympathie!« Für die Antipathie hat der Mensch ein Augenmaß, aber nicht für die Sympathie. – So räumen viele Menschen leider in ihrem Herzen der Liebe bloß die gesetzgebende Gewalt ein, dem Hasse aber die vollstreckende Gewalt. Überhaupt hat von den Leidenschaften in den Herzenskammern das Haus der Gemeinen leider das Übergewicht über das Haus der Edlen. In unserem Herzen, in diesem Konzertsaale der Leidenschaften, deklamieren stets drei große Schauspielerinnen auf einmal: die Erinnerung deklamiert den Epilog der Vergangenheit, die Täuschung den Monolog der Gegenwart und die Hoffnung den Prolog der Zukunft; aber Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind bloß drei Silben der großen Scharade der Zeit, welche uns in dieser Welt aufgegeben wird, deren Auflösung aber erst in einer andern Welt folgt. Der Mensch, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, geht wie ein Kabinettskurier des Himmels durch das Leben, er trägt seine Sendung versiegelt mit sich, er kennt den Inhalt seiner Depesche nicht, bloß derjenige edle Mensch, dessen Herz schon auf dieser Erde magnetisch wach geworden ist, der legt diese Depesche gläubig auf die Herzgrube und liest ihren Inhalt mit geschlossenen Augen. Die Kunst, glücklich zu sein, besteht, möchte ich sagen, in den Sympathiemitteln, zu dem Leben zu sagen: »Dasein, gib dein Geld her!« Das Geld des Daseins, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, besteht darin: der Vergangenheit den Glanz, der Zukunft den Duft und der Gegenwart den Geschmack abzugewinnen. Jede gegenwärtige Stunde im Leben ist bloß die Erzählung der gewesenen Stunde und das Programm der kommenden Stunde, zwischen Erzählung und Programm dämmert unser Leben hin wie ein Traum zwischen der entschwindenden Nacht und der kommenden Morgenröte und sammelt wie die Biene in der Dämmerung den süßesten Honig für seine Herzenszelle. Das Leben ist süß, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, aber es gibt etwas, das noch süßer ist, es ist die Liebe. Die Liebe ist süß, aber es gibt etwas, das noch süßer ist, es ist die Versöhnung. Die Versöhnung ist süß, aber es gibt etwas, das noch süßer ist, es ist das Bewußtsein. Das Bewußtsein ist süß, aber es gibt etwas, das noch süßer und das Süßeste ist, es ist das Lächeln der Dankbarkeit unter den Thränen des getrösteten Unglücks. Nur der Sehende kann den Blinden begreifen, nur der Gläubige den Ungläubigen bemitleiden und nur der Glückliche sich an dem dankbaren Lächeln des getrösteten Unglücks erfreuen. Und so möge Sie denn, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, dieses Lächeln heute begleiten und Ihnen widerstrahlen aus dem Lächeln eines geliebten Angesichts, aus dem Lächeln eines geliebten Freundes, aus dem Lächeln eines zärtlichen Gatten, aus dem Lächeln eines holden Kindes oder aus Ihrem eigenen Lächeln, wenn Sie abends auf Ihrem Kissen, auf diesem Erdgeschoß aller Träume und Luftschlösser, im Bewußtsein einer edlen That entschlummern. Dur- und Molltöne aus dem großen Konzerte des Lebens und des Schicksals, zum Besten der drei Blinden: »Liebe, Glück und Gerechtigkeit«. Gehalten im gräflich Waldsteinschen Saale zu Prag zum Besten der Versorgungs- und Beschäftigungsanstalt für erwachsene Blinde in Böhmen. Ein großes Konzert, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, ist wie ein großes Diner, man sitzt sehr lange und genießt sehr wenig, und bei beiden ist man gewöhnlich satt, wenn man hin-, und hungerig, wenn man fortgeht. Bei einem großen Diner, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, muß unser Magen eine gesunde Natur haben, bei einem großen Konzert muß unsere Natur einen gesunden Magen haben. Die Konzerte sind jetzt eine Krankheit aus dem ff, – sie erscheinen in Fasten und im Frühlinge, um diese Zeit grassieren viele Krankheiten: Blattern, Scharlach, Friesel, Masern und Konzerte. Es ist aber eine sonderbare Krankheit, die Konzertkrankheit, je mehr sie einnimmt, desto öfter wird sie recidiv und kommt wieder. Ein Konzert ist nichts als ein gesungener und in Musik gesetzter Stockschnupfen, man kann sich gerade über nichts beklagen, aber es ist einem doch nicht recht wohl dabei; auf jeden Fall ist es ratsam, zu Hause zu bleiben, und sehr oft wird man beide nicht eher los, bis man – schwitzt. Ein Stockschnupfen, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, ist aber manchmal ein wohlthätiges Übel, und so auch die Konzerte, die zu wohlthätigen Zwecken gegeben werden, und es werden jetzt, gottlob! so viel Wohlthätigkeitskonzerte gegeben, daß ich nächstens ein Konzert geben werde zum Besten des durch Wohlthätigkeitskonzerte verunglückten Publikums. Das Leben, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, ist eine große, beschwerliche, gefährliche Gebirgs- und Alpenreise; sie führt über steile Höhen, neben schwindelerregenden Abgründen hin, – man schaut mit Schauer hinauf, mit Entsetzen hinab, und nur die Maultiere und Esel gehen sichern Schrittes ihren Weg vorwärts. Dem Menschen aber hat das Schicksal den Alpenstock: Geduld, mit den zwei Spitzen Hoffnung und Glaube mitgegeben und drei Alpenführer, die aber alle drei blind sind: »Liebe, Glück, Gerechtigkeit«. Die Liebe geht auf der linken Seite, denn da ist das Herz, und in der Herzkammer selbst sitzt die Liebe auch auf der linken Seite, denn sie gehört zur Opposition des Lebens; – und das Glück geht auf der rechten Seite, denn ohne Glück findet man am Menschen gar die rechte Seite nicht heraus, und die Gerechtigkeit geht wie unser Schatten bald vor, bald hinter uns her, je nachdem die Sonne unseres Glückes vor uns aufgeht oder hinter uns untergeht, denn die irdische Gerechtigkeit ist in einer Beziehung gewiß eine Erscheinung aus dem Elisium, in der Beziehung nämlich, daß sie ein Schatten ist! »Liebe, Glück und Gerechtigkeit«, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, sind die drei blinden Führer des Lebens. Wenn die Liebe sagt: »Geh links!« und das Glück sagt: »Geh rechts!« so sagt die Gerechtigkeit: »Der Mittelweg ist der beste!« das heißt der Weg, der zu »Mittel« führt, ist der beste! Liebe, Glück und Gerechtigkeit sind nur für die Menschen blind, unter sich sehen sie sehr gut. Die Liebe sieht sich mit dem Glück sehr vor, die weise Gerechtigkeit sieht dem Glück sehr viel nach, und das Glück sieht, daß einem bei Liebe und Gerechtigkeit Hören und Sehen vergehen kann. Vier Augen, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, sehen mehr als zwei, und das ist sonderbarerweise auch bei diesen Blinden der Fall. Wenn die blinde Liebe mit dem blinden Glücke sich vereinigt, so sieht das entstandene »Liebesglück«, daß diese Liebe keine Liebe und dieses Glück kein Glück ist, und wenn die Gerechtigkeit mit der Liebe zusammenkommt, so sieht die »Gerechtigkeitsliebe«, daß man unter vier Augen dem Glück zuerst auf die Hand und dann durch die Finger sehen muß. Die Liebe, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, hat verbundene Augen, und das ist eine weise Einrichtung der Vorsehung, denn über jeder Minute der Liebe hängen tausend gezückte Schwerter im Leben. Die Menschen alle sind jede Minute bereit, den Henker der Liebe zu machen, und man bindet ja allen, die hingerichtet werden sollen, die Augen zu. Die Liebe, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, ist das große Theaterstück des Lebens, mit dem Unterschiede vor allen andern Theaterstücken, daß in der Liebe diejenigen Stücke, in denen sich die Liebenden am Ende nicht bekommen, die Lustspiele sind, die Stücke aber, in welchen sich die Liebenden am Ende glücklich bekommen, die Trauerspiele werden. Die Liebe ist ein Schauspiel, bei welchem die Proben nicht vorhergehen, sondern in den Zwischenakten gespielt werden, und bei welchen die Generalprobe, die Ehe, erst dann stattfindet, wenn man die Rolle schon zu Ende gespielt hat. Zum Liebhaben gehören Zwei, – sowohl zwei Personen, als zwei Sachen: »Liebe« und »Haben«; – Er muß lieben, Sie muß haben, – wenn sein Lieben Gegenhaben findet, findet ihr Haben Gegenlieben. Die Liebe ist blind, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, und dennoch fängt sie, wie das Zeichnen, stets beim Auge an. Der Augapfel ist der Reichsapfel der Liebe, der Stechapfel der Gefallsucht, der Gallapfel der Sehnsucht und der Zankapfel der Eifersucht, und hat der Mensch erst einmal den süßen Augapfel der Liebe gekostet, so muß er in alle andern sauern Äpfel auch beißen. Die Thränen sind der süße Apfelmost vom Augapfel der Liebe. Der blinden Liebe hat die gütige Gottheit die Thränen gegeben und sagte ihr: »Siehe damit!« und durch diese Thränen sieht die blinde Liebe das Morgenrot der aufgehenden Sehnsucht und das Abendrot der Trauer um die untergehende Neigung. In der Trauer, nicht in der und um die Liebe, sondern in der Trauer nach der Liebe, da, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, unterscheiden sich die Männer von den Frauen. Die Frauen trösten sich über den Verlust der Liebe bei Wasser, bei Thränen, die Männer bei Wein. Das Mädchen sitzt am Sterbebette der Liebe, um mit ihr zu beten, der Mann sitzt an ihrem Sterbebette, um zu erfahren, ob sie ihm etwas vermache. Das Mädchen senkt in das Grab der Liebe bloß ihre Hoffnung, aber nicht die Erinnerung ein, der Mann begräbt mit seiner Liebe auch die Geliebte und die Erinnerung. Die Natur des Mädchens feiert den Untergang der Liebessonne, wie die Natur den Sonnenuntergang, durch eine wehmütige Ruhe, es wird eine klare, stille Nacht in ihrem Herzen, – der Mann aber sagt in der Liebe wie König Philipp: »In meinem Reiche geht die Sonne nicht unter!« Die Liebe ist die Weltgeschichte des weiblichen Herzens und zugleich ihr Weltgericht, in dem männlichen Herzen hingegen ist die Liebe bloß eine Weltfabel, aber eine Fabel, bei welcher die Moral fehlt. Die Liebe ist bei den Frauen eine Himmelsleiter, bei den Männern ist sie zuerst eine Sturmleiter hinauf, und dann sogleich eine Feuerleiter, auf welcher man sich bloß herab rettet. Die Frauen hüllen ihre glückliche Liebe in einen jungfräulichen Schleier und ihre unglückliche Liebe in einen Witwenschleier, – die Männer verhüllen ihre glückliche Liebe in einen Weinnebel und ihre unglückliche Liebe in eine Tabakwolke. Auch in der Ehe, dieser Akademie der Liebe, in welcher man, wie in allen Akademien, bloß durch Disputieren seinen Grad erhält, steht der Mann freilich unter dem Pantoffel, aber die Frau steht unter dem Stiefel. Man hört oft sagen: »das ist ein Pantoffelmann!« Niemand sagt: »das ist eine Stiefelfrau«, und doch gibt es gegen einen Pantoffelmann wohl zwanzig Stiefelfrauen, denen der häusliche, heimliche Ratsstiefel im stillen jede blühende Saat des Herzens und jedes Blümlein der zartem Empfindung hart und gebieterisch niederdrückt. In dem Herzen der flachsten Frauen findet der Mann immer ein Echo, aber in dem Herzen der erhabensten Männer finden die Frauen höchstens eine Antwort. Am Traualtar, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, nimmt der Mann dem blinden Gotte seine Binde ab und bindet sie seiner Frau um die Augen, und die duldende, still leidende Frau nimmt diese Binde nur wieder ab, um sie als Wundbinde um ihr verwundetes Dasein zu binden. Nicht das ist das Unglück, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, daß die Liebe blind ist, sondern daß die Ehe ein Augenarzt ist und ihr den Star sticht. Gott Hymen sagt: »Es werde Licht!« der Liebe geht ein kurioses Licht auf, sie löscht die Fackel aus und läßt dem Gotte der Ehe auf allerhöchsten Befehl die freiwillige Beleuchtung des äußern Schauplatzes über. Das Glück, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, ist auch blind; die Liebe hat sich bloß die Augen blind geweint, aber das Glück ist blind geboren. Man sagt: »Der hat mehr Glück als Verstand«, – das ist unmöglich, – das Glück ist ja selbst der Verstand, der Verstand aber ist kein Glück, und das ist das Unglück. »Unglück im Spiel ist Glück in der Liebe«, das ist sehr richtig; wer unglücklich spielt, macht keine Partie, und wenn er alle Honneurs hat, und das ist ja eben das Glück in der Liebe, daß man am Ende mit allen Honneurs die Partie doch nicht macht. »Wer das Glück hat, führt die Braut nach Hause«, wenn das Glück nicht blind wäre, so würde es die Braut nach ihrem Hause zurückführen, das wäre erst das wahre Glück. Glück und Unglück wandern miteinander, im Unglücke wird der Mensch erprobt, im Glück wird der Unmensch erprobt. Dieselbe Sonne des Glückes, die im Aufgehen und ersten Erscheinen das Herz des Menschen wie eine Rose aufschließt und mit zarter Empfindung übergießt, dieselbe Sonne, wenn sie hoch steigt, versengt sie dieses Herz, macht es bleich und welk. »Glück und Glas, wie bald bricht das«, man muß eigentlich sagen: Glück, Glas und Herz, wie bald bricht das, – allein der Mensch geht am zertrümmerten Glücke, am zerschlagenen Glase und am zerbrochenen Herzen gleichgültig vorüber, und doch sind Glück, Glas und Herz nicht ergreifend, wenn sie ganz sind, und nur wenn sie gebrochen sind, schneiden sie das Leben wund und blutig. Das Traurigste im Leben, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, ist, daß das Glück blind ist, das Unglück stumm und die Glücklichen taub. Das Glück ist blind, und es ist ein Blinder, dem nicht einmal die Thräne gegeben ist, das Unglück aber hat Thränen, Thränen, die das blinde Glück nicht sieht und daher auch nicht trocknet. Die Thränen sind das Rosenöl des Unglücks, es muß gepreßt werden. Niemand trocknet die Thräne der Rose, sie wird zum Honig in ihrem Kelche und heilt die eigenen Wunden, so auch die Thräne im Auge des Unglücks, die niemand trocknet, sie kühlet heilend den eigenen Schmerz. Das Auge, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, ist der einzige Demant, den der Mensch nur nach seinem Feuer und nicht nach seinem Wasser schätzt, und dennoch wird die Göttlichkeit des Auges nicht in der Feuerprobe seiner Blitze, sondern in der Wasserprobe seiner Thränen erkannt. Wenn so ein Auge brennt, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, besonders ein schönes weibliches Auge, da werden augenblicklich alle Männer Schornsteinfeger und Feuerkommissäre und stürzen sich mitten ins Feuer; – wenn aber ein Auge von Thränen überschwemmt wird, da ist kein einziger Wasserkommissär, der mit einem Rettungsboote kommt. »Wem das Glück zu wohl will, den macht's zum Narren«, und in dieser Hinsicht sehen wir erst, wie blind das Glück ist, es sieht oft nicht, daß einer schon ohnehin ein Narr ist und kommt und macht ihn noch einmal zum Narren, darum ist der Mensch, der ein Narr war, und den das Glück noch einmal zum Narren machte, ein gemachter Mensch, der gar kein Narr ist. Aber nicht nur das Glück, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, sondern auch die Gerechtigkeit ist blind. Die Gerechtigkeit hat die Augen verbunden, das eben ist das Übel, daß die Augen mancher Gerechtigkeit der ganzen Welt verbunden sind. Die Augen mancher Gerechtigkeit sind wie die Augen im Schweizerkäse, wo nichts ist, da sind diese Augen, wo etwas ist, da hat sie keine Augen. Wenn die Augen mancher Gerechtigkeit sind wie die Augen im Schweizerkäse, so sind die Augen mancher Anwälte und Sachwalter wie die Augen auf den Suppen – ist die Suppe recht fett, so machen sie große Augen, ist die Suppe aber mager, so machen sie kleinwinzige Äuglein. »Was dem einen recht ist, ist dem andern billig«, das heißt, wenn zwei einen Prozeß haben, so findet es immer der eine billig, daß der andere recht bezahlen muß. »Thue recht, scheue niemand«. – Kein Wort, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, hat bei den Männern und bei den Frauen eine so verschiedene Bedeutung als das Wort »niemand«. Die Männer verstehen unter jemand: niemand, die Frauen unter niemand: jemand. Man fragt einen Mann, »von wem haben Sie diese saubere Geschichte?« sagt er: von jemand, so heißt das: von niemand. Wenn man ein Frauenzimmer fragt, »an wen denken Sie?« sagt es: an niemand, so heißt das: an jemand – so sagt auch die Gerechtigkeit: »Thue recht und scheue niemand«, das heißt: »Thue recht und scheue jemand.« »Liebe, Glück und Gerechtigkeit«, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, jedes dieser drei hat so seine eigene Sucht. Die Liebe ihre Eifersucht, das Glück seine Prahlsucht und die Gerechtigkeit ihre Sportelsucht. Die Liebe hat oft schon aufgehört, doch die Eifersucht dauert noch fort, und die Gerechtigkeit hat auch oft schon aufgehört, und die Sportelsucht dauert noch fort. Ein guter Rechtsfreund ist wie ein guter Schachspieler, er gewinnt am Ende seine Partie, aber auf dem ganzen Brett ist nichts geblieben als ein paar Bauern. Ein Rechtsfreund ist mitunter wie ein Hausfreund – der Hausfreund meint das Haus nicht, und der Rechtsfreund meint das Recht nicht. Der Hausfreund heißt Hausfreund, weil er kommt, wenn der Freund nicht zu Hause ist, und der Rechtsfreund heißt Rechtsfreund, weil er nicht selten dann kommt, wenn der Freund nicht beim Recht ist. In dem großen Konzerte, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, welches das Leben diesen Blinden veranstaltet, wirken diese selbst auch mit. Die Liebe und die Gegenliebe spielen die vielhändige Ouvertüre zu jeder innigen Empfindung, die Gerechtigkeit deklamiert, recitiert und citiert, und das Glück singt seine große Bravourarie mit Begleitung des vollen Orchesters. Ja, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, das Glück ist ein großer Bravoursänger, seine Stimme hat das meiste Metall, allein dieser Sänger wird auch oft plötzlich heiser, und diese Heiserkeit ist kein Repertoirefieber, denn ein plötzlich heiser gewordenes Glück ist ein plötzlich laut gewordenes Unglück, denn der Mensch verliert dabei Stimme, Klang und Metall, aber die Methode bleibt ihm, und es ist sehr traurig, mit der Methode des Glücks in die Schule des Unglücks zu gehen. Das Glück in jedem Unglücke ist, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, daß in jedem menschlichen Herzen eine Blume blüht, die, wie viele Blumen, gerade unter Wolken und Gewittern den reinsten Wohlgeruch aussendet: – es ist die Blume der Wohlthätigkeit. Das Feuer ist stark, Wasser verlöscht es, Wasser ist stark, die Erde verschlingt es, die Erde ist stark, das Eisen durchwühlt sie, das Eisen ist stark, der Mensch zerbröckelt es, der Mensch ist stark, das Unglück überwältigt ihn, das Unglück ist stark, die Wohlthätigkeit bezwingt es, – die Wohlthätigkeit ist also stärker als Schicksal, Mensch und Unglück! Die Wohlthätigkeit und die Dankbarkeit sind zwei Prediger, die aus allen Elementen zu dem Menschen predigen; – aus der Luft, denn die Luft gibt als Tauperlen wieder, was sie aus Qualm und Dunst empfangen hat; aus dem Feuer, denn es gibt als geläutertes Gold wieder, was es mit Schlacken empfing; aus der Erde, denn sie bezahlt mit Blüten, was sie als Moder empfangen, und aus dem Wasser, denn es trägt auf seinem wundgepeitschten Rücken seinen Peiniger ans Ziel! Erhaben ist der Anblick der Luft, wenn das Morgenrot das Antlitz des Himmels übergießt und die erwachende Schöpfung aufruft zur heiligen Frühmesse in dem Heiligtume der Natur! Erhaben ist die Erde, wenn die Fackel des Abendrotes ihr zur Ruhe leuchtet und die goldenen Bettgardinen von den Bergen über ihr niederhängen; – erhaben ist der Anblick des Feuers, wenn es in beneidenswerter Freiheit mit glühendem Odem wegschmilzt die Werke des Hochmuts, und erhaben ist der Anblick des Wassers, wenn in seinen tiefen und lautern Schoß der Himmel ausgeschüttet hat seine funkelnden Sterne, – erhabener aber ist der Anblick des Menschen, der seine volle Brust legt an eine leere Brust, und seine volle Hand in eine leere Hand, und sein volles Auge an ein leeres Auge, und am erhabensten ist der Anblick einer gebeugten Menschengestalt, die sich an einer andern emporrichtet, deren Blick zum Himmel und deren Thräne zu Boden fällt, und um deren zuckende Lippen die Wehmut zum Danke wird, der Dank zum Schweigen und das Schweigen zum Gebet! Sie, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, haben sich heute zu einem solchen Zwecke hier versammelt. Sie haben sich und der Wohlthätigkeit einen neuen Kranz um das Haupt gewunden; aber auch mein Dank, mein inniger, herzlicher Dank für die rührende, hochherzige Teilnahme, die Sie der Sache der Menschheit schenken, unter welcher Form sie vor Ihnen erscheine, auch dieser mein Dank werde zum Schweigen, ein Schweigen, wofür Sie mir gewiß wieder Dank wissen werden. Ich kann bei dem Anblicke von so vielen Herzen, die für Wohlthätigkeit schlagen, nicht anders als auch wohlthätig werden, ich schließe also diese Vorlesung, und das wird Ihnen sehr wohl thun! Wachskerzen, Talgkerzen, Räucherkerzen, Himmelskerzen, Hochzeitskerzen, Grabeskerzen, Apollokerzen, Millykerzen, Stearinkerzen, oder: Woher kommt es, daß wir jetzt immer mehr Kerzen und immer weniger Lichter haben? Die Geschichte des Lichtes und der Finsternis, meine höchstverehrten Hörer und Hörerinnen, ist ganz kurz. Zuerst ward die Erde unförmlich und finster, dann ward Licht, dann ward die Erde wieder förmlich finster, und dann wurden wieder – Millykerzen! Was haben wir bei diesem Tausch von Licht auf Kerzen drauf bekommen? Die Lichtputzen. Eine Lichtputze, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, hat viel Ähnlichkeit mit einem Rezensenten; ist das Licht und das Werk gut, so braucht man weder Lichtputze noch Rezensenten; sind Licht und Werk schlecht, so nützt alles Rezensieren und Lichtputzen nichts; auch sind Rezensent und Lichtputze darin gleich, daß, wenn sie viel geputzt haben, man sie zuweilen ausklopfen muß. Darin unterscheiden sich unsere sogenannten Lichter von unsern Kerzen: unsere Kerzen müssen geputzt werden, unsere Lichter putzen sich gegenseitig, ein jedes unserer Lichter ist zugleich die Lichtputze seines Kollegen. Es ist ein Glück, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, daß die Astronomen zu ihren Tubussen und Fernröhren noch keine Fernlichtscheren erfunden haben. Ich bin überzeugt, wenn wir mit einer großen Lichtputze hinauf könnten in den Himmel, wir würden der Sonne und dem Mond schon alles Licht heruntergeputzt haben! Gewiß, wenn die Menschen in dem Himmel so wirtschaften könnten wie auf der Erde, wir hätten in fünfzig Jahren eine Stearinsonne und einen Margarinmond, und wir würden bald eine Einladung lesen: »Millykometen auf Aktien.« Das Pfund zu 40 kr. K. M. Ein Komet, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, ist dazu beschaffen, aus Aktien beschaffen zu werden, denn er besteht aus einer lockeren Masse und am Anfang und am Ende aus einem großen blauen Dunst! Einige Philosophen halten die Kometen für Seelen verstorbener Geister, die in die Höhe steigen, und auch in dieser Hinsicht sind sie den Aktien gleich, die auch oft arme Seelen sind, mit dem Unterschiede, daß sie nicht steigen! Lange Zeit, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, waren die Philosophen nicht einig, ob die Henne oder das Ei früher erschaffen worden ist; ich bin leider gottlob! kein Philosoph, allein ich weiß ganz bestimmt, das Ei ist früher auf der Welt gewesen, denn wäre die Henne früher auf der Welt gewesen, sie hätte ihr Ei bloß auf Aktien gelegt; denn was ist die Aktiensucht anders als ein Gackern und Krähen um ungelegte Eier? Bevor das Ei gelegt ist, krähen und gackern alle Hühner; wenn das Aktienei einmal gelegt ist, kräht kein Hahn mehr darum. Die Aktienunternehmungen, die Betrunkenheit und die Weltgeschichte sind darin gleich, daß sie alle drei mit einem Nebel anfangen, und daß sie dann ins Fabelhafte übergehen. Ein Betrunkener und Aktienspekulant sieht alles doppelt. Die Eisenbahnfahrten sind schon vom europäischen Nebel in einen europäischen Rausch übergegangen, und jede Eisenbahnfahrt ist ganz wie ein wahrer Rausch, sie fängt nämlich mit einem Pfiff an und hört mit einem Pfiff auf. Es ist möglich, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, daß das wahre Licht auf Aktien erschaffen wurde, daß deshalb das Kapital gar nicht mehr existiert, und daß alle unsere Kerzen bloß die Dividende desselben sind. Wenn die Erfindung der Dampf- und Maschinenkraft ein stiller Vorwurf an die Schöpfung ist, daß sie zu viel Menschen gemacht hat, so ist die Erfindung der neuesten Kerzen ein erweiterter Vorwurf an die Schöpfung, daß sie auch zu viel Bienen gemacht hat. Keine Wachslichter, keine Bienen! Was wird der Staat mit seinen überflüssigen Bienen machen? Wenn die Bienen nicht Wachs, sondern Stearinsäure erzeugt hätten, würden die Menschen Wachs auf Aktien gemacht haben. Die Wachskerzen, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, sind jetzt nur auf zwei Gattungen reduziert worden: auf Hochzeitstkerzen und auf Todeskerzen. Die Hochzeit und der Tod sind sich darin gleich, daß der Mann vor beiden seinen letzten Willen zu machen hat. Bei der Hochzeit ist's des Mannes erster letzter Wille, bei dem Tode sein letzter letzter Wille. Der Mann hört am Altar das letzte »Ja« seiner Frau, dann kommt das immerwährende »Nein!« Der letzte Wille des Mannes ist der erste Wille, den die Frau auch will! Jeder Mann geht so lang nach Körben aus, bis er den letzten Korb bekommt, und zwar am Hochzeitstag, nämlich: – den Maulkorb. Die Ehen werden im Himmel geschlossen, das ist recht, die Hochzeitskerzen am Himmel sind zugleich die besten Ehehimmelskerzen; darum, weil die Ehen im Himmel geschlossen werden, gibt's bloß über der Sonne glückliche Ehen, aber keine unter der Sonne. Die Männer, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, lieben die Sonne, und warum? Weil die Venus da zuweilen vorbeigeht; die Frauen hingegen lieben den Mond, und warum? Weil er alle Monat einmal neu ist. Das Herz der Mädchen ist wie eine Mimose, je reizbarer, desto leichter verschließt es sich; das Herz der Männer ist wie ein Schlagfluß, je reizbarer, desto gewisser die Lähmung. Ein Mädchenherz ist wie ein hölzerner Eimer; wovon es zum erstenmal erfüllt ist, das tropft und sickert gleich durch, man muß es ein paarmal füllen, bis der Inhalt festhält. Es geht den Mädchen mit der Liebe, wie es den Menschen mit dem Niesen geht. Wenn so ein Mädchenherz zum erstenmal niest, sagt die ganze Welt: »Helf' Gott!« dann darf es hundertmal niesen, bekümmert sich kein Mensch darum. In der Ehe hingegen wird nachher die erste Liebe zum wahren Heu- und Regenwinkel in diesem Herzen, alle Ungewitter, die gegen den Mann losbrechen, ziehen aus dieser Gegend her. So ein Mädchenherz ist wie ein Theekessel, soll es zum erstenmal heiß werden und sieden, muß es eine große Flamme, ein großes Licht haben; wenn es einmal gekocht hat, dann kocht es bei jedem kleinen Spiritusflämmchen. Es ist falsch, wenn man glaubt, ein Mädchen, das schon unglücklich geliebt hat, sei schwer zu erobern; grade ein solches Herz fängt gleich Feuer, so wie ein Licht nie leichter anzuzünden ist, als wenn man's eben erst ausgeblasen hat. Wenn ich von dem kalten und Eisherzen eines Mädchens höre so denke ich mir: gut, die führt Eis, sie legt sich in der Herzensgrube eine Eisgrube an, bloß um dann die Liebhaber darauf zu legen, damit sie sich länger halten. Überhaupt ist der jetzige Weg der Liebe zur Ehe eine wahre Beutelschneiderei; zuerst führt der Strickbeutel mit dem Tabaksbeutel ein kleines Vorpostengefecht, dann kommt aber der Geldbeutel und schneidet dem Herzbeutel den Rückzug ab. Das Unglück in der Ehe, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, ist nur, daß die Eheleute ihre Leiden und Unpäßlichkeiten nicht zugleich haben; wenn die Frau Kopfweh hat und zu Hause bleiben muß, hat der Mann Magenweh und muß ausgehen; wenn sie Nervenübel hat und ins Seebad muß, hat er Leberleiden und muß nach Karlsbad; welche Harmonie aber würde in der Ehe herrschen, wenn Mann und Frau immer zugleich Zahnweh hätten, oder Keuchhusten, oder Leberverhärtungen! In jeder Ehe gibt es einen weiblichen und einen männlichen Reim, den weiblichen Reim bei der Frau: »Zunge« auf »Lunge«, und den männlichen Reim beim Mann: »stumm« und »brumm«! Das Herz eines Ehemannes, wenn es auch ganz seiner Frau eingeräumt ist, hat doch noch ein kleines Seitenkabinett mit separiertem Eingang. Wenn der Mann der Frau noch so entgegenkommt, so macht er's doch immer wie die frommen Pilger: wenn er drei Schritte vorwärts thut, so macht er gleich wieder einen zurück! Man sagt, es gibt keine Märtyrer mehr, das ist wahr, allein es gibt leider noch Märtyrerinnen! Ach, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, wenn wir sie nur alle kennten die Märtyrerinnen im Kalender der Ehe, die nicht rot angestrichen sind! Wenn wir sie nur alle kennten, die Dulderinnen, deren Herz hinter dem einsamen, eingedruckten Brustgitter die Dornenkrone tief eingedruckt hat; wenn wir sie nur alle kennten, die verhüllten, eingemauerten Opfer der Lieblosigkeit, der Härte, der Roheit u. s. w., wie sie still und heimlich aus allen fünf Wunden ihrer Sinne bluten, wie für sie jeder Tag ein neuer Grabgang ist und jeder Schlaf eine kleine Kreuzabnahme, wie alle ihre Tücher nur Thränentücher sind! Wenn wir sie zählen könnten, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, alle die Thränen, welche der verheimlichte Schmerz in der Ehe vergießt; wenn wir sie zählen könnten, alle die Thränen, welche leise und heiß in so manchen Strumpf mit eingestrickt werden; wenn wir sie zählen könnten, alle die gepreßten Seufzer, die mit in jedes Tuch eingesäumt werden; wenn wir den Schmerz hörten, der desto lauter schreit, je stiller er ist; wenn wir das Weh vernähmen, welches desto höher steigt, aus je tieferer Tiefe es kommt, dann, dann, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, würden wir neben vielen glänzenden Boudoirs eine solche Märtyrerkapelle erblicken, und dann würden wir vor so mancher Frau niederknien und sie verehren als Dulderin, als Heilige! Ein jeder Mensch, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, feiert drei Hochzeiten im Leben, die erste mit der Liebe zu zwanzig Jahren, die silberne Hochzeit mit der Hoffnung zu fünfundvierzig Jahren, und zu siebenzig Jahren die goldene Hochzeit mit dem Glauben. Die Grabeskerzen sind zugleich die Hochzeitskerzen zu dieser goldenen Hochzeit. Amor hat eine Fackel, Hymen hat eine Fackel, und der Tod hat auch eine Fackel. Amor hat eine Talgfackel, die schmilzt schnell, Hymen hat eine Wachsfackel, die brennt dunkel, und der Tod hat eine Pechfackel, die läuft ab. In der Gesellschaft, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, sind die Frauen die Himmelslichter, die Männer aber bloß die Windlichter. Die Frauen sind ganz wie die Lichter, da, wo es am meisten zieht, da schmelzen sie am meisten, und je mehr sie geputzt werden, desto lieber gehen sie aus! In jeder Gesellschaft kann man die Bemerkung machen, je kürzer die Lichter werden, desto länger werden allmählich die Gesichter, und oft läuft die Gesellschaft ab, bevor noch die Lichter abgelaufen sind. Fast jede große Gesellschaft ist nichts als eine beleuchtete Finsternis, eine in Kerzen gesetzte Frage: Wo sind unsere Lichter? Ein jeder Mensch, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, ist eine Anekdote, die sein Vater, Großvater und Ahnherr schon der Welt erzählt hat, jeder Tag ist ein altes Zeitungsblatt aus der Weltgeschichte, und jede Gesellschaft ist nichts als ein großes Picknick aus Notlüge, in welcher einer dem andern vorlügt, er unterhält sich. Man sagt: »Jeder Mensch hat sein Schicksal«; es ist nicht wahr, es gibt gar kein Schicksal, die Gesellschaft des Menschen ist sein Schicksal! Ohne zwei Dinge könnte man in der Gesellschaft nicht leben: ohne schöne Redensarten und ohne schöne Frauen. Ich betrachte eine jede große Gesellschaft wie eine Erinnerung an eine Rheinreise. Auf dem großen Fahrwasser des Stoffes treibt das Dampfboot des Gespräches, die Männer liefern Wind und Dampf, und an Kohlen kann nie Mangel sein, denn man verbraucht nur die Kohlen, welche einer auf das Haupt des andern sammelt! Die schönen Frauen, die auf beiden Seiten sitzen, sind die reizenden Ufer, bald blumig und pittoresk, bald erhaben und düster, immer aber interessant; die alten Frauen sind die ehrwürdigen Ruinen, die dem Ganzen einen romantischen Anblick gewähren; in diesen Ruinen leben alte Sagen und schauderhafte Volksschichten. Viele Menschen, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, bringen zur Gesellschaft eine ganze Schneiderwerkstätte in ihrem Munde mit: den Faden des Gesprächs, die spitzige Nähnadel, dasselbe einzufädeln, die Elle, die Ehre des Nebenmenschen zu messen, die Schere, um diese Ehre sogleich abzuschneiden, und auch noch das Bügeleisen, um mit glatter und heißer Zunge darüber hinzufahren! Rousseau sagt: »Der Mensch ist ein geselliges Tier.« Er hätte hinzusetzen sollen: der junge Mensch. In der Jugend, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, liebt man die Menschen und vernachlässigt die Menschheit. Je älter man wird, desto mehr liebt man die Menschheit und zieht sich aber von den Menschen zurück, so wie der Mensch in der Jugend den bunten Lichtern nachjagt und nicht der Flamme, im Alter die wärmende Flamme sucht und die bunten Lichter vermeidet. Die Menschheit ist wie eine Ebene; wenn man in ihr steht, ist sie flach und langweilig, wenn man über ihr steht, wird sie unendlich und erhaben, und das farblos Irdische erscheint im himmlischen Lichte. Von den Himmelslichtern sollte der Mensch lernen, wie seine Lebenslichter beschaffen sein sollten; das Licht der Liebe, die Venus, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, warum ist sie der schönste Stern am Himmel? Weil sie der Sonne nicht bloß bei ihrem Aufgehen zur Seite bleibt, sondern weil sie auch mit ihr untergeht; weil sie nicht nur Morgenstern, sondern auch Abendstern ist. Von dem Regengestirn sollt' er lernen, daß man im Trüben und Dunkeln erst recht nah zusammenrücken muß; von den Mond- und Sonnenfinsternissen soll er lernen, daß es nicht wahr ist, wenn man sagt, die großen Lichter haben sich verdunkelt, sondern, daß es immer nur die Erde ist, die mit ihrem dunklen Körper dazwischen getreten ist, und selbst von dem Regenbogen, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, von dieser leuchtenden Amnestie nach gerechtem Zorn und Unwetter, von diesem Liebesschwur des Himmels an die Erde, soll der Mensch lernen, daß jede Versöhnung, wie der Regenbogen, am schönsten hervorgeht aus dunklem Hintergründe, aus gebrochenen Strahlen und aus fallenden Thränen, daß jeder Liebesschwur, wie der Regenbogen, aus nichts bestehen sollte, als aus gebrochenen Strahlen und fallenden Thränentropfen aus dunklen Herzenwolken. Was ist der Unterschied zwischen Licht und Flamme? Alle Lichter brennen herab, alle Flammen lodern hinauf, alle Trauerkerzen, Freudenkerzen und Apollokerzen brennen herunter, je langer sie brennen, desto mehr Asche bedeckt dann ihr Haupt, nur die Flamme der Menschenliebe brennt zum Himmel empor, sie ist der heilige Busch, der stets flammt und sich nie verzehrt, und sie überflammt alle Fortuna-, Amor- und Apollokerzen. Apollokerzen! Wenn wir, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, die Mythologie unserer Stadt durchstöbern, stoßen wir auf eine sonderbare Götterlehre. Amor verkauft Gros de Naples und Mousselin de Laine; Merkur verkauft Häring und Sardellen; Fortuna handelt mit Reis und Zibeben; Zephyr bietet Messingknöpfe feil, Iris Zwirnfäden, und Apollo ist ein Seifensieder geworden! Apollo hat lange geschwiegen, man wußte nicht, was das zu bedeuten hat, was er im Schilde führt, jetzt weiß man, was er im Schilde führt: zwei Pfund Kerzen! Warum haben die Seifensieder einen Löwen im Schild? Weil ein Seifensieder, wie die Löwen, keinen Hahn krähen hören kann. Denn wenn der Hahn kräht, wird Tag, und am Tag braucht man keine Kerzen. Apollo heißt auch Phöbus, der Leuchtende, also jetzt, da er keine Lichter und keine Dichter mehr zum Leuchten hat, so hat er sich Kerzen angeschafft, um seinen Dichtern nach Haus zu leuchten. Man glaubt, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, wenn man die Dichter hört, wie sie den Frühling besingen, es geschähe aus Begeisterung über die Wiederbelebung der Natur; das ist nicht an dem, sie freuen sich bloß, daß die Mitternächte vorbei sind, in denen sie kein Licht und kein Holz haben! Wenn ich unsere Frühlingsdichter singen höre: »Holder Lenz, du Fürst der Herzen, Mit dem süßen Blumenschein, In die offnen Menschenherzen Ziehst du wonnetrunken ein, Mai und Frühling, blühend schon, Jubeln um den Himmelsthron.« so übersetze ich mir diese Zeilen in ihre ursprüngliche Sprache zurück, wie folgt: »Holder Lenz, du Fürst der Herzen, Du mein süßer Blumenschein, Ich erspar' schon fünf Pfund Kerzen, Und ich heize nicht mehr ein, Pelz und Mantel, dir zum Lohn, Jubeln im Versatzamt schon!« Der Frühling, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, ist auch kein Narr, er läßt sich auch nicht gerne tausend Gedichte vorlesen, darum läßt er sich vor den Frühlingsdichtern ganz verleugnen! Der Frühling läßt sie vom 22. März bis in den tiefen April vor der Thüre stehen, läßt sich nicht blicken, dann ruft er durchs Schlüsselloch hinaus: »Meine Herren, ich bin nicht zu Haus!« Der Frühling hat sich zurückgezogen, er lebt einsam in Kalendern, Musenalmanachen und Taschenbüchern, da stört ihn keine Seele. Man sagt, der und jener ist ein Weiberfeind; es ist nicht wahr, es gibt nur einen Weiberfeind, und das ist der Kalender, der kommt alle Jahr und sagt ihnen eine Grobheit, und das noch dazu um drei Monate früher, ehe er die Erlaubnis dazu hat. Ein Taschenbuch hingegen ist nichts als eine dreisilbige Buchhändlerscharade: Taschenbuch, ein Drittel ist aufs Buch berechnet und zwei Drittel auf die Taschen, der Buchhändler nämlich. Die meisten jetzigen Bücher, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, haben alle nur einen Weg zu machen, vom Dieb zum Gefängnis und vom Gefängnis zum Richtplatz, ober zu deutsch: vom Verfasser zum Buchhändler und vom Buchhändler zum Käshändler. In jeder Greislerei ist das Jüngste Gericht der Autoren. Der Greisler ist die letzte Instanz, wenn der keine Würze hineinbringt, ist alles vorbei! Es wäre überhaupt besser, anstatt daß die Bücher vom Autor dem Rezensenten und vom Rezensenten dem Gewürzkrämer zugeschickt werden, wenn die Bücher erst zum Gewürzkramer und dann erst zum Rezensenten kämen. Überhaupt zeigen die Rezensenten immer nur an, wo das Buch erschienen ist; es wäre besser, wenn sie einmal anzeigten, wohin das Buch verschwunden ist! Neben dem Leipziger Meßkataloge der in jedem Jahre erschienenen Bücher sollte auch ein Makulaturkatalog erscheinen, mit den Namen aller Spezereihandler, die nichts sind, als die letzten Verleger aller Bücher und die eigentlichen Buchhandlungen, welche die Werke eines Dichters und seine Unsterblichkeit so recht unters Volk bringen; darum lebt in jedem Dienstmädchen ein innerer Takt, wo die Lorbeerkränze der Dichter eigentlich hinkommen, und wenn es um zwei Groschen Zibeben kauft, so sagt es ganz richtig: »Ich bitt', gebens mir ein paar Lorbeerblätter drauf!« Überhaupt, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, sollte jeder Schriftsteller sein eigener Rezensent und sein eigener Makulaturverschleißer sein. Man schimpft gewöhnlich auf Rezensenten, die sich selbst beurteilen, aber das sind gewöhnlich die tugendhaftesten Menschen; erstens, wenn er sein eigenes Werk rezensiert, so weiß der Rezensent doch, welche Gedanken des Autors neu sind, und welche gestohlen; zweitens macht man den Rezensenten so oft den Vorwurf, daß sie die Werke, welche sie beurteilen, gar nicht lesen; dieser Vorwurf fällt gewiß weg, wenn man sich selbst rezensiert. Allein, rezensiert sich nicht jeder Mensch alle Tage hundertmal selbst? Wenn der Mensch fagt: »Das will ich mir erst überlegen«, so heißt das nichts als: »Auf zwei oder drei Seiten später finden sich in mir gute Gedanken!« Wenn der Mensch sagt: »Ich bin ein guter Narr!« so ist es eine Selbstrezension, von der er überzeugt ist, man wird ihm als Rezensenten nur die Hälfte glauben; er meint, man wird das »gut« glauben, die Welt glaubt aber bloß den Narren. So oft der Mensch gähnt, so ist das eine Selbstrezension und heißt in Worte gesetzt: »Diese Stelle ist in mir langweilig.« Die Langeweile, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, braucht die meisten Kerzen. Die Finsternis gibt der Phantasie, dem Geiste die glänzendsten Privilegien, und das Licht raubt sie wieder. Die Langeweile ist eine Tochter des Lichts, eine sogenannte Soiree ist nichts als eine mit Apollo- oder Milly- oder Wachskerzen beleuchtete Langeweile! Jeder trachtet, sein Licht leuchten zu lassen, wenn man's aber beim Licht betrachtet, ist man hinters Licht geführt, und wenn man's beim rechten Licht betrachtet, so hat einem in der ganzen Soiree niemand ein Licht aufgesteckt, als der – Bediente! Der ewige Frieden, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, hat auf nichts so segenreich eingewirkt, als auf die – Langeweile, und die ewige Langeweile wirkt auf nichts so segenreich ein, als auf die – Verleumdung!! Seitdem die Zeitungen an Gelegenheit zu Interesse, das heißt zu Lügen, verloren haben, seitdem sie nicht heute 40,000 Menschen umbringen, um sie morgen wieder lebendig zu machen, seitdem hat es in der menschlichen Gesellschaft jedes einzelne Individuum übernommen, selbst ein Zeitungsblatt zu sein. Der Mund ist der Sehkasten, die Lunge ist die Dampfpresse und die Zunge der Expeditionstisch dieser Zeitung; diese Zeitung wird mit scharfen Lettern und mit der vollkommensten Schwärze gedruckt! Ja, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, die erste Zunge war die erste Schlange, so wie der erste Augapfel der erste Sündenapfel war; in dem Augapfel liegt der Text zur Tugend und zur Sünde, auf den Wangen steht der Kommentar zu diesem Text, und um die Augen schreibt die Zeit Randglossen. Die Zunge, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, setzt den ewigen Krieg im ewigen Frieden fort, den Bürgerkrieg gegen Freund, Nachbar und Verwandten! Man sagt, es gibt keine Riesen mehr, es ist nicht wahr, man gehe nur in manche Gesellschaft, da findet man Maulriesen, die mit einer Kinnbacke zehntausend Namen totschlagen. In keiner Zeit, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, hat die Verleumdung so um sich gegriffen als jetzt. Die Verleumdung ist der Bandwurm der Gesellschaft, man wird seines Kopfes nie mächtig! Man läßt in jeder Gesellschaft alle Abwesenden Spießruten laufen und macht mit den Zungen türkische Musik dazu! Viele glauben, man müsse gegen Verleumdung etwas thun, dagegen reden, sich verteidigen u. s. w., allein das ist ebenfalls wie mit dem Glockenläuten gegen den Blitz; man glaubt, es leitet den Blitz ab, allein es zieht ihn gerade noch mehr an! Man verleumdet in der Gesellschaft wie in einem Pilgerzug, zuerst kommen die Kinder, dann die Mädchen, dann Männer und Frauen, dann ganz zuletzt kommen die alten Weiber, die das größte Geschrei machen! Die Verleumdung, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, ist wie ein Truthahn, je mehr Farbe und Glanz ein Gegenstand hat, desto erboster wird sie, und desto lauter kollert sie. Der Blitz und die Verleumdung treffen meist nur hohe Gegenstände. Eine Frau braucht nur eine hohe Schönheit zu sein, eine Person braucht nur einen hohen Rang einzunehmen, ein Mann braucht nur ein hohes Genie zu sein, und der Verleumdungsblitz trifft ihn ohne Schonung. Selbst die besten Menschen, wenn sie auch nicht mit Verleumdung blitzen, so wetterleuchten sie doch, das nennt man wie das Wetterleuchten: sich abkühlen. Es ist sonderbar, um einen Menschen zu verleumden, beginnt man damit, ihn ein bißchen zu loben; man macht's mit den Menschen wie mit den Kastanien, man schneidet sie erst ein bißchen auf, um sie dann besser zu braten. Alles haben die Menschen schon zur Verleumdung gemißbraucht: Philosophie, Poesie und Stenographie, und bloß darum allein schon verdient die Musik eine göttliche Kunst genannt zu werden, weil man mit Musik allein weder eine Verleumdung noch eine Zweideutigkeit sagen kann! Die Sonne des Genies hat fast immer das Schicksal wie die Sonne selbst, man späht nach nichts eifriger als nach ihren Flecken, man schließt die Augen zu, solang' sie bei uns weilt, und sieht ihr nur dann freundlich nach, wenn sie untergegangen ist. Wenn in dem Brunnen der Gesellschaft die Menschen den Kopf und das Herz eines ausgezeichneten Mannes erschöpfen wollen, so gehen sie mit ihnen um wie mit zwei Eimern in jedem andern Brunnen; beide, Kopf und Herz, können sie nicht oben lassen, eines muß hinab: haben sie das Herz erhoben, so stoßen sie den Kopf hinab, müssen sie seinen Kopf erheben, so suchen sie sein Herz hinunter zu bringen, und auch seinen Kopf halten sie nur oben, solange er voll ist; wenn sie ihn mit durstigen Zügen ausgeleert haben, lassen sie ihn wieder sinken. – Viele Menschen lieben auch die Dichter bloß so, wie sie den Käse lieben, das heißt, sie finden ihn nur dann erst gut, wenn er von den Würmern angegangen wird. Die Menschen hören nur dann auf, einen Stein auf ihre ausgezeichneten Geister zu werfen, wenn sie ihm einen Stein setzen können. Es ist thöricht, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, daß man so viel Subskriptionen für Monumente großer Männer macht; wenn man sie nur sammeln wollte, alle die Steine, welche ihre Mitwelt auf sie warf, so würde auch der mittelmäßigste Geist einen Stein wie eine Pyramide bekommen! Was ist ein Monument? Es ist nicht ein Denkmal, das an die Verdienste des Toten erinnert, sondern ein Denkmal an die Undankbarkeit der Lebendigen! In fünfzig Jahren wird vor lauter Monumenten die Erde aussehen wie ein Stachelschwein; allein jedes Monument ist nicht so sehr eine Ehre, die wir dem Toten erweisen sollen, als vielmehr eine jämmerliche Entschuldigung in Stein und heißt: »Entschuldige, daß wir dir beim Leben kein Brot gaben, nach dem Tode geben wir dir dafür einen Stein vor!« Es ist sonderbar, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, der Mensch fühlt nicht eher Bei- und Mitleid mit dem Menschen, als bei seinem Tode; dann kommt aber der Nebenmensch und sagt: »Alle Beileidsbezeigungen werden verbeten!« Der Mensch, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, sieht den Menschen nur dann in einem gnädigen Licht, wenn er ihm sein Grabeslicht anzündet, und nur dann zündet er ihm mit vollem Herzen die Räucherkerzen an, wenn er sie zu den Totenkerzen stellen kann. – Die Totenkerzen, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, sind beim Wachs geblieben, denn es ist der Mensch wie Wachs, bevor er zum Licht gelangt, muß er gebleicht werden. Das Leben ist nichts, als die große Bleiche der Menschen; nach und nach bleichen sich Hoffnungen, Wangen, Haare, und dennoch denkt der Mensch nie daran, daß jedes Erröten nichts ist, als eine Vorspann mehr zum Erbleichen! So denkt auch kein Mensch daran, wenn er eine Uhr schlagen hört, daß jeder Uhrschlag nichts spielt, als wieder eine Note aus seinem Totenmarsche; so klettert der Mensch auch sein ganzes Leben lang von Berg zu Berg, um eine große Aussicht zu haben, und denkt nicht daran, daß er die größte Aussicht nur vom kleinsten Hügel haben kann, vom Grabeshügel, und so sieht der Mensch tausend Lichter und Flammen brennen und denkt nicht daran, daß alle brennenden Lichter nichts absetzen, als – Asche. Was ist der Unterschied, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, zwischen unsern brennenden, das heißt lebenden, Lichtern und Dichtern und unsern Kerzen? Unsere Kerzen setzen sich selbst herab, unsere Lichter setzen sich bloß gegenseitig herab. Die Kerzen setzen sich nur um einen gewissen Preis herab, die Lichter setzen sich um jeden Preis herab! »Herabgesetzte Preise!« das ist jetzt der allgemeine Preisgesang! Wie das Publikum eine Sache preisgibt, wird der Preis herabgesetzt. Man macht den meisten Kerzen den Vorwurf, daß man nichts bei ihnen sieht! Da sind die Menschen daran schuld, sie zünden sie immer bei Nacht an, wenn es finster ist; man zünde sie einmal beim Tag an, dann werden alle Menschen sagen: »Bei diesen Kerzen sieht man prächtig, das liegt am Tage!« Der Mensch ist undankbar gegen seine Beleuchtungsanstalten, so wie überhaupt gegen alle seine Anstalten, und meint, sie entsprechen ihrem Namen nicht, das ist nicht wahr: alle Anstalten entsprechen ihrem Namen, sie machen immer Anstalten, zum Beispiel: Beleuchtungsanstalten, Löschanstalten, und ich bin überzeugt, wenn das Feuer zur gehörigen Zeit in die Anstalt käme, es wäre gleich gelöscht! Unsere Löscheimer, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, sind wie unsere Thränen: bloß Löschanstalten. Im Theater da strömen die Thränen bachweise bei dem Unglücke des Nebenmenschen; im wirklichen Leben, bei demselben wirklichen Unglück vergießt kein Auge eine Thräne; grad wie die Löscheimer, wenn sie probiert werden, sind sie voll Wasser, wenn sie wirklich gebraucht werden, geben sie keinen Tropfen her. – Man irrt sich bloß in der Bedeutung des Wortes »Anstalt«; eine Anstalt ist gemacht,um dabei angestellt zu werden, und wir haben bloß Anstellungsanstalten. Der Mensch geht oft an den ausgezeichnetsten Anstalten vorüber und denkt nicht daran. Wer denkt zum Beispiel, wenn er an einem recht fetten Ochsen vorübergeht, daß das eine lebendige Beleuchtungsanstalt ist? Jede Biene ist eine Wachskerzenanstalt und jeder Ochs eine lebendige Talg- und Stearinkerzenfabrik! Nicht nur alle unsere Kerzen sind bloß Beleuchtungsanstalten, sondern auch unsere Lichter, die geistigen Lichter, sind solche Beleuchtungsanstalten, die Anstalt steht der Beleuchtung im Licht. Wir hatten einmal ein großes, unsterbliches Licht: Shakespeare; darauf kamen die kritischen Beleuchtungsanstalten, die Apollokerzen: Johnson, Warburton u. s. w. beleuchteten den Shakespeare; dann kamen die Millykerzen: Voß, Eschenburg u. s. w. und beleuchteten diese Apollokerzen; dann kamen die Stearinkerzen: Tieck, Horn u. s. w, und beleuchteten diese Millykerzen; jetzt kommen noch alle kritischen kleinen Margarinkerzen und beleuchten wieder diese Kerzen; kurz, sie haben seit ein paar hundert Jahren den Shakespeare so beleuchtet, daß wir ganz im Dunkeln über ihn sind. So geht es uns auch mit unsern wirklichen Kerzen. Wenn wir ein Talglicht anzünden, so müssen wir zwei Wachskerzen dazu anzünden, um zu sehen, wie es brennt; um aber zu sehen, wie wir das sehen, müssen wir vier Apollokerzen dazu anzünden. Wenn wir diese Lichter nun mit acht Millykerzen beleuchten und um und um sechzehn brennende Stearinkerzen stellen, um nicht im Finstern zu tappen, dann, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, würde ich wohlmeinend geraten haben, eine kleine Laterne mitzubringen, um diese Sache bei Licht betrachten zu können! Bei den Kerzen, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, gehört es zur Sitte, das Ende nicht zu gebrauchen; nur die gemeinen Leute benutzen die Endchen, sie haben kleine Lichtknechte dazu, die man »Profitchen« nennt, aber der gute Ton erfordert, das Ende wegzugeben! So machen wir es auch mit den geistigen Lichtern, wenn von einem geistigen Lichte etwas zu sehen ist, das Ende wollen wir nicht; darum gehen bei jeder Vorstellung so viele Menschen vor dem Ende weg; bei ihnen heißt Profitchen umgekehrt, sie profitieren vom Ende nicht! Besonders kitzlig ist eine solche Produktion, wenn sie die Mittagslinie zu passieren hat, da muß wie bei der Stadtlinie der Geist an den Magen Verzehrungssteuer abliefern, und viele Hörer denken bei dem Lesetisch nur an den Eßtisch. Wirklich, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, sollte jemand es versuchen, vor dem Ende seiner Produktion, Vorlesung, Theaterstück, Oper u. s.w. eine kleine Pause zu machen und folgende Worte an das Publikum zu richten: »Meine hochverehrten, gütigen, liebenswürdigen Zuhörer und Zuschauer! Mein Ende naht heran; es ist eine der frömmsten Pflichten, das selige Ende eines Menschen nicht zu stören; ich werde deshalb jetzt eine kleine Pause machen für denjenigen verehrten Teil, welcher vor dem Ende hinausgehen will, damit derjenige Teil, welcher mit Ergebung das selige Ende abzuwarten so geduldig ist, in diesem frommen Werke nicht gestört werde! Dafür bitte ich auch denjenigen verehrten Teil, welcher bis ans Ende zu bleiben die Güte hat, die Fortgehenden in ihrem Genusse nicht zu stören, denn im Grunde ist das Fortgehen vor dem Ende auch ein Kompliment für die Sache: es sagt erstens, daß die Leute der Fortgang sehr interessiert, und daß sie sehr begierig auf den Ausgang sind!« Wie! Sie benutzen diese Pause nicht? So zahle ich diese Vorlesung zu meinen gewonnenen Schlachten; ich berechne aber meinen Sieg nicht nach der Zahl derer, die ich in die Flucht geschlagen, sondern nach der Anzahl derer, die auf dem Platze geblieben sind! Ihre Güte, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, hat kein undankbares Herz getroffen; fürchten Sie nichts, alle diese Blätter, die Sie noch da sehen, sind unbeschrieben. Auf diesen Blättern rechts hielt ich eine Vorlesung zum Besten der unglücklichen Menschheit, auf diesen Blattern links halte ich keine Vorlesung zum Besten der glücklichen Menschheit! Naturkraft, Jugendkraft, Willenskraft, Geisteskraft, Liebeskraft, Glaubenskraft, Geldeskraft, Schnellkraft, Spannkraft, Federkraft, Maschinenkraft, Menschenkraft, Pferdekraft, Wasserkraft, Dampfkraft, oder: Wieviel außerordentliche Kräfte bedarf jetzt der Mensch, um ganz gewiß stecken zu bleiben? Durch diese meine Vorlesung, meine höchstgeehrten Hörer und Hörerinnen, werden Ihnen bald einige dieser genannten Kräfte klar werden. An der gespannten Erwartung, die Sie hieher zog, lernen Sie die Anziehungskraft und Spannkraft; wenn ich Sie nun um diese Erwartung schnellte, so lernen Sie auch die Schnellkraft, und indem ich meine Vorlesung beginne, erkennen Sie auch die ungeheure Dampf- und Wasserkraft! Diese Wasserkraft entspringt wieder aus meiner Federkraft, kraft welcher ich aus meiner Feder mit aller Pferdekraft nichts hervorbringe als Willenskraft anstatt Geisteskraft. Wenn nun diese Vorlesung trotz allen Dampf- und Wasserkräften dennoch stecken bleiben sollte, so ist es gut, daß Sie, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, eben durch diese Vorlesung doch wenigstens im Trocknen sind! Der Mensch, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, hat nie so viel Schwächen entwickelt, als seitdem er so viele Kräfte erfunden hat! Und man kann von der neuesten Zeit sagen, daß sie alle ihre Kräfte dazu braucht, um alle ihre Schwächen zu Kraft zu bringen. Wir haben so viele Kunstkräfte, daß alle unsere Naturforscher aus Mangel an Naturkraft sich bloß um die Verdauungskraft bekümmern! Naturkraft und Menschenkraft! Da jeder Mensch eine andere Natur hat, so braucht die Natur für jeden eine andere Naturkraft, und da manche ihre Natur alle Tage zehnmal ändern, so muß die Natur alle Tage zehn Kräfte für sie in Bereitschaft halten. Wie hoch aber die Naturkraft über der Menschenkraft steht, beweisen die Prozesse. Wie wenig Menschen erleben das Ende ihrer Prozesse, die Natur aber überlebt alle Naturprozesse! Zum Beispiel der Prozeß von Alkohol mit Kalk, die Natur beendigt ihn in einem Augenblick. Wenn Alkohol und Kalk Menschen wären, so würde Alkohol einen Advokaten haben und Kalk auch einen Advokaten, beide, Alkohol und Kalk, würden sich chemisch nicht nur ganz zersetzen, sondern versetzen und auflösen. Die Kunstkraft ruft Advokaten um Hilfe in der Not an, die Naturkraft ruft in der Not die Ärzte an. So ein wirklicher Prozeß ist ganz wie ein Natur- oder chemischer Prozeß. Bei einem chemischen Prozesse heißen die Operationen: Auflösung, Niederschlagung, Verdampfung, schmelzen, sublimieren; das ist ganz wie bei den wirklichen Prozessen, während die Advokaten sublimieren, lösen sich die Gegenstände auf, die Parteien werden niedergeschlagen, die Kosten verdampfen, und das Kapital schmilzt! Eine jede Krankheit ist auch ein Prozeß, in welcher sich Krankheit und Gesundheit um den Patienten streiten, die Ärzte sind die Advokaten, die der Patient als Kläger gegen die Krankheit als Geklagte zu Hilfe ruft; allein sie irren sich oft in der Partei und wirken für die Beklagte; die Rezepte sind die Akten, in der Apotheke sitzt der Revisor, die Arzneimittel sind die Rechtsmittel, und der Tod ist die letzte Instanz. Der Unterschied ist nur der, viele Advokaten machen einen langen Prozeß! viele Ärzte machen einen kurzen Prozeß! Das Spiel der Advokaten ist ein Schachspiel, je geschickter die Advokaten, desto länger dauert die Partie; das Spiel der Ärzte ist ein Billardspiel, je geschickter die Ärzte, desto kürzer wird die Partie, denn sie schneiden und machen alle in das große Eckloch der Erde. Die ganze Größe der Naturkraft entwickelt sich in unsern Naturdichtern; zu denen braucht man eine Roßkraft und eine starke Natur. Was ist der Unterschied zwischen einem wahren Dichter und einem Naturdichter? Ein Naturdichter besitzt ein Gesangsleben ohne Kunstmittel, und der echte Dichter besitzt die Gesangskunst ohne Lebensmittel. Naturkraft ist gewöhnlich bei Jugendkraft; allein auch hierin, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, sind wir jetzt verkehrt: früher hatte man Jugendkraft und Altersschwäche, jetzt sind unsere Jünglinge so hinfällig und unsere Greise thun so baumstark, daß man sagen muß: Jugendschwäche und Alterskraft. Gewiß ist es, daß mehr Menschen an Jugendschwäche als an Altersschwäche sterben. Aber, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, man braucht auch im Alter mehr Kraft als in der Jugend, so wie man am Ende der Tafel einen gesunderen Magen braucht als am Anfange, so wie man am Abend mehr Stärkung braucht als am Morgen, so wie man zum Schluß des Briefes mehr Energie als zum Beginne braucht, so wie die Krokodile im Alter immer stärker werden, weil sie immer mehr Feinde bekommen, denn im Alter verläßt uns ein süßer Jugendfreund: der Schlaf, und im Alter verlassen uns die Gespielen und Märchenerzähler unserer Jugend: die Träume, die Feenstücke und Divertissements zwischen den ersten Stücken des Daseins! Die Träume, diese Nachtschmetterlinge um die schlummernde Blume der Phantasie, das sind die einzigen hängenden Gärten in der Wüstenei des Schlafes. Das müßte ein entsetzlicher Mensch sein, dessen Auge keine Thräne, dessen Mund kein Lächeln, dessen Herz keine Schwäche und dessen Schlaf keinen Traum mehr hat. Die Träume sind die Unterscheidungszeichen, um das Bett von dem Grabe zu unterscheiden. Die Träume aber sind die Morgengabe der Jugend, der Jugend- und Einbildungskraft, sie sind die Eisblumen an den bunten Glasscheiben der Geistes- und Liebeskraft. Niemand, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, schläft weniger und träumt mehr als die Dichter und Verliebten. Die Wege von der Prosa des Lebens zu der Poesie der Liebe gehen alle durch den Traum, die Träume sind die blumigen Schrittspuren, welche der Gang der göttlichen Liebe in unserem Herzen zurückließ, sie sind die Inventur der begrabenen Liebe, und sie nehmen alle hinterlassenen kleinen Andenken auf einmal aus dem Erinnerungs-Resonanzboden auf! Dichter und Verliebte, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, träumen ganz anders als andere Menschen, denn die Ärzte sagen: Träume kommen aus dem Magen; bei Dichtern und Verliebten kommen Träume aber aus einem leeren Magen, die müssen also viel ätherischer und geistiger sein als die Träume aus einem vollen Magen. Wenn es aber Dichter und Verliebte gibt, die doch etwas schwerer träumen, so kommt es daher, weil diesen vielleicht die Dichtkunst und die Liebe selbst in dem Magen liegt, daß sie ihn doch voll haben! Das sind die vier Lagen der Liebe, zuerst liegt sie uns in den Gedanken, dann liegt sie uns im Herzen, dann liegt sie uns so lang im Magen, bis sie uns im Rücken liegt, das ist die Liebeskraft! Liebeskraft, das ist ein schlechter Ausdruck, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, die Kraft der Liebe besteht ja darin, daß sie schwach ist; die Liebe ist wie das schöne Geschlecht, ihre Stärke liegt in ihrer Schwäche! Liebe und Dichtkunst, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, sind die Lichter, mit welchen der Mensch über das nächtlich finstere Lebensgebirg wandelt, an Abgründen und Teufelsbrücken vorbei; sie erhellen ihm den Weg und werfen einen wunderbaren Schein auf alle Höhen und Tiefen, der Himmel oben senkt sich herab, und die Tiefe unten steigt empor. Die Dichtkunst schreitet allein über diesen Lebensalp, mit unverbundenen Augen, mit sicherem Schritt, die Liebe aber muß immer einen Führer, ein Maultier oder Kamel mit haben, sie wird alle Augenblicke schwindelig, und in der Mitte des Wegs kehrt sie um und läßt ihr Kamel allein fortlaufen! Die Liebeskraft, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, hat eine mächtige Feindin und eine mächtige Gönnerin, eine mächtige Feindin an der Geisteskraft und eine mächtige Gönnerin an der Einbildungskraft. Der Geist sagt der Liebe, was an der Zeit ist, und die Phantasie auch; allein der Geist brummt es ihr zu wie eine Turmuhr, und die Phantasie zeigt es ihr in Farben an wie eine Blumenuhr! Die großen Geister, die Dichter, lieben im Buche und im Gedichte besser, stärker und inniger als im Leben; sie machen es wie mächtige Staaten, kleine Summen bestreiten sie mit barer Münze, große Summen in Papier. Die Liebessänger sind wie die Opernsänger, je besser sie singen, desto schlechter agieren sie. Überhaupt geht es mit der Liebe schon wie mit dem Lateinischen: sie ist eine tote Sprache, sie wird nur noch geschrieben, und selbst das Herz, diese Dechiffrierkammer der Liebe, ist in seiner Dechiffrier- und Rechenkunst schon ganz irre. Früher, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, hat es in der Liebe eine Probe gegeben wie in der Rechnung; zum Beispiel bei der Addition der Liebe, wenn man Herz zu Herz addierte, war die Probe eine Subtraktion, man hat das Herz wieder abgezogen, um zu sehen, wie die Rechnung steht; jetzt ist die Probe bei einer solchen Addition nicht eine Subtraktion, sondern auch eine Addition, man addiert noch einige Herzen dazu und sieht dann, wie's zusammengeht! Wir würden, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, eine große Einsicht in die eigentümliche Naturkraft und Natur der Frauen gewinnen, wenn wir wüßten, welches Blümchen die erste Frau im Paradiese zuerst pflückte, ob die zärtliche Rose, die unschuldige Lilie, die glühende Nelke, das schmachtende Vergißmeinnicht, das demütige Veilchen oder den kurmachenden Rittersporn! – So wie es überhaupt sehr interessant wäre, nähere Details von dem ersten Menschenpaar zu wissen, zum Beispiel, ob der erste Mann von dem ersten Bären hat brummen gelernt, oder der erste Bär vom ersten Mann? Wir würden auch Aufschlüsse über Adams Treue erhalten, wenn wir wüßten, ob Evas erstes Schoßhündchen »Fidel« oder »Fripon« hieß! So wäre ich auch neugierig, von diesem ersten Ehepaar zu wissen, ob er zuerst gefragt hat: »Wie spät ist schon?« oder sie: »Was ist draußen für Wetter?« Auch kann ich nicht begreifen, woher Adam, als er allen Tieren ihren Namen gab, und das geduldigste aller Tiere herankam, gewußt hat, daß das ein Esel ist? Der Affe ist gewiß der Apoll unter den Bestien; nun mußte es eine komische Szene gewesen sein, als der erste Mensch und der erste Affe sich zum erstenmal gesehen haben! Da hat der Mensch gewiß geglaubt, es hat ihn jemand ins Deutsche übersetzt, und gewiß war der erste Affe auch der erste Hausfreund! Die Liebe der Frauenzimmer ist wie der Frühling, sie beginnt mit den mildesten Farben, mit den Schneeglöckchen, und hört oft, gerade wie der Frühling, bei den glühendsten Farben, bei den Nelken, auf. Die Herzen unserer Mädchen sind wie neue Holzgefäße, die erste Liebe, mit der sie erfüllt werden, tropft und sickert ganz durch, bis das Herz erst verschwellt und verquellt ist. Wie unterscheidet sich aber die Liebe der Frauen so zart und innig von der Liebe der Männer! Im weiblichen Herzen ist die Ahnung die Wahrsagerin der Liebe, im männlichen Herzen ist es die Eitelkeit! Beim Manne ist die Liebe das Epigramm des Herzens, bei der Frau die Lebensgeschichte des Herzens. Die Männer bewundern das, was sie lieben, die Frauen lieben das, was sie bewundern! Die Frauen besitzen die Verstellungskunst, die Männer die Verstellungsnatur, und in dieser Hinsicht ist jede Liebschaft eine Wiederholung des Lustspiels: »Kunst und Natur«! Die Geliebte ist wie ein edler Baum, im Frühlinge der Liebe bringt sie ihm die Blüte des Herzens und im Liebesherbst die volle reife Herzensfrucht; der Liebhaber aber ist wie die Sonne, im Frühlinge der Liebe kommt er alle Tage früher, im Herbste der Liebe kommt er alle Tage später! Die Frauen lieben wie sie spazieren gehen, bloß um spazieren zu gehen, um des Reizes des Spazierengehens allein wegen. Männer lieben auch wie sie spazieren gehen, denn die Männer gehen nur aus zwei Gründen spazieren, entweder um Appetit zum Essen zu bekommen, oder um das Gegessene zu verdauen, so lieben sie auch entweder um zu einer Heirat zu kommen, oder um die Heirat zu verdauen! Bei den Frauen ist die Ehe nichts als die Fortsetzung der Liebe, aber anstatt in fliegenden Blättern in Seide geheftet und zusammengebunden; bei dem Manne ist die Ehe nichts als eine wohlfeilere und ordinärere Ausgabe der Liebe, auf Fließpapier, ohne illuminierte Bilder, mit eisernen Spangen! Die Herzen der Männer sind wie Folianten, je größer sie scheinen, desto weniger steht drinnen, lauter breite, leere Prachtränder; die kleinsten Weiberherzen hingegen sind wie die niedlichen Sedezbüchlein, so klein sie scheinen, so viel Seiten haben sie und sind auf allen Seiten bis an den Rand voll gedruckt. Die Liebe, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, ist die Wendeltreppe von der Erde in den Himmel, aber der Glaube ist das Geländer an dieser Wendeltreppe, ohne Glaubenskraft stürzt man gar zu bald aus seinem Liebeshimmel herunter! Die Glaubenskraft, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, ist die einzige echte Himmelskraft, die dem gebrechlichen Leben mitgegeben wurde. Der Geist, die Vernunft, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, sind die hölzernen Wegweiser in den Himmel, sie zeigen hin, aber sie gehen nicht mit; die Liebe ist der Geleitsschein auf den Weg in den Himmel, die Tugend ist die Thorschließerin am Himmel, aber keiner von allen diesen tritt mit in den Audienzsaal des Himmels, als der Glaube, der das Kreditiv des Menschen an dem Throne Gottes selbst überreicht. Neben jeder Kapelle des Herzens ist eine kleine Hölle aufgebaut, neben dem Wissen der Zweifel, neben der Liebe die Eifersucht, neben der Tugend der Zorn über das Laster, neben dem Glück der Neid, neben der Hoffnung die Furcht, neben dem Verstand der Irrsinn, nur neben dem Glauben steht kein böser Dämon, nur der Glaube wirft weder einen Schatten vor, noch hinter sich, weil seine Sonne gerade über seinem Haupte am Himmel steht! Wenn das Herz hier auf Erden alle seine Güter verloren hat, so ist der Glaube der redliche Finder, der sie im Himmel alle wiederfindet und wiederbringt! Der Glaube ist unser Sonnenschirm im Brennpunkte des Glückes, unser Regenschirm in dem Gewölke des Unglücks, unser Jagdschirm auf der wilden Jagd der Leidenschaften, unser Lichtschirm vor den Strahlen der Verblendung, unser Feuerschirm vor der Glut der Verzweiflung und unser Fallschirm an dem Luftballon hochfliegender Hoffnungen. Die Liebe bekommt in der Wiege schon den Totenschein, der Glaube erhält im Sarge erst den Geburtsschein! Die Glaubenskraft ist die einzige Kraft, mit welcher wir gewiß ans Ziel der irdischen Eisenbahn anlangen, wenn uns auch alle andern Kräfte, als: Liebeskraft, Jugendkraft, Geldeskraft, Geisteskraft u. s. w., stecken lassen! Geldeskraft! auch keine üble Kraft, man wird schon schwach, wenn man diese Kraft nur hört! Im weitern Sinne der Naturlehre nimmt man an, daß jede Kraft geistig ist, das heißt unsichtbar. Insoferne ist nun auch die Geldeskraft zur Hälfte geistig, das heißt, das Geld bleibt unsichtbar, aber seine Kraft ist sichtbar. Mit dem Geld, da hat mich das Konversations-Lexikon schön erwischt; ich schlage nach: »Geld«, »Geldsorten«, und da sagt mir das Konversations-Lexikon: »suche Geldmangel«. Nun findet sich der Geldmangel ungesucht! Den Artikel hat gewiß ein Dichter geschrieben, bei dem wirklichen Geld spricht er von einem »idealen Umlauf«! und beim Geldmangel spricht er, er entspringe aus der Moral! aus »moralischen Gründen«! Nun gibt es beim Geld nur einen idealen Umlauf, wenn man nämlich um Geld herumläuft und keine Idee hat, woher nehmen! Der Geldmangel aber aus der Moral ist natürlich, denn überall, wo Geld eine Fabel ist, ist kein Geld die Moral dieser Fabel. Ich glaube aber, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, es entspringt nicht viel Geldmangel aus Moral aber es entspringt sehr viel Moral aus Geldmangel! Die Liebeskraft führt in dem Mädchenherzen nur die einfache Buchhalterei, die Geldeskraft die doppelte. Auf der Seite des Mädchens ist das Soll, auf der Seite des Mannes das Haben. Die Mädchen lieben den, der ihnen nachgeht, Thränen weint und seinen vollen Busen ausschüttet; aber sie heiraten den, welcher bei ihnen vorfährt, Demanten weint und seine Brusttasche ausschüttet. Amor ist blind, darum sieht er mit den Fingern, weil er stockblind ist, will er auch steinreich sein. Es gibt kein Liebesgedicht, welches auf Mädchen mehr Eindruck macht als das Sonett oder Klinggedicht. Eine Herzbeutelerweiterung ist den Frauenzimmern nicht so gefährlich als eine Geldbeutelerweiterung! Petrarca und Ernst Schulze haben es nicht gewußt, den rechten Klang in ihre Gedichte zu bringen. Wie wirkt zum Beispiel folgendes Gedicht: Soll ich die Rose zu dir schicken, Du Holde mit dem süßen Angesicht? Die Rose könntest du zerpflücken, Die Rose, nein, die Rose send' ich nicht! Soll ich die Sterne zu dir senden, Mit ihrem milden Liebeslicht? Die Sterne könnten grell dich blenden, Die Sterne, nein, die Steine send' ich nicht! Soll ich das Lied nun zu dir schicken, Das mit dem Klang der Seele spricht? Es kann doch mein Empfinden nicht ausdrücken, Das Lied, ach nein, das send' ich nicht! Soll ich dir hunderttausend Gulden schicken, Mit ihrem schönen, reinen Goldgewicht? Ja, ich will dir hunderttausend Gulden schicken, Allein, mein liebes Kind, ich hab' sie nicht! Ein solches Gedicht ist gewiß sehr sentimental, allein was ist es gegen die trockene Quittung: »Für Herz und Hand des Fräuleins so und so zahle ich dato Hochzeitstag ein Nadelgeld von jährlich zehntausend Gulden.« Die Geldeskraft, die bringt eine Morgengabe, die Geisteskraft aber und die Liebeskraft, die sagen nur stets, wenn die Frau eine Gabe begehrt: Morgen! Die Geldeskraft braucht eine Aussteuer, aber bei der Geisteskraft ist's mit der Steuer aus! Die Geldeskraft bringt eine Mitgift, die Geisteskraft bringt bloß Gift mit, die Geldeskraft setzt ein Nadelgeld aus, die Geisteskraft sitzt auf Nadeln, wenn man von Geld spricht. Die Geldeskraft ist die Federkraft in der großen Weltenuhr. Ich meine nicht die Federkraft von Schriftstellerfedern. Die Federkraft ist jene Kraft der Dinge, vermöge welcher sie nach jedem Druck und Stoß ihre vorige Lage wieder einnehmen, und diese Federkraft ist namentlich den Schriftstellern eigen: wenn Gönner und Mäcene sie auch aus ihrer Lage reißen, sie fallen immer wieder in ihre Lage zurück, das ist die Elastizität des Geistes! Di Federkraft beweist sich auch als Liebeskraft, zum Beispiel ein Mann, welcher Straußfedern schenkt, ist liebenswürdiger – als einer, welcher Maraboutfedern schenkt. Am meisten Kraft besitzen die Gansfedern. Jede Feder hat eine sogenannte Seele in sich; darum, wenn unsere jungen Herren bei der Gans keine Seele finden, trösten sie sich mit der Seele, die sie mit ihren Federn bekommen. Die Feder gehört bei dem Mann in die Hand, bei der Frau auf den Kopf, bei dem Manne hinters Ohr, bei der Frau auf das Ohr. Der Mensch, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, sollte gar nie an einer Gans vorübergehen, ohne den Hut abzunehmen und zu sagen: »Ich empfehle mich Ihnen gehorsamst!« In jeder lebendigen Gans steckt eine große Autographensammlung, in jedem Gänseflügel steckt der nächste Zeitgeist, und eine gebratene Gans ist doch nichts als die Witwe von verschiedenen Schriftstellern! Die Frauen haben jetzt mehr als je sich in der Federkraft versucht, sie schreiben fast alle, das schadet nichts, sie lassen's auch drucken, das schadet auch nichts, sie lassen sich auch rezensieren, das schadet auch nichts, aber sie lesen auch, was sie geschrieben haben, und da sie nur schreiben, was sie gelesen haben, so schadet's nichts, wenn sie wieder lesen, was sie geschrieben haben! Im Grunde, sagt man, ist es ungerecht, daß man gegen das Schriftstellern der Frauen so eifert. Es gibt so viele Frauen, die sich ihre Hauben selbst machen, andere, die sich ihre Kleider selbst machen, wieder andere, die sich ihre Chemisetten selbst machen, warum soll es nicht auch Frauen geben, die sich ihre Makulatur selbst machen?! Mit dieser Federkraft haben die Frauen mehr als Menschenkraft! Menschenkraft, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen! Man braucht zu den jetzigen Menschen unmenschliche Kraft! Der Mensch wird von lauter Schwachheiten großgezogen! Wie an einem einzigen Druckfehler vier Menschen arbeiten müssen: der Schriftsteller, der Abschreiber, der Setzer und der Korrektor, so müssen an jedem Menschen vier Dinge arbeiten, bis er seine Menschenkraft erprobt, ob sie nicht stecken bleibt: die Jugend, das Alter, das Glück und das Unglück! Die Jugend, das Kinderhäubchen des Lebens, das Alter, die Trauerschleppe des Lebens, das Glück, das Ballkleid des Lebens, und das Unglück, der Haus- und Schlafrock des Lebens. Der Tod, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, hat bloß eine Sense, mit dieser mäht er die Zeit auf einmal ab, aber das Unglück hat eine Sichel, und sie mäht jede Minute des Lebens und jeden Halm der Menschenkraft einzeln und nach und nach ab! Jedes Glück kommt allein und auf einen Sprung, aber jedes Unglück kommt mit Ober- und Untergewehr und bringt einen langen Einquartierungszettel mit und ein paar Kameraden, die es auch eingeladen hat! In dem Leben, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, ist es umgekehrt, wie in der Mythologie; in der Mythologie gehen die Glücksgötter und die Grazien zusammen und die Dämonen allein, im Leben wandern die heitern Götter allein und die Dämonen scharenweise. Das Schicksal sucht sich die Menschen nicht aus, wenn es seine Süßigkeiten bietet, es füttert die Kanarienvögel und die Elefanten mit Zucker, aber es sucht sich die zartesten Herzen, die weichsten Herzen, die feinsten Gefühlsfäden, die empfindsamste Brust aus, wenn es seine Bitterkeiten bietet, wie das Gallus-Insekt sich nur an die zartesten Blätter ansetzt! Und dennoch sind im Glücke schon edlere Menschenkräfte untergegangen als im Unglück, so wie auf dem Wasser schon mehr Menschen verdurstet sind als auf der Erde! Der Glückliche findet sich in dem Himmel, der Unglückliche findet seinen Himmel in sich! Der Unglückliche, der zu seiner Menschenkraft die Glaubenskraft paart, sieht überall den Himmel wie die Sonne, im Meer, im Strom, in der Wolke, im Regenbogen, im gebrochenen Augapfel und in der brennenden Thräne! Ja, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, die zerschlitzten Lebenshimmel sind die schönsten, die zerrissenen Herzen wie die zerrissensten Trauben die vollsten und das stürmischste Leben wie die stürmische See am erhabensten. Ja, Menschenkraft, Liebeskraft, Glaubenskraft und Geldeskraft wird nur im Unglück erprobt! Im Glück ist keine Rose ohne Dornen, aber im Unglück kein Dorn ohne Rose! In dem Sonnenschein des Glückes bekommt jedes Gefühlfensterchen im menschlichen Herzen hölzerne Läden aus Unglauben von außen und finstere Rouleaus aus Selbstsucht von innen; im Unglück aber macht die Brust alle Thüren und Fenster auf zum Durchzuge des höhern Strahles, zur Aufnahme des reinen Lichtes! Die glücklichen Menschen setzen ihre Glückslichter nur auf, wie die Schiffe bei Nacht, daß sie nicht aneinander geraten sollen, die Unglücklichen hingegen stecken ihre Zeichen auf wie die Perlenfischer, daß sie sich zusammenhalten und finden, wenn's not thut! Ja, im Unglücke beweist sich Liebeskraft und Glaubenskraft: und die Geldeskraft? Ja, die Geldeskraft besteht ja eben darin, daß sie die Glaubensartikel als Handelsartikel betrachtet und die Liebesdienste als Sklavendienste! Wenn das Geld lange bei den Menschen ist, wird das Geld zum Menschen und der Mensch zum Gelde! Es ist sonderbar, die meisten Narrenhäuser sind da, wo die meiste Vernunft ist, die größte Sklaverei ist da, wo die Zeitungen die meiste Freiheit haben, und die größte Geldschwäche ist da, wo die meisten Geldkräfte sind! So wie die Herren der Zeit oft die Sklaven der Minute sind, so sind die Herren von Millionen oft die Sklaven von Einem Kreuzer! Ja, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, ein Laster wird bald ausgerottet sein, der Undank, man gibt keine Gelegenheit dazu! Die Geldeskraft, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, macht alle andern Kräfte zu Wasser und zu Dampf oder zu Wasserkraft und Dampfkraft. Menschen und Wasser, wenn sie sich über Gebühr ausdehnen und breit machen, entwickeln Dampf, und dieser Dampf ist jetzt die Kraft, mit welcher man der Geisteskraft, der Menschenkraft, der Pferdekraft und allen andern Kräften zeigt, auf welchem einfachen Mechanismus die Kunst beruht: stecken zu bleiben. Man braucht jetzt kein anderes Motiv, zu reisen, und kein anderes, stecken zu bleiben, als ein Loko-Motiv. Warum heißt es Lokomotiv? Weil diese Maschine immer ein Motiv findet, nur in Loko zu bleiben! Auf der großen Eisenbahn vom Leben zum Tode heißt jetzt das neueste Lokomotiv: Wasser! Der Tod ist ein großer Müller, der die Menschen alle einsackt, und die Hydropathie ist Wasser auf seiner Mühle! Eine solche Wasserkur ist gerade wie ein modernes lyrisches Gedicht, im Anfang wird man ganz heiß, man gerät in eine sentimentale Transpiration, und am Ende wird man wie mit kaltem Wasser übergossen! Es gibt Fälle, in welchen das Wasser Wunder wirkt, das sind die seltenen Wasserfälle der Natur, die sich alle unter die Erde verlieren! Viele Menschen haben jetzt nichts als Wasser im Kopf, und sie sind nicht sicher, daß bei großer Kälte das Wasser gefriert, und bedenken Sie, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, das sonderbare Gefühl, wenn man mit einem Eisstoß im Kopf herumgeht! Da sind die Gedanken schön eingefroren, und wenn im Frühjahr der Eisstoß im Kopf aufgeht, ist wieder große Wassernot! Jeder Staat, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, hat sein Wasserregal, das Recht, alle stehenden und fließenden Wasser im Lande für den Fiskus zu benutzen; welches Regal bezieht der Staat vom Wasser im Kopfe? Freilich ist schon das ein Regal, daß da, wo Wasser ist, keine Gedanken sind, allein in so einem Wasserkopf können doch Schleusen, Mühlen angelegt werden, und wenn auch das nicht, so kann er doch zum Stockfischfange dienen. Der Himmel und die Ärzte arbeiten sich in die Hände; der Himmel hat aus der Erde den Menschen gemacht, der Arzt macht den Menschen wieder zur Erde, die der Himmel wieder zu Menschen macht; alle mißlungenen Kuren kommen nur daher, weil die Ärzte manchmal nicht wissen, aus welcher Erde der Himmel gerade diesen Menschen gemacht hat, und sie behandeln zum Beispiel einen Menschen, den der Himmel aus Kieselerde gemacht hat, wie einen Menschen, der aus Talkerde gemacht worden ist, – Die Hydropathen aber sagen so: der Mensch ist aus der Erde gekommen, die Erde ist aus dem Wasser gekommen, so soll der Mensch wieder durchs Wasser zu Erde werden! Sie wünschen wahrscheinlich, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, daß auch dieses Wasser schon verlaufen wäre, allein ich wollte Ihnen einen Beweis von der verheerenden Kraft des Wassers geben, sogleich soll bei diesem Wasser das laufende zu einem stehenden werden. Nun bleibt uns noch Eine Kraft, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, die »Gähn- und Nieskraft«! Wenn ein Mensch auch in gar nichts originell ist, so ist er's doch in der Art und Weise, wie er gähnt und niest! Das Niesen ist das manu propria der Nase! Ich will, wenn ich jemanden niesen höre, sogleich wissen, wieviel Geld er in der Tasche hat! Ein Millionär niest wie ein Donnerwetter, ein armer Schlucker niest wie ein Eichkätzchen. Ein reicher Mann bekommt auf sein Niesen sogleich von der ganzen Welt bare Bezahlung: »Zur Gesundheit!« Wenn ein armer Mann niest, bekommt er bloß eine Anweisung: »Helf´ Gott!« »Zur Gesundheit!« sollte man einem armen Mann auch nie sagen, denn zur Gesundheit braucht man gerade alles das, was ein armer Mann nicht hat. Manche Männer haben wahre Pianoforte-Nasen, auf dem rechten Flügel niesen sie Diskant, auf dem andern Baß, sie niesen mit einer übermenschlichen Kraft, es sind die Liszts auf den Nasen! Die Frauen niesen alle Adagio, aber man sieht's ihnen lange früher an, ihre Nase macht erst fünf Minuten Toilette! Das Niesen entsteht von dem Reiz, den ein Gegenstand auf unsere Augen hervorbringt; wenn ein Frauenzimmer also in unserer Gegenwart niest, so spricht ihre Liebe durch die Nase. Die Gähnkraft, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, beruht auf Sympathie: auf der Wechselwirkung verschiedener Organe; wenn ich zum Beispiel, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, mit meiner Vorlesung noch lange fortfahre, so dürften mir die Beweise Ihrer schmeichelhaften Sympathie nicht ausbleiben, und wenn ich noch lange fortfahren würde, würden Sie auch fortfahren. Ich will also alle Kräfte anspannen und dann gewiß für immer stecken bleiben! Die Jugendkraft mit ihrem frischen Lebenskranze     Entflieht mit ihrem süßen Wonnesein, Das Lebensfrührot, das mit mildem Glanze     Und mit des Frühlings süßem Blumenschein Uns einlud zu der Jahre buntem Tanze     Und zu der Horen leichtgeschlungnen Reihn, Entflieht, uns bleibt ein Ast verblühter Bäume, Ein mattes Nachspiel goldner Morgenträume! Die Liebeskraft, des Herzens ungelöste Frage,     Des Daseins honigsüße Bitterkeit, Des Lebens Märchen und des Herzens Sage,     Des Fühlens duftgefüllte Blütenzeit, Das Leid voll Lust, die Lust voll Klage,     Der Seele sterngesticktes Ätherkleid, Entflieht, uns bleibt die saitenlose Leier, Ein weinend Herz, gehüllt in Witwenschleier! Die Geisteskraft, die höchste Göttergabe,     Der Funken, den der Mensch vom Himmel stahl, Das Goldband an dem Erdenpilgerstabe,     Der Nachtbesuch aus hohem Sternensaal, Die Blume an dem öden Daseinsgrabe,     Das holde Echo in dem engen Lebensthal, Entflieht, uns bleibt ein Rest von dürren Garben, Aus dem geschieden ist der Reiz von Dust und Farben! Die Hoffnungskraft auch, dies Geschenk von Göttern,     Der Regenbogen auf des Schicksals schwarzem Grund. Das Gaukelkind mit seinen Lotosblättern,     Der Zukunft trostbegabter Göttermund, Das Feendach in allen Lebenswettern,     Das Märchenlied zu jeder stillen Stund', Entflieht, uns bleibt ein Holzgerüst im Dunkeln, Auf dem das Feuerwerk will nicht mehr funkeln! Die Glaubenskraft allein, der fromme Glaube,     Des öden Daseins einz'ger Himmelsbot', Des Erdengartens stille Endenlaube,     Des ew'gen Tags diesseitig Morgenrot, Des Herrenweinbergs allerschönste Traube,     Des Lebensabendmahles Wein und Brot, Der Glaub' allein bleibt uns auf unsern Pfaden Durchs schwarze Thor ins Morgenland der Gnaden! Die sieben alten Weisen als sieben moderne Narren. Gehalten zum Besten »der grauen Schwestern« im Josephstädter Theater. Die Weisheit, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, besteht im Schweigen und Wissen. Wenn ich nun schweigen wollte, so würden Sie wissen, daß ich ein – Weiser bin. Ein Weiser ist jemand, der einem etwas weist. Ein Weltweiser ist wie ein Wegweiser. Der Wegweiser sagt: »Das ist der Weg!« ohne daß er ihn selbst geht; ein Weltweiser sagt: »Das ist die Welt!« er selbst aber hat gar keine Welt. – Ein Weltweiser ist wie ein Uhrweiser, er will der ganzen Welt weisen, was an der Zeit ist, wenn es aber um und um kommt, so steht er auf demselben Punkt, von dem er ausgegangen. Die Weisheit besteht aus: Weltweisheit, Schulweisheit und Lebensweisheit. Früher ging die Welt in die Schule des Lebens, jetzt sucht das Leben die Welt in der Schule, darum tritt man aus der Schule ohne Welt in das Leben. Die Griechen waren die ersten Philosophen der Welt, sie konnten es auch leichter werden als die Deutschen, denn sie brauchten weder griechisch noch deutsch zu lernen. Früher, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, ging die studierende Jugend aus schweren Prüfungen über in die Philosophie, jetzt geht unsere studierende Jugend aus der Philosophie zu schweren Prüfungen über. In Griechenland wurden Philosophie und Medizin verschmolzen, bei uns sind sie getrennt; die Philosophie bebauet den Acker Gottes, die Medizin den Gottesacker. Die Philosophie und die Medizin drücken dasselbe in verschiedenen Worten aus. Die Philosophie sagt: der Mensch soll nur nicht viel ausgeben; die Medizin sagt: der Mensch soll nur viel einnehmen. Der Tod schreibt zweimal an den Menschen, einmal durch die Philosophie, um ihn auf seine Ankunft vorzubereiten, aber er bestimmt weder den Weg noch die Stunde der Ankunft, sondern schreibt: »Das Nähere werde ich Dir durch die Medizin melden!« dann schreibt er durch die Medizin und bestimmt die Zeit und die Art der Ankunft, ob er auf der Achse kommt, das heißt auf der Achse, um die sich die Medizin dreht, nämlich die Apotheke, oder, ob er zu Wasser kommt, nämlich durch die – Hydropathie. Jeder Schmerz im Menschen, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, wird auf dreierlei Weise kuriert, allopathisch, hydropathisch und homöopathisch; allopathisch durch – Gesellschaft, hydropathisch durch – Thränen, homöopathisch durch – Einsamkeit. Die Einsamkeit ist die Homöopathie des Geistes und des Herzens. Eine große Gesellschaft ist wie eine allopathische Apotheke; man findet in ihr von allen Mitteln sehr viel, nur von den – Geistern sehr wenig. Die Philosophie, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, ist ein Frauenzimmer; wenn sie keinen Grund mehr anzugeben weiß, fällt sie in – Ohnmacht. Die Philosophen bewegen sich in einem ewigen Zirkel, und dennoch, wenn sie in einen ordentlichen Zirkel kommen, so wissen sie sich nicht zu bewegen, sondern sie verstecken sich da in alle vier Winkel und suchen so die Quadratur des Zirkels. Die Weisen suchen die Wahrheit, die Narren reden die Wahrheit, wer ist nun mehr Narr? Der Weise, der etwas sucht, das jeder Narr ausplaudert, oder der Narr, der das ausplaudert, was die Weisen verschweigen? Sind die Weisen nicht rechte Narren, daß sie etwas suchen, bei dem der redliche Finder bestraft oder gebeten wird, es für sich zu behalten? Wenn die griechischen Weisen jetzt lebten, wir würden sie alle für Narren halten. Wenn jetzt zum Beispiel Diogenes mit einer Laterne herumginge, um einen Menschen zu suchen, so würde man ihn, unnützen Lebenswandels wegen, aus dem Schub fortschicken. Im neunzehnten Jahrhundert fand man nur einen Menschen – Kaspar Hauser. – Diogenes hat seine Weisheit alle Tage aus demselben Fasse gezapft, unsere Philosophen zapfen alle Tage aus einem andern Faß. Unsere Philosophen philosophieren folgendermaßen: »Die Weisheit sucht die Wahrheit, die Wahrheit liegt im Wein, der Wein liegt im Faß, das Faß liegt im Keller, folglich muß man die Philosophie aus dem Keller holen. Es ist sonderbar, unsere Philosophen holen vom Wein und von der Wahrheit immer nur eine Halbe, und bekommen von beiden doch am Ende im gleichen Maße nur einen Nebel. Die Heidelberger Philosophie ist deshalb so groß, weil das Heidelberger Faß so groß ist. Darum sind unsere Kellner wahre Philosophen, denn die Philosophen verlangen von den Menschen immer mehr, als sie eigentlich schuldig sind. Es ist sonderbar, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, mit unseren Philosophen, sie suchen in jedem Felde neue Wahrheiten, aber immer im alten Weine, und nur in einem Felde suchen sie die alte Wahrheit im neuen Wein, nämlich im Heurigen, im Lerchenfeld. Der Weise Bias, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, war zu seiner Zeit auch kein Narr, er hatte zwei Sprüche, nämlich: »Lebe in beständiger Todesfurcht«, und: »Von deinem Freunde borge so spät als möglich Geld!« Herr Bias macht sich lächerlich, seine beiden Sprüche heben sich gegenseitig auf, denn eben weil man alle Augenblick fürchten muß, jetzt stirbt mein Freund, muß man sich so schnell wie möglich Geld von ihm ausleihen. Es gibt nur eine große Schule des Schweigens, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen: den Tod, es gibt nur eine große Schule der Beredtsamkeit: das Schuldenmachen, und es gibt nur eine große Schule der Selbstverleugnung, das Schuldenbezahlen, denn da läßt man sich alle Augenblicke selbst verleugnen. Von den Toten soll man nichts als Gutes reden. Den berühmten Menschen gönnt man nur deshalb ewiges Leben, damit man ihnen nie etwas Gutes nachzusagen brauche. Das Lob, der Ruhm und die Anerkennung sind die Pensionen des Talentes, aber es ist mit ihnen umgekehrt wie mit andern Pensionen, man genießt sie selten im Vaterlande. Die Philosophie, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, sagt, man soll den Blick zur Erde senken, das ist aber das Unglück im Leben. Wenn der Mensch den Blick nur zum Himmel erheben würde, so würde er bei jedem Todenfalle ersehen, daß sich die Erde unter uns nie öffnet, ohne daß sich auch der Himmel über uns öffnet. Es ist keine Kunst, den Ball gegen den Himmel zu werfen, aber es ist eine Kunst, ihn aufzufangen, bevor er zur Erde fällt. Es ist kein Verdienst, den Blick gegen den Himmel zu werfen, aber es ist ein Verdienst, wenn der Himmel diesen Blick zurückweist, diesen Blick nicht in die Hölle fallen zu lassen. Der weise Periander sagt: Zwei Dinge sind schwer: »Geheimnis bewahren, und Frau bewahren!« Periander war auch nicht recht gescheit, sonst würde er gesagt haben: »Bewahre das Geheimnis vor der Frau, so ist es wohl bewahrt!« Aber wie man ein Geheimnis vor einer Frau bewahrt, das eben ist das große Geheimnis, und warum uns der weise Periander dieses Geheimnis verschwieg, das ist sein Geheimnis! Wenn jemand von etwas sagt: »Das kann ich nicht sagen!« so fängt er schon an, es zu sagen; wenn jemand sagt: »Das kann ich nicht glauben!« fängt er schon an, es zu glauben, und wenn jemand sagt: »Ich besitze eine Geliebte, ich besitze ein Geheimnis!« der hat beide schon halb verraten. – Wer ein Frauenzimmer gewinnen will, der sage ihr nur: »In mir liegt ein großes Geheimnis, ich bin bloß sein Futteral, aber ich gebe das Geheimnis ohne Futteral nicht her.« – Dann nimmt das Frauenzimmer wegen des Geheimnisses auch das Futteral. Die Frauen machen gerne aus ihrem Herzen ein Geheimnis, die Männer machen gerne aus ihrem Magen ein Geheimnis. Jede Frau will haben, daß der Mann ihr Herz erraten soll, jeder Mann will haben, daß die Frau seinen Magen erraten soll. Jeder Blick des Mannes soll sagen: »Herz, mein Herz, was willst du haben?« jeder Blick der Frau soll sagen: »Magen, mein Magen, was willst du haben?« Auch im Erraten unterscheiden sich die Frauen zu ihrem Vorteil von den Männern. Die Männer erraten die Menschen nur, wenn sie sie hassen, die Frauen, wenn sie sie lieben. Unsere Männer machen es mit den Frauen wie die Rezensenten mit den Büchern; sie beurteilen sie, ohne sie zu kennen; die Frauen machen es mit den Männern auch wie mit den Büchern, sie überschlagen das ganze Buch und wollen bloß sehen, wie die Sache ausgeht. Im Herzen der Frauen ist die Liebe Hausfrau, sie wird nicht gesteigert und bleibt wohnen, im Herzen der Männer wohnt die Liebe zur Miete, sie steigern sie so lange, bis sie ganz auszieht. – Die Männerherzen sind wie große Armeen, wenn sie vorwärts marschieren und im Siege begriffen sind, werfen sie sich nur auf Hauptplätze und große Festungen; wenn sie im Rückzuge begriffen sind, nehmen sie jeden Gänsestall mit. Unsere liebenden Jünglinge sind wie die Brathühner; wenn sie so recht gebraten sind, so tragen sie auswendig unter einem Flügel den Magen, und unter dem andern das Herz und die Leber; inwendig aber sind sie leer. Die Männer sind selbst in der Liebe ein bißchen grob, die Frauen sind selbst im Hasse artig. Ein Frauenzimmer ist wie ein Brief: wenn ein Brief auch noch so grob ist, so fängt er mit einem Kompliment an und hört mit einem Kompliment auf. Wenn das ganze Frauenzimmer auch sonst gar nichts von uns wissen will, den Kopf und den Fuß zeigt sie uns immer gerne von der schönsten Seite. Die Ehe selbst betrachten die Frauen als das letzte Avancement der Liebe, bei den Männern hingegen wird in der Ehe die Liebe bloß mit erhöhtem Charakter in Ruhestand gesetzt. Was die Männer an den Flitterwochen abgekürzt haben, das haben sie an den Flegeljahren zugelegt. Jede Partie ist vor der Heirat eine einfache Partie, nach der Heirat wird eine Partie à la guerre daraus. Bei dieser Partie gewinnt aber der, der sich am ersten verlauft. Es gibt Mädchen, gegen die das Schicksal nun einmal durchaus Partie genommen hat; wollen sie eine Landpartie machen, so regnet es, wollen sie eine Schlittenpartie machen, so taut es, wollen sie eine Whistpartie und eine Partie überhaupt machen, fehlt ihnen der Mann und Strohmann; aus Überdruß ergreifen sie endlich die eigene Partie und machen alle zusammen eine Konterpartie gegen das Schicksal und gegen die Männer, das heißt gegen ihre Schicksalsmänner und gegen ihr Männerschicksal. Die Ehe ist das Grab der Liebe, sagt man; das ist ganz richtig, denn jeder bekommt sogleich sein Kreuz; allein auf diesem Grabe kann man nicht lesen: »Hier ruhen sie!« Gegen die häuslichen Leiden der Frauen gibt es keine heilenden, aber doch schmerzstillende Tropfen: die Thränen, und gegen die häuslichen Leiden der Männer gibt es nur ein großes Heil- und Linderungspflaster: das – Straßenpflaster. Ein anderer Weiser, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, Pittakus, sagt: »Handle recht und schließe mit der Zeit ab!« Wenn der weise Pittakus auf die Börse gegangen wäre, so würde er gesehen haben, daß der nicht recht handelt, der auf Zeit abschließt. – Allein Pittakus ging nicht auf die Börse, und darum allein war er schon der weise Pittakus. Die griechische Weisheit bestand in »viel Wissen und wenig Handeln!« Unsere Weisheit besteht darin: von nichts wissen und mit allem handeln! – Die ganze Welt scheint jetzt aus der Schule des Aristoteles zu kommen, denn der weise Aristoteles lehrt: »Die höchste Blüte der menschlichen Vernunft ist die Spekulation.« Pittakus, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, hat gut sagen: »Schließe mit der Zeit ab!« denn zu seiner Zeit hat es noch keinen Zeitgeist gegeben, jetzt aber hat jeder Tag vierundzwanzig Stunden und vierundzwanzig Zeitgeiste, und der Geist läßt sich nicht abschließen. Die Zeit wird jetzt nicht von der Mutter: »Weisheit«, sondern vom Papa: »Geist« erzogen, und man weiß, daß Töchter, die von Vätern erzogen werden, selten gut erzogen sind. Die Zeit ist die Kuriositätenkammer des Lebens: die Vergangenheit ist das – Naturalienkabinett, in ihm stehen die versteinerte Geschichte, die ausgestopften Erfahrungen und die Skelette großer Thaten. Die Gegenwart ist die camera obscura unserer Wünsche und Hoffnungen, und die Zukunft ist das Schattenspiel der Phantasie. Es gibt eine bestimmte und eine unbestimmte Zeit, einen bestimmten und einen unbestimmten Geist; das Unglück bei unserem Zeitgeiste aber ist, daß immer zu bestimmten Zeiten ein unbestimmter Geist das Wort führen will! Ein anderer Weiser, Thales, hat zwei Sprüche: »Kenne dich selbst« und »Ich trage alles bei mir!« Wenn man alles bei sich trägt, kann man sich leicht kennen lernen, denn dann trägt man auch sein Ich bei sich. Bei uns aber ist unser Ich sehr oft zerteilt, ein Teil von unserem Ich haben wir zu Haus in Bankaktien liegen, ein anderes Stück von unserem Ich liegt in der Sparkasse, noch ein Teil von unserem Ich wird erst drei Monat nach dato zahlbar, wie sollen wir da unser Ich kennen lernen? Wenn wir die gesprochenen Worte sehen könnten, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, so würden wir sehen, daß jeder Mensch das Ich mit einem großen I ausspricht, und das Du mit einem kleinen D. Überhaupt, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, wenn man zu jemand so recht vom Herzen du sagt, so macht man sein Ich fett, wer aber so recht vom Herzen ich sagt, der läßt das Du verhungern. Ein anderer Weiser, Solon, sagt: »Man lobe niemand seines Reichtums halber.« Herr Solon wird erlauben, daß ihn die Journalisten etwas auslachen. Die Devise der Journalisten ist: »Lobe jeden des Reichtums halber!« nicht so sehr, weil er reich ist, sondern damit sie reich werden. Im Grunde aber loben unsere Journalisten gewiß nicht des Reichtums halber, denn sie loben ja am meisten sich selbst. Die Journale gleichen darin den Uhren, daß sie meistens repetieren, allein bei den Uhren erkennt man an ihrem Picken, daß sie gehen; wenn aber die Journale untereinander zu picken anfangen, so ist das ein Zeichen, daß sie nicht gehen. An nichts existiert jetzt ein solcher Reichtum, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, als an – Witz, und man kann annehmen, daß in einer Gesellschaft von acht Personen neun Klavier spielen und zehn witzig sind. Wenn einer aber wirklich witzig ist, so werden alle schlechten Witze auf seine Firma gemacht, es geht ihm mit dem Witz wie Maria Farina in Köln mit dem Kölner Wasser, wo nur schlechte Kölner Wasser gemacht werden, hat sie alle Maria Farina gemacht! Der Witz aber ist oft ein sehr nötiges Lebenselement, zum Beispiel in der Ehe, denn der Witz besteht in der Kunst, zwei widersprechende Gegenstände zu vergleichen. Das Unglück in dem Witz der Ehe ist nur das, daß bei den Frauen der Witz kommt, wenn der Mann ausgeht, und bei dem Manne der Witz ausgeht, wenn die Frau kommt. Die meisten Journalisten und Kritiker, die witzig sein wollen, vergessen, daß der Witz bloß eine Schlittenpeitsche ist zum Knallen, und keine Fuhrmannspeitsche zum – Zuschlagen. Viele Journalisten und Rezensenten sind wie die Kakadus, sie ziehen die Klaue ein, wenn sie gefüttert werden, und drücken ein Auge zu, wenn sie zu trinken bekommen. Die witzigen Rezensenten sind wie die Mädchen, sie lachen bloß, um zu zeigen, daß sie Zähne haben, sie beißen aber nur dann, wenn sie nichts zu beißen haben. In der Kritik ist es umgekehrt wie in der Medizin. In der Medizin erregt die Ochsengalle den Hunger, in der Kritik erregt der Hunger die Ochsengalle. Viele Kritiker betrachten die Künstler wie Schafe, sie geben ihnen statt Futter – Salz, und dennoch behandeln sie sie auch umgekehrt wie die Schafe, denn wenn man die Schafe scheren will, wäscht man sie erst, wenn die Kritiker die Künstler scheren wollen, so waschen sie sie gar nicht. Ein guter Satiriker überhaupt ist wie ein gutes Tranchiermesser, je schärfer seine Schneide ist, desto breiter muß sein Rücken sein! Der wahrhaft Witzige muß sein wie das Weltmeer, wenn er lacht, müssen sich die goldenen Sterne in ihm abspiegeln, und wenn er stürmt, muß er seine Wogen gegen den Himmel tragen. Leider gleichen viele nur darin dem Weltmeere, daß sie bloß wässerig und gesalzen sind. Das Weltmeer bringt uns noch zu einem Weltweisen, zu Cleobulus. Cleobulus sagt: »Das Meer ist falsch, die Erde treulos, auf den Himmel bau!« Cleobulus würde von unsern Baumeistern schön ausgelacht werden! Alle Menschen bauen auf der Erde, und wie wenige bauen auf den Himmel, und das mit Recht, denn die Einwohner auf der Erde nehmen zu, die Einwohner in dem Himmel nehmen ab, und ich glaube gewiß, es stehen im Himmel jetzt viele Quartiere leer. Der Mensch baut lieber auf die Erde, weil er da gleich Geld darauf geliehen bekommt, der Himmel aber beschenkt, bezahlt den Menschen, aber er borgt ihm nichts. Auf die Erde zu bauen, ist bei den meisten Menschen jetzt Grundsatz geworden, das heißt, wie sie einen Grund haben, nehmen sie auf den ersten Satz – Geld auf. Wie viel wohlfeiler, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, ist es, auf den Himmel zu bauen, als auf die Erde, denn der Himmel schenkt uns nicht nur den Baugrund, sondern er hat uns auch alle Baumateriale freigegeben. Diese Baumateriale sind: Tugend, Religion, Liebe, Dankbarkeit, Hoffnung, Vertrauen u. s. w. In uns und in unserm Innern befinden sich die Werkstätten, die Ziegelhütten und Brennöfen zu all diesen Baumaterialien: Glaube, Tugend, Hoffnung, Liebe, Dankbarkeit! Der Glaube ist der Grund des Gebäudes, je tiefer er in uns gegraben ist, desto fester stehen die Pfeiler, Die Tugend ist ganz allein die Karyatide, auf deren Schultern das Gebäude ruht. Das Laster hat Hilfstruppen im Menschen: Blut, Begierde, Nerven, Sinne; die Tugend kämpft ganz allein gegen die Überzahl. Darum ist es edel von uns, die Partei des Einzelnen gegen die Überzahl zu ergreifen. Der Haß im menschlichen Herzen ist ein Distelkopf, er sticht selbst mit der Blüte; die Liebe hingegen ist die Rose, selbst zerpflückt und gepreßt gibt sie duftendes Öl. Die Hoffnung, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, ist der Dorfjahrmarkt des menschlichen Lebens, es kommen ebenso viele Bettler hin als Vornehme, allein nur die Bettler berauschen sich, die Vornehmen gehen nüchtern von dannen. Die Wohlthätigkeit im menschlichen Herzen ist wie die segensreiche, herrliche, allwaltende Natur, ihre edelsten Werke schafft sie geheim, ihre Heilquellen erzeugt sie im tiefsten Busen, ihre funkelnden Steine schafft sie in der Nacht der Erde. So erzeugt die menschliche Wohlthätigkeit gerne still und geheim ihre Segensquellen und ihre geweinten Demanten des Dankes. Die Dankbarkeit ist das Echo der Liebe, sie tönt nicht aus flachen, sondern bloß aus erhabenen Herzen zurück, und doch ist sie nicht bloß ein Echo, denn sie gibt nicht wie die Luft bloß einen Teil des Empfangenen zurück, sondern sie erstattet es wie die Erde zehnfach wieder. Nur die Toten gibt die Erde nicht zehnfach zurück, und das ist das Glück, denn sonst könnte uns das Unglück passieren, daß uns die Erde die sieben Weisen Griechenlands plötzlich als siebzig Narren Deutschlands wieder erstehen läßt, und das würde uns sehr überraschen, denn unsere Philosophen sehen nicht bloß aus, als wenn sie aus der Erde kämen, sondern auch, als wenn sie vom Himmel gefallen wären. Ja, das ist gewiß besser, auf die Erde zu bauen, als auf den Himmel, denn wenn uns einmal das Gebäude im Himmel einfällt, so sind wir auf ewig verloren, auf der Erde hingegen ist es umgekehrt, manches Haus steht dann erst recht gut, wenn es zwei-, dreimal gefallen ist! Das Leben, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, stürzt uns also, nach Abschluß all dieser weisen und närrischen Betrachtungen, in die Luft, das Glück ins Feuer, das Unglück ins Wasser und der Tod in die Erde, Von dem Menschen in der Erde ganz allein kann man die beliebte Phrase unserer Kritiker mit Recht anwenden: »Er füllt seinen Platz ganz aus«, und wenn die Erde sagt: »Nehmen Sie gefälligst Platz«, so ist das keine leere Redensart. Das Wasser, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, behält keinen Toten, es wirft sie alle ans Ufer, die Erde behält auch keinen Toten, sie wirft sie alle ans Ufer. Wir sehen dieses Ufer nur nicht, denn dieses Ufer ist jenseits; der Strand des Himmels ist das Ufer der Erde, und an den Toten, welche die Erde an jenes Ufer auswirft, übt der Himmel sein Standrecht, aber der Himmel läßt Gnade vor Standrecht ergehen. Die Erde, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, ist die große Familiengruft der ganzen Menschheit, die Erde gibt dem Menschen wieder das Körnlein, das er in ihren Schoß gelegt hat, und sie sollte dem Himmel nicht wiedergeben die Menschen, die er in ihre Furchen gelegt? Der Winter, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, ist die große, traurige, stille Woche der Erde, nach welcher der Frühling kommt, dieses große Oster- und Auferstehungsfest, dann stehen alle Berge wie Osterberge, und alle Wälder wie Osterwälder, und alle Blumen wie Osterflammen. Man sagt: alles ist vergänglich auf Erden. Es ist nicht wahr, nichts ist vergänglich auf der Erde, nichts ist vergänglich in der Erde. Zur Bürgschaft, daß kein Ding kann ganz vergehen, Steht ewig da der große Schöpfungsdom, Die Welten, die am Himmel hoch sich drehen, Der tausend Sonnen nie versiegter Strom, Der Erde Pfeiler, die auf nichts bestehen, Und Mensch und Sonnenstäubchen und Atom, Das Weltmeer und der Tau am Blättersaume, Sie walten ewig fort im großen Raume. Ja, der Gedanke selbst in seiner engen Wiege, Den seine Schwester Vorsicht noch bewacht, Der stille Wunsch, wie tief er auch noch liege In unsres Herzens dunkler Dämmernacht, Die leise Hoffnung, mit der Furcht im Kriege, In tiefbewegter Brust kaum angefacht, Und jeder Ahnung leiser Geisterschauer Bekommen im Entstehen ew'ge Dauer, Denn Thaten nicht nur, sondern auch Gedanken, Noch nicht geboren aus des Denkens Schoß, Sie fordert Gott vor seine Richterschranken; Und Wünsche, kaum wie Schmetterlinge groß, Und Hoffnungen, die, noch kaum gebildet, schwanken Und sich dem Herzen zagend ringen los: Sie alle müssen, ohne zu vergehen, Der Ewigkeit zur ernsten Rede stehen. Und schneller, als durch Luft die Strahlen glühen, Entstehen die Gedanken in des Menschen Brust, Und heller, als aus Feuer Funken sprühen, Wird er der Flammenwünsche sich bewußt, Und enger, als im Meer Korallen blühen, Stehn in ihm Hoffnung, Zagen, Weh' und Lust, Und tiefer, als die Erde ihre Toten, Begräbt das Herz, was ihm das Herz geboten. Und grad' im Frühling, wenn die Blumenhore Die Krönungsmünzen auf die Erde streut, Wenn jede Wolke wird zum Nebelflore, Und jeder Nebelflor zum Strahlenkleid, Wenn jeder Seufzer wird zum Wonnechore, Wenn jeder enge Busen atmet weit, Wenn durch die Schöpfung geht ein zweites: »Werde! Legt man die meisten Menschen in die Erde. Da legt die Erde, bunt von Blütenfarben, Um ihren Sarg den großen Blumenkranz, Sie ruft die Blumen, die im Winter starben, Aus ihrer Gruft zum neuen Lebenstanz, So lehrt sie schweigend, daß am Tag der Garben, Am Tage, voll vom ew'gen Sonnenglanz, Sie einem großen ew'gen Frühlingsleben Die Toten wird wie Blumen wiedergeben! Stimmengewalt Prolog, gesprochen vom k.k. Hofschauspieler L. Löwe in Saphirs Akademie zum Besten »der grauen Schwestern«. Es tönen viel Stimmen mit mächtigem Klang Durchs irdische, menschliche Leben, Vom Lallen des Kinds bis zum Sphärengesang Ist allem hier Sprache gegeben; Als jauchzend die Welt sich dem Chaos entrang Mit freudigem, süßem Erbeben, Als strahlend der Dom sich des Äthers erbaut, Ertönte die Stimme der Allmacht schon laut. Es sprechen die Himmel durch Sterne, so hell, Durch rollende, flammende Sonnen; Die Erde, sie spricht in geschwätzigem Quell, Im Bergstrom, dem Felsen entronnen, Im Schmelze der Wiesen, im Blumenpastell, In Blättern, als Zungen gewonnen, Und wenn sie erbeben, da spricht sie ganz laut: Daß Menschen zu viel auf die Erde vertraut. Es spricht auch die Luft, wenn sie Ingrimm erfüllt, In Sturmwinds verheerendem Wüten; Es spricht auch die Luft, wenn ihr Zorn gestillt, Im Säuseln der Zweige und Blüten; Es spricht auch die Luft, wenn sie sanft ist und mild, Aus Harfen, die Seufzer ihr bieten, Und wenn sie im Donner den Himmel umgraut, Dann spricht sie als Stimme der Mahnung ganz laut. Es sprechen die Wasser im rieselnden Bach, Mit Blumen und Steinchen am Strande, Aus murmelndem Quell spricht ein fröhliches »Ach«, Wenn Frühling gelöst seine Bande, Die Orgel des Weltmeers wird fürchterlich wach, Wenn Sehnsucht die Flut jagt zum Lande, Aus Flut und aus Ebbe auch spricht es ganz laut, Daß niemand die heimlichen Kräfte durchschaut. Es spricht auch die Hölle im menschlichen Blick, Der zuckend umherirrt im Raume, Es spricht auch der Schutzgeist vom Menschengeschick In Ahnung, in Mahnung, im Traume; Es spricht auch die Schuld, die heimliche Tück', Durch Wangen, die bleich bis zum Saume. Und durch das Erröten spricht lieblich und laut Die Stimme der Unschuld in Mädchen und Braut, Ein Knabe erscheinet mit goldenem Haar, Von Bergen in Thäler gesprungen, Schmückt jeglichen Hügel zum Opferaltar, Mit Blütenguirlanden umschlungen, Er macht aus den Blumen sich Glocken sogar, Bevölkert die Wälder mit Zungen, Die Stimmen der Schöpfung, sie jubeln ganz laut: »Es hat sich die Erde dem Frühling getraut.« Der Schmetterling hängt an der Blume Gewand, Die Biene will Blütenmost nippen, Die Nachtigall zärtlich ihr Lied sich erfand, Dem Tau öffnet Rose die Lippen; Von innigem Drange, von Sehnsucht entbrannt, Schmiegt weich sich das Moos an die Klippen, Und Strahlen, wie Lieder herunter getaut, Erwecken die Stimme der Liebe ganz laut. Ein herrlicher Klang noch durchdringet die Brust, Ein Klang, drin das Weltall erzittert, Und jegliches Herz ist des Klangs sich bewußt, Und wär' es mit Eisen umgittert, Es tönt auf dem Schlachtfeld mit eherner Lust, Wenn Leben an Leben zersplittert, Wenn Helden umarmen die eiserne Braut, Erschallet die Stimme der Ehre ganz laut. Und noch eine Stimme die Vorsicht uns gab, Ihr Wohlklang ist nimmer zu schildern, Wo menschliches Richten gebrochen den Stab, Da steht sie, das Urteil zu mildern; Sie tönt uns zur Seite bis Bahre und Grab, Sie läßt uns das Herz nicht verwildern, Wie glücklich, wer diesem untrüglichen Laut Der Stimme des Innern mit Glauben vertraut. Die weicheste Stimme, so mild und sonor, Sie fließet vom Himmel hernieder, Sie windet sich schmeichelnd durchs menschliche Ohr Und klinget im Herzen dann wieder, Wir hören ein Tönen, wie nie noch zuvor, Ein Echo der innigsten Lieder, Wie Nachtigallbitte zur Nachtigallbraut, Dringt Stimme des Mitleids zum Herzen so laut. Und wie an dem Trostwort aus zärtlichem Mund Ein Schmerz sich erquicket, ein stummer, Und wie an der Wiege zur nächtlichen Stund' Die Mutter ihr Kind singt in Schlummer, Und wie an dem Ton, der die Heimat gibt kund, Das Heimweh zerfließt und der Kummer, So mild wird das Weh und zerfließet und taut, Wo Stimme des Mitleids beglückend wird laut! Die Stimme des Mitleids rief euch hieher, Es hat euer Herz sie vernommen, Von Kunst und Talent bringen heute wir her, Was wir von der Vorsicht bekommen, Das Wenige macht schon der Himmel zu mehr, Bringt man's nur der Menschheit zu Frommen, Ein Hauch für die Menschheit, dem Himmel vertraut, Kehrt wieder als Stimme der Gnade ganz laut! Luft, Feuer, Wasser, Erde, oder: Die Vier Erdenelemente und noch ein Himmelstausendelement. Ein Capriccio. Die allgemeine Klage, daß es keinen einfachen Menschen auf der Welt gibt, ist sehr ungerecht; wie soll der Mensch einfach sein, wenn er aus vier Elementen zusammengesetzt ist? Jeder Mensch, als Mensch, ist also ein vierfacher Mensch, bloß als Unmensch kann er ein einfacher Unmensch sein. Luft, Feuer, Wasser, Erde! Wie verkehrt geht der Mensch mit seinen Elementen um! Nur das, was er aus der Lust greift, betreibt er mit Feuer, was aber das Glück der Erde betrifft, das läßt er zu Wasser werden! Die Erde ist aus dem Wasser entstanden, sie ist beim Wasser groß geworden, sie ist ein Wasserkind; ist's also ein Wunder, daß sie so gebrechlich, so hinfällig, so albern ist? Die Erde ist eine Tochter des Wassers, der Mensch ist ein Sohn der Erde, der Mensch ist also ein Enkel des Wassers. Wie undankbar aber geht der Mensch mit seinem Großvater um, er stürzt sich nur dann in seine Arme, wenn er vom Leben keine Freude mehr hat! Nur die Schriftsteller und die Weinwirte sind dankbare Enkel, die Schriftsteller schreiben keine Zeile ohne ihren Großvater, und die Weinwirte gießen zu jeder Halbe Wein einen halben Großvater! Wie vielerlei Rollen spielt das Wasser bei den Menschen! Welch ein Unterschied zwischen einem Menschen, dem das Wasser in den Schuh läuft, und einem Menschen, dem das Wasser in den Mund läuft; zwischen einem Menschen, der Wasser in den Augen hat, und einem Menschen, der Wasser im Kopfe hat! Als das Trockne sich aus dem Wasser losrang, heißt es in der Schöpfungsgeschichte, so nannte der Himmel das Trockne: »Erde«! Es heißt ferner in der Schöpfungsgeschichte: »Es versammeln sich die Wasser an einem Orte, damit das Trockne sichtbar werde.« Wie ist es möglich, daß aus einer Versammlung von Wassern das Trockne sichtbar werde? Es müßte denn sein, man legt sich eine große Bibliothek an, wo durch eine Versammlung von Wassern das Trockne erst recht sichtbar wird! Wie manchem Menschen macht der Himmel alles auf Erden so zu Wasser, daß er ins Wasser springen muß, um aufs Trockne zu kommen? Und würde nicht gerade jenem Menschen, der stets mit der trocknen Wahrheit umginge, das Wasser bis an den Hals gehen? Wasser im Kopfe zu haben, ist gar nicht so übel; wer Wasser im Kopfe hat, braucht keine Theaterstücke aus dem Französischen zu übersetzen, denn Wasser ist ein Urstoff, und wer selbst einen Stoff im Kopfe hat, warum wird der übersetzen? Jeder Mensch besteht aus vier Elementen, die Übersetzer allein haben fünf Elemente: Feuer, Wasser, Luft, Erde und den Diktionär, der ist ihr Element! Es geht mit den Elementen wie mit dem Schicksal; vorzeiten hatten alle ein Schicksal, jetzt hat jede Köchin ihr eigenes Privatschicksal; früher hatten alle Menschen dieselben Elemente, jetzt hat jeder Mensch sein besonderes Privatelement. Jeder sagt, das ist mein Element, jeder erfindet ein neues Element und nimmt gar ein Patent darauf, und es gibt nur ein Element, welches Gemeingut ist: das Dreischockschwerenotelement! Der eine sagt: »Das Geld, das ist mein Element!« Auch kein übles Element! Das Geld ist eine Wissenschaft, bei der es sich hauptsächlich darum handelt, daß man nur die ersten Elemente recht inne hat und festhält! Bei dieser Wissenschaft handelt es sich um die ersten Anfangsgründe, um die Leseregeln; wer die einzelnen Kreuzer nicht recht zusammenbuchstabiert, wird nie ein großer Geldgelehrter werden. Es gibt eine einzige Weltsprache: das Geld! eine unaussprechlich schöne Sprache! – Die Sprache im allgemeinen ist eine Eigenschaft des Menschen, wodurch er seinen Geist mitteilt, das Geld aber ist der Geist des Menschen, von dessen Eigenschaft er gar nichts mitteilt. Das Wort »Sack« ist fast in allen Sprachen gleichlautend, und das, weil man das Geld im Sacke hat und Geld in allen Sprachen denselben Klang hat. Die Sprache hat einen großen, schönen Reim gemacht: Welt – Geld, die ganze Welt reimt sich auf Geld, das ist ein alter Naturreim der menschlichen Natur. Es gibt aber eine große Welt, eine kleine Welt, es gibt großes Geld und kleines Geld, die große Welt reimt sich nur auf großes Geld, die kleine Welt reimt sich auch auf kleines Geld. Warum geschieht so wenig Wohlthätiges in der Welt? Weil die große Welt nie kleines Geld, und die kleine Welt nie großes Geld hat. Geld und Welt! Wie verschieden und wie gleichlautend wieder. Wer viel Welt gesehen, von dem sagt man, er besitzt viel Welt, er ist ein Weltmann; wer viel Geld gesehen hat, ist aber deshalb noch kein Geldmann! Beim großen Geld gibt man bare Münze für den Schein, bei der großen Welt gibt man Schein für bare Münze. Das kleine Geld kursiert, und das große Geld ist im Kasten und in der Erde begraben; bei der Welt ist's leider verkehrt, die große Welt kursiert; die kleine Welt ist begraben. Als das Papiergeld entstand, entstand auch sogleich die Papierwelt. Es gibt eine große Papierwelt, eine Medianpapierwelt, eine ordinäre Papierwelt, eine Löschpapierwelt und eine Makulaturpapierwelt; am verbreitetsten aber ist die Papp- und geleimte Papierwelt, das ist jene Papierwelt, die sich nur dadurch hält, daß sie da leimt, dort leimt, hier aufpappt und dort zupappt. Das Schlimmste ist bei dieser Papierwelt nicht das, daß sie fließt, sondern daß sie durchschlägt; leider ist bei bloßem Papier, welches durchschlägt, auf der andern Seite etwas zu sehen, was aber die Papierwelt durchschlägt, davon ist auf gar keiner Seite mehr was zu sehen! Man sieht also, daß Geld ein Element ist, welches die andern vier Elemente in sich vereint. Denn die Elemente sind bloß die Form, unter welcher die Materie erscheint; da aber Geld jetzt die einzige Form ist, in welcher man als Materie erscheinen kann, so hat der, welcher sagt: »Geld, das ist mein Element!« die Materie förmlich erschöpft! Der andere sagt: »Die Liebe, die Frauen sind mein Element!« Ein angenehmes, aber ein gefährliches Element! Zum Verlauf einer regelmäßigen Liebe braucht man alle vier Elemente: Luft, Feuer, Wasser und Erde. Bevor sie uns erhört, möchten wir in die Luft fahren, wenn sie uns erhört hat, möchten wir durch Feuer und Wasser für sie gehen, und wenn sie uns geheiratet hat, möchten wir uns in die Erde legen. Wir haben Liebhaber aus drei Elementen: wir haben feurige Liebhaber, luftige Liebhaber, wässerige Liebhaber, aber wir haben keine erdigen Liebhaber, weil es auf Erden gar keinen wahren Liebhaber gibt. Bloß auf der Börse gibt es noch Liebhaber; man kann deshalb als eine große Wahrheit annehmen, alle unsere Liebhaber spekulieren entweder auf der Börse oder auf die Börse. Die Börseliebhaber und die Mädchenliebhaber unterscheiden sich in manchen Dingen. Die Börseliebhaber lassen erst zurückgehen und bleiben dann aus, die Mädchenliebhaber bleiben erst aus und lassen dann zurückgehen. Ein Mädchenliebhaber ist wie ein kurzer Atem, wenn er einmal ausgeblieben ist, so kommt er nicht wieder; ein Börseliebhaber ist wie das viertägige Fieber, wenn man auch glaubt, er ist ausgeblieben, am dritten Tage kommt er wieder, es beutelt ihn ein bißchen, damit ist's aus. Man sagt: die Liebe ist eine Himmelsleiter; es ist möglich, aber dann ist die Ehe auch eine Himmelsleiter; auf der einen Leiter steigt man zum Himmel hinauf, auf der andern steigt man vom Himmel herunter. Die Liebe ist eine Himmelsblume; jawohl, darum ist sie eine fremde, eine exotische Blume und wird auf Erden nur durch künstliche Wärme getrieben. Die erste Liebe ist der einzige Schlüssel zum weiblichen Herzen, aber es gibt viele Nachschlüssel und falsche Schlüssel dazu. Die Frauenzimmer wissen gar nicht, welche große Unvorsichtigkeit sie begehen, wenn sie sagen: das ist meine erste Liebe! In der Schöpfungsgeschichte heißt es: »Und es ward Abend und es ward Morgen, ein Tag!« und nicht »der erste Tag«, denn wo noch kein Zweites ist, kann kein Erstes sein. Wenn also ein Mädchen sagt: das ist meine erste Liebe, so muß schon im Geiste eine zweite daneben laufen. Die erste Liebe ist wie der erste Schnee, er bleibt gewöhnlich nicht lange liegen; wenn er auch nicht weggeschaufelt wird, so geht er von selbst weg. Überhaupt trägt die erste Liebe im weiblichen Herzen entweder Tanzschuh oder Schlittschuh, das heißt, sie folgt gewöhnlich denen, die sie zum Tanze oder aufs Eis führen, und nie denen, die sie nach Haus führen. Die Liebe ist der Schlüssel zum weiblichen Herzen, aber der Geliebte vergißt oft, das Herz hinter sich zuzuschließen, und so bleibt es dann für jedermann offen. Die Liebe ist der Schlüssel zum weiblichen Herzen, aber ein Schlüssel paßt eben nur zu der oder jener Thür; die Eitelkeit ist der Dietrich zum weiblichen Herzen, sie schließt alle Herzen auf. Ein weibliches Herz ist darum leicht zu erschließen, weil es bloß von der Konvenienz, von außen verschlossen ist. Die Männerherzen aber werden vom Egoismus verschlossen. Der Egoismus aber wohnt inwendig und schiebt von innen große eiserne Riegel vor, und kein Schlüssel erschließt das egoistische Herz der Männer. Die Männer schließen ihr Herz nur darum so sorgfältig zu, damit niemand sehe, daß nichts darinnen ist. Das Herz der Männer ist wie ein guter Keller, in ihrem Frühling und in ihrem Sommer ist es kalt darin, und in ihrem Herbst ist es lau. In einem weiblichen Herzen steht in der Mitte ein kleiner Toilettetisch mit Spiegel, und davor sitzt zuerst die Selbstliebe und sieht sich wohlgefällig an. An der Wand stehen einige gepolsterte Sessel, da klopft es an, und herein treten verschiedene Herzensfreundinnen, die Gefallsucht, die Eitelkeit, die Koketterie, die Flatterhaftigkeit u. s. w., und nehmen alle Plätze ein; endlich kommt die Liebe mit zagendem Schritt, mit gesenktem Auge, mit lieblichem Antlitz, mit klopfendem Herzen, um den Mund ein Lächeln der Wehmut, in den Augen eine Thräne der Sehnsucht, auf der Stirne den Ernst der Ewigkeit und auf den Wangen die Visitkarte der süßesten Empfindung, das Erröten, und die geschämige Liebe bleibt schüchtern an der Thür stehen, und Gefallsucht und Koketterie und Eitelkeit und Flatterhaftigkeit springen von ihren Sesseln auf und wollen sie umarmen und die rosigen Lippen ihr küssen, allein die Liebe lispelt: »Ich will allein mit dir sein!« Da entfliehen Gefallsucht, Koketterie, Eitelkeit und Flatterhaftigkeit vor der Gegenwart der rosigen Liebe, und die Liebe spricht zur Selbstliebe: »Du bist die Selbstliebe, ich bin die Liebe selbst. Ziehst du dein Selbst der Liebe vor, dann kann Liebe nicht bei dir verweilen!« Da verläßt die Selbstsucht im weiblichen Herzen ihr Selbst, umfaßt die Liebe und wird mit ihr eins und füllt ihr ganzes Herz aus! Im männlichen Herzen hingegen steht vor allem ein großer, breiter Diwan, und darauf wälzt sich bequem der Egoismus herum, auf den plumpen Lehnstühlen ringsherum liegen mehr, als sitzen: die rohe Begier, der entartete Unglaube an alle weibliche Tugend u. s. w., da kommt die Liebe herein, niemand steht von seinem Platze auf, um ihn der Liebe anzubieten. Die rohe Begier will sie täppisch anfassen, die Trunksucht will sie berauschen, die Reitsucht will sie wie ein Pferd dressieren etc., da schaudert die Liebe zusammen, ihr Wesen empört sich, sie entflieht auf ewig und bringt ihren Schwestern: Scham, Tugend, Sitte und Grazie, die Nachricht, daß in dem Herzen, wo für Liebe nicht Platz ist, auch für sie schwerlich sich ein Plätzchen finden lasse. Darum ist die Liebe weiblichen Geschlechts und das eigentliche Element der Frauen. Es gibt andere Leute; welche sagen: »Der Witz ist mein Element!« Auch kein übles Element! Das Element Witz hat großes Elementarunglück angerichtet. Mit dem Element Witz ist's wie mit dem Element Wasser. Wassernot ist so gut zu viel Wasser, als zu wenig Wasser, und Witznot ist ein Unglück sowohl durch zu viel Witz, als durch zu wenig Witz. – Es gibt so viele Gattungen Witze als Wasser: Brunnenwitze, süße Witze, Flußwitze und Mineralwitze. Es gibt Leute, welche die Witzkur machen, wie man Wasserkuren macht; sie nehmen zum Beispiel einen lahmen Gichtkranken und gießen ihm so viel und so lange ihre Witze ein, bis er frisch und rasch aufspringt und davonläuft! Der menschliche Geist hat viele Werkzeuge in seiner Werkstatt. Der Verstand ist der Bohrer, der bohrt seinen Gegenstand an; die Klugheit ist der Hammer, der trifft den Nagel auf den Kopf; der Scharfsinn ist der Pfropfenzieher, er bringt alles auf gewundenem Wege heraus; die praktische Vernunft ist das Stemmeisen, wenn sie sich anstemmt, bringt sie alles zuwege; der Witz ist die Zange, der seinen Gegenstand von verschiedenen Seiten so lange beim Schopf faßt, bis er selbst beim Schopf genommen wird. Der Witz läßt nichts gelten, er fragt den Geist und das Herz: was ist dein? und entreißt es ihnen! Auch darin gleicht das Witzelement den andern vier Elementen, denn alle vier Elemente fragen mit Hohn und Spott den Menschen: »Was ist dein?« Dieser Jahrhunderte alte Turm? Ich Erde schüttle mich, und er ist hin! Was ist dein? Dieser große Palast? Ich Feuer umarme ihn, und er ist dahin! Was ist dein? Dieser Damm? diese kühn gewölbte Brücke? Ich Wasser küsse sie, und sie sind dahin! Was ist dein? Diese Schiffe, diese Boote, diese Flotten? Ich Lust verschnaube mich, und sie sind dahin! Das ist die große Elementarschule des Lebens, das ist der große Elementarunterricht des Schicksals! Nur aus der Elementarschule des Unglücks geht der Mensch über in die hohe Schule der Weisheit! Und nur in diesen Elementarschulen wird der Mensch weich gehämmert zur Dehnbarkeit für die lange Schulbank des Daseins. Ja, nur unter den Hammerstreichen des schweren Schicksals erkennt man den Menschen, ob sein Wesen aus edlem oder gemeinem Metalle ist. Je gemeiner dieses Metall, desto lauter ächzt er unter diesen Hammerschlägen; je edler, je goldhaltiger sein Wesen, desto leiser und sanfter sind seine kaum hörbaren Seufzer unter den Hammerschlägen! Konditorei des Fokus. Die Organe des Viehgehirnes. Eine Karnevalsschwank-Vorlesung über die Schädellehre der Schafe und Ochsen. (zu diesem Faschingsspaß hatte der Verfasser in einer Abendunterhaltung bei sich einen Ochsen- und einen Schafskopf ganz nach Galls Schädellehre eingeteilt und zu beiden Seiten während seiner Vorlesung um sich stehen.) »Ich sei, gewährt mir die Bitte, In eurem Bunde der Dritte!« Bevor Sie, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, über uns drei Köpfe den Kopf schütteln, erlauben Sie mir die ganze Sache überhaupt beim Kopf anzufangen. Warum, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, sagt man »überhaupt« und nicht »überkopf«? Wo liegt der Unterschied zwischen Haupt und Kopf? Warum sagt man: »Ich muß das behaupten« und nicht: »Ich muß das beköpfen?« Warum sagt man »köpfen« und »enthaupten« und nicht auch: »Der ist gehäuptet worden oder entköpft?« Warum forscht man bei allen Dingen nach der Hauptursache und nie nach der Kopfursache? Warum, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, ging ohne Haupt Rom und Sparta zu Grunde, und warum geht ohne Kopf Eipeldau nicht zu Grunde? Warum hat das kleinste Land seine Hauptstadt und das größte Land keine Kopfstadt? Warum bekommt in der Ehe bloß die Frau den Kopfschmuck, der Mann aber einen Hauptschmuck? Warum macht man oft kopflos ein Hauptglück? Nicht jeder Hauptmann ist ein Kopfmann, ein Hauptquartier ist noch kein Kopfquartier, und wenn der Feldherr den Kopf verliert, so wird er aufs Haupt geschlagen! In jeder Straße findet man eine Hauptniederlage, aber nirgends findet man eine Kopfniederlage; begehrt man von irgend einer Anstalt ein »Hauptstück«, so bekommt man ein »Kopfstück«. Beinahe jedes Land treibt eine Kopfsteuer ein, um irgend einen Hauptzweck zu erreichen, wo treibt man aber eine Hauptsteuer ein, um einen Kopfzweck zu erreichen? Jedoch ich fürchte, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, daß Sie von dieser Sprachhauptjagd bald Kopfweh bekommen könnten, und stürze mich nun über Hals und Kopf in mein Hauptthema über die Kopfvariationen zurück. Ich habe die Ehre, Ihnen hiermit, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, die Viehschädellehre in »zwei Hauptabschnitten« vorzuführen. Eins, zwei, ich zähl' die Häupter meiner Lieben, und sieh, mir fehlt kein teures Haupt! Hier habe ich die Ehre, Ihnen die Büste eines Ochsen vorzustellen, der in seinem Leben viel in dem Acker des Herrn gearbeitet hat, ein Mann, ein Ochs will ich sagen, der in dem Felde, das ihm angewiesen war, das Gras wachsen hörte, ein Ochs, der sein Joch ertrug wie nur irgend ein ehrlicher Mensch, ein Ochs, der nie mit einem fremden Kalbe pflügte, ein Ochs von Gewicht; allein erst nach seinem Tode wußte man ihn ganz zu schätzen, es war ein Gentleman von siebenhundert Pfund Leibrenten! Woran dieser Ochs gestorben ist? An einer Gemütskrankheit, denn er starb an den Folgen gänzlicher Niedergeschlagenheit! Und wollt Ihr wissen, für wen er gestorben ist? Für mich ist er gestorben! Er starb unter meiner Hand, als ich eben nach Galls Anweisung sein kleines Gehirn und die Breite seines Nackens untersuchte, allwo nach Gall »die Gesellschaftsliebe« liegt, welches ich auch bestätigt fand, denn er war Gründer einer Gesellschaft unter dem Titel: »Die Theaterrezensenten, oder die gehörnten Brüder in der Kunst, auf Gemeinplätzen zu weiden und immer dasselbe wiederzukäuen.« Als er starb, sagte er mir: »Fahre in deinen Untersuchungen fort, du mußt auf ochsige Entdeckungen stoßen, ich gebe dir meinen Kopf zum Pfand!« Damit gab er seinen Geist auf und ging den Weg alles Fleisches durch die Bank – ! Dieses, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, ist nun des Teuren zurückgebliebenes Pfand. Gestehen Sie mir, es ist ein rührendes tête-à-tête! Und hier, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, dieser sinnige Schafskopf! Nicht so groß wie jener, aber doch ausgezeichnet in seinem Fache. Die Schafe, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, sind ebenso vielen Fatalitäten und Krankheiten ausgesetzt als die Schriftsteller: Salzmangel, Wollmangel, Schwindel, Durchfall, Drehkrankheit, Leserdürre und trockener Schwind! Die Schafe sind ebenso zu benützen wie die Schriftsteller, man kann sie scheren, man kann sie melken, und aus ihren Gedärmen und Eingeweiden werden die Saiten gemacht, welche mit ihrem Ton die Welt entzücken, aber dann müssen Schafe und Schriftsteller die Brust erst zerschlitzt haben! Die Schafzucht, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, kommt gleich vor der Menschenzucht, darum haben wir so viele Anstalten zur Veredlung der Schafe, und so wenig Anstalten zur Veredlung der Menschen. Die Schafe werden veredelt, damit kein Mangel an feinem Tuche sei, die Menschen werden nicht veredelt, damit kein Mangel an grobem Tuche sei. Die Engländer erziehen ihre Schafe und ihre Menschen bloß für die Kammwollfabriken. Schaf und Mensch gilt bei ihnen nur das, was sein Wollprodukt ist. England zieht vierzig Millionen Schafe, und von ihren Schafsköpfen siedeln sich die nur auf dem Festlande an, die nicht recht in der Wolle sitzen! Die deutschen Schafe und die deutschen Menschen werden auch erzogen, aber bloß zum Krempeln. Es ist sonderbar, in Deutschland steht die Schafzucht mit der Sprache in genauer Wechselbeziehung; wo das reinste Deutsch gesprochen wird, sind die besten Schafe. Was die Menschen vor den Schafen voraus haben, ist die Schur. Die Schafe sind entweder einschurig oder zweischurig, je nachdem sie einmal oder zweimal im Jahre geschoren werden; der Mensch allein hat deshalb Vernunft und Sprache vom lieben Gott bekommen, damit er alle Tage geschoren werden kann, der Mensch allein ist ein stetsschuriges Schaf. Die Liebe, die Sanftmut, die Geduld, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, sind lauter Schafstugenden! Haben Sie schon ein rachsüchtiges Schaf, einen witzigen Schöps, ein satirisches Lamm, einen humoristischen Hammel gesehen? Warum heißt man die glücklich Liebenden: Schäfer? Weil, wer glücklich lieben will, sein Schaf immer hüten muß. Die eigentlichen Schäferstunden sind jetzt auf jene Stunden reduziert, in welchen man sein Schäfchen ins Trockene bringt. Die Menschen können reden, die Schafe blöken, und das ist's, was die Schafe voraus haben, denn der Mensch kann sich um den Kopf reden, aber kein Schaf kann sich um den Kopf blöken! Sprache und Vernunft, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, mit diesen beiden Himmelsgaben ist es sonderbar bestellt. Im Sprechen spricht die Vernunft nicht an, und für die Vernunft ist nur das Schweigen ein sprechender Beweis. Um aber wieder auf meinen Kopf zurückzukommen, ich meine auf diesen Schafskopf, so muß ich durchaus auf meinem Kopfe bestehen, um die Gallsche Schädellehre in kurzen Sätzen auf diese meine beiden Köpfe anzuwenden, denn: »Wenn solche Köpfe feiern, welch ein Verlust für mein Jahrhundert!« Die Schädellehre beruht auf leeren Schädeln und darf sich deshalb einer großen Verbreitung erfreuen. Die Schädellehre beruht auf den Organen des Gehirns, das Gehirn ist aber bei dem Menschen jetzt kein Organ mehr, sondern man genießt es nur von Tieren, ein Ochsenhirn, ein Schafhirn u. s. w. Folglich ist die Lehre von den Gehirnorganen nur noch bei diesen Wesen zu finden. Es gibt eine kleine Welt, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, und es gibt eine große Welt; es gibt ein kleines Gehirn, und es gibt ein großes Gehirn, Es wäre also interessant, zu untersuchen, ob die große Welt das große Gehirn, und die kleine Welt das kleine Gehirn hat, oder umgekehrt. Im kleinen Gehirn liegt nach Gall das Genie, im kleinen Gehirn ist der Sitz der Seele! Die Seele ist unsterblich, und das ist ein Glück, sonst mühte das kleine Gehirn mit dem großen Genie Hungers sterben! Die kleinen und großen Erhabenheiten an den äußern Schädelmassen bilden die verschiedenen Sinne, als: Ortsinn, Zeitsinn, Geldsinn u. s. w. Hier diesen Ochsenkopf habe ich ganz nach diesem Systeme eingeteilt. Hier, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, liegt die Kuhliebe, die Kälberliebe, die Mitochsenliebe, bei den Menschen Geschlechtsliebe, Kindesliebe, Nächstenliebe genannt. Warum die Frauenliebe so ganz im Nacken liegt, mag daher kommen, weil es dabei gleich um den Kragen geht. Die Liebe fängt da an, wo der Kopf aufhört; bei der Liebe hat der Kopf nichts mitzureden, sie ist wie eine gute Singlehrerin, sie kann die Kopfstimme nicht leiden. Die Liebe liegt, nach Gall, rückwärts vom Kopfe. Darum sagt man: Die Liebe verdreht einem den Kopf, das heißt, der Kopf wird zurück auf die Liebe gedreht. Wenn man dann den Gegenstand seiner Liebe heiratet, so dreht diese den Kopf wieder zurück, und man sagt dann: Die Frau hat ihm den Kopf zurecht gesetzt. Um die Augen herum, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, liegen die meisten Organe; um die Augen ist der Sammelplatz der meisten sinnlichen Eindrücke; die Stirn ist der Sitz der Erhabenheit und des Heldenmutes. Der »Kunstsinn«, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, drückt sich hier durch eine eigene Erhöhung oder Gewölbe aus. Es geht bei vielen Menschen mit diesem Kunstsinn und seinem sogenannten Gewölbe wie mit den neuesten Modegewölben, in der Auslage ist alles, im Gewölbe drinnen ist gar nichts! Bei den Ochsen liegt der Kunstsinn gerade unter den Hörnern, denn die Ochsen haben nur für jene Kunst Sinn, von der man ihnen recht ins Horn stößt! Der Sachsinn, der Ortsinn und der Erziehungssinn liegen an der Nasenwurzel. Darum, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, wenn jemand seine Nase in alles steckt, so ist das nichts als angewandter Sachsinn, und wer tausend Sachen im Sinn hat, den muß man auf jede einzelne Sache mit der Nase stoßen. Der Ortsinn liegt an der Nase, darum, wenn einer ein Frauenzimmer bei der Nase herumführt, so ist das bloß eine Probe ihres Ortsinnes, darum liegen einem die Nasen sehr im Sinn, die man höhern Orts bekommt, und weil der Ortsinn an der Nase liegt, muß der, welcher von einem Ort durchgehen will, eine feine Nase haben. Der Witz offenbart sich durch zwei sanfte Erhebungen über den Augen. Es ist eine seltene Sache, daß sich der Witz durch Erhebung, und nun gar durch eine sanfte Erhebung, anzeigt. Ich glaube, der gute Gall hat bloß die Stirn von witzigen Menschen untersucht, die sich die Stirn angestoßen haben, und er hat die unsanften Beulen für sanfte Erhebungen gehalten! Vom Witz rechts liegt die »Gutmütigkeit« und links der »Diebssinn«, das ist eine gefährliche Nachbarschaft. Das zeigt an, daß das Publikum auch gestohlene Witze gutmütig für originelle annimmt! Der Witz, sagt Jean Paul, ist eine heilsame Lebensgabe der Natur, das heißt, wem die Natur diese Gabe gibt, der hat sein ganzes Leben daran zu heilen! Können Sie sich denken, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, daß gerade über dem Witz das »Darstellungsvermögen« liegt? Das ist ein Trost für alle Darsteller, wenn sie witzige Kritiken lesen müssen, daß ihre Kunst höher liegt als der Witz. Sie werden es also natürlich finden, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, daß hier in diesem Kreis, wo Künstlerinnen von solchem Darstellungsvermögen sind, mein Witz ganz unterliegen muß! Bei vielen Kritikern ist es mit dem Darstellungsvermögen sonderbar; sie kritisieren eine darstellende Person, man meint, sie zielen auf ihre Darstellung, sie zielen aber bloß auf ihr Vermögen. Der »Zahlensinn«, meine freundlichen Hörer und Hörerinnen, liegt ganz im Augenwinkel, darum, wenn einer bezahlen soll, sucht er einen Winkel, in welchem ihn kein Auge erblickt. Hier liegt der »Gewissenhaftigkeitssinn«, und weil ich dabei bin, so will ich gewissenhaft genug sein, Sie nicht länger zu langweilen, sondern meinen Kopf und diese beiden beizeiten zurückzuziehen. Man sagt: »Viele Köpfe viel Sinn!« Hier waren nur drei Köpfe und doch viel Sinne. Wir bitten gemeinschaftlich um Nachsicht, zwei von uns sind schon vor den Kopf geschlagen, und was den Dritten betrifft, so versichert er, daß von diesem Augenblicke an Ihnen mehr sein Kopf nicht weh thun soll. Nagelneue Variationen auf die vier Weh (W) des Lebens: Wein, Weiber, Witz und Wahrheit. Es mögen ungefähr sechs Jahre sein, daß ich über dasselbe Thema: über Wein, Weiber, Wahrheit und Witz, eine Vorlesung gehalten habe; allein ich habe seitdem so viel neue alte Weine getrunken, so viel alte junge Weiber geliebt, so viel schlechten Witz von mir gegeben und so viele gute Wahrheiten in mir behalten, daß ich über diese vier Weh ein nagelneues Wehgeschrei erheben kann. Der Witz liebt die Weiber, denn woraus besteht der Witz? Der Witz besteht in der Eigenschaft, die Ähnlichkeit an den sich widersprechenden Dingen aufzufinden. Darum sucht der Witz die Weiber, sie sind die Ähnlichkeit des Widerspruches, es widerspricht sich eine wie die andere, und das ist der Witz! Der Witz holt sich seinen Mann aus Hunderten heraus und nimmt ihn mit, darum lieben die Weiber den Witz, vielleicht holt er auch ihren Mann aus Hunderten heraus und nimmt ihn mit. Es gibt starke Weine, starke Weiber, starke Witze und starke Wahrheiten! Starke Weine legen sich ins Blut, starke Weiber legen sich in den Magen, starke Witze legen sich in die Rippen, und starke Wahrheiten legen sich aufs Gefängnis. Es gibt viel starke Menschen, die viel schwache Stunden für starke Weine haben; es gibt viel schwache Menschen, die viel starke Stunden für schwache Weiber haben; aber es ist ein starker Beweis für die Schwäche unserer Zeit, daß sie den schwächsten Witz über eine starke Wahrheit nicht ertragen kann. Mit der Wahrheit kommt man weit, sagt das Sprichwort, das glaub' ich, mit der Wahrheit wird man überall fortgeschickt, so kommt man weit. Wie weit kommt man aber mit der Wahrheit? Bis zum Wein; im Weine bleibt sie liegen, darum finden wir alle unsere Wahrheitsfreunde nur in den Weinhäusern liegen; da liegt die Wahrheit im Wein so lange auf dem Tisch, bis der Wein im Wahrheitsfreund unter dem Tisch liegt. Einem solchen Wahrheitstrinker liegt die Wahrheit stets auf der Zunge, allein zum Unglück für die Welt nimmt sie eine verkehrte Richtung, anstatt daß er am Ende den Wein verschlucken und die Wahrheit von sich geben soll, verschluckt er die Wahrheit und gibt den Wein von sich! Es gibt Tischfreunde, Tischwahrheiten, Tischweiber und Tischwitze; der Tischfreund ist wie ein Tischwein, wenn der Tisch aufgehoben wird, hebt sich die Freundschaft auch auf; ein Tischwitz ist wie der Tischwein, man kann so viel davon genießen, als man will, man spürt doch nichts im Kopf. Es gibt gute Weinjahre, Jahre, in denen der Wein außerordentlich geraten ist! Hört man aber je sagen: »Heuer ist ein gutes Weiberjahr! Heuer ist ein gutes Witzjahr!« Warum kommt nicht einmal ein Komet, der ein gutes Frauenjahr bringt? Man hört oft einen Mann ausrufen: »Ich hab' aber zu Haus einen Elfer oder einen Sechziger!« Wie schön wär's, wenn man sagen könnte: »Ich hab' zu Haus eine Elferin!« Da wüßte jeder, die ist von dem Jahre, wo die Frauen so geraten sind. Ja, man geniert sich ordentlich, zu sagen: »Zu Haus hab' ich eine Sechzigerin!« Die Liebe zum Wein ist viel glücklicher als die Liebe zu den Frauen; wer ein Mädchen hoffnungslos liebt, findet Trost im alten Weine; wer aber den Wein hoffnungslos liebt, findet keinen Trost in einem alten Mädchen! Wer ein Mädchen liebt und von seinem Gegenstande ganz voll ist, ist verschlossen und stößt die ganze Welt zurück; wer den Wein liebt und von seinem Gegenstande ganz voll ist, der fließt über, und die ganze Welt gehört ihm. Es gibt Menschen, die heimlich trinken und öffentlich besoffen sind; Menschen, die heimlich lieben und öffentlich närrisch thun; Menschen, die heimlich Witze stehlen und sie öffentlich drucken lassen; Menschen, die öffentlich Wahrheit lehren und heimlich getäuscht werden. Der Mensch soll nichts lieben als sich, meine lieben Leser, denn da kann er sicher auf Gegenliebe rechnen; nur die Dichter sind unglücklich, wenn sie sich selbst lieben, denn sie können sich selbst schwer erhalten! Die Dichter sind mit der Liebe übel dran, sie können nicht lieben, ohne zu singen, sie können nicht singen, ohne erst zu trinken, sie haben aber nichts zu trinken, bis sie nicht früher gesungen haben; sie müssen also lieben, singen und trinken auf einmal, sie müssen immer ein Tintenglas, ein Augenglas und ein Weinglas in der Hand haben; daher ihre Konfusion, daher vertrinken sie die Liebe, und verlieben sich in Trunk, und versingen beides. Die eigentliche Liebe, die wahre Liebe kann auch nicht sprechen. Die Frau verhüllt ihre Liebe in Schweigen, der Mann in Gesang. Das Herz des liebenden Weibes ist ein Kabinettskurier des Himmels, es trägt seine Sendung unter heiligem Siegel verschlossen mit sich, kaum sich seines süßen Inhaltes selbst bewußt. Der Mann singt von seiner Liebe, denn auf der Erde findet er nichts, mit dem er sich vergleichen könnte, und zum Himmel kann nur der Gesang empor, um seine Vergleiche und seine Sterne zu holen. Die Liebe der Frauen ist der Äther, Gesänge dieser Liebe sind die Blumen, und tausend Blumen trinken Tau aus einem Äther, und tausend Blumen saugen tausend verschiedene Farben aus diesem einerlei Äther. Der schweigsamste Mann wird beredt, wenn er liebt, die sprachseligste Frau wird schweigsam, wenn sie liebt. Im Herzen des Mannes ist die Liebe eine Erzählung, Dichtung und Wahrheit, eine Novelle mit Fortsetzungen und Unterbrechungen; im Herzen der Frauen ist die Liebe ein Englischer Gruß, ein Vaterunser, und ihr ganzes Leben ist dann nichts als ein langes, frommes Amen dieser Empfindung. Die Liebe ist wie eine Brennessel; der Mann faßt sie mit keckem Finger und hart an, und sie verletzt ihn nicht; die Frauen erfassen sie zagend, leise, mit Zucken, und sie fühlen das brennende Gift. Man sagt »unglückliche Liebe«! Es gibt keine unglückliche Liebe, meine lieben Leser; wer wahrhaft liebt, ist glücklich, und trocknet die Hand der Liebe auch nicht seine Thräne, und tönt seinem Liebesklang auch kein Liebeston entgegen, er ist dennoch glücklich, denn wer trocknet die Thräne der Rose, wer erwidert das Lied der Nachtigall, wer gießt Gegenliebe in die Brust der unruhigen Sonnenblume? Und doch fragt sie, so sagt die Rose: die Thränen sind mein Glück, und die Nachtigall: mein Schmerzlied ist meine Wonne, und die Sonnenblume: meine Unruhe ist mein einzig Heil. Die glückliche Liebe hat nur Erinnerungen, die unglückliche Liebe hat Hoffnungen, und wo die glückliche Liebe ihre Erinnerungen ablegt, da gestaltet unglückliche Liebe ihre Hoffnungen zu Erinnerungen. Glückliche Liebe ist eine Jugendkrankheit, in der man aus Altersschwäche stirbt; unglückliche Liebe ist eine zur Ruhe gesetzte Wehmut, sie lebt von dem Gnadengehalte der Erinnerung, und jede Erinnerung, auch die schmerzlichste, ist wie ein alter, wieder aufgefundener Brief von vor langen Jahren; wir gehen mit ihm bis zu seinem Datum zurück, und die abgeblaßten Züge rufen rosige Züge aus unserer Jugendzeit zurück. Es gibt nur Eine glückliche Liebe, wenn man den Gegenstand seiner Liebe zu seinem Glücke nicht kriegt! Die jetzige Liebe ist wie die Mondfinsternis, wenn man sagt: »sie ist durch ganz Europa sichtbar«, so heißt das: »man sieht gar nichts«. Die Klassiker, die Alten sagten einst: »Liebe regiert die Welt!« – Das sagen die Alten auch jetzt noch, aber die Jungen sagen's« nicht mehr. Da sind wir, meine lieben Leser, auf ein fünftes Weh gekommen: Welt! Die Welt ist der Inbegriff aller Erscheinungen, in unserer Welt erscheint aber gar nichts mehr; wo ist in unserer Welt also die Welt? Die schöne Welt ist häßlich, die große Welt ist klein, die feine Welt ist grob, und die ganze Welt ist nur eine halbe Welt, – wo ist die andere halbe Welt? Kennen Sie, meine lieben Leser, unser Weltsystem? Die schöne Welt kommt systematisch zusammen und setzt sich in einen Kreis: das ist der Weltkreis; die jungen Herren segeln um die Frauenwelt herum, das sind die Weltumsegler, die auch das Schicksal aller Weltumsegler haben, daß sie nie in den Stillen Ozean gelangen können. Zuerst dreht sich das Gespräch der ganzen Welt ums Theater, das ist die Weltachse; dann erzählt man sich Geschichten aus der Stadt, das ist die Weltgeschichte; die ältesten Bonmots werden neuerdings erzählt, das ist die alte und neue Welt; um das goldene Haupt der jungen Mädchen bilden die silbernen Köpfe der Greise eine eherne Mauer und erproben ihre eiserne Geduld, das sind die vier Weltalter; dann fragt man sich: haben Sie gehört, was für ein Gerücht verlautet? das ist das Weltgericht; dann setzt man sich an den Spieltisch, das sind die Weltkarten; dann tauscht man seine Neuigkeiten aus, das ist der Welthandel; dann ersäuft man sich in ein Meer von Gemeinplätzen, das ist das Weltmeer; dann kommt ein Schriftsteller, bringt die Gesellschaft der schönen Welt zur öffentlichen Kunde, das ist die Weltkunde; und zuletzt macht das Schicksal einen Strich durch die Weltkunde, das endlich ist der Weltstrich. Sehen Sie, das ist das neue Weltgebäude. Die ganze Welt sagt: die Welt muß zu Grund gehen; die Welt ist aber so grundlos, daß sie nicht zu Grund gehen kann, und man kann wirklich sagen: daß die Welt zu Grund gehen soll, dazu ist kein Grund vorhanden. Durch Wein, Weiber, Witz und Wahrheit wird die Welt kurios zu Grunde gerichtet, aber eine zu Grund gerichtete Welt mit Wein und Weibern hat die ganze Welt im Grund doch noch lieber als eine nicht zu Grund gerichtete Welt ohne Wein und Weiber. Die Bühne, mein lieber Leser, die Schaubühne, das sind »die Bretter, die die Welt bedeuten«. – Da aber die Welt jetzt nichts bedeutet, so bedeuten die Bretter auch nichts. Ja, man kann sagen: auf den Brettern, die die Welt bedeuten, da ist die Welt bedeutend mit Brettern verschlagen. Auf dieser Welt, auf dieser Bretterwelt sind die vier Weh: Wein, Weiber, Witz und Wahrheit sehr wehleidig! Unsere Theaterdichter bringen nichts als alte Witze und junge Weiber auf die Bühne, und anstatt reinen Wein schenken sie unreine Wahrheit ein. Die Wahrheit ist aber, daß sie beim Wein schlechte Witze über die Weiber machen und dann diese ihre schlechte Aufführung durch eine gute Aufführung in die Welt schmuggeln. Unsere Theaterdichter gehen mit Weiber, Witz und Wahrheit in ihren Theaterstücken sonderbar um; anstatt daß sie gesuchte Weiber, keinen Wortwitz und blanke Wahrheit haben sollen, haben sie blanke Weiber, gesuchten Witz und kein Wort Wahrheit! Anstatt daß sie die Weiber dem Leben abstehlen und ganz neue Witze hervorbringen sollen, bringen sie neue Weiber hervor und stehlen den Witz von den Lebenden; und das ist die ganze Wahrheit bei der Sache! Der Witz, meine lieben Leser, ist jetzt die Hauptsache, von Handlung und Charakter ist gar keine Rede. Bloß wie der Dichter um sein Honorar handelt, das ist die einzige Handlung, und wie ihm manche Direktoren ganz charakterlos davon abziehen, das ist der einzige Charakterzug. Der Witz wird in der ganzen Welt zur Thür hinausgeworfen, er muß also auf der Straße liegen; es hat sich also aller Witz in die Straßenjungen geschlagen, und dieser geschlagene Witz kommt jetzt aufs Theater. Unsere Dichter können mehr als der Himmel; der Himmel hat bloß aus Nichts die Welt erschaffen, die Theaterdichter erschaffen aber sogar aus einem Taugenichts ihre Welt, und so ein Taugenichts ist noch lang kein Nichts, so ein Taugenichts braucht erst einen Pariser Dichter, einen deutschen Übersetzer, ein Theater und eine sehr gelungene Darstellung, bis er vollkommen Nichts ist! In einer Hinsicht veredeln die Dichter die Straßenjungen, nämlich: auf dem Theater sehen wir sie in vier langen, zerrissenen Aufzügen, die wirklichen Straßenjungen erscheinen gewöhnlich nur in einem zerrissenen Aufzug! Ein anderer Übelstand aber entsteht der Kunst durch die Aufführung dieser Straßenjungen, Es ist nämlich eine Wahrheit, so alt wie die Choristinnen des ***theaters, und doch so neu wie der alte Wein bei ***: daß kein Mensch sich selbst beurteilen kann – wie sollen also unsere Rezensenten diese Straßenjungen beurteilen? Man könnte freilich sagen, die Straßenjungen sind unter der Kritik! Das kann aber nicht sein, denn die Kritik ist ja unter den Straßenjungen! Man kann also im wörtlichen Sinne sagen: Straßenjungen und Kritik haben es unter sich selbst auszumachen! Sie sehen, meine lieben Leser, daß, so oft auch im Leben über gute Wahrheiten schlechte Witze gemacht werden, so trifft sich doch, daß man manchmal einen guten Witz über eine schlechte Wahrheit machen kann. Ich nenne aus Bescheidenheit meinen Witz gemachten Witz! Denn die vier Weh thun einem auch verschieden weh: die nachgemachten Weine, die davongemachten Weiber, die abgemachten Witze und die ausgemachten Wahrheiten thun einem im Leben sehr weh. Bei Wein und Weiber ist der Unterschied: wir kosten den Wein, und die Weiber kosten uns; bei Witz und Weiber ist das der Unterschied, daß wir traurig sind, wenn unser Witz ausgeht, daß wir aber froh sind, wenn unsere Weiber ein bißchen ausgehen; bei Wahrheit und Weiber ist der Unterschied, daß sich tausend Wahrheiten, aber nicht zwei Weiber miteinander vertragen; bei Witz und Weiber ist der Unterschied: bei dem Witz liegt die Anschauung in dem Verstand, bei den Weibern liegt der Verstand in der Anschauung; der Witz ist Meister im Zusammensetzen, die Weiber sind Meister im Auseinandersetzen. – Wie glücklich ist der Mensch, bei dem ein Witz den andern jagt; wie unglücklich ist der Mensch, bei dem ein Weib das andere jagt. – Da ich aber befürchte, daß mein Witz nicht wieder einen Witz, sondern die Leser sagen könnte, so will ich von Witz, Wein, Weiber und Wahrheit abbrechen, damit Sie gar kein Weh mehr haben. Die ägyptische Finsternis bei Gasbeleuchtung und der Ochs in der Laterne. Eine humoristische Olla Podrida. Es gibt viele alte Berühmtheiten, die, wenn sie in der jetzigen Zeit existiert hätten, nie berühmt geworden wären. Zum Beispiel die »ägyptische Finsternis«, die mag zu ihrer Zeit berühmt gewesen sein, aber jetzt finden wir solche Finsternisse auf der Gasse; wenn jetzt eine ägyptische Finsternis käme, man würde sie gar nicht sehen; so finster wie eine ägyptische Finsternis ist's jetzt, gottlob! wenn der schönste Sommertag ist! So auch die berühmten »sieben Weisen Griechenlands«; wenn sie jetzt lebten, sie wären die »sieben Narren Deutschlands«! Diogenes war ein Weiser, weil er mit der Laterne herumging, um einen Menschen zu suchen; jetzt gibt's gar keinen solchen Narren mehr, der einen Menschen sucht. Bei dieser Gelegenheit drängt sich mir eine sehr wichtige Frage auf; hat Diogenes in einem Weinfasse oder in einem Bierfasse gewohnt? Diese Frage ist von größerer Wichtigkeit, als man glaubt, denn hat Diogenes in einem Bierfasse gewohnt, so hat es in Griechenland Bier gegeben. Wer von Ihnen, lieber Leser, kann mir eines der zartesten Geheimnisse der Natur, eines der sinnigsten Rätsel des menschlichen Geistes enthüllen, nämlich: »Warum fallen die vom Bier Betrunkenen auf den Rücken und die vom Wein Betrunkenen auf die Nase?« An diese zarte Lebensfrage knüpft sich noch eine dritte Frage an: »Wenn die Bierbetrunkenen auf den Rücken und die Weinbetrunkenen auf die Nase fallen, wohin fallen die von Liebe Trunkenen?« – Die Antwort auf diese zweite Frage ist ganz leicht: die von Liebe Trunkenen fallen jetzt ganz auf die Seite. – Früher war man von der Liebe trunken, weil man über das Maß geliebt hat; jetzt bleiben wir in der Liebe gleich beim ersten Pfiff stehen, wo soll da die Trunkenheit herkommen. Was hat der Philosoph Diogenes in seinem Fasse voraus gehabt vor allen unsern Philosophen? Er war wenigstens faßlich! – Unsere Philosophen sind umgekehrte Diogenesse, anstatt daß sie wie Diogenes sich in ein Weinfaß ziehen, ziehen sie ein Faß Wein in sich und werden Philosophen per fas et ne-fas ! – Darum studiert man drei Jahre Philosophie; das erste Jahr den Heurigen, das zweite Jahr den Vorjährigen, und das dritte Jahr wird bloß repetiert! Eine ebenso abgeschmackte Berühmtheit war der große Roscius, der erste römische Künstler. Er war gewiß ein gewaltiger Kulissenreißer. Überhaupt, wie kann Roscius ein großer Künstler gewesen sein, er hat ja gar nie in Berlin gespielt! Ja, noch mehr, der Kerl hat ja gar keine reine deutsche Aussprache gehabt! Nun aber, lieber Leser, sehen Sie nicht ein, wie ich mit allen diesen Abwegen und Absprüngen wieder auf den Titel meines Aufsatzes zurückkommen will? Das sehen Sie nicht? Das sehen Sie nicht? Sehen Sie, das ist eben die ägyptische Finsternis, daß Sie es nicht sehen! Das ist ja eben der sichtbare Segen der Finsternis, daß man die Leute stundenlang herumführt, und daß sie dann wieder dort sind, wo sie ausgegangen sind! Ich habe Ihnen in dieser Finsternis einen Mann mit einer Laterne mitgegeben, und doch haben Sie nicht gesehen, wo ich Sie hinführe, gestehen Sie nur, daß man eine solche Finsternis nicht alle Tage sieht! Die ägyptische Finsternis ist die einzige ägyptische Mumie, die sich ganz unversehrt bis auf unsere Zeit erhalten hat. Die Ägyptier haben es verstanden, ihre Finsternis einzubalsamieren, bei uns ist diese Kunst ganz verloren gegangen, denn für unsere Finsternis gibt es keinen Balsam. Damit wir aber diese ägyptische Finsternis allgemein sehen können, haben wir die Gasbeleuchtung erfunden, und, beim Licht beobachtet, ist die Finsternis ein wahres lumen mundi . Zur Beleuchtung unserer Finsternis aber kann kein anderes Licht sein als Gas, denn die erste Gasart ist fixe Luft, und in unserer Finsternis muß man froh sein, wenn man wenigstens ein bißchen freie Luft fixiert hat. Wenn man also die Finsternis beleuchtet, so sieht man, wie glücklich die Leute sind, die nicht sehen. Die »Liebe«, die »Gerechtigkeit« und das »Glück« sind drei glückliche Wesen, die nicht sehen; die Liebe ist blind, das Glück ist blind, und die Gerechtigkeit ist blind. Wenn diese drei Blinden sehen würden, so würden sie Dinge sehen, daß ihnen Hören und Sehen verginge. Daß die Gerechtigkeit blind ist, ist längst bekannt. Die Liebe, meine guten Leserinnen, ist auch blind, und das Glück ist auch blind! Es ist ein wahres Glück, daß die Liebe blind ist, und es ist mir lieb, daß das Glück blind ist. Wäre die Liebe allein blind und das Glück nicht, so würde das Glück sehen, daß diese Liebe keine Liebe ist; wäre das Glück allein blind und die Liebe nicht, so würde die Liebe sehen, daß dieses Glück kein Glück ist! In der ägyptischen Finsternis waren lauter glücklich Liebende, denn die Liebe ist nie glücklicher, als wenn sie nicht sieht. Der Mensch soll über seinen Zorn die Sonne nicht untergehen lassen; und der Mensch soll über seine Liebe die Sonne nie aufgehen lassen. Man muß nicht nur nicht in den Tag hinein reden, sondern auch nicht in den Tag hinein lieben! Die Liebenden sind ganz andere Menschen als andere Menschen. Andere Menschen, wenn sie genug gelebt haben, vertauschen sie das Zeitliche mit dem Ewigen. Die Liebenden schwören sich erst ewige Treue, sehen sich dann zeitlich nach einem andern um, und bevor eins von ihnen noch das Zeitliche mit dem Ewigen vertauscht, vertauschen sie einigemal das Ewige mit dem Zeitlichen! Die Liebe ist blind, darum sind die Verliebten stockblind, die Verheirateten aber bloß staberlblind! Der Tag ist ein Mann, die Nacht ist ein Weib, in der Liebe aber ist das Weib der Mann! Der Tag und die Nacht, das ist ein seltenes Ehepaar, wie glücklich leben sie seit ewigen Zeiten, das ist auch keine Kunst, wenn der Tag kommt, geht die Nacht fort, und wenn die Nacht kommt, ist der Tag über alle Berge! Bei diesem Ehepaar, Tag und Nacht, ist im Winter die Frau Nacht glücklich, denn da hält sie ihren Mann kurz, und im Sommer ist der Mann Tag vergnügt, denn er sieht, wie seine Frau alle Tage mehr abnimmt. Nur einmal kommen sie sich gleich unausstehlich vor, wenn Tag- und Nachtgleiche ist, und um diese Zeit weiß man, gibt's auch die gefährlichsten Stürme. Die Liebe hat Augen, aber nicht zum Sehen, sondern zum Weinen, die Liebe hat eine Zunge, aber nicht zum Reden, sondern zum Singen, und sie hat eine Wange, nicht um zu blühen, sondern um zu erröten. Die Liebe trägt das Gehör auf den Wangen, das Wort im Auge und den Blick im Herzen! Das menschliche Herz hat drei Naturreime: Das Herz der Fröhlichen auf Scherz, das Herz der Liebenden auf Schmerz und das Herz der Vornehmen auf Erz, Wir Wiener haben noch einen vierten Lokalreim: Wir haben ein Herz wie ein Sterz, das ist aber ein Fastenreim, und ein Wiener Herz hat keine Fasten. Der gute Appetit der Wiener gegen den der Berliner hat mir einen wichtigen Aufschluß über den Sprachunterschied dieser beiden Völker gegeben. Der Österreicher spricht alles in der längstvergangenen Zeit, der Preuße alles in der jüngstvergangenen. Der Österreicher sagt: »Ich bin spazieren gegangen.« Der Preuße sagt: »Ich ging spazieren!« Der Österreicher sagt: »Die hab' ich angeguckt!« Der Preuße sagt: »Ich guckte sie an!« Woher kommt dieser Unterschied? Der kommt vom Appetit her. Wenn der Wiener mittags einen Fasan gegessen hat, abends scheint es ihm schon so lang, daß er keinen Fasan gegessen hat, daß er in der längstvergangenen Zeit sagt: »Ich hab' einen Fasan gegessen!« – Wenn der Berliner einen Fasanflügel ißt, so ist ihm vierzehn Tage nachher noch so, als hätte er ihn eben erst gegessen, und er sagt in der jüngstvergangenen Zeit: »Ich aß ein Fasanflügelchen!« So spricht des Wieners Herz alles in der längstvergangenen Zeit. Wenn er in der Früh geliebt hat, so sagt er abends: »Ich hab' geliebt gehabt!« Aber in der Liebe, verehrte Leser, gibt es jetzt überhaupt nur eine längstvergangene Zeit, das heißt, die Zeit, wo man geliebt hat, ist längst vergangen!« – Wenn mir jemand seine Geliebte vorstellt und sagt: »Das ist meine Zukünftige«, so denke ich mir immer: das ist seine zukünftig vergangene Zeit! Die Liebe ist blind, die Herzen der Männer aber sind so barmherzig, daß jedes Herz seine eigene Blindenanstalt hat! Die Liebe ist blind, und doch sagt man: »Die Liebe und die Zigeuner sehen im Finstern.« – Warum sehen die Zigeuner im Finstern? Weil sie von der ägyptischen Finsternis herstammen. Die Finsternis ist also das Perspektiv der Liebe. Da wir jetzt eine doppelte Finsternis haben, die ägyptische und die europäische, so hat unsere Liebe ein ganz modernes Doppelperspektiv! Nun sehen Sie, da sind wir schon wieder bei unserm Titel, bei der ägyptischen Finsternis, und was den Ochsen betrifft, verlassen Sie sich nur auf mich. Lassen Sie mich nur ein bißchen zu mir kommen, und wir werden gleich beim Ochsen sein. Die Ägyptier haben bekanntlich einen Ochsen angebetet; wir weichen etwas davon ab und beten bloß zuweilen eine Kuh an. Mein Gott! wie viel Mädchen beten nicht einen goldnen Ochsen, und wie viel Männer eine goldne Gans an? Am Ende nimmt der goldne Ochs die goldne Gans, und sie feiern die goldne Hochzeit; denn es ist ihnen sogleich, als hätten sie schon fünfzig Jahre zusammen gelebt! In der Liebe vergeht ein Jahr wie ein Tag, in der Ehe vergeht ein Tag wie ein Jahr, darum rüste sich jeder Ehemann an jedem Sonntage zum Siebenjährigen Krieg und an jedem Ersten des Monats zum Dreißigjährigen Krieg! Jedes Jahr, das man mit einer Frau zu leben hat, ist ein Streich des Schicksals; wer die silberne Hochzeit feiert, der hat seine fünfundzwanzig glücklich überstanden, und wer die goldene Hochzeit feiert, der hat fünfzig bekommen! Warum zündet man bei einer Hochzeit am hellen, lichten Tage Hochzeitsfackeln an? Weil man schon bei der Hochzeit anfängt, finstere Gesichter zu machen! Wiederum eine Finsternis, die noch älter ist als die ägyptische! – Die Ägyptier in ihrer Finsternis hatten recht, die Ochsen anzubeten, denn ein Ochs ist ein unfehlbares Mittel zur Aufklärung und Lichtverbreitung. Sie sehen mich erstaunt an? O, ich bitte Sie, betrachten Sie die Ochsen aus einem freundlichern Gesichtspunkte! Die Ochsen sind respektabler als die Menschen: kein Ochs pflügt mit einem fremden Kalbe; jeder Ochs trägt redlich seine Haut zu Markte, und wenn der Ochs einmal vor den Kopf geschlagen ist, so ist er genießbarer, als wenn der Mensch vor den Kopf geschlagen ist! Gibt's nicht ausgezeichnete Künstler unter den Ochsen, zum Beispiel große Hornisten? Sind die Ochsen nicht ausgezeichnete Redakteurs, wiederkäuen sie ihre Artikel nicht immer und emsig? Die wirklichen Ochsen kann man kochen und braten, die menschlichen Ochsen muß man roh genießen! Wie man nun mit einem Ochsen die Finsternis beleuchten kann? Nichts leichter als das. Man schlägt den Ochsen tot, man zapft ihm das Fett ab, man läßt das Fett aus, man macht aus dem Fette Lichter, man steckt das Licht in die Laterne, so steckt der Ochs in der Laterne und beleuchtet sein Jahrhundert! Man versuche aber einmal und lasse unsere menschlichen Ochsen aus – und wir haben viel ausgelassene Ochsen – allein ihr Fett taugt nicht zum Lichtermachen, und könnte man auch Lichter daraus machen, so wären es doch keine gezogenen. Ich glaube also ganz bestimmt, daß Diogenes in der ägyptischen Finsternis gelebt hat, daß er in seiner Laterne einen Ochsen herumgetragen hat, daß er eigentlich unter den Menschen einen solchen Ochsen gesucht hat, den er auch als Licht in die Laterne stecken könnte, und daß er keinen gefunden hat. Somit wäre die ägyptische Finsternis und der Ochs in Ihren Gunst gerechtfertigt, und: Ich sei, gewährt mir die Bitte, In ihrem Bunde der Dritte. Vorlesung eines Zuckerrohres über den gänzlichen Mangel aller Romantik, gehalten in einer Gesellschaft von jungen Runkelrüben. Meine ehrenwerten Freunde und Runkelrüben! Ihr Geschlecht fängt an, sich nicht nur unter die ganze Erde, sondern auch über die ganze Erde zu verbreiten! Sie tragen mit dazu bei, alle Romantik auszurotten und eine industrielle, nüchterne Prosa an ihrer Stelle zu substituieren! Wenn die Natur Runkelrübenzucker haben will, so hat sie sich mit der Geburt von Christoph Kolumbus lächerlich gemacht, und Ludwig August Frankl hat unrecht gehabt, einen Mann zu besingen, den die kleinste von Ihnen, meine ehrenwerten Damen, entbehrlich macht! Ja, Sie, Sie geben der romantischen Lichtseite des Lebens den letzten Gnadenstoß! Die Aufklärung, die Reformen, die allgemeine Erfindungs-, Entdeckungs- und Ersparungswut hat allen Schimmer, alle Illusionen von den Fittichen der Zeit abgestreift, und die allgemeine europäische Zivilisation hat die sonst romantisch-bunte, malerische, poetische, phantastische, ideale Verschiedenheit der Welt in eine einzige, große, einförmige, aschgraue Livree gesteckt, mit blanken Knöpfen, auf denen der monoforme Namenszug der modernen Alltäglichkeit ausgeprägt ist! Die Mythologie haben wir längst verscherzt und die Götter Griechenlands; die Oreaden, Dryaden und Hamadryaden haben wir zu Schiffsbalken und Kanalschleusen entgöttert; die Gnomen haben wir zu Steinkohlenjungen gemacht; Daphnes Locken flattern in Wildbretsaucen, und Vulkans Atem schnaubt aus Dampfröhren uns entgegen. Aber es blieben unserer Phantasie noch schöne, große Domänen; unserer Romantik blieb der schöne Witwensitz: Orient, dieses Land der Wunder und Fabeln. Uns blieben die schönen Sultaninnen mit langen Schleiern über lange Wimpern; uns blieben die Houris, Peris, Odalisken aller fernen Zonen! Uns blieb das fabelhafte Indien, die lockenden Bajaderen; unserer Intuition blieb Afrika, die Kassauben, die Oasen, die glühenden Odaliskenaugen, die brüllenden Löwen, die betürmten Kamele, die klugen Elefanten etc. Alle diese Güter im Reiche der Einbildungskraft hat uns die allgemeine Zivilisation geraubt, geplündert, verwüstet! Nicht ein haarbreit phantastischen Boden hat sie unserer Illusion überlassen! Die alte, zahnlose, prüde, pedantische, steife, kluge, aber abgeschmackte Gouvernante Europa hat die andern Weltteile an den keuschen, aber dürren Busen genommen, hat sie zu klugen, artigen, gesitteten Jungens herangezogen und herangebildet, und da stehen sie nun, die drei europäisierten großen Bengel, steif, uniformiert, höflich, kalt, fad und bis zur Abgeschmacktheit unterrichtet und zivilisiert! Aus allen drei Weltteilen ist kein einziger Tropfen Romantik mehr zu pressen, alles ist so alltäglich zivil geworden, so durchaus europäisch prosaisch und farblos, daß sie kaum mehr Kostümausbeute für einen Theaterkostümier abwerfen! Der Turban macht dem Tschako Platz, der Schleier dem Bibi, die Mandarinen tragen Achselbänder, und an der Stelle der schönen Scherezade mit den süßen Märchen liest Madame La Bim-bascha den unsterblichen Paul de Kock! Aus den Boudoirs in Algier wird wie aus denen zu Paris geschrieben: ›Madame Fetscha-Bumba prie Mr. Pinca-Rauka de lui faire l'honneur de prendre le thé etc. etc.« Der Enkel von Dschingischan verbietet das Opium infolge eines Mäßigkeitsvereins; das Opium, diesen phantasmagorischen Zauberer, der den siebenten Himmel mit seinen Houris, Brama und Wischnu vor die Seele zaubert! Der Nimbus der Bajaderen zerfließt im Saal Ventadour! Die Löwen Afrikas empfangen Besuche von den Pariser Grisetten, die Arras, Loris und Papageien sagen: »Bon jour!« Der Elefant apportiert und macht den Aimablen. Alle Affen und Mandrills und all die bizarren Menschenincunables der Schöpfung haben ihren Bürgerpalast im jardin des plantes! Wo soll da die Romantik noch ihre Rekruten hernehmen? Woher die Phantasie ihre Bilder suragieren?! Die Universalbildung hat die Romantik aufgegessen, die sporadische Zivilisation ist eine epidemische geworden, hat alle Romantik mit Haut und Haar verschlungen, wie der Vesuv den Empedokles, und hat nichts von ihr übriggelassen als auch nur den ledernen Pantoffel! Ich, das Zuckerrohr, ich stehe nur allein noch als der letzte romantische Mohikan da; meine Locken flattern wie die Trauerweiden Babylons an den Ufern des Ozeans, und ich schüttle weinend mein Haupt herüber auf das von Runkelrübenprosa durchackerte Europa! Ich, meine ehrenwerten Runkelrüben, ich Zuckerrohr, bin ein Enkel der Mythologie! Die schöne Syrinx wurde von Pan verfolgt, sie flehte bei ihrem Vater, Majoratsherr eines mächtigen Wassergottes, um Rettung, wurde in ein Rohr verwandelt, und dieses Rohr bin ich! In mir liegt romantisch-dramatischer Stoff: Liebe, Verfolgung, Vaterfluch, die Peripette zu Zucker und endlich die süße und versöhnende Auflösung! Allein wo ist eine Mythe, welche die Runkelrübe verschönt, und wo ist die moralische Tendenz des Runkelrübenstoffes wie die in mir: wenn die Mädchen von Liebe verfolgt werden, so verwandeln sie sich!? Welches Mädchen würde wünschen, in eine Runkelrübe verwandelt zu werden? Mich brauchen die Poeten zu ihren schönsten Metaphern: schlank wie Zuckerrohr! Allein zu welchem Bilde kann man die Runkelrüben, diese Calibans unter den Pflanzen, gebrauchen? Kein Poet wird von einer Schönen sagen: »Ihr Wuchs war wie eine Runkelrübe!« Kotzebues »armer Poet« ist in meinem Schatten entstanden; Lorenz Kindlein gedieh unter dem Schatten der Zuckerröhre, unter diesen hohen Rohrwäldern wuchs jene Liebe, aus jenen schlanken Zeugen ihrer Liebe schrieb sie jenes: »ich folge dir, sobald ich kann!« welches all jenen rührenden Zauber um Lorenz Kindlein legt, der nötig ist, um empfindungsvolle Theaterbesucherinnen in Thränen zu waschen und zu baden! Glauben Sie, baß solch ein Werk der Liebe, der reinsten Liebe, der totalen Hingebung auch in der Atmosphäre des roten Mangold, der Dick- und Futterrübe hätte gedeihen können? Und nun gar Kotzebues »Negersklaven«! Was wären die ohne Zuckerrohr! Setzen sie statt »Plantagen« Runkelrübenfelder, und der dramatische Effekt ist beim Henker! denn Seufzer, Thränen und Plantagen, das ist die natürliche Ostindische Kompanie, die sich für den Erfolg dieses Stückes verbürgt; allein setzen sie »Seufzer- und Rummelrübe« oder »Thränen- und Rungselrübenzuckerfabrik«, und alle elegische Stimmung ist im Keime erstickt! Ich sehe die Zeit kommen, wo sich alle Rüben der Erde zu Zucker emanzipieren werden! Vor dem Gesetz sind alle Rüben gleich! wird die Gukelrübe sagen! – Warum soll gerade aus dem Kainshaupte der roten Rübe Zucker gepreßt werden, warum nicht auch aus meinem blonden, langgelockten Haupte? so wird die gelbe Rübe fragen. Dann kommt das ganze Geschlecht der Kohlrüben, der Mohrrüben, der Wasserrüben, der Steckrüben, der Tellerrüben und die ganze weitverbreitete Familie der Rapunzeln, und alle werden wollen Zucker geben, und alle werden schreien: »anch' io son pittore!« Alle werden sagen: »Preßt nur, preßt, unter der Presse gibt Kraut und Rüben auch Zucker!« Alle Rübenbauern werden bei ihrer Saat deklamieren! »Dem dunklen Schoß der heiligen Erde Vertrauen wir die Rübensaat Und hoffen, daß sie erstehen werde Als Zuckerrohr von besserm Grad!« Selbst die kleine Teltower Rübe wird aus den Palmenwäldern um Berlin aus der Erde steigen wie ein kleiner Gnom, wird nach Berlin gehen zu Herrn Rellstab oder Häring und wird sagen: »Ihr findet in jeder Naturrübe Stoff zu dickem Romanen- und Leihbibliothekenzucker: warum nicht auch in mir?« Seid nicht stolz darauf, meine sonst ehrenwerten Runkelrüben, daß ein Zentner von euch ein Pfund Zucker gibt, denn aus welchen Dingen wird jetzt nicht Zucker gezogen? Aus Ähren und Mais; ja, sogar aus Makulatur! Makulaturzucker! Welch ein Trost, welch eine Aussicht für die Pflanzer der litterarischen Negersklaven: für die Buchhändler! Zuerst pressen sie den Schriftsteller, dann das Werk, dann die Leser, dann das Makulatur! Wie muß ihnen der Kaffee mit solchem Zucker schmecken?! Es wird eine Zeit kommen, wo man in diesem Makulaturzucker so bewandert sein wird, daß man bei jeder Tasse Kaffee, die man trinkt, den Schriftsteller herausschmecken wird, aus dessen Makulatur er gezuckert ist! Die Empfindsamen werden Novellenzucker, die Romantischen George-Sand-Zucker u. s. w. haben. Allein das alles wird vergehen! Alle andern Zucker werden zerfließen, alle Prätendenten dieses süßen Throns werden ihr Ende ereilen, ich allein, das legitime Zuckerrohr, werde bestehen, und in so viel Zungen sich auch die Menschheit teilen möge, es wird kein Mensch die Doppelzüngigkeit so weit treiben, um Zuckerrohrzucker – Runkelrübenzucker zu achten! Und somit ende ich meine Betrachtung über diesen Gegenstand; mögen Sie mir, meine ehrenwerten Adoptivzuckerstiefkinder, auch hinter dem Rücken ein Rübchen schaben, mich entschädigt mein innerer Gehalt! Ehre, dem Ehre gebührt: »Voll Saft mag wohl die Runkelrübe sein. Doch Zucker wohnt im Zuckerrohr allein!«