Joseph Christian von Zedlitz Cabinets-Intriguen Lustspiel in drei Aufzügen Personen. Sternau. Louise, seine Frau. Hermine, seine Nichte, Laurette, Kammermädchen in Sternau's Hause. Herr von Buchen. Bastian, Bedienter bei Sternau. Erster Aufzug. Zimmer in Sternau's Hause. Erster Auftritt.   Sternau. Louise. Sternau. Ja, es ist meine Pflicht als Oheim und Vormund, das Glück meiner Nichte im Auge zu halten. Buchen ist ein leichtsinniger Mensch, der jeder Schürze den Hof macht. Mit einem solchen Ehemanne wäre dem armen Kinde schlecht geholfen. Ich habe daher dem Herrn Galan ein sehr verbindliches Billet geschrieben und ihn gebeten, das Haus nicht ferner mit seiner Gegenwart zu beehren. Louise. Hermine sieht vermuthlich mit andern Augen. – So ein junges Mädchen, das von der Welt noch nicht mehr kennt, als es von ihr aus seinem Fenster gesehen hat, glaubt freilich solche Betheuerungen aufs Wort. Wir wissen freilich besser, was diese Münzen werth sind. Sternau. Wir handeln hier mit aller Ueberlegung und als Leute, die die Sache verstehen. Nun, in Ehestandsangelegenheiten dürfen wir, wie ich meine, schon ein Wörtchen mitsprechen; wir beweisen durch unser eigenes Beispiel, daß unsere Theorien gut sind. Louise. Gewiß, mein Freund! Wir sind in der That ein sehr glückliches Paar, und solche fangen an, hier in der Stadt selten zu werden. Sternau. Wir sind nun fünfzehn Jahre verheirathet: wie sind diese Jahre hingegangen? Ich habe sie gar nicht gemerkt, ich weiß nicht, wo sie hingeflogen sind. Sage selbst, Louischen: wann ist unser Glück in dieser Zeit auch nur einen Augenblick gestört worden? Louise. Gewiß, niemals. Sternau. Waren zwischen uns Eifersuchten? Louise. Niemals. Sternau. Du weißt, ich prahle nicht; – ich bin jetzt einige vierzig Jahre: die erste Jugend ist vorüber; aber ich darf, ohne mir zu schmeicheln, sagen: ich war, was man einen hübschen Mann nennt. Und du, Louischen, wenn du deinen Spiegel jetzt noch fragen wolltest – Louise. Mein Freund, Sie occupiren so alle Spiegel im Hause, daß ich nicht dazu komme, solche Fragen zu stellen; indeß weiß ich auch ohne Spiegel, daß ich nicht schön bin. Sternau. Allzu bescheiden! Die geringe Meinung, die Madame Sternau von sich selbst haben, ist durch competente Richter glänzend widerlegt worden. Wir wissen, was wir wissen. Ich sitze zwar fast immer hinter dem Schreibtische, und es kann viel in der Welt geschehen, das ich nicht sehe; das aber hab' ich denn doch bemerkt: die gebührende Anerkennung hat nicht gefehlt. Louise. Du bist nicht gescheidt! Sternau. Kurz, wie wir Beide hier in diesem Augenblicke stehen, hängt es nur von uns ab, noch jetzt die schönsten Eroberungen der Welt zu machen, wenn wir nur irgend Lust dazu hätten. Louise. Mein Freund, Sie sind unausstehlich eitel! Es ist nur ein Glück, daß Sie so wenig Zeit haben, auf Irrwege zu gerathen. Sternau. Laß das gut seyn, Louischen! Unter vier Augen dürfen wir uns so etwas wohl vertrauen. Aber bei alle dem, wann ist es uns je eingefallen, unsere Vorzüge auf diese Weise geltend zu machen? Wann haben wir uns auch nur entfernt zur Eifersucht Anlaß gegeben? Louise. Mein Gott, ich bin sehr gut, ich sah oft durch die Finger. Sternau. Haben aber hinter Ihren lieben schönen Fingern nie etwas zu sehen bekommen. Nein, nein! Ich weiß, ich habe den Frauen gefallen – nun, lache immer zu; du mußt aber doch selbst eingestehen, nicht ganz ohne Verdienst. – Indessen habe ich doch nur Augen und Herz für dich gehabt. Und kurz und gut, meine Nichte Hermine soll eine eben so glückliche Frau wie ihre Tante werden; nur einen Mann, wie ich bin, soll sie heirathen. Louise. Ich fürchte nur, Hermine wird zu lange warten müssen, bis die Natur dieses Meisterstück wiederholt. Wer weiß, ob sie so lange Geduld hat. Sternau. Sie muß Geduld haben. Buchen bekommt sie nun ein- für allemal nicht! – Buchen ist gar nicht solid. Ich habe gehört, daß keine Frau in der Stadt ist, der er nicht nachgestellt hat. Louise. Ich muß gestehen, daß ich früher selbst recht viel auf ihn gehalten habe; doch seit ich hörte, daß er dem mageren Pfau, der Räthin Tritthahn, den Hof gemacht hat, ist er mir durchaus fatal! Sternau. Du beneidest ihr doch nicht Buchens Eroberung? Louise. Daß mich Gott bewahre! Ein Mann, der an dem Wagen zieht, dem muß es hier fehlen. Buchen hat keinen Verstand. Sternau. Und ein solcher wird auch nicht der Gemahl meiner Nichte, dabei bleibt es! Louise. Doch scheint mir Hermine lichterloh zu brennen. Sternau. Desto eher muß man löschen. – Nach dem Briefe, den er von mir bekommen, wird Buchen wohl öffentlich unser Haus nicht mehr besuchen; es muß daher nur noch gesorgt werden, daß es auch nicht heimlich geschehe, und daß niemand im Hause die Hand dazu biete. (Er klingelt.) Zweiter Auftritt.   Vorige. Laurette. Laurette. Was befehlen Sie? Sternau. Herr von Buchen scheint Absichten auf meine Nichte zu haben, die ich durchaus nicht begünstigen will. Ich habe gute Gründe, zwischen ihr und ihm alle Verbindung aufzuheben, und habe daher den jungen Herrn ersucht, unser Haus nicht mehr zu beehren, und dich ersuche ich, deine Hände fein aus dem Spiele zu lassen und deinen Diensteifer nur auf das zu beschränken, wofür du gemiethet und bezahlt bist. Laurette. Ich, Herr Sternau? Sternau. Ja, Sie, Jungfer Laurette! – Ich weiß, daß Personen Ihrer Art in den Häusern gewöhnlich das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten besorgen; ich verbitte mir alle diplomatischen Verhandlungen zwischen Herminen und den fremden Mächten, insbesondere mit Herrn von Buchen. Laurette. Sie thun meinen geringen Fähigkeiten zu viel Ehre, Herr Sternau! Wie käme ein armes Mädchen, wie ich, zu einem so erhabenen Posten? Sternau. Erspare dir alle weiteren Worte. Die geringste Uebertretung meiner Befehle, und du hast zuverlässig deine augenblickliche Entlassung, darauf kannst du rechnen. Komm, Louise.   (Er geht mit Louisen ab.) Dritter Auftritt. Laurette allein. Ich meine Hände aus dem Spiele lassen? ich am Nährahmen und Strickstrumpfe sitzen, während hier im Hause eben die interessantesten Krisen sich vorbereiten? Die ganze Intrigue in vollem Gange? Und Sie meinen, Herr Sternau, in einem solchen glänzenden Momente würde ich meinen Talenten die günstigste Gelegenheit zu ihrer Ausbildung rauben? Warum nicht gar! – Sie wollen keine diplomatischen Verhandlungen? Gerade deßhalb sollen Sie welche haben, und will's der Himmel, sollen sie so verwickelt werden, als nur immer möglich ist! – Ich habe noch in keinem Hause gethan, wofür ich gemiethet und bezahlt wurde. – Aber das hat man davon, wenn man in bürgerlichen Familien dient! Solche Zumuthungen werden einem gemacht. Ei, Herr Sternau, wenn Sie ein Kammermädchen nur zum Nähen und Putzmachen haben wollen, so hätten Sie es nicht aus den ersten Diensten der Residenz nehmen sollen, und noch dazu eines, das wie ich in einer französischen Kostschule erzogen wurde, – Nein! ich bin nicht für diese bürgerlichen Haushaltungen; meine Sphäre ist der Salon, oder, um mich bescheiden auszudrücken – das Cabinet! – Vierter Auftritt.   Laurette. Buchen. Bald darauf Hermine. Laurette. Wie, Herr Buchen? Sie wagen, trotz dem Briefe, den Sie von Herrn Sternau erhielten, noch in diesem Hause zu erscheinen? Buchen. Wie Sie sehen, Mamsell Laurette. – Herr Sternau hat mir, auf die höflichste Weise von der Welt, die Thür gewiesen. Ehe ich aber von seiner Artigkeit Gebrauch mache, möchte ich zuvor von dem Grunde unterrichtet seyn, der ihn bestimmt, sich meine Besuche zu verbitten. Laurette. Von mir werden Sie das schwerlich erfahren, und in sofern dieser Besuch mir gegolten hat, muß ich ihn gleichfalls verbitten. Buchen. Sie scherzen, liebe Laurette. Laurette. Ich rede in allem Ernste. – Herr Sternau hat mir meine Entlassung angekündigt, wenn ich Ihnen bei Fräulein Herminen Vorschub leiste. Indessen, sobald ich auf meinem Platz und in meinem Berufe stehe, lasse ich mich nicht so leicht erschrecken, Ueberdieß liebe ich Fräulein Herminen und wünsche ihr Glück. Und endlich – will ich Herrn Sternau einen Streich spielen – denn er hat mich schnöde behandelt und unziemlich von dem Amte eines Kammermädchens gesprochen. Rechnen Sie daher nur immer auf meinen Beistand, Herr von Buchen. Buchen. Aber, um des Himmels willen, was hat man denn eigentlich gegen mich? Laurette. Ich, nicht das Geringste; Herr Sternau aber, wie es scheint, desto mehr. Hermine   (tritt auf) . Ich sah Sie in das Haus kommen und muß Sie bitten, sich eilig wieder fort zu machen. Ich habe eben eine solche Lektion von Onkel und Tante um Ihretwillen bekommen, daß meine ganze Liebe für Sie dazu gehört, noch diese Unterredung zu wagen. Buchen. Ich kann mich von Erstaunen nicht erholen! – Was in, aller Welt, theure Hermine, ist denn in Ihren Oheim gefahren, daß er sich einer Bewerbung widersetzt, die, sobald sie Ihre Zustimmung hat, keine Ursache zu irgend einer vernünftigen Einwendung darbietet, ja, die ihm früher selbst ganz zulässig schien? Hermine. Von dieser Meinung ist mein Oheim nun durchaus abgekommen. Er hat mir eben ein langes Register aller Ihrer losen Streiche aufgezählt, und bei jedem behauptet: ein solcher Mann könne unmöglich ein guter Ehegemahl werden. Ich habe diese Schlußfolge ans blinder Liebe freilich nicht so unbedingt einsehen wollen; indessen läßt es sich nicht läugnen, Sie haben kolossale Treulosigkeiten begangen, und dem armen Frauengeschlechte auf eine verzweifelte Weise mitgespielt. In der That, wenn auch nur der zehnte Theil davon wahr wäre, wie soll ich Vertrauen zu einem Manne fassen, der sein ganzes Leben damit zugebracht hat, eben so leichtsinnig Verbindungen zu brechen, als sie einzugehen? Buchen. Eben darin liegt meine Empfehlung und Ihre Sicherheit, meine beste Hermine. Hermine. Eine saubere Empfehlung, das muß man gestehen! Buchen. Aber wollten Sie denn lieber, daß ich ohne Wahl mit der Ersten Besten, zu der mich der Zufall gebracht hat, eine Verbindung für das Leben eingegangen wäre? – Ich habe die Frauen aufgesucht, um sie kennen zu lernen; ich habe sie wieder verlassen, weil ich sie gekannt habe. – Ich habe das Geschlecht als Liebhaber, Kenner und Kritiker studirt. Meine Liebhaberei hat meine Studien angeregt, meine Studien haben mir zur Kennerschaft geholfen, und als Kenner konnte mein Geschmack sich nur mit dem Vortrefflichsten zufrieden stellen. – Hier haben Sie den Schlüssel zu meiner ganzen Lebensweise. Sie sehen, daß das, was man mir übel deutet, meine Unbeständigkeit, eigentlich eine meiner empfehlungswerthesten Eigenschaften, und auf wahre Grundsätze gegründet ist. Laurette. Der Himmel wird wahrscheinlich Ihre Grundsätze viele Anhänger finden lassen. Hermine. Wir wollen nicht hoffen. – Es wäre gräuelhaft, wenn ein solches System verbreitet würde! Buchen. Wir Männer werden in Betreff der Treue wahrlich oft sehr unverdient vom bösen Leumund gemißhandelt. Die Frauen machen in diesem Punkte gewöhnlich die unbilligsten Forderungen und die seltsamsten Folgerungen von der Welt. – Wir sehen eine Dame einigemale, wir finden sie nicht übel, wir sagen ihr die gewöhnlichsten Artigkeiten, wir sprechen von Liebe in den allgemeinsten Beziehungen – und siehe da! – die Dame spricht von einer erklärten Verbindung! Wir wiederholen dasselbe Gespräch, bei derselben Veranlassung, bei einer zweiten – und siehe da! – die erste Dame schreit Zeter über Verrath und Treulosigkeit, Aber begründen denn herkömmliche Redeformen solche ernsthafte Ansprüche? Ich meines Theils werde mich, weil ich einer Frau sage, daß sie hübsch ist und daß sie mir gefalle, und sie es wohl aufnimmt, deßhalb schwerlich zu ewiger Treue verbunden glauben; und werden Sie es tadeln, theuerste Hermine, daß ich diesen Grundsätzen treu blieb, da meine Wahl, bis ich sie fand, auf keinen Gegenstand fiel, der sie vor meinem eigenen Urtheile gerechtfertigt hätte? Hermine. Meine Lage ist bedenklich. Ich muß gewärtigen, daß, wenn Sie erst Ihre Kennerschaft zu Rathe ziehen, die Neigung zu mir vor den Augen eines so gelehrten und gründlichen Kritikers keine Gnade finden werde. – Was soll dann aus mir armem Mädchen werden? – Spreche ich von einer erklärten Verbindung, so behaupten Sie, mit mir nur in den allgemeinsten Beziehungen von Liebe gesprochen zu haben; klage ich über Treulosigkeit, so werden Sie mir antworten, daß solche herkömmliche Redeformen keine ernsthaften Ansprüche begründen. Und wenn ich am Ende auch noch Muth genug hätte, es mit Ihnen daraus zu wagen, so wird doch mein Oheim in keinem Fall auf Ihre feinen Distinktionen eingehen wollen. Sie haben darüber vorläufig schon seine Entschließung vernommen: er will nichts mehr von einer Verbindung zwischen uns wissen, hält Sie für einen wahren Habicht, der uns armen Tauben nach dem Leben trachtet, und verbittet sich in Zukunft die Ehre Ihres Besuches. Buchen. Nie, nie werde ich meine Ansprüche an Sie aufgeben. Mein Herz hat entschieden und Sie , meine Hermine, Sie glauben mir. – Sie müssen meine Frau werden! Lassen Sie mich mit Ihrer Tante sprechen; meine Bitten werden sie bewegen. Hermine. Meine Tante ist in der That nicht viel günstiger für Sie gesinnt als mein Oheim. Sie findet Sie verabscheuungswürdig und begreift nicht, wie man sich von einem solchen Menschen, der allen Weibern dasselbe sagt, die Cour machen lassen könne! Seit sie zudem von Ihrer Intrigue mit der Räthin Tritthahn gehört hat, scheint sie sogar von Ihrem Verstande nicht die schmeichelhafteste Meinung zu haben. Buchen. Begreift nicht? – So! – Es ist Schade, daß mein Herz von zu ernsthaften Gefühlen bewegt ist, um den Versuch zu wagen, es ihr begreiflich zu machen. Mein Verstand muß bei ihr wieder zu Ehren gebracht werden; ohne eine kleine Rache kann diese Beleidigung nicht hingehen. Hermine. Herr von Buchen, meine Tante ist eine Frau von den besten Grundsätzen und ihrem Mann auf das innigste ergeben. Buchen. Das bezweifle ich nicht; aber eine bescheidene Huldigung wird ihr ihre Sittsamkeit dennoch anzunehmen verstatten. Laurette. Recht, Herr von Buchen! Ich nehme Ihr Wort für Prophezeihung, Ich habe einen ähnlichen Gedanken. Ich dachte einstweilen über Mittel, Ihre Angelegenheiten, die in diesem Hause für diesen Augenblick nicht günstig stehen, wieder in Gang zu bringen, und mein Plan fängt nachgerade an, Gestalt zu gewinnen. Hermine. So rede! erkläre uns – Laurette. Nicht jetzt. Herr von Buchen, Sie sollen noch heute Ihre Instruktionen schriftlich empfangen, um Ihre Maßregeln mit den meinigen vereinigen zu können; jetzt aber ist es Zeit, daß Sie sich entfernen, Herr Sternau darf Sie nicht hier im Hause finden, – Vertrauen Sie mir getrost; Ihre Geschäfte sind, ohne Ruhm zu melden, in den besten Händen. Buchen. Ich habe alles Zutrauen in Ihren Beistand. Ich verlasse Sie hoffentlich nicht auf lange, meine theure Hermine! Hermine. Leben Sie wohl, Buchen! Zwar kenne ich Laurettens schnell entworfenen Plan noch gar nicht; doch hoffe ich, wird nicht mehr Spitzbüberei darin seyn, als wozu ein verliebtes Mädchen, um einen Mann zu bekommen, die Hände bieten kann, ohne ihr Gewissen allzusehr zu beschweren. Laurette. Ei, machen Sie sich deßhalb keine Scrupel. Bei Staats- und Liebesgeschäften kann nicht alles auf dem geraden Wege abgemacht werden, und man muß deßhalb den Unterhändlern nicht gleich ihr Gewissen in den Bart werfen.   (Hermine geht in die Seitenthür, Buchen durch die Hauptthüre ab.) Laurette. (allein) . Mein Plan ist mir zwar selbst noch nicht ganz klar, indessen ist er auf gute Grundlagen erbaut, die die Hoffnung des Gelingens in sich tragen. – Ja, so muß es gehen! Auf diese Weise allein gewinne ich sein Zutrauen! Sternau ist gutmüthig, sehr leichtgläubig und meint, die Welt sey noch so, wie er sie in Lafontaine's Romanen gefunden hat. Dabei ist er etwas eitel – und ich – ei nun, ich bin für einen Herrn von gewissen Jahren doch immer eine nicht zu verachtende Eroberung. Wird er mir aber glauben? – Gewiß! Daß man sie liebt, glauben die Männer alle; wie viel mehr erst einer, der überhaupt so leicht glaubt, als Sternau. Und glaubt er erst das, dann glaubt er auch alles Andere. Bei Madame wird es schwerer seyn, die Intrigue mit einer ähnlichen Mystifikation im Gange zu erhalten. Doch nur Muth! Madame ist eine Frau wie andere. Zwar liebt sie ihren Mann wirklich; doch wird sie es deßhalb nicht sehr übel nehmen, wenn auch außer ihm sie noch jemand liebenswürdig findet. Und nimmt sie es übel, desto besser! – Wohlan! ich lasse meine Federn springen. Fünfter Auftritt.   Laurette. Sternau. Sternau. Ich hörte sprechen; wer war hier? Laurette. Herr von Buchen. Sternau. Buchen? Was wollte er? Wie konnte er nach meiner bestimmten Erklärung noch wagen –? Laurette. Ein Liebhaber, wie Herr von Buchen, wagt alles, zumal in der Desperation. Sternau. Er bemüht sich vergebens; seine Anschläge auf Herminen sollen ihm nicht gelingen. Laurette. Auf das Fräulein? Sternau. Nun, auf wen denn sonst? Laurette. Ja so! – Sie meinen also das Fräulein –? Sternau. Was sollen diese lächerlichen Ausrufungen? »Das Fräulein? – Ja so! – Sie meinen – ?« Was zum Henker gibt es hier noch zu meinen? Laurette. Armer Herr Sternau! Sie dauern mich! Sternau. Was soll das heißen? Laurette. Ich fühle – ich bin – ach! Sternau. Zum Henker, so rede deutlich! Wohin sollen alle diese Vorbereitungen führen? Laurette. Was ich sage, klingt freilich etwas seltsam; aber ich kann mir nicht helfen. – Sie haben etwas so Einnehmendes in Ihrem Wesen – Sternau. Das gehört nicht hierher. Laurette. Ich habe Ihres Gleichen nicht gesehen. Ich bemerke das nicht allein; darüber ist in der ganzen Stadt nur Eine Stimme. Sternau. Du bist eine Närrin! Laurette. Und einen solchen Mann –! einen so schönen Mann –! Sternau.   (für sich). Was zum Teufel will denn das Mädchen? Laurette. Was ich Ihnen jetzt gestehe, Herr Sternau, hat nie über meine Lippen kommen sollen. Ich hoffe, Sie werden mir auch die Gerechtigkeit widerfahren lassen, einzugestehen, daß ich bis jetzt Kraft genug hatte, mein unseliges Geheimniß auch nicht mit einem Blicke zu verrathen. Gewiß, Sie hatten bis jetzt keine Ahnung, was in diesem Herzen vorging. – Nein, Sie werden nicht unwürdig von einem Mädchen denken, das ohnehin unglücklich genug ist. Sternau. So komme doch, um des Himmels willen, endlich zur Sache. Laurette. Ich kämpfte einen fürchterlichen Kampf; doch es handelt sich um Ihre Ruhe und Ihr Glück! – Das lös't mir die Zunge, da kenne ich keine Rücksicht! Sternau. Ich verstehe dich noch immer nicht. Laurette. Ich bin verlegen, welche Worte ich wählen soll, das zu bezeichnen, was ich Ihnen mitzutheilen im Begriff bin. 15 Sternau. Wähle die ersten besten, die dir in den Mund kommen. Laurette. Die Männer haben mir oft gesagt – ich sey schön – Sternau.   (sie seitwärts anblickend, für sich). Da haben sie nicht Unrecht gehabt. Laurette. Ich lege darauf keinen Werth. Und hätte ich alle Vorzüge der Welt, was nützten sie mir? Mein Stand berechtigt mich nicht, ein Glück zu erwarten, wie ich es wohl zu schätzen verstände. Dennoch darf ich von mir sagen: dieses Herz ist eines edlen Mannes nicht unwerth. Sternau. Wozu soll diese lange Einleitung führen? Was, zum Teufel, geht mich dein Herz an? Laurette. Was es Sie angeht? – O Himmel! – und doch muß ich reden! Ich allein werde diesen bittern Kelch leeren. Urtheilen Sie nach dem, was Sie hören werden, nicht zu voreilig über mich. – – Herr Sternau! Sie sind mir sehr, sehr theuer! Sternau. Gehorsamer Diener! Laurette. Wenn ich Ihre Frau geworden wäre, die Frau eines solchen Mannes –! Sternau. Nein, das ist zu arg! Laurette. Eines so schönen, liebenswürdigen Mannes, von der feinsten Bildung, den angenehmsten Formen, dem edelsten, vortrefflichsten Herzen! – O Gott! Ich Unvorsichtige! Was hab' ich gestanden! Wohin führt mich mein Gefühl? – Doch warum es nicht sagen? – Ja, ich, Herr Sternau, ich hätte Sie nicht betrogen. Sternau. Mamsell, Sie werden unverschämt! Laurette. Immerhin, Barbar! mag es seyn! Einen Tropfen mehr oder minder in den Leidenskelch, was thut das? Mein Geschick geht seinen Gang. Wohl! auch das! – Warum sollten Sie minder grausam seyn? Zertreten Sie dieses unglückliche Herz für die Schwäche, Sie gränzenlos zu lieben! Sternau   (für sich). Davon hatte ich keine Ahnung! Laurette. Herr Sternau, nun bitte ich um meinen Abschied. Sternau. Was fällt dir ein, Laurette? Warum denn deinen Abschied? Diese vorübergehende – Laurette. Nein, Herr Sternau! Nach dem Geständnisse, das Ihnen mein überraschtes Herz gemacht hat, verbietet es mir mein Zartgefühl, länger in Ihrer Nähe, unter Ihren Augen zu bleiben. Ach, warum hab' ich mir auch eine Stärke zugetraut, die ich nicht besitze! Warum war ich vermessen genug, mir einzubilden, ich könnte aus diesem Kampfe als Siegerin hervorgehen? In der Nähe des Mannes, den ich anbete, dessen Vorzüge immer vor meinem Auge, vor meiner Seele standen! wie war es möglich? – Nein, Herr Sternau! geben Sie mir augenblicklich meinen Abschied! Sie sollen mich beklagen, aber Sie sollen mich achten! Sternau. Wie, Laurette? Du wolltest – Sie wollten –? Laurette. Gehen, und mein Geheimniß mit mir nehmen. Sternau. Was? noch ein Geheimniß? Laurette. Soll ich Ihnen die Augen öffnen? – Soll ich Sie aus Ihrer glücklichen Blindheit wecken? Und wird, nach dem, was ich Ihnen gesagt habe, das, was mir noch zu sagen übrig bleibt, nicht verdächtig scheinen?– Wäre es überhaupt edel von mir? Würden Sie nicht glauben, Eifersucht – O, mein Geist verwirrt sich! – ich bin sehr, sehr unglücklich! Sternau. Armes, beklagenswerthes Mädchen! Laurette. Und doch! – Soll ich den Mann, den ich über alles liebe, mißbrauchen sehen? Soll ich zugeben, daß man den schwärzesten Verrath gegen ein argloses Herz übe? gegen ein Herz, das der Himmel meines Herzens ist? – Nein! meiner Liebe soll jede kleinliche Rücksicht fern bleiben! Mag ich verkannt werden, sey es! wenn ich nur groß vor mir selbst stehe! – Herr Sternau! Sie glauben in der That, die Bewerbung des Herrn von Buchen gelte Ihrer Nichte? Sternau. Ja, wem denn sonst? Laurette. Armer, betrogener Gatte! Sternau. Laurette! Laurette. Fassung, Fassung in dieser schweren Stunde! Sie sind ein Mann! Die Lie – die Freundschaft hilft Ihnen tragen. – Mein Herz ist gebrochen, Ihr Herz ist verrathen! Mischen Sie Ihre Thränen mit den meinigen. – Herr von Buchen liebt nicht Ihre Nichte, Herr von Buchen liebt Madame Sternau! Sternau. Das ist unmöglich! Laurette. Und doch! Ich weiß es, ich hab' es entdeckt. O, die Liebe hat scharfe Augen! – Hier ist kein Zweifel. Madame Sternau liebt ihn wieder! Sie sind betrogen, Ihre Nichte ist betrogen, wir alle sind betrogen! Sternau. Louise? Nein, es wäre schändlich! Laurette. Das ist das Loos des Schönen auf der Erde! – – Und nun, Herr Sternau, bitte ich um meinen Abschied. Ich habe, nun ich mein Herz verrathen, hier nicht länger Ruhe. Diese Mauern lasten auf meiner Brust. – Ich muß fort, fort! – einsam weinen und (wirft sich an seinen Hals) dich nie vergessen, edler, unglücklicher Mann! (Sie geht schnell ab.) Sternau. Das ist eine schauderhafte Geschichte!   (Der Vorhang fällt.)   Ende des ersten Aufzugs. Zweiter Aufzug. Erster Auftritt.   Laurette allein. Meine Sachen gehen vortrefflich! Buchen ist von allem genau unterrichtet und antwortet auf sein Stichwort. – Sternau macht eine höchst komische Figur in seiner neuen Eigenschaft als gekränkter Gatte. Er geht mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, setzt sich nieder, geht wieder auf und ab und spricht wie Macbeth, der den König erschlagen, nur von Zeit zu Zeit: »schauderhaft! höchst schauderhaft!« Dabei folgen mir, wenn ich durch das Zimmer gehe, seine Augen so unwillkürlich; seine Blicke ruhen so wehmüthig auf mir, als wollten sie mir zu verstehen geben, daß die Wunden seines Herzens einige Linderung erhalten könnten durch den Balsam meiner Liebe! – Die Männer sind doch durch die Bank die ausgemachtesten Spitzbuben, die sich nur denken lassen! Dieser erzürnte Theseus zum Beispiel, der eben aus seiner fünfzehnjährigen Ruhe aufgeschreckt ist, der sich geberdet wie ein ergrimmter Löwe, die Stirne runzelt, die Mähne schüttelt, den Rachen aufreißt, um sein treuloses Weib zu verschlingen: sieht mich doch selbst, seit er glaubt, daß ich ihn liebe, so ganz anders, so bedeutsam aus dem Winkel seiner zornflammenden Augen an, daß ich es eben für kein Riesenwerk halten möchte, ihn in acht Tagen gerade so straffällig in der Wirklichkeit zu sehen, als er seine Frau in diesem Augenblicke irriger Weise glaubt. Und doch liebt Sternau seine Gattin wahrhaft, und die Stadt, die von allen Menschen Uebles spricht, weiß nichts Uebles von dieser langjährigen Ehe zu sagen. Sollte man das nun wohl glauben? und doch ist es so! – Aber es steckt ein eigener Teufel der Unbeständigkeit in dem ganzen Geschlechte, und wie die Teufelchen in den gläsernen Flaschen, weiß man weder, wie er hinein gerathen, noch ist man im Stande, ihn je mehr heraus zu bekommen. – Ha, ich höre die Tritte unsers Kranken in der Einbildung, der sehr leicht an einem Uebel sterben könnte, das er nicht hat.  (Sie zieht sich in den Hintergrund.) Zweiter Auftritt.   Laurette. Sternau aus der Seitenthüre. Sternau. Das ist ein Gefühl, das ich meinem ärgsten Feinde nicht wünsche. Ich habe weder Ruhe noch Rast, – O Weiber! Weiber! – Fünfzehn Jahre an die Tritte eurer Füße geheftet seyn, fünfzehn Jahre Einen Athem mit euch hauchen, und man kennt euch noch so wenig als am ersten Tage der Schöpfung! – Wer hätte das von Louisen geglaubt? von dem offensten, wahrsten, unverstelltesten Wesen, das geboren wurde! – Aber ist es denn auch gewiß? – Laurette sagt es mit einer Bestimmtheit, die keinen Zweifel übrig läßt; sagt es in einem Augenblicke, wo das eigene, überströmende Gefühl – – Das ist auch ein neues Unglück! – Das Mädchen hat da eine Leidenschaft gefaßt, die tiefer als eine gewöhnliche Neigung liegt. Hier scheint die ganze Gewalt der ersten Liebe sich eines Herzens bemeistert zu haben, dem ein hartes Loos bestimmt ist, da es hoffnungslos empfindet. – Es ist doch sehr traurig! – Dort fünfzehnjährige Liebe und Treue mit Füßen getreten, die innigste Hingebung vergessen, das edle Gepräge meines Werthes einem Wüstling hingeworfen – und hier begründen eben diese nichts geachteten Vorzüge die Leiden eines harmlosen Mädchens, das ihrem Eindrucke nicht widerstehen konnte! – Da ist die Unglückliche! Laurette   (thut als ob sie durch das Zimmer gehen wollte.) Sternau. Laurette! Laurette. Was befehlen Sie? Sternau. Kommen Sie näher, Laurette! Laurette. Ach, lassen Sie mich, Herr Sternau! Sternau. Ich wünsche einige Worte mit Ihnen zu sprechen, die unsere beiderseitige Lage nöthig macht. Laurette. Wozu soll noch ein Gespräch zwischen uns führen? Für mich gibt es nur Einen Weg: dieses Haus so schnell als möglich zu verlassen. Sternau. Uebereilen Sie nichts, Laurette! Ihre Lage flößt mir so viel Theilnahme ein, als der furchtbare Gemüthszustand, in dem ich mich selbst befinde, nur immer möglich macht. Laurette. Ich konnte von Ihrem Zartgefühle nicht weniger erwarten. Aber je edler Sie sich mir zeigen, je drückender fühle ich mein Geschick. – – Sie nannten mich einst Du, Herr Sternau. Sternau. Ich muß gestehen, es ist mir kaum möglich, Sie in Ihrem vorigen Verhältnisse zu denken. Ein Mädchen von Ihrer Bildung, von Ihren Vorzügen, verdient jedes Zeichen edler Achtung zu erhalten. Ich kann Sie unmöglich mehr Du nennen. Laurette. Thun Sie es dennoch, Herr Sternau! mir ist leichter dabei. Jede geänderte Beziehung berührt mich nur um so schmerzlicher. Sternau. Wenn du es wünschest, Laurette, dann mag es geschehen. – Wir haben beide ein hartes Loos, Laurette! Laurette. Ja wohl! Sternau. Fünfzehn Jahre habe ich nur in den Blicken meiner Frau gelebt, fünfzehn Jahre habe ich jeden ihrer Wünsche belauscht, kein Wörtchen, kein Hauch hat unsern Himmel getrübt – und nun auf Einmal – o, es ist schrecklich! Laurette. Wie dauern Sie mich, armer Verrathener! Sternau. Aber ist es denn auch so, Laurette? – Nicht, als ob ich an deinen Worten zweifelte; du, ich weiß es, du bist wahr; – aber könntest du dich denn nicht vielleicht geirrt haben? Laurette. O nein! Ich habe das nur zu lange schon bemerkt. – Habe ich denn nicht, wie die Henne auf die Brut, meine Augen auf allem gehabt, was Sie betrifft? – Doch was kann ich Ihnen mehr sagen? Herr von Buchen hat es mir heute doch selbst eingestanden und mich zur Vertrauten dingen wollen. Sternau. O schändlich! schändlich! Was hab' ich ihr gethan, um solchen Undank von ihr zu verdienen? – Nun geht mir über viele Dinge ein ganz anderes Licht auf. Darum also ist meine Frau so über die Räthin Tritthahn aufgebracht, – die zwar etwas stark geschminkt, aber sonst doch eine ganz artige Frau ist. – Die Eifersucht, die gekränkte Liebe sprach aus jedem Worte. Wie konnte ich das nicht gleich sehen! Aber meine Arglosigkeit! – Sich eine so lange Zeit so zu verstellen! wer kann da auf einen solchen Gedanken kommen? – O, es ist entsetzlich! Laurette. Ihr Leiden geht mir sehr, sehr nahe! Wie gern würde ich Ihnen Trost spenden, aber ich bedarf ihn selbst. Ich muß Sie verlassen, Herr Sternau; ich kann nicht länger in Einem Hause mit Ihnen leben; dieser beständige Kampf verzehrt mich. Sternau. Nein, Laurette! bleibe, gehe nicht von mir. Mein gebrochenes Herz braucht Trost und ein Herz, dem es sich anschließen kann. Die Welt hat einen Grad von Verderbtheit erreicht, der unglaublich ist; aber in deinem Stande ist noch Tugend und Unschuld. Die höheren Klassen sind durchaus verpestet; da sucht man umsonst ein lauteres, schönes, rein menschliches Gefühl. – Wir dürfen uns freilich nicht lieben, Laurette, dein schöner Sinn fühlt das wie ich; aber wir dürfen zusammen klagen und uns trösten. Ich darf mein sorgenschweres Haupt an deine treue, liebevolle Brust lehnen, deine liebe Hand auf mein wundes Herz halten, an meinen Mund drücken – Laurette. Dürfen Sie das, Herr Sternau? Sternau. Ja, liebe Laurette. Laurette. Ach, ist diese zärtliche Nachgiebigkeit nicht eine allzu große Schwäche von meiner Seite? – Nein, lassen Sie meine Hand! Wer kennt alle Falten des menschlichen Herzens? Ach, ein liebendes Mädchen darf seinem Gefühle nie trauen. Sternau. Doch, doch, liebe Laurette! Bei der Freundschaft zweier reiner Seelen, die gemeinsames Leiden verbindet, haben diese harmlosen Vertraulichkeiten keinen Blick irgend eines Auges zu scheuen. Laurette. Madame Sternau! Sernau. (läßt schnell Laurettens Hand los) . Die Schlange! Dritter Auftritt.   Vorige. Louise. Louise. Ich habe dich gesucht, lieber Mann. Sternau. Haben Sie? Sie werden mich noch zu früh finden.  (Geht schnell ab.) Louise. Um's Himmels willen, was ist denn meinem Manne? Er sprach ja mit dir, Laurette, als ich eintrat; was ist geschehen? Laurette. Herr Sternau rief mich zu sich und machte mir mit einer Art Wuth die fürchterlichsten Vorwürfe, daß ich Ihnen behülflich sey, ihn zu verrathen. Er wollte mich nöthigen, allerlei zu gestehen, wovon er aber schwerlich etwas erfahren würde, wenn ich auch selbst mehr davon wüßte, als es der Fall ist. Er behauptet, von einem Verhältnisse zwischen Ihnen und Herrn von Buchen Kenntniß zu haben, nannte mich Ihre Helfershelferin, und will mich nicht länger in seinem Dienste wissen. Louise. Mein Mann? Wie fällt ihm das ein? Ich bin stumm vor Erstaunen! Laurette. Er behauptet steif und fest, Herrn von Buchens Bewerbungen seyen auf Sie und nicht auf Fräulein Herminen gerichtet. Louise. Mein Gott, wie kommt mein Mann auf diesen Gedanken? Ich begreife ihn nicht! Seit fünfzehn Jahren ist es ihm auch nicht ein einzigesmal in den Sinn gekommen, den Eifersüchtigen zu spielen, zur Zeit, wo ich allenfalls hübsch genug war und Bewunderer genug fand, um einige Besorgnisse der Art verzeihlich erscheinen zu lassen; und nun unsere Ehe anfängt grau zu werden, bricht er die erste beste, ja, die allerunglaublichste Gelegenheit vom Zaune, geberdet sich wie ein Rasender und macht mich starr vor Erstaunen! Was muß ihm in den Kopf gesetzt worden seyn! Laurette. . Ei nun, Madame, so ganz vom Zaune gebrochen ist die Gelegenheit doch wohl nicht. – Daß Herr von Buchen Sie zum Gegenstand seiner Verehrung gewählt habe, ist von ihm ja doch nicht auf eine so versteckte Weise geheim gehalten worden, daß man sich darüber aller Bemerkungen enthalten konnte – das wäre auch einem blöderen Auge als dem eines eifersüchtigen Ehemannes nicht lange verborgen geblieben. Louise. Faselst du? Laurette. Ich bin Ihnen sehr ergeben, Madame, und gewiß weit entfernt, Herrn Sternau in seinem Argwohn zu bestärken; auch wollte ich einen Eid schwören, daß Sie bis diesen Augenblick nicht daran gedacht haben, Herrn von Buchen irgend eine Hoffnung zu geben; aber warum wollen Sie den Eindruck läugnen, den Sie auf sein Herz gemacht haben? Louise. Eindruck gemacht? – was fällt dir ein? – Buchen liebt Herminen, oder gibt wenigstens vor, sie zu lieben; welchen Eindruck soll ich auf sein Herz gemacht haben? Laurette. Gibt vor, sie zu lieben, ganz recht! Das ist der wahre Ausdruck! Aber niemand im ganzen Hause glaubt an dieses Vorgeben; und Sie selbst, Madame, wenn Sie es eingestehen wollen, wissen es gewiß eben so gut, daß Fräulein Hermine Herrn von Buchen nur zum Vorwande dient, hinter dem er seine Neigung für Sie verbergen will. So was bleibt ja nicht verborgen, man merkt es auf den ersten Blick. Louise. Bin ich im Tollhause? Erst geberdet sich mein Mann wie ein Verrückter, und nun plaudert diese Thörin eine Stunde lang Unsinn! Ich weiß in der That kaum selbst noch, ob ich wache oder träume. Laurette. Nun, wenn Madame es nicht Wort haben wollen – Louise. Was nicht Wort haben? – Bist du besessen? Du warst ja sonst eine ganz verständige Person, wie kann dir einfallen, eine solche Albernheit zu glauben? Laurette. Etwas Albernes kann ich daran nicht finden. Es wäre lächerlich, Ihnen schmeicheln zu wollen, indessen sehe ich nicht ein, wie Sie, selbst bei aller Bescheidenheit, es unbegreiflich finden, daß Ihre Liebenswürdigkeit Eindruck auf einen Mann gemacht hat, der sich darauf versteht. Louise. Es ist lächerlich, eine Frau wie mich zur Rivalin eines blühenden, jungen Mädchens, wie meine Nichte, zu machen. Laurette. Madame haben jung geheirathet. Zudem ist es ja nicht immer die Jugend, die heftige Liebe erregt; ja, bedeutende Kenner wollen sogar behaupten, daß große Leidenschaften nur selten der Antheil der ersten Jugend sind. Das Gefühl sucht viel öfter ein Herz, das die Lebensbeziehungen in einem tieferen Sinne aufzufassen vermag, und was das Verliebtseyn rechtfertigt, begründet darum noch nicht die Liebe. Louise. Mamsell Laurette philosophirt für ein Kammermädchen sehr gelehrt über die Natur dieser Leidenschaft. Indessen, ich vergesse, daß du in einer französischen Kostschule erzogen bist. Auf mich bezogen, find aber deine Voraussetzungen dennoch vollkommen unrichtig, Herr von Buchen denkt nicht an mich, ich, dem Himmel sey Dank, noch viel weniger an ihn. Mein Mann ist ein Narr, du eine Närrin, und ich muß nur gehen und sehen, ob ein Aderlaß nöthig ist, ihn wieder zur Vernunft zu bringen. Laurette. Was werden Sie aber sagen, Madame, wenn Buchen Ihnen selbst dieses Geständniß macht? Louise. Daß er der größte Narr von euch Dreien ist. Laurette. Oder Ihre Liebenswürdigkeit eben so groß als Ihre Bescheidenheit. Louise. Gut, daß deine Complimente an mich, und nicht an meinen Mann gerichtet sind. Sternau ist, bei vielen guten Eigenschaften, etwas eitler als erlaubt ist; bei mir aber gilt deine Waare nach ihrem ächten Weiche.  (Geht ab.) Vierter Auftritt.   Laurette. allein. Es ist unrecht, gegen eine so liebe Frau zu intriguiren, man sollte sie vielmehr selbst in das Geheimniß ziehen, um so mehr, da sich hoffen ließe, sie durch Gründe auf unsere Seite zu bringen. – Man will Buchen Herminens Hand verweigern, weil er in dem Rufe der Flatterhaftigkeit steht! Ein schöner Einwurf! Wenn das für einen Grund gelten sollte, die Hand eines Mannes auszuschlagen, wie viele Mädchen würde man denn da unter die Haube bringen? Auch ist es mit diesen verrufenen Flatterhaften nicht so gefährlich; nachdem sie lange genug um Alle geschwärmt haben, hören sie gewöhnlich damit auf, sich um so fester an Eine zu hängen. Ein kluges, gutes, verständiges Mädchen, wie Hermine, kann es immerhin mit ihnen wagen. Und käme nur ein solcher Flatterhafter zu mir, ich wollte mir eben so gut ein Herz fassen und schon mit ihm fertig werden. Fünfter Auftritt.   Laurette. Bastian. Bastian. Diesen Brief bat der Jäger von Herrn von Buchen für Mamsell Laurette abgegeben. Laurette. Gib her, lieber Bastian. Hat jemand den Jäger gesehen? Bastian. Nein, Mamsell. Er gab mir den Brief unten am Hausthore. Laurette. Schon gut. (Bastian geht ab.) Der Brief nebst seinem Einschlusse soll seine Wirkung nicht verfehlen, dafür steh' ich! – Da kommt der Mann wie gerufen! Sechster Auftritt.   Laurette. Sternau. Sternau. Ich bin in der sonderbarsten Stimmung von der Welt. Mich peinigen alle nur denkbaren Zweifel, liebe Laurette, – Du hast die bestimmte Ueberzeugung von dem Einverständnisse meiner Frau mit Buchen, du hast sie beobachtet; Buchen selbst hat dich zu seiner Vertrauten machen wollen, und doch glaub' ich immer noch, daß irgend ein Irrthum in der Sache obwalte. Meine Frau war diesen Augenblick bei mir: ihre Haltung war keinesweges die einer Schuldbewußten; und als ich endlich nicht länger an mich halten konnte, und ihr die Gräuelthat vorrückte, fing sie an zu lachen und nannte mich einen Narren. Laurette. Welche Verstocktheit! Sternau. Soll ich dir offen gestehen: je forschender ich sie ansah, und je mehr ich mich bemühte, irgend ein Zeichen ihres bösen Gewissens an ihr wahrzunehmen, je argloser und unbefangener erschien sie mir. Laurette. Ach, wie täuschend ist oft die Außenseite der Sünde! Wie oft nimmt Verstellung die Maske der wahren Liebe an und mißbraucht das harmlose Vertrauen. Sternau. Wohl wahr. Indeß, ich, liebe Laurette, bin in diesem Falle schwer zu hintergehen; ich weiß, wie wahre Liebe sich kund gibt. Laurette. Doch das wußten Sie nicht, wie sie leidet und schweigt. – Ach, wohin gerathe ich wieder? – Hier handelt es sich, Ihnen ein falsches Herz zu entlarven, nicht die Hülle von den Schmerzen eines liebenden zu ziehen. – Lesen Sie diesen Brief, ich empfing ihn vor wenig Augenblicken von Herrn von Buchen. Sternau. (liest). Ich mußte Sie heute so schnell verlassen, daß es mir unmöglich war, Sie, liebe Laurette, ausführlich über die Angelegenheit meines Herzens zu sprechen. Aber Ihre Güte läßt mich Ihres Beistandes gewiß seyn, und meine Dankbarkeit wird dieser Güte gleich kommen. Der Ueberlästige, der zwischen uns steht, wird uns nicht immer stören –« Laurette. Bemerken Sie den Ueberlästigen? Sternau. Ja, ja, der bin ich; das ist klar.  (Liest weiter.) Ich bitte Sie dringend, das eingeschlossene Billet an Madame Sternau zu übergeben. Diese liebenswürdige Frau hat sich meines ganzen Herzens bemächtigt, und es müßte unglücklich gehen, wenn es uns mit Ihrem Beistande nicht gelänge, dem bewußten Herrn den Kopf zurecht zu setzen, und ich bin überzeugt, Madame Sternau wird sehr gerne die Hand dazu bieten.« Laurette. Haben Sie gehört, Herr Sternau? Wissen Sie, was das heißt? Bleiben Ihnen noch Zweifel über die Wahrheit? Sternau. Nun ist alles klar wie Wasser! – Es ist himmelschreiender Verrath! Es ist die ärgste Missethat, die je erdacht worden ist! Laurette. Armer Freund! Wie leidet das Herz Ihrer Laurette bei diesem Unglück! Sternau. Nicht wahr, Laurette, ich bin sehr beklagenswerth? Aber ich will mich rächen! ich will Dinge thun, daß das Land davon reden soll! Laurette. Uebereilen Sie nichts; denken Sie an den Flecken, den Sie Ihrem Namen anheften. Was Sie auch unternehmen, thun Sie nichts ohne meinen Rath. Lassen Sie sich durch die Liebe leiten. Mein Herz wird mich Mittel lehren, das Ihre zu heilen. Sternau. Vortreffliches Geschöpf! Laurette. Mein Glück zählt dabei für nichts; nur Ihre Ruhe, Ihr Friede beschäftigt mein Herz, O, welch ein Mann sind Sie! Wie edel selbst im Unglück! – Welch schöne Plastik in Ihrem Schmerze! Ihr ganzes Wesen hat etwas wahrhaft Erhabenes in diesem Augenblicke! Es ist die großartige Ruhe der Antike in Ihnen, die den Ausdruck des Leidens nicht über die Linie des Schönen hinaustreibt. Ach, wie soll mein liebendes Herz in Ihrer Nähe Fassung behalten? Sternau. Schöne, weiche Seele! Laurette. Behalten Sie dieses Dokument in Ihren Händen, es zählt mit den übrigen Beweisen. Sternau. Diesen Brief an meine Frau will ich nicht eröffnen; sie soll ihn aus meinen Händen erhalten. Man soll nicht sagen, ich sey ein eifersüchtiger Narr. Aber wenn ich Gericht halte, dann sollen die Schuldigen zittern! Laurette. Recht so! Uebereilen Sie nichts, lassen Sie die ganze Sache erst vollkommen reif werden, dann treten Sie auf in der ganzen Würde des beleidigten Gatten. Bis dahin lassen Sie uns vorsichtig seyn. Vertrauen Sie sich ganz Ihrer unglücklichen, aber um so ergebeneren Laurette. – Die Liebe wacht! – (Geht ab.) Sternau. (allein). Herrlicher Charakter! – Es ist auffallend, was die Vorzüge eines ausgezeichneten Mannes auf ein edles weibliches Gemüth für tiefe Eindrücke machen können! Ich werde mich durch die Beleidigung, die mir meine Frau angethan hat, nicht von meinen Grundsätzen entfernen; ach, ich liebe die Verbrecherin nur zu sehr! – Laurette wird keine Gegenliebe finden; aber ich muß gestehen, daß die Theilnahme dieses gefühlvollen, vortrefflichen Mädchens meinem Schmerz eine wahre Linderung verschafft. Siebenter Auftritt.   Sternau. Hermine Sternau. Wieder eine arme Betrogene! Hermine. Ich suche Sie auf, um mir von Ihnen Geduld zu erbitten, wenn ich Ihre Beschlüsse in Bezug auf einen Gegenstand zu ändern versuche, den Sie vielleicht schon als ganz abgemacht anzusehen wünschen. – Ich rede von Buchen. Sternau. Buchen ist ein Verräther! Hermine. Sie thun ihm Unrecht, lieber Oheim. Gewiß, das ist Buchen nicht. Er war leichtsinnig, flatterhaft, unbeständig, aber er war es nur so lange, bis er wahrhaft liebte. Nun gehört mir sein Herz ausschließlich, darauf können Sie rechnen. Sternau. Wie schändlich wird mit deiner Unerfahrenheit gespielt! Ich weiß besser, wem sein Herz gehört, oder auch nicht gehört; denn der Henker mag wissen, wie viele Herzen ein solcher Corsar auf Einmal in Brand steckt. Hermine. Lassen Sie mich es darauf wagen, guter Oheim. Es ist eine innere Summe, die mir sagt, daß ich diesen Corsaren nöthigen werde, seine Flagge zu streichen, und sich mir auf Diskretion zu ergeben. Sternau. Du bist das Kind meiner geliebten Schwester, ich liebe dich wie mein eigenes, darum bin ich verpflichtet, auf dein Wohl zu achten. Ich bin in genauer Kenntnis von Buchens schändlichen Umtrieben, das kannst du mir glauben. Es ist nicht Eigensinn oder Laune, was mich bestimmt hat, deinen Wünschen in den Weg zu treten. Vor mir liegt eine Masse von Gräuelthaten ausgebreitet, daß mir die Haare zu Berge stehen! Hermine. Lassen Sie mich sie wissen. Sternau. In dem Augenblicke, in dem du so fest auf Buchens Aufrichtigkeit und Treue bauest, unterhält er einen Liebeshandel mit einer Andern. Hermine. Das ist Verleumdung! Das ist unwahr! – Verzeihen Sie, lieber Oheim! Sternau. Ich bin davon überzeugt. Ich bin im Besitze des ganzen Geheimnisses, ich habe das Wort der Charade. Hermine. So nennen Sie mir die Person, mit der Buchen einen Liebeshandel unterhält. Sternau. Nennen? – Ich könnte Sie nennen; allein Rücksichten – die Verhältnisse der Begebenheit – der Zustand – kurz, die Person kann ich dir nicht nennen, aus mir allein bekannten, erheblichen Ursachen. Hermine. . Dann erlauben Sie, daß ich so lange die ganze Geschichte für eine Fabel halte. Sternau. Ich schwöre dir, es ist furchtbare Wahrheit! Hermine. Ich bin überzeugt, daß meine Tante minder hartherzig seyn wird. Sie wird meinen Gründen nachgeben. Sternau. Deine Tante? Eben die – Nein, nein, Kind, deine Tante am allerwenigsten wird in diese Verbindung einwilligen; deine Tante weiß sehr genau, daß Buchen dich nur zum Deckmantel braucht, um die Augen der Welt von seiner geheimen Liebesgeschichte abzulenken. Hermine. Nein, Onkel, das ist zu arg! Den armen Buchen so schändlich zu verleumden! Sternau. Hier ist von keiner Verleumdung die Rede; ich habe alle Beweise in den Händen. Hermine. So zeigen Sie sie. Sternau. Ich habe Buchens eigene Handschrift. Was ich sage, steht hier auf diesem Blatte. Hermine. Das ist unmöglich! Sternau. Du kennst Buchens Schrift. Ich kann dir den ganzen Inhalt des Briefes nicht mittheilen, von wegen der mir allein bekannten Ursache; aber du kannst seine Hand sehen, und ich betheure dir, daß der Inhalt den schwärzesten Verrath gegen mich – gegen dich, will ich sagen – enthält. Hier sieh die Schrift selbst. Hermine. Es ist seine Schrift; aber seine Schrift beweist nichts. Ich muß den Inhalt des Briefes wissen. Sternau. Ich halte mit meiner Hand den Namen zu und lasse dich den Schluß selbst lesen. Hermine. (liest.) »Madame – wird sehr gerne die Hand dazu bieten, ihrem Gemahle den Kopf zurecht zu setzen.« Sternau. Weißt du nun den Inhalt? weißt du nun, um was es sich handelt? Um den Kopf eines Gemahls. Hermine. Onkel, Sie sind grausam! Nein, und dennoch glaub' ich es nicht! – Wie kam dieser Brief in Ihre Hände? Sternau. Eine sehr achtbare Person, die wußte, wie Buchen mich – dich, wollte ich sagen – hintergeht, hat Mittel gefunden, mir die Augen zu öffnen. Hermine. Ich weiß nicht, wie die Sache mit dem Briefe zusammenhängt, aber selbst wenn ich es aus Buchens eigenem Munde hörte, würde ich es nicht glauben. Die ganze Geschichte ist eine Erfindung, mich von Buchen abwendig zu machen, und Sie, Onkel, Sie sind der Erfinder! Es ist abscheulich!  (Geht ab.) Sternau. (allein). Da sieht man, wie arglos die Liebe ist! – Ich habe auch nichts gesehen, nichts gehört, nichts geglaubt, bis ich es schwarz auf weiß in den Händen habe. Ha, da kommt der Basilisk! Achter Auftritt.   Sternau. Louise. Louise. Nun, mein lieber Sternau, bist du endlich in der Verfassung, ein vernünftiges Wort anzuhören und wie ein vernünftiger Mensch zu antworten? Sternau. Wenn du glaubst, dieser unbefangene Ton reiche hin, mich zu täuschen, so kann ich dir versichern, daß du irrest. Ich kann nur um so tiefere Verachtung für dich fühlen. Louise. Nein, mein Freund, nun wird die Sache denn doch etwas zu arg! Ich habe Geduld wie Eine; aber nun ist sie zu Ende. Es ist eine Schande, wenn ein Mann in deinen Jahren anfängt, den Verstand zu verlieren! Sternau. Mein Verstand war nie in besserer Verfassung als eben jetzt. Damals hatt ich den Verstand verloren, als ich auf deine Treue vertraute. Louise. Dann wundert es mich, daß du so lange keinen Abgang gespürt hast; denn fünfzehn Jahre ist es dir noch nicht eingefallen, daran zu zweifeln. Sternau. Louise. Leider! Aber niemand entgeht seinem Schicksale, der Eine früher, der Andere später. Meine Stunde ist nun gekommen. Louise. Dein Betragen ist im höchsten Grade lächerlich! Ich stürbe vor Scham, wenn irgend jemand nur eine Ahnung davon hätte. Sternau. Dann mußt du bald dazu sehen, sonst wird es zu spät; denn morgen soll es die ganze Stadt erfahren. Ja, man soll meine Schmach kennen, aber auch meine Rache! Louise. Welcher Wahnsinn hat dich befallen? Buchen denkt nicht an mich. Sternau. Buchen denkt nicht an dich? – Sehen Sie diesen Brief, Madame? Louise. Nun, was soll dieser Brief beweisen? Sternau. . Dieser Brief enthält das Zeugniß deines Verbrechens. Louise. Dieser Brief? Sternau. Ja, dieser Brief. Louise. Aber, guter Sternau! lasse doch diesen durchaus ungegründeten Verdacht fahren. Es ist vielleicht sonderbar, dir das jetzt zu sagen, nach einer so langjährigen Ehe; auch habe ich Unrecht, einen ohnedieß schon genug eitlen Mann durch mein Geständniß noch eitler zu machen: ja, du verdienst es durch dein gegenwärtiges Betragen gegen mich gar nicht; aber ich bin nun schon einmal schwach genug, es zu bekennen: ich habe das Gefühl meiner früheren Jahre nicht gegen dich geändert, ich liebe dich noch immer. Sternau. Gehorsamer Diener! Sehr verbunden! – Geben Sie sich keine Mühe, Madame, alles das kann Ihnen nichts nützen. Die Hülle der Scheinheiligkeit ist von Ihnen gefallen, Sie stehen in Ihrer ganzen Blöße vor mir, und ich kann Ihnen sagen, Madame, Sie kommen mir abscheulich vor. Louise. Mein Gott! wenn er etwa gar – wenn sein Verstand – Lieber Sternau, Du bist vielleicht krank? Du siehst so erhitzt aus! Ich bin über allen Ausdruck besorgt! – Sternau. Niederträchtig! Schändlich! – Wollen Sie der Welt glauben machen, ich habe den Verstand verloren? Nein, Madame! ich bin nicht krank, auch nicht toll; ich habe alle meine Sinne. Wie lange ich sie noch haben werde, weiß ich nicht; aber doch hoffentlich so lange, bis ich Sie und Ihren Anbeter für Ihren Verrath gezüchtigt habe! Louise. Wohlan denn! Alles hat seine Gränzen, auch meine Nachgiebigkeit und Schwäche gegen Sie hat die ihren. Glauben Sie, was Sie wollen, es gilt mir gleich, ich werde mir nicht mehr die Mühe geben, Ihre Meinung zu berichtigen, mir genügt an meinem Bewußtseyn, und so werde ich es der Zeit überlassen und in Geduld erwarten, bis es Ihnen beliebt, sich eines Bessern zu belehren. Sternau. . Ich bin belehrt, aber spät.   (Lange Pause.) Louise. Ich bin sehr elend! Sternau. Das könnte wahr seyn. Louise. (heftig). Es steht Ihnen gut an, den Ferdinand Walter zu spielen. Sternau. Wollten Sie lieber, daß ich den Kalb spielte? Louise. Sie sind ein eben so boshafter als alberner Narr! Sternau. Madame, was noch zu geschehen hat, soll, wenigstens von meiner Seite, mit Anstand geschehen. – Nehmen Sie diesen Brief, der für Sie hier abgegeben worden. Sie sehen, wie schnell ich mich in meine neue Würde zu finden weiß; denn ich selbst bin der Ueberbringer dieses Billet doux. Ein Zufall, oder vielmehr eine Fügung, brachte ihn in meine Hände. Sie werden begreifen, daß Ihr Läugnen nichts gegen so glaubwürdige Documente vermag! – Madame, ich klage auf Scheidung!  (Geht ab.) Neunter Auftritt.   Louise. allein, nachdem sie den Brief gelesen. Nein, nun weiß ich doch fast selbst nicht, was ich glauben soll! Früher meinte ich, daß es mit Sternau's Kopfe nicht ganz richtig sey, nun aber möchte ich fast an meinem eigenen zweifeln. Die Eifersucht meines Mannes, die mir wie aus den Wolken gefallen schien – Laurettens Aeußerungen – alles das hielt ich für grundlose Einbildungen; doch hier ist nun wirklich ein Brief von Buchen an mich, und zwar eine Liebeserklärung in der besten Form. – In der That, nichts Wunderbareres hätte mir im Traume einfallen können, als daß ich die glückliche Rivalin seyn sollte, um die meine arme Nichte verrathen wird! – Eines aber ist wahrhaft empörend: die bodenlose Schlechtigkeit dieses Männervolkes! – Die Zartheit unseres Geschlechtes hat nicht einmal einen Begriff von der Unzartheit des andern. Kein Verhältniß ist ihnen heilig. – Wie ist denn Buchen nur auf einen solchen Gedanken gekommen? Ich bin ja gar nicht mehr hübsch genug zum Verlieben. – Wie sehe ich denn aus?  (Sie tritt vor einen Spiegel) Auch auf meine Toilette wende ich ja keine besondere Aufmerksamkeit; ich gehe weiß, damit gut. – Freilich hat mich ein einfacher Anzug von jeher am besten gekleidet. – Den Kopf etwas mit Geschmack geordnet, ein Band – ein Tuch – das ist alles. – – Im Ganzen habe ich mich seit einigen Jahren nicht sehr geändert. – – Ich finde es aber doch sehr unverschämt von Buchen. Was denkt der Mensch von mir? – So wahr ich lebe, da ist er selbst! Zehnter Auftritt.   Louise. Buchen. Buchen. Verzeihen Sie, Madame, wenn ich trotz der unfreundlichen Zumuthung Ihres Herrn Gemahls mir dennoch die Freiheit nehme, in diesem Hause zu erscheinen. Männer, wenn sie eifersüchtig sind, haben sonderbare Grillen, daran muß man sich, wie ich glaube, nicht kehren, und so noch einmal: entschuldigen Sie meine Freiheit. Louise. Nach allen Freiheiten, die Sie sich schon genommen haben, Herr von Buchen, kann man sich kaum noch über eine neue verwundern. – Der Brief, den Sie sich unterfingen, mir zu schreiben – Buchen. Sie haben ihn erhalten? Vortrefflich! Er überhebt mich aller langweiligen Einleitungen. Ich kann ohne Vorbereitung sogleich von dem sprechen, was mir allein wichtig ist. – Sie kennen die Gefühle, die ich für Sie hege, liebenswürdige Frau! Der sanfte, gefühlvolle Blick Ihres Auges sagt mir, daß sie Ihnen nicht unangenehm sind. Louise. Mein Herr, Sie sind in Ihren willkürlichen Auslegungen etwas zu vorschnell. Wenn meine Blicke in der That nur halb ausdrücken, was ich empfinde, so werden Sie sich bewogen finden, mich augenblicklich zu verlassen und mir die Ehre Ihrer Gegenwart heute zum letztenmale zu schenken. Buchen. Warum diese angenommene Strenge, diese erzwungene Kälte, die Ihnen nicht Ernst ist? Auf dieser schönen offenen Stirne ist kein Platz für Stolz und Verachtung; dieses liebliche Lächeln, das Sie mit Gewalt von Ihren Lippen wegscheuchen, will seinen gewohnten Sitz nicht verlassen. Das sanfte Feuer dieser Augen kann wohl leuchten, aber nicht blitzen. Der Zorn findet keinen Ausdruck in der schönen Harmonie dieser Züge. Louise. Ersparen Sie sich alle Ihre poetischen Bilder, Herr von Buchen! Ich bin so wenig geeignet, das Zierliche, das sie enthalten mögen, zu würdigen, daß Sie diesen Aufwand sinnreicher Vergleichungen ganz ohne Nutzen verschwenden würden. Buchen. Warum wollen Sie mir nicht erlauben, die offene ungekünstelte Sprache meines Herzens fortzusetzen? Louise. Sie haben sich längere Zeit den Anschein gegeben, eine ernsthafte Neigung für meine Nichte Hermine zu zeigen – Buchen. Ja, so schien es. Louise. Damals hatte ich nur das Urtheil der Stadt vernommen, und fand es bedenklich, das Glück meiner Nichte mit einem Manne von solchem Rufe auf das Spiel zu setzen. Nun hat mich meine eigene Erfahrung belehrt, daß Sie noch ohne Vergleich schlechter als Ihr Ruf sind. Ein Mann, der im Stande ist, einem braven Mädchen Dinge in den Kopf zu setzen, an die er nicht denkt, und dabei dreist genug, in demselben Hause unverhohlen ein eben so unschickliches als strafbares Verständniß mit einer andern Frau anknüpfen zu wollen, mit was kann er ein Betragen dieser Art auch nur vor sich selbst entschuldigen? Buchen. Mit der Liebe, Madame! Ich habe Fräulein Hermine nicht geliebt, doch kann ich nicht läugnen, daß sie mir einige Augenblicke gefallen hat; aber mein Gott, was will das sagen? – Dieses vorübergehende Wohlgefallen mußte einer entschiedenen Neigung weichen. – Ich habe mir noch einige Zeit nachher den Schein gegeben, Fräulein Herminen den Hof zu machen, um mit mehr Unbefangenheit im Hause erscheinen und den Eindruck beobachten zu können, den ich auf Sie machen würde. Nun ich bemerkt habe, daß dieser Eindruck günstig ist, da ich mir schmeicheln darf, daß ich Ihrem Herzen nicht gleichgültig geblieben bin – Louise. Herr von Buchen, Sie sind der vollendetste Geck, den ich je gekannt habe. Ich kann es mir nicht vergeben, daß ich Sie mehr als einmal sah, und diese Bemerkung nicht im ersten Augenblicke machte. Buchen. Pace mio tesoro! – Sie haben genug für den Anstand gethan – Sie haben alle herkömmlichen Vertheidigungsmittel erschöpft – aber nun, schöne Frau, die Capitulation! – Sie sind eine Frau von Geist, Sie kennen die Welt, Sie wissen, daß man heutzutage die langweilige Methode, Liebesangelegenheiten einzuleiten, nur noch vom Hörensagen kennt. – Also die Capitulation! die Capitulation! Louise. Ich habe viel von der Unverschämtheit der Männer gehört, aber es war mir bis heute vorbehalten, selbst ein Beispiel davon zu erleben, und zwar eines, das, wie ich zur Ehre des Geschlechtes hoffe, zu den seltenen gehört. – Glauben Sie in der That, mein Herr, daß ein Mann, der erst meiner Nichte den Hof machte, der allen Frauen der Stadt – Buchen. Nun sind Sie verrathen, nun hilft kein Läugnen! Eifersucht? – Nun ist es ausgemacht, daß Sie mich lieben! Ja, das kann keine Frau auf dem Herzen behalten! Wo die Eifersucht im Spiele ist, nützen keine Vorsätze, keine Förmlichkeit, kein Ansichhalten. – Ihr Gefühl hat Sie verrathen. Nun weiß ich ganz bestimmt, Madame, daß Sie mich lieben. – Warum sollten Sie mich auch nicht lieben? Ich bin ein angenehmer Mann, Sie sind eine liebenswürdige Frau. Die Langweiligkeit des Ehestandes will denn doch durch etwas gemildert werden; die durch das ewige Werkeltagswesen verblichenen und abgegriffenen Lebensfarben brauchen doch manchmal einen Firniß, um ein wenig Glanz zu bekommen. Eine Frau von Ihrem Verstande wird das fühlen. Louise. Herr von Buchen, ich weiß nicht, womit ich es verdient habe, daß Sie die Achtung, die Sie, ich will nicht sagen, mir, die Sie dem Geschlechte schuldig sind, auf eine solche Weise auf die Seite setzen können! Was hab' ich gethan, das Sie berechtigt, sich gegen mich ein Betragen zu erlauben, das keine Entschuldigung zuläßt? Ich habe keine Waffen, die ich gegen die Ihrigen mit Würde brauchen könnte. Es mag Ihnen daher an dem Triumphe genügen, daß es Ihnen gelungen ist, eine Frau auf das schmerzlichste zu verletzen, die Ihnen nie etwas zu Leide gethan hat; die sich bewußt ist, nie einen Anlaß gegeben zu haben, gering von ihr zu denken. – Und nun, Herr von Buchen, wenn noch eine Gegend in Ihrem Herzen ist, wo ein Gefühl für Schicklichkeit Raum hat, so lassen Sie es bei dieser Kränkung bewenden. Buchen. Nein, Madame, das ist gegen die Verabredung. So dürfen Sie mir nicht kommen. – Sie haben zwar, wie ich weiß, von meinem Verstande etwas verfänglich gesprochen, ich hatte Ursache, empfindlich zu seyn, aber mein Herz sollen Sie nicht in Zweifel ziehen. – Hören Sie alles! Aber nach dem, was ich bereits gesagt habe, bei dem hohen Grade von Mißfallen, den ich mir dadurch zugezogen habe, kann ich noch auf Ihre Verzeihung hoffen? Sehen Sie mich knieend zu Ihren Füßen! – Gnade, Madame! Gnade einem sehr großen, aber sehr reumüthigen Verbrecher! – Eilfter Auftritt.   Vorige. Sternau. Laurette. Laurette. (heimlich). Da sehen Sie! Sternau. Auf den Knieen! Louise. Sternau! – Das ist entsetzlich! Was wird er denken? Buchen. Herr Sternau, Sie finden mich zwar – Sternau. O, keine Umstände! keine Umstände! Brauchen Sie Ihre Gelegenheit. Ich bin zwar noch etwas neu in solchen Dingen, aber ich bin ein galant-homme, ich werde mich schon hinein finden. Kein Othello, kein Gutierre, kein Spanier; ein ehrlicher Deutscher, ein ehrlicher Deutscher!  (Stürzt ab.) Louise. Sternau! Sternau!   (Sie folgt ihm.) Laurette. Unsere Sachen gehen vortrefflich! Buchen. Nicht durch mein Verdienst; ich war eben daran, Madame Sternau unsern ganzen Plan zu gestehen. Laurette. Warum nicht gar! – Welcher Bock für einen Professor!   (Der Vorhang fällt.)   Ende des zweiten Aufzugs. Dritter Aufzug. Erster Auftritt.   Sternau. allein. Meine Geschichte wird großes Aufsehen machen, so viel ist gewiß. – Ich bin an meiner Ehre gekränkt; das darf ich nicht leiden! – Freilich, das Fechten ist nicht meine Sache; ich bin so zu sagen aus der Uebung, seit meinen Universitätsjahren habe ich eigentlich keinen Degen mehr in der Hand gehabt. Ich bin auch sonst nie ein großer Fechter gewesen; ich bin ein Mann der Ruhe, ein Mann des Friedens. – Aber was hilft es? Die Ehre geht über alles! – Laurette hat Recht, Laurette ist ein sehr verständiges Mädchen und kennt den Lauf der Welt. Man würde mit Fingern auf mich zeigen, wenn ich das so ruhig hinnähme. – Aber wenn der verfluchte Ehrenräuber mir auch noch obendrein das bißchen Leben nimmt? – Das wäre eine entsetzliche Katastrophe! – Indessen, Laurette sagt, sie wisse ganz gewiß, Buchen habe keine Courage, und überdieß, wenn ich so vor ihn hintrete, mit dem ganzen Gewicht meines Rechtes, mit der Würde des beleidigten Gatten, den bloßen Rächerdegen in meiner Hand – das kann er nicht aushalten; das wird ihn übermannen, und er wird nicht wagen, die Sache weiter zu treiben. Dann ist es an mir, großmüthig zu seyn: ich schenke ihm das Leben, stehe vor der Welt in meinem ganzen inneren Adel, und übergebe die Scheidungssache den Gerichten. – – Die Scheidung! – Das ist das Furchtbare in dieser Angelegenheit. – Ich könnte weinen wie ein Kind, wenn ich daran denke! – So lange gelebt wie die Tauben, und nun kommen solche Sachen zum Vorschein! – Fünfzehn Jahre ist eine schöne Zeit, da macht die Gewohnheit selbst das leichteste Band zu Stahl und Eisen; man lebt in einander, wie die Fäden eines Gewebes; so ein Band zu trennen, ist keine Kleinigkeit. – Und wenn ich nur nicht das Unglück hätte, die Treulose noch immer zu lieben! Ja, mir kommt vor, daß ich sie jetzt noch mehr liebe als früher. Laurette meint zwar, das sey Täuschung, aber das spricht die Eifersucht, ohne daß sie es selbst weiß. Zweiter Auftritt.   Sternau. Laurette. Laurette. Nun? haben Sie Ihre Anforderung an Buchen abgeschickt, Herr Sternau? Sternau. Ja, liebe Laurette. Indessen muß ich doch eingestehen, daß mir über diesen Punkt nachträglich allerhand Scrupel gekommen sind. – Ich habe Muth wie Einer, aber ich bin aus der Uebung; wenn mir nun Buchen den Degen durch den Leib rennt? – Laurette. So sterben Sie für Ihre Ehre! Ich wollte Sie lieber todt sehen, als entehrt; das könnte ich nicht überleben! – Begreifen Sie die Natur meiner hohen Liebe? In mir ist nichts Selbstsüchtiges, meine Neigung zu Ihnen ist rein wie Krystall. Ihr Glück, ich denke und wünsche nichts Anderes; aber können Sie ohne Ehre glücklich seyn? Sternau. Freilich, freilich! – Es ist zwar in jedem Falle höchst fatal – Laurette. Ihre Ehre ist verletzt, die muß gereinigt werden. Sternau. Ja, gereinigt muß sie werden; aber könnte man denn nicht – es gibt doch allerhand zu bedenken. Das Duellmandat ist neuerdings – Laurette. Die Ehre bekümmert sich nur um ihre eigenen Mandate. Sternau. Und dann – vierzig Jahre ist doch noch kein Alter! – Es ist doch auch keine Kleinigkeit, so in seinen schönsten Jahren den Tod vorsätzlich herauszufordern. Laurette. Fallen Sie in diesem rühmlichen Kampfe, so werden meine Thränen nie aufhören, für Sie zu fließen. – Aber Sie werden nicht fallen; Sie werden als Sieger zurückkehren, die Achtung der Welt wird Ihnen einen neuen Glanz verleihen. Ich werde meine Augen nur aus der Ferne nach Ihnen wenden; kein Blick, kein Wort wird der Welt mein Geheimniß verrathen, aber in meinem Herzen werde ich Sie mit geheimem Stolze den Meinigen nennen! Sternau.   (für sich.) Das Mädchen hat wirklich großartige Gesinnungen, das muß man ihr lassen! –  (Laut.) Glaubst du denn aber, Laurette, daß Buchen sich zu diesem Zweikampfe einstellen werde? Laurette. Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich aus guter Quelle weiß, daß Buchen um keinen Preis der Welt die Spitze eines bloßen Degens sich gegenüber sehen kann. Er wird es nicht darauf ankommen lassen, sich mit Ihnen zu schlagen; er wird sich demüthigen, und Ihre Ehre ist gerechtfertigt. Sollte ihn aber doch am Ende die Scham ober die Verzweiflung dazu bringen, den Degen zu ziehen, dann erscheine ich, werfe mich zwischen Ihre Waffen und trenne den Kampf; denn, lieber Herr Sternau, wenn mir Ihre Ehre noch theurer ist als Ihr Leben, so ist mir doch schon Ihr Leben viel zu theuer, als daß ich es nicht wie mein eigenes bewachen sollte. Sternau. Nun also! in Gottes Namen! Ich werde Buchen erwarten. Da man aber denn doch nicht weiß, wie eine solche Sache ausgehen kann, wenn auch die Streitenden gar nicht den Willen haben, sich ein Leid zu thun, habe ich doch in jedem Falle hier mein Testament gemacht. Im Artikel achte wirst du finden, daß ich deiner gedacht habe. Laurette. Ums Himmels willen reden Sie kein solches Wort, Herr Sternau! Pfui! für was halten Sie mich? – Ein Legat – meine uneigennützige Liebe – ? Nimmermehr! O, Sie haben mich nie gekannt! Sternau. Nein, nein, Laurette! Deine Anhänglichkeit und aufrichtige Treue darf nicht unbelohnt bleiben. Laurette. Ach, werden Sie immer so von mir denken? Ich fürchte, es wird eine Zeit kommen, wo Sie minder günstige Bezeichnungen für meinen Antheil an Ihnen wählen werden. Sternau. Sey unbesorgt! Du bist leicht zu durchsehen, du hast das Herz auf der Zunge; so wie ich jetzt von dir denke, werde ich immer denken. – Buchen kann nun bald hier seyn. Ich habe eine ordentliche Unruhe in mir nach dieser verhängnißvollen Stunde! Es ist die Ungeduld des Kampfes – Laurette. Sie enthüllen immer neue Vortrefflichkeiten. Diese Verachtung der Gefahr, dieser hohe Muth kleidet Sie sehr wohl. Obgleich Ihre Physiognomie sonst mehr den Charakter der Sanftmuth trägt, so haben Sie doch in diesem Augenblicke ganz den Ausdruck einer edeln Heldengestalt, –so etwas vom Tancred! Sternau. Ach nein; ich bin denn doch schon in reiferen Jahren, da verliert die Gestalt an Haltung. – Aber, Laurette, – wenn meine Frau dennoch unschuldig wäre und ich sie in allem Ernste, wie Amenaide, in einem falschen Verdacht hätte? – Laurette. Bedenken Sie doch den Brief! Sternau. Allerdings; aber man kann vom Scheine betrogen werden. Laurette. Habe ich nicht Buchens eigenes Geständnis? Und endlich – Ihre eigenen Augen! Sahen Sie denn nicht selbst den Liebhaber zu den Füßen Ihrer Gemahlin? Sternau. Du hast Recht! Beim Teufel, das können sie nicht läugnen, das hab' ich selbst gesehen. Laurette. Ueberdieß können Sie noch eine Probe haben. Buchen hat sich früher das Ansehen gegeben, Fräulein Herminen zu lieben, er hat sogar von Heirath gesprochen; das war Alles Verstellung, und mit Madame verabredet. Warum hat er das gethan? – weil er sicher war, daß Sie nie Ihre Einwilligung dazu geben würden. Wohlan! erklären Sie, daß Sie nichts gegen diese Verbindung einzuwenden haben, und Sie werden sehen, wie Madame dagegen sprechen wird. Das ist die Eifersucht. Madame ließe lieber alles in der Welt zu, als eine Heirath Herminens mit Herrn von Buchen. Sternau. Da hast du wieder Recht! Ich habe sie immer sehr eifrig gegen diese Verbindung mit Herminen gefunden. Das ist auch ein Beweis, der mit den andern zählt. Ich bleibe standhaft, mein Entschluß ist gefaßt! Zwar – wenn – – Ach, ich bin sehr unglücklich! – Da kommt sie! – Laß uns allein, liebe Laurette; diese letzte Unterredung soll sie zermalmen. Laurette. Gewiß! Welches fühlende Herz könnte dem Eindruck Ihrer Worte widerstehen? Aber wie schuldig Madame auch seyn mag – großmüthig, edler Mann! großmüthig mit der Gebeugten!  (Sie geht ab.) Dritter Auftritt.   Sternau. Louise. Louise. Ich komme noch einmal, lieber Sternau, zu versuchen, ob es mir gelingt, dich von deinem eben so unglücklichen, als unbegreiflichen Irrthum abzubringen. Mein Herz fängt an, bei diesen Vorgängen zu leiden: ich kann nun nicht mehr darüber scherzen, wie im Anfange. Sternau. Das nimmt mich Wunder! Die Sache ist doch sehr alltäglich. Die betrogenen Männer laufen auf allen Straßen herum; es wäre Thorheit, wenn eine Frau sich darüber Scrupel machen wollte, und der Mann desgleichen. Louise. Werde nicht bitter, lieber Sternau! So sehr ich überzeugt bin, daß du keine gegründete Ursache zu deinem Betragen hast, so thut es mir doch weh, dich in dieser Stimmung zu sehen. Ein fataler Zufall hat noch unglücklicher Weise dazu beigetragen, deinem Verdachte einen Schein der Wahrheit zu geben. Du fandest Buchen – Sternau. Nichts davon, Madame, nichts davon! Das ist die Strafe des Vorwitzes. – Männer von guter Lebensart sollen sich nicht eindrängen, wenn jemand vor ihren Frauen auf den Knieen liegt. Louise. Ich kann betheuern, daß mich Buchens Unverschämtheit empört hat. Ich habe ihm darüber auch alles gesagt, was mir meine Indignation nur eingegeben hat. Ich wollte, du wärest Zeuge dieses Gespräches gewesen, lieber Sternau; du würdest eingestehen, daß ich deiner und meiner Würde nichts vergeben habe. Sternau. Ich bin überzeugt davon. Die Scene war gewiß vom höchsten Interesse; ich kam aber zu einer noch interessanteren. Die Würde davon spüre ich in allen Adern. Kurz, Madame, hier hilft keine Entschuldigung und kein Läugnen! Die Sache ist auf einen Punkt gekommen, wo sie nicht ohne Folgen bleiben kann. – Buchen liebt Sie! Louise. Er sagt es, aber welchen Werth haben solche Worte? Sternau. Kommen Sie endlich zu diesem Geständnisse? Etwas spät, Madame, etwas spät! Nun meine eigenen Augen gesehen haben und die Documente in meinen Händen sind, kann diese Aufrichtigkeit nicht mehr zu Ihren Gunsten sprechen. Sie gestehen ein, was Sie nicht mehr läugnen können. Louise. Ich gestehe gar nichts ein, insofern ich dabei betheiligt seyn soll. Sternau. Gleichviel. Mein Entschluß ist genommen: Sie werden davon hören, denn die Sache wird nicht ohne Aussehen abgehen können. Indessen dürfen Sie Ihrer Person wegen unbesorgt seyn, Madame. Ich habe Sie zu sehr geliebt, um gleichgültig für Ihr Wohl zu bleiben, selbst dann, wenn ich Sie weder dieser Theilnahme, noch meiner Liebe mehr werth finde. Auch will ich nicht allzu hart urtheilen. Ich weiß, Sie waren nicht leichtsinnig, Louise; aber – nun – das Herz ist nicht immer der Eindrücke mächtig, die es empfängt; – dennoch ist unter diesen Umständen zwischen uns eine andere Bestimmung unserer gegenseitigen künftigen Verhältnisse nöthig. Empfangen Sie dieses Papier: sein Inhalt wird Ihnen die Ueberzeugung geben, daß ich den Schritt, den ich zu thun bemüßigt bin, ohne Groll thue. Louise. Sternau, mein theurer Sternau! Sternau. Lassen Sie mich, Madame! keine unzeitige Rührung.   (Geht ab.) Louise. (allein). Ich bin in der höchsten Beklemmung! Ich weiß, daß diese Stimmung meines Mannes sich ändern muß, dieses Mißverständniß muß vorübergehn; aber ihn, auch nur durch den Schein betrogen, leiden zu sehen, macht mich höchst betrübt! – Was enthält dieses Papier? – Ein Witthum für den Fall der Scheidung – die Verschreibung seines ganzen Vermögens nach seinem Tode! – Nein, ich kann nicht! Guter Sternau! – Es bringt mir Thränen in die Augen! Vierter Auftritt.   Louise. Laurette. Laurette. Was ist's, Madame? Sie sind in großer Bewegung! Louise. Der unglückselige Verdacht meines Mannes bringt mich zur Verzweiflung! Ich weiß nicht, wie ich es anfangen soll, ihm denselben zu benehmen. Er leidet, und das macht mir das Herz bluten. Laurette. Ei, lassen Sie ihn immer ein wenig leiden, das kann ihm nicht schaden. Warum wollen Sie mehr Mitleid mit ihm haben, als er mit Ihnen hat? Louise. Er hat mir in diesem Augenblick einen Beweis seiner Gesinnungen gegeben, der mich zu Thränen rührt! Sternau hat wenig Welt- und Menschenkenntniß, hat hundert kleine Schwächen, aber er ist von wahrhaft rührender Güte, von dem unbeschreiblichsten Wohlwollen; kurz, er hat das beste Gemüth, das edelste Herz, das ich kenne. Das hat ihm meine wahrste, aufrichtigste Liebe erworben, und nie hat sich mein Gefühl für ihn einen Augenblick verläugnet. Laurette. Alles das ist gewiß vollkommen wahr; aber eben darum hätte er nicht so voreilig die Unschuld einer so bewährten Gattin in Zweifel ziehen sollen. Louise. Er muß auf irgend eine Weise verhetzt worden seyn. Laurette. Das glaub' ich selbst. Louise. Ueberdieß hat Buchens Benehmen unglückseliger Weise seinem Verdachte in der letzten Zeit einige Wahrscheinlichkeit gegeben. Mein Mann ließ sich durch den Schein blenden. Laurette. Eben deßhalb verdient er Züchtigung. Ei, seht doch! Eine brave Frau auf den bloßen Schein hin in Verdacht zu haben. Er hat Buchen zu Ihren Füßen gesehen: was beweist das? Wären Sie vielleicht einmal zufällig zu ihm in das Zimmer getreten, wer weiß, ob Sie solche Anlässe, ihn zu verdammen, nicht auch gefunden hätten. Louise. Nein, gewiß nicht, Laurette! Sternau gehört hierin zu den seltenen Ausnahmen. Laurette. Ei, ich traue gar keinem Manne, auch nicht dem besten. Herr Sternau ist gut, liebt Sie gewiß und mag Ihnen auch treu seyn, wie die Männer treu zu seyn pflegen; – wenn sie die Gelegenheit meiden, so haben sie schon fast über ihre Kräfte gethan – aber er ist deßhalb gar nicht so unempfindlich gegen ein hübsches Mädchen, und ich versichere Ihnen, er kann verdammt freundliche Gesichter machen. Louise. Er denkt nichts dabei. Laurette. Gut; dann soll er aber auch nicht so viel Lärmen um Nichts machen. Was glauben Sie, Madame: hat man Ursache, einer Frau Vorwürfe zu machen, weil man einen Mann zu ihren Füßen trifft, wenn man eben erst kurz zuvor sein eigene Gefühl in großer Gefahr gesehen hat? Louise. Sollte das Sternau's Fall gewesen seyn? Laurette. Was wollen Sie mehr, Madame? Er hat dieser sehr unwürdigen Hand die Ehre angethan, sie erst recht zärtlich an sein Herz und dann an seinen Mund zu drücken. Als Sie in selbem Augenblicke eben in das Zimmer traten, ließ er sie fahren, als ob er eine glühende Kohle berührt hätte. Louise. Sternau? Nein, das kann ich nicht glauben. Laurette. Was ich sage, ist wahr; dennoch hatten Sie auch damals nicht große Ursache, auf ihn zu zürnen, obwohl in jedem Falle immer noch mehr, als er auf Sie. Mit Einem Worte, Madame: nehmen Sie sich die Unruhe Ihres Herrn Gemahls gar nicht zu Herzen; glauben Sie mir auf mein Wort, daß wenn Sie ihm heute vielleicht doch noch einen recht zärtlichen Kuß geben sollten, er alle Ursache hat, sich dafür bei Ihrer Langmuth zu bedanken. Louise. Ich erfahre heute Dinge, die ich mir fünfzehn Jahre lang nicht hätte träumen lassen. Fast möchte ich aber auf die Vermuthung kommen, daß irgend ein Kobold sich in meinen Angelegenheiten bemüht, und ich hätte große Lust, Mamsell Laurette für diesen Kobold zu halten. Laurette. Nun, ich will nicht läugnen, ich habe etwas vom Kobold in meiner Natur. Ich kann bei der größten Gewalt, die ich mir anthue, es nicht unterlassen, kleine Streiche zu spielen; Ernst ist für mich eine Krankheit, ich könnte daran ohne andere Uebel sterben. – Aber, Madame, ich bin ein gutmüthiger Kobold, ich thue niemand weh, und für Sie, Madame, für Sie ging' ich Fünfter Auftritt.   Vorige. Bastian. Bastian. Herr von Buchen wünscht die Ehre zu haben – Louise. Ich habe nichts mit ihm zu sprechen; weise ihn ab. Bastian. Er will auch nicht zu Madame; er will zum Herrn. Louise. So melde ihn; der Herr ist auf seinem Zimmer.  (Bastion geht ab.) Louise. Gegen Buchen übe deine Künste, wenn du ein rechter Kobold bist, den geb' ich dir preis, und ich will es dir danken, wenn du ihn recht peinigest. Laurette. Ei, wo denken Sie hin, Madame? Buchen ist ein ärgerer Kobold als ich; gegen den würde ich meine Reputation verlieren.  (Für sich) Jetzt wird Sternau eine schwere Stunde haben.  (Beide ab.) Sechster Auftritt.   Sternau mit Bastian . Darauf Buchen . Sternau Bitte Herrn von Buchen, einzutreten.  (Bastian durch die Mitte ab.) Sternau (allein). Nun kommt der entscheidende Augenblick. – Da hab' ich meinen Degen hervorgesucht, den lege ich hier auf den Tisch. – – So ein Duell hat doch etwas sehr Ergreifendes. Ich bin froh, daß das nur bloße Demonstrationen sind, und Buchen kein größerer Held ist als ich. Ich brauche meine Rolle nur mit einiger Haltung zu spielen, und meiner Ehre wird doch in der Meinung der Welt, die nun einmal so thöricht ist, sie in diese Gladiatorenkünste zu setzen, genug gethan, und ich riskire nichts dabei. – Wenn aber Buchen doch am Ende – ? – Ob denn Laurette in der Nähe ist?   (Buchen tritt ein.) Sternau   (für sich). Buchen kommt. Nun in Gottes Namen! Buchen Ich betrete dieses Zimmer mit schwerem Herzen, Herr Sternau! Aber nach dem Briefe, den ich von Ihnen erhielt, muß ich denn doch erscheinen; wiewohl ich mein halbes Vermögen darum gäbe, mich nicht unter diesen Umständen hier zu befinden. Sternau   (für sich). Laurette hat Recht: der hat keine Courage, dem kann ich schon etwas bieten.  (Laut.) Mein Herr, Sie haben mich beleidigt, und zwar so, daß sich das nur mit Blut abwaschen läßt. Buchen Ich lebe gerne mit der ganzen Welt in Frieden, Herr Sternau; ich wäre untröstlich, wenn irgend ein Mißverständnis oder ein unglücklicher Zufall Sie so weit treiben könnte, im Ernste darauf zu bestehen – Sternau Ja, Herr von Buchen, ich bestehe im Ernste darauf! Glauben Sie, ich scherze? Ich bin verdammt ernsthaft, das kann ich Ihnen sagen. Buchen Aber, bester Herr Sternau, bedenken Sie, es ist denn doch keine Kleinigkeit, sogleich mir nichts dir nichts jemand nach dem Leben zu trachten. – Ich bin ja erbötig, mich gegen Sie zu erklären – Sternau Hier bedarf es keiner weiteren Erklärung. Sie haben meine Ehre gekränkt, Sie haben meiner Frau mündliche und schriftliche Liebesgeständnisse gemacht, Sie haben dazu die Mitwirkung ihrer Umgebung zu gewinnen gesucht, – und endlich habe ich sie vor meiner Frau auf den Kieen gesehen – das ist Erklärung genug. Buchen Aber mein Gott, Sie nehmen das viel zu ernsthaft, Herr Sternau! Lassen Sie sich doch bedeuten. Wir können ja alles in Freundschaft abmachen. Sternau Nein, mein Herr! ich will nichts von einer freundschaftlichen Ausgleichung hören. Ich fordere nun einmal von Ihnen Genugthuung, und Sie müssen sich mit mir schlagen! Buchen Nein Himmel, was sind Sie für ein heftiger Mann! Was haben Sie denn davon, wenn Sie mir das Leben nehmen, oder ich Ihnen? Im ersten Falle müssen Sie landflüchtig werden, oder kommen im Wege der Gnade auf die Festung; und wenn ich so glücklich bin, Sie umzubringen, kann es Ihnen doch auch nicht angenehm seyn. Sternau   (für sich). Der schlägt sich nicht.  (Laut.) Machen Sie keine weiteren Umstände; ich gehe nicht ab; Genugthuung muß ich haben! Sie sollen mich kennen lernen, Sie sollen fühlen, wen Sie beleidigt haben! O, Sie sind nicht der Erste, dem ich ein Loch durch den Leib stoße. Auf der Universität hab' ich mich alle Tage geschlagen. Buchen So? Sternau Ich kann fechten, Herr von Buchen, das sollen Sie gewahr werden. Buchen. So wollen Sie denn durchaus? – Nun – Sternau Nein, nein – ja, wollt' ich sagen, ich will durchaus! Buchen Sie haben keine Vorstellung, wie höchst unangenehm mir diese Angelegenheit ist. Sternau Das glaub' ich Ihnen.   (für sich.) Er hat auch, wie ich sehe, keinen Degen mitgebracht. Der hat noch weniger Lust, sich zu schlagen, als ich.   (Laut.) Da Sie nun meinen festen Entschluß sehen – Buchen Herr Sternau! Lieber Herr Sternau! ich werde – ich will – Sternau Was werden Sie? Was wollen Sie? – Ich nehme keine Ausflüchte an; ich will Blut sehen! – Hier! mein Degen ist bloß! Was zögern Sie? Buchen Nun, wenn es denn durchaus seyn muß –! Sternau Ei, was machen Sie denn da? Buchen Nun, ich ziehe mir den Rock aus. Sternau Den Rock? Wozu das? Buchen. Wir werden uns doch nicht in Röcken schlagen? Die Brust muß frei seyn! Sternau I, warum nicht gar! – Es ist Zug in diesem Zimmer; lassen wir nur die Röcke. Buchen. Nun, so sehen Sie her, Herr Sternau, überzeugen Sie sich, daß ich keinen Panzer unter den Kleidern trage. Sternau Ja so! – Das seh' ich. – Doch weil Sie vorhin erklärten – Sie haben ja keine Waffen mitgebracht, Herr von Buchen? ohne Degen – Buchen. Hier ist einer.   (Zieht einen Stockdegen.) Nun denn, so fallen Sie aus. Sternau Geduld! (für sich.) Ich glaube, er will wirklich – ? – Ich bin zu weit gegangen.  (Laut.) Warten Sie noch, Herr von Buchen! – – Sie sollen mich keiner Ungerechtigkeit zeihen. Ich will auch mein Gewissen nicht beschweren, wenn Sie fallen sollten, ohne daß ich Ihre Entschuldigung angehört hätte; – und weil Sie vorhin sagten – Buchen. Ich habe mich anders bedacht, Herr Sternau. Ich finde, daß Sie Recht hatten: der Fall läßt keine Entschuldigung zu. Sternau. Doch, doch! Ruhige und besonnene Männer finden immer den vermittelnden Punkt, auch in der verwickeltsten Sache. Warum sollen wir nicht ruhig und besonnen seyn? Buchen. Ich bin ruhig; aber ich sehe nicht ein, was hier Anderes zu thun sey? Man hat über unsern Zweikampf Vermuthungen – da Sie noch überdieß unbedingt darauf bestehen – Sternau. Ei, der Himmel behüte! Unbedingt? Wo denken Sie hin? Ich müßte ja ein Cannibale seyn, wenn ich unbedingt auf Mord und Todtschlag bestände. Ich bin ein Mensch und Christ. – Nur weil meine Ehre denn doch so zu sagen – Buchen. Ich habe wegen der Unsicherheit des Ausgangs meine letzten Anordnungen getroffen; auch das ist bekannt worden. Wenn ich mich nun nicht schlage, wirb man unziemlich von mir sprechen. Sternau. Ich werde bezeugen, daß Sie sich wie ein Held benommen haben. Buchen. Dann wird man unziemlich von Ihnen sprechen. Sternau. So bezeugen Sie von mir das Gleiche. Buchen. Das geht nicht! Und endlich – ich habe auch Blut, das sich regt. Ich frage nun den Henker um den Ausgang! Ich bin eigentlich bei Beleidigte! Sie haben sich vorhin Drohungen erlaubt – Sternau. Keine Drohungen, Sie irren! Warnungen, junger Mann, bloße Warnungen. Buchen. Das ist alles Eins. Sie haben mich gefordert, Sie haben sich einen Ton gegen mich erlaubt, b«r Ihnen nicht zusteht; Sie haben, statt meinen Vorstellungen Gehör zu geben, die Sache auf ein Aeußerstes getrieben, das sich nicht mehr beilegen läßt. – So mögen denn die Waffen entscheiden; das Blut, das fließt, komme über Sie! – ich stoße zu! Sternau. Noch einen Augenblick!   (Für sich.) Wo bleibt Laurette?   (Sehr laut.) So mag's losgehen! – Warten Sie noch ein wenig; ich will nur sehen –  (Er sieht in die beiden Seitenzimmer; für sich,) Laurette ist nirgends zu finden – das endet fürchterlich! Buchen. Sind wir ungestört? Ist niemand in der Nähe. Sternau. Niemand. Buchen. So lassen Sie uns anfangen. Sternau.   (Für sich). Könnt' ich mir nur ein Herz fassen! (Laut.) Nun, wenn's denn nicht anders seyn kann – Buchen. Halt! – Noch ein Wort! – Ein Mittel wüßt' ich, die Sache auszugleichen; aber Sie werden nicht beistimmen wollen. Sternau. Reden Sie, vortrefflicher Mann, reden Sie! Ich stimme zu allem, was nur irgend möglich ist. Buchen. Jede Beleidigung hat aufgehört, wenn ich in Ihre Familie trete, und aller übeln Nachrede ist dann Einhalt gethan. Wissen Sie was? geben Sie mir Ihre Nichte Hermine zur Gemahlin. Sternau. Meine Nichte? Mit Freuden! – Aber wie ist denn das, Herr von Buchen? Sie lieben ja meine Frau; was soll Ihnen denn da meine Nichte? Buchen. Das ist ein Irrthum. Ich verehre Madame Sternau im höchsten Grade; aber meine Neigung besitzt Fräulein Hermine. Sternau. Ich habe ja aber ein Aktenstück darüber in den Händen gehabt, eine officielle Note von Ihnen, die Laurette meiner Frau einhändigen sollte? Buchen. Sie haben nur die ostensiblen Aktenstücke gesehen; der geheime Vertrag ist nicht zu Ihrer Kenntniß gelangt. Sternau. Alle Wetter! Ich Thor! – Ich Dummkopf habe den Pfiffen eines listigen Kammermädchens getraut, bin blind gewesen wie eine neugeborne Katze! Buchen. Herr Sternau, Sie sind ein Ehrenmann! Sie sind kein Mann der Waffen, kein Weltmann, der den gesellschaftlichen Umtrieben gewachsen ist; Sie sind arglos, leichtgläubig, aber Sie sind ein edler, wohlwollender, biederer Mann, und das ist mehr! Kein Macchiavell, kein Haudegen; aber ein werthvoller Mensch, ein wackerer Geschäftsmann, ein guter, zärtlicher Gatte. Sternau. Ja, Herr, das bin ich! Buchen. Sie sind ein Mann, dort wo Ihre Pflicht Sie ruft und die wahre Ehre. Unsere Zeit ist der Brutalität entwachsen, die bei jeder Misere nach dem Degen griff! Seit in Frankreich die Bauern wegen Zweikämpfen vor Gericht stehen, fangen die vernünftigen Leute aller Länder nachgerade an, die Waffen für edleren Gebrauch aufzubewahren. Lassen Sie sich die kleine List nicht kränken, die Sie einem Plane gewinnen sollte, dem Sie sich aus Gründen widersetzten, die Sie vielleicht zu hoch anschlugen. Ich liebe Ihre Nichte. Ich will nicht läugnen, daß im Umlauf und Verkehr der Welt sich wohl ein wenig Rost an das Gepräge gesetzt haben mag; aber ich darf behaupten, ich bin eine ächte Münze, und Schrot und Korn ist gut. Ich darf Herminens Glück verbürgen. Sternau. Ist doch das Glück des Mädchens das Ziel aller meiner Wünsche! Wohlan, Herr von Buchen! Rechnen Sie mir meine Unerfahrenheit mit dem Getreibe der Welt nicht zu hoch an, und halten Sie sich an meinen innern Werth. Ich will ein Gleiches thun, und Ihnen dagegen Ihre Erfahrenheit darin zu Gute halten. Daß mich die Hexe Laurette so bei der Nase herumgeführt hat, geschieht mir recht; warum hab' ich mich an dem Herzen meiner Louise durch Zweifel versündigt und am Ende den Bramarbas machen wollen! Mir gehört die Feder in die Hand und nicht der Degen; die aber will ich handhaben wie bisher, für Recht und Pflicht, im Gefühle meines Berufes, muthig, unerschrocken und, wie ich hoffe, gesegnet von manchen Wittwen und Waisen. Das ist meine Ehre. Den Degen aber will ich wieder in den Winkel stellen, wo er bisher stand. Buchen. Recht so, lieber Onkel! Sternau. Sind wir schon so weit, Herr Neffe? – Nun, dann ist es wohl Zeit, auch die Weiber zur Unterzeichnung des Allianztraktates zu rufen.  (Er klinget. Bastian tritt ein.) Meine Frau und meine Nichte.  (Bastian geht ab,) In meinem Hause ist es so confus hergegangen, daß ich ganz betäubt von all' dem Wirrwarr bin, den Sie und Ihre Helfershelferin angezettelt haben. Das ist ein Elend, wenn irgendwo ein hübsches, heirathsmäßiges Mädchen ist, und ein Mann wie ich soll sie hüten! Siebenter Auftritt.   Vorige. Louise. Hermine. Louise. Was befiehlst du, lieber Sternau? Sternau. Höre, liebe Louise, es haben zwischen mir und Herrn von Buchen Verhandlungen statt gefunden, die mich bewegen, ihm die Hand meiner Nichte Hermine zuzusagen. Wie das zugegangen ist, will ich vor der Hand noch nicht mittheilen. Kurz, die Heirath ist ratificirt. Louise. Da muß ich Einspruch thun. Die Gründe, die mich früher antrieben, gegen diese Verbindung zu stimmen, waren unbedeutend im Vergleiche gegen diejenigen, die ich jetzt habe. Und obwohl es mich wundert, lieber Sternau, daß du eine Frau, von der du dich eben zu scheiden im Begriffe bist, noch in einer Familienangelegenheit zu Rathe ziehst, so werde ich doch, so lange mir mein Mutterrecht an Herminen noch zugestanden wird, nichts gegen ihr zukünftiges Lebensglück unternehmen lassen. Sternau. Höre, Louise, ich lasse mich von dir scheiden, aber nicht eher als durch den Tod, und der Himmel gebe, daß das recht spät geschieht. Ich war ein Narr, mein Kind, und damit gut! Ich weiß nun, daß ich dir, in Bezug auf Herrn von Buchen, durchaus Unrecht gethan habe, und seine Liebeserklärungen eigentlich nicht an dich gerichtet waren. Louise. Mit nichten. Herr von Buchen war in der That, um mich gelinde auszudrücken, leichtsinnig genug, mich zum Gegenstande seiner flüchtigen Neigungen zu wählen und mir darüber die direktesten Geständnisse zu machen. Ich hoffe, meine Nichte wird nach dem, was ich hier sage, so viel edlen Stolz haben, um Herrn von Buchen unter diesen Umständen ihre Hand zu verweigern. Hermine. Ach nein, liebe Tante, ich will ihn doch nehmen. Louise. Hermine! bedenke doch! Einen Mann, der, während er dich heirathen will, deine Tante mit seiner Liebe verfolgt? Hermine. Liebe Tante, daraus mache ich mir nichts; vielmehr erkläre ich hier feierlich, daß wenn Buchen mir nicht verspricht, Sie ganz rasend zu lieben, er in seinem Leben kein freundliches Gesicht von mir erhalten soll. Buchen. Als ich zu Ihren Füßen lag, ließ mir Herr Sternau nicht Zeit – Sternaue. Ich war nicht gescheidt; aber das ist kein Wunder. Mein Kind, wir waren in den Händen einer ganzen Bande von Ungethümen, und das Haupt davon – Achter Auftritt.   Vorige. Laurette erscheint an der Thür. Sternau. Ha, nur näher, Jungfer Spitzbübin, nur näher! Sieh mich an, du Meerkatze! wie hast du dich unterfangen können, so zu sagen gegen allen Respekt, deine Schelmenstreiche an mir auszulassen? Laurette. Mein Gott, Sie wissen, Herr Sternau, meine Liebe – Sternau. Hm, hm! – was Liebe –! Laurette. Warum sollte ich nicht sprechen? Die harmlosen Vertraulichkeiten zweier reiner Seelen haben ja keinen Blick irgend eines Auges zu scheuen. Sternau. Warte Krokodil, das soll dir theuer zu stehen kommen! Laurette. Sind das die Beweise Ihrer unveränderlichen Gesinnungen? Ist das der Lohn für meine treue Anhänglichkeit, den Sie mir im achten Artikel Ihres Testaments zugedacht haben? Louise. Nun bedarf ich keiner weiteren Andeutungen. Armer Sternau! Du bist da unter schöne Leute gerathen! Mein Freund, glaube mir, für deine arglose Treuherzigkeit taugen keine so zweideutigen Freunde, und willst du eine Vertraute für dein Herz, bleibe bei deiner Louise, die dich versteht und es aufrichtig mit dir meint. Indessen, willst du eben einmal Laurettens Hand an deine Lippen drücken, so brauchst du gerade nicht zu erschrecken und sie fahren zu lassen, wenn ich eintrete; ich weiß, daß so etwas bei dir nichts zu bedeuten hat. Sternau. Nicht allzu hoffärtig, Madame! Sie haben auch Liebesbetheuerungen geglaubt, die nicht für Sie gemeint waren. – Und endlich, hab' ich mich nicht sehr wacker und ehrenfest in dieser Angelegenheit bewiesen? – Nun, sie soll selbst reden. Wie hab' ich mich gehalten? Laurette. Na, so so! Ein anderer hätte leicht übler seyn können; ich kann nichts Schlimmes von Ihnen sagen. Sternau. Mein Herz, ich bin nur froh, daß wieder Ruhe in unserem Hause ist. Es ist bunt genug hergegangen! Nun aber soll Friede und Freundschaft beschworen werden, und sogar Laurette soll mit eingeschlossen seyn, wiewohl sie sich als eine falsche Verbündete bewiesen hat. Was aber das Beste bei der Sache ist, unser Friedensschluß wird mit einer Heirath besiegelt. Buchen. Und hoffentlich mit einer sehr glücklichen. Was meinen Sie, Hermine? Hermine. Ei, was weiß ein armes verliebtes Mädchen wie ich; ich hoffe freilich das Beste. Laurette. Nun, Herr Sternau, Sie hatten mir untersagt, mich in die auswärtigen Angelegenheiten zu mischen. Wie ständ' es nun mit Ihrem Friedensschlusse und der Heirath, ohne meine Cabinetsintriguen?   (Der Vorhang fällt.)   Ende des dritten und letzten Aufzugs.