Jonas Lie Auf Irrwegen Autorisierte Übersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann. S. Fischer, Verlag, Berlin Erstes Kapitel Flotte Zeiten – flotte Zeiten, – freilich, freilich, mein lieber Faste. Aber in flotten Zeiten gilt es auch, den Schlitten zu steuern, – seine Fahrt hemmen.« »Hemmen, hemmen, – man hört, daß du altmodisch geworden bist, Onkel Bankdirektor!« »So, so, – du meinst, vor der Altersgrenze gefallen. Wenn man solche Bursche wie dich loslassen wollte, – nun ich danke!« Onkel Joel bekam einen seiner Hustenanfälle. »Dann würde ich meinem Schwestersohn soviel Kredit verschaffen, daß er etwas hätte, womit er anfangen könnte. Ich brauche so wenig. Aber etwas muß ich haben, wenn ich das Strandgelände oben am Elf kaufen will, von dem ich dir erzählt habe, den Bauplatz für eine elektrische Werkstatt. Etwas muß ich haben, mit nichts fängt man nicht an. Und die Hypothek für den Bauplatz – –« »Ach, ich dachte, es sei gerade deine Eigenart, zwar nicht mit nichts anzufangen, so doch es dahin zu bringen, daß du mit nichts endest. Du bist, sozusagen, mit Projekten im Leibe zur Welt gekommen; wolltest du nicht neulich erst eine Schmiere für das Volk unten am Vorstadtstrande auftun?« »Die Idee ist gar nicht übel, Onkel, und sie taucht möglicherweise eines schönen Tages wieder in einer solchen Gestalt auf, daß deine Bank danach schnappen wird.« »Na, mein Junge, kurz und gut, – ich rück dir keinen Heller heraus. Und das bißchen Geld deiner Mutter, das steht unter meiner Verwaltung.« »Hör einmal, Onkel Joel. Jetzt bist du sehr gründlich. Aber irre ich denn darin, daß auch du einmal gefühlt hast, wie es tut, wenn man den Kochtopf blank ausgekratzt hat, und hast du dich nicht auch von nichts heraufgearbeitet?« »Wie – wie beliebt –?« »In deinen jüngeren Jahren gingst du ja in die Welt hinaus, um in Kalifornia-Weizen zu spekulieren, der damals auf dem Weltmarkt so ungeheure Chancen hatte. Gingst du damals nicht als Passagier mit einem Stillenozeanfahrer nach San Franzisko, und lag nicht dein ganzes Vermögen in Fünfundzwanzigpfundscheinen wohl verwahrt im Geldschrank des Kapitäns? Wurdest du dann aber nicht besorgt wegen der Sicherheit oder befürchtetest Diebsfinger und verlangtest eines schönen Morgens plötzlich die anvertraute Geldtasche von dem Kapitän zurück? Und als du sie in Empfang genommen hattest und damit auf dem Wege in deine Koje warst, geschah es da nicht, daß du an der offenen Pforte in der Reling stehen bliebst, wo die Mannschaft Kohlen und Asche aus der Maschine über Bord warf, und daß dann, infolge eines unvorhergesehenen Stoßes oder Rucks die Geldtasche mit allem, was du auf dieser Welt besaßest, über Bord fiel?« Das Schnupftuch, mit dem Onkel Joel eifrig seine große gekrümmte Nase putzte, verbarg den Ausdruck seines Gesichts. »Onkel, ich sehe dich da an der offnen Schiffsbrüstung stehen und der Geldtasche nachstarren, die allmählich in der See verschwand und von den unglückseligen Düten mit Guineen immer tiefer und tiefer hinabgezogen wurde. Es muß in dem Augenblick allerlei in deinem Innern vorgegangen sein, Onkel, während alles so versank, zu nichts versank, wie du sagst!« »Woher – woher in aller Welt weißt du –« »Aber nun kommt das Geniale, das ich immer bewundert habe, Onkel. Verteufelt genial! Kein Laut über deine Lippen, keine Miene verzogen. Und im Laufe des Vormittags schlenderst du dann mit den langen schlenkerigen Schenkeln, den einen Zahn so tief in die Lippe hineingebissen, über das Deck nach dem Kapitän hin; ja, verzeih, Onkel, aber ich sehe deine dünne Gestalt von damals so leibhaftig vor mir, – und der Kapitän muß ja glauben, daß du noch immer der Mann bist, der seine Kapitalien in der Tasche bei sich trägt – und du bietest ihm an, ihm seine ganze Weizenladung mit zwölfmonatlichem Kredit abzukaufen, – gegen zwei sechsmonatliche Wechsel.« »Du bist, weiß Gott, ein frecher Bursche!« »Und in diesen zwölf Monaten spekulierst und verdienst du dann den ganzen Kram im Stillenozeanhandel an Weizenfrachten zusammen!« »Ach was, die reine Übertreibung –« »Und drei Jahre später kehrst du wieder heim, als Mann, der ein paar Tonnen Gold auf der Brücke vor sich herrollt. Oder waren es vielleicht dreie, Onkel? Du weißt, die Steuerkommission –« »Will den Leuten das Fell über die Ohren ziehen, ja! Sie sind wie besessen, wenn sie erst glauben, daß man einen Schilling hat. Aber ich bin wirklich wie aus den Wolken gefallen und möchte dich doch fragen, wo in aller Welt du dir diese – diese Räubergeschichte hast aufbinden lassen!« »Ja, ich finde nämlich, Onkel, so ein Zug hätte eine Glanznummer in der Biographie eines jeden amerikanischen Goldkönigs bilden können, hätte das Bild des Mannes mit großartig romantischem Nimbus umgeben, – und könnte auch einem unserer einheimischen Geschäftsleute ein wenig von der Glorie eines Geldmatadors verleihen.« »Ach was, zum Teufel mit deiner Glorie! So eine – Legende!« »Der einzig und allein das Talent des Finanzgenies für außerordentliche Auswege ihren Glanz verleiht, ja. Oder glaubst du etwa, daß dein großer Konkurrent, Bockmann, drüben in der Handelsbank auf so etwas verfallen wäre?« »N–ein, das gebe ich zu – – N–ein, auf dergleichen zu verfallen, das ist ihm nicht beschieden. Oder überhaupt auf etwas zu verfallen. – Aber ich frage dich nochmals, Faste, wo hast du diese wilde Fabel aufgefischt?« »Ja, siehst du, Onkel! Ehe ich nach Zürich reiste, durchstöberte ich zu Hause ein Paket mit alten Briefen, das verbrannt werden sollte, und da fand ich diesen Passus in einer Epistel von dir selber an Vater.« »Sag einmal, Faste – – Und den alten Brief, den hast du also verbrannt?« »Nein, dazu war er mir viel zu interessant. Ich versichere dich, – hat eine große Rolle für mich gespielt. Hier ist er zur gütigen Durchsicht. – – Du warst noch nicht dreißig Jahre alt, als sich dieses ereignete. Es hat einen solchen Eindruck auf mich gemacht, ja, ich kann wohl sagen, es hat meinem Leben seinen Stempel aufgedrückt! Mir gingen auf einmal die Augen dafür auf, was ein Geschäftsmann für ein Land bedeuten kann, wenn er sich souverän seine eigenen Wege schafft und gleichsam Neues aufbaut. Du bist seit jener Zeit mehr und mehr aus dem Chaos in meinem Innern emporgestiegen als mein Ideal und Vorbild. Und in dieser Spur werde ich wandern, wie ich hoffe, nicht nur als gewöhnlicher Nachäffer. Sieh dir meinen Rock an, guck unter den Ellenbogen und den Kragen, ich glaube, man kann bald das Fett herauswringen –« »Du denkst doch, zum Kuckuck, nicht, daß ich dich auch in Zukunft noch mit Kleidern versehen soll? Du machst mich ganz bange, Junge!« »Nein, ich meine nur, daß ich keinen neuen Rock und auch keine neuen Beinkleider anziehen werde, ehe ich sie nicht selber bezahlen kann. Ich will in den verschlissenen emporklimmen. Und so wie ich hier stehe, bin ich Geschäftsmann von der Seele bis zum Stiefelflicken, – und nichts weiter!« »Nun, nun,« – Onkel Joel kämpfte mit einem neuen Hustenanfall, – »den alten Brief hier werfen wir ins Feuer, und damit ist die Geschichte abgeschlossen!« – Er hielt ein Streichholz daran und ließ ihn auf der Ofenplatte verbrennen. »Sieh, wie die Fetzen verkohlen, – es war ein anderer Stoff im Papier zu jenen Zeiten – – Und, hör jetzt einmal, Faste! du warst mir immer eine vielseitige Seele, ungeheuer reich an Interessen, Gedanken und Ideen, die nur alle den einen Fehler hatten, daß sie dich von deinen eigentlichen Studien ablenkten und dich bald hierhin, bald dorthin zogen.« »Freilich, Onkel; aber jetzt habe ich mich selber gefunden und weiß auch, wo das Land liegt.« »Nun, – da wir uns doch einmal auf dem Gebiet des Außergewöhnlichen bewegen – und da du glaubst, daß du damit den Grund legen könntest, – aber merke dir, es geschieht nie zum zweitenmal wieder, – und wenn ich dich mit einem Zehnkronenschein vom Rande des Bankerotts erretten könnte! – Wenn auch mit einem Gefühl, als würfe ich das Geld ins Meer, ich will für die dreitausendfünfhundert Kronen eintreten, die, wie du sagst, dazu gehören. Ich will wünschen, daß ich sie jemals wiedersehen werde!« »Nein, nein, diese Art und Weise dulde ich nicht. Das sag' ich dir, Onkel, bespeien darfst du mich nicht, – sonst werfe ich dir das Geld gleich wieder ins Gesicht. Ich werde mir schon ohne dich zu helfen wissen.« »Nun, nun, laß den Hut nur liegen. Du brauchst nicht gleich so knabenhaft aufzubrausen. Das Geld kannst du auf mich ziehen. – Dreitausendfünfhundert Kronen spuckt man im allgemeinen nicht so leicht aus!« »Ich entschließe mich, dir hiermit sogleich meinen Dank auszusprechen, Onkel, – wenn ich mich auch, notgezwungen, wie Mark krümmen und biegen muß in deiner mildtätigen –« »Na, na, na!« »– Und höchst delikaten Hand!« »Die Sprache gefällt mir schon besser.« »Ich sage dir, du wirst mich noch achten lernen, – sollst dazu gezwungen werden. Und nun vielen Dank und adieu, Onkel!« Die Haustür fiel hinter ihm ins Schloß. Er stürzte von dannen. Unten auf der Straße rief Schauspieler Werloff ihn an. »Was sagst du zu so etwas. Faste! – Gjessing hat sich krank gemeldet und nun soll Prebevsen den Tordenskjold spielen – soll mit der dünnen Stimme und den noch dünneren Beinen donnerwettern und auf Deck stampfen! – Natürlich leeres Haus! Ja, das sind Zustände bei der Truppe! Wir halten das Banner der Kunst hoch! Wollen wir nach Helvetia gehen und ein Glas Portwein trinken?« »Habe keine Zeit. Geschäfte – – Wollte, der Tag hätte vierundzwanzig Stunden.« »Ich verstehe! – Du hast deine Idee in bezug auf das Volkstheater unten am Vorstadtstrand aufgegeben. Du kamst vor ein paar Monaten so tapfer damit in der Heimat an!« »Ich will nur gleich von Anfang an Ordnung schaffen, – will mir darüber klar werden, wo ich stehe und wo nicht. Es ist nicht zum mindesten die ökonomische Seite der Sache, die ich in Erwägung ziehe. Der Anschluß ist zu klein, die Idee noch zu neu.« »Das heißt« – kam es ziemlich boshaft heraus, »die Idee ging zum Teufel, genau so wie eine gewisse, selbsterfundene Maschine, von der ich habe reden hören, und die alle möglichen Vollkommenheiten besaß, aber nur nicht – gehen wollte!« »Ach so, du liebenswürdiger Harcellas, du heulst mit den Wölfen! – Verteufelt gut war übrigens diese Theateridee, das will ich dir nur sagen. Aber es gehören Stücke dazu, – Stücke von der richtigen Sorte. Die Apparate allein machens nicht. Ich hatte ja im Grunde an ein Theater zur Belustigung des Volkes gedacht. So zum Beispiel wie, sagen wir einmal, der Vater ist ein Pferd, die Mutter ein Esel, folglich ist der Sohn ein Maulesel – mit zwei Willen in der Brust, die im stillen Kampfe liegen, – entweder überwiegend langohriger Esel oder überwiegend Pferd. Und dann steht im letzten Akt der Maulesel vor dem Richterstuhl – wegen irgendeiner Untat. Oder etwa – was meinst du? – man könnte den letzten Akt vor der Himmelstür spielen lassen, wo er vor dem Richter steht? Ja, was soll so ein Ärmster mit zwei Bestien in sich eigentlich denken, wenn er vor seinem Schöpfer steht? Nun wir graben da in unergründliche Tiefen hinein! Aber ich wollte schon, und wenn ich auch noch so wenig Zeit hätte, Ideen zur Genüge liefern, wenn ich nur den Richtigen fände, der etwas daraus machen und das Ganze inszenieren könnte.« »Ja, abgesehen von solchen Phantastereien, mein lieber Faste, – wirst du aber doch einräumen, daß diese Besetzung des Tordenskjold der Gipfelpunkt des Idiotismus ist, – geradezu eine Schweinerei gegen die Idee!« »Die Idee? – ich habe auch einmal für die Idee gelebt. Aber dann, – seine Valuta in das Reich der Phantasie übertragen zu lassen – in blauen Dunst und Nebel – davon bin ich denn doch wieder abgekommen, du. Aber mein Gott, man kann auch von Begeisterung leben in dieser Distelwüste der Erde. Und alle Achtung für den, der es tut. Wenn ich nur damit verschont bleibe! Ja, Schauspiel sehen will ich natürlich –« Faste lüftete schnell den Hut und eilte weiter. Er ging die geschäftige Hafenstraße hinab, bis das Schild der Maklerfirma Roed \& Co in einer der Eingangstüren unten an der Zollbude sichtbar wurde. Hastig trat er ans Kontor. »Guten Morgen, Herr Roed!« »Ah! – Herr Forland aus Zürich heimgekehrt! Ich habe diesen Sommer hin und wieder einen Schimmer von Ihnen hier gesehen.« Faste glaubte ein Lächeln bei der Erwähnung seines Namens zu bemerken, als knüpfe sich irgendeine ergötzliche Erinnerung daran. »Ja, ich habe meine technischen Studien beendet«, antwortete er kurz. »Ich möchte gern etwas deutsches Geld haben, – nur eine Kleinigkeit, – dreihundert Reichsmark.« »Stehe zu Ihren Diensten, Herr Forland!« »Kann ich mir also morgen die Anweisung holen? Ich nehme an, Sie halten meinen Scheck für gut, wenn ich auf Onkel Joel ziehe?« »Auf den Herrn Bankdirektor? – persönlich? – Der Makler sah verdutzt und beinahe ungläubig aus. »Während der sechsundzwanzig Jahre, die ich hier in der Stadt gelebt, habe ich noch niemals irgend jemand auf den Mann ziehen sehen.« »Man soll nie niemals sagen. – – Übrigens« – fuhr er in gleichgültigem Ton fort, – »wenn ich auf dem Scheck eine Null hinten angehängt hätte, so würde die Summe ebenso flott honoriert worden sein – – Roggen – Weizen – Zucker – Paraffin – Tabak« – murmelte er, mit einem flüchtigen Blick auf die Kursliste des Tages, die auf dem Pult lag. »Wie? Die Gasaktien sind zu eintausendachthundert notiert – noch? Ach du alte, treuherzige Stadt! – Und Sie meinen, daß Sie es vor Ihrem Gewissen verantworten können, sie zu dem Preis auszubieten, Makler? Nun, – die Elektrizität ist im Anmarsch, hängt sozusagen über der Stadt in der Luft. Ich sage Ihnen« – rief er aus, »das heißt in ausgeputzten Lichtern spekulieren!« Der Makler antwortete nicht; er war mit seinen Gedanken anderswo und sein Blick ruhte auf Fastes nachlässigem Anzug, – ganz wie der Alte. – – Das lag so nahe. Einen aus der Familie mußte der kinderlose, kränkliche Geizhals ja zum Nachfolger ausersehen, und –: »Immer, immer zu Ihren Diensten, Herr Forland!« verneigte er sich sehr zuvorkommend. »Ja! Also auch das erlebt man, daß jemand Blankokredit auf den Herrn Bankdirektor zieht!« »Verzeihen Sie, Herr Roed,« die Worte kamen langsam und gewichtig, – »das was ich auf Onkel Joel ziehe, bezahlt er. Aber das mit dem Blankokredit müssen Sie auf eigene Rechnung machen.« Der Makler griff nach dem Hut und sah zu der Uhr auf, die in wenigen Minuten die Stunde für seine Geschäftsrunde anzeigen würde. Und jetzt hatte er eine ungeheuere Geschäftsneuigkeit, die er in den Kontoren verbreiten konnte: – ein neuer Goldfisch, ein künftiger Erbe für den alten Joel. – – – Faste war wieder draußen auf der geschäftigen Straße. – – So war man denn doch die Schulden in Zürich glücklich los. Aber der Makler hatte offenbar eine verkehrte Auffassung von der Situation. – – Daß so ein – – übrigens durchaus kein so hirnverbrannter – Gedanke – sein Ansehen heben konnte, war ja keineswegs zu seinem Nachteil – Mit dem Kredit wollte er jetzt seinen Bau errichten! – – Eins Weile später überholte Faste mit beflügelten Schritten Fräulein Bera Gylling am Ende der Stadtbrücke – – Es war ein beinahe wildstrahlendes Gesicht, das er unter ihren Sonnenschirm steckte, als er neben ihr anlangte, und, während sie den Villaweg entlang gingen, deklamierte er ausgelassen triumphierend: »Ada und Silla, holt meine Stimme, Lamecks Gattinnen hört meine Rede: Der Mann, den ich mordete mir nicht zum Gewinn« – »Bist du verrückt geworden?« »Siebenmal ward Kain gerächt, Siebenmal siebenzig will Lameck ich rächen!« »Bist du denn ganz von Sinn und Verstand, Faste?« »Ich sage dir, Bera, Freundschaft ist mehr als Liebe. – Du bist mir mehr als Ada und Silla und mehr als alle Gattinnen Lamecks zusammengenommen. Und deswegen jubelt Lameck vor allen anderen dir, Bera, seine Siegeshymne zu –« Einen plötzlich aufleuchtenden Ausdruck bedeckte der Sonnenschirm, indem sie es vermied, ihn anzusehen, und sie antwortete mit einem ziemlich trockenen: »Nun?« »Hör' einmal, Bera! hier komme ich mit dem Schlüssel zu der Welt – zu meiner ganzen Zukunft in der Tasche!« »So – mehr nicht? Du meinst, wenn du nur den Torschlüssel erst hast, so kommt das Schloß schon nach!« »Ja, du, wenn man den goldenen Schlüssel hat. Ich habe heute Onkel Joel geschmolzen, so daß das Metall in großen, blanken Tropfen von ihm herabtroff, – dreitausendfünfhundert Kronen! – Die Grundlage, auf der ich beginnen kann, verstehst du. Und dann kommt es nur auf die Hand an, die den Schlüssel herumdreht!« Sie blieb plötzlich stehen, drehte den Sonnenschirm ganz nach hinten in den Nacken, als wolle sie sich gegen etwas Unbegreifliches schirmen, das sie erschreckte: »Du? – dreitausendfünf – Und von deinem Onkel Joel? Du faselst wohl?« »So! Und ich glaubte, du würdest dich freuen, – es wenigstens ein bißchen anerkennen!« »Aber sag' nur einmal wie in aller Welt, – dreitausend Kronen von –« »Dreitausendfünfhundert!« »Ich stelle mir nur dich vor – und deinen Onkel – –!« »Ja, ich und Onkel Joel.« »Mache mich nicht bange, sage ich dir!« »Willst du heute denn auch wieder böse sein?« »Großer Gott, welche Verpflichtungen muß sich der Mann nicht von dir ausbedungen haben, ehe er mit seinem Geld herausgerückt ist, – Und so viel Geld! Wenn du auf etwas versessen bist, Faste, so weißt du es immer ins beste Licht zu rücken – – – Und du hast dann so schrecklich viele Auswege!« jammerte sie beinahe. »Das heißt, ich setze meine Pläne durch trotz Feuer und Wasser. Wenn du das die Sache ins beste Licht rücken nennst, so – Ja, du denkst natürlich an das Perpetuum, du auch, das wird mir auch immer unter die Nase gerieben!« »Sag' doch nur, wie es zugegangen ist, hörst du. Faste! Ich werde ganz unruhig.« »Wie es zugegangen ist? – Wie man einen Menschen besiegt? Ich gestehe gern ein, daß dabei ein wenig von dem Fuchs mit im Spiel war, der dem Raben schmeichelte, bis dieser den Käse fallen ließ, – oder doch einen kleinen Bruchteil davon. Im übrigen aber war es der alte Brief, von dem ich dir am Montag auf der Brücke erzählte. Geradezu ein finanzieller Geniestreich. Und ich glaube auch, er fühlte dasselbe und taute auf.« Sie sah ihn grübelnd an: – »Da war ja eigentlich ein ziemlich delikater Punkt für deinen Onkel in dieser Geschichte«, sagte sie dann. »Ich mußte wenigstens gleich daran denken, was der strenge, hochmoralische Herr Bankdirektor dazu meinen würde, wenn es bekannt würde, daß er die Grundlage zu seinem Vermögen dadurch gelegt hat, daß er diesem Kapitän Sand in die Augen streute.« »Aber du siehst doch wohl ein, daß es genial, glänzend, sprudelnd, glänzend genial war, – daß sich so nur ein Obergeneral des Mammons aus der Verlegenheit zieht!« »Ich frage nur, Faste, wie meinst du, werden die Leute hier in der Stadt diese Sache beurteilen?« »Pah, den Spießbürgern kann das nur ganz einfach imponieren; die beugen sich immer vor dem Resultat. Offen gestanden, Vera, du bereitest mir eine Enttäuschung, nie und nimmer hätte ich geglaubt, daß du so engherzig bist!« »Gabst du ihm dann den Brief?« »Freilich, denn er leugnete die Geschichte ja, bis er ihn in der Hand hielt, weißt du.« »Und dann?« »Verteufeltes Verhör!« rief er ärgerlich, – »ja, dann warf er ihn ins Feuer und wir sprachen nicht mehr davon. Dann redeten wir noch eine Weile über das Geld hin und her, bis er nachgab.« »Es ist aber wirklich keine Kleinigkeit, bei dir einer Sache auf den Grund zu kommen, Faste – – – fiel es dir denn wirklich gar nicht ein, – nicht einmal im Innersten deiner Seele, – daß es deinem Onkel peinlich sein könne, ja, daß er geradezu bange darin sein könne, dich mit dem Beleg für diese Jugendgeschichte in der Tasche herumlaufen zu lassen?« »Du willst mich doch um Himmelswillen nicht geradezu beschuldigen, daß ich Onkel Joels Brief dazu benutzt haben sollte, um von dem Mann Geld zu erpressen?« brauste Faste wütend auf. »Das muß ich sagen,« fügte er kühl hinzu – »nach unserer jahrelangen Freundschaft hatte ich erwartet, daß du mich besser kennen würdest.« »Ja, wenn ich nur einmal sagen könnte, daß ich dich besser kennte! du bist so vielseitig. Faste. Ich bin nie ganz sicher,, wo ich dich habe. So urplötzlich taucht alles bei dir auf, daß ich erst im Grunde hinterher begreife, wie es sich eigentlichst verhält.« »Und nun meinst du oder befürchtest du, daß ich heute »eigentlichst«, wie du dich ausdrückst, bluttriefend geradewegs von Onkel Joel herkomme, dem ich 3509 Kronen geraubt –« »Ach, du weißt recht gut, daß ich so etwas nicht meine. Aber du kannst, ohne es selber zu ahnen, so merkwürdig die Augen gerade für irgendeine beliebige Seite der Sache verschließen, die du nicht zu sehen wünschest.« »Danke schön! Du meinst also mit anderen Worten, daß ich, ganz unversehens und unbewußt, Onkel Joel die Pistole auf die Brust gesetzt habe!« »Nein, nein; aber ich werde nur so unsicher. Du kannst niemals eine Sache klar und deutlich darlegen. Man hat oft das Gefühl, als schaue man in einen Abgrund hinab, das macht mich bange.« »Bange – bange – daß du einen Straßenräuber zum Freund hast!« lachte er munter. Er schien es nicht zu bemerken, daß sie an dem Fußpfad still stand, der zwischen Gartenzäunen und Waldungen direkt zu dem Landhause ihres Vaters führte. »Sonderbar,« – rief er dann aus, – »ich glaube, es ist im Grunde diese deine Angst, die mich immer am meisten zu dir hingezogen hat, Bera, – der ängstliche Vogel in dir, der wie ein Specht dasitzt und an meinem Gewissen pickt, als wollte er sehen, ob der Baum krank ist. Du hättest mich fast dahin gebracht, daß ich spornstreichs zu Onkel Joel zurückgelaufen wäre, um zu fragen, ob ich ihn heute Vormittag wirklich ausgeplündert habe.« »Ja, lache du nur, Faste. Dein Lachen ist wirklich das Beste an dir, – obwohl ich noch niemals so recht habe herausbringen können, worüber du eigentlich lachst. Ich glaube, du lachst schließlich nur aus lauter Wonne darüber, daß ein Mensch wie du überhaupt existiert.« »So eine Violine ohne Melodie, meinst du. Weißt du, in was für einem Gewand du mir jetzt erscheinst, Bera?« »Ach was, Unsinn, – bleib du hübsch auf der Erde, ich erscheine dir überhaupt in keinem Gewand.« »In Sonnenschein-Kattun, – dunkel und golden, so wie das Licht jetzt in Flecken auf dein helles Sommerkleid fällt.« »Lieber Faste, sind das nicht – zu geschmackvolle Komplimente? Erst der Specht – und nun –« »Ach was, wenn ich dich zum Tanz auffordere, so hüllst du dich immer in deine nüchterne Vernunft, – bist unzugänglich. Jetzt wird dein Gewand frostblau.« »Vielen Dank, aber jetzt hast du mich weit genug begleitet.« Kreideweiß im Gesicht blieb er plötzlich stehen: »Mit anderen Worten, ich dränge mich dir auf!« »Nein, aber ich muß zu Vogts hinauf.« »Nun, der Einfall war ja recht plötzlich und gewandt, – wir sind scheinbar beide ein paar erfinderische Köpfe, Bera! Ich hätte es übrigens vorgezogen, wenn du es mir gerade heraus gesagt hättest, – daß du besorgt bist, dich in meiner lächerlichen perpertuum-mobile-Gesellschaft sehen zu lassen! – Du entsinnst dich übrigens Wohl noch, daß ich dich im vorigen Jahre von Zürich aus bat, alle meine alten Briefe an dich – die über diese Sache handeln – zu verbrennen. Darf ich mir die Frage erlauben, mein gnädiges Fräulein, sind die Briefe sicher davor, nicht in den Rachen des Stadtgelächters zu fallen, – ich meine, sind sie aus der Welt gebracht?« »Du bliebst mir die Antwort auf die Frage schuldig, ob du die meinen verbrannt hättest,« – versuchte sie den Angriff zu parieren – »die waren ja freilich nicht von Interesse; aber –« »Alle – alle – oder wenigstens zerrissen,« – polterte er heraus, als handele es sich um etwas ganz Gleichgültiges. – »Ach, wie ich sie hasse – alle zusammen,« – er erhob die geballte Faust drohend nach der Richtung der Stadt zu, – »diese Menschen, denen ich einen nimmer endenden, – nie zurückzuzahlenden Dank schulde, weil sie einen armen Jungen, der nicht so war wie andere Jungen in der Stadt, von einem Tisch zum andern herumgehen und drei und ein halbes Jahr Bettelbrot essen ließen, als sein Vater gestorben war, und für den sie dann mit dem Onkel an der Spitze den Klingelbeutel in Bewegung setzten, der ihm das Studium in Zürich ermöglichte. Wie brannten sie nicht während der ganzen Jugendzeit gleich Peitschenhieben und Spießruten, diese Augen und das Lächeln, die verrieten, daß sie mich für einen hoffnungslosen Sonderling hielten. Ich fühlte mich im geheimen mit diesen splienigen Hannes und tollen Krischans, hinter denen in jeder kleinen Stadt die Straßenjungen herlaufen, über einen Kamm geschoren, – nur wollte man es aus Barmherzigkeit für meinen verstorbenen, hochgeachteten Vater, den Propst, und um meiner Mutter willen, die als Witwe dasaß, nicht offen proklamieren.« »Nein, Faste, nein, – wenn die Eindrücke dich überwältigen, so gehst du immer ins Extreme. Wir bei uns zu Hause fanden ja immer, daß du etwas Ungewöhnliches an dir hattest. Vater –« »Nannte mich einmal einen genialen Hecht, – ja. Ich erinnere mich dessen sehr wohl, – das sind ja alle Narren. In meiner Knabenseele schrie eine Stimme: Einer von ihnen muß auf alle Falle vor mir sterben, – und dann, dann will ich auf dem Grabe hüpfen und tanzen und trampeln und schreien und sie verhöhnen! – Und wärest du dann – so wie ich jetzt – einem solchen Stadtpotentaten wieder vor die Augen getreten, Bera, und hättest gesehen, wie diese Augen gleichsam luftleer vor einem werden und sagen, daß dir alle Türen verschlossen sind, – ja, dann würdest du auch begreifen, was ich mir in meinem Herzen geschworen habe, – daß ich diese Nacken einmal alle vor mir gebeugt sehen, daß ich Satisfaktion haben will! – Und das ist auch der Grund, weswegen ich hier in diesem engen, kleinlichen, an Aussichten so armen Lumpennest anfangen will; hier und nirgend anders! Und dann wird das gnädige Fräulein mit seinem guten Kopf wohl auch begreifen, daß ich nicht anfangen kann, so lange diese alte, lächerliche Perpetuum-Geschichte sich noch in zehn, zwölf Seiten langen Briefen herumtreibt. Das würde mich ganz einfach von vornherein als Geschäftsmann zu einer Unmöglichkeit reduzieren.« »Ich habe sie alle – dem Datum nach zusammengelegt und wohl verwahrt, ich versichre dich, es ist keine Gefahr vorhanden.« »Nein, nein, – nur von seiten des gnädigen Fräuleins, wenn sie jemals auf den Einfall kommen sollte, das Lachen gegen mich loszulassen.« »Das meinst du nicht, Faste! – Ich finde nur, es wäre ein Jammer, wenn die Briefe vernichtet würden. Sie sind so, wie kein anderer sie hätte schreiben können.« »So, – meinst du? – – das ist ja gerade der Fehler, daß niemand anders sie hätte schreiben können, – das ganze Perpetuum – ist ein Produkt der Unwissenheit!« »Mag sein, Faste; aber es ist ein Geist darin, der sucht und sucht –« »Und nichts gefunden hat, ja! Weiß Gott, es war ein Jammer, Bera –« »Vertraue sie mir an, Faste,« – bat sie leise. »Den völlig abgelegten Mantel, den ich weggeworfen habe, willst du aufbewahren? Frauenzimmer sind sonderbar. Ich werde mir in Zukunft einbilden, daß die hundertmal veränderte Maschine, mit der ich herumtüftelte, und die ich schließlich ruinierte, nun doch noch in einem alten Erinnerungsschrank oben bei dir steht. Ich bringe die Geschichte niemals zu Ende – – Ich kann dir nur sagen, Bera, daß meine Privatforschungen über das Gesetz der Schwerkraft – nämlich wie es sich umgehen ließe – mich auf den technischen Weg geführt haben, – und die Kenntnisse, die ich dadurch erwarb, haben selbiges Perpetuum totgeschlagen. Aber behalte du die alten Überreste meines Feuerwerks, behalte du sie nur.« »Hab Dank, Faste, – auf mich kannst du dich allzeit verlassen. – Adieu!« Er sah ihren strahlenden Ausdruck. »Es ist sonderbar, Bera, wie lange wir beide zusammengewesen sind, – ich will nicht schwören, daß ich nicht in dich verliebt bin –« »Aber ich will darauf schwören, daß wir Freunde sind und nichts von der anderen Art!« klang es zurück, während sie den Weg hinaneilte. Zweites Kapitel Staubwolken auf den Wegen und immer lauter werdende Klagen über Wassermangel. – – Erdrückend schwüle Hundstage. – Schattenlos wie das kleine hölzerne Haus der Witwe Forland dort hart an der Landstraße lag, nur mit ein paar Ebereschen zu beiden Seiten der Treppe, brodelte die Sonnenglut förmlich in den alten, längst ausgetrockneten Astlöchern der Holzwände. – Fenster und Türen waren der Hitze wegen geöffnet, die jetzt Tag für Tag ihr einförmiges Schweigen über die Stadt lagerte, ihren Nebel immer dichter um den Abhang spann und die Masten und Rahen unten im Hafen immer undurchsichtiger in ihren grauen Schleier hüllte. Die Tochter des Hauses, Sölvi, ein schöngewachsenes Madchen von zwei- bis dreiundzwanzig Jahren, kam auf die Treppe hinaus. Sie hatte einen Hut auf und stellte den Sonnenschirm hin, um die Handschuhe zuzuknöpfen. Plötzlich lauschte sie und vergaß das Knöpfen. Unten vom Wege herauf ertönte das einförmige Gerassel eines leichten Fuhrwerks, das in schnellem Trab daherkam. Es blieb ihr gerade noch Zeit, einen hastigen Blick auf ihre Kleidung zu werfen und den Hut ein wenig zurecht zu rücken, ehe der neue Arzt des Städtchens, Doktor Falkenberg, in seinem Kariol dahergerollt kam, ganz eingehüllt in die Staubwolke, die die Räder aufwirbelten. Er hielt vor der Treppe an, grüßte mit dem Strohhut und wischte den Staub von der Brille, während er verstohlen durch die Gläser zu ihr aufsah. »Nun, wie geht es Ihrer Frau Mutter, Fräulein; – hat mein kleiner Rat ihr geholfen?« »Danke, Herr Doktor! Mutter ist so glücklich darüber. Sie hat den Rheumatismus fast gar nicht mehr gefühlt, seit sie angefangen hat, Ihren Rat zu befolgen.« »Es war übrigens nur ein einfaches Altweibermittel, auf Apothekerlatein übersetzt. Es hilft unfehlbar, wenn man nur daran glaubt,« – lachte er. »Im übrigen ist dies trockene, heiße Sommerwetter wohl das beste Heilmittel. Aber ich halte Sie auf, Fräulein Sölvi, ich sehe, Sie wollen ausgehen. – –« »Ja, in die Stadt hinab, – auf das Kontor; – aber ich habe Zeit genug.« »Hm, – ich hätte mich fast erkühnt zu fragen, was wollen Sie dort? – sitzen und rechnen und Assekuranztabellen ausfüllen! Ich will wetten, mein Fräulein, Sie gehen immer über den Markt, wenn Sie aufs Kontor wollen?« »Ja, das war nun gerade nicht schwer zu erraten! – woher sollten sie sonst daheim ihr Mittagessen bekommen?« »Ach, seien Sie einmal aufrichtig, – Sie hatten es sich niemals träumen lassen, daß das Märchen Ihres Lebens Sie die Kontorlaufbahn führen würde, mit Tinte an den Fingern!« Sie blickte vor sich hin auf die Treppe. »Gestehen Sie es mir. Sie würden tausendmal lieber daheim bleiben und für die Mutter und den Garten und die Hühner und die Enten sorgen und den Haushalt führen und hin und wieder einmal ein kleines Tanzvergnügen hier oben bei den befreundeten Familien mitmachen, als Mitglied des »Kontoristenvereins« zu sein!« Sie brach in ein helltönendes Gelächter aus. Gleich darauf aber folgte ein leidenschaftlich qualvolles – »Ach ja!« Der Doktor hakte den Spritzlederriemen los, um auf die Treppe hinüberzuspringen, als Faste plötzlich in Hemdsärmeln aus der Gartentür trat, ein paar Meßinstrumente in der Hand. »Guten Tag, Herr Doktor! Nun, ich kann Ihnen sagen, daß Sie gestern abend unten im Klub gehörig vorgenommen wurden. Oder vielmehr der Plan, draußen im Westen von der Stadt eine Seebadeanstalt anzulegen, – und man vermutete, daß Sie die treibende Kraft des Unternehmens seien. Versteht sich, wir diskutierten die Sache ausschließlich von der ökonomischen Seite, – in bezug auf die Rentabilität. – –« Der Doktor schob die Brille ein wenig in die Höhe und sah in die Luft hinaus: »Ja, Herr Forland. Es will mir nur scheinen, als wenn derselbe Salzstoff sich in allen Küstenstädten des Landes finden müßte, wo die See den Kloaken nicht zu nahe liegt. – Jedenfalls kann man mal drauf anstoßen.« »Man fangt an, Witze zu machen, Herr Doktor! – Aber da zählten wir auf Sie, – daß Sie, der Sie schon so schön in den Krankenhausverhältnissen aufgeräumt haben, auch der erste sein würden, der dem Plan und der Aktienzeichnung seine Unterstützung angedeihen ließe. Das, worauf wir hinaus wollen, ist nichts Geringeres als der Ankauf der ganzen Landzungen und ihre Verwandlung in einen Kurort mitsamt dem Vorstrande. Und dann, wenn der Gedanke lebensfähig ist, was ich glaube, – allmählich Hotels auf der ganzen Westseite und diese Gegend der Stadt in ein modernes nordisches Bad verwandelt.« Der Doktor lachte. »Es geht jungen Architekten wohl ebenso wie frischgebackenen Doktoren. Ganz ähnliche Ideen schwirrten auch mir durch den Kopf, als ich in die Stadt kam. Sie können mir glauben, in einsamen Stunden in einem Kariol wird viel phantasiert, – ja, dann adieu, Fräulein!« unterbrach er sich. »Vor der Sonne sind Sie auch nicht bange.– – Stehen da in der Gluthitze und lassen den Sonnenschirm auf der Bank liegen!« »Ach, mit einem breitrandigen Hut –« »Sie haben einen heißen Weg zur Stadt hinab! – – Und hüten Sie sich, daß Sie keinen Sand und Staub in die Augen bekommen«, schallte es ihr nach, während das Kariol weiter bergan rollte. Mit einer gewissen bleichen Empörung blieb Sölvi Forland auf der Treppe stehen, dann eilte sie ins Haus. In der Einsamkeit des Schlafzimmers saß Frau Forland und las einen eben angekommenen Brief von ihrer jüngsten Tochter Agnete, die bei Pastor Fejer in Sogn Gouvernante war. Sie hatte den Krückstock an die Stuhllehne gestellt, während ihre gichtgekrümmte Gestalt sich darüber lehnte. Sölvi erschien in der Tür: »Dann also adieu, Mutter. – – Ja, – glaub' mir nur, sie hat sich zu dem Pastor entschlossen!« »Pfui, pfui, Kind, wie kannst du nur so etwas denken, – ein älterer Mann!« »Ich höre es ja aus dem ganzen Brief heraus, Mutter, sie nennt ihn fortwährend »Fejer« und nicht mehr den Pastor. Und dann die Bemerkung, daß der Pfarrhof jetzt einen so günstigen Kontrakt mit der Molkerei abgeschlossen hat!« »Ach, das ist häßlich von dir, Sölvi, – sie sollte den Alten nehmen –« Sölvi lachte so eigenartig. »Ich meine nun gerade um so lieber , weil er so alt ist! Gott behüte uns, einen Mann zu nehmen, ohne etwas dabei zu empfinden, wenn er obendrein noch jung ist, – und hübsch und schwärmen will. Stell' dir doch nur vor, wie entsetzlich Agnete dann lügen müßte!« »Ich liebe es nicht, dergleichen Gedanken zu verfolgen, Sölvi. Du bist in der letzten Zeit so verbittert geworden. Ich weiß wirklich nicht, was du hast.« »Ich für meinen Teil würde mit Vergnügen in so einen Pfarrhof einziehen, – ich meine zu so einem bemoosten Pastor, – so einem recht stümperigen Alten, – bei dem ich leben könnte wie in einer alten, ehrwürdigen Kirche, – und ihm den Weg ebnen – und das Geleit bis ans Grab geben. Ich würde ihn in keinem Punkt betrügen. Ich hatte ja vor einigen Jahren ohnehin schon die Absicht, als Krankenpflegerin fortzugehen. Und dann, wenn ein Mädchen einige zwanzig Jahre alt ist und eine gute Anstellung hat, sei es nun als Gouvernante oder als Kassiererin auf einem Kontor, so ist sie über die Romangrillen hinaus; dergleichen ist ganz einfach weit unter ihrer Würde. Hat sie irgendwelche Illusionen gehabt, so ist es damit auf alle Fälle vorbei. – Das einzige, was mich stören würde, sind diese ewigen Milchspeisen, die man auf so einem Pfarrhof bekommt!« »Pfui, Kind, dein Scherzen hört sich häßlich an –« »Dann adieu, liebste, beste Mutter! Setze dich auch nicht ans offene Fenster – –« Sölvi eilte zu ihr hinüber und küßte sie heftig auf die Wange, ehe sie aus der Tür verschwand. Frau Forland saß still da mit großen Augen und einem schwachen Lächeln, als wolle sie den Eindruck nicht zu stark auf sich wirken lassen. Sie griff nach dem Photographiealbum auf der Kommode. – – Agnete, die zarte Erscheinung, als sie klein war, – vor fünf Jahren. Und, als sie zwölf Jahre alt war – und als sie sechzehn zählte und konfirmiert in dem schwarzseidenen Kleide dastand, das ihr die Frau Großhändler Mörck geschenkt hatte, – munter und natürlich, leicht wie eine Sylphide – und sie sich sterblich in Peter Kjelsberg verliebte, der Steuermann geworden war und mit einem flatternden Schlips einherstolzierte, – und, als sie fünfundzwanzig alt war und ihre schlanke Gestalt und ihre Haarfrisur ein wenig bewußter trug – – – Und ebenso ihre kräftig gewachsene, kernfrische Sölvi mit dem strotzenden Leben in Antlitz und Haltung, – so eine echte, lachende, halb trotzige Rosenknospe auf allen Kinder- und Jugendbildern, – bis auf das letzte unvorteilhafte Bild vom vorigen Jahr, wo sie so ernsthaft dastand, die Hand in der Hüfte, wie ein Engel der Anklage, der vor seinem Gott und Schöpfer aufmarschiert ist – – »Die Zeiten sind anders geworden. Faste,« – lief sie aus, als der Sohn schweißtriefend und von der Sonne rotgebrannt eintrat – – »sie sind heutzutage ungeduldig, die kleinen Mädchen, und so bereit zur Empörung.« »Daß die Zeiten anders geworden sind, – ja, möchtest du das doch einmal in deinen lieben Kopf hinein bekommen, Mutter! Aber so weit wirst du niemals kommen. – – Ja, du, ich irre mich nicht. Der Strom vor deinem Garten zeigt beim niedrigsten Wasserstand, – und dies muß der niedrigste Wasserstand sein, – ein Gefälle von einundvierzig Zentimetern, das bedeutet ungefähr einen und einen drittel Fuß. Da waren ja auch noch einige Überreste von einer Wassermühle oder einem Stromrad aus alten Zeiten.« »Ja, dann muß es wohl irgendeinen Grund gehabt haben, weswegen es abgebrochen wurde.« »Unwissenheit, – Mangel an mechanischem Verständnis; es war ja vor zehn oder fünfzehn Jahren noch die reine Bauernwirtschaft hier oben. Es genügt, Mutter, daß du die Hälfte eines kleinen Stromfalles hier am Flußufer zwischen deinen beiden Gartenzäunen besitzt. Das kann mathematisch nachgewiesen werden!« »Könnten wir das Geringste dafür bekommen, du, wäre es auch nur eine Kleinigkeit gewesen, so hätten sie mich das Haus nicht behalten lassen!« »Ja, Mutter, – das kommt ganz auf die Augen an, mit denen man es sieht. Wenn du alle die Taxatoren der Stadt im Kreise darum herumsetztest, so würden sie alle wie ein Mann den Kopf schütteln und sagen: Nicht die Bohne! – Aber ich, siehst du, ich sage etwas anderes. Und zu dir, dir ganz allein, – nur zu dir, weil ich dir eine Freude machen muß – sage ich es gleich, daß ich einen Goldklumpen unten am Ende des Gartens gefunden habe.« »Einen Goldklumpen? – Gott erhalte dir deinen Verstand!« »Den Strom, meine ich natürlich.« »Das ist ja nur Wasser, – nichts als Wasser. Gib um Gottes willen die Gedanken auf, mein Junge, – nur Wasser –« »Siehst du, Mutter, du kannst dir ja doch einen kleinen Faden vorstellen, wenn es auch nicht gerade ein Zwirnsfaden ist. – – Wenn du nun mittels eines solchen nacheinander die Kraft aller der Stromfälle, all' der kleinen Stromfälle im ganzen Tal miteinander verbinden könntest, so würde das schließlich wie ein großer, vereinigter mächtiger Wasserfall wirken, der alles treiben könnte, was diese Stadt nötig hat, elektrische Beleuchtung und – nun, meine Pläne behalte ich, bis die Zeit da ist, für mich. Wenn ich plauderte, so würden die Bauern über uns auch gar bald begreifen, daß sie Goldklumpen im Strom haben. Aber ich bin nun, einmal dafür, daß der Erfinder, – und das bin ich – auch die Prämie bekommt! – Ich mußte dir nur eine Freude machen, indem ich dir ein wenig Hoffnung und Aussicht auf leichtere Zeiten für uns alle mitteilte. – – Du sollst noch einmal in einer der großen Villen wohnen, Mutter, und wenn du willst, auch noch ein steinernes Haus unten in der Stadt haben.« »Aber du legst doch wohl das Geld vom Onkel Joel nicht hierin an?« rief sie besorgt aus. »Kümmere du dich nicht darum, kümmere du dich nicht darum. Der Makler ist ein geriebener Kunde, – klug – vorsichtig. – – Daß ein so verteufelter Kopf unter einer solchen halbvertragenen kleinstädtischen Perücke stecken kann! Er hatte gleich Verständnis für die Badeanstalt und sah ein, daß gewisse Sachen fertig abgeschlossen sein müssen, ehe wir sie öffentlich auf dem Markt ausbieten.« Pfeifend schlenderte er hinaus. – Tief über die Krücke gebeugt tastete Frau Forland sich Schritt für Schritt nach der Stubentür hin. Sie hatte heiße Flecken in den Schläfen von allem, was Faste ihr mit einer so felsenfesten Überzeugung vorgeredet und auseinandergesetzt hatte. Er konnte einen wirklich, wie Sölvi sagte, geradezu in sein Land hinüberversetzen, wenn man sich nicht in acht nahm. – – Wie gut, daß sie gerade auf das Kontor gegangen war, als Faste kam und dies alles vortrug. Sölvis scharfe Zunge seinen Ideen gegenüber würde nur zu erregendem Wortgefecht führen – – Sie stand in der offenen Schlafstubentür und sah sich prüfend in der durch die Decke gedrückten, niedrigen Wohnstube um. Die lebhaften Augen suchten in diesem Augenblick nach einem anderen Platz für das mit Noten überladene tafelförmige Klavier – – – Es war nur ein flüchtiger Gedanke, der infolge Fastes Vorspiegelungen in ihr aufgestiegen war, – – den sie aber doch ausprobieren mußte, ehe sie sich Ruhe gönnte, um Agnetens Brief zum zweitenmal gründlich durchzulesen, – nur eine Idee für den Fall, daß doch etwas von alledem, womit sich Faste herumtrug, wirklich Geld einbringen würde, – nämlich die Idee, die beiden altmodischen Fenster auf irgendeine Weise zu einem einzigen großen zu vereinigen; und dies müßte dann von einer reichen Gardine umrahmt werden, die an einem vergoldeten Spieß mit ebensolchen Ringen und breiten Gardinenhaltern befestigt war. – – – – – Und vielleicht auch – natürlich nur, wenn sich wirklich Einnahmequellen ergeben, – ein Kachelofen mit Messingtüren statt des alten, häßlichen eisernen Ofens, der jetzt noch ganz mit Birkenlaub vom St. Johannistage her verhüllt war. – – Die kleine gebeugte Frau mit den leuchtenden Augen und dem von Schmerz abgezehrten, mageren, großgeschnittenen Gesicht vertiefte sich immer eifriger in die Möglichkeit, die diese beiden Fenster bieten könnten. Sie hielt den Krückstock quer vor sich hin, um die Breite abzumessen, und während sie sich so bewegte, streiften die Sonnenstrahlen hin und wieder einen bräunlich-grauen Haarwuchs, der ihr in Wellen in die Stirn fiel. In verschiedenen Absätzen, je nachdem ihr etwas Neues einfiel, war sie schließlich auf die andere Seite der Stube hinübergerückt, ganz erfüllt von einem anderen Zimmer, – das sie jetzt selber umgebaut und anders eingerichtet hatte. – – Draußen auf dem Hofplatz ging Faste umher und beobachtete mit einer gewissen Neugier seinen älteren Bruder Ditlev, den Idioten. – – – Mit großen, feierlichen Bewegungen und irgendeinem tierisch grunzenden Kehllaut dirigierte dieser ein eingebildetes Orchester zum Prasseln des Bratens, das aus dem Küchenfenster herausdrang, vor den zwei bis drei Hühnern, die fortwährend glaubten, daß er ihnen Korn hinstreue und vor ein Paar watschelnden Enten, deren Geschnatter er jedesmal mit der liebenswürdigsten sich verneigenden Dankbarkeit entgegennahm. »Auch in ihm ein Stück elementaren Chaos! Eine Art Melodie in dem, was er brüllt, – er bekam nur kein Gehirn, um es zu lenken,« murmelte Faste. Ihm lag heute ein wunderliches Gefühl im Blut, etwas so Gewaltsames, daß es ihn erschlaffte und ihn wie in einer Betäubung umherwandern ließ – – – – Das einzige, woran man glauben konnte, war man ja natürlich selber! Der Fehler lag nur darin, daß das Individuum dieses »man selber« von der Autorität fortblasen ließ. Das waren die wenigen, die die Welt vorwärts trieben – – In seinem Kopf sang es unaufhörlich: durch seine Messungen und Pläne der Stromverhältnisse hielt er jetzt das Mittel, den allstarken Torhammer in der Hand, mit dem er die Kobolde besiegen wollte! – Er strandete endlich auf der zerbrochenen Steinbank im Schatten der Laube ganz unten im Garten. Ein Rückenkissen aus dem Schaukelstuhl im Wohnzimmer unterm Kopf lag er da und starrte schläfrig den Strom an – – Diese ewige, eintönige Hummel summte durch das Blätterwerk der Laube aus und ein, – – brummte ganz in der Nähe und weckte ihn – – klang wieder ferner und ferner durch den Traum – – Er war gewissermaßen selber die Hummel mit dem weichen, braunen Pelz, die schwarzgefleckt und geschwellt von Lebensfülle tönend durch den Sommertag dahinflog und genoß und schwelgte – – – Hier war eine nicht zu bewältigende Auswahl! – – – – Wenn man es nur alles erreichen könnte – – das blanke gelbe – – zwischen den feuchten Huflattigblättern am Stromufer, die reine schimmernde Sonnenscheinbutter! – – Die Nelken und die Levkojen und die Rosen und die feuerroten Geranien und die Aurikeln, – jede auf ihre Weise bezaubernd bis zur Betäubung – – Es handelte sich nur darum, daß man sich bei der einen zunächstliegenden Ruhe ließ und Augen und Gedanken nicht auf die nächste und übernächste richtete, – daß man sich nur noch eifriger abmühte und es nicht aufgab, – von Blume zu Blume, – von dem Rausch des Hollunders und Faulbaums hinauf zu den fetten, süßen Lindenblättern – – Er mußte es schließlich ganz aufgeben, konnte und konnte nicht mehr in dieser Fülle des Daseins – – Nein, er konnte nicht mehr! – – Nach einer Weile überkam ihn eine unsagbare Angst, – er summte in einem leeren Raum herum – – Auf der Steinbank in der Laube saß ein Mann. Sein Vater war es wohl eigentlich nicht, – es war der alte Oberlehrer Johannesen. »Sieh selber nach,« bemerkte der Oberlehrer, als habe er dort schon längere Zeit gesessen und geredet und über die Sache gegrübelt, – »dann wirst du finden, daß ein wenig von dir an jedem Stengel da oben hängen bleibt; und da kannst du begreifen, wieviel von dir nachbleibt, um damit in die höhere Welt hineinzusummen.« War das nicht genau dasselbe, was Faste empfunden hatte! – und was ihn so mit Angst erfüllte, – daß etwas von ihm abhanden gekommen war – – Ärgerlich aber war es, daß der pedantische Oberlehrer mit der stillen überlegenen Miene dasaß und sich breit machte; und er empfand eine gewisse Neigung, über die Sache zu diskutieren. – – Man konnte zum Beispiel von der Natur einer Hummel ausgehen – – Aber dann würde er ja keine Hummel sein. Es nützte nicht, sich damit bei Bera zu melden – – – »Ich möchte mich bestens bei dir bedanken. Faste!« Er erwachte zur Wirklichkeit und sah seine Schwester Sölvi, die aus der Stadt heimgekehrt war, offenbar in starker Gemütserregung vor sich stehen. »Hab' Dank – du –« Er richtete sich hastig auf der Bank auf. »– daß du mir das Leben so erfreulich machst, – ja –« »Ich?« ertönte es verzweifelt. »Ist es etwa nicht genug,« platzte sie leidenschaftlich heraus, – »daß ich Ditlev mit mir herumschleppen muß – und für Mutter einzustehen habe, – soll ich dich denn nun auch noch lang und schwer quer über meiner Zukunft liegen haben. Ich hätte die größeste Lust, das Ganze im Stich zu lassen, wenn Mutter nicht wäre, –« »Ich –?« »Und dann fragt er noch! –« Sie lachte höhnisch. »Als ob ich nicht meine ganze Jugendzeit hindurch »die Schwester des Perpetuums« gewesen wäre. – Und du meinst wohl, es sei nur eine Laune, daß Agnete nicht länger zu Hause bleiben wollte? Glaub nur, sie ist dir sehr dankbar, daß du sie so fromm und gefügig gemacht hast, daß sie nun vielleicht gar den Pastor da oben nimmt – – Und nun kehrst du wieder heim, den ganzen Sack voll von andern unfaßbar-großartigen Ideen und Verrücktheiten, deren Schwester ich auch sein soll – – Er hörte dir eine Weile zu, der Doktor, – und das geschah nicht einmal deinetwegen, – und dann schlug er das Pferd mit der Peitsche. Der hält nie wieder vor unserer Tür –« Tränen stürzten ihr aus den Augen. Sie setzte sich platt ins Gras nieder und wiegte verzweifelt den Kopf über den Händen im Schoß. »Aber liebe, liebe Sölvi, – du weißt ja, wie lieb ich dich immer gehabt habe.« »Lieb gehabt? Du hast dich selber lieb gehabt, das hast du, – und niemand weiter als dich selber, – niemals. Man hat denjenigen nicht lieb, dem man das Leben und das Glück raubt. Ich wenigstens tue das nicht.« »Aber liebe, liebe Sölvi, – Schwester Sölvi, – so höre doch. Ich sehe ja ein, daß ich heute ungeschickt gewesen bin und dir wehe getan habe. Wenn ich aber jemals an etwas anderes gedacht habe, als was uns alle wieder glücklich machen könnte, so –« »Und wozu wir andern als Schwester paradieren könnten, ja! – Laß mich in Ruhe, laß mich in Ruhe, – laß mich nur das einzige begraben, was noch von Leben in mir war, – hier, wo ich sitze – –« Sie wiegte laut weinend und unzugänglich für jegliches Zureden den Kopf über dem Schoß hin und her. »Ach was!« rief er aus. Er kannte diese unbeherrschbare Leidenschaftlichkeit und stürzte von dannen. »Ich esse heute nicht zu Hause!« – rief er ihr von oben aus dem Garten zu, nachdem er ganz flüchtig im Zimmer gewesen war, um seinen Rock anzuziehen, und dann sauste er hinab nach der Stadt. Drittes Kapitel »Ja, siehst du, Bera,« sagte Frau Forland, sie saßen zusammen im Wohnzimmer und plauderten, – »es ist mir immer, als würde ich in eine ganz andere Welt versetzt, wenn ich dich und die jungen Mädchen reden höre. Ich bin ja zu einer Zeit geboren, wo alles niet- und nagelfest war. Der Vater war der Vater, und die Mutter war die Mutter, und die Wände waren Wände, und da mußte der Spiegel hängen und da die Bilder, – und wenn zweie erst einmal verlobt waren, so war es ein Familienskandal, wenn die Sache wieder auseinanderging, machten sie sich auch gegenseitig so unglücklich wie nur möglich. – – Und wenn ein junges Mädchen sich nicht verheiratete, so wurde sie Tante und strickte Strümpfe, einen Ausweg gab es da nicht. – – – Und wenn sie dann obendrein die Frau eines Pastors wurde, so wie ich, – einen braven, prächtigen Mann bekam, liebe Bera, so wurde der Kasten sozusagen nach allen Seiten hin luftdicht gemacht. Man dachte ja nicht daran, seinen Gedanken Flügel zu verleihen, nein. – – Aber sonderbar ist es, du, – obwohl ich jetzt, wo ich darauf zurücksehe, sagen muß, daß es ist, als habe ein Erdbeben eine ganze Umwälzung in allen Verhältnissen hervorgebracht, – so hat mich das doch eigentlich nicht überrascht oder ist mir als etwas Absurdes erschienen. – – Es ist vielmehr, als sei ein Schleier von Ahnungen und Gedanken fortgezogen, die ich schon lange in meinem Innern mit mir herumgetragen haben muß. Darum ziehe ich bei den Streitigkeiten mit Euch auch allemal den Kürzeren,« – lächelte sie. »Ich beginne gewohnheitsgemäß mit dem Althergebrachten, und Ihr zieht mich dann zu Euch hinüber. – – Und ich weiß ja auch, daß du recht hast, und daß ich dir einzig und allein aus alter Gewohnheit sagte, daß es mir eine solche Erleichterung sein würde, wenn Faste sich bemühen wollte, eine Staatsanstellung zu erhalten, wenn sie auch noch so klein wäre!« – fügte sie nach einer Weile mit einem tiefen Seufzer hinzu. »Liebe, liebe Frau Forland, glauben Sie, daß das so sicher sein würde? – sicherer als wenn er seine eigenen Flügel gebrauchte; – er, der so wenig für ihre düsteren Regeln paßt.« »Ach, du hast ja so recht, Bera! Ich meinte nur, – seine Ideen sollen ihm eine Stellung verleihen, ja, – Ach, – ich bin manchmal wirklich ganz verwirrt.« Sie griff sich an den Kopf. – »Es tut so gut, daß du ihn verteidigst, Bera, daß du an ihn glaubst. Du hast ja auch gesehen, wie verkehrt es mit diesem ganzen Perpetuum war.« Bera sah aus, als wisse sie nicht so recht, was sie antworten solle: »Er ist zuweilen so sonderbar,« begann sie endlich, – »man weiß wirklich nicht, was alles auftauchen kann.« Frau Forland sah sie plötzlich an: »Du bist nicht sicher vor einer Seeschlange oder dergleichen, – einer häßlichen Seeschlange, vor der du dich fürchten würdest, – ja, ich verstehe dich. Ich, die ich sein Gemüt kenne, bin auch bange gewesen – – die Widerwärtigkeiten, – die Widerwärtigkeiten, du, – die erträgt er nicht, die dämmen seinen Willen gleichsam wilder und wilder auf, – so daß er ganz rücksichtslos werden kann, – boshaft. – – Und deswegen, – ach, wüßte ich ihn nur sicher in einer friedlichen Anstellung, wenn sie auch noch so klein wäre!« – schloß sie abermals. »Ach nein, nein, Frau Forland! Er ist nicht boshaft. Er scheucht nur die Phantasie auf und malt es sich aus. Aber, liebe Frau Forland,« unterbrach sie sich heiter, – »Da sitzen wir hier und dichten Faste Seeschlangen und Gespenster an!« »Ich muß immer mit dir über ihn reden, Bera, – das kommt, weil ihn niemand so versteht wie du.« »Das kommt, weil ich an etwas bei ihm glaube, das nur seinen rechten Platz nicht gefunden hat oder noch nicht zum Vorschein gekommen ist,« erklärte Bera. »Du meinst, daß die Schöpfungstage des lieben Gottes für ihn noch nicht zu Ende sind,« – lachte Frau Forland. »Es tut so gut, was du sagst. Du hast einen weiteren Verstand, als wir andern, Bera. Ich sehe das, ich sehe das.« »Ja, Gott weiß, was ich damit anfangen soll,« – entfuhr es Bera. – – »Das stammt aus der Zeit, als er den Sommer bei uns wohnte. – – Wenn er über alle seine Angelegenheiten sprach und über alles, was er dachte, so war es mir immer, als schaue ich in eine neue und größere Welt hinein. Und als dann das Perpetuum kam, war es für mich nur das Rad, das dagestanden und gewartet hatte, und daß nun das Ganze vorwärts rollen wollte! Er hatte mir ausgemalt, wie es nach jeder Richtung hin in der Welt werden würde, wenn nur erst die Kraft käme.« »Nur daß er das Rad nicht zustande brachte, ja,« – murmelte Frau Forland. »Aber diese Welt mit all dem neuen Menschenglück will mir nie wieder aus dem Sinn!« rief Bera aus, indem sie sich plötzlich erhob – – »Und auf diese Weise kann er bei vielen eine Welt in elektrischer Beleuchtung hinterlassen, er –« Die letzten Worte verklangen so eigenartig leise in der Luft, daß Frau Forland sie unwillkürlich ansehen mußte. »Und jetzt darf ich mir wohl eine Schale voll Kirschen unten im Garten pflücken, während ich auf Sölvi warte,« – brach sie schnell ab, indem sie sich erhob. »Ja, tu du das, mein liebes Kind –« Frau Forlands Augen nahmen mehr und mehr einen in sich gekehrten Ausdruck an, während sie Beras Gestalt folgten, wie sie aus der Tür verschwand. * Unten bei den Kirschbäumen begrüßte Bera Ditlev, der ganz davon in Anspruch genommen war, die Kirschen vor der Starenfamilie zu bewachen, zu der er in einem eigenen, intimen Verhältnis stand, seit sie im Frühling ihr Nest in den Weiden an der Wiese bauten, und er ihnen half, Reisig und Lehm miteinander zu verflechten. Er klatschte von Zeit zu Zeit in die Hände und rief: »Husch – husch, – Kusch – kusch!« – redete und schwatzte. – – Bera sah nach dem offenen Mansardenfenster hinauf. An dem Seitenhaken hing eine silberne Uhr, deren Schnur herabbaumelte, – die kannte sie so gut! – Faste mußte sie vergessen haben, als er heute Morgen zur Stadt ging – Plötzlich vernahm sie unten auf dem Wege Schritte, und eine überraschte Stimme rief: »Nein, – bist du da, Bera!« Faste hatte sie durch das Gitterwerk entdeckt und näherte sich jetzt mit Gebärden und Bewegungen, die den Makler nachahmten: »Siehst du wohl diese mollige, geldgierige Katze, Bera? Die Augen sprühen förmlich Funken vor lauter Elektrizität.« »Du hast doch wohl nicht gar deinen Beruf als Schauspieler verfehlt, Faste!« »Wie beliebt?« »Ja, denn dies ist wirklich der Makler wie er leibt und lebt.« »Wie töricht du redest, Bera! Einfaches Nachahmen reicht nie weiter, als daß es uns die Affenseite bei dem Menschen zeigt. Aber ein Schauspieler, siehst du, – ein wirklicher Schauspieler, der an die wahre Kunst hinanreicht, der ist inwendiger Seher, der krempelt die Seele und das Herz um und um. Die große Kunst besteht darin, das abzuspielen, was hinter dem Hemd und der Haut lebt und atmet. – – Die besteht darin, daß man hier und da auf der Straße eine Figur auffängt und dann gleich auf die Bretter mit seiner Seele! – – Aber übrigens, Bera, weißt du, ich glaube, ich habe auf meine Weise auch eine Seele gefangen, – den Makler, du! Zu Anfang war er entsetzlich schwerfällig und widerspenstig. Aber jetzt hört er auf mich, und ich glaube, er fängt an zu wittern, daß hier etwas zu machen ist, – wirkliche Bedingungen für ein Badehotel in europäischem Sinn, wenn du willst. Und nun heißt es: St! – st! Verschwiegen wie das Grab, bis wir uns – für den Fall – die wertlosen Grundstücke unten am Strande für ein Butterbrot gesichert haben! – Ich danke meinem Schöpfer, daß ich nicht nötig habe, die Besitzer persönlich übers Ohr zu hauen, sondern es durch Vermittlung des Maklers tun kann.« »Nein, das begreife ich, daß der Makler der Ansicht ist, daß er die Seite der Sache selber besorgen muß,« meinte Bera. »So – o –« »Nicht daß ich daran zweifle, daß du es könntest. Faste; dir traue ich viel zu, du wärest nur nicht imstande, es hinterher durchzuführen.« »Ich bin und bleibe, so denkst du, verteufelt unpraktisch, eins von diesen überkultivierten Gewissen, die so hinter Fensterglas in einem »alten gebildeten Hause« getrieben sind! – Aber Männer, die handeln wollen, – siehst du – die müssen Eroberungsnaturen sein, – sie müssen, um zum Ziele zu gelangen, ein Ei zerschlagen und einem Kücken den Hals umdrehen können.« »Ja, aber es gibt Menschen, die hinterher nie wieder ein Kücken piepsen hören können, du.« »Ach, ich weiß wohl, was dir fehlt!« rief er ganz empört aus. »Wer dir doch einen neuen Glauben in die Herzenswurzel hineinpfropfen könnte für den, den du bei dem Perpetuum verloren hast! Nun ja – –« Er reckte sich in die Höhe und bog ein paar Zweige herab – »Ich muß die Kirschen erreichen – – da lasse ich sie auf dich herabregnen, – nimm sie, nimm sie! – Sie sind rot, und du bist bleich, Bera! – so wie ich! Nimm sie, nimm sie. – – Wenn du ahntest, wie unangefochten und stolz ich da unten in der Straße umhergehe. Mit meinem vertragenen Schlips und meiner schmierigen Jacke ist es mir ein förmlicher Genuß, es mit den english-fashions Gecken der Stadt aufzunehmen, mit denen ich einmal auf der Schulbank gesessen habe – – Geschäftsmann vom Scheitel bis zur Sohle siehst du.« »Nein, ich verstehe es nicht, wie es dir ein solcher Genuß sein kann, dich lächerlich zu machen, als wenn du nicht schon ohnedem sonderlich und eigenartig genug wärest,« rief Bera aus. »Und immer hast du jemand, den du mit Wonne unter die Füße treten möchtest.« »Ach nein, du, ach nein, du. – – Das, worunter ich gelitten habe und noch leide, ist viel mehr ein Bedürfnis, sie zu verstehen. Wie oft hab' ich mich nicht darüber gewundert und bin neugierig gewesen und habe danach geforscht, was eigentlich hinter allen diesen zurückhaltenden, feierlichen Schafkopfgesichtern stecken könne, diesen schweigsam lenkenden Göttern der Stadt, die die Macht hatten, einen mit ihrem Lächeln zu töten, und vor denen mich noch ein Gefühl meiner Knabenangst überkommen kann, – Angst vor der erwachsenen Welt und all ihrer mystischen Unzugänglichkeit.« »Es ist noch so viel von dem bei dir zurückgeblieben, Faste, was man als Kind empfindet, und das ist ja nicht zu deinem Nachteil.« »Aber das, was mich in diesen Tagen beschäftigt hat, Bera, ist wirklich nicht so sehr die Spekulationsangelegenheit wie die Freude darüber, daß ich nun endlich ein klein wenig in das Vertrauen des Maklers eingedrungen bin und damit auch hinter die Kulissen der Stadt. Diese Tatsache bedeutet für mich ein ganzes inneres Erlebnis, – daß ich es nämlich jetzt alles mit dem knochentrockenen Blick des Maklers verfolgen kann. Weißt du, es ist, als sei die ganze Illusionsgardine vor meinen Augen heruntergerissen.« »Aber, – ich hätte beinahe gesagt, – was willst du unter allen diesen –»Erwachsenen,« – wie du sie nennst!« rief sie aus. »Was, – was? – – du begreifst doch wohl, daß du mich beleidigst, Bera. Du hältst mich ihnen doch in keiner Weise unterlegen?« »Nein, Faste, aber du wirst niemals deinen Posten dort behaupten, während diese Leute es immer tun, selbst wenn sie schlafen! Du hast deine eigene Gedanken- und Gefühlswelt, die Gott weiß wo liegt –; jedenfalls aber weit ab von der ihren. Ich glaube, du hättest Gelehrter oder dergleichen werden sollen.« »Nur nicht das, was ich bin!« brauste er auf. »Ja, nicht wahr, so einer von diesen gelehrten, zerstreuten Sonderlingen, die sie in einen Stall mit Büchern einsperren und halb geblendet durch das Tageslicht am Zügel wieder herausziehen. Ja, das wäre so etwas für mich, der nur nicht die Grenze für alles das finden kann, das zu erschaffen und das von all der Herrlichkeit dieser Welt allein zu genießen ihn verlangt. Ich bin eine weltliche Kraft, Vera, – weltlich von Natur wie von Prinzip! Ich bin über diesen Schwindel mit der »idealen Welt« hinaus. Sie ist vom nüchternen Standpunkt aus gesehen nichts wie eitel Dunst, durch den man um das Reelle betrogen wird. Und deswegen, du, will ich mein Leben dafür einsetzen, etwas zu gründen, was der Menschheit nützt und mir, – dem Erfinder, – sowohl Reichtum als Macht und Ansehen und alles das verleiht, was sie für verkehrt erklären. Es heißt, es soll so gefährlich sein, Millionär zu sein. Und wenn man Millionär ist, soll es wieder so gefährlich sein, die Millionen dazu zu gebrauchen, daß man in einem vergoldeten Glaswagen mit vielen Pferden davor fährt oder die Erde mit seiner eigenen Lustjacht umsegelt – –« »Wenn du so nur eine kleine Weile mit dem Makler redest, so wirst du schon sehen –« »Ja – a; aber so dumm ist Faste Forland auch nicht, du! – Aber das muß ich sagen, du verstehst es, mich aus meinen Gedanken – ganz herauszureißen, Bera! – eine kühle Art und Weise – – Wir passen in gewisser Weise zu einander wie Feuer und Wasser.« »– – Ich meine nur, es wird dir niemals gelingen, dir ein Geldherz in die Brust hineinzusetzen, Faste! Und das gehört dazu, wenn man ein Geldmensch werden will. Dir bleiben deine Ideen und Gedanken immer das erste, – so gewiß wie das für die anderen der Schilling ist!« »So! Nach deiner Ansicht also sollte niemand, der Geist in seinem Schilde führt, sich mit der Wirklichkeit befassen! Während in Wirklichkeit jede tiefere Begabung bebend und zitternd danach verlangt zu revoltieren, zu organisieren – – Du bist so schwer von Begriffen geworden, Bera, und der Honig der Aufrichtigkeit fließt beständig von deinen Lippen, seit –« »Wenn ich mich auf deine Art und Weise ausdrücken wollte, Faste, so würde ich sagen, daß ein Kronenstück in der Phantasie des Maklers so groß erscheint wie der Vollmond, während die Idee gar nicht zu sehen ist. Bei dir hingegen ist der Gedanke, die Idee, alles, und die Kronenstücke, – ja die würdest du sack- und tonnenweise ins Meer schütten!« »Ach, wie ich dich jetzt wiedererkenne, Bera, ganz die alte, – wie soll ich sagen, – die großherzige, über alles Kleinliche erhabene Bera! – in dieser plötzlichen Beleuchtung – – Worüber lächelst du, – ja, du lachtest – –« »Du hast ein Talent, von dem abzuschweifen, worüber wir reden, Faste. Weshalb hast du dich nun nicht mit dem Disponenten Ek in Verbindung gesetzt, der ein so zuverlässiger Mann ist und so viel Interesse für das Wohl der Stadt hat, statt mit diesem hinterlistigen Makler?« »Weshalb – –?« »Ja, weshalb! – Da ist irgend etwas, was du dir vielleicht selber nicht so klar machst –« »Etwas, was ich sehe, meinst du. – Es wäre ja nichts besonderes an der Sache, wenn ich darin nicht etwas Besseres sähe als andere. Der Stern, weißt du – – »Nun aber dieser Makler ist doch auf alle Fälle kein Stern, wenigstens kein glänzender. Während Ek – Vater sagt, er sei so durchsichtig, als wenn man durch Glasfenster in ihn hineinsehen könne.« »Aber ich habe nun einmal etwas anderes nötig, als eine viereckige Verständigkeit, die mit ihrem Fuder mitten auf der Straße fährt und es, wenn Gefahr droht, nicht in eine Seitengasse hineinretten kann.« »Ja, aber ein genialer Kopf mit vielen Auswegen, du –« »Jetzt spielst du auf mich an,« entgegnete er zitternd vor Erregung, – »du hältst mich für so ein fensterloses Haus mit allerhand zweifelhaften Geschichten auf dem dunklen Bodenraum. Aber zwischen rechtschaffen und rechtschaffen ist nun zufälligerweise ein Unterschied. – Man trägt eine Spießbürgerrechtschaffenheit zur Schau – oder man ist rechtschaffen im Verhältnis zu seiner Idee! Und da besteht die Rechtschaffenheit im Ausharren, bis den anderen die Augen dafür aufgegangen sind: im übrigen, meine liebe Bera, wüßte ich nicht, daß ich etwas Unehrliches mit mir herumtrüge. Und wenn du ahntest, für was für einen gräßlichen Spießbürger du dich jetzt ereiferst! Dieser Ek ist die klarste und talentvollste und größte – Mittelmäßigkeit, nicht nur in dieser Stadt, sondern vielleicht im ganzen Lande! Deswegen ist er auch schon jetzt mit kaum dreißig Jahren Wortführer der Stadt und Vertreter all ihrer Mittelmäßigkeit. Ich sehe sehr wohl, daß er mein Gegner werden wird – – Ich sehe es, – ja, ich sehe es! – Seine eminente Klarheit wird bald ausfindig machen, daß an mir alles Tand und Trödel ist – – Aber dann soll er auch der erste sein, dessen Nacken ich – – Überhaupt, Bera, du mußt dich recht bald entscheiden, wohin dein Vertrauen neigen wird, – nach seiner Seite oder nach der meinen, – wenn unsere Freundschaft nicht zum Teufel gehen soll! – – Also du – also du« – er sandte ihr einen wütenden Blick zu, – »du sagst, dein Vater bewundert ihn?« »Ja, – und ich muß dir sagen, ich auch. Ich finde sogar, daß er ein sehr liebenswürdiger Mensch ist. Man hat bei ihm ein so wohltuendes Gefühl, daß alles offen in der Sonne daliegt – – « »Der? – der Mann im Glashaus! der – – Ich schwöre dir, ich will ihm alle Fensterscheiben zertrümmern, so daß du den »Liebenswürdigen« vor lauter Glassplittern nicht mehr sehen kannst! Und sage mir jetzt, gestehe jetzt – bist du heute hierher gekommen, um mit Mutter oder Sölvi zu reden, oder war es nicht im Grunde, um mich von dem Makler abzuwenden und zu diesem garantierten Sicherheitsschloß von Menschen hinüber zu bugsieren?« »Lieber Faste, bedenke doch, du bist nicht schlau, höchstens aus Versehen einmal,« neckte sie. »Aber der Makler ist es.« »Du hältst es für unerläßlich, daß mir einer die Angelhaken durch die Nase zieht, wie? Ich danke bestens, ich werde meine Schneeschuhe schon allein den Berg hinab dirigieren! Hast du den Mut, mit hinten drauf zu stehen und den Sprung zu wagen, Vera?« – kam es plötzlich glühend heraus. »Du hast deinen Hut so eigenartig mutig aufgesetzt, – es ist ein Flug, eine Fahrt –« »Eben noch sollte unsere Freundschaft zum Teufel gehen, und nun –« »Huh! diese spöttische Art und Weise – – als läge etwas von diesem verdammt stillen Marcellas unten aus der Stadt hinter allem, was du sagst! – – Ach nein, du – – ach nein, – du – – sei ruhig und gib nicht immer und ewig acht auf diese »Grenze.« Wenn ich dich zu etwas Großem auffordere, so wird es absolut sofort zu stande kommen – ach nein. Ach nein, du – es gibt eine weit höhere, berauschendere Freude für hoch angelegte Geister – – Wer sich mit einer Idee herumträgt, dem brennt etwas anderes in den Adern als Verliebtheit und Liebesgeschwätz und Damenklatsch. Dachte etwa Napoleon oder einer von den großen Männern an dergleichen, – ehe sie fertig waren und die Tür zum Ballsaal öffnen und sagen konnten: – ›Meine schönen Damen, darf ich bitten!‹ Als ob einem solchen Manne in der Stunde der Entscheidung Herz und Sinn an ein paar Haarflechten hängen bleiben könnten!« »Ja, ja,« unterbrach ihn Bera, – »kurz und gut, ich will nicht hinten auf deinen Schneeschuhen stehen. Ich gehe jetzt hinein und warte auf Sölvi.« »Ach, Bera – so geh' doch nicht fort, geh' nicht fort, hörst du – – Aber was ist denn das? Du hast doch nicht etwa Tränen in den Augen? Was soll das bedeuten? Habe ich etwas Dummes gesagt? Habe ich dich verletzt, dich, die allerletzte in der Welt, die ich betrüben wollte! – du begreifst doch wohl, daß ich zu dir qua Geist und nicht qua Weib mit allen meinen Angelegenheiten geflüchtet bin?« »Qua, – qua? – – Qua was für was, du –« »Ich versichere dich, Bera, –« brauste er auf, – »Du hast Augenblicke, wo du die Schönste in der ganzen Stadt bist, fast so schön wie Mutter, wenn sie so recht ergriffen ist!« »Danke, Faste, das Kompliment wird mich wohl nicht eitel machen, deine Mutter ist nun bald sechzig Jahre alt.« »Ich sage dir, es ist das, was von innen herausleuchtet, was mich so anzieht bei dir. Ich glaube wirklich, für mich würde nichts Reiz haben, – zum Teufel auch! – wenn du nicht wärest. – – Im übrigen weißt du, das, was man im allgemeinen unter Frauenschönheit versteht –« »Sölvi, Sölvi!« rief Bera plötzlich durch das Gartengitter hinaus. »Nun hab' ich hier wenigstens eine halbe Stunde gestanden und Kirschen gegessen und auf dich gewartet. Ich wollte fragen, ob du heute abend zu uns kommen möchtest? Konsul Rosenquist und Franziska haben sich angemeldet, dann hat Vater seine Whistpartie –« »Und du bist bange, daß dir Franziska ihre alte Liebesgeschichte zum fünftenmal anvertrauen könnte,« lachte Sölvi. »Übrigens sind nur noch Valborg und Dina Breder da und –« »Und Doktor Falkenberg und einige andere junge Leute,« ergänzte Faste. Sölvi verschwand wie ein Blitz durch die Haustür. Bera sah ihn ganz verdutzt und verständnislos an. »Liebe Bera, du mußt Doktor Falkenberg einladen. Ich bitte dich herzlich darum!« Bera sah aus, als suche sie den Mond: »Ja, was du nun vorhast, Faste –« »Ach du, wenn du ahntest, wie lieb ich Schwester Sölvi habe, wie es mich betrüben würde, wenn sie um das Märchen ihres Lebens betrogen werden sollte – – Sie hat einen solchen Glauben an die Menschheit gehabt, war so voller Vertrauen, so voller Vertrauen! Und jetzt – – Ich habe sie blutige Tränen weinen sehen! – Das verstand ich Esel erst hinterher. Aber, wem Gehör fehlt, der kann ein ganzes Konzert aus dem Takt bringen.« »– – Ich glaube, Faste, du hast recht mit deiner Vermutung, daß Falkenberg auch kommt,« – flüsterte Bera. »Also dann erwarte ich dich heute abend, Sölvi!« rief sie zum Fenster hinauf und verschwand durch die Gartenpforte. * Während der Nachmittag dahinschlich, saß Faste in Hemdsärmeln oben auf der heißen Mansardenkammer, machte Entwürfe und rechnete. Von Zeit zu Zeit, wenn er etwas abgeschlossen hatte, trat er in das kleine geöffnete Fenster und schmetterte ein paar Takte einer Melodie so plötzlich vor sich hin, daß der Star vom Dache herunterflog – – Die Schatten erstreckten sich länger und länger über die Erde, und gegen fünf oder sechs Uhr fing es an, ein wenig zu wehen und ganz erfrischend abzukühlen. – – Da kam Sölvi, zur Gesellschaft geschmückt, in hellem Sommerkleide. Sie wählte und suchte in einem Rosenbeet, wohl um eine Blüte zu finden – so eine recht auserwählt schöne, die sie in den Gürtel stecken wollte. – – – Faste stand mit dem Opernglas am Fenster und sah über die zerstreuten Dächer der Stadt hinab und über den mit Fahrzeugen gefüllten Hafen. – – – Das war die Stadt, die er erobern wollte. – – – * – Der Abend senkte seinen bleichen Schein herab und es dämmerte mehr und mehr. – – Bei Sonnenuntergang war die Flagge unten an der Zollbude verschwunden und hie und da eine im Hafen gestrichen. Die Arbeiter kehrten von der Schiffswerft oder der Reiferbahn mit Bündeln und Blecheimern in der Hand heim. Das unablässige Gesumme des Stadtlärms in der Luft verstummte, so daß oben von Lökken her hin und wieder ein Ruf oder ein Schrei vernehmbar ward. Es wurde spät. – – Ein ausgeschlossener Hund heulte in Gregersens Garten. In weiter Ferne zwischen den Werdern schimmerte ein farbiges Licht, und ein Dampfer pfiff und lärmte. Ganz hinten von Großhändler Mörcks Landhaus sah man hin und wieder einen Schimmer von einem Feuerwerk. Frau Forland war ein paarmal ans Fenster getreten, sie lag noch wach und wartete auf Sölvis Heimkehr. Jetzt hörte sie sie die Haustür öffnen und wieder schließen. Sie schien in fliegender Eile zu sein, blieb aber einen Augenblick vor der Schlafstubentür stehen, ehe sie vorsichtig den Drücker herumdrehte. Sie kam so eigenartig ruhig herein, stürzte dann aber plötzlich am Bett der Mutter nieder und schlang die Arme um ihren Hals: »Ich bin so glücklich, Mutter, – ach so glücklich!« »Aber Kind, – ah, – du drückst mich; sei vorsichtig.« »Ja, aber ich bin so glücklich, Mutter, – ich bin noch nie im Leben so glücklich gewesen, – ich kann nicht einmal weinen – – Ach, Mutter, Mutter, – Mutter, dir ist heute eine Tochter geboren, – ein Mensch mit dem Willen zu leben, – der nie gewußt hat, daß es so herrlich sei zu leben – – heute morgen hätte ich ins Wasser gehen können, und jetzt, jetzt – –« »Nun, nun, du starkes Mädchen, – wann bist du jemals so außer dir gewesen.« »Ich bin nicht außer mir, Mutter, ich bin nur so gar nicht daran gewöhnt, glücklich zu sein. Alles dreht sich vor mir herum –« Sie lag da und lächelte über etwas, das ihr wieder einfiel: »Er hatte schon eine Karte genommen, als er mich durch das Fenster draußen auf der Treppe erblickte. – – Nein, er wollte nicht Whist spielen – – Ja, weißt du, er kam, als wir alle im Garten waren und –« »Beruhige dich nur erst ein wenig, Kind; ich fühle ja, wie du zitterst.« »Liebe Mutter, hier ist ein erwachsener Mensch, der weder heult noch weint, – ich bin nur so bange, daß es mir über Nacht im Traum entwischen könnte. Ich weiß, ich werde die ganze Nacht wach liegen und acht darauf geben.« »Er – das ist wohl Doktor Falkenberg, wie?« »Ja, ja, ja, Mutter! – Und nun sollst du das Ganze hören, von Anfang an: Bera hatte gestreiften Wollmusselin an, so ein häusliches, wirtinnenmäßiges Kleid. Du weißt, sie vergißt nie ihre Würde als einzige Tochter, die in Gyllings Hause repräsentieren muß. – Und die alte gute Franziska trat in roter Seide auf mit Kreuzbänderschuhen, ganz wie ein kleines Mädchen, und dazu ein langes, steifes Schildpattlorgnett, das ihr bis in den Schoß hinabhing. Valborg und Dina Breder waren schwesterlich gekleidet wie immer – zwei Brote feinster Raffinade, sagt Böckmann. Und darüber kann kein Zweifel herrschen, daß der Disponent Ek bis über die Ohren in Bera verliebt ist. Er benimmt sich ja freilich so fein und korrekt dabei; aber es stimmt nun doch alles – – Und – und, – ja, Hanna war da –, und Tona – Ach nein, Mutter, ich kann wirklich nicht, denn, siehst du, als er die Karte hinlegte, fing er an, wie das so seine Gewohnheit ist, die Brille zu putzen und sie gegen das Licht zu halten, – so schief, weißt du, so daß man schärfer durch die Gläser sieht. Ich merkte denn ja auch sofort, daß er mich auf der Treppe auf diese Weise betrachtete, genau so, als wenn ich ihm zum Porträtieren sitzen sollte. Und wenn ich mich auch so stellte, als wüßte ich es nicht, so fühlte ich doch, daß ich so verrückt dumm rot wurde und immer heißer um die Ohren, – bis ich endlich Hanna unterfassen konnte, die in den Garten hinabeilte, wo sie ›Eins, zwei drei, das letzte Paar herbei‹ spielten. Bera war gerade an der Reihe, sie und Böckmann, und dann kam Ek. Und ich lief um die Wette mit Rechtsanwalt Klein, so daß ich kaum mehr wußte, was ich tat. Ich weiß nur noch, daß, als wir stehen blieben, Falkenberg dicht vor mir stand und meinen Arm nahm und sich schnell abwandte und, – ich fühlte ordentlich, wie er mich zog – durch die Gartenwege ging, bis wir an der Ecklaube angelangt waren. Zu Anfang konnte er beinahe kein Wort herausbringen. Aber mein Gott, wie schön er war, eine Frau kann nie so durch und durch schön sein! – Ich stand da und hörte wie im Traum alles, was er sagte, – – etwas von einer frischen, klugen Aufsicht, so daß ein Mann darin reingewaschen werden könne, – und dann lachten wir beide über den unpassenden Ausdruck – – Ja, er sagte so viel, Mutter. – – Schließlich fragte er mich leise und eindringlich, – es klingt mir noch in den Ohren: – ›diese warme, feste Hand, – wollen Sie mir die geben, Sölvi?‹ Ob ich wollte! – – Ja, als wir dann zu den anderen zurückkehrten, waren wir wohl zu lange fortgewesen, fürchte ich. Wir hatten uns ja so unendlich viel zu sagen. – Und noch vor Weihnachten soll ich Frau Sölvi Falkenberg heißen.« Sie legte ihren Kopf auf das Kissen und wiederholte einmal über das andere still grübelnd: »Mutter, Mutter, kannst du es begreifen?« »Ja, und dann,« sprang sie plötzlich auf, – »kannst du denn das begreifen? Als ich fortging, schloß mich Bera unten am Gartenwege leidenschaftlich in die Arme und flüsterte: ›Ja, werde du wenigstens glücklich!‹ – Ich glaube, sie hatte Tranen in den Augen.« – – – – – – – – – * – Und späterhin am Abend stand Bera Gylling bei dem matten Sternenschein am Geländer auf der Veranda ihres Vaters und schaute mit fest geschlossenen Händen in die Ferne. Es war eine feuchte Sommernacht, die den Duft von unsichtbaren Reseden und Rosen unten von den Beeten heraustrug. – Ja, Sölvi war glücklich geworden! – Und sie selber? – sie wußte, daß jedesmal, wenn Faste jubelnd vor Interesse für irgend etwas Neues zu ihr kam, – sie ein Gefühl hatte, als zöge sich eine kalte Mauer zwischen ihm und ihr, – sie fühlte, daß sie ihm Hunderte von Meilen entrückt wurde! – Sein Herz und seine Seele lagen dort gefesselt. – – Er liebte die Idee. Eine Frau war für ihn nur die augenblickliche Mitfreude daran – – Jedesmal ward ihr das klarer, – sie fühlte, daß keine erotischen Empfindungen die Tiefen seiner Seele erfüllten, – danach stand ihm der Sinn nicht. Der Rausch seiner Natur bestand in der Eroberung neuer Reiche, Länder, Reichtümer, in der Durchführung von Gedanken. – – Eine Frau! – ja, so lange sie ihm Widerhall für dies alles gab! – – Ach Gott, wie es ihr trotz alledem im Blute pochte. – – Er aber hatte andere Ziele. Und zeigte sie ihm durch eine abweichende Auffassung die Wahrheit, so fühlte sie es gleich wie einen eisigen Frostschauer, wie sich das Band löste, und daß sie sich wieder in den Kreis seiner Aufmerksamkeit und Interessen hinein schmeicheln mußte. Bleich kam sie zu dem Schluß: – er kann sich auf seinem Lebensweg nicht von einem Mädchen aufhalten lassen, – er gehört zu diesen unbändig ehrgeizigen Naturen, die sich berufen fühlen und im Innersten ihres Herzens nur ihre Ideale lieben. Seine wahre Geliebte wandelt hinter den Wolken. – – Viertes Kapitel »Du hier beim Konditor, Vera!« Faste kam von der Straße hereingestürzt. »Ich sah dich durch das Fenster.« »Wir ziehen heute wieder in die Stadt hinab,« erklärte sie, – »und da war es so kalt und ungemütlich daheim, daß ich hier hineingehen und mich mit einer Tasse Schokolade auftauen mußte.« »Mit deiner Erlaubnis laß ich mich bei dir nieder.« »Fräulein, geben Sie mir auch eine Tasse. – Ich komme direkt vom Staatskondukteur, weißt du. Ich schlage die Harfe und winde mich tagaus, tagein wie ein Wurm, um es ihnen in ihre Köpfe hineinzubringen, welch eine unberechenbare Zukunft die Stadt gerade vor ihren Fenstern liegen hat, – alle Bedingungen für einen größeren Badeort – – Aber – sie haben einen Glassplitter im Auge, du! – Diese angeborene Kurzsichtigkeit, die nicht imstande ist, über den altgewohnten Weg hinauszusehen, – nämlich Schiffe durch die Sundöffnungen hinauszusenden und Frachtwechsel einzukassieren. Es gilt, an ihren städtischen Patriotismus zu appellieren, siehst du, Funken aus Kieselsteinen zu schlagen, – ein großes Gefühl in eine kleine Stadt hineinbringen! – Aber natürlich bezweifeln sie alle miteinander von vornherein die Durchführbarkeit und Zuverlässigkeit meiner Vorschläge. Es ist ja nur der alte, bekannte unruhige Geist Faste, der wieder zur Stadt gekommen ist!« »Hattest du denn erwartet, daß sie so verständnisvoll sein würden,« scherzte Bera, »oder so bereit, ihr teures Geld auf dein Wort hin auszugeben?« »Nein, du; aber auf das hin, was ich ihnen unumstößlich vor ihren eigenen Augen zeige! – Es ist nur ein klein wenig Molenbau erforderlich, und wir haben einen Badeort! Das Wasser durchsichtig, glasklar und still und eben ohne alle Kräuselung, weil der Wind von den nördlichen Höhen sich erst weiterhin auf die See herabsenkt – Und dazu dieser herrliche, weitgestreckte Sandgrund vor der Landzunge, den wir Knaben aus der Stadt alle kennen, und wo wir an heißen Sommertagen gebadet haben, während die blanke Dünung über den Sand rollte, und wo man auf dem sammetweichen, weißen Schreibsand weit hinaus waten konnte. Und an der anderen Seite der Bucht kann man direkt vom Felsen hinab in tiefes Wasser springen! – Dies ist eigentlich die einzige glänzendhelle Erinnerung aus meiner Knabenzeit. Und deswegen haftet sie auch – gleich einem Glücksideal, möchte ich sagen, das in die Wirklichkeit hinüber zu retten, mir ein Bedürfnis ist. Lebensmüde, kranke, bekümmerte Seelen einen solchen zauberhaften Sommertag draußen im Wogengerolle erleben zu lassen, – ich wüßte nichts, was ich meinen Mitmenschen lieber verschaffen möchte. – Was – was?« brauste er auf, »findest du etwa, daß das so kindisch ist, – so naiv?« »Im Gegenteil, Faste, – im Gegenteil – –« »Ja, du kannst dir wohl denken, daß ich noch andere Argumente ins Treffen zu führen habe?« »Nichts, was sich mit diesem messen könnte. Faste! – Wenn das, was du in deinem Innersten denkst, so aus dir heraussprudelt, dann bin ich mit Leib und Seele dabei. Mag der Badeort sein, was er will.« »Was für Ausflüchte sind nun dies wieder? Ein Mann und sein Werk lassen sich nicht von einander trennen! – Aber ich verstehe, – du willst um den Brei herumgehen, – ebenso wie die andern. – – Ich vergaß, daß, wo kleinstädtische Herren sind, es notwendigerweise auch kleinstädtische Damen geben muß.« »Verzeih, daß ich über dich lache. Faste! Aber setze dich jetzt nur ruhig wieder hin und unterhalte die Kleinstädterin.« Er lief erregt auf und nieder: »Hier hat nun die See anderthalb Jahrhunderte gegen den Strand und die Brücke geplätschert und gewogt und nur auf den Mann gewartet, der das Wort Badeort mit dem Stock in den Sand schreiben würde. Der Meeresstrom führt uns die beiden großen Kurmittel: den Moor und den Schlamm zu. Und die Hochgebirgsluft saust über die Stadthügel mit dem Aroma aus den großen Nadelwäldern. Wir haben Wald und Gebirge und Luft und Meer so wunderbar vereint. Aber, – laßt es sausen, laßt es sausen, – und vor allen Dingen, verschont uns mit Projektenmachern! Es müßte doch im Grunde eine angenehme Überraschung für sie alle sein, Bera, daß sie an einer Quelle mächtigen Reichtums wohnen, ungefähr so, als wenn unter ihren Kellern Steinkohlenlager entdeckt wären – – Und wir haben eine Seeluft, so kräftig und mild und warm, daß sie die ganze Stadt einmal übers andere gähnen macht, – so daß sie sich am liebsten hinlegen und einschlafen möchte, – frisch und mild und weich streicht sie vom Meere her landeinwärts und läßt uns ihr stärkendes Salz in die Lungen einatmen.« »Ich fürchte, du machst mich noch ganz schwindelig, Faste. – Es ist beinahe, als erblicke ich die Stadt plötzlich in einer ganz anderen Beleuchtung.« »Ich denke oft, Bera, daß wir beide, – ja, gerade wir beide – Seelen sind, die hier unten im Finstern umhergehen, und dann geschieht es wohl, daß wir uns hin und wieder einmal erkennen, – so in dem aufblitzenden Lichtschein eines kurzen Augenblicks, wie bei einem Magnesiumlicht. Und dann spielen wir Blindekuh weiter, – spielen Freunde!« Bera richtete sich unwillkürlich auf ihrem Stuhle auf, und etwas wie eine hastige Angst huschte über ihr Gesicht. – – »Aber? mein Gott, wie genau ich mich von jedem Mal erinnere, daß ich dich so sah, – mit den mutigen Augen, der klaren, festen Stirn über den Brauen und dem Munde, der immer so klar und deutlich spricht, daß du eigentlich keiner andern Sprache bedürftest. Es sind gleichsam Porträte von dir, die ich in meiner Erinnerung als Transparente hängen habe – – « Es zuckte leicht um Beras Lippen: »Ja, in dem verzaubernden Licht siehst du wohl alle, die dich in dem Augenblick gerade verstehen. Das ist nun einmal so deine Natur, das weiß ich so gut, Faste. – Aber, wenn sie dann zweifeln?« »Ich sage ja, Bera, irgend etwas an dir scharrt prosaisch gegen den Grund, – es stößt mir jedesmal auf, – ein Fehler! – Es hängt damit zusammen, daß du Sommersprossen in deinem schönen Gesicht bekommen kannst.« »Ich will mich nicht von dir beleidigen lassen. Faste. Aber –« lächelte sie, – »findest du etwa, daß das ein Kompliment war? – Aber was meinst du dazu,« – sie hielt ihm ihre Hand hin, – »wenn wir uns auch in Zukunft an unsere alte Freundschaft halten?« »Freunde? – Nun ja, verzeih, Bera! Es geht mir wie dem Ochsen, der immer gegen das Drahtgitter rennt, weil ich es niemals sehe!« Er griff hastig nach dem Hut. – – »Und da,« – er nickte nach der Tür hin – »hast du Kristine Torp, die ihre Schritte hierher lenkt, einen ganzen Sack voll Stadtklatsch und Neuigkeiten, – und natürlich in der Hoffnung, es hier in der Konditorei bei einer kleinen Vormittags-Schwatzversammlung unter Freundinnen los zu werden.« »Guten Tag, Fräulein Torp,« – grüßte Faste flüchtig, während er an ihr vorüber die Treppe hinabstürzte. – »Nein, Bera, das denkt wahrhaftig niemand von dir, daß du die Absicht hast, das Verhältnis zu deinem Freund und Protegé Faste zu etwas mehr zu gestalten,« flüsterte Stine vertraulich, indem sie sich setzte. »Nein, nein, du, und da denken die Leute wirklich ganz recht, Kristine.« »Weißt du aber, was sie von dir sagen, du? daß du mit ihm spielst wie die Katze mit der Maus.« »Dann –« »Ach tu nur nicht so unschuldig. Niemand weiß besser, als du, daß dein Freund, das Genie, ein Sonderling ist, wie er so herumgeht und sich mit allen seinen Hunderten von Ideen von Sinn und Verstand redet und das Haar einmal über das andere aus der Stirn streicht und mit den Augen himmelt. Ich würde sagen, sie seien so unschuldig wie die eines Kindes, das seinen Milchbrei haben soll, wenn ich nicht noch gestern gesehen hätte, wie feindlich und giftig sie werden können, wenn sich jemand untersteht, Sr. Hoheit zu widersprechen. Das war, als mein Bruder Johan seine Meinung äußerte, daß sein Plan mit dem Badehotel mit den sechshundert Zimmern für unsere kleine Stadt ein wenig zu schwindelnd sei.« »Aber waren es denn wirklich sechshundert?« wandte Bera sanft ein. »Nun ja, nach Hunderten zählten sie doch jedenfalls.« »Wenn ich mich recht erinnere, erzählte mir Faste, daß sein Plan für das Hotel hundert und zwanzig Zimmer umfasse; daß aber Martens höchstens achtzig haben wolle.« – – »Da soll ein Turm sein, – ein Aussichtsturm,« – fuhr Stine fort, – »und ein Dach, auf dem man spazieren gehen kann, so wie im Süden! Und, – ja, das darf ich wohl eigentlich gar nicht sagen; aber Johan erzählte, Blankenberg gehe diese Tage ganz verzweifelt umher infolge dieses modernen Hotelprojektes. Blankenbergs Hotel würde sehr darunter leiden. Das ist ja auch nach jeder Richtung hin altmodisch. Und wenn erst Martens seine Hand dabei im Spiel hat, so würde Blankenberg wohl leider ziemlich blank gemacht werden, meinte Johan.« – – »Ihr sprecht von Faste Forland?« erscholl die joviale Stimme des Schiffsrheders Torbensen, der zur Tür hereintrat, – er wollte ein Glas Portwein am Ladentisch trinken. – »So recht herbstlich, – naßkalt. – – Ja, nun will er das Wasserwerk der Stadt bis auf die Landzunge hinausgeführt haben. Es soll die ganze Gegend versorgen. Und in Zukunft sollen die Leute in Schwimmhosen gehen, – und obendrein mit der Aussicht, elektrisch beleuchtet zu werden, meine Damen.« – Er sah sie vergnügt an. Bera schlang die Boa ineinander. – – »Ich denke, der Möbelwagen wird jetzt da sein, dann muß ich mich beeilen. Adieu, Kristine,« sagte sie, grüßte und ging. – – – – – – Da draußen hielt nun der Herbst seinen Einzug unter goldighellem Himmel, und auf dem Stadthügel fiel das Laub gelb von den Bäumen mit Reiffrost und auf der Straße standen von der Nacht her überfrorene Wasserlachen. – – – Es war ein Gefühl des alten Spießrutenlaufens aus seiner Freitischlerzeit, das Faste heute vormittag in Versuchung führte, durch die Hinterstraßen zu gehen. Da war kaum ein Haus, in dem er die täglichen Gewohnheiten nicht in- und auswendig kannte, aus den Zeiten, als er nach der Speiseliste aß und vor den Türen stand und sich krümmte und am liebsten über die Hintertreppe hinein geschlichen wäre. – – – Es war dieser ewige eigenartige Blick der Söhne und Töchter, jetzt Herren und Damen, in deren Hause er des Sonnabends Hering und Pfannkuchen oder alle vierzehn Tage Stockfisch oder des Donnerstags Erbsen und Schweinefleisch gegessen hatte. Und dann der Sonntagsbraten und der Pudding! – Schlimm, wenn er zu spät kam, und peinlich, wenn er zu früh kam, deswegen stand er da und wartete, wo ihn niemand sah, bis die Uhr schlug. – Und diese verlegenen Antworten und das linkische Benehmen! – Unsicher in Bezug auf die Wirkung seiner Worte und immer argwöhnisch. – – Er hatte sie nach seiner Rückkehr fast alle wiedergesehen, – und alle hatten sie das eigenartige unterdrückte Lächeln oder den bedeutungsvollen Blick gehabt, wenn sie grüßten. – – Er hatte ein Gefühl, als sei er nur geboren und erzogen, damit sich die andern über ihn lustig machten, – um der beklagte und bemitleidete Narr der Stadt zu sein. – Oder – Faste wandte sich hastig um und ging schnellen Schrittes die Hauptstraße hinauf nach der Bank. – – Ihr Führer und erster Mann, der in einem abgetragenen Rock anfing und damit endete, die Stadt in eine Großstadt zu verwandeln! Nadelstiche – –? – Onkel Joel lag da wie eine Klippe oder ein Vorgebirge, an dem vorüber zu fahren Mühe kosten würde. Er würde vermutlich seine ganze Autorität und sein Gewicht daransetzen, um es alles zu ersticken! – – Vielleicht würde er heute doch noch irgend etwas zu verdauen bekommen! – – Faste klopfte schnell an die Tür, die zu dem innern Kontor führte, und trat ein, ohne die Antwort abzuwarten. Onkel Joel saß gebückt da, den Lehnstuhl dicht an den Ofenschirm hinangerückt, und erholte sich gerade von einem eben überstandenen Asthma- und Hustenanfall. »Wie ungelegen, daß ich gerade jetzt kommen muß, wo du dich mit diesen Plagen herumquälst, Onkel!« – entschuldigte sich Faste. »Mutter sagt, du solltest dich nur einmal entschließen, damit zum Doktor zu gehen. So etwas kann leicht schlimm werden.« »Meint deine Mutter das –?« Onkel Joel schüttelte traurig den Kopf: »Meine Erfahrung geht dahin: wenn ich meine Uhr erst dem Uhrmacher übergebe, so –« Er keuchte und rang nach Luft. »Und kommt erst der Doktor ins Haus, so folgt ihm auch der Pfarrer gleich auf den Fersen. Das einzig probate Mittel ist, stark zu sein, und das bin ich! – – Ja, jetzt ist es vorüber. – – Es ist dasselbe Mittel wie das gegen die Armut, – reich zu sein. Ja, ja, – nun ist es überstanden, ganz überstanden. – – Diese Pfefferminztropfen, – so lange man sich mit einem so einfachen Mittel helfen kann, steht es noch nicht so schlimm um einen, mein Herr Faste! – Die naßkalte Herbstluft. – Ahem, – ja!« Er humpelte und tastete sich durch das Zimmer. »Es scheint, als wenn du dich jetzt nach deinem Architektenexamen hauptsächlich mit der Art von Gebäuden abgibst, die man Luftschlösser nennt!« platzte er heraus. »Das kommt auf die Augen an, mit denen man sieht, Onkel –« »Ich wußte ja, daß es auf irgend etwas Sonderbares herauskommen würde – daß man einen verschrobenen Menschen auch noch mit Kenntnissen versieht, die ihn in Stand setzen, die Schraube zu drehen!« »Ich habe immer gefunden, daß du ein verteufeltes Talent hast, dich schneidig auszudrücken, Onkel. Ich möchte wohl einmal zuhören, wenn du jemand in einer Generalversammlung an der Kehle packst.« »Und ich sage,« die Stimme klang jetzt sehr kräftig – »baue, – baue meinetwegen bis in den Himmel hinein, aber bringe mir keine Verwirrung in die Stadt! Einer nach dem andern kommen die kleinen Leute draußen vom Strande und von der Landzunge herein und wollen wissen, ob der Grund und Böden, auf dem sie wohnen, sie vielleicht zu Krösussen machen kann?« »Ja, Onkel, es sieht leider wirklich so aus, als wenn du schon zu lange damit gewartet hast, dir die Bauplätze da unten zu sichern, die du für ein Butterbrot hättest haben können.« »Was – was sagst du. – Ich?« – »Ach, die ganze Stadt weiß ja, daß es deine Absicht ist, alles, was du hinterläßt, irgend einer Anstalt oder einem Stift zu vermachen.« »So, das weiß also die ganze Stadt.« »Ja, was sonst? – Oder ist es etwa nicht der Fall gewesen, daß, wenn du ein wenig hart mit den Zinsen und vielleicht reichlich vorsichtig mit deinem Gelde warst, man das Gerede immer damit totgeschlagen hat, daß es schließlich ja alles nur aus Interesse für das Wohl deiner Vaterstadt geschähe?« »Nun, das muß ich sagen, du bist wirklich ein Zauberkünstler! Stehe ich nicht plötzlich als Gläubiger der ganzen Stadt da! Ich sollte wohl eigentlich gleich auf die Bank gehen und alles, was ich besitze, auf das Konto der Stadt übertragen lassen!« schrie Onkel Joel. »Jedenfalls hast du in dem Glanz dieses Glaubens gelebt, Onkel.« »Ich möchte dich doch bitten, dich an deine eigenen Schlösser zu halten und nicht auch für mich Luftstiftungen zu bauen!« »Nun ja, Onkel Joel,– das Ganze ist sozusagen eine Glaubens -oder Bekehrungssache. Man muß dazu bekehrt werden, sich als Großstadt zu denken.« »Ja, – ja, – ja!« höhnte Onkel Joel. »Bekehrungssache – – Und was weiter, – um das Ende der Sache ins Auge zu fassen – – Steht dann das Badehotel fertig da?« – »Ja, wenn nur erst die ganze Stadt daran glaubt, dann steht es da, Onkel.« »Gratuliere, gratuliere – – Ich habe schon – alle erforderlichen Erkundigungen eingezogen – – Grüße deine arme Mutter von mir.« »Da kann ich dir doch sagen, Onkel, daß hier schon ziemliche Stimmung für die Sache herrscht. Du sprachst vorhin selber von den kleinen Leuten draußen am Strande auf der Landzunge. Wieviele halbe und viertel Aktien glaubst du, daß ich dort bekommen werde? Und wenn dann der ganze Schwarm von Schiffen heimkehrt mit Kapitänen und Steuermännern, die alle hier in beschränkten Verhältnissen wohnen. Glaubst du nicht auch, daß die geneigt sein würden, sich überzeugen zu lassen, daß ihre Wohnungen und Grundstücke weit höher im Preise steigen könnten? Oder glaubst du etwa, daß die Hausbesitzer Straße an Straße, die ganze Stadt hinauf, ganz unzugänglich für den Gedanken sein sollten, daß ihre Stadt durch so eine größere Badeanlage das bekommen könnte, – was ihr bisher im Laufe der Zeiten niemals beschieden war, – nämlich eine Türritze, durch die sie in eine größere Zukunft hineinschauen können mit erweiterten Erwerbsquellen und Möglichkeiten für neues Wachstum und Betriebsamkeit? – Und die ganze Umgegend! Sollte die soviel dagegen haben, eine größere Stadt zu versorgen?« entgegnete Faste voller Begeisterung. »Ja, ja, ja!« keuchte Onkel Joel, – »so ists recht, – nur immer weiter so. – – So predigt man sein Luftschloß in die Höhe – bis es sich um – Geld handelt! – – Ei freilich, – – man setzt der Kuh eine grüne Brille auf, dann hat man nicht nötig, ihr Heu zu geben. – – Es kommt nur darauf an, daß es gelingt, der Stadt die Brille auf die Nase zu setzen!« »Aber gerade Geld , meine ich, soll hier kommen, Onkel. Wenn die Leute nur an die Möglichkeit glauben, werden sie auch ein wenig daran wagen.« »Ja, ja, ja, – ganz recht, – wagen –« »Auf den Zukunftswert hin –« »Ah, – ja, ja,« stöhnte Onkel Joel, – »ich wußt' es ja, das er das Wort finden würde, – der Zukunftswert!« – »Wenn man die Wahl zwischen einer Null oder Gold hat, Onkel, so strecken doch wohl die meisten die Hand aus.« »Und dann nimmt sich so ein gewandter Meister der Rede wie du vor, ihnen in den Kopf zu setzen, daß das, was sie sehen, Geld ist, ja. Was sie wirklich in die Hand bekommen, will ich nicht bei seinem Namen nennen.« »Sonderbar, – merkwürdig,– dich so im stehenden Wasser sitzen und gegen die Zeit ankämpfen zu sehen, Onkel. So warst du nicht in deiner Jugend, – damals, als du in Kaliforniaweizen spekuliertest. Wie Onkel! – Jetzt bist du elend. Glaubst du aber nicht, daß es neues Leben in deine Adern gießen könnte, wenn du noch einmal einen tüchtigen Koup machen könntest! – so einen, der vielleicht gleich dein Vermögen verdoppeln könnte? – Es kommt nur darauf an, sich wieder jung zu machen, den Gedanken zu ergreifen und Vater desselben zu werden – – Ich meine, das würde ein ganz anderes, lebensvolleres Monument sein, das du dir errichtetest, als wenn du eine ›Stiftung‹ gründetest! – Du bist groß angelegt, Onkel. Und hier hast du als großer Vogel in einem kleinen Bauer gesessen und gerechnet und dividiert, bis du beinahe vergessen hast, daß du einmal deine Flügel benutzen konntest, um Anteil an der Begründung einer Großstadt zu haben, Onkel! – Große Häuser statt all der kleinen, – und Menschen darin, die viel weiter hinaus denken als nur bis zu den nächsten Schären!« »Du blast die Seifenblase wirklich so auf, daß es eine wahre Unterhaltung ist, hineinzusehen. Aber wenn sie platzt, – wenn sie platzt,– wenn sie platzt –« wiederholte er verbissen. »Ja, die Idee liegt da. Siegen aber wird derjenige, der sie zuerst zu ergreifen weiß. Hinterher reiben sich die anderen die Augen! Ich brauche dir nicht alle die Vorteile aufzuzählen, die wir haben, – ich meine, alles das, was die Ärzte jetzt – und zwar schwarz auf weiß – haben einräumen müssen, was wir vor andern an Bedingungen infolge der Orts- und Strandverhältnisse voraushaben. – Aber, was ich wollte, daß du, Onkel, vor allen anderen sehen solltest, das ist die brillante Lage unseres Hafens, sozusagen mitten in der Touristenroute! Es handelt sich nur darum, die Badebucht durch eine Mole zu sichern und die Sache in die Hand einer organisierten und hinreichend kapitalsfähigen Aktiengesellschaft zu legen. –« »Aktiengesellschaft, ja, die kann man heutzutage auf Grundlage eines Streichholzes begründen!« warf Onkel Joel erregt ein. »– – Und die Stadt steht da, bereit, eine ganz neue Zukunft mit offenen Armen zu empfangen. – – Und so etwas, dachte ich mir, könnte eine Kraft wie dich, Onkel, reizen, sich an die Spitze zu stellen und der Stadt seinen Namen als Schöpfer des Ganzen zu hinterlassen!« »Ich Gründer! – Vater des ganzen? – Sag' nur lieber, daß die ganze Stadt sich Wasser über den Kopf gießt – – Gott soll mich bewahren!« »Dieser Mammonteufel!« brauste Faste auf. »Kein Zweifel, daß für diese Art erdgebundener Seelen die niederen Stoffe ihre Anziehungskraft haben!« »Was, – was?« – Onkel Joel sperrte beide Ohren weit auf. – »Die Erde ist ein Bauer, aus dem nur die befreiten Elemente aufsteigen; das ist das Geheimnis – – dich läßt dein Geld nie los; das ist die Ankerkette, die dich unten am Boden festhält!« – »Ich glaube, weiß Gott, du hättest Laienprediger werden sollen, – das ist ein gutes Geschäft!« meinte Onkel Joel, während Faste zur Tür hinausstürzte. Fünftes Kapitel Faste saß eingeengt oben in seinem niedrigen Mansardenstübchen, das Ofenfeuer prasselte, und der Herbstregen strömte von der kleinen Fensterscheibe herab. Der unverhältnismäßig große Arbeitstisch ließ ihm nicht viel Platz. In den Ecken, hinter dem Bett, auf der Kommode und an Schnüren von den Wänden herab hingen, standen und lagen schwere, weiße Kartons und Papierrollen, die eine Unendlichkeit an Entwürfen, Zeichnungen, Rissen und Überschlägen zu dem geplanten Badehotel enthielten. Sobald der Morgen dämmerte bis in den späten Abend hinein, wo die Reißfeder beim Schein der Petroleumlampe geführt wurde, saß er am Zeichentisch. Es galt, den Plan anschaulich und genau in der Zeichnung wie in Bezug auf Kalkulationen und Berechnungen zu entwerfen – – Jetzt ging er mit einem Entwurf in der Hand ins Erdgeschoß hinab –: »Hier, Mutter, – Sölvi, hier sollt ihr das Badehotel in seiner fertigen Gestalt sehen.« »Ja, Mutter, dann müssen wir ein andermal weiter reden!« rief Sölvi ungeduldig aus, indem sie das Zimmer verließ. »Agnete, weißt du,« erklärte Frau Forland traurig, »will ihr junges Leben wegwerfen!« »Ja, das Mädchen schreibt ja von nichts als vom Propst und von Käse und Butter und Vorratskammer und daß dort ihr Wirkungskreis liege. Aber hör' einmal, Mutter, – wenn Agnete nur ein oder zwei Jahre warten wollte, bis ich mein Vorhaben durchgeführt habe? – Schreibe, telegraphiere ihr, – laß die Elektrizität in den Propst hineinschlagen! Sie ist doch nicht unwiederbringlich gefangen von dem Kobold im Käseberg–« »Ja, aber ich weiß doch nicht, wie bald sie ihm ihr Jawort gibt,« kam es verzweifelt heraus. – »Aber wir dürfen uns wohl nicht dahineinmischen, mein Junge. Es ist ja alles so unsicher – –« Sie griff sich an den Kopf. »Unsicher? – – Meine Angelegenheit, natürlich! Nicht wahr, so denkt Ihr – – Eine neue Niederlage! – – Und dabei umlauert die Welt das Haus gleich einem aufgeregten Meer –« »Ach nein, mein Junge, Falkenberg, meint, daß in dem Gedanken selber nichts Unwahrscheinliches oder Unmögliches liege. Die Schwierigkeit liege nur darin, Stimmung dafür zu schaffen, – Geld!« »Gut, Mutter. Verlaß du dich auf die Kraft, die in einem treffend richtigen und durch und durch klar ausgeführten Gedanken liegt! Das Dynamit der Wahrheit ist darin enthalten. Das siegt und sprengt sich selber seinen Weg. – – Und glaube mir, gar mancher, der jetzt unten auf der Straße einherstolziert, dreht und wendet meine Idee schon und grübelt darüber nach, ob nicht doch Geld darin enthalten sein könne. – – Übrigens, Mutter, ich gehe jetzt mit dem Gedanken um, das Hotel durch zwei Seitenflügel zu vergrößern.« »Zu vergrößern, je!« seufzte Frau Forland. »Es wächst dir noch über den Kopf, Faste.« »Sieh her, Mutter, sieh dir die Zeichnung an – – Dieser Flügel liegt nach der Hinterstraße hinaus, weißt du. Dadurch gewinnen wir die ganze Aussicht auf den Abhang mit den Landhäusern und dem Hügelrand. Ein ganz neuer Zuwachs an Waldeindrücken. Aber die Hinterstraße muß natürlich rasiert werden, – alle die alten Hütten weg, – ganz weg! – Ist das nicht eine brillante Idee? – Was sagst du dazu, Mutter?« »Ich, was soll eine arme Frau wie ich tun, sagen oder meinen!« rief sie ganz außer sich aus. »Da habe ich Ditlev, und da habe ich zwei Töchter, die sich alle beide verheiraten wollen, – und da habe ich dich mit einer ganzen Lawine von Bauzeichnungen und Plänen! – Und hier gehe ich selber auf Krücken umher, so krumm, daß ich nicht zu der Zimmerdecke hinaufsehen kann. – – Da ist es doch wohl nicht so sehr zu verwundern, wenn ich zuweilen etwas schwindelig werde,« – lachte sie hart, – »so wie ein gejagter Vogel, der sich unter den Dachfirst rettet. Ich denke manchmal, ich hätte nichts mehr zu tun, als mein Vaterunser zu beten und die Augen zu schließen, um nur nichts mehr zu sehen und zu hören. – – Und was verstehe ich von deinen Plänen und Weitläufigkeiten, Faste? – nichts weiter, als daß ich an meinem Jungen festhalten muß, mag es gehen, wie es will! Dazu sind wir alten Frauen verdammt, Gott weiß, wozu und von wem. Aber rühren können wir uns nicht – –« »Aber Mutter, Mutter, liebste, beste Mutter!« »Ach, eine Mutter! – Die kann auch einmal verzagen. – Ach, meine arme, arme Agnete,« – rief sie leidenschaftlich aus. »Wenn sie mir sagten, sie sei tot und liege in der Erde, – aber dies! – Das stolze, schöne junge Mädchen! – Ich empöre mich dagegen, – ich empöre mich. – Ja, ich empöre mich dagegen,« wiederholte sie immer leiser, bis ihre Stimme nur noch flüsterte. Faste schritt ein paarmal hastig durch das Zimmer. »Höre mich an, Mutter! – Wenn sie durch dich und Sölvi den Eindruck gewönne, daß hier Aussicht auf Erfolg für mich ist, so läßt sie sich nie und nimmer lebendig begraben. Oder willst du lieber, daß ich schreiben soll? Du kannst mir glauben, ich will es ihr schon klar machen,« – Frau Forland sah ihn hilflos an und stützte sich dann nachdenklich auf den Krückstock – – »Ja–a,« antwortete sie. – »Es könnte hier in der Welt gewiß vieles noch wieder gut werden, wenn wir nur die Fähigkeit besäßen, zu glauben. – Weshalb sollte Gott in seiner Allwissenheit diese Gedanken in dich hineingelegt haben, wenn nicht, damit du sie in deinem Glauben und in deiner Tätigkeit aufnehmen und in die Wirklichkeit übertragen solltest? – Der Glaube, – der Glaube, Faste!« – – Sie schüttelte den Kopf. »Ich kann dir sagen, ich glaube in Bezug auf Ditlev, daß er alles das, was ihm hier auf Erden fehlt, in einem jenseitigen Leben der Vollkommenheit erreichen wird. Und für mein Teil glaube ich, daß ich einstmals aufrecht stehen werde. Wahrend meiner schweren Krankheit im vergangenen Jahr träumte ich eines Nachts, daß ich in einer fremden Stadt stünde und in der Kirche sänge und den Raum mit der hellen, starken Stimme aus meiner Jugendzeit ausfüllte, während Ditlev mit dem Taktstock einen mächtigen Sängerchor auf der Galerie hoch oben unter der Wölbung dirigierte. – – Aber für dich, mein Junge, habe ich nie so wunderbar weit hinausgeträumt. – – Ich habe es nur als Vorahnung aufgefaßt, daß du einmal als Kind unten im Garten im Kirschbaum saßest und mir zuriefst: »Mutter, ich blühe!« – – Und vielleicht ist das der Grund, daß ich niemals wage, – wage – – Obwohl ich in letzter Zeit so oft dasitzen und mir die Aussicht aus den Fenstern deines neuen Hotels ausmalen kann, – über die Werder und Schären hinweg am Sommerabend, während die sinkende Sonne da draußen im Meere schwimmt – –« »Nun, Mutter! sagst du nicht selber, daß ich blühen soll, – und du wirst dich nicht irren, das fühle ich. – – Hör einmal Mutter, was nun erstens Agnete anbetrifft, so ist dieser Propst ja doch kein so verlockender Wassermann, daß er sie fortschnappt, ehe ihr Seufzer bis zu uns dringt. – Und verlaß dich darauf, noch heute will ich einen Brief schreiben, der sie aufheitern und erwärmen soll, – ihr einen kleinen Spiegel vorhalten, – von ihr selber, so wie sie in kaum zwei Jahren als Propstin bei dem Käsekobold sitzen und versteinert auf all das herabstarren wird, was es an Neuem und Zukunftstüchtigem hier in der Welt gibt! – Ich will ihr zeigen, will sie darauf hinführen, wie ihr Weg zum Traualtar mit Koboldspuk bedeckt ist, – das wird ihr Brautschleier, – Ach, ich will – –« »Mische du dich nicht da hinein, Faste, ich rate es dir. Du darfst es nicht, – ich wage es nicht– –« »Ach, Mutter, glaub mir, der Wassermann ist nicht gefährlich! – Und als wenn du an nichts weiter zu denken hättest, – denke an das Sichere, Gewisse, was jetzt vorliegt, – daß sich Sölvi zu Weihnachten mit einem prächtigen Doktor verheiraten soll, – mit einem tüchtigen, klugen Kerl! – wenn er auch nicht gerade mein Mann ist oder danach geschaffen ist, eine Sache vom großen Gesichtspunkt aus zu sehen. Er gehört zu diesen sichern, vorsichtigen Nach-und-nach-Menschen, die im Detail handeln und von unten auf bauen, – dann kommt der Turm schließlich auch, so sicher wie die Nachtmütze auf den Kopf!« Er erreichte es, daß ein Lächeln den Mund der Mutter umspielte.– – »Und seiner Ansicht nach,« fuhr Faste fort, – »sollte ich mit einer Badewanne für Erwachsene und einer anderen für Kinder anfangen! – Das hat seinen Grund, weißt du, – es gibt von Geburt an geprägte Großhändlerköpfe ebenso wie geprägte Detailköpfe, – Köpfe, die veranlagt sind, en gros zu sehen, und Köpfe, die nur im Kleinen sehen, – aber scharf, das gebe ich zu. – Wird nun ein Großhändlerkopf in einem Detailgeschäft angestellt, so macht es Bankrott, und wird ein Detailkopf in einem Großhändlergeschäft angestellt, so macht auch das Bankrott, – das ist nun einmal so! – Aber deswegen, Mutter, kann sich meine Schwester Sölvi in allen Ehren mit einem Detailisten verheiraten. Denn ein tüchtiger Doktor ist er, – zweifelsohne ganz modern in seinem Fach. Und Sölvi, die wird der Direktor! – Eine hübsche kleine Doktorenwohnung, du; – ich habe den Platz schon unten in der Badeanlage vorgesehen, – mit einem traulichen, für sich abgeschlossenen Garten, in dem Sölvi einhergeht und säet und erntet.– – Was meinst du dazu? – Schatten und Gemütlichkeit, Blumen und Blätterwerk, – alle Beete mit feuerroten Geranien eingefaßt, – du, – wir haben Farben nötig, hier zu Lande, starke Farben, – so daß es Funken sprüht! – Und du selber sitzest dann da unten im Garten und kurierst deine Gicht.« »Du willst mich wohl als Reklame für den Badeort benutzen, – ach, wenn du das doch könntest, mein Junge – –« Frau Forland horchte plötzlich auf. – – »Was ist denn das, – ruft da draußen nicht jemand?« »Natürlich Sölvi, die ihren Doktor begrüßt,« – erklärte Faste, – »sie ist wirklich ganz brutal verliebt. – Ich hörte den Wagen halten.« Frau Forland blieb stehen und lauschte. Die Hand auf das Herz gepreßt; – sie hatte eine Stimme erkannt. – – Faste stürzte plötzlich zur Tür hinaus. Geräusch, Lärm, – Ditlevs halberstickter Ruf, gegenseitiges Fragen und Antworten – – Und herein kam Faste, die Schwester Agnete hoch auf den Armen tragend: »Da hast du sie, Mutter!« * »Gott sei Lob und Dank! – Gott sei Lob und Dank,« erscholl es wieder und wieder, als Agnete dort im Schlafzimmer saß und der Mutter ihr Herz ausschüttete.– – »Ich bin seit gestern Vormittag gereist mit ununterbrochenem Wagenwechsel und mit jedem Mal fühlte ich mich eine Meile und noch eine Meile von dem allen fern. – Und nie im Leben, Mutter, habe ich geglaubt oder gefühlt, daß die Welt so schön und es so herrlich sei, darin zu leben, wie gestern, als ich in dem harten Postkariol saß und gleichsam auf den schönsten Wagenfedern in ein neues Dasein hineinrollte. – – – – Ich schlief ein paar Stunden in Klefstadt – und heute Morgen fuhr ich, ehe der Nebelregen begann, eine Stunde in dem vollen, roten Sonnenschein dahin – – Es war ja das Gefühl, daß ich frei war, – daß ich allem den Rücken wendete! Ich wußte selber nicht, wie schwer dies nun schon über ein Jahr auf mir gelastet hat. – – Er war ja so rücksichtsvoll, so selbstvergessend gut, – Geld und irdische Angelegenheiten waren nie seine Sache gewesen, – so ganz dazu geschaffen, die größte Hochachtung vor ihm zu haben – – Und dann, Mutter! – wußte ich ja, wie sauer Ihr es euch daheim werden ließet, –« kam es leise heraus. – – »Es kam alles so unmerklich, nach und nach, während er mich in seiner Hilflosigkeit verstehen ließ, wie sehr der große Pfarrhof und alle seine vernachlässigten weltlichen Angelegenheiten einer ordnenden Hand bedürften. – – Und so ging es das ganze erste Jahr. Ich interessierte mich für seine Geldangelegenheiten und für die Wirtschaft und fühlte mich sehr geschmeichelt durch meine Stellung als diejenige, die alles unumschränkt leitete, als sei ich selber die Propstin gewesen. – – Aber dann kam ein Brief von ihm, den er mich auf meinem Zimmer zu lesen bat. Er war so fein, so wehmütig klagend, ohne jede Spur von Nebenabsichten, – ich hatte kaum eine Ahnung – Und dann einen Monat darauf noch einer – – Und dann noch einer, der mir die Augen völlig öffnete – – Er schulde seiner verstorbenen Frau ewige Dankbarkeit; – aber das, was er als ›überwältigende Liebe‹ bezeichnen wolle, sei ihm nicht zuteil geworden, bis er sich jetzt so tief und innig davon ergriffen fühle. Er gebe zu, daß es eine Art Altersschwäche sein könne. Aber das ganze Glück seines Lebens bestehe nun einmal darin, mich im Hause geschäftig umherschweben zu sehen – – Der alte Mann hatte gekämpft und gestritten. Er war zu ehrlich, um mich als Tochter an sich fesseln zu wollen. Und ohne mich, das fühlte er, ginge er einem kalten, traurigen Alter entgegen! – – Er bat nur für die paar armseligen Jahre, die ihm noch beschieden seien, – um ein klein wenig von jenem unsagbaren Glück, das seine Jugend und sein Mannesalter niemals gekannt hatten. – Und ich verstand ihn ja und empfand inniges Mitleid mit ihm. Mein Gott, Mutter, wenn man, so wie ich, wußte, was Liebe ist, und was es heißt, getäuscht zu werden! – Ja, mir ist das ja widerfahren, Mutter – – da erschien es mir nicht so ganz undenkbar, so ganz aussichtslos, daß der Alte und ich, – die wir beide gleich arm waren – vielleicht unsere Lumpen und Überreste zusammentaten und versuchten mit dem bleichen Sonnenschein, den wir noch aufbringen konnten, etwas aus dem Leben zu machen. Er hatte mich ja so bitter nötig, und ich konnte auf meine Weise ein Glück in meiner Tätigkeit dort suchen – – Es war eigentlich nur ein Gedanke, der in bitteren Stunden im Hintergrunde bei mir aufdämmerte, – nichts abgemacht Klares. – – Aber deswegen war mein Abschlag auch nicht so sicher entscheidend, daß nicht für ihn eine Hoffnung hindurchgeblickt hätte. – Dadurch erreichte ich eine Bedenkzeit auf ein Jahr – und konnte unser gutes, liebes Verhältnis wie bisher aufrecht erhalten – – – – Es ist so sonderbar, Mutter, wenn man fühlt, daß man in eines braven, prächtigen Menschen Augen geradezu zur Sonne geworden ist, – so daß seine ganze Seele sich gleichsam überall dahin wendet, wo man geht, – wenn ein weißer Kragen, den man trägt, ihn beglücken kann, – und wenn man sieht, wie er sich freut, wenn man am Nähtisch sitzt, oder weiß, daß er mit Tränen in den Augen dasitzt und unserer Stimme lauscht, – dann kann man ja nicht anders, als davon berührt werden! Und dann war es das Gefühl, daß ich mich am Ende doch an den Gedanken gewöhnen könnte, diesem würdigen Mann eine Gattin und hilfreiche Hand zu werden. Und ich fing an, euch daheim in Briefen vorzubereiten. Das Leben dort oben als Pfarrersfrau mit allen den mannigfaltigen Beschäftigungen ward für mich eine immer stärker in den Vordergrund tretende Illusion. Ich ging mit vollem Eifer auf alles ein. Und der Propst sah glücklich und verständnisvoll zu. So verlief der Sommer und so verging der Herbst. Ich weiß nicht, wie das gekommen sein mag. Aber ich konnte mir den Propst nie anders vorstellen als so glücklich und vergnügt zuschauend. – – Es war wie eine stille Übereinkunft zwischen uns, daß die Frage erst zum Herbst, im November, wenn meine Bedenkzeit verstrichen war, wieder aufgenommen werden sollte. – Aber die Absicht, ihm dann mein Jawort zu geben, lag gleichsam in der Luft. Ich weiß nicht, was ich in der Zeit, als die Entscheidung heranrückte, gedacht oder gefühlt haben kann; aber es ward mir mit jedem Tage ein glühenderes Bedürfnis, eine Zuflucht, zu schreiben und euch daheim alles in meinen Briefen zu schildern, – so daß ihr einsehen konntet und mußtet, daß hier keine Rede davon war, daß ich mich um einen Pfarrhof verkaufte. Ich wollte, daß ihr mein Glück verstehen und begreifen solltet, daß es ein wirkliches Glück war. – – Und wenn ich das in einem Briefe erklärt hatte, fand ich immer, daß noch irgend etwas fehle, – daß ihr noch mehr wissen müßtet, und daß ihr nie vorbereitet genug werden konntet. – – Und dann brach der Morgen herein, an dem ich eine Aster in das Wasserglas des Propsten stellen sollte. Ich kam aus dem Garten und sah ihn erwartungsvoll im Studierzimmer sitzen und sich die Stirn trocknen. Das Wasserglas stand auf dem Tische und die Aster hatte ich in der Hand. Aber als er sich aus dem Schreibtischsessel erhob und lächelte, erblickte ich die großen, schadhaften Zahnstümpfe – und, – es war mir, als wenn mir das Herz im Leibe still stand. – – Ich weiß nur, daß ich die Aster mit einem Schrei wegwarf und auf mein Zimmer eilte. – Ich entsinne mich nur noch, daß Anne mir den Koffer packen half und mir versprach, das Übrige nachzusenden, – und daß ich eine Stunde später auf der mit dem Braunen bespannten Gig saß und der Knecht Ole mich die drei, vier ersten Stationen fuhr. – – –« * Faste kam im Laufe des Nachmittags wieder und wieder von seiner Arbeit herunter und gab seine Ansichten kund – – Sonderbar, – merkwürdig. – Es muß ja also wirklich der Fall sein, daß so eine Liebe zerstören, – einen Menschen wie eine Fliege totschlagen kann! – Das wäre doch des Teufels – wenn ein ganzes Leben, eine ganze Zukunft öde und leer sein sollte, nur weil – Sollte so etwas wirklich Einfluß auf die gesunde Regelmäßigkeit des Lebens haben? – – Bei ihm war etwas Derartiges in der Gärung begriffen. – – Und wieder und wieder verfiel er in Grübeleien darüber – – So zum Beispiel er selber und Bera, – daß das plötzlich ein solches Ende nehmen könnte, daß ihm die ganze Zukunft verschlossen war, – leer, – umgestürzt wie ein Faß, mit allem, was er hatte ausrichten wollen, – mit Namen, Ehre – und allem! – nur weil sie auf den Einfall kommt, trotzig zu sein, – weil sie nicht will, – nein sagt? Du, Faste, – fragte er sich selber plötzlich, wenn sie nun auf den Gedanken käme, sich mit einem anderen zu verheiraten? – – Das tut sie nun und nimmer! Zum Verräter werden –? Er mußte sich das wieder und wieder vergegenwärtigen – – Bera, – er lächelte und schüttelte den Kopf. Es steht auf ihrer Stirn geschrieben, daß sie Geist liebt. Sie überstrahlt sie alle wie ein weißer Berg. – – Sechstes Kapitel Bera Gylling, – Bera Gylling – –« hörte Bera plötzlich hinter sich, als sie von den Schwestern Evensen im Kirchenpfad herauskam, – »laß dich doch nicht so ganz davon in Anspruch nehmen, womit du dich kleiden sollst – – Ich sage dir, heute wird der erste Schuß gelöst, der die neue Zeit in deiner Vaterstadt verkündet. Es ist, als hätte ich eine Hagelladung in ein altes Krähennest hinaufgesandt, – jetzt flattern sie auf – – Nun ja, –« er zog die Zeitung aus der Tasche und las: »Es ist in diesen Tagen auf Anregung von Herrn Forland ein Komitee zusammengetreten – im wesentlichen aus Grundbesitzern am Vorstrande und auf der Landzunge bestehend, – um die praktische Möglichkeit der Anlage eines Badeortes in größerem Stil in Erwägung zu ziehen. Es ist dies ein Plan, über dessen Ausführbarkeit sicherlich verschiedene Meinungen herrschen werden, der aber auf alle Fälle jetzt soweit gefördert ist, daß er eine Diskussion verträgt. Und wahrscheinlich wird seine allseitige Darlegung in der Versammlung, die morgen abend im Klublokal der Stadt berufen ist, durch Herrn Forland stattfinden.« – »Kapitäne und Steuerleute, die auf See gewesen sind, wissen nicht Bescheid, weißt du, deswegen muß die Sache von Grund auf behandelt werden. Und langweilen darf ich auch nicht, Und auf die Entgegnung von Einwänden muß ich auch vorbereitet sein. – – So da zu stehen! alle Köpfe vor und unter sich! – Ich machte vor etwa vierzehn Tagen den Versuch unten im Schulhaus auf der Landzunge vor den kleinen Leuten dort, – es war so eine Art Rausch, in dem alle Fähigkeiten so eigenartig lebendig wurden. – – So da zu stehen und den Gedanken hinauszuschleudern und das Wort singen zu lassen wie den Ton auf einer Bogensaite! – – Ich habe über Nacht mehrere Stunden wach gelegen und die Rede gehalten, um die sich alles gruppieren soll. – – Und werde wahrscheinlich diese Nacht weiter predigen müssen. – – Aber eigenartig ist es zu spüren, daß hier so etwas wie Stimmung und Wind in die Segel gekommen ist – Und, weißt du, jetzt grüßen sie mich, – Böckmann, Anton Rist und Simonsen, – tief aus ihren Röcken und Halstüchern heraus. Ja, selbst der alte Salvesen winkt mir väterlich freundlich mit der Hand und gratuliert mir heute mit der Zeitung! Und dann kommt gleich darauf die interessant neugierige Frage: Noch nichts von dem Alten gehört? – Von Onkel Joel? – Und dann so recht bekümmert: Es war die höchste Zeit, daß ihn der Doktor nach dem Süden schickte, dieser bösen Bronchitis wegen – – Und Ihre Frau Mutter hat auch nichts gehört? – – Es ist und bleibt nun doch das Merkwürdigste, ob Onkel Joel mehr oder weniger gespieen hat. Hatte ich nur den Spucknapf mitten auf den Marktplatz stellen können, ja dann!« Vera lachte. »Und Johannes Böckmann, mein alter spezieller Feind, war gefühlvoll, du! – er vertraute mir an, daß sich förmlich ein leerer Raum in der Stadt fühlbar mache, jetzt, wo der alte Joel fort sei, man sei so daran gewöhnt, ihn in dem langen blauen Rock und der flachen Mütze über die Straße humpeln zu sehen. – – Der Umstand, daß Mutter Onkel Joels Stiefschwester ist – – Sie sehen uns im Geist schon halb als Erben. Was für mich eine ganz nützliche Annahme sein kann – – Derselbe Gedanke gärt im Grunde bei ihnen allen: Er sollte doch wohl, hol' mich der Teufel, nicht über Aussichten verfügen, mit denen er die Sachen betreiben könnte? – – Ja, so steht es jetzt. Aber dies ist nur die Vorbereitung, der erste vorbereitende Schuß – Und dann wird bald ein zweiter donnern in Gestalt einer ordnungsmäßigen Aufforderung zur Aktienzeichnung. Und dann will ich ihnen einen Prospekt machen, darauf kannst du dich verlassen! – Einen Zukunftsspiegel, so daß sie fast mit den Händen danach greifen können! Sie sollen ihre eigenen Werder und Schären da draußen so verlockend liegen sehen, als seien es die »Inseln der Seligen« – mit Villen und Lustjachten aus aller Herren Ländern. – Der Makler besorgt die geschäftsmäßige, nüchterne Grundmalerei in dem solid-zuverlässigen, vorsichtigen Stil und den knappsten Ausdrücken gehalten. – – Ich sehe es dir an, Vera, daß du meinst, dies alles sei Humbug, – Schwindel. – – Da will ich dir aber doch antworten, daß ich es so, wie ich es beschreibe, auch sehe, – nicht eine Farbe ist übertrieben! Ich habe ja nicht einmal gewagt, meinem innersten Glauben an die Zukunft der Sache einen so starken und warmen Ausdruck zu verleihen, wie ich wohl möchte.« »Wärest du nur der alleinige Urheber des Planes gewesen, Faste! dann könnten die Leute ja deinen Glauben teilen oder es unterlassen. Das wäre eine reinliche, ehrliche Sache gewesen. Aber dieser schmierige Makler!« »Immer dieser schreckliche Makler! Wer über den Schmutz hinüber will, muß sich darein finden, daß er sich die Schuhe besudelt.« »Du sagst selber Schmutz, Faste!« »Glaubst du, daß irgend jemand, der etwas in der Welt vor sich gebracht hat, sich daran gekehrt hat, ob seine Stiefel ein wenig angespritzt wurden?« »Ja, ich dachte nun im Grunde nicht an den Schmutz, der an die Stiefel anspritzt.« »Nein, natürlich an das Gewissen, natürlich. – Willst du aber wissen, was mein Gewissen sagt, du, – ja, was das anbelangt, so sagt es nicht nein, es schreit, daß, wenn ich das aufgeben würde, was ich jetzt so klar und deutlich vor mir sehe, ich mich selber meines Amtes entsetzte, – nämlich Faste Forland zu sein.« Vera stand da und sah vor sich hin. »Lieber Faste, – ich kenne dich ja so genau, – jetzt bist du mit deiner ganzen Seele und deinem glühenden Interesse in diese Badeanstalt hineingeplumpst. Nein, nein, das ist nichts für dich! – es paßt nicht, – – dich da als Bade-Intendant oder so einen Vater der Badeanstalt herumgehen und lauter kleine praktische Fragen behandeln und bereden zu sehen, in Bezug auf die alle die andern klüger sind als du. – Ich versichere dich, Faste, du gehst dabei unter, – deine Natur leidet Schaden dabei! – Sollst du vielleicht das Servieren und die Berechnungen bei der Table d'hote auch kontrollieren und die Aufsicht über die Kellner führen? – Und dann an Festtagen Reden halten! – Wirf es von dir, wirf es von dir, Faste, sage ich dir! – Ach, ich wollte, du fielest morgen abend durch, – ich würde so glücklich, so glücklich sein –!« rief sie ganz außer sich. »Jetzt weiß ich also, wie ich mit dir dran bin, Bera! – Wenn ich morgen durchfalle, mußt du dir alle meine Fiaskos ganz genau berichten lassen, – am liebsten von diesem Ek. – Und wie ich schließlich bleich und ängstlich und stumm da stand, – und mich dann aus dem Staube machte – – Ich sehe dich schon glücklich, so glücklich, wie du sagst. Oder auch, dir wird vielleicht der Kummer beschieden sein, das Gegenteil zu hören, – daß dieser Faste Forland so brillante Karten von Beweisgründen in der Hand hielt und so spielte, daß er der Sieger blieb! – – Eins aber,« flüsterte er ihr ins Ohr, als er an den Hut griff und sie verließ, – »einen Namen wirst du in der Tiefe meiner Seele führen, – die Verräterin, die ihren Freund im Stich ließ! – – –« * – – Sie saßen am Abend bei einander, Frau Forland, Sölvi, Agnete – – Sie flüsterten fast nur, und in langen Zwischenräumen wurde es ganz still. – – Eine Hand- oder Häkelarbeit ward von Zeit zu Zeit in dem Lichtring der mit rosarotem Florschirm behangenen Lampe sichtbar. – – Die Stimmung wurde jetzt, wo die Uhr auf elf ging, immer gedrückter. Zuweilen ließ Frau Forland das Strickzeug in den Schoß sinken und lauschte, oder Sölvi sprang auf und sah zum Fenster hinaus, nach der letzten Gaslaterne der Stadt hinab. – – Hin und wieder eine einsame klingelnde Schlittenschelle unten auf dem Wege. – – Jetzt plötzlich drei, vier Schlitten hintereinander, die in schneller Fahrt mit lauten Stimmen und Peitschengeknall den Abhang hinanfuhren. – Das mußten Leute aus den großen Bauerngehöften da oben sein, die von der Klubversammlung nach Hause eilten. – – – – Abermals zwei Schlitten in langsamerer Fahrt. – – Sölvi stürzte hastig in die Flurtür hinaus und lauschte. – – Noch ein Schlitten mit einem laut singenden Mann darin. – – Dann wurde es ganz still, – kein Laut von irgendwoher in dem weißen Mondschein – – Sölvi kehrte wieder in das Zimmer zurück. »Faste muß doch einmal kommen,« – sagte sie endlich, – »wir müssen wohl noch eine Weile warten, Mutter – – – – Dann ist die ganze Stadt beleidigt und in Aufregung versetzt. Und darin soll Falkenberg dann wirken!« – entfuhr es ihr nach einer Weile verzweifelt als Schluß ihres Gedankenganges. »Wenn wir doch in eine andere Stadt ziehen könnten, Mutter, – wenn uns doch dies Haus hier nicht so fest hielte!« murmelte Agnete. »Der arme Junge, –« seufzte Frau Forland, – »es wird wohl eine neue Enttäuschung für ihn werden!« – – Derselbe resignierte, sonnenlose Mißmut breitete sich mehr und mehr über die drei Gesichter aus. Agnete zündete schon das Licht im Leuchter an, um die Mutter ins Schlafzimmer zu begleiten, als Sölvi aufsprang – – Ein Paar Galoschen wurden draußen auf der Diele ausgezogen, und herein trat Doktor Falkenberg, der sich den Schweiß nach dem schnellen Gang von der Stirn trocknete. Frau Forland vergaß, den Gruß zu beantworten, während ihre großen Augen zu ihm aufblickten. »Du kommst aus der Versammlung?« fragte Sölvi atemlos. »Ja, – die ist jetzt beendet – lassen Sie mich Ihnen gleich sagen, Frau Forland, daß Faste jedenfalls nicht totgeschlagen ist.« Es entstand eine tiefe Stille. Die Augen ruhten mit Sicherheit auf ihm und die Gesichter zogen sich gleichsam in die Finsternis zurück, bis Sölvi trotzig ausrief: »Nein, ums Leben bringen konnten sie ihn ja auch eigentlich nicht gut!« »Ich dachte mir, daß ihr noch aufsitzen und warten würdet, da machte ich einen kleinen Abstecher im Mondschein, um euch zu benachrichtigen. Faste wurde durch den Hafenmeister zurückgehalten, der mit ihm über den Molenbau sprach.« »Durch den Hafenmeister?« rief Frau Forland aus, – »läßt der sich darauf ein –« »Ja, so können Sie wohl fragen, Frau Forland; und ich kann Ihnen sagen, ich bin heute abend mehr als einmal in Verwunderung geraten, nicht zum mindesten über meinen Herrn Schwager. Ich hätte gesagt, Faste sei originell, eigenartig, vielleicht ein wenig konfus –« »Sage nur sehr konfus,« fiel ihm Sölvi in die Rede. »– Er fängt ja oft mit dem Ende an –« »Jah – ah – der eine Gedanke verdrängt den anderen,« gab Frau Forland unglücklich zu, – »er hat zuviel in seinem Kopf. – –« Sie machte ein Gesicht, als erwarte sie jetzt den Schlag, die eigentliche Nachricht. »Nein, Frau Forland, – das ist jetzt meine Ansicht nicht mehr, – nach den Vorgängen von heute abend. Der, der dort in der Versammlung stand und redete und seine Zeichnungen und Plane dem Hafenvogt, dem Staatskondukteur, den Konsuln der Stadt und der ganzen Reihe jüngerer Geschäftsleute erklärte, – war ein beredter, klarer, zielbewußter Herr. Er fing ja allerdings ein klein wenig linkisch und ungeschickt an, wurde dann aber gleichsam behender und fingerfertiger, bis es sich herausstellte, daß jedes Gegenargument unerbittlich geschlagen wurde. Er wuchs sozusagen die ganze Zeit hindurch, ich erinnere mich nie, eine solche Seelenmacht irgend einem Menschen aus den Augen leuchten gesehen zu haben! – – Wenn ich ihn morgen im alltäglichen Leben wiedersehe, so werde ich ihn, glaube ich, gar nicht wiedererkennen,« – scherzte der Doktor. »Mir ist's, als hörte ich eine so schöne Hoffnung aus Ihrer Stimme herausklingen, Doktor!« rief Frau Forland mit strahlenden Augen aus. »Ja, reden kann er,« murmelte Agnete. »Ja, sonderbar, wie das Wetter des Schicksals das Aussehen einer Sache verändern kann,« – fuhr er fort. »Heute abend war man auf einmal gar nicht so ungläubig oder so abgeneigt, die Sache zu stützen.« »Was sagst du? –« entfuhr es den drei Mündern auf einmal. »Ja, und der erste Schritt wird nun wahrscheinlich der Versuch sein, die Sache zur Aktienzeichnung aufzulegen.« » Wahrscheinlich ! – – Ach, du weißt nur nicht, Falkenberg, wie höflich die Leute hier in dieser Stadt sind,« meinte Agnete. »Sie sagen einem so ungern direkt ins Gesicht nein.« »Mein Haupteindruck ist jedenfalls der,« erklärte der Doktor, – »daß hier von der heutigen Versammlung an eine ganze Wendung in der öffentlichen Meinung eintreten wird. – – Der alte Wortführer und Reifer Tryggesen stand da ja ganz empört im Interesse der Stadt und sagte, bis auf den heutigen Tag sei ihr Wohlstand auf dem vorsichtigen, gesunden Geschäftsgeist aufgebaut gewesen. Aber aus leeren Hoffnungen und Schwindel und dergleichen ließe sich nichts Reelles für die Zukunft zurechtspinnen, – wenigstens nicht auf seiner Reiferbahn! Aber da erhob sich Waggestad aus Wold – – Merkwürdig,« grübelte der Doktor, – »es gibt gewisse zurückhaltende schweigsame Seelen, »die ein ganzes Leben lang im Distrikt ansässig gewesen sind und Geld zusammengespart haben, bis der Begriff von ihrem Vermögen das unbegrenzt Mystische erreicht hat. Wenn so ein stummer Bursche dann plötzlich explodiert und sagt: ›Ich bin mit dabei!‹ – dann empfindet man es im ganzen Saal wie einen feierlichen Druck, als sei eine neue Gewißheit geboren. Die Worte waren gleichsam das Siegel, der Stempel des Abends! – Und nun lagen sie mit den Köpfen über den Zeichnungen und baten sich einer nach dem andern Erklärungen aus – –« »Aber dann können wir uns ja darüber freuen, daß Faste wirklich Anklang gefunden hat, – es ist also keine Niederlage!« rief Frau Forland. »Ach, Mutter, diese ewigen Enttäuschungen!« eiferte Agnete. »Aber dir und mir hat er immer den Kopf verdrehen können. Es war nur das eine, daß wir immer, immer wieder sahen, daß niemand sonst an ihn glaubte.« »Ja, ich habe auch nicht an Faste gezweifelt, Mutter, – hatten wir nur in einer anderen Welt gelebt,« verteidigte sich Sölvi. »Und meine Stellung zur Sache,« lachte der Doktor, – »ist ja immer dieselbe geblieben. Ich habe nichts dagegen, Direktor einer großen Badeanstalt zu sein; sehr viel aber habe ich dagegen, in ein Unternehmen hineingezogen zu werden, das auf halbem Wege stehen bleiben könnte als unausgeführtes Projekt.« Es war ein eigenes Leben in das von dem roten Schein der Lampe dämmerig erleuchtete Zimmer gekommen. Das Ereignis des Abends war jedem einzelnen ms Blut gegangen. – – Und nun verlangte der Doktor, daß Sölvi Hut und Mantel holen und einen Spaziergang mit ihm im Mondschein machen sollte. Es war, als gestalte sich auch für sie die Zukunft neu. – – Siebentes Kapitel Forland! – – Herr Forland! – – Faste Forland – –!« wiederholten drei, vier lustige Jungemädchenstimmen ihre Rufe durch die Räume des halbfertigen Hotels. »Kommt ihr, um den Bau zu inspizieren?« rief Faste; er erschien in einer Fensteröffnung im zweiten Stockwerk. »Ja, natürlich!« lautete die Antwort. – »Mein Vater ist ja Aktionär, da müssen wir doch kontrollieren.« »Kommt herauf und seht euch das wogende Meer an! Ich will euch die Treppe hinauf helfen, es ist noch kein Geländer da.« Er reichte ihnen die Hand und zog sie über die obersten unfertigen Treppenstufen hinauf. – – Hopp – hopp – hopp – hopp – kamen sie alle viere. »Bis zum nächsten Sommer wird alles tadellos werden. Nur die Aussicht kann ich nicht verbessern, die ist fix und fertig. – – Nein, nein, Kirsten, geh da lieber nicht. Der kalkige Tritt ist da vor die Tür gestellt, weil die Veranda draußen noch nicht fertig ist, – deshalb muß ich die Damen bitten, mit den leeren Fensteröffnungen fürlieb zu nehmen. – – Nehmt eure Kleider in acht!« »Und hierauf hin ladet er uns ein, Tona,– wir, die wir mit dieser Aussicht geboren und groß geworden sind!« – »Ja, als ob wir sie nicht zu Hause aus allen Fenstern hätten, – nur ein wenig schöner. Ich glaubte wirklich, du hättest uns etwas ganz Besonderes zu bieten, Faste!« »Da steuert ein Dampfer auf den Hafen zu, das ist doch immerhin etwas!« gab Kathinka zu. »Ach ja, etwas recht Langweiliges,« meinte Kirsten. »Diese Dampfer, die in den Hafen kommen und dort anlegen und eine halbe Stunde lang pfeifen und heulen, während die Kommandobrücke von Touristen besetzt ist, die uns durch ihre Krimstecher beglotzen und dann wieder weiterfahren.« »Aber du, Laura, wirst doch wohl höflicherweise etwas Schönes zu sagen haben.« »Ach, Laura Groth, die ist aus einer anderen Stadt, wo sie auch finden, daß alles, was sie haben, das Schönste ist; – aber hinterher kommt –« »Die Scharen, die da draußen die Flache unterbrechen, machen den Horizont so eigenartig tief, so daß man gleichsam viel weiter sieht, –« sagte Laura, die in die Aussicht versunken dastand. »Das war doch das erste vernünftige Wort, das ich bisher von euch gehört habe,« entfuhr es Faste. »Du vergaßest die Möven, Laura! wenn wir die immer in passender Entfernung am Himmel flattern lassen könnten – – Ach, wie genau wir das alles auswendig wissen! – Faste hatte das alles diesen Winter so hübsch in seinen Prospekt hineingebracht. Da steht es alles zu lesen, was wir hier in der Stadt zu den Fremden darüber zu sagen haben – – daß wir uns langweilen, so daß wir schreien könnten, und uns oft nach einer anderen Stadt sehnen, davon stand da nichts.« »Ist's mir doch, als wenn ich wirklich einmal ein Wort der Weisheit aus deinem kleinen Schnabel vernähme, Tona!« rief Faste aus. »Ich frage nur, warum langweilt ihr euch, ihr kleinen Mädchen? – Weil ihr euch nicht amüsieren wollt! – Ich habe da zum Beispiel eine Idee, die verteufelt gut wäre, wenn ich nur sicher sein könnte, daß wirklich Verlaß auf euch wäre. – Ich kann euch sagen, ich grüble und grüble darüber nach, so daß sie mir bald mehr Kopfzerbrechen kosten wird, als der ganze Badeort. Ich stand eben da und dachte darüber nach, als ihr kamt. Und, kurz und gut, die jungen Damen der Stadt bilden ein ganz bedeutendes Glied darin – – – Seid nur nicht gleich bange! Wißt ihr noch, wieviel seiner Zeit über die Schmiere geredet wurde, die ich errichten wollte?« »Gott, ja! Das Volkstheater am Strande!« lautete die dreistimmige Antwort. »Freilich, ja, das Theater am Strande, Aber das war nur der Keim, sozusagen das Samenkorn, das in die Erde gelegt wurde, um zu reifen. Jetzt ist die Idee eine Etage höher gewachsen. Die Badegäste bedürfen der Zerstreuung. Wohlan, richten wir ein kleines Privattheater ein, in dem die Badegäste und die jungen Kräfte der Stadt sich zusammentun und Schauspiele aufführen können, – es wird in die Badeanstalt eingefügt, geputzt und gemalt mit Kulissen, Vorhängen und Bänken wie jedes andere Sommertheater. – – Im Winter gehört uns dann das Feld allein.« Sie klatschten in die Hände: »Bringe das zu stande, Faste – – Bringe das, bitte, zu stande. Aber die Aktionäre, du?« Die Blicke verrieten einen gelinden Unglauben. »Ach, was das anbetrifft, so ist das leichte, kleine Gebäude mit samt der Ausstattung das wenigste. Die Schwierigkeit liegt in der Beschaffung geeigneter Stücke, klein und kurz müssen sie sein, aber echt, – mit Pointen, so daß die Spielenden Befriedigung in der Ausführung finden und Leute von dem Bildungsgrad, wie ihn Badegäste im allgemeinen besitzen, Interesse daran gewinnen.« »Nein, welch eine Idee! – Eine göttliche Idee!« ertönte es abermals dreistimmig. »Aber solche Stücke, du, – woher in aller Welt? – – Man müßte jemand in der Hauptstadt veranlassen –« »Sie aus der Hauptstadt verschreiben? – Nein, ich danke! Das Repertoire zu beschaffen, werde ich mir selber erlauben. Es handelt sich nur darum, sich den Kopf nicht zu sehr damit zu zerbrechen. – Ich dachte, wir müßten etwas mit Geist und Feuer zu stande bringen.« »Ja, und die Toiletten, an die man denken muß!« rief Tona aus. »Schrecklich amüsant, Faste!« »Ich bin überzeugt, daß es viele verborgene Tatente gibt, die auf diese Weise, –« meinte Kathinka – »Ja, das glaube ich auch,« versetzte Kristine eifrig, – »ich bin fest überzeugt, –« »Ach, ich weiß recht gut, was du meinst,« fiel ihr Tona in die Rede, – »deine schwarzen Augen, – dies Zigeunermädchen, für das du schwärmst! – So weit versteige ich mich nun nicht. Aber ich habe oft daran gedacht, daß es ungeheuer amüsant sein müßte, wirklich die Rolle einer Soubrette mit Gesang auszuführen,– kleine Couplets, – du sprachst vorhin von meinem Schnabel, Faste –« Laura Groth stand schweigend da und starrte hinaus, mit ihrem ausgeprägten Profil hob sie sich wie eine Büste in der Fensteröffnung ab. – – »Ja–a, man könnte gewiß manch ein verborgenes Talent finden, –« sagte sie, indem sie den Kopf so eigenartig in den Nacken warf und mit einer Geste, die Faste aufmerksam machte. »Ja, was sagen Sie zu der Idee, Fräulein Groth?« fragte er. »Ich? – Ich wundere mich nur, daß die Menschen bisher noch nicht darauf verfallen sind.« »Auf das Theater? – Wie? – Es sagt Ihnen zu?« »Ja, mir sagt der Gedanke zu, – – man hat ja behauptet, ich sei theatertoll. In der Weihnachtszeit auf Borg spielten wir ein Stück nach dem andern.« »Und Sie haben mitgespielt?« »Ja, – alles, wozu eine Nase und eine Figur erforderlich ist, die sich gerade und krumm machen kann, – so wie es die Verhältnisse erfordern, von alten Hexen und Wahrsagerinnen bis zu Maria Stuart und Statuen in Transparenten, wie der Weihnachtsengel, der die armen Hütten besucht.« »Sie haben, was man eine Theatermaske nennt,« rief Faste plötzlich mit ungeheurem Interesse aus. – – »Ja, was meint ihr,« er sprang hastig auf, – »wenn wir fünf hier jetzt den Anfang zu einer heimlichen Theaterbande bildeten? – Ich schaffe die Stücke, die ihr einstudiert, um sie zu spielen, wenn die Zeit gekommen ist. Und dann werben wir ganz im stillen andere, von denen wir meinen, daß sie sich dazu eignen.« »Hanna Brinkmann muß mit dabei sein,« behauptete Kirsten. »Ja, und Fredrik Kjörboe und Einar Berg! – die nehme ich auf mich,« – erklärte Tona. »Und Dina Breder – – und Herman Vik,« ergänzte Kathinka. »Wenn Herman mit dabei sein soll, glaube ich an kein Geheimnis mehr.« »Und das Zeichen der Verschwiegenheit zwischen uns sollen zwei auf den Mund gelegte Finger sein,« – schlug Faste vor. »Einverstanden?« »Ja, – ja, natürlich!« riefen alle. »Das wird furchtbar amüsant.« »Einmal etwas ganz Neues!« »Ein ganz neues Interesse statt dieses ewigen einförmigen Winterlebens.« »Aber Kinder, – wir haben ja Vera Gylling ganz vergessen!« – rief Kirsten mitten in der Begeisterung. »Natürlich, ja, – ohne die geht es doch nicht!« Fastes Gesicht nahm plötzlich einen verbissenen Ausdruck an: »Bera, – Fräulein Gylling –?« Er wurde plötzlich unschlüssig. – – »Ich finde eigentlich, wir fünfe sollten uns strenge als die unterirdische Bande betrachten und höchstens diesen oder jenen nach gemeinsamer Übereinkunft aufnehmen.« »Und Bera nicht –?« riefen die Mädchen. »Unmöglich!« »Wenn alle Kapazitäten der Stadt mit dabei sein sollen,« entgegnete er, »so geht das Pikante, das für uns darin liegt, eine unterirdische Bande zu bilden, verloren! – Fräulein Gylling hat so viele prächtige Eigenschaften: aber zu etwas paßt sie nicht, – zum heimlichen Empörer. – – Sie flüstert niemals, – – – Und um Himmels willen, meine Damen, jemand müssen wir doch auch haben, vor dem wir die Sache geheim halten – –! Und jetzt gehen wir zusammen die Straße hinauf,« schlug er vor, es war ein großer Eifer über ihn gekommen. – – »Ihr müßt wissen, ich bin der geschäftige Arbeiter –« »Ja, die Leute sollten nur ahnen, daß wir hier eine Truppe bilden, die dem Theaterdirektor folgt!« – flüsterte Kathinka mit einem Blick zu Konsul Rists Fenstern hinauf. »Ich habe ein Gefühl, daß dies ein Merktag in meinem Leben wird,« sagte Laura. – – »Und Sie hätten wirklich eine Rolle für mich, Herr Forland?« fügte sie leise hinzu. »Nicht eine, sogar zweie, – ganz vorzügliche.« »Es ist ein so sonderbares, banges Gefühl, mit einer Kraft in Berührung gekommen zu sein, die sich größere Ziele setzt, als es die Leute in diesem traurigen, kleinlichen Leben in der Regel wagen. Ich muß unwillkürlich an diese großen Meister denken, die mit der einen Hand die Mauerkelle führten und mit der andern Kunst schufen. – –« Sie ging aufrecht und festen Schrittes einher und zeigte Büste und Profil. »Stehen Sie einmal still, Fräulein Groth,« rief Faste plötzlich aus, – »verändern Sie, bitte, Ihren Ausdruck nicht. Genau so habe ich mir das junge Mädchen vorgestellt, das auf der Pulvertonne sitzt und droht, sie anzuzünden. – – Ein wenig Verschmitztes hat sie im Ausdruck, – denn sie weiß ja, daß die Tonne leer ist. Es ist ein spannender Augenblick, während es sich darum handelt, ob die List gelingt und sie ihr zu Füßen fallen. – – Jetzt verstehe ich mich auf Ihr Gesicht und werde mir erlauben, Ihr Lehrer zu sein. – Sie sind ein Schatz für unser Unternehmen, – ein wahrer Schatz! – Ich muß noch eingehender mit Ihnen sprechen, – Ihre Maske studieren! Ich sage Ihnen, in Ihnen habe ich die Hauptstütze für das ganze Theaterunternehmen gefunden, – diejenige, auf deren Schultern es ruhen wird! Sie sollen auf diesem Gebiete mein General werden, mit Ihnen werde ich siegen!« – klang es entzückt. »Ich habe ein Gefühl, als ginge ich neben einem Gießbach, der alles mit fortreißt,« flüsterte Laura. »Sie haben ein Talent, eine Sache zu sehen, – Verständnis, Fräulein Groth, – Und der liebe Gott hat Ihnen ein Gesicht gegeben, das von einer ganz verteufelten Natur zeugt, – – eine so steinfeste Miene und dieser Humor, der dahinter steckt!« »Ich Ärmste, – ich kann das Ungewöhnliche nur fühlen und bewundern.« »Und unserm Direktor folgen wir blindlings,« erklärte Kathinka. Tona ging, den Sonnenschirm über den Nacken gelegt, ganz in eine Soubrettenrolle vertieft, und summte leise eine Melodie vor sich hin – – Plötzlich legte sie die beiden Finger auf den Mund und sah die anderen bedeutungsvoll an. Dort um die Ecke kam Bera Gylling – »Wir sind oben im Hotelbau gewesen und haben inspiziert, Bera!« rief Kirsten zungenfertig. »Großartig sag' ich dir! Ja, du hast es wohl gesehen?« »Nein, ich habe kein Interesse daran, so etwas zu sehen, bevor es fertig ist,« sagte Bera. »Bera Gylling ist eine Dame, die das Faktum ganz unumstößlich vor sich sehen muß, ehe sie den Fuß darauf setzt,« bemerkte Faste. Ihre Blicke begegneten sich wie zwei stumme Mauern. »Sobald du dich nur zeigst, regnet es Komplimente, Bera!« »Du kannst mir glauben, daß ich sie zu schätzen weiß, Kirsten.« »Vera Gylling und ich sind von alters her bekannt, Fräulein Groth,« erklärte Faste, – »von unserer frühesten Kindheit an! – Sie sollten nur wissen, wie oft ich den Weg zu Gyllings mit einem Einfall hinaufgegangen, – nein, gelaufen bin, und regelmäßig war er mir, wenn ich zurückkehrte, in Luft verwandelt, – blank, – weg! – Auch mein ganzes jetziges Unternehmen ist für sie nur Luft, – existiert nicht!« »Ich ahnte nicht, daß du so ein Scherzmacher geworden bist, Faste,« entgegnete Bera. »Ich meine doch, es muß ein wunderbar erhebendes Gefühl sein, das Zustandekommen von etwas Neuem und Großem in seiner Vaterstadt zu beobachten,« sagte Laura. »Aber es ist wohl das gewöhnliche Los des Genies, denjenigen Ärgernis zu geben, die es hilflos und gedemütigt gesehen haben. –« Bera sah sie plötzlich aufmerksam an. – – »Die Fähigkeit zu verstehen wird aus der Sehnsucht geboren; – aber, wo nichts ist!« – warf Faste hämisch hin. »Schon allein die ungewöhnliche Persönlichkeit, meine ich, müßte Gedanken erwecken –« fügte Laura grübelnd hinzu. »Ja, weißt du was, Laura,« rief Kirsten, – »hier in der Stadt haben doch alle gesehen, daß Faste ein Sonderling war. Aber was da herauskommen würde, hat sich doch erst jetzt gezeigt.« »Da trafst du den Nagel auf den Kopf, Kirsten,« lachte Faste. »So hat meine alte Freundin Bera Gylling im Grunde auch räsoniert, – nur ist sie eine vorsichtigere, tiefere Natur, deswegen bittet sie, es erst ganz fertig sehen zu dürfen.« »Ich gebe zu,« sagte Bera mit einem eigenartigen Lächeln, – »ich habe mich so lange mit dem einfältigen Glauben getragen, daß du Pfeile abschießen würdest, die hoch über Badeanstalten und dergleichen hinausgingen! Und, wie du selber sagst. Faste, ich bin so schwerfällig, – habe so wenig Talent, den Glauben und die Überzeugung zu wechseln, so daß ich es fast noch nicht aus meinem Kopf herausbringen kann.« »Das kenne ich; das kenne ich, – das ist das alte. Gott weiß, wohinein ich verduften sollte, wenn es nach dir ginge. Und ich muß dich leider mit der Tatsache betrüben, daß das Unternehmen geht, mit vollen Segeln geht, – so haben die Pfeile, von denen du redest, jedenfalls ins Schwarze getroffen,« sagte Faste mit Nachdruck. »Ich höre ja den ganzen Tage von nichts anderem als von Bauten und Pavillons und Badehäusern und Annoncen und Reklamen im Ausland – wir sind ja gleichsam alle mit in der Fahrt begriffen,« brach sie leicht neckend ab und setzte ihren Weg, die Straße hinunter, fort. Faste sah wieder und wieder zerstreut zurück, als trage er sich mit dem Gedanken, umzukehren und ihr zu folgen. »Die Kraft des Geistes muß doch in irgend einer sichtbaren Maschinerie zum Ausdruck gelangen,« begann Laura von neuem. »Ja, dann adieu, meine Damen, – Geschäfte, – Geschäfte, – –« rief Faste. »Und dann kommen wir bald wieder und inspizieren das Hotel,« winkten sie geheimnisvoll, und alle viere legten plötzlich zwei Finger auf den Mund und die Sonnenschirme schlugen eine Schildburg um einen gemeinsamen Kriegsrat. »– – Halt, halt, halt, – hat dieser Forland eine verteufelte Eile!« – Der alte Konsul Klüver hielt ihm unten in der Straße den Stock vor. – – »Die Aktien sind wieder gestiegen, Freundchen! Komme soeben vom Makler – – Es geht wie ein Schneeball. Die, die kaufen, weinen, weil sie es nicht früher getan haben, und die, die verkaufen, lachen und streichen den Profit mit Glanz ein. Ich war auch auf Böckmanns Bank, um mir ein klein wenig von der Freude zu holen. Aber da war nichts mehr zu haben. – Aber – äh – aber, – äh, er sah Faste blinzelnd in die Augen, – ist denn etwas daran, – an dem Gerücht, daß die Aktien erweitert werden sollen?« »Kann Ihnen leider noch nicht mit der Beantwortung dieser Frage dienen, Herr Konsul; eins aber ist sicher, ich brauche Geld – – Es stellt sich jetzt heraus, daß wir einen ganz anders angelegten Park haben müssen, mehr nach europäischen Begriffen, mit überdachtem Spaziergang, Pavillon, Springbrunnen und dergleichen.« »Ja, ja, Herr Forland, wir Alten humpeln und Ihr Jungen springt. Wir kommen immer zu spät, – wie ich jetzt mit den Aktien. – So – o? Park, Pavillon und –« seine Stirn legte sich in Falten infolge der Anstrengung, sich des übrigen zu erinnern. »Guten Tag, Forland!« ertönte die Stimme des Hafenmeisters von der anderen Seite der Straße, »ich kann Ihnen die angenehme Mitteilung machen, daß die Hafenkommission mitsamt dem Zollinspektor und dem Disponenten Ek einstimmig für die Konzession zu der Molenanlage eintreten!« Der alte Klüver blieb in Positur stehen, den Stock zwischen die Pflastersteine gepflanzt. »Sie Mirakelmacher der Stadt!« rief er aus. »Mirakelmacher!« und damit humpelte er von dannen. »Apropos, Forland,« sagte der Hafenmeister, indem er weiterstürzte, – »wenn Sie Verwendung für ein Segelboot haben sollten, so liegt meins diesen ganzen Monat unbenutzt da draußen. Sie brauchen es mir nur sagen zu lassen. – –« Auf seiner Wanderung durch die Straße nickte Faste von Zeit zu Zeit zum ersten oder zweiten Stockwerk hinauf, von wo aus sie zu ihm hinabgrüßten. Er kannte die Familien ja alle so genau. Nur daß er sie in alten Zeiten von der Kehrseite gesehen hatte. – Erst jetzt hatte er sie kennen gelernt, – so wie sie in Wirklichkeit waren. – – Durchaus nicht so rabenschwarz! – – Nur ein wenig Verständnis, eine etwas günstige Stellung und man befindet sich auf ihrer Sonnenseite. – – Diese armen Menschen, die gern glücklich sein und glücklich machen wollen; sie haben nur nicht die Fähigkeit zu sehen, was in den anderen wohnt, und deswegen kehren sie das Mißtrauen und die Furcht heraus und häufen Feindseligkeiten auf und plagen und peinigen und quälen sich gegenseitig wie Kobolde, so daß es ihnen schließlich zur Wollust wird. – – »Faste, sieh einmal herauf!« rief plötzlich eine Stimme, – »da ist dein großer, roter Bleistift, den du gestern abend vergessen hast – – Ich werfe ihn dir herunter – – du, gib acht!« Minna Lüders stand in dem offenen Fenster und warf ihn ihm mit derselben Sicherheit herunter, wie sie in ihrer Kindheit den Ball gehandhabt hatten. »Und wie geht es zu Hause?« fragte Frau Lüders, die den Kopf zum Fenster heraussteckte. »Und mit Sölvi?« fügte sie mit einer gewissen Besorgnis hinzu. »Danke, alles wohl –« Er grüßte kurz und schnell als guter Freund und eilte weiter.– – Unten auf der Brücke standen drei, vier von den jüngeren Geschäftsleuten der Stadt beieinander und plauderten und spieen in die See – – Johannes Böckmann, Sohn des Bankdirektors, jetzt selbständiger Großhändler in Tran und Fisch, trennte sich von der Gruppe und kam ihm schon von weitem winkend entgegen: »Gratuliere! – Sonderbarer Mensch! – Die Aktien steigen wieder.– – Gab es nicht in alten Zeiten jemand, der mit dem Siegeswagen fuhr und beständig gewann, – oder so etwas ähnliches – – dann könnte er vielleicht meinen Tran gebrauchen, um die Achse damit zu schmieren, dachte ich, – denn damit steht es augenblicklich verdammt schlecht! – Oder kannst du mir deinen Kopf nicht einen Augenblick leihen, Faste, damit ich etwas ausfindig machen kann, – denn solche gewöhnliche, einfache Auswege, ihnen Tran aus Speck und Robben für Lebertran zu verkaufen, wollen nicht mehr verfangen. – – – Aber, was ich sagen wollte, Faste, – man will dich in den Vorstand des Handelsvereins wählen, – du brauchst gar nichts zu tun, – nur zu existieren, mein Freund! – Das ist dieser Triumphwagen, weißt du. – In Wirklichkeit bist du jetzt der Führer von uns Jungen, und wir sind uns darüber einig, dich in den einen Vorstand nach dem anderen hineinzufahren, so daß du an der Spitze von uns Jungen am Ruder dieser Stadt stehen wirst. Die Alten müssen weg! – Eine neue Zeit bedarf neuer Männer, – das ist jetzt die Fahnenlosung über die ganze Linie. – Es soll nur nicht mit Dampf gehen, sondern mit Elektrizität.« »Du bist ja ganz verzweifelt in Feuer und Flamme geraten,« rief Faste aus. »Ich habe immer geglaubt, du seiest als solider Großhändler zur Welt gekommen.« »Da kann ich dir sagen. Faste, daß ich immer geglaubt habe, an dir sei etwas Apartes, Eigenartiges! – Ich habe nun einmal einen scharfen Blick, weißt du. Es handelte sich nur darum, ob du dir die Hörner abrennen würdest. – – Große Begabung, große Hörner, weißt du, – keine Begabung, keine Hörner, – da hast du meine Ansicht! – – Aber Summa Summarum: so in dem alten Schlendrian weitergehen mit diesem Tran und Fisch – ein Jahr verlieren und das nächste gewinnen, – das hat jetzt, so wie die Zeiten heutzutage liegen, keine Art mehr! Es ist ungefähr so, als trügen wir noch die Nachtmützen unserer Vorväter tief über die Ohren gezogen, – so eine Totenbörse. – – Ja, da haben denn drei oder vier von uns beschlossen, die alten fettigen Karten aufzunehmen und das Spiel ganz von vorne zu beginnen. Ich zum Beispiel lege jetzt auf eigene Rechnung eine Schokoladenfabrik an und zusammen mit John Berg eine dito für Brauselimonade und dergleichen – – Und,« kam es ganz geheimnisvoll heraus, – »dann haben wir, ich und ein paar andere, unsere Netze nach ein paar Waldungen über der Stadt ausgeworfen, wo wir eine Schleiferei von Holzmasse planen, die auf Aktien gehen soll. Du siehst also, wir setzen ordentlich Dampf dahinter,– Elektrizität, wollte ich sagen!« »Aber woher zum Teufel nehmt ihr denn das Geld?« »Pah, – hat man erst etwas, worauf man bieten kann, – womit sich etwas machen läßt, – eine wertvolle Idee, – so kommt das Geld allemal! – Das fließt wie Wasser dahin, wo es gebraucht wird, namentlich in Zeiten wie die jetzigen! – Es gehören Unternehmungen dazu, um die Renten zu produzieren, die das Kapital erfordert, falls es nicht zum Teufel gehen soll. – – Faste wandelte bergan, von einem wunderlich festlichen Gefühl erfaßt. – – Es war Leben und Bewegung in die Leute gekommen, – Arbeit und Geld. – – Die Stadt war auf dem besten Wege eine von denen zu werden, die die Führung im Lande übernahmen! – Und was für Kräfte liegen nicht an so einem alten Ort gefesselt und gebunden! Es ist wie der Holzstoß, der höher und höher aufgestapelt wird und wo es nur auf einen einzigen Balken ankommt, der herausgezogen wird. – Aber – – aber – ihm fiel etwas ein, – was hatte Frau Lüders wohl mit ihrer Frage nach Sölvi gemeint? – Sie gehörte doch nicht zu den Kranken oder Schwachen! Er faßte plötzlich den Entschluß, hinaufzugehen und sich bei der Mutter zu erkundigen. – – Daheim blieb er auf dem Hofplatz stehen und begrüßte Ditlev, der mit großer Anstrengung und wahrem Feuereifer beschäftigt war, eine strammgespannte Waschleine zum Brummen zu bringen. Er nahm sie zwischen die Zähne und knipste an beiden Seiten dagegen, als wollte er den Ton mit dem Innersten seines Gehirns in Einklang bringen. Von Zeit zu Zeit ließ er die Leine fahren und rief »Bumm, – bumm« aus, als sei das der regulierende Kammerton. – – »Den Kirschbaum, Mutter,« sagte Faste, indem er eintrat, – »den plündern sie aber gründlich, gleichviel ob ich mit dabei bin oder nicht. Er sieht schon ganz abgegessen aus.« Faste war seit mehreren Tagen nicht zu Hause gewesen, er hatte sich ein Kontor eingerichtet und wohnte unten in der Stadt. »Ja, – Agnete und ihre Freundinnen –« entgegnete Frau Forland. Faste sah sich mit einem eigenartig forschenden Blick um. »Kirsten Torp und Hanna Brinkmann und Bera und Dina Breder? – wohl noch die alten –?« »Nein, Bera nicht, – die habe ich lange nicht gesehen, – du weißt ja, Faste – –« »Daß sie eine unbiegsame, eckige, steife Natur ist, ja! – Wenn sie sich mit mir entzweit, so gilt das unserer ganzen Familie, – dann heißt es nicht nur adieu Sölvi und adieu Agnete, sondern dann besucht sie selbst dich nicht mehr, Mutter! – Ich rannte heute wieder auf der Straße gegen sie an, wie gegen einen Pfahl, an dem man ein Wagenrad kaputt fahren könnte. – – Wenn man nur immer ihrer Ansicht ist, ja, dann ist sie liebenswürdig genug! Ihr geht geradezu das Verständnis für andere Menschen ab.« »Sie ist so echt und tief, du,« sagte Frau Forland in leisem Ton, – »so einfach und klar. Faste!« »Ja, und ich bin leider so vielseitig. Deswegen kamen wir auch nicht mehr miteinander aus.« »Sie ist häufig bei Sölvi und sieht sich nach ihr um. –« »Ja, das ist wahr, – Sölvi, Sölvi? – Was ist denn eigentlich mit der los?« »Lieber Faste, du weißt doch – –« »Ich weiß – was soll ich wissen?« »Daß sie erwartet!« »Sölvi? Nein, davon hatte ich keine Ahnung!« »Man hat es ihr doch schon lange ansehen können,« erklärte Frau Forland. »Nein, – das habe ich wirklich nicht gesehen. – Sie erwartet also? – Wie? – Die Familie setzt wirklich eine Knospe in der nächsten Generation an. – Sonderbar, – ein Nachfolger. – – Wirklich ganz sonderbar, Mutter! – Es ist mir eigentlich niemals eingefallen, an so etwas zu denken,« – es klang so, als wenn er, wie das seine Gewohnheit war, anfangen wollte, leise vor sich hinzupfeifen und durch die Türen aus und einzugehen. – – »Sich so selber von neuem wiederzusehen? – Darin muß ja eine Art von Freude liegen, – sich selber wieder lallen und plaudern und in aller Kindereinfalt so kluge, treffende Dinge sagen zu hören, wie man es späterhin nie wieder fertig bringt, wenn einem Gehirn und Natur verdorben und verdummt sind. – – So etwas dauert, bis man vier, fünf Jahre alt ist, ja – – Aber will man dann auch die Prügel und die Schularbeiten und alle die Notlügen noch einmal durchmachen, – und alle die eigene Bitterkeit und Kränkung und den Haß gegen die Erwachsenen, wenn die Welt auf die Sprache, die das zartfühlende Kind nur zu gut versteht, einen durchfühlen läßt, daß man nur ein höchst überflüssiger und unbequemer Lump ist – –« – – Oder den Fall gesetzt, es würde so eines wie Ditlev! setzte er die Gedanken oben auf seinem alten Zimmer fort. – Ob mein Vater den hat in die Welt setzen wollen? – – – – – Mit anderen Worten, das Märchen der Liebe kann einen Prinzen hervorbringen oder einen Bettler. Es kann gut und es kann schlecht gehen in dieser Welt – – Es kommt auf die Siegeszufälligkeiten an – – Aber ein Mann will den Prinzen haben, der das Reich erben und fortführen soll – – Und seine Königin auch – Verteufelte Menschheit! – Et schlug mitten zwischen die Papiere auf den Tisch und stürzte die Treppe hinab, steckte nur den Kopf zu der Mutter hinein: – »Ich gehe zu Doktors! – Will mich mal nach Sölvi umsehen – – Lauf wohl nicht Gefahr, Bera dort zu treffen.« Achtes Kapitel Faste sah plötzlich Laura Groth um die Ecke kommen und in die Papierhandlung verschwinden; er wußte, daß sie wieder zur Stadt gekommen war, und wurde immer zerstreuter, während John Berg von der Firma Berg \& Sohn auf ihrer Wanderung durch die Hafenstraße auf ihn einredete, auseinandersetzte und voller Begeisterung berichtete. »Es ist wirklich, als wenn sie da unten in der Strandstraße ›Kämmerchen-Vermieten‹ spielen. – – Allein in dieser Woche sind Nummer sieben, Nummer neun und dreiundzwanzig in andere Hände übergegangen, und über Nummer zwei mit dem Bauplatz nach dem Vorstrand hinab liegen sich jetzt Anders Beck und Großhändler Müller in den Haaren – – denk dir. Faste, der schmale Streif Moor mit dem Hügel darin, auf dem nichts als Wegerich und Löwenzahn wächst, und das alte zahnlose Gitterwerk ringsumher, das die Wäscherinnen mit ihrer Wäsche ausstaffieren, – dafür würde doch niemand einen Heller geboten haben! – Und jetzt – bis auf drei, viertausend hinauf, – – ja, man kann nicht leugnen, daß sich die Verhältnisse einigermaßen verändert haben! – Ja, ganz unter uns. Faste, ich kann es ja gern erzählen, da ich jetzt das feste Angebot erhalten habe, – ich spekuliere nämlich auch! – Larsinenlust draußen an der Bucht, – – Umgebaut und als schöne Villa ausgestattet, kann man wohl darauf rechnen, das Haus für den Sommer an wohlhabende Badegäste zu vermieten, – das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche! Es war zu zwanzigtausend Kronen angesetzt, und ich habe achtzehn geboten – – morgen muß ich mich entscheiden –« »Nun dann hast du ja noch ein klein wenig Bedenkzeit, John,« entgegnete Faste zerstreut ins Blaue hinein. Zum zweitenmal standen sie jetzt vor der Papierhandlung still. Ob Laura Groth etwas kaufte? Oder suchte sie ein Leihbibliothekbuch da drinnen auf den Borden? – »Und sieh einmal, Faste, – nur allein dieser Laden hier, – sofort große Spiegelscheiben,« demonstrierte John Berg. Er sah nicht ein, weshalb sie stehen bleiben sollten, und zog Faste weiter – – »Ich glaube, wir haben jetzt mindestens zwanzig Fenster von der Art in der Stadt, so groß, daß ein Bauer mit Pferd und Wagen hineinfahren kann, – und obendrein gratis, denn sie sind versichert. Wenn ich daran denke, wie unsere armen Väter sich abquälen mußten, um einen Schilling zu verdienen, und wie schwer ihnen der Weg zum Verdienst gemacht wurde, so muß man sich nur über den Nebel von Unwissenheit und Borniertheit in Bezug auf die einfachsten Handelsprinzipien wundern, in dem sie dahingelebt haben! – Ich muß lachen, du, – noch im vorigen Herbst geriet der Alte ganz außer sich vor Schrecken, als ich ihm erzählte, daß ich zehn Aktien für die Zellulose und fünf für deine Badeanstalt gezeichnet hatte. Er war kurz davor, einen Schlaganfall zu bekommen! Aber einen noch sonderbareren Anblick gewahrte er, als ich ihm erzählte, daß ich gleich darauf die Aktien zu einem höheren Kurs verkauft hätte, und ihm fünfhundert Kronen bar auf das Pult legte – – Seine Begriffe kämpften offenbar mit dem Gefühl, als ob das Geld eigentlich gestohlen sein müsse. – Alte Zeiten und neue Zeiten, du –« »Merkwürdig,« räumte Faste ein. – »Ja, jetzt will ich dir Adieu sagen, John, – ich muß wieder umkehren,« fügte er schnell hinzu: er hatte Laura Groth aus dem Papiergeschäft kommen und die Straße hinaufeilen sehen. »Sieht man Sie denn auch einmal wieder hier in der Stadt, stolzes Fräulein!« begrüßte er sie, – »ich hörte übrigens schon gestern, daß Sie gekommen seien.« »Ja, Sie können mir glauben, es ist ein herrliches Gefühl, wieder hier zu sein,« entgegnete sie strahlend, – »nachdem man bei Onkel und Tante von kleinen Beschäftigungen und kleinen Gedanken umgeben war, – ich habe Tee und Kaffee gemacht, Zwieback und kleine Kuchen gebacken, Fensterkissen gehäkelt und gepflegt und gehegt: – das ist ein anderes Leben hier! Es sproßt und keimt, als läge der Frühling selber in der Luft.« »Wie? – Romane, Fräulein Laura, – Sie? –« unterbrach Faste sie, indem er ihr ein Buch halb aus dem Muff herauszog. »Die ersten Sprößlinge des Dichters, Herr Forland!« neckte sie. »Ach ja, Fräulein Laura, wie mancher hat nicht sein Gefühlsleben in die Leihbibliothek hineingeflüchtet oder – es dort zu Grunde gerichtet. Wenn die Wirklichkeit zu trocken und die Phantasie zu ausgehungert wird!« »Ja, aber ich hoffe, auf mich paßt das beides nicht.« »Nein, Sie haben Ihre Leihbibliothek in sich. Ich fühle das immer, sobald ich Sie treffe. Sie stellten immer irgend jemand vor. Wer zum Teufel auch könnte wohl so auf der Ladentreppe stehen wie Sie heute und in die weite Ferne hinausschauen, bis Sie dann wieder in sich gingen und ganz einfach auf den Bürgersteig hinabschritten?« »Könnten Sie nicht noch galanter den Ausdruck ›mit langen Schritten ausholen‹ gebrauchen?« wies sie ihn mit verletzter Würde ab. »Wollen Sie eingestehen, welche Rolle Sie da spielten – Asta, die Königsmutter? –« »Ach nein, ein so frommes und fruchtbares und biederes Gesicht steht mir nicht zur Verfügung. Meine Züge müssen immer ein klein wenig schief und krumm sein, wenn Charakter darin sein soll.« »Dann etwa Sigrid Storrade?« »Wie sie den König in das Faß steckt? – Dann wäre doch wenigstens noch Sinn! Aber im übrigen möchte ich von all diesen langweiligen Persönlichkeiten am liebsten Königin Gunhilds Gespenst draußen im Moor darstellen, – am allerliebsten aber die alte Hexe, die in der Asche wühlt und gräbt. – – Können Sie mir nicht eine solche Rolle auch für das Theater da unten geben?« Faste stutzte. Eine eigenartige tiefe Bitterkeit, wie er sie noch nie an ihr bemerkt hatte, zitterte in ihrer Stimme, und die Augen blinzelten feucht. Es ward ihm auf einmal klar, daß sie sich in der Tiefe ihres Herzens trotz dieser ihrer »Maske« unglücklich fühlen könne. Ihr in allen Zügen so ausgeprägtes Gesicht war vielleicht nicht mädchenhaft genug. – – Faste überkam plötzlich das Gefühl, als habe er ein Weib vor sich, das hinter diesem lachend lustigen Gesicht, das sie zeigen mußte, um ihren Platz in der Welt zu behaupten, trauerte und unglücklich war. Hier im alltäglichen Leben, – im kleinen, – eine Tragödin, die groß genug war! – »– – Soll ich es denn aber durchaus sagen, was mich vorhin veranlaßte, auf der Treppe stehen zu bleiben,« fuhr in derselben Stimmung Laura fort, – »so war es weder eine Königin Asta, noch eine Sigrid Storrade, sondern Ihr Badehotel, über das ich mich in Sinnen verlor. Es streckt seinen Turm an diesem Wintertage so festlich in die Luft empor. Ich mußte auf einmal an das Gebäude denken, so wie es dastand, als ich zum erstenmal da oben war und es nur aus nackten Mauern und Fensterhöhlen bestand, – ich sah die beiden obersten unfertigen Stufen der Treppe, über die Sie mich mit einem solchen Schwung hinaufzogen, so deutlich vor mir. – – Und dann die Aussicht, die mich wie mit Zaubermacht fesselte, so daß ich mich nicht davon losreißen konnte, – bis ich mehr und mehr in den Bann einer so eigenartigen, ungewöhnlichen Männerstimme geriet, die so von oben herabplauderte oder abbrach, ganz wie es ihr beliebte. – – Es lag ein so merkwürdiges Selbstgefühl, eine solche Kraft und Sicherheit in jedem Wort, das sie äußerte, als ob alle Einwände nur einfach wegzublasen seien! – Das war Ihre Einführung bei mir, Herr Forland, ich hatte Sie noch nie gesehen.« »Ja,« sagte Faste, – »jetzt plaudere ich im Grunde fast jeden Tag mit Ihnen, Fräulein Groth! – Ich habe eine Rolle eigens für Sie, – sehe Sie jeden Satz sagen. – In drei bis vier Wochen versammeln wir die Truppe zur Probe, – – Sie werden natürlich der Haupteckstein.« »Ach, Herr Forland! – wenn Sie wüßten, wie bange mir wird!« »Ihnen? – mit Ihrer schnellen Auffassung, – Ihnen wird bange?« Sie schüttelte den Kopf. »Nein, vor den andern, – dem Publikum – fürchte ich mich nicht,« kam es zögernd heraus. »Sondern vor Ihnen!« »Vor mir?« »So ganz auf einmal sagen Sie etwas über das Stück, was ich nicht verstanden habe. Und dann denke ich, ich muß schrecklich dumm sein, und es überkommt mich eine bebende Angst, daß Sie merken könnten, wie unbedeutend ich bin.« »Wenn Sie wüßten, Fräulein Groth, wie ich Sie im Geiste dem Geizhals die töchterlichen Worte zurufen höre: »Wenn dich das nicht zu rühren vermag, dann ist dein Herz tot, – du bist eine eiskalte, wandelnde Leiche.« »Die Worte nehme ich mit und übe sie mir ein,« lief Laura aus. »Ich betrachte mich jetzt angestellt als Tochter des Geizhalses. Es durchzittert mich förmlich, – ich habe Teil daran, ich habe Teil daran!« – »Das haben Sie schlecht gesagt. Die Stimme kam nicht zu ihrer vollen Geltung. – – Noch einmal: Ich habe Teil daran – –« »Ich habe Teil daran!« rief sie begeistert und schwenkte die Muffe. »Machen Sie die Schlittenfahrt morgen nachmittag nach Frederikslund mit?« fragte sie nach einer Weile leise. »Vielleicht. – –Ich hatte eigentlich nicht daran gedacht, mich nicht darauf eingerichtet, – ich habe keine Zeit zu all der Geselligkeit hier in der Stadt. –« »Es geht von Konsul Ristings aus,« erklärte Laura, – »und Kaffee und kaltes Abendbrot wird mitgenommen, – zuletzt gibt es natürlich Champagner. – Und Mondschein auf der Heimfahrt – –« »Und ich darf Sie fahren?« – – »Ja, dann komme ich! Dann komme ich! –« winkte er ihr voll Feuer und Flamme zu, indem er den Hut schwenkte. – – Verteufeltes Frauenzimmer, diese Laura Groth! Wie sie ihn verstand und welch offenes Auge sie für alles hatte, was ihn betraf – * »Ach ja, – ich hab' es jetzt satt, Mutter, den lieben langen Tag die Mühle für die Philister zu drehen!« rief Faste aus, als er am Abend nach Hause kam. – – »Der Makler kauft und verkauft. Die Stadt ist in Bewegung. Die Aktien steigen. Es geht wie die Speichen im Rade! – Und nun kann ich dir erzählen, daß Schwager Doktor endlich auch seinen Vorteil erkannt und seine zwei Tausend in Aktien angelegt hat. Er braucht jetzt nur am Sonnabend unten beim Makler vorzufragen, dann hat er schon einen hübschen Haufen verdient, ohne daß er es nötig gehabt hätte, dafür zu doktern.– Aber, weißt du, Mutter, wenn jemand, so wie ich, den ganzen Tag mit dem Mammon zu tun hat und sich mit Gewinn und Vorteil vollstopft wie eine Wurst, da lernt man den Dämon auch gründlich kennen – – Es ist ganz sonderbar, du! Man wird nie müde, ihn in allen seinen Drehungen und Wendungen zu studieren, – so verschieden wie er bei den Verschiedenen das Wort führt. – – Und das lächerlich Tragikomische bei der Geschichte ist, daß schließlich der Mammon mit dem Manne abgeht und nicht der Mann mit dem Mammon. Sag doch selber, ob so ein Geizkragen von Mensch nicht verdient, daß man ihn totlacht! – – Und unter uns, Mutter, du wirst doch begreifen können, daß dein Sohn Faste nicht um neun Uhr des Abends aus geschäftlichen Gründen hierher kommt und um eine Lampe bittet und sich damit amüsiert, bis zwei, drei Uhr des Morgens auf seiner alten Bude zu schreiben. Ich mache mir ganz einfach das Vergnügen, den Teufel in ein Transparent hineinzubringen. Er ist so verzweifelt komisch, und ich finde keine Ruhe, bis ich den Burschen einmal gründlich beleuchtet habe, so in einem kleinen Schauspiel für das Sommertheater da unten. Ich hab' ihn in Reden und Gebärden schon am Finger, – den reichen Mann, den Geldprotzen, dessen Familie in der feinsten Treibhausluft von edlen Gefühlen idyllisch groß gezogen ist, wählend er selber die erste moralische Autorität der Stadt ist. Das Geheimnis besteht nur darin, daß er sein Vermögen im Ausland in einer Aktiengesellschaft für giftige Tapeten angelegt hat. Und während die Familie an der Spitze von Stiftungen, Wohltätigkeitsveranstaltungen, Bazaren steht und ein gutes Beispiel gibt, liegen auf des Vaters Rechnung tausend arme Seelen rings umher in der Welt und leiden an Arsenikvergiftung durch die Tapeten.– – Ja, ich könnte ihn auch Anteil an einem Aktienunternehmen für verfälschte Weine haben lassen. – Und dann – laß einen so erzogenen, moralisch verfeinerten Sohn plötzlich den Zusammenhang entdecken und vor die Wahl gestellt sein, auf das schändlich erworbene Vermögen zu verzichten und die ganze an Luxus gewöhnte Familie arm und hilflos zu machen – mit allen daraus entstehenden Folgen – – Das kann zu gewaltig ergreifenden Wirkungen führen.« – Ein starkes klingelndes Geräusch von Schlittenschellen, das vor der Tür verstummte, unterbrach sie. Und herein trat Agnete, die aus der Gesellschaft bei Lüders in des Konsuls eigenem Schlitten nach Hause gefahren war.– – »Ein wahres Glück, daß mein neues grauseidenes Kleid noch fertig geworden ist, Mutter, denn wahrhaftig, da waren Toiletten! Es geht heutzutage wirklich nicht mehr an, sich häufiger in demselben Kleid zu zeigen,– – Die jungen Frauen Lauritzen und Mo mit echten Blonden und Spitzen– –« »Solch neugebackener Reichtum, du, der sich gleich zeigen muß,« entgegnete Frau Forland. »Und ein Tisch! – Mutter – – die Weine gingen ja freilich über meinen Horizont. Aber Gemüse und Spargel und Früchte aus Algier in endloser Reihenfolge! Mich führte Hauptmann Döscher – –« »Ja, Gute Nacht! Gute Nacht!« rief Faste und sprang die Treppe hinauf. »Und alle die Grüße, die ich dir bringen sollte, Mutter! – – Morgen bekommst du Blumen aus Lüders' Treibhaus mit einer Sendung von allerlei Leckereien vom Dessert.– – Mina wird es selber herbringen; ich glaube, sie würde viel darum geben, wenn Faste dann zu Hause wäre; es ist ja in letzter Zeit eine solche Kameradschaft zwischen ihnen entstanden. – Aber Faste ist ganz sonderbar, du, er schwebt ihnen gegenüber immer gleichsam in der Luft; es ist, als wenn sie ihn nie so recht gefaßt kriegen könnten; sie stehen immer nur mit einer interessanten Idee in der Hand da.– – Faste sieht nie etwas anderes als das; woran er gerade denkt, – antwortet auch auf nichts anderes.« »Nein, er schwebt am liebsten in höheren Sphären,« lachte Frau Forland. »Und sowohl Lüders als auch Ristings lassen dir ihren Schlitten anbieten, Mutter; jetzt bei der herrlichen Schlittenbahn müßtest du wirklich ausfahren.« »Ich weiß ja recht gut, daß das alles nur um meines Sohnes willen geschieht; aber es ist trotzdem so wohltuend, du,« sagte Frau Forland. »Und schließlich haben Hauptmann Döscher und ich noch Vielliebchen gespielt,« – erzählte Agnete lächelnd. »Er verkehrt jetzt überall, wo ich eingeladen worden, und wir unterhalten uns und stimmen so gut überein –« Neuntes Kapitel So war denn der Frühling gekommen, und das Einweihungsfest für das Badehotel stand vor der Tür. Das Hotel prangte fast fix und fertig. Drinnen auf den Gängen, sowohl unten als auch oben hingen alle Art Reklamen der großen Bade- und Kurörter Europas. In mächtigen Bildern und Illustrationen figurierten Wiesbaden und Vichy, Ems und Karlsbad, Aix-les-Bains und schweizer Luftkurorte mit weißen Alpenzinnen schwindelnd hoch oben in der Luft, Nizza und Monte Carlo in weißer Kalkfarbe mit blendend hellblauem Meer und noch tiefblauerem Himmel. Die Reklame-Plakate waren mit denen des Badeorts ausgetauscht, die die Aufmerksamkeit nicht minder fesselten, – die Mitternachtsonne in Glut. Überall herrschte geschäftiges Treiben. Das kleine trauliche Gartengitter der Doktorwohnung schimmerte schon von weitem. Und am ganzen Strande entlang, den Waggesen auf Wold aufgekauft hatte, waren Bauunternehmer und Spekulanten in voller Tätigkeit und verwandelten Bauer- und Schifferhäuser in Villen mit Brücken und Zugang zur See. Man zimmerte Pavillons und kleine Häuser zu Badekarren auf Rädern, schlug Schuppen für Segelboote auf, die gleich Schwänen vor dem Bootshafen liegen und sich wiegen sollten. Und aus dem Hain erschollen die rasch aufeinanderfolgenden Hammerschläge vom Sommertheater, das schon unter Dach war. Im Park, der zum Teil im Herbst mit Bäumen bepflanzt war, schuf man Anlagen und Wege und arrangierte allerlei Rasenflächen und Blumenbeete. Der Gedanke an die erste Saison des Badeortes dämmerte und beschleunigte die Arbeiten. – – – Es war Frühlingswetter mit frischerschlossenem leuchtenden Löwenzahn und einem Sausen von rieselndem Wasser rings umher. – – Frau Sölvi ging in dem Hain und schob den Kinderwagen vor sich her; – ihre Gedanken waren ganz in Anspruch genommen von dem morgenden Tage und dem Einweihungsfest im Badehotel. – – Falkenberg haßte Tischreden, – diese alle Gemütlichkeit ertötenden langweiligen Phrasendreschereien, behauptete er. Aber bei dieser Veranlassung mußte er ja als erster Arzt des Badeortes seinen Teil an der Repräsentation übernehmen. Dergleichen Feierlichkeiten waren so gar nichts für ihn, und sie hatte während der letzten Tage versucht, ihm hin und wieder eine schöne und passende Redewendung beizubringen. »War es nicht Fräulein Groth, die du aus dem Theaterpavillon herausbegleitetest. Faste –?« fragte sie plötzlich, als der Bruder auf sie zukam. Faste nickte: »Sie war da, um die Akustik von der Bühne aus zu probieren. Es handelt sich um die Modulationen, verstehst du, die nicht verschluckt werden dürfen.« »Daß du jetzt an so etwas denken kannst, Faste, wo das Badehotel und das ganze Fest auf deinen Schultern ruht!« »Es kommt ja gerade darauf an, den Gedanken von dem Ganzen abzubringen. – – Die Momente zu der Festrede habe ich, aber nun gilt es, die Färbung und die Kraft nicht abzuschwächen, indem man sie sich selber hält. Ich muß mich auf die Eingebung des Augenblicks verlassen. – – Laura Groth, du – – Sie hat ihre große Stimme, – eine einzige Orgelpfeife. Aber sie biegen! – Das ist ihre starke Seite nicht. Wenn du ahntest, wie ich mich abmühe, um einige Mittelpfeifen hineinzubringen! Ich würde was drum geben, wenn mir etwas von Mutters, – oder auch von Bera Gyllings wechselndem Ausdruck zur Verfügung stünde. – So tief empfunden gesprochen, – was ist das nicht gegen den toten Buchstaben! Da kommt ein Mensch mit pochendem Blut und warmem Atem zu dir herein – – Und du bist natürlich in eurem Hause gewesen? Es schreitet schnell vorwärts mit der Einrichtung. Falkenbergs Empfangszimmer soll auf alle Fälle rechtzeitig fertig sein, – und mit dunkelgrünen Tapeten, so wie du es haben willst – – Sonderbar, so ein Kind zu haben, Sölvi!« – fuhr er fort, schlug den grünen Schleier zurück und streichelte das Gesicht vorsichtig mit aufmerksamem Interesse.« – – So ganz frisch geprägt aus der Hand der Natur. – – Übrigens du, er gebraucht nur ein Auge zur Zeit, das andere schielt sehr mißtrauisch in die Welt hinein.« »Pfui, Faste! Ich mag es nicht, daß du so da stehst und den Jungen untersuchst, als sei er ein Insekt!« rief Sölvi aus und zog den Schleier herunter. »Pen, schöner, kräftiger, kleiner Bursche, du. – – Ich stehe nur da und denke darüber nach, daß ich also Onkel bin. – – Und Onkel für noch mehr werden kann. – – So ein Onkel, der ein Huhn hat, das goldene Eier legt – – der nur selber niemand hat, dem er sie geben könnte.« »Verheirate dich!« »Um den ganzen Tag und die Nacht obendrein in völligem Mißverständnis mit einem Menschen zu leben? – Oder auch mit einem Weibchen, das mich überhaupt nicht versteht? Daraus entstünde sicher kein Krieg, sondern wahrscheinlich ein wohlgemeintes, gutes Beefsteak und vielleicht ein wenig Vorlesen – – Ich weiß übrigens, auf wen du anspielst, Sölvi, wenn du vom Heiraten anfängst. Aber wenn es einen Nacken gibt, den ich jetzt beugen und brechen möchte, so ist es der Fräulein Bera Gyllings mit all ihrer hochtrabenden – nenn' es meinetwegen Idealität, – ich nenne es die reine ungemütliche Überspanntheit! – Ich könnte mich gerade so gut mit einem scharf geschliffenen Messer verheiraten! Und sie denkt ebenso, – nur daß sie mir nicht die Ehre erweist, mich für irgend etwas Scharfgeschliffenes zu halten; höchstens für eine grobe und plump zerhackte Fleischaxt, die allemal die Wand trifft. Aber ich freue mich auf morgen, – wo sie in dem großen Saal des Hotels sitzen wird! – Gylling kann sich der Sache nicht entziehen. – Es ist mir ein wahrer Genuß, sie von ihrer eigenen Stadt festlich umgeben dasitzen zu sehen; – sie und Reifer Tryggesen, die letzten Mohikaner von der alten Engherzigkeit. – – Die Welt, an die sie nicht geglaubt hat, rollt jetzt über ihren stolzen Nacken hinweg! – – »So, wenn man den Teufel an die Wand malt –!« rief Faste aus. – – »Da haben wir den Mohikaner, den Herrn Wortführer Tryggesen in höchsteigener Person, der kommt, um zu inspizieren und sich mit eigenen Augen zu überzeugen –« »Ehrerbietigster Diener, Herr Forland!« ertönte die kräftige, spöttische Stimme des Reifer Tryggesen die Straße entlang. – »Habe eben einem heißen Wortgefecht beigewohnt, ob man die Einfahrt zu unserer Stadt besser mit dem Golf von Neapel oder dem von Venedig vergleichen kann! – – Bin im übrigen auf der Wanderung, um nur den so viel beredeten und bewunderten Pavillon mit Glasdach anzusehen, der von vielen als Ihr verblüffendstes Wunderwerk betrachtet wird.« »Freut mich, wenn Sie etwas finden, was Sie bewundern können, Herr Tryggesen,« entgegnete Faste ironisch. – – »Und wahrhaftig, man fällt aus einer Verwunderung in die andere über all das, was hier so plötzlich hervorgezaubert ist! Noch mehr aber muß man staunen über die tiefe ägyptische Dunkelheit, die über dieser Stadt gelagert haben muß, bis Sie, Herr Forland, ihr plötzlich den Star stachen.« »Bin darin ganz einig mit Ihnen, Herr Wortführer, daß das eine notwendige Operation war,« – antwortete Faste. »Aber was für Herrlichkeiten lagen denn nicht plötzlich vor unseren geöffneten Augen ausgebreitet!« fuhr Tryggesen fort. – »Ja, hätten wir Alten in unserer Unwissenheit geahnt, daß man nichts zu tun hat und auch keinen Heller zu besitzen braucht, daß man nur nötig hat, zu Makler Roed zu gehen und seinen Namen unter eine »gute Idee« zu schreiben, und dann den Verdienst einzukassieren und auf gestempelten Aktien stolz in unsere künftige europäische Badeanstalt oder in alle möglichen Zellulosen- und Hermetiks- und Schokolade- und Streichholzfabriken und Seifensiedereien und Töpfereien hineinzureiten, – die jetzt wie Pilze aufschießen und mit dem Namen »zukunfttragend« beehrt werden und die in diesen blühenden Zeiten mindestens zehnmal verkauft und gekauft sind, ehe man noch bis zum Anfang gediehen war.« »Wie Sie sehen, Herr Tryggesen, sind wir hier ein klein wenig weiter als bis zum Anfang gediehen,« bemerkte Faste. – – »Ich hoffe, Sie morgen bei dem Einweihungsfest zu sehen.« »Da tragen Sie sich mit falschen Hoffnungen, – obwohl ich schon Lust hätte, die Reden anzuhören, – und etwas darauf zu erwidern! – Es ist eine schwierige Einfahrt, die wir hier haben, und die Wracks hängen draußen an den Schären und Klippen, – gottlob, sage ich, für den, der einmal auf die Rückkehr des gesunden Menschenverstandes hofft! – und den Teufel auch nichts vom Golf von Neapel oder Venedig! Ich bin selber auch einmal Seemann gewesen!« »Das müssen Sie doch zugestehen,« unterbrach ihn Sölvi mit Entrüstung in ihrem freundlichen Gesicht, »daß eine wunderbar warme heimische Sonne von Anfang an über diesem Unternehmen geleuchtet hat.« »Heimische Sonne? – Mein Kompliment liebenswürdige Frau zu dem von Ihnen erfundenen, schönen Ausdruck. Heimische Sonne! – – Das soll bedeuten, daß die Bürger der Stadt selber alle Aktien besitzen! – Ja natürlich müssen sie die Anstalt lieben und in Ehren halten, Frau Doktor, und wenn sie auch selber in Ermangelung von Eu-ro-pä-ern ins Wasser gehen und baden sollten! – – Sie haben bei mir das Bauwerk bestellt das für die Badeanstalt erforderlich ist, Herr Forland,« – sagte er, indem er an den Hut griff. »Ich werde mir erlauben, ein halb Dutzend Tauenden mit Schlingen daran mitzusenden, vielleicht hat die Direktion eines schönen Tages Verwendung dafür, – Ergebenster Diener –« Er stürzte von dannen. Er hatte ja das Privilegium, eine freie Sprache zu führen, der alte Tryggesen – – Und natürlich kam jetzt die Zeit, wo solche wilde Mohikaner frei umhergingen! – Hier mußte noch ein gehörig breiter Weg zu einem wirklichen Verständnis für die Sache geebnet und gefegt werden; – die Bedeutung für das Wachstum und die Zukunft der Stadt mußte in sie hineingehämmert werden. Und morgen wollte er ihnen zeigen, was eine Großstadt bedeutete, nicht nur in Gestalt von Spiegelscheiben und Häusern und Promenaden für eine elegante Welt und das rollende Geld, sondern in wachsendem Selbstgefühl und dem weitschauenden Blick, der sie immer fester und sicherer das Banner umklammern ließ, das sie den Fahnenträgern der Weltkultur einverleibt – – Sein Auge glitt zerstreut über ein Paar riesenhafte Blumensträuße, die zu der Festtafel des morgenden Tages gebracht wurden, und er war gerade bei dem Punkt angelangt, wo er ihnen ins Bewußtsein hineinbrannte, was es heiße, in den europäischen Verband aufgenommen zu sein, als er dem Makler begegnete. – – »Bin gerade auf dem Wege zu Ihnen, Forland. – Verteufeltes Pech,« – er spie einmal über das andere Blätter von der Zigarre aus, – »gerade am Tage vor dem Fest, wo einem, sozusagen, das Messer an der Kehle sitzt. – – Ich muß gestehen, das erste, was mir durch den Kopf flog, war das Interesse der Badeanstalt. Man ist ja gewissermaßen Patriot, ja – – Nein, nein, nicht die Straße hinauf, wir begegnen nur Menschen, die uns stören!« Er bog ab, und sie gingen nach des Maklers Kontor hinunter. – – »Die Firma Herman Wiik \& Comp. wackelt,« flüsterte der Makler geheimnisvoll. »Das Unglück will, daß in der Hauptstadt eine momentane vorübergehende Geldknappheit herrschen soll. Natürlich haben Wiik \& Comp. wie alle die andern jungen Firmen hier, Anleihen auf die Aktien aufgenommen, in denen sie spekuliert haben, – es handelt sich hier um eine Summe von 11 000 Kronen. – – Das Fatale bei der Sache ist, daß es das zweite Mal ist, daß die Firma versäumt hat, ihre Zinsen zu decken, und nun erhalten sie plötzlich ein Schreiben von der Bank, in dem ihnen mitgeteilt wird, daß die für die Anleihe deponierten Wechsel unweigerlich protestiert und die ganze Summe eingefordert werden soll. Und infolge verschiedener Forderungen auch von anderer Seite und bei der jetzigen Lage der Dinge wird die Firma genötigt sein, ihre Zahlungen einzustellen.« »Aber hier ist doch sicher jemand, der die Papiere, die doch so gut wie Geld sind, kaufen wird,« meinte Faste. »Sie hier ausbieten, – notgedrungen? – während ihnen die Weigerung der Bank noch anhaftet?« – Die blaugrauen Augen des Maklers sahen Faste mit einem gewissen feierlichen Ausdruck an. – »Wenn ich jetzt diese Nachricht von der Firma Herman Wiik ausposaunen wollte, – – ich frage Sie nur, – was für Gesichter würden wir da wohl morgen an der Festtafel zu sehen bekommen? – Was meinen Sie, das die Leute sagen würden, wenn sie hörten, daß die Aktien der Badeanstalt von der Bank angezweifelt werden? – – Nein, nein, wühlen Sie den Grund nicht auf,« schloß er kopfschüttelnd. Faste hatte mit blitzartiger Geschwindigkeit die Situation überschaut. Er starrte den Makler an, der dastand und auf den Nägeln kaute. »Aber die Aktien sind ja Gold, Makler,« – rief er aus, – »Gold!« »Ja, aber nur nicht, wenn wir sie gerade jetzt ausbieten wollten, wo das Geld so knapp sein soll.« »Gut, aber dann in einigen Tagen, – in der nächsten Woche?« »Hm, – in einigen Tagen, – in der nächsten Woche, – das ist nicht morgen.« »Nein, – nein, das ist nicht morgen – –« Faste hatte ein Gefühl, als schwanke ihm der Boden unter den Füßen, – als stünde er mit einem trocknen Festglase in der Hand da. »Man könnte ja das Einweihungsfest aufschieben, bis die kleine Krisis überstanden wäre,« meinte der Makler, indem er ihn scharf fixierte. »Aufschieben!« Faste sah sich im Geiste selber das Festglas wegstellen. Das Fest aufschieben! – – Herman Wiiks Ladenfenster, die morgen früh verriegelt sein würden, standen ihm plötzlich deutlich vor den Augen. – – Nein! – tönte es in ihm, – zurückgehalten, unterdrückt werden mußte dieses – – die Situation mußte gerettet werden! »Nein, ich gebe zu, es würde sich hübsch ausnehmen,« sagte der Makler. »Und Herman Wiiks Bankerott mit dazugehörigem Weinen und Zähneklappern müßten wir darum ja doch bis auf die Neige auskosten.« Sie standen beide da und starrten in die betrübliche Aussicht hinaus. »Das Ganze ist ja eigentlich lächerlich, – eine reine Komödie, – daß das Ganze von einem vorübergehenden Geldmangel abhängen soll!« – rief Faste aus. »Die Krisis kann schon morgen überstanden sein,« ergänzte der Makler. Sie verfielen wieder in ihre Grübeleien. »Aber sagen Sie mir doch,« – rief der Makler plötzlich vertraulich aus, als habe er eine Idee. »Sie haben ja Geld, über das Sie disponieren können, Forland!« »Das Geld, das mir die Badeverwaltung für Lieferungen angewiesen hat? – Unmöglich!« – Faste wies den Gedanken unwillkürlich stutzend zurück. »Für die paar Tage, bis wir die Aktien angebracht haben, – das wäre ein Ausweg,« – meinte der Makler sinnend. »Für ein paar Tage, – für ein paar Tage. – – Aber doch, – zum Teufel auch, – zum Teufel auch,« wiederholte er unschlüssig – – »Und sie könnten mir in einigen Tagen aus der Sache heraushelfen?« grübelte Faste weiter, wahrend er mit kurzen Schritten auf- und niederschlenderte. – – Die Aktien sind ja Gold – »Nein, ich kann nicht einsehen, daß da irgend ein Risiko sein sollte, – sie sind ja Gold –« wiederholte er einmal über das andere. »Ja, das ist ja nur Geld für Geld,« bestätigte der Makler vor sich hin wie in Gedanken, – hoffentlich, schon übermorgen oder doch am Sonnabend geordnet. Eine Art Arrangement ist ja fast eine Notwendigkeit, jetzt, so kurz vor dem Fest. – – Und, wie Sie sagen, ohne jegliches Risiko, – nur eine Proformasache –« »Diesem außerordentlichen Fall gegenüber muß man als Chef handeln und nicht wie eine Laus!« fuhr Faste auf. »Glaubt man an das Unternehmen, dann glaubt man auch an die Aktien! – Man darf den Kopf nicht hängen lassen! – – Dann gehen wir gleich hinein und ordnen die Sache, Makler, und Sie bekommen meinen Scheck!« fügte er resolut hinzu. »Wir bieten die Aktien aus, sobald sie eingelöst und gute Ware sind,« warf der Makler hin. * Ja –, Ja –, es war Vera, die jetzt gegen fünf Uhr den Kirchensteig hinauf und nach Hause ging! Faste überkam ein plötzliches Verlangen, sie zu sehen und mit ihr zu sprechen, – gleichsam in eine kleine Windstille hineinzulaufen, mitten aus all diesen trennenden Mißverständnissen heraus – – – Sie sah sich nicht um, sondern schritt schnell vorwärts. »Du Vera! – Ich wollte, du kämest morgen aus eigenem freien Willen zum Fest.« »Ja, wenn ich freikommen könnte –« »Sonderbar, daß die Frauen niemals die Person von der Sache unterscheiden können, – sie scheren das alles über einen Kamm!« »Ich habe aber wirklich nichts gegen die Badeanstalt, Faste!« »Wie? – Du hast nichts gegen das ganze Unternehmen? – Nimm mir es nicht übel, ich kann dir nur sagen, du setzest mich in Erstaunen. Ich weiß ja, daß du niemals lügst. Aber in diesem Fall, – da muß ich wirklich sagen! – Du mußt ein sehr schlechtes Gedächtnis haben. Oder darf ich mir die Frage erlauben, was dich bekehrt hat? – – Sollte es der Erfolg sein –?« fügte er höhnisch hinzu. »Ich habe in keiner Weise etwas gegen das Unternehmen und habe auch nie etwas dagegen gehabt.« »So, – was denn?« »Das, was ich dagegen gehabt habe, ist, daß du, – du ! dich damit befaßtest. Und ich wundere mich noch heute, – fasse es offen gestanden gar nicht, – daß ein Phantasiekopf wie der deine imstande sein soll, reelle Wirklichkeit zu schaffen und eine praktische Sache zum Ziele zu führen, – obendrein in größerem Maßstab.« »Nein, nein, Vera, du hast niemals begriffen daß Phantasie ein wirkliches Talent ist. Impfe sie einem dieser trocknen Philister von Geschäftsleuten ein, und er wird eine neue Welt entdecken, – wird reich werden! – Und übrigens, du sprichst von zum Ziele führen! – – Es ist noch keine Stunde her, als ich durch einen souveränen Griff – als eigentlicher Chef und inspizierender Geist des Unternehmens dem Makler einen ungeheuren Knoten entwirrte. Ich kann dir nicht sagen, was es war; – jeder der den Verhältnissen weniger gewachsen wäre, oder ein weniger praktischer Mann würde im Sumpf gelegen haben, – – dir würde dann freilich die Unannehmlichkeit erspart sein, morgen an der Festtafel zu sitzen und ein vergnügtes Gesicht zu machen!« »Also, – Faste, – da war etwas, wozu der Makler dich überredet hat?« fragte sie plötzlich ganz ängstlich. »Nein, was ich aus freien Stücken tat. Man muß zuweilen in ein Risiko hinabblicken können, ohne daß einen schwindeln wird.« »So war also doch ein Risiko da?« – fragte sie langsam. »Keine Spur! – So etwas hängt nur davon ab, wie praktisch man steuert – – Schiebe einen Schlitten mit Zittern und Zagen langsam über schwaches Eis und er plumpst hinein. Tue aber dasselbe schnell, resolut, und du bist hinüber, ohne den Riß auch nur bemerkt zu haben.« »Und so hast du deinen Schlitten heute gelenkt. Faste –?« »Ich glaube obendrein, der Makler war voller Bewunderung, du! – Er ist ja nur an steifbeinige Paradepferde von Geschäftsleuten gewöhnt, und dann auf einmal mit Hinzunehmen von ein klein wenig Phantasie ist der Knoten gelöst!« »Es durchzuckt mich jedesmal, wenn du den Makler nennst!« – rief sie aus. »Ich glaube, es ist bei dir zur fixen Idee geworden, geradezu ein Wahnsinn, diese Angst vor dem Menschen, Vera!« »Ich sage dir, Faste, ich nehme morgen nicht aus freien Stücken an dem Festmahl teil. Ich kenne dich zu gut, – da ist irgend etwas – – du wärest sonst nicht die Straße hinaufgeeilt, um mit mir zu schwatzen – –« Zehntes Kapitel Faste saß daheim auf seinem Mansardenstübchen, halb in den Stuhl zurückgelehnt, die Faust tief im Haar begraben. Wenn er sich rührte, wurden die Ränder der beschriebenen Bogen auf dem Tisch unter seinen Ellenbogen zerknittert; aber die Feder lag trocken neben dem Tintenfaß. Wieder und wieder sah er nach der Uhr. – – Wie so verdammt langsam und träge die Minuten an so einem leeren Vormittag kriechen können! Nur noch ein Glück, daß sie nicht rückwärts gehen! – – Hier sitz' ich wie ein Gefangener – – Mutter muß glauben, daß ich ganz auf mein Schauspiel versessen bin, da ich alles da unten im Stich lassen und mich hierher setzen kann, um an dem »Geizhals« zu schreiben – Er zog das Tintenfaß zu sich heran, blieb aber sitzen und starrte und grübelte, während er von Zeit zu Zeit die Uhr aufzog – – Endlich! – nun wird es wohl spät genug sein, um seinen liebenswürdigen Geschäftsverbindungen aus dem Wege zu gehen. – – Auf dem Wege hinab nickte er in flüchtiger Eile einigen Herren von den jüngeren Firmen der Stadt zu, die darauf versessen schienen in der Nähe des Posthauses umher zu wandern und zu schlendern, – wohl um die neuesten Nachrichten über die Zeiten zu ergattern – – – – »Nun?« rief Faste nervös aus, als der Makler in sein Privatkontor trat, wo er auf ihn gewartet hatte. »Verlangen Sie vielleicht von mir, daß ich Geld machen soll?« fragte der Makler bissig. »Auch heute nichts!« Es entstand eine unheimlich drückende Pause. Der Makler fühlte wie Fastes Augen ihn gleichsam durchforschten und spähten: »Unmöglich, Aktien irgend welcher Art zu verkaufen, – wenigstens vorläufig –« versicherte er. »Vorläufig, – vorläufig,« entgegnete Faste mit heiserer Stimme. »Die ganze Welt hat wohl aufgehört, sich zu drehen, – ist stehen geblieben wie eine Uhr! – –« »Machen Sie doch kein Gesicht, als ob Sie Gespenster hinter mir sähen,« rief der Makler aus. »Vorläufig! – – Ja, das kenne ich. Es sind jetzt vierzehn Tage, seit ich Ihnen in Angst und Qual die Tür eingelaufen und Tag und Nacht keinen andern Gedanken gehabt habe als Makler Roed und die elf Tausend. Sie haben in meinem Kopf herumgetanzt, – ich glaube, ich werde verrückt!« »Ich gebe zu, daß ich damals ein unglücklicher Wetterprophet war. Kein Mensch hatte eine Ahnung von dieser plötzlichen Obstruktion des Geldmarktes, – eine Stockung auf der ganzen Linie, über die ganze Geschäftswelt! Und man kann nicht erwarten, daß so ein zufälliger augenblicklicher Geldmangel sich auf den Tag kommandieren läßt. Alle sind momentan in Verlegenheit. – – Wir müssen vernünftig sein, Forland und dürfen nicht verlangen, daß wir selber ganz allein eine Ausnahme bilden sollen. – –« »Ganz schön, – alles ganz schön, – für alle andern,« brauste Faste auf. »Aber ich muß Geld haben! – wenn ich nicht als derjenige dastehen soll, der die Kasse des Badeunternehmens ihres Inhalts beraubt und das Geld zu andern Zwecken gebraucht hat, als wofür es bewilligt war. – Daß auch alle andern keine Aktien verkaufen können! – Nun ja, dann müssen sie es bleiben lassen, – das ist wenigstens eine ehrliche Sache. Aber ich! – – Bekomme ich die elf Tausend nicht, so –« »Heute haben wir schon Freitag,« berechnete der Makler, »und am Montag oder Dienstag – –« »Ja natürlich, Montag oder Dienstag,« wiederholte Faste tonlos. »Sie nehmen es so ernsthaft, Forland. Wenn die Wolke vorübergezogen ist, scheint die Sonne wieder, und dann sind alle Gesichter wieder heiter,« meinte der Makler. »Ihr Gesicht! – – Ich hätte wohl Lust –« Faste schlug die Tür geräuschlos hinter sich zu. Er ging wie jemand, der von Geschäften in Anspruch genommen war und sich ungern von irgend jemand, dem er begegnen könnte, zurückhalten ließ. – – – – Geld muß ich haben. Jedenfalls die fünfhundertfünfundsiebenzig Kronen, die gestern von dem Rechnungsführer verlangt wurden, – zum Glück so spät, daß man sich damit entschuldigen konnte, daß die Bankzeit vorüber sei. – Geld haben muß ich – – Seine Gedanken wanderten von einer Kontortreppe zur andern, während er sich selber unwillkürlich aus der Geschäftsgegend entfernte. – – – Er war bei John Berg – hörte seine eigene Stimme mit großer Feierlichkeit fragen, ob er ihm nicht zufällig auf vier, fünf – nein, auf drei, vier – hm, nein, – auf drei Tage nur, mit zwei- bis dreitausend Kronen aushelfen könne – – Nein, – mit zwei, – zweitausend – – Oder nur fünfzehnhundert, – er sei gerade in diesen Tagen in einer ganz schweinemäßigen Geldverlegenheit. – Oder auch tausend, – er würde gern eine Aktie dafür deponieren – – Nein, nein, es ging natürlich nicht an, Aktien zu deponieren. – Und weswegen sollte er in Verlegenheit sein? – Berg mußte ja wissen, wenn jemand Geld in der Kasse haben mußte, daß er es sei. Berg war selber in der Direktion, die das Geld bewilligt hatte. – – Zu dem jungen Böckmann? – schweiften seine Gedanken weiter – – Sag einmal, Johan, kannst du mir bis morgen oder so mit zweitausend aushelfen, – prompte Rückzahlung, du! Ich wende mich an einen alten Kameraden aus früheren Zeiten. Du bist der einzige von der Sorte, – die andern sind ja etwas neueren Datums, weißt du. – –Ich will dir gerne eingestehen, daß ich über einige Auszahlungen ein wenig dumm disponiert habe, – augenblicklich in Verlegenheit bin – – helfe mir übrigens am Ende auch mit zwölf – fünfzehnhundert durch, du – Zu dumm, daß ich gerade jetzt nicht imstande bin, – so eine lumpige kleine Summe! – Scharre nämlich alles bare Geld, was ich habe, zu einem Wechsel zusammen, der Montag fällig ist. – – Aber du brauchst ja nur auf deinen Onkel Joel zu ziehen, Faste. Ich weiß wohl, daß der Alte dich auslachen wird; aber – nicht alle sind so glücklich über einen reichen Onkel zu verfügen – – Ja, allerdings, – wenn der jetzt hier gewesen wäre? – – Ich glaube, ich wäre ihm geradeswegs auf die Bude gerückt, – – hätte darauf hingewiesen, was wir aus der Stadt gemacht haben und ganz einfach verlangt, daß er mit dem Geld herausrücken, – mir die Aktien abkaufen müsse – – Zu Johannis, ja, – das nützt mir aber nicht! – – – Aber wunderbar muß ihm doch all das Neue vorkommen, – wie ein ganzes Märchen – – Oder, – Faste blieb stehen, – sich ein Herz fassen und direkt nach Wold zu Waggesen hinausfahren! – wir sind in letzter Zeit so gute Freunde geworden, – die Dummheit offen eingestehen und ihn ehrlich und ohne Umschweif um elf Tausend auf die Aktien hin bitten! – Das wäre, weiß Gott eine Idee, die mir gefallen könnte. – Mir jedenfalls die Hälfte vorschießen, – die sechstausend – – Und dann mit einem Schlage in der Hand dieses Mannes sein! Das hieße die ganze Festung übergeben. Bei Doktors anklopfen, – pfui nein! – – Ihre kleine Sparbüchse leeren. – – Mag es auch so sicher sein wie Gold – so ist es schweinemäßig – abscheulich. Dieser verdammte Makler! – – Er bog resolut in die Lindenallee ein, die nach dem Hospitalgarten führte, wo Doktor Falkenberg wohnte. Die Schritte wurden nach und nach langsamer, und von Zeit zu Zeit blieb er stehen und ratschlagte mit seiner Uhr – – Mitten in der Sprechstunde, – das paßte schlecht, – lieber ein klein wenig später – – er wollte sich so lange in der Allee aufhalten – – Plötzlich griff er dann schnell wieder nach der Uhr, ohne sie jedoch anzusehen. – – »Ich muß mich mit Davids rauhen Herzen aus seiner Räuberzeit wappnen,« murmelte er. »Wenn jemand keine Zeit hat, so bin ichs doch wohl!« Auf der inneren Treppe vor der Entreetür des Doktors blieb er stehen. Es war ihm, als habe er Blei in den Füßen, – ein ekelhaftes Gefühl von Mattigkeit – – Hier an derselben Stelle am Geländer stand er auch am Sonnabend, als Sölvi herauskam, und er plötzlich anfing über das Kind zu reden, und daß sie es in die neue Doktorwohnung schaffen wollten. Nein, nein, man mußte drauflos gehen. Es nützte nicht, noch länger umherzulaufen, – ohne Geld – Er schellte männlich entschlossen, – und noch einmal – Sölvi öffnete die Entreetür mit einem gewissen Schrecken – »Habe Eile, du! Muß mit deinem Mann sprechen, – und mit dir auch,« – sagte er mit unbefangener Stimme, während Sölvi vor ihm her in das Sprechzimmer des Doktors ging. »Bist du in der Lage, Schwager Doktor, daß du mir fünf-, sechshundert Kronen auf einige Tage leihen kannst, – prompte Rückzahlung!« sagte er sehr laut und hastig. – – »Muß das Geld gleich heute haben, weißt du. Hätte ich Zeit, so wäre es eine Kleinigkeit! – Eine Maurerrechnung, die zu früh zur Ausbezahlung angewiesen ist. – Und du verstehst wohl, daß in meiner Stellung eins nicht angeht, nämlich Hinz und Kunz die Türen einzulaufen und Geld zu leihen. Ich muß immer alle Hände voll davon haben – auf dem Fleck auszahlen können!« Der Doktor schob die Brille auf die Stirn und wieder herunter. Jetzt fing er an, sie zu putzen, während sein kluges, ruhiges Gesicht gleichsam unter der Unentschlossenheit litt. »Du weißt ja, daß alles, was ich mir als Junggeselle zurückgelegt hatte, mit draufgegangen ist. Es war ja eigentlich meine Absicht, uns ein Ameublement und eine übrige Aussteuer anzuschaffen, die passender war als meine alte. Aber das Bedenken, daß es wohl praktisch sein möge, bei der Badeanstalt ein Wort mitreden zu können, war überwiegend, und so ging denn alles, was ich hatte, bei dem Kauf der beiden Aktien mit drauf, von denen im Grunde die eine zu viel war. Und seither haben wir, Sölvi und ich, uns denn aufs Sparen gelegt, damit wir doch einigermaßen anständig ausgestattet in die neue Doktorwohnung ziehen könnten.« »Prompte – ganz prompte Rückzahlung, Schwager!« erklärte Faste. »Und du mußt das Geld haben?« Der Doktor wechselte einen Blick mit seiner Frau. »Absolut notwendig, – auf einige Tage.« »Der schwierige Punkt,« sagte der Doktor ein wenig kleinmütig, – »es ist nur, daß die Möbel gleich, wenn sie kommen, bezahlt werden sollen. Deswegen müßte ich das Geld vor Ablauf von vierzehn Tagen ganz bestimmt wieder haben.« »Ach nein, nein – rede doch nicht, als wenn ich euch um ein wirkliches Darlehen bäte,« – rief Faste aus. »Ihr habt das Geld schon in der nächsten Woche wieder.« Er empfand ihre beiderseitige Niedergeschlagenheit hinter dem guten Willen. »Ich wollte dir nur unsere Verhältnisse erklären, – wie es um uns steht,« erklärte der Doktor, – »Dann brauchst du dich ja auch nicht unnötig zu beeilen. Im übrigen gibt es für Sölvi und mich kein größeres Vergnügen als dir in einer augenblicklichen Verlegenheit mit unserm Scherflein aushelfen zu können –« Er zog die Pultschublade heraus und fing an, Geld aus einem Taschenbuch aufzuzählen, das Sölvi nach und nach ordnete und in Haufen zu je hundert Kronen zusammenlegte. – »Entschuldige all dies kleine Geld, – es ist, wie du siehst, für Rezepte und dergleichen, was konstant bezahlt wird, zusammengeschrabt. – – Fünfhundert hatten wir ja, Sölvi, – und da ist das sechste, – ja, soweit – – fünfzehn Kronen bleiben dann noch übrig.« »Ihr müßt es euch nicht zu sehr zu Herzen nehmen, daß euer Reichtum auf einige Tage in andere Hände übergeht,« scherzte Faste. »Ja, es ist nun freilich nicht dasselbe, ob wir unser kleines Kapital gemütlich in dem Pultschubfach liegen haben oder ob es in anderer Leute Taschen herumrollt,« bemerkte Sölvi. »Aber gegönnt ist es dir. Faste.« Faste hatte auf der Zunge zu antworten: Ich griff ebenso gern in glühende Kohlen hinein, aber er besann sich und sammelte das Geld zusammen. »Geht es dem Jungen gut? Aber jetzt muß ich schnell wieder ins Geschäft. – – – Aber vielen Dank euch beiden,« rief er ihnen noch in der Tür zu. – – Faste hatte eine Empfindung, als werde er auf der einen Seite gebraten, während er sich doch auf der andern erleichtert fühlte. Es war doch wenigstens für den Augenblick ein kleiner Waffenstillstand. Und wie er so die Allee hinabging und sich aufrichtete und zu den Baumkronen hinaufsah und tief aufatmete, konnte er nicht leugnen, daß die Lage der Dinge ihm in der letzten Zeit ein wenig über den Kopf gewachsen war. Er war nun seit vierzehn Tagen wie ein ruheloses Rad umhergerast! – Er grüßte Konsul Morland, der seinen Morgenritt auf seinem englischen Pferd machte, und sah Mörchs Küchenwagen den Querweg heraufkommen. Er hielt an und setzte eine Dame ab, die sich als Fräulein Laura Groth entpuppte. »Ich sah Sie droben, Herr Forland, und mußte absteigen, um Sie zu begrüßen. – – Ich gäbe übrigens etwas darum, wenn ich wüßte, worüber Sie brüten, während Sie die Allee einsam hinabwandern. Sie machten auf mich den wunderlichen Eindruck des Einsamen, der niemand seine Pläne anvertraut!« Es klang ein wenig hochtrabend, und Faste lächelte. Ja, sie sollte nur wissen, daß er über nüchternen fünfhundertundsiebenzig Kronen gebrütet hatte! – – »Ich habe Sie ja seit jenem festlichen Tage im Badehotel nicht wiedergesehen und Ihnen auch noch gar nicht für die Rede gedankt,« – fuhr Laura überströmend fort, – »es liegt davon noch gleichsam ein festlicher Schimmer über der Stadt. Ich habe während der ganzen Zeit den stolz erhobenen eigenartigen Kopf mit den brennenden Augen und dem gewaltigen Ausdruck gesehen. Sie erschienen mir wie der starke Führer, dessen Fackel zündet und leuchtet. Ich vergesse nicht die Gesichter an der langen, blumengeschmückten Tafel. Sie strahlten, als schauten sie in einem Rausch in die künftige Großstadt hinein, an deren Bau, wie Sie mit so ergreifender Wahrheit sagten, jeder einzelne beteiligt gewesen war. – – Ich sah mehr als einen, der vor Tränen die Hurrahrufe nicht herauszubringen vermochte! – –« Faste dachte daran, wie er Bera angestarrt hatte, die bleich mit niedergeschlagenen Augen dagesessen hatte, sich aber, das Glas in der Hand, mit den andern erhob. »Und alle die schönen Worte, die dann noch gesagt wurden! – Es war, als wenn die Steine an jenem Tage Zungen erhalten hätten. – – Und als Sie dann das Glas erhoben und auf das Wohl des alten, dicken Waggesen tranken, – der nur einmal in seinem Leben eine Rede gehalten und dann nur die für den ganzen Badeorte so bedeutungsvollen Worte: »Ich bin mit dabei!« gesagt habe, – da kam die Fröhlichkeit erst zum Ausbruch und Waggesen stand da und schlug die Fäuste zusammen wie ein aufrechtstehender Seehund, während alle ihn umringten und mit ihm anstießen – – – Den Gipfelpunkt aber bildete doch Konsul Klüvers herrliche Rede auf den genialen Architekten der Stadt, dessen schöpferischer Geist alle Zimmerleute vereint und dem ganzen Werk Leben eingeblasen habe! – Und als dann der Gesangverein einfiel, so daß es durch den Saal brauste und man Sie darauf porte chaise durch den Saal trug, da ward mir ganz schwindelig. – – Ich bin nicht an so große Momente gewöhnt außer in der Komödie. – Für mich bleibt das eine Erinnerung fürs Leben,« – rief sie plötzlich mit tränenerstickter Stimme aus. – – »Ich kann nichts dafür, daß ich mein Herz habe ausschütten müssen, – ich habe ein Gefühl, als hätte ich gewissermaßen meinen Anteil an Ihnen.« »Auf die Weise, Laura Groth! – hilft man eine Sache fördern. Es gehört Humor und Glaube und auch ein wenig Größe dazu – wenn man nicht in jeden Graben des Zweifels hineinplumpsen soll – – Aber auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!« – brach er ab. – Ein wenig Attitüde, – aber echtes Erz im Gefühl, – sagte er zu sich – – Nicht Beras glassichere Unmöglichkeit – – – Wenn sie mich diese vierzehn Tage unablässig hätte herumlaufen sehen wie ein Eichhörnchen in einem Treppenbauer! – – Er nahm den Weg über die Brücken. Es war eine eigene Sache, zu früh aufs Kontor zu kommen und vielleicht neue Forderungen vorzufinden. Am Brückenpfahl lag ein Lustboot, mit halb gehißten Segeln, das aber noch vertäut war. Konsul Risting wollte seine gewohnte Frühlingsfahrt antreten und Alken schießen; er saß da und packte und verstaute allerlei Sachen in die Bootsräume. Es durchzuckte Faste, daß sich ihm hier eine Möglichkeit bieten könne – – Risting war reich genug – – »Wollen Sie Alken schießen, Herr Konsul!« begrüßte er ihn. »Ja, ehe man zu alt wird; man weiß ja nicht, wie viele Frühlinge man noch –« »Hätte verdammte Lust, es Ihnen nachzumachen, – und mich auf den Lootschenschären umzusehen, ob sich die zu Ausflügen für die Badegäste eignen könnten –« »Ja, kommen Sie doch mit, Forland! – Hier ist Schinken und Konserven und Bier und Kaffee und Portwein im Überfluß – – Mamsel Haaböl hat mich proviantiert, als sollte die Reise nach Holland gehen.« »Wer nur Zeit hätte, Herr Konsul! – – Muß leider heute Nachmittag zum Makler und sehen, daß ich zehn oder elf von den Badeaktien los werde.« »Schade! Mir fehlt gerade ein Gefährte, da Torgersen sich weigert und sich mit Gicht entschuldigt. – Ja, ja, – so geht es. –« Der Konsul fing wieder an, kleine Päckchen unter der Ruderbank unterzubringen. »Ich hätte auch gern einmal mit Ihnen gesprochen, Herr Konsul, und Ihre Ansicht gehört, – es handelt sich um etwas, wozu ich die Direktion überreden möchte. Was sagen Sie zu der Idee, daß die Direktion eine von den alten hölzernen Schuten kaufte, die wir hier im Hafen liegen haben, und sie als Badeschiff einrichtete? – sie frisch angestrichen und aufgeputzt in der Bucht verankerte mit Badezellen und Räumen unter Deck und Treppen in die See hinab, mit Zelten an Deck und im übrigen elegant mit Flaggen und Wimpeln geschmückt – das würde ganz originell sein – –« »Sie meinen, man sollte ein Schiff kaufen, – wie zum Beispiel meinen alten Schwan?« biß Risting plötzlich an. »Hm ja, – zum Beispiel den alten Schwan; – man hat ja die Wahl. – – Ich habe schon lange daran gedacht – –« Faste stand da und wunderte sich selbst darüber, was er jetzt für seine Zwecke erfand und ausmalte – »Und Aquavit, der die Linie passiert hat, und kaltes Roastbeef, – was sagen Sie dazu, Forland? Das herrlichste Wetter von der Welt, – – in den Schären schießen, heute Abend in Holmoigen bei Madame Tönder in den Hafen laufen und Punsch brauen.« »Ja, – wer nur Zeit hätte, – aber ich muß die Sache mit den elf Aktien ordnen.« »Hm, hören Sie einmal! – Die elf Aktien, die nehme ich zum Tageskurs. Darauf sollen Sie gleich hier meine Unterschrift haben, – freilich nur mit Bleistift,« – entgegnete er mit Selbstgefühl. »Sehen Sie, – ich schreibe hier auf der Bank. Wollen Sie mir Ihr: ›Stehe für weitere Sicherheit ein. Faste Forland!‹ darunter setzen.« »Ich will schnell aufs Kontor laufen und mir meinen Überrock holen, ich bin im Moment zurück, Herr Konsul – –« »Brillantes Frühlingswetter!« rief er, indem er die Straße hinauf eilte. – – »Dachte weit eher daran, aus Kassenmangel auf die See zu flüchten – als heute zwischen den Schären zu liegen und auf Alken zu schießen. – – Der Zufall kann ganz wunderbar spielen!« Elftes Kapitel Es ging wie ein Verstummen über die Stadt an diesem Morgen, – wie ein lähmendes Schweigen mitten in all dem geschäftigen Frühlingsverkehr. Es war nicht wahr, – konnte unmöglich wahr sein, – selbst der alte, steinreiche, solide Waggesen auf Wold hatte seine Zahlungen eingestellt! – – Es herrschte eine Stille, in der jeder am liebsten nach Hause ging, um mit sich selber Abrechnung zu halten, ehe man anfing mitzureden oder dem Geschwätz zu lauschen. Es war genau so wie an jenem Morgen, als das Gerücht auftauchte, daß Mörchs Dreimaster »Regina« in der Nacht dicht vor den Schären mit Mann und Maus untergegangen sei. – Man mußte ja glauben, daß so etwas unmöglich wäre. – Der alte, sichere, steinreiche Waggesen – seine Zahlungen eingestellt? – Unsinn! – – Als Faste am Vormittag aus dem Kontor kam, fingen die Leute an, sich zu zweien und dreien in Gruppen zusammenzufinden, – eigentümlich still mit düsteren, zergrübelten Gesichtern. Auf der Rathaustreppe gingen die Gerichtspersonen auf und nieder und redeten eifrig miteinander. – – Und da stand John Berg und spie Kautabak von sich und bezweifelte aufs höchste die Tatsache! – – Nach den Weissagungen sollten doch einige Zeichen an der Sonne und am Mond vorausgehen, ehe die Welt zusammenstürzt. – – Hie und da lugte ein Frauengesicht zum Fenster hinaus und spähte die Straße hinab. – – Die Aufmerksamkeit steigerte sich, als der Gerichtsvollzieher mit Disponent Ek die Straße entlang gefahren kam. – – Ja, sie wollten nach Wold! – – Und jetzt kam jemand, und erzählte, der Amtsrichter sei schon da draußen und nähme Protokoll auf. Der Inkassator Ulriksen wollte in fliegender Fahrt vorüber. Er hielt das Pferd ein ganz klein wenig an, als er Faste gewahrte, den die Sache ja gewissermaßen anging; knallte aber gleich wieder mit der Peitsche, – sah sich nur noch ein paarmal um. Hinter ihm drein fuhr Rechtsanwalt Messelt in scharfem Trab auf die Landstraße zu. Es lag etwas ansteckend Bedrückendes in der Luft, – ein Gefühl, als habe ein Erdrutsch oder dergleichen stattgefunden. Der alte Klüver räusperte sich und blieb vor Faste stehen, während der Zollinspektor sich zögernd näherte. – – »Ein furchtbarer Stoß! Ein furchtbarer Stoß!« rief Klüver mit dunkelrotem Kopf aus. »Ich bin noch ganz verwirrt und kann noch keinen Gedanken wieder fassen. – – Alle Arbeiten in Waggesens Villen an der ganzen Bucht entlang sind niedergelegt, – das wird eine förmliche Wand vor dem Badeort.« »Glücklicherweise im ersten Jahr, Herr Konsul!« antwortete Faste unerschrocken. Er empfand die Notwendigkeit, der öffentlichen Meinung einige Sätze einzuprägen. – »Man kann ja nicht darauf rechnen, gleich sofort mehr als das Hotel selber und die kleinen Häuser am Strande zu vermieten.« »Aber wenn nun alle Aktien Waggesens auf einmal auf den Markt geschleudert werden?« fragte der Zollinspektor nervös. »Pah, – in einigen Monaten fangen die Gäste an zu kommen, und da wirft sicher niemand sein gutes Geld ins Meer!« – sagte Faste überlegen. »Nicht wahr, Konsul Klüver, wenn man die Kuh den ganzen Winter gefüttert hat, gibt man sie nicht auf, wenn das Gras kommt.« »Sie, – Sie, – Sie, Mirakelmacher!« – Klüver stach, offenbar erleichtert, mit dem Stock nach ihm. »Ja, aber wer garantiert!« fuhr der Zollinspektor fort. »Ich denke, Waggesens Konkursmasse wird jetzt, wo wir eben daran sind, die Sahne abzunehmen, einen guten Überschuß aus den Aktien erzielen. – – Die Leute sind doch nicht verrückt!« fügte Faste mit Nachdruck hinzu, als sich Lüders und der junge Böckmann zu der Gruppe gesellten. »Es berührt weder die Zellulose noch die Konserven,« fiel ihm Böckmann in die Rede, – »in keiner Weise – – der Makler nannte es einen Bauernbankrott, der die Geschäftswelt eigentlich gar nichts angehe – –« – – Als Faste die Straße hinabging, glaubte er oben von der Ecke her Tryggesen die Worte »Schwindler – Schwindler« mit seiner belegten, heiseren Stimme hinter ihm drein rufen zu hören. Er eilte weiter. Die Verhandlungen schienen sich mehr und mehr auf die Gegend zwischen dem Posthause und der Zollbude konzentriert zu haben. »Unglaublich, – unglaublich!« hieß es dort. Weiter war man noch nicht gekommen. – – »Schwindel – – Schwindel – –« klang es Faste in den Ohren, als er den Weg nach Hause einschlug, – er war nicht imstande, heute noch aufs Kontor zu gehen. »Schwindel!« wiederholte er plötzlich ganz empört: Der Kerl meint wohl, wenn ich tausend Kronen oder zehntausend Kronen oder hunderttausend gewinnen könnte, – oder vielleicht auch nur zwei Prozent, wie sie sagen, – so würde ich mit Vergnügen alle diese Steuerleute und Bootsleute und die kleinen Leute mit ihren Familien, die Viertel- oder Achtelaktien genommen oder zusammen eine ganze gekauft haben, – in Not und Elend stürzen. Ich könnte ruhigen Blutes zusehen, wie sie geröstet und gefoltert würden, wenn ich nur fünfzig Kronen dabei gewönne! Ja, so denken sie. – – Eigentlich so recht ein Kapitel für das Buch des Mammons, das ich in den »Geizhals« einfügen sollte. – – Geradezu zwei verschiedene Auffassungen, zwei Arten von Seelen. – – Der eine wäre nicht fähig, so etwas für Millionen und Abermilllonen auf sich zu laden, der andere läßt die ganze Welt mit voller Besatzung für zwei Prozent auf den Grund laufen. – – Und dann sage noch jemand, daß der Mammon kein Gott ist! – – in dem ewigen Kampf zwischen Geist und dem Elementaren. – Faste öffnete, wie das seine Gewohnheit war, die Wohnstubentür, um die Mutter zu begrüßen, ehe er sich nach oben auf sein Mansardenstübchen begab. Er stutzte, als er Sölvi schon bei der Mutter und Agnete sah. – – Es durchschauerte ihn, – ein Bild aus früheren Zeiten tauchte vor seiner Seele auf. – – Sölvi still, mit strammer Miene, – Agnete resigniert zu der Decke emporstarrend, als schnappe sie nach Luft, und die Mutter mit Fieber in den großen Augen, ganz gebeugt vor Kummer. – – Anstatt mit der Nachricht von Waggesens Bankrott herauszuplatzen, schwenkte er plötzlich ab. – – »Es wundert mich, daß ihr Ditlev in seine alte Manie zurückfallen und ihn sich so närrisch herausputzen laßt,« sagte er. »Da geht er mit einer Feder am Hut und blast auf einer Binsenflöte die ganze Wiese am Bach entlang. Er scheint die Absicht zu haben, den ganzen Pöbel um sich zu versammeln.« »Ach mein, Junge, man kann nicht wissen, was er vor hat,« meinte Frau Forland. »Es soll mich nicht wundern, wenn er da dem Star, der gekommen ist, ein Konzert gibt – –« »Nun, – und Waggesen? – – Ich sehe, ihr habt schon gehört –« »Ja, Sölvi kam mit der Nachricht, du, – die Folgen kann wohl noch niemand überschauen,« sagte Frau Forland, indem sie ihn ängstlich ansah. »Erwachsen dir dadurch Schwierigkeiten, Faste? – Und der Badeort?« forschte Agnete. – »Du bist also unruhig?« »Ja, Mutter, – dies kam ja freilich so überraschend, als wenn der Mond vom Himmel gefallen wäre. Aber man darf den Kopf nicht verlieren! – Sie sind imstande, eine förmliche Panik in der Stadt zu verbreiten. – – Sie stehen auf den Straßen und schwatzen und kauen Tabak und speien und kommen schließlich zu der Überzeugung, daß die ganze Norwegische Bank in die Luft gesprengt ist, – – Waggesen hat seine Zahlungen eingestellt, das ist die einfache, nüchterne und höchst bedauerliche Tatsache!« »Ja, Faste! – Ich kann dir freilich mehr erzählen,« sagte Sölvi voller Empörung. »Falkenberg kam heute früh um drei Uhr aus Wold zurück und hat mir das Ganze erzählt. Der Mann hat sich das Leben genommen!« »Was sagst du, – was sagst –« Faste stand wie vom Schrecken gelähmt da und starrte vor sich hin. – – Waggesens Gestalt stieg plötzlich vor ihm auf, immer deutlicher und deutlicher, wie er so da gestanden und gesagt hatte: Ich bin mit dabei! – Ich bin mit dabei! »Das brauche ich mir doch wohl nicht zur Last zu legen, Mutter!« schrie er beinahe; – er warf sich auf das Sofa und sprang wieder auf. »Aber Faste! Faste!« jammerte Agnete und lief hinter ihm drein durchs Zimmer. – – »Wir tasten alle im Blinden,« sagte Frau Forland leise. – – »Du hättest Waggesen sicher nicht in seinem unglückseligen Jagen nach Geld aufhalten können.« »Nein, – aber, –« entgegnete Faste verzweifelt. – – »Ach, ich bin verrückt!« sprang er auf. »Das Badeunternehmen würde ich getrost heute noch einmal angefangen haben, wenn dies nicht geschehen wäre!« »Lieber Faste, – du siehst so viel weiter, als meine Brille und auch die Verstandesferngläser anderer reichen,« beruhigte Frau Forland. »Wenn du selber nur deiner Sache sicher bist – –« »Aber es nützt wirklich nicht, die Sache nur vom idyllischen Standpunkt aufzufassen, Mutter,« sagte Sölvi. »Solange der grundfeste Waggesen als Besitzer des Hauptanteils der Aktien dastand, meinten die Leute, es könne kein Risiko sein. – – Falkenberg und ich haben ja den ganzen Morgen hierüber gesprochen. Und wäre nur die Doktorwohnung nicht mehr so weit zurückgewesen, so würden wir sofort eingezogen sein, – die meisten Möbel haben wir ja schon. – – Das würde gleichsam in aller Stille dein und unser unerschütterliches Zutrauen zu der Sache gezeigt haben – –« »Ja, du, jetzt wollen wir ordentlich Klemm hinter die Sache setzen,« ging Faste eifrig auf den Gedanken ein. – – »Und ich denke, wenn sie in ein paar Monaten leibhaftige Badegäste vor Augen haben, so wird das am besten für die Sache sprechen.« Zwölftes Kapitel Faste hatte schon eine ganze Zeit schweigend und finster im Wohnzimmer gesessen. »Mir ist zumute, als sollte mir ein Mühlstein um den Hals gebunden und ich damit auf den Grund des Meeres hinabgezogen werden!« rief er aus, indem er hastig aufsprang und anfing, im Zimmer auf und nieder zu gehen; von Zeit zu Zeit blieb er stehen und starrte zum Fenster hinaus. »Großer Gott, wie du redest, Faste, – – was ist denn nun wieder los – etwas Neues?« »Diese verdammte Mole, die verschlingt Geld in die Unendlichkeit–!« erwiderte er. »Auch von der Seite Schwierigkeiten?« fragte Frau Forland bekümmert. »Nur Schlamm und loser Sand überall, wo wir die Steine hinabsenken, – noch nirgends fester Grund! – Die Mole hat schon dreimal soviel verschlungen, wie berechnet war. Ich habe mich da natürlich auf den Hafenmeister und die Leute verlassen, die Ortskenntnis hatten und für die Ausbaggerung verantwortlich waren. – Ich konnte doch nicht selber als Taucher hinabsteigen und den Grund untersuchen –« »Du mußt dich nicht darüber aufregen. Faste, du weißt ja, wenn es am allerschlimmsten aussieht, findest du immer irgend etwas,« tröstete Frau Forland. »Finden, – finden! – Geld, Geld du,« – rief er aus, – »wo soll ich das finden?« »Armer Junge, du hast eine schwere Last zu tragen,« seufzte die Mutter. »Die einzige Rettung ist eine erweiterte Aktienzeichnung. – – Man muß sich über die Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten des Augenblicks hinwegsetzen. – John Berg ist mit seiner Zellulose zum Teufel gegangen, Herman Wiik ist fertig, und die Brauselimonade und die Konservenfabrik stehen still. – Natürlich alles Überspekulation. Kein Grund sich in einer Zeit, wo das Geld knapp ist, darüber aufzuregen. – – Und dann sitzen da Männer wie Wulff, – Klüver – Lüders – Breder – – die sollten doch genug Weitsichtigkeit haben, um die Mittel vorzuschießen, daß das Bad nicht allzu unfertig dasteht, wenn die Saison beginnt, und sie Geld einnehmen können, statt es auszugeben. – – Man muß bei den Herren anklopfen, sie sind ja selber Aktionäre und können doch nicht ganz von Sinn und Verstand sein – – – Kenne den Bettelgang aus früheren Zeiten – – Kann ja nur zu den Gewohnheiten meiner Jugend zurückgreifen – –« Frau Forland sah ihn unglücklich an. Sie hatte zusammengesunken dagesessen und war seinen Gedanken gefolgt. »Ja freilich, Mutter, hier ist mehr als ein Ausweg!« rief Faste plötzlich mit Überzeugung aus. – »Jetzt gehe ich in die Stadt hinab und rede mit den Matadoren, – wie Kossuth mit den Magyaren, – bis das Geld aus der Kasse springt! Sie sollen einen vorläufigen kleinen Garantieverein für die laufenden Ausgaben bilden – –« Im nächsten Augenblick war er zur Haustür hinaus und wanderte bergab, ein Lächeln des Selbstgefühls um die Lippen und brennenden Trotz in den Augen. Er ging geradeswegs zu Konsul Lüders hinab. – Sonderbar, Mina zog schnell den Kopf zum Fenster hinein, als sie ihn herankommen sah. »Selbstverständlich in Angelegenheit des Bades, Herr Konsul,« ging er frisch drauflos, als er ins Kontor trat. »Ja, es sind entsetzliche Zeiten,« unterbrach ihn der Konsul. »Ich meine nur, man muß über die momentane Verlegenheit hinwegkommen, bis die Saison eröffnet ist und wir Einnahmen haben, damit der Badeort sich nicht ganz splitternackend und unfertig präsentiert.« »Ja, Sie haben sicher Recht. Da ist vieles, was man gern geschehen wünschte – und auch ungeschehen, Forland! Wenn in diesen schweren Zeiten die Sache durch ein enges Sieb gesiebt wird. – – Hier ist fast kein Geld aufzutreiben, –« schüttelte der Konsul den Kopf. »Aber den Aktieninhabern kann doch auch nicht damit gedient sein, das Bad stehen zu lassen wie jemand, der zum Ball eingeladen hat, dem es aber im letzten Augenblick an Mitteln fehlt, um Lichte auf den Kronleuchter zu stecken! – Da habe ich mir denn gedacht, daß Sie und Wulff und Morland und eine Reihe anderer Aktieninhaber –« »Die Aktien ja! – wenn jetzt nur nicht gerade so viele tot in den Konkursmassen herumlägen, – namentlich der ganze Waggesensche Posten. – Sie nannten ihn ja in Ihrer großen Rede den Balken, der die Badeanstalt trüge. Und dann stellt es sich heraus, daß dieser feste Fels im Distrikt, der als gediegenes Gold ausgeschrien wurde, sozusagen sein ganzes Leben am Rande der Unterbalance geschwebt hat! Seine plötzliche wilde Spekulation in Badeaktien war das letzte krampfhafte Haschen nach einem Auswege. Hier stehen nun nach seinem Tode genug kahle Balken an der Bucht entlang – – Ja, ja, Herr Forland!« – Der Konsul erhob sich steif und zugeknöpft, um Faste an die Tür zu geleiten. »Unmöglich, – ganz unmöglich, Ihnen eine Antwort zu geben, ehe ich die Ansicht der andern Herren gehört habe.« Das ganze Haus atmete gleichsam eine kühle Höflichkeit. Keine freundliche Tür öffnete sich da drinnen mit den gewohnten Erkundigungen nach der Mutter, und Mina hatte – – Er ging da und drehte und wendete die Antwort, die er bekommen hatte. Es war weder ein Ja noch ein Nein, aber er sah sich gezwungen, gleich zu Wulff und Morland weiterzugehen. Unten an der Zollbude, von wo aus er sich nach der Landzunge hinüberrudern lassen mußte, stürzte er hastig grüßend an der gewöhnlichen Klatschgesellschaft vorüber. Er hatte ein Gefühl, daß sie sich förmlich zusammenduckten und ihm am liebsten den Rücken zeigten; sie hatten offenbar ihn und das Bad vorgehabt. – – Er stand bereits im Boot, das eben abstoßen wollte, als der dicke Agent Mo die Brücke hinabgestürzt kam und ihm mit einem Brief in der Hand zuwinkte. – – »Schon eine Anfrage an die Direktion, Forland, aus Amsterdam, – wegen Platz und so weiter im Hotel! – – Sie fangen früh an, sich Logis zu sichern. Sehen Sie hier! –« er hielt der Versammlung, die neugierig näher kam, den Brief entgegen. – »Und mit derselben Post sind zwei oder drei Briefe mit europäischem Stempel und an die Badeverwaltung adressiert, für den Doktor gekommen, – wohl auch jemand, der sich erkundigen will – –« Faste war kurz daran, in ein wildes Hurra auszubrechen; besann sich aber und setzte eine Miene auf, als sei dies nur etwas ganz alltägliches, bestimmt erwartetes – – »Setzen Sie über, Bootsmann!« befahl er mit kurzem Kopfnicken. Während die Ruderschläge wechselten, und das Boot zwischen den Schatten der Schiffe dahinglitt, saß Faste bleich und benommen mit glänzenden Augen da. Er fühlte sich wie Kolumbus, als dieser endlich Land erblickte! – Er fing an, sich im Geiste eine Hausse auszumalen, – ein plötzliches Steigen der Aktien, und grübelte darüber nach, ob es eigentlich so notwendig sei, sich noch an die Herren zu wenden. – – Und auch so direkt mit der Nachricht in die Klatschbörse hineinzuplatzen! – Er hatte die größte Lust, ihnen die Rockschöße anzuzünden, damit sie jeder nach seiner Richtung mit der Neuigkeit in die Stadt rannten. – – Faste wurde in schneidender Weise in die Wirklichkeit zurückversetzt, als ihn der Bootsmann fragte: »Das war wohl eine gute Nachricht für den Badeort, um den sie alle wegen der Seeleute hier draußen so besorgt sind?« In der bekümmerten Miene des Mannes lag etwas, das plötzlich die ganze Ansicht von der Sache veränderte: Ja, natürlich mußte er zu Wulff und Morland hinaus! Er schlug die Richtung zwischen den kleinen, zierlichen, rotangestrichenen Seemannshäusern auf der Landzunge ein, um zu Wulffs Stapelplatz hinüberzugelangen. Einige von den Leuten guckten aus der Tür, blieben stehen und sahen ihm nach. »Guten Tag, Madam Gjöset,« grüßte er vertraulich hinüber, indem er weiter wollte. »Ihr Mann auf der Fahrt?« Sie stand keuchend still, um mit ihm zu sprechen. »Sie sind auf Nähen ausgewesen, Madam? – Kommen mit der Nähmaschine zurück, wie ich sehe,« fuhr er mit freundlichem Kopfnicken fort. »Ach ja, ach ja! Man arbeit ja im Schweiße seines Angesichts für das liebe Brot, wie uns befohlen ist. – – Und da sollte man ja zufrieden sein, wenn man das tägliche hat –« »Ihr Mann verdient auf seiner Seite und Sie auf der Ihren?« Ach ja, es gibt natürlich viele, denen es noch schlechter geht! – Ich höre nichts als Sorge und Angst, wo ich in den Häusern sitze und nähe. – Aber ist denn wirklich was daran, Herr Forland, an all dem, was sie über das Bad reden?« wagte sie sich vorsichtig vor. Er fing einen gespannten, angsterfüllten Blick auf und begriff, daß er jetzt einem Verhör der kleinen Leute hier draußen gegenüber stand. – »Hören Sie einmal, Mütterchen,« sagte Faste – »ich glaube, diese Fabrikschornsteine, die nicht mehr rauchen, haben die Leute hier draußen bange gemacht? – – Und zu verwundern ist das ja auch nicht – –« »Sie sind ja alle um ihre sauer verdienten Sparpfennige bange, Herr Forland: Sie hatten geglaubt, daß sie das Geld in einer ganz sicheren Bank anlegten, – und daß es sich vermehrte, wenn es da nur ganz ruhig liegen blieb.« »Ich kann Ihnen mit der guten Nachricht antworten, Madam Gjöset, daß sich schon Gäste für den Badeort angemeldet haben. Und ein klein wenig schwere Zeiten müssen wir alle tragen, groß wie klein,« meinte Faste. »Ja, Gott helfe uns, Herr Forland,« platzte sie jetzt heraus. »Mein Mann und ich haben auch unser ganzes Hab und Gut in einer Viertelaktie angelegt. Und ich hab' jetzt schon vierzehn Tage kein Auge deswegen geschlossen! – Das ist alles, was wir haben, müssen Sie wissen.« – Sie trocknete sich die Augen einmal über das andere. – – »Man hat sich so manch einen sauren Tag dafür abgemüht und sich bei jeder halben Krone gefreut, die man für die alten Tage zurücklegen konnte. – Und hier sitzen wir nun in Angst und Beben vor der Abbezahlung und der Miete für unsere Stube und vor der Doktorrechnung vom Winter und wissen nicht, ob wir noch einen Heller haben oder nicht. Man hat wirklich keine Ruhe mehr, an irgend etwas anderes zu denken.« »Hören Sie mal, Mutter Gjöset,« sagte Faste mit plötzlichem Entschluß, – »wenn Sie die Viertelaktie zum Herbst nicht verkauft kriegen können, so kommen Sie zu mir, ich will sie Ihnen abnehmen.« Madam Gjöset stand wie aus den Wolken gefallen da und sah ihn an: »Sie meinen also, die Aktie hat noch ihren vollen Wert?« rief sie aus. – »Aber dann verlieren wir wohl die Zinsen?« fragte sie plötzlich mißtrauisch. »Na ja, ich danke Ihnen vielmals für Ihr Versprechen, Herr Forland. Ich will mit meinem Mann sprechen, sobald er nach Hause kommt. – – – Aber Gott bewahr uns vor diesen Gerüchten!« – fügte sie hinzu, indem sie die Nähmaschine von dem Treppenrande aufnahm, auf den sie sie gesetzt hatte. Zweifel, Zweifel, nichts als Zweifel – klang es ihm in den Ohren. – – Alle diese kleinen Häuser und Nester voller Fragen. – – Der finstere Mißmut, den die Angst instinktiv niedergehalten hatte, gewann einen Augenblick die Oberhand in ihm. * Erst als die Dämmerung des Frühlingsabends sich leise herabzusenken begann, kehrte Faste von der letzten seiner Expeditionen auf der Landstraße zurück. Es war als ging und wate er in einem Moor herum. Dieselbe Antwort von ihnen allen! Man müsse erst wissen, was die anderen dazu meinten. – Und dann der sehr schlaue Rat, sich doch an Onkel Joel zu wenden! – Jetzt in diesem teuren Monat alles liegen zu lassen. – – Und ihm dann »das Projekt« halb oder zum Drittel fertig zu zeigen! – – Seinen einen schiefen Zahn sich voller Hohn tiefer und tiefer in die Lippe graben sehen. – – Faste wußte selber nicht, daß er schon ein gutes Stück in die Stadt hineingekommen war, bis er John Berg und Herman Wiik in der Straße erblickte. Sie verschwanden in eine Seitengasse, als sie Spaziergänger herankommen sahen. – – Mochten sich natürlich am Tage nicht sehen lassen. – – Merke recht gut, daß es Leute gibt, die der Meinung sind, Faste Forland könnte der Dritte im Bunde sein und sich auch nur am Abend hervorwagen, – puh – er hatte ein Gefühl, als umgebe ihn ein luftleerer Raum! – – Er bog plötzlich in eine Querstraße ein und ging unwillkürlich die Allee hinauf, die zu Gyllings führte. Es lag schon ein dünner Mondstreif über dem Hausdach, während die ganze Gartenseite in tiefen Schatten getaucht war, und zwei bis drei hohe Baumwipfel zu der Himmellichtung aufragten. Faste ging an der Hecke auf und nieder, auf und nieder. – – Er wollte schon zum zweitenmal bei der Gartenpforte umkehren, als er eine Gestalt auf dem Balkon entdeckte. »Du, Faste?« klang Veras Stimme überrascht hinab. Sie kam barhäuptig herunter und blieb auf der Gartentreppe stehen. »Ich glaubte dich da oben zu sehen, Vera, – und wunderte mich, woran du wohl dächtest. – Ich dachte mir im Geiste einen melodisch wehmütigen Flötenton hinzu, – an diesem schönen Abend. – – Es muß angenehm sein, wenn man so harmonisch und so schön ist. – – Ich meine, keine weitere Verantwortung zu haben, – sich um niemand zu kümmern! – »Bist du wirklich nur stehen geblieben, um mir diese schönen Dinge zu sagen, Faste?« »Ja, deine Erscheinung verschwamm so ganz mit der Natur. – Sie genießt nur und ist frei von allen Lasten. – – Es gibt für dich nichts Nichtiges und nichts Verkehrtes!« »Du hast sicher viel auf Händen und viel zu tragen, wie du dich ausdrückst, Faste! – – Aber ich kenne auch niemand, der so ausruhen und alles von sich abschütteln kann wie du. Du gehst in deine eigene Welt hinein und ziehst alles um dich her mit dahin.« »Ja, ich weiß es. Ich weiß es, – ich bin eine Art Luftwesen, das außerhalb der Wirklichkeit steht und nur den einen Fehler hat, daß ich sowohl mir als auch meinen Mitmenschen Enttäuschungen bereite. Verhält es sich nicht so? – Ich könnte lange Wege zurücklegen, nur um deine ausdrucksvolle Stimme mir das sagen zu lassen, – wieder und wieder – – so gut und sanft und barmherzig, – nur daß es einen ganzen Berg von Verantwortung auf mich wälzt! – Ich bin so gewöhnt an diese feinen Stiche durchs Gewissen mit deinen langen Haarnadeln, daß ich mich ordentlich danach sehne wie nach einer Würze, wenn ich mich zu lange da unten mit den direkt Brutalen herumgeschlagen habe. – – Hast du es nicht gemerkt, Vera, daß ich ab und zu einen Anfall bekomme, in dem ich dich absolut sehen muß. Das hängt folgendermaßen zusammen. – – Großer Gott, wie du mich gequält hast, – immer immer!« »Wirklich?« – sie machte eine selbstvergessende Bewegung die Treppe hinab, auf ihn zu, blieb dann aber stehen und lehnte sich gegen den Geländerpfosten. »Ach, sprich dich nur aus,« – sagte er erbittert. – – »Beweise mir, daß es nur etwas ist, was ich mir einbilde, – natürlich, – da ja der ganze Bursche nichts als Einbildung ist! – Und daß es aus einer gewissen grausamen Lust deinerseits geschehen sollte? – Leere Worte!« Sie schüttelte den Kopf. »Ich denke nur daran, wie schwer das alles auf dir lastet – –« »Du meinst das Badeunternehmen?« »Nein, ich meine alles mögliche, – alles. Faste! – Und wie leicht du glücklich sein könntest! – Aber du mußt wohl zu dir selber kommen; das kann dich niemand lehren.« »Ob ich jetzt wohl nicht genug habe, Vera? – Wir fingen mit der Natur an und dann gleich, – ein Stich nach dem andern!« »Lieber Faste, bin ich nicht wenigstens gutmütig, daß ich dich auf Konto unserer alten Freundschaft hier stehen und deine ganze schlechte Laune über mich ergehen lasse?« »Gutmütig! Gutmütig! – Du hast mich enttäuscht! Ich glaubte wirklich einmal, daß du etwas seiest, – eine tiefe Persönlichkeit.« Sie steckte plötzlich den Kopf über das Geländer vor und sah ihm kalt in das Gesicht. – – »Wenn du so viele hast, die dich besser verstehen, Faste, weshalb willst du dich da zu mir herablassen, wo du nichts als Widerspruch findest und schlechter Laune wirst. Warum gehst du nicht zum Beispiel zu einer begabten Dame, wie Laura Groth. Ich bin überzeugt, die würde dich sofort verstehen! Siehst du, das ist mein Rat. Schließe dich an jemand an, der dich in dieser schlimmen Zeit bei Humor erhalten kann – –« Ein Streif des Mondscheins bestrahlte sie und es fiel Faste auf, wie tief ausdrucksvoll ihr Gesicht war. »Es ist so kalt hier,« brach sie ab, – ich muß jetzt hinaufgehen! Adieu, Faste!« tönte es zu ihm herab. Es war ihm, als breche die Stimme, wahrend sie hinein eilte. Er trat den Heimweg an. – – – Ja, damit schlüpfte sie in ihre jungfräuliche Kemenate zurück, – denkt an dies und jenes, – vielleicht, ob sie sich nicht etwa um dieses unmöglichen Fastes willen erkältet hat! Es war etwas anderes, wenn er nach Hause in seinen Bau kriechen wollte! Er konnte von der ganzen Stadt schließlich nur noch die Häuser sehen, wo er wußte, daß die Bewohner Badeaktien hatten. – – Aber welch ein Abend! – Wie es überall nach Wachstum und Erde riecht. – – Man hätte weinen können. – – Herrlich, herrlich war es dennoch zu leben. – – Da unten lag die Stadt mit Halbschatten in den Straßen und über den Mastgipfeln im Hafen und über der Landzunge stand das Mondhorn – Ja, da unten reden und grübeln sie nun beim Schlafengehen über die Aktien und das alles, – ein Wehe- und Jammergeklage – Er blieb plötzlich stehen und stieß den Stock hart in den Hügel. Aber zum Teufel auch, was ist mir denn! – – Worüber fühle ich mich eigentlich so überirdisch leicht und glücklich? Eigentlich habe ich keinen Grund dazu, – mitten in all diesen Quängeleien und Schwierigkeiten! – – Warum gehst du nicht zu der begabten Dame, Fräulein La–u–ra Groth, – ja – – – Er sprach das so aus, als wolle er jedes Wort betrachten. Diese Frage hatte ihm die ganze Zeit in den Ohren geklungen, bis er sie plötzlich wiederholte, begierig prüfend, als stünde er einer ganz überwältigenden Aufgabe gegenüber. – – Und daß sie, – Laura, mich sofort verstehen würde! – Du irrst. Faste, – du irrst! – – Laß mich einmal ordentlich nachdenken – – Und wie kalt ihr Blick war und ihr Antlitz so bleich. Darunter konnte sich ein ganzer Brand von Leidenschaft verbergen – – Laß mich nicht wahnsinnig werden, – nicht verrückt, – deine Einbildungskraft, weißt du – – – Dreizehntes Kapitel Es war ein ganz anderes Gesicht mit dem ihm Lüders heute entgegenkam, als das, was Faste bis dahin gewohnt und bekannt war. Lüders hatte ziemlich unzeremoniell nach ihm geschickt und ihn zu einer Privatunterredung auf sein Kontor bestellt aus Anlaß des Umstandes, daß Faste an eine Generalversammlung der Aktionäre appellieren wollte – – »Es nützt nicht, die Sache zu verschleiern oder die Lage färben und aufblasen zu wollen, Herr Forland! Die Tatsache ist, daß die Banken jetzt schon lange keinen Heller auf unsere Badeaktien haben leihen wollen, – daß Böckmanns Bank sie, wie es heißt, nur noch hält, um selber ihre eigenen vielen loszuwerden. Kurz und gut, – die Aktien, die jetzt rings umher in den Taschen der Leute stecken, – und hier sind meine achtzehn!« er schlug auf den Haufen, – »sind nicht einmal das Papier wert, auf dem sie gedruckt sind. – – Ein Schwindel sondergleichen, Herr Forland! – Mit einem Leichtsinn ohne Grenzen haben Sie Ihre Mitbürger in ein Unternehmen hineingelockt, das ein vielfach größeres Vorschußkapital erforderte, als es unsere kleinen Verhältnisse irgendwie zu beschaffen imstande sein konnten, – eine reine Millionenspekulation, über die ein Heer von betrogenen Menschen jetzt die Hände ringt, – und die außerdem im günstigsten Falle auch noch Zeit erfordert – eine lange Reihe von Jahren, – um sich herauszuwachsen.« »Wenn Sie nach mir geschickt haben, Herr Konsul, um mir diese verlockende Aussicht zu zeigen, so kann ich Sie nur auf die Generalversammlung verweisen. Dort werden Sie Antwort erhalten!« »Generalversammlung, – Generalversammlung? – Sie sind doch wohl nicht von Sinnen, Mensch? – – Das Elend öffentlich ausposaunen, – den Aktien den letzten Gnadenstoß geben –?« »Das Unternehmen muß aufrechterhalten werden, –« erklärte Faste. »Wollen die Großen ihm nicht über die Krisis hinweghelfen, so versuche ich es bei den Kleinen!« Der Konsul sah Faste plötzlich fest in die Augen: »Ich will Ihnen etwas sagen. Keiner von den leitenden Geschäftsleuten der Stadt würde sich mit Ihnen eingelassen haben, wenn man nicht Grund zu der Annahme gehabt hätte, daß Sie in gewisser Weise Ihren Onkel Joel im Rücken hätten, – jedenfalls einmal Geld von ihm erben würden. – – Nun, darüber will ich nicht weiter philosophieren, – wenn ich nur das meine bekomme! Aber das will ich haben,« zischte er plötzlich mit zusammengebissenen Zähnen und hielt Faste die geballte Faust vors Gesicht. »Ihr Onkel, der Ihnen so prächtig mit dem Kredit genützt hat, der soll mir die achtzehn Aktien bezahlen. – – Generalversammlung?« fuhr der Konsul höhnisch fort – – »Ja, Sie können mir glauben, da ist mancher, der Sie jetzt gern gehörig vermöbelte, – alle die armen Leute, denen Sie dies alles so lustig ausgemalt und geschildert haben, daß sie ihr Geld dazu herausrückten. – – Sie können mir glauben, wenn die in einer Generalversammlung einen Anhalt bekämen, auf Grund dessen sie gegen Sie vorgehen könnten,– zum Beispiel gewisse Eröffnungen die Ihnen Anwartschaft auf einen Ort verschafften, wo Sie Zeit und Muße hätten, über die Sache nachzudenken, – sie würden nicht stimmen, sie würden brüllen ! Und sehen Sie, Herr Architekt,« kam es verbissen heraus, – »gerade allerlei dazu geeigneten Stoff könnte man Ihnen auf einer solchen Ge–ne–ralversammlung an die Hand geben. Ich habe mir erlaubt, die Papiers und Quittungen da unten in der Badeanstalt zu studieren, und mein geringstes Vorhaben geht darauf hinaus, das Publikum darüber aufzuklären, daß Sie nachweislich einmal über das anders auf eigene Hand über die Mittel der Badeanstalt verfügt haben, und zwar weit über Ihre Befugnis hinaus und zu ganz anderen Zwecken, als wozu Ihnen das Geld bewilligt war.« »Es ist ganz selbstverständlich,« sagte Faste kühl, – »daß ich so handeln mußte, wie ich es den Umständen nach im Interesse der Badeanstalt für das richtigste hielt. Das Ganze mußte selbstredend in erster Linie aufrechterhalten werden. Es wird mir ein Vergnügen sein, Ihnen zu antworten, notabene an der rechten Stelle, und das ist in meinen Augen die Generalversammlung, Herr Konsul – und nicht Ihr Privatkontor.« – Faste griff nach seinem Hut. »He, he, – dann reden wir auch an derselben Stelle darüber, wie es zuging, daß Sie, Herr Forland, den Leuten Sand in die Augen streuten, sodaß das berühmte Hotelfest gefeiert werden konnte, – indem man in aller Eile die Kasse der Badeanstalt um elftausend erleichterte!« »Drohungen? – gegen mich? –« stürzte Faste plötzlich ins Zimmer zurück – – »Nein, ehe mich die bewegen sollten, – eher spazierte ich freiwillig ins Zuchthaus, worauf Sie ja vorhin höflicherweise anzuspielen beliebten. Im übrigen will ich Ihnen herzliche Freude von der Generalversammlung versprechen,« – er grüßte und ging. – – Ja, nun befand er sich wieder auf der Kehrseite der guten Stadt! – – Eine solche kleine Stadt am Rande einer Panik hatte etwas von der gefährlichen Zügellosigkeit eines durchgehenden Pferdes an sich, – es galt, es mit kräftigem Griff in die Zügel wieder auf den rechten Weg zu lenken! Er sammelte, weiß Gott, Erfahrungen, was es heißt, eine Sache aufrecht zu halten, wenn die öffentliche Meinung darüber herstürzt – Sie dachten wohl, daß er das Schiff verlassen würde wie eine Ratte! Vor allen Dingen würde es notwendig sein, die eigene Familie zu stählen, und deshalb bog er nach dem Hause des Doktors ab. »Nun? – Ihr meint wohl auch, daß es schlimm aussieht?« sagte er, als er zu Sölvi in die Stube trat. »Die Leute gebärden sich ja wirklich ganz wie toll.« »Ach ja, Faste, wir müssen unser Päckchen tragen, wenn du nur damit durchkommst,« antwortete Sölvi freundlich. Es lag etwas niedergeschlagen Nachsichtiges in ihrem Ton, was Faste verletzte. »Ihr seid natürlich besorgt um euer Geld!« rief er aus. »Um unsere beiden Aktien? – Ach nein, Falkenberg und ich sind beide der Ansicht, daß wir die in den Schornstein schreiben müssen, – wenn es auch nicht so ganz leicht für uns ist.« »Bedaure sehr, nicht in der Lage zu sein, sie euch gerade jetzt einzulösen; sonst würde ich euch sofort von der Last befreit haben, –« sagte er bitter. »Du mußt uns nicht Unrecht tun, Faste, – an die Aktien denken wir gar nicht so viel.« »Aber verloren müssen sie absolut sein? – Dieser Gedanke scheint augenblicklich über die ganze Stadt hinzuwehen! – Als ob das Unternehmen nicht genau so gut und haltbar ist, wenn auch eine Reihe von Menschen plötzlich auf den Einfall kommen, aus Angst vor einer kleinen Krisis den Kopf zu verlieren.« »Mißverstehe uns nicht, Faste. – Ein Doktor soll ja nur von seiner Praxis leben. Wenn er dann aber plötzlich als Hauptperson eines Unternehmens dasteht, von dem wenigstens die meisten Menschen glauben, daß es Not und Elend über die ganze Stadt bringen wird, so wird man ja dadurch in eine etwas schiefe Stellung gebracht, – man wird unpopulär.« »Ja, so sieht es aus, – augenblicklich!« unterbrach Faste sie. – – Aber um dies alles soll auf der Generalversammlung gekämpft werden! – Die Leute heulen über den Badeort, ehe dieser noch Gelegenheit gehabt hat, Einnahmen von sich zu geben. – – Aber ich werde sie durch ein kleines Panorama ermuntern, – werde ihnen zeigen, wie öde und tot es hier wieder werden wird, wenn das große Fenster, das wir nach der Welt hinaus eingesetzt haben, wieder zugenagelt wird! Du ahnst nicht, Sölvi, was es heißt, sich nach einem frischen, fröhlichen Kampf zu sehnen, wo man seine Kräfte brauchen und vor der Öffentlichkeit mit alledem kämpfen kann, was einem zu Gebote steht, statt immerwährend privatim in den Rücken gestochen zu werden.« »Ob ich es ahne, Faste –« Diese sanfte Miene und diese ewigen Wiederholungen von seiten Sölvis konnte er nicht leiden, da waren ihm doch die beißendscharfen Antworten, an die er früher gewöhnt gewesen war, weit lieber. Er ging im Zimmer auf und nieder und pfiff leise vor sich hin. – – Die Seinen fingen scheinbar an, demütigen Herzens zu werden, – sie meinten wohl, daß das Meer abermals das Haus umbrause! – – »Willst du den Jungen denn gar nicht einmal ansehen?« fragte Sölvi beruhigend. »Den Jungen? – Ich hätte beinahe gesagt, hast du einen Jungen? Es ist so lange her, seit ich an so etwas gedacht habe, du, –« sagte er zerstreut, indem er ihr ins Schlafzimmer folgte. – – – * »Ein Prophet muß natürlich den Glauben so lange wie möglich aufrechthalten,« hörte er hinter sich sagen, als er auf dem Rückwege um die Ecke des Kirchenpfades bog. Es war Tryggesens Stimme, – eine Anspielung auf seine unverzagte Art und Weise zu gehen. Und Faste fühlte selber, daß er einem aufgezäumten Pferd glich, wenn er durch die Geschäftsstraßen mußte. – – Er hatte das Vergnügen, schon von weitem den alten Konsul Klüver zu sehen, der es auch jetzt für gut befand, still zu stehen und ihn anzusehen; aber freilich mit einem ganz anderen Griff um den Stock als dazumal, als er ihn den »Mirakelmacher der Stadt« titulierte. – – Und als Konsul Wulff vorüber wollte, blitzte es wie Spott in seiner Miene auf, als er ein wenig demonstrativ grüßte. – Verteufelt angenehme Straße, diese Hafenstraße, – es war, als wimmele es von Menschen, die alle das jüngste Gericht in den Mienen mit sich herumtrugen. – Der Zollinspektor hatte sich ein kupferrotes Gesicht zugelegt und starrte ihn förmlich wild an. – Und da kam Fräulein Laura Groth quer über die Straße zu ihm herüber. Sie glich einem jener größeren schwerfällig flatternden Schmetterlinge, und man sah ihren Flügeln an, daß auch sie von der allgemeinen Angst ergriffen war. »Sagen Sie mir doch, ist jemand gestorben? – Heimgegangen?« kam ihr Faste entgegen. »Sie sehen so wehmütig teilnahmsvoll aus, – das Gesicht so fromm in Falten gelegt.« Sie schüttelte den Kopf und sah ihn verletzt an. – – »Lassen Sie mich Ihnen sagen, daß ich nicht umhin kann, den Mann zu bewundern, der mit so stolz erhobenem Kopf und mit so unerschrockenen Augen mitten durch das empörte Meer der Verleumdungen schreitet. – – Ach, Forland, – wäre es doch in einer Komödie oder Tragödie gewesen.« »Ja, da sagen Sie ein wahres Wort, Fräulein Groth!« »Weit, weit entfernt von dieser groben Wirklichkeit! – – – Und für mich Ärmste ist nun gleichsam alles wieder erloschen. – – Ich sinke in mein altes Dasein zurück, muß den Tee und den Kaffee der Tante machen. – Aber ich wollte es Ihnen doch noch sagen und Ihnen dafür danken, – daß dies stets den Glanzpunkt meines Lebens bilden wird! – einen Zauberkreis, der mich mit Leib und Seele umfangen gehalten hat. – – Und der Dolch, der schöne Dolch, den ich mir gekauft hatte, um ihn mir in die Brust zu stoßen! »Ja, denn aus dem Komödiespielen wird nun wohl nichts mehr?« fragte sie plötzlich. »Eins will ich Ihnen versprechen, Laura Groth, – wenn ich lebe, so soll es eine gründliche Komödie werden!« Damit grüßte er und ging. Er steuerte wieder in diesen grauen Nebelschleier der Angst hinein, der über der ganzen Stadt lag. Es war, als wenn die Frühlingssonne mit ihrem scharfen, grellen Licht ganz unmotiviert am Himmel stehe und blende – – – Er hatte den Nachmittag an seinem Pult auf dem Kontor verbracht, – hatte wieder und wieder Rechnungen abgewiesen mit der Vertröstung auf die Generalversammlung, – hatte Auswegs ersonnen und zurechtphantasiert – man mußte unter den einfachen Grundstoffen suchen! – er hatte eine Jodfabrik gebaut mit Benutzung des Tangs und der Algen an der ganzen Küste, – hatte eine Zentralteerbrennerei errichtet, die die Millionen Tannenwurzeln des weitgestreckten, abgeholzten Distrikts versorgten. Und schließlich eine Szene mit Risting durchgemacht, der sein Geld wieder haben wollte. Müde und erschöpft kehrte er jetzt, spät am Abend, von dem allen heim. Seine Mienen hatten etwas Erschlafftes, als schlafe der Trotz darin, während die Bilder des Tages nur halbklar und traumhaft vorüberzogen. – – Komödie, ja! – zuckte er plötzlich zusammen. – – – Wenn ich lebe, so soll es eine gründliche Komödie werden, wie ich Laura Groth versprochen habe. – Übrigens ganz sonderbar, – war es nicht, als nehme sie einen ganz gerührten, feierlichen Abschied von mir. Sie hat natürlich etwas von dem aufgeschnappt, was die Leute über die Gesetzmäßigkeit meines Tuns und Treibens zischeln und tuscheln und hat ihren bewunderten Freund natürlich schon bei fleißiger Arbeit im Zuchthaus sitzen sehen. – – So ein Abgrund zwischen uns! – meinte, sie könnte mich in Zukunft nicht mehr kennen; – aber gerührt war sie doch, – – die Menschen sind wunderliche Wesen. – – »Wie geht es dir denn, mein Junge?« fragte Frau Forland, als er in das Zimmer trat. »Wie es mir geht? – Es geht mir wie jemand, der auf einer glatten Planke mit der rollenden See unter sich kämpft. – »Aber es ist sonderbar, Mutter,« – brach er ab. – »So ein Wuchereigeist kann sehr wohl ein wirklicher Ehrenmann sein, – ein wirklicher sage ich dir, der auf alle Weise das Rechte will. Es ist nur das üble dabei, daß er das Recht am zweitliebsten will. – – Bei der Wahl zwischen Gott und Mammon ist es leider allemal der Mammon, der am schwersten in die Wagschale fällt und ihn geistig zugrunde zieht. – Ach, mach mir doch Licht an, Agnete. – – Ich habe eine Szene in dem »Geizhals,« die sich gewaschen hat. – – Gute Nacht, Mutter!« – »Es tut so weh, Agnete,« rief Frau Forland aus, als seine Schritte oben auf der Treppe hörbar wurden, – »ihn so Abend für Abend gleichsam mit einer ersterbenden Glut in den Augen heimkehren zu sehen, – den ganzen Tag mißhandelt und arg mitgenommen zu werden. – Und dann zu wissen, daß sie mit ihm nicht fertig werden, ehe das Auge tot und der Wille gebrochen ist. – – Er ist so geschaffen, du!« seufzte sie. – »Er muß sein Schicksal vollziehen – – « Vierzehntes Kapitel »Ein langer Sommer. – – Ein trauriger Sommer!« sagte John Berg, als er Faste hoch oben an der Bachwiese begegnete. – »Da geht man nun und wartet auf Akkord mit den Gläubigern! Aber ein Tag schleppt sich nach dem anderen hin mit demselben Resultatlosen in der Luft. Was zum Teufel kehrt man sich an etwas besseres oder schlechteres Sommerwetter. Es sind die Zeiten, – die Zeiten, – worauf wir warten, – daß endlich einmal eine kleine Veränderung in diese verzweifelte Geldknappheit kommen soll. – – Man trinkt Kognak und Selterwasser bis in die Unendlichkeit unter den Markisen auf Verandas und Treppen und wartet nur. – Es ist ordentlich wohltuend, wenn einmal eine Abwechslung kommt mit einem tüchtigen Gewitter und bleischweren Wolken. – Und war es nicht sonderbar, daß die Fallissements plötzlich in der vorigen Woche unter einer ganzen himmlischen Kanonade wieder losbrachen? Ein Bankrott nach dem andern, – beinahe jede dritte Firma, die ganze Hafenstraße hinauf! – Ja, man spricht ja sogar von einem Mann wie Arne Wulff; er reist jetzt in der letzten Zeit verdammt oft in die Hauptstadt.« Faste trug eine ungleich überwältigendere Nachricht in der Tasche, – einen Brief, in dem das Hamburger Haus, das Lieferungen für die Aussteuer des Hotels gehabt hatte, in Ermangelung sofortiger Bezahlung damit drohte, sich auf rechtlichem Wege an dem Eigentum der Aktiengesellschaft: dem Hotel mit Inventar und Baugrund, schadlos zu halten. Dies hieß mit anderen Worten, daß die Aktiengesellschaft Bankrott machen mußte, wenn nicht ein einzelner Hauptgläubiger bevorzugt werden sollte. – Er hörte John Berg zu, während seine Gedanken unablässig suchten, – bis sie zu dem Entschluß gelangten, zu dem er in diesen Tagen immer wieder zurückgekommen war, – bei Onkel Joel anzuklopfen! – ein schwacher Ausweg, aber der letzte! – – Und dann ein Gedanke, mit dem seine Phantasie, zuweilen spielte, wenn er müde war, – nach Amerika zu gehen, Geld zu verdienen und die ganze Sache zu ordnen. – – Während alledem konnte er wohl von Zeit zu Zeit zusammenschaudern vor etwas Leerem, Totkaltem, Schwarzem, das wie eine Vision aufstieg. – – Während John Berg auf der Wanderung durch die Straßen redete und erklärte, erriet sein schnelles Auge, daß die Drohungen des Hamburger Hauses schon zu zweien und dreien auf den Bürgersteigen verhandelt wurden, so daß also diese Sache sich jetzt mit ihrer ganzen Panik der Stadt bemächtigte – – Es war ihm, als höre er das Wort Bankrott an allen Ecken und Enden – – – Der alte Joel war bereits einen Monat in der Stadt gewesen, ohne daß sich Faste hatte überwinden können, ihn zu begrüßen. Er versuchte jetzt, sich einige Eintrittsworte als Entschuldigung einzuüben, gab es aber halb schwindelig wieder auf – – »Ja, hier muß ich dir Adieu sagen, John,« sagte er plötzlich unten im Kirchenpfad, wo Onkel Joel wohnte. Er sprang die Treppe in ein paar Sprüngen hinauf und wunderte sich, daß die Haustürglocke so laut klingelte, – er war sich nicht bewußt, geschellt zu haben. – – »Ja, Onkel,« – begrüßte er ihn drinnen im Zimmer, – »ich hatte ja gehofft, dir etwas ganz anderes zeigen zu können, wenn du nach Hause kämst, als die Misere, die du jetzt vor Augen hast.« Die eine grüne Gardine war halb herabgelassen und über dem Pult, wo der alte Joel in seine Rechnungen vertieft saß, lag ein Sonnenstreifen. Er drehte den Rollstuhl, in dem er saß, halb herum und erhob sich einen Augenblick beinahe formell höflich. Es fiel Faste auf, daß der Onkel merkwürdig europäisiert aussah. Er war frisch rasiert und sehr soigniert am Halse, und der Sonnenstreif fiel auf einen seinen modernen Rock, freilich von der alten Länge. »So–o? – – du bist noch hier?« ertönte es, indem er sich wieder in den Stuhl hinabsinken ließ. – »Ich muß dir sagen, ich war auf den Gedanken gekommen, daß du vielleicht deine gemeinnützige Wirksamkeit an einen andern Ort verlegt haben könntest, – oder gar in ein anderes Land.« »Du meinst jenseits des Ozeans, – daß ich die Schute verlassen hätte, ohne das Meine zur Rettung beizutragen?« »Und ich sage dir, mache nur bankrott! Mache nur bankrott!« »Das ist nun einmal nicht meine Natur, Onkel, – und auch nicht meine Absicht, – wenn nur –« »So? – Ja, nicht wahr, – wenn du nur mehr Geld gehabt hättest! – noch einige Hunderttausende mehr, – dann hätten wir einmal sehen sollen!« »Lieber Onkel, diese ungeheure Verantwortung, – namentlich diese armen kleinen Leute, die ins Unglück geraten,« – erklärte Faste. Er strengte sich gewaltig an, um seiner Gemütsbewegung Herr zu werden, die Tränen saßen ihm im Halse. »Ja, ganz recht – – Verantwortung, ja! – – Ich kenne das wie ein Vomitiv! – zuerst wagt man sich in blendendstem Glanz mit den wildesten Projekten vor, und hinterher – sitzt man auf dem Scheiterhaufen und weint.« »Ich dachte,« fuhr Faste geduldig fort, – »daß du helfen könntest, wenigstens etwas, wenn du die Sache in die Hand nähmest und zum Beispiel das Ganze für etwa die Hälfte, was es gekostet hat, an dich brächtest, denn jetzt wird es wohl auf Drängen der Hamburger Firma zur Versteigerung kommen, – und dann das Ganze in verkleinertem Maßstabe weiterführtest.« »Du Schelm! – Retten – Ja, das sage ich ja, diese Ideologen sind schlimmer als Schurken! – Die Mehrzahl allen Unglücks in der Welt stammt von ihnen, wenn sie wie ein Unwetter in die Wirklichkeit hineingeraten und ihr ruhiges, schwerfälliges Wachstum mit ihrer verrückten Elle messen. Sie führen die Menschen mit ihren verlockenden Worten an den Rand von Abgründen, in die sie hineinstürzen. – – Es sollten wirklich Schutzmittel gegen sie angebracht werden – – Und den Betrieb in kleinerem Maßstab fortsetzen? – heißt es jetzt. Ja, ich habe hinreichend Gelegenheit gehabt, die Sache auch von dem Gesichtspunkt aus zu betrachten. – – – Mehr als ein Fremder ist hierher gereist, hat sich nach dem Badeort erkundigt, und ist dann wieder verschwunden. – – Unten am Badestrande spaziert jetzt außer einer rotbeinigen Bekasine und ein paar Strandschnepfen ein einsames holländisches Ehepaar. Und da dort nichts zu finden ist, behelfen sie sich ganz vorzüglich mit Blankenbergs Hotel. – – Einem Hauptmangel wurde ja auch dadurch abgeholfen, daß man ihnen das gute alte Badehaus der Stadt mit privilegiertem Zutritt anweisen konnte. – Ja, ja, die Sache geht! – – « »Es war nicht meine Schuld, Onkel, daß alles im letzten Augenblick so schreiend unfertig dastand, – es wurde nichts mehr auf die Aktien einbezahlt.« »Nein, natürlich, – die Schuld lag nur an diesem – unbedeutenden Geld! – – Wäre das nur dagewesen, so – – heisa! – – erkläre dich nur bankrott, erkläre dich nur bankrott, rate ich dir, und laß dich nicht in der Stadt blicken. Herr Konsul Lüders hatte die Liebenswürdigkeit, von mir in deinem Namen achtzehntausend Kronen zu fordern. Falls ich das Geld nicht bezahlte, wollte er nachweisen, daß du von den Mitteln der Kasse unterschlagen hattest, – dich verklagen. – Ja, meinetwegen! – – « »Das kann er auch, Onkel!« entgegnete Faste tonlos, – »ich leugne es nicht. Ich nahm damals elftausend Kronen aus der Kasse zu einer Zeit, wo man die Aktien noch für Geld hielt, und konnte sie erst drei bis vier Wochen später wieder zurückzahlen, und zwar, indem ich mir das Gold von allen möglichen Seiten zusammenlieh.« »So. So – – Ich biete dir hiermit fünfhundert Kronen an, wenn du dich damit bis nach Amerika durchschlagen willst, – um deiner armen Mutter willen, – und um deine Familie einigermaßen rein zu halten – – Ha ha ha! – mich mit dir auf Geschäfte einlassen! – Wenn ich daran denke, was meine seligen dreitausendfünfhundert schon ausgerichtet haben, dann könnte man ja freilich in Versuchung kommen, fortzufahren – – mir das ganze Badehotel aufzuhalsen! Wie gesagt, die fünfhundert Kronen –« Onkel Joel öffnete die Pultklappe. »Danke, Onkel, danke, – den Weg gehe ich nicht. – Adieu. Leb wohl – – « In der Tür blieb er einen Augenblick stehen. »Ich wünsche dir, daß du deine Bronchitis los wirst. Du bist ein tüchtiger Mann gewesen – – « Faste kehrte langsam nach Hause zurück; ganz mechanisch grüßte er bald diesen, bald jenen. Die Stadt lag gleichsam in einer ganz veränderten, wunderlich kirchhofstillen Beleuchtung vor ihm. Die Menschen, das Treiben und die Geschäftigkeit gingen ihn nicht mehr an. Er fühlte sich noch mehr außerhalb des Ganzen, als wenn er sich in einem seinen, fremden Land befunden hätte. Andere konnten trauern und sich aussprechen. Sie hatten ein Recht dazu. Das gehörte mit zum Leben – – Aber ich? – schrie es in ihm, – wenn Mutter stirbt, wenn Sölvi ihren Jungen verliert? – Mein Gemüt muß sich verschließen. Ich muß mich vor mir selber verstecken, – muß aufhören zu fühlen! – – Wird einem Hause ein Kind geboren, so nehmen sie es in ihr Gefühlsleben auf und sind fröhlich und können ein Fest feiern und sprechen darüber, wie das Kind heißen soll und all dergleichen. – Und stirbt es, so weinen sie aus ihres Herzens Grund und Fülle – – Aber ich? – ich habe so manch eine Mutter, so manche alte und so manche kleine an den Rand des Untergangs geführt, so daß sie nun vielleicht ein ganzes Leben in Armut hinschleppen müssen. – – Ob ich im Zuchthaus spinnen muß, oder ob ich ins Ausland entkomme, das ist einerlei. Ich bin ausgeschlossen. Die dem Leben innewohnende Nemesis hat das Urteil vollzogen; eines Lüders bedarf es nicht. – Ich habe keinen Anteil an den Leiden und Freuden dieser Welt, – kann nur wie ein Verstorbener einhergehen und durch ihre Fensterscheiben gucken. Das ist die Strafe, weil du so viele um die Freude gebracht hast! – – Er beschleunigte seine Schritte, erfüllt von dem erstarrenden Bestreben, seinen Gedanken zu entweichen. Zu Hause angelangt, nickte er Ditlev zu, klopfte ihn auf die Schulter und strich ihm mit der Hand durch das Haar, verließ ihn aber plötzlich wieder, als er sah, daß er ihn mit Ausdruck wie von aufsteigender Angst anstarrte. Der Idiot war imstande zu erraten – Er ging langsam im Wohnzimmer auf und nieder und setzte sich zu der Mutter, die auf dem Sofa lag. Er nahm eine ihrer geschwollenen Hände und fing an, mit ihr über ihren Rheumatismus zu sprechen – – und erwachte aus seiner tiefen Geistesabwesenheit und Zerstreutheit, als sie ihn an sich zog und ihn auf die naßkalte Stirn küßte. Er hatte eine dumpfe, lahme, zitternde Empfindung, als könne er ihren Kuß nur als etwas Fernes, Äußeres empfinden, – eine stille, grauenhafte Panik: – er war ausgeschlossen! Es lag ein bleicher Ton über dem Zimmer, der besagte, daß er ausgelebt hatte; er konnte in Zukunft nur noch als sein eigener Geist hier weilen. Er ging auf seine Kammer hinauf, – sah sich einen Augenblick um, kramte zerstreut unter seinen Sachen und legte bald dies, bald das vor sich hin, wie jemand, der im Begriff ist, zu verreisen; plötzlich begann er, eifrig und sorgfältig die beschriebenen Bogen seiner Schauspiele zusammen zu packen, und sie mit einer Schnur zu umwinden. Auf eine kleine Karte, die er hineinlegte, schrieb er: »Liebe Vera! – Lies und bewahre mir auch dieses zusammen mit dem andern auf. – Vielen Dank! – Stets Dein Faste.« Unten in der Küche beauftragte er das Mädchen, das Paket zu Gyllings zu bringen. Er schloß die Tür des Zimmers und sah sich einen Augenblick darin um, bevor er sich auf den Weg machte. Ehe er sich plötzlich umwandte und den Weg an den Felsblöcken entlang nach den Schären zu einschlug, hatte er eine Weile ganz vertieft vor Büchsenmacher Dunhagens Fenster gestanden. – – Er dachte auch nicht einen Augenblick daran, einen Revolver zu kaufen; – der Kopf schmerzte ihn nur schließlich so sehr, – tief drinnen im Gehirn von diesem langen Stehen und Starren; – seine Gedanken weilten weitab – – – Drinnen bei Breders saßen Dina und die Schwester und weinten. Ihre kleine Mitgift war mit draufgegangen. – Lüders aber raste und schwur Rache. Der Zollinspektor und der alte Klüver schrien, er müsse arretiert und ins Zuchthaus gesteckt werden. – – Sölvi ging daheim still umher und sagte nichts. Einige faßten die Sache ironisch auf, und der alte Tryggesen posaunte seine Witze aus. – – – Faste hätte um nichts in der Welt jetzt durch die Straßen gehen mögen. Er sah die Stadt durchsichtig wie eine Vision und eilte dahin, gleichsam verfolgt von all ihrer Not und ihren Rufen und ihrer Verzweiflung, die zögernd und klagend hinter ihm dreinschallten. – – – – – Und von der Landzunge her kamen sie, Männer und Frauen mit Kindern auf dem Arm, – alle kleinen Leute, – es war ein ganzer Zug, – und fragten nach ihrem Recht, und wo er, der sie um ihre armseligen Sparpfennige betrogen hatte, zu finden sei? – – Er fühlte sich unsagbar erleichtert, geradezu befreit, als der letzte Felsblock ihm die Aussicht auf die Stadt versperrte. Endlich war er allein! Dort unten zwischen den Klippen brauste eine wilde See, und die Wolken zogen schwarz vorüber mit hellen Durchblicken. Es hatte gar manch ein Wrack dort zwischen den Schären gehangen, – da konnte heute noch eins hängen – Denn sein Lebensgebäude war total zerschellt. – – Das hast du schnell besorgt, Faste! – Siebenundzwanzig Jahre – – Und dann stehst du schon hier und willst vor Gottes Antlitz treten! Ja, wer so wäre wie die Mutter – – die mit dem einen Auge glaubt und mit dem andern räsoniert, – und es doch zum Stimmen bringt! Ich möchte mir im übrigen erlauben, mir eine Erklärung für allerlei Kleinigkeiten auszubieten. Zum Beispiel, was das für eine Gerechtigkeit ist, nach der Mutter so gebeugt einhergeht, während Ditlev als Idiot zur Welt gekommen ist? – – Überhaupt möchte ich auch einige Fragen stellen, – im Namen aller dieser Elenden, die mit allerhand Gebrechen umhergehen, – im Namen der Lahmen und Blinden und Geistesschwachen und Unfertigen, – – die könnten sich, weiß Gott, auch über Bankrott beklagen! Oder die, bei denen es umgekehrt ist, – denen ein Überfluß von Gaben zuerteilt wurde, der nicht für das Leben paßt, sondern zu der entsetzlichsten Verantwortung führt. Wie zum Beispiel ich! – – dem außer allem anderen dazu gehörigen auch eine Überredungsgabe zuerteilt ist, die in erster Linie mich selber täuscht und betrügt und dann meine Mitmenschen ins Unglück bringt. Ich könnte mich versucht fühlen zu fragen, ja! – ein wenig in der Grundsprache zu reden! Der arme Bettler, der vor den Richter tritt, beladen mit der Verantwortung für die vielen, vielen Schafe. – – Was soll der antworten? – außer dem einen, daß er die Krallen zeigt und sagt: die hast du mir gegeben, Herr, – geschah das nicht, damit ich sie brauchen sollte? – Oder ist es ein Überfluß, den du mir in der Zerstreuung deines gewaltigen Schaffens versehentlich zuerteilt hast? Jetzt, wo ich vor dem Kalten, Nackten stehe, möchte ich wohl fragen, warum du mich von einem steinigen Abgrund zum anderen hast über die Erde kriechen lassen gleich einem Wurm mit irreführenden Flügeln, – so daß ich ein gutes Recht besaß zu glauben, daß mein Wesen zum Fliegen geschaffen sei? – – Frage, frage nur, Faste! – Niemand wird dir antworten. – Er schlug den Weg ein, der zwischen den Schluchten der Strandhügel entlang führte. Ebenso gut kannst du den Gischt fragen, der den Svaberg hinanstürmt. – – Der schäumt und donnert und brüllt und weicht zurück gleich einem Spitzenschleier. – – Er ist schön. Aber häßlich, nüchtern und salziggrau, wenn er sich am Felsen zerschellt; – und hat nichts mit Spitzen oder Regenbogen im Wasserstaub zu schaffen! Willst du wissen, was ein Gewaltiger ist? Da kommt jetzt einer herangerollt, so nüchtern wie die ewige Wahrheit, während der Schaum an seinem Kamme emporleckt, – eine große Glaswelle mit weißem Helm und flatterndem Helmbusch! – Sie zerschlägt sich an der zerrissenen Klippe, von der sie herabfließt und tropft, – unaufhörlich, unaufhörlich, – das ist ihr Lebenswerk. – – Ein Priester in hoher, spitzer Mütze steht da und predigt in das Meeresgebrause hinein, bald unter, bald über dem Wasser, bald frei und hoch im langen Talar, bald ganz begraben, so daß die Worte zu Schaum und Dunst werden. – – Und dort, weiter hin, kämpft die Brandung einen harten Kampf mit einem seichten Grund voller Tang, wo es die ganze Zeit zischelt und tischelt – »St! – St! – Und die Welle zieht sich kreischend, heulend, hohnlachend zurück, – in die Arme einer gewaltig heranbrausenden neuen! Ja, Faste, – jetzt kommt die Antwort. – – Das Meer breitet sich zu einem weißen, viereckigen, schäumend schwindeligen Leichentuch aus, – dort auf dem sandigen Boden mit wogenden, entzückenden Schönheitslinien mit verbrämter Kante geschmückt, – dort zwischen den kleinen Steinen prasselnd. – Plumps – – plumps – – Da war er wieder dieser dumpfe Laut des saugenden Wassers an der steilen Felsklippe. Er kam regelmäßig mit langen Zwischenräumen, wenn die Brandung sich bei ihrem Anprall hoch über die Steinwand hinauf gewagt hatte und nun wieder versank. Er vermied es, dahin zu sehen, hatte das Schauspiel am liebsten im Rücken. Dorthin wollte er. – – – Es war noch hell, – noch nicht dämmerig genug. Am liebsten von Dunkelheit umhüllt, wollte er sich in die Dunkelheit hinabfallen lassen. – – Da lag etwas, was auftauchte und hervorragte, dort am Rande, wo die Felswand eine Biegung machte. – Er mußte sich unwillkürlich damit beschäftigen, es untersuchen, näher und näher Herangehen. Es nahm einen Augenblick fast die Form eines menschlichen Kopfes an. – – Jetzt tauchte es wieder auf, – war das nicht auch eine Schulter? – Bleich vor Angst blieb er stehen. – Sollte da schon eine Leiche vor der seinen liegen und sich wiegen – –, würde er dort im Meeresstrudel mit einem Bruder zusammenliegen? War er denn wahnsinnig geworden? – Sah er sich selber dort, – bleich, häßlich, zerfressen. – – Mit einem eisig kalten Schaudern starrte er in das Land des Todes hinein. Jetzt tauchte es da hinten völlig auf. – Ein Wrackstumpf – die zerbrochene Planke eines Bootes. – Ein Schiffbruch wie mein eigener. – – – Und die Welt geht ruhig weiter! – – – Er vermochte keinen Gedanken mehr zu fassen, – legte sich müde und schwer und leer in eine Schlucht, wo der Skjelberg ihn gegen den Wind schützte. Er saß mit dem Nacken an einen Felsblock gelehnt – die Dämmerung breitete sich wie eine Decke aus. – – Wenn die Sterne kamen, dann – Der Wind sauste leise mit unverständlichen Worten. – – – – – Er saß ja daheim auf der alten, moosbewachsenen Steinbank in der Laube. Und da summte auch die Hummel, – schwarz und gelb am Wams, dick und haarig. – – Jetzt kletterte sie auf ein fettes, kleberiges Pappelblatt. – – Schwerfällig und übersättigt, war sie bemüht, sich fest zu halten; mußte den Versuch aber aufgeben. – – Sie summte tönend auf ihn zu. – Wo war sie nur auf einmal geblieben? – – Er fühlte einen Stich im Fuß.– – – Jetzt saß er plötzlich auf einer grüngestrichenen Bank auf dem Platz am Kirchenpfad. – – Da gingen sie alle und sahen ihn nicht, sowohl die, die Aktien hatten, als auch andere. – Sonderbar, daß hier so viele gingen? – – Es mußte irgendein Fest gefeiert werden, – in der Kirche oder – Sie gingen alle so stille. Beinahe die ganze Stadt war auf den Beinen, – Alte und Junge, alle geputzt, – die jungen Mädchen mit Schleifen, – in Gruppen oder zu zweien. – Er selber hatte einen so merkwürdig großen Fuß, und er glaubte zu bemerken, daß, wenn er den Absatz auf den Hügel niedersetzte, es schien, als habe das eine eigene Wirkung auf sie. Es fiel ihm ein, daß er sie müsse verhindern können, in die Straßen hinein zu verschwinden, wenn er mit dem Fuß gegen die Erde drückte. Er versuchte es ganz leise zwei-, dreimal. – Und wandten nicht Kristine und Mina und Tona sich um, gerade als sie in die Hauptstraße einbiegen wollten? Und da hinten an der anderen Ecke drehten auch zwei oder drei sich um. – Er mußte es noch einmal versuchen. – Und sie drehten sich hier und dort um. Selbst der Zollinspektor und Risting machten eine halbe Wendung. – Je mehr er auftrat, um so starker zeigte sich die Wirkung. Er fing an, mit dem dicken Fußblatt auf die Erde zu stampfen und immer schneller drehten sie sich, – eine Gruppe nach der anderen wie Abteilungen in einem Tanz. – Er fuhr fort, hart aufzustampfen, regelmäßig im Takt nach einer wunderlich aufregenden Melodie. – Und schneller und schneller drehte das Ganze sich herum. Er stampfte und stampfte, trampelte und klopfte, so daß das Fußblatt knallte, – schneller und immer schneller. Jetzt drehte er das Ganze, als trete er einen Spinnrocken, – schlug wieder und wieder mit dem gewaltigen Fußblatt gegen den Boden, so daß das Ganze in der Luft herumsauste wie ein wilder Wirbel. Er fühlte seine Macht mit einer jubelnden Siegesfreude, – er stampfte und stampfte mit dem Fußblatt, das immer mehr wuchs und gewaltiger wurde. Er erwachte mit einem Angstschrei. – Ich bin doch nicht der leibhaftige Satan geworden! – – – Er stand einen Augenblick da und besann sich auf die Umgebungen, um sich darüber klar zu werden, wo er war, – und sah dann auf seinen Fuß nieder. – Es fehlte nur, daß der schwarz war und – einen Pferdehuf hatte! Eigentlich nur das alte – – das alte Talent, mit dem er alle Aktienbesitzer herumgedreht, den ganzen Schwindel aufgewirbelt hatte. – Eine Kraft, ja! – und sich dann vom Wahlplatz des Lebens zurückzuziehen, ohne sie ausgenutzt zu haben? Es leuchtete vor ihm auf, wie ein Blitz, daß er leben könne . Das Blut strömte ihm aus der Tiefe des Herzens in das Gesicht. – – – – Waren doch vielleicht noch Pfeile auf der Bogensehne? – – Schnell, als wolle er sich gegen einen neuen Einwand schützen, eilte er über die Felsblöcke zurück. – – Ohne im geringsten seine Hast zu vermindern, warf er von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Brandung zurück, die aus der Dunkelheit zu ihm emporschimmerte. – – Die gewaltsam aufgestaute Lebenskraft durchzitterte seine Nerven. – – – Nach Hause und den Kampf von neuem aufnehmen, – – klang und tönte es gleich Sporenhieben, die er einem Pferde in die Flanken drückte. Er hielt erst an, als er einzelne Lichter der Stadt erblickte. – Hier steht man wieder vor einer Tatsache: – Von jedem Menschen, den du kennst und nicht kennst, in kleine Fetzen zerrissen werden, – auf Straßen und in Kontoren Standrecht über sich ergehen lassen! Wolltest du nicht das Ganze mit deinem Fußblatt in Bewegung setzen und herumdrehen? Nein, nein, über die Lage der Dinge kann ich mich nicht hinwegtäuschen. – – Die ganze Stadt ist natürlich wieder klüger als ich. Jetzt haben sie es alle von Anfang an gewußt, daß Faste ein Verrückter ist, – ein Idiot, wie der Bruder, nur auf andere Weise! – – Ein paar bleiche Sterne kamen zwischen den zerklüfteten Wolken zum Vorschein, und als das Haus der Mutter auftauchte, spähte er wiederholt aufmerksam, ob er in einem der Fenster Licht entdecken könne. Nicht im Wohnzimmer und auch nicht im Schlafzimmer der Mutter. – – sie hatte ihn also nicht entbehrt oder gemerkt, daß er weg war. – Als er in die Gartenpforte einbog, gewahrte er plötzlich gegenüber auf dem Wege eine Gestalt. – – Es schien fast, als wolle sie sich scheu entfernen. Bera? – Bera? – Ja, das mußte wohl Bera sein –! Es durchzuckte ihn, daß sie wohl infolge seines Billetts Verdacht geschöpft haben müsse und nun auf ihn gewartet und ihm aufgepaßt hatte! Mit einem Satz war er neben ihr. »Du hier, Bera – – « »Ach, – ich habe mich so geängstigt, – ich bin hier auf und nieder gegangen und habe nach dir ausgespäht, ob du nicht kämest, – ob du denn nimmer kämest!« Sie rang krampfhaft die Hände. 180 »Ich verstehe.– – Ich verstehe. – – Ich fühle mich wie ein auf frischer Tat ertappter Dieb! – – Nein, ich kann dich beruhigen, dieser dein geschlagener ehemaliger Freund will leben, – will den Kampf noch einmal aufnehmen.« »Scherze nicht, Faste! – Du bist noch keineswegs fertig mit der Welt, – du hast noch gar nicht einmal angefangen . – – Ich habe es ja immer gewußt, daß dies nichts für dich sei. – Was kann ich dir sagen! – Aber du hast ja genug ungebrauchte Fähigkeiten und Kräfte. – Weshalb nicht über all das schreiben, was du denkst? – Ich fing an, das Schauspiel zu lesen, das du mir geschickt hast, und es war mir, als erlebte ich es alles. – – Aber plötzlich überkam mich eine solche Angst, – weshalb hattest du es mir geschickt? Ich stürzte geradeswegs zu deiner Mutter; aber sie und Agnete dachten an nichts Schlimmes, und ich hütete mich wohl, sie zu erschrecken. Aber von dem Mädchen erfuhr ich, daß du ausgegangen, – daß du nicht auf deinem Zimmer seiest. – – Und dann bin ich hier in Todesangst auf und nieder gegangen und habe gespäht und gespäht und gelauscht –« »Großer Gott, Bera, – wäre es nun nicht im Grunde für alle besser gewesen, wenn dieser lästige, beschwerliche Bursche verschwunden, unterlegen, aus der Welt gegangen wäre mit der Bemerkung: – Verstehe keine Spur von dem Ganzen!« »Nein, Faste, das wäre nicht besser gewesen, – für mich nicht.« »Sagst du das, Bera? – Kann so eine verunglückte, schiffbrüchige Person dich noch interessieren?« »Wie du redest, Faste! – Du mit allen deinen –« Er packte sie plötzlich bei beiden Armen und sah ihr scharf ins Gesicht. – – – »Nein, jetzt sollst du es mir sagen, – jetzt will ich es wissen. – Ich habe schon einmal Schiffbruch gelitten und muß es zum zweitenmal ertragen können. – – Verhält es sich wirklich so? Ist es denn möglich, daß du dich mir und meinen Interessen anschließen kannst, – jetzt, wo ich so tief unten auf der Leiter stehe. – – Kannst du, die du so klar und klug und korrekt bist, mich lieb haben? – Ja, so richtig, wirklich, meine ich!« »Du bist meine Welt geworden, Faste! – Ohne dich gibt es für mich nichts, nichts, – das weiß ich jetzt nur zu gut.« »Aber das ist ja, als wolltest du dich vom Felsen herabstürzen, Bera! – Gott behüte dich, Kind!« »Du bist bitter geworden, du Ärmster«, sagte sie und lehnte den Kopf an ihn an. – – »Aber du sollst sehen, es wird noch alles wieder gut. – – – Wir wollen es schon zwingen, wir beide. – – Wie, Faste?« Er schlang die Arme um sie. – »Rede, sprich weiter. – – Es hört sich an wie etwas Herrliches, aus weiter Ferne, – wie Meerfrauensang! – Es ist mir als stünde ich hier und hielte dich mitten in der Brandung fest.« »Sie wird ihr Schäumen schon einstellen, wenn wir beide –« »Bera! Bera!« flüsterte er, – »sag' es immer, immer wieder, daß du mich liebst, so daß ich es fassen, – es begreifen kann.« Fünfzehntes Kapitel Faste und Bera waren übereingekommen, daß sie sofort heiraten wollten. Sie wollte den Kampf mit ihm gemeinsam aufnehmen. Die Neuigkeit machte einen nicht geringen Eindruck auf die Stadt, – wirkte auch wie ein Dämpfer auf die unverhohlenen Äußerungen bitterer Rachelust in gewissen Kreisen. – Und dann geschah es, daß Faste und Bera eines Tages zu Onkel Joel beschieden wurden – – Er war ja wie aus den Wolken gefallen vor Staunen, – hatte immer geglaubt, daß Bera Gylling ihren Verstand auf dem rechten Fleck habe. – – Aber was sollte man sagen, – heutzutage gab es keine Überraschungen mehr! – »Nun, ihr beabsichtigt also, wie man mir sagt, die schriftstellerische Laufbahn einzuschlagen, eine Zukunft mit der Feder aufzubauen, – ein Geschäft mit dem wohlassortierten Lager von Phrasen und schönen Worten und Fata Morganas und Seifenblasen zu machen! – Sozusagen ein Delikatessegeschäft in höherem Stil zu errichten, – nur mit dem Farbenspiel der Dinge – – Ja, ja, – dabei ist jedenfalls nicht so viel zu riskieren, – keine so große Verantwortung – bei so etwas – Luftigem! Ich las das Schauspiel, das Sie mir schickten, kleine Frau, – »Mammon« – – – Es ist ja jetzt beim Theater eingereicht? – Ich las es in einem Zug – Ich muß gestehen, ich habe es genossen, – – namentlich an den Stellen, wo man nicht selber figuriert. – – – Wunderbar getroffen, – das muß man sagen, – mein alter, verehrter Konkurrent Bankdirektor Böckman, wie mit einer Laterne von außen und innen durchleuchtet. Eine sonderbar verwickelte Maschinerie, so ein Mensch – Ja, was soll man sagen! – die Zeit hat auch mich angesteckt. Ich habe auch Ideen. – Es ist ein einsames Leben gewesen, das ein alter Mann diese letzten Jahre geführt hat. – Was meint das junge Paar? – Solltet ihr wohl geneigt sein, diesen traulichen Stätten auf einige Zeit den Rücken zu kehren und mich nach dem Süden zu begleiten, wo ich gezwungen bin, mich häuslich niederzulassen? – Wir könnten uns ja gegenseitig dies oder jenes zuführen, – mein Neffe und ich sind schon längst daran gewöhnt, unsere gegenseitige Lebensweisheit rückhaltslos auszutauschen, – und mit der jungen Frau wollte ich schon fertig werden. Und dann, mein lieber Faste, kann ich dir auch mitteilen, daß ich mich entschlossen habe, deinen weisen Rat zu befolgen und die Stiftung zu errichten, zu der du mich seinerzeit verpflichtet glaubtest und weswegen du mich so strenge unter den Druck meiner Mitmenschen stelltest. Mein Angebot ist nun gemacht. Ich übernehme das Hotel mit allen Bauplätzen und Anlagen bis über den Vorstrand hinaus, – alles, was von der Stadt isoliert liegt, – für ein Drittel von dem, was es der Aktiengesellschaft gekostet hat. Ich will es in einen Kurort für Bronchitiskranke und Lungenleidende verwandeln, – habe eingehend mit Doktor Falkenberg darüber konferiert – – Da sind ja, wie du das so beruhigend in deinen Prospekten geschildert hast, – alle möglichen Vorzüge vorhanden: Gegen den Wind geschützte Lage, Salz in der Luft, Fichtennadelatmosphäre, Meeres- und Hochgebirgsaroma, – wo könnte ich es da wohl besser hin verlegen? – Und alle Menschen sind ja nicht in der Verfassung, daß sie, so wie wir drei, gen Süden ziehen können – –« Sechzehntes Kapitel Frau Forland lag in ihrem Schlafzimmer, die großen, sanften Augen auf das Fenster gerichtet, und sah zu den letzten gelben Blättern hinaus, die von Zeit zu Zeit von dem Lindenbaum herabschwebten. – – Einer der letzten Zugvögel spielte dann, – oder vielleicht konnte er nicht weiter – wollte hier oben überwintern, – sich einen letzten Federmantel im Schnee suchen? – – Es war so schön, – so getragen leicht, hier zu liegen und an alles das mit Faste und Vera zu denken – – Sie gingen jetzt dort im Hause – in ihrem ersten kleinen Nest – umher, ehe auch sie den Flug nach dem Süden antraten, und er seine Schwingen erprobte. – – Er hatte sich gleichsam auf einem anderen Fels abgegoren. In dieser Zeit der Erfindungen konnten begabte Naturen sich wohl leicht auf diesen Weg verirren. Er vermochte es immer noch nicht zu glauben, daß das Ganze anfing sich aufzuklären, – er ging so ungewohnt still einher, konnte in Gedanken versinken, während seine Augen einen so schmerzlichen Ausdruck annahmen; – sie konnte in ihnen, wie auf einem Bilde, all das Schmerzliche lesen, das in ihm aufstieg. – – Es gehörte Zeit dazu, ehe sich das alles beruhigt hatte und geheilt war – – Sobald Vera sich blicken ließ, war alles wie von ihm genommen. Durch ihren unerschütterlichen Glauben an ihn rief sie seinen früher so unbändigen Mut und das Bewußtsein seines Könnens wieder wach und zauberte ihm eine Zukunft vor, die all das Geschehene wieder gut machte. Und wie gelang es ihr nicht, seine Stimmung zu heben und ihm zu folgen, wenn die Gedanken die Schwingen zu seiner neuen Tätigkeit regten. Und nun diese letzte große, erfreuliche Neuigkeit, daß sein Schauspiel gleich zur Aufführung am Theater der Hauptstadt angenommen war! – Das war ja wie eine neue Schwelle, von der man ausgehen konnte. Frau Forland lag da und dachte an den Kirschbaum und an Faste, als er rief: »Mutter, ich blühe!« Sie empfand eine wunderlich frohe Gewißheit, daß mit ihm ein Baum des Geistes gepflanzt war. Und auch über ihrer Agnete fing die Sonne wieder an zu scheinen – – Es war nicht schwer, vorauszusehen, was daraus werden würde. Hauptmann Döscher fand jetzt, wo er vom Manöver heimgekehrt war, täglich Veranlassung, sie zu treffen. Es war sonderbar, wie sich schließlich doch alles fügte, – es tat so gut, daran zu denken. – – Ditlev bekam sein Teil freilich erst in der anderen Welt – – * Doktor Falkenberg und Sölvi sahen sich in dieser Zeit oft nach Frau Forland um. Man fürchtete, daß sich die Gicht auf das Herz schlagen würde. Alle die starken Eindrücke waren wohl mehr gewesen, als ihre Nerven und Kräfte ertragen konnten, so scheinbar ruhig sie auch alles hinnahm. An einem Tag im Spätherbst lag sie wieder da mit Augen, aus denen ihre Gedankenwelt stille hervorstrahlte und einem schwachen Lächeln, als schaue sie etwas. Frau Forland kämpfte nicht, sie sah vielmehr mild verklärt auf den alten Kampf herab, aus dem sie sich so unzählige Male wieder und wieder gerettet hatte – – Es lag eine höhere Bedeutung in allem, – den Gedanken durfte man nicht aufgeben! – sowohl in der schweren Prüfung, die sie selber betroffen hatte, daß sie, die einst eine stolze, schlanke Frau gewesen, so gebückt und krumm gebeugt einhergehen mußte, daß sie den Kopf nicht erheben und zur Decke aufsehen konnte, – wie in der immer von neuem auftauchenden bittern Frage in bezug auf Ditlev. Eine Zeitlang hatte sie hart gekämpft. – – Sie durfte den Gedanken nicht aufgeben, daß ihr Schicksal ein Einsatz für ein höheres Leben war. Sie durfte ihn nicht aufgeben – – Entweder das, – oder gar nichts, – nichts als ein unter dem Absatz zertretener Schrei,– und damit konnte man nicht leben! Oft hatte sie gekämpft, – jetzt kämpfte sie nicht mehr: Warum ist mir dies auferlegt? Ich will wieder zur Erde zurück. – Aber das Wasser ist zu kalt, das Feuer zu heiß. Gottes Zorn wohnt darin. Sie hatte sich mit ihrer Pflanzenlehre ausgesöhnt, – konnte jetzt ganz still daliegen und das Wachstum mit den unsichtbaren Schüssen und Blättern betrachten – – Über Nacht hatte sie abermals den alten, schönen Traum gehabt, – sie war wieder in der Kirche, und ihre Stimme füllte sie wieder aus, so wunderbar klar und groß und befreit klang sie bis zu dem Gewölbe empor, wahrend Ditles mit dem Taktstock in der Hand dastand und den Chor von der Orgel herab dirigierte. Jetzt schlief sie. Die Herbstsonne rückte ganz leise dem Bettschirm näher. Hin und wieder pickte ein Vogel mit ein paar kurzen Stößen gegen das Fenster. Falkenberg schlich herein – – Die Atemzüge wurden so wunderbar leise, hin und wieder unterbrach sie ein Seufzer – – Dann auf einmal – während eines starken Ausatmens, das fast wie ein Triumphruf klang, – erhob sie sich mit ausgebreiteten Armen von ihrem Kissen. Mit einem »Ach – ach, – nun gehe ich –« richtete sie sich auf. Es war, als ob die Steifheit nachließe, – die Augen verklärte ein leises Lächeln und rank und gerade fiel sie auf ihr Lager zurück. Siebzehntes Kapitel In der Dämmerung fuhr der Dampfer, die See durchpflügend, an der Küste entlang. Onkel Joel war der scharfen Abendluft wegen in die Koje gegangen, und Faste und Vera wanderten auf dem Deck auf und nieder. Sie fühlten beide, daß sie sich in der Stunde der Entscheidung befanden. Zerstreute, leichte rötliche Wolken verdunkelten den Horizont und das Meer. Zwei Landzungen ragten in die See hinaus, und Faste hatte ein Gefühl, als wenn die Wirklichkeit mit ihren Ansprüchen und Forderungen die Arme noch gleich zwei Hummerscheren nach dem Dampfer ausstrecke, auf dem er fuhr, um ihn zu fassen. »Weißt du, Faste, ich habe oft diesen deinen eckigen Kopf betrachtet«, scherzte Vera, er ist so holperig und voller Beulen wie ein Blecheimer. Das kommt wohl, weil so viel Sonderbares da drin ist?« – meinte sie. Faste hörte nicht. Er ging in einer stark erregten Stimmung, in seine eigenen Bilder und Gedanken vertieft. – – Nach einer Weile stand er mit einem Bleistift und einem Stück Papier an der Reling und schrieb: Wild braust das gischtgekrönte Meer, Der Sturm heult gellend drein, Gestrandet das Schiff, zerschellt das Deck. Wo mag der Schiffer sein? Die andern flohen vor dem Sturm Hinein in Forlands Bucht, Wo dräuend in den Himmel ragt Der Felsen steinerne Wucht. Und wie sie gingen und suchten am Strand Und forschten in Klippen und Riff, Da lagen zerfetzte Segel viel Und wilde Trümmer vom Schiff. Doch nimmer fanden sie wieder den Mann, Der stützte wohl über Bord? Sie fragten im Land, sie suchten am Strand, Jedoch der Mann war fort. Wo ging er hin, den sie gesucht? Sein Schiff fährt schnell und leicht, Hin übers ferne blaue Meer, Wo es kein Fernrohr erreicht. Es jagt durch die Wellen im Abendwind, Und hoch am Himmel thront Als Feuer, das ihm den Hafen weist, Der große, silberne Mond. Er läßt die Falrepstreppe hinab In des Stromes glitzernden Schaum, Und was die Welt von ihm vernimmt, Hört sie nur wie im Traum. Da droben pflügt die Welle so tief, Wie das Leben im Herzensgrund, Wenn die Sterne brennen in dunkler Nacht Und die Tränen in reuiger Stund'! Dort kann er segeln und stielen voran, Die bunte Flagge am Mast, Dort kannst du kämpfen, geschlag'ner Mann, Wie sehr dich die Welt auch haßt. Der Dampfer pflügte und schaukelte im Seegang. Nur das einsame Blinkfeuer schimmerte durch die Dunkelheit des Abends.     Ende     Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig