Joseph Christian von Zedlitz Turturell Tragisches Mährchen in fünf Handlungen. 1834 Personen. Singald , Gawin Könige aus verwandtem Stamme. , Gylfe , König Singalds Weib. Margard , ihre Dienerin. Pendragon , ein Ritter König Gawins. Ein Ritter König Singalds. Ein Diener der Königin. Ein Arzt . Argele , eine Köhlerin. Turturell , ihre Tochter. Ein Harfner. Erster Zweiter Knecht Dritter Gefolge. Reisige. Diener. Landleute. Erste Handlung. Dicht verwachsene Waldgegend, eine große Eiche im Hintergrunde, seitwärts ein abgehauener alter Baumstamm. Ein heftiger Sturmwind heult durch den Forst. Der Harfner (ein fast hundertjähriger Greis, sitzt auf dem Baumstamme und spielt die Zither. Nach einigen kurzen Gängen läßt er sie ruhen und spricht): Das ist die Stelle. Jene Eiche dort Durchwühlt der Sturm, wie damals, so auch heut'; Auf diesem abgehau'nen Stamme hier, Auf dem ich sitze, saß ich damals auch. Noch hat ihn nicht der Moder aufgezehrt; Nicht der Orkan den wurzelfesten Stock Entrafft der mütterlichen Erd'; er hält Dem Drange wider einer wilden Zeit. – Ach Gott! auch mir pfiff manch ein kalter Wind Seit jenen Tagen um den Bart, und sieh, Ich lebe noch, und trage meiner Jahre Und meines Unglücks Last. Wohl besser wär's, Es fegte, statt dem weiß gebleichten Haar, Der Sturm das falbe Gras auf meinem Grabe. Doch nicht dem Lebenssatten naht der Tod; Die frohe Jugend schlinget er hinab, Der Lust und Freude blühn, das müde Alter Muß mit des Lebens harten Mühen ringen, Und kann nicht fort! – So geht's auch mir! So schwand mir Lenz auf Lenz, und jedes Jahr Saß ich auf dieser selben Stell' und spielt' Ein tröstend Lied auf meiner alten Zither. Gott besser's! – (Er ergreift die Zither von neuem und spielt, den Blick auf den Boden geheftet.) Der Harfner. Gawin und Pendragon erscheinen und winden sich durch das Dickicht. Pendragon (noch hinter der Scene). Hier, Herr König Gawin, hier! Nur frisch mir nach; hier lichtet sich das Holz. Gawin. Doch nicht der Himmel; der bleibt schwarz und düster. Pendragon. Glaubst du an Zeichen, Herr, so ist's nicht gut, Daß solch ein furchtbar Ungewitter dich Willkommen heißt auf dieses Landes Bode. Gawin. Das Ungewitter treff ich hier nicht an, Ich bring' es mit; so sind die Zeichen günstig, Und schönes Wetter wird, wenn's mir gefällt. Pendragon. So mach' es bald, o Herr, denn es thut noth! – Doch sieh! – Welch eine wundersame Schau! Ein alter Weißkopf, dem, so wie es scheint, Fast ein Jahrhundert auf dem Nacken ruht, Sitzt dort so still im wilden Sturm und spielt Auf seiner Zither, als ob Frühlingswehn Mit lauen Lüften ihn umsäuselte. Gawin. Ein rechtes Bild der kräft'gen alten Zeit. Der Harfner (steht auf). Nun zieh' ich meines Weges wieder weiter Mit leichten Schritten; denn der Hütte nah' Ich mich nach Jahresfrist, und ruh' dort aus Von meinem Irren, und drei Tage lang Vergess' ich all' mein Leid und leb' im Glück; Dann treibt mich wieder vorwärts mein Geschick. Pendragon. He, greiser Spielmann! bleib' und hör' ein Wort! Harfner. Laßt mich, ihr Herrn. Ich bin ein alter Mann, Der keinem was zu Leide thut. Pendragon. Du sollst Zu Lieb' uns etwas thun und nicht zu Leide. Gawin. Bist du des Weges kundig, alter Knabe, So leit' uns aus dem Forst, wo wir verirrt, Harfner. Gar gern, wenn ihr mir folgen wollt. Doch geh' ich langsam; denn die Knie wanken Und nicht recht weiter wollen mir jetzt mehr Die schwanken Füße. Pendragon. Und doch sitz'st du Im Sturm so ruhig da und spielst die Zither, Als wärest du ein rüst'ger Jüngling noch, Der auf sein Liebchen harrt und wenig sich Des schlimmen Wetters Unbill kümmern läßt? Harfner. Es hat die Zeit mich alt und starr gemacht; Das Fleisch hat mir der Kummer abgezehrt, Und da die trocknen Knochen haben kein Gefühl. Gawin. Wo ist denn deine Heimath? Harfner. Herr, ich habe keine. Gawin. Was sprichst du, alter Greis? Du hättest keine? Harfner. Die Welt irr' ich entlang Jahr ein, Jahr aus, Und spiel' die Zither auf um ein Stück Brod; Wird mir's gereicht und hab' ich's aufgegessen, So zieh' ich weiter, such' ein andres Haus. Pendragon. Du trägst, fürwahr, an einer schweren Bürde! – Und hast du keine Freud' und blüht dir nie Ein Blümchen Trost auf deinem Weg? Harfner. Ich weine – Und hab' ich ausgeweint, und ist in Thränen Verschmolzen all mein Gram und all mein Sehnen, Dann wird mir wieder leichter um die Brust. Gawin. So übst du eine schmerzenreiche Lust. Harfner. Mich hat die Hand berührt des Vaters oben: Schmerz ist mein Leben, also soll's bestehn, So ist's sein Wille. – Laßt uns weiter gehn. (Sie gehen ab.) Eine einsame Hütte im Walde. Argelens Wohnung. Kammer mit einer Seitenthür. Im Vordertheil der Bühne ein Stuhl, vor dem ein Rocken steht. Auf dem Tisch: eine erloschene Lampe. Seitwärts ein Kamin mit einem fast erloschenen Feuer. Im Hintergrunde ein Lager, auf dem Tulturell ruht. Turturell (erwachend, blickt erstaunt um sich). Wie ist mir? – Welch ein wunderbarer Traum Hat mich, in leichten Schlummer kaum gesunken, Umgeben mit bedeutungsvollen Bildern, Wie lebend anzuschaun!? – Ein Lilienstengel, So sah ich, sproßte blühend zwischen Flammen: Im Morgenthau erschloß sich kaum die Blüthe, Und weißem Schnee der Berge glich ihr Busen. Da färbte plötzlich sich das Feuer roth, Und kämpfend schlugen die empörten Flammen Hochlodernd über ihr erzürnt zusammen, Und aufgezehrt zu Asche ward die Blume. Wie wunderbar! – Im Zwielicht ist der Schlaf – So sagt man – zauberkräftig, und die Träume, Die er gebiert – sie treffen ein. (Sie steht auf, geht an den Herd und zündet die Lampe an.) Das Licht Ist ausgebrannt. – Wo mag die Mutter seyn? Mir ist so schauerlich hier ganz allein In tiefer Nacht. Der Sturm kracht in den Föhren, Und heult aus des Gebirges engen Schluchten; Mir wächst die Angst mit jedem Augenblick. (Sie geht unruhig umher.) Sing' ich ein Lied? – Vielleicht entweicht die Furcht. (Sie setzt sich an den Rocken, spinnt und singt.) Es ging ein König jagen In den Ardennerwald, Er spürte ohn' Ermüden Mit seinen edlen Rüden, Sein goldnes Horn erschallt Durch Feld und Wald. Da hört er lieblich tönen Ein klagend Liedelein; Er folgt dem süßen Klingen Und find't ein Mägdlein singen In seinem Kämmerlein, Still und allein. Da ward ihm wohl und wehe, Als er die Jungfrau schaut, »Mußt mein, du Süße, werden! Vor allem Volk der Erden Grüß' ich dich meine Braut, O Liebchen traut!« Das Mägdlein hört mit Beben Des Königs – – Nein, Mir preßt's die Kehle zu bei diesem Liede Und Thränen treten gleich mir in die Augen, Selbst weiß ich nicht warum, wenn ich es singe, – Der Sturm braus't immer ärger durch den Wald! Wo doch die Mutter heut so lang auch bleibt? Mir ist so bang' um sie! – Wenn mittelwegs Im Holz ihr nur kein Unglück widerfährt. – Gelobt sey Gott! – da ist sie selbst! (Sie läuft Argelen, die eben eintritt, mit offenen Armen entgegen.) Tulturell. Argele. Argele. Mein Kind! Mein Herzenstöchterlein! was ficht dich an? Dein Busen stiegt, wie sturmempörte Wogen, Die Lippe brennt, der Augen klare Lichter Erglänzen, wie die Stern' in dunkler Nacht; Du bebst und zitterst! Sprich, mein trautes Kind, Warum so heftig und bewegt? Turturell. O Mutter! Dem Himmel Dank, daß du mir heim gekommen! Mich hat um dich die Sehnsucht schier verzehrt, Und bange Furcht, weil von der Königsburg Du nie so spät des Nachts noch heimgekehrt. Argele. Du armes Herz! Turturell. Ich konnte nichts erfinden, Das mir den Muth gestärkt hätt' in der Brust, Und nimmer wollte meine Angst verschwinden. Argele. Gehemmet war der Weg mit reis'gem Volke, Das hergezogen kam in unser Land Mit Gawin, seinem heldenmüth'gen König. Wie dumpf das Meer am Strande braus't und tos't, Tönt der verworrnen Stimmen hohler Schall Aus der bewegten Menge. Durch die Straßen Wogt, wie die Flut, ein undurchdringlich Heer Von Mann und Rossen; denn es zieht fürwahr Mit würdigem Gefolge, recht wie's ziemt Für solchen mächt'gen Helden, Herr Gawin Zu seines königlichen Vetters Burg. Geschmückt sind alle Pforten, alle Säulen Mit Blumenkränzen zierlich rings umhangen, Den edlen Gast auch würdig zu empfangen. Und lauter Jubel kündet, daß die Fehde, Die lang gewüthet in verwandten Stämmen, Die landverheerende, nunmehr geendet, Und aus dem Boden, den der Krieg zertrat, Die neuen Blüthen frisch und üppig dringen. Turturell. Was aber war des langen Haders Quelle, Der so viel Unheil hat und Noth geboren? Argele. Viel Wunderbares tönt von Mund zu Mund, Vererbet noch aus grauer Runenzeit, Als König Magus herrscht' in diesem Lande, De« Königs Schwangild Vater, der noch nicht Mit seinem Volk in jenen dunklen Tagen Zur heil'gen Lehre Christi sich bekannt. – Es geht die Sage: König Magus zog Einst rüstig aus ins ferne Land des Westen, Zur Gattin sich Erlinden dort zu frei'n, Die königliche Wittwe, hochberühmt, Verborgne Zauberkräfte der Natur Erspäht zu haben mit geheimem Wissen. – Als die zuerst nun trat auf unsern Boden, Forscht ihr Gemahl von ihr gewisse Kunde Von seines königlichen Stammes Loos Und den Geschicken kommender Geschlechter: Da hieß die Königin Erlinde ihn Achtsam zu spähen in der Hochzeitnacht Von hoher Thurmeswarte, wenn die Nacht Den weiten Sternenmantel ausgebreitet: Dann würd' er in den Wolken staunend sehen, Bedeutungsvolle Bilder rings gestaltet, Die, was die Zukunft trägt in ihrem Schooße Und erst gebären wird nach späten Jahren, In jener Nacht dem Forscher offenbaren.« Turturell. Welch eine seltsam wunderbare Mähr'! Argele. Als nun der König, wie sie es befohlen, Die Wart' erstiegen und die stille Nacht Die dunkle Schattendecke rings gewoben: Sieht er auf ihrem weiten schwarzen Grunde Seltsame Zeichen flammend sich bewegen. – Die Wolkenhülle sieht er schnell sich theilen, Und Thiergebilde feurig, wild sich regen, Und Löwen, grimme Tiger, Leoparden, Der Wölfe raubbegierige Geschlechter, Der wilden Bären und des Ures Zucht Im grausen Kampfe durch den Himmel eilen, So, daß er bald in seinem Geist erkannt, Es sey ein Krieg, der mordend dort entbrannt. – Wie Magus nun der Königin erzählet, Was er gesehen an dem Himmelsbogen, Gab von der Bilder Deutung sie ihm Kunde. »Von dir« – so sprach sie – »wird ein Doppelstamm Kriegsfroher Helden sprossen, tapfre Degen, Den Löwen gleichend und den wilden Thieren, Die du gesehen, und, wie jene dort Am Himmel, sich im wilden Krieg befehden, Wird deiner Enkel muthiges Geschlecht In ew'gem Haß und Kampfe glühn und toben, In steter Waffenarbeit ringend, her Auf Kriegeswagen stürmend, sich begegnen, Und bis der Letzte nicht von deinem Stamm gesunken, Erlöschet nicht des alten Haders Funken.« – Geschehen ist es so bis diese Stunde: Erschlagen wurde König Gral im Kampf Von seinem Bruder, doch nicht ungerächt. Turturell. Ich hörte Kund' einst dieser blut'gen That: Dem Mörder trieb dann des Erschlagnen Sohn In seine Augen einen goldnen Haken, Daß beide Stern' entflossen in den Staub Und er geblendet seine Tage schloß. Argele. Dann herrschte König Branor über uns, Dem ward im späten Ehebette noch, Als er ein achtzigjähr'ger Greis, ein Kind Geboren, und Weißröschen nannte Die späterzeugte Tochter König Branor. Den überfiel sein Neffe Singald einst, Und trieb den Alten fort von Thron und Land. Nichts hörte man seit jener Zeit von ihm Und von Weißröschen, seinem zarten Kinde, Mit dem er floh. Turturell. Der arme alte Mann! Argele. Auch König Singald, der uns jetzt beherrscht. Hat lange Zeit gekämpft mit seinem Vetter, Dem tapfern König Gawin, der ein Gott, So geht die Sage, waltet in der Schlacht, Und fast des Gegners ganzes Land bezwungen. Doch heute hat der alte Fluch ein Ende, Und eitel hat Erlinde prophezeit; Denn Alles, was er mit dem Schwert errungen, Gibt Gawin wieder, und er ist bereit, Mit heil'gem Eide Frieden zu beschwören Auf ew'ge Zeiten, redlich, ohne Falsch. Und daß die Herzen fester sich vereinen, Wird Ritter Gawin in der Königsburg Noch heut, ein hochwillkommner Gast, erscheinen. Turturell. Wie aber ist's geschehn, daß sich die Feinde, Versöhnt, die Hände wieder friedlich reichen? Argele. Wie man erzählet, hat die Königin, Frau Gylfe, die Gemahlin unsers Herrn, Geheime Botschaft hin und wieder sendend, Und milder Bitten süße Kraft versuchend, Die Gegner ausgesöhnet und den Frieden Zurückgegeben dem bedrängten Lande. Turturell. Die Königin? – Die! nie des Kampfes müde, Im Lager wohnte und den zarten Leib In ehernes Geschmeide eingehüllt? Die, wie der Sturm herbraust auf schwarzen Schwingen, Auf wildem Rosse durch die Reihen flog? Wie kam der Fried' in dieses rauhe Herz? Argele. Seit sie inmitten beider Heere Mit König Gawin Unterhandlung pflog Und reiche Schätz' ihm bracht' als Lösegeld Für König Singalds Sohn, den er gefangen Und lang in Haft gehalten, hat sie selbst Zuerst die Hand geboten zur Versöhnung. Turturell. Und sahest du den wackern Gawin nicht, Ihn, der den Frieden bringt und goldne Tage? Argele. Vorausgesendet hat er sein Gefolge, Doch kommt er selbst, bevor der Tag sich endet. Ich hätte gern mein Aug' an solchem Herrn, Mit ritterlichen Gaben hoch geschmückt, Geweidet; doch der Abend kam, und weil Ein heftig Wetter dunkel hergezogen, Ich auch mein Töchterlein in Angst gewußt, Wollt' ich nicht länger seiner Ankunft harren. Turturell. Hör', wie es stürmt! Argele. Es hat die Windsbraut sich In dieses Waldes tiefer Schlucht verfangen, Und heult, als ob sie aus dem Grund hervor, Wie fest die Wurzeln in die Erde streben, Die hundertjähr'gen Föhren wollte heben. Turturell (ihre Mutter umschlingend). Laß Stürme brausen, Mutter, um uns her, An deiner Brust winkt mir ein sichrer Port, Und keines Wetters Unbill fürcht' ich dort. Wie es auch tobt, bald ist die Angst entschwunden, Hab' ich den Arm um deinen Hals gewunden. (Man hört an der Thür pochen.) Argele. Wer pocht so spät des Nachts? Gawin (von außen). Besorge nichts, Rechtliche Leute sind's. (Man hört den Klang der Zither.) Turturell (freudig). Der Harfner ist's! Hörst du sein Zitherspiel? O, öffn' ihm schnell! (Argele öffnet die Thür.) Vorige. Gawin. Pendragon und der Harfner treten ein. Turturell (geht dem Hafner entgegen und wirft sich an seine Brust). Willkommen, alter Vater, tausendmal! Argele (zu den Rittern). Seyd mir gegrüßt, ihr Herrn, in meiner Hütte! Turturell (zum Harfner). Ich harrt' auf dich das ganze lange Jahr, Recht wie ein Kind des Vaters, der entfernt. Harfner (in die Höhe blickend). Gelobt sey Gott! Gawin (Turturell betrachtend). Welch wundervolles Kind! Pendragon. Zwei Rittersleute, die, des Wegs nicht kundig, Verirrt im Wald, und die nunmehr die Nacht Und dieses Ungewitter überfiel, Begehren Obdach hier von euch und Schirm, Bis daß der Morgen graut. Argele. Ihr lieben Herrn, Die Hütt' ist klein, doch euer soll sie seyn Von Herzen gern, mit ihrer besten Habe. Turturell. (die indessen Gawin betrachtet und in seinen Anblick versunken war, doch ohne des Harfners Hand zu lassen). Hier ruhet aus und seyd uns froh willkommen! Gawin. Nehmt unsern Dank voraus. Ha, Pendragon! Wie holde Schönheit birgt das niedre Dach, Wie süßer Liebreiz wohnt in diesen Zügen, Wie reine Unschuld strahlt aus diesem Blicke! So hab' empor von morgenlichten Höhn Ich Engel oft im Traum entschweben sehn. Pendragon. Fürwahr, ein lieblich Blümchen, still erblüht Im tiefsten Walde, wo es Niemand sucht. Turturell. Hier sitz' am Feuer, guter alter Vater, Und ruh' dich aus, gepflegt von unsrer Liebe. (Sie richtet ihm einen Sitz am Herde, setzt sich dann zu seinen Füßen und hält seine Hand.) Gawin (zu Argele, die unterdessen auch den Harfner begrüßt hat). Du hegst da einen wunderbaren Gast, Und möcht' es dünken, daß, ein Abgeschiedener Von dieser Welt, er wiederkehrt aus jener. Wer ist er? sprich! Argele. Alljährig kommt im Lenz, Wenn oft die ersten Blüthen kaum den Schnee Durchdringen, er zu unsrer Hütte her Und weilt drei Tage hier, dann zieht er weiter. So hat er es an sechzehn Jahre fast Gehalten. Turturell, mein Mädchen dort, Liebt wie ein Kind ihn, wenn er wiederkehrt, Dann hat die Freude Ende nicht und Rast. – Doch wer seyd Ihr ? Gewiß von Gawins Leuten, Und wollt zur Hofburg unsers Herren ziehn? Gawin. So ist's! Pendragon. Wie weit ist noch des Weges hin? Argele. In einer Stunde könnt ihr sie erreichen. Turturell. Doch heute bleibt bei uns und laßt's euch hier Gefallen. Finster ist's und mächtig stürmt's. Gawin So reichen Schmuck schließt diese Hütte ein, Daß ich das Ungewitter dankbar preise, Das mich bewog, ein Gast in ihr zu seyn. Turturell (für sich). Das ist der schönste Ritter, den ich sah Mein Lebelang! – Mir klopft das Herz Bei seinem Anblick. Immer ruht sein Aug' Auf mir, und zieht das meine nach, zu ihm. Argele Man wartet heute schon den ganzen Tag Auf euren Herrn; sein ritterlich Geleite Ist schon voraus. Gawin Mit keiner Königsburg Tauscht Gawin diesen Ort, wo jetzt er weilt; Er zürnt der Nacht, daß sie von hinnen eilt, Und ihre süßen, heimlich stillen Freuden Schon mit dem Schein der Morgenröthe scheiden. Argele Geh, Turturell, den Abendtrunk zu bringen Für unsre Gäste, wie aus gutem Herzen Ihn Armuth geben kann. Turturell Ich eile, Mutter! (Ab.) Vorige, ohne Turturell. Gawin Nun, Greis, wie fühlst du dich zur Stunde? Harfner Wohl und still, und danke Gott im Herzen! Pendragon. Du bist zu preisen, Mutter, daß du dir Solch reizgeschmücktes Töchterlein erzogen. Gamin. Ha, welche Milde, welche süße Huld Aus dieser Augen klaren Sternen strahlet! Wie sich die Seel' in ihrem Blicke malet; Der Anmuth Zauber, wenn sie sich bewegt, Das Ebenmaß der zarten Glieder regt! – Beim Glanz des Himmels, wen dies Mädchen liebt, Wem diese lichtverklärte Huldgestalt In süßer Regung Lust entgegen wallt, Wem diese Perle eigen sich ergibt, Er bat den Himmel sich voraus genommen, Und welche Seligkeit auch dort ihm werde, Er hat sie tausendfach auf dieser Erde! Harfner (für sich). Dort oben lebt der Vater von uns Allen, Und seine Hand hebt wieder liebend auf, Die in des Lebens Abgrund tief gefallen. Argele. Ja, edle Herrn, ich nenne mich beglückt! Denn wie der Körper jede Zierde schmückt, Ist jede Tugend, jeder Werth ihr eigen. Wie dieses Kindes Herz und Seele rein, Kann nicht der Sonne fleckenlose Scheibe, Kann nicht der frische Schnee der Berge seyn. Auch ist ihr, wer sie sieht und kennt, gewogen, Und viele Herrn des Hofgesindes wünschten Der holden Schönheit Knospe sich zu brechen. Pendragon. Will's glauben, Alte! – 's ist ein lüstern Volk, Und wie die Raupen kriechts an jeder Blüthe. Gawin. Wer ist's, der stolz sich könnt' und rühmend preisen, Er sey solch Kleinod würdig zu besitzen? Und wenn den Thron mit Gold und Purpurglanz Mit Edelsteinen, wie mit klaren Sternen Geschmückt er bietet, daß das Auge selbst, Von solches Schimmers Strahl berührt, erblindet: Es ist kein Preis, den ihr auf Erden findet, Der nichtig nicht an ihrem Werth verschwindet. Pendragon. Ja, ja, ich kann's begreifen, wie ein Herz, Das noch der Jugend Woge rasch durchströmt, Bei solchem Anblick hell in Flammen lodert; Thut's doch mir alten Kriegsgesellen wohl, Wenn so vor mir ein fräulich Bild der Huld Vorüberschwebt, als trügen's Engelflügel! Vorige. Turturell mit einem Kruge und Bechern, kommt durch die Mittelthüre. Argele. Nun laßt's euch munden! Turturell, kredenze Du hier den schlechten Trank den edlen Rittern. Der Wein ist wohl für solche Gäste nicht; Doch nehmt vorlieb, wir sind geringe Wirthe. Pendragon (lächelnd). Ein frischer Trunk nach der beschwerten Reise, So müden Wanderern als wir gebracht, Und von so holder Schenkin dargereicht, Möcht' auch dem König nicht verächtlich scheinen. Turturell (schenkt die Becher voll und reicht dem Harfner und Pendragon einen; den dritten, nachdem sie davon gekostet, dem Könige). Auf Euer Glück! Mög' es Euch wohl bekommen! Gawin. Ersehnte Lust! den heißen Mund zu drücken Auf dieses Bechers Rand, im Flug berührt Von deiner Lippen zart entblühten Rosen! Der Reben fließend Gold, das du gekostet, Ist glühend Feuer, das ich gierig schlürfe, Daß seine Gluth mein eignes Selbst verzehre! O, edler Saft, der mir im tiefsten Leben Die Seel' entzündet und die Adern schwellt, Mit sel'ger Wonne ungestümen Strömen Den letzten Tropfen will ich dürstend leeren! So süßen Trank trinkt selbst nicht die Cikade, Ob auch der Frühling sie zu Gaste lade, Daß in des Morgens frischem Blumenthaue Sich ihre stimmenreiche Kehle bade. Turturell. Du bist wohl gütig mit mir armen Magd, , Daß du die kleine Gabe scherzend rühmest. Doch, denk', es sey so, wie du jetzt gesagt, So wird der schlechte Wein ein edler Saft; 's kommt nur drauf an, daß man es selber glaubt. Pendragon. Wär's nicht schon spät und forderte der Schlaf, Den wir fürwahr uns heute wohl verdient, Nicht bald sein Recht, du solltest, schöne Wirthin, Den Krug zu füllen müde werden und Des Schenkenamtes bei so durst'gen Kehlen. Argele. Wollt Ihr zur Ruhe gehn? Dort findet Ihr Das Lager Turturells, das diese Nacht Sie gern dem müden Wandrer überläßt. Turturell (Gawin freundlich anblickend). Mein Lager überlaßt dem Greise dort: Es ist für ihn, so oft er kommt; Ihr findet Wohl frisches Moos. Behelft Euch, wie Ihr könnt. Argele. Wir Beide finden Platz dort in der Kammer. (Zu Gawin.) Seyd Ihr ermüdet, dünket Euch wohl auch Des frische Gras ein königlicher Pfühl. Gehabt Euch wohl, bis Euch die Lerchen wecken! (Geht ab.) Vorige, ohne Argele. Turturell. Nun, Vater, komm, daß ich zur Ruh' dich leite. Harfner. Zur Ruhe leiten? Ja! Drei Tage lang Vergess' ich all' mein Leid und leb' im Glück; Dann treibt mich wieder vorwärts mein Geschick. ( Turturell führt ihn an der Hand zu ihrem Lager, wo der Harfner niederkniet und betet.) Gawin. Die Sterne neid' ich, die am Himmel brennen Und ihren Strahl in deine Kammer senden; Sie dürfen nicht, wie ich, die Blicke wenden, Sich nicht von dir, geliebtes Leben, trennen. Turturell. Schlaf' süß, mein holder Gast, und mög' auf dich Die stille Nacht den milden Frieden thauen! Gawin. O, möchte doch, du Sonne meiner Tage, Im sanften Schlafe dir mein Bild erscheinen, Vor deine Seele hingezaubert stehen, Möcht' es um dich in Flötentönen wehen, Wie ich dich gern mit Liebesworten grüßte! – O, möchte doch, ruht, traulich hingegossen, In süßem Schlummer deine Huldgestalt, Von jedem Reiz der Anmuth hell umwallt, Von jeder Schönheit Zauber mild umflossen – Wenn meiner Liebe Wünsche dich umschweben, Sich leise wogend dieser Busen heben, Die Lippe stammelnd – wenigstens im Traume – Auf meine Bitten holde Antwort lispeln! O, eine sel'ge Nacht hätt' um mich her Die Fülle alles Lebens dann verbreitet! Und wenn der Tag auf seinem Strahlenwagen, Hellflammend, tausend Sonnen auch entzündet, Ein Lichtesmeer durch alle Himmel blitzt, Es muß, besiegt, dem trauten Dunkel weichen, Es wird den Glanz nicht dieser Nacht erreichen. Turturell. O, könnt' ich solchen mächt'gen Zauber üben, Daß von der Nacht umhüllt und ihren Freuden, Du nie gedächtest mehr von hier zu scheiden; Den Tag wollt' ich von seinem Recht vertreiben, Und nur die Nacht, die süße, holde Nacht Sollt' ewig währen, zwäng' sie dich, zu bleiben. Gawin (sie an sich ziehend). O süßes Leben! Turturell (sich loswindend). Ruh' sanft, mein Freund! Gawin Nur noch ein Wort! Turturell. Denk', daß der Tag erscheint. (Sie geht in ihre Kammer.) Pendragon. Ist's doch beinah', Herr König Gawin, als Ob dieser Dirne klare Kindesaugen Ein festes Netz geschlungen um dein Herz, Und du umsonst versuchtest zu entrinnen. Gawin. Wär' ich entäußert menschlicher Natur, In Stein und hartes Erz durch Zauberkraft Gewandelt, und ihr Auge blickt' auf mich: Es müßte sich das Herz in schnellern Schlägen Selbst in dem kalten Marmorbusen regen. Pendragon. Bekränze immerhin dein Haupt mit Rosen, Das lang des Helmes schwere Kuppel drückte; Dir steht es an, jetzt minniglich zu kosen, Da du als Held dich männlich hast bewährt. Die rauhe Kriegesarbeit ist gethan, Nun labe dich am Holden und am Schönen, Trink' deiner Jugend vollen Becher leer; Der schnelle Tag verschlingt, was er geboren, Die Stunde flieht und keine Wiederkehr Bringt uns die Zeit zurück, die wir verloren. Gawin. Nicht, die vorüberfloh, wünsch' ich zurück, Die gegenwärt'ge möcht' ich ewig halten! O, daß das Morgen nicht in seinem Werden Das Gestern schon zur Welt geboren hätte; Daß doch das Heute treu uns wolle bleiben! Die Zukunft fürcht' ich, weil sie Gegenwart Schnell zum Vergangnen macht. – Der Wechsel ist's, Der immer wandelnde, der uns beherrscht; Nicht das Beständige darf uns regieren. Fest auf des Würfels Dauer möcht' ich bauen, Der ewig sicher ruht und bleibt, und muß Der Kugel mich, der rollenden, vertrauen. Pendragon. Das Neue drängt das Alte von der Stelle, Und kaum, daß sich an eines Bildes Schein Das Aug' erfreut', schwebt schon ein anderes Im leichten Fluge vor dem Blick vorüber. In einer Hütte einsam stillem Raum Hat dieses Tages Sonne uns geleuchtet, In eine hohe, goldne Königsburg Führt morgen uns ihr glänzendes Gestirn, Wo dich ein jauchzend Volk mit Festgepränge Als Sieger grüßt, als edelmüthigen, Der, was sein Schwert vom Feinde sich gewonnen, Als Freund zurück den Schwächeren gewährt, Und nichts behalten will von ihrer Habe, Als ihrer Liebe unerzwungne Gabe. Gawin Es sey die Rede nicht von Mein und Dein; Sie mögen nehmen, was sie selbst gelüstet; Könnt' ich nur Fürst in dieser Hütte seyn! Pendragon. Du hast den alten Fluch der ew'gen Fehde Durch deines Herzens Milde ausgesöhnt; Der böse Geist der Zwietracht ist gebannt, Der über dir und deinem Stamme schwebte. Gawin Vorüber wandeln ruhig die Geschicke Am niedern Hause, wo die Armuth wohnt, Um an der hohen Pforte anzupochen, Wo stolzer Uebermuth sich frech erhebt. – Hier wohnt der Friede und das stille Glück. So lange dieses Daches Schirm mich deckt, Bin ich bewahrt von guter Geister Nähe; Aus meiner Seele bann' ich jede Sorge, Die an der Welt verworrnes Treiben bindet, So lange mich Ein Raum mit ihr umschließt; Mir ist das Wort ein eitel leerer Schall, Das nicht von ihrem Lobe wiedertönt, Der Name, der die Holde mir nicht nennt, Ist mir bedeutungslos und ohne Werth, Und ausgelöscht aus meines Busens Grunde, In dem sie einzig lebt und liebend herrscht, Sind jene nicht'gen Schattenbilder, die Im Weltgetümmel nur vorüberschwebten, Mir nur im Aug' und nie im Herzen lebten! Was ist die Burg von König Singald mir? Was sind die Feste mir, die meiner warten? Ein leerer Tand! – Die Seele fühlt ihn nicht! Sie hebt die Schwingen freudig auf zum Licht, Es sucht ihr Flug den sel'gen Himmelsgarten, In dem ein Engel wallt in ew'ger Schöne, Bestrahlt von seiner Heimath goldnem Glanz; Daß lächelnd er, mit einem Blüthenkranz, Der nie verwelkt, das Leben herrlich kröne. O, daß er doch, auf Goldgewölkes Saume Herschwebend, mir erschien im nahen Traume! Der Vorhang fällt. Zweite Handlung. Rosenumblühter Platz vor Argelens Hütte. Turturell. Gawin. Gawin. Du fliehst mich, Turturell? – Du meidest mich? Du zeigst dich abhold liebendem Verlangen Und meinen Armen willst du dich entziehn? Ist's nicht genug, daß bald die Stunde mich Aus deiner trauten Nähe mahnt zu scheiden. Willst du des Glückes kurzgemessne Frist, Die, wie der Tanz der Welle, schnell verfließt, Durch deines Willens Machtgebot verkürzen? Du könntest härter seyn als mein Geschick, Und dieses Augenblickes kurze Freuden Mit liebeloser Strenge rasch zerschneiden? Turturell. O, theurer Ritter, dringe nicht in mich Mit ungerechten Waffen deiner Klagen! Denn schuldlos muß ich ihren Pfeil ertragen. Wohl flieh' ich dich, doch wünsch' ich nicht zu scheiden, Und willenlos zu dir zieht es mich hin; Ob ich auch weiß, wohl besser sey's, dich meiden. Geändert ist, seit ich dich seh', mein Sinn; Bald fühl' ich Muth, bald möcht' ich scheu verzagen, Bald ist mir wohl, sehr wohl – bald wieder nicht. Umsonst such' ich ein Wort, das mir gebricht, Des neu entglommnen Lebens Bild zu malen: Ich nennt' es Lust, wär's nicht gesellt zu Qualen; Ich nennt' es Qual, wär' sel'ge Lust es nicht! Du sagst, ich flieh'? – und doch willst du mich lassen! Ich seh' dich ausgerüstet, fort zu ziehn, Nachdem du argen Raub an mir begangen; Denn meinen Frieden hast du mir genommen, Und meine Thränen werden dich geleiten. Gawin In deinem Aug' erglänzt der Wehmuth Thau? O, neidenswerthes Glück, wenn diese Thräne Für mich, den unbekannten Freund, entfließt! – Ist dieser Perle unschätzbares Kleinod Geweiht der Trennung, die von dir mich reißt, Dann schenkest du ein Pfand mir deiner Huld, Das mich mit eh'rnen Fesseln dir verbindet! Und trüg' es mich von hier mit Sturmesschnelle, Bis an der Welt entferntes Ende fort, Geheiligt hat dein Herz mir diesen Ort, Die Seele bleibt gebannt an diese Stelle! O, laß von deinen süßen Lippen mich Der Liebe schüchternes Geständniß hören; Laß mich den holden, anmuthsvollen Laut Mit meinem Ohr verschlingen! Dieses Wort, Nur dieses eine Wort laß mich vernehmen, Und einen Himmel seh' ich leuchtend offen, Voll sel'ger Wonne ohne Maß und Ziel, Wie ihn das Herz, von seinen schönsten Träumen Berauscht und trunken, nie gewagt zu hoffen! Turturell. Mein theurer Freund! Gawin. O, rede, bist du mein? Turturell (sinkt an seine Brust). Glückselig Loos! könnt' ich es ewig seyn. Gawin. Den Glücklichsten auf dieser weiten Erde Darf ich mich heute laut und rühmend preisen, Denn aller Wonnen Krone ist ja mein! – O süßer Stern der Liebe, leuchte froh An meinem Himmel und verlösche nie! Blüh' rings um mich, du Blumenkranz des Lebens, O, blüh' und dufte, und verwelke nie! Rausch' ungetrübt, du Silberstrom der Freuden, Laß deine frische Welle froh mich schöpfen, Und laß mich trinken und versiege nie! Turturell. O, Wonne, laß mich los, und du, Entzücken, Daß mir das Herz so groß und mächtig schwellet, O, dehne diese Brust, sie hat nicht Raum Für so viel Lust, kann so viel Seligkeit In ihren engen Schranken nicht verschließen! Gawin Laß Lipp' an Lippe ruhn und Brust an Brust! Daß sich begegnen unsers Herzens Schläge, Vereint wir fühlen gleichen Strom der Lust, In deinem Busen wie in meinem rege. – Doch wie! Du weinest, Turturell? – Du bebst? Turturell. Weil du mich lassen willst und weiter ziehn! O, nimm mich mit, daß nicht, getrennt von dir, In namenloser Angst ich hier vergehe! Gawin. Nichts fürchte mehr! Hält dich nicht, Turturell, Mein starker Arm mit Liebeskraft umschlungen? Turturell. Ich kann nicht leben, wenn du mich verlässest, Nicht trag' ich Trennung von so holdem Glück; Sie dünkt mir fürchterlich, ein endlos Leiden! Gawin. Nicht enden, steigern soll sie unsre Freuden. Entzieht dich mir das unwillkommne Licht, Soll dich das Dunkel wieder mir vereinen. Wenn milde Stille auf den Fluren ruht, Im Nebelduft das Taggewölk verrinnet, Die Sonn' erlöschend schmilzt in Rosengluth, Und allgemach die kühle Nacht beginnet: Dann hat die süße Stunde uns geschlagen, Die goldnen Sterne leuchten freundlich mir Auf meinem Liebesweg mit holdem Schein, Und Arm in Arm gefügt, und Brust an Brust Lischt Gluth in Gluth, um neu sich zu entzünden Im Flammenmeere nie erschöpfter Lust! (Sie halten sich umarmt.)   Vorige. Argele. Pendragon. Pendragon. Wenn ich dich störe in so lieblicher Beschäftigung, verzeih'! Doch sieh, wie hoch Die Sonne steht. Gawin. Zum Aufbruch mahnt sie uns; Sie soll nicht träg' in unsrer Pflicht uns finden; Doch ist ihr streng genügt, dann sucht das Herz Der Arbeit Lohn in deinen holden Armen. O, traure nicht und sey getrost, wie ich! Bald, hoff' ich, soll die frohe Stunde schlagen, Wo keine Trennung droht, kein hartes Leiden; Wo nicht die Liebe mehr in flücht'ger Eile Dem Augenblick entringt die kurzen Freuden. Die Hülle werf' ich ab der Heimlichkeit, Die mir verhaßt ist; herrlich führ' ich dich An meiner Hand vor die erstaunte Welt; Denn Königin der Erd' ist holder Frauen Allmächt'ge Schönheit, und ihr weites Reich, Wo sie erscheint, wo sie die Augen schauen. Des Mannes mühevoll durchstürmtes Leben, Sein muthig Ringen, Kämpfen, Wagen, Streben, In ihrer Huld ist ihm der Lohn beschieden; Gibt ihre Gunst sich nicht zum Preise hin, Um keinen andern mag er sich bemühn. O, süße Turturell, nur du allein Kannst mir den Preis, um den ich werb', ertheilen; Ihn bald zu finden, darf ich nicht verweilen; Nur dem Verdienste ist er aufgespart; Weil er den Lohn erfüllter Pflicht bewahrt, Muß ich die Pflicht erst zu erfüllen eilen. Turturell. O, ziehe nicht von hier, Geliebter, bleibe! Laß dich die Arme deiner Turturell Gefangen halten, laß mit Liebesbanden An meine Brust dich fesseln, meine Küsse Ein süßer Zauber seyn, an diese Stelle Dich fest zu bannen, daß du Wurzeln schlagest, So wie der Baum, im Boden eingewachsen. Argele. Was hat dein Wesen denn so schnell verändert, Daß ich mein eigen Kind kaum mehr erkenne? Nicht diese Heftigkeit war sonst dir eigen, Nicht diese Gluth hat sonst aus deinen Augen Geleuchtet. – Ist es doch, als ob erst heut' Des Geistes helles Licht dir aufgegangen, Erst heut' dein eignes Herz sich dir enthüllt? Turturell. So ist es, gute Mutter, wie du sagst. Gawin. Im dunkeln Erdschacht ruht der Edelstein, Und dunkel ist er selbst und ohne Schimmer, So lang' der Grüfte öde Nacht ihn deckt; Doch wenn des Tages Sonne ihn beschienen, Wenn ihre Strahlen glühend ihn durchdrangen, Gewinnt er Farb', und einen hellern Glanz Strahlt er zurück, als er vom Licht empfangen. So ruht die Liebe in der stillen Brust, Die kaum den Schatz geahnt, den sie umschließet, Das edle Gut nicht kennt, das sie bewahrt. Doch, wenn verwandte Stimmen sie gerufen, Wenn ein befreund'tes Wesen sie geweckt, Dann stürmt die mächt'ge Flamme des Gefühls Mit Ungestüm hervor, des Herzens Schläge sprengen Gewaltig bald die Fesseln, die es engen; Von einem Blick im Innersten entzunden, Stets unaufhaltsam weiter wogt die Gluth, Von keiner Macht gebändigt und gebunden. Vorige. Der Harfner erscheint und betrachtet die sich umschlingenden Liebenden mit tiefer Rührung; dann spricht er zur Zither. Harfner. Schmerz aller Schmerzen, muß Liebes sich meiden, Trennen und lösen, was eng sich umschloß, Müssen verbundene Seelen sich scheiden, Reißen verwachsene Herzen sich los! Gawin (entwindet sich Turturells Armen und geht mit Pendragon ab). Turturell (sinkt an die Brust des Harfners, der näher getreten ist). Harfner. Thränen des Scheidens, wie glüht ihr und brennet, Hätt' euch doch niemals mein Auge geweint! – Sicher nur ist, die vom Glücke uns trennet, Doch nicht die Stunde, die uns ihm vereint. (Alle gehen ab.)   Halle in König Singalds Burg. Königin Gylfe. Margard. Gylfe. Noch alles still! – Noch hallt die Luft nicht wieder Vom lauten Freudenruf, der tausendstimmig Hier den Erwarteten begrüßen soll! O, wie die Zeit so langsam schleicht und kriecht, Wie meine Ungeduld zur Ewigkeit sich dehnt, Zur unerträglichen! Könnt' ich der trägen Die Schwingen leihen meiner heißen Wünsche, Mit Sturmesschnelle brächte sie die Stunde, Nach der mein glühend ungestümes Herz Begehrt, wie nach der Quelle kühlem Wasser Der Wanderer, den Mittagsgluth versengt. Margard. Dein Auge glänzt von freudigem Gefühle, Vom Scheine froherfüllter Hoffnung wieder. Gylfe. O, Seele, wärst du ein Spiegel doch, Der wiederstrahlte die empfangnen Bilder, Dann könnt' ich aller Red' enthoben seyn. Dann spräch' ich: »Margard, sage, was du siehst!« Und mir verkündete dein staunend Schweigen Und dein verklärtes Auge Antwort. Stumm Dein Mund, wär' Sprach' in deinen Blicken doch, Die laut mir riefe: »Welch ein Zauberbild!« Margard. Noch sass' ich nicht, o Königin, dein Wort Und deiner sonderbaren Rede Deutung. Gylfe. So wisse denn – ich berg' es länger nicht – Umsonst hat mir mit siebenfachem Erz Das harte Panzerkleid die Brust bedeckt! – So wie der schnelle Blitz vom Himmel fährt Und leuchtet, schlagt und zündet, hat sein Blick Den Weg zum Herzen durch des Stahles Wehr Gefunden. Höre Alles – ja, ich liebe Mit allen Kräften spät erwachter Triebe, Mit allen Gluthen erster Leidenschaft. Der König Gawin, den im Speergewühle, Im heißen Sturme der erzürnten Schlacht Mit meines Schwertes Kling' ich mir gesucht, Nach dessen Blut ich mordbegierig lechzte – Er hat die Kraft gebrochen und gelähmt, Die feindlich gegen ihn im Kampf gerungen. Als seines Auges Blicke mich durchdrungen, Hat er den Haß in meiner Brust gezähmt, Hat er ein nie besiegtes Herz bezwungen. Margard. Verwundert höre ich, Frau Königin, Wie dich der Leidenschaft entfesselt Toben, Der du doch eher Meisterin geworden, Mit ungewohnter Herrschaft hat ergriffen! Gylfe. Ich habe nie geliebt. – Ich darf mich rühmen, Es hab' ein männlich heldenmüth'ger Geist In meiner Brust geglühet und gewohnt. In seltsam launenhaftem Eigensinne Hat die Natur in meinem Frauenbusen Des Mannes hohe Seele angesiedelt. Ich habe nie geliebt, und frei geblieben War von so heft'gem Triebe mir die Brust. Nie hab' ich noch gefühlt bis diese Stunde Des süßen Wehes wundersame Macht; Der Sehnsucht Stachel hab' ich nie gekannt, Der Herzen regt, an Herzen sich zu schließen, Und Seelen zwingt, in Thränen hinzufließen. Der Liebe Kosen schien mir eitel Tand, Und ihre Küsse nichtiges Berühren. Margard. Doch meint' ich, daß die Lieb' , o hohe Frau, Die Leiter dir zum Thronessitz erbaut, Und dir die Krone auf das Haupt gesetzt? Gylfe. Geboren ward ich unter niederm Dach, War eine arme nur und dürft'ge Magd, Doch hoher Seele, und viel edlen Stolz In tiefer Brust bewahrend immerdar. Erkieset hatte mich zur Dienerin Singalds verstorbnes Weib, und unfreiwillig, Dem harten Zwang gehorchend, dient' ich ihr. Doch laut im Busen klang ein wahres Wort, Das mir verkündend zurief solchen Spruch: Nicht ist es dir bestimmt bei der Geburt, Daß du den Nacken immer beugen magst Zu schlechtem Dienste einem andern Weibe. Nicht' auf dein Haupt und blick' getrost empor Aus deines Staubes trüber Niedrigkeit. Nicht nur, daß goldner Locken Fülle sie Umwalle, ragt die Stirne edel hoch. Der goldne Reif der Herrschaft soll sie schmücken; Nicht eines Webschiffs farbiges Gespinnst Lichtspielend hin und wieder stets zu schnellen, Den Faden von der Spindel stets zu drehn, Ein mühsam Tagwerk, üben deine Hände! Laß Spuhl' und Webschiff fallen und die Spindel, Und fass' das königliche Scepter an! – So trieb weissagend mich der inn're Geist Zu einem weit entfernten Ziele hin; Doch wackrer Muth war nicht von mir gewichen, Und in der blüh'nden Jungfrau Busen stand Nach solchen Gutes dauerndem Besitz, Nicht nach vergänglich flücht'ger Liebeslust, Der Sinn gerichtet; eines Thrones Höh', Und nicht ein bräutlich Lager zu besteigen, Trieb mich das jugendliche Feuer an. Mit nicht gemeiner Schönheit ausgeschmückt War meines Leibes Knospe, kaum entfaltet, Emporgeblüht zu einer seltnen Blume, Und nicht verächtliche, ruhmwürd'ge Werber Erschienen, still genährter Hoffnung voll, Der ersten jugendlichen Neigung Preis Vielleicht, begünstiget, davon zu tragen. Doch ohn' Erfolg; denn nicht geringer, traun, Als einen Thron dacht' ich ihn loszuschlagen. Margard. So hast du glücklich, Herrin, ja errungen, Wonach die Hände kühn du ausgestreckt. Wie hoch du auch im Werthe dich gestellt, Der Glückliche, der reich war, ihn zu zahlen. Hat dennoch ein beneidet Gut gekauft. Gylfe. Bald hatte in der Dienerinnen Kreise Am Frauenhof der Königin mich schnell Das lüsterne, neugier'ge Aug' erspäht Des Königs Singald; Und eine schnelle Neigung wuchs in ihm In kurzer Frist zur wilden Leidenschaft, Die, wie ein flücht'ger Bergstrom, jeden Damm Des Widerstandes ungestüm durchbrach. Wachsamer Späher immer rege Blicke, Der Sitte hergebrachte Macht verachtend, Warb unverdrossen seine Lieb' um mich. An langem Siechthum lag die Königin Auf hoffnungslosem Krankenbett darnieder, Vor sich ein unausweichlich offnes Grab, Auf das ich meiner Zukunft Saat gesäet. Da ward es klar in meinem tiefsten Leben, Daß mir ein wicht'ger Augenblick gekommen, Daß meines Busens lang verwahrter Wunsch, Den ich genährt mit jeder Kraft der Seele, Nun zeitig sey und reif zu der Geburt. Auf schwanker Leiter Ungewissen Sieges Ließ ich den König nach dem Ziele klimmen, Und hingehalten bald durch Hoffnungsschein, Bald durch ein wohlberechnetes Verweigern, Stets gieriger, je länger er geharrt, Ward Singald in des nie befriedigten Verlangens starken Banden festgekettet. Und als die Königin dem strengen Tode Die längst verfall'ne Lebensschuld bezahlt, Nahm ich mit seiner Hand, die er mir bot, Den freigewordnen Platz auf seinem Throne, Und auf mein niedres, kaum gekanntes Haupt Setzt' ich beherzt die königliche Krone. So ward ein großes Werk durch große Arbeit Vollendet, und erreicht nach langem Streben; Doch Liebe – nicht gesucht und nicht gegeben. Margard. Und dennoch hat die scharfgeschliffne Waffe, Mit der du keck gespielt, dich nun verletzt? Gylfe. So ist es, wie du sagst! Ach, diese Liebe, Die ich bis jetzt als Mittel stets betrachtet, Ist nun der Zweck geworden meines Lebens; Die ich beherrschte, sie beherrscht jetzt mich; Doch kann ich ihre Macht nicht mehr besiegen, Will ich ein Bündniß schließen nun mit ihr! Dort kommt der Arzt vom Krankenlager her Des Sohnes meines Herrn, der ohne Rettung fast Ein tödtlich Nebel träget, wie man sagt, Das ihn vor wenig Stunden erst befallen. Das ist der Mann, nach dem ich senden wollte; Er kommt erwünscht! Laß hören, was er bringt. Vorige. Der Arzt. Gylfe. Wie steht es mit des Knaben Krankheit, Meister? Wie hast du ihn verlassen? Rede wahr, Und nicht verberge aus unzeit'ger Schonung Das Unvermeidliche; ich bin gefaßt, Es zu vernehmen. Arzt. Ehrenwerthe Frau, So möge nicht dein königlicher Zorn Mich, den Verkünder, treffen dieses Leids! Ich weiß, obgleich dein Schooß es nicht getragen, Du hast das Söhnlein deines Herren nicht Stiefmütterlich behandelt, weil es lebte; Ein wohlgeneigtes Herz und Muttersorge Hast du dem früh Verlassenen bewiesen. Du hast es; denn fürwahr, nicht länger wohl Ist er der zarten Pflege mehr bedürftig. Sein End' ist näher als des Tages Sinten! Umsonst versuchet er im letzten Kampfe Minuten noch dem Tode abzuringen. Die kleine Kerze, ach! ist ausgebrannt; Ein Hauch – und sie verlischt. Gylfe. Du hast, o Meister, Mit tiefer Trauer meine Brust erfüllt, In der der Hoffnungsschein noch nicht erstorben. Ist keiner Wurzel Kraft, kein Heiltrank mehr, Das flieh'nde Leben aufzuhalten? Arzt. Keiner. Gylfe (mit sichtbarer Freude, dann sich bemeisternd). Wie? Keiner? – Keiner? Frommt die Kunst ihm nichts. Arzt. Nicht gegen Gottes Fügung kann die Kunst Den ausgemessnen Lebensfaden dehnen. Was sie vermochte, hab' ich treu versucht. Ich gehe, ob zu trösten mir gelingt, Wo ich nicht helfen kann. (Geht ab.)   Vorige, ohne Arzt. Gylfe. Du nicht, Gesell', Noch sonst ein Andrer, den ein Weib gebar! Ins Herz des Lebens schlug der gift'ge Keim Die tiefe Wurzel, seine Frucht ist Tod! Doch wie die Blumen oft aus Gräbern sprießen, Soll mir das Leben blühn aus diesem Tode. Margard. Ein seltsam Wunder stehst du vor mir da; Es scheint dich, freudestrahlend, zu verklären, Doch seh' ich Schauer ringen mit der Lust. Gylfe. Es ist die Zeit nun kommen seltner Wunder. Dies Haus und sein verhängnisvoll Geschlecht Ist todeskrank, und Tod nur kann es heilen. Margard. Erkläre dich! Gylfe. Verruchte Thaten sind Geschehen seit der grauen Väter Zeit, Und Mord auf Mord erschreckte dieses Dach, Wo Kön'ge wohnten und wo unverletzt Dem heil'gen Frieden und der Sicherheit Ein ewig Obdach sich erheben sollte. Vom Ahn zum Enkel erbte blutig fort Gräu'l und Gewalttat in beständ'ger Kette, Bis diese Stunde, und im steten Krieg Ist dieses Volkes Blüthe hingewelkt. Doch anders werden soll es mir fortan! Der fluchbeladne Ast ist ausgedorrt, Drum trenne ihn die Art vom frischen Baume. Der Knabe Singalds, sichern Todes Beute, Läßt diese Kron' erledigt, ohne Erben; Soll sie ein Raub des blinden Zufalls werden? Nein, nimmermehr! Die alte Fehde soll nicht wiederkehren Im Volke; nicht der kühnste Räuber soll Der glücklichste auch heißen, nicht den Fuß Auf seiner Brüder Nacken setzen, und Das eh'rne Scepter schwingen über sie! Die Saat des Friedens, die ich ausgesät, Soll grünen; nicht die wilde Flamme soll In meiner Pflanzung wüthen, – Einen König Empfangen soll das Volk von meiner Wahl, Das goldne Alter soll er wiederbringen, Das in den Liedern lebt verschwundner Zeiten; Er soll das Füllhorn reichen Ueberflusses Auf dieses Landes schöne Fluren senken, Das er regieret: Honigbäche sollen Die Haine tränken, die sein Fuß betritt; Den Himmel soll er bringen auf die Welt Voll Seligkeit! – Ein edles Heldenhaupt Soll sie regieren, wie die Sonn' es nie Auf ihren weiten Reisen je erschaut; Ein Gott der Erde, mächtig, tapfer, klug, Geschmückt mit jeder Tugend, jedem Reiz, Mit Liebesschönheit und mit Geisteskraft Reich ausgestattet, soll ihr König seyn! Und ich – ich ihre Königin! Margard. Wie soll Ich dich verstehen? Gylfe. Froh, an meiner Hand, Mein Herr und mein Gemahl, soll er den Thron, Den ich zur Morgengab' ihm bringen will, Besteigen. Dann, wenn über dieses Landes Gepries'nen Boden erst ein König herrscht, Ein solcher, der es ist, nicht, der es heißt, Dann soll in meines Hauses engem Kreise Mein Leben schwinden; Weib, nicht Königin, Nur Gattin will ich dann und Mutter seyn! Ja, Mutter will ich werden eines Helden! – Du staunst mich an? – Ja, Margard, Gawin soll, Der Herrliche, soll König dieses Landes Und Gatte werden deiner Königin! Margard. Betroffen steh' ich da, Gebieterin! Schwebt dir die Seele über Raum und Zeit? Es lebet Singald ja! Und lange Jahre Noch kann er leben. Nicht der Gegenwart Hellglüh'nde Farben leihe deinen Wünschen; Warum das Herz dir schmeichelnd denn bethören, Warum den Sinn an eitlem Spiel entzünden, Das nie zur holden Wirklichkeit sich dir Gestalten kann, so lang' dein Gatte lebt, Und sich der Sonn' erfreut und ihres Lichtes. Gylfe. In seinem Knaben ist auch er gestorben! – Was soll sein schwacher Geist auf dieser Höhe, Vor der ihm schwindelt? Lass' ihn niedersteigen! Die Last, der seine Kräfte nicht gewachsen sind, Von sich soll er sie legen, soll in Frieden Die letzte Neige seines müden Lebens In stiller Eingezogenheit beschließen. Margard. Hab' ich die kühne Rede wohl verstanden? Gylfe. Du hast es! – Abgethan von seiner Würde Mag er hinfort auf einer fernen Burg Sich eitlen Sorgen dieser Welt entziehn. Nicht ungewöhnlich ist's in diesem Hause, Daß, ehe sie der blasse Tod ereilt, Die Könige von ihren Sitzen steigen. Er mag sich Kunde holen solcher That In der Geschichte seiner eignen Ahnen. Er selbst vertrieb den König Branor einst Mit seinem Kinde, nun vertreib' ich ihn. Margard. Du hast ein schweres Riesenwerk begonnen, Magst du zur guten Stunde es vollführen; Denn nicht in jeglicher reift für die That Der glückliche Erfolg! Deßhalb, o hohe Frau, Eh' wolle nach dem Sternendeuter senden, Der, hoch auf des Gebirges Gipfel wohnend, Dem Lichte näher als der dunklen Erde, Sein greises Haupt im Himmeläther badet, Im reinen, lebenskräft'gen, den noch nicht Der Erde schweres Dunstgewölk' erreicht. Dort späht er unverdrossen Tag und Nacht, Wie sich die Himmelszeichen wechselnd stellen; Der Zukunft große Werke anzudeuten. Nach diesem send' ich, daß er Wahrheit künde. (Geht ab.) Gylfe (allein). Die Sterne stell' ich selbst, wie ich sie brauche! – Weil ich die Stunden prüfend erst erwäge, Weiß ich, daß ich die günstigen erwählt. Der braucht den Himmel spähend nicht zu fragen, Der auf die Erde fest den Blick gewandt; Weil ich dem eignen Auge stets vertraut, Ist mir die Hoffnung selten fehlgeschlagen. Der fällt zuerst, der in die Wolken schaut. Gylfe. Ein Diener Diener. O, Königin! gefaßten Muthes wolle Unsel'ge Mähr' vernehmen, die ich bringe: Das königliche Knäblein – Gylfe. Es ist –? Dienet. Todt! Gylfe (nach einer Pause, während welcher eine heftige Gemütsbewegung in ihren Zügen sichtbar wird). Todt! – Todt! – Diener. Herr Singald stehet bleich und starr, Wie ein vernichtet, lebenloses Bild, An seines Söhnleins Lager, rauft sein Haar, Und will nicht lassen von dem todten Kinde. Ihn wolle trösten, Herrin! Gylfe. Geh', ich komme! (Der Diener geht ab.) Gylfe (allein.) Warum erzittr' ich und ein Schauer dringt Erkältend mir zum Herzen? Ha, du meine Brust, Du feste Burg, Wohnsitz entschlossnen Muthes, Sey nicht der Feigheit Herberg' und bestecke Mit kranker Blässe mir die Wange nicht! Das Antlitz ist ein offnes Aushängschild Von unsers Busens fest verschlossnem Hause; Drum lass' der Ruhe Farb' ihn tragen, daß Er nicht des Innern schmählicher Verräther werde. Muth! Muth! – Warum so kalt den Rücken auf Und nieder rieselt mir die Furcht? – Weh! – Was zu beschließen ich beherzt gewagt Und auszuführen, nun zu tragen scheu' ich's – Nur Muth! Wie, meine Seele, Die dem gespannten Bogen glich, und kühn Der Thaten Pfeile von der Sehne sandte, Ist sie nun, ähnlich der gebrochnen Waffe, Nicht mehr zu spannen? – Muth! (Man hört von ferne Hörner und Volkslärm von der Straße.) Ha! hör' ich recht? Den Klang der Hörner von den Thürmen schallen, Das frohe Jauchzen der entzückten Menge? Er ist's! er ist's! – Es zieht mein Liebster ein In diese Burg, Gawin, mein Heil, mein Hort! Gewonnen hab' ich wieder meine Kraft! Fahr' hin, schwachherz'ge Wallung, scheue Angst! Das Glück zu fesseln wagt' ich, meinem Dienst Mit Zwang es bindend, weil vor mir es floh: Was ist das mehr? – Ist's Sünde? – Nun, fürwahr, So ist der Preis, um den ich sie begangen, So groß und herrlich, daß zur Tugend selbst Er das Verbrechen adelt! – Lenz des Lebens, Wie bald verrinnst du, einer Sommernacht An kurzer Dauer gleich. Vorüber sind Die ersten Stunden gählings mir entflohn Und unbenützt zur Lust, gleich hohlen Schäumen Der trüben Welle, die der Wind bewegt; Darum, du zweite Hälfte meines Schlafes, Erfass' ich dich, dich froher zu durchträumen! Man hört Schmettern der Trompeten und den Jubel des Volkes immer näher dringen.) O, Ton des Jubels und der Lust! – Auf, ihm entgegen! (Sie eilt schnell nach der rechten Seite; nahe an der Thür bleibt sie stehen.) Bin ich bei Sinnen? – Zu dem Todten muß ich! Zu Boden senkt euch, Augen, Thränen fließet, Die Lust zu bergen, die die Brust verschließet; Die Stirn umwölke Schmerz, und das Gesicht Verkünde Gram – fühlt auch das Herz ihn nicht! (Sie geht gelassen nach der entgegengesetzten Seite ab.) Der Vorhang fällt. Dritte Handlung. Halle in der königlichen Burg. Von der einen Seite tritt Gylfe mit Gefolge, von der andern Gawin , gleichfalls von Pendragon und Rittern umgeben, ein. Gylfe. Sey mir gegrüßt, mein ruhmgekrönter Vetter, In diesen Hallen, die sich gastlich öffnen, Den edlen Gawin würdig zu empfangen. In unsern Herzen zogst du siegreich ein, So wie in dieses Land – Gawin. Laß es, o Base, Laß es vergessen seyn, was mich hieher Geführt; kein Wort erwähne zwischen uns Mehr des Vergangenen; vorüber sey's, Und in der Gegenwart beglückt und froh, Will ich der neuen Freundschaft mich erfreuen. Ich will mich spiegeln in der klaren Fluth, Die mir kein leises Lüftchen trüben soll. Gylfe. Du hast, o Vetter, in ein Trauerhaus Den Fuß gesetzet, das mit schwerer Hand Der Himmel traf. Nicht, wie es sich geziemt, Und wie wir gerne wollten, heißt die Freude Auf dieses Hauses Schwellen dich willkommen. In nächtlich düstres Trauerkleid gehüllt, Tritt dir die Wirthin zum Empfang entgegen; Die Stimme, die dich jubelnd gern begrüßte, Ach, heiße Thränen haben sie erstickt! Der frohe Ruf, der dich hieher geleitet, Verstummt in diesen Hallen; diese Säle Verschließen tiefes Leid, das bis hinaus Noch durch die Pforten nicht gedrungen ist. Gawin. Was immer dieses Haus, o Königin, Betroffen hat, es traf mein eignes Herz. Seit ich die Waffen aus der Hand gelegt Und ehrlich Frieden schloß mit meinem Vetter, Ist schnell aus jeder kleinen Hasseswurzel, Die sonst im Busen rankte, wundersam Ein zartes Liebesblümlein hold ersprossen. Deßhalb, Frau Gylfe, laß mich Kunde wissen, Und redlich theilen deines Kummers Bürde. Gylfe. Das Söhnlein meines Herren, dieses Landes Geliebte, schön erblühte Hoffnung ist Gählings dahingewelkt frühzeit'gen Todes. Gawin. Das wolle Gott nicht, Base! Gylfe. Weil er's wollte, Ist es geschehn. Galwin. Entsetzlich! – Und so schnell, Daß solche Trauerbotschaft erst mein Ohr In dieses Hauses Hallen treffen mußte? Gylfe. Vor wenig Stunden plötzlich erst ergriffen, War keine Rettung mehr für ihn geblieben, Wie sehr der Kunst erfahrne Meister strebten. Im Wahnsinn tobt der Vater, rauft das Haar, Und schlägt die Brust, die solchen Schmerz zu fassen Nicht Raum gewährt. Laut tönen diese Mauern, An die verzweiflungsvoll das Haupt er stößt, Zurück den Jammer des Unglücklichen, Und kaum vermag der Diener Wachsamkeit Es zu verhüten, daß an's eigne Leben Er nicht im Wahnsinn schon die Hand gelegt. – Doch sieh! Dort kommt er selbst, bleich und zerrüttet, Ein wandelnd Nachtgebild, das aus den Gräbern Heraufgestiegen an die Oberwelt. Vorige. Singald, mit allen äußerlichen Zeichen eines an Wahnsinn grenzenden Seelenschmerzes, kommt langsam aus der Seitenthür Er scheint die Umstehenden nicht zu bemerken. Wie er sich vorwärts bewegt, geben die Uebrigen, etwas in den Hintergrund tretend, Raum. Singald. Rührt ihn nicht an! – Seht ihr denn nicht? – er schlummert, So laßt ihn ruhen. – Ha! Wer spricht hier? wer? Bin ich nicht König und ihr wollt es wagen, Ihr wollt behaupten, daß er todt? Bin ich Ein Träumer oder alterschwach? Ein blöder, Hirnloser Greis, dem schwerer Druck der Jahre Auf seinem Nacken sinnverwirrend lastet? Kenn' ich den ew'gen Lauf nicht der Natur? Ihr Thoren! Habt ihr noch gehört, gesehn, Der Winter habe je den Lenz verschlungen? Der müde Herbst sinkt in das Leichentuch, Das weiß und kalt die Erd' umhüllt und deckt; Doch lebenskräftig steigt aus ihrem Schooß Der jugendliche, liebesfrohe Mai. Den Abend mag auf ihren schwarzen Flügeln Die Nacht entführen, doch den Morgen nicht, Den holden Knaben nicht, deß goldne Locken Hervor aus blüh'nden Rosenkronen wallen. – Was stehst du, alter König Branor, dort, Weißröschen an der Hand, und blickst mich an? Kommst du, ein Pilgersmann, aus jener Welt, Und willst dein Erbe, das du scheidend ließest? Hier ist kein Platz für dich, zieh' deines Weges, Fort! – Fort! du und dein Kind! – Wie doch so bleich O du mein Knabe, still und stumm, – und deine Augen Geschlossen! Klare, lieblich milde Sterne, Ihr blicket mich nicht an? Erloschen, – Nacht Auf immer! Wehe! Dunkle Nacht und todt! – Gawin Daß ich von solcher unheilbaren Wunde Verletzt dich finde, Vetter! eben jetzt, Als uns ein neues Friedensband umfängt, Weckt mir den Schmerz in meiner tiefsten Brust! Singald Du hier, mein edler Vetter? Ach, du siehst Den Baum entwurzelt liegen, den das Wetter Gebrochen eines furchtbaren Geschickes! Mein Sohn ist todt! ach, und sein Vater Hat eine Stimme nur für seinen Schmerz, Und nur mit Thränen kann er dich begrüßen. Gawin Bejammernswerther Freund! Singald Kennst du die Qual, Das eigne Leben doppelt zu verlieren? Du bist nicht Vater, hast auf deinem Knie Noch keinen Sohn gewiegt, weißt nicht, wie selig Der Himmel wiederstrahlt mit seinen Wonnen In eines Vaters frohbewegter Brust. O, nehmt ihm Alles, was das Leben schmückt; Wenn hold auf ihn der Kinder Auge schaut, Däucht ihm ein blüthenvoller Hain die Welt! Ein irrer Wanderer auf dieser Erde, Beraubt und arm, dem die Natur Ihr großes, weites Freudenhaus verschlossen, Der nicht die Stelle kennt, auf der sein Haupt Des Abends Ruhe finden, – der nicht weiß, Ob eine Frucht ihn morgen laben werde, Ob eine Quelle ihm die klare Fluth, Den Durst zu kühlen, gastlich spenden werde; Blickt er auf seines Kindes freundlich Haupt, Ist er getrost; er kann es sehen, lieben, Es fest umschlingen, nichts ist ihm geraubt – Denn, o! sein größter Schatz ist ihm geblieben! Gawin Du trägst so mächtig Leid, mein guter Vetter, Daß jeder Trost Verschwindet neben ihm; So groß ist der Verlust, um den du weinst, Daß, gegen ihn gehalten, arm und klein Der Erde reiche Güter dir erscheinen. Doch einen Balsam gibt's für alle Wunden, Ein lindernd Mittel hilft für alle Qualen: Die Zeit, Singald Ein stärkres noch – der Tod. Das ist der Arzt, der mich gesunden macht. Auf ihn vertrau' ich, harr' auf seine Hülse. – Ja, einem Todten acht' ich jetzt mich gleich, Ob ich auch walle unter Lebenden; Darum vernehmt mein Wort, wie ich es rede: In einer finstern Klause, schwarz behängt, Tief in der Erde ödem Gruftgewölbe, Steht meines Söhnleins Bahre, und herab Auf seinen Sarg ergießt mit falbem Schimmer Aus einer goldnen Ampel wankend Licht Den Ungewissen Schein, und die Verwesung Stillt ihre Gier an königlichen Leichen. Dort sey fortan mein düstrer Aufenthalt! Hinuntersteigen will ich, wo die Sonne Die hellen Strahlen nimmer hin versendet, Wo stumme Nacht die grauen Flügel breitet: Und jeder Laut erstirbt lebend'ger Wesen. Dort will ich wohnen, und der Erde Bauch Mit meinen Klagen füllen, meinem Leid! Hinab zu dringen wage Keiner je, Und Ruhe gebt dem Todten dort und mir. Ein alter Diener einzig dürfte nah'n, Einmal an jedem Morgen, Kunde gebend, Der Erd' erschienen sey ein neuer Tag, Damit ichs wisse in des Grabes Schlunde; Denn Licht und Dunkel wechseln nimmer dort, Die Nacht abmessend und des Tages Stunden; So will ich feiern meines Sohnes Tod, Und leiden, was das Schicksal mir verhängt. Ihr aber ehrt mein königliches Wort Und traget heil'ge Scheu vor meinem Schmerz. (Geht ab) Vorige , ohne Singald Gylfe Vernommen habt ihr eures Herren Wort! Das helle Licht der Seele ist erloschen, Und farbenlose Nacht hat sie umhüllt. Krank ist sein Körper, kränker noch sein Geist; Darum, ihr Freunde, laßt die Zeit gewähren, Die Alles heilet, heilet dann auch ihn: Und seyd gewärtig Unsrer regen Sorge, Das schwere Amt der Herrschaft zu verwalten. – Es hat ein günstiges Geschick zur rechten Frist Den König, Unsern Vetter, hergesandt: Mit ihm berathen wollen Wir zur Stunde, Was diesem Lande frommen mag und euch. Ihr aber fügt euch ruhig eurer Pflicht Und meinem Willen, wie es Dienern ziemt, Denn im Gehorsam nur steht eure Ehre, Und eures Herrschers Lob ist euer Ruhm. So harrt gelassen, bis der Zukunft Faden Sich abrollt von der Spindel des Geschickes, Und unbezweifelt dann die Zeit gibt Kunde, Ob seines Uebels euer Herr gesunde. (Sie entläßt, mit der Hand deutend, die Versammlung. Alle, außer Gawin, gehen ab) Gylfe. Gawin. Gylfe. Du siehst, o Herr, wie dieses Haus und mich Die schwere Hand des Himmels hat getroffen, Und keine Hoffnung scheint in solcher Noth. Gawin. Mit hohem Geiste tragend dein Geschick, Trink' neue Kraft, o edle Königin, Aus deines Muthes nie versiegter Quelle. Gylfe. Ach, nicht für so gefährlich hohe Stelle Bin ich geboren; dieses schwache Haupt, Ich weiß es wohl, ist nicht der Krone Last Zu tragen mächtig; nicht diese Hand vermag Den schweren Stab der Herrschaft zu regieren. Hätt' ich den Fuß aus meiner niedern Hütte Nie in den königlichen Saal gesetzt, Nie diesen Thron bestiegen, den – der Himmel Sey Zeuge mir, – ich wissend nie begehrt! Mir ward ein Sinn verliehn von der Natur, Der sich nach häuslich stillem Glücke sehnt; Mein Herz gefällt sich nicht in Macht und Glanz, Wenn ihm der gleichgesinnte Busen fehlt, Der Lust und Leiden mitempfindend theilt. Nicht in Palästen wohnt des Lebens Glück, Oft schließt's der Raum der niedern Hütte ein. Gawin. O wahrlich, Base, arm sind alle Kronen, Des Goldes Schimmer ist ein leerer Tand; Umsonst erglänzt der Marmor an der Wand, Im stillen Herzen muß der Himmel wohnen, Und – Base, das – erschaut man nicht auf Thronen. Gylfe. Aus meiner Seele redest du, Gawin! Hier darf ich mich nicht zeigen, wie ich bin, Nicht, wie ich gern es wollte, sanft und mild, Im engen Kreise meinem Herzen leben; Denn andre Pflichten hat die Königin. Oft muß ich herrisch scheinen, hart und streng, Muß lieben, was ich hass', und was ich liebe, Muß ich oft feindlich hassen und bekriegen. Ja, edler Vetter, laß es mich bekennen, Laß mich vertrauend dir des Busens tief Verborgnen Grund erschließen und mein Herz Dir öffnen! Ach, ich bin nicht glücklich! – Jetzt, Nach Jahren erst, fühl' ich es und erkenn' es – Ich bin nicht glücklich und ich war es nie. Im weiten Raume dieser schönen Erde Stand ich allein, ein meerumspülter Fels, Den Sturm und Wogen feindlich wild umrauschten; An diese Brust hat nie sich liebend noch Die gleich gesinnte traulich angeschmiegt, Und Trost hat mir kein fühlend Herz gegeben. In mich verschließend jede bittre Qual Und alle herbe Leiden meiner Tage, Hat mich des Mitgefühles süße Labung Der Freundschaft linder Balsam nicht erquickt. So steh' ich auf des Lebens stolzen Höhen, Hoch auf des Glanzes strahlenhellem Gipfel, Des schönsten Landes mächt'ge Königin, An meinen Wink ein Sklavenheer gefesselt, Und bettle von dem unbarmherz'gen Himmel Nur um des Aermsten allgemeines Gut, Nur um das Loos des karg genährten Fröhners, Und neide selbst den Stiefsohn der Natur, Der, mühsam ringend mit der harten Erde, Das schlechte Brod ihr spärlich abgewinnt; Denn, wenn er heimkehrt nach des Tages Last, Der Arbeit schwere Mühsal hat ertragen, Ruht er an einem treuen Busen aus: Es schlingen holde Arme sich um ihn, Ihn blicken klare Augen liebend an, Und hingesunken an die treue Brust, Ist er so hoch gestellt von dem Geschick, Daß um sein stilles und bescheidnes Glück, Um die verborgnen Kränze seiner Lust, Um die entfallnen Blüthen seiner Freuden – Ihn eine Königin mit Thränen muß beneiden. Gawin. Wie tief empfind' ich deiner Worte Sinn! O, was sind alle Güter dieser Welt, Wenn nicht das Höchste, Herrlichste aus allen: Ein liebend Herz zum Antheil uns gefallen. Wo nicht der Liebe mildes Rosenlicht Hinschimmert auf die freudenlose Erde, Sprießt keine Blume zarten Glückes auf. Gylfe. Ja, theurer Gawin, du wirst mich verstehen! Als ich, noch unbekannt mit meinem Herzen, Dies Eine nur empfunden, daß ich leide, Als noch die Sehnsucht, ohne Gegenstand, Ein innres Feuer, wie aus Berges Schooß, In meinem Busen aus sich selbst erglühte, Als ich das Glück zu nennen nicht gewußt, Das ich, vermissend, mich zu finden mühte, Verglomm die Gluth im schmerzlichen Gelust. Und wie ein Flämmchen, dem der Stoff gebricht, Stets matter schimmert, bis sein sterbend Licht, Von einem leisen Hauch berührt, erlischt, – Wie in des Gluthlands wasserarmer Zone, Wenn nicht der Thau die schmachtende erquickt, Die zarte Blume senket ihre Krone, So wär' auch ich erloschen und verblüht; Doch leise, wie ein Flötenhauch verhallet, Wär' ohne Schmerz mein Geist der Brust entwallet. Doch nun ich ihn gesehn, nach dem ich strebe, Nun mir sein Bildniß in der Seele flammt, Sind tausend Pfeile mir durch's Herz gedrungen, Ein furchtbar Leben ist in mir erwacht, Wie wenn Gewitter drohend aufgezogen: Es schäumen wild des Blutes heiße Wogen, Ich jag', ein glühend Schreckbild, durch die Nacht, Das grausend roth am fernen Himmel brennt, Wie drohend der Komet den blut'gen Bogen Heraufzieht durch das dunkle Firmament. Gawin. Beruhige die Stürme deines Blutes, O Königin! und wie du sonst besonnen, Beschwör' auch jetzt mit kräft'gem Bann die Flamme, Die oft verderblich aus des Busens Haft Mit Ungestüm zum Licht empor sich rafft. Gylfe (vertraulich seine Hand ergreifend). Nicht ohne Gottes sichtbar mächt'ge Fügung Hab' ich dich eben jetzt, o Herr, gefunden, Im Augenblick verhängnißvoller Zeit, Wo diesem Land ein Herrscherhaupt gebricht. In dir ist mir ein freundliches Gestirn An diesem dunkeln Himmel aufgegangen. Der König, mein Gemahl, du weißt es selbst, Ist so verwundet in der tiefsten Seele, Daß nicht Genesung seines Siechthums ist. Er kann nicht schiffen mehr in solchem Sturm, Und dennoch, mein' ich, fordert diese Zeit Wohl eine kräft'ge Hand, die es vermag, Des lecken Schiffes Steuer zu regieren. Er ist kein König mehr für dieses Land; Urtheil', ob er ein Gatte sey für mich. Gawin. Was, Base, ficht dich an? Kaum kann ich glauben, Daß ich der Rede kühnen Sinn verstanden! Gylfe. Nicht länger trag' ich die beschwerte Fessel, Die mich gebunden hält an Leib und Geist. Auch mir ward Recht ertheilt von der Natur, Zu schöpfen aus des Lebens frischer Quelle, Von der ich, durstend, nimmer noch gekostet. Was zögr' ich länger noch? – Die Zeit entflieht, Das Leben muß man haschen auf der Flucht, Es zu genießen ward es uns gegeben, Und jedes Wesen freut sich seiner Lust. Zoll ich allein nur darben, wo vom Horn Des reichen Ueberflusses Alles schwelgt? Der Vogel schwingt sich jubelnd in die Luft, Den Wurm durchschauert Ahnung seines Himmels, Und seiner Wonnen Antheil ward auch ihm; Trag' ich allein den Fluch nur des Geschickes, Allein verdammt zu freudenlosem Seyn? – Ein Ende machen kann ich meinem Leid, Und will es! – Noch strömet warm die Welle meines Blutes, Noch darf ich mich gerechten Wortes rühmen: Daß meiner Schönheit Blume, nicht verblüht, Im vollen Glanze meiner Jugend prange. Der Mann, für den mein Herz verlangend glüht, Soll eine Fülle nie geahn'ter Wonne, Von mir umfaßt, in meinen Armen finden. Für ihn nur will ich leben, lodern, flammen, An seiner Lippen Hauch will ich mich hängen, Die Liebe will ich einer ganzen Welt Für ihn allein in diesen Busen drängen! – Deß aber seyd gewiß, wie ich auch wähle: Ein König nur genügt der königlichen Seele! (Sie geht ab.) Gawin (allein). Ist's möglich! Welch ein fürchterliches Wort! Wem gelten diese Reden, diese Blicke? Sie liebt mich, glüht für Gawin, ihren Feind! Darum der Schmeichelworte süßes Gift, Darum die Hand zum unverhofften Frieden So schnell geboten? Damals schon, als sie, Das Söhnlein ihres Herrn zu lösen, kam In meines Lagers leicht erbaute Stadt, Als sie gesehen, wie des Kriegers Auge Fest auf des kräft'gen Weibes schönem Leib, Mit gier'gem Sehnsuchtsblick verweilend, ruhte, Ward ihre Gluth entflammt an meinen Wünschen; Damals stürmt' ich noch rasch und keck hinaus In's wilde Leben; nur der Sinne Lust Zog zu des Weibes süßem Reiz den Mann; Da hatt' ich noch das Höchste nicht erkannt, Das uns zum Himmel mächtig trägt und hebt Auf Seraphs Flügeln. Damals war die Brust Noch nicht erglüht vom seligsten der Triebe, Da schwebte noch kein Engel mir vorbei, Da war das Herz noch nicht vom Stoffe frei, Noch nicht verklärt zum Tempel frommer Liebe; Doch als ich trat auf die geweihte Stelle, In ihrer Hütte traulich stillen Raum, Stand ich entzückt auf Paradieses Schwelle, Die Erd' und ihre Bilder sah ich kaum; Denn auf ein Bild der Engel durft' ich schauen, Das allem Irdischen entzog die Brust, Wie sie erschien, die huldigste der Frauen; Wie Turturell ich sah in sel'ger Lust, War eine heil'ge Flamm' in mir entzünden, Die Erd' entschwand, der Himmel war gefunden! Gawin. Pendragon. Gawin. Du kommst erwünscht! Auf, eile! laß das Volk Zum nahen Aufbruch sich bereiten. Fort Von dieses Landes ahnungsvollem Boden! Noch heute schließen will ich den Vertrag, Wie sie ihn wünschen; jeder Pakt gilt gleich, Der schnell mich ziehen läßt aus diesem Reich. Pendragon. Was ist's, mein wackrer König, das den Sieger Zum Flüchtling macht aus des Besiegten Land? Gawin Fort! Frage nicht! Weiß ich doch selbst nicht Kunde Von meiner Seele Aufruhr mir zu geben; Doch fort von hier treibt's mich mit mächt'ger Hand, Als gält' es mir und meinem theuern Leben. Die Königin – Pendragon. Ging sie nicht erst von dir? Ist's ihre Schönheit, die dich so erschreckt? Suchst du zu fliehn vor ihrer Blicke Schlingen? Gawin. Wie aus der Hölle tiefstem Schlund entstiegen, Wo Wahnsinn haust und Graun, und kalter Schrecken, Seh' ich sie glühend durch das Leben fliegen. Der Blicke düstre Flammenblitze wecken Geheime Angst in mir, wie ich auch strebe, Und wie mein Schicksal fürcht' ich sie und bebe! Pendragon. Seltsam, fürwahr! Held Gawin, solch ein Ritter, Daß nicht der Leu ihn schreckt in seinem Grimm, In Angst und banger Flucht vor einem Weibe? Was ist der Grund so ungewöhnlicher Erscheinung? Gawin. Eben, weil der Grund ihr fehlt, Faßt mich ein Schauer wie mit Geisteshand. – Was ich befohlen, eile zu vollziehn, Indeß zum stillen Heiligthum der Liebe Des Waldes dicht verschlungner Pfad mich führt. Mir ist nicht heimlich hier in diesen Hallen, Nicht wohnlich däucht mich der geschmückte Raum, Aus dem der Todtenklage dumpfer Schall Beim Eintritt unhold mir entgegen klang. Mich drücken diese goldgezierten Wände, Die Säulen stürzen wankend auf mich ein, Es sinkt der Boden unter meinem Schritt, Und in der Seele will ein dunkles Ahnen Mich unverweilt zur schnellen Flucht gemahnen. (Pendragon geht ab.) Gawin allein. Du kühler Wald mit deinen Laubgewinden, Du trautes Dach, vom Rosenhag umfangen, Mich zieht's zu dir mit liebendem Verlangen, Und deinen Schatten eil' ich aufzufinden! O, könnt' ich dich der Beste doch entraffen, Könnt' in des Meeres Mitte ich dich stellen, Umrauscht von wilden, unschiffbaren Wellen, Ein stilles Eiland meiner Liebe schaffen: Dann wär' ein sichrer Port mir aufgegangen, Das Lebensschiff am Anker fest zu binden; Säh' ich die Erd' auch meinem Blick entschwinden, Den engen Raum beträt' ich ohne Bangen; Denn in dem Kreis, den deine Arm' umfassen, Ist Raum genug für jedes Glück gelassen. (Geht ab.)   Platz vor Argelens Hütte, wie zu Anfang der zweiten Handlung. Argele. Turturell. Turturell. (in die Ferne blickend). Noch immer nicht! – und Abend ist es doch, Und lange hinter dem Gebirge sank Die helle Sonnenscheibe schon hinab. – O, Mutter! sieh, dort ist schon Sternenlicht! Es kommt die Nacht, doch der Geliebte nicht! Argele. Sey ruhig, Kind! es schwimmt ja glänzend noch Die Abendröthe auf der Berge Spitzen; Nur hin und wieder wird ein Sternlein los, Und wallt hervor aus des Gewölkes Ritzen Mit bleichem Schimmer, weil der Tag noch scheint. Turturell. O, lege deine Hand aus dieses Herz, Dein armes Kind zu trösten und zu heilen; Es muß vergehn vor namenlosem Schmerz, Soll es getrennt von dem Geliebten weilen. Argele. Ei, sey getrost! Ist's doch ein schöner Ritter, Dem du zu Will' und eigen dich gegeben. Mein Töchterlein ist eine schmucke Braut, Die bald, in Sammt und seidenem Gewand, Mit güldner Spang' und Kettlein ausgeziert, In seines Schlosses glänzend Prunkgemach Als Eh'gemahl ein edler Herr sich führt. Dann wirst du selig ruhn in seinem Arm, Und eine hohe Herrin wirst du werden. Turturell. Mich reizt nicht eitel Goldesglanz und Schein! O, meine Mutter, gern als niedre Magd Wollt' ich ihm folgen und zu Willen seyn, In harter Arbeit wollt' ich mich bemühn, Ihm dienen, folgsam jedem leisen Wink, Könnt ich ihn sehen nur mit meinen Angen. Argele. Bald wird er kommen, harre ruhig nur. Turturell. O, gib mir einen Namen, es zu nennen, Was wundersam mich schmerzt und mich entzückt. Im Herz des Herzens fühl' ich mich entzückt, Und dennoch Thränen mir im Auge brennen. Argele. Ja, eine Frühlingsblume ist das Herz Der zarten Jungfrau. Fest verschlossen bleibt Der farbenhelle Kelch, bis sie der Strahl Der warmen Liebessonne mild berührt, Dann aber öffnet sie den Blüthenbusen, Den sie sonst schüchtern barg im dunklen Laub, Entfaltet hat sie den verborgnen Reiz, Um, eine Braut, den Bräut'gam zu empfangen; Nur wenn sie liebt, steht sie in vollem Prangen. Turturell. Doch schnell verblüht die zarte Blumenbraut, Wenn sie den holden Bräutigam erschaut. – Ha, dort! Sieh, Mutter! – Ja! er ist's! er ist's! – O, ihm entgegen! Vorige. Gawin. Gawin. Sey mir hold gegrüßt! Laß unsre Lippen innig sich vereinen, Im Kuß die flieh'nde Seele aufzuhalten. Laß unsre Küsse in einander fließen Gleich Thanestropfen in der Blumen Kelche, Laß ihren holden Wechselschlag ertönen, Der Wonne Echo seyn solch süß Berühren, Ein seliger Gesang den Liebenden. Turturell. O, mein Geliebter! Gawin. Theure Turturell! Argele. Ihr macht viel mächtig Leid der armen Dirne. Ist's doch ein Klagen, Jammern, wenn Ihr geht, Ein Treiben, bis Ihr kommt, man möchte meinen, Die Sonne lösche aus am Himmelsplan, Um nie mehr aufzugehn und Licht zu bringen. Gawin. Dem harten Zwange leb' ich heute noch, Den unfreiwillig ich ertragen muß, Dann aber ist der ernsten Pflicht genügt, Und zarte Liebe tritt in ihre Rechte. Ja, meine süße, anmuthreiche Braut, Bereite dich, die Hütte zu verlassen, Den stillen Wald, den rosenduft'gen Hag, Wo deiner Kindheit Träume hingeschwunden. Turturell O, bleibe hier, wo dich mein Herz gefunden! Wo ist ein Raum, mir theuerer als der, Wo ich zuerst dich sah, wo ich zuerst Der Stimme holden Laut gehört, zuerst Der Liebe Schwur empfangen und gegeben. O, diese Hütte, leicht mit Rohr gedeckt, Hat unter ihrem Dach, in ihren Wänden Nur Glückliche beherbergt und umschlossen. Auf diesen Boden fiel noch keine Thräne, Des Schmerzes und der Qualen stumme Botin; Die mir die Wehmuth ausgepreßt um dich, Sie waren süß, und heilig sind sie mir, Und von dem Abendhimmel funkeln sie, Wie helle Lichter, golden her auf mich, Als wären sie verwandelt in Gestirne, In stiller Nacht den Liebenden zu leuchten. Gawin. Was dir genügt und deinem frommen Herzen, Ist meiner heißen Liebe nicht genug. Das, was mir theuer ist und mich beglückt, Will ich umgeben mit des Glanzes Fülle: Entkleiden will ich dich der woll'nen Hülle, Die deinen Reiz umnebelt und verbirgt; Um dieser Glieder holdes Ebenmaß Soll bald ein prächtiges Gewebe wallen, Den zarten Formen liebend angeschmiegt. Ein weißer Zelter trage meine Braut, Ein Königshaus sey Wohnung meiner Herrin; Das schöne Haupt umstrahle eine Krone – Turturell. Allmächt'ger Gott! Gawin. Ja, lieblichste der Frauen, Vernimm, was dich mit Lust erfüllen soll, Was ich vor dir verborgen, wisse nun, Und mitempfindend theile mein Entzücken: Ich bin kein niedrer Ritter ans dem Heer – Turturell. Weh mir! Gawin. Der Höchste aus den Herrschern bin ich selbst. Und daß du wissest, wem du dich ergeben, Wem du der Liebe Blume aufgespart, Wer dir sein Leben freudig hat geweiht, Den Glanz der Hoheit legt zu deinen Füßen: 's ist König Gawin, der um dich gefreit! Und ob auch Volk und Mannen ihm gehorchen, Ob auch der Goldhort aus der Berge Schooß Für ihn geholt wird, wenn sein Wink gebeut, Das Köstlichste herschwimmt aus weiter Ferne – 's ist nicht der Reichthum, der sein Herz erfreut, 's ist nicht die Macht, die seine Wünsche stillet; Du, Turturell, bist seiner Freuden Pfand, Der Erbe Räume kannst nur du ihm schmücken, Ihm däucht die Welt nur schön an deiner Hand! Tlurturell (von Schauer ergriffen). Weh mir! Verloren! Weh! – Gawin. Was ficht dich an? Turturell (singt unter Thränen). Das Mädchen hört mit Beben Des Königs Liebesgruß; Als sie sein Arm umfangen, Erbleichen ihre Wangen, Und an dem ersten Kuß Sie sterben muß! (Während der letzten Verse bricht ihre Stimme, ihre Kniee wanken und sie sinkt kraftlos unter heißen Thränen in Gamins Arme.) Der Vorhang fällt. Vierte Handlung. Halle in König Singalds Burg. Gawin. Pendragon Gawin. Ist alles, wie ich es befahl, vollzogen? Zwingt nichts mich mehr zu längerem Verweilen? Sind unsre reis'gen Schaaren wohl bereitet, Zur Stunde aufzubrechen, und den Weg Zur Heimath anzutreten? Pendragon Unter Waffen Steht schon das Kriegsvolk, deines Winks gewärtig. Die Helme sind geschmückt mit grünen Zweigen, Des frohen Sieges freudenreiche Zeichen; Die Rosse wiehern und die Reiter jubeln, Und fröhlicher Gesang schallt in die Luft. Den lust'gen Schaaren folgt ein langer Zug Saumrosse, schwer beladen, mächt'ge Last Kostbarer Beute nach der Heimath tragend. Es schwellen Lust und Sehnsucht jedes Herz, Weil, hingewandt zum väterlichen Herd, Die sieggekrönten Banner wieder fliegen. Gawin. Bin ich denn Sieger oder bin ichs nicht? Ist Friede, oder wüthet noch der Krieg? Kaum weiß ich's selber! Zwiespalt ist in mir, Gedoppelt theilt im Kampf sich meine Brust, Von Trauer bald bewältigt, bald von Lust. Wer siegt, ich weiß es nicht! – Schwingt sich die Seele Auf Freudefittigen zum Himmel auf, Reißt sie ein lastendes Gewicht zur Erde Schnell wieder, und ein ahnungsbanges Schauern, Das ich umsonst bekämpf' in meinem Geist, Verkündet Unglück mir in diesen Mauern. Pendragon Darum verlass' sie schnell, da nichts dich mehr Zurückhält, daß das Herz sich wieder frei Im Räume fühle, die geengte Brust Dem freud'gen Leben wieder offen sey. Vorige. Gylfe. Gylfe. Was muß ich hören, Vetter? Ist es wahr? Du willst von hier und schon gerüstet, Bereit zum Abzug stehet dein Gefolge? Gawin Karg zugemessen sind die Stunden mir. – Aus meinen Landen hat die Kriegesarbeit Mich lang entfernt gehalten; ungestüm Ruft mich, und laut, mein Volk zurück, und wahrlich, Auch meine Sehnsucht zieht mit starken Banden Mich nach der Heimath. Darum, Königin, Vergönne, daß ich Urlaub nehme. Gylfe. Gawin! Gawin. Dein sey der Ruhm, des Friedens holde Palme Gesenkt zu haben in den reichen Boden Der heimathlichen Flur; dort soll sie grünen, Von keines Sturmes Wehen je gebeugt. So scheid' ich jetzt getrost von dir und lasse Den Segen deines Werkes dir zurück. Gylfe. Nein, nein, Gawin! nein! nimmermehr! Du darfst Jetzt nicht von mir – so nicht! – Wär's möglich, Du hättest nicht gesehn – du wüßtest nicht – ? Ich muß – Verlaß uns, Pendragon! Was deinem Herrn zu sagen mich verlangt, Erduldet keine Zeugen zwischen uns. (Pendragon geht ab.)   Gylfe. Gawin Gylfe. Wir sind allein. – Wo soll ich Worte finden, Und wie beginnen? Wie den edlen Stolz Bezwingen meiner Seele! O, Gawin, Ja, ungroßmüthig bist du, herzlos, falsch! An meinem Schmerz willst du dich laben, willst An meinen Qualen deine Augen weiden. Wie, du hätt'st in mein Innres nicht geschaut, In meines Busens Grunde nicht gelesen? Du könntest nicht errathen, was ich dir Zu sagen habe? könntest nicht dem Herzen Die Scham des eigenen Geständnisses Ersparen? Gawin. Base, hör' – Gylfe. O, du bist grausam! Gawin. Ich steh' befremdet –! Gylfe. Nicht verstelle dich! Ich sollte glauben, was nicht glaublich ist? – Du kanntest mich und kanntest meinen Haß, Und hättest nicht gewußt, was mich getrieben Zum schnellen Frieden und Vertrag mit dir? Du hättest nicht die Quelle ausgespürt, Der meines Handelns rascher Strom entrauscht? In meinem Auge nicht gelesen und Doch hätten deine Blicke Antwort mir Gegeben? – Du hättest meine Wünsche nicht errathen, Und ich die deinen deutlich doch erkannt? Gawin. O, höre, Base –! Gylfe. Nein, nicht trügst du mich! An meiner Schwäche willst du dich erfreun. Wohlan, ich gönne diese Freude dir! So hör' aus meinem Munde das Bekenntniß – Gawin. O, halte ein! Gylfe. Was soll mich hindern, frei Dir zu bekennen, was du lang schon weißt? Ich liebe dich, Gawin! Ja, dieses Herz, Das unbezwungen, hat sich dir geweiht Auf ewig; laut und offen will ich's rufen, Vor aller Welt es froh verkünden: Ich liebe dich! und stolz bin ich auf mich, Daß ich dem Besten nur mich hingegeben, Dem schlechten Manne nie mein Herz geglüht. Gawin. O, Königin! welch unglücksel'ger Irrthum! Gylfe. Ein schöner Tag geht blühend für uns auf, In einem goldnen Lichte glänzt die Welt! Nicht ein gewöhnlich tagliches Ereigniß Ist dieses Bündniß, wie bedeutungslos, Zufällig oft die Menschen sich vereinen; Ein Schluß des Schicksals waltet über uns. An unsre Liebe schließt sich freudig nun, Was früher sich an unsern Haß geschlossen. Ein hohes Pfand gewahrt uns das Geschick, Das selbst den Weg gebahnt zu unsrem Glücke, Ein sichres Zeichen seiner künft'gen Gunst. Vor wenig Stunden konnt' ich dem Geliebten Ein treues Herz, ein glühend Leben nur, Nur meine heiße, ew'ge Liebe bieten, Nur was das Weib besaß, dem Manne weihn; Nun naht dem König eine Königin, Zu einer Krone froh die zweite legend. Das einz'ge Söhnlein Singalds nahm der Tod, Erloschen ist dieß eherne Geschlecht, Zum Haß geboren und zum Haß erzogen; Der Strom, der in zwei Arme feindlich sich Getheilt, wird fort in Einem wieder fließen. Nur Einen Stamm des Volkes wird es geben Und nur Ein König herrschen über ihn, Mein Herr und mein Gemahl; und ein Geschlecht Von Helden zeige der erstaunten Welt An ihrem Ruhm den Adel ihrer Abkunft. Nicht immer einet das Geschick mit Starkem Das Starke auch; die Nachwelt aber, mein' ich, Soll an den Kindern ihre Ahnen kennen, Den tapfern Gawin stolz und Gylfen nennen. Gawin. Welch kühnes Wort entfloh aus deinen Lippen! Du wolltest den Gemahl, dem du verbunden Durch der Natur geheiligt festes Band – ? Gylfe. Nicht an sein Leben leg' ich meine Hand. Gawin. Wer wird der Ehe Bündniß lösen können? Gylfe. Die Hand, die's knüpfte, wird es wieder trennen. Gawin. Und soll er flüchtig wandern aus dem Reich, Den eignen Boden meiden? Gylfe. Alsogleich Auf ein entlegnes Schloß verbann' ich ihn; Dort bring' er ruhig seine Tage hin. Gawin. Wie, Königin! Wär's möglich? Könntest du So große Huld und Gnade, als an dir Der König, dein Gemahl, geübt, vergessen? Der aus dem Staube niedriger Geburt Zu seines Bettes Ehren dich erhoben, Mit goldner Krone deine Stirn geschmückt Und ausgeziert mit königlichen Würden? Deß zum Vergelte könntest du ihn jetzt Von eben diesem Stuhle selbst vertreiben, Auf den dich seine Großmuth erst gesetzt? Gylfe. Ich höre staunend deine Rede, Vetter! Die, seltsam, das, was sie entschuld'gen sollte, Mit ungestümer Zunge rasch verdammt! Der sollte nicht die Flamme schmähn und schelten, Der sie erregt; dem man zu Liebe sündigt, Soll nicht ein Eifrer für die Tugend seyn, Die man ihm opfert; soll nicht undankbar Bezeugen sich der höchsten Frauengunst, Die man aus freier Wahl ihm zugewandt. Gawin. O, Königin! Gylfe. Du mahnest mich, Gawin, An meine Pflichten gegen meinen Herrn, An meines Standes unbequeme Würden? Ja, wenn der goldne Reif auch dieses Herz Umfinge, wie dieß Haupt und diese Stirne, Daß keine Gluth der Leidenschaft es faßte; Wenn eine Königin aufhörte, Weib Zu seyn, und wie ein Weib zu fühlen und Zu lieben! Doch das Herz erstarret nicht, Auch wenn der Purpur prunkend es bedeckt, Es fordert seine Rechte; mahnend zeigt Und dringend es den Schuldbrief der Natur, Dem jede Menschenbrust verfallen ist. – Und gibt es ferner eine Wahl für mich, Noch zwischen dir und meinem Wollen? – Verschmähest du den Thron, den ich dir biete, Ich will ihn nicht, ich nicht! Wohlan, es sey! Er bleibe seinem alternden Gebieter, Er bleibe ihm! Still zieh' ich dann und arm Wie ich hieher gekommen, wieder fort, Und laß ihm zum Ersatz für leeren Schimmer, Und für den eitlen Glanz, der mich geschmückt, Verlorne Blüthen eines reichen Lebens, Verwelkte Kränze meines schönern Glücks. So, mein' ich, war' der Handel zwischen mir Und deinem Vetter ausgeglichen, und Wohl nicht auf meiner Seite der Gewinn. Wohlan, Gawin! Ich stehe nun vor dir Schmucklos und dürftig, eine niedre Magd, Wie ich die niedre Hütte einst verließ, Die mich, entfernt vom Kronenglanz, geboren; Doch was ich bin und habe, sey für dich, Und so werf' ich mich, arm, wie ich es bin, Doch freudig und getrost an deine Brust, Mein ganzes Seyn und Wesen dir zu weihn. Gawin. Nicht dünkt mich's ritterlich, an Singalds Ehre Verrath zu üben; deines Herzens Schwäche Mißbrauchend, was der Krieg ihm ließ zu eigen, Im tiefen Frieden heimlich ihm zu rauben. Gab ich ihm Land und Herrschaft denn zurück, Die ich in ehrlich gutem Streit gewonnen, Um sie im schlechten wieder zu entreißen? Nicht also, Base! Gott bewahre mich, Daß so unkönigliche That ich übe. Mein Weg ist grad', das ist der deine nicht! Hätt' Singald ich auf freiem Feld erschlagen, Ich dich errungen mit des Schwertes Kraft, Und wär' in Liebe dir mein Herz entbrannt, So hätt' als Siegslohn ich dich heimgeführt, Das darf ein Ritter und ihn ehrt solch Thun; Doch Frauenraub am eignen Blutsfreund? – Nein! Das wolle Gott nicht, daß so arger Sünde Sich König Gawin schuldig wissen mag! Gylfe. Mit leichter Zunge sprichst du Schweres aus, Grausamer Gawin! schmähst mit hartem Muthe Mein überströmend Herz, weil herzlos du! Nicht acht' ich deiner Worte, denn ich liebe; Du aber kennst nur rauhes Waffenspiel, Du selbst ein rauher Held, gleich hartem Eisen! Nicht also klänge Rede dir und That, Wär' dir im erzbedeckten Busen je Erglüht der süßen Neigung Lust und Weh'! Gawin. Nicht herzlos bin ich, Gylfe, wie du sagst; Ehrbarer Minne ist mein Sinn zu eigen. – Gylsc. Was muß ich hören? Gawin. Liebeslust und Weh', Ich kenne Beides, und im tiefsten Leben Trag' ich den Pfeil gleich einem edlen Wilde, Das mit der Todeswunde traf der Schütz. Gylfe. Willst du mich tödten, Unglückseliger? Gawin. Doch seit ich reine Lieb' im Busen hege, Fühl' ich ein edles Drängen nur in mir, Das mich zum Guten treibt, und meine Seele Ist mild und still geworden, und mein Herz Hegt keine Wünsche mehr, die auswärts fliegen. Denn so ist Liebe ja, wahrhaft von Art, Daß sie die Herzen reinet, die sie einet, Und was sie einet, rein und gut bewahrt. Doch deine Liebe füllt mit wilden Gluthen, Sie macht nicht gut und stammet nicht vom Guten. Gylfe. Und ihr erzittert nicht, ihr hohen Säulen? Du öffnest, Erde, deinen Abgrund nicht, Schlingst dieses Ungeheuer nicht hinab? – So wenig furchtbar, Gawin, schien ich dir, Daß du dein schamlos Spiel mit mir gewagt? Verachtung tragen, Hohn aus deinem Munde Soll Gylfe hören? – Ha, Fluch! Fluch dir! Noch bin ich Königin! Aufs neue wacht die Rache wieder auf In meinem Busen und der alte Haß Bricht wieder seine Fessel! – Wahre dich! Denn wärst du in der Erde tiefstem Grunde, Ich finde dich – von mir vernimmst du Kunde! (Geht ab.) Gawin (allein). Nun seh' ich wieder deines Bildes Züge, Das Trugbild ist verronnen, und verwischt Da« Antlitz, da« es trug. Es schwand der Schein Der frischen Lebensfarbe, und die Seele Erscheint in ihrer angebornen Blässe. Nun, immerhin! Mich dünkt, so sey es besser, Und lieber ferne und geschieden bleibe, Was nimmer sich zusammen fügen kann. – Ohnmächtig Drohen soll mich nicht erschrecken, Die gift'gen Worte dringen nicht in's Leben, Und böser Zungen Pfeile tödten nicht. (Geht ab.) Gylfe. Der Diener. Diener. Das ist die Kunde, die der Mann gebracht, Dem du befohlen, überall genau Dem Könige zu folgen. Nah' im Forste Steht eine Hütte, armer Leute Dach, Dahin sah Herrn Gawin der schlaue Späher Im stillen Abenddunkel heimlich eilen, Und eine Dirne, die schon sein geharrt, Flog liebend in die Arme ihm. Ihr Name Ist Turturell; die Mutter aber ein Viel arm und dürftig Weib, uns wohl bekannt. Gylfe. Nimm reisig Volk; schnell fort, brecht auf! Die Dirne fah't, und fest mit eh'rnen Banden Gefesselt, schleppt sie her! Wer sie vertheidigt, Und wär's der König selbst, stoßt ihn zu Boden! Um diese Beute ringt mit eurem Leben, Und so ihr sie gewinnt, und mir sie bringet, Sey eure Rüstung nicht so schwer an Eisen, Als blankes Gold ihr sollt von hinnen tragen. Diener. Sey unbesorgt! Noch eben sah ich Herrn Gawin im Burghof; eher nicht, als ich, Deß sey gewiß, erreichet er den Forst, Denn eines nähern Fußpfads hab' ich Kunde, Den selbst die Jäger, die zu jeder Frist Den Wald durchziehn, nur selten kennen. So Eil' ich ihm vor und bringe dir die Beute. Gylfe. O, daß das Glück du hättest im Geleite! Mein sey die Dirn' und dein der Lohn noch heute. (Der Diener geht ab.) Gylfe (allein). Nun in die Waffen wieder und hinaus! Und alle Kämpfe der vergangnen Zeiten, Und aller frühern Kriege blut'ger Graus Sey gegen dieses Tages Mord und Streiten Nur wie ein Reihentanz zum Klang der Saiten Beim Freudenmahl, im lust'gen Hochzeithaus. Die Fackel schwing' ich mit dem blut'gen Brand, Die um mich her die Erde soll entzünden; Aufs neue blitzt das Schwert in meiner Hand, Es soll dem Feinde Gylfe's Grimm verkünden, Den blut'gen Weg zu seinem Herzen finden, So wahr dem Fluch der Höll' ich mich verband! Verachtung tragen soll ich? – Nimmermehr! Verschmäht, von seiner Arglist hintergangen? Verbirg dein Antlitz, Tag! Nacht um mich her, Verhülle mich und halte mich umfangen, Daß man die Scham nicht seh' auf meinen Wangen! Du, edler Stolz, sey meine Wacht und Wehr! – Hab' Frevel ich gesät und blut'ge That, Daß mir kein Lohn und keine Ernte werde? Keimt keine Glückesfrucht aus jener Saat, Die, ahnungsschwer, ich senkte in die Erde? Trug darum ich heilloser Angst Beschwerde, Daß mich die Höll' verderbe und ihr Rath? – Zurück nicht schreitet mehr die dunkle Bahn, Wer einmal eingriff in der Zukunft Walten; Wer selbst der Pforte Riegel aufgethan, Der bebe nicht, wie furchtbare Gestalten Auch dann, der Nacht entquillend, sich entfalten! Hat er das Glück gesetzt an Glückes Wahn! (Geht ab)   Platz vor Argelens Hütte. Argele. Turturell. Agele. Warum in Thränen, mein geliebtes Kind, Wo Freuden blühen hochzeitlicher Lust, Wo Hoheit winket, Reichthum, Macht und Glück? Ist denn des Elends gar so mächtig viel, Wenn Kön'ge um uns frei'n? Stets warst du fromm, Und eine sitthaft tugendsame Dirne, Der Mutter folgsam; das belohnt der Himmel. Turturell. Ein König mein begehren? – Furchtbar Schicksal! Er war zu hoch für solche niedre Magd, Als er ein Ritter war noch aus dem Heer; Nun soll ich meinen Blick zu ihm erheben, Der über Alle herrschet und befiehlt? Argele. So wunderbare Gab' ist Frauenschönheit, Daß sie dem reichsten Erdengute gleich Geachtet wird im Leben. – Ward ihm Hoheit, So ward, was aller Hoheit Höchstes ist, Die Schönheit dir. Ward Macht ihm, nun, fürwahr, Die höchste Macht, der Alles unterthan, Ward dir gegeben: deines Leibes Reiz! – Drum laß die traurige Bekümmerniß Am hellen Strahle deines Glückes schwinden, Wie Nebel sinken um der Berge Spitzen, Wenn sich die Sonne zeigt auf ihrer Höh'. Turturell. Als ich den Namenlosen noch geliebt, Der, Obdach suchend, in die Hütte trat, Da war die Brust mit Seligkeit erfüllt, Und leicht und frei fühlt' ich die Pulse schlagen, Von keiner Last den Busen mir gepreßt. Ach, ihm entgegen flog mein junges Herz, So wie ein Vögelchen zum andern fliegt, Die unbekümmert von den Blüthenzweigen Vereinigt dann hinflattern in die Luft. Argele. Weil den ein prächtig bunt Gefieder ziert, Und er so hell und farbig prangt – ei nun, 's ist doch ein Vogel auch, so wie ein andrer. Und ist nicht auch mein lieblich holdes Kind Gar ein viel selt'nes Vöglein, und ringsum, Im ganzen Waldrevier kein solches mehr? Turturell. Ein König mein Begehren? Nimmermehr! Ich unter Königen? Die arme Hirtin, Die ihre Lämmer still zur Weide trieb, Und unterm Dach der Bäum', am Rand der Quelle Gelagert, süß und sorgenlos entschlief, Ich eine Königsbraut? – Der Hoheit nicht, Der Demuth war mein Herz beflissen, ach, Und dienstbar seyn, nicht herrschen steht mir an. Argele Sey unbesorgt! In Glück und Hoheit lernt Gar bald ein Weib sich finden und sich fügen. Turturell. Aus dieser kleinen Hütte soll ich treten Hin in den Königssaal? – Aus Fried' und Stille In Streit und Krieg? O, Mutter! – süße Mutter! Du hast ja selbst von jenem bösen Hader Mir oft erzählt, der in der Königsburg Seit grauer Vorzeit bis auf diesen Tag Zu Mord und Frevel die Bewohner riß. Die Brust, die heil'gen Frieden eingesogen, Die nur die stille Treu' und Liebe kennt, Wie sollte die in Leidenschaft entbrennen, Der wilden Zwietracht Haß und Rache üben, Verfolgung tragen oder selbst verfolgen? O, nimmermehr! Laß uns entfliehen, Mutter, Laß uns entfliehn mit unsrer kleinen Habe, Und eine niedre Hütte suchen, fern, Und andre Triften, einen andern Wald! Der Harfner zieh' mit uns, und du und ich – Argele. Und Ritter Gawin? – Denkst du sein nicht mehr? Liebst du ihn nicht? Tulturell. Ob ich ihn liebe, Mutter? Er ist mein Taggedanke und mein Traum! Ach, eine offne, blut'ge Wunde ist Mein Herz! Seit ihn zuerst mein Aug' erblickt, Hab' ich kein Lächeln mehr unschuld'ger Freude, Und keine Heiterkeit und keine Lust; Nur Thränen, heiße Thränen, nichts als Thränen! Das ist die Gabe, die mein Liebster mir Gebracht: Unruh' für Ruh', für Friede Streit Und end'ger Schmerz, so oft ich sein gedenke, Und doch im Schmerz nur Leben und Genuß! – Bin ich, ich eine Braut denn für Gawin? Den königlichen, hohen Ritter ich? – Nein, Mutter! – Laß uns fliehn und laß mich sterben! Laß mich im Gram vergehn um ihn, so leid' ich Viel süßen Tod, den mir mein Trauter gab, Den Tod der Liebe, höchste Liebeslust.   Vorige. Bewaffnetes Volk, von Gylfe's Diener geführt, nähert sich spaßend. Argele Was für gewaffnet Volk späht dort und lauscht? Turturell Sie schau'n auf uns. Argele Sie deuten auf die Hütte Und sprechen heimlich. Turturell. Mutter, ach, mir bangt Vor diesen Leuten! Argele Ohne Sorge sey, Mein liebes Kind! Viel Kriegesvölker ziehn Jetzt hin und her durch's Land; da mag es leicht Geschehen, daß ein Haufe sich verirrt. Diener. Du kennst sie auch? Erster Knecht. So wie mich selbst. 's ist Turturell, die Alte ihre Mutter. Diener. So ist die Beute unser und das Gold. (Sie stürzen vor und ergreifen Turturell.) Turturell. Allmächt'ger Gott im Himmel! – Mutter! Hülfe! Argele. Mein Kind! Barmherzigkeit! – O, laßt sie los! Diener. Nichts nützt dein Flehen! Turturell. Hülfe! Hülfe! Argele. Nehmt Mir eh' das Leben! Turturell. Hülfe! Diener (stößt Argelen weg). Fort mit dir! Die Dirn' ist unser, wenn des Waldes Bäume Auf Euer Rufen auch zu Hülf' Euch eilten. (Turturell wird fortgetragen.) Argele (will folgen; von den Reisigen zurückgestoßen, sinkt sie, händeringend, an der Thür der Hütte nieder). Der Vorhang fällt. Fünfte Handlung. Ufergegend. Im Hintergrunde hohe Felsen, die einen Landsee einschließen. Vorn ein Eichbaum auf einem Rasenhügel. Gylfe. Bewaffnetes Volk. Gylfe. Hier laßt uns halten und die Schaaren ordnen, Und dann frisch auf den Feind! (Zu einem Knechte.) Steig' auf die Höh', Und ob sich Reis'ge nahn, die eine Dirne Gefesselt mit sich führen, späh' und künde Mir Botschaft an, wenn sie dein Aug' gewahrt. – Ist sie gefangen, ist sie's nicht? – Hat sie Ihr bös Geschick in meine Hand gegeben, Ist sie gerettet – welche Kunde hör' ich? Zweiter Knecht. Sie nahn, die du erwartest, Kriegesknechte Und ein gefangen Mädchen, das sie bringen. Gylfe. Willlommne Kunde! Ha, da sind sie selbst! Vorige. Gylfe's Diener und Reisige, die gefesselte Turturell in ihrer Mitte. Diener. Hier ist das Mädchen, das du uns zu fahn Geboten, hohe Frau. Verdienten Lohnes Harrt unser Dienst und deines Beifalls. Gylfe. Beides Ist euch gewiß. – Das also ist die Dirne, Die keck mit Kön'gen buhlt, nach Kronen geizt? Ein erst entblühtes Kind, kaum Jungfrau noch. Turturell. O, laß mich deine Knie umfassen, hohe Frau, Und meine Thränen, die um Rettung flehn, Laß sie dich rühren! – Eine arme Magd, In Gottesfurcht erzogen, wuchs ich auf In eines Waldes abgelegner Stille, Wo ich nichts Böses übte noch erfuhr. Kein Blümchen auf dem Anger, keinen Halm Hab' ich beleidigt noch gekränkt. – Da stürzten Die wilden Männer jählings aus dem Walde, Und aus der Mutter Arme mit Gewalt Die Tochter reißend, schleppten sie mich fort, Mit schwerer Bande Last mich hart umwindend. O, sey mir hülfreich, ehrenwerthe Frau, Und laß mich ledig, mich, die nichts verbrach! Gylfe. Du nichts verbrochen? Kennst du Herrn Gawin? Turturell (erschrocken). Ach Gott! Gylfe. Du bebst? Ha, recht, verbuhlte Dirne, Die du das Netz gestellt so edlem Wilde! Sprich, Unglückselige, wie du's begonnen, Mit welchen Liebezaubers Bann und Kraft Du ihn an dich gerissen. Rede wahr, Denn näher stehst du an der Todespforte, Als jene Felsen an des Seees Welle, Die ihren Fuß bespült! Turturell. Allmächt'ger Gott! Gylfe. Ruf um Erbarmen nicht zu ihm und Hülfe, Er hört dich nicht! Dein Gott bin ich, Und traun! ein furchtbarer, der Mitleid nicht, Barmherzigkeit nicht kennt! Turturell. Entsetzlich! Gylfe. Sprich! Hat dich Gawin geliebt, du ihn? Turturell. Ach Gott! In Ehren hat der König mich gefreit, Als seine Braut mich grüßend; keinen Zauber Hab' ich geübt und kenne keinen! Glaub', Ich bin nicht schuldig und mein Herz ist rein Und ohne Trug und Falsch. Ach, ich erschrack Ob solcher Hoheit unverhofften Glanz, Die mir nicht ziemt. – Wär' er ein Hirt, Der, seine Heerde hin zur Weide treibend, Auf ödem Bergpfad einsam zieht und still, Ein armer Jäger, der im dunklen Forst Mit Mühsal nach der kargen Beute klimmt Von Fels zu Fels – ach Gott in deiner Höh' – Wie selig wollt ich seyn, von ihm geliebt! Gylfe. Von ihm geliebt? Turturell. Als mir sein Mund bekannte, Er sey der König Gawin, und mir Glanz Und reichen Schmuck verhieß, mich seine Arme Umschlangen und sein Herz an meinem schlug – Gylfe. An deinem schlug? – Du hast den Tod umarmt, Und dem Verderben lagst du an der Brust! – Ergreift sie, Knechte! und von jenem Felsen Stürzt häuptlings sie hinunter in die Wogen! Dort in dem kalten, öden Wassergrabe Harrt dein das Brautbett. Nun, wohlan, versuch', Ob du's erwärmen kannst mit Liebeslust! Turturell (zu ihren Füßen). Ach! deine Händ' ergreif' ich, hohe Frau! O, übe Gnade, sey barmherzig doch! Nicht tödte mich. Fest deine Kniee umschling' ich, Laß nicht von hinnen mich die Knechte reißen! Bei deinem ew'gen Heile fleh' ich dich, Bei deiner Eltern Haupt und bei den Kindern, Die du getragen – Gylfe. Fort! Du flehst umsonst, Und todte Helfer rufst du an! Die Brust Sog nie ein Kind, ich kenne kein Erbarmen! Turturell. Bei deiner ersten Liebe sey beschworen! Gylfe. Fluch dir! Reißt sie hinweg, ihr Knechte! Fort! Und in die Fluthen schleudert augenblicks Sie mir hinab! Turturell (von den Knechten ergriffen, noch immer am Boden auf den Knien, die Hände aufhebend). Erbarmt euch mein, ihr Männer! O, tödtet nicht mich armes Kind! Gylfe. Macht fort! Turturell. So helfe mir, o du, mein heil'ger Gott! (Die Knechte tragen sie hinweg.) Gylfe. Blieb Liebe ungestillt, so hat die Rache Mich süß gelabt und ungeahndet nicht Verschmäht ward Gylfe! Ha, Gawin, Traf dir der Pfeil in's Herz? Nun denn, wohlan! Thu' mir ein Gleiches nun, mich kümmert's nicht, Und warm von deinem Blute, das Geschoß, Send' in die eigne Brust es mir zurück! Vorige. Erster Knecht. Knecht. Auf, hohe Frau, zieh' aus dein gutes Schwert, Herr König Gawin naht mit Roß und Mannen! Gylfe. Fand er die Hütte leer und sucht die Braut? Die trägt die Welle schaukelnd schon von dannen. Knecht. Die Helme glänzen hell im Sonnenstrahl, Und kampfverlangend blitzen ihre Lanzen. Gleich einem Wald bewegt es sich im Thal. Gylfe. So fällt den Wald mit scharfgeschliffner Axt. Wer tapfer ist, mag nicht die Feinde zählen; Fort, laßt uns ziehn, die Schwerter zu vermählen! (Sie geht an der Spitze ihrer Kriegsleute ab.) König Singald (gewaffnet), von Kriegsleuten begleitet.) Singald. Ein wilder Lärm erscholl bis in die Tiefe Der schwarzen Gruft, in der ich trauernd saß Am Sarge meines Knaben, und, emporgeschreckt Von meinem Sitze naht' dem Thor ich mich, Das mit zwei mächt'gen, erzgegossnen Flügeln Des Eingangs wahret in das Haus des Todes. Da klang der Pforten Angel und dem Tagesstrahle, Dem ungewohnten, sah des Grabes Mund Ich nun geöffnet, und ein Diener kam, Und kündete mir Staunenden das Wort: »Steh' auf, o edler König Singald, auf, Erhebe dich! Verlasse diese Gruft, Den feuchten Dom im Eingeweid' der Erde, Und steige aufwärts zu den luft'gen Hallen, Wo, von dem Sonnenlicht gereift, das Leben wohnt. Dort wappne dich, dein leuchtend Kriegskleid und Den Panzer und den goldgebuckelten Gewölbten Schild, den todabwehrenden, Wirf schnell um dich; denn neu entbrannt ist Fehd' und Bedrängniß auf der Oberwelt.« Ein Ritter. Ein furchtbar scheußlicher Verrath – So spricht Frau Gylfe – ward von ihr entdeckt, Den König Gawin angesponnen hat: Von Herrschbegier gestachelt, nach dem Thron Und nach dem Leben selbst dir heimlich trachtend. Man spricht, durch Beistand einer Dirne, der Die Eh' er angelobet, ließ Gawin Dein einz'ges Söhnlein tödten, edler Herr; Denn eine schlechte Magd, Herrn Gawins Buhle, Reicht' einen gift'gen Apfel Tags zuvor Dem zarten Herrlein, als es eben sich Ergötzt im Freien, von der Armbrust Sehne Den Pfeil zu schnellen, schwache Kräfte übte, Der Wärter aber auf dem Rasenplan Sich einen Augenblick von ihm gewandt. Singald. Gift meinem Knaben? O, gerechter Himmel! Ritter. Die Dirne ließ die Königin zur Stelle Ergreifen, ihrer Unthat Lohn Soll sie empfahen nach der Herrin Spruch. Dem König Gawin aber zog sogleich Die starke Frau, die hochgemuthete Zum Kampf entgegen mit den Tapfersten Aus deinen Mittelsleuten und Vasallen. Schon aneinander rannten beide Haufen, Unsern von hier auf den gebreiteten Sandebnen an des Seees flachem Ufer. Singald Daß ich ein Rächer meinem Kind erscheine Gib Gott in deinen Wolken! Laß mein Schwert Die Bahn sich machen in des Mörders Brust! So laß uns hastig denn in's Treffen eilen, Wo unsre Treuen stehen im Gefecht, Daß wir mit ihnen Tod und Wunden theilen. (Für sich.) Doch gilt dort oben Gnade nicht für Recht, So fürcht' ich, steht's mit unsrer Sache schlecht, Und lange nicht wird die Entscheidung weilen. Dich scheu' ich, Branor, abgeschiedner Geist, Der du heraufsteigst aus des Grabes Grunde Und aus der todten Brust der Unthat Kunde Hinauf zum Richter in die Wolken schrei'st. Dein Anblick ist's, der mir den Muth entreißt; Denn mit dem Rechte steht die Rach' im Bunde. Vorige. Fliehende Knechte begegnen dem Könige, der eben mit seinem Gefolge abgehen will. Singald Wohin, Ausreißer, feige Knechte, die Wie scheue Hunde, die ein Steinwurf traf, Vom Platze fliehn? Kehrt eiligst um, so rath' ich, Wenn ihr dem Schwert, dem ihr entlaufen wollt, Nicht zu begegnen wünscht. Erster Knecht. Entweich', o Herr! Geschlagen sind die Unsern, König Gawin trägt Durch unsre Reihen den gewissen Tod. Zweiter Knecht. Willst du dich retten, Herr, so eile schnell, Denn, wie ein reifes Aehrenfeld der Schnitter, So mäht vertilgend König Gawins Schwert. Verwundet ist Frau Gylfe, oder todt, Denn blutig niedersinken sah ich sie. Ritter. Der schlimmen Botschaft Wahrheit zu erkunden, Blick' auf, o Herr! Dort naht, was sie bewährt. Vorige. Gylfe, einen Pfeil in der Brust, wird auf einer Tragbahre von Baumzweigen aus dem Treffen gebracht. Als der Zug den König erblickt, wird Gylfe in der Mitte der Bühne niedergelassen. Singald. O, unglücksel'ge Schau! – Verwundet Gylfe! Gylfe. Zum Tode, hoff ich! Singald. Weh', das wende Gott! Gylfe. Dein Ohr mir leihend, Singald, höre nun, Ein schwer Bekenntniß ungeheurer Schuld, Das, nur mit schwacher Stimme ausgesprochen, Und mit des Athems schon gelähmtem Hauche, Doch wie ein Donner graunvoll tönen wird. – Die Brust, die von des Todes Pfeil durchbohrt, Entbrannt' im Glühen wilder Leidenschaft Zu König Gawin, deinem edlen Vetter: Nicht kannt' ich anderes Verlangen mehr, Als ihn besitzen – und vom bösen Geist Der Höll' entzündet, von der Wünsche Stachel Mit immer heiß'rer Sucht getrieben – meint' Ich ihm den Thron, den du mit mir getheilt, Zur Morgengabe anzubieten – mit Gewalt Herab dich stoßend – Singald. O, entsetzlich Weib! Gylfe. Dein Knäblein aber, deiner Herrschaft Erben, Hab' ich getödtet. – Singald. Ungeheuer! Gylfe. Gift Im Trank ihm reichend – Singald. Täuschet Wahnwitz mich? Geschehen ist der Gräu'l? O, harte Felsen, Die ihr hinausstarrt in den wilden See, Ich seh' euch zittern! Grau bemooste Föhren, Ihr neiget schaudernd eurer Wipfel Haupt Bei solcher Unthat! Ritter. König Gawin kommt. Gylfe. Weh' mir! Tragt mich von hinnen! Pfeil, Du Todesbote – Bringer bittrer Qual – Du starrst noch in dem bleichentfärbten Busen? – Hast du mein Leben angeheftet, willst's nicht lassen? – Ich reiße dich heraus, daß es entfliehe! – Vorige. Gawin, gewaffnet, von Pendragon und Reisigen begleitet, tritt auf. Singald geht ihm entgegen. Das Gefolge nimmt die Königin in die Mitte, so daß Gawin sie nicht gewahrt. Gawin. Steh', König Singald, zieh' dein Schwert und ficht, Willst du für Gylfe dich zum Kampfe wagen! Doch rath' ich gut dir, laß dein Eisen ruhn, Und an der Bösen übe streng Gericht! Entflohen ist sie meinem Schwert, doch finden Werd' ich die Frevlerin, wo sie verborgen; Ihr Leben bürgt für Turturell. Singald. Nicht ich, Dem sie den Sohn getödtet, schütze sie; Doch deiner Rache kam die Hand zuvor Des strengen Himmels. Sieh sie selbst. – (Gylfe's Gefolge tritt zurück.) Gawin. Im Blute, Von Todesschauer schon ihr Antlitz bleich! – Nicht eh' entflieh' dem Leben und der Qual, Bis du bekannt, wo Turturell verborgen. Wo ist sie? Sprich! Gylfe. (sterbend). Verschlungen von der Fluth! Gawin. O, himmlische Barmherzigkeit! Getödtet?! (Gylfe's Leichnam wird entfernt.) Vorige, ohne Gylfe. Ringald. Die dir die Braut entriß, hat mir den Sohn Erschlagen; doch nicht gleiches Leid hat uns Betroffen: Schuldlos leidest du; doch ich Vorlängst geübten Frevels Züchtigung, Vergessener Gewaltthat Strafe trag' ich. – Mit Gewalt Vertrieb ich meinen Ahn von seinem Sitze, Den nicht ohn' arges Unrecht ich bestieg. Es soll fortan ein Würdigrer ihn zieren: Dir, Gawin, übergeb' ich Kron' und Land, Und lege, was ich frevelnd nur besessen, Das Zepter, dir in deine reine Hand. So sey ein Theil von meiner Schuld vergessen. Vorige. Argele. Argele. Zürnt nicht, ihr Herrn, daß eine arme Frau Sich naht, die Schmerz und Jammer treibt umher. Dich such' ich auf, Herr König Gawin, böse Kunde, Die mir das Herz gebrochen, dir zu melden. Als wir – der alte Spielmann, den du kennst, Und ich – um die geraubte Turturell zu finden, Zur Königsburg zu ziehn gedachten, Hülf' Und Schutz zu stehn von Singald, unserm Herrn, Und so hinziehn am See, trug uns die Welle Den Leichnam Turturells entgegen, fort Ihn langsam spülend an des Ufers Rande. So ward die Unglückselige von uns gefunden. Dort trägt der Greis sie her, den Wahnsinn schier Ergriff beim Anblick seines todten Kindes? Vorige. Der Harfner, Turturells Leichnam in den Armen tragend. Ringald Täuscht mich ein Traumbild!? – Furchtbare Gestalt, Wenn ich dich kenne – o, entsetzlich wär's, Wenn du, ein Geist, herkamst aus jener Welt! Gawin (entgegen stürzend). O Gott! nimm meinen Augen ihre Kraft, Daß sie erblinden! Harfner (Turturell auf den Boden legend). Ruh', unsel'ge Last! Nicht weiter tragen meine Arme dich! – O, Herr im Himmel! welcher Unthat Schuld Strafst du an mir, daß ich nicht sterben kann, Daß mir allein aus allen, welche leben, Der Weg verschlossen bleibt in's dunkle Grab? Mein Kind! Mein Kind! Pendragon. Was ficht den Alten an? Gawin. War' er ein Mensch und bliebe ohne Thränen Bei solchem Anblick? Thiere dieses Waldes, Ihr werdet weinen, wenn ihr Kunde hört, Ihr kommt aus euren Höhlen, raubgewohnte Wölfe, Und heult aus Mitleid! Harfner. O, mein Kind! mein Kind! Du, meine Tochter, die im Alter spät Mir erst geboren ward, du stirbst so früh, Gehst mir voran zum Tode! Pendragon. Welches Räthsel? Harfner. Ihr staunt und blicket mich verwundernd an? Der alte Branor bin ich, König einst Und euer aller Herr; ein Bettler nun Und kinderloser Greis; denn jene dort, Die welke Blume, die am Boden schlummert, Weißröschen ist's, mein trautes, liebes Kind. Singald. O, Rache Gottes! Auch mein Sohn ist todt! Gawin. Du Branor? Turturell dein Kind? Pendragon. (zu Argele). So war't ihr nicht die Mutter Turturells? Argele. Sie war das Kind nur meiner Lieb' und Pflege; Doch hatte sie die ganz und gar besessen, Daß ich schon lange Frist es ganz vergessen, Es habe dieser Schooß sie nicht getragen, Und sie die Milch nicht dieser Brust genährt. Vor meiner Hütte blüht ein Rosenhag, Da, als ich eines Tages heimgekommen, Fand ich das Kind, das auf dem Grase lag, Von blüh'nden Rosenzweigen überhangen, Und eine Turteltaube flog herbei Dem Kindlein in den Schooß. Das schlief so mild Und friedlich fort im Schutz der Blüthenlaube, Als sey's am Mutterbusen, und die Taube Weht' mit der Flügel Schlag ihm Kühlung zu. Da blieb ich weilen vor dem holden Bilde, Und hob die Kleine liebend auf vom Boden, Und weil ich kinderlos, ein einsam Weib, Nahm ich, die Gott mir in den Arm gelegt, Und trug sie in die Hütte, pflegte sie Und zog sie groß, daß Mutterlieb' und Sorge Sie nicht vermißt; die Namenlose aber Ward nach der Turteltaube, die ich fand Auf ihrem Schooße flattern, Turturell Von mir genannt. Pendragon. Das lohne Gott dir wohl! Gawin. O hart Geschick! Argele. Dem Morde nur bewahrt Hab' ich das unglücksel'ge Kind! Gawin. Entsetzlich! Singald. Weißröschen Sie? Du Branor? – Weh! Weh mir! Harfner. So ist es, Singald, wie das Weib gesagt. Gawin. Ja, dieses Weibes Red' ist wahr. Gezeugt Von niederm Blute wird so Edles nicht. Du bist mein Ohm, die todte Braut dein Kind. Harfner. In jener grausen Nacht voll bangen Weh's, Wo ihr, du, König Singald dort, und Gylfe, Dein böses Weib, mit stahlbewehrtem Volke Mich überfielt in meiner sichern Burg, Und sie von Feuerbränden, die ihr warft, Entzündet, hell in Flammen loderte Und alles Burggesinde scheu entfloh, Rafft' ich Weißröschen schnell vom Lager auf, Und waldwärts eilt' ich, auf dem Arm mein Kind, Durch Nacht und Sturm; denn wie im Aufruhr schien Ob euerm Frevel die Natur zu grollen. – Im Forst verborgen harrt' die Nacht ich aus, Den finstern Himmel über mir zur Decke. So saß ich armer alter Mann und weinte Viel heiße Thränen in den weißen Bart; Das Kindlein aber, in Gewand gehüllt, Ruht' in den Armen mir und fror. – Da haucht' Ich Wärm' ihm zu mit meines Mundes Odem, Und schluchzte laut, wenn es die Aeuglein oft So Hülfe flehend auf zu mir erhob. – Als dann der Morgen graute und der Sturm Vorüber war, und an dem heitern Himmel Die Sonne wieder warm und freundlich strahlte, Trug ich die Kleine vor des Weibes Thür, Und sah, wie sie das halberstarrte Kind Mit freud'ger Liebe in die Hütte trug; Dann aber ging ich mit gebrochnem Herzen, Daß ich mein und des Kindes Leben nicht Gefährden möchte, weilt' ich länger noch. Oft blieb ich stehn, und weint' und sah zurück! So zog ich wandernd fort von Land zu Land, Ein scheuer Bettler, eingehüllt den Leib In härenes Gewand, und sang zur Harfe, Gelehnet an der Pforten hohe Säulen, Die Trauermähr' vom alten König Branor. Ach, nie hat wohl der Hörer Einer noch Geahnet, wenn die Saiten mir erklungen, Ich hab' im Lied mein eigen Leid gesungen. Singald. Und ich, ich, Branor, bin's, der dich vertrieb! Harfner. Da meint' ich aller Schmerzen Becher leer Getrunken und erschöpft das Leid; ich Thor! Vor Alter blöd und schwach! – Da war ich froh, Da lebte noch mein trautes todtes Kind! (Er umschlingt Turturells Leiche) Pendragon. Hartherz'ges Schicksal, also spottest du Der Hoheit und des Glückes? Wenn du die mächt'ge Eiche niederbrichst, Wie soll das schwache Bäumchen widerhalten? Da steht ein König, und ein Vater und ein Greis! Drei Namen, deren Einer schon allein So höchst ehrwürdig und ein Freibrief scheint Für den Besitzer, daß kein Ungemach Ihn treff' und keine Noth des harten Lebens. Da steht ein König, und ein Vater und ein Greis, Und weint, und ist so tief getaucht in Schmerz, Daß, was das härteste uns dünkt, der Tod, Ihm als des Glückes reichste Gab' erschiene! Singald. Nicht deiner Rache, Branor, braucht es mehr, Denn von des Himmels Strafgericht ereilt, Büßt' ich mein Unrecht ab mit schwerer Buße. Auch ich bin nun ein kinderloser Greis. Harfner. Ich trage Unglück, Unglück du und Schuld. Von keiner Rache weiß der alte Branor. – O, Gott in deiner Höh', in Lichteswolken! Der du dein Auge wendest hier herab, Sey meinem Flehen gnädig, höre mich! Das Leben trug ich und sein Ungemach, Und unerhörtes Weh' und jedes Jammers Reich überfülltes Maß, und habe nicht Gemurrt, mich zu befreien nicht den Dolch Mir eingedrückt in das gequälte Herz; Nun liegt mein Kind, mein bleicher Engel, todt, Und nicht – wie wird mir – helle Farben glühn – Die Glieder werden leicht – des Alters Schwäche Ist schnell entflohn – es heben Schwingen mich – Der Himmel theilt sich – Engelskinder quillen Aus Rosenwolken – Turturell! – Pendragon. Er stirbt! (Der Harfner sinkt in die Arme der Umstehenden. Gawin steht zwischen ihm und Turturells Leiche.) Gawin (nach einer kurzen Pause). Verklungen ist der Mißton seines Lebens, Und Himmelsharfen singen nun um ihn! Die preis' ich selig, die hinüber ziehn, (in Thränen ausbrechend) Und ihnen nach sehnt sich mein Herz vergebens! (Er sinkt vor dem Leichnam Turturells auf die Knie und beugt sich weinend über ihn.) Der Vorhang fällt. Ende.