Josef Ponten Siebenquellen Die Abweichungen von der üblichen Orthographie und die Eigenart in der Interpunktion sind keine Fehler, sondern vom Verfasser beliebte Eigenheiten. Zueignung Sonst nicht, nur deswegen habe ich Könige und Fürsten beneidet, daß ihre Hände reich sind, ihre Freunde mit Ehren und Zeichen zu schmücken. Sie vergeben Namen und Rechte, ehrende Sterne und zierende Gewalten, sie verleihen Regimenter und taufen Schiffe mit Freundesnamen, die sie an den Bug schreiben, auf daß sie in den Meeren voranleuchten. Und doch, was bist du weniger als eine Prinzessin, wenn jemand Ehre verdient? Was bin ich weniger als ein Fürst, wenn ich ehren will? Darum möchte ich deinen Namen diesem Buche gleich wie einem Schiffe voransetzen, auf daß er ihm am Buge glänze, wenn es auf die hohe See des öffentlichen Tages fährt. Bunte Ladung führt das Schiff, Bilder einer Landschaft, von der ich wohl möchte, daß sie dir lieb werde. Sieh die Hintergründe und den Horizont, vergiß nicht, daß Menschen und Dinge, die im Vordergrunde stehen, nur perspektivisch größer sind, und achte nicht das kleine Leben gering, das die Weite und Tiefe wuchernd erfüllt. Doch was ist ein Name! Eine Nummer, ein aufgeklebtes Schild, ein Zeichen zum Wiedererkennen. Durch den Namen allein wird ein Unbekannter nicht bekannt, ein Bekannter nicht deutlicher gemacht. So stehe er unsichtbar aber den Wissenden lesbar dem Schiffe am Buge, und es fahre! Auf daß es gute Winde finde und freundliche See! Auf daß es glücklich fahre! Selbstbildnis In den Uffizien von Florenz gibt es einen Saal der Selbstbildnisse. Durch ein Jahrhundert wurden Maler von Ruf aufgefordert, ihr Selbstbildnis in diesen Saal zu geben. Eine merkwürdige Sammlung! Selbstbildnis ist Kind der Ehe von Selbstbewußtsein und Selbstkritik. Schlappheit in der Haltung nie geschmackloser als im Selbstbildnis. Nicht ironisch spöttelnde Selbstbeäugelung (in Wahrheit ist niemand etwas wichtiger als er selbst), auch nicht »Dichtung und Wahrheit« (zu ernst ist die Aufgabe) sieht dem Selbstbildnis an. Das größte aller Selbstbildnisse ist das heroisch-grausame des alten Rembrandt aus dem Jahre 1668 in München. Was man von seinem Leben erzählen kann, ist fast belanglos für den Fremden. Was wichtig ist, das Gesetzliche, weiß man nicht, und was man weiß, das Zufällige, ist nicht wichtig zu wissen. Auch das, was die Adligen aus Galerie und Archiv von ihren Ahnen kennen, ist meist das, was zu kennen nicht frommt. Das »Geschichtliche« geschah. War. Weist in die Vergangenheit, aber höheren Reiz hat die Zukunft. Das Dunkle, Geheime, Triebhafte ist Bedingung und Bestimmung der Zukunft. Das Individuum ist nicht begrenzt durch die Hauswand der Haut. Es gibt ein merkwürdiges Überindividuum, das über zwei oder viele Glieder der natürlichen Menschenfolge greift. Meine Naturleidenschaft ist älter als ich. In dem Augenblick, wo ich ein phantastisches Naturgesicht habe, steht der nicht gekannte mütterliche Großvater über mir, der, bevor es die Eifelbahn gab, Fuhrmann war auf der Straße von Aachen nach Monschau, hält seinem verschnaufenden Pferde einen Heuwisch vor und verliert sich, mit dem Arme die Augen überschattend, über Hochflächen und Moore. Schlaf der Väter wird Tag der Kinder, das Unbewußte Urvaters des Enkels Wesen und Werk. Vater und väterlicher Großvater, die als Handwerksgesellen in Belgien wanderten, bereiteten mir die Straßen, wenn ich mich zwölf Jahre lang umhertrieb zwischen dem Wende- und dem Polarkreise. Der seefahrende Bruder-Amerikaner und der in Asien verschollene Großonkel sind andere Auswirkungen gleichen fernseligen Blutes. Die Verachtung der Städte unserer Zivilisation ist alter Häusermassenhaß vorelterlicher Bauern, Einsamkeitstrieb und Schweigsamkeitslust Erbe der mythischen mütterlichen Hirten. Daß die väterlichen Väter im saftnassen Holze sägten und mit Kalk und Stein umgingen, wurde mir Leidenschaft zu allem groß, himmelhoch Gebauten: stürmische Höhensehnsucht jagte mich hinauf auf die Türme der meisten Dome zwischen Rhein, Seine und Meer. Daß ich in den Truhen bei den mütterlichen Bauern und Hirten nichts Gedrucktes außer einem Leben der Heiligen fand, ist gewiß mit ein früher Grund für den tiefen Haß, den ich der »Literatur« entgegentrug. Der unbändige Freiheitsdrang, der Vater und seine Brüder sich rühmen ließ, es habe niemals ein Mann der Familie die militärische Zwangsjacke getragen, lebt in mir als Unmöglichkeit irgendeiner Bindung durch Würde und Amt. Er gab dem Vater die stolze Freiheit des Vertrauens, mich als Knaben nächtlich streifen, im deutschen Westen und, kaum das erste Französisch gelernt, in Welschland wandern zu lassen. Not der Väter und eigener Daseinskampf entwickelten Willen in einem starken, oft schädlichen Maße. Der Väter und eigene Arbeit im Auslande – ich drehte vor zwanzig Jahren, als das Kinounwesen aufkam, die Filmspule in einer belgischen Stadt –, die steinwurfnahe Grenze der Kinderzeit führten den Blick aus nationalistischer Kurzsichtigkeit in die Weite allmenschlicher Zusammenhänge. Ungemischtes Blut der menschenalterlang in rassereinem Lande sitzenden Ahnen weckten Schwarm und Liebe für alles Edelnationale. Herkunft aus dem niederen arbeitenden Volke schufen das tiefe Behagen an volkhaftem Denken, Sprechen und Schaffen. Was bedeuten diesen Ahnungstatsachen gegenüber die Neugiersdaten, daß ich 1883 in einem Dorfe der Landschaft des heutigen Zwangsbelgiens, bei Eupen, geboren wurde (wenn nicht das unermeßliche Glück, im grenzenlosen grünen Lande statt in gelber starrender Steinstadt haben aufwachsen zu dürfen)? Daß ich die Hochschulen in Genf, Bonn, Aachen und Berlin besuchte? Wie dunkler Jugend dornige Pfade liefen? Welche glückhaften Umstände lichtere Manneszeit schufen? Dunkelblütige Natur änderte weder das eine noch das andere. Ich war ein fauler sperriger Schüler im Pflichtpensum und von heiligem Nächtefleiß im Freigewählten, zum Leide der Lehrer begabt – denn nur das Mittelmäßige ist Lehrer- und Bürgerideal –, so daß sie mir nie ein Bein stellen konnten. Aber was sie zu tun vermochten, mir die Dinge des Schönen zu verleiden, haben sie ehrlich getan und die angeborene Abneigung gegen die Literatur vertieft. Vielleicht war es gut so. Denn Liebe, die aus Haß wird, darf glauben, daß sie werden mußte! Konnte ich mich für den Ablauf künstlerischen Geschehens besser schulen als nachts auf dem Dache, wenn ich mit dem Rohre der Revolution der Planeten, dem heroischen Wandeltritt der Gestirne folgte und mich mit Ahnung von Gesetzes Majestät erfüllte? Das Lernbare der Kunst steht in drei Zeilen, das Unlernbare nicht in Büchereien. Konnte ich das organische Geheimnis des Kunstwerkes besser kennenlernen als in dem unbegreiflich sinnvollen Aufbau der Steinbrüche? Langsamkeit ist das Kennzeichen des Organischen und organisch das des Künstlerischen. Das Bewußte, zweckvoll Organische der Kunst versteht sich unmittelbar aus menschlichem Aufbegehren gegen das schauervolle Erlebnis der Jahrmillionengeduld der unbewußten, zwecklos organischen Natur. Das Geheimnis dicker Wälder, der unergründlich stumme Baum, der einsam im leeren Himmel hangende Sperber, das läutende fressende sich pflanzende Vieh der Weiden sind bessere Gesellschaft für werdende Dichter als Bücher. Gab es dann vor den Ängsten der Welterfühlung keine andere Rettung mehr als den plötzlichen grellen Einfall, das Verhaßte zu umarmen, den dumpfen Zwang, das scheinbar Unmögliche zu versuchen, so ward vielleicht der Dichter geboren, denn Dichter sein heißt: nichts Besseres sein können, heißt: sich von Gott zertreten fühlen und dem Schöpfer mit eigenem Schöpfungsversuche trotzig begegnen – Dichter wider Willen! Freilich, ein Buch las ich, doch es ist fast kein Buch mehr, ob es auch »das Buch« heißt, die Bibel. Aber ich schäme mich dieser »Literatur« nicht. Natur war Schule, aber auch die Kirche. Frömmigkeit der Heiligen wurde gelebt (ob es auch damals kirchlich gebundene Frömmigkeit war), aber davon zu sprechen verbietet die Scham. Doch fast wirklicher als das dinglich Vergangene ist das gespensterhaft Zukünftige, denn jenes ist der Bewußtheit halb und dem Willen ganz entrückt, dieses ist der Bewußtheit ganz und dem Willen halb anheimgegeben. Wille ist Wesenheit (was wir mit dem Willen erreichen, gehört in geheimer Weise schon nicht mehr zu uns). Den lebenden Menschen kennzeichnet sein Karakter, erst den toten seine Bedeutung. Denn der Karakter hat nur Sinn in bezug auf die Zukunft, die Bedeutung in bezug auf die Vergangenheit. Unseres Karakters sind wir halbwegs mächtig, unserer Bedeutung ganz ohnmächtig. Karakter kann man von uns fordern, Wollen von uns wollen – Bedeutung zu verlangen ist unvernünftig und schamlos. Karakter des Künstlers ist sein Ideal. Ideal lebt von bluthaftem Wollen. Ideal ist maßlos. Nach dem Tode gibt es kein Ideal mehr, nur Vollendung – sie ist niemals maßlos, immer mäßig. Ideal kennt keine Bescheidenheit, Vollendung immer Bescheidung. Ideal ist: wahr sein wie der Tod wahr ist, echt sein wie der Stein echt ist, schlicht sein wie der Untergang eines Sternenkosmos schlicht ist – und fragwürdig wie das Verenden eines Hundes, prächtig wie das Flügelwunder des Falters, architektonisch wie der Bau des Schneekristalls. Vor keinem alten Gotte scheuen, wenn er ein Götze ward, und nicht den flüchtigen Tagesgöttern räuchern. Nicht bänglich bewahrerisch sein und nicht modisch umstürzlerisch, sondern organisch hineinwachsen in einen Zusammenhang deutschen und menschlichen Denkens und mitschaffen an dem, was den Deutschen am meisten fehlt: Bewußtsein ihrer selbst, Volksbewußtsein und Überlieferung. Denn wenn nicht schon die Vernunft, so lehrt die Erfahrung der Geistesgeschichte, daß die appollinisch-nüchternen Franzosen ihre unbestrittene Höhe im Kulturleben der Welt dadurch erlangten, daß trotz allem revolutionären Gebaren der Nachfolger bescheiden in die Stapfen des Vorgängers trat. Der Deutsche aber glaubt in faustischem Drange für sich jedesmal die Welt titanisch einreißen und prometheisch wieder aufrichten zu müssen. Ethisch und menschlich hoch und edel, aber geschichtlich unwirksam und rührend kindlich. Steht bei den Franzosen auf geebnetem Felde der schlichtwuchtige Geistesbau eines Volksblocks, so bei den Deutschen auf klüftereicher Flur eine labyrinthische Stadt mit babylonisch-ungeheuren Grundrissen zu Bauwerken der Riesen, die aber, weil niemand am Gebäude des andern mitbauen wollte, aus Mangel an Bauleuten selten über die Stümpfe genialischer Fundamente hinausgedieh. Heroisch – und tragisch! Wirkungslos in der Welt und tiefste Ursache grausamen Volksschicksals. Kein großes Volk der weißen Welt hat eine so traurige Geschichte wie das deutsche – aber es verdiente es nicht besser. Die bittere Wahrheit muß man deutsch, d. i. deutlich den Deutschen sagen – und sich selbst, wenn man auf halbem Lebenswege, aus dem Walde jugendlich dumpfen Dranges hinaustritt auf das Blachfeld frei zu wählender, männlich zu beschreitender Pfade. Denn ich erkenne es als meines Wesens innersten Kern, was ich tadelnd den Deutschen vorhalte: Alles aus sich selbst schaffen wollen! Niemand etwas danken! Nichts Gedachtes hinnehmen, sondern es selbst ausdenken! Praktisch gesprochen: Hatte ich ein Buch, etwa der Kunstgeschichte, mit Abbildungen vor mir, so las ich den Text nicht, sondern griff wild im Jakobstrotze des »ich lasse dich nicht« die Bilder an, bis ich selbst gefunden zu haben glaubte, was der Verfasser mit ihnen zu belegen suchte, was denn auch manchmal gelang, wie die spätere, nur der Überprüfung der eigenen Arbeit dienen sollende Lesung ergab. Es erschien mir unmännlich, unehrlich, unanständig, schamlos, mir fremde Gedanken anzueignen, mochte der Erfinder sie mir auch anbieten. Probleme waren zu lösen nicht der Probleme, sondern des Lösens willen. Das Studium war weniger eine geistige als eine moralische Anreicherung. Übung des Geistes schien mir das Ziel aller Bemühung des Geistes, und dem Gymnasium entwachsen blieb ich in ewigem Gymnasium. Ich sage es mit allem Stolze auf die Leistung und aller Bescheidenheit wegen der Torheit: es haben bloße Andeutungen genügt, daß ich mir daraus auf meine Weise ahnungsvoll Forschungsarten der Erdkunde, Arbeitsmethoden der Geschichte und der vergleichenden Kunstbetrachtung aufbaute, die ich später in allgemeiner Übung fand. Der Knabe war eine Art Robinson auf einer geistigen Insel, und ich glaube, es hat mich geschmerzt, daß das Einmaleins bereits erfunden war. Doch dieses Treiben, soviel Größe es hatte, hätte nur Vernunft gehabt, wenn der Mensch nicht 60, sondern 600 Jahre alt würde. Aber wer wird der süßen reinen Torheit des überehrlichen Knaben und Jünglings sein Mitgefühl versagen? (Nebenher frage ich: ist es wirklich wahr, daß der Fremde dich besser kennt als du dich selbst? Niemand schaut so tief in dich wie du.) So liebenswert, töricht und – deutsch war ich, ich, der ich aus einem, wie es neueste politische Geschichtsnotzucht im Dienste der Eroberung durch Verträge will, angeblich undeutschen Lande stamme. Ursprünglich, original wollte ich sein – und war auf dem Wege, »ein Original« zu werden, nach Notwendigkeit, Gesetz und Typus strebte ich – und hätte beinahe das erreicht, was der Franzose mit »un type« meint, ironisch meint. Da – aus dem Walde dumpfer Jugend in die Freiheit hinaustretend, traf ich auf die eigene Spur. Sah, daß ich in ungeheurem Kreise gewandert, zwar moralisch aber nicht geistig vorangeschritten war. Das war der Augenblick des Entschlusses, nicht mehr um jeden Preis auf den eigenen Füßen zu wandern, sondern mit den Mitteln des öffentlichen Verkehres für das übliche Entgelt zu reisen – der Augenblick, den Haß gegen die »Literatur« als die Summe des vom allgemeinen Menschen Gedachten abzulegen. Ich bereue den Umweg nicht. Ob er mich auch tief ins Hintertreffen der Gleichstrebenden mit geringeren Skrupeln brachte. Was deutsch war, habe ich tief erfahren und deutschen Jünglingen gleicher Geistesart widme ich diese kritische Selbststudie zu Lehr und Nutzen. Nun darf ich ohne Schaden die Literatur lieben (wie liebe ich sie!), sie kann des gereiften Menschen in Notwendigkeit heilige, fatalistisch gegebene Naturveranlagung nicht mehr zerstören. Und wenn ich jetzt die Namen Meister Eckhart, Spinoza, Shakespeare, Beethoven, Kleist und Tolstoi nenne, so stecke ich mir leuchtende Fackeln ehrfürchtig an meinem Wege auf. Eines jeden Dichters, Schöpfers in Worten, erste Pflicht ist, was ich mir verschrieb: zugleich innigen und zornigen, demütigen und kühnen Dienst an unserer göttlichen Sprache – sie ist nicht göttlicher als andere Sprachen auch sind, aber sie ist die göttlichste, weil sie uns Erbe und Pflicht ist. Man kann gar nicht anders als aus seinem Volke fühlen. Ohne Volk sein, schlägt um in: ohne Karakter sein. Denn das Volk und seine Blutsdränge sind die unbewußte Hälfte unseres Karakters und der größte Teil des Unterbewußten unserer Seele. Nur Dummköpfe leugnen es. Vor dem Volke fliehen heißt vor sich selbst entlaufen. Man kann sich seiner Eltern schämen, aber seine Abstammung kann man nicht unwirklich machen. Wir sind die letzte Wirkung geheimer vorelterlicher Ursachen und sind nicht nur wir selbst, wie ich gezeigt habe. Wir waren, bevor wir waren, und werden sein, wenn wir nicht mehr sind – im Volke. – Spreche ich für Nationalismus? Meinem Herzen liegt Pazifismus näher. Aber die Menschen des 20. Jahrhunderts erheben sich noch wenig über die Tiere; der Generalbeweis ist eben geliefert. Der an der Völkergrenze Erwachsene ist behütet vor nationalen wie übernationalen Überschwenglichkeiten. Er kennt die drei Tugenden und dreißig Laster jedes der Völker. Den Völkern wurden wie den einzelnen Menschen jedem gerade seine Eigenschaften verliehen, und diese schließen in karaktervollen Wesen oft genug einander aus. Der Deutschen bester und ihnen vorbehaltener Teil ist ihre Innigkeit (wie will man das Wort ins Französische übersetzen?), der Welschen großes Erbgut ihr Formtalent. Die zwei Begabungen schließen sich nicht aus, wie die Geschichte lehrt. Die französische, überfranzösisch innige Gotik des 12. Iahrhunderts ist nicht zu denken ohne das Zumünden des germanischen Blutstroms der Völkerwanderung, und so heißt es nur, für ein Geschenk ein Gegengeschenk würdig empfangen, wenn zur Formlosigkeit neigendes deutsches Wesen sich romanischer Formengröße willig (doch vorsichtig) öffnet. Wenn ich mir selbst das Ziel stelle, nach hohem Umriß und architektonischer Gewalt des Dichtwerkes zu streben, so leite ich die Aufgabe schon aus meinem Namen ab, der besagt, daß die Ahnen in einem Orte saßen, wo die Römer mit allen Künsten des Bauens eine sperrige Holzbrücke über einen westlichen Fluß des (von Rom aus) »diesrheinischen Germaniens« schlugen oder eine schönbogige Steinbrücke wölbten, während die rechtsrheinischen Germanen noch in Weidenflößen über ihre Flüsse setzten. Fragt mich aber von jungen Mitstrebenden einer, wo man Kunst, soweit sie lernbar sei, lernen könne, so weise ich ihn dorthin, wo ich sie am meisten lernte, soweit sie lernbar war: in die gotischen Dome. Freilich sollte er zeichnen können und rechnen, wissen, wie Steine beschlagen und versetzt werden, daß sie hier körperschwer lasten und dort gewichtlos fliegen, unten erdnahe ruhen und oben himmelauf rauchen, und die Zahlengeheimnisse der Statik verwalten (oh, wenn ihr wüßtet, wieviel göttliche Form eine mathematische Rechnung enthält!), und ein Begabterer als ich braucht vielleicht keine drei Jahre Mühens um die Architektur wie ich. Ahnung ist Triebwissen. Ahnung und Begeisterung – sie dürfen grenzenlos sein! – sind das fast Einzige, was ein Künstler braucht, das Übrige lernt sich in einer halben Stunde. Das wahre Kunstwerk ist steinern gediegen und wesenlos geistig, irdisch gebunden und überirdisch entfesselt. Schauernd, schaudernd habe ich in der Kathedrale von Reims gestanden, ohnmächtig an die Säulenplinthe gebannt wie ein Wurm und mit den Engeln gottselig geschwebt um die Gesimse. Im Steinrausch der Westseite war der Himmel geborsten, die Blöcke blühten, die Engel rauschten, die Heiligen atmeten, und Gottes Herrlichkeit war entfaltet ... Als ich im Kriege, in den kurzen Tagen unseres Siegeslaufes, die Kathedrale als Uniformierter wieder betrat – ich hatte Tränen in den Augen. Vor dem Anfange der Zeiten mit der Kenntnis der Zeiten beschenkt und gefragt, wann ich geboren und was ich werden wollte, hätte ich sicherlich nicht unser unseliges Zeitalter des Geldes, der groben nationalistischen Macht und der schamlosen wirtschaftlichen Ausbeutung nach englischer Lehre gewählt, sondern das französisch-gotische der Gottesfreundschaft, als die Franzosen noch Franken waren wie ich einer bin, und wäre Bildhauer, Glasmaler, Baumeister am Dome von Reims geworden – oder auch Handlanger. Erstes Buch Die Heimkehr Es kam ein Mann von Westen. Er wanderte von Spa, das im Ardennenwalde liegt wie eine Maus in der Tatze eines Bären, die belgische Zollstraße herauf. Einst war er sie hinausgewandert, das Leben gering achtend und diese seine Heimat verschmähend, in die er jetzt mit festen Schritten, die ihres Zieles gewiß waren, mit Augen, in denen ein sicherer Glanz lag, zurückwanderte. Er war dem Leben wiedergegeben in einem der plötzlichen Umschwünge, wie sie bei begabten frühreifen Jünglingen häufig sind, die an der dunkeln Bestimmung der Welt den unzulänglichen Verstand versuchen und ermüden, bis sie sie tätig mit kräftigen reifen und hungrigen Sinnen erfassen lernen. Auf der Höhe, an der Biegung der Straße, hielt der Wanderer den frohgemuten Schritt an. Dort drüben lag sein Stammhaus, sein Erbe, das Haus seiner berühmten Vorfahren, »Septfontaines«, welcher Wortkiesel im Flusse der deutschen Rede zu »Seffent« abgeschliffen worden war. Von den Türmen des weitläufigen Gebäudes glänzten die Schieferplatten, und die Fenster leuchteten in der Sonne. Der Heimkehrende stand vor seinem Besitze. Da war der Hain, in dem der Wildbach in sieben Quellen aus der Erde stieg. Die niedrigen Weiden mit den dicken Köpfen saßen wie schützende brütende Hennen auf dem Neste der Quellen. Er hörte das Wasser rauschen und sah hinein in das kühle Dunkel. Am Eingange des Quellbusches standen zwei dunkle schlanke Pappeln, wie Schwurfinger aufgerichtet zum Himmel. Und der junge Mann, welcher auf der Straße anhielt, schwur bei sich, seinen Platz im Leben dieses bedächtigen Landes zu betreten und zu behaupten. Noch einige Schritte ging er weiter auf der uralten Straße, auf der vor drei Jahrhunderten die Topfkünstler Baldem Menniken mit Engel Kran und Jan Emens aus Flandern eingewandert waren. Jetzt stand er auf der Brücke über dem Graben. Er begrüßte den Schlußstein des Torbogens, auf dem das Hauswappen der Menniken mit dem Zeichen des künstlerischen Gewerbes angebracht war. Dann trat er in den hallenden Torweg. Aus dem Hofe bellten die Hunde den heimkehrenden Herrn wütend an. Es war Sonntagmorgen, ein friedreicher Tag. Die Sonne schien nicht, doch lag über allem Sein die schwere Ruhe, die sanfte Verklärtheit, die am Sonntag aus der Welt einen Tabor macht. Was ist des Sonntags Reiz? Was ist die Schönheit des Sonntags? Die Frommen sagen: Es ist die Andacht, die alles Sein, vernünftiges und unvernünftiges, Mensch, Tier, Pflanze, Erde und Himmel dem Schöpfer-Gott widmet. Es ist der allgemeine Gottesdienst der Dinge, es ist die große Messe der Welt. Die Ungläubigen lachen und behaupten, daß der Sonntag ist wie jeder andere Tag, wo es hell ist wie an jedem andern und der Mond und die Sterne nicht scheinen. Und doch ist der Tag ein andrer, weil er der Feiertag der Menschen ist. Die Arbeit ist der Segen der Menschen, aber die Unterbrechung dieses Segens ist ein Fest. Es ist ein hohes Gefühl, den Werkeltagsrock ab- und den guten anzulegen, an sich hinunterzuschauen und seine Glieder im Festgewande zu sehen. Und was man an Feststimmung an und in sich sieht, das sieht man hinaus in die Dinge, und es ist der Sonntag der Welt, wenn die Dinge ihren guten Rock anhaben. Es läutete über die stillen Wiesenhügel, auf denen die kleinen Bollwerke der Häuser standen. Über die Wellen des Bodens rollten die Wellen der Luft und trugen die Klänge der Glocken; sie hielten vor jedem Haus und vor jedem Fenster, die Schläfer zu mahnen: »Auf! Wohlan, ihr Schläfer! Gott, der allmächtige Herr, der da groß gebietet über Lebende und Tote, über Lag und Nacht, verlangt seinen wöchentlichen Tribut! Verlangt seine sonntägliche Anbetung! Wohlan, auf, ihr Schläfer! Heraus aus der faulen Ruh, aus dem weichen Bett! Daß ihr nicht zum Altare tretet mit verkniffenen Augen, mit verbuhlten Gesichtern und noch bettwarmen Gliedern! Es ist Tag! Sofort heraus! Auf!« So läuteten die Glocken von dem hohen Kirchturm in alle Runde. Es war eine Stunde vor dem Hochamt. Hier und da öffnete sich ein Fenster. Da und dort gähnte ein Kopf in die frische Morgenluft hinaus. Hinten erschienen offene Bettjacken, deren Besitzer in den kühlen Morgen hineinrekelten und vor lauter Behagen und Wohlsein stöhnten. Ach, wie wohl tut es, nach tiefem erquickenden Schlafe zu stöhnen! Bald kräuselte sich Rauch aus den Kaminen, der in der kalten Luft wie weiße Wollflocken auf den Weihnachtsbäumen liegen blieb. Kühle Morgenluft, die sich wie ein kalter Strom in die heißen Lungen ergießt, und stiller Sonntagsfriede gingen über das grüngewellte Land. Es ist eine halbe Stunde vor dem Hochamt. Die von den Frauen gestiftete »Weiberglocke« läutet. Eilfertiger wogen ihre Wellenkreise und flinker drängen ihre hellen Töne: »Fix! Voran! Ihr Schlafmützen! Was, ihr faulen Männer lauft noch in Hemd und Hose herum? Nicht mal die schwänzelnden Hosenträger habt ihr hochgebunden? Daß ihr wohl fix macht! Ich werd' euch! Eure Frauen und Jungfrauen sind schon gewaschen und kämmen sich die Haare am Herd, während sie den Kaffee kochen, und ihr reckt euch da herum und gähnt sie mit weiten Mäulern an, als wolltet ihr sie auffressen! Mach den Mund nicht so weit auf, Scharlemang, und scharwenzele nicht so um das Mädchen herum, das sich die Schuhe knöpft! Was, noch ehe ihr die drei hochheiligen Namen Jesus, Maria und Josef ausgesprochen habt, denkt ihr schon an Sünde und Lust der Welt! Neben der Schlafkammertür hängt das Weihwasserkännchen. Daran bist du auch vorbeigelaufen, Lausjunge du! Marsch, mach ein Kreuzzeichen, eins, zwei, drei! Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen!« Das war eine halbe Stunde vor dem Hochamt. Kühle Morgenluft, die sich wie ein kalter Strom in heiße Lungen ergießt, und stiller Sonntagsfriede gingen über das grüngewellte Land. Nach einer Viertelstunde. Es klippt. Das Glöckchen im Dachreiter über dem Chore schlägt: »Nun macht aber voran, Kinder. Es ist höchste Zeit! Pütz Karel, der Küster, hat schon die Kerzen angezündet. Die Messe liest heute der Herr Pastor und die Predigt hält der gute Herr Ter Heele. Es ist keine Zeit mehr, Agnes, den heißen Kaffee zu trinken. Du weißt, vor der Opferung zu spät kommen ist eine läßliche Sünde. Aber was muß ich denn sehen, Burgs Paulus, du schneidest ja noch deine Hühneraugen? Du weißt, nach der Opferung ankommen ist eine Todsünde. Sei vernünftig, Burgs Paulus, laß die Hühneraugen und denk' an die ewigen Höllenstrafen! Für ein einziges Zuspätkommen! Da wird Heulen und Zähneknirschen sein! Tu mir den Gefallen, Paulus. So, du bist ein braver Mann. Nun macht voran, ihr da hinten von Himmelsplatz. Ja, ihr armen Hälse, ihr habt einen weiten Weg. Trabt ein bißchen, ich gebe noch ein wenig zu. So ... So ...! Seht ihr wohl! Man kann alles, wenn man nur den guten Willen hat. Selig die Menschen, die einen guten Willen haben! Amen!« So läutete das Klippglöckchen, und auf allen Wegen und Stegen trippelte es wie Ameisen zum Bau heran, zu dem großen Seelenneste, der mächtigen Blausteinkirche. – Es war in der besten Stunde des Morgens, da ging Menniken eilig aus Seffent hinaus das Land hinab. Die Sonne schwamm in Gold und prustete Gold aus ihrem Bade in das All. Die Erde reiste an diesem Tage nicht im leeren eiskalten raumlosen Raum, sondern sie schwamm in einem Bade von Glanz und Licht wie der goldene Ball, den die Prinzessin im Bache verloren. Den irgendeine himmlische Prinzessin, Tochter Gottes oder eines seiner Großen, nachts aus einem der hellerleuchteten Fenster der Himmelsburg in das dunkle Tal des Weltalls hat fallen lassen? »Pötterei?!« Das Wort sprang in den kleinen dicken Mann wie ein Funke in Pulver, und seine ganze Seele explodierte. Er hatte klein, breitbeinig, breitarmig vor der Steinfront seines Hauses in Hemdärmeln gestanden, als Menniken herankam. »Wegen der Pötterei kommt Ihr, sagtet Ihr richtig, Meister Menniken?« »Wir wollen sie wieder aufwecken, Lenates.« »Aufwecken?« schrie der kleine Mann, »aufwecken? So richtig? Daß sie richtig wieder da ist? Wie damals? Wie bei unsern Altvätern? wie vor langer, langer ...« »Noch besser!« Da griff der alte Schwärmer, selbst ein Nachfahre aus dem Künstlerstamme des Engel Kran, hastig Menniken unter, zog ihn hinein in das Haus. Er trieb auf wie gärender Teig. Strahlend und stolz sah er umher in dem dämmerigen Raum, und seine Blicke führten die seines Besuches über die alten Truhen, auf denen braun und blau glasiert die berühmten Krüge standen mit prächtigem figürlichen Zierat und würdigen Bäuchen. Der dicke alte faßte den straffen jungen Mann mit beiden Händen an den Schultern, schüttelte ihn und rief: »Ist's möglich? Soll das möglich sein? Nicht möglich! Daß ich das noch in meinem Altertum erleben muß! Da schaut, Meister, da stehen sie herum, Meister, meine Sorgen, meine Kinder ... meine ... Also das Rad soll wieder gerollt werden? Nicht möglich. Was bin ich froh! Was bin ich ... froh! Was bin ich ...« Zum Zweiten ging der Morgenwanderer. Dieser, Tiest Bertz, war ein sehr frommer Mann und aus der Hohen Messe noch nicht daheim. Er hatte etwas ängstlich Tragendes in seinem Gesicht, forschte einen unruhig an, ob man etwas von ihm wolle, und was man von ihm wolle, und zwar ob man Geld von ihm wolle, oder Geldeswert, oder eine Leistung, die sich in Zahl und Münze ausdrücken ließ, oder einen Rat – den erteilte er gern –, oder einen Trost – daraus machte er sich eine Ehre und konnte selbst dabei nasse Augen bekommen –, und war dünn und hager, die einen behaupteten von Natur, die andern schmähten von Hunger und unersättlicher Begehrlichkeit. Von seinem Geiz und seiner Habgier sagte man, daß er sich für einen Groschen einen Schusterspechdraht durch die Hinterbacken ziehen lasse. Der Besucher wartete, nach kurzer Zeit kam der andre. »Tag ... was wollt Ihr? ... Ich hab' kein bar Geld im Haus.« »Guten Tag, Tieß Bertz, ich komme ...« »Ausleihen könnt' ich nur zu zehn vom Hundert und bis drei Viertel der Sicherheit, und kaufen, ja, da müßt' es schon prima ...« »Ich komme wegen der Krüge ...« »Ja, wißt Ihr, der Wert ist so gering bei dem alten Kram, man müßt' denn schon als Liebhaber eine Mark dranlegen, wenn man nichts Besseres damit zu machen weiß ...« »Ich komme, um zu kaufen.« »Kaufen?« Da straffte und streckte sich der Mensch, der bisher, den platten Bauernfilz wie ein Rad durch die Hände drehend, nicht wie der Hausherr, sondern wie ein ängstlicher Besucher vor dem jungen Manne gestanden hatte. »Kaufen? Was wollt Ihr kaufen, Meister Menniken?« Und er legte den Kopf zurück, schob die Brust heraus und die gespreizte Rechte wie einen Kamm in seine Weste und stand da als ein Mann, der Besitz hat. Nun sprach Menniken von seinem Plane, die heimische, einst so berühmt gewesene Kunstindustrie vom Todesschlafe aufzuwecken, und die Begeisterung gab seinen Worten Glut und schlagende Kraft. Doch sie durchschlugen nicht die Seele eines Mannes, deren Wände aus dem Erz aufgebaut waren, aus dem man Münzen prägt. »Auf welche Sicherheit, meint Ihr, soll das für die ... Heimatkultur – so sagt Ihr ja? – aufzuwendende Kapital beim Notar eingetragen werden?« »Wie ...?« »Und welche Rente soll die ... Befriedigung in veredelter Arbeit, wie Ihr das benamt, welche den Arbeitern beigebracht werden soll, abwerfen?« »Sie verstehen mich nicht.« Um die straffen Lippen des andern lungerte Spott. »Nein, ich versteh' Euch eben nicht.« »Ich will ja nur Krüge von Ihnen, die Sie noch von Vaters her haben, als Vorbilder und Muster. Ich will ja kaufen, denn ich konnte mir wohl denken, daß Sie nichts herleihen würden.« »Da habt Ihr sehr richtig gedacht, Meister Menniken.« »Ich will Euch einen anständigen Preis zahlen.« »Einen sehr anständigen werdet Ihr zahlen.« Die Stube war von plebejischer Gemeinheit. In einem Kasten stand eine Reihe herrlichster Töpfe wie vornehme Gefangene in einem Gefängnis des Pöbels. »Das Brüsseler Museum hat die großen auf hundertfünfzig Franken und den »Bartmann« da auf neunzig taxiert und dafür geboten.« Menniken merkte, daß er log, weil die Taxe zu – niedrig war. Also kaufte er dafür, und beide glaubten, ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Und zum Dritten kam er. Das war Deeres, der Wirt »Zum Krugenofen«. Der war ein Opfer seines Gewerbes geworden. Nicht durch die Versuchung des Alkohols; aber das Bedürfnis, die Gäste zu halten und zu unterhalten und selbstverständlich mit dem, was man gerne hörte, hatte jeden Karakter in ihm verwischt und seine Seele zu einem moralischen Chaos gemacht, über dessen Schlamm nur der Gedanke schwebte: verdienen. Hinter der Wirtstheke zu stehen ist gefährlicher als auf der Lokomotive, vor Ort und im fliegenden Trapez. Zu Wirten müßte man in einer idealen Gesellschaft die Philosophen und die feinsten saubersten Geister machen. Deeres stand in seinem Ausschank, zapfte, schenkte, kassierte und sprach aus weitem großem Munde mit den schlaffen karakterlosen Rändern in Worte, Lärm und Tabaksqualm hinein, unbekümmert, ob man ihm zuhöre. Der eine machte ein Geschäft, der andere trieb Politik, der dritte erzählte Scherze, der vierte schlief. Aber Lärm muß in der Kneipe sein, Musikautomat oder Sprechmaschine. Zeit und Aufstehen wird vergessen. Der Wirt sprach gegen die Erwerbung von Kolonien, weil in jenen Jahren die Stimmung der Klerikalen dagegen war. Und mitten im Satz, als er zu seiner größten Verwunderung den jungen Herrn von Seffent in der Tür stehen sah, änderte er den Kurs und fuhr stracks mit dem Regierungswinde. Denn es war im Lande beinahe ein Anstandsdogma, daß die Herren liberal und regierungsfreundlich, die Männer aber klerikal und regierungsfeindlich gesinnt seien. Dann, als sie im Hinterstübchen saßen, brannte der Wirt wie eine Fackel von den neuen Plänen und redete mit weitem Maule von Ruhm, Heimatkultur, Geld und Hebung des Handwerks, und nahm den Mund so voll, daß zu fürchten war, das schlappe Instrument werde aus dem Gefüge gehen. Er wollte seine Wirtschaft »Zum neuen Krugenofen« umtaufen und schlug die plumpste Reklame vor, um das Sonntagspublikum der Städte zu Ausflügen nach der Stelle der alten Industrie zu locken, wobei die Wirtschaft »Zum neuen Krugenofen« für Speis und Trank der müden Wanderer sorgen werde, und zog seine Vorschläge, als sie nicht gefielen, ebenso entrüstet zurück wie er sie begeistert gemacht hatte, und redete in ununterbrochenem Fluß und Atem und Wind und lauten Tönen, als spräche er zu seinen Wirtshausgästen in Lärm und Rauch hinein, und fand seines Geredes und Gehabes kein Ende und kein Ziel und keinen Ausgang, bis Herr Menniken ärgerlich ausrief, er solle nun doch endlich einmal seinen Mund halten! Das tat der Wirt betroffen, bat um Pardon und Entschuldigung und hätte beinahe für die Rüge gedankt. Dann bot er dem Herrn seinen großen Besitz an Steingut und Formen als Muster an und meinte deshalb, daß sie den Gewinn teilen sollten. Als Menniken ihn deswegen auslachte, lachte er mit einem »gewiß, richtig, selbstverständlich« ebenso, nur breiter und wüster, über sich wie der andere. Als Menniken draußen war, ekelte ihn. – Er ging weiter auf der Suche nach Krügen und kunstvollem Geschirr. An diesem Punkte, am Eingang zum eigentlichen Kannendorf, änderte er die Richtung und ging hinüber, wo ihm von einer Höhe in der Landschaft ein herrschaftliches Haus entgegenwinkte. »Ist die gnädige Frau zu sprechen?« »Welche gnädige Frau?« »Welche?« »Frau van den Daele oder Frau Dalton?« »Wie?« »Mutter oder Tochter?« »Ach so! Gleichgültig.« Nach einer Weile, die der Besucher in der Eingangshalle unter echten und unechten Palmen, Marmor- und Gipsfiguren verbrachte: »Frau Dalton läßt bitten.« Er trat hinein in ein hohes dunkles prunkvolles Zimmer, über dem eine starkvergoldete Stuckdecke schwer und drückend lag. Sein Auge suchte in dem Wirrwarr von schweren Möbeln, die in Überzügen und Decken von roter und gelber Seide eitel taten, nach der, die ihn empfangen wollte. Da lehnte sie an dem weißen Marmorkamin, in der Hand das lebendige Köpfchen, dessen schweres Haar rot war. Der große Prunkspiegel stand schräg hinter ihr, sodaß er auch den übrigen gemächlich gestrafften Körper zeigte. Sie lächelte ihn an. Er stand einen Augenblick verwirrt, und verworren liefen seine Gedanken durcheinander. Ihr glattes Kleid schlich knapp über ihre Formen hin wie die Schale über eine reife Frucht. Mit Wohlgefallen sah und fühlte sie die hilflosen Augen des Mannes und duldete sie gern. »Ich nahm – mir die Freiheit eines Besuches, – gnädige Frau, – – wegen Ihrer berühmten keramischen Sammlung – –« »Also das ist der Herr Menniken!« Sie kam über den dicken Teppich mit leisen Schritten, reichte ihm beide Hände dar und drückte die seinen mit flinkem Ruck und flüchtigem Zucken. Er sagte kein Wort. »Ich freue mich sehr«, sagte sie, und ihre Brust schwoll vor seinen Augen hoch auf wie eine Meereswoge. »Ich komme – wegen der Krüge – und ...« »Ich glaube, ich bin Ihnen wahrhaftig fremd.« »Ja, gnädige Frau, denn wenn ich Sie je gesehen ...!« »Dann ...?« Das Wort lief ihm schnell wie ein Wiesel in den Weg. » – kännte ich Sie sicher wieder.« Er wandte sich ab und schleppte seine Glieder ans Fenster. Es knackte leise in der Stille. Es waren ihre Hände, die sie in Ohnmacht und Bedrängnis rang. Er wußte, daß es ihre Hände waren. Er drehte sich nicht um. Da fühlte er, daß sie näher kam. Er wußte es, ohne es zu sehen und zu hören, daß sie jetzt hinter ihm stand, wenig hinter ihm. Da stand sie mit gesenktem Kopfe und sagte leise: »Bernhard.« Er drehte sich nicht um. »Ich weiß nicht, wie Sie heißen.« »Sandra«, sagte sie und setzte fort: »Was hilft es, sich zu wehren? Wie Sie jetzt mich, so habe ich Sie gestern und alle Tage der letzten Woche gesehen und angesehen. Oben bei den sieben Quellen, von ferne, wenn Sie unter den Weiden nachdenklich wandelten. Ich wagte ja nicht, näherzukommen.« »Wagten – nicht –?« »Wenn ein Mann so nachdenklich schreitet, dann geht das Weib, das ihn sieht, an ihn verloren.« »Sie – wagten nicht?« »Wir sind aus demselben Lande und von demselben Alter, aber wir sahen uns nicht. Man hat uns ja beide draußen erzogen. Warum konnten wir uns nicht früher sehen?« »Warum – wagten Sie nicht, unter die Weiden zu kommen –?« »Ich habe entsetzliche Angst, mich zu kompromittieren.« »Würden Sie es denn jetzt tun –?« Da sagte sie trocken: »Ich bin verheiratet.« Sie ging und setzte sich in einen Sessel. Er wanderte mit großen Schritten auf und ab, hin und her. Sah auf sie und schritt weiter. Dann trat er an den Sessel heran und streichelte ihr Haar und Wange. Sie hatte die Augen geschlossen und hielt sich unbeweglich. »Sie sind unglücklich«, sagte er. Sie hielt seine Hand auf ihrer Wange fest. Jetzt schlug sie die Augen groß und unschuldig zu ihm auf wie ein Kind oder ein Tier. »Warum bist du auch so anders als die andern? Warum sind die andern Männer nicht wie du? Meinst du, mein Mann hatte mich je so gestreichelt? Mit diesem weichen Druck, mit dieser lieben Ruhe? Oder er hätte mich leise an sich gezogen wie du jetzt mich? Er riß mich an sich, daß mir das Herz stehenblieb, und küßte mich, daß mir Hören und Sehen verging. Aber so wild mag ich das nicht.« Aus dem Säulenhofe im Innern des Hauses rief der dumpfe Ton des Gongs zum Frühstück. »Geh«, drängte sie, »und komm am Nachmittag wieder. Bitte, tu das, ja! Meine Mutter wird nicht zu Hause sein. Heute soll dich niemand außer mir haben. Geh jetzt und komm nachher.« Und er ging. Fast getragen von den Wogen des Rausches, die durch ihn flossen. Er kam hinaus auf den grauen steinigen Platz vor dem Schlößchen. Leere Schuppen standen am Rande, rostende Schienen liefen drüber hin, und rohe, halb oder ganz behauene Steinblöcke lagen verstreut. Es war der Steinplatz der verlassenen van den Daeleschen Grube. In der Erddecke über den Steinlagern strich eine weiße glänzende Schicht durch den goldenen Sand. Es war Töpfererde, weich, fettig, elastisch. Irdenes Gummi, könnte man sagen, zum Kneten und Formen herausfordernd. Das Lager zog hinauf auch bis zu seiner Grube. Aber wie sollte er jetzt an Ton und Töpfererde und Töpferkunst denken! Er ging einher in der weißen Mittagsglut und wußte nicht, wo er ging. Er sah die schattenkühlen Schuppen, aber er bemerkte sie nicht. Er setzte sich auf einen weißblauen Block, der als Grabstein halbvollendet liegengeblieben war. Lange saß er und dachte nichts, konnte nichts denken. Zwei Stunden saß er auf dem hellen harten Steinplatz, der dalag wie ein Harnisch, mit dem sich die Erde gepanzert. Und zwei Stunden rasselten die goldenen Sonnenpfeile nieder auf die glänzende Rüstung. Nach zwei Stunden kam er dazu, etwas zu denken, aber auch nur, daß er jetzt wieder gehen müsse. Und er ging. Sie stand in der kühlen Flurhalle und lächelte ihm entgegen. Jetzt trug sie ein andres Kleid. Es war von grauem Stoff, über dessen stumpfem Ton ihr blühendes Gesicht und ihr rotblondes Haar leuchteten. Sie fühlte, wie sehr sie ihm gefiel. Sie streckte ihm lachend beide Hände entgegen und küßte ihn gerade auf den Mund. Er erschrak und sah sich um. »Es ist niemand im Haus«, sagte sie. »Die Mutter ist zu einem Sonntagsvergnügen nach Spa gefahren, und die beiden Mädchen sind ins Dorf geschickt. Wir sind ganz allein«, sagte sie. Sie sahen sich lange an. Dann lag sie auf den Teppichen des Sofas, er saß auf einem Stuhle, hatte das Kinn in die Hände und die Arme auf die Knie gestützt und schaute zur Erde. »Ich möchte ... von dem Manne hören«, sagte er langsam. »Ja,« sagte sie im Liegen, »sonst ist er Gentleman. Ein wenig spöttisch immer, und nennt mich eine verheiratete Nonne. Ich lebe jahrelang nicht mehr mit ihm, denn ich halte es für unsittlich, wenn eine Frau sich einem ungeliebten Manne, auch ihrem Manne, gibt.« »Das ist energisch gedacht«, sagte er. »Ich merkte es gleich nach der Hochzeit, daß er mich nicht liebte. Gott, ich war achtzehn Jahre und ein dummes Ding. Meine Mutter, die es ja wissen mußte, hatte gesagt, ich sollte ihn nehmen, er sei ein schöner Mann, galant, mit viel Bildung und ein wenig größer als ich. Wir würden gut zueinander passen. Er hat in der Stadt ein Hypothekengeschäft und behauptet, es nähme ihn sehr in Anspruch. Gewöhnlich kommt er Samstags her, um bis Montags auf dem Lande zu bleiben. Er muß sparen, denn es geht ihm schlecht, wie ich weiß. Aber ich kümmere mich nicht darum. Er hat einige freundliche Mädchen, die sehr liebevoll zu ihm sind. Aber das geht mich nichts an. Er würde sich ein Haus voll Mätressen halten, wenn er könnte.« »Das ist energisch und groß gedacht«, wiederholte er und sah sie schwer an. Sie erwiderte seinen Blick, und ihr Auge drang tief in das seine, als sie mit dunkler Stimme langsam sprach: »Ich würde mich dem Manne, den ich liebe – und der mich liebt, – ganz hingeben. Ich brenne danach, einen Mann mit Leib und Seele lieben zu dürfen – –« Er sprang auf. »Sandra!« schrie er. Da war sie im Augenblick wie ausgewechselt. »Nein!« rief sie und streckte abwehrend den Arm aus. »Brüll' nicht so!« »Sandra!« schrie er. »Nein!« – – Den Abend wanderte er noch lange bei den sieben Quellen, über das Weib und sein merkwürdiges Tun grübelnd. Im Osten spähte über den Rand der Erde ein schwarzes Weib, die Nacht, ob die verhaßte Sonne noch nicht fort sei, erhob sich, wuchs riesenhaft bis in den Zenit, und deckte Land und Leute, Liebe, Leid und Leben mit schwarzer Finsternis zu. Eine gebildete Frau und eine ungebildete Magd Schon ins Bett wurde Menniken am andern ein Brief gebracht: »Ich muß Dich heute wiedersehen. Was soll ich anfangen, den langen langweiligen endlosen Tag, wenn ich Dich heute nicht wiedersehe. Sandra v. d. Daele.« Die duftende Karte lag neben ihm. Er grübelte; und je mehr er grübelte, um so rätselhafter wurde ihm ihre Art, und indem er nach ihrer Seele forschte, blieb sein Geist an ihrem betörenden Körper haften, und er fiel in Träumen. Aber das war nicht gut. Darum stieg er schnell aus dem Bett und hinunter in das große gewölbte Bad, durch das ein Arm des Wildbaches hindurchgeleitet war. Er wußte nicht, sollte er zu ihr gehen oder nicht? – – Als er aber aus dem frischen Quellwasser herausstieg, wußte er, daß er nicht gehen würde. Sondern er bestieg den Zug und fuhr in die benachbarten rheinischen Städte, Leute, Künstler zu finden, die seine Kunstware modellieren sollten. Er suchte in den Werkstätten der Bildhauer und warb zwei Künstler an. Als er nach Hause kam, fand er sie selbst vor, Sandra, im Haine bei den Quellen spazierend und ihn erwartend. Seinen erstaunten Blick beachtete sie nicht, tat, als ob nichts vorgefallen, freute sich über das Ergebnis seiner Reise und frug beiläufig, ob er nicht auch zu heiraten gedenke. In der Tat, daran hatte er gedacht! Draußen hatte er sich vor längerer Zeit verlobt mit einer Dame aus dem Reich und gab auch, nach dem Zeitpunkte der Verwirklichung seiner Absicht gefragt, zu: Sobald ein Versuch, die heimische Kunstweise neu zu beleben, einigermaßen geglückt sei. Das Dazwischentreten einer Frau, seiner frei erwählten Frau, auch nur dieses gedankliche Dazwischentreten, stärkte, ja feite ihn gegen die Reize dieser Frau, die ihn überfallen hatte ohne sich doch ihm zu ergeben. Jetzt konnte er es wieder wagen. Jetzt war er gegen die Liebe durch die Liebe gefeit. Also ging er am nächsten Tage zu ihr. Sie begrüßte ihn mit Ruhe. »Jetzt bringe ich Sie zu meiner Mutter«, sagte sie. Der Garten war mit seinen Schlangenpfaden, die ihn mit der Weitschweifigkeit von Landstraßen durchmaßen, mit der Grotte, die eine Felsenwildnis, den sechs Tännchen, die einen Nadelbusch, dem Teichlein, das einen See, dem angeschütteten Hügelchen, das einen Berg darzustellen hatte, sozusagen eine stenographische Landschaft. Frau van den Daele wanderte darin umher, übervoll im Körper und von sorgfältiger Modischkeit in der Kleidung. Das Volk sah einen dicken Kreisel in ihr und nannte sie »die Knauel«, und wegen ihrer feudalen Neigungen gar »Frau von Knauel«. Sie sprach mit den Blumen, bedauerte den armen Kappus, den die Raupen zerfraßen, und ermahnte den Kohl, nur ja recht fleißig zu wachsen, weil sie ihn gern äße. Unter dem Hutrande her sah sie die beiden kommen, doch ging sie weiter umher, sprach, ermunterte und drohte. Da staunte Frau van den Daele auf: »Ah! Ah! Herr Menniken, von Universitäten daheim, ein neues Zeitalter zu begründen! Sich zu bewerben um den Ruhmestitel ›Vater des Vaterlandes‹! Mich kennen Sie wohl nicht wieder? Natürlich, so eine unbedeutende Frau! Ich freue mich aber sehr. Nun haben wir endlich mal einen gebildeten Umgang unter diesen Mistbauern. Also recht oft, Herr Menniken. Entschuldigen Sie, daß ich Sie nicht früher gesehen, ich war sehr beschäftigt. Mit dem Kohl geht es gut, aber der arme Kappus ist so zerfressen von den Raupen. Also, ich freue mich sehr. Gehen wir hinein und machen wir es uns gemütlich. Der Wein erfreut des Menschen Herz. Wir holen mal unsere schönen Kannen hervor und feiern ein historisches Trinkfest. Was sagen Sie zu unserm Schlößchen »Stern«, Herr Menniken? Sie sind ja als Kunsthistoriker Fachmann. Sie wissen, Muster Caprarola bei Rom, nach dem Vignola, im Grundriß ein fünfstrahliger Stern. Sie haben es noch nicht gesehen, es steht erst zwei Jahre.« Menniken brachte sein erstes Wort an: Der »Stern« sei eine sehr originelle Idee. »Ja, die Italiener! Die können bauen, voller Ideen!« Doch gestand sie, daß das flache italienische Dach bei Wasser und Schnee so durchlässig sei, daß man im Winter und Frühjahr das obere Stockwerk nicht bewohnen könne. Nun saßen sie im innern runden Säulenhofe, von dem die fünf Ecken des Baues sternförmig ausstrahlten, unter Palmen und Gewächsen, und von oben leuchtete der Sommerhimmel herein. Frau van den Daele klagte, daß im barbarischen deutschen Winter für all den Regen und die Nässe, die in den Hof fielen, kaum ein Abfluß zu schaffen sei, daß die zementierten Säulen Risse bekämen und im Froste sprängen. Sie redete unaufhörlich, ohne Unterbrechung, von diesem und jenem, von oben und unten, von allerlei. Frau Sandra sprach kein Wort. Sie tranken auf den vergangenen und zukünftigen Ruhm des Kannenbäckerlandes. Der Wein duftete unter den Gewächsen. Da kramte die gnädige Frau all ihre kleinen schimmernden Liebenswürdigkeiten aus. Der ganze Laden war nicht viel wert, aber er war voll von gläsernen Herrlichkeiten, und alles klang und läutete im Winde so lieblich, alles war so liebenswürdig und naiv, daß der Gast bald in jene Fröhlichkeit kam, wo man lacht, nicht über Lachenswertes oder Lächerliches, sondern lacht, einfach lacht, aus Wohlsein, aus lauter Behagen. Frau van den Daele hatte für sich einen Krug gewählt, der auf seinem Bauch in Relief das denkwürdige Erlebnis der keuschen Susanna trug. Menniken hatte eine Prachtschnelle vor sich, ein Werk seines Vorfahren Baldem Menniken, mit Renaissancemustern und der Umschrift: »Junge Weiber und altes Geld, die liebt man in der ganzen Welt.« Die Hausfrau zeigte ihm andere Krüge und erklärte die Ziermuster und den Bilderschmuck, mit ein bißchen Geist, oft auch mit ein wenig Frivolität, ein wenig nur, wie Wein, in Wasser verdünnt. So einen Schnellenkrug von Jan Emens, der eine katzenjämmerliche Szene von Männern und Weibern nach einem Trinkgelage trug und die Unterschrift: Soe goet det dy Vol Supers. 1598. Und folgenden stoischen Vers: Die kan hat mich gemacht Su einen ermen man. Wie ich nit me en haf, So mus ich lassen af. Und nun fiel der Protz sie an. Sie fühlte den Drang, irgend etwas Großes und Köstliches heranbringen zu lassen, ohne noch zu wissen was. Fürs erste klingelte sie; eine breite Landdirne erschien. »Unsere Katherina Emens ist aus dem Stamme des Jan Emens«, erklärte halblaut die Hausherrin. Da, als sie der Katherina lachendes Gesicht sah, vergaß sie ihr Vorhaben und frug: »Katherina, du strahlst ja ordentlich. Hast du in der Lotterie gewonnen?« »Er kömmt heut.« »Er? Wer?« »Der Zimong.« »Ah, dein Simon Kannegießer? Aus Kamerun?« »Jawohl, Madam.« »Dann kommt er sicher wieder als ein Held im Siegerkranz? Mit Lorbeer, Orden und Ehren?« »Das ist mich egal, Madam.« »Freust du dich denn nicht darauf?« »Nein, Madam.« »Worüber freust du dich denn?« »Auf ... über ... daß ich ihn wieder da hab'.« »Dann gibt es wohl bald Hochzeit?« »Wenn er will, Madam.« »So. Wann soll er denn kommen?« »Gleich, Madam.« »Na, dann geh' nur und schau nach ihm aus. Und wenn er da ist, sag', er solle sich auch bei uns vorstellen.« Die Katherina ging fort und wischte mit der Hand an den Augen, bewegt über die Leutseligkeit, die sie erfuhr. Es dauerte nicht lange, so hörte man von draußen Lärm von einigen Burschen, und vom Flur her kam das Geräusch der aufgerissenen und zugeschlagenen Tür. Darauf unterdrücktes Jauchzen, Umarmungen und Küsse, Tränen und Jubel, wundersam gemischt – Wiedersehensfreude – – Unwillkürlich trat Ruhe ein unter den Menschen im Säulenhofe. Da erschien Katherina mit strahlendem Gesicht, mit Augen, die wirr waren von Glück, und Haaren, wirr – vom Simon. »Darf mein Mensch kommen?« frug sie. »Immerzu!« Nun führte sie ihn an der Hand herein, ihren Simon Kannegießer. Hinterdrein kamen dessen Freunde, der Scharlemang, der rote Sef und einige andre. »Nun freut Ihr Euch wohl, daß Ihr wieder da seid, Kannegießer, was?« »Zu Befehl, Madam.« Die Katherina hielt ihn stumm bei der Hand. Ihre Augen umhängten ihn mit so viel Glanz, Glück und Liebe, wie Beter ein Gnadenbild mit Blumenkränzen und Weihgeschenken. »Und dann im Triumphe heimgekehrt. Mit Orden und Ehren beladen. Wodurch habt Ihr Euch denn die Tapferkeitsmedaille verdient, Kannegießer?« »Wahrhaftig«, sagte voll Staunen die Katherina, denn jetzt erst bemerkte sie den winzigen Herold der Ehre. Ihre Finger spielten auf seiner Brust mit dem kleinen Ruhmesschild. »Wie hast du das gekriegt, Zimong?« »Wie habt Ihr das bekommen, Kannegießer?« »Zu Befehl, Madam. Das ... das kann man selbst nicht sagen, Madam.« »Stolz lieb' ich den Kannegießer. A la bonne heure! Aber wollt Ihr uns denn wirklich schmachten lassen nach Euren Heldentaten?« Da drängte sich der Scharlemang vor und die Mütze drehend sagte er stolz: »Ich kann es Euch sagen, Madam. Ich hab' es heute vom Hauptmann vor der Kompagnie gehört. Bei der Batomstation hat der Zimong sich den Orden geholt. Die Kamerunneger wollten die Brücke über den Mungofluß sprengen, und die Station wär' abgeschnitten gewesen, hat der Hauptmann gesagt. Da warf sich der Zimong ins Wasser und schwamm und schwamm, sagte der Hauptmann, trotz, wenn er ein Amenlang zu spät kam, kaput gerissen zu werden, und riß die Ladung runter grad in dem letzten Momang und ersäufte die Lunte und das Pulver im Flusse, sagte der Hauptmann ... hat der Hauptmann gesagt ... ja ...« Voll leuchtenden Stolzes hingen seine Augen am Freunde. »Das nenne ich Tapferkeit!« rief Frau van den Daele. »Solch ein Mann, Katherina!« Aber voller Angst war Katherinens Gesicht: »Hast du da auch an mich gedacht?« »Nein, Trina,« und eine stolze männliche Röte bepurpurte sein Gesicht, »dann denkt ein Mannsmensch nicht an Frauleute.« »Was? Eso egalig! Un wenn et dich ...« Tränen erstickten ihre Stimme, und die Sprache ihrer Hände sagte: »kaput gerissen hätte?« »In Jotts Nam'.« »Zimong«, schrie sie gellend und hielt sich die Ohren zu. Dann trat sie ganz nahe an ihn heran: »Worüm du? Worüm nicht ein angdrer?« »Worüm nicht ich, min lieb Tring?« Atemlos stand sie, auf den Zehen, ganz nahe bei seinem Mund, um nicht um eines Gedankens Länge zu spät die Wahrheit zu hören. »Für daß du mich lieb...« »Daran denkt dann ein Mannsmensch nicht.« Lächelnd sprach der Kannegießer. Auf dem Absatze machte Katherina Emens kehrt und stürzte unter den Säulengang auf die Küchentür zu. »Adee, Zimong!« Er warf sich ihr nach, schneller, als er sich in den Mungofluß gestürzt. Er faßte sie am Handgelenk, er riß sie zurück. »Was, Tring? Was hab' ich dich getan?« »Los, sag' ich!« schrie sie. Sie sprang in die Küche, schlug die Tür hinter sich zu, ein Siegel klappte ein, und alles war still. Und niemals wieder hat Simon Kannegießer, der Tapfere, der Held, ihr unter die Augen treten dürfen. Die Töpfer Wenn ein Mann ein großes Werk beginnt, wenn er den ersten Spatenstich tut zu einem Kanal, wenn er die Hand an den Pflugsterz legt zur Urbarmachung einer Öde, dann fühlt sich der Mann in ihm. An dem Morgen werden seine Augen groß und strahlend. An dem Tage schaut er die merkwürdige Richtung hinauf, als ob da oben, nicht vielmehr hier unten, alles zu suchen sei. An diesen Tagen geschehen die meisten Gotteslästerungen, – Luzifer und Prometheus. Solch prometheisches Hochgefühl war in Bernhard Menniken, als er das Brecheisen ansetzte und den ersten Hammerschlag tat, um das große Nordfenster für die Modellierstube in einem Flügel seines Hofes zu brechen. Er fühlte förmlich, wie im Augenblick die Macht weiblicher Verlockung und Verführung in ihm zerfloß, und er lächelte bei dem Gedanken an Sandras Reize. Über Mariänne Lenates war in diesen Tagen ein neues Leben gekommen. Er war in der Stimmung, von der das Hauptwort geprägt ist: »Der Geist ist in ihm.« Der alte Schwärmer eilte umher und bemühte sich um neue Modelle, um Stimmung, um guten Ton, um alte Formen, um Begeisterung und Preis des Mennikenschen Namens. Nach einigen Monaten eifrigen und begeisterten Arbeitens waren sie nun in und um Seffent so weit, an den ersten Probebrand denken zu können. An der Wirtschaft »Zum Krugenofen« prangte bereits ein neues Schild »Zum neuen Krugenofen«. Deeres hatte den Platz hinter seiner Spirituosentheke verlassen, nachdem er eine dralle und zungenfertige Dirne Agnes an seine Stelle gesetzt hatte. Die Wirkung war gut; denn die Hausfrauen erhoben bald laute Klage, daß ihre Männer länger beim Deeres blieben als früher. Sie sahen den Grund aber in dem Bau des Pottofens, den Deeres aus den wohlerhaltenen Trümmern des alten, die seit fünfzig Jahren dalagen, schnell aufführte. Die Männer bestärkten die Gattinnen in dem Glauben, es sei nur der Pottofen, aber auch gar nichts weiter. Sie müßten Interesse zeigen an der »Wiederaufrichtung der großen Vergangenheit«. Diese heroischen Worte stammten von Lenates, der auf seine alten Tage aus reinem Ideal ein Wirtshausgänger wurde. Währenddessen arbeitete Deeres unverdrossen. Währenddessen standen die Männer ebenso unverdrossen vor, neben, auch hinter der Theke um die Agnes herum, schnapsend, lachend, äugend, schielend, und die Alten schämten sich nicht vor den Jungen. Auch Tieß Bertz ging um diese Zeit zu einem Schnäpschen oder auch zwei in den »Neuen Krugenofen«. Der Agnes machte alles das Vergnügen; doch brannte sie wider ihren Willen beständig vor Scham. Eines Tages stand sie wieder hinter der Theke, die Arme auf dem Rücken verschränkt, an den Spirituosenschrank gelehnt. Die Schlüpfrigkeiten der Männer belachte sie nur, rief höchstens einmal ein »Ha!«, doch frug sie oftmals: »Trinkt Ihr noch eins, Tieß Bertz? Jetzt mal einen Korn, Burgs Paulus. Wir haben alten Wacholder, Scharlemang.« Und wenn einer unvorsichtig war und sein Glas leertrank, gleich war es gefüllt. Dann lehnte sie sich wieder an, lachte, rief: »Ha!« und ließ ihre Augen flink über die Gläser huschen. Da wurde Karl François, der Riese, den sie »Scharlemang« nannten, plötzlich dreist, kniff sie in die dicken Arme und ... doch eins, zwei flog sein Kopf nach rechts und links, mit zwei klingenden Maulschellen behängt. Verdutzt stand der Scharlemang – den Kopf feuerrot, entrüstet und lachend das Mädchen. Plötzlich rief er: »Du Rothaut!« Und alle andern riefen: »Du Rothaut!« Und sie lachten vor Vergnügen. Rothaut! Von nun an ging von ihr der heitere Ruf, daß sie einen kupferroten Körper wie ein Indianer habe. Rothaut! Eines Tages hatte Menniken alles Nötige beisammen, um zum Probebrand zu schreiten, der möglichst unbemerkt vor sich gehen sollte. Selbst Lenates wußte nichts davon, als sie am frühen Morgen von Seffent aus an seinem Hause vorbeifuhren, die in Ton modellierten Gefäße zum Brandofen zu bringen. Der war von der Art freistehender ländlicher Backöfen für Brot, und mit Zuglöchern in seinem Körper versehen. Doch trotz der frühen Stunde waren die Dörfler schon merkwürdig lebendig, und kaum war die Arbeit von Wochen in größter Sorgfalt mit des Deeres Hilfe eingestellt, da stand eine große Menge müßiges Volk auf dem Dorfplatze, und der Ring wurde dichter und fester; als ob Feiertag im Dorfe wäre. »Deeres, da habt Ihr Euer Werk«, sagte Menniken streng. »Was? Ich?« tat unwissend Deeres. »Wenn Ihr so eigensüchtig nur an Euch denkt, ist unsere Freundschaft bald zu Ende.« »Um Gottes willen, Meister Menniken, wie sollte ich ...?« »Ihr habt verbreitet, daß heute gebrannt werden soll.« »Meister Menniken,« entrüstete sich ehrlich der Wirt, »wozu sollt' ich wohl die Gaffer versammelt haben?« »Wozu?« »Ja, Wozu?« In dem Augenblick wurden die grünen Läden in dem grauen Haus geöffnet, und die Agnes stellte auf die Fensterbank Flaschen, Schnaps- und Biergläser. »Dazu!« Deeres' Gesicht wurde lang bis auf seine enge Brust. Die Umstehenden lachten laut, während Deeres davoneilte. Eilig zog er Flaschen und Gläser ein, und aus seinen blanken Fenstern sah das starke Haus wie aus erstaunten Augen darein, was das dumme Volk denn da zu lachen habe. Sich wohl bewußt, nicht trotzen zu dürfen, kam Deeres bei geeigneter Gelegenheit wieder hervor. Der günstige Augenblick war bald da. Denn sieh, ein Priester kam, in weißem Spitzenröckel, das schwarze Birett auf dem greisen Haupte, betend aus rotgedrucktem Lateinbuch. Vor ihm her ging ein rotgeröckter Chorknabe mit einem großen kupfernen Weihkessel. Wie ein Versehgang zu einem Kranken sah es aus. Das Volk schickte sich an, im Staube niederzuknien, das vorbeigetragene Allerheiligste zu verehren. Aber der Priester winkte aufzustehen und trat an den Ofen heran, ohne weltlichen Gruß für irgend jemand. Bernhard Menniken kam groß erstaunt aus der Feuergrube herauf. Ein großes Holzscheit hielt er in der geschwärzten Hand. »Herr Ter Heele?« frug er. Der sah ihn halb hilflos, halb heiß und vorwurfsvoll an. »Es ist ja so die Sitte«, sagte er zögernd. »Ja,« rief von hinten die Stimme des Steinbrechers de Losy, eines Mannes in kurzen Hosen mit Schnallen an den Knien und an den Schuhen, »so ist das alt, daß benedixiert und eingesegnet wird. Der Ofen und die Häuser. Auch mein Haus da. Sonst prostituiere ich gegen das Brennen.« Ein zustimmendes Ja ging von dem Manne aus durch das Volk und kreiste Menniken ein. Er mußte sich ergeben. Ter Heele sagte nichts mehr, bat nicht, klärte nicht auf, sondern ging stumm mit sanfter Unwiderstehlichkeit ans Werk. Er segnete mit Weihwasser den heißen Ofen, auf dem die Tropfen zischend verdampften, als knirsche er gegen die Einmischung geistlicher Gewalt. Der Priester ging umher und segnete die umstehenden festen Häuser, segnete die große Linde. Und zog wie er gekommen war, still und mit der Bescheidenheit, aber auch Sicherheit und Unwiderstehlichkeit dessen ab, der von einem Höheren beamtet ist. Am Abend desselben Tages wurde die Feuerung abgestellt. Die Kunstware buk in der Hitze des Ofens. Langsam trat die Verkühlung ein. Nach drei Tagen, während deren aus dem ganzen Land das Volk in großen Haufen die Stelle besucht hatte, ging vor einer großen Menge die Öffnung und Entleerung des Ofens vor sich, und die Krüge kamen zum Vorschein. Das Ergebnis war unerfreulich. Keiner der Töpfe war gut; an dem einen war die Glasur zerlaufen, der andre war schief, ein dritter gesprungen. Die Töpfe wurden zusammengestellt. Da, ein wohlgezielter Wurf, der erste ging in Scherben. Der zweite, der dritte. Und sie lachten über ihre Treffsicherheit. Zornig erhob sich Menniken. Allein der de Losy redete ihm vom alten Zunftrecht vor. Aber Menniken hörte erst auf die ruhigen Ausführungen des Lenates, daß die Zunft alle mißglückte Brandware zerstört habe, damit sie nicht in den Handel kommen und den Ruf verderben könne. Und Lenates meinte hinzufügen zu müssen, daß doch viel Sinn in dieser Sitte gewesen sei. Doch Menniken war so aufgebracht, daß er ohne ein Wort den Platz verließ und in den Abend hineinging. Das Volk verlief sich auch bald. Man verstand den Menniken nicht, denn niemand hatte es böse gemeint. Die Stimmung war trüb. Feurige Nacht Nicht am Tage, dazu war er zu stolz, aber manche Nacht hatte Simon Kannegießer sich am »Stern« gezeigt. Und das Herz tat ihm weh. Die Burschen feierten mit ihm in den Schenken Heimkehr. Sie hätten ihn geschont; aber da sie ihn aufgeräumt fanden, dachten sie, er habe die dumme Trine schnell, wie's in der Ordnung war, vergessen. Der Kannegießer lachte, erzählte auch Lustiges, doch dem, der ihn einen Augenblick bemitleidet hätte, würde er die Glieder zerbrochen haben. Und nachts tat ihm das Herz so weh. Er saß auf einem Stein des leeren Werkplatzes, der Küche gegenüber. Drinnen sah er ihren Schatten. Wenn sie die Läden schloß, mußte sie ihn sehen. Er trat nicht heran und rief nicht, er erhob sich nur von seinem Steine – aber die Läden wurden geschlossen. Nach kurzer Zeit sah er das Fenster über der Küche hell werden; er erhob sich wieder – oben wurde eine Gardine vorgezogen, und bald war es dunkel. Mit dem Licht der Lampe erlosch ihm jeden Tag die Hoffnung. Und jeden Tag kam sie ihm wieder. Sein einfacher Geist umkreiste immer nur den einen Gedanken: warum? wie eine Amsel den Strauch, aus dem das Nest mit den Jungen verschwunden. Er holte die Medaille aus der Tasche und hielt sie in der Hand. Sie blinkte im Mondlicht hell und männlich. Als wollte sie sagen: Tapferer, mach dir nichts aus der dummen Trine! Warum hatte er es getan? Er hatte nicht an sie gedacht, aber auch nicht ans Vaterland. Auch nicht an die Ehre. An alles das denkt dann ein Mannsmensch nicht. Nein, man sieht ... das Herz bebt, und Mut und Kraft meinen ... und lachen: ja, sie können es leisten! Und man tut's – Der Kannegießer stürzt sich in den Mungo! Aber jetzt tat ihm das Herz weh. Er steckte den Orden in die Tasche. Wie? – Was? – Das da?! – Unter Trinens Zimmer in der Küche! Das ist ja rot! Das ist ja – Er stürzte heran. Und schrie und brüllte – hörten sie es doch unten in den nächsten Häusern! »Feuer! Feuer!« Man hörte es. Fenster und Türen öffneten sich. Er sprang auf eines der großen Fenster, trat mit dem Fuß die Spiegelscheiben ein und stürzte in das Haus. Auf dem Treppenabsatz im Säulenhofe begegnete ihm die Katherina. »Trina«, rief er und breitete weit die Arme aus ... Sie stürmte stumm an ihm vorüber ... Der »Stern« glühte in die Nacht hinaus. Jetzt wirklich ein Stern. Auf der großen Steinkirche im Kirchdorf lärmte die Feuerglocke. – Jetzt auch in den Nachbardörfern, sogar jenseits der Grenze. Menniken Ober-, Kannegießer Unterbefehlshaber. Die Schläuche sogen durstig Wasser aus der ersoffenen Grube ... »Die Spritzkästen näher! ... Den Wasserstrahl höher! ... Vorsicht, da vorn, der Balken stürzt herab ... Die Sturmglocke stellte eben ihr Heulen ein. Nur drüben in Belgien läutete noch eine. »En avant, mes camerades!« ... »Gott sei Dank, daß alles Lebendige gerettet ist ... Was meinen Sie, Kannegießer, ich glaube, wir müssen noch eine Eimerkette bilden, wir kriegen's nicht unter.« – »Es ist unnütz, Herr Menniken, es brennt doch ratzekahl ab. Wo ein Mensch nicht dawider kann, muß man eben die Hände in den Schoß legen«, fügte der Kannegiester dumpf bei. – »Lassen wir es brennen, Lenates, die Menschen sind gerettet, das Haus ist verloren.« – »Ja, ja, aber die Pötte,« seufzte der Junggeselle, »sie hatten den ältesten Bartmann da, den besten Menniken und einen Emens, für den ich ihnen eine Wiese geboten habe.« – »Meister Menniken, soll ich wohl ein Fäßchen Bier für die tapfere Mannschaft anbringen lassen?« – »Deeres, schert Euch zum ... Achtung! Ho! Ha! Ihr da! Donner ... Zurück! Zurück! Die Obermauer fällt! Die Wasserstrahlen drauf, daß sie nach innen stürzt. Pumpt!« – Die Obermauer kracht nach außen nieder – – – – Asche, Staubwolken, der Atem ist benommen. Einen Augenblick ist es still. – Wer wagt die Frage? – – Da einer: »Ist wer drunter geblieben?« – Sie hören es auf dem ganzen Platze. Keiner antwortet ... Da allmählich: »Nein, dem Tieß Bertz ist ein Stein an den Kopf geflogen und hat ihm den neuen Hut zerschlagen. Tieß Bertz ist sehr unglücklich. Dem Herrn Pastor ist ein Brillenglas zertrümmert worden« ... – »Ah, Herr Menniken.« – »Herr Pastor.« – »Gut gegangen, Herr Menniken, kostete beinahe mein elendes Leben. Doch, wie Gott will. Konfrator Ter Heele hat mich aus den Federn geholt. Hier ist er.« – »Guten Morgen, Herr Ter Heele.« Der nickte und stammelte erregt: »Niemand tot ... oder verwundet, Herr Menniken? Ich konnte nicht schneller. Ich habe alles zum Versehen bei mir.« – »Nicht nötig, Herr Ter Heele, alles wohlbehalten unten im Turm.« – – Es wird stiller. Auch heller am Himmel ... »Ist es schon so weit in der Nacht?« – »Dreieinhalb, Herr Pastor.« – Das Pumpen wird müder, das Feuer stiller; es brennt in sich hinein. Rot grinst und bleckt der feurige Moloch aus den schwarzen Mauerhöhlen ... »Messieurs, nous allons partir!« Auch die freundliche Hülfe der Belgier hat nichts retten können. Man schüttelt sich die Hände. Die Belgier ziehen ab ... Es wird heller ... Der Tag hebt sich auf beiden Armen über den Horizont und schaut verwundert, was denn die vielen Menschen da schon auf sind ... Im Tageslicht ist der »Stern« eine wüste Brandruine. Drinnen brummt und knistert noch zornig und wütig, aber still das Feuer in sich hinein. Alles liegt am Boden. Atemraubender Staub liegt in der Luft von all dem Stuck, Zement und den falschen Materialien und verjagt die Leute. * Als das bürgerliche Aufgebot erging und die Namen Bernhard Menniken und Johanna von Raa hinter dem Drahtgitter in dem schwarzen Holzkasten des Bürgermeisteramtes hingen, da ließ der Pfarr den Wagen des Bürgermeisters erbitten und sich in das ländliche Fuhrwerk tragen; denn seine Beine wollten heute wieder nicht. Er kam hinauf nach Seffent, wurde freundlich empfangen, war selbst sehr freundlich gestimmt, musterte die Kunstwerkstatt, drückte seine Bewunderung darüber aus und machte die Zecherei mit, zu der auch die Gehilfen eingeladen waren. Als sie den Herrn Pfarr in die Klapperfuhre hoben, retteten die gichtigen Beine seine priesterliche Ehre; denn außer dem Zipperlein hinderte ihn noch etwas andres an sicherem Gange. Er lag selig wie von Wolken gewiegt in den harten Polstern, und die Hände über seinem Irdischen gefaltet träumte er hinauf in den sternklaren Nachthimmel. Nun er hoffen durfte, daß das herrschaftliche Paar auch eine kirchliche Trauung würde vornehmen lassen – er hatte wenigstens die Erlaubnis bekommen, in der Kirche den Ruf zu erteilen, wenn auch die Hochzeit draußen im Reiche stattfinden sollte –, nun diese geistliche Sorge von ihm genommen, konnte er weltlichen Träumen nachhangen – allzu weltlichen. Den nächsten Sonntag im Hochamte verlas der Vikar Feuerstein nach dem Evangelium: »Zum heiligen Ehestande werden verkündet zum dritten Male: Johann Janklaes, zum zweiten Male Witwer, und Anna Pottenbecker. Zum ersten Male: Herr Otto Bernhard Menniken und Fräulein Gudula Veronika Johanna von Raa.« Dann hielt Feuerstein eine hitzige Predigt, in der er den unwiderleglichen Beweis der päpstlichen Unfehlbarkeit erbrachte. Aber das Volk hörte nicht darauf. Nein, hörte nicht im geringsten darauf! Vor so unaufmerksamen Zuhörern hatte Feuerstein noch nie geredet. Aufsehen war in der Kirche, ein ungewohntes Geraune und Getue. Vor Gott sind alle Menschen gleich! Die Männer scharrten mehr als gewöhnlich, die Weiber schneuzten mehr als nötig. Wenn es auch der oben von Seffent war und sie eine Adlige und vielleicht Kommerzienrats! Solch eine ungebührliche Unruhe hatte die Kirche noch niemals erlebt. Die Heiligen an den Wänden sahen sich verdutzt an. Was bedeutete das nur? Die Evangelisten an der Kanzel und die Apostel an den zwölf Säulen bekamen einen argen Schreck; denn sie hatten es damals nach der Revolution, als die Franzosen da waren, erlebt, was es bedeutet, an die Kirchhofsmauer gesetzt werden und dort in Wind und Wetter flehen müssen. Wurde das Volk aufrührerisch? Oder kamen wieder die Franzosen? Was war denn los? Was wird denn geschehen –? Zunächst geschah nichts. Die Predigt war zu Ende. Das Hochamt nahm seinen Fortgang; Geheimnis reihte sich an Geheimnis, Wunder an Wunder; Weihrauch türmte und wölkte sich; die Orgel sang in jedem Ton der Begeisterung. Alle Schauer des Mystischen waren entfesselt. Aber dem Männerchor waren die Kehlen wie zugebunden und keine Andacht, selbst bei den Frommen, Mummeln und Möhnen kam mehr auf, obgleich alle Schleusen des Wunderbaren über der Kirche geöffnet waren. Fünf Tage später ging der schwarze Feuerstein vom Kirchdorf, das wie eine dörfliche Domfreiheit allein und hoch in dem Gemeindeverein von kleinen Dörfern lag, westwärts nach der Grenze zu. Er wanderte Schritt vor Schritt über die grüne stille Flur und betete leise vor sich hin aus einem Buche mit Goldschnitt den Rest seines officium divinum . Und jedesmal, wenn er den Namen Jesus aussprach, lüftete er sein schwarzes Birett. Alles war so ruhig, so sicher, breit und behäbig. Das Gewoge der Landschaft war sanft und ebenmäßig, wie wenn eine milde See plötzlich erstarrt wäre. Die bunten Farben des Viehes auf den Weiden saßen wie gehörig in der grünen Natur. Und die schweren Häuser standen so breit und fest gegründet, als lägen ihre Fundamente im Mittelpunkt der Erde. Von Westen her kam ein Trupp von Männern. Sie trugen Geschirr auf den Schultern; neckisch spielte die Abendsonne in den Sensen und Beilen. Ein Wiesenbauer, welcher sich ihnen zugesellt hatte, trug eine Forke, die so spitz und blank in den Abendhimmel stach, daß das Licht an den Zinken aufspritzte. Als sie den Geistlichen von ferne sahen, hielten sie einen Augenblick an; dann kamen sie entschlossen näher. Ihre Hüte stiegen in die Hände hinab. »Guten Abend, Leute«, sagte er nach einer kurzen Weile, die ihnen bedeuten mochte, daß sie ihn nicht im Beten stören durften. Aber er wollte es doch nicht mit ihnen verderben und bemühte sich, leutselig zu sein. »Wo kommt ihr denn her?« Sie antworteten nicht. Da holte der Burgs Paulus noch einmal den Hut herunter. »Und das wollten wir Sie noch sagen, Herr Kaplan: Vor Gott sind alle Menschen gleich. Vor Gott gibt es keine Herrens und Fräuleins.« Gesprochen, gegrüßt – der Haufe trabte weiter. Der Faun Die Künstlerwerkstatt auf Seffent wurde größer, ein dritter und ein vierter Gehilfe traten ein. Der dritte war eine einsilbige zugeknöpfte Natur mit einem unbeweglichen Gesicht. Er bot den Tag und richtete einen Befehl aus. Er wohnte nicht wie die andern im Gute, sondern in dem Wirtshaus an der Zollgrenze, das ein alter Wallone hielt, Père Rousseau, ehemaliger Zuave in päpstlichen Diensten, und » A la griffe du lion « benamst hatte. Der Zuave war ein schöner Mann mit einer Mähne und einem Napoleonsbart, ein Gauner wie der Deeres, nur in romanischem Stile. Auch hatte er so viel stolzes Nationalgefühl, daß er grundsätzlich keinen Welschen betrog, nur die Deutschen und besonders die Protestanten. Also in erster Linie, was aus dem nahen Truppenübungsplatz herüberkam. Wenn er einem preußischen Offizier eine Mark über Gebühr abknöpfte, so hatte er das Gefühl, die finanzielle Macht des Deutschen Reiches geschwächt zu haben. Bei diesem Manne wohnte der Unheimliche. In seiner freien Zeit war er hier und da zu sehen. Und jedesmal plötzlich verschwunden wie von der Erde verschluckt. Der vierte der Künstler war das gerade Gegenteil des Unheimlichen. Beide waren sie wirkliche Könner; aber während der Unheimliche mit ruhiger Stetigkeit erzeugte und sein Genie den ganzen Tag exerzieren konnte, war der andere von unberechenbaren Leistungen. Er lag halbe Tage, halbe Wochen auf dem Sofa in dem großen Atelier, die persische Pfeife rauchend, Anekdoten und Zoten erzählend. Er hatte einen Kopf mit zurückliegender Stirn, und mit seinem schwarzen Haar, den spitzen Augen und dem Bocksbarte sah er aus wie ein alter Faun, der sich zu Spaß und Abenteuer in moderne Kleidung geworfen hat. Er faulenzte und erzählte – nur der Unheimliche lachte nie –. Dann aber packte ihn plötzlich künstlerische Wut, sein Modellierholz schien besessen, und mit glühenden Augen, Speise und Trank vergessend, machte er in einem halben Tage die Arbeit einer Woche. Die Genossen staunten. Nur der Unheimliche nicht; der arbeitete ruhig und stetig. Dann verließ den Faun wieder das Genie. Vor der Anstellung der beiden neuen Künstler war in der Werkstatt auf Seffent als Vertretung des Ortspfarrers, der wieder einmal gichtbrüchig dalag, der Rektor Hadermacher aus Ludwigsmünster mit dem wohlgemessenen Auftrag seines Vorgesetzten erschienen, höflich dahin zu wirken, daß nicht allzu viel Nuditäten auf den Töpfen erschienen. So hatte er sich damals seiner Aufgabe entledigt: Menniken war gerade nicht da, als der Rektor eintrat. Eintrat? Aber sehr laut. Sein Schritt rief: Hört ihr es wohl? Ich komme! Die Kunstarbeiter hörten es wohl. Sie waren dienstbeflissener als je. Der Industrielle ahnte, daß er die Konsumenten seiner zukünftigen Heiligenfabrik vor sich habe. Der Rektor verschmähte den schnell bereiteten Sitz, sondern witterte zunächst so im allgemeinen in die Kunststube hinein. Dann ging er ans einzelne und an die Kritik: »Hm ... na ... jaja ... So! ... Das ist ja nett«; er lachte sogar einmal, da er ein kräftiges Trinkgelage dargestellt fand. Aber gleich darauf schoß der Zorn aus seinen Augen, denn auf dem Rücken desselben Kruges war dargestellt, wie Christus die Axt an einen mit Geräten des katholischen Ritus behängten Baum legt und die Worte spricht: »Das unkrut wil ich ausroten und werfen es ins feuer.« Doch weil es ein historischer Krug war, drückte der Rektor die Augen zu. Da trat sein Amtsbruder herein. Trat herein? Schlich herein! Nicht wie die Bescheidenheit es tut, wie Katzen es tun. Er hieß Simon Feuerstein und man sah ihm an, daß sein Vater noch als Jude geboren war. Der Sohn war etwas wie ein erster Christ mit dem großen Bekennereifer und der schwärmerischen Märtyrersehnsucht. Sein Gesicht war gelb, sein Haar war schwarz und die Augen – was für schöne, schrecklich-schöne Augen! Jetzt farblos, stumpf, undurchsichtig, jetzt grell wie Glühlichter. In seiner Brust stand eine ganze Batterie Fanatismus, und wenn zwischen dieser und seinem Aufmerken die Verbindung geschlossen war, leuchteten die Glühlichter in seinem Kopfe. Da schlug plötzlich der Rektor mit seiner gutgenährten Hand dem Industriellen auf die Schulter: »Da, sieh mal, Bursche, was ist das?« Das war selbst der klugen Ehrfurcht des Industriellen zuviel. Er sagte also sehr kurz: »Was meinen Sie?« Der andere war eben mit Andacht dabei, einer weiblichen Figur eine ausladende Hüftlinie zu geben. »Das, was der junge Mensch da macht!« »Hochwürden meinen mich?« hauchte der Wehleidige. »Ja, dich Bengel, wie kannst du solche Schamlosigkeiten machen!« Das war denn nun auch dieser sanften Seele zu stark. Seine Augen funkelten, und an den Rändern schwammen Tränen. Er sagte mit zuckenden Lippen: »Das ist die Susanna, Herr Rektor.« »Was?« schrie dieser. »Ein nacktes Weib ist das!« »Ja, wenn der Herr Rektor meinen ...«, ließ der Wehleidige verlauten. In Feuerstein waren die Glühlichter aufgeleuchtet. »Herr Rektor, sehen Sie doch nur ...!« rief er heilig entrüstet. Hochwürden Herr Rektor aber machten ihren Zeigefinger naß und fühlten in dem weichen Ton Susanna energisch rings um die volle Hüfte, daß die Spur jeder sündigen Deutlichkeit verschwand. Der Industrielle hatte aber neben seiner Klugheit auch Ehrgefühl. »Was wollen Sie denn, meine Herren? Soll denn die Susanna mit Kleidern ins Bad steigen? Gehen Sie denn so baden?« Nein. Die Herren gingen überhaupt nicht baden. In dieser Woche kam wieder in die Künstlerwerkstatt geistliche Revision. Dem Rektor aus Ludwigsmünster und dem Vikar Feuerstein hatte das Gewissen keine Ruhe gelassen. In der Erwägung, daß schon genug Gelegenheit zur Sünde in dieser Welt unter dem gleitenden Deckmantel der Kunst umhergehe, hatten sie sich zusammengetan und beschlossen, nach dem Vorbilde des tempelreinigenden Heilandes die ganze Sündenwerkstatt da oben mit heiligem Zorn auszukehren. Also kamen sie in der andern Woche nach der Neueinstellung der Künstler. Hatten auch erkundet, daß Herr Menniken auf einer Reise in die Museen der Nachbarstädte war. Also kamen sie mutigen Schrittes. Also schickten sie sich an, einzutreten. Doch waren sie etwas befangen wie Leute auf bösen Wegen. Also traten sie denn nun wirklich ein. Der dereinstige Kommerzienrat und der Wehleidige sprangen. Die beiden andern würdigten die Eintretenden keines Blickes. Der Faun hatte gerade seinen faulen Tag. Das verwirrte die Herren etwas. Feuersteins Augen suchten das ganze Atelier ab, die Susanna fand er nicht. plötzlich der Faun! Er hatte sich den früheren Auftritt erzählen lassen und gerühmt und geprahlt: wenn er nur damals dabei gewesen wäre! Er hätte die Atelierwanzen geknipst! Schadenfroh sahen die beiden Erstlinge der Werkstatt ihn an. Ihnen schwante etwas Böses, denn es gewitterte furchtbar in geistlichen Augen. Aber der Faun hatte das Genie. Also warf er sich in weltmännische Formen, begrüßte die Herren, stellte sich vor, sprach von der Ehre und den vielen Heiraten in der Gemeinde. Aber die geistlichen Herren saßen da und schnaubten ihn an. Der Faun wurde stiller. Der Heiligenfabrikant und der Schullehrer stießen sich gegenseitig in himmlischer Schadenfreude an. Der Herr Rektor fuhr auf den Drehstuhl los, an dem der Unheimliche an einem prächtigen Humpen modellierte. Seine Nüstern atmeten Flammen. Aber der Unheimliche drehte sich ruhevoll um und maß Hochwürden mit einem langen kalten Blick, der eine merkwürdig beruhigende Wirkung auf die von heiligem Zorne erregten Nerven hatte. Und wandte sich ebenso ruhevoll wieder zu seiner Arbeit. »Guten Tag«, brachte der Herr Rektor hervor. »Guten Tag, womit kann ich dienen?« Der Herr Rektor, der sich noch nicht ruhig genug fühlte, bog etwas aus. »Sie sind kein Deutscher, mein Herr?« »Freilich nein.« »Darf ich wohl fragen – woher Sie sind ... wo Sie geboren ...«, er mußte heftig schlucken. »Gewiß, mein Herr. Auf See, 87 Grad 20 Minuten 47 Sekunden östlich von Greenwich, 19 Grad 11 Minuten südlich vom Äquator.« Da riß der Herr Rektor vor Staunen den Mund und die Augen auf. »Sooo – –?« Das Wort würgte sich aus dem Munde. Das Staunen saß ihm wie ein dicker Stein im Halse. Also schluckte er noch einmal und sagte: »Wo ist denn das?« »Im Indischen Ozean.« »Soooo – – – –?« sagte der Herr Rektor nun besonders laut und lang. Und dann leiser, aber keineswegs unfreundlich: »Dann sind Sie wohl nicht katholisch?« Da stach den Unheimlichen der Hafer und er warf es flüchtig hin, wie einen Groschen einem Bettler: »Buddhist.« »Ei ... Na nu ... Buddhist. Ei freilich ...« Er stand vor dem jungen Mann mit der ganzen staunenden Achtung, mit der ein ungebildeter Binnenländer vor einem weitgereisten Manne steht, den er wie ein fernes Wunder betrachtet. Denn die Geistlichen kommen aus den unteren Ständen, sind arm und oft nicht weiter gekommen als bis in die Stadt, in der sie geweiht wurden. Also über Köln hinaus hatte der Herr Rektor noch nichts von der Welt gesehen, »Ei, ei! Buddhist! So ... ja gewiß! Jawohl, Buddhisten können auch gute Menschen sein.« Und er starrte den Menschen an, den ersten von den Menschen, die nicht an den einzigen Gott der Christen und Juden glaubten, und staunte darüber, daß sie den Christen so ähnlich sähen. »So, so ...« Herr Feuerstein suchte noch immer vergebens nach der Susanna. Unterdessen hatte auch der Faun sein Genie wieder in den Sattel gesetzt. »Meine Herren, hier habe ich etwas, das Sie interessieren wird. Sie haben Interesse für die Kunst, das beweist Ihr heutiger Besuch bei uns, also auch für das schönste Kunstwerk, das der allmächtige Gott zu seiner Ehre und zur Freude der Sterblichen geschaffen hat, für den Menschen, insbesondere für das Weib.« Und er holte aus einem Schrank große Mappen, auf denen stand: Le Nu esthétique , künstlerische Aktstudien heraus und breitete alles auf dem Tische und den Stühlen aus. Die Gehilfen standen herum, auch der Buddhist hielt ein in seiner Arbeit und sah ruhevoll zu. Im ersten Augenblick hatten die hochwürdigen Herren aufbegehren wollen ... hatten wollen? Hatten sich erinnert, daß sie wohl wollen mußten ... und dann waren sie ja doch auch gebildete Menschen und keine ungebildeten Bauern ... und der Faun vor ihnen redete so selbstverständlich ... und es war so still im Atelier. Und was da auf den Blättern stand ... Gott, das hast Du geschaffen? Soviel Schönheit hast Du geschaffen? Großer allmächtiger Gott, soviel Schönheit ist ... auf der Erde ...? Und der Faun redete ganz ruhig und erklärte das Anatomische. Es war ganz still im Atelier. Die rote Abendsonne huschte herein und brannte auf den roten Köpfen der geistlichen Herren. Hörbar ging der Atem. Wie angeleimt waren die geistlichen Augen an den Blättern ... Die jungen Männer hinter ihrem Rücken lächelten verstohlen ... Doch der Faun sprach mit großer Ruhe und Selbstverständlichkeit, wenig interessiert, wie der Professor in der Anatomiestunde. Sprach über die Proportionen nach dem Kanon des Lysipp, dem des Polyklet und Schadow, über den pectoralis, biceps und triceps , den gluteus magnus , den Pyramidenmuskel und andere Muskelzüge; und war wie ein feinsinniger Anatomieprofessor ehrlich genug hinzuzufügen, daß er damit an das Wesen der Schönheit nicht im geringsten gerührt, daß die Schönheit ein unfaßbares Geheimnis sei, und fügte ad hoc hinzu, daß damit schon allein das Dasein Gottes, des größten Künstlers, bewiesen sei. Beide Hohen Würden standen gebannt ... und es war so feierlich still ... – da läutete die Abendglocke auf der fernen Dorfkirche, aus Belgien trug der Westwind den gleichen Schall herüber, die Gehilfen waren lächelnd dabei, die Tonmodelle mit nassen Tüchern zu umwickeln, die Modellierhölzer, Drehstühle und Hände zu reinigen und ihre weißen Kittel auszuziehen, da meinte auch der Faun bei sich, daß es nun genug der Quälerei sei, er packte mitleidlos die Bilder vor den andächtigen Augen zusammen, legte sie in den Schrank, sagte Gutenacht und er müsse noch heute abend hinaus nach Spa, ein Modell für seine Bacchantin zu finden. Er ging. Auch die andern waren bereit. So mußten auch die geistlichen Herren gehen. Wie sie aus ihrem Traum erwachten, das war, wie wenn man ein dickes schweres Buch aufschneidet. Sie gingen mit schleppenden Gliedern. Ihre Köpfe brannten aus ihrer schwarzen Kleidung wie Flammen, die aus Ofenröhren schlagen. Ihr Atem schnaubte wie der Zug des Feuers und des Rauches im Kamin. Als sie draußen waren und durch den hallenden Torweg gingen, stöhnte plötzlich der Herr Rektor aus all seiner Not und Qual: »Und führe uns nicht in Versuchung.« Und der Herr Vikar responsierte: »Sondern erlöse uns von dem Übel.« Der Faun war durch eine andere Tür ins Atelier zurückgekommen. Die Künstler stimmten ein ungeheures Lachen an. Selbst der Unheimliche lachte. »Die kommen nicht wieder«, sagte der Faun. Als Herr Menniken zurückkehrte, lud er die jungen Leute auf ein Trinkgelage ein. Dort feierten sie unter großer Freude die Trennung von Kirche und Atelier, die Emanzipation ihrer Werkstatt von der Klerisei. Frau Johanna Menniken war unter ihnen und war sehr froh. Sie spielte an diesem Festabend auf der Geige, auf der sie eine Künstlerin von Beruf war, denn Bernhard Menniken hatte sich die Frau vom Konzertpodium herab in sein Haus geholt. Und die Frau übte einen stillen wohltuenden Einfluß auf die etwas genialisch-wilden Sitten der jungen Männer aus, kein unschickliches Wort fiel, und die schönste Freude herrschte. Selbst der Unheimliche blieb diesen Abend auf Seffent. »Das haben Sie gut gemacht, Herr Zillikens. – Er hat eigentlich eine Belohnung verdient, was meinst du, Johanna?« Johanna Menniken stand auf und schenkte dem Faun einen Ring von ihrem Finger. »Recht so! Hüten Sie ihn wohl, Herr Zillikens.« Den Faun faßte Dankbarkeit, Freude und sein wildfrohes Temperament und er rief: »Noch im fernen Tode soll er mir am Finger sein! Es lebe unsere schöne liebe Hausherrin!« Die Rothaut. Die Kritik Aus dem »Neuen Krugenofen« klang meist Gelächter. Die Farbe auf dem Fußboden um die Theke wurde schnell abgescheuert, soviel standen die Männer da herum, ihnen gegenüber die Agnes mit den schönen Gliedern. Deeres erschien nicht mehr. Da sein Maulwerk daheim entbehrlich war, ging er über Land, mit Gebetbüchern und Hühnervieh handelnd. Nachts schmuggelte er Sprit über die Grenze. Er kannte einen stillen dunkeln Weg durch das Jammertal. Die Agnes lachte nicht mehr. Sie stand jetzt stumm hinter der Theke, hinter Stühlen und Spülkübeln verbarrikadiert, und sah mit bangen Augen einen jeden an, wieviel sie wohl an Witzen und Anzüglichkeiten zu gewärtigen habe. Sie war wie ein getretener Hund. Aber je bänger sie tat, desto herausfordernder wurden die Männer. Und immer wieder kamen neue: Handwerker, die zum Gewerbe gingen, gehen wollten, traten für eine halbe Stunde oder für einen halben Tag ein. Holzfäller mit ihren Äxten auf ihrem Wege in die Eifelforsten, Wiesenbauern mit der Forke, die auf die Weiden gingen, den Kuhmist in die Halbmonde zu spreiten, Grenzaufseher, die vom Dienst kamen, und Fuhrleute, die auf der Napoleonsbahn unterwegs waren. Deeres, wenn er über Land ging, verfehlte nicht, mit einigen halben Andeutungen zum Besuch seiner Wirtschaft einzuladen. Ein Mädchen mit einer roten Haut wie ein Indianer ... haha! Mit gesteigerter Angst sah Agnes jeden neuen Gast eintreten, geduldig der Späße harrend, die sie sich mußte gefallen lassen. Es war einer unter ihnen, ein Belgier, der drei Tage hintereinander kam. Er war Waldarbeiter, aber er ließ Arbeit Arbeit sein. Am ersten Tage war er aus Lüsternheit gekommen, aber die leidvolle Miene des Mädchens hatte es ihm angetan, sodaß er keinen Spaß hatte sagen können. Er liebte sie. Aber er war stolz und konnte nicht verstehen, wie sie die Schandbarkeit ertrug. Kopfschüttelnd ging er auch am zweiten Tag. Doch er zwang es sich ab, noch einen dritten Tag zu kommen. Seine Erwartung wurde nicht erfüllt. An dem langen Blick, mit dem er von ihr Abschied nahm, merkte endlich die Agnes. Sympathisch war er ihr schon gewesen als der einzige, der sie verschont. Sie errötete tief und brachte eine schreckliche Nacht zu in dem Gedanken, was der Fremde von ihr denken werde. Sie beschloß, ihm morgen zu zeigen, daß sie Ehre und weibliches Selbstgefühl im Leibe habe. Aber er kam nicht wieder. »Ich bin ja gar nicht rot!« rief sie unter lautem Weinen. »So«?! Haha, sie greint!« »Ich habe weißes Fell wie alle!« »Beweisen«, schrien sie. »Zeigen!« Da stürzte sie heulend hinter der Theke hervor; großes Gelächter folgte ihr. Den Mangel an Aufsicht benutzten drei jüngere Steinbrecher, einige Schnapsflaschen zu stehlen. Deeres, der kurze Zeit darauf zurückkam, warf sie ohne Umstände zur Tür hinaus und drohte mit dem Gericht, wenn sie ihm den Schaden nicht ersetzen werde. In stiller Wut stellte er seinen Handel ein. Der profane mit Federvieh war schlecht gewesen, aber der sakrale mit Gebetbüchern ließ sich gerade zum schönsten Geschäft an. Als Deeres, der jetzt wieder hinter der Theke stand, nach einigen Tagen hörte, daß die Agnes auf Seffent Stellung genommen habe, schrieb er ihr einen höflichen Brief, stellte ihr ein gutes Zeugnis aus und erließ ihr den Ersatz des erlittenen Schadens. Seffent, wo die Agnes Unterkunft gefunden hatte – wie kurz vorher die Katherina Emens, welche, nachdem der Kannegießer nach Afrika zurückgekehrt war, das Haus der van den Daele in dem Gefühle, nicht dahin zu gehören, verlassen hatte –, bildete sich mehr und mehr zum Kristallisationsmittelpunkt der höheren Elemente in der Landschaft aus. Die feineren und edleren Gemüter gruppierten sich allmählich um das einsame Haus an der Grenze. Die Gegensätze wurden schärfer und schärfer, und der Mann mit den Zielen eines Volkstribuns drohte langsam in die Rolle eines alten Feudalherrn zu geraten. * In einer klerikalen Zeitung der Stadt stand ein heftiger Artikel, in dem lärmende Klage geführt wurde über die zunehmende Versinnlichung der Kunst und das neue Unternehmen drüben auf dem alten historischen Boden des Kannenbäckerländchens ein gefährliches Institut genannt wurde. Die eine Zeitungsauslassung weckte ein vielstimmiges papierenes Echo. Man hatte hier und da dies und das von dem neuen Unternehmen gehört, Liebhaber und Museen hatten von den Erzeugnissen aufgekauft, und nachdem der letzte Topfbrand, der unter großer Teilnahme des Volkes vor sich gegangen, so wohl gelungen war, daß der ganze Kunstbrand schon im Ofen verkauft wurde, waren auf Seffent alle Hände in Bewegung. Die Lästerreden schadeten nicht. Dann aber kamen drei im ganzen ruhige Stimmen aus nichtklerikalen Blättern. Ein Blatt mit vorwiegend kaufmännischen Interessen spottete ein wenig freundlich-gutmütig über die gewaltsame Pflege eines Kunstzweiges in einer Zeit, die soviele ernste soziale und materielle Aufgaben habe. In einer künstlerischen Monatsschrift entrüstete sich ein Kunstbonze darüber, daß gewerbsmäßige Fälscher, Antiquitätenhändler und andre die neuen Erzeugnisse als historische Kunstobjekte verkauften und den Markt verdürben. Was um so leichter, als die Nachahmung wirklich eine vortreffliche sei. Die dritte war die besonnene sachliche Äußerung des größten Provinzblattes, daß, so sehr ein solch ideales Streben nach Wiedererweckung heimischer Kunstarten an sich gelobt werden müsse, in diesem Falle die Unternehmung völlig verfehlt sei und auf verkehrten Voraussetzungen stehe. Höchstens irgendeine hierarchische Kirche, aber kein noch so ideales Unternehmen könne es sich leisten, außerhalb der großen Landstraße der Zeit eigensinnige oder romantische Feldwege zu laufen. Die Töpferindustrie sei vor zwei Jahrhunderten dem Wettbewerb der Fayence und des Porzellans erlegen, und da man sich heute kaum noch irdener Erzeugnisse bediene, so hätte man zum mindesten beim Porzellan anfangen und etwa durch eine neue Zierweise dem Zeitgeist zu dienen versuchen sollen. Menniken saß, die Blätter in der Hand, nach der Feierstunde am Samstagabend bis tief in die Nacht in der stillen Werkstatt. Die Zeitungsblätter zerknüllte er und warf sie zur Erde. Aber er sah das Jämmerliche seiner Rache, hob die Papiere stöhnend auf, glättete sie und sah sie an mit dem leidvollen Auge, das fragt: Wißt ihr auch, was ihr mir angetan habt? Enttäuschung. Wie ein großer Vogel mit weiten breiten Flügelschlägen war sein idealer Plan aufgestiegen. Aber plötzlich ergraute der Himmel, dunkelte, wurde Wolken und Nacht. Und ein Regensturz kam nieder, die Federn wurden naß und die Flügel schwer, das Gefieder troff, und der Vogel stürzte zur Erde. Enttäuschung. Und das Schlimmste daran war die gute Einsicht, daß etwas Wahres aus diesen öffentlichen Stimmen sprach. Es wurde dunkel und spät. Die Nacht reichte mit langem stillen Arm durch die großen Nordfenster in die Werkstatt und malte alles, Wand und Boden, Drehstühle, Gestelle, Kisten und Kasten mit grauer Farbe an. Diese Nacht war sternenlos. Die Agnes war gekommen, Herrn Menniken zum Abendessen zu bitten. Sie hing mit großer Liebe an dem Manne, der ihr so schnell eine geschützte Unterkunft gewährt. Aber jedesmal, wenn er sie ansah, wurde sie feuerrot. »Ich mag nicht essen, Agnes.« »Nein.« Er lag nachlässig und leidvoll auf dem Sofa. Und er begann zu scherzen: »Morgen also um diese Zeit springen Sie auf dem Sonntagsball im ›Krugenofen‹.« »Nein!« stieß sie hervor. »Nicht?« »Nein!« »Kümmert sich denn niemand um Sie? Sie sind doch ein schmuckes Mädchen!« »Doch.« »Na also.« »Alle.« »Sehen Sie wohl!« »Sie lachen über mich!« »Warum denn, Agnes?« Sie bedeckte das Gesicht und sprach nach einer Weile: »Das sag' ich nicht.« Aber ihr rot erglühender Kopf und Hals gaben die Antwort: Rothaut. Sie brach in heftiges Weinen aus: »Ich kann nicht ertragen, wenn sie über mich lachen.« Menniken, mit schmerzlich-lächelndem Gesicht, hätte ihr die Blätter hinüberreichen mögen und sagen: »Sieh her, über mich lachen sie noch mehr.« »Ich muß sterben, wenn sie über mich lachen«, jammerte sie plötzlich herzzerreißend laut. »Trösten Sie sich«, sagte er gedankenvoll und dachte mehr an sich als an das Mädchen. Die Rothaut stürzte hinaus. Die Nacht reichte wieder mit langem stillen Arm durch die großen Nordfenster in die Werkstatt und trug auf den grauen Anstrich einen dunkleren auf. Die Tür ging leise und Johanna Menniken stand darin. »Du kommst nicht zum Abendessen, Bernhard?« »Komm zu mir, Johanna!« Wie ein Schatten der Nacht kam sie zu ihm. Sie stützte das Knie auf das Sofa und zog ihn an sich. »Du bist traurig, Bernhard.« »Ja«, sagte er. »Ich weiß es«, sagte sie leise. Es war eine Weile still. Sie atmeten im gleichen Atemzuge miteinander. »Du, Bernhard!« »Ja?« »Sag' mal, Bernhard,« sprach sie leiser, »ist uns nicht eigentlich recht geschehen?« Er zog den Arm von ihr zurück. Sie drängte ihm nach. »Bernhard, du hast Großes gewollt. Gewiß. Aber bist du nicht voreilig gewesen und hast die Mittel nicht recht überdacht? Und wenn das Volk, für das« – sie pausierte ein wenig – »du arbeitest, sich so kühl verhält, verrät es nicht einen klugen Sinn? Denn, die Hand aufs Herz, ist es Interesse für die Leute oder nicht vielmehr der Ruhm des alten Namens der Menniken, der dich nicht schlafen läßt?« »Johanna!« »Ich glaube, du bist nicht auf dem rechten Wege, Bernhard. Du liebst das Volk nicht, obgleich du vorgibst, dafür zu arbeiten. Du bist viel zu aristokratisch gesinnt, um dieses selbstsuveräne Völkchen zu lieben.« »Du urteilst ja sehr sicher über das Volk, obgleich du fern von ihm aufgewachsen bist.« » Weil ich es bin; und weil du in ihm geboren bist, kannst du es nicht kennen und überschauen wie ein Haus, dem du zu nahe unter die Fassade getreten bist.« »So –?« »Ich glaube, Bernhard, ich werde dich dein Volk verstehen lehren müssen.« »Laß mich, bitte, allein.« Da ging sie gehorsam hinaus. Die Nacht langte wieder durchs Fenster und legte auf den dunkleren Anstrich einen schwarzen. Als er in das Schlafzimmer trat, schlief sie schon. Er trat in den Erker und sah hinaus auf die nachtschlafende Landschaft. Auf dem hochgelegenen Bahnhofe war eben der letzte Arbeiterzug angekommen, der Samstags die jungen Männer und Mädchen, die in den Nachbarstädten arbeiteten, für einen Tag in die Heimat brachte. Die große Schar derer, die zuviel in diesem Land waren, trabte durch die Nacht zu den Häusern, in denen breit und gemächlich die wohnten, welche das Land ernährte. Er stand wieder vor der Frage: Arbeitete er wirklich, wie er es vorgegeben, für diesen Überschuß des Landes? Als der Tag mit langem Arm ins Zimmer reichte und die Dinge, welche die Nacht schwarz angemalt, mit einem andern Anstrich versah, grau, heller, bis weiß, hob er seinen erschütterten und überwachten Körper aus dem zerwühlten Bett, trat in den Erker hinaus und öffnete das Fenster. Die frische Morgenluft fiel als eine dicke schwere Kühle herein auf den Boden des nachtwarmen Zimmers, und die Kälte und Köstlichkeit des Lufthauches belebte den müden Mann. Er sah auf das Land, auf Wiesen, Steinbrüche, Kalköfen, Häuser und Höfe. Nachdenklich. Es war ein grauer Tag. Die Sonne lugte einmal durch einen Schlitz in den Wolken in die Welt hinein wie Kinder durch einen Riß im Segeltuch in den Zirkus. Er wandte sich vom Fenster ab und schaute nach Johanna hin. Das weiße Laken über ihr verwischte die Umrisse und prägte nur eine Ahnung ihres Körpers aus. Ihr Atem ging leicht wie die weiche Flanke einer Eidechse. Sein Blick bewegte sich über sie. Sie wachte auf, sah ihn groß wie einen Fremden an, schluckte einmal, rieb sich die Augen, war zunächst nur ein rein animalisches, ein schönes weibliches Tier; dann kam das Bewußtsein, breitete die menschliche Seele wie ein schönes Kleid sich über sie aus, und sie sagte lieb: »Guten Morgen.« »Guten Morgen, Johanna.« »Ei, du bist ja fröhlich. Hast du gut geschlafen?« »Gar nicht.« »Und doch –?« »Ich habe die ganze Nacht nachgedacht über das, was du gestern sagtest, Johanna. Ich glaube, du hast recht, Johanna: ich habe nur an mich gedacht.« »Ah ...!« »Ich seh' es wohl ein, aber ... ich kann doch nicht anders fühlen«, klagte er. »Weißt du, ich ... ich mag das Volk nun einmal nicht!« »O edler Volksbeglücker! Ich glaube, dergleichen hat mancher Volkstribun im stillen Kämmerlein seiner Frau ins Ohr gesagt. Aber«, fügte sie ernst hinzu, »du solltest dich mehr unter das Volk mischen.« »Ich kann nicht!« »Aristokrat, schrecklicher!« sagte sie lachend, »du bist einer! Wenn ich vor den Leuten sagte, du seist ein Aristokrat, so würde es heißen: das ist eine schlechte Frau, die schimpft ihren Mann.« »Du bist doch ein kluges Weib«, sagte er langsam und nachdenklich. »Aber wirklich, Bernhard, geh' etwas mehr unter die Leute und freu' dich mit an ihren einfachen Vergnügungen. Ich fühle mich ganz wohl unter ihnen. Hör' herum, was sich zuträgt, auch wenn es nichts mit dir und deinen Absichten zu tun hat, oder laß es dir von Lenates erzählen. Du, Bernhard, zum nächsten Schützenfest, da gehen wir beide hin, ja?« »Ja«, sagte er lächelnd. Da lachte sie ihn an und war ein fröhliches Weib. »Der Kannegießer,« sagte er, »jener tapfere Mann, von dem ich dir erzählt, ich glaube, das wäre einer gewesen, mit dem ich mich außer mit Lenates noch wohlbefunden hätte. Obschon er ein ungebildeter Mann war. Er war so ganz ein Mensch, einer von denen, die von vornherein das sind, was andre durch die Bildung erst werden wollen. Schade, daß er zurückging in die Kolonien.« »Ja,« sagte sie, »das ist jammerschade; aber das Leben ist eben keine Puppenbühne, auf der man die Figuren nach Absicht und Behagen schieben und fahren kann.« »Wie ist es mit der Katherina? Bedauert sie ihre Unerbittlichkeit nicht? Mag sie ihn nicht zurückrufen?« »Nichts, man merkt nichts an ihr; sie tut ihre Pflicht so treu wie ein Hund, lacht nicht, weint nicht, und da sie selbst nicht davon spricht, mag ich sie nicht fragen.« »Wunderliche Menschen,« sagte er, »man findet sie lächerlich und hat doch ein Staunen vor ihnen, das mit Schrecken gemischt ist.« »Laß sie, sie wird wohl ihr Teil am Glücke haben in dem Bewußtsein, daß sie sich durchgesetzt hat, mehr vielleicht, als sie als Weib und Mutter gehabt haben würde. Manchmal meine ich, es ist nichts gerechter als die wilde Natur und das unbarmherzige Leben.« »Wunderliche Menschen«, sagte er. Sie traten zusammen in den Erker und sahen die morgenhelle Landschaft hinab. Über den Steingruben, an den Hängen und in den Wiesenbenden wogten langsam die weißen Nachtnebel, als dehnten und streckten sie sich vor dem Aufstehen auf ihren weiten Betten. Dann erhoben sie sich und zogen fort. Plötzlich riß eine Wolke auf, und die Sonne trat herein. Die Landschaft Es war ein Sonntagmorgen. Große Stille lag über dem Lande. Die Stille klang gewaltig, als läuteten oben in der Himmelsstadt die Glocken zum Hochamt, das Gott selbst zelebrieren wolle. * Im Laufe des Vormittags wurde Agnes mit einem Briefe nach dem »Turm« geschickt, wo van den Daeles nach dem Brande des Sterns Wohnung genommen hatten. In dem Briefe sagten sich Mennikens für den Nachmittag zum Besuche an. Sie wartete, bis die Glocken das Ende des Hochamts verkündeten, da die Burschen und Männer in den Schenken blieben, und die Frauen und Mädchen nach Hause gingen. Sie begegnete auch kaum einem Burschen, nur dem Feuerstein. Vor dem errötete sie nicht, denn ein Geistlicher ist kein Mann, er ist ein heiliges Neutrum. Sie sagte im Vorbeieilen: »Gelobt sei Jesus Christus!« Er erwiderte: »In Ewigkeit, Amen«, und dachte dabei: ›Das ist ein schmuckes gesundes Mädchen, das soll unsrer heiligen Kirche viele fromme Söhne gebären.‹ Dagegen begegnete sie, wie beabsichtigt, den Mädchen. Sie sprach mit ihnen. Die lachten, einige kicherten, und eine, welche ein weniger schönes Halstuch hatte als die Agnes, rief ihr laut »Rothaut« über den Kirchweg zu. Da lief Agnes eilig auf einem stillen Wiesenpfade fort. Sie war in tiefem Nachdenken und betete so recht innig zum lieben Gott, er möge ihr Vorhaben doch bitte gelingen lassen. Eine große Hoffnung erfüllte die Agnes und machte sie sehr froh. Am Nachmittage kamen Mennikens zu van den Daeles in den »Turm«, die kleine mittelalterliche Wasserburg. Noch lag die Zugbrücke da, jetzt freilich unbeweglich. Früher, als sie vor Erbauung des Sterns auch hier gewohnt hatten, ließ die Hausherrin die Brücke jede Nacht aufwinden, weniger aus Furcht vor Dieben als aus unschuldigen feudalen Gelüsten. Unter den Bauern im Dorfe war, wenn sie das Geräusch in der Dämmerung hörten, großes Vergnügen und Spott über diese verspätete Feudalität. Und wenn sie an lauen Abenden in Hemdärmeln mit der Pfeife im Mund an dem Wassergraben vorbeispaziert waren, hatte es jedesmal über »die Knäuel« so viel salzigen Spott gegeben, daß, wer das Wasser geprüft hätte, es wie Meerwasser hätte finden müssen. Man saß auf dem platten Dache des »Turmes«, der alte Zinnenkranz die Grenze für die Körper, der Horizont für die Augen, und dazwischen und darüber die ganze weite Unendlichkeit des Himmels für die Gedanken und Träume. Das grüne Gewoge der Landschaft ging weich und milde. Eine große Lieblichkeit war überall, als hätte Gott, als er über das Chaos dachte, an dieser Stelle besonders lieblichen Gedanken nachgehangen. Es war Nachmittag, und die Sonne war nicht mehr heiß, nur Gold. Die Sonne war wie ein großes Loch im Firmament, durch das aller verbrauchte Glanz des Himmels abfloß. In der Ferne die Wälder gegen die Grenze und gegen die benachbarten Städte standen und hockten über einem Geheimnis und Dunkel. Die Häuser standen hell und heiter in der Landschaft wie niedliches Spielzeug außerweltlicher Riesen. Aber da solcher Art Riesen derbe Knochen und rohe Finger haben, so schien ihr Spielzeug recht monumental geraten. Die Landschaft zeigte sich in unzählig viele kleine Stücke aufgeteilt, und die meisten Erbe waren mit lebenden Hecken eingefaßt, überall die deutliche Sprache jeden Eigners: dieser Grund ist mein! Aber mochte das grüne Land auch sehr zerstückelt scheinen, wie ein großer Teppich in Lappen verschnitten sein, durch die vielen mit blauem Kleinschlag beschütteten Pfade, die hell durch die Wiesen liefen, waren die Stücke gewissermaßen wieder wie durch Fäden aneinndergenäht. Eine große Weichheit und Zwanglosigkeit, ein Verschmähen aller Gewalt lag über die grünen Fluren gebreitet. Im Ackerlande wird der Boden Zoll für Zoll vielfach bearbeitet, gelockert und zerkrümelt, damit jedes Körnchen Grund seine volle Kraft hergeben könne, durch Dung und künstliche Mittel zu Leistungen, die das von der Natur gegebene Maß übersteigen, getrieben; die Wiesen geben, nur eben regiert und in allgemeiner Ordnung gehalten, soviel, als ihnen das Fett des Bodens und die Feuchte des Himmels zu spenden erlauben; auch das Vieh, das rupfend über den Rasen schreitet, scheint im stillen Einverständnis mit den Trieben der Erde nur die freie Gabe zu achten: die Stellen, an denen ein Kuhfladen gespreitet wurde, wo das Gras von der Kraft des Dungs fett gemacht zu üppiger Höhe taumelnd aufschoß, werden verschmäht, die rauhe Rinderzunge weidet scharf um die Figur herum, und die tiefgrünen Halbmonde bleiben auf dem bis zum gelbgrünen Grunde gerupften Wasen übrig, sodaß die Sense kommen und die Gräser fällen muß. Das Wiesenland leistet wie ein Bruder des Menschen in Freundschaft und Freiheit, vom Sonnenglanze erheitert und verschönt, das Ackerland wie sein stöhnender Sklave, dampfend unter den Gluten der Sonne. Über dem Ackerlande liegt feierliche Schwüle, ein hohes Pathos der in Millionen Ähren zu außerordentlicher Fruchtbarkeit angestrengten Erde. Im Wiesenlande aber bedient der Boden gefällig den Menschen, der nicht mehr verlangt, als jener unter alltäglichen Umständen hervorzubringen vermag, der Mensch bedient den Grund, er sammelt die verstreuten Steine und wirft sie auf die Straßen, sticht den sich breitmachenden Wegerich aus dem Wasen, hält die Hecke um die Wiesen instand und vertraut das übrige der gütigen Natur und den gnädigen geschicken des Himmels. Ernst und mächtig bewegte sich das Vieh in der Nachmittagssonne auf den Weiden, mit der Wucht und Andacht, mit der in der Natur ein animalisches Bedürfnis befriedigt wird. Der Kopf mit den rupfenden Lippen wandert vor, ein Bein wird dem andern langsam nachgesetzt, und schwerfällig bewegt sich die plumpe Macht des Körpers über die Wiese. Weiße Kühe, rote Kühe, weiß und rote Kühe, mausgraue, schwarze, weiß und schwarze Kühe, bunte Farbmassen, die über den grünen Untergrund sich rühren. Und über allem der Goldglanz der Sonne. Weiße breite Landstraßen zogen umher, auf gemächlichen Umwegen eine Höhe nehmend und in bedächtigen Windungen einen Abfall. Die führten eine große Sprache. Die waren die hohe Note in der Landschaft. Geringschätzig sahen sie auf die Wiesen nebenan und sagten: »Was wißt ihr, ihr dummen grünen Kuhweiden! Ihr seht nichts als das Stück Himmel, das über euch hängt, erlebt nichts als eine Kuh und ein Kalb, oder gar einen Sommer durch langweiliges Heu und einen Winter lang Nässe, während euch kein Fuß betritt. auf unserm Rücken aber bewegt sich der Verkehr, durch uns erst werdet ihr zugänglich und nutzbar. Und was erleben wir den Tag über an Fuhrwerken, Wanderern, Viehzügen, an Hoffnungen, die über uns hinwegeilen, an Enttäuschungen, die über uns schleichen! Wie anders dienen wir unsern Göttern als ihr! Wir gehören ihnen allen, werden von der Liebe aller geschaffen und gepflegt. Ihr seid der Willkür eines Einzelnen ergeben ... ihr dummen grünen Kuhweiden, ihr! Nun ja, aus euch machen unsre Herren und Götter ja auch etwas, sie streichen die Falltore in euern Hecken rot an ... ihr dummen grünen Kuhweiden. Wenn wir Wege nicht wären, was wärt ihr ohne uns, ihr – ›die am Wege‹.« Wenn sie aber an einem der festen Häuser vorbeistrichen, wurde ihr Ton sehr viel bescheidener. Sie wagten keinen Laut und sahen bloß an den grauen Mauern andächtig hinauf, hinter denen ihre Gebieter wohnten. Aber draußen zwischen den Wiesen verfielen sie wieder in ihre hohe Tonart. Bernhard Menniken sprach über die geschichtliche Vergangenheit des Landes. Seinen Weg, das Land für sich neu zu entdecken, begann er bei der Geschichte. Doch nur Frau van den Daele war bei seinen Ausführungen, und auch das nur so lange, als er ihrer Behauptung, der »Turm« sei ein Jagdschloß Karls des Großen gewesen, nicht widersprach. Als er aber darauf hinwies, daß es in diesem alten Lande selbstverständlich üblich sei, jedes ein wenig graue Gemäuer auf diesen Ortshelden zurückzuführen, daß übrigens das Volk den Turm wegen seiner Form das »Käsbecken« nenne, da war Frau van den Daele sehr auf den Fuß getreten. Menniken sprach von seinem Gute Seffent, ursprünglich einer keltischen Ringburg, die die Römer zu einem quadratischen castrum umwandelten, wie es im Mittelalter zuerst Feudalburg, in der Kannenbäckerzeit Wohnsitz der Menniken wurde, und wie sich zuletzt noch Napoleon mit dem Gedanken getragen hatte, diesen bedeutsamen Punkt an der wichtigen Straße zu einer Festung umzugestalten. Begreiflicherweise war das für Frau van den Daele zu viel der historischen Ansprüche und Merkwürdigkeiten, sie widersprach und wollte schließlich die Behauptungen nur zugeben, wenn Herr Menniken einräume, daß der »Turm« ein Jagdschloß Karls des Großen gewesen sei. Auch Herr Dalton, Frau Sandras Gatte, war da; er verbrachte sein Wochenende im Kannendorf. Sein Äußeres war untadelig, Kleidung und Bart, Gebaren und Krawatte, Sprache und Schuhwerk. Die Schwiegermutter nannte ihn in ihren liebenswürdigen Stunden: »Mon cher commee-il-faut«. Dieser Ritter Tadellos war auch ein rechter Ohnefurcht, wenn es die Schwiegermutter zu veranlassen galt, Geld in seinem Hypothekengeschäft anzulegen. Ritter Ohnefurcht und Tadellos, Olivier Dalton, Hypotheken- und Effektengeschäft, Pfand- und Darlehenbüro. Um den Mund herum hatte das widrige Geschick diesem Ritter Ohneglück einige Runen geschrieben. » Monsieur de malheur « nannte ihn tieflaunig und bedauernd Frau van den Daele und machte ihn darauf aufmerksam, daß das Unglück die beste Erziehung für die Menschen, eine wahre Hochschule für Helden sei. Er bekam aber keine hundert Mark. Frau van den Daele erzählte Frau Menniken, sie trage sich wieder mit dem Gedanken zu bauen, nur wußte sie noch nicht, ob nach dem Muster von Sanssouci oder der Alhambra. Sie teilte auch einen Ruhmeskranz aus an Bernhard Menniken für seine idealen Bemühungen, das Volk zur Kunst zu erziehen. Unerwartet sagte Menniken, er habe eine solche Erziehung nicht mehr im Auge. »Nicht –?« »Ich meine, man sollte die Leute nur möglichst in Ruhe lassen«, äußerte Herr Dalton. »Ist es denn unrecht, Herr Dalton, etwas für die Leute zu tun?« frug Frau Menniken. »Aber, gnädige Frau, wollen die Leute das denn? Die sind doch wohlhabend und fleißig, und das Land ist blank und reich. Es ist eine merkwürdige Sucht in unserer sozialdenkenden Zeit, für das Volk zu arbeiten. Man soll die Leute nur in Ruhe lassen, ich glaube, das ist ihnen am liebsten.« »Aber diejenigen, welche das Land nicht ernährt?« frug Menniken. »Diese Milchwirtschaft ist ein bequemes Gewerbe, und die Städte sind nahe Absatzgebiete. Aber es ernährt nur den alten eingesessenen Stamm der Bevölkerung. Sie darf sich nicht vermehren. Sehen Sie dort den Haufen Leute, welche mit dem roten Packen durch die »Zeile« herkommen und zum Bahnhof hinaufsteigen, um an ihre Arbeit auf die Baugerüste und vor die Hochöfen zu treten. Wöchentlich oder vierzehntäglich kommen sie auf einige Stunden nach Hause und bringen fremde Sitten und Ansprüche mit, wenn sie nicht draußen bleiben und das städtische Proletariat vermehren. Was soll mit denen geschehen?« Da schwieg auch Herr Dalton. Die Sonne wurde größer und massiger und sank tiefer, als zöge ihr Gewicht sie nieder. Sie rollte zum Horizont hinab wie eine Goldkugel, mit der die Engel auf dem weiten Himmelsplan den Tag über gespielt haben, die sie am Abend gleichgültig von sich stoßen. Drunten ging das abendliche Leben der Milchdörfer vor sich. Aus den Brunnenhäuschen trug man in die Höfe und Ställe das Trinkwasser für die Kälber, Auf den Benden ging das Vieh zur Tränke. Hier und da war ein kleiner Teich mitten in der Wiese, ein helles Wasser mit Weiden umstanden. Wie ein von Wimpern umrahmtes Auge. Wo Hof und Wiese beisammenlagen, stand das Vieh wartend und brüllend vor den Stalltüren, denn die Euter taten weh. Zu den abseitigen Erben bewegten sich die kräftigen Bauernmädchen mit blanken Melkeimern an hölzernen Tragjochen. Mit ihnen gingen schleppenden Fußes die Burschen und Männer, blinkende Mistforken auf den Schultern. Und während die Mädchen molken, spreiteten sie den Kuhmist in die Halbmonde. Ein gewisser warmer Geruch von Milch und Stall erfüllte die Luft. Im Westen, am Rande der Landschaft zog sich die »Zeile«, eine herrliche lange Straße her, an der kein offenes Haus, nur geschlossene Höfe lagen. Ein großes, grünes Fahrtor in der Mitte des ganz ummauerten Anwesens, daneben eine kleine Schlupfpforte, an der einen Seite hohe Stallgebäude und Scheunen, an der andern das Wohnhaus, dessen Schmalseite mit einigen Fenstern wie über die Schulter herüberschaute, wer denn nur vorüberging. Die »Zeile« war eine historische Straße, voll von steinernen Zeugnissen alter Bauernherrlichkeit. Geschlossen war sie von einem breiten Wirtshaus, dessen Vorplatz eine mächtige Linde überschattete. Darunter standen Steintische, Bänke und ein langer steinerner Trog mit einem Laufbrunnen als Pferdetränke. Auf einem grünen Schild stand in roten Buchstaben: »Zum grünen Lindenbaum«. In der Schenke waren sieben Töchter, sieben wohlerzogene brave Töchter, welche die Mutter, die Wittfrau, in Zucht und Gottesfurcht hielt. Die Jüngsten waren noch Kinder, und bei den Älteren duldete sie keinen städtischen Putz, kein Korsett vergewaltigte ihren Leib. Schöne junge Weiber, von denen junge Männer sich Kinder wünschen konnten. Auf dem Vorplatz unter der Linde saßen Dorfburschen, tranken und sangen zu einer Harmonika. Die Mädchen gingen ab und zu und bedienten sie oder waren lustig und saßen unter ihnen. Mutter Marjue Bärb lehnte mit gekreuzten Armen am Türpfosten über der Steintreppe. Einmal war es vorgekommen, daß sie einem baumlangen roten Burschen, dem eben vom Militär zurückgekehrten Scharlemang, der sich zudringlich einem der Mädchen gegenüber benommen hatte, von unten her – sie war eine kleine Frau – zwei Maulschellen angehängt hatte, die man weithin hatte läuten hören. Der Scharlemang, dem es von dem Schlage im Kopf raunte und sang, hatte ein langes Gesicht gemacht und Mutter Bärb von oben eine Weile unschlüssig angeschaut. Dann hatte er plötzlich über das ganze rotgehauene Gesicht gelacht und gerufen: »Das ist ja wie ein Schellenbaum!« Seitdem hieß die Wirtschaft statt »zum grünen Lindenbaum« im Volksmunde »im Schellenbaum« oder »im klingenden Schellenbaum«. Die Sonne sank. Auf dem Rande der Landschaft stand eben ein gewaltiger Stier, gerade vor dem Himmel. Regungslos. Die Sonne stieg hinter ihm nieder, einige Minuten befand sich der Stier vor der leuchtenden roten Scheibe, Urbild der Schöpfung. Dann tauchte die Sonne unter den Horizont, und der Stier stürzte mit lautem Gebrüll ins Tal. In der Ferne rannte der Vikar Feuerstein mit fliegendem Talar durch die dämmernde Landschaft nach der Gegend hinüber, wo die Steinbrüche lagen. Moralunterricht. Ein getreuer Ungetreuer Mit großen Schritten seiner gottbegeisterten Füße ging, eilte, flog Feuerstein in den Abend hinein. Durch die Sperrstiegel huschte er wie ein Gespenst, auf die Brücken setzte er kaum einen Fuß, über die Steintreppen, die sich da und dort fanden, flog er hinüber, er war ganz Eifer und Heiligkeit. Jetzt ging es bergan. Die Sonne war untergegangen. Er stieg zu den Steingruben hinauf. Jetzt war er dem Teufelsschreck nahe. »Am Teufelsschreck« hieß eine große, jetzt in Ruinen liegende Grube mit Kalkbrennerei. Um ihren Namen erzählte man sich folgende Sage: Einstmals, es war während des Dreißigjährigen Krieges, als die Pötterei darniederlag, die Zunft der Fuhrleute die Töpferware nicht ins Reich fahren konnte, viele Leute nichts zu tun hatten und es sehr elendiglich aussah, war ein böser Teufel im Lande, mit Pferdefüßen und zwei schrecklichen spitzen Stierhörnern am Kopfe. Der stellte allen Mädchen nach, und wenn sie ihm nicht gehorchten, stieß er sie mit dem Fuß oder spießte sie mit den Hörnern. So erzählten die Mädchen! Da hatten die Mädchen solche Furcht, daß sie selbstverständlich alle gehorchten. Sogar einige alte Jungfern, welche die Hälfte ihres Lebens in der Kirche gesessen hatten, gehorchten. Ja, auch einige Nonnen aus einem nachbarlichen Ritterstift gehorchten. Und es gab viele unehrliche Kinder. Da war aber zugleich ein Pfarrer da. Er war, von den Kalvinisten wegen seines Glaubens vertrieben, mit den Topfkünstlern in seiner Jugend aus Flandern gekommen und hatte einen Namen, den niemand aussprechen konnte. Er hieß Tepe van Zuid-leeuwardingen. Der war ein großer Mann. Und ein heiligmäßiger Mann. Der stand mit dem Erzengel Michael auf du und du. Der stieg auf die Steinkuhle hinauf. Dort wohnte nämlich der Teufel. Und der Herr Tepe konnte reden, schrecklich reden, donnern konnte er. Und blicken, furchtbar blicken. Und der nahm den Teufel beim Ohr, und nahm ihn vor, und nahm ihn zwischen, und blitzte und donnerte ihn so an, daß der Teufel vor Schreck – unanständig wurde. Seitdem hieß es da oben: Am Teufelsschreck. Der Vikar hörte Lachen und Kreischen von Mädchenstimmen. »Ah! Aha! Also recht unterrichtet.« Und es erregte ihn. Der Lärm von jungen lebendigen Weibern in der Umgebung harten Steines und toter Arbeitsruinen. »So! – – hm! Heilige Maria, Mutter Gottes, gedenke, daß ich dein bin, und bewahre und beschütze mich als dein Gut und Eigentum.« Priester sein, und jung sein, und kräftig sein, und gesund sein ... »O heiliger Aloysius, Krone der Reinheit, Hüter der Lilien, bitte für mich!« Sein Gebet wurde erhört, und als er oben stand, fühlte er es seinen Körper überziehen wie eine hörnene Haut. Und als er oben stand, ging es wie eine Enttäuschung über ihn, keiner Versuchung zu begegnen. Nun er durch die hörnene Tugendhaut gefeit war! Denn die Mädchen waren gar nicht im Wasser. Denn die Mädchen standen an dem stillgelegten verfallenen Kalkofen auf der ersten Sohle der Grube – die zweite war ersoffen – in einer langen Reihe und kehrten ihm den Rücken. Es war ein halbes Dutzend und mehr, aneinander gehakt und mit den Firmen verwoben wie ein gedrehtes Band von Feldblumen. Frische derbe Mädchen, wie Löwenzahn auf der Wiese, wie Schlüsselblumen am Wasser. Sie warfen die Beine oder nahmen den einen Fuß in die eine Hand und hüpften auf dem andern. Und lachten sich krank. Denn in einer der Öffnungen des Kalkofens, aus dem Gang, der rund um den Trichter lief, trat die Agnes, fast ganz entkleidet. Sie stutzte. »Ihr da ...!« Aber die da lachten sich krank. Sie hatten nicht in den Steinschuppen und -hütten, wie ausgemacht, zum Baden abgelegt. Die Agnes stand einen Augenblick starr ob ihrer Schmählichkeit. Da sah sie oben am Rande der Grube vor dem dunkeln Abendhimmel eine schwarze Gestalt. Sie wuchs vor dem Himmel ins Riesenhafte. »Das da ...!« schrie sie laut und streckte den Arm aus. Die Köpfe der Mädchen fuhren so schnell herum, als hätte jemand sie an ihren Haarflechten gerissen. Dann ein vielstimmiger Schrei. Ein Schreck, als hätten sie den Schwarzen gesehen. Sie schlugen ihre Schürzen vors Gesicht, einige zogen ihre Röcke von hinten her über den Kopf, und sie stoben auseinander, als der Geistliche an ihnen vorbei zornwütig in die Grube stürzte. Entsetzt floh die Agnes zurück in den Umgang des Ofens. Sie schrie laut, ihr Schrei klang von der hochgewölbten Decke. Sie schrie gewaltig und hielt sich dabei selbst die Ohren zu. Sie lief. Bleich wie ihr Hemd lief sie. Der Vikar hinter ihr her. Den Gang um den Trichter liefen sie. Es ging immer im Kreise. Nun hatte er sie, nun knetete er ihre Hände, nun kniete sie vor ihm am Boden und schrie und weinte. In der Tiefe der Grube war bereits Dunkel und in der Ruine des Ofens schon Nacht. Man hörte draußen einen Stein ins Wasser plumpsen, den ein Wiesel angerührt hatte. »Verführerin! Du Tochter des Teufels! Wie kannst du ...« »Wir wollten baden.« »Du Tochter Beelzebubs!« »Ich bin kein' Rothaut!« »Es wäre dem Verführer besser, es würde ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt ...« »Ech well an Zent Bertz danxe! Ech well ä Songdich danxe...!« »an Sankt Hubertus tanzen? Am Sonntag tanzen? Und dazu verführst du unschuldige Mädchen?« »Sie sollen sagen, daß ich kein' rote Haut hab' ...« »Eine schwarze Seele hast du. Was kümmert den Herrgott deine rote Haut!« »Sie sollen wissen ... sie sollen an die Mannsleut sagen ... ech well danxe ...« »Du sollst dein Herz zerknirschen in Buße und Reue! Du sollst ...« »Wir wollten baden.« »Ihr schamlosen Frauenzimmer. Wie ein guter Engel bin ich dazwischen gekommen, ehe die Sünde geschah.« »Ech well danxe wie die angdere!« schrie sie plötzlich in wilder Qual, rang sich vom Boden auf, und ihre Augen stachen ihn wie glühende Eisen. Er fuhr erschreckt zurück und stammelte plötzlich vor Furcht: »Bete zu Gott ...« »Ech well danxe!« schrie sie lauter und fauchte ihn an wie eine Katze. Er strebte immer mehr zurück und schluckte an seinen Worten: »... daß er dir ... den Wurm aus der Seele ...« Und im Augenblick geschah es, da brach in der Agnes die ganze alte Welt zusammen. Schreiend und schrecklich lachend verfolgte sie ihn. »Hahaha! Fort! ... Hinaus! ... Lümmel! – – Es ist kein Gott!« Und der Beweis dafür war, daß der Priester dieses Gottes nicht verstand, daß sie Sonntag tanzen gehen wollte. Der Vikar stürzte plötzlich von Furcht gejagt in die Nacht hinaus, indem er drei Kreuze schlug und bei jedem das Exorzistenwort sagte: »Weiche von ihr, Satan! weiche von ihr, Satan! weiche von ihr, Satan!« Von Furcht gejagt stürzte er in die Nacht, die Grube hinauf, den Teufelsschreck hinab. Er wußte selbst nicht, warum er so lief. Mit dem Herbst kamen trübe Tage. Die graue Regenzeit, die endlose Regenzeit des wasserreichen Landes war da. Wenn die feuchten lauen schweren Seewinde vom Atlantischen und von England her über Belgien herüberstrichen, sobald sie auf die Höhen des deutschen Landes trafen, gaben sie ihre Wasser ab. Darum war in dieser Zeit so unsagbar viel Regen; und so dicke dunkle Wolken. Und darunter troff es so unerschöpflich. Die Erde trank so unersättlich. Und wenn sie genug getrunken hatte und satt war und nichts mehr wollte, noch immer goß der Himmel auf sie nieder. Das Wasser floß der Erde am Maule vorbei. Das Teufelchen Zipperlein, das in dem Herrn Pfarrer sich niedergelassen hatte, wollte in diesen nassen Herbsttagen auf Reisen geführt werden, der Herr Pfarrer mußte nach Wiesbaden. Zum Vertreter wurde der Rektor aus Ludwigsmünster bestellt. Es freute sich über die zeitweilige Abwesenheit des Herrn Pfarrers dessen Haushälterin Annathresa. Sie freute sich so ehrlich und unbändig, daß man hätte meinen sollen, sie habe das Teufelchen Zipperlein aufgewiegelt. Sie wollte sich nun auch mal einen guten Tag machen. Am Sonnabend holte sie aus dem Hühnerstall ein jämmerlich schreiendes Huhn und ging in den Steinschuppen im Garten, wo der Pfarr eine Hobelbank und Schreinerwerkzeug hatte. Sie schraubte das Huhn mit den Füßen in den Schraubstock und versuchte, ihm den Hals durchzuschneiden. Das Huhn riß sich los und flatterte aus dem Schuppen, ein roter Blutstreif bezeichnete den Flug. Es flog über die Möhren, über den Kappus, bis es im Spinat zusammenfiel. Ungewöhnlich laut lärmten die Hühner im Stalle. Im Garten der anliegenden Kaplanei lustwandelte Feuerstein. Als er den jämmerlichen Lärm aus dem Pastoratsgarten hörte, schaute er über die Hecke und sah gerade die Einäugige die rote Wegspur hinter dem Huhn laufen, die Schürze voll Blut, das blutige Messer in der Hand. »Pfui, Annathresa,« rief er herüber, »was treiben Sie denn da? Passen Sie doch auf und machen Sie dem armen Vieh das Schreckliche kurz. Haben Sie denn kein Gefühl dafür, was das Tier leidet?« Sie nahm erst das Huhn auf; dann, indem sie zum Hause zurückkehrte, rief sie, ohne nach ihm hinzusehen: »Herrjeses, Herr Kaplan, das ist noch gar nichts. Da denken Sie doch mal daran, was unser lieber Heiland hat leiden müssen.« Und schlug die Tür hinter sich zu. * In jähem Umschlag kam gutes Wetter, ein verspäteter Sommer. Ein kalter steifer Ost trocknete einige Tage das Land aus. Dann drehte er nach Süden. Und schließlich war Windstille. Und nachdem die Winde, die rauhbeinigen Burschen, mit ihrem straffen Besen das Land gereinigt, kam die Sonne und machte es auf einige Tage wohnlich. Und es war wunderschön. In der Giebelstube auf Seffent saß Frau Menniken. Sie öffnete den Nähkasten, legte Schere und Zwirn zurecht und fädelte ein. Die Agnes kam von dem Söller nebenan und trug die Wäsche herzu. Es war nachzusehen und auszubessern. Die beiden Frauen saßen eifrig beschäftigt am Tische. Aus der Ferne kamen harte Trommelschläge. Die Agnes wurde sehr unruhig. Sie nähte nicht mehr und sah fragend zu ihrer Herrin hinüber. Da war der Trommelschlag ganz nah. »Madam, Zoldate!« »Na, schauen wir mal zu«, sagte Frau Menniken. Die Agnes flog zum Fenster. Da erhob sich plötzlich ein lauter Gesang, fester Klang aus frischen Männerkehlen. Ein Ton. Wie aus einer gewaltigen Männerbrust. Ein Regiment zog aus der Garnison zum Truppenübungsplatze. Eine Staubwolke begleitete den Marsch auf der steinigen trockenen Straße. Da blitzte ein blanker Gewehrlauf, dort eine goldglänzende Helmspitze und ein schwarzer spiegelnder Koppelgurt. Junge Männer, halb noch Jünglinge, mit Frühlingsbärtchen auf der Lippe, voll Kraft und Gesundheit, und kein Schwächling und Krüppel ist unter ihnen, und die Tausende in einem Tritt, für einen Zweck bestimmt, und ein gewaltiger Ton aus ihrer Kehle, und alle in einer Kleidung, – das war wie ein Mann, der Mann, der gewaltige ungeheure Mann! Die Agnes stand mit hämmernden Pulsen am Fenster, ihr Busen wogte, aus ihren Augen flossen Tränen, ihr Gesicht flammte in feuriger Glut auf. Sie lachte, sie lachte, und sie weinte dabei und hielt sich die Brüste fest, und sah ihre junge Herrin an und schämte sich, ihre junge Herrin, die nicht älter war als sie, und schämte sich und schämte sich so tief und konnte doch nicht anders, und sie war ganz hilflos, ganz hilflos – – Die junge Frau, an den Pfosten des Fensters gelehnt, sah nicht hinaus auf die marschierenden Soldaten, sie schaute nur ihre Dienerin an und was in der geschah. Und sie schämte sich vor ihrer Magd, daß sie eine verheiratete Frau war. »Die armen Weiber«, seufzte sie für sich. Sie hätte zu ihrer Magd sagen wollen: ›Wir haben doch starke gesunde Knechte am Hofe –‹ Als das Regiment vorbei war und sie vor der dicken Staubwolke, die hinterherzog, die Rautenfenster schließen mußten, frug Frau Menniken leise: »Agnes, denkst du nicht daran zu heiraten?« Die Agnes hielt gerade den Fensterriegel in der Hand. Ihre Hände fielen ihr am Körper herunter. Sie sah mit offenem Mund und großen Augen ihre Herrin an. Dann brach sie plötzlich in heulendes Weinen aus und stürzte aus der Söllerstube. * Am Sonntagmorgen kamen die Mädchen aus der Kirche und gingen an den einzelnen Tanzspielen vorbei, welche jedes mit Musik an der Rampe standen. Auch die Agnes war unter den Mädchen. Aber niemand begehrte ihrer. Nicht als ob man ihr die ›Rothaut‹ nicht hätte vergessen können. Aber die Mädchen hatten einen Ring unter sich gebildet und die jungen Männer verpflichtet, nicht mit einer zu tanzen, welche, wie der Herr Vikar Feuerstein gesagt hatte, »auf bösen Wegen wandle«. – In den Dörfern waren ohnehin mehr Mädchen als junge Männer, von denen so viele draußen auf Arbeit waren. Die Spiele bildeten sich. Die Tanzmeister traten an die Spitze. Sie wirbelten ihre buntgebänderten Stäbe, die Musik fiel ein. Die Tanzspiele verließen eines nach dem andern den Kirchplatz. Die Agnes blieb traurig zurück. Des Weges kam der Faun mit seinem sorglosen großartigen Gang, mit seinem üppigen Lachen. Das war ein Fachmann für wunde Weiberherzen. Er nahm sie unter den Arm und brachte sie dazu, daß sie ihm ihr Leid klagte. Er hörte aufmerksam zu und versprach ihr Hilfe ... Es dauerte sehr lange, ehe der Faun sie überzeugt hatte. Ehe sie versprach zu kommen. Es war gerade auf der Brücke von Seffent, unter der der Wildbach rauschte. Dann stürzte sie schamübergossen ins Haus. Die Wallonen in der belgischen Kammer riefen nach einem Festungsgürtel von Luxemburg längs der Maas bis nach Maastricht, denn im Westen war die alte große Furcht, daß Deutschland in einem etwaigen Kriege, der Abmachungen nicht achtend, das neutrale Belgien als Einfallstor in Frankreich benutzen werde. An der sonst bloßen deutschen Grenze war um diese Zeit in der Stille ein Truppenübungsplatz angelegt worden, was man drüben mit scharfen Augen verfolgt hatte. Sogleich hatten sich einige fremde Leute eingefunden, die scheinbar vagabundierend im Lande herumzogen. Da sie aber stets mit Geldmitteln versehen waren, konnte keine Polizei sie fassen. Über jede Truppenansammlung auf dem Übungsplatze gingen von der Schenke »A la griffe du lion« genaue Berichte nach Brüssel und Paris. In jener Zeit war auch der Unheimliche im Lande erschienen und dem Menniken gerade in den Weg gelaufen. In diesem Spätherbst waren große Truppenmassen auf dem Truppenübungsplatz zusammengezogen worden. Es hieß plötzlich, der Truppenübungsplatz an der alten großen Heerstraße solle in aller Stille zur Festung ausgebaut werden. In der Grenzschenke liefen viele Briefe aus Paris, meistens mit Kurieren ein, und Père Rousseau ging mit ernstem bedeutenden Gesicht umher. Er zwirbelte seinen Napoleonsbart, steckte das Ende zwischen die Zähne und kaute daran. Es war eine leuchtende Mondnacht, hell, kalt und still. Um den kahlen Ölberg herum war es leer und still. Ein zarter Lichtduft geisterte um die Höhe. Der Ölberg hatte seinen Namen in der großen Geschichte erhalten. Es hatte einmal ein Schäfer, der dort oben hütete, in der weichen Tonerde die Spur eines großen Fußes gefunden. Eines unheimlich großen Fußes. Wie im ganzen Lande keiner zu finden war. Eines rechten Fußes, und im ganzen Umkreis war dazu kein linker aufzutreiben gewesen. Aber Napoleon war vor kurzem im Lande gewesen, und obgleich alle den kleinen Mann gesehen hatten, man war einig, daß nur sein Fuß die Riesenspur könne hinterlassen haben. Man staunte und glaubte. Wie vor langen Zeiten die Jünger, welche die Fußspuren des Herrn auf der Spitze des Berges fanden, von wo er in den Himmel aufgestiegen war. So hieß jener Hügel der »Ölberg«. Gegen Mitternacht kam der Unheimliche die kahle Höhe herauf. Mit einem Feldstecher suchte er das Gelände ab. Auf dem Truppenübungsplatz war eifrige Tätigkeit; man sah ab und zu einmal einen Spaten blinken. Aber es war unbedingt still und nichts zu erkennen. Hin und wieder sprengte auf der Heerstraße ein Berittener. Eine kalte Luftwelle floß von Osten her um den Ölberg. Der einsame Wanderer ging zwischen den Hochbenden und den Diepenbenden durch, nahe der Wüstenei hin. In einem alten verfallenen Steinhauerschuppen setzte er sich nieder. Da kamen zwei Männer aus der Nacht heraus auf den Schuppen zu. »Bon soir, père Rousseau, monsieur Louis.« »Wir haben einen Brief,« sagte der rote Louis, der Sohn des Zuaven, »den der Kurier gebracht hat aus dem Geheimkabinett von Monsieur le ministre de la guerre a Paris. A monsieur Henry Perronet. Voici.« Und das enthielt der Brief: Wenn er die Pläne der neuen Festung beschaffen könne, bot ihm der französische Generalstab zehntausend Franken. Er solle suchen, im Lande womöglich irgendeine Stellung mit kurzer Kündigungsfrist anzunehmen und sich auf deutschem Boden gut führen, denn man wolle ihn später in Deutschland verwenden; man machte ihm Hoffnung auf eine große Laufbahn. Die drei Männer saßen eine Weile still. »Ich habe gehört, der Menniken wird ja seine famose Werkstatt bald schließen müssen?« frug der rote Louis. »Ich habe schon eine Stelle als Stiefelputzer und Pferdehalter im Offizierskasino des Lagers«, sagte Perronet. »Ah«, machte Vater Rousseau. Dann waren sie wieder still. Die beiden Wallonen hatten offenbar etwas auf dem Herzen. Plötzlich platzte der alte Rousseau heraus: »Warum wollen Sie sein traitre an Eure patrie?« »Verräter?!« »Ja, gemeine Verräterei!« begehrte plötzlich der rote Louis auf. Der Unheimliche wollte ihm an die Gurgel. Im Mondschein blitzte der Dolch auf. »Pst«, machte der Alte. Die Spione gehorchten sogleich. »Wir sind Wallonen und hassen die Preußen«, brummte der rote Louis. »Cochons de Prussiens«, knurrte der Alte dazu. »Aber Ihr seid Deutscher. Aber warum seid Ihr Verräter?« »Enfin, Louis, ca c'est son affaire.« »Ich bin kein Verräter«, sagte dumpf Heinrich Perronet. »Sondern?« »Ein Rächer.« »Räscher? Qu'est-ce, Louis?« »Vengeur«, lachte höhnisch der Rote. »Eh bien!« »Voici pourquoi«, sagte entschlossen Heinrich Perronet. »Ich räche meinen Vater. Er war Feldwebel, in Ehren alt geworden, bei Sedan mit dem Eisernen Kreuz geschmückt ...« »Passons là-dessus«, rief heftig der Alte. »Ich war sein einziger Sohn. Ich heiße richtig Hammer. Eines Tages beschimpfte ein junger Offizier den Vater. Der verlor die Selbstbeherrschung. Nur in Anbetracht seiner tadellosen Führung durch zwanzig Jahre, seiner Ehrenzeichen und der wirklich schweren Beleidigung erkannte das Kriegsgericht auf drei Jahre Gefängnis, Verlust der Ehrenzeichen und Ausstoßung aus dem Heere. Ich habe ihn seit der Verhandlung nicht wiedergesehen. In der ersten Nacht hat er sich am Fenstergitter erhängt.« Er schwieg einen Augenblick. Der Alte saß ruhig und schaute in die Mondnacht. Schwer ging der Atem des roten Louis. »Da ging ich nach Frankreich und bot mich der Regierung an. Ich lernte Sprachen, eine ganze Reihe von Handwerken und Berufsarten und bin jetzt hier mit gefälschtem Namen und Paß.« Schwer arbeitete die Brust des roten Louis. Plötzlich schlug er dem Hammer auf die Schulter. »Ich täte auch so!« sagte er heftig. Da legte sich über das harte Gesicht des Unheimlichen ein schönes menschliches Empfinden. Er reichte dem Roten die Hand. Der Rote drückte sie bewegt und sagte kein Wort. »Hé! Qu'y a-t-il?« rief der Alte seinem Sohne zu. »Wenn man meinen Vater so behandelte, würde ich auch so tun«, sagte Louis. »Toi, Louis?« »Wenn man meinen Vater so behandelte.« Der Alte schien sich auf den Sohn stürzen zu wollen. Aus der Ferne klang Trompetengeschmetter durch die Nacht, das sich näherte. »Wir dürfen nicht zusammen gesehen werden. Ich will allein sein«, sagte Heinrich Hammer. Sogleich ließen die beiden Welschen von ihrem Handel ab und gingen. Unterwegs aber, als sie sahen, daß die übenden Truppen nach dem Vierländerblick hinüber waren, gerieten Vater und Sohn fast in eine Schlägerei darüber, daß der Sohn den Vater im gleichen Falle auf gleiche Weise rächen wollte. Heinrich Hammer, unsicher über die Bewegung der Truppen, auch heute wenig zu Spionagegängen gestimmt – zu gewaltig war er erinnert worden –, wandte sich halb unbewußt auf die Höhe hinauf Seffent zu, wo er die zwei Pappeln an den sieben Quellen wie einen Doppelposten ragen sah. Als er aber halbwegs war, verließ er die Straße und ging eine kleine Fahrgasse hinauf zu der stillgelegten Steingrube der Menniken. Hier wie überall dasselbe Bild: der Grund der Grube ersoffen, Schienenbahn, Kette, Winde und alles Eisenzeug verrostet, rohe und halbfertige Blöcke auf dem Steinplatze herumliegend, die Steinhauerschuppen halb verfallen, so wie der Betrieb der Steingruben vor Jahrzehnten liegengeblieben war. Hier und da waren nur die Öfen in Tätigkeit, die, auf halber Grubensohle stehend, den Abfall des Blausteines zu Kalk brannten. Es fröstelte den Spion; und dort in einem Ofen lockte wohlige Wärme. Er sah die Luft über dem Trichter zittern, sah den Mond in den Luftwellen tanzen, als freue er sich der ungewohnten Wärme, der kalte Nachtwanderer, der durchfrorene Geselle. Leise knatterte und puffte es in der Glut. – Da, welches Geräusch! Da waren Stimmen! Unten im Gewölbe um den Trichter! Der Boden war steinig, aber der geübte Schleicher ging unhörbar. Oben am Rande des Trichters in der Wölbung des unteren Umganges fehlte ein Stein. Er horchte hinab. Er hörte ein Mädchen weinen und einen Mann auf sie einreden. Da erkannte er die Personen, wie sie unten im Schein einer Feueröffnung saßen. Wohl hatte der Faun sich überzeugt, daß die Agnes keine rote Haut hatte. Wohl hatte ja der Faun an ein Abenteuer gedacht, ein Abenteuer besonderer Art, weil verzweifeltes Vertrauen einen Mißbrauch unmöglich machen mußte. Aber dafür, daß sie so schön war, dafür hatte am Ende der Faun auch nichts gekonnt. Und so war es gekommen. Heinrich Hammer erkannte alles. Er wußte von der Not des Mädchens, über die in der Werkstatt viel gelacht worden war. »Treubruch –? Niederträchtiger!« In drei, vier Sätzen sprang er die Steintreppe am Ofenkörper hinab, jetzt stand er in der Öffnung des Umganges, lautlos, schrecklich, der Unheimliche. Die Agnes war eben still und bereit, sich in das Geschehene zu ergeben. Aber da sah ein andrer Mann ihre Schmach. Sie sprang auf und rannte durch die zweite Öffnung des Ofenumgangs hinaus. Der Faun aber saß starr. Und der Unheimliche machte ein, zwei, drei Schritte, Sprünge. »Hund ...!« Ein Dolch leuchtete rot im Widerschein des Feuers – und es war geschehen. Heinrich Hammer wischte den Dolch an den Kleidern des Toten ab, legte die Leiche in den Feuerschein des Ofenloches, besah das Gesicht, das krause Haar, die üppigen Lippen – der Faun hatte noch im Tode sein faunisches Lächeln. Er setzte sich auf den Stein, auf dem die Agnes gesessen hatte. Er blieb im Ofen. Er wollte dem Mädchen Zeit lassen, unbemerkt zu entfliehen. Er sah einen Ring an der Hand des Toten – und dann hielt er es nicht mehr aus in der Glut seiner Sinne und des Feuers. Er trat schnell hinaus vor den Ofen. Da schwamm unten auf dem Wasser eine weiße Gestalt. Im ersten Augenblick war es ihm, als fröre alles in ihm. Dann hatte er wieder die kalte Ruhe der Tat. Er fischte den toten Mädchenkörper aus dem Wasser, trug ihn in den Gang und legte die Toten nebeneinander. Er saß dabei und dachte sich das Wenn-nicht aus. Wenn er nicht dazwischengekommen wäre, lebten sie beide; und wenn ... Aber er erkannte, daß das müßigste Tun ist, verspätete Wenn oder Wenn-nicht zu überlegen. So sorgte er dafür, die Leichen wegzuschaffen. Er trug sie die Steintreppe hinauf auf den Ofen an den Rand des Trichters. Die Masse war etwas herabgebrannt. Er zog dem Faun den Ring vom Finger und legte die Leichen auf die Glut. Er schaufelte eine Lage Kohlen über die ganze Trichteröffnung. Die Leichen waren bedeckt. Dann eine Schicht Kalkstein, Kleinschlag, so wie es sich in einer ordentlichen Kalkbrennerei gehört. Wieder eine Lage Kohlen und so fort, Heinrich Hammer verstand auch davon etwas. Nach einer Weile war der ganze Trichter ausgefüllt und nichts mehr zu sehen. Nun nahm Hammer den Ring vor, den Ring, den Frau Menniken damals dem Zillekens in raschem Entschlusse geschenkt hatte. Er besah ihn lange im Mondlicht. Und seufzte tief auf ... Auch das ging vorüber. Er verließ den Ofen und stieg nebenan auf den Erdhügel, der aus der Grube aufgeschüttet war. Dort stand er und schaute hinaus in die nächtliche mondbeglänzte deutsche Landschaft. Und er sah hinüber nach Seffent mit einem langen Blicke. Dann gab er sich einen Ruck und wanderte von dannen. Er sah sich auch nicht ein einziges Mal mehr um. Der Knopfmann Die Regentschaft des Herrn Rektors und seiner rechten Hand, des Vikars Feuerstein, war eine Art von geistlicher Schreckensherrschaft in der Pfarrei. In diesen Tagen zerstörte der Rektor viel von religiöser Scheu in dem ihm anvertrauten Volke. Er selbst aber saß im Dienstzimmer des Pastorats und grübelte mit sorgenvollem Herzen, ob denn nun auch alles getan sei, der Aufsässigkeit gegen die geistliche Obrigkeit im Volke und der Gefahr für die öffentliche Sittlichkeit einen Damm entgegenzubauen. Überall herrschte eine große Sehnsucht nach dem alten kranken Pfarrer, und die Dörfler wünschten die Hand wieder da, welche kaum fühlbar, mehr schützend als herrschend, auf ihnen gelegen hatte. Ordnung muß sein, sagte man sich, eine Obrigkeit ist nötig, und Gottes Stellvertretern gebührt Achtung und Gehorsam. Aber eben, weil sie Stellvertreter des großen Gottes sind, des klugen Gottes, der die vielen Menschen mit all ihren Eigenheiten in wohlüberlegter Absicht geschaffen, müssen sie auch feine kluge Hände haben. Der Herr Rektor aber hatte recht grobe Hände. Auch beim Rektor Radermacher war die Sehnsucht groß nach dem alten Herrn. Er fühlte wohl an der steifen Freundlichkeit und langsamen Folgsamkeit der Dörfler, daß er etwas verdorben hatte. Schließlich aber machte ihm doch der Unmut den Kamm schwellen. Der Unannehmlichkeiten waren so große, der Widersetzlichkeiten so viele. Und viele Winde machen einen Sturm. Hatte er, als der Pfarrer fortging, den stillen Vorsatz gehabt, die widerspenstige Gemeinde unter gehörige Zucht des Kirchenregimentes zu bringen, so wünschte er jetzt nur noch, die Gemeinde ebenso zu überliefern, wie er sie übernommen hatte. Er wäre sonst ein schlechter Verwalter gewesen. Es kam die verzweifelte Stimmung des unglücklichen Spielers über ihn, der einen letzten hohen Einsatz auf eine letzte Karte setzt. Die Karte hieß »der Knopfmann«. Das war eine alte Klage der Landgeistlichen, daß die Männer in Sachen des Glaubens und der Kirche viel lauer seien als die Frauen. Vom Altar und der Kanzel aus gesehen waren fast nur Frauen in der Kirche. Erst unter der dunkeln Orgelbühne und in den Portalen standen die Männer und lungerten an den Wänden, den Türen und Weihwasserbecken herum – in Schulterhöhe war die Farbe von den Mauern, der Firnis von den Türen gerieben –, gafften, schwatzten oder lachten sogar. Und nun erst die Predigt! Oh, die Predigt! Der größte Teil der Männer verließ, wenn der Prädikant die Kanzel betrat, die Kirche, setzte sich draußen auf die Mauer der Rampe, ließ die Beine baumeln und verlangte nach dem Ende. Nur daß sie, auch wenn die Sonne brannte, die Hüte in der Hand behielten. Diese schrecklichen Tatsachen jammerten sich die Herren Pastores vor, wenn sie sich Sonntags zu einigen Flaschen Wein vereinigten. Oftmals hatte der Herr Rektor sich gerühmt: Wenn er Pfarrer wäre, er würde schon Ordnung schaffen! Dann hatte der Pfarrer gelächelt, an seinem Wein geschluckt, an der Zigarre gesogen und nichts gesagt. Mehrere Male schon war der Rektor, wenn das Hochamt nach dem Evangelium abgebrochen wurde und Ter Heele oder Feuerstein die Kanzel betraten, aus der Sakristei über den Friedhof um die Kirche herumgegangen und im vollen Meßornat draußen an der Kirchentür erschienen. Die Männer hatten groß aufgeschaut. Er hatte mit harten Worten auf sie eingeredet. Die Männer hatten sich angesehen. Das waren sie nicht gewohnt. Und hatten sich nicht gerührt. Ihm war der Zorn gekommen. Und dann: Sollte er im vollen Ornat unverrichteter Dinge um die Kirche herum abziehen? Er hatte die Burschen am Ärmel gepackt und sie in die Kirche gezerrt; die Männer waren schon freiwillig gegangen. Die jüngsten Burschen hatte er hinaufgeführt bis an die Grenze der Frauenplätze. Unter den Männern war viel Murren und Knurren. Einige lachten auch halblaut auf. Und wenn er sich wutschnaubend umdrehte, hatten sie alle ein steifes Gesicht. Es war am heiligen Osterfeste. Da betete der Vorbeter, der fromme de Losy, vor dem festtäglichen Hochamt, während draußen das Klippglöckchen läutete und die Kirche sich füllte. Vorbeter: Herr, erhöre mein Gebet und laß mein Geschrei zu dir kommen. Himmlischer Vater, allmächtiger Gott, Herr des Himmels, schütze, erleuchte und stärke den Papst und alle Bischöfe und Priester und Gläubigen deiner Kirche. Erleuchte alle, die im Un- oder Irrglauben befangen sind, führe sie zu deiner heiligen Kirche zurück oder vertilge sie vor deinem Angesichte. Gemeinde: Das tut er aber auch! Vorbeter: Das tut er. Vater unser u.s.f. Gemeinde: Gegrüßest seist du, Maria u.s.f. Während so gebetet wurde, klang die Chorglocke und aus der Sakristei erschien als Vorantritt der Geistlichkeit zur feierlichen Dreiherrenmesse – ein rotgeröckter Schweizer. Er trug einen weißen Stab mit blauen Quasten und einem mächtigen Knopfe aus blinkendem Messing. Hinter ihm die Reihe der Chorknaben in Rot und Weiß, die außerordentlichen mit geschwenkten Weihrauchfässern, die ordentlichen mit Kerzen auf Kandelabern. Dann die drei geistlichen Herren: Der junge schwarze Simon Feuerstein, als Subdiakon mit der Tunicella und dem Manipel bekleidet; in der Hand hielt er das Epistelbuch. Hinter ihm der greise Peter Ter Hele; er trug den verdeckten Meßkelch in der Linken, mit der Rechten griff er über und hielt die Patene und Bursa. Zuletzt der Rektor Karl Pius Hadermacher in goldbeladener Kasula. Er trug nichts. Seine Hände waren gefaltet; aber er betete nicht. Seine Augen gingen über die versammelte Menge. Doch nicht eifrig und hochfahrend, ängstlich eher. Forschend, beobachtend, fragend. Wie nehmen sie es auf? war die Frage. Er hatte ja die letzte Karte ausgespielt. Zunächst sah er freilich nicht viel Beängstigendes. Er mußte beinahe lachen, da er so viele verdutzte Gesichter sah. Ein verdutztes Gesicht ist immer ein dummes Gesicht. Viele hundert dumme Gesichter sah er. Denn ein ungeheures Staunen ging umher. Aber bei der ersten Gelegenheit, als er sich vom Altar mit einem lateinischen Singspruch zum Volke wandte, vereiste ihm fast der Sang in der Kehle. Keine Aufmerksamkeit war in der frommen Gemeinde, keine Sammlung in der Kirche. Aufregung war in der Kirche. Zorn war in der Gemeinde. Denn mittlerweile war der Schweizer an sein Amt gegangen. Die Schulkinder ließen sich ja leicht meistern; angstvoll starrten sie den großen Stock an. Auch die Jungfrauen gingen geduldig an die angewiesenen Plätze. Die Frauen waren schon etwas widerwilliger. Nun aber die Männer! Der Schweizer störte sie von ihren Lungerplätzen an den Mauern und Türen auf; er holte die jungen Burschen die Kirche herauf, und als er gar am Anfange der Predigt, die Ter Heele hielt, offenbar mit dem besonderen Auftrag des Rektors sich an der Kirchentür aufstellte und niemand von den Männern hinausließ, da war ein altes geheiligtes Recht verletzt, einem Stamme die Unabhängigkeit genommen, eines Volkes Freibrief zerrissen. Es kam beinahe an der Kirchentür zu einer Schlägerei, während auf der Kanzel Peter Ter Heele seine sanften Worte redete. Nur mit Mühe hielten die Männer die Ehrfurcht vor der Heiligkeit des Ortes fest. Der Schweizer stand da, auch in Wut, und hielt den schweren Amtsstab mit dem dicken Knopfe fest in der Faust. Alles rang mühsam mit der Leidenschaft. Die Kiefer bebten. Und schließlich wäre trotz Messe und Ter Heeles Predigt die kochende Erbitterung explodiert, wenn nicht ein Ventil sich geöffnet und die heiße Wucht hätte ausströmen lassen, ein Ventil, das nur ein Wort war. Es sprang plötzlich dem Hennessens Hennesse Hannes, den sie den »Lebensgefährlichen« nannten, über die wutbebenden Lippen: »Aas, du ... du Knoppmann!« Der »Knopfmann« war in die Welt gesetzt. Gleich darauf fingen sie alle an zu lachen. Der Knopfmann benutzte die Gelegenheit, daß Peter Ter Heele seine Predigt beendet hatte und von der Kanzel zum Chore zurückzuführen war, um mit Anstand den Platz zu räumen. War das ein Gerede und Geräusch im Lande! Wenn der Mond vom Himmel gefallen wäre, es hätte kaum mehr Aufsehen gegeben. Man tat dem Knopfmann nichts, man lauerte ihm nicht auf und verprügelte ihn nicht. Und das stellte man mit Genugtuung fest, daß sich kein Einheimischer zu diesem Schergendienste hergegeben hatte. Es wurde bekannt, daß der Rektor mit verschiedenen Leuten aus den Gemeinden geheime Unterhandlungen ergebnislos gepflogen. Schließlich hatte er in seinem Rektorate Ludwigsmünster in einem Steinbruchbetriebe einen Menschen gefunden, der, wie bald bekannt war, eine Zuchthausstrafe hinter sich hatte. Der Knopfmann! Die Schützen Sonst machte das Leben des Landes ruhig im Wogengang der Stunden und Geschicke seine Fahrt. Woher? Wohin? Wozu? Manche Leute geben müßige Antworten, aber manche stellen noch müßigere Fragen. Das Leben bekommt erst einen Sinn, wenn man sich abgewöhnt hat, nach seinem Sinne zu fragen. Die Hubertusschützen schossen zu Pfingsten ihren Königsvogel. Das Mittagessen wurde sehr schnell eingenommen. Die Büchsen waren zu reinigen und zu ölen. Durch die Läufe schauten sie nach dem Himmel. Die Hausfrauen waren dabei, die Ehrenzeichen auf die grünen Röcke zu heften, hier und da war ein Flecken zu tilgen, es wurde viel gerufen und geschimpft, und Augen und Herzen flogen. Da, Musik! Trommeln und Querpfeifen ertönten aus dem Vereinslokal. Auf öffentlichen und geheimen, auf breiten und schmalen Wegen strebten die Schützen in den »klingenden Schellenbaum«. Der älteste Sohn schleppte an der Donnerbüchse, der zweite trug die Kugeltasche, der dritte den Ladestock, der kleinste das Pulverhorn mit Quaste an grüner Schnur. Nur einer der Schützen blieb zu Hause. Das war S. M. der König, Burgs Paulus, der gottesfürchtige Schreiner. Den werden sie im Triumphzuge abholen. Zweimal nacheinander war Burgs Paulus König geworden; wenn es ihm heute zum dritten Male gelänge, würde er Kaiser werden. Ihm brannte die Brust vor Ehrgeiz, aber –! Zwar steht auf einem Königsvogel neben der Ehre ein Geldpreis, zweihundert Mark, aber sobald der Vogel gefallen und der Tusch geblasen ist, hat der König zuerst den Jungen, welche die Überreste des Vogels herbeibringen, harte Trinkgelder zu geben, ebenfalls dem Knaben, der sein Los gezogen hat, alsdann den Musikanten – und dann kommt das große Traktieren. Gläser Bier, ungezählte – nur der Schankwirt zählt sie – werden getrunken. Die Schützen, Fahnenträger, Losjungen, Büchsenlader, jedermann, alle Welt trinken, trinken, nicht aus Durst, nicht aus Vergnügen, im Gegenteil, aus einer Art von Opfermut. Die Rechnung, die der Wirt nachher, vielleicht, wenn der König einmal dorthin geht, wohin auch Könige zu Fuß gehen müssen, im Vorübergehen vorhält, beträgt hundert Mark. Bleiben hundert Mark fürs erste in des Königs Tasche. Aber die Könige sind die Leuchten der Menschheit. Also, bei den Vorstandssitzungen, den Generalversammlungen, am Namenstage des Schützenkönigs, beim Begräbnis eines Schützenbruders und bei vielen andern Anlässen ist jedem König hinreichend Gelegenheit gegeben, seinen natürlichen Trieb nach königlicher Freigebigkeit zu befriedigen. Das kostet dann nochmals zweimal hundert Mark. O über die Kurzsichtigkeit der Menschen! Sie sagen: Er lebt »wie ein König«, was bedeuten soll: überaus glücklich. Die verblendeten Menschen! Wie können die Neid empfinden! Wenn Könige einmal unbelauscht beieinander sind und irgendeine große Dummheit bezeichnen wollen, dann sagen sie den Gemeinplatz: Das ist so dumm, wie einen König beneiden. Wer das nicht glaubt, der soll hingehen zu der Königin Anna Maria, angetrautem Eheweib des Schreiners Paulus, der über dem Wassergraben in den Ruinen der Burg wohnt. Die mag er fragen. Die wird eine Antwort wissen. Ihre Majestäten standen in der Stube – die Kinder hatte Frau Annemei hinausgeschickt, zu sehen, ob die Musik käme –, der Tisch war zwischen ihnen. Sie hatte die Arme auf die Platte gestützt, den Körper vorgeschoben, und ihr langer Hals mit dem Kropf ragte weit darüber. Ihr Mund redete nachdrücklich, ihre Hände dazu, ihr Finger wies über die Tischplatte hin, als ständen darauf deutlich geschrieben die Worte: »Daß du mir nicht wieder König wirst! Verstanden! Sonst gibt's was! Das soll dir sonst auf die Butterseite fallen, du Faultier! Du Diamantschleifer! Du trübes Licht, wo du bist! Ein Breimaul biste! Und da willste Reden reden? Wenn du mit mir eins in Gesellschaft bist, dann sitzte 'nen ausgelängten Abend und sagst nicht buff noch baff! Mann im Mond! Das Geld den Saufbrüdern in den Schlund werfen, das deine Kinder so nötig haben? Bis du nix mehr auf den Rippen hast und du nach Unseres gewinkwankt kommst! Du Schubbiack! Ich will auch einmal einen weißen Unterrock haben wie die Peterpauls Annemei, die Silo Maria, du Rabenvater du! Du fieser Zuwider! du ... du ...«, sie suchte nach einem starken Schimpfworte und fand es schließlich in: »Du König, du!« Ihm bebte das Herz in seiner mit dem Ordensvlies des Vereins behängten Königsbrust. Er zitterte und bebte, doch nicht aus Schrecken über ihre Worte – er hörte gar nicht darauf – sondern in der Überlegung, wie er es möglich machen könne, die keifende Königin zu entfernen, wenn das Königsgeleit käme, ihn abzuholen. Er hatte hinter dem Schranke zwei Flaschen Mosel stehen. O weh! Da klang von ferne die Musik: trum, trum, tatarataa, trrr ..., trrr ..., o die Trommelwirbel! Da kam ihm ein Einfall, mochte am Abend daraus kommen, was wollte! Er sagte freundlich, einen ebensolchen Unterrock habe er als Geschenk für ihren demnächstigen Namenstag gekauft. Er läge auf dem Speicher ganz unten in der Kiste mit den alten Profilhobeln. Wenn nicht dort, so irgendwo anders, in der Kinderstube oder auf dem Heusöller, oder ... Die Annemei war fort. Die Musik kam; der Zug hielt im Burghofe. Die Kinder lärmten; der Hauptmann trat mit dem Königsgeleit ein. Er sagte: »Wir bitten Eure Majestät, uns zur Wiese der Ehre zu folgen, Aas, Burgs Paulus, gib uns zu trinken. Wir haben ix noch nix gehabt!« Schnell tranken sie. Der König hörte, wie die Söllertür heftig zuschlug. Er sagte: »Allons! Raus!« Der Hauptmann kommandierte: »Präsentiert das Gewehr!« Die Donnerbüchsen wurden gehoben. Die Musik blies Tusch. Der König schritt, nein eilte, nein lief die Front ab. »Fahne hoch! Ganzes Bataillon rechtsum! Marsch!« Die Kinder stürzten an die Spitze. Tatarataa! tatarataa! trumterumterumtumtum. Tsching! ta! ta! ta! ... Die Holzbrücke des Burggrabens hielt kaum die Wucht der Musik und den gewichtigen Ernst der Männer aus, die über sie dahinmarschierten. Die Fahne trug der Hennessens Hennesse Hannes, Steinbrecher am »Teufelsschreck«, ein Riese mit rotem Schnurrbart, rotem Gesicht und von manchem Fehlschlag blau gewordenen Händen. Nicht nur zwischen seine Arme und Hände, schon in seine Gedanken zu geraten, sollte man meinen, müsse gefährlich sein. Von seinen schlimmen Reden, in denen es wimmelte von Mord und Tod und Teufel, hieß er im Alltag »der lebensgefährliche Johann«. Die bemerkenswertesten Schützen waren: Mariänne Lenates, Tieß Bertz, Silo Marias Mann mit dem Knabengesicht, im Lande zurückgebliebenen Spaniern entsprossen, Burgs Paulus der König, Pütz Karel der Küster, Peterpauls Hary, Jan Lennar der Maikäfer, der doppelte Michel. Glücklich, zu Hause einstweilen einer Sorge entronnen, war Burgs Paulus in zwei neue hineingefallen. Die eine war: Er wäre doch gar zu gern Kaiser geworden, er, Burgs Paulus, nach fünfundvierzig Jahren wieder der erste Kaiser! Außerdem – er hatte ihn gemacht und aufgesetzt – wußte er, wo der Königsvogel sterblich war. Die andre: Vor der Stange mußte er eine Rede halten. O Gott! o Gott! Nicht in seiner Sterbestunde hat Paulus solche Not gelitten, er genoß seinen Triumphzug durch die Ortschaften nicht. Er suchte und suchte nach einer würdigen Hede – und fand sie nicht. Da, da waren sie ja schon auf der Schützenwiese! Da stand er ja schon vor der Stange! Die Musik schwieg, und alles schaute ihn erwartend an. Burgs Paulus, der gottesfürchtige Schreiner, warf sich auf das Gottvertrauen. »Liebe Schützenbrüder! Wir wollen heute den Königsvogel schießen. Wir wollen hier nicht reden, sondern wir wollen schießen. Die Könige reden überhaupt zuviel. Der Kaiser lebe hoch! hoch! hoch!« Auch Mennikens waren auf der Schützenwiese. Als das Schießen in Gang kam, richteten sich alle Augen auf Herrn Menniken, dem als Besitzer von Seffent noch aus den Zeiten des Bischofs von Lüttich, als die Seffenter dem Krummstab lehnspflichtig waren, das Erbrecht eines Protektors der Schützengesellschaft gehörte. Als solchem stand ihm der erste Schuß auf den »Beck« des Vogels (den Schnabel, d. i. den Kopf) zu, der die freundliche Größe eines Kindsköpfchens hatte. Nachdem der leicht befestigte Kopf glücklich gefallen war, beglückwünschten die Schützenbrüder den treffsicheren Schützen und lächelten ihm freundlich zu wie einem Knaben, der seine Sache gut gemacht hat. Dann nahm ihm einer kalt und kurzweg die Büchse aus der Hand, und nun erst begann der wichtige Ernst des Waffenspieles. Nach sorgfältigem Einrichten im Schießstande und bedächtigem Zielen brachten einige Schützen die schmalen Flügel und den dünnen Schwanz zur Erde. Nun aber ging es auf den Rumpf, den mächtigen Eichenklotz. Auf der Schützenwiese war reges Leben. Ein Karussell drehte sich, die Frauen der Schützen saßen an Pfahltischen und tranken Braunbier, die Kinder spielten, der Anschreiber saß am Pulttisch und rief die Namen der Schützen auf, am Ladetisch wurden die Büchsen bereitet, Pulver wurde aus den Hörnern in den Lauf gegossen, die Bleikugeln mit einem Leinpflaster umwickelt in die Vorderlader geschoben, zuerst mit einem Hämmerchen eingeklopft, dann mit dem Ladestock hinabgetrieben – nun kam der Schütze in den Stand. Der Hauptmann, ehemaliger Kanonier, jetzt Dynamitverwalter und Sprenger in den Gruben, war Büchsenmeister, der einzige, der Zündhütchen hatte. Wenn der Schütze seine Blitz- und Donnerbüchse auf den Schießrechen gebracht, die Arme auf die Stützstangen gelegt und die Beine weit gespreizt hatte, dann erst versah der Büchsenmeister die Büchse mit dem Zünder. Der Schütze rückte das Schießrohr bedeutend zurecht, schielte einmal groß nach dem Vogel, dann brachte er das Korn ins Visier, eine gewichtige Pause – – paff! Der Schuß krachte, die Schulter des Schützen flog zurück, und wenn er ein Neuling war, gab es einen Schlag wider den Unterkiefer, der zwei Zähne kosten konnte. »Numero 43, der Küster, schießt!« rief der Anschreiber am Pulttisch. »Der nächste Schütze ist Jan Lennar.« Die Musik spielte, das Karussell lärmte, die Weiber schwatzten. Die Kinder spielten, die Schüsse krachten, auf den umliegenden Wiesen muhten schrecklich die Kühe. Manche von ihnen wurden heute vergessen und ließen unter Schmerzen die Milch. Herr Menniken hatte mit redlichem Bemühen allen Personen und Dingen seine Aufmerksamkeit gewidmet. Als aber die Sonne zu sinken begann, das Gras der Wiese mählich unter den Füßen kalt und feucht wurde und er unwillkürlich gähnen mußte, da faßte er kurz entschlossen seine Frau unter den Arm und sagte: »Wir gehen.« In ihren Augen lag die Anerkennung seines Bemühens, als sie zustimmend nickte. Unterwegs, als sie sich über stille Wiesenpfade entfernten und die Schüsse mählich fern und ferner in der Landschaft verhallten, sagte er: »Ich kann nicht! Es hat keinen Zweck, ich werde mir auch keine Mühe mehr geben. Ich bin dir zu Willen gewesen und mitgegangen. Hast du dich denn vergnügt?« »O ja, ich habe manch eigentümlichen Brauch gesehen, manch lustiges Wort gehört und dies und das mit tüchtigen Männern und Frauen gesprochen. Ich mag dieses grüne Land wohl mit allem, was darin ist.« »Auch mit den Geistlichen und ihren Ausschreitungen, von denen uns gestern abend unser alter Lenates erzählte?« Da schwieg auch sie; nach einer Weile meinte sie kleinlaut: »Das scheint nun auch dazu zu gehören«; und nachdenklich gingen sie ihres Weges heim. Das wehrhafte Spiel auf der Schützenwiese wurde lang und länger. Ein Splitter nach dem andern sprang vom Königsvogel; ein Riß nach dem andern kam in seinen eichenen Rumpf. Aber er fiel nicht. Er drehte sich im Kreise um das Eisen der Stange. Allmählich ward es Abend. Und das Spiel lang und langweilig. »Numero 107, Seine Majestät der König!« rief der Anschreiber. »König, gib dem Aas eins, daß es verreckt!« rief Jan Lennar, der Maikäfer, und gähnte. Burgs Paulus lag im Stand. Er schob sich zurecht. Er äugte hinauf. Vor sein gekniffenes Auge trat für einen Augenblick sein Ehegemahl, Burgs Paulus Annemei, drohend, schreiend: »Daß du mir nicht ...« Er drückte das Auge zu. Der Büchsenmeister steckte das Zündhütchen auf. Die Musik schwieg. Die Kinder und Frauen standen, das Ende erwartend, hinter den Männern. Es war eine große Ruhe und Stille. Aber drinnen in des Burgs Paulus Brust kämpfte es heftig. »Kaiser! Kaiser!« rief die eine Stimme. Und die andere rief: »Daß du mir nicht ...!« Das Zielen dauerte lange. »Kaiser! Kaiser!« – »Daß du mir nicht ...!« – »Kaiser!!!« – »Daß du dich unterstehst ...!« Ein qualvoller Kampf. Kaiser, Kaiser! Jetzt oder nie! Wann werde ich noch zweimal hintereinander König? Und würde nicht dann vielleicht der Maikäfer, das Luder, der sich immer in mein Handwerk drängt, den Vogel gemacht haben? – Paulus wußte, wo der Königsvogel sterblich war. An dem Auge unter dem Stangenloch. »Kaiser, Kaiser, Kaiser!« »Daß du dich ... du Rabenvater, du ... du König, du!« – – – »Es lebe der Kaiser! Hurra!« Die Musik spielte Tusch, der Vogel, in zwei Stücke gerissen, fiel von der Stange. »Es lebe der Kaiser! Der Kaiser lebe!« Der Kaiser aber war beinahe tot vor Schrecken. Wenn er das auch einmal gedacht hatte, er hatte es nicht gewollt, bei Gott, das hatte er nicht ...! Bis in den nächsten Morgen hinein feierte die Schützengilde den Kaiser. Der aber ging nicht nach Hause. Er nahm die Einladung seines Freundes, des Maikäfers, an und schlief in dessen Haus draußen in den Benden. Auch den folgenden Tag ging er nicht. Er saß in seinem Ornat in den Wirtshäusern, und bereits am dritten Tage war die ganze kaiserliche Zivilliste im Betrage von dreihundert Mark mit den Freunden vertrunken. Auch den dritten Tag nicht. Er hatte viel zuviel Furcht. Denn die Annemei würde sich nicht scheuen, ein Majestätsverbrechen an ihm zu begehen. Der Annemei wurde es schrecklich klar. Am vierten Tage, als Paulus schon an fünfzig Mark Schulden gemacht hatte, mußte sie ihm nachlaufen und ihn inständig bitten, unter heiligen Versprechungen, daß sie ihm nichts Böses tun werde, bitten, nach Hause zu kommen – sie sehne sich so sehr nach ihm. Da ging er nach Hause. Aber in der Folge wurde er niemals wieder der gefügige Burgs Paulus. Er ging auch öfter ins Wirtshaus, ohne gerade zum Trinker zu werden, wenn sie drohte, sagte er: »Meinetwegen.« Burgs Paulus hat noch einige bessere Tage gehabt bis an sein seliges Ende. Hohe Wintertage Durch das plötzliche unaufgeklärte Verschwinden der beiden Könner hatte der Betrieb der Kunstwerkstatt auf Seffent sein natürliches Ende gefunden. Aufträge waren nicht da, und wären sie da gewesen, so hätten die zwei Kunstarbeiter sie nicht ausführen können. Sie wurden entlohnt und entlassen und traten jeder seine Laufbahn an. Die Kunstwerkstatt war eingegangen. Obgleich die Art und Weise, wie die drei Personen verschwanden, nicht den Leumund der auf Seffent herrschenden Sitten verbesserte und die von den Behörden ergebnislos angestellte Untersuchung die Augen der Nachbarn ärgerlicherweise auf das Land, das um seinen Ruf als Ganzes sorgte wie eine Familie, richtete, so war man doch im großen mit dem Gange der Dinge zufrieden. Denn erstens hatte man es nicht mit Wonne gesehen, daß ein einzelner Mann wie der Menniken solch ungewöhnliche Bedeutung erhielt. Dann konnten die wichtigen Leute, zum Beispiel ein Mann von der Würde eines Peterpauls Hary, es doch nicht wohl haben, daß fremdes zugekommenes Volk wie die Kunstmänner auf Seffent ihnen im Lichte standen. Denn obgleich es ja keine Leute von Besitz, sondern nur Kunstmänner waren, so sprach man doch zuviel von ihnen, und ein Mann wie z. B. Peterpauls Hary durfte seinen bescheidenen Anteil an der öffentlichen Aufmerksamkeit verlangen und erwarten, daß Samstags nach Feierabend oder am Sonntagmorgen nach der Messe im Wirtshaus wenigstens über seinen letzten Viehankauf oder irgendein Ereignis seines Stalles gesprochen wurde; aber natürlich, der urteilslosen Masse waren die zum Teil romantischen, zum Teil ungebührlichen und frechen Geschichten, z. B. wie die Seffenter die Geistlichen gefoppt haben wollten, lieber! Und das könne man nun sehen, daß diese sogenannte Kunst nur eine gleißende Hülle sei, unter der sich die Schlechtigkeit und Unsittlichkeit der gebildeten Welt da draußen ins Land schleiche und sich einnisten wolle unter Leuten, die für solch dummen Zeitvertreib wie Kunst zu ernst und verständig wären und überhaupt ihr Vieh besorgen müßten. Das könne man nun sehen an dem schlechten Mädchen Agnes, das, solange es beim ehrlichen Deeres diente, sittsam war, das aber, sobald es in dem Kunsthause in Stellung getreten war, seine Freundinnen verleiten wollte zu baden, wo doch Frauenzimmer überhaupt nicht baden. Was man sich aber von dem forschen Jungen, dem Kannegießer, erzählte, machte einen tüchtigen Eindruck, und auch hier bedauerte man, daß der Kannegießer wegen des Frauenzimmers, der Emens Katherina, nicht im Lande geblieben war. Und was für ein Kerl der Menniken war, das konnte man ja jetzt überall in den Zeitungen der Städte lesen; daß er sich blamiert, soviel er will, aber er soll unser Land nicht lächerlich machen, Donner Gottes! Solche Aufregungen sei man wirklich nicht gewohnt. Und dann müßten sie dafür sorgen, daß jetzt ihre Leute etwas mehr zur Geltung kämen, und die da oben sollten von nun an ihre Geschäfte gefälligst für sich machen. Wenn auch der Knopfmann ein Luder sei, so sei es doch wenigstens ein Luder, das wisse, was es wolle, und kein Sausewind und Flausenkopf; wenn man ihm auch die Knochen mahlen müßte, so mache er doch das Land nicht in den Zeitungen lächerlich. Außerdem erregten die Künstler durch ihren Lärm bei den Leuten da draußen den Glauben, als ob es im Lande nur solch spielerischen Zeitvertreib, keine fleißige Arbeit mehr gäbe. Aber nunmehr, da es da oben still geworden, dürfe man ja auf eine gerechtere Verteilung der Rollen und ein ruhigeres Spiel auf dem Theater des Landes hoffen. Herr Menniken saß viele Tage in dem hochgewölbten Saal des Gutes, in dem er sein Arbeitszimmer eingerichtet hatte, und grübelte. Er war so verdrießlich, wie Männer es sind, wenn ein Unternehmen fehlgeschlagen ist und neue Pläne in ihnen zu reifen beginnen. Er hatte die Freude an seinem Unternehmen verloren. Geschäftlicher Daseinskampf würde sie ihm wieder mit Gewalt beigebracht haben, ideale Unternehmungen sind kränkliche Pflanzen. Sein Interesse war auf ein andres Dach geflogen, unter dem in stiller einsamer Geistesarbeit ein Gelehrter in Studien über Kulturgeschichte, Volkswirtschaft und Vergangenheit des Heimatlandes saß. – Johanna Menniken stand am Fenster. Es war eine von jenen toten Nächten, wo alles Leben gestorben und das Land begraben zu sein scheint. Wo es ist, als ob die nächtlich schwarze Platte des Himmels sich über der Erde schlösse wie der Deckel über einem Grabe. Und die Welt darin im Tode schliefe. Es war eine von jenen Nächten im späten Winter, wo das Leben wie von selbst stillzustehen oder bis in seine innersten Tiefen geflüchtet zu sein scheint; wo kein Wind sich regt, kein Vogel ruft, kein Tier lärmt, kein Baum im Froste zittert oder schon im Safte quillt – still. Johanna Menniken hörte den Wildbach nicht rauschen – merkwürdig, der Wildbach rauschte nicht. Kein Lüftchen wehte. Die Welt hielt den Atem an. Wie man aus Furcht den Atem anhält, wenn ein Tier, ein Bär einen beschnuppert. Die Einsamkeit, das riesengroße schwarze stumme sammtpfotige Ungeheuer, beschnupperte die Welt. Die Mondsichel war nur ein schmaler Spalt wie der Ritz zwischen den Lidern eines Todmüden. Als ob Gott selbst schlaftrunken wäre und mit seinem nächtlichen Auge nur noch mühsam in die Welt hinausblinzelte. Da schrie ein Käuzchen! ... Einmal. Warum schrie das Käuzchen nur einmal? Es klingt so ungeheuer, wie es in der Urzeit geklungen haben mag, wenn eines von den riesigen schwarzen Flugtieren in wildem Lärm und Triumph aufgeschrien hat. So still war es, so einsam wie in Vorzeiten der Welt, Urzeiten des Lebens, bevor ein Mensch auf Erden gesehen wurde, in den tiefen Wäldern von Schachtelbäumen, als die Amphibien die Könige der Schöpfung waren, als der Gedanke »Mensch« noch über der Welt schwebte wie ein ferner utopischer Traum, wie die kühne Idee eines Gottes, wie eine fantastische Messiashoffnung ... So einsam war es Johanna Menniken in dieser Nacht, als sie allein am Fenster stand. Obgleich er im Zimmer nebenan war, Bernhard Menniken. Er war noch immer in seinem Arbeitszimmer, obgleich Mitternacht schon vorüber. Er arbeitete oft so lange. Sie stand am Fenster und grübelte. Die Blumen blühen, auch ohne daß ein Mensch sie sieht und sie einen Menschen sehen. Und Millionen blühen, die nie ein Mensch sehen wird, und Milliarden haben geblüht, ehe überhaupt ein Mensch da war. Erspäht der Vogel, ob jemand in der Nähe ist, wenn er singt? Er singt, wenn es ihm zu singen in der Seele ist und die Liebe ihm die Kehle klingen macht. Und dann schweigt er. Und später stirbt er. Er hat gelebt und gesungen, genug, die Blumen haben geblüht und sind befruchtet worden, genug, also ist es recht, daß sie sterben. Da sie nicht mehr sind, warum sollen sie die spätere Welt mit ihrem Andenken belasten? Unendliches Leben geschieht jedes Jahr, jede Sekunde, und stirbt in jeder Sekunde milliardenfach. Wenn all dieses Leben sich im Andenken bewahren wollte, die Welt des lebendigen Lebens würde ein Haufen werden von trockenem historischen Schutt. Für Johanna Menniken war heute eben heute, ein Tag wie andre, an dem sie gearbeitet, sich gefreut hatte. Für ihn war heute ein Tag, an dem er nichts für sein Andenken, seine Ewigkeit getan hatte. Sie war wie eine Welle im Meer, welche die Sonne in roten Purpur, der Mond in Silber verwandelt, in der die Sterne ihre heißen Äuglein kühlen. Dafür freilich floß und verfloß sie auch wie die Welle. Wurde unter andere gemischt oder von der Sonne aufgesogen und in die Urkräfte der Natur zurückgetrunken, wenn sie sich genügend auf dem Meere geschaukelt. Er freilich würde – wollte – beständig sein, tiefer gegründet sein, unveränderlich sein, während um ihn der Alltag, die Sekunde und ihr Leben flossen. Wenn die Erde und der ganze Raum mit einer Wolkenhülle wie ein Topf mit einem Deckel zugedeckt ist, dann fühlt man sich verwandter mit allem, was darunter. Man wohnt enger, gedrängter mit Haus und Baum, mit Tier und Stein. Man ist mehr abhängig. Besonders wenn eine dunkle Gefahr dräut. Eine Gefahr, die dich treffen kann ebenso wie die Eiche, wie die Scheune, wie das Pferd, wie die ganze Nachbarerde. Man fühlt sich und jegliches Ding irdisch. Gemeinsame Gefahren schließen zusammen. Dagegen wenn die Luft hell und frei und der Himmel hoch ist und man auf ungeheuern Höhen von Räumen über der Erde bis ins Unendliche reichen zu können meint, dann verliert man den Blick für das Nahe und das Gefühl der Verwandtschaft mit dem Irdischen. Der Himmel ist groß und weit, und die Seele lacht so hell und kühl wie ein Gott aus den Lüften. Frau Johanna hatte in jüngster Zeit dem Hause der Menniken ihre Sorge gewidmet, war von den hohen weiten Speichern bis in die tiefsten Brunnenkeller gestiegen und hatte untersucht, gebessert und gereinigt. Dabei hatte sie manches alte Stück an Krügen, Modellen, Schriften und Urkunden gefunden und eines Tages aus einem vergessenen Winkel eine längst verlorengegebene Urkunde herausgezogen, in welcher Maria Theresia der nach dem Dreißigjährigen Kriege mühsam noch lebenden Töpferei eine Art Enteignungsrecht verliehen für abbauwürdige Tonschichten. Es war in flämischer Sprache abgefaßt, in herrlicher Schrift auf vielen Pergamentbogen, und begann: Maria Theresia, by Godis gnad Kayserinne und Kuniginne van Duytsland, van Hongarien an gemeine Pottbackers. Menniken war überglücklich und vergaß über der Freude, die ihm die Veröffentlichung der wichtigen Urkunde in den fachwissenschaftlichen Blättern brachte, die glückliche Finderin. Sie hatte sich um das, was jetzt von den Menniken war, bemüht. Auch nach rückwärts sich bemüht. Auch nach – vorwärts – –? Nein, das hatte sie nicht. Freilich hatte sie etwas versäumt. Freilich hatte sie nur an sich gedacht. Freilich trug sie wohl Schuld. Aber war es nicht vielleicht schon zu spät –? * Hohe Frühlingswochen vergingen. Tiefe Züge schöner ungezäumter Pferde stürmten über die Fläche. Ihre Nüstern schnaubten, ihre Flanken schlugen, ihre Hälse waren schön und stolz gebogen. So flogen sie in edler Wildheit über die Ebene. Stürme bliesen von den Bergen, frisch und stark wie aus den jungen Lungen des Frühlings. Sie fielen in die jungbelaubten Bäume und zausten an dem Laub. Den kräftigen jungen Blättern und Zweigen war es eine Lust, sich in den frischen Winden zu biegen und zu beugen und das köstliche Wohlbehagen und die wohlige Ermüdung der durchrüttelten Glieder zu fühlen. Wasser fielen vom Gebirge, frisch, kalt und jung. Sie brausten und schäumten, sprangen und rollten abwärts. Im Fließen spülten und wuschen sie, sprangen und brausten sie, und unmutsvoll rauschten sie an Hindernissen auf. Licht floß aus der Sonne, junges starkes Licht, in lautlos rauschenden Stürzen. Es erfüllte die Täler, bedeckte die Länder, erreichte die Berge, überschwemmte und ertränkte die ganze Erde. Wie die Grundtiere aus der stillen Tiefe eines Ozeans sahen die beiden Menschen hinauf durch das Meer von Licht, in das beständig neue Fluten rauschten, auf dessen Oberfläche oben in stillen Stunden der Mond und die Sterne schwammen. Jung, jung! Johanna Menniken bäumte sich auf, emporgeworfen vom Gefühle der Jugend. * Eines Tages, nachdem sie auf der Geige gespielt hatte und ihre Seele durch den Kasten an ihrer Wange geflutet war, als sie dann in unbezwingbarer Fröhlichkeit sang – da brach sie plötzlich ab, denn es war ihr, als habe sie aus den Tiefen ihres Wesens eine andere Kraft, eine fremde Macht, einen gewaltigen Willen mitsingen hören: den Willen der Welt hatte sie aus den fernen Gründen des Alls durch ihren Mund hinausrufen hören. Und plötzlich hörte sie seine Schreie auch im Gesang der Vögel im Haine, wilde Schreie, die aber in die Erscheinung durch die Vogelkehle schön und veredelt heraustraten. Es war ihr, als höre sie den Lebenswillen sein »Ja« und »So will ich« sagen im Rauschen des Wildbaches, im Rascheln der Blätter im Quellbusche. Ja und So will ich! Wer auf irgendeiner Welt oder Sonne, welche Kraft, welcher Gedanke, welcher Gott will anders, daß ich ihm den Hals breche! Sie sah vom Fenster aus die Quellen fließen und sah den Willen der Welt alle Feuchtigkeit in den Finsternissen der Erde in seine hohlen Hände schöpfen und sie durch die Quellen in das Licht des Tages hinausreichen. Sie sah diesen Willen der Welt die weiche Masse der Lebendigkeit durch die Poren der Erde hinauspressen, zum Gras oder zum Kraut, zur Blume oder zum Baum geformt. Sie sah ihn seinen heißen Atem durch den schönen Mund der Blumen auf die Fläche der Erde hauchen. Sie sah ihn plötzlich entsetzt zugleich und selig erhoben das Tier aus Loch und Gang, aus Schale und Ei hinausjagen. So will ich! hörte sie ihn fern-furchtbar rufen, welcher Wille und Widerstand in irgendeiner Höhle und Ecke des Alls will anders, daß ich ihm die Glieder zerstampfe und seinen Brei in eine leere Fuge des Weltgebäudes schmiere! Wo ist er? – Und sie hielt mit allem Ding im Zirkel des Seins den Atem an, während die furchtbare blinde Hand im Raume ragte, die Wände der Welträume abtastete und um jede Sonne herumfühlte ... Im Winter an einem hohen Tage wurde Johanna Mutter. * Und was im Winter alle Tage geschieht, ist so: Das Vieh steht in den Ställen. Darin ist eine mollige muffige Wärme. Wenn die mit Sackleinen und Stroh wohlverpackte und zugefugte Stalltür sich öffnet, strömt ein warmer Hauch in die kalte Luft. Sie misten. Auf der blinkenden Forke raucht der Mist des Pferdestalles. Schon auf die Forke stürzt sich eine Menge lärmender Spatzen, die frierend und hungernd an den kahlen Obstbäumen der Hauswiese gehangen haben. Mit der Hand fast kann man sie fangen. Traulich brummt im Kuhstall eine Kuh. Eine Kette rasselt. Dann wird die Tür wieder zugeschlagen. Auf dem Mist streiten sich pöbelhaft die Spatzen. Zwei schlagen sich um einen Bissen, ein dritter bekommt ihn. Aus den Kaminen der Häuser steigt der Rauch in die kalte Luft. Zuerst erhebt er sich im Vollgefühle seiner Wärme, ganz gerade, als würde von drinnen ein weißer Stab langsam hinausgeschoben. Dann aber steht er einen Augenblick still, und von der grimmigen Kälte gepackt fängt er an, sich zu winden und zu drehen. Er bohrt sich angestrengt weiter hinauf. Langsamer –. Jetzt steht er wieder. Erschöpft, verzweifelt, kalt. Und mit grimmiger Faust packt ihn lachend die Winterluft und zerreibt ihn zwischen den beiden letzten Fingern. Weißer Schnee, weißgraue Häuser; Bäume, Zäune und Hecken sind schwarz. Die farbige Sommerlandschaft ist zurückgeführt auf Schwarz und Weiß. Der Postbote macht jeden Tag die Runde und bekommt manchen warmen Schnaps in den kalten Leib. Manchmal stapft auch der alte Ter Heele mit Pütz Karel, dem Küster, durch die verschneiten Wiesen. Der Küster geht, das schwarze Röckel am Leib, in der Linken die Messinglaterne mit dem brennenden Licht, in der Rechten das Glöckchen; wenn Leute entgegenkommen, schellt er. Wenn sie an den Häusern vorbeikommen, schellt er. Dann stockt drinnen für einen Augenblick Arbeit, Scherz, Gesang. Sursum corda! Die Kühe in den Ställen aber erinnern sich der Sommerweide und beginnen, ferner grüner saftiger Erinnerungen voll, laut zu muhen. Manchmal steckt der Küster die Schelle aber auch in die Tasche, bläst in die blauen Hände und murrt etwas. Der Geistliche aber murrt nicht. Er trägt, die alten zitternden Hände über der violetten Hülle gefaltet, die letzte Wegzehrung und die heiligen Öle. Und er betet, daß es ihm vergönnt sei, noch zu rechter Zeit den Kranken zu erreichen. Dann und wann wird aus dem Hofe des Peterpauls Hary in den Diepenbenden einer der Dorfstiere herausgeführt. Der Stier scheut vor der großen Weiße. Aber Hary versteht es, mit Stieren umzugehen. Er läßt ihn ruhig stehen und mit den kleinen Augen blinzeln, bis es dem Stier kalt wird, und er sich von selbst in Bewegung setzt. Mächtig trabt der schwere Körper auf den kurzen Beinen. Hary selber hat rote Backen, strahlende Augen und gesundes Mark in seinen Röhren. Man könnte sagen, er ist krank vor lauter Gesundheit. Nun merkt der Stier, wie warm die Bewegung macht. Er beginnt zu springen, zu laufen, zu steigen. Dampfwolken stößt er aus seinen Nüstern. Der Widerrist steigt hoch und stolz auf; unter dem dicken Halse wackelt im Springen der Buschlappen. Jetzt steht er ... schnaubend, sprühend ... den Schweif erhoben, hoch in der Luft die starke Quaste. Jetzt brüllt er ... aber Peterpauls Hary versteht es, mit Stieren umzugehen. In den dicken Häusern ist es um so gemütlicher und behaglicher, je kälter und unwirtlicher es draußen ist. Der Stall ist immer gleichmäßig warm. Der Geruch ist nicht unangenehm. Oh, man darf nur nicht eine verzärtelte Nase haben! Als Hennessens Hennesse Hannes, der Lebensgefährliche, vom Militär zurückkam und Hennessens Hannes seinen Sohn begrüßt hatte mit den Worten: »Morgen, Jung, Alles gut? Die Butterblume und der Kronprinz haben gejungt, Kälber wie von Abrahams Weide«, da hatte Hannes nicht auf seinen Alten gehört, sondern die Tür geöffnet, die aus der Wohnstube in den Stall führte, hatte lange gestanden, tief geatmet, die Nase groß gemacht und gesagt: »Ich freue mich als wieder Mist zu rüchen.« Das ist winters schön leben in den Häusern. Mag man in einem Lande, wo die Leute ihr gutes Auskommen haben, im Sommer nicht allzuviel arbeiten, so kann man es im Winter nicht tun, selbst wenn man wollte. Aber man will auch gar nicht. Die Wiesen sind verschneit; das Vieh steht warm in den Ställen. Vom Venn fährt das rauhe Volk des Berglandes den Brandtorf herunter. In den Steinbrüchen ist hohes Wasser, und eine dicke Eisdecke liegt darüber. Und dann ist der Blaustein so kalt. Aber in den Kalköfen ist es angenehm; da beschäftigen sich denn auch winters die meisten Steinbrecher. Der Ofen brennt nicht schneller, weil viele ihn bedienen. Und Tollheiten sind da in den wohlerwärmten Gewölbegängen der Öfen getrieben worden, oh...! In den Ställen fressen die Kühe das kräuterreiche Heu aus den Krippen. Auf den Stangen und in den Kästen unter dem Heuboden über den Kuhständen gackern die Hennen. Ab und zu flattert eine von ihnen mit klatschendem Schlage auf aus ihrer molligen Ruhe und setzt sich nieder auf eine Kuh. Eine Kuh, im Stalle vollends, ist ein sanftes Vieh. Besonders wenn sie mit Wiederkäuen beschäftigt ist. Eine zweite, dritte und weitere Hennen fliegen herzu, und eine kleine Herde Federvieh sitzt gackernd und lärmend auf der roten Kuh. Die Kuh kaut und brummt einmal tief dazu. Bis es ihr plötzlich zuviel wird und sie die ganze Gesellschaft Federvieh mit einem Schlage ihres Schwanzes herunterfegt. Aus dem Vorstalle, wo Torf, Holz, Bütten, Eimer, die Säcke mit Kuhmehl stehen, kommt Hammerschlag, Sägegeräusch, dazu Pfeifen und Singen. Der Viehwirt hat seine Hobelbank aufgestellt und bessert in den langen Stunden der Wintertage dies und jenes aus, die Kuhkrippe, den Schweineverschlag, den Forkenstiel, ersetzt die fehlenden Sprossen der Hühnerstiege, erneuert den Boden des Melkeimers, oder sogar, wenn er mutig und geschickt ist, wagt er ein Möbel für die Aussteuer der Tochter, die nach Ablauf der geschlossenen Zeit Hochzeit machen wird. Im Wohngebäude, in der Stube, meist im plattenbelegten Vorraum buttern sie. In der Mitte steht das grüne Butterfaß mit den goldglänzenden Messingreifen auf hohem Schragen. Im Winter erlauben die Hausfrauen den jungen Burschen, auch werktags zu den Mädchen auf die Freite zu kommen. Dafür werden diese Jünglinge aber an das Butterfaß gesetzt. Die Hausfrau läßt jedesmal einen Jungen mit einem Mädchen an demselben Schwengel drehen. Die irdenen Schüsseln, m denen die Milch zum Sauerwerden steht, werden hereingetragen, der Rahm wird mit dem langen Holzmesser abgestrichen und in das Butterfaß geschüttet, das Gußloch mit einem Holzdeckel und Leinewand verschlossen, der Riegel vorgelegt – so, nun kann das Buttern beginnen. Eins , zwei, links , rechts, du bist dran, ich bin dran, du ... ich ... Das Drehen ist im besten Gange. Laut klatscht der Rahm auf die gelochten Bretter im Fasse. Die Hausmutter darf es sogar wagen, den Burschen mit dem Mädchen allein zu lassen, denn der Lärm des Butterfasses ist überall zu hören, im Stall, im Keller, auf dem Speicher. Aber weh, wenn es einen Augenblick still ist! Wie aus den Ritzen des Bodenbelages hervorgezaubert steht die Mutter im Raume. Ei, die Stunde ist schon vorüber? Der Junge und das Mädchen haben, sich gegenübersitzend, auch sich in die Augen sehend und gelegentlich ein stilles Küßchen tauschend, geschickt, ohne im Drehen einzuhalten – um Gottes willen! – das Butterfaß eine Stunde lang bedient. Ja, die Stunde ist vorüber. Es hilft nichts, es ist gebuttert. Der Rahm ist zerlegt, man vernimmt deutlich das unterschiedliche Geräusch. Das Faß wird geleert, die Buttermilch in Eimer gegossen und für die Kälber beiseitegestellt, die Butter in breite niedrige Bütten gelegt und so lange in stets erneuertem Wasser gewaschen, bis dieses rein abläuft. Zu Pfunden abgewogen, auf blanken Holzschüsseln zu Kugeln oder Kegeln gerollt, in weißes Leinen gepackt, wird die Butter in nahe und ferne Städte zu den Kunden und auf die Märkte gebracht. 1 Mark 50 kost' das Pfund Butter! Und die Hausfrauen in den Städten sagen: »O weh, lieber Buttermann, wenn Ihr das nächstemal nicht abschlagt, werde ich mit meinen Kindern lieber Schmalz essen.« »Gewiß, Madam, die nächste Kehre schlägt die Butter ab.« 1 Mark 55 kost' das Pfund Butter! Eine vom Adel des Landes Der Frühling kam von jenseits über die Erde. Da lag das Land steif und reglos vor ihm wie ein im Schnee erfrorenes Kind. Und wie man ein solches Kind auf die Hände nimmt, den leblosen Leib streichelt, es an sich preßt, mit der Wärme seines Körpers wärmt und ihm auf die Wangen haucht – so tat der Frühling. Und sieh, es kam Leben in den erfrorenen Körper, die Glieder regten sich, die Quellen und Teiche, die Augen der Erde, schlugen ihre Eislider auf, und die Haut des Erdkörpers sproßte. * Es war der Tag, der Ostern heißt, als der freundliche Weltenwanderer Frühling die Erde, das im kalten All ausgesetzte Kind, fand. Der Pastor kommt! Der Pastor wird aus Wiesbaden kommen! Wißt ihr es schon? Wißt ihr schon, daß der Pastor nächste Woche kommt? Am Mittwoch der Osterwoche kam der Diener Gottes nach zweijähriger Abwesenheit zu seiner Herde zurück. War das eine Freude! Der Pastor stieg bei Himmelsplatz aus dem Wagen aus, um zu zeigen, wie wohl es ihm gehe, und ging mit den ihn einholenden Pfarrkindern ins Kirchdorf. Im Pastorat empfingen ihn die ihm untergebenen und ihm befreundeten Geistlichen. Es gratulierte auch eine Abordnung von Bauern und Ortseingesessenen unter Führung des Peterpauls Hary. Für die Schuljugend war der Sohn des Hary erschienen. Die meisten Leute spotteten über den scheuen Jungen und erklärten ihn für einen Dummkopf, denn Peterpauls Hary, der an seinen Benden und seinem Viehstand so großes Glück genoß, mußte doch wenigstens in seiner Familie geschlagen sein. Als der Junge seinen Spruch gesagt hatte, legte ihm der Herr Pfarrer die Hand auf den Kopf – der Junge stand darunter wie ein Pfahl – und frug: »Nun, kleiner Napoleon, was willst du denn mal werden?« Der Junge sah ihn verwirrt an, schluckte und sagte: »Lehrer.« »So, Lehrer? Warum denn?« »Weil ... die Bücher, die der Herr Lehrer ...« »Ihr habt einen klugen Jungen«, sagte der Pfarrer. »Er ist mein Jung'«, sagte Peterpauls Hary. »Er ist ein kluger Junge, ich weiß es aus der Schule.« »Ich schlüg' ihm auch die Knochen im Leib kaput, wenn er es nicht wär'«, sagte der Vater und sah voll Freude und Stolz auf seinen Sohn. »Ihr müßt ihn studieren lassen.« »Ach was, studieren. Mein Jung' soll wirken wie ich. Ich bin auch nicht mit einem goldenen Löffel auf die Welt geholt worden.« Der Pfarrer wurde sichtlich warm. »Aber Hary, Ihr seid doch in ein gemachtes Bett gekommen. Euer Vater Peterpaul war doch schon ein reicher Mann. Warum wollt Ihr Euern Sohn nicht studieren lassen?« Hary entschied: »Mein Jung' soll nicht klüger werden als der Vater.« Als der Rektor am andern Tage dem Pfarrer förmlich die Geschäfte übergab, war dieser, der aus Bequemlichkeit Neuerungen abgeneigt war, recht ungehalten über die eigenmächtigen Unternehmungen seines Stellvertreters und machte ein sehr ernstes Gesicht. Aber er war auch zu bequem, einmal gemachte Neuerungen abzuschaffen und den alten Stand der Dinge wiederherzustellen. Der Rektor wanderte mit schleppenden Füßen, an Verantwortung leichter, aber schwer an Erfahrungen, auf stillen Umwegen durch die in üppigem Wuchs stehenden Hochbenden nach seinem Ludwigsmünster. Der Knopfmann war ein gerissener Bursche. Eines Tages hatte er zum Rektor geäußert, er könne nicht mehr in Ludwigsmünster arbeiten, der Weg von dorther sei zu weit. Er wolle sich einen Platz in einer der hiesigen Steingruben suchen. Das aber trug der Knopfmann verbrieft in der Tasche, die Verpflichtung des Rektors, für alle etwaigen Schäden, die ihm aus der Übernahme des Schweizeramtes erwachsen konnten, aufzukommen. Der Rektor hatte gelacht bei dieser Ängstlichkeit, den Schein unterzeichnet und das Bewußtsein gehabt, niemals seinen Namen so überflüssigerweise geschrieben zu haben. Der Knopfmann fand einen Platz auf der Grube des Tieß Bertz, wo er neben dem gottesfürchtigen de Losy arbeitete. Sie sprachen sehr oft miteinander vom Kulturkampf und andern heiligen Dingen. Der Knopfmann erschien unregelmäßig zur Arbeit, je nachdem Messen, Seelenämter und Begräbnisse lagen. Die geringe Zeit, die er arbeitete, war er nun keineswegs fleißig; sogar faul war er. »Er stinkt vor Faulheit«, sagte Tieß Bertz. Aber der Knopfmann war so etwas wie ein Mann der Kirche. Und Tieß Bertz war ein gottesfürchtiger Mann, hätte aber doch den Knopfmann zum Teufel gejagt, wenn er nicht den Herrn Rektor, durch den er die Lieferung für die Kirchhofskreuze hatte, noch mehr gefürchtet hätte als den lieben Gott. Darum arbeitete er mit eignen Arbeitgeberhänden das nach, was jener verlümmelte. Unter diesen Verhältnissen ging es eine Zeitlang gut. Aber bald gab es Reibereien und Händel zwischen dem Knopfmann und den übrigen Grubenarbeitern. Da diese schon von der Kirche her einen Haß auf ihn hatten, so drohten sie eines Tages mit dem Streik, wenn der Knopfmann nicht von der Grube entfernt würde. Der Knopfmann mußte gehen. Fröhlich schulterte er die Werkkiste. Er sprach auf den übrigen Gruben und Kalkbrennereien um Arbeit vor, selbstverständlich ohne Erfolg. Eines Tages erschien er wieder vor dem Rektor. Er erklärte, seine kirchliche Beschäftigung mache ihm eine bürgerliche unmöglich, er werde überall fortgejagt, er könne von seinem Schweizergehalt nicht leben – er lege hiermit seinen Schein vor. Der Rektor brauste auf. Der Knopfmann stand auf seinem Schein. Der Rektor verwandte sich in der ganzen Umgegend. Aber befehlen konnte er nicht, und ihm zu Gefallen tat man nichts. Nicht einmal die Bauern, die Zäunemacher und Fuhrleute wollten den Knopfmann nehmen. Also mußte der Rektor zahlen. Der Knopfmann war sehr zufrieden. Nach den kirchlichen Verrichtungen machte er weite Spaziergänge durchs Land, auf denen er die Allmacht Gottes in der Natur bewunderte und seine Größe pries. Bei seiner Mißliebigkeit war es natürlich, daß er für seine Spaziergänge einsame Gegenden wählte. So kam er oft in die Wüstenei. Und in der Wüstenei sah er die Stolzen Bärb. Die Wüstenei war kein schlimmer Ort. Der Name war von Leuten gegeben worden, die auf fettem Lande in großen Steinhäusern saßen. Die Wüstenei war ein lehmiger Grund, wo man Ziegel buk und verbaute, und Ziegelhäuser verachtete man in den Steinhäusern. In dem Ziegelbäckerhaus, einem niedrigen Fachwerkbau, wohnte einsam Stolzen Bärb, eine alte Jungfrau, reich an Tugend und – wie es hieß – an Geld. Ihr Name war eine Geschichte. Sie entstammte einer Familie von Stolze, die 1794 beim Einfall der Franzosen den schwachen Widerstand des Landes geführt hatte und daher ihrer Güter beraubt worden war. Die Hoch- und Diepenbenden hatte damals Peterpaul, der Vater des Peterpauls Hary, zu einem niedrigen Preise gekauft und war ein reicher Mann geworden. Als 1815 das Land preußisch wurde, kamen die von Stolze als arme Leute zurück. Aber sie waren nicht ratlos. Sie erwarben die Wüstenei und buken Ziegelsteine. Sie, die in der alten Staatsform als Herren über die Wiesen geritten waren, standen jetzt am Formtisch und füllten die eisernen Mulden, und ihre Söhne und Töchter kneteten mit nackten Füßen den Lehm in den Gruben. Das adlige Geschlecht brachte es so weit, daß es mit Anstand leben und ohne Schulden sterben konnte. Aber es schien, als ob durch diese jahrzehntelange Knechtearbeit die Kraft des Stammes gebrochen worden sei. Die Barbara war das einzige dürre Reislein, das von ihm übrigblieb. Sie behielt von ihrer Familie die vornehme Zurückhaltung gefallener Größen. Die Erinnerung an den Namen von Stolze war im Lande erloschen. Die Barbara selbst wußte kaum, daß sie einen adligen Namen trug. Der Name Stolze war dem allgemeinen Empfinden gleichbedeutend mit: einsam, zurückgezogen. Eines Sonntags erhielten der Knopfmann und die Stolzen Bärb von der Kanzel den ersten Ruf. Die Barbara war aber fünfzig, der Knopfmann fünfunddreißig Jahre. Noch an demselben Sonntag abends versammelte sich auf dem Platze im Kirchdorf eine große Menge junger Leute der Gemeinden. Sie hatten Hörner, Kindertrompeten, Kesseldeckel, Peitschen und Pferdeglocken, Kuhschellen und Querpfeifen, alle Arten von Lärminstrumenten. Die nichts hatten, pfiffen auf den Fingern. Der lebensgefährliche Johann trug an einer hohen Stange ein Bündel leeres Stroh. Hinter dem Träger des Abzeichens setzte sich die Rotte in Bewegung, wem sollte die Katzenmusik gebracht werden? Der Zug schlug den breiten Kirchweg durch die Wiesen ein und kam nach der Pavei – laut lärmten die dickgenagelten Schuhe auf dem Pflaster –, wandte sich an den Diepenbenden ab, stieg die Hochbenden hinan – aus allen Höfen und Häusern, von Weiten und Seiten kam Zulauf – da, oben am Kreuzweg, bog der Zeichenträger auf die Wüstenei ein. Nach einer Viertelstunde stand die Rotte um das Ziegelbäckerhaus herum. Ein Pfiff vom Standartenträger – und es erhob sich eine jämmerliche Katzenmusik. Lärmen, Schreien, Pfeifen, Johlen, Trompetenstöße, geschlagene Deckel, Kuhglocken, Trommelrasseln ... O Gott, o Gott! Im Ziegelbäckerhaus wurde es hell, ein Licht lief an drei Fenstern vorbei, eine Scheibe wurde vorsichtig geöffnet – ungeheures Gelächter erhob sich draußen – das Fenster schlug zu, das Licht erlosch. Die Stolzen Bärb dachte sich: »Die werden schon vor mir müde.« Nachdem der Lärm eine halbe Stunde gedauert hatte, legten sie Feuer an das Strohbündel auf der Stange, die Flamme loderte hoch auf, es war hell auf dem alten Ziegelbäckerplatz; dann fiel das Feuer zusammen, und von dem unfruchtbaren Strohwisch blieb nur ein Haufen glimmender Asche zurück. »So, nun wissen sie's«, sagte der Lebensgefährliche. Die Menge verlief sich allmählich, und Stolzen Bärb schlief ein. Ein kräftiger Volksstamm hatte gegen eine Ehe protestiert, in der keine Kinder mehr erzeugt werden. Nach drei Wochen feierten die Stolzen Bärb und der Knopfmann Hochzeit. Der glückliche Bräutigam hatte richtig gerechnet: seine Frau besaß ein hübsches kleines Vermögen, die Pension des Rektors war zwar dünn – der Knopfmann hatte sogar etwas nachgelassen –, das Schweizergehalt auch nicht allzu fett, aber alles zusammen ermöglichte ein sorgenfreies behagliches Leben. Die beiden lebten sehr glücklich, und die Gemeinden gewöhnten sich im Laufe der Jahre an den Knopfmann. Ein Kulturmensch. Die fränkischen Flüsse Ei, nun sieh mal an! In dem Sessel im Park, wer sitzt denn da?« Eines Tages, in Paris, im Park de Monceau, wer saß denn da? Sandra van den Daele. Etwas Kind, etwas Weib, etwas Heldin – etwas Kokotte ... was war sie? Sie saß in einem bequemen Strohstuhl und schaute hinab auf das Frühlingsleben des Boulevards, auf dem die Linden ausschlugen. Sie trug ein Kleid, eine graue Mullgarnitur, die wie Schaum um ihren Körper spielte. Schaumgeborene Venus! Und dann das jetzt kindlich scheinende Gesicht, und die Augen, die in Tränen verschwammen ... was rühmt doch Luzian von der Knidierin: den feuchten, zugleich strahlenden Blick der Augen. Was er bei den alten Schriftstellern von der Knidierin gelesen, Bernhard sah es vor sich. Das süße Wort Iüsimeläs , das unheimliche Wort, hier erlebte er es. Wenn der Bithynierkönig Nikomedes den Knidiern gegen die Statue der Aphrodite die Staatsschulden bezahlen wollte, was würde er hier ...? Und die Göttin selbst – damals, als sie von Cynthera nach Knidos hinüberfuhr, um ihr eignes Bildnis zu schauen, frug sie schamhaft und erstaunt: Wo schaute mich Praxiteles denn entkleidet? Wenn sie heute nach Paris herüberkäme, in den Park de Monceau ginge und dort neben einem gelehrten Herrn aus Deutschland ihre Doppelgängerin fände ...? Solche Gedanken ungefähr gingen durch seinen Kopf. Er begann aber sehr ernst: »Sandra, weißt du, daß es deinem Manne schlecht geht?« »Es ist mir gleich.« »Hm ... Hör' mal, Sandra, ist das ... jenes, hm ... eigentlich wahr?« »Was?« frug sie und errötete dabei. »Muß ich es dir sagen?« »Ich verstehe dich wirklich nicht«, sagte sie leise, und ihre Augen, die nicht wagten ihn anzusehen, schauten in die Straße hinaus. Er hielt sie fest im Auge. »Nun, ich meinte, solch ein Eheleben wäre doch merkwürdig.« »Nicht wahr?« »Und töricht!« »Ja, nicht wahr?« rief sie. Dann war es einen Augenblick stille. »Du bist abscheulich«, sagte sie leise, indem sie sich in ihren Korbstuhl zurückgleiten ließ. Er lächelte. »Ja, so ist das in verliebten Sachen: erst ist die Not so groß ... ja, und nachher meint man, es wäre nicht nötig gewesen. Und dann erinnert man sich nicht oder will es nicht wahr haben. Also ihr habt miteinander gelebt, wie es üblich und in der Ordnung ist. Du hast ein wenig renommiert, Sandra.« »Reden wir von etwas anderem ...« »Nein, bleiben wir bei demselben«, beharrte er. »Du hast im Grunde eine ungewöhnliche Seele, Sandra. Sie geht auf große Ziele, aber sie verirrt sich auf dem Wege.« »Du bist liebenswürdig ...« »Wir müssen endlich in ein ordentliches Verhältnis zueinander kommen. Siehst du, wer dich kennenlernt, den verblüffst du. Du bist eine von jenen Naturen, die sogleich alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen, die die Ansprüche steigern und nachher abfallen. Glücklicher sind diejenigen, die zunächst beiseitestehen und sich mit kleinem Maßstab messen lassen. Sie können immer nur wachsen.« Sie legte die Hand vor die Augen. »Du willst nur herrschen, Sandra, besser: eine Rolle spielen. Und zwar: spielen! Du liebst nicht, ich glaube, du weißt gar nicht, was Lieben ist. Lächle nur. Weil du mich nicht erreichen kannst, jagst du mir nach. Es ist dir nicht um das Erreichen, sondern um das Laufen zu tun. Du willst vor dir selber die Ruhelosigkeit deiner Seele entschuldigen. Deine Seele hat etwas vom gehetzten Hund. Daß du körperlich nervös bist, sieht jeder, aber ich möchte sagen, du bist auch moralisch nervös.« Sie sah ihn an halb streng, halb bang und sagte halb bang, halb kalt: »woher weißt du das?« »Auf ganz gewöhnlichem Wege. Als ich deinen Mann in euerm Hause kennengelernt hatte, sagte ich mir, er könne wohl kaum so schlimm sein, wie du ihn geschildert. Darüber mußte ich mehr wissen. Ich suchte ihn in der Stadt auf und fand einen liebenswürdigen Menschen, der auch durchaus nicht auf Ausschweifungen versessen war. Dazu fehlte ihm schon das Geld. Nur sehr viel Sorgen hatte er. Wir saßen oft beisammen ...« »Und da hat er dir alles erzählt, der Lump?« »Ruhig, du schadest deiner Würde. Er hat nichts erzählt. Dazu war er, ich glaube es wirklich, zu zartfühlend. Nur einmal, als wir einen vergessenen Liebesbrief auf unsrer Bank im Kurgarten fanden und wir dann so im allgemeinen auf diese ›Jugendeseleien‹, wie er sagte, zu sprechen kamen, erzählte er in bitterer Ironie, daß ihr euch früher, vor eurer Hochzeit, jeden Tag geschrieben hättet ...« »Er, ja, der verliebte Narr, er schrieb alle Tage.« »Und du? Es handelt sich um dein Ansehen bei mir.« Sie schwieg einen Augenblick. Dann sagte sie: »Dreimal die Woche.« »Das ist die Wahrheit. So sagte er nämlich. Weißt du, ich gebe jetzt etwas auf das, was er sagt. Er ist ein biederer Kerl.« »Dann kannst du ja dicke Freundschaft mit ihm schließen.« »Jedenfalls möchte ich nicht, daß er und ich uns aus den Augen verlören. Er ist dir auch früher nicht widerwärtig gewesen, wie du gesagt hast, und hat dich nicht überrumpelt. Im Gegenteil, du wirst ihn überrumpelt haben, genau so wie mich. Du hast das Unglück gehabt, ihn zu bekommen, denn als du ihn hattest, war dein Interesse erschöpft.« »Nenn' mich nur ein kokettes Frauenzimmer«, weinte sie. »Oh, du bist nicht eigentlich kokett; dazu gehört Geduld und Überlegung. Dazu muß man sich die nötige Zeit nehmen. Du bist nur atemlos.« »Hart ist, was du sagst.« »Sieh, so gefällst du mir. Und nun laß uns ins Reine kommen. Ich durchschaue dich endlich, es hat lange genug gedauert. Ich muß doch höllisch in dich verliebt gewesen sein, bei Gott ja! Du hast keine Seele, Sandra. Oder deine Seele besteht nur aus ein paar armen kranken Nervensträngen. Was immer du tatest, waren Dinge, die wegen ihrer Gefährlichkeit oder Ungewöhnlichkeit dich reizten. Such' das doch nicht abzuleugnen, denn du kennst so gut dich selbst und bist so schlau. Du wußtest damals, als du mich in Versuchung führtest, als meine Leidenschaft bei dir, mein Herz aber bei einer andern war, daß, wenn die Leidenschaft gesiegt, du mich nur für den Augenblick der Leidenschaft besessen hättest. Darum versagtest du dich, weil du meintest, daß du mich dadurch nur noch fester an dich ziehen würdest. Übrigens war dir das physisch leicht, denn du bist auch nicht eigentlich eine sinnliche, nein, geradezu eine kalte Frau. Du hattest Furcht vor deiner – Langeweile, Sandra. Es muß doch weit mit einer Frau gekommen sein, die nur dadurch Aufsehen machen zu können glaubt, daß sie ihren Mann verkleinert und vorgibt, ihm wegen seiner Unwürdigkeit sich entzogen zu haben, was dann als seine moralische Unterscheidung erscheint. Solange dein Nervensystem noch auf alle die Kitzeleien antwortet und irgendeine Tätigkeit zeigt, sprichst du von deinem Leben. Wenn es einmal so überreizt sein wird, daß die Nerven reißen, stumm bleiben, dann – spricht man von deinem Tode, Sandra. Also: ich will dir ein Freund bleiben, oder besser – weil du dann noch immer gefährlich bleibst, du schönes Kätzchen – etwas wie ein guter Onkel.« »Ihr ekligen Deutschen seid alle so onkelhaft.« »Ihr Deutschen?« »Na ja, ich komme nie wieder nach Deutschland.« »Tu' das! Es ist das beste für dich. Aber du wirst es ja nicht tun. Ich fahre nach Haus. Auf Wiedersehen in Deutschland und daheim ... ma p'tite .« Sie sah ihm nassen Auges nach. »Was sind die Deutschen doch für ekelhafte Kerle!« flüsterte sie. Und hatte Freude, daß er an der Ecke des Boulevards einmal grüßend winkte.   Herr Dalton, monsieur de malheur , hatte aber auch nicht mehr Kredit für ein Weißbrot. Von seinem Hypotheken- und Immobiliengeschäft bestand nichts weiter mehr als ein Schild über der Bürotür. Die Auskunfteien setzten Herrn Dalton endgültig auf die Liste der Verlorengeglaubten. Mit allem, was er unternahm, erreichte er im besten Falle kurze teure Fristen zur Verlängerung des qualvollen Lebens. Als er fühlte, daß ihm der Wind ausging, in der letzten Atemnot, wandte er sich noch einmal an seine Frau und Schwiegermutter; seine Frau sagte nichts, die Schwiegermutter zuckte die Achsel. Er meinte ja, die Steine müßten seinen Aufschrei hören. Seine Frau wagte nichts abzuschlagen, zeigte nur, daß ihre Nerven seine Reden und seine Angst nicht ertragen konnten, und verwies ihn an ihre Mutter. Die machte ihn darauf aufmerksam, daß das Heiratsgut drangegangen sei und daß er sich freuen solle, der Sorge für seine Frau enthoben zu sein, die sie bei sich behalten werde. Herr Dalton ging fort. Er verstand nicht, warum sie ihn so behandelten. Aber den Wunsch hatte er: sein Geschäft wieder aufrecht zu stellen, ein reicher Mann zu werden, Frau und Schwiegermutter verarmen zu sehen, damit er sich an ihnen durch Großmut rächen könne. Nach einiger Zeit hörte er, daß die Damen ohne Hinterlassung ihrer Adresse abgereist seien. V ›Feinfühlend von ihnen,‹ dachte er mit bitterem Lächeln, ›daß sie meinen Todeskampf nicht mit ansehen wollen.‹ Herr Dalton versuchte dies und jenes, und alles Mögliche, und alles Erlaubte, und schließlich auch etwas Unerlaubtes. Und so war gleich der Staatsanwalt hinter ihm her. Er floh. Nach Westen, zur Grenze. Am Fuße der Eifel beginnt das grüne Land. Das Tal eines kleinen Flusses tut sich auf, der sich nach kurzem unentschiedenen Lauf durch deutsches Gebiet nach Belgien hinüberwendet. Dort ragt die hohe Hammerbrücke auf, eine Reihe mächtiger Steinbogen. Die große westeuropäische Bahn, ihr fernes Ziel, Ostende, Paris oder Madrid, in dem heißen Auge, rast über die Höhe des Aachener Waldes daher. Und wie beim Reihenbockspringen die Knaben sich aneinander ducken, daß die Reihe der Lücken eine lange Strecke wird, die im Springen zu überfliegen ist, so duckt sich Steinbogen hinter Steinbogen, und über die Reihe der Bogenrücken hastet die Bahn in die Ferne. Seltsam ruhig: es geht zu schnell, um viel Getöse zu machen. Nur an den Schienenköpfen stößt es lärmend auf. Und versinkt in Ferne und Stille. Es war dunkel, als Herr Dalton ankam. Zu Fuß wandernd hoffte er leichter über die Grenze zu kommen. Wie er an der Hammerbrücke war, stachen ihm von ferne zwei glühende Punkte in die Augen. Der Orientexpreß, der eben den Grenzbahnhof verlassen. Der Wind war Ost. Darum hörte er kein Geräusch, sah nur die schwarzen Massen schnell sich nähern. Unheimlich, einen Lärm zu wissen und ihn nicht zu hören. Wie durch die Luft getragen schien der Zug aus der Ferne zu laufen. Herr Dalton stand auf dem Fußpfad an den Schienen. Da plötzlich kam sie über ihn, diese Lust, alles abzuwerfen, die Sorge, den Kummer, die Angst. Nur der eine Drang war in ihm: ›Heraus, heraus aus dem Jammer! Frei von der Not! Zu Ende mit der Komödie und Misere! Hol' der Teufel die Weiber und ihre Elendigkeit! Haha, Liebe! Solchen herzlosen Geschöpfen hält man Treue und läßt das andere arme Wesen in seiner Dachstube verkommen!‹ Die Gedanken kommen, jagen, alle aus Westen, aus der Richtung des Zuges. Sie rasen vor ihm her wie eine Büffelherde vor dem Steppenbrande. ›Hahaha!‹ Der Expreß fährt mit achtzig Kilometern. ›Du bist gestorben arm und verkannt, und ich hatte nichts, dir beizustehen ... O Yvonne!‹ Jetzt hört er doch das Geräusch; aber es ist nicht groß, obgleich der Zug schon nahe. Der Wind ist Ost ... Zeiteinheit ist Zehntelsekunde ... Die Gedanken rasen durchs Gehirn: › O Yvonne, soleil de ma sombre jeunesse! A vingt ans tu étais pleine de grâce ... ‹ Schwarz steigt das eiserne Ungetüm auf aus der Nacht. Er hört noch immer nur wenig, der Wind ist steif aus Ost. Er berührt mit der Hand die glänzende Schiene. Sie zittert und bebt wie in furchtbarer Angst vor dem, was sie sogleich erleiden wird. Aber sie ist hilflos. Wie ein Strom rollt der Lärm durch sie in seine Hand, in seinen Arm, in Schulter und Schädel. Er hört von drinnen im Ohr, er hört mittels seines Knochengerüstes, er hört furchtbares Getöse. Der Zug fährt mit achtzig Kilometern, und noch immer nicht laut. › Sais-tu, mon amour? te souviens-tu? ... que de baisers! ... que de joie chez père Dumortier! ‹ Oh! ... Zeiteinheit ist Sekundenhundertstel ... Da ist der Zug! ... Bis zum Himmel ragt er auf, schwarz, eisern, furchtbar, gewaltig ... ›Frei! frei! adieu la vie! ... ‹ Die Nacht war sternenklar, der Mond stand im ersten Viertel, ›morgen wird es schönes Wetter geben ... frei!‹ Es donnert ... da, glühend wie die Feuerungen der Hölle die zwei Lampen des Zuges ... weit greift ihr Schein in die Nacht ... jetzt wirft der Mann sich hin, frei! Halt! ... Ein Haufen Kot lag gerade an der Stelle. Welch ein merkwürdiger Nervenkitzel, Kot gerade neben dem Gleise zu lassen! ... die Maschine zuckt vorbei ... Donnerlärm! ... Die Wagen rasen vorbei, der Zug vorbei ... – – Vorbei? Schon vorbei? Und besteht doch aus zweiunddreißig Achsen! ... Und ein unendliches Getöse ist hinter ihm wie dort, wo Gott seine Donner übt ... Herr Dalton atmete schwer. Bleich war sein Gesicht. Schweiß stand auf der Stirn und am ganzen Leibe. Es war kalt. Er saß halb leblos neben dem Gleise. Den Zug verschluckte Nacht und Ferne ... Dalton kam auf der neutralen Dreikönigenstraße glücklich über die Grenze und verschwand auf Nimmerwiedergesehenwerden. * Am Nachmittage dieses Tages fuhren die Damen van den Daele in ihre Sommerpension hinaus nach St. Germain-en-Laye. Van den Daeles hatten bei Dumesnil in dem Hause am Flusse das Erdgeschoß gemietet. Auf der Terrasse vor ihrem Zimmer lag Frau Sandra mit gelösten Gliedern. »Du bist langweilig«, hatte die Mutter gesagt, als sie allerlei Redereien vergeblich mit ihr zu unternehmen gesucht hatte, war aufgestanden und hatte im ersten Stock einen Besuch gemacht. Wie sie oben vom Balkon herunterschaute, sah sie plötzlich Sandra aufspringen und steif nach dem Flusse hinabschauen. Von dorther kam von Zeit zu Zeit ein merkwürdiger Ton. Wie wenn ein Frosch quakt. Da ... da griff ein Arm in die leere Luft ... und fiel zurück. Ein neuer Ruf ... die Fläche war wieder eben ... Da warf Frau Sandra plötzlich ihre Oberkleider ab, – die Mutter rief, schrie, protestierte von oben auf deutsch und französisch –, die Terrasse hinab und vornüber hinein in den Fluß. Die Wogen, in ihrer raunenden Unterhaltung gestört, stutzten einen Augenblick, dann sprangen und schäumten sie lustig auf um die schöne Gestalt, sie aber entwand sich mit kräftigen Stößen. Weit griffen ihre Arme aus und zwangen viel Wasser unter sich, stark arbeitete die schöne Maschine ihres Körpers. Da, jetzt rührte sie an etwas! Es war ein Stock ... Sie mußte jetzt unterhalb der Gegend sein, in der sie die Hand hatte auftauchen sehen ... Der Strom trieb ziemlich sanft. Sie griff nach einem alten Schuh, ein Fisch strich an ihrem Knie vorüber ... merkwürdig laut toste in ihren Ohren der Fluß, dessen Wasser an ihr Trommelfell rauschte, es ist immer gewaltiger Lärm in stillen fließenden Wassern ... auch die Laute von der festen Oberwelt drangen in die Wassertiefe: sie hörte die Glocke eines Dampfers, wie das Geläut von Notre Dame klang es gewaltig in den Wassern; es war ihr, als habe sie ihre Mutter schreien hören. Aber sie entdeckte nichts im Wasser. Sie tauchte mit starken Stößen auf, um Atem zu holen: wie ein neues Leben ist dem Auftauchenden die Oberwelt. Frau van den Daele in heller Verzweiflung schrie am Ufer ins Weite hinein: »Was kümmerst du dich um fremde Leute? Laß sie ertrinken!« Sie winkte ihrer Mutter zu, die darauf still war. Sie sog die Lunge voll, nahm', einen Augenblick wassertretend, die Hände über dem Kopfe hoch, versuchte senkrechten Stand zu gewinnen, ließ sich in dieser Stellung langsam hinabsinken und trieb schräg nach unten vor der Strömung. Wieder hatte sich die Oberwelt hinter ihr verschlossen mit dem Geräusch, mit dem eine luftdicht schließende Tür zufällt. Die Augen geöffnet spähte sie in die grau verschwimmende Umgebung hinaus. Langsam sank sie. Das Wasser wurde allmählich klarer und ruhiger, auch dunkler, denn der Tag war dünn. Furcht beschlich leise auch sie ... ein großer Fisch ging vorbei ... es war so merkwürdig gläsern und dunkel; unheimlich ist es, wenn der Mensch in einem Element sich bewegt, für das er von Natur nicht gemacht ist ... Der Kadaver eines großen Hundes erschreckte sie ... Eine ungeheure Sehnsucht hebt sich auf aus dem Körper und bittet jedes Glied, überredet jeden Muskel, überzeugt jedes Haar, hinaufzustreben, zu eilen, zu schießen, dorthin, wo Menschen sind. Und wie sie dem unwiderstehlichen Zwange gehorchen will, da schlagen sich zwei Arme um ihre Beine wie eine Zange. Die Körper sinken. Sie kann sich nicht bewegen ... Ihre Arme allein vermögen nicht die Last der beiden Leiber zu heben ... Eine entsetzliche Angst fällt über sie, sie greift hinab, sie sucht die nackten Arme des andern abzustreifen, der andre läßt nicht los ... Jetzt schlägt sie ihn mit der Faust ins Gesicht – da lockert sich die Klammer der Arme... Sie ist frei, sie kann sich bewegen, sie greift nach dem Arme des Ertrinkenden, ihn mit der einen Hand hochzuziehen, während sie mit dem freien Arme schwimmt. Der aber schlägt beide Arme um ihren Hals, hängt sich wild an sie ... und wieder sinken sie beide ... mit den Beinen allein kann sie der Schwere nicht begegnen. Und nun entspinnt sich unten in der Tiefe des Wassers ein wilder Kampf zweier verzweifelnden Menschen. Sie ringen miteinander, sie sucht ihren Kopf aus der Schlinge seiner Arme zu ziehen ... Die Atemnot wird groß und unerträglich ... da, in der äußersten Not, beißt sie den andern in die Schulter ... ein gurgelnder Ton kommt aus dessen Brust, vor Schmerz scheint er ohnmächtig zu werden, die Arme werden schlaff ... frei! frei! Nun reißt sie die eine Hand des andern an sich, hinauf! ... Die Brust droht zu bersten ... mit starken Stößen vor dem Strome hinauf! hinauf! ... Luft! – – Tag! – – Gerettet! Es war ein junger Franzose, der von Port Marly bis Maisons Lafitte hatte schwimmen wollen. Frau van den Daele sorgte dafür, daß die mutige Tat ihrer Tochter in die Zeitungen des Rheinlandes gelangte. Als es im Wirtshause vorgelesen wurde, nahm der Steinbrecher de Losy die Pfeife aus dem Munde, schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und sagte: »Das hab' ich doch noch nie gehört, daß Frauleute überhaupt auch schwimmen können!« * Die Nacht, während Menniken im offenen Wagen die Napoleonsbahn von Spa her hinauffuhr, war sternenklar. Der Mond stand am Himmel. Die Sterne blinkten gleichmütig. Der Mond schien kalt und gleichgültig. Die alten Ulmen der Straße, unter denen die Fahrt wie unter einem mächtigen gewölbten Gange war, standen steif und still. Nacht und Mond und Sterne schauten wie aus offenen Augen, aber aus Augen, hinter denen nichts ist, wie aus den Fenstern eines unbewohnten Hauses. So leer, so leblos, so nichtssagend war die Stimmung der Nacht. Genau so teilnahmlos hatten der Mond und die Sterne geschienen in jenen Nächten, als Cäsar in aller Eile diesen durch tiefe Wälder führenden Weg zu einer Militärstraße ausbaute, um seine schwere Artillerie gegen Aduatuka zu bewegen. Seffent war das Lager gewesen, in dem in jener Nacht Cäsar mit seinem Hauptquartier gelegen hatte. Dem siegreichen römischen Adler folgten der Pflug und das Feldgespann, der Kolonist, der Beamte und der Straßenbauer. Aus den Zeiten der Germania cisrhenana lagen rechts und links von der Straße die aufgegrabenen Reste römischer Villen. Der Kutscher, der den Tag über im Heu gewesen war, schlief betäubt von Heugeruch und Müdigkeit. Das Gelände ringsum, früher Ackerboden, jetzt Grasland, war von jenen Kolonisten mit einem künstlichen Berieselungssystem versehen worden. Mancher Bauer fand heute, wenn das Erbe wieder einmal aufgeteilt wurde und er sein Stück bezäunte, in der Erde die roten Tonrohre. Eine Sternschnuppe sauste vom Himmel. Der Mann im Wagen sank zurück in die Polster und sank zurück in seine Gedanken. Die Pferde gingen langsamer. Der Kutscher nickte tiefer. Die Straße stieg stärker. Leise rührten sich im Nachthauch die Ulmen. Still ging durch sein Gehirn der ferne Lärm der Geschichte. Durch die Nacht vorbei nach Aachen ritt Karl der Große. Jedoch nicht der germanische Imperator, der Herr der christlichen Welt, der fanatische Sachsenbesieger, sondern der Landwirt, der kaiserliche Meier, der weitschichtige Wirtschaftsbetriebe auf seinen Königshöfen hatte. Es geisterte durch die Nacht ... Der Nebel wogte schwer in den Gründen ... so schwer wie die Geschichte durch das Hirn des Reisenden. Damals hielt eines Mannes Hand das Abendland in festem Griffe zusammen. Heute zersplitterten sich die Nationen wie Holz, das auf dem Haustock geschlagen wird ... Hinter einem Haufen scharfen Sandes, der zur Erneuerung der Straßenoberhaut am Graben lag, regte es sich. Drei Zöllner rührten sich in ihren Schlafsäcken, schoben ihre Gewehrläufe heraus, für einen Augenblick versilberte sie der Mond; als sie das Gefährt erkannten, legten sie sich zurück, steckten ihre Pfeifen wieder in den Mund und riefen den Reisenden einen Nachtgruß zu. Es ging wieder abwärts. Die Pferde liefen. Über dem Kopf des Reisenden schlugen die Kronen der Bäume zusammen, über seinem Geiste die Wogen der Geschichte. Die »Römerstraße« verfiel langsam; sie wurde nun »Heidenstraße« genannt. Mit dem Trockenlegen der Niederungen stiegen die Ansiedlungen immer mehr in die Täler hinab, »Deus lo volt « erklang, und Gottfried von Bouillon ritt von seiner Burg in den Ardennen herab. Damals wurden einige römische Grabsteine zerschlagen und der Meilenstein umgestürzt, auf dem die Entfernung von Colonia verzeichnet war. Im Volke ging die Sage: Als der Teufel das fromme Werk habe hindern wollen, sei der Heidenstein ihm auf den Fuß gefallen und habe ihm die Ferse zerschlagen. Von diesem Tage an müsse der Teufel bis in alle Ewigkeit hinein hinken. Es ist ein Schönes und Gewaltiges um eine alte Straße. Alles Große und Kleine, das über sie hinweggegangen, haftet an ihr in einer sinnlichen oder idealen Spur. Alle große Geschichte, die einmal geschehen und durch die Aufzeichnungen immer wieder geschieht, und alle kleine Geschichte, die einmal vollzogen, untergegangen und für alle Ewigkeit vollendet ist. Hier fiel Heinrich IV. auf der Flucht vor den Söhnen seinem Freunde, dem Lütticher Bischof, in die Arme ... Hier wurde irgendein Mädchen von Ardennenwölfen zerrissen ... Ein Pfarrer wurde mit großem frommen Gepränge eingeholt; es war ein schöner Sommertag, und er war glücklich und hat viele Jahre segensreich gewirkt ... Hier fiel einmal im Herbst zur großen Zeit der Töpferei ein schlafender Fuhrmann vom Sitz, der von seiner Frühlingsausreise mit Töpfen aus dem Königreich Navarra zurückkam, und wurde von seinem Wagen überfahren; ein Steinkreuz am Wege fordert auf, für die Seelenruhe des Fuhrmanns zu beten ... Es ist ein Schönes und Gewaltiges um eine alte Straße. Ehrfurcht heischt sie wie ein greises Haupt. Wenn eine solche Straße einen Mund hätte zu reden, ihre Geschichte und Erlebnisse erzählen wollte, man könnte ungezählte Stunden am Graben sitzen und zuhören. Besonders dann, wenn sie den Ton heben würde wie eine Orgel ihr einleitendes Vorspiel, da die Messe eingeht. Wenn sie den Ton heben würde, das würde sein, wenn sie von Napoleon, ihrem Paten, spräche. Wie der kleine Gallierkaiser daherritt und seine Blicke nach Deutschland hineinschoß, davon träumt die Straße beinahe schon hundert Jahre ... Damals wurde die unter der Landeshoheit der Spanier und Österreicher verfallene Straße wiederhergestellt. Sie hieß in den Akten wieder »Römerstraße«. Das Volk aber nannte sie die »Napoleonsbahn«. Da, noch eine Höhe, noch eine Biegung – ein Baum steht noch im Wege – da liegt Seffent! Da liegt ja Seffent! Zweites Buch Von bunten Sonn- und Werkeltagen Vier Jahre waren vergangen. In dieser Zeit hatte sich allmählich der durch einen außerordentlichen Mann erregte Auflauf des Volkes verloren und das öffentliche Leben war in die festen Ordnungen der ländlichen Gewerbe, der Familien und Stände zurückgekehrt. Einiges vom heiligen Alltag ist dieses: So entleerte sich Sonntags die Kirche: Wenn im Kirchturm die Glocke stößt und die Töne durch die Schallbretter hinauspreßt, dann sagen die wenigen, die daheimgeblieben sind, Kranke, Kinder und Hausmütter am Herd: »Die Mess' ist aus. Herr, mach' uns teilhaftig all deiner Gnaden und Wunder. In einer halben Uhr essen wir.« Noch ist der Kirchplatz leer. Auf der Rampe, die von der Kirche herunterführt, laufen einige Tauben umher. Die Wirte in den Schenken schlagen ein Bierfaß an, spülen die Gläser und stellen die Flaschen zurecht. Bis in die Mündung der Kirche heraus steht das Volk. Da lösen sich einige Männer von der Menge ab. Sie kommen die Rampe herunter. Das sind die Kalten und Gleichgültigen. Der Priester hat drinnen das feierliche Ite, missa est ! Geht nach Haus, die Mess' ist aus! gesagt. Aber er sieht es doch ungern, wenn man sich schon entfernt. Da sind noch einige Gebete zu verrichten, auch noch ein Segen mitzunehmen. Eine Weile. Die Männer bummeln die Rampe herab und treten in die Schenken. Da stößt die Kirche einen neuen starken Haufen aus. Das sind die jungen Männer, nicht gerade die Warmen, auch nicht die Kalten, die Lauen. Ihnen folgen nach kurzer Pause, während der die Rampe wieder leer lag, die mit dem vorschreitenden, nachdenklich machenden Alter wieder fromm werdenden Männer und Greise. Die jungen Männer stellen sich unten auf dem Kirchplatze in Gassen, die nach den verschiedenen Dorfschaften gerichtet sind, auf, denn nachher soll alles Weibervolk hindurch. Manche von den Männern gesellen sich dazu, die Wände der Gassen werden dicker. Die Greise aber haben keinen Grund mehr zum Verweilen und sind die ersten, welche die Gassen passieren. Jetzt ist es eine rechte Weile. Die Männer stehen umher und erzählen sich die Neuigkeiten der Woche. Einige treten in die Wirtshäuser; das sind die eigensinnigen Junggesellen, Witwer und diejenigen, welche Bange vor ihren Weibern haben und fürchten, an den Arm gefaßt und mit nach Hause genommen zu werden. Die Weile ist sehr groß. Die Weiber sind gottesfürchtig, und der Pfarrer benutzt die Gelegenheit zu besonderen Bekanntmachungen an die Frauen. Nun aber ist alles zu Ende! Nun kommen sie! Und in dickem bunten Schwall stößt die Kirche sie aus. Es ist, wie wenn aus einem Füllhorn eine Flut von Blumen ausgegossen wird. Man sieht die Rampe hinauf nichts als Gesichter, Kopf über Kopf, runde fränkische Gesichter wie gesunde Eier. Unten löst die bunte Masse sich auf. Da sind altertümliche blaue Kleider und großgeblümte indische Schals. Die bunte Flut bewegt sich durch die einzelnen Gassen nach der Richtung der Heimat. Was kreuzen sich da die Augen! Wieviel des Glückes geschieht in den Blicken, die sich versprechen! Wieviel Unglück, wenn einer sucht und keine Antwort findet! Auch diese Blumenflut geht vorüber. Aber sie war eine übergroße Kraftprobe für die Gassen. Die Wände beginnen zu weichen und abzubröckeln. Jungens begleiten ihre Mädchen, Gatten ihre Frauen nach Haus. Da steht einer in der Gasse, die nach dem Kannendorfe gerichtet ist, und beäugt scharf die braune Philomene. Sie gewahrt ihn, macht ihm schöne Augen, er drückt sich an ihre Seite, drückt sich sacht an ihren Ellbogen, sie spricht vom Wetter, vom Fuchs, der sich am hellen Mittag den Hahn aus dem Küchengarten geholt hat, von der Hündin, die läufig geworden, der Junge ist selig, hört nur ihre Stimme, nicht ihre Worte – da, wie sie von der Straße in die saure Wiese des doppelten Michel eingebogen sind und den Fußpfad nach Himmelsplatz einschlagen, da fängt sie an, Hochdeutsch zu sprechen: »Du Hundsjunge, du Löbbes, du Tropfnase, du Salatvogel, du Hosenbläser, was hast du da gestern mit den Rabauen im ›Schellenbaum‹ gesessen und die Bell geküßt! Sie hat es sich gefallen lassen, aber sie hat es mir gesagt. Wir Mädchen haben uns besprochen, wir wollen weniger geküßt, mehr geheiratet sein. Du sollst dich noch wundern, du Kuhjunge, du ...!« O Nicola! ... Unterdessen verläuft sich das Volk auf dem Kirchplatze. Aus der Kirche kommen noch einige heraus, aber nur tropfenweise, wie es aus einem leergelaufenen Fasse nachtropft. Zuerst einige alte Männchen, die ihre guten Jahre wacker gelebt haben und nun daran denken, für den Himmel zu sorgen. Dann einige Mädchen mit züchtigen Bewegungen, niedergeschlagenen klugen und heiligmäßigen Manieren, die, von dem Herrn Rektor seinerzeit angestiftet, das Gelübde getan haben, niemals als unter einer schweren Sünde einen Tanzsaal zu betreten. Das hat damals dem Herrn Rektor viel Feindschaft und den Mädchen argen Spott eingetragen. Die Burschen haben barbarisch gelacht und sie »die fünf törichten Jungfrauen« genannt. Immer dünner tropft es aus der Kirche. Die Nebentore zu den Seitenschiffen werden geschlossen. Jetzt kommen die Messungen, sie riechen noch nach Weihrauch ... Ein altes Mütterchen mit schwerem Herzen ... Der Tieß Bertz, der einer von denen ist, die dem Herrgott die Zehen abküssen, und gleich rechts abbiegt, um nicht in eine Schenke gerufen zu werden ... Der Knopfmann mit gemessenen Schritten und der Ruhe eines Mannes, der sich durch Treue und Hartnäckigkeit seinen Platz erkämpft hat – – leer ist die Kirche! Der Küster Pütz Karel kommt heraus, schließt mit dem großen Petrusschlüssel ab und läuft eilends nach Haus. Er hat nüchtern den ganzen heiligen Dienst versehen. Während er vorüberläuft, hört man es in seinen Eingeweiden knurren. So ist es Sonntags in den Milchdörfern, Werktags ist es anders. Morgens mit Sonnenaufgang fahren die Milchwagen aus nach der Stadt. Auf dem Bocke sitzt ein Junge, der Fuhrmann, ein Mädchen, die Verkäuferin. Lustig ist es, in den frischen Morgen hinauszufahren, zwischen betauten Wiesen durch, an grauen Häusern und breiten Höfen vorüber. Aus den offenen Ställen dampft die Nachtwärme der Tiere in Wolkenstreifen heraus. Aus dem Stalldunkel treten die Tiere und zwinkern in das Licht hinein; da streckt eine Kuh weit den Hals, Rücken, Hals und Stirn werden eine gerade Linie, und sie brüllt gewaltig die Sonne an: ein herrliches Morgengebet. In der Ferne taucht die heilige Stadt auf, die mit ihren vielen Türmen sich aus dem nächtlichen Nebel in die freie Luft hinauftastet, – ein Junge, der Fuhrmann, ein Mädchen, die Verkäuferin. Oft, sehr oft regnet es auch. Dann setzen sie die Wagenkappen auf den Bock und ziehen das Beinleder vor, ein Junge, der Fuhrmann, ein Mädchen, die Verkäuferin. Dann ist es vielleicht noch lustiger. Der Kaplan Simon Feuerstein ist vorgerückt, aber aus der Landschaft verschwunden. Sein väterliches Judentum ist ihm von Nutzen gewesen, indem man wegen dieser Absonderlichkeit an höherer Stelle die Augen beständig auf ihn gerichtet hielt. Als man seinen Eifer eines ersten Christen sah, kam er in die einflußreiche Stelle des Hauskaplans beim Kölner Kardinal. Der Stein erwacht Um diese Zeit fingen die Kulturvölker an, die heiligen Stätten Griechenlands auszugraben. Die Deutschen Olympia, die Amerikaner Argos, die Engländer Sparta, die Franzosen Delphi. Bernhard Menniken widmete sich einer gleichen Aufgabe in seinem Lande. Er gab sich, unterstützt von Lenates, daran, auf seinem Grunde eine römische Jagdvilla aus der geräuschvollen Zeit, da Kaiser Konstantin ein wenig südlich von dieser Gegend in der alten Stadt Trier seine Residenz hatte, auszugraben. Dem Hofmarschall Marcius Fulvo wurde es zuviel des Gewehrrasselns der Offiziere und des Gedränges der Aktuare auf den Gängen und Treppen in der Hofburg des Imperators, er resignierte nach einer glänzenden Laufbahn und in kluger Voraussicht der orientalischen Wirren, denen der Kaiser entgegenging, um fern von eitlen Geschäften in ländlichen Freuden und bukolischem Behagen seinen Lebensabend zu verbringen. Er baute dem Nordwinde abgekehrt in den unerschöpflichen Jagdgründen eine behäbige Villa, stellte sie unter den Schutz und Schirm der Göttin Diana und des benachbarten castrum ad septem fontes und errichtete drüben am grünen Bergeshange Dianen einen niedlichen Tempel. Das Mittelalter verwandelte ihn in ein Kapellchen der Jungfrau Maria, das später als Heiligtum der »allerseligsten Jungfrau von den Kannenbäckern« kunstreich erneuert wurde, sodaß das heilige Örtchen durch die Jahrtausende dem zarten Dienste der keuschen Jungfrau, ob in Gestalt der Göttin Diana oder der Jungfrau Maria, erhalten blieb. Er fand in Anlage und Aufriß des weitläufigen Hauses die klügste Anpassung einer feinen Kultur an Baustoff und Klima des lateinischen Germaniens. Nichts Römisches und Südliches, kein flaches Dach, keine offene Säulenhalle waren gedankenlos in das nördliche Barbarenland übertragen, sondern alles war orts- und sachgemäß übersetzt worden. In Andacht und liebender gründlicher umständlicher Sorgfalt richteten die beiden Männer ein kleines Museum von römischen Funden ein und füllten damit die leeren Räume der ehemaligen Töpferwerkstatt. Mit Gewissenhaftigkeit und idealer Muße, welche wissenschaftliche, nicht mit einem Zeitmaße zu bewertende Arbeiten auszeichnet vor den hastigen Verrichtungen des geschäftigen kämpfenden vierundzwanzigstündigen Tages, numerierten und katalogisierten sie das Wichtige mit dem Unbedeutenden, Säulentrommeln, skulptierte Kapitäle, eiserne Kuhglocken, Fragmente aus Terrasigillata mit Legionsstempeln, Siegelringe, eine Hundekette, vier Zähne, Austernschalen, Münzen, ein verstümmeltes Reliefbildnis der von Aktäon im Bade belauschten Diana. Wie man im Volke über diese brotlosen Arbeiten dachte, das erläuterten die harmlosen Spottworte, die abends in den Schenken erfunden wurden: »Die Goldsucher«, »die verkehrten Naturforscher«, »die römischen Kanalratten«, »die Gecken auf eigne Faust«, »die verdammten Maulwürfe« (darauf hat der Wiesenbauer einen natürlichen Haß). Die vorläufigen Veröffentlichungen der französischen Expedition in Delphi, von Pariser Freunden übersandt, wurden am Abend auf Seffent freudig und innig studiert. Das Gespräch kam auf das Wort des Moralisten Sokrates, das an der Stirne des Apollotempels geleuchtet haben soll: »Erkenne dich selbst!« »Was so unendlich schwer ist«, sagte Menniken vor sich her. »Das Allerschwerste!« meinte Lenates schnellbereit hinzusehen zu müssen und nickte in fürchterlichem Ernst mit dem Kopfe. Frau Menniken widersprach: »Solche Sprichwörter, Moralsätze und formulierte Meinungen müssen, meine ich, stets mit einem groben Korne Salz verstanden werden. Entsprechend ihrer Kürze kann keine Ausnahme, keine Beschränkung, keine Erläuterung in ihnen Platz finden. Den gewöhnlichen Menschen wird die Selbsterkenntnis jedenfalls sehr leicht sein, schwer aber ist sie für die reicheren Seelen, die sich nicht wie jene nach einer armen Notwendigkeit, sondern nach mannigfachen Möglichkeiten entwickeln.« »Ja, ja, Madämchen, Madämchen!« lachte in primitiver und grundehrlicher Bewunderung Lenates. Aber auch diese ideale Arbeit stillte Mennikens unruhige Seele auf die Dauer nicht. Jugend und Tatkraft drängten nach unmittelbarer Arbeit an seinem Volke. Doch mit dem Volke fühlte er nicht; das wußte er nun, aber er fühlte für das Volk; nicht mehr sympathetisch, aber sozial. Und er gab sich unverdrossen an neue Arbeit. Er reiste der jungen Mannschaft des Landes in der Sonntag-Montag-Nacht nach an ihre auswärtigen Werkplätze. Er fand sie in den Riesenwerken an der Ruhr vor glühenden Ungeheuern stehen und in Mietskasernen von Backstein wohnen. Er traf sie vor den gewaltigen Steinbrüchen in den Ardennen. Ein einziges Arbeitshaus war das Tal. Die Wälder hallten wider von dem Getöse. Steine wurden auf langen Kettenwinden in die Tiefe hinabgelassen, hier und da winkte man dann und wann mit einer roten Flagge – einen Augenblick Stille – und dumpfe Donner rollten in den Bergen, die Wände bebten, und Staubwolken flogen auf. Nun war er daheim. Er ging hinter seinem Gute den steilen verfallenen Pfad hinauf und stand am Rande seiner Grube, neben sich den verlassenen Steinplatz. Der ganze Steinplatz war durchhellt, jeder Schatten aufgelichtet und durchsichtig. Der klare heitere Ernst des Sonnenlichtes. Nichts von der dämmervollen Morgensonne, wo das Dunkel nicht mehr und das Licht noch nicht herrscht, und die Begeisterung des werdenden und die Erwartung des vielversprechenden Tages ihre Hoffnungsstunden feiern. Auch nichts von der tiefen Ruhe des Abends, wo das Licht nicht mehr und das Dunkel noch nicht herrscht und die lächelnde wehmütige Enttäuschung des gewesenen und die Ermüdung des ausgelebten Tages die Dinge der Erde und des Lebens in stillen milden Händen halten. Der Morgen den pathetischen Schwärmern! Und der Abend, ach, für die stillächelnden Elegiker. Aber der Mittag, der ernste, der klare, Töter der Nacht, aller Schläfrigkeit und Schwächlichkeit, der jedem ernsten wirken Licht auf die Werkbank setzt, um alles, was an ihm liegt, zu tun, daß Werte und Werke entstehen, denen, die arbeiten und unternehmen! Der Grubenwagen, der herausgeworfen aus der Fahrbahn traurig und verbittert stand wie ein verabschiedeter Beamter, schien sich auf den verkommenen Schienen wieder einrichten zu wollen. Die Schleppkette wollte aufwachen aus ihrem langen rostenden Schlafe. Aus den Ruinen der Steinschuppen und Werkstätten flehten die Geister der Arbeit in dem aufgelichteten Schatten um Erlösung aus erschlaffender Ruhe. Gegenüber ragte eine hohe blaue Wand auf. Die Felsen waren ebenmäßig, ohne Verwerfungen aufgebaut; ein einziger Bruch ging hindurch mit geschleppten Schichten am Rande. Hier war beim Bau der Erde ruhige Arbeit, kein heftiger Kampf gewesen. Aber darum schienen sie jetzt doch nicht die tote Ruhe zu ertragen. Nachdem sie einmal aufgeweckt waren aus dem tiefen Dunkel des Grundes, nachdem einmal die Erdhülle von ihnen aufgedeckt war, wollten sie auch nicht mehr mit wachen Sinnen liegenbleiben. Das Ungebaute rief aus den blauen Felsen. Wohl ist der Mensch Natur, wohl bedarf der Mensch der Natur, die ihm an Kräften und Abmessungen so furchtbar überlegen ist. Aber was den Menschen zum Menschen macht, ist das Übernatürliche, der Geist in ihm, der die Kräfte zu führen und die Massen zu ersetzen versteht. Und das unterscheidet einen Bau von einem Felsen, daß wenig Masse, mit Zweck und Ziel an die rechte Stelle gesetzt, zur Größe der brutalen Wucht aufragt, daß sie vom Geist gewissermaßen aufgeblasen steht, vom Geist erfüllt, vergeistigt. Was für den Menschen der Gott, ist für den Felsen der Bau. Als Menniken dem Tieß Bertz von der Notwendigkeit sprach, den heimischen Steinbruchbetrieb zu heben, damit die Jugend daheimbleiben könne, sagte dieser einfach und verständig: »Dummes Zeug. Sie verdienen in der Fremde ja genug.« Wie er aber von geschäftlichen Dingen sprach, hörte Bertz mit Andacht zu. Geschäft und die Begriffe um dieses herum waren ihm liebe Worte. Er wurde warm bei der Erwägung, daß es kein gegenseitiges Unterbieten im Wettbewerb geben solle. Ab und zu verdrossen ihn große Worte wie »soziales Unternehmen«, »Sammlung der Volkskräfte« und mehr. Menniken merkte bald und hütete seine Zunge. Er ging befriedigt von dannen. Nun würde er denselben Fehler nicht mehr machen. Jan Janklaes, Bürgermeister und Steinbruchbesitzer, klein, dick, rund, auf kurzen Beinen, schlau und katholischen Glaubens voll, war ein Mensch mit sehr gesunden Appetiten. Er aß gut, trank viel und war zum dritten Male verheiratet. Mit einem gewaltigen Kugelkopfe und einem Bulldoggengesicht, ein Rustikus mit einer furchtbaren Stimme, mit einem Fettkragen um den Hals und einer Speckplantage im Nacken hieß er allgemein »der Speckkopf«. Seinen Kindern war es eigentümlich, mit offenem Munde einherzugehen. Als der Scharlemang von den Soldaten nach Hause kam, erzählte er im »Schellenbaum«: »Beim Artilleriemilitär in Straßburg mußten wir, wenn eine Kanone abgeschossen wurde, das Maul offen halten. Daher haben auch die Speckkopfs die Gewohnheit.« Die Speckkopfs waren neun Kinder, die, obgleich von verschiedenen Frauen, in seltenem Frieden lebten. Wie sollten sie auch anders? Der Speckkopf war ein Muster von Familienvater, ein Patriarch und ein Gemütsstarker. Seine Familie wurde als Beispiel schöner Häuslichkeit von den Geistlichen im Beichtstuhl unverträglichen Eheleuten gerühmt. Die sagten dann: Der auch! Mit schwerem Herzen hatte er seine Söhne nach auswärts gehen sehen, aber seine eigene Grube ersoff in Wasser. Dafür aber hielt er seine sechs Töchter bei sich. »Ach was,« rief er, »was sollen sie heiraten! Sie haben es ja gut bei mir. Es fehlt ihnen nichts. Sie haben es nirgends so gut wie hier. Was, Kinder? hahaha ...!« Und die Töchter sagten: »Ja, Vater«, und gingen still an ihre Arbeit. Er rauchte seine Pfeife an und lachte halblaut aus goldener Herzensreinheit. Und die Töchter vertrockneten und verdorrten im gemütlichen Vaterhause. Der Speckkopf empfing den Menniken mit brüllender Freundlichkeit. Menniken begann eine sehr sachliche, streng geschäftliche Auseinandersetzung. Aber der Alte wurde unruhig und hörte nur mit einem halben Ohre zu. Er erklärte, er habe genug, um mit seinen Kindern ruhig und angenehm zu leben. »Überhaupt,« schrie er, »was soll diese Jagd nach dem Mammon! Die vergiftet die Seele des Volkes! Die löst alle Bande der Familie und der guten Ordnung, zerstört den Frieden des Familienlebens, Himmeltausenddonnerwetter! Darum laufen einem die Söhne fort. Etwas mehr Ideale! Daß einem die Söhne auch daheimbleiben bei Vater und Schwestern, was Kinder? Hört Ihr wohl, etwas mehr Ideale!« Er brüllte. »Vater,« sagte die Berta mit gewohnheitsmäßiger Ruhe, »du sollst nicht so schreien, der Herr Menniken versteht dich.« Da lachte der Alte breit und gemütlich und blickte aus seinen Schweinsäugelchen Menniken lustig an. Als der nun lebhaft anfing: das gerade habe er gewollt, die Jugend im Lande halten, alle überzähligen Hände beschäftigen, die jungen Männer ihren Familien, Geschwistern erhalten ... da fiel der Alte ein, brüllend, wie ein Löwe königlich brüllt in der Wildnis, und erklärte Menniken für das Licht des Jahrhunderts. »Dankbarkeit ist eine Tugend; wer sie erfährt, der schätzt sie sehr«, sagte sich Menniken, indem er das Speckkopfshaus an der Pavei verließ. Er kam in den »Vogelsang«, zu einem Hause, das einsam in einer Wiese lag. Die Kühe weideten hastig und scharf. Auf dem Giebel knarrte eine Windfahne, einen Viehtreiber mit Rind darstellend. Es war das Haus des Michael Michel. Der doppelte Michel war ein sehr langer, sehr hagerer, sehr trockener Mensch. Sein Temperament war wie ein Bach in einer Sandlandschaft; nur gelegentlich schwoll es an, schwoll es über, wurde rasend und wild wie der Bach zur Schneeschmelze. Er hatte Zorn für einen ganzen Stamm. Im Zorn hatte er seine Frau, die er mit einem Viehhändler im Verdacht hatte, mit einem Karrenbaum erschlagen. Obgleich er eine entehrende Strafe hinter sich hatte, war er gern in der Landschaft geduldet, weil er am allerwenigsten liebreichen Hund zu spielen wußte, sondern oft um eine Bohnenstange prozessierte. Er hatte ein Hasenmaul und schielte. Seine Hände hatten manchen Schippenstiel poliert. »Hn?« frug er mit starkem Nasal, wie er Hasenmäulern eigentümlich ist. Und als er, die kurze Pfeife rauchend, alles gehört hatte, meinte er: »Hn!« Er wurde höflich und sagte, auf die Steinbank vor dem Hause weisend: »Verpuppt Euch einen halben Tag. Ich mach' alles mit, wobei ich Geld verdienen kann, Aber sagt dem Tieß Bertz, er soll mit vier Pferden auf den Plan losgehen; denn er scheint gerade für ihn gemacht. Ich werde ihn sonst prozessieren, weil er heimlich ein Loch in die Trennungswand unsrer Gruben geschlagen, daß das Wasser aus der seinen in die meine läuft. Der Bertz ist ein tüchtiger Geschäftsmann, und eine Schurkerei stellt auch der Beste einmal im Leben an, Donner Gottes! Ajüß, Menniken!« Dann ging er einem Kalbe nach, das ins Wilde gelaufen war. Letztes Leuchten Mehr der Zufall und die Sache selbst hatten die Erfolge bei den Männern errungen als seine Kunst. Er sah es ein, und es ärgerte ihn, denn jetzt, da er zu den Frauen ging, würde er keine Gelegenheit mehr haben, die Überredung zu üben. * Aber es kam auch hier anders. Frau van den Daele hatte schlecht geschlafen, die Migräne der letzten Tage war kaum überstanden, ihre Toilette war nachlässig, man sah den Puff Gaze unter ihrem Kopfhaar. Zuerst war sie schläfrig, wurde bald verdrießlich – siehda, da war sie ungnädig. »Was sollen wir arbeiten?« sagte sie, »wir haben genug. Nein, warum sollen wir! Überhaupt, das ewige Schachern! Lassen Sie die Ordnung der Dinge, sie ist gottgewollt, Sie und wir sind ja reich. Man hat Sie im Verdacht, ein Sozialist zu sein. Ich muß mich leider empfehlen. Man wartet auf mich.« Bernhard Menniken saß verblüfft in dem tiefen Sessel. Woran war dieses Haus und waren diese Frauen innerlich zugrunde gegangen? Ein Etwas hatte diesem Hause gefehlt, ein Ring, in dem alle Triebe und Instinkte begriffen worden wären. Arbeit hatte gefehlt. Warum sollen wir arbeiten? Es war still. Das Wort der Frau van den Daele lag noch hörbar in der Luft. Sie aber, Sandra, bot, in stilvoller Ruhe liegend, die Schönheit ihrer wohlgebildeten Glieder dar. Er jedoch, von der Arbeit und seinen Plänen barbarisiert, hatte kein Auge für diese Reize. Er erhob sich, »Also höre,« sagte er lächelnd, »wir werden uns nicht durch ein paar nichtstuende Frauen aufhalten lassen. Ohne eure Gruben ›am Teufelsschreck‹ können wir nichts unternehmen, sie liegen gerade zwischen den unsrigen. Nun wohl, wenn ihr kein Geld verdienen wollt, werden wir es euch aufdrängen. Hör' und sag' es deiner Mutter: wir werden eure Grube einfach in Angriff nehmen.« »Ach was, dummes Zeug,« rief sie, »mach meinetwegen was du willst. Du bist langweilig, Bernhard. Was kümmern mich eure Gruben und Genossenschaften? Aber du kümmerst mich, hörst du, du bist langweilig, Bernhard.« Er erhob sich jäh und drückte plötzlich ihren Arm oberhalb des Gelenkes. »Utsch!« schrie sie, »du tust mir weh! Wie kannst du mich nur so anfassen?« »Man sollte dich von Zeit zu Zeit ein bißchen hart anfassen ...« Betroffen sah sie auf. »Was hast du mit dem armen Franzosen gemacht?« stieß er hervor. »Nichts hab' ich mit ihm gemacht! Niemand kann mir etwas nachsagen.« »Allerdings hast du nichts mit ihm gemacht.« »Nun also.« »Das gerade ist das Schlimme, daß du nichts mit ihm gemacht hast.« »Ich versteh' dich nicht ... was kannst du überhaupt wissen?« »Alles. Willst du dich überzeugen, ob ich das richtige weiß?« »Geh, du bist langweilig. Alle Jubeljahre läßt du dich einmal bei mir blicken, und dann sprichst du von Steingruben und von ...« »Was hast du mit dem armen Franzosen gemacht?« fragte er hart. » Mon Dieu , nichts hab' ich mit ihm gemacht, du sagst es doch selbst!« »Freilich nichts. Du hast ihn schmachten lassen, bis alles, was von Kraft und Männlichkeit in ihm, zerglüht war.« »Gott, er ist mir nachgelaufen ...« »Wobei du ein bißchen gelockt hast. Ich bin überzeugt, damals, als du nach dem Flußbade dalagst und er dich besuchte, um seiner Retterin zu danken, hat dein Spiel schon begonnen.« »Abscheulicher!« »Er war noch ein junger unerfahrener Kerl, dieser ... wie hiest er doch wieder? Monsieur Laurie hatte eben das Bakkalaureat und wollte ... was wollte er auch wieder studieren?« »Medizin«, ergänzte sie kleinlaut. »Richtig, Medizin. Plötzlich aber erklärte er sich wider Lust und Begabung für Mathematik; weißt du warum, Sandra?« »Was soll ich wissen, was so ein junger Laffe...« »Weil er Mathematik in deiner Nähe an der Hochschule in der Stadt studieren konnte, und du hattest ihm dazu geraten.« »Ich?« »Du!« »Nun sage auch noch, ich habe ihn verführt...!« »Nein, das hast du nicht. Im Gegenteil, du hast ihn schmachten lassen. Du hast ihn alle Sonntage zu dir gerufen, manche halbe Woche ist er hier bei euch gewesen, du tatest zärtlich mit ihm... Sag', Sandra, durfte er dich auch in solcher Aufmachung sehen, wie ich dich sehen darf? – Hm, vielleicht mehr, Sandra, was...?« »Quäl' mich nicht«, stieß sie hervor. »Haha!« »Ich bin eine anständige Frau!« rief sie aufspringend. »Die Entrüstung wirkt stillos bei dir, die sich so erhaben über Philisterbegriffe zeigte! So bist du recht: nicht die Kraft zur Tugend und nicht den Mut zur Sünde. Du weißt nicht, was es heißt, einen Mann reizen. Wenn er eigensinnig ist und nicht locker läßt, kann es ihn verrückt machen. Das hat es in diesem Falle getan.« »Was geht das mich an? Er war doch kein Kind mehr.« »Du hast ihn aber als Kind behandelt. Nun will ich dir auch sagen, was weiter mit ihm geschehen ist. Er ist zuletzt vor zwei Monaten hier gewesen und hat dich wieder angefleht. Da hast du ihm die Bonbonsschachtel gegeben. Hast du, Sandra?« »Woher ...« »Geduld. Er war ein lieber Junge, nicht wahr?« »Ja ...« »Er hatte geschworen, er könne ohne dich nicht leben?« »Das hat er!« »Jetzt kann er's aber.« »Wie ...?« »Und er wird nie wiederkommen.« »Ich weiß es besser ...« »Nein, diesmal ich! Hör' zu, ich will es dir erzählen. Ich habe die Sache ja lange gewußt und gesehen, aber sie ging mich nichts an ...« »Freilich ging sie dich nichts an ...« »Du kannst nicht sagen, daß ich mich ungebührlich hineingemischt habe.« »Nein, das hast du, bei Gott, nicht.« »Ich verstehe dich nicht, Sandra.« »Erzähle weiter.« »Nun also. Plötzlich nahm ich Interesse an dem jungen Mann. Durch einen Zufall erfuhr ich, daß M. Laurie, der Bibliothekar an Ste. Geneviève, ein trefflicher Mann, dem ich manche Förderung verdanke, sein Vater ist. Da hielt ich es für meine Pflicht, ihn zu benachrichtigen, daß sein Sohn auf dem besten Wege sei, zu verlumpen. Der Vater kam. Der Sohn ist ein lieber Junge. Er erzählte die ganze Sache und ging nach Frankreich zurück. Ob er sich aber wieder zusammenraffen wird, ist eine andere Frage.« Sie antwortete nichts. »Nun, Sandra, du siehst, man versteht dich wohl, wenn man sich den Kopf freihält. Manchmal hast du eine Idee, die vorzüglich ist. Man fragt sich nur, woher sie kommt. Soviel ist sicher: die Kraft, sie durchzuführen, hast du nicht. Aber es beweist doch, daß etwas aus dir werden könnte, wenn deine Seele ein Ziel bekäme. Ihr arbeitet nicht, Sandra. Dadurch habt ihr jede Festigkeit der Lebenshaltung verloren. Ihr schwankt wie junge Bäume, die sich vom Pfahle gelöst haben. Durch euern Müßiggang seid ihr auch aus dem Zusammenhange dieses Landes herausgefallen. Das Land steht unter dem Zeichen der Arbeit, gemächlicher Arbeit, die Lohn nicht Fron ist. Der Viehwirt, der im Vorstall an seiner Werkbank einen Schreiner aus dem Brot setzt, singt und pfeift zu seinem Geschäft, daß es schallt. Ihr seid zu bequem zu energischer Arbeit und zu wenig gebildet zu einem feinen Müßiggange. Und doch gehört ihr gewissermaßen negativ in dieses Land, indem das Geschick in euch die Kontrastfiguren geschaffen hat, immerhin, wenn ihr recht philosophisch wärt, auch ein Lebenszweck. Aber ihr solltet doch fortgehen aus dieser für euch so langweiligen Gegend und euch nach Vergnügungen umsehen, so lange, bis euch auch das ekelt. Dieses Land ist zu gesund für euch.« »Kannst du mich nicht noch mehr schlecht machen?« »Nun, lassen wir's, hoffen wir, daß der Franzose wieder den richtigen Weg findet, und dir rechnet man es nicht so schlimm an, mit der Kraft und Jugend eines Menschen ein freventliches Spiel getrieben zu haben, weil du dir gar nicht überlegt hattest, was du tatest.« Sie sah ihn drohend an. »Und wenn ich mir das nun sehr wohl überlegt hätte ...!« »Wie? Nein, das hast du nicht. Das wäre nichtswürdig gewesen.« »Wenn ich dich denn nun hätte – eifersüchtig machen wollen ...!« Er erbleichte. »Sandra, ich weiß nicht, ob man sich nicht vor dir wie vor einer Wahnsinnigen fürchten muß.« Einen Augenblick blitzte es in ihren Augen wie Siegesfreude auf. Doch es war nur das letzte Aufflammen eines erlöschenden Feuers. Es fiel zusammen vor dem lauten Lachen, in das er ausbrach, als er, ohne ein Wort zu sagen, die Halle verließ. Sein Schritt verhallte auf der Zugbrücke. Dann war es still. Jetzt wußte sie, daß alles zu Ende war. Sie saß und brütete stumpf über dem kalten toten Aschenhaufen ihrer Reize. Und die Langeweile breitete sich wieder weit und gräßlich um sie aus in diesem öden Lande. »Die Gewissenlosen sind uns doch immer überlegen und überhaupt die Stärksten auf der Welt«, sagte Menniken zu seiner Frau. »Ich mag nicht mit dem Weibe verkehren und ich gönne dir das Spiel mit ihr«, lachte sie. »Aber bist du des Spielens noch nicht müde?« »Manchmal beneide ich doch diese Starken«, sagte er nachdenklich. Herr Speckkopf im schwarzen Rock Der Stein singt Bernhard Menniken als einer der Direktoren schritt auf dem Steinplatz einher. Er verfolgte, wie ein grober Block durch das Kabelwerk aus der Grube heraufbefördert wurde, unter die Hände von drei jungen Steinmetzen geriet, die ihn mit dem Spitzeisen vierkantig ausrüsteten, den Schlag herumführten, die Arbeit mit dem Stockhammer begannen und die Rohteile in feinen weißen Staubwolken gewissermaßen verdampfen ließen, während der Hammer klang und der Stein sang in starken Naturtönen. Menniken suchte sich freundlich und teilnehmend in die Gespräche der Arbeiter zu mischen, um ihr Denken verstehen und ihre Wünsche kennenzulernen. Er lachte mit, eingehend auf einen Scherz des roten Josef aus der Pavei. Aber da er lachte, verstummten plötzlich die andern und beugten sich tiefer über ihre Arbeit. Als er fortgegangen war, sagte der rote Sef halblaut: »Der Menniken macht sich gemein mit mich.« In den Hütten saßen die Steinmetzen zur Kaffeerast, aßen ihr Brot und tranken aus porzellanenen Köppchen. Der rote Sef, der lebensgefährliche Johann, dann ein Epileptiker, geistiges Kind und körperlicher Riese, der zur Belustigung den dummen Hund spielen mußte, Karl François aus Himmelsplatz, den sie den »Scharlemang« nannten, der nur aus Körper, Leben und Geschlecht zu bestehen und nichts von dem zu haben schien, was man unter dem warmen Worte »Mensch« begreift, Andreas Kannegießer, jenes tapfern Kannegießer, der wieder in Afrika war, Bruder, ein Mensch, der bis unter die Hirnschale wie eine Scheune bis unter den First vollgestopft war mit Brennstoffen und mit den Mienen und dem Zorn eines scharfen Hundes auf eine Gelegenheit zur Wut lauerte; und die andern. Bernhard Menniken stand und sprach mit ihnen. Sprach zu ihnen. Denn niemand antwortete auf das, was er sie frug. Er sprach zu ihnen über das, was ihre Arbeit Schönes habe; auch verschwieg er nicht, daß gewisse neue große Pläne den Arbeitern zu einem eignen Häuschen verhelfen wollten, das sie aus dem Stande der Besitzlosen herausheben würde. Es schien großen Eindruck auf sie zu machen, denn sie saßen tief niedergebeugt. Mit einem sah der Scharlemang auf, und es lachte ihm breit und ehrlich aus dem Gesicht, als er sagte: »... Jebt für einen Schnaps!« Sie lachten alle einmütig, treu und ehrlich, der rote Sef, der Lebensgefährliche, Andreas Kannegießer, der Scharlemang und die andern. Die schlimme Philomene hatte mit Erfolg Sonntags, wenn sie aus der Kirche kam, schöne Augen gemacht, denn sie führte jetzt ihren Nikola zum Standesamt. Der Speckkopf stand hinter dem grüngedeckten Tische; der schwarze Rock vermochte seine Leibeskugel nur halb zu umspannen. Er war so dick, als hätte er sich mit dem Äquator die Hose zugebunden. Da stand er und polterte dem Paar einen letzten donnernden Rat, eine allerletzte Verwarnung vor. Dabei schlug er auf den Tisch und spuckte einen feinen Landregen über die Hörer hin. Wenn die Berta und ihr stilles Wort: »Vater, sprich leise, man versteht dich«, nicht zur Hand war, konnte der Speckkopf sich austoben. Ehestand – Wehestand! Wie Donnerkeile fielen die Worte nieder auf die Philomene und den Nikola. Und den Nikola schienen sie zu zerschmettern. Da sprang die Philomene auf und fuhr in den Lärm der Specktopfsrede hinein – zuerst hörte der Speckkopf vor seinen eigenen Worten sie nicht – sobald sie sich aber durchgesetzt hatte, brach seine Rede so plötzlich in seinem Munde ab wie ein Porzellanstab – »Herr Speckkopf,« rief die Philomene und neigte sich über den ächzenden Tisch hinüber, »tönt doch nicht, Ihr habt dreimal getraut und habt es noch nicht satt, Ihr alte Untugend ...« und wenn sie noch mehr gewußt, hätte sie sicher noch mehr gesagt; jetzt bewegte sich noch stumm ihr Mund wie ein Mühlrad, nachdem der Wasserzulauf abgestellt ist. Man muß gesehen haben, wie eine wilde Sau einen Schuß aufs Blatt bekommt. Sie steht einen Augenblick steif wie aus Holz gemacht – – dann klappt sie zusammen. So stand einen Augenblick der Speckkopf wie eine Wildsau, die einen Schuß aufs Blatt bekommen hat. Wie aus dem Mühlrade, indem es zur Ruhe kommt, noch einige letzte Tropfen fallen, so kam es aus dem Munde Philomenens: »Ja ... Herr Speckktopf ... ja ... und man soll auch sein Geschäft selbst nicht schlechtmachen und die Kunden verjagen.« Da lachte der Speckkopf, und seine kleinen Schweinsäugelchen sahen wohlgefällig die Philomene an. Schnell vollzog er die Formalien, während das Lachen noch hin und wieder durch die tiefen Klüfte seiner weiten Brust kollerte wie der Donner in fernen Gebirgstälern, nachdem das Gewitter sich verzogen. Der Speckkopf gratulierte mit großer Herzlichkeit und lud sich zur Taufe des Ersten ein. »So Gott will«, sagte die Philomene. »So Gott will«, meinte auch der Bräutigam. »Ihr«, sagte zum erstenmale der Specktopf, nicht weil er sehr höflich, sondern weil er Standesbeamter war. Es kam ihm oftmals seltsam genug vor, immer der erste sein zu müssen, der zu den Getrauten »Ihr« statt »du« sagte. Aber so verlangte es die Sitte des Stammes, die den Verheirateten vor den Unverheirateten auszeichnete, mochte dieser auch ein Weißkopf und jener eine Grünschnauze sein. Jetzt traten sie ab, die Zeugen und das Brautpaar. Die Philomene führte ihren Mann heim. O Nikola! ...   Ein großer Eifer ging über das Land. Und wo er hintrat, verging der Rasen unter seinen Füßen, und wo er hinfaßte, schwand der Rost vom alten Eisen, und wo er sich niederließ, tat die Erde sich auf und entblößte sich bis in ihre Eingeweide. Vor seinen Schritten fielen die trennenden Grenzwände der Gruben nieder, das Grundwasser trocknete aus vor seinem Hauche, die Arbeitshütten an seinem Wege faßten Mut, hielten ein im Verfall, belebten und füllten sich wieder mit Gestalten, Schüsse aus dem Boden begleiteten wie Böller seinen königlichen Gang, das Gestein klang und sang wie ein irdenes Glockenspiel neben seiner Bahn unter den Schlägen der Spitzhacke und des Hammers. Der Eifer schälte die Erde. Wie von einem Apfel die Schale, so wurde der Rasen vom Erdreich abgezogen. Und wie man dann den Apfel aufteilt in Kugelausschnitte, so wurde der Stein herausgelöst in Würfeln oder Prismen nach den Fugen der Lager, Abschnitte und Spalzel. Und wie man das Kerngehäuse herausschneidet und wegwirft und was sonst an mürbem und faulendem Stoff vorhanden, so wurden Geröllager und Lehmschichten ausgehoben, abgefahren und als Bindemittel oder Kleinschlag in Weg und Straßen des Landes gewalzt. Viele hundert Hände waren am Werk, höhlten die Erde und brachen den Stein. Wie erschrocken schaute der drein, da er aus seiner finsteren Ruhe von Millionen Jahren plötzlich in das ungewohnte Licht sehen mußte; wie wenn man einen Apfel aufschneidet und ein Wurm aus seinen dunkeln Gängen sich heftig gegen die Helle und Freiheit hebt. Viele hundert Hände zogen dem Stein das grüne Obergewand und das braune Unterkleid ab, nun lag er da, erschauernd in seiner blauweißen Nacktheit. In den Brüchen klangen die Hämmer, sangen die Treibeisen, seufzten die Winden, schluckten die Pumpen, stöhnten die Kabelräder, knarrten die Ketten, ächzten die braven Hebelbäume, knirschten wütend die Bohrer, während aus den Bohrlöchern ein weißer Brei herausfloß. Aber sie zwangen es, die hartnäckigen Bohrer. Der Gang wurde durch ein natürliches Lager in das Gestein getrieben bis zu der Tiefe, wo ein Abschnitt den Naturzustand des Steines teilte. Dann kam der Sprengmeister, legte seine Stummelpfeife in weiter Entfernung nieder, füllte die Bohrröhre bis zur Hälfte mit Pulver, legte die Lunte an, nahm die rote Fahne in die Hand – für einen Augenblick traten die Leute von den benachbarten Arbeitsstellen weg und gönnten sich die kurze Ruhe hinter einem Sonnenschutze aus Stroh –, das Feuer kroch die Lunte entlang, winzig, glimmend, ohne Flamme, nur ein glühender Punkt – er war fast lächerlich anzusehen, dieser Anlauf und Sturm eines einzigen Feuerfunkens auf die gewaltige starre Felswand –, der Funke kroch klein und geduckt durch die Lunte, nun war er am Bohrloch, flammte ein wenig auf ... jetzt ist nichts mehr zu sehen – jetzt ist er erloschen – –! Natürlich, war ja auch lächerlich, dieser Sturmlauf eines Feuerfunkens gegen die Felswand, die seiner geringschätzig nicht einmal – – Da! da bebt sie, wankt sie, gerüttelt, geschüttelt, als hätte eine Riesenhand sie in der Tiefe gefaßt ... ein dumpfer Ton, ein lautes Krachen, die Pulvergase zwängen und drängen sich in die Fugen mit einer Hitze, Roheit und Stärke, wie das Erdgeschick selbst sie nicht gehabt hat, als es diese Mauern in tausendjähriger Arbeit baute. Darüber erschrickt, erstaunt das Gestein; denn es ist ein Wunder, ein Dämonisches, ein Unnatürliches, es würde sicher mehr Widerstand leisten, wenn die Gefahr eine zu berechnende, schon einmal erlebte, nicht so Un- oder Übernatürliche wäre ... ›Wenn das Un- oder Übernatürliche siegt, geht die Natur zugrunde‹, denkt das Gestein, glaubt an den Untergang der Welt, ergibt sich und wird zersprengt, zertrümmert, zerrissen, zerbrochen, zermalmt – – Seit Menschen in der Natur sind, versteht die Natur sich selbst nicht mehr. Mit Hebel, Kette, Winde, Kran und Kabel gelangen die rohen Steinblöcke auf die Werkplätze, unter die Stockhämmer, Spitz- und Schlageisen, in harte Hände und unter kunstsinnige Augen, vor die Steinsägen oder in die Kalköfen; auf die Karren, auf die Eisenbahn, in die Rheinkähne, in die Maas- und Scheldeschiffe; als Treppenstufen, als Fensterbänke, Schweinetröge, als Spülsteine, Taufbecken, Grabdenkmale, als Sockelsteine in die Häuser der Städte, als Maßwerk in gotische Kirchenfenster; nach Köln, nach Mainz, nach Basel, nach England und über den Ozean, dahin, dorthin, überallhin, die schweren Steine, die, im selben Bette geboren, auseinander geweht werden vom Willen der Menschen, mehr als es Staubkörnern hätte geschehen können, in die ein Orkan geblasen ... Um einen Posten gab es unter den Arbeitern arge Schikanen. Auf dem Wagenrahmen der eisernen Hunde zu stehen, welche die Talsohle hinab zum Hofe der Industriebahn rollten, und mit dem als Hemmschuh zwischen die Räder des Wagens gesperrten Baumast die Schnelligkeit zu regulieren, war ein großes Vergnügen, Als Tieß Bertz die Freude der Arbeiter und die Strebereien nach dieser Stelle bemerkte, setzte er dafür den Tagelohn um zehn Pfennige herab, indem der Posten wahlfrei gelassen wurde. Am nächsten Morgen meldete sich niemand dazu. Kirche und Kloster »St. Peter vom dicken Kieselstein« hinter dem Ölberge auf dem Welschen war nunmehr vollendet. Die große Lieferung war für die »Rheinischen Blausteinwerke A.-G.« das Sprungbrett gewesen, das sie mitten in den Geschäftsbetrieb und den Kreis der Kundschaft geschleudert hatte. Tieß Bertz, der andere und wegen seiner Sachkenntnis der eigentliche Direktor, war meist auf Reisen. Er erweiterte mit Erfolg das Absatzgebiet, und wie ein Eroberer kehrte er jedesmal heim. Er legte dem Aufsichtsrat seine Vorschläge vor und tat im übrigen meist nach seinem Willen. Aber ein geheimes Leben war in diesen Mann gekommen, eine merkwürdige Hellsichtigkeit, eine geheimnisvolle Treffsicherheit. Etwas vom Genie. Und der Grund war das Geld. Er wurde reich. Nun ward es offenbar, daß der Bertz gar nicht geizig war. Das, was als Geiz erschien, war nur die in widrigen Umständen verkümmerte Gestalt des geborenen Finanzmannes, wie eine edle tropische Pflanze in herbem fremdem Klima über die Erscheinung eines kriechenden Unkrautes nicht hinauskommt. Er war jetzt tiefinnerlich glücklich, der Bertz, wie man nur sein kann, wenn die gesunde Natur nach Stillung der Triebe sich in vollkommenem Gleichmaße befindet. Er wurde um nichts gesprächiger, wurde seiner Frau kein liebevollerer Gatte, seinen Kindern kein gemütlicherer Vater. Das Geld zu angenehmerem Leben und völligerer Haushaltung gab er trocken und wortlos aus seinem sich mehrenden Verdienste. Er ging nicht öfter ins Wirtshaus und nicht seltener in die Kirche, am Orte wurde er nicht beliebter, seine Freundschaften wurden nicht enger, sein Heim nicht traulicher. Für all das hatte er keinen Sinn, aber in seinen Augen glänzte es, aus seinen Blicken glühte es – tiefinnere selige satte Zufriedenheit. Ein Sommertag. Das Fest der Steinmetzen Sommernachmittag. Auf der Hauswiese der Peterpauls hinter dem Bering des Hofes in den Diepenbenden ist Licht und Ruhe, Stille und Sonne. Aber auch ein heißes Ringen zwischen Licht und Schatten, ein Kampf auf Leben und Tod, ein Streit voll Wut und Verzweiflung. Unter und hinter den Obstbäumen ringen die von Ewigkeit her erbitterten Feinde. Dort, auf der einen Seite gewinnt das Licht langsam Boden, langsam drängt es vor, langsam geht der Feind zurück, langsam und immer weiter, triumphierend drängen die Heerscharen des Lichtes voran. In der unabsehbaren Menge leuchten und glänzen die Panzer und Waffen, in der Schlachtlinie schlagen die glühenden Speere und Pfeile der gelben Armee auf die schwarzen Schilde der andern ... stumm ... Zwei schlanke Grashalme, die Sonne spiegelnd, leuchten auf – Voran! Sieg! blasen sie in der gelben Armee auf langen goldenen Posaunen ... Aber sie merken nicht, daß auf der andern Seite des Schlachtfeldes die Gelben zurückweichen, langsam gewinnt der Schatten Boden, langsam drängt er vor, langsam geht der Feind zurück, langsam und immer weiter, stumm und ohne Lärm verfolgt der erbitterte Sieger den Feind ... So wogt der Kampf auf beiden Flügeln des Schlachtfeldes unter und hinter dem Apfelbaum mit gleichen Kräften und gleichem Glück von Ewigkeit her bis in alle Ewigkeit, Amen. Sommernachmittag ... Ruhe und Licht ... Aus dem Bauernhaus mit der schöngeschwungenen Freitreppe, dessen Türflügel weit geöffnet stehen, klingt der Schlag einer Wanduhr in die Sonnenstille heraus. Zwei Uhr. Ein Mensch ist nicht zu sehen. Im Schatten der Obstbäume und der hohen Schwarzdornhecke steht das Vieh, und liegt das Vieh, wiederkäuend. Die Stirnen der Kühe sind platt wie Bretter; darauf die Figuren, die den Tieren den Namen einbringen. Die eine trägt ein weißes Muster zwischen den kurzen Hörnern, einen Schild; sie heißt »Schild«. Die zweite heißt »Raute«. Daß die dritte aber »Wanda« heißt, dafür liegt zwischen den Hörnern kein Grund vor. Glänzende Fliegen schwirren durch die Luft, stahlblaue, goldgelbe, silberhelle, kupferrote. Es ist, als ob das Metall der Erde, das in Kügelchen tief im Boden und Dunkel liegt, sich an diesem Tage beflügelt hätte, um ein wenig in Luft und Licht sich zu bewegen, heraufgelockt von dem Liebreiz der Sonne ... Die Kühe aber schlagen mit den Schwänzen nach ihnen. Rechts die Flanke, links die Flanke peitscht der Schwanz ... Die Stechfliege bringt sich außerhalb des Bereiches des schlimmen Schwanzes und setzt sich auf den Hals. Unmutsvoll wirft Wanda den Kopf und leckt mit der Zunge nach ihr. Die Fliege sitzt am ersten Rückenwirbel. Die Haut zittert im Umkreis einer Hand. Die Bremse fliegt auf und sitzt hinter dem Ohre; Wanda kraut sich mit dem Hinterhuf. Aber die Bremse weiß einen Augenblick Ruhe und Gelegenheit zum Saugen am Ansatz des Hinterschenkels zu finden, denn Wanda leckt sich den verletzten rechten Hinterhuf ... Jetzt saust plötzlich der Schwanz durch die Luft, die Quaste peitscht, die Rinderbremse liegt erschlagen am Boden. In den Winkeln der Glotzaugen aber treibt sich ein Haufe kleiner Fliegen in gottverlassener Schamlosigkeit herum und ist durch kein Plinkern und Zwinkern zu vertreiben. Wanda führt ihre Gegenmaßregeln mit großer Stetigkeit und Geduld aus. Das Rind ist noch jung. Hat die Schwere des irdischen Daseins noch nicht erfaßt und sich noch nicht mit Geduld gewappnet. Um sich von der Bremse am Halse zu befreien, rennt es unter den Apfelbaum und reibt den Hals an der Rinde ... Über den Steinpfad durch Nachbars Erbe wandern Mädchen, scherzen und lachen. Ihre Sprache ist sehr laut; als ob in diesem Lande die Ohren tauber wären. Und dann ist es, als ob die Mädchen gläserne Kehlen hätten. Die Sonne geht langsam um die hohe Buschhecke herum. Der Schattenraum wird kleiner. Mehr und mehr drängt sich das Vieh zusammen. Nur einige Kälber bewegen sich trotz Sonne und Hitze. Sie treiben sich ziellos herum, laufen hierhin und dorthin, kehren um und rennen zurück, grad und quer, hin und her, ohne Verstand und Zweck. Die Sonne steigt mehr und mehr vom Mittag herab. Nun erhebt sich ein junger, noch nicht ausgewachsener Stier, der den Namen »Schinderhannes« führt, des Ruhens müde, und stellt schlimm den Kälbern nach. Er jagt sie vor seinem Mutwillen her ... jetzt stutzt er vor dem Käferchen auf einem Grashalm, gespannt und andächtig verfolgt er den stillen Weg des roten Tierchens ... und nimmt plötzlich vor irgendeinem Etwas oder Nichts Reißaus und rennt davon, daß die Erde dröhnt. Unter der Hecke liegt ein einbeiniger Melkstuhl. Eine Spreitschaufel lehnt an der Steinwand des Hauses bratend in der Sonne; das Licht blitzt in der blanken Platte. Nahebei eine Geburtsmaschine für Kälber; die Winde, über welche das Seil läuft, an dem das junge Vieh in diese Welt hereingezogen wird, ist glatt vom Gebrauche. Etwas später rührt sich auf dem Hofe das Leben. Der Peterpauls kommt, einen Hammer und einen dicken zugespitzten, am Dorn angebrannten Pfahl auf der Schulter. Er wählt einen Standpunkt, prüft den Boden und treibt den Pfahl mit wuchtigen Hammerschlägen ein. Das ist ein »Schubbiack«, der Pfahl, der in jeder Wiese stehen soll, daß das Vieh sich reiben kann. Der Peterpauls umwindet die Stämme der Obstbäume mit Stacheldraht. Weggehend begegnet er dem kleinen Napoleon, der das Vieh zur Tränke holt; die lange Peitsche knallt. »Wo hast du gesteckt, du Untugend?« fragt der Vater. In heiliger Angst stößt der Junge hervor: »Geschlafen. – Wie Ihr, Vater!« setzt er in Furcht eilig hinzu. Der Bauer, der ihm eben eine Ohrfeige verabreichen wollte, holt die Hand ein und sagt lächelnd: »Du Schubbiack.« Glücklich, dem Verhängnis entronnen zu sein, knallt Napoleon lauter zwischen den Steinpfeilern des Falltores stehend mit der Peitsche, und lockt das Vieh: » Aah , komm, komm, komm, Kühchere! ... aah , komm, komm, komm, Kühchere! ... aah , komm, komm, komm!« In langer Reihe bewegt sich langsam das Vieh herzu, ein Stück hinter dem andern, die älteren vor, die jüngeren, die Rinder und Kälber, hinterher. Der Stier, der nicht in der Reihe des Weibervolkes gehen mag, trabt abseits. » Aah , komm, komm, komm, Kühchere! ...« Eine Kuh steigt auf ihre Vorderfrau. »Lump, du Nachtigall, willst du wohl von der Weintraube bleiben!« ruft laut der kleine Napoleon und langt mit der Peitsche hinüber. * Sankt Johanni! Zent Jan. Arbeiten an Zent Jan? – Hahaha ...! Sankt Johann ist der Schutzpatron der Steinmetzen. Der technische Direktor hatte diesen Feiertag zu unterschlagen versucht. Am Vorabend gab er den Arbeiterabteilungen Anweisungen für die Arbeit des nächsten Tages. Sie lachten alle. Als er frug: »Verstanden?« sagte der Scharlemang: »Zent Jan.« »Zent Jan?« tat Tieß Bertz erstaunt. Sie lachten alle. Da sagte Tieß Bertz: »Die Direktion hat angeordnet, daß morgen gefeiert wird.« Sie nickten. Und Scharlemang stellte ein Bein aus dem Haufen heraus und sagte: »Wenn Ihr uns denn absolut was spendieren wollt – –« Tieß Bertz sagte: »Die Direktion hat angeordnet, daß jede Arbeitersektion ein Faß Bier bekommt.« Sie waren zufrieden. Es war ein sehr schöner und angenehmer Tag. Man warf mit Weihwasser benetzte Kränze über die Dächer der Häuser. Das schützt vor Blitz und Feuerschaden. Am Nachmittag war überall Musik. Die Mädchen banden ihre seidenen Schürzen vor, welche die Burschen hinten zuknöpften, wobei sie ihnen in den Hals bliesen. Auf schnellbereiteten Bretterböden in den Werkhütten war Tanzvergnügen. In den Hütten sangen die Steinmetzgesellen so herzhaft und mit so natürlicher Begabung in den Tag hinein, daß Lenates, der im Gefolge des Menniken war, meinte, es sei, wie wenn die Wilden am Träumen wären. Speckkopfs Töchter waren auch da. Zu Hause still wie kranke Hühner, waren sie hier von den Lautesten und Tollsten. Aber Bürgermeisterstöchter, tanzten sie nur mit Steinmetzen, nicht mit Steinbrechern, Grubenarbeitern und Fuhrleuten. Die letzteren sagten: »Sie meinen sich was.« Auf allen Gruben der Chemischen Blausteinwerke war den Arbeitern der Genuß von Schnaps im allgemeinen untersagt. Doch abends um die sechste Stunde legte in jeder Sektion ein Arbeiter sein Werkzeug beiseite, kramte eine Flasche hervor und holte den Schnaps. Einmal, es war am frühen Morgen, stellte der technische Direktor einen Arbeiter, der Branntwein einzuschmuggeln versuchte. Er frug nach dem Inhalt der Flasche. Der rote Sef, der den Schelm im Ärmel hatte und die Frömmigkeit des Tieß Bertz kannte, sagte: »Weihwasser«. Aber der Direktor ließ sich die Flasche geben, entkorkte sie, roch an dem Weihwasser und goß in den Straßengraben. Das kam dem roten Sef wie ein Sakrileg, Schändung heiliger Dinge, vor. An diesem Tage ist es ein altes Recht der Arbeiter sich über ihre Vorgesetzten lustig zu machen. Solche Dinge in Szene zu setzen, war immer dem roten Sef überlassen als dem geborenen Pläsiermeister. Auf einem Handkarren fuhr er Spottfiguren herum, Speckkopfs, des Bürgermeisters, und der beiden Direktoren. Als der Bürgermeister die Gruben an diesem Ehrentage der Steinmetzen besuchte, da machte ihm der Hahn im Hühnerhofe, als den er sich dargestellt fand, wenig Herzensfreude. Aber es galt, sich mit Würde und zugleich Leutseligkeit aus der Lage zu ziehen. Er holte seinen Retter aus aller Not hervor, stimmte plötzlich sein Lachen an, sein donnerndes Lachen, sein goldenes Lachen, das Lachen, das nur der Speckkopf lachen konnte, das Speckkopfslachen. Die ganzen Rheinischen Blausteinwerke lachten mit. Der lange Tieß Bertz hieß gelegentlich der »Heilige«. Der rote Sef hatte eine Art von Sonnengott aus ihm gemacht mit Sonnenscheibe und Strahlenkranz aus vergoldeter Pappe als Heiligenschein. Und weil er »im Geruche der Heiligkeit« stand, war die Figur köstlich parfümiert. Als Tieß Bertz das sah, lachte er einmal. Lachte es einmal um seinen Mund. Das Ereignis wurde sehr bemerkt. Daneben war Bernhard Menniken seinem Namen getreu als »Menniken« gebildet, und so, daß der »Heilige« dem Kleinen wie segnend die Hand auf den Kopf legte, und dazu die Inschrift: »Bernhard, das Männchen«. Wenn man das gedankenlos las, schaute der rote Sef einen mit der stolzen und zugleich leidvollen Miene des Künstlers an, der sein Werk nicht ganz verstanden sieht. Bernhard Männchen! Ob der Tieß Bertz verstand? Aber es war vergeblich, in seinem Gesicht zu forschen. Sein Gesicht schien durch den langen Verkehr mit dem Stein etwas von dessen Härte angenommen zu haben. Es war ein sehr gemütlicher Tag ... Nach diesem »blau gemachten« Tage wurde die Arbeit am andern Morgen frisch wieder aufgenommen. – Um diese Zeit wurde Frau van den Daele krank und starb. Als sie tot und begraben, war der Wiederaufbau des »Sternes«, für den sie Jahre hindurch die seltsamsten Pläne hatte anfertigen lassen, endgültig verhindert und die große Gefahr weiterer Stilverbesserung im Lande glücklich und nachdrücklich entfernt. Die »Frau von Knauel« begleitete über das Grab hinaus der Fluch der Lächerlichkeit seitens der gewöhnlichen Leute und der Unwille der Einsichtigen und Einflußreichen. Format Das Männchen Bernhard Männchen! Bis ihn eines Tages der Tieß Bertz hinaussetzte und die Tür hinter ihm abschloß. Das Verhältnis der beiden Direktoren der Werkgesellschaft zueinander war ein krankgeborenes Kind. Auf die Dauer mußte die Doppelheit der Leitung durch die Vormachtstellung des einen abgelöst werden. Tieß Bertz griff dreist aus seinem betriebstechnischen Gebiete in das der allgemeinen Leitung hinüber, und der überraschend schnelle Erfolg seiner geschäftlichen Versuche war die Rechtfertigung. Es gab heftige Szenen. Tieß Bertz ließ sich ohne ein Wort der Erwiderung zurechtweisen und tat am andern Tag nach seinem Belieben. Dabei sah sein Gesicht immer so ruhig und selbstverständlich aus wie eine Tafel voll Einmaleins. Menniken in Zorn, Protest und Beschwerde; da wurde einmal auch Tieß Bertz aus seiner starren Unempfindlichkeit gerissen, einen Augenblick liest er seine weißen schneidigen Zähne sehen, dann war ein hämischer Zug um seinen Mund, als er das große Wort für Mitleid und Geringschätzung sprach: »Armer Hals!« Und ging ruhig und unauffällig fort. Und nun packte er ihn. Unversehens, wie der eine von zwei Ringern nach langem, scheinbar gleichgültigen Kampfe plötzlich den andern bei der Hüfte faßt, ihn jäh aufhebt und blitzschnell zu Boden wirft – er liegt besiegt und beschämt an der Erde. Das Leben des Tieß Bertz wies eine merkwürdige Zufälligkeit auf, wie fast jedes Dasein eine hat, der Nagel, an dem sich die Erinnerungen an einen Menschen, seine Taten und Tugenden, anknüpfen; Tieß Bertz hatte bei allen wichtigen Ereignissen seines Lebens ein Gerstenkorn am Auge: am Tage seiner ersten Kommunion, am Tage seiner Hochzeit; schließlich ist er auch mit einem Gerstenkorn selig im Herrn entschlafen. Zunächst aber lebte er noch und war eine überaus gefährliche Macht. Wie, und Tieß Bertz sollte keinen stehenden Beinamen haben? Er hätte kein rechter Kerl sein müssen. Er hatte einen. Er hieß bürgerlich: Hubert Voller, nach seines Vaters Mathias und seinem Vornamen Hubert gerufen: Tieß Bertz, zubenannt: der verlorene Sohn. Harmloserweise. Es hatte nämlich von seiner Mutter geheißen, sie gebäre so leicht und schnell, daß sie ihre Kinder verlöre. Sie soll ihn auf dem Kirchwege in der Wiese, welche »Bethanien« heißt, beinah »verloren« haben. Im Aufsichtsrat der Gesellschaft stand der Bau von Arbeiterhäusern zur Verhandlung. Immer mehr des jungen Volkes war, wenn es an den Sonntagen oder den Festen des Jahres in die Heimat kam, zurückgeblieben und hatte sich ansässig gemacht. Was jetzt noch von Einheimischen in der Fremde weilte, das, durfte man annehmen, würde nicht mehr zurückkehren. In den Häusern wurde es eng. Anfangs rückte man zusammen. Aber einmal an Behäbigkeit und Weiträumigkeit gewohnt, wurde man bald unzufrieden. Wohnungsnot war da. Darum verhandelte man im Aufsichtsrat über den Bau von Arbeiterhäusern. Bernhard Menniken konnte mit dem äußeren Verlauf der Dinge zufrieden sein. Was er gewollt, war im allgemeinen erreicht. Nun flammte ihm wieder mächtig der Sinn. Er legte den ausführlich ausgearbeiteten Plan einer Art Erbbaupachtvertrages vor. Von Erbbaupacht hatten die meisten der Räte, es waren der Speckkopf, Tieß Bertz, der doppelte Michel, der stille Lenates, der geräuschvolle Peterpauls Hary, ein benachbarter Notar und einige andre, noch nie etwas gehört. Aber sie ließen sich nicht durch Worte verblüffen. Also wohl, Erbbaupacht! Er sollte nur einmal auskramen! Doch lächelten einige von ihnen spöttisch, denn sie hielten den Gedanken wieder für einen idealen Spuk. »Gebaut wird auf der Fläche der vor sechzig Jahren von unsern Vätern aufgefahrenen leeren Halden, die nunmehr hinreichend fest sind. Der Grund ist rein verdient. Die Baupolizei wird keine Schwierigkeiten machen. Außerdem ist der Baugrund pulvertrocken.« So! Aha! Das ließ sich hören! Das Lächeln der Geringschätzung war vor den trockenen Angaben verschwunden. »Er ist doch ein Märchenprinz«, flüsterte der doppelte Michel dem Notar zu. Mit Schreck gewahrte es der Tieß Bertz. »Da wir für die Gesellschaftsgründung alle Aktien in unserm Lande haben unterbringen können, so sind, scheint mir, unsre örtlichen Geldkräfte genügend angespannt und wir werden uns nach auswärtigem Kapital umsehen müssen. Es werden nur Einfamilienhäuser gebaut. Sie werden abgetreten auf sechsundsechzig Jahre. Dafür wird eine Rente gezahlt, welche die Zinsen des Kapitals deckt und die Bausumme allmählich tilgt. Die Unterhaltungskosten tragen die Pächter. Nach sechsundsechzig Jahren ist die Gesellschaft Eigentümerin der schuldenfreien Häuser.« »Ausgezeichnet!« Tieß Bertz barst vor Neid. Aber seine Finanzkraft war aufs tiefste angeregt. Bernhard Menniken, aufrecht am Tische stehend, die Seele in Erregung, war so unvorsichtig, den Gedanken fallen zu lassen: »Auf diese Weise machen wir die Leute ansässig, machen sie für zwei Generationen zu Eigentümern und erwecken Heimatsgefühl in ihnen.« Einige bliesen wieder das Lüftchen der Geringschätzung durch die Nase. Nur einer hatte dafür Verständnis, Lenates, der Junggeselle. Er hatte ein wenig Kultur. Er pflegte auch Zähne und Nägel. Er hatte so weiche Hände wie eine Hebamme und war verschwiegen wie ein Zahnarzt. Die andern waren gesunde Bursche, nicht angekränkelt von Idealen, und hatten alle ein gewisses Naturgenie. Der Notar war ein stilloser Emporkömmling, hatte eine schlechtsitzende Halsbinde und eine reiche Frau. Mennikens Stern neigte sich wieder nach unten. Sie fingen bereits wieder an, an Fantasterei zu glauben. Der doppelte Michel sagte: »Aufrechnen!« »Rauch und Wolken lassen sich nicht berechnen nach meinem dummen Dunk«, höhnte Tieß Bertz. »Der Zins mit Amortisation darf den ortsüblichen Mietpreis nicht übersteigen. Das ist sehr leicht zu erreichen.« »Haha, bei viereinhalb Prozent Anleihezinsen, der Amortisation und der Abnutzungsentschädigung«, höhnte Tieß Bertz. Er sah dabei sehr häßlich aus. »Für solche öffentlichen Zwecke, besonders für einen sozialen, wie dieser ist, leiht der Staat Geld zu drei Prozent, wenn Sicherheit geboten wird, daß die Gruben nicht etwa in kurzer Zeit erschöpft und die Arbeiterhäuser dadurch wertlos werden. Diese Sicherheit, denke ich, können wir, die Gesellschaft als Ganzes, wohl bieten; denn man kann an unserm überall zutage tretenden Steinzuge sehen, daß zweihundert Jahre nicht hinreichen, die Masse abzubauen. Ein mir bekannter Geologe hat auch in diesem Sinne sein Gutachten abgegeben. Hier der Brief, der uns auf meine Anfrage die Zusicherung erteilt.« Im Augenblick schlug die Stimmung wieder um. Drei Prozent! Das ist ja nicht möglich! Das ist ja nie dagewesen! Das Finanzgenie im Tieß Bertz war durch diese Zahl so mächtig gepackt, daß für einen Augenblick sogar Neid und Hast still waren. Drei Prozent! Er hatte ein Gefühl, als hätte er gern zu diesem Fuße irgendeine Summe auf seinen Besitz aufgenommen, einzig um das Vergnügen zu haben, nur drei Prozent zahlen zu müssen. Auf dem bärtigen Gesicht des doppelten Michel, das sonst so finster war wie ein Tannenforst, war plötzlich eitel Sonnenschein und Unschuld. Der Speckkopf mit dem runden Schädel eines Bullen und dem Fett einer Muttersau machte sein süßestes Maul. Lenates wackelte mit dem Kopf und meinte: »Drei Prozent ist drei Prozent.« Peterpauls Hary, der Riese, der reiche Diepenbender, brummte einmal gewaltig, wie die Kühe es tun, wenn sie winters im warmen Stalle vor vollen Krippen stehen. Alle Teile waren zufrieden und guter Dinge. Nur Tieß Bertz nicht, den Neid und Ränke wieder erfüllten, sobald sein Finanzgenie sich von dem Schwächeanfall der drei Prozent erholt hatte. Menniken aber war der Mann des Tages. Zu einer Beschlußfassung kam es nicht, dafür sorgte der andre Direktor. Aber obgleich Tieß Bertz mit der ganzen Schwere seiner Person für eine langfristige Vertagung eintrat, so erreichte er nicht mehr, als daß man am folgenden Tage wieder zusammentreten solle. Konnten bis dahin auch genaue Aufrechnungen nicht vorgelegt werden, so wollte man doch weiter über die Gelddinge behaglich sprechen. In dieser Nacht schlief man in der Landschaft wenig. Den Räten gingen die Finanzprojekte im Kopfe herum. Die frisch getraute Frau Philomene wollte in einem neuen Kleide zur Kirche gehen, und zwar diesmal in zwei Messen. Die Burschen, die ihre Mädchen besuchen wollten, juckte es wie von einem Floh. Die Mädchen, die von ihren Burschen heimgesucht werden sollten, juckte es auch wie von einem Floh. Es war eine süße Not. Bernhard Menniken saß die Nacht über Berechnungen und Nachweisen. Tieß Bertz aber wälzte sich auf seinen rotüberzogenen Kissen in Sorge und Qual: auf welche Weise Alleinherrscher werden? Übrigens war dem Tieß Bertz auf dem oberen Lid seines rechten Auges ein Gerstenkorn im Entstehen. Sollte das nicht wieder einen wichtigen Tag seines Lebens verkünden? Alleiniger Direktor der Rheinischen Blausteinwerke A. G. – ? Doch nicht der Ehrgeiz trieb ihn an. Bei Gott nicht! Was kümmerte ihn die Ehre! Nicht einmal die notwendige Ehre störte ihn, das Mindestmaß, das ein Mann davon besitzen muß, wie sollte ihn die überflüssige Ehre beschweren! Aber ein alleiniger Direktor hat es in der Hand, sich in aller Ehrlichkeit Vorteile zuzuwenden, die ebensogut einem andern zufallen können. Auch die verdammten Schwärmereien, die der »sozialistische Kapitalist da oben« im Gehirn hatte, würden nicht verwirklicht werden, wenn der Fantast einmal aufs Trockene gesetzt sein werde. Warum nicht Arbeiterhäuser bauen mit möglichst geringen Kosten, billigen Materialien und gedrückten Löhnen, die möglichst hohe Mieten einbringen sollen, sodaß man selbst noch etwas davon hat? Was kümmert es mich, wenn erst nach zwei Generationen die Gesellschaft Eigentümerin wird und meine Kinder und Kindeskinder den Profit haben? Freilich, daß nur für einen solchen fantastischen Zweck Geld so billig zu haben war, das erzeugte in ihm einen schrecklichen Seelenkampf. Er wollte an der Welt irre werden. Am Morgen aber, mit dem Licht des Tages, zog Klarheit in seine Seele, und er wußte genau, was zu tun war. Diesmal war auch Tieß Bertz unter den Männern, die nach der hohen Messe auf dem Kirchplatz zusammentraten, er ging von einem zum andern und flüsterte etwas. Da standen die Männer und raunten untereinander. Und sie standen noch, als das übrige Volk sich längst verlaufen hatte. Dann gingen sie ins Wirtshaus, setzten sich nieder und steckten die Köpfe zusammen. Und saßen noch, als das übrige Volk sich zur Vesper wieder versammelte. Daß »der da oben« und seine Familie niemals in der Kirche erschien, hatte wohl stilles Ärgernis erregt. Doch nun war es zu arg. Die trieben es ja wie die Heiden und öffentlichen Sünder! Eine nicht kirchlich gesegnete Ehe nennt die Kirche, die Gesetze des Staates verhöhnend, ein Konkubinat. Und das Volk glaubt es. Das Paar hatte in der Kirche die Rüfe erhalten, woraus man geschlossen, daß irgendwo in der Heimat der Frau die kirchliche Trauung stattgefunden habe. Wenn aber doch Tieß Bertz so bestimmt versicherte, daß es nicht der Fall gewesen! ... Wenn er sich, wie er sagte, erkundigt hatte! ... Man würde ja sehen, was der Menniken dazu sagen würde. Wenn die Behauptung des Tieß Bertz zuträfe, so erklärten alle, die an jenem Nachmittag beisammen waren, mit einem solchen Manne nicht mehr zusammenarbeiten zu können. Das gäbe das Recht, den Vertrag, durch den er als Direktor angestellt sei, auf der Stelle zu lösen. Der Speckkopf, der dem Menniken sonst wohlwollte, gab mit der tiefsten Respektstimme, deren er fähig war, seine Zustimmung zur plötzlichen Verabschiedung. Sorge hatte es einen Augenblick gemacht, Mariänne Lenates, den bekannten Freund und Bewunderer des Menniken, zu gewinnen. Der gute Lenates war sonst geduldig wie ein Kupferstecher und so wenig vorschnell, daß er zu sagen pflegte: »Ein Schnarchender hört auf zu schnarchen, wenn man es abwartet.« Um so größeres Aufsehen machte es, als dieser, der abseits sitzend still zugehört hatte, nach langem Schweigen auf die Frage des Tieß Bertz erklärte: wenn die Sache so läge ... es täte ihm leid ... dann müsse der Menniken abgedankt werden. Nachdem er dies mit tiefer Bewegung leise gesagt hatte, ging er schnell hinaus. Am späten Nachmittag kam Menniken, die Brust voller Freude, den Kopf voller Pläne, die Mappe voller Berechnungen. Knappes Grüßen, magere Worte, dumpfes Schweigen. Hin und wieder auffälliges Hüsteln. Speckkopf, der Herr Bürgermeister, den gewaltigen Kopf hochrot, die Augen groß, die Augenbrauen, Nasenflügel und Schultern hochgezogen, mimte den Brutus. Lenates sah zum Fenster hinaus. Vor Eintritt in die Tagung erhob sich Tieß Bertz und erklärte, die Wand und nicht den Menniken ansehend, der Rat habe angesichts des Umstandes, daß der Herr Direktor Menniken nicht kirchlich getraut sei, weiter ansehend, daß bei den schwierigen Geschäftsverhältnissen und dabei, daß die Geistlichkeit das Land beherrsche und die Anknüpfung von Geschäften, besonders für Kirchen-, Kloster- und Pastoralsbauten, worauf die Gesellschaft in erster Linie angewiesen sei, durch jenes Ärgernis sehr erschwert sei und der Boykott seitens der Geistlichkeit des Landes drohe, weiter erwägend, daß im allgemeinen dergleichen höchst anstößig sei und dem Volke durch schlechtes Beispiel der religiöse und sittliche Halt genommen werde ... – Jetzt hatte der heilige Eifer ihn aus der Konstruktion geworfen; er suchte ... er stammelte ... fatal, ein Direktor muß doch ein paar Worte im Zusammenhang reden kennen! – Also, meine Herren, nach meinem Dunk ist es weder christlich noch geschäftlich gehandelt, und wir bedauern, indem daß wir müssen, wobei es uns allen sehr leid tut, beauftragte die Versammlung mich, zu sagen, den Herrn Direktor Menniken zu ersuchen, seine Entlassung zu erbitten.« Sprach's, setzte sich nieder und sah aus leeren Augen wie ein unbewohntes Haus aus seinen Fenstern. Lenates schaute zum Fenster hinaus. Tiefes Schweigen – – »Gute Verrichtung, meine Herren«, sagte Menniken. Damit ging er hinaus. Als er draußen vorbeiging, stand Lenates nicht mehr am Fenster. Das Wetter an diesem Tage war sehr schön gewesen. * Es war im Spätsommer, als so geschah. Es dunkelte früh. Menniken machte, wie jeder Geschlagene es tut, einen weiten Gang, um die Enttäuschung zu überwinden. Es dunkelte früh. Eine Schar kleiner Mädchen begegnete ihm, die, aus dem Kommunikantenunterricht nach Hause gehend, immerzu das Verschen wiederholten: »Wer mir in den Weg kommt, Den tret' ich mit dem Fuß.« Ein halbes Hundert Male hörte er den Sang, bis der dunkle Abend ihn verschluckte. Warum hatte er sofort den Kampf aufgegeben? Warum nicht aufgeklärt? Warum den dazu unbegründeten Verdacht sich aufladen lassen? Ekel über die an Tag gekommene Schlechtigkeit hatte ihm jede Rechtfertigung von vornherein entwertet. Nur Schweigen und Verachtung schien ihm am Maße zu sein. Dadurch hatte er sich nun einfürallemal außerhalb des öffentlichen Unternehmens gestellt, das er doch ins Leben gerufen und eine Strecke weit in die Welt hineingeleitet hatte! Er wanderte in weitem Bogen um die Dörfer und Weiler herum, stille dunkle Wiesenpfade, und kam dem Kirchdorfe nahe. Von der Höhe herab aus dem steinernen Bau strahlte ein rotes Licht gleichmäßig in die Nacht. Ruhig, wie gemalt. Es flackerte nicht einmal. Dort war ein Standpunkt! Aber warum verschmähte ihn der Einsichtige? Er kam bis an die Wälder der Tausend Morgen. Drei Steinwürfe von der Grenze des Reiches, auf »Langewiese« wohnte, solange die Großmütter und Erzählungen sich erinnern konnten, das Geschlecht der Käfer. Da die Larven sich in gesunder Folge stetig vermehrt hatten, war das Nest bald zu klein geworden, es wurde aufgeteilt und an- und eingebaut, und wieder aufgeteilt und ein- und angebaut, aufs neue aufgeteilt, eine monumentale Bruchrechnung, sodaß »Langewiese« beinah ein Dorf für sich war. Der Häuptling dieses kleines Stammes, der Familienälteste, war Käfer Johann Leonard, wie im Kirchenbuche stand, Jan Lennar, wie das Volk ihn hin und wieder, der Maikäfer, wie es ihn wegen der Fruchtbarkeit seines Geschlechtes nannte. Aus den Fenstern strahlte das Licht der Lampe über Hof und Wiesen in die Nacht. Der gesunde Mann im festen Haus, mit Weib und Kind und dem traulichen Lampenschein am Abend, mit täglichen Pflichten und Sorgen kann es nicht verstehen, daß die Welt so voller Rätsel und Widersprüche sein soll, wie die weisen Männer glauben machen wollen. Es ist doch alles so klar und verständig, die Sonne ist Sonne, saure Wiesen sind weniger wert als süße, Röte der Schleimhaut und Lahmtreten verraten die Maul- und Klauenseuche; wer arbeitet, nicht vorbestraft ist, Gott gibt, was Gottes, dem Kaiser, was des Kaisers ist, der ist ein Ehrenmann; wer faulenzt, ist ein Lump, und die Weltordnung ist klug und mit der Hälfte durchschnittlicher Vernunft zu fassen. Kinder, es ist neun Uhr. Wir wollen schlafen gehen. Herrgott, behüte und beschütze uns diese Nacht als dein Gut und Eigentum. Früh um halb sechs muß gemolken werden. Und daß ihr mir vor dem Einschlafen betet! Die traulichen Lichter erloschen nach und nach, der Maikäfer und alle Käferfamilien krochen in ihre Nester. Dort war auch ein fester Punkt! Aber wenn auf dem einen die Intelligenz nicht stehen wollte, auf diesem konnte sie nicht mehr stehen, so gern sie es gemocht hätte. Die Nacht war dunkel und warm. Die Erbitterung legte sich mählich und Ruhe kam über sein Gemüt. Die Bäume standen dunkel in Hecken und Wiesen, leise rauschend, und ihre Natur war nur schwer zu erkennen. So dünkte ihn die Erkenntnis im ganzen und das Weltbild, wir sehen nur Schattenrisse der Dinge, bekommen eine Ahnung ihrer Wesenheiten und deuten nach alten Erfahrungen. Aber aus der Nacht in die Nacht schauend, sieht und unterscheidet man mehr, als wenn man aus dem Licht ins Dunkel hinaussieht. Freilich ist es hell bei jenen Menschen im Licht, man kann lesen, schreiben und Geschäfte machen; aber wenn der eine oder andre nachdenkliche Kopf unter ihnen einmal in der hellerleuchteten Stube ans Fenster geht, um die Welt anzusehen, so ist draußen alles finster und schwarz. Als er lange über Mitternacht nach Hause kam, war er ganz stille. Entdeckungsfahrten Es ist ein Schönes um alles Ding, das zu seiner Zeit kommt, zu seiner Zeit, die nur für das eine Ding die Zeit ist, im rechten Augenblicke, dem Zeitpunkte, in dem sich eine lange gestaltlose Zeitfolge zu einem festen Bilde kristallisiert. Nicht umsonst haben die Hellenen dem »geeigneten Zeitpunkt« und dem »rechten Augenblick« einen Götterbegriff und ein Götterbild, den kairós , aufgerichtet. Es ist der schöne Augenblick der Reise, der Entfaltung, wo die Schale von selbst, oder wenn man sie eben berührt, springt, um den entwickelten Kern schön und leicht zu entlassen. Der holländische Zug entführte Bernhard Menniken aus der Stadt Aachen, in der eine dichtgedrängte Schar von Türmen die ehrwürdigen steinernen Zeugnisse des karolingisch-fränkischen Weltreiches wie schützende Wächter umsteht. Das turmreiche Bild versank; die Grenze wurde überfahren. An dem Wege, den der Deutsche auf den Rädern der neuen Zeit machte, lagen die Daten und Orte der fränkischen Geschichte, die älter ist als die französische und deutsche um so viel, als die Mutter älter ist denn die Töchter. Zwischen Obstwäldern und Landhäusern von breiter Wohlhabenheit erschien Meerssen. Auf eine bröckelnde Kalkwand war der Name gemalt, der in die Geschichte des nördlichen Europas am tiefsten eingegraben ist. Der unermeßlichen Bedeutung seines Namens unbewußt lag das stille Städtchen in bürgerlicher Ruhe und Behäbigkeit. Die Strecke der Bahn war nicht frei, der Zug mußte längere Zeit auf dem stillen Bahnhof liegen. Als sollte der Reisende ermahnt werden, an diesem Orte nicht vorüberzufahren, ohne über seine Bedeutung nachzudenken. Hier machten im Jahre 870 Karl der Kahle und Ludwig der Deutsche den Vertrag, welcher die Begriffe Frankreich und Deutschland schuf, und genau tausend Jahre später führte das Geschick ein wenig südlich von diesem Orte jenen Waffengang auf, in dem die Kinder derselben Mutter einander ins Herz zu stoßen versuchten. Der Sperrhebel neben dem Gleise fiel herab, die Lokomotive pfiff, der Zug war im Rollen. Die Maas. Herstal, die Heimat der Pippine. Maaseyck, die Geburtsstadt der Maler van Eyck. Regelmäßig schlug der Takt der Fahrt. Nymwegen. Bei Emmerich an der deutschen Grenze kommt den Rhein die Sehnsucht nach dem Meere an. Aus seiner hohen Alpenwiege zwischen Tödi und Kamadra kommend, ist er die lange Gasse zwischen seinen Bergen fröhlich hinabgezogen. Im Schwarzwalde klang die Axt, in den Vogesen die Trompete, in der Pfalz rauchten die Fabriken und im Rheingau hegte und pflegte der Winzer die edlen Rebstöcke und kochte die Mittagssonne den Wein in den Trauben. Im Siebengebirge sind die Berge, die ihn nunmehr verlassen müssen, hoch und heftig zusammengetreten, um ihm noch einmal jubelnd zuzuwinken. Er hat zur Erwiderung freudig um Nonnenwerth gerauscht und die Bilder der Berge in sich hinabgezogen. Trauter Gedanken voll ist er weitergeflossen. Plötzlich – keine Berge mehr, Ebene. Wo sind die Berge geblieben –? Zur Linken eine Stadt, Bonn. Ah, die Berge müssen Platz machen! Links in der Ferne ist ein Höhenzug! Er wird näherkommen! Weiter. Der Höhenzug verschwindet. Flaches Land. Köln. Der Rhein kommt nicht zu Gedanken vor dem Klange der vielen Glocken. Dann wieder Ebene. Wo sind meine Berge geblieben? Düsseldorf, das vornehme, Ruhrort, das rauchende, Wesel, das feste, und rechts und links Fläche, Ebene und ungeheure Weite. Unaufhaltsam schiebt eine starke Kraft ihn weiter. Da fällt den Rhein die Furcht an; die Ebene ist so weit und still, das Korn wogt, ferne sausen unhörbar Züge wie auf Schienen von Filz dahin, der Überdruß fällt ihn an, Verzweiflung und die Sehnsucht nach dem Tode. Bei Emmerich an der Grenze streckt er dem Meere seine Arme entgegen und zieht ergeben weiter. Bei Nymwegen lebt er noch einmal auf, denn da ist etwas wie Berg. Zu Mittag stieg drüben am Waal die alte Frankenstadt auf sieben Hügeln in den Herbsttag auf. Vom Valkhof rief eine kleinere Schwester der Aachener Pfalzkapelle einen Gruß aus ferner Karolingerzeit herüber. Vom Turme der Groote Kerk läutete Keizer-Karels-Klock. Weiter strebte die Spannkraft des heißen Dampfes und riß den Zug in das Inselland des Rheindeltas hinein. Es ging durch die fette Landschaft Betuwe, in welcher der Stamm der salischen Franken gereift war, dessen Kraft Gallier, Römer, Araber, Sachsen und alle Deutschen bezwang. Der Wind trug dem enteilenden Zuge den Klang der Kaiser-Karls-Glocke nach. Der Ton des Geläutes, der warme Mittag, der eiserne Takt der Fahrt, der Blick in das ebene Land drohten einschlafen zu machen. Da war es dem Deutschen, als stände der Gedanke des Westens vor ihm auf und als spräche er also: »Wenn auch ein politisches Geschick das Land zwischen Rhein und Seine zerstückelt hat, es ist die Mutterbrust, von der aus die Arme sich ausstrecken nach den beiden großen Töchtern Frankreich und Deutschland, nach den beiden so verschieden geratenen und doch jede in ihrer Art so wohlgeratenen Töchtern, die sich so wenig verstanden und verstehen. Ihr sollt kein fantastisches Weltbürgertum wollen, die Nation ist die natürliche Wiege und Nährstätte eines Stammes wie die Familie die der Individuen. Doch ist es eine Einbildung, wenn die eine sich für besser hält als die andere. Hier am Grabe eurer gemeinsamen Mutter lernt euch verstehen. Westlicher Mann, willst du dich dafür begeistern?« So sprach der Gedanke des Westens. Der Klang der Karlsglocke zu Nymwegen war verhallt, der Himmel bedeckte sich, die Sonne verschwamm in leichtem Gewölk, der Tag wurde hellgrau und weich, die See kündigte ihre Nähe an. Rechts und links war ebene Erde, fruchtbares Polderland, der fette Grund trockengelegter Moräste und Lagunen. Landhäuser, breite Gehöfte, Kanäle und stillziehende Kähne mit roten Segeln. Ruhe und Weite. Der Deutsche saß in einer Ecke gelagert, die Hände im Schoß. Es ging durch den Polder Watergrafsmeer. Rechter Hand erschien der gewaltige Deichzug der Zuidersee. Wie ein Lineal grenzte er den Erdrand ab. Auf Kilometer hinaus sah ein gesundes Auge die Gestalt eines Mannes oder eines Pferdes über die Deichkrone schreiten. Gelassen breitete der Deich seinen langen Körper vor der See aus. Dem Lande aber hinter seinem Rücken, dem furchtsamen, das tiefer als der Meeresspiegel lag, rief er über die Schulter zu: »Fürchte dich nicht!« So stand der gewaltige Trost, die stumme Predigt der Treue und Verläßlichkeit, geradlinig und ungeheuer vor dem Horizonte. Dann ging es über Inseln, Kanäle, durch Häfen und Docks, bis der Zug auf dem Inselbahnhof des Y stand. Die holländische Hauptstadt. Mit einem Male geschah es, er konnte nicht sagen woher und weshalb, sie fiel vor ihn nieder, wie ein reifer Apfel einem vor die Füße fällt, wenn man unter den Bäumen sinnend wandelt, die Erkenntnis des tiefen seelischen Harmes, seiner großen Lebenssehnsucht: Sehnsucht nach Einfachheit und großen Werten. Nach kurzem Aufenthalt in der Hauptstadt fuhr er ins Land hinaus, in die Käseprovinz nach dem Helder zu und sah und hörte das Meer. Zwischen Wijk und Egmond aan Zee lag er einsam viele Tage. Die Dünen waren hoch, ein mächtiger Landwall, den das Meer in einer guten Stunde, seinen Jähzorn kennend, vor sich selbst aufgetürmt hat. Hier war Natur in ungeheurer Einfachheit des Bildes. Wohl ist auf einer ländlichen Ebene mehr Leben in den unzähligen Gewächsen, aber welches Auge vermag es einheitlich aufzunehmen? Hier war auch Statur in gewaltiger Einfachheit des Tones: Ein Geräusch, immer das eine selbige Meeresbrausen. Welches Ohr kann die tausend Stimmen von Wind und Vogel im Walde fassen! Hier war ein Laut, das einsame Gebrüll der Bestie Natur, die aus den fernen Höhlen der Welttiefe ruft. Bernhard Menniken saß auf der Höhe der Düne. Wenn er sich, im trockenen Lande liegend, vom Lücken auf den Leib drehte, sah er auf die Fläche der Provinz Nordholland hinab, die im Westen gegen das Meer vom Dünenzuge, im Osten gegen die Zuidersee von starken Deichen geschützt wie ein flacher Riesenteller mit hohem Kranze ist. Viele Stunden, Tage sah er hinab in das Kennemerland, das in seiner Fruchtbarkeit sich hinbreitete. Vor den Augen diese ganz einfache, ganz große Kulturlandschaft ... da wußte er plötzlich – es war wie ein Blitzschlag – was eine Landschaft ist! Und das war nicht etwas geographisch Wißhaftes oder es kam doch nicht vor dem philosophisch Werthaften auf. An irgendeiner Erkenntnis öffnet sich uns die ganze Erkenntnis, um die unser Geist ringt – da Menniken um Land und Volk und Heimat rang, so bei ihm zufällig-naturgemäß am Landschaftlichen. Landschaft ist im Geographischen schon mehr als irgendein Stück Land, es ist geklärtes und verklärtes Abbild einer irdischen Lebensversammlung in unserm Geiste. Im höheren Verstande aber ist es die seelische Einheitswelt, in der wir im gründlichsten Sinne heimisch sind. Nur-Stoffliches ist wie im Geographischen so auch im Geistigen an sich gleichgültig, es ist irdisch und menschlich so oder so gegeben – es ist am Geiste, die in der Lebensversammlung wesende Seele für sich zu entdecken und zu erobern. Es hat lange gedauert, ehe die Menschheit im Geographischen die Landschaft entdeckte – spät pflegt der Mensch sie in seinem Seelischem zu entdecken. Dann heißt es, sie erobern und beherrschen! Es gibt keinen Streit um Art und Grad der Gegebenheit, zum Ganzen dieser Seelen-Einwelt ist alles Tüchtige gut, die Liebe ist das Tüchtigste. Jede Landschaft ist von der anderen verschieden nach den Spielarten der Seelen, wie es auch auf der Oberfläche der Erde unzählige gibt. Und dann ist Landschaft der Naturbezirk unseres Schicksals. Ist recht eigentlich und im großen Sinne nicht nur der uns zu gemessene, sondern auch der an gemessene Lebenskreis, der rechte und gerechte, der in den wir kurzerhand hineingeboren wurden, der aber auch mit uns geboren wurde und der zu gleicher Zelt mit uns sterben wird. Denn genau so wie wir einmal stehen zur Welt, steht die Welt einmal zu uns, diese namentliche Beziehung war so noch nie und kehrt so auch nie wieder, die unvergleichbare Einmaligkeit dieser unserer allereigensten Welt ist so hehr wie die unbedingte Ähnlichkeit aller Welten am einen Horizontkreise der Welt. Darum find wir sowohl einmalig wie wir Teil an allen Malen haben, und wir sind ein bestimmter Zeitfall, wie wir eine Ewigkeit sind. Nur in solch feiner und heldischer, weil mit Entbehren und Tod geweihter Form, können wir ewig und unsterblich sein, die linienhaft aus unserem irdischen Dasein gerade hinaus verlängerte Unsterblichkeit des gemeinen Wunsches ist eine Denkunmöglichkeit. Und wenn wir uns einmal erfüllt haben, dann haben wir uns für alle Male erfüllt, etwas hinzufügen wollen hieße, auf das volle Glas gießen. Sich erfüllen, neidlos gegen andere Erfüllungsmöglichkeiten und -aufgaben und treu gegen die eigenen, alle Vermögen gebrauchen von der Vernunft, dieser höchsten, bis zur kleinsten schönen Menschlichkeit eines gütigen Lächelns, leidenschaftliches Kraft-Wollen und einsichtigen Verzicht, die immer geheimnisvoll verbundenen, verbinden und verbunden sein lassen, das ist die ganze Weisheit, und sie ist, wie alle wahre Weisheit, ebenso klein wie sie groß ist. Denn eines ist in allem und alles in einem. Das recht innerlich und wahrhaftig nach beiden Seiten erkannt – von selbst fällt alles falsche atemlose Streben, alle unangemessenen Ehrgeize und bösen Mißgünste ab. Sie sind in einer Stilvernunft solcher Landschaft fremd, unlogisch und fallen aus dem Kreise. Ein gewaltiges Staunen durchrüttelte ihn; denn es war ihm, als ob Tag geworden wäre, wo vorher Nacht war, nicht so wie in der Natur, wo die Dämmerung den Morgen langsam heranleitet und der Morgen allmählich zum hohen Mittag steigt, sondern wie es in einem Zimmer, dessen Läden dicht geschlossen waren, Licht wird, wenn sie am Tage aufgerissen werden und der helle Mittag hereinbricht. Die Landschaft war wagerecht wie ein Bretterboden. Durch schmale Kanäle waren die zahlreichen kleinen Stücke getrennt. Wenn das Vieh sich auf diesen Wiesen bewegte, sah es aus der Ferne aus, als hätte es den grenzenachtenden Instinkt des Mannes von Welt und Ehre. Nur auf den Dämmen standen Tore, vereinzelt und scheinbar sinnlos, da man die die Hecken vertretenden Gräben nicht sah, blau oder weiß gestrichen, deren Gestänge die Dammabhänge hinab sich im Wasser verlor. An den Kanälen rührten kleine Windmühlen flink ihre Flügel im Seewinde und bewegten das zum Stehen neigende Wasser. Ein Mann wanderte entlang und fischte Schilf und Binsen heraus. Eine große dunkle Kornmühle drehte gemächlich hinten tief im Lande ihre Windflügel, der Wind kam vom Meere her und machte die Dünengräser leise klirren, am Fuße der Düne rupfte eine Kuh den Rasen. Segel strichen langsam durch die Fläche, welche Kähne mit Dung und Grasschnitt trieben. Und über dem Lande war große Stille. An diesem Orte pflückte Bernhard Menniken von seinem Lebensbaume lauter reife Früchte. In stiller Fröhlichkeit verweilte er noch Tage an der einsamen Küste. Weit zogen sich die einförmigen Linien, und bei Ebbe lag der Strand glatt geschlagen da wie ein Tanzboden. Stundenweit konnte er wandern. Und stets neu und immer gleich stürmten von draußen die Wogen heran, bäumten sich hoch auf, als sei es Kinderspiel, den Strand zu nehmen, bis sie schwächer wurden, eine nach der andern zurückblieb und eine einzige als ein dünner Glasfluß daherkam, sich in Schaum zerkräuselte und in dem sanftansteigenden Sande leise knirschend zerging. Weit lag die Küste, sandig und grau. Hartes Riedgras klang auf den Dünen. Auf dem Meerboden war weit zu wandern. Nicht lange, so setzten die Herbststürme ein. Allerhand Heiliges Nachdem sie eine Weile auf der Höhe des Vierländerblicks gestanden und sich die Grenzlinien bezeichnet haben, welche das unter der stillen Nachmittagssonne weit sich breitende grüne Land willkürlich teilen, wandern die preußischen Zöllner durch hohen Wald auf die Napoleonsbahn zu und machen auf einer verschwiegenen Lichtung vor den Bikkelsteinen halt. Es sind grobe unförmliche Steine, in schiefem Gelage zueinander geneigt, bei denen nur ein an alten Monumenten geschultes Auge ordnende Menschenhand in der Anlage und monumentale Absichten im Aufbau erkennt. Gegen Abend treten belgische Zöllner zu den preußischen. Mit ihren Gewehrläufen heben sie das Kleid der Ranken und Rosen von den Monumenten auf, und zwischen den Rätselsteinen wird ein wohlausgestattetes Zelt mit Liegebahren und Schlafsäcken sichtbar. Dort liegen sie die ganze Nacht. In der Ferne huschen Züge wie Lichtschlangen durch das Dunkel. Am Nachthimmel sieht man den Widerschein der Städte Lüttich und Spa, deren nächtliches Leben der kleine schwarzhaarige Belgier, wie ein Fink so lustig, schildert. Von den Preußen ist der eine Ostpreuße. Dieser schaut den neben ihm liegenden Belgier an, hört seine unverständliche lustige Rede und ärgert sich über seine eigne Schwerfälligkeit. Der Mond ist aufgegangen. Da knackt es im Walde... Still! – – Aus dem Holze tritt ein Reh hervor, hebt den Kopf, wittert; da es weitergeht, folgen zwei Junge. Jetzt, wie er sieht, daß alles sicher ist, kommt auch der Bock, ein schöner Gabelbock. Das Rudel beginnt zu äsen. Der Bock ist sehr abscheulich gegen seine Familie. Der Atem der Männer unter dem Rosengebüsch geht hörbar. Zwei deutsche Grünröcke, die sich entfernt haben, kehren von ihrem Rundgang zurück. Das Rudel verstiebt. Es ist still und eine Stunde vergeht. Plötzlich kracht es vernehmlich im Busche. Und ein herrlicher Hirsch, gut von Leib, tritt aus dem Holze, wittert. Obgleich der Wind leiser Ost ist, wittert der Hirsch nicht den Geruch der Menschen, der untergeht in den Wolken des Rosengedüfts. Jetzt geht er vertraut über die Lichtung, äst hier und da und nähert sich dem durch die Lichtung rauschenden Bachlein. Stolz steht er von schwachem Monde beleuchtet vor dem Nachthimmel. Unwillkürlich haben die Männer die Gewehre gefaßt, der Belgier preßt den kalten Lauf mit seinen Händen, knirscht mit den Zähnen, sein Atem stößt, jetzt reißt er sinnlos den Kolben an die Wange – da legt sich die Hand des Ostpreussen schwer wie ein Eisenstück ihm auf die Schulter. Der Schwarze schrickt zusammen, sein Gewehr fällt. Bei dem Geräusch fährt der Hirsch auf und ist wie ein Gedanke flüchtig zu Holze, ›Merci... mon ami.‹ Schwer geht der Atem aller Männer in dem Gezelt zwischen den Rätselsteinen. Die Nacht ist still und der Mond klar ... * »Macht auf! Macht auf!« »Oooh ...«, stöhnt Pütz Karel im seligen Bett. »Macht auf! Küster, heda!« »Himmelherrgott, warum sterben die Kranken nicht zu gelegenerer Zeit!« fluchte der Küster. »Küster, macht auf! Heda! Heda! Um Gottes und einer armen Seele willen.« »Die Kränke dem de Losy in den Hals!« »Schatz, geh, tu deine Pflicht«, mahnte die Küsterin neben dem Küster. »Küster, heda! Heda! Heda!« Der Küster riß das Fenster auf. »Sakrament, ihr verdammten Schweinehunde, ich bin sofort da.« Als er aus der Tür trat, stand der de Losy in blauer Jacke und Käppi da und spähte umher. »Sehr pünktlich seid ihr ...!« brummte der Küster. »Klock zwölf, wie abgemacht.« Und leiser: »Küster, es scheint, in den Bikkelsteinen ... die Grünen ...« »Püh,« machte der Küster, »das stinkt. Da müssen wir längs.« »Wer auf Gott vertraut ...«, sagte de Losy. Indem sie durch das Pförtchen den Kirchhof betraten, flüsterte der Küster: »Meine hat nix gemerkt. Ich hab' mich frühzeitig zu ihr gelegt und gesagt, ich bin todmüde.« »Meine meint, ich bin wallfahren.« De Losy ging auf den Totenkeller zu und rief hinein: »Kommt herauf, Louis.« Sogleich erschien der rote Louis, jetzt ein weißer Louis, denn der Bart war verschwunden und das Kopfhaar mit Mehl bepudert. »Ihr habt Euch ja schön gekalkt«, lachte der Küster. Als sie leise gehend in den Schatten der Kirchenmauer gekommen waren, sagte Pütz Karel: »Betet einen Schlag, daß der Herrgott keinen krank werden läßt diese Nacht«, und entfernte sich leise. De Losy betete, der Rote lachte. Als der Küster zurückkam, flüsterte er: »Hochwürden der Herr Ter Heele schläft. Jetzt leise, ihr Spitzbuben.« Indem sie miteinander in die Sakristei traten, schob der Küster den zuerst eintretenden Louis Rousseau zurück, nahm Weihwasser aus dem steinernen Brünnchen neben der Tür, besprengte sich umständlich unter dem Zeichen des Kreuzes und beugte das Knie nach der Gegend hin, wo drüben in der Kirche der Altar sich befand. Rechts und links standen hohe Schränke, Betpult und Waschvorrichtung in der Sakristei, die schwach erleuchtet wurde durch das rote ewige Licht Gottes, das durch die nach der Kirche gehende Glastür schien. Als nun der Küster, lateinische Sprüche murmelnd, den wohlverwahrten Schrank aufschloß, der die rituellen Gegenstände enthielt, und Louis Rousseau nach dem Kelche griff, den keine ungeweihte Hand berühren darf, stieß ihn der Küster zornig mit dem Ellbogen an und belehrte ihn, daß er bei seiner Seele Seligkeit den Krankenkelch nur mit einem weißen Tuche, nicht mit seinen gemeinen Händen anfassen dürfe. »Gut,« sagte Louis, »wenn ihr Sakramentsbiester nur voranmachen wolltet!« – »Pst, in aulis Altissimi , im Vorhofe des Allerheiligsten, wird nicht geflucht!« sagte der Küster, zog dem Roten eine alte schwarze Sutane an und das Spitzenröckel darüber. Nach einigen Strichen mit Kohle um Augen und Mundwinkel sah Louis Rousseau dem alten Ter Heele ähnlich. Mittlerweile hatte de Losy in der Laterne die Kerze angesteckt, der Küster nahm die Schelle, und sie begaben sich auf den Versehgang. In den Häusern hörte der eine oder andere das Glöckchen klingeln. »Sie gehen mit unserm Herrgott«, dachte er, freute sich seines Lebens und schlief wieder ein. Als der Herr Ter Heele mit dem Küster und dem frommen de Losy in die »Klaue des Löwen« kamen, war große Aufregung im Hause. Frauen, Kinder, Mägde, einige Gäste und Zollbeamte standen herum, und aus der hinteren Stube hörte man den Vater Rousseau erbärmlich stöhnen. Weiber und Kinder knieten vor dem Allerheiligsten nieder, während der Priester ein Kreuzzeichen und ein Paternoster über sie machte. Wie sie das Krankenzimmer betraten, brüllte Vater Rousseau eben vor Schmerz auf und suchte sich von dem Lager zu erheben, auf dem er mit verdrehten Augen lag. Schnell bereitete der Küster den Tisch für die heilige Handlung, dann bat Herr Ter Heele mit leiser Stimme die Anwesenden, sich zu entfernen, da er dem Kranken die Beichte abnehmen wolle. Kläglich wimmerte der Alte auf seinem Bett; doch kaum war die Tür geschlossen, so war er still und frug schnell: » La porte fermée? « Und wie der Schlüssel im Schlosse knackte, knackte die Bettstelle, denn der Alte war mit einem Satze auf- und hinausgesprungen. » Allons! « Da warf Louis Spitzenröckel, Stola und Sutane ab und was er darunter an weltlich gemeiner Kleidung trug, während der Alte einen Kasten unter dem Bett hervorzog und die herrlichsten Brüsseler Spitzen entfaltete. » Vite, Luis! Tonnerre de Dieu! « Und die Augen leuchteten dem Alten. Louis faßte das Ende einer dünnen, sehr langen Spitze, und sich schnell um seine Achse drehend, spulte er die Kostbarkeiten um sich, während der Alte das Band durch seine Hände laufen ließ und für gleichmäßiges Aufspulen sorgte. Dabei mußte Louis beständig laut Paternoster hersagen. Als er nahe daran war, vor lauter Drehen schwindlig zu werden, waren die Herrlichkeiten untergebracht, der Alte nestelte das Ende des Spitzenbandes mit der Nadel fest, begab sich ins Bett und begann aufs neue sein Stöhnen. Bald war Louis wieder der geistliche Herr, ein wenig beleibter zwar, aber man mußte zugeben, die geringe Fülle stand dem sonst so hagern Herrn Ter Heele gut. Er öffnete die Tür, rief die Angehörigen herein und sagte, daß nach seiner Meinung und mit Lottes Segen der Kranke gerettet sei. Der stöhnte nur noch schwach und schlief bald ein. Der Priester, der Küster und der Führer gingen in die Nacht hinaus. Niemand begegnete ihnen, obgleich es auf den Morgen zuging. In den Wiesengründen wogten die Nebel langsam hin und her, als schüttelten sie mißbilligend den Kopf. Wie sie den Bikkelsteinen nahe waren, schlug ihnen denn doch mächtig das Herz. Kaum waren sie im halben Licht des bleichen Morgens auf die Waldlichtung getreten und wollten eben auf die Napoleonsbahn abbiegen, da schlüpften die preußischen Grünröcke aus dem Versteck heraus. Der Küster liest das Glöckchen klingen. Zugleich kamen auch die belgischen Zöllner, welche Katholiken waren, hervor und traten, das Sakrament zu ehren, unters Gewehr. Und die preußischen Kameraden, obgleich Protestanten, taten darauf dasselbe. Klinglingling. »Stillgestanden!« » Attention !« Klinglingling... Als die drei vorüber waren, atmeten sie tief auf und beschleunigten unwillkürlich den Schritt. Es wurde mählich heller. Noch war ihnen kein Mensch begegnet. Da, wie sie von der Wüstenei schnell auf das Kirchdorf hin einbogen, in der Wiese »Bethanien«, kniete am Wege Deeres, der Wirt. Der Küster klingelte. Herr Ter Heele beugte sich tiefer auf das in den gefaltenen Händen getragene Allerheiligste. Es war keine Not, denn Deeres schaute andächtig zur Erde. Als die kleine Prozession vorüberging, schlug er an seine Brust und sagte: »Gelobt sei Jesus Christus, halbpart, oder ich zeig' euch an!« – »In Ewigkeit, Amen, hol' dich der Teufel, Sauhund, Schweinhund, Lumpenhund ... Hund«, fluchte der Küster, und der Priester knirschte vor Wut mit den Zähnen. Im übrigen ging aber alles gut. * Herr Ter Heele hielt in einer politischen Versammlung der Männer, die er, wie er sein Amt auffaßte, naturgemäß, und, wie sein Karakter war, sanft in kirchlichem Sinne für die bevorstehenden Wahlen beeinflußte, eine Rede, die er mit dieser zeitgemäßen Erwähnung schloß: »Gebt nie der Mißgunst oder der Rachsucht Raum. Jetzt ist ja auch, wie die Zeitungen melden, jener alte im Sachsenwalde am Sterben, der uns mehr Kummer und Tränen erregt hat als irgendeiner. Ich weiß nicht, wie es ihm vor dem Richterstuhle des gerechten Gottes ergeht, aber ich hoffe, daß er einen gnädigen Richter hat, der seine Verfehlungen zudeckt mit dem Mantel der Barmherzigkeit und ertränkt im Blute seines Sohnes. Betet für ihn um Gnade. Also daß keine Rache in euch aufkomme, daß nicht die Flüche seiner gequälten Opfer über sein Grab hinaus schallen, sondern laßt ihn in Frieden sterben.« In einer Ecke der Versammlung war leiser Unwille. Man wurde aufmerksam. Da tauchte aus den murmelnden Fluten dieses Unwillens der Speckkopf auf wie ein Triton aus dem Meere. Aus seinem Munde kamen so laute Töne, wie wenn der Triton in sein Muschelhorn bläst. Und er prustete einen dünnen Sprühregen über die Versammlung hin. Er war in dem fürchterlichen Grimme, in den für gewöhnlich gutmütige Menschen verfallen können. Seine kleinen, sonst so sanften Schweinsäugelchen leuchteten aus seinem Gesicht, das Fett um seinen Hals wackelte eifrig, als er rief: »Und da denkt euch an, da ist da 'n Zimmer mit 'ner Wand so eines, bei dem Menniken da oben, mit so 'nem Bild von diesem ... dem Bismarck dran. Wahrhaftig, ich mein', das schreit zum Himmel!« Der Speckkopf setzte sich, und an der Stelle des Lokals, wo er geredet hatte, grollte und murmelte es noch längere Zeit in der Luft, wie es auf dem Meere geschieht, wenn der Triton in die Tiefe getaucht ist. Stille, sodaß man die hingebrummten Worte des alten de Losy verstand: »Auf den Abtritt sollte man ihn hängen!« Und wie er plötzlich sah, daß alle seine Äußerung gehört hatten, sprang er auf und rief: »Das ist noch nicht dagewesen! Hab' ich darum jetzt zwanzig Jahre durch die Sonntage und die freien Stunden mir Mühe gegeben und meine Kinder unterrichtet? Ich will sorgen dafür, daß auch die andere Generation, die nicht dabei war, noch weiß, was unsere Kirche im Kulturkampf gelitten hat durch das Kanzelgesetz, das Jesuitengesetz und die Maigesetze. Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen, so dachten die braven Leute; aber da kamen sie in den Prison oder mußten fliehen ins fremde Land oder sich verbergen wie Diebe und Mörder – nein, ich sage ja nichts, Herr Ter Heele. Aber laßt es mich nur sagen, ich und der Speckkopf sind es gewesen, die über den Schandarmen hergefallen sind, als er Euch in den Prison bringen sollte, weil daß Ihr meinem armen Jungen, der damals auf der Kull verunglückte, suchtet die letzte Versehung zu bringen. Und als Ihr da hinten im Jammertal gesessen habt, in dem Steinloch, zwei Monate lang, und die Schandarmen das meinten, daß Ihr in Belgien wärt, und wenn Ihr dann nur nachts herauskamt, um uns in der Scheune eine heilige Messe zu lesen, jaja, das weiß ich noch so gut, als wie wenn es heute wär' gewesen. Und dann mußtet Ihr Euch als ein Steinhauer verkleiden und zu uns geschlichen kommen, wenn einer auf den Tod lag. Und ich oder der Wirt Deeres brachten das Essen in das kalte nasse Loch, wißt Ihr das noch? Ja, das weiß ich noch, wie wenn es heute wär'. Und daß Gott sich nicht lumpen läßt für das, was man für ihn tut, das sehen wir daran, wie dem Deeres seine Wirtschaft blüht und gedeiht, auf der der Segen Gottes ruht, und das werde ich auch mal wissen, wenn die Zeit der Prüfung für mich abgelaufen ist. Und das sollen wir vergessen, lieber alter Herr Ter Heele, nein, nein, das wollen wir nicht, und ich werde sorgen und sorgen dafür, daß auch die Kinder von uns und die Kinder von sie es nicht vergessen. Wer hat das alles getan? War es nicht, Gott vergeh' ihm die Sünd', war es nicht der Bismarck? Und es tut uns da tief und sehr leid, daß da noch einer in unserm Land ist, der das nicht mitgemacht hat wie wir Alten, und dem Kerl ein Bild aufhängt, da, wo seine Stube ist. An den Galgen hätte man ihn beizeiten hängen sollen! Das sage ich und dabei bleibe ich. Und wenn er jetzt stirbt, so hoffe ich nicht, daß er bekömmt, was er verdient hat. Darum laßt ihn sterben, und daß er nicht Vergeltung finde für den abscheulichen Ausruf gegen die heilige Kirche: Ecrasez l'infame !« Stille war der maßlosen Rede gefolgt, wie kein Zwischenruf, kein Beifall sie unterbrochen hatte. Sie pafften aus ihren Pfeifen und dachten sich das ihrige dazu. Nach einer Weile sprach Ter Heele: »Na, na, alter de Losy, du hast es ja gut gemeint. Es ist ja auch wahr, was du gesagt hast, leider. Aber ich würde es nicht ganz so schroff gesagt haben, weißt du, nicht ganz so ... so wild, verstehst du?« »Ja, ja, ja ...« brummte es in langer Reihe. Nicht ganz so ... so wild, das war die Meinung der Männer. Allmählich kamen sie in gemächliche Unterhaltung und gemütliches Lachen, wie es sich so köstlich anhört von fleißigen Männern in traulicher Feierstunde. Aus der einen Feierstunde wurden mehrere, schließlich eine Feiernacht. Sie waren ja werkeltags auch rührige Männer. * Stiller heller Sommertag. Ruhe und Licht lag über den Fluren, Schweigen und Gold. Hin und wieder abgebrochenes Geläut des Wiesenviehs, ab und zu der ferne Knall einer Peitsche, die ein Fuhrmann auf einer fernen Landstraße rührte, der helle Schlag einer Axt, die sich in die Füße der Bäume hineinbiß. In den Grenzforsten des Weserbaches, in den tiefen Wäldern der Ardennen waren die Holzfäller beschäftigt. Zur selben Zeit erklang auch die Axt drinnen im Reich, im fernen Sachsenwalde. Der alte Fäller Tod schlug sie treffsicher in einen deutschen Baum – das ganze deutsche Land zuckte bei dem Schlage zusammen – und als sie niederkrachte, die Eiche, da hielt alles deutsche Leben auf einen Augenblick den Atem an, Europa hielt den Atem an, und das Echo des Sturzes lief verhallend um den Erdball – – Bismarck war gestorben! Eigentümlich war der Widerhall im katholischen Deutschland. Ja ... jawohl! ...! Es war ja Bismarck! Gewiß! ... Das Deutsche Reich! ... Gewiß! Gewiß! Wer wüßte das nicht!... Aber – – –! Die Kunde von Bismarcks Tod hallte durch das katholische Deutschland, und das Echo erwiderte: »Aber –!« Man begegnete sich und sah sich an – man verstand. Man nickte mit dem Kopfe – alles hieß: Er ist hin! »O Herr, rechne es ihm nicht zur Sünde«, betete Ter Heele. »Wir wollen am Abend«, sagte de Losy in seiner Familie, »einen Rosenkranz beten für das Luder.« Das Haus des Nobile Eines Tages tat Bernhard Menniken den ersten Spatenstich zu seinem neuen Hause auf der Höhe des Sattels, von dem diesseits der Wildbach herabfließt. Kurz darauf klopfte Johanna Menniken mit dem buntgebänderten Hammer auf den Grundstein. Eines Morgens, nach zweijähriger Arbeit, schaute der Sonne, die über Deutschland heraufstieg, der Bau blank und lachend entgegen. »Morgensonne« wollten Mennikens das neue Haus nennen – es sind schöne Stunden, in denen eine Familie nach einem Namen für ihr eignes Haus suchen kann – schließlich aber hielten sie sich an den Ort und setzten die Abwandlung des gegebenen Namens fort. Den französischen Namen, über den der deutsche Mund gekommen war, ließen sie dem alten Haus und gaben dem neuen den Namen: Siebenquellen. Helläugig aus blanken Fenstern sah der Bau ins deutsche Land hinab. Auf dieser Seite war er eine hohe Mauer, durch die sich die Seele des Hauses hinausfühlte. Unsymmetrisch waren Tür, Fenster, Erker und Lichtschlitze auf die Fläche verteilt. Das Gebäude war nicht eine Folge von Stockwerken nach der Höhe, sondern eine Anhäufung von Räumen, zwischen denen sinn- und zweckgemäße Verbindungen und Beziehungen das Haus schufen. Aus der Zusammensetzung kristallisierte sich das schöne Ganze des Wohngebäudes. Der Eingang lag hereingezogen in einer offenen Vorhalle; der freie Vorraum, das schräge, nach innen strebende Gewände, die freundlichen Bildhauereien des Sturzes sagten jedem Fremden ein aufrichtiges Wort des Willkomms. Daß das Haus aber nicht für jedermann offen stände, darüber ließ die eichene, mit Eisenbändern beschlagene Haustür keinen Zweifel. Doch wem die Tür sich öffnete, den empfing als festliche Begrüßung des Freundes und Gerngesehenen eine hohe weite Halle, in der ein Farbengedicht brannte, das Tageslicht und Sonne in dem nach Süden gerichteten wie ein Kirchenfenster großen Glasgemälde der Halle anzündeten, und ein Spruch darin: Ewig ist so lang. Nach Westen, Welschland, dem ewigen West und dem gewöhnlichen Regen entgegen, fiel das Haus sanft ab wie ein Berg. Die Westseite war ein mit Schiefer bekleidetes, durch Luken unterbrochenes Dach, das fast über den Erdboden schleppte. Über die absonderliche Form des Gebäudes – es sah von vorn aus wie ein Haus ohne Dach, von hinten wie ein Dach ohne Haus – gab es zuerst lautes Lachen im Lande. Aber bald sah der Spötter seinen Nachbar an, stumm fragend, ob man sich durch Lachen nicht bloßstelle. Man sprach lange Zeit über das Ereignis. Im Grunde waren schließlich alle Freunde der aus Überlegung und höchster Sachlichkeit gewirkten Neuerung. Nur zu dem, worüber niemand von ihnen wegkommen konnte, zu der Verachtung alles Herkömmlichen, meinte zuletzt einer der besten Köpfe, das sei so, so ... »wie soll ich sagen? ich meine ... wie soll ich mich ausdrücken ... so heidnisch!« sagte der mittlerweile weiß und krumm gewordene Lenates. Ja, das wollten sie ausgedrückt haben! Das hatten sie jeder auf der Zunge gehabt! ... So heidnisch! Und dem Menniken sähe es ähnlich. Bernhard Menniken war im Laufe der Jahre ein großer und breiter Mann geworden. Sein Haar war lang und schwarz, seine Augen dunkel und versonnen. Starke Brauen und die Piratenflagge um seinen Kopf wollten glauben machen, man habe es mit einem gefährlichen finsteren Menschen zu tun. Doch war der Mund sanft und gütig, und die Hände waren sympathisch. Johanna Menniken war nun Fülle und Würde des Weibes geworden. Der furchtsame Liebreiz der Jungfrau war abgelöst durch den edeln Anstand der Frau, die erfuhr und weiß und sicher ist in ihrer Macht, schützende Sitten um sich her zu bilden. Ihr Kopfhaar war nach hinten aufgeknotet, während die krause Unruhe der Stirnlöckchen sich geglättet hatte, und die Haare wie die beiden Hälften eines Theatervorhangs über der Stirne hingen, der auseinandergezogen die schöne Szene des Antlitzes enthüllte. Und der Sohn, der junge Lothar Menniken wuchs heran. In der Einsamkeit seines Lebens und seiner Gedanken hatte der Vater die öffentliche Erziehung verachten gelernt und sich daran gegeben, seinem Sohne die Dinge der höheren Bildung selbst in vernünftigeren und lebensgerechteren Formen als den üblichen zu vermitteln. Von dem Webstück ohne Ende, Leben, das auf ewig drehenden Walzen läuft, sollen so kleine Musterstreifen wie Botanik, Zoologie und Geologie eine Vorstellung geben? Die Erkenntnis eines Kreises von Dingen, den man aus dem Zusammenhang des Naturlebens heraushebt, muß erlöschen, Asche und Rauch werden wie das Licht des glühenden Dochtes, der aus dem Öle gezogen wurde. Die Spezialisierung der Wissenschaften konnte nur Methode und notwendiges Übel sein, und es ergab sich kein Widerspruch zwischen Religion auf der einen und Geschichte und Naturwissenschaften auf der andern Seite, wenn jeder kleinste Gegenstand und das geringste Geschehen unter dem Gesichtspunkte des Zusammenhanges mit dem großen Ganzen betrachtet wurde. So lehrte er den Sohn ohne Philosophie und alles, was über die Fassungskraft des Knaben hinausging, das außermenschliche Leben der Welt, das, was sie die »Natur« nennen, die ungeheure selbsttätige Arbeit des Bauens und Zerstörens, Zertrümmerns und Zerfallens, jenes Wirken, Weben, Knüpfen, Knoten, Vereinigen und Zusammenschaffen in der großen Fabrik des Lebens, die in ununterbrochenen Tag- und Nachtschichten nur für eigenen Bedarf arbeitet und niemals etwas andres hervorbringt als sich selbst. Wenn die Augen des Knaben von den Lippen des Vaters die Worte nahmen und mit Staunen in die große wunderbare Welt sahen, fühlte der Vater die tiefgewaltige Freude, ein Kind, das er einmal aus seinem Körper gezeugt, zum zweitenmale aus seinem Geiste, »nach seinem Ebenbilde« zu erschaffen. Nun fügte es ein Zufall oder in dessen Gestalt ein Gesetz der Natur, daß der bis zur äußersten Vereinsamung getriebene aristokratische Egoismus in seiner Spitze sich umwandte und den Menschen wieder zukehrte. Der Egoismus drehte sich aus sich selbst um, wie sich die Spitze eines überglühten Eisens umbiegt, und wandte sich der Humanität zu, indem er sich selbst befriedigte. Es gesellten sich bald verwahrloste Kinder dem Unterrichte hinzu, oder Waisen und Halbwaisen, deren Väter tot und deren Mütter tagsüber auf den Bauernhöfen verdingt waren; oder Kinder von Zöllnern, die Nachtdienst hatten; oder von Wallonen von der andern Seite der Grenze, wo es keinen Schulzwang gab, die bei den Vätern, Holzfällern oder Köhlern in den Ardennenwäldern und den ungeschlachten Müttern verwilderten. Ganz zufällig auf Spaziergängen schlossen die Kinder sich an. Zuerst der stille Napoleon Peterpauls, der in den Stunden, da er in Wiese und Stall entbehrlich war, heimlich nach Seffent schlich. Die Zahl wuchs schnell. Der vorzüglichste aber blieb immer der Napoleon mit der Mädchenseele und den weichen Händen, von denen die Kühe sich so gern melken ließen. Er hatte große Augen mit einer Schärfe im Mittelpunkte; aber wenn ihn einer genau ansah, schlug er die Blicke nieder. Er hatte Angst vor Männern und hielt sich am liebsten bei Frauen auf, weshalb er viel Gespött vom Vater und den Knechten des Hofes zu erdulden hatte. Nur zu Lothar Menniken hatte der melancholische Knabe ein Herz gefaßt. Sein Vater war der reiche und mächtige Peterpauls Hary, der dem Sohne alle Bildungsmittel hätte geben können, der aber nicht wollte, daß der Sohn klüger würde als der Vater. Den Alten reute es, ihn Napoleon getauft zu haben. »Ich habe Geld,« sagte Lothar eines Tages zu Napoleon, »wir gehen ins Wirtshaus.« Sie zogen lange Hosen und Stehkragen an, setzten statt des Käppis Filze der Väter auf und zogen auf Umwegen in die »Zeile«. Unterwegs fühlte Napoleon das Bedürfnis, den Freund für die Einladung schadlos zu halten, indem er, wie er es von den Alten gehört hatte, wenn sie jemand etwas Sympathisches sagen wollen, meinte: »Lothar, du siehst schlecht aus.« Napoleon sprach so artig, als ob er die Schwindsucht hätte. Mutter Marjue Bärb aus dem »klingenden Schellenbaum« war noch immer munter und unternehmend. Freilich bleichte das Alter ihr Haar und machte ihre Haut gelb. Aber aus dem Gesicht sahen zwei blaue kluge Augen heraus. Von jedem heimlichen Kuß und jedem vertrauten Briefchen, die zwischen den Burschen und einer ihrer Töchter gewechselt wurden, wußte sie sofort Bescheid. Noch immer hatte sie die Hand lose im Gelenke hangen, und es kam wohl auch noch vor, daß die kleine Person in die Höhe langte, um einer ihrer langen und mittlerweile wohlgereiften Töchter eine hinaufzuhauen. Und das konnte Mutter Bärb von sich sagen: Nachdem ihr Gott sieben Töchter geschenkt, ihr den Mann zu früh genommen und die schwere Verantwortung für die Mädchen überlassen, hatte sie Zucht und Ordnung geübt so wie es geschrieben steht. Und keine von ihren Töchtern war vorzeitig schwanger geworden. Vor der Tür der Wirtschaft gaben die Knaben sich Haltung und Miene und traten in den »klingenden Schellenbaum«. Traten laut und würdig ein – und setzten sich still an den der Tür nächsten Tisch. Die Wirtskammer war hell, freundlich und so sauber, daß man vom Fußboden hätte essen können. Weißer Sand lag verstreut. In einer Ecke saß ein halbes Dutzend Männer, Burgs Paulus, der Schreiner, der bartlose Silo Marias Mann, der Steinbrecher de Losy, Fuhrleute und Milchbauern. Die Knaben saßen trocken. Die Männer beobachteten sie. Plötzlich überkam den Napoleon etwas von dem Mute seines Namensheiligen. Er rief: »Wirtschaft!« Im nächsten Augenblick trat Mutter Bärb aus der gegenüberliegenden Tür. Sie blieb im Rahmen stehen, stemmte die Hände in die Seiten und schaute. Nach einer Weile ging sie fort. Die Männer in der Ecke lachten still. Die Knaben sahen sich an. Dunkelrot wie die Köpfe des Kappus. »In der Küche ist etwas angebrannt«, sagte plötzlich Lothar so laut, daß die Männer es hören konnten. Die lachten. Die Jungens studierten die Anzeigen an den Wänden, welche in deutscher, holländischer oder französischer Sprache Viehmärkte in Rheinland, Limburg und Luxemburg ankündigten. Nach geraumer Zeit kam die Bärb zurück und stellte sich hinter die Theke. Napoleon sagte: »Zwei...« da verschluckte er sich. »... Glas Bier«, vollendete mit Kraft Lothar. Mutter Bärb sah sie aus ihren graublauen Augen unentwegt an wie die Leute auf einem Bilde blicken. Die Männer in der Ecke hatten ihre Karten verlassen. Die, deren Stühle den Rücken kehrten, drehten sich halb um und hängten einen Arm über die Lehne. »Wir möchten zwei Glas Bier haben«, sagte Lothar. Mutter Bärb verstand Deutsch, auch mit holländischen Käsebauern und französischen Viehhändlern wurde sie fertig. Aber was redeten die da? »Ich traktiere eine Runde, Bärb!« rief von drüben Burgs Paulus. Mutter Bärb ging mit dem alten Korn hinüber und schenkte ein. Als sie fertig war, zeigte sie mit der Flasche nach den beiden Jungens hin und zuckte die Schultern. Nun geschah nichts. Die Männer waren vergnügt. Marjue Bärb stand hinter der Theke. Die Knaben saßen auf den Stühlen. Über die Straße ging ein Milchwagen in schneller Fahrt vorüber ... Über die weiße Tischplatte vor den Jungens lief eine Fliege ... Draußen, irgendwo in der Ferne, brüllte eine Kuh... Als aus der Küche das Klirren eines zerbrochenen Tellers schallte, ging Mutter Bärb hinaus. »Ob sie glaubt, wir haben kein Geld?« sagte Lothar leise zu Napoleon und legte zwei Groschen auf den Tisch. »Der junge Herr traktiert«, sagte drüben halblaut Burgs Paulus zu den andern, indem er mit dem Mundstück seiner Pfeife hinüberwies. Gleich darauf mußte er niesen. »Gott gesegn' dich die heilige Tauf'«, sagte de Losy. »Merßi«, sagte Paulus. Mutter Bärb, die gerade zurückkam, wünschte dem Paulus »hunderttausend Taler und den Himmel«, – »Merßi«, sagte Paulus, »und 's Halbscheid für dich« – ging an den Tisch der Knaben, rückte die Stühle zurecht, wischte mit ihrer Schürze über den Tisch, wie eine saubere Wirtsfrau tut, wenn Gäste weggegangen sind, sah die Knaben an und machte: »Hm.« »Wir möchten gefälligst ... zwei Bier ...« Mutter Bärb ging wieder hinaus in die Küche. Nach einer Weile kam sie zurück mit zwei gut mit Butter beschmierten Schnitten weißen Brotes, legte sie vor die Knaben, schob Lothar das auf dem Tisch liegende Geld zu und stellte sich hinter die Theke. Die Männer lachten laut. Die Knaben stürzten aus der Wirtskammer und nahmen in Verwirrung und namenloser Verlegenheit die Butterbrote mit. * Wer stand da eines Tages in der Tür des ehemaligen Ateliers im alten leeren Hause, das mit seinen weiten Gängen und Hallen bei schlechtem Wetter als Schulhaus diente? Sandra van den Daele. »Gnädige Frau...« »Natürlich, ich hätte es mir denken können. Nun kennt der große Bernhard das Weib nicht mehr, das ihn am meisten von der Welt geliebt hat.« Und da er nicht antwortete – »Das Weib, das außer ihm keinen andern Gedanken gehabt hat. Dieses armselige Weib, das soviel gelitten hat wie kein andres. Ich armes geschlagenes Tier, es ist doch wirklich wahr!« Und da er noch immer schwieg – »Das Weib, das sein Sklave geworden wäre. Das Weib kennt er nicht mehr. Das Weib nennt er nun ›Gnädige Frau‹.« »Nun muß ich aber doch lachen. Das glaubt dir ja kein Mensch, Sandra, du selbst nicht. Laß das Theater und sei gescheit. Komm her, setz' dich zu mir und sage mir, was du willst.« Und indem er sie auf das Sofa zog: »Um Gottes willen, Sandra, du wirst ja grau!« »Nein!« rief sie. »Das hätte ich nicht sagen sollen, aber ich war so erschrocken.« »Nein, nicht wahr, sag', daß es nicht wahr ist!« »Das geht ja nun nicht mehr. Haben wir uns so lange nicht gesehen?« »Ja, so lange ...« Er saß schweigend, das Gesicht in den Händen. Sie benutzte die kostbare Zeit, zog ihre Börse aus Filigranarbeit heraus und zupfte sich unter Benutzung des darin angebrachten Spiegels den vertrackten Gräuling aus dem noch immer schönen Haare, dessen Farbe gleich der Abendröte im langsamen Verlöschen war. »Ja, Sandra,« sagte er nachdenklich, »das Ende bringt sich in Erinnerung. Es hat seinen ersten Sendboten geschickt. Es wird Zeit, allmählich an den Abgang zu denken. Daß er würdig werde und sich sehen lassen kann. In der ersten Lebenshälfte sind wir schnell und immer langsamer Lebende, in der zweiten langsam und immer schneller Sterbende. Es ist gut, es im Auge behalten.« Sie saß da, als ginge sie das nichts an. Die Spitzen ihrer Schuhe spielten umeinander. Bis es ihr einfiel, die Demütige zu spielen. Sie sagte, treuherzig zu ihm aufblickend: »Ich wüßte wohl, wie diesem sterbenden Weibe aufzuhelfen wäre.« »So, weißt du das?« »Wenn irgendeiner dazu helfen wollte, wüßte ich es.« »Irgendein – schöner junger Mann?« »Du!« »Um Gottes willen!« »Siehst du, schimpfen und schmähen kannst du Leute, die nicht das Glück haben, von Statur so gefestigt zu sein wie du, aber eine Hand für sie rühren willst du nicht. Ein rechter Pharisäer, der Steine auf die Sünderin wirft.« »Bei Gott, Sandra, ich wollte es,« sagte er ernst, »wenn ich glaubte, daß es möglich wäre.« »Ich will Lehrerin bei dir werden!« »Lehrerin – ?« »In diesem Hause. Du hast mir seinerzeit eine lange Rede über Arbeiten gehalten. Ich habe von deiner Schule rühmen hören. Man schreibt ja jetzt über dich überall in den Zeitungen. Du wirst bei den Menschen der neuen Zeit ordentlich berühmt. Man preist dich als einen großen Idealisten. Das Ideal einer neuen Schule sei bei dir Wirklichkeit geworden, schreiben sie. Deine Schule wird wachsen, paß auf. Und da dachte ich ... da meinte ich als deine alte Freundin dir helfen zu können. Ich dachte, wenn du mich in dem Programm einführtest und du die Knaben, ich die Mädchen ...« »Hast du soviel Langeweile, Sandra?« frug er langsam unter Lachen. »Ja, schrecklich viel!« entfuhr es ihr. »So schrecklich viel, daß du, nur um ihr zu entgehen, das für dich Nächstschreckliche tun würdest, dumme Blagen unterrichten?« »Ich sehe, du willst nicht«, sagte sie ernüchtert. »Nein, Sandra, ich will nicht. Nicht weil ich dir böse will. Ich würde barfuß von hier nach Rom laufen, wenn dir damit geholfen wäre. Aber meine Vernunft verbietet es. Es ist nichts mehr zu machen.« Sie ließ ein leises bitteres Lachen hören. »Dazu fehlen dir unbedingt alle Eigenschaften. Dazu gehört zuerst Liebe, viel, viel Liebe. Ja, lächle nur, du meinst, wenn nach Liebe gemessen werden soll, du unter den ersten sein müßtest. Aber nicht von dieser Liebe rede ich, die, indem man einen andern liebt, die stärkste Form der Selbstliebe ist. Natürlich auch nicht von einer sogenannten selbstlosen Liebe, denn eine solche gibt es nicht. Hier aber ist etwas von jener Liebe und Begeisterung nötig, für die ein großer Mann das Wort geprägt hat: »Lasset die Kindlein zu mir kommen.« Hast du Lust, die Kinder an die Hand zu nehmen, mit ihnen etwa die Napoleonsbahn hinauszuwandern und sie Freude fühlen zu lehren an der schönen festen Oberdecke einer solchen breiten Straße? Willst du ihnen daran Dankbarkeit erwecken gegen die Vorgänger, das Gefühl der Verantwortlichkeit und der Zusammengehörigkeit mit den Mit- und Ummenschen, da nur durch große Verbände solche Werke gebaut werden können? Willst du ihnen auf diese Weise die Notwendigkeit großer Staaten erklären? Willst du sie an Bahnen, Brücken und Straßen über die Gesellschaftsmoral unterrichten, die aus der Erkenntnis der Zusammengehörigkeit von Menschen fließt? Hast du Lust, auf Wegen und Stegen mit ihnen zu streifen, ihnen die größte und kleinste Natur zu zeigen und sie zu warnen vor jeder sentimentalen Auffassung? Willst du sie die Liebe zur Heimat lehren, nicht als etwas Sentimentales, auch nicht, weil dergleichen heute in den Büchern steht, sondern einfach, weil es natürlich ist, weil man unendlich viel aus dem alten Boden nimmt, weil sogar die Linien einer Landschaft mitbestimmend sind für das Wesen eines Menschen? Willst du sie im Wesertale die Sprache der Eisenbahnschienen verstehen lehren, die alle Kulturmenschen wie mit einem Reifen umschlingen, nicht mit dem goldenen der Schwärmerei, sondern mit dem eisernen der Notwendigkeit? Willst du sie hier an der Grenze eines großen Weltreiches Schätzung der Nationalität lehren, die frei ist von Aufgeblasenheit und jeder Stimmung des ›Über alles‹? Daß wir nicht mit dem Nachbar tauschen mögen, aber daß wir uns auch nicht einbilden dürfen, besser zu sein als der Nachbar? Daß wir nur anders sind? Sieh, solch dumme Gedanken hab' ich mir nun einmal in den Kopf gesetzt«, lachte er. »Ich verstehe dich nicht recht«, sagte sie. »Ist auch nicht nötig. Die Hauptsache ist, daß du das Nein herausgehört hast. Wie glücklich würde ich sein, wenn ich dich aufnehmen könnte. Deinethalben, aber auch meinethalben. Die Zahl der Kinder wird zu groß. Wie gerne würde ich dich hier haben! Zwar nicht, um für die Mädchen zu sorgen; die Mädchen sollen nicht von den Knaben getrennt werden, Aber ich könnte dich höchstens als Schülerin aufnehmen.« »Ja«, entfuhr es ihr. »So bescheiden?« »Ja, wenn ...« Sie schwieg. »Wenn du nur hier sein könntest, Sandra, willst du sagen.« »Ja, ja«, rief sie. »Doch das schmeichelt mir gar nicht. Du würdest mir nur Unheil anstifte. Außerdem will ich nicht eine solche Versuchung, wie du noch immer bist, in meiner Nähe haben.« »Ja –?« rief sie und blickte wieder sieghaft. »Weißt du, was ich dachte, Bernhard?« »Nun?« »Du seist ein heiliger Mann geworden.« »Ein heiliger Mann –?« »Ja, und alle Heiligen waren Schmutzfinken, die sich nicht ordentlich wuschen und den Leib vernachlässigten. Ich freue mich, daß du keiner bist. Nun wollen wir wieder Freunde sein, ja?« »Sandra, du gehst jetzt aus meinem Hause!« »Bernhard!« »Um es nie wieder zu betreten! Du verstehst zu spotten, aber im Spott hat man immer nur zur Hälfte recht. Die andre Hälfte ist Karikatur. Einer von jener Art Heiligen bin ich nicht, aber auch nicht von den Menschen deiner Ideale.« »So laß mich zu deinen Füßen sitzen und lernen.« »Damit du mir die Knaben verdirbst, wenn ich nicht dabei sein kann –?« »O du harter Mann! Und du sagst, ich sei krank, und behandelst mich so!« »Die einzige Behandlungsart für dich ist, dir hart und schonungslos die Wahrheit zu sagen.« »Das hast du doch schon einmal getan, damals in Paris...« »Nein, nur hart, nicht schonungslos.« »O du edler Peiniger!« »Spotte und geh'!« »Ist mir denn gar nicht mehr zu helfen ...? Kann ich mich denn nicht ändern?« »Ich glaube nicht, daß ein Mensch sich ändern kann, wenn es nicht schon in ihm liegt. Man kann einer Sache einen Geruch oder Geschmack beimischen, ihr Element kann man nicht ändern. Jeder Mensch ist ein Schicksal.« »Und ich will mich auch nicht ändern!« rief sie heftig und reckte sich auf. »Das war ein Wort, Sandra! Um dieses Wortes willen will ich die Sperre aufheben. Geh' und sieh' zu, wie du mit dir fertig wirst. Irgend etwas wird doch mit dir, Gutes oder Böses. Eine Notwendigkeit wird sich erfüllen. Nimm meine wünsche mit und vergiß meine Worte, mit denen du doch nichts anzufangen weißt. Leb' wohl. Da hast du meine Hand und laß dich von Zeit zu Zeit einmal bei uns sehen.« Als sie die Türklinke gefaßt hatte und sie sich noch einmal ansahen, hob er die Hand und fuhr ihr sanft über die Wange. Indem sie ging, dachte sie: ›Der Bernhard Menniken ist doch ein heiliger Mann‹, und überlegte, wie es mit einer Reise nach Ägypten wäre. Es war spät im Jahre und eine kalte Nacht. Der Himmel stand wie eine klare Glasglocke auf der gebackenen Erde. Die Kälte biß mit hartem Zahn in die Steine, daß sie krachten. Die Sterne am Himmel flimmerten und zitterten, als könnten sie die Wärme ihrer Lichter in der kalten Nacht nicht behaupten. In der Luft knisterte es leise. Das Wasser in Tümpeln und Weihern ließ sich, wie das Wild zur Winterszeit tut, eine schützende Hülle aus seinem eigenen Leibe wachsen: eine Eisdecke nennen's die Menschen. Es klangen in den Nächten da unten im Wesertal die Schienenstränge, wenn ein leuchtender Zug über sie dahinrollte, nach Belgien und England hinüber, nach Frankreich und Spanien hinab. In der hellen Nacht hörte Bernhard Menniken den Mitternachtzug weit drunten auf den klingenden Schienen donnern. Am späten Abend noch hatte er von Sandra van den Daele eine kurze kühle Nachricht erhalten, in der sie ihn von der Absicht, auf immer aus diesem öden Lande fortzugehen, unterrichtete. Sie fuhr in dem Mitternachtszuge davon. * Jahre, Monate, Tage vergingen; an einem von ihnen sollte Lothar Menniken in die Fremde gehen. Bernhard Menniken war den ganzen Lag durch den Ardennenwald marschiert, um den Schmerz des bevorstehenden Abschieds totzulaufen, Außerdem wollte er Mutter und Sohn, die ihre Zärtlichkeit füreinander scheu wie ein Liebespaar verbargen, diesen letzten Tag allein lassen. Da, gegen Abend, als er schon in der Nähe der deutschen Grenze war und von plötzlichem Heimweh überfallen einen abkürzenden Pfad einschlug, da, was war das? Ein altes Männchen lag im Graben und schlief. Er hob es auf, stellte es gegen das Licht, und es war – »ei, sieh da, das ist ja der Professor Sartorius!« »Ja, der bin ich ... derselbe,« sagte das Männchen, »woher kennen ... mit wem habe ich ...?« »Bernhard Menniken. Ich habe vor zwanzig Jahren in Bonn zu Ihren Füßen gesessen und Philosophie gehört.« »So, Philosophie? ... Aber, Verzeihung, haben Sie etwas zu essen, Herr Menniken?« »Zu essen nicht, aber ich habe Kognak.« »Kognak ist gut«, sagte der Alte. Er trank einen heftigen Schluck. »Ich darf Ihnen das Fläschchen austrinken?« »Ganz zu Ihren Diensten.« Das Männchen kräftigte sich. Es kam Haltung in die Gestalt und Glanz in die Augen. »Ich bin nämlich«, sagte er zwischen den einzelnen Schlücken, »zur Kur in Spa ... machte eine Tageswanderung ... verirrte mich im Walde ... schlief hier vor Hunger und Ermüdung ein und wäre wohl die Nacht still und gottergeben erfroren, wenn nicht durch einen romanhaften Zufall, wie er auch nur im Leben möglich ist, ein alter Schüler erschienen wäre, der in Bonn von mir ein Kolleg über Spinozas Substanz und Leibnizens Monade gehört hat ..., nicht, las ich das nicht damals?« – »Ja«, lachte Menniken – »während er etwas Besseres hätte tun sollen, z.B. mit hübschen Mädchen ins Siebengebirge fahren ..« »Das hab' ich auch getan.« »So, recht. Schöne Mädchen, wenn man sich freut, und Philosophie, wenn man sich langweilt.« »Herr Professor, Sie sind müde. Spa ist drei Stunden von hier entfernt. Sie sind mein Gast in meinem Hause, das ich hier in der Nähe besitze.« Der Alte war sehr matt, der Ohnmacht nicht fern. Doch scherzte er: »Und eines von den hübschen Mädchen werde ich in diesem Hause als Hausfrau finden?« » Das schöne Mädchen.« »Ah, so treu find Sie? Wissen Sie, ich war zu meiner Zeit weniger treu.« Dann schwiegen sie. Nach einer halben Stunde mühseliger Wanderung kamen sie in Siebenquellen an. Es war nach zehn Uhr, der Tisch war abgetragen. Sie saßen beisammen, die Hausfrau, der Gast, der Hausherr, der Sohn. Der Professor war kaum wiederzuerkennen. Der schwarze Rock war gebürstet, die Binde geknotet, die langen weißen Haare gestriegelt und etwas jugendlich pathetisch auf die eine Seite geworfen, die Hände waren weiß und die Nägel glatt und rund. Der Greis redete, der Hausherr frug, die Dame hörte zu, der Jüngling schwieg. »Mit dem einen Auge müssen wir weinen, mit dem andern lachen, und manchmal meine ich, wir wüßten weiter gar nichts als das einzige: Ich bin. Und könnten mit diesem Wissen zufrieden sein. So mit diesem Augenblicke, da ich in Ihrem schönen Hause sitze im Kreise einer lieben Familie, regiert von einer Frau, die vielleicht alles verbergen kann, nur nicht ihre angeborene Güte, der ich hiermit dieses Glas huldigend zutrinke.« »Und ich«, sagte der Hausherr, »gebe trotz der Selbstverleugnung unseres Gastes meiner Bewunderung Ausdruck für den Namen Professor Sartorius. Sie ist nicht die jugendlich schwärmerische des Schülers gegenüber dem Lehrer, sie ist vielmehr durch die Jahre, da ich Ihre philosophischen Arbeiten verfolgt habe, stetig gewachsen.« »Ich danke,« sagte der Professor, »das höre ich gern. Aber ich bleibe bei dem, was ich sagte.« »Nun erlauben Sie mir eine Frage, verehrter Herr Professor, warum begnügen Sie sich damit, auszulegen und nachzuschaffen? Warum erfinden Sie selbst nicht? Es ist ehrlich gemeint, wenn ich sage: Sie können es.« »Ich kann es nicht, mein lieber Herr Menniken, ich bin nur ein Professor der Philosophie, kein Philosoph.« »Nein, nein...« »Ich will Ihnen auch genauer das Warum sagen: – ich weist zu viel.« »Sie wissen ...« »... zu viel. Das ist es!« Tiefes Schweigen. Die Lampe summte. Unwillkürlich entfuhr es Lothar Menniken: »Das verstehe ich nicht.« »Ich verstehe, das Sie das nicht verstehen«, sagte freundlich der Greis. »Es ist auch für Sie gar nicht wahr, und es ist nicht gut, wenn sie meine Worte glauben. Für Sie ist es keine Wahrheit, darf es wenigstens keine sein. Es gibt alte und junge Wahrheiten und unter diesen wieder Wahrheiten für Alte und Junge. In diesem Sinne kann man wohl sagen: Alles ist Wahrheit, es muß nur gehörig behauptet werden. Wir verstehen uns, nicht wahr, und meinen kein kindisches Rechthabenwollen, Ein Beispiel ungeheuerlicher Behauptung, nicht Beweises – wer will überhaupt auf der Welt etwas beweisen? – seiner Lehre war der Nazarener, nämlich Behauptung durch seine Persönlichkeit, seine Taten, sein Leben und – zuletzt zubest! – Sterben. Darum ist das Christentum eine Wahrheit.« Der Alte trank bedächtig seinen Wein aus. Der Hausherr vergaß nachzuschenken. Lothar bediente. Frau Menniken, eine Hand vor den Augen, meinte leise: »Ich glaube, ich verstehe Sie.« »Nun?« »Sie glauben nicht naiv und unbefangen an sich selbst.« »Ja, gnädige Frau,« fiel der Gast ein, »Sie verstehen. Sie fühlen, welche Kraft des Selbstvertrauens, welche Stärke des Ichbewußtseins notwendig ist, um das skeptische Gewissen und die historische Kritik, diese bösen Feinde alles Neuentstehenden, zu schlagen. Denn die schufen, das waren nur die Einseitigen und Eigenwilligen, die starken Geistes und Herzens waren, die das hatten, was der Franzose den esprit fort nennt. O die Schaffenden! Die den lächelnden Übermut haben, als kleine Götter ihre Skizze des Weltbildes für die Welt auszugeben. Ich habe nicht die heitere Ursprünglichkeit, die gottlose Unbefangenheit. Ich bin keiner von denen, die tun müssen, was sie nicht lassen können. Sie verstehen also, daß ich kein Philosoph bin. Die Philosophen sind nicht die Vielwissenden, sondern die Starkwissenden. Nicht der Umfang, sondern die Intensität macht es. Ein Wald entsteht nicht durch wohlüberlegte Zusammenstellung von Stämmen, Ästen und Blättern, sondern aus zufällig gesäten Kernen. Sehen Sie, auf die unheimliche Kraft der Kerne kommt es in der Welt an ... ach, was rede ich. Da Ihr Herr Sohn morgen in die Welt hinausgeht, soll er und seine Jugend leben!« Lothar war tief bewegt. Er sagte: »Ich danke Ihnen für den Spruch, Herr Professor, ich will ein tüchtiger Mensch werden und verspreche ...« »Versprechen Sie nichts, junger Herr, Sie werden es doch nicht halten. Wir hoffen, daß Sie einer von denen werden, die tun müssen, was sie nicht lassen können. Daß Sie die schöne frische Unbefangenheit haben werden. Und nun, meine liebe und verehrte Hausfrau, bitte ich Abschied nehmen und schlafen gehen zu dürfen. Morgen, ehe Sie auf sind, bin ich über die Wälder weg.« Man verabschiedete sich, sprach die Absicht aus, sich von jetzt an häufig zu sehen und Freundschaft zu pflegen, und sagte sich gute Nacht. * Die Abschiedsstunde schlug. Vater, Mutter und Sohn stiegen die malerisch aufgebauten Treppen zwischen den Terrassen vor Siebenquellen hinab in den Quellhain, der wie ein heiliger mystischer Garten in den Bering des großen Hauses gezogen war. Zwischen den Bäumen rauschten die sieben Quellen des Wildbaches. Line, die größte von ihnen, war künstlerisch gefaßt, und das Wasser floß in zwei Strahlen aus den Brüsten einer erhabenen Weibesgestalt, die als Bildnis der Erdmutter in einer Nische der Rampenmauer angebracht war. Andre waren mit niedrigen Mauern eingefaßt, in die steinerne Bänke eingebaut waren. Ein Becken war ausgetieft, mit Steinplatten belegt, und Treppenstufen führten in das offene Sommerbad hinab. Weißgestrichene hölzerne Bänke und Tische standen an den mit dem blauen Brockengrus des Steines bestreuten Wegen. Auf der Einfassungsmauer eines der Quellbecken saßen die drei Menniken. Lothar war reisefertig. Der Stock lehnte neben ihm, der Wanderranzen hing am Rücken. Von den Menschen sprach niemand; der Mund der Erde redete einsilbig und ununterbrochen. Da klang aus der Halle des Hauses durch die offen stehende Tür das Schlagen der großen Uhr. Schweigend hörten sie zu, wie die Schläge fielen. Eine Weile still. »Jetzt mußt du gehen«, sagte leise die Mutter. Sie standen auf. Lothar setzte den Hut auf, nahm den Stock in die Hand, und sich zum Vater wendend, frug er etwas ironisch: »Mußt du mir nicht noch etwas sagen, Vater?« Und sich selbst unterbrechend, heftig: »Vater, sag' mir doch noch zum Schluß, du bist bisher immer ausgewichen, warum schickst du mich nach Frankreich?« »Damit du Frankreich kennenlernst – und Deutschland. In Frankreich ist mir zuerst klar geworden, daß ich ein Deutscher bin.« »Wie meinst du das?« »Als ich französisches Wesen sah und mit dem meinigen verglich, da verstand ich erst, wie anders ich geartet war. Aus dem Gegensatz erkennt man immer am besten. Wir Grenzbewohner, die wir die Fremden sehen und, wie man sagt, von ihrem Wesen beeinflußt sind, kennen das deutsche Wesen besser als die Stockdeutschen im Land. Und ich glaube, wir schätzen es auch mehr als die im Reiche. Freilich werden wir niemals Chauvinisten, ›Über-alles‹-Patrioten werden.« »Worin besteht deutsches und französisches Wesen?« »Es hat keinen Zweck, es dir zu erklären, du mußt es erleben. Wenn du im Auslande die Augen aufmachst, wirst du mit einem Male beides wissen. Wenn du ins Reich gingest, würdest du das eine kaum erfahren. Auch in Frankreich wirst du verrückte Leute finden, die ihrerseits träumen, daß Frankreich ›über alles in der Welt‹ sei. Das sind Leute, die niemals über die Grenze gekommen sind, die von Deutschland nicht anders denken als wir etwa von Sibirien. Störe dich daran nicht. Durch Oberitalien und die Schweiz kehrst du zurück, und wenn du dann bei Basel über den Rhein gehst, wirst du mit der Freude, die du empfindest, wieder in Deutschland zu sein, erkennen, was Deutsch ist und daß du ein Deutscher bist. Also nach zwei Jahren kommen wir dir bis Köln entgegen und holen dich ab. Du darfst mehr, aber nicht weniger als zwei Jahre ausbleiben.« »Es ist Zeit, mein Sohn, daß du gehst«, drängte die Mutter. »Ich möchte, daß du durch den Wald wärst, bevor die Sonne untergegangen ist.« Der Sohn aber sah den Vater erwartend an. »Hast du mir nicht noch etwas zu sagen, Vater?« »Nein, ich glaube dir alles Nötige gesagt zu haben. Im übrigen sieh zu, wie du durchkommst.« »Ich danke dir sehr, Vater. Weißt du, was ich noch erwartet hatte?« »Nein.« »Nun, ich dachte ... man hört und liest das ja so ... ich danke dir, daß du mir keine Moralrede gehalten hast.« Der Vater lachte. Dann küßten die Männer sich, und Bernhard Menniken sagte: »Sieh zu, wie du fertig wirst.« Lothar ging mit seinem schweren Überlandstock von dannen und summte ein lustiges Lied, während ihm die Tränen über die Backen liefen. Seine Schritte verhallten auf der Straße ... »Es ist hart«, sagte Bernhard Menniken, schwermütig an die Rampenmauer gelehnt. »Mir wollen auf den Söller steigen, wir können dort die Straße bis zum Wald hinab sehen.« »Ja, Johanna«, erwiderte er, trocknete ihr die Tränen und küßte sie auf die Wangen. Sie standen oben auf einem Balkon. Drüben unter den Ulmen der Napoleonsbahn wanderte Lothar nach Westen. Er ging schnellen Schrittes und wandte sich nicht ein einziges Mal um, als fürchte er, daß er, von dem Hause angelockt, umkehren müsse und nicht wieder fortgehen könne. »Ob er sich nicht mehr umschaut?« sagte die Mutter. »Er denkt schon nicht mehr an uns. Du weißt nicht, wie es einem jungen Manne ist, wenn er in die Welt geht.« Die Ardennenwälder standen in der Ferne, rot schob sich die herbstlich blühende Heide hinein. »Wenn er sich doch nur einmal umsähe«, entwand es sich der Mutter. »Du würdest es doch nicht mehr erkennen können, er ist schon zu weit.« Wie ein kleiner beweglicher Schattenriß wanderte Lothar in der Ferne. Jetzt kam er an die belgische Zollschranke. Man sah vor dem Horizont einen langen schwarzen Strich aufragen und mehrere Schattenfigürchen hinzutreten. Zur selben Zeit, als die Eltern ihrem Kinde nachschauten, stand auf dem Hügel, von dem seinerzeit der unheimliche Abschied von dem Lande und dem Hause, in dem Johanna Menniken wohnte, genommen hatte, der stille Napoleon und sah mit nassen Augen dem Jugendkameraden nach, der in die Welt wanderte, dorthin, wo Bücher und Gelehrsamkeit waren. Auch er war der Sohn eines reichen Mannes und hätte sehr wohl reisen können zu den Quellen der Weisheit, die draußen in der großen Welt flossen. Aber der Vater wollte nicht, daß der Sohn klüger werde als der Alte. Und der gute Junge hatte zuviel Ehrfurcht vor dem Vater, um ihm davonzulaufen. Es war wie ein Preis der durch die Hände geleisteten Arbeit, da die Sonne in der vom Spreiten des Kuhdrecks blank gewordenen Schaufel blitzte, als Napoleon sich seufzend umwandte und langsam hinüberging nach den Bikkelsteinen, wo die Kuhherde heute auf der Lichtung graste. – »Warum hast du ihn für so lange weggeschickt?« frug Johanna Menniken, sich plötzlich umwendend, heftig. Er antwortete zuerst nicht, aber sah sie mit milden schmerzlichen Blicken an; und es war, als ob ein feines feuchtes Häutchen sich über die hellen Augensterne zöge. Da kam sie schnell herzu und sagte leise: »Verzeih.« »Last es gut sein, Johanna.« »Nun verstehe ich erst, was es dich gekostet hat.« »Er war der einzige, auf den ich wirken konnte. Niemals hab' ich auf jemand eingewirkt, auf dich nicht, du warst fertig; der Kannegiester, den ich lieb hatte, ging fort, der geniale Zillikens brannte mit der Agnes und jenem unheimlichen Gesellen durch; Lenates liest mich im Stiche; auf die Masse derer, die mit uns im Lande wohnen, habe ich keinen Einfluß gewonnen, die waren in ihrer Art auch fertig; aber auf Lothar habe ich zu sehr gewirkt. Er muß sich selbst finden, ich habe dazu beinahe ein ganzes Leben gebraucht. Ich kann ihm das Beste geben; wenn er das vielleicht weniger Gute seines eigenen Wesens nicht findet, ist er trotzdem unglücklich. Man darf der Natur niemals etwas antun.« »Verzeih mir, Bernhard.« »Komm, Johanna, für uns fängt des Lebens Nachmittag an. Darin müssen wir uns ergeben. Wir wollen suchen, ihn so schön, ruhig und sommerlich zu machen als eben möglich. Es ist keine schlechte Zeit ... Du, Johanna, weißt du, was mir da plötzlich einfällt?« sagte er heiter. »Der Mensch braucht gar keinen sozialen Beruf zu haben! Wer weiß, ob nicht meine Schule eingeht, nachdem Lothar fort ist? Ob ich nicht gar selbst die Lust daran verlieren werde, denn ich bin nicht eben besessen von den Aufgaben, die ich mir stelle. Der Mensch braucht gar keinen sozialen Beruf zu haben, um sozial zu sein! Er ist sozial, für die anderen, wenn er echt, für sich ist. Alles, was echt und gut in der Natur ist, wirkt unmittelbar und unwillkürlich auf das, was sich nicht vollenden konnte. Nenn's Vorbild – das ist unangenehm – nenn's Vollendung – das ist selbstgefällig – aber nenn's wie du willst, es ist unser eigentlicher Beruf! Die Natur will sich im Ganzen und in ihren Teilen vollenden. Es ist falsch, daß die Natur nichts anderes als ununterschiedliches Leben wolle. Und wenn sie nichts anderes will, so wollen wir Menschen anders, so sehr wir uns ihr verbunden fühlen. Der Mensch ist in seiner reinen Form ein Geist, daran ist nichts zu ändern.« Sie lächelte ihn aus verweinten Augen an. »Sagte ich es dir vor langer Zeit nicht schon, daß du ein Aristokrat bist?« »Meinetwegen,« sagte er leicht errötend, »ich habe mich nicht gemacht, ich habe einen Beruf, ich will annehmen, der Geist in der Natur – du darfst ihn Gott nennen – hat gewußt, was er gewollt hat. Soviel ist sicher: ganz zuletzt ist nur das Aristokratische sozial.« »Ich sehe Lothar nicht mehr!« rief sie aus. Das Pünktchen war in das Dunkel des Ardennenwaldes getreten. Es ging ein Mann nach Westen.